Kitabı oku: «Neu-Land»
»Es soll das Neu-Land nicht mit leicht die
Oberfläche streifender Hacke, sondern mit tief
einschneidenden Pfluge geackert werden.«
Aus den Aufzeichnungen eines Landwirths.
Erstes Capitel
Im Frühling des Jahres 1868, ungefähr um ein Uhr Mittags, stieg ein nachlässig und ärmlich gekleideter Mann im Alter von gegen siebenundzwanzig Jahren mühsam die Hintertreppe eines fünfstöckigen Hauses in der Offiziers-Straße in St. Petersburg hinauf. Schwerfälligen Schrittes die schlürfenden, abgetretenen Galoschen nach sich ziehend, den wuchtigen, plumpen Körper langsam auf und nieder bewegend, schritt er endlich über die letzten Stufen, der Treppe hinweg, blieb vor einer morschen, halbgeöffneten Thür stehen, – und stürzte, ohne die Glocke zu ziehen, jedoch geräuschvoll Athem holend, in das kleine dunkle Vorzimmer hinein.
– Ist Neshdanow zu Hauses – fragte er fast schreiend mit tiefer, lauter Stimme.
– Er ist fort – ich bin hier, treten Sie ein, – ertönte aus dem Nebenzimmer eine weibliche, gleichfalls ziemlich rauhe Stimme.
– Maschurina? – entgegnete fragenden Tones der Ankömmling.
– Sie selbst. – Und Sie sind – Ostrodumow?
– Pimen Ostrodumow, – antwortete Dieser, worauf er die Galoschen vorsichtig abzog, den alten fadenscheinigen Mantel an den Nagel hängte, und dann in das Zimmer trat, aus welchem die weibliche Stimme erklungen war.
Es war ein niedriges, unsauberes Zimmer, dessen Wände mit mattgrüner Farbe gestrichen waren und in welches das Licht durch zwei verstaubte Fenster kaum hineinzudringen vermochte. Das ganze Ameublement bestand aus einem kleinen eisernen Bette in der Ecke, einem Tisch in der Mitte, einigen Stühlen und einer mit Büchern überladenen Etagère – Am Tisch saß eine weibliche Gestalt von schlichtem Aussehen, mit entblößten Kopfe, im Alter von ungefähr dreißig Jahren, in einem schwarzen wollenen Kleide und rauchte eine Cigarette. Als sie den eintretenden Ostrodumow erblickte, streckte sie ihm schweigend ihre breite, rothe Hand entgegen. Gleichfalls schweigend drückte sie Dieser – und holte, indem er sich auf einen Stuhl niederließ, aus der Seitentasche seines Rockes eine halb zerbrochene Cigarre hervor. Maschurina gab ihm Feuer – er tauchte die Cigarre an, und Beide begannen nun, ohne ein Wort zu sprechen und sogar ohne einander anzublicken, bläuliche Rauchwolken in die ohnedies schon dumpfe, tabakdurchtränkte Luft des Zimmers aufsteigen zu lassen.
Den beiden Rauchern schien ein unbestimmtes Etwas gemeinsam zu sein, obgleich die Gesichtszüge derselben einander durchaus unähnlich waren. Es sprach aus diesen zwei unordentlichen Menschen mit den groben Lippen, Zähnen und Nasen – Ostrodumow hatte dazu noch Blatternarben im Gesicht – eine gewisse Ehrlichkeit, Festigkeit und thätige Arbeitslust.
– Haben Sie Neshdanow gesehen? – fragte Ostrodumow endlich.
– Hab’ ihn gesehen; er wird gleich hier sein, Bücher wollte er zur Bibliothek bringen.
Ostrodumow spuckte leichthin zur Seite.
– Was läuft er denn jetzt immer umher? Man trifft ihn ja nie.
Maschurina holte eine andere Cigarrette hervor.
– Er langweilt sich, – sagte sie, die Cigarrette sorgfältig anrauchend.
– Langweilt sich! – wiederholte Ostrodumow vorwurfsvoll.
– Diese Weichlichkeit! Sollte man doch denken, wir hätten mit ihm nichts zu thun. Hier gilt es, will’s Gott, Alles energisch zu Ende zu führen, er aber – langweilt sich!
– Ist kein Brief aus Moskau angekommen?– fragte Maschurina nach einer kurzen Pause.
– Ist angekommen . . . vorgestern.
– Haben Sie ihn gelesen?
Ostrodumow nickte blos mit dem Kopfe.
– Nun . . . und was denn?
– Was? – Werde bald fahren müssen.
Maschurina nahm die Cigarrette aus dem Munde. – Weßhalb denn? Es geht dort doch Alles gut, wie man hört.
– Es geht seinen Gang. Es ist da nur ein nicht ganz zuverlässiges Männlein hineingekommen. Nun und . . . da muß man es absetzen, vielleicht auch ganz beseitigen. Dann giebt’s da noch and’re Dinge zu thun. – Sie ruft man ebenfalls dahin.
– Im Brief?
– Ja; im Brief.
Mit einer raschen Bewegung des Kopfes warf Maschurina das schwere Haar aus dem Gesicht zurück. Hinten unordentlich zu einer kleinen Flechte aufgesteckt, fiel es vorn über Stirn und Brauen herab.
Ei was! – sagte sie: – wenn der Befehl gegeben wird – so ist da nichts mehr zu reden.
– Natürlich, nichts! ohne Geld ist es jedoch gar nicht möglich; woher soll man’s aber nehmen, dieses Geld?
Maschurina sann noch.
– Neshdanow muß es schaffen, – sagte sie leise, gleichsam für sich.
– Deswegen eben bin ich gekommen, – bemerkte Ostrodumow.
– Haben Sie den Brief bei sich? – fragte Maschurina plötzlich.
– Ja. Wollen Sie ihn lesen?
– Geben Sie oder nein, ist nicht nöthig. Wir lesen ihn zusammen . . . später.
– Es ist so, wie ich sage, – brummte Ostrodumow; – zweifeln Sie nicht daran.
– Ich zweifle auch gar nicht.
Und Beide wurden wieder still, und es entstiegen wie früher nur Rauchwolken den verstummten Lippen und zogen in schwach kräuselnder Bewegung über ihren mit üppigem Haarwuchs bedeckten Köpfen hinweg.
– Da ist er! – flüsterte Maschurina.
Die Thür ging ein wenig auf und ein Kopf zeigte sich in der Oeffnung – aber es war nicht Neshdanow’s Kopf.
Es war das ein rundes Köpfchen mit schwarzem, struppigem Haar, breiter, gerunzelter Stirn, braunen überaus lebhaften Augen unter den dichten Brauen, einer entenartigen, aufgeworfenen Nase und einem kleinen rosigen, possirüch gebildeten Munde. Das Köpfchen blickte sich um, nickte, und lächelte – wobei eine Menge kleiner weißer Zähnchen zum Vorschein kamen – und trat dann mitsammt seinem schwächlichen Oberkörper, den kurzen Armen und den ein wenig krummen und lahmen Beinchen in’s Zimmer. Als Maschurina und Ostrodumow dieses Köpfchens gewahr wurden, zeigte sich in ihren Mienen sogleich eine gewisse nachsichtsvolle Verachtung, als ob gleichsam ein Jeder von ihnen innerlich ausgerufen hätte: »Ah! Dieser!« Und sie ließen kein Wörtchen weiter fallen, sie rührten sich nicht einmal. Der dem neu eintretenden Gast erwiesene Empfang setzte denselben übrigens durchaus nicht in Verlegenheit, sondern gewährte ihm sogar, wie es schien, eine gewisse Befriedigung.
– Was hat das zu bedeuten? – brachte er mit seiner, durchdringender Stimme hervor. – Ein Duett? Warum denn kein Trio? und wo ist denn der erste Tenor?
– Ihre Wißbegierde betrifft wohl Neshdanow, Herr Paklin? – fragte ihn Ostrodumow mit ernster Miene.
– Ganz recht, Herr Ostrodumow: Neshdanow.
– Er kommt wohl bald, Herr Paklin.
– Sehr angenehm zu hören, Herr Ostrodumow.
Das schwächliche Männchen wandte sich zur Maschurina. Mit finsterer Miene saß sie da – und fuhr aus ihrer Cigarrette gemächlich zu dampfen fort.
– Wie geht es Ihnen, liebste . . . liebste . . . Ach wie das ärgerlich ist! Immer vergesse ich Ihren Tauf- und auch ihren Vaternamen!
Maschurina zuckte die Achseln.
– Und Sie brauchen ihn auch nicht zu wissen! Mein Familienname ist Ihnen bekannt. Ist das nicht genug! – Und was das für eine Frage ist: wie geht es Ihnen? – Sehen Sie denn nicht, daß ich lebe?
– Vollkommen, vollkommen richtig! – rief Paklin, die Nasenflügel aufblasend und mit den Augenbrauen zuckend; – wenn Sie nicht am Leben wären, würde Ihr ergebener Diener nicht das Vergnügen haben, Sie hier zu sehen und sich mit Ihnen zu unterhalten! – Schreiben Sie meine Frage einer verjährten dummen Gewohnheit zu. Ebenso hinsichtlich des Tauf- und Vaternamens . . . Wissen Sie: es ist gewissermaßen so unbequem, ganz einfach Maschurina zu sagen. – Ich weiß freilich, daß Sie auch Ihre Briefe nicht andere unterzeichnen, als einfach: Bonaparte! – wollte sagen: Maschurina! – Aber ungeachtet dessen, in der Unterhaltung . . .
– Wer hat Sie denn überhaupt gebeten sich mit mir zu unterhalten?
Paklin begann zu lachen: es war ein nervöses, gleichsam stickendes Lachen.
– Nun, lassen Sie es gut sein, Sie Liebe, Herzige, geben Sie mir Ihre Hand, seien Sie nicht böse – ich weiß ja: Sie sind seelengut – und ich bin auch gut . . . Nun?
Paklin streckte ihr die Hand entgegen . . . Maschurina blickte mit finsterer Miene zu ihm auf – gab ihm jedoch ihre Hand.
– Wenn Sie meinen Namen durchaus wissen wollen, – sagte sie mit derselben finsteren Miene, – es sei: ich heiße Thekla.
– Und ich – Pimen, fügte in tiefem Baß Ostrodumow hinzu.
– Ah! das ist gewiß sehr, sehr belehrend! Aber sagen Sie mit in diesem Falle, o Thekla! und Sie, o Pimen! sagt mir, warum Euer Benehmen gegen mich so feindselig, so unveränderlich – feindselig ist, während ich . . .
– Maschurina findet, – unterbrach ihn Ostrodumow – und nicht sie allein findet es – daß auf Sie kein Verlaß ist, weil Sie in allen Dingen nur die lächerliche Seite sehen.
Paklin drehte sich scharf auf den Absätzen um.
– Da ist er, der beständige Fehler der Leute, die mich beurtheilen, verehrtester Pimen! Erstens: ich lache nicht immer; zweitens aber – das kann nicht im Geringsten störend sein und man kann sich auf mich recht wohl verlassen, was auch durch das schmeichelhafte Vertrauen bewiesen wird, das mir grade in Euren Reihen mehr als ein Mal zu Theil geworden ist! Ich bin ein ehrenhafter Mensch, verehrtester Pimen!
Ostrodumow brummte etwas durch die Zähne, Paklin schüttelte den Kopf und wiederholte, bereits ohne jedes Lächeln:
– Nein! ich lache nicht immer! Ich bin kein vergnügter Mensch! Sehen Sie mich einmal an!
Ostrodumow lenkte seine Blicke auf den Sprechenden. – Wenn Paklin schwieg, wenn er nicht lachte, nahm sein Gesicht in der That einen fast wehmüthigen, verzagten Ausdruck an; es wurde wieder heiter und sogar boshaft, sobald er nur den Mund öffnete. Ostrodumow sagte jedoch nichts.
Paklin wandte sich wieder Maschurina zu.
– Nun, wie steht’s um das Studium? Machen Sie Fortschritte in ihrer wahrhaft menschenliebenden Kunst? Ist es doch ein schweres Stück, denke ich – dem unerfahrenen Bürger bei seinem ersten Eintritt in Gottes Welt behilflich zu sein?
– Nein, es ist gar keine Mühe dabei, wenn er nicht viel größer ist als Sie, – antwortete Maschurina, die eben ihr Examen als Geburtshelferin bestanden, mit selbstzufriedenem Lächeln. Sie war vor anderthalb Jahren, nachdem sie ihre dem Adel angehörende, wenig begüterte Familie verlassen, mit sechs Rubeln in der Tasche aus dem südlichen Rußland in Petersburg angekommen; hier war sie in eine Entbindungsanstalt eingetreten und hatte sich durch unermüdlichen Fleiß das erwünschte Attestat erworben. Sie war Mädchen . . . und ein sehr keusches Mädchen. Dabei ist nichts Wunderbares! denkt vielleicht mancher Skeptiker, sich dessen erinnernd, was über ihr Aeußeres gesagt worden ist. Es ist aber dennoch etwas Wunderbares und Seltenes! erlauben wir uns zu bemerken.
Als er ihre schlagfertige Antwort vernommen, fing Paklin wieder zu lachen an.
– Sie sind ein prächtiges Frauenzimmer, meine Liebe! – rief er aus. – Bin ganz gehörig abgeblitzt! Geschieht mir recht! Warum bin ich ein solcher Zwerg geblieben! Aber wo steckt denn eigentlich der Hausherr?
Nicht ohne Absicht war es geschehen, daß Paklin das Gespräch abzulenken versuchte. Es war ihm unmöglich, sich mit seinem zwerghaften Wuchs, seiner ganzen unansehnlichen Gestalt zu versöhnen. Er empfand das um so tiefer, da er die Frauen leidenschaftlich verehrte. Was hätte er Alles hingeben mögen, um ihnen zu gefallen! Das Bewußtsein seines kläglichen Aeußeren zehrte viel mehr an ihm, als seine niedrige Herkunft, seine wenig beneidenswerthe Stellung in der Gesellschaft. Sein Vater war ein einfacher Kleinbürger, ein Winkeladvocat und Assairist gewesen, der sich mittelst allerlei Unredlichkeiten bis zum Range eines Titular-Raths heraufgedient hatte. Als Verwalter verschiedener Güter und Häuser hatte er wohl manchen Kopeken erübrigt, darauf aber am Abend seines Lebens stark zu trinken angefangen und nach seinem Tode nichts hinterlassen. Der junge Paklin (er hieß Ssila Ssamssonytsch – was in seinen Augen gleichsam ein Hohn war1), hatte seine Erziehung in der Kommerzschule erhalten, wo er trefflich deutsch sprechen lernte. Später trat er dann nach allerlei schmerzlichen Widerwärtigkeiten in ein Privatcomptoir, wo er ein Jahresgehalt von 1500 R.S. bezog. Mit diesem Gelde ernährte er sich selbst, eine kranke Tante und eine bucklige Schwester. Zur Zeit unserer Erzählung hatte er eben das siebenundzwanzigste Jahr zurückgelegt. Paklin war mit vielen Studenten und jungen Leuten bekannt, die an seiner cynischen Keckheit, an der heiteren Bitterkeit seiner selbstgefälligen Rede, an seiner einseitigen, jedoch durchaus nicht pedantischen, jedenfalls unzweifelhaften Belesenheit Gefallen fanden. Nur selten geschah es, daß über ihn gespöttelt und gewitzelt wurde. Ein Mal verspätete er sich bei einer »politischen« Zusammenkunft . . . Als er in’s Zimmer trat, begann er sich gleich hastig zu entschuldigen. . . »Hasenfüßig war der arme Paklin« – hörte man in der Ecke Jemand singen – und Alle fingen laut zu lachen an. Auch Paklin lachte endlich auf, obgleich es ihm das Herz abdrückte. »Hat die Wahrheit gesagt, der Spitzbube!« – dachte er bei sich. Mit Neshdanow war er im griechischen Speisehaus, wo er zu Mittag zu essen und zuweilen überaus frei und scharf zu reden pflegte, bekannt geworden. Er versicherte, daß die Hauptursache seiner demokratischen Stimmung die abscheuliche griechische Küche sei, welche seine Leber afficire.
– Ja in der That wo bleibt denn unser Hausherr? – wiederholte Paklin. – Ich bemerke; er ist seit einiger Zeit gleichsam nicht recht bei Laune. Er ist doch nicht gar verliebt, um Gottes Willen!
Maschurina verzog das Gesicht.
– Er ist nach Büchern in die Bibliothek gegangen – zum Verlieben hat er jedoch keine Zeit und es ist auch Niemand dazu da.
– Aber Sie? wäre es fast den Lippen Paklin’s entschlüpft – Ich möchte ihn sehen, – sagte er laut, – weil ich über eine sehr wichtige Sache mit ihm zu sprechen habe.
– Was für eine Sache? – mischte sich Ostrodumow in die Unterhaltung – Unsere Sache?
– Vielleicht auch Ihre . . . d.h. unsere, die allgemeine Sache.
Ostrodumow verstummte. Er konnte ihm im Herzen doch nicht recht Glauben schenken, dachte aber: »Weiß der Teufel! Ein rechter Schleicher!«
– Da kommt er endlich, – rief Maschurina plötzlich – und in ihren kleinen, häßlichen, auf die Vorzimmerthür gerichteten Augen blitzte es auf so warm und zärtlich, so hell und tief. . .
Die Thür öffnete sich – und es trat, die Mühe auf dem Kopf und ein Packet Bücher unter dem Arme, dieses Mal ein junger, ungefähr dreiundzwanzigjähriger Mann in’s Zimmer, – es war Neshdanow.
Zweites Capitel
Beim Anblick der Gäste, die sich in seiner Behausung befanden, blieb er auf der Thürschwelle stehen, ließ die Augen im Kreise umherschweifen, schleuderte die Mütze fort, warf die Bücher zu Boden – und ging auf das Bett zu, auf welches er sich dann schweigend niederließ. Sein hübsches, weißes Gesicht, das in Folge der rothbraunen Farbe des welligen Haares noch weißer erschien, drückte Unzufriedenheit und Erbitterung aus.
Maschurina, die sich ein wenig abgewandt hatte, biß sich auf die Lippen, Ostrodumow brummte: Endlich!
Paklin trat zuerst an Neshdanow heran.
– Was ist Dir, Alexei Dmitrijewitsch, Du Hamlet Rußlands? Hat Dich Jemand gekränkt? Oder ist Dir – ohne Grund – plötzlich so weh geworden?
– Hör’ auf, bitte, Rußlands Mephistopheles – antwortete in gereiztem Tone Neshdanow. – Ich bin jetzt nicht ausgelegt, mich in flachen Witzen mit Dir zu ergehen.
Lachend entgegnete Dieser:
– Deine Ausdrucksweise ist nicht ganz genau: was da flach ist, kann nicht witzig – was witzig ist, kann nicht flach sein.
– Nun gut, gut . . . Du bist ja natürlich der Kluge.
– Du aber bist in aufgeregter Stimmung, – sagte Paklin, die Silben nachdrücklich dehnend. – Ist denn wirklich etwas geschehen?
– Nichts Besonderes ist geschehen; – es ist nur das geschehen, daß man in dieser widerwärtigen Stadt, in St. Petersburg, die Nase nicht auf die Straße hinausstecken kann, ohne auf Flachheit, Dummheit, himmelschreiende Ungerechtigkeit, Blödsinn zu stoßen! Es ist geradezu unmöglich hier zu leben.
– Daher hast Du also in den Zeitungen angezeigt, daß Du eine Stelle suchst und auch nach Auswärts zu gehen bereit bist – brummte wieder Ostrodumow.
– Und werde natürlich mit dem größten Vergnügen von hier fortreisen! Wenn sich nur zuerst ein Narr findet – der mir eine Stelle anbietet!
– Erst muß man hier jedoch seine Pflicht thun – bemerkte Maschurina bedeutungsvoll, indem sie zur Seite zu blicken fortfuhr.
– Das heißt? – fragte, sich plötzlich zu ihr wendend, Neshdanow. Maschurina preßte die Lippen aneinander.
– Ostrodumow wird’s Ihnen mittheilen.
Neshdanow wandte sich zu Ostrodumow.
Dieser murmelte etwas zwischen den Zähnen und hüstelte, als wolle er sagen: »kannst warten.«
– Nein, ohne Scherz, – mischte sich Paklin hinein: – hast Du wirklich etwas Unangenehmes erfahren?
Neshdanow schnellte aus dem Bette empor, als hätte ihn etwas in die Höhe geschleudert.
– Was soll denn noch Unangenehmeres geschehen? – schrie er mit plötzlich klangvoll vibrirender Stimme.
– Halb Rußland stirbt vor Hunger, die »Moskauer Zeitung« triumphirt, der Klassicismus wird überall eingeführt, Studenten-Kassen verbietet man, überall Spionage, Verfolgung, Denunciationen, Lüge und Falschheit – nirgends ein Fleckchen, wo man hintreten könnte . . . ihm ist es aber noch immer zu wenig, es soll noch Unangenehmeres geschehen, er denkt, daß ich scherze . . . Bassanow ist arretirt, – fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: – man sagte mir’s in der Bibliothek.
Ostrodumow und Maschurina richteten Beide gleichzeitig die Köpfe in die Höhe.
– Lieber Freund, Alexei Dmitrijewitsch – begann Paklin, – Du bist aufgeregt – ich begreife es . . . Aber hast Du denn vergessen, zu welcher Zeit und in welchem Lande wir leben? – Es muß sich ja bei uns der Ertrinkende selbst den Strohhalm anfertigen, an den er sich anzuklammern gedenkt! – Ist’s denn jetzt an der Zeit, den Difficilen zu spielen?! Man muß, Freund, dem Teufel in’s Auge zu sehen verstehen, nicht aber sich kindisch ereifern . . .
– Ach, bitte, bitte! – fiel ihm Neshdanow, gleichsam ärgerlich klagend in die Rede und verzog das Gesicht, wie von innerem Schmerz durchzuckt. – Du bist natürlich ein energischer Mann – Du fürchtest Nichts und Niemanden . . .
– Ich und Niemanden fürchten?! – wollte Paklin erwidern . . .
– Wir den Bassanow nur verrathen haben mag? – fuhr Neshdanow fort, – ich begreife es nicht!
– Natürlich – ein Freund. – Das verstehen sie prächtig – diese Freunde. Da heißt es: Auf der Hut sein! Ich zum Beispiel, habe einen Freund gehabt – es war ein vortrefflicher Mensch, wie es schien; wie ist er um mich, um meinen Ruf besorgt gewesen! Eines Tages kommt er zu mir . . . – »Denken Sie sich,« ruft er: »was man für dumme Gerüchte verbreitet: man versichert, daß Sie Ihren Onkel vergiftet, daß man Sie als Gast in ein Haus eingeführt und daß Sie der Frau vom Hause den Rücken zugekehrt hätten und auch den ganzen Abend in dieser Stellung geblieben seien! Sie aber hat ob dieser Kränkung bittere, bittere Thränen geweint! – Ein solcher Unsinn! solcher Blödsinn! Nur ein Narr kann das glauben!« – Und was geschah? Ein Jahr daraus überwarf ich mich mit eben diesem Freunde. . . . Und da schreibt er mir in seinem Abschiedsbriefe: »Sie, der Sie Ihren Onkel umgebracht, – Sie, der Sie sich nicht entblödet haben, eine ehrenwerthe Dame zu beleidigen, indem Sie ihr den Rücken zugekehrt!« . . . 2c. 2c. – So sind, die Freunde!
Ostrodumow und Maschurina sahen einander an.
– Alexei Dmitrijewitsch! – platzte Ostrodumow in seinem schwerfälligen Baß heraus – er wollte dem unnützen Wortkram offenbar ein Ende machen – es ist aus Moskau ein Brief von Wassili Nikolajewitsch angekommen.
Neshdanow fuhr ein wenig zusammen und senkte den Blick nachdenklich zu Boden.
– Was schreibt er? – fragte er endlich.
– Was . . . Ich muß mit ihr . . . – Ostrodumow wies mit dem Blick auf Maschurina hin – nach Moskau.
– Wie? auch sie ruft man dahin?
– Auch sie.
– Woran liegt es denn, daß Ihr noch hier seid?
– Woran . . . selbstverständlich . . . am Gelde.
Neshdanow erhob sich und trat an’s Fenster.
– Ist viel nöthig?
– Fünfzig Rubel. . . Das ist das Wenigste.
Es entstand eine kleine Pause.
– Ich habe jetzt kein Geld – flüsterte endlich, mit den Fingern auf der Fensterscheibe trommelnd, Neshdanow, – aber . . . ich kann es schaffen. Ich werde es schaffen. Hast Du den Brief?
– Den Brief? Er . . . das heißt natürlich . . .
– Was versteckt Ihr Euch denn immer vor mir?
– rief Paklin aus. – Bin ich Eures Vertrauens denn wirklich unwerth? – Wenn ich auch nicht voll und ganz beizustimmen vermöchte . . . Dem, was Ihr unternehmt – glaubt Ihr denn wirklich, daß ich im Stande wäre, Euch zu verrathen oder etwas auszuplaudern?
– Ohne Absicht . . . vielleicht! – hörte man Ostrodumow’s tiefe Stimme.
– Weder mit noch ohne Absicht! – Fräulein Maschurina da sieht mich an und lächelt . . . ich sage Euch aber . . .
– Ich denke nicht daran zu lächeln – entgegnete grimmigen Tones Maschurina.
– Ich sage Euch aber, meine Herren, – fuhr Paklin fort, – daß Euch das instinktive Gefühl, welches die echten Freunde von den falschen unterscheiden lehrt, abgeht! Wenn der Mensch lacht, so meint Ihr auch gleich, daß jeder Ernst ihm fern ist . . .
– Ist’s vielleicht nicht der Fall? – fuhr Maschurina; zum zweiten Mal auf ihn los.
– Sie zum Beispiel – nahm Paklin mit erhöhter Kraft, ohne Maschurina einer Antwort zu würdigen, seine Rede auf, – Sie brauchen Geld . . . Neshdanow hat aber setzt kein Geld . . . So kann ich es geben.
Neshdanow trat rasch vom Fenster zurück.
– Nein nein wozu denn? Ich werde es schaffen . . . ich werde einen Theil meiner Pension vorausnehmen . . . Ich erinnere mich, sie sind mir schuldig geblieben. Aber hör’, Ostrodumow: zeig’ mir den Brief.
Ostrodumow blieb zuerst eine kurze Zeit regungslos auf seinem Platze; nachdem er sich darauf nach allen Seiten umgesehen, stand er auf, bückte sich mit dem ganzen Oberkörper zur Erde, streifte das Beinkleid in die Höhe und holte aus dem Stiefelschaft ein sorgfältig zusammengefaltetes Stück blauen Papiers hervor; nachdem er es herausgezogen, blies er darauf – wozu? wissen wir nicht zu sagen – und reichte es Neshdanow hin.
Dieser nahm das Papier, faltete es auseinander, las dessen Inhalt aufmerksam durch und reichte es dann Maschurina . . . Letztere erhob sich zuerst vom Stuhle, las den Brief und gab ihn darauf an Neshdanow zurück, obgleich Paklin die Hand darnach ausstreckte. Neshdanow zuckte die Achseln und händigte den geheimnißvollen Brief Paklin ein. Paklin durchflog das Papier und legte es, die Lippen bedeutsam aneinanderpressend, langsam auf den Tisch. Da ergriff Ostrodumow dasselbe, rieb ein großes Zündhölzchen an, das starken Schwefelgeruch um sich verbreitete, hob dann den Brief, um ihn gleichsam Allen zu zeigen hoch empor, verbrannte ihn darauf, ohne sogar seiner Finger zu schonen, am Feuer des Zündhölzchens zu Asche und warf diese Asche endlich in den Ofen. Alle saßen während dieses Vorgangs stumm und regungslos, mit zu Boden gesenkten Blicken, da. Ostrodumow’s Gesicht hatte den Ausdruck thätigen Ernstes, böse und finster schien das Antlitz Neshdanow’s; gespannte Aufmerksamkeit sprach aus den Mienen Paklin’s, während Maschurina sich verhielt, als verrichtete sie eine heilige Handlung.
So vergingen ungefähr zwei Minuten. Darauf kam über Alle das Gefühl einer gewissen Verlegenheit. Paklin spürte zuerst die Nothwendigkeit, das Schweigen zu brechen.
– Wie bleibt es also? – begann er. – Nimmt man mein Opfer auf den Altar des Vaterlandes an oder nicht? Gestattet man mir, wenn auch nicht das ganze Geld, so doch wenigstens fünfundzwanzig oder dreißig Rubel darzubringen?
Neshdanow wurde plötzlich feuerroth vor Zorn. Die lange niedergehaltene Erbitterung schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben . . . Die feierliche Verbrennung des Briefes hatte sie nicht gemindert, – es war, als hätte sein Zorn nur auf einen Vorwand gewartet, um zum Ausbruch zu kommen.
– Ich habe Dir bereits gesagt, daß es nicht nöthig ist, nicht nöthig . . .nicht nöthig! Ich lasse es nicht zu und werde es nicht annehmen. Ich schaffe das Geld, ich schaffe es gleich. Ich brauche keine Hilfe, von Niemand!
– Nun, Freund, – entgegnete Paklin – ich sehe, wenn Du auch ein Revolutionär bist – so bist Du doch kein Demokrat!
– Sage doch lieber gerade heraus, daß ich ein Aristokrat bin!
– Du bist auch wirklich ein Aristokrat bis zu einem gewissen Grade.
Neshdanow lachte gezwungen auf.
– Das heißt, Du spielst darauf an, daß ich ein uneheliches Kind bin. Deine Mühe ist vergebens, mein Lieber . . . Ich vergesse es auch so nicht.
Paklin schlug die Hände zusammen.
– Alex, ich bitte Dich, was ist Dir! Wie kannst Du meinen Worten eine solche Deutung geben! Ich erkenne Dich heute nicht. Neshdanow machte eine ungeduldige Bewegung mit Kopf und Schultern. – Hat Dich Bassanow’s Verhaftung so aufgeregt? – aber er ist doch selbst stets so unvorsichtig gewesen . . .
– Er hat aus seiner Ueberzeugung kein Hehl gemacht, – warf Maschurina mit finsterer Miene ein: – es steht uns nicht an, ihn zu verurtheilen!
– Ganz recht; er hätte nur auch an die Andern denken sollen, die setzt durch ihn kompromittirt werden können.
– Woher glauben Sie in solcher Weise von ihm sprechen zu dürfen? – ertönte jetzt der Baß Ostrodumow’s: – Bassanow ist ein Mensch von festem Charakter; er wird Niemanden verrathen. Was aber die Vorsicht betrifft . . . wissen Sie? es ist nicht Jedem gegeben, vorsichtig zu sein, Herr Paklin!
Paklin fühlte sich gekränkt und wollte ihm etwas entgegnen, aber Neshdanow hielt ihn zurück.
– Meine Herren! – rief er aus, – thut mir den Gefallen und laßt die Politik auf kurze Zeit bei Seite! Es entstand eine Pause.
– Ich habe heute Skoropichin gesehen, – fing Paklin endlich wieder an, – aller Reußen Kritiker und Aesthetiker und Enthusiast. Was für ein unerträgliches Geschöpf! Ewig kocht und zischt es in ihm wie in einer Flasche gemeinen, süßlichen Kwasses . . . beim Laufen hat sie der Kellner statt des Pfropfens mit dem Finger verstopft, im Halse der Flasche ist eine angeschwollene Rosine stecken geblieben – es pfeift und spritzt aus derselben – wenn aber der Schaum heraus ist – so bleiben auf dem Boden nur noch einige Tropfen einer höchst garstigen Flüssigkeit, welche Niemandes Durst zu stillen im Stande sind, sondern nur Bauchgrimmen verursachen können . . . Ein den jungen Leuten höchst schädliches Individuum!
Paklin’s Vergleich, so richtig und treffend er auch war, vermochte trotzdem Niemand von den Anwesenden zum Lachen zu bewegen. Blos Ostrodumow bemerkte, daß um die jungen Leute, welche sich für Aesthetik zu interessiren im Stande seien, zu klagen unnütz wäre, selbst wenn sie durch Skoropichin auch irre geleitet werden sollten.
– Aber ich bitte Sie, hören Sie doch – rief Paklin heftig aus – je weniger er Beifall fand, desto mehr pflegte er in Eifer zu gerathen – das ist freilich keine politische Frage, aber doch jedenfalls eine Frage von großer Bedeutung. Wenn man Skoropichin angehört, so ist jedes ältere künstlerische Werk schon einfach deshalb nichts werth, weil es alt ist . . . Aber in diesem Falle ist die künstlerische Produktion, die Kunst ja nur Sache der Mode – und es verlohnte nicht der Mühe, darüber noch ernstlich zu sprechen! Wenn nichts Hohes, nichts Ewiges in ihr enthalten ist – dann hol’ sie der Teufel! In der Wissenschaft, z. B. in der Mathematik: da werdet Ihr doch nicht behaupten, daß Euler, Laplace, Gauß triviale Größen seien, deren Zeit längst vorüber ist? Ihr seid deren Autorität anzuerkennen bereit – Raphael und Mozart aber sind Narren? und Euer Stolz lehnt sich gegen die Autorität derselben auf? Die Gesetze der Kunst sind schwerer zu ergründen, als die Gesetze der Wissenschaft, – ich gebe es zu; aber nichtsdestoweniger sind sie da – und wer sie nicht sieht, der ist blind; ob freiwillig oder unfreiwillig – das bleibt sich gleich!
Paklin schwieg . . . und Niemand öffnete die Lippen, als ob Alle den Mund voll Wasser genommen hätten – als ob sie sich seiner gewissermaßen schämten. Nur Ostrodumow brummte: – Und doch bedaure ich jene jungen Leute, welche Skoropichin irre leitet, nicht im Geringsten!
»Ah, Gott mit Euch!« dachte Paklin. »Ich gehe lieber fort!«
Er war zu Neshdanow gekommen, um ihm seine Gedanken über die Zustellung des »Polarsterns« (der »Kolokol« existirte damals nicht mehr) mitzutheilen – aber die Unterhaltung hatte eine solche Wendung genommen, daß er es für besser fand, diese Frage gar nicht zu berühren. Paklin hatte bereits seine Mütze in die Hand genommen, als im Vorzimmer plötzlich, ohne daß ein Geräusch irgend welcher Art vorausgegangen wäre, eine merkwürdig angenehme, männliche volle Baritonstimme ertönte, in deren bloßem Klange schon etwas ungewöhnlich Wohlanständiges, Wohlerzogenes, ja sogar ein gewisser Schmelz lag.
– Ist Herr Neshdanow zu Hause?
Alle sahen sich verwundert an.
– Ist Herr Neshdanow zu Hauses – wiederholte der Bariton.
– Ja – antwortete endlich Neshdanow.
Die Thür wurde leicht und bescheiden geöffnet, und es trat, langsam den glatt gebügelten Hut von dem wohlgebildeten, kurzhaarigen Kopfe ziehend, ein hoher, schlanker Mann von würdiger Haltung im Alter von ungefähr vierzig Jahren in’s Zimmer. In einem vortrefflichen Tuch-Paletot mit einem prachtvollen Biberkragen steckend, ungeachtet dessen, daß der April bereits seinem Ende entgegenging, – übte sein Auftreten auf Alle, auf Neshdanow, Paklin, ja sogar auf Maschurina und selbst auf Ostrodumow – durch das ungekünstelte Selbstgefühl seiner Haltung und die freundliche Ruhe seines Grußes große Wirkung aus. Unwillkürlich erhoben sich Alle bei seinem Eintritt.
Drittes Capitel
Der elegant gekleidete Herr trat auf Neshdanow zu und begann mit wohlwollendem Lächeln:
Ich habe bereits ein Mal das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen und mich mit Ihnen sogar zu unterhalten, Herr Neshdanow, vorgestern, wenn Sie sich dessen vielleicht erinnern – im Theater. Der Fremde hielt inne, als erwarte er eine Antwort; Neshdanow nickte mit dem Kopf und erröthete. – Ja! . . . und heute komme ich in Folge der Anzeige zu Ihnen, die Sie in die Zeitung haben einrücken lassen. Ich möchte mit Ihnen über Einiges sprechen, wenn ich nur die Herrschaften . . . Der Fremde verbeugte sich gegen Maschurina und machte mit der rechten, von einem graufarbenen schwedischen Handschuh bekleideten Hand eine Bewegung in der Richtung zu Paklin und Ostrodumow hin – nicht störe . . .
– Nein . . . durchaus nicht . . . antwortete Neshdanow, nicht ohne eine gewisse Anstrengung. – Die Herrschaften werden gestatten . . . Wollen Sie sich nicht setzen?
Der Fremde machte eine verbindliche Bewegung, und zog den Stuhl an der Lehne zu sich heran, ohne sich jedoch zu setzen – da im Zimmer Alle standen – und ließ die hellen, wenn auch halb geschlossenen Augen, im Kreise umherschweifen.
– Adieu, Alexei Dmitrijewitsch, – sagte plötzlich Maschurina: – ich komme später wieder vor.
– Ich auch, – fügte Ostrodumow hinzu. – Ich auch . . . später.
Dem Fremden ausweichend – gleichsam demselben zum Trotz, – ergriff Maschurina die Hand Neshdanow’s, drückte sie stark und ging, ohne Jemand zu grüßen, hinaus. Ostrodumow folgte ihr, unnützer Weise mit den Stiefeln polternd und zwei Mal sogar in ein kaum verhaltenes, spöttisches Lachen ausbrechend: »Da hast Du’s, Biberkragen!« Der Fremde verfolgte sie mit höflichen, aber neugierigen Blicken. Dann richtete er das Auge auf – Paklin, als ob er es erwarte, daß auch dieser dem Beispiele der beiden anderen Gäste folgen werde; aber Paklin, um dessen Lippen seit dem Auftreten des Fremden ein eigenthümliches Lächeln verborgen spielte, trat zur Seite und ließ sich in der Ecke nieder. Hierauf setzten sich auch der Fremde und Neshdanow.
– Ich heiße Ssipjagin, vielleicht haben Sie den Namen schon gehört, – begann mit bescheidenem Stolz der Fremde.
Wir müssen jedoch zuerst erzählen, wie sie sich im Theater kennen gelernt.
Man gab das Stück von Ostrowsky: »Setz Dich nicht in fremde Schlitten.« Am Vormittag war Neshdanow zur Kasse gegangen, wo er ziemlich viele Menschen vorfand. Er wollte ein Parterre-Billet lösen; – aber gerade im Begriff dies zu thun, rief ein hinter ihm stehender Offizier, dem Kassirer über Neshdanows Kopf hinüber einen Drei-Rubel-Schein reichend, in die Kasse hinein: »Sie werden dem Herrn vor mir wohl noch Geld ausgeben müssen – ich werde aber nichts zu bekommen haben – geben Sie mir daher, bitte, ein Billet in der zweiten Reihe ich habe Eile!« – »Entschuldigen Sie, Herr Offizier, – entgegnete Neshdanow in gereiztem Tone, – ich mochte selbst ein Billet in der zweiten Reihe lösen,« – und warf im selben Augenblick einen Drei-Rubel-Schein in’s Fenster der Kasse – sein ganzes Vermögen. Der Kassirer gab ihm das gewünschte Billet – und es befand sich Neshdanow am Abend in der aristokratischen Abtheilung des Alexandras Theaters.
Er war schlecht gekleidet, ohne Handschuhe, in ungeputzten Stiefeln – war befangen und ärgerte sich über diese Befangenheit. Neben ihm saßen: rechts – ein mit Sternen besäeter General; links – jener seine Herr, Geheimrath Ssipjagin, dessen Erscheinen zwei Tage darauf Maschurina und Ostrodumow in solche Aufregung versetzen sollte. Der General blickte zuweilen auf Neshdanow als auf etwas Unanständiges, Unerwartetes und sogar Beleidigendes; Ssipjagin dagegen warf zwar auch manchen Seitenblick auf ihn, doch lag darin nichts Feindliches. Alle Personen, die Neshdanow umgaben, schienen erstens mehr Persönlichkeiten von Rang und Ansehen, als einfach Menschen zu sein; zweitens kannten sie sich Alle so gut und tauschten kurze Reden, Worte und sogar einfach Rufe und Grüße mit einander aus. – Einige unter ihnen über den Kopf Neshdanow’s hinweg; er aber saß ungeschickt und unbeweglich in seinem breiten, bequemen Lehnstuhl, – als wäre er irgend ein Paria. Scham, Aerger und Trübsinn beschwerten sein Herz: er konnte sich des Lustspiels von Ostrowsky und des Spiels der Schauspieler nur wenig freuen. Da plötzlich, o Wunders – ließ sich während eines Zwischenakts sein linker Nachbar – nicht der besternte General, sondern der andere, ohne jedes Ehrenzeichen auf der Brust, – höflich und sanft mit einer gewissen einschmeichelnden Nachsicht in ein Gespräch mit ihm ein. Er begann von Ostrowsky’s Stück zu sprechen und sagte, daß es ihn sehr interessiren würde, die Meinung Neshdanow’s, als »eines Repräsentanten der jungen Generation,« über dasselbe zu erfahren. Verwundert, fast erschreckt, vermochte ihm Neshdanow zuerst nur in kurz abgebrochener, einsilbiger Weise zu antworten . . . Das Herz fing ihm sogar heftig zu klopfen an; bald aber gewann in ihm der Aerger über sich selbst wieder die Oberhand: was gerathe ich denn so in Wallung? Bin ich denn ein anderer Mensch, als sie Alle! Und nun begann er seine Ansicht zu entwickeln, ungenirt und ohne Hehl, und zuletzt sogar so laut und mit solchem Feuer, daß der Nachbar-Sternen-träger sich dadurch offenbar beunruhigt fühlte. Neshdanow war ein eifriger Verehrer Ostrowsky’s; – aber ungeachtet aller Anerkennung des im Lustspiel »Setz’ Dich nicht in fremde Schlitten« offenbarten Talents des Dichters, konnte er den klar zu Tage tretenden Wunsch, die Civilisation in der karrikirten Figur des Wichorew zu erniedrigen, doch nicht billigen. – Der höfliche Nachbar hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme zu – und leitet im folgenden Zwischenakt wieder ein Gespräch mit ihm ein, aber schon nicht mehr über das Lustspiel Ostrowsky’s, sondern über allerlei das Leben betreffende, wissenschaftliche und sogar politische Fragen. Der junge und beredte Nachbar schien ihn offenbar zu interessiren. Wie früher, so sprach Neshdanow auch jetzt nicht nur in derselben ungenirten Weise, sondern trug auch die Farben mit Absicht recht stark auf, »Da Du nun einmal so neugierig bist, so nimm, da hast Du es!« Der Nachbar-General fühlte sich jetzt durch das Benehmen Neshdanow’s schon nicht mehr einfach beunruhigt, sondern es erregte in ihm Unwillen und Verdacht. Als die Vorstellung zu Ende war, verabschiedete sich Ssipjagin von Neshdanow in höchst verbindlicher Weise, ohne jedoch nach dessen Namen zu fragen und auch ohne den seinigen zu nennen. Während er auf der Treppe auf seinen Wagen wartete, stieß er dort auf einen seiner Bekannten, den Flügel-Adjutanten Fürsten G. – Ich habe Dich von der Loge aus beobachtet, – sagte der Fürst, durch den parfümirten Schnurrbart lächelnd: – weißt Du denn, mit wem Du Dich unterhalten hast? – Nein, ich weiß es nicht; und Du? – Ist kein dummer Mensch, nicht wahr? – Durchaus nicht dumm; wer ist es denn? – Der Fürst näherte sich seinem Ohr und flüsterte ihm in französischer Sprache zu: – mein Bruder. Ja; es ist mein Bruder. Ein uneheliches Kind meines Vaters . . . er heißt Neshdanow. Ich erzähle es Dir ein andermal. . . Der Vater hatte es gar nicht erwartet, daher hat er ihn auch Neshdanow2 genannt. Seine Zukunft ist jedoch durch den Vater gesichert: il lui a fait un sort. . . . Er erhält eine Pension von uns. Er hat Verstand und hat, Dank dem Vater, eine gute Erziehung erhalten. Doch ist er jetzt völlig auf Abwege gerathen, eine Art Republikaner geworden . . . Wir empfangen ihn nicht . . . II est impossible! Doch Adieu! Mein Wagen wird gemeldet. – Der Fürst entfernte sich, am folgenden Tage aber las Ssipjagin die in die »Polizei-Zeitung« eingerückte Anzeige Neshdanow’s – und fuhr zu ihm hin. . . .
– Mein Name ist – Ssipjagin, – sprach er zu Neshdanow, auf einem Strohstuhl vor ihm sitzend und ihn mit forschendem Blicke anschauend: – ich habe aus der Zeitung erfahren, daß Sie eine Stelle anzunehmen beabsichtigen – und da komme ich mit folgendem Anerbieten zu Ihnen. Ich bin verheirathet und habe einen neunjährigen Sohn, einen, ich darf es sagen, sehr begabten Knaben. Den größten Theil des Sommers und des Herbstes bringen wir im Gouvernement S. auf unserem Gute, etwa fünf Werst von der Gouvernementsstadt entfernt, zu. Es handelt sich nun um die Frage: würden Sie vielleicht für die Zeit der Ferien mit uns kommen, um meinen Sohn in der russischen Sprache und in der Geschichte zu unterrichten – in den beiden Fächern, von denen in Ihrer Anzeige die Rede ist? Ich wage zu hoffen, daß Sie mit mir, mit meiner Familie und mit der Lage des Gutes vollkommen zufrieden sein werden. Ein vortrefflicher Garten, Wasser, schöne Luft, ein geräumiges Haus. . . Sind Sie einverstanden? Dann hätte ich nur noch Ihre Bedingungen kennen zu lernen, obgleich ich nicht glaube, – fügte Ssipjagin verbindlich hinzu, – daß sich uns in dieser Beziehung Schwierigkeiten, in den Weg stellen werden.
Während Ssipjagin sprach, sah ihn Neshdanow unablässig an: seinen kleinen, ein wenig nach hinten zurückgeworfenen Kopf, seine schmale und niedrige, doch kluge Stirn, die feine römische Nase, die angenehmen Augen, die regelmäßigen Lippen, die so anmuthsvoll zu reden wußten, den langen, nach englischer Mode geschnittenen Backenbart – er sah das Alles an und staunte: – »Was ist das? dachte er. Weshalb versucht dieser Mensch sich bei mir einzuschmeicheln? Dieser Aristokrat – und ich?! – Wie sind wir zusammengekommen? Und was hat ihn zu mir geführt?«
Er war so in diese Gedanken versunken, daß er auch dann noch immer schwieg, als Ssipjagin, nachdem er seine Rede beendigt, seine Antwort erwartend, verstummte. Ssipjagin warf einen flüchtigen Seitenblick in die Ecke, in der sich Paklin befand, der den Fremden nicht weniger neugierig betrachtete als Neshdanow. – War es vielleicht die Anwesenheit dieser dritten Person, durch welche Neshdanow sich auszusprechen verhindert wurde? – Ssipjagin hob die Brauen empor, sich den seltsamen Eigenthümlichkeiten der Umgebung, in welche er übrigens aus freiem Antriebe gerathen war, gleichsam fügend, und wiederholte darauf seine Frage mit erhöhter Stimme.
Neshdanow fuhr empor.
– Natürlich, – begann er ein wenig hastig; – l ich . . . ich bin bereit . . . mit Vergnügen . . . wenn ich auch gestehen muß daß ich mich eines gewissen Erstaunens nicht erwehren kann . . . da ich gar keine Empfehlungen besitze . . und es müßten auch die Ansichten, die ich vorgestern im Theater ausgesprochen, Sieg eher abhalten. . . .
– Da sind Sie durchaus im Irrthum, lieber Alexei . . . Alexei Dmitritsch? so heißen Sie, glaube ich? – entgegnete Ssipjagin lächelnd. – Ich bin, wenn ich so sagen darf, als ein höchst liberaler, als ein Mann des Fortschritts – bekannt; im Gegentheil, diese Ansichten, wenn man von dem absieht, was in denselben der, zu einiger – nichts für ungut! – Uebertreibung neigenden Jugend zugeschrieben werden muß, – diese Ihre Ansichten widersprechen den meinigen durchaus nicht – und gefallen mir sogar in ihrem jugendlichen Feuer!
Ssipjagin sprach ohne im geringsten zu stocken: wie Honig auf Oel glitt seine geschmeidige, wohlgesetzte Rede dahin.
– Meine Frau theilt meine Anschauungsweise, – fuhr er fort: – die Ideen derselben sind den Ihrigen vielleicht noch näher, als den meinigen; es ist ja auch begreiflich: sie ist jünger! – Als ich am Tage nach unserer Begegnung Ihren Namen in der Zeitung las, den Sie, beiläufig bemerkt, gegen den üblichen Brauch neben Ihre Adresse gesetzt – Ihr Name war mir schon im Theater genannt worden – so . . . ist . . . so hat mich diese Thatsache mächtig ergriffen. Ich erblickte in diesem Zusammentreffen – gewissermaßen eine Fügung des Schicksals! – Sie sprachen vorhin von Empfehlungen; ich brauche keine Empfehlungen. Ihr Aeußeres, Ihre Persönlichkeit erregen meine Sympathie. Das genügt mir. Ich bin gewohnt, meinen Augen zu trauen. Ich kann also hoffen? Sind wir einverstanden?
– Ich bin bereit . . . natürlich . . . – antwortete Neshdanow – ich werde mich bemühen, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Doch müssen Sie mir gestatten, Sie gleich jetzt auf einen Umstand aufmerksam zu machen; ich bin bereit der Lehrer Ihres Sohnes zu sein, nicht aber sein Gouverneur. Dazu tauge ich nicht – auch will ich nicht Sklave sein, will meiner Freiheit nicht verlustig gehen.
Ssipjagin machte eine leichte Bewegung mit der Hand, als ob er eine Fliege verscheuche.
– Seien Sie unbesorgt, mein Liebster . . . Aus dem Teig, aus welchem Sie gebildet sind, backt man keine Gouverneure; – ich brauche ja auch keinen Gouverneur. – Ich suche einen Lehrer – und habe ihn gefunden. Nun, wie lauten aber Ihre Bedingungen? Das verächtliche Gold?
Neshdanow wußte nicht, was er sagen sollte . . .
– Hören Sie, – sprach Ssipjagin weiter, den Oberkörper nach vorne beugend und Neshdanow’s Knie mit den Fingerspitzen freundlich berührend: – unter anständigen Leuten werden solche Fragen mit zwei Worten gelöst. Ich! biete Ihnen hundert Rubel monatlich; die Reisekosten hin und zurück werden natürlich von mir getragen. – Sind Sie damit einverstanden?
Neshdanow erröthete von Neuem.
– Das ist vielmehr, als ich verlangen wollte . . . weil . . . ich . . .
– Vortrefflich, vortrefflich – unterbrach ihn Ssipjagin . . . In meinen Augen ist die Sache also abgemacht und Sie sind – mein Hausgenosse. – Er stand auf – und wurde plötzlich so heiter und zufrieden, als ob er ein Geschenk erhalten hätte. In allen seinen Bewegungen that sich jetzt eine gewisse angenehme Familiarität und scherzhafte Laune kund. – Wir reisen in diesen Tagen, – begann er wieder in verbindlich ungezwungenem Tone: – ich liebe es, den Frühling im Dorfe zu begrüßen, obgleich ich in Folge meiner Beschäftigung ein prosaischer, an die Stadt gefesselter Mensch bin . . . Erlauben Sie daher den ersten Monat vom heutigen Tage an zu rechnen . . . Meine Frau ist mit unserm Sohne jetzt schon in Moskau. Sie ist vorausgefahren. Wir finden sie im Dorfe . . . am Busen der Natur. Wir reisen zusammen als Junggesellen He, he! – lächelte Ssipjagin, kokett die Nase bewegend. – Jetzt aber . .
Er holte aus der Paletot-Tasche ein kleines silbernes Taschenbuch hervor, dem er eine Visitenkarte entnahm.
– Meine Adresse hier in der Stadt. Kommen Sie bei mir vor – morgen vielleicht. So gegen zwölf. Wir sprechen noch mit einander. Ich werde Ihnen einige meiner Gedanken über Erziehung mittheilen und – dann bestimmen wir auch den Tag der Abreise. – Ssipjagin ergriff Neshdanow’s Hand. – Und wissen Sie was? – fügte er mit gedämpfter Stimme und auf die Seite geneigtem Kopfe hinzu: – wenn Sie vielleicht Geld brauchen . . . Bitte, ohne viele Umstände! wenn auch einen Monat voraus!
Neshdanow wußte einfach nicht, was er ihm antworten sollte – und sah noch immer in derselben staunenden Weise dies helle, freundliche – und doch auch wieder so fremde Antlitz, welches sich so nah zu ihm herabbeugte und ihm so gönnerhaft zulächelte.
– Sie brauchen es nicht? nein? – flüsterte Ssipjagin.
– Wenn Sie erlauben, werde ich es Ihnen morgen sagen, – brachte Neshdanow endlich hervor.
– Vortrefflich! Also – auf Wiedersehen! Bis morgens – Ssipjagin ließ die Hand Neshdanow’s fahren – und wollte gehen . . .
– Erlauben Sie mir eine Frage – wandte sich Neshdanow plötzlich zu ihm: Sie haben mir eben gesagt, daß Sie meinen Namen schon im Theater erfahren hätten.
– Von wem erfuhren Sie ihn?
– Von wem? – Von einem Ihrer guten Bekannten, und ich glaube sogar Verwandten, vom Fürsten . . . Fürsten G.
– Dem Flügel-Adjutanten?
– Ja; von ihm.
Neshdanow erröthete – stärker als zuvor – und öffnete den Mund . . . Aber er sagte nichts. Ssipjagin drückte ihm von Neuem die Hand – dies Mal jedoch ohne ein Wort zu sprechen, – setzte, nachdem er zuerst Neshdanow, dann Paklin gegrüßt, dicht vor der Thür den Hut auf und verließ mit einem selbstzufriedenen Lächeln das Zimmer: es sprach sich darin das Bewußtsein des tiefen Eindrucks aus, den sein Besuch, wie es auch nicht anders sein konnte, hervorgebracht hatte.
Viertes Capitel
Kaum hatte Ssipjagin die Schwelle der Thür überschritten, so sprang Paklin vom Stuhl, auf dem er gesessen, auf und stürzte auf Neshdanow zu, um ihm zu gratuliren.
– Hast Du aber einen guten Fang gethan! – rief er kichernd und mit den Füßen trampelnd. – Weißt Du denn, wer das ist? – Der bekannte Ssipjagin, Kammerherr, gewissermaßen eine Stütze des Staats, ein zukünftiger Minister!
– Er ist mir gänzlich unbekannt, – entgegnete finster Neshdanow.
– Das ist eben unser Unglück, Alexei Dmitritsch, daß wir Niemand kennen! Wir wollen handeln, wollen eine ganze Welt von oberst zu unterst kehren – leben aber selbst abgeschlossen von dieser Welt, sehen Niemand, als nur die zwei oder drei Freunde, drehen uns auf einem Platze, im engen Kreise herum . . .
– Entschuldige, – unterbrach ihn Neshdanow: – das ist nicht wahr. Es sind nur unsere Feinde, mit denen wir nichts zu thun haben wollen; mit Leuten unseres Schlages aber, mit dem Volke, stehen wir in ununterbrochener Verbindung.
– Halt, halt, halt, halt! – unterbrach ihn seinerseits Paklin wieder. – Erstens: was die Freunde betrifft, – so erlaube, daß ich Dir ein Goethe’sches Wort in Erinnerung bringe:
Wer den Dichter will verstehen,
Muß in Dichters Lande gehen.
– ich aber sage:
Wer die Feinde will verstehen,
Muß in Feindes Lande gehen.
Seine Feinde meiden, ihre Sitten und Gebräuche nicht kennen zu lernen trachten – das ist unsinnig! – Un . . . sin. . . nig!. . . Ja! Ja! Wenn ich im Walde den Wolf schießen will, so muß ich alle seine Schlupflöcher kennen . . . Zweitens-: Du hast eben gesagt: man muß sich dem Volke nähern. . . Liebes Herz! Im Jahre 1862 gingen die Polen in die Wälder-; auch wir gehen setzt in einen Wald, d. h. unter das Volk, welches für uns nicht weniger dunkel und undurchdringlich ist, als jeder beliebige Wald!
– Was sollen wir also, wenns nach Dir ginge, thun?
– Die Indier weisen sich unter Dschagannath’s Wagen, – fuhr Paklin mit düsterer Miene fort: – der Wagen zerdrückt sie, und sie sterben – voll Glückseligkeit. Auch wir besitzen unseren Dschagannath. Uns zerdrücken – das thut er wohl auch! aber glückselig macht er uns doch nicht.
– Was sollen wir also thun? – wiederholte fast schreiend Neshdanow. Tendenziöse Romane schreiben, oder was?
Paklin breitete die Arme aus und neigte das Köpfchen auf die linke Schulter.
– — Romane – könntest Du jedenfalls schreiben, da eine dichterische Ader wohl in Dir zu spüren ist. . . Nun, ärgere Dich nicht, ich rede nicht mehr! Ich weiß, Du liebst es nicht, daß man darauf anspielt; aber ich bin ganz Deiner Meinung: dergleichen Stückchen mit »Füllniß« zu fabriziren – und noch mit neumodischen Wendungen dazu: – »Ach! ich liebe Sie! sprang sie herzu« . . . »Mir ist es gleich! kratzte er sich« – da ist wahrhaftig nichts Angenehmes dabei! – Daher wiederhole ich auch: sucht allen Ständen, vom höchsten Stand angefangen, näher zu kommen! Es geht doch nicht an, daß man sich immer nur auf Leute wie Ostrodumow verläßt! Es sind ehrliche, gute Menschen – aber dumm! Dumm!! Sieh’ Dir unseren Freund doch nur an. Selbst die Sohlen seiner Stiefel – auch die sind nicht so, wie sie bei vernünftigen Leuten zu sein pflegen! Weswegen ist er jetzt fortgegangen? – Er wollte mit einem Aristokraten nicht in einem Zimmer sein, nicht dieselbe Luft mit ihm, athmen!
– Ich muß Dich bitten, in meiner Gegenwart nicht mehr in solcher Weise von Ostrodumow zu sprechen, – fiel Neshdanow herausfordernd ein. – Stiefeln mit dicken Sohlen trägt er deshalb, weil sie billiger sind.
– Ich habe es ja gar nicht so gemeint, – wollte Paklin einwenden.
– Wenn er nicht mit einem Aristokraten in einem Zimmer bleiben will, – fuhr Neshdanow, die Stimme erhebend, fort, – so kann ich ihn dafür nur loben; – jedenfalls aber ist er sich aufzuopfern im Stande, – er würde sein Leben hingeben, wenn es nöthig wäre, was wir Beide niemals thun werden!
Paklin machte ein klägliches Gesicht und wies auf seine lahmen, dünnen Beinchen.
– Wie soll ich denn kämpfen, mein lieber Freund Alexei Dmitritsch! – Ich bitte Dich! Aber lassen wir das . . . Ich wiederhole: ich bin Deiner Annäherung an Ssipjagin herzlich froh – und sehe sogar voraus, daß diese Annäherung unserer Sache großen Nutzen bringen wird. Du dringst jetzt in die höchsten Kreise; Du wirst diese Löwinnen sehen, diese Frauen mit dem samtenen Körper auf Federn von Stahl, wie es in den »Briefen aus Spanien« heißt; studire sie, Freund, studire sie. Wenn Du ein Epikuräer wärst, würde ich für Dich sogar fürchten . . . wahrhaftig! – Das sind jedoch nicht die Ziele, die Dich bewegen als Lehrer fortzuziehen?
– Ich ziehe fort, – fiel Neshdanow ein, – weil ich nicht an den Hungerpfoten saugen will . . . »und um Euch Alle eine Zeit lang los zu sein« – fügte er in Gedanken hinzu.
– Nun natürlich, natürlich! – Daher sage ich Dir auch: studire sie! Was dieser Herr jedoch für einen Wohlgeruch um sich verbreitet hat!l – Paklin zog die Luft durch die Nase ein. Das ist der echte »ambre« von dem die Frau des Polizeimeisters im »Revidenten« mit so viel Schwärmerei gesprochen!
– Er hat den Fürsten G. wohl über mich ausgeforscht, – begann Neshdanow mit dumpfer Stimme, sich wieder zum Fenster wendend: – jetzt kennt er wahrscheinlich meine ganze Geschichte.
– Nicht wahrscheinlich, sondern ganz gewiß! – Was ist denn auch dabei? – Ich wette, daß er eben dadurch auf den Gedanken gekommen ist, Dich als Lehrer zu engagiren. Was Du da auch reden magst, Du bist doch selbst ein Aristokrat – dem Blute nach. – Nun und das heißt: Einer von den Unsern! Wie ich hier aber lange gesessen habe; es ist für mich Zeit in’s Comptoir zu gehen, mich ausnutzen zu lassen! – Auf Wiedersehen, Freund!
Paklin war schon an der Thür, hielt aber vor derselben an und ging wieder auf Neshdanow zu.
– Hör’, Alex, – sagte er mit einschmeichelndem Tone: – Du hast es mir eben abgeschlagen, ich weiß, Du wirst jetzt selbst bei Gelde sein – aber erlaube mir wenigstens eine Kleinigkeit für die allgemeine Sache zu opfern! – Sonst kann ich nichts thun – laß mich also meine Tasche öffnen. – Da sieh: ich lege zehn Rubel auf den Tisch! Nimmst Du sie an?
Neshdanow blieb stumm und rührte sich nicht.
– Stillschweigen – bedeutet beistimmen! Danke! – rief Paklin heiter aus und verschwand.
Neshdanow blieb allein. – Am Fenster stehend, fuhr er fort, auf den engen düsteren Hof, in welchen selbst die Strahlen der Sommersonne nicht zu dringen vermochten, hinauszublicken – und düster war auch sein Antlitz.
Neshdanow war, wie wir bereits wissen, der Sohn des Fürsten G., des überaus reichen Generals-Adjutanten – und der am Tage der Geburt gestorbenen Gouvernante seiner Töchter, eines hübschen Instituts-Zöglings. Den ersten Unterricht hatte er in der Pension eines Schweizers, eines thätigen und strengen Pädagogen erhalten – worauf er die Universität bezog. Er selbst hätte am liebsten Jura studirt, aber der General, sein Vater, der die Nihilisten auf’s Aeußerste haßte, schrieb ihn in die »Aesthetik,« wie sich Neshdanow mit bitterem Spott auszudrücken pflegte, d. h. in die historisch-philologische Facultät ein. Der Vater Neshdanow’s sah ihn vielleicht nur drei bis vier Mal im Jahr, nahm jedoch an seinem Schicksal lebhaften Antheil und vermachte ihm sterbend – »zum Andenken Nastenka’s« (seiner Mutter) – ein Kapital von 6000 Rubel, dessen Zinsen ihm von seinen Brüdern, den Fürsten G., unter dem Namen einer »Pension« ausbezahlt wurden. – Paklin hatte ihn nicht umsonst einen Aristokraten genannt; Alles an ihm gab von seiner Herkunft Zeugniß: die kleinen Ohren, Hände, Füße, die vielleicht zu wenig markirten, jedoch feinen Züge, die zarte Haut, das buschige Haar, selbst die leicht schnarrende, aber angenehme Stimme. Er war sehr nervös, sehr eigenliebig, empfänglich und sogar eigensinnig; die falsche Situation, in welche er schon als Kind gerathen war, hatte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit wachgerufen; aber die angeborene Großmuth ließ kein Mißtrauen und keinen Argwohn in ihm aufkommen. – Diese falsche Situation erklärte auch die Widersprüche, welche sich in seinem Wesen offenbarten. Ordnungsliebend bis in’s Kleinste, wählerisch bis zum Aeußersten, gab er sich doch Mühe, in Worten recht cynisch und derb zu sein; seiner Natur nach Idealist, leidenschaftlich und keusch, kühn und schüchtern zu gleicher Zeit, schämte er sich doch seiner Schüchternheit und seiner Keuschheit als eines schmachvollen Lasters, und hielt es für seine Pflicht, über die Ideale zu spotten. Er besaß ein mildes Herz und zog sich doch vor den Menschen zurück; er gerieth leicht in Zorn – und erinnerte sich nie des Bösen. Er zürnte seinem Vater, weil er ihn in die »Aesthetik« eingeschrieben; vor Aller Augen beschäftigte er sich mit politischen und sozialen Fragen, sprach die schroffsten Ansichten aus – sie waren bei ihm mehr als bloße Phrase! – und ergötzte sich insgeheim an der Kunst, der Poesie, der Schönheit in jeder Erscheinungsform . . . er dichtete sogar kleine Lieder . . . Er pflegte sorgfältig das Heft zu verbergen, in welchem er sie niedergeschrieben hatte – und von allen Petersburger Freunden ahnte nur Paklin, dem ihm eigenen Instinkt zufolge, die Existenz eines solchen Heftes. Nichts tränkte und erregte Neshdanow mehr, als eine selbst ganz unbedeutende Anspielung auf seine Dichterei, auf diese, wie er meinte, unverzeihliche Schwäche. Dank seinem Erzieher, dem Schweizer, kannte er viele Thatsachen und scheute weder Arbeit noch Mühe; er arbeitete sogar gern – freilich ein wenig fieberhaft und unregelmäßig. Seine Kameraden liebten ihn . . . es zog sie seine Wahrhaftigkeit, Güte und Reinheit an; aber es war kein glücklicher Stern, unter dem Neshdanow das Licht der Welt erblickt; sein Leben war nicht leicht. Er empfand das selbst aufs tiefste, und fühlte sich einsam, trotzdem, daß die Freunde so sehr an ihm hingen.
Er stand noch immer am Fenster, und dachte voll Ernst und Traurigkeit an die bevorstehende Fahrt, an den nun eingetretenen Wendepunkt in seinem Schicksal . . . Sich von Petersburg zu trennen, fiel ihm nicht schwer; er hinterließ dort nichts, was ihm theuer gewesen wäre; er wußte ja auch, daß er im Herbst zurückkehren würde. Und doch war er nachdenklich geworden: er empfand eine unwillkürliche Traurigkeit.
« »Was bin ich für ein Lehrer!« ging es ihm durch den Kopf; – »was für ein Pädagog?!« – Er hätte sich Vorwürfe darüber machen mögen, daß er die Pflichten eines Lehrers übernommen. Und doch wäre ein solcher Vorwurf ungerecht gewesen. – Neshdanows Kenntnisse waren durchaus genügend, – und ungeachtet seines ungleichen Wesens gingen die Kinder doch gern zu ihm – und auch er schloß sich leicht an sie an. Die Traurigkeit, deren sich Neshdanow nicht erwehren konnte, wurzelte in jenem Gefühl, welches jede Veränderung des Aufenthalts nach sich zieht, und welches allen Melancholikern, allen zum stillen Brüten geneigten Menschen eigen ist; heiteren Sanguinikern ist dies Gefühl unbekannt: sie freuen sich vielmehr darüber, wenn das alltägliche Leben unterbrochen wird, wenn sie aus der gewohnten Umgebung herauskommen. Neshdanow war so in Gedanken versunken, daß er fast unbewußt sein Denken in laute Worte zu kleiden begann; die in ihm gährenden Empfindungen gestalteten sich bereits zu regelrechten Tongebilden . . .
– Pfui Teufel! – schrie er plötzlich laut auf, – wie es scheint, bin ich nahe daran Verse zu machen! – Er fuhr auf und trat vom Fenster zurück, erblickte den auf dem Tisch liegenden Zehn-Rubelschein Paklin’s, steckte ihn in die Tasche und begann auf und ab zu gehen.
– Ich muß das Handgeld nehmen, – dachte er bei sich selbst . . . da dieser Herr es mir anbietet. – Hundert Rubel . . . und noch bei den Brüdern – den durchlauchtigsten – hundert Rubel . . . Fünfzig Rubel um Schulden zu bezahlen, fünfzig oder siebzig zur Reise das Uebrige an Ostrodumow. Und auch das, was Paklin gegeben – auch an Ostrodumow . . . Von Markelow muß man sich auch noch Einiges holen . . .
Während er diese Berechnungen im Kopfe anstellte – regten sich in ihm wieder die früheren Tongebilde. Nachdenklich hielt er plötzlich inne . . . und blieb wie erstarrt, die Augen zur Seite gerichtet, auf dem Platze stehen . . . Dann suchten seine Hände, gleichsam tastend die Schieblade des Tisches, zogen dieselbe heraus, holten aus der Tiefe ein stark beschriebenes Heft . . .
Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, noch immer ohne die Richtung des Blickes zu ändern, ergriff die Feder und begann, still vor sich hinbrummend, das Haar zuweilen zurückwerfend, Zeile auf Zeile streichend und ändernd, niederzuschreiben . . .
Die Thür nach dem Vorzimmer that sich zur Hälfte auf – und es zeigte sich der Kopf Maschurinas. Neshdanow bemerkte es nicht und fuhr zu arbeiten fort., Maschurina schaute ihn lange mit scharfen Blicken an – dann trat sie kopfschüttelnd zurück . . . Aber Neshdanow richtete sich plötzlich empor, wandte sich um und schleuderte mit dem Ausruf: – Ah! Sie sind es! – das Heft in die Schieblade des Tisches zurück.
Da trat Maschurina festen Schrittes in’s Zimmer.
– Ostrodumow hat mich zu Ihnen geschickt, – sagte sie gedehnt, – um zu erfahren, wann man das Geld bekommen könne? – Wenn Sie es noch heute erhielten, würden wir schon heute Abend reisen.
– Heute geht es nicht, – entgegnete Neshdanow und runzelte die Brauen; – kommen Sie morgen.
– Um welche Zeit?!
– Gegen zwei Uhr Mittags.
– Gut.
Maschurina stand einen Augenblick still – und reichte dann Neshdanow plötzlich die Hand.
– Ich habe Sie wohl gestört; verzeihen Sie. Und dann . . . ich reise fort. Wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden? Ich wollte von Ihnen Abschied nehmen.
Neshdanow drückte ihre rothen, kalten Finger.
– Sie haben diesen Herrn bei mir gesehen? – begann er. – Wir haben uns geeinigt. Ich nehme bei ihm eine Stelle an. Sein Gut liegt im Gouvernement S., dicht neben der Stadt selbst.
– Ein freudiges Lächeln zeigte sich auf dem Antlitz Maschurinas.
– Neben S.! Dann werden wir uns ja doch vielleicht noch sehen. Vielleicht schickt man uns dahin. – Maschurina seufzte: Ach, Alexei Dmitritsch . . .
– Was? – fragte Neshdanow.
Maschurina war tiefernst geworden.
– Nichts! – Leben Sie wohl! Nichts.
Sie drückte Neshdanow noch ein Mal die Hand und verließ das Zimmer.
»In ganz Petersburg ist doch Niemand mir so zugethan wie dieser Sonderling!« dachte Neshdanow. »Aber wozu hat sie mich denn stören müssen . . . Uebrigens, Alles zum Besten!«
Am Morgen des folgenden Tages begab sich Neshdanow in die Stadtwohnung Ssipjagin’s, und dort, in dem prachtvollen Kabinet mit den streng stilvollen Möbeln, die der Würde des liberalen Staatsmannes und Gentlemans vollkommen entsprachen, vor einem riesigen Bureau sitzend, auf welchem in regelrechter Ordnung Papiere lagen, die Niemand brauchte und die auch zu nichts zu gebrauchen waren, und neben ihnen großmächtige elfenbeinerne Papiermesser, die niemals etwas aufgeschnitten – hörte er im Verlauf einer ganzen Stunde dem freiheitsliebenden Hausherrn zu, sog den Weihrauch seiner weisen, wohlgeneigten und herablassenden Reden ein und erhielt endlich hundert Rubel. Zehn Tage später aber brauste derselbe Neshdanow an der Seite desselben weisen, liberalen Staatsmannes und Gentlemans, halb ausgestreckt auf dem sammtenen Divan eines besonderen Coupes erster Klasse, auf den ausgefahrenen Geleisen der Nikolai-Bahn Moskau zu.
Fünftes Capitel
In dem Gastzimmer eines steinernen Hauses mit Colonnaden und griechischem Giebel, in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von dem Vater Ssipjagin’s, einem bekannten Agronomen erbaut, saß eines Tages Valentine Michailowna, die Frau Ssipjagin’s, eine blendende Erscheinung, und wartete von Stunde zu Stunde auf die durch ein Telegramm angekündigte Ankunft ihres Mannes. – Die Ausstattung des Zimmers war durchweg von moderner Eleganz: Alles war in demselben so anmuthig und anziehend – Alles, von den bunten, doch geschmackvollen Cretonne-Tapeten und Draperien bis zu den mannigfaltigen aus Etagèren und Tischen zerstreuten Kleinigkeiten aus Porzellan, Bronze und Krystall. Von den heiteren, durch die hohen, weit geöffneten Fenster frei hereinströmenden Strahlen eines Maitages beleuchtet, trat Alles weich und harmonisch hervor und schien doch ineinanderzufließen. Vom Duft des Maiblümchens durchtränkt, – überall erblickte man Sträuße dieser herrlichen Frühlingsblume, – schien die Luft des Zimmers von Zeit zu Zeit kaum merklich zu erzittern, wenn aus dem sich üppig ausbreitenden Garten, in welchem ein milder Wind sein sanftes Wesen trieb, ein frischer Luststrom in’s Zimmer hineindrang.
Ein herrliches Bild! Und was dieses Bild vollendete, was demselben Inhalt und Leben gab, war die Frau vorn Hause selbst, Valentine Michailowna Ssipjagin! Sie war eine hoch gewachsene Gestalt im Alter von ungefähr dreißig Jahren, mit dunkel-blonden Haar, frischem, an die Linien der Sixtinischen Madonna erinnerndem Antlitz, und merkwürdigen, tiefen, sammetweichen Augen. – Die Lippen waren vielleicht ein wenig zu breit und blaß, die Schultern ein wenig zu hoch, die Hände ein wenig zu groß. . . Dennoch aber hätte Jeder, der gesehen, wie sie sich frei und leicht im Zimmer bewegte, wenn sich die feine, wenn auch vielleicht allzu eng geschnürte Gestalt bald zu den Blumen herabneigte und den Duft derselben mit lächelnder Miene einzog, – bald irgend eine kleine chinesische Vase von einer Stelle zur andern rückte – dann wieder sich vor den Spiegel stellend, die wunderbaren Augen kaum merkbar zusammenkneifend, das Haar zurechtzustreichen begann – ein Jeder, sagen wir, hätte gewiß ausgerufen – still vor sich hin oder sogar laut – daß ihm niemals ein so bezauberndes Wesen begegnet sei!
Ein hübscher, krausköpfiger, etwa neunjähriger Knabe in schottischer Kleidung, mit nackten Knieen und glänzend frisirtem Haar, kam eilig in’s Zimmer gelaufen, blieb jedoch, als er Valentine Michailowna erblickte, plötzlich stehen.
– Was willst Du, Kolja? – fragte sie. – Die Stimme war ebenso weich und sammetartig wie die Augen.
– Sieh’ Mamma, – begann der Knabe verlegen, – die Tante hat mich hergeschickt . . . ich soll ihr Maiblümchen bringen . . . für ihr Zimmer . . . sie hat keine. . . .
Valentine Michailowna berührte mit der Hand das Kinn ihres Söhnchens und hob das Lockenköpfchen empor.
– Sage der Tante, daß sie nach den Maiblümchen zum Gärtner schicken soll; – das hier – sind meine Maiblümchen. . . Ich will nicht, daß sie fortgenommen werden. Sage ihr, daß ich es nicht liebe, wenn die Ordnung, die ich eingeführt, gestört wird. Wirst Du meine Worte zu wiederholen verstehen?
– Ich werde verstehen . . . – flüsterte der Knabe.
– Nun – sag’ mal! «
– Ich werde ihr sagen . . . werde sagen . . . daß Du es nicht haben willst.
Valentine Michailowna begann zu lachen – auch ihr Lachen war weich.
– Ich sehe, daß man Dir noch keine Aufträge ertheilen kann. Nun gut, sage ihr, was Du willst.
Der Knabe küßte rasch die mit Ringen geschmückte Hand der Mutter und lief eilig davon.
Valentine Michailowna begleitete ihn mit den Augen, trat dann mit einem Seufzer an eine vergoldete Volière heran, in welcher ein kleiner grüner Papagei, sich an dem Drahtgeflecht mit Schnabel und Krallen vorsichtig anklammernd, auf- und niederkletterte, und steckte die Spitze des Fingers neckend durch den Käfig; darauf ließ sie sich auf den niedrigen Divan nieder und begann, die letzte Nummer der »Revue des Deux Mondes« von dem runden geschnitzten Tische nehmend, in derselben zu blättern.
Ein ehrerbietiges Hüsteln veranlaßte sie aufzublicken. Auf der Schwelle der Thür stand ein wohlgestalteter Diener in Livrée und weißer Halsbinde.
– Was willst Du, Agathon? – fragte Valentine Michailowna mit derselben weichen Stimme.
– Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew läßt fragen —
– Sag’, ich lasse bitten, natürlich! – und schicke zu Marianne Wikentjewna: sie möge in’s Gastzimmer kommen.
Valentine Michailowna warf die »Revue des Deux Mondes« auf den Tisch, und hob die Augen, sich in den Divan zurückwerfend, nachdenklich empor, was ihr sehr gut stand.
Schon aus der Art und Weise, wie Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew, ein junger Mann von ungefähr zweiunddreißig Jahren, in’s Zimmer trat – ungezwungen und nachlässigen, schleppenden Schrittes: – wie sein Antlitz plötzlich aufleuchtete, als er sich, zur Seite geneigt, verbeugte – wie er sich dann so elastisch aufrichtete; – wie er mit süßlicher Stimme durch die Nase zu sprechen begann; – wie er die Hand Valentine Michailownas so ehrerbietig ergriff; – wie er dieselbe so eindringlich küßte – daraus allein schon hätte man schließen können, daß der neuangekommene Gast kein, wenn auch reicher Dorfbewohner aus der Provinz sei, sondern dem echten Petersburger »grand genre« der höchsten Kreise entstamme. – Auch war er nach englischer Mode aufs Eleganteste gekleidet: aus der flachen Seitentasche der bunten Jaquette guckte in Form eines kleinen Dreiecke das buntfarbige Zipfelchen eines neuen weißen Battist-Taschentuches hervor; an einem ziemlich breiten schwarzen Bande hing ein Monocle; die blasse, in’s Gräuliche spielende Farbe der schwedischen Handschuhe entsprach den blaßgrauen Tönen der gestreiften Beinkleider. Das Haar trug Herr Kallomeyzew kurz, das Kinn glatt rasirt, aus seinem Etwas frauenhaften Antlitz mit den kleinen dicht nebeneinander liegenden Augen, der seinen, gebogenen Nase, den kleinen dicken und rothen Lippen, sprach das Bewußtsein der, dem hochgebildeten Aristokraten eigenen, Ungenirtheit und Freiheit. Es athmete Freude und Wohlwollen . . . und konnte doch wieder sehr leicht böse, ja bis zur Rohheit zornig werden: es brauchte nur Jemand Ssemen Petrowitsch’ empfindliche Seite, seine konservativen politischen und religiösen Prinzipien zu berühren, – dann kannte er kein Erbarmen; – die zarten kleinen Augen entbrannten von unheilverkündendem Feuer; – dem hübschen kleinen Munde entströmten häßliche Worte – und es rief dann dieser Mund – rief mit seiner, durchdringender Stimme – die Obrigkeit an!
Die Vorfahren von Ssemen Petrowitsch Kallomeyzew waren einfache Gemüsegärtner gewesen. – Sein Vorahn war nach dem Ort seiner Herkunft Kallomeyzew genannt worden . . . Aber schon sein Großvater hatte Kallomeyzew daraus gemacht; der Vater schrieb: Kallomeyzew, Ssemen Petrowitsch endlich setzte statt des i ein y – und hielt sich ohne Scherz für einen vollblütigen Aristokraten; er pflegte sogar zu äußern, daß seine Familie eigentlich von den Baronen von Gallenmeyer abstamme, von denen Einer im dreißigjährigen Kriege österreichischer Feldmarschall gewesen. Ssemen Petrowitsch war Kammerjunker und Beamter im Ministerium des Kaiserlichen Hauses; daß er nicht die diplomatische Laufbahn ergriffen, wohin ihn Alles zu drängen schien: die Erziehung, die Gewohnheit, sich in der großen Welt zu bewegen, die Erfolge bei den Frauen und selbst sein Aeußeres – daran war sein Patriotismus schuld; – quitter la Russie? – jamais! Kallomeyzew hatte Vermögen, hatte Connexionen; er stand im Ruf eines zuverlässigen und ergebenen Menschen —»un peu trop . . . féodal dans ses opinions,« wie sich Fürst B., einer von den Sternen des Petersburger Beamtenthums, über ihn geäußert hatte. Jetzt war Kallomeyzew auf die Dauer zweier Monate – seiner Urlaubszeit – in’s Gouvernement S. gekommen, um sich mit der Verwaltung seines Gutes zu beschäftigen, d. h. »Diesen ins Bockshorn zu jagen, Jenem Daumschrauben anzulegen.« – Ohne dieses geht es ja nicht!
– Ich hatte Boris Andreitsch hier vorzufinden erwartet, – begann er, sich auf den Füßen schaukelnd, und blickte, eine hochgestellte Persönlichkeit nachahmend, plötzlich zur Seite. Valentine Michailowna blinzelte mit den ein wenig zusammengekniffenen Augen.
– Sonst wären Sie also nicht gekommen?
Kallomeyzew prallte zurück, so unverdient und durch nichts gerechtfertigt erschien ihm diese Frage Frau Ssipjagin’s.
– Valentine Michailowna! – rief er, – ich bitte Sie, wie können Sie das voraussehen? —
– Nun gut, gut, setzen Sie sich, Boris Andreitsch wird gleich hier sein. Ich habe ihm die Kalesche zur Station entgegengeschickt. Warten Sie ein wenig . . . Sie werden ihn sehen. Wie viel ist es jetzt an der Zeit?
– Es ist halb drei – antwortete Kallomeyzews indem er aus der Westentasche eine große emaillierte, goldene Uhr hervorzog. Er zeigte sie Frau Ssipjagin. – Haben Sie meine Uhr gesehen? Mir hat sie Michael, wissen Sie . . . der serbische Fürst Obrenowitsch, geschenkt. Da ist sein Namenszug. Wir sind große Freunde. Wir sind zusammen auf der Jagd gewesen. Ein vortrefflicher Mensch! Und eine eiserne Hand hat er, wie sich’s für ein Staatsoberhaupt gebührt. O, er liebt nicht zu scherzen!
Kallomeyzew ließ sich in einen Lehnstuhl nieder, kreuzte die Beine übereinander und begann den linken Handschuh abzustreifen.
– Wenn wir doch hier in unserem Gouvernement einen solchen Michael hätten!
– Wozu denn? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden?
Kallomeyzew kämpfte die Nase.
– Aber ich bitte Sie, diese Semstwo? Wozu ist sie denn da? Es ist eine Institution, durch welche die administrative Kraft nur geschwächt wird und allerlei unnütze Gedanken . . . Kallomeyzew strich mit der von der Hülle des Handschuhes befreiten unbekleideten Hand durch die Luft . . . und trügerische Hoffnungen wachgerufen werden. Kallomeyzew blies sich auf die Hand. Ich habe in St. Petersburg darüber gesprochen . . . mais bah! Nicht daher treibt der Wind. Sogar Ihr Herr Gemahl – stellen Sie sich vor! Uebrigens – sein Liberalismus ist ja bekannt!
Valentine Michailowna richtete sich in die Höhe.
– Wie? Und Sie, Herr Kallomeyzew, Sie opponiren der Regierung?
– Ich? Opponiren? Niemals! Für nichts in der Welt! Mais j’ai mon franc parier. Ich kritisire zu weilen, unterwerfe mich aber immer.
– Und ich im Gegentheil, ich kritisire nicht und unterwerfe mich nicht.
– Ah! mais c’est un ’mot! Wenn Sie erlauben, theile ich Ihre Bemerkung meinem Freunde mit – Ladislas, vous savez, er schreibt jetzt einen Roman aus dem Leben der großen Welt und hat mir einige Kapitel bereits daraus vorgelesen. Das wird etwas Herrliches werden! Nous aurons enfin le grand monde russe, peint par lui-même.
– Wo wird der Roman erscheinen?
– Im »Russischen Boten« natürlich. Das ist ja unsere »Revue des Deux Mondes« Sie lesen diese Zeitschrift, wie ich sehe.
– Ja; aber, wissen Sie, sie fängt an langweilig zu werden.
– Kann sein . . . kann sein . . . Der »Russische Bote« schlägt übrigens seit einiger Zeit auch, um mich modern auszudrücken – ein Bißchen aus.
Kallomeyzew fing laut zu lachen an, ihm schien es, daß es sehr komisch gesagt war: »schlägt aus« und noch dazu ein »Bißchen.« – Mais c’est un journal, qui se respecte, – fuhr er fort. – Und das ist die Hauptsache Ich – muß Ihnen gestehen – ich . . . interessire mich für die russische Literatur sehr wenig; es figurirt setzt in derselben allerlei plebejisches Volk. Man ist endlich so weit gekommen, daß gar eine Köchin zur Heldin eines Romans gemacht wird, eine einfache Köchin, parole d’honneur! Aber den Roman von Ladislas lese ich durchaus. Il y aura le petit mot pour rire . . . und die Richtung! die Richtung! Die Nihilisten werden mit Schimpf und Schande gebrandmarkt – dafür ist mir die ganze Anschauungsweise Ladislas’ Bürge – qui est très correcte.
– Aber nicht seine Vergangenheit – bemerkte Valentine Michailowna.
– Ah! jetous an voile sur les erreurs de sa jeunesse! – rief Kallomeyzew und erledigte sich auch des rechten Handschuhs.
Frau Ssipjagin kniff die Augen wieder zusammen. Sie liebte es, mit diesen wunderbaren Augen zuweilen zu kokettiren.
– Ssemen Petrowitsch – sagte sie, – erlauben Sie mir die Frage: warum gebrauchen Sie, wenn Sie russisch sprechen, beständig so viele französische Worte? Mir scheint, . . daß . . . verzeihen Sie, . . . daß es eine veraltete Gewohnheit ist.
– Warum? warum? Es können doch nicht Alle ihre Muttersprache so beherrschen, wie z. B. Sie. Was mich betrifft, so erkenne ich wohl die Sprache des offiziellen Rußlands, die Sprache der Verordnungen und Erlasse der Regierung an; auf deren Reinheit lege ich großen Werth! Ich beuge mich vor Karamsin! . . . Aber die russische, so zu sagen, alltägliche Sprache . . . existirt sie denn überhaupt? Wie würden Sie zum Beispiel meinen Ausruf – de tout à l’heure – übersetzen: »C’est un mot!?« Das ist – ein Wort!? . . . Ich bitte Sie!
– Ich würde sagen: das ist – ein treffendes Wort.
Kallomeyzew lachte laut auf.
– »Ein treffendes Wort!« Valentine Michailowna! Fühlen Sie es denn nicht, daß dies . . . nach dem Seminar schmeckt . . . Es schwindet ja alles Salz . . .
– Nun, Sie werden mich nicht umstimmen. – Aber wo bleibt denn Marianne?
Sie ergriff die Tischglocke und schellte; es erschien ein zur Dienerschaft gehörender Knabe.
– Ich hatte Marianne Wikentjewna in’s Gastzimmer bitten lassen. Ist es ihr denn nicht gemeldet worden?
Der Knabe hatte noch nicht Zeit gehabt zu antworten, als hinter seinem Rücken auf der Schwelle der Thür ein junges Mädchen mit kurz geschorenem Haar, in einem weiten, dunklen Morgenkleid, Marianne Wikentjewna Ssinetzky, von mütterlicher Seite eine Nichte Ssipjagin’s, erschien.
Sechstes Capitel
– Entschuldigen Sie, Valentine Michailowna, sagte sie näher tretend, – ich war beschäftigt.
– Kallomeyzew begrüßend, setzte sie sich auf einen kleinen Sessel neben dem Papagei, welcher bei ihrem Anblick mit den Flügeln zu schlagen begann und ihr entgegen strebte.
– Warum hast Du Dich denn so weit von uns weggesetzt, Marianne, bemerkte Valentine Michailowna, die ihr mit den Augen gefolgt war. – Du willst wohl in der Nähe Deines kleinen Freundes sein? Stellen Sie sich vor, Ssemen Petrowitsch, – wandte sie sich zu Kallomeyzew, – dieser kleine Papagei ist in unsere Marianne förmlich verliebt. . . .
– Das wundert mich nicht!
– Mich aber kann er nicht leiden.
– Das wundert mich viel mehr!i Sie necken ihn wahrscheinlich.
– Niemals, im Gegentheil, ich füttere ihn mit Zucker. Er nimmt aber nichts aus meiner Hand. Nein . . . das ist Sympathie . . . und Antipathie. . .
Marianne warf einen Blick hinüber auf Valentine Michailowna . . . Diese desgleichen auf Marianne.
Beide Frauen liebten einander nicht.
Im Vergleich zu ihrer Tante erschien Marianne fast häßlich. Ihr Gesicht war rund, die Nase groß und adlerartig gebogen, die grauen Augen waren ebenfalls groß und sehr hell, die Brauen und Lippen fein geschnitten. Sie pflegte sich das braune, dichte Haar scheeren zu lassen, und etwas Scheues lag in ihrem Blick. Aber etwas Starkes und Kühnes, Leidenschaftliches und Ungestümes sprach aus ihrem ganzen Wesen. Ihre Hände und Füße waren überaus klein; der feste und geschmeidige kleine Körper erinnerte an die Florentiner Figuren aus dem XVI. Jahrhundert; ihre Bewegungen waren rasch und anmuthig.
Die Stellung Mariannen’s im Hause Ssipjagins war nicht leicht. Ihr Vater, ein kluger und gewandter Mann halb-polnischer Herkunft, hatte sich bis zum Range eines Generals heraufgedient, stürzte dann aber plötzlich, einer kolossalen Veruntreuung am Eigenthum des Staats überwiesen, von seiner Höhe herab; er kam unter Gericht . . . wurde verurtheilt, seines Ranges, seines Adels entkleidet, und nach Sibirien geschickt. Später wurde er begnadigt . . . er kehrte zurück, konnte aber nicht mehr emporkommen und starb in Armuth und Elend. Seine Frau, eine Schwester Ssipjagin’s, die Mutter Mariannen’s, ihres einzigen Kindes, hatte diesen Schlag, der ihren ganzen Wohlstand zertrümmerte, nicht ertragen können und war ihrem Manne bald nachgefolgt. Onkel Ssipjagin hatte Marianne darauf in sein Haus genommen. – Aber in dieser Abhängigkeit zu leben war ihr schrecklich; mit der ganzen Kraft einer unbeugsamen Seele rang sie nach Freiheit, und es entspann sich zwischen der Tante und ihr, ein nie ruhender, wenn auch verborgener Kampf. In den Augen Valentinen’s war sie eine die Existenz Gottes leugnende Nihilistin; Marianne ihrerseits aber haßte Valentine als ihre unvermeidliche, wenn auch unwillkürliche Feindin. Vor dem Onkel, wie überhaupt vor allen Menschen empfand sie eine gewisse Scheu. – Sie scheute sich eben vor ihnen, aber sie fürchtete sie nicht; eine solche Furcht lag nicht in ihrem Charakter.
– Antipathie!f – wiederholte Kallomeyzew, – ja, das ist ein seltsames Ding. Es ist zum Beispiel Allen bekannt, daß ich ein tief-religiöser Mensch bin, orthodox im wahren Sinne des Worts; aber den Pfaffenzopf – kann ich nie gleichgültig anblicken: da beginnt es in mir zu kochen, so zu kochen!
Die zusammengeballte Hand emporhebend, versuchte Kallomeyzew sogar zu veranschaulichen, wie es in ihm reiche.
– Es scheinen Sie überhaupt die Haare zu beunruhigen, Ssemen Petrowitsch, – bemerkte Marianne: – ich bin überzeugt, daß Sie es auch nicht gleichgültig ansehen können, wenn Jemand das Haar kurz geschoren hat, wie ich.
Valentine Michailowna hob die Brauen langsam empor und neigte den Kopf – voll Staunen gleichsam über die Ungenirtheit, mit welcher sich die modernen jungen Damen am Gespräch betheiligen, – Kallomeyzew aber lächelte nachsichtsvoll.
– Es ist mir natürlich unmöglich, Marianne Wikentjewna, – sagte er, – um die schönen Locken nicht zu sagen, die da gleich den Ihrigen unter der erbamungslosen Scheere fallen; aber ich habe keine Antipathie gegen kurze Haare; und jedenfalls könnte Ihr Beispiel mich . . . mich . . . konvertiren!
Kallomeyzew konnte das russische Wort nicht finden; französisch wollte er jedoch nach der Bemerkung der Hausfrau nicht mehr sprechen.
– Mariane trägt, Gott sei Danks noch keine Brille, – fiel Valentine Michailowna ein, – von Kragen und Manschetten hat sie sich auch noch nicht getrennt: – dafür beschäftigt sie sich freilich zu meinem Bedauern mit naturwissenschaftlichen Studien und interessirt sich auch für die Frauenfrage . . . Nicht wahr, Marianne?
Es war dies Alles in der Absicht gesagt, Marianne verlegen zu machen, aber diese ließ sich nicht einschüchtern.
– Ja, Taute, – antwortete sie, – ich lese Alles, was darüber geschrieben wird; ich gebe mir Mühe, in das Wesen dieser Frage einzudringen.
– Was doch die Jugend ausmacht! – wandte sich Frau Ssipjagin zu Kallomeyzew – wir Beide, wir beschäftigen uns schon nicht mehr damit – wie?
Kallomeyzew lächelte beifällig; man mußte die liebenswürdige Frau in ihrem heiteren Scherzspiel doch unterstützen.
– Marianne Wikentjewna, – begann er, – ist noch von jenem Idealismus erfüllt . . . von jener Romantik der Jugend . . . welche . . . mit der Zeit . . .
– Uebrigens verleumde ich mich selbst, – unterbrach ihn Valentine Michailowna: – diese Fragen interessiren mich auch. Ich bin noch nicht ganz alt geworden!
– Auch ich interessire mich dafür, – rief Kallomeyzew hastig aus; – ich würde nur verbieten, darüber zu sprechen!l
– Sie würden verbieten, darüber zu sprechen? – fragte Marianne.
– Ja! – Ich würde dem Publikum sagen: sich dafür zu interessiren gestatte ich . . . aber sprechen . . . ssst – t! – Er legte den Finger an die Lippen. – Jedenfalls würde ich verbieten – gedruckt darüber zu sprechen? – Unbedingt!
Valentine Michailowna begann zu lachen.
– Ei was? Wenn’s nach Ihnen ginge, müßte man wohl gar, um diese Frage zu lösen, eine Commission beim Ministerium niedersetzen?
– Nun, und selbst eine Commission, was ist denn dabei? – Sie denken, daß wir diese Frage schlechter lösen würden, als jene hungrigen Schnattergänse, die nicht weiter sehen, als die Nase reicht, und sich einbilden, daß sie . . . die genialsten Menschen der Welt sind? Wir würden Boris Andreitsch zum Präsidenten wählen . . .
Valentine Michailowna begann noch lauter zu lachen.
– Nehmen Sie sich in Acht; Boris Andreitsch ist zuweilen ein solcher Jakobiner . . .
– Jaco, Jaca, Jaco – schrie plötzlich der Papagei.
Frau Ssipjagin schwenkte das Taschentuch nach ihm.
– Störe doch nicht die klugen Leute in ihrer Unterhaltung! . . . Marianne, beruhige ihn.
Marianne kehrte sich nach dem Vogel um und begann seinen Hals, den er ihr willig entgegenstreckte, zu streicheln.
– Ja, – fuhr Frau Ssipjagin fort, – ich bin zuweilen selbst voll Staunen über Boris Andreitsch. Er hat etwas etwas . . . von einem Volkstribun an sich.
– C’est parce qu’il est orateur! – fiel Kallomeyzew mit Wärme auf französisch ein. – Ihr Mann besitzt die Gabe der Rede in einem Grade, wie Niemand, und dann ist er auch zu glänzen gewohnt . . . ses propres paroles le grisent . . . dazu kommt noch der Wunsch, populär zu werden . . . Er ist jetzt übrigens ein wenig erbittert, nicht wahr? Il boude? Eh?
Frau Ssipjagin richtete ihre Augen auf Marianne.
– Ich habe nichts bemerkt, – antwortete sie nach einer kleinen Pause.
– Ja, – fuhr Kallomeyzew nachdenklich fort, – er ist zu Ostern übergangen worden . . .
Valentine Michailowna wies mit ihrem Blick wieder auf Marianne.
Lächelnd blinzelte Kallomeyzew mit den Augen: – »ich verstehe.«
– Marianne Wikentjewna! – rief er plötzlich ohne äußere Nothwendigkeit recht laut uns: – werden Sie in diesem Jahre wieder in der Volksschule Unterricht ertheilen?
Marianne wandte sich vom Vogel ab.
– Und auch Dieses interessirt Sie, Ssemen Petrowitsch?
– Natürlich; es interessirt mich sogar sehr.
– Dieses würden Sie wohl nicht verbieten?
– Den Nihilisten würde ich sogar verbieten, an die Schulen zu denken; aber unter Leitung und Beaufsichtigung der Geistlichkeit würde ich selbst Schulen in’s Leben rufen.
– So! Ich weiß noch gar nicht, was ich in diesem Jahr thun werde. – Im vorigen Jahr ging Alles so schlecht. – Und was ist denn das im Sommer auch für ein Unterricht!
Wenn Marianne sprach, pflegte sie allmählich zu erröthen, als falle ihr das Sprechen schwer, und als müsse sie sich zwingen, ihre Rede fortzusetzen. Es steckte noch viel Eigenliebe in ihr.
– Du bist noch ungenügend vorbereitet? – fragte mit ironisch vibrirender Stimme Frau Ssipjagin.
– Vielleicht.
– Wie! – rief Kallomeyzew von Neuem aus. – Was höre ich!! O Götter! Um Bauernmädchen das Abc zu lehren, bedarf es der Vorbereitung!
In diesem Augenblick kam Kolja mit dem Ausruf:– »Mama! Mama! Papa kommt!« gelaufen —, hinter ihm trat, auf ihren kleinen, dicken Füßen schwerfällig einherhumpelnd, eine greise Dame in einer Haube und mit einem gelben Shawl in’s Zimmer – und meldete gleichfalls, daß Borinka ankomme.
Diese Dame war Anna Sacharowna, eine Tante Ssipjagins. – Alle Anwesenden sprangen von ihren Plätzen auf, begaben sich eiligst in’s Vorzimmer und stiegen dann die Treppe auf den Flur vor dem Hause hinab. Eine lange Allee beschnittener Tannenbäume führte vom großen Wege gerade zu diesem Flur; in der Allee rollte die von vier Pferden gezogene Kalesche bereits daher. – Valentine Michailowna schwenkte in erster Reihe stehend ihr Taschentuch, Kolja schrie laut jauchzend auf; mit geschickter Hand brachte der Kutscher die erhitzten Pferde plötzlich zum Stehen, der Diener flog pfeilschnell vom Bock herab und hätte beinahe die Thür der Kalesche sammt Hängen und Verschluß herausgerissen – und nun stieg Boris Andreitsch mit herablassendem Lächeln auf den Lippen, in den Augen, auf dem ganzen Gesicht, mit einer gewandten Bewegung der Schultern den Mantel abwerfend, aus der Kalesche. Rasch und anmuthsvoll umarmte Valentine Michailowna ihren Mann, worauf sich Beide drei Mal küßten. Kolja trampelte mit den Füßen und zupfte den Vater hinten am Rock . . . Dieser küßte jedoch zuerst, nachdem er die höchst unbequeme und formlose schottische Reisemütze vom Kopfe genommen, die Tante Anna Sacharowna, begrüßte darauf Marianne und Kallomeyzew, die gleichfalls auf den Flur hinausgetreten waren – Kallomeyzew in englischer Weise – shakehands – mit einem »Schwung« der Hand, als ob er die Glocke läute – und wandte sich dann erst zu seinem Sohn, den er emporhob und an seine Lippen zog.
Während dies Alles vor sich ging, war Neshdanow ganz still, als wäre er sich einer Schuld bewußt, aus der Kalesche herausgekrochen und, ohne die Mütze abzunehmen, neben den Vorderrädern der Kalesche mit halb zu Boden gesenktem finsterem Blick stehen geblieben. . . Während Valentine Michailowna ihren Mann umarmte, hatte sie auf diese neue Gestalt über die Schulter des Mannes hinweg einen scharfen Blick geworfen; – Ssipjagin hatte es angekündigt, daß er einen Lehrer mitbringen werde.
Nach der ersten Begrüßung des neu angekommenen Hausherrn begab sich die ganze Gesellschaft über die Treppe, auf welcher sich die Haupt-Diener und Dienerinnen zu beiden Seiten postirt hatten, nach oben. Diese unterließen es, sich ihrem Herrn zu nähern, um seine Hand zu küssen – diese »asiatische« Sitte war längst abgeschafft – sie verneigten sich blos mit Ehrerbietung; und auch Ssipjagin beantwortete ihren Gruß – mehr durch ein Zucken der Brauen und der Nase, als durch eine Bewegung des Kopfes.
Neshdanow schritt gleichfalls die breite Treppe langsam hinan. Er war kaum in’s Vorzimmer getreten, als ihn Ssipjagin, der sich bereits nach ihm umgesehen hatte, auch sogleich seiner Frau, Anna Sacharowna und Mariannen vorstellte, zu Kolja aber sagte er: »Das ist Dein Lehrer, dem Du gehorchen mußt! Reich ihm die Hand!«
– Kolja reichte Neshdanow schüchtern die Hand und hob dann das Auge zu ihm empor, da er aber, wie es schien, nichts Besonderes oder Anziehendes an ihm entdeckte, klammerte er sich wieder an seinen Vater. – Neshdanow fühlte sich höchst ungemüthlich, ganz so, wie damals im Theater. Er steckte in einem alten, ziemlich unansehnlichen Paletot, Gesicht und Hände waren mit Staub überzogen. – Valentine Michailowna hatte ihm irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt; er hatte ihre Worte jedoch nicht recht gehört und hatte ihr auch nicht geantwortet, sondern nur bemerkt, daß sie auf ihren Mann mit besonders klaren und freundlichen Augen sah und sich an ihn schmiegte – Bei Kolja mißfiel ihm das frisirte glänzende Haar, als er Kallomeyzew erblickte, dachte er: »Diese abgeleckte Physiognomie!« – Die andern Personen aber ließ er ganz unbeachtet. Ssipjagin blickte zwei Mal, gleichsam seine Penaten musternd, würdevoll im Zimmer umher, wobei sein lang zugespitzter Backenbart und der kleine, etwas flache Hinterkopf besonders scharf hervortraten. – Darauf rief er einem von den Dienern mit starker, voller, von der Reise durchaus nicht ermüdeter Stimme zu: »Iwan! geleite den Herrn Lehrer in’s grüne Zimmer und trage auch den Koffer des Herrn dahin« – sagte darauf zu Neshdanow, daß er sich jetzt ausruhen, einrichten und des Reisestaubes entledigen könne – gespeist werde in seinem Hause genau um fünf Uhr. Neshdanow verneigte sich und folgte Iwan in das »grüne,« im zweiten Stock befindliche Zimmer.
Die ganze Gesellschaft ging in’s Gastzimmer hinüber. Dort wurde die Begrüßung noch einmal wiederholt; es erschien auch eine greise, halbblinde Kinderwärterin, um ihren Herrn zu begrüßen. Dieser reichte Ssipjagin, aus Achtung vor ihrem Alter, die Hand zum Kusse und ging dann, nachdem er sich bei Kallomeyzew entschuldigt, von seiner Frau begleitet, in’s Schlafzimmer.
Siebentes Capitel
Die Fenster des geräumigen und niedrigen Zimmers, in welches der Diener Neshdanow geführt, gingen in den Garten hinaus. Sie waren geöffnet: ein linder Wind bewegte die weißen Vorhänge, die sich bald wie Segel rundeten und hoben, bald wieder ruhig niederfielen. An der Decke glitten goldglänzende Lichter still dahin; das ganze Zimmer war von der frischen, feuchten Frühlingslust durchdrungen. Neshdanow begann damit, daß er den Diener fortschickte, seine Sachen auspackte, sich dann wusch und umkleidete. Die Reise hatte ihn erschöpft; das zweitägige beständige Zusammensein mit diesem unbekannten Menschen, mit dem er viel und so Verschiedenartiges gesprochen – und nutzlos gesprochen, – hatte ihn tief erregt: ein bitter-herbes Etwas, halb Wehmuth und Langweile, halb Aerger, hatte sich insgeheim tief in seiner Seele eingenistet; er war voll Unwillen über seine Kleinmüthigkeit – das Herz aber stöhnte und blutete.
Er trat an’s Fenster und blickte in den Garten hinaus. Es war ein Urväter-Garten mit schöner schwarzer Erde, wie man diesseits Moskaus nirgends mehr einen solchen finden wird. Aus dem langgestreckten Plateau eines abschüssigen Hügels angelegt, bestand er aus vier deutlich abgegrenzten Theilen. Vor dem Hause breitete sich, etwa zweihundert Schritte weit, der Blumengarten aus; mit sandbestreuten gradlinigen Wegen, mit Gruppen von Akazien und Syringen, und mit Blumenbeeten; links am Stallhof vorüber zog sich bis zur Tenne der Fruchtgarten hin, mit Aepfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen und mit Himbeer- und Johannisbeersträuchern dicht bestanden; dem Hause gerade gegenüber erhoben sich mit ihren ragenden Wipfeln, in Form eines prächtigen, durch sich kreuzende Alleen getheilten Vierecks ganze Reihen von Lindenbäumem Rechts wurde die Aussicht durch den großen, von einer doppelten Reihe von Silberpappeln eingefaßten Fahrweg begrenzt; durch eine Gruppe von Trauerbirken sah man das steile Dach des Treibhauses hindurchschimmern. Der ganze Garten strahlte im schönsten Grün der ersten Frühlingspracht; von dem sommerlichen Summen und Schwirren der Insektenwelt war noch nichts zu hören; es flüsterten nur die jungen Blättchen – und hier und da schlug der Fink, und es girrten zwei Turteltäubchen auf einem und demselben Baum, es ließ auch ein Kuckuck, von einer Stelle zur anderen fliegend, seinen Ruf erschallen – aus der Ferne aber, von da her, wo am Teich die Mühle steht, drang das Geschrei der krächzenden Krähen, dem Geknarre einer Unzahl von Wagenrädern gleich, durch die Luft. Und über diesem jungen, einsamen, stillen Weben der erwachenden Natur glitten die Wolken, ihre Formen rundend, wie große, träge Vögel dahin. – Neshdanow schaute hinaus und horchte und sog die Luft mit den offenen, kalten Lippen ein . . .
Auch ihm wurde es leichter um’s Herz, auch in ihm wurde es still.
Unterdessen erzählte unten im Schlafzimmer Ssipjagin seiner Frau, wie er mit Neshdanow bekannt geworden und was ihm der Fürst G. erzählt und worüber sie auf der Reise gesprochen.
– Ein kluger Kopf! – wiederholte er, – und hat Kenntnisse; freilich gehört er zu den Rothen, aber Du weißt, das hat ja in meinen Augen nichts zu bedeuten; sie haben doch wenigstens Ehrgeiz, diese Leute. Und Kolja ist ja auch noch zu jung; es ist nicht zu befürchten, daß er sich von diesen Thorheiten etwas aneignen könnte.
Valentine Michailowna hörte ihrem Mann mit freundlichem und doch zugleich spöttischem Lächeln zu, als ob er sich vor ihr gleichsam wegen eines seltsamen, aber doch lustigen Einfalls entschuldige; es schien ihr sogar angenehm zu sein, daß ihr »seigneur et maitre,« ein so solider Mann und hochstehender Beamter, im Stande war, wie ein zwölfjähriger Knabe plötzlich irgend einen tollen Streich loszulassen, vom Zaune zu brechen. Im schneeweißen Hemd, mit blauseidenen Tragbändern vor dem Spiegel stehend, kämmte er sich nach englischer Art mit zwei Bürsten das Haar; – Valentine Michailowna aber, die ihre Füßchen auf die niedrige türkische Couchette heraufgezogen, fing an, ihm über die Wirthschaft Mittheilungen zu machen, über die Papierfabrik, mit der es nicht so gut ging, als es eigentlich sollte, über den Koch, den man wechseln müsse, über die Kirche, in welcher die Stukkatur herabgefallen sei, über Kallomeyzew. . .
Zwischen den Eheleuten herrschte aufrichtiges Vertrauen und volles Einvernehmen; sie lebten mit einander wirklich, wie man zu sagen pflegt, in Liebe und Eintracht; und als Ssipjagin, nachdem er mit seiner Toilette zu Ende, sich in ritterlicher Weise die Hand von Valentine Michailowna zum Kuß erbat, reichte sie ihm beide Hände, und schaute mit zärtlichem Stolz auf ihn, als er sie abwechselnd küßte. Es war das Gefühl, welches beiderseitig zum Ausdruck kam, ein gutes und wahres Gefühl, wenn es bei ihr auch aus eines Raphael’s würdigen Augensternen leuchtete, bei ihm nur aus einfachen, geheimräthlichen Augen.
Genau um fünf Uhr begab sich Neshdanow nach unten zum Diner, das nicht durch Glockenton angekündigt wurde, sondern durch den gedehnten Schall des chinesischen Gong. Im Eßzimmer waren bereits Alle beisammen. Ssipjagin bewillkommnete ihn von Neuem, von der Höhe seiner Halsbinde herab, und wies ihm am Tisch einen Platz zwischen Anna Sacharowna und Kolja an. Anna Sacharowna war ein bejahrtes Fräulein, eine Schwester von Ssipjagins verstorbenen Vater; es ging von ihr ein kampherartiger Duft aus, wie von einem Kleide, das lange gelegen; auch hatte sie ein unruhiges und gedrücktes Aussehen. Sie erfüllte im Hause die Pflichten einer Aufseherin oder Gouvernante Kolja’s, und es war die Unzufriedenheit, daß man Neshdanow zwischen sie und ihren Schützling gesetzt, deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Kolja schaute zum neuen Nachbar zuweilen von der Seite aus; der kluge Knabe errieth, daß sich der Lehrer unbehaglich fühle, daß er verlegen sei; er hob die Augen ja gar nicht empor und aß fast gar nichts. Das gefiel Kolja: er hatte bis dahin gefürchtet, daß er vielleicht ein strenger und böser Lehrer sein werde. Auch Valentine Michailowna blickte von Zeit zu Zeit auf Neshdanow.
»Er hat das Aussehen eines Studenten – dachte sie – und ist wohl nicht viel unter Menschen gewesen, aber das Gesicht ist interessant und auch die Farbe der Haare so originell, wie bei jenem Apostel, den die alten italienischen Meister stets mit rothem Haar abgebildet, – auch die Hände sind rein.« Es sahen übrigens alle Tischgenossen aus Neshdanow, und es schien, als ob sie ihn in der ersten Zeit in Ruhe lassen, ihn gleichsam schonen wollten; er fühlte das und war zufrieden damit, obgleich es ihn zugleich auch erbitterte. Die Unterhaltung führten Kallomeyzew und Ssipjagin. Man sprach über die Semstwo, über den Gouverneur, über die Wegesteuer, die Loskaufs-Operationen, die gemeinschaftlichen Bekannten in Petersburg und Moskau, über das sich eben erst kräftig aufschwingende Lyceum des Herrn Katkow, über die Arbeiternoth, über die Strafen, aber auch über Bismarck, über den Krieg von 1866 und über Napoleon, den Kallomeyzew besonders herausstrich. Die Ansichten, die der junge Kammerjunker entwickelte, waren höchst retrograder Art; er war in seinen Reden endlich so weit gekommen, daß er – freilich nur in Form eines Scherzes – den Toast eines ihm bekannten Herrn auf einem Banket bei Gelegenheit einer Namenstagsfeier anführte: »ich bringe ein Hoch auf auf die einzigen Prinzipien, die ich anerkenne,« – hatte der erhitzte Gutsbesitzer ausgerufen – »die Peitsche und Roederer!«
Valentine Michailowna runzelte die Brauen und bemerkte, daß dieses ein Citat sei – de très mauvais gout – Ssipjagin sprach im Gegentheil höchst freisinnige Ansichten aus; in höflicher und ein wenig herablassender Weise widerlegte er Kallomeyzew und machte sich sogar über ihn lustig.
– Ihre Befürchtungen in Hinsicht der Bauern-Emanzipation, lieber Ssemen Petrowitsch – sagte er ihm unter Anderem – erinnern mich an ein Memorandum, das unser verehrter und vortrefflicher Alexei Iwanytsch Tweritinow im Jahre 1860 eingereicht und in allen Petersburger Salons vorgelesen hat. Wundervoll war namentlich die eine Phrase: wie der befreite russische Bauer nothwendiger Weise mit der Fackel in der Hand über den Boden des Vaterlandes hinschreiten würde! Man mußte es sehen, wie unser lieber Alexei Iwanowitsch, die Wänglein aufblasend und die Aeuglein aufreißend, mit dem kleinen Kindermunde die Worte hervorstieß: »Fackel! F-ackel! wird mit der F-ackel hinschreiten!« Nun, die Bauern-Emanzipation ist da . . . Wo ist denn der Bauer mit der Fackel geblieben?
– Tweritinow, entgegnete finsteren Tones Kallomeyzew, – hat sich nur darin geirrt, daß nicht die Bauern mit der Fackel in der Hand einherschreiten werden, sondern andere Leute!
Bei diesen Worten blickten Marianne und Neshdanow, der das Mädchen bis zu diesem Moment fast gar nicht beachtet hatte – sie saß ihm schräg gegenüber – plötzlich einander an, und sie fühlten sogleich, daß sie Beide, – dieses in sich gekehrte Mädchen und er – von demselben Schlage seien und denselben Ansichten huldigten. Sie hatte auf ihn nicht den geringsten Eindruck gemacht, als sie ihm von Ssipjagin vorgestellt worden war; weshalb hatte er sie denn gerade jetzt angeblickt? Er stellte sich gleich die Frage: ob es nicht schimpflich, nicht eine Schande sei, da zu sitzen und dergleichen Reden anzuhören, ohne zu protestiren und durch sein Schweigen Anlaß zu der Voraussetzung zu geben, daß er diese Ansichten theile? Neshdanow blickte von Neuem zu Marianne auf und es schien ihm, daß er in ihren Augen die Antwort auf seine Frage zu lesen habe: »wart’ noch ein wenig, jetzt ist nicht die Zeit dazu . . . es lohnt nicht der Mühe . . . später; wirst es ja jederzeit thun können . . . «
Es war ihm angenehm zu denken, daß sie ihn verstehe. Er wandte sich wieder der Unterhaltung zu. . . Valentine Michailowna war jetzt statt ihres Mannes in dieselbe eingetreten und äußerte sich noch freisinniger, noch radikaler als dieser. Sie konnte es nicht begreifen, »positiv nicht be . . . grei . . . fen,« wie ein gebildeter und junger Mann an dieser veralteten Anschauung festhalten könne!
– Ich bin übrigens überzeugt, – fügte sie hinzu, – daß es bei Ihnen nur Schönrednerei ist! Was Sie jedoch betrifft, Alexei Dmitritsch, – wandte sie sich mit verbindlichem Lächeln auf den Lippen zu Neshdanow – er war ganz erstaunt darüber, daß sein Tauf- und Vatername ihr bekannt waren – so weiß ich, daß Sie die Befürchtungen von Ssemen Petrowitsch nicht theilen: Boris hat mir Ihre Unterhaltung mit ihm während der Reise mitgetheilt.
Neshdanow erröthete, beugte sich über den Teller und murmelte ein paar unverständliche Worte: es war weniger Befangenheit, als vielmehr das Ungewohnte, mit so glänzenden Personen Worte zu wechseln. Frau Ssipjagin lächelte ihm noch immer zu; ihr Gemahl hielt gönnerhaft ihre Partie. . . Dagegen klemmte Kallomeyzew gemächlich sein rundes Monocle zwischen Augenbraue und Nase, und heftete den Blick auf das Studentlein, das seine Befürchtungen nicht zu theilen gewagt. Doch dadurch Neshdanow in Verwirrung zu bringen, war schwer; es geschah im Gegentheil, daß dieser sich aufrichtend den Kopf emporhob und auch seinerseits den Blick scharf auf den Beamten der großen Welt richtete: – und eben so plötzlich, wie er in Marianne eine Gesinnungsgenossin erkannt, sah er jetzt in Kallomeyzew seinen Feind! Das fühlte auch Kallomeyzew; er ließ das Monocle fallen, wandte sich ab und versuchte zu lächeln . . .; nur Anna Sacharowna, welche ihn insgeheim tief verehrte, hatte sich in Gedanken auf seine Seite gestellt, so daß sie den ungebetenen Nachbar, der sie von Kolja getrennt, noch mehr zu hassen begann.
Das Diner ging bald zu Ende. Die ganze Gesellschaft begab sich auf die Terrasse, um dort den Kaffee einzunehmen; Ssipjagin und Kallomeyzew zündeten Cigarren an; Ssipjagin offerirte auch Neshdanow eine echte Regalia, dieser schlug sie jedoch aus.
– Ach ja! – rief Ssipjagin; – ich hatte es vergessen: – Sie tauchen nur die eigenen Cigaretten!
– Ein merkwürdiger Geschmack, – bemerkte Kallomeyzew durch die Zähne.
Neshdanow wurde feuerroth – »den Unterschied zwischen einer Regalia und einer Cigarette kenne ich sehr gut, aber ich will Niemandem verpflichtet sein« – wäre ihm fast entfahren . . . Er hielt jedoch an sich, aber zugleich schrieb er auch diese zweite Grobheit in das »Debet« des Feindes.
– Marianne! – rief Valentine Michailowna plötzlich mit lauter Stimme aus; – mach’ doch keine Umstände vor unserm neuen Hausgenossen gegenüber . . . rauche mit Gott Deine Pachitos. Dazu ist um so weniger Grund vorhanden – fügte sie, sich zu Neshdanow wendend, hinzu – da ja in Ihren Kreisen alle Damen, wie ich gehört habe, rauchen.
– Ganz recht, – antwortete Neshdanow trocken: – Das war das erste Wort, das er an Frau Ssipjagin richtete.
– Ich rauche aber gar nicht, – fuhr sie, die sammetnen Augen freundlich zusammendrückend, fort . . . – Ich bin hinter dem Jahrhundert zurückgeblieben.
Marianne nahm langsam und bedächtig, der Tante gleichsam zum Trotz, zuerst eine Pachitos, daraus das Kästchen mit den Zündhölzchen und begann dann zu rauchen. Neshdanow tauchte ebenfalls eine Papiros, indem er sich bei Marianne Feuer holte.
Es war ein prachtvoller Abend. Kolja und Anna Sacharowna begaben sich in den Garten; die Uebrigen blieben, die schöne Luft genießend, noch fast eine Stunde auf der Terrasse. Man unterhielt sich überaus lebhaft. . . Kallomeyzew griff die Literatur an; Ssipjagin bewahrte auch hier seinen Freisinn, vertheidigte ihre Unabhängigkeit, suchte ihre Nützlichkeit zu beweisen, erwähnte sogar Chateaubriand’s, indem er darauf hinwies, daß der Kaiser Alexander Pawlowitsch ihm den St. Andreas-Orden verliehen! Neshdanow blieb dem Streite fern und Valentine Michailowna sah ihn mit einem Ausdruck an, als ob sie seine bescheidene Zurückhaltung einerseits billige, andererseits aber – sich darüber ein wenig wundere.
Zum Thee gingen Alle wieder in’s Gastzimmer hinüber.
– Wir haben die schlechte Gewohnheit, Alexei Dmitritsch, – sagte Ssipjagin zu Neshdanow, – des Abends Karten zu spielen, und noch dazu ein verbotenes Spiel. . . stellen Sie sich vor, das Pharao. Ich fordere Sie nicht auf. . . Marianne wird übrigens so gut sein und uns etwas vorspielen. Ich hoffe, Sie lieben die Musik. Ja? Und ohne die Antwort abzuwarten, ergriff Ssipjagin die Karten. Marianne setzte sich an’s Klavier und spielte, weder gut, noch schlecht, einige »Lieder ohne Worte« von Mendelssohn – Charmant! Charmant! quel toaché! – schrie Kallomeyzew von weitem, wie mit heißem Wasser übergossen, auf; doch geschah dies nur aus Höflichkeit. Neshdanow besaß, ungeachtet der von Ssipjagin geäußerten Hoffnung, gar keine Liebe für Musik.
Unterdessen hatten sich Ssipjagin, seine Frau, Kallomeyzew und Anna Sacharowna an den Kartentisch gesetzt. . . . Kolja kam den Eltern gute Nacht zu wünschen und entfernte sich, nachdem er den Segen der Eltern und ein großes Glas Milch statt des Thees erhalten; der Vater rief ihm noch nach, daß der Unterricht bei Alexei Dmitritsch schon morgen beginnen werde. Als Ssipjagin nach Verlauf einiger Zeit bemerkte, daß Neshdanow allein in der Mitte des Zimmers saß und mit gespannten Mienen in einem photographischen Album blätterte, rief er ihm zu, daß er durchaus keine Umstände machen und in sein Zimmer gehen möge, da er doch wahrscheinlich von der Reise müde sein werde und daß in seinem Hause die Devise Freiheit herrsche.
Neshdanow machte von der Erlaubniß Gebrauch und verließ, nachdem er sich von Allen verabschiedet, das Zimmer; in der Thür stieß er auf Marianne und empfand von Neuem, indem er ihr in die Augen blickte, daß er mit ihr wie mit einem guten Freunde leben werde, obgleich sie bei dieser Begegnung ganz ernst geblieben war und sogar die Brauen gerunzelt hatte.
Er fand sein Zimmer von duftiger Frische erfüllt: die Fenster waren den ganzen Tag offen geblieben. Im Garten schlug, seinem Fenster gerade gegenüber, kurz und klangvoll die Nachtigall, der nächtliche Himmel leuchtete warm über den abgerundeten Wipfeln der Linden in dem Schein des eben aufsteigenden Mondes. Neshdanow zündete ein Licht an; ein Schwarm von kleinen grauen Nachtfaltern drang aus dem dunklen Garten in’s Zimmer und kreiste und schwirrte um das Licht, der Wind aber trieb sie immer von Neuem von der blau-gelben, flackernden Flamme fort.
»Es ist doch merkwürdig!« dachte Neshdanow, bereits im Bette . . . »Es sind doch, wie es scheint, gute, freisinnige, sogar humane Menschen . . . und doch ist das Herz so schwer. Kammerherr Kammerjunker . . . Nun, über Nacht kommt Rath . . . Fort mit der Sentimentalität.«
In diesem Augenblick schlug der Wächter im Garten laut und hartnäckig an das Brett – es ertönte sein gedehnter Ruf: »Acht—u—ung!«
– Paß a—auf! – antwortete eine andere allmählich verhallende Stimme.
– Herr, mein Gott! – als ob man in der Festung wäre!
Achtes Capitel
Neshdanow erwachte sehr früh, kleidete sich rasch an, ohne den Diener abzuwarten, und stieg in den Garten hinab. Der Garten war groß und schön und wurde vortrefflich unterhalten. Gemiethete Arbeiter reinigten mit Schaufeln die Wege, von dem hellen Grün der Gewächse hoben sich die rothen Kopftücher der harkenden Bauernmädchen ab. Neshdanow war bis an den Teich gekommen: der Morgennebel hatte sich bereits verzogen, nur hie und da erhoben sich in den schattigen Uferbuchten noch dunstige Flocken. Die noch niedrig am Himmel stehende Sonne warf rosige Streiflichter auf die breite, seidige, bleifarbene Wasserfläche. Mehrere Zimmerleute machten sich an einem Floß zu schaffen; hier schaukelte auch ein neues, bunt gestrichenes Boot und theilte seine Bewegung dem sich kräuselnden Wasser mit. Nur selten vernahm man gleichsam verhaltene menschliche Stimmen: überall fühlte man sich von der Morgenstille und von dem rüstigen, steten Gange der Morgenarbeit, von der Ruhe und der Regelmäßigkeit geordneten Lebens angeweht. Und da stand nun Neshdanow plötzlich am Kreuzungsweg der Alleen der personifizirten Ordnung und Regelmäßigkeit selbst gegenüber – da stand Ssipjagin vor ihm.
Er war in einem erbsfarbenen Rock in Form eines Schlafrockes, in einer bunten Mütze und stützte sich auf ein englisches Bambusrohr; sein eben rasirtes Gesicht athmete zufriedene Selbstgenügsamkeit; er hatte sich aufgemacht, sein Gut zu besichtigen Ssipjagin begrüßte Neshdanow in freundlich höflicher Weise.
– Ah! – rief er aus; – ich sehe, Sie gehören zu den Jungen und Frühzeitigen! Er wollte mit dieser nicht ganz passenden sprichwörtlichen Redensart wahrscheinlich seine Billigung ausdrücken, daß Neshdanow, wie er selbst, sich früh aus dem Bette gemacht. – Wir trinken um acht Uhr Alle zusammen im Eßzimmer den Morgenthee und frühstücken dann um zwölf Uhr; um zehn Uhr werden Sie Kolja die erste Stunde in der russischen Sprache geben, um zwei Uhr aber – in der Geschichte. Morgen am 9. Mai ist sein Namenstag und die Stunden werden ausfallen; heute aber bitte ich den Unterricht zu beginnen!
Neshdanow neigte den Kopf – Ssipjagin aber verabschiedete sich von ihm nach französischer Art, indem er die Hand erhob und dieselbe mehrere Mal rasch an Lippen und Nase führte – und ging dann pfeifend und das Rohr keck schwingend weiter – nicht wie ein hochangesehener Beamter oder Staatsmann – sondern wie ein gutmüthiger russischer country-gentleman.
Bis acht Uhr blieb Neshdanow im Garten, sich im Schatten der alten Bäume an der Frische der Luft und am Gesang der Vögel erfreuend; dann rief ihn der kläglich gedehnte Laut des Gong in’s Haus zurück, wo im Eßzimmer bereits Alle versammelt waren. Valentine Michailowna war gegen ihn sehr freundlich; in ihrem Morgenkleide erschien sie ihm geradezu als ein bildschönes Weib. Das Antlitz Mariannen’s drückte die gewöhnliche in sich gekehrte Strenge aus. – Genau um zehn Uhr gab Neshdanow seine erste Stunde im Beisein von Valentine Michailowna: sie erkundigte sich zuerst, ob sie nicht vielleicht störe und verhielt sich die ganze Zeit über sehr bescheiden und zurückhaltend. Es erwies sich, daß Kolja ein sehr aufgeweckter Knabe war; nach dem ersten unvermeidlichen und unbehaglichen Umhertasten nahm die Stunde einen glücklichen Verlauf. Valentine Michailowna schien mit Neshdanow überaus zufrieden und begann sogar mehrmals mit ihm zu sprechen. – Er blieb steif . . . doch nicht allzusehr. Valentine Michailowna war auch bei der zweiten, der russischen Geschichts-Stunde zugegen. Lächelnd erklärte sie, daß sie in dieser Beziehung nicht weniger eines Lehrers bedürfe, als ihr Kolja – und verhielt sich ebenso zurückhaltend und bescheiden wie während der ersten Stunde. Von drei bis fünf Uhr saß Neshdanow in seinem Zimmer, schrieb an die Freunde in St. Petersburg, und fühlte sich ziemlich behaglich: die Langeweile war verschwunden, auch das Unbehagen; die erregten Nerven kamen allmählich zur Ruhe. Sie wurden während des Mittags von Neuem in Spannung versetzt, obgleich Kallomeyzew abwesend war und auch die freundlich entgegenkommende Haltung des Hausherrn unveränderlich dieselbe blieb; aber dies Entgegenkommen eben ärgerte Neshdanow. – Dazu kam noch, daß seine Nachbarin, das alte Fräulein Anna Sacharowna, ihm offenbar feindselig gesinnt war und ein böses Gesicht machte; Marianne aber von ihrem Ernst nicht lassen wollte, und daß selbst Kolja ihn schon etwas ungenirt mit den Füßen stieß. Ssipjagin schien auch nicht recht bei Laune zu sein. Er war mit dem Leiter seiner Papierfabrik unzufrieden, einem Deutschen, den er für schweres Geld engagirt hatte. Er begann auf alle Deutschen überhaupt zu schmähen, erklärte, daß er bis zu einem gewissen Grade Slavophile sei, wenn auch kein Fanatiker, wies auf einen jungen Russen, einen gewissen Ssolomin hin, der, wie es hieß, der Fabrik eines benachbarten Kaufmanns in ausgezeichneter Weise vorstehen solle und äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft dieses Ssolomin zu machen. Am Abend erschien Kallomeyzew, dessen Gut nur zehn Werst von »Arshanoje« – so hieß Ssipjagins Dorf – entfernt war. Dann erschien noch ein Friedens-Vermittler, einer von jenen Gutsbesitzern, die Lermontow in zwei bekannten Versen treffend charakterisirt hat:
Im Halstuch verborgen, im Frack ellenlang . .
Mit Schnauzbart, Diskantstimm’ und unsicherem Blick . . .
Es kam noch ein anderer Nachbar mit gedrücktem Ausdruck in dem zahnlosen Gesicht, der jedoch sehr gut gekleidet war; endlich auch der Kreisarzt, ein sehr schlechter Arzt, der aber mit gelehrten Ausdrücken um sich zu werfen liebte: er versicherte zum Beispiel, daß er Kukolnik – Puschkin vorziehe, weil in Kukolnik viel »Protoplasma« anhalten sei. Man setzte sich an den Kartentisch – Neshdanow begab sich auf sein Zimmer – und las und schrieb bis lange nach Mitternacht.
Am folgenden Tages, am 9. Mai, wurde Kolja’s Namenstag gefeiert. Die »Herrschaft« begab sich mit dem ganzen Hausstand in drei offenen Kaleschen mit Dienern hinten auf dem Tritt zur Messe in die Kirche, obgleich es nur ein viertel Werst bis dahin war. Alles ging höchst prächtig und feierlich zu. Ssipjagin hatte sich ein Ordensband umgelegt, Valentine Michailowna ein wunderschönes, in Paris verfertigtes Kleid von der Farbe blaß-blauer Syringen angezogen. Während der Messe las sie aus einem in karmoisin-rothen Sammet gebundenen Gebetbüchlein; durch dieses Büchlein lenkte sie den Unwillen der älteren Besucher der Kirche auf sich, so daß Einer unter denselben sich nicht enthalten konnte, seinen Nachbar zu fragen: »Was thut sie denn da, verzeih’ mir Gott die Sünde, hext sie, oder was?« – Der die Kirche erfüllende Blumenduft vermischte sich mit dem scharfen Geruch der neuen, geschwefelten Kittel, der getheerten Stiefel und Schuhe, und über allen diesen Dünsten schwebte noch der beklemmende Duft des Weihrauchs. Küster und Meßner sangen beide mit besonderem Eifer. Unter Beihilfe der Fabrikarbeiter, die sich zu ihnen gesellt, ließen sie es sich sogar entfallen, ein förmliches Concert zu geben! Es kam ein Augenblick, wo es allen Anwesenden . . . ganz bang zu Muthe wurde. Der Tenor, ein Fabrikarbeiter Namens Klim, der sich bereits im höchsten Stadium der Schwindsucht befand, begann plötzlich ganz allein, ohne jede Unterstützung, allerlei musikalische Figuren in Dur und Moll und auch in chromatischer Folge auszuführen – sie waren schrecklich, diese Töne – wenn ihm die Stimme versagt hätte, wäre es gleich mit dem ganzen Concert zu Ende gewesen. . . Aber die Sache lief doch noch . . . so ziemlich ab. Vater Cyprian, ein Priester von höchst würdevollem Aussehen, mit Nabédrennik3 und Kamiláwka,4 aus einem Heft eine sehr erbauliche Predigt ab; leider hatte der eifrige Geistliche es jedoch für nöthig gehalten, einige ganz wunderliche Namen assyrischer Könige anzuführen, deren Aussprache ihm große Schwierigkeiten bereitete und ihn – obgleich er dabei eine gewisse Gelehrsamkeit allerdings entwickelte – weidlich schwitzen machte! Neshdanow, der schon lange in keiner Kirche gewesen, hatte sich in eine Ecke zu den Weibern zurückgezogen. Diese schienen ihn, sich eifrig bekreuzend, tief verneigend und den Kleinen ehrbar die Nase abwischend, kaum zu beachten, dafür aber schauten die Bauermädchen in ihren neuen Kleidern, mit den Perlenschnüren um die Stirn und die Bauernknaben in ihren Hemden mit den verzierten Schulterstücken und rothen Achselzwickeln den neuen Kirchengänger um so neugieriger an – . . . Auch Neshdanow sah sie an – und allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf-
Nach dem Gottesdienste, der sehr lange dauerte – der Gottesdienst am Tage des heiligen Nikolaus des Wunderthäters ist bekanntlich einer der längsten der orthodoxen Kirche – begab sich die ganze Geistlichkeit, von Ssipjagin aufgefordert, in das herrschaftliche Haus, worauf ihr nach einigen, dem Tage angemessenen Ceremonien und nach Besprengung der Zimmer mit heiligem Weihwasser, ein mit Allem im Ueberfluß versehenes Frühstück vorgesetzt wurde. Während desselben wurden die üblichen, wohlmeinenden und ehrbaren, aber ein wenig ermüdenden Reden gewechselt. Obgleich Ssipjagin und Frau niemals um diese Zeit zu frühstücken pflegten, so nahmen sie doch von Diesem und Jenem der Speisen und nippten auch ein wenig vom Wein, Ssipjagin gab sogar eine komische Anekdote zum Besten, die in Anbetracht seines rothen Bandes und seiner Würde einen höchst effectvollen Eindruck machte und in Vater Cyprian sogar ein aus Dankbarkeit und Staunen gemischtes Gefühl hervorrief. Um nicht zurückzubleiben – um zu zeigen, daß auch er bei Gelegenheit etwas Wissenswürdiges mittheilen könne – erzählte Vater Coprian seine Unterhaltung mit dem Erzbischof, als derselbe, seine Eparchie bereisend, alle Geistlichen in die Stadt in’s Kloster berief. – Er ist ein gestrenger, sehr gestrenger Herr, – versicherte Vater Cyprian; – zuerst erkundigte er sich nach der Gemeinde, nach den Zuständen . . . dann ging er zum Examen über. . . So wandte er sich auch an mich: Wann feierst Du dein Kirchweihfest? – Am Tage der Verklärung Christi, antwortete ich. – Kennst Du auch den Lobgesang dieses Tages? – Wie sollte ich ihn nicht kennen! – Laß hören! – Nun, ich fange also zu singen an; »Sintemal Du Christe, unser Heiland auf dem Berge verkläret bist. . . « Halt! Was bedeutet das Wort: Verklärung, und was versteht man darunter? – Ich sage also ganz einfach: Christus wollte seinen Jüngern von seiner Herrlichkeit Zeugniß geben! – Gut, sagte er; da hast Du ein kleines Heiligenbild zum Andenken. – Ich falle ihm zu Füßen: ich danke Dir, Oberhirt! . . . Und so ging ich, nicht mit leeren Magen, von dannen!
– Ich habe die Ehre Se. Eminenz persönlich zu kennen, – bemerkte Ssipjagin mit einer gewissen Wichtigkeit. – Ein höchst würdiger Seelenhirt!
– Höchst würdig! – bestätigte Vater Cyprian. – Er sollte nur den Pröbsten weniger trauen. . .
Valentine Michailowna that der Volksschule Erwähnung und wies dabei auf Marianne, als auf die zukünftige Lehrerin, hin; der Diakon – ihm war die Oberaufsicht über die Schule anvertraut – ein Mann von athletischer Körperbildung mit bang herabwallendem Haar, das entfernt an den schön gestrichenen Schweif eines Orlow’schen Renners erinnerte, wollte seine Billigung aussprechen, platzte aber, der Macht seiner Kehle uneingedenk, so laut heraus, daß er selbst zusammenfuhr und auch die Anderen erschreckte. – Bald darauf entfernten sich die Geistlichen.
Kolja war in seinem neuen Jäckchen mit den goldenen Knöpfen der Held des Tages; man machte ihm Geschenke, gratulirte ihm, küßte ihm die Hände sowohl an der vorderen als an der hinteren Hausthür: Fabrikarbeiter, Knechte, alte Frauen, Mädchen und Bauern; die Letzten drängten sich meist vor dem Hause in alter, noch von den Zeiten der Leibeigenschaft her gewohnter Weise, mit dumpfen Getöse um die mit warmem Gebäck und Branntweinflaschen besetzten Tische. – Und Kolja selbst, er schien so froh, so stolz zu sein, und dann wieder so schüchtern, so beschämt und er schmiegte sich bald an die Eltern, bald lief er hin und her. . . Beim Mittagessen ließ Ssipjagin Champagner bringen und hielt, bevor er auf die Gesundheit des Sohnes trank, eine Rede. Er sprach darüber, was es heiße: »dem Lande dienen,« – welches der Weg sei, von dem er wünsche, daß ihn Nikolai – so nannte er jetzt feierlich seinen Sohn – einschlagen möge, und was von ihm erstens: – die Familie, zweitens: – der Stand, die Gesellschaft, drittens: – das Volk, ja, meine Herren, das Volk! und viertens: – die Regierung zu erwarten berechtigt seien. Sich allmählich immer mehr steigernd, schwang sich Ssipjagin zur Höhe der Beredtsamkeit empor, wobei er die Hand, nach dem Vorgange Robert Peel’s, beständig nach hinten in die Rocktasche steckte; er gerieth endlich in Entzücken bei dem Worte »Wissenschaft« und schloß seine Rede mit dem lateinischen Ausruf: »Laboremus!« den er auch gleich in’s Russische übersetzte. Kolja machte mit dem Pokal in der Hand die Runde um den Tisch, dem Vater zu danken und sich mit Allen zu küssen.
Neshdanow’s und Mariannen’s Blicke begegneten sich während des Mittagessens zu wiederholten Malen. Sie schienen dasselbe zu empfinden. . . Sie sprachen jedoch nicht mit einander.
Neshdanow empfand, daß Alles, was er da zu sehen und zu hören bekam, eher komisch und unterhaltend, als zornerregend und widerwärtig war. Valentine Michailowna aber, die liebenswürdige Hausfrau, war in seinen Augen eine kluge Dame, die da wußte, daß sie Komödie spielte, sich zugleich darüber freute, daß noch ein anderer Mensch vorhanden war, – ebenso klug und verständig, – der ihr Benehmen begreifen konnte. Neshdanow merkte es selbst nicht, wie sehr es seiner Eitelkeit schmeichelte, daß sie so zuvorkommend freundlich gegen ihn war.
Am folgenden Tage fing der Unterricht wieder von Neuem an und nun rollte das Leben in geregeltem Gleise dahin.
Unmerklich verging eine Woche. . . . Das Bruchstück eines Briefes an einen gewissen Ssilin, einen früheren Schulkameraden und seinen besten Freund, kann einen Begriff davon geben, was Neshdanow in dieser Zeit empfand und dachte. Dieser Ssilin lebte nicht in Petersburg, sondern in einer entfernten Gouvernementsstadt bei einem wohlhabenden Verwandten, von dem er in jeder Beziehung abhängig war. Die Verhältnisse hatten sich so gestaltet, daß er nicht einmal daran denken konnte, sich denselben jemals entwinden zu können; er war ein schüchternen schwächlicher Mensch, und gerade nicht besonders begabt, aber offenbar eine reine Seele. Um Politik kümmerte er sich nicht, las dies und jenes Buch, spielte in seinen Mußestunden auf der Flöte und fürchtete sich vor den jungen Fräuleins. Ssilin war Neshdanow leidenschaftlich zugethan – er schloß sich überhaupt leicht an Menschen an. Vor Niemandem pflegte Neshdanow sein Herz so rückhaltlos auszuschütten, wie vor Wladimir Ssilin; wenn er ihm schrieb, schien es ihm immer, daß er zu einem ihm sehr nahe stehenden, sehr bekannten Wesen spräche – aber zu einem in einer andern Welt lebenden Wesen oder zu seinem eigenen Gewissen. Neshdanow hatte sich keine Vorstellung davon machen können, wie er mit Ssilin von Neuem in derselben Stadt auf kameradschaftlichem Fuße würde leben können. Er hätte ihn vielleicht mit Kälte behandelt: sie hatten nur wenig mit einander gemein; aber er schrieb ihm gern und viel – und rückhaltlos. Andern gegenüber pflegte er, – auf dem Papier wenigstens – sich gewissermaßen herauszustreichen; wenn er aber an Ssilin schrieb – niemals! Die Feder schlecht führend, vermochte Ssilin ihm nur in kurzen, ungeschickten Worten zu antworten; aber Neshdanow bedurfte auch nicht der ausführlichen Antwort: er wußte, daß sein Freund jedes seiner Worte in sich aufsauge wie der Staub am Wege die Regentropfen, daß er seine Herzensergießungen wie ein Helligthum geheim halte – in tiefer unabwendbarer Einsamkeit verkümmernd, nur lebend in der Nachempfindung seines, des Freundes Lebens. Gegen Niemand in der Welt hatte sich Neshdanow jemals über dieses Verhältniß zu Ssilin ausgesprochen, das er überaus hoch hielt. »Nun Freund,« schrieb er ihm. – »Du reiner Wladimir!« – so pflegte er ihn stets zu nennen, und zwar mit Recht – »gratulire mir: jetzt habe ich Futter bekommen und kann ein wenig ausruhen und meine Kräfte sammeln. Ich habe bei einem reichen Würdenträger, Namens Ssipjagin, eine Stelle angenommen, unterrichte seinen Sohn, esse prächtig – so habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen – schlafe herrlich, tummle mich nach Herzenslust in der schönen Umgegend – vor Allem aber: ich habe mich auf kurze Zeit von der Vormundschaft der Petersburger Freunde befreit; und wenn am Anfang auch die Langeweile gründlich an mir genagt hat, so ist es mir jetzt doch leichter um’s Herz geworden. Bald werde ich in das Dir bekannte Joch kriechen müssen, das heißt: ich muß ziehen, da ich mich habe einspannen lassen, fürs Erste aber kann ich das Leben physisch vollauf genießen, an Umfang zunehmen – und meinetwegen dichten, wenn die Lust dazu kommt. Die sogenannten Beobachtungen werden bis auf eine gelegenere Zeit aufgespart: das Gut scheint mir vortrefflich bewirthschaftet, vielleicht, daß es um die Fabrik ein wenig faul steht; die nach dem Loskauf abgefundenen Bauern sehen unzugänglich aus; die auf dem Gute dienenden Leute dagegen haben Physiognomien von einem Comme il faut! Aber wir werden die Sachen später untersuchen. Die Herrschaft – das sind höfliche, liberale Leute; der gnädige Herr ist so herablassend, so herablassend – dann aber schwingt er sich plötzlich empor: ein höchst gebildeter Mann! Die gnädige Frau – ist schön wie ein Bild und scheint ihre fünf Sinne beisammen zu haben: sie lauert nur darauf, daß sie Dich packt, – ist aber so weich – als ob sie keine Knochen hätte! Ich fürchte mich vor ihr: Du weißt, was ich für ein Damencavalier bin! – Es sind noch Nachbarn da – garstige Leute; eine alte Frau, die mir feindlich gesinnt ist . . . Am meisten interessirt mich aber ein junges Mädchen, eine Verwandte, Gesellschafterin – Gott weiß! – mit der ich kaum zwei Worte gesprochen habe, die aber, ich fühle es, aus meinem Holz gezimmert ist . . .«
Hierauf folgte eine Schilderung des Aeußeren von Marianne – ihres ganzen Wesens; dann fuhr er fort:
»Daß sie unglücklich, stolz, eigenliebig, verschlossen, namentlich aber unglücklich ist – unterliegt keinem Zweifel. Weshalb sie unglücklich ist – weiß ich noch nicht. Daß sie eine ehrenhafte Natur ist – ist mir klar; ob sie gut ist – das ist noch die Frage. Giebt es denn auch vollkommen gute Frauen – wenn sie nicht dumm sind? Und sind solche denn überhaupt nöthig? Ich kenne übrigens die Frauen nur wenig. Von Frau Ssipjagin wird sie nicht geliebt . . . Und auch sie zahlt ihr mit derselben Münze . . . Wer von den Beiden Recht hat, – ist mir unbekannt. Ich denke, daß eher Frau Ssipjagin im Unrecht ist . . . da sie schon fast zu höflich gegen sie ist; bei Dieser zucken hingegen sogar die Brauen, wenn sie mit ihrer Patronin spricht. Ja; ein sehr nervöses Wesen, das paßt auch zu mir. Aus der Art geschlagen ist sie ebenso wie ich, – wenn auch wahrscheinlich in anderer Weise.
Wenn sich Alles ein wenig entwirrt haben wird – schreibe ich Dir . . .
Wir sprechen fast nie miteinander, wie ich Dir schon gesagt habe; aber aus den wenigen Worten, die sie an mich gerichtet – immer plötzlich und unerwartet – tönt eine gewisse herbe Aufrichtigkeit . . . Das ist mir angenehm.
Was mir dabei einfällt: hast Du bei Deinem Anverwandten noch immer dieselbe schmale Kost? – und denkt er nicht daran, in’s Jenseits hinüberzugehen?
Hast Du im »Europäischen Boten« den Aufsatz über die letzten Prätendenten im Gouvernement Ostenburg gelesen? Das war im Jahre 1834, Freund! Ich liebe diese Zeitschrift nicht – auch gehört der Verfasser zu den Konservativen; es ist aber ein interessanter Artikel und kann verschiedene Ideen anregen . . .
Neuntes Capitel
So war die erste Hälfte des Monats Mai vorübergegangen, es kamen die ersten heißen Sommertage – Nachdem Neshdanow seine Geschichtsstunde gegeben, begab er sich in den Garten und ging dann in das Birkenwäldchen hinüber, welches an der einen Seite an den Garten stieß. Einen Theil dieses Wäldchens hatten die Kaufleute vor ungefähr fünfzehn Jahren ausgeholzt; jetzt schossen überall junge Birkenstämme an den lichten Stellen empor. Wie kleine, von mattem Silberglanz zart angehauchte, mit grauen Ringen geschmückte Säulen erhoben sich die dicht aneinandergedrängten Bäumchen; in freudiger Gemeinschaft grünten und glänzten die feinen Blätter, als hätte sie Jemand gewaschen und mit Lack überzogen; durch die gleichförmig dicke Schicht der am Boden liegenden gelbrothen Herbstblätter brachen die Halme der Frühlingsgräser wie spitze Zünglein hindurch. Der ganze Hain war von schmalen Fußwegen durchschnitten. Einen scharfen durchdringenden Ton hervorstoßend, flogen ununterbrochen schwarze Misteldrosseln dicht an der Erde über diese Wege hin, als wenn sie Jemand aufgescheucht hätte, – und stürzten kopfüber in’s Dickicht. Nachdem er vielleicht eine halbe Stunde im Walde sich ergangen, setzte sich Neshdanow auf einen Baumstumpf, um den noch graue Holzspähne herumlagen: wie sie einst unter dem Schlag der Axt gefallen waren, so umgaben sie noch jetzt in Haufen zerstreut den Baumstumpf. Oft war der Winterschnee über sie gefallen – und war im Frühling wieder hinweggeschmolzen, und Niemand hatte an ihnen gerührt. Neshdanow saß im tiefen, aber kurzen Schatten einer Wand von jungen Birken; er dachte an Nichts, gab sich aber voll und ganz jener eigenthümlichen Frühlingsempfindung hin, welche bei Jung und Alt mit einer gewissen Wehmuth verbunden ist mit der Wehmuth gespannter Ermattung – bei der Jugend, mit der stillen Wehmuth der Trauer – beim Alter . . .
Neshdanow vernahm plötzlich ein Geräusch wie von herannahenden Schritten.
Es waren nicht eines Menschen Schritte – es war auch kein Bauer in Bastschuhen oder ein barfüßiges Weib. Es schienen zwei Menschen langsamen, gleichmäßigen Schrittes nebeneinander herzugehen . . . Er glaubte ein Frauenkleid rauschen zu hören. . .
Da drang plötzlich der Ton einer dumpfen Männerstimme an sein Ohr.
– Es ist Ihr letztes Wort? Niemals?
– Niemals! – wiederholte eine Neshdanow bekannt klingende Frauenstimme – und gleich darauf bog um die Ecke des Weges, der hier einen Winkel bildete – Marianne in Begleitung eines Menschen mit schwarzen Augen und brauner Gesichtsfarbe, den er noch nie gesehen hatte.
Wie erstarrt blieben sie stehen, als sie Neshdanow gewahr wurden; – dieser aber war so bestürzt, daß er sich nicht einmal von dem Baumstumpf, auf welchem er saß, zu erheben vermochte . . . Marianne erröthete über das ganze Gesicht – verzog jedoch sogleich die Lippen zu einem verachtungsvollen Lächeln . . . Auf wen bezog sich dieses Lächeln – auf sie selbst, weil sie erröthet – oder auf Neshdanow? . . . Ihr Begleiter aber runzelte die dichten Brauen – und warf Neshdanow aus dem gelblichen Weiß der unstäten Augen einen ergrimmten Blick zu. Dann schaute er zu Marianne auf – worauf sich Beide, Neshdanow den Rücken kehrend, ohne ihre Schritte zu beschleunigen, schweigend entfernten, während ihnen Dieser noch immer mit denselben verwunderten Augen nachblickte.
Als Neshdanow eine halbe Stunde darauf nach Hause zurückkehrte, begab er sich auf sein Zimmer, – und als er nun, durch das Gong gerufen, in’s Wohnzimmer trat, erblickte er daselbst den schwarzäugigen Unbekannten, auf den er im Birkenhain gestoßen war. Ssipjagin führte Neshdanow zu ihm und stellte den Fremden – Ssergei Michailowitsch Markelow – als seinen beau-frère, einen Bruder von Valentine Michailowna vor.
– Bitte einander in Freundschaft und Liebe gewogen zu sein, meine Herren! – sagte Ssipjagin mit dem ihm eigenen majestätisch-freundlichen und doch zugleich zerstreuten Lächeln.
Markelow verneigte sich schweigend, Neshdanow gleichfalls . . . Ssipjagin aber trat, den kleinen Kopf zurückwerfend und mit den Schultern zuckend, bei Seite, als wollte er sagen: – »ich habe Euch zusammengebracht, ob Ihr einander aber wirklich in Liebe und Freundschaft zugethan sein werdet, das ist mir ziemlich gleich!«
Darauf näherte sich Valentine Michailowna dem noch immer regunglos dastehenden Paare, stellte sie von Neuem einander vor – und begann nun mit einem besonders freundlichen und hellen Blick in den wunderbaren Augen, die gleichsam auf Befehl zu leuchten verstanden, mit dem Bruder zu sprechen.
– Du scheinst uns ja ganz vergessen zu haben, eher cher Serge! Sogar Kolja’s Namenstag hast Du vorübergehen lassen, ohne zu uns zu kommen. Oder bist Du so beschäftigt? – Er führt da irgend ein neues System ein, – wandte sie sich zu Neshdanow, – ein höchst originelles System: seine Bauern erhalten von Allein drei Viertel, er selbst – nur ein Viertel; er findet aber, daß er auch so noch zu viel bekommt.
– Die Schwester liebt zu scherzen – wandte sich seinerseits Markelow zu Neshdanow: – aber ich könnte ihr beistimmen; es ist in der That viel, wenn ein Mensch ein Viertel von dem erhält, was hundert Menschen angehört.
– Sie aber, Alexei Dmitrijewitsch, haben Sie auch bemerkt, daß ich zu scherzen liebe? – fragte Valentine Michailowna mit derselben freundlichen Milde in Blick und Stimme.
Neshdanow wußte nicht, was er ihr antworten solle – da meldete man die Ankunft Kallomeyzew’s. Frau Ssipjagin ging ihm entgegen; – bald darauf erschien der Kammerdiener und kündigte mit singender Stimme an, daß das Essen bereit sei.
Während desselben mußte Neshdanow unwillkürlich immer wieder Marianne und Markelow anblicken. – Sie saßen nebeneinander, Beide mit zu Boden gesenkten Augen, mit zusammengepreßten Lippen, mit finsterem und ernstem, fast bösem Ausdruck im Antlitz. Neshdanow nahm namentlich das Eine Wunder: wie konnte Markelow der Bruder Frau Ssipjagin’s sein? – so wenig waren sie einander ähnlich. – Beide hatten vielleicht dieselbe dunkle Gesichtsfarbe; aber der zartbräunliche matte Ton der Arme, der Schultern, des Antlitzes von Valentine Michailowna bildete eben das Bezaubernde an ihrer Erscheinung . . . bei dem Bruder hingegen ging Alles in jenes Schwarz über, das höfliche Leute bronzefarben zu nennen lieben, welches aber das russische Auge an – einen Stiefelschaft erinnert. Markelow hatte krauses Haar, eine etwas gebogene Nase, dicke Lippen, eingefallene Wangen, einen eingedrückten Leib und sehnige Hände. Er war überhaupt sehnig und hager – und sprach mit metallischer, scharfer, durchdringender Stimme. Sein Blick war trübe, beinahe schläfrig – sein Aussehen finster, ein echter Griesgram!
Er aß nur wenig, und spielte statt dessen mit Brodkügelchen, die er auf dem Tische hin- und herrollte, indem er von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick auf Kallomeyzew warf. Dieser war eben aus der Stadt gekommen, wo er bei dem Gouverneur gewesen – in einer für ihn, Kallomeyzew, nicht angenehmen Sache, was er jedoch sorgsam verschwieg.
Ssipjagin stieß ihn wie gewöhnlich vor den Kopf, wenn er zu weit ging, lachte jedoch von ganzem Herzen über seine Anekdoten und seine bon-mots, obgleich er fand – »pu’il est un affreux réaetionnairae.« Kallomeyzew behauptete unter Anderem, daß er in Entzücken gerathen sei über den Namen, den die russischen Bauern – oui, oui! les simples mougiks – den Advokaten gegeben. »Kläffer! Kläffer!« – wiederholte er mit Wonne: – ce people russe est délicieux! – Darauf erzählte er, wie er einst den Schülern einer Volksschule die Frage vorgelegt, was ein Struthiocamelus sei. – Und als Niemand diese Frage – zu beantworten verstand, nicht einmal der Lehrer, habe er eine zweite Frage an sie gerichtet: was ist ein Pithocium? – und zugleich auch einen Vers aus Chemnitzer citirt: »Pithecium, schwach an Geist, der Thiere Sein nachahmend!« – Aber auch jetzt vermochte ihm Niemand zu antworten. – Da haben Sie die Volksschule!
– Aber erlauben Sie, – bemerkte Valentine Michailowna, – ich weiß eben so wenig, was das für Thiere sind.
– Gnädige Frau! – rief Kallomeyzew aus, – Sie brauchen es auch nicht zu wissen.
– Weshalb braucht es denn das Volk zu wissen?
– Deshalb, weil es besser ist zu wissen, was ein Struthiocamelus und ein Pithecium ist, als mit irgend einem Proudhon oder gar Adam Smith bekannt zu sein!
Hier mischte sich Ssipjagin ein und bedeutete Kallomeyzew, daß Adam Smith einer von den Bannerträgern des menschlichen Denkens sei und daß es nur nützen könne, wenn man seine Prinzipien . . . – er goß sich Château d’Yquem in’s Glas – . . . mit der Muttermilch . . . – er führte das Glas an die Nase und zog die Blume des Weines ein – . . . einsaugen würde! – Er leerte sein Glas. Kallomeyzew folgte seinem Beispiel und lobte den Wein.
Markelow schien aus die Auslassungen des Petersburger Kammerjunkers nur wenig zu achten, warf jedoch zwei Mal einen fragenden Blick auf Neshdanow, wobei er das Brodkügelchen spielend von sich fortschleuderte, so daß es dem beredten Gaste fast an die Nase geflogen wäre . . .
Ssipjagin ließ seinen Schwager gewähren; Valentine Michailowna unterließ es gleichfalls, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; – man sah es ihnen an, daß Beide gewohnt waren, Markelow für einen Sonderling zu halten, den man unbehelligt lassen müsse.
Nach dem Mittagessen begab sich Markelow in’s Billardzimmer, um dort seine Pfeife zu rauchen, Neshdanow aber zog sich in sein Zimmer zurück. – Im Korridor stieß er aus Marianne. Er wollte vorüber-gehen . . . durch eine rasche Handbewegung Mariannen’s aufgehalten, blieb er stehen.
– Herr Neshdanow, – begann sie mit nicht ganz fester Stimme. – es müßte mir eigentlich vollkommen gleichgültig sein, wie Sie von mir denken; ich meine jedoch . . . ich meine – sie konnte das Wort nicht finden – ich halte es für nothwendig, Ihnen zu sagen, daß, als Sie mich heute im Birkenhain mit Herrn Markelow erblickten . . . Sagen Sie, – Sie haben gewiß gedacht: weshalb waren sie so verwirrt und warum sind sie hierhergekommen – wie zu einem Stelldichein?
– Es kam mir in der That etwas wunderbar vor. . . wollte Neshdanow erwidern.
– Herr Markelow, – unterbrach ihn Marianne – hat mir einen Antrag gemacht; – und ich habe ihn ausgeschlagen. Das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, und nun – leben Sie wohl und denken Sie von mir, wie Sie wollen.
Sie wandte ihm schroff den Rücken und eilte hastigen Schrittes von dannen.
Als er sein Zimmer betreten, setzte sich Neshdanow nachdenklich an das Fenster.
– Ein wunderliches Mädchen! – Und was soll dieser bizarre Einfall, diese unerbetene Aufrichtigkeit bedeuten? Was ist das? – Originalitätssucht – oder einfach Schönthuerei – oder Stolz? . . . Stolz – das wird wohl am richtigsten sein. Sie kann nicht die Spur eines Verdachts ertragen. . . Der Gedanke, daß man sie falsch beurtheilen könnte, läßt ihr keine Ruhe.
– Wunderliches Mädchen!
Während ihn diese Gedanken beschäftigten, hörte er, wie unten auf der Terrasse von ihm gesprochen wurde.
– Es spürt meine Nase – suchte Kallomeyzew Frau Ssipjagin zu überzeugen, – es spürt meine Nase, daß er zu – zu den Rothen gehört. In der Zeit, da ich noch – avec Ladislas – Beamter für besondere Aufträge beim General-Gouverneur von Moskau war, habe ich diese Herren – die Rothen – und auch die Raskolniks aufzuspüren gelernt. Es leitete mich mein Instinkt! – Und nun erzählte Kallomeyzew, wie er einst in der Umgegend von Moskau einen greisen Raskolnik, in dessen Hütte er mit der Polizei eingedrungen war, am Stiefelabsatz gepackt und festgehalten habe: »er wäre mir fast durch’s Fenster entsprungen . . . Und so ruhig hatte er, der Taugenichts, bis zu jenem Moment auf der Bank gesessen!«
Kallomeyzew vergaß aber hinzuzufügen, daß derselbe greise Raskolnik im Gefängniß jede Nahrung von sich gewiesen hatte – und Hungers gestorben war.
– Ihr neuer Lehrer, – fuhr der eifrige Kammerjunker fort – ist unbedingt ein Rother! Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß er niemals zuerst grüßt?
– Weshalb soll er denn auch zuerst grüßen? – bemerkte Frau Ssipjagin, – das gefällt mir gerade an ihm.
– Ich bin der Gast des Hauses, in welchem er dient – rief Kallomeyzew aus, – ja, ja, in welchem er dient, für Geld, comme un salarié . . . Ich stehe folglich über ihm. – Und daher muß er mich zuerst begrüßen.
– Sie fordern zu viel, mein liebenswürdiger Freund, – fiel Ssipjagin ein; – das riecht, – entschuldigen Sie – nach dem vorigen Jahrhundert. Ich habe nur seine Arbeit gekauft, er selbst ist ein freier Mensch geblieben.
– Die Zügel fühlt er nicht, – fuhr Kallomeyzew fort – die Zügel: le frein! So sind sie Alle – diese Rothen. Ich sage Ihnen – ich habe eine feine Nase! – Es könnte sich nur Ladislas in dieser Beziehung mit mir messen! – Wenn er nur mir in die Hände gerathen wäre, dieser Lehrer – ich würde ihn schon zappeln lassen! So würde ich ihn zappeln lassen! Einen anderen Ton würde er bei mir anschlagen; – und den Hut abnehmen würde er vor mir . . . eine wahre Pracht!
– Du Lump, Prahlhans! – wäre es Neshdanow beinahe entfahren . . . da that sich aber die Thür seines Zimmers auf und es trat – zu seiner nicht geringen Verwunderung – Markelow herein.
Zehntes Capitel
Neshdanow erhob sich und ging ihm entgegen. – Markelow richtete, ohne zu grüßen, sogleich die Frage an ihn, ob er in der That Alexei Dmitrijew Neshdanow, Student der St. Petersburger Universität sei.
– Ja . . . der bin ich, – antwortete Neshdanow.
Markelow zog darauf aus der Seitentasche seines Rockes einen entsiegelten Brief hervor.
– Dann lesen Sie. – Von Wassilij Nikolajewitsch, – fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu.
Neshdanow nahm den Brief und begann zu lesen. Der Brief war etwa in der Art eines halboffiziellen Rundschreibens, in welchem Derjenige, der ihn vorzeige, Ssergei Markelow, als »Einer von den Unsrigen,« als eine des Vertrauens vollkommen würdige Person empfohlen wurde; dann folgte ein Hinweis auf die unaufschiebbare Nothwendigkeit gemeinsamen Handelns und eine Instruktion über die Verbreitung der bekannten Prinzipien.
Neshdanow reichte Markelow die Hand, bot ihm einen Stuhl und setzte sich gleichfalls. Markelow rauchte, ohne ein Wart zu sprechen, eine Cigarette an. Neshdanow folgte seinem Beispiel.
– Ist es Ihnen bereits möglich gewesen, mit den hiesigen Bauern Verbindungen anzuknüpfen? – fragte endlich Markelow
– Nein, noch nicht.
– Sind Sie schon lange hier?
– Bald werden es zwei Wochen.
– Und haben Sie viel zu thun?
– Nein, nicht besonders viel.
Markelow hüstelte trocken.
– Hm! Die Bauern sind hier ziemlich einfältig, – fuhr er mürrisch fort; – das Volk liegt noch arg im Finstern – muß des Besseren belehrt werden. Die Armuth ist groß – und doch ist Niemand da, der es ihnen auseinandersetzen könnte, warum sie so arm sind.
– Die früheren Leibeigenen Ihres Schwagers scheinen, so weit ich es beurtheilen kann, gerade nicht zu darben, – bemerkte Neshdanow.
– Mein Schwager ist ein Schlaukopf; Sand in die Augen zu streuen versteht er meisterhaft. Den hiesigen Bauern geht es in der That nicht schlecht; aber er hat eine Fabrik. Das ist die Stelle, wo die Sache in Angriff genommen werden muß. Das ist wie ein Ameisenhaufen, ein zur rechten Zeit gegebener Stoß – und sie rühren sich gleich. – Haben Sie auch Bücher bei sich?
– Ja . . . aber nicht viele.
– Ich werde Ihnen welche schicken.
Wie haben Sie nur so wenige mitnehmen können!
Neshdanow blieb die Antwort schuldig. – Auch Markelow verstummte und rauchte weiter, indem er bläuliche Wolken durch die Nase aufsteigen ließ.
– Ist das aber ein Schurke, dieser Kallomeyzew! – rief Markelow endlich aus. – Während des Mittags fuhr es mir durch den Kopf, ob ich nicht aufstehen, zu diesem Herrn herantreten, und ihm die ganze unverschämte Physiognomie braun und blau schlagen solle, damit nicht Andere in Versuchung gerathen, dies zu thun? Doch nein! Haben wir jetzt doch Wichtigeres zu vollbringen, als Kammerjunker zu prügeln. – Jetzt ist nicht die Zeit, in Zorn darüber zu gerathen, daß Narren thörichte Reden im Munde führen; jetzt ist es vielmehr Zeit sie zu hindern, thörichte Thaten zu vollführen.
Neshdanow nickte bejahend mit dem Kopf, – Markelow griff wieder zu seiner Cigarette.
– Es befindet hier sich unter der Dienerschaft ein höchst brauchbarer Mensch, – begann er von neuem; – nicht Iwan, der bei Ihnen ist das ist eine Fischnatur; nein, ein Anderer . . . er heißt Cyrill und hat das Buffet unter sich (dieser Cyrill war als ein Erztrunkenbold bekannt). – Sehen Sie ihn sich näher an. Ein desperater Kerl . . . nun, schüchtern thun, ist jetzt nicht unsere Sache. Was sagen Sie aber zu meiner Schwester? – fügte er, den Kopf mit den gelben Augen plötzlich zu Neshdanow emporhebend, hinzu. – Die ist doch noch schlauer als mein Schwager. Wie denken Sie über meine Schwester!
– Ich denke, daß es eine sehr angenehme und liebenswürdige Dame ist. . . Und auch eine sehr schöne Dame. . .
– Hm! Wie Ihr Euch, meine Herren, in Petersburg fein auszudrücken versteht. . . Ich staune-! – Nun . . . in Hinsicht, aber . . . – fing er an, hielt jedoch plötzlich mit finsterer Miene in seiner Rede inne. – Ich sehe, wir müssen uns aussprechen, – begann er von neuem. – Hier geht’s aber nicht. Weiß der Teufel! Sie horchen am Ende hinter der Thür. Wissen Sie, was ich Ihnen vorschlagen will? Heute ist Sonnabend, morgen werden Sie wohl keine Stunden geben? Nicht wahr?
– Morgen um drei Uhr ist eine Repetition angesagt.
– Eine Repetitioni Ganz wie im Theater! Es ist wohl meine liebe Schwester, die solche Worte erfindet? Nun gut. Wenn Sie wollen, könnten wir vielleicht gleich zu mir fahren. Es sind nur zehn Werst bis zu meiner Besitzung. Meine Pferde sind tüchtig: im Nu sind wir da. – Sie schlafen bei mir, wir bleiben den Morgen zusammen – um drei Uhr sind Sie mit meinen Pferden dann wieder hier. Sind Sie damit einverstanden?
– Gut, – willigte Neshdanow ein. – Er war seit dem Erscheinen Markelow’s in höchst aufgeregter, gedrückter Stimmung. Der plötzliche Anschluß an diesen Menschen beunruhigte ihn und doch zog es ihn andererseits wieder zu ihm hin. Er fühlte, er sah es, daß Markelow, obgleich geistig wahrscheinlich wenig entwickelt, ein unbedingt ehrlicher und charakterfester Mensch war. Dazu kam noch die seltsame Scene im Birkenhain, die unerwartete Erklärung Mariannen’s. . . .
– Das ist herrlich! – rief Markelow aus. – Rüsten Sie sich jetzt zur Fahrt – ich lasse unterdessen anspannen. Sie brauchen doch keine besondere Erlaubniß?
– Ich werde es anzeigen. Ohne diese Anzeige darf ich mich nicht entfernen, wie mir scheint.
– Ich werde es sagen, – fiel Markelow ein. – Seien Sie unbesorgt. – Sie sind jetzt mit ihren Karten – beschäftigt und werden Ihre Abwesenheit gar nicht bemerken. Mein Schwager möchte gern ein großer Staatsmann sein, – und doch besitzt er nur die eine Tugend, daß er ausgezeichnet Karten spielt. Nun freilich: auch dadurch ist schon Mancher zu Ehren und Würden gelangt!l . . . – Seien Sie also bereit. Ich treffe gleich die nöthigen Anordnungen.
Markelow entfernte sich. Eine Stunde darauf saß Neshdanow wieder neben ihm, auf einem großen ledernen Kissen, in einem breit ausgebogenen, sehr alten und sehr bequemen Tarantaß; vom Bock her erschallte des kleinen, untersetzten, unermüdlichen Kutschers merkwürdig angenehmes, an eine Vogelstimme erinnerndes Pfeifen; die drei Schecken mit den geflochtenen Mähnen und Schweifen griffen auf dem ebenen Wege feurig aus; von den Schatten der anbrechenden Nacht überdeckt – die Uhr schlug gerade zehn, als sie fortfahren – glitten die einzelnen Bäume, Sträucher, Felder, Wiesen und Schluchten – die je nach der Entfernung entweder langsam rückwärts entschwanden, oder sich mit den Fahrenden fortzubewegen schienen – gleichmäßig an ihnen vorüber.
Die kleine Besitzung Markelow’s – sie hieß »Borsenkowo,« umfaßte zweihundert Dessiatinen und brachte ihm jährlich 700 Rubel ein – war drei Werst von der Gouvernementsstadt gelegen, während Ssipjagin’s Gut sieben Werst von derselben entfernt war. Um von des Letzteren Besitzung nach «Borsenkowo« zu gelangen, mußte man durch die Stadt hindurchfahren. – Die neuen Bekannten hatten kaum fünfzig Worte miteinander gewechselt, als bereits die kläglichen vorstädtischen Häuser mit den eingefallenen Dächern und den schiefen, zur Seite geneigten, trübe erleuchteten Fenstern an ihnen vorüberflogen; in den Hauptstraßen auf dem Steinpflaster hin- und hergeworfen, schwankte der rasselnde Tarantaß von einer Seite zur andern. . . Bei jedem Stoß emporschnellend, tanzten die dummen, steinernen, zweistöckigen Kaufmannshäuser, die säulengeschmückten Kirchen, die Schenken und Gasthäuser neben ihnen her. . . Es war ein Sonntag. – Während auf den Straßen Niemand mehr zu sehen war, schienen die Schenken noch überfüllt. Ueberall konnte man heisere Stimmen, trunkenen Liedersang, weinerliche Harmonika-Töne vernehmen, aus den zuweilen plötzlich geöffneten Thüren drang im röthlichen Schimmer spärlicher Abendbeleuchtung ein Strom erhitzter, verpesteter, mit scharfem Spiritusdunst versetzter Luft in’s Freie. Vor fast allen Schenken erblickte man ärmliche Bauernkarren, bespannt mit zottigen, dickbäuchigen Gäulen, die ihre Köpfe geduldig hängen ließen und sich so ruhig verhielten, als ob sie schliefen. Hier trat ein abgerissener Bauer aus der Schenke, mit weit geöffnetem Kittel und einer großen Winterkappe auf dem Kopfe, die ihm sackartig am Nacken herabhing: er beugte sich über die Deichselstange, hob tastend, als ob er etwas suche, die Hände empor und blieb dann regungslos stehen; dort – ein schmächtiger Fabrikarbeiter mit schief auf den Kopf gedrückter Mütze, in einem Nanking-Hemde und barfuß – die Stiefel waren in der Schenke geblieben; schon nach den ersten unsicheren Schritten stockte er, kratzte sich darauf im Rücken – und fiel mit einem plötzlichen Seufzer wieder in die Schenke hinein.
– Es überwältigt den Russen die Macht des Branntweins! – bemerkte Markelow.
– Um die Sorgen zu vergessen, Ssergei Michailowitsch, lieber Herr! – rief, ohne sich umzublicken der Kutscher, welcher mit dem Pfeifen jedes Mal inne hielt, sobald er an einer Schenke vorbeikam, und sich gleichsam in sich selbst vertiefte.
– Vorwärts! vorwärts! – schrie ihm Markelow zu, ihn herzhaft am Kragen seines Mantels schüttelnd.
Der Tarantaß rasselte über den ungemein stark nach Kohl und Matten riechenden Marktplatz hinweg, kam vorbei am Hause des Gouverneurs, mit den bunten Schilderhäuschen vor dem Thore, an dem mit einem Thurm geschmückten Polizeihause, am Boulevard mit den eben gepflanzten und schon absterbenden Bäumen, an dem von Hundegebell und Kettengerassel erzitternden Bazar – war endlich, nachdem er eine unendlich lange Reihe von Lastwagen, die noch in der Abendkühle ausgerückt waren, hinter sich gelassen – wieder in der freien Luft der weidenbesetzten Landstraße – und rollte nun von Neuem rasch und gleichmäßig dahin.
Markelow war um sechs Jahre älter, als seine Schwester Valentine Michailowna. Er war in der Artillerie-Schule erzogen worden, die er mit dem Range eines Offiziers verlassen hatte: schon als Lieutenant jedoch reichte er in Folge eines unangenehmen Auftrittes mit dem Regiments-Kommandeur – einem Deutschen – seinen Abschied ein. Seitdem haßte er alle Deutschen, namentlich die russischen Deutschen. In Folge seines Abschiedes überwarf er sich mit seinem Vater, den er dann bis zu seinem Tode nicht weiter gesehen; als der Vater starb, zog sich Markelow auf sein kleines, von ihm ererbtes Gut zurück. In Petersburg war er mit vielen Koryphäen der neuen Bewegung, die er innig und hoch verehrte, zusammengekommen; hier in diesem Kreise entwickelte und festigte sich auch seine ganze Anschauungsweise. Er las nur wenig – und meist nur solche Bücher, welche auf die ihn einzig und allein interessirende Sache Bezug hatten: – namentlich Herzen. Er hatte die militärische Haltung beibehalten und lebte als Spartaner, als Mönch. Vor einigen Jahren verliebte er sich leidenschaftlich in ein junges Mädchen, das ihn jedoch in rücksichtslosester Weise verrieth und einen Adjutanten – einen Deutschen – heirathete. Seitdem haßte er auch die Adjutanten. Er versuchte es, Spezial-Artikel über die Mängel der russischen Artillerie zu schreiben – er besaß jedoch nicht die Gabe, seine Gedanken richtig auszudrücken: – er konnte keinen einzigen Artikel zu Ende bringen und fuhr doch noch immer fort, große Bogen grauen Papiers mit unsicheren, unförmlichen, wahrhaft kindlichen Zügen zu bekritzeln Markelow war ein eigensinniger, bis zur Tollkühnheit unerschrockener Mensch, der weder zu verzeihen, noch zu vergessen verstand, der die Beleidigung Aller, welche bedrückt und verfolgt wurden, als eigene Beleidigung auf’s Tiefste zu empfinden schien – und der zu Allem bereit war. Sein beschränktes Denken war stets nur auf einen Punkt gerichtet: was er nicht fassen konnte – existirte für ihn nicht; doch haßte und verachtete er Lüge und Falschheit. Personen der höheren Stände, »Reaktionären« gegenüber, wie er sie nannte, war sein Benehmen schroff und sogar grob; einfach und wie ein Bruder umgänglich war er hingegen – mit dem schlichten Bauer. Sein Gut war mittelmäßig bewirthschaftet: allerlei sozialistische Pläne spukten in seinem Kopf, die er ebenso wenig zu verwirklichen verstand, wie er einst die Aufsätze über die Mängel des russischen Artilleriewesens zu beendigen vermochte. Er hatte überhaupt kein Glück – niemals und nirgends schon in der Schule nannte man ihn den »Pechvogel.« Eine offenes gerade Natur, ein leidenschaftlicher und tiefunglücklicher Mensch, konnte er in gewissen Fällen herzlos, blutgierig, ja, ein Wütherich genannt werden, in anderen Fällen aber war er im Stande, sich selbstlos und ohne Besinnen zu opfern.
Drei Werst hinter der Stadt bog der Tarantaß plötzlich in das angenehm-weiche Dunkel eines Espenhains ein, mit dem Rauschen und Zittern der unsichtbaren Blätter, mit der duftig herben Frische des Waldes, mit dem unklaren Lichtschimmer oben – den ineinanderfließenden Schatten unten. Roth und groß stand der Mond am Himmel wie eine kupferne Scheibe. Aus dem Walde hervortauchend, befand sich der Tarantaß plötzlich vor einem kleinen gutsherrschaftlichen Gebäude. An der Vorderseite des niedrigen, einen Theil des Mondes verdeckenden Hauses traten die hellen Vierecke dreier erleuchteter Fenster ganz besonders grell hervor; das weit geöffnete Thor schien niemals geschlossen zu werden. Auf dem Hofe sah man im Halbdunkel eine Kibitka stehen, mit zwei weißen, hinten an der Equipage angebundenen Postpferden; zwei junge, ebenfalls weiße Hunde sprangen ihnen entgegen und fingen laut an zu bellen. Im Hause gerieth man in Bewegung – der Tarantaß hielt vor dem Flur – und mit Mühe aus demselben herauskriechend und mit dem Fuß nach dem eisernen Tritt umhertastend, der von irgend einem Dorfschmied wie gewöhnlich gerade an der unbequemsten Stelle angebracht war, sagte Markelow zu Neshdanow:
– Nun, jetzt sind wir zu Hause – und Sie werden hier Gäste finden, die Sie sehr gut kennen – aber durchaus nicht zu treffen erwarten. – Bitte! treten Sie ein!
Elftes Capitel
Diese Gäste waren unsere alten Bekannten, Maschurina und Ostrodumow. Sie saßen in dem nichts weniger als geräumigen, sehr schlecht möblirten Zimmer beim Schein einer Kerosin-Lampe, tranken Bier und rauchten Cigaretten. Sie waren nicht im Geringsten verwundert über die Ankunft Neshdanow’s; sie wußten, daß Markelow die Absicht hatte, ihn mitzubringen – desto größer war das Erstaunen Neshdanow’s. Als er eintrat, rief ihm Ostrodumow zu: »Guten Abend, Freund!« – das war Alles. Maschurina wurde feuerroth – dann reichte sie ihm die Hand. Markelow erklärte Neshdanow, daß Ostrodumow und Maschurina wegen des »gemeinsamen Werkes,« welches der That entgegenreife, hierher entsandt worden seien, daß sie Petersburg vor einer Woche verlassen, daß Ostrodumow hier in S. bleibe, um Propaganda zu machen, Maschurina aber sich nach K. begebe, um dort Jemanden zu sehen und zu sprechen.
Markelow gerieth plötzlich in Aufwallung, obgleich ihn Niemand durch Widerspruch gereizt hatte; – funkelnden Auges sprach er mit aufgeregter, dumpfer, doch deutlicher Stimme über die Schändlichkeiten, die überall begangen würden, über die Nothwendigkeit unverzüglichen Handelns, äußerte, daß im Grunde schon Alles bereit sei, daß nur Feiglinge noch zaudern könnten, und daß Anwendung von Gewalt fast eben so unvermeidlich sei, wie der Lanzett-Schnitt bei einem Geschwür. Diesen Vergleich mit der Lanzette wiederholte er mehrere Male; offenbar gefiel er ihm – er hatte ihn nicht selbst ersonnen, sondern irgendwo gelesen. – Es schien, als ob ihm jetzt, da er jede Hoffnung auf Mariannen’s Gegenliebe verloren, Nichts mehr des Bedauerns werth sei und es ihm nur darauf ankomme, wie man rascher zur »That« schreite. Er sprach in kurzen, abgebrochenen Sätzen, scharf und ohne Verstellung, einfach und von Zorn ergriffen; die blassen Lippen stießen die gewichtigen Worte stets in derselben einförmigen Weise hervor: so klang seine Rede wie das kurzathmige Gebell eines alten bösen Hofhundes. Er äußerte, daß er die Bauern und die Fabrikarbeiter der Umgegend sehr gut kenne, und daß man unter ihnen sehr brauchbare Leute finde, wie z. B. den Jeremei aus Golopljok – die gleich Alles zu thun bereit seien, was man von ihnen verlange. Auf diesen Jeremei aus dem Dorfe Golopljok kam er immer wieder von Neuem zurück. Dabei schlug er bei jedem zehnten Wort mit der rechten Hand auf den Tisch – nicht mit der flachen Hand, sondern mit dem unteren Rande derselben, – während er zugleich mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand in die Luft hieb. Diese behaartem mageren Hände, dieser – Finger, diese dumpfe Stimme, diese feurigen Augen – es war unheimlich. Während der Fahrt hatte Markelow nur wenig mit Neshdanow gesprochen, jetzt lief ihm die Galle über. Maschurina und Ostrodumow drückten oft durch ein Lächeln, durch einen Blick, durch einen kurzen Ausruf ihren Beifall aus, mit Neshdanow aber war etwas wie ein Wunder vorgegangen. Anfangs hatte er zu widersprechen versucht und auf die verderblichen Folgen der Eilfertigkeit verfrühter, unbedachter Handlungen hingewiesen; er war namentlich darüber erstaunt, daß Alles schon bestimmt und beschlossen sei, daß gar keine Zweifel ausstiegen, daß es für unnütz befunden wurde, die Verhältnisse zu überdenken oder nach den Wünschen des Volkes zu forschen . . . Dann aber kam es plötzlich über ihn, als ob alle Lebensfibern in ihm, auf’s Höchste gespannt, erzitterten und wie in größter Verzweiflung, mit Thränen der Wuth in den Augen, begann auch er, mehr schreiend als sprechend, in demselben Sinne zu reden wie Markelow, und ging noch weiter als Dieser. Was ihn hierzu antrieb – ist schwer zu sagen: war es Reue, weil er in der letzten Zeit so wenig für die Sache gethan, war es Aerger über sich selbst oder über die Anderen, das Verlangen, irgend einen tief im Herzen nagenden Wurm zu betäuben, der Wunsch endlich, sich vor den neuangekommenen Emissaren auszuzeichnen – oder waren es wirklich Markelow’s Worte, die sein Blut in Wallung gebracht, konnte der Eindruck derselben in der That so gewaltig gewesen sein?
So ging die Unterhaltung fort bis der Morgen zu grauen begann; während Maschurina und Ostrodumow wie angewurzelt auf ihren Plätzen saßen, waren Markelow und Neshdanow aufrecht geblieben. Markelow stand die ganze Zeit unbeweglich auf einer und derselben Stelle wie eine Schildwache; Neshdanow aber ging ungleichen Schrittes auf und ab. Man sprach über die Maßregeln, die man ergreifen müsse, über die zu Gebote stehenden Mittel, über die Aufgabe, die ein Jeder auf sich zu nehmen habe; man ordnete die Flugschriften, die ausländischen Broschüren, die einzelnen Bogen, und band sie in kleine Packete zusammen; dann kam die Rede auf den Raskolnik Goluschkin, einen höchst zuverlässigen, wenn auch ungebildeten Kaufmann, ferner auf einen gewissen Kissljakow, einen jungen kenntnißreichen Propagandisten, der jedoch ein wenig zu flink und auch zu eingebildet sei; Ssolomins Name wurde gleichfalls genannt. . .
– Ist das jener Ssolomin, der eine Papierfabrik leitet? – fragte Neshdanow, sich der jüngst bei Tisch geäußerten Worte Ssipjagin’s erinnernd.
– Derselbe, – antwortete Markelow; – Sie müssen, ihn kennen lernen; wir haben ihn noch nicht durchschaut, aber er ist – ein tüchtiger, sehr tüchtiger Mensch!
Dann erschien noch ein Mal der Jeremei aus Golopljok, in Begleitung Cyrill’s aus dem Ssipjagin’schen Hause und eines gewissen Mendelei; auf diesen Mendelei könne man sich jedoch nicht verlassen: Muth habe er nur, so lange er nüchtern; wenn er getrunken, sei er ein Feigling, – er war aber immer betrunken.
– Nun, und Ihre eigenen Bauern? – fragte Neshdanow, – sind zuverlässige Leute darunter?
Markelow bejahte die Frage, ohne jedoch irgend einen zu nennen – und begann von den städtischen Kleinbürgern und Seminaristen zu sprechen, die übrigens deshalb ganz besonders von Werth seien, weil sie sich durch physische Kraft auszeichnen – wenn sie mit den Fäusten zu agiren anfangen, so fühlt man’s! – Neshdanow erkundigte sich, nach den Adligen. Markelow erwiederte, daß man wohl auf fünf bis sechs junge Männer rechnen könne; darunter befinde sich auch ein Deutscher – und der sei der radikalste von Allen; aber natürlich, auf die Deutschen ist ja kein Verlaß . . . Die betrügen und verschachern Einen sofort! – Uebrigens dann muß man noch abwarten, was Kissljakow für Nachrichten bringt! – Neshdanow erkundigte sich ferner nach dem Militär. Hier stockte Markelow, ließ seine Finger durch den langen Backenbart gleiten und erklärte endlich, daß er bis jetzt – nichts Gewisses darüber mittheilen könne . . . Vielleicht, daß man von Kissljakow etwas erfahre.
– Wer ist denn dieser Kissljakow? – rief Neshdanow ungeduldig.
Markelow lächelte bedeutungsvoll und sagte, daß er ein Mensch sei . . . ein solcher Mensch. . .
– Ich kenne ihn übrigens nur wenig, – fügte er hinzu, – da ich ihn nur zwei Mal gesehen, aber was er für Briefe schreibt, was für Briefe! Ich werde sie Ihnen zeigen . . . Sie werden staunen! ich sage Ihnen – das reine Feuer! Und welche Thätigkeit! Fünf oder sechs Mal hat er ganz Rußland kreuz und quer durchreist . . . und hat auf jeder Station einen Brief geschrieben – zehn, ja zwölf Seiten lang!!
Neshdanow blickte fragend auf Ostrodumow. Dieser saß wie leblos da. Ein bitteres Lächeln spielte um die Lippen Maschurina’s – aber auch sie blieb stumm! Neshdanow versuchte die Rede auf Markelow’s sozialistische Pläne zu bringen, – in Beziehung auf die Gutsverwaltung . . . aber da mischte sich Ostrodumow ein.
– Es verlohnt nicht der Mühe darüber zu sprechen! – bemerkte er, – es bleibt sich ja gleich – man wird später doch Alles umgestalten müssen!
Man kam in der Unterhaltung wieder auf das politische Gebiet zurück. Ein geheimer Wurm schien noch immer am Herzen Neshdanow’s zu nagen, aber je mehr er dies Nagen empfand, desto lauter und rücksichtsloser wurde seine Rede. – Er hatte im Ganzen nur ein Glas Bier getrunken, aber es war ihm, als ob er berauscht sei – sein Kopf drehte sich, krampfhaft pochte sein Herz. Als man endlich um vier Uhr Morgens auseinanderging und ein Jeder, an dem im Vorzimmer schlafenden, zur Bedienung gehörenden Knaben vorbei, seinen Winkel aufsuchte, stand Neshdanow, bevor er sich niederlegte, noch lange, mit starr auf den Boden gehefteten Augen, sinnend da. Er glaubte noch immer den weherfüllten, herzbeklemmenden Ton zu vernehmen, der aus Markelows Worten klang. Dieser Mensch mußte die Kränkungen, die er erduldet, auf’s Tiefste empfinden, er mußte leiden, alle seine Hoffnungen aus persönliches Glück waren zerstört – und doch, wie vergaß er Alles, wie gab er sich voll und ganz Dem hin, was ihm als Wahrheit erschien! Ein beschränkter Geist, sagte Neshdanow . . . Aber ist es denn nicht hundert Mal besser beschränkt zu sein, als so wie . . . wie ich?!
Da erhob sich aber der Stolz in ihm gegen die eigene Herabwürdigung.
»Woher denn? Bin ich denn nicht auch im Stande mein Leben zu opfern? Wartet nur . . . Und auch Du wirst Dich mit der Zeit überzeugen, Paklin, daß ich, wenn ich auch ein Aesthetiker bin, wenn ich auch dichte . . . «
Ergrimmt warf er mit den Zähnen knirschend das Haar zurück, riß sich eilig die Kleider vorn Leibe und sprang in das kalte, feuchte Bett.
– Gute Nacht! – ertönte die Stimme Maschurina’s hinter der Thür, – ich bin Ihre Nachbarin.
– Gute Nachts – antwortete Neshdanow, wobei es ihm einfiel, daß ihre Augen während des ganzen Abends unverwandt auf ihn gerichtet gewesen waren.
– Was will sie von mir? – flüsterte er vor sich hin – und schämte sich plötzlich. Wenn ich doch schneller einschlafen könnte!
»Es war jedoch schwer, die aufgeregten Nerven zur Ruhe zu zwingen . . . Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sich endlich ein bleierner, genußloser Schlaf auf die ermüdeten Lider senkte.
Als Neshdanow am andern Morgen spät erwachte, schmerzte ihm der Kopf. Er erhob sich, kleidete sich an, trat an das Fenster des Erkerstübchens, und sah, daß Markelow eigentlich gar keine geregelte Wirthschaft besaß. Das kleine Wohnhaus stand auf einem freien Platze unweit des Espenhaines; ein kleiner Speicher, ein Stall, ein Eiskeller, eine Hütte mit einem halbzerfallenen Strohdach erhoben sich auf der einen Seite, auf der anderen befand sich ein winziger Teich, daneben ein Gemüsegarten, ein Hanffeld und eine zweite Hütte, gleichfalls mit einem halbzerfallenen Strohdach; in der Ferne – eine Getreidedarre; eine Dreschtenne und eine leere Scheuer – das war der ganze sich den Blicken darbietende »Segen« des Gutes. Alles schien so ärmlich, so hinfällig – nicht verfallen oder vernachlässigt – sondern, als ob es gleichsam nie Blüthen treiben könnte, wie ein Bäumchen, das schlecht Wurzel gefaßt. Neshdanow ging nach unten. Im Eßzimmer saß Maschurina bei der Theemaschine, und schien ihn erwartet zu haben. Sie sagte ihm, daß Ostrodumow schon fort sei, und erst nach zwei Wochen zurückkehren werde, der Hausherr aber sich mit den Arbeitern plage. Da der Mai bereits zu Ende ging und sonst keine dringende Arbeit vorhanden war, hatte Markelow beschlossen, ein kleines Birkenwäldchen mit eigenen Arbeitskräften abzuholzen und sich schon am frühen Morgen dahin begeben.
Neshdanow fühlte sich seltsam abgespannt. Man hatte am Abend so viel von der Unmöglichkeit, noch länger zu zaudern, gesprochen, davon, daß man jetzt nur »vorzugehen« hätte. Vorgehen – aber wie? wohin? und weshalb denn gleich? – Maschurina zu fragen wäre vergebens gewesen: sie kannte keine Zweifel; was sie zu thun habe war ihr klar – nämlich: nach K. zu fahren, weiter reichte ihr Blick nicht. Neshdanow wußte nicht, was er ihr sagen sollte, nahm, nachdem er getrunken, seine Mütze und schlug die Richtung zum Birkenwäldchen ein. Unterwegs kamen ihm einige Bauern entgegen, frühere Leibeigene Markelow’s, welche eben von der Düngung ihrer Felder heimkehrten. Neshdanow ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein . . . brachte aber nichts aus ihnen heraus. Sie schienen gleichfalls abgespannt – aber es war ein Gefühl gewöhnlicher, physischer Abspannung und dem seinigen durchaus unähnlich – Ihr früherer Gutsherr, sagten sie, sei ein einfacher, aber etwas wunderlicher Herr; sie hätten ihm vorausgesagt, daß er sich zu Grunde richten werde, denn er wolle sich nicht mehr an die alte Ordnung halten und Alles auf seine Weise einrichten, nicht so wie die Väter es hielten. Und dann spricht er auch oft so wunderbar – es ist ganz, ganz unmöglich zu verstehen, was er denn eigentlich haben will! – aber gut ist er, herzensgut! – Neshdanow ging weiter und stieß denn auch bald auf Markelow.
Dieser war von einer ganzen Schaar von Arbeitern umgeben. Schon aus der Ferne sah Neshdanow, wie er ihnen etwas erklärte, auseinandersetzte – und sich dann mit einer ungeduldigen Handbewegung abwandte, da sie ihn offenbar nicht zu verstehen schienen! Neben ihm stand der Aufseher, ein junger Mann mit schwachen Augen, dessen Haltung und Physiognomie gewiß keine Achtung einzuflößen vermochten. Zum Aerger seines Herrn, der ihm größere Selbstständigkeit zugetraut hatte, wiederholte dieser Aufseher beständig: »Wie Sie befehlen!« Neshdanow trat zu Markelow heran, und bemerkte auf seinem Antlitz den Ausdruck derselben Abspannung, die auch er empfand. Sie begrüßten sich; Markelow fing gleich wieder an – freilich nur in kurzen Worten – über die gestrigen »Fragen« zu sprechen, über die Veränderungen, die bald eintreten würden; der Ausdruck der Abspannung wollte ihm jedoch nicht vom Antlitz weichen. Er war ganz in Schweiß und mit Staub überdeckt; Hobelspäne und grüne Moosfäden hingen an seinen Kleidern – die Stimme war heiser . . . Die Arbeiter, die ihn umgaben, schwiegen: die Einen schienen eingeschüchtert, während Andere den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzogen . . . Neshdanow sah Markelow an und erinnerte sich plötzlich der Worte Ostrodumow’s: »es bleibt sich ja gleich – man wird später doch Alles umgestalten müssen!« Einer, von den Arbeitern, der sich Etwas hatte zu Schulden kommen, lassen, näherte sich Markelow und bat, ihm die Strafe zu erlassen . . . Markelow fuhr zuerst zornig auf, und schrie ihn wüthend an – dann verzieh er ihm . . . »Es bleibt sich gleich – man wird später doch Alles umgestalten müssen! . . .« Neshdanow ersuchte ihn um Pferde und Equipage zur Rückfahrt; Markelow schien darüber erstaunt, erwiderte aber, daß gleich Alles bereit sein werde.
Sie machten sich zusammen auf den Weg nach Hause . . . Marielow war so matt, daß er nur schwankenden Schrittes neben Neshdanow einhergehen konnte.
– Was ist Ihnen? – fragte ihn dieser.
– Ich bin todtmüde!! – rief Markelow voll Ingrimm aus. – Man mag mit diesen Leuten sprechen, wie man will, sie verstehen doch nichts, und thun auch nicht, was ihnen befohlen wird . . . Kennen nicht einmal die russische Sprache. – Das Wort »Antheil« ist ihnen wohlbekannt . . . aber »theilnehmen« . . . Was heißt das: theilnehmen? Sie begreifen es nicht! Es war Markelow eingefallen, den Bauern das Prinzip der Genossenschaften zu erklären und dieselben bei sich einzuführen – sie aber widerstrebten. Einer unter ihnen hatte bei dieser Gelegenheit sogar gesagt: »Die Grube war tief . . . jetzt ist aber auch der Grund nicht zu sehen . . .« und die Uebrigen Alle hatten sogleich tief aufgeseufzt – was Markelow vollends entmuthigte.
Als sie das Haus betraten, entließ er sein Gefolge und traf die nöthigen Anordnungen für die Fahrt – und zu einem Frühstück. Die Dienerschaft seines Hauses bestand aus einem aufwartenden Knaben, einer Köchin, einem Kutscher und einem uralten Diener mit behaarten Ohren, in einem langen, aus einem wollähnlichen Zeuge verfertigten Rock – einem früheren Kammerdiener seines Großvaters. Dieser Greis sah beständig mit tiefer Wehmuth auf seinen Herrn, that übrigens gar nichts, und war wohl auch schwerlich im Stande, irgend etwas zu thun, obgleich er, auf dem Geländer der Freitreppe kauernd, stets zugegen war.
Nachdem sie ein aus hart gesottenen Eiern, Strömlingen und kalter Kwaßsuppe mit Fleisch und Gurken bestehendes Frühstück eingenommen – der Senf wurde in einem Pomadennäpfchen, der Essig in einer Eau-de-Cologne-Flasche gereicht – setzte sich Neshdanow in denselben Tarantaß, in welchem er gekommen war; statt der drei Pferde waren jetzt nur zwei vorgespannt: das dritte war schlecht beschlagen worden und hinkte. Während des Frühstücks sprach Markelow sehr wenig, aß auch nicht und athmete mit Anstrengung . . . ließ ein paar bittere Worte über seine Gutswirthschaft fallen – und schlug mit der Hand in die Luft . . . »Es bleibt sich gleich – man wird später doch Alles umgestalten müssen!« . . . Maschurina bat Neshdanow, sie bis zur Stadt zu bringen; – zurück kann ich auch zu Fuß kommen – oder mich zu irgend einem Bauern in den Karren setzen. – Während er sie in den Flur geleitete, bemerkte Markelow, daß er in kurzer Zeit wieder nach Neshdanow schicken werde – und dann . . . dann – er ermannte sich und wurde lebhaft – dann müsse Alles endgültig besprochen und bestimmt werden; Ssolomin werde dann ebenfalls kommen; er, Markelow, warte nur noch auf Nachrichten von Wassili Nikolajewitsch – und dann sei nur noch das Eine zu thun: sogleich »vorzugehen« – da das Volk – dasselbe Volk, welches das Wort »theilnehmen« nicht verstehen konnte – da das Volk nicht mehr warten wolle!
– Sie wollten mir noch einige Briefe zeigen: von diesem . . . wie hieß er doch? . . . Kissljakow? – fragte Neshdanow.
– Später . . . später, – sagte Markelow eilig. – Ich zeige sie Ihnen nächstens.
Der Tarantaß setzte sich in Bewegung.
– Halten Sie sich bereit! – ertönte Markelow’s Stimme zum letzten Mal. Er stand auf dem Flur – neben ihm, immer mit demselben wehmüthigen Blick, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen, den gekrümmten Körper so gut es ging emporstreckend und einen Geruch von Schwarzbrod, vermischt mit der Ausdünstung seines Rockes um sich verbreitend – ohne etwas zu hören – der »Diener par excellence« – der altersschwache Kammerdiener seines Großvaters.
Schweigend saß Maschurina neben Neshdanow und rauchte ihre Cigarette. Erst als sie in die Nähe des Schlagbaums kamen, entrang sich ihrer Brust ein tiefer Seufzer.
– Ssergei Michailowitsch ist doch sehr zu bedauern! – sagte sie – und ihr Gesicht verfinsterte sich.
– Er macht sich viel zu schaffen, – bemerkte Neshdanow, – wie es scheint, geht’s mit der Wirthschaft auf dem Gut nicht besonders.
– Nicht deshalb bedauere ich ihn.
– Weshalb denn?
– Weil er ein unglücklicher Mensch ist, dem nichts gelingen will! . . . Wer kann denn besser sein . . . und doch! Es geht nicht!
Neshdanow sah seine Reisegefährtin an.
– Ist Ihnen vielleicht Etwas bekannt?
– Mir ist nichts bekannt . . . aber es fühlt das ein Jeder und schließt von sich aus. Leben Sie wohl, Alexei Dmitritsch.
Maschurina stieg aus dem Tarantaß. Eine Stunde darauf war Neshdanow im Hof des Ssipjagin’schen Hauses. – Er fühlte sich unwohl . . . Die Nacht hatte er ohne Schlaf verbracht und dann – diese Gespräche . . . diese Reden. . .
Ein schönes Frauenantlitz neigte sich aus dem Fenster und lächelte ihm freundlich zu. . . Es war Frau Ssipjagin, die ihn begrüßte.
»Was sie für Augen hat!« dachte er.
Zwölftes Capitel
Am Mittagstisch saßen viele Gäste – und das Getümmel nach dem Essen benutzend, gelang es Neshdanow, auf sein Zimmer zu entschlüpfen. Er wollte allein sein, um in das Chaos der Eindrücke seiner Fahrt Klarheit zubringen. Während des Mittags hatte ihn Valentine Michailowna einige Mal aufmerksam angeblickt, aber nicht die Möglichkeit finden können, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, Marianne dagegen schien gewissermaßen verlegen und ihm, m Folge der unerwarteten Scene, über welche Neshdanow so in Erstaunen gerathen war, aus dem Wege gehen zu wollen, Neshdanow ergriff die Feder: er wollte seinem Freunde Ssilin schreiben, ihm seine Gedanken mittheilen – aber es war ihm unklar, was er dem Freunde sagen sollte; es war ein solches Wirrsal von einander widersprechenden Gedanken und Empfindungen in seinem Kopfe, daß er es nicht einmal versuchen mochte, dieselben zu ordnen, und den Brief erst am folgenden Tage zu schreiben beschloß. Unter den Gästen befand sich auch Kallomeyzew; er war noch nie so hochmüthig und so aristokratisch anmaßend gewesen, wie an diesem Tage; sein Gerede blieb jedoch ohne Wirkung auf Neshdanow, dieser hörte gar nicht auf ihn. Neshdanow erschien Alles wie im Nebel, der die ganze übrige Welt verhüllte und von ihm trennte; es schimmerten durch das trübe Grau desselben seltsamer Weise nur drei Gestalten – drei Frauengestalten – die ihn aus den fest auf ihn gerichteten Augen hartnäckig ansahen. Es waren dies: Valentine Ssipjagin, Maschurina und Marianne. Was sollte das bedeuten? Und woher eben diese drei Gestalten? Was hatten sie mit einander gemein? Und was wollten sie von ihm?
Er begab sich früh zu Bette – konnte jedoch nicht einschlafen. Allerlei Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf – nicht eigentlich traurige, aber finstere, »graue« Gedanken . . . über das unvermeidliche Ende, über den Tod. – Sie waren ihm nicht neu. Hin und her sinnend, schauderte er bald vor der Wahrscheinlichkeit des endlichen Nichts zusammen, bald begrüßte er sie wieder in fast freudig gehobener Stimmung. Endlich kam ein Gefühl besonderer, ihm wohlbekannter Erregung über ihn. . . Er erhob sich, setzte sich an den Schreibtisch, und schrieb, nachdem er ein wenig nachgedacht, fast ohne etwas daran zu ändern, folgendes Gedicht in sein geheimes Heft:
Tritt der Tod an mich heran,
Lieber Freund, – so ist mein Wille:
Wirf’ in’s Feuer Du sodann
Meiner Schreibereien Fülle!
Blumen trage her zu mir,
Laß mich seh’n der Sonne Strahlen,
Musikanten schaff zur Thür —
Mag ihr lautes Spiel erschallen!
Nicht der Trauer stiller Sang,
Nein, des Walzers tolle Weise,
In der Geigen scharfem Klang,
Töne wie zu Festes Preise!
Dann, der stummen Saite gleich,
Die erzitternd sanft verklinget,
Geh’ ich ein in’s Todtenreich!
Und im letzten Kampf entringet
Dann sich auch kein Schrei der Brust,
Und mich wiegend auf den Tönen,
Noch umrauscht von Erdenlust,
Still entschweb’ ich ohne Sehnen. . .
Als er das Wort »Freund« niederschrieb, dachte er an Ssilin. Er las das Gedicht mit halblauter Stimme durch – und erstaunte über die Worte, die ihm aus der Feder geflossen. Dieser Skeptizismus, dieser Gleichmuth, diese leichtsinnige Ungläubigkeit – wie vertrug sich das Alles mit seinen Prinzipien, damit, was er bei Markelow gesprochen? – Er schleuderte das Heft in die Schieblade des Tisches, und legte sich nieder, schlief jedoch erst gegen Morgen ein, als bereits die ersten Lerchen vorn weißlichen Himmel zu schmettern begannen.
Am andern Morgen – er saß, nachdem er soeben seine erste Stunde gegeben, im Billardzimmer – trat plötzlich Valentine Michailowna herein, blickte sich um und rief ihn mit einem freundlichen Lächeln in ihr Kabinet. Sie war in einem leichten, sehr einfachen und netten Sommerkleide; die mit Tüllkrausen besetzten Aermel reichten nur bis zu den Ellenbogen, um die schlanke Taille war ein breites Band geschlungen, das üppige Haar fiel in dichten Locken auf den Hals. Alles an ihr athmete herzgewinnende, zarte, ermunternde Freundlichkeit – Alles: der gedämpfte Glanz der halbgeschlossenen Augen, die weiche Lässigkeit der Stimme, der Bewegungen, sogar des Ganges. Frau Ssipjagin führte Neshdanow in ihr gemüthliches, reizendes Kabinet, das wie durchtränkt schien von dem Duft der Blumen und wohlriechendem Wasser, von der reinen Frische weiblicher Kleidung, weiblichen Aufenthalts. Sie bot ihm einen Lehnstuhl, in den er sich niederließ, setzte sich neben ihn und drang nun in ihn, ihr zu erzählen, wie seine Fahrt abgelaufen, wie Markelow auf seinem Gute lebe und wie es ihm dort ergehe – und wie umsichtig stellte sie ihre Fragen, wie milde, wie gut! Aus ihren Worten sprach innige Theilnahme für ihren Bruder, dessen sie sonst in Neshdanows Gegenwart nie Erwähnung gethan; aus einigen ihrer Aeußerungen konnte man schließen, daß ihr Markelows Neigung für Mariannen nicht entgangen; es schien sie zu betrüben . . . obgleich es freilich unklar blieb, was sie eigentlich betrübte – daß Marianne nicht im Stande war, Markelow’s Liebe zu erwidern – oder daß seine Wahl auf ein im Grunde ihm fremdes Wesen gefallen? Offenbar war es ihr aber namentlich darum zu thun, Neshdanow’s Vertrauen zu erwecken, ihn an sich zu gewöhnen, ihn zu zwingen, ihr gegenüber die scheue Zurückhaltung fallen zu lassen. Valentine Michailowna stellte sich, als ob sie ihm ein klein wenig zürne, weil er sich eine ganz falsche Vorstellung von ihr gemacht.
Neshdanow hörte ihr zu, blickte auf ihre Hände, Schultern, und warf zuweilen einen flüchtigen Blick aus die rosigen Lippen, auf das ruhig herabwallende Haar. Anfangs beantwortete er ihre Fragen sehr kurz und gemessen; es drückte ihn das Gefühl einer gewissen Beklemmung im Halse und in der Brust allmählich aber wich diese Empfindung einem andern, zwar noch immer beunruhigenden Gefühle, das aber doch nicht ohne eine gewisse Süßigkeit war; er hatte es sich nicht träumen lassen, daß eine so bedeutende und schöne Frau, eine so vornehme Dame, jemals an ihm, dem einfachen Studenten, ein Interesse finden könnte; sie aber, sie interessirte sich nicht allein für ihn – sie schien ihm sogar gefallen zu wollen. Neshdanow fragte sich in Gedanken, wozu sie das thue, und fand keine Antwort; er bedurfte derselben übrigens auch nicht. Frau Ssipjagin begann von Kolja zu sprechen; sie versicherte Neshdanow, daß sie eben nur deshalb gegenseitige Annäherung wünsche, um mit ihm eingehend über ihren Sohn sprechen zu können, um überhaupt seine Gedanken über die Erziehung der russischen Kinder kennen zu lernen. Auffallend war es freilich, daß dieser Wunsch so plötzlich in ihr aufgestiegen . . . Aber der Schwerpunkt des Gesprächs lag nicht in den Worten, die aus ihrem Munde flossen, sondern es war in ihrem Innern, gleichsam von sinnlichem Impuls getrieben und angehaucht, das Verlangen erwacht, diesen ungefügen Geist zu bezwingen, ihn zu ihren Füßen liegen zu sehen . . .
Valentine Michailowna war die Tochter eines geistig sehr beschränkten und nichts weniger als energischen Generals mit dem Stern und der Verdienst-Schnalle für fünfzigjährigen Staatsdienst – und einer höchst verschmitzten Kleinrussin, die, wie so viele ihres Volksstammes, ein treuherziges, fast einfältiges Aeußere besaß und daraus sehr gut Vortheil zu ziehen verstand. Die Eltern Valentine Michailowna’s waren unbemittelt: trotzdem kam sie in das Erziehungsinstitut des Ssmolnaer Klosters; obgleich man sie dort eine Republikanerin nannte, war sie doch sehr angesehen, da ihr Fleiß und ihr Benehmen musterhaft waren. Nachdem sie die Anstalt verlassen, bezog sie mit ihrer Mutter – ihr Bruder hatte sich auf das Gut zurückgezogen, ihr Vater, der General mit dem Stern und der Verdienst-Schnalle, war bereits todt – ein sauberes, aber sehr ärmliches und kaltes Quartier: man sah, wie der beim Sprechen dem Munde entströmende Hauch in der Luft sich verdichtete. Valentine Michailowna versicherte lachend, daß es so sei – »wie in der Kirche« Sie ertrug voll Muth und Ausdauer die Unzulänglichkeiten ihres armen, gedrückten Lebens: – sie hatte einen merkwürdig ruhigen, gleichmäßigen Charakter. Mit Hilfe der Mutter gelang es ihr, allerlei Verbindungen und Bekanntschaften anzuknüpfen: überall, sogar in den höchsten Kreisen, wurde von ihr als von einem sehr hübschen, sehr gebildeten und höchst sittsamen Mädchen gesprochen. Valentine Michailowna hatte viele Freier: ihre Wahl fiel auf Ssipjagin, und es war ihr ein Leichtes, ihn in kurzer Zeit zu bezaubern und ganz für sich einzunehmen. . . Ssipjagin sah übrigens bald ein, daß er keine bessere Frau hätte finden können. Sie war klug, mehr gut, als schlecht . . . im Grunde kalt und unempfindlich . . . und es war für sie undenkbar, daß ihr gegenüber Jemand gleichgültig bleiben könne. Im ganzen Wesen von Valentine Michailowna lag jene besondere Anmuth, die den »liebenswürdigen« Egoisten eigen ist: weder Poesie, noch Innigkeit, dafür aber eine gewisse Milde, Sympathie und sogar – Zärtlichkeit. Es ist jedoch nicht gut, diesen anziehenden Egoisten zu widersprechen: sie lieben zu herrschen, und dulden keine andere Selbstständigkeit neben sich. Frauen, wie Valentine Ssipjagin, sind geschaffen, um unerfahrene und leidenschaftliche Menschen zu reizen und zu erregen; sie selbst lieben im Leben Ruhe und Regelmäßigkeit. Tugendhaft zu bleiben fällt ihnen nicht schwer – ihr Gleichmuth ist unerschütterlich; das jedoch beständige rege Verlangen zu herrschen, zu fesseln, zu gefallen verleiht diesen Charakteren Frische und Glanz; ihr Wille ist fest und stark, und in diesem festen Willen liegt zum Theil auch der gewaltige Zauber ihrer Macht. Es ist schwer, ihnen zu widerstehen, wenn über diesen klaren, unentweihten Wesen leise Sinnesgelüste, raschen Funken gleich, hin und her zucken; es ist, als müßte sogleich der Augenblick kommen, wo das Eis schmelzend zergeht; aber das helle Eis treibt nur ein Spiel mit den warmen Strahlen, und nie wird es schmelzen, nie sich trüben!
Valentine Michailowna scheute nicht die Koquetterie: sie wußte recht gut, daß sie für sich selbst nichts zu fürchten brauche. Aber zu sehen, wie fremde Augen sich bald verdüstern, bald von Neuem erglänzen, wie fremde Wangen in Verlangen und Furcht entbrennen, wie eine fremde Stimme bebt und stockt, wie ein fremdes Gemüth seine Seelenruhe einbüßt – das war so süß! Wie lustig war es, spät in der Nacht aller jener aufgeregten Worte, Blicke, Seufzer zu gedenken! Mit welch’ zufriedenem Lächeln zog sie sich dann im Bewußtsein ihrer Unzugänglichkeit, ihrer Unerreichbarkeit in sich selbst zurück, oder empfing mit herablassender Miene die erlaubten Liebkosungen ihres wohlerzogenen Gemahls! In dieser angenehmen Gefühlserregung geschah es wohl zuweilen, daß sie gerührt erschien und ein gutes Werk zu vollbringen, ihrem Nächsten zu helfen im Stande war . . . Sie hatte einst ein kleines Armenhaus begründet, als ein bis zum Wahnsinn in sie verliebter Gesandtschafts-Sekretär sich den Hals abzuschneiden versuchte! Sie betete für ihn, obgleich sie schon in ihrer Kindheit wenig religiöses Gefühl gezeigt hatte.
So trieb sie es also auch mit Neshdanow und gab sich alle erdenkliche Mühe, seinen Widerstand zu brechen und ihn zu unterwerfen. Sie zog ihn zu sich heran, sie öffnete ihm gleichsam ihr Herz, und sah mit freundlicher Neugierde, mit halbmütterlicher Zärtlichkeit, wie dieser durchaus nicht häßliche, interessante und rauhe Republikaner ihr langsam und ungeschickt entgegenkam. Morgen, nach einer Stunde, nach einer Minute wird Alles spurlos verschwunden sein, aber jetzt, im Augenblick ist es ihr so freudig, so lustig zu Muthe – und doch wieder ein wenig ängstlich, ja sogar traurig. Seine Kindheit und Vergangenheit nicht zu kennen vorgebend und dessen eingedenk, daß eine solche Aufmerksamkeit von fremd und einsam dastehenden Menschen sehr hoch geschätzt wird, begann Valentine Michailowna ihn um die Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend, um seine Familie zu befragen . . . Aber aus Neshdanow’s verwirrten und herben Worten errathend, daß sie einen falschen Ton angeschlagen, versuchte Valentine Michailowna den Fehler wieder gut zu machen, indem sie noch freundlicher, noch offener wurde. . . . So öffnet im Sommer die ausgeblühte Rose in der Mittagsgluth ihre duftigen Blumenblätter, welche sich bald in der kräftigenden Kühle der Nacht von Neuem schließen werden.
Es gelang ihr jedoch nicht, ihren Fehler gut zu machen. An einer wunden Stelle berührt, war es jetzt Neshdanow unmöglich, ihr mit dem früheren Vertrauen entgegenzukommen. Jenes bittere Etwas, das auf dem Grunde seiner Seele ruhte, regte sich wieder; der demokratische Argwohn erwachte in ihm mit erneuter Kraft. Er machte sich bittere Vorwürfe: »nicht deswegen bin ich hergekommen,« – dachte er und es fielen ihm die ironischen Bemerkungen Paklin’s ein. . . Er benutzte den ersten freien Moment, als eine Stockung in der Unterhaltung eintrat, erhob sich, machte eine linkische Verbeugung – und verließ »sehr dumm« das Zimmer, wie unwillkürlich beim Hinaustreten seinen Lippen entfuhr.
Seine Verwirrung war Valentine Michailowna nicht entgangen . . . aber nach dem Lächeln zu urtheilen, mit dem sie ihm nachblickte, hatte sie diese Verwirrung in einer ihr persönlich günstigen Weise gedeutet.
Im Billardzimmer stieß Neshdanow auf Marianne. Sie stand mit gekreuzten Armen, den Rücken an das Fenster gelehnt, unweit der Kabinetsthür. Ihr Gesicht war fast ganz im Schatten, die kecken Augen blickten ihn jedoch so fragend, so tief an, die zusammengepreßten Lippen drückten so viel Verachtung, so viel beleidigendes Bedauern aus, daß er befangen stehen blieb. . .
– Wollten Sie mir etwas sagen? – fragte er fast unwillkürlich.
– Nein . . . oder ja, ich will. Nicht jetzt jedoch.
– Wann denn?
– Warten Sie ein wenig. Vielleicht – morgen; vielleicht auch – niemals. Ich weiß doch eigentlich gar nicht – was Sie für ein Mensch sind!
– Allein, begann Neshdanow, – mir hat es doch geschienen . . . daß zwischen uns . . .
– Sie kennen mich aber gar nicht, – unterbrach ihn Marianne. – Warten Sie. Morgen vielleicht. Jetzt muß ich zu meiner . . . Herrin. Bis auf morgen!
Neshdanow machte einige Schritte zur Thür, kehrte jedoch plötzlich um.
– Ach ja! Marianne Wikentjewna . . . ich wollte Sie immer fragen, ob Sie mir nicht erlauben würden, mit Ihnen die Schule zu besuchen, – ich möchte sehen, wie Sie dort unterrichten.
– Kommen Sie . . . Ich wollte aber nicht von der Schule mit Ihnen sprechen.
– Wovon denn?
– Morgen, – wiederholte Marianne.
Trotz ihres Vorsatzes fand die Unterredung doch noch am selben Abend statt, – in einer von den Lindenalleen, die unweit der Terrasse ihren Anfang nahmen.
Dreizehntes Capitel
Marianne selbst trat zu ihm heran.
– Herr Neshdanow, – begann sie hastig – Valentine Michailowna hat Sie wohl ganz bezaubert!
Ohne eine Antwort abzuwarten, bog sie in die Allee ein; Neshdanow folgte ihr.
– Woraus schließen Sie das? – fragte er nach einer Pause.
– Oder nicht? Dann hat sie ihre Mittel schlecht benutzt. Ich stelle es mir lebhaft vor, wie geschäftig sie war, wie sie ihre kleinen Netze auswarf!
Neshdanow blieb stumm und warf einen verwunderten Seitenblick auf die seltsame Nachbarin.
– Hören Sie, – fuhr sie fort, – ich will offen sein: ich liebe Valentine Michailowna nicht – und Sie wissen das sehr gut. Es könnte Ihnen scheinen, daß ich ungerecht bin . . . denken Sie sich aber . . .
Marianne versagte die Stimme. Sie erröthete, sie gerieth in Wallung . . . Wenn sie aufgeregt war, nahm es immer den Anschein, als ob sie zürnte.
– Sie fragen sich wahrscheinlich, – begann sie von Neuem, – wozu erzählt mir das Fräulein da alle diese Sachen? Dasselbe haben Sie wohl gedacht, als ich Ihnen die Nachricht mittheilte . . . wegen des Herrn Markelow? Sie beugte sich plötzlich zur Erde, riß einen kleinen Pilz heraus, zerbrach ihn und warf ihn bei Seite.
– Sie irren sich, Marianne Wikentjewna – entgegnete Neshdanow, – ich habe im Gegentheil gedacht, daß Sie Vertrauen zu mir haben – und das war mir sehr angenehm.
Neshdanow hatte nicht ganz die Wahrheit gesagt: dieser Gedanke war ihm jetzt erst gekommen.
Marianne schaute zu ihm auf. Bis dahin war sie mit abgewandtem Gesicht neben ihm hergegangen.
– Nicht daß Sie mir Vertrauen einflößten, – sagte sie: – Ich kenne Sie ja noch nicht. – Aber Ihre Lage – und die meinige – sind einander ähnlich. Wir sind Beide gleich unglücklich; das eben ist es, was uns verbindet.
– Sie sind unglücklich? – fragte Neshdanow.
– Und Sie nicht?
Neshdanow schwieg.
– Kennen Sie meine Lebensgeschichte? – fuhr Marianne hastig und lebhaft fort, – die Geschichte meines Vaters-? Seine Verbannung? – nein? So wissen Sie denn, daß man ihn vor Gericht gestellt, ihn schuldig befunden, seines Ranges, seiner Würden entkleidet, ihm Alles genommen – und ihn nach Sibirien geschickt hat. Darauf starb er meine Mutter ebenfalls. Mein Oheim, Herr Ssipjagin, der Bruder meiner Mutter, nahm mich zu sich – ich esse bei ihm das Gnadenbrod – er ist mein Wohlthäter – Valentine Michailowna meine Wohlthäterin – ich aber bin schmählich undankbar – ich muß wohl ein hartes Herz haben – und fremdes Brod essen ist so bitter – und ich kann keine beleidigende Herablassung ertragen – und ich will keinen Beschützer haben . . . und verstehe es nicht zu verhehlen . . . und wenn ich ununterbrochen wie mit Stecknadeln gestochen werde – so schreie ich blos deshalb nicht, weil ich zu stolz bin!
Während sie diese abgebrochenen Worte hervorstieß, eilte Marianne immer rascher vorwärts.
Plötzlich blieb sie stehen.
– Wissen Sie, daß mich meine Tante, nur um mich los zu werden, verheirathen will, und zwar . . . an diesen widerwärtigen Kallomeyzew? – Sie kennt meine Ansichten – ich bin ja eine Nihilistin in ihren Augen – und er! Selbstverständlich gefalle ich ihm nicht, denn ich bin häßlich – aber man kann mich verkaufen! Das ist ja auch eine Wohlthat!
– Warum haben Sie denn . . . – begann Neshdanow, – hielt jedoch plötzlich inne.
Aus Mariannens Augen drang wieder ein flüchtiger Blick zu ihm hinüber.
– Warum ich nicht Markelow’s Antrag angenommen – wollten Sie fragen? Nicht wahrt Ja, was ist da zu machen? Er ist ein guter Mensch. . . Aber ich kann nichts dafür, ich liebe ihn nicht.
Marianne ging wieder voraus, als ob sie Neshdanow von der Nothwendigkeit befreien wollte, ihr auf dieses unerwartete Geständniß etwas erwidern zu müssen.
Sie hatten das Ende der Allee erreicht. Marianne bog rasch in einen schmalen Seitenpfad, der sich durch ein Tannenwäldchen hindurchschlängelte; Neshdanow folgte ihr. Es schien ihm einerseits so wunderbar, daß dieses scheue Mädchen plötzlich so offen gegen ihn war, andererseits aber staunte er darüber, daß ihn diese Offenheit nicht im Geringsten befremdete, daß er sie sogar natürlich fand.
Marianne wandte sich plötzlich, blieb mitten auf dem Wege einem Schritt vor Neshdanow stehen, und versenkte ihre Augen in die seinigen.
– Alexei Dmitritsch, – rief sie, – glauben Sie nicht; daß meine Tante böse ist . . . Nein! Aber sie ist durch und durch – falsch, sie ist eine Komödiantin, die nur Phrasen zu machen versteht, sie will, daß Alle sie wegen ihrer Schönheit vergöttern, und daß sie vor ihr anbetend niedersinken wie vor einer Heiligen! Sie ersinnt ein herzliches Wort, sagt es dem Einen – und dann wiederholt sie es, sagt es einem Zweiten, einem Dritten, – immer mit einem Ausdruck, als ob es ihr eben erst eingefallen wäre – und zieht auch gleich die wunderbaren Augen in’s Spiel! – Sie kennt sich selbst sehr gut – sie weiß, daß sie der Madonna ähnelt – und liebt Niemanden in der Welt! Sie giebt sich den Anschein, als ob sie sich um Kolja bekümmere, und doch ist das Einzige, was sie thut, daß sie mit vernünftigen Leuten über ihn spricht. Sie wünscht Niemandem Böses . . . Sie ist ganz – Wohlwollen! Aber wenn man Ihnen in ihrer Gegenwart auch alle Knochen zerbräche . . . ihr ist es gleich! Sie wird nicht einen Finger rühren, um sie zu befreien. – Wenn es aber für sie selbst nöthig oder vortheilhaft ist. . . dann . . . o dann! Marianne verstummte.
Der heftige Zorn beklemmte ihre Brust, sie konnte den Ausbruch desselben nicht mehr zurückhalten, sie ließ ihm freien Lauf – aber unwillkürlich stockte sie in ihrer Rede. Marianne gehörte zu einer ganz besonderen Gattung unglücklicher Wesen – in Rußland findet man sie setzt sehr häufig – . . . Gerechte Handlungen befriedigen sie, erfreuen sie jedoch nicht, Ungerechtigkeit aber, für welche sie höchst empfindlich sind, erbittert sie bis auf den Grund der Seele. – So lange sie sprach, sah sie Neshdanow aufmerksam an: ihr geröthetes Antlitz mit dem kurzen, etwas verwirrten Haar, mit den krampfhaft zuckenden feinen Lippen erschien ihm kampfbereit und bedeutend – und schön. Durch das dichte Netz der Zweige hindurch fiel das Sonnenlicht in Form eines kurzen goldenen Streifens ihr auf die Stirn – und diese Feuerzunge paßte so gut zu dem erregten Gesicht, zu den weitgeöffneten, unbeweglichen und glänzenden Augen, zu dem innig durchglühten Ton ihrer Stimme.
– Sagen Sie, – fragte endlich Neshdanow, – weshalb haben Sie mich unglücklich genannt? Kennen Sie denn meine Vergangenheit?
Marianne nickte mit dem Kopf.
– Ja.
– Das heißt . . . woher kennen Sie denn dieselbe? Hat Ihnen Jemand von mir gesprochen?
– Ich kenne . . . Ihre Abkunft.
– Sie kennen . . . Wer hat Ihnen gesagt . . .?
– Immer sie – immer dieselbe Valentine Michailowna, von der sie so entzückt sind. Sie konnte es nicht unterlassen, in meiner Gegenwart hinzuwerfen, – wie gewöhnlich flüchtig, aber doch deutlich, und ohne Bedauern, wie eine höchst liberal denkende Persönlichkeit, die über alle Vorurtheile erhaben ist – daß eine ganz eigenthümliche Zufälligkeit im Leben des neuen Lehrers vorhanden sei! Bitte wundern Sie sich nicht: Valentine Michailowna theilt in derselben Weise, eben so flüchtig, doch mit Bedauern fast Jedem mit, daß auch im Leben ihrer Nichte eine eigenthümliche Zufälligkeit existire: man habe ihren Vater für Bestechung nach Sibirien geschickt! So aristokratisch sie auch scheinen möchte – ist sie doch weiter nichts, als ein klatschsüchtiges, gefallsüchtiges Weib – diese Ihre Raphaelische Madonna!
– Erlauben Sie, – bemerkte Neshdanow, – weshalb ist sie denn »meine« Madonna?
Marianne wandte sich von ihm ab und ging weiter.
– Sie haben mit ihr so lange und so viel gesprochen, – sagte sie mit gedämpfter Stimme.
– Es sind kaum zwei Worte über meine Lippen gekommen, – antwortete Neshdanow. – Sie hat die ganze Zeit über allein gesprochen.
Marianne setzte ihren Weg schweigend fort. Während sie nun auf dem schmalen Fußpfad, der hier einen Winkel bildete, um die Ecke bogen, öffnete sich vor ihnen plötzlich das Tannenwäldchen und sie sahen eine kleine Wiese vor sich mit einer großen Trauerbirke in der Mitte und mit einer Bank um den ausgehöhlten Stamm des alten Baumes. Sie näherten sich demselben und setzten sich auf die Bank. Ueber ihren Köpfen wiegten sich die lang herabhängenden, mit feinen grünen Blättchen bedeckten Zweige, unten am Boden blühten rings im Kreise die weißen Maiblümchen, und von der Wiese stieg der frische Duft der jungen Gräser auf, der die Brust von dem Druck der beklemmenden Dünste des Tannenwaldes frei und leicht und angenehm löste.
– Sie wollen die hiesige Schule mit mir besuchen,– begann Marianne; – gut, kommen Sie. – Ich weiß nur nicht . . . Es wird Ihnen wenig gefallen. Sie haben gehört, daß der Hauptlehrer – unser Diakon ist. Er ist ein guter Mensch – aber Sie können sich keine Vorstellungen davon machen, was er da in der Schule treibt! Da ist ein Knabe . . . er heißt Garassja . . . eine Waise, er ist zehn Jahr alt, – und denken Sie sich! er lernt am besten von Allen!
Nun, da sie plötzlich zu einem anderen Thema übergegangen war, schien Marianne wie verändert: sie war still und bleich geworden ihr Gesicht drückte Verlegenheit aus, als ob sie sich dessen schäme, was sie vorher gesagt. Sie wollte Neshdanow’s Gedanken offenbar auf irgend eine »Frage« lenken – die Schulfrage, Bauernfrage – nur um nicht im früheren Tone fortfahren zu müssen. Diese »Fragen« interessirten ihn aber im gegenwärtigen Augenblick wenig.
– Marianne Wikentjewna, – begann er, – ich will es Ihnen offen gestehen: ich habe dies Alles nie erwartet . . . was jetzt zwischen uns vorgegangen ist. – Bei dem Worte »vorgegangen« stutzte Marianne. – Mir scheint, daß wir plötzlich . . . einander sehr . . . sehr nahe gerückt sind. Es hat ja auch nicht anders sein können. Wir gehören schon längst zu einander, es wollte nur Keines von uns zuerst sprechen. Daher will ich auch ohne Rückhalt zu Ihnen reden. – Das Leben in diesem Hause ist Ihnen unerträglich; aber Ihr Onkel ist, trotz seines beschränkten Geistes, doch, so weit ich ihn beurtheilen kann, ein humaner Mensch; – begreift er denn Ihre Lage nicht, ist er denn nicht auf Ihrer Seite?
– Mein Onkel? Erstens – ist er überhaupt kein Mensch; er ist ein Beamter – Senator oder Minister – was weiß ich! Zweitens aber . . . ich will nicht grundlos klagen und verleumden, das Leben ist mir hier durchaus nicht unerträglich, das heißt: man bedrückt mich ja gar nicht; aus den kleinen Nadelstichen meiner Tante mache ich mir im Grunde nichts . . . Ich bin vollkommen frei.
Neshdanow sah voll Verwunderung aus Marianne.
– In diesem Falle . . . wäre Alles, was Sie vorhin gesagt . . .
– Lachen Sie über mich, wenn Sie wollen, – unterbrach sie ihn, – denn wenn ich unglücklich bin, so bin ich es durch mich selbst. Mir scheint es zuweilen, daß ich für alle Unterdrückten, Armen und Elenden in Rußland leide . . . nein, nicht leide – sondern entrüstet, empört bin; . . . daß ich für sie . . . mein Leben opfern könnte. Ich bin unglücklich, weil ich als ein Fräulein wie ein Schmarotzer lebe, weil ich nichts, gar nichts thun kann und nichts verstehe! Als mein Vater in Sibirien war – ich blieb mit meiner Mutter in Moskau – o, wie zog es mich damals zu ihm hin! – nicht, daß ich ihn sehr geliebt oder geachtet hätte – aber ich würde so gern an mir selbst erfahren, mit eigenen Augen gesehen haben, wie die Verbannten, Verfolgten dort leben . . . Und wie war ich damals über mich selbst entrüstet und über alle die Ruhigen, Wohlhabenden, Satten! . . . Und später dann, als er zurückkehrte, zerschlagen, an Leib und Seele gebrochen, und sich nun demüthigen, plagen, flehen mußte . . . o, was war das für eine schwere Zeit! Wie gut war es für ihn, daß er gestorben . . . und auch die Mutter! Nun bin ich aber am Leben geblieben wozu? – Damit ich fühle, daß ich ein schlechtes, undankbares Wesen bin, daß kein Auskommen mit mir ist, und daß ich gar nichts thun kann und zu nichts nutz bin!
Marianne brach zusammen – ihre Hand glitt auf die Bank hinab. Sie that Neshdanow so leid – er berührte ihre Hand . . . Marianne zog sie jedoch rasch zurück, nicht weil sie diese Berührung für unschicklich hielt, sondern weil es den Anschein haben könnte, als wolle sie seine Theilnahme herausfordern.
Durch die Zweige des Tannenwäldchens schimmerte in der Ferne ein Frauenkleid.
Marianne richtete sich auf. – Sehen Sie, da hat Ihre Madonna Jemand zum Spioniren ausgeschickt. Das Stubenmädchen muß auf mich Acht geben und ihrer Herrin melden, wo ich mich befinde und bei wem! – Der Tante ist es eingefallen, daß ich mit Ihnen zusammen sein könnte – und sie findet das unpassend – namentlich nach der sentimentalen Scene, die sie vor Ihnen aufgeführt. Es ist übrigens auch wirklich Zeit – kommen Sie! Marianne erhob sich.
Neshdanow stand gleichfalls auf. Sie blickte ihn über die Schulter an und etwas kindlich Reizendes sprach jetzt aus den ein wenig verwirrten Zügen ihres Antlitzes.
– Sie sind mir nicht böse, nicht wahrt Sie werden nicht denken, daß ich gleichfalls schön thun wollte vor Ihnen? Nein, Sie denken es nicht! – fuhr sie fort, noch bevor Neshdanow antworten konnte. – Sie sind ja ganz so wie ich – unglücklich – und unsere Charaktere gleichen sich auch – sie sind beide gleich schlecht. – Und morgen besuchen wir zusammen die Schule, denn wir sind doch gute Freunde!
Als sich Marianne und Neshdanow dem Hause näherten, warf Valentine Michailowna durch ihre Lorgnette von der Höhe des Balkons einen Blick auf die Beiden, nickte ihnen mit dem gewohnten milden Lächeln zu, und als sie dann durch die offene Glasthür in’s Gastzimmer traten, in welchem Ssipjagin bereits mit einem zahnlosen Nachbar am Kartentisch saß, sagte sie, die Silben ausdrucksvoll dehnend mit lauter Stimme:
– Wie es draußen feucht ist! Das ist ungesund!
Marianne und Neshdanow blickten einander an, Ssipjagin aber, der seinen Partner eben remis gemacht, hob das Auge mit einem wahrhaft ministeriellen Blick zu seiner Gemahlin empor, und ließ dann denselben schläfrig-kalten, aber durchdringenden Blick auf das, aus dem dunklen Garten kommende Paar hinübergleiten.
Vierzehntes Capitel
Es vergingen zwei Wochen in der gewohnten Ordnung. Ssipjagin bestimmte die Zeit der Unterrichtsstunden – wenn auch nicht wie ein Minister, so doch gewiß wie ein Kanzleidirektor – und behielt seine frühere würdige, humane, etwas vornehme Haltung bei. Kolja lernte, Anna Sacharowna drohte jeden Augenblick vor Aerger zu bersten; Gäste kamen und gingen, sprachen und spielten, und schienen sich nicht im Geringsten zu langweilen. Valentine Michailowna kokettirte mit Neshdanow; die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit der sie ihm stets entgegenkam, war aber nicht frei von einer gewissen gutmüthigen Ironie. Marianne und Neshdanow waren jetzt zwei vertraute Freunde – und Neshdanow bemerkte staunend, daß man mit ihr über Alles sprechen konnte, ohne auf zu scharfe Widersprüche in ihrem Charakter zu stoßen. Er war zwei Mal mit Marianne in der Volksschule gewesen, und hatte sich beim ersten Mal überzeugt, daß er da nichts ausrichten könne. Mit der Erlaubniß Ssipjagin’s und seinem Willen gemäß war der Diakon unumschränkter Herr der Volksschule. Er unterrichtete nicht schlecht, aber nach einer veralteten Methode; beim Examen jedoch pflegte er den Kindern ganz sonderbare Fragen zu stellen. So sollte ihm z. B. Garassja ein Mal erklären, was der Ausdruck »dunkel ist das Wasser im Himmel« bedeute, worauf er, der Weisung des Diakons gemäß, antworten mußte: »das ist unerklärlich.« Uebrigens wurde die Schule wegen der Sommerferien bald geschlossen. – Der Worte Paklin’s und Anderer eingedenk, versuchte Neshdanow mit den Bauern Verbindungen anzuknüpfen; er sah aber bald ein, daß sie ihm wohl zum Studium für seine Beobachtungsgabe dienen konnten, er aus Propaganda für seine Ideen bei ihnen jedoch nicht rechnen dürfe. Er war ein Städter, und zwischen ihm und dem Volke lag ein Abgrund, über den er nicht hinüber konnte. Neshdanow hatte einige Worte mit dem Trunkenbold Cyrill und sogar mit Mendelei gewechselt, aber seltsamer Weise in einem Tone, als ob er sich vor ihnen fürchte, und hatte von ihnen nichts weiter vernommen, als kurze, allgemein gehaltene Schimpfreden. Ein anderer Bauer, Namens Fitjuew, brachte ihn vollends aus der Fassung. Er war ein Kerl mit einem energischen, fast räuberähnlichen Gesicht . . . »Nun, auf Den kann man bauen!« – dachte Neshdanow. Es ergab sich aber, daß er ein Bauer ohne Land und Hof war: die Gemeinde hatte ihm sein Stück Land abgenommen, weil er – ein gesunder und kräftiger Mensch – nicht arbeiten konnte. – »Ich kann nicht!« schluchzte Fitjuew und rief mit einem aus tiefster Seele kommenden Seufzer: – »ich kann nicht arbeiten! schlagt mich todt! – Oder ich lege selbst Hand an mich!« – und streckte bettelnd seine Hand aus: einen Groschen für Brod! . . . Und das mit dem Gesicht eines Rinaldo Rinaldini! . . . Mit den Fabrikarbeitern wußte Neshdanow erst recht nichts anzufangen; sie waren Alle entweder ungeheuer ungenirt oder entsetzlich apathisch . . . und so kam nichts zu Stande. Er richtete in Folge dessen einen langen Brief all seinen Freund Ssilin und schrieb ihm unter bitteren Klagen, daß schlechte Erziehung und seine garstige ästhetische Natur an seinem Ungeschick die Schuld trügen! Es fiel ihm plötzlich ein, daß es sein Beruf sei, nicht durch das lebendige, mündliche, sondern durch das schriftliche Wort für die allgemeine Sache zu wirken, aber die angefangenen Broschüren blieben unbeendigt. Alles, was er niederschrieb, schien ihm selbst sowohl im Ton als in der Sprache so gekünstelt, so gezwungen, so falsch, daß er unwillkürlich ein paar Mal – o Schrecken! – zu gebundener Rede seine Zuflucht nahm oder seinem individuellen Skeptizismus freien Lauf ließ.; Er entschloß sich sogar – ein bedeutungsvolles Zeichen von Annäherung und Vertrauen – mit Mariannen über das Mißlingen seiner Bemühungen zu sprechen und fand wieder zu seiner nicht geringen Verwunderung bei ihr lebhafte Sympathie – selbstverständlich nicht für seine belletristischen Versuche, sondern für sein moralisches Uebel, welches auch ihr nicht fremd war. Marianne war nicht weniger als er selbst gegen diese Aesthetik eingenommen; – und doch war es ihr gerade deshalb unmöglich, Markelow zu lieben und ihn zu heirathen, weil in ihm keine Spur mehr von dieser Aesthetik vorhanden war! Marianne wollte es natürlich nicht eingestehen, nicht einmal sich selbst; gerade das, was als ein nur dunkel geahntes Geheimniß in uns lebt, übt oft eine so unwiderstehliche Macht auf uns aus.
So verging ein Tag nach dem andern – langsam und ungleich, aber ohne eigentlich langweilig zu sein.
Etwas Seltsames ging in Neshdanow’s Innern vor. Er war unzufrieden mit sich selbst, mit seinem Thun – d. h. mit seiner Thatlosigkeit, seine Rede floß über von der bitteren Galle der Selbstanklage; tief im Herzen aber ging es beinahe gut; Ruhe war in dasselbe eingezogen. Ob nun in Folge der ländlichen Einsamkeit, der Bewegung in freier Luft, des Sommers, der kräftigen Nahrung, des geordneten Lebens, – oder vielleicht, weil er zum ersten Mal die Süßigkeit der innigen Annäherung an ein Frauenherz empfunden – eigentlich fühlte er sich leicht und frei, wenngleich er in den Briefen an Ssilin nicht aufhörte, sich selbst anzuklagen.
Eines Tages jedoch wurde Neshdanow plötzlich gewaltsam aus dieser Stimmung herausgerissen.
Am Morgen hatte er einen Brief von Wassily Nikolajewitsch erhalten, in welchem ihm angekündigt wurde, daß er – in Erwartung weiterer Instruktionen – zusammen mit Markelow unverzüglich den schon genannten Ssolomin und einen altgläubigen Kaufmann, Namens Goluschkin, der sich in S. aufhalte, aufsuchen und sich mit ihnen besprechen müsse. Dieser Brief versetzte Neshdanow in nicht geringe Aufregung; er erblickte darin einen gegen ihn gerichteten Vorwurf der Thatlosigkeit. Die Bitterkeit, die in der letzten Zeit eine rein äußerliche war, erfüllte ihn von Neuem.
Zum Diner erschien Kallomeyzew verstimmt und aufgeregt.
– Denken Sie sich, – rief er mit fast weinerlicher Stimme, – was ich eben in der Zeitung gelesen habe: elende Schurken haben in Belgrad meinen Freund getödtet, meinen lieben Michael, den Fürsten von Serbien! lind was wird noch Alles geschehen, wenn man dem Treiben dieser Jakobiner nicht endlich ein Ziel setzt! – Ssipjagin »erlaubte sich zu bemerken,« daß dieser abscheuliche Mord wohl nicht von Jakobinern vollführt worden sei, da solche in Serbien nicht vorhanden, wohl aber von Leuten der Partei Karageorgiewitsch, den Feinden der Obrenowitsch . . . Kallomeyzew wollte aber nichts davon hören und fuhr fort, mit derselben weinerlichen Stimme zu erzählen, wie ihn der verstorbene Fürst geliebt und was für eine schöne Flinte er ihm geschenkt! . . . Allmählich in Feuer gerathend, ging Kallomeyzew von den ausländischen Jakobinern zu den einheimischen Nihilisten und Sozialisten über, und erging sich in einer donnernden Philippika gegen die selben. Ein großes Stück Weißbrod nach moderner Art mit beiden Händen umfassend, zerbröckelte er es über dem Teller, wie es die Habitués des Pariser Café Riche zu thun pflegen, und äußerte den Wunsch, Alle, welche irgend einem Befehl, welcher Art er auch sei, widerstrebten, zermalmen, zu Staub zerdrücken zu können! – »Es ist Zeit!« – rief er, den Löffel zum Munde führend; – »es ist Zeit!« – wiederholte er, das Glas erhebend, weiches der Diener mit Xeres füllte. Ehrfurchtsvoll gedachte er der großen Moskauer Publizisten – und Ladislas, notre bon et cher Ladislas kam ihm nicht von den Lippen. Dabei heftete er den stechenden Blick immer wieder auf Neshdanow, als wolle er sagen: – »Da hast Du! wie war der Schlag? Damit bist Du gemeint! Da hast Du noch!« – Neshdanow hielt es endlich nicht mehr aus – widersprach ihm und begann mit vor Erregung bebender, etwas heiserer Stimme die Hoffnungen und Ideale der Jugend zu vertheidigen. Kallomeyzew fuhr sogleich auf ihn los und rief ihm mit scharfer, schneidender Stimme – so sprach, er immer, wenn er in Zorn gerieth – einige unhöfliche Worte als Entgegnung zu. Ssipjagin ergriff in würdevoller Ruhe die Partei Neshdanow’s; Valentine Michailowna stimmte ihm gleichfalls bei; Anna Sacharowna gab sich die größte Mühe, Koljas Aufmerksamkeit von den Streitenden abzulenken und blickte unter der großen Haube grimmig um sich; Marianne saß da wie versteinert.
Durch den wohl zwanzig Mal wiederholten Namen Ladislas aus der Fassung gebracht, fuhr jetzt jedoch auch Neshdanow auf und rief mit der Hand auf den Tisch schlagend:
– Da haben Sie eine Autorität gefunden! Als ob wir nicht wüßten, was für ein Mensch dieser Ladislas ist! Ein gebotener Knecht ist er – und weiter nichts!
– A. . . a. . . al. . . also so! . . . stotterte Kallomeyzew außer sich vor Wuth – Und Sie erlauben sich, so von einem Menschen zu sprechen, den Graf Blasenkrampf und Fürst Kowrischkin zu ihren Freunden zählen.
Neshdanow zuckte die Achseln.
– Eine schöne Empfehlung: Fürst Kowrischkin, dieser Lakei, der den Enthusiasten spielt . . .
– Ladislas – mein Freund! – schrie Kallomeyzew.
Er ist mein Kollege – und ich . . .
– Desto schlimmer für Sie, – unterbrach ihn Neshdanow – Sie theilen somit seine Anschauungsweise und dann haben meine Worte auch auf Sie Bezug.
Kallomeyzew wurde todtenbleich.
– Wie? Wa . . . as? Was unterstehen Sie sich? Ich wer . . werde . . . Sie ja . . . gleich . . .
– Was werden Sie gleich mir anzuthun geruhen? – fiel Neshdanow ihm mit ironischer Höflichkeit in’s Wort.
Wer weiß, welches Ende dieser Streit der beiden Feinde genommen haben würde, wenn sich Ssipjagin nicht eingemischt hätte. Mit erhobener Stimme und würdevoller Haltung – es war schwer zu bestimmen, ob es die Würde des Staatsbeamten oder des Hausherrn war, die in dieser Haltung zum Ausdruck kam – erklärte er ruhig und fest, daß er sich dergleichen Ausschreitungen an seinem Tisch verbitte; daß er es sich schon längst zum Gesetz gemacht – er verbesserte sich: zum heiligen Gesetz – jede Ueberzeugung zu achten, jedoch unter der Bedingung, – hier erhob er den mit einem Siegelring geschmückten Zeigefinger – daß man dabei stets in den Grenzen des Wohlanstandes und der Schicklichkeit bleibe; wenn er auch einerseits Herrn Neshdanow tadeln müsse, wegen einer gewissen Maßloßigkeit des Ausdrucks, welche übrigens durch dessen Jugend entschuldigt werde, könne er andererseits ebensowenig die Erbitterung gutheißen, mit der Herr Kallomeyzew die Anhänger der feindlichen Partei angegriffen, eine Erbitterung übrigens, die ihre Erklärung finde in dem Eifer für das allgemeine Wohl.
– Unter meinem Dache, – schloß er, – unter dem Dach der Ssipjagin’s giebt es weder Jakobiner, noch Knechte, sondern nur rechtschaffene Menschen, die, wenn sie sich miteinander verständigt, nothwendiger Weise damit endigen, daß sie einander die Hände reichen.
Neshdanow und Kallomeyzew blieben stumm und reichten sich auch nicht die Hände: sie hatten sich miteinander also offenbar noch nicht verständigt; ja sie hatten einander im Gegentheil noch nie so gehaßt, wie in diesem Augenblick. Das Diner ging zu Ende, ohne daß Jemand das ungemüthliche Schweigen zu brechen Lust bezeigt hätte; Ssipjagin versuchte eine diplomatische Anekdote zu erzählen, kam mit derselben aber nicht zu Ende. Marianne, die unverwandten Blickes auf den vor ihr stehenden Teller sah, scheute sich zu zeigen, wie sehr ihr Neshdanow’s Entgegnungen gefallen – nicht aus Furcht, o nein! – sondern um sich Valentine Michailowna nicht zu verrathen. Sie fühlte, daß deren durchdringender Blick auf ihr ruhte. Frau Ssipjagin beobachtete sie in der That scharf, – sie und Neshdanow. Dessen plötzliche leidenschaftliche Aufwallung machte sie anfänglich staunen, dann aber ging es ihr mit einem Mal wie ein Blitz durch den Kopf, so daß ihren Lippen ein unwillkürlicher Ausruf entfuhr . . . Sie errieth, daß Neshdanow sich von ihr losgesagt, derselbe Neshdanow, der ihr noch unlängst so bereitwillig entgegen gekommen war. – Hier muß etwas geschehen sein . . . Sollte es Marianne sein? Gewiß, sie ist es . . . Er gefällt ihr . . . und auch sie . . .
»Man muß dieser Annäherung steuern« – beschloß sie, während Kallomeyzew vor Entrüstung bersten möchte. Und selbst später, als er zwei Stunden darauf Préférence spielte, und jedes Mal sagen mußte, ob er »passen« oder »kaufen« werde, zitterte in dem grimmerfüllten Ton der Stimme die Erinnerung an die Beleidigung nach, die ihm widerfahren, obgleich er sich stellte, als ob er sich nichts aus ihr mache. – Ssipjagin war mit dieser Scene im Grunde sehr zufrieden, denn er hatte ja die Möglichkeit gehabt, sein Rednertalent zu zeigen, einen heraufziehenden Sturm zu beschwören. . . Er kannte die lateinische Sprache, also auch das Quos ego des Virgil. Freilich dachte er nicht daran, sich mit Neptun zu vergleichen, aber es war ihm in diesem Augenblick besonders angenehm, der betreffenden Scene zu gedenken.
Fünfzehntes Capitel
Nach dem Mittagsessen begab sich Neshdanow, eine passende Gelegenheit benutzend, auf sein Zimmer und schloß sich ein. Er wollte Niemand sehen, Niemand – außer Marianne. Ihr Zimmer befand sich am Ende eines langen Korridors, der sich durch die ganze obere Etage zog. Neshdanow war bis jetzt nur ein Mal bei ihr gewesen – und auch dieses eine Mal nur wenige Minuten. Es schien ihm jedoch, daß sie ihm gewiß nicht zürnen werde, wenn er bei ihr anklopfte, daß er ihrem Wunsche dadurch vielleicht sogar entgegenkomme. Es war scholl ziemlich spät – ungefähr zehn Uhr; Ssipjagin hielt es nach der Scene während des Mittags nicht für nöthig, ihn weiter zu belästigen und spielte mit seiner Frau und Kallomeyzew Karten. Valentine Michailowna erkundigte sich ein paar Mal nach Marianne, die nach dem Essen gleichfalls verschwunden war. – Wo ist denn Marianne Wikentjewna? fragte sie zuerst auf Russisch, dann auf Französisch, ohne diese Frage direkt an Jemand zu richten, sondern wie Leute zu fragen pflegen, die über irgend etwas erstaunt sind; auch sie vertiefte sich übrigens bald in das Spiel.
Nachdem er in seinem Zimmer eine Zeit lang auf und ab gegangen, begab sich Neshdanow in den Korridor und klopfte ganz leise an Mariannen’s Thür. Er erhielt keine Antwort. Er klopfte noch ein Mal – versuchte die Thür zu öffnen . . . sie schien verschlossen zu sein. Kaum war er jedoch in sein Zimmer zurückgekehrt, als seine eigene Thür plötzlich aufging und Mariannen’s leise Frage an sein Ohr drang: – Alexei Dmitritsch, sind Sie bei mir gewesen?
Er sprang vom Stuhl, auf den er sich eben niedergelassen, empor, und eilte in den Korridor. Vor ihm stand Marianne, mit einem Licht in der Hand, bleich und regungslos.
– Ja, ich – flüsterte er.
– Kommen Sie, – erwiderte sie und wandte sich nach der Tiefe des Korridors; bevor sie jedoch das Ende desselben erreicht, blieb sie vor einer niedrigen Thür stehen und stieß dieselbe auf. Neshdanow blickte in ein kleines, fast leeres Zimmer. – Treten wir hier ein, Alexei Dmitritsch, hier wird uns Niemand stören. – Neshdanow gehorchte. Marianne stellte das Licht aufs Fensterbrett und wandte sich zu Neshdanow.
– Ich verstehe, weshalb Sie gerade mich sehen wollten; – begann sie. – Sie haben es schwer in diesem Hause – Und ich auch.
– Ja, ich wollte Sie sehen, Marianne Wikentjewna, antwortete Neshdanow. – Das Leben hier ist mir jedoch nicht mehr so schwer, nachdem ich Sie kennen gelernt.
Marianne lächelte nachdenklich.
– Ich danke Ihnen, Alexei Dmitritsch; sagen Sie mir aber, wollen Sie trotz des Vorgefallenen doch noch hier bleiben? – Ich denke, man wird mich gar nicht behalten wollen – ich erwarte eine Kündigung! – entgegnete Neshdanow.
– Selbst aber wollen Sie nicht zurücktreten?
– Selbst nein . . .
– Warum?
– Wollen Sie die Wahrheit wissen? Weil Sie hier sind.
Marianne neigte den Kopf und trat in die Tiefe des Zimmers zurück.
– Und dann – fuhr Neshdanow fort, – ich muß ja hier bleiben. Sie wissen noch Nichte – aber ich fühle es, daß ich Ihnen Alles sagen muß. – Er ging auf Marianne zu und ergriff ihre Hand. Marianne blickte auf und zog die Hand nicht zurück. – Hören Sie! – rief er plötzlich in heftiger Erregung. – hören Sie mich! – Und er begann, Mariannens Hand fortwährend festhaltend, mit leidenschaftlichem Feuer, mit einer ihm selbst unerwarteten Beredtsamkeit von seinen Plänen zu sprechen, von seinen Hoffnungen, von den Gründen, die ihn bewogen, die Stelle bei Ssipjagin anzunehmen, von seinen Verbindungen, seinen Bekanntschaften, seiner Vergangenheit – von Allem, was er sonst sorgsam zu verhehlen pflegte. Er gedachte der Briefe, die er erhalten, sprach über Wassili Nikolajewitsch, über Alles, sogar über Ssilin! Er sprach hastig, ohne zu stocken, ohne im Geringsten unschlüssig zu sein, als ob er sich gleichsam Vorwürfe mache, daß er Marianne nicht schon früher in sein Geheimniß gezogen, als ob er sich vor ihr entschuldige. Marianne hörte ihm aufmerksam zu, sie verschlang seine Worte, obgleich sie zuerst ganz starr vor Erstaunen war. Dieser erste Eindruck wich jedoch bald einem andern. Ihre Seele floß über von Freude, Dank, Stolz, Anhänglichkeit, Entschlossenheit. Ihr s Antlitz, ihre Augen strahlten, sie legte die freie Hand über Neshdanows Hand, öffnete voll Entzücken die Lippen . . . Sie wurde – mit einem Mal – ganz unsagbar schön!
Neshdanow hielt endlich inne, blickte ihr in die Augen – und es war ihm, als ob er dieses Antlitz zum ersten Male sähe, dieses Antlitz, welches ihm zugleich so theuer und so bekannt war.
Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.
– Ach, wie es gut war, daß ich Ihnen Alles gesagt! – flüsterten seine Lippen.
– Ja, so gut so gut! – wiederholte sie gleichfalls flüsternd und unwillkürlich in seinen Ton verfallend. – Sie wissen also, – fuhr sie mit leiser Stimme fort, – Sie wissen, daß Sie ganz über mich verfügen können, daß auch ich Ihrer Sache dienen möchte, daß ich Alles zu thun bereit bin, was man von mir verlangen sollte, daß ich stets mit ganzer Seele dasselbe gewünscht habe, was Sie jetzt wünschen. . .
Marianne verstummte. Noch ein Wort – und es wären Thränen der Rührung ihren Augen entströmt. Ihre starke Natur hatte dem Andrang der Gefühle nicht widerstehen können, sie war weich und biegsam geworden, wie Wachs. Das Verlangen, etwas Großes zu thun, sich aufzuopfern, sich unverzüglich aufzuopfern – das war es, was jetzt ihre Seele erfüllte ganz und gar – ja bis zur Pein!
Plötzlich vernahm man rasche, vorsichtige, leichte Schritte hinter der Thür.
Marianne richtete sich auf und ließ Neshdanow’s Hände fahren. Sie schien mit einem Male eine ganz Andere geworden zu sein. Heiter blickte sie mit einem gewissermaßen verächtlichen Lächeln auf die Thür und rief mit kecker, lauter Stimme, so daß man draußen im Korridor jedes Wort vernehmen mußte:
– Ich weiß, wer in diesem Augenblick am Schlüsselloch horcht – es ist Frau Ssipjagin . . . aber das ist mir gleich.
Das Geräusch der Schritte verhallte.
– Nun? – wandte sich Marianne wieder zu Neshdanow. – Was soll ich thun? wie soll ich Ihnen helfen?. . . Sprechen Sie? Sagen Sie rasch: was soll ich thun?
– Was? Ich weiß es noch nicht . . . Ich habe einen Brief von Markelow erhalten . . .
– Wann? wann?
– Heute Abend. Ich muß morgen mit ihm zu Ssolomin auf die Fabrik fahren.
– Ja . . . ja . . . das ist auch noch ein guter Mensch – Markelow! Ein echter Freund!
– Ein solcher wie ich?
Marianne schaute ihm gerade ins Auge.
– Nein – nicht so wie Sie.
– Wie? . . .
Sie wandte sich plötzlich ab.
– Wissen Sie denn nicht, was Sie mir sind und was ich in diesem Augenblick fühle. . .
Neshdanow’s Herz begann heftig zu schlagen; er senkte den Blick unwillkürlich zu Boden. Dieses Mädchen, welches ihm ihre Liebe geschenkt – ihm, dem obdachlosen Hungerleider – welches sich ihm anvertraut, welches ihm folgen, mit ihm zugleich nach demselben Ziele streben will – dieses herrliche Mädchen – Marianne – war ihm in diesem Augenblick der Inbegriff alles Schönen und Wahren auf der Erde, – der Mutter, Schwester-, Frauenliebe, – des Vaterlandes, des Glückes, des Kampfes, der Freiheit!
Er hob den Kopf empor und sah ihre von Neuem ihm entgegenleuchtenden Augen . . . o wie tief drang dieser helle, herrliche Blick ihm in die Seele! – Ich fahre also morgen – begann er mit bebender Stimme – und wenn ich zurückkehre, sage ich Ihnen . . . es war ihm plötzlich so schwer, Marianne »Sie« zu nennen – sage ich Ihnen, was ich dort erfahren, was dort beschlossen worden. Alles, was ich jetzt thue, was ich denke – Alles sollst . . . Du zuerst erfahren.
– O mein Freund! – rief Marianne und ergriff seine Hand. – Dasselbe verspreche ich Dir!
Dieses »Dir« kam so leicht und einfach über ihre Lippen, als ob es sich von selbst verstände, als ob es ein kameradschaftliches »Du« wäre.
– Darf ich den Brief lesen?
– Da ist er, da! Marianne durchlief den Brief und hob das Auge fast ehrfurchtsvoll zu Neshdanow empor.
– So bedeutende Aufträge werden Dir ertheilt!
Er lächelte als Antwort und steckte den Brief in die Tasche.
– Seltsam! sagte er – wir haben uns gegenseitig unsere Liebe gestanden – wir lieben einander – und doch ist das Wort Liebe nicht über unsere Lippen gekommen.
– Wozu auch? – flüsterte Marianne, fiel ihm plötzlich um den Hals und drückte ihren Kopf an seine Brust . . . Gleich darauf begaben sich Beide, nachdem sie sich mit einem festen, innigen Händedruck von einander verabschiedet, – keinen Kuß hatten sie gewechselt – nein! keinen Kuß! – in ihre Zimmer.
Marianne kehrte, um das Licht, welches sie auf dem Fenster vergessen, zu holen, noch ein Mal in die leere Stube zurück – und hier erst kam sie gewissermaßen zu sich selbst. Sie löschte das Licht aus, huschte den dunklen Korridor entlang in ihr Zimmer, warf, ohne das Licht wieder anzuzünden, die Kleider ab, und legte sich im Finstern nieder. . . Diese Finsterniß war ihr gerade jetzt so süß und lieb.
Sechzehntes Capitel
Als Neshdanow am andern Morgen erwachte, fühlte er sich nicht im Geringsten befangen durch die Erinnerung an das Gespräch des vergangenen Abends; er war im Gegentheil ganz durchdrungen von der Empfindung einer gewissen frischen und gesunden Freude, als ob er etwas gethan hätte, was schon längst hätte geschehen müssen. Nachdem er Ssipjagin’s Erlaubniß zur Fahrt eingeholt – Ssipjagin bewilligte ihm sogleich den erbetenen Urlaub, wenn auch mit strenger Miene – begab er sich auf zwei Tage zu Markelow. Bevor er sich aufmachte, fand er noch Gelegenheit, Marianne zu sehen und zu sprechen. Sie war eben so wenig verwirrt und befangen, wie Neshdanow, sie blickte ihm ruhig und entschlossen in die Augen und nannte ihn »Du.« Aufgeregt war sie nur wegen der Mittheilungen, die ihm bei Markelow erwarteten, und bat ihn, ihr sogleich nach seiner Rückkehr Alles zu erzählen.
– Das versteht sich von selbst, – antwortete Neshdanow.
»Und warum sollten wir denn auch aufgeregt sein!« – dachte er. – »Das individuelle, persönliche Interesse und Gefühl steht bei uns in zweiter Reihe. Wir sind aneinander gekettet, so daß uns nichts mehr trennen kann! Im Namen des großen Werkes, dem wir uns geweiht? Ja, im Namen dieses großen Werkes!«
So dachte Neshdanow, ohne daß es ihm zum Bewußtsein kam, wie nahe sich Wahrheit und Lüge in diesen seinen Gedanken berührten.
Er fand Markelow noch immer in der gleichen abgespannten und ernsten Gemüthsstimmung. Nach dem spärlichen Mittagsmahl begaben sie sich in dem uns schon bekannten Tarantaß – da Markelow’s Pferd noch immer hinkte, hatte man bei einem der Bauern ein junges, noch nie im Anspann gewesenes Pferd, geliehen – zur großen Baumwollenspinnerei Falejew’s, welche von Ssolomin geleitet wurde. Neshdanow brannte vor Ungeduld, jenen Menschen kennen zu lernen, von dem er in der letzten Zeit s so viel gehört. Ssolomin wußte, daß sie ihn besuchen würden; als sie vor dem Thor der Fabrik anhielten und ihre Namen nannten, führte man sie sogleich in ein unansehnliches Nebengebäude, in welchem Ssolomin wohnte, der »Mechaniker und Verwalter« der Fabrik. Er befand sich im Augenblick im großen Hauptgebäude und während einer von den Arbeitern ihm die Ankunft der beiden Fremden zu melden ging, hatten diese Zeit, sich ein wenig umzusehen. Sie traten an das Fenster und blickten hinaus. Die Fabrik stand offenbar in voller Blüthe und war mit Arbeit überladen. Rings umher erzitterte die Luft im Getöse der lärmenden Thätigkeit: man vernahm das Keuchen und Poltern der Maschinen, das Knarren der Webstühle, das Rasseln der Räder, das Schwirren der Riemen; hier wurden Fässer über den Weg gerollt, dort zogen ganze Reihen von Schiebkarren und Lastwagen hin; aus dem Hauptgebäude ertönten laute Befehle, Glocken- und Pfeifensignale; Arbeiter in bunten Hemden mit schmalen Lederriemen um das fliegende Haar und Arbeitermädchen in kattunenen Rücken liefen hin und her, langsam bewegten sich Lasten ziehende Pferde. . . Ein dumpfes Dröhnen klang durch alle Räume, verursacht durch das Gewimmel der tausendköpfigen, in höchster Arbeitsspannung sich tummelnden Menschenmenge. Alles ging tüchtig, sicher und schwungvoll von Statten; nirgends war aber eine Spur von Luxus, Ordnung und Sauberkeit zu sehen, überall machte der Schmutz sich breit, der an Allem klebte, was das Auge überblickte. Hier eine Fensterscheibe eingeschlagen, dort ein Stück von der Stukkatur abgefallen, an einer anderen Stelle Bretter herabgestürzt, drüben eine Thür weit aufgerissen. Mitten auf dem Hofe ist eine große, schwarze, faulende, in allen Farben des Regenbogens schillernde Pfütze, weiter unten liegen Haufen auseinandergeworfener Ziegelsteine, Reste zerrissener Matten, zertrümmerter Kisten, Stücke von Stricken und Tauen; zottige, ausgehungerte Hunde durchstreifen den Hof. In einer Ecke am Zaun sitzt ein aufgedunsener vierjähriger Knabe mit zerzaustem Haar und mit Ruß überdeckt: er weint bittere Thränen, als hätte ihn die ganze Welt verlassen; dicht neben ihm wühlt ein Schwein, ebenso rußig und schmutzig, von buntfarbigen Ferkeln umgeben, in den umherliegenden Kohlstrünken; durchlöcherte, über einen aufgespannten Strick gehängte Wäsche flattert im Winde – überall welche Schwüle, welche übelriechenden Dünste. – Eine echte russische Fabrik, keine deutsche oder französische industrielle Anstalt!
Neshdanow blickte auf Markelow.
– Man hat mir so viel von den außerordentlichen Vorzügen Ssolomin’s erzählt, – begann er, – daß ich, aufrichtig gesagt, ganz verblüfft bin, hier eine solche Unordnung vorzufinden; ich hatte das nicht erwartet!
– Es ist hier keine Spur von Unordnung, – entgegnete Markelow finster, – es ist das nur russischer Unflath! Nichtsdestoweniger werden hier Millionen umgesetzt! Es ist aber zu berücksichtigen, daß er sich den alten Gewohnheiten anschmiegen muß, den Anforderungen des Geschäfts, seines Herrn. Wissen Sie denn, was das für eine Persönlichkeit ist, dieser Falejew?
– Nein, – Der größte Geizhals und »Bourgeoise« Moskau’s!
In diesem Augenblick trat Ssolomin ins Zimmer. Bei seinem Anblick fühlte sich Neshdanow nicht weniger enttäuscht als bei dem Anblick der Fabrik. Im ersten Moment glaubte er einen Finnen oder einen Schweden vor sich zu sehen. Eine hoch aufgeschossene, breitschultrige, hagere Gestalt mit blondem Haar, einem langen, gelben Gesicht mit kurzer und breiter Nase, kleinen, graugrünen, ruhig blickenden Augen, dicken, schwülstigen Lippen, großen weißen Zähnen und einem in der Mitte gespaltenen Kinn, dem kaum merkbar ein leichter Flaum entsproß. Er war gekleidet wie ein Handwerker, wie ein Ofenheizer: den Oberkörper umhüllte eine kurze, enganliegende Jacke mit herabhängenden Taschen, eine zerknitterte Wachstuchmütze bedeckte den Kopf, um den Hals war eine wollene Schärpe geschlungen, die Füße steckten in Schmierstiefeln. Ihn begleitete ein Mann von ungefähr vierzig Jahren in einem langen, einfachen Oberrock, mit einem ungeheuer beweglichen, zigeunerartigen Gesicht und pechschwarzen stechenden Augen, aus denen sofort ein durchdringender Blick Neshdanow streifte . . . Markelow kannte er bereits. Dieser Mann hieß Paul und war Faktotum Ssolomin’s.
Ssolomin kam auf die beiden Gäste zu, reichte einem Jeden schweigend die schwielige, magere Hand, holte aus dem Tisch ein versiegeltes Packet heraus und übergab dasselbe, ohne ein Wort zu sprechen, Paul, der es einsteckte und sich gleich daran entfernte. Dann warf er die Mütze mit einem Ruck vom Kopf herunter, setzte sich auf einen kleinen gestrichenen hölzernen Stuhl und forderte Markelow und Neshdanow mit einem einfachen »Bitte!« auf, sich auf einem ähnlichen Divan niederzulassen.
Markelow stellte Ssolomin und Neshdanow einander vor, worauf Ssolomin dem Letzteren von Neuem die Hand kräftig drückte. Markelow ging dann gleich »zur Sache« über und erwähnte des Briefes von Wassily Nikolajewitsch. Neshdanow zeigte denselben Ssolomin. Während Dieser, denselben Zeile für Zeile aufmerksam und bedächtig durchlas, hatte Neshdanow Zeit, sich den Mann genauer anzusehen.
Ssolomin saß in der Nähe des Fensters, die Abendsonne fiel in hellen Strahlen auf sein eingebranntes mit Schweiß bedecktes Gesicht, auf das blonde, bestaubte, im Schein der Sonne glitzernde Haar. Während er den Brief fest in den emporgehobenen Händen hielt und mit dein Auge dem Inhalt desselben folgte, zuckten ununterbrochen die Nasenflügel und bewegten sich die Lippen, als ob er jedes Wort still vor sich hinspräche. Neshdanow gefiel das. Ssolomin gab den Brief, nachdem er ihn durchgelesen, freundlich lächelnd Neshdanow zurück und wartete geduldig, bis Markelow mit seiner darauf folgenden langen Rede endlich zu Ende war.
– Wissen Sie was, – begann daraus Ssolomin mit etwas heiserer, aber kräftiger Stimme, die Neshdanow ebenfalls sehr gefiel, – es ist hier nicht ganz bequem darüber zu sprechen; sollten wir nicht lieber zu Ihnen fahren? Es sind ja nur sieben Werst – Sie sind wohl im Tarantaß gekommen?
– Ja.
– Nun es wird da wohl auch für mich ein Plätzchen sein. In einer Stunde hören die Arbeiten auf; dann bin ich frei. Und Sie wohl auch? – wandte er sich zu Neshdanow.
– Bis übermorgen.
– Das ist ja sehr schön! Wir bleiben zur Nacht bei Ihnen, Ssergei Michailytsch, Sie erlauben doch?
– Wie können Sie noch fragen! Natürlich!
– Nun – ich bin gleich fertig. Ich werde mich umkleiden.
– Wie stehts um die Sache auf Ihrer Fabrik? – fragte Markelow bedeutungsvoll.
Ssolomin blickte zur Seite.
– Davon sprechen wir später, – antwortete er. – Warten Sie einen Augenblick . . . Ich bin gleich fertig. . . Ich habe Einiges vergessen . . .
Er entfernte sich. Wenn er nicht einen so guten Eindruck auf Neshdanow gemacht, so würde dieser den Markelow vielleicht direkt gefragt haben, ob Ssolomin nicht gar zurücktreten wolle. So aber unterblieb diese Frage.
Als eine Stunde daran die Arbeiterschaaren lärmend aus allen Thüren der verschiedenen Stockwerke des mächtigen Gebäudes herausströmten, setzte sich auch der Tarantaß mit Markelow, Neshdanow und Ssolomin in Bewegung.
– Wassily Fedorytschi Soll ich’s anpacken? – rief Paul, der Ssolomin bis an’s Thor geleitet hatte.
– Versuch es . . . – antwortete Ssolomin. – Es handelt sich um eine nächtliche Operation, – erklärte er seinen Reisegefährten.
In Borsenkowo angekommen, aßen sie zu Abend – mehr aus Liebenswürdigkeit gegen den Wirth, als aus Bedürfnis —, worauf dann wieder eine jener nächtlichen Unterhaltungen begann, jener unermüdlichen russischen Unterhaltungen, welche in dieser Form und in dieser Maßlosigkeit wohl kaum bei irgend einem andern Volke möglich sind. Neshdanow fühlte sich wieder enttäuscht, da Ssolomin seinen Erwartungen entgegen, merkwürdig wenig sprach . . . so wenig, daß man beinahe sagen konnte, er habe die ganze Zeit über geschwiegen. Er hörte jedoch aufmerksam zu, und wenn er zuweilen eine Bemerkung hinwarf, so war es eine kurze, schlagende, gewichtige Bemerkung. Es ergab sich, daß Ssolomin an eine bevorstehende Revolution nicht glaubte, da er aber seine Meinung Niemandem aufdringen wollte, gedachte er abzuwarten – nicht aus der Ferne, sondern von der Seite – ob der Versuch dazu gemacht werden würde. Er war mit den Führern der revolutionären Partei in St. Petersburg gut bekannt, ihren Bestrebungen brachte er bis zu einem gewissen Grade offene Sympathie entgegen, da er selbst aus dem Volke hervorgegangen war; er fühlte aber auch, daß dieses Volk, »ohne welches man nichts ausrichten könne,« sich nicht daran betheiligen werde, daß es dazu einer langen Vorbereitung bedürfe, und zwar in anderer Weise, als es Jene thaten. Daher zog er sich auch stets zurück, nicht aus Schlauheit oder Hinterlist, sondern wie ein gescheuter Mensch, der weder sich noch Andere unnützer Weise preisgeben will. Hören könne man freilich, was da gesprochen werde, dachte er, und auch Dieses und Jenes von ihnen lernen, wenn der Zufall es füge!
Ssolomin war der einzige Sohn eines Küsters, dessen fünf Töchter, Ssolomin’s Schwestern, bereits alle an Priester verheirathet waren. Mit Einwilligung seines Vaters, eines gesetzten und verständigen Mannes, verließ er das Seminar, und legte sich aufs Studium der Mathematik s und namentlich der Mechanik; darauf gelang es ihm, auf eine englische Fabrik zu kommen, deren Eigenthümer ihn wie einen Sohn lieb gewann, und ihm die Mittel zu einer Reise nach Manchester verschaffte, wo er zwei Jahre verblieb und die englische Sprache erlernte. Die Stelle in der Fabrik des Moskauer Kaufmanns hatte er erst vor Kurzem angetreten, und obgleich er gegen seine Untergebenen streng war – wie er es in England gesehen – waren sie ihm dennoch sehr ergeben, denn er war doch einer von den »Eigenen,« wie sie sich ausdrückten, kein Fremder! Der Vater war mit ihm sehr zufrieden, nannte ihn stets einen »pünktlichen« Menschen und klagte nur darüber, daß der Sohn nicht heirathen wollte!
Wie bereits bemerkt, hatte Ssolomin während der Unterredung bei Markelow kaum ein paar Worte fallen lassen und fast die ganze Zeit über geschwiegen; als aber Markelow jetzt auf die Fabrikarbeiter zu sprechen kam und der Hoffnungen gedachte, welche man auf dieselben setzte, schnitt Ssolomin, seiner Gewohnheit gemäß, die Bemerkung kurz ab, indem er erklärte, daß die russischen Arbeiter – im Gegensatz zu den ausländischen – ein ruhiges, stilles Volk seien.
– Aber die Bauern? – fragte Markelow.
– Die Bauern! Nun, Händler und Bauernschinder giebt’s unter ihnen genug, und es wird die Zahl derselben noch zunehmen; diese kennen aber nur ihren eigenen Vortheil; die Uebrigen – die sind wie Schafe so fromm, eine dunkle, unerforschte Masse!
– Wo soll man denn suchen?
Ssolomin lächelte.
– Suchet, so werdet Ihr finden!
Er pflegte fast immer zu lächeln, und wenn es auch ein einfaches Lächeln war, so war es doch nicht inhaltslos – eben so wenig wie er selbst.
Besonders freundlich war er gegen Neshdanow; der junge Student schien seine aufrichtige Theilnahme zu erregen, er behandelte ihn sogar mit einer gewissen Zärtlichkeit. Während dieser nächtlichen Unterhaltung war Neshdanow ein Mal ganz besonders in Feuer gerathen: da war Ssolomin langsam aufgestanden und hatte, nachdem er schwerfälligen, breiten Schrittes über das ganze Zimmer gegangen, das offene Fenster hinter Neshdanow’s Rücken geschlossen.
– Sie könnten sich erkälten – meinte er, als er den verwunderten, auf sich gerichteten Blick des Redners bemerkte.
Neshdanow fragte ihn, welche sozialistische Ideen in der ihm anvertrauten Fabrik er durchzuführen gedenke und ob er die Absicht habe, die Arbeiter an dem Gewinn theilnehmen zu lassen.
– Lieber Freund! – antwortete Ssolomin, – wir haben eine Schule eröffnet und ein Lazareth eingerichtet – und unser Patron hat sich wie ein Bär dagegen gestemmt!
Nur ein Mal wurde Ssolomin ernstlich böse und schlug mit der mächtigen Faust auf den Tisch, so daß Alles, was auf demselben stand, emporschnellte, das neben dem Tintenfaß befindliche Pudgewicht nicht ausgenommen: es geschah das, als von einer Ungerechtigkeit, die bei einer gerichtlichen Verhandlung vorgefallen, von der Verfolgung eines Arbeiter-Vereins erzählt wurde . . .
Als jedoch Neshdanow und Markelow wieder darauf zu sprechen kamen, wie man »vorgehen« müsse, auf welche Weise man das geplante Vorhaben in Ausführung bringen solle, fuhr Ssolomin fort, ihren Reden mit einer gewissen achtungsvollen Aufmerksamkeit zu folgen – obgleich er selbst kein Wort mehr sprach. Bis vier Uhr Morgens zog sich diese Unterhaltung hin. Was wurde da nicht Alles verhandelt! Markelow wies unter Anderem etwas geheimnißvoll auf den unermüdlichen Reisenden Kissljakow hin, auf dessen Briefe, die immer interessanter würden; er versprach Neshdanow, ihm einige von diesen Briefen zu zeigen und sie ihm sogar nach Hause mitzugeben, da sie sehr lang und unleserlich, aber auch sehr gelehrt seien, es kämen sogar Gedichte in ihnen vor, zwar keine leichtfertigen, sondern sozialistische! Von Kissljakow ging Markelow zu den Soldaten, den Adjutanten, zu den Deutschen über, endlich – zu seinen Aufsätzen über die Mängel des russischen Artilleriewesens! Neshdanow äußerte einige Gedanken über den Antagonismus zwischen Heine und Börne, über Proudhon, über den Realismus in der Kunst; Ssolomin aber hörte aufmerksam zu, rauchte lächelnd seine Cigarre, und schien, ohne ein geistreiches Wort gesagt zu haben, die Dinge, um die es sich handelte, besser und richtiger zu begreifen, als sie Alle!
Die Uhr schlug vier . . . Neshdanow und Markelow konnten sich kaum mehr auf den Füßen halten« so müde waren sie, während sich Ssolomin nicht im Geringsten abgespannt fühlte. Die Freunde trennten sich endlich; vorher hatten sie jedoch noch beschlossen, zusammen am andern Tage in der Stadt den altgläubigen Kaufmann Goluschkin in Sachen der Propaganda zu besuchen: er war selbst eifrig bei der Sache und hatte auch Proselyten zu machen versprochen . . Ssolomin bezweifelte anfänglich, daß es sich überhaupt lohnen werde, diesen Goluschkin hineinzuziehen. Später stimmte er jedoch der Meinung der Anderen bei.
Siebzehntes Capitel
Markelow’s Gäste schliefen noch, als bei ihm ein Bote seiner Schwester mit einem Brief erschien. Im diesem Brief war zuerst von unbedeutenden Wirthschaftsangelegenheiten die Rede, dann von einem Buche, welches Markelow von ihr geliehen und das sie ihn zurückzuschicken bat; im Postskriptum endlich theilte ihm seine Schwester »à propos« eine »höchst komische« Neuigkeit mit: der Gegenstand seiner Leidenschaft, Marianne, habe sich in den Lehrer Neshdanow verliebt, der Lehrer ebenfalls in Marianne, und das sei nicht Klatscherei, sondern sie selbst, Valentine Michailowna, habe es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört! Markelow’s Gesicht war finster geworden, wie die Nacht . . . es kam jedoch kein Laut über seine Lippen. Er befahl, das gewünschte Buch dem Boten zu übergeben, und als er gleichzeitig Neshdanow von oben herabkommen sah, begrüßte er ihn, als ob nichts vorgefallen wäre, und händigte ihm sogar das versprochene Packet Kissljakow’scher Briefe ein, verließ jedoch gleich darauf die Stube, um »nach der Wirthschaft zu sehen.«
Neshdanow kehrte in sein Zimmer zurück und vertiefte sich in die Lektüre der von Markelow erhaltenen Briefe. Er fand, daß der junge Propagandist in denselben immer nur von sich sprach, von seiner fieberhaften Thätigkeit: er war, wie er schrieb, während eines Monats in elf Kreisen gewesen, in neun Städten, neunundzwanzig Flecken, dreiundfünfzig Dörfern, auf einem Freihof und in acht Fabriken; sechzehn Nächte habe er auf dem Heuboden verbracht, eine Nacht in der Scheune, eine sogar im Kuhstall (mit einem Nota bene setzte er die Bemerkung hinzu, daß ihn die Flöhe nicht beißen); er habe sich in Erdhütten, in Kasernen der Arbeiter aufgehalten, habe überall Propaganda gemacht, Bücher vertheilt und im Fluge Beobachtungen angestellt; Einiges habe er dann gleich notirt, Anderes sich nach den neuesten Regeln der Mnemonik fest eingeprägt; ferner habe er vierzehn große Briefe abgeschickt, achtundzwanzig kleine und achtzehn ganz kurze Briefchen (von denen er vier mit Bleistift geschrieben, eins mit Blut, eins mit in Wasser aufgelöstem Ruß) und dies Resultat habe er nur dadurch erreicht, weil er seine Zeit systematisch einzutheilen gelernt, indem er Quentin, Johnson, Karrelius, Sswerlitzky und andere Publizisten und Statistikers studirt. Dann begann er wieder von sich zu reden, von seinem Stern, davon, wie er die Theorie der Leidenschaften von Fourier ergänzt; schließlich versicherte er, daß er zuerst endlich den »Grund« entdeckt, den Boden, die Basis zukünftiger Entwickelung, daß er »nicht hinschreiten werde über die Welt, ohne eine Spur zu hinterlassen,« daß er selbst voll Staunen darüber sei, wie er, ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, bereits alle Fragen des Lebens und der Wissenschaft gelöst habe, – und daß er ganz Rußland umdrehen, »aufrütteln« werde! – Dixi!! – setzte er, eine neue Zeile beginnend, hinzu. Dieses »Dixi« mit zwei Ausrufungszeichen war eins seiner Lieblingsworte. In einem von den Briefen stieß Neshdanow auch auf ein sozialistisches Gedicht, das, an ein junges Mädchen gerichtet, mit den Worten begann:
Nicht mich sollst Du lieben – in mir die Idee!
Neshdanow war weniger über die eitle Selbstgefälligkeit Kissljakow’s erstaunt, als über die ehrliche Gutmüthigkeit Markelow’s, dachte jedoch: »Fort mit der Aesthetik! auch Herr Kissljakow kann Nutzen bringen!«
Etwas später versammelten sich die Freunde wieder im Eßzimmer; Keiner von ihnen schien jedoch Lust zu haben, die gestrige Unterhaltung fortzusetzen: Markelow und Neshdanow waren zu aufgeregt, Ssolomin aber schwieg wie gewöhnlich.
Nach dem Thee fuhren sie zur Stadt; der alte, auf dem Treppengeländer kauernde Diener Markelows blickte seinem Herrn in der gewohnten wehmüthigen Weise nach.
Der altgläubige Kaufmann Goluschkin, dessen Bekanntschaft Neshdanow der erhaltenen Weisung gemäß zu machen hatte, war der Sohn eines, durch sein Geschäft reich gewordenen Droguisten. Er selbst hatte zu dem väterlichen Vermögen nichts hinzugefügt, denn er pflegte sein Leben vollauf zu genießen, wie ein russischer Epikuräer, und war auch nicht im Geringsten zum Handelsberuf befähigt. Er war ungefähr vierzig Jahr alt und sah sehr wohlgenährt aus; in dem häßlichen, blatternarbigen Gesicht blinzelten zwei kleine, längliche Schweinsaugen; wenn er sprach – und er sprach viel und hastig, gleichsam über die Worte stolpernd – schlug er lachend mit den Händen um sich und stampfte mit den Füßen . . . er hatte überhaupt das Aussehen eines dummerhaften, verzogenen und selbstgefälligen Burschen. Er selbst hielt sich für einen höchst gebildeten Menschen, da er französische Kleider trug, offenes Haus hielt, obgleich es in denselben nicht sehr rein aussah, da er ferner mit reichen Leuten Umgang hatte, das Theater besuchte, und Chansonetten-Sängerinnen protegirte, mit denen er sich in einer ganz ungewöhnlichen, quasi-französischen Sprache unterhielt. Seine Hauptleidenschaft aber war die Sucht nach Popularität: die ganze Welt soll es vernehmen, wer Du bist, Goluschkin! Das ist Ssuworow, oder Potjemkin – das aber ist Kapiton Goluschkin! – Diese Leidenschaft, welche sogar mächtiger war, als der angeborene Geiz, hatte ihn auch in das Lager der Nihilisten und »in die Opposition« getrieben, wie er sich selbstgefällig auszudrücken pflegte (oder »in die Position,« wie er Anfangs sagte, bis man ihn des Besseren belehrte); er sprach die schroffsten Ansichten aus, spottete über die Lehren der altgläubigen Kirche, der er selbst angehörte, aß Fleisch in der Fastenzeit, spielte Karten und trank Champagner wie Wasser. Es gelang ihm Alles, denn, pflegte er zu sagen, wo es nöthig, da ist die Obrigkeit erkauft, jedes Loch, jeder Mund, jedes Ohr verstopft! Er war Wittwer und hatte keine Kinder; die Söhne seiner Schwester drehten sich kriechend um ihn, er schalt sie aber ungebildete Tölpel, Barbaren und empfing sie fast nie. Er wohnte in einem großen, steinernen, schlecht unterhaltenen Hause; einige Zimmer waren mit ausländischen Möbeln ausstaffirt, in den anderen waren nur einfache, gestrichene Stühle und ein mit Wachstuch überzogener Divan. An den Wänden hingen überall Bilder – und zwar sehr schlechte Bilder: rothe Landschaften, veilchenblaue Seestücke, »der Kuß« von Molier, dicke nackte weibliche Figuren mit rothen Knieen und Ellenbogen. Trotzdem, daß Goluschkin ohne Familie dastand, wimmelte es in seinem Hause von allerlei Schmarotzern, die er nicht aus Gastfreundschaft um sich duldete, sondern um sich populär zu machen – und um ihnen befehlen und auch sein Müthchen an ihnen kühlen zu können. »Meine Klienten,« sagte er gewöhnlich, wenn er Jemandem Sand in die Augen streuen wollte; obgleich er niemals etwas las, wußte er sich doch einzelne gelehrte Ausdrücke sehr gut einzuprägen.
Die jungen Leute trafen Goluschkin in seinem Kabinet. Er war in einem langen Hausrock, hielt eine Cigarre im Munde, eine Zeitung in der Hand und stellte sich, als ob er in dieselbe vertieft sei. Als er sie erblickte, sprang er auf, – lief erröthend von Einem zum Andern, befahl einen Imbiß zu bringen, fragte nach Diesem, lachte über Jenes – und das Alles zu gleicher Zeit. Markelow und Ssolomin kannte er bereits, Neshdanow aber hatte er noch nie gesehen. Als er vernahm, daß Neshdanow sei, drückte ihm Goluschkin noch ein Mal lachend die Hand Und rief:
– Herrlich! herrlich! Einer von unserem Schlage. . . Wissen ist – lichter Tag, Unwissenheit – finstere Nacht!l Ich habe selbst eine klägliche Erziehung erhalten, aber ich begreife es, denn ich habe was erreicht!
Neshdanow schien es, als ob Goluschkin verlegen wäre – und das war auch in der That der Fall. – »Paß auf, Kapiton! blamir Dich nicht!« – war jedes Mal sein erster Gedanke, so oft er ein neues Gesicht sah. Er faßte sich jedoch und begann lispelnd, in der seiner Rede eigenen, hastig verwirrten Weise von Wassili Nikolajewitsch zu sprechen über dessen Charakter, von der Nothwendigkeit der Pro . . . pa . . . ganda – davon, daß er, Goluschkin, einen höchst zuverlässigen Menschen entdeckt, der ihrer Sache beitreten wolle, daß die Zeit der Revolution nahe sei, daß die . . . Lanzette angelegt werden könne – er blickte hierbei auf Markelow, der aber ganz ruhig dasaß und auf die Anspielung gar nicht zu achten schien . . . – darauf wandte er sich zu Neshdanow und erzählte ihm von den Vorzügen seiner eigenen Persönlichkeit in einer selbst Kissljakow’s, des großen Reisenden, vollkommen würdigen Weise. Er sei, meinte er, kein roher, selbstgefälliger Autokrat alten Schlages, er kenne sehr gut die berechtigten Ansprüche der Proletarier – dieses Wort hatte er sich gleichfalls eingeprägt, – daß er jetzt freilich den Handel bei Seite geworfen und sich nur mit Bankgeschäften abgebe – um das Kapital zu vergrößern – aber er thue es nur, um mit diesem Kapital im gegebenen Moment der allgemeinen Bewegung zu nützen – dem Volke zu dienen, denn er, Goluschkin, sei im Grunde ein geschworener Feind des Kapitals!
In diesem Augenblick kam ein Diener mit dem Imbiß. Goluschkin bat die Herren ein Schnäpschen zu nehmen und ging selbst mit gutem Beispiel voran, indem er ein ziemlich großes Gläschen Pfeffermünzbranntwein hinunterstürzte.
Die Gäste leisteten seiner Aufforderung Folge. Goluschkin stopfte sich große Stücke gepreßten Kaviars in den Mund und trank unaufhörlich, seine Gäste immer wieder von Neuem ermunternd, sich Alles schmecken zu lassen. – Ein guter kleiner Macon! wiederholte er kichernd. – Nur zu, meine Herren, bitte! Er wandte sich dann zu Neshdanow und fragte ihn, von wo er komme, wo er sich aufhalte und ob er lange in S. zu bleiben gedenke. Als ihn Neshdanow daraus erwiderte, daß er bei Ssipjagin lebe, rief Goluschkin aus:
– Ich kenne diesen Herrn! Ein leerer Kopf – Und nun begann er alle Gutsbesitzer des Gouvernements S. zu schmähen – weil in ihnen nicht die Spur eines Gemeingefühls vorhanden sei, weil sie nicht einmal für die eigenen Interessen Verständniß hätten! . . . »Merkwürdig jedoch!« – dachte Neshdanow – »er tadelt und schilt ununterbrochen und doch irren ihm die Augen so scheu und unruhig umher! « – Neshdanow vermochte sich keine Rechenschaft zu geben, was das eigentlich für ein Mensch sei und wozu sie ihn brauchten? Ssolomin schwieg wie gewöhnlich; Markelow aber sah so finster aus, daß Neshdanow ihn endlich fragte, was ihm geschehen. Markelow entgegnete, daß ihm gar nichts passirt sei, aber in dem Ton, in welchem man gewöhnlich Leuten zu antworten pflegt, denen man zu verstehen geben will, daß man nicht geneigt ist, sich mit ihnen in eine Unterhaltung einzulassen. – Goluschkin fuhr unterdessen fort, in der alten Weise zu reden, bis er endlich auf die heranreifende Jugend zu sprechen kam und sich in überschwenglichen Lobeserhebungen über sie erging: wie sie jetzt klug sind, die jungen Leute! so klug, so klug! Da unterbrach ihn aber Ssolomin und fragte, wer denn jener zuverlässige Mensch sei, von dem er vorhin gesprochen, und wo er ihn gefunden? Goluschkin lachte laut auf und wiederholte zwei Mal: Sie werden schon sehen, Sie werden schon sehen! – worauf er gleich von der Fabrik zu reden anfing, sich nach dem Eigenthümer, dem »Spitzbuben« erkundigte . . . von Ssolomin jedoch höchst trockene und einsilbige Antworten erhielt. Er goß nun Allen Champagner ein, ergriff sein Glas, flüsterte Neshdanow in’s Ohr: »es lebe die Republik!« – und leerte es in einem Zuge. Neshdanow nippte ein wenig, Ssolomin bemerkte, daß er niemals am Morgen Wein trinke. Markelow aber leerte sein Glas voll Ingrimm gleichfalls bis auf die Neige. Eine gewisse Ungeduld schien an ihm zu nagen, als ob es ihn quäle, daß man sich hier amüsirte, statt vernünftig zu sprechen . . . Er schlug mit finsterer Miene auf den Tisch, rief: »Meine Herren!« – und wollte eben zu reden beginnen . . .
In diesem Augenblick trat ein kleines, offenbar schwindsüchtiges Männlein in einem Nanking-Rock von kaufmännischem Schnitt, mit glatt gekämmtem Haar und spitz zulaufendem, einer Kaffeekanne ähnlichem Gesicht in’s Zimmer, verneigte sich vor den Gästen und ging auf Goluschkin zu, dem er mit leiser Stimme irgend eine Mittheilung machte.
– Gleich! gleicht – antwortete Dieser hastig. Meine Herren, – fuhr er fort, – ich muß Sie um Entschuldigung bitten . . . Der Wassja, mein Kommis, hat mir da ein »Geschichtchen« mitgetheilt, welches so wichtig ist, daß ich mich jetzt durchaus entfernen muß; aber ich hoffe, meine Herren, daß Sie nicht ablehnen werden, bei mir zu speisen – um drei Uhr; dann werden wir uns noch gemüthlicher unterhalten können!
Weder Ssolomin, noch Neshdanow wußten, was sie darauf antworten sollten; Markelow aber rief sogleich noch immer mit derselben finsteren Strenge in den Mienen und in der Stimme:
– Natürlich kommen wir; was wäre das sonst für eine Komödie!
– Innigsten Dank, meine Herren! – fiel Goluschkin ein, und fügte, sich zu Markelow neigend, hinzu: – Tausend Rubel opfere ich jedenfalls . . . das unterliegt keinem Zweifel! – und betheuerte dieses Versprechen durch dreimaliges, bezeichnendes Niederschlagen der rechten Hand mit ausgestrecktem Daumen und kleinem Finger.
Er gab den Gästen bis an die Thür das Geleit und rief ihnen noch auf der Schwelle nach:
– Ich erwarte Sie also um drei!
– Gut! – antwortete Markelow.
– Meine Herren! – rief Ssolomin, als sie auf der Straße waren. – Ich werde zur Fabrik fahren. Was soll man bis zum Mittag unnütz die Zeit vertrödeln! Dieser Kaufmann . . . däucht mir, ist so viel werth, wie ein Bock, von dem man weder Milch noch Wolle bekommt.
– Nun, Wolle wird’s schon geben, – brummte Markelow. – Er verspricht uns Geld. Oder ist er Euch zu ungebildet? Wir können nicht auf Alles Rücksicht nehmen, wir sind – keine wählerischen Bräute!
– Es kümmert mich wenig, ob er ungebildet ist oder nichts – antwortete Ssolomin ruhig. – Ich frage mich nur, wozu meine Anwesenheit von Nutzen sein könnte. – Uebrigens, – fügte er, auf Neshdanow blickend, lächelnd hinzu, – gut: ich bleibe. Mit Kameraden ist’s gut sterben, wie das Sprichwort sagt. —
Markelow hob den Kopf empor.
– Gehen wir unterdessen in den Stadtgarten, das Wetter ist so schön. Wir können uns die Menschen ansehen!
– Gut- Sie schlugen die Richtung nach dem Stadtgarten ein: Markelow und Ssolomin gingen voran, Neshdanow folgte ihnen.
Achtzehntes Capitel
Es war ein seltsamer Zustand, in welchem sich Neshdanow befand. In den letzten zwei Tagen hatte er so viel erlebt, so viele neue Personen gesehen . . . Zum ersten Mal in seinem Leben war er in ein nahes Verhältniß zu einem jungen Mädchen getreten, das er, wie es schien, innig liebte; er war Zeuge der Vorbereitungen zu einem Unternehmen, dem er wahrscheinlich alle seine Kräfte widmen mußte. Und was fühlte er nun? – Freute es ihn? – Nein. – Schwankte er? Fürchtete er sich? – O nein, gewiß nicht! War seine Seele wenigstens in jener ganz besonderen, erhebenden Erregung, welche den Menschen zwingt, im Vorgefühl des nahe bevorstehenden Kampfes in die erste Reihe der Streitenden zu treten? – Auch das nicht! Glaubte er endlich überhaupt an dieses Unternehmen? Glaubte er an seine Liebe? – Verwünschte Aesthetik! Verwünschter Skeptizismus! – flüsterten tonlos die Lippen. Woher diese Müdigkeit, woher selbst diese Unlust zum Reden, so sehr man auch schreit und außer sich geräth? Was ist das für eine innere Stimme, die er dadurch berauben will? – Aber Marianne, diese gute, treue Freundin, diese reine, leidenschaftliche Seele, dieses herrliche Mädchen – liebt sie ihn denn nicht? Ist es nicht ein großes Glück, daß er sie gefunden, daß er ihre Freundschaft, ihre Liebe erworben? Und die beiden Gestalten, die vor ihm gehen, dieser Markelow, dieser Ssolomin, den er noch wenig kennt, zu dem es ihn aber so mächtig hinzieht, – sind sie denn nicht auch tüchtige Typen russischen Wesens, russischen Lebens? Und mit ihnen bekannt, befreundet zu sein – ist das nicht Glück? – Woher denn dies unbestimmte, unklare, nagende Gefühl? Was will, was soll diese Wehmuth – Wenn Du ein Gedankenmensch bist, ein Melancholiker – flüsterten wieder die Lippen – dann, zum Teufel, bist Du auch kein Revolutionär! Reime dann ohne Ende, und verkomme, tändle mit Deinen kleinlichen Gedanken und Gefühlen, und wühle in verschiedenen psychologischen Erörterungen und Feinheiten – dann aber bilde Dir nicht ein, daß die krankhafte Erregung Deines Wesens, daß Dein nervöser Trotz männlicher Zorn sei und tiefempfundener Haß eines überzeugungsfreudigen Menschen!– O Hamlet, Hamlet, Du Dänenprinz, wie soll man Deinem Schatten entfliehen, wie aufhören, Dir in Allem nachzustreben, sogar in der schmachvollen Wollust der Selbstpeinigung!
– Alexis! Freund! Rußlands Hamlet! – ertönte plötzlich eine bekannte scharfe Stimme – gleichsam als Wiederklang aller dieser Gedanken. – Bist Du’s, seh’ ich recht?!
Neshdanow schaute auf und erblickte Paklin in strohgelber Sommerkleidung, einen großen, mit einem himmelblauen Bande umschlungenen, in den Nacken gedrückten Strohhut auf dem Kopf, in Lackstiefeln – und ohne Halstuch!
Er näherte sich Neshdanow und ergriff dessen Hände.
– Erstens, – begann er, – obgleich wir in einem öffentlichen Garten uns befinden, muß ich Dich doch nach alter Sitte umarmen und drei Mal küssen . . . eins!t zwei! drei! – Zweitens, wisse, daß wenn ich Dich nicht heute erblickt, Du morgen mein Angesicht geschaut hättest, – dieweil mir Dein Aufenthaltsort bekannt ist und ich absichtlich in diese Stadt gekommen bin . . . wie das geschehen ist – davon später; drittens, stelle mich Deinen Freunden vor. Melde mir kurz und bündig, wer sie sind – und ihnen, wer ich bin – und genießen wir dann die Freuden des irdischen Lebens!
Neshdanow leistete dem Wunsche seines Freundes Folge, stellte die Herren einander vor und fügte bei einem Jeden kurz hinzu, wer er sei, was er treibe u.s.w.
– Prächtig! – rief Paklin, – jetzt aber gestattet mir, Euch den Blicken der Menge, die übrigens nicht vorhanden ist, zu entziehen, und zu einer einsamen Bank zu führen, auf welcher ich oft zu sitzen und in melancholischen Augenblicken die Natur zu bewundern pflege. Es ist etwas Herrliches, was das Auge da schaut: das Haus des Gouverneurs, zwei bunte Schilderhäuschen, drei Gendarmen und keinen einzigen Hund! – Wundert Euch nicht über die Reden, die ich im Munde führe, und die trotz meines Bemühens Euch kein Lächeln abzuzwingen im Stande sind! – Wie meine Freunde behaupten, repräsentire ich ja den russischen Witz . . . daher hinke ich wohl auch!
Paklin führte seine Freunde zur »einsamen Bank« auf welche sie sich niederließen, nachdem Paklin zuerst zwei alte Weiber verjagt, die dort saßen. Die jungen Leute begannen ihre Gedanken auszutauschen.« . . .
– Halt! – rief plötzlich Paklin, sich zu Neshdanow wendend, – ich muß Dir doch erklären, wie ich hierhergekommen. Du weißt, daß ich meiner Schwester wegen in jedem Sommer aus St. Petersburg fortziehe; als ich, nun erfuhr, daß Du auf einem Gut in der Nähe dieser Stadt, fiel es mir ein, daß ich hier Verwandte von Seiten meiner Mutter habe; zwei ganz absonderliche Subjekte, Mann und Frau! Mein Vater war ein Kleinbürger – meine Mutter aber eine Adlige. (Neshdanow wußte das Alles recht gut, Paklin hatte das aber wegen der zweien Anderen gesagt, um mit seiner väterlichen Abstammung zu prahlen.) – Schon seit langer, langer Zeit fordern sie uns auf, sie heimzusuchen! – Halt! denke ich . . . Das paßt vortrefflich! Es sind gute, herzensgute Menschen, die Schwester wird ein Leben bei ihnen haben, wie im Paradiese – was brauch’ ich mehr? Da kamen wir denn hergeflogen. Und ich sage Dir: so gut haben wir es hier, so gut . . . es ist nicht zu beschreiben! – Aber was das für Menschen sind, was für Menschen! – Ihr müßt sie durchaus kennen lernen! – Was thut Ihr hier? Wo werdet Ihr speisen? Und weshalb seid Ihr denn eigentlich nach S. gekommen?
– Wir essen heute bei einem gewissen Goluschkin . . . Es existirt hier ein Kaufmann dieses Namens, – antwortete Neshdanow.
– Um welche Zeit?
– Um drei Uhr.
– Und Ihr seid bei ihm wegen . . . wegen . . .
– Paklin blickte auf den wie gewöhnlich lächelnden Ssolomin, dann aus Markelow, dessen Mienen immer finsterer wurden . . .
– Hör’ Alex, sag’ ihnen doch . . . mach’ irgend ein Freimaurerzeichen, damit sie wissen, daß sie keine Umstände zu machen brauchen . . . Ich gehöre ja auch zu Euch . . . zu Eurem Verein . . .
– Goluschkin gehört auch zu uns, – bemerkte Neshdanow.
– Vortrefflich! – Wir haben bis zum Mittag noch sehr viel Zeit – hört mal: kommt zu meinen Verwandten!
– Bist Du von Sinnen? Wie können wir . . .
– Sei nur ganz still, das ist meine Sache, – unter- brach ihn Paklin. – Ich sage Dir: eine Oase in der Wüste! – Keine Spur von Politik, von Literatur! nichts findet dort Eingang, was modern ist! Das Haus, in welchem sie wohnen, ist klein, dickbäuchig, wie Du jetzt nirgends ein zweites sehen wirst; die Luft in demselben ist – antik; die Menschen – antik; mit einem Wort Alles, Alles – antik – Zeitalter der zweiten Katharina – Puder, Reifrock, achtzehntes Jahrhundert! – Die Eheleute selbst denke Dir: alte uralte Gestalten, aber ohne Runzeln im Gesicht; ferner rund, klein, weich, sauber, – echte Inséparables; dabei bis zur Dummheit gutmüthig, bis zur Heiligkeit, unendlich gut! Freilich sagt man, daß »unendliche« Güte mit ungenügender Ausbildung des sittlichen Gefühls im Menschen in Verbindung stehen soll . . . Ich verstehe jedoch nichts von diesen Feinheiten und weiß nur, daß meine Alten – überaus herzig sind! Kinder haben sie niemals gehabt. Die »Glückseligen« —so nennt man sie in der Stadt. Sie gehen immer gleich gekleidet und tragen gestreifte lange Morgenröcke und es ist das Zeug, aus welchem diese Kleider gemacht sind, so fest, wie Du es jetzt nirgends mehr findest. – Sie sehen einander zum Verwechseln ähnlich – nur daß die Eine eine Haube auf dem Kopfe hat, der Andere aber eine Kappe – doch eben so besetzt, wie die Haube, wenn auch ohne Schleife. Wenn diese Schleife nicht wäre, könnte man sie nicht unterscheiden, da auch beim Mann das Kinn eben so glatt ist, wie bei der Frau. Und sie heißen: er – Thömchen und sie – Thymchen. – Glaube mir – man könnte Geld zahlen, um sie zu sehen. Sie lieben einander – bis zur Unmöglichkeit; besucht man sie aber, so ist man immer von Herzen willkommen. Und sie sind so freundlich, so zuvorkommend und zeigen auch gleich ihre kleinen Griffe und Kniffe. Nur eins: man darf nicht rauchen bei ihnen; sie sind zwar keine Raskolniki, aber sie haben einen Widerwillen gegen Tabak. . . Wer hat übrigens auch geraucht zu ihrer Zeit? – Dafür haben sie auch keine Kanarienvögel, denn diese Thiere waren damals noch wenig bekannt . . . Und das ist ein großes Glück – nicht wahr? – Nun, gehen wir?
– Ich weiß wirklich nicht, – meinte Neshdanow.
– Halt! ich habe noch Etwas vergessen. – Auch ihre Stimmen sind gleich: wenn man die Augen schließt, weiß man nicht, wer da spricht. Thömchen scheint übrigens mit ein wenig mehr Gefühl zu sprechen. – Ihr rüstet Euch, meine Herren, zu einem großen Werke – es steht Euch vielleicht ein schrecklicher Kampf bevor . . . Solltet Ihr nicht, ehe Ihr Euch in die stürmischen Wogen stürzt, Euch zuerst erfrischen . . .
– Durch ein Bad im stehenden Wasser? – unter- brach ihn Markelow.
– Und wenn auch? – Stehendes Wasser ist es freilich, aber kein unreines, kein faules Wasser. – Es giebt kleine Steppenteiche ohne sichtbaren Zufluß, die trotzdem immer klar bleiben, weil aus den Quellen auf dem Grunde derselben ununterbrochen frisches Wasser emporsprudelt – Solche Quellen sind auch in meinen Alten verborgen – dort, auf dem Grunde ihrer Seele, so klar, so rein . . . Ich sage Euch! wollt Ihr sehen, wie man vor hundert, hundertfünfzig Jahren gelebt hat, so folgt mir unverzüglich. Denn sonst kommt ein Tag und eine Stunde – und für Beide durchaus dieselbe Stunde – und meine Inséparables sind dahin! – und Alles vergeht mit ihnen – das kleine wanstige Häuschen verschwindet – und dort, wo es gestanden, wächst dann, was nach den Worten meiner Großmutter immer an den Stellen zu wachsen pflegt, wo einst Menschenkinder gewandelt: Nesseln, Kletten, Disteln, Wermuth und wilder Ampfer! und selbst die Straße wird nicht mehr sein – und es werden Menschen kommen und werden suchen und werden in Ewigkeit nichts dem Aehnliches finden!
– Nun? – rief Neshdanow, – was denkt Ihr, wollen wir gehen?
– Es würde mir ein großes Vergnügen bereiten, sie zu sehen, – antwortete Ssolomin; – es ist jedenfalls höchst interessant, – und wenn Herr Paklin und dafür bürgen will, daß wir Niemandem zur Last fallen, so . . . könnte man wohl . . .
– Seien Sie unbesorgt! – rief Paklin, – die Alten werden außer sich sein vor Entzücken; ich sage Euch, man nennt sie: die Glückseligen! Sie werden uns etwas vorsingen! – Und Sie, Herr Markelow?
Markelow zuckte ärgerlich die Achseln.
– Ich werde doch nicht allein hier bleiben.
Führen Sie uns! Die jungen Leute erhoben sich von ihren Sitzen.
– Was das für ein finsterer Herr ist, – flüsterte Paklin Neshdanow zu, indem er auf Markelow wies: – Johannes der Täufer, der sich an Heuschrecken satt gegessen . . . an Heuschrecken ganz allein, ohne Honig! – Der Andere aber – fügte er, mit dem Kopf auf Ssolomin deutend, hinzu, – das ist ein prächtiger Mensch! Wie sein Lächeln so wunderbar ist. – Ich habe bemerkt, daß nur solche Leute so zu lächeln verstehen, die höher stehen, als Andere – und doch selbst nichts davon wissen.
– Giebt es denn solche Menschen? – fragte Neshdanow.
– Man findet sie zuweilen, aber selten, antwortete Paklin.
Neunzehntes Capitel
Thömchen und Thymchen – Thomas Lawrentjewitsch und Euthymia Pawlowna Ssubotschew – entstammten Beide demselben altadligen Geschlecht und gehörten zu den ältesten Bewohnern der Stadt S. Sie waren Beide sehr jung, als sie sich vermählten, und hatten sich bald darauf, vor langer, langer Zeit, von ihrem Dorfe in das hölzerne, großväterliche Haus an der äußersten Grenze der Stadt zurückgezogen; dieses Haus hatten sie seitdem nicht mehr verlassen und sich auch nie entschließen können, eine Aenderung in ihrer Lebensart eintreten zu lassen. Sie standen gleichsam außerhalb der Zeit, niemals hatte etwas »New modisches« in ihre »Oase« einzudringen vermocht. Wenn sie auch nicht reich waren, so hatten sie doch ihr gutes Auskommen, denn die Bauern brachten ihnen nach wie vor ein paar Mal im Jahre allerlei Provision und Geflügel vom Dorfe; regelmäßig erschien zur bestimmten Zeit der Dorfälteste mit dem Gelde, und einem Paar Birkhühner aus den herrschaftlichen Wäldern, die jedoch längst nicht mehr existirten; er wurde dann auf der Schwelle des Gastzimmers mit Thee traktirt, mit einer Fellmütze und einem Paar sämischledernen Fausthandschuhen beschenkt und schließlich mit Gott entlassen. Das Hausgesinde war gleichfalls unverändert dasselbe geblieben. In alter, gewohnter Weise trat der alte Diener Kalliopytsch, in einem ungewöhnlich dicken Tuchrock mit einem stehenden Kragen und stählernen Knöpfen, täglich um die bestimmte Stunde in’s Zimmer, um seiner Herrschaft in singendem Tone zu vermeiden, daß »der Tisch gedeckt« sei, woraus er dann hinter dem Stuhl seiner Herrin stehend regelmäßig einzuschlafen pflegte. Er hatte die Oberaufsicht über das Buffet – über die »Spezereien, Kardamomen und Citronen«; wenn man ihn aber fragte, ob er nicht gehört, daß die Leibeigenen nun Alle frei wären, antwortete er, daß das Unmöglich, daß es eine Lüge sei; bei den Türken, da herrsche Freiheit, ihn aber hätte der liebe Gott davor behütet. Ein Mädchen, Namens Pusska, von Gestalt eine Zwergin, hatte die Aufgabe, die alten Leute zu unterhalten und zu zerstreuen; während des Mittags aber erschien die alte Bonne Wassiljewna, mit einem großen dunklen Tuch um den Kopf, und erzählte ihnen mit zitternder Stimme allerlei Neuigkeiten: wie Napoleon im Jahre 1812 in Rußland gewesen, wie der Teufel als Antichrist durch die Welt ziehe oder wie man jetzt weiße Mohren entdeckt hätte; – ein anderes Mal theilte sie dann wieder mit nachdenklich-klagender Miene mit, was ihr in der Nacht geträumt und was dieser Traum zu bedeuten habe, – und was ihr die Karten verrathen. Das Haus selbst, in welchem sie wohnten, hatte ein anderes Aussehen, als die übrigen Häuser der Stadt: es war aus Eichenholz gezimmert mit einer Reihe von kleinen Fenstern in Form gleichseitiger Vierecke; diese Fenster waren mit doppelten Rahmen versehen, welche auch im Sommer vorgesetzt blieben. Inwendig aber waren Gastzimmer und Wohnzimmer, Kammern und Stübchen, Korridore und Verschläge, Treppen und Aufgänge u.s.w. Ein schmaler Streifen eingefriedigten Gartenlandes zog sich an der vorderen Seite des Hauses hin, der eigentliche Garten aber lag hinter demselben und war besäet mit kleinen Scheunen und Speichern, Ställen und Kellern, die fast nichts von Werth und Bedeutung enthielten, aber da sie nun ein Mal vorhanden waren, auch unterhalten wurden. Zwei Pferde standen im Stalle, zwei alte, zottige Gäule mit eingefallenem Rücken, von denen das eine – es hieß Nedwiga – so alt war, daß sich auf dem Körper bereits weiße Flecke zu zeigen begannen. Ein Mal im Monat, wenn es hoch kam, wurden sie vor die in der ganzen Stadt bekannte Equipage gespannt, – in Form eines Globus, dessen vorderer Theil herausgeschnitten war; inwendig war dieser Globus mit einem gelben, ausländischen Stoffe voll schwarzer, warzenähnlicher Punkte ausgeschlagen. Die letzte Elle dieses Stoffes mochte in Utrecht oder Lyon zur Zeit der Kaiserin Elisabeth von Rußland verfertigt worden sein. Auch der Kutscher Ssubotschew’s, Namens Perfischka, war ein alter, uralter Greis, der einen Geruch von Fischthran und Theer um sich verbreitete; der lange Bart bedeckte das ganze Gesicht bis zu den Augen, während die Brauen ihrerseits über die Augen auf den Bart herabfielen. Er war so langsam in Allem, was er that, daß er fünf Minuten brauchte, um eine Prise zu nehmen, zwei Minuten, um die Peitsche in den Gurt zu stecken, und über zwei Stunden, um Nedwiga einzuspannen. Wenn er mit seiner Herrschaft ausfuhr und die Pferde die Equipage bergauf ziehen wußten, zitterten Thömchen und Thymchen am ganzen Körper – wenn sie bergab fuhren zitterten sie übrigens auch – und hielten sich an den Wagenriemen und riefen Beide mit lauter Stimme: »Den Pferden – den Pferden . . . Samuel’s Kräfte; – wir aber, – wir aber, so leicht wie die Feder, so leicht wie der Wind!! . . .«
Alle kannten das wunderliche Ehepaar; in den Augen der Menge waren es zwei Sonderlinge, zwei Verrückte sogar! . . . Sie fühlten übrigens selbst, daß sie in die Zeit, in welcher sie lebten, nicht mehr hineinpaßten, machten sich jedoch keine Sorgen deshalb: sie blieben, was sie waren, blieben der Zeit getreu, in welcher sie geboren und aufgewachsen. Trotzdem konnten sie es nicht übers Herz bringen, Jemanden zu strafen oder zu schelten – in dieser Beziehung standen sie zu dem Geist ihrer Zeit in direktem Gegensatz. Wenn sich ergab, daß einer von den Dienern ihres Hauses ein Trunkenbold oder ein Dieb war, so ertrugen sie es wie man schlechtes Wetter ertragen muß, Und Wenn sie ihn endlich entließen, so thaten sie es, ohne ein böses Wort zu sagen. Dergleichen Fälle kamen jedoch höchst selten vor – so selten, daß von denselben als ganz besonders bemerkenswerthen Ereignissen gesprochen wurde, z.B.: »Das ist schon lange her; es war damals, als der freche Aljoschka bei uns diente«; oder: »als die Fellmütze des Großvaters mit dem Fuchsschwanze gestohlen wurde.« Sie unterschieden sich auch noch dadurch von ihren Zeitgenossen, daß sie nichts weniger als fromm waren. Thömchen war sogar ein Anhänger Voltaire’s, Thymchen aber erbebte, wenn sie einen Geistlichen erblickte: »sie haben ein so böses Auge!« – pflegte sie zu sagen – »wenn ein Pfaff bei mir sitzt, wird auch der Schmand gleich sauer!« Die Kirche besuchten sie selten und fasteten nach katholischer Art, d.h. sie aßen Eier und Butter und tranken Milch. Man wußte das in der Stadt und es ist begreiflich, daß ihr Ruf eben daher gerade nicht der beste war. Ihre Sanftmuth und Güte aber machte Alles wieder gut, und wenn man sie auch verspottete, wenn man sie auch für blödsinnig und verrückt erklärte – so behandelte man sie im Grunde doch mit einer gewissen Hochachtung.
Trotzdem fiel es Niemandem ein, sie zu besuchen und zu ihnen in gesellschaftliche Beziehung zu treten, was sie übrigens auch nicht im Geringsten bedauerten. Sie empfunden nie Langeweile, wenn sie zusammen waren, trennten sich nie von einander und sehnten sich auch nach keiner anderen Gesellschaft. Keines von ihnen war jemals krank gewesen; wenn sich das Eine auch ein Mal zufällig unwohl fühlte, so tranken sie sogleich Beide Lindenblüthenthee, oder rieben sich mit warmem Oel ein, oder bespritzten die Sohlen mit heißem Talg – und waren wieder gesund. – Ein Tag verging bei ihnen wie der andere. Sie standen spät auf, tranken am Morgen aus kleinen, becherförmigen Tassen Chokolade – »Thee am Morgen zu trinken, ist erst später Mode geworden,« behaupteten sie – und unterhielten sich dann – der Stoff ging ihnen niemals aus – oder lasen im »Angenehmen Zeitvertreib« oder im »Spiegel der Welt«; zuweilen besahen sie aber auch ein altes in Saffian mit Golddruck gebundenes Album, welches einst, wie es die Aufschrift bezeugte, einer M-me Barbe de Kabyline gehört hatte. – Wie und wann dieses Album zu ihnen gekommen – wußten sie selbst nicht zu sagen. Es befanden sich in demselben einige französische und russische Gedichte und kleinere aphoristische Bemerkungen in Art der folgenden »kurzen« Betrachtungen über »Cecero«:
»In welcher Stimmung Cecero das Amt des Quästors übernommen, erklärt er folgendermaßen: Nachdem er vor den Göttern bekräftigt die Reinheit seiner Empfindungen in allen Aemtern, durch die er bis dato geehrt worden war, glaubte er sich durch die heiligsten Bande verpflichtet zu einer derselben würdigen Ausübung und in dieser Absicht habe er, Cecero, niemals getrachtet nach der Süße der Gesetzesübertretungen, sondern sich sogar denjenigen Vergnügungen, welche nothwendig scheinen können, immer entzogen.« Unten stand: »Niedergeschrieben in Sibirien, im Hunger und in der Kälte.« Gut war ferner ein Gedicht, »Thyrsis« überschrieben, in welchem unter Anderen folgende Verse vorkamen:
Im Weltall herrschet tiefe Stille,
Es glänzt der Thau so feenhaft,
Erfrischend wirket dessen Kühle,
Verleiht den Pflanzen neue Kraft.
Des Thyrsis Herz ist schwer, des Armen,
Er grämt sich, seufzet, weint und klagt,
Sein Aennchen flieht ihn – habt Erbarmen!
O seht, er ist so traurig, so verzagt!
und die Improvisation eines vorüberreisenden Kapitäns aus dem Jahre 1790, »im Monat Mai am sechsten Tage«:
Dich vergessen niemals werd’ ich!
Du schöner, lieber Landesstrich!
Ewig dein gedenken werd’ ich!
Die Zeit so angenehm verstrich!
Die ich gehabt die Ehr’!
Zu sein bei der Besitzerin!
Fünf schöne Tag’ mit frohem Sinn!
Mit werthen Gästen im Verkehr!
Von Jungfrauen, Frauen umgeben,
Und interessanten Personen daneben!
Auf der letzten Seite des Albums befanden sich schließlich – statt der Verse – allerlei Recepte zu Medikamenten gegen Magenkrankheiten, Krämpfe und sogar gegen Bandwürmer!
Genau um zwölf Uhr pflegten Thömchen und Thymchen zu Mittag zu essen, und zwar ganz altmodische Speisen, wie z.B. Käsetuchen, saure Gurkensuppe, kaltes Fleisch in Essig, Brei aus Buchweizenmehl, Hühnerfleisch mit Safran, Löffelkuchen mit Honig u.s.w.; nach dem Mittag ruhten sie ein wenig – höchstens eine Stunde – erhoben sich dann wieder und tranken Preißelbeer-Wasser, zuweilen aber auch ein besonders präparirtes moussirendes Getränk, welches gewöhnlich mit solcher Kraft aus der Flasche herausspritzte, daß in derselben nichts mehr nachblieb, was Thömchen und Thymchen jedes Mal viel Freude machte, den alten Kalliopytsch aber ungeheuer ärgerte, da er überall aufwischen mußte; er brummte dann noch lange über die Haushälterin und den Koch, die seiner Meinung nach dies Getränk ausgedacht hätten . . . »Was ist denn für ein Genuß dabei? Blos um die Möbel zu ruiniren!« Darauf griffen sie wieder nach irgend einem Buche, oder amüsirten sich mit Pusska oder sangen auch alte Lieder. Sie hatten vollkommen gleiche, schwache, heisere, etwas zitternde Stimmen, die jedoch ganz angenehm klangen; zuweilen spielten sie auch Karten, aber ganz alte Spiele, Krebs, Mönche oder sogar Boston sans prendre! – Dann wurde die Theemaschine gebracht: am Abend pflegten sie immer Thee zu trinken . . . das war das einzige Zugeständniß, welches sie dem Geiste der Zeit gemacht, obgleich ihrer Meinung nach, es doch nur eine unnütze »Verwöhnung« war, und der Genuß dieses »chinesischen Grases« die Menschen entkräfte! Sie waren übrigens weit davon entfernt, die neue Zeit zu tadeln – sie lobten auch nicht die alte Zeit; wenn sie selbst auch niemals anders gelebt hatten, so gaben sie doch zu, daß man anders, und sogar besser, leben könne, aber man solle sie nur nicht zwingen, ihren Gewohnheiten untreu zu werden!
Um acht Uhr Abends brachte Kalliopytsch das Abendessen mit der unvermeidlichen kalten Kwaßsuppe, um neun Uhr aber zogen sich Thömchen und Thymchen in ihr Schlafzimmer zurück und begaben sich zur Ruhe. Dann wurde es still im Hause: es flackerte das Lämpchen vor dem Gottesbilde, es zirpte das Heimchen, es verbreitete sich ein Duft wie von Melisse und Moschus durch die ganze Wohnung – und es schlief das gute, komische, unschuldige Ehepaar!
Das waren die Inséparables, zu denen Paklin seine Schwester gebracht hatte, und jetzt auch seine Freunde führte.
Paklin’s Schwester war ein kluges, durchaus nicht häßliches Mädchen – sie hatte namentlich wunderbar schöne Augen; sie war aber bucklig, und das Bewußtsein davon zehrte so sehr an ihr, daß sie jedes Selbstvertrauen und Lebenslust verloren, daß sie argwöhnisch, beinahe boshaft geworden war. Sie hatte einen seltsamen Namen bei der Taufe erhalten: Snandulia! Paklin wollte sie umtaufen, wollte sie Sophie nennen – sie meinte aber, daß eine Bucklige gar nicht anders heißen dürfe, als Snandulia! Sie war eine große Musikfreundin und spielte selbst ziemlich gut Klavier – »weil ich lange Finger habe,« versicherte sie nicht ohne Bitterkeit, – »wie das gewöhnlich bei Buckligen zu sein pflegt.«
Als die Gäste kamen, saßen Thömchen und Thymchen im Gastzimmer und tranken, wie sie es in der Regel nach dem Mittagsschlaf zu thun pflegten, Preißelbeerwasser.
– Wir treten jetzt in’s achtzehnte Jahrhunderts – rief Paklin, als sie über die Schwelle des Hauses schritten.
Und in der That: bereits im Vorzimmer begrüßte sie das achtzehnte Jahrhundert in Gestalt eines kleinen, blauen Bettschirms mit aufgeklebten schwarzen Silhouetten gepuderter Damen und Herren: in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren diese Bilder in Rußland sehr in Mode gewesen. Beim Eintritt der vier Gäste gerieth das ganze Haus in Aufregung: —man hörte das Getrappel bloßer und beschuhter Füße, Frauengesichter zeigten sich und verschwanden allsogleich – Jemand wurde gequetscht, es folgte ein kurzes Aechzen, Kichern, leises Fluchen . . . bis endlich Kalliopytsch erschien, die Thür in den »Saal« öffnete und mit lauter Stimme hineinrief:
– Da ist Ssila Ssamssonytsch mit anderen Herren! Thömchen und Thymchen schienen viel weniger erschreckt, als ihre Dienerschaft. Freilich waren auch sie etwas verwundert, als sie vier ganz erwachsene Herren plötzlich in ihrem sonst ziemlich geräumigen Gastzimmer erblickten; aber Palkin beruhigte sie sofort, indem er Neshdanow, Ssolomin und Markelow der Reihe nach unter witzigen Bemerkungen vorstellte und den beiden Alten erklärte, daß es sehr stille Leute, die nicht bei der »Krone« angestellt wären, daß es keine Beamten seien, welche Thömchen und Thymchen besonders ungern sahen.
– Die auf den Ruf des Bruders herbeigekommene Snandulia war viel aufgeregter, als die Alten, welche – Beide zugleich und in denselben Ausdrücken – die Gäste Platz zu nehmen baten und sich bei ihnen erkundigten, was sie ihnen anbieten könnten: Thee, Chokolade oder Limonade? Als sie jedoch erfuhren, daß die Gäste eben beim Kaufmann Goluschkin gefrühstückt und gleich wieder bei ihm speisen würden, daher gar nichts bedürften, hörten die beiden Alten auf, weiter in sie zu dringen und gingen, nachdem sie die Hände in gleicher Weise über ihren runden Bäuchchen geschlagen, zur Unterhaltung über, die auch bald in Fluß kam.
Paklin erzählte eine komische Anekdote von Gogol, die so lächerlich war, daß den Alten die Thränen aus den Augen flossen. Sie pflegten Beide in derselben Weise zu lachen, indem sie zuerst freudig aufschrieen und die Stimme dann hüstelnd senken ließen, während sich das erröthende Gesicht leicht mit Schweiß überzog. Paklin hatte bemerkt, daß aus Leute wie Thömchen und Thymchen Citate aus Gogol niemals ihre Wirkung verfehlen; aber da es ihm nicht darum zu thun war, die Alten selbst zu ergötzen, sondern dieselben seinen Bekannten zu zeigen, so zog er andere Segel auf und wußte die Sache so zu führen, daß Thömchen und Thymchen bald ganz zutraulich wurden und alle ihre Herrlichkeiten zu zeigen begannen.
Thömchen holte eine alte aus Holz geschnitzte Tabaksdose heraus, auf der man ein Mal sechsunddreißig menschliche Figuren in verschiedenen Stellungen hatte zählen können, jetzt konnte man sie freilich nicht mehr unterscheiden, Thömchen aber sah sie noch immer und zählte sie alle auf: – »Sehen Sie« – sagte er, – »da sieht Einer aus dem Fenster – sehen Sie: er hat den Kopf herausgesteckt« . . . Die Stelle jedoch, auf welche er mit dem Nagel des kleinen runden Fingers wies, war eben so glatt, wie die anderen Theile der Dose. Dann bat er die Gäste, ihre Aufmerksamkeit dem Oelgemälde zuwenden zu wollen, welches über seinem Kopfe hing: es stellte einen Jäger in Profil dar, der aus einem salben Pferde – gleichfalls in Profil – über eine schneeige Fläche dahinjagte. Der Jäger war in einer hohen weißen Fellmütze mit einem blauen Querstreifen und in einem Rock aus Kameelhaar, wie ihn die Tscherkessen tragen, mit einem sammetnen Stoß; um die Taille war ein vergoldeter Gurt geschlungen, hinter welchem ein in Seide gestickter Fausthandschuh steckte und von dem auch ein Dolch in silberner Scheide herabhing. In der einen Hand hielt der jugendliche, etwas volle Jäger ein großes, mit rothen Quasten geschmücktes Horn, in der andern die Zügel und eine Peitsche. Die vier Füße des Pferdes hingen in der Luft, und es hatte der Maler auch nicht vergessen, die Hufen und sogar die Nägel auf den Hufeisen sorgfältig auszumalen. »Und sehen Sie hier,« – sagte Thömchen, indem er mit demselben kleinen runden Finger auf vier halbrunde dunkle Flecken hinter den Füßen der Pferde hinwies, – »die Spuren im Schnee – auch die hat er hingemalt!« Daß man nur vier Flecken sah, im Hintergrunde aber gar keine Spuren erblickte – davon schwieg Thömchen.
– Das bin – ich! – fügte er mit verschämtem Lächeln hinzu.
– Wie! – rief Neshdanow. – Sie sind Jäger gewesen?
– Ja . . . aber nur kurze Zeit. Denn ein Mal bin ich im vollen Galopp kopfüber vom Pferde gestürzt und habe mir den »Kurpeï« verletzt. Thymchen hat sich natürlich erschreckt . . . und hat mir die Jagd verboten. Seitdem bin ich auch nicht mehr auf der Jagd gewesen. —
– Was haben Sie sich verletzt, frug Neshdanow.
– Den Kurpeï wiederholte Thömchen mit leiser, gleichwie verschämter Stimme. Die Gäste wechselten einen stummen Blick. Niemand wußte, was eigentlich ein »Kurpeï« für ein Ding sei. – Zwar dem Markelow war nicht unbekannt, daß man die wollige Quaste auf einer Kosaken- oder Tscherkessen-Mütze so zu nennen pflegte – aber Thömchen hatte sich unmöglich das verletzen können?
– Ihm aber die Frage zu stellen, was er sich eigentlich verletzt hatte – dazu entschloß sich keiner.
– Nun, wenn Du Dich so herausstreichst, – begann plötzlich Thymchen. – so habe auch ich etwas, was ich zeigen kann.
Sie holte aus einem kleinen »bonheur du jour« – so nannte man einst die alten Bureaus auf kleinen krummen Füßen mit einer runden Verschlußklappe zum Zurückschieben – ein Aquarellbild en miniature in einem Bronze-Rahmen, auf welchem man ein nacktes vierjähriges Kindchen erblickte mit einem Köcher und einem blauen Bändchen um die Brust; das krausköpfige, ein wenig schielende Kindchen lächelte und drückte den Finger prüfend an die Spitze des Pfeils. Thymchen zeigte das Bild den Gästen.
– Das bin . . . ich – sagte sie.
– Sie?
– Ja, ich, als ich noch ein Kind war.
Meinen seligen Vater pflegte ein französischer Maler zu besuchen, ein vortrefflicher Maler. Und der hat mich gemalt – es war ein Geschenk für meinen Vater zu dessen Namenstag. Was es für ein prächtiger Franzose war! Er hat uns auch später besucht. – Wenn er in’s Zimmer trat, machte er einen Kratzfuß, schlenkerte dann ein, zweimal mit den Füßen und küßte die Hand; wenn er aber fortging, so küßte er immer die eigenen Fingerspitzen – wahrhaftig! Und grüßte nach rechts und nach links, nach vorn und nach hinten! Es war ein prächtiger Franzose!
Die Gäste lobten sein Bild; Paklin fand sogar, daß es ähnlich sei.
Hier mischte sich aber Thömchen ein und behauptete, daß die jetzigen Franzosen wohl sehr böse Menschen sein müßten! – Weshalb denn? – Aber ich bitte Sie! . . . Was sie jetzt für Namen haben! – Zum Beispiel? – Dieser Name zum Beispiel: Nogeant-Saint-Lorrand! – ist es nicht ein echter Räubername? – Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich Thömchen auch, wer denn jetzt eigentlich in Paris regiere. – »Napoleon« – antwortete man ihm. Das wunderte ihn, wie es schien – und betrübte ihn. – Wie denn? . . . Ein so alter Mann . . . fing er an, blickte jedoch befangen um sich – und schwieg. Thömchen verstand fast gar kein Französisch und las Voltaire in der Uebersetzung, ein sorgsam gehüteter Kasten am Kopfende seines Bettes barg eine Abschrift des Candide – er liebte es aber, zuweilen einzelne französische Ausdrücke anzuwenden, wie z.B.: – »das ist, mein Lieber – fausse-parquet! « – in der Bedeutung: »das ist zweifelhaft! das ist falsch! – worüber sehr viel gelacht wurde, bis ein französischer Gelehrter erklärte, daß es ein alter parlamentarischer Ausdruck sei, der in Frankreich bis zum Jahre 1789 im Gebrauch gewesen.
Da gerade über Frankreich und die Franzosen gesprochen wurde, entschloß sich Thymchen, die Herren etwas zu fragen, was sie sehr interessirte. Anfangs wollte sie ihre Frage an Markelow richten, der aber sah böse aus; – Ssolomin hätte sie auch gefragt . . . aber nein! – dachte sie, – das ist ein einfacher Mensch, der wohl gar kein Französisch versteht. Und da wandte sie sich nun schließlich an Neshdanow.
– Was ich von Ihnen erfahren möchte, – begann sie; – entschuldigen Sie mich, bitte! Sehen Sie, mein lieber Verwandten Ssila Ssamssonytsch, der macht sich oft lustig über mich alte Frau und spottet meiner weiblichen Unwissenheit . . .
– Womit kann ich Ihnen dienen?
– Das will ich Ihnen gleich sagen.
Wenn Jemand im französischen Dialekt fragen will: »was ist das?« – muß er wirklich sagen: »Keßkessekessela?«
– Ja.
– Kann er aber auch sagen: »Keßkessela?«
– Er kann auch so sagen.
– Und auch einfach: »kessela?«
– Auch so.
– Und es bedeutet immer dasselbe?
– Ja.
Thymchen blickte nachdenklich zu Boden und schlug die Hände zusammen.
– Nun, lieber Ssila, – sagte sie endlich, – ich habe Unrecht – Du hast Recht.
Aber die Franzosen! . . . Ein tolles Volk!
Paklin bat die Alten, ihm etwas vorzusingen. . . Sie wunderten sich über den Einfall und lachten, erklärten sich jedoch bereit, seine Bitte zu erfüllen. Snandulia müsse sie aber am Spinett begleiten, diese wisse schon, was sie für Lieder sangen! In einer Ecke des Zimmers stand ein ganz kleines Klavier, welches Niemand bemerkt hatte. Snandulia setzte sich an das Spinett, schlug einen Akkord an. . . So hölzerne, schwächliche, marklose Töne hatte Neshdanow noch nie gehört; die Alten begannen:
O gaben uns die Götter —
sang Thömchen
– Ein innig liebend Herz,
Damit wir ach! Empfänden,
Der Liebe tiefen Schmerz?
cht giebt es denn hienieden —
antwortete Thymchen —
Ein thränenloses Sein
Und ungetrübte Freude?
O nein, o nein, o nein!
fiel Thömchen ein —
O nein, o nein, o nein!
wiederholte Thymchen —
Denn Lieb’ ist ohne Leiden
O nie, o nie, o nie!
sangen Beide zugleich —
O nie, o nie, o nie!
schloß Thömchen allein.
» – Bravo! – rief Paklin, – das ist die erste Strophe; nun die zweite.
– Sehr gern, – versetzte Thömchen, – aber wo bleibt denn der Triller, Suandulia Ssamssonowna? Ein Triller ist durchaus nothwendig.
– Gut, – antwortete Snandulia, – Sie sollen den Triller haben.
Thömchen sing wieder an:
Wer hat denn je geliebet
Und nicht geseufzt, geklagt,
Wer ist verliebt gewesen,
Der nicht dem Glück entsagt?
Darauf fiel Thymchen ein:
Es gleicht das Herz dem Nachen,
Der untersinkt im Meer.
Wozu denn ist’s gegeben?
»Zur Qual, zur Qual, zur Qual!«
– rief Thömchen – und hielt inne, um Snandulia Zeit zu einem Triller zu geben. Snandulia trillerte, worauf Thymchen einfiel:
Zur Qual, zur Qual, zur Qual!
Dann sangen sie Beide zugleich:
O nehmt das Herz, ihr Götter,
Zurück, zurück, zurück,
Zurück, zurück, zurück!
Snandulia schloß mit einem Triller.
– Bravo! bravo! – schrien Alle, außer Markelow, und klatschten mit den Händen.
»Ob sie wohl fühlen, daß man sich über sie lustig macht?« – fragte sich Neshdanow in Gedanken, nachdem man zu klatschen aufgehört. – »Und wenn sie es fühlen, so denken sie vielleicht, daß es ja nichts Böses ist, daß sie es ja nur thun, um Andere zu unterhalten. Und wenn man die Sache bedenkt, so haben sie recht, unzweifelhaft recht!«
Unter dem Einfluß dieser Gedanken fing er an, ihnen allerlei Liebenswürdigkeiten zu sagen, welche sie ziemlich ruhig hinnahmen und blos mit einer kaum merklichen Verbeugung beantworteten . . . In diesem Augenblick aber stürzten aus dem benachbarten Schlaf- oder Mägdezimmer Puffka und die alte Bonne Wassiljewna in den Saal. Puffka schrie und drehte sich im Kreise, die Bonne aber neckte sie und berief sie zugleich.
Markelow, der sich vor Ungeduld nicht mehr halten konnte – Ssolomin dagegen lächelte noch freundlicher als gewöhnlich – fuhr jetzt plötzlich auf Thömchen los.
– Ich habe es nicht von Ihnen erwartet – rief er in seiner heftigen Weise, – daß Ihnen, einem aufgeklärten Geiste – Sie sind ja ein Verehrer Voltaire’s, wie ich gehört habe – das Vergnügen bereiten könnte, was man nur bemitleiden dürfte: – körperliche Gebrechen.
Der buckligen Schwester Paklin’s gedenkend, verstummte Markelow plötzlich, Thömchen aber rückte erröthend die Kappe auf dem Kopfe zurecht und stammelte:
– Ja . . . ich bin es ja nicht . . . sie selbst.
Um, so heftiger fiel aber Puffka selbst über Markelow her.
– Was ist Dir eingefallen? – ertönte ihre laut schnarrende Stimme, – wie darfst Du meinen Herrn beleidigen? Er hat mich armes, verkrüppeltes Mädchen aufgenommen, ich esse, ich trinke, ich wohne bei ihm – und da bist Du neidisch auf mich! Das fremde Brod sticht Dir wohl in die Augen? – Und von wo bist Du gekommen, Du schwarzer, unausstehlicher Taugenichts mit Wanzen wie bei einer Küchenschabe? – Pusska versuchte mit Hilfe ihrer dicken, kurzen Finger zu veranschaulichen, was er für Wanzen habe, während die Bonne Wassiljewna lachend den zahnlosen Mund aufriß. Auch im Nebenzimmer schien Jemand zu kichern.
– Ich bin nicht berufen, Ihr Richter zu sein – wandte sich Markelow wieder zu Thömchen; – Verwachsene und Verkrüppelte aufzunehmen und ihr Leben zu fristen, ist gewiß ein sehr gutes Werk. Erlauben Sie mir jedoch zu bemerken: im Ueberfluß leben, Niemandem schaden und den Finger nicht rühren, um dem Nächsten zu helfen. . . das heißt noch nicht gut sein; in meinen Augen wenigstens ist eine solche Güte und Sanftmuth, aufrichtig gesagt, ganz werthlos!
Als Markelow geendigt, erhob Puffka ein furchtbares Geschrei; sie hatte nichts davon verstanden, was Markelow gesagt, aber sie hatte gemerkt, daß der »Schwarze« ihren Herrn gescholten wie durfte er es wagen! – Die Bonne murmelte auch ein paar unverständliche Worte, Thömchen aber faltete die kleinen Hände auf der Brust und wandte sich fast schluchzend zu Thymchen, – Thymchen, liebes Herzchen, hast Du gehört, was der Herr Gast mir gesagt? Wir sind Sünder, wir Beide, wir sind Bösewichter, Pharisäer . . . wir leben im Ueberfluß, oh! oh! Oh! . . . Auf die Straße sollen wir hinaus, und einen Besen muß man uns in die Hand geben, damit wir arbeiten lernen – oh! Oh! . . .
Als Puffka diese traurigen Worte vernahm, schrie sie von Neuem auf, Thymchen aber kniff die Augen zusammen, zuckte mit den Lippen und hatte schon recht tief Athem geschöpft, um laut aufzujammern . . .
Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sich nicht Paklin eingemischt hätte.
– Was ist das? Ich bitte Sie! – rief er lachend, mit den Händen eifrig gestikulirend, – es ist ja eine Schande. – Herr Markelow hatte ja nur gescherzt – da er aber von Natur sehr ernst ist, so schien es, als ob er wirklich zornig sei . . . Und Sie haben es auch gleich geglaubt – Kommen Sie! – Liebe, gute Euthymia Pawlowna, wir müssen jetzt fort – wissen Sie was? nehmen Sie die Karten – und lassen Sie uns hören, was uns in unserem Leben noch bevorsteht! Sie verstehen ja meisterhaft Karten zu legen! – Schwester, hole die Karten.
Thymchen blickte auf ihren Mann, der sich bereits beruhigt hatte; da wurde auch sie plötzlich ruhig.
– Karten, Karten – versetzte sie, – ich verstehe es nicht mehr, mein Väterchen – habe schon lange, lange keine Karten in Händen gehabt . . .
Trotzdem griff sie nach dem alten Spiel L’hombre-Karten in Snandulia’s Hand und fragte:
– Wem soll ich denn die Karten legen?
– Allen! – rief Paklin und dachte: »Wie sie doch leicht um den Finger zu wickeln ist . . . eine wahre Pracht!« – Alles, Alles! wiederholte er laut. – Sagt uns, was wir für Menschen sind, was uns bevorsteht, Alles, Alles!
Thymchen begann die Karten zu legen – warf jedoch plötzlich Alles zusammen.
– Ich brauche keine Karten! – rief sie. – Ich kann Euch auch ohne Karten sagen, was Ihr für Menschen seid. Und wie der Charakter, so auch das Schicksal. – Dieser – sie wies auf Ssolomin – ist ein kühler, beständiger Mensch; dieser – sie drohte Markelow mit dem Finger – ist ein warmblütiger, verderblicher Charakter . . . Puffka zeigte Markelow die Zunge; Dir – sie blickte auf Paklin – Dir habe ich nichts zu sagen, Du weißt selbst, was Du bist: ein Windbeutel! Dieser aber . . .
Sie wies auf Neshdanow – und hielt zögernd inne.
– Nun! – drängte er, – bitte, sagen Sie rasch, was ich für ein Mensch bin . . .
– Was Du für ein Mensch bist? versetzte sie gedankenvoll, – ein beklagenswerther Mensch bist Du!
Neshdanow fuhr zusammen.
– Beklagenswerth? Weshalb?
– So! . . . Ich beklage Dich – das ist Alles!
– Warum denn?
– Warum? Weil es mein Auge sieht! – Du glaubst, daß ich eine Thörin bin? Und bin doch klüger als Du – trotz Deiner rothen Haare. – Beklagenswerth bist Du – das ist Alles, was ich Dir sagen kann!
Alle schwiegen blickten sich gegenseitig an und konnten kein Wort hervorbringen.
– Nun, lebt wohl! – platzte Paklin endlich heraus. – Wir haben schon zu lange bei Euch gesessen – und Ihr seid unser wohl überdrüssig. – Es ist auch für die Herren Zeit . . . auch ich werde mich verabschieden.
– Lebt wohl, habt Dank für Eure Güte und Freundlichkeit!
– Lebt wohl, lebt wohl, besucht uns doch wieder – riefen Thömchen und Thymchen zu gleicher Zeit, worauf Thömchen plötzlich den Kirchengesang intonirte:
– Viele, viele, viele Jahre, viele . . .
– Viele, viele – fiel Kalliopytsch ganz unerwartet im tiefen Baß ein, indem er die Thür öffnete. . .
Und die vier jungen Leute standen da aus der Straße vor dem kleinen dickbäuchigen Hause, aus welchem Pusska’s gellende Stimme zu ihnen herüberschallte.
– Narren! – schrie sie, – Narren!
Paklin lachte laut auf; aber Niemand stimmte in sein Lachen ein. . . Markelow ließ in finsterem Ernst die Augen im Kreise der Freunde umhergehen, als ob er eine Aeußerung des Unwillens zu hören erwarte . . .
Ssolomin schmunzelte in seiner gewöhnlichen, ruhigen Weise.
Zwanzigstes Capitel
– Nun meine Herren, – begann Paklin, – machen wir setzt einen kühnen Sprung aus dem XVIII. Jahrhundert direkt in das XX! – Goluschkin ist seiner Zeit so weit vorausgeeilt, daß es unziemlich wäre, ihn noch zum XlX. Jahrhundert zu rechnen.
– Kennst Du ihn denn? – fragte Neshdanow.
– Wo geläutet wird, sind Glocken! – versetzte Paklin.
– Im Uebrigen aber habe ich die Absicht mit Euch zu gehen.
– Aber Du kennst ihn ja gar nicht!
– Bah! Habt Ihr denn meine Inséparables gekannt?
– Du hast uns aber vorgestellt!
– So kannst Du mich auch vorstellen! Zu verheimlichen habt Ihr nichts – und was Goluschkin betrifft, so wird er mich mit offenen Armen empfangen und wird sich freuen, ein neues Gesicht zu sehen! Hier in S. geht es einfach her!
– Ja, brummte Markelow, – man ist hier sehr ungenirt!
Paklin schüttelte den Kopf.
– Das war wohl auf mich gemünzt. . . Ja! Ja! Ich habe diesen Vorwurf verdient. Wissen Sie aber, was ich Ihnen sagen werde, mein lieber neuer Bekannter: bannen Sie für eine kurze Zeit die finsteren Gedanken aus Ihrem Kopf, welche Ihnen Ihr cholerisches Temperament eingiebt. . . Namentlich aber. . .
– Geehrter neuer Bekannter, – brauste Markelow auf, – ich will Ihnen meinerseits . . . in Form einer freundlichen Warnung mittheilen, daß ich kein Freund von heiteren Schwanken bin; am allerwenigsten kann ich aber heute daran Gefallen finden! – Was wissen Sie denn überhaupt von meinem Temperament? – Ich meine, daß wir uns erst seit heute kennen!
– Nun, warten Sie, warten Sie, ärgern Sie sich nicht! – rief Paklin und wandte sich zu Ssolomin: – Sagen Sie mir, Sie, den Thymchen selbst mit dem scharfen Blick einen kühlen Menschen genannt hat – es liegt in der That etwas in Ihnen, was beruhigend wirkt – sagen Sie mir, ob ich denn wirklich die Absicht gehabt, Jemand zu beleidigen – oder durch einen unzeitigen Scherz zu verletzen? – Ich habe ja nur gebeten, mich zu Goluschkin mitzunehmen – und bin ja sonst ein harmloses Männlein. – Bin ich denn schuld, daß Herr Markelow ein gelbes Gesicht hat!
Ssolomin zuckte mit den Schultern, erst mit der einen, dann mit der Andern; das that er gewöhnlich, wenn er nicht gleich antworten wollte.
– Gewiß, gewiß, Herr Paklin, – versetzte er endlich, – Sie können Niemand beleidigen und wünschen es auch nicht; und warum sollten Sie denn nicht mit uns kommen zu Goluschkin? Ich denke, wir werden dort die Zeit nicht weniger angenehm verbringen, als bei Ihren Verwandten – und werden wohl auch eben so viel Nutzen davon haben.
Paklin drohte mit dem Finger.
– Ah! auch Sie haben eine scharfe Zunge, wie ich sehe! – Sie speisen doch auch bei Goluschkin?
– Natürlich! Der heutige Tag ist ja doch verloren!
– Vorwärts dann! »Du avant, marchons!« —! in’s XX. Jahrhundert! in’s XX. Jahrhundert! – Neshdanow, Du Held der Zeit, führe uns!
– Gut, gut! geh’ nur! aber laß Deine Witze, sonst glaubt man, daß Dein Vorrath zu Ende geht.
– Für Euresgleichen hab’ ich noch viel im Sack! – entgegnete Paklin heiter und hüpfte tänzelnd, oder wie er sich ausdrückte »humpelnd« voraus.
– Ein possierlicher Kauz! – bemerkte der Arm in Arm mit Neshdanow hinter ihm herschreitende Ssolomin.
– Sollte man uns nach Sibirien verbannen, – was Gott verhüten möge! – so haben wir wenigstens Jemand, der uns zerstreuen wird!
Markelow folgte ihnen, in tiefes Schweigen versunken.
In Goluschkin’s Hause hatte man unterdessen nach Kräften dafür gesorgt, daß der Mittag so glänzend ausfalle, als nur möglich. Es war unter Anderem eine Fischsuppe gekocht worden, die sehr fettig – und sehr schlecht war; dann waren da verschiedene Fricassses und Pasteten, – Goluschkin hielt sich, trotzdem, daß er ein Altgläubiger war, als ein auf der Höhe europäischer Bildung stehender Mann, an die französische Küche und hatte einen Koch, der aus dem Klub seiner Unreinlichkeit wegen entlassen worden war – vor Allem aber hatte er mehrere Flaschen Champagner kalt steilen lassen.
Goluschkin empfing seine Gäste kurz und laut auflachend, mit den Händen herum fuchtelnd, in der ihm eigenen hastig-plumpen Weise; wie es Paklin richtig vorausgesagt, war Goluschkin hoch erfreut, ihn bei sich zu sehen, erkundigte sich, ob er zu ihrer Partei gehöre und rief ohne eine Antwort abzuwarten: »Versteht sich! Natürlich!« – Darauf erzählte er, daß er eben bei dem »wunderlichen Kauz,« dem Gouverneur, gewesen, der sich, wie eine Klette an ihn hänge und Geld von ihm verlange für einige Wohlthätigkeitsanstalten! Hol’ ihn der Teufel! Es blieb zweifelhaft, was Goluschkin hierbei mehr Freude machte: zu erzählen, daß ihn der Gouverneur empfangen oder sich über denselben in Gegenwart der jungen Leute in heftig grober Weise zu äußern.
Darauf stellte er seinen Gästen den versprochenen Proselyten vor; es ergab sich, daß dieser Proselyt dasselbe schwindsüchtige Männlein war, welches die Freunde schon am Morgen bei Goluschkin gesehen: – Wassja, der Kommis Goluschkin’s.
– Er ist gerade nicht sehr gesprächig, versicherte Goluschkin, indem er mit allen Fingern seiner Hand auf ihn wies, – dafür ist er aber unserer Sache mit ganzer Seele zugethan.
Wasska nickte, verbeugte sich erröthend, schlug die Augen nieder und fletschte verlegen die Zähne, – in einer Weise, daß man vollkommen im Unklaren blieb, ob man einen blöden Thoren vor sich hatte, oder einen durchtriebenen Schelm und Erzschurken.
– Nun, meine Herren, zu Tisch, zu Tisch! – rief endlich Goluschkin und führte seine Gäste in’s Eßzimmer. Gleich nach der Fischsuppe ließ Goluschkin Champagner reichen. In schweren Klumpen talgartigen Eises fiel der gefrorene Wein aus dem Halse der Flasche in die vorgestreckten Pokale. —
– Auf das Gelingen unseres . . . unseres Vorhabens! – rief er, mit den Augen und dem Kopf auf den Diener weisend, als ob er zur Vorsicht mahnen wollte. Der neue Proselyt fuhr konsequent zu schweigen fort; wenn er es auch nicht wagte, sich in der Gegenwart seines Prinzipals gemächlich auf seinen Stuhl niederzulassen und denselben in kriechender Weise stets im Auge behielt – ein Benehmen, welches den Ansichten, denen er nach den Worten des Hausherrn huldigen sollte, stracks zuwiderlief – so trank er doch nach Herzenslust! . . . Um so mehr sprachen die Anderen, d. h. eigentlich nur Goluschkin selbst – und Paklin – namentlich Paklin! Neshdanow ärgerte sich, Markelow schien aufs Tiefste erbittert zu sein, wenn auch in anderer Weise, als bei Thömchen und Thymchen, Ssolomin – schwieg und beobachtete.
Paklin amüsirte sich! Seine kecke Rede gefiel Goluschkin, der es gar nicht ahnte, daß dieses »hinkende Männlein« dem neben ihm sitzenden Neshdanow allerlei beißende Bemerkungen auf seine Kosten zuflüsterte! – Er hielt ihn für ein ganz unbedeutendes Persönchen, das man von oben herab behandeln könne . . . Deshalb gefiel ihm Paklin. Hätte dieser neben ihm gesessen, er würde ihm gewiß in familiärer Weise auf die Schulter geklopft haben, oder ihm mit dem Finger in die Rippen gefahren sein; ja auch so nickte er ihm ununterbrochen über den Tisch; aber es saßen zwischen ihm und Paklin auf der einen Seite Neshdanow und Markelow – diese »finstere Wolke« – auf der anderen – Ssolomin. Um so mehr lachte Goluschkin über jedes Wort, das Paklin über die Lippen kam, spitzte schon vorher in Erwartung des Kommenden den Mund, und schlug mit der Hand auf den Leib, während hinter den halbgeöffneten Lippen das bläuliche Zahnfleisch sichtbar wurde.
Paklin hatte bald begriffen, daß er hier, an diesem Tische, in Goluschkin’s Gesellschaft, nichts besseres thun könne; als über Jeden und Alles zu schimpfen – was er sehr gut verstand – und fiel nun über die Konservativen und über die Liberalen her, über die Beamten und über die Advokaten, über die Gutsbesitzer, über die Männer der Semstwo, des Stadtraths, über Moskau, über St. Petersburg . . .
– Ja, ja, ja, ja! – fiel Goluschkin ein. So ist s es! So! – Unser Stadthaupt zum Beispiel ist – ein kolossaler Esel! Prügeldumm! Ich spreche mit ihm, erkläre ihm Dies und Jenes – und er kann nichts begreifen! Genau wie unser Gouverneur!
– Ist Ihr Gouverneur denn dumm? – fragte Paklin.
– Ich sage Ihnen: ein ganzer Esel!
– Haben Sie nicht bemerkt: wie spricht er gewöhnlich? Mit heiserer Stimme oder durch die Nase?
– Wie meinen Sie? – fragte Goluschkin, der Paklin’s Frage nicht recht zu begreifen vermochte.
– Wissen Sie denn nicht, daß in Russland alle Civilisten von Rang und Ansehen heisere Stimmen haben, während hochgestellte Militärs immer durch die Nase sprechen, und daß nur die höchsten Würdenträger Beides in sich vereinigen?
Goluschkin lachte so heftig, daß ihm die Thränen aus den Augen flossen.
– Ja, ja – stammelte er – durch die Nase . . . durch die Nase . . . er ist ein General!
»Du Tölpel!« – dachte Paklin.
– Alles ist hier faul, Alles, Alles! – rief Goluschkin nach einer kleinen Pause.
– Geehrtester Kapiton Andreitsch – begann darauf Paklin mit lauter Stimme, indem er Neshdanow zugleich leise zuflüsterte: »was haut er denn mit den Armen um sich, als ob ihm der Rock in den Aermeln zu eng wäre!« – geehrtester Kapiton Andreitsch, glauben Sie mir: halbe Maßregeln helfen hier nichts!
– Was für halbe Maßregeln! – schrie Goluschkin, und hörte plötzlich auf zu lachen – mit der Wurzel heraus, anders geht’s nicht mehr! – Wassjka, Du Hund, so trinke doch!
– Ich trinke, Kapiton Andreitsch – antwortete der Kommis, ein Glas Champagner hinunterstürzend.
Goluschkin that desgleichen.
– Viel, daß er nicht platzt! – flüsterte Paklin Neshdanow zu.
– Gewohnheit! – versetzte dieser.
Aber nicht blos der Kommis, auch die Andern tranken Champagner, der auch auf sie seine Wirkung nicht verfehlte, so daß sich auch Neshdanow, Markelow und sogar Ssolomin allmählich in das Gespräch mischten.
Mit einer gewissen Verachtung, mit einer gewissen Erbitterung gegen sich selbst, daß auch er sich dazu hergebe, leeres Stroh zu dreschen, begann Neshdanow davon zu sprechen, daß es Zeit sei, von Worten abzusehen, daß man endlich »handeln« müsse, daß man auch schon den Grund und Boden gefunden, auf dem man zu wirken habe! Gleich darauf verlangte er jedoch – ohne zu bemerken, daß er sich selbst widersprach – daß man ihm die wirklich existirenden, realen Elemente vorführe, auf welche man sich stützen könne, denn er selbst, er sähe sie nicht! »Die Gesellschaft bringt uns keine Sympathie entgegen, das Volk hat kein Verständniß für unsere Bestrebungen . . . da ist jede Arbeit vergebens!« Man widersprach ihm nicht denn es war bereits so weit gekommen, daß Jeder nur für sich selbst sprach, ohne auf den Andern zu achten. – Markelow sprach mit dumpfer, zornerfüllter Stimme, eben so eindringlich wie einförmig – (»als ob er Kohl hacke « bemerkte Paklin), – über alles Mögliche, obgleich man nicht recht verstehen konnte, was er denn eigentlich meinte. In einem ruhigen Augenblick kam ihm plötzlich das Wort »Artillerie« über die Lippen . . . er gedachte wahrscheinlich der Mängel, welche er einst darin entdeckt hatte. Die Deutschen und die Adjutanten bekamen natürlich auch etwas ab. . . . Ssolomin aber bemerkte, daß man auf zweierlei Weise zuschauen könnte: zuschauen – und gar nichts thun, und zweitens: zuschauen – und die Sache langsam fördern.
– Eine solche Förderung brauchen wir nicht! – rief Markelow mit finsterer Miene.
– Die Sache der Bildung ist bis setzt nur von oben gefördert worden, – versetzte Ssolomin, – versuchen wir es setzt von unten.
– Wir brauchen es nicht, zum Teufel damit! – fiel Goluschkin wüthend ein – es muß Alles auf ein Mal gemacht werden! Auf ein Mal!
– Sie wollen somit durch’s Fenster springen?
– Und ich werde auch springen! – schrie Goluschkin. – Ich werde springen! – Und Wassjka wird ebenfalls springen! – Wenn ich’s befehle, springt er sofort! Wassjka! Springst Du? Ja?
Der Kommis leerte sein Glas.
– Wie Sie befehlen, Kapiton Andreitsch. Was Sie thun – thun wir auch!
– So, so! Sonst würde ich Euch auch kurz und klein schlagen! Bald waren Alle in jenem Zustande, den man in der Sprache der Trinker die Periode der »babylonischen Sprachverwirrung« zu nennen pflegt. Alle sprachen durcheinander und Keiner verstand den Andern. Wie im Herbst die ersten Schneeflocken in der noch warmen Lust umherwirbeln und vergehen, so drängte auch in der erhitzten Atmosphäre von Goluschkin’s Eßzimmer ein Wort das andere: Progreß, Regierung, Literatur, Steuerfrage, religiöse Frage, Frauenfrage, Gerichtsfrage; Klassizismus, Realismus, Nihilismus, Kommunismus; Internationale, Klerikale, Liberale, Kapitale; Administration, Organisation, Assoziation und sogar Krystallisation! – Goluschkin schien über das laute Geschrei in Entzücken zu gerathen; das war ihm ja das Wesentliche an der Sache . . . Er triumphirte! – »Achtung! Platz da, wem das Leben lieb ist! Kapiton Goluschkin kommt gefahren!« – Wassjka, der Kommis, war so berauscht, daß er anfing, mit seinem eigenen Teller zu reden und zu lachen – dann aber plötzlich wie ein Wahnsinniger auffuhr und mit laut schallender Stimme dazwischenschrie: »Was ist das, zum Teufel – Progymnasium?!?«
Auch Goluschkin erhob sich; neben der rohen Selbstgefälligkeit, die aus seinem stark gerötheten Gesicht sprach, kam jetzt noch ein anderes Gefühl auf demselben zum Ausdruck: das Gefühl einer geheimen Furcht, ja eines, geheimen Bebens; den Kopf zurückwerfend, rief er mit » kreischender Stimme: »Ich opfere noch tausend Rubel! – Wasska, schaff’ das Geld her!« worauf Dieser still vor sich hinmurmelte: – »Nur zu!« Paklin aber sprang leichenblaß und in Schweiß gebadet von seinem Platze auf (er hatte während der letzten Viertelstunde nicht weniger getrunken, als der Kommis) und rief, die Hände erhebend und die Worte langsam hervorstoßend: – Ich opfere! . . . Ich opfere! hat er gesagt! – Oh über die Entweihung des heiligen Wortes! – Das Opfer! Niemand wagt sich bis zur Idee des Opfers zu erheben, Niemand vermag die Pflichten zu erfüllen, welche das Opfer auferlegt, wenigstens Keiner von Denen, die im gegenwärtigen Augenblick hier versammelt sind; – dieser selbstgefällige Tölpel aber, dieser elende Sack, schüttelt seinen aufgedunsenen Wanst, daß eine Handvoll Rubel herausfällt, und schreit: ich opfere! verlangt, daß man ihm die Hände küsse und erwartet einen Lorbeerkranz! O Schurke!!
Goluschkin hatte entweder nicht recht gehört oder nicht recht verstanden, was Paklin gesagt, oder vielleicht auch gedacht, daß er nur im Scherz geredet, kurz – er wiederholte noch ein Mal: – »Ja! tausend Rubel! Was Kapiton Goluschkin gesagt, das thut er!« Er griff in die Seitentasche. »Da ist das Geld, da! Nehmt es, freßt, schlingt herunter – und gedenkt Goluschkin’s!« Wenn er einigermaßen aufgeregt war, sprach er von sich, wie kleine Kinder thun: immer nur in der dritten Person. Markelow sammelte schweigend die auf das übergossene Tischtuch geworfenen Kassenscheine, worauf sich Alle erhoben, nach ihren Mützen griffen und sich verabschiedeten.
Als sie an die Luft kamen, überfiel sie ein leichter Schwindel – Paklin namentlich war es zu Muthe, als ob sich Alles im Kreise um ihn drehe.
– Nun? – wohin denn jetzt? – brachte er nicht ohne Anstrengung heraus.
– Das weiß ich nicht – antwortete Ssolomin. – Ich für meine Person, ich gehe nach Hause.
– Auf die Fabrik?
– Auf die Fabrik.
– Jetzt, in der Nacht und zu Fuß?
– Was ist denn dabei? – Hier giebt’s weder Wölfe noch Räuber, und zu gehen verstehe ich!
– In der Nacht ist’s noch kühler!
– Es sind ja vier Werst bis zur Fabrik!
– Und wenn es auch fünf wären – auf Wiedersehen, meine Herren!
Ssolomin knöpfte seinen Rock zu, drückte die Mühe in«s Gesicht, tauchte eine Cigarre an und ging mit großen Schritten die Straße hinauf.
– Und Du? – wandte sich Paklin zu Neshdanow.
– Ich gehe zu ihm. – Er wies auf Markelow, der mit auf der Brust gekreuzten Armen unbeweglich dastand. – Unsere Equipage steht hier in der Herberge. . .
– Nun gut . . . ich aber, Freund, ich kehre in meine Oase zurück, zu Thömchen und Thymchen! Und weißt Du, was ich Dir sagen werde? Was wir dort gesehen, war unsinnig – und was wir hier gesehen, war auch unsinnig. . . Aber jene Unsinnigkeit, die Unsinnigkeit des 18. Jahrhunderts, liegt dem Wesen des russischen Charakters näher, als dies 20 Jahrhundert. – Lebt wohl, meine Herren, und nehmt mir nicht übel . . . ich bin berauscht! . . . was ich Euch noch sagen werde! Es giebt in der ganzen Welt kein weibliches Wesen, das so gut wäre, wie meine Schwester. . . Snandulia und doch ist sie bucklig . . . und heißt Snandulia! So geht’s ja immer in der Welt! – Uebrigens . . . trägt sie ihren Namen: mit Recht. – Wißt Ihr, wer die heilige Snandulia war? – Eine barmherzige, tugendhafte Frau, weiche in den Gefängnissen umherging und die Eingekerkerten und Kranken pflegte! – Lebt wohl, es ist Zeit! – Leb’ wohl, Neshdanow – beklagenswerther Mensch! Und auch Du, Offizier . . . huh, wie schrecklich! leb’ wohl!
Wackelnd und hinkend schleppte er sich in seine Oase. – Markelow und Neshdanow aber suchten die Herberge auf, in welcher sie den Tarantaß gelassen; – eine halbe Stunde darauf rollte ihre Equipage auf der Landstraße dahin.
Einundzwanzigstes Capitel
Der umwölkte Himmel hing niedrig über der Erde; und wenn es auch nicht so dunkel war, daß das Auge die weißlich schimmernden Fahrgeleise nicht zu unterscheiden vermocht hätte, so flossen doch die einzelnen Gegenstände rechts und links von der Straße zu großen, formlosen Flecken zusammen; es war eine trübe, eine unsichere Nacht. Der in plötzlichen, wenn auch nicht heftigen Stößen entgegenwehende Wind war feucht; er roch nach Regen und nach den breiten Getreidefeldern, über die er dahingestrichen. Als sie, nachdem sie an einem Eichenbusche, der als Merkzeichen diente, vorbeigekommen, in den Seitenweg einbogen, schien es noch dunkler geworden zu sein, so daß der Kutscher den schmalen Fahrweg zuweilen gar nicht mehr zu sehen vermochte und nothwendiger Weise langsamer zu fahren begann.
– Wenn wir nur nicht vom Wege abkommen! – bemerkte Neshdanow, der bis dahin geschwiegen.
– Das ist unmöglich! – versetzte Markelow. – Es kommt kein Unglück allein – aber nicht an demselben Tage.
– Welches war denn das erste Unglück?
– Daß wir einen ganzen Tag verloren haben, – ist das denn gar nichts in Ihren Augen?
– Ja . . . natürlich . . . dieser Goluschkin!! – Wir haben zu viel getrunken. Mein Kopf schmerzt jetzt ganz entsetzlich.
– Ich spreche nicht von Goluschkin. Er hat uns wenigstens Geld gegeben; es ist unser Besuch also nicht ganz zwecklos gewesen.
– So bedauern Sie es also, daß Paklin uns zu seinen . . . wie nannte er sie doch gleich . . . zu seinen Inséparables geführt?
– Ich bedaure es nicht . . . und freue mich auch nicht darüber. Ich gehöre nicht zu Denen, die sich für solche Puppen zu interessiren vermögen . . . Ich meinte etwas Anderes.
– Was denn?
Markelow blieb ihm die Antwort schuldig, und machte in der Ecke eine Bewegung, als ob er sich einhülle. Die Züge seines Gesichts konnte Neshdanow in der Dunkelheit nicht mehr unterscheiden, er sah nur den Schnurrbart in Form eines kurzen schwarzen Querstrichs; aber er hatte schon seit dem Morgen gefühlt, daß Irgend Etwas an Markelow nage, daß er heimlich erbittert sei – und daß es vielleicht besser wäre, gar nicht daran zu rühren.
– Hören Sie, Ssergei Michailowitsch, – begann er nach einer kleinen Pause, – ist es denn wirklich wahr, daß Sie im Ernst an den Briefen dieses Kissljakow, die Sie mir heute gegeben, Gefallen finden können? Es ist ja inhaltsloses, albernes Zeug, was er da schreibt – entschuldigen Sie den scharfen Ausdruck.
Markelow richtete sich auf.
– Erstens, – begann er mit zornerregter Stimme, – erstens muß ich bemerken, daß ich Ihre Ansicht durchaus nicht theile, ich finde, daß es höchst bemerkenswerthe, gewissenhafte Briefe sind! Zweitens aber Kissljakow arbeitet und plagt sich ab, und namentlich glaubt er; er glaubt an unser Werk, an die Revolution! Ich muß Ihnen sagen, Alexei Dmitritsch, – mir scheint, daß Sie – sich sehr kühl dagegen verhalten, daß Sie keinen Glauben daran haben!
– Woraus schließen Sie das? – fragte ihn Neshdanow langsam.
– Woraus! Aus allen Ihren Worten, aus Ihrem ganzen Benehmen! – Wer hat heute bei Goluschkin erklärt, daß er die Elemente nicht sähe, auf die man sich stützen könnte? – Sie! – Wer hat verlangt, daß man ihm dieselben vorführen solle? – Sie! – Und als Ihr Freund, Herr Paklin, dieser Possenreißer und alberne Witzling, die Augen zum Himmel aufschlug und mit lauter Stimme erklärte, daß Niemand von uns ein Opfer zu bringen im Stande wäre, wer hat ihm beifällig zugenickt, seine Behauptung unterstützt? Sie ganz allein! – Sprechen Sie und deuten Sie von sich, wie und was Sie wollen . . . das ist Ihre Sache ich kenne aber Menschen, die Alles von sich gestoßen, was das Leben so schön macht – das Glück der Liebe selbst – um Ihrer Idee zu leben, um ihren Ueberzeugungen treu zu bleiben! – Sie freilich – Sie hatten heute andere Dinge im Kopf!
– Heute! Woher denn gerade heute?
– So spielen Sie doch nicht den Unschuldigen, glücklicher, myrthengekrönter Don Juan! – schrie Markelow, ohne an den Kutscher zu denken, der, ohne sich umzuwenden, jedes Wort vernehmen konnte. Freilich war derselbe im gegenwärtigen Augenblicke zu sehr von dem beschwerlichen Wege in Anspruch genommen, als daß ihn der Streit der beiden Herren hinter seinem Rücken hätte interessiren können – denn er zog gerade vorsichtig und sogar furchtsam das Femerpferd an, das, den Kopf unruhig umherwerfend, sich gegen den von einer ziemlich steilen Erhöhung – die hier eigentlich gar nicht am Platze war – gleitenden Tarantaß stemmte.
– Erlauben Sie – ich verstehe Sie nicht, – versetzte Neshdanow.
Markelow lachte laut auf – es war ein bitteres, gezwungenes Lachen.
– Sie verstehen mich nicht! Ha! Ha! ha! – Ich weiß Alles, mein Herr! Ich weiß, wem Sie gestern eine Liebeserklärung gemacht; ich weiß, wen Sie durch Ihr glattes Gesicht und Ihre beredten Worte bezaubert haben; ich weiß, wer Sie in seinem Zimmer empfängt . . . nach zehn Uhr Abends!
– Gnädiger Herr! – wandte sich der Kutscher plötzlich zu Markelow. – Haltet ein wenig die Leine . . . Ich will mal vom Bock steigen. . . Wir scheinen den Weg verfehlt zu haben . . . Hier muß wohl eine tiefe Grube sein. . .
Der Tarantaß lag in der That ganz auf der Seite.
Markelow ergriff die ihm vom Kutscher dargereichte Leine und fuhr eben so laut fort:
– Ich beschuldige Sie nicht, Alexei Dmitritsch! Sie haben die Gelegenheit benutzt. . . Sie waren im Recht. Ich will nur sagen, daß ich begreife, woher Sie jetzt so kühl sind, und ich wiederhole: – Sie haben andere Dinge im Kopf! Ich füge von mir aus auch noch die Frage hinzu: wo ist der Mensch, der im Voraus bestimmen könnte, woran ein Mädchenherz Gefallen finden wird – oder vorauszusagen wüßte, was es eigentlich wünscht!!
– Jetzt verstehe ich Sie, – erwiderte Neshdanow, – ich verstehe Ihre Erbitterung, ich errathe, wer uns belauscht und sich beeilt hat, Ihnen Alles mitzutheilen . . .
– Hier kommt nicht das Verdienst in Betracht, – fuhr Markelow fort und stellte sich an, als ob er Neshdanow’s Worte gar nicht gehört, indem er zugleich absichtlich jedes Wort langsam dehnte und nachdrücklich betonte, – auch nicht besondere moralische oder physische Eigenschaften. . . O nein! Es ist einfach . . . das verdammte Glück aller unehelichen Kinder . . . aller Bastarde!
Die letzten Worte hatte er rasch und abgebrochen hervorgestoßen – und war plötzlich verstummt.
Neshdanow aber fühlte trotz der Dunkelheit, daß er ganz leichenblaß geworden. Er mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um sich nicht auf Markelow zu stürzen und ihm nicht an die Gurgel zu fahren. . . »Mit seinem Blute soll er mir für diese Beleidigung büßen, mit seinem Blute. . .«
– Jetzt weiß ich, wo wir sind! – rief der plötzlich am Vorderrad auftauchende Kutscher, – habe zu sehr nach links gehalten . . . jetzt wird’s schon gehen! . . . Wir sind gleich zu Hause, haben kaum eine Werst zu fahren!
Er stieg, auf den Bock, nahm die Leine aus Markelow’s Hand und zog das Femerpferd zur Seite . . . Zwei starke Stöße . . . dann rollte der Tarantaß wieder ruhig und rasch dahin . . . Der dunkle Nebel schien plötzlich zu steigen man spürte in der Luft den Rauch eines Schornsteins etwas Großes, Formloses stieg aus der Erde auf da blinkte ein Licht und verschwand dort ein Anderes ein Hund begann zu bellen. . .
– Unsere Bauernhöfe, – murmelte der Kutscher und rief seinen Pferden freundlich ermunternde Worte zu.
Sie kamen den blinkenden Lichtern immer näher und näher . . .
– Nach der Beleidigung, die Sie mir angethan, – brachte Neshdanow endlich heraus, – werden Sie begreifen, Ssergei Michailowitsch, daß ich nicht unter Ihrem Dache bleiben kann, und so unangenehm es mir auch ist, bin ich doch gezwungen, Sie zu bitten, mit Ihren Tarantaß zu überlassen, damit ich sofort zur Stadt fahren kann. Morgen werde ich dann schon eine Möglichkeit finden nach Hause zu kommen, worauf Sie von mir die Meldung erhalten werben, die Sie wohl erwarten.
Markelow schwieg.
– Neshdanow, – rief er dann plötzlich leise, aber fast verzweifelnd aus. – Neshdanow! Um Gottes Willen, treten Sie bei mir ein – sei es auch nur, damit ich Sie aus den Knieen um Vergebung bitten kann! – Neshdanow!l Vergessen Sie vergiß, vergiß das unheilvolle Wort, das mir entfahren! Ach! wenn es nur Jemand wüßte, wie elend, wie elend ich bin! – Markelow schlug sich mit der geballten Hand aus die Brust – ein tiefes Stöhnen entrang sich derselben. – Neshdanow! sei großmüthig! Reich mir die Hand Vergieb mir, ich beschwöre Dich!
Neshdanow reichte ihm . . .zögernd seine Hand; er ergriff sie und drückte sie so fest, daß Neshdanow fast aufschrie.
Der Tarantaß hielt vor Markelow’s Hause. . .
Eine Viertelstunde daran saß Neshdanow in Markelow’s Kabinet.
– Höre! – begann Markelow. (Er nannte ihn jetzt »Du,« und in diesem unerwarteten »Du,« das an einen Menschen gerichtet war, in dem er einen glücklichen Nebenbuhler entdeckt, den er eben tödtlich beleidigt, den er hatte in Stücke zerreißen können, – in diesem »Du« lag das Geständniß rückhaltloser Entsagung, lag ein stilles, schmerzliches Flehen und gewissermaßen auch ein Recht, welches Neshdanow dadurch anerkannte, daß er dieses »Du« erwiderte.) – Höre! Ich habe Dir gesagt, daß ich dem Glücke der Liebe entsagt, um meiner Idee zu leben . . . Das ist nicht wahr, das war eitle Prahlerei! Es hat mich noch nie ein Mädchen geliebt, ich habe noch nie dem Lebensglück zu entsagen gebraucht! Wie ich geboren worden, ein Pechvogel, so werde ich sterben . . . Und vielleicht ist’s auch gut so, denn ich bin zu einem andern Werk geschaffen! – Wenn Du Beides vereinigen kannst lieben, geliebt werden . . . und unserer Sache dienen – nun, so bist Du ein ganzer Kerl und ich beineide Dich . . . aber ich selbst – ich kann es nicht. – Ich kann nicht! Du bist ein glücklicher Mensch, ein glücklicher Mensch! – Ich aber, ich kann es nicht!
Markelow hatte diese Worte gebeugten Hauptes, mit schlaff herabhängenden Armen auf einem niedrigen Stuhle kauernd, mit leiser Stimme hervorstoßen. In Gedanken versunken stand Neshdanow vor ihm, und wenn ihn Markelow auch einen glücklichen Menschen genannt hatte, er selbst fühlte sich nichts weniger als glücklich und sah auch nicht darnach aus.
– Die Eine hat mich in meiner Jugend betrogen . . . – fuhr Markelow fort – es war sein herrliches Mädchen – und hat einen Andern geheirathet und wen? Einen Deutschen!l einen Adjutanten!! – Marianne aber . . .
Er hielt an . . . Zum ersten Male war ihm ihr Name über die Lippen gekommen: es war als ob eine brennende Kohle sie gestreift. . .
– Marianne hat mich nicht betrogen: sie hat mir offen gesagt daß ich ihr nicht gefalle . . . Was ist da auch noch viel von Gefallen zu reden! – Sie hat sich Dir hingegeben . . . Was ist’s denn weiter? War sie nicht frei zu thun, was ihr beliebte!
– So hör’ doch, höre! – rief Neshdanow. – Was sprichst Du von Hingeben! – Ich weiß nicht, was Dir Deine Schwester geschrieben, aber ich schwöre Dir . . .
– Ich sage nicht, daß sie sich Dir physisch hingegeben – fiel Markelow ein, dem Neshdanow’s Ausruf offenbar nicht mißfiel – aber moralisch – mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele. – Und es ist gut, daß es so ist. Meine Schwester aber . . . Freilich hat sie nicht die Absicht gehabt, mich zu kränken . . . Das ist ihr übrigens vollkommen gleich; aber sie haßt Dich wahrscheinlich – und Mariannen auch. – Sie hat die Wahrheit gesagt Gott mit ihr!
»Ja,« – dachte Neshdanow, – »sie haßt uns.«
– Alles zum Besten, – fuhr Markelow fort, ohne seine Stellung zu ändern. – Jetzt bin ich frei von allen Fesseln, jetzt kann mich nichts mehr zurückhalten! Achte nicht darauf, daß Goluschkin ein eitler, selbstgefälliger Thor ist; das thut nichts. Und die Briefe von Kissljakow . . . sie mögen komisch sein . . . ich gebe es zu. Aber das Eine mußt Du berücksichtigen: er schreibt, daß Alles bereit sei. – Du wirst am Ende auch das bezweifeln?
Neshdanow schwieg.
– Mag sein, daß Du recht hast; aber wenn man immer warten soll, bis Alles, wirklich Alles fertig ist – dann wird man niemals anfangen können. Denn wenn man alle Folgen bedenkt – so wird’s gewiß auch schlechte darunter geben. Als unsere Vorgänger zum Beispiel die Bauernemanzipation durchführten, konnten sie es wohl ahnen, daß in Folge der Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft eine ganze Klasse von Wucher treibenden Gutsbesitzern auftauchen würde, welche den Bauern das Tschetwert verfaulten Roggens zu sechs Rubel verkaufen; dafür aber von dem Bauern erhalten: erstens: – (Markelow bog den einen Finger um) – Arbeit für volle sechs Rudel; dann: – (er bog den zweiten Finger um) – ein ganzes Tschetwert guten Roggens, und noch dazu – (er bog den dritten Finger um) – eine Zugabel d. h. sie saugen ihm das letzte Blut aus den Adern! Das haben die Eiferer für die Bauernemanzipation niemals voraussehen können – nicht wahr? Und selbst, wenn sie es Vorausgesehen hätten, bleibt es doch immer gut, daß sie den Bauern frei gemacht und nicht an alle möglichen Folgen gedacht haben. Und daher . . . habe auch ich mich entschlossen!
Neshdanow sah Markelow fragend an; dieser blickte jedoch zur Seite, zog die buschigen Brauen zusammen, daß sie über das Auge herabsielen, und biß sich Lippen und Schnurrbart.
– Ja, ich bin entschlossen! – wiederholte er, indem er sich mit der behaarten, dunklen Faust heftig auf’s Knie schlug. – Du kennst meinen Starrsinn ich bin ja ein halber Kleinrusse.
Er erhob sich und ging, als wäre er todtmüde, die Füße träge nach sich schleppend, in’s Schlafzimmer, von wo er ein kleines Porträt von Marianne unter Glas und Rahmen holte.
– Nimm! – sagte er mit ruhiger, aber schmerzerfüllter Stimme, das habe ich ein Mal selbst gezeichnet. Ich bin freilich ein schlechter Maler, aber ich glaube doch, daß es ähnlich ist (das mit Bleistift gezeichnete Porträt war wirklich ähnlich). – Nimm es, Freund, als mein Verrnächtniß. Mit diesem Porträt lege ich Alles in, Deine Hände – nicht meine Rechte . . . ich habe kein Recht auf sie . . . aber Du weißt – Alles! Ich übergebe Dir Alles – sie selbst. Es ist, Freund, ein wunderbares Wesen. . .
Markelow verstummte: schwere Athemzüge hoben und senkten die bewegte Brust.
– Nimm, – schloß er endlich. – Du zürnst mir doch nicht? So nimm denn das Porträt. Ich brauche jetzt nichts . . . nichts Derartiges . . .
Neshdanow nahm das Porträt; ein seltsames Gefühl beklemmte ihm die Brust. Es schien ihm, daß er kein Recht habe, dieses Geschenk anzunehmen, daß Markelow ihm dies Porträt vielleicht gar nicht gegeben hatte, wenn er Neshdanow in’s tiefste Herz geschaut . . . Er drehte, das kleine runde, längs dem schwarzen Rahmen von einem schmalen goldenen Streifen eingefaßte Bild in der Hand – und wußte nicht, was er jetzt thun sollte. – »Es ist ja ein ganzes Menschenleben, das ich hier in der Hand halte,« – dachte er. Er wußte das Opfer zu schätzen, welches Markelow ihm brachte, aber weshalb that er es, weshalb gab er denn gerade ihm, dies Porträt? – Es zurückgeben? Nimmermehr! Es wäre eine noch größere Beleidigung . . . Und ist es denn nicht endlich ein ihm theures Antlitz, liebt er sie denn nicht?
Neshdanow hob die Augen nicht ohne eine gewisse Befangenheit zu Markelow empor – es war ihm, als ob ihn Dieser anschauen müsse, als ob dessen Blick in das Innerste seiner Gedanken zu dringen versuche . . . Markelow aber blickte zur Seite und fuhr fort seinen Schnurrbart zu kauen.
– In diesem Augenblick trat der alte Diener mit einem Licht in der Hand in’s Zimmer.
Markelow richtete sich auf.
– Es ist Zeit zu Bette zu gehen, Freund Alexei! – rief er. – Ueber Nacht kommt Rath. Morgen kannst Du Pferde bekommen und Dich nach Hause aufmachen, und jetzt – gute Nacht!
– Gute Nacht, Alter! – fügte er plötzlich hinzu, indem er sich zum Diener wandte und ihm mit der Hand auf die Schulter schlug. – Gedenke meiner in Frieden!
Der Alte war so betroffen, daß er das Licht fast hätte aus der Hand fallen lassen, und der fest auf seinen Herrn gerichtete Blick drückte etwas Anderes aus, etwas, was mehr war als bloße Wehmuth.
Neshdanow ging auf sein Zimmer. Er fühlte sich matt, abgespannt, krankhaft erregt. Der Kopf war ihm so schwer von dem vielen Wein, in den Ohren vernahm er ein sausendes Klingen, vor den Augen drehten sich allerlei Gestalten: Goluschkin, Wassjka, Thömchen, Thymchen, in der Ferne aber sah er die unentschlossen zurückweichende Figur Mariannen’s. Alles, was er heute gethan und gesprochen, schien ihm so falsch, so unnütz, so flach und nichtig . . . das aber, warum es sich eigentlich handelte, wonach er streben sollte, – das war unerreichbar, unergründlich, tief im Schacht der Erde vergraben. . .
Er wollte aufstehen, hinuntergehen zu Markelow, ihm sagen: nimm Dein Geschenk, nimm es zurück! . . .
– Welch elendes Spiel ist das Leben! – rief er endlich aus.
Am andern Morgen fuhr er schon früh davon. Markelow stand von einem Kreis von Bauern umgeben auf dem Flur. Ob er sie zusammengerufen, oder ob sie von selbst gekommen – das erfuhr Neshdanow nicht; Markelow verabschiedete sich von ihm in kühler, einsilbiger Weise er hatte, so schien es wenigstens, den Bauern Etwas Wichtiges mitzutheilen. Auch der alte Diener mit dem unveränderlich wehmüthigen Blick stand wieder neben seinem Herrn.
Der Tarantaß jagte durch die nahe Stadt hindurch und flog nun auf der offenen Landstraße eilig dahin. Es waren dieselben Pferde, mit denen Markelow und Neshdanow am vorhergehenden Abend aus der Stadt gekommen waren, und kam es nun daher, daß der Kutscher in dem reichen Hause Ssipjagin’s ein gutes Trinkgeld zu erhalten hoffte oder geschah es aus anderen Gründen – kurz, die Pferde liefen ausgezeichnet. Es ist aber bekannt, daß dies immer der Fall ist, wenn der Kutscher schon etwas Branntwein getrunken hat oder mit Sicherheit darauf rechnet, daß er später Geld zum Branntwein erhalten werde.
Es war ein frischer, echter Junimorgen: hohe, rasche Wolken am blauen Himmel, ein starker, gleichmäßiger Wind, die nach dem gestrigen Regen staubfreie Landstraße, die am Wege rauschenden, glitzernden Weiden – überall beflügelte Bewegung und strömendes Leben – von den fernen Hügeln, über grüne Schluchten hinweg, dringt, wie ein helles, feines Pfeifen, der Schlag der Wachtel herüber, als hätte auch er Flügel, die ihn durch die Lüfte trügen – in den warmen Sonnenstrahlen sonnen sich schwarze Ackerkrähen – am fernen Horizont scheinen sich dunkle Käfer zu rühren und zu regen es sind die Pferde der Bauern, die ihre Felder umackern.
Theilnahmlos glitt Neshdanow’s Blick über Alles hinweg, – er war so vertieft in seine grüblerischen Gedanken, daß er gar nicht bemerkte, wie er bereits auf dem Gute Ssipjagins war . . . Als er plötzlich das Dach des Hauses erblickte, den obersten Stock, Mariannen’s Fenster – fuhr er zusammen. – »Ja,« – sagte er zu sich selbst und es wurde ihm mit einem Male so warm um’s Herz, – »er hat Recht – es ist ein gutes Wesen – und ich liebe sie.’«
Zweiundzwanzigstes Capitel
Neshdanow kleidete sich hastig um und begab sich sogleich zu Kolja, dem er um diese Zeit eine Stunde zu geben hatte. Im Eßzimmer stieß er auf Ssipjagin der ihn zwar höflich, aber kalt begrüßte, und sich darauf mit der gleichgültig hingeworfenen Frage, ob es ihm auf der Fahrt gut ergangen sei, in sein Kabinet zurückzog. Der große Staatsmann hatte in seinem Ministerverstande bereits beschlossen, den Lehrer, der »in der That zu roth« war, sobald die Ferien zu Ende, nach Petersburg zurück zu schicken, bis dahin aber ihn nicht aus den Augen zu lassen. »Je n’ai pas eu la main heureuse cette foisci,« dachte er bei sich, »übrigens – »j’aurais pu tomber pire«. Valentine Michailowna’s Gefühle dagegen waren viel ausgesprochener, viel leidenschaftlicher – sie haßte Neshdanow jetzt . . . Dieser Bube! . . . er hatte sie beleidigt! – Marianne hatte sich nicht geirrt: es war wirklich Valentine Michailowna gewesen, welche an der Thür gehorcht hatte . . . Die aristokratische Dame verschmähte es nicht, zu solchen Mitteln zu greifen, wenn es ihr nöthig schien. Im Verlauf der zwei Tage, an welchen Neshdanow abwesend war, hatte sie ihrer »leichtsinnigen« Nichte gegenüber nichts über die Sache verlauten lassen, hatte ihr aber ununterbrochen zu verstehen gegeben, daß sie Alles wisse, daß sie ernstlich in Zorn gerathen wurde, wenn sie nicht so erstaunt wäre – und daß sie noch mehr erstaunen würde, wenn sie Marianne nicht bemitleidete, sie nicht geringschätzte. . . Ein wohlverborgenes, inneres Verachten füllte ihre Wangen, Spott und doch zugleich Mitleid drückten die emporgehobenen Brauen aus, wenn sie Marianne ansah, wenn sie mit ihr sprach; die wunderbaren, weichen Augen ruhten mit einem leisen, sittsamen Staunen, mit einem gewissen leiderfüllten Widerwillen auf dem Antlitz des »trotzigen« Mädchens, welches nach allen ihren »Phantasien und Excentricitäten« damit endete, daß sie sich von einem armseligen Studenten in dunklem Zimmer zu wiederholten Malen . . . küssen ließ!
Arme Marianne! Ihre stolzen strengen Lippen hatte noch nie ein Kuß berührt.
Ihrem Mann verschwieg Valentine Michailowna die Entdeckung, die sie gemacht; sie begnügte sich damit, bei Gelegenheit einiger Worte, die sie in seiner Gegenwart an Marianne richtete, ein bedeutungsvolles Lächeln blicken zu lassen, welches von dein Inhalt ihrer Rede keineswegs bedingt war. Valentine Michailowna bereute es sogar, ihrem Bruder den bewußten Brief geschrieben zu haben . . . Sie kam übrigens bald zu der Ueberzeugung, daß es besser sei zu bereuen und den Brief doch geschrieben, als nicht zu bereuen und dem Bruder nichts mitgetheilt zu haben. . . .
Marianne hatte Neshdanow nur im Fluge am Frühstückstische gesehen. Er fand, daß sie mager und blaß war, und daß sie eher schlecht als gut aussah; der rasche Blick jedoch, den sie auf ihn warf, als er in das Zimmer trat, drang ihm tief in das Herz. Dafür schaute ihn aber Valentine Michailowna in einer Weise an, als wollte sie sagen: »Ich gratulire! Vortrefflich! Sehr geschickt!« und suchte zugleich aus seinem Gesicht die Antwort auf die in Gedanken ausgeworfene Frage zu lesen, ob ihm Markelow ihren Brief wohl gezeigt habe oder nicht. – Sie kam endlich zu dem Resultat, daß Neshdanow den Brief gelesen.
Als Ssipjagin erfuhr, daß Neshdanow auf der von Ssolomin geleiteten Fabrik gewesen, erkundigte er sich bei ihm sofort nach dieser »in jeder Hinsicht höchst bemerkenswerthen industriellen Anstalt«; als es ihm jedoch aus Neshdanow’s Antworten klar wurde, daß dieser dort gar nichts gesehen hatte, verstummte er plötzlich in stolz-erhabener Weise, als ob er sich selbst darüber wundere, daß er von diesem unreifen Subjekt noch thatsächliche Angaben irgend welcher Art hatte erwarten können! – Als er das Eßzimmer verließ, flüsterte ihm Marianne zu:
– Erwarte mich im Birkenhain; ich komme sobald es nur möglich ist.
»Auch sie sagt: »Du« zu mir, wie Markelow,« dachte Neshdanow. Es war ihm so angenehm, daß sie ihn »Du« nannte, wenn es ihm auch etwas wunderlich vorkam! . . und es wäre doch sonderbar gewesen – es war so auch unmöglich – hätte sie plötzlich »Sie« zu ihm gesagt und sich von ihm abgewandt. . .
Er fühlte, daß es sein Unglück wäre, wenn es geschähe. Ob er sie wirklich liebte – das wußte er noch nicht; aber daß sie ihm theuer war, daß sie seinem Herzen nahe stand, daß sie ihm nöthig war . . . namentlich nöthig . . . das war ihm klar, darüber war kein Zweifel möglich.
Der Hain, in welchem er Marianne erwarten sollte, bestand aus einigen hundert hohen, alten Birken – hauptsächlich Trauerbirken. Der Wind wehte noch immer mit der früheren Stärke; die lang herabhängenden Zweige wurden wie aufgelöste Flechten hin und her geworfen; nach wie vor zogen die Wollen hoch und rasch am Himmel dahin, und wenn dann zuweilen eine oder die andere derselben vor der Sonne vorbeistrich, so fiel über Alles plötzlich ein gleichmäßiger, einfarbiger Schein. – Nun ist die Wolke vorübergezogen und überall erzittern von neuem hell und grell die unruhvoll flimmernden Lichtstellen und mischen sich unter die vielen dunklen, vom Sonnenstrahl nicht berührten Schattenflächen . . . Ueberall regt sich noch immer dasselbe Leben, aber es scheint jetzt Alles von einer gewissen freudigen Feiertagsstimmung durchdrungen. So auch zieht die Leidenschaft mit einer gewissen freudigen Gewalt ein in das umwölkte, aufgeregte Herz . . . Ein solches Herz bebte in Neshdanow’s Brust, als er den Birkenhain betrat.
Er lehnte sich an den Stamm eines alten Baumes – und begann zu warten. Im Grunde konnte er sich keine Rechenschaft darüber geben, was er empfand und hatte auch nicht das Bedürfniß, über seine Gefühle zur Klarheit zu kommen; er wußte nur, daß es ihm jetzt leichter – und doch wieder ahnungsvoller – ums Herz war, als bei Markelow. Er hatte jetzt nur das Verlangen, Marianne zu sehen, sie zu sprechen; er fühlte sich fest umschlungen von dem Bande, das zwei lebende Wesen aneinander knüpft . . . Neshdanow gedachte des Seils, das von dem Dampfschiff auf die Landungsbrücke geworfen wird . . jetzt ist es um den Pfosten gewunden . . . jetzt hält der Dampfer . . .
– Im Hafen! Gott sei Dank!
Neshdanow fuhr plötzlich zusammen, als er in der Ferne ein Frauenkleid schimmern sah. Das ist Marianne! Er konnte nicht unterscheiden, ob sie zu ihm kam oder sich von ihm entfernte – das sah er aber, daß Schatten und Licht längs ihrer Gestalt von unten nach oben glitten . . . das bedeutete also, daß sie sich ihm näherte, denn sonst hätte es umgekehrt sein müssen: von oben nach unten. Noch ein paar Minuten – und sie stand vor ihm, neben ihm, mit freundlichem, lebhaft bewegte-m Antlitz, mit mild leuchtenden Augen, mit schwachem, jedoch heiterem Lächeln auf den Lippen. Er erfaßte ihre Hände, konnte im ersten Moment jedoch kein Wort hervorbringen; auch Marianne stand schweigend da. Sie war sehr rasch gegangen und ein wenig außer Athem; aber sie war offenbar voll Freude darüber, daß ihr Erscheinen ihm gleichfalls Freude verursachte . . .
Marianne brach zuerst das Schweigen.
– Nun, – begann sie, – sag’ mir rasch: was habt Ihr beschlossen?
– Wir haben beschlossen . . . war es denn nöthig, schon jetzt zu beschließen?
– Du begreifst mich schon. – Erzähle: wovon habt Ihr gesprochen? Wen hast Du gesehen? Bist Du bei Ssolomin gewesen? Erzähle mir Alles, Alles! Wart ein wenig gehen wir dorthin, etwas weiter. Ich kenne ein gutes verstecktes Plätzchen.
Sie zog ihn fort. Gehorsam folgte er ihr durch das hohe, spärliche, dürre Gras. Sie hatte ihn zu einer mächtigen, vom Sturm umgeworfenen Birke geführt, auf deren Stamm sie sich Beide niederließen.
– Erzähle jetzt! – wiederholte sie, setzte aber sogleich hinzu: – Wie ich froh bin, daß ich Dich endlich sehe! Diese zwei Tage schienen mir eine Ewigkeit! Du weißt, daß ich jetzt fest davon überzeugt bin, daß Valentine Michailowna uns belauscht?
– Sie hat es Markelow geschrieben, – sagte Neshdanow.
– Markelow?!
Marianne verstummte und erröthete – nicht vor Scham, sondern unter dein Einfluß eines anderen, mächtigeren Gefühls.
– Böses, herzloses Geschöpf – rief sie leise und langsam. – Das zu thun hatte sie kein Recht . . . Einerlei! Erzähle, erzähl’!
Neshdanow begann zu erzählen . . . Marianne hörte s ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, als wäre sie gleichsam versteinert, und unterbrach ihn nur dann, wenn es ihr schien, daß er zu sehr eile, daß er über Manches hinweggehe . . . Nicht alle Einzelheiten seiner Fahrt waren jedoch im Stande, sie in gleicher Weise zu fesseln; über Thömchen und Thymchen lachte sie wohl, aber sie interessirten sie nicht. Das ganze Sein derselben stand ihr zu fern.
– Es ist, als ob Du mir etwas über Nebukadnezar mittheilst! – bemerkte sie.
Was Markelow aber gesagt, was Goluschkin denke (obgleich sie sogleich begriffen, was das für ein Mensch war), – und namentlich: was Ssolomin für Ansichten habe und wie er Neshdanow gefallen – das war es, was sie Wissen Mußte, was sie quälte. »Wann denn? wann?« – diese Frage kam ihr nicht aus dem Kopf, schwebte ihr die ganze Zeit, während Neshdanow sprach, auf den Lippen. Er aber schien gleichsam jede directe Antwort darauf vermeiden zu wollen. Er bemerkte endlich selbst, daß er gerade auf solche Einzelheiten besonderen Nachdruck legte, die am wenigsten geeignet waren, Marianne zu interessiren. Die humoristische Schilderung seiner Erlebnisse machte sie ungeduldig; der Ton der Enttäuschung, der Wehmuth, den er dann wieder anschlug, betrübte sie . . . Es sollte immer nur von der »Sache,« von der bewußten »Frage« die Rede sein. Da hätte er so eingehend sprechen können, wie er nur wollte – es hätte sie nicht ermüdet. Neshdanow erinnerte sich der Zeit, als er einst, bevor er noch aus die Universität zog, in einer bekannten Familie den Kindern Märchen erzählte: – auch sie hatten kein Interesse für die Schilderung der Ereignisse, für den Ausdruck persönlicher-Gefühle . . . auch ihnen war es nur um die Handlung, um die Thatsache zu thun!
Marianne war kein Kind, aber sie war so einfach, so grade und ehrlich wie ein Kind.
In warmen, herzlichen Worten sprach sich Neshdanow über Markelow aus und äußerte sich in besonders sympathischer Weise über Ssolomin. In fast enthusiastischen Ausdrücken von ihm redend, fragte er sich in Gedanken, weshalb er diesen Menschen denn eigentlich so hoch stelle. Er hatte ja nichts gesagt, was von besonderer Bedeutung gewesen wäre; einige seiner Aussprüche standen sogar in direktem Gegensatz zu seinen eigenen Ansichten. . . »Ein gleichmäßiger Charakter,« – dachte er, – »darin liegt’s; eine verständige, frische Natur, wie Thymchen sagte; ein tüchtiger Mensch, ruhig, kräftig; er weiß, was er will und hat Vertrauen in seine Kraft – das macht, daß man auch ihm vertraut; sein Gemüth kennt kein Wanken, Alles in ihm ist in ruhigem Gleichgewicht . . . im Gleichgewicht . . das eben ist’s, was mir fehlt!« . . Neshdanow gab sich ganz den grübelnden Gedanken hin, die ihn jetzt bewegten . . . da legte sich plötzlich eine leichte Hand auf seine Schulter.
Er richtete den Kopf in die Höhe: Marianne blickte ihn aus zärtlich besorgten Augen ängstlich an.
– Was ist Dir, Freund? – fragte sie ihn.
Er nahm die Hand, die auf seiner Schulter gelegen und küßte dieselbe – zum ersten Mal. Marianne lachte, als könnte sie nicht recht begreifen, wie er aus den wunderlichen Einfall gekommen, ihr die Hand zu küssen. Dann aber wurde auch sie nachdenklich.
– Hat Dir Markelow den Brief von Valentine Michailowna gezeigt? – fragte sie endlich.
– Ja.
– Nun, und . . . was sagte er?
– Er? . . . Er ist ein edler, opferfreudiger Mensch! Er . . . – Neshdanow wollte ihr von dem Porträt erzählen – hielt jedoch plötzlich inne und wiederholte: – ein edler Mensch!
– O ja, ja!
Marianne hing wieder ihren Gedanken nach – wandte sich dann aber plötzlich mit einer raschen Bewegung zu Neshdanow.
– Nun, was habt Ihr denn beschlossen? – fragte sie ihn lebhaft.
Neshdanow zuckte die Achseln.
– Ich habe Dir bereits gesagt: gar nichts. Wir müssen noch warten.
– Warten . . . Woraus denn?
– Auf die letzten Instruktionen (»das ist eine Lüge« – dachte Neshdanow.)
– Von wem?
– Von . . . Du weißt . . . von Wassili Nikolajewitsch. Dann müssen wir auch abwarten, daß Ostrodumow zurückkehrt.
Marianne sah ihn fragend an.
– Hast Du diesen Wassili Nikolajewitsch jemals gesehen?
– Zwei Mal vielleicht . . . im Fluge.
– Nun . . . ist es eine bemerkenswerthe Persönlichkeit?
– Wie soll ich Dir sagen? Er ist das Haupt – und verfügt über Alles. Ohne Disziplin geht es ja nicht in einer solchen Sache: hier muß man zu gehorchen verstehen. (»Auch das ist ein Unsinn« dachte Neshdanow.)
– Wie sieht er aus?
– Wie? . . . Es ist eine untersetzte, plumpe Figur mit einem Kalmückengesicht: starke, hervorstehende Backenknochen, rohe Züge, – aber überaus bewegliche Augen.
– Und wie spricht er?
– Er spricht eigentlich wenig, um so mehr befiehlt er aber.
– Wie ist er denn Euer Oberhaupt geworden?
– Weil er ein energischer Mensch ist, der vor nichts zurückschreckt. Wenn es nöthig, ist er selbst zu einem Morde bereit. Daher fürchtet man ihn auch.
– Und wie sieht Ssolomin aus? – fragte Marianne nach einer kleinen Pause.
– Auch er ist nicht gerade schön zu nennen; aber er hat ein einfaches, ehrliches, prächtiges Antlitz, wie man solche zuweilen unter den besseren Seminaristen findet.
Neshdanow fuhr in der Schilderung Ssolomin’s fort, und als er geendigt, schaute ihn Marianne lange, lange an und sagte daraus ganz leise, gleichsam für sich:
– Auch Dein Gesicht ist gut. Mit Dir könnte man wohl leben!
Dies Wort rührte ihn so sehr, daß er von Neuem ihre Hand ergriff und dieselbe an die Lippen führte. . .
– Sei nicht zu liebenswürdig, – versetzte Marianne lachend: sie pflegte immer zu lachen, wenn ihr die Hand geküßt wurde; – Du weißt ja noch nicht: ich habe etwas Schlechtes gethan.
– Was denn?
– Ich bin in Deiner Abwesenheit in Deinem Zimmer gewesen und – habe auf Deinem Tisch ein Heft mit Gedichten gefunden . . . (Neshdanow zuckte: er hatte in der That das Heft aus seinem Tische gelassen) – und ich muß Dir gestehen: ich konnte nicht widerstehen, und habe darin gelesen. . . Die Gedichte sind von Dir?
–Ja; und weißt Du was, Marianne? es kann Dir Dieses ein Beweis sein, wie sehr ich an Dir hänge und wie ich Dir vertraue – ich bin Dir fast gar nicht böse deswegen . . .
– Fast? Also doch ein wenig? – Höre: Du nennst mich immer Marianne; ich kann Dich doch nicht Neshdanow nennen! Von nun an sollst Du Alexei heißen. Aber jenes Gedicht, welches mit den Worten beginnt: »Tritt der Tod an mich heran, lieber Freund« . . . ist es auch von Dir?
– Ja . . . ja. – Aber laß das, ich bitte Dich . . . quäl’ mich nicht!
Marianne schüttelte den Kopf.
– Es ist ein so trauriges Gedicht! . . . Ich hoffe, daß Du es niedergeschrieben, als wir uns noch fremd gegenüberstanden. Die Verse sind jedoch gut – so weit ich’s beurtheilen kann. Mir scheint, daß Du Talent zur Schriftstellerei hast; aber ich weiß – ich weiß es sicher, daß Du zu einem Werke berufen bist, das höher steht, als die Literatur. Das war damals gut – als das Andere noch unmöglich war!
Neshdanow blickte sie an.
– Meinst Du? Ja, ich stimme Dir bei. Besser hier zu Grunde gehen – als dort ein Erfolg!
Marianne erhob sich plötzlich mit Ungestüm.
– Ja, mein Lieber, Du hast Recht! – rief sie mit strahlendem Gesicht, wie erfüllt von dem Feuer des Enthusiasmus, der edlen Rührung großmüthiger Gefühle: – Du hast Recht! – Es kann ja auch sein, daß wir nicht gleich zu Grunde gehen; Du wirst sehen, wir werden hier noch wirken können, wir werden nicht vergebens gelebt haben, wir gehen in’s Volk . . . Verstehst Du irgend ein Handwerk? Nein? Nun, einerlei – wir werden arbeiten, werden ihnen, unsern Brüdern, Alles hingeben – ich werde kochen, nähen, waschen, wenn es nöthig ist . . . Du wirst es sehen . . . Und es wird kein Verdienst sein – sondern nur Glück, Glück . . .
Marianne schwieg; ihr weit in die Ferne gerichtetes Auge – nicht in jene Ferne, welche sich vor ihr ausbreitete, aber in jene unbekannte, unergründete, ungeahnte Ferne – dieses Auge glühte . . .
Neshdanow beugte sich zu ihr herab.
– O Marianne – flüsterte er – ich bin Deiner nicht werth!
Sie fuhr plötzlich zusammen.
– Es ist Zeit, gehen wir! – rief sie – sonst wird man noch Jemand nach uns ausschicken. Valentine Michailowna scheint sich übrigens von mir losgesagt zu haben. In ihren Augen bin ich – ein verlorenes Geschöpf!
Marianne hatte das mit so heller, freudiger Stimme ausgesprochen, daß auch Neshdanow lächeln mußte und unwillkürlich wiederholte: ein verlorenes Geschöpf?
– Du hast sie aufs Tiefste beleidigt, weil Du nicht zu ihren Füßen liegst, – fuhr sie fort. – Das hat nichts zu sagen; was wir aber bedenken müssen . . . Ich werde hier nicht mehr bleiben können . . . Wir müssen fliehen.
– Fliehen? – wiederholte Neshdanow.
– Ja, fliehen . . . Du wirst ja auch nicht bleiben wollen . . . Wir flehen zusammen.
– Wir werden zusammen arbeiten müssen. . . Willst Du mir folgen?
– Bis an’s Ende der Welt! – rief Neshdanow mit klangvoller, vor Erregung und einer fast stürmischen Dankbarkeit zitternder Stimme. – Bis ans Ende der Welt!
– In diesem Augenblicke wäre er ihr wirklich nachgegangen, ohne sich umzuwenden, wohin sie ihn auch geführt hätte!
Marianne fühlte das – und es entrang sich ihr ein kurzer, glückerfüllter Seufzer.
– Da nimm meine Hand aber küsse sie nicht, sondern drücke sie recht fest – wie einem guten Kameraden, einem Freunde . . . so!
Sie erhoben sich und schlugen den Weg nach dem Hause ein – Beide in Gedanken versunken, glücklich – unter ihren Füßen schmiegte sich das junge, weiche Gras, um sie her rauschte das frische Laub; helle Lichter und dunkle Schatten glitten flüchtig längs ihren Kleidern dahin – und sie freuten sich Beide des unruhigen Spiels derselben, der munteren Stöße des Windes, des frischen Glanzes der Blätter – freuten sich der eigenen Jugend, des eigenen Glückes, der eigenen Nähe!
Dreiundzwanzigstes Capitel
Schon erhob sich die Morgenröthe am Himmel, als Ssolomin, nachdem er in der Nacht nach dem Goluschkin’schen Diner ungefähr fünf Werst rüstig zu Fuß zurückgelegt hatte, an die Pforte des hohen Zaunes klopfte, der die Fabrik umgab. Der Wächter ließ ihn sofort ein und führte ihn im Geleite dreier zottiger Kettenhunde, die, mit ihren buschigen Schweifen wedelnd, weit ausholten, mit achtungsvoller Sorglichkeit bis zu dem Flügel des Hauses, in welchem sich seine Wohnung befand. Er freute sich offenbar über die glückliche Heimkehr seines Chefs.
– Warum kommt Ihr bei Nacht, Wassili Fedotitsch? Wir erwarteten Sie erst morgen.
– Das hat nichts zu sagen, Gawrila, bei Nacht geht sich’s besser als am Tage.
Zwischen Ssolomin und den Fabrikarbeitern herrschten gute, wenn auch nicht ganz gewöhnliche Beziehungen: sie achteten ihn als ihren Aeltermann und gingen mit ihm um wie mit Ihresgleichen, wie mit dem Ihren, doch war er in ihren Augen gar kenntnißreich. »Was Wassili Fedotow gesagt – so redeten sie – das steht fest und ist heilig, denn er ist durch jeden Grad der Weisheit durchgegangen und es giebt keinen Engländer, den er nicht in die Tasche steckte!« – In der That hatte einmal irgend ein bedeutender englischer Manufakturist die Fabrik besucht; kam es nun daher, daß Ssolomin mit ihm Englisch sprach oder war er wirklich durch seine Kenntnisse überrascht, jedenfalls klopfte er ihm wiederholt auf die Schulter, lachte und lud ihn zu sich nach Liverpool ein; den Fabrikarbeitern versicherte er aber in seiner gebrochenen Sprache: Gut – diese da – ou! – gut! worüber die Fabrikarbeiter ihrerseits viel lachten, aber nicht ohne Stolz: »Seht, hieß es, den Unseren an! – das ist unsere Art!«
Und er war wirklich ihrer Art – er war der Ihre.
Am andern Morgen früh trat Pawel, Ssolomin’s Liebling, zu ihm in’s Zimmer; er weckte ihn auf, reichte ihm Waschwasser, erzählte dies und jenes und fragte nach diesem und jenem. Darauf tranken sie Beide in aller Eile Thee und Ssolomin ging, nachdem er seinen beschmierten grauen Arbeitskittel angezogen, in die Fabrik – und sein Leben begann wieder sich zu drehen, wie ein großes Schwungrad.
Aber ihm war eine neue Störung beschieden.
Fünf Tage, nachdem Ssolomin in seine Heimath zurückgekehrt war, rollte ein hübscher kleiner Phaëton, mit vier ausgezeichneten Pferden bespannt, auf den Hof der Fabrik, und ein Livrée-Bedienter, ein weißlich-erbsenfarbener Lakai, händigte, von Pawel in den Flügel geführt, Ssolomin feierlich einen Brief mit adligem Siegel ein – von – »Sr. Excellenz Boris Andrejewitsch Ssipjagin.« In diesem Brief, der nicht von Parfüms durchzogen war – Fi! – sondern irgend einen außergewöhnlich anständigen, englischen Gestank an sich trug und, wenn auch in der dritten Person, so doch nicht von der Hand eines Secretärs, sondern höchsteigenhändig vom General selbst geschrieben war, nahm der aufgeklärte Beherrscher des Gutes Arshanoje nach vorhergegangener Entschuldigung, daß er sich an eine ihm persönlich unbekannte Person wende, über die er, Ssipjagin, indeß die schmeichelhaftesten Urtheile gehört habe, sich die »Freiheit,« Herrn Ssolomin, dessen Rathschläge ihm in einem gewissen bedeutenden industriellen Unternehmen sehr wichtig sein könnten, zu sich auf’s Land einzuladen; in der Hoffnung auf die liebenswürdige Einwilligung des Herrn Ssolomin schicke er, Ssipjagin, ihm seine Equipage. Falls es Herrn Ssolomin unmöglich sein sollte, sich an diesem Tage von der Fabrik zu entfernen, so bitte er, Ssipjagin, Herrn Ssolomin ganz ergebenst, einen anderen Tag, ganz nach seinem Belieben, festzusetzen und er, Ssipjagin, werde dann dieselbe Equipage Herrn Ssolomin mit Freuden zur Verfügung stellen. Dann folgten die gewöhnlichen Versicherungen und darauf eine elegante, wahrhaft ministerielle Unterschrift des Namens und Familiennamens, welche sicherlich kein Uneingeweihter jemals hätte entziffern können. Am Ende des Briefes stand ein Postscriptum, schon in der ersten Person: »Ich hoffe, daß Sie meine Bitte nicht abschlagen werden, ganz einfach, im Oberrock bei mir zu speisen.« (Das Wort »einfach« war unterstrichen.)
Gleichzeitig mit diesem Brief überreichte der weißlichs erbsenfarbene Lakai Ssolomin mit einer gewissen Verwirrung einen einfachen, nicht einmal versiegelten, sondern verklebten Zettel Neshdanow’s, in welchem nur einige Worte standen: »Kommen Sie, bitte, Sie sind hier sehr nöthig und können sehr nützlich sein, nur freilich nicht Herrn Ssipjagin.«
Nachdem Ssolomin Ssipjagin’s Brief durchgelesen, dachte er: »Wie soll ich denn anders fahren als ganz einfach; einen Frack besitze ich hier auf der Fabrik gar nicht . . . Ja, und was, zum Teufel, soll ich mich dahin schleppen . . . nur um Zeit zu verlieren!« Aber als er Neshdanow’s Zettel durchflogen, kratzte er sich im Nacken und trat unentschlossen an’s Fenster.
– Welche Antwort belieben Sie zu ertheilen? – fragte würdig der Weißlich-Erbsenfarben.
Ssolomin blieb noch eine Weile am Fenster stehen, dann sagte er, die Haare zurückwerfend und mit der Hand über die Stirn fahrend: – Ich fahre, lassen Sie mir Zeit, mich umzukleiden.
Der höchst anständige Lakai entfernte sich, Ssolomin ließ Pawel rufen, besprach sich mit ihm, lief noch einmal zur Fabrik hinüber, zog einen schwarzen Ueberrock mit sehr langer Taille an, den ihm der Gouvernementsschneider gemacht hatte, setzte einen etwas roth gewordenen Cylinder auf, der unverzüglich seinem Gesicht einen hölzernen Ausdruck verlieh und stieg dann in den Phaëton; plötzlich fiel ihm aber ein, daß er keine Handschuhe mitgenommen habe; er rief nach dem »allgegenwärtigen« Pawel und dieser brachte ihm ein Paar eben ausgewaschener sämischlederner Handschuhe, an denen jeder Finger, gegen das Ende ausgeweitet, einem Bisquit glich. Ssolomin steckte die Handschuhe in die Tasche und befahl dem Kutscher, fortzufahren. Dann sprang der Lakai mit einer gewissen, völlig unnöthigen Verwegenheit plötzlich auf den Bock, der wohlgeschulte Kutscher pfiff im Falsett – und die Pferde flogen dahin.
Während sie Ssolomin dem Gute Ssipjagins allmählich näher brachten, plauderte dieser Staatsmann, mit einer halbaufgeschnittenen politischen Broschüre auf den Knieen bei sich im Gastzimmer sitzend, mit seiner Frau über ihn. Er vertraute ihr, daß er ihn eigens deshalb verschrieben, um zu versuchen, ihn von der kaufmännischen Fabrik auf seine eigene zu locken, da diese über die Maßen schlecht gehe und radikale Reformen benöthige! Bei dem Gedanken, daß Ssolomin sich weigere zu kommen oder gar einen anderen Tag bestimme, mochte Ssipjagin nicht verweilen, obgleich er in seinem Brief an Ssolomin ihm selbst die Wahl des Tages frei gestellt hatte.
– Aber wir haben ja eine Schreibpapierfabrik und keine Spinnerei – bemerkte Valentine Michailowna.
– Einerlei, mein Herz: dort sind Maschinen und hier sind Maschinen: und er ist Mechaniker!
– Aber er ist vielleicht Spezialist! – Mein Herz, erstens giebt es in Rußland keine Spezialisten und zweitens – ich wiederhole es Dir – er ist Mechaniker.
Valentine Michailowna lächelte.
– Gieb Acht, mein Freund: Du hast schon ein Mal kein Glück gehabt mit jungen Leuten; wenn Du nur nicht zum zweiten Mal einen Fehlgriff thust!
– Das sagst Du in Betreff Neshdanow’s? Nun, es scheint mir, meinen Zweck habe ich erreicht; für den Kolja ist er ein guter Repetitor. Und dann weißt Du: non bis in idem! Entschuldige, ich bitte, meine Pedanterie. Es heißt das, daß sich zwei Dinge nicht hinter einander wiederholen.
– Meinst Du? Ich denke aber, daß sich Alles auf der Welt wiederholt . . . besonders alles Naturgesetze . . . und vorzugsweise bei jungen Leuten.
– Que voulez-vous dire? fragte Ssipjagin, mit einer runden Handbewegung die Broschüre auf den Tisch werfend.
– Ouvrez las yeux – et vous verrez! antwortete ihm Frau Ssipjagin; im Französischen nannten sie sich natürlich »Sie.«
– Hm! machte Ssipjagin. Das sagst Du in Bezug auf das Studentlein?
– Mit Bezug aus den Herrn Studenten.
– Hm! Hat sich bei ihm hier . . . (er berührte mit der Hand die Stirn) was eingenistet? A?
– Oeffne die Augen!
– Marianne? A? (das zweite A? wurde mehr durch die Nase gesprochen, als das erste.)
– Oeffne die Augen, sage ich Dir!
Ssipjagin runzelte die Brauen. – Nun, das werden wir Alles in der Folge ergründen. Jetzt wollte ich Dir nur Eins sagen . . . Dieser Ssolomin wird wahrscheinlich etwas verlegen sein . . . doch, das ist begreiflich, er ist’s nicht gewohnt. Es wird also nöthig sein, etwas freundlicher mit ihm umzugehen um ihn nicht einzuschüchtern. Ich sage das nicht Deinetwillen; Du bist mir ein Goldstück und wen Du willst, den kannst Du im Moment bezaubern. J’en sais quelque chose, Madame! – Ich sage das um der Anderen willen; und sei es auch nur für den da . . .
Er wies auf einen grauen, modernen Hut, der auf der Etagère stand; dieser Hut gehörte Herrn Kallomeyzew, der sich seit dem Morgen in Arshanoje befand.
– Il est très cassant, weißt Du; er verachtet das Volk gar zu sehr, . . . was ich sehr . . . sehr mißbillige. Außerdem bemerke ich seit einiger Zeit eine gewisse Reizbarkeit, eine Streitsucht an ihm . . . Oder gehen seine Sachen dort (Ssipjagin nickte in unbestimmter Richtung mit dem Kopfe, die Frau verstand ihn aber) nicht vorwärts? Ah?
– Oeffne die Augen . . . sage ich Dir wiederum. Ssipjagin richtete sich auf.
– Ah? (Dieses Ah? war schon ganz anderen Charakters und anderen Tones, weit tiefer.) Also so?! Wenn ich sie dann nur nicht allzu weit öffnet – Das ist deine Sache; aber in Betreff Deines neuen Jungen – wenn er heute nur kommt, – beunruhige Dich nicht; es werden alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden.«
Und was geschah ’s Es erwies sich, daß gar keine Vorsichtsmaßregeln nöthig waren. Ssolomin war gar nicht verlegen und nichts weniger als erschreckt. Als der Diener ihn meldete, stand Ssipjagin sofort auf und sagte laut, damit es im Vorzimmer zu hören sei: »Bitte, versteht sich, bitte!i« wandte sich zur Thür des Gastzimmers und blieb dicht vor ihr stehen. Sobald Ssolomin die Schwelle überschritten hatte, streckte ihm Ssipjagin, aus welchen er fast gestoßen wäre, beide Hände entgegen und führte ihn liebenswürdig lächelnd und den Kopf neigend und beugend mit den herzlich gesprochenen Worten – »Ah, wie das freundlich ist . . von Ihrer Seite . . . wie bin ich Ihnen dankbar . . . « zu Valentine Michailowna.
– Das ist mein Frauchen, sagte er, seine Handfläche weich auf Ssolomin’s Rücken drückend, indem er ihn gleichsam Valentine Michailowna näher schob, – und hier, meine Liebe, unser erster hiesiger Mechaniker und Fabrikant Wassili . . . Fedossejitsch Ssolomin.
Frau Ssipjagin erhob sich, schlug ihre wundervollen Wimpern in reizender Weise auf, lächelte ihm zuerst wie einem Bekannten gutherzig zu; dann streckte sie ihm ihr Händchen, die Fläche nach oben, entgegen, indem sie den Ellenbogen an die Taille drückte und das Haupt auf die Seite des Händchens neigte, ganz wie eine Bittstellerin. Ssolomin gab dem Mann wie der Frau Gelegenheit, alle ihre Stückchen vor ihm auszuführen, drückte ihm und ihr die Hand – und setzte sich auf die erste Aufforderung. Ssipjagin fing an sich zu beunruhigen, ob er nicht irgend etwas brauche. Ssolomin erwiderte jedoch, daß er nichts nöthig habe, daß er nicht im Geringsten durch den Weg ermüdet sei und ganz zu seiner Disposition stehe.
– So, daß ich Sie bitten dürfte, sich auf die Fabrik zu bemühen? rief Ssipjagin aus, als ob er sich genire und an eine so große Herablassung seitens des Gastes nicht zu glauben wage.
– Meinetwegen sogleich – antwortete Ssolomin.
– Ach, was für ein liebenswürdiger Mensch Sie sind! Befehlen Sie die Droschke anzuspannen? oder wünschen Sie vielleicht zu Fuß . . .
– Ja, sie ist doch nicht weit von hier, Ihre Fabrik?
– Eine halbe Werst etwa, – nicht mehr!
– Wozu denn da die Equipage anspannen?
– Nun, vortrefflich. He, Diener, meinen Hut, meinen Stock! Schnell! – Du aber, liebe Hausfrau, nimm Dich der Wirthschaft an, richte uns den Mittag zu!
– Den Hut! Ssipjagin regte sich viel mehr auf, als sein Gast. Nachdem er nochmals gesagt: »Ja, wird’s bald – den Hut!« sprang er, der Würdenträger! davon, ganz wie ein muthwilliger Schuljunge. Während er mit Ssolomin sprach, betrachtete Valentine Michailowna diesen »neuen Jungen« verstohlen, aber aufmerksam. – Er saß ruhig auf dem Stahl, die beiden nackten Hände (die Handschuhe hatte er doch nicht angezogen) auf die Kniee gestützt und sah sich ruhig, wenn auch mit Neugier die Möbel, die Bilder an. – Was ist das nur wieder? dachte sie. Ein Plebejer, ein offenbarer Plebejer . . . und wie einfach hält er sich! – Ssolomin hielt sich in der That sehr einfach; nicht so wie Mancher, welcher sich auch so »ganz einfach« hält, immer aber stillschweigend die Aufforderung ergehen läßt: »Guck’ mich an und begreife, was ich für Einer bin!l« sondern wie ein Mensch, dessen Gefühle sowohl, als auch Gedanken aus einem Stück, wenn auch stark sind. Frau Ssipjagin wollte mit ihm zu sprechen anfangen, vermochte sich aber zu ihrem Erstaunen nicht gleich in die Lage zu finden.
»Mein Gott,« dachte sie, »dieser Fabrikarbeiter imponirt mir doch nicht gar?«
– Boris Andrejewitsch muß Ihnen sehr dankbar sein, hub sie endlich an, daß Sie eingewilligt haben, ihm einen Theil Ihrer kostbaren Zeit zu opfern . . .
– So gar theuer ist sie doch nicht, gnädige Frau, – antwortete Ssolomin; ich bin ja auch nicht auf lange zu Ihnen gekommen.
»Voilà où l’ours a montré sa patte,« dachte sie französisch.
Doch in diesem Moment erschien ihr Mann an der Schwelle der geöffneten Thür, den Hut auf dem Kopf und die Reitgerte in der Hand. Halb abgewandt rief er ungezwungen: – Wassili Fedossejitsch! Ist es ihnen gefällig zu kommen?
Ssolomin stand auf, verbeugte sich gegen Valentine Michailowna und folgte Ssipjagin.
– Mir nach, hierher, hierher, Wassili Fedossejitsch! wiederholte Ssipjagin, ganz als ob er sich durch irgend welche Waldschluchten durcharbeitete und Ssolomin einen Führer nöthig habe. – Hierher, hier sind Stufen, Wassili Fedossejitsch.
– Wenn Sie mir schon die Ehre anthun wollen, mich beim Vaternamen zu nennen, sprach Ssolomin ohne sich zu beeilen – ich heiße nicht Fedossejitsch, sondern Fedotitsch.
Ssipjagin sah sich rückwärts, über die Schulter, fast erschreckt nach ihm um.
– Ach entschuldigen Sie, bitte, Wassili Fedotitsch! – Bitte, bitte; es hat nichts zu sagen.
Sie gingen auf den Hof hinaus. – Kallomeyzew kam ihnen in den Weg.
– Wohin geht’s denn? – fragte er mit einem Seitenblicke auf Ssolomin. – Auf die Fabrik? C’est là l’individu en question? Ssipjagin riß die Augen auf und schüttelte zum Zeichen der Warnung leicht mit dem Kopf.
– Ja, auf die Fabrik meine Sünden und Schanden . . . hier dem Herrn Mechaniker zu zeigen. Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache! Herr Kallomeyzew, hiesiger Gutsbesitzer; Herr Ssolomin . . . Kallomeyzew nickte zwei Mal, kaum merklich, gar nicht aus die Seite Ssolomin’s hin und ohne ihn anzusehen – mit dem Kopf. Jener aber fixirte Kallomeyzew scharf, und in seinen halbgeöffneten Augen leuchtete etwas. . . .
– Darf ich mich Ihnen anschließen? fragte Kallomeyzew. – Sie wissen, ich liebe es, mich belehren zu lassen.
– Gewiß!
Sie gingen vom Hof auf die Straße hinaus, und hatten noch nicht zwanzig Schritte zurückgelegt, als sie den Pfarrgeistlichen sahen, der mit aufgeschürztem Priesterrock heimwärts wandelte, in die sogenannte »Popenslobodka.« Kallomeyzew trennte sich sofort von seinen beiden Gefährten, ging mit großen, festen Schritten auf den Priester zu, der das durchaus nicht erwartet hatte und etwas verlegen wurde, bat um seinen Segen, küßte schallend seine schweißige, rothe Hand und warf zurückgewandt Ssolomin einen herausfordernden Blick zu. Er wußte offenbar »irgend was« von ihm – und wollte sich zeigen und dem gelehrten Strolch eine Nase drehen.
– C’est une manifestation, mon cher? – zischte Ssipjagin durch die Zähne.
Kallomeyzew schnaufte.
– Uui, mon cher, une manifestation nécossaire par le temps, qui court!
Sie kamen auf die Fabrik. Ein Kleinrusse mit ungeheurem Bart und falschen Zähnen, der an die Stelle des früheren Verwalters, eines Deutschen, getreten war, welchen Ssipjagin endgültig fortgejagt hatte, kam ihnen entgegen. Dieser Kleinrusse war nur zeitweilig da: er hatte offenbar von nichts einen Begriff und sagte beständig: »ei! ei!«! ’ und »schwatzt der« und seufzte immer
Die Besichtigung des Etablissements begann. Einige Fabrikarbeiter kannten Ssolomin persönlich und begrüßten ihn. Einem sagte er sogar: »Ah, guten Tag, Grigorij, bist Du hier?« Er überzeugte sich bald, daß die Sache schlecht geführt war. Geld war in Masse verausgabt worden, aber ohne Verständniß. Die Maschinen erwiesen sich als schlechter Qualität; viel Ueberflüssiges und Unnützes war vorhanden, viel Nöthiges fehlte. Ssipjagin schaute beständig Ssolomin in die Augen, um seine Meinung zu errathen, that schüchterne Fragen, und wünschte zu erfahren, ob er wenigstens mit der Ordnung zufrieden sei.
– Ordnung ist vorhanden – antwortete Ssolomin – aber ist eine Einnahme möglich? Ich bezweifle es.
Nicht nur Ssipjagin, sogar Kallomeyzew fühlte, daß Ssolomin auf der Fabrik zu Hause, daß ihm alles, bis auf die letzte Kleinigkeit bekannt und vertraut, daß er hier Hausherr sei. Er legte die Hand auf die Maschine, wie der Reiter auf den Hals des Pferdes; er stieß ein Rad mit dem Finger und es blieb stehen oder fing an sich zu drehen; er nahm etwas von dem Gemisch, aus dem Papier gemacht wird, auf die Handfläche – und es zeigte sofort alle seine Mängel. Ssolomin sprach wenig, den bärtigen Kleinrussen sah er nicht einmal an; schweigend auch verließ er die Fabrik. Ssipjagin und Kallomeyzew machten sich zugleich mit ihm auf. Ssipjagin befahl, daß Niemand ihn begleite . . . er stampfte sogar mit dem Fuß und knirschte mit den Zähnen! Er war sehr aufgeregt.
– Ich sehe schon aus Ihrem Gesicht, wandte er sich an Ssolomin, daß Sie mit meiner Fabrik unzufrieden sind und ich weiß selbst, daß sie in einem unbefriedigenden Zustande ist und mir nichts eintrügt; indessen speziell . . . bitte, geniren Sie sich nicht . . . welches sind ihre hauptsächlichsten Fehler? Und was wäre zu thun, um sie zu verbessern?
– Papierfabrikation ist nicht mein Fach, – antwortete Ssolomin; eins kann ich Ihnen aber sagen: industrielle Anstalten sind nicht Edelmanns-Sache.
– Halten Sie diese Beschäftigungen für erniedrigend für den Adel? – mischte sich Kallomeyzew ein.
Ssolomin lächelte mit seinem breiten Lächeln.
– O nein, ich bitte Sie! Was ist daran Erniedrigendes? Und wenn auch etwas Derartiges wäre – der Adel ekelt sich ja nicht davor.
– Wie so? Was heißt das?
– Ich will nur sagen, fuhr Ssolomin ruhig fort – daß die Edelleute an eine solche Art Thätigkeit nicht gewöhnt sind; hier ist kommerzielle Berechnung nöthig; hier muß Alles auf einen anderen Fuß gestellt werden; aushalten muß man. Die Edelleute sehen das nicht ein. Ueberall errichten sie Tuch-, Papier- und andere Fabriken; und wem fallen zu guter Letzt alle diese Fabriken in die Hände? Den Kaufleuten. Schade; denn der Kaufmann ist eben solch’ ein Blutegel; aber es ist nichts dabei zu machen.
– Wenn man Sie hört – schrie Kallomeyzew – so sind unsere Edelleute finanziellen Fragen unzugänglich!
– O im Gegentheil! Die Edelleute sind Meister darin. Die Konzession zum Bau einer Eisenbahn zu erhalten, eine Bank zu gründen, sich irgend ein Privilegium zu verschaffen – oder irgend etwas in der Art – Niemand versteht das so, wie die Edelleute! Sie machen große Kapitalien. Ich spielte gerade darauf an, als sie sich zu ärgern beliebten. Ich hatte aber richtige industrielle Unternehmungen im Sinn; ich sage: richtige, weil eigene Schenken anzulegen und kleine Wechselkrambuden, den Bauern Korn und Geld für hundert und hundert und fünfzig Prozent zu leihen, wie das jetzt viele der adligen Gutsbesitzer thun – weil ich solche Operationen nicht für ein richtiges Finanzgeschäft halten kann.
Kallomeyzew erwiderte nichts. Er gehörte nämlich gerade zu dieser neuen Gattung gutsherrschaftlicher Wucherer, deren Markelow in seinem letzten Gespräch mit Neshdanow gedacht hatte, – und er war um so unmenschlicher in seinen Forderungen, als er niemals persönlich mit den Bauern zu thun hatte – er ließ sie gar nicht in sein parfümirtes europäisches Kabinet hinein, sondern verkehrte mit ihnen durch den Kommis. Die nicht eilige, gleichsam theilnahmlose Rede Ssolomin’s anhörend, kochte er innerlich . . . aber er blieb für dieses Mal still und blos das Spiel der Muskeln auf den Wangen, hervorgerufen durch das Aneinanderpressen der Kinnbacken, verrieth, was in ihm vorging.
– Indeß, erlauben Sie, erlauben Sie, Wassili Fedotitsch – fing Ssipjagin an: – Alles, was Sie uns darlegen, wäre in früheren Zeiten vollkommen gerecht gewesen, als die Edelleute . . . ganz andere Rechte genossen und sich überhaupt in einer anderen Stellung befanden. Warum können die Edelleute setzt aber, nach all den wohlthätigen Reformen in unserer industriellen Zeit nicht ihre Aufmerksamkeit, ihre Fähigkeiten endlich auf solche Unternehmungen richten? Warum sollen sie nicht das begreifen können, was der einfache, häufig sogar ungebildete Kaufmann begreift? An Mangel an Bildung leiden sie nicht und man kann sogar mit Ueberzeugung versichern, daß sie gewissermaßen Repräsentanten der Aufklärung und des Fortschritts sind!
Boris Andrejewitsch sprach sehr gut; seine Beredtsamkeit hätte in St. Petersburg – im Departement – oder sogar noch höher – großen Erfolg gehabt; aber auf Ssolomin machte sie gar keinen Eindruck.
– Es können die Edelleute solche Dinge nicht handhaben – wiederholte er.
– Ja, warum denn nicht? Warum? – schrie Kallomeyzew fast.
– Darum, weil sie eben dieselben Beamten sind.
– Beamte? – lachte Kallomeyzew giftig auf. Sie geben sich, Herr Ssolomin, wahrscheinlich keine Rechenschaft darüber, was Sie zu sagen belieben?
Ssolomin hörte nicht auf zu lächeln.
– Warum meinen Sie so, Herr Kallomeyzew? (Kallomeyzew erzitterte sogar, als er eine solche »Verunstaltung« seines Familiennamens hörte) – Nein, ich gebe mir immer von meinen Worten Rechenschaft.
– So erklären Sie, was Sie mit Ihrer Phrase sagen wollten!
– Gerne; meiner Meinung nach ist jeder Beamte ein Fremdling und war immer ein solcher; und der Edelmann ist jetzt ein Fremdling geworden.
Kallomeyzew lachte noch ärger.
– Entschuldigen Sie, geehrter Herr; das begreife ich durchaus nicht!
– Um so schlimmer für Sie. Strengen Sie sich an . . . vielleicht werden Sie es noch begreifen.
– Geehrter Herr! – Meine Herren, meine Herren – fiel Ssipjagin rasch ein, indem er dabei gleichsam irgend etwas von Oben herab mit den Augen suchte. – Ich bitte, ich bitte . . . Kallomeyzew, ja vous prie de vous calmer. Auch muß ja das Mittagsessen bald fertig sein. Ich bitte meine Herren; mir nach!
– Valentine Michailowna! – jammerte Kallomeyzew fünf Minuten später, in ihr Kabinet stürzend. – Es ist ganz schauderhaft was Ihr Mann angiebt! Ein Nihilist hat sich schon bei uns eingenistet; jetzt hat er den zweiten gebracht! Und dieser ist noch schlimmer.
– Warum denn?
– Ich bitte Sie, er predigt, weiß der Teufel, was; und bemerken Sie dabei eines: eine ganze Stunde hat er mit Ihrem Manne gesprochen und nicht Ein Mal, nicht Ein Mal »Ew. Excellenz« zu ihm gesagt! – Le vagabond!
Vierundzwanzigstes Capitel
Vor dem Diner führte Ssipjagin seine Frau zu einer Besprechung unter vier Augen in die Bibliothek. Er schien besorgt, indem er ihr mittheilte, daß die Fabrik positiv nichts tauge, daß dieser Ssolomin ein sehr verständiger, wenn auch ein wenig . . . schroffer Mensch sei und daß man mit ihm aux petits soins sein müsse. – »Ach, wie schön wäre es, ihn zu uns herüber zu locken!« wiederholte er mehrmals. Ssipjagin war die Anwesenheit Kallomeyzew’s sehr ärgerlich . . . Der Teufel hat ihn hergeführt! Ueberall sieht er Nihilisten – und hat keinen anderen Gedanken, als sie zu vernichten! Nun, so mag er sie zu Hause bei sich vernichten. Er kann die Zunge auf keine Weise im Zaum halten!
Valentine Michailowna bemerkte, daß es ihr Freude mache, mit diesem neuen Gast »aux petits soins« zu sein; nur scheine er dieser »petit soins« nicht zu bedürfen und wende ihnen gar keine Aufmerksamkeit zu; er sei nicht grob, aber doch sehr gleichgültig, was bei einem Menschen – du commun – immerhin auffallend sei.
– Einerlei gieb Dir Mühe! – achte Ssipjagin.
Valentine Michailowna versprach, sich Mühe zu geben und gab sich Mühe. Sie begann damit, daß sie mit Kallomeyzew – en tête-à-tête – eine Unterredung hatte. Es ist unbekannt, was sie ihm gesagt, er kam aber mit der Miene eines Menschen zu Tisch, der »es sich auferlegt,« ruhig und bescheiden zu sein, was er auch zu hören bekomme. Diese höchst zeitgemäße »Resignation« gab seinem ganzen Wesen einen Zug leichter Melancholie; » wie viel Würde – . . . o! wie viel Würde lag aber dafür in jeder seiner Bewegungen! Valentine Michailowna machte Ssolomin mit allen ihren Hausgenossen bekannt. . . (aufmerksamer als die Anderen sah er Marianne an) – und setzte ihn bei Tisch neben sich zu ihrer Rechten. Kallomeyzew saß ihr zur Linken. Die Serviette entfallend, runzelte er die Brauen und lächelte, als wollte er sagen: »Spielen wir also Komödie!« Ssipjagin saß ihm gegenüber und verfolgte ihn in einiger Aufregung mit seinem Blick. Nach einer neuen Anordnung der Hausfrau saß Neshdanow nicht neben Marianne, sondern zwischen Anna Sacharowna und Ssipjagin. Marianne fand ihr Billet (denn es war ein Parade-Diner) auf der Serviette zwischen den Plätzen Kallomeyzew’s und Koljas. Das Diner war vortrefflich servirt; es gab sogar ein »menu;« eine lithographirte Karte lag neben jedem Couvert. Gleich nach der Suppe brachte Ssipjagin die Rede wieder auf seine Fabrik – überhaupt auf die Fabrikaktion in Rußland. Ssolomin antwortete nach seiner Gewohnheit sehr kurz.
Sobald er zu reden begann, heftete Marianne ihre Blicke auf ihn. Der neben ihr sitzende Kallomeyzew fing wohl an, ihr allerlei Liebenswürdigkeiten zu sagen (da man ihn gebeten hatte, »reine Polemik zu provoziren«); sie hörte aber nicht auf ihn; er brachte diese Liebenswürdigkeiten auch nur lässig vor, um sein Gewissen zu beruhigen, denn er gestand sich, daß eine unübersteigliche Schranke ihn von dem jungen Mädchen trennte.
Was Neshdanow betrifft, so hatte zwischen ihm und dem Hausherrn urplötzlich noch etwas Schlimmeres Platz gegriffen. . . Neshdanow war für Ssipjagin einfach ein Möbel – oder ein Luftraum, den er ganz und gar nicht – wirklich ganz und gar nicht bemerkte! Diese neuen Beziehungen hatten sich so rasch und so unzweifelhaft eingestellt, daß, als Neshdanow im Laufe des Mittags auf eine Bemerkung seiner Nachbarin Anna Sacharowna einige Worte erwiderte, Ssipjagin sich mit Verwunderung umsah, als frage er sich selbst: »Woher tönt dieser Laut?« – Augenscheinlich gebot Ssipjagin über einige derjenigen Eigenschaften, welche die russischen Großwürdenträger auszeichnen.
Nach dem Fisch bemerkte Valentine Michailowna, welche alle ihre Zaubermittel und Lockungen nach Rechts hin, d.h. gegen Ssolomin verschwendete, über den Tisch hin auf Englisch zu ihrem Gatten, daß »unser Gast keinen Wein trinke, vielleicht wünsche er Bier.« Ssipjagin forderte mit lauter Stimme »Ale,« Ssolomin sagte aber, ruhig zu Valentine Michailowna gewandt: – Wahrscheinlich wissen Sie nicht, gnädige Frau, daß ich über zwei Jahre in England gewesen bin und englisch verstehe und spreche; ich mache Sie darauf aufmerksam für den Fall, daß es Ihnen belieben sollte, in meiner Gegenwart etwas Geheimes sagen zu wollen. Valentine Michailowna fing an zu lachen und ihn zu versichern, daß diese Warnung unnütz sei, er würde nichts als Vortheilhaftes über sich gehört haben; sie selbst fand das Betragen Ssolomin’s etwas sonderbar, aber in seiner Weise delikat. – Kallomeyzew konnte es schließlich nicht mehr aushalten.
– Sie sind in England gewesen, begann er, und haben wahrscheinlich die dortigen Sitten beobachtet. Erlauben Sie mir die Frage: Erkennen Sie sie als nachahmungswerth an?
– Einiges – Ja. Anderes – Nein.
– Kurz und – unklar, – bemerkte Kallomeyzew, indem er sich bemühte, den Zeichen, welche ihm Ssipjagin machte, keine Aufmerksamkeit zuzuwenden. – Nun haben Sie heute von den Edelleuten gesprochen. Sie haben gewiß Gelegenheit gehabt, an Ort und Stelle das zu studiren, was man in England landet gentry nennt?
– Nein, diese Gelegenheit habe ich nicht gehabt; ich verkehrte in einer ganz anderen Sphäre; – aber einen Begriff von diesen Herren habe ich mir gebildet.
– Nun und wie steht es? Sie glauben, daß eine solche landed gentry bei uns unmöglich und jedenfalls nicht zu wünschen ist?
– Erstens meine ich allerdings, daß es unmöglich ist; und zweitens lohnt es nicht einmal es zu wünschen.
– Warum denn das? – sprach Kallomeyzew, dabei und auch später seinen Worten jenes eigenthümliche scharfe »S« anhängend, was im Russischen als höflich gilt; er that es, um Ssipjagin zu beruhigen, der sich sehr aufregte und sogar auf seinem Stuhle hin- und herrutschte.
– Darum, weil nach zwanzig, dreißig Jahren Ihre landed gentry ohnehin nicht mehr existiren wird.
– Aber erlauben Sie: warum denn eigentlich?
– Weil in der Zeit das Land den Besitzern – ohne Unterschied ihrer Herkunft gehören wird.
– Den Kaufleuten?
– Wahrscheinlich größtentheils den Kaufleuten.
– Auf welche Weise?
– In der Weise, daß sie es kaufen werden, dieses selbe Land.
– Von den Edelleuten?
– Von den Herren Edelleuten.
Kallomeyzew lächelte herablassend. – So viel ich mich entsinne, sagten Sie vorher dasselbe von den Fabriken und industriellen Anstalten. Und setzt reden Sie vom ganzen Lande?
– Und jetzt rede ich vom ganzen Lande.
– Und Sie werden wahrscheinlich darüber sehr froh sein?
– Keineswegs, wie ich Ihnen schon bemerkte; das Volk wird es dadurch nicht leichter haben.
Kallomeyzew hätte fast die eine Hand erhoben. – Welche Sorge um das Volk, sollte man es glauben!
– Wassili Fedotitsch – schrie Ssipjagin aus voller Kehle. – Da ist Bier für Sie gebracht worden! – Voyons, Siméon – fügte er halblaut hinzu.
Doch Kallomeyzew konnte sich nicht zügeln.
– Sie haben, wie ich sehe – fing er wieder gewandt an – keine allzu schmeichelhafte Meinung von den Kaufleuten; sie gehören aber doch der Abstammung nach dem Volke an?
– Und was will das sagen?
– Ich dachte, daß Sie alles Volksthümliche, oder aufs Volk Bezügliche schön finden.
– O nein! Das haben Sie ohne Grund geglaubt. Unser Volk kann in Vielem getadelt werden, wenn es auch nicht immer die Schuld trägt. Unser Kaufmann ist noch jetzt ein Räuber; er geht auch mit seinem eigenen Gute um wie ein Räuber . . . Was ist da zu machen! Du wirst geplündert und Du plünderst das Volk – indessen . . .
– Das Voll? – unterbrach ihn Kallomeyzew in der Fistel.
– Das Volk ist ein Siebenschläfer.
– Und Sie wollen es aufwecken?
– Das wäre nicht übel. . . .
– Aha, aha! so also. . . .
– Erlauben Sie, erlauben Sie, hub Ssipjagin gebieterisch an. Er begriff, daß der Augenblick gekommen sei, dem Wortwechsel eine Schranke zu setzen, Halt zu gebieten! Und er setzte eine Schranke; er gebot Halt! Mit der rechten Hand, deren Ellenbogen auf den Tisch gestützt blieb, gestikulirend, hielt er eine lange, umständliche Rede. Von der einen Seite lobte er die Konservativen, von der anderen Seite aber erkannte er die Berechtigung der Liberalen an, indem er denselben einen gewissen Vorzug zugestand und sich selbst zu dieser Kategorie zählte; er lobpries das Volk, wies aber auf einige seiner schwachen Seiten hin; er drückte das höchste Vertrauen gegen die Regierung aus, fragte sich aber: ob alle ihre Untergebenen ihre guten Weisungen ausführen? Er erkannte den Nutzen und die Wichtigkeit der Literatur an, erklärte aber, daß sie ohne äußerste Vorsicht nicht denkbar sei. Er blickte auf den Westen; zuerst freute er sich, dann gerieth er in Zweifel; er blickte auf den Orient; zuerst empfand er ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe, dann aber von Begeisterung! Und schließlich proponirte er den Toast auf das Gedeihen der Tripel-Allianz:
der Religion, des Ackerbaues und der Industrie!
– Unter der Aegide der Staatsgewalt, fügte Kallomeyzew streng hinzu.
– Unter der Aegide einer weisen und gnädigen Gewalt, verbesserte Ssipjagin.
Der Toast wurde schweigend getrunken. Der Luftraum links von Ssipjagin, Neshdanow mit Namen, brachte zwar einen gewissen Laut der Mißbilligung hervor— wurde aber wieder still, da er Niemandes Aufmerksamkeit erregte, und das Diner erreichte sein Ende, ohne durch irgend eine neue Debatte gestört zu werden.
Valentine Michailowna reichte Ssolomin mit dem allerreizendsten Lächeln eine Tasse Kaffee; er trank sie aus und suchte schon mit den Augen seinen Hut – aber von Ssipjagin sanft unter den Arm gefaßt, wurde er sofort in sein Kabinet geführt und erhielt dort: erstens, eine ganz vorzügliche Cigarre und dann den Vorschlag, unter den günstigsten Bedingungen bei ihm, Ssipjagin, die Leitung der Fabrik zu übernehmen. »Sie werden unumschränkter Herrscher sein, Wassili Fedotitsch, unumschränkter Herrscher!i« – Die Cigarre nahm Ssolomin an; das Anerbieten lehnte er ab. Er blieb bei seiner Weigerung, wie sehr Ssipjagin auch in ihn drang!
– Sagen Sie nicht gerade heraus: »Nein!« – liebster Wassili Fedotitsch! Sagen Sie wenigstens, daß Sie sich bis morgen bedenken wollen!
– Das ist ja doch ganz einerlei – ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen!
– Bis morgen! Wassili Fedotitsch! – Was kann es Ihnen kosten?
Ssolomin gab zu, daß es ihm nichts kosten werde, verließ indeß das Kabinet und fing abermals an seinen Hut zu suchen. Neshdanow aber, dem es bis zu diesem Moment nicht gelungen war, ein einziges Wort mit ihm zu wechseln, näherte sich ihm und flüsterte eilig:
– Um Gotteswillen, fahren Sie nicht fort, sonst ist es unmöglich, uns zu besprechen!
Ssolomin ließ seinen Hut umsomehr in Ruhe, als Ssipjagin, seine unentschlossenen Vor- und Rückwärtsbewegungen im Gastzimmer bemerkend, ausrief:
– Sie nächtigen doch natürlich bei uns?
– Wie Sie befehlen – gab Ssolomin zurück.
Ein dankbarer Blick, den ihm Marianne zuwarf – sie stand am Fenster des Gastzimmers – machte ihn nachdenklich.
Fünfundzwanzigstes Capitel
Marianne hatte sich Ssolomin ganz anders gedacht. Er erschien ihr beim ersten Anblick so unbestimmt, so wenig irnponirend. . . . Solche blonde, sehnige, hagere, Menschen, wie dieser Ssolomin, hatte sie in ihrem Leben entschieden schon viele gesehen. Je mehr sie ihn aber anschaute, je aufmerksamer sie ihm zuhörte, desto lebendiger regte sich in ihr ein Gefühl des Vertrauens zu ihm – gerade des Vertrauens. Es erschien ihr undenkbar, daß diesem ruhigen, schwerfälligen, aber keineswegs plumpen Menschen jemals eine Lüge oder irgend eine »Phrase« über die Lippen kommen, sondern daß man vielmehr auf ihn bauen könne, wie auf einen Fels. Er wird niemals Jemand verrathen; noch mehr: er wird Verständniß für Alles haben und Hilfe gewähren. Marianne schien es sogar, daß Ssolomin nicht nur auf sie allein, sondern auch auf die Uebrigen denselben Eindruck mache. Das, was er sprach, war für sie von keinem besonderen Werth; diese Gespräche über die Kaufleute, über die Fabriken interessirten sie nicht; aber die Art und Weise wie er sprach, wie er die Anwesenden ansah und dabei lächelte – das gefiel ihr ungemein. . .
Ein wahrheitsliebender Mensch! das war es namentlich, wodurch er sie ganz für sich einnahm. Es ist bekannt, – wenn auch nicht ganz verständlich, – daß die Russen, die verlogenste Nation der Welt, nichts so hoch halten, für nichts mehr Sympathie zeigen, als eben für die Wahrheit. – Ueberdies war Ssolomin in Mariannen’s Augen auch schon deßhalb ein Mensch von ganz besonderem Gepräge, den ein gewisser Nimbus umgab, weil ihn selbst Wassili Nikolajewitsch seinen Anhängern empfohlen. Während des Mittagessens hatten Marianne und Neshdanow »auf seine Rechnung« einige Blicke getauscht; schließlich aber ertappte sie sich selbst darauf, daß sie die Beiden mit einander verglich – und zwar nicht zu Neshdanow’s Gunsten. Neshdanow hatte freilich viel angenehmere und feinere Gesichtszüge, als Ssolomin; aber das Gesicht selbst drückte ein Gemisch verschiedenartigster ruheloser Empfindungen aus: Aerger, Befangenheit, Ungeduld . . . sogar Wehmuth; er saß wie auf Nadeln, versuchte sich in das Gespräch zu mischen – und verstummte sogleich, lachte mit in nervös gereizter Weise. . . Ssolomin dagegen machte den Eindruck, als ob er sich vielleicht ein wenig langweile, sich aber sonst ganz wie zu Hause fühle, und daß er sich von den Andern nie und nimmer beeinflussen lasse. – »Diesen Menschen muß man entschieden um seinen Rath bitten,« dachte Marianne, »er wird uns gewiß etwas Gutes sagen.« – Sie war es auch gewesen, die Neshdanow nach dem Mittagessen zu ihm geschickt.
Der Abend verlief ziemlich einförmig: glücklicher Weise hatte man sich sehr spät vom Mittagstische erhoben, so daß es bis zur Nacht nicht mehr lange hin war. . . Kallomeyzew maulte still vor sich hin und schwieg.
Von dem Erfolg seiner Mittagsrede angefeuert, hielt Ssipjagin später noch ein paar Reden, wobei er sich in staatsmännischen Erörterungen über nothwendig zu ergreifende Maßnahmen erging und auch einige weniger witzige, als gewichtige Worte – des mots – vom Stapel ließ, die eigentlich für Petersburg präparirt waren. Einen Ausspruch wiederholte er sogar, indem er noch hinzufügte: »wenn ich mich so ausdrücken darf;« er hatte nämlich von einem der damaligen Minister gesagt, daß er ein unbeständiger, müßiger Geist sei mit phantastischen Zielen! – Andererseits vergaß Ssipjagin aber auch nicht, daß er es mit einem Russen, mit einem Manne aus dem Volke zu thun hatte und unterließ es nicht, mit einigen Ausdrücken zu renommiren, die da bezeugen sollten, daß auch er nicht bloß äußerlich ein Russe sei, sondern ein Kernrusse, wohlbekannt mit dem Wesen des Volkslebens! Als Kallomeyzew z. B. bemerkte, daß der Regen der Heuernte schaden könnte, versetzte Ssipjagin unverzüglich: »mag das Heu auch schwarz sein, so wird der Buchweizen weiß sein;« auch von einigen sprichwörtlichen Redensarten machte er Gebrauch, in der Art der folgenden: »Herrenlose Waare – verwaiste Waare;« – »zehn Mal pass’ an, ein Mal schneid’ ab;« – »kommt das Korn, kommt das Maß;« – »wenn zu Georgi das Blatt auf der Bitte wie ein Heller so klein – schütt’ am Tage der Mutter Gottes von Kasan das Korn in das Fäßchen hinein.« – Freilich geschah es auch zuweilen, daß er am Ziel vorbeischoß und sagte: – »jedes Schnepfchen kenn’ sein Eckchen«5 – Die Gesellschaft aber, in welcher ihm dergleichen geschah, ahnte zum großen Theil gar nicht, daß »notre bon Ssipjagin.« der Kernrusse, einen Fehlschuß gethan und war auch, dank dem Fürsten Kowrischkin, an derartige Schnitzer schon längst gewöhnt. Alle diese Sprichwörter und Redensarten brachte er mit besonders kräftiger, sogar rauher Stimme vor – d’une voix rustique. Aehnliche in St. Petersburg bei passender Gelegenheit eingeflochtene Redensarten veranlaßten hochstehende, einflußreiche Damen zu dem Ausruf: »comme il connait bien les moeurs de notre people!« Hochstehende, einflußreiche Würdenträger fügten aber noch hinzu: »les moeurs et les besoins!«
Valentine Michailowna war überaus liebenswürdig und zuvorkommend gegen Ssolomin; der offenbare Mißerfolg ihrer Bemühungen entmuthigte sie aber, so daß ihr, als sie an Kallomeyzew vorbeikam, unwillkürlich der halblaute Seufzer entfuhr: »Mon Dieu, que je me sens fatiguée!«
Mit einer ironischen Verbeugung erwiderte dieser>:
– Tu l’as voulu, Georges Dandin!
Nach den gewöhnlichen Ausbrüchen von Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, welche in dem Momente der Trennung auf den Gesichtern einer gelangweilten Gesellschaft plötzlich hervortreten, und nachdem man sich gegenseitig die Hände gedrückt, einander zugelächelt und durch die Nase freundschaftlich einige unbestimmte Laute hervorgestoßen, – zogen sich endlich die ermüdeten Gäste und die ermüdeten Wirthe in ihre Gemächer zurück.
Ssolomin, dem man eins der besten Zimmer im zweiten Stockwerk mit englischen Toilettengegenständen und einem Badeschrank angewiesen – begab sich zu Neshdanow.
Dieser begann damit, daß er ihm für seine Bereitwilligkeit zu bleiben herzlich dankte.
– Ich weiß . . . es ist ein Opfer. . .
– Ach! ich bitte Sie! – entgegnete Ssolomin ruhig.
– Was für ein Opfer! – Ihnen konnte ich es ja auch nicht abschlagen.
– lind weßhalb nicht?
– Einfach aus dem Grunde nicht, weil ich Sie liebgewonnen habe, Neshdanow erfreute dieser Ausspruch, wenn er ihn auch überraschte; Ssolomin aber drückte ihm die Hand. Darauf setzte dieser sich rittlings auf einen Stuhl, rauchte eine Cigarre an und richtete, sich mit den Ellenbogen auf die Lehne des Sessels stützend, an Neshdanow die Frage:
– Nun, warum handelt es sich?
Neshdanow setzte sich gleichfalls rittlings Ssolomin gegenüber – rauchte jedoch keine Cigarre an.
– Warum es sich handelt, fragen Sie! . . . Darum, daß ich von hier fliehen möchte.
– Das heißt – Sie wollen dies Haus verlassen? Nun, was hindert Sie daran? So thun Sie’s doch in Gottes Namen!
– Nicht verlassen . . . sondern fliehen.
– Hält man Sie denn hier zurück? Sie haben vielleicht . . . Geld vorausgenommen? So brauchen Sie ja nur ein Wort zu sagen. . . Ich bin sehr gern bereit. . .
– Sie verstehen mich nicht, lieber Ssolomin. . . Ich sagte: fliehen – nicht aber: verlassen – denn ich entferne mich . . . nicht allein.
Ssolomin richtete den Kopf in die Höhe.
– Mit wem denn? – Mit jenem jungen Mädchen, das Sie heute hier gesehen.
– Mit Der! – Sie hat ein gutes Gesicht. – Nun, was ist’s? Ihr liebt Euch? . . . Oder wollt Ihr vielleicht nur zusammen das Haus verlassen, in welchem Ihr es Beide nicht gut habt?
– Wir lieben uns.
– Ah! – Ssolomin verstummte. – Ist sie eine Verwandte dieses Hauses?
– Ja – Aber sie theilt unsere Ansichten und ist zu Allem bereit.
Ssolomin lächelte.
– Und Sie, Neshdanow, sind Sie bereit?
Neshdanow runzelte etwas die Stirn.
– Wozu diese Frage? Ich werde es Ihnen durch die That beweisen.
– Ich zweier ja nicht an Ihnen, Neshdanow, ich habe Sie nur deshalb gefragt, weil außer Ihnen, meiner Ansicht nach, Niemand bereit und fertig ist.
– Aber Markelow?
– Ja! Markelow ebenfalls! – Der ist schon fertig zur Welt gekommen, mein’ ich!
In diesem Augenblicke klopfte Jemand leise und hastig an die Thür und öffnete sie auch sogleich, ohne die Aufforderung zum Eintritt abzuwarten. – Es war Marianne.
Sie trat sogleich auf Ssolomin zu.
– Ich bin überzeugt, – begann sie, – daß es Sie nicht wundern wird, wenn Sie mich um diese Stunde hier sehen, Er – Marianne wies auf Neshdanow – hat Ihnen wahrscheinlich schon Alles gesagt. Geben Sie mir Ihre Hand: ein ehrenhaftes Mädchen steht vor Ihnen.
– Ja, ich weiß es, – versetzte Ssolomin ernst. Als er Marianne eintreten sah, war er aufgestanden.
– Ich habe Sie schon während des Mittagsessens angesehen und gedacht: was dies Fräulein für ehrliche Augen hat! Neshdanow hat mir auch von Ihrem Vorhaben gesprochen. Weshalb wollen Sie denn eigentlich fliehen?
– Weshalb? – Das Werk, an welchem ich lebhaft Antheil nehme wundern Sie sich nicht: Neshdanow hat mir nichts verhehlt . . . muß in den nächsten Tagen . Beginnen . . . und ich sollte in diesem herrschaftlichen Hause bleiben, wo Alles Lug und Trug ist? – Menschen, welche ich liebe, werden in Lebensgefahr sein, ich aber . . .
Ssolomin bewog sie durch eine Bewegung der Hand zum Innehalten.
– Regen Sie sich nicht auf! – Setzen Sie sich, ich werde mich gleichfalls setzen. Setzen auch Sie sich Neshdanow. – Hören Sie: wenn Sie keine anderen Gründe haben, so ist es unnütz von hier zu fliehen. Man wird nicht so bald anfangen, wie Sie es sich denken. Man muß vernünftig sein. Sich blindlings in die Gefahr zu stürzen ist ein Unding. Glauben Sie mir!
Marianne hatte sich gesetzt und hüllte sich in einen Plaid, den sie sich um die Schultern warf.
– Aber ich kann hier nicht länger bleiben. Man beleidigt mich auf Schritt und Tritt. Heute noch hat mir Anna Sacharowna, diese Närrin, in Kolja’s Gegenwart gesagt, daß der Apfel nicht weit vorn Stamme falle. Es sollte eine Anspielung auf meinen Vater sein! Selbst Kolja fragte mich voll Verwunderung, was das bedeute. Von Valentine Michailowna schon gar nicht zu reden!
Ssolomin unterbrach sie wieder – aber dies Mal mit lächelnder Miene. Marianne entging es nicht, daß dieses etwas ironische Lächeln ihr galt – durch sein Lächeln konnte sich jedoch nie Jemand beleidigt fühlen.
– Wie Sie auch sind, liebes Fräulein! Ich weiß nicht, wer die Anna Sacharowna ist, und weiß auch nicht, was mit dem Apfel und dem Stamm gemeint ist . . . aber bedenken Sie doch: irgend eine Närrin sagt Ihnen etwas Dummes – und Sie können es nicht ertragen! Wie wollen Sie denn noch leben in dieser Welt, in welcher Alles sich auf die Dummheit stützt und auf ihr fußt? Nein; das ist kein Grund. Vielleicht etwas Anderes?
– Ich bin überzeugt, – fiel Neshdanow mit dumpfer Stimme ein, – daß Herr Ssipjagin mir heute oder morgen selbst kündigen wird. Es ist ihm gewiß Alles mitgetheilt worden; er behandelt mich in der allerverächtlichsten Weise.
Ssolomin wandte sich zu Neshdanow.
– Weshalb wollen Sie denn also fliehen, wenn Sie wissen, daß man Ihnen kündigen wird?
Neshdanow fand die Antwort nicht sogleich.
– Ich habe Ihnen bereits gesagt, – begann er . . .
– Er hat sich so ausgedrückt, – kam ihm Marianne zu Hilfe, – weil ich mit ihm gehe.
Ssolomin sah sie an und schüttelte gutmüthig den Kopf.
– Ja, ja, liebes Fräulein; – aber ich muß Ihnen trotzdem wiederholen: wenn Sie nur aus dem Grunde dies Haus verlassen wollen, weil Sie glauben, daß die Revolution bald zum Ausbruch kommen werde . . .
– Wir haben Sie eben deshalb hierher eingeladen, – unterbrach ihn Marianne, – um von Ihnen genaue Nachrichten über den Gang der Sache zu erhalten.
– In diesem Falle, – versetzte Ssolomin, – muß ich Ihnen noch ein Mal sagen, daß Sie . . . noch sehr lange zu Hause sitzen können. – Wenn Ihr jedoch fliehen wollt, weil Ihr Euch liebt und Euch auf keine andere Weise verbinden könnt – dann . . .
– Nun, dann? – Dann kann ich Euch nur – wie man früher zu sagen pflegte – Liebe und Eintracht wünschen, um Euch, wenn es nöthig ist, nach Kräften zur Seite stehen. Denn ich habe sowohl Sie, liebes Fräulein, als auch ihn von vornherein wie Blutsverwandte lieb gewonnen.
Marianne und Neshdanow traten von rechts und links zu ihm heran und Beide drückten ihm die Hände.
– Sagen Sie uns nur, was wir jetzt thun sollen – rief Marianne. – Nehmen wir an, daß die Revolution noch im weiten Felde ist . . . aber die Vorarbeiten, die in diesem Hause, in dieser Umgebung unmöglich sind – und an denen wir uns so gern betheiligen möchten – wir Beide – Sie werden uns zeigen, was noch zu thun ist; – sagen Sie uns, wohin wir gehen sollen. . . Senden Sie uns aus. Sie werden uns aussenden, nicht wahr?
– Wohin?
– In das Volk . . . wohin denn sonst, wenn nicht in das Volk!
»In die Wälder,« dachte Neshdanow . . . Es war ihm plötzlich Paklin’s Ausspruch eingefallen.
Ssolomin blickte Marianne forschend an.
– Sie wollen das Volk kennen lernen?
– Ja; das heißt – nicht nur kennen lernen, sondern auch zugleich für das Volk wirken und arbeiten.
– Gut; ich verspreche Ihnen, daß Sie das Volk kennen lernen sollen. Ich werde Ihnen die Möglichkeit verschaffen, für dasselbe zu arbeiten und zu wirken. Und Sie Neshdanow, Sie sind bereit ihr zu folgen und mit ihr zu arbeiten?
– Natürlich bin ich bereit! – entgegnete Neshdanow hastig. – »Dshaggernaut« – fiel ihm ein zweites Wort Paklin’s ein. – »Da rollt er, der mächtige Wagen . . . ich höre schon das Krachen und Winseln der Räder. . .«
– Gut, – wiederholte Ssolomin nachdenklich. – Wann wollt Ihr aber fliehen?
– Morgen! – rief Marianne.
– Gut. Aber wohin?
– St. . . stille – flüsterte Neshdanow. – Es scheint Jemand durch den Korridor zu gehen.
Alle verstummten.
– Wohin wollt Ihr denn fliehen? – wiederholte Ssolomin seine Frage mit gedämpfter Stimme.
– Wir wissen es noch nicht, – antwortete Marianne.
Ssolomin richtete den Blick fragend auf Neshdanow. Dieser schüttelte verneinend den Kopf.
Ssolomin streckte feine Hand aus und nahm vorsichtig die Schnuppe vom Licht.
– Hört, Kinder, was ich Euch sagen werde, begann er endlich. – Kommt zu mir auf die Fabrik. – Es ist i freilich nicht schön bei mir . . . dafür seid Ihr aber sicher bei mir geborgen. Ich habe da ein gutes Zimmerchen. Es wird Euch Niemand bei mir finden. Wenn Ihr nur erst da seid . . . verrathen werden wir Euch nicht. Ihr werdet mir einwenden, daß zu viele Menschen auf der Fabrik aus und ein gehen! Das ist ja eben gut. Wo es viele Menschen giebt – dort gerade verbirgt man sich am besten. – Nun, wollt Ihr?
– Wir können Ihnen für Ihren Vorschlag nur danken, – versetzte Neshdanow; Marianne, welche der Gedanke an die Fabrik anfangs befangen gemacht, rief jetzt lebhaft: – Natürlich! natürlich! Wie Sie gut sind! Wir bleiben nicht lange dort, Sie werden uns aussenden, nicht wahr?
– Das wird von Ihnen abhängen . . . Wenn es Euch aber einfallen sollte, Euch trauen zu lassen, so ließe sich auch das sehr gut bei mir arrangiren. Ganz in der Nähe wohnt ein Vetter von mir – ein Priester, Namens Sossima, ein sehr gefügiger Mensch. Er traut Euch augenblicklich.
Marianne lächelte still vor sich hin; Neshdanow aber drückte Ssolomin noch einmal die Hand und fragte ihn darauf nach einer kleinen Pause.
– Was wird aber Ihr Prinzipal, der Eigenthümer der Fabrik, dazu sagen? Werden Sie keine Unannehmlichkeiten dadurch haben?
Ssolomin warf einen Seitenblick auf Neshdanow.
– Meinetwegen seien Sie ganz unbesorgt. – Beunruhigen Sie sich deswegen nicht. Wenn auf der Fabrik nur gut gearbeitet wird – um das Uebrige kümmert sich mein Prinzipal nicht. Weder Sie, noch Ihr liebes Fräulein, Keines von Ihnen hat Unannehmlichkeiten irgend welcher Art von ihm zu befürchten, und von den Arbeitern, ebensowenig. Ihr müßt mir nur sagen, wann ich Euch erwarten darf.
Neshdanow und Marianne sahen einander an.
– Uebermorgen in der Frühe oder den Tag darauf, – sagte endlich Neshdanow. – Was soll man noch lange zögern. Jeden Augenblick erwarte ich die Ankündigung, daß ich das Haus zu verlassen habe.
– Nun . . . – versetzte Ssolomin und erhob sich. – Ich werde Euch alle Tage erwarten und werde auch die ganze Woche zu Hause sein. Die nöthigen Maßregeln werde ich gleichfalls treffen.
Marianne trat an Ssolomin heran . . . (Sie war bereits bis zur Thür gegangen.) – Leben Sie wohl, lieber, guter Wassili Fedotitsch. . . So heißen Sie doch?
– Ja.
– Leben Sie wohl . . . oder nein: auf Wiedersehen! Und Dank, herzlichen Dank für Alles!
– Leben Sie wohl Gute Nacht, liebes, herziges Fräulein.
– Gute Nacht, Neshdanow! Bis morgen . . . fügte sie hinzu.
Marianne verließ eilig das Zimmer.
Die beiden jungen Männer blieben eine Zeit lang unbeweglich stehen und schwiegen.
– Neshdanow . . . – begann endlich Ssolomin und verstummte wieder. – Neshdanow . . . wiederholte er: – erzählen Sie mir von diesem Mädchen . . . Alles, was Sie wissen. Wie war ihr Leben bis jetzt? . . . Wer ist sie? . . . Warum ist sie in diesem Hause? . . .
Neshdanow theilte ihm in kurzen Worten Alles mit, was ihm bekannt war.
« Ssolomin hörte ihm aufmerksam zu.
– Neshdanow . . . – sagte er endlich . . . – Sie müssen dies Mädchen hoch halten. Denn wenn etwas . . . es wäre eine Schmach für Sie. Leben Sie wohl.
Er entfernte sich; Neshdanow aber stand unbeweglich in seinem Zimmer – und warf sich dann endlich mit dem leisen Ausruf: »ach! besser ist’s, gar nicht daran zu denken!« mit dem Antlitz aufs Bett.
Als Marianne ihr Zimmer betreten, fand sie auf dem Tisch einen kleinen Zettel folgenden Inhalts:
»Ich bedaure Sie. Sie richten sich zu Grunde. Bedenken Sie, was Sie thun. Sie stürzen sich Mit verbundenen Augen in den Abgrund. Für wen und wozu?, V.«
Es hatte sich im Zimmer ein feiner, frischer Duft verbreitet: offenbar war Valentine Michailowna eben in demselben gewesen. – Marianne ergriff die Feder und schrieb auf dasselbe Papier: »Sie brauchen mich nicht zu bedauern. Gott weiß, wer von uns Beiden des Bedauerns mehr werth ist; ich weiß nur, daß ich nicht an Ihrer Stelle sein möchte. M.« Diesen Zettel ließ sie auf dem Tische liegen, fest davon überzeugt, daß er in die Hände von Valentine Michailowna gelangen werde.
Am andern Morgen fuhr Ssolomin nach Hause, nachdem er Neshdanow gesprochen und endgültig abgelehnt hatte, die Verwaltung der Papierfabrik Ssipjagin’s zu übernehmen« – Während der ganzen Fahrt saß er in Gedanken versunken da, was sonst nur sehr selten geschah, denn in der Regel pflegte ihn das Schütteln der Equipage in Schlaf zu wiegen. Er dachte an Marianne, und auch an Neshdanow; ihm schien es, daß, wenn er verliebt wäre, er, Ssolomin, ganz anders aussehen, ganz anders sprechen würde – Da mir das aber noch nie passirt ist, sann er weiter, – so kann ich freilich nicht wissen, wie ich aussehen würde. – Er gedachte einer Irländerin, die er einst in einem Magazin am Ladentisch gesehen, er gedachte ihres wunderschönen, fast schwarzen Haares, ihrer blauen Augen und ihrer dichten Wimpern, – und wie sie ihn so fragend und traurig angeblickt, und wie er darauf lange vor ihren Fenstern auf und ab gewandelt war, und wie aufgeregt er gewesen, und wie er sich selbst gefragt, ob er ihre Bekanntschaft machen solle oder nicht! – Er befand sich damals auf der Durchreise in London, sein Patron hatte ihn dorthin geschickt, um daselbst Einkäufe zu machen und ihm das nöthige Geld zu diesem Zwecke mitgegeben. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre Ssolomin in London geblieben und hätte das Geld seinem Patron zurückgeschickt: so gewaltig war der Eindruck, den die schöne Polly auf ihn gemacht . . . (Eine von den andern Verkäuferinnen des Magazins hatte ihren Namen genannt). Er überwand sich jedoch – und kehrte zu seinem Patron zurück. Polly war hübscher als Marianne; aber diese hatte denselben fragenden und traurigen Blick. . . und war eine Russin . . .
– Was fällt mir denn ein, – rief Ssolomin mit heller Stimme: – mich um fremde Bräute zu bekümmern! – und schüttelte den Kragen seines Mantels, als ob er gleichsam alle unnützen Gedanken von sich werfen wollte. Er war aber auch schon bei der Fabrik und erblickte an der Schwelle seiner Wohnung die Gestalt seines treuen Pauls.
Sechsundzwanzigstes Capitel
Ssipjagin fühlte sich durch Ssolomin’s Ablehnung der ihm angetragenen Stelle auf’s Tiefste beleidigt; er fand jetzt sogar, daß dieser hausbackene Stephenson durchaus kein so bedeutender Mechaniker wäre, und daß er, wenn er auch kein Phrasenmacher sei, den echten, groben Plebejerstolz desto mehr herauskehre – »So sind sie Alle, diese Russen, wenn sie sich etwas zu wissen einbilden – unerträglich! Au fond hat Kallomeyzew doch Recht! Unter dem Einfluß dieser feindseligen und erregten Gefühle sah der Staatsmann – en herbe – noch theilnahmloser und kühler auf Neshdanow herab; er erklärte Kolja, daß er sich heute mit dem Lehrer nicht zu beschäftigen brauche, daß er sich gewöhnen müsse, selbstständig zu arbeiten. . . Dem Lehrer selbst sagte er jedoch nicht auf, wie dieser erwartet hatte. Er fuhr fort ihn zu ignoriren! Um so weniger ignorirte aber Valentine Michailowna – Marianne. Zwischen ihnen kam es zu einem furchtbaren Auftritt.
Zwei Stunden vor dem Mittagsessen geschah es plötzlich, daß sie sich im Gastzimmer ganz allein befanden. Beide fühlten sogleich, daß der Augenblick des unvermeidlichen Zusammenstoßes gekommen sei, und gingen daher nach momentanem Schwanken langsam aufeinander zu – Valentine Michailowna mit lächelnder Miene, Marianne mit zusammengepreßten Lippen: Beide waren bleich. Ueber das Zimmer schreitend, blickte Valentine Michailowna bald nach rechts, bald nach links, und riß hin und wieder ein Geraniumblättchen ab . . . Mariannen’s Augen aber waren fest aus das sich nähernde, lächelnde Antlitz gerichtet.
Frau Ssipjagin blieb zuerst stehen.
– Marianne Wikentjewna – warf sie nachlässig hin, mit den Fingerspitzen an die Stuhllehne klopfend, – ich glaube, wir korrespondiren mit einander . . . Da wir unter einem Dache wohnen, scheint mir das ziemlich sonderbar; Sie wissen, daß ich nichts Absonderliches liebe.
– Nicht ich habe damit den Anfang gemacht, Valentine Michailowna.
– Ja . . . Sie haben Recht. Ich allein bin dieses Mal schuld an dieser Absonderlichkeit. Ich konnte jedoch kein anderes Mittel finden, um in Ihnen ein gewisses Gefühl zu wecken . . . wie soll ich es doch nennen? . . . ein Gefühl . . .
– Sprechen Sie ohne Umschweife, Valentine Michailowna, Sie brauchen sich nicht zu fürchten mich zu beleidigen.
– Das Gefühl . . . des Anstands.
Frau Ssipjagin verstummte; man hörte nur das leise Klopfen der an die Stuhllehne schlagenden Finger.
– Was habe ich denn gethan, wodurch ich den Anstand verletzt hätte? – fragte Marianne.
Frau Ssipjagin zuckte die Achseln.
– Ma chère, vous n’êtes plus un enfant – und Sie verstehen mich sehr gut. Glauben Sie denn wirklich, daß Ihre Handlungen mir, Anna Sacharowna, dem ganzen Hause endlich, geheim bleiben könnten? Sie haben sich übrigens ja auch gar nicht bemüht, dieselben geheim zu halten. Sie haben damit einfach geprahlt. Boris Andreitsch allein hat vielleicht nichts davon gemerkt, weil er von interessanteren und wichtigeren Dingen in Anspruch genommen ist. Sonst aber ist Ihr Benehmen Allen, Allen bekannt.
Marianne war noch blasser geworden.
– Ich möchte Sie bitten, Valentine Michailowna, sich etwas deutlicher auszudrücken. Womit sind Sie denn eigentlich unzufrieden?
– »L’insolente!« – dachte Frau Ssipjagin, hielt jedoch an sich.
– Sie wollen wissen, womit ich unzufrieden bin, Marianne? Gut, ich will es Ihnen sagen! Ich bin unzufrieden mit den langen Unterredungen mit einem jungen Manne, der durch seine Geburt, seine Erziehung, seine gesellschaftliche Stellung tief unter Ihnen steht; ich bin unzufrieden nein! das ist viel zu wenig gesagt – ich bin empört über Ihre späten . . . Ihre nächtlichen Visiten bei diesem selben Menschen! Und wo geschieht das? unter meinem Dache! Oder finden Sie vielleicht, daß es ganz in der Ordnung ist, daß ich schweigen müßte – und Ihren Leichtsinn befürworten und begünstigen? – Als einer ehrenhaften Frau oui, mademoiselle, je l’ai été, je le suis et je le serai toujours! – es ist mir unmöglich, darüber nicht empört zu sein!
Frau Ssipjagin warf sich in einen Lehnsessel, wie niedergedrückt von der Wucht eben dieser inneren Empörung.
Zum ersten Mal zeigte sich ein Lächeln auf Mariannen’s Lippen.
– Ich zweifle nicht an Ihrer Ehrenhaftigkeit, weder an der vergangenen, noch an der gegenwärtigen und zukünftigen, – sagte sie, – und meine es ganz aufrichtig. Aber Sie haben keinen Grund, empört zu sein. Ihr Haus habe ich nicht entehrt. Der junge Mann, den Sie meinen . . . ja, ich liebe ihn wirklich. . .
– Sie lieben Monsieur Neshdanow?
– Ich liebe ihn.
Frau Ssipjagin richtete sich im Sessel auf.
– Aber ich bitte Sie, Marianne! es ist ja ein einfacher Student ohne Haus und Hof; er ist sogar jünger als Sie! – (Diese letzten Worte hatte sie nicht ohne eine gewisse Schadenfreude ausgesprochen.) – Was wird denn dabei herauskommen? Und was haben Sie, bei Ihrem Verstande, in ihm gefunden? Es ist ja einfach ein geistarmes Knäblein!
– Sie sind nicht immer dieser Meinung gewesen, Valentine Michailowna.
– Um Gottes Willen, meine Liebe, lassen Sie mich doch aus dem Spiele. . . Pas tant d’esprit que ça, je vous prie. Hier ist von Ihnen die Rede, von Ihrer Zukunft. Bedenken Sie doch! was ist denn das für eine Partie?
– Ich muß gestehen, Valentine Michailowna, daß ich an eine Partie noch gar nicht gedacht habe.
– Wie’s was? ich verstehe Sie nicht Nehmen wir an, daß Sie dem Zuge Ihres Herzens gefolgt sind. . . Aber es muß doch Alles mit einer Heirath endigen!
– Ich weiß nicht . . . daran habe ich nicht gedacht.
– Daran haben Sie nicht gedacht?! – Sie sind von Sinnen!
Marianne wandte sich etwas zur Seite.
– Brechen wir dies Gespräch ab, Valentine Michailowna. Es ist unnütz, daß wir noch weiter darüber sprechen, wir würden uns doch nicht verstehen.
Frau Ssipjagin erhob sich hastig.
– Ich kann, ich darf dies Gespräch nicht abbrechen! Die Sache ist zu wichtig ich verantworte für Sie vor – Valentine Michailowna wollte sagen:, vor Gott! hielt jedoch inne und sagte: vor der ganzen Welt! – Ich kann nicht schweigen, wenn ich dergleichen Thorheiten höre! Und warum soll ich Sie denn nicht verstehen können? Was für ein unerträglicher Stolz bei diesen jungen Leuten! Nein . . . ich verstehe Sie sehr gut; ich sehe, daß Sie ganz durchdrungen sind von diesen neuen Ideen, welche Sie unabwendbar dem Untergang zuführen werden! Dann wird es aber zu spät sein.
– Kann sein; glauben Sie mir aber: wenn wir auch untergehen, werden wir Ihnen nie auch nur einen – Finger entgegenstrecken, damit Sie uns retten!
Frau Ssipjagin schlug die Hände zusammen.
– Wieder dieser Stolz, dieser furchtbare Stolz! So hören Sie mich doch, Marianne, hören Sie mich! – setzte sie, den Ton der Rede verändernd, hinzu . . . Sie wollte Marianne an sich ziehen – diese trat aber zurück. – Ecoutez moi, je vous en conjure! – Ich bin ja doch nicht so alt – und nicht so dumm, daß wir uns nicht verständigen könnten! – Je ne suis pas une encroutée. In meiner Jugend hielt man mich sogar für eine Republikanerin . . . nicht weniger als Sie. – Hören Sie mich: ich will nichts heucheln; mit mütterlicher Zärtlichkeit habe ich Sie nie geliebt; – und es liegt ja auch nicht in Ihrem Charakter, dieses zu beklagen . . . Aber ich wußte, und ich weiß es, daß ich Ihnen gegenüber Pflichten zu erfüllen habe – und habe mich stets bemüht, denselben gerecht zu werden. Es ist möglich, daß die Partie, die ich für Sie in Aussicht genommen – und für welche sowohl Boris Andreitsch, als auch ich keine Opfer gescheut hätten daß diese Partie nicht ganz Ihren Ideen entsprach . . . in der Tiefe meines Herzens aber . . .
Marianne sah sie an; sah dieses wunderschönen Augen, diese rosigen, kaum merklich gefärbten Lippen, diese weißen Hände, die ein wenig gespreizten, mit Ringen geschmückten Finger, welche die schöne Frau so ausdrucksvoll an die Taille des seidenen Kleides drückte . . . und unterbrach sie plötzlich.
– Eine Partie, sagen Sie, Valentine Michailowna! Sie nennen diesen Ihren herzlosen, flachen Freund, Herrn Kallomeyzew eine »Partie«?
Frau Ssipjagin hob die Finger von der Taille.
– Ja, Marianne Wikentjewna! Ich spreche von Herrn Kallomeyzew, von diesem gebildeten, vortrefflichen jungen Manne, der seine Frau jedenfalls glücklich machen wird – und den nur eine Verrückte zurückweisen kann, nur eine Verrückte!
– Was ist da zu machen, ma tante! Ich muß wohl eine Verrückte sein!
– Was hast Du ihm denn im Ernst vorzuwerfen, frage ich Dich.
– O gar nichts! – ich verachte ihn . . . das ist Alles.
Frau Ssipjagin schüttelte ungeduldig den Kopf und sank wieder in den Lehnsessel.
– Lassen wir das. Retournons à nos moutons. – Du liebst also Herrn Neshdanow?
– Ja.
– Und beabsichtigst Deine . . . Rendezsvous fortzusetzen?
– Ja.
– Wenn ich es aber nun verbiete?
– So werde ich Ihnen nicht gehorchen.
Valentine Michailowna schnellte aus dem Sessel empor.
– Ah! Sie werden nicht gehorchen! Also so! . . . Das sagt mir ein Mädchen, deren Wohlthäterin ich bin, welches ich in meinem Hause gepflegt und gehütet, das sagt mir . . . das sagt mir . . .
– Die Tochter eines entehrten Vaters, – fiel Marianne finster ein, – fahren Sie fort, machen Sie doch keine Umstände!
– Ce n’est pas moi qui vous le fait dire, mademoiselle! Jedenfalls ist es aber nichts, worauf man stolz sein könnte! Das Mädchen, welches mein Brod ißt . . .
– Lassen Sie diesen Vorwurf, Valentine Michailowna. Es wäre Ihnen theurer gekommen, eine Französin für Kolja zu engagiren ich unterrichte ja Kolja in der französischen Sprache!
Frau Ssipjagin hob die Hand, in welcher sie ein parfümirtes Battisttaschentuch mit einem großen weißen Namenszug in der einen Ecke hielt und wollte etwas erwidern. – Marianne fuhr jedoch ungestüm fort:
– Sie hätten Recht, tausend Mal Recht, wenn Sie statt all der Dinge, die Sie hier aufgezählt haben, statt dieser trügerischen Wohlthaten und Opfer hätten sagen können: »Jenes Mädchen, welches ich geliebt. . . « Aber Sie sind ehrlich genug, diese Lüge nicht über die Lippen zu bringen! – Marianne bebte, wie vom Fieber geschüttelt. – Sie haben mich stets gehaßt. – Auch jetzt sogar freuen Sie sich in der Tiefe Ihres Herzens, von der sie soeben gesprochen – ja, Sie freuen sich, daß ich Ihre alten Prophezeihungen rechtfertige, daß ich Schimpf und Schande auf mich lade – und nur das Eine ist Ihnen unangenehm, daß ein Theil dieser Schande auf Ihr aristokratisches, Ihr ehrliches Haus zurückfällt. . .
– Sie beleidigen mich, – flüsterte Frau Ssipjagin, – verlassen Sie dies Zimmer!
Marianne war ihrer jedoch nicht mehr mächtig.
– Ihrem Hause haben Sie gesagt, Ihrem ganzen Hause, Anna Sacharowna, Allen wäre mein Betragen bekannt! – Und Alle sind erschreckt und empört. . . Aber habe ich Sie denn um etwas gebeten, Sie und Ihr ganzes Haus? Kann mir an der Meinung all der Leute etwas liegen? Ist es denn nicht bitter, Ihr Brod zu essen? Wo ist die Armuth, die ich nicht diesem Reichthum vorziehen würde? Liegt denn nicht ein Abgrund zwischen Ihrem Hause und mir, ein Abgrund, der durch nichts, nichts ausgefüllt werden kann? Ist es denn möglich, daß Sie – Sie sind ja auch eine kluge Dame – daß Sie das nicht fühlen? Und wenn Sie nur Haß gegen mich empfinden, ist es denn möglich, daß Sie über das Gefühl im Unklaren sind, das ich gegen Sie hege und das ich nur daher näher zu bezeichnen unterlasse, weil es zu offenbar ist?
– Sortez, sortez, vous dis- je . . . – rief Frau Ssipjagin und stampfte mit ihrem niedlichen, schmalen Füßchen . . .
Marianne wandte sich zur Thür.
– Ich werde Sie sogleich von meiner Gegenwart befreien; wissen Sie aber was, Valentine Michailowna?
Man sagt, daß das »Sortez« in Racines »Bajazet« einer Rachel selbst nicht gelingen wollte – Ihnen aber erst recht nicht! Und noch eins: wie sagten Sie doch . . . Je suis une honnête femme, je l’ai été et le serai toujours? Nun denn: ich bin überzeugt, daß ich viel ehrenhafter bin als Sie! Leben Sie wohl!
Marianne entfernte sich eilig, Frau Ssipjagin aber sprang vom Lehnsessel, wollte schreien, weinen. . . . Aber sie wußte nicht – was sie schreien sollte; und die Thränen wollten ihr nicht gehorchen.
Sie begnügte sich damit, sich mit dem Taschentuch Kühlung zuzuwehen, aber der parfümirte Duft desselben erregte ihre Nerven noch mehr. . . Sie fühlte sich unglücklich, beleidigt. . . Sie sah ein, daß eine gewisse Wahrheit in den Worten lag, die sie eben gehört. Aber wie war es möglich, sie so grausam, so ungerecht zu beurtheilen? »Bin ich denn wirklich so böse?« – dachte sie – und blickte in den Spiegel, der sich zwischen den beiden Fenstern ihr gerade gegenüber befand. Dieser Spiegel strahlte ein reizendes, etwas entstelltes Antlitz zurück, mit rothen Flecken auf Stirne und Wangen, aber doch ein bezauberndes Antlitz, mit prachtvollen, weichen, sammtenen Augen . . . »Ich? Ich böse?« – dachte sie wieder, – »mit solchen Augen?«
In diesem Augenblick trat ihr Gemahl ins Zimmer – sie drückte von neuem das Taschentuch an das Gesicht.
– Was ist Dir? – fragte er besorgt. – Was ist Dir, Valja? – Dies zärtliche Diminutiv hatte er selbst für sie ersonnen, erlaubte sich den Gebrauch desselben aber nur in ganz vertraulichem tête-à-tete, hauptsächlich auf dem Lande.
Sie weigerte sich zuerst, ihm etwas zu sagen, versicherte, daß es nichts sei . . . endigte jedoch damit, daß sie sich höchst anmuthig und rührend im Lehnstuhl umwandte, ihm die Hände auf beide Schultern legte – er hatte sich zu ihr herabgebeugt – ihr Antlitz in seinem Westen- Ausschnitt verbarg – und ihm Alles erzählte; sie bemühte sich – ohne jeglichen Hintergedanken – Marianne, wenn nicht zu entschuldigen, so doch bis zu einem gewissen Grade zu rechtfertigen; sie schrieb die ganze Schuld ihrer Jugend zu, ihrem leidenschaftlichen Charakter, den Mängeln ihrer ersten Erziehung und machte auch sich selbst Vorwürfe – gleichfalls bis zu einem gewissen Grade und wieder ohne Hintergedanken. »Mit meiner Tochter wäre das nicht geschehen! Ich hätte auf sie anders Acht gegegeben!« Ssipjagin hörte sie nachsichtsvoll, theilnehmend – und zugleich streng bis ans Ende an, war unverändert in der gebeugten Stellung geblieben, bis sie endlich die Hände herabsinken ließ und ihr Köpfchen zurückzog; er nannte sie einen Engel, küßte sie auf die Stirn, erklärte, daß er jetzt wisse, was er in seiner Rolle als Hausherr zu thun habe, und entfernte sich, wie sich ein humaner, aber energischer Mensch zu entfernen pflegt, der eine unangenehme, aber nothwendige Pflicht zu erfüllen hat. . .
Nach dem Mittagsessen, ungefähr um acht Uhr Abends, saß Neshdanow in seinem Zimmer und schrieb seinem Freunde Ssilin:
»Wladimir, Freund, ich schreibe Dir in dem Moment einer entscheidungsvollen Wendung meines Geschickes. Man hat mir meine Stelle gekündigt, ich muß fort aus diesem Hause. Dies allein hätte nichts zu sagen. . . Aber ich gehe in Begleitung jenes Mädchens von hier fort, von dem ich Dir geschrieben. Uns fesselt Alles an einander: die Aehnlichkeit der Lebensschicksale, die Uebereinstimmung der Ansichten und Bestrebungen, die Gemeinsamkeit des Gefühls endlich, das uns verbindet. Wir lieben einander, ich bin wenigstens überzeugt, daß ich Liebe in keiner andern Form empfinden könnte, als eben so, wie dies Gefühl jetzt über mich gekommen ist. – Aber ich würde lügen, wollte ich Dir sagen, daß ich insgeheim nicht eine gewisse Furcht empfände, eine unbestimmte, seltsame Beklemmung. . . Alles ist dunkel vor mir – und Beide dringen wir nun ein in diese Finsterniß. Ich brauche Dir nicht zu erklären, wohin wir gehen und was wir thun wollen. Marianne und ich, Beide jagen wir nicht nach Glück, nicht genießen wollen wir – sondern neben einander kämpfen, uns gegenseitig unterstützen. Unser Ziel liegt klar vor uns; welches die Wege aber sind, die zu dem Ziele hinführen – das wissen wir nicht. – Werden wir wenigstens die Möglichkeit des Handelns finden, wenn wir auch nicht auf Sympathie, auf Beistand rechnen können? – Marianne ist ein herrliches, ehrenhaftes Mädchen; wenn es unser Schicksal ist, daß wir zu Grunde gehen müssen, so werde ich mir keine Vorwürfe darüber machen, daß ich sie mit mir fortgerissen, weil ein anderes Leben für sie undenkbar wäre. – Und doch, Wladimir, Wladimir! es liegt mir centnerschwer auf dem Herzen. . . Es quält mich der Zweifel, nicht an meinem Gefühl zu ihr, sondern . . . ich weiß nicht woran. – Jetzt ist jedoch keine Umkehr mehr möglich. Strecke uns Beiden aus der Ferne Deine Hand entgegen – und wünsche uns Geduld, die Kraft der Selbstentäußerung, Liebe . . . vor Allem Liebe. Du aber, unergründetes, mit allen Fibern unseres Wesens, mit dem Blute unseres Herzens geliebtes russisches Volk, nimm uns auf – nicht zu theilnahmlos – und lehre uns, was wir von Dir zu erwarten haben!
Leb’ wohl, Wladimir, leb’ wohl!«
Nachdem er diese wenigen Zeilen geschrieben, ging Neshdanow in das Dorf hinab. – In der folgenden Nacht stand er beim ersten Morgengrauen bereits am Rande des Birkenwäldchens, unweit des Ssipjagin’schen Gartens. In einiger Entfernung von ihm schimmerte, durch das dichte Grün eines breiten Nußgebüsches kaum sichtbar, ein Bauernkarren mit zwei angespannten Pferden; in diesem Karten schlief, unter einem Strickgeflecht, auf einem Bündel Heu, in einem geflickten, über den Kopf gezogenen Kittel, ein altes, graues Bäuerlein. Neshdanow blickte ununterbrochen auf den Weg, auf die Weiden am Rande des Gartens; rings umher erschien Alles noch still und grau, kaum merklich blinkten die sich in der Himmelstiefe verlierenden Sternlein. Aus die abgerundeten unteren Ränder der lang gestreckten Wölkchen fiel von Osten her ein blaßrother Schein; von dort auch kam der erste Hauch morgenfrischer Luft. Neshdanow fuhr plötzlich zusammen und sah mit gespanntem Blick den Weg hinab. Ganz in der Nähe knarrte eine Gartenthür, die gleich daraus zugeschlagen wurde; ein, in ein Tuch gehülltes, kleines weibliches Wesen mit einem Bündelchen am Arm trat ohne zu eilen aus dem unbeweglichen Schatten der Weiden in den weichen Staub des Fahrwegs, schritt in schräger Richtung über denselben hinüber und lenkte dann ihre Schritte, als ginge sie gleichsam auf den sehen, zu dem Birkenhain Neshdanow flog ihm entgegen.
– Marianne! – flüsterte er.
– Ich bin es! – drang eine leise Antwort aus dem herabhängenden Tuch.
– Hierher, mir nach – rief Neshdanow, sie ungeschickt an der mit dem Bündel beschwerten Hand fassend.
Sie zitterte, als ob der Frost sie schüttelte. Er führte sie an den Karten und weckte das Bäuerlein. Dieses sprang hastig auf, kroch auf das Sitzbrett, fuhr mit den Armen in den Kittel und ergriff die Strickleine. Die Pferde wurden munter und wollten gleich fort: mit nach dem festen Schlaf noch heiserer Stimme gebot er ihnen Ruhe. Neshdanow setzte Marianne aus den Quersitz, nachdem er zuerst seinen Mantel Untergelegt, hüllte ihre Füße in eine Decke – das Heu Auf dem Boden des Kartens war feucht – setzte sich Neben sie, und flüsterte dem Bäueriein leise zu: «Fahr zu, du weißt wohin!« Der Bauer zog die Leine an, die Pferde arbeiteten sich schnaufend und sich drängend aus dem Gebüsch heraus, und klappernd und schleudernd rollte der Karren mit den alten schmalen Rädern auf dem Wege dahin. Neshdanow hatte den einen Arm um Marianne’s Taille geschlungen, sie hob mit den kalten Fingern das Tuch empor, und sagte, lächelnden Antlitzes zu ihm gewandt:
– Welch herrliche Frische, Alex!
– Ja, – antwortete das Bäuerlein, – es wird ein starker Thau kommen.
Der Thau war bereits so stark, daß die Zapfen der Räder, die Spitzen der am Wege ragenden Gräser berührend, von denselben einen ganzen Sprühregen feinsten Wasserstaubes abstreiften – und das Grün des Grases graublau zu schillern begann.
Ein kalter Schauer durchzuckte von Neuem Marianne. – Es ist frisch, frisch – rief sie heiter. Und die Freiheit, Alex, die Freiheit!
Siebenundzwanzigstes Capitel
Als man Ssolomin die Meldung überbrachte, daß ein Herr mit einer Dame angekommen seien und nach ihm fragten, eilte er sogleich an das Thor der Fabrik. Ohne seine Gäste zu begrüßen, nickte er ihnen nur mehrmals mit dem Kopfe zu und befahl dem Bäuerlein in den Hof zu fahren, zu dem Flügel, den er bewohnte. Als der Karren hielt, hob er Marianne von demselben herab. Neshdanow sprang gleichfalls herunter. Ssolomin führte die Beiden durch einen langen, dunklen Korridor auf einer schmalen, krummen Stiege in den hinteren Theil des Flügels, in die zweite Etage. Dort stieß er eine niedrige Thür auf – und alle drei traten in ein kleines, ziemlich sauberes Zimmer mit zwei Fenstern.
, – Willkommen! – rief Ssolomin mit dem gewöhnlichen Lächeln auf den Lippen, weiches dies Mal jedoch noch freier und breiter schien als sonst. – Das hier ist Eure Wohnung. – Dieses Zimmer – und nebenbei noch das andere. Grade nicht sehr sein, aber es läßt sich schon leben darin. Hier wird Euch Niemand anglotzen. Unter den Fensten befindet sich – wie mein Prinzipal versichert – ein Blumen-, meiner Ansicht nach aber – ein Gemüsegarten; er stößt dort an die Mauer, rechts und links aber sind Zäune. Ein stilles Plätzchen. – Nun, noch ein Mal, willkommen, liebes Fräulein, – willkommen auch Sie, Neshdanow!
Er drückte Beiden die Hände. – Sie standen unbeweglich da, ohne ihre Ueberzieher abzulegen und blickten Beide mit halbverwunderter, halbfreudiger Aufregung schweigend vor sich hin.
– Nun, was steht Ihr denn da? – begann Ssolomin von neuem. – Enthüllt Euch! – Was habt Ihr noch?
Marianne wies aus ihr Bündelchen, welches sie noch immer in der Hand hielt.
– Ich habe nur Dieses.
– Und ich einen kleinen Reisekoffer und einen Sack, die beide im Karren geblieben sind. Ich hol’ sie gleich . . .
– Bleiben Sie, bleiben Sie! – Ssolomin öffnete die Thür. – Paul! – rief er aus die dunkle Treppe hinaus, – lauf’ zum Karten, mein Junge. . . Es sind einige Sachen dort . . . bringe sie her.
– Gleich! – erschallte die Stimme des Allgegenwärtigen.
Ssolomin wandte sich zu Marianne, welche das Tuch vom Kopfe gezogen hatte und die Mantille auszuklopfen begann.
– Und es ist Alles glücklich abgelaufen?—fragte er.
– Alles . . . es hat uns Niemand gesehen. – Ich habe einen Brief an Herrn Ssipjagin zurückgelassen. – Ich habe weder Kleider noch Wäsche mitgenommen, Wassili Fedotitsch, weil Sie uns doch fortschicken werden . . . (Marianne entschloß sich nicht hinzuzufügen: in das Volk) – jene Sachen würden ja doch nicht taugen Ich habe Geld bei mir, um das zu kaufen, was nöthig ist.
– Das wird sich ja Alles finden . . . hier aber, – sagte Ssolomin, auf Paul weisend, der eben mit Neshdanow’s Sachen in’s Zimmer tritt, – empfehle ich Ihnen meinen besten Freund auf der Fabrik, auf den Sie sich wie auf mich selbst verlassen können. – Hast Du Tatjana gesagt, daß sie die Theemaschine bringe? – fügte er leise hinzu.
– Wird gleich gebracht werden, – antwortete Paul, – und Schmand und Alles.
– Tatjana – ist seine Frau – fuhr Ssolomin fort, – sie ist eben so treu und sicher, wie er. – Bis Sie sich selbst . . . wie soll ich sagen? . . . hier eingewöhnen werden, wird Tatjana Sie, mein Fräulein, bedienen.
Marianne warf ihre Mantille auf den kleinen, in der Ecke stehenden ledernen Divan. – Nennen Sie mich einfach Marianne, Wassili Fedotitsch! Ich will kein Fräulein sein! Und ich brauche auch keine Aufwärterin . . . Ich bin nicht fortgegangen, um Aufwärterinnen zu haben. Achten Sie nicht auf mein Kleid; dort habe ich ja keine anderen Kleider gehabt. Das wird man Alles ändern müssen.
Dies Kleid war aus braunem Tuch und sehr einfach; von einer Petersburger Schneiderin genäht, schmiegte es sich aber ihrem Körper anmuthig an und hatte überhaupt ein modisches Aussehen.
– Nun, wenn sie nicht aufwarten soll, so kann sie Ihnen wenigstens behilflich sein, nach amerikanischer Art. – Thee können Sie aber jedenfalls trinken. Es ist noch früh – und Ihr werdet auch wohl müde sein. Ich gehe jetzt in die Fabrik, wir sehen uns später. – Wenn Ihr etwas brauchen solltet, sagt es nur Paul oder Tatjana.
Marianne streckte ihm beide Hände entgegen.
– Wie sollen wir Ihnen danken, Wassili Fedotitsch? Sie sah ihn voll Rührung an.
Ssolomin streichelte ihre Hand. – Ich könnte sagen, daß Sie keine Ursache hätten zu danken – es würde aber eine Unwahrheit sein. Lieber sage ich Ihnen, daß Ihre Dankbarkeit mir unendliches Vergnügen bereitet. – Jetzt sind wir quitt. Auf Wiedersehen! Komm, Paul!
Marianne und Neshdanow blieben allein.
Sie ging auf ihn zu und sagte, ihn ebenso anschauend, wie sie Ssolomin angesehen, nur noch freudiger, noch inniger, noch glücklicher: – O mein Freund! . . . Wir beginnen ein neues Leben . . . Endlich! endlich! – Du glaubst nicht, wie freundlich und heimisch mir diese zwei Zimmer, in denen wir nur wenige Tage verbleiben werden, im Vergleich zu jenen verhaßten Salons erscheinen! Sage – freust Du Dich?
Neshdanow ergriff ihre Hände und drückte sie an sein Herz.
– Ich bin glücklich, Marianne, daß ich dies neue Leben mit Dir zusammen beginnen kann! – Du wirst der Stern sein, dem ich folge, meine Stütze, mein Muth . . .
– Lieber Alex! Warte jedoch – ich muß erst den Staub von mir abschütteln und meine Toilette ein wenig in Ordnung bringen. – Ich gehe in mein Zimmer . . . Bleibe so lange hier. – Ich bin gleich fertig.
Marianne ging in’s Nebenzimmer, drehte den Schlüssel im Schloß – steckte jedoch nach ein paar Augenblicken durch die halbgeöffnete Thür den Kopf wieder heraus und rief: – Ist Ssolomin nicht ein herrlicher Mensch! – Dann warf sie die Thür wieder zu und der Schlüssel knarrte wieder im Schloß.
Neshdanow trat an das Fenster und blickte in das Gärtchen . . . ein alter, uralter Apfelbaum schien seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. . . Er schüttelte und streckte sich – öffnete den Reisekoffer – nahm aber nichts heraus, sondern blieb in Gedanken versunken vor demselben stehen.
Eine Viertelstunde darauf erschien Marianne, die sich gewaschen hatte, mit erfrischtem, lebhaft bewegtem Antlitz, ganz Freude und Eifer. Gleich nach ihr trat auch Tatjana ein mit Theemaschine, Tassen, Brod und Schmand.
Im Gegensatz zu ihrem zigeunerartigen Mann, war Tatjana ein echtes russisches Weib aus dem Volke, wohlbeleibt, stark, mit dunkel-blondem, glatt angekämmtem Haar, das hinten in eine breite Flechte auslief, welche um einen Hornkamm geschlungen war, mit groben, doch angenehmen Gesichtszügen und gutmüthigen grauen Augen. Sie hatte ein sauberes, wenn auch verblichenes Kattunkleid an, ihre Hände waren rein und hübsch, wenn auch groß. Ruhig verbeugte sie sich vor den Gästen, rief ihnen mit fester, klarer Stimme, ohne den gewöhnlichen Singsang zu; »Grüß’ Gott!« – und begann den Tisch zu decken.
Marianne ging auf sie zu.
– Erlauben Sie, Tatjana, ich werde Ihnen helfen. – Geben Sie mir wenigstens das Tischtuch.
– Lassen Sie mich nur machen, Fräulein, unsereins ist daran gewöhnt. Wassili Fedotitsch hat mir’s gesagt. Wenn etwas nöthig ist, befehlen Sie nur, wir sind stets gern bereit Ihnen zu dienen.
– Bitte, Tatjana, nennen Sie mich nicht mehr Fräulein . . . Ich bin wohl so gekleidet, – aber sonst bin ich . . . bin ich ganz. . .
Tatjana’s durchdringender, scharfer Blick verwirrte Marianne – sie verstummte.
– Was werden Sie denn für eine sein? – fragte Tatjana in ihrer ruhigen Weise.
– Wenn Sie wollen bin ich wirklich . . . bin ich eine Adlige; aber ich will mich von Allem lossagen – und werden wie . . . wie die einfachen Frauen.
– Ach so! Nun, jetzt weiß ich’s. Sie gehören also zu denen, die sich mit »vereinfachen« wollen. Jetzt giebt es viele solche Leute.
– Wie sagten Sie, Tatjana? sich vereinfachen?
– Ja wir haben jetzt ein solches Wort. Es bedeutet so sein wie das einfache Volk. Sich vereinfachen. – Nun? Dabei ist ja nichts. Es ist ja ganz gut – dem Volk ein wenig Verstand beibringen. – Es ist nur eine schwierige Sache! o wie schwierig, wie schwierig! – Glück auf!
– Sich vereinfachen! – wiederholte Marianne. – Hörst Du, Alex, wir sind jetzt vereinfachte Leute geworden!
Neshdanow lachte und wiederholte gleichfalls:
– Sich vereinfachen, vereinfachte Leute!
– Wer ist denn das, Ihr Männchen – oder Ihr Bruder? – fragte Tatjana, mit den großen geschickten Händen die Tassen waschend und mit freundlichem Lächeln bald auf Neshdanow, bald auf Marianne blickend.
– Nein, – versetzte Marianne, – es ist weder mein Mann, noch mein Bruder.
Tatjana hob den Kopf.
– Also lebt Ihr aus freier Gnade? Auch das geschieht jetzt sehr oft. – Früher war es nur bei den Naskolniki gebräuchlich – jetzt kommt es aber auch bei andern Menschen vor. – Wenn nur Gottes Segen dabei ist – und man in Frieden und Eintracht lebt! – Dann ist der Priester auch nicht nöthig. Bei uns auf der Fabrik giebt es ja auch solche Leute. Es sind nicht die schlechtesten.
– Was Sie für schöne Worte kennen, Tatjana! . . . »Aus freier Gnade « . . . Wie mir das gefällt! – Hören Sie, Tatjana, was ich Sie bitten möchte. Ich muß mir ein Kleid nähen, oder kaufen, so wie das Ihrige, aber noch einfacher. – Und auch Schuhe und Strümpfe und ein Tuch – Alles, so wie Sie es haben. Das Geld dazu habe ich.
– Warum nicht, Fräuleins Das kann ja Alles gemacht werden. . . Nun gut, ich werde nicht mehr, seien Sie nicht böse ich werde Sie nicht mehr Fräulein nennen. Wie soll ich Sie denn aber nennen?
– Marianne.
– Und wie heißen Sie nach dem Vater?
– Wozu brauchen Sie denn noch den Vaternamen? Nennen Sie mich einfach Marianne. Ich nenne Sie doch Tatjana.
– Das ginge wohl, aber es geht nicht. Sagen Sie es mir doch lieber!
– Nun gut. Mein Vater hieß Wikentij. Und der Ihrige?
– Der meine – Ossip.
– Nun, so werde ich Sie Tatjana Ossipowna nennen.
– Und ich Sie Marianne Wikentjewna. So wird es prächtig gehen!
– Sollten wir nicht ein Täßchen Thee zusammen trinken, Tatjana Ossipowna?
– Vorläufig ginge das schon, Marianne Wikentjewna.
Ein Täßchen könnte ich mir schon schmecken lassen. Aber nicht mehr, sonst wird Jegoritsch schelten.
– Wer ist denn Jegoritsch?
– Paul, mein Mann.
– Setzen Sie sich, Tatjana Ossipowna.
– Danke, Marianne Wikentjewna.
Tatjana holte sich einen Stuhl, setzte sich und sing an Thee zu trinken, wobei sie von einem Stück Zucker, das sie unaufhörlich zwischen den Fingern drehte, kleine Stückchen abbiß und das Auge immer auf der betreffenden Seite zukniff. Marianne ließ sich in ein Gespräch mit ihr ein. Tatjana beantwortete ihre Fragen ohne Befangenheit, fragte selbst und erzählte ihnen Allerlei. Ssolomin betete sie beinahe an, ihrem Mann räumte sie aber die erste Stelle gleich nach Wassili Fedotitsch ein. Das Leben auf der Fabrik war ihr jedoch eine Last.
– Es ist hier weder Stadt, noch Land ohne Wassili Fedotitsch bliebe ich keine Stunde hier!
Marianne hörte ihr aufmerksam zu. Der abseits sitzende Neshdanow beobachtete seine Freundin: ihre Aufmerksamkeit nahm ihn durchaus nicht Wunder; Marianne war das Alles neu, ihm aber schien es, daß er schon ganze Hunderte solcher Tatjana’s gesehen und hundert Mal mit ihnen gesprochen habe.
– Hören Sie, Tatjana Ossipowna, – sagte endlich Marianne. – Sie glauben, daß wir das Volk unterrichten wollen; das ist durchaus nicht der Fall – wir wollen ihm dienen.
– Was heißt das – dienen? – Unterrichtet das Volk – das ist Euer Dienst. Da haben Sie an mir selbst ein Beispiel. Als ich den Jegoritsch heirathete, verstand ich weder zu lesen, noch zu schreiben; jetzt aber kann ich Beides und danke es Wassili Fedotitsch. Er hat mich nicht selbst unterrichtet, aber einem alten Männchen dafür gezahlt. Der hat es mich gelehrt. – Ich bin ja noch jung, trotzdem, daß ich so stark bin.
Marianne schwieg.
– Ich möchte, Tatjana Ossipowna, – begann sie nach einer kleinen Pause, – irgend ein Handwerk lernen. . . nun, wir können ja noch ein anderes Mal darüber sprechen. Zu nähen verstehe ich nicht; wenn ich kochen gelernt hätte, könnte ich Köchin werden.
Tatjana dachte nach.
– Wie denn Köchin? – Köchinnen sind nur bei reichen Leuten, die Armen aber kochen selbst. Für die Arbeiter aber kochen . . . nun, das ist schon das Letzte!
– Ich würde ja auch bei reichen Leuten leben, wenn ich nur mit den Armen Umgang habe. Wo soll ich denn sonst mit ihnen zusammenkommen? Es wird sich ja nicht immer so treffen, wie jetzt mit Ihnen.
Tatjana setzte die leere Tasse verkehrt auf die Unterschale.
– Das ist eine schwierige Sache, – sagte sie endlich mit einem Seufzer, – die sich nicht um den Finger wickeln läßt. Was ich kann – will ich Ihnen anzeigen – verstehe aber selbst nicht viel. Da muß ich mit Jegoritsch sprechen. Wissen Sie, was das für ein Mensch ist? – Der liest allerlei Bücher! – und schafft und thut Alles im Handumdrehen! – Hierbei blickte sie auf Marianne, die sich eine Cigarette drehte . . . Und noch etwas, Marianne Wikentjewna: verzeihen Sie; wenn Sie sich aber vereinfachen wollen, – so müssen Sie das da lassen. – Sie wies auf die Cigarette. – Denn in jenem Stande, wenn Sie z. B. Köchin sind – geht das nicht; – da wird man gleich sehen, daß Sie ein Fräulein sind. – Ja.
Marianne warf die Cigarette zum Fenster hinaus.
– Ich werde nicht mehr rauchen das kann ich mir leicht abgewöhnen. – Die einfachen Frauen aus dem Volke rauchen nicht: dann brauche ich auch nicht zu rauchen.
– Da haben Sie Recht, Marianne Wikentjewna. Das Männervolk treibt wohl auch bei uns damit Unfug, aber die Weiber thun es nicht. So ist’s . . . Eh! da kommt ja Wassili Fedotitsch. Das ist sein Schritt. Fragen Sie ihn: er wird Ihnen gleich Alles auf’s Beste erklären.
Hinter der Thür ertönte in der That Ssolomin’s Stimme.
– Kann man eintreten? – Herein, herein! – rief Marianne.
– Das habe ich mir in England angewöhnt, – sagte er im Eintreten. – Nun, wie fühlen Sie sich? Langweilen Sie sich noch nicht? – Ich sehe, Sie trinken hier Thee mit Tatjana. – Hören Sie auf sie! sie ist ein gescheidtes Weib . . . Mein Prinzipal kommt heute her recht zur Unzeit! Und wird hier speisen. – Was ist zu machen! Dafür ist er mein Prinzipal!
– Was ist das für ein Mensch? – fragte Neshdanow, aus seiner Ecke hervortretend.
– Es geht . . . Kein Kind mehr. . . Am Lappen saugt er nicht – wie man bei uns zu sagen pflegt. Einer von den Neuen. Unendlich höflich – mit Manschetten an den Händen – steckt aber seine Nase überall hinein, nicht weniger als die Alten. Zieht Einem das Fell über die Ohren – spricht aber dabei: »Drehen Sie sich bitte auf die andere Seite; – da ist noch eine ganze Stelle die muß abgeschunden werden!« – Nun, ich brauche nicht zu klagen, gegen mich ist er seidenweich; er hat mich ja nöthig! Doch ich bin ja nur gekommen, um Euch zu sagen, daß wir uns heute wohl schwerlich noch ein Mal sehen werden. – Das Mittagsessen wird man Euch herbringen. Auf dem Hofe dürft Ihr Euch aber nicht zeigen. Was glauben Sie, Marianne, wird Ssipjagin Euch suchen lassen, wird er Euch nachsetzen?
– Ich glaube nicht, – antwortete Marianne.
– Und ich bin überzeugt, daß er es wohl thun wird, – sagte Neshdanow.
– Nun, es bleibt sich gleich, – fuhr Ssolomin fort: – Ihr müßt in der ersten Zeit jedenfalls vorsichtig sein. Später wird es schon gehen.
– Ja; – bemerkte Neshdanow, – aber Markelow muß durchaus wissen, wo ich mich aufhalte; es muß ihm mitgetheilt werden.
– Weshalb?
– Es geht nicht anders; unserer Sache wegen ist es nöthig. Es muß ihm stets bekannt sein, wo ich mich befinde. Ich habe ihm mein Wort gegeben. Er wird uns ja nicht verrathen!
– Nun gut. Wir wollen Paul zu ihm schicken.
– Und meine Kleider? – fragte Neshdanow.
– Das heißt: das Kostüm! – gewiß . . . gewiß . . .
Es ist ja eine Maskerade – zum Glück keine theure., Lebt wohl und erholt Euch. – Komm Tatjana.
Marianne und Neshdanow blieben wieder allein.
Achtundzwanzigstes Capitel
Marianne und Neshdanow drückten einander zuerst fest die Hand, dann rief Marianne: »Wartet ich werde Dir Dein Zimmer einrichten helfen!« und begann seine Sachen auszupacken. Neshdanow wollte ihr dabei behilflich sein, sie erklärte aber, daß sie Alles allein thun wollte. – »Man muß sich an’s Dienen gewöhnen,« meinte sie. So hängte sie denn die Kleider an die Nägel, welche sie in der Lade des Tisches gefunden und in Ermangelung eines Hammers mit der Rückseite einer Kleiderbürste in die Wand eingeschlagen hatte, und legte die Wäsche in eine alte Kommode, welche zwischen den Fenstern stand.
– Was ist das? – fragte sie plötzlich, – ein Revolver? Ist er geladen? Wozu brauchst Du ihn?
– Er ist nicht geladen . . . gieb ihn übrigens her. Du fragst: wozu? Wie kann denn Einer unseres Schlages ohne Revolver sein?
Marianne lachte und fuhr in ihrer Arbeit fort, indem sie jedes einzelne Stück zuerst schüttelte und dann mit der flachen Hand daraus klopfte, auch ein Paar Stiefel stellte sie ihm unter den Divan; einige Bücher aber, ein Packet mit Papieren und das berühmte Heft mit den Gedichten breitete sie feierlich auf einem dreibeinigen Ecktisch aus, den sie Schreib- und Arbeitstisch, im Gegensatz zu dem runden Tisch, dem Eß- und Theetisch, nannte. Darauf hob sie das Gedichtheft empor, sah Neshdanow über den Rand desselben freundlich lächelnd an und sprach:
– Das werden wir in unseren Mußestunden zusammen lesen, nicht wahr?
– Gieb mir das Heft! Ich werde es verbrennen! – rief Neshdanow. – Es verdient kein anderes Schicksal!
– Weshalb hast Du es denn mitgenommen? – Nein, nein, ich gebe es Dir nicht. Uebrigens drohen die Dichter ja nur – und verbrennen ihre Sachen doch nicht. Bei mir wird es aber doch sicherer aufgehoben sein!
Neshdanow wollte protestiren, Marianne sprang aber mit dem Heft in das Nebenzimmer und kam ohne dasselbe zurück.
Sie setzte sich neben Neshdanow – und stand gleich wieder auf. – Du bist noch nicht bei mir gewesen – in meinem Zimmer. Willst Du es sehen? – Es ist nicht schlechter, als das Deinige. Komm – ich will es Dir zeigen.
Neshdanow erhob sich und folgte Marianne in’s Nebenzimmer. Ihr Zimmer, wie sie sich ausdrückte, war etwas kleiner als das seinige; dafür schienen aber die Möbel reiner und neuer zu sein; am Fenster stand eine kleine Glasvase mit Blumen – und in der Ecke ein kleines eisernes Bett.
– Siehst Du, wie lieb er ist, der Ssolomin, – rief Marianne, – man muß sich nur nicht allzusehr verwöhnen: solche Wohnungen werden uns nicht oft geboten werden. Weißt Du, was doch sehr gut wäre: wenn wir es so einrichten könnten, daß wir zusammen irgendwo eine Stelle annähmen! – Freilich ist das schwer, – setzte sie nach einer Pause hinzu, – nun, wir werden ja sehen. Nach St. Petersburg kehrst Du ja doch nicht zurück?
– Was sollte ich in St. Petersburg machen? – Die Universität besuchen und Stunden geben? Das taugt zu nichts!
– Wollen sehen, was Ssolomin sagt. – erwiederte Marianne, – er wird am Besten entscheiden, was jetzt zu thun ist.
Sie kehrten in das erste Zimmer zurück und setzten sich nebeneinander auf den Divan. Sie lobten Ssolomin, Tatjana, Paul, gedachten Ssipjagin’s, sprachen von ihrem früheren Leben und wie es ihnen jetzt so fern liege, als ob ein Nebel es einhüllte; darauf drückten sie sich wieder die Hände, und tauschten freudevolle Blicke; dann begannen sie von ihrem unternehmen zu sprechen, ihre Gedanken darüber auszutauschen, in welche Schichten einzudringen man sich ganz besonders bemühen müsse, und wie sie sich zu benehmen hätten, um nicht Verdacht zu erregen.
Neshdanow versicherte, daß es am Besten wäre, gar nicht daran zu denken und sich so einfach wie möglich zu geben.
– Natürlich! – rief Marianne. – Wir wollen uns ja vereinfachen, wie Tatjana sagt.
– Ich habe es nicht so gemeint, entgegnete Neshdanow. – Ich wollte sagen, daß man sich keinen Zwang anthun müsse.
– Es fiel mir ein, Alex – unterbrach ihn Marianne lachend, – wie ich uns Beide vereinfachte Leute genannt! – Neshdanow lachte gleichfalls auf, wiederholte: »vereinfachte« . . . und wurde plötzlich nachdenklich.
Auch Marianne schien über etwas zu sinnen.
– Alex-! – sagte sie.
– Nun?
– Es scheint mir, daß wir uns Beide ein wenig unbehaglich fühlen. – Etwas Aehnliches müssen junge Leute – des nouveaux mariés – setzte sie erklärend hinzu – am ersten Tage ihrer Hochzeitsreise empfinden. – Sie sind glücklich . . . es ist ihnen so wohl – und doch nicht ganz behaglich.
– « .
Neshdanow lächelte gezwungen.
– Du weißt sehr gut, Marianne, daß wir keine jungen Leute sind – in Deinem Sinne.
Marianne erhob sich und blieb dicht vor Neshdanow stehen.
– Das hängt von Dir ab.
– Wie?
– Alex, Du weißt, daß wenn Du mir als ehrlicher Mensch sagst – und ich glaube Dir, denn Du bist wirklich ein ehrlicher Mensch; – wenn Du mir also sagst, daß Du mich mit jener Liebe liebst . . . nun, mit jener Liebe, die das Recht auf ein anderes Leben giebt – wenn Du mir das sagst – so bin ich Dein.
Neshdanow erröthete und wandte sich ab.
– Wenn ich Dir das sage. . .
– Ja, dann! Aber Du siehst ja selbst, Du sagst es mir nicht. . . O ja, Alex, Du bist ein ehrlicher Mensch. Nun, so sprechen wir also über ernstere Dinge!
– Aber ich liebe Dich ja, Marianne!
– Ich zweifle nicht daran . . . und werde warten! – Halt, ich habe Deinen Schreibtisch noch nicht ganz in Ordnung gebracht. Da ist noch etwas eingewickelt, etwas Hartes. . .
Neshdanow sprang ungestüm auf.
– Laß das, Marianne. . . Ich bitte Dich, laß das! Marianne wandte den Kopf und hob erstaunt die Brauen.
– Ist es – ein Geheimniß? Du hast ein Geheimniß vor mir.
– Ja . . . ja, – versetzte Neshdanow, und fügte in der Verwirrung, als ob er sich entschuldigen wollte, hinzu: – es ist . . . ein Portrait.
Das Wort entfuhr ihm gegen seinen Willen. Das Papier in Mariannen’s Händen enthielt ihr Bild, dasjenige, welches Markelow Neshdanow gegeben hatte.
– Ein Portrait! – fragte sie gedehnt. . . – Das Portrait einer Frau?
Sie reichte ihm das Packet; er hatte es jedoch so ungeschickt ergriffen, daß es ihm fast aus der Hand gefallen wäre und sich dabei öffnete.
– Das ist ja . . . mein Portrait! – rief Marianne lebhaft aus. – Nun, mein eigenes Bild habe ich wohl das Recht zu nehmen. – Sie nahm es aus Neshdanow’s Händen.
– Haft Du es gezeichnet?
– Nein . . . ich nicht.
– Wer denn? Markelow?
– Du hast es errathen . . . Markelow.
– Wie kommt es denn in Deinen Besitz?
– Er hat es mir geschenkt.
– Wann? Neshdanow erzählte ihr, wann und bei welcher Gelegenheit Markelow es ihm gegeben hatte. Während er sprach, blickte Marianne bald auf ihn, bald auf das Portrait . . . und Beiden fuhr plötzlich derselbe Gedanke durch den Kopf: »wenn er in diesem Zimmer wäre, so hätte er das Recht zu jener Forderung.« . . . Aber weder Marianne, noch Neshdanow gaben diesem Gedanken Worte . . . vielleicht weil Beide fühlten, daß sie dasselbe dachten.
Marianne schlug das Papier um das Bild und legte es auf den Tisch.
– Der Gute! – flüsterte sie. – Wo ist er jetzt?
– Wo? – Zu Hause, auf seinem Gut. Ich fahre morgen oder übermorgen hin, um mir Bücher und Flugschriften von ihm zu holen. Er wollte mir neulich welche mitgeben, hatte es aber wohl vergessen.
– Und Du glaubst, Alex, daß er, als er Dir dies Portrait gab, Allem entsagt . . . Allem?
– Es schien mir wenigstens so.
– Und Du hoffst ihn zu Hause zu finden?
– Natürlich.
Marianne schlug die Augen nieder – ihre Hände fielen herab. – Da bringt uns Tatjana das Mittagsessen, – rief sie plötzlich. – Was für ein prächtiges Wesen!
Tatjana kam mit dem Essen, mit Tellern, Messern, Servietten und begann den Tisch zu decken. Während sie damit beschäftigt war, erzählte sie, was unterdessen auf der Fabrik vorging.
–– Der Herr ist mit der Eisenbahn aus Moskau gekommen – und läuft nun in allen Stockwerken rastlos umher; er versteht ja von Allem nichts, thut aber doch so, des Scheines halber. – Wassili Fedoditsch behandelt ihn wie ein kleines Kind; er wollte da irgend etwas Widersinniges einführen: – da hat ihn Wassili Fedoditsch gleich vor den Kopf gestoßen; ich gehe augenblicklich fort, sagte er; da ist Jener ganz windelweich geworden. . . Jetzt speisen sie zusammen; der Herr hat seinen Kompagnon mitgebracht. . . Der wundert sich nur über Alles. Muß aber viel Geld haben, dieser Kompagnon, weil er meist schweigt und blos mit dem Kopfe nickt. Und dick ist er, ganz ungeheuer dick! . . . Ein Moskauer Geldsack! Heißt es ja im Sprichwort, das Rußland der Berg und Moskau das Thal ist, in welches Alles hinabfließt.
– Wie Sie auf Alles aufmerken! – rief Marianne.
– Es ist schon so meine Natur, – versetzte Tatjana. – Nun, da habt Ihr Euer Mittagessen. Laßt es Euch schmecken. Ich setze mich unterdeß und sehe Euch zu.
Marianne und Neshdanow begannen zu essen; Tatjana hatte sich auf das Fensterbrett gesetzt und drückte nun die Wange in die stützende Hand.
– Wenn ich Euch anschaue, sagte sie, – wie seid Ihr doch Beide so jung und schlank. So angenehm ist es, Euch anzusehen, daß man dabei ganz wehmüthig wird! Ach Ihr Lieben! Was bürdet Ihr Euch denn eine Last auf, die Ihr nicht tragen könnt? Solche, wie Ihr, die liebt der Landvogt in einen steinernen Sack zu stecken!
– Laßt das, Tatjana. Wozu uns unnützer Weise schrecken! – Ihr kennt das Sprichwort: »Hast Du Dich Pfifferling genannt, so krieche in den Korb.
– Ich weiß . . ich weiß; es sind jetzt nur die Körbe so eng, daß kein Pfifferling wieder herauskriecht!. . .
– Habt Ihr Kinder? – fragte Marianne, um aus anderes Thema zu kommen.
– Ja wohl, ein Söhnchen, das schon die Schule besucht. Ich hatte auch eine Tochter, – sie ist gestorben, die Arme! Sie hat das Unglück gehabt, unter ein Rad zu gerathen. Ach, wenn die Maschine sie doch gleich getödtet hätte! Aber sie hat sich noch lange quälen müssen. Seitdem bin ich sehr ängstlich geworden; früher war ich wie ein Stück Nußholz so hart und steif!
– Nun, und Ihr Mann – haben Sie ihn denn nicht geliebt?
– Das ist ja eine ganz andere Sache, das ist Mädchensache. Sie selbst – Sie lieben den Ihrigen doch? Oder nicht?
– Ja, ich liebe ihn.
– Und lieben ihn sehr?
– Sehr.
– Wirklich . . . – Tatjana blickte abwechselnd bald auf Neshdanow, bald auf Marianne – und schwieg.
Marianne sah sich wieder genöthigt, das Gesprächsthema zu ändern. Sie erzählte Tatjana, daß sie jetzt nicht mehr rauche; Tatjana lobte sie dafür. Dann bat sie dieselbe nochmals, ihr ein Kleid zu verschaffen, und erinnerte sie ferner daran, daß sie das Kochen lehren wollte.
– Und noch eins! Könnten Sie mir nicht dicken, festen Zwirn bringen? Ich will Strümpfe stricken . . . ganz einfache Strümpfe.
Tatjana versetzte, daß sie Mariannen’s Wünsche pünktlich erfüllen werde und verließ, nachdem sie den Tisch abgeräumt, mit festem und ruhigem Schritt das Zimmer.
– Nun, und wir – was werden wir thun? – wandte sich Marianne zu Neshdanow, und fuhr, ohne seine Antwort abzuwarten, sogleich fort: – Da wir erst morgen zu arbeiten anfangen, wollen wir den heutigen Abend der Literatur widmen. Willst Du? – Wir lesen Deine Gedichte! Ich werde ein strenger Richter sein.
Neshdanow widersetzte sich Anfangs, willigte aber schließlich ein und begann ihr aus seinem Hefte vorzulesen. Marianne hatte sich in seine Nähe gesetzt und sah ihn die ganze Zeit über aufmerksam an. – Sie hatte die Wahrheit gesprochen: es erwies sich, daß sie in der That ein strenger Richter war. Es gefielen ihr nur wenige Gedichte: sie zog die kurzen, rein lyrischen – ohne moralische Nutzanwendung, wie sie sich ausdrückte, – den anderen vor. Neshdanow las nicht gut: er mochte nicht deklamiren und wollte doch auch wieder nicht in einen trockenen Ton verfallen, so daß nichts rechtes herauskam. Marianne unterbrach ihn plötzlich mit der Frage, ob er das wunderbare Gedicht von Dobroljubow kenne, welches mit den Worten beginnt: »Ich sterbe, sei’s – kein Unglück ist’s.6 – und declamirte es ihm gleich vor, ebenfalls nicht sonderlich gut, gleichsam ein wenig nach Kinderart.
Neshdanow bemerkte, daß es unendlich traurig und bitter sei, und fügte hinzu, daß er, Neshdanow, schon aus dem einen Grunde ein solches Gedicht nicht hätte schreiben können, weil er nicht zu befürchten brauche» daß an seinem Grabe Jemand . . . Thränen weinen werde.
– O ja, ich, wenn ich Dich überlebe – sagte Marianne langsam – und fragte nach einer kleinen Pause, die Augen zur Decke emporhebend, mit leiser Stimme, als spräche sie mit sich selbst:
– Wie hat er mich denn gezeichnet? Aus dem Gedächtniß?
Neshdanow wandte sich hastig um.
– Ja, aus dem Gedächtniß.
Marianne war erstaunt, daß er ihre Frage beantwortete; es schien ihr, daß sie dieselbe nur in Gedanken gestellt.
– Das ist wunderbar . . . fuhr sie ebenso fort. – Er besitzt ja doch gar kein Talent zur Malerei . . . Was wollte ich doch sagen? – setzte sie laut hinzu – ja! es bezog sich auf das Gedicht von Dobroljubow. – Man muß solche Gedichte schreiben, wie Puschkin, – oder solche, wie Dobroljubow; – es ist nicht Poesie . . . aber etwas, was nicht weniger hoch steht.
– Und solche Gedichte, wie die meinigen – fragte Neshdanow – die müßte man gar nicht schreiben? Nicht wahr?
– Solche Gedichte, wie die Deinigen – gefallen den Freunden, nicht weil sie sehr gut sind, sondern weil Du ein guter Mensch bist – und sie Dir ähnlich sind.
Neshdanow lächelte.
– Du hast sie zu Grabe getragen – und mich dazu! Marianne schlug ihm auf die Hand und nannte ihn einen bösen Menschen . . . Bald darauf erklärte sie auch, daß sie müde sei und schlafen gehen wolle.
– Du weißt – es fällt mir jetzt gerade ein, – setzte sie hinzu, das kurze, aber dichte Haar zurückwerfend, – daß ich Rubel habe – und wie viel hast Du?
– 98 Rubel, – O! dann sind wir ja sehr reich . . . für einfache Leute! – Nun – bis morgen!
Sie entfernte sich; einige Augenblicke daran wurde ihre Thür von Neuem geöffnet, und aus der schmalen Spalte ertönte zuerst ein fragendes: Gute Nacht? – dann etwas leiser: Gute Nacht! – und der Schlüssel klang im Schloß.
Neshdanow sank in den Divan und bedeckte das Gesicht mit den Händen . . . Dann erhob er sich plötzlich, trat an die Thür und klopfte an dieselbe.
– Was willst Du? – fragte Marianne.
– Nicht bis morgen, – Marianne . . . sondern – morgen!
– Morgen – ertönte die leise Antwort.
Neunundzwanzigstes Capitel
Am andern Morgen klopfte Neshdanow abermals an Mariannen’s Thür.
– Ich bin es, – antwortete er, als sie fragte, wer da sei. – Kannst Du herauskommen?
– Ward ein wenig . . . gleich.
Sie trat aus ihrem Zimmer – und fuhr mit einem Aufschrei zurück.
Im ersten Augenblick erkannte sie ihn nicht.
Er war in einen zerlumpten, gelblichen Nanking- Kittel mit kleinen Knöpfchen und hoher Taille gekleidet; das Haar hatte er nach russischer Art mir einem geraden Scheitel gekämmt; um den Hals war ein blaues Tüchlein geschlungen; in der Hand hielt er eine Mütze mit einem zerbrochenen Lederschirm; die Füße steckten in ungeputzten Stiefeln aus rohem Leder.
– Gott im Himmel! – rief Marianne, – wie Du . . . häßlich bist! – umarmte ihn aber rasch und küßte ihn noch rascher. – Warum hast Du dich denn gerade so verkleidet? Du siehst aus, wie ein erbärmlicher Kleinbürger aus der Stadt . . . oder wie ein Hausirer oder wie ein abgedankter Diener irgend eines Gutsbesitzers.
Weshalb denn diesen Kittel – und nicht einen ärmellosen Kutscherrock, oder einfach einen gewöhnlichen Bauernkittel?
– Das ist es ja eben, – antwortete Neshdanow, der in der That einem hausirenden Kleinbürger ähnlich sah, dieses selbst fühlte und darüber erbittert und auch verwirrt war, ja er war so verwirrt, daß er mit den gespreizten Fingern beider Hände auf der Brust herumfuhr, als ob er sich den Kittel rein zu wischen bestrebte . . . – Im Kutscherrock oder im Bauernkittel hätte man mich gleich erkannt, wie Paul versichert; in dieser Kleidung aber sehe ich seiner Meinung nach aus, als ob ich nie etwas Anderes am Leibe gehabt! Was meiner Eitelkeit gerade nicht sehr schmeichelt, bemerke ich in Parenthese.
– Willst Du denn schon anfangen? – fragte Marianne lebhaft.
– Ja; ich will es versuchen, obgleich eigentlich – Du Glücklicher! – unterbrach ihn Marianne.
– Dieser Paul – das ist ein ganz merkwürdiger Mensch, – fuhr Neshdanow fort.
– Wenn er Einen mit seinen scharfen, durchdringenden Augen ansieht, so scheint er Alles zu wissen und zu verstehen; dann aber macht er wieder ein solches Gesicht, als ob gar nichts ihn angehe, als ob er sich nie in Etwas mische! Er spielt den unterthänigen Diener – und lacht Einen die ganze Zeit über aus. – Er hat mir einige Bücher von Markelow gebracht, den er bei Namen nennt: Ssergei Michailowitsch. Für Ssolomin geht er durch Feuer und Wasser
– Tatjana ebenfalls, – versetzte Marianne – Woher sind ihm diese Menschen so ergeben?
Neshdanow schwieg.
– Was sind es für Bücher, die Paul Dir gebracht? – fragte Marianne.
– Die gewöhnlichen . . . »Das Märchen von den vier Brüdern« . . . Dann noch . . . immer dieselben, bekannten Bücher. Diese sind übrigens besser.
Marianne blickte sich fragend um.
– Wo bleibt denn Tatjana? Sie hat versprochen, recht früh zu kommen. . .
– Da bin ich ja, – sagte Tatjana, während sie mit einem Bündel in der Hand über die Schwelle trat. Sie hatte hinter der Thür gestanden und Mariannen’s Ausruf vernommen.
– Werdets wohl nicht so eilig haben . . . große Herrlichkeit!
Marianne stürzte ihr entgegen.
– Haben Sie gebracht?
Tatjana schlug mit der Hand auf das Bündel.
– Ist Alles hier . . . in bester Ordnung. . . Jetzt nur noch anpassen . . . und dann könnt Ihr stolziren und Euch angaffen lassen!
– Ach, kommen Sie, kommen Sie, liebe Tatjana Ossipowna. . .
Marianne zog sie in ihr Zimmer.
Als er allein geblieben, ging Neshdanow ein paar Mal schleppenden Ganges durchs Zimmer. . . (Er bildete ich ein, daß die Kleinbürger immer so zu gehen pflegen); – darauf roch er vorsichtig am Aermel des Kittels, an dem Innern der Mütze – und verzog das Gesicht; dann blickte er in den kleinen Spiegel, der neben dem Fenster an der Wand hing – und schüttelte den Kopf; er sah doch gar zu unansehnlich aus! (»Desto besser übrigens!« dachte er.) Vom Spiegel zurücktretend, holte er einige Flugschriften hervor, die er sich in die Tasche steckte, und murmelte leise einige Worte im Volksdialekt vor sich hin. . .
– »Es scheint, daß ich den Ton getroffen,« dachte er wieder; »doch wozu diese Komödie! mein Anzug schützt mich vor jedem Verdacht!« Und es fiel ihm dabei ein deutscher Flüchtling ein, der nur schlecht Russisch sprach, aber auf seiner Flucht ganz Rußland durchwandern mußte; er hatte sich in einer Kreisstadt eine mit einem Katzenfell verbrämte Mütze, wie sie die Kaufleute zu tragen pflegen, gekauft. Dank dieser Mütze wurde er überall für einen Kaufmann gehalten und auf diese Weise entkam er wohlbehalten in’s Ausland.
In diesem Augenblick trat Ssolomin in’s Zimmer.
– Aha! – rief er, – hast Dich ausstaffirt! – Entschuldige, Freund, in diesem Aufzuge kann man doch nicht »Sie« zu Dir sagen.
– Ich bitte Sie ich bitte Dich . . . ich wollte Dich ohnedies darum ersuchen.
–Aber es ist noch ein wenig zu früh, oder wolltest Du Dich erst an die Kleider gewöhnen? – Dann ist es einerlei. Aber Du mußt doch noch etwas warten; der Prinzipal ist noch hier. Er schläft.
– Ich werde erst später ausgehen – versetzte Neshdanow, – mich in der Umgegend ein wenig tummeln, bis ich weitere Instruktionen erhalte.
– Richtig! Was ich Dir aber sagen wollte, Bruder Alexei . . . So heißt Du doch jetzt, nicht wahr?
– Ja. – Wenn Du in der Volkssprache reden willst, kannst Du mich auch Lixei nennen – fügte Neshdanow lachend hinzu.
– Nein, mach’s nicht zu arg. – Höre: – ein Mann, ein Wort – ich sehe, daß Du Bücher bei Dir hast, vertheile sie wo Du willst – aber nur nicht auf der Fabrik – unter keiner Bedingung!
– Weshalb denn nicht?
– Erstens deshalb, weil es für Dich selbst gefährlich ist; zweitens weil ich meinem Prinzipal versprochen habe, darauf zu achten, daß hier nichts Derartiges vorfällt, und es ist ja doch seine Fabrik; drittens haben wir hier Einiges eingerichtet – Schulen und dergleichen . . . Nun – damit könntest Du Alles verderben. Thu’ was Du willst, auf Deine eigene Verantwortung hin – ich werde Dich nicht hindern; meine Fabrikarbeiter laß aber in Ruhe!
– Vorsicht ist besser denn Nachsicht . . . he? – bemerkte Neshdanow mit höhnischem Lächeln.
Ssolomin lächelte in der ihm eigenen offenen Weise.
– Das ist es eben, Bruder Alexei; Vorsicht kann niemals schaden. – Was sehe ich aber? Wer ist das?
Diese Worte bezogen sich auf Marianne, welche in einem bunten, verwaschenen Kattunkleide, mit einem gelben Tüchlein um den Hals und einem rothen auf dem Kopfe auf der Schwelle ihrer Thür erschien. Hinter ihr stand Tatjana und schaute sie mit gutmüthigem Wohlgefallen an. Marianne schien in dem einfachen Kleide viel frischer und jünger; es kleidete sie dieser Anzug viel besser, als Neshdanow sein langschößiger Kittel.
– Lachen Sie nicht, Wassili Fedotitsch, ich bitte Sie – flehte Marianne und wurde so roth wie eine Mohnblüthe.
– Ei, was für ein Pärchen! – rief Tatjana und klopfte in die Hände. – Hör aber, liebes Bürschchen, sei mir nicht böse. Du bist wohl auch gut, aber gegen meine junge Dirne kommst Du doch nicht auf!
»Sie ist auch wirklich reizend« – dachte Neshdanow – »o, wie ich sie liebe!«
– Sieh mal – fuhr Tatjana fort – wir haben die Ringe gewechselt. Mir hat sie ihr goldenes Ringelein gegeben und hat meinen silbernen Ring dafür genommen.
– Mädchen aus dem Volke tragen keine goldenen Ringe – meinte Marianne.
Tatjana seufzte.
– Ich werde es Ihnen aufbewahren, Herzblättchen, fürchten Sie nichts.
– Nun, setzt Euch, setzt Euch Beide, – rief Ssolomin, der Marianne die ganze Zeit über mit etwas herabgebeugtem Kopf unverwandt angeblickt hatte, – früher pflegte man ja, wie Ihr wißt, wenn man eine Reise unternahm, zuerst ein paar Minuten ruhig zu sitzen, bevor man sich auf den Weg machte. – Auch Euch steht eine weite und schwierige Reise bevor.
Marianne, deren Wangen noch immer geröthet waren, setzte sich; auch die Andern setzten sich: Neshdanow . . . Ssolomin . . . endlich auch Tatjana – auf den Rand eines aufrecht stehenden dicken Scheites Brennholz. – Ssolomin schaute der Reihe nach Alle an.
»Laßt uns sehen, wie erbaulich
Wir hier sitzen und wie traulich . . .« —
sagte er, die Augen ein wenig zusammenkneifend – und begann dabei plötzlich laut und so herzlich zu lachen, daß sich Niemand beleidigt fühlen konnte, sondern daß, im Gegentheil, Alle sich recht gemüthlich dabei fühlten.
Da erhob sich plötzlich Neshdanow.
– Ich gehe setzt, – sagte er, – denn das ist Alles zwar sehr nett, – aber doch ein wenig possenhaft – ein Schwank mit Verwandlungen! – Sei unbesorgt, – wandte er sich zu Ssolomin, – Deine Fabrikarbeiter werde ich nicht behelligen. Ich werde mich in der Umgegend ein wenig tummeln, zurückkommen – und Dir, Marianne, meine Abenteuer erzählen, wenn ich nur überhaupt etwas zu erzählen haben werde. Reich mir Deine Hand, damit das Glück mir hold sei.
– Sie sollten doch zuerst Thee trinken, – bemerkte Tatjana.
– Nein, wozu denn noch Thee! – Wenn ich Lust bekomme, gehe ich in ein Wirthshaus, oder selbst in die Schenke!
Tatjana schüttelte den Kopf.
– Diese Wirthshäuser findet man jetzt in solcher Menge an der Landstraße, wie Flöhe im Schafspelz. Es giebt jetzt nur noch große Kirchdörfer . . . Ballmassowo zum Beispiel. . .
– Lebt wohl, auf Wiedersehen . . . Glück und Gesundheit allerseits! verbesserte sich Neshdanow im Geiste seiner neuen Rolle. – Kaum hatte er sich jedoch der Thür genähert, als Paul plötzlich aus dem Korridor trat, dicht vor ihm stehen blieb und ihm einen langen, dünnen Stock reichte mit einem schraubenförmig in denselben geschnittenen Streifen.
– Empfangen Sie dieses, Alexei Dmitritsch, – sagte er, – stützen Sie sich darauf – und je weiter Sie mit eben diesem Stock ausholen, desto angenehmer wird es sein.
Neshdanow ergriff schweigend den Stock und entfernte sich; Paul folgte ihm. Auch Tatjana wollte gehen, Marianne erhob sich jedoch und hielt sie zurück.
– Warten Sie, Tatsana Ossipowna; ich brauche Sie.
– Ich komme gleich wieder, mit der Theemaschine. Ihr Gefährte ist ohne Thee fortgegangen, er schien keine Geduld mehr zu haben. . . . Sie aber, wozu sollen Sie denn bestraft werden?
Taijana entfernte sich.
Ssolomin erhob sich. Marianne stand mit dem Rücken gegen ihn; – und als sie sich endlich umwandte, da ihm so lange kein Wort über die Lippen kam – erblickte sie in seinen Zügen, in seinen fest auf sie gehefteten Augen einen Ausdruck, den sie früher nie an ihm bemerkt hatte: einen fragenden, unruhigen, fast neugierigen Ausdruck. Sie gerieth in Verwirrung und erröthete von Neuem. Ssolomin aber, der sich jetzt dessen, was sie in seinem Antlitz gelesen, gleichsam schämte, begann mit lauter Stimme, lauter als gewöhnlich:
– So, so, Marianne. . . Jetzt haben Sie den Anfang gemacht.
– Das nennen Sie einen Anfang machen, Wassili Fedotitsch! – Was ist denn das für ein Anfang! Es ist mir plötzlich so unbehaglich zu Muthe. Alexei hat Recht: es ist wirklich, als ob wir Komödie spielten.
Ssolomin nahm wieder auf einem Stuhle Platz.
– Erlauben Sie, Marianne. . . Wie stellen Sie sich denn das vor, dieses »Anfangen«? – Sie werden doch nicht Barrikaden bauen, die Fahne schwingen und Hurrah! es lebe die Republik! schreien? – Das ist ja auch gar nicht Frauensache – Lehren Sie statt dessen irgend eine Lukerja irgend etwas Vernünftiges; – das ist keine leichte Arbeit, denn Lukerja ist schwer von Begriffen und blöde Ihnen gegenüber, ja sie bildet sich wohl gar ein, daß sie das Alles nicht nöthig habe, worin Sie sie unterrichten wollen; – nach zwei oder drei Wochen nehmen Sie dann eine andere Lukerja vor und plagen sich mit dieser; unterdessen aber – waschen Sie irgend ein Kind rein, oder lehren es das ABC, – oder pflegen Sie einen Kranken . . . da haben Sie den Anfang.
– Das thun ja die barmherzigen Schwestern, Wassili Fedotitsch! – Wozu brauche ich denn . . . dies Alles? – Marianne wies mit einer unbestimmten Bewegung der Hand auf sich und um sich. – Mir schwebte etwas Anderes vor.
– Sie wollten sich aufopfern?
Mariannen’s Augen blitzten auf.
– Ja . . . Ja. . . ja!
– Und Neshdanow?
Marianne zuckte die Achseln.
– Neshdanow! Wir gehen zusammen . . oder ich gehe allein.
Ssolomin sah sie forschend an.
– Wissen Sie was, Marianne? . . . Verzeihen Sie den unziemlichen Ausdruck aber einem grindigen Knaben das Haar kämmen – ist meiner Ansicht nach auch ein Opfer, und zwar ein großes Opfer, dessen nicht Jeder fähig ist.
– Ich werde auch das thun, Wassili Fedotitsch – Ich weiß, daß Sie es thun werden! – Sie sind dessen fähig. Jetzt – Dieses, und später – das Andere.
– Daher muß ich mich eben von Tatjana unterweisen lassen!
– Gut – thun Sie es. – Sie werden schmutzige: Töpfe waschen, Hühner rupfen . . . und dann, wer weiß, vielleicht noch das Vaterland retten!
– Sie lachen mich aus, Wassili Fedotitsch!
Ssolomin schüttelte langsam den Kopf.
– O glauben Sie mir, liebe Marianne: ich lache nicht; es ist nur einfach die Wahrheit, was ich Ihnen gesagt. Ihr russischen Frauen seid jetzt schon besser und werktätiger, als wir Männer!
Marianne hob die Augen empor.
– Ich möchte Ihre Erwartungen rechtfertigen, Ssolomin . . . dann aber – dann meinetwegen sterben!
Ssolomin erhob sich.
– Nein, Sie sollen leben . . . leben! Das ist die; Hauptsache – Was ich Sie noch fragen wollte: möchten Sie nicht vielleicht erfahren, was jetzt in dem Hause, aus welchem Sie geflohen, vor sich geht? – Ob nicht Maß- regeln irgend welcher Art ergriffen werden? Ich brauche Paul nur ein Wörtchen zu sagen – im Augenblick hat er Alles erfahren.
Marianne staunte.
– Was das für ein ungewöhnlicher Mensch ist!
– Ja ein ziemlich bemerkenswerther Mensch. – Wenn Sie sich vielleicht mit Alexei trauen lassen wollen, so wird er auch mit Sossima Alles abmachen . . . Erinnern Sie sich, ich sagte Ihnen ein Mal, daß hier in der Nähe ein Priester dieses Namens sei? . . . Es ist aber – gegenwärtig – noch nicht nöthig! Nicht wahr?
– Nein.
– Wenn nicht – dann also nicht. – Ssolomin trat an die Thür, welche Mariannen’s und Neshdanow’s Zimmer von einander trennte, und beugte sich zum Schlosse herab.
– Wonach sehen Sie? – fragte Marianne.
– Ob der Schlüssel schließt.
– Ja, er schließt – flüsterte Marianne.
Ssolomin wandte sich um. – Marianne hatte die Augen niedergeschlagen.
– Es ist also nicht nöthig nachzuforschen, was Ssipjagin setzt zu thun beabsichtigt? – fragte er heiter, – es ist nicht nöthig?
Ssolomin wollte gehen.
– Wassili Fedotitsch . . .
– Was wünschen Sie? .
– Sagen Sie mir, bitte, wie kommt es, daß Sie, der Sie sonst so schweigsam, mir gegenüber so gesprächig sind? Sie glauben nicht, wie mich das freut.
– Wie es kommt? – Ssolomin nahm ihre beiden kleinen, weichen Hände in seine großen, rauhen Hände. – Wie es kommt? – Nun, wahrscheinlich, weil ich Sie sehr lieb habe. Leben Sie wohl.
Er verließ das Zimmer . . Marianne blieb in Gedanken versunken stehen und blickte ihm nach, – dann ging sie zu Tatjana, die noch keine Zeit gehabt, ihr die Theemaschine zu bringen, trank mit ihr Thee, wusch aber auch die schmutzigen Töpfe, rupfte Geflügel – und kämmte sogar einem grindigen Knaben das Haar.
Um die Mittagszeit war sie wieder in ihrer kleinen Wohnung. Bald darauf erschien auch Neshdanow. Er kehrte müde, mit Staub bedeckt zurück und – sank gleich in den Divan. Marianne setzte sich zu ihm. – Nun, wie ist’s Dir ergangen? Erzähle!
– Kennst Du den Vers: – begann er mit matter Stimme;
»Es wäre dies wohl herzlich komisch —
»Wenn es nicht gar so traurig wär! . . .
– Erinnerst Du Dich?
– Gewiß, natürlich.
– Dieser Vers charakterisirt vortrefflich mein erstes Debüt. – Doch nein! Es war entschieden mehr komisch als traurig. Denn erstens habe ich mich überzeugt, daß nichts leichter ist, als eine fremde Rolle zu spielen: es ist Niemandem eingefallen, mich für verdächtig zu halten. Eins hatte ich jedoch nicht bedacht: ich hätte vorher irgend eine Geschichte ausdenken müssen denn Alle fragen: woher und weshalb? – und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Uebrigens ist auch dieses im Grunde unnütz. Ein Gläschen Branntwein in der Schenke – und lüge, so viel Du Lust hast!
– Und Du hast auch . . . gelogen? – fragte Marianne.
– Ja . . . so gut ich konnte. – Zweitens: Alle, Alle ohne Ausnahme, mit denen ich gesprochen, – sind unzufrieden; aber Niemand denkt auch nur daran, wie dieser Unzufriedenheit abzuhelfen wäret – In der Propaganda aber – da bin ich gänzlich durchgefallen; zwei Broschüren habe ich einfach heimlich liegen lassen, – eine in einen Karren gesteckt . . . Was da herauskommen wird – das weiß Gott im Himmel allein! – Vier Personen habe ich ferner Flugschriften angeboten. Der Eine fragte, ob es ein religiöser Büchlein sei – und nahm es nicht; der Zweite sagte, daß er nicht zu lesen verstehe, nahm das Büchlein aber – für seine Kinder, wegen des Bildchens auf dem Titelblatte; der Dritte, der schien mir zuerst Beifall zu brummen: – »recht, recht . . .« dann überhäufte er mich unerwarteter Weise mit Schimpfreden – und nahm es auch nicht; der Vierte endlich nahm eins entgegen und dankte mir viel mal; – wie mir scheint, hat er aber gar nichts von dem verstanden, was ich ihm gesagt. Außerdem hat mich ein Hund in’s Bein gebissen; ein altes Weib drohte mir an der Schwelle ihres Häuschens mit der Ofengabel: »Du elender Lump! – Moskauer Taugenichts! – Ihr scheint wie das Unkraut zu sein, das niemals vergeht!« – Ein alter Soldat schrie mir immer ganz laut nach: »Warte nur, mein Lieber, warte nur, wirst die Patrone schon riechen, warte nur!« – Und es war mein eigenes Geld, wofür er sich betrunken!
– Und was noch?
– Was noch?
– Ich habe mir den Fuß wund gerieben; der eine Stiefel ist viel zu groß. Dann habe ich Hunger – und dann brummt mir der Kopf von dem Branntwein.
– Hast Du denn viel getrunken?
– Nein, nicht viel – nur um mit gutem Beispiel voranzugehen. Doch bin ich in fünf Schenken gewesen. Aber ich kann dieses Zeug nicht vertragen. Es ist mir unerklärlich, wie unser Volk diesen Branntwein trinken kann. Wenn man Branntwein trinken muß, um sich »zu vereinfachen« – dann danke ich ergebenst.
– Und es hat Dich Niemand verdächtig gefunden?
– Niemand. – Ein dicker, blasser Schenkwirth mit weißen Augen war der einzige Mensch, dem ich verdächtig schien. Ich hörte, wie er zu seiner Frau sagte: »Paß mal auf diesen Rothhaarigen da – den Schielenden« . . . Bis dahin hatte ich gar nicht gewußt, daß ich schiele. »Das ist – ein Vagabund. Sieh mal an, wie dick er trinkt.« – Was in diesem Falle »dick« bedeutete, habe ich nicht verstanden, ein Lob wird es wohl nicht gewesen sein. Vielleicht hatte er bemerkt, daß ich mich bemühte, im Stillen den Branntwein unter den Tisch zu gießen! Wie schwer, wie unendlich schwer fällt einem Aesthetiker die Berührung mit dem wirklichen Leben!
– Ein anderes Mal wird es besser gehen – tröstete ihn Marianne – ich freue mich jedoch, daß Du Deinen ersten Versuch von der humoristischen Seite auffaßt . . . Du hast im Grunde gewiß keine Langeweile verspürt?
– Nein, es hat mich sogar amüsirt. Aber ich weiß, daß ich jetzt daran denken werde – und es wird mich anwidern und mich traurig machen.
– Nein, nein! Du darfst nicht traurig sein – ich werde Dir erzählen, was ich unterdessen gethan habe. Man wird uns gleich das Mittagsessen bringen; weißt Du, daß ich den Topf sehr gut ausgewaschen, in welchem uns Tatjana die Kohlsuppe gekocht hat? Und ich werde Dir Alles erzählen, Alles . . . bei jedem Stück, das Du in den Mund nimmst.
So that sie auch. Neshdanow hörte ihr zu – und sah sie ununterbrochen an so daß sie ein paar Mal innehielt, um ihn zu fragen, weshalb er sie so ansähe . . . Er schwieg jedoch.
Nach dem Mittagessen schlug sie vor, ihm aus einem Roman von Spielhagen vorzulesen. Kaum war sie jedoch bis an’s Ende der ersten Seite gekommen, als er plötzlich aufsprang – und zu ihren Füßen niedersank. Sie erhob sich, er umfaßte ihre Knie – und stammelte leidenschaftliche, zusammenhangslose, verzweiflungsvolle Worte: »Er wolle sterben, er wisse, daß er bald sterben werde! . . .« – Sie regte sich nicht, sie widerstrebte nicht; ruhig fügte sie sich seiner stürmischen Umarmung, ruhig, sogar freundlich blickte sie aus ihn herab. Sie legte beide Hände auf sein, in den Falten ihres Kleides sich bergendes Haupt. Aber eben diese Ruhe wirkte stärker auf ihn, als wenn sie ihn zurückgestoßen hätte. Er stand auf und sagte: »Vergieb mir, Marianne, was heute und gestern geschehen; wiederhole mir, daß Du warten willst, bis ich Deiner Liebe werth geworden – und vergieb mir!«
– Ich habe Dir mein Wort gegeben . . . und verstehe es nicht, meine Meinung zu ändern.
– Ich danke Dir; leb’ wohl.
Neshdanow ging hinaus; – Maxime schloß sich in ihr Zimmer ein.
Dreißigstes Capitel
Zwei Wochen darauf saß Neshdanow in demselben Zimmer über seinen kleinen dreibeinigen Tisch gebeugt und schrieb bei dem spärlichen Schein eines Talglichts an seinen Freund Ssilin. Mitternacht war längst vorüber. Auf dem Divan, auf dem Boden lagen die in der Eile abgeworfenen, beschmutzten Kleider; ein feiner Regen schlug draußen ununterbrochen an die Fensterscheiben – ein breiter, warmer Wind lief in großen Seufzern über das Dach dahin.
»Liebe: Wladimir, ich schreibe Dir, ohne meine Adresse zu nennen – und werde den Brief sogar auf eine entfernte Poststation schicken, denn, mein Hiersein – ist ein Geheimniß, und dies Geheimniß verrathen, hieße nicht mich allein dem Untergang weihen. Es mag Dir genügen, wenn ich Dir sage, daß ich zusammen mit Marianne schon seit zwei Wochen auf einer großen Fabrik lebe. Ein Freund hat uns hier bei sich aufgenommen: ich werde ihn Wassili nennen. Er ist die Hauptperson auf der Fabrik – ein vortrefflicher Mensch. Wir halten uns nur vorübergehend hier auf, bis es Zeit ist, zur That zu schreiten; nach dem:jedoch zu schließen, was bis jetzt geschehen ist, – wird diese Zeit wohl kaum jemals kommen! Mir ist das Herz so schwer, Wladimir, so schwer! Ich muß Dir vor Allem sagen, daß, wenn wir, Marianne und ich, auch zusammen entflohen sind, wir doch – wie Bruder und Schwester zu einander stehen. Sie liebt mich und hat mir gesagt, daß sie mein sein wird – wenn ich das Recht in mir fühle, es zu fordern.
»Wladimir, dieses Recht fühle ich nicht in mir! Sie glaubt mir, glaubt an meine Ehrlichkeit – und ich will sie nicht belügen. Ich weiß, daß ich Niemanden mehr geliebt habe und mehr lieben werde – (dieses Letztere ist sicher l) – als sie. Und doch! Darf ich ihr Schicksal an das meinige ketten! Ein lebendes Wesen – an eine Leiche? – Und wenn auch nicht an eine Leiche – so doch an ein halbtodtes Geschöpf? – Und das Gewissen? – Du sagst vielleicht: wäre die Leidenschaft mächtig – so schwiege das Gewissen. – Aber das ist es ja eben, daß ich eine Leiche bin; eine ehrliche, wohlintentionirte Leiche, wenn Du willst. – Sprich mir nicht davon, ich bitte Dich, daß ich immer übertreibe . . . Alles, was ich Dir sage – ist wahr! wahr! – Marianne – ist eine concentrirte Natur und geht ganz auf in der Arbeit, an die sie glaubt. Und ich!
»Doch – lassen wir Liebe und persönliches Glück – und Alles, was damit im Zusammenhange steht. – Seit zwei Wochen gehe ich täglich »in das Volk« – und wahrlich, ich versichere Dich, Du kannst Dir nichts Dümmeres vorstellen. Die Schuld liegt natürlich an mir selbst – nicht etwa an der Sache. Ich gehöre freilich nicht zu den Slavophilen, nicht zu Denen, welche sich einbilden, daß die bloße Berührung mit dem Volke gesund macht; ich drücke es nicht an den kranken Leib, wie eine Leibbinde aus Flanell . . . ich möchte selbst auf dasselbe einwirken; – aber wie?? – Wie soll man es anfangen? Thatsache ist, daß, wenn ich unter dem Volke bin, ich mich immer an dasselbe schmiege – und es beobachte – wenn ich aber selbst etwas sagen soll – so bringe ich nichts Gescheidtes hervor! Ich fühle selbst, daß ich nicht dazu tauge. Ich komme mir vor wie ein schlechter Schauspieler in einer fremden Rolle. Dann noch, recht zur Unzeit, die Gewissenhaftigkeit, der Skeptizismus – und sogar jener klägliche, gegen sich selbst gerichtete Humor . . . Keinen Heller ist dies Alles werth! – Es ekelt mich, daran zu denken, auf die Lumpen zu blicken, die ich an mir trage, – auf diese Maskerade, wie Wassili es nennt! – Manche behaupten, daß man zuerst in die Sprache des Volkes eindringen, die Sitten, die Gebräuche desselben kennen lernen müsse Unsinn! Unsinn! Unsinn! Man soll nur glauben an das, was man spricht – und dann kann man sprechen, was man will! Ich habe ein Mal unter den Raskolniks der Predigt eines ihrer Propheten gelauscht. Der Teufel weiß, was er da zusammengefabelt hat, was das für ein Gemisch von Kirchensprache, Schriftsprache und Volksidiom war, und nicht einmal russischen, sondern weiß- russischen Volksidiom. Und immer dieselben Wendungen und Ausdrücke, dasselbe hartnäckige, trotzige Gemurmel – gerade wie ein balzender Auerhahn im Frühjahr. – »Der Geist hat mich erfaßt . . . Der Geist hat mich erfaßt« . . . Desto feuriger aber glänzten die Augen, die Stimme klang dumpf und fest, die Fäuste hatte er geballt – eine Figur wie von Eisen! Die Zuhörer verstanden ihn nicht – aber sie waren voll Andacht und folgten ihm nach. – Wenn ich aber zu sprechen anfange, so ist es immer, als ob ich, ein Schuldiger, Alle um Verzeihung anflehte. – Ich könnte Raskolnik werden – wahrhaftig; viel Weisheit steckt gerade nicht darin, – aber wo soll man den Glauben hernehmen, den Glauben!!! Marianne freilich – die glaubt. Am frühen Morgen arbeitet sie schon, plagt sich ab bei Tatjana – es ist hier ein Weib dieses Namens, ein gutes und durchaus nicht dummes Wesen; sie sagt unter Anderem von uns, daß wir uns »vereinfachen« wollen und daß wir »vereinfachte« Leute seien; – bei diesem Weib also müht sich Marianne ab, und ist keinen Augenblick unthätig – eine echte Ameise! Sie freut sich, daß ihre Hände roth und schwielig geworden, und denkt nur daran, wie sie, wenn es nöthig sein sollte, ihren Kopf sogleich auf den Block legen würde. – Wenn ich aber von meinen Gefühlen mit ihr zu sprechen anfange – so ist es mir, als ob ein Gefühl der Scham in mir ausstiege, als ob ich meine Hand nach fremdem Gut ausstreckte; und dann dieser Blick . . . o, dieser so unendlich ergebene, widerstandslose Blick! . . . »Nimm mich hin, ich bin Dein . . . doch sei eingedenk! . . . Aber wozu denn auch? Giebt es denn nichts Besseres, nichts Größeres in der Welt?« – Mit anderen Worten: nimm den stinkenden Kittel, geh’ in’s Volk . . . Und so gehe ich denn in das Volk. . .
»O wie ich ihr fluche, dieser Nervosität, dieser übertriebenen Empfänglichkeit für jeden äußeren Eindruck, dieser feinfühligen Natur, dem Erbe meines aristokratischen Vaters! Welches Recht hatte er, mich mit Organen in das Leben hinauszustoßen, welche den Kreisen, in denen ich mich zu bewegen habe, so fremd sind? Einen Vogel zu schaffen – und ihn in das Wasser zu schleudern? Einen Aesthetiker – und ihn in den Koth zu stoßen? Einen Demokraten, einen Volksfreund, dem schon von dem bloßen Geruch des garstigen Fusels zum Erbrechen übel wird? . . .
»Da sieh, wozu ich mich habe hinreißen lassen: meinen Vater zu schmähen! – Und ein Demokrat bin ich ja doch nur aus mir selbst geworden, was kann denn mein Vater dafür!
»Ja, Wladimir, mir geht’s schlecht! Es kommen jetzt graue; häßliche Gedanken über mich! – Ist es denn wirklich möglich, wirst Du fragen, daß mir im Verlauf dieser zwei Wochen nichts Freudiges begegnet, daß ich auf keinen einzigen guten Menschen voll Leben und Eifer gestoßen wäre, wenn dieser Mensch auch noch im Dunkeln säße. – Was soll ich Dir sagen? – Etwas Aehnliches ist mir wohl vorgekommen. . . Ich habe sogar einen sehr guten, prächtigen, tüchtigen Burschen gefunden – aber so eifrig ich mich auch an ihn machte, meine Broschüren nahm er nicht! Ein Fabrikarbeiter, Namens Paul – (Wassili’s rechte Hand, ein überaus gescheidter und schlauer Kopf . . . ich habe Dir, glaube ich, von ihm bereits geschrieben) – der hat hier unter den Bauern einen Freund, der Jelisar heißt . . . gleichfalls ein heller Kopf . . . und eine freie, unverfälschte Seele; wenn er aber mit mir allein bleibt – so ist es, als ob eine Wand zwischen uns stände! – aus jeder seiner Mienen spricht ein entschiedenes »Nein!« Dann habe ich noch einen Anderen getroffen einen von Denen übrigens, die keinen Spaß verstehen. – »Laß ab, Herr, von den vielen Worten,« sagte er mir, »und antworte mir gerade heraus: Wirst Du mir Dein ganzes Land geben, so wie es ist, oder nicht?« – »Was sprichst Du da,« versetzte ich, – »was bin ich für ein Herr!« (Und fügte noch, wie ich mich erinnere, hinzu: Gott mit Dir!). – »Wenn Du also ein Bauer bist,« antwortet er – »was hab’ ich von Dir und wozu all’ die Reden? Sei so gut, mich ungeschoren zu lassen!«
»Was ich noch sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß wenn Einer mir mit Vergnügen zuhört und auch gleich die Bücher nimmt – so geht’s bei ihm zum einen Ohr hinein und zum andern wieder heraus. Oder man stößt auf irgend einen Schönsprecher, auf einen von den Gebildeten, der nichts versteht, als immer nur sein Lieblings-Wort zu wiederholen. So hat mich einer z. B. ganz matt gemacht mit seinem ewigen: »Fabrizirung! « – Was man ihm auch sagen mag, auf Alles hört man immer nur die eine Antwort: »also – so zu sagen – eine Fabrizirung!« – Hol’ Dich der Teufel!,– Noch eine Bemerkung Erinnerst Du Dich, einst – vor langer Zeit – wurde so viel von den »überflüssigen« Menschen, von den Hamletnaturen gesprochen? – Denke Dir: solche »überflüssige« Menschen findet man Jetzt auch unter den Bauern! – Mit anderer Färbung natürlich und dabei meist mit Anlage zur Schwindsucht. Interessante Subjekte – und lassen sich auch gern zu uns herüberziehen; aber zum Handeln taugen sie nichts – ebensowenig wie die früheren Hamletnaturen. Was soll man nun machen? – Eine geheime Typographie eröffnen? Aber an Büchern ist ja kein Mangel, sowohl an solchen, in denen es heißt: »bekreuzige Dich, und nimm das Beil, – als auch an andern, in denen gesagt wird: »nimm einfach das Beil.« Tendenziöse Erzählungen aus dem Volksleben schreiben? Man wird sie nicht drucken wollen. – Oder wirklich das Beil ergreifen? . . . Aber gegen wen, mit wem, wozu? – Damit Dir der Kronssoldat aus der Kronsflinte eine Kugel durch den Kopf jagt? Das wäre ja nur ein verwickelter Selbstmord! Dann mache ich lieber selbst meinem Leben ein Ende. Weiß ich dann doch wenigstens, wann und wie es geschehen wird – und kann mir selbst die Stelle aussuchen, welche von der Kugel getroffen werden soll!
Wahrhaftig, wenn es jetzt irgendwo einen Nationalkrieg gäbe, so würde ich hinziehen – nicht um Jemand zu befreien (Andere befreien, wenn die Eigenen noch nicht frei sind!!) – sondern um ein Ende mit mir zu machen . . .
»Unser Freund Wassili, der uns hier aufgenommen hat, ist ein glücklicher Mensch: er gehört zu unserer Partei – besitzt aber eine merkwürdige Ruhe. – Er hat keine Eile. Einen Andern würde ich deßhalb schelten . . .hm aber kann ich nicht zürnen. Und so ergiebt es sich, daß der Schwerpunkt nicht in der Ueberzeugung liegt, sondern im Charakter. Wassili ist aus einem Guß; der hat keine Ritze, wo man ihm beikommen könnte. – Da hat er denn auch Recht. – Er sitzt oft und lange bei uns, bei Marianne. – Und was besonders merkwürdig ist! Ich liebe sie und sie liebt mich (ich sehe wie Du bei diesen Worten lächelst, aber bei Gott – es ist so, wie ich sage); – und doch weiß ich fast nichts, worüber ich mit ihr sprechen kann. – Mit ihm aber disputirt sie, und unterhält sich und hört ihm zu. – Ich bin nicht eifersüchtig auf ihn; – er will ihr eine Stelle suchen – sie hat ihn wenigstens darum gebeten; – aber bitter wird es mir ums Herz, wenn ich die Beiden ansehe. Und denke Dir: ich brauchte ja nur ein Wörtchen über unsere Heirath fallen zu lassen – sie würde gleich einwilligen – und Sossima, der Priester, erschiene auf der Scene – »Frohlocke, Jesaias!« – und es würde Alles sein, wie es sich gehört. Es würde mir jedoch nicht leichter werden nach diesem Schritt – und es würde Alles bleiben wie es ist. . . Kurz und klein hat mich das Leben zugeschnitten, lieber Wladimir, wie unser Bekannter zu sagen pflegte – erinnerst Du Dich? – jener ewig betrunkene Schneider – wenn er sich über seine Frau beklagte.
»Ich fühle übrigens, daß es nicht mehr lange so fortgehen wird. Ich fühle, daß etwas im Anzuge ist. . .
»Habe ich denn nicht selbst bewiesen und gefordert, daß man »vorgehen« müsse? – Nun, so wollen wir auch vorgehen. »Ich erinnere mich nicht, ob ich Dir von meinem andern Bekannten, dem Verwandten Ssipjagin’s, geschrieben. Der ist am Ende im Stande, einen solchen Brei einzurühren, daß ihn Niemand aufzuessen vermag.
»Ich wollte bereits schließen – aber – es ist nun ein Mal so! Ich wehre mich, ich will nicht dichten – und endige doch damit, daß ich Verse niederschreibe! Mariannen lese ich meine Gedichte ungern vor – sie findet wenig Gefallen daran; Du aber . . . Du lobst doch zuweilen, und namentlich wirst Du gegen Niemand davon sprechen. Ich bin betroffen über eine Erscheinung, die ganz Rußland gemein ist. . . Da sind sie übrigens, diese Verse:
Der Schlaf
Schon lange war ich nicht im theuren Vaterland. . .
Doch fand ich nicht, daß merklich sich’s verändert hätte.
Derselbe Stillstand ohne Leben, Sinn, Verstand,
Hier Bauten ohne Dach, dort eine Trümmerstätte,
Und Schmutz, Gestank, und Armuth, Wehmuth, Langewei’l!
Im Volk auch fand denselben Sklavensinn ich wieder. . . .
Frei ist der Bauer nun, und doch – nicht war’s zum heil,
Denn schlaff und matt hängt auch die freie Hand hernieder.
Ja Alles, Alles, wie zuvor . . . Darin jedoch
Sind wir voraus Europa, Asien, allen Landen. . .
Daß ein so fürchterlicher Schlaf wohl niemals noch
Die trauten Vaterlandsgenossen hielt in Banden!
Ja, Alle schlafen rings umher: in Dorf und Stadt,
In Karten, Schlitten, Tags und Nachts, und stehend, sitzend . . .
Es schläft der Kaufmann, der Beamte, der Soldat
In Schnee und Sonnengluth, sich aus die Flinte stützend!
Der Dieb, der Richter schläft – und schläft sich niemals aus;
Der Bauer schläft beim Pflügen, Mäh’n, in allen Lagen,
Und Väter, Mütter schlafen und das ganze Haus,
Und wer die Andern schlägt, und wer selbst wird geschlagen!
Es schläft allein die Schenke nicht – und in der Hand
Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen,
Die Füße an den Kaukasus, o Vaterland,
So schläfst Du, heil’gnes Rußland, fest und unverdrossen! »
Vergieb mir, Freund; der Brief ist so über alle Maßen traurig, daß ich ihn nicht abschicken wollte, ohne Dir am Schlusse wenigstens etwas Komisches zu schreiben (es werden Dir einige gezwungene Reime ausfallen und noch vieles Andere!). – Wann schreibe ich Dir wieder? Und werde ich Dir überhaupt noch schreiben? Was mir auch geschehen mag, ich bin überzeugt, daß Du nicht vergessen wirst —
Deinen treuen Freund
A. N.
»P.S. – Ja, es schläft unser Volk . . . Mir däucht jedoch, wenn es je durch Etwas zu erwecken ist – so wird es das nicht sein, was wir denken . . .
Nachdem er die letzte Zeile niedergeschrieben, warf er die Feder fort und legte sich mit den Worten: – »Nun – jetzt mußt Du einschlafen und all den Unsinn vergessen, Dichterling!« – nieder . . . aber lange noch floh ihn der Schlaf.
Am andern Morgen weckte ihn Marianne, indem sie durch sein Zimmer zu Tatjana ging; kaum hatte er sich angekleidet, als sie schon wieder zurückkehrte Ihr Antlitz drückte Freude und Unruhe aus.
– Weißt Du, Alex, – begann sie mit aufgeregter Stimme, – man sagt, daß es im Kreise T., nicht weit von hier, schon losgegangen ist!
– Wie? Was ist losgegangen? Wer sagt das?
– Paul.
– Man sagt, daß die Bauern sich erheben, daß sie keine Steuern zahlen wollen und sich zusammenrotten.
– Hast Du es selbst gehört?
– Tatjana hat mir’s erzählt. – Da ist auch Paul. Frag’ ihn selbst.
Paul trat ein und bestätigte Mariannen’s Worte.
– Im Kreise T.sind Unruhen ausgebrochen – das ist richtig! – sagte Paul, das kleine Bärtchen schüttelnd und die glänzenden schwarzen Augen zusammenkneifend – Das ist wohl ein Werk von Ssergei Michailowitsch. Seit fünf Tagen ist er nicht mehr zu Hause gewesen.
Neshdanow griff nach seiner Mütze.
– Wohin eilst Du? – fragte Marianne.
– Dahin, – antwortete er, ohne die Augen zu erheben und mit den Brauen zuckend, – nach T.
– Dann gehe ich mit Dir. Du nimmst mich doch mit? Laß mich nur das große Tuch umlegen.
– Das ist keine Frauensache, – versetzte Neshdanow finster, noch immer mit niedergeschlagenen Augen, als ob er voll Zornes sei.
– Nein . . . nein! . . . Du thust gut daran zu gehen; sonst würde Dich Markelow für einen Feigling halten. . . Und ich folge Dir.
– Ich bin kein Feigling, – rief Neshdanow mit derselben finsteren Miene.
– Ich wollte sagen, daß er uns Beide für feige halten wird. Ich gehe mit Dir.
Marianne ging, um das Tuch zu holen, in ihr Zimmer. Paul aber brummte ganz leise, als ob er die Luft gleichsam einziehe, ein lang gedehntes »E —eh!« vor sich hin und verschwand sogleich, um Ssolomin von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen.
Marianne war noch nicht erschienen, als Ssolomin schon in’s Zimmer trat. Neshdanow stand am Fenster und drückte seine Stirn in die auf der Fensterscheibe ruhende Hand. Ssolomin klopfte ihm auf die Schulter. Er wandte sich hastig um. Ungekämmt, ungewaschen, wie er war, sah Neshdanow setzt wild und sonderbar aus. Ssolomin hatte sich übrigens auch in der letzten Zeit verändert. Sein Gesicht war gelb und lang geworden. . . . die Lippe ließ die oberen Zähne etwas sichtbar werden . . . Er schien gleichfalls in Aufregung zu sein, so weit seine gleichmäßige Natur solcher fähig war.
– Markelow hat es also doch nicht aushalten können, – begann er. – Das kann sehr schlimm enden, erstens für ihn selbst . . . nun, und dann auch für die Andern . . . .
– Ich will gehen und sehen, was da geschehen ist . . . – versetzte Neshdanow.
– Ich auch, – rief die eben über die Schwelle ihres Zimmers tretende Marianne.
Ssolomin wandte sich langsam zu ihr um.
– Ich würde Ihnen nicht dazu rathen, Marianne. – Sie könnten sich selbst verrathen – und uns auch, ganz unwillkürlich – und unnützer Weise – Mag Neshdanow gehen und ein wenig umherspüren, wenn er es durchaus will . . . aber nur ein wenig! – Wozu wollen Sie aber mit ihm gehen?
– Ich will nicht zurückbleiben
– Sie würden ihm die Hände binden.
Marianne blickte auf Neshdanow. Er stand regungslos da mit unbeweglichem, finsterem Antlitz.
– Wenn aber Gefahr da ist? – fragte sie.
Ssolomin lächelte.
– Fürchten Sie nichts . . . wenn Gefahr da ist – werde ich Sie nicht mehr zurückhalten.
Marianne zog schweigend das Tuch vom Kopf – und setzte sich.
Ssolomin wandte sich darauf zu Neshdanow.
– Du aber, Freund, sieh’ Dich dort wirklich ein wenig um. Vielleicht ist Alles übertrieben worden. Aber, – ich bitte Dich, sei vorsichtig – Du fährst ja übrigens mit meinen Pferden. Komm auch so rasch als möglich zurück. Versprichst Du es, Neshdanow? Versprichst Du es?
– Ja.
– Ganz gewiß?
– Es fügen sich Dir ja Alle hier, von Marianne angefangen!
Neshdanow ging hinaus – ohne sich zu verabschieden. Im Dunkel des Korridors aber tauchte plötzlich Paul auf und lief, mit den schweren Stiefelabsätzen klappernd, die Treppe hinab. Ihm hatte Ssolomin befohlen, Neshdanow nach T. zu bringen.
Ssolomin setzte sich zu Marianne.
– Haben Sie die letzten Worte Neshdanow’s gehört?
– Ja; er ärgert sieh, daß ich mehr auf Sie höre, als auf ihn. Und das ist wahr. Ich liebe ihn und gehorche Ihnen. Er ist mir theurer. – Sie aber stehen mir näher.
Ssolomin streichelte ihr leise die Hand.
– Diese Geschichte . . . ist sehr unangenehm, – begann er endlich. – Wenn Markelow in dieselbe verwickelt ist, so ist er verloren.
Marianne fuhr zusammen.
– Verloren?
– Ja. – Er pflegt nichts halb zu thun, und verbirgt sich auch nicht hinter anderer Leute Rücken.
– Verloren! – wiederholte Marianne flüsternd – und Thränen stoßen ihr übers Angesicht. – Ach, Wassili Fedotitsch! er thut mir so leid. Aber weshalb kann er denn nicht triumphiren? Woher muß er denn durchaus zu Grunde gehen?
– Deshalb, Marianne, weil bei solchen Unternehmungen die Ersten immer zu Grunde gehen, selbst wenn sie erfolgreich sind. . . In der Sache, die er unternommen, werden nicht nur die Ersten und Zweiten zu Grunde gehen, sondern auch die Zehnten . . . die Zwanzigsten.
– Wir werden es also nie erleben?
– Das, was Sie denken? – Niemals. Wir werden es mit diesen leiblichen Augen niemals sehen. Mit den geistigen . . . nun, das ist eine andere Sache. Da ergötze man sich sogleich, so viel man will! Da ist keine Controle!
– Warum sehe ich denn auch Sie, Ssolomin. . .
– Was?
– Warum sehe ich denn auch Sie auf demselben Wege?
– Weil es keinen anderen Weg giebt. Das heißt, mein Ziel ist genau dasselbe, welches Markelow im Auge hat; nur sind unsere Wege verschieden.
– Armer Ssergei Michailowitsch! – wiederholte traurig Marianne. Ssolomin streichelte ihr wieder vorsichtig die Hand.
– Nun, beruhigen Sie sich, noch wissen wir nichts Gewisses. Warten wir ab, bis Paul uns weitere Nachrichten bringt. – In unserer Lage heißt es: fest sein. Die Engländer sagen: »Never say die« – Ein gutes Sprichwort. Besser als das russische: »Komm das Unglück, so öffne das Thor!« – Weshalb denn vor der Zeit klagen und sich grämen?
Ssolomin erhob sich.
Die Stelle aber, die Sie mir verschaffen wollten? – fragte Marianne plötzlich. Auf ihren Wangen glänzten noch Thränen – aber aus den Augen war die Traurigkeit geschwunden.
Ssolomin setzte sich wieder.
– Wollen Sie denn wirklich rascher von hier fortkommen?
– O nein! aber ich möchte nützlich sein.
– Marianne, Sie sind uns auch hier in hohem Grade nützlich. Verlassen Sie uns nicht, warten Sie noch. – Was wünschen Sie? – fragte Ssolomin die eben eintretende Tatjana. – (Paul allein wurde von Ssolomin »Du« genannt, und auch nur deshalb, weil Jener höchst unglücklich gewesen wäre, wenn Ssolomin jemals »Sie« zu ihm gesagt hätte.)
– Da fragt ein Wesen weiblichen Geschlechts nach Alexei Dmitritsch – antwortete Tatsana schmunzelnd und mit den Händen gestikulirend; – ich sagte ihm, daß er nicht hier, gar nicht bei uns vorhanden wäre, daß wir gar nicht wußten, wer er sei? – Da hat es aber. . .
– Wer denn: es?
– Eben dieses Wesen weiblichen Geschlechts. – Da hat es hier auf diesem Papier seinen Namen niedergeschrieben und gesagt, daß ich das Papier vorzeigen möge – man würde es dann schon hineinlassen; und wenn Alexei Dmitritsch wirklich nicht zu Hause sein sollte, so könnte es warten.
Auf dem Papier stand mit großen Buchstaben geschrieben: Maschurina.
– Lassen Sie sie eintreten, – sagte Ssolomin. – Es wird Sie nicht geniren, Marianne, wenn sie hierher kommt? Sie gehört ja auch zu uns.
– Nicht im Geringsten, durchaus nicht.
Einige Augenblicke hierauf erschien Maschurina auf der Schwelle der Thür – in demselben Kleide, in welchem wir sie zu Anfang des ersten Capitels gesehen.
Einunddreißigstes Capitel
– Neshdanow ist nicht zu Hauses – fragte Maschurina; als sie darauf Ssolomin erblickte, ging sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. – Guten Tag, Ssolomin! – Auf Marianne warf sie nur einen flüchtigen Seitenblick.
– Er wird bald zurückkommen, – antwortete Ssolomin. – Erlauben Sie mir aber zu fragen, von wem haben Sie erfahren. . .
– Von Markelow. – Es ist übrigens auch in der Stadt einigen Menschen bekannt.
– Wirklich?
– Ja. Es muß Jemand geplaudert haben. – Man soll auch Neshdanow selbst erkannt haben, wie es heißt.
– Da haben wir die Maskerade! – brummte Ssolomin. – Erlauben Sie, daß ich Sie mit einander bekannt mache, – setzte er laut hinzu. – Fräulein Ssinetzky, Fräulein Maschurina! – Setzen Sie sich.
Maschurina nickte kaum merklich mit dem Kopf und setzte sich.
– Ich habe einen Brief an Neshdanow; an Sie aber, Ssolomin, eine mündliche Anfrage.
– Was für eine Anfrage? Und von wem?
– Von der Ihnen bekannten Person . . . Ist hier bei Ihnen . . . Alles fertig?
– Nichts ist bei mir fertig.
Maschurina riß ihre kleinen Aeuglein auf, so weit es überhaupt möglich war.
– Nichts?
– Nichts.
– Ganz entschieden nichts?
– Entschieden nichts.
– Und so soll ichs sagen?
– So sollen Sie sagen.
Maschurina dachte nach und zog eine Cigarette aus der Tasche.
– Darf ich um Feuer bitten?
– Hier ist ein Zündhölzchen.
Maschurina rauchte ihre Cigarette an.
– Das hatte »sie« nicht erwartet, – sagte sie. – Und auch rings umher steht es anders, als bei Ihnen. Uebrigens ist das Ihre Sache. Ich bleibe auch nicht lange hier. Ich mochte blos Neshdanow sehen und ihm einen Brief übergeben.
– Wohin reisen Sie denn?
– In weite Ferne. (Sie reiste eigentlich nach Genf, wollte es ihm jedoch nicht sagen. Er schien ihr nicht ganz zuverlässig und dann war auch eine »Fremde« zugegen. Maschurina, die kaum ein Wort Deutsch verstand, wurde nach Genf geschickt, um dort einer ihr unbekannten Persönlichkeit die Hälfte eines Cartons, mit einem darauf gezeichneten Weintraubenzweige und 279 Rubel einzuhändigen)
– Und wo ist Ostrodumow? Mit Ihnen?
– Nein.
Er ist hier in der Nähe stecken geblieben. Er wird von sich schon hören lassen. Pimen geht nicht verloren. Da braucht man sich nicht zu beunruhigen.
– Wie sind Sie hergekommen?
– In einem Karren. . . Wie denn sonst? Geben Sie mir noch ein Zündhölzchen.
Ssolomin reichte ihr ein brennendes Zündhölzchen.
– Wassili Fedotitsch! – flüsterte plötzlich Jemand hinter der Thür. – Kommen Sie, bitte!
– Wer ist da? Was wollt Ihr?
– Kommen Sie! – wiederholte dieselbe Stimme eindringlich; – es sind fremde Arbeiter gekommen und schwatzen da allerlei, Paul Jegoritsch aber ist fort.
Ssolomin entschuldigte sich, stand auf und ging hinaus. Maschurina richtete nun die Augen aus Marianne und sah sie so lange an, daß diese fast verlegen wurde.
– Verzeihen Sie, – sagte Maschurina plötzlich mit der ihr eigenen rauhen, holperigen Stimme, – ich bin eine einfache Person, ich verstehe nicht . . . so . . . Seien Sie mir nicht böse; wenn Sie nicht wollen – brauchen Sie mir nicht zu antworten. Sind Sie das Mädchen, welches aus Ssipjagin’s Hause entflohen ist?
Marianne wunderte sich über diese Frage, antwortete jedoch:
– Ja.
– Mit Neshdanow?
– Nun ja.
– Erlauben Sie . . . geben Sie mir Ihre Hand. Vergeben Sie mir, bitte. Sie müssen gut sein, wenn er Sie lieb gewonnen hat.
Marianne drückte ihr die Hand.
– Und Sie sind mit Neshdanow gut bekannt?
– Ich kenne ihn. Ich habe ihn in Petersburg gesehen. Daher sage ich es
auch. Ssergei Michailowitsch hat mir auch von ihm gesprochen . . .
– Ah, Markelow! Sie haben ihn unlängst gesehen?
– Ja. Jetzt ist er fort.
– Wohin?
– Dahin, wohin man ihn geschickt hat.
Marianne seufzte- – Ach, Fräulein Maschurina, ich fürchte für ihn.
– Erstens, was bin ich für ein Fräulein? Diese Manieren muß man sich abgewöhnen. Zweitens aber . . . Sie sagen: »ich fürchte.« Auch das taugt zu nichts. Wenn man für sich selbst nicht fürchtet, so wird man auch für die Anderen zu fürchten aufhören. Man soll weder an sich denken, noch für sich fürchten. Das Eines vielleicht . . . das Eine kommt mir in den Sinn: ich, Thekla Maschurina, habe gut reden. Ich bin häßlich. Sie aber . . . Sie sind schön. Es muß Ihnen dies also schwerer fallen (Maschurina schlug die Augen nieder und wandte sich ab.) Markelow sagte mir . . . Er wußte, daß ich einen Brief für Neshdanow bei mir hatte. . . . »Geh Du nicht auf die Fabrik,« – sagte er mir, – »laß den Brief; er wird dort viel Verwirrung anrichten. Laß das. Sie sind so glücklich . . . Mögen sie es bleiben. Störe ihren Frieden nicht!« Ich hätte es ja auch gern gethan aber was mache ich dann mit dem Brief?
– Sie müssen ihn abliefern, durchaus, – versetzte Marianne, – wie er aber gut ist, Ssergei Michailowitsch! Muß er denn wirklich zu Grunde gehen, Maschurina . . . oder nach Sibirien wandern?
– Was ist denn daran? Als ob es unmöglich wäre, auch aus Sibirien zu entfliehen? Und das Leben verlieren?l Nun, dem Einen ist es süß, dem Anderen bitter. Und sein Leben ist gerade nicht – zuckersüß.
Maschurina sah Marianne von Neuem lange mit forschenden, durchdringenden Blicken an.
– Das muß man sagen, Sie sind schön, – rief sie endlich, – wahrhaft, ein Vögelchen! Ich denke – Alexei – kommt noch immer nicht – ob ich nicht Ihnen den Brief übergeben soll? Was soll ich noch lange warten?
– Ich werde ihm denselben abgeben, seien Sie davon überzeugt.
Maschurina stützte den Kopf in die Hand und blieb eine geraume Zeit stumm.
– Sagen Sie, – begann sie, – verzeihen Sie . . . lieben Sie ihn sehr?
– Ja.
Maschurina hob rasch ihren schweren Kopf.
– Nun, ob er Sie gleichfalls liebt – brauche ich nicht zu fragen! Ich will jetzt fahren, denn sonst verspäte ich mich wohl noch gar. Sagen Sie ihm, daß ich hier gewesen . . . daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie Maschurina sei hier gewesen. Werden Sie den Namen nicht vergessen? Nein? Maschurina. Den Brief aber . . . Wo habe ich ihn denn gleich gelassen?
Maschurina erhob sich, wandte sich ab, that, als ob sie in ihren Taschen suchte, führte jedoch rasch das zusammengedrehte Papierschnitzelchen zum Munde und verschluckte es. – Gott im Himmel! Wie das aber dumm ist! Sollte ich ihn verloren haben? Es scheint, daß ich ihn wirklich verloren. Dieses Unglück! Wenn er nur nicht in fremde Hände geräth . . . Nein, ich finde ihn nicht. So ist es doch gekommen, wie Ssergei Michailowitsch es gewünscht hat!
– Suchen Sie ordentlich nach, – flüsterte Marianne.
Maschurina machte eine abwehrende Handbewegung. – Nein! Was soll man da suchen! Er ist verloren! Marianne trat näher an sie heran.
– Nun, so küssen Sie mich!
Maschurina umarmte Marianne plötzlich mit fast männlicher Kraft und drückte sie an ihr Herz.
– Ich hätte es für Niemanden gethan, – sprach sie mit leiser Stimme, – es ist gegen mein Gewissen . . . zum ersten Mall Sagen Sie ihm, daß er vorsichtiger sein möchte. . . Und Sie auch. Geben Sie Acht! Hier wird es bald Allen schlecht, sehr schlecht ergehen. Macht fort, so lange . . . Leben Sie wohl! – setzte sie laut und scharf hinzu. – Und noch eins sagen Sie ihm . . . Nein, es ist nichts nöthig, nichts.
Maschurina ging hinaus und schlug die Thür hinter sich zu; Marianne aber blieb in Gedanken versunken inmitten des Zimmers stehen.
– Was ist denn das? – sagte sie endlich, – dieses Frauenzimmer liebt ihn ja mehr als ich! Und was haben ihre Anspielungen zu bedeuten? Und warum ist Ssolomin fortgegangen und kommt nicht zurück?
Sie begann auf und ab zu gehen. – Ein seltsames Gefühl – eine Mischung von Schreck, Aerger und Verwunderung – bemächtigte sich ihrer. – Warum war sie nicht mit Neshdanow gefahren? – Ssolomin hatte ihr abgerathen . . . wo bleibt er aber? Und was geht hier vor? – Maschurina hat ihr natürlich aus Theilnahme für Neshdanow jenen gefährlichen Brief nicht geben wollen. . . Wie konnte sie sich aber zu solchem Ungehorsam entschließen? – Wollte sie ihre Großmuth zeigen? Mit welchem Recht? Und weshalb war sie, Marianne, durch diese Handlung so gerührt? War sie denn auch wirklich gerührt? – Ein unschönes Frauenzimmer interessirt sich für einen jungen Menschen. . . Ist das im Grunde so ungewöhnlich? Und woraus schließt Maschurina, daß Mariannens Anhänglichkeit an Neshdanow stärker sei als das Gefühl der Pflicht? Vielleicht hätte Marianne dies Opfer gar nicht verlangt? Und was konnte jener Brief enthalten? Die Aufforderung, sofort zur That zu schreiten? Was ist denn daran!!
Aber Markelow! Er ist in Gefahr . . . und was thun wir? – Markelow schont uns, er will uns die Möglichkeit geben, glücklich zu sein, uns nicht trennen zu müssen was ist das? Ist das auch Großmuth . . . oder Verachtung?
Und sind wir denn deshalb aus jenem verhaßten Hause entflohen, um hier zusammen zu bleiben und wie zwei Täubchen zu girren?
So dachte Marianne . . . Immer höher stieg in ihr jene erregte Erbitterung. Auch in ihrer Eigenliebe fühlte sie sich gekränkt. Weshalb haben Alle sie verlassen – Alle? Diese »dicke« Maschurina hatte sie ein Vögelchen, hatte sie eine Schönheit genannt . . . warum denn nicht gerade heraus eine Puppe? – Und warum ist Neshdanow nicht allein gefahren, sondern mit Paul? Als ob er einen Vormund brauchte! Und was hat denn Ssolomin eigentlich für Ansichten? Er ist durchaus kein Revolutionär! Und könnte denn wirklich Jemand glauben, daß sie der Sache nicht ernstlich zugethan sei?
Das waren die Gedanken, die sich in Mariannen’s erhitztem Kopfe drehten und jagten. Die Lippen aneinanderpressend und die Hände nach Männerart kreuzend, sank sie endlich neben dem Fenster auf einen Stuhl, und blieb, ohne sich anzulehnen, unbeweglich auf demselben voll Erwartung, voll Spannung sitzen, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen. Zu Tatjana gehen, bei ihr arbeiten – das wollte sie nicht; sie wollte nur eins: warten! – Und sie wartete, hartnäckig, fast verbissen. – Zuweilen schien ihr selbst die eigene Stimmung seltsam und unbegreiflich. . . Aber es bleibt sich gleich! Ein Mal fuhr es ihr sogar durch den Kopf, ob dies Alles nicht gar Eifersucht sei! Aber der Figur der armen Maschurina gedenkend, zuckte sie nur die Achseln und schlug mit der Hand in die Luft . . . nicht in Wirklichkeit, sondern durch eine, dieser Geste entsprechende, innere Bewegung.
Marianne mußte lange warten: endlich vernahm sie die Schritte zweier Menschen, welche die Treppe hinaufstiegen. Sie heftete den Blick auf die Thür die Schritte näherten sich. – Die Thür ging auf – und Neshdanow, von Paul gestützt, erschien auf der Schwelle. Er war todtenbleich, ohne Mühe; das zerzauste Haar fiel ihm in nassen Büscheln auf die Stirn; die Augen starrten in’s Leere, ohne etwas zu sehen. – Paul führte ihn über’s Zimmer (Neshdanow’s Füße bewegten sich matt und unsicher) und ließ ihn in den Divan sinken.
Marianne sprang auf.
– Was bedeutet das? Was ist ihm? Ist er krank?
Der mit Neshdanow beschäftigte Paul antwortete ihr lächelnd über die Schulter:
– Beunruhigen Sie sich nicht: es wird gleich vorübergehen. . . Es macht das die Ungewohnheit!
– Was ist denn mit ihm? – wiederholte Marianne nachdrücklich ihre Frage.
– Es ist ein kleiner Rausch. – Der Herr hat etwas Branntwein getrunken auf nüchternen Magen, nun, und da ist natürlich . . .
Marianne beugte sich über den in halb liegender Stellung auf den Divan schräge hingestreckten Neshdanow; sein Kopf fiel aus die Brust, die Augen waren wie verschleiert . . . Er roch nach Branntwein: er war betrunken.
– Alexei! – entfuhr es ihren Lippen.
Mit Mühe hob er die schweren Lider und versuchte zu lächeln.
– Ah! Marianne! – stammelte er, – Du sagtest immer: ver . . . verein . . . vereinfachte Leute; – setzt bin ich wirklich vereinfacht. – Denn unser Voll ist immer betrunken . . . folglich . . .
Er verstummte; dann brummte er noch ein paar unverständliche Worte durch die Zähne, schloß die Augen – und schlief ein. – Paul legte ihn sorgsam auf den Divan.
– Beunruhigen Sie sich nicht« Marianne Wikentjewna, – wiederholte er, – er wird jetzt zwei Stündchen schlafen – und wenn er aufsteht, ist er wieder wohl und munter.
Marianne hätte Paul gern gefragt, wie das Alles gekommen; ihre Fragen hätten ihn aber zurückgehalten, und sie wollte allein sein . . . das heißt, sie wollte nicht, daß Paul ihn noch länger in ihrer Gegenwart in diesem widerwärtigen Zustande sähe. Sie wandte sich zum Fenster – Paul aber, der sofort Alles begriff, breitete vorsichtig die Schöße von Neshdanow’s Kittel über dessen Füße, legte ihm ein kleines Kissen unter den Kopf, wiederholte: – es thut nichts! – und entfernte sich aus den Zehen.
Marianne wandte sich um. Neshdanow’s Kopf war 3 tief in das Kissen gesunken; auf dem blassen Antlitz machte sich eine gewisse regungslose Spannung bemerkbar, wie bei einem Schwerkranken.
»Wie ist das geschehen?« – dachte sie.
Zweiunddreißigstes Capitel
Das war aber so geschehen: Als sich Neshdanow zu Paul auf den Karren setzte, gerieth er plötzlich in heftige Aufregung, und begann, sobald sie die Fabrik verlassen hatten und auf der Landstraße auf dem Wege nach T. dahinfuhren, die vorübergehenden Bauern anzurufen und anzuhalten und allerlei kurze, aber ungehörige Reden laut werden zu lassen: – »Was schlaft Ihr denn? Auf! Erhebt Euch! Es ist Zeit! Fort mit den Steuern! Fort mit den Gutsbesitzern!« Die Einen sahen ihn verwundert an; Andere gingen weiter, ohne aus seinen Zuruf zu achten: – sie hielten ihn für einen Betrunkenen; der Eine unter ihnen erzählte sogar zu Hause, daß er unterwegs einen Franzosen gesehen habe, der ihm Etwas zugeschrieen – »unverständliches kauderwälsches Zeug.« – Neshdanow hatte Verstand genug, um einzusehen, wie unsagbar dumm und sogar sinnlos sein Beginnen war; er hatte sich aber bereits so sehr »verrannt,« daß er nicht mehr unterscheiden konnte, was klug und Was dumm sei. Paul gab sich die größte Mühe, ihn zu beruhigen, erklärte ihm, daß es doch nicht angehe, so zu schreien, daß sie bald in einem großen Kirchdorf sein würden: «Weiberquellen,« dem ersten an der Grenze des Kreises T. und daß man dort Erkundigungen einziehen könnte. . . Aber Neshdanow schenkte ihm kein Gehör . . . und doch lag eine gewisse Traurigkeit, ja sogar Verzweiflung auf seinem Antlitz. – Sie hatten ein kleines, rundes, munteres Pferdchen mit beschnittener Mähne auf dem stramm gebogenem Halse; hastig griff es mit den kleinen starken Füßen aus und riß an den Zügeln, als ob es dringende Eile habe und unentbehrliche Leute führe. – Unweit des Kirchdorfes »Weiberquellen« bemerkte Neshdanow etwas abseits vom Wege vor einem offenen Kornspeicher eine kleine Schaar von ungefähr acht Bauern; er sprang sogleich vom Karten, lief aus sie zu und sprach wohl fünf Minuten lang, zuweilen plötzlich aufschreiend und heftig mit den Armen gestikulirend. – Die Worte: »Für die Freiheit! Vorwärts! Setzen wir unser Leben ein drangen unter vielen andern, weniger verständlichen Worten hell-kreischend aus seiner Brust. Die Bauern, welche ( sich vor dem Kornspeicher versammelt hatten, um zu besprechen, wie man ihn wieder füllen könnte – wenigstens des guten Beispiels halber – (es war ein Gemeinde-speicher und folglich leer) – starrten ihn an und schienen ihm mit großer Aufmerksamkeit zuzuhören; es hatte jedoch schwerlich Einer unter ihnen etwas davon begriffen, denn als er endlich, nachdem er ihnen noch zum letzten Mal das Wort: Freiheit! zugeschrieen, fortstürzte, sagte einer von den Bauern, gerade der scharfsichtigste, indem er melancholisch den Kopf schüttelte: »Was für ein strenger Herr!« – ein Anderer aber bemerkte: »Es ist wohl irgend Jemand von der hohen Obrigkeit!«, – worauf der Scharfsichtige erwiderte: »Natürlich – er wird sich doch nicht umsonst die Kehle ausschreien. – Wie unser Geld jetzt tanzen wird!« – Und auch Neshdanow selbst dachte, als er wieder auf den Karten sprang und sich neben Paul setzte: »Gott! was für ein Unsinn! – Aber es weiß ja Niemand unter uns, wie man das Volk eigentlich aufwiegeln muß – es kann ja auch so richtig sein! – Jetzt ist nicht Zeit darüber nachzudenken! Vorwärts! Das Herz ist wie zusammengeschnürt! Mag’s sein!«
Sie kamen in’s Kirchdorf. Auf der Hauptstraße desselben drängte sich vor der Schenke eine ziemliche Menge Volks. Paul wollte Neshdanow zurückhalten, er sprang jedoch pfeilschnell vom Karten herunter und stürzte sich mit dem Klageschrei »Brüder!« in den Volkshaufen. . . Die Bauern traten ein wenig auseinander und Neshdanow begann von Neuem zu predigen, ohne Jemand dabei anzusehen, als ob er sich ärgere und fast weinte. Das Resultat war hier jedoch ein anderes, als vor dem Kornspeicher. Ein großmächtiger Bursche mit bartlosem, aber wildem Gesicht, in einem kurzen, beschmutzten Halbpelz, hohen Stiefeln und mit einer Schafsmütze auf dem Kopf, trat an Neshdanow heran, schlug ihm, weit ausholend, aus die Schulter und rief mit lauter, weithallender Stimme: – »Gut! Bist ein prächtiger Kerl! – doch halt! weißt Du denn nicht, daß der trockene Löffel den Mund wund brennt?Komm her! Hier ist’s besser sprechen.« – Er zog Neshdanow in die Schenke; der ganze Haufe stürzte ihnen nach. – »Micheitsch!« – schrie der Bursche, – »nun, gieb mal her – meinen geliebten Humpen – für zehn Kopeken! Ich traktire hier einen Freund! Wer er ist und wo er herkommt – das weiß der Teufel! – Auf die Adeligen aber schimpft er meisterhaft!« – Trinke!« – wandte er sich zu Neshdanow und füllte ein von außen « nasses, wie beschwitztes schweres Glas; – »trinke, wenn Dir unser Leid wirklich am Herzen liegt!« – »Trinke!« – schrien die Anderen. – Neshdanow ergriff den Humpen (er wußte nicht mehr recht, was er that), rief: »Auf Euer Wohl, Bruder!« und leerte den Humpen auf einen Zug. – Huh! – Er hatte ihn mit demselben Muth der Verzweiflung geleert, mit dem er sich im Sturm auf eine Batterie oder gegen die feindlichen Bajonnette geworfen haben würde. . . . Was war aber mit ihm geschehen? Er schien einen plötzlichen Schlag zu empfinden längs dem Rücken bis in die Füße hinab, ihm brannte die Kehle, die Brust, der Magen, Thränen drangen ihm in die Augen. . . Ein Schauder des Widerwillens durchzuckte seinen Körper – den er kaum zu bewältigen vermochte. Er begann laut zu schreien, um diesen Widerwillen zu betäuben. – Es wurde in der dunklen Schenkstube plötzlich so schwül, so eng, so klebrig-heiß; und wie überfüllt sie war! – Neshdanow fing nun zu reden an, zu schreien, mit Leidenschaft, ja mit Raserei zu schreien, auf breite hölzerne Handflächen dreinzuschlagen, schmutzige feuchte Bärte zu küssen. . . Auch der großmächtige Bursche im Halbpelz küßte ihn – und hätte ihm dabei fast die Rippen gebrochen. Dieser Bursche erwieß sich grader als ein Wütherich. – »Den Hals schneide ich ab!« – brüllte er, – »den Hals schneide ich einem Jeden ab, der unser Einen beleidigt! – Oder ich zerschmettere ihm das Hirn. . . Wie er mir winseln soll! Mir ist’s ein Leichtes: bin ich doch Fleischer gewesen; – ich weiß sehr gut, wie dergleichen gemacht wird!« und dabei zeigte er seine mächtige, rothe, mit Sommersprossen bedeckte Faust. . . Und da – o Gott! – schrie wieder Jemand! »Trinke!« – und Neshdanow stürzte ein zweites Glas mit dem widerwärtigen Gift hinunter. – Dies zweite Glas aber war fürchterlich! Ihm war es, als ob man ihm sein Inneres mit stampfen Haken ausgerissen hätte. – Der Kopf wirbelte ihm – grüne Kreise flimmerten ihm vor den Augen. – Es erhob sich ein furchtbares Getöse, ein Geklimpe! wie von Schellen. . . O Schrecken! Der dritte Humpen. . . Wird er auch den leeren müssen? Kupferrothe Nasen drangen auf ihn ein, bestäubte Haare, eingebrannte Hälse, von Runzeln überdeckte Nacken. – Er fühlte sich von harten Händen angefaßt. – »Zeige Deine Liebe!« kreischten rasende Stimmen. – »Erzähl’ uns! Gestern hat hier ein anderer Fremdling ebenso famos geschwatzt. – Los, Du Hund!« . . . Der Boden schwankte unter Neshdanow’s Füßen. – Die eigene Stimme schien ihm fremd, als ob sie von außen käme. . . Ist das der Tod, oder was?
Und plötzlich . . . das Empfinden frischer Luft im Antlitz – und kein Gedränge mehr, keine rothen Gesichter, kein Dunst von Branntwein, von Schafspelzen, von Theer. Leder. . . Er sitzt wieder neben Paul auf dem Karten; anfangs will er sich losreißen und schreit: »Wohin? Halt! Ich habe ja noch nichts gesagt – man muß ihnen doch Alles auseinandersetzen . . . « dann fügte er aber hinzu: »Was hast Du denn selbst für Ansichten, hinterlistiger Teufel?« – Paul aber antwortet ihm: »Gut wäre es wohl, wenn es keine Herren gäbe und das ganze Land uns gehören würde – was könnte man sich denn Besseres wünschen? – aber ein solcher Befehl ist noch nicht erlassen worden;« – dabei wendet er aber langsam das Pferd zurück, giebt demselben plötzlich mit der Leine einen Schlag auf den Rücken, und jagt in vollem Galopp davon . . . auf die Fabrik.
Neshdanow schlummert – und wird sanft geschaukelt – der Wind aber kühlt ihm so angenehm das Antlitz – und läßt keine bösen Gedanken aufkommen.
Es ärgert ihn nur« daß er sich nicht hat aussprechen können. . . Und wieder fächelt der Wind dem erhitzten Antlitz Kühlung zu.
Dann aber taucht für einen Augenblick Mariannen’s Bild vor ihm auf – ein momentanes, brennendes Gefühl der eigenen Schmach, – und dann – ein tiefer, todtähnlicher Schlaf. . .
Dies Alles hatte Paul später Ssolomin erzählt. Er verhehlte ihm auch nicht, daß er selbst Neshdanow am Trinken nicht gehindert . . . denn sonst hätte er ihn aus aus der Schenke nicht herausschaffen können. Die Andern hätten ihn nicht fortgelassen.
– »Als er aber schon ganz schwach geworden war, da bat ich denn auch recht höflich: »Ihr ehrenwerthen Herren, laßt mir das Bürschlein; Ihr seht, es ist noch blutjung« . . . Nun, da haben sie ihn mir auch gelassen; – gieb aber fünfzig Kopeken Abstandsgeld, riefen sie! – So gab ich sie auch.
– Und hast gut daran gethan. – lobte ihn Ssolomin.
* * *
Neshdanow schlief; Marianne aber saß am Fenster und blickte in den Garten hinab.
– Und seltsam! – Die schlechten, fast bösen Gefühle und Gedanken, welche sie vor der Rückkehr Neshdanow’s und Pauls in solche Aufregung versetzt hatten, waren plötzlich geschwunden; Neshdanow selbst war ihr weder unangenehm noch widerwärtig: sie fühlte nur Mitleid mit ihm. Sie wußte sehr gut, daß er kein liederlicher Mensch, kein Trunkenbold war, und dachte schon daran, ihm beim Erwachen etwas recht Freundliches zu sagen, damit er sich nicht zu sehr schäme und betrübe. »So muß man es machen: er muß selbst erzählen, wie dies Unglück über ihn gekommen ist.«
Sie war ruhig; aber sie war traurig . . . unsäglich traurig. Es war ihr, als ob ein echter Hauch aus jener Welt, zu der sie hinstrebte, sie angeweht habe . . . und sie erschrak vor dieser Rohheit und Finsterniß. – Welchem Moloch wollte sie sich zum Opfer bringen?
Und doch – nein! Es kann nicht sein? Das war zufällig und wird gleich vorübergehen. Es war nur ein momentaner Eindruck, der nur deshalb von so großer Wirkung auf sie gewesen, weil er so unerwartet kam. – Sie stand auf, trat an den Divan, auf welchem Neshdanow lag, trocknete mit ihrem Tuch seine auch im Schlaf qualvoll gerunzelte Stirn, strich sein Haar zurück. . .
Sie fühlte von Neuem Mitleid mit ihm; so bemitleidet eine Mutter ihr krankes Kind. – Es war ihr jedoch etwas peinlich ihn anzusehen – sie ging daher in ihr Zimmer, ließ die Thür aber offen.
Sie nahm keine Arbeit zur Hand, setzte sich wieder, und begann von Neuem zu sinnen. Sie fühlte, wie die Zeit dahin schwand, wie eine Minute nach der anderen verstrich, und es war ihr sogar angenehm dies zu empfinden – das Herz pochte – und wieder begann sie zu warten.
Wo nur Ssolomin bleibt?
Leise knarrte die Thür – und Tatjana trat in’s Zimmer.
– Was wünschen Sie? – fragte Marianne fast ärgerlich.
– Marianne Wikentjewna, – begann Tatjana mit halblauter Stimme. – Hören Sie, was ich Ihnen sagen wollte: Sie müssen sich nicht betrüben! Das kommt ja vor im menschlichen Leben; – und Gott sei Dank, daß – Ich bin nicht im Geringsten betrübt, Tatjana Ossipowna, – unterbrach sie Marianne, – Alexei Dmitritsch ist nicht ganz wohl. Was ist denn dabei!
– Nun, dann ist ja Alles gut! Denn ich sitze und denke: warum kommt meine Marianne Wikentjewna nicht? Was ist ihr geschehen? – Ich würde aber doch nicht zu Ihnen gekommen sein, denn hier ist die Hauptregel: Nicht rühren daran! – Aber da ist hier auf der Fabrik Jemand erschienen – was weiß ich, wer es ist: Ein kleines, lahmes Männlein: ich solle gehen und ihm Alexei Dmitritsch schaffen! – Und wie wunderbare am Morgen fragt dies Weiblein da nach ihm . . . jetzt aber dies lahme Männlein. – Wenn aber, sagt er, Alexei Dmitritsch nicht da sei, so soll ich ihm Wassili Fedotitsch schaffen! – Sonst gehe ich nicht fort von hier, denn, sagt er, es ist eine sehr wichtige Sache. Wir versuchten ihn fortzujagen, wie jenes Weibchen. – Wassili Fedotitsch ist nicht da; . . . jener Lahme sagt aber: ich bleibe hier und werde warten bis zur Nacht. . . . So spaziert er denn auf dem Hof. Kommen Sie hierher, in den Korridor; Sie können ihn aus dem Fenster sehen . . . wissen Sie nicht, was das für ein Herrchen ist?
Marianne folgte Tatjana – sie mußte an Neshdanow Vorübergehen – es fiel ihr wieder die krankhaft gerunzelte Stirn auf und sie fuhr wieder mit dem Tuch über dieselbe. – Durch das verstaubte Fenster erblickte sie den Herrn, von dem Tatjana gesprochen Sie kannte ihn nicht. – In diesem Augenblicke aber bog Ssolomin um die Ecke des Hauses.
Das kleine lahme Männlein ging rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand. – Ssolomin ergriff dieselbe. Er kannte also offenbar diesen Menschen Beide verschwanden.
Jetzt hörte man bereits ihre Schritte auf der Treppe Sie kommen hierher . . .
Marianne kehrte in ihr Zimmer zurück – und blieb in der Mitte desselben, heftig athmend, stehen. – Sie fürchtete . . . was? Sie wußte es selbst nicht.
In der Thür zeigte sich Ssolomin’s Kopf.
– Marianne Wikentjewna, erlauben Sie bei Ihnen einzutreten. Ich habe hier Jemanden mitgebracht, den Sie durchaus sehen müssen.
Marianne nickte nur bejahend mit dem Kopf, und hinter ihm erschien auch sogleich – Paklin.
Dreiunddreißigstes Capitel
– Ich bin ein Freund Ihres Herrn Gemahls, – sagte Paklin, sich tief vor Mariannen verbeugend, als ob er sein durch Aufregung und Schreck entstelltes Gesicht vor ihr verbergen wollte; – ich bin auch ein Freund von Wassili Fedotitsch. Alexei Dmitritsch schläft, er ist unwohl, wie ich gehört habe; ich bringe Ihnen aber leider schlimme Nachrichten, die ich zum Theil bereits Wassili Fedotitsch mitgetheilt habe – in Folge deren einige nothwendige Maßregeln ergriffen werden müssen.
Paklin blieb beständig stecken, weil ihm die Stimme versagte, wie einem verdurstenden Menschen. Die Nachrichten, die er brachte, waren in der That sehr schlimm. Die Bauern hätten Markelow ergriffen und in die Stadt gebracht. Der dumme Tölpel von Commis habe Goluschkin verrathen und dieser sei arretirt worden. Goluschkin seinerseits sei aber im Begriff, Alle und Alles zu verrathen, wolle zur griechischen Kirche übergehen, bringe dem Gymnasium ein Porträt des Metropoliten Philaret dar und habe bereits fünftausend Rubel zur Vertheilung an die »invaliden Krieger« gespendet. Es unterliege keinem Zweifel, daß er Neshdanow verrathen habe; die Polizei könne jeden Augenblick auf die Fabrik kommen. Auch Ssolomin sei in Gefahr. – Was mich betrifft, – fügte Paklin hinzu, – so wundere ich mich, daß ich noch frei umhergehe, obgleich ich mich nie mit Politik abgegeben und auch an keinen Plänen theilgenommen habe! – Ich habe die Vergeßlichkeit oder Fahrlässigkeit der Polizei benutzt, um Sie von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen und mit Ihnen zu berathen, welche Mittel man ergreifen muß . . . um allen Unannehmlichteiten aus dem Wege zu gehen.
Marianne hörte Paklin an bis zu Ende. Sie hatte sich nicht erschreckt – sie war sogar ruhig geblieben . . . Aber es ist wahr, man muß doch etwas unternehmen! – Ihre erste Regung war auf Ssolomin zu blicken.
Er war gleichfalls ruhig, aber seine Lippen zuckten kaum merklich es war das nicht sein gewöhnliches Lächeln.
Ssolomin begriff Mariannens Blick; sie wartete darauf, was er sagen würde, um darnach zu handeln.
– Es ist in der That eine kitzliche Sache, – begann er. – Es wäre, meiner Ansicht nach, nicht schlecht, wenn sich Neshdanow auf einige Zeit verbergen würde. – Wie haben Sie es erfahren, Herr Warum daß Neshdanow hier ist?
Paklin schlug mit der Hand in die Luft.
– Ein Individuum hat mir’s gesagt. Dieses Individuum hatte ihn gesehen, als er in der Umgegend predigend umherging. – Nun, und da ist es ihm denn auch auf die Spur gekommen, wenn auch nicht in schlechter Absicht. – Es ist einer von denjenigen, bei welchen unsere Bestrebungen Anklang finden. – Entschuldigen Sie, – setzte er, sich zu Marianne wendend hinzu, – aber unser Freund Neshdanow war wirklich sehr . . . sehr unvorsichtig.
– Es führt jetzt zu nichts, ihm deswegen Vorwürfe zu machen, – begann wieder Ssolomin. – Schade, daß man sich nicht mit ihm berathen kann; morgen wird er jedoch wieder gesund sein – die Polizei ist aber nicht so rasch, wie Sie voraussetzen. Auch Sie, Marianne, werden sich mit ihm entfernen müssen.
– Gewiß, – antwortete Marianne dumpf, aber fest.
– Ja! – sagte Ssolomin. – Man wird die Sache überdenken müssen, um zu wissen, wie und was man thut.
– Erlauben Sie mir Ihnen eine Idee vorzulegen, – begann Paklin, eine Idee, die mir auf dem Wege hierher durch den Sinn fuhr. Ich muß bemerken, daß ich den Fuhrmann schon eine Werst vor der Fabrik abgelassen habe.
– Was ist das für eine Idee? – fragte Ssolomin.
– Geben Sie mir sogleich Pferde . . . und ich sage zu Ssipjagin’s.
– Zu Ssipjagin’s! – wiederholte Marianne.
– Wozu? – Das werden Sie sehen.
– Kennen Sie ihn denn?
– Nicht im Geringsten! Aber hören Sie! Denken Sie über meine Idee ordentlich nach. Sie scheint mir geradezu genial. – Markelow ist Ssipjagin’s Schwager, der Bruder seiner Frau. Nicht wahr? Wird dieser Herr denn wirklich nichts thun wollen, um ihn zu retten? Und dann – Neshdanow selbst! – Gesetzt auch, daß Ssipjagin über ihn erbittert ist. . . So ist Neshdanow doch immer ein Verwandter von ihm, da er Sie geheirathet hat. Und die Gefahr, die über dem Haupte unseres Freundes schwebt. . .
– Ich bin nicht verheirathet, – bemerkte Marianne.
Paklin fuhr zusammen.
– Wie! Es ist Ihnen trotz der langen Zeit noch nicht möglich gewesen sich trauen zu lassen? – Nun, das thut nichts, – fuhr er fort, – es ist ja auch eine Lüge erlaubt. Es ist ja gleich: Sie werden sich jetzt trauen lassen. – Etwas Anderes auszuhecken ist ja wirklich uns möglich! – Beachten Sie den Umstand, daß Ssipjagin sich bis jetzt noch nicht hat entschließen können, Sie zu verfolgen. Es liegt also eine gewisse . . . Großmuth in seinem Charakter. – Ich sehe, dieser Ausdruck gefällt Ihnen nicht; sagen wir also: ein gewisser Hochmuth. Warum sollen wir uns Dieses in dem gegenwärtigen Falle nicht zu Nutzen machen? Bedenken Sie doch!
»Marianne hob den Kopf und fuhr mit der Hand über das Haar.
– Sie können sich Alles zu Nutze machen, was Sie wollen, Herr Paklin, für Markelow . . . oder für sich selbst, wir aber, Alexei und ich, wir wünschen für uns weder Herrn Ssipjagin’s Schutz noch dessen Fürbitte. Wir haben sein Haus nicht verlassen, um jetzt als Bittsteller an seine Thür zu klopfen. Weder die Großmuth noch der Hochmuth Herrn Ssipjagins oder seiner Frau gehen uns im Geringsten etwas an.
– Das sind – höchst lobenswerthe Gefühle, – antwortete Paklin, – (dachte aber bei sich: »wie sie mich mit kaltem Wasser übergossen hat«) – obgleich andererseits, wenn man bedenkt. . . Ich bin übrigens bereit mich zu fügen. . . Ich werde nur für Markelow sprechen, für unseren guten Markelow! – Ich bemerke nur, daß er ihm nicht blutsverwandt ist, sondern nur durch seine Frau, – während Sie . . .
– Herr Paklin, ich bitte Sie.
– Gut. . . gut! – Doch kann ich nicht umhin mein .
« Bedauern zu äußern, denn Herr Ssipjagin ist ein einflußreicher Mann! . . .
– Und für sich selbst fürchten Sie nicht? – fragte Ssolomin.
Paklin warf sich in die Brust.
– In einem solchen Moment darf man niemals an sich denken! versetzte er stolz. – Und doch hatte er gerade an sich gedacht. Er hoffte (der Arme, der Schwächliche!) unbehelligt durchzuschlüpfen, da Ssipjagin aus Dankbarkeit für den ihm erwiesenen Dienst, für ihn Paklin, wenn es nöthig sein sollte, ein gutes Wort einlegen könnte. – Denn auch er war, – was man auch reden mag, – in die Sache verwickelt, er wußte darum . . . und hatte sogar selbst in derselben Weise geschwatzt, wie die Uebrigen.
– Ich finde, daß Ihre Idee nicht schlecht ist, – sagte endlich Ssolomin – wenn ich auch nicht des Glaubens bin, daß Sie etwas ausrichten werden. Man kann es jedenfalls versuchen. Verderben können Sie ja nichts dabei.
– Natürlich. – Nun – nehmen wir das Schlimmste an: man sagt mich über Hals und Kopf davon. . . Das ist noch kein Unglück!
– Natürlich ist es kein Unglück. . . (»Merci!« dachte Paklin, – Ssolomin aber fuhr fort): – Wie viel Uhr ist es? – Bald fünf. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Pferde werden gleich bereit sein. – Paul!
Statt Paul erschien aber Neshdanow auf der Schwelle der Thür. Schwankend hielt er sich mit der einen Hand an dem Thürrahmen und ließ, machtlos die Lippen öffnend, den getrübten Blick über die Anwesenden schweifen. Er schien nichts zu begreifen.
Paklin trat zuerst an ihn heran.
– Alex! – rief er; – erkennst Du mich nicht?
Neshdanow sah ihn langsam blinzelnd an.
– Paklin! – brachte er endlich heraus.
– Ja, ja; ich bin es. Bist Du krank!
– Ja . . . ich bin unwohl. Aber weshalb bist Du hier?
– Deshalb, weil. . . In diesem Augenblick berührte ihn Marianne sanft am Ellenbogen. Er wandte sich um – und sah, daß sie ihm Zeichen machte. . . Ach ja! – sagte er leise. – Ja . . . wirklich! Siehst Du, Alex, – setzte er laut hinzu, – ich bin in einer sehr wichtigen Angelegenheit hierher gekommen – und fahre gleich wieder fort. . . Ssolomin wird Dir Alles erzählen, und auch Marianne . . . Marianne Wikentjewna. – Beide billigen das, was ich zu unternehmen gedenke. – Es ist eine Sache, die uns Alle betrifft; – doch nein, nein, – verbesserte er sich, – als Antwort auf Mariannen’s Blicke und Bewegungen . . . – Es betrifft nur Markelow, unsern gemeinschaftlichen Freund Markelow – ihn ganz allein. Jetzt aber leb’ wohl! Jeder Augenblick ist kostbar, – leb’ wohl, Freund. . . Wir sehen uns noch. – Wassili Fedotitsch, werden Sie mit mir gehen, um die Pferde zu bestellen?
– Gut. – Marianne, ich wollte Ihnen sagen: seien Sie tapfer! Es ist aber nicht nöthig. – Sie sind – Eine von echtem Schrot und Korn!
– O ja, o ja! – rief Paklin. – Sie sind eine Römerin aus den Zeiten Cato’s! Des Cato Uticensis! Kommen Sie aber, Wassili Fedotitsch, kommen Sie!
– Es hat ja keine solche Eile, – versetzte Ssolomin träge lächelnd. Neshdanow trat ein wenig zur Seite, um die Beiden an sich vorbeizulassen. . . Aus seinen Blicken sprach noch immer derselbe Mangel an Verständniß. Dann machte er ein paar Schritte – und ließ sich langsam Mariannen gerade gegenüber, auf einen Stuhl nieder:
Alexei, – sagte sie zu ihm, – es ist Alles entdeckt; Markelow ist von den Bauern, die er aufzuwiegeln versucht hat, ergriffen worden, und sitzt als Arrestant in der Stadt; ebenso jener Kaufmann, bei dem Du gespeist hast; wahrscheinlich wird die Polizei bald kommen, um auch uns zu holen. – Paklin aber hat sich zu Ssipjagin begeben.
– Wozu? – flüsterte Neshdanow kaum hörbar. Doch wurden seine Augen wieder klar – das Gesicht nahm den gewöhnlichen Ausdruck wieder an. Der Rausch verflog im Moment.
– Um zu sehen, oder nicht Beistand leisten wird.
Neshdanow richtete sich auf. . . – Wem? Uns?
– Nein; Markelow. Er wollte Ssipjagin’s Schuß auch für uns erbitten . . . ich habe es aber nicht gestattet! Habe ich recht gethan, Alexei?
– Ob Du recht gethan! – sagte Neshdanow und streckte ihr, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hände entgegen. – Ob Du recht gethan! – wiederholte er, indem er sie an sich zog, sein Antlitz an ihre Brust drückte, und in Thränen ausbrach.
– Was ist Dir? Was ist Dir! – rief Marianne. Wie damals als er mit beklemmtem Herzen im Drange einer plötzlichen leidenschaftlichen Aufwallung vor ihr in die Kniee gesunken war, so legte sie auch setzt beide Hände auf sein bebendes Haupt. – Was sie jetzt aber fühlte – war nicht mehr dasselbe wie damals. – Damals hatte sie sich ihm ganz hingegeben – hatte sich ihm untergeordnet – und nur darauf gelauscht, was er ihr sagen würde.
– Jetzt bemitleidete sie ihn – und dachte nur daran, wie sie ihn beruhigen könne.
– Was ist Dir! – wiederholte sie. – Warum weinst Du? Doch nicht, weil Du in einem . . . etwas seltsamen Zustande nach Hause gekommen bist? Das kann es nicht sein! – Oder thut Dir Markelow leid – und fürchtest Du für mich, für Dich selbst? Oder sind es unsere Hoffnungen, die Du betrauerst? Du hast ja doch nicht erwarten können, daß Alles glatt abgehen werde.
Neshdanow hob plötzlich den Kopf.
– Nein, Marianne, sagte er und hörte auf zu schluchzen, – ich fürchte weder für Dich, noch für mich. . . Aber leid . . . ist es mir wirklich. . .
– Um wen?
– Um Dich, Marianne! Es schmerzt mich, daß Du Dein Leben an einen Menschen gekettet hast, der Dein nicht werth ist!
– Weshalb denn?
– Wenn auch nur deshalb, weil dieser Mensch in einem solchen Augenblick zu weinen im Stande ist!
– Du selbst weinst ja nicht; es weinen ja nur Deine Nerven.
– Meine Nerven und ich – das ist dasselbe! – Nein, höre, Marianne, sieh’ mir in die Augen: kannst Du mir auch jetzt noch wirklich sagen, daß Du nicht bereust . . .
– Was?
– Mit mir gegangen zu sein?
– Nein!
– Und Du wirst mir folgen? Wohin ich auch gehe?
– Ja?
– Ja. Marianne . . .ja?
– Ja. Ich habe Dir meine Hand gegeben, und so lange Du Der bleibst, den ich lieb gewonnen – werde ich sie nicht zurückziehen.
Neshdanow saß noch immer auf dem Stuhle; Marianne stand vor ihm. Er hatte, seine Hände um ihre Taille geschlungen; die ihrigen lagen auf seiner Schulter.
– »Ja;« »nein« – dachte Neshdanow »wenn es früher geschah, daß ich sie in meinen Armen hielt – so, wie jetzt – blieb sie wenigstens ruhig; jetzt aber, ich fühle es – weicht sie ganz langsam – gegen ihren Willen vielleicht – weicht ihr Körper vor mir zurück!
Er ließ die Hände sinken . . . Und in der That: Marianne wich kaum merklich zurück.
– Das ist’s! – sagte er laut. – Wenn wir nun ein Mal fliehen müssen . . . bevor die Polizei uns überrascht . . . so wäre es nicht schlecht, dünkt mich, wenn wir uns zuerst trauen ließen. An einem anderen Orte finden wir am Ende keinen gefügigen Priester Sossima!
– Ich bin bereit, – versetzte Marianne.
Neshdanow schaute sie aufmerksam an.
– Römerin! – sagte er mit einem Anfluge von häßlichem Lächeln. – Das Gefühl der Pflicht!
Marianne guckte die Achseln.
– Man muß es Ssolomin sagen.
– Ja Ssolomin . . . – wiederholte Neshdanow gedehnt. – Aber auch ihm droht Gefahr. Die Polizei wird auch ihn festnehmen. Es scheint mir, daß er sich auch betheiligt und noch mehr gewußt hat, als ich.
– Das ist mir unbekannt, – antwortete Marianne. – Er spricht nie von sich.
– »Nicht so wie ich!« – dachte Neshdanow. – »Das ist’s, was sie sagen wollte« – Ssolomin . . . Ssolomin! – fuhr er nach einer langen Pause fort. – Siehst Du, Marianne, ich würde nicht um Dich klagen, wenn der Mensch, an welchen Dein Leben für immer geknüpft ist, so wäre, wie Ssolomin . . . oder gar Ssolomin selbst.
– Auch Marianne sah jetzt Neshdanow aufmerksam an.
– Du hattest kein Recht mir das zu sagen, – versetzte sie endlich.
– Ich hatte kein Recht! – Wie soll ich diese Worte verstehen? Soll es heißen, daß Du mich liebst – oder daß ich diese Frage überhaupt nicht berühren durfte?
– Du hattest kein Recht dazu, – wiederholte Marianne.
Neshdanow ließ den Kopf sinken.
– Marianne! – rief er mit etwas veränderter Stimme.
– Was?
– Wenn ich jetzt . . . wenn ich jene Frage an Dich richten sollte, Du weißt! . . . Nein, ich will Dich nichts fragen . . . leb’ wohl!
Er stand auf und begab sich in sein Zimmer; Marianne hielt ihn nicht zurück. Neshdanow setzte sich auf den Divan und bedeckte sein Antlitz mit den Händen. Er fürchtete sich vor den eigenen Gedanken und bemühte sich, nicht zu denken. – Er hatte das Gefühl, als ob eine dunkle, unterirdische Hand ihn an der Wurzel seines Daseins gefaßt habe – und nicht mehr von ihm lassen werde. Er wußte, daß jenes gute, theure Wesen, welches im Nebenzimmer geblieben, nicht zu ihm herauskommen werde; selbst aber hinein zu gehen, hatte er nicht den Muth. Und wozu auch? Was hatte er ihr zu sagen’s
Rasche, feste Schritte veranlaßten ihn, die Augen zu öffnen. Ssolomin schritt übers Zimmer und ging, nachdem er an Mariannen’s Fenster geklopft, zu ihr hinein.
– Ehre, dem Ehre gebühret! – flüsterte bitter lächelnd Neshdanow.
Vierunddreißigstes Capitel
Es war bereits zehn Uhr Abends und Ssipjagin, seine Gemahlin und Kallomeyzew spielten im Gastzimmer des Gutes Arshanoje Karten, als der eintretende Diener die Ankunft eines unbekannten Herrn, eines gewissen Paklin – meldete, der Boris Andreitsch in einer höchst dringenden und wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche.
– So spät! – rief verwundert Valentine Michailowna.
– Wie? – fragte Ssipjagin – und rümpfte seine feine Nase.
– Wie nanntest Du den Herrn?
– Paklin – sagte der Herr.
– Paklin! – rief Kallomeyzew. – So recht ein bäuerlicher Name. – Paklin . . . Ssolomin . . . De vrais ruraux, hein?7
– Und Du sagst, – fuhr Ssipjagin mit gerümpfter Nase, zum Diener gewandt, fort, – daß es eine wichtige, dringende Angelegenheit ist?
– So meinte der Herr.
– Hm . . . Irgend ein Bettler oder Intriguant.
(»Vielleicht auch Beides,« sprach Kallomeyzew dazwischen.) – Es kann sehr leicht möglich sein. Bitt’ ihn in mein Kabinet. – Ssipjagin erhob sich. – Pardon ma bonne. – Spielt unterdessen Ecarté. – Oder wartet auf mich . . . ich komme bald zurück.
– Nous causerons . . . allez! – rief Kallomeyzew.
Als Ssipjagin in sein Kabinet trat und die klägliche, schwächliche, kleine Figur Paklin’s erblickte, der sich zwischen Kamin und Thür demüthig an die Wand gedrückt hatte, bemächtigte sich seiner jenes echt ministerielle Gefühl hochmüthigen Mitleids und ekelvoller Herablassung, welches den Petersburger Würdenträgern so eigenthümlich ist. – »Gott! was für ein unglücklicher Zwerg!« – dachte er, – »und scheint gar zu hinten!«
– Setzen Sie sich! – sagte er laut, indem er die wohlwollendsten Bariton-Klänge seiner Stimme ertönen ließ, anmuthig den zurückgeworfenen Kopf bewegte – und sich vor dem Gaste setzte. – Sie sind ermüdet vom Wege, setzen Sie sich und erklären Sie, was es für eine wichtige Angelegenheit ist, die Sie so spät zu mir führt.
– Ich habe mir, Ew. Excellenz, erlaubt, – begann Paklin, sich vorsichtig in einen Lehnstuhl setzend, – zu Ihnen zu kommen . . .
– Warten Sie, warten Sie, – unterbrach ihn Ssipjagin. – Ich sehe Sie nicht zum ersten Mal. Ich vergesse nie ein Gesicht, das mir ein Mal begegnet ist; nichts entfällt meinem Gedächtniß. – Aber . . . aber . . . aber . . . Wo habe ich Sie denn eigentlich gesehen?
Sie irren sich durchaus nicht, Ew. Excellenz. – Ich habe die Ehre gehabt, in Petersburg mit Ihnen zusammenzutreffen bei einem Manne, der der seitdem . . . leider . . . Ihren Unwillen auf sich gezogen hat . . .
Ssipjagin schnellte vom Lehnstuhl empor.
– Bei Herrn Neshdanow! Ich erinnere mich jetzt. – Kommen Sie nicht gar von ihm?
– Nein, Ew. Excellenz, im Gegentheil . . . ich . . .
Ssipjagin setzte sich wieder.
– Und Sie thun gut daran. Denn sonst hätte ich Sie gebeten, sich sofort zu entfernen. Ich kann keinen Vermittler zwischen mir und Herrn Neshdanow anerkennen. Herr Neshdanow hat mir eine der Beleidigungen angethan, die man nie vergißt . . . Ich bin über die Rache erhaben; aber ich will weder von ihm etwas wissen, noch von jenem Mädchen, – dessen Vernunft übrigens mehr entartet ist, als das Herz (diese Phrase wiederholte Ssipjagin nach der Flucht Mariannens wohl« zum dreißigsten Mal), – welches sich hat entschließen können, das Haus zu verlassen, in welchem sie gehegt und gepflegt worden ist, um die Geliebte eines heimathslosen Herumtreibers zu werden!
– Es mag ihnen genügen, daß ich sie vergesse! Bei dem letzten Worte machte Ssipjagin eine Bewegung mit der Hand von unten nach oben, von sich fort.
– Ich vergesse sie, mein Herr!
– Ew. Excellenz, ich habe Ihnen bereits gemeldet, daß ich nicht in ihrem Namen zu Ihnen gekommen bin; – obgleich ich Ew. Excellenz doch unter Anderem mittheilen kann, daß sie bereits durch das Sakrament der heiligen Ehe verbunden sind . . . (»Ah: es ist gleich!« – dachte Paklin, – »ich habe gesagt, daß ich lügen werde da habe ich ihm denn auch etwas vorgelogen. Was ist dabei!«)
Ssipjagin ließ den Nacken an der Lehne des Stuhls nach rechts und links gleiten.
– Das interessirt mich nicht im Geringsten, mein Herr. Ein thörichtes Ehebündniß mehr in der Welt – das ist Alles. – Was ist es denn endlich für eine höchst dringende Angelegenheit, der ich das Vergnügen Ihres Besuches verdanke!
»Ah! verdammter Departements-Direktor!« – dachte Paklin wieder. – »Genug der Schönthuerei, englische Fratze!«
– Der Bruder Ihrer Frau Gemahlin – sagte er laut – Herr Markelow, – ist von den Bauern, welche er aufzuwiegeln versuchte, ergriffen worden – und sitzt im Arrest im Hause des Gouverneurs.
Ssipjagin sprang zum zweiten Mal auf.
– Was was haben Sie gesagt? – stammelte er mit nichts weniger als ministeriellem Bariton, sondern in ganz miserablen Gurgellauten.
– Ich sagte, daß Ihr Schwager arretirt ist und an der Kette sitzt. Sowie ich es erfuhr, nahm ich Pferde und eilte zu Ihnen, Sie davon zu benachrichtigen. Ich dachte gewissermaßen Ihnen sowohl, als auch dem Unglücklichen, den Sie retten können, einen Dienst zu erweisen.
– Ich bin Ihnen sehr verbunden – versetzte Ssipjagin noch immer mit derselben schwachen Stimme und mit der Handfläche schwungvoll auf eine Tischglocke in Form eines Pilzes schlagend, erfüllte er das ganze Haus mit dem metallischen, stählernen Klange der Glocke. Ich bin Ihnen sehr verbunden; – wiederholte er schon in schärferem Tone, – wissen Sie aber: ein Mensch; der sich entschlossen hat, alle göttlichen und menschlichen Gesetze mit Füßen zu zu treten, – ist in meinen Augen – mag er mir hundert Mal verwandt sein – kein Unglücklicher; er ist – ein Verbrecher!
Ein Diener stürzte in’s Zimmer.
– Sie befehlen?
– Den Wagen! Sofort den Wagen mit vier Pferden! Ich fahre zur Stadt.
Philipp und Stephan begleiten mich! – Der Diener sprang hinaus.
– Ja, mein Herr, mein Schwager ist ein Verbrecher; und ich fahre nicht zur Stadt, um ihn zu retten! – O nein!
– Aber Ew. Excellenz . . .
– Das sind meine Prinzipien, mein Herr, und ich bitte Sie, mich nicht durch Widerspruch zu belästigen!
Ssipjagin begann in seinem Kabinet auf und ab zu gehen; Paklin riß die Augen auf. – »Pfui Teufel!« dachte er, – »sagte man nicht von Dir, daß Du ein Liberaler seists! Du bist ja ein brüllender Löwe!«
Die Thür öffnete sich – und eiligen Schritts traten zuerst Valentine Michailowna und dann Kallomeyzew in’s Kabinet.
– Was hat das zu bedeuten, Boris? Du hast den Wagen anspannen lassen? Du fährst zur Stadt? Was ist geschehen?
Ssipjagin ging auf seine Frau zu und ergriff sie am rechten Arm zwischen Ellenbogen und Handwurzel. – II faut vous armer de courago, ma chère. – Ihr Bruder ist arretirt worden.
– Mein Bruder? Ssergei? wofür?
– Er hat den Bauern sozialistische Ideen gepredigt! – (Kallomeyzew schrie leise auf.) – Ja! Er hat ihnen die Revolution gepredigt, hat Propaganda getrieben! Sie haben ihn ergriffen und ausgeliefert. – Jetzt sitzt er in der Stadt.
– Der Sinnlose! Aber wer hat es erzählt?
– Da, Herr . . . Herr . . . wie heißt er doch? . . . Herr Konopatin hat uns diese Nachricht gebracht.
Valentine Michailowna blickte auf Paklin. Dieser verbeugte sich niedergeschlagen – (»Ah! welch ein stattliches Weib!« – dachte er. – Ach, wie empfänglich war Paklin sogar in solch schweren Augenblicken für die Reize weiblicher Schönheit!)
– Und Du willst in die Stadt fahren, so spät?
– Der Gouverneur wird noch auf sein.
–– Ich habe immer prophezeit, daß es so kommen werde, – mischte Kallomeyzew in’s Gespräch. – Dies konnte ja nicht anders sein. – Aber was für herrliche Kerle unsere russischen Bauern sind! – Eine wahre Pracht!
– Pardon, madame, c’est votre frère! Mais la varité avant tout.
– Willst Du denn wirklich fahren, Borja? – fragte Frau Ssipjagin.
– Ich bin überzeugt, – fuhr Kallomeyzew fort, – daß auch jener Lehrer, Herr Neshdanow, hierbei die Hand im Spiele hat. – J’en mettrais ma main au feu. – Das ist Alles eine Bande! Hat man ihn noch nicht ergriffen? Wissen Sie es nicht?
Ssipjagin bewegte wieder das Handgelenk von unten nach oben.
– Ich weiß es nicht – und will es auch nicht wissen! – A propos, – setzte er, sich zu seiner Frau wendend, hinzu – il parait qu’ils sont mariés.
– Wer hat das gesagt? Immer derselbe Herr? – Frau Ssipjagin blickte wieder auf Paklin, dieses Mal jedoch mit zusammengekniffenen Augen.
– Ja; derselbe.
– In diesem Fall, – warf Kallomeyzew ein, – muß er durchaus wissen, wo sie sich befinden. – Sie wissen, wo sie sind? Wissen Sie, wo sie sind? He? he? he? Wissen Sie? – Kallomeyzew sprang vor Paklin hin und her, als ob er ihm den Weg versperren wollte, obgleich Jener nicht einmal den Versuch machte, zu entfliehen.
– So sprechen Sie doch! Antworten Sie! Hei he? Wissen Sie’s Wissen Sie’s!
– Wenn ich es auch wissen sollte, – versetzte Paklin ärgerlich, – die Galle begann sich endlich in ihm zu regen und seine kleinen Augen singen an zu glänzen, – wenn ich es auch wissen sollte, Ihnen würde ich’s gewiß nicht sagen!
– O . . . o o stammelte Kallomeyzew . . . Haben Sie gehört? . . . Haben Sie gehört? – Dieser – der muß wohl auch zu derselben Bande gehören!
– Der Wagen ist angespannt! – meldete kreischend der eintretende Diener.
Ssipjagin ergriff seinen Hut mit einer kecken, anmuthigen Armbewegung; aber Valentine drang so sehr in ihn, bis zum andern Morgen zu bleiben, brachte so gewichtige Einwände vor: es wäre Nacht, und in der Stadt würden Alle schlafen, und er würde sich nur erkälten und seine Nerven aufregen, daß Ssipjagin ihr endlich beistimmte und ausrief: – Ich gehorche! – und mit derselben anmuthigen, doch nicht mehr kecken Armbewegung den Hut wieder auf den Tisch setzte.
– Den Wagen abspannen! – befahl er dem Diener, – daß er aber morgen früh Punkt sechs Uhr wieder angespannt ist! – Hörst Du? – Kannst gehen! – Doch Halt! – Die Equipage des Herrn . . . des Herrn Gastes zurückschicken! Den Fuhrmann bezahlen! – Ha? Sie scheinen etwas sagen zu wollen, Herr Konopatin? – Ich nehme Sie morgen mit, Herr Konopatin! – Was sagen Sie? Ich höre nicht . . . Sie trinken doch Schnaps? – Bringe Schnaps für Herrn Konopatin! – Nein! Sie trinken nicht? – In diesem Falle Fedor! . . . Führe den Herrn in das grüne Zimmer! – Gute Nacht, Herr Kono . . .
Paklin riß endlich die Geduld.
– Paklin! – schrie er. – Ich heiße Paklin!
– Ja . . . ja; nun, das bleibt sich ja gleich. – Es ist ja so ähnlich!8 Was Sie aber für eine starke Stimme haben trotz ihrer schwächlichen Körperbeschaffenheit! – Bis morgen, Herr Paklin. . . Jetzt habe ich doch richtig gesagt? – Siméon, vous viendrez avec nous?
– Je crois bien!
Man führte Paklin in das grüne Zimmer und schloß ihn sogar ein. Als er sich niederlegte, hörte er wie der Schlüssel in dem klangvollen englischen Schlosse umgedreht wurde. – Er schalt sich selbst tüchtig aus wegen seiner »genialen« Idee – und schlief sehr schlecht.
Am andern Morgen wurde Paklin schon um halb sechs Uhr geweckt. Man brachte ihm Kaffee; während er trank, stand der Diener in Livrée mit Achselbändern an der Thür, mit einem Theebrett in der Hand, seine Stellung fortwährend verändernd, als wollte er sagen: – »Beeile Dich, die Herrschaft wartet. – Darauf führte man ihn nach unten. Der Wagen stand bereits vor der Thür. Neben demselben hielt auch Kallomeyzew’s Kalesche. Ssipjagin erschien in einem Camlot-Mantel mit rundem Kragen auf dem Flur. Solche Mäntel pflegte schon längst Niemand mehr zu tragen, mit Ausnahme eines sehr hohen Würdenträgers, den Ssipjagin nachzuahmen, bei dem er sich auch einzuschmeicheln bestrebt war. Bei hochwichtigen offiziellen Gelegenheiten legte er daher auch jederzeit einen solchen Mantel um.
Ssipjagin begrüßte Paklin ziemlich freundlich . . . forderte ihn jedoch mit einer energischen Armbewegung auf, in den Wagen zu steigen. – Herr Paklin, Sie fahren mit mir, Herr Paklin! Legt den Reisesack des Herrn Paklin auf den Bock! Ich nehme Herrn Paklin in den Wagen! – bemerkte er, die erste Silbe, das A seines Namens mit besonderem Nachdruck betonend, als wollte er sagen: »Einen solchen Namen tragen und sich noch beleidigt fühlen! – Da hast Du’s! Iß und erstick daran. – Herr Paklin! Paklin!! – ertönte laut der unglückselige Name in der frischen Morgenluft. Sie war so frisch, daß sie den, hinter Ssipjagin auf den Flur tretenden Kallomeyzew veranlaßte, ein paar Mal auf französisch: Brrr! Brrr! Brrr! hervorzustoßen und sich, während er in die elegante Kalesche mit zurückgeschlagenem Verdeck stieg, fester in den Mantel zu wickeln. – (Sein armer Freund, der Fürst von Serbien, Michael Obrenowitsch, hatte sich auch eine solche Kalesche bei Binder gekauft, als er sie bei ihm gesehen. . . »Vous savez, Binder, le grand carrossier des Champs-Elysées?« Hinter den halbgeöffneten Läden des Fensters im Schlafzimmer blickte Frau Ssipjagin heraus, ein Häubchen aus dem Kopf und in ein kleines Tuch gehüllt.
Ssipjagin setzte sich und warf ihr eine Kußhand zu.
– Sitzen Sie gut, Herr Paklin? – Vorwärts!
– Je vous recommande mon frère! Épargnez-le! ertönte die Stimme Valentinen’s.
– Soyez tranquille! – rief Kallomeyzew, unter dem Schirm einer von ihm selbst erdachten Reisemütze mit einer Kokarde keck zu ihr aufblickend. . . C’est surtout l’antre, qu’il faut pincer! .
– Vorwärts! – wiederholte Ssipjagin. – Herr Paklin, friert es Sie nicht? – Vorwärts!
Die Equipagen setzten sich in Bewegung.
Während der ersten zehn Minuten saßen Ssipjagin und Paklin stumm nebeneinander. Der unglückselige kleine Ssila in seinem ärmlichen Paletot und seiner zerknitterten Mütze erschien auf dem dunkelblauen Fond des theuren Seidenstoffes, mit welchem das Innere des Wagens ausgeschlagen war, noch kläglicher als sonst. Schweigend betrachtete er die feinen himmelblauen Vorhänge, die bei der bloßen Berührung der Feder mit dem Finger rasch emporschnellten, die Fußdecke aus zartester weißer Schafswolle, den vorne angebrachten rothhölzernen Kasten mit einer Schreibunterlage, und selbst das kleine Bücherbrettchen. (Nicht daß Boris Andreitsch im Wagen zu arbeiten liebte, sondern er wünschte nur die Leute glauben zu machen, daß er in der That dies wie Thiers zu machen pflege). Paklin war eingeschüchtert. Ssipjagin hatte ihn über die glatt und glänzend rasirte Wange ein paar Mal angeblickt, und zog nun aus der Seitentasche seines Rockes langsam und würdevoll ein silbernes Cigarrenetui mit seinem Namenszug in gezierter slavischer Schrift, entnahm demselben eine Cigarre – und bot sie bot sie wirklich, sie leicht zwischen dem zweiten und dritten Finger der mit einem englischen Handschuh aus Hundsleder bekleideten Hand haltend, Paklin an!
– Ich rauche nicht, – murmelte Paklin.
– Ah! – antwortete Ssipjagin, und tauchte selbst die Cigarre an, die sich als vortreffliche Negalia erwies.
– Ich muß Ihnen sagen . . . lieber Herr Paklin, – begann er höflich, kreisförmige Rauchwölkchen in die Luft blasend, – daß ich . . . im Grunde . . . Ihnen sehr dankbar bin. . . Ich mag . . . Ihnen gestern . . . etwas heftig erschienen sein was sonst nicht in meinem Charakter liegt. – (Ssipjagin stieß die Worte absichtlich stoßweise hervor.) Ich kann es Ihnen versichern. Aber versetzen auch Sie sich, Herr Paklin, ich meine . . . Lage (Ssipjagin rollte die Cigarre von der einen Seite des Mundes zur andern). Die Stellung, welche ich einnehme, macht, daß ich so zu sagen mich vor aller Leuten Augen befinde; und nun kompromittirt . . . der Bruder meiner Frau sich selbst . . . und mich in so unglücklicher Weise! Wie? Herr Paklin! Sie denken vielleicht, daß das nichts zu sagen habe?
– Ich denke das nicht, Ew. Excellenz.
– Sie wissen nicht, wofür er denn eigentlich arretirt worden ist . . . und wo?
– Im Kreise S., wie ich gehört habe.
– Von wem haben Sie es gehört?
– Von . . . von einem Menschen. . .
– Natürlich von keinem Vogel. – Aber was ist das für ein Mensch?
– Von . . . von einem Gehilfen des Geschäftsführers der Gouverneurs-Kanzlei.
– Wie heißt er?
– Der Geschäftsführer?
– Nein! Der Gehilfe.
– Er er heißt Uljaschewitsch. Es ist ein sehr guter Beamter, Ew. Excellenz. Als ich von diesem Vorfall Kunde erhielt, eilte ich gleich zu Ihnen.
– Nun ja, nun ja! – Und ich wiederhole, daß ich Ihnen dafür sehr verbunden bin. – Aber welche Thorheit! Es ist doch eine Thorheit! Wie? Herr Paklin? he?
– Eine grenzenlose Thorheit! – rief Paklin, – und dabei fühlte er wie der heiße Schweiß ihm schlangenartig den Rücken herab rieselte. – Das heißt, – fuhr er fort, – den russischen Bauern gar nicht verstehen. Herr Markelow hat, so weit ich ihn kenne, ein gutes und edles Herz; den russischen Bauer aber hat er niemals verstanden (Paklin blickte auf Ssipjagin, der ihn, halb zu ihm gewandt, mit kalten, aber nicht feindseligen Blicken ansah). – Den russischen Bauer kann man aber nicht anders in eine Verschwörung hineinziehen, als wenn man sich seine Ergebenheit gegen die höchste Macht, seine Anhänglichkeit an das Kaiserhaus zu Nutze macht. Man muß irgend eine Legende ersinnen – denken Sie an den falschen Demetrius – mit glühenden Münzen auf der Brust eingebrannte Zeichen zeigen. . .
– Ja, ja, wie Pugatschew, – unterbrach ihn Ssipjagin in einem Tone, als wollte er sagen: »Wir haben die Geschichte noch nicht vergessen brauchst nicht so umständlich zu schwatzen!« – und vertiefte sich mit dem wiederholten Ausruf: – Es ist eine Thorheit! eine Thorheit! – in den Anblick der von der brennenden Cigarre rasch aufsteigenden Rauchwölkchen.
– Ew. Excellenz! – faßte Paklin Muth zu bemerken – ich sagte Ihnen vorhin, daß ich nicht rauche aber das ist nicht wahr – ich rauche doch, und Ihre Cigarre duftet so herrlich . . .
– Wie! was? was sagten Sie? – fragte Ssipjagin, als fahre er aus dem Schlafe empor. – und reichte Paklin, bevor er ihm Zeit gelassen, das Gesagte zu wiederholen, die offene Cigarrendose – wodurch er unzweifelhaft bewies, daß er dessen Worte sehr gut gehört und nur der Wichtigkeit halber gefragt habe.
Paklin rauchte die Cigarre behutsam und dankbar an. »Jetzt ist vielleicht der geeignete Moment,« dachte er; Ssipjagin kam ihm jedoch zuvor.
– Sie sprachen, glaube ich, – warf er, sich selbst unterbrechend, nachlässig hin, indem er bald die Cigarre aufmerksam betrachtete, bald den Hut von dem Nacken in die Stirn rutschen ließ, – Sie sprachen von . . . von Ihrem Freunde, der eine . . . Verwandte von mir geheirathet hat. Sehen Sie sie zuweilen? – Haben sie, sich weit von hier niedergelassen?
(»Eh!« – dachte Paklin – »Ssila, sei auf der Hut!«)
– Ich habe sie überhaupt nur ein Mal gesehen, Ew. Excellenz! Sie wohnen in der That nicht sehr weit von hier.
– Sie begreifen natürlich – fuhr Ssipjagin in derselben Weise fort – daß ich mich, wie ich Ihnen bereits gesagt, in keiner Weise mehr ernstlich für sie interessiren kann – weder für jenes leichtsinnige Mädchen, noch für Ihren Freund. – Mein Gott! ich bin vorurtheilsfrei, aber – Sie werden zugeben, das übersteigt alle Grenzen! – Es ist dumm, wissen Sie. Uebrigens – ich glaube, daß sie mehr die Politik aneinandergefesselt hat . . . (die Politik!,– wiederholte er achselzuckend) – als irgend ein, anderes Gefühl.
– Auch ich bin derselben Meinung, Ew. Excellenz!
– Ja, Herr Neshdanow ist durch und durch ein Rother. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen: er hat mit seinen Ansichten nie zurückgehalten.
– Neshdanow – wagte Paklin zu bemerken – hat sich vielleicht hinreißen lassen; aber sein Herz . . .
– Ist gut – fiel Ssipjagin ein – natürlich natürlich, wie bei Markelow. – Sie haben ja Alle gute Herzen. Er hat wohl auch an der Sache theilgenonnnen . . . und wird auch zur Verantwortung gezogen werden . . . Man wird sich auch noch für Den verwenden müssen! V
Paklin faltete die Hände über die Brust. – Ach ja, ja, Ew. Excellenz! – Gewähren Sie ihm Ihren Schutz! Wahrhaftig . . . er verdient . . . er verdient Ihre Theilnahme.
Ssipjagin räusperte sich.
– Sie meinen?
– Oder, wenn Sie es nicht für ihn thun wollen . . . so doch für Ihre Nichte, für seine Gemahlin! – (»Mein Gott! mein Gott! – dachte Paklin – »wie ich lüge!«)
Ssipjagin kniff die Augen zusammen.
– Sie sind, wie ich sehe, ein treu ergebener Freund. Das ist gut, das ist lobenswerth, junger Mensch. – Und sie leben also, wie Sie sagen, nicht weit von hier?
– Ja, Ew. Excellenz; auf einer großen . . . Anstalt . . . Paklin biß sich auf die Lippen. Ssipjagin schnalzte mit der Zunge.
– Ta, ta, ta, ta bei Ssolomin! Also dort! – Ich wußte es übrigens man hat es mir gesagt; man hat mir davon gesprochen . . . Ja. – (Herr Ssipjagin wußte es keineswegs und es hatte ihm auch Niemand davon gesprochen, aber des Besuchs von Ssolomin gedenkend, ihrer nächtlichen Unterredung, versuchte er diesen Paklin auf das Glatteis zu führen. . . Und dieser Paklin ging auch gleich in die Falle.)
– Wenn Sie das wissen – begann er und biß sich zum zweiten Male auf die Lippen. . . – Aber es war schon zu spät. . . Aus dem einen Blick, den Ssipjagin ihm zuwarf, ersah er, daß Jener mit ihm die ganze Zeit über gespielt hatte, wie die Katze mit der Maus.
– Uebrigens, Ew. Excellenz, – stammelte der Unglückliche, – muß ich Ihnen sagen, daß ich gar nichts weiß. . .
– Aber ich frage Sie ja gar nicht, ich bitte Sie! Was fällt Ihnen ein?! – Für wen halten Sie mich? – versetzte Ssipjagin hochmüthig – und zog sich sofort in die ministerielle Erhabenheit seines Selbst zurück.
Paklin aber fühlte von Neuem, wie kläglich und klein er war, wie er in die Schlinge gerathen . . . Bis dahin hatte er rauchend die Cigarre auf der, Ssipjagin abgewandten Seite des Mundes gehalten und den Rauch vorsichtig auf die entgegengesetzte Seite geblasen; jetzt nahm er sie ganz aus dem Munde und hörte auf zu rauchen.
– »Mein Gott!« – stöhnte er innerlich – und heißer Schweiß rieselte noch stärker als zuvor seinen Rücken entlang. – »Was habe ich gethan! Ich habe Alle und Alles verrathen. . . Ich habe mich bethören, mich durch eine gute Cigarre erkaufen lassen!! . . . Ich bin ein Denunciant und wie soll man das Unheil abwenden! O Gott!
Das Unheil abzuwenden war unmöglich. Ssipjagin schien würdevoll und wichtig zu schlummern, gleichfalls wie ein Minister, der sich in seinen »ehrsamen« Mantel gehüllt. . . Es verging übrigens kaum eine Viertelstunde, als beide Equipagen vor dem Hause des Gouverneurs anhielten.
Fünfunddreißigstes Capitel,
Der Gouverneur der Stadt S. gehörte zu der Zahl jener gutmüthigen, sorglosen Generale aus der großen Welt, denen die Natur einen schön geformten, weißen Körper verliehen und eine fast eben so reine Seele, die von gutem Schlage, gut erzogen und so zu sagen aus feinstem Mehl gebacken sind, die, ohne sich jemals zu dem Amt eines »Hirten ihres Volks« vorbereitet zu haben, eine ganz anständige administrative Befähigung besitzen, die sehr wenig arbeiten, beständig mit Petersburg liebäugeln, allen hübschen Damen der Provinz den Hof machen, ihrem Gouvernement aber dennoch unzweifelhaft Nutzen bringen und sich ein gutes Andenken zu bewahren wissen. – Er war eben ausgestanden und rieb sich, in einem seidenen Schlafrock und offenem Nachthemd vor dem Toilettenspiegel sitzend, nachdem er eine ganze Collection von kleinen Heiligenbildern und Amulets, die an seinem Halse hingen, abgelegt, Gesicht und Hals mit einem Gemisch von Eau-de-Cologne und Wasser – als ihm die Ankunft Ssipjagin und Kallomeyzew’s, in einer wichtigen und eiligen Angelegenheit gemeldet wurde. Mit Ssipjagin stand er auf vertraulichem Fuße, sie nannten sich »Du« – er kannte ihn von Jugend auf, war in den Petersburger Salons oft mit ihm zusammengetroffen, und hatte in der letzten Zeit angefangen, seinem Namen, jedes Mal, wenn ihm derselbe in den Sinn kam, als dem eines künftigen Würdenträgers, in Gedanken ein achtungsvolles: Ah! Hinzuzufügen. Kallomeyzew kannte er nicht so gut, achtete ihn auch viel weniger, da seit einiger Zeit »häßliche« Klagen über ihn zu ihm drangen; er hielt ihn jedoch für einen Menschen – qui fera son chemin – so oder anders.
Er ließ die Herren in sein Cabinet bitten – und kam in demselben seidenen Schlafrock sogleich zu ihnen heraus, sogar ohne sich zu entschuldigen, daß er sie in einem so wenig offiziellen Costüme empfange. – Im Cabinet befanden sich übrigens nur Ssipjagin und Kallomeyzew, Paklin war im Salon geblieben. Als er aus der Kalesche stieg, versuchte er zu entschlüpfen, indem er vorgab, daß er zu Hause zu thun habe, Ssipjagin hielt ihn aber mit höflicher Festigkeit zurück – (auch Kallomeyzew sprang herzu und flüsterte Ssipjagin in’s Ohr: Ne le lachez pas! Tonnerre de tonnerres!) – und führte ihn mit sich hinauf. Er unterließ es jedoch, ihn in’s Cabinet zu führen und bat ihn mit derselben höflichen Festigkeit im Salon zu warten, bis man ihn rufen werde. Paklin hoffte auch jetzt noch entschlüpfen zu können . . . aber an der Thür zeigte sich, von Kallomeyzew insgeheim gerufen, ein handfester Gendarm . . . Paklin blieb im Salon.
– Du erräthst gewiß, was mich zu Dir geführt hat, Woldemar? – begann Ssipjagin.
– Nein, liebes Herz, ich weiß wirklich nicht, – antwortete der liebenswürdige Epikuräer, während sich in Folge eines anmuthigen Lächelns die rosigen Wangen rundeten und die glänzenden, durch den seidenweichen Schnurrbart halb verdeckten Zähne sichtbar wurden.
– Wie? Und Markelow?
– Was heißt das: Markelow? wiederholte der Gouverneur mit demselben Lächeln auf den Lippen. Er erinnerte sich erstens nicht mehr ganz deutlich, daß der gestrige Arrestant Markelow hieß; – dann aber hatte er ganz vergessen, daß Ssipjagin’s Frau einen Bruder dieses Namens besaß. – Was stehst Du denn, Boris – setz Dich doch; willst Du nicht ein Glas Thee trinken?
Aber Ssipjagin war es jetzt nicht um Thee zu thun.
Als er endlich auseinandergesetzt hatte, weshalb er und Kallomeyzew gekommen seien, schlug sich der Gouverneur mit einem betrübten Ausruf auf die Stirn und sein Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an.
– Ja ja . . . ja! – wiederholte er; – was für ein Unglück! Und er sitzt hier bei mir – heute – bis auf Weiteres; Du weißt, daß wir solche Leute niemals länger als nur eine Nacht bei uns behalten; aber der Chef der Gendarmen ist nicht in der Stadt; so ist! Dein Schwager sitzen geblieben . . . Morgen wird er jedoch abgeführt. Mein Gott, wie das unangenehm ist! – Wie Deine Frau betrübt sein mußt! Was willst Du aber eigentlich?
– Ich möchte ihn hier bei Dir sehen, – wenn es nicht gegen das Gesetz verstößt.
– Ich bitte Dich, liebes Herz! – Für Leute, wie Du, existirt das Gesetz nicht. – Ich empfinde eine solche Theilnahme für Dich. . . C’est- affreux, tu sais.
Er schellte in besonderer Weise. Ein Adjutant trat in’s Zimmer.
– Lieber Baron, seien Sie so gut – arrangiren Sie die Sache! – Er sagte ihm, wie und was er thun solle. Der Baron verschwand. – Denke dir, mon cher ami: die Bauern hätten ihn fast getödtet. Die Hände auf den Rücken, in den Karren – und marsch! – Und er – denke Dir! – erzürnt ihnen gar nicht – und ist nicht im Geringsten aufgebracht gegen sie, bei Gott! er ist überhaupt so ruhig . . . Ich bin ganz erstaunt darüber! Du wirst selbst sehen. – C’est un fanatiqae tranquille.
– Ce sont les pires, – rief Kallomeyzew sententiös. Der Gouverneur blickte ihn ernst an.
– A propos, Ssemen Petrowitsch, ich habe mit Ihnen zu reden.
– Worüber?
– Nun . . . es steht nicht gut.
– Was denn eigentlich? – Ihr Schuldner, jener Bauer, wissen Sie, der sich bei mir über Sie beklagt hat . . .
– Nun?
– Der hat sich erhängt.
– Wann?
– Das bleibt sich gleich: wann – aber es steht nicht gut.
Kallomeyzew zuckte die Achseln und wandte sich stutzerhaften Ganges zum Fenster. In diesem Augenblicke führte der Adjutant Markelow herein.
Der Gouverneur hatte die Wahrheit gesagt: er war unnatürlich ruhig. Sogar die gewohnte Düsterkeit war von seinem Antlitz gewichen und hatte einer gewissen gleichgültigen Abspannung Platz gemacht. Er blieb ebenso ruhig, als er den Schwager erblickte und nur in dem flüchtigen Blicke, den er auf den deutschen Adjutanten warf, blitzte auf einen Moment ein Rest von jenem alten Haß auf, den er gegen Leute dieser Art empfand. Sein Paletot war an zwei Stellen zerrissen und in der Eile mit grobem Zwirn wieder zugenäht worden; auf der Stirn, über dem Auge und auf dem Nasenbein waren ein paar kleine, mit geronnenem Blut bedeckte Schrammen sichtbar. Er hatte sich nicht gewaschen, sondern nur das Haar gekämmt. Die übereinandergelegten Hände tief in den Aermeln bergend, blieb er an der Thür stehen. Sein Athem war ruhig.
– Ssergei Michailowitsch! – begann Ssipjagin mit aufgeregter Stimme, indem er sich ihm auf ein paar Schritte näherte und die rechte Hand so weit ausstreckte, daß sie ihn hätte berühren – oder zurückhalten können, wenn er vorgetreten wäre. – Ssergei Michailowitsch! ich bin nicht blos deswegen gekommen, um Dich unseres Erstaunens, unserer tiefen Betrübniß zu versichern, daran kannst Du nicht zweifeln! – Du wolltest Dich selbst in’s Verderben stürzen! und Du hast Dich in’s Verderben gestürzt!! – Aber ich wollte Dich sehen, um Dir zu sagen . . . die . . . die daß Du . . . um Dir die Möglichkeit zu geben, die Stimme der Vernunft, der Ehre, der Freundschaft zu vernehmen! Du kannst Dir Dein Schicksal erleichtern, und, glaube mir, auch ich werde meinerseits Alles dazu thun, was in meinen Kräften steht! Das wird Dir auch der würdige Chef dieses Gouvernements bestätigen. – Hier erhob Ssipjagin die Stimme: – Offenherzige Reue über Deine Verirrungen, rückhaltsloses Geständniß, welches gehörigen Orts zur Mittheilung kommen wird . . .
– Ew. Excellenz – unterbrach ihn plötzlich Markelow, indem er sich zum Gouverneur wandte – und selbst seine Stimme war ruhig, wenn sie auch ein wenig heiser klang, – ich dachte, daß Sie mich sehen wollten, um mich von Neuem zu verhören. . . Wenn Sie mich aber nur haben kommen lassen, weil Herr Ssipjagin mich hat sehen wollen, so lassen Sie mich, bitte, wieder fortführen: wir verstehen einander nicht. Alles, was er da sagt – ist für mich so gut wie Latein.
– Erlauben Sie Latein! – fiel Kallomeyzew herausfordernd kreischend ein. – Ist das – Latein – die Bauern aufwiegeln? – Ist das – Latein? He? Latein? Ja?
– Ist das, Ew. Excellenz, ein Beamter der geheimen Polizei, oder was sonst? So voll Eifer? – fragte Markelow, und um die blassen Lippen zuckte ein schwaches Lächeln der Genugthuung.
Kallomeyzew zischte vor Wuth, stampfte mit den Füßen. . . Der Gouverneur aber that ihm Einhalt.
– Es ist ihre eigene Schuld, Ssemen Petrowitsch. Warum mengen Sie sich in fremde Angelegenheiten?
– Fremde Angelegenheiten . . . fremde . . . Ich glaube, es ist eine allgemeine Angelegenheit . . . die uns Alle betrifft . . . uns Edelleute. . .
Markelow warf einen bedächtigen, kalten Blick auf Kallomeyzew, als wäre es überhaupt das letzte Mal, daß er ihn eines Blickes würdigte, und wandte sich dann zu Ssipjagin. – Wenn Sie aber, lieber Schwager, meine Ansichten wissen wollen, so will ich sie Ihnen nicht vorenthalten: ich erkenne das Recht der Bauern an, mich zu arretiren und auszuliefern, wenn ihnen das, was ich sprach, mißfiel. Es war das ihr Wille, den ich achte. Ich bin zu ihnen gekommen, nicht sie zu mir. Und auch die Regierung – wenn sie mich nach Sibirien schickt – ich werde nicht murren – wenn ich mich auch nicht für schuldig erklären werde. Sie thut das Ihrige – sie vertheidigt sich. – Sind Sie jetzt befriedigt?
Ssipjagin hob die Hände empor.
– Befriedigt!! Was das für ein Wort ist! – Es ist nicht davon die Rede, was die Regierung thun wird – und wir sind nicht berufen, über sie zu Gericht zu sitzen; – ich will nur wissen, ob Sie . . . ob Du. . . Ssergei – (Ssipjagin entschloß sich herzlichere Saiten anzuschlagen) – das Thörichte, das Sinnlose Deines Unternehmens einsiehst, – ob Du Deine Reue durch die That zu bezeugen bereit bist, und ob ich mich für Dich verbürgen kann – bis zu einem gewissen Grade verbürgen, Ssergei!
Markelow zog die dichten Brauen zusammen.
– Ich habe Alles gesagt . . . und will es nicht wiederholen.
– Aber die Reue! Wo ist die Reue?
Markelow fuhr plötzlich auf.
– So bleiben Sie mir doch mit Ihrer »Reue« vom Leibe! Wollen Sie mir denn durchaus in die Seele dringen? Dieses wenigstens könnten Sie mir selbst überlassen.
Ssipjagin zuckte die Achseln.
– So bist Du immer; niemals willst Du auf die Stimme der Vernunft hören! Du hast die Möglichkeit, Dich in stiller, anständiger Weise abzufinden . . .
– Still, anständig . . . – wiederholte Markelow finster. – Wir kennen den Sinn dieser Wortes Man pflegt sie gewöhnlich an Diejenigen zu richten, welchen man den Antrag macht, eine gemeine Handlung zu begehen. Das ist’s, was diese Worte bedeuten!
– Wir bedauern Euch, – fuhr Ssipjagin fort, Markelow zu ermahnen, – Ihr aber haßt uns.
– Ein schönes Bedauern! Nach Sibirien mit uns, in die Bergwerke – das ist Euer Bedauern! Ach laßt mich . . . laßt mich um Gottes Willen!
Markelow senkte den Kopf.
Sein Gemüth war trübe, wenn er auch äußerlich ruhig schien. Es quälte und schmerzte ihn vor Allem, daß es gerade jener Jeremei aus Golopljok gewesen, der ihn verrathen, jener Jeremei. auf den er so fest gebaut hatte! Daß Mendelei ihm nicht hatte folgen wollen, darüber wunderte er sich im Grunde nicht . . . Mendelei war betrunken und hatte daher die Courage verloren. Aber Jeremei!! In Markelow’s Augen war in Jeremei gleichsam das ganze russische Volk verkörpert . . . Und dieser Jeremei hatte ihn verrathen! – Es war somit Alles, wofür Markelow so sehr geeifert, nicht richtig, war verfehlt? – Kissljakow hatte also in den Wind geschwatzt, die Befehle, die Wassili Nikolajewitsch ertheilt, waren thöricht und inhaltslos, und alle jene Artikel, Bücher und Werke der Sozialisten, der Philosophen, in welchen ihm jeder Buchstabe über allen Zweifel erhaben und unwiderlegbar schien, dies Alles war nur Lug und Trug. Sollte das wirklich möglich sein?? – Und dieser schöne Vergleich mit einem reifen Geschwür, das nur eines Lanzettschnittes bedürfe – auch das wäre nur eine Phrase? Nein! nein! – flüsterte er vor sich hin und auf seinen Bronzewangen zeigte sich ein schwächer ziegelrother Schimmer, – nein; es ist Alles wahr, Alles . . . ich allein bin schuld, ich habe es nicht verstanden, habe nicht das Rechte gesagt, bin nicht in der richtigen Weise vorgegangen! – Ich hätte einfach befehlen sollen, wenn mich aber Jemand hätte hindern oder mir widerstreben wollen – ihm ohne Zaudern eine Kugel in den Leib sagen müssen! Wer nicht mit uns ist, der hat kein Recht zu existiren . . . werden Spione doch wie Hunde getödtet, und schlechter noch als Hunde! Es traten ihm wieder die Einzelheiten seiner Gefangennahme vor die Seele . . . Zuerst allgemeine Stille, mit den blinzelnden Augen zugeworfene Winke, einzelne Rufe in den hinteren Reihen . . . Dann nähert sich ihm Einer von der Seite, als ob er sich vor ihm verbeuge. Darauf dieses plötzliche Getümmel! Und wie er im Nu in die Höhe gehoben und zu Boden geworfen wird . . . »Brüder . . . Brüder was thut Ihr?« – Sie aber: »Einen Gürtelriemen her! Bindet ihn! Alle Knochen krachen . . . machtloser Zorn im Herzen . . . stinkender Staub im Munde, in der Nase . . . »Hinauf mit ihm, hinauf . . . auf den Karren!« Jemand lacht laut auf . . .
– Ich hätte es anders . . . anders machen sollen Das war es eigentlich, was an ihm nagte, was ihn quälte; daß er selbst unter das Schicksalsrad gekommen, das war sein persönliches Unglück, das zu der allgemeinen Sache in keiner Beziehung stand, das zu ertragen wäre . . . aber Jeremei! Jeremei!
Während Markelow mit gesenktem Haupte dastand, hatte Ssipjagin den Gouverneur bei Seite gezogen und mit ihm leise zu sprechen begonnen, indem er seine Worte mit maßvollen Gesten begleitete, mit zwei Fingern der einen Hand einen kleinen Triller auf seiner Stirn schlug, als wolle er damit sagen, daß es bei diesem Menschen dort nicht ganz richtig sei und sich überhaupt bemühte, wenn auch nicht Mitleid, so doch Nachsicht für den Thörichten zu erwecken. Der Gouverneur zuckte die Achseln, indem er bald zu Boden blickte, bald wieder zu Ssipjagin aufschaute, dann wieder bedauerte, daß er selbst so wenig Macht besäße, – versprach ihm jedoch, irgend etwas zu thun . . . »Tous les égards . . . certainement, tous les égards . . «. – ertönten die angenehm schnarrenden, weich durch den parfümirten Schnurrbart gleitenden Worte . . . »Aber du weißt: das Gesetz!« – Natürlich: das Gesetz! – stimmte Ssipjagin mit einer gewissen rauhen Unterwürfigkeit bei.
Während sie so in der Ecke mit einander sprachen, war es Kallomeyzew sast unmöglich, ruhig aus seinem Platze zu bleiben: er drehte sich nach allen Seiten, schnalzte mit der Zunge, ächzte und war nicht im Stande, seine Ungeduld zu zügeln. Endlich ging er aus Ssipjagin zu und raunte ihm hastig in’s Ohr: – Vous l’onbliez l’antrei.
– Ach ja! – versetzte Ssipjagin laut. – Merdi de me l’avoir rappelé. – Ich muß noch folgende Thatsache zur Kenntniß Ew. Excellenz bringen – wandte er sich zum Gouverneur . . . (Er nannte seinen Freund Woldemar bei diesem Ehrentitel, um das Prestige der Macht in Gegenwart des Revolutionärs aufrecht zu erhalten). Ich habe triftige Gründe zu der Annahme, daß das unsinnige Unternehmen meines Schwagers nicht ohne eine gewisse Verzweigung ist, und daß der eine von diesen Zweigen, d. h. eine der verdächtigen Persönlichkeiten, sich in der Nähe der Stadt aufhält. Laß eintreten – fügte er leiser hinzu – in Deinem Salon befindet sich Jemand . . . Ich habe da Einen mitgebracht.
Der Gouverneur blickte aus Ssipjagin, rief in Gedanken voll Achtung aus: »Was für ein Mann!« und ertheilte den gewünschten Befehl. Einen Augenblick daraus stand der Knecht Gottes, Ssila Paklin vor seinem Angesicht.
Ssila Paklin begann damit, daß er sich tief vor dem Gouverneur verneigte; als er aber Markelow erblickte, blieb er, ohne die Verneigung zu vollenden, in der gebeugten Stellung und drehte voll Verlegenheit die Mütze in seinen Händen. Markelow schaute mit zerstreutem Blicke zu ihm auf, schien ihn jedoch nicht zu erkennen, denn er verfiel von Neuem in’s Brüten.
– Ist das – der Zwerg? – fragte der Gouverneur, mit dem großen, weißen, mit einem Türkis geschmückten Finger aus Paklin weisend.
– O nein! – antwortete Ssipjagin lächelnd. – Wer weiß übrigens? – setzte er, nachdem er ein wenig nachgedacht, hinzu. – Hier, Ew. Excellenz. – begann er laut, – steht ein gewisser Herr Paklin vor Ihnen. Er ist, so viel mir bekannt, ein Einwohner Petersburgs und der intime Freund eines Menschen, der bei mir als Lehrer fungirt und mein Haus verlassen hat, indem er zugleich – ich füge es erröthend hinzu – ein junges Mädchen, meine Verwandte, verlockt hat, ihm zu folgen.
– Ah! ouj, ouj! – murmelte der Gouverneur und nickte mit dem Kopf; – ich habe davon gehört. . .Die Gräfin erzählte mir . . .
Ssipjagin erhob die Stimme.
– Dieser Mensch ist ein gewisser Herr Neshdanow, den ich stark im Verdacht habe, daß er unsinnigen Ansichten und Theorien huldigt. . .
– Un rouge à tous crins, – fiel Kallomeyzew ein. . .
– Daß er unsinnigen Ansichten und Theorien huldigt, – wiederholte Ssipjagin mit besonderem Nachdruck, – und dieser Propaganda natürlich nicht fern stehen kann; er befindet sich . . . er verbirgt sich, wie mir Herr Paklin gesagt hat, aus der Fabrik des Kaufmanns Falejew. . .
Bei den Worten: »wie mir Herr Paklin gesagt hat,« warf Markelow zum zweiten Mal einen Blick auf Paklin – und lächelte langsam und gleichgültig – Erlauben Sie, erlauben Sie, Ew. Excellenz, – schrie Paklin, – und auch Sie, Herr Ssipjagin, ich habe niemals . . . niemals. . .
– Du sagst: des Kaufmanns Falejew, – wandte sich der Gouverneur zu Ssipjagin und bewegte blos die Finger in der Richtung zu Paklin hin, als wollte er sagen: – Ruhig, Freundchen, ruhig!« – Was fällt ihnen denn ein, unseren würdigen Graubärten? Gestein ist schon einer in derselben Sache arretirt worden. Du hast den Namen vielleicht gehört: der reiche Goluschkin. Nun, der bringt keine Revolution zu Stande. Der hört nicht auf, seit er sitzt, auf den Knieen zu kriechen.
– Der Kaufmann Falejew hat hiermit nichts zu thun, – versetzte Ssipjagin mit Nachdruck, – ich kenne seine Ansichten nicht; ich spreche nur von seiner Fabrik, auf welcher sich, nach Herrn,Paklin’s Worten, Herr Neshdanow gegenwärtig aufhält.
– Ich habe das nicht gesagt! – schrie Paklin von Neuem. – Sie haben es gesagt.
– Erlauben Sie, Herr Paklin, – fuhr Ssipjagin mit demselben unerbittlichen Nachdruck fort. – Ich achte das Gefühl der Freundschaft, welches Sie zu Ihrer »Denegation« veranlaßt. – (»Dieser . . . Guizot!« dachte der Gouverneur.) – Ich wage es aber, mich selbst Ihnen als Beispiel anzuführen. Glauben Sie denn, daß das verwandtschaftliche Gefühl in mir nicht eben so stark ist, wie das Gefühl der Freundschaft in Ihnen? Aber es giebt noch ein anderes Gefühl, mein Herr, welches noch stärker ist und welches die Richtschnur aller unserer Handlungen und Thaten bilden muß: das Gefühl der Pflicht!
– Le sentiment du devoir! – erklärte Kallomeyzew.
Markelow’s Blick glitt über die beiden Sprechenden hin.
– Herr Gouverneur, – sagte er, – ich wiederhole meine Bitte: lassen Sie mich aus der Gesellschaft dieser beiden Schwätzer fortführen.
Hier kam aber der Gouverneur ein wenig aus der Fassung.
– Herr Markelow! – rief er. – Ich würde Ihnen in Ihrer jetzigen Lage rathen, die Zunge etwas mehr in Zaum zu halten und auch mehr Achtung gegen Höherstehende zu zeigen namentlich wenn sie patriotischen Gefühlen Ausdruck geben in der Art derjenigen, welche Sie soeben aus dem Munde Ihres Schwagers vernommen- haben! – Ich werde es für ein Glück halten, lieber Boris, – setzte der Gouverneur, zu Ssipjagin gewandt, hinzu, – Deine edelmüthige Handlung zur Kenntniß des Ministers bringen zu können. – Bei wem hält sich dieser Herr Neshdanow auf der Fabrik denn eigentlich auf?
Ssipjagin runzelte die Stirn- – Bei einem gewissen Herrn Ssolomin, dem Hauptmechaniker der Fabrik, wie mir derselbe Herr Paklin sagte.
Ssipjagin schien es besonderes Vergnügen zu bereiten, den armen kleinen Ssila zu martern: er rächte sich jetzt an ihn für die ihm im Wagen gereichte Cigarre, für die familiäre Höflichkeit seines Benehmens und sogar für den Versuch, den er gemacht, sich bei ihm einzuschmeicheln.
– Und dieser Ssolomin – fügte Kallomeyzew hinzu – ist zweifellos auch einer von den Radikalen und ein Republikaner – es wäre nicht schlecht, wenn Ew. Excellenz auch auf ihn Ihr Augenmerk richten würden.
–– Sie kennen diese Herren . . . Ssolomin . . . und wie hieß er doch? . . . und Neshdanow? – fragte der Gouverneur Markelow halb im Ton eines Vorgesetzten, durch die Nase.
Markelow blies schadenfroh die Nasenflügel auf.
– Und Sie, Ew. Excellenz, kennen Sie Confucius und Titus Livius?
Der Gouverneur wandte sich ab.
– Il n’y a pas moyen de causer avec cet homme, – versetzte er achselzuckend. – Herr Baron, kommen Sie, bitte hierher.
Der Adjutant sprang herzu. Paklin aber näherte sich, den Augenblick benutzend, hinkend und strauchelnd, Ssipjagin.
– Was machen Sie, – flüsterte er, – warum stürzen Sie Ihre Nichte ins Verderben? Sie ist ja bei ihm, bei Neshdanow!
– Ich stütze Niemand in’s Verderben, mein Herr, – antwortete Ssipjagin laut. – Ich thue nur das, was mir die Pflicht befiehlt und . . .
– Und Ihre Gemahlin, meine Schwester, unter deren Pantoffel Sie stehen, – unterbrach ihn Markelow eben so laut.
Ssipjagin verzog nicht einmal eine Miene . . .so tief unter seiner Würde war es, darauf zu antworten!
– Hören Sie, – fuhr Paklin flüsternd fort; er zitterte am ganzen Körper vor Aufregung und vielleicht vor Furcht, aus den Augen aber sprühte Zorn, Thränen erstickten fast seine Stimme – Thränen des Mitleids um Jene und der Erbitterung über sich selbst. – Hören Sie, ich habe Ihnen gesagt, daß sie verehelicht ist – ist nicht wahr – ich habe gelogen! Sie werden sich aber trauen lassen, und wenn Sie dieses verhindern, wenn die Polizei dazwischenkommt, so wird ein Fleck auf Ihrem Gewissen bleiben, den Sie niemals werden abwaschen können – und Sie . . .
– Die Nachricht, die Sie mir mitgetheilt haben, – fiel Ssipjagin noch lauter ein – vorausgesetzt, daß sie richtig ist, woran ich aber zweifle, – diese Nachricht könnte die Maßregeln, die ich zu ergreifen für nöthig finden wurde, nur beschleunigen; was aber die Reinheit meines Gewissens betrifft, so muß ich Sie ersuchen, mein Herr, diese Sorge mir selbst zu überlassen!
– Es ist ein sein polirtes Gewissen, Freund, – fiel Markelow wieder ein, – und mit Petersburger Firniß überzogen, da dringt nichts durch! Du aber, Herr Paklin, Du magst flüstern, so viel Du willst: Du wirst Dich doch nicht »herausflüstern«, es ist verlorene Mühe!
Der Gouverneur fand es für nöthig, diesen Streitigkeiten ein Ende zu machen.
– Ich denke, – begann er, – daß Ihr Euch, meine Herren, zur Genüge ausgesprochen habt; seien Sie daher so gut, lieber Baron, Herrn Markelow fortzuführen. N’est ce pas, Boris, Du bedarfst seiner nicht mehr? . . .
Ssipjagin hob die Hände.
.– Ich habe Alles gesagt, was ich sagen konnte!
– Also gut! – Lieber Baron! . . .
Der Adiutant näherte sich Markelow, schlug mit den Sporen an einander, und machte eine horizontale Bewegung mit der Hand, die da bedeuten sollte: »Seien Sie so freundlich, mir zu folgen!« Markelow drehte sich um und ging hinaus. Paklin drückte ihm die Hand, freilich nur in Gedanken, aber mit herzlichem, bitterem Mitleid.
– Auf die Fabrik aber schicken wir unsere Leute, – fuhr der Gouverneur fort. – Aber noch Eins, Boris: jener Herr – (er wies mit dem Kinn auf Paklin) – hat Dir, glaube ich, Einiges über Deine Anverwandte mitgetheilt . . . daß auch sie auf jener Fabrik sich aufhalte . . . Wie soll man es nun machen. . .
– Sie braucht jedenfalls nicht arretirt zu werden, – bemerkte Ssipjagin mit wichtiger Miene; – sie wird sich vielleicht noch bedenken und zu uns zurückkehren. Wenn Du erlaubst, schreibe ich ihr ein Briefchen.
– Sei so gut. Und sei überhaupt versichert . . . Nous coffrerons le quidam . . . mais nous sommes galants avec les dames . . . et avec celle-là done!
Ich sterbe – sei’s! Kein großes Unglück ists!Nur Eins macht Unruh meinem kranken Sinn:Ich fürchte, daß der Tod ein häßlich SpielMit meinen Ueberresten spielen wird.Ich fürchte, daß auf meinen kalten LeibNoch heiße Thränen rinnen werden, undMit Blumen meinen Sarg zu schmücken wähntBeschränkter Eifer Liebesdienst zu thun;Daß Freunde, wohlgesinnt, in dichter SchaarGeleiten meiner Bahre Trauerzug,Und daß ich, von des Grabes Stoff umhüllt,Noch Gegenstand der Liebt werden kann.O, Alles, was so heftig und umsonstBei Leibes Leben ich ersehnt, begehrt,An meinem stillen Grabmal lächelt’s erstBeseligend und hoffnungsvoll mich an!Dobroljudow’s Werke. Bb. IV. Seite 615.
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