Kitabı oku: «Ketzerhaus»

Inhalt
Cover
Titel
Widmung
personis dramatae
personis historiae
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Nachbemerkung
Glossar
Weiteres zu den historisch belegten Personen
Die Frau während der Reformation
Dank
Impressum

Meinen Töchtern
personis dramatae
| Elsa Mälzer | Tochter des Braumeisters Johannes Mälzer |
| Katharina Mälzer | Elsas Mutter |
| Johannes Mälzer | Elsas Vater |
| Siegtraut, Anneruth, Irmel | Elsas Schwestern |
| Andres Hinterthur | ältester Sohn des Brauers Orwid Hinterthur |
| Johanna und Maria | Andres’ Schwestern |
| Jost Hinterthur | sein Bruder |
| Reinhilde Hinterthur | Andres’ Mutter |
| Orwid Hinterthur | Brauermeister |
| Niclas Tylike | Braumeister, zweiter Ehemann der Reinhilde Hinterthur |
| Gunnar Tylike | Niclas Tylikes Sohn und Erbe der Görlitzer Brauerei |
| Ignatius Weidner | Druckermeister |
| Matthes Weidner | dessen Sohn, Pastor nach Luther’scher Lehre ab 1520 |
| Barbara Weidner | des Druckermeisters Frau |
| Susanna Weidner | deren Tochter |
personis historiae
| Andres Hinterthur | im 16. Jh. einer der wenigen namentlich belegten Görlitzer Studenten zu Wittenberg |
| Christian Vollhardt | Schwertfeger und Gassenrichter, flieht 1521 aus der Stadt |
| Pleban Martin Schmid | gen. Faber, geistliche Spitze in Görlitz bis 1520 |
| Pleban Franz Rupertus | gen. Rothbart, tritt seine Nachfolge an, predigt die Evangelien |
| Rat der Stadt | Johannes Haß, Stadtschreiber und Chronist; Bürgermeister: Michael Schartze (1517), Franz Schneider (1518), Peter Tyle (1519), Matthias Rosenberg (1520) |
| Doktor Joppener | Physikus seit 1517 |
| Valentin Trotzdendorf | Unterschulmeister bis 1518 |
| Johannes VIII. | Bischof zu Meißen |
| Thomas Leiße | Erzpriester von Görlitz |
| Dr. Martin Luther | Theologe, Reformator, 1483–1546 |
1

Als unser Gott und Herr Jesus Christus sagte:
Tut Buße usw., da wollte er,
dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.
Prolog
Görlitz, Nebelung 1517
Das Mädchen wurde von einem scharrenden Geräusch wach. Zuerst glaubte es, es sei wieder die Ratte. Eine fette Ratte hier oben unter dem Dach. Niemand schaffte es, die Ratte zu fangen. Nicht Meister Niklas, auch nicht sein Sohn Gunnar, nicht die klimpernde Reinhilde, des Meisters zweites Eheweib, und die schöne Peternelle erst recht nicht. Peternelle war die erste Magd. Das Mädchen die zweite. Keine Magd dieser Welt brachte eine so dreiste Ratte zur Strecke. Nicht die erste und nicht die zweite Magd.
Da! Da war es schon wieder, dieses Scharren, dieses Kratzen, das sich mit dem tosenden Herbststurm vermengte. Doch nun mischte sich noch ein ganz dumpfes Rumpeln unter das Übrige. Das Mädchen setzte sich auf. Das Stroh raschelte unter ihm. Es versuchte die Geräusche der Nacht besser voneinander zu trennen und zu verstehen, was sich hier oben zutrug. Auf das Rumpeln folgte träges Schleifen. So etwas brachte selbst die allerfetteste Ratte nicht zustande. Hier oben unterm Dach gab es kein Fenster, durch das der Mond einen gnädigen Lichtschimmer hätte schicken können. Einzig die Vorstellungskraft des Mädchens erhellte die Sache. Ihre Fantasie war farbenfroh und unzuverlässig wie ein Frühblüher.
Die Fingerkuppen ertasteten die rauen, knubbeligen Flicken auf der gemeinsamen Zudecke, fanden die Schultern der anderen und rüttelten so lange, bis Peternelle wach wurde. Natürlich hatte diese nur ein Murren für das Mädchen. „Lausch!“ Flüsternd reckte es den Hals in die stockdunkle Nacht. „Hörst du das nicht?“
Peternelle schnaufte wie jemand, der in tiefen Schlaf zurücksank. Mit dem jetzt sehr nahen Krachen versteifte sich Peternelles Körper. Sie rappelte sich auf. Schulter an Schulter saßen beide reglos.
„Sieh nach, was das ist!“, befahl Peternelle.
Das Mädchen zögerte. Natürlich zögerte es. Wer wollte schon mitten in der Nacht – in einer eher kalten als wohligen Nebelungnacht – mit blanken Füßen über den kalten Dielenboden tapsen, um ein unheimliches Geräusch zu ergründen? So etwas macht doch keiner!
„Na los!“, piekste Peternelles Zeigefinger sie gemein in die Seite. Ihr Tonfall war in den hohen Lagen altjüngferlich lang gezogen. Das Mädchen wusste, Peternelle würde es ihr bei nächster Gelegenheit heimzahlen, wenn es jetzt nicht gehorchte.
Während das Mädchen nun also mit den Zehen nach ihren Holzschuhen tastete, die da irgendwo neben dem Strohlager sein mussten, wurde das Rumoren auf der anderen Seite der Bretterwand, die die Mägdekammer vom restlichen Dachboden trennte, immer drängender.
Wie eine Blinde streckte das Mädchen die Arme weit von sich. Es wusste, es sind drei Schritte bis zur Wand, tastete sich bis dorthin und erstarrte wie ein Mime auf dem Marktplatz. Schritte: ganz deutlich. Und dann, keine zwei Herzschläge später, schlich ein Lichtschimmer unter und zwischen den groben Brettern der Tür hindurch. „Ich will lieber nicht …“ So ein dünnes Flüstern.
„Schau nach, was dort los ist!“ Peternelles ruppige Art mochte täuschen.
Die Jüngere legte die Hand vorsichtig auf den hölzernen Riegel. Der Riegel klemmte. Dann knarzte er, wie um gegen die nächtliche Störung zu protestieren. Es war also absolut unsinnig, sich die Mühe einer lautlosen Auskundschaftung zu machen und das Mädchen konnte da nicht ahnen, dass die Schritte genau gegenüber der Tür innegehalten hatten.
Ihr Blick fiel direkt auf das, was ganz sicher nicht für Zuschauer aufgeführt wurde. Es waren zwei, eigentlich drei, aber einer zählte ja kaum, denn er war wohl tot. Jedenfalls hingen seine Arme schlaff herunter. Der Kopf wippte mit den schlurfenden Schritten der beiden, die den dritten trugen, beziehungsweise getragen hatten, bevor das Mädchen sie dabei ertappt hatte. Und jetzt starrten die beiden verblüfft herüber.
Zuirst
wird im irsten Teyl erzeleth, wie es sich zugethragen vom Frühjahr anno 1510 bis zum Ausklang anno 1512
in der Parochie Hurke einem Flecken in
der Landvogtey Görlitz
2

Diese Worte können nicht von der sakramentalen Buße, d. h. von Beichte und der Genugtuung, die durch das Amt der Priester geübt wird, verstanden werden.
Sie trippelte auf der Stelle, als übte sie eine Courante, obwohl sie nicht wissen konnte, wie man sie tanzte. Der Sandweg war so aufgeheizt. Wenn sie nicht die Grasbüschel traf, brannten ihre Fußsohlen. Den Krug umklammerte die Kleine. Kein Tropfen durfte verloren gehen. Sie musste ihn zum Schauplatz tragen. Dort würde ihre Mutter die Brui verkaufen. Das hatte der Herr Vater so aufgetragen.
Er, Johannes Mälzer, hoffte auf das große Geschäft an diesem Tag. Einem Tag, an dem eine Schauhinrichtung für Abwechslung sorgen sollte. Das Mädchen, das behänd den Weg entlanghüpfte und das Krügelein balancierte, hatte keine konkreten Vorstellungen davon, was es bedeutete, zum Tode verurteilt zu sein. Sie hatte ihre Mutter mit den Weibern aus dem Dorf sprechen hören. Man äußerte sich erstaunt darüber, dass sich die Unholdin Margarete Rieger ausgerechnet das Wasser zu diesem Zwecke erwählt hatte. Die Kleine aber erstaunte es, dass ein Mensch nicht durch Gottes Hand, sondern durch Menschenhand hinübergeführt werden würde. Und wieso ertränken? Weil einem dann niemand beim Sterben zusehen konnte? Sie hätte niemals Ertränken ausgewählt. Das Mädchen war nicht in dem Alter, abzuwägen, auf welche Todesart ihre Wahl fallen würde. Sie war nicht in dem Alter, Vor- und Nachteile zu ermessen. Beim Erwürgen konnte man zumindest sitzen.
Am Tage Marci, dem fünfundzwanzigsten des Ostermonds, sammelte sich nun also das halbe Dorf am Fluss mit Namen Weißer Schöps und der Krug wurde schwer.
Der Schöps kam vom Süden, vom Eigen, führte dunkelgrünes Wasser, roch eigentlich nach Gras und war an einigen Stellen so tief, dass man fürchten musste, er sei von Querxen und anderen Gestalten bevölkert. Den Mälzerhof fand man am Schwarzbach im südöstlich von Horka gelegenen Mückenhain. Dort floss das Wasser stetig. Unaufgeregt.
Des Mädchens Augenmerk galt dem Krug und nichts als ihm. Das bauchige Gefäß in ihren schmalen Händen wurde immer schwerer. So schwer. Die Kostbarkeit, für die sie Verantwortung trug, war unter einem festgezurrten Tüchlein vor Schmutz und Fliegen geschützt. Ihm entströmte der saure Geruch, der überall in ihrem Elternhaus hing und legte sich über den zarten Duft der ersten Blüten am Feldrain.
Von Ferne war dies sensationslüsterne Rufen und Lachen zu hören. „Du wirst gut hinsehen, wenn es so weit ist!“, hatte ihre Mutter gemahnt. Aber noch war es nicht so weit. Vorerst machte man aus dem Spektakel ein Fest.
Der Karren mit der Hexe wurde aus Görlitz erwartet. Ehebrecherin, Mörderin hatte der Vater die Unholdin genannt. Die Frauen im Dorf soll sie verhext haben, damit die ihre Kindlein des Nachts im Bette ersticken oder sich gar von dem falschen eines machen ließen. Der Teufel hatte seine Buhlin unfruchtbar gemacht, damit ihr Mann die Ehe schied und die Hexe verbannte. So erst konnte sie ihr wahres Werk vollenden. Oben auf dem Weinberg hatte man sie zum Einsiedler gesteckt. Nur wenige Monate war sie dort geblieben. Doch der Alte hatte die Riegerin keines Besseren belehren können: Sie brachte trotzdem Bauer Rieger um. Und da für musste sie jetzt ins Wasser des Schöps’, der doch nichts dafür kann.
Ihr linker Arm war taub. Das Mädchen blieb mitten auf dem Weg stehen und stellte das kostbare Gut vor seinen Füßen ab. Und, dass du dich bloß beeilst!, hallte Vaters Stimme nach. Die Sonne stach im Nacken.
Die Kleine drehte sich um, sah zuerst die Staubwolke aufwirbeln, wie wenn die Mutter die Strohmatten ausklopfte, dann erst das johlende Rudel Halbwüchsiger nahen. Mädchen waren auch dabei. Älter als sie und ohne Krug unterwegs.
Als Nächstes spürte sie ihren Hintern im Sand aufschlagen und einen dumpfen Schmerz im Steiß. Die Horde hinterließ Fußabdrücke im knisternden Schaum, der sich zu einem Rinnsal vereinte. Aller Fußabdrücke, außer von zweien. Zwei blieben stehen, unschlüssig zwar, ob sie den anderen folgen sollten, entschieden sie sich letztlich zu bleiben.
„Hast du dir wehgetan?“
„Lass mich in Ruhe, Andres!“, ging das Mädchen den an, der es offenbar gut mit ihm meinte, von dem es aber keine Hilfe wollte, weil der Vater gesagt hatte, die Hinterthurs können mehr als nur Wasser kochen. Sie rückte den verrutschten Reif auf ihrem Haar zurecht.
„Ach, komm schon, Els.“ Aber Elsa begann zu weinen, weil sie sich schämte und müde war und der Krug leer. Sie weinte, wie es eben Mädchen von zehn Jahren tun. Sie hob aber nicht den Blick, sondern schaute den sich in den Staub grabenden Perlenschnüren zu, wie sie ein Löchlein, eine Unebenheit suchten, um zu versacken, und keine fanden, weil es seit Tagen nicht geregnet hatte.
Die beiden Jungen, die stehengeblieben, waren Brüder. Das schloss man aus den dunkelbraunen Strähnen im halblangen, leicht gelockten und widerborstig verknoteten Haaren und den schmalen Gesichtern. Beide guckten die Jüngere unschlüssig an. Ein weinendes Mädchen ist keine einfache Angelegenheit. So wurde sie vom Älteren, Blasseren und Unscheinbareren verunsichert, vom anderen eher belustigt gemustert.
Die Verhältnisse zwischen den Nachbarsleuten Mälzer und Hinterthur waren kompliziert. Obschon zwischen beiden Gehöften nicht nur besagter Weinberg, sondern auch der Schwarzbach, einige schmale Hufen und ein verschlungener Pfad durch ein Waldstück führten, waren es immer noch Nachbarn. Nachbarn, die einander inniglich verachteten. „Hau ab!“, schrie das Mädchen und nahm allen Mut zusammen, den Jungen ihr allerbösestes Gesicht zu zeigen. Das machte es nur noch schlimmer.
Jost, der jüngere der beiden, neigte sich zu ihr hinab. „Na komm, steh auf.“
Sie nahm seine Hand, weil er hübsch war. „Ihr könnt eurem Vater schöne Grüße bestellen, dass dem Mälzer nun der letzte Schluck ausgegangen ist!“ Sie war nur ein Mädchen, wusste aber, dass mit diesem letzten Tropfen, das Ausschankrecht ihres Vaters verwirkt und der Nächste an der Reihe war, sein Rezept anzurühren.
„Komm mit, ich hab eine Idee“, hob Jost an und bückte sich nach dem Krug. Das sture Kind in Elsa entwendete ihn ihm.
„Ich will deine Ideen nicht, ich will die Briu meines Vaters zurück!“
„Hör endlich auf zu heulen. Komm mit.“ Jost nahm entschlossen den Krug. Beide Buben schlugen dann die Richtung ein, aus der sie eben gekommen waren.
Im Abstand von fünf Fuß folgte die Kleine ihnen, denn schlimmer, als ohne Suppergeld nach Hause zu kommen, war es, ohne Geld und ohne Krug zurückzukehren.
Andres Hinterthur, zwei Jahre älter als sie, ließ sich zurückfallen und ging neben ihr her. Er war groß für sein Alter und hager. Anders als der Jüngere, der das Haar lang über die Schultern trug, verwegen wie ein Städter, reichte Andres’ Kopfkraut, das sich noch entscheiden musste, ob es einmal gelockt oder gesträhnt wachsen wollte, jedoch krumm wie Grashalme fiel, bis zu den Ohren. Während Jost Hinterthur selbstbewusst und unbehelligt vor ihnen her schritt, passte sich Andres scheinbar ihrem vorsichtigen Gang an. „Ihr führt mich ab, wie eine, die was Unrechtes gemacht hat“, murrte Elsa. Sie bekam keine Antwort vom Jungen. Jost hatte sie nicht hören können. „Euch entgeht das Spektakel!“, setzte sie gehässig einen oben drauf. „Mein Vater sagt, wer das Sempel sich nicht anschaut, wird selber zum Verbrecher.“
„Du meinst wohl Exempel. Es ist Blödsinn“, murmelte Andres.
„Willst du sagen, mein Vater lügt?“ Elsa, kühn, holte den Schritt nach links auf und rammte ihm die Schulter in den Oberarm. Vom Mädchenrempler blieb Andres ungerührt. „Nein, ich sage, dass das Zuschauen an sich schon einen schlechten Menschen aus einem macht, uns von bösen Taten aber nicht abhält!“
Elsa fiel nichts Schlagfertiges dazu ein. In Gedanken formulierte sie hässliche Verwünschungen. Der Hinterthur-Hof sollte in Flammen aufgehen, oder vom nächsten Schlossenwetter erfasst und davongeschwemmt werden. Dass Hinterthur und Mälzer die ärgsten Konkurrenten im Geschäft mit der bernsteinfarbenen Briu waren, wusste ja jeder, doch ging der Hass nicht so weit, dass sie einander Besuche abstatteten, um sich Lästereien anzutun. So aber geschah es jetzt, da Elsa Mälzer mit den Hinterthurjungen den Hinterthur-Hof betrat.
Die Buben beschieden, Elsa möge warten und verschwanden mit ihrem Krug im Pfannenhaus, ohne über Hühnerlöcher zu stolpern, weil die Hühner eingezäunt waren. Bei Elsa zu Hause stolperte man in einem fort über irgendwas. Gerümpel und Unordnung suchte man auf dem Hinterthur-Hof vergeblich. Unter dem Laubengang fanden sich weder Küchenabfälle noch tierische oder menschliche Hinterlassenschaften, alles hatte seinen Platz. Man konnte den Hof überqueren, ohne den Saum des Kittels heben zu müssen, weil der Sand geharkt und Pfützen und Rinnen regelmäßig aufgeschüttet wurden.
Von dort, wo in Sudpfannen Gerste verkocht wurde und es stickig heiß werden konnte, trat Meister Orwid auf den Hof. Einen Krug in jeder Faust. Elsa erkannte, dass der ihre von Matsch befreit, das Zeichen der Mälzers im braunen glänzenden Steingut schön poliert worden war. Die andere Kanne zeigte das Emblem der Hinterthurs.
„Hier, Mädchen. Du kannst nichts dafür, dass dein Vater ein Idiot und die Dorfjungs Rüpel sind.“ Mit diesen Worten und einem Grinsen stippte Meister Orwid das Mädchen an der Nasenspitze. Sie wich nicht rechtzeitig vor seinem breiten Finger zurück. Sie hätte ihm gern ins Gesicht gespuckt, was sie sich natürlich nicht getraute. Der Hüne wandte sich nach dem Pfannenhaus um und rief nach seinen Söhnen. „Wie besprochen, Jungs: halbe, halbe. Ihr bekommt einen Schock für den Krug, verlangt also einen halben Groschen pro Becher. Mach die Becher voll. Wir berumsen unsere Kundschaft nicht.“ Letzteres besiegelte er mit einem Augenaufschlag für Elsa. „Guck nicht so belämmert“, meinte er zu ihr, „du bekommst das Doppelte von dem, was das Gebräu deines Vaters eingebracht hätte.“
„So bereichert Ihr euch auch am Unglück der Unholdin? Ihr habt heut nicht Ausschank“, reckte Elsa das Kinn, um sich gegen den Meister zur Wehr zu setzen. Der aber fuhr ihr kurz entschlossen über den Rand: „Und du hast keine Briu mehr.“ Es wäre nicht nötig gewesen, aber Meister Orwid erinnerte das Mädchen dennoch an die Fehde von vor zwanzig Jahren, die den Kindern beizeiten erzählt wurde, damit sie die Zunft und deren Mitglieder ehrten.
Wie eine tönerne Glocke klang das Antippen von Hinterthurs breitem Daumennagel, als er Elsa den Krug gab. Er war leicht und leer.
„Ich rette dir wahrscheinlich den Arsch, kleine Zicke. Also nimm das Angebot an, dann wirst du heut Nacht ruhig schlafen. Andernfalls wird dir der Hintern noch mehr wehtun als so schon.“
Die Hinterthurbrüder hatten wohl berichtet, wie sie vorhin auf ihrem Allerwertesten gelandet war.
Abermals öffnete sich die Tür. Ein Gesicht, blass und glatt wie Milch unter einer ebenso straffen Haube schob sich in die Sonne. Reinhilde war damals aus der Stadt gekommen, um den Orwid Hinterthur zu heiraten. Sie war und blieb die Städterin, auch wenn sie ein gut Dutzend Jahre schon in der Parochie lebte. Die Reinhildin zahlte das ihr entgegengebrachte Misstrauen mit barer Münze zurück. Sie herrschte wie eine Königin über ihren Besitz. Schön und klug, fromm und geschäftstüchtig.
„Sind die Mälzers so gottlos, Geschäfte mit dem Tod zu machen?“, rief sie über den Hof. Elsa steckte die freie Hand in die Tasche ihres Kittels, damit niemand sah, wie sie sie zur Faust ballte. „Ist es nicht genug, dass ihr über alle Meister herzieht, müsst ihr sie nun auch behelligen?“
Elsas Schlagfertigkeit reichte nicht weiter als sie spucken konnte. Die Brauleute verschwanden im Haus.
„Mutter hat recht. Wir sind kein Stück besser als Mälzer“, sagte Andres, kaum, dass sie in die Richtung unterwegs waren, wo der Schöps am tiefsten war. „Wir bereichern uns am Unglück der Unholdin und der Gaffsucht der Leute, wenn wir am Schafott unsere Ware feilbieten.“
Sein Bruder Jost winkte ab und schenkte Elsa ein neckisches Grinsen. Es gefiel ihr.
„Mal im Ernst, Jost“, beharrte Andres, „Die arme Seele! Unser Herr würde das nicht wollen.“
Jost blieb abrupt stehen und schaute seinen älteren Bruder teils genervt, teils ungeduldig an. „Dann lauf doch zurück, Andres, geh zu Mutter und bete, oder spiele mit deinen Glasmurmeln.“ Wieder dieses Lächeln, und Elsa kicherte.
Andres aber tat nichts dergleichen. Nur ließ er sich hinter sie zurückfallen.
„Meinen Bruder interessiert sein Seelenheil mehr, als sein Geldbeutel“, spöttelte Jost.
„Richtig, Dummkopf“, kam es von hinten. „Wir haben mit der Riegerin nichts zu schaffen. Unser Herrgott weiß das. Der Herr hat es gefügt, dass Elsa ihren Krug verschüttet hat, damit sie keine Geschäfte am Schafott macht.“ Elsa protestierte. So war der Hergang nicht gewesen.
Der Herr wolle gern, dass die Wartenden am Schöps eine Erfrischung bekämen, erwiderte Jost. Ein Zwinkern für Elsa, das wohl tat wie ein Löffel voll Honig. Jost trug die bauchige Kanne mit Leichtigkeit, denn er war stark.
Während von Elsa die Sorge des Groschens und die Angst vor Vaters Schlägen verblassten, sie gewillt war, dem sonnigen Tag im Ostermond endlich das Wärmende abzugewinnen, kam Andres so schnell nicht mit seinen Gewissensbissen zurecht. „Aber, wenn es Gottes Wille ist, dass die Zuschauer mit dem Gebräu aufgemuntert werden, dann verfehlt die Hinrichtung doch ihre Anschaulichkeit.“
„Halt endlich die Klappe“, blaffte Jost. „Genieß die Sonne, das Vogelzwitschern, die arbeitsfreie Stunde, oder willst du lieber beim Vater Pfannen schrubben oder Maische rühren bei der Mutter?“ Andres antwortete nichts. „Na also.“
Elsa wollte es so halten wie Jost: Sie wollte den nichtsnutzigen Moment genießen, obwohl Müßiggang eine Todsünde war.
„Wenn du so sehr haderst, Andres, dann kannst du dich an den Wegrand setzen und mit deinen Glasmurmeln spielen. Wir erledigen dann schon den Rest, was Mälzerin?“ Jost knuffte Elsa freundschaftlich in den Oberarm. „Das wär doch gelacht, uns von so einer Mörderin das Geschäft verderben zu lassen!“
Zu Josts Worten nickte Elsa entschlossen: „Ja, das hat mein Vater auch gesagt.“
„Na also!“ Jost wiederholte die verschwörerische Geste.
„Sie hat unter Folter gestanden, Jost“, sagte Andres jetzt mit einer klaren, reifen Stimme. „Ihr Geständnis soll gekauft worden sein.“
Jost war des Themas überdrüssig. Doch Andres zog ihn jetzt rüde am Arm zu sich herum, sodass alle drei im Kreis standen. „Ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass die Riegerin unschuldig ist?“
Jost machte sich los. „Sie hat ihm keine Kinder geschenkt. Das spricht für die Buhlschaft mit dem Teufel. Fertig.“
„Fertig“, äffte Andres seinen jüngeren Bruder nach, „Fertig! Gott sei auf Knien gedankt, dass du Briuwer wirst und nicht Jurist!“ Er schubste den Jüngeren von sich und ging weiter voraus. Jost versicherte Elsa, sein Bruder sei nicht ganz normal im Oberstübchen, was er mit einer Geste untermalte, über die Elsa kichern musste. Andres drehte sich nicht zu ihnen um.
„Im ersten Buch Mose steht“, sprach er über die Schulter zu ihnen, wodurch Jost laut aufseufzte, „dass Rahel ebenfalls unfruchtbar war. Sie konnte Jakob keine Kinder schenken. Lea aber, Rahels Schwester, schenkte Jakob sechs Kinder. Rahel wurde auch nicht zum Tode verurteilt.“
„Weil sie von Jakob geliebt wurde“, leierte Jost die Worte herunter.
„Nein, weil sie von Gott geliebt wurde. Gott hat aus übergroßer Liebe Rahel keine Kinder geschenkt?“, rief Andres gereizt nach hinten.
Wie gut die beiden sich auskannten! Elsa selbst brachte meist alle biblischen Namen durcheinander. Die Hinterthurs waren nicht nur reich. Sie waren auch so fromm, dass sie eine eigene Kirchenbank besaßen.
„Das ist ein Gleichnis, du Idiot!“, schimpfte Andres jetzt. „Gott wollte, dass Jakob beide Frauen liebte und deshalb hat er derjenigen, die er nicht mochte, den Kindersegen geschenkt. Gott wollte nicht, dass Rahel neidisch auf ihre Schwester war und daher …“
„Jakob hat es mit allen getrieben, Andres, sei nicht so dumm. Jakob hat sogar bei den Mägden seiner Frauen gelegen, um Gott milde zu stimmen und Rahel den Kindersegen zu bringen.“
„Nein, so darfst du nicht reden.“ Während Andres schulmeisterte, Lea habe nichts als Intrigen und Rahel den Neid gehabt, beobachtete Elsa Jost. Der lächelte müde über den Schlauberger. „Gott lehrt uns Geduld“, schloss Andres, „und Genügsamkeit. Das, was der Rieger mit seinem Weibe damals nicht konnte, und deshalb muss sie heut sterben und das ist furchtbar! Sie stirbt wie unser Herr für die Sünden, die andere begangen haben.“
„Er schläft mit der Heiligen Schrift unterm Kopfkissen“, flüsterte Jost und grinste in Elsas Richtung. Sie, seiner Anziehung verfallen, erwiderte das Lächeln. Das Buch der Bücher hatte sie noch nie von Nahem gesehen. Zu Hause besaß ihre Mutter eine Bilderbibel. Aber das war nicht dasselbe wie die dicke Heilige Schrift mit dem ganzen lateinischen Text.
Sie erreichten den Fluss. Wie eine überreife Traube hingen die Menschen am Schaugerüst, drängelten um die besten Plätze, schoben sich dichter ans Wasser. Elsa konnte ihre Mutter nicht sehen und vollzog gemeinsam mit Jost den Betrug. Andres weigerte sich, Zeuge des Spektakels am Fluss zu werden. Er blieb an einem sacht ansteigenden Hügel unter einer Birkengruppe zurück und wachte über den gedemütigten Krug der Mälzers.
Die Leute streckten Jost ihre Becher entgegen. Sie wussten, das Produkt seines Vaters war das beste, was man kriegen konnte. Man beäugte Elsa, als befürchte man, sie könnte einen Krug vom Mälzer-Gepansch zücken, das man dann umständlich ablehnen müsste. Beim Mälzer schmeckte es eben nicht. Es gab neuerdings Reinheitsauflagen. Die konnte man leicht umschiffen, wenn man Bilsenkraut oder Tollkirsche beimischte, so wie es schon Johannes’ Vater getan hatte. Es gab dem Gebräu zwar etwas Säuerliches, intensivierte jedoch die Wirkung, und ließ sich gerade deshalb um ein paar Kannen strecken. Der Rausch, den man sich mit Johannes’ Gesöff antrank, war ein anderer. Johannes’ wenige Stammkunden wussten das.
Natürlich bekam Jost Hinterthur doppelt so viel für seines, als es Elsa mit dem ihren je erzielt hätte. Natürlich hielt er sich ans Wort seines Vaters, gab ihr einen halben Schock, was mehr war, als ihr Vater für einen ganzen Krug bekommen hätte.
Katharina Mälzer, als sich Elsa mit barer Münze zu ihr durch die Menschen durcharbeitete, war höchst zufrieden.
3

Doch bedeutet es nicht nur die innerliche Buße:
ja, die innerliche Buße ist nichtig, wenn sie nicht nach außen mehrfache Abtötung des Fleisches bewirkt.
Elsa hatte nicht hingesehen. Sie hatte wohl den einen oder anderen Kommentar gehört, aber zugesehen, wie man Margarete Rieger mit Steinen beschwerte und ins Wasser führte, hatte sie nicht.
Spät kamen sie heim. Die Urteilsvollstreckung hatte sich hingezogen. Der Kaplan war nicht erschienen. Was die Klatschweiber sich nach dem Spektakel erzählten, war schlimm. Nein, Ertränken wäre nichts für Elsa. Sie war froh, dass sie keine Bilder im Kopf hatte. Jost Hinterthur hatte hingesehen und brüstete sich damit. Elsa verzieh ihm das.
Am Abend, das Knie der ein Jahr jüngeren Siegtraut im Kreuz, den riechenden Fuß der zwei Jahre jüngeren Anneruth an der Nase und das Geschrei der neu geborenen Irmel im Ohr, hörte Elsa die Mutter noch lange mit der Base tuscheln. In Elsas Traum tauchte Jost auf. Ihm hätte sie am Nachmittag gerne Danke gesagt für seine Idee mit der Briu.
Tags darauf ging die Kunde von Mund zu Mund. Eine Kunde, die alles Schauderbare überstieg. Und als die Neuigkeit bis auf den Mälzer-Hof rollte, musste Elsa die ganze Zeit an Andres Hinterthurs Worte denken.
„Ist die Riegerin also unschuldig gestorben?“, fragte das Mädchen, als die Klatschtanten von dannen gezogen waren. Wenn man ihnen glauben wollte, war noch am selben Tag, als man die Margarete Rieger zu Tode brachte, der Priester Czeppil doch noch aufgetaucht, unpünktlich zwar, und auch nicht in guter Verfassung. Tot. Nicht etwa selig entschlafen in seinem Daunenbette, sondern eingeschlossen und elendiglich wie ein armer Sünder unter der Erde in einem alten, halb verfallenen Fluchtgang, der von der Kirche in die Wälder führte, krepiert. Erstickt? Konnte man vor Angst sterben?
„Gottes Wille!“ Beim Sprechen zitterten die Zipfel der Hörnerhaube der Base. Der Einsiedler habe den Priester gefunden, hieß es weiter. Der Priester hatte den Bauer Rieger auf dem Gewissen, raunte man. Den Mord hatte demnach nicht die Riegerin begangen?
„Also ist sie unschuldig verurteilt worden“, schlussfolgerte Elsa, weil es die Erwachsenen nicht taten.
Ein Ersatz für die Pfarre fand sich so schnell nicht. Die Menschen fühlten sich von Gott im Stich gelassen. Ein gewisser Priester Simon Horn kam für die Predigt ins gottlose Dorf. Es kursierten zweierlei Ansichten: Die einen meinten, dass der Riegerin ein Unrecht angetan worden war, wofür jetzt die Gemeinde büßen sollte. Die andere besagte, dass allein die Hexenkunst der Riegerin den Priester Czeppil im wahrsten Sinne unter die Erde gebracht hatte.
Letztere Meinung erhielt Zuspruch, als auf den fruchtbaren Lenz eine beschwerliche Hitze im Sommer folgte. Der Sonntagspfaff Simon Horn hatte keine tröstenden Worte und man schob die Dürre auf die Hexe, die den Pfarrer vor ihm ermordet haben soll. Der verwaiste Riegerhof im Norden der Parochie wurde zunächst gemieden, dann aber, eines Nachts, brannte er lichterloh. Gott sei Dank! Man war froh, als das Unglück bringende Gehöft weg war. Regen aber kam trotzdem keiner.
Die Felder drohten zu vertrocknen. Gebete wurden lauter. Elsa musste hart anpacken, die goldgelbe Gerste mit Kübeln aus dem Schwarzbach bewässern.
Auf dem Hinterthur-Hof wurden Leitungen aus Holz gelegt und ein Esel im Göpel um den Brunnen laufen gelassen, um stetig Wasser zu schöpfen. Das schütteten die Jungs in die Rinnen, die dann das Wasser direkt auf die Felder führten. Die Hinterthur-Mädchen, Johanna und Maria, spornten den Esel mit Streicheleien zwischen den Ohren und Löwenzahn an.
Elsas Vater hatte weder Söhne noch Geld für Brunnen, Esel und Göpel. Nicht einmal genügend Löwenzahn wuchs auf der dürren Wiese vor dem Haus. Also mussten die beiden ältesten Mälzertöchter die Wasserkübel zum Feld schleppen. Jeden Abend sanken sie mit berstenden Rückenschmerzen, wunden Händen und Füßen auf das Lager.
Elsas zunächst dankbare Erinnerung an Meister Hinterthur schlug um in jene abgrundtiefe Abneigung, die sie von ihren Eltern vorgelebt bekam. Ihre abendlichen Gebete waren weder von christlicher Nächstenliebe noch von Demut und Reue bestimmt. Sondern von Neid. So fügte sie heimlich jedem Gebet an, den Hinterthur sollte der Blitz treffen.
Auf jede Dürre folgt ein Regen. Regen kam so viel, dass es den Leuten in der Parochie auch wieder nicht recht war. Ein heftiges Wetter im Spätsommer peitschte die Gerste und ließ den Fluss über seine Ufer treten. Jetzt mussten die Mälzertöchter die Wasserkübel aus dem Hause tragen. Das Strohdach war so marode, dass es dem Gotteszorn nicht standhalten konnte und mit einem heftigen Wuschsch einfach in sich zusammenfiel. Nun war die Gerste zwar prall gegossen, aber die Familie saß ohne Dach über dem Kopf im Nassen.
Es gab genügend Dörfler, die ein Erbarmen hatten, und die Kinder getrennt – nicht alle vier auf einmal! – für ein oder zwei Tage aufnahmen, so lange Johannes Mälzer das Stroh auf dem Dach erneuerte.
Auch die Reinhildin, von Gottgefälligkeit getrieben, bot an, eines der Kinder zu nehmen. Sie hatte ein Auge auf die stille Anneruth geworfen. Mit ihr würde sie ein paar Tage lang gut zurechtkommen. Katharina Mälzer aber wollte keines ihrer Kinder ins Haus derjenigen geben, die schlecht über sie sprachen.
„Denk doch mal nach, Weib“, forderte Johannes Mälzer. „Lass uns die Große geben. Die soll tüchtig helfen und dann das Rezept auskundschaften.“
Das Letzte, was Elsa wollte, war zu den Hinterthurs zu gehen. Und wenn dort fünf von Josts Sorte wohnen würden. Vor der Reinhilde hatte sie Angst. „Bitte, Herr Vater, steckt mich nicht zur Reinhildin!“ Elsa schwor, fleißig beim Dachdecken zu helfen. Sie versprach, die Strohbündel selbst zu schnüren und wenn sie noch so viele Flöhe davon bekam. Sie gelobte, bei der nächsten Dürre das Feld ganz allein zu bewässern … alles, nur nicht zu den Hinterthurs! Aber das Betteln half nichts. Elsa musste fort, weil Johannes Mälzer das Geheimnis von Hinterthurs Erfolg wissen wollte.
Und die Reinhildin konnte wohl kaum ihre Mildtätigkeit Lügen strafen, indem sie die älteste Mälzertochter nicht aufnahm.
Hier ging es anders zu als daheim: Die Kinder aßen mit den Eltern am Tisch. Sie durften sogar sitzen. Auch wenn sie als Letzte etwas zu Essen bekamen, wurden sie doch satt. Nach dem Gebet wurde die Mahlzeit nicht schweigend eingenommen, wie es bei den Mälzers an der Tagesordnung war. Wer beim Essen sprach, verlor Gottes milde Gabe und die Speise verkehrte sich in Schlechtes. Nein, hier unterhielt man sich: Die Erwachsenen sprachen mit den Kindern!
Elsa aber schwieg, weil sie ja nicht wollte, dass Gottes gute Gaben sich beim Sprechen mit dem Verderbten des Alltäglichen in Schlechtes verwandelten.
Wie es ihr der Vater aufgetragen hatte, lauschte das Mälzer-Mädchen jedem Wort und merkte sich alles ganz genau. Doch ein Geheimnis, eine Rezeptur konnte sie nicht in Erfahrung bringen. Elsa musste die Briustube putzen. Es schien ganz so, als taten die Hinterthurs nichts anderes, als den lieben langen Tag zu putzen. Sobald ein Maischekübel abgeschöpft war, wurde der geschrubbt. Elsa konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater je einen Maischekübel sauber gemacht hätte. Hinterthurs Lauge stank zum Himmel und bald bildete sich Elsa ein, dass sie genauso roch.
Die Eltern und die Buben hatten ihre Stuben oben, unter dem Dach. Die Mädchen nächtigten im Erdgeschoss. Sittsamkeit wurde hier geachtet. Elsa lauschte dem Spiel der Erwachsenen. Geräusche, fremd und Ehrfurcht einflößend wie eine Verlockung, wie eine Weise in einer fremden Sprache drangen zu ihr und jagten ihr Schauder über den Rücken. Sie fragte sich, ob es Jost auch hörte und wenn ja, ob er dann ebenso peinlich berührt war wie sie.
4

Deshalb währt die Strafe,
so lange die Selbstverachtung währt.
Das ist die wahre Buße im Innern, nämlich
bis zum Eingang ins Himmelreich.
Elsa schlief unstet unter dem fremden Dach. Der Regen trommelte unaufhörlich, blieb aber draußen. An den Dielen über dem festen Fundament vermochte er nicht zu saugen. Die Kleine hockte in einem Lehnstuhl mit Polstern und Wolldecke wie ein aufgeplustertes Vögelchen. Die Hinterthur-Mädchen, Maria und Johanna, schliefen in einem richtigen Himmelbett. Sie rochen auch nicht säuerlich. Elsa vermisste ihre Schwestern. Das Heimweh jedoch wurde gemildert durch die Gewissheit, Jost ganz nah zu sein.
In der zweiten Nacht wurde Elsa aus ihrem Dämmer von einem Klacken und Klimpern geweckt. Es war kein so einschüchterndes, alles zum Stillstand bringendes Geräusch eines Tieres, das sich Zugang zu etwas Essbarem verschaffte, oder der Trieb der Erwachsenen. Elsa sortierte die Elemente, Stein auf Stein? Ton auf Ton? Nein. Holz auf Holz? Metall? Auch nicht. Elsa konnte sich zwar nicht erklären, wie dieses Geräusch zustande kam, aber es beruhigte sie und brachte sie in ruhigen, traumlosen Schlaf.
„Wie viel weißt du über das Handwerk deines Vaters?“, fragte Meister Hinterthur sie am folgenden Tag. Fest und entschlossen. Elsa spürte aller Augen auf sich ruhen. Das Duckmäuserchen in ihr wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, und wie unendlich langsam sich Haferbrei kauen ließ! „Zum Brauen soll man nicht mehr nehmen als so viel Malz, als man zu den drei Gebräuen von dreizehn Maltern und ein Viertel Gerstenmalz braucht“, sagte sie aus der Statuta thaberna, die sie von ihrem Vater gelernt hatte. „Es sollen auch nicht in die Briu weder Hafer noch keinerlei andere Ungeferck. Dazu soll man nichts anderes geben als Hopfen, Malz und Wasser. Das verbietet man bei zwei Mark und derjenige, der muss die Gemeinde für vier Wochen räumen.“
Mit jedem weiteren Wort wurde Meister Hinterthurs Lächeln breiter, die runden Augen, die er Jost vermacht hatte, strahlender. „Bist doch nicht so dämlich, wie dein Vater aussieht. Siehst du, sie kann es. Du nicht.“
Jost kreuzte die Arme vor der Brust. Auf der anderen Seite von Elsas Gesicht, dort, innen, wo es niemand sah, strahlte sie und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, etwas gut gemacht zu haben und zu etwas nütze zu sein.
„Warum aber hält sich dann dein Vater nicht dran?“, fragte Meister Hinterthur und Elsas innerliches Strahlen verglomm. „Was soll das Gepansch mit dem Tollkraut?“
„Weiß ich nicht.“ Elsa mied den Blick in die Gesichter der ehrbaren Hinterthurs und der alte Hass war wieder da. Auf diesem Thema wurde nicht beharrt, doch der Meister verstand es, mit solch kleinen Spitzen Elsa klarzumachen, dass ihr Vater ein Beflecker der Zunft war. So dachten alle.
Den restlichen Tag hingen Elsa und Jost kopfüber in den Maischekübeln und Sudbottichen und lösten mit den Schweineborstenbürsten die Überreste des Würzekochens. Nur die Malzdarre musste nicht geschrubbt werden. Damit das Aroma haften blieb, erklärte Jost. Elsa staunte, was er alles wusste. Auch, dass beim Schroten des Malzes die Spelzen, die kleinen Vorblättchen, erhalten blieben, erklärte er. Die waren brauchbar. Beim Kochen sanken sie auf den Grund des Bottichs. Malzkuchen nannte man das. Jost zeigte ihr die keimende Gerste. Sie sah viel praller und dicker aus als die, die ihr Vater erzielte. Und Jost erklärte, wie man das Feuer unterhalb des Sudes so anschürte, dass die Würze nicht zu heftig aufkochte. Die Erschwernisse ihrer Aufgaben und der Groll, den Elsa gegen Orwid Hinterthur hegte, verbaten ihr jedes Wort, aber sie merkte sich jeden Handgriff, den sie tat, um ihrem Vater davon zu berichten. Sie wollte sich nicht länger ihrer Herkunft schämen.
Am Abend sangen die Hinterthurs fromme Lieder. Reinhilde hielt strenge Gebetsstunden ab. Missa canonica. Andres konnte alles auswendig und Jost langweilte sich. Dessen Fuß suchte unter dem Tisch Elsas, was das Mädchen sehr vom Beten abhielt. Ab und an machte sich Orwid über Reinhildes stundenlanges Beten und Singen lustig. Manchmal folgte Streit und Geschrei und darauf wiederum die Weise in der fremden Sprache.
Schon nach wenigen Tagen verheilten die Blasen an Elsas Füßen. Von bleischwerer Müdigkeit war nichts zu spüren. Elsa schwor sich, der Mutter davon nichts zu berichten, auch nicht, dass sie der Reinhildin geholfen hatte, die Kleider zu richten, dass sie am Abend am offenen Fenster gesessen und bis zum Sonnenuntergang beobachtet hatte, wie Andres Hinterthur, vor dem Haus kauernd, Rinnen in die nasse Erde zog und bunte Glasmurmeln dort entlanggleiten ließ. Und sie wollte nicht erzählen, wie Jost an Andres vorbeischlenderte, wie zufällig in die gezogenen Spurrinnen trat, sich übertrieben dafür entschuldigte und Elsa etwas Lustiges daran fand, wie Andres mit zerknitterter Miene von vorn beginnen musste. Und das tat er. Elsa musste wieder an das Gleichnis der Geduld denken, das Andres im Frühjahr erzählt hatte. „Gott lehrt uns Geduld und Genügsamkeit.“ Beim dritten Mal fanden es weder Elsa noch Jost unterhaltsam, dem anderen das Spiel zu zerstören und suchten sich eine andere Beschäftigung.
Zu Hause war kein Platz für Müßiggang. Zu Hause half Elsa der Mutter bis zum Umfallen mit der Ernte von Kräutern und dem Binden von Amuletten, die unter den Frauen verschenkt wurden. Jedes Amulett hatte seinen Zweck. Kranke und Schwangere waren Mutters häufigste Besucher. Manchmal kamen auch Frauen mit Liebeskummer, die hartnäckigste, wenn auch harmloseste aller Krankheiten, wie Mutter es nannte.
Elsa rollte sich auf dem Lehnstuhl zusammen und lauschte lange dem Klacken Glas auf Glas, das Andres’ Perlen von sich gaben, wenn sie in der Rinne aneinanderstießen.
5

Der Papst will und kann keine Strafe erlassen,
außer denjenigen, die er nach seinen eigenen oder
nach den Satzungen Ermessen auferlegt hat.
Das Dach der Mälzers war so weit in Schuss gebracht, dass die Kinder zu ihren Eltern zurückkehren konnten.
Die Finger der Mutter flochten behände eine Strähne von Siegtrauts Jungfrauenhaar zu einem Faden und um einen Mondstein herum, den eine Kundin mit anhaltenden Frauenleiden und Kopfschmerzen bestellt hatte. Für derlei Bestellungen musste das Haar der Töchter herangezogen werden. Katharina verstand, den Preis zu staffeln: Elsas Haar war am billigsten. Wegen der Farbe. Katharina Mälzers Finger hielten nur inne, wenn Johannes im schroffen Tonfall seine Tochter im Berichten unterbrach. Er wollte jede Einzelheit der Hinterthurschen Brauweise erfahren, musste aber feststellen, dass seine vom Vater und Vatervater erlernte Kunst sich gar nicht von der des Konkurrenten unterschied. Was war also Orwids Geheimnis? Vielleicht, so überlegte Elsa, waren die kleinen Details, über die ihr Vater die Nase rümpfte, der Schlüssel zu Orwids Erfolg? Sie würde sich hüten, ihre Beobachtung laut auszusprechen.
„Mich soll die Blindheit schlagen, wenn dein Herr Vater eines Tages seinen Jähzorn überwindet“, murmelte Katharina Mälzer, als Johannes nicht in Hörweite war, und schickte die Kinder zu Bett.
Elsas Vater schrubbte die Kessel und Sudpfannen nicht. Wie es seine Ungeduld nun einmal gebot, streckte er weiterhin den Sud mit zu kurz gekeimter Gerste und dem Tollkraut, da konnte die Hölle zufrieren, bevor er davon abkam, weil er nicht ahnen konnte, dass zweitägiges Mälzen dem Gebräu sein bitterherbes Aroma vermachte. Eintägiges Mälzen jedoch das Ganze wie Pisse schmecken ließ. Sein Produkt blieb billig, die Familie kam über die Runden.
Wochen strichen belanglos an ihr vorbei, bis Elsa all ihren Mut zusammennahm und die Wanderung auf die andere Seite des Rittergutes antrat, um der Familie Hinterthur einen Besuch abzustatten. Sie hatte gut anderthalb Stunden Fußmarsch Zeit, sich ein Gespräch zu überlegen und hatte zu diesem Zwecke der Mutter ein Körbchen roter, saftiger Äpfel aus der Ernte abgeluchst, die sie der Reinhildin überbringen wollte. Für die Bewirtung im Spätsommer.
Elsas Dank wurde von Reinhilde Hinterthur formell angenommen. Vom Meister Orwid wurde sie über das Befinden der Eltern ausgefragt, von Andres kaum eines Blickes gewürdigt, aber von Jost beäugt, als wäge er einen Schabernack ab, den sie beide treiben konnten. Elsa wollte nicht länger als nötig verweilen, und obschon es sich nicht schickte, dass Mädchen und Buben Zeit miteinander verbrachten, es sei denn, sie waren Geschwister und gingen einer nutzbringenden Arbeit nach, erlaubte Meister Orwid Jost und ihr, sich ins Wäldchen hinter dem Hof zu verdrücken, um zu spielen. Spielen hatte es in Elsas Wortschatz bislang nicht gegeben. Höchstens heimlich, vor dem Zubettgehen und in den wenigen Augenblicken, die ihr manchmal blieben, wenn sie eine Aufgabe erledigt hatte und die Mutter noch keine neue für sie ersonnen hatte. Dann spielte sie mit Stöckchen und was man eben so fand. Jungen durften spielen. Nicht aber Mädchen. Deshalb genoss Elsa die Stunde, die sie gemeinsam mit Jost verbrachte, obschon ihr Anteil daran im Eigentlichen darin bestand, Jost beim Spielen zuzusehen.
Sie bewunderte, wie behände er über den Bachlauf sprang: hin und wieder zurück. Mehrmals. Sie liefen die Weide hinauf bis zur Baumgruppe. Elsa konnte kaum Schritt halten. Jost zeigte ihr einen Kletterbaum und wie man in die Krone kam. Elsa suchte eine Ranke oder eine Winde, mit der sie den Rock zwischen ihren Beinen hätte zusammenbinden können, wurde aber nicht fündig und sah sich auf das Vergnügen, im Wipfel zu sitzen, verzichten. Jost versprach ihr, nicht zu gucken und kletterte voran, damit sie ungeniert hinter ihm her konnte.
Es war herrlich, die Welt von oben zu sehen. Nie zuvor hatte Elsa in einem Baum gesessen. Jost pflückte ihr einen Apfel. Von hier oben konnte man die Spitze des Kirchturms sehen, das von Bäumen gesäumte silbern glitzernde Band des Weißen Schöps’, die überreifen oder schon abgeernteten Hufen, die von jedem Hof abgingen und das ein oder andere Fuhrwerk, das den Dorfweg gen Osten entlangrumpelte, um auf die Hohe Straße und Richtung Görlitz zu gelangen. Görlitz war mit dem Ochsengespann in gut vier Stunden zu erreichen. Elsa war noch nie in der Sechsstadt gewesen. Die Geschichten von Vater und Mutter, die dort manchen Krug vom Gebräu zu verkaufen suchten, beängstigten sie. Niemals wollte sie in die übervolle, übellaunige und garantiert stinkende Stadt!
Jost erzählte ihr von der Sechsstadt, die auch das Tor nach Osten genannt wurde. Er hatte dort Verwandte mütterlicherseits und gab sich weltmännisch. Elsa war beeindruckt. Er erzählte, was man in der Stadt Schönes kaufen konnte. Er beschrieb das feine Tuch, das dort hergestellt wurde, und den Stapel, in dem alles, was das Herz begehrte, gelagert wurde. Er berichtete von den Gauklern, die auf den beiden Marktplätzen ihre Kunststücke zeigten und Lieder sangen. Manchmal kamen richtige Bänkelsänger vorbei oder ganze Trupps von Schaustellern. Der Junge sagte das so, als fuhr er monatlich einmal dorthin, um sich diese Spektakel anzusehen. Elsa war immer nur hier gewesen. Hier kannte jeder jeden. Man musste genau aufpassen, wem man was erzählte, damit es nicht am nächsten Tag alle und vor allem die Falschen wussten. Jost beschrieb die Spielsachen, mit denen in Görlitz gehandelt wurde. Spielsachen! Elsa staunte über Josts übergroße Schlauheit. „Du meinst Dinge, die zu nichts anderem da sind, außer zum Herumtollen und sonst keinen Nutzen haben? So wie die Murmeln von Andres?“
Jost nickte. „Ja, die auch, aber Murmeln sind langweilig. Ich meine Steckenpferd, Reifen und Kegel und so. Ich zeig dir ein Spiel.“ Damit sprang Jost aus der Astgabel, suchte und fand unterm Baum drei Stöcke. „Na, komm schon.“ Elsa kletterte vorsichtig vom Baum und dieses Mal guckte er doch.
Jost zeigte ihr ein Spiel mit drei Stöcken, bei dem es darum ging, einen Stock mit den beiden anderen hochzuwerfen, und wieder aufzufangen. Die Schwierigkeit bestand darin, dass sich der hoch geworfene Stecken in der Luft drehen sollte. Elsa gelang das nicht. Jost amüsierte sich köstlich über sie.
Von nun an machte sich Elsa für den Gottesdienst besonders fein: kämmte ihr Haar so lange, bis es glänzte, steckte den Reif mit Hingabe auf und achtete auf ihren Sonntagsstaat. Hatte sie früher ein kleiner Fleck oder ein gezogener Faden nicht gestört, so behob sie den Makel wie ein zu verbergendes Schandmahl. Das alles tat sie nicht aus tiefster Gottesfurcht. Sie wollte nicht Gott gefallen, sondern einem anderen.
Diesen Plan verfolgte aber so ziemlich jedes Mädchen der Parochie. Elsa fiel auf, dass die Mädchen sich verhohlen nach Jost umdrehten, kaum, dass er die Kirche betrat. Er war immer noch eine Elle kleiner als sein stattlicher Vater, doch vom selben Stolz beseelt wie jener und von eben jenem Ansinnen erfüllt, sich in der Gemeinde als der Briuwer hervorzutun. Nur Elsa verrenkte sich nicht den Hals nach ihm. Dazu war sie zu schüchtern. Sie schlug das Kreuz und die Augen nieder, wie es sich an diesem Ort gehörte, und war doch mit jeder Faser drüben, auf der Nordseite des Kirchenschiffs, wo die Hinterthurs ihre Bank hatten. Elsa hörte den Priester sprechen. Dessen Worte tummelten sich im Kirchenschiff, ohne an ihrem Verstand zu kratzen. Ihre Gedanken glitten in den Apfelbaum zurück. Es gehörte sich nicht, das Gebet zu sprechen und die Lithurgie zu singen und gleichzeitig nur an diesen Jungen zu denken.
Es lag sicher nur an seinem Aussehen. Das Oberlausitzische war gnädig zu seinen Menschen. Anders als das Böhmische mit seinen Mondgesichtern hinter dem riesigen Gebirge. Aber dort redete man sicherlich genauso über die Hiesigen. In der Markgrafschaft Oberlausitz war die Luft rein, waren die Herzen fromm. Es gab nur wenige Exemplare, denen Elsa das Attribut wirklicher Hässlichkeit hätte anheften wollen. Die Hinterthurs waren allesamt von einer Ebenmäßigkeit gezeichnet, die einen schaudern ließ. Alle außer einem: Womit der Jost gesegnet war, war dem Andres abholt. Der war blass, schien verhärmt und schmal und seine Extremitäten taten stets etwas anderes, als sie sollten.
„Wer mit so viel Schönheit in der Jugend gesegnet ist, dem steht Schlimmes im Alter ins Haus“, pflegten die Basen zu wettern, wenn das Gespräch auf die Hinterthur-Sprösslinge fiel. Sicher: Man durfte dem Orwid Hinterthur nicht zu viel Segen und Glück wünschen, wenn man als Mälzer überleben wollte. Doch waren die Hinterthurs vom besonderen Schlage. „Wer reich und schön ist, hat doch was beim Gehörnten schuldig“, meinte die Schwägerin einmal und Katharina Mälzer erwiderte: „Das wäre mir egal. Ich würde jede meiner Töchter den Jungs geben.“ Worte, die Elsas Herz hüpfen ließen. Freilich: Das hatte die Mutter nur so dahingesagt, wie sie sich schon des Öfteren einen jungen Burschen von der Straße weg ins Haus gewünscht hatte, weil ihnen eben der anpackende Sohn fehlte. Elsa aber blieben diese Worte besonders im Gedächtnis. Von allen Buben in der Gemeinde war der Jost ihr der liebste. Gedanken, mit denen sich Elsa versündigte.
6

Der Papst kann keine Schuld vergeben, es sei denn er erkläre und bestätige, sie sei von Gott vergeben, oder sofern er die ihm selbst vorbehaltenen Fälle vergibt, die zu missachten ein Verbleiben in Sündenschuld bedeuten würde.
Die Weihnachtszeit war insofern die schönste, da man jetzt besonders häufig in die warme Kirche kam. Elsa achtete darauf, bei der Eucharistiefeier zu Josts Linker zu stehen. So nahm sie den Kelch von seinen Lippen, und sie tat so, als berührten ihre die seinen.
Es wunderte sich die Katharina Mälzer über die plötzliche Frömmigkeit der ältesten Tochter. Sie stellte die biblia picta, Erbstück der Mutter und Großmutter, bereitwillig zur Verfügung. Das Kind sollte der Heilserlangung teilhaftig werden. Die aus ihrem Einband weitestgehend gelösten Blätter waren an den Rändern speckig, eingerissen sogar. Überaus kostbar war das Buch. Doch im Grunde nichts weiter als eine zerschlissene Blattsammlung mit vielen verblichenen Stellen und wenig Text.
So klang das Jahr im Herrn Fünfzehnhundertzehn aus. Die Schicksalsschläge, die in diesem Jahr über die Parochie hereingebrochen waren, wurden einem gnädiglichen Vergessen anheimgegeben oder zumindest versucht zu verdrängen und in eine weit entfernte Vergangenheit geschoben.
Elsa ging beständig in die Kirche. Sie beneidete die Jungen, die mit Hochwürden Horn nach dem Gottesdienst den Katechismus lernten. Mit Elsas Frömmigkeit zeigte sich Meister Mälzer gern und erzählte jedem, der es nur wissen wollte, wie eilig es die Zehnjährige hatte, am Kirchentag das Weihwasser zu nehmen und stets in Reue und Demut ganz hinten zu sitzen. Dass der kindliche Antrieb ein ganz und gar unfrommer war und Elsa hinten Platz nahm, um ab und an Jost einen Blick zuzuwerfen, das erkannte lediglich ihre Mutter.
Katharina Mälzer erbat sich beim Priester Simon Horn die Erlaubnis, dem Kind das Lesen der biblia picta beizubringen. Zunächst lachte der Priester über die Schnapsidee. Als er erkannte, dass Katharina Mälzer von bitterem Ernst beseelt war, erlaubte er ihr, dem Mädchen das Alphabet beizubringen. Außerdem dürfte dem gelegentlich in der Parochie predigenden Geistlichen bekannt sein, dass die Kräuterfrau zumindest die Damen der Schöpfung auf ihrer Seite hatte. Insgeheim glaubte er nicht daran, dass der Backfisch weiter als bis zum G kam. Dass Elsa es bis zum P schaffen würde, konnte er da noch nicht wissen. Für die priesterliche Absolution die Lektionen betreffend, forderte Horn für seine alte, gebrechliche Mutter ein stärkendes Tonikum, welches Katharina aus Kräutern fertigte.
So stand Elsas frommem Ansinnen nur noch der eigene Vater im Wege. Ein Weibsstück hatte nicht zu lesen! Johannes Mälzer gehörte zu denen, die dachten, wenn man etwas lange genug nicht tut, kann man es eines Tages auch nicht mehr. Bei seiner eigenen Eheschließung hatte er gehofft, niemandem würde auffallen, dass sein Weib lesen konnte, hatte gehofft, sie würde es verlernen. Vielleicht hatte er recht. Die Bilderbibel war ja eben bebildert, damit man nicht lesen können musste. Das war Mälzers Ansicht. Dem Wort des Priesters aber widersetzte er sich nicht. Er tat auf andere Weise seinen Unmut kund.
An einem stürmischen Januarnachmittag begann Katharina Mälzer also den Unterricht. Es war einer jener Tage, an denen man nichts anderes tun konnte, als bei geschlossenen Fensterläden um das Feuer herum zu sitzen und zu warten, dass der schreckliche Winter mit all seiner Kälte und Ungemütlichkeit vergehen möge. Elsas Mutter streute Asche auf ein Brett und zeichnete mit einem Stecken das A hinein.
Die Gelegenheiten, in denen Tochter und Mutter ungestört üben konnten, waren spärlich gesät. Die Frucht nicht üppig. Dafür sorgte schon Johannes. Wenn Elsa nicht mit der Mutter übte, versuchte sie mithilfe der Buchstaben, die sie bereits kannte, neue Wörter zu entschlüsseln. Die Handschrift der Armenbibel jedoch war so unstet, dass sie auf jeder Seite unterschiedlich aussah und es Elsa schwerfiel, Buchstaben, geschweige denn Wörter zu finden. Entzifferte sie doch mal eines treffsicher, fehlte ihr noch die Übersetzung aus dem Lateinischen in die Volkssprache. Mit Latein war es bei Katharina Mälzer auch nicht weit her. Elsa nahm diesen Umstand als Grund, mit Jost ins Gespräch zu kommen.
Sie waren über die oberen Grenzen des Dorfes hinaus, da hatte sich Elsa längst in haltloses Geplapper verstrickt. Sie wurde von Jost ausgelacht, von Andres missmutig in ihrem kindlichen Verständnis von heiligen Zusammenhängen korrigiert. Einige Tage auf dieses dumme Gespräch klopfte es, leise aber dringend. Katharina Mälzer wusch mit den Jüngeren am Schwarzbach die Wäsche, der Vater hatte in der Sudküche zu tun. Elsa öffnete die Tür. Die Überraschung, einen der Hinterthur-Burschen zu erblicken, wog die Enttäuschung, dass es der falsche war, nicht auf. Andres übersprang die Grußformel und streckte Elsa ein Leinenpäckchen entgegen. „Die kannst du haben.“
„Was ist das?“
„Eine Bibel.“
„Eine Bibel?“
„Ja. Ich denke, wenn es dich wirklich interessiert, kommst du mit den Bilderzetteln nicht weit.“
„Bilderzettel!“ Bezüglich der Degradierung des größten Familienschatzes stemmte Elsa die dünnen Fäuste in die Hüften und bot trotzdem keine Angst einflößende Erscheinung. Andres reckte wachsam das Kinn. Er beäugte das gereizte Mädchen von oben herab und nahm das Päckchen, das er dem Mädchen die ganze Zeit hingehalten hatte, zurück vor seine Brust, als könne es ihn vor dem kindlichen Zorn schützen.
„Blasphemie ist das und ich werde es dem Hochwürden Horn sagen!“, schimpfte Elsa aus Wut, weil nicht Jost, sondern der andere zu ihr gekommen war.
„Es wird ihn brennend interessieren“, spöttelte Andres, meinte aber nicht, was er sagte. Das erkannte Elsa sehr wohl. Und ihr entging nicht das kleine Lächeln, das ihm nur flüchtig in den Mundwinkel gerutscht war. Das machte sie nur noch wütender. Im Grunde war ihr die Sache mit der Heiligen Schrift ganz egal, aber es hätte der andere sein müssen, der auf sie aufmerksam wurde. Dem Jungen, der es bestimmt nur gut gemeint hatte, aber eben der falsche war, knallte sie die Tür vor der Nase zu.
Und dabei hatte Andres nichts Verkehrtes gesagt: Die Blattsammlung der Armenbibel war nicht mehr als ein paar Zettel, unterteilt in drei Bereiche: Spruchband mit Miniatur zuoberst, im Mittelstück zumeist Brustbilder von irgendwelchen namenlosen Propheten oder Heiligen und darunter zwei sich reimende Zeilen, die nichts weiter darstellten als die Namen der beiden unteren Propheten mit vielen Symbolen, die selbst Elsas Mutter nicht deuten konnte.
Vor Katharina Mälzer konnte Elsa schlecht verheimlichen, von wem sie Besuch bekommen hatte. Katharina Mälzers Stirn lag in Sorgenfalten. Nicht, weil ein Halbwüchsiger das Mädchen überrascht hatte, was einem Skandal gleichkam und um nichts in der Welt ins Dorf getragen werden durfte, sondern die Tatsache, dass Elsa mit dem Bibellesen hausieren ging. Eine altkluge, des Lesens kundige Jungfrau war schwer an den Heiratswilligen zu bringen. Das erklärte sie dem Mädchen und stellte die Lesestunden ein. Die Lithurgien in der Kirche mussten genügen. Das beschied Katharina Mälzer und Johannes konnte diesen Entschluss nur gutheißen.
Das war, als Elsa noch nicht einmal das P wie Papa – Papst – sicher beherrschte. Und das Gefühl blieb, als fehle ihr noch eine ganze Reihe von Buchstaben.
Trotz alledem suchte Elsa Josts Gesellschaft. Sie wurde eine Meisterin der Effizienz. So schaffte sie die meisten Arbeiten in immer kürzerer Zeit, sodass sich ab und an Gelegenheiten boten, über den Kamm des Weinbergs zu laufen und auf Jost zu warten. Ihre Treffen wurden bald regelmäßig.
Elsa hatte längst begriffen, dass Jost seinen großen Bruder nicht leiden konnte, weil der in den freien Stunden entweder las oder mit seinen Glasmurmeln spielte. Elsa willigte ohne zu zögern ein, Andres eins auszuwischen. Sie willigte ein, weil sie Jost gefallen wollte. Außerdem war sie von einer inneren Wut auf Andres beseelt, die im Grunde nur darin begründet lag, dass sie sich einfach nicht dazu durchringen konnte, sich bei Andres für ihr freches Benehmen von neulich zu entschuldigen.
So gab Jost ihr eines Tages den Auftrag, beim Wurzelheinrich einen Viertelscheffel Baumharz zu holen. Jost hatte ihr die Münze dafür zugesteckt. Was genau Jost mit dem klebrigen Zeug vorhatte, war Elsa schleierhaft. Für sie war es eine unheimliche Herausforderung, ohne Begleitung in den Wald zum Pechklauber zu gehen. Sie fürchtete sich schon allein vor dem Ruf, der dem von der Menschheit vergessenen Alten vorausging.
Mit dem Viertelscheffel gelangte sie mit Einbruch der Dunkelheit am Brauhof Hinterthur an. Im Osten war der Himmel schon ganz finster, aus dem Schöpstal schallte Hundegebell und an ihren Füßen kroch die Lenzeskälte herauf. Elsa beobachtete, wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Sie versuchte in der Gestalt, die den Hof überquerte, Jost zu erkennen. Das Schlagen von Schuppentüren kreuzte das Keckern einer aus ihrem Winterschlaf geweckten Fledermaus. Dann ein kräftiges Anschlagen einer Axt. Wer auch immer im Schuppen Holz gemacht hatte, war wieder ins Haus zurückgekehrt.
Elsa wartete, bis es ganz still war und betrat den Hof. Wie abgemacht, klopfte sie an die Tür der Sudküche. Jost, der sie schon erwartet hatte, öffnete ihr. Das breite Grinsen in seinem Gesicht hätte das Mädchen eingeschmolzen, wenn es nicht vor Furcht und Kälte schon fast erstarrt wäre. Jost weihte Elsa in den Plan ein, der ihr ganz und gar nicht gut gefiel.
7

Niemanden vergibt Gott die Schuld,
den er nicht gedemütigt dem Priester als
seinen Stellvertreter unterwirft.
Das Klacken der Glasmurmeln, die aufeinanderstießen, weil Andres in der Bubenstube damit spielte, hatte sie noch in den Ohren, als sie aus dem Hause Hinterthur rannte. Das Klacken der Glasmurmeln, das Poltern und Andres Schmerzensschreie, die in gottlose Flüche mündeten.
Das nächste Mal, als sie Andres sah – von der Distanz aus dem Kirchengestühl her – lag sein geschienter Arm in einer Schlinge. Elsa musste zugeben, dass es sich schwierig gestaltet, das Gleichgewicht am Kopf der Treppe zu halten, wenn der Körper zwar voran will, die Füße aber in einer Lache aus Harz festkleben. Und war es nicht Gottes Gnade gewesen, dass Andres sich nur den Arm und nicht das Genick gebrochen hatte?
Aber wo sich Gottes Gnade fand, war auch unweigerlich Gottes Zorn. Elsas Blick wanderte hinüber zu Jost, der aus einem von Veilchen geränderten Auge zum Altar hin und seiner Bußfertigkeit entgegenblickte. In Elsas Brust zitterte die anerzogene Angst vor Gottes Zorn. Ihre Gottesfurcht wurde so erstickend, dass sie es nicht wagte, ihre Sünde zu beichten, aber freiwillig drei Ave Maria aufsagte, die zu sprechen der Priester ihr zur Buße verordnet hätte. Drei Ave würden das Vergehen aus ihrem Sündenregister bestimmt streichen.
Noch Wochen später, als Andres’ Schiene längst abgenommen und der Arm wieder zusammengewachsen war, fühlte Elsa sich unwohl, sobald sie ihn sah. Doch auch dieser flaue Anflug schlechten Gewissens wurde bald von der Sommerhitze erstickt.
Am Schöps, wo sich die Kinder für eine Abkühlung trafen, verbündeten sich Elsa und Jost aufs Neue. Andres saß im Schatten, ein Buch auf den Beinen, und beobachtete, wie die Jungen an einem tief hängenden Ast über den Schöps schwangen. Nur die mutigsten getrauten sich, bis zu den Knien in den Schöps zu waten. Wer sich das getraute, musste das Gebenedeit seist du Maria aufsagen, weil sonst die Querxen auf dem Grund des Flusses wach würden oder die verlorene Seele von Margarete Rieger aus dem Wasser emporsteigen würde. Solches Gerede machte Elsa Albträume.
Sie zog es sicherheitshalber vor, nicht in den Fluss zu steigen. Sie fürchtete sich vor den unergründlichen Wesen, die hier lauerten. Außerdem konnte sie nicht schwimmen. Wer konnte schon schwimmen! Elsa gab vor, mit einem der Mädchen Hahn oder Henne zu spielen. Ein Spiel, bei dem die Wedel der Gräser zwischen Daumen und Zeigefinger noch oben geschoben werden mussten, um zu sehen, welche Form sie annahmen. In Wahrheit aber beobachtete sie aus dem Augenwinkel die Hinterthur-Jungs. Wieso es immer dann, wenn sie Jost ansah, in ihrem Bauch kribbelte, verstand sie nicht, dass es ihr von Tag zu Tag schwerer fiel, sich ungezwungen in seiner Nähe zu geben, war ihr lästig. Und vielleicht war es an der Zeit, sich bei Andres für den dummen Streich mit dem Baumharz zu entschuldigen, vielleicht bei Jost für seine Verschwiegenheit zu bedanken? Aber nichts davon tat sie, sondern betete wieder drei Ave Maria für die Vergebung ihrer Sünde. Und alles sollte noch schlimmer werden.
Josts Freundschaft bedeutete ihr so viel, dass sie nicht merkte, dass er sie abermals für einen seiner Streiche gebrauchte. „Er hat mich vor Vater einen Dummkopf genannt. Ich hab ihm seine blöden Glasmurmeln in die Suppe getan, damit er daran erstickt“, erzählte Jost mit beleidigter Miene. „Ist er aber nicht. Und Vater hat mit mir geschimpft und dann hat Andres mich bei Mutter angeschwärzt, weil ich Maria den Hof hab’ fegen lassen“, beschwerte sich Jost.
„Aber du solltest den Hof fegen, richtig? Und nicht deine Schwester.“
„Das spielt doch keine Rolle. Andres ist ein Halunke! Also … hilfst du mir?“
Elsa überlegte. Sie wollte eigentlich nicht noch einmal Gottes Zorn auf sich laden.
„Ich seh schon, ich muss mir eine andere Freundin suchen. Vom Wagner die Elisabeth hat mehr Schneid als du.“
Das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. „Die Wagner-Elisabeth schielt!“
Jost grinste, stellte sich dicht vor sie und nahm ihre beiden Hände in die seinen. „Hilfst du mir?“
Elsa willigte ein, wieder nur, weil sie Jost gefallen wollte. Sie trafen sich am darauffolgenden Tag bei Einbruch der Dunkelheit im Pfannenhaus der Hinterthurs. Es war ein lauer Frühsommerabend. Jost brachte eine Schale Kirschen mit, Elsa einen Mörser, mehr brauchte es nicht. Bevor sie ans Werk gingen, ließ Jost Elsa beim Kirschkernweitspucken gewinnen. Sie spuckten das Fruchtfleisch in den Mörser. Elsa wandte einiges Geschick dafür auf, das Rot so unter Josts Nase und in seinen Mundwinkeln zu verteilen, dass es echt aussah. Auch am Ellbogen verteilte sie ein bisschen was von dem Matsch. Sie warteten jenen Moment ab, da Orwid Hinterthur die Schweine fütterte und Reinhilde den Hühnerstall verschloss. Johanna und Maria waren ebenfalls draußen beschäftigt und sammelten die tagsüber gelegten Eier ein.
Jost stieg zu den Schlafstuben hinauf. Er wusste, dass Andres in der Kammer hockte, las oder betete oder beides. Als Jost vor der Tür Aufstellung bezogen hatte, gab er Elsa ein Zeichen. Daraufhin schlug sie so kräftig die Haustüre, dass es oben gut zu hören war, imitierte die Stimme einer der Hinterthur-Mädchen und rief Andres’ Namen. Folgsam, wie der Langweiler nun einmal war, riss er die Kammertür auf. Jost warf sich zu Boden, ließ seinen Bruder im Glauben, vom Türblatt hart gegen den Kopf getroffen worden zu sein. Er brüllte und zappelte wie einer, der einen Anfall bekam. Dann blieb er steif liegen, die Augen starr gen Dachstuhl gerichtet. Elsa, immer noch in der unteren Haustür, hatte einen vortrefflichen Blick nach oben und unterdrückte ihr Gelächter. Andres, schockiert und erschrocken von seiner Gewalttat, beugte sich über ihn, stammelte seine Entschuldigungen, sandte Stoßgebete zum lieben Herrgott und rüttelte Jost an den Schultern, um ihn zurück zu den Lebenden zu holen.
Bald mimte Jost, zu sich zu kommen, spuckte den blutroten Kirschsaft um sich – auch gegen Andres’ Gesicht – und obendrein eine Salve Kirschkerne. Danach hielt es ihn nicht länger und er prustete los.
„Witzig!“, stieß Andres den Lachenden, der sich aufrichten wollte, zurück auf die Dielen und verschwand in der Kammer. Jost lachte noch, als er sich am Schwarzbach den Kirschmatsch aus dem Gesicht wusch, und beschrieb immer wieder Andres’ Miene. Er begleitete Elsa noch ein Stück heimwärts.
„Das nächste Mal …“ Und Jost kreierte weitere Gemeinheiten gegen seinen Bruder, die kaum zu übertreffen waren. „Zu keinem ein Wort, kleine Els, ja?“
Elsa nickte. Jost lächelte. „Wir haben ein Geheimnis miteinander, Elsa“. Er zeigte das Lächeln, das den Hinterthurs eigen war. Ein Lächeln, das Reinhildens harte Züge weicher aussehen ließ, weiblicher und beinahe besorgt, ein Lächeln, das auf Orwids Stoppelgesicht schelmisch, in Johannas Gesicht kokett und auf Marias kleiner schmaler Miene irgendwie mitleiderregend wirkte, ein Lächeln, das bei Jost und Andres eine verheißungsvolle Note hatte. Aber anders als Andres’ offenes Lächeln hatte Elsa bei Jost das Gefühl, dass er mit seinem Lächeln Versprechen brach und ihm dennoch immer verziehen würde.
Jener Sommer anno 1511 erbarmte sich der Felder. Sie sonnten sich nach kurzen, ergiebigen Schauern und gediehen. Der Schöps war randvoll, erhob sich aber nicht aus dem Flussbett. Die Kinder tollten nach dem Kirchgang oder in den Abendstunden an seinen Ufern, wenn alle Arbeit verrichtet war.
Elsa hatte das Gefühl, in diesem Sommer ein beträchtliches Stück erwachsener geworden zu sein. Nicht nur, dass es inzwischen genügend Kinder gab, die jünger waren als sie selbst, sondern auch die Tatsache, dass sie bald zwölf war, machte sie selbstsicherer.
So erlebte Andres’ Heilige Schrift Höhenflügel, als sie eines schönen Sonntages in den Wipfeln der Weiden am Schöps verschwand, weil er nicht bemerkt hatte, wie Jost eine Schnur um sie gelegt, während Elsa ihn abgelenkt hatte. Andres verzog keine Miene, wartete bis sein jüngerer Bruder den Spaß an der fliegenden Bibel verlor und sie schließlich wieder herunterließ. An einem anderen Tag legten sie mit seinen Murmeln eine Spur, der Andres unweigerlich folgen musste, wenn er seine Perlen einsammeln wollte. Die schönste aller Murmeln thronte leider in einem riesigen, stinkenden Kuhfladen. Elsa und Jost bogen sich in ihrem Versteck vor Lachen, als sie beobachteten, wie Andres ein Stöckchen suchte, um die Murmel aus dem Scheißhaufen zu klauben. Auch hierbei verzog Andres keine Miene. Er wusch die Murmeln und seine Hände im Schwarzbach.
Ein Streich allerdings ging nach hinten los. Es war Erntedank. Jost und Elsa hatten in kleinlicher Mühe in den inneren Kragen von Andres’ Kirchenhemd Hagebuttenbrei geschmiert und freuten sich schon darauf, wenn er beim Hochamt halb wahnsinnig würde, um dem Juckreiz zu widerstehen. Pleban Horn würde versucht sein, an ihm einen Exorzismus zu vollführen.
Umso erstaunlicher war es für Elsa, zur Heiligen Messe Jost zu beobachten, der mit hochrotem Kopf und verbissener Miene im Gebälk saß, von Reinhilde gerügt wurde, weil er sich unanständig im Nacken kratzte und die daneben Sitzenden schon abrückten aus Angst vor Flöhen. Jost war der Erste, der nach der Messe das Weite suchte. Elsa entging das genügsame Lächeln auf Andres’ Miene nicht.
Elsa durfte einen Abstecher zum Fluss machen, wo sie Jost schon von Weitem sah: Knietief und kopfüber gebeugt stand er im Fluss und schrubbte seinen Nacken und sein Haar. Das Hemd tänzelte in der Strömung. Jost zog es immer wieder zu sich zurück. „Er hat es umgetauscht, der Bastard“, schimpfte er, kaum dass er Elsas gewahr wurde. „Wir haben die gleichen Kirchenhemden und er hat das mit den Hagebutten einfach auf meinen Stapel gelegt.“
Elsa verkniff sich ein Grinsen. Als sie schon auf dem Rückweg war, rief er ihr noch hinterher, dass er sie am Nachmittag an der Weggabelung treffen wolle, dann würden sie überlegen, wie sie sich rächen könnten. Elsa, die sich bei Andres für gar nichts rächen musste, würde zur Weggabelung kommen. Dagegen war sie machtlos. Sie trat auf die Dorfstraße und kreuzte geradewegs den Weg der Familie Hinterthur. Geordnet, die Eltern voran, die Kinder hinterdrein, gingen sie hinauf Richtung Weinberg. Unter den gesenkten Lidern ließ sie Andres, neben dem sie herging, nicht aus den Augen. Ihr war bislang nicht aufgefallen, dass sie ihm bereits bis zu den Schultern reichte. Selten fiel ihr auf, wie schnell sie wuchs. Reinhilde fragte sich, wo Jost bloß steckte.
Andres wischte seine struppigen, leicht gelockten Haarsträhnen hinter die Ohren. „Ich könnte mir vorstellen, dass Jost ein Bad nötig hat – aber wen juckt das schon?“
Elsa spürte, wie ihr Gesicht von innen glühte. „Es war nicht meine Idee“, murmelte sie kleinlaut.
„Ich weiß.“ Insgeheim war sie ihm dankbar, dass er ihr keine Vorwürfe machte, oder schlecht von ihr dachte. Sie merkte, dass er sie musterte. „Nimm dich vor ihm in Acht.“
Elsas Blick kreuzte den seinen. Aus seinen dunklen Mandelaugen sprach nichts als Aufrichtigkeit. „Ich kann auf mich selbst aufpassen!“, raunte sie, raffte den Rock und sprang die Böschung hinauf, um eine Abkürzung zum Mälzerhof zu nehmen.
8

Die die Buße betreffenden Satzungen haben Geltung nur für den Lebenden und dürfen in keiner Weise auf den Sterbenden angewendet werden.
Um die Jahreswende machte bald die Runde, dass einer der Gerßdorffschen Jagdhunde versehentlich erlegt worden war. Elsa mochte die Hunde nicht unbedingt. Sie preschten bellend durch die Wälder und man konnte nie wissen, ob sie nicht einen Abstecher auf den Hof nahmen und dann um sich bissen. Ihr Gewissen jedoch war bleischwer, weil sie wusste, wer sich heimlich, wenn der Wildhüter nicht in seiner Hütte war, die Armbrust nahm und auf harmlose Tiere zielte. Gott würde sie und Jost Hinterthur hart bestrafen. Das wusste Elsa.
Jost war schlecht gelaunt, weil nach der Sache mit dem Jagdhund die Hütte verriegelt blieb. Allein der Wildhüter musste erahnt haben, dass hier jemand wochenlang sein Unwesen getrieben hatte. Elsa war froh und glücklich, dass Jost nicht mehr die Armbrust stibitzen konnte.
Mit dem Januar anno 1512 kam der Schnee. Sie bauten Schneehütten und sausten mit den vielen anderen Kindern den Weinberg hinunter. Der Winter hielt lange, der Schnee lag bis Ostern, aber dann schob sich die Sonne mit aller Macht vor die Wolken und schickte die Schmelzwassermassen aus dem Gebirge und vom Eigen mit aller Wucht herunter, dass der Schöps über seine Ufer trat. Viele Gehöfte standen unter Wasser. Das Vieh musste trotz der nächtlichen Kälte auf den höher gelegenen Hufen stehen. Manch einer verlor seine Lehmhütte an die Fluten. Sie nahmen die Häuser einfach mit. Die Menschen beteten für weniger Wasser.
Die Brauhöfe vom Mälzer und Hinterthur waren höher gelegen und so konnten die Wassermassen ihnen nichts anhaben. Katharina Mälzer sah es als ihre Pflicht zu helfen. So war ihr Haus voller Kinder, deren Hütten weggeschwemmt worden waren und wo die Eltern neue bauen mussten. Es war eine lustige Zeit für die Jüngeren, weil sie den ganzen Tag tun und lassen konnten, was sie wollten. Elsa war froh, sich um die Kinderschar kümmern zu können. So würde sie Buße tun für das, was sie im Herbst nicht verhindern hatte können.
„Du machst dir da viel zu viele Gedanken“, schüttelte Jost den Kopf, als sie sich wieder einmal an der Baumgruppe zwischen den Höfen trafen. „Es waren nur dumme Hunde.“ Er schickte seinen Blick hinunter zu den Kindern, die barfuß in den feuchten Wiesen wateten und Jungfrösche aufscheuchten. Mit seinen dreizehn Jahren war Jost schon recht stattlich, wie Elsa fand. Seine breiten Schultern ließen ihn älter erscheinen, aber auch sie war runder geworden, immerhin hatte sie das zwölfte Jahr abgeschlossen und sie war erweckt worden. Das Ereignis hatte sie unerwartet heimgesucht.
„Es sind Gottes Geschöpfe“, sagte sie und merkte, wie Jost sie musterte.
Er schüttelte knapp den Kopf. „Tiere und Weiber sind nichts in Gottes Augen.“ Er schaute zu den Kindern hinüber, die mit jedem Frosch, den sie aufscheuchten, herzhaft quiekten und lachten.
„Ich wäre lieber als Junge geboren.“
Jost drehte sich abrupt zu ihr um, stellte sich ganz dicht vor sie hin und griff ihr plötzlich so rüde in die bauschenden Röcke, dass sie vor ihm zurückwich. Er rückte auf, hatte sie immer noch fest im Griff. „Dazu fehlt dir aber einiges.“
Elsa wich nicht vor seiner Hand zurück. Schockstarr wie ein verängstigtes Reh. So stand sie noch da, als er schon längst wieder von ihr abließ. Sie schaute ihm nach wie er zu den anderen Kindern rannte, eine Rute von einer Weide abbrach. Die Jungfrösche quakten nur so lange, bis er sie auf den Stab spießte.
Tage später lag die Wiese so, als habe es das Hochwasser nicht gegeben. So schnell war das Wasser verschwunden, wie es gekommen war. Elsa war einerseits froh, das Strohlager wieder für sich und ihre Schwestern zu haben, andererseits traurig über die Stille, die ins Haus zurückkehrte. Jost übte nach wie vor Anziehung auf sie aus, obschon da noch etwas war, wonach sie in den Tiefen ihres Herzens suchte wie eine gründelnde Ente, aber nichts zu fassen bekam. Das Düstere, das von ihm ausging, sah sie nicht.
Der liebe Herrgott verteilte Sonne und Regen gnädig über die Felder. Mensch und Tier waren fruchtbar und mehrten sich. Die Münzen, die im Umlauf waren, hatten guten Wert. Dass das nicht so bleiben würde, ahnte niemand. Nichts sollte Elsas Tage überschatten, und der Sommer sollte herrlich werden. Sie fühlte sich genauso wie jedes andere Mädchen geschmeichelt von Josts Übermut, den er freimütig zur Schau führte.
Die Warnungen der Mütter vor den Knaben waren allgegenwärtig und wurden mit der Reife der Mädchen immer eindringlicher. Wovor im Speziellen gewarnt wurde, blieb Elsa ein Rätsel. Insbesondere die lauten, umtriebigen Jungen seien zu meiden. Darin waren sich die Mütter einig. Dass die lauteren Jungen den stilleren vorzuziehen waren, mussten die Mütter doch wissen!
Im Spätsommer erst, als Jost und Elsa verborgen im hohen Gras der Baumgruppe nebeneinanderlagen und einen Apfel nach dem anderen verspeisten, sollte ihr klar werden, was genau die Mutter meinte.
„Ich habe mit den Jungs eine Wette laufen“, sagte Jost, schnippte den Apfelstrunk hinter sich und rollte sich zur Seite, sodass er Elsa ansehen konnte. „Sie sagen, du würdest dich nicht getrauen, mir zu zeigen, ob deine Haare überall rot sind.“
Elsas Augen weiteten sich. Jost aber betrachtete sie fachmännisch. „Zeigst du’s?“
„NEIN!“ Elsa war mit einem Satz auf den Beinen.
„Wenn du’s tust, kriege ich einen Heller vom Dicken.“ Benannter Dicke war ein stämmiger Bursche aus dem Dorf, dessen Eltern Großbauern waren.
„Nein! Das ist unanständig, Jost! Außerdem kann der Dicke nicht wissen, ob ich dir meins wirklich gezeigt hab. Wie will er es nachprüfen?“
„Das ist eine Sache des Vertrauens.“
„Das ist eine idiotische Sache, meinst du wohl.“
„Wir teilen den Heller“, sagte der Junge geschäftstüchtig. Das war natürlich etwas anderes. Elsa überlegte. „Dann zeigst du mir deins auch!“
Jost betrachtete die über ihm Stehende. Seine Augen verengt, wie es sonst eigentlich sein älterer Bruder tat, nickte er schließlich. „Einverstanden. Du zuerst.“
„Gleichzeitig.“
Jost willigte ein, stellte sich ihr gegenüber und begann seine Hose aufzubinden. Elsa wurde es ganz flau im Bauch, während sie den Rock raffte. „Ich kann’s nicht“, seufzte sie enttäuscht über sich selbst und strich den kaum gehobenen Rock glatt. Jost, der mit seiner Schnur schon fertig war, murrte ärgerlich.
„Sag ihm doch, dass ich’s dir gezeigt hab“, schlug das Mädchen vor.
Jost schüttelte den Kopf. „Der Dicke merkt, wenn man ihn anlügt.“ Sein Blick veränderte sich, wurde fest und eindringlich. Und dann passierte so vieles auf einmal, dass Elsa nicht begriff, wie ihr geschah. Die Bedrängnis, in der der Junge das Mädchen brachte, verstand sie zunächst nicht. Ein Spiel? Ein Kräftemessen, für den er den falschen Adressaten gewählt hatte? Erst als sie auf dem Boden unter ihm nicht mehr vorkam, er seine Hand unter ihren Rock schob, bekam sie es mit der Angst zu tun. Quieken schien er als Ansporn zu verstehen. Schreien störte ihn, denn er drückte seine Hand auf ihren Mund. Sie schmeckte sein Blut, hörte seinen Fluch, sah seinen blutigen Finger, doch ließ er nicht ab von ihr.
Erschöpft und resigniert schloss sie die Augen und biss die Zähne zusammen. Jost, eben schwer und unhandlich wie ein Grasbatzen, wurde mit einem Male federleicht. Elsa fühlte sich umspielt von einer Woge, duftend nach heißer Wolle und feuchter Erde.
Sie öffnete die Augen und erkannte, wie Jost am Arm seines Bruders zappelte. Und Jost erkannte, wie sie Daumen, Zeige- und Mittelfinger abspreizte und so auf ihn deutete. Nur einen Herzschlag lang, aber er erkannte es deutlich. Elsa drückte sich ins hohe Gras. Andres schüttelte seinen Bruder am Schlafittchen. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
„Ich war’s nicht!“, jaulte Jost an Andres’ Arm. „Ich kann nichts dafür! Ehrlich! Sie hat angefangen. … Sie hat mich verhext!“
„Spar dir das für Vater!“ Andres schleifte seinen jüngeren Bruder mit sich, als sei er ein Sack Pusteblumen.
„HEXE!“
Das Wort hallte nach. Es traf tief, tat weh und blieb da. Es war das erste Mal, dass einer dies Wort zu ihr sagte.
Lange kauerte Elsa dort. Sie sah zu, wie die Jungen unten auf dem Hof verschwanden. Erst, als sie sicher war, dass niemand sie sehen würde, eilte sie nach Hause. Der Schreck saß tief.
Nach dem nächsten Gottesdienst trat Jost zu ihr, um sich bei ihr zu entschuldigen. Elsa erkannte genau, wie er von seinen Eltern von Ferne beaufsichtigt wurde und sie schämte sich. Mit einem Kopfnicken tat sie es. Dass Jost sich nicht bloßstellen ließ, nicht von seinem Bruder, nicht von seinen Eltern, hätte ihr klar sein müssen.
So kam es, dass Jost bald darauf, der Herbst kündigte sich mit Stürmen und Regenfällen an, um das ohnehin feuchte Jahr zu besiegeln, sich an ihr und seinem Bruder rächte.
9

Daher tut der Heilige Geist im Papste wohl daran, dass er in seinen Verfügungen immer den Sterbensfall und die äußerste Not ausnimmt.
Elsa wimmerte. Ihr Hintern tat weh. Der Vater war noch nicht fertig mit ihr. Sie versuchte sich an der Wandung der Feuerstelle hochzuziehen. Er trat mit einem wütenden Aufschrei ihre Hand weg, sodass Elsa abermals in der Asche davor landete.
„Eine ganze Pfanne!“, röhrte er. „Du hast dem Hinterthur eine ganze Pfanne verdorben!“ Mit dem letzten Wort landete sein Riemen abermals auf ihrem Leib. Elsa schrie auf. Sie hörte, wie die Mutter kleinlaut flehte, er möge von dem Kind ablassen, aber Johannes Mälzer war außer sich. Wieder knallte der Lederriemen auf Elsa nieder, dann wirbelte er herum und gab Katharina eine Ohrfeige. Das Klatschen und ihr Keuchen hörte Elsa, den Schmerz im ganzen Körper und die Tränen auf ihrem Gesicht spürte sie.
„Ich hab das nicht gewollt“, weinte sie, was sie schon Dutzende Male gesagt hatte, seit der Hinterthur mit Zeter und Mordio bei den Mälzers auf dem Hof aufgetaucht war. „Ich hab es doch nicht gewollt!“ Sie schrie auf, weil ihr Vater sie am Schlafittchen packte und sie am Kragen so hochhob, dass seine Faust ihren Kehlkopf abdrückte.
„Du hast es nicht gewollt?“ Er hob Elsas Gesicht vor das sei ne.
„Lass sie runter, du bringst sie ja zu Tode“, hörte Elsa ihre Mutter. Sie hielt dem wässrigen Blick ihres Vaters stand.
„Das wäre noch das Beste, was ihr widerfahren könnte!“
„Es war ein dummer Kinderstreich, Herr Vater, verzeiht mir“, ächzte Elsa. Abrupt ließ ihr Vater sie fallen. Als sie auf dem Boden aufschlug, knackste ihr rechter Knöchel. Ein stechender Schmerz fuhr hinauf bis in ihr Knie.
Breitbeinig stand Johannes vor ihr und Elsa war seltsam gespannt darauf, was er ihr als Nächstes antun würde. Sie wollte vom Erdboden verschluckt werden oder doch besser gleich sterben. Ihr Vater stemmte die Hände in die Seiten und brüllte, wobei er jedes einzelne Wort betonte: „Kuhscheiße in eine Sudpfanne kippen und dann behaupten, es sei Andres gewesen, ist kein dummer Kinderstreich!“
„Ich dachte, es sei der Reinigungssud. Der Hinterthur kocht die Pfannen immer zum Saubermachen aus. Ich wusste nicht, dass es der richtige Würzesud war!“ Jost hatte behauptet, dass es die Lauge war, die da vor sich hin blubberte. Andres war an diesem Tag für die Pfanne zuständig. Jost hatte Elsa in dem Glauben gelassen, es sei nur das Waschwasser gewesen, das Andres einen Moment unbeaufsichtigt gelassen hatte. Jost war weggerannt, nachdem er die Kuhfladen in die Pfanne gekippt hatte. Und Elsa war so dumm, fasziniert zuzusehen, wie sich die Scheiße im kochenden Wasser auflöste. Den bestialischen Gestank würde sie wohl nie wieder los werden. Wieso Meister Hinterthur plötzlich im Brauhaus auftauchte, obwohl Jost gesagt hatte, sein Vater sei auf dem Feld, begriff sie immer noch nicht. Es war auch einerlei. Sie schämte sich und wollte sich in Luft auflösen.
Elsa konnte tagelang nicht sitzen, humpelte und nachts schlief sie schlecht. Alles tat ihr weh. Die verdorbene Würze hatte der Vater dem Hinterthur bezahlen und sich dafür beim Schultheiß einen Vorschuss geben lassen. Elsa wusste, den Vorschuss würde ihr Vater so lange vor sich hertragen und nicht zurückbezahlen können, bis sie verheiratet werden würde.
Sie sollte sich beim Hinterthur für die verdorbene Pfanne entschuldigen. Das tat sie auch. Sie fing den Meister am Morgen ab, während der die Schweine fütterte, um allein mit ihm zu sprechen. Und weil sie nichts zu verlieren hatte, sagte sie, es sei Josts Idee gewesen. Sie verriet alles, was Jost jemals ausgefressen hatte. Der Braumeister hörte ihr schweigend zu und entließ sie dann.
Sie spielte nie wieder mit Jost. Elsa blieb die meiste Zeit auf dem Mälzer-Hof und lernte, dass ihre Mutter recht gehabt hatte. Die dunkle Jahreszeit brachte mit sich, dass Elsa lange und versonnen in der zerfledderten Bilderbibel blätterte und feststellen musste, dass sie die meisten Buchstaben, die sie einst gelernt hatte, um Jost zu beeindrucken, längst wieder vergessen hatte. Wie töricht sie gewesen war! Das Haus verließ sie nur, um auf die jüngeren Schwestern beim Rodeln ein Auge zu haben. Sie verwünschte Jost. Sie hasste ihn von ganzem Herzen und das tat sehr weh.
Der Winter mit klirrender Kälte kam früh in diesem Schreckensjahr und die Kinder staunten über den zugefrorenen Schöps. Und als habe Elsa das Unglück durch ihren Hass heraufbeschworen, war das Eis ausgerechnet an der Stelle zu schwach, auf der Jost schlitterte.
10

Unklug und übel handeln die Priester,
welche Sterbenden kirchliche Buße
fürs Fegefeuer vorhalten.
Elsa, durchgefroren und zitternd, weinte den ganzen Nachmittag. Katharina legte dem Mädchen zuweilen die Hand auf den Schopf, Johannes Mälzer predigte, als habe er nie etwas anderes getan. Aber all das machte Jost auch nicht wieder lebendig.
„Es war Gottes Wille“, hörte Elsa ihre Mutter in ausgesucht ruhigem Ton sagen. Das Mädchen aber schüttelte schluchzend den Kopf. Sie fühlte sich schuldig, weil sie Jost alles Schlechte an den Hals wünschte, nachdem sie seinetwegen so viel Prügel bezogen hatte. Sie hörte der Mutter kaum zu: „Gott straft seinen Übermut, den Leichtsinn, die Herausforderung.“ Kopfschütteln seitens des Mädchens. „Gott will nicht herausgefordert werden. Er richtet gerecht, Elsa.“ Das Mädchen schüttelte nur immer wieder den Kopf, zog den Rotz hoch und schluchzte abermals auf.
„Hauptsache, der Schreck sitzt tief“, wusste Johannes Mälzer dazu zu sagen, und: „Hauptsache, es hat den Richtigen getroffen. Es hätte auch der andere sein können. Das wäre ein Verlust gewesen, wo der Andres so still und fromm ist!“
Elsas Gedanken schweiften zurück zum Schöps. Sie erinnerte sich nicht, wie sie nach Hause gelangt war. Mutter hatte sie aus der Schockstarre rütteln müssen. Vater hatte auf sie eingebrüllt. „Was ist denn los, was ist denn bloß los?!“
Sie hatte das Geschrei der Kinder noch im Ohr und den Geruch von ihrem eigenen Angstschweiß. Sie riefen, Andres solle sich beeilen, solle schneller machen. Und dann, als Jost unter das Eis trieb, war es mit einem Male ganz still am Flussufer geworden. Alle starrten fassungslos auf den Spalt unter dem Eis, unter dem Jost verschwunden war. Die Strömung hatte ihn mitgerissen. Andres blieb regungslos stehen, wo das Eis unter ihm nachgegeben hatte und schaute ins Nichts. Er hatte seinen Bruder nicht packen können.
„Mit dem Fluss ist nicht zu spaßen“, erklärte Elsas Vater, als sei das etwas Neues.
„Auf dem Grund des Flusses gibt es keine Querxen und die Seele von Margarete Rieger werdet ihr da auch nicht finden“, zischelte die Mutter und reichte dem durchgefrorenen Mädchen einen heißen Kräuteraufguss.
Von diesem Tag an wusste Elsa, dass der Fluss böse war und Böses tat. Vielleicht, so überlegte das Mädchen, war Jost vom Geist der Margarete Rieger in die Tiefen gezogen worden, vielleicht war es auch nur ein Unfall. Er hätte nicht zur Mitte gehen sollen, alle haben ihn gewarnt. Elsas Gemüt war bleischwer. Sie zog sich mit all ihrem Unglück hinter die Feuerstelle zurück.
Die Beileidsbekundungen mussten den Hinterthurs entgegengebracht werden. Also machte sich die ganze Familie auf den Weg entlang des Schwarzbaches und stattete der trauernden Familie einen Besuch ab. Elsa scheute den Blick in die Augen der Hinterthurs. Auf sonderbare Weise schämte sie sich für den Tod des zweitältesten Sohnes. Sie überlegte, dass es wohl nichts Schlimmeres gab, als einen Leichenschmaus ohne Leiche.
Die Hinterthurs hatten ihr Kind im wahrsten Sinne verloren. Der Schöps würde ihn erst mit der Schmelze im Frühjahr freigeben.
Abends vor dem Einschlafen wurde Elsa von den Bildern gequält: Josts aufgedunsener, zerschundener, von Tieren angefressener Körper, angeschwemmt zwischen Löwenzahn und Vergissmeinnicht im Garten einer Bäuerin, die einen Schreck fürs Leben davontragen würde. Das machte es nicht einfacher. Die Bilder hatten sich in ihrem Kopf verhakt und ließen sie nicht los. Elsa wusste nicht, wie weit die Spree floss, in die irgendwo der Schöps mündete. Der Mensch, der irgendwo im Norden den Leichnam finden würde, würde nicht wissen, dass es Jost Hinterthur aus der Parochie Hurke, am Weinberg gelegen, war. Und wen sollten die Hinterthurs beerdigen? Selbst Priester Horn wusste nicht, wie man eine Totenfeier ohne Toten abhielt. Also ließen Orwid und Reinhilde einen Stein meißeln und an die Stelle legen, wo Jost von den Fluten mitgenommen worden war. Der Dorfklatsch übertraf sich in Spekulationen, was die Erlaubnis dafür bei Priester Horn gekostet haben mochte.
Die Dörfler zerrissen sich die Mäuler über den tragischen Unfall des zweiten Hinterthurjungen und rätselten, wer die Brauerei übernehmen sollte. Der Älteste, Andres, taugte wohl kaum dafür und die Mädchen … die waren Mädchen und konnten froh sein, wenn der Orwid sie noch gewinnbringend verheiraten konnte. Man wusste von Arrangements zu berichten, die Orwid mit Reinhildens Verwandtschaft in Görlitz traf. Maria und Johanna waren ihren Vettern versprochen, beides Kaufherren dort. Der Orwid aber, der wurde seltsam. In die Kirche kam er nicht mehr. Die Reinhilde und die Mädchen dafür umso häufiger. Orwid blieb für sich, soff aber auch nicht unbedingt, was nur erklärbar gewesen wäre, schwor im Gegenteil dem Gesöff ab, redete wirr, wenn er sich mit seinem Produkt in den Schänken blicken ließ und wurde sogar vom Priester Horn vorgeladen, weil Orwid geschimpft haben soll, Gott sei tot und solch Lästerhaftes. All so etwas schob man auf Josts Tod.
Zu spät erfuhr Elsa, dass man Andres nach Görlitz geschickt hatte. Vielleicht hätte sie sich von ihm verabschieden wollen, vielleicht hätte sie ihr Gewissen erleichtern wollen. Vielleicht aber war es besser so, dass er klammheimlich weggegeben worden war.
Angeblich wohnte er bei seinem Ohm und der Muhme mütterlicherseits in der Stadt. Nicht einmal an den höchsten Kirchentagen kam er ins Dorf und bald vergaß man ihn.
Viel später erst erfuhr Elsa, dass Andres die Lateinschule besuchte. Der Hinterthur-Hof wurde von einer Hecke aus Mysterien und Rätseln überwuchert. Sehr still wurde es um die Leute dort. Die Briu war das Einzige, was von dort nach außen drang. Mit jedem weiteren Monat, der ins Land ging, verschwanden die Hinterthurs aus Elsas Bewusstsein.
Einmal noch, das war, als Elsa schon beinah erwachsen und die zunehmende Erkrankung ihrer Mutter wie Gottes Zorn und Strafe auf alles Böse, das die Mälzers je getan hatten, voranschritt, machte der Hinterthur-Hof von sich reden. Das war, als Meister Orwid verstarb. Niemand hatte mitbekommen, dass er krank gewesen war. Einige behaupteten, der Blitz habe ihn plötzlich getroffen. Und Elsa erinnerte sich an den Fluch, den sie ihm vor Jahren an den Hals gewünscht hatte. Jedenfalls war er weg, tot und bestenfalls begraben. Reinhilde verkaufte den Hof an das Rittergut Gerßdorff und ging zu den Töchtern Johanna und Maria nach Görlitz.
Elsas Vater sollte Orwid ein Jahr später folgen. Es war ein Husten in einem viel zu langen, nassen Herbst gewesen, den Johannes nicht überlebte. Katharina hatte in der Parochie keine Hilfe zu erwarten. Sie verlor den verschuldeten Hof. Das Briuwerrecht behielt sie. Damit konnte sie ohne Hof und Ehemann jedoch nichts anfangen.
Es war eine Fügung, als in jener Zeit, welche Katharina und die Mädchen an den Bettelstab gebracht hatte, Reinhilde Hinterthur auftauchte, um den Stein vom Schöpsufer entfernen zu lassen. Wovon auch immer sich Reinhilde Hinterthur, die wieder geheiratet hatte und jetzt Tylike hieß, reinwaschen wollte, Elsa würde den Tag verfluchen, an dem ihre Mutter Reinhildes Angebot angenommen hatte und ein gesichertes Auskommen in Görlitz der Parochie vorzog.
Und weiter:
wird im zwoten Teyl erzeleth, wie es sich zugethragen vom Nebelung anno 1517 bis Sommer anno 1518
sowohl in der Schwesterstatt Görlitz,
Handelspunkt und Teyl des Sechsstettebundes,
als auch in dem Stettchen Wittenberg
11

Dieses Unkraut, kanonische Strafen in Fegefeuerstrafen zu verwandeln, scheint gesät zu sein,
als die Bischöfe schliefen.
Sie hatte nicht schnell genug das Türblatt in den Rahmen gezogen. Sie hatte gerade noch gesehen, wie der junge und der alte Tylike die Dachluke hinter sich und dem vermutlich Toten in den Boden senkten. Sie erkannte die Kleidung des mittig zwischen ihnen Schwebenden mit der Lampe auf der Brust: Pluderhosen von besserem Tuch, Entenschnabelschuhe aus vielleicht gelb gefärbtem Leder – so genau konnte es das Mädchen im Halbdunkel des Flackerlichts auch wieder nicht erkennen – und einen samtenen Koller mit blauem Schimmer. Dies alles verriet eine vornehme Herkunft des Mannes, dessen Kopf zwischen den Schultern baumelte. Man hatte ihm die Kappe auf Hals und Kinn gelegt. So konnte das Mädchen sein Gesicht nicht sehen. Die Schaube, also der Umhang, streifte den Boden und wischte eine Spur in den Staub. Das Binsenlicht wankte bedächtig.
Dies alles hatte die zweite Magd der Tylikes gerade erkannt, da war der Meister auf sie aufmerksam geworden. Er ließ die Beine des Leblosen auf die Dielen hinab. Mit zwei Schritten war er an der Tür. Er zerrte an ihr. Das Mädchen wollte das Brett nicht hergeben und musste doch. Tylike verengte die Augen gegen die Funzel in seiner Hand, um die heimliche Späherin besser sehen zu können. Seine fahlen Hamsterbacken warfen sich auf. Die feucht glänzenden Lippen verbreiterten sich zu einer Grimasse. Solch ein Gesicht vermutete man bei einem, der seine Notdurft, wenn überhaupt, so doch zumindest unter Schmerzen verrichtete. Der Reinhilde schwachsinniger Vetter war an verstockter Notdurft gestorben. So sagte man. Kein schöner Tod. Warum nur musste das Mädchen in Anbetracht Niklas Tylikes verschrobener Miene an die Verstopfungen des Blöden denken?
„DU!“
Das Mädchen zuckte zusammen und senkte die Lider. Die Flackerbinse spielte mit den Mäusekrümeln auf dem Boden. Tylike spitzte in die Kammer. Peternelle gab vor zu schlafen.
„Scher dich ins Bett, Els!“ Beim Schnauzen zu flüstern, nahm einem breiten Mann wie dem Tylike das Furchteinflößende. Normalerweise. Aber Elsa hatte trotzdem immer Angst vor ihm.
„Ich bitte Euch, vergebt mir gnädiglich.“
Der rechte Nasenflügel des Briuwers zitterte. Die Verzückung, um gnädigliche Vergebung gebeten worden zu sein, war groß. „Ein Wort, zu irgendwem, Mädchen, und du …“ Mit dem Zeigefinger fuhr er sich langsam über die schwammige Kehle. „Kein Wort!“
Elsa nickte rasch.
Allgemeinhin war Tylike bekannt als Baron vom Bierfass und Anhänger ausschweifender Gaumenfreuden. Er hatte kaum für seine eigene Leibesbürde genug Puste, um eine Treppe hinaufzusteigen, geschweige denn einen Mann zu tragen. Tylikes Sohn Gunnar aalte sich im Glanz seines Vaters und dem achtmaligen Briuwerhof. Acht Mal im Jahr Bier machen zu dürfen, privilegierte Niklas Tylike, einen Stuhl im Rat zu besetzen. Doch machte Tylike kein Geheimnis daraus, das neunmalige Briuwerrecht anzustreben, und erst, wenn man es ihm gewährte, wollte er der Stadt die Ehre seiner Schöppenschaft zuteilwerden lassen. Große Vorhaben, wusste jeder.
Des Brauers Kopf ruckte und er blickte über seine Schulter. Einen Moment lang starrten Elsa und er gleichermaßen zu Gunnar und dem Leblosen. Gunnar reckte sich, um gerader und prächtiger zu wirken. Der ahnte nicht, dass halb Görlitz sich über ihn lustig machte. Armer Gunnar, armer Narr. Und selbst, wenn er nicht nach vergorener Gerste und Hopfen und den Brauereipferden riechen würde, könnte Elsa nichts an ihm finden.
Der Meister drückte die Tür in den Rahmen.
Sie stand wie gebannt im Dunkel und lauschte den schlurfenden Schritten, die sich mit dem Ächzen der beiden Träger vermischten und nicht die Geräusche einer fetten Ratte waren. Ihre Fantasie reichte so weit, beim Schlagen der gegenüberliegenden Korridortür und dem Schleifen über den Gang, sich den alten und den jungen Tylike vorzustellen, wie sie den leblosen Körper dorthin brachten, wo eine weitere, abgelegenere Kammer war. Elsa selbst meinte, dort, wie in jedem Winkel hier oben, Gerümpel gesehen zu haben. Sie konnte Niklas Tylike fluchen hören wegen eines Rumpelns, wie, wenn man sich den Fuß an einer Schwelle oder den Ellbogen, dort, wo es am meisten wehtut, an der Türkante stößt.
Sie hörte Türen klappen, Sohlen auf den Dielen schaben, Schlurfen, gedämpfte Befehle des Älteren an den Jüngeren und abermals Schritte nahen, beobachtete das aufgeregte Binsenlicht, wie es unterhalb des Türspaltes hin zur Dachluke wanderte. Das Öffnen derselben, Schritte, die nach unten zur Schwarzen Küche stiegen.
„Peternelle!“ Doch die rührte sich nicht.
Elsa stand noch einen Moment hinter der Tür, horchte und hörte bald nichts als ihren eigenen Herzschlag, hörte Peternelles gleichmäßigen Atem. Sie war, im Vorwand zu schlafen, eingenickt. Elsa lauschte tiefer in die Nacht und meinte nach einer Weile, die fette Ratte wieder zu hören. Die fette Ratte und ihr Scharren: schnüffelnd auf der Suche nach einem Happen. Hier oben aber gab es nichts als Mäusedreck, Staub, den muffigen Strohsack und Peternelles Atem und … Elsa hielt die Luft an … Ein Stöhnen gab es hier.
Vorsichtig öffnete sie abermals die Kammertür. Gebannt starrte sie in die Dunkelheit. Das Stöhnen von eben hatte sie sich nicht eingebildet, aber vielleicht war es auch nur ein verzerrtes Geräusch von der Gasse her gewesen. Der Ausschank hatte längst geschlossen. Das wusste sie genau, denn sie selbst hatte den Fichtenzweig hereingeholt, das Tor verriegelt und den Balken davor gehängt. Vielleicht irrten der Gunnar und der Brauermeister noch im Haus herum? Manchmal hörte Elsa sogar Geräusche aus dem Pferdstall bis hier herauf, obwohl der Pferdestall über den Hof ging. Und da, plötzlich war es wieder: dieses Keuchen. Ein schweres Atmen vielleicht. Elsas Augen taxierten die rabenschwarze Wand und starrten in die Richtung, wo sich die andere Dachkammer hinter zwei Türen, getrennt von einem schmalen Korridor, befand.
Zögerlich tastete sie mit der Hand nach der Holzkiste, die ihr und Peternelle als Kleidertruhe und Tischchen gleichermaßen diente, und angelte nach den beiden Feuersteinen. Ein gelungener Streich und der Funke sprang in das Knäuel von Zunder, mit dem sie die Binse in der Drahthalterung entfachte. Peternelle lag mit dem Gesicht in Richtung des Fachwerks. Sie bekam vom flackernden Lichtschein nichts mit. Elsa verließ die Mägdekammer und begab sich, so leise es ihre Holzpantinen erlaubten, auf die andere Seite des Dachbodenflures. Die erste Tür öffnete und schloss sich geräuschlos. Auch sonst war es ruhig hier oben. Nur das Wimmern des Nebelungwindes war zu hören. Ihr war so, als vernahm sie den Geruch von Metall.
Der Riegel war nur vorgeschoben, nicht aber mit einem Schloss versehen worden. Die Scharniere knarzten widerwillig, während die Tür von dem Mädchen aufgezogen wurde. Der metallische Geruch wurde intensiver und vermischte sich mit dem Geruch frischer Wunden und geronnenen Blutes. Das kleine Licht erhellte die Angelegenheit nicht wesentlich. Elsa konnte zwei Schritte tief in die Kammer sehen und da war nichts als schmutzige Dielen. Den Mann, den Gunnar und Niklas heraufgetragen hatten, erkannte sie kaum, nicht einmal schemenhaft. Mit dem Röcheln, das der Fremde hören ließ, stolperte ihr Herz erschrocken. Elsa hatte Tylikens Warnung und Verbot noch im Ohr, andererseits war es ihre Christenpflicht, nach dem Mann zu sehen. Ganz offenbar ging es ihm gar nicht gut. Elsa wog ab, überlegte verzweifelt, was sie tun konnte, was sie tun durfte und was nicht und wagte schließlich, das Binsenlicht voranwandern zu lassen.
Die Kammer war so klein wie die, die sich die Mägde auf der anderen Giebelseite teilten. Das Haus war von der Neißgasse aus traufständig zu sehen, machte aber einen Knick wie ein liegendes L in den Hof, sodass, anders als die Mägdekammer, die ans nächste Wohnhaus angrenzte, diese hintere Dachkammer ein Giebelfenster aufwies. Dem Luxus zum Überfluss verhalf das klobige Bettgestell und die darauf befindliche, mit Stroh gefüllte Matte. Dort lag der Mensch, nein, seine Hülle, nein, der Rest dessen, was einmal die Hülle einer Menschenseele gewesen sein mochte. Elsa hob die Binse so weit, damit sie das, was einst ein menschliches Antlitz gewesen war, besser sehen konnte. „Oh Herz Jesu und Heilige Jungfrau Maria!“ Sie schlug das Kreuzzeichen und ging vor dem Bett in die Hocke wie vor einer Reliquie, die sie nach langer Wallfahrt endlich erreicht hatte. Den Binsenhalter stellte sie auf den Boden neben sich.
Das Gesicht des Mannes war eine rot in rot verquollene Gebirgslandschaft. Dort, wo die Augen saßen, sah Elsa jetzt zwei walnussgroße rot-violette Schwellungen. Die Nase ragte kaum merklich aus den verkrusteten Wölbungen der Wangenknochen hervor, hier prangten Platzwunden, genauso wie an den Lippen und den Augenbrauen.
Elsa wusste, sie durfte hier nicht verweilen, aber ihr ungläubiger Blick wanderte an der armen, zerschundenen Gestalt entlang. Das Haar des Mannes schimmerte im Schein der Binse rötlich und klebte in langen Strähnen an der Blutkruste des Gesichtes. Zumindest die Fülle des Haares wies auf das jugendliche Alter des Mannes hin. Die Kleidung trog auch von Nahem besehen nicht. Und die Blut- und Schmutzflecken täuschten nicht darüber hinweg, dass der junge Mann aus gutem Hause kam: Feinster Sammet, aufwendige Stickereien und teurer Atlas harmonierten miteinander und hoben sich schwach, kaum merklich unter seinen flachen Atemzügen.
Elsas Blick glitt zu seinen Händen. Schlanke, aber kräftige Hände, Hände, die wohl üblicherweise gepflegt waren und selten fest anpackten. Nicht die Hände eines Stallknechtes oder Brauereilehrlings. Gunnar hatte immer Schwielen an den schmalen Händen mit Spinnenfingern. Wenn er etwas falsch machte, hörte man Meister Tylike gern schimpfen, er besäße nicht die Hände eines Brauers, sondern die eines Minnesängers.
Diese Hände hier waren jedoch kräftig, wenn auch schmutzig jetzt, und die Knöchel waren verschorft. Anzunehmen blieb, dass dieser Mann genauso viel ausgeteilt wie eingesteckt hatte. Aber was es auch immer war, so überlegte Elsa, kann kein Mensch der ganzen Erdscheibe so viel Schlechtes tun, um solche Prügel verdient zu haben.
Sie erhob sich und ihr Blick streifte ein Bündel, das am Fuße der Bettstatt lag. Der Koller lag zuunterst, ein Reisesäckchen darauf. Die seltsam lang geformten Schuhe standen auf dem Boden.
„Herrimhimmel“, kam es vom Mann auf dem Bett und Elsa wich mitsamt ihrem Binsenlicht zurück. „Wer bist du?“ Er rührte sich nicht, als er das stöhnte. Nicht einmal seine Lippen bewegten sich merklich. „Wo bin ich?“ Er versuchte nicht einmal, die zugeschwollenen Augen zu öffnen oder den Kopf zur Seite zu drehen und in ihre Richtung zu wenden. „Ignatius? … Matthes?“ Erschöpfte Worte. Die junge Frau kannte niemanden mit diesen Namen.
Elsa, deren Herz jetzt wie vorhin entsetzlich pochte vor Aufregung, ging rückwärts aus der Kammer und überließ den Fremden der Dunkelheit. Aber in den Schlaf fand sie nicht wieder. So müde ihr Körper war, so wach waren ihre Sinne. Das Leid, das dem Fremden widerfahren war, ließ sie nicht los.
12

Ehedem wurden die kanonischen Strafen nicht nach, sondern vor der Lossprechung auferlegt, gewissermaßen als Prüfstein der echten Reue.
Christian Vollhardt streckte seine Beine aus, damit er es bequemer hatte, das Mädchen zu betrachten. Sie musterte ihn nicht weniger, als er sie. Er wusste seit jeher sein vorteilhaftes Äußeres, seine große, schlanke Gestalt und sein helles Haar bei den Mädchen in die Waagschale zu werfen. Dass er gut aussehend war, hatte er früh begriffen und er wusste, dass weder seine Herkunft, noch sein Berufsstand ihm die vortreffliche Partie eingebracht und ihm zu bescheidenem Wohlstand verholfen hatte. Nun war seine Gemahlin aber längst bei den Seligen und was sie ihm an Geldmitteln vermacht hatte, war so gut wie aufgebraucht. Blieben ihm noch das Haus und ein paar bewegliche Güter, die er anzutasten noch nicht betrunken genug gewesen war. Seine Ehe war nicht von großen Gefühlen geprägt gewesen. Die Kinder, die sie ihm geschenkt hatte, waren allesamt nach wenigen Tagen gestorben. Bis das letzte sie mit sich genommen hatte. Aber das Andenken an sie bewahrte er so, wie sie es als rechtschaffene, brave Bürgerin verdient hatte. Ihr Ableben im Kindbett war Fluch und Segen gewesen. Das Trauerjahr war vorbei und Christians Bedürfnisse waren lebendig wie ehedem.
Die meisten Mädchen, die er zu sich einlud, waren verzagt. Mit den meisten war nichts anzufangen. Diese hier jedoch bewegte sich, kaum dass sie das Stadthaus des Schwertfegers betreten hatte, zielsicher und selbstbewusst durch die Räumlichkeiten, wie es nicht einmal Vollhardts Haushälterin tat. Das Mädchen stellte sich an den Tisch, auf dem eine Karaffe mit Erlesenem stand. Christian Vollhardt war weder reich noch adelig, aber wenn es um sein kleines Vergnügen ging, sparte er sich den edlen Tropfen gern vom täglich Brot ab. Er war betucht des Erbes halber, aber er wusste, er würde gut haushalten müssen, wollte er seinen angeheirateten Wohlstand noch eine Weile genießen. Christian Vollhardt war kein Kaufherr. Er verstand es nicht, seine finanziellen Mittel zu vermehren, aber er verstand es, genau das vorzugeben. In den Augen der Mädchen war er wohlhabend und allein darum ging es ihm. Das Bürgerrecht hatte er sich schon vor seiner Heirat erkauft und vielleicht war ihm das zu Kopfe gestiegen. Er war immerhin Mitglied des Städtischen Rates, auch wenn er seines seligen, längst verstorbenen Schwiegervaters wegen und der Quote wegen im Rat saß und man auf seinen Ratschlag keinen Wert legte.
„Wollen wir dann anfangen?“, fragte das Mädchen, nachdem es sich eingeschenkt hatte. Vollhardt wies in die Richtung, wo sich das Heimlichste befand. Das Mädchen ging voraus, nicht ohne die Karaffe mit sich zu nehmen. Ihr blondes Haar endete in verspielten Löckchen, die mit jedem Schritt auf ihren Hüften tanzten. „Zwei Heller und nicht ganz“, sagte sie und Vollhardt wusste, was sie meinte. Er hatte bislang jedes seiner Mädchen zum ganz Äußersten und zum vollendeten Genuss gebracht. Das brauchte seine Zeit.
Er wies sie an, sich langsam zu entkleiden. Um nicht einen Moment dieses Aktes zu versäumen, platzierte er sich auf das breite, von Atlassen bedeckte Bett. Die Schabracken um den Bettkasten, Vorhänge und Teppiche waren allesamt Erbstücke seines verstorbenen Weibes, ebenso die Gemälde derer, die Christian nicht kannte, und das böhmische Kristall natürlich.
„Nicht so schnell“, murmelte er in sein Weinglas und das Mädchen hielt inne, die Fibeln vom Überkleid zu lösen. Das hölzerne Schuhwerk und die vielfach gestopften, wollenen Strümpfe hatte sie abgestreift, auch der Überwurf war längst zu Boden gegangen. Langsam fädelte sie die Schnüre des tief ausgeschnittenen Überkleides auf. Es war ein schlichtes Gewand mit an den Schultern befestigten, weiten Ärmeln, das das Mädchen jetzt vom Körper gleiten ließ. Er übersah geflissentlich die Schmutzflecken an gewissen Stellen des Unterkleides. Er würde ihr für ihre Treffen die Kleider seiner Verflossenen zur Verfügung stellen, damit der Moment des Entkleidens perfekt würde. Auch hatte es einen besonderen Reiz, die Ärmel selbst vom Schulterstück zu nesteln. Fürs Erste diente diese Schau der Güteprüfung. Seine Wahl bestätigte sich als qualitätvoll.
Die Rundungen blieben auch nach dem Entkleiden genau dort, wofür das geschnürte Kleid geworben hatte. Festes Fleisch. Er nickte zufrieden und versenkte den Blick ins Weinglas. Sie entschied, was weiter geschah. So schaffte er es, sie irgendwann ins Bett zu bekommen. Er bezahlte nicht so gut, dass sie sich bereitwillig und voll und ganz hergeben würde. Das brauchte Zeit, wie gesagt. Unter den gesenkten Wimpernkranz hindurch sah er, wie sie abwartend neben ihm lag, nackt und unschlüssig. Auf die Seite gedreht, begann sie, seinen Hosenlatz aufzuknöpfen, nahm ihm sein Weinglas ab und machte, dass ihm das Blut heiß durch die Adern schoss. Sie fesselte seinen Blick und er ließ sich keuchend in die Kissen zurückfallen. Es war viel zu schnell vorüber, weil er seit Wochen kein Mädchen mehr gehabt hatte. Keine der Dirnen vom Hotertor hatte ihm gefallen. Die Jüngeren waren dreckig, verlaust, verfloht und überteuert. Die Älteren waren nicht nur schmutzig und von Ungeziefer besiedelt, sondern obendrein auch noch zahnlos und verfilzt, sodass man nicht wusste, wie der Weg hineingefunden werden sollte. Sie waren in ihrer Verzweiflung so billig, dass selbst Christian skeptisch geworden war. Nein, er wollte eine frische, die nur ihm zu Diensten war und sonst keinem. Sie war ja keine Dirne. Das hatte er klargestellt, als sie aufgetaucht war. Ja, Christians Mädchen kamen freiwillig zu ihm.
Lange bevor er sie angesprochen hatte, hatte er sie beobachtet: Auf dem Markt, beim Waschhaus, war er ihr bis zu ihrer Behausung gefolgt und hatte sich ihrer Armseligkeit vergewissert. In ihren Bemühungen, ein rechtschaffenes Leben zu führen, war ihm ihre Verzweiflung aufgefallen und der schmale Grad zwischen Recht und Unrecht, den sie täglich beschritt. Er hatte sie beobachtet, wie sie in der Fleischergasse ein etwa faustgroßes Stück von der Fleischbank geschnappt hatte. Sie war nicht hastig davongelaufen, sondern hatte die Fleischersfrau sogar noch in ein Gespräch verwickelt. Das hatte Christian beeindruckt. Auch, dass sie nach dem Diebstahl nicht gleich nach Hause, sondern erst einmal in die Kirche zum Beichten gegangen war. Ein schmaler Grad eben.
Als es kälter wurde, sie für Almosen auf dem Markt herumstrolchte und mit den Benediktinermönchen um den besten Bettelplatz stritt, hatte er sie angesprochen. Ob sie sich nicht bei ihm und einem Glas Wein aufwärmen wolle. Ein unverfängliches Angebot mit unmoralischem Hintergedanken. Das sah ein Blinder mit Krückstock.
Sie hatte ihn angeblafft, so eine sei sie nicht und sie würde ihn melden, wenn er sie noch einmal belästigte. Er hatte sein verführerischstes Lächeln gezeigt, sich entschuldigt und ihr gesagt, wo er wohne, falls sie es sich anders überlegen würde. Sein Angebot gelte uneingeschränkt, hatte er ihr zugeraunt, dann hatte er abgewartet. Als der erste Frost schon ein paar Nächte anhielt, hatte es an seiner Tür geklopft. „Ich bin keine Hure“, hatte sie zur Begrüßung gesagt. Sie erwiderte sein Lächeln, vorsichtig zwar, aber untrüglich. Dann nannte sie ihren Preis. Es hatte ihn überrascht, dass sie sich unter Wert verkaufte, oder vielleicht kannte sie die gängige Währung dieser Stadt nicht. Das hatte er ihr freilich nicht gesagt. Sie würde schon selbst dahinterkommen.
„Gut“, murmelte er, nachdem es vorüber war, wischte sich den Schweiß aus der Stirn und rieb seine Augen. Zuerst schälte sie sich aus dem Bett, wobei er sie beobachtete, wie sie sich in ihr Kleid schnürte. Dann rappelte er sich auf. Ächzend zog er seine Hose hoch. In der Kleidertruhe wühlte er nicht lange. „Hier“, förderte er ein blaues Überkleid zutage. „Das trägst du das nächste Mal.“
Das Mädchen beäugte das Stück Tuch in seiner Hand. „Von Eurer Verflossenen?“
Christians Zeigefinger schnellte vor. „Niemals erwähnst du mein verstorbenes Weib. Klar?“
Sie nickte und deutete auf das Stück: „Ich darf diese Farben nicht tragen. Ich bin keine Bürgerin.“
Er nickte. „Zieh es unters Cape. Es wird schon niemand darauf achten.“
Sie nickte abermals und nahm auch das blütenweiße Unterkleid entgegen, das er aus den Tiefen der Truhe barg. Sie vereinbarten einen festen Abend in der Woche, an dem er sie sehen wollte. Mehr als einmal wöchentlich konnte er sich nicht leisten. Das gestand er ihr freilich nicht. „Mehr Zeit hab ich nicht“, sagte er stattdessen, schob ein keckes Augenzwinkern hinterher, das dem Mädchen bedeuten sollte, dass er die übrigen Abende der Woche für verschiedene andere Vergnügungen reservierte. Und ganz gelogen war es ja auch nicht. Ein, zwei Mal traf er sich mit Kumpanen auf ein Bier im Ausschank, der eben an der Reihe war und Brautag hielt.
Nach einer wohligen Nacht kam Christian am folgenden Morgen der Einladung des ehrenwerten Hohen Rates nach und fand sich in der Ratsstube ein. Es war nicht weit von seinem Haus hinter dem Kloster bis zum Rathaus am Ring. Aber auch ein paar Schritte genügten, um sich an den Fäkalien zu beschmutzen, dem ganzen Dreck und Matsch, dem Gemüll in den engen Gassen, wo so große Unreinlichkeit herrschte. So war Christians schön bestickte Schaube schon nach wenigen Schritten besudelt, die Entenschnabelschuhe aus feinstem Leder durchweicht. Doch alle Scheiße dieser Welt hätte seine gute Laune nicht trüben können. Nicht einmal die langen Gesichter der Ratsherren.
Die besprachen sich bereits, da war die Versammlung noch nicht einmal durch den Bürgermeister eröffnet worden. Neben dem Bürgermeister Schwartze fanden sich die Räte und die Ältesten, ferner die Innungsvorstände und solche wie er, Christian, die Gassenrichter und Handwerker, die in ihrem Viertel nach dem Rechten sahen. Die elf Ratsmannen und sieben Schöppen tauschten die Ratsämter per Kooptation.
Christians Platz war hinten, nahe der Hallentür. Es war noch nicht lange her, da war neben den Brauern auch den Handwerkern genehmigt worden, den Rat zu besetzen, des Scheins wegen. Das Mitsprechen war aber eine andere Sache.
Das Sonderbare an der heutigen Sitzung war, dass auch die Kirche vertreten war. So bot der Pleban Martin Faber zur Rechten des Bürgermeisters eine von Sorgen tief gefurchte Miene, während er auf den Schwartze einredete und der wiederum seine Stirn in Falten legte. Faber war ein sonderbarer Kauz mit ganz eigenen klerikalen Vorstellungen und wartete immer wieder mit Überraschungen auf.
Bald hatte Christian dem Raunen der Menge entnommen, was den Rat der Stadt so in Aufruhr versetzte. Drei waren geächtet worden, keiner von ihnen auffindbar. Soweit die Kurzfassung. Christian wusste, er hatte eine gute Stunde Müßiggang vor sich, um an das Mädchen zu denken, mit dem er sich vergnügt hatte, während hier über die Suche nach den Geächteten verhandelt wurde. Zwei Männer und eine Frau, so hieß es, waren umtriebig geworden. Zumindest derer zwei Namen waren nicht unbekannt. Es handelte sich zum einen um den Stiefsohn des Braumeisters Tylike, dem Andres Hinterthur, zum anderen um des Druckermeister Weidners Erstgeborenen Matthes. Ein dritter Name allerdings war selbst den städtischen Lästermäulern unbekannt: Carolina Müllerin. Keine Tochter der Stadt Görlitz, sondern – wie es Schwartze versicherte – aus dem Anhaltischen stammend.
Diesen Dreien wurde zur Last gelegt, die ketzerischen Schriften eines gewissen Doktor Martin Luther verbreitet zu haben. „Nie gehört“, maulte der neben Christian sitzende und auf einem Strohhalm herumkauende Scharfrichter Alfons Sieder. Sein Geruch ging ihm voraus, denn sein Metier war nicht nur das Richten, sondern die Entsorgung der Kleidung der Toten und der Tierkadaver sowie die Häutung derselben, was dem Hoter, Häuter, den unschönen Beinamen verpasst hatte. Alfons Sieder hatte allemal Christians Respekt gepachtet, denn war nicht auch die Hygiene der Mädchen vom Hotertor des Hoters Aufgabe? Der schaute nicht Christian oder seinen Nachbarn zur anderen Seite an, sondern beobachtete die selbstherrlichen Herren vorn an der Tafel. „Zeitverschwendung.“ Er spuckte den Strohhalm zu Boden.
„Du ziehst es sicher vor, einen Dieb vor den Toren der Stadt zu hängen, als hier herumzusitzen“, versuchte es Christian mit einem Scherz, wurde aber von Sieder mit einem überdrüssigen Blick bedacht. Der Scharfrichter hatte kein Stimmrecht und keinen wirklichen Ratssitz hier. Ihn zu den Versammlungen einzuladen, ersparte den Gang in die Büttelei und das Wiederkäuen aller Beschlüsse. Die Büttelei lag nicht weit entfernt von Christians Haus, doch ein nachbarschaftliches Verhältnis war mit dem Hoter schwer herzustellen. Da war das Verhältnis zu den Ratten und Mäusen wärmer als zum Henker!
Weil Pleban Faber laut wurde, widmete sich Christian dem Schaustück da vorn. Faber echauffierte sich, er dulde auf keinen Fall die Verbreitung solcher Blasphemie in seinem feinen Städtchen. „Luthers Worte sind wie Gift!“, regte er sich auf, sodass er ein ganz rotes Gesicht bekam. „Und er vergiftet so viele. Die Jüngeren sind besonders gefährdet.“
„Aber ist die Reichsacht nicht ein bisschen zu hart …?“, mischte sich Bürgermeister Schwartze ein und erntete entschiedenen Widerspruch von Johannes Haß. Er war Schrift- und eigentlicher Wortführer in der Runde.
Haß erhob den Zeigefinger. „Wenn einer die Kurie und die römische Kirche anschwärzt, gehört er gehängt!“ Johannes Haß, Protonotarius aus Passion, suchte den Schulterschluss mit Scharfrichter Sieder. Und Christian sah aus dem Augenwinkel, wie jener geflissentlich, nicht aber eifrig, nickte.
„Nein! Zuerst die Zunge raus, die Luthers falsche Reden verbreiten, danach die Hände ab, die seine Schriften vervielfältigen und dann erst erhängt gehören die Drei!“, redete sich der Pleban in Rage und Sieder nickte auch dazu.
Als man das Kopfgeld auf Andres Hinterthur, Matthes Weidner und Carolina Müllerin aussetzte, ging ein Raunen durch die Menge. Zwei Gulden war eine Summe, die auch Christian gut gebrauchen konnte.
Dem Bürgermeister Schwartze vertrauten die Leute. Er hatte schon Schlimmeres durchgemacht, denn er war schon Ratsmann gewesen, als im Jahre des Herrn 1496 die Pest gewütet hatte. Er war es gewesen, der wusste, wie wandelbar der Tod und wie umtriebig das Sterben sein konnte. Aber anders als damals, da die Ratskür ausgefallen war, aus Angst vor jedem Atemzuge, mit dem man sich würde anstecken können, war jetzt die Streiteslust ungebrochen.
Ein Geächteter war immer eine angenehme Abwechslung, über die es sich zu sprechen lohnte. Seuchen gab es ja alle paar Jahre, aber Geächtete, die es wagten, vom einen in das andere Königreich zu fliehen? So wurde die Frage erörtert, unter welchem Gesetz die Drei jetzt eigentlich stünden und wie mit ihnen verfahren werden sollte, wenn man sie endlich gefasst haben würde? Darüber geriet man in Streit, dessen Ausgang Christian nicht nachvollzog.
Noch am selben Morgen wurde die Stadt auf dem Reißbrett in acht Winkel aufgeteilt und die Stadtbüttel ausgesandt, jedes Haus, jeden Stock, jede Grube, jeden Stall nach den drei Delinquenten zu durchsuchen. Christian, kraft seines Amtes als Gassenrichter, führte einen der Trupps an, die sich durch das südwestliche Tortenstück fraßen.
Hier inspizierten sie als Erstes das Haus des Druckermeisters Weidner, dessen Werkstatt sich nahe der doppelten Stadtmauer, dem Zwinger, in der Nikolaigasse befand. Meister Ignatius Weidner war insofern kooperativ, als dass er sich nicht den Stadtdienern in den Weg stellte, sondern sie lediglich als Ränkeschmiede und der Bürgerschaft untreu beschimpfte. Er behinderte also die Büttel zumindest nicht bei der Hausdurchsuchung. Der Druckermeister hatte neben seinem Erstgeborenen, dem Ketzer Matthes, noch zwei Töchter, die aber längst vermählt waren. Susanna, die älteste, bewohnte mit ihrem Mann und der Kinderschar die Dachstuben. Die andere Tochter war auswärts verheiratet worden.
Die stinkende Druckerei in den Kellergewölben bot nicht einmal einer Maus eine Ritze, einen Kasten oder eine Truhe, um sich zu verstecken. Im Gewölbelabyrinth befanden sich die Druckpressen und die Schränke mit den breiten Schubladen. Christian musterte die an Leinen aufgehängten Blätter mit den sauberen Reihen schwarzer Buchstaben. Er war bislang auch ohne sie durchs Leben gekommen.
„Hier ist kein Versteck für den Ketzer“, rief er, nachdem er alle Kellerräume durchstöbert, alle Schränke, die nur halbwegs einen erwachsenen Mann würden verbergen können, geöffnet hatte, und wandte sich zum Druckermeister um. Dem war die Puste ausgegangen, jetzt stand er mit puterrotem Gesicht und zu Fäusten geballten Händen da und taxierte den Gassenmeister. „Euch dürfte klar sein, was mit Euch passiert, wenn sich herausstellen sollte, dass Ihr Eurem Sohn Unterschlupf gewährt.“ Christian hatte sich vor dem untersetzten Drucker aufgebaut. Dessen Angstschweiß war hinter der versteinerten Miene trotzdem zu riechen. Er erwiderte nichts. „Ihr werdet allesamt gehängt: der Matthes, Ihr, Euer Weib, Eure Tochter und deren Mann, Eure Kindeskinder. Alle, die unter diesem Dach hausen.“ Noch einen Moment lang kostete Christian seine Macht aus. Ein überraschendes, ein gutes Gefühl, die Regungen seines Gegenübers lenken zu können.
„Hier ist er nicht“, stieß Meister Weidner aus, „und er wird sich hüten, hier aufzutauchen. So dumm ist er nicht. Im Gegenteil, er ist sehr schlau. Mein Sohn ist überaus gebil …“ Am Weitersprechen hinderte ihn Christians Faust, die er dem Älteren in die Magengrube rammte. Er sah zu, wie Weidner sich, nach Luft japsend, aufrichtete, aber an ihm vorbeiblickte. „Was glaubst du, wer du bist, Bürschchen“, knurrte der Weidner und seine hellen, blutunterlaufenen Augen fanden jetzt Christians Blick.
„Der Gassenrichter“, zuckte jener mit den Achseln. „Und Ratsmitglied.“
Der Weidner spuckte vor Christians Füße und der musste sich zusammenreißen, seine Fäuste nicht abermals spielen zu lassen. „Du bist kein Ratsmitglied“, grollte der Alte. „Du bist deren Lakai, ein Bückling, sonst nichts. Fällst weder Entscheidungen, noch wirst du um deine Meinung gefragt. Sie schicken dich los, wenn es was Schmutziges zu erledigen gibt. Zu was anderem brauchen die dich nicht.“
„Halt’s Maul“, verlor Christian den Kampf gegen seine Vernunftstimme. Er packte Weidner am Kragen und drückte ihn gegen die Felssteinwand des Gewölbes. Die Binse in der Halterung neben seinem Gesicht flackerte nervös. „Halt einfach die Klappe, hörst du?“ Er forschte im Gesicht des anderen, das keine Regung zeigte, und ließ Weidner los. In Christians Mund floss Speichel zusammen, sein Herz schlug erregt. So weit war er noch nie mit einem Unruhestifter gegangen. Es bereitete ihm Vergnügen, auszuspielen, was Weidner nicht hatte: Jugend, Kraft, Schönheit, Aufstiegsmöglichkeiten.
„Dein Vater, Gott sei ihm gnädig, der würde sich im Grab umdrehen, Bengel!“, raunte Weidner, scheute aber den Blick ins Gesicht des Jüngeren.
Christian, Zeit seines Lebens mit seinem Vater uneins, spuckte am Weidner vorbei an die Wand. Er wusste, dass sein Vater, der Schmied, seinerzeit mit dem Druckermeister gut bekannt war, aber sein Vater war tot und hatte gar nichts mehr zu melden.
Sollte der Druckermeister doch in seinem Gewölbe vermodern! Christian wandte sich ab und ging, zwei Stufen auf einmal nehmend, wieder hinauf.
13

Die Sterbenden werden von alledem gelöst und sind für die Bußsatzungen bereits gestorben,
haben somit Kraft derselben Befreiung erlangt.
Druckermeister Ignatius Weidner lauschte dem Widerhall der Stiefelabsätze auf den buckligen Steinplatten in der obigen Wohnhalle, folgte ihnen durchs Haus, ins kleine Ladenlokal, das sein Vater seinerzeit zur Nikolaigasse hinaus eingerichtet hatte. Dann war es totenstill. Die Geräusche der Gasse hallten nicht bis hier herunter. Ignatius brauchte noch ein, zwei Momente, bis er von der Gewissheit beseelt war, die Stadtdiener seien verschwunden.
Er hastete hinüber in den angrenzenden Raum, ging vor der Hochdruckpresse in die Knie und schaute unter den Drucktisch. „Alles in Ordnung?“, fragte er unter die Tischplatte.
„Ja, aber das Seil schneidet allmählich ein“, kam die Antwort unter dem Tisch hervor.
Ignatius nickte, was sein Sohn nicht sehen konnte, weil er von unten an den Tisch geschnürt war. Der Alte schnitt Matthes vom Tisch ab. Der krabbelte unter der Presse hervor, blieb aber auf dem Boden sitzen. „Ich kann hier nicht bleiben, Vater. Das wird zu gefährlich.“
Ignatius nickte. Er hatte so viele Fragen an seinen Sohn. Er begriff nicht, wie es so weit hatte kommen können, dass man Matthes als Geächteten suchte. „Wieso?“, war das Einzige, was er herausbrachte. Wieso ward ihr so leichtsinnig? Was ist nur in euch gefahren?, wollte er fragen, schüttelte aber den Kopf. Sein Sohn war schon immer der Hitzkopf gewesen, dem die Druckerei zu klein, die Welt aber zu groß war.
Matthes zeigte ein unsicheres Lächeln. „Weil es sein musste, Vater … Ich muss Carolina finden.“
Carolina, das Mädchen, aus dem Anhaltischen. Ignatius hatte in einem von Matthes Briefen von ihr erfahren, wollte sie aber nicht wahrhaben, wollte nicht, dass Matthes mit einer Küchenmagd anbandelte, wo sein Weg für die Bürgerstöchter oder allemal für Gottes Werk geebnet war. Ignatius erwiderte nichts. Es war nicht an der Zeit, seinen Sohn wegen seiner Wahl zu ermahnen. Er nickte nur und rang Matthes das Versprechen ab, achtsam zu sein.
„Es ist vermutlich tagsüber ungefährlicher als nachts“, sagte er und war schon fast aus der Druckerei verschwunden. Und doch drehte sich Matthes noch einmal um. „Ich hoffe, Andres hat es überlebt. Sie haben ihn halb tot geprügelt. Um ihn müssen wir uns sorgen, nicht um mich. Bitte, finde heraus, wie es ihm geht.“
Ignatius nickte. Andres war ihm wie ein Mitglied der Familie, wie ein Sohn, seit er damals gemeinsam mit Matthes die Lateinschule besucht hatte. „Ich schließe ihn in meine Gebete ein, genau wie dich und …“, gib dir einen Ruck, alter Knochen! „… Carolina.“
Matthes zeigte ein Lächeln, kam die wenigen, sie voneinander trennenden Schritte zurück und umarmte seinen Vater fest. Mit flatternder Schaube und tief ins Gesicht gezogenem Barett lief er auf die Gasse. Ignatius blieb zurück und wusste nicht, wann er wieder von seinem Jungen hören würde. Sein Gefühl sagte ihm, dass die Gefahr nicht vorüber war und dass irgendetwas Unheilvolles auf sie alle zurollte. Aber er hätte nicht in Worte fassen können, was es war.
14

Ein unvollkommenes Genesen von der Sünde oder eine vollkommene Liebe des Sterbenden erzeugt naturgemäß eine große Furcht, die umso größer ist,
je geringer jene waren.
Durch gewaltiges Donnern und Rütteln am Hallentor schreckten sie zusammen. Elsa war gerade mit dem Scheuern der Scherben vom Morgenmahl beschäftigt, als eine Handvoll Büttel in die Küche gerauscht kam wie eine verfrühte Schneewehe. Ihre Schwerter klapperten in den Gurten, während sie hastig und mit zackigen Fragen auf den Lippen jeden Korb, jede Kiste umdrehten, jede Luke, jede Türe aufrissen. Aus dem Spektakel, das sie veranstalten, erfuhr Elsa, dass sie nach drei Geächteten suchten. Es fielen keine Namen. Auch auf Nachfrage wurden nicht die Namen der Gesuchten genannt.
„Woher sollen wir dann wissen, dass es die Geächteten sind, wenn wir sie vor die Nase kriegen?“, fragte die Reinhildin und stellte sich dümmer als sie war. Sie bekam keine Antwort. Reinhilde beobachtete das Spektakel um sie herum mit interessierter, wachsamer Miene, so als wollte sie sich jede Regung der Büttel einprägen. Dem Alter versagte Reinhilde sein Recht. Ihre Haut zeigte sich nach wie vor blass und glatt wie Milch. Schuld an den Runzeln um den Mund und auf der Nase war jemand anderes: Verbitterung, tief gegrabene Verbitterung. Allein ihr Hals, quer aufgeworfen wie die Seide einer Hörnerhaube, erzählte von den Jahren der Frau. Elsa bemerkte, dass Reinhildes Finger zitterten und sich am Schlüsselbund festhielten. Das sonst so nervtötende Klimpern klang stumpf. Seit dem Tod ihres Orwid und der Heirat mit dem Tylike war Reinhilde Hüterin der Schlüssel.
Peternelles dummes Gekicher riss Elsa aus ihren Beobachtungen. Was Elsa längst begriffen hatte, dass das Auftauchen der Büttel mit den nächtlichen Umtrieben im Hause zu tun haben musste, begriff Peternelle nicht. Ein Hieb von Reinhildens Schlüsselbund auf ihren Allerwertesten brachte Peternelle zur Ruhe.
Auch Niklas Tylike und Gunnar verfolgten mit einer gehörigen Portion Argwohn die Hausdurchsuchung. Elsa hätte Niklas Tylike alle möglichen Laster zuschreiben können: Völlerei, Trunksucht, Aufschneiderei und Überheblichkeit, aber er war auch ehern. Reinhilde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Orwids Zunftzeichen zu ehren. Dessen Braukunst fortzuführen, bedurfte es eines Braumeisters. Ganz gleich, was für einen. Reinhilde führte das Regiment, vertreten durch Niklas Tylike. Der würde dichthalten. Es hing viel zu viel von einer gut funktionierenden Brauerei ohne Skandale ab.
Eben, als die Büttel die Stiege zum Dachboden hinaufgingen, heftete sich der beleibte Brauer mit meisterlicher und nie vermuteter Wendigkeit an deren Sohlen. Er faselte von seinem letzten Brautag. Der war gestern gewesen. Und, da er den einen oder anderen Büttel gelegentlich in seinem Ausschank begrüßen durfte, fragte er nun nach deren ehrlicher Meinung, was den Biergeschmack anbelangte. Tatsächlich ließen sich die beiden Stadtdiener, die den Dachboden zu inspizieren trachteten, auf ein Gespräch, die Cervisiae betreffend, ein. Beide hatten vom Brauen so viel Ahnung, wie man es brauchte, um das Brunnenwasser abzukochen und ihm mit Gewürzen und Getreide Geschmack und Leben einzuhauchen, aber das eigentliche Handwerk steckte im Mälzen.
Niklas’ Zunge arbeitete effizient, wenn es ums Verkosten und Fachsimpeln ging. So gelang es ihm, die beiden Büttel in einen Diskurs über das Tylike’sche Produkt im Vergleich zu dem des Nachbarn, der der Reihe nach den nächsten Brautag und abendlichen Ausschank haben würde, zu verwickeln. Er brachte die Stadtdiener dazu, den Dachboden nur eines streifenden Blickes zu würdigen.
Elsa konnte hören, wie Reinhilde erleichtert aufatmete, als die Büttel überzeugt davon waren, hier keinen Geächteten, aber die beste Briu der Stadt vorzufinden.
„Wie kommen die auch darauf, dass hier einer der geächteten Ketzer untertaucht?“, stutzte Peternelle einfältig und betrachtete schließlich Elsas Werk im Überlegen, ob der Abwasch an der Luft trocknen könnte. Die Frage wurde durch Reinhilde beantwortet, die ein Tuch vom Haken zerrte und es der bedächtigen Magd vor das Leibchen warf. „Mach dich nützlich!“
Der Blick, den die Eheleute Tylike miteinander wechselten, entging Elsa nicht. Tylikes Miene: nichts als Wut. Seine fleischigen Wangen waren vor Anspannung gerötet wie bei einem fiebernden Kind. Auf seinen Schläfen glänzten Schweißperlen. Er packte Reinhilde am Ärmel, befahl seinem Sohn im barschen Ton, ihnen zu folgen. Zu dritt verließen sie die Küche nach nebenan in die große geräumige Wohnhalle, deren Fenster auf die Gasse hinaus gingen. Tylikes Stimme presste sich zwischen seiner Wut und dem Bemühen, leise zu reden, hervor, sodass Elsa kein Wort verstand. Peternelle machte nicht den Eindruck, an dem Wutausbruch ihres Dienstherrn interessiert zu sein. Sie war eine aufmerksame Beobachterin ihrer selbst. Beim Ansetzen der Getreidegrütze, beim Backen des Brotes und der Wecken, beim Füllen von Saublase und Kalbshirn mit Griespaste, beim Drehen des Ferkelspießes, beim Flicken der Kleider, beim Waschen der Wäsche, beim Wirken der Wolle … bei allem, was Peternelle tat, vergaß sie nicht, darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich zu schade dafür und zu Höherem bestimmt sei. Sie nutzte jede Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen, während an Elsa ein Großteil der Arbeit im Brauhof hängen blieb. Tylike nutzte aus, dass Elsa einer Brauerei entstammte. Er trug ihr alle möglichen schweren Aufgaben auf, für die sich Peternelle dumm stellte. Elsa wusste, auf sie warteten heut Dutzende Sudpfannen. Zum Schrubben. Geerbte Pflicht der Reinhilde.
„Du musst mir helfen, Kind.“ Von der Tylikin so abrupt angesprochen, stolperte Elsa über ihre schweren Holzschuhe, weil sie sich nach Peternelle umsah. Die war über alle Berge. „Lehm, Stroh …“, zählte die Reinhildin an der Rechten ab, „… Wasser aus dem Brunnen, rasch!“ Der erhobene Daumen zeigte die Richtung an, in die Elsa mit dem Gewünschten zu kommen habe.
Es klingt wie Stein auf Stein, wenn die Hacke auf die gefrorene Erde trifft. Der Lehm ließ sich nur müßig bergen. Fast gar keine Scheiße förderte sie zutage. Elsa hatte Glück, dass die Reinhilde nicht im Hochsommer auf diese Idee gekommen war. Das Stroh hingegen lebte vor Flöhen.
„Hast du den Lehm in Kunnewalde geholt, oder wo?“, missbilligte Reinhilde, dass die Magd so lange gebraucht hatte. Elsas Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit des Dachbodens. „Komm schon!“ Ihre Stimme kam von dort, wo in der vergangenen Nacht der Halbtote abgeladen worden war.
Wie wenn man Kuhscheiße in einen Suppersud rührte, roch es auf dem Dachboden. Zum Mäusedrecksgestank kam der beißende, süßliche Geruch von offenen Wunden, der metallische von Blut und das Muffige von feuchter Kleidung entgegen. Ein Schaudern fuhr in Elsa beim Anblick schmieriger Leinenfetzen. Den Verletzten selbst konnte sie lediglich als Schattengebirge vor dem Flackerlicht der Binse und dem einfallenden Licht durchs Loch im Giebel erkennen. Das Loch war Elsa vergangene Nacht nicht aufgefallen. „Wer ist das?“, fragte sie, und stellte die beiden Eimer ab. Zur Antwort nur ein „Pssst“. Dann wurde sie an beiden Schultern gepackt und der Blick auf den Verwundeten wurde ihr von Reinhilde versperrt. „Frag nicht“, taxierte die eine die andere. „Frag bloß nicht wieder!“
„Einer der Geäch…“
„Ich sagte, frag nicht!“ Wieder Reinhildens Zischeln, dieses Mal begleitet vom erhobenen Zeigefinger.
„Andres?“ Elsa bemühte sich, einen Blick auf den Mann zu werfen.
Reinhilde fuchtelte mit den Händen herum, als wolle sie eine störrische Fliege vom Apfelmus fernhalten. „Hilf, das Loch zu stopfen!“
Sie mussten die Pritsche mit dem nicht gerade federleichten Mann ein Stück Richtung Tür ziehen, damit Elsa an das Loch in der Wand herankam. Der Lehm war steif vor Kälte, das Stroh blieb nicht richtig haften. Es war unnötig, Reinhilde darauf hinzuweisen, dass es nicht die geeignete Jahreszeit dafür war, Fachwerk auszubessern. Reinhilde bemerkte es selbst und half der Jüngeren beim Anrühren der Masse.
„Raus mit dir und zu keinem ein Wort! Auch meine Töchter dürfen nichts davon wissen!“, sagte Reinhilde, als das Gefach geflickt war. „Johanna ist ein Klatschmaul und Maria verhuscht.“ Die Reinhildin hatte recht. Dies waren keine so günstigen Charaktereigenschaften, wenn es darum ging, ein Geheimnis zu wahren. „Wenn du einer Seele auch nur eine Silbe von ihm …“ Sie deutete auf den Verwundeten, … erzählst, dann …“
„Ich weiß.“ Elsa vervollständigte Reinhildens Drohung mit der Geste, ihres Zeigefingers, der über ihre Kehle strich.
Ein Stöhnen riss beider Aufmerksamkeit an sich. Reinhilde drehte sich zur Pritsche um, beugte sich über den Körper. Elsa erkannte im tänzelnden Licht der einsamen Binse kaum etwas, nur die Dämonen, die das zuckende Flackern auf der unebenen Fachwerkwand zum Leben erweckte, dass es sie ängstigte. Was der Mann murmelte, verstand Elsa nicht.
15

Diese Furcht und dieser Schrecken ist an sich selbst – von anderen zu schweigen – groß genug, um die Qual des Fegefeuers zu schaffen, da sie dem Grauen der Verzweiflung am nächsten kommt.
Über den Tag beobachtete Elsa die Veränderungen im Hause, die die Geschehnisse mit sich gebracht hatten: Gespräche verstummten, wenn die Mägde hinzukamen, der Braumeister, sein Sohn Gunnar und die Hausherrin Reinhilde wechselten Blicke, die Elsa nicht deuten konnte. Sie gaben sich Zeichen, wenn es die Situation verbat zu sprechen. Auch mogelte Reinhilde die Wäsche des Fremden unter die Hauswäsche. Die Kleidung des Fremden mochte Peternelle für Gunnars halten, der schon manches Mal verdreckt von oben bis unten heimgekehrt war, weil er im Suff durch die Gassen stolperte.
Außerdem beobachtete Elsa ein reges Kommen und Gehen. Nicht nur die übliche Kundschaft in der Brauerei beobachtete sie: Piechkarren trafen ein, die im Neißegässel unter dem Hallengewölbe durch die große Hallendurchfahrt auf den Hof fuhren, um die leeren Fässer zu bringen, denn auch die Schultheißen, der umliegenden Dörfer kauften hier. Auch die Ratsleute stellten sich ein, mit dem Tylike zu reden. Elsa hörte obendrein, das stete Klimpern, das mit der Reinhildin hinauf zum Dachboden wanderte.
Das Klimpern eilte der Reinhilde voraus, es ging neben ihr her, es verfolgte sie, es kündigte sie an. Das Klimpern verriet allen im Haus, wann die Frau nahte, wie weit sie sich entfernte, ob sie sich entfernte. Mit dem Tod ihres ersten Mannes hatte sich Reinhildes Gemüt noch mehr verhärtet. Aus der Städterin, die versuchte eine Dörflerin zu werden, war eine Städterin geworden, die versuchte, die Jahre auf dem Lande zu vergessen.
War das Klimpern stakkatoartig, drohte ein Unwetter, denn dann marschierte Reinhilde auf der Suche nach dem Sünder durchs Haus und durch die Brauerei. Hörte man das Klimpern gleichmäßig, melodiös, dann konnte man beruhigt seiner Arbeit nachgehen, ohne Schimpf und Schelte zu befürchten. Wurde das Klimpern aber erstickt, und ebbte dieses blecherne Rasseln auch nach einer gewissen Zeit nicht ab, so wusste man, dass Reinhilde mit dem Schlüsselbund an ihrem Hüftgurt spielte. Dieser nervösen Angewohnheit lief sie immer dann auf, wenn sie verunsichert war. Verunsicherung stand der stolzen Brauersfrau nicht gut. Verunsicherung konnte sie nicht leiden. Und dann war jedem geraten, ihr aus dem Wege zu gehen. Jetzt also stießen die Schlüssel von Reinhilde entschlossen mit jedem Schritt, den sie hinauf auf den Boden tat, gegen ihre Oberschenkel und gaben ein rhythmisches Schellen von sich.
An diesem Tag setzte die Reinhildin ihre kostbaren Kleider, den prächtigen Atlas und die teure Seide mehrmals dem Staub und Mäusedreck – und der fetten Ratte – im Dachgeschoss aus. Und ein weiteres Mal hieß sie Elsa, ihr zu folgen. „Du machst da oben reine. Und mucksmäuschenstill! Und wo steckt eigentlich Peternelle?“
Peternelle war unauffindbar. Also machte sich Elsa allein an die Arbeit. Nie zuvor hatte irgendjemand daran Anstoß genommen, in welchem Gestank und Mist die Mägde hausten. Nie zuvor hatte man den Mädchen die nötige Zeit eingeräumt, das Unersetzliche zu tun. Sie unterdrückte ein Husten, als der Staub unterm Besen aufwirbelte. Sie gönnte sich und Peternelle einen Sack frischen Strohs. Die Mäusescheiße hatte sich über Jahre angehäuft, mit Staub und Fledermausdreck zu einer klebrigen Kruste über die hier gelagerten Werkzeuge und auf die Bodendielen gelegt und war mit dem Putzlumpen kaum abzukriegen. Elsa kratzte mit dem Fingernagel an der Würzepfanne herum, und erinnerte sich an das Reinheitsgebot, das Orwid Hinterthur stets ernster als die Bibel genommen hatte. Elsa zuckte jedes Mal zusammen, wenn Metall auf Metall kratzte, Holz auf Holz klackte. Mucksmäuschenstill ließen sich die abgestellten Gerätschaften nicht sauber machen. Orwid Hinterthur würde Blitze auf den Tylike entsenden, könnte er sehen, wie in der Stadt mit seinem Gerät umgegangen wurde. Was die Reinheit des Biers anging, so war dies ein steter Streit zwischen Reinhilde und Niklas Tylike.
Es gab drei Dinge, über die sich Reinhilde beständig ärgern konnte: Erstens, dass ihr zweiter Mann kein so gutes Gebräu kochte, wie ihr erster, obwohl sie die Rezeptur mit in die Ehe gebracht hatte und es immer noch besser als die meisten anderen war. Zweitens, dass man immer weniger für ein Fass bekam. Das Geld rann ihr zwischen den Fingern hindurch, wie sie sagte. Elsa verstand nichts vom Geldwechsel, begriff aber so viel, dass die Görlitzer schlecht gemünzt hatten und auf dem Städtetag in Löbau, dem Landtag in Bautzen und den Zusammenkünften in Prag Botschaften nach Meißen, Dresden und in die Niederlausitz geschickt worden waren, um eine neue, vollgültige Görlitzer Münze anstelle der bösen Stücke, wie die weißen und schwarzen Schrötlinge genannt wurden, zu fordern.
Die Görlitzer aber galten seit jeher als hartköpfig und ließen sich auf eine neue Münze nicht ein. So wurden Drohungen laut, man wolle ihnen die Warenzufuhr sperren. Niemand wollte mit schlechter, minderwertiger Münze bezahlt werden. Die auswärtigen Händler gingen so weit, den Oberststadtschreiber Haß als Lügner zu schelten, weil der vorgab, die Görlitzer Münze sei sauber. War sie aber nicht. Es wurden weitere Drohungen laut, die besagten, die fünf Schwesternstädte des Sechsstädtebundes wollten die Görlitzer Münze ganz verbieten und aus dem Verkehr ziehen. Das würde Görlitz’ Rausschmiss aus dem Sechsstädtebund bedeuten.
Das dritte grundsätzliche Ärgernis, das Reinhildens Blut in Wallung brachte, war das Getreide selbst, das natürlich rar wurde, wenn niemand mehr seine Ware nach Görlitz brachte, woran wiederum die schlechte Münze schuld war. So etwas nannte man Teufelskreis, wusste Elsa. Sie wusste, dass ein Reinheitsgebot immer noch eine gewisse Güte an Getreide forderte, was Braumeistern wie einem Johannes Mälzer fern gewesen war. Reinhilde inspizierte jedes gelieferte Getreidekorn auf Heller und Pfennig und versuchte, Orwids Ansprüche ans Reinheitsgebot in Ehren zu halten.
Elsas verstorbener Vater, Johannes Mälzer, wurde immer als Beispiel zitiert, wenn sich Reinhildens und Niklas’ Meinungen überwarfen. Es mangelte nicht an abfälligen Bemerkungen diesbezüglich, doch Elsa war mit den Jahren taub für die Schmach geworden, die die Lebenden den Toten angedeihen ließen. Auch wenn die üble Nachrede berechtigt war, Johannes Mälzer war immerhin ihr Vater gewesen. Sie schloss sein Seelenheil in ihre Gebete ein.
Die Würzepfanne war groß, die Beschläge rostig und das Holz der Aufsteller längst vom Wurm zernagt, aber wenn die Reinhilde wünschte, dass Elsa ihn schrubben sollte, dann würde sie es tun: so lange, bis man ihr eine andere Aufgabe gab. Während sie also mit dem Lumpen am gusseisernen Deckel rieb, wurde sie vom hellen metallenen Klimpern, das sie sehr wohl kannte, aufgeschreckt. Elsa wirbelte herum. Reinhilde fuhr geradezu ertappt zusammen.
Sie schaute schuldbewusst auf die Wasserschüssel in den Händen und die Leinen, die über ihren Unterarmen baumelten. Einen Herzschlag lang erkannte Elsa in der Frau, die in den vergangenen wenigen Jahren um fünfzig Jahre gealtert sein musste, jenes Gottvertrauen und jene Klugheit, die sie als Kind an ihr bewundert hatte. Die beiden Frauen maßen sich mit Blicken, dann verhärteten sich Reinhildes Züge wieder und zeigten die Brauerin, die das Schicksal gestählt hatte.
„Zu niemandem ein Wort, bei deinem Leben!“, mahnte sie wie schon am Morgen und erwiderte Elsas Kopfnicken. Dann deutete sie auf die Pfanne, an der Elsa geschrubbt hatte und das Klimpern entfernte sich nach hinten zur rückwärtigen Kammer. Jetzt bemerkte Elsa, dass Reinhildens feines Kleid nach den wiederholten Ausflügen hier herauf eine lichte Spur in den Staub geschrieben hatte wie einen Weg. Die junge Magd machte sich daran, die Bodendielen zu schrubben, damit niemandem der Pfad zur hinteren Kammer auffiel. Während sie das tat, waren ihre Sinne hellwach. Elsa gehörte nicht zu den neugierigen Menschen, aber wenn ihr so oft mit Strafen gedroht wurde, war ihr Interesse geweckt. Ihre ohnehin im kalten Wasser steif gefrorenen Hände erstarrten, als ein Schluchzen aus der Kammer drang.
Elsa hatte in den Jahren, seit sie bei Reinhilde im Dienst stand, die Frau nie anders als verbittert und streng, kühl zu jedermann, erlebt. Stets hatte Reinhilde mit den Fügungen von oben gehadert. Jetzt aber schien sie ganz weich und schutzlos zu sein. Reinhildes Weinen wurde ab und an unterbrochen von geflüsterten Worten, die Elsa aus der Entfernung nicht verstehen konnte, und es wurde ergänzt vom Ächzen desjenigen, der in der Kammer wie ein Toter aufgebahrt lag.
Über den Tag beobachtete Elsa, dass Reinhilde die Mahlzeiten in aller Heimlichkeit auf den Dachboden brachte und mit kaum angerührten Speisen wieder herunterkam. Stets war die Hausherrin bedacht darauf, sich vor Peternelle nicht blicken zu lassen. Den Mut zu fragen, ob es sich tatsächlich um Andres Hinterthur in der Dachkammer handelte, brachte Elsa nicht auf, obschon jede Logik sich allein für diese Tatsache aussprach.
In den nächsten Tagen belagerten nicht nur die Stadtdiener, sondern auch Reinhildens Töchter die Nerven ihrer Mutter. Genau wie es die Herrin gesagt hatte, strahlte Johanna eine Neugier aus, die ihren seidenen Schleier zwischen den Buckeln der Hörnerhaube nervös erzittern ließ, wenn sie den Kopf ruckartig in Richtung der Neuigkeit reckte. Johanna, Gemahlin eines hiesigen Tuchhändlers, teilte sich gern jedem mit, der nur lange genug zuhörte.
Was Johannas Talent, war Marias Laster – oder umgekehrt, je nachdem von welchem moralischen Standpunkt aus man die Hinterthur-Töchter betrachtete. Maria kam nicht leicht mit anderen Menschen ins Gespräch, schaute ihrem Gegenüber nie in die Augen, sondern eher auf die Nasenspitze und wich stets einen halben Schritt vor einem zurück, wenn man sie ansprach. Ihre abgekauten Fingernägel zeugten von überbordender Vorsicht, welche sich mittels Querfalten in ihre Stirn gegraben hatte. Ein Jahr jünger als die andere, strahlte sie, die sonst so Hübsche, heut den Liebreiz und die Eleganz einer alten Jungfer aus, die es aufgegeben hatte, sich nach einem passenden Ehemann umzusehen. Und das, obwohl Maria mit dem ansehnlicheren der beiden Schwiegersöhne vermählt worden war; einem Umgeher, was ein beachtlicher Rang in der Weberzunft am Ort war. Die Mitgiften waren durch den Verkauf der Hinterthur’schen Brauerei beglichen worden. Elsas Verhältnis zu den Hinterthur-Töchtern war genau genommen oberflächlich. Auch der Dienst bei der Reinhildin hatte sie den Mädchen kaum näher gebracht. Im Gegenteil. Doch Elsa war es nicht schade darum.
Während also Johanna mit ihrem Geschnatter und Maria mit ihren verhuschten Blicken auf Reinhildens Nerven herumtrampelten, taten es die Stadtbüttel noch weitere Male in Form von Haussuchungen auf Geheiß der Stadträte. Elsa bekam von der Befragung nur so viel mit, dass Reinhilde und Niklas Tylike sich für einen lauthalsen Streit ins eheliche Gemach zurückzogen, kaum dass die Büttel und die Töchter wie die Raben auf die Gasse hinausgestoben waren.
Elsa ahnte, dass der Streit der Brauersleute den heimlichen Gast im Dachgeschoss zum Gegenstand hatte. Zu den Schlafgemächern der Herrschaften und ihrer Söhne mit Fenstern Richtung Hof, führte ein schmaler Gang in der abgeknickten Haushälfte. In diesen dunklen Korridor gelangte man über jenen Galeriegang, welcher die Hallendurchfahrt halb bekränzte. Tylike warf von hier oben gern einen Blick ins Kassenfensterchen, um zu prüfen, wie voll der Schankraum war. Faulenzende Mägde waren für ihn inakzeptabel. Auch von der Küche ging es mittels eines schmalen Durchstoßes auf den Galeriegang, doch wer welchen Flur und welche Treppe betreten durfte, war klar geregelt. So war es nicht gern gesehen, wenn die Mägde den Zugang zur Wohnhalle über die Empore nutzten, da es eine Tür zwischen Küche und Wohnhalle gab. Die Reinhildin wünschte nicht, dass es zwischen hohen Besuchern und dem Gesinde zu Zusammenstößen auf dem schmalen Galeriegang kam.
Wie ihr Reinhilde geheißen hatte, ließ Elsa die Essensreste im geschrubbten Sautopf verschwinden. Aber nicht die Schweine, sondern der Bewohner am anderen Ende des Dachbodens würde die Bratenstücke und den Kohl bekommen.
„Du glaubst nicht, was in der Stadt los ist“, flüsterte Peternelle, als es hinten in den Schlafstuben ruhiger geworden war. Elsa verbat sich nachzuhaken und in Peternelles Klatsch einzustimmen, weil sie die andere nicht auf gewisse Umtriebe im Haus aufmerksam machen durfte. Peternelle erzählte trotzdem alles, was sie über Matthes Weidner, Andres Hinterthur und besagter Carolina Müllerin zu wissen glaubte. Wie sich die Menschen die Mäuler über andere zerrissen, widerte Elsa an.
Eigentlich konnte Peternelle einem Leid tun, überlegte Elsa. Bildete sie sich tatsächlich ein, das Rätsel um die drei Geächteten lösen zu können? Sie beobachtete die erste Magd, die all ihr Halbwissen gestenreich zum Besten gab. Elsa entschied, der Reinhilde beim Hüten des Dachboden-Geheimnisses beizustehen. Ganz gleich, wie gemein und herrisch sie auch war. Weder Reinhilde noch sonst jemand hatten es verdient, von einer Klatschtante wie Peternelle zerfetzt zu werden!
„Andres ist an der Universität“, sagte Elsa in der Hoffnung, Peternelle würde es dabei bewenden lassen. Sie hatte alle Hände mit der quellenden Hirse zu tun, die am Morgen aufgetischt werden würde.
Peternelles Blicke brannten in ihrem Nacken. „So denkt man, ja.“ Dünnlippige Besserwisserstimme.
„Wo soll er sonst sein? Er ist Student. Allemal studieren und pilgern tun die.“ Sie hatte bereits den Gutenachtgruß entboten, umrundet schon den Treppenpfosten zur Bodenstiege, da kam es schneidender als vorhin von Peternelle: „Wohl kaum! Sonst wäre er nicht in der Acht.“
Elsa hielt dem Blick der anderen stand.
Peternelle zeigte ein schiefes Lächeln, bevor sie schulmeisterte: „Klugheit und Schlauheit sind nicht dasselbe. Und nur weil einer klug genug ist, an der Uniservität angenommen zu werden, heißt es nicht, dass er auch schlau genug ist, unbescholten durchs Leben zu gehen. Also, was auch immer die feinen Herren Studenten getan haben. Es ist der Obrigkeit zwei Dukaten wert, sie zu fassen und büßen zu lassen.“
Elsa hätte Andres Hinterthur und seine Mutter mannigfach verteidigen können, tat es aber nicht, weil es Verdacht geschürt hätte. So nickte sie und wiederholte den Gutenachtgruß.
16

Hölle, Fegefeuer und Himmel scheinen mir sich
in der Weise voneinander zu unterscheiden,
wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung
und Heilsgewissheit.
Elsa fand nicht in den Schlaf und wollte nicht mit der anderen reden, als diese sich auf das Strohlager drängelte. Die zwei Gulden kreisten vor Elsas innerem Auge umher. Zwei Golddukaten! So viel Geld! Einer davon entsprach sechsundneunzig Groschen. Wenn man davon absah, dass man für sechsundneunzig Groschen heute nicht mehr so viel bekam wie gestern, war es dennoch eine ordentliche Summe. Wenn Elsa Andres meldete, konnte sie ihre Familie mit zwei Golddukaten gut ein halbes Jahr lang ordentlich ernähren! Wenn aber herauskam, dass sie Andres verpfiff, würde Reinhilde sie achtkantig aus der Wirtschaft werfen und Elsas Familie würde am Bettelstab hängen, sobald die beiden Goldstücke aufgebraucht wären. War das eine Option für Elsa?
Reinhilde hatte sich die Abhängigkeit von Elsas Sippe gesichert, indem sie den Armengroschen für das Jakobsstift, in dem Katharina Mälzer und die drei übrigen Töchter lebten, zahlte. Sie hatte Elsa in den Dienst genommen, sich Gottes Segen und einen Platz im Paradies durch ihre übergroße Mildtätigkeit gesichert, welche Elsas Familie vor den Toren der Stadt als Recht- und Mittellose im Stiftshof leben ließ. Würden zwei Gulden vielleicht genügen, um irgendwo ein Zimmer zu kaufen? Alles wäre besser als das Jakobsstift, in dem selbst die kleine Irmel hart anpacken musste.
Was konnte Andres Hinterthur angestellt haben, dass er zwei Gulden wert war? Und davon, dass er es war, der zehn Schritt entfernt in der Kammer lag und Qualen litt, war Elsa inzwischen felsenfest überzeugt. Wieso versteckte ihn seine Mutter, wo doch sein Name mehrmals täglich ausgerufen wurde? Andres Hinterthur ein Verbrecher, Gefahr für Kirche und Krone? Reinhilde gefährdete alles, was sie aufgebaut hatte, indem sie sich zur Komplizin eines Geächteten machte. Elsa durchfuhr es eiskalt. Und sie selbst auch! Sie selbst war die Komplizin der Komplizin! Sie bekreuzigte sich und faltete die Hände zum innigen Gebet. Jeder wusste: Wer in der Acht war, galt als rechtlos, dem stand weder Brot noch Bett zu. Wer einen Geächteten einfing oder gar tötete, galt nicht als Verbrecher. Ihm drohte keine Strafe. Wer jedoch einem Geächteten half, für den galt dasselbe: das Todesurteil.
Erinnerungen an ihre Kindertage kreuzten ihre Gedanken: Andres, der stille, blasse Junge, unter dem Baum sitzend, über ihm die Bibel schwebend wie ein Heiligenschein; Andres versunken ins Tischgebet in der elterlichen Brauerei und wie er ihr aus der Patsche geholfen hatte, als ihr Krug umgekippt war. Andres, dem sie und Jost so unsagbar viele Streiche gespielt hatten. Und jetzt hatte man zwei Gulden auf ihn gesetzt und nannte ihn einen Ketzer! Elsa verstand das alles nicht.
Es gab nur eine Lösung für das Rätsel: Andres war vom Leibhaftigen heimgesucht! So musste es sein. Man sagte, der Teufel komme in jeglicher Gestalt, nistete sich in den Arglosen ein, benutzte ihre Schwäche für seine Ziele. Was, wenn Andres Hinterthur genau das passiert war und er vom Beelzebub beseelt in der Kammer lag und das Böse in ihm nur darauf wartete, dass die Hülle verschied, damit er sich das nächste Opfer suchen konnte? Frauen waren bevorzugte Opfer des Teufels. Und Frauen waren schon für weniger auf dem Scheiterhaufen gelandet, durchfuhr es Elsa, sodass sie sich vor Schreck dreimal bekreuzigte.
Als sie endlich eingeschlafen war, träumte sie von einer blutüberströmten Fratze, die sie heimsuchte und zum Stillschweigen verdammte. Einen verdrehten, kaputten Finger führte der Fremde an die verschorften Lippen. In ihrem Traum hatte Elsa Wassereimer geschleppt und als sie ihr eigenes Spiegelbild in der Wasseroberfläche betrachtete, sah sie, dass ihr Mund mit fettem Zwirn zugenäht war. Ihr Traum-Ich schüttete die Wassereimer aus, in einen Fluss, einem teils zugefrorenen Fluss, unter dessen Eisschicht der Fremde gesogen wurde.
Es variierte, wenn sie von Josts Tod träumte, doch wachte sie stets schweißgebadet auf.
Elsa war verunsichert und fahrig. Ihr gelang nicht viel an diesem Vormittag und deshalb beschloss sie, ihrer Mutter einen längst überfälligen Besuch abzustatten. Ihre Mutter wusste bestimmt, was man zum Schutz vor dem Beelzebub im Hause tun konnte, ohne, dass sie ihr verraten musste, was genau sich in der Nikolaigasse abspielte.
Wie es die Fügung wollte, war Markttag. Elsa machte sich gemeinsam mit Peternelle auf den Weg zum Ringmarkt. Dieser fand sich nur wenige Schritte die Neißgasse westwärts bergan. Es war ein sich ringartig um die Stadtwaage schmiegender Platz. Schon nach wenigen Schritten die kleine Anhöhe empor war Elsa vom strengen Wind so durchgefroren, dass sie ihre Zehen in den harten Holzschuhen kaum mehr spürte. Die leere Kiepe auf ihrem Rücken wog jetzt schon so schwer, dass sie ganz außer Atem war.
Elsa mochte nicht die vielen Menschen auf dem Markt. Sie verabscheute die Leiber, die sich an ihren Körper drückten. Sie hatte ab einem bestimmten Alter festgestellt, dass es die älteren Männer waren, die sich im Getümmel absichtlich eng an die Mädchen drückten, die Hände dann entschuldigend vor die Brust hoben, nicht ohne die der Mädchen zu streifen. Das hasste sie. Sie konnte den Gestank nicht leiden, der jedem einzelnen Körper entströmte. In einem reinen Körper stecke eine unreine Seele ging die Weisheit. Deshalb wuschen sich die Leute selten. Zumindest die Männer wuschen sich so gut wie nie. Und spätestens wenn die Frauen aus ihren Tagen waren, wuschen auch sie sich nicht. Schlimmer noch als der Geruch war der Lärm. Dieses schnaufende Ungetüm einer hundertköpfigen Schlange schnappte und kreischte, brüllte, ächzte, lachte, pfiff und schimpfte. Aber mehr noch als der Gestank und der Lärm nervte Peternelles Eile.
Wie immer saß Peternelle die Zeit im Nacken, denn je schneller sie die Einkäufe erledigt haben würden, desto mehr Zeit blieb ihr, sich bei ihrem Liebsten einzufinden, ohne einen Ausbruch bei Reinhilde heraufzubeschwören, die keine Ahnung hatte, mit wem die erste Magd poussierte.
Peternelles Liebster war der Schuhmachersohn Michel. Sein Vater war so reich, dass er eines der Handwerkerhäuschen in der Zeile bewohnen konnte. Die Zeile war die mittige Ansammlung von Häusern, die vom Ringmarkt umarmt wurde. An der östlichen Stirn befand sich besagte Waage, zu der die Händler mit ihren Gütern strömten wie die Gläubigen nach Santiago de Compostela. Bei diesem Gedanken war Elsa wieder bei Andres. Warum erzählte Reinhilde auch angeberisch von den Pilgerreisen, die Jahre zurücklagen und so, als habe sie sie selbst erlebt? Wohin Andres damals gereist war, hatte Elsa vergessen. Irgendwas Italienisches.
Die Schuhe, die Michels Vater herstellte, waren nicht zu vergleichen mit den italienischen und trotzdem so hochwertig, dass Michel Anwartschaften auf gut Bürgerliche anmelden durfte. Wahrscheinlich, so überlegte Elsa, war Peternelle das gar nicht klar. Doch würde diese Erkenntnis Peternelle dann hart treffen, wenn der reiche Schustersohn die gut betuchte Posamentenmachertochter heiratete, wovon der Klatsch zu berichten wusste, wovor Peternelle aber vehement die Ohren verschloss. Die Posamententochter war sehr schön.
Für Elsa war es nicht schwer, andere Mädchen schön zu finden, denn in einem jeden meinte sie, den Spiegel ihrer eigenen Makel zu finden. Sie hätte es nicht benennen können, aber ihrer Nasenspitze fehlte der freche Stups, sie folgte schnurgerade dem vorgezeichneten Weg. Ihrem Haar mangelte es am Gold des Honigs. Sie war froh, es unter der Haube verstecken zu können, so fiel der Schlag ins Rote nicht auf, wenn man es nicht wusste. Ihren Wangen ging jenes Rosé von verdünntem Wein ab, das im Allgemeinen ein Attribut für Gesundheit war. Elsas Wangen waren blass. Ihre Lippen waren nicht zu vergleichen mit saftigen Erdbeeren, und ihre Augen waren weit entfernt vom Strahlen eines Sonnentages. Ihre Augen waren grau oder graugrün mit braunen Sprenkeln. Oder braun mit blauen und grünen Sprenkeln. Ihre Augenfarbe war auf der dunklen Wasseroberfläche in den Putzeimern schwer zu deuten. Doch ihre Brüste, waren gut: rund, nicht zu voll, nicht zu platt, hingen nicht, standen nicht ordinär ab. Das lederbraune Rund saß genau mittig und reckte seine zartrosa Knospe mutig der Welt entgegen. Das nützte ihr aber nichts. Mit ihren Brüsten konnte sie kaum hausieren gehen. Gott bewahre! Elsa konnte sie nicht für sich sprechen lassen, um auf dem Markt die Preise zu drücken.
„Nun komm endlich!“, knurrte Peternelle und zerrte Elsa am Arm mit sich, sodass die einen ihrer Holzschuhe verlor. Sie stolperte mindestens einmal am Tage über ihre eigenen Füße. Sie wusste nie so recht, wohin mit ihren Gliedmaßen, die stets und ständig im Wege zu sein schienen.
Elsa griff nach ihrem Schuh. Doch sie langte ins Leere, weil der von irgendwem weggestoßen wurde. Wer fluchte wütender? Elsa oder Peternelle? Elsa verfolgte auf allen Vieren ihre schlitternde Pantine. Diese wurde von den Marktgängern unwissentlich vorangeschoben und torkelte über das Pflaster wie ein Hühnerei. Elsa ließ ihren Schuh auch nicht aus den Augen, als die Menschenbeine dicht wie ein Wald vor ihr aufragten. Und dann, endlich lichtete sich der Wald und Elsa hechtete auf den freien Plan, bekam das Schuhwerk zu fassen und richtete sich auf.
Tosender Applaus. Elsas Blick streifte die Masse von Leuten, die im Halbrund um sie standen: jubelnd, und klatschend.
Sie war verwirrt und ihre Blicke landeten passgenau in Johanna Hinterthurs schockstarren Augen.
„Wenn du dich endlich davonbewegen würdest“, sagte eine knorrige Stimme hinter ihr. Elsa wandte sich um und entdeckte den Marktschreier, dem sie vors Podest gerannt war. Der Applaus hatte nicht ihr gegolten. Das Gejohle war seiner neuesten Verkündigung gezollt worden. Mit frischer Zunge düngte er die Köpfe der Leute und zeitigte die Neuigkeiten, die seit zwei Tagen die Menschen der Stadt beschäftigten.
Elsa zog die Pantine an und den Kopf ein. Sie huschte in Richtung der Menschengruppe und stellte sich neben Andres’ Schwester Johanna, dunkelblau gewandet wie die Jungfrau Maria. Der Blick, den sie dem Schreier widmete, war kalt und Elsa entging nicht, dass ihr, Johanna, von einigen Umherstehenden scheele Blicke zugeworfen wurden. Es dürfte nur allzu bekannt sein, dass sie die Schwester des als Ketzer Verschrienen war. Das, was der Neuigkeitenerzähler zum Besten gab, handelte von Gottesstrafe, vom Jüngsten Gericht und davon, dass keine ehrbare Menschenseele in Versuchung geraten dürfe, einem flüchtigen Ketzer Schutz zu bieten. Worte wie „Blasphemie“, „Haeresis“ und „Ächtung“ schwappten herüber. Johanna bedachte Elsa nicht mit ihrer Aufmerksamkeit, als sie grollte: „Er beschmutzt mein Ansehen. Das Ansehen meines Mannes!“ Dass sie nicht den Schreier, sondern ihren Bruder meinte, begriff Elsa. Sie legte der anderen teilnahmsvoll die Hand auf den Unterarm, mehr konnte sie für Johanna nicht tun. Diese schien von der Berührung kaum Notiz zu nehmen, wandte sich um und wurde von der Menschenmenge geschluckt.
Elsa schaute noch einen Moment Johannas dunkelblauem Atlas hinterher, dann begab sie sich auf die Suche nach Peternelle. Die Stimme des Marktschreiers wurde faserig wie zu lange gereifter Kohlrabi, dann verschwammen die Worte wie Eierflocken im Eintopf und bald waren sie von der hungrigen Meute aufgefressen.
Kaum entdeckt, schimpfte Peternelle mit ihr wie mit einem ungezogenen Kind. Die maulte, weil die Preise von Minute zu Minute stiegen. Kohl, Rüben, Zwiebeln und Honig musste auf Vorrat beschafft werden. Die vorweihnachtliche Fastenzeit hatte vor Kurzem begonnen. Bis Weihnachten durfte kein Fleisch mehr gegessen werden und auch keine Butter. Elsa erinnerte sich, dass Orwid Hinterthur einmal behauptet hatte, das Weihnachtsfasten sei erfunden worden, weil im Winter die Lebensmittel so knapp wurden, dass die Königshöfe, der Kaiserhof und der Heilige Stuhl befürchteten, zu wenig zu essen zu kriegen. Aus diesem Grunde müsse von den Armen genommen werden. Elsa war zwar schon erwachsen und heiratsfähig, aber sie wusste bis heut nicht, ob Orwid Hinterthur recht hatte oder nicht.
Peternelle blieb abrupt stehen, als habe sie die heilige Gans erspäht. Elsa, ihre Schulter reibend, die sie an Peternelles Rücken gestoßen hatte, folgte dem Blick der anderen und schaute hinüber zum Marktschreier, den Peternelle vorhin gern ignoriert hatte. „Woran ist der alte Hinterthur eigentlich gestorben?“
„Weiß ich nicht“, antwortete Elsa
„Wieso weißt du das nicht? Ihr habt doch in derselben Parochie gelebt, oder nicht?“
Elsa wunderte sich nicht über Peternelles Neugier. „Ich glaube, es war eine Krankheit. Wieso fragst du?“
„Vielleicht sind sie von der Erbsünde befallen?“ Peternelle ruckte mit dem Kinn aufmüpfig Richtung Marktschreier. „Vielleicht hat der Andres das Gleiche angestellt wie sein Vater?“
„Er ist an einer Krankheit gestorben“, rebellierte Elsa, obwohl sie den Wahrheitsgehalt ihrer Worte nicht kannte.
„Aber du weißt es nicht sicher! Komm hier herüber. Die sehen gut aus“, riss Peternelle sie am Arm und aus ihren Gedanken. Die Grünkohlköpfe, die in der Kiepe auf Elsas Rücken wanderten, waren nicht die schönsten, aber immer noch besser als das, was man noch kriegte, wenn die Meute sich vom Marktschreier losgemacht und über das Gemüse hergefallen sein würde. „Woran erkennt man so einen Ketzer, wenn man einen vor der Nase hat?“, fragte Elsa, deren Gedanken um nichts anderes kreisten.
Der Bauer hinter dem Warentisch wandte sich zu ihr: „An der riesigen Nase, der Warze darauf und den struppigen Haaren.“ Er tippte jedes benannte Körperteil an. Der Mann nickte zu seinen Worten und beteuerte im Brustton der Überzeugung weiter, die meisten Ketzer hätten eine verkrüppelte Hand. „Oder ein kaputtes Bein und hinken. Manche haben auch verdrehte Finger, genau wie der Gehörnte.“ Dieses Mal fuchtelte der Bauer wissend mit den Händen herum. Die Riemen der Kiepe schnitten in Elsas Schultern, das Gewicht der Kohlköpfe zog sie nach hinten, als sie den Bauern entlohnten und gingen.
Peternelle feilschte nicht schlecht um drei Dutzend rote Rüben, ebenso viele Lauchstängel, Zwiebeln und zwei Beutel Erbsen. Davon nahm Peternelle eine Handvoll und stopfte sie in Elsas Umhangtasche. Ein verschwörerischer Blick wurde zwischen den Mädchen getauscht. „Und ein Weck für Anneruth, wenn ich etwas länger bleiben darf.“ Elsa nickte und Peternelle steckte ihr auch den zu.
Die Kiepe war so entsetzlich schwer, dass Elsa sich ihrer bei Peternelle entledigte. Sie würde sie später nach deren Stelldichein wieder in Empfang nehmen. Viel leichter und geschwinder jetzt verschwand Elsa in östliche Richtung. Verließ den Ring entlang der Brüderstraße gen Süden, um hier, am Kloster vorbei an der Südseite des Neumarktes hinüber zum Frauentor zu gelangen. Das Steintor neben dem dicken Turm war ein trutziger Bogen, ein offenes Maul, das schrie: Hier herein und von hier fort kommt niemand unbemerkt. Über dem Torbogen prangte das Stadtwappen, umgeben von den Steinbildern. Die zeigten Maria und Barbara und eine Inschrift, die Elsa nicht entziffern konnte, weil sie das Alphabet nur bis zum P kannte und auch dies nur noch unsicher. Seit der Lehrzeit bei ihrer Mutter hatte Elsa nie wieder den Antrieb und schon gar nicht die Zeit gehabt, die Buchstabenfolge zu vervollständigen. Flankiert wurde das Steinmaul von zwei steil emporragenden Zeigefingern: Überlegt es euch noch mal – draußen ist es gefährlich. Draußen hält der Rat nicht seine schützende Hand über euch.
Im breiten Tordurchgang stauten sich die Leute. Elsa hörte den Tumult schon von Weitem. An normalen Tagen kam man, wenn man seinen Namen und Bürgen nannte, leidlich geschoben und gequetscht in die Stadt hinein und auch wieder raus. Wenn Markt gehalten wurde, musste man eine eingehende Begutachtung über sich ergehen lassen. Erst recht, wenn man drei Vogelfreie suchte. Elsa reihte sich in die Schlange der Wartenden ein.
Das Tonnengewölbe verzerrte die Flüche derer, die es eilig hatten. Auch gab es zu dieser fortgeschrittenen Morgenstunde immer noch Händler und Käufer, die in die Stadt wollten. Eine Hühnerfrau mit schwerem Oberlausitzer Mundwerk beschwerte sich, dass ihre Hühner zu alt würden und sie keiner mehr kaufen wollte, wenn das hier noch lange dauerte. Ein Korbmacher fiel ins Gemecker ein, die Weidenruten seiner Körbe würden neu austreiben, wenn man ihn noch länger zwang, hier in der feuchten Kälte zu stehen.
In der Tat staute sich die Kloake in den Spurrinnen im Gewölbe zu matschigen, stinkenden Rinnsalen. Hier, wo kaum ein Sonnenstrahl hinreichte und der Strom der Reisenden nie abbrach, trockneten die immer breiter werdenden Fugen im Grauwackepflaster nie ganz ab. In den tiefen Rinnen, die die Fuhrwerke mit der Zeit gegraben hatten, schäumte das gelbe Tauwasser, sodass Elsa nicht nur eiskalte, sondern bald auch nasse Füße hatte. Vom Gestank der Äpfel und Fladen, die die wartenden Pferde- und Ochsengespanne zurückließen, ganz zu schweigen.
Gezeter wurde laut, weil, so kam das Raunen bis zu Elsa an, jemand die schlechte Münze aus Görlitz herausschmuggeln wollte. Es war aber verboten, die Görlitzer Münzen auszuführen. Die Torwächter unterlagen da der königlichen Order, obschon sie dem Rat der Stadt gern dabei geholfen hätten, die Schrötlinge loszuwerden. Der Befehl des Königs aber wog schwerer. Also wurde dem Delinquenten das Geld abgenommen und er achtkantig der Stadt verwiesen, nicht ohne dass dem Ganzen über Gebühr Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet wurde.
Elsa beschlich eine Angst, sie würde weder rechtzeitig raus-, noch beizeiten wieder in die Stadt zurückkommen und Ärger mit Peternelle und anschließend mit Reinhilde riskieren. Elsa überlegte hin und her, während sie geschubst und geschoben wurde, ob sie nicht lieber zurück zum Ringmarkt laufen sollte. Ihre Unsicherheit wuchs, als vorn in der Reihe, wo die Turmwächter die Leute inspizierten, schrilles Geschrei und Gekeife laut wurde. Elsa war zu klein, um über die Hünen vor ihr hinwegspähen zu können. Auf den Gesichtern der Leute spiegelten sich geile Sensationslust und unwürdige Neugier. Das Geschrei von da vorn kam aus der Kehle einer jungen Frau, aber was sie angestellt hatte, dass man sie dermaßen triezte, konnte Elsa dem Tumult nicht entnehmen.
17

Den Seelen im Fegefeuer scheint ebenso eine Minderung des Grauens, wie eine Mehrung der Liebe notzutun.
Die arme Seele war nackt und musste entsetzlich frieren. Sie versuchte mit der einen Hand ihren Oberkörper, mit der anderen ihre Mitte zu bedecken. Elsa, die, anders als die übrigen Gaffenden, sich bemühte, wenn überhaupt, dann ins Gesicht der gedemütigten Frau zu sehen, spürte eine Wut tief im Innern gären, während ihre Taschen vom Torwächter durchsucht und die wenigen Rüben und die Handvoll Erbsen gezählt wurden.
Das Mädchen, das bloßgestellt wurde, war sehr hübsch. Sie war keine von hier. Das konnte Elsa gleich erkennen. Dem Mädchen fehlte die zweifelnd aufgeworfene Stirn oder zumindest das Fragende im Blick, was jedem hier anhaftete. Anstelle der Streiteslust der Lausitzer und dem losen Mundwerk der Schlesier war sie beseelt von Stolz und Aufrichtigkeit. Ihr Haar war flachsblond, wie es Elsa nur von ihrer Schwester Siegtraut kannte und wie es den Leuten hier eigentlich fremd war. Die Augen der meisten hier waren hell. Die Augen des Mädchens waren dunkel und wachsam.
Für einen Sekundenbruchteil glitt Elsas Blick in den der Fremden und dieser Augenblick fuhr ihr pfeilschnell und scharf ins Herz. Elsa versuchte sich an einem Lächeln für die Fremde, von der sie nicht wusste, was sie sich hatte zuschulden kommen lassen und ob die Strafe vielleicht sogar gerecht war. Ihr Lächeln verfehlte seine Wirkung, denn der starre Blick der Fremden glitt an ihr vorbei und Elsa wurde unsanft weitergeschoben; weiter voran, um den nächsten Passanten zu durchsuchen.
„Was hat sie angestellt?“, fragte Elsa einen gutmütig dreinschauenden Bauern, neben dem sie das Tor hinaus auf die Felder im Süden der Stadt passierte.
„Sie hat Papier dabei gehabt.“
„Papier?“ Elsa überlegte, seit wann Papier etwas Anrüchiges, Verbotenes war, wurde aber nicht schlau daraus und den Bauern konnte sie auch nicht weiter befragen, denn der suchte mit großen Schritten das Weite, froh, dem städtischen Mief entkommen zu sein, um sich wieder seiner Hufe zu widmen. Ein jeder Markttag musste eine Last für die Bauern sein, zumal sie so wenig vom Ertrag überhaupt zum Markte tragen durften. Das meiste wurde vom Lehnsherrn eingefordert. Der geringste Teil musste zum eigenen Überleben reichen.
Elsa nahm die Beine in die Hand, sprang über die Schlammrinnen im Feldweg und beeilte sich weiter in südliche Richtung, wo das ehemalige domus leprosum schon von Weitem zu sehen war. Jetzt, da die Lepra seltener wurde, hatte das Armenhaus die Aufgabe, die Mittellosen aufzufangen. Dabei handelte es sich um jene privilegierte Armen, die einen Bürgen hatten, der sich um Kost und Logis kümmerte. Wer keinen Bürgen vorwies, wurde nicht im Hause der Mildtätigkeit aufgenommen, sondern landete in der Gosse, bettelte, verhungerte oder verendete an einer dieser vielen Krankheiten, die sich schnell über einen geschwächten Körper hermachten. Doch so lange es einen Bürgen gab, nahm man die Armen gern auf. Die Versorgung der Hilfsbedürftigen mit dem Notwendigsten war gegeben, da die Besseren sich gern ein Stückchen Seelenheil sicherten, indem sie tatkräftig spendeten. Das Armenhaus konnte geheizt, instand gehalten und seine Bewohner verpflegt werden. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, sagte Siegtraut gern.
Im Jakobsstift war Elsa ein häufig begrüßter Gast. Besonders gern gesehen war sie in der Küche. Dort brachte sie die roten Rüben und die Handvoll Erbsen hin, erhaschte ein gutmütiges Lächeln der Vorsteherin und ging nach hinten zum Holzhaus, wo in kleinen Kammern die Mittellosen untergebracht waren.
Als Elsa mit ihrem Klopfen in die Stube trat, schlug ihr der Wohlgeruch von Lavendel, Ringelblumen und Melisse, gemischt mit allerlei Düften von Blüten, Wurzelteilen und Rindenspänen in die Nase, die in Leinensäckchen an Haken und in irdenen Gefäßen auf Wandborden lagerten. Zwar war Johannes Mälzers Hinterbliebenen der Zunftgroschen verwehrt, weil der Mann sich zu Lebzeiten den Zunftgeboten widersetzt hatte, doch durfte Katharina Mälzer ihre Kräuter und Steine, ihren Rat für kleine Wehwehchen feilbieten.
„Mutter, ich bin’s, die Els“, rief die Eintretende ausgesucht fröhlich, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie furchtbar fror und in Eile und eigentlich schon wieder auf dem Rückweg war. Ihre Mutter durchschaute sie mit dem dritten Auge, auch wenn sie mit dem Rücken zu ihr saß.
„Nimm am Feuer Platz, Els, wärm dich auf, erzähl vom Treiben in der Stadt.“
Elsa erkundigte sich zunächst nach den Schwestern. Anneruth und Irmel verdingten sich im Spital, erzählte die Mutter. „Doch der Herr allein weiß, wo sich Siegtraut herumtreibt!“ Katharina Mälzers Lächeln war unerschütterlich, obschon Elsa wusste, ihre Mutter sorgte sich um ihre Zweitälteste.
Siegtraut war zu alt, um tagein, tagaus im Armenhaus zu hocken und zu jung, um sich in der Stadt herumzutreiben. Eine Anstellung hatte sich bislang nicht gefunden. „Es sind schwere Zeiten, Mutter“, setzte sich Elsa neben sie. „Weil doch die Münze nichts taugt.“ Der Wertverfall der Münze war nicht schuld an Siegtrauts Lage. Das wusste sogar Elsa. Eine aus dem Armenhaus durfte nicht auf eine gute Partie hoffen. Elsa übrigens auch nicht. Elsa stand in Kost und Logis und hatte nicht damit zu rechnen, sich jemals eine Mitgift anzusparen. Sie hatte nichts. Eine Magd ohne Mitgift konnte froh sein, wenn sie von einem Gerber geheiratet wurde. Doch die Gerber trugen grobes, kratzendes Tuch am Leib und stanken bis zum Himmel. Ihre Hütten erst recht. Man fand sie stromabwärts am nördlichen Zipfel vor der Stadtmauer. Nein, Elsa wollte keinen Gerber. Dann lieber ein Leben als jungferliche Magd.
Sie knetete ihre Finger vor dem offenen Kaminfeuer und erzählte vom Markttag, von dem Münzenschmuggler vorhin am Tor, nicht aber von der Frau, die man wegen ein paar Papieren entblößt hatte. Gott allein wusste, ob die Ärmste ihren Tag am Schandpfahl würde verbringen müssen oder direkt in die Büttelei gebracht wurde. Elsa erzählte von den Preisen auf dem Markt, die in schwindelerregende Höhe gestiegen waren, von Reinhilde, „Die hat Kummer, aber hält sich tapfer“, und biss sich auf die Unterlippe. An der Regung auf dem Gesicht ihrer Mutter aber erkannte sie, dass diese längst Bescheid wusste. „Der Andres – vogelfrei.“
Katharina nickte versonnen, das Gesicht ihrer ältesten Tochter zugewandt, die Augen starrten an Elsa vorbei. Elsa wusste nicht, was sie weiter erzählen könnte und kam auf den eigentlichen Grund ihres Besuches. „Soso, einen Stein brauchst du“, murmelte ihre Mutter, nachdem Elsa mit ihren Anliegen herausgerückt war. „Einen Stein, der dich vor dem Beelzebub schützt?“ Elsa beobachtete, wie ihre Mutter einen Wimpernschlag lang die linke Augenbraue interessiert hochzog. Dann erhob sie sich von ihrem Schemel. Zielsicher ging sie in der engen Kammer hinüber zur Regalwand, wo in kleinen Körben jene Steine ruhten, die sie mit Sprüchen und Weihwasser zu dem machte, weswegen die Leute herkamen, um sie zu kaufen. Kraftsteine.
„Er ist wie ein Lebewesen, Els, behandle ihn gut.“
Elsa wartete, bis sich ihre Mutter wieder auf den Schemel gesetzt hatte. Katharina öffnete die Faust und auf dem fingerlosen, verschlissenen Handschuh glänzte weiß und hell ein etwa daumennagelgroßer Stein. Ein Bergmann brachte ihr den Bergkristall aus dem Zittauer Gebirge mit. „Es ist ein besonders schönes Stück.“ Elsa erkannte, was ihre Mutter meinte, und beobachtete, wie Katharinas Fingerspitzen die Kanten und kegelartigen Erhebungen der Herzform umrundeten.
„Es gibt keinen Stein, der dich vor dem Beelzebub bewahrt, das kann nur dein Glaube und dein tugendhaftes Leben“, sagte Katharina rau. „Dummkopf, der etwas anderes behauptet. Dieser Stein bestärkt dich in deinem Glauben, schützt deinen Leib und deine Seele vor dem Schlechten. Knüpfe ihn um ein Band, geflochten aus dem Haar einer reinen Seele – Anneruth!“
„Sie ist nicht hier, Mutter.“
Die Frau, die wohl vergessen hatte, dass die beiden Jüngsten Erledigungen nachgingen, nickte knapp. „Du kannst auch dein eigenes Haar nehmen. Trotz der Farbe. Trage den Stein über dem Herzen.“
Elsa nickte gehorsam: „Und das schützt mich vor dem Teufel?“ Und wenn es Andres Hinterthur war, so war er vom Leibhaftigen besessen und deshalb geächtet!
„Der Teufel!“, stieß Katharina aus und für einen Sekundenbruchteil verschwand ihr Lächeln vom Gesicht. Dann sagte sie mild. „Wenn der Teufel in Gestalt eines Menschen unter uns weilt, kann dich keine Macht vor ihm beschützen, wenn er etwas Schlechtes mit dir vorhat und dich zu seinem Werkzeug macht. Dann wird es so geschehen.“ Sie bekreuzigte sich und erhob sich abermals mit knackenden Knien und kaum vernehmbarem Ächzen. „Hier, nimm der Reinhildin etwas vom Mädesüß mit, weil sie immer unter diesem Kopf leidet.“ Elsa musste aufbrechen. Sie hatte viel zu lange verweilt.
Die Tür flog auf und herein wirbelte Siegtraut – „Am Frauentor, da …“ – in dem Moment, als Katharina ein kleines Säckchen mit dem süß-herb duftenden Kraut in Elsas Hand legte. „Was machst du denn hier?“, zog sie die Augenbrauen hoch, während sie mit dem Hinterteil die Tür zustieß.
Elsa erhob sich. „Es ist Zeit zu gehen, Mutter, auf bald.“
„Was ist am Frauentor?“, begehrte Katharina zu erfahren.
„Hat sie wieder was geholt, ohne zu zahlen?“, wich Siegtraut der Frage der Mutter aus und spitzte auf das Säckchen in Elsas Hand, wobei sie die Arme vor der Brust verschränkte.
„Sie gibt mehr, als uns zusteht“, sagte die Mutter und Elsa war froh, dass sie den kleinen Bergkristall längst verwahrt hatte.
„Wo kommst du so spät her? Es wird bald dunkel draußen!“ Elsa wusste, es ging sie nichts an. Sie war nicht Siegtrauts Vormund. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Schwester war verseucht von Neid seit dem Tage, da Elsa eine Anstellung bei der Reinhildin gefunden hatte und Siegtraut mit sechzehn Jahren immer noch ohne Auskommen war.
Siegtraut löste ihre provokante Haltung. „Sprich aus, was du denkst.“ Ihre Augenbrauen zuckten angriffslustig.
„Hast du gebettelt?“
„Was denkst du denn? Zuerst habe ich gebettelt, dann habe ich mir von einem Reichen was zum Essen kaufen lassen und danach hab ich mich in sein Bett gel …“
„Das reicht“, schoss Katharina einen Pfeil zwischen die beiden Zankziegen. „Bei meinem Augendunkel! Vertragt euch.“ Die Mädchen schwiegen betroffen.
„Niemand unterstellt dir so etwas“, beschied Elsa ihrer Schwester. Sie schämte sich für Siegtrauts ungezügelte Niedertracht und schämte sich gleichzeitig für ihren eigenen Hochmut, der sich in solchen Momenten in ihrem Herzen breitmachte.
„Andres Hinterthur wird immer noch ausgerufen“, sagte Siegtraut jetzt in ruhigerem Ton.
Katharina Mälzer nickte. Und dann geschah, was selten der Fall war, dass Elsa das Gefühl hatte, ihre Mutter schaue ihr direkt ins Herz und beschwor sie, sich in Acht zu nehmen.
„Er ist ein Ketzer“, zuckte Siegtraut mit den Achseln und legte ihren Umhang ab.
Das Nicken, das Katharina jetzt zeigte, war weder für die eine noch für die andere Tochter bestimmt. „Wir sind alle Ketzer“, sagte sie gedankenverloren. „Jeder von uns auf seine Weise. Wir legen, bequem und lasterhaft, wie wir sind, unsere Geschicke in Gottes Hände.“
„Meinst du den Hunger oder das Armenhaus?“, murrte Siegtraut.
„Danket dem Herrn“, murmelte die Mutter von ihrem Platz aus und ihre Finger falteten sich. „Danket dem Herrn und der Heiligen Jungfrau, dass Elsa ihre Stelle beim Brauer riskiert, um uns was zu essen zu bringen.“ Ein jugendliches Lächeln huschte über Katharina Mälzers Lippen in Elsas Richtung.
Elsa wandte sich ab und drängte sich an der wie ein Bollwerk stehenden Schwester vorbei. Sie würde nach den jüngeren Mädchen Ausschau halten, um sich wenigstens von ihnen zu verabschieden. Sie fand Anneruth und die siebenjährige Irmel beim Saubermachen der Jakobskapelle; einem Dienst, der ihnen dereinst gutgeschrieben würde. Die Mädchen ließen die Besen fallen, rannten vor Freude quiekend auf die Schwester zu und fielen ihr in die Arme. Den Dreien blieb nicht viel Zeit, die neuesten Neuigkeiten auszutauschen. Es war Elsas ganze Freude, machte ihr aber auch das Herz ganz schwer, den beiden Mädchen dabei zuzusehen, wie sie den Wecken teilten und verspeisten. Elsa wollte sich pfleglich führen, damit sie die Stellung bei Reinhilde nicht verlor und den Mädchen ab und an Zuckerzeug bringen konnte.
18

Und es scheint mir weder durch Vernunftsgründe,
noch durch Gründe der Schrift erwiesen zu sein,
dass sie außerhalb des Standes des Verdienstes,
noch der Vermehrung an Liebe seien.
Kaum war Elsa in die Neißgasse gebogen, sah sie von Weitem schon den Fichtenzweig draußen im Fass stecken. Stimmengewirr und gelegentliches Scheppern von Steinzeug war bis auf die Gasse zu hören. Elsa war auch auf dem Rückweg am Stadttor aufgehalten worden. Sie fürchtete sich vor Reinhildens Abreibung und Peternelles Schimpfen. Sie kalkulierte das Ausmaß ihrer Strafe. Peternelle würde den ganzen Abend nicht mit ihr sprechen. Warum auch? Sie hatte die Kiepe allein nach Hause wuchten müssen und jetzt, am Abend, den Ausschank zu versorgen: die großen Krüge und die kleineren Trinkgeschirre aus schwerem Waldenberger und Muskauer Steinzeug, dazu die Platten mit Brot und Zwiebeln. Elsa hatte noch nicht einmal die Betten der Herrschaften aufgeschüttelt. Die Reinhilde legte großen Wert darauf. Wegen des Ungeziefers. Elsa würde nicht unbemerkt am Tylike vorbei ins eheliche Gemach schlüpfen können.
Im Obergeschoss brannte Licht. Dort bewirtete der Brauer seine privaten Gäste. Elsa würde Ärger bekommen, wenn Tylike ausgerechnet heut Ehrengäste hatte und die zweite Magd fehlte. Er war als Briuwer kein Gastwirt, legte aber dennoch Wert auf eine geschickte Bewirtung mit den kleinen Gaben, die dem Brauer erlaubt waren. Was Tylike nach seiner Brauberechtigung herstellte, hatte er selbst zu verantworten und im eigenen Haus feilzubieten. Was er nicht selbst ausschenkte, wurde für die Belieferung der Kretschame im städtischen Schankbereich verfügbar gehalten. Der Verkauf über die Straße war verboten. Ausnahmen stellten die Ratskür dar oder die Wahl des Erbrichters oder des Schützenkönigs. Tylike hatte sich nach den ihm zugeteilten Brau- und Schankzeiten zu richten und seine Mägde auch.
Als Elsa die gewölbte Hallendurchfahrt des Brauerhauses durch die ins zweiflügelige Tor eingelassene Mannpforte betrat, schlug ihr der typische säuerliche Geruch mit der feinen herben Note entgegen und der angespitzte Zeigefinger der Brauerin Reinhilde hart vor ihre Brust. „Wo bist du bloß gewesen!?“
Verdutzt, Reinhilde in die Arme gerannt zu sein, als habe diese auf sie gewartet, stammelte Elsa ihre Entschuldigung, wurde jedoch barsch unterbrochen: „Du musst den Wundarzt holen.“ Reinhildes Flüstern überschlug sich am Kreuzgewölbe der Durchfahrtshalle. Sie schaute sich um wie eine Diebin, ob sie und Elsa belauscht wurden. Die Tür zum Ausschank war geschlossen. Über den Hof in der Mälzerei ging es fleißig zu. Niemand beobachtete sie, von dort, wo die gekeimte Gerste in Weichfässer umgefüllt werden musste, damit sie nach achtwöchiger Keimruhe zwei Tage lang aufweichen konnte. Es war Gunnars Aufgabe, die nach dem Weichen an der Saftoberfläche schwimmenden Reste wie Schalen und tote Körner abzuschöpfen.
Eben, als Reinhilde Luft holte, um fortzufahren, wurde die Tür zum Schanksaal geöffnet. Die Frauen beobachteten, wie der Gast das Geld fürs Bier in der kleinen Wandnische hinterlegte, das Peternelle nachher abholen würde. Der Gast schob sich an Elsa vorbei durch die Mannpforte auf die Gasse.
„Wer ist denn krank?“
„Frag nicht!“ Reinhildes Zeigefinger durchstach die Luft. „Frag bloß nicht! Beeil dich!“
Elsa nickte und machte auf dem Absatz kehrt. Ihre Füße hatten keine Gelegenheit gefunden, sich aufzuwärmen. Die Zehen waren ganz taub. Die grobe Wolle ihrer Strümpfe rieb am Holz der Schuhe.
„Und sag dem Ismael“, wurde Elsa von Reinhilde am Arm aufgehalten. „Er möchte die Gerätschaft mitbring …“
„Ismael?“, unterbrach Elsa die andere und schloss die Pforte wieder hinter sich. „Wieso zum Doktor Ismael?“ Ismael war der jüdische Arzt. Sein Haus stand auf der anderen Seite der Neiße, außerhalb der von den doppelten Mauern geschützten Stadt. Die Leute misstrauten den Juden. Elsa misstraute den Juden. „Soll ich nicht lieber den Doktor Joppener holen? Das geht schneller. Der wohnt doch in der Krebsgass …“
„Kschhh!“, machte Reinhilde und ihre Augen drohten überzulaufen, als ergriffe sie eine kleine Panik: vielleicht die Angst davor, die brave Magd sei gar nicht so brav und würde sich weigern, den Juden zu holen. „Nicht den Stadtphysikus! Der muss nicht wissen, was hier los ist.“
Elsas Gedanken flogen sogleich zum Dachboden. „Was ist denn hier los? Ist einer der Schankgäste verletzt? Gab es eine Rauferei?“ Sie stellte sich absichtlich dumm. Sie war neugierig, ob Reinhilde sich und ihren geheimen Gast verriet.
„Nein! Hol einfach den Ismael. Ihm sagst du, er soll dieses Ding mitbringen, das er den Leuten umbindet, wenn sie sich einen Arm gebrochen haben. Los doch!“
„Wer hat sich einen Arm …“ In Elsa wurden sogleich die Worte des Kohlbauern wach. Hatte er nicht erzählt, Ketzer hätten verkrüppelte Gliedmaßen?
„Du sollst nicht fragen, hab ich gesagt!“ Die Reinhildin schob Elsa in den Sturmwind hinaus wie eine hungrige Katze, die sich ihr Futter allein suchen sollte.
Elsa stemmte sich mutig in die Tür. „Einen gebrochenen Arm, so wie damals der Andres?“ Andres Hinterthur war der einzige Mensch, den Elsa kannte, der sich einen Arm gebrochen hatte. Und Elsa entging nicht, wie Reinhildes Unterlider zuckten.
Die machte einen unwilligen Laut, dann schob sie Elsa aus der Tür in den Herbststurm hinaus, der den Geruch nach Schnee über die Stadt legte und sich mit den staubigen Ausdünstungen der Schlote vermischte.
Es war längst dunkel. Die stimmgewaltigen Diskussionen der Männergesellschaften aus Handwerkerkreisen brandeten auf und verloren sich mit dem Wind. Elsas Magen knurrte. Der Weg zum jüdischen Arzt war weit. Hätten die Juden nicht vor über hundertfünfzig Jahren die Brunnen vergiftet, hätten sie sich gewiss innerhalb der doppelten Stadtmauer ansiedeln dürfen. So aber war die Seuche nach Görlitz gekommen. Es ärgerte Elsa, dass sie das getan hatten und sie jetzt so weit gehen musste. Aus Rache für die Aussiedlung hatten sie vor kaum zehn Jahren die Pest abermals über die Stadt gebracht, fiel ihr jetzt ein.
Über die Brücke ging Elsa nicht gern ohne Begleitung und schon gar nicht im Dunkeln. Die Bleichwiesen waren jetzt wieder leer. Die Wäsche trocknete in der feuchten Herbstluft ohnehin nicht mehr. Die Neißufer waren jetzt von den Fischern zurückerobert. Es roch durchdringend sauer und metallisch nach Gekröse und Blut. Weiter stromabwärts und außerhalb der Stadtmauern lebten die Ledermacher und Wirker. Dahinter kam nichts als die Armut. Die Ärmsten lebten im Schatten der Gerber und Färber und verdingten sich mit Leineweberei und als Zuarbeiter. Und immer, wenn Elsa in diese schlimme Gegend musste, hatte sie ein Einsehen, dass es ihrer Mutter und ihren Schwestern im Jakobsstift noch leidlich gut ging.
Das Angelusläuten verhallte, als Elsa und Doktor Ismael zurück in die Stadt kamen. Sie hatte ihm weder Auskünfte über das Leiden noch über den Kranken selbst gegeben. Das stand ihr gar nicht zu. Über ihre Lippen war nichts gekommen, was sie bei der Reinhilde in noch größere Ungnade hätte bringen können. Die Geldkatze war leer. Elsa hatte Zoll und Verschwiegenheit bezahlt. Ein verschwiegener dünner Arzt begleitete sie durch die Dunkelheit.
Völlig ausgehungert und durchgefroren ließ Elsa sich in der Schankstube und unter Peternelles beleidigtem Blick nieder, um ihre tauben Füße aus den Pantinen zu pellen. Der Dunst der gehäuteten Zwiebeln trieb Elsa das Wasser in die Augen. Auch der leidgeprüfte, von Tränen benetzte Augenaufschlag beeindruckte die andere nicht. „Du machst den Rest. Ich gehe zu Bett.“ Peternelle riss das Geschirrleinen von ihrer Hüfte und hängte es über das Bierfass, das heute noch geleert werden wollte.
Elsa wusste, sie würde bis zur Sperrstunde Platten und Krüge schleppen, Speisen herrichten, Abfälle beseitigen und keine Sekunde ihre inzwischen wütend zwickenden Füße ausruhen. Während des Zapfens genehmigte sie sich eine rohe Zwiebel und den Rest einer verschmähte Kruste vom frischen Brot eines eben verabschiedeten Gastes.
Weit nach der Sperrstunde, als sie die Schankstube gefegt, die Tische und Stühle gewischt und das Geschirr gesäubert hatte, fiel Elsa totengleich auf das Lager neben Peternelle. Sie hatte nicht einmal Zeit darüber nachzudenken, wie wohl Doktor Ismaels Krankenbesuch ausgegangen war und ob er wirklich so verschwiegen war, wie es die Dukaten hoffen ließen. Mutters Bergkristall würde sie heut nicht mehr in ihr eigenes Haar flechten.
In dieser Nacht träumte sie vom Zerschundenen in der hinteren Dachkammer und von dem nackten Mädchen. Elsa wachte mit der Gewissheit auf, dass der eine mit der anderen etwas zu tun haben musste.
19

Ebenso wenig scheint mir aber bewiesen, dass sie oder wenigstens alle, der Seligkeit sicher und gewiss seien,
mögen wir dessen auch ganz gewiss sein.
Zumindest die Carolina Müllerin war gefasst. Leider war es nicht Christian geglückt, die Gespielin des Teufels aufzuspüren, sondern einem anderen Gassenmeister. Der war jetzt um zwei Gulden reicher. Das Weibsstück hatte man erwischt, wie es mit einer Handvoll verdächtiger Papiere durch das Frauentor verduften wollte.
Der Torwächter, ein Dummkopf ohnegleichen, hatte die Papiere ins Feuer geworfen, sodass nicht zweifelsfrei herauszufinden war, ob jene Schriften vom Index Librorum Prohibitorum, der Liste verbotener Bücher, stammte oder nicht. Immerhin aber hatte man eine verdächtige Person erwischt. Eine die keine Görlitzerin war und auch keinen Bürgen nennen konnte – oder wollte. Und wenn sich ein Mädchen in den Klauen der Torwache keinen Bürgen einfallen ließ, ja, dann war sie schon per se verdächtig, fand Christian.
Zu gerne wäre er dabei gewesen, als der Torwächter das Mädchen bloßgestellt hatte. Noch an Ort und Stelle war die Teufelsbuhlerin nackend vor die Wachstube gebunden und der Öffentlichkeit preisgegeben worden. Zum Glück war Markttag und das Tor – wie wohl alle Tore dieser Tage – verstopft. So konnten der Läuterung wegen besonders viele brave Bürger der Sünderin ansichtig werden. Sich auf die Spiele des Teufels einzulassen, hatte noch niemandem gutgetan.
Als man die Dirne des Satans in die Büttelei gebracht hatte, hatte sie freilich ihre Kleider wieder angehabt. Aber auch so war zu sehen, wie der Teufel ihre Gestalt und ihr Antlitz verführerisch geformt hatte. Nur so war es ihr möglich gewesen, die ehrbaren Studenten Weidner und Hinterthur in ihre ketzerischen Machenschaften zu verstricken. Einem jeden schönen Weibe wohnte der Teufel inne. Das wusste selbst Christian.
Die Büttelei wurde Stockhaus genannt. Noch bis vor Kurzem, bevor man Käfige mit Schlössern hineingestellt hatte, waren die Delinquenten an Holzpflöcken – Stöcken – festgekettet worden, damit sie nicht ausreißen konnten. Dieses Stockhaus lag hinter dem Fischmarkt. Es war ein in der Tiefe lang gezogenes, windschiefes, bis an die südliche Stadtmauer reichendes Gebäude. Das nach der Büttelei benannte Stockgässel war so eng, dass hier nur eine Person gehen konnte. Aus diesem Grund und weil man nicht ins Stockhaus eingesperrt werden wollte, mied man diese Stockgasse im Allgemeinen.
Es war Christian Vollhardt als Gassenrichter zwar gestattet, die Büttelei so ohne Weiteres zu betreten, nicht aber die Gefangenen zu besuchen. Die besonders ansehnliche Gefangene hätte er sehr gern näher betrachtet. Das Mädchen, das man für die gesuchte Carolina Müller hielt, schwieg beharrlich. Man war darin geübt, eine Teufelsbuhlerin zum Sprechen zu bringen und das mit Sicherheit nicht mit der Zankgeige. Da kannte man andere Hilfsmittel. Görlitz war berüchtigt für seine wirksamen Methoden. Dennoch hielten der Bürgermeister und der Züchtiger Alfons Sieder an der Reihenfolge fest. Ordnung musste sein. Da hatte sogar Christian Vollhardt ein Einsehen. Die Satansbraut musste zuerst auf dem Ring vorgeführt werden, danach musste sie einem Gericht und dann, wenn sie weiterhin schwieg, dem Scharfrichter zur peinlichen Befragung überführt werden.
Christian kam wegen all dieser Aufregungen erst spät aus der Büttelei nach Haus. Er war froh, dass er nicht mit dem Trupp der Stadtdiener ein weiteres Mal durch die Gassen ziehen musste, um nach den übrigen beiden Ketzern zu suchen.
Sein Mädchen hatte beobachtet, wie Vollhardt in seinem Haus verschwunden war, dann erst schlich es an der dicht um den Klosterplatz gedrängten Häuserzeile entlang und klopfte an die Tür des Schwertfegers. Drinnen tat sich zunächst nichts. Als die junge Frau schon längst ihre zweite Bettelrunde zum Neuen Markt fortsetzen wollte, hörte sie den Gassenrichter die Stiege herunterkommen.
Er riss die Türe auf und stutzte. „Hatten wir uns nicht für nächste Woche verab …, was willst du?“ Christian schaute sich um. Die Stadt war in diesen Tagen wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen.
„Die Leute geben nichts, weil sie dem Stadtschreier zuhören und mit ihren Einsetzen beschäftigt sind.“
Christian hatte von den Wetten gehört. So etwas konnte er nicht gutheißen. Er zog das Mädchen in die Eingangsnische vor der Tür. Ins Haus ließ er sie aber nicht. Dass sich das Mädchen der Verabredung widersetzte, behagte ihm nicht. Er war der Mann! Er hatte die Zügel in der Hand! Er stellte die Bedingungen. Einmal wöchentlich! Alles andere war zu auffällig und würde ihn in Verruf bringen – und bankrott machen. „Was willst du?“
„Sie sagen, ohne Papiere komme ich nicht wieder in die Stadt rein, weil sie doch die Geächteten suchen.“
Christian hörte ihr ungeduldig zu. Er nickte, schaute sich auf der Gasse nach Zuhörern um. Da war niemand, nur ein herrenloser Hund, der sein Glück im Rinnstein suchte. „Ja und? Du hast gesagt, du hast einen Bürgen.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht ich selbst. Mein Vormund hat einen, aber der zählt für mich nicht mehr mit.“ Darauf ließ Christian ein Seufzen hören. Er mochte nicht, wenn das Vergnügliche Probleme mit sich brachte. Das Mädchen sprach gedämpft weiter. Eine Bürgerwürde müsse gekauft werden. Für die Papiere. „Oder zumindest einen eigenen Bürgen vorweisen.“ Ihre Augen blieben erwartungsvoll an Christian haften. Er forschte auf ihrem hübschen Gesicht. „Das Geld hab ich nie und nimmer!“ Ihre funkelnden Saphiraugen ruhten ungeniert in seinem Blick.
Christian stutzte und zerrte sie ins Haus. Der erstickte Aufschrei, den sie von sich gab, fuhr ihm kribbelnd in den Bauch und tiefer. Er drückte sie gegen die Wand. Ihre Rundungen berührten seine Brust. „Und du meinst, ich würde dir die Papiere beschaffen?“
Sie schaute ihn aus ihren Unschuldsaugen an, zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht?“
Er drückte sich fester an sie, spürte, wie sich ihr Körper versteifte. „Und du meinst, ich beschaffe dir die Papiere für nichts?“
Sie schüttelte knapp den Kopf, wurde aber immer kleiner, als wollte sie mit der Wand verschmelzen. „Ich dachte, Ihr bezahlt mich nicht, bis die Schuld abgetragen wäre.“
Christian lachte auf und ließ sie los. So groß der Reiz auch gewesen war, ein Kätzchen, dass sich vor Angst in einen nässenden Hund wandelte, wollte er nicht. Jetzt nicht. „Das kann dauern.“
Sie nickte.
Christian betrachtete sie. Er hatte keine Lust, sich eine Neue zu suchen. Es hatte lange gedauert, diese hier zu finden. Er wollte nicht akzeptieren, dass es sich als Fehler herausstellen sollte, eine Bettlerin gewählt zu haben. „Na schön. Bleib in der Stadt, verhalte dich ruhig, komme heut Abend wieder.“
„Danke.“ Sie knickste.
Er wollte nicht, dass sie knickste. „Ich mag nicht, wenn du das machst, du bist nicht meine Magd!“
„Verzeihung“, sagte sie, wollte abermals knicksen, besann sich, lächelte schelmisch und gab ihm einen Kuss auf die Wange, was ihn überraschte. Sie wandte sich ab.
„Warte …“ Widerwillig zückte er seine magere Geldkatze, in der es hell nach leichten Münzen klimperte. „Ich will nicht, dass du durchgefroren und ausgehungert wiederkommst.“
Es widerstrebte ihm, sich abermals warm anzuziehen und hinüber ins Rathaus zu gehen. Andererseits war um diese Zeit dort so wenig Betrieb, dass er ungehindert die nötigen Siegel unter ein vorgefertigtes Papier würde setzen können. Es war mühsam, den neuen Markt zu überqueren, um zum Rathaus zu gelangen. So viele Leute tummelten sich hier. Hatten die kein Zuhause? Alles, was bei Sinnen war, war auf den Gassen. Man sprach über nichts anderes als das gefasste Mädchen. Aber da alles auf den Gassen war, war es um so ruhiger in den Amtsstuben. Ein verstaubter Sekretarius hinter einem Schwung von Papieren und aufgestapelten Büchern hielt die Stellung.
Christian würde aus der Bettlerin keine Bürgerin machen. So weit kam es noch! Er würde ihr einen eigenen Bürgen geben. So würde sie ungehindert die Tore passieren können. Und da fiel ihm wohl zum allerersten Male auf, dass er nicht viel über sein Mädchen wusste, nicht die Herkunft, nicht das Gewerk des Vaters. Christian war sich nicht sicher, ob es ihm behagte, nichts über seine Kleine zu wissen. Dennoch hatte er das anfangs recht reizvoll gefunden.
Er erklärte dem Sekretarius sein Anliegen. Der seufzte, als beschäftigte er sich den ganzen Tag schon mit nichts anderem als dem Problem, das die Stadträte frisch aus der Taufe gehoben hatten. Jeder dumpe Bauer, der die Stadt passieren wollte, brauchte nun einen Bürgen und sei es ein befreundeter Kaufmann oder eine wohlgesonnene Dame. „Selbst unser Doktor Joppener bürgt für die Wehmutter, damit sie vor den Toren die Kindlein auf diese beschissene Welt holen kann.“ Der Beamte schüttelt den Kopf. „Dabei gibt es der Bettler und Gesindel genug. Die brauchen sich nicht auch noch zu vermehren!“
Christian mischte sich nicht in die schlechte Laune des anderen ein, setzte den Namen des Mädchens auf das Papier und seinen eigenen als Bürgen daneben.
„Kenn ich nicht, wer ist das?“, ächzte der Sekretär mit Blick auf den Mädchennamen, gab aber dem Schriftstück ein Wachssiegel.
„Meine Nichte, angeheiratet. Nicht Blutslinie.“
Der Sekretär ließ einen knarzenden Laut hören und widmete sich schon der nächsten Schreibarbeit. Christian war froh, nicht weiter zu diesem Mädchen befragt zu werden.
Sie gab sich Mühe an diesem Abend. Das musste ihr Christian lassen. Sie war erpicht auf das Stück Papier, das auf dem Tischchen neben dem Bett lag. Sie ging nicht bis zum Äußersten, aber das hatte Christian auch nicht erwartet. Sie war keine Dirne. Sie war ein junges Ding, das noch nie zuvor mit einem Mann zusammen gewesen war. Sie verwöhnte ihn aufs Trefflichste, das keinen Wunsch offen ließ. Noch vor der Sperrstunde verließ sie mitsamt dem Papier sein Haus.
Es brauchte seine liebe Zeit, bis sie aus der Stadt heraus war. Die Wächter würdigten das kostbare Papier nur eines flüchtigen Blickes, worüber sich das Mädchen ein bisschen ärgerte, nach all der Mühe.
Als die junge Frau vor einiger Zeit von Christian Vollhardt angesprochen worden war, hatte sie geglaubt in einen tiefen Abgrund gestoßen zu werden, aus dem sie nie wieder herauskommen würde. Nach so kurzer Zeit schon, eine Bürgschaft in der Hand, zahlte sich das sündhafte Arrangement aus. Und so lange er sich mit ihren Lippen und ihren Händen zufriedengab, würde sie vom Sündenpfuhl nicht verschluckt werden. Wie lange sie ihn noch hinhalten würde können, wusste sie allerdings nicht.
20

Deshalb versteht der Papst unter dem vollkommenen Erlass aller Strafen nicht alle überhaupt, sondern nur den Erlass der von ihm selbst auferlegten Strafen.
Reinhilde verlangte einen starken Eintopf und wünschte denselben auf zweierlei Weise zu kochen: eine Hälfte wie üblich in der Fastenzeit mit ein bisschen Fisch darin, die andere Hälfte mit Fleisch. Während sie das anwies, schlürfte sie den Kräutersud gegen das Kopfdrücken, den ihr Katharina mitgegeben hatte. „Unser Herr wird das verzeihen“, pustete die Brauerin in ihren Becher. Sie meinte die Fleischeinlage. „Eine ordentliche Suppe vom Federvieh. Hörst du Mädchen?“ Elsa nickte. „Und dass du dich nicht erwischen lässt!“ Reinhilde wedelte den Dampf über dem Becher fort, gab das heiße Gebräu auf und verschwand nach oben in die Dachkammer.
Später, zum Mittagsmahl, als Elsa die Fischsuppe in die Wohnhalle zur Tafel brachte, war Reinhilde immer noch nicht zurück. Der Brauer, der der guten Speise wohlgesonnen war, rümpfte angewidert die Nase, als Elsa den Topfdeckel lüpfte und ihm der säuerliche Dampf entgegenschlug. „Draußen riecht es nach Hühnersuppe und drinnen stinkt es nach Fisch?“ Die Faust mit dem Zinnlöffel darin prallte auf den Tisch. Elsas Herz sprang ihr fast aus dem Hals. Peternelle, die eben noch das Brot geschnitten hatte, ließ das Messer sinken und schaute zwischen Elsa und dem Brauer hin und her.
Gunnar, der seinem Vater ergeben war, erhob sich von der Tafel und stapfte geradewegs nach nebenan in die Küche. Er kam mit dem Zeugnis des Verbotenen zurück. Ein paar der Hühnerknochen, die Elsa im Schweinekübel hatte verschwinden lassen, schwenkte er siegessicher wie eine Fahne hoch erhoben und merkte nicht, wie kleine Fitzelchen davon auf sein Barett fielen.
Der Tylike starrte die abgeschälte Hühnerkeule an. Als Nächstes Elsa und zum Schluss schenkte er dem Hausaltar mit dem bronzenen Kruzifix und dem hölzernen Laurentius, Schutzpatron der Briuwer, und den flackernden Kerzen in den vergoldeten Kandelabern einen leidenden Blick. Die Empörung und die Wut, von der Tylike beseelt war, mündeten in dem Hieb, den er Elsa gegen die Wange verpasste. Sie verlor das Gleichgewicht. „Spottest du unserem Herrn und unseren Geboten?“
Elsa schüttelte den Kopf. Sie versuchte sich aufzurappeln, aber ihr war ganz schwindelig. Sie blieb auf dem kalten harten Steinboden liegen.
„Es scheint ganz so!“ Mit einem Satz war der Mann über Elsa, zerrte sie auf die Beine und erhob abermals die Hand. „Willst du den Zorn des Herrn über uns bringen?“ Er holte aus, seine Handbewegung aber fror ein, weil metallenes Klirren in den Raum brach, gefolgt von der Stimme seiner Frau: „Lass uns Essen, Mann.“
Tylike senkte die Hand neben die Naht seiner Beinlinge.
Nicht er, wie es üblich war, sondern Reinhilde hob zum Tischgebet an. Sie vermengte das Gegrüßet seist du Maria mit dem Tischgebet. Elsa stutzte und obwohl ihre Wange brannte, der Stoff ihres Ärmels, den sie dagegen presste, kratzte und die Tränen hinter ihren Augen bissen, fasste sie klare Gedanken und wusste, Reinhilde schloss den heimlich Einquartierten in ihr Gebet ein. „Bitte für uns, heilige Maria, Muttergottes, tritt als Mutter vor den Herrn und …“
„Das reicht, Weib!“ Tylike schob sein „Amen“ hinterher und bekreuzigte sich. Er brach ein Stück vom Fladen. Die Fischsuppe rührte er aus Protest nicht an. Die Briu soff der Baron vom Bierfass, sodass ihm ein Rinnsal aus dem Mundwinkel über die beiden Kinne perlte.
Elsa, die, wie es üblich war, neben Peternelle am hinteren Ende der Tafel, nahe der Tür zur Küche saß und als Letzte, aber immerhin noch vor den Schweinen in die Schüsseln langen durfte, beobachtete die Hausherrin, die das Kreuzzeichen ganz langsam über Stirn, Herz und Schultern strich und die Hände dann wieder im Schoß faltete. Seit sie sich die Bürde auf den Dachboden geladen hatte, rührte sie die Speisen kaum mehr an.
„Dein Fasten läutert ihn auch nicht“, gab der Brauer missmutig zu verstehen. Verhuschte Blicke hin zu Peternelle. Die aber fügte Tylikes Worte nicht zusammen, sondern titschte das Brot in die Suppe, dass es schmatzende Geräusche von sich gab. Die Anspannung zwischen den Brauersleuten war für Elsa Genugtuung. Sie mochte nicht abwägen, was besser tat: die Abscheu gegen den Mann oder die Schadenfreude gegen die Frau, die, wer weiß wie lange noch, verheimlichen konnte, dass sie ihren geächteten Sohn unter dem Dach versteckte.
Tylike ließ sich von der Hühnersuppe auftischen. „Das Fastengebot hast du gebrochen, nicht ich! Du hast die Suppe kochen lassen.“ Sein Löffelzeig wanderte weiter zu Elsa. „Und du hast sie zubereitet!“
Elsa nickte. „Verzeiht.“
Etwas Unverständliches murrte Reinhilde und hob die Tafel auf. Peternelle war die Erste, die mit ein paar Scherben aus der Wohnhalle verschwand.
Die Stimmung besserte sich nicht.
Tage, nachdem Doktor Ismael da gewesen war, bemerkte Tylike, dass eine beträchtliche Summe Geld nicht mehr im Kästchen war. Elsa und Peternelle hörten bis in die Küche, bis ans offene Feuer, wo sie eben das Frühmahl für den nächsten Morgen vorbereiteten, den bösen Streit zwischen dem Brauer und seiner Frau. Während Reinhilde mit fester, beinahe abfälliger Stimme behauptete, es sei sowieso ihr Geld und der Brauer könne froh sein, dass er an ihrem Wohlstand teilhaben dürfe, wurde der Alte immer lauter und tobte, er sei immerhin der Einzige, der dafür sorge, dass überhaupt noch Geld in die Kasse komme.
„Was für Geld?“, spottete die Reinhilde. „Deine Briu wird immer schlechter, sodass uns ein Kunde nach dem anderen davonläuft und der Ruf meines lieben Verflossenen bald aufgebraucht ist.“
„Dein lieber Verflossener!“, bellte der Tylike. „Ein Schandfleck im Zunftverzeichnis!“
Elsa stutzte. Der Schandfleck im Zunftverzeichnis war doch allgemeinhin der Beiname ihres Vaters gewesen – mochte er in Frieden ruhen. Wenn über einen Brauer schlecht gesprochen wurde, war nie der Name Orwid Hinterthur gefallen!
„Wenn dein lieber Verflossener mehr christlichen Anstand gehabt hätte“, hörte man Tylike weiter donnern, „dann würde er noch leben und ich hätte nicht meine Not mit dir und der verlotterten Wirtschaft!
„Dann hättest du gar keine Wirtschaft mehr, du versoffener Sack!“, konterte Reinhilde. „Zeig Dankbarkeit, dass dir von der Zunft vergeben wurde und du mit dem Rezept meines lieben Gatten noch einmal von vorn anfangen konntest!“
Das brachte den Tylike in unsachliche Raserei. „Dankbarkeit?“, brüllte der jetzt. „Dankbarkeit! Aufgepflanzt hat man dich mir, vergiss das nicht, meine liebe Reinhilde. Die Witwe eines Ketzers …“
Das, was Elsa da hörte, glitt ihr bis tief ins Herz. Witwe eines Ketzers? Orwid Hinterthur ein Ketzer? Elsa war verwirrt. Orwid Hinterthur war einer Krankheit erlegen. Tylike musste sich irren! Er hatte solch Abscheuliches gewiss nur gesagt, weil es eine Gemeinheit war, die einem schnell über die Zunge rollt. „Jawohl, ein Ketzer, der sich und die ganze Zunft zu Schaden brachte. Lieber wäre ich im Suff verendet, anstatt dich und deine unsägliche Brut jetzt am Halse zu haben!“
„Bei der Heiligen Muttergottes und allen Heiligen! Wärst du bloß in einem deiner Bierfässer ersoffen!“
Und dann war es still. Der Streit hatte ins Schluchzen der Frau und das Gepolter des Mannes, der aus der Wohnhalle gestürmt kam, gemündet. Tylike stampfte hinunter in die Mälzerei, wo die eingeweichten Gerstenkeime jetzt so weit gewachsen waren, dass der Grünmalz fertig und durch Erhitzen für den nächsten Brautag getrocknet werden konnte.
Es blieb frostig zwischen den Eheleuten, frostig im Haus, genau wie draußen. Der Wintereinbruch hatte das Markgraftum in Fesseln gelegt. Elsa bedeckte die Glut des Herdfeuers mit dem Trichter, damit sie bis zum Morgen nicht ganz verglomm und die Küche über Nacht nicht allzu sehr auskühlte. Von Reinhilde hatte Elsa ein zweites Paar Wollsocken geschenkt bekommen. „Weil du so brav warst“, hatte die gesagt, „und fürs Schweigen.“
Elsa schwieg. Sie schwieg, wenn die Reinhilde mit Waschschüssel und Schmutzwäsche von oben herunterkam, sie schwieg, wenn Reinhilde mit den Mahlzeiten nach oben stieg. Peternelles Neugier schien kein nutzbringendes Laster zu sein, wenn man so sehr mit sich und seiner Liebschaft beschäftigt war, nicht mitzubekommen, was sich unterm eigenen Dach abspielte. Die Posamentenmachertochter machte Peternelle zu schaffen. Elsa konnte es kaum glauben, dass Peternelle noch immer nicht begriff, was hier los war. Andererseits tat es ihr leid, dass Peternelles Paradies von Gewitterwolken verhangen zu sein schien.
Elsa hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, sich oben im Dachgeschoss so lautlos wie möglich zu bewegen. Manchmal verweilte sie, lauschte in die Dunkelheit. Zuweilen beschlich sie der Verdacht, der heimliche Gast logiere längst nicht mehr dort hinten, bald aber überzeugte Reinhildens Geschäftigkeit sie vom Gegenteil.
Inzwischen hatte Elsa auch Zeit gefunden, den Bergkristall in eine Strähne ihres eigenen Haares zu knüpfen. Sie trug ihn unter dem Schweißhemd auf ihrem Herzen. Dreimal am Tag betete sie und vergaß nicht, nach dem Kreuzzeichen den Stein zu berühren, damit er seine schützende Wirkung versprühe.
21

Somit irren die Ablassprediger, die sagen,
dass durch Ablässe des Papstes der Mensch
von aller Strafe befreit und selig werde.
„Gott zum Gruße, Els …“, Johanna wirkte verlegen. Zwar erweckte ihr Benehmen den Anschein, sie habe der anderen aufgelauert, als Elsa die enge Passage unter den Arkaden passieren wollte, wand sich nun aber um die Angelegenheit, mit der sie Elsa betrauen wollte. „Gern möchte ich unsere Freundschaft aufleben lassen und bitte dich morgen zur Vesper in unser Haus.“ Heuchlerische Freundlichkeit war nicht tugendhaft.
Elsa musste ihren überraschten Gedanken gemäß dreingeschaut haben. Eine Einladung? „Du meinst zu euch?“
Johanna trat ungeduldig auf der Stelle. Sie schaute sich um, als habe sie eine ganz andere Frau gemeint, die sie zu sich bitten wollte. Ihre Wangen waren vom eiskalten Wind gerötet, die Lippen taub von Kälte, was an ihrer Intonation zu hören war. Sie nickte. „Maria wird auch da sein.“ Mit der Uhrzeit, wann sie Elsa für den kommenden Tag erwartete, ließ sie die andere stehen, ohne auf eine Zu- oder Absage zu warten.
Elsa, von den Gedanken angetrieben, was die Frau des Tuchhändlers Wichtiges mit ihr zu besprechen haben könnte, machte sich an die Erledigung ihrer Aufgaben.
Der folgende Tag war klirrend kalt. Einer dieser Tage, an denen man sich einfach nicht aufwärmte. Elsa wurde von Johanna erwartet. Sie hatte kaum den Türklopfer berührt, da wurde die Mannpforte vor ihrer Nase aufgerissen. Eine Magd hieß sie eintreten und nahm ihr den Umhang und das Wolltuch ab, wie Elsa es sonst bei den Herrschaften machte. Elsa wurde durch eine tief gewölbte Eingangshalle geführt, die anders als die der Tylikes keine Durchfahrtshalle war, sondern eine Art Saal, von dem mehrere eisenbeschlagene Türen abgingen und von dem eine Steintreppe emporführte. Durch eine dieser Türen wurde Elsa geleitet.
Sie wurde von Johanna empfangen. Die machte den nervösen Eindruck, schon geraume Zeit durch den Raum spaziert zu sein und an den einst eng anliegenden Säumen ihres Oberteils herumgespielt zu haben. Die sahen ganz ausgeleiert aus. Elsa knickste vor der Gattin des Tuchhändlers. Johanna war mitten im Raum stehen geblieben und bot ihr die Hand zum Gruß, was in Elsas Augen nicht standesgemäß schien.
„Gut, dass du kommen konntest“, sagte eine dünne Stimme vom Kamin her. Erst jetzt entdeckte Elsa Maria. Es sah aus, als drücke die wagemutige Haube sie in den Sessel. Maria erwiderte Elsas förmlichen Gruß mit einem Kopfnicken, mit dem sie tiefer in ihre Wolldecke zu rutschen schien.
Die Magd tischte ein Heißgetränk auf, das nach Hagebutten und Hollerbeere roch. Dazu Gebäck. Johanna beschied Elsa, sie möge auf dem dritten, eigens für sie herangeschobenen Stuhl am kleinen Tischchen Platz nehmen.
So saßen die drei jungen Frauen am Kamin, dessen Wärme Elsa willkommen war. Eine kleine Verlegenheit breitete sich zwischen ihnen aus, die dazu genutzt wurde, am Becher, daran eine Schlinge für den Zeigefinger, zu nippen.
Maria, die ihre gute Erziehung nicht vergessen hatte, erkundigte sich nach Elsas Befinden, das der lieben Mutter, ging auch jede Schwester durch, wobei sie die Namen aller drei falsch in Erinnerung behalten hatte: Siegrun, statt Siegtraut, Irmtraut, statt Irmel und Anne statt Anneruth. Elsa nickte geflissentlich und beschied, die Familie sei bei angemessener Gesundheit, wobei dies in Bezug auf die Mutter nicht stimmte. Elsa war schlau genug zu wissen, dass sie nicht ihrer Familienangelegenheiten wegen hier war, sondern … „Worüber wolltet ihr mit mir sprechen?“
„Nun …“, begann Johanna, wobei ihre nicht weniger verwegene Haube mit dieser kleinen Silbe bebte. „Du hast sicherlich das Gewese um die drei gesuchten Ketzer mitbekommen.“ Sie konnte hinter ihrem aufgesetzten Lachen weder Verunsicherung noch Angst verstecken. Maria schenkte ihrer Schwester einen konsternierten Blick. Wer in Gottes Namen hatte nichts von den ausgerufenen Ketzern gehört?
„Mir scheint, die Leute verlieren das Interesse an den immer gleich klingenden Ausrufen und Versprechungen, die Ketzer zu fangen und die Gefährdung unseres Seelenheils im Keim zu ersticken.“ Elsa bemühte sich um eine gewählte Sprache. Als Töchter von Braumeistern entstammten sie alle drei im Grunde dem gleichem Stand. Johanna, mehr denn Maria, versuchte sich durch ihre reiche Vermählung bis in den Himmel von Elsa, der Magd, abzusetzen und zeigte das vom Seidenschleier bis zum Entenschnabelschuh. Elsa stellte behutsam den Becher ab und fixierte die ältere der beiden Hinterthur-Schwestern. Warum sie mit einem Male an das nackte Mädchen vom Frauentor denken musste, war ihr ein Rätsel.
„Mutter benimmt sich seltsam“, durchstieß Maria mit ihrem feinen Stimmchen die Stille, die sich den Dreien inzwischen aufgedrängt hatte.
„Verständlich.“ Elsas Augen streiften den Kaminsims, wo prachtvoll geätzte Zinnbecher standen, und schweiften weiter hinab zum Kaminfeuer, das lustig tanzte. „Bei dem, was man über ihren Sohn erzählt.“
„Das meine ich nicht. Sie verhält sich anders seltsam“, insistierte Johanna. Elsa scheute den Blick in die Gesichter der Schwestern. Ihr kam der plötzliche Gedanke, die Reinhildin täte besser daran, Andres – mit jedem Tag wurde Elsas Gewissheit fester, ihr heimliches Mündel sei Andres Hinterthur – woanders unterzubringen.
„Andres …“ Johanna räusperte sich und schaute sich sogar nach der Tür um, als lauerten dahinter Heerscharen von Langohren. „Er … ist auf der Liste der Geächteten, wie du weißt.“ Eine unnötige Erwähnung.
„Hier geht es nicht um Diebstahl oder eine Rauferei“, riss überraschenderweise Maria auf sehr resolute Art das Gespräch an sich. „Solche Banalitäten hätte man am Schandpfahl ächten können. Dessen sich Andres schuldig gemacht hat, nennt sich Verletzung der Heiligen Gebote. Das falsche Zeugnis wider die Heilige Schrift.“
Kaum war es ausgesprochen, atmete die eine tief ein und aus, hielt sich die andere die Hand vor den Mund und blinzelte energisch, um Tränen der Erschütterung zurückzuhalten. Soweit jedenfalls Elsas Deutung. Sie konzentrierte sich auf ihre eigenen Regungen: entspannte Gesichtszüge, gleichmütige, wenn auch offene Körperhaltung, leicht zur Sprecherin geneigt und Anteilnahme vortäuschend, indem sie Maria, genau wie deren Schwester vor ein paar Wochen, die Hand leicht auf den Unterarm legte.
Mit den Gedanken aber war sie nicht hier, sondern drüben in der Neißgasse und wollte sich nicht ausmalen, was ihr blühte, wenn man den Mann in seinem Versteck fand. An Reinhilde war eine enorme Anspannung zu beobachten. Das hatte die jüngere ihrer Töchter ganz richtig erkannt. Reinhilde sah verhärmt aus und sie wurde immer stiller, obschon leicht reizbar. Oft war über den Tag nur ihr Schlüsselbund zu hören.
In solcherlei Gedanken versunken, hörte Elsa kaum zu, während Johanna und Maria, zunächst stockend, dann sich überschlagend, die Veränderungen ihrer Mutter diskutierten. Elsa selbst schätzte, sie habe sich ebenso verändert wie die Reinhildin, seit sie das Geheimnis zu hüten hatte. Ihr ganzes Verständnis der Gegenwart hatte sich verändert. Sogar des Nachts erzählte Peternelle Gruselgeschichten. Es brauchte nicht viel, um Elsa das Fürchten zu lehren. Sie war ein verschrecktes Mädchen, dem das umtriebige Stadtleben nicht geheuer war. Die Geächteten waren bald nur Beiwerk für Peternelles Schauermärchen.
„Ist dir denn gar nichts aufgefallen?“, wurde Johanna nun ungeduldig, weil Elsa gar so beharrlich schwieg. Elsa wusste, sie musste ihnen ein Krümchen vorsetzen, um das Bröckchen für sich behalten zu können. Sie nickte. „Sie macht sich genauso Gedanken um Andres wie ihr, denke ich. Sie betet sehr viel.“ Elsa atmete durch, dankbar für diesen Blitzgedanken. „Ja, sie betet in einem Fort für Andres’ Unschuld. Sie ist sich übrigens sicher, dass das alles nur ein Irrtum ist.“ Noch ein Blitzgedanke, komm schon! Ihre Blicke irrten zwischen den beiden Schwestern hin und her. „Andres, so allein in der Ferne …“ Elsa senkte die Lider, seufzte übertrieben und schüttelte besorgt den Kopf.
„Wie meinst du das … so allein in der Ferne?“, überschlug sich beinahe Johannas Stimme. Sie suchte den Schulterschluss mit ihrer Schwester und rutschte in ihrem Polster weiter nach vorn.
„Nun …“ Elsa legte eine besonders erstaunte Miene auf. „Rom …“ Zwischen ihren weichen, blassrosa Lippen hielt sie das O fest und achtete auf die Reaktion der beiden Hinterthur-Töchter. Elsa wagte sich sehr weit in unbestimmtes Terrain vor, aber irgendetwas musste sie doch sagen, um die jungen Frauen von Reinhilde abzuziehen.
„ROM?“, echoten die beiden wie aus einem Munde.
Bitte, oh, Herr, sandte Elsa ein stummes Gebet gen Himmel, noch ein Geistesblitz, bitte schnell! „Ja. Reinhilde sagt, Andres habe sich schon lange vor Allerheiligen auf Pilgerfahrt nach Rom begeben … und … seither sei keine Nachricht von ihm eingetroffen … weswegen eure Mutter ja so außer sich ist.“ – Danke, oh Herr, für deine Eingebung! – „Sie beginnt selbst an dem Wahrheitsgehalt seiner Nachricht zu zweifeln, … doch sagt ihr ihr Mutterherz, dass Andres wohlbehalten in der Ewigen Stadt weilt …“ Elsa schob in Anbetracht der ungläubigen Mienen ein zittriges Lachen hinterher. „… Der Glückliche.“
Maria und Johanna wechselten einen Blick, kalkulierten, wie viel oder wie wenig sie von Elsas Neuigkeit glauben wollten und nickten dann. „Wieso hat sie das nicht erwähnt? Herrgott!“
„Weil sie überzeugt davon ist, dass ihr Bescheid wisst …“ Elsas Antwort war vielleicht ein bisschen rasch herausgeplatzt, aber Johanna schien beschlossen zu haben, dem Ganzen zu glauben.
Der Kräuteraufguss wurde bei weitaus leichterer Unterhaltung ausgetrunken, die Gesellschaft einer Magd jedoch nicht über Gebühr strapaziert. Und so verabschiedete sich Elsa noch vor Einbruch der Dunkelheit vom Hause am Ringmarkt, um die hundert Schritte bergab in die Neißgasse zu hasten.
Reinhilde fiel zuerst aus allen Wolken und danach in dankbare Ausrufe, als Elsa von dem Stelldichein mit den Hinterthur-Töchtern und der Lüge als Ergebnis berichtete.
„Du musst nicht denken, dass dir diese Lüge gestraft wird“, schob die Reinhildin nach, „Im Gegenteil, Els, sie wird dir vergolten. Nun … sehr gut … Andres ist auf Pilgerfahrt. Sehr schön.“ Reinhildens Blick irrte in der Küche umher, als wähne sie in einem der Kessel ein Sichtloch nach Rom. Sie nickte entschlossen, wischte sich wie nach langem Werk die Hände am Rock und wandte sich ab.
„Wollt Ihr nicht endlich zugeben, dass Andres da oben ist?“, Elsas Kopf ruckte empor Richtung Dachkammer und Reinhildens zurück in ihre Richtung. „Ich weiß es so oder so.“ Elsa tat eine Hilfe suchende Geste, dann schüttelte sie über das verschreckte Gesicht, das die Reinhildin der Maria vererbt haben dürfte, den Kopf und seufzte.
„Andres ist in Rom, Elsa!“, gab Reinhilde engelsgleich von sich. „Wie kann er dann in der Dachkammer sein?“ Sie verließ die Küche mit direktem Weg hinauf auf den Dachboden. „Vergesst nicht, es Peternelle zu berichten“, rief Elsa der anderen hinterher, „wenn Ihr sichergehen wollt, dass es morgen die ganze Stadt weiß.“
Die Reinhildin steckte noch einmal den Kopf hinter dem Treppenpfosten hervor, musterte Elsa von oben bis unten, dann nickte sie, wobei ihre Augen abenteuerlustig funkelten.
Es war der Tag Apostel Johannes. Kurz vor Neujahr, als die Stadt dahingehend irritiert wurde, dass der Geächtete Hinterthur in Rom zu weilen schien und die Hetzjagd auf ihn in der Stadt sinnlos war. Elsa beobachtete, dass diese Neuigkeit zumindest bei jenen, die ein bisschen mehr als Stroh in der Birne hatten, auf Misstrauen stieß. Wieso ging ausgerechnet jetzt die Kunde, dass der Hinterthur auf Pilgerfahrt sei? Wenn einer pilgert, kann er wohl kaum wegen Häresie gesucht werden …
„Das ist es ja gerade“, seufzte Elsa, die ihrer Schwester Siegtraut, Mutter des allgemeinen Argwohns, die Sache zu erklären suchte. „Das eine geht mit dem anderen gar nicht einher. Andres Hinterthur kann mit den Ketzerschriften gar nichts zu tun haben, wenn er in Rom ist, oder?“
Siegtraut verzog missbilligend den Mund, dann zuckte sie die Achseln. „Mir egal. Wenn es nur eine Ausrede der Reinhildin ist, um das Geschäft zu retten. Wie ich höre, endete der letzte Ausschank der Tylikes nicht allzu reichlich. Andres’ Ächtung wirkte sich ungünstig auf die Geschäfte der Hinterthur-Schwiegersöhne aus. Soll sie eben solche Lügen verbreiten! Wenn Andres Hinterthur ein Ketzer ist, wird er so oder so Besuch vom Hoter bekommen.“
„Redet nicht so“, ächzte die Mutter. Ihr Atem ging rasselnd und schien ihr Schmerzen zu bereiten. „Der Andres Hinterthur ein Ketzer …“ Katharina Mälzer schüttelte kaum merklich den Kopf. „Der wird zum Ketzer, wenn dem Teufel in der Hölle der Arsch zufriert.“
Anneruth und Irmel auf ihren Plätzen kicherten, Siegtraut verdrehte die Augen. Elsa wusste, sie konnte nicht länger bleiben. Nichts zog sie hinaus in die Kälte. Obschon kaum geheizt war, erwärmte sie die Gesellschaft ihrer Familie. Sogar Siegtraut. Vielleicht war Elsas Rührseligkeit auch nur der feierlichen Zeit zwischen den Jahren geschuldet. Zwischen den Jahren neuer Schnee, kommt im Mai die Liebe wie der Klee.
Und der Schnee fiel in dichten Flocken, als Elsa das Frauentor in die Stadt hinein passierte und Zeugin wurde, wie sich die Torwachen in einer aufgeregten Diskussion überschlugen. Elsa, die auf die Prüfung ihrer Papiere warten musste, vernahm zwar mehrmals den Namen der Delinquentin Carolina Müllerin, begriff aber nicht gleich, was sich zugetragen hatte. Erst, als sie auf den Durchlass beharrte, fasste sie genug Mut nachzufragen, was denn los sei. So erfuhr sie, dass die Hexe, mutmaßlich besagte Müllerin, aus der Büttelei, wo sie auf den Richterspruch gewartet hatte, entkommen sei. Eine ungeheuerliche Neuigkeit. Und das, wo die Stadt so stolz gewesen war, zumindest einen der drei Geächteten geschnappt zu haben. Seit Andres Hinterthur als Pilger von der Geächtetenliste gestrichen werden musste, Matthes Weidner immer noch wie vom Erdboden verschluckt schien, hatte sich die Stadt mit der Gefangennahme der Hexe gebrüstet. Vergeblich auch das. Keine gloriose Abrechnung.
Die Torwachen überschlugen sich. Elsa reimte sich zusammen, der wachhabende Büttel habe das Türchen zur Kammer der Hexe unverschlossen gelassen und sei obendrein auf der Ofenbank eingeschlafen. Letzteres hatte selbstverständlich nur geschehen können, weil der Büttel von der Hexe verzaubert worden war. Nur durch Zuhilfenahme von Hexerei habe sie aus dem Stockgässel gelangen und im Schutze der Nacht fliehen können.
„Wenn die wieder eingefangen wird, hat die nichts mehr zu lachen.“ Weiter beschied der Torwächter, wie energisch der Büttel abgestritten habe, unachtsam gewesen zu sein, was den Verdacht auf Hexerei verhärtete. Böse Zungen behaupteten, dass, wenn einer sich an nichts erinnern kann, er wohl geschlafen haben dürfte. Trotz aller Widrigkeiten drohte einem Büttel, der sich von einer Hexe hatte beeindrucken lassen, beziehungsweise während des Stubendienstes eingeschlafen war, die Amtsenthebung für ein Vierteljahr. Er konnte von Glück reden, wenn er Freunde und Verwandte hatte, die ihn und seine Kinderschar bis zur Rückkehr in den Dienst durchbrachten.
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