Kitabı oku: «Gedichte in Prosa (Aus dem Nachlass)»
I
Begegnung (Ein Traum)
Mir träumte: ich durchschritt auf scharfen kantigen Steinen unter schwarzen tiefhängenden Wolken eine weite, kahle Steppe.
Ein Fußpfad verlief im Zickzack zwischen den Steinen . . . Ich schritt auf ihm weiter, ich wußte selbst nicht, wohin und weshalb.
Plötzlich zeigte sich etwas wie eine Wolke vor mir auf dem schmalen Pfade. Ich faßte sie näher ins Auge, da wurde das Wölkchen zu einem Weibe, wohlgestaltet und hochgewachsen, in einem weißen Kleide, das hell umsäumt war und die Gestalt ganz schmal erscheinen ließ . . . Die Erscheinung strebte eiligst von mir fort.
Das Gesicht sah ich nicht, ich sah nicht einmal das Haar, es war verdeckt von wogendem Gewebe; aber mein ganzes Herz flog ihr zu. Sie erschien mir herrlich, wunderbar und lieblich . . . Ich wollte sie unbedingt erhaschen, ihr ins Antlitz sehen . . . in ihre Augen . . . Ich wollte, ich mußte diese Augen sehen.
Indessen bewegte sie sich, mochte ich mich auch noch so beeilen, doch noch geschwinder als ich fort. Es gelang mir nicht, sie zu erreichen. Aber da war ja quer über dem Pfad ein breiter flacher Stein. Er verlegte ihr den Weg. Das Weib machte vor ihm halt . . . und bebend von Freude und Erwartung, doch nicht ganz ohne Bangen, eilte ich hinzu.
Ich gab keinen Laut von mir . . . Sie aber wendete sich sachte gegen mich…
Trotzdem bekam ich ihre Augen nicht zu sehen. Sie waren geschlossen.
Weiß war ihr Antlitz . . . weiß wie ihr Gewand; die entblößten Arme hingen reglos herab. Mit einem Wort: sie war versteint; mit ihrem ganzen Leibe, mit jeder Linie ihres Gesichtes war das Weib zu einer Statue aus Marmor geworden.
Langsam, ohne auch nur ein Glied zu rühren, neigte sie sich hintenüber und lag auf jener flachen Steinplatte, ich strecke mich neben sie hin, ich liege auf dem Rücken, wie als Wache vor einem Grabmal, meine Hände legte ich in betender Gebärde auf die Brust und fühlte, wie auch ich zu Stein wurde. Es vergingen einige Augenblicke . . . Plötzlich erhob sich das Weib und schritt von dannen.
Ich wollte ihr nachstürzen, aber ich vermochte mich nicht zu rühren, vermochte meine gefalteten Hände nicht zu lösen, ich sah ihr nur nach in unaussprechlicher Traurigkeit.
Da wendete sie sich unerwartet um, und ich erblickte durchdringende helle Augen in einem lebhaften Gesicht voller Bewegung. Sie richtete ihren Blick auf mich und lachte aus vollem Hals, jedoch ohne einen Laut von sich zu geben.
»Steh doch auf und komm zu mir.«
Aber ich vermochte mich immer noch nicht zu rühren. Darauf lachte sie noch einmal und entfernte sich rasch, wobei sie lustig den Kopf zurückwarf, auf dem plötzlich ein Kranz von kleinen Rosen erglänzte.
Ich aber blieb reglos und stumm auf meiner steinernen Grabplatte liegen.
Februar 1878.
II
Ich trage Leid
Ich trage Leid um mich, um all die anderen Menschen, um die wilden Tiere, um die Vögel . . . um alles, was da lebt. Ich trage Leid um die Kinder und um die Greise, um die Unglücklichen und die Glücklichen . . . die Glücklichen tun mir noch mehr leid als die Unglücklichen.
Leid tun mir die sieghaften, triumphierenden Führernaturen, die großen Künstler, Denker und Dichter.
Mir ist leid um die Mörder und ihre Opfer, um die Abstoßenden und die Schönheiten, die Bedrückten und Bedrücker.
Wie könnte ich mich von diesem Mitfühlen befrein? Es läßt mich nicht zum Leben kommen. Mitfühlen, dann noch die Wehmut.
Wehmut, Wehmut, gelöstes Mitleid! Tiefer kann der Mensch nicht versinken.
Fast möchte es besser sein, ich empfände Neid, wahrhaftig!
Ich beneide ja auch – die Steine.
Februar 1878.
III
Der Fluch
Ich las Byrons Manfred . . . Als ich an die Stelle kam, wo der Geist der Frau, die Manfred zugrunde gerichtet hat, die geheimnisvolle Beschwörung über ihn ausspricht, überkam mich etwas wie Angst.
Ihr erinnert euch doch:
Eine Stimme tönt mit Macht,
Die dir wehrt, was freut und lacht.
Und die Nacht verweigert dir
Jede süße Ruh‘ in ihr.
Ja, im Sonnenglanze sei
Stets dein Wunsch: Oh, wär's vorbei!
Dabei kam mir etwas anderes in den Sinn . . . Einmal – in Rußland war ich Augenzeuge eines wüsten Streites zwischen zwei Bauern, Vater und Sohn, als Letztes fügte der Sohn seinem Vater eine niederschmetternde Kränkung zu.
Verfluche ihn, Wassiljitsch, verfluche ihn, den Verdammten! schrie die Frau des alten Bauern.
Laß gut sein, Petrowna, erwiderte der Alte dumpf, indem er das große Kreuz schlug: Er soll nur warten, bis er soweit ist, daß er einen Sohn hat, der ihm in Gegenwart seiner Mutter auf den grauen Bart speit! Diese Verwünschung erschien mir schrecklicher zu sein als die, die Manfred traf. Der Sohn hatte den Mund zu einer Erwiderung aufgerissen, aber feine Füße wurden unsicher, leichenfahl ging er hinaus.
Februar 1878.
IV
Zwillinge
Ich erlebte einmal den Zank eines Zwillingspaares. Sie glichen einander in allem wie ein Wassertropfen dem anderen: im Gesichtsschnitt, im Ausdruck, der Haarfarbe, im Wuchs, im Bau der Glieder, und dabei haßten sie einander unversöhnlich.
In nämlicher Manier bäumten sie sich vor Wut. In gleicher Art drängten sie ihre Gesichter hitzig gegeneinander. Diese Menschen, die doch so unheimlich ähnlich waren, fast völlig gleich, sprühten sich drohend an, dieselben schmähenden Worte, mit der gleichen Stimme hervorgestoßen, rissen sich von denselben wutverzerrten Lippen los.
Ich konnte das nicht mehr mit ansehen, ich nahm den einen der beiden bei der Hand, zog ihn vor den Spiegel und sagte: Schimpf dann schon lieber hier vor diesem Spiegel . . . Dir kann es ja ganz gleich sein . . . aber mir ist dann nicht mehr so bang ums Herz.
Februar 1878.
V
Die Drossel
Ich lag im Bett, doch ich konnte nicht schlafen. Sorgen quälten mich, schwere, zermürbende, eintönige Gedanken kreisten in meinem Hirn, gleichwie um den Gipfel eines grauen Hügels dichte Nebelwolken in Reihen an einem regnerischen Tag.
Ach! Damals liebte ich hoffnungslos und heiß, wie man nur in den Schnee- und Eisjahren lieben kann, wenn das vom Leben noch unverbrauchte Herz . . . nicht mehr jung ist, nein . . . sich noch jung fühlt . . . überflüssige und vergebliche Täuschung.
Ein weißer Fleck war vor mir, das Trugbild eines Fensters, verschwommen erschien alles im Zimmer, es war, als wäre es noch regloser und stiller im dunstigen Zwielicht der Sommerfrühe. Ich sah auf die Uhr: es war ein Viertel vor drei. Und hinter den Wänden des Hauses die gleiche Reglosigkeit . . . Und Tau! Ein ganzes Meer von Tau! Im tauigen Garten sang bereits, gerade vor meinem Fenster, pfiff und trillerte ununterbrochen eine schwarze Drossel. Die schmelzenden Töne drangen in mein einsames Zimmer, sie füllten es ganz aus; mein Ohr, mein Kopf, durch Schlaflosigkeit gereizt und mit krankhaften Gedanken belastet, mein heißer und ausgetrockneter Kopf war voll davon. Sie atmeten Ewigkeit aus, diese Töne, sie hatten die ganze Frische, das ganze Gleichgewicht, die ganze Kraft des Ewigen. Die Stimme der ganzen Natur erklang mir darin wider, in diesem Vogellaut, der, sich selber unbewußt, seit je erklang und immer wieder erklingen wird. Sie sang, sie sang ihre ganze Zuversichtlichkeit aus sich heraus, diese schwarze Drossel; sie wußte, daß die Sonne zuverlässig zu ihrer Stunde nun bald erstrahlen würde. In ihrem Liede war nichts, das nur ihr eigen gewesen wäre und was sie etwa hinzugetan hätte. Die nämliche schwarze Drossel hat vor tausend Jahren die gleiche Sonne willkommen geheißen und wird es in abertausend Jahren tun; dann, wenn meine Uberreste vielleicht, in unzählige Staubkörnchen aufgelöst, ihren lebendigen, klingenden Leib in Luftströmen umwirbeln, werden sie ihren Gesang unterbrechen.
Und ich armer, komischer, in meine Individualität verliebter Mensch sage dir, kleiner Vogel, Dank für dein kräftiges, aufrüttelndes Lied, das so unverhofft vor meinem Fenster erklang zu dieser trübseligen Stunde.
Es hat mich nicht getröstet, aber ich suchte ja auch keinen Trost . . . Aber meine Augen sind feucht geworden von Tränen, etwas hat sich in meiner Brust gelöst, und für einen Augenblick ist die schwere Last leichter. Ach! Und auch dieses Geschöpf meiner Liebe – ist es nicht auch so jung und frisch wie deine jubelnden Töne, du Sänger der Morgenröte!
Nun, und lohnt es denn, sich zu grämen und zu quälen und immer an sich zu denken, wenn doch schon rings umher von allen Seiten jene kalten Wogen herankommen, die mich heute oder morgen mitreißen werden in den uferlosen Ozean?
Die Tränen strömten . . . aber meine liebe schwarze Drossel fuhr fort, ihr frohes, ihr ewiges Lied zu singen, gleichgültig, als hätte sich nicht das geringste ereignet. Oh, die Tränen, die schließlich die Sonne auf meinen glühenden Wangen erglänzen ließ! Aber ich lächelte bereits über das Vergangene.
8. Juli 1877.
VI
Die Drossel 2
Wiederum liege ich im Bett . . . wiederum kein Schlaf Die nämliche sommerliche Morgenkühle dringt von allen Seiten auf mich ein, wiederum fingt vor meinem Fenster die schwarze Droffel, und im Herzen brennt wieder die alte Wunde.
Das Vogelliedchen bringt mir keine Linderung, aber ich denke nicht an meine Wunden.
Meine unzähligen klaffenden Wunden brennen; verwandtes teures Blut ergießt sich in purpurnen Strömen, ergießt sich unaufhaltsam ohne Zweck wie Regenwasser, das von hohen Dächern auf Schmutz und Unrat in den Straßen fällt.
Tausende von meinen Brüdern, Waffenbrüdern, gehen dort in der Ferne zugrunde an unbezwinglichen Festungsmauern; Tausende meiner Brüder werden von unfähigen Heerführern dem Tod in den Rachen gejagt.
Sie gehen zugrunde ohne Murren; man bringt sie um ohne Gewissensbisse; sie sind ohne Mitleid mit sich selbst; und ohne Mitleid verfügen diese unfähigen Führer über sie.
Kein Recht gilt hier, keine Schuld, diese eine Walze geht über alle Garben. Ob ihre Ähren leer sind, ob mit Körnern gefüllt – wird die Zeit lehren. Was wollen da meine Wunden bedeuten? Wie können da meine Leiden in Frage kommen? Nicht einmal das Recht besteht zu weinen. Der Kopf glüht und die Seele verfällt –, und wie ein Verbrecher verberge ich mich in den abscheulichen Kissen.
Heiße schwere Tropfen quellen hervor, gleiten mir die Wangen hinab, gleiten mir über die Lippen . . . Was ist das? Sind es Tränen . . . ist es Blut?
August 1878.
VII
Ohne Nest
Wohin soll ich mich wenden? Was beginnen? Ich bin wie ein Vogel, der kein Nest hat. Zerzaust hockt er auf dem kahlen, dürren Ast. Dableiben ist vom Ubel . . . aber wo- hin fliegen?
Da entfaltet er schon eine Flügel – und dann stürzt er sich in die Weite, ungestüm und unaufhaltsam, wie die Taube, die der Habicht scheuchte. Zeigt sich nicht irgendwo ein grüner Winkel der Zuflucht, wird sich nicht irgendwo ein Nestchen bauen lassen können, wenn es auch nur für kurze Zeit wäre?
Der Vogel fliegt immerzu und blickt gespannt in die Tiefe.
Drunten nichts als die fahle Einöde, Schweigen, Reglosigkeit, Todesschlaf…
Der Vogel hastet, überfliegt die Wüstenei, und immerzu blickt er in die Tiefe, gespannt und traurig.
Unter ihm liegt das Meer fahl und erstorben da wie die Wüste. Wahrhaftig, es braust und ist in Bewegung, aber in feinem unentwegten Getöse, in seinem einförmigen Schwanken, seinen Wogen ist kein Leben, und auch eine Zuflucht ist nirgends zu finden.
Müde ist der arme Vogel . . . Der Flügelschlag ermattet; im Fluge gleitet er abwärts. Wenn er sich gen Himmel schwingen würde . . . , aber läßt sich da wohl ein Nest erbauen, in dieser grenzenlosen Leere?
Er faltet schließlich die Flügel zusammen . . . , mit einem langgezogenen stöhnenden Laut stürzt er ins Meer.
Eine Welle verschlingt ihn . . . und schoß dahin in sinnlosem Getöse wie schon immer. –
Wohin soll ich mich wenden? Wäre es nicht auch für mich an der Zeit ins Meer zu stürzen?
Januar 1878.
VIII
Der Pokal
Es ist lächerlich . . . und ich wundere mich über mich selbst. Meine Traurigkeit ist nicht geheuchelt, das Leben fällt mir wirklich schwer, trostlos ist es, und voller Harm sind meine Empfindungen. Dabei aber bemühe ich mich ihnen Glanz und Schönheit zu verleihen, ich ringe nach Gestalt und Form, ich suche nach Vergleichen; ich schleife meine Rede und erfreue mich am Klang und Wohllaut der Worte. Wie ein Bildhauer, wie ein Goldschmied sorgfältig modelliert und ziseliert, so schmücke ich mit allem Erdenklichen jenen Pokal, in dem ich mir dann selber das Gift kredenze.
IX
Wer hat schuld?
Sie reichte mir ihre zarte blasse Hand . . . aber ich stieß sie derb, ja roh zurück. Verwunderung malte sich auf dem jungen, lieben Gesicht; die junge, reine Seele begriff mich nicht. Was habe ich denn getan? hauchen ihre Lippen.
Getan? Der lichtete Engel in der aller-strahlendsten Himmelsphäre könnte eher schuldig werden als du.
Und trotzdem bist du in hohem Maße vor mir schuldig geworden. Willst du sie wissen, diese schwere Schuld, die du doch nicht wirst begreifen können, und die zu erklären, nicht in meiner Macht liegt?
Das ist es: du bist die Jugend. Ich bin – das Alter.
X
Lebensregel
Willst du ein ruhiges Leben führen? Lerne die Menschen kennen, aber lebe für dich, laß dich in keinerlei Unternehmungen ein und verschließe dich jeglichem Mitleid. Willst du ein glückliches Leben führen? Lerne leiden zuvor.
April 1878.
XI
Das Reptil
Ich erblickte ein zerstückeltes Reptil. Blutüberströmt und schleimig von seinen eigenen Ausscheidungen, krümmt es sich noch und krampfhaft den Kopf hebend, zückt es seinen Stachel . . . es droht noch . . . , droht in seiner Ohnmacht.
Ich las ein Feuilleton eines jämmerlichen Skribenten.
Seinen eigenen Speichel schluckend, krümmte und schlängelte er sich im Eiter seiner eigenen Abscheulich keiten . . . Er tat des Wortes »Schranken« Erwähnung. Er schlug Zweikampf vor, um seine Ehre reinzuwaschen . . . feine Ehre!
Ich erinnerte mich an jenes zerstückelte Reptil und seinen gezückten Stachel.
Mai 1878.
XII
Autor und Kritiker
In seinem Zimmer an seinem Schreibtisch saß der Autor. Plötzlich tritt der Kritiker ein.
Was!« rief er aus: »Sie fahren nach all dem, was ich über Sie geschrieben habe, immer noch fortzuschmieren und zu reimen, nach all den großen Artikeln, Bonmots und Aperçus, in denen ich bewies wie zweimal zwei vier, daß Sie aber auch nicht das geringste Talent haben – nie gehabt haben, daß Sie sogar Ihre Muttersprache vergessen haben. Immer haben Sie sich durch mangelnde Kenntnisse hervorgetan, und jetzt haben Sie überhaupt keinen Lebensatem mehr, veraltet sind Sie und so ausgewunden wie ein Lappen!«
Der Verfasser wendete sich ruhig dem Kritiker zu.
»Sie haben vielerlei große Artikel gegen mich geschrieben, und Feuilletons«, erwiderte er, »das unterliegt keinem Zweifel. Aber sollte Ihnen die Fabel vom Fuchs und der Katze nicht gegenwärtig sein?
Der Fuchs hat trotz seiner Schlauheit verloren; die Katze besaß nur die eine Fähigkeit auf Bäume zu klettern . . . und so konnten die Hunde sie nicht erwischen. So geht es auch mir: als Antwort auf all Ihre Artikel habe ich Sie bloß in ein Buch gesteckt, wie Sie da gehn und stehn; ich habe eine Narrenkappe auf Ihren gescheiten Kopf gesetzt, und für die Nachwelt werden Sie nun mit dieser Narrenkappe herumlaufen.«
»Nachwelt!« lachte der Kritiker heraus, »als ob Ihre Bücher auf die Nachwelt kommen könnten! In vierzig Jahren, oder längstens in fünfzig wird kein Mensch Sie mehr lesen.«
»Ich schließe mich Ihrer Meinung an«, erwiderte der Schriftsteller, »aber mir genügt auch das schon. Homer hat seinen Therfites für ewige Zeiten festgehalten; Euresgleichen aber hat mit einem halben Jahrhundert zufrieden zu sein. Eine unsterbliche Lächerlichkeit hätten Sie ja gar nicht verdient. Leben Sie wohl, Herr… Wünschen Sie, daß ich Sie bei Namen nenne? Das ist kaum nötig . . . auch ohne mein Zutun wird jeder imstande sein, ihn zu nennen.«
Juni 1878.
XIII
O du meine Jugend, o du Frische
O meine Jugend! O frische Lebenszeit! Auch ich habe das einmal ausgerufen! Aber als ich diesen Ausruf tat, war ich selbst noch jung und munter.
Damals wollte ich einfach Scherz treiben mit meinen wehmütigen Gefühlen, Mitleid mit mir selber zur Schau tragen und dabei verstohlen mich freuen.
Jetzt schweige ich und klage nicht mehr laut um das Verlorene . . . Auch ohne Worte zehrt unausgesetzt ein dumpfes Nagen an mir. Ach! Besser gar nicht denken, raten die Bauern!
Juni 1878.
XIV
An . .
Das ist keine Schwalbe, die zwitschert, kein mutwilliges Hausschwälbchen, das sich mit seinem dünnen, festen Schnabel ein Nestchen ausgehöhlt hat im harten Felsgestein . . .
Das bist du, die sich, aus fremder, robuster Sippe kommend, angegliedert und eingenistet hat, du meine duldsame Schlaubergerin!
Juli 1878.
XV
Ich schritt inmitten hoher Berge
Ich schritt inmitten hoher Berge
Am Bach vorbei, das Tal entlang.
Und, alles was mein Blick auch traf,
Das eine nur sprach es zu mir:
Ich ward geliebt (Geliebt ward ich),
Und alles andere war vergessen!
Der Himmel blaute über mir,
Die Blätter rauschten, Vögel fangen …
Der Wölkchen ausgelassene Reihen
Im Fluge fort, dahin, dahin!
Die Runde rings in Glück getaucht!
Doch diesen Zauber braucht' ich nicht;
Denn eine Welle trug mich fort
Gewaltig wie des Meeres Sturm!
Und meine Seele war so still
Hoch über Freud' und Gram gehoben.
Kaum wollte ich mir's eingestehn,
Die ganze Welt gehörte mir!
Warum kam damals nicht der Tod?
Warum nur ging das Leben weiter?
Der Wechsel in dem Zug der Jahre
Vermochte mir doch nichts zu bringen,
Das glückgesegneter und klarer
Als jene dummen, sel'gen Tage.
November 1878.
XVI
Wenn ich nicht mehr bin …
Wenn ich nicht mehr bin, wenn alles, was ich war, zu Asche geworden ist, – o Du, meine einzige Freundin, o Du, die ich so tief und zärtlich geliebt habe, die Du mich sicherlich überleben wirst – geh Du nicht auf mein Grab . . . Du hast dort nichts zu suchen.
Vergiß mich nicht . . . aber erinnere Dich auch meiner nicht inmitten alltäglicher Sorgen, Vergnügungen und Bedürfnisse . . . Ich will Deinen Lebenskreis nicht stören, will seinen ruhigen Lauf nicht belasten. Aber in den Stunden der Einsamkeit, wenn Dich solch eine leise, unerklärliche Wehmut überfällt, die guten Herzen eigen zu sein pflegt, nimm eines unserer Lieblingsbücher zur Hand und schlage jene Seiten auf, suche jene Zeilen, jene Worte, die uns beide manches Mal – erinnerst Du Dich?– voll Wonne stumm zum Weinen brachten.
Lies, schließ die Augen und reich mir die Hand . . . reiche dem Freunde, der dahingegangen, Deine Hand. Es wird mir nicht möglich sein, mit meiner Hand die Deine noch einmal zu drücken: sie wird unbeweglich unter der Erde liegen, aber jetzt ist es mir ein freudvoller Gedanke, Du könntest vielleicht an Deiner Hand das sachte Zeichen meiner Anteilnahme fühlen.
Und meine Gestalt ersteht vor Dir, und unter Deinen geschlossenen Lidern füllen sich Dir die Augen mit Tränen, jenen Tränen vergleichbar, die wir einmal gemeinsam vergossen haben, gerührt von der Schönheit, o Du, meine einzige Freundin, o Du, die ich so tief und zärtlich geliebt habe!
Dezember 1878.
XVII
Die Sanduhr
Ein Tag wie der andere vergeht einförmig und schnell, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Entsetzlich rasch ging das Leben zur Neige, still dahinschießend wie die Strombahn eines Flusses vor dem Wasserfall. Glatt und gleichmäßig fließt es dahin wie der Sand in jener Uhr, die von der Knochenhand des Todesgenius gehalten wird.
Wenn ich im Bette liege, Dunkel mich von allen Seiten umdrängt, ist mir immer, als hörte ich dieses schwache und ununterbrochene Rauschen des vorüberströmenden Lebens.
Mich kümmert's nicht, auch das kümmert mich nicht, was ich noch hätte vollbringen können . . . mir ist ja angst und bang. Mir ist: als stände an meinem Bette jene Gestalt, reglos . . . In der einen Hand die Sanduhr, die andere ruht auf meinem Herzen . . . Und das Herz in meiner Brust erschauert und pocht, als wollte es sich beeilen, den letzten Schlag zu tun.
Dezember 1878.
XVIII
Des Nachts stand ich auf…
Nachts stand ich auf von meinem Bett . . . Mir war, als hätte mich jemand bei meinem Namen gerufen . . . dort, vom dunklen Fenster her.
Ich schmiegte mein Gesicht dicht an die Wand, mit vorgeneigtem Ohr starrte ich vor mich hin – und begann zu warten.
Aber es rauschten nur die Bäume dort hinter dem Fenster – eintönig und ruhlos –, und die dichten rauchfarbenen Gewitterwolken waren und blieben ein und dieselben, wenn sie auch ohne Unterlaß hin und wieder zogen und sich veränderten . . . Kein Stern stand am Himmel, kein Licht auf der Erde. Bang und widerwärtig . . . so hier in meinem Herzen wie auch dort.
Doch plötzlich klang irgendwo in der Ferne ein klagender Laut auf und nahm allmählich an Stärke zu, kam näher, klang wie eines Menschen Stimme, wurde tiefer, erstarb und war vorübergezogen.
Verhallend schien sie mir zu klingen wie etwa »Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl!« Ach, was von mir auf immer und ohne Wiederkehr Abschied nahm, war meine ganze Vergangenheit, all mein Glück, alles, was ich bewahrt und geliebt habe.
Ich verneigte mich vor meinem Leben, das entflohen war, und legte mich ins Bett, wie man sich in ein Grab legt. Ach! Wenn es doch nur ein Grab wäre!
Juni 1879.
XIX
Wenn ich allein bin . . . (Der Doppelgänger)
Wenn ich allein bin, völlig und für lange Zeit allein bin, dann ist mir bisweilen, als wäre plötzlich noch ein anderer im selben Zimmer, und säße neben mir oder stände hinter meinem Rücken.
Wenn ich mich umdrehe oder plötzlich meine Blicke dorthin fallen laffe, wo, wie ich glaube, jener Mensch steht, sehe ich selbstverständlich niemanden. Selbst das Empfinden seiner Nähe hat sich verflüchtigt . . . nach einigen Augenblicken jedoch ist es wieder da.
Manches Mal stütze ich meinen Kopf in beide Hände und beginne darüber nachzudenken.
Wer ist es? Was ist es? Er ist mir nicht fremd . . . er kennt mich, – und ich kenne ihn . . . er ist mir gewissermaßen verwandt . . . und ein Abgrund ist zwischen uns. Keinen Laut, kein Wort erwarte ich mir von ihm . . . Er existiert zuverlässig, wenn er auch nicht sichtbar ist . . . Und eines Tages redet er zu mir irgend etwas Unklares, Unverständliches – das mir gleichwohl bekannt vorkommt. Er weiß all meine Geheimnisse.
Ich fürchte ihn nicht . . . Aber mir ist nicht wohl mit ihm zusammen, und ich mag solch Zeugen meines Innenlebens nicht . . . Und bei all dem empfinde ich ihn nicht als ein unterschiedenes und fremdes Dasein. Bist du nicht mein Doppelgänger? Nicht mein vergangenes Ich? Ja, ganz recht: liegt denn nicht zwischen dem Menschen, der ich war, und den ich in Erinnerung habe, und meinem jetzigen Ich – ein ganzer Abgrund? Aber er kommt nicht auf meinen Befehl, er hat gleichsam seinen eigenen Willen.
Es ist für dich wie für mich nicht heiter, Bruder, in dieser widerwärtigen Stille, dieser Einsamkeit. Aber warte nur . . . Wenn ich sterbe, tun wir uns zusammen – wir, mein vergangenes und mein jetziges Ich – und machen uns sporntreichs auf immer und ewig davon in den Bereich der Schatten, die nicht wiederkehren.
November 1879.
XX
Der Weg zur Liebe
Alle Gefühle können zur Liebe führen, zur Leidenschaft, alle: Haß, Mitleid, Gleichgültigkeit, Verehrung, Freundschaft, Angst, – sogar Verachtung. Ja, alle Gefühle . . . ausgenommen das eine: Dankbarkeit.
Dankbarkeit – ist Schuld; alle Menschen zahlen ihre Schulden . . . , aber Liebe – ist nicht Geld.
Juni 1881.
XXI
Die Phrase
Ich fürchte die Phrase, ich weiche ihr aus; aber die Angst vor der Phrase ist auch bereits – Pose.
So rollt und schwankt zwischen diesen beiden Fremdworten, zwischen Pose und Phrase unser Leben in seiner Kompliziertheit dahin.
Juni 1881.
XXII
Einfalt
Einfalt! Einfalt! Man nennt dich heilig. Heiligkeit jedoch ist keine menschliche Angelegenheit.
Demut – ja, das ist etwas anderes. Sie bewältigt, sie besiegt den Hochmut. Aber vergesset nicht: Gefühl des Sieges an sich ist bereits Hochmut.
Juni 1881.
XXIII
Der Brahmane
Der Brahmane wiederholt immer das Wort, ›Om‹, indem er auf seinen Nabel blickt. Damit nähert er sich der Gottheit.
Gibt es aber am ganzen menschlichen Leibe nicht irgend etwas, das Gott ferner wäre, etwas, das weniger die menschliche Vergänglichkeit bezeugte als gerade dieser Nabel?
Juni 1881.
XXIV
Du weintest …
Du weintest mitfühlend über meinen Gram; und ich weinte, weil ich merkte, wie leid ich dir tat.
Aber auch du weintest ja über deinen eigenen Gram: nur daß du ihn erst durch den meinen gewahr wurdest.
Juni 1881.
XXV
Liebe
Alle sagen: die Liebe ist das allererhabenste, das sublimste Gefühl. Das andere. Ich hat sich mit dem deinen verwurzelt. Deine Seele hat sich geweitet und ist aus ihrer Bahn geschleudert. Erst jetzt bist du weit fort, dein Ich ist gestorben . . .
Juni 1881.
XXVI
Wahrheit und Gerechtigkeit
»Warum schätzen Sie die unsterbliche Seele so hoch ein?« fragte ich.
»Warum? Weil ich dann in dem Besitz der ewigen unbestreitbaren Wahrheit sein werde . . . Und darin liegt nach meiner Ansicht die allerhöchste Glückseligkeit!«
»Im Besitz der Wahrheit?«
»Natürlich!«
»Erlauben Sie: Können Sie sich die folgende Szene vorstellen? Da finden sich etliche junge Leute zusammen, die unterhalten sich über dies und das . . . Plötzlich kommt einer ihrer Kameraden hereingestürzt, seine Augen leuchten von ungewöhnlichem Glanz, kaum kann er zu Atem kommen, kaum vermag er zu reden. ›Was gibt es? Was gibt es?‹ ›Freunde, hört, was ich in Erfahrung gebracht habe: was für eine Wahrheit! Der Einfallswinkel ist gleich dem Refraktionswinkel! Und noch das andere: Zwischen zwei Punkten ist die gerade Linie der kürzeste Weg.‹ ›Nicht möglich, welche Seligkeit!‹ rufen alle jungen Leute, und vor Rührung fallen sie einander um den Hals!«
»Ich bin außerstande, mir eine ähnliche Szene vorzustellen!«
»Sie lachen . . . Aber so ist die Sache! Wahrheit kann nicht zur Seligkeit verhelfen . . . Gerechtigkeit, ja, das ist unsere menschliche Angelegenheit hier auf Erden . . . Für die Gerechtigkeit würde ich sogar sterben! Das ganze Leben ist auf ihr aufgebaut. Aber wie kann man in ihren Besitz gelangen? Ist denn darin die Glückseligkeit zu finden?«
Juni 1882.
XXVII
Die Rebhühner
In meinem Bette liegend, ausgemergelt von den unaufhörlichen trostlosen Schmerzen, dachte ich: womit habe ich das verdient? wofür werde ich gestraft? warum muß ich es sein? Das ist nicht gerecht, kann nicht gerecht sein!
Eine ganze Familie junge Rebhühner – an die zwanzig Stück – drängte sich auf dem Felde in den dichten Stoppeln. Sie puffen eins das andere, sie hacken glücklich mit den Schnäbeln in der lockeren Erde herum. Plötzlich werden sie von einem Hund erschreckt: er kommt mit einemmal erregt angesetzt; eine Flinte geht los, und eines der Rebhühner stürzt mit verletztem Flügel verwundet bei einem Strauch an eisfreier Stelle nieder, mit Mühe die hängenden Füßchen einziehend.
Während der Hund nach ihm auf der Suche ist, denkt sich vielleicht das unglückliche Rebhuhn: Zwanzig waren wir von derselben Sorte, wie ich eins bin . . . Warum kam denn gerade ich . . . ich vor den Schuß und muß nun sterben? Womit habe ich das verdient zum Unterschied von meinen lebenbleibenden Schwestern?
Das kann doch nicht gerecht sein!
Liege da, du kranke Kreatur, bis der Tod dich erhascht.
Juni 1882.
XXVIII
nessun maggior dolore
Blauer Himmel, flaumleichte Wolken, Blumenduft, süße Laute von einer jungen Stimme, strahlende Schönheit erhabener Kunstschöpfungen, ein Lächeln des Glücks, das über ein reizendes Frauenantlitz huscht, und solch übergroße Augen . . . wozu, wozu ist das alles?
Einen Löffel abscheuliche, nutzlose Medizin alle zwei Stunden, – das ist alles, was man braucht.
Juni 1882.
XXIX
Unters Rad gekommen
Was bedeutet das Gestöhne?
Ich leide, ich leide entsetzlich.
Hörtest du einmal, wie es plätschert, wenn die kleinen Wellen des Baches die Steine treffen?
Ja . . . , aber was willst du mit der Frage sagen?
Ich meine: jenes Plätschern und dein Stöhnen, das ist ein und dasselbe, es ist kein Unterschied. Nur noch dies: wenn der Fluß plätschert, kann er Menschengehör erfreuen, – aber dein Stöhnen, es erschreckt auch niemand. Du braucht es nicht zu unterdrücken, – aber wisse: das sind alles nur Laute, Geräusche wie das Knarren eines Baumes, der umgeknickt ist . . . Laute,– weiter nichts.
Juni 1882.
XXX
Der Schrei
Dazumal lebte ich in der Schweiz: ich war noch sehr jung, sehr egoistisch und sehr allein. Das Leben fiel mir nicht leicht, es lastete auf mir. Ich hatte noch gar keine Erfahrung, und doch war mir bereits bang, ich war verzagt und gereizt. Die ganze Welt erschien mir niederträchtig und abgeschmackt, und, wie das so zuzeiten bei jungen Leuten vorkommt, zog ich mit geheimer Schadenfreude den Gedanken . . . des Selbstmordes in Erwägung.
Denen werde ich es zeigen . . . ich werde mich rächen . . . dachte ich . . . Aber was ich zeigen wollte, weshalb ich mich rächen wollte, das wußte ich selber nicht. Bloß das Blut gärte in mir wie Wein in einem verschlossenen Gefäß . . . aber mir schien, daß man solchem Wein die Freiheit geben müßte, daß es an der Zeit wäre, dieses den Geist einengende Gefäß zu zerbrechen . . . Byron war mein Idol, Manfred mein Held.
Eines Abends hatte ich mich wie Manfred entschlossen, auf jenen Berg zu steigen, den Gletscher zu überschreiten, weit fort von den Menschen zu fliehen, dorthin, wo kein Wachstum an Leben erinnert, wo lediglich tote Felsen emporstarren, wo jeder Ton erstirbt, wo nicht einmal das Brausen des Wasserfalles zu hören ist.
Was ich dort zu tun beabsichtigte . . . ich weiß es nicht . . . Möglicherweise wollte ich dem Ganzen ein Ende machen.
Ich brach auf . . .
Ich schritt lange Zeit dahin, vorerst war es ein Weg, sodann ein schmaler Pfad, immer steiler empor . . .
Längst lagen die letzten Häuser, die letzten Bäume hinter mir. Steine – nur Steine ringsum. Schneidende Kälte kommt von dem nahen, aber noch nicht wahrnehmbaren Schnee her, – rings lagern schwarze Ballen nächtlicher Schatten.
Schließlich machte ich halt.
Welch furchtbare Stille.
Das ist die Region des Todes.
Hier bin ich allein, der einzige lebende Mensch, mit all meinem Gram, meiner Verzweiflung, meiner Weltverachtung . . . Ein lebendiger, bewußter Mensch, verwundet vom Leben, ohne Lebenswillen.
Heimlicher Schrecken ließ mich erstarren. Zu Gewaltigem fühlte ich mich berufen!…
Manfred, – das sagt genug.
Ich bin allein! Allein bin ich! Das wiederholte ich mir immerfort; ich stehe allein dem Antlitz des Todes gegenüber. Sollte es nicht Zeit sein? Ja . . . es ist Zeit. Fahr' wohl, niederträchtige Welt. Ich gebe dir einen Fußtritt! In diesem Augenblick traf mich plötzlich ein seltsamer, mir nicht ohne weiteres verständlicher Laut wie von einem lebenden Wesen. Ich erbebte, ich lauschte . . . Es kam erneuert . . . Das war ja . . . das war der Ruf eines Kindes, eines Säuglings! . . . In dieser Einöde, auf dieser wilden Höhe, wo jegliches Leben schon längst und auf immer erstorben schien, der Schrei eines Kindes! . . .
Das Kind schrie weiter, ich segnete es, seine Mutter und den Vater . . . Du wilder Schrei aus Menschenmund, Kunde von kaum geborenem Leben, du hast mich gerettet, von dir wurde mir Heilung!
November 1882.
XXXI
Meine Bäume
Ich erhielt von einem ehemaligen Kommilitonen einen Brief. Es handelte sich um einen wohlhabenden Gutsbesitzer. Er lud mich auf ein Gut ein.
Ich wußte, daß er schon seit langem krank war, erblindet, von einer Lähmung heimgesucht, vermochte er kaum zu gehen . . . Ich fuhr zu ihm.
Ich fand ihn in einer Allee seines weitläufigen Parkes. Eingehüllt in seinen Pelz – es war doch Sommer – abgezehrt, verkrümmt, einen grünen Schirm über den Augen, saß er in einem kleinen Wägelchen, das von zwei Dienern in reicher Livree geschoben wurde . . .
Er sagte mit feiner Grabesstimme: »Willkommen auf meiner väterlichen Scholle, im Schatten meiner hundertjährigen Bäume!«
Über seinem Kopf wölbten sich die Arme einer etwa tausendjährigen Eiche.
Ich dachte bei mir: »Du tausendjähriger Riese, hört du? Ein halbtoter Wurm, der auf deinen Wurzeln herumkriecht, nennt dich sein Eigentum!«
Da kam ein Windstoß, es gab ein leises Geräusch, als er durch die dichten Blätter des Riesen dahinging. Mir schien, als gäbe die alte Eiche mit einem gutmütigen leisen Lachen Antwort, – auf meine Gedanken, – auf die Prahlerei des Siechen.
November 1882.