Kitabı oku: «Mondschein»

Yazı tipi:

J.D. David

Mondschein

Legenden von Valorien

Legenden von Valorien

Mondschein

J.D. David


Impressum

© 2016 J.D. David

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7418-3739-5

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Prolog 755 St. Gilbert

König Thanhold von Valorien stand auf dem Wehrgang von Burg Eisentor. Sein Blick war gen Süden gewandt. Die Arbeiten des Feindes waren bald abgeschlossen. Überall waren die Soldaten in den rot-weißen Farben Kargats zu sehen. Bogenschützen, Speerträger, und insbesondere die gefürchteten kargatianischen Schwertkämpfer, mit ihren starken Rüstungen und großen Schilden. Insgesamt maß die Streitkraft des Feindes über fünftausend Mann, angeführt von des Königs Sohn, Kronprinz Beorn. Doch weniger waren es die Männer des Feindes, die dem König Sorgen bereiteten. Es waren die Belagerungswaffen, die am gesamten feindlichen Ufer aufgestellt waren. Der Feind hatte schwere Triboke aufgebaut, die die starken Mauern der Burg Eisentor brechen sollten. Und bald würden sie so weit sein. Bald würde der Angriff starten, und die Hölle über die tapferen Männer Valoriens hereinbrechen.

Burg Eisentor war die erste und wichtigste Verteidigungslinie Valoriens. Sie war das Tor zu dem Land König Thanholds. Würde sie fallen, dann war der Weg durch die weiten Ebenen Valoriens offen, über die vielen kleinen Gehöfte und Dörfer bis zur Hauptstadt Elorath. Die mächtigen Mauern der Feste waren bis zu fünfzehn Schritt hoch und ragten direkt aus den Fluten des großen Flusses Calas. Die Front der Burg wurde von vier Türmen geziert, Mächtige an den Ecken der Burg und zwei weitere die das Tor umschlossen. Das Tor selbst war gut acht Schritt breit und komplett aus Stahl. Von außen war es mit dem Wappen Valoriens geziert, in der Mitte ein nach unten zeigendes Schwert, das oben, rechts und links von drei Sternen umrandet war, die für die drei Herzogtümer standen. Auch auf den Zinnen der Feste waren die blauen Banner mit den silbernen Zeichen zu sehen, die seit jeher die Könige Valoriens zierten.

Nachdem man das stählerne Tor der Burg passiert hatte, endete das Königreich Valorien. Und dort lag die Brücke, die die beiden verfeindeten Reiche Valorien und Kargat trennte. Oft hatten beide Seiten versucht die Brücke zu zerstören, aber nichts konnte dem Bauwerk aus den Zeiten des Alten Reiches etwas anhaben. Sieben Pfeiler aus Marmor stützten die gut gepflasterte Straße, die über die Brücke verlief. Ebenso wie das Tor der Burg Eisentor war auch die Brücke gut acht Schritt breit. Auf der anderen Seite des Flusses endete die Brücke lediglich in einer befestigten Toranlage mit zwei Türmen, die weit weniger mächtig war als die valorische Grenzburg, doch Kargat konnte durch seine überlegene Mannesstärke eine Invasion aus Valorien stets aufhalten. Viele Legenden rankten sich um diese Brücke sowie die zweite, kleinere Brücke, die weiter östlich die beiden Reiche verband. Man erzählte über Zauberei des Alten Reiches, über die Baukunst der Altvorderen und weiteres, das erklären konnte, wieso die beiden Brücken nicht zerstört werden konnten. Zumindest mit keiner Macht, die in Valorien oder Kargat bekannt war.

König Thanhold drehte sich um und sah seinen engsten Getreuen in die Augen. Dort waren die beiden Herzöge Sylvius von Tandor und Helmbrecht von Rethas. Ersterer wirkte deutlich jünger als er war, denn die Kraft strotzte aus seinem entschlossenen Blick und den noch vollkommen schwarzen Haaren, trotz seiner über vierzig Jahre. Helmbrecht dagegen war schon grau, und nur an dem ordentlich gestutzten Vollbart erkannte man die einst rötliche Färbung der Haare. Neben beiden standen die Freiherren Heinrich von Goldheim und Victor von Andtweil, Ritter Roland von Corben und natürlich sein engster Untergebener, Freiherr Geron von Dämmertan, den Thanhold selbst einst in Knappschaft genommen und bis zum Ritterschlag begleitet hatte. Alle sechs waren Ritter Valoriens, die anerkanntesten und edelsten Krieger des Reiches. Seit jeher gab es höchstens zehn Ritter, jeder hatte einen Platz im Rittersaal der Kronburg in Elorath. Den Rittern stand nur noch der König vor, als elfter dieses erlesenen Kreises. Thanhold wusste die östliche Brücke von drei weiteren Rittern unter der Führung des Freiherrn Arthur von Freital bewacht und somit sicher. Der Letzte der Zehn, der Herzog von Fendron, war auf dem Weg um die Streitkräfte der Burg Eisentor zu verstärken. Doch noch war er nicht eingetroffen, was dem König große Sorgen machte.

„Geron, haben wir schon Neuigkeiten von Herzog Richard von Fendron gehört? Wird er bald eintreffen?“, fragte er seinen langjährigen Freund und Untergebenen.

„Nein, Königliche Majestät, haben wir leider nicht“, antwortete dieser in seinem gewohnt zackigen und militärischen Ton. Der König nickte nachdenklich. Er schaute wieder über die Mauer hinweg. Die feindlichen Truppen sammelten sich bereits. Es würde nicht mehr lange dauern, und der Angriff würde beginnen. Vielleicht sogar noch heute, spätestens morgen im ersten Licht der Sonne.

„Majestät, Ihr müsst eine Entscheidung treffen. Vielleicht noch einige Stunden, dann wird der Feind angreifen. Wir wissen nicht, wie lange unsere Mauern gegen diese Belagerungsmaschinen standhalten werden. Ihr müsst entscheiden, wie wir nun vorgehen. Wir können uns nicht mehr auf Herzog Richard verlassen. Wir müssen den Männern, die wir hier haben, vertrauen“, rief Freiherr von Goldheim den König aus seinen Gedanken. Dieser wandte seinen Blick wieder in den eigenen Burghof, wo die Soldaten Valoriens alles auf den nahenden Sturm vorbereiteten. Das Tor wurde noch weiter verstärkt, Pfeile auf den Wehrgängen platziert, und die Soldaten bereiteten sich vor, rüsteten sich, schliffen ihre Waffen. Es fehlte den Männern von Valorien nicht an Entschlossenheit, aber König Thanhold sorgte sich um die Anzahl. Fünftausend Feinden mit schweren Belagerungsmaschinen standen nur etwa eintausend Verteidiger entgegen. Und wenn die Angreifer genug Zeit hatten, würden sie die gesamte Burg in Schutt legen, bevor sie diese dann stürmten.

Thanhold richtete seinen Blick zu seinen Rittern: „Wir können hier nicht tatenlos verharren. Wir können nicht warten, bis die Triboke der Kargatianer unsere stolze Burg zerschmettern und unsere Männer abschlachten. Wir können nicht darauf warten, dass sie das Tor nach Valorien öffnen. Du hast Recht, Heinrich, wir können nicht mehr auf Herzog Richard warten. Er könnte morgen eintreffen, er könnte aber auch erst in einigen Tagen, Wochen eintreffen, wenn alles bereits zu spät ist. Geron, wie viele Reiter können wir aufbringen.“

„Vierhundert der Männer können wir bestimmt auf Pferde setzten, vielleicht fünfhundert. Seit die Truppen aus Tandor angekommen sind, haben wir einen guten Nachschub an Pferden.“

Der König nickte zufrieden.

„Gut. Helmbrecht, du bleibst hier und ordnest alle Männer, die nicht mit uns reiten. Bereite dich darauf vor die Burg solange wie möglich zu halten, sollten wir nicht erfolgreich sein“, befahl der König dem schon alten Herzog von Rethas, der mit ernstem Blick den Befehl mit einem „Jawohl, mein König!“, bestätigte.

„Alle anderen Ritter reiten mit mir. Wir werden mal sehen, ob dieser Sohn einer Hure einen Angriff der valorischen Reiter erwartet. Also, meine Ritter. Auf, auf, die Altvorderen blicken an diesem Tag auf uns.“ Der König zog sein Schwert und reckte es in die Luft. Wie in einer Bewegung zogen die Anwesenden sechs Ritter ihre Schwerter. Es handelte sich hier nicht um normale Schwerter. Sie waren nicht nur von edelstem Material, sondern offensichtlich auch meisterlich geschmiedet, das konnte sogar ein Laie erkennen.

„Treu und Ehr!“ rief der König.

„Valorien!“, stimmten die sechs Ritter ein und drehten sich fort, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

„Prinzliche Majestät, unsere Truppen sind, wie Ihr befohlen habt, bereit zum Angriff auf das Eisentor. Auch unsere Artillerie ist jetzt bereit, die Mauern der Burg unter Beschuss zu nehmen. Wir warten nur noch auf Euren Befehl. Sollen wir noch heute Nachmittag den Angriff starten? Oder wünscht Ihr erst im Morgengrauen anzugreifen?“, fragte General Taskor Graufels den Oberbefehlshaber der kargatianischen Truppen vor der Burg Eisentor. Er schaute hoch zu dem Prinzen. Der Erbe der Königswürde Kargats war ein stattlicher Mann, der viele seiner Diener überragte. Sein Leib war durch viele Jahre des Kampfes gestählt und zwei kleine Narben zierten sein Gesicht, verliehen ihm eine herausragende Stärke. Diese wurde von den kurzen schwarzen Haaren und dem dunklen Dreitagebart untermauert.

Kronprinz Beorn erhob sich aus seinem Thron, der im Heerführerzelt des kargatianischen Heerlagers stand. Der Thron war recht einfach, aus Holz gefertigt mit hohen Armstützen. Auf der Rückenlehne, über dem Kopf des Kronprinzen, war das Wappen Kargats eingearbeitet. Auf einem viergeteilten rot-weißen Hintergrund war mittig eine Krone zu sehen, zusätzlich war im oberen Teil links auf rotem Grund ein weißer Stern und rechts auf weißem Grund ein roter Stern abgebildet. Der Sitz war mit den Fellen verschiedener Tiere gepolstert.

„Gut, General. Ich wünsche noch heute anzugreifen. Sie dürfen heute Nacht nicht mehr ruhig schlafen. Befiehl den Männern Aufstellung zu nehmen, die Triboke sollen auf meinen Feuerbefehle warten. Lass mein Pferd satteln, und meine Leibgarde soll sich bereit machen, ich werde die Schlacht selbst anführen.“

Der General salutierte kurz und zackig. „Jawohl, mein Herr. Wir sind in einer Stunde angriffsbereit.“

Taskor fluchte innerlich. Er hielt es für keine besonders gute Idee, bereits heute Nachmittag anzugreifen. Natürlich, wenn man noch länger wartete war es möglich, dass Valorien noch Verstärkungen erhalten würde. Aber der Nachmittag war einfach zu kurz, um einen solch massiven Angriff sinnvoll zu starten. In seinen Gedanken versunken wollte General Taskor gerade das Zelt verlassen als der Eingang aufgeschlagen wurde und ein Bote, der offensichtlich sehr in Eile war, hereingeplatzt kam. Sofort verbeugte er sich ehrfurchtsvoll, als er vor dem General stand und den Kronprinzen im hinteren Teil des Saales sah.

„Was willst du?“ fuhr der General den Boten an. Dieser musste erstmal Luft holen, bevor er antworten konnte.

„Prinzliche Majestät, Euer Gnaden, das Eisentor... Es hat sich geöffnet. Und König Thanhold... Er... Er... Er greift uns an.“, keuchte er.

General Taskor schaute schockiert zu Kronprinz Beorn, der sowohl ihn als auch den Boten mit einem bösen Blick bedachte. Der Kronprinz hatte mit vielem gerechnet, mit der Verteidigungsstärke der Valoren, mit ihrer Durchhaltestärke, mit der Härte der Mauern oder des berühmten Tores, aber niemals, niemals hätte er mit einem Angriff gerechnet. Waren ihre Truppen nicht deutlich überlegen? Waren sie nicht die Angreifer? Was dachte sich dieser König Thanhold nur? Was passierte hier?

„General, sofort, alle Mann sollen Aufstellung nehmen. Meine Leibgarde zu den Pferden. Wir werden den valorischen Schweinen zeigen, wo sie ihr Hochmut hinführt.“

Wütend stampfte Beorn aus dem Zelt, dicht gefolgt von General Taskor.

Geron von Dämmertan blickte über die Schulter hinweg über die Männer, die hinter ihnen waren. Sie hatten es wirklich geschafft, gut fünfhundert Reiter zu stellen. Er blickte in entschlossene Gesichter. Alle waren sich der Verantwortung bewusst, die jeder hier gegenüber ihrem Reich und Heimat Valorien hatte. Jeder wusste, dass einige den Abend nicht mehr erleben würden. Doch alle waren bereit, hier an diesem Tage hinter König Thanhold zu reiten. Geron wendete seinen Blick wieder nach vorne. Dort schwangen gerade die beiden schweren Flügel des Eisentors auf und gaben den Blick auf die Brücke über den Calas preis. Auf der anderen Seite war ein Meer aus rot-weiß zu sehen. Doch der Ritter erkannte, dass der Feind auf einen Angriff nicht vorbereitet war. Dieses Überraschungsmoment war es, auf den der waghalsige Plan des Königs baute. Oben auf den Mauern stand Helmbrecht von Rethas mit entschlossenem Blick. Er wusste genau, dass sein hohes Alter einen solchen Plan nicht mehr wirklich erlaubte, dennoch war der alte Ritter traurig darüber, nicht mit seinen jungen Gefährten mit reiten zu können. Sollten sie scheitern, so würde er Burg Eisentor halten, und wenn es seinen letzten Tropfen Blut kosten würde.

König Thanhold wandte sich noch einmal an seine treusten Untergebenen, um die Befehle zu bestätigen: „Sylvius, mein alter Gefährte, du nimmst die linke Flanke, Victor, du wirst die Reiter der rechten Flanke befehligen, Heinrich, du befehligst die Nachhut, Roland, Geron, euch möchte ich an meiner Seite wissen. Achtet darauf, dass alle Triboke zerstört werden. Aber haltet euch nicht zu lange auf. Ihr wisst, dass ich auch einige Männer lebend wieder sehen will. Wenn eure Aufgabe erfüllt ist, dann zieht euch in die Mitte zurück, von dort aus werden wir uns gemeinsam wieder nach Burg Eisentor zurückziehen“

Vor den fünf Rittern war nur noch die Leibgarde des Königs mit ihren schwer gepanzerten Pferden und großen Schilden. Auch wenn sie kaum Beschuss durch den Feind erwarteten, war dies wohl doch ein guter Schutz gegen feindliche Bogenschützen. In der Mitte vor dem König vorweg ritt der Hauptmann der Garde mit dem Banner Valoriens.

„Hauptmann, das Banner!“, rief der König laut und der Hauptmann reckte das blau-silberne Banner in die Höhe. König Thanhold drehte sich zu seinen Männern um.

„Tapfere Recken, Krieger, Männer Valoriens. Die Altvorderen blicken an diesem Tage auf uns. Burg Eisentor ist die Pforte in unsere Heimat. Reiter, ihr werdet heute diese Pforte verteidigen. Der Feind wird die Kraft Valoriens spüren. Auf, meine treuen Untertanen, auf zu Ruhm und Glorie. Treu und Ehr.“

„Valorien!“ erschallte es aus so vielen Kehlen, dass die Mauern der Burg erzitterten und selbst der Feind auf der anderen Flussseite dies hören musste. Dann begab sich der Heertross in Bewegung.

Die Brücke erzitterte unter hunderten von Pferdehufen. Maximal fünf Pferde ritten nebeneinander, was das Bild aber nicht weniger eindrucksvoll machte. Ein scheinbar unendlicher Strom aus valorischen Reitern floss auf die Toranlage zu. Das Tor stand weit offen, da die kargatianischen Truppen ihren eigenen Angriff vorbereitet hatten. Entsprechend waren auch die Türme stark unterbesetzt, die Hauptkraft der Armee Kargats befand sich noch im Heereslager hinter dem Tor. Die Verteidiger versuchten gerade noch das Tor zu schließen, um den Sturm aufzuhalten, doch schnell erkannten sie, dass es bereits zu spät war.

Das Tor war noch nicht halb geschlossen, als die ersten Pferde durch die Verteidiger brachen. Obwohl diese noch Speere hochgerissen hatten konnte die schwere Reiterei nicht mehr aufgehalten werden. Wie ein Keil stießen die valorischen Reiter hinter ihrem König in die Kräfte des Feindes. König Thanhold wurde von vorne und hinten von seiner Leibwache abgeschirmt, an den Seiten waren seine Ritter, sodass dieser zu diesem Zeitpunkt noch keinem Feind begegnen musste. Kurz orientierend schaute er sich nach links und rechts um. Das Torhaus war im Prinzip bereits genommen. Seine Reiter, die nach und nach von der Brücke kamen, schlugen den letzten, kleinen Widerstand nieder. Seine Ritter und Anführer waren noch unverletzt, was ihn deutlich beruhigte. Der erste Teil des waghalsigen Angriffs war gelungen. Thanhold sah, wie sich die Hauptmacht des Feindes sammelte und als Front aus rot-weiß auf ihn zukam. Ihr Angriff durfte nicht stoppen.

„Die Flanken ausbrechen!“ befahl er laut und Herzog Sylvius von Tandor und Freiherr Victor von Andtweil führten ihre Truppen in energischem Galopp am Flussufer entlang auf die feindlichen Belagerungsmaschinen zu.

Während die Soldaten aus Kargat noch ziemlich ungeordnet durch das Lager liefen war die gesamte Reiterei Valoriens am Tor angekommen. Dort war der letzte Widerstand endgültig niedergeschlagen worden, einige Überlebende liefen auf der großen Straße, die den kleinen Flussdeich etwas abwärts ins Heerlager führte. Der König wusste, dass sie möglichst schnell den Angriff fortführen mussten, um den Vorteil der Überraschung nicht zu verlieren. Dennoch ließ er seine Truppen sich kurz formieren.

„Auf Männer, für unsere Heimat, schickt die verdammten Kargatianer dorthin zurück, wo sie entsprungen sie. Treu und Ehr!“

Mit einem lauten Ruf „Valorien“ rollte die Reiterei wie eine Welle den Hügel hinunter, auf das Heerlager des Feindes zu. König Thanhold sah sein Ziel, das sich gerade vor dem Zelt des Heerführers sammelte. Von seiner Leibgarde umgeben stand dort unter der rot-weißen Flagge Kargats der Feind, den es zu töten galt. Kronprinz Beorn.

Herzog Sylvius von Tandor durchstieß den Leib des kargatianischen Artilleristen mit seinem Schwert. Die Klinge durchglitt die leichte Rüstung des Soldaten ohne großen Widerstand zu erfahren und drang durch den Brustkorb des jungen Mannes. Röchelnd ging dieser zu Boden und gesellte sich damit zu den anderen kargatianischen Soldaten. Sie hatten bereits den zweiten Tribok erreicht und seine Reiter zerstörten diesen gerade.

„Gut. Auf weiter! Uns stehen noch zwei dieser Maschinen bevor, dann können wir unserem König beistehen“, rief er zu seinen Männern und trieb sie zum nächsten Tribok an.

In Gefechtsformation galoppierten sie auf die nächste der Maschinen zu. Sylvius sah mit besorgter Miene die feindlichen Soldaten, die sich mittlerweile bei dem Tribok gesammelt hatten. Bei den ersten beiden Stellungen war ihnen kaum geordneter Widerstand entgegengetreten, dafür war ihr Vorteil der Überraschung noch zu groß gewesen. Aber der Feind schlief nicht und hatte mittlerweile die Absichten der valorischen Reiter durchschaut. Der Hauptangriff auf das Lager, der vom König geführt war, war hauptsächlich Ablenkung, um von den Flankenangriffen auf die Triboke abzulenken. Die kargatianischen Soldaten am Tribok hatten eine passable Defensivformation aufgebaut. Die etwa einhundert Mann bestanden aus Schwertkämpfern und Speerträgern, die abwechselnd in Formation standen. Eine wirklich harte Nuss, besonders für Kavallerie. Aber sie hatten weder Zeit noch Raum, eine andere Taktik als den Frontalangriff zu wählen. Sylvius atmete tief durch.

„Wir müssen da jetzt durch. Treu und Ehr.“, rief er und seine Männer brüllten ein langgezogenes „Valorien!“ als sie auf den Feind zu galoppierten.

„Verdammt!“ brüllte Beorn, als er auf seinem Pferd sitzend Richtung Tor schaute. Er hatte gerade erfahren, dass es offensichtlich einen Ausfall gab, aber dass sie schon das Tor durchbrochen hatten, das hatte er wirklich nicht erwartet. Er war von Versagern umgeben, soviel war sicher. Also musste er das jetzt selbst in die Hand nehmen. Er trieb sein Pferd an und ritt weiter nach vorne, als der Hauptangriff gerade begann.

„Alle Mann zur Verteidigung vorbereiten. Bildet drei Verteidigungslinien mit Schilden und Speeren. Dahinter alles was wir an Schützen haben.“

Die Offiziere gaben die Befehle so schnell wie möglich weiter. Dennoch war sich Kronprinz Beorn sicher, dass sie den Angriff nicht stoppen konnten. Obwohl sie zahlenmäßig weit überlegen waren, war der Haufen, der sich Armee nannte, viel zu unkoordiniert, um die valorischen Reiter zu stoppen. Von wegen bereit zum Angriff. Taskor würde etwas zu hören kommen, wenn das hier zu Ende war.

„General Taskor, diese Reiter müssen aufgehalten werden.“, brüllte der Kronprinz seinen General an.

„Jawohl Prinzliche Majestät, darf ich auf die Flankenausfälle des Feindes hinweisen?“, antwortete dieser.

„Das ist mir doch egal. Diese Welle muss gestoppt werden, dann holt unsere Infanterie diese Schweine schon von ihren Gäulen. Und General, ich rate dir, meine Erwartungen zu erfüllen, oder ich werde sehr ungehalten. Also, auf! Du koordinierst die Verteidigung von vorne.“, brüllte Beorn zurück und schaute sich an, wie Taskor mit einem Nicken verschwand.

Die von König Thanhold angeführte Reiterei bildete erneut einen Keil, um in das Heerlager des Feindes einzudringen. König Thanhold war sich bewusst, dass seine berittenen Truppen ihren großen Vorteil innerhalb der kleinen Zeltstadt verlieren würden. Also galt es möglichst geschlossen durch den Feind auf den Oberbefehlshaber zuzureiten.

Die ersten Versuche einer Verteidigungslinie wurden recht schnell gesprengt. Um sie herum spürte der König erneut die Anzeichen einer Schlacht. Er hatte schon viele gefochten, und kannte die Bilder und Gerüche nur zu genau. Er hörte die Schreie der Männer, er hörte das Stöhnen der Sterbenden und das Wiehern der Pferde. Er roch den Geruch der Schlacht, die Pferde, den aufgewirbelten Schlamm, den Schweiß und das Blut. Sein Schwert färbte sich langsam rot, als sie die zweite Verteidigungslinie erreichten. Die ersten zwei seiner schwer gepanzerten Gardisten waren bereits gefallen. Obwohl auch weitere Reiter zurückblieben lichteten sich ihre Reihen nicht merklich. Und seine beiden treuen Ritter, Geron und Roland, blieben standhaft an seiner Seite.

Der König blickte nach vorne. Die Linie des Feindes war stärker geworden, der Sturm aus Valorien war vorerst gestoppt worden, doch der Kronprinz war schon deutlich in Sicht. König Thanhold hatte das Gefühl ihm für einen kurzen Moment direkt in die Augen zu schauen. Er sah Unbehagen in den Augen des jungen Heerführers. Aber auch Hochmut und Arroganz. Thanhold würde dem Jungspund schon zeigen, was Krieg bedeutete.

„Geron, ich möchte dort durch. Nimm einige der besten Männer und brich diese verdammte Reihe!“

Geron von Dämmertan ritt aus der vordersten Reihe heraus und winkte einige Männer zu sich, die ihm folgten. Er galoppierte an der Schlachtreihe entlang zwischen die Zelte. Einige herumlaufende Männer mussten das Schwert des Ritters spüren, bevor sie sich wirklich zur Wehr setzten konnten.

„Los Männer, wir müssen die Flanke aufreiben, sodass der König die Reihen durchstoßen kann. Für Valorien! Für den König!“, rief er und griff die linke Flanke des Gegners an.

Sylvius von Tandor riss es unvermittelt aus dem Sattel und er wurde nach vorne geschleudert. Sein Pferd schrie auf und ging zu Boden, nachdem sich ein kargatianischer Speer in dessen Leib gebohrt hatte. So schnell wie es in seiner schweren Rüstung ging, rappelte sich der Herzog wieder auf, orientierte sich und sah sich hinter den feindlichen Reihen. Umgehend war er von mehreren Feinden umgeben.

Sylvius sah, dass die Reiterei die feindlichen Linien an mehreren Stellen durchbrochen hatte und nun die kargatianischen Truppen aufrieb. Aber jetzt musste er sich erstmal seiner eigenen Haut erwehren. Mit einem schnellen Ausfall nach vorne versuchte er aus der ungünstigen Situation zu entfliehen. Ein Schlag des Schildes brachte den nächsten feindlichen Soldaten aus dem Gleichgewicht und er durchbohrte ihn mit seinem Schwert. Gerade wollte er aus der Lücke ausbrechen, als er aus dem Augenwinkel einen nahenden Axthieb sah, den er mit hochgerissenem Schild abwehren konnte. Dennoch warf ihn der Schlag zurück zwischen die kargatianischen Soldaten.

Er spürte einen Schwertschlag auf seine linke Schulter und einen weiteren Schlag an seinen Oberschenkel, der ihn einknicken ließ. So schnell wie er konnte fuhr er herum und schlug einen weiteren Angreifer mit seinem Schild nieder. Er parierte einen weiteren Schwerthieb mit seiner Klinge und versenkte sie, nachdem er den Angreifer ins Leere laufen ließ, in dessen Brust.

Er spürte den nächsten Schlag in seinen Rücken. Schmerz durchzog seinen Körper. Ein Hieb auf seinen Helm raubte ihm endgültig die Orientierung. Er hörte die Schreie der Männer, er hörte seinen eigenen keuchenden Atem. Schmerzvoll spürte er, wie ein Speer einen Weg durch seine Rüstung fand. Sein Schwert entglitt ihm aus seinen Händen. Er sah noch die Klinge der valorischen Ritterschaft zu Boden fallen, dann wurde alles schwarz um ihn.

„Celan“, flüsterte er noch. „Mögest du ein würdiger Erbe sein“.

Dann ging Herzog Sylvius von Tandor das letzte Mal zu Boden.

Kronprinz Beorn sah mit Schaudern, wie die valorische Reiterei der zweiten Verteidigungslinie in die Flanke fiel und diese komplett aufrieb. Langsam wurde er unruhig.

„Meine Leibgarde, schart euch um mich.“, rief er und die schweren Reiter schirmten ihn weiter ab. Nur noch durch eine kleine Lücke konnte er die Vorkommnisse der Schlacht sehen. Kurz erwog er, sich zurück zu ziehen, aber der Befehl seines Vaters war klar gewesen: Durchbrecht das Eisentor, mit allen Mitteln!

Würde er sich jetzt zurückziehen, wäre diese Chance endgültig vertan. Und außerdem konnte es nicht sein, dass ein zahlenmäßig deutlich unterlegener Feind die Hauptmacht der kargatianischen Streitmacht aufrieb. Er würde hier standhaft bleiben, bei seiner Ehre.

Die dritte Verteidigungslinie, die in den Hoffnungen des Kronprinzen eigentlich standhalten sollte, wurde geradezu weggefegt, von der hinter König Thanhold stürmenden Reiterei. Es gab nicht mal viel Gegenwehr. Mit Furcht in den Augen hielten viele der dort stehenden Männer nicht stand, zogen sich zurück, zerstreuten sich. Der größte Fehler, den man bei einer heranstürmenden Kavallerie begehen konnte.

Beorn zog seine Streitaxt aus dem Halfter am Sattel. Er hielt nicht viel von Schwertern. Eine wahre Waffe des Krieges war nun einmal die Axt. Und er würde diesen herannahenden Sturm aus Valorien aufhalten. Hier und jetzt.

„Zum Angriff!“, brüllte er und seine Leibgarde und der Rest der kargatianischen Kavallerie stürmten König Thanhold entgegen.

Geron von Dämmertan schloss nach seinem erfolgreichen Manöver wieder zu seinem König auf. Mit einem ernsten Nicken honorierte dieser den Erfolg, konzentrierte sich dann aber wieder auf den Sturm der dritten Verteidigungslinie.

Sie hatten mittlerweile viele tapfere Krieger verloren, von den einstigen fünfzehn Mann der königlichen Leibwache waren nur noch sechs übrig, Ritter Roland war am Bein verletzt, biss aber die Zähne zusammen. Er war ein wahrer Dickkopf, und solch eine kleine Wunde konnte ihn nicht davon abhalten, die wohl wichtigste Schlacht seines Lebens zu schlagen. Also ritten sie weiter, dem Banner mit dem Schwert und den drei Sternen hinterher auf den Feind in rot-weiß zu.

Der Sturm der Kavallerie Valoriens wurde mit dem Gegenangriff des Kronprinzen Kargats zum Erliegen gebracht. Schnell bildete sich ein Kampf Reiter gegen Reiter heraus. Nach und nach umschloss die kargatianische Infanterie die Reiter, auch wenn es der valorischen Nachhut noch gelang, den Weg zum Rückzug freizuhalten. Von den Reitern von Herzog Sylvius und Freiherr Victor war noch nichts zu sehen, sie schienen noch mit dem Angriff auf die Triboke beschäftigt.

König Thanhold stieß sein Schwert in den Bauch eines Reiters aus Kargat. Er sah noch, wie sich der weiße Teil dessen Wappenrocks rot färbte und der Reiter dann von seinem Pferd kippte. Neben ihm hatten Roland und Geron ebenfalls ihre Feinde getötet.

Der König streckte sein Schwert in den Himmel. Sofort sammelte sich der Rest seiner Leibgarde um ihn, alle unter dem Banner des Königs. Thanhold hatte die gesamte Zeit den jungen Kronprinzen Beorn im Auge. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und ritt weiter auf sein Ziel zu. Nur noch wenige Schritte, dann hatte er ihn erreicht. Er sah wie einer seiner Leibgardisten von einem Speer durchstochen vom Pferd fiel. Der Speerträger konnte sich jedoch seines Erfolges kaum erfreuen, da sein Schädel sofort darauf von Gerons Schwert gespalten wurde.

Nur noch fünf Schritte.

Zwischen ihnen befanden sich nur noch einige Leibgardisten des Kronprinzen. Der König drängte weiter nach vorne. Die beiden kargatianischen Reiter wurden von Roland und Geron besiegt. Außer diesen befanden sich nur noch drei Leibgardisten in Thanholds Nähe. Dann war niemand mehr zwischen ihm und dem Kronprinzen.

Mit einem letzten Tritt trieb er sein Pferd bis zu dem Prinzen und hob sein Schwert zum Schlag.

Beorn bereitet sich auf den Angriff vor. Schnell sah er, dass seine Leibgarde die Angreifer nicht für immer aufhalten konnte. Zurückweichen war keine Möglichkeit.

„Gebt Taskor das Zeichen.“, befahl er nach hinten. Dort wurde ein Hornstoß gegeben. Dann sah Beorn den Angriff ankommen. Der Kronprinz erkannte sofort, dass es sich um den König handeln musste. Seine edle Rüstung, sein Aussehen, das war definitiv König Thanhold. Der Kronprinz erkannte die dunkelbraunen Haare, die aus dem Helm ragten, und die gleiche Farbe besaßen wie der Bart, der jedoch von ersten grauen Strähnen durchzogen war. Das Gesicht des Königs wirkte hart, entschlossen, und kampferfahren. Beorn hob sein Schild, das unter dem Schlag des Königs erzitterte. Er erkannte ein böses Funkeln in den braunen Augen seines Feindes. Sofort hob er seine Axt zum Gegenangriff.

Obwohl seine Schläge langsamer waren als die Schwerthiebe seines Gegners, steckte in diesen mehr Kraft. Thanholds Schild erzitterte, als die Axt darauf landete. Die Axt hinterließ eine deutliche Kerbe. Der König lenkte sein Pferd näher an Beorns, um den Geschwindigkeitsvorteil seines Schwertes besser ausnutzen zu können. Er ließ eine Folge von mehreren Hieben auf den Gegner nieder, welche Beorn aber mit seinem Schild abwehren konnte. Aus der Deckung heraus startete der Kronprinz einen Angriff, mit dem Thanhold nicht gerechnet hatte. Die Axt hackte sich an den oberen Rand des Schildes an und zog diesen nach vorne. Thanhold sah mit Schreck noch den Schild seines Feindes, der auf ihn zukam, als er schon getroffen war.

Kurz wurde ihm schwarz vor Augen und er spürte, wie er sein Gleichgewicht und damit seinen sicheren Sitz im Sattel verlor. Mit einem metallischen Klirren schlug er auf der Erde auf.

Geron von Dämmertan war von zwei Soldaten der Leibwache gebunden, als er den König von seinem Pferd fallen sah. Aber er konnte sich nicht schnell aus seinem Kampf lösen. Seine Gegner waren wirklich gute Kämpfer, doch er musste dem König beistehen. Die Sorgen von Dämmertan wurden noch größer, als er sah, wie ein großer Trupp Kargatianer angeführt von einem Reiter in schwarzer Rüstung ihnen den Rückzug versperrte und ihre Nachhut aufrieb. Geron ließ einen Angriff seines Gegners an seinem Schild abgleiten, um sein Schwert dann in dessen Brust zu versenken.

Nur noch einer.

Beorn schwang sich von seinem Pferd. Er wuchtete seine Axt auf seine Schulter und ging langsamen Schrittes auf den König zu, der sich nur langsam vom Boden erhob. Thanhold stütze sich auf sein Schwert, doch noch immer drehte sich alles um ihn. Er unternahm einen weiteren Versuch sich aufzurichten, verlor jedoch wieder sein Gleichgewicht. Er sah Beorn auf sich zu kommen. Jetzt ging es also zu Ende, dachte er, als ihm ein Krieger den Weg versperrte.

Der Kronprinz erkannte in dem humpelnden Gerüsteten einen Ritter Valoriens, zumindest zeigten dies Wappenrock und Schwert. Roland stellte sich schützend vor seinen König, auch wenn er offensichtlich in einem schlechten Zustand war. Seines Pferdes beraubt war die Beinwunde sehr störend. Zudem blutete er aus Wunden am rechten Arm, Bauch und Kopf, nachdem er seinen Helm verloren hatte.

„Du wirst dem König Valoriens kein Stück näher kommen.“, sagte er noch als Beorns Axt auf ihn niederfuhr. Roland wehrte den Hieb mit seinem Schild ab, der in der Mitte gespalten wurde, nachdem mehrere vorherige Schläge diesen schon stark beschädigt hatten. Beorn ließ nicht locker und setzte weiter nach. Roland kam kaum dazu, Gegenwehr zu leisten. Ein seitlicher Hieb, den er zu spät kommen sah, wurde ihm zum Verhängnis. Die Axt grub sich tief in Rolands Rüstung und dieser ging schlussendlich zu Boden.

Der König war mittlerweile wieder auf einem Knie und wollte sich gerade erheben, als sich Beorn vor ihm aufbaute.

„Dann bringt es zu Ende, Kronprinz Beorn.“, sagte Thanhold und blickte mit ernstem Blick seinem Ende entgegen. Beorn ließ mit einem Lächeln die Axt in die Brust des Königs fahren. Die Rüstung barst und die Axt schlug tief in den Brustkorb. Mit einem Husten spuckte Thanhold Blut aus, doch noch hielt er sich auf den Knien. Sein Blick war ungebrochen. Der Kronprinz zog die Axt aus der Brust des Königs und hob diese, um den Kopf des Königs von dessen Leib zu trennen.

Mit Schwung ließ er die Axt niederfahren.

Gerons Schild erzitterte, als die Axt darauf schlug. Eine Platzwunde auf seiner Stirn tränkte sein Gesicht in Blut, was ihm ein wirklich schauriges Aussehen verlieh. Geron von Dämmertan hatte schon vor einiger Zeit eine schlimme Verletzung im Gesicht erlitten, die ihm eine hässliche Narbe gebracht und das halbe linke Ohr gekostet hatte. Mit diesem sowohl furchteinflößenden als auch entschlossenen Blick stieß er sein Schwert in den Bauch seines Feindes.

Beorn war von Gerons Eingreifen völlig überrascht und konnte keine Gegenwehr leisten. Seine Augen weiteten sich und blickten fassungslos in das grausige Gesicht seines nahenden Todes. Kraftlos ging er auf die Knie, als der Ritter sein Schwert aus ihm zog. Kleine Bluttropfen spritzten auf Geron, als er zu einem schnellen Schlag ausholte. Mit einem sauberen Hieb der messerscharfen Klinge beendete der Ritter das Leben des kargatianischen Thronfolgers. Trotz des Lärms der Schlacht vernahm er den dumpfen Ton, als Kopf und Körper getrennt auf den Boden schlugen.

Kurz verharrte der junge Ritter vor der Leiche seines Feindes. War dies nun das Ende dieses Krieges? Doch dann riss ihn das Stöhnen des Königs aus den Gedanken. Er fuhr herum und sank auf die Knie. Um ihn herum hatten sich die letzten Überlebenden der Leibgarde und weitere Reiter vorgekämpft, die ihn und König Thanhold schützend umgaben.

„Majestät.“, sagte Geron leise, erkannte aber, das es schlecht um seinen Rittervater stand, der ihm so viel in seinem Leben mitgegeben hatte. Hatte er als Ritter versagt? Seinem Schwur zu entsprechen, seinen König zu schützen? Noch nicht. Noch lebte er. Geron hob seinen ehemaligen Rittervater, den König Valoriens, auf sein eigenes Pferd. Mit einem weiteren Griff schnappte er des Königs Banner, das nicht weit von ihnen auf dem Boden lag. Dann schwang sich Geron in den Sattel und reckte das Banner Valoriens in die Luft. Obwohl er sah, dass ihre Hauptmacht umzingelt war, keimte Hoffnung in ihm, hier noch heraus zu kommen. Er erkannte von beiden Flügeln den Rest der Reiterei heranstürmen. Die größere Kraft wurde von Victor von Andtweil angeführt, von Sylvius von Tandor war nichts zu sehen.

„Rückzug!“ rief Geron laut über die Reihen. „Rückzug nach Burg Eisentor!“ brüllte er und ritt in vollem Galopp Richtung Tor und Brücke zurück. Erleichtert sah er, wie die Reihen des Feindes von den herannahenden valorischen Reitern auseinandergetrieben wurden. Er durchbrach die Reihen und ritt Richtung Tor. Dann über die Brücke. Ihm folgte der Rest der valorischen Reiterei, auch wenn es leider erschreckend wenig war. Aber das kümmerte den Ritter nicht mehr. Es ging jetzt nur noch darum, das Leben des Königs zu retten. Er trieb sein Pferd, das über die Brücke rannte, das Banner flog in der Luft. In vollem Galopp passierte er das Eisentor.

„Holt einen Heiler herbei. Der König braucht Hilfe.“, brüllte er, als er das Tor passierte. Im Hof angekommen hob er den König vom Pferd und legte ihn auf den Boden. Sofort eilten einige Soldaten und schnell auch der angeforderte Heiler herbei. Dieser sah den König an, fühlte dessen Puls und schaute dann den daneben knienden Ritter von Dämmertan mit ernstem Blick an. Der Heiler schüttelte mit dem Kopf.

„Er ist schon auf dem Weg, ich kann nicht mehr helfen.“ Geron beugte sich zum König herunter, dessen Lippen zitterten, als wollte er etwas sagen. Er hielt sein Ohr an den Mund des Königs.

„Geron, alter Freund.“, stammelte dieser leise. „Bitte, bitte kümmere dich um meinen Sohn. Erziehe ihn zu einem Ritter, wie du einer geworden bist. Treu und Ehr, mein Freund.“

Dann seufzte er und gab seinen letzten Lebenshauch von sich.

„Valorien“, sagte Geron leise und blickte in das Gesicht seines gefallenen Königs. Erleichterung war dessen Blick zu sehen, denn er wusste, dass der edelste und beste Ritter Valoriens sich um seinen Sohn kümmern würde.

Rot und golden war das Sonnenlicht, als die Sonne sich langsam über den Horizont erhob. Der Himmel war klar, nur vereinzelte Wolken wurden von dem Licht des neuen Morgen rötlich gefärbt. Ein einsames Pferd ritt auf die Kronburg in Elorath zu. Ein neuer Morgen war angebrochen, ein neuer Tag, aber auch eine neue Zeit. Eine neue Zeit für Valorien.

Das blau-silberne Banner Valoriens wehte über dem einzelnen Reiter, der sich der Kronburg in Elorath näherte. Dem Ritter Valoriens, der das Wappen des Königs trug, wurde ohne weitere Nachfragen das Tor geöffnet. Die Nachricht der Ankunft des Herrn von Dämmertan hatte sich schon herumgesprochen, bevor er das Burgtor passierte. Im Hof der Burg warteten schon viele Menschen - Soldaten, Hofdamen, Bedienstete und natürlich in der Mitte die Königin, Margeth, mit ihren schier unendlich langen, hellbraunen Haaren. An der Hand hielt sie einen etwa dreijährigen Jungen. Geron schwang sich aus dem Sattel und ging auf die beiden zu. Er sank auf die Knie und senkte das Banner.

„Erheb dich, Geron, und berichte!“, sagte die Königin. Geron schaute der Königin ernst ins Gesicht und erhob dann seine Stimme.

„Thanhold II. von Valorien ist glorreich in der Schlacht zur Verteidigung unserer Heimat gefallen. Ich schwöre Treue dem neuen König Valoriens, Priovan I. von Valorien.“

Geron sank erneut auf die Knie, zog sein Schwert und streckte dieses zum Zeichen seiner Treubekundung dem neuen König hin.

Ein neuer König Valoriens war ausgerufen.

Teil 1:

Die Knappin

764 St. Gilbert

Kapitel 1

Die hellen Strahlen der sommerlichen Mittagssonne wärmten die leicht gebräunte Haut des Mädchens, das an der Kaimauer des Hafens von Tjemin saß und seine Füße leicht im Wasser der Gronde baumeln ließ. Ihre Schuhe, ziemlich abgewetzte und zerrissene braune Lederstiefel, standen neben ihr auf der Mauer. Auch ihre sonstige Kleidung zeigte, dass sie zur armen Bevölkerung der Hauptstadt des Herzogtums Fendron gehörte. Eine bis zu den Waden reichende, einstmals helle Hose wurde von einer, ihr deutlich zu großen, dunkelroten Tunika überdeckt. Das Ganze wurde von einem schwarzen Ledergürtel zusammengehalten. Im Sommer war diese Kleidung angenehm kühl, für den Winter musste sich das Mädchen jedes Mal aufs Neues etwas ausdenken. Den Kopf hatte sie leicht in den Nacken gelegt. Ihr dunkelblondes, etwa schulterlanges Haar war als Zopf zusammengebunden, darauf trug sie zum Schutz gegen die pralle Sonne einen alten Schlapphut, der mit einer Gänsefeder verziert war. Die etwa Vierzehnjährige sah wirklich wie jemand aus, die einfach so in jeden Tag hinein lebte.

Das bunte Treiben des Hafens war dem Mädchen mehr als bekannt. Sie lebte nun schon mehrere Jahre in der großen Stadt, in der Waisenkinder auf der Straße noch die besten Chancen hatten, irgendwie durchzukommen. Tjemin war immerhin die drittgrößte Stadt des Reiches. Auf dem Land oder in kleineren Städten wäre das Mädchen wohl nicht so lange durchgekommen, doch hier in der Stadt gab es immer wieder reiche Kaufleute, großzügige Händler oder andere barmherzige Personen, die das Überleben von Menschen wie ihr sicherten. Und alles in allem war das ihre auch gar nicht so schlecht.

Sie schloss die Augen und ließ alle Sinneseindrücke auf sich wirken. Eine leichte Brise strich ihr durch die Haare und über das Gesicht und gewährte so eine angenehme Kühlung von der warmen Sonne. Sie nahm die Düfte des Hafens auf, wenn man den von Fisch dominierten Gestank Duft nennen konnte. Sie hörte das hektische Treiben, die Schiffe, die entladen wurden, Lasten, die umher getragen wurden und auch Händler, die ihre Waren anpriesen.

Sie hielt sich gerne im Hafen auf. Hier war immer etwas los, und durch die anliegenden Lagerhallen und Kontore war auch nicht nur die arme Bevölkerung hier anwesend, wie es zum Beispiel im Gerberviertel der Fall war.

Das Mädchen zog die Füße aus dem Wasser und stand auf. Sie zog ihre Schuhe wieder an und streckte sich kurz. Genug ausgeruht, dachte sie, denn langsam beschlich sie der Hunger. Also musste sie etwas zu essen besorgen. Sie wusste, dass es bei der Bäckerei des alten Xavers eigentlich immer ein bisschen altbackenes Brot gab, das dieser auch gerne an die gab, die es brauchten. Der alte Mann war eine wirklich gutmütige Seele, fast jedes Kind auf der Straße kannte und mochte ihn. Dazu hatte das Mädchen noch ein bisschen getrocknete Wurst vom Vortag, was das Ganze zu einer alles in allem guten Mahlzeit machte. Also lief sie los durch den Hafen, um dann in eine der vielen kleinen Gassen des Viertels einzubiegen.

Finn lief so schnell wie er konnte, auch wenn er in den vielen kleinen Gassen des hinteren Hafenviertels schon längst die Orientierung verloren hatte. Tjemin war wirklich ein heißes Pflaster, besonders wenn man sich von den großen Plätzen und Straßen entfernte, so musste er gerade schmerzhaft feststellen. Dass er selbst in solchen Ärger kommen würde, damit hatte der Zwölfjährige wirklich nicht gerechnet. Er hätte wohl hören und nicht nur seinem eigenen Willen nachgehen sollen. Aber dafür war es jetzt wirklich zu spät. Er sah kurz über die Schulter und sah seine Verfolger um die Ecke biegen. Vor ihm tat sich schon wieder eine Kreuzung auf. Links, Rechts oder geradeaus? Es war eigentlich völlig egal, er wusste sowieso nicht, was das Beste war. Ohne weiter nachzudenken bog er rechts ab. Er musste einfach nur möglichst viele Haken schlagen und hinter Ecken verschwinden. Dann würde er seine Verfolger schon irgendwie abhängen, wie ein Hase einen Fuchs, der ihn jagte. Finn lief weiter.

Das Mädchen kaute genüsslich an einem nicht allzu kleinen Stück Brot. Xaver war wirklich gut drauf gewesen, was bei so einem Wetter auch kein Wunder war. Sie war gerade wieder auf dem Weg zum Hafen als hinter einer Ecke ein Junge hervorgeschossen kam. Wortlos lief er an dem Mädchen vorbei ohne sie wirklich zu bemerken und bog in wenigen Schritten die nächste Abbiegung nach links. Das Mädchen zog sich sofort in einen Hauseingang zurück, um nicht gesehen zu werden. Wenn jemand so durch die Gassen raste, dann konnte das nur Ärger bedeuten. Und das war bestimmt Ärger, in den sie nicht hereingezogen werden wollte.

Ihr Verdacht bestätigte sich, als sie drei Männer an die Kreuzung kommen sah. Alle sahen wie Gestalten aus, die man nicht gerade als vertrauenserweckend bezeichnen konnte. Ihre Kleidung war mindestens ebenso abgerissene wie ihre, sie hatten einen wirklich fiesen Blick und zudem trugen zwei von ihnen Holzknüppel. In ihrem Leben war es eine ihrer Hauptbeschäftigungen gewesen, solchen Gestalten auszuweichen.

Nach kurzer Absprache teilten sich die Gestalten auf, um dem Jungen zu folgen. Der Verfolgte tat dem Mädchen wirklich leid. Offensichtlich kannte er sich in den Gassen von Tjemin nicht aus. Immerhin war die Gasse, in die er gerade gelaufen war, eine Sackgasse. Und die Gestalten sahen nicht so aus, als würden sie den Jungen zum Essen abholen wollen. Dennoch war genau das die Art von Ärger, die sie eigentlich vermeiden wollte. Aber der Junge war maximal zwölf, dreizehn Jahre alt. Wie hatte er sich überhaupt solchen Ärger eingehandelt? Gewissensbisse plagten sie.

Dann entschied sie sich und ging los.

Finn schaute noch mal über die Schulter, bevor er in die nächste Gasse einbog. Sehr gut, dachte er. Seine Verfolger waren noch nicht um die Ecke. Das war vielleicht die Möglichkeit, diese Gestalten endlich abzuhängen. Seine freudig, hoffnungsvolle Stimmung verflog ziemlich plötzlich, als er wieder nach vorne schaute. Eine Mauer tat sich vor ihm auf, die Hinterwand eines Hauses.

Wer hatte das denn hierher gebaut? Wer war nur der verdammte Konstrukteur dieser verdammten Stadt? Finn hatte schon jetzt einen Hass auf Tjemin, obwohl er erst einige Stunden hier war. Trotzdem schaltete er schnell. Vielleicht konnte er noch entfliehen. Er drehte sich um, um weiter weg zu laufen. Da stockte ihm der Atem. Einer seiner Verfolger stand am Ausgang der Gasse. Er trug einen zerlumpten braunen Mantel, sein Gesicht wurde von einer Narbe geziert und in seiner Hand hatte er einen Holzknüppel mit einigen Nägeln am Kopf, den er drohend in seine andere Handfläche schlug.

„Da haben wir dich, Jungchen. Hey Jungs, ich habe ihn!“, rief er laut und ging langsam auf Finn zu. Dieser wankte weiter zurück. Er hatte noch nicht wirklich einen Plan, wie er hier wieder herauskommen konnte. Er hätte wirklich hören sollen, oder zumindest eine Waffe hätte er mitnehmen sollen. Tjemin muss doch sicher sein, das hatte er gedacht. Aber er hatte die Sicherheit der Stadt deutlich überschätzt. Wurde ihm das jetzt zum Verhängnis?

Finn hatte die Person hinter der finsteren Gestalt kaum wahrgenommen, da hörte er schon das dumpfe Geräusch von Holz, das jemand über den Kopf gezogen wurde. Der Mann ging sofort mit einer blutenden Platzwunde zu Boden. Dahinter stand ein Mädchen mit einem Holzbrett in der Hand, dass sie neben den Mann warf. Jetzt erst erkannte das Mädchen den Jungen genauer.

Er hatte relativ kurze, tiefschwarze Haare, die ordentlich geschnitten aussahen. Sein Gesicht war noch jungenhaft, deutete aber schon den Übergang zum Mann an. Seine tiefbraunen Augen schauten aufgeregt. Auch sonst wirkte er nicht wie jemand, der an einen solchen armen Ort gehörte. Der graue Wollmantel, der eigentlich viel zu warm für die Jahreszeit war, verdeckte jedoch den Reichtum des Jungen ganz gut. Der Mantel hatte offensichtlich auch schon einiges mitbekommen. Darunter trug der Junge einen wattierten Wappenrock, wie es sonst nur Stadtwachen oder andere Soldaten oder Söldner taten. Er war viergeteilt in weiß-grün. Auch seine Hose sah fein gewebt aus. Doch am deutlichsten stach der Gürtel hervor. Er schwarz, aus Leder, und wurde von einer silbernen Schnalle gehalten, neben der er mit goldenen und silbernen Zeichen beschlagen war. Zudem trug der Junge mehrere Gürteltaschen, nur ein Schwert fehlte noch, um das Bild eines jungen Adeligen zu vervollständigen. Immerhin würde es sich vielleicht lohnen, diesen Jungen zu retten, dachte sich das Mädchen noch, obwohl sie sich schon längst entschieden hatte, ihm zu helfen, egal wie viel Gold er im Beutel trug.

„Schnell, komm mit.“ sagte das Mädchen und packte den Jungen am Arm. Dieser lief, noch ziemlich verwirrt von seiner jähen Retterin, ohne weitere Widerworte mit. Das Mädchen hatte noch genau die anderen beiden Verfolger im Sinn, die nach dem Ruf ihres Kameraden bestimmt schon auf dem Weg waren. Sie zog den Jungen zur Mauer der Sackgasse. Diese war gut drei Schritt hoch, gerade so viel, dass man sie alleine nicht erklimmen konnte.

„Nimm deine Hände zusammen, dass ich sie als Trittbrett nehmen kann.“, befahl sie Finn und schwang sich dann mit dessen Hilfe die Mauer hoch, die sich als flaches Dach eines Gebäudes herausstellte. Dort oben angekommen beugte sie sich herunter um dem Jungen ebenfalls hoch zu helfen. Nach einer mehr schlechten als rechten Kletterei lagen die beiden etwas schwerer atmend oben auf dem Dach.

Das Mädchen schaute nach unten und sah die beiden Gestalten gerade in die Gasse einbiegen und ihren Kameraden finden. Sie zog den Jungen auch herunter, sodass sie nicht zu sehen waren. Trotzdem glaubte sie daran, dass diese Verfolgung bald weitergehen würde. Aber erstmal mussten sie kurz durchschnaufen.

„Hallo, übrigens.“, sagte das Mädchen lächelnd zu dem Jungen. „Mein Name ist Lora. Du solltest dir nicht in fremden Städten Ärger einhandeln, wo du nicht weißt, wie du entkommst.“

„Ja, äh, danke erstmal, für die Rettung.“, antwortete Finn, der aus seinem kurzzeitigen Schock wieder erwacht war. „Mein Name ist Finn. Und ich habe mir den Ärger nicht gesucht, er kam einfach auf mich zu. Weißt du, wie wir jetzt hier am besten heraus kommen?“

„Folg mir einfach. Es gibt hier einen kurzen Weg über die Dächer, dann kommen wir Richtung Hafenmarkt, von dort kann man gut untertauchen. Also los.“, sagte Lora und lugte vorsichtig über den Rand des Daches. Sie sah niemanden, und ging geduckt voran. Doch auf einmal hörte sie wieder Stimmen von unten.

Die Gestalten hatten sie wieder bemerkt und nahmen die Verfolgung sofort wieder auf. Lora sprang auf und rannte los. Finn lief ihr nach. Sie sprangen gemeinsam über einige Dächer, ihre Verfolger blieben in den Gassen. Einige Male dachten sie gerade, sie abgeschüttelt zu haben, als sie wieder auftauchten. Als sie über mehrere Häuser hinweg waren, erreichten sie ein größeres Lagerhaus. Lora sprang vor und kletterte das geziegelte Dach hoch bis zu einer Dachluke. Sie öffnete die Luke, um darin einen besseren Stand zu erlangen. Dann gab sie Finn die Hand und half ihm hoch zu der Luke. Sie spürte, dass er einen festen Händedruck hatte. Auch beim Laufen hatte sie bemerkte, dass der Junge gut trainiert, wendig und schnell war. Alles in allem bestätigte sich zumindest ihr Vorurteil über einen faulen, fetten, adeligen Jungen nicht, das sie bisher über die Angehörigen dieser Schicht hatte. Aber Ausnahmen bestätigten nun mal die Regel, dass sagte auch der alte Xaver immer.

Nachdem Finn bei ihr oben war kletterte Lora die Luke herunter, einfach davon ausgehend, dass dieser ihr folgen würde. In dieser Gegend kannte sie sich sehr gut aus, und diese Lagerhalle hatte sie schon oft benutzt. Die Luke führte zuerst zu einem Speicher, auf dem sich nichts wirklich Bedeutendes befand. Gerade im Winter war das hier oben ein ganz guter Schlafplatz. Außer ein paar kaputten Kisten, Truhen und Werkzeugen lag hier oben nichts, wenn man von der dicken Staubschicht einmal absah. Lora führte Finn quer durch den Speicher bis zu einer weiteren Luke, die nach unten führte.

„So, ab hier müssen wir jetzt ein bisschen vorsichtig sein“, warnte Lora den Jungen. „Unten werden wahrscheinlich ein paar Arbeiter sein. Halte dich einfach immer in Deckung, sei möglichst leise und folge mir. Wenn wir gesehen werden, dann lauf mir einfach nach, so schnell wie es geht. Danach kommen wir auf den Marktplatz. Dort wird um diese Uhrzeit ziemlich viel los sein, also pass auf, dass du mich nicht in der Menge verlierst. Wenn wir dort durch sind, sollten wir die Verfolger endgültig abgehängt haben.“

Finn nickte ruhig und atmete noch mal tief durch. Dann öffnete Lora die Luke nach unten.

Von der Luke führte eine Leiter herunter in die Lagerhalle. Diese bestand aus zwei Ebenen, wobei die obere Ebene nur ein Holzweg war, der einmal rund herum führte. In der Lagerhalle waren Kisten, Fässer und Truhen gestapelt. Drei Männer arbeiteten in einer Ecke der Halle, die nicht auf dem Weg der beiden Kinder lag. Die Halle hatte ein großes Ausgangstor, für Kutschen oder Karren, und daneben einen kleinen Ausgang für Personen, der offen stand. Licht wurde einerseits durch Fenster, die rundherum im Gebäude waren, andererseits durch einige Fackeln in die Halle gebracht.

Lora stieg so leise wie sie konnte die Leiter auf die obere Ebene herunter. Von dort führte eine weitere Leiter wenige Schritte weiter bis auf den Boden. Finn folgte ihr, nicht ganz so lautlos, aber dennoch so leise, dass sie nicht von den Arbeitern bemerkt wurden. Leise schlichen die Beiden durch die Halle. Sie hatten die Tür fast erreicht, als Finn gegen etwas stieß. Auf dem Boden war eine kleine Kiste, die er im schwachen Licht nicht gesehen hatte. Finn versuchte sich noch irgendwo festzuhalten, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Schmerzhaft spürte er sein Knie über den Grund rutschen und schrie vor Schmerz auf. Sofort erinnerte er sich an ihre aktuelle Lage und versuchte den Ruf zu unterdrücken, aber da war es schon zu spät. Die Männer drehten sich von dem Schrei aufmerksam gemacht um und kamen auf Lora und Finn zu.

„Hey, wer ist da?“ rief einer und leuchtete mit einer Fackel in die Richtung der Beiden. Lora reagierte schnell. Dieser Tollpatsch, fast wären sie draußen gewesen. Sie packte Finn am Arm und zog ihn hoch.

„Los, mir nach“, rief sie und rannte mit Finn im Schlepptau durch die Tür auf den Platz des Hafenmarktes.

Sofort kam ihnen wieder der Gestank von Fisch entgegen, eines der Haupthandelsgüter des Marktes. Sonst wurden Waren wie Netze, Seile und Taue aber auch Handelsgüter, die über die Gronde nach Tjemin gebracht wurden, hier feilgeboten. Auf dem Marktplatz war eine ziemlich große Menschenmenge unterwegs. Nur früh am Morgen war es noch voller, aber das reifte Lora und Finn jetzt zum Vorteil. Sofort tauchten die beiden in der Menge unter, die Arbeiter von der Lagerhalle hatten offensichtlich kein gesteigertes Interesse daran, den Beiden zu folgen. Von ihren anderen Verfolgern konnten sie nichts sehen. Lora wusste recht genau, wo sie hin wollte. Von dem Platz führten mehrere Straßen. Sie lief Richtung Westen, dort wo die Straßen in die obere Stadt führten. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Finn eher dorthin gehörte als hier unten in den Hafen oder gar ins Gerberviertel.

Lora schaffte es ohne weitere Probleme Finn von dem Platz zu führen. Sie kamen in die größere Gasse, die vom Markt weg führte und Lora bog in die nächste kleinere Gasse ein. Dort blieb sie recht plötzlich stehen und drehte sich zu Finn um.

„So, und jetzt erzählst du mir mal erstens, wer du bist, zweitens, was du dort unten im Hafen gemacht hast, drittens, wie du dir solchen Ärger eingehandelt hast und viertens, wo du jetzt hingehörst.“

Lora hatte mittlerweile einen leicht zornigen Unterton. Sie mochte es nicht wirklich, quer durch das Hafenviertel von Tjemin vor irgendwelchen dunklen Gestalten davon zu laufen. Genauso wenig mochte sie es eigentlich, irgendwelchen Gestalten bekannt zu sein, die vielleicht noch öfter in dem Gebiet, in dem sie wohnte, herumliefen. Und was sie am allerwenigsten mochte war, irgendwelchen Fremden zu helfen, von denen sie nicht mal wusste, wer sie waren, was sie wollten und wieso sie Ärger hatten. Innerlich fragte sie sich noch immer, wieso sie das eigentlich getan hatte, aber glücklicherweise war ja alles gut gelaufen.

Finn wollte gerade ansetzten zu antworten als die beiden eine dunkle, gehässige Stimme hörten.

„Na ihr beiden Turteltäubchen, da haben wir euch endlich.“ Lora schaute die Straße entlang. Verdammt, sie hatte gerade so sehr auf Finn geachtet, dass sie ihre Verfolger gar nicht gesehen hatte. Einer war auf der einen Seite und die anderen beiden auf der anderen, wobei der eine immer noch ein bisschen wankte. Seine Haare waren durch das Blut verklebt. Er war deutlich schlecht gelaunt und hatte offensichtlich mit Lora noch ein Hühnchen zu rupfen.

„Irgendwelche Pläne?“, fragte Finn Lora, die ihre Umgebung möglichst genau musterte, aber ihre Situation war offensichtlich ziemlich mies. Die Wände der Häuser zwischen denen sie standen waren zu hoch, um hoch zu klettern. Zwischen ihnen und den Gestalten waren auch keine Türen mehr, in die man fliehen konnte. Die einzige Möglichkeit wäre zu versuchen an dem einzelnen Mann vorbei zu laufen. Aber sein Knüppel würde mindestens einen von ihnen erwischen.

„Sieht ziemlich schlecht aus“, antwortete sie nur. Verdammt, dachte sie sich wieder, wieso hatte sie sich auf diesen Mist eingelassen. Mehrere Jahre die Straßen von Tjemin überlebt. Würde das jetzt enden, nur weil sie einem kleinen adeligen Schnösel geholfen hatte? Das war wirklich nicht fair.

„Verschwindet, ihr Pack, wenn euch etwas an eurem Leben liegt“, hallte eine tiefe Stimme durch die Gasse. Die beiden Kerle drehten sich um und sahen einen Mann in der Straße stehen. Der offensichtliche Anführer wollte gerade dem Fremden entgegnen, als er diesen sah, was ihm die Stimme verschlug. Der Neuankömmling war etwa Anfang Dreißig, ein Schritt und Achtzig groß und wirklich furchteinflößend, besonders für solch dunkle Gestalten, die nicht wirklich auf der Seite von Recht und Gesetz standen. Eine hässliche Narbe zeichnete sein Gesicht, der obere Teil des linken Ohres war abgeschlagen. Seine Kleidung zeigte die edle Herkunft des Mannes. Ebenso wie Finn trug er einen wattierten Wappenrock und eine Hose, beide waren dunkelgrün. An den Füßen trug er schwere, braune Schnabelstiefel. Sein brauner Gürtel war nicht ganz so reich verziert wie der des Jungen. Auf den Schultern trug er eine weiß-grüne Kapuze. Auf dem Wappenrock war ein Wappen gezeichnet, was den des Mannes von Finns unterschied. Das Wappen war vertikal weiß-grün geteilt. In der Mitte war ein Baum, der auch mittig getrennt wurde und in der entsprechend anderen Farbe als der Hintergrund war. Darunter waren zwei Lilien in grün und weiß auf dem jeweils anderen Hintergrund. Doch am eindrucksvollsten war das Schwert, das der Mann am Gürtel trug. Die Waffe befand sich in einer silbernen Scheide, die mit grünen Edelsteinen verziert war, die ein Kenner als Diopside erkennen würde. Im Knauf des Schwertes war ebenso ein solcher Edelstein eingearbeitet. Solch verzierte Schwerter waren berühmt in Valorien, und auch wenn bei der einfachen Bevölkerung nicht alle bekannt waren, wusste man doch, dass es nur zehn Schwerter dieser Art gab. Und diese wurden von den Rittern Valoriens getragen. Ein ebensolcher stand in der Gasse und verhinderte, dass Lora und Finn von den Gestalten zu Brei geschlagen wurden.

Geron von Dämmertan ging langsam weiter in die Gasse auf seinen jungen Schützling zu. Um die finsteren Gestalten kümmerte er sich nicht weiter, sie waren es gar nicht wert die Waffe zu ziehen. Die drei Verfolger bemerkten auch schnell, dass hier jeglicher Widerstand hinfällig war. Die Ritter Valoriens galten zu Recht als die besten Kämpfer des Reiches, und mit zwei lausigen Holzknüppeln war hier nichts zu machen. Nachdem sie den Schock des Auftritts des Ritters verdaut hatten, drehten sie sich um und nahmen die Beine in die Hände. So plötzlich, wie sie in der Gasse erschienen waren, verschwanden sie auch wieder.

„Nun, mein junger Knappe, ich glaube wir haben einige Worte zu reden, nicht wahr? Vielleicht kannst du mir mal erklären, was du hier machst, wieso du nicht an meiner Seite geblieben bist und wieso du keine Waffe trägst, wie es sich für dich als Knappe geziemt“, ging Geron auf Finn zu.

Er hatte sich noch keine entsprechende Strafe überlegt, irgendetwas würde ihm schon einfallen, da war er sich sicher. Er packte den Jungen an der Schulter und wollte mit ihm losgehen. Das kleine Bettlermädchen ignorierte er vollkommen.

„Wartet, Herr!“, wehrte sich Finn. „Mein Herr, darf ich Euch Lora vorstellen. Sie ist der Grund, wieso ich noch lebe. Sie hat mir geholfen, vor diesen Gestalten wegzurennen, und sie hat mich auch in einer Gasse gerettet. Ich meine, dafür sollte sie wenigstens belohnt werden, nicht wahr? Ihr habt mir doch immer beigebracht, dass Leistung belohnt werden muss, egal ob von einem Bauern oder einem Adeligen?“

Lora schaute etwas verwirrt zu dem Ritter, dann wieder zu Finn, dann wieder zu dem Ritter. Geron musterte das Mädchen und schien kurz zu überlegen.

„Halt, halt, halt“, unterbrach Lora die Gedanken von Geron. „Was geht hier eigentlich vor, wer seid Ihr, Euer Gnaden? Und wer bist du eigentlich, Finn?“

Geron blickte erneut ernst zu seinem Knappen. „Finn? Du nennst dich Finn? Ich verstehe es ja, wenn du nicht überall deine Herkunft mitteilen willst, so will ich das ja auch, aber du solltest dich trotzdem mit deinem richtigen Namen vorstellen. Und du solltest auch erwähnen, dass du mein Knappe bist. Wir haben wirklich ein Wörtchen miteinander zu reden.“

Finn schluckte schwer. Er senkte seinen Blick zum Boden. Dann wandte Geron seinen Blick zu Lora.

„Also, zu dir, junges Fräulein. Natürlich werde ich mir von meinem Knappen noch mal genau berichten lassen, was hier vorgefallen ist, aber anscheinend hast du dich wirklich verdient gemacht. Komm mit uns mit, dann möchte ich dir alles sagen und du wirst entsprechen belohnt werden. Und für jetzt, mein Name ist Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan und Ritter Valoriens.“

Dann packte Geron Finn wieder an der Schulter und lief in Richtung der besseren Viertel. Lora folgte den beiden wortlos.

Nach einigen Minuten Fußmarsch in den westlichen Teil der Stadt erreichten sie ein relativ gutes Gasthaus. Auf das Holzschild, das über der Tür hing, war ein Speichenrad aus Messing geschlagen. Darüber stand in ebensolchen Lettern der Name des Gasthauses „Zum goldenen Rad“. Das Fachwerkhaus hatte zwei Etagen und die drei passierten eine stabile Eichentür. Natürlich hätte der Herr von Dämmertan auch in der Residenz des Herzogs unterkommen können. Aber er bevorzugte es, in einem einfachen Gasthaus zu bleiben, um nicht so stark an die starren Protokolle eines Adelshofs gebunden zu sein. Außerdem sah er es auch als einen guten Teil der Ausbildung seines Knappens, ab und zu beim einfachen Volk zu sein, auch wenn die Gäste des „Goldenen Rads“ bestimmt nicht zum wirklich „einfachen“ Volk gehörten. In seinen vergangenen Reisen hatte Geron die Erfahrung gesammelt, dass man manchmal besser an einem dreckigen Wirtshaustisch als einer Adelstafel saß, um bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen oder zu erledigen.

Der Gastraum, den man betrat, war dem Haus entsprechend eingerichtet. Die Tische und Stühle waren offensichtlich von einem talentierten Schreiner angefertigt und hatten verschieden farbige Tischdecken. Der Gastraum bot einen Kamin mit einigen gemütlichen Sesseln davor, durch einen Durchgang sah man ein weiteres Kaminzimmer. Um diese Uhrzeit war fast nichts los, nur ein älteres Ehepaar, offensichtlich ehemals Kaufleute, saßen an einem Tisch und aßen Mittagessen. Der Wirt, der hinter dem Tresen stand, grüßte den Herrn mit seinen beiden Begleitern mit einer respektvollen Verbeugung. Geron ging ohne ihn weiter zu beachten die Treppe hoch und bis in den zweiten Stock. Am Ende des Treppenhauses waren nur zwei Türen. Der Ritter trat in den linken Raum. Er war geräumig eingerichtet und bot durch ein Fenster einen guten Blick über den Platz vor dem Gasthaus. Dazu gab es noch zwei Dachfenster. Zwischen den beiden Betten stand auf einem kleinen Tisch eine Waschschüssel. An einem Tisch am Fenster standen zwei normale Stühle und noch zwei Hocker.

„Setz dich, Lora!“, sagte Geron und zeigte auf einen der beiden Stühle. Nachdem sich das Mädchen niedergelassen hatte, setzte sich Geron gegenüber von ihr.

„Priovan“, rief er seinen Knappen her. „Geh herunter und lass dir vom Wirt einen Krug mit Wasser, einen Krug mit Milch und einen ordentliche Schüssel mit heißem Eintopf geben. Dann komm sofort wieder hoch.“ Der Knappe nickte kurz und zackig und war dann schon wieder aus der Tür verschwunden.

„Also, Lora, dann erzähl mir doch erstmal ein bisschen über dich und das, was vorhin vorgefallen ist. Danach werde ich dir gerne auch mehr Auskunft über mich und meinen Knappen geben.“

Lora hatte den Namen Priovan schon mal gehört, aber sie konnte ihn im Moment noch nicht wirklich zuordnen. Aber dem Ritter folgend würde sie es bestimmt bald erfahren.

„Nun, wie Ihr schon wisst, hoher Herr, ist mein Name Lora, genauer gesagt Eleonora. Über mich gibt es nicht wirklich viel zu erzählen. Ich wohne hier auf den Straßen von Tjemin. Meine Eltern sind schon lange tot, mein Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück, meine Mutter starb kurz darauf. Seitdem lebe ich eben in den Tag und versuche jeden Tag genug Essen zu bekommen, wenn es geht auch mal einen warmen Platz zum Schlafen.“ Der Ritter nickte und signalisierte Lora weiter zu erzählen.

„Heute war eigentlich ein ganz guter Tag und, hoher Herr, ich glaube, dass er gerade noch besser wird. Es war warm, ich hatte noch ein bisschen was zu Essen und der alte Xaver, ein örtlicher Bäcker, war auch nicht gerade knauserig, was ein bisschen Brot anging. Dann sah ich Euren Knappen, wie er durch die Gassen lief, verfolgt von diesen drei dunklen Gestalten, die Ihr ja auch noch gesehen habt.“

In diesem Moment kam Gerons Knappe gerade wieder durch die Tür. In der Hand hatte er ein Tablett mit den geforderten Sachen.

„Gut“, sagte Geron. „Dann iss erstmal etwas, danach kannst du weitererzählen.“

Priovan stellte die Schüssel mit der heißen Suppe vor Lora ab. Dann holte er aus einer Kiste zwei Kelche und stellte sie ebenfalls vor Lora und seinem Herrn ab. Loras Kelch schenkte er mit Milch voll, den seines Herrn mit Wasser. Lora schaute, ob sich Priovan setzen würde, aber er stellte sich ohne weitere Worte direkt hinter seinen Herren, der sich aber sofort wieder an ihn wandte:

„Priovan, nimm dir einen Hocker und repariere dein Kettenhemd weiter. Es war noch etwas kaputt. Denke dabei nach, was dir die Tugenden Gehorsam, Treue und Demut bedeuten und berichte mir das dann danach.“

Nachdem Lora bemerkte, dass sich Finn, beziehungsweise Priovan, nicht zu ihnen setzen würde, begann sie dann doch mit dem Essen. Geron nahm ruhig einen Schluck aus seinem Kelch.

Den ersten Löffel nahm Lora noch sehr zivilisiert, aber dann überkam sie ihr Hunger. Sie begann den Rest des Eintopfs geradezu in sich herein zu schaufeln. Es schmeckte wirklich köstlich. Sie hatte schon lange nichts mehr so schön Warmes gegessen und sie erinnerte sich nicht daran, jemals so etwas Köstliches gegessen zu haben. Im Eintopf waren nicht nur verschiedene Sorten von Gemüse, von frischem Gemüse, sondern auch wirklich große Brocken Fleisch. Dazu war der Eintopf mit verschiedenen Kräutern und Gewürzen verfeinert. Es schmeckte wirklich einfach köstlich. Als sie halb fertig gegessen hatte schaute sie zu Finn hinüber. Der Arme tat ihr ein bisschen leid. Während sie hier essen durfte, musste er sein Kettenhemd flicken, was offensichtlich eine recht anstrengende Arbeit war. Ihr kam gerade kurz der Gedanke, dass sie wohl lieber mit ihm zusammen essen wollte, aber dann überkam sie wieder der köstliche Geschmack dieser Suppe. Nicht nur das Essen war gut, sie hatte auch sonst ein gutes Gefühl in der Gesellschaft des Herrn Ritter und Finn. Dann nahm sie noch einen kräftigen Schluck Milch, ein Getränk, das sie bisher auch sehr selten genossen hatte. Es schmeckte auch sehr angenehm, leicht süßlich und dennoch schön frisch. Das Ganze war wirklich ein Festmahl.

Nachdem sie den letzten Löffel des Eintopfs gegessen hatte lehnte sie sich erstmal kurz zurück. Die Schüssel war wirklich größer gewesen, als sie eigentlich ausgesehen hatte. Lora war seit langem nicht mehr so schön satt gewesen.

„Vielen Dank, hoher Herr, für das Essen“, bedankte sich Lora höflich bei dem Ritter. „Soll ich weiter erzählen?“, fragte sie dann Geron, der dies mit einem Nicken bestätigte.

„Ja, bitte fahr fort, junges Fräulein.“

„Also gut, ich sah also Finn, äh, ich meine Priovan um die Ecke kommen und ein Mann folgte ihm. Zu dieser Zeit sah ich noch nicht, dass er offensichtlich von guter Herkunft war. Jedoch erkannte ich, wie Finn direkt in eine Sackgasse lief.“

Lora fiel es jetzt gar nicht mehr auf, dass sie immer noch den Namen nannte, mit dem sich Priovan ihr vorgestellt hatte.

„Ich überlegte kurz, ob ich mich in so was überhaupt hinein ziehen lassen sollte, entschied mich dann aber dafür, Finn zu helfen. Immerhin hätte ihn dieser Mann wohl sonst getötet. Ich zog dem finsteren Gesellen also eins mit einem Holzbrett über und half Finn dann bei der Flucht. Wir stiegen erstmal auf die Dächer und liefen dann Richtung Hafenmarkt. Dort gingen wir durch ein Lagerhaus, über den Markt und dann in die Gasse, in der Ihr uns dann gefunden habt. Von dort an kennt Ihr die Geschichte ja.“

Geron lächelte. „Vielen Dank. Priovan, kannst du diese Geschichte bestätigen?“, fragte er dann seinen Knappen, der von seiner Arbeit aufsah.

„Ja, Herr, es entspricht alles der Wahrheit.“

„Gut, Priovan, komm hierher“, sagte er dann weiter.

Dieser stand auf und stellte sich hinter seinen Herrn.

„Setz dich!“, befahl er seinem Knappen und zeigte auf einen Hocker. Dieser tat wie ihm befohlen wurde und setzte sich zu Lora und Geron an den Tisch. „Und nun, junger Knappe, berichte uns doch Mal, wie du in die Situation gekommen bist, dass dir überhaupt geholfen werden muss.“

Priovan schluckte.

„Nun, Herr, ich flüchtete, wie Ihr bereits bemerkt habt, heute Morgen aus dem Gasthof. Ich wollte einfach mal etwas erleben, wollte sehen, wie das wirklich einfache Volk lebte. Ihr betont doch immer, dass man seine Untergebenen auch verstehen muss, um sie zu beherrschen. Und indem ich immer nur bei Euch herumsitze oder von Adelshof zu Adelshof ziehe, werde ich das Volk bestimmt nicht verstehen. Also lief ich ein bisschen durch den Hafen herum, hörte mich hier und dort um. Und dann kam ich in diesen einen Hinterhof. Diese Drei hatten mich noch nicht bemerkt, als ich eine Unterredung hörte. Die Gestalten unterhielten sich über eine Aufgabe, die sie hatten. Sie wollten eine Kutsche überfallen, die von Tjemin nach Andtweil fahren soll. Diese soll in zwei Tagen losfahren. Als sie merkten, dass ich sie belauschte, versuchten sie mich zu töten. Ich floh durch die Gassen. Den Rest der Geschichte habt Ihr ja bereits gehört.“

Dann machte sich eine unangenehme Stille in dem Raum breit. Lora schaute zu dem Herrn von Dämmertan, ebenso wie Priovan. Beide warteten darauf, was der Ritter nun etwas sagen würde, aber er schwieg erstmal. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kelch. Und er schwieg. Er nahm noch einen Schluck Wasser. Und er schwieg immer noch. Dann leerte er den Kelch endgültig und hob ihn erneut hoch. Priovan stand auf und durchbrach so die Stille in dem Raum, als sein Hocker über den Boden rückte. Er nahm den Krug mit Wasser und schenkte den Becher erneut voll.

„Geh an deine Arbeit zurück!“, befahl Geron seinem Knappen. Sein Ton war nicht mehr ganz so zackig wie vor einigen Jahren, dafür hatte seine Stimme weiter an Tiefe gewonnen. Dann wandte sich der Ritter erneut an Lora.

„Also mein Mädchen, wie ich bereits gesagt habe wollte ich erstmal die Geschichte des heutigen Tages und ein bisschen über dich hören. Jetzt aber möchte ich dir erzählen, wen du da überhaupt gerettet hast. Wie ich bereits gesagt habe, bin ich ein Ritter Valoriens, zudem Freiherr von Dämmertan, sagt dir das etwas?“

Lora nickte. Sie kannte die Landschaft, die man Dämmertan nannte, auch wenn sie selbst noch nie dort gewesen war. Es war den Erzählungen nach eine düstere und verlassene Gegend, wo sich ein tiefer und dunkler Wald über eine große Fläche erstreckte. Dort lebten nicht viele Menschen, so viel wusste sie, und von jedem der dort einmal gewesen war hatte sie nur gehört, dass sie Dämmertan wenn möglich meiden sollte. Dämmertan lag, soweit sie es wusste, an der anderen Seite der Gronde, und gehörte somit schon zu dem Land der Krone, also zu keinem der drei Herzogtümer.

„Dies ist seit einigen Jahren mein Knappe. Sein Name ist Priovan Finneas, aus seinem zweiten Namen leitet er auch seinen Spitznamen Finn ab. Sein kompletter Name lautet Priovan I. Finneas von Valorien, König von Valorien. Du hast eben dem König von Valorien das Leben gerettet. Ich hoffe, dir ist bewusst, was du getan hast.“

Lora machte wirklich große Augen. Sie schaute überrascht zu Finn, der zu ihr aufschaute und nur nickte. Lora konnte es wirklich nicht fassen. Sie hatte den König von Valorien gerettet? Jetzt wusste sie natürlich auch wieder, woher sie den Namen Priovan kannte. Sie interessierte sich sonst nicht so für die Namen der hohen Adeligen, deswegen war ihr das noch nicht sofort aufgefallen. Aber jetzt kam es wieder. Natürlich hatte sie schon oft von dem König gehört, der selbst noch ein Kind war. Sein Vater war in dem letzten Krieg mit Kargat gefallen, und danach war er der einzige Erbe gewesen. Das sie aber diesem König selbst das Leben gerettet hatte, das wurde ihr langsam erst klar.

„Nun, das, äh, ist doch sehr erfreulich, oder?“ stammelte sie noch etwas unsicher, was Geron von Dämmertan zum Lachen brachte. Irgendwie sah der Ritter nicht wie jemand aus, der oft lachte, umso überraschter war Lora, als dies doch geschah. Auch Finn wirkte deutlich überrascht.

„Ja, das ist in der Tat wirklich erfreulich. Und du sollst auch entsprechend belohnt werden. Ich werde nachher mit Priovan zum Schloss gehen und dort Herzog Richard von Fendron sprechen. Du hast dem König das Leben gerettet, und das soll entsprechend belohnt werden. Priovan“, sagte er und Priovan stand auf und stellte sich neben seinen Herren.

„Was schlägst du als Belohnung vor?“ fragte Geron seinen Knappen.

„Nun, mein Herr, wieso lasst Ihr nicht Lora einfach selbst eine Belohnung auswählen. Gewährt ihr doch einen Wunsch für des Königs Leben.“

Geron nickte. „Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee. Also Lora, du hast es gehört. Äußere einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann, und glaub mir, ich kann vieles bewerkstelligen. Bedenke den Wunsch gut. Wenn du noch Zeit brauchst, können wir uns auch nachher wieder sehen.“

Lora dachte nach. Das Ganze hier überrumpelte sie doch ein bisschen. Es hatte alles damit angefangen, dass sie einfach nur nett und hilfsbereit sein wollte und auch nichts für finstere Gestalten übrig hatte, und jetzt hatte sie das Leben des Königs gerettet und sollte dafür einen Wunsch bekommen. Sie konnte endlich das klägliche Leben der Straßen von Tjemin hinter sich lassen. Sie könnte sich Gold wünschen. Viel Gold. Aber das war irgendwie zu einfach. Oder sie konnte sich ein großes Haus wünschen, in dem sie wohnen konnte. Aber irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Immerhin hatte sie einen königlichen Wunsch frei. All diese Gedanken zauberten anstatt des überraschten Blickes ein breites Lächeln auf ihre Lippen. Dann hatte sie eine Idee. Eine wirklich gute Idee. Ein Idee, die bestimmt auch Gefahren bringen würde, aber sie würde ihr Leben für immer ändern, und Lora hatte sich schon oft danach gesehnt, Abenteuer zu erleben. Sie hatte oft davon geträumt, eine große Heldin zu sein, wie die Helden der Geschichten, die man sich in Valorien erzählte. Von einer Heldin hatte sie sowieso, soweit sie wusste, noch nichts gehört. Das war ja langsam wirklich Zeit. Es war bestimmt ein sonderbarer, ein waghalsiger Wunsch. Aber Loras Entscheidung stand fest.

„Nein, Herr von Dämmertan, Finn, ich brauche keine weitere Bedenkzeit. Ich habe mich bereits entschieden, was der eine Wunsch sein soll. Nehmt mich mit, auf Euren Reisen. Ich möchte mit euch Abenteuer erleben, ich möchte hohe Herren und Damen kennen lernen. Ich möchte die großen Städte Valoriens kennen lernen, und ich möchte einfach hier raus.“

Geron lehnte sich zurück. Er schaute zu Priovan, der über das ganze Gesicht lächelte. Irgendwie freute er sich schon auf die Gesellschaft von Lora. Der alte Herr von Dämmertan war teilweise doch etwas, nun ja, griesgrämig. Und da war so eine fröhliche Seele wie Lora wirklich eine gute Ergänzung.

„Nun, mein Herr, Wunsch ist Wunsch, nicht wahr?“, fragte Priovan seinen Herren, der nur nickte.

„In Ordnung, Eleonora, dann wirst du uns auf unserer Reise begleiten. Wir werden dir nachher etwas Ordentliches zum Anziehen besorgen und dann wirst du uns zu Herzog Richard begleiten. Aber merk dir eines, junges Fräulein, wenn du mit mir reist wirst du auf jeden meiner Befehle hören, ohne jegliche Nachfragen. Das ist vorerst das Wichtigste, alles Weitere wird sich dann schon klären. Ist das klar? Willst du immer noch mit?“

„Ja, mein Herr, dies ist mein Wunsch.“, antwortete Lora.

„Gut, dann soll es so sein. Dann sollst du, Eleonora, von nun an meinem Gefolge angehören.“

Kapitel 2

Schon zu lange hatte Tandor unter den Angriffen dieser Barbaren leiden müssen. Zu lange hatten sie eine Schneide der Verwüstung und Plünderung hinterlassen. Zu lange waren Händler überfallen, Dörfer geplündert und Gehöfte niedergebrannt worden. Zu lange hatten die wilden Horden unter Ikran Khan die Ostgrenze Valoriens unsicher gemacht. Aber dies würde sein Ende finden, hier und heute. Dies hatte Herzog Celan seinem Volk versprochen, bevor er vor fünf Tagen aus Taarl losgezogen war, und er würde sein Versprechen einhalten, unter allen Umständen.

Herzog Celan von Tandor war vor neun Jahren, nach dem Tod seines Vaters in der Schlacht am Eisentor, zum Herzog von Tandor erhoben worden. Mit seinen lediglich achtundzwanzig Jahren war er der Jüngste der drei Herzöge und zugleich der Einzige, der seine Streitkräfte noch selbst anführte. Celan war von kräftigem Wuchs, hatte schwarze Haare und ein normalerweise rasiertes Gesicht, auf dem sich aber aufgrund seines Feldzuges schon schwarze Stoppeln abzeichneten. Sein Blick aus grünlich grauen Augen war kalt und berechnend. Wie es sich für ihn als Ritter gebot trug er eine schwere Plattenrüstung, die in der Sonne glänzte, und sein Ritterschwert Wolfsfang an der Seite. Das Schwert trug er in einer goldenen Scheide, die mit Rubinen besetzt war. Der Knauf des Schwertes war dem Kopf eines Wolfes nachempfunden, statt der Augen waren zwei Rubine eingesetzt. Sein Wappenschild zeigte das Wappen Tandors: auf rotem Hintergrund war ein aufrecht stehender, dunkelgrauer Wolf zu sehen, der einen weißen Schild in der Hand hielt, auf dem ein roter Stern abgebildet war. Dieses Wappen war nicht nur auf seinem Schild zu sehen, sondern wurde von jedem Reiter, der sich hinter dem Herzog befand, getragen, und dies waren immerhin an die fünfhundert Mann.

Celan sah aus dem Augenwinkel, wie sich einer seiner engsten Vertrauten, Forgat von Fendron, ihm näherte. Hoffentlich mit guten Neuigkeiten über die Kampfbereitschaft der Truppen und die Bewegungen des Feindes.

„Forgat, was hast du zu berichten?“, begrüßte Celan seinen ehemaligen Knappen, der nun Junker war.

„Euer Gnaden, wir haben gerade Nachricht erhalten, dass Freital seine Truppen formiert hat. Die Späher berichten, dass sich der Feind mit großer Geschwindigkeit nähert und schon bald auf den östlichen Hügel zu sehen sein müsste. In maximal einer Stunde wird die Schlacht beginnen. Außerdem wurden einige feindliche Späher abgefangen. Wir gehen im Moment nicht davon aus, dass der Feind unsere Überlegenheit durchschaut hat.“

Forgat von Fendron war der jüngste Sohn des Herzogs von Fendron und hatte zwei ältere Brüder. Er war ein kleines Stück größer wie sein Herr und von ebenso kräftiger Statur, obwohl er erst das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatte. Seine hellbraunen Haare hatten einige blonde Strähnen, die sich in leichte Locken legten. Schon früh hatte er sich als besonders geschickt in der Kampf- und Reitkunst bewiesen und war deshalb von seinem Vater nach Tandor geschickt worden, um hier seine Knappschaft zu absolvieren. Nach dem Ende seiner Knappschaft vor kurzem hatte er dem Herzog versprochen, noch mindestens fünf weitere Jahre in dessen Dienst zu stehen. Zum einen bewunderte er den Herzog, zum anderen erhoffte er noch mehr zu lernen, was er in Fendron nicht erfahren konnte. Das Leben hier war anders als in Fendron, rauer, härter, eher eines Mannes würdig.

„Das sind wahrlich gute Neuigkeiten“, empfing der Herzog die gute Nachricht. Dann wandte er sich an seinen zweiten Vertrauten, Ulf von Darbenkort, der einst Knappe bei seinem Vater gewesen war. Im Unterschied zu diesem war er lebendig aus der Schlacht am Eisentor zurückgekehrt. Ulf war ein ausgezeichneter Mann, um Dinge zu erledigen. Er hinterfragte Befehle nicht, er konnte Männer gut anführen und er hatte keinerlei Skrupel, wenn etwas dem Wohl Tandors diente. Obwohl er eher von kleiner Statur war, war er kräftig und ein gefürchteter Kämpfer. Sein Haupt war von keinem Haar geschmückt, ebenso wie sein grobschlächtiges Gesicht mit den kleinen braunen Augen mit einem finsteren Blick. Als Waffe führte er stets einen stachelbesetzten Streitkolben.

„Ulf, befiehl den Männern sich bereit zu machen. Sie sollen aufsitzen und jederzeit bereit zur Schlacht sein. Und führe die Männer hinter den Hügel, sodass sie aus östlicher Richtung nicht zu erkennen sind. Dann komm zu mir und Forgat auf die Spitze des Hügels“, sagte der Herzog zu Ulf und ritt dann mit Forgat zusammen den Hügel hoch, an dessen Fuß die tandorische Reiterei versammelt war.

Celan hatte lange über einen geeigneten Ort für die Schlacht nachgedacht und sich für dieses Tal entschieden, da es geradezu ideal für seinen Plan war. Das unbewohnte Tal war im Norden durch die Dunkelzinnen begrenzt, in den anderen drei Richtungen von Hügeln umgeben, wobei der Hügel im Süden, auf dem sich der Herzog befand, besonders steil anstieg und von der Mitte des Tals nicht zu erklimmen war. Von hier oben hatte er einen kompletten Überblick über das Geschehen der Schlacht ohne Gefahr zu laufen, einem direkten Angriff ausgesetzt zu sein. Nachdem er sich für einen Ort entschieden hatte war es ein Leichtes gewesen, durch gezielte Scharmützel und kleine Angriffe durch seine Leichte Kavallerie das Hauptheer des Feindes in diese Richtung zu locken. Die Urben mochten ein gefürchtetes Reitervolk sein, was zu Pferd selbst der mächtigen tandorischen Kavallerie überlegen war, aber für einen ausgefeilten Sinn für Strategie und Taktik waren sie nicht bekannt.

Oben auf dem Hügel angekommen schaute Celan in das Tal hinunter, das außer einigen kleinen Bäumen und Felsen ein ebenes Gelände bot, ein Fakt, der die Urben einladen würden, da sie sich überlegen fühlten. Dies würde sich aber als trügerisch herausstellen, wenn alles nach Celans Plan verlief. Im westlichen Teil des Tales sah der Herzog den Großteil seiner Streitmacht aufgestellt. Das Zentrum bestand aus schwerer Infanterie, ansonsten waren die Fußtruppen aus Schildträgern mit Äxten oder anderen Hiebwaffen und einfachen Speerträgern zusammengesetzt. Celans eigentlicher Trumpf befand sich aber hinter den tandorischen Fußsoldaten. Lange hatte er mit sich gehadert, war zu stolz gewesen, und hatte gedacht, er könne die Urben alleine besiegen. Nach den vermehrten Übergriffen und Niederlagen der letzten Jahre hatte er jedoch seinem Stolz nachgeben und seinen Nachbarn Rethas um Unterstützung bitten müssen. Und diese Unterstützung war die wohl beste Waffe gegen die die Urben, gegen deren Kampfweise Infanterie und die tandorische Kavallerie nahezu machtlos waren.

Rethas stellte die besten Bogenschützen Valoriens, und dreihundert mit Langbögen ausgerüstete Rethaner befanden sich hinter der tandorischen Infanterie. Unter der Führung des rethanischen Ritters Arthur von Freital hatten sie sich so platziert, dass sie nicht zu sehen waren, zumindest nicht von der Position, von der die Urben angreifen würden. Erst kurz bevor die feindliche Reiterei die tandorische Kampflinie erreichte, würden die Urben von einem Pfeilhagel empfangen werden. Dies würde die Urben unerwartet und tödlich treffen, dessen war sich Celan sicher.

Arthur von Freital stach deutlich aus den Rittern Valoriens hervor. Das einzige Zeichen seiner Würde war sein Schwert in einer bronzenen Scheide mit roten Berylls verziert. Obwohl er kurz vor einer Schlacht war, trug er jedoch nicht wie die anderen Ritter eine Plattenrüstung. Auch einen großen Wappenschild oder ein schwer gepanzertes Pferd würde man bei dem Ritter lange suchen können. Stattdessen trug er als Rüstung lediglich eine Lederweste, in die mehrere Metallplatten eingenäht waren, dazu trug er eher die typische Kleidung eines Jägers oder Waldläufers. An Unterarmen und Beinen hatte er mit Nieten beschlagene Stulpen, seine Kleidung war in grün und braun Tönen gehalten und er trug einen schweren, grünen Mantel. Um seinen Kopf trug er ein ledernes Band, in dem auf seiner Stirn sehr klein sein Wappen abgebildet war, ein roter, auf allen Vieren stehender Fuchs auf dunkelgrünem Grund. Sein Schwert hing an einem Gürtel, an dem außer mehreren Gürteltaschen noch ein grünes Wappen mit einem schwarzen Pfeil befestig war. Das Bild wurde von einem Köcher auf dem Rücken abgerundet, in der Hand trug er einen rethanischen Langbogen. Auch sein wettergegerbtes Gesicht wirkte mit den vielen rotbraunen Haaren und dem zotteligen Vollbart eher wie das eines Bauern, denn eines Adeligen. Nur die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, strahlten eine herrschaftliche Würde aus. Sein Körper war muskulös und wirkte dennoch agil und sehnig, insbesondere da er im Vergleich zu anderen Männern eher klein war.

Ähnlich gekleidet wie Arthur hockten links und rechts von dem Ritter die Bogenschützen aus Rethas hinter der tandorischen Infanterie. Es gehörte zu dem Schlachtplan des Herzogs, an dem auch Arthur mitgearbeitet hatte, dass die Bogenschützen erst in letzter Minute vom Feind gesehen wurden. Die Rethaner trugen das Wappen ihres Herzogs, ein grüner Baum der zwischen zwei schwarzen Bergen zu sehen war. Auf dem weißen Hintergrund prangte über dieser Dreierformation ein grüner Stern. Nur etwa fünfzig Mann um Freital herum trugen dieses Wappen nicht, stattdessen trugen sie ebenso ein Gürtelwappen wie der Ritter. Die Bogenschützen aus Rethas wirkten ruhig, eine Eigenschaft, die ein guter Bogenschütze brauchte. Außerdem konnten sie relativ hoffnungsvoll der Schlacht entgegenblickten, da sie sich in der letzten Reihe und somit am weitesten entfernt vom Feind befanden.

Arthur schaute auf den Hügel hoch, auf den gerade der Herzog von Tandor mit seinen engsten Getreuen ritt. Von hier unten konnte man nicht erkennen, dass sich jenseits dieses Hügels die tandorische Reiterei auf den Angriff vorbereitete. Diese wilden Urben würden hier ihr blaues Wunder erleben, wenn sie einem der größten valorischen Strategen dieser Zeit entgegentraten, dem Herzog von Tandor, dessen war sich Arthur sicher. Der Bote hatte berichtet, dass der Feind in keiner großen Entfernung mehr war und bald in dem Tal eintreffen würde. Noch einmal schaute Arthur nach Links und Rechts und sah in die entschlossenen Gesichter seiner langjährigen Weggefährten, die zum Teil schon damals bei der Verteidigung der Ostwacht gestritten hatten. Es war gut, stets Freunde um sich zu haben. Ob es jetzt Hagen war, Arthurs Cousin, der ihm fast aus dem Gesicht geschnitten war, oder Jorgen, der Sohn eines Schmiedes aus Freital, der selber Oberarme wie ein Bär hatte, oder Wulf, der bestimmt schon über fünfzigjährige ergraute Jäger und Kämpfer, oder William, oder Georg, oder Rogar, oder alle anderen braven Freitaler, die sich bei den Schwarzen Pfeilen zusammenfanden. Man würde sich wieder viel zu erzählen haben, wenn man nach dem Kampf am Lagerfeuer auf die erfolgreiche Schlacht anstieß. Arthur schaute nach vorne. Bald schon würde der Feind da sein.

Ikran Khan, der einstmalige Stammesführer der Urboi Kjit, war mittlerweile unumstrittener Anführer aller Urben. Nach und nach hatte er die vielen zersplitterten Stämme unterworfen oder überzeugt, sich ihm anzuschließen. Majestätisch ritt er vor seinen Reitern, neben ihm seine vier Söhne. Und er wirkte in der Tat wie ein Herrscher: seine schwarzen Haare waren zu mehreren Zöpfen zusammengebunden, die mit edlem Schmuck verziert waren. Auch sein Bart war von kleinen Schmuckstücken durchzogen und reichte ihm bis auf die Brust. Sein Blick stach aber heraus. Ein Blick aus braunen Augen, die einen Mann in die Knie zwingen konnte.

In den letzten Jahren hatte sich das Reitervolk an den Reichtümern Tandors laben können, nun aber waren sie so stark geworden, endgültig in Valorien einzufallen.

Seine Späher hatten von einer Armee des Herzogs von Tandor berichtet. Wenn diese erst besiegt war, dann würde das Tor in das Königreich offen sein, das sich im Südwesten an die Steppen der Urben anschloss. Und dies würde weiteren Reichtum bedeuten. Ikran Khan würde unsterblich werden, dies war stets sein Streben gewesen, und hier sollte es beginnen. Dem Anführer der Urben folgten über eintausend Reiter, was für das sonst eher kleine Volk der Urben, das über weite Steppen verteilt war, eine große Streitmacht war. Die meisten der wilden Reiter waren mit Bögen ausgerüstet, dazu trugen sie Säbel und Speere, einige wenige auch Schilde aus Holz oder Leder.

Ikran Khan gab seinem Pferd die Sporen und erreichte ein gutes Stück vor seinen Söhnen den Hügelkamm. Sein Blick glitt über das Tal, das sich zu seinen Füßen erstreckte. Im westlichen Teil des Tales sah er die Streitmacht der Valoren, die, soweit er erkennen konnte, ausschließlich aus Infanterie bestand. Etwa tausend Mann glaubte er zu erkennen, eine durchaus ordentliche Streitmacht. Dennoch suchte er im Tal nach weiteren Anzeichen von Soldaten, da er sich nicht vorstellen konnte, dass tandorische Infanterie ohne Unterstützung durch Kavallerie reiste, deren Qualität immerhin fast an die der Urben heranreichte. Dann erkannte er die einzelnen Reiter auf der Spitze des südlichen Hügels. Er lächelte. Dahinter versteckte sich also die Kavallerie Tandors. Er schätzte diese nicht auf mehr als dreihundert Pferde, zumindest besagten dies in etwa seine letzten Berichte, die er von seinen Spähern erhalten hatte. Mit den Fußtruppen waren seine Feinde den Urben zahlenmäßig leicht überlegen, was für Ikran Khan einen sicheren Sieg bedeutete. Seine Söhne schlossen zu ihm auf und gemeinsam besprachen sie den Schlachtplan in der groben und harten Sprache der Urben.

Die Strategie der Urben sah fast immer gleich aus: Man ritt bis auf etwa fünfzig Schritt an den Feind heran, um ihn mit Pfeilen zu spicken. Wenn der Feind vorrückte, zog man sich zurück, was aufgrund der Schnelligkeit der leichten Reiterei der Urben bei keinem Gegner eine Schwierigkeit darstellte. Wenn der Feind ausreichend geschwächt war durchbrach man dessen Linien und löschte ihn endgültig aus. Wenn es möglich war, griff man vorher noch seine Flanken an, um zusätzlich Unruhe zu stiften.

In dieser Form war auch der Plan von Ikran Khan gestrickt. Nur musste er mit seinen Truppen darauf achten, wie sich die feindliche Reiterei verhielt. Er war sich sicher, dass der Herzog von Tandor versuchen würde, ihn und seine Männer zu umschließen und sie dann in den Nahkampf mit der Infanterie zu drängen, den die urbischen Reiter gegen die valorischen Speerträger verlieren mussten. Doch soweit würde er es nicht kommen lassen. Wenn die feindliche Reiterei auftauchte, würde sich die gesamte urbische Streitmacht dieser zuwenden, um sie zu zerschlagen. Danach würde die restliche Infanterie ausgelöscht werden. Der Plan war einfach, aber Ikran Khan war sich sicher, dass er erfolgreich sein würde und er eine weitere Schlacht in seine Siege einreihen konnte.

Dann ließ er das Signal zum Angriff geben.

Celan von Tandor mochte den Ritter Arthur von Freital nicht. Er beschmutzte einfach die Ehre des Reiches und der valorischen Ritterschaft. Und dieser gehörten neben den großen Männern dieser Zeit auch die größten Helden der Altvorderen an. Sein Verhalten, seine Kleidung, sein Umgang mit einfachen Soldaten, dies entsprach einfach nicht dem, was Celan von einem Adeligen und Ritter erwartete. Zudem war Freital vorlaut, zeigte kaum Respekt, selbst ihm als Herzog gegenüber nicht, und mischte sich ständig unter das Volk. Und diese Dinge waren nur die Ersten, die Celan einfielen, wenn er daran dachte, wieso er Arthur von Freital nicht mochte.

Aber diesmal konnte er nicht abstreiten, dass die Kampfart von Freital und seinen Gefolgsleuten genau in seinen Plan passte. Nicht nur waren sie ausgezeichnete Bogenschützen, wohl die besten ganz Valoriens, sondern sie waren auch noch unauffällig und konnten, wenn sie wollten, absolut ungesehen bleiben. Von hier oben fiel es selbst ihm schwer, obwohl er über die Anwesenheit der Rethaner wusste, diese zu erkennen. Dann blickte er erneut zu den östlichen Hügeln und erkannte erste Reiter. Es ging also los. Er zog seinen Helm über und sah, wie mehr und mehr urbische Reiter sichtbar wurden. Seinen Spähern zufolge waren es ungefähr eintausend Reiter, eine stattliche Streitmacht, dennoch etwa zwei zu eins den tandorischen Soldaten unterlegen.

Celan hatte in den letzten Jahren, in denen sein Land von den Übergriffen geplagt worden war, viel Geld aufgewendet, um möglichst heimlich große Streitkräfte auszuheben. Und dies zahlte sich jetzt auch aus, zumindest hoffte er, dass der Feind über ihre wahre Stärke im Dunkeln war. Er schaute erneut zu den Urben. Und dann begann der Angriff.

„Forgat, halte dich bereit Freital das Signal zu geben, Ulf, halte dich bereit den Angriff unserer Reiter zu befehligen.“, befahl der Herzog seinen Untergebenen, während er zusah, wie sich die Horde der Urben in das Tal ergoss. Sie waren wirklich furchteinflößende Krieger. Celan versuchte den Abstand zwischen der ersten Reihe der Urben und der Linie seiner Krieger, die sich keinen Schritt bewegten, möglichst gut einzuschätzen. Bei seiner Strategie ging es um Genauigkeit, Genauigkeit bei dem Abstand der gegenüberstehenden Feinden und Genauigkeit bei dem Zeitpunkt, an dem die einzelnen tandorischen Soldaten angreifen sollte. Alles war genau durchdacht, jetzt konnte der Herzog nur noch hoffen, dass sein Plan aufgehen würde.

„Wohlgeboren, der Feind ist auf dem Hügel zu sehen.“, informierte ein tandorischer Soldat Arthur von dem Eintreffen der Urben, das er jedoch selbst schon längst erkannt hatte.

„Danke mein Junge, dann geh zurück auf deine Position“, entgegnete der dem Soldaten, um sich dann an seine Männer zu richten.

„Die Bögen besehnen und Pfeile bereit legen, niemand schießt vor meinem Kommando, und bleibt unten, sodass euch der Feind nicht sehen kann. Ich wünsche euch allen viel Glück, möge dieser Tag ein guter für uns werden.“

Dann steckte er vor sich fünf Pfeile in den Boden und spannte seinen eigenen Bogen mit der Sehne aus Hanf. Gerade für die ersten Schüsse war es von elementarer Wichtigkeit, schnell zu sein. Die ersten Pfeile, die auf die Urben nieder regnen sollten, sollten alle möglichst schnell hintereinander kommen, sodass diese nicht reagieren konnten, bevor es eigentlich schon zu spät war.

Arthur sah deutlich beeindruckt, wie die Lawine aus urbischen Reitern in das Tal rollte. Eine riesige Staubwolke bildete sich hinter dem Heer des Feindes. Wie Herzog Celan ihm berichtet hatte, schätze auch Arthur den Feind auf etwa eintausend Mann. Als die Urben näher kamen, spürte er wie die Erde zu zittern begann. Die Schläge der viertausend Hufe, die auf den harten Steinboden des Tales schlugen, ließen nicht nur das ganze Tal erzittern, sondern erzeugten auch ein ohrenbetäubendes Getöse. Der Lärm wurde im Norden von den Hängen des Gebirges zurückgeworfen und baute sich so weiter auf. Zusammen mit dem wilden Kriegsgeschrei der Steppenkrieger bildete dies eine Atmosphäre, die jedem Soldaten bis ins Mark fuhr. Arthur sah gerade in den Gesichtern der jüngeren Soldaten Angst und schwindende Zuversicht.

In den Augen der Rethaner war jedoch fast ausschließlich Entschlossenheit zu sehen. Viele waren alte Veteranen und kampferfahren. Trotz aller Angst regte sich kein Krieger in den tandorischen Reihen. Wie ein Fels blieben die Soldaten stehen. Da erschallten die ersten Befehle über die Linien der Infanterie. Arthur selbst führte nur die Bogenschützen, die restlichen Männer wurden von einem tandorischen General geführt. Den Befehlen folgend begaben sich die Tandorer in Kampfformation. Ein Schildwall wurde gebildet, dazwischen wurden die Speere nach vorne gerichtet, um den Ansturm der Reiter aufzuhalten. Die Spannung wuchs, der Feind näherte sich, aber immer noch war kein Zeichen von Celan zu sehen. Arthur blickte zu dem Südhügel, auf dem der Herzog zu sehen war.

Fünfzig Schritte, dies war ungefähr die übliche Angriffsdistanz der Urben. Einhundertfünfzig Schritte, das war die Distanz, die ihm Arthur mitgeteilt, auf der seine Bogenschützen gut schießen konnten. Darüber war nur ungenaues Schießen möglich. Celan konnte gut Distanzen abschätzen. Die Urben waren noch gut sechshundert Schritte entfernt und näherten sich schnell. Noch fünfhundert Schritte. Celan hob die Hand. Forgat umschloss mit seiner Hand das Banner des Herzogs. Noch vierhundert Schritte. Celan konzentrierte sich. Jetzt wurde es ernst. Noch dreihundert Schritte. Noch einen kurzen Moment zögerte der Herzog, dann ließ er seine Hand sinken.

Forgat schwenkte das herzogliche Banner deutlich sichtbar über seinem Kopf und folgte danach seinem Herzog, der sich abwendete um zu seinen Reitern herunter zu reiten. Jetzt sollte es also beginnen.

Arthur sah den Feind sich nähern. Vielleicht täuschte er sich, aber die Urben sahen schon sehr nah aus. Der Lärm war mittlerweile kaum mehr ertragbar. Die ersten Pfeile schlugen vor den Reihen der tandorischen Soldaten ein. Es mangelte den Urben wirklich an Disziplin, aber das war bei einem solchen Kampfstil wohl auch nicht nötig. Arthur blickte erneut auf den Hügel. Dann sah er das Zeichen. Blitzschnell erhob er sich, und ebenso taten es alle Bogenschützen neben ihm. Er zog die Sehne des Bogens nach hinten. Der Feind war schon nah, vielleicht einhundert Schritt.

„Treu und Ehr!“, brüllte er so laut, dass es selbst gegen der Lärm der feindlichen Reiterei zu hören war.

„Valorien!“ erschallte es aus den Kehlen von eineinhalbtausend Valoren und die Pfeile Rethas flogen los.

Kapitel 3

Ludwig von Fendron stand am Fenster des Palastes in Tjemin. Die Sonne schien hell über die Dächer der Stadt. Es war wirklich ein wunderschönes Panorama. Ludwig machte ein paar weitere Pinselstriche mit einem feinen Pinsel. Sein Werk war fast fertig, hier und dort noch ein paar Details, dann wäre die fendronische Hauptstadt endgültig auf sein Papier gebannt. Über dem Panorama der Stadt war das Wappen des Herzogs von Fendron abgebildet, von Ludwigs Vater. Auf weißem Grund war ein Kranz aus Efeuranken mit einem blauen Stern darin abgebildet.

Das Werk gefiel Ludwig sehr, es war wirklich eines seiner besten Bilder, fast noch besser als das Portrait seines Vaters, das er vor einigen Jahren gemalt hatte.

Das Zimmer des Herzogssohns sah eher wie das Zimmer eines Gelehrten und Künstlers, denn eines Adeligen aus. Mehrere Bücherregale waren voll mit Büchern über die verschiedensten Themen, an der Wand hing eine große Karte von Valorien, zudem standen eine Harfe und eine Laute in einer Ecke und natürlich die große Staffelei, an der Ludwig gerade arbeitete. Daneben war ein Tisch, an der er die Farben angerührt hatte. Dazu kam noch ein großer Schreibtisch unter einem der Fenster. An den Wänden hingen verschiedene Malereien, die offensichtlich alle dem Pinsel von Ludwig entstammten. Ludwig selbst war nicht allzu groß gewachsen, fünfundzwanzig Jahre alt und hatte blonde, halblange Haare. Die langen Jahre an Adelshöfen, in Universitäten und Bibliotheken hatten Ludwig mittlerweile einen kleinen Bauch eingebracht, obwohl man ihn noch nicht wirklich als dick bezeichnen konnte. Seine Klamotten waren von edelster Machart, obwohl sie gerade von einem Malerkittel verdeckt waren, der sie vor Farbklecksen schützen sollte. Zudem trug er noch verschiedenen Schmuck an Händen und um den Hals.

Mit einigen kleinen Pinselstrichen beendete Ludwig seine Arbeit. Er trat einige Schritte zurück und betrachtete das Bilde von Tjemin, über dem das Wappen Fendrons prangte. Er nickte noch einmal, es war wirklich ein sehr gutes Werk. Es musste noch ein bisschen trocknen, aber bis heute Abend konnte er es einrahmen. Gerade noch rechtzeitig war er fertig geworden. Er seufzte erleichtert und legte Pinsel und Farben auf seinen Malertisch. Dann wusch er sich in einer Waschschüssel die Hände und setzte sich ans Fenster. Er schaute auf den Hof hinunter. Dort sah er seinen älteren Bruder, Berlan, der im Hof mit einigen Männern Kampftraining absolvierte. Berlan war das komplette Gegenteil von Ludwig, ebenso wie beider jüngerer Bruder Forgat, der ebenfalls nach dem Ältesten kam. Berlan war fast zwei Schritt groß, von kräftigem Wuchs und mit breiten Schultern. Seine kurzen Haare waren dunkelbraun, er hatte ein kantiges, männliches Gesicht, im Gegensatz zu den weichen Zügen von Ludwig. Berlan war Junker. Er hatte eine Ausbildung als Knappe abgeschlossen, war jedoch nicht zum Ritter geschlagen worden. Außerdem war er der General der fendronischen Truppen. Er hatte auch gute Hoffnungen vom König zum Ritter geschlagen zu werden, nachdem dieser gekrönt war. Wenn man Berlan und Ludwig nebeneinander sah, konnte man wirklich nicht glauben, dass beide Brüder waren. Erst wenn man die Eltern dazu stellte, ergab sich dies. Ludwig kam mehr nach seiner Mutter, die vor einigen Jahren gestorben war, Berlan und Forgat kamen nach ihrem Vater, der mittlerweile ergraute Herzog von Fendron. Der dritte Sohn des Herzogs, Forgat, war Junker im Herzogtum Tandor.

Ludwig sah wie sich das erste Tor des Palastes öffnete. Der Palast von Tjemin war mehr eine Burg denn ein Palast. Lediglich der innere Teil der Burg, der von einem starken äußeren Mauerring umgeben war, erinnerte an einen Palast. Innerhalb des inneren Mauerringes war ein großer Innenhof, der von Handwerksstuben umgeben war. Der Hauptteil der Burg war der Wohnsitz der herzoglichen Familie mit dem Rittersaal und dem großen Saal. Ludwig hörte wie die Wachen die Gäste ankündigten.

„Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan und Ritter Valoriens“, erschallte es bis zum Palast. Ludwig sah, wie Berlan das Training augenblicklich unterbrach. Er wies die Männer an, ein Spalier hinter dem inneren Tor zu bilden. Berlan von Fendron war dazu bestimmt worden, die Gäste zu begrüßen. Erst später trafen diese dann den Herzog, ein Treffen, bei dem auch Ludwig dabei sein würde. Ludwig erkannte, wie die Gäste eintraten und die Gärten, die im äußeren Mauerring angelegt waren, durchquerten. Der berühmte Ritter von Dämmertan wurde von zwei jungen Leuten begleitet, der Junge war offensichtlich der junge König, das junge Mädchen war Ludwig nicht bekannt. In den nächsten Tagen wollte Ludwig zurück nach Andtweil reisen, aber wenn der junge König Tjemin besuchte, dann musste er eben anwesend sein. Er ging vom Fenster weg und rief einen Diener, der ihm beim Ankleiden helfen sollte.

Lora schaute erneut an sich herunter. Sie sah wirklich gut aus, innerlich lächelte sie noch immer darüber. Sie wünschte sich, dass ihre Mutter sie so einmal gesehen hätte. Nachdem sie das „Goldene Rad“ verlassen hatten, war ihr neuer Herr, Geron von Dämmertan, mit ihr und Finn zu einem Schneider gegangen. Dieser hatte glücklicherweise Kleider gehabt, die nach einigen kleinen Änderungen der jungen Frau passte, zumindest fühlte sie sich jetzt so, wie eine junge Frau. Lora hatte von ihrem Herrn zwei Sätze Kleidung gekauft bekommen, einen für den Hof und einen für die Reise. Der Reisesatz bestand aus Männergewandung, robust aus dickem Stoff und Leder, mit brauner Hose, grüner Tunika und darüber eine Weste aus braunem Leder. Ihren Hut durfte sie nach Nachfrage auf der Reise weiter tragen, immerhin hatte sie diesen nach den vielen Jahren lieb gewonnen. Aber jetzt trug sie ihre gute Kleidung, und sie fühlte sich wirklich schön. Sie trug ein weißes Unterkleid, darüber ein grünes Kleid. Die engen Kleider betonten ihren Körperbau, der durchaus ansehenswert war. Nach dem Schneider waren sie auch noch beim Barbier, der ihre Haare gemacht hatte. Sie war ordentlich durchgekämmt worden, die Haare waren ordentlich geschnitten worden und sie hatte auf dem Kopf einige Zöpfe geflochten bekommen, die hinten in einen einzigen übergingen, in den ein grünes und ein weißes Bändchen eingeflochten waren. Ja, sie war in diesen Gewändern wirklich eine junge Frau, und das fühlte sich sehr gut an.

Lora lief rechts hinter Geron auf den Palast von Tjemin zu, links neben ihr lief Finn, der das Wappenschild seines Herrn auf dem Rücken trug. Die Menschen Tjemins wichen den drei respektvoll aus und machten so stets den Weg frei. Dieses Gefühl wichtig und geachtet zu sein, war wirklich etwas ganz neues für Lora, auch wenn die Leute sie und Finn eigentlich gar nicht beachteten, sondern nur ihren gemeinsamen Herrn, den Ritter von Dämmertan. Nach einigen Minuten erreichten sie den Palast, der am westlichen Stadtrand auf einem Hügel gebaut war und so über die Stadt ragte. Sie traten vor das große Tor der äußeren Mauer, das geschlossen war. Nur ein kleineres Tor daneben, das gerade so groß war, dass ein Karren hindurch passte, war für Bedienstete und Anlieferungen geöffnet. Natürlich kam es nicht in Frage, dass solch hoher Besuch durch dieses Tor ging, aber in Fendron war es üblich, dass der Besuch erst innerhalb der Mauern empfangen wurde.

„Wir verlangen Einlass in den Palast des Herzogs Richard von Fendron zu Tjemin“, rief Geron laut und ein Offizier der herzoglichen Wache trat an den Rand der Mauer über dem Tor.

„Wer verlangt Einlass in den Palast des Herzogs von Fendron?“, rief er zu den Gästen hinunter.

„Mein Name ist Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan und Ritter Valoriens.“

„Herr von Dämmertan, Ihr seid willkommener Gast des Herzogs. Öffnet das Tor!“, befahl er seinen Wachen und wand sich dann Richtung Burg, um den Gast anzukündigen.

„Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan, Ritter Valoriens.“ Das Tor öffnete sich langsam und die drei traten durch den Torbogen. Lora wunderte es immer noch, dass alle Menschen immer nur Geron den Respekt erwiesen, nicht aber Finn, der immerhin der König dieses Landes war. Sie würde das definitiv Finn mal in einer ruhigen Stunde fragen, aber es hatte bestimmt einen guten Grund.

Lora war beeindruckt von den Gärten des Herzogs, die sich zwischen den beiden Mauerringen befanden. Natürlich hatte sie von weitem den Palast schon jeden Tag gesehen, aber noch nie hatte sie die Gelegenheit gehabt, in den Palast zu kommen. Ein gepflasterter Weg, auf dem sie gingen, führte durch den Garten zum Tor der inneren Mauer. Links und rechts von der Straße gingen mehrere kleinere Wege weg, die aus Kieselsteinen bestanden. In den Gärten waren Blumenbeete in den verschiedensten Farben, es gab Bäume und Hecken, alles wirkte so wunderschön. Der Herzog von Fendron hatte offensichtlich keine Kosten gescheut, diese Gärten anzulegen. Geron hatte dem Anschein nach jedoch keine Augen für die Schönheit der Grünanlagen. Er marschierte stramm die Straße entlang zum nächsten Tor. Als sie noch einige Schritte entfernt waren, öffnete sich auch das Tor des inneren Mauerringes.

Im Innenhof des Palastes war ein Spalier aus Gerüsteten gebildet. Je acht Mann mit Wappenröcken des Herzogtums Fendron waren auf jeder Seite, am Ende des Spaliers stand ein ziemlich großer Mann. Er trug eine glänzende Brustplatte über edlen, dunkelblauen Gewändern. An der Seite hatte er ein Schwert, was jedoch nicht so außerordentlich verziert war, wie Gerons. Seine Haare und sein Bart waren beide auf kurze Stoppeln gestutzt, und dennoch erkannte man die blonde Farbe. Seine Augen waren bläulich, und strahlten dieselbe Stärke aus wie sein muskulöser Leib. Neben ihm standen zwei Bannerträger, hinter ihm ein Dritter. Die beiden Banner links und rechts des Mannes zeigten die Wappen Fendrons und Dämmertans, hinter dem Mann war das Banner Valoriens zu sehen. Geron trat durch das Tor und ging auf den Mann zu, der den drei Gästen entgegen kam.

„Ich grüße Euch, Herr von Dämmertan. Ich darf Euch im Namen meines Vaters, Herzog Richard, im Palast zu Tjemin willkommen heißen. Ich hoffe, dass Eure Reise ohne Schwierigkeiten verlief und dass Ihr Euren Aufenthalt in Tjemin genießen könnt.“, begrüßte der Sohn des Herzogs die Gäste.

„Vielen Dank, Berlan“, Geron schüttelte Berlan, den er schon länger kannte, die Hand. „Unsere Reise war durchaus angenehm. Ich darf dir meinen Knappen vorstellen, König Priovan I.. ich glaube Ihr habt euch noch nicht kennengelernt. Außerdem habe ich eine neue Begleiterin auf meinen Reisen, das Mädchen hörte auf den Namen Eleonora.“

„Es ist mir eine Freude Euch kennen zu lernen, Herr Berlan.“, verneigte sich Priovan leicht vor dem Sohn des Herzogs, dieser entgegnete die Begrüßung mit einer Verbeugung. „Die Freude ist ganz meinerseits, königliche Hoheit.“ Dies missfiel Geron ganz offensichtlich, immerhin war Priovan im Moment nicht König, sondern sein Knappe, aber er ließ ihn gewähren. Auch Lora verbeugte sich zu Begrüßung, blieb aber ruhig, da sie nicht wirklich wusste, ob oder was sie sagen sollte.

„Wie ist denn der weitere Verlauf des Nachmittags geplant?“, fragte Geron Berlan und lenkte so die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Nun, Wohlgeboren, wie Ihr in Eurem Brief angekündigt habt, wird es heute noch eine königliche Audienz geben. Ihr werdet nun zuerst in eure Gemächer geführt und könnt euch kurz ausruhen. Danach wird euch mein Vater empfangen, im Anschluss wird der König zur Audienz laden und diese wird heute Abend in ein Festmahl mit anschließendem kleinen Ball übergehen.“

„Vielen Dank, das hört sich sehr gut an. Dann würden wir jetzt gerne zu unseren Gemächern geführt werden, wir werden alle drei ein Quartier teilen, wenn es recht ist.“, antwortete Geron.

„Ich werde alles in die Wege leiten, folgt mir bitte!“, führte Berlan die Gäste in den Palast. Von einer großen Eingangshalle gingen links und rechts je zwei Türen weg und frontal war eine größere Tür, die offensichtlich zu einem größeren Saal führte. Berlan führte sie zu der ersten rechten Tür, hinter der eine Wendeltreppe nach oben führte. Im zweiten Stock ging er einen Gang entlang und blieb an einer Tür stehen auf die er zeigte.

„Bitte, ihr habt das große Gästezimmer an der Südecke des Palastes, von hier habt ihr einen schönen Blick auf Tjemin und die davor liegenden Felder und Gehöfte. Solltet ihr noch irgendwelche Wünsche haben, dann wird vor der Tür stets ein Diener bereit stehen. Entschuldigt mich nun bitte.“ Berlan verließ die Gruppe in die gleiche Richtung, aus der sie gekommen waren, der besagte Diener blieb an der Tür stehen.

Das Zimmer war sehr groß und geräumig. Es umgab die gesamte Südecke des Palastes. Neben einem großen Himmelbett standen zwei kleinere, einfachere Betten an der Wand. Zudem gab es verschiedene andere Möbel, zwei Schränke, ein Rüstungsständer und weitere Tische, Stühle und Sessel. Das Zimmer machte wirklich deutlich, dass der Herzog von Fendron ein reicher Mann war. Das Gepäck von Geron und seinem Knappen wurde von Dienern gerade ins Zimmer gebracht. Es war nicht allzu viel, aber einige Dinge brauchten die beiden eben schon.

„Gut, ich werde noch ein Bad nehmen, bevor wir beim Herzog vorsprechen werden. Priovan, Lora, ihr werdet hier schon einmal das Gepäck ausräumen. Und Priovan, du wirst Lora die wichtigsten Benimmregeln für heute Abend beibringen. Dann Diener, wo kann ich mich Baden?“, fragte Geron den Diener laut, sodass er ihn hören konnte.

„Folgt mir bitte, Wohlgeboren, ich werde Euch den Weg weisen.“, antwortete dieser und ging voran.

Nachdem die Tür hinter Geron zuschlug, ließ sich Finn erstmal auf ein Bett sinken und atmete tief durch. Endlich konnte er sich kurz ausruhen und musste nicht immer starr hinter seinem Herrn herlaufen. Der Abend würde noch mal anstrengend werden, aber da würde er wohl auch viel sitzen können, zumindest hoffte er das. Lora ließ sich neben Finn nieder und schaute ihn lächelnd an. Sie hatten das erste Mal seit ihrer Flucht Zeit, zu zweit miteinander zu reden.

„König von Valorien also? Und nicht Finn, das hat mich wirklich überrascht. Na dann lass mal hören, du sollst mir ein paar Benimmregeln beibringen. Ich bin ganz Ohr.“ Lora lehnte sich, auf dem Bett sitzend, an die Wand dahinter und schaute Finn erwartungsvoll mit einem leicht verschmitzten Lächeln an.

„Ja, klar, Hofprotokolle gehören auch zu meinen absoluten Lieblingsthemen“, antwortete Finn mit einem deutlich ironischen Unterton. „Aber nun gut, ich werde dir mal die grundlegenden Dinge erklären, dass du zumindest durch diesen Abend durchkommst. Du kannst froh sein, dass wir hier in Fendron und nicht in Tandor sind, dort ist die ganze Sache noch ein Stück schärfer, das sagt zumindest immer mein Herr. Ich bin ja heute das erste Mal am Hof in Fendron. Also“, wollte Finn gerade anfangen, als er doch noch mal eine Pause einlegte und zu Lora schaute.

„Ich finde es übrigens echt gut, dass du jetzt mit uns reist. Das wird mein Leben bestimmt ein bisschen aufhellen. Ich meine, Geron, also der Herr von Dämmertan, ist echt in Ordnung. Er ist fair, offen, fürsorglich und bringt mir wirklich viel bei. Aber dennoch ist er einfach niemand, den man als angenehme Gesellschaft bezeichnen würde. Ich denke, wir beide werden uns da ein bisschen Ausgleich schaffen, oder?“

Lora lächelte zurück. „Ja, mal schauen, wie es wird. Ich muss sagen, ich kann es eigentlich noch gar nicht so recht begreifen, was ich mir hier gewünscht habe. Ich meine, ich bin ein einfaches Mädchen, das bisher auf der Straße gelebt hat, und jetzt reise ich mit dem König und einem Ritter Valoriens. Das ist irgendwie schon, na ja, seltsam. Aber ich glaube immer noch, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zumindest bin ich aus diesem Dreckloch heraus und ich denke auch, dass ich auf den Reisen viel Spaß haben werde. Und das wichtigste ist, ich werde hoffentlich immer etwas zu essen haben und eine Perspektive, das ist alles besser als das Bettlerleben in den Straßen von Tjemin.“

Finn nickte nachdenklich. Lora schien wirklich schon viel durchgemacht zu haben. Vielleicht half ihm die Reise sogar, die einfache Bevölkerung besser zu verstehen. Er nahm sich zumindest fest vor, Lora aufmerksam zuzuhören. Vielleicht brachte ihm dieses kleine Mädchen etwas bei, um ein besserer König zu werden.

„Ja, also, wir waren bei Benimmregeln“, lenkte Finn wieder auf das ursprüngliche Thema. „Dann will ich dir mal die Grundlagen beibringen. Immerhin sollst du ja heute neben dem Herrn von Dämmertan einigermaßen ordentlich aussehen.

Ich werde erstmal mit einigen grundlegenden Regeln anfangen, die dir erlauben, durch den Abend zu kommen. Wie du dir fast denken kannst, solltest du dich einfach möglichst zurückhaltend verhalten. Spreche nicht, wenn du nicht angesprochen wirst, setzte dich erst, wenn du dazu aufgefordert wirst. Wenn der Herzog, mein Herr oder ich, wenn ich gerade als König wahrgenommen werde, vom Tisch aufsteht, dann musst du auch aufstehen. Schau einfach so oft wie möglich zu unserem Herrn und mach einfach alles so, wie er es macht, dann kannst du schon mal nichts ganz grob falsch machen. Soweit alles klar?“, fragte Finn Lora, die nur aufmerksam nickte. Natürlich war es recht viel, aber Lora glaubte ganz ordentlich mitzukommen. Und sie war sich auch recht sicher, dass sie einen ganz guten Menschenverstand hatte, und in den Straßen hatte sie gelernt, sich an verschiedene Situationen anzupassen. Obwohl die Situation an Hof natürlich eine völlig andere war, ihre Anpassungsfähigkeit würde ihr auch hier helfen, zumindest hoffte sie das. „Ja, klar, soweit alles verstanden. Fahr fort!“

„Sehr gut. Also, dann ein paar Worte zu Anreden und Titeln. Das ist wohl eine der schwierigsten Sachen, die es im Rahmen des Hofprotokolls gibt. Pass gut auf, aber wenn du dir nicht alles merken kannst, ist das auch nicht schlimm. Eine kleine Frage am Rande, kannst du lesen und schreiben?“

„Nein, natürlich nicht, wo hätte ich es auch lernen sollen.“

„Nicht so schlimm, dann wirst du das bestimmt auch noch lernen, wenn das der Herr von Dämmertan für wichtig hält. Ist gar nicht so schwer, ich bin mir sicher, dass du das schnell lernst. Also, Titel und Anreden, weißt du noch, was für Titel unser Herr trägt?“, fragte Finn Lora, die kurz nachdachte. Sie hatte den gesamten Namen ihres neuen Herrn mehrere Male gehört, und glaubte sich auch, komplett daran zu erinnern.

„Geron von Dämmertan, Freiherr und Ritter?“, antwortete sie leicht skeptisch.

„Fast, der richtige Name lautet Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan und Ritter Valoriens, seine Anrede als Freiherr und Ritter lautet „Wohlgeboren“. Freiherren besitzen Ländereien, über die sie herrschen und von denen sie auch Steuern erheben können. Jedoch ist der Freiherrentitel nicht erblich, wobei oft den Söhnen von Freiherren dieser Titel erneut verliehen wird. Im Range gleich zu den Freiherren jedoch mit einem erblichen Titel stehen Grafen, davon gibt es nur noch sehr wenige in Valorien. Über den Grafen stehen die drei Herzöge von Fendron, Tandor und Rethas, darüber nur noch der König. Soweit alles verstanden?“

Lora nickte. Sie hatte den Ausführungen so gut wie möglich zugehört, aber sie merkte schon jetzt, dass das alles ziemlich komplex war. Auch wenn sie ein gutes Gedächtnis hatte, war sie sicher, dass sie diese Sachen nicht zum letzten Mal lernen würde.

„Gut, dann die wichtigsten Anreden von oben nach unten. Der König wird normalerweise mit „königlicher Majestät“ angeredet, aber wie du vielleicht vorhin bemerkt hast, wurde ich mit „königlicher Hoheit“ angesprochen. Diese Anrede gilt der Königin oder einem nicht gekrönten König. Der König in Valorien wird erst mit siebzehn Jahren gekrönt. Die Herzöge darunter, werden mit „Euer Gnaden“ angesprochen, die Grafen mit „Hochwohlgeboren“ und die Freiherrn, wie bereits gesagt. „Wohlgeboren“. Versuch dir möglichst gut alles zu merken, wenn du aber heute Abend nicht alles kannst, ist es nicht so schlimm. Wenn du nicht genau weist, wie du jemand titulieren musst, rede ihn oder sie einfach mit „Hoher Herr“ oder „Hohe Dame“ an, damit machst du schon mal nichts grundlegend falsch. Ach übrigens, für die einzelnen Söhne der Adeligen gibt es auch noch mal spezielle Anreden, aber das ist jetzt wirklich zu viel. Glaubst du, dass du bis hierhin alles beherrschst?“

Lora fühlte sich, als würde ihr Kopf rauchen. Das war wirklich viel Information in sehr wenig Zeit gewesen. Und das musste sie jetzt erstmal verdauen.

„Ich glaube, dass ich mit diesem Wissen schon ganz gut durch den Abend kommen werde, vielen Dank. Und der Gastgeber heute Abend ist Herzog Richard von Fendron, ich meine, Ihre Gnaden Herzog Richard von Fendron, richtig?“, fragte Lora ihren neuen Lehrer.

„Ja, genau richtig. Gut, ich werde schon mal die Kisten ein bisschen ausräumen, hilfst du mir?“ Lora nickte und stand auf. „Na klar, wenn ich mit dir reise, können wir uns auch die Arbeit teilen.“

Gemeinsam räumten sie die paar Kisten aus. Es war wirklich nicht viel, was die Beiden als Reisegepäck hatten, immerhin waren sie gemeinsam auf einer langen Reise. Als sie gerade ein paar Sachen von Geron herausholte und darauf sein Wappen sah, fiel ihr noch eine Frage ein.

„Ach, Finn, eine Frage hätte ich dann doch noch mal. Wie ist das eigentlich mit den Rittern in Valorien? Haben sie auch eine besondere Anrede? Und wie viele Ritter gibt es?“ Finn schaute auf. Er hatte gerade seinen guten Satz Kleidung ausgepackt, den er heute Abend anziehen musste. „Eine sehr gute Frage, Lora. Ja, die Ritter sind wirklich wichtige Personen Valoriens. Es gibt zu jeder Zeit maximal zehn Ritter in Valorien, da uns aus dem alten Reich nur zehn Ritterschwerter vermacht sind. Jedes der zehn Schwerter hat einen Namen. Die Ritter tragen diese besonderen Schwerter zum Zeichen ihres Standes und zum Schutz des Reiches Valorien. Im Moment gibt es aber nur sechs Ritter. Vier Ritter sind im letzten Krieg gegen Kargat gefallen, ein Weiterer im Krieg gegen die Urben. Neue Ritter werden nur von einem gekrönten König geschlagen, deswegen wurden noch keine neuen Ritter ernannt, außer dem neuen Herzog von Tandor. Jedem Herzog steht immer je ein Schwert und somit eine Ritterwürde zu, sie können auch von einem nicht gekrönten König zum Ritter geschlagen werden. Neben den drei Herzögen und unserem Herrn Geron von Dämmertan sind die andern beiden Ritter der Herr Arthur von Freital, ein Ritter aus dem Herzogtum Rethas, und der Herr Heinrich von Goldheim, dieser ist im Moment Reichsverweser und regiert das Königreich bis zu meiner Krönung. Die Anrede eines Ritters ist keine Besondere, sondern richtet sich immer nach dessen Titel. Wenn er weder Freiherr, Graf oder Herzog ist wird er einfach mit „Ritter“ tituliert. Ich denke, das sind die wichtigsten Sachen, die du erstmal wissen musst.“

„Gut, das kann ich mir merken. Muss ich auch irgendwelche Wappen wissen?“, fragte sie dann noch Finn.

„Nein, meines und das von Valorien solltest du erkennen, weitere sind aber eigentlich nicht nötig.“, hörte sie die Stimme von Geron, als dieser gerade wieder ins Zimmer kam. Sofort sprangen Lora und Finn auf und standen ordentlich gerade vor ihrem Herrn.

„Die werde ich erkennen, Wohlgeboren.“, sagte Lora, stolz darüber, die korrekte Anrede ihres Herrn zu kennen. Dieser lächelte freundlich.

„Sehr gut, Eleonora, nur musst du mich wenn wir nur zu dritt sind nicht beim Titel nennen. Dann kannst du mich ohne Probleme Geron nennen. Macht euch jetzt fertig, Priovan, du bleibst als Knappe gekleidet. Uns wird jetzt erstmal der Herzog empfangen, also hauptsächlich wird er mich empfangen. Erst danach wird es eine königliche Audienz geben, in der du dann als König auftrittst. Eleonora, solange Priovan als Knappe wahrgenommen wird, wirst du dich neben ihm halten, wenn er dann König ist, wirst du dich hinter mir halten. Priovan, du nimmst dein Schwert mit, das solltest du als Knappe tragen. Jetzt müssen wir los.“ Geron wartete noch kurz, bis sich Finn sein Schwert umgeschnallt hatte und dann gingen die drei nach unten.

Der Kleinere der beiden Audienzsäle war prachtvoll geschmückt. An den Wänden hingen die verschiedenen Wappen, die es im Herzogtum Fendron gab. Über dem großen Thron, der am Kopf einer langen Tafel stand, war das Wappen des Herzogs zu sehen, daneben prangten die Wappen von Dämmertan und Valorien. Neben dem Herzog saßen seine beiden Söhne, Berlan und Ludwig, neben letzterem saß eine junge Dame, die wohl kurz vor der Erreichung des zwanzigsten Lebensjahres stand. Sie trug ein hellblaues Kleid, das ausgezeichnet mit ihren glatten hellblonden Haaren und grünen Augen harmonierte. Ansonsten war sie zierlich, aber durchaus als sehr schön zu bezeichnen. Herzog Richard selbst war mittlerweile ein alter Mann. Schon bei der Schlacht am Eisentor war er in die Jahre gekommen, seitdem waren fast zehn Jahre vergangen. Seine Haare waren komplett grau, ebenso wie sein Kinnbart. Falten zeichneten sein Gesicht, trotzdem waren seine blauen Augen klar und durchstechend, wie die eines jungen Mannes. Als der Herr von Dämmertan von einem Diener geführt den Saal betrat, stand Richard auf. Er nahm einen Stock, der an seinen Thron angelehnt war. Die anderen Personen erhoben sich ebenso. Berlan stütze seinen Vater am rechten Arm, in der linken Hand hielt er seinen Stock, und der Herzog ging mit einem herzlichen Lächeln auf Geron zu. Jetzt erkannte man das Schwert an der Seite des Herzogs. Es erinnerte an Gerons Schwert, und dennoch sah es völlig anders aus. Die Scheide war aus Gold oder zumindest vergoldet und hatte tiefblaue Saphire eingearbeitet, auch im Knauf war wie bei Gerons Schwert ein solcher Stein. Richard reichte Geron die Hand zum Gruß.

„Ich grüße dich, alter Freund, und ich bin wirklich froh dich mal wieder bei mir zu Hause willkommen heißen zu können. Mein Sohn Berlan berichtete mir bereits, dass deine Reise gut war. Ich hoffe auch sonst, dass dir hier in Tjemin alle Annehmlichkeiten zu Gute kommen, die du dir wünschst.“

„Vielen Dank, Euer Gnaden. Auch ich bin froh wieder in Fendron zu sein. Darf ich Euch meinen Knappen vorstellen, Priovan, und eine weitere Gefolgsfrau, ihr Name ist Eleonora.“

Richard nickte den beiden Kindern begrüßend zu. „Es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Meine Söhne Berlan und Ludwig sind dir ja bekannt. Forgat habt Ihr ja bereits in Tandor getroffen. Ich darf dir noch mein Mündel vorstellen, ihr Name ist Isabel von Andtweil, sie ist die Tochter unseres alten Freundes Victor.“

Die junge Dame knickste vor dem Ritter, der auf sie zuging.

„Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen.“, begrüßte Geron Isabel und nahm die ihm gereichte Hand zum Kuss.

„Setz dich doch bitte, wenn es dir nichts ausmacht, sollen sich auch dein Knappe und das Mädchen dort neben hinsetzten, dann lass ich uns eine kleine Stärkung auftragen.“, forderte Richard seine Gäste auf und zeigte Geron seinen Platz an der anderen Kopfseite der Tafel. Geron zeigte auf einen kleineren Tisch, der an der Wand stand und Priovan und Lora setzten sich an den für sie bestimmten Tisch.

Nachdem Diener einige Teller mit Früchten und anderen kleinen Speisen aufgetischt hatten, begannen die Gespräche zwischen Geron und dem Herzog. Lora versuchte noch möglichst lang zu folgen, verlor aber sehr schnell den Faden. Alleine die Unkenntnis über die genannten geographischen Orte und Personen ließen ihr es wirklich schwer fallen, das zu verstehen, was da besprochen wurde. Sie schaute zu Finn. Dieser folgte dem Gespräch aufmerksam und schien mehr zu verstehen, offensichtlich sogar alles. Das war aber auch gut so, immerhin war er ja König und sollte Valorien mal regieren. Die beiden Adeligen redeten über die Reise, die Geron mit dem König unternahm, über die Vorkommnisse in Tandor und in Rethas, den beiden Herzogtümern, in denen sie vorher gewesen waren, und den immer noch anhaltenden Frieden mit Kargat. Sie redeten über alte Zeiten und auch über Aussichten für die Zukunft. Nach etwa einer halben Stunde schien sich das Gespräch dem Ende zu neigen, als Geron noch etwas einfiel.

„Ach, mir ist aus verlässlichen Quellen zu Ohren gekommen, dass eine Kutsche, die in den nächsten Tagen aufbrechen soll, auf der Reise von Tjemin nach Andtweil überfallen werden soll. Kennt Ihr einen solchen Transport, bei dem sich ein solcher Übergriff lohnen könnte?“

Geron erkannte, wie die Farbe aus dem Gesicht der Dame Isabel wich. Auch Richard wirkte offensichtlich besorgt. „Ja, Geron, in der Tat weiß ich von einer Kutsche, bei der sich ein Überfall lohnen könnte, und umso glücklicher bin ich, dass du mich warnst. Mein Mündel, Isabel, wollte in den nächsten Tagen zu ihrer Mutter nach Andtweil reisen, um diese zu besuchen. Ludwig wollte sie begleiten, da er oft dort an der Universität arbeitet. Ich hatte eigentlich nur vor, eine kleine Eskorte mitzuschicken, da man ja eigentlich davon ausgehen kann, in Fendron sicher zu sein. Aber deine Warnung belehrt mich eines Besseren. Ich werde genug Männer zu beider Schutz mitschicken. Vielen Dank für den Hinweis.“

„Das ist selbstverständlich“, antwortete Geron. „Wenn ich darf, würde ich gerne ebenfalls mitreisen. Meine neue Gefolgsfrau ist keine gute Reiterin und die ersten Tage der Reise in einer Kutsche mitzureisen würde ihr sehr gut tun. Außerdem liegt mir natürlich auch viel an dem Schutz der Tochter von Victor und Eures Sohnes. Ganz davon abgesehen ist unser nächstes Ziel sowieso Andtweil, von dort reisen wir dann nach Lyth Valor weiter.“

Richard lächelte zufrieden. „Es würde mich sehr freuen, die beiden unter deinem Schutz zu wissen.“

Der alte Herzog seufzte angestrengt. Anscheinend waren die langen Gespräche für ihn kräftezerrender, als für seine jungen Gesprächspartner. „Gut, ich denke, das war es. Wenn ihr erlaubt, ziehe ich mich jetzt kurz zurück. Wir sehen uns dann in einer Stunde in der großen Halle, ein Diener wird euch dorthin führen. Ich denke das wäre es. Geron, es war mir wie immer eine Freude.“

Richard erhob sich und nach ihm alle anderen, die am Tisch saßen. Priovan ging zu Geron, um sich hinter ihn zu stellen. Wie angewiesen folgte ihm Lora und stellte sich an dessen Seite. Nachdem der Herzog den Raum verlassen hatte, drehte sich auch Geron um und ging wieder hoch in Richtung ihrer Gemächer.

Kapitel 4

Ikran Khan sah die feindlichen Linien näher kommen. Er sah die Angst in den Augen der Verteidiger, die mit Speeren nach vorne gerichtet der Front aus urbischen Reitern entgegen sahen. Er sah die Angst nicht nur in ihren Augen, er spürte sie auch. Er spürte sie, wie sie ihm entgegen schlug. Es war diese Angst, die er stets hervorrufen wollte. Er labte sich an der Angst seines Feindes, bevor er ihn zerschmetterte. Er zog seinen Bogen aus, um mit allen anderen Reitern einen Pfeilhagel auf den Feind niederzulassen. Gleich waren sie nah genug dran für den Angriff. Dann würden sie sich wieder zurückziehen und dann wieder angreifen. Die Valoren würden langsam zermürbt werden, um dann am Ende endgültig von der Kavallerie besiegt zu werden. Er schaute über den angelegten Pfeil auf seine Feinde. Dann sah er etwas, das ihn sowohl überraschte als auch erschreckte. Hinter den Reihen der Feinde erhoben sich auf einmal Bogenschützen, Langbogenschützen. Und sehr viele davon. Ikran Khan wusste noch gar nicht, wie ihm geschah, als auf einmal dreihundert Pfeile auf die Urben zu flogen.

Die Pfeile aus Rethas waren gut gezielt. Die meisten fanden ihr Ziel. Pfeile durchschlugen die leichten Rüstungen der Steppenkrieger, sie brachten Pferde zu Fall und warfen Reiter aus dem Sattel. Kaum war die erste Salve abgefeuert, flogen schon die nächsten Pfeile von den Langbögen auf die Urben zu. Ikran Khan schaute sich nach links und rechts um. Zwei seiner Söhne waren getroffen worden, nur zögerlich flogen auch Pfeile auf die Valoren zu, die aber aufgrund der Schilde keinen größeren Schaden anrichteten. Auf der Seite der Urben war der Angriff dafür umso verheerender. Pferde und Reiter wurden getötet und blockierten den Weg für die hinteren Krieger. Alles ging drunter und drüber. Der Überraschungsangriff der Bogenschützen aus Rethas war wirklich gelungen, ebenso wie es Celan geplant hatte.

Ikran Khan warf den Bogen davon und zog seinen Säbel. Er reckte die Klinge in die Luft und ritt wieder zurück Richtung Osten. Von dem ersten Schock des Gegenangriffs erholt ordneten sich die Reiter wieder hinter ihrem Anführer. Nun war es Zeit für den Gegenangriff. Ikran Khan wendete sein Pferd. Er schaute auf den Feind und deutete, als er einen seiner Söhne anschaute, auf die rechte Flanke des Feindes, der den Befehl wortlos mit einem Nicken bestätigte und mit seinen Reitern einen Angriff auf die rechte Flanke vorbereitete. Dann begann ein erneuter Hauptangriff. Die Urben hatten aus ihrem ersten Fehler gelernt. Ihre Reihen waren jetzt weiter aufgefächert und so nicht so leicht zu treffen. Obwohl ihnen wieder die rethanischen Pfeile entgegenschlugen, konnten die Urben ihren Angriff diesmal besser durchführen. Statt direkt zurückgeworfen zu werden gelang es den Steppenkriegern einige Lücken in die Infanterie des Feindes zu schießen. Und gleichzeitig begann der Flankenangriff und stiftete so weitere Unordnung. Ikran Khan war erst von dem Gegenangriff verwirrt gewesen, aber jetzt war er wieder zuversichtlich. Da hörte er den Klang von Trompeten.

Arthur achtete nicht darauf, ob sein erster Pfeil traf oder nicht. Er zog direkt seinen zweiten Pfeil aus den Boden und schickte ihm den Feind entgegen, ebenso schnell ließ er die nächsten drei Pfeile folgen. Dann schaute er nach vorne. Der Angriff war wirklich gelungen. Nicht nur war der erste Angriff der Urben gestoppt worden, sondern sie drängten die Reiter auch noch zurück. Arthur sah zufrieden wie sie zurückwichen, erkannte aber, dass sie sich nur neu ordneten. Dann kam der erneute Angriff und dieser würde nicht so leicht zurückzuwerfen sein. Arthur erkannte, wie sich ein Teil der Angreifer löste und die Flanke attackierte. Das Zentrum stand wie eine Mauer, dessen war sich Arthur sicher, aber wie gut es um die rechte Flanke bestellt war, konnte er nicht so gut einschätzen. Zumindest würde ihnen etwas Feuerhilfe gut tun. Er lief hinter den Reihen entlang. Während die regulären rethanischen Bogenschützen ihren Beschuss fortsetzten, folgten die schwarzen Pfeile ihm zu der rechten Flanke. Die fünfzig Bogenschützen formierten sich um Arthur und ein weiterer gezielter Angriff ging auf die Urben los, die die rechte Flanke bedrohten.

Doch der Angriff wurde nicht gestoppt. Nur einzelne Reiter wurden von den Pfeilen aus dem Sattel gehoben. Trotzdem traf fast die gesamte Wucht der urbischen Kavallerie die rechte Flanke der tandorischen Truppen. Die leichten Soldaten, die zum größten Teil das erste Mal in einer Schlacht standen, hatten den erfahrenen Steppenkriegern nichts entgegen zu setzten. Reihenweise wurden die Soldaten von den Reitern abgeschlachtet. Doch langsam kam der Sturm zum Stehen und es entwickelten sich mehr und mehr Zweikämpfe. Arthur ließ den Beschuss durch die schwarzen Pfeile fortsetzten, aber langsam schwand seine Hoffnung, da er auch sah, wie der Hauptangriff nach und nach das Zentrum schwächte. Wann kam endlich der Angriff des Herzogs? Oder ließ er sie hier alleine mit den Urben? Kurz zweifelte Arthur, als er endlich die Trompeten hörte, die den Angriff der tandorischen Reiterei einleiteten. Und Arthur sah die herannahenden Pferde im Osten des Tals.

Celan ritt neben Forgat zu seinen Reitern herunter. Der Herzog hatte mit Freuden den Beginn der Schlacht beobachtet und gesehen, wie der erste Angriff der Urben durch die rethanischen Langbogenschützen zurück geschlagen worden war. Nun begab er sich an die Spitze seiner Reiterei, die er selber anführen würde. Neben Ulf und Forgat umgab ihn noch seine persönliche Leibwache, eine Auswahl der besten Reiter seines Herzogtums. Sein Banner wehte neben Celan im Wind. Er schaute zu ihm hoch und sah, wie der Wolf sich langsam im Wind bewegte. Dieser Wolf würde nun auf die Urben niederfahren und den letzten von ihnen zerschmettern. Dann ritt der Herzog von Tandor los und sein Heer aus fünfhundert Reitern folgte ihm.

Im noch nicht allzu schnellen Trott erreichte die Kavallerie den Übergang vom Hügel in das Tal. Celan schaute nach unten und erkannte, dass sich die Urben von ihrem ersten Schock erholt hatten. Statt weiter zurückzuweichen waren sie selbst zu einem Angriff übergegangen. Celan erkannte besonders die rechte Flanke in Gefahr.

„Ulf, du wirst unsere rechte Flanke entlasten, Forgat bleibt an meiner Seite.“, befahl er seinen Untergebenen, während sich die Reiter um sie herum formierten.

„Auf Männer!“, rief der Herzog von Tandor, während er sein Schwert in die Luft reckte. „Für Tandor und Valorien, lasst uns diesen Wilden zeigen, dass niemand ungestraft unser Land beschmutzt.“ Und dann ließ er die Trompeter das Signal zum Angriff schmettern, das durch die gesamte Schlucht hallte und selbst den Lärm der angreifenden Horden der Urben übertönte.

Das Heer setzte sich in Bewegung. Ebenso wie die Urben vor einigen Minuten preschten die Pferde herunter in das Tal, dem Geschehen der Schlacht entgegen. Noch immer schallte der Klang der Trompeten, dazu kamen der Lärm der Pferdehufe und das Brüllen der Reiter. Celan lachte grimmig. Er fühlte sich gut, hier in erster Reihe vor seinen Männern. Sein Plan war bis dahin genauso verlaufen, wie er es sich gedacht hatte, und er war sich sicher, dass dieser Angriff den Schlussstrich setzten würde. Er war sich seines Sieges sicher, und der Triumph, der mit ihm kam. Jeder andere Herzog hätte den König um Hilfe gebeten, hätte gefordert, dass Valorien gemeinsam gegen die Aggressoren antreten sollte. Doch Celan hatte es geschafft, fast nur mit der Kraft Tandors die Urben zu besiegen. Tandor war stark. Stärker als Rethas und Fendron, stärker gar als die Krone, und das bewies der Herzog an diesem Tag. Dann erreichte der Angriff die hintersten Reiter der Urben.

Der Anführer der Urben fühlte sich deutlich in Bedrängnis. Das Selbstbewusstsein, das er am Anfang der Schlacht gehabt hatte und das durch den Angriff auf die rechte Flanke des Feindes noch bestärkt worden war, wich endgültig, als er die Macht der tandorischen Kavallerie in das Tal stürmen sah. Es waren viele, und sie waren gut ausgerüstet. Herzog Celan führte eine Streitmacht an, die Ikran Khan weit unterschätzt hatte, und das machte ihm jetzt Angst. Er musste überlegen, was jetzt zu tun war. Viele seiner Reiter beschossen noch die feindliche Infanterie mit ihren Pfeilen, nur an einzelnen Stellen waren die Linien gestürmt worden und mehrere Nahkämpfe kristallisierten sich heraus. Ikran Khan hatte einen dieser Stürme selbst angeführt, was ihn auch kurz aus seinen Gedanken riss, als er einen herannahenden Speer abwehren musste. Er ließ das Holz des Schaftes an seiner Klinge abprallen und packte dann den Speer mit seiner anderen Hand. Mit einem kräftigen Ruck riss er an der Waffe und tötete dessen Träger mit einem kräftigen Hieb seines Säbels. Dann nahm er den Speer und versenkte ihn in den Rücken eines Tandorers, der gerade mit einem anderen Urben kämpfte.

Erneut schaute sich Ikran Khan um. Hier im Kampf gegen die Infanterie stand es gar nicht schlecht, besser als er es sich eigentlich erhofft hatte. Er zog sich einige Schritt aus dem Kampfgeschehen zurück und musste erkennen, dass seine Nachhut vom Feind zerlegt wurde, auch wenn der Ansturm des Feindes durch die eigenen Reiter gestoppt worden war. Dennoch befanden sich die Streitkräfte von Ikran Khan in einer Zange aus feindlicher Infanterie und Kavallerie, der sie nicht lange standhalten würden. Letztere war gerade auch sehr erfolgreich dabei, ihren Angriff auf die rechte Flanke zum Erliegen zu bringen. Es war klar, dass sie sich jetzt befreien mussten, sonst wäre diese Schlacht verloren. Jetzt musste ein energischer Angriff folgen, um eine der beiden tandorischen Reihen zu durchbrechen.

Ikran Khan schaute zur feindlichen Kavallerie. Die meisten der Soldaten sahen erfahren aus, dazu waren sie noch gut ausgerüstet, dennoch zahlenmäßig leicht unterlegen. Die zahlenmäßig überlegene Infanterie des Feindes konnte nur im Zentrum wirklich starke Soldaten aufweisen, ansonsten waren es eher bewaffnete Bauern. Auch die Bogenschützen aus Rethas waren einfache Opfer, wenn die Urben die Reihen erstmal durchbrochen hatten. Ikran Khan hatte sich entschieden.

„Zum Angriff, durchbrecht die feindliche Infanterie. Zerschmettert sie!“, brüllte er in der rauen Sprache der Urben und griff dann mit einem lauten Kriegsschrei selbst an, gefolgt von einem großen Teil der urbischen Reiter.

Arthur sah wie der Angriff auf ihre rechte Flanke langsam zurückgedrängt wurde und sich dann ganz verflüchtigte, als die feindlichen Reiter zusätzlich durch die angreifende tandorische Kavallerie abgelenkt wurden. Herzog Celan war wirklich in letzter Minute gekommen. Noch einige Momente später und ihre Reihen wären verloren gewesen. Ein Zusammenbruch der gesamten rechten Flanke wäre nicht zu verkraften gewesen. Jetzt wurde die Flanke aber nach und nach von der herannahenden tandorischen Kavallerie wieder aufgestockt, sodass sich Arthur mit seinen schwarzen Pfeilen wieder auf das Zentrum konzentrieren konnte. In strammem Laufschritt bewegte er sich wieder zu der Mitte der Schlacht, um die tandorische Infanterie dort mit ihren Bögen zu unterstützten. Die Schlacht schien sich endgültig zu ihren Gunsten zu drehen, als Arthur erkannte, wie die feindliche Nachhut von Herzog Celan aufgerieben wurde. Nun mussten sie den Feind nur noch in einer Zangenbewegung endgültig vernichten. Arthur wollte gerade den tandorischen General aufsuchen, um ihm zu befehlen mit der gesamten Infanterie vorzurücken, als ihm ein besonderer Reiter auffiel.

Der Krieger hatte mehrere, offensichtlich sehr kriegserfahrene Reiter um sich geschart und auch seine Kleidung und Waffen zeigten, dass er kein normaler Urbe zu sein schien. Als er dann etwas brüllte erkannte Arthur den Anführer in ihm. Dies war also der berüchtigte Ikran Khan, der für so lange Zeit den Osten Valoriens unsicher gemacht hatte. Wäre Celan von Tandor nicht so stolz und hochnäsig gewesen, dann hätten sie diese Bedrohung mit der vereinten Kraft Valoriens wohl schon längst abgewehrt. Aber der Herzog war ein ehrgeiziger Mann, der nach ebensolchem Ruhm und Ehre strebte, wie sie sein Vater inne gehabt hatte. Dann sah Arthur den Angriff der Urben kommen. Die gesamte Macht des feindlichen Heeres stieß in das Zentrum der tandorischen Infanterie.

Arthur sah wie die Soldaten Tandors einbrachen. Er ließ das Bogenfeuer auf den feindlichen Vorstoß konzentrieren, aber nichts schien diesen Angriff zum Stoppen zu bringen. Wie ein wildes Tier führte Ikran Khan seine Männer an und hinterließ eine Schneise des Todes. Wenn der Feind das Zentrum durchbrechen würde, dann stand es schlecht um die Infanterie, dessen war sich Arthur sicher. Dann war es egal, ob der Herzog noch so viele Reiter hinter sich hatte, dann würden sie große Verluste erleiden. Wie konnten sie diesen Ansturm stoppen?

Arthur zog einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf seinen Bogen und hakte ihn in der Sehne ein. Dann zog er den Pfeil nach hinten und zielte. Sein Ziel bewegte sich schnell und willkürlich hin und her. Der Mann, den er anvisierte, teilte nach jeder Seite kräftige Hiebe mit seinem Säbel aus und tötete einen Soldaten nach dem anderen. Immer wieder ritten andere Kämpfer in seinen Weg und beeinträchtigten so das freie Schussfeld. Dann hatte Arthur auf einmal freie Schussbahn. Er zielte noch einmal und ließ dann den Pfeil frei. Der Pfeil bohrte sich in den Leib eines Mannes und ließ ihn nach einem kurzen Schmerzensschrei aus dem Sattel fallen. Jedoch war es nicht der Mann gewesen, den Arthur angepeilt hatte. Mit einer schnellen Bewegung hatte sich Ikran Khan noch aus seinem Schussfeld befreit und der Reiter hinter ihm hatte den Tod durch Arthur erfahren. Blitzschnell zog er den nächsten Pfeil, legte ihn auf und spannte seinen Bogen. Arthur schaute hoch und schien Ikran Khan, dem Anführer der urbischen Stämme, direkt in die Augen zu schauen. Er spürte den Blick des großen Mannes auf sich, spürte den Hass und die Verachtung, die der Urbe den Menschen Valoriens entgegenbrachte. Arthur spürte das Verlangen nach Ruhm, den Ehrgeiz und den durchdringenden Blick eines geborenen Anführers. Dann schickte er seinen Pfeil auf den Weg. Seinen letzten Pfeil, den er im Köcher gehabt hatte.

Obwohl es nur wenige Sekunden dauerte, schien der Moment stundenlang zu sein, als Ikran Khan von einem Pfeil durch den Kopf durchbohrt von seinem Pferd zu Boden sank. Im letzten Moment hatte er noch das Gesicht des Mannes gesehen, der ihm den Tod gebracht hatte, und noch immer schien sich der rote Fuchs in seinen Augen zu spiegeln. Als er auf den Boden aufschlug war er bereits tot. Der wilde Sturm der Urben kam jäh zum Erliegen. Niemand führte sie mehr an, niemand befehligte, Panik und Unruhe machte sich breit und nichts blieb übrig von dem Sturm, der gegen das Zentrum des Feindes entfesselt worden war. In dem Moment, in dem sich der Pfeil durch das Auge Ikran Khans gebohrt hatte, war die Schlacht bereits verloren gewesen.

Arthur schaute sich um. Ebenso wie er selbst hatten die Meisten der schwarzen Pfeile keine Pfeile mehr, die sie dem Feind hätten entgegenschicken können. Er warf seinen Bogen weg und zog sein Ritterschwert, das Zeichen seines Ranges und seiner Ehre. Das Schwert war etwas größer als die meisten anderen Ritterschwerter und Arthur konnte es deshalb mit zwei Händen führen. Wie er zogen auch seine Gefolgsleute ihre Schwerter. Arthur erkannte das Chaos, dass sich in den Reihen der Urben ausbreitete. Diesen Moment mussten sie nutzen. Jetzt mussten sie den Feind zurückdrängen und so die Zange zwischen Infanterie und Kavallerie zudrücken. Arthur stürmte nach vorne und mit ihm die fünfzig Männer aus dem weit entfernten Freital. Gemeinsam mit dem rethanischen Ritter rückten auch die tandorischen Soldaten weiter vor und drängten so die Urben Stück für Stück zurück. Reiter wurden aus ihren Sätteln gehoben, am Boden liegende Urben wurden entwaffnet oder getötet und die restlichen Steppenkrieger hatten keine Chance mehr, in eine Formation zu gelangen. Als der Vormarsch der Infanterie immer zwingender wurde, begannen die ersten Urben ihre Waffen niederzulegen. Ohne Anführer und Hoffnung auf den Sieg blieb ihnen nur ihr Leben, und viele Männer entschieden sich dafür, zumindest um dieses zu bitten.

Celan hatte erwartet, dass die Urben ihre ganze Kraft gegen sie lenkten, um den Angriff der tandorischen Kavallerie abzuwehren, aber darin hatte er sich offensichtlich getäuscht. Stattdessen hatten die Urben noch energischer als zuvor die Infanterielinien angegriffen. Das war schlecht. Sehr schlecht. Würden die Linien halten? Was wenn nicht? Der Herzog von Tandor wusste, dass es jetzt auf seine Infanterie und darunter auch auf den Ritter Arthur von Freital ankommen würde. Dann erreichten seine Reiter die feindlichen Linien. Schnell wurden die tandorischen Reiter in Zweikämpfe mit der Nachhut der Urben verwickelt. Celan war noch immer von seinen getreuen Gefolgsleuten und Leibwächtern umgeben und konnte so zusehen, wie sich die Schlacht entwickelte. Er sah wie ein Urbe von der Axt seines Leibwächters getroffen aus dem Sattel gehoben wurde. Er sah, wie sich Forgats Schwert in dem Leib eines schon am Boden laufenden Urben bohrte. Er sah, wie sein Banner noch immer stolz im Wind wehte und die Kavallerie weiter Richtung der tandorischen Infanterie ritt. Aber er sah auch, wie die Mitte offensichtlich immer schwächer wurde. Gerade befürchtete Celan, dass das Zentrum brechen würde, als auf einmal Unruhe zwischen den Urben ausbrach. Was war passiert? Celan trieb sein Pferd weiter an und konnte dann die Szene erkennen, die sich im vorderen Teil der Schlacht abgespielt hatte. Ikran Khan, sein lange verhasster Feind, war von einem Pfeil getroffen worden. Der Herzog von Tandor sah Arthur mit seinem Bogen hinter den Reihen stehen, und das erzeugte Wut in ihm. Dieser Tag hatte sein Sieg werden sollen. Er hatte als der Krieger in die Geschichte eingehen sollen, der den gefürchteten Urben Anführer Ikran Khan getötet hatte. Und dieser verdammte Arthur von Freital hatte ihm diese Ehre genommen.

Die Schlacht war entschieden, dessen war sich Celan sicher und er sah, wie viele der Urben ihre Waffen streckten. Er schaute über das Schlachtfeld. Hier gab es nichts mehr zu tun. Wuterfüllt wendete er sein Pferd und ritt von dem Schlachtfeld weg.

„Nehmt die Urben, die sich ergeben, in Gefangenschaft und bringt sie mit nach Taarl.“, befahl er Forgat, bevor er sich endgültig vom Schlachtfeld zurückzog. Dieser Freital, dieser verdammte Lümmel, der sich Ritter nannte. Hatte er vor diesem Tag eine Abneigung gegen Arthur gehabt, war es nun blanker Hass, den Celan von Tandor verspürte.

Kapitel 5

Lora lag noch immer wach in ihrem Bett. Neben sich hörte sie das leise Atmen von Finn, das durch das regelmäßige Schnarchen von Geron unterstrichen wurde. Nur langsam konnte sie begreifen, was am heutigen Tag alles passiert war. Ihre Verfolgungsjagd mit Finn, die Rettung durch Geron, die Taverne, der Hof, die Audienz, der Ball, das war alles so viel gewesen und alles wie aus einer anderen Welt. Und morgen würden sie nach Andtweil reisen. Seit sie nach dem Tod ihrer Mutter nach Tjemin gegangen waren, hatte Lora die Stadt nicht mehr verlassen. Sie musste noch mal an den Ball und die Audienz davor denken. Bis dahin war Finn eben Finn gewesen, aber als sie ihn in seinen edlen Klamotten auf dem Thron in der Mitte des großen Saales gesehen hatte, sah sie auch den König in ihm. Jegliche kindliche Züge waren gewichen, stattdessen hatte Finn ernst und majestätisch geschaut. Auch wie sich all die hohen Herrschaften gegenüber ihm verhielten, so respektvoll und distanziert. Finn war wirklich ein beeindruckender Junge.

Lora setzte sich auf und schaute sich in dem Zimmer um. Jeden Moment fürchtete sie sich aufzuwachen und zu merken, das alles nur ein Traum war. Sie würde wieder in irgendeinem Lagerhaus aufwachen, irgendwo in Tjemin, irgendwo in der Armut. Aber sie glaubte daran. Sie glaubte, dass dies hier kein Traum war. Und das hieß, dass sie am nächsten Tag ihre Heimat endgültig verlassen musste. Sie wollte sich noch einmal verabschieden. Einmal noch wollte sie durch die Straßen gehen, zwischen den Häusern des Hafens. Sie wollte sich noch mal verabschieden, von dieser Stadt, die ihr so lange Schutz und Heimat geboten hatte.

So leise wie möglich stieg sie aus dem Bett und stand auf. Schnell hatte sie ihre Kleidung angezogen und war bereit. Sie setzte sich noch ihren Hut auf und legte den Mantel um die Schultern, bevor sie das Zimmer verlassen wollte. Aus der Burg würde sie schon unbemerkt kommen, dessen war sich Lora sicher. Die Rückkehr würde wahrscheinlich schwieriger werden, aber diese Gedanken wischte sie schnell zur Seite. Sie hatte die Tür des Zimmers fast erreicht, als sie kurz innehielt. Sie schaute zu Finn. Der Junge wusste, wie man sich an Hof verhielt, das war klar. Aber hatte er nicht gesagt, dass er auch das Leben der einfachen Leute besser kennen lernen wollte? Hatte er nicht gesagt, dass er um ein guter König zu werden das Leben derer kennen lernen musste, die er eines Tages beherrschen sollte?

Lora drehte um und schlich zu Finns Bett. Das Schnarchen von Geron war noch immer so laut, dass sie keinerlei Bedenken hatte, dass der Ritter aufwachen könnte. Vorsichtig setzte sie sich neben Finn aufs Bett und stieß in sanft an.

„Hey, Finn, aufwachen!“, sagte sie während Finn langsam aus dem Schlaf aufwachte. Nach kurzer Phase der Orientierungslosigkeit erkannte Finn Lora.

„Lora, was willst du denn noch so spät in der Nacht. Wieso schläfst du nicht?“, fragte er seine neue Reisegefährtin.

„Ich konnte nicht schlafen. Das alles hier, das beschäftigt mich einfach noch. Ich meine, alles hat sich heute für mich geändert, alles. Und morgen werden wir schon weiterreisen. Ich wollte mich heute Abend noch mal von Tjemin verabschieden. Ich dachte, dass du, weil du ja gesagt hast, du willst die einfache Bevölkerung... also ich meine.“, stammelte Lora den letzten Satz.

Finn lächelte. „Ob ich mitkommen will?“, fragte er immer noch flüsternd.

„Ja genau.“

„Du weißt schon, dass das Geron nie erlauben würde?“

„Ja.“, antwortete Lora kurz und knapp.

„Und du willst immer noch daraus. Immerhin hast du versprochen, auf Geron zu hören, nicht wahr?“

„Ja.“, sagte Lora, mittlerweile fest entschlossen.

„Gut, dann los.“, sagte Finn und stand auf. Er streifte sich noch schnell seine Gewänder über und wollte dann mit Lora losgehen, als sein Blick auf seinen Waffengurt fiel. Vielleicht war es diesmal gar nicht so schlecht auf seinen Herrn zu hören. Er nahm den Gürtel mit dem Kurzschwert und band ihn sich um.

„So, jetzt sind wir fertig!“, sagte er und folgte Lora aus dem Zimmer. Nur das Geräusch von Gerons Schnarchen verblieb im Raum.

Der Weg aus der Burg stellte sich leichter dar, als Lora zunächst gedacht hatte. Nur anfangs war es etwas schwierig gewesen, aber nachdem sie aus dem inneren Ring durch einen Bediensteteneingang herausgekommen waren, war der Rest ein Leichtes gewesen. Durch die großen Gärten hindurch waren sie zur Außenmauer gelaufen, die sie ungesehen überquert hatten. Ein Haus, das direkt an der Mauer gebaut war, war dabei eine große Hilfe gewesen. Von hier aus liefen die beiden von Lora geführt in den Osten der Stadt, wo die ärmeren Viertel waren.

Schon bald erreichten sie das Hafenviertel am Ufer der Gronde. Lora kannte dieses Viertel nur zu gut, Finn hingegen sah schnell ein, dass er ohne Loras Führung hier wohl längst verloren gewesen wäre. In der lauen Sommernacht lag eine ungewohnt friedliche Ruhe über dem Hafen, der so im starken Kontrast zu dem hektischen Treiben des Tages stand. Nur hier und dort hörte man den Lärm einzelner Spelunken, jaulender Hunde und Katzen oder auch mal einen Matrosen, der zu seinem Schiff zurück wankte. Dennoch bildeten diese Geräusche eher die Ausnahme. Hatte er es am Tage noch als stinkend, dreckig und trubelig wahrgenommen, verstand Finn jetzt die subtile Schönheit, die dieser Ort bot. Er wollte gerade stehen bleiben und sich überall umschauen, als ihn Lora am Arm packte um ihn weiterzuziehen.

„Komm!“ sagte sie und gemeinsam liefen die Beiden den Fluss entlang. Schnell erreichten sie einen alten Turm, der Mitten im Hafen stand und so etwas deplatziert wirkte. Auch die Architektur des Turmes, der etwa zehn Schritte in die Höhe ragte, passte nicht zu dem Rest der Stadt. Waren die Mauern und Türme Tjemins hauptsächlich viereckig, robust gebaut, wies dieser Turm eine sechseckige Form auf. Man sah deutlich, dass der Turm in den letzten Jahrzehnten nicht beachtet wurde. Die Mauern bröckelten an mehreren Stellen, an einer Wand wuchsen Ranken den Turm hoch und der Eingang, der wohl einstmals ein hölzernes Tor enthalten hatte, war aufgebrochen und offen. Von einer Seite des Turmes begann ein kleines Stück Mauer, das aber nach kurzer Distanz in den ebenen Boden des Hafens überging.

Lora lief durch den zerfallenen Eingang in das Innere des Turmes.

Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. An der Turmwand entlang schlängelte sich eine Wendeltreppe bis zur Spitze des Turmes. Die Treppe wies einzelne gerade Stücke auf, die an den Ecken des Turmes immer abbogen und so auch ein Sechseck bildeten. Hier und dort waren Teile oder ganze Stufen herausgebrochen, von dem Geländer, dass die Treppe wohl einst abgesichert hatte, war nichts mehr außer den steinernen Halterungen zu sehen, die neben die Treppe gebaut waren. Außer der Treppe hatte nichts im Inneren des Turmes die Zeit überstanden. Es musste sehr lange her sein, seit dieser Turm aktiv genutzt worden war. Finn stieg über einzelne Gesteinsbrocken, die auf dem Boden des Turmes verteilt waren, und folgte dann Lora, die schon die Treppe empor stieg. Vorsichtig betrat Finn jede Stufe, immer in der Angst, dass einzelne Steinbrocken herausbrechen könnten und ihn zu Fall bringen würden. Bei einigen Abschnitten musste er große Schritte machen, um die zerstörten Stücke der Treppe zu überwinden, aber schließlich erreichte er ein bisschen nach Lora die Spitze des Turmes.

Als Finn über die Treppe nach draußen stieg wehte ihm sofort ein leichter Wind durch die Haare. Er nahm die letzten beiden Stufen und ging dann zu Lora, die bereits an den Zinnen des Turmes stand und in Richtung des großen Flusses blickte. Finn stellte sich vorerst wortlos neben Lora. Er ließ den Gesamteindruck der Aussicht auf sich wirken. Von hier oben hatte man wirklich einen wunderschönen Blick. Der Himmel war klar, überall waren die Sterne zu sehen. Das helle Licht des fast vollen Mondes glitzerte auf dem Wasser des Flusses, der langsam nach Süden floss. Auf der anderen Uferseite erstrecken sich mächtige Wälder, soweit das Auge reichte. Finn wendete seinen Blick ein bisschen weiter nach Südosten. Obwohl er es nicht sehen konnte, wusste er, dass in diese Richtung Dämmertan lag, der Ort, der ihm in den letzten Jahren Heimat geboten hatte. Er ging weiter an den Zinnen des Turmes entlang und schaute dann auf die Stadt.

Tjemin lag friedlich da. Er konnte über die gesamte Stadt blicken. Er sah das Gefälle, das sich von Ost nach West erstreckte. Aus alten Lagerhallen und jämmerlichen Bruchbuden wurden nach Westen hin immer stabilere, größere Häuser, die schließlich in dem großen Palast des Herzogs endeten. Die Aussicht von der Spitze des Turmes hatte etwas Besonderes.

Auf einmal stand Lora wieder neben Finn.

„Es ist wunderschön hier oben.“, sagte er leise und Lora nickte.

„Ja, ich war oft hier oben und habe mir meine Stadt angeschaut. Im Turm ist eine gute Schlafstätte, auch wenn man hin und wieder von Gardisten verscheucht wurde. Trotzdem wollte ich hier noch einmal hin, bevor wir morgen die Stadt verlassen. Glaubst du, dass wir mal wieder nach Tjemin kommen werden?“, fragte sie.

Auch wenn die Jahre hier natürlich schwer gewesen waren und sie auch froh war, diesen Ort verlassen zu können, war Tjemin dennoch zu Loras Heimat geworden. All die verwinkelten Gassen, der Hafen, der Turm, die Menschen Tjemins, all das hatte sie für sich als Heimat gewonnen.

„Ja“, antwortete Finn. „Dies ist die Hauptstadt Fendrons und der Sitz des Herzogs. Ich bin mir sicher, dass wir noch öfter hierher kommen werden. Und dann werden wir wieder gemeinsam durch die Stadt laufen und auf diesen Turm steigen. Das verspreche ich dir.“

Lora lächelte glücklich. „Gut.“, sagte sie, atmete noch mal tief durch und drehte sich dann um. Ebenso schnell wie sie die Treppe hinaufgestiegen war, lief sie im alten Turm wieder hinunter. Finn folgte ihr, auch wenn er wieder vorsichtig ging und so länger brauchte. Unten wartete Lora bereits auf ihn.

„Ich möchte mich jetzt noch von jemandem verabschieden. Kommst du mit?“

„Natürlich“, antwortete Finn und folgte Lora dann wieder in die dunklen Straßen Tjemins.

Gemeinsam liefen die beiden wieder in die kleineren Gassen des Hafenviertels. Wieder einmal bemerkte Finn den Unterschied, den es zwischen armen und reichen Vierteln alleine in einer Stadt gab. Die Gassen waren natürlich nicht, wie die Straßen in den besseren Vierteln, gepflastert, und wohl nur die Tatsache, dass es die letzten Tage trocken gewesen war, ermöglichte es, dass die Gassen keine Schlammbäche waren. Dennoch war die Armut der Gegend offensichtlich. Die Häuser waren meist äußerst windschiefe Holz- oder Lehmhütten, die zu klein für die großen Familien waren, die darin lebten. Finn musste daran denken, wie lange Lora in diesen Gassen hatte leben müssen. Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, wie man das schaffte, aber es gab genug Menschen, die in solchen oder noch schlechteren Verhältnissen leben mussten. In seinen Gedanken versunken bemerkte Finn auf einmal eine leise Stimme, die er hinter der nächsten Biegung vernahm.

Erst dachte er, er hätte sich verhört, aber je näher sie kamen, desto klarer und deutlicher wurde die Stimme. Es war eine Frauenstimme, sie war sanft und ruhig. Die Stimme sang ein Lied, dass in Finn sofort ein seltsames Gefühl auslöste. Auch wenn er den Text nicht verstand, einerseits weil die Stimme noch zu weit entfernt war, andererseits glaubte er aber auch, dass das Lied in einer fremden Sprache war, spürte Finn in sich ein seltsames Gefühl. Das Lied war traurig, das erkannte man an der langsamen und wohlklingenden Melodie, dennoch hatte es etwas Aufmunterndes. Es ermutigte jemanden, weiter zu machen, nicht aufzugeben. Lora hatte ihren Schritt gebremst und ging langsam um die Ecke. Dann erkannte Finn, woher die Stimme kam.

Um ein wärmendes Lagerfeuer saßen mehrere Menschen, offensichtlich Bettler und andere Menschen, die auf der Straße lebten, einer Frau gegenüber. Das Lagerfeuer warf ein sanftes Licht auf die Frau und Finn stockte er Atem. Die Frau war schön, sie war wunderschön. Finn erinnerte sich nicht daran, eine solch natürliche Schönheit schon einmal gesehen zu haben. Sie etwas sehr geheimnisvolles. Das pechschwarze Haar der Frau war in leichten Wellen gelockt und fiel ihr über die Schultern. Die Haut der Frau war makellos hell und die Augen, die sofort als sie um die Ecke kamen auf Finn zu blicken schienen waren grün wie Smaragde. Es war ein durchschauender, stechender Blick, der auf Finn lastete, aber dennoch war er nicht unangenehm. Dann wandte sich die Frau wieder ihrem Publikum zu, ihr Lied hatte sie nicht unterbrochen.

Als Finn und Lora näher kamen bemerkte er weitere kleine Details an der Frau, die sie noch geheimnisvoller wirken ließen. Obwohl sie wohl ebenfalls wie die meisten hier auf den Straßen lebte, hatte sie Kleidung an, die sich so stark von den grau-braunen verdreckten Lumpen der anderen unterschied. Sie trug ein weißes Leinenkleid, ohne Ärmel, das mit verschiedenen Symbolen bestickt war. Um die Schultern trug sie ein scharlachrotes Tuch und an den Füßen hatte sie ordentlich gearbeitete, lederne Sandalen. Zudem trug sie Schmuck, einige Halsketten und Armbänder, dazu zwei Ringe an der linken und einen Ring an der rechten Hand. Die Kleidung und der Schmuck passte eher zu einer Tochter eines Adeligen Hauses, aber diese Frau stand hier im ärmsten Viertel Tjemins und schien überhaupt nicht zu fürchten, Opfer eines Überfalles oder Raubes zu werden. Doch das seltsamste an der Person war weder ihre Ausstrahlung noch ihre Kleidung, sondern es waren die Tätowierungen, die sie zierten. Die Zeichen auf ihrer Haut bedeckten die linke Gesichtshälfte und breiteten sich über die Schultern auf ihre Arme aus. Auch an ihren Knöcheln waren derartige Bilder zu sehen. Die Symbole waren fremd, und dennoch kamen sie Finn irgendwie bekannt vor. Er konnte sie jedoch nicht zuordnen. Als er gerade nachdachte, woher ihm die Symbole bekannt waren, endete das Lied und ein gewisser Zauber, der die Szenerie umgeben hatte, schien mit dem letzten Ton abzubrechen. Die Frau lächelte Finn und Lora an und kam auf sie zu.

„Eleonora, es ist mir eine Freude.“, begrüßte sie zuerst Lora und reichte ihr beide Hände, die Lora bereitwillig nahm.

„Die Freude ist bei mir, Alisa.“

„Wer ist dein junger Freund?“ fragte Alisa und blickte zu Finn.

„Mein Name ist Finn.“, stellte er sich selbst vor und reichte ihr die rechte Hand, denn dies war der Gruß, der ihm geläufig war. Ohne jedoch zu fragen griff Alisa auch seine linke Hand und hielt sie beide in ihren Händen. Finn bemerkte sofort wie weich und sanft ihre Hände waren und spürte die Wärme, die von ihnen ausging. Alisa musterte ihn. Sie schien ihn fast ein bisschen skeptisch zu begutachten.

Dann lächelte sie jedoch und sagte: „Möge Elona deinen Weg schützen.“

Auf einmal wurde Finn klar, wer diese Frau seien musste. Sie war eine Priesterin. Eine Priesterin der Trias, jener alten Religion, die in den frühen Tagen in Valorien verbreitet gewesen war. Heute war der Glauben an die Trias jedoch verboten und wurde in verschiedenen Herzogtümern verschieden hart bestraft. Trotzdem lebte der Glauben, insbesondere in den ländlichen Gebieten, weiter. Finn hatte schon viele Geschichten über die Priester der Trias gehört, aber den seltensten hatte er Glauben geschenkt. Da rankten sich Mythen im Tier- und Menschenopfer, finstere Rituale oder dunkle Hexerei. Finn war sich aber sicher, dass dies alles nur Ammenmärchen waren. So etwas wie Zauberei gab es nur in der Vorstellung der Menschen, nicht in der Realität. Dennoch war Finn erstaunt, hier, mitten in Tjemin, der Hauptstadt des Herzogtums Fendron, eine Priesterin der Trias zu treffen, die sich auch ohne Umschweife als solche ausgab. Instinktiv wich Finn einige Schritte zurück. Alisa lächelte ihn aber weiter mit einem ruhigen und freundlichen Ausdruck an, was Finn ein bisschen beruhigte.

„Ihr seid eine Priesterin der Trias, nicht wahr?“

„Das stimmt, und an deiner Kleidung erkenne ich, dass du nicht ein einfacher Junge aus Tjemin bist.“

Finn schluckte. Von weitem hatte ihn sein Mantel natürlich vor solchen Feststellungen geschützt, aber hier, in der Nähe des Feuers, war selbstverständlich zu sehen, dass er einem höheren Stand entstammte. Auch die anderen Leute, die um das Feuer saßen, sahen ihn genauer an. Sie waren offensichtlich alle Bettler oder andere Straßenbewohner Tjemins, die jeden Tag aufs Neue den Kampf ums Überleben fochten. Dennoch wirkten sie alle zufrieden, fast glücklich, hier in der Nähe der Priesterin.

„Ich bin Priovan von Valorien, Knappe des Ritters Geron von Dämmertan.“, sagte Finn deutlich und löste somit eine ungewohnte Stille aus. Nur das Knistern des Feuers war noch zu hören.

„Geron von Dämmertan? Ich habe schon von ihm gehört“, sagte Alisa. „Und jetzt steht mir der junge König gegenüber. Setzt dich doch zu uns, junger König. An diesem Feuer, vor der heiligen Trias, sind wir alle gleich.“

Finn war überrascht. Die Frau blieb erstaunlich ruhig und irgendwie ließen ihre Worte keinen Widerspruch zu. Die Männer und Frauen am Feuer rutschen ein wenig zusammen, sodass für Finn und Lora eine kleine Lücke entstand, in die sie sich hineinsetzten.

Alisa trat wieder vor die Versammelten und erhob erneut ihre samtweiche Stimme.

„Ich möchte euch nun ein Lied über Thorian, den Bewahrer der Flamme, singen“, sagte sie und begann zuerst leise zu Summen. Die Menschen rückten näher zusammen, als Alisa zu singen begann. Finn verzauberte die liebliche Stimme der Priesterin. Erneut konnte er den Text nicht verstehen, aber das schien keine Rolle zu spielen. Ihn erfüllte die Melodie. Die Melodie war lebendig und dennoch irgendwie majestätisch, und so gar nicht wie das vorherige, traurige Lied. Alisas Stimme erfüllte die Luft, durchdrang die Menschen und schien sogar das Feuer zu kontrollieren. Es schien, als flackerten die Flammen genau in ihrem Rhythmus. Eine seltsame Magie umgab sie, dachte sich Finn. War dies wirklich Magie? War das die Kraft der Trias? Oder war es nur die Macht eines Liedes. Er konnte es nicht ergründen, und dennoch fühlte er sich ruhig, zufrieden, glücklich. Er schaute hinüber zu Lora, die offensichtlich ebenfalls das Lied von Alisa genoss. Finn meinte sogar eine einsame Träne in Loras Auge zu sehen. Das musste ein Grund gewesen sein, wie sie all die Jahre hier auf den Straßen Tjemins ausgehalten hatte. Diese Priesterin konnte Menschen wirklich Kraft schenken. Völlig in Gedanken versunken merkte Finn auf einmal, wie das Lied verebbte.

Als das Lied endete schienen auch die Flammen des Feuers ein wenig zurück zu gehen und loderten nur noch schwach vor sich hin.

Lora erhob sich und ging zu Alisa.

„Der Grund, wieso ich hier bin“, begann sie zu reden, „ist ein Abschied. Ich habe die Möglichkeit diesen Ort zu verlassen und mit Finn und seinem Ritter die Welt zu erkunden. Auch wenn ich viel nicht vermissen werde, so werden du und deine Lieder mir doch fehlen, denn sie gaben mir stets eine Heimat.“

Alisa lächelte und nahm erneut die beiden Hände von Lora. „Auch ich werde dich vermissen, und dennoch wünsche ich dir alles Gute. Ich werde für dich beten und ich bin mir sicher, dass deine Wege gesegnet sein werden. Möge die Trias über dich wachen. Mach es gut, Eleonora.“

Dann ging Alisa erneut auf Finn zu, der sich auch erhoben hatte. „Junger König, es war mir eine Freude dich kennen gelernt zu haben. Du wirst einst ein guter König werden, dass sehe ich in deinen Augen. Denke stets an diesen Moment, wenn du Entscheidungen zu treffen hast. Diese Leute hier sind das Herz von Valorien, höre auf dein Herz. Dein Volk hat große Hoffnungen in dich. Ich wünsche dir eine gute und glückliche Reise“, sagte sie. Finn war zu beeindruckt um noch etwas zu erwidern. Er verharrte noch einen kurzen Moment und drehte sich dann auch um, um Lora zu folgen.

Geron lag immer noch halb wach, als die beiden Kinder erneut in das Zimmer schlichen. Natürlich hatte er vorhin mitbekommen, wie die beiden entflohen waren. Als Ritter hatte man einfach keinen tiefen Schlaf, das gewöhnte man sich schon in seiner Knappschaft ab. Und dennoch hatte er sie nicht daran gehindert. Lora sollte sich ruhig noch einmal verabschieden, bevor sie Tjemin verließ und Priovan... Priovan sollte sowieso die einfache Welt Valoriens kennen lernen. Es würde ihnen schon nichts passieren, dessen war sich Geron sicher. Diesmal hatte Priovan ja auch sein Schwert mitgenommen und konnte sich so sehr groben Ärger vom Hals halten. Er hörte die beiden noch leise etwas Flüstern, verstand jedoch den Inhalt nicht. Er war froh, dass sie ab jetzt von Lora begleitet wurden. Ein bisschen Umgang mit einer Gleichaltrigen würde Priovan bestimmt gut tun, und die Kleine war eine Frohnatur. Eine Vorahnung beschlich Geron. Lora war kein normales Mädchen, dessen war er sich sicher. Vielleicht wartete noch eine große Zukunft auf sie, dem Mädchen aus Tjemin.

Kapitel 6

Am zweiten Tag nach der Schlacht erreichte der Zug aus Reitern, Soldaten und Gefangenen endlich die große Stadt Taarl, Hauptstadt des Herzogtums Tandor und nach dem Königssitz Elorath die zweitgrößte Stadt Valoriens. Taarl lag am Fuß des Klingers, einem mächtigen Berg der die Stadt mit besten Erzen versorgte und so auch die militärische Macht Tandors begründete. Im Westen wurde Taarl vom Fluss Varna gesäumt, im Norden schloss die Stadt direkt an die Nordzinnen an, lediglich die südliche und süd-östliche Seite der Stadt waren offen. Hier schlossen sich meilenweit Felder an, sodass die Stadt schon von weitem zu erkennen war. Die Verteidigungsanlagen von Taarl waren von ihrer Stärke einzigartig in Valorien. An der südlichen Mauer direkt am Fluss war das Herz der Verteidigungsanlagen, die große Burg von Taarl, die zugleich der Sitz des Herzogs war. Die äußerste Mauer der Burg bildete sogleich die Stadtmauer, im inneren schlossen sich zwei weitere Mauerringe an und innerhalb des innersten Ringes ragte der mächtige Bergfried in den Himmel, über dem das Wappen von Herzog Celan wehte. Auch der Rest der Stadtmauer wurde in regelmäßigem Abstand von Türmen geschützt und überbot an Dicke und Höhe bei weitem eine normale Stadtmauer. Innerhalb der Stadt gab es einen weiteren Mauerring, der die armen von den reichen Vierteln der Stadt trennte. Eine dritte Mauer schütze die sogenannte Bergstadt, die direkt in den Klinger gebaut war. Taarl galt als uneinnehmbar, und bisher hatte auch noch nichts das Gegenteil bewiesen.

Herzog Celan bildete mit seinen beiden Getreuen die Spitze des langen Zuges, der sich auf die Stadt zu bewegte. Natürlich war die frohe Kunde vom Sieg über Ikran Khan bereits von schnellen Boten in die Stadt getragen worden, die jubelnd ihren Herzog, ihren Helden, empfangen wollten. Hinter Celan ritt der Stolz seiner Armee, die tandorischen Reiter, dahinter schlossen sich die Infanteristen und die gefangenen Urben an. Den Schluss des Zuges bildeten die Transportwagen, die von einer kleinen Nachhut geschützt wurden. Gerade den Gefangenen war der plagende Marsch der letzten Tage anzusehen. Alle wirkten ausgezehrt und durstig und nur die Angst schien sie noch jeden Schritt voranzutreiben. Als die ersten die Mauern der Stadt erblickten, schien sich eine kleine Erleichterung breit zu machen, die jedoch schnell wieder von der Ungewissheit überlagert wurde, was mit ihnen wohl jetzt geschehen würde.

Vor dem Stadttor von Taarl bildeten die Stadtwachen ein Spalier, durch das Herzog Celan hindurch ritt. Sie standen alle stramm und stolz und blickten starr nach vorne. Ihre eisernen Brustpanzer glitzerten im Sonnenlicht und durch die Sauberkeit und Ordentlichkeit ihrer Uniformen hoben sie sich deutlich von den rückkehrenden Soldaten ab, an denen immer noch die Spuren der Schlacht und des Rückmarsches zu sehen war.

Als Herzog Celan durch das Tor geschritten war, wurde er von einer jubelnden Menge empfangen, die an beiden Straßenseiten standen. Sie alle empfingen ihre Helden, die sie endlich von der Bedrohung durch die Urben beschützt hatten. Die ganze Stadt war auf den Beinen, und entsprechend dicht gedrängt standen die Menschen, als Celan über die Straße ritt. Von allen Richtungen kamen Jubelrufe und Blumen wurden auf die Straße geworfen. Die jungen Frauen himmelten die aus der Schlacht zurückgekehrten Helden an und hier und dort liefen erleichterte Familien zu ihrem Vater oder ihrem Sohn, um in wieder in der sicheren Heimat willkommen zu heißen.

Celan winkte nach links und rechts seinen Untergebenen zu und genoss die Anerkennung und Verehrung, die ihm zu Teil wurde. Durch diesen Sieg war er unsterblich geworden, und noch lange würde man Lieder über seine Heldentaten singen. Nur die Tatsache, dass er nicht persönlich Ikran Khan getötet hatte, trübte den momentanen Triumph ein wenig, aber konnte den Glanz des Momentes nicht nachhaltig überschatten. Arthur war mit seinen Männern schon direkt nach der Schlacht wieder nach Süden Richtung Rethas gezogen, sodass er ihn hier, bei seiner Siegesfeier, nicht ertragen musste. Er drehte sich nach rechts und lächelte Forgat zu.

„So eine Siegesfeier hast du wohl in Tjemin nicht erlebt.“

Forgat lachte. „Nein, Herr, wahrlich nicht. Das ist aber auch verständlich, da es in Fendron einfach an Feinden fehlt.“

Celan nickte und blickte dann wieder nach vorne.

Der Zug ritt über die Hauptstraße erst durch die ärmeren Viertel und erreichte dann das innere Stadttor. Von hier ritten sie noch ein kleines Stück bis zum Marktplatz und bogen dann nach Südwesten auf die Straße, die zur Burg führte, ab. Vor der Burg lag ein weiter, leerer Platz, an dem die Gefangenen zurück gelassen werden sollte. Nur der siegreiche Herzog und die tandorischen Reiter ritten in die Burg hinein, die sie mit Flaggen auf jedem Turm willkommen hieß. Mit lautem Klappern ritt der Herzog über die Zugbrücke und dann durch das mächtige Burgtor in den Hof seiner Burg.

Im Hof warteten bereits fast alle Bediensteten und Wachen, um ihren Herrn willkommen zu heißen. Vor der Schar seiner Bediensteten sah Celan seine Frau, mit ihren wallenden, dunkelbraunen Locken, die seinen Sohn auf den Armen hielt. Er sah deutlich die kleine Rundung ihres Bauches, die zeigte, dass sie Celan bald erneut ein Kind schenken würde. Celan schwang sich vom Pferd und übergab die Zügel einem Stallburschen. Dann ging er zu seiner Frau, Katharina, und seinem Sohn, Lumos.

„Es freut mich, dich wieder heil und gesund zu sehen, mein Liebster.“, begrüßte Katharina ihren Mann.

„Ich habe mich jede Sekunde auf diesen Moment gefreut.“, antwortete Celan und nahm seine Frau in den Arm. Er gab ihr einen leichten Kuss auf den Mund und sah sich dann seinen Sohn an. Der Junge war etwas älter als ein Jahr. Er entwickelte sich sehr gut, er sah gesund und kräftig aus und wirkte auch sonst wie ein guter Erbe für den Herzogstitel von Tandor.

„Dein Vater hat heute einen großen Sieg errungen, auf dass du einmal in Frieden über Tandor herrschen kannst.“, sagte Lumos’ Mutter zu ihm.

„Lass uns hinein gehen.“, sagte Celan und gemeinsam schritt das Herzogspaar auf den Bergfried zu.

Narthas schaute in die gebrochenen Gesichter seiner Stammesbrüder. Alles war verloren, alles, wofür sie in den letzten Jahren gekämpft hatten. Die Schlacht war verloren, der große Khan war gestorben und der Traum der vereinten Urbenstämme konnte mit dem Tod von Ikran Khan ebenso begraben werden. Wie auch die anderen Urben war er völlig ausgelaugt von den Strapazen der Schlacht und dem darauffolgenden Marsch nach Taarl. Dennoch versuchte er weiterhin aufrecht zu gehen und so zumindest seinen Stolz zu behalten, der zu vielen um ihn herum schon verlustig gegangen war.

Narthas war seinem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und wirkte wie eine einfach jüngere Version des großen Khans. Seine Haare waren auch lang gewachsen und zu Zöpfen geflochten, sein Bart allerdings noch deutlich kürzer. Doch seine Augen, sein Blick, war ungebrochen herrschaftlich.

Erleichtert ließen sich die gefangenen Urben zu Boden sinken, als der demütigende Zug durch die Straßen der Stadt auf dem Vorplatz der Burg ein Ende fand. Narthas war einer der wenigen, der ungebeugt weiter stehen blieb. Was wohl mit ihnen jetzt geschehen würde? Soweit er wusste, gab es in Valorien keine Sklaven, aber gerade in Tandor gab es viele Mienen und Bergwerke, die Arbeiter brauchten. War dies sein zukünftiges Schicksal? In einem Bergwerk nach Jahren grausamer Arbeit zu sterben? Er wollte und konnte nicht daran glauben. Er glaubte, dass die Geister der Steppe ihm ein anderes Schicksal ersonnen hatten. Mittlerweile wünschte er sich, er wäre wie sein Vater und viele seiner Brüder in der Schlacht gefallen. Aber dies war ihm nicht vergönnt gewesen, und nun war es seine Aufgabe, das Beste für sein Volk zu versuchen und seinen Stolz zu behalten.

Narthas sah wie einige tandorische Soldaten aus der Burg kamen und sich unter die Gefangenen mischten. Sie fragten mehrere der Urben etwas, viele zuckten unverständlich die Schultern, da sie die Sprache der Valoren nicht verstanden, aber einige nickten und zeigten dann auf ihn. Vier Bewaffnete kamen auf ihn zu und umzingelten ihn. Sein Blick war ungebrochen stolz und er schaute dem offensichtlichen Anführer, einem etwas kleineren aber dennoch kräftigen Mann mit einer Glatze, direkt in die Augen. Eine unruhige Stille beherrschte die Szene. Offensichtlich hatten die Soldaten einen gebrochenen Mann erwartet, der auf Knien um Gnade winseln würde, aber diesen Gefallen wollte Narthas ihnen nicht tun. Nach einigen Momenten wandte der Anführer seinen Blick auf einmal ab und schaute leicht zur Seite, dann wandte er aber seinen Kopf wieder Narthas zu und schoss nach vorne. Seine Faust grub sich mit Gewalt in Narthas’ Magengrube und er musste nach Luft schnappen. Trotz der Stärke des Mannes wäre der Schlag nicht so schmerzhaft gewesen, wenn er darauf vorbereitet gewesen wäre, aber dies war nicht der Fall. Narthas schaffte es auf den Beinen zu bleiben, von seiner stolzen Haltung und seinem stolzen Blick war aber nichts übrig geblieben. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als ihn zwei Soldaten an den Armen packten und ihn hochzogen, sodass er dem Glatzkopf wieder ins Gesicht schaute. Dieser lächelte hämisch.

„Bist du hier der Anführer?“, fragte er in der widerlichen Sprache der Valoren, die so gar nichts Männliches und Starkes hatte. Die Sprache war schwach, schwach wie das Volk, das sie sprach. Umso mehr schmerzte Narthas die Niederlage.

„Mein Name ist Narthas, Sohn von Ikran, und ich bin der nächste überlebende Nachfahre des großen Khans.“, antwortete er mit einem starken urbischen Akzent, den er mit Absicht nicht abzuschwächen versuchte.

„Folgt mir!“ sagte der Glatzkopf, was nicht an Narthas, sondern an die Soldaten gerichtet war, die den Urben an den Armen hielten und ihn dann hinter dem Anführer Richtung Burg drängten.

Celan stand am Fenster und schaute auf den Vorplatz der Burg hinaus. Er blickte über all die Gefangenen. Es waren bestimmt an die dreihundert, vielleicht sogar mehr. Und sie waren nicht ohne Grund gefürchtete Feinde, dass hatte er oft genug feststellen müssen. Der Umgang der Urben mit Pferd und Bogen waren einzigartig. Wer auch immer über eine solche Streitmacht befehligte hatte eine mächtige Waffe in der Hand, dies war sicher. Celan drehte sich vom Fenster weg und ging auf seinen Thron zu. Er hatte gesehen, wie Ulf den Anführer in die Burg gebracht hatte. Gleich würde er hier sein. Es gab noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen, bevor heute Abend das Fest seinen Gang nehmen konnte. Und die Unterredung mit dem neuen Anführer der Urben gehörte dazu.

Celan ließ sich in den recht schlichten Holzthron nieder, in den in der Lehne sein Wappen eingeschnitzt war. Gepolstert war die Sitzfläche mit zwei Wolfsfellen. Der Thron besaß offene Armlehnen, sodass Celan sein Schwert an der Seite hinunterhängen lassen konnte. Neben ihm stand Forgat, sein treuer Untergebener, und betrachtete die Tür. Kurze Zeit später öffnete sich diese und Ulf trat gefolgt von zwei Bewaffneten mit dem Urben in den Saal. Ulf und die Bewaffneten verbeugten sich vor dem Herzog und die letzteren verließen danach wieder den kleinen Audienzsaal, um vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Celan blickt dem Urben in die Augen, der keine Anstalten machte, sich vor ihm zu verbeugen. Sein Stolz wirkte ungebrochen.

Celan musterte ihn genauer. Seine Züge waren hart, und dennoch sahen sie für ihn aus, wie die jedes Urben. Die schmalen Augen, das schwarze Haar, die dunklere Haut, die harten Kanten, die das Gesicht ausmachten trafen einfach auf jeden Urben zu. Diese Wilden konnte man nur an ihren Augen und Kleidern auseinander halten. Letzteres war im Moment auch schwierig, da alle Gefangenen ihrer Rüstungen beraubt worden waren und somit ähnliche Lumpen trugen. Aber diese Augen, sie zeigten, dass es sich um einen Anführer handelte. Es war ein stolzer, majestätischer und entschlossener Blick. Der Urbe war wohl etwa so alt wie Celan selbst, Mitte bis Ende zwanzig, jedoch ein bisschen kleiner als der Herzog.

„Verbeuge dich vor deinem Bezwinger, Urbe!“, befahl ihm Celan in einem ruhigen, leicht überheblichen Ton. Er wollte ihm zeigen, dass er der Herr dieser Burg und Bezwinger seines Volkes war und dass er mit ihm tun konnte, was er wollte. Der Urbe hielt seinen Blick stand, machte aber weder Anstalten in die Knie zu gehen, noch irgendetwas zu sagen. Stille erfüllte den Raum. Dann wandte Celan seinen Blick zu Ulf und nickte ihm zu. Ulf löste seinen Streitkolben vom Gürtel und lief hinter den Urben. Mit voller Wucht schlug er den Schaft der Waffe in die Kniekehlen des Mannes.

Der Schmerz durchzuckte Narthas und ließ ihn unfreiwillig auf die Knie sinken. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als er einen schweren Schlag im Rücken spürte, den Ulf mit dem Ellenbogen ausgeführt hatte. Von der Wucht des Schlages wurde er zu Boden geworfen. Er spürte wie Ulf seinen Stiefel auf seinen eigenen Kopf setzte und ihn so am Boden hielt. Celan lächelte.

„Das reicht Ulf.“, sagte er und der Angesprochene ließ von Narthas ab und stellte sich neben seinen Herzog.

„Ich bin Celan von Tandor, Herzog von Tandor und Ritter Valoriens.“, begann Celan dann zu reden. „Wie ist dein Name, Urbe?“

Narthas blickte auf. Er war noch immer auf den Knien, entschied sich aber, nicht aufzustehen. Ganz davon abgesehen, dass es mit dem noch immer starken Schmerz in seinen Kniekehlen nur schwer möglich sein würde.

„Mein Name ist Narthas, Sohn von Ikran.“

„Narthas, Sohn von Ikran, dein Volk ist besiegt, durch mich. Deine Männer sind tot oder in meiner Gefangenschaft. Der Terror, der durch deinen Vater über meine Heimat gebracht wurde, ist endgültig vorbei und dein Leben befindet sich in meiner Hand. Steh auf.“, sagte Celan und erhob sich selber aus seinem Thron.

Narthas stand immer noch unter Schmerzen auf, jedoch gelang es ihm recht gut, diese zu verbergen.

„Komm her“, sagte Celan, der wieder am Fenster stand und Narthas tat, wie ihm geheißen wurde. Die beiden Untergebenen des Herzogs flankierten noch immer den Thron, behielten aber den Gefangenen im Auge. Celan zeigte über die Gefangenen, die auf dem Platz vor der Burg versammelt waren.

„Schau sie dir an. Dies sind deine Männer, alle in meiner Hand. Es sind bestimmt gute Männer, sehr gute bestimmt. Sie haben Familien, Frauen, Kinder, und sie befinden sich dort, gedemütigt in Gefangenschaft. Ich könnte sie mit einem kurzen Befehl alle töten lassen. Sag, Narthas, liegt dir etwas an dem Leben deiner Männer?“

Celan schaute den Urben durchdringend an. Er versuchte in seinen Zügen dessen Gefühle wahrzunehmen, aber die Züge von Narthas blieben hart und verrieten keine Regung.

„Dies alles sind meine Brüder.“, sagte Narthas ruhig mit seinem urbischen Akzent. „Was willst du von mir, Herzog Celan?“

Celan lächelte. Er ließ sich auf ein Gespräch ein. Das war sehr gut. Offensichtlich überwog doch die Sorge um das eigene Leben und das Leben seiner Männer den Stolz des Urben.

„Ich habe so oft gegen euch gekämpft und eure Kampfkraft ein ums andere Mal am eigenen Leib erfahren. Ich habe selten eine solch herausragende Kombination von Willen, Stolz und gemeisterter Kampftechnik gesehen, wie bei deinem Volk. Und nur zu gern möchte ich diese Waffe nicht gegen mich, sondern an meiner Seite wissen.“

Narthas schaute Celan überrascht an. Das wollte er also. Er wollte sie weder alle exekutieren, noch wollte er sie in die Bergwerke schicken. Er wollte die Kampfkraft der Steppe unter sich wissen. Aber welches Ziel verfolgte er? Soweit Narthas wusste, gab es außer den Urben nur einen ernstzunehmenden Feind für Valorien, und das war ein im Süden angrenzendes Reich Namens Kargat. Wollte Celan die Urben, um gegen diesen Feind zu bestehen?

Er dachte über den Vorschlag nach. Sie würden zwar nicht ganz frei sein, aber sie könnten reiten, kämpfen und wahrscheinlich auch plündern. Sie könnten in Schranken ein freies und ehrenvolles Leben führen und vielleicht könnte er eines Tages, wie sein Vater und seine Brüder, ehrenhaft im Kampf sterben.

„Was sind eure Bedingungen, dass wir wieder reiten dürfen?“, fragte der Urbe Celan, auf dessen Gesicht sich ein triumphierendes Lächeln ausbreitete.

„Ich wusste, dass ihr alles dem Tod in Gefangenschaft vorziehen würdet.“ Celan wandte sich wieder vom Fenster ab und setzte sich erneut in seinen Thron. Narthas folgte dem Herzog und stellte sich erneut vor ihn.

„So hört meine Bedingungen, Narthas, Sohn des Ikran. Für dreißig Jahre wird dein Volk mir unmittelbar Untertan sein. Wenn ich zu den Waffen rufe, werdet ihr mir folgen. Wenn ich von euch eure besten Pferde verlange, so werdet ihr sie mir geben. Wenn ich vor euch trete, werdet ihr euch vor mir verneigen.“

Narthas nickte. Eine Knechtschaft für dreißig Jahre. Natürlich würde dies wohl sein gesamtes Leben bedeuten, doch würden seine Söhne wieder frei sein. Und es ging auch um seine Männer. Alle würden qualvoll in den Mienen zu Grunde gehen, anstatt mit erhobenem Haupt im Kampf unterzugehen. Um für die Ewigkeit mit den Geistern der Steppe zu reiten. Auch ihre Familien würden ohne Schutz der Männer in den Steppen sterben, dessen war er sich sicher. Und dennoch wollte er noch nicht daran glauben, dass die Freiheit wohl so nah war. Nein, das konnte noch nicht alles sein. So niedrige Forderungen würde ein Mann wie Herzog Celan, der alles gewonnen hatte, nie stellen.

„Nach Ablauf dieser dreißig Jahre“, fuhr der Herzog fort, „soll jeder zweitgeborene Sohn der Urben bei Erreichen seines fünfzehnten Lebensjahres für zwanzig Jahre im tandorischen Heer seine Pflicht tun, zur Tilgung der Blutschuld eures Volkes. Diese Pflicht gilt von jenem Tage an für immer dar.“

Narthas musste schlucken. Das war also die Einschränkung, die Celan im Sinn hatte. Für immer würden urbische Söhne gestohlen werden, um den Herzogen von Tandor und den Königen von Valorien zu dienen. Das waren ein schwerer Schlag und eine schwere Demütigung.

„Des Weiteren wird dein Weib und weitere zwanzig Weiber von Stammesführern oder großen Kriegern mit ihren Kindern nach Tandor gebracht, um als Pfand für eure Treue zu dienen. Solltest ihr die Bedingungen nicht akzeptieren, oder sollte die Treue gebrochen werden, so werden nicht nur die hier versammelten Männer sterben, sondern der Zorn Tandors wird dein gesamtes Volk treffen und ich werde nicht ruhen, bis ich nicht dem Letzten deines Volkes den Kopf vom Haupt geschlagen habe.“

Die letzten Sätze hatte Celan mit einer bedrohlich entschlossenen Stimme vorgetragen. Narthas schaute den Herzog an, doch dessen Gesicht blieb hart. Dieser Mann würde keine leeren Drohungen aussprechen, dessen war sich Narthas sicher. Die Forderungen jedoch waren ungeheuerlich. Aber konnte Narthas ablehnen? Die besten und edelsten Krieger waren an der letzten Schlacht beteiligt gewesen. Es war niemand mehr da, der die Familien verteidigen könnte. Celan würde sein gesamtes Volk niedermetzeln, wenn er nicht zustimmte. Die Verantwortung, die er auf seinen Schultern spürte, schien ihm so schwer, dass sie ihn jeden Moment zu Boden drücken könnte. Einmal mehr wünschte er sich, wie sein Vater und seine Brüder auf dem Schlachtfeld gefallen zu sein. Aber dafür war es zu spät. Er schaute Celan tief in die Augen.

„Ich akzeptiere eure Bedingungen mit einer Forderung: Sollte der Tag kommen, an dem ein Urbe dir oder deinen Nachfolgern das Leben rettet, so soll mein Volk von der Blutschuld befreit werden.“ Celans Miene blieb einige Momente ungerührt. Er schien zu überlegen, ob er diese Einschränkung annehmen konnte. Dann erhellte sich seine Miene.

„So soll es sein. Dann schwöre, im Namen deines Volkes, mir und denen, die mir folgen werden, die Treue. Von jetzt und für immer dar, so lange die Blutschuld nicht beglichen ist.“ Narthas neigte sein linkes Knie und senkte seinen Blick auf den Boden.

„Ich, Narthas, Sohn von Ikran, schwöre im Namen der Stämme der Urben, dir und allen die dir folgen sollen die Treue, bis die Blutschuld beglichen ist.“

Celan lächelte. Ein erster Sieg war errungen, und er hatte eine mächtige Waffe in seinen Händen. Er erhob sich aus seinem Thron und ging auf den Urben zu. Er packte ihn an den Schultern und zog ihn hoch, sodass er Narthas direkt in die Augen blicken konnte.

„Du hast eine gute Wahl getroffen, Narthas. Ich werde dir versprechen, dass es deinem Volk, solange es mir dient, an nichts mangeln wird. Und nun habe ich einen ersten Auftrag für dich und deine Mannen.“

Narthas blickte dem Herzog in die Augen, blieb aber erstmal still. Der Gedanke, bald wieder in Rüstung und Waffen im Sattel zu sitzen erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Zwar war der Stolz der Urben durch die Unterwerfung gebrochen, aber nicht ihr Willen. Sie würden reiten und kämpfen. Und die Geister der Steppe, auch die Geister der Gefallenen, würden stolz auf sie hinunter schauen. Sie waren zwar nicht frei, aber Narthas hatte sein Volk vor einem noch schlimmeren Schicksal bewahrt. Er konnte mit erhobenen Haupt vor seine Männer treten. Ja, sie würden reiten, nur diesmal eben im Namen des Herzogs von Tandor zeigen.

„Ich möchte, dass du mit deinen besten Reitern Richtung Süden reitest“, fuhr Celan fort und lief zu einem Kartentisch, der an der Wand stand. Die drei Männer, Forgat, Ulf und Narthas, folgten ihm und stellten sich um die Karte von Valorien, die auf dem Tisch lag. Celan legte seinen Finger auf die Karte und zeigte einen Bereich im südlichen Teil seines Herzogtums.

„In dieser Gegend treibt sich eine große Bande von Banditen herum. Sie sind gut bewaffnet und organisiert und marschieren zurzeit gegen Süden, dies berichten zumindest meine Späher. Ich möchte, dass du ihnen so schnell wie möglich folgst und sie vernichtest, bevor sie die Grenze nach Rethas überqueren.“

„Aber mein Herzog...“, wollte Forgat gerade einwerfen, als sein Blick sich mit Celans traf und ihn zum Schweigen brachte. Ein wissendes Lächeln lag auf den Lippen des Herzogs. Er wusste genau, wen er dort verfolgen ließ, und Forgat, obwohl er Einwände hatte, wusste, dass er jetzt zu schweigen hatte. Celan von Tandor tat nichts, ohne es gut zu überdenken, das hatte der junge Sohn Fendrons gelernt. So verhielt es sich mit der Begnadigung der Urben ebenso wie mit dem ersten Auftrag für den Urbenführer Narthas. Narthas unterbrach den kurzen Moment der unangenehmen Stille und Spannung zwischen Forgat und Celan.

„Wenn Ihr mich und meine Männer mit Pferden, Waffen und Versorgung ausstattet, dann können wir jeden Moment aufbrechen. Ein Urbe ist jeden Moment bereit zum Kampf.“

Celan wandte sich an Forgat. „Geleite bitte Narthas nach draußen und kümmere dich um die Ausstattung der Urben. Achte darauf, dass genug wichtige Männer in Taarl bleiben, bis wir ihre Frauen und Kinder in Gewahrsam haben. Wenn sich Narthas meinem Willen widersetzt, werden diese zuerst sterben, danach jagen wir die Soldaten des Khans, und schlussendlich finden wir die Frauen und Kinder in der Steppe. Danach wirst du dich um die Einhaltung des Vertrages kümmern.“ Der Herzog hatte darauf geachtet, den Urben in der dritten Person anzusprechen. Dieser sollte merken, dass er im Zweifel nicht zögern würde.

„Jawohl, Euer Gnaden.“, quittierte Forgat den Befehl förmlich und schritt zur Tür. Ohne weitere Worte folgte ihm Narthas.

Herzog Celan blickte weiterhin auf die Karte. Sein Blick wanderte Richtung Westen und Süden, über Elorath, Dämmertan bis in das Herzogtum Fendron, die Heimat seines einstmaligen Knappen und mittlerweile Junkers Forgat.

„Ulf“, sagte Celan zu dem grobschlächtigen Mann, der immer noch neben ihm stand. „Für dich habe ich einen besonderen Auftrag, mit dem ich Forgat nicht betrauen kann. Du hast es gerade wieder gemerkt, dass es ihm bei Zeiten an Gehorsam und Durchsetzungsstärke fehlt. Du hast diese Fähigkeiten, und ich benötige sie nun.“

„Was soll ich tun, mein Herzog?“, fragte Ulf, der genauso gut wie Celan wusste, dass mit der Umschreibung Gehorsamkeit und Durchsetzungsstärke lediglich seine Skrupellosigkeit meinte. Er würde jeden Befehl ausführen, mit dem ihn Celan beauftragte, und gerade deshalb schätze ihn der Herzog so sehr.

„Lass uns uns hinsetzten. Dann erklär ich dir, was ich erwarte.“, sagte Celan und deutete auf einige Stühle vor dem Kamin.

Narthas dachte noch immer an die Abmachung. Diese Gedanken plagten ihn. Seit dieser Valore, Forgat, ihn aus der Burg begleitet hatte. Und auch jetzt, da er wieder mit seinen Brüdern im Sattel saß, konnte er diese nicht wegwischen. Ein ums andere Mal wog er auf, was er verloren, und was er gewonnen hatte. Hatte er Freiheit gewonnen? Hatte er seinen Stolz verloren? Seine Ehre, sowie die Ehre seines Vaters und seiner Ahnen beschmutzt? Würden die Geister der Steppe seine Entscheidung gut heißen? Würden seine Männer ihm weiterhin folgen? Bisher taten sie es. Er blickte sich um und es erfüllte ihn mit Stolz, selber so tapfere und gute Männer anführen zu dürfen, die sich ihm ohne Fragen unterworfen hatten. Er war ein Sohn des großen Khans und als solcher war er unumstritten. Und wenn auch unter schweren Bedingungen, so hatte er sie aus der Gefangenschaft befreit. All die Krieger der Urben saßen erneut in Rüstung und Waffen auf den Pferden und zogen in den Kampf, wie sein Volk es schon seit Äonen tat. Narthas blickte entschlossen nach vorne und spornte sein Pferd an, das in einen schnellen Trab verfiel. Hunderte von Hufen schlugen auf den Boden, als sich der Trupp gen Süden bewegte.

Kapitel 7

Geron, Priovan und Eleonora standen zum Aufbruch bereit im Hof der Burg von Tjemin. Sie waren schon früh aufgestanden und nach einem reichhaltigen Frühstück hatten sie sich sofort für die Weiterreise nach Andtweil bereit gemacht. Zwei Stallknechte brachten gerade die Pferde von Geron und Priovan, als mehrere Bewaffnete in den Hof geritten kamen. Es war die Eskorte, die, auf Befehl von Herzog Richard hin, noch einmal aufgestockt worden war. Wie am Tag zuvor ausgemacht, würden die drei gemeinsam mit Isabel von Andtweil und Ludwig von Fendron reisen. Gerade als ein Mann eine Kutsche gezogen von vier Pferden vorfuhr, kamen die beiden begleitet von Herzog Richard, der sich auf einen Stock stützte, und seinem Sohn Berlan aus dem Tor des Bergfrieds.

Ludwig wirkte noch immer etwas erschöpft und müde vom vorigen Abend, zumindest zeigten dies seine tiefen Augenringe und die leicht gerötete Nase, wohingegen Isabel so jung und schön wie immer wirkte.

„Gerne hätte ich dich noch länger als Gast beherbergt, Geron, aber dennoch bin ich beruhigt, dass du es bist, der Ludwig und Isabel nach Andtweil begleitet“, begrüßte der alte Herzog Geron, der dankend nickte.

„Auch ich wäre gerne länger in Tjemin verweilt, aber wir wollen noch vor dem Herbst unsere Reise beenden, und so drängt es uns weiter nach Andtweil und dann nach Lyth Valor.“, antwortete er und wandte sich dann an Ludwig und Isabel. „Ich möchte Euch danken, dass Ihr meiner jungen Gefolgsfrau die Mitreise in der Kutsche gestattet.“ Ludwig wollte gerade antworten, als ihm Isabel mit einem Lächeln zuvor kam.

„Selbstverständlich, Herr von Dämmertan, es ist uns eine Freude. Und vielleicht wird durch ihre Anwesenheit die lange Reise etwas unterhaltsamer.“

„Nun gut“, wandte dann Ludwig ein. „Dann wollen wir aufbrechen, schließlich wartet ein langer Weg auf uns.“ Während sich Ludwig und Isabel von Richard und Berlan verabschiedeten, zog Geron Lora bei Seite.

„Pass auf, Lora. Du wirst dich absolut korrekt verhalten. Du wirst nur sprechen, wenn du gefragt wirst. Du wirst die Dame Isabel stets höflich als hohe Dame und Ludwig nur mit Wohlgeboren ansprechen. Ich will, dass du mir keine Schande machst, verstanden?“

Lora nickte ernst. Sie konnte sich nicht wirklich auf die Fahrt mit den beiden Adeligen freuen, wusste sie doch schon jetzt, dass sie sich völlig fehl am Platz fühlen würde. Und ihr war auch ungewiss, ob und worüber sie mit den beiden Herrschaften reden sollte beziehungsweise, wie sie sich verhalten sollte. Immerhin war es eine längere Fahrt bis nach Andtweil, da konnte man sich nicht einfach schweigend gegenüber sitzen. Als sie gerade noch darüber nachdachte, kam auf einmal Isabel auf sie zu.

„Du bist also unsere Mitreisende?“

„Jawohl, Hohe Dame, mein Name ist Eleonora.“, sagte Lora unsicher. Sie hatte gerade noch hinzufügen wollen, dass sie Lora genannt wurde, erkannte aber, dass dies wohl unpassend war und hatte sich rechtzeitig auf die Lippe gebissen.

Isabel lächelte sanft. „Dann komm doch mit. Wir werden bestimmt eine angenehme Reise haben.“, sagte sie und führt sie zur Kutsche, während Geron und Priovan auf ihre Pferde stiegen. Ludwig stieg als letztes in die Kutsche und dann setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Die ersten paar Minuten war es außer dem Rumpeln der Kutsche und den Hufschlägen der Pferde, die nur gedämpft in die Kutsche drangen, sehr ruhig in dem Innenraum. Ludwig sah man die deutlichen Spuren der gestrigen Feier an. Er wirkte sehr müde und unterdrücke nur aus Höflichkeit einige Gähner. Unter seinen Augen waren tiefe Ringe und er wirkte blass, von den leicht rötlichen Färbungen der Wangen und der Nasenspitze abgesehen. Nachdem die Fahrt begonnen hatte, schloss der Sohn des Herzogs, der entgegen der Fahrtrichtung Lora und Isabel gegenübersaß, die Augen.

Isabel wirkte deutlich frischer und auch Lora fühlte sich, trotz des nächtlichen Ausflugs und des frühen Morgens, recht ausgeruht, was bestimmt auch an dem reichlichen Frühstück und dem gemütlichen Bett lag. Nachdem sie Tjemin hinter sich gelassen hatten brach Isabel die Stille und wandte sich an Eleonora.

„Geron hat gegenüber mir lediglich gesagt, dass du neuerdings in seinem Gefolge bist. Leider hat er mir nicht berichtet, wer du bist und woher du kommst. Da wir eine längere Fahrt vor uns haben, fände ich es schön, wenn wir uns ein bisschen unterhalten könnten, und dazu müsste ich dich erstmal genauer kennen.“ Lora nickte, sprach aber nicht. Sie wusste nicht wirklich, was sie erwidern sollte, und offenbar bemerkte auch Isabel ihre Unsicherheit. Sie lächelte.

„Um dir den Anfang ein bisschen zu erleichtern möchte ich mich dir noch mal genauer vorstellen. Wie bereits gesagt bin ich Isabel von Andtweil, ich bin die Tochter des vor einigen Jahren gefallenen Ritters und Freiherrs Victor von Andtweil. Ich selbst bin zurzeit das Mündel ihrer Gnaden des Herzogs von Fendron und hoffe, dass er mich bald verlobt, sodass mein zukünftiger Ehemann dann selbst zum Freiherr von Andtweil wird. Warst du schon einmal in Andtweil?“

„Nein“, antwortete Lora. Sie hatte den kurzen Ausführungen Isabels ordentlich zugehört und hoffte alles zu behalten. Der Anfang der Unterhaltung war weit weniger schlimm gewesen, als sie befürchtet hatte. Isabel strömte eine gewisse Wärme aus, die auch Lora ein gutes Gefühl gab.

„Aber soweit ich mitbekommen habe, werde ich ja bald die Freude haben eure Heimat kennen zu lernen, hohe Dame.“

„Ja, in der Tat, und solange wir in der Kutsche sind sagt bitte Isabel zu mir. Und Ludwig kannst du auch mit Ludwig ansprechen, nicht wahr?“, fragte sie den dritten Mitfahrer der kurz die Augen aufschlug und immer noch verschlafen kurz antwortete. „Ja, natürlich.“

„Gut, dann erzähl mir doch bitte ein bisschen von dir, Eleonora. Ich bin wirklich gespannt, wie du an den Herrn von Dämmertan gekommen bist.“ Ein leichter Spott schien beim letzten Satz in ihrer Stimme zu liegen, auf den Lora aber bestimmt nicht näher eingehen wollte.

„Meine Geschichte ist wohl weniger prunkvoll als Eure. Mein Vater kehrte, als ich ein kleines Kind war nicht mehr aus dem Krieg zurück. Meine Mutter starb als ich sechs Jahre alt war. Da mich in meinem Heimatdorf niemand aufnehmen wollte und ich auch sonst keine Verwandten hatte, bin ich als kleines Kind in die nahe Stadt Tjemin gezogen, wo ich mich seitdem durchgekämpft habe. Ich habe schnell gelernt, wie man in den Straßen der Stadt überlebt, wem man trauen kann und sollte, und wen man besser meiden sollte.

Mein Traum aus dieser Stadt zu entkommen wurde vorgestern erfüllt, als ich den jungen König von Strauchdieben verfolgt in den Straßen erblickte und ihm bei der Flucht half. Der Herr von Dämmertan hat mir zur Belohnung für die Rettung des Lebens des Königs einen Wunsch gewährt, und ich entschied mich Tjemin ein für alle Mal zu entrinnen und habe darum gebeten, ihn und Priovan auf ihren Reisen zu begleiten. Ein bisschen verwegener Wunsch war das wohl schon, aber ich bin mir sicher, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen werde. Nun ja, und jetzt bin ich hier.“

Sie lächelte und beendete so den kurzen Abriss über ihr Leben. Isabel hatte interessiert zugehört.

„Nun, dein Leben war vielleicht weniger prunkvoll als meines, aber es war bestimmt spannender und erlebnisreicher.“

„Wenn du Hunger, Kälte und den täglichen Kampf ums Überleben als spannend und ereignisreich bezeichnest, dann hast du wohl recht.“, erwiderte Lora sarkastisch und bereute schon im nächsten Moment die Aussage. Sie merkte auch, dass sie die förmliche Anrede weggelassen hatte und biss sich auf die Lippe. Das war bestimmt nicht das, was Geron als höflich bezeichnet hätte. Dennoch wirkte Isabel nicht beleidigt, obwohl sich ihre Miene deutlich verfinsterte. Es lag jedoch kein Groll in ihrem Gesicht, sondern eine Spur von Trauer.

„Die Armut der Bevölkerung ist ein großes Problem.“, sagte sie ernst. „In Tjemin, eigentlich in Fendron, geht es noch. Die Ernten der letzten Jahre waren zwar schlecht, aber nicht so schlecht wie in anderen Teilen Valoriens. Besonders schlimm muss die Situation in Tandor und im Norden und Osten von Rethas sein, wo zu schlechten Ernten auch noch die Überfälle der barbarischen Urben kommen. Unter König Thanhold, Priovans Vater, waren Armut und Hunger deutlich geringer, so erzählt man. Hoffen wir, dass der junge König auch wieder Wohlstand und Frieden bringen wird.“

„Das wird er bestimmt.“, warf Lora schnell ein. „Ich vertraue ihm. Er kennt auch die Sorgen der einfachen Bevölkerung. Er wird bestimmt ein guter und gerechter König.“

„Selbst der gerechteste und beste König kann manchmal seine Herausforderungen nicht bewältigen, wenn diese durch äußere Umstände oder auch die eigenen Untergebenen ins Unermessliche steigen.“, meldete sich da Ludwig erstmalig zu Wort, und fuhr dann direkt fort. „Auch wenn ich der jungen Dame Recht gebe, dass der junge König bestimmt gütig und gerecht sein kann, so wird er doch vielen Herausforderungen begegnen müssen. Die wilden Urben im Osten, die verhassten Kargatianer im Süden, zudem kann auch der König nicht das Wetter beeinflussen. Außerdem werden wohl bald zwei neue Herzöge in Fendron und Rethas ihr Erbe antreten. Ein neuer, junger Herzog kann ein Segen sein, aber auch ein Fluch. Wir werden sehen.“

Lora hörte interessiert Ludwig und Isabel zu, wie sie über all die politischen Dinge redeten, auch wenn sie nicht alles verstand. Natürlich kannte sie die Geschichten über die wilden Urben, denen so manche Grausamkeit zugeschrieben wurde. Lora wollte nicht beurteilen, welche wahr und welche falsch waren.

Die Mittagssonne stand hoch am Himmel, als der Tross ein kleines Dorf erreichte. Sie waren schon einige Stunden der Straße gefolgt, die sich am Ufer der Gronde nach Süden schlängelte. Wie schon die vorigen Tage war das Wetter sommerlich heiß. Die Soldaten schwitzen in ihren Rüstungen und auch Priovan hoffte, dass sie die wohlverdiente Pause in diesem Dorf finden würden. Geron und der Hauptmann der Eskorte, ein Mann namens Ludger, hatten ein scharfes Tempo angegeben. Den Pferden merkte man die Erschöpfung genauso an wie den Menschen, aber sie wollten die Reisezeit nach Andtweil möglichst kurz halten. Dennoch würden die beiden wohl jetzt auch einsehen, dass es wirklich höchste Zeit für eine Pause war. Und wie erhofft zügelten die beiden Männer ihre Pferde und verringerten so das Tempo als sie ein Schild passierten, dass den Namen des Dorfes anzeigte: Gelnau.

Die Einwohner von Gelnau hatten offensichtlich schon aus der Ferne die Reisegruppe gesichtet und warteten so auf dem Dorfplatz, der von einer Taverne, einer Handwerkerstube, offensichtlich die eines Schreiners, und weiteren zwanzig Wohnhäusern umgeben war. Dies stellte schon das ganze Dorf dar, dessen Einwohner hauptsächlich Bauern oder Fischer waren. Ehrfürchtig zogen die Leute ihre Hüte und Kappen ab und beugten den Kopf, als sie das Wappen des Herzogs von Fendron und des Freiherren von Dämmertan erblickten. Geron hatte zwar eigentlich nicht gewollt, dass ein Soldat auch sein Wappen trägt, immerhin sei er nur ein einfacher Reisebegleiter, aber der Herzog von Fendron hatte auf diese Ehre bestanden. Als sie näher kamen musterte Priovan die Menschen genauer. Viele sahen sehr dürr und ausgemergelt aus, obwohl doch eigentlich so ein bescheidenes Dorf ganz erträglich sein sollte, das zudem noch an einer viel genutzten Straße lag. Und von erhöhten Steuern in Fendron hatte er auch noch nicht gehört. Hatten die Winter der letzten Jahre wirklich so hart zugeschlagen? Er wollte Geron gerade nach dieser Situation fragen, als sie die Dörfler bereits erreichten.

Aus der Menge von etwa vierzig Dorfbewohnern trat ein Mann heraus, der seine besten Jahre offensichtlich schon hinter sich hatte. Dennoch wirkte der Mann kräftig und willensstark, weder gebeugt von Alter noch von Hunger. Seine dunklen Haare waren schon grau durchzogen, sein Bart wuchs wild. Anhand seiner Schürze, die er um den Bauch trug, konnte man annehmen, dass es sich um den Wirt der kleinen Herberge handelte. Dieser schien auch als Dorfvorsteher zu fungieren.

„Seid gegrüßt, edle Herren“, begrüßte er die Reisenden mit einer kleinen Verbeugung. „Es ist mit eine Ehre, Euch in unserem bescheidenen Dorf willkommen zu heißen, Herr Ritter. Mein Name ist Havold. Wünscht Ihr zu rasten? Können wir Euch in irgendeiner Weise dienlich sein?“

Geron nickte dem Wirt zu und stieg ebenso wie der Hauptmann der Eskorte aus dem Sattel. Nach einem kurzen Wink tat es ihm auch Priovan gleich, der sich jedoch wohlweislich im Hintergrund hielt. Es sollte wirklich nicht jeder wissen, wen er dort vor sich hatte.

„Vielen Dank, Havold.“, sagte Geron während er sich seiner Reithandschuhe entledigte. „Wir wünschen für einen Augenblick zu rasten. Kümmere dich doch bitte darum, dass die Pferde ordentlich getränkt und gefüttert werden und dass die Soldaten ein ordentliches Mittagsmahl und einen großen Humpen Wasser bekommen. Kein Alkohol zu dieser Zeit. Außerdem würden sich die hohen Herrschaften gerne für einige Momente in die Schänke setzten, rasten und ein kleines Mittagsmahl einnehmen. Du wirst natürlich entsprechend entlohnt werden.“

Der Mann verneigte sich wieder und drehte sich zu den Dörflern um, um diesen Anweisungen zu geben. Diese Reisegruppe bedeute ein wirklich lohnendes Geschäft für das kleine Gelnau, das offensichtlich in der jüngsten Vergangenheit nicht mit Glück gesegnet war.

Nachdem er sich mit Havold unterhalten hatte ging Geron zusammen mit Ludger und Priovan zu der Kutsche und öffnete die Tür.

„Mein Herr“, wandte er sich an Ludwig. „Wir werden hier eine kleine Rast einlegen, wenn Ihr nichts dagegen habt.“

Ludwig erhob sich und stieg aus der Kutsche. Als erstes streckte er sich kräftig und konnte auch ein leichtes Gähnen nicht unterdrücken.

„Im Gegenteil, eine Pause kommt wirklich gerade gelegen.“ Dem Herzogssohn folgte Isabel, der Ludwig eine Hand zum Aussteigen reichte, und Lora, die auch mehr als froh war, endlich eine kleine Pause einlegen zu können und sich ein bisschen die Beine vertreten zu können. Sie hatte die lange Zeit in der Kutsche mehr angestrengt, als sie zu denken vermocht hatte. Dennoch war die Zeit einigermaßen angenehm gewesen. Isabel hatte sich weiterhin äußerst freundlich und nett gezeigt und auch Ludwig war immer höflich zu ihr gewesen. Es war keinerlei Anspannung zu spüren gewesen, obwohl doch Welten zwischen dem Stand der beiden und dem ihren lagen. Wenn sie eine Erkenntnis von dieser ersten Etappe ihrer Reise hatte, dann wohl, dass auch die höchsten Adeligen nur Menschen sind. Obwohl sie dies bei Priovan schon festgestellt hatte, war er für sie immer noch weniger König als mehr ein einfacher Junge, der Abenteuer erleben wollte.

Gemeinsam gingen dann Geron, Ludger, Priovan, Isabel und Lora in die kleine Taverne. Der Innenraum war kaum beleuchtet, jedoch schaffte es die Mittagssonne durch alle Fugen und Löcher durch die Wand und so wurde der Raum doch ganz gut erhellt. Die fünf setzten sich an einen Tisch und sahen, wie der Wirt im Hinterraum, offensichtlich der Küche, verschwand. Nach kurzer Zeit kam ein kleines Mädchen aus dem hinteren Raum. In der Hand hielt sie ein Tablett mit einem großen Krug Wasser und mehreren Tonbechern, das offensichtlich zu schwer für sie war und so ständig drohte auf den Boden zu fallen. Das Mädchen war vielleicht sieben oder acht Jahre alt und hatte dunkle Haare wie der Wirt, die jedoch recht kurz geschnitten waren. Geron schaute zu Priovan.

„Hilf ihr doch bitte.“, sagte er und der Knappe folgte wie immer gehorsam seinem Befehl. Auch wenn das Mädchen offensichtlich dankbar darüber war, dass ihr die Last abgenommen wurde, stammelte sie doch leise: „Das ist doch nicht nötig.“ Dann sagte sie aber nichts mehr sondern verschwand in der Küche, während Priovan sechs Becher mit Wasser füllte. Das Wasser war angenehm klar und kühl und alle außer Isabel lehrten die Becher in wenigen Zügen. Lora bemerkte, dass Isabel den Becher nur immer kurz an den Mund ansetzte und kleine Schlücke trank. Obwohl auch sie bestimmt sehr durstig war, schaffte sie es so, stets eine gewisse Eleganz zu bewahren, die sie deutlich von den anderen am Tisch sitzenden hervorhob.

Als das Mädchen das zweite Mal wiederkam wurde sie vom Wirt, offensichtlich ihrem Vater, begleitet. In der Hand trug sie ein grobes Holzbrett auf dem ein großer Laib Brot und fünf Holzlöffel lagen. Der Wirt hatte sechs dampfende Schüsseln in den Händen, und schaffte es trotz der großen Anzahl diese ohne einen Tropfen zu vergießen auf den Tisch zu stellen. Es war ein einfacher Eintopf aus verschiedenem Gemüse und einigen Brocken Fleisch. Nichts Besonderes für die Adeligen am Tisch, jedoch war es für Lora wohl genauso wie für die einfachen Bauern des Dorfes ein wirklich gutes Essen, das man schätzen sollte.

Als der Wirt gerade wieder verschwinden wollte, die drei Männer, Priovan und Lora wollten schon mit dem Essen beginnen, hielt die Stimme von Isabel den Wirt vom Gehen ab.

„Sagt, Herr Wirt, was geschieht in diesem Dorf, dass die Menschen hier so leiden müssen? Die Kinder und Frauen sehen ausgemergelt aus und selbst die Männer, die durch die harte Feldarbeit für eine gute Ernte sorgen sollten, sehen nicht besonders wohlgenährt aus. Was ist hier geschehen, dass das Dorf so arm ist?“

Der Wirt drehte sich um und trat wieder an den Tisch. Alle hatten ihre Löffel wieder weggelegt, obwohl Lora wirklich darauf brannte, endlich zu beginnen. Das frühe Frühstück hatte nicht lange vorgehalten. Aber sie war es ja gewöhnt, auch für längere Zeit nichts zu essen.

„Oh, edle Dame, so einiges ist geschehen, was diesem Dorf kein Glück brachte“, begann der Mann zu erzählen. Geron deutete auf einen der Schemel, die in der Nähe standen, und der Mann setzte sich dankbar. Lora erkannte die kleine Tochter, die am Türrahmen zum Hinterzimmer stand und die Szene beobachtete.

„Ich glaube alles begann vor drei Jahren, als in einer Herbstnacht unsere Scheune abbrannte. Von dort an widerfuhr diesem Dorf nur noch Pech, ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Die Scheune beherbergte unsere Vorräte für den Winter. Obwohl wir natürlich auch noch einige andere Vorräte hatten, wussten wir schon, dass es ein Winter voll Entbehrungen werden sollte. Wir hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass es so schlimm wird. Die Herrschaften erinnern sich vielleicht an den Winter vor drei Jahren. Er war hart, kalt und wollte offenbar nie enden. Zu allem Überfluss suchte uns in dieser Zeit, als wir sowieso schon geschwächt von Hunger und Kälte waren, noch das Fieber heim. Mein Weib und mein jüngster Sohn, eine Knabe von damals erst sechs Jahren, starben beide am Fieber. Auch andere Familien verloren Frauen, Männer und Kinder. Als der Winter überstanden war, hofften wir das schlimmste hinter uns zu haben. Aber wir haben uns getäuscht. Es folgten weitere schwierige Monate. Stürme im Frühjahr, Trockenheit im Sommer und weitere Kälte im Winter ließen die Situation immer schlimmer werden, aber nicht nur bei uns. Auch in den Dörfern der Umgebung wurde die Lage zunehmend ernster. Aus Frust, Armut, Hunger und Verzweiflung bildeten sich dann Räuberbanden, Diebe und Gesetzlose. In den letzten drei Monaten wurden wir schon zweimal von solchen Banden überfallen. Die Lage ist wirklich dramatisch. Meine beiden großen Söhne verließen mich letztes Jahr, wahrscheinlich auch um vom Pfad der Tugend abzukommen. Natürlich bin ich enttäuscht, aber wirklich verübeln kann ich es ihnen nicht. Deshalb bleibt mir jetzt nur noch meine kleine Tochter. Wir hoffen schon seit langem auf Hilfe unseres Freiherrn oder des Herzogs, aber bisher stehen wir alleine da.“

Der Wirt wirkte sichtlich niedergeschlagen, als er seinen Bericht beendet hatte. Eine beklemmende Stille breitete sich im Raum aus. Natürlich kannte Lora die Armut, hatte sie selbst miterlebt, aber irgendwie glaubte sie, dass vieles der Verzweiflung des Landes nie gänzlich nach Tjemin gekommen war. Auch Priovan wirkte offensichtlich geschockt über die desolate Lage seines Landes.

Isabel fasste sich als erstes wieder. „Ludwig, wusstest du davon, dass die Lage hier so schlimm ist?“

Der Herzogssohn schüttelte den Kopf. „Natürlich wusste ich von den Schwierigkeiten der letzten Jahre, aber dass es Teils so dramatisch sein soll. Dieses Dorf scheint wirklich vom Pech verfolgt.“ Isabel blickte zu dem kleinen Mädchen, das noch immer an der Tür stand und winkte es zu sich. Zaghaft ging die Tochter des Wirtes zu der Adeligen.

„Wie heißt du, meine Kleine?“ fragte Isabel. Diese sagte erst leise etwas, was aber kaum zu verstehen war und wiederholte das dann noch mal etwas lauter.

„Isabel“, sagte sie zaghaft und auf dem Gesicht von Isabel von Andtweil legte sich ein freundliches Lächeln.

„So wie ich. Das ist wirklich schön. Hier“, sagte sie und reichte dem kleinen Mädchen ein Silberstück. „Nimm das und kauf dir und deinen Freundinnen etwas Schönes davon. Du musst mir aber versprechen, dass du es teilst.“

Die kleine Isabel strahlte vor Lächeln, brachte aber kein Wort hinaus bis ihr Vater sie scharf ansah.

„Dankeschön, edle Dame“, sagte sie dann noch und verschwand dann auf ein Nicken ihres Vaters hin im hinteren Teil des Hauses. Dann wandte sich Isabel an Ludwig.

„Ludwig, ich wünsche dass diese Menschen hier großzügig für ihre Dienste entlohnt werden. Ludger, von dir erwarte ich, dass du diese Zustände bei Herzog Richard meldest, wenn du wieder in Tjemin bist.“

Lora bemerkte, dass die junge Adelige ohne Rücksicht auf Stand und Titel Befehle verteilte, die auch einfach dadurch akzeptiert wurden, dass Isabel eine natürliche Autorität ausstrahlte. Dadurch, dass sie sich offensichtlich um diese Menschen kümmerte, zeigte sie einfach etwas Gutes, das keinen Widerspruch duldete. Entsprechend quittierten die beiden Männer die Anweisungen auch nur mit einem Nicken, bevor man sich dann doch ans Essen begab.

Einige Zeit war vergangen, seit sie gestärkt und mit frischer Kraft Gelnau verlassen hatten, als die Straße, der sie folgten, in einen Wald führte. Priovan musste unweigerlich an die Männer in Tjemin denken, die ihn verfolgt hatten.

„Herr, meint Ihr nicht, dass dieser Wald ein guter Ort für einen Überfall wäre, der geplant war?“

Geron nickte. „Das ist gut möglich. Allerdings hoffe ich, dass unsere große Eskorte Abschreckung genug ist. Immerhin schien es sich in Tjemin um gewöhnliche Strauchdiebe zu handeln. Da sollten wir auch jetzt keine mutigeren Räuber erwarten müssen.“

„Dann hoffen wir, dass Ihr Recht habt.“

„Ja, aber wir sollten dennoch auf der Hut sein. Ludger“, rief der Ritter den Hauptmann heran. „Du weißt doch auch von dem geplanten Überfall auf unsere Reisegruppe.“

„Ja, ihre Gnaden hat es mir mitgeteilt.“

„Gut, auch wenn es überall passieren könnte, wäre es gut, wenn deine Männer in diesem Wald die Augen ein bisschen offen halten. Er ist doch besser für einen Hinterhalt geeignet als die flachen Auen und Felder, auf denen wir bisher gereist sind.“

„Ich werde meine Männer entsprechend instruieren. Sollen wir dann nicht die Vorhut übernehmen?“

Geron winkte ab. „Nein, danke für das Angebot, aber ich werde weiter voran reiten. Und mein Knappe wird gerne an meiner Seite bleiben.“

Man sah Ludger an, dass er nicht wirklich überzeugt war, Geron und Priovan in dieser gefährlicheren Position zu belassen. Er legte seine Stirn kurz in Falten, die durch die dunkelbraunen Haare, die kurz soldatisch geschnitten waren, noch besorgter wirkte. Dennoch fügte er sich mit einer leichten Verbeugung Gerons Anordnungen und ließ sich zurück fallen, um seinen Soldaten die Befehle zu geben und sie zu besonderer Wachsamkeit zu mahnen.

Lora schaute aus dem Fenster, als sie in den Wald hinein fuhren. Ludwig hatte die Augen wieder geschlossen, jedoch konnte Lora nicht wirklich erkennen, ob er schlief oder sich einfach nur so ein bisschen ausruhte. Dennoch wagte sie es, Isabel leise auf die Vorfälle in Gelnau anzusprechen.

„Vorhin, in der Taverne“, sagte sie so leise, dass Ludwig es wohl auch wenn er wach war nicht hören konnte. „Da hast du es den Männern aber gezeigt.“

Isabel lächelte freundlich und antwortete ebenso leise. „Auch eine Frau muss sich durchzusetzen wissen. Du musst einfach mit deinem Charme spielen. Und du musst klar machen, dass du keinerlei Widerspruch duldest.“

Lora nickte. „Wieso war es dir so wichtig, den Menschen in Gelnau zu helfen?“

Isabel zuckte mit den Schultern. „Ich hielt es einfach für richtig. Die Adeligen haben Verpflichtungen gegenüber ihren Untertanen. ‚Adel verpflichtet’ hat mein Vater immer gesagt, und so ist es auch. Nur muss man das manchen Herrschaften öfter mal ins Gedächtnis rufen.“

„Herrschaften wie Ludwig?“

„Nein, Ludwig ist im Grunde genommen ein sehr guter Mensch. Er scheint mir manchmal etwas abwesend und ist auch sonst glaube ich mit den Gedanken öfter bei seiner Kunst und seinen Schriften als sonst irgendwo anders, aber dennoch ist er ein guter Mensch. Es gibt andere Adelige, denen das viel öfter gesagt werden müsste.“

Lora war beeindruckt von der Willensstärke Isabels, die, obwohl sie eigentlich keinen Titel innehatte, ohne zu Zögern Adelige höheren Standes zurechtwies. Gerade wollte sie weiter nachfragen, als die Kutsche ruckartig zum Stehen kam.

Gerons Pferd scheute, als ein großer Baumstamm auf den Weg stürzte. Nur mit Mühe konnte er sich im Sattel halten. Seinem Knappen erging es dabei nicht so gut. Als sein Pferd sich aufbäumte verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den Waldboden. Nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit rappelte er sich aber schnell wieder auf. Geron blickte sich um, um die genaue Gefahr zu lokalisieren.

Überall aus dem Wald kamen abgerissene Gestalten mit verschiedenen Waffen auf die Gruppe zu. Geron merkte auch, dass hinter ihnen ebenfalls ein Baumstamm die Straße und damit den Rückweg versperrte. Obwohl es bestimmt zwanzig bis dreißig Banditen waren, wirkten sie nicht wirklich wie ebenbürtige Gegner. Keiner hatte eine Rüstung, die diesen Namen verdiente, nur wenige hatten Waffen aus Metall und zudem wirkten die meisten ausgemergelt und kraftlos.

Nach dem ersten Schock der Überraschung sammelten sich Männer des Herzogs bereits wieder und bildeten um die Kutsche einen Kreis.

„Priovan, lauf zur Kutsche“, befahl Geron seinem Knappen, der dies auch direkt tat. Er selbst zog sein Schwert aus dem Gürtel und ritt zu den anderen Soldaten. Die Banditen kamen nur langsam aus dem Wald. Sie schienen unsicher. Und dennoch wirkten sie entschlossen, den Überfall durchzuführen. Die Soldaten waren außerordentlich diszipliniert. Keiner ließ sich durch die Banditen provozieren, alle blieben nah bei der Kutsche um ihre Aufgabe, den Schutz von Ludwig und Isabel, zu erfüllen.

Ein etwas größerer Mann mit einer zweihändig geführten Axt trat auf den vorderen Baumstamm. Er strahlte eine größere Sicherheit als seine Männer aus.

„Ihr seid umzingelt. Gebt uns alles von Wert, Schmuck, Geld, Waffen, dann werden meine Männer euch verschonen.“

Geron konnte diese Aufforderung nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Bei den Banditen erkannte man nur zu deutlich, dass sie aus Verzweiflung vom Pfad der Tugend abgekommen waren. Aber dass sie so verzweifelt waren, dass sie eine schwer bewaffnete Eskorte angriffen, das war schon ein starkes Stück. Dieser Anführer schien von einem anderen Kaliber. Dennoch traute Geron es ihm gut zu, schnell das Weite zu ergreifen, wenn sein Plan der Drohung nicht funktionieren würde. Eher würde er seine Männer sterben lassen.

„Verschwindet und macht den Weg frei, dann könnt ihr diesen Abend noch erleben. Wir haben es eilig und keine Zeit uns mit euch Strauchdieben herumzuschlagen“, entgegnete ihm Geron und ließ sein Pferd ein Stück auf den Anführer zureiten. Aus den Augenwinkeln erkannte er einige Bogenschützen in den Wäldern. Er war auf der Hut. Die anderen Soldaten blieben weiterhin bei der Kutsche.

„Wir sind in der deutlichen Überzahl“, rief der Anführer, der nicht mehr ganz so sicher wie anfangs wirkte.

„Deine Männer sind teilweise zu schwach, um ihre Waffen ordentlich zu halten. Wie sollen sie da einen Kampf gegen die Soldaten des Herzogs gewinnen können?“

Der Bandit schaute sich um. „Noch mehr meiner Männer sind dort im Unterholz und warten nur darauf, einen Pfeilhagel auf euch loszulassen.“ Geron ritt weiter langsam aber beständig auf den Anführer zu.

„Ach ja? Ich frage mich, wieso deine Männer dann immer noch zögern, uns anzugreifen. Wollt ihr wirklich alle an diesem Tag sterben?“, fragte er dann lauter die Banditen um ihn herum. Viele der Männer zögerten. Sie schienen wirklich nicht so entschlossen, wie ihr Anführer, der auch langsam zurückwich. Geron meinte gerade, dass er es geschafft hatte, als einer der Bogenschützen einen Pfeil losließ. Sofort riss Geron seinen Schild hoch und wehrte den Pfeil ab. Dennoch bewirkte dieser Akt, dass die Situation eskalierte.

Sofort folgten dem ersten noch weitere Pfeile und die Banditen stürmten auf die Eskorte in der Mitte zu. Die Männer von Ludger rissen ihre Schilde zum Schutz hoch, um die Pfeile abzuwehren. Geron trieb sein Pferd an, das über den Baumstamm setzte. Wie er vermutet hatte, versuchte der Anführer, als die Lage zu einem richtigen Kampf ausartete, zu entfliehen. Doch er kam nicht weit, bis Geron ihn erreichte. Der Ritter schlug mit seinem Schwert nach dem Mann, der nur im letzten Moment seine Axt zur Parade hochreißen konnte. Blitzschnell setzte Geron jedoch zum nächsten Schlag an, den der Bandit nicht mehr rechtzeitig parieren konnte. Mit der flachen Seite seines Schwertes erwischte Geron den Mann und schickte ihn zu Boden. Dann wendete er sein Pferd, um dem Rest der Eskorte im Kampf beizustehen. Um den Anführer konnte er sich später kümmern.

Priovan hatte die Kutsche gerade erreicht, als der Kampf begann. Auch er hatte sein Schild und sein Schwert in der Hand, hielt sich aber zurück. Hier gab es wirklich genug Soldaten, da musste er sich selbst nicht in Gefahr bringen. Schnell bemerkte er, dass genau das eintrat, was Geron vorhergesagt hatte. Die schlecht ausgerüsteten Banditen hatten keine Chance gegen die berittene Eskorte. Einer nach dem anderen wurde von den Männern des Herzogs zu Fall gebracht und viele suchten schon das Weite, bevor sie überhaupt in einen Kampf eintraten. Nur die wenigen Bogenschützen im Wald bereiteten Probleme. Ein Mann der Eskorte war von einem Pfeil getroffen vom Pferd gefallen, schien aber noch einigermaßen wohl auf zu sein, da er sich zu der Kutsche gezogen hatte. Einige andere hatten die Pfeile mit ihren Schilden abgewehrt und waren nur schlecht getroffen worden, sodass die Pfeile keinen nachhaltigen Schaden anrichteten. Alles in allem schien die Situation sehr gut für sie zu stehen, als Priovan auf einmal einen Bogenschützen im Wald sah, der genau auf ihn zielte. Er riss seinen Schild hoch und stellte sich auf den Einschlag des Pfeils ein. Aber es passierte nichts. Als er wieder in den Wald schaute war der Bogenschütze nicht mehr zu sehen. Priovan glaubte ein Rascheln im Unterholz zu erkennen, einen Schatten, aber als er erneut hinschaute war der Wald wieder ruhig.

Als Geron wieder beim Wagen angekommen war schaute er kurz zu seinem Knappen. Priovan zuckte zusammen. Sein Herr sah furchterregend aus. Blut floss nicht nur von seinem Schwert, sondern benetzte als leichte Spritzer auch sein entstelltes Gesicht.

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte der Ritter den Jungen, der nickte.

„Ja. Sorgt Euch nicht um mich.“, antwortete der junge König und versuchte entschlossener zu wirken, als es sich letztendlich anhörte. „Die Banditen fliehen.“, stellte er dann noch fest.

Geron schaute sich erneut um und bestätigte das Bild seines Knappen. „Ja, es war ein ungleicher Kampf zwischen Verzweifelten und Soldaten.“ Mit diesen Worten schwang er sich aus dem Sattel und ging zuerst zur Kutsche.

„Hohe Dame, Wohlgeboren, bei euch alles sicher?“, fragte er durch das Fenster. Ludwig war es, der zuerst antwortete. „Ja, Geron, wir sind sicher.“

„Die Lage sollte sicher sein, und wir haben kaum Verluste zu beklagen. Es waren nur verzweifelte Banditen, die eine leichtere Beute erhofft hatten.“

„Es ist erschreckend, dass dies in Fendron vorkommen kann.“, sagte Isabel mit leiser Stimme. Halb zu sich, halb zu den Männern.

Geron schaute sich nochmal in dem Inneren um. Lora saß in der Ecke, war aber gefasster als er erwartet hatte. „Geht es dir gut?“, fragte der Ritter seine neue Gefährtin.

Lora nickte. „Ja, wir sind ja hier drinnen sicher. Unter Eurem Schutz und den Soldaten des Herzogs.“

„Wir versuchen so schnell wie möglich weiterzukommen.“, versicherte Geron.

„Geron, falls es Verwundete gibt, die meine Hilfe benötigen, dann sagt mir bitte Bescheid, ja?“, fügte Isabel noch hinzu, bevor Geron sich abwendete.

Der Ritter schaute nochmal zurück. „Natürlich, hohe Dame. Allerdings wird es mich am meisten beruhigen, wenn Ihr, Herr Ludwig, und Lora in der sicheren Kutsche warten könntet, bis wir aus dem Wald hinaus sind. Noch könnte Gefahr lauern. Und die Soldaten sind erfahren.“ Mit diesen Worten wandte sich der Ritter auch schon ab und ging zu den Soldaten.

„Wohlgeboren, wie sollen wir mit dem hier verfahren?“, fragte der Hauptmann Ludger, als Geron ihn und einen weiteren Soldaten erreichten, die sich über den Räuberhauptmann gestellt hatten und diesen in Schach hielten. Es gab auch noch weitere Gefangene, die ihre Waffen ob der Übermacht der fendronischen Soldaten zu Boden geworfen hatten, und nun um Gnade flehten. Geron betrachtete die Räuber. Die meisten wirkten genauso abgemagert wie die Dorfbewohner vorhin in Gelnau. Kurz versuchte er ähnliche Gesichter zu sehen, wie er in dem Dorf gesehen hatte. Ob die Söhne des Wirtes Teil dieser Bande waren?

„Priovan, komm her.“, rief der Ritter anstatt dem Hauptmann zu antworten. Der junge Knappe ging die Schritte zu den Gefangenen, schwang sich über den Baumstamm, und erreichte dann die Soldaten und den Ritter.

„Mein König, hier bedarf es eines Urteils.“, stellte Geron fest. Die Gesichter der meisten Banditen fielen noch stärker in sich zusammen, als sie erkannten, dass dies keine normale Eskorte gewesen war.

„Ja.“, bestätigte der König nur kurz und musterte dann auch die Gesichter der Banditen. „Was ist wohl ein gerechtes Urteil?“, fragte Priovan und schaute dabei sowohl zu Geron, als auch dem fendronischen Hauptmann.

Dieser antwortete zuerst. „Mein König, ein Diebstahl wird mit dem Verlust einer Hand bestraft. Ein Überfall auf offener Straße allerdings, unter Androhung von Gewalt und Tod, kann nur den Strang nach sich ziehen.“

„So will es zumindest das Gesetz“, bestätigte Geron, und blickte zu seinem Knappen, ohne ihm allerdings weitere Hinweise zu geben.

„Und doch haben diese Männer aus Verzweiflung und Hunger gehandelt, nicht wahr?“, fragte der König.

„Eine Not, die eine solche Tat nicht rechtfertig.“

„Geron, wie würdest du denn handeln, wenn dich die Not plagt?“, fragte der König zurück.

Der Ritter schaute ernst zu seinem jungen Schüler. „Das Richtige darf niemals zur Disposition stehen.“, antwortete er ungenau. Der König musste lernen, Entscheidungen zu treffen, Urteile zu fällen, die individuell grausam seien mochten, aber notwendig für die öffentliche Ordnung waren.

Priovan musterte erneut die Gesichter der Männer, die sein Urteil angstvoll erwarteten. Er sah Angst, Furcht, Verzweiflung, und nur in den Augen des Anführers konnte er etwas Böses, Niederträchtiges erkennen.

„Diese Männer.“, er zeigte auf die gefangenen Banditen. „Sollen ihrer Waffen beraubt werden.“ Er zögerte kurz, sprach dann aber weiter. „Und dann sollen sie ihres Weges gehen. Aber ihr müsst mir, eurem König und Herrn, schwören, von nun an den falschen Pfad zu verlassen. Unterwerft euch erneut der Recht und Ordnung des Königs! Schwört ihr dies?“

Die Männer schauten sich gegenseitig an. Eine Mischung aus Verwunderung, Ungläubigkeit, und Erleichterung war zu sehen. Doch dann verbeugte sich der erste. „Ich schwöre“, sprach er, als sein Gesicht fast auf dem Waldboden lag. Und sofort folgten die weiteren, und sprachen den Schwur. Nur der Anführer, den Priovan nicht angesprochen hatte, beugte sich nicht.

„Jener Mann hier ist aber durch und durch verdorben, denn er führte die Verzweifelten hin zu Missetaten und reut nicht.“, redete Priovan weiter. Er versuchte möglichst majestätisch zu sprechen, ernst, erwachsen. „Und somit verdient er auch nicht das Leben.“ Mit einigen Schritten war der vor den Anführer getreten, der ihm ungebrochen ins Gesicht schaute und dann vor die Füße spukte. Sofort wurde der von einem der Soldaten in den Rücken getreten, und danach erst wieder am Schopf gepackt und hochgezogen, auf dass er seinem Richter ins Gesicht schaute.

„Ludger, hol einen Strick.“, sagte der König, blickte dem Verurteilten noch einmal kurz ins Gesicht, und wandte sich dann ab, um zurück zur Kutsche zu gehen.

Als er die Szene verließ, spürte er eine starke Hand auf seiner Schulter. „Gut gesprochen.“, sagte Geron leise und begleite den König zurück zu den anderen Reisenden. Währenddessen legte Ludger dem Anführer die Schlinge um den Hals…

Der Schock des Überfalls war kurz aber heftig gewesen. Und dennoch war keiner der Soldaten gefallen. Zwei waren etwas schwerer verwundet, allerdings nicht lebensgefährlich, und so hatten sie sich mit einem weiteren Soldaten in ein nahes Dorf aufgemacht, um dort ihre Wunden zu versorgen. Der Rest des Trosses setzte die Reise fort, nachdem der Baumstamm zur Seite geräumt war, um auf keinen Fall die Nacht außerhalb einer befestigen Siedlung zu verbringen.

Etwa zwei Stunden waren vergangen, noch einige Stunden Reise lag am Tag vor ihnen, als Isabel Lora überraschend mit einer Frage konfrontierte.

„Lora, kannst du eigentlich Lesen und Schreiben?“

Lora war völlig überrumpelt von dieser eigentlich doch eher absurden Frage. Wie sollte sie denn das gelernt haben? Sie hatte Isabel doch erzählt, wie sie ihr Leben verbracht hatte, und in diesem war sie bestimmt weder in eine Universität, Schule oder an einen Hof gekommen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Obwohl ihr so einige, wahrscheinlich unpassende, Antworten durch den Kopf gingen, schaffte Lora es höflich zu bleiben. „Nein, wieso fragt Ihr?“ Isabel lächelte. „Weißt du, wir Frauen werden nie so stark oder kampfkräftig werden, wie Männer. Wir müssen uns in anderen Sachen beweisen. Intelligenz und Diplomatie sind da sehr wichtig, und dafür muss man auch oft genug Lesen und Schreiben können. Das solltest du, wenn es möglich ist, lernen.“ Lora nickte. Lesen und Schreiben musste bestimmt sehr schwer sein, da es so wenig Menschen konnten. Sie glaubte nicht, dass sie das so einfach lernen konnte, wie Isabel gerade beschrieb.

Als hätte sie ihre Gedanken gelesen fügte dann Isabel noch hinzu. „Es ist gar nicht so schwer, wie du dir bestimmt vorstellst. Ich glaube, dass du ein kluges Mädchen bist, das das schnell lernt. Wenn du willst, kann ich dir ein paar Dinge zeigen.“ Wissbegierig nickte Lora. Sie war neugierig, und sie wusste nicht, wann sich das nächste Mal eine solche Chance bieten würde.

„Ludwig“, fragte Isabel den Herzogssohn. „Hättest du etwas, womit ich Lora ein bisschen Lesen beibringen kann?“ Dieser nickte und griff in seine Umhängetasche, aus der ein kleines Buch zog.

„Hier bitte, das sind einige valorische Gedichte.“

„Danke“, sagte Isabel und nahm das Buch an sich. Dann schlug sie es auf und zeigte es Lora. Für diese sah das Ganze auf den ersten Blick nur wie wildes, schwarzes Gekritzel aus. Als sie jedoch näher hinschaute, begann sie langsam Muster zu erkennen.

„Jedes Wort besteht aus mehreren Buchstaben“, begann Isabel die Erklärung, die noch den Rest der abendlichen Etappe dauern sollte.

Kapitel 8

Durch hohe Berge, alte Wälder

Winde tragen diesen Reim

Durch Wiesen, Weiden, Auen, Felder

Uns Freital ist der Freien Heim

Arthur ließ die letzten Zeilen des Gedichtes, das er gerade gelesen hatte, noch etwas nachwirken. Nicht dass er das Gedicht überhaupt noch lesen musste, er kannte es schon längst auswendig, aber es gab ihm ein gutes Gefühl, in dem kleinen Büchlein zu lesen, das ihm einst sein Vater gegeben hatte. Die Handschrift, der Einband mit dem Wappen Freitals, all das erinnerte ihn an die Tage seiner frühen Kindheit. Er war gerade fünf Jahre alt gewesen, als ihm sein Vater das Buch gegeben hatte, um dann in den Krieg zu gehen. Er war nie wieder zurückgekommen. Sein ganzes Leben hatte er das kleine Büchlein stets bei sich gehabt, während seiner Ausbildung zum Knappen, bei seinem Ritterschlag, bei all den Abenteuern, die er mit Geron und anderen erlebt hatte. Auch in der letzten Schlacht gegen die Urben, als er den großen Ikran Khan mit seinem Pfeil tötete, war das kleine Büchlein in seiner Gürteltasche gewesen. Egal wie weit er von Freital entfernt war, das kleine Buch mit den Gedichten, die einst sein Vater für ihn niedergeschrieben hatte, war ihm immer ein Stückchen Heimat, das er bei sich tragen konnte.

Seufzend stand er auf, um noch eine Scheite Holz auf das Feuer nachzulegen, das langsam kleiner wurde. Als das trockene Holz ins Feuer gelangte, loderte es sofort wieder auf und spendete erneut Wärme, in dieser sonst klaren und kalten Sommernacht in den südlichen Ebenen von Tandor. Wulf, der mit ihm am Feuer saß, nickte Arthur dankbar zu. Obwohl er in seinen wärmenden Mantel eingehüllt war, musste ihm die Kälte bestimmt besonders in die alten Knochen fahren. Außer ihnen beiden waren noch vier weitere Wachen eingeteilt, die jedoch um das Lager verteilt waren. Obwohl er als Ritter und Freiherr standesgemäß weit über seinen Männern stand, hatte er, trotz Protesten, darauf bestanden, sich wie alle an der Wache zu beteiligen. Es war mittlerweile zu einer Art Ritual geworden, dass er sich bei jeder Wacheinteilung ebenfalls einteilte, seine Männer dagegen protestierten, er jedoch darauf bestand. Das ging jeden Abend so, schon so lange er seine Männer anführte, und es würde wohl auch immer so weitergehen.

Er schaute in den Himmel hoch. Keine Wolke bedeckte das Sternenzelt, der Mond stand etwa auf Viertel, bald gab es Neumond. Er dachte an die Schlacht zurück, und die Tage in Celans Heer. Arthur wollte nicht wissen, wie viel Überwindung es den eitlen Herzog gekostet haben musste, um diese Hilfe aus Rethas zu bitten. Aber er würde genau wie Arthur wissen, dass es am Ende die Bogenschützen aus Rethas gewesen waren, die das Schlachtenglück für sich entschieden hatten.

Obwohl es nicht lang war, kam ihm die Zeit in Tandor wie eine Ewigkeit vor. Arthur war froh, dass die meisten Männer, die mit ihnen losgezogen waren, auch wieder heil nach Hause zurückkehren würden. Nur neunzehn waren gefallen, zwei davon waren schwarze Pfeile gewesen. Weitere neun waren verletzt immer noch in Tandor, diese würden aber in den nächsten Wochen auch wieder nach Hause zurückkehren können.

„Wie lange noch?“, fragte er Wulf. Arthur wusste nicht wieso, aber Wulf hatte so ziemlich das beste Zeitgefühl, das er jemals bei jemandem bemerkt hatte. Obwohl er sich natürlich freiwillig für die Wache gemeldet hatte, war Arthur doch froh, wenn er endlich noch ein paar Stunden Schlaf genießen konnte. Morgen würde wieder ein langer und anstrengender Tag werden, genau wie die letzten Tage. Er hatte sich entschieden, ein ambitioniertes Marschtempo anzuordnen. Einerseits wollten alle natürlich schnell nach Hause, andererseits war das Reisen in dieser Gegend alles andere als sicher. Obwohl sie das Hauptheer der Urben von Ikran Khan geschlagen hatten, gab es noch genug kleinere Stämme, die sich dem Kriegsherrn nicht angeschlossen hatten und noch immer marodierend durch die Länder zogen. Auch wenn er nicht glaubte, dass jemand eine solch starke Truppe wie die ihrige angreifen würde, wollte Arthur lieber sicher gehen und deshalb die Ebenen im südöstlichen Tandor möglichst schnell passieren. Er hatte sich auch dagegen entschieden, über die westlichen Straßen zu reisen, da dies einfach zu viel Zeit gekostet hätte. Den Preis, den sie jetzt dafür zahlen mussten, waren eben die kalten Nächte in den Ebenen und die anstrengenden Märsche am Tag.

„Nur noch wenige Minuten, du kannst die nächsten wecken gehen“, antwortete Wulf. Sie beide waren schon zu lange durch die Lande gezogen und hatten schon zu viel erlebt, als dass Wulf auf Höflichkeiten achten würde, die Arthur eigentlich zustanden. Ihm machte das nichts aus. Er erhob sich und streckte sich kurz. Endlich konnte er noch ein bisschen Schlaf finden. Er ging zwischen den Männern hindurch, die überall möglichst nah an verschiedenen Feuern lagen, und suchte die für die nächste Wache eingeteilten Soldaten.

Gerade erreichte er einen von ihnen, als er stockte. War da nicht etwas in der Nacht gewesen, das sich von dem Schnarchen der Männer und den knisternden Feuern abgehoben hatte. Er meinte ein leises Geräusch zu vernehmen, dass hier nicht ganz hinpasste. Ruhig stehend versuchte er die gewohnten Geräusche auszublenden und sich nur auf das zu konzentrieren, was hier nicht hingehörte. Ein leises Rauschen, wie ein Fluss. Er blickte auf den Boden. Ein kleiner Ast, der auf dem trockenen Boden lag, zitterte leicht. Pferdehufe, viele davon, das war es.

„Alarm!“, brüllte er und lief zu seinem Platz, wo sein Bogen lag. „Alarm! Wir werden angegriffen!“

Seine Rufe wurden erwidert und blitzartig standen die Männer auf, als Arthur die ersten Pferde auf einem kleinen Hügel erscheinen sah.

Seit dem Moment, als er aus der Burg wieder zu seinen Männern gekommen war, war er nicht länger Narthas, Sohn von Ikran, sondern Narthas Khan, Anführer der urbischen Stämme. Einzelne Stammesführer hatten versucht, sich gegen ihn aufzulehnen, warfen ihm vor, nicht alt und erfahren genug zu sein, um sie zu führen. Und sie bezeichneten ihn als einen Feigling, der sich vor den Valoren in den Staub geworfen hatte. Nachdem er dem ersten der Unruhestifter den Kopf abgeschlagen hatte, waren die anderen Stimmen verstummt. Er hatte sich so schnell seine Autorität und Machtposition gesichert, und somit ungewollt natürlich auch Herzog Celan gestärkt. Jedoch war sein Volk ehrenhaft in der Schlacht geschlagen worden, und dafür mussten sie jetzt den Preis zahlen. Das war nur recht und billig. Sofort hatte er sich mit seinen besten Männern aufgemacht, um den Auftrag, den ihm Herzog Celan gegeben hatte, auszuführen.

Seine Späher hatten schon an diesem Morgen den Feind ausgemacht. Dennoch wusste Narthas, dass er sich in Geduld üben musste. Die Truppe aus Rethas war alles andere als schwach. Man durfte sie auf keinen Fall unterschätzen, immerhin waren es diese Bogenschützen gewesen, die seinem Vater die empfindliche Niederlage beigebracht hatten. Wenn sie am Tag angreifen würden, dann konnten sie nur unterliegen, da man sie in den weiten Ebenen viel zu früh sehen würde. Sie mussten großen Abstand halten, um dann in der Nacht mit einem schnellen Schritt die Entfernung aufzuholen und sie im Schlaf überraschen. Narthas führte ebenso wie seine etwas über zweihundert Soldaten sein Pferd am Zügel. So machten die Hufe der Tiere auf dem Steppenboden kaum einen Laut. Glücklicherweise trugen auch die wenigsten Urben Metallrüstungen, die zusätzlichen Lärm verursachten. In diesem Schritt konnten sie dem Lager der Feinde bis auf eine geringe Distanz nahe kommen, ohne bemerkt zu werden, und dann zuschlagen. Auch der schwache Mond, der nicht viel Licht spendete, half ihnen in diesem Vorhaben.

Im Schatten der Nacht lief ein Mann auf Narthas Khan und seine Kolonne zu. Es war sein Späher, der die genaue Lage des Feindes hatte in Erfahrung bringen sollen.

„Sie lagern ungefähr einen halben Stundenritt entfernt, am Fuße eines kleinen Hügels an einem Waldrand. Wir müssen sie also schnell und gnadenlos erwischen, dass sie nicht im Wald entkommen können.“ Narthas nickte.

„Sind viele Wachen aufgestellt?“, fragte Zirgas der neben Narthas lief. Zirgas war nach der Schlacht ebenso wie Narthas durch den Tod seines Vaters zu dem Anführer eines Stammes geworden. Die beiden kannten sich schon seit Jugendtagen, und Zirgas war einer der ersten gewesen, der Narthas als neuem Kahn die Treue geschworen hatte. Narthas wusste, dass er sich blind auf ihn verlassen konnte, und war beruhigt, den Freund an seiner Seite zu wissen. Wie er hatte auch Zirgas die typischen schwarzen Haare der Urben, zudem trug er einen sauber gestutzten Bart.

„Einige Wachen um das Lager, die uns wohl auch irgendwann bemerken werden. Auf dem Hügel ist nur eine Wache. Wenn wir diese rechtzeitig beseitigen, dann werden sie uns noch später bemerken.“

Narthas nickte. „Kannst du das, ohne dass man dich sieht oder hört?“

„Natürlich, Khan, das gehört zu meinen besten Fertigkeiten.“

„Dann geh los. Ich verlasse mich auf dich. Wir werden, wenn wir kurz vor dem kleinen Hügel sind, aufsitzen.“, sagte er dann noch zu Zirgas und entließ den Späher mit einem Nicken, der daraufhin mit einigen schnellen und leisen Schritten wieder in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

„Habt Ihr einen besonderen Plan, Khan?“ fragte ihn Zirgas, während sie weiterliefen.

„Ja, und du wirst dabei eine wichtige Rolle spielen. Ich werde mit meinen Reitern das Lager frontal angreifen. Ich denke, dass wir nicht auf viel Gegenwehr stoßen werden, jedoch befürchte ich, dass einige der Männer in diesen Wald fliehen wollen. Herzog Celan hat mir aufgetragen, die Truppe bis auf den letzten Mann zu vernichten. Deswegen wirst du mit deinen Reitern sofort abschwenken und den Valoren den Weg in den Wald abschneiden. Wenn alles wie geplant läuft, werden wir uns in der Mitte treffen und dem letzten der Hunde den Kopf von den Schultern schlagen.“

Zirgas nickte. Er war ebenso wie Narthas und alle anderen Urben darauf versessen, die zu töten, die einen so großen Anteil an der Schmach hatten, die das urbische Volk erlitten hatte. Natürlich waren alle wie Narthas über den Befehl des Herzogs verwundert gewesen, dessen eigene Landsleute zu töten, aber diese Verwunderung war schneller einer auf Rache hoffenden Erwartung gewichen. Nur Narthas konnte sich langsam ein Bild von Herzog Celan machen, das sich aus seiner Begegnung mit dem Herzog, dessen Befehl und den vielen Erzählungen seines Vaters über die Politik in Valorien zusammensetzte. Obwohl die beiden Völker doch so unterschiedlich waren, hatten auch die Valoren mächtige Herzoge, die nicht nur an der Treue gegenüber ihrem König, sondern auch ihrer eigenen Macht interessiert waren. Darin unterschieden sich die valorischen Herzöge nur kaum von den urbischen Stammesführern. Und beide brauchten eine starke Hand, die sie in die richtige Richtung lenkten. Narthas war eine solche starke Hand, in Valorien schien es aber daran gerade zu fehlen.

Mit erhobener Hand signalisierte Narthas seinen Männern, anzuhalten. Sie hatten während der letzten Minuten komplett geschwiegen, Disziplinlosigkeit gab es in den Reihen der Urben nicht. Dann stieg er in den Sattel, und mit ihm alle anderen Urben. Viele der Soldaten legten die ersten Pfeile auf ihre Bögen auf. Narthas trug keinen Bogen. Für ihn gehörte es sich für einen Anführer nicht, einen Bogen im Krieg zu führen. Obwohl es natürlich eine gute und mächtige Waffe war. Dennoch musste für ihn ein wahrer Anführer einen Speer oder einen Säbel tragen, und so tat er dies auch. Als alle Urben aufgesessen waren, verharrte Narthas noch einen Moment. Offensichtlich waren sie noch nicht entdeckt worden, denn er hörte nichts aus dem Lager der Valoren. Der Späher hatte seine Aufgabe gut erledigt. Dann gab er das Signal zum Angriff und die Pferde setzten sich in Bewegung, trabten langsam los, und fielen dann in einen schnellen Galopp, in dem sie über die Hügelspitze preschten.

Arthur legte den ersten Pfeil auf und feuerte ihn auf die anstürmenden Urben. Es war keine Zeit für eine ordentliche Formation, es war keine Zeit für klare Befehle, für viele war nicht mal mehr genug Zeit aufzustehen, bevor die Urben sie erreichten.

Der Ritter musste mit Grauen anschauen, wie die ersten seiner Männer ohne große Gegenwehr abgeschlachtet wurden. Reitersäbel sausten herunter, spalteten Schädel und schlitzen Körper auf, Pfeile flogen und trafen ihr Ziel, und Arthur konnte nur machtlos dastehen und zusehen. Kurz keimte in ihm Verzweiflung auf, als er wie aus einer Trance erwachte und versuchte, die Situation möglichst klar zu analysieren. Die anstürmenden Reiter hatten sie voll getroffen, es waren wohl etwas über einhundert Mann. Auch wenn sich langsam erste Gegenwehr formierte, auch erste rethanischen Pfeile ihre Ziele trafen, war der Versuch diesen Gegner in dieser Situation abzuwehren wohl doch vergeblich. Arthur sah einen Urben, der auf einen jungen rethanischen Bogenschützen zustürmte. Blitzschnell zog er den Bogen aus, legte kurz an, und feuerte. Von der Wucht des Pfeiles wurde der Urbe aus dem Sattel gerissen und blieb am Boden liegen.

Arthur schaute sich um. Er sah den Wald. Dies war wohl die einzige Möglichkeit, dieser Hölle zu entfliehen. Ansonsten war die Situation aussichtslos. In dem flachen, ebenen Gelände würden sie niemals gegen diese schnellen Reiter fliehen können. Nur im Wald konnten sie sich verstecken. Arthur wollte gerade Richtung Wald loslaufen, als er erkannte, dass auch der Feinde diese einzige Fluchtmöglichkeit bemerkt hatte. Eine weitere Truppe von Reitern ritt am Waldrand entlang auf ihr Lager zu, um sich zwischen den Rethaner und den Wald zu schieben. Es waren weniger als die Hauptgruppe, vielleicht die halbe Stärke, dennoch waren es viele, besonders für einen solch unorganisierten Haufen, wie ihn Arthurs Soldaten gerade darstellten.

„Schwarze Pfeile zu mir!“ brüllte er über den Lärm der Schlacht und sofort fanden sich seine Truppen bei ihm ein. Auf diese Männer konnte er sich immer verlassen. Auch wenn den anderen Rethanern wohl schon längst der Mut geschwunden war, die Schwarzen Pfeile würden tapfer und treu bleiben bis zum letzten Tropfen Blut.

„Pfeile!“ rief er und alle machten ihre Bögen schussbereit, soweit das noch nicht geschehen war. Von den fünfzig Männern waren die meisten an Arthur Seite. Sie hatten näher am Wald gelagert und waren so dem ersten verheerenden Angriff größtenteils entgangen.

„Die erste Salve auf die vorderen Pferde, die zweite Salve auf die Reiter.“ Arthur legte wie alle Soldaten neben ihm auf die anreitenden Urben an. Er blickte sich noch einmal um, und sah, dass die restlichen rethanischen Bogenschützen zum größten Teil verloren waren. Dann blickte er wieder nach vorne und ließ den Pfeil los.

Die erste Salve der Schwarzen Pfeile beendete den Ansturm der Reiter, die ihnen den Weg abschneiden sollten, abrupt. Die meisten der vordersten Pferde brachen sofort ein und rissen ihre Reiter mit. Die dahinter reitenden Urben konnten nicht mehr ausweichen und es entstand ein Chaos von am sich am Boden windenden Pferdeleibern, Urben, die sich in Sicherheit bringen wollten und weiteren panisch trampelnden Pferden, die von hinten folgten. Die Urben hatten kaum Zeit sich von der ersten Salve zu erholen, als schon die zweite den Tod diesmal über die Reiter brachte. Die Zielsicherheit der Schwarzen Pfeile, die in Freital schon seit Kindesbeinen das Schießen lernten, war sowohl bemerkenswert, als auch beängstigend.

Arthur sah mit großer Zufriedenheit, dass der von ihm geplante Schlag vollkommen erfolgreich war. Dennoch war noch keinerlei Zeit für Hochgefühle. Die Hauptmacht des Feindes saß ihnen immer noch im Nacken und sie waren noch lange nicht in Sicherheit.

„Jorgen, zwanzig Mann, versuch uns den Rücken möglichst frei zu halten. Hagen, fünf Mann, sieh zu, so viele wie möglich in den Wald zu bringen. Der Rest, folgt mir. Wir müssen den Weg noch frei machen.“ Nachdem Arthur die weiteren Befehle gegeben hatte, hängte er sich seinen Bogen um und zog sein Schwert. Die Klinge glitzerte im nur schwachen Mondlicht. Zusammen mit den schwarzen Pfeilen und einigen Rethaner lief er auf die restlichen Urben zu, um sich den Weg in den Wald freizukämpfen. Er konnte nur hoffen, möglichst viele der Rethaner retten zu können. Vor kurzem war er noch froh gewesen, so viele Männer lebend aus der Schlacht geführt zu haben, und nun dieses Drama. Rethas würde an diesem Tag viele gute Söhne verlieren, dessen war er sich sicher.

Narthas parierte den Hieb einer Axt, die sein Bein treffen sollte, mit seinem Säbel und verhakte die Waffe des Feindes. Mit einem kräftigen Tritt auf die Brust des Mannes stieß er ihn dann zu Boden. Er zog kräftig an seinen Zügeln und ließ sein Pferd ein bisschen wenden, um es dann mit einem weiteren Zug aufbäumen zu lassen. Er erkannte noch den Schrecken in den Augen des am Boden liegenden Feindes, bevor sich die Hufe kraftvoll auf diesen herabsenkten. Das knirschende Geräusch des Schädels hörte Narthas trotz des Schlachtenlärms.

Obwohl sich erster Widerstand formiert hatte war wirklich alles nach Plan gelaufen. Die Valoren waren völlig überrumpelt gewesen und hatte keine Chance auf Gegenwehr gehabt. Die paar Männer, die sich noch statt wegzulaufen verzweifelt wehrten, waren nicht der Rede wert. Bis gerade war er in eigene Kampfhandlungen verwickelt gewesen, wie es sich für einen Anführer der Urben gehörte, deswegen wollte sich jetzt Narthas erstmal ein genaueres Bild der Lage machen. Er sah, wie die geschlossene Linie seiner Reiter den Feind komplett aufgerieben hatte. Hier und dort gab es noch kleine Kämpfe, aber die meisten Urben setzten schon Flüchtenden hinterher. Einige durchsuchten auch schon das Hab und Gut des Feindes nach sich lohnendem Plündergut. Mit Freude erkannte er auch, dass Zirgas mit seinen Reitern dem kleinen Haufen, der sich gerade formierte, den Weg in den Wald abschneiden würde. Er nickte zufrieden, als er erkannte, dass dieser Haufen schon deutlich besser formiert war, als er auf den ersten Blick gesehen hatte. Mit Schock erkannte er, wie die Reihen von Zirgas Reitern durch die Pfeilhagel gebrochen wurden. Er richtete sein Pferd in die Richtung.

„Angriffsformation! Wir müssen unseren Brüdern helfen!“, rief er und preschte los, neben ihm seine Reiter, die sich nur etwas verzögert dem Feind zuwandten. Kaum jemand hatte noch mal mit echter Gegenwehr gerechnet. Narthas konnte Zirgas nicht erblicken. Er durfte nicht hier fallen, zu wichtig war dieser Freund für seine Vorhaben, die er als Khan der Urben hatte.

Der erste Feind, den Arthur erreichte, hatte sich noch nicht richtig vom Boden aufgerappelt, als Arthurs Schwert auf ihn niedersauste. Gerade rechtzeitig konnte der Urbe noch den Säbel hochreißen, um den kräftigen Schlag des Ritters abzuwehren. Funken schlugen als Stahl auf Stahl traf und der Säbel zitterte bedenklich. Arthur ließ seinem Gegner keine Zeit durchzuatmen und setzte sofort nach. Mit einigen schnellen Schlägen von der Seite drängte er den Urben zurück. Gerade wollte sich dieser aus der Defensive lösen, als er über ein hinter ihm liegendes Pferd stolperte. Er konnte gerade noch das Gleichgewicht wahren, als sich Arthurs Schwert in seine Brust bohrte. Blitzschnell zog der Ritter das Schwert aus dem leblosen Leib seines Feindes und sah zu zwei Gegnern, die auf ihn zustürmten. Sein Blut geriet in Wallungen, jede Faser seines Körpers war angespannt. Er spürte wieder das Gefühl in einem wahren Kampf zu sein. Das Bogenschießen war etwas völlig anderes, distanzierter, feiner, eher eine Kunst. Der Schwertkampf dagegen war körperliche Anstrengung, es kam auf Schnelligkeit des Körpers und des Geistes an. Jeder Kampf mit der Klinge erinnerte Arthur an seine zahlreichen Trainingsstunden mit seinem Freund Geron, den er aber meistens im Nahkampf nicht hatte schlagen können. Zu gut waren die Lehrer seines Freundes gewesen, zu groß sein Talent.

Er ließ den ersten Urben an seiner Klinge abgleiten und ins Leere laufen. Mit einem kräftigen Ruck zog Arthur sein Schwert in die Höhe und schnitt damit den Leib des Gegners auf, der zu Boden sank. In der gleichen Bewegung parierte er den nächsten Gegner und wandte sich dann zum Angriff. Zwei Schläge parierte der Urbe, dann fiel er auf eine Finte von Arthur herein, was sich als tödlicher Fehler herausstellte. Das Schwert des Ritters fuhr tief in den Hals des Mannes hinein. Blut spritzte und benetzte Arthurs Gesicht. Auch seine Arme waren rot gefärbt. Bisher war es glücklicherweise noch nicht sein eigenes Blut gewesen.

Er blickte sich schnell nach links und rechts um. Es stand gut für sie, die meisten Urben waren auf den schnellen Gegenangriff nicht gefasst gewesen. Nur noch wenige saßen im Sattel. Gerade wollte er sich noch mal genauer umschauen, als ihm sein nächster Gegner entgegentrat. Sofort erkannte Arthur den Unterschied zu den anderen Feinden. Die Rüstung des Mannes war deutlich stärker, verschiedene Schmuckstücke und seine Kleidung verrieten, dass es sich um einen Anführer oder zumindest um einen sehr reichen Urben handeln musste. Arthur hob sein Schwert in eine Paradehaltung. Er wollte zuerst sehen, was sein Gegner konnte und machte. Dieser umkreiste Arthur auch und blickte ihm dabei tief in die Augen. Und unbändiger Hass sprach aus den Augen des Urben. Dann griff er an. Er ließ seinen Säbel tanzen und führte eine Reihe von blitzschnellen Schlägen hintereinander aus. Wie Arthur vermutet hatte, war dieser Gegner von einem anderen Kaliber als die anderen. Nur mit Mühe konnte er alle Schläge seines Feindes parieren. Gerade meinte er eine Lücke zu erkennen, als die Klinge des Feindes erneut hervorschnellte. Arthur versuchte sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, aber die Klinge erwischte seinen linken Arm, zerfetzte den Stoff und hinterließ eine Wunde, keine Tiefe, aber sie brannte außerordentlich. Mit einem Sprung nach hinten brachte sich Arthur in Sicherheit und atmete erstmal tief durch. Er blickte seinem Gegner wieder in die Augen, aus denen dieser alles zerfressender Hass sprach.

Dann griff Arthur an. Er hatte die Bewegungen des Urben beobachtet. Sie waren schnell, sicher, aber eine Kleinigkeit war Arthur nicht entgangen. Bei einigen Bewegungen humpelte sein Feind deutlich mit dem linken Bein, dass er sich beim Sturz vom Pferd verletzt haben musste. Das musste er ausnutzen. In seinen Angriffen versuchte Arthur sich seinem Gegner anzupassen und setzte nur wenig Kraft in seine Hiebe, führte sie dafür aber umso schneller aus, um dem Gegner keine Möglichkeit zum Kontern zu lassen. Der Urbe parierte einen Hieb nach dem anderen und schien nicht merklich in Bedrängnis zu kommen. Dann wechselte Arthur urplötzlich seinen Kampfstil. Er setzte seine gesamte Kraft in einen mächtigen Schlag von links. Er wusste, dass wenn dieser Schlag fehlschlug, er völlig offen dastehen würde. Die Klinge von Arthur krachte mit voller Wucht auf den Säbel des Urben. Dieser stemmte sich mit voller Kraft gegen den Schlag, aber es trat ein, was Arthur vermutet hatte. Das leicht verletzte Bein des Urben knickte ein und ließ diesen straucheln. Arthur setzte sofort nach, tat einen großen Schritt nach vorne und hob sein Schwert. Mit einem kräftigen Schlag mit dem Knauf gegen die Stirn seines Feindes schickte er ihn bewusstlos zu Boden. Er wollte ihn auf jeden Fall als Gefangenen mitnehmen, um mehr über das warum dieses Angriffes zu erfahren.

Endlich war Arthur etwas freier und konnte sich umschauen.

Hagen hatte mit seinen Männern nur einige Flüchtende retten können und war schon auf dem Weg in den rettenden Wald. Er selbst hatte mit seinen Männern die meisten Urben besiegt, der Weg war frei. Kalt lief es Arthur über den Rücken, als er Jorgen mit seinen Männern sah. Sie standen, wie befohlen, dort um Arthur den Rücken zu sichern. Und das obwohl fast die gesamten restlichen Reiter auf sie zustürmten. Das würde ein Gemetzel geben, dessen war sich Arthur sicher. Er musste sie retten. Irgendwie. Aber es war wohl zu spät.

„Rückzug!“ schrie er in die Nacht. „Rettet euch in den Wald!“ Er winkte Kilian herbei, ein sehr kräftiges Mitglied der Schwarzen Pfeile, dem seine schwarzen dichten Haare etwas Tierisches verliehen.

„Nimm den hier mit, und rette dich dann in den Wald.“

Arthur blickte zurück. Jorgen und seine Männer hatten noch zur Flucht angesetzt, aber sie wurden schnell von den restlichen Reitern eingeholt. Arthur hob sein Schwert und wollte gerade losstürmen als ihn eine kräftige Hand an der Schulter packte. Wulf schaute ihn ernst an.

„Wirf nicht dein Leben weg. Wir brauchen dich. Lass uns in Sicherheit bringen, wer noch gerettet werden kann. Die anderen werden wir wiedersehen.“

Arthur nickte zornig. Natürlich hatte Wulf Recht. Wulf hatte fast immer Recht. Aber das machte es trotzdem nicht richtig. Er warf noch einen letzten Blick zurück und lief dann mit den restlichen Rethanern in den schützenden Wald.

Der Kampf war gewonnen, die Urben siegreich. Einige von den Siegern rauften sich schon um die Beute, andere erledigten noch die wenigen Verletzten, die letzten kümmerten sich um eigene Wunden oder um die Verletzungen von Kameraden. Narthas streifte rastlos über das Schlachtfeld. Nachdem sich die Überlebenden in den Wald geflüchtet hatten war eine weitere Verfolgung unmöglich gewesen. Zu dicht war der Wald, zu wenige der Urben hatte Erfahrung darin, im Wald zu kämpfen. Und außerdem war der Vorsprung der Valoren wohl schon zu groß. Die Valoren des Südens, aus Rethas, waren bekannt dafür sich schnell und ungesehen durch Wälder und anderes Gelände bewegen zu können. Die steppenerprobten Urben hätten hier kaum eine Chance gehabt.

„Zirgas!“, rief Narthas erneut in die Nacht, aber er wusste sowieso, dass er keine Antwort erhalten würde. Man hatte seinen Freund nicht unter den Gefallenen gefunden, aber er hatte sich auch nicht gemeldet. Mit einigen Männern hatte Narthas den Waldrand abgesucht und alle anderen Stellen, an denen Zirgas sein konnte, aber die Suche war erfolglos geblieben. Etwa sechzig Männer hatte Narthas verloren, mehr als er eingeplant hatte, aber diese bedeuteten ihm im Moment nichts. Es ging nur um einen Mann, und dieser war nicht zu finden. Verzweifelt blickte Narthas in den Himmel. Er machte sich Vorwürfe. Er hätte nie seinen Freund darum bitten dürfen, mit weniger Reitern als er selbst zu reiten. Er hätte nie erlauben dürfen, dass der Freund voran ritt. Narthas schüttelte den Kopf. Es war zwecklos. Natürlich ritt ein Anführer der Urben stets voran, und natürlich folgten ihm seine Reiter. Es war unsinnig, sich weitere Vorwürfe zu machen.

Narthas ging zurück zu seinem Pferd und saß auf. Mit einigen kurzen Befehlen brachte er auch seine Männer dazu, es ihm gleichzutun. Als sich die Urben formiert hatten ritten sie wieder los, nach Norden, und ließen das Schlachtfeld hinter sich. Und ließen Zirgas hinter sich.

Sie marschierten noch die ganze Nacht und einen weiteren halben Tag. Erst als die Mittagssonne hoch am Himmel stand ordnete Arthur eine Rast auf einer kleinen Lichtung mit einem Bach an. Die meisten Männer ließen sich sofort erschöpft zu Boden sinken. Der Gewaltmarsch hatte die meisten bis an die Grenzen ihrer Kraft geführt, besonders diejenigen, die nicht zu den Schwarzen Pfeilen gehörten und insofern das lange Marschieren durch Wälder nicht ganz so gewöhnt waren.

Er blickte über seine Männer. Es waren so wenige. Viel zu wenige. Einundzwanzig Männer der Schwarzen Pfeile, darunter Wulf, Hagen und Jorgen, der wie durch ein Wunder den Angriff überstanden hatte und sie nach etwa einer Stunde Marsch wiedereingeholt hatte, hatten den nächtlichen Überfall überlebt. Dazu nochmal siebzehn Männer aus Rethas. Die meisten waren leicht verletzt, nur zwei hatte es so schwer getroffen, dass sie nicht mehr selber laufen konnten. Aber auch sie würden es schaffen, wenn sich die Wunden nicht entzündeten. Dennoch waren es viel zu wenige, weniger als Fünfzig, von den einst Dreihundert die Arthur nach Tandor begleitet hatten. Es war eine dunkle Nacht für Rethas gewesen, eine dunkle Nacht für ganz Valorien. Der gefangene Urbe war zwischendurch aufgewacht und gefesselt und geknebelt worden. Glücklicherweise verstand er die gemeine valorische Sprache. Nachdem ihm Arthur unmissverständlich klar gemacht hatte, in welcher Situation er sich befand, war er auch friedlich gewesen und hatte sich nicht gewehrt. Zeit für eine ausführliche Befragung hatte er noch nicht gehabt, aber das bot sich jetzt gerade an.

Er ging zu dem kleinen Bach und nahm einen ordentlichen Schuss Wasser, den er sich erstmal ins Gesicht spritze. Das Wasser war eiskalt und herrlich erfrischend. Danach trank er gierig einige weitere Schlucke und füllte dann noch seinen Wasserschlauch auf. Nachdem er sich erhoben hatte, wandte sich Arthur zu dem Gefangenen und seinem Aufpasser Kilian, der den Urben während des gesamten Weges nicht aus den Augen gelassen hatte. Er beugte sich zu dem Urben herunter und schaute ihm ins Gesicht. Die langen schwarzen Haare des Urben hingen ihm schmutzig und von Blut verklebt im Gesicht. Die Platzwunde an der Stirn hatte das gesamte Gesicht mit einer dunklen Blutkruste überzogen, die dem Urben ein schauerliches Aussehen gab. Noch immer lag Hass im Blick seines Feindes, den er vorhin auf dem Schlachtfeld niedergestreckt hatte.

„Nimm ihm den Knebel ab!“, befahl er Kilian, der das grobe Lederband losband.

„Wie ist dein Name, Urbe?“ Es kam keine Antwort. Der Gefangene spuckte Arthur vor die Füße. Der Ritter fixierte seinen Gefangenen mit seinem Blick. Er wollte es erst auf die freundliche Art versuchen.

„Du bist offensichtlich ein höher gestellter Soldat deines Volkes, also glaube ich, dass du meine Sprache sprichst. Ich werde es erstmal freundlich probieren. Ich bin Arthur von Freital, Ritter Valoriens. Mit wem hatte ich letzte Nacht die Ehre, die Klingen zu kreuzen?“

Der Urbe musterte immer noch seinen gegenüber. Er ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er antwortete.

„Zirgas, Sohn des Lizasor. Anführer des Stammes der Gorbi Urboi.“ Arthur nickte. Das lief doch besser, als er befürchtet hatte.

„Ich hoffte, dass wir in der großen Schlacht die Urben unter Ikran Khan endgültig geschlagen hatten und die Überlebenden sich nach dem Tod des Khans in alle Windrichtungen zerschlagen hätten. Für eine marodierende Horde waren das gestern Nacht zu viele, und wir waren kein wirklich lohnenswertes Ziel. Ich will wissen, wer mich und meine Männer gestern angegriffen hatte.“

Zirgas grinste fies, ehe er mit seiner tiefen Stimme und seinem urbischen Akzent antwortete. „Der Tod aus der Steppe.“

Arthur lächelte und wandte sich ab. Blitzschnell fuhr er wieder herum und grub seine Faust in das Gesicht des Urben. Zirgas fiel nach hinten um und wurde von Kilian sofort wieder in eine sitzende Position hochgehoben. Blut lief aus seiner Nase, die nach einem lauten Knacken deutlich schiefer als zuvor wirkte.

„Wer hat uns angegriffen? Wenn du der Anführer gewesen wärest, hättest du den größeren Teil der Reiter geführt. Wer ist dein Herr? Wieso habt ihr uns angegriffen?“ Zirgas konnte seine schmerzverzehrte Miene schnell wieder in das fiese Grinsen verwandeln.

„Du bist ein guter Beobachter, Arthur von Freital, wirklich gut bemerkt. Und das in der Hitze der Schlacht.“ Er nickte anerkennend, obwohl nicht wirklich zu erkennen war, ob es sich um echte Anerkennung handelte, oder um sarkastische Herablassung.

„Ich habe Zeit. Zirgas. Viel Zeit. Und ich habe viele Männer, die gestern Nacht gute Freunde und Waffenbrüder verloren haben. Jeder wird sich über ein kleines Stückchen Rache freuen. Und glaub mir, die meisten dieser Männer wissen, wie man einen Mann am Leben hält, und ihm trotzdem große Schmerzen zufügen kann. Also, meine Fragen hast du gehört, wollen wir uns nicht einfach ein bisschen Zeit und dir ein paar Schmerzen sparen und sofort zum Punkt kommen? Ich verspreche dir dein Leben, wenn du mir alles erzählst, was du weißt. Das Versprechen eines Edelmannes, an einen Edelmann.“ Arthur meinte ein leichtes ängstliches Zucken in Zirgas Miene zu bemerken, die sich aber gleich wieder versteinerte. Dennoch glaubte er, dass die Drohung seine Wirkung gezeigt hatte.

„Ich diene dem wahren Khan der Urben, Narthas Khan, der nach dem Tod seines Vaters als Herr der Steppe emporstieg.“ Narthas Khan. Den Namen hatte Arthur noch nie gehört, wahrscheinlich ein Sohn des gefürchteten Ikran Khans.

„Und wie hat es dieser Narthas Khan aus der Gefangenschaft von Herzog Celan geschafft?“, hakte Arthur nach, dem die Geschichte noch nicht ganz geheuer vorkam. Zirgas setzte wieder sein Grinsen auf.

„Aus der Gefangenschaft? Nun ja, er wurde freigelassen. Wie wir alle anderen auch. Wir wurden freigelassen, unter dem Schwur, dem Herzog von Tandor eine Blutschuld schuldig zu sein. Bis ein Urbe einem Erben des Hauses Tandor das Leben rettet, sind wir zur Treue verpflichtet. Ein hoher Preis, aber der Khan akzeptierte ihn.“

Alles schien sich um Arthur zu drehen. Freigelassen? Blutschuld? Wieso? Das ergab alles keinen Sinn. Celan sollte froh sein, die Gefahr ein für alle Mal abgewendet zu haben und dabei noch einige Arbeiter für seine Mienen gewonnen zu haben. Wieso sollte er sich dem erneuten Risiko aussetzten, dass die Urben Tandor erneut terrorisierten, sollten sie wortbrüchig werden? Was plante Celan mit der Treue der Urben?

„Rede weiter, was weißt du noch alles“, sagte Arthur immer noch etwas in Gedanken versunken.

„Herzog Celan war es, der uns schickte euch alle zu töten.“

„Dieser Verräter!“, entfuhr es Arthur lauthals und er war auf der gesamten Lichtung zu hören. Zirgas fuhr grinsend fort, offensichtlich über den internen Verrat der Valoren belustigt.

„Nun, ihr Valoren scheint nicht so einig zu sein, wie ihr denkt. Aber das war noch nicht alles, was Herzog Celan veranlasste. Er ließ die besten fünf Krieger der Urben zu sich kommen und erteilte ihnen einen Auftrag. Einer dieser Krieger ist mein Bruder, und so erfuhr ich von der Aufgabe. Mit einigen anderen Tandorern sollen sie nach Südwesten reisen und den jungen König suchen, um ihn dem gleichen Schicksal zuzuführen, wie ihr es erleiden solltet.“ Arthur verschlug es die Sprache und auch Kilian wirkte offensichtlich entsetzt. Ein Mordversuch auf den König. Das war Hochverrat. Langsam schloss sich der Kreis. Herzog Celan baute seine militärische Streitmacht deutlich aus, er schwächte seinen Nachbarn im Süden und versuchte den König zu ermorden. Für Celan war Tandor nicht genug. Er musste aufgehalten werden.

„War das alles was du weißt?“, fragte er Zirgas. Er blickte ihm tief in die Augen, um zu erkennen, wenn dieser log. Zirgas nickte. „So wahr die Geister der Steppe über mich wachen, das ist alles.“ Der Urbe musste ein Lächeln unterdrücken. Er hatte Arthur bereitwillig die gesamte schmutzige Wahrheit erzählt. Es barg die kleine Hoffnung, auf sein Leben. Immerhin waren diese Valoren so erpicht auf ihre Ehre. Eine Schwäche, die ein Urbe niemals zulassen würde. Aber seine Gedanken gingen noch weiter. Sollten sich die Valoren doch gegenseitig bekämpfen. Tandor gegen Rethas. Die Krone gegen Tandor. Egal wie. Jeder tote Valore würde sie näher zu ihrer Freiheit bringen. Und auch sein Khan würde diese Chance erkennen. Denn Chaos war ein natürlicher Freund der Urben.

„Lauf. Und hoffe, dass du mir nie wieder über den Weg läufst.“, sagte Arthur und zog sein Messer um die Fesseln des Gefangen zu zerschneiden. Er hatte sein Wort gegeben.

Während Zirgas im Wald verschwand, nahm Arthur seine Sachen auf. Seinen Bogen hatte er auf dem Schlachtfeld verloren. Das war traurig. Aber er war sich sicher, dass er spätestens zurück in Freital angemessenen Ersatz erhalten würde.

„Hagen, Wulf, Kilian, Jorgen“, rief er einige seiner Männer heran. „Wulf, du wirst die Männer zurück nach Hause führen. Hagen, Kilian, Jorgen, der König ist in Gefahr. Ihr drei werdet zusammen mit mir nach Westen reisen. Höchstes Marschtempo. Wir brechen sofort auf.“

Die vier Männer nickten und nahmen ihre Waffen auf. Wulf kam noch mal auf Arthur zu und nahm dessen Arm zum Gruß. „Pass auf dich auf, Arthur.“ Der Ritter nickte. „Und führe du unsere Brüder zurück in die Heimat. Ich verlasse mich auf dich.“, sagte er und lief dann zusammen mit seinen drei Begleitern in westlicher Richtung von der Lichtung weg.

Kapitel 9

Nach zwei Tagen Aufenthalt in Andtweil verließ die kleine Gruppe um Geron von Dämmertan die Stadt an einem milden Sommermorgen. Der Besuch von Andtweil würde Lora wohl noch lange in Erinnerung bleiben, so viele neue Eindrücke und Erfahrungen hatte sie wahrgenommen und gesammelt. Das erste Mal war sie in einer anderen Stadt außer Tjemin gewesen. Sie war davon ausgegangen, dass wohl jede Stadt doch irgendwie ähnlich ist, umso überraschter war sie von Andtweil gewesen.

Die kleine Stadt im Herzogtum Fendron war landesweit für ihre Universität bekannt, um die sich die Stadt gebildet hatte. Im Vergleich zu Tjemin, das sehr viel größer als Andtweil war, lag dieses nicht an einem Fluss, sondern in den Ausläufern des Widenwalls, eines Hügelgebirges am Ufer des Calas. Seit vor über hundert Jahren die Universität von dem damaligen Herzog von Fendron gegründet worden war hatte sich die Stadt langsam aber beständig vergrößert. Immer mehr Gebäude waren um das große Gebäude der Universität und den davor liegenden Markt gewachsen. Eine wirkliche Stadtmauer besaß Andtweil nicht, sondern nur eine Palisade, von der die Stadt umschlossen wurde.

Die Lese- und Schreibstunden bei Isabel hatten noch die restliche Reisedauer und auch während ihres Aufenthalts in Andtweil angedauert. Obwohl sie noch immer nur sehr stockend lesen konnte, zeigten sich bei Lora doch deutliche und schnelle Fortschritte. Schnell hatte sie sich ein System gebildet, um die vielen verschiedenen Buchstaben voneinander zu unterscheiden und erneut aufzuschreiben. Isabel hatte ihr zum Abschiedsgeschenk das kleine Gedichtband und einige weitere Blätter zum Schreiben geschenkt. Aber nicht nur das hatte Lora während der zwei Tage gelernt.

Geron hatte darauf bestanden, ihr erste Reitlektionen zu geben, dazu kam an jedem Abend Unterricht in Benimmregeln, Wappen- und Landeskunde und noch viele weitere Aspekte, die sie als Untergebene von Geron können sollte. Auf jeden Fall waren die Tage so gefüllt, dass Lora jeden Abend völlig erschöpft in ihr Bett gesunken und sofort eingeschlafen war. Das einzig angenehme an den einzelnen Lektionen war, dass sie ihr meistens von Finn gegeben worden waren. Dieser war ihr immer noch eine angenehme Gesellschaft. Wenn sie etwas fragte, dann erzählte er gerne und lange über ihre Frage. Wenn sie etwas nicht verstand, erklärte er es in Ruhe nochmal und hin und wieder machten sie einen Spaß oder witzelten rum. Nur wenn Geron den Raum betrat oder sie anschaute, wurden sie wieder ernst wie zuvor. Noch immer lief Lora ein leichter Schauer über den Rücken, wenn Geron sie mit seinem von der Narbe gezeichneten Gesicht anblickte und sie scheinbar direkt zu durchschauen schien.

Jetzt war sie wirklich froh, dass Geron jeden Tag auf die paar Reitstunden bestanden hatte, die möglich waren. Denn von hier aus ging die Reise nicht mehr in der Kutsche, sondern zu Pferd weiter. Lora hatte sich als außerordentlich gute Schülerin erwiesen, sie hatte schnell gemerkt, wie sie mit dem Tier umzugehen hatte, und wie sie es dazu brachte, das zu tun, was sie wollte. Selbst Geron hatte sie kurz gelobt, ein Lob, das bei dem Ritter wirklich schwer verdient war. Umso stolzer war sie darüber gewesen. Jetzt ritten sie zu dritt, Geron, Finn und sie, nach Osten. Ihr nächstes Ziel hieß Lyth Valor, der einzige Hafen Valoriens mit Meerzugang. Lora hatte das Meer noch nie gesehen, genauso wenig wie Finn. Gegenseitig hatten sie Geschichten über das Meer ausgetauscht und gemeinsam überlegt, wie es dort wohl sein würde.

Lyth Valor selbst war von Gebirge eingeschlossen und es gab nur zwei Wege dorthin. Der eine führte am Ufer des Orb entlang, der andere führte durch den Widenwall. Von Andtweil aus war der letztere Weg selbstverständlich der kürzeste, der aber um einiges unwegsamer als der Weg durch das Flusstal war. Sie mussten erst durch die weite Hügellandschaft reiten und dann über mehrere Pässe durch die höheren Berge des Widenwalls gelangen. Geron hatte mindestens vier Tage für die Reise veranschlagt, die sie im Freien verbringen mussten. Glücklicherweise waren jetzt im Sommer die Witterungsbedingungen so günstig, dass sie wohl nicht mit schlimmeren Hindernissen rechnen mussten.

Lora blickte nochmal über ihre Schulter zurück nach Andtweil. Sie würde sich bestimmt immer an diese Stadt erinnern. Sie dachte an die Gebäude, die Menschen, den Markt, und natürlich auch an Isabel, die für sie fast so etwas wie eine Freundin geworden war. Es war seltsam, eine Tochter eines Freiherrn, eine hohe Adelige Valoriens, war mit ihr, dem Kind aus der Gasse, befreundet. Lora schüttelte den Kopf und wandte den Blick nach vorne. Auf ihren weiteren Reiseabschnitt, auf die weiteren Abenteuer und Erfahrungen, die auf sie warteten. Dann ritt sie hinter Geron hinterher auf den Weg, der in den Widenwall führte.

Am Abend des ersten Tages erreichten sie ein kleines Dorf, das an dem Weg lag, dem sie in den Widenwall folgten. Sie kamen gerade aus einem kleinen Hain hinaus, als Priovan die Rauchsäulen der Schornsteine erkennen konnte. Er schaute noch einmal zurück in den Hain, aus dem sie gerade gekommen waren. Irgendwie fühlte er sich schon den ganzen Tag beobachtet, wenn nicht gar verfolgt. Wahrscheinlich war das eine völlig übertriebene Befürchtung, aber dennoch war er etwas nervös. Natürlich würde er Geron nichts sagen, aber er beschloss, auch in Zukunft auf ihrer Reise die Augen offen zu halten.

Aus der Entfernung erkannte man, dass es sich um ein kleines Dorf handeln musste, auch wenn die genaue Anzahl der Häuser nicht zu zählen war. Erleichtert atmete er aus. Er hatte schon befürchtet, die Nacht im Freien verbringen zu müssen. Davon hatte er nach den kalten Nächten, die sie vor einigen Wochen in den Ebenen Tandors verbringen mussten, erstmal genug. Umso enttäuschter war er, als Geron sein Pferd zügelte und am Waldrand stoppte.

„Worauf warten wir?“, fragte er seinen Rittervater und deutete auf das Dorf.

„Dort bekommen wir bestimmt ein warmes Mahl und ein ordentliches Dach über dem Kopf. Ich habe öfter mal gehört, dass hier im Widenwall die Nächte auch im Sommer eher kühl seien und dass das Wetter schnell umschlagen kann.“

Geron reagierte erstmal nicht auf Priovans Frage und schwang sich aus dem Sattel, was seine beiden Begleiter im sofort gleich taten, Priovan etwas eleganter als Lora, die sich noch nicht ganz an das Reiten gewöhnt hatte, auch wenn sie bemerkenswerte Fortschritte in der kurzen Zeit zeigte.

„Ich will noch die milden Abendstunden nutzen, und dabei nicht mitten in dem Dorf sein, wo wir sowieso wieder keine ruhige Minute haben werden. Lora, binde die Pferde an einen Baum an. Wir haben unsere Kampfübungen in letzter Zeit etwas vernachlässigt, Priovan. Das werden wir mal wieder nachholen müssen.“

Geron nahm sein Schwert und zog es aus der Scheide. Es glitzerte im Schein des halben Mondes. Dann blickte er zu seinem Knappen.

„Worauf wartest du?“, fragte er und Priovan nickte und zog ebenfalls sein Kurzschwert.

Während Lora die drei Pferde an einem Baum anband schaute sie zu, wie Finn die ersten Schläge gegen Geron ausführte. Erst einige langsame, aber immer rhythmisch von links und von rechts. Selbstverständlich parierte der Ritter alle Schläge mit Leichtigkeit. Lora setzte sich an einen Baum, lehnte sich an den Stamm und schaute begeistert der Übung ihrer beiden Begleiter zu. Langsam aber stetig erhöhte Priovan das Tempo der Schläge. Das stetige Klingen der beiden Waffen erschallte in der Nacht wie das rhythmische Schlagen eines Schmiedehammers, nur wurde es immer schneller und schneller. Lora sah, wie Finn langsam anfing schwerer zu atmen. Sie kämpften doch noch gar nicht lange, und schon musste er nach Luft schnappen? Es schien wirklich anstrengender zu sein, als es aussah. Urplötzlich wurde Geron aktiv, der sich bis jetzt nur aufs parieren verlassen hatte. Er ließ einen weiteren Schlag von Finn ins Leere gleiten und setzte sofort mit zwei Schlägen seinerseits nach. Die Schläge waren weder besonders kräftig noch schnell ausgeführt, aber Finn hatte offensichtliche Mühe ihnen zu entgehen. Unter dem ersten konnte er noch durchtauchen, den zweiten parierte er mit erhobener Waffe. Da Geron den Schlag nicht zurück zog verharrten die Klingen aufeinander und rutschten leicht aneinander ab. Mit einem kräftigen Stoß mit dem Schwert drückte Geron Finn weiter nach hinten. Dieser konnte noch zwei weitere Schläge parieren, dann lag die Spitze vom Schwert des Ritters auf seiner Brust.

„Gar nicht schlecht, für den Anfang, Priovan“, sagte Geron und zog sein Schwert wieder zurück.

„Die Schläge sind schon alle sehr präzise und mit einem guten Rhythmus und guter Kraft ausgeführt. Aber gerade in der Defensive musst du noch an dir arbeiten. Ich konnte dich gerade viel zu leicht aus dem Gleichgewicht drücken. Versuche in solche Situationen dein Gewicht stärker auf ein Standbein zu verlagern, um dich besser gegen den Druck stemmen zu können.“

„Jawohl, das werde ich versuchen“, beantwortete Priovan die Ratschläge seines Herrn und hob dann erneut seine Klinge für weitere Übungen.

Nach drei weiteren Runden, in denen Geron von Finn immer neue Angriffskombinationen erwartete, war der Knappe völlig außer Atem. Sein Gesicht war rot angelaufen und der Schweiß rann ihm von den Haaren über seine Wangen. Er atmete schwer und nachdem Geron ihn mit einem Nicken entließ, nahm er sich einen Trinkschlauch, trank einen ordentlichen Schluck Wasser und ließ sich dann neben Lora ins Gras sinken.

„Anstrengend?“, witzelte Lora, die während der Übungen zuschauend im Gras gesessen hatte. Finn lächelte sie an, verschwieg sich aber eine Antwort.

„Bringst du mir auch bei zu kämpfen?“, fragte Lora dann ihren jüngeren Reisegefährten. Dieser blickte sie erneut an, lächelte und schüttelte den Kopf.

„Nein, Lora, kämpfen ist etwas für Männer.“ Lora schaute ihn böse an, stellte sich auf und stemmte die Arme in die Hüfte.

„Dann dürftest du auch noch nicht kämpfen, immerhin bis du noch weit davon entfernt ein Mann zu sein. Außerdem, was soll ich denn machen, wenn ich mit euch reise, und wir uns verteidigen müssen. Soll ich dann nur tatenlos herumstehen?“ Währenddessen war auch Geron zu den beiden gekommen und ging auf Lora zu. Er legte ihr seine starke Hand auf die Schulter.

„Sei Priovan nicht böse, Lora. Er hat wirklich Recht. Frauen haben mit einem Schwert nichts anzufangen. Das war schon immer so und wird immer so sein. Damit musst du dich nun mal abfinden, auch wenn du mit mir reist. Jetzt wollen wir aber schnell in das Dorf und uns eine gute Bleibe für die Nacht suchen“, sagte er und band dann wieder die Pferde los.

„So ungerecht“, fauchte Lora noch leise und folgte dann Geron nach. Gemeinsam mit ihm und Finn ritt sie dann in das kleine Dorf.

Am dritten Tag ihrer Reise wurde die Reise etwas beschwerlicher. Die bisher flachen Hügel wurden langsam steiler, die Pfade steiniger und schon bald mussten sie die Pferde führen. Der Weg durchs Tal wäre bestimmt einfacher gewesen, aber Geron hatte nicht einen so großen Umweg wählen wollen. Außerdem taten diese kleinen Beschwerlichkeiten den Beiden gut. Man konnte ja nicht immer auf gut gepflasterten Straßen reisen. Erwartungsgemäß fanden sie am Weg, der sich immer tiefer ins Gebirge schlängelte, kein Dorf mehr auf. Als es langsam dämmerte und alle außer Geron schon ziemlich erschöpft waren, erreichten sie am Wegesrand einen kleinen Felsvorsprung, unter dem sie etwas vom Wind geschützt waren und der auch sonst einen sehr guten Lagerplatz darstellte. Außerdem floss unweit ein kleiner Bach, an dem sie die Wasserschläuche auffüllen und die Pferde tränken konnten.

„Lora, kümmere du dich bitte um die Pferde. Priovan, deine Übungen warten heute Abend noch.“ Geron übergab seine Zügel an Lora. Finn tat es ihm gleich wenn auch mit einem tiefen Seufzer. Der Tag an sich hatte ihn schon genug angestrengt, da war die Erwartung auf eine weitere kräftezehrende Übung nicht die beste Aussicht.

„Halt durch Kleiner“, sagte Lora hämisch, was Finn nur ein angestrengtes Lächeln abgewann. Sie hatte ihn schon öfter damit aufgezogen, dass er doch noch kleiner als sie war. Aber selbst das konnte ihn jetzt nicht merklich aufregen. Also führte Lora die drei Pferde zum Wasser, sattelte sie ab und die Tiere konnten frei trinken und das Gras herum weiden.

Dann drehte sie sich um und schaute Geron und Finn bei den Übungen zu. Auch wenn ihre Frage, ob sie nicht auch mal kämpfen lernen konnte, am ersten Abend ziemlich klar abgewiesen worden war, hatte sie sich entschieden möglichst genau zuzuschauen. Sie versuchte sich jede Bewegung, jede Finte einzuprägen, die Geron und Finn trainierten. Sie hatte auch schnell bemerkt, was Finn noch verbessern musste. Oft fasste er sein Schwert zu locker, und Geron konnte dadurch einerseits zu leicht durch seine Parade brechen, andererseits konnte er ihm schnell das Schwert aus der Hand schlagen. Als das dann wirklich passierte, und das Kurzschwert klirrend zu Boden fiel, wies Geron Finn wirklich darauf hin. Lora lächelte stolz in sich hinein. Als sie sich gerade wieder umschaute bemerkte sie auf einmal einen Schatten. Sie schaute den Felsvorsprung hoch und sah dort wirklich einen Mann stehen.

„Geron!“, rief sie und sprang auf. Sie zeigte auf den Fremden der dort oben stand. Seine Kleidung bestand hauptsächlich aus Leder und anderen festen Stoffen, komplett in dunklen Braun- und Grüntönen. Im Wald würde dieser Mann wohl kaum zu sehen sein, im Gebirge war dies schon eher der Fall. Auf dem Rücken trug er einen Köcher, aus dem auch der Griff eines Schwertes zu sehen war, an der Schulter hatte er einen Bogen hängen. Außer in seinem Gesicht war seine gesamte Haut von Kleidung bedeckt. Auch sein Gesicht war durch ein braunes Lederband eingerahmt, das über die Stirn nach hinten ging, und so sowohl seine Ohren abdeckte als auch seine langen, schwarzen Haare zusammenhielt. Seine Haut wirkte ebenmäßig glatt, keine Spur von Alter war zu sehen. Dennoch lagen in seinem Blick, in diesen nussbraunen Augen, Erfahrung und Wissen, das auf viele Kämpfe und Abenteuer schließen ließ.

Geron schaute sofort auf. Er wirkte von einem auf den anderen Moment voll aufmerksam. Statt jedoch, wie Lora erwartet hatte, der Bedrohung entgegen zu treten, lief Geron sein Schwert noch immer in der Hand nach oben.

„Lioras, was ist los?“, ging der Ritter auf den Unbekannten. „Ihr müsst schnell weiter reiten. Ihr werdet verfolgt. Ihr müsst schnell durch den Krähenpass und dann weiter nach Lyth Valor.“

„Wer und wie viele?“

„Mehr, als dass ich es erledigen könnte. Bestimmt ein Dutzend. Wer genau das ist, konnte ich nicht sehen. Einige der Verfolger sind Urben. Wenn man sie so sieht, könnte man denken, es wäre einfach eine Bande von Räubern und Banditen. Aber dafür waren sie zu zielstrebig.“

Geron nickte. Er schaute in den Himmel. Immerhin war das Wetter gut. Dennoch wusste er nicht, ob die beiden einen nächtlichen Gewaltritt durchhalten würden. Besonders Lora, die doch sowieso noch einige Probleme im Sattel hatte.

„Können wir Ihnen hier nicht einfach einen Hinterhalt legen? Zwölf Leute, das sollte doch möglich sein.“

Lioras schien kurz zu überlegen. Die Idee war ihm offensichtlich auch schon gekommen. Doch dann schüttelte er den Kopf. „Ich zweifele nicht an uns, aber das Risiko ist einfach zu groß. Und sie werden uns finden, da bin ich mir sicher. Sie sind gut, wirklich gut. Ich hatte zum Teil Mühe ihnen zu folgen. Du solltest es nicht darauf ankommen lassen.“

Geron nickte. „Gut, dann musst du aber mit uns reiten. Der junge König wird den Ritt ohne Probleme durchstehen, aber bei Lora bin ich mir nicht sicher. Du musst mit ihr reiten.“

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