Kitabı oku: «Sonnenfeuer»

Yazı tipi:

J.D. David

Sonnenfeuer

Legenden von Valorien

Legenden von Valorien

Sonnenfeuer

J.D. David


Impressum

© 2017 J.D. David

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7450-6798-9

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Prolog 770 St. Gilbert

„Pfeile los!“

Es war dieser eine Befehl, den Daron nicht glauben konnte. Aber der Ritter aus Tandor rief ihn mit voller Kraft und wie die anderen Soldaten ließ er die Sehne los. Er schaute noch seinem Pfeil nach. Und den all den anderen Pfeilen, die auf die Reiter zuflogen. Er sah den eigenen Pfeil nicht mehr, fühlte aber, dass er sein Ziel fand. Die Reiter der Kronlande. Die doch gerade noch ihre Verbündeten gewesen waren.

„Ulf, beende diesen Wahnsinn!“, hörte er den Ruf des zweiten Ritters. Alois von Schöngau. Doch der glatzköpfige Anführer schaute nur nach vorne, während Soldaten aus Tandor Alois abführten.

„Weiter schießen. Dies sind Verräter an unserer Heimat. Sie müssen den Tod finden. Pfeile los!“, rief Ulf von Darbenkort mit fester Stimme. Wie in Trance zog Daron den nächsten Pfeil aus dem Köcher und schickte ihn den Hügel hinab.

Während ein fremder Geist ihn dazu zu zwingen schien, wie seine Kameraden neben ihm zu handeln, fragte er sich, wie es soweit hatte kommen können. Gerade noch war er in Rethas gewesen, in seinem Heimatdorf Velken. Zusammen mit seinem Freund Feslan, der ihm nach dem Tod der Eltern fast zum Bruder geworden war. Dazu die anderen Jungs. Der ältere Borchart, der jüngere Dodo, der in seinem Alter war, oder all die anderen Jungen aus Velken. Doch dann war der Befehl von Herzog Helmbrecht gekommen und jeder Junge, der zumindest fünfzehn Sommer gesehen hatte, war in den Krieg gezogen.

Er ließ den nächsten Pfeil fliegen. Die Reiter kamen den Hügel hinauf und kamen näher und näher. Dennoch hatten sie keine Chance. Zu schlecht war ihre Lage, den Hügel aufwärts die Fußsoldaten angreifen zu müssen. Zu groß die Anzahl der Verteidiger, die ihnen mit einer Salve nach der nächsten den Tod schickten.

Mit zitternden Händen zog er den nächsten Pfeil. Er erinnerte sich in der Bewegung daran, wie sein Vater ihm einst das Bogenschießen beigebracht hatte. In dessen letztem Herbst, bevor er wie die Mutter den Winter nicht überlebte. Daron hatte noch immer die gleichen krausen, schlammbraunen Haare wie damals, die zu allen Seiten abstanden und sich nicht bändigen ließen. Doch sein Gesicht war seitdem strenger geworden, härter. Nicht nur das Alter, sondern auch die Bitterkeit des jungen Lebens hatten ihn gekennzeichnet. Im Winter hatte sich sogar der erste Flaum an seiner Lippe gebildet. Dennoch war er noch mehr Junge als Mann, der Körper nicht voll ausgewachsen oder gestählt.

Erneut ließ er die Sehne los. Mittlerweile schossen die Schützen mehr nach vorne, als nach oben. Die ballistische Flugbahn war nicht mehr notwendig, die Feinde waren schon näher. Doch es waren nur noch wenige, die ihre Pferde weiter trieben. Daron beobachtete die Flugbahn seines Pfeils. Er wollte eigentlich gar nicht sehen, ob er traf. Er wollte nicht für den Tod eines Mannes verantwortlich sein. Doch es war genau dieses Entsetzen, das ihn starren ließ. Er konnte den Blick nicht abwenden. Und dann sah er wie der Pfeil traf.

Zu seiner Verwunderung war es nicht ein Mann, den er traf. Die junge Frau in voller Rüstung schrie auf. Ihr Schild sank nach unten, als sich sein Pfeil in die Schulter bohrte. Er konnte das Wappen gerade noch erkennen. Ein silbernes Schwert auf dunkelblauen Grund, darunter ein silberner Halbmond. Fast wie das Wappen des Reiches, und dennoch anders. Er beobachte die Reiterin. Selbst durch den eigentlich fatalen Treffer schien ihr Angriff nicht zu stoppen zu sein. Sie schaute entschlossen und Daron erkannte die Schönheit der Person. Wie konnten sie nur ihre eigenen Kameraden angreifen? Wie nur etwas so Schönes zerstören?

„Hey, weiterschießen, sonst erreichen die uns noch.“, hörte Daron die Stimme von Feslan neben sich, die sich sogar über den Lärm der Schlacht erhob. Über die Hufschläge und die fernen Schreie der Sterbenden. Daron nickte und zog den nächsten Pfeil aus dem Köcher. Er legte an, spannte den Bogen und zielte.

Noch immer sah er die Frau, die den Linien näher und näher kam. Noch weitere Pfeile hatten sie getroffen, aber mit unbändigem Willen hielt sie sich im Sattel. Er wusste, dass ein einziger Pfeil das Ende bedeuten konnte. Doch sie ritt weiter und weiter.

Daron riss den Bogen leicht nach oben und ließ den Pfeil los. Er sah noch, wie dieser flog und über die Ritterin hinweg glitt. Dann ging alles ganz schnell. Mit einem letzten Anritt erreichte diese die erste Linie, tötete einen, dann den nächsten Mann. Er schaute ihr noch nach, als sie ein Banner aus dem Boden riss und die Spitze dem verdutzt schauenden Ulf von Darbenkort, der ihren Angriff befohlen hatte, in die Brust trieb. Beide fielen vom Pferd. Beide schienen tot.

„Haltet ein. Soldaten Valoriens, senkt die Waffen!“, hörte Daron den lauten Ruf eines anderen Mannes. Er drehte sich um und erkannte den zweiten Ritter, der sie angeführt hatte. Mit einer schnellen Bewegung zog dieser seine Waffe und hielt die einstigen Bewacher in Schach. Als der eine Tandorer Anstalten machte, seine Waffe zu ziehen, durchbohrte die prachtvolle Waffe von Alois dessen Leib. Die anderen zogen sich schnell zurück.

Alois schwang sich auf ein Pferd und ritt vor die Reihen. „Im Namen des Königs, legte alle die Waffen nieder. Dieser Wahnsinn, dieser Verrat ist vorbei. Als Ritter Valoriens führe ich nun dieses Heer.“, sagte er mit kraftvoller Stimme. Nach dem Tod des tandorischen Freiherrn schien ihm niemand widersprechen zu wollen. Viele Soldaten senkten den Blick zu Boden. Eine fast gespenstische Stille legte sich über das Schlachtfeld.

Daron war einer der ersten Männer, die sich regten. Erneut schien es jemand anderes zu sein, der ihn lenkte, aber diesmal ein guter Geist. Er warf den Bogen davon und lief nach vorne. Zu den Verwundeten, die über den Hügel verstreut lagen, dazwischen sich windende Körper sterbender Pferde. Daron wusste nicht wirklich wohin, aber er lief. Er wollte denen helfen, die doch bis vor wenigen Momenten ihre Kameraden gewesen waren.

Es schien, als hätte die Bewegung des Jungen eine Welle ausgelöst. Mehr und mehr Soldaten Valoriens lösten sich, um die Verwundeten zu retten, oder auch nur den Sterbenden das Ende leichter zu machen. Kurz schaute Daron noch hoch auf den Hügel und sah, wie der Ritter Alois zu der gefallenen Ritterin ging und an ihrer Seite niedersank. Dann richtete Daron den Blick wieder nach vorne.

„Hilf mir.“, hörte er die leise Stimme eines Jungen neben sich. Daron wandte sich um und ging auf die Stimme zu. Erst konnte er den Verwundeten gar nicht sehen, aber dann erkannte er unter dem Leib des toten Pferdes einen jungen Soldaten. Obwohl er deutlich größer als Daron selbst aussah, erkannte man an dessen Gesicht, dass er kaum war. Die braunen Haare mit einer rötlichen Tönung waren kurz geschnitten, Sommersprossen bedeckten das Gesicht, über das ein sich eine Blutspur aus einer Platzwunde am Kopf bildete.

„Ich bin eingeklemmt.“, keuchte der Junge. „Bitte töte mich nicht. Ich bin Leon von Aueneck. Du bekommst für mich bestimmt ein großzügiges Kopfgeld.“, sprach er leise weiter. Obwohl er mit dem Tod zu rechnen schien, konnte man keine Angst in dessen Augen erkennen.

Daron schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nicht hier um dich zu töten. Der Ritter, der den Angriff befahl, ist tot. Wir wollen euch helfen.“, sagte er und drückte an dem Pferd. Doch es schien hoffnungslos, zumindest alleine.

Daron drehte sich um, um nach Hilfe zu rufen, als er schon Feslan erkannte, der auf ihn zulief. Seine schwarzen, langen Haare klebten ob des Schweißes an seinem Gesicht, das im Vergleich zu Daron bereits das Gesicht eines Mannes war. Ihm folgten der kräftige Borchart, der trotz junger Jahre eine Glatze trug, und der etwas dickliche Dodo mit seinen blonden Haaren.

„Hey, helft mir.“, rief Daron zu den Jungen, die sofort zu ihm kamen.

„Lebt er noch?“, fragte Feslan und nickte zu Leon, der kurz die Augen geschlossen hatte. Wie eine Antwort schlug der Knappe diese wieder auf und fixierte den Soldaten mit seinem Blick.

„Ja, helft mir das Pferd runterzuschieben.“, antwortete Daron für Leon und drückte mit den vier Anderen an dem schweren Leib des toten Tieres. Stück für Stück schafften sie es, dieses zur Seite zu drücken, bis Feslan schließlich Leon hinunter hervor ziehen konnte.

Der junge Knappe sah schrecklich aus. Zu der Platzwunde am Kopf kamen eine Pfeilwunde am Arm, sowie die Beine, die unter der Last des Pferdes anscheinend gebrochen waren. Daron bezweifelte, dass der junge Mann je wieder laufen würde.

„Wir müssen ihn ins Heerlager bringen.“, sagte Daron bestimmt. Er zeigte auf gebrochene Speere. „Lasst uns daraus eine Trage bauen.“ Obwohl er deutlich jünger war als zumindest Feslan und Borchart nickten diese nur und folgten den Anweisungen wortlos.

„Hey, ihr. Der Ritter von Schöngau hat befohlen, dass sich alle Unverwundeten sammeln.“, hörte Daron die Stimme eines Offiziers.

„Wir helfen dem hier noch.“, antwortete Feslan für ihn und der Offizier schaute mitleidig auf den verletzten Leon. Dann nickte er. „In Ordnung. Aber kommt dann sofort ins Heerlager. Wir brechen bald auf. Nach Burg Eisentor.“

„Hey, Daron.“

Der junge Soldat schreckte auf. Vor Erschöpfung war er sofort fest eingeschlafen, nachdem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Als er nun die Augen öffnete und Feslan erkannte, der ihn weckte, sah er, dass es noch immer tiefste Nacht war. Nur der Fackelschein durchbrach mit einem rötlichen Flackern die Dunkelheit.

„Was ist?“, fragte Daron den Älteren und schaute sich um. Neben ihm lagen weitere Soldaten schlafend. Neben Feslan stand Borchart, der gerade Dodo weckte.

„Wir hauen hier ab. Sei still.“, antwortete Feslan und legte den Finger auf den Mund. Feslan und Borchart waren am Abend zur Wache eingeteilt worden. Das erklärte, wieso sie wach waren. Aber ihr Plan erschloss sich Daron nicht.

„Nein. Wieso? Wenn sie uns finden, dann werden wir bestraft.“, antwortete er immer noch flüsternd. Die Schlacht, die doch keine gewesen war, war nun zwei Tage her. Sie hatten den verletzten Leon von Aueneck ins Lager gebracht, wo sich einige Frauen seiner angenommen hatten. Dann war das Heer weiter gezogen, nach Süden, in Richtung Burg Eisentor. Alois von Schöngau hatte eine berittene Vorhut vorgeschickt und dennoch die Fußsoldaten zur Eile angetrieben. Die nächtliche Ruhe war meist nur kurz, bevor der Marsch weiterging. Und so wurde das Heer jeden Tag erschöpfter, während sie der Grenzfestung näher kamen.

„Jetzt komm schon. Draußen ist niemand, wir haben geschaut. Bis die merken, dass wir weg sind, sind wir schon auf halbem Weg nach Rethas. Außerdem sucht niemand nach vier Männern.“ Kurz zögerte Daron, als Feslan noch etwas hinzufügte. „Die Adeligen bekämpfen sich gegenseitig. Dafür will ich nicht sterben. Sollen die sich doch alle selber die Köpfe einschlagen.“

Daron wusste nicht genau wieso, aber er nickte nur und stand so leise wie möglich auf. Feslan war ihm wie ein Bruder. Und er vertraute ihm. Wenn er diesen Entschluss gefasst hatte, würde er ihm folgen. Das war sicher.

„Also los.“, sagte Daron und schlich sich mit den drei anderen Deserteuren von den Schlafenden davon.

Als der Morgen des nächsten Tages anbrach, hatten die vier Flüchtenden das Heerlager bereits weit hinter sich gelassen. Die Sonne kroch über den Horizont und wies ihnen den Weg: nach Osten. Nach Rethas. Nach Velken, ihrer gemeinsamen Heimat. Weg von dem Krieg, den Schlachten und dem unnötigen Blutvergießen.

„In Ordnung, wir sollten hier kurz rasten.“, unterbrach Feslan ihren Marsch. Der junge Mann hatte sich schnell als Anführer der Gruppe herausgestellt, war er doch auch schon in der Heimat Wortführer der Jungen des Dorfes gewesen. Dodo ließ sich erschöpft auf den Boden fallen. Auch Daron atmete seufzend aus, denn sie hatten ein scharfes Marschtempo angeschlagen, um schnell voran zu kommen. Nur Borchart schien wenig angestrengt.

„Daron, teile du ein bisschen unserer Vorräte aus. Dodo, ruh dich kurz aus, es geht gleich weiter. Borchart, geh du dort oben auf den Hügel und schau dich ein bisschen um, ob Dörfer oder andere Reisende in der Nähe sind.“, gab Feslan den anderen kurze Befehle. Dodo und Daron nickten stumm, während Borchart brummte, etwas erwidern wollte, es sich dann aber anders überlegt. Mit seinem Bogen in der Hand begann er die kleine Anhöhe hochzusteigen, an dessen Fuß die Gruppe Schutz gesucht hatte.

Daron ließ die Umhängetasche, die er trug, zu Boden sinken und kniete sich hin, um den Inhalt zu inspizieren. In der Eile hatten sie schnell zu einigen Vorräten gegriffen, ohne genau zu gucken, was es war. Die Ausbeute sah nicht schlecht aus. Einige Säckchen mit Körnern, aus denen man Brei kochen konnte, ein größeres Stück Käse, sowie einige Stücke getrocknete Wurst und Schinken. Dazu noch zwei Laibe Brot. Daron griff nach einem der Brote und brach vier Stücke ab, um diese Dodo und Feslan zu geben.

„Hier, das können wir schnell ohne Feuer zu machen essen. Wir sollten mit unseren Vorräten gut haushalten, wenn wir bis nach Rethas Städte meiden wollen. Darum muss das erstmal reichen.“, sagte Daron zu den beiden, während sich Dodo schon über das Stück Brot hermachte.

„Ja, sehr gut Daron.“, bestätigte ihn Feslan und biss dann auch genüsslich in das Brot. Dann ließ er seinen Blick auf den Hügel schweifen. Zu Borchart, der diesen gerade erklomm, und oben angekommen über das Land schaute. Doch dieser Moment dauerte nicht lang.

Ein kurzer Aufschrei von Borchart war noch zu hören und dann brach der kräftige Mann zusammen und rutschte den Hügel hinunter. Selbst von unten konnte man den Pfeil erkennen, der ihm im Leib steckte.

„Verdammt. Lauft!“, rief Feslan nur und ließ das Brot fallen. Er rannte los, auf den kleinen Wald zu, der vor ihnen lag. Daron sprang sofort auf folgte dem Bruder. Er war schon immer ein schneller Läufer gewesen und holte diesen trotz dessen Vorsprung sofort ein. Dodo brauchte länger, um die Situation zu realisieren und seinen schweren Körper aufzurichten, folgte dann aber den beiden anderen.

„Hey, wartet auf mich.“, rief er panisch. Jetzt hörte Daron auch die Hufschläge. Hufschläge, die nichts Gutes bedeuteten. Wäre der Feind auch zu Fuß gewesen, hätten sie eine gute Chance gehabt, zu fliehen. Doch der Weg zum Wald war noch weit und die Verfolger hatten so einen großen Geschwindigkeitsvorteil. Hektisch schaute Daron über die Schulter zurück.

Hinter ihnen sah er die Verfolger. Es waren in der Tat Reiter, bestimmt fast zehn Mann. Wie sie selbst waren sie nur leicht gerüstet und hatten Bögen. Aber an der Art ihrer Kleidung erkannte man genauso wie an dem Reitstil, dass es sich um Urben des Herzogs von Tandor handeln musste. Kurz sah Daron Dodo noch, wie dieser strauchelte. Dann trafen den Jungen schon mehrere Pfeile in den Rücken und er schlug tot auf den Boden auf. Daron wandte sich wieder ab. Er schaute nach vorne. Nur nach vorne. Und rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.

Er spürte, wie rechts und links von ihm Pfeile flogen. Doch weder er noch Feslan, der neben ihm rannte, wurden getroffen. Sie schlugen ein paar Haken, um ein schwerer zu treffendes Ziel zu sein, während sie spürten, wie die Reiter näher und näher kamen. Doch auch der Waldrand kam näher. Und obwohl er es nicht geglaubt hatte, rannte Daron dann zwischen die Bäume. Das Licht der Sonne wich den Schatten der dichten Baumkronen. Die beiden rannten weiter in den Wald, er wagte es nicht mehr, nach hinten zu schauen. Die Bäume und Sträucher wurden dichter und dichter. Hier konnten sie ihnen mit den Pferden nicht folgen, oder?

Vollkommen außer Atem erreichten die beiden eine Lichtung und hielten kurz inne. Feslan schnaufte schon stärker als Daron und beugte sich kurz nach vorne, um sich dann aber gleich aufzurichten. Er schaute sich um. Rings um sie war dichter Wald, nur ein kleiner Pfad schlängelte sich quer über die Lichtung und verschwand dann wieder im dichten Unterholz.

„Haben wir sie abgehängt?“, fragte Daron skeptisch, der zu allen Seiten schaute und versuchte zu lauschen.

„Ich glaube…“, wollte Feslan antworten, als sie wieder die Hufe hörten. „Nein, hier rein!“, sagte der Ältere und packte Daron am Arm, um im Unterholz zu verschwinden. Er lief zwei Schritte weiter und verharrte dann vor Schreck. Daron schaute auf und erkannte den Mann, der mit einem Grinsen aus dem Wald trat. Er sah verschlagen aus, wie die anderen Urben. Mit seiner Steppenkleidung, den schmaleren Augen und dem fiesen Blick.

Die beiden Rethaner drehten sich weg, um in eine andere Richtung zu fliehen, doch weitere drei Urben traten aus allen Richtungen aus dem Wald. Und dann erreichten die Hufschläge die Lichtung. Von jeder Seite näherten sich zwei Reiter.

Hektisch schaute sich Feslan um, erkannte aber, dass sie umzingelt waren. Mit zitternden Händen löste er die Axt von seinem Gürtel und schaute sich zu den Feinden um, die aber keinerlei Anstalten machten, sie direkt anzugreifen.

„Verschwindet. Wir haben euch nichts getan!“, brüllte Feslan hektisch. Daron hatte ihn noch niemals so ängstlich gesehen. Sein ganzes Leben war Feslan der Starke gewesen, der sich gegen alles wiedersetzt hatte. Bruder und auch Vorbild. Doch nun schien das unausweichliche Ende nah und die Entschlossenheit und der Mut wichen Angst und Verzweiflung. Er selbst stand starr an einer Stelle und vermochte kein Wort zu sprechen. Egal ob er seine Waffe ziehen würde oder nicht, er würde sowieso keine Chance haben.

Der Anführer der Urben lächelte mitleidig ob des jämmerlichen Versuches des jungen Mannes, sich zu retten. In einer langsamen Bewegung zog er seinen Säbel aus dem Gürtel und drückte seinem Pferd die Fersen in die Flanke. Das schnelle Ross lief auf Feslan zu und obwohl dieser noch die Axt zum Schlag erhob, war die scharfe Klinge des Urben schneller. Mit Wucht schnitt sie dem jungen Mann in den Hals. Daron spürte, wie Feslans Blut auf ihn spritzte und der Bruder dann tot zu Boden fiel.

„Nein.“, sagte er leise. Es war nicht mehr entschlossen, oder panisch, es war nur noch ein entkräfteter Laut. Er wusste, dass er sich nicht retten konnte. Niemand würde ihn retten können. Er schaute über die Schulter und sah, wie der Urbe sein Pferd wendete um erneut auf die Mitte der Lichtung zuzureiten. Und sein blutiges Werk zu vollenden.

Das Pferd ritt erneut an. Daron drehte sich um. Blut tropfte vom Säbel des Urben. Er könnte versuchen zu fliehen. Oder zu kämpfen. Aber beides erschien ausweglos. So verharrte er. Starr vor Schreck. In Erwartung des Unausweichlichen. Die Hufe schlugen auf den Waldboden.

Auf einmal erzitterte die Erde unter Daron. Ein Grollen kam aus dem Boden und er schwankte kurz, konnte sich aber auf den Beinen halten. Das Pferd des Urben scheute ob des Schrecks und warf den Reiter ab. Auch die anderen Pferde scheuten und trabten unruhig. Das Beben der Erde dauerte nur wenige Sekunden, aber die Feinde waren so überrascht wie Daron und schauten sich ängstlich um.

Dann hörte Daron einen unerwarteten Laut. Einen Klang, der weder zu diesem Ort, noch zu diesem Moment zu passen schien. Obwohl die Flüche des Urben, der auf den Boden geworfen worden war, diesen übertönten, war der Klang eindeutig. Gesang. Der tiefe und dennoch melodiöse Gesang von einem Mann. Oder sogar mehreren Männern.

Dann erkannte Daron die Männer. Es waren vier, die den Pfad auf die Lichtung kamen, den vorher schon die Reiter gewählt hatten. Hinter den Pferden kamen sie in sein Sichtfeld, wie sie vollkommen ruhig über den Weg gingen. Einer hinter dem anderen. Und sangen. In einer Sprache, die er selber nicht kannte.

Wie er bemerkten auch die Urben die Neuankömmlinge. Die vier Fußsoldaten zogen sofort ihre Bögen aus und richteten die Pfeile auf die Männer. In diesem Moment blieben die vier Fremden stehen und der vorderste Mann schaute auf.

Wie seine vier Begleiter hatte auch er eine einfache braune Kutte an, deren Kapuze zurück geschlagen war. An den Füßen trug er einfache Lederstiefel. Am Gürtel, der eigentlich nur ein Seil war, waren mehrere Täschchen und Säckchen befestigt. Dennoch wirkte er insgesamt ärmlich. Auch die Frisuren der Männer glichen sich. Die Haare waren seitlich und hinten bis auf kleine Stoppeln geschoren. Nur am Schopf waren sie ein bisschen länger gelassen und am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf gebunden. Während der vorderste Fremde schon älter wirkte und seine Haare bereits gräulich waren, waren die Männer hinter ihm in ihren Zwanzigern oder Dreißigern.

In einer schnellen Bewegung riss er seine Arme nach oben. Erneut zitterte die Erde und Daron musste mit Schrecken feststellen, wie sich rechts und links von ihm tiefe Spalten in der Erde bildeten. Er hörte die Schreie der Überraschung der vier urbischen Bogenschützen. Obwohl sie ihre Pfeile noch los ließen, wurde der alte Mann nicht getroffen. Die Urben fielen bereits in die Spalten, die sich direkt unter ihnen aufgetan hatten.

Dann ballte der Ältere die gerade noch offenen Handflächen zu Fäusten. Noch immer bebte die Erde, aber so schnell, wie sich die Spalten im Erdboden aufgetan hatten, schlossen sich diese auch wieder. Neben dem Krachen des Gesteins vernahm Daron auch das Knirschen der Knochen der Urben, die in der Erde ihr ewiges Grab fanden.

Einen kurzen Moment erstarrten die anderen Urben und nur der monotone Gesang der drei anderen Männer lag auf der Lichtung. Dann brach Panik aus. Der Urbe, der den Fremden am nächsten war, zog seinen Säbel und riss am Zügel seines Pferdes. Doch er kam nicht weit.

Daron erkannte, wie der zweite Mann nach vorne trat. Er war jünger als der alte Anführer, hatte tief braunes Haar und einen festen Blick aus stahlblauen Augen. Dennoch wirkte er mit seiner Kutte und der gleichen Frisur fast unscheinbar. Er riss seine rechte Faust nach oben. Erneut bebte die Erde, als ein Fels aus dem Waldboden schoss. Die Beine des Pferdes brachen, als sich der Fels zwischen diese und in den Leib des Pferdes schob. Das Tier brachte noch einen grotesken Schrei hervor, bevor es sterbend zu Boden fiel und den Reiter unter sich begrub, sein Kopf in einer unnatürlichen Position vom Körper gebeugt.

Die letzten beiden Reiter versuchten gar nicht erst zu kämpfen. Hektisch wendeten sie ihre Pferde und trieben diese in den Wald. Die zwei letzten Fremden traten vor, immer noch singend. Sie unterschieden sich von den Vorderen nur durch ihre tiefschwarzen Haare, die sie beide hatten. Obwohl der eine Mann älter war, waren sie sich wie aus dem Gesicht geschnitten. Beide hoben ihre Arme auf Brusthöhe, die offenen Handflächen nach oben. Dann führten sie ihre Hände zusammen, bis sie diese vor ihrer Brust flach aufeinander legten.

Daron schaute über seine Schulter und hörte noch das Krachen von Holz. Dann sah er schon die Bäume, die von beiden Seiten auf den Weg stürzten und die Reiter samt ihrer Pferde unter sich begruben.

Mit zitternden Gliedern stand nur noch der Anführer der Urben. Er hatte seinen Säbel mit beiden Händen umfasst und deutete mit der Spitze auf den älteren Mann.

„Was seid ihr?“, fragte er mit zittriger Stimme und dem krächzenden urbischen Akzent. Daron sah, wie der Mann langsam auf den Urben zuging. Die Spitze seines Schattens berührte ihn fast, als er stehen blieb.

„Wir sind die Boten der Sonne.“, sagte der alte Mann ruhig und führte eine leichte Bewegung mit der linken Hand aus. Ein größerer Stein löste sich vom Boden und noch bevor der Urbe ausweichen konnte, zerschmetterte das fliegende Objekt seinen Schädel und eine Blutlache bildete sich an dem Ort, an dem er zu Boden ging. Mit dem Tod des letzten Urben verstummte auch der Gesang der anderen drei Männer.

Dann schaute der alte Mann zu Daron.

„Bitte tötet mich nicht.“, sagte Daron. Seine Stimme hörte sich wieder erstaunlich ruhig an. Aber wie schon vorher bei der drohenden Gefahr durch die Urben blieb er fest verwurzelt am Boden stehen. An den beiden Reitern hatte man sehen können, dass eine Flucht ausweglos war.

„Wieso sollten wir dich erst retten, um dich nun zu töten?“, fragte der alte Mann, auf dessen hartem Gesicht sich auf einmal ein geradezu unpassendes Lächeln abbildete.

„Wer seid ihr?“, fragte Daron unsicher und fügte dann gleich die nächste Frage an. „Und wieso habt ihr mich gerettet?“

Der Alte ging einige Schritte nach vorne auf Daron zu und blieb erst kurz vor ihm stehen. Er legte seine Hände auf dessen Schulter und schaute dem Jungen tief in die Augen.

„Ja, du bist es.“, sagte er mysteriös.

„Wer bin ich?“

„Mein Name ist Prior Cleos.“, beantwortete der Fremde nun Darons erste Frage. „Dies sind Bruder Nexan, Bruder Kortan und Bruder Gregos. Wir sind Mönche des Ordens der Laëa, aus dem Kaiserreich der Sonne.“

Daron schaute verwundert. Die Worte sagten ihm nichts. Er wusste nicht, was ein Mönch tat. Er wusste nicht, wer oder was Laëa war. Nur vom Kaiserreich hatte er Geschichten gehört, Mythen, von diesem fernen Ort.

„Wie habt ihr das gemacht?“, stellte er aber als nächstes die offensichtlichste Frage und deutete auf die Felsen und Spalten, die den Waldboden durchzogen.

Diesmal war es nicht Cleos, der antwortete, sondern der Braunhaarige, den dieser als Nexan vorgestellt hatte. „Laëa ist die Mutter dieser Erde. Sie durchzieht alles Land. Wir sind ihre demütigen Diener und dafür schenkt sie uns ihre Kraft. Wir beten sie an, auf dass wir diese Kraft gegen unsere Feinde einsetzen können.“

„Ist das Magie?“, fragte Daron vorsichtig, hatte er doch schon so viele Geschichten über die Zauberei der Altvorderen gehört. Wie sie Elorath errichtet hatten. Oder die Brücken über den Calas. Oder mit ihrer Zauberei gegen böse Mächte gekämpft hatten.

Es war wieder Cleos, der antwortete. „Nenne es, wie du willst. Aber es gibt nur wenige, die von Laëa gesegnet sind. Doch sie hat uns den Weg zu dir gezeigt. Und ich erkenne es. Du trägst die Kraft in dir. Laëa hat dich ausgewählt. Begleite uns in das Kaiserreich und werde ihr Diener, junger Daron.“

Daron schaute Cleos verwundert hat. Woher kannte der Alte seinen Namen? Und wieso dachte er, dass er ähnliches vollbringen könnte, wie diese Männer? Er war Valore, hier geboren und aufgewachsen. Und bis er eingezogen worden war, hatte er seine Heimat, Velken, nie verlassen. Und nun wollte Cleos, dass er diese fremden Männer in das weit entfernte Kaiserreich begleitete?

„Ihr müsst Euch täuschen, mein Herr.“, sagte Daron mit zittriger Stimme. „Ich kann solche Dinge nicht vollbringen. Ich bin ein einfacher Junge aus Rethas, aus Valorien.“

Cleos lächelte und schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Junge. Du bist alles andere als gewöhnlich. Und du wirst die Wege der Laëa lernen, wenn du das willst.“

Daron zögerte. Er schaute sich um. Traurig blickte er auf den toten Feslan hinunter. Er war ihm ein Bruder gewesen. Und nun war er tot. Genau wie Dodo und Borchart. Genau wie seine Eltern. Genau wie die schöne Ritterin. Und hunderte weiterer Soldaten. Dennoch hatte dieser Krieg doch gerade erst begonnen. Viele Weitere würden genauso sterben. Und Velken, seine Heimat. Es war unklar, wie lange es die kleine Stadt überhaupt noch geben würde. Wenn der Tod seine Klauen aus Krieg, Krankheit und Hunger ausstreckte. Doch Cleos gab ihm eine Hand. Einen Weg. Daron hatte gesehen, was die Macht dieser Göttin im Stande war. Die Mutter Laëa. Was, wenn er wirklich solche Kraft erlangen könnte? Um jene zu schützen, die ihm einst wieder wichtig sein würden. Anders als Feslan, dessen Tod er nur mit ansehen konnte.

Er nickte. „In Ordnung. Ich begleite euch.“

Er hatte schon bald aufgehört, die Tage zu zählen. Doch als er schon glaubte, die Reise würde ewig dauern, zeichnete sich am Horizont ein einsamer Berg ab. Und schließlich erkannte er die Klosteranlage, die auf halber Höhe des Berges war und wie in den Fels geschlagen wirkte. Nur ein kleiner Pfad schlängelte sich zu dieser hoch. Die Architektur erinnerte mehr an eine Burg, denn an einen Tempel. Und gleichzeitig schien die Anlage alt, denn viele der Felsen waren bereits durch Wind und Wetter geschliffen.

„Ist dies das Kloster?“, fragte Daron dann schließlich Bruder Nexan, der neben ihm wanderte. Der ältere Mönch nickte.

„Ja, dies ist Kloster Sonnfels. Die Heimat unseres Ordens. Der heilige Sitz Laëas.“

„Wie viele Mönche leben hier?“, fragte Daron, kurz bevor sie das schwere hölzerne Tor erreichten, das die Klostermauern mit der Außenwelt verband.

„Im Moment ungefähr fünfzig Brüder. Es ist schwierig, Auserwählte der Laëa zu finden, und wir müssen die gesamte Welt bereisen, wie in deinem Fall.“, antwortete Nexan.

Dann erreichten sie geführt von Prior Cleos die Mauern. Doch bevor er durch das große Holzportal schritt, drehte dieser sich um und schaute Daron an. „Daron, von diesem Tag an bist du ein Novize der Laëa. Lerne fleißig, bete demütig und diene mit Hingabe. Dann wirst auch du einst die Macht unserer Mutter in deinen Händen halten.“

Teil 1:

Der Novize

Frühling 786 St. Gilbert

Kapitel 1

Der kalte Wind wehte ihm ins Gesicht und durchdrang selbst den dicken Stoff seiner Kutte, als er auf der kleinen Straße wanderte, die auf die Grenzgarnison zulief. Ein Nordwind, der wohl der letzte Atem des Winters war, der langsam dem Frühling wich. Mit jedem Schritt, den er dem Deich näher kam, wurde der Wind durch ein weiteres Geräusch untermauert: Das grollende Rauschen des Calas, der in der Tiefe reißend gen Westen strömte.

Daron blieb kurz stehen und hielt inne. Er strich die Kapuze vom Kopf, um die frische Luft zu fühlen und den Wind aus Valorien einzuatmen. Er war in all den Jahren natürlich älter geworden, wirkte aber noch jünger als die gut dreißig Jahre, die er mittlerweile zählte. Seine Haare waren in der typischen Frisur der Mönche gebändigt, sein Gesicht so gut rasiert wie die Seiten seines Kopfes, und auch aus den grünlichen Augen strahlten eine jugendliche Stärke. Er schaute der Straße entlang. Der Weg war vor vielen Jahren gepflastert worden, aber offensichtlich war wenig investiert worden, um die Straße auch in einem akzeptablen Zustand zu halten. Auch die kleine Toranlage am Ende wirkte eher brüchig. Doch das würde sich ändern, wenn der kaiserliche Frieden erst über ganz Kargat gebracht war. Die Bauwerke dahinter waren nämlich umso beeindruckender. Die große Brücke war zeitlos. Es schien, als wären die Zeitalter an ihr vorbei gegangen, ohne sie zu berühren. Auch die große Festung mit dem eisernen Tor wirkte in der Realität noch imposanter, als in all den Geschichten. Denn Daron sah diese zum ersten Mal. Als er damals aus Valorien gereist war, hatten sie gemeinsam den Weg über Ostwacht gewählt.

Fast sechzehn Jahre waren vergangen, seit er die Heimat mit Prior Cleos verlassen hatte, um ein Mönch der Laëa zu werden. Ein Weg, der länger war, als er sich damals vorgestellt hatte. Ein Weg voller Entbehrungen, Hindernisse und Lasten. Jeder Tag war sowohl strikt geregelt, als auch sehr anstrengend gewesen. Vor dem Sonnenaufgang aufstehen. Gebete im Sonnenaufgang. Ein karges Frühstück. Morgendliche Arbeiten oder Ertüchtigungen. Ein noch kargeres Mittagsmahl. Gebet und Meditation. Körperliche Anstrengungen. Ein Abendmahl. Wieder Beten. Dann spät, nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, wieder in das harte Bett. Tag ein, Tag aus. Dennoch hatte er sein Ziel noch immer nicht erreicht. Er war ein Novize. Sein Weg war noch nicht abgeschlossen, doch durch seine Reise nach Valorien sollte dies geschehen. So hatte es ihm Cleos aufgetragen.

Mit jedem Schritt, den er der Grenze näher kam, spürte er die geheimnisvolle Kraft seines Landes. Als sich seine Fähigkeiten langsam aufgebaut hatten, er die Kraft von Laëa immer mehr spürte, hatte ihm Cleos erzählt, wie er Valorien wahrgenommen hatte. In der ganzen Welt gab es Orte, die eine besondere Nähe zur Mutter Laëa boten. Hier war es einfacher, die Kraft der Erde unter sich zu spüren, die Macht der Natur zu befehlen. Und Valorien war ein solcher Ort. Es hatte Daron fasziniert, wie beeindruckt Cleos von seinem Heimatland gewesen war. Kein Ort, selbst Kloster Sonnfels, hätte eine stärkere Ausstrahlung auf ihn gehabt. Jetzt, da er wieder in das Land zurückkehrte, spürte er es auch. Schon von den alten Bauwerken schien diese Macht auszugehen, vom reißenden Calas, und noch viel mehr von dem Land dahinter.

„Halt, Fremder.“, hörte er die harsche Stimme der Wache, als er sich dem kargatianischen Grenztor näherte. „Hier endet das Königreich Kargat. Kehre am besten um.“

Daron hielt in der Tat inne und musterte den Soldaten kurz. Es war ein junger Mann in den Farben Kargats. Rot und weiß. Kaum älter als zwanzig Jahre. Hier, im nördlichsten Winkel des Königreiches, gab es noch die Soldaten von König Magnus. Doch auch dies würde sich wohl bald ändern.

Daron lächelte den Soldaten an. „Vielen Dank für die Warnung, guter Mann. Allerdings liegt das Ziel meiner Reise jenseits des Flusses und wenn nichts dagegen spricht, würde ich nun gerne passieren.“

„Vor uns liegt das Königreich Valorien. Dort herrscht Krieg.“, mahnte der junge Mann. Doch Daron behielt sein Lächeln bei.

„Ohh, hinter mir liegt auch Krieg. Doch wie ein Sturm im Sommer, werden diese Kriege auch wieder vorbei gehen. Also kann ich auch dorthin reisen.“

Der Soldat wirkte irritiert. Es kam nicht oft vor, dass sich Reisende auf diese Straße verirrten. Und die meisten drehten nach einer Warnung um. Doch sein Gegenüber schien fest entschlossen, das kleine Königreich im Norden zu bereisen.

„Wie steht es im Krieg im Süden?“, fragte er den Fremden, der doch offensichtlich aus dem Süden kam. Das erste Mal schwand das Lächeln von Daron und seine Stirn legte sich in leichte Falten.

„Das ist wohl immer eine Frage der Sicht. Jedoch hoffe ich, dass die Kämpfe bald beendet sein werden.“, antwortete er ungenau. Der junge Mann wirkte ein bisschen erleichtert.

„Sehr gut. Ich hatte schon befürchtet, auch noch in die Schlacht kommandiert zu werden. In Ordnung, dann geh weiter.“

Daron lächelte wieder und verbeugte sich leicht. „Hab Dank!“ Dann ging er durch den kleinen Spalt im Tor, den der Soldat geöffnet hatte, und schritt auf die große Brücke, die die verfeindeten Königreiche verband.

In einem leichten Trab führte Alois sein Pferd in den Burghof der Grenzfestung. Er schaute die Mauern hoch und beobachtete die Soldaten, die auf den Wehrgängen patrouillierten. Es waren mittlerweile nur noch wenige, die das Eisentor schützten. Zu viele Männer wurden benötigt, um die Kämpfe im Kernland des Königreiches auszutragen. Dennoch schien es ausreichend zu sein, denn Kargat hatte seine eigenen Probleme. So hörte er zumindest.

„Euer Gnaden, ich hatte nicht mit Eurem Besuch gerechnet.“, hörte Alois die Stimme des Kommandanten, der auf ihn zukam. Der Ritter schwang sich aus dem Sattel, so langsam und kontrolliert er konnte. Jeden Tag spürte er, wie ihm das Alter weiter zusetzte. Seine Locken, einst hellbraun und kräftig, waren fast vollständig grau, und bildeten an der Stirn schon deutliche Ecken. Sein Gesicht wirkte leicht eingefallen. Und dennoch war es nicht das fortschreitende Alter alleine, das ihn so gekennzeichnet hatte. Es waren die Sorgen um sein Königreich und die große Pflicht, die so schwer auf ihm lasteten.

„Es war nicht von langer Hand geplant.“, antwortete der Reichsverweser matt. Er hatte sich angewöhnt, seine Kräfte, und insbesondere seine Stimme, für Situationen zu schonen, wenn sie wirklich benötigt wurden. Für Diskussionen mit anderen Adeligen. Für Kommandos im Feld. Oder auch nur für eine Ansprache, um dem Volk Mut zu machen. Obwohl es aktuell in Valorien nicht viel gab, was Mut machen konnte.

„Es ist gut dich zu sehen, Wieland. Wie steht es um Eisentor? Haben wir Neuigkeiten über die Situation in Kargat?“, fragte er den jüngeren Kommandanten und schritt an dessen Seite in Richtung der imposanten Toranlage.

„Ich hatte Euch ja bereits von den Engpässen der Garnison berichtet. Im Moment können wir die Wachen noch besetzen, aber im letzten Monat hatten wir erneut zehn Deserteure und zwei Todesfälle, die noch nicht ersetzt wurden.“, begann der Kommandant über seine Sorgen zu sprechen. Nach dem Tod seines Vaters Diethard hatte Alois Wieland von Felden als den neuen Freiherrn des Freiherrentums in den Kronlanden eingesetzt. Seine Familie hatte stets treu zur Krone und den Erben St. Gilberts gestanden, selbst in den schweren Zerwürfnissen der letzten Jahre. So vertraute er, dass Wieland auch ihm als Reichsverweser Valoriens treu dienen würde. Ihm die Verantwortung der Grenzverteidigung zu übertragen war so nur konsequent gewesen.

„Verstanden. Ich werde sehen, was ich tun kann, wenn ich wieder in Elorath bin.“, antwortete Alois, während sie die Treppe auf die Mauer hochstiegen. Wieland lächelte bitter.

„Also werde ich wieder keine neuen Männer bekommen.“, konsternierte er.

Alois nickte bedächtig. Der Mann war ein Realist. Obwohl er wie versprochen schauen würde, ob er weitere Männer nach Eisentor schicken konnte, war er sich fast sicher, dass dies ein nicht mögliches Unterfangen war.

„Wahrscheinlich nicht.“, gab Alois zu, als sie die Zinnen erreichten und auf die Brücke und den reißenden Fluss schauten. „Hast du Nachrichten aus Kargat erhalten?“

Der Kommandant schüttelte den Kopf. Grundsätzlich war es schwierig, Nachrichten von jenseits des Calas zu erhalten. Seit jedoch der Krieg im Nachbarland ausgebrochen war, schienen noch weniger Männer den Weg über die Brücke nach Valorien zu finden.

„Nein, Euer Gnaden. Unsere letzten Informationen sind schon einige Monate alt. Demnach stand das Kaiserreich im Hügelland von Balor.“

Alois nickte, seinen Blick immer noch auf die Brücke gerichtet. „In Ordnung.“, antwortete er. Im Prinzip war es alles gut so. Valorien hatte genug mit sich selbst zu tun. Wenn Kargat auch beschäftigt war, gab es immerhin aus dieser Richtung nichts zu befürchten. Andererseits erhöhte sich dadurch die Gefahr, auf dem Eisentor nachlässig zu werden. Insbesondere, wenn es sowieso schon zu wenige Männer waren.

„Was, wenn Kargat fällt?“, fragte der Kommandant den älteren Ritter. Alois legte die Stirn in Falten und überlegte. Eine gute Frage, die doch so ungeheuerlich erschien. Seit hunderten Jahren war der Konflikt zwischen Valorien und Kargat eine Konstante der Geschichte gewesen. Obwohl man auch in dem nördlichen Königreich von vielen Konflikten gehört hatte, die der südliche Nachbar um seine Grenzen führen musste, erschien eine vollständige Auslöschung des Königreiches unglaublich. Doch die Nachrichten, die sie Anfang des Jahres erreicht hatten, waren besorgniserregend. Das Kaiserreich der Sonne, das eigentlich weit im Süden lag, drängte nach Norden. Und es führte große Armeen.

„Ich weiß es nicht. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Wenn unsere Worte des Friedens kein Gehör finden, werden wir diese Mauern mit dem Schwert in der Hand verteidigen.“, sagte Alois entschlossen.

„Wenn wir dann noch Männer auf den Mauern haben.“, merkte Wieland schmerzlich an und schaute sich um. Alois nickte zustimmend. Er hatte das Eisentor noch nie so leer gesehen, wie in den letzten Monaten.

„Du hast Recht, wir sollten Burg Eisentor wieder stärker besetzen. Ich werde nach meiner Ankunft in Elorath nach den Rittern des Reiches schicken. Denen, die noch übrig sind. Vielleicht erkennen selbst Celan in seinem Hochmut und Forgat in seinem Wahn, dass ein Fall des Eisentors gravierender ist, als jeder Kampf, den wir innerhalb Valoriens führen können.“

Wieland schaute skeptisch. War es nicht der Herzog von Tandor, der zumindest in großem Verdacht stand, schon den ersten Fall der Grenzfeste begünstigt zu haben? Dennoch wagte er es nicht dem Reichsverweser zu widersprechen. Das Wesen von Alois, das über die Zeit immer wieder zwischen strenger Entschlossenheit und naiver Vergebung gegenüber anderen schwankte, war vielleicht der Grund, wieso das Reich noch nicht vollkommen in Flammen versunken war. Ein jähzorniger Mann wie der einstige Reichsverweser Heinrich von Goldheim hätte schon längst einen großen Krieg gegen Celan geführt. Vielleicht auch gegen Forgat. Doch Alois hatte selbst in den schwersten Stunden einen Ausgleich mit den Herzögen gesucht. Selbst einigen Eroberungen Tandors stattgegeben, wenn ein Gegenangriff nicht erfolgsversprechend war. Umso entschlossener hatte er die verbleibenden Länder der Kronlande verteidigt. Vielleicht war es gerade diese Unberechenbarkeit, die Celan, den ewig strategisch Berechnenden, bisher von einem endgültigen Sieg abgehalten hatte.

„Sieh!“ Die Stimme von Alois riss Wieland aus seinen Gedanken. Er hatte dem Ritter und Reichsverweser seine Bedenken nicht mitgeteilt. Es war wohl besser so. Dann lenkte dieser aber die Aufmerksamkeit auf die Brücke. Auch Wieland erkannte, wie das Tor auf der kargatianischen Seite geöffnet wurde und ein einzelner Wanderer auf die große Brücke über den Calas trat.

„Ein Reisender, der wie gerufen kommt.“, antwortete Wieland. „Womöglich bringt er Neuigkeiten aus dem Süden.“

Alois nickte. „Ja, wenn sich schon mal ein Wanderer hierher verirrt, sollten wir auf gute Nachrichten hoffen.“, sagte er und ging mit Wieland den Wehrgang hinunter. Nur wusste er leider selber nicht genau, was er als gute Nachrichten erhoffte. Einen Sieg Kargats? Eine Niederlage? Oder einfach ein endloser Krieg, der das Nachbarland beherrschte, so wie die Herzöge Valoriens dieses Land in ihren Händen und im Krieg hielten.

„Halt. Nenn deinen Namen und dein Belangen, wenn du das Eisentor nach Valorien durchschreiten willst.“, hörte Daron die feste Stimme einer Wache und legte den Kopf in den Nacken. Die Mauern ragten hoch aus dem Tal des Flusses hinaus und im Licht der Sonne konnte er die Konturen des Mannes nur erahnen, der ihn angesprochen hatte. Um ihn ein bisschen besser zu sehen, wenn er antwortete, legte er seine Hand auf die Stirn und schirmte seine Augen gegen die hellen Sonnenstrahlen ab.

„Mein Name ist Daron. Ich bin einfacher Wanderer aus Vadenfall, einer großen Stadt im Ylonischen Bund. Ich bin auf der Reise, um alle Länder dieser Welt kennen zu lernen.“, rief er entgegen. Es war am einfachsten, sich als Wanderer auszugeben. Und nicht zu sagen, dass er aus dem Kaiserreich stammte. Denn der Ruf des ehrgeizigen Kaisers und seiner schlagkräftigen Armeen eilte ihm voraus.

„Du hast einen langen Weg hinter dir, Reisender.“, hörte er die Antwort von den Zinnen. Dann tat sich erstmal nichts. Etwas unsicher stand Daron vor dem verschlossenen Tor. Die Wachen schienen nicht gewillt, ihm Einlass zu gewähren. Nun gut, im schlimmsten Fall würde sich seine Mission verzögern. Dann musste er eben nach Ostwacht weiter. Oder ein Schiff nach Lyth Valor suchen. Es gab genug Routen, um nach Valorien zu kommen, wenn man entschlossen genug war.

Doch dann hörte er zu seiner Überraschung Rufe aus der Burg. Er konnte die Worte hinter den Mauern nicht verstehen, hörte dann aber den mechanischen Laut des Riegels, der zurückgezogen wurde. Im nächsten Moment öffnete sich einer der Flügel mit einem Quietschen, sodass ein Spalt offen stand, weit genug, um hindurchzutreten. Unsicher ging er weiter auf das Tor zu und schritt dann schließlich hindurch.

Hinter dem schweren Eisentor standen drei Wachen mit Speeren in der Hand, die in skeptisch begutachteten. Sie trugen die dunkelblauen Wappenröcke Valoriens.

„Ein Reisender aus dem Ylonischen Bund?“, fragte einer der Männer mit hochgezogener Augenbraue und musterte Daron von Kopf bis Fuß. „Immerhin anscheinend unbewaffnet.“, stellte er fest, als auf einmal zwei weitere Männer hinzutraten und die Wachen respektvoll zurückwichen und sich verneigten.

Der jüngere der beiden Männer lief einen halben Schritt hinter dem Anderen. Seine dunkelbraunen Haare waren kurz geschoren, sein Gesicht pockenvernarbt, und dennoch war es der feste Blick, der ihm die Aura eines Anführers gab. Dies wurde auch durch die aufwändige Rüstung untermauert, die ihn als einen Adeligen auswies. Dennoch schien er dem älteren Mann untergeordnet, der weniger herrschaftlich, ja fast erschöpft wirkte. Trotz all der Jahre erkannte Daron den Ritter sofort. Alois von Schöngau.

„Verschwindet, ich übernehme das.“, herrschte der Kommandant seine Wachen an, die sich sofort wieder daran machten, das Tor zu verschließen und auf ihre Posten zu gehen.

Daron verneigte sich leicht vor den Männern. „Habt Dank, dass Ihr mich in Euer Land gelassen habt.“, sprach er Alois an. „Es ist mir eine Ehre und Freude, einem wahrhaften Ritter Valoriens zu begegnen.“

Alois hob skeptisch eine Augenbraue. „Woher weißt du wer ich bin?“, fragte er den Fremden. Daron ertappte sich, dass er mehr preisgegeben hatte, als vielleicht ratsam war. Natürlich, er würde das Bild des gelockten Ritters, der sich über die sterbende Ritterin von Mondschein gebeugt hatte, niemals aus den Erinnerungen verlieren. Aber er machte sich wohl in der Tat verdächtig, wenn er als Fremder die Adeligen Valoriens erkannte. Dann schaute er auf das Schwert, das Alois an seinem Gürtel trug. Eine silberne Scheide mit violetten Amethysten. Zweifellos eine meisterhafte Arbeit.

„Das weiß ich leider nicht, mein Herr. Doch die Geschichten über die legendären Ritter Valoriens erschallen weiter über die Grenzen Eures Reiches hinaus. Mein Name ist übrigens Daron.“, sagte er und verneigte sich erneut.

Alois Züge entspannten sich und er nickte. „Wohl wahr. Ich bin Alois von Schöngau, Ritter und Reichsverweser Valoriens. Dies ist Wieland von Felden, Kommandant von Burg Eisentor. Sag, Daron, du kommst aus dem Süden, oder? Kannst du uns Neuigkeiten über Kargat bringen? Wie steht der Krieg mit dem Kaiserreich?“

Daron senkte kurz den Kopf um zu überlegen. „Mein Herr, ich bin leider kein Stratege oder Krieger, um das beurteilen zu können.“, begann er zu sprechen. „Allerdings ist es deutlich, dass die Truppen unter der Sonne des Kaisers große Teile Kargats bereits besetzt halten. Ich selbst bin Soldaten aus dem Weg gegangen, aber die südlichen und östlichen Länder sind fest in der Hand der Kaiserlichen. Man sagt, es wird nicht mehr lange dauern, bis der Kaiser seine Hand auch nach weiteren Ländern ausstreckt. Die Angst, das nächste Ziel zu sein, ist in meiner Heimat, dem Ylonischen Bund, groß. Aber vielleicht richtet er seinen Blick auch nach Norden.“, sprach Daron wenig konkret. Natürlich wusste er es besser. Er wusste genau, wo die Soldaten standen. Aber eine Mischung aus Realität mit vagen Andeutungen sollte genug sein, um Alois von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen.

Der Ritter blickte zu seinem Kommandanten, der ernst nickte. Beide schienen sich bestätigt zu fühlen, teilten ihre Gedanken aber nicht mit Daron.

„Danke, Daron.“, sagte Alois. „Noch einmal zu dir: Was suchst du in Valorien?“

Daron lächelte und seine Augen funkelten. Obwohl sein Auftrag, von Prior Cleos ausgesprochen, wohl ein anderer war, war es für ihn ein leichtes, den Grund seiner Reise zu nennen. Denn neben seinen Pflichten als Diener der Laëa war es ihm in der Tat ein großes Anliegen, das Land seiner Herkunft und dessen Helden kennen zu lernen.

„Ich reise durch die Länder dieser Welt, um mein Wissen und meine Erfahrungen zu mehren. Und ich kam nach Valorien, um den Geschichten über die großen Ritter nachzugehen. Und jene über die Herzöge, die gemeinsam mit dem König das Land beherrschen. Sagt, Herr von Schöngau, wo befinden sich die anderen Ritter des Reiches?“

Daron sah, wie Wieland verächtlich schnaubte. In Alois Blick hingegen sah er Enttäuschung. Und Traurigkeit. Doch es war der Kommandant, der das Wort ergriff.

„Die Ritter des Reiches gibt es so im Moment nicht. Sie scheinen wie ein Relikt aus besseren Tagen.“, antwortete er enttäuscht. Alois wandte seinen Blick zu ihm. „Wieland.“, sagte er scharf, wusste aber auch nicht, was er erwidern sollte. Denn genau genommen hatte der Kommandant Recht. Also atmete er kurz durch und wandte sich dann wieder an den Fremden.

„Es ist, wie Wieland sagte. In dieser Zeit gibt es nicht mehr viele Ritter, und jene, die noch existieren, bekämpfen sich gegenseitig. Als Reichsverweser habe ich stets versucht, das Reich zusammen zu halten, aber es scheint jeden Tag mehr auseinander zu gleiten. Ich bin ein Ritter, doch neben mir gibt es nur noch vier Männer, die diesen Titel tragen. Graf Valentin wacht über Ostwacht, doch seine Loyalität ist zweifelhaft. Der alte Helmbrecht von Rethas hat sich schon lange von der Krone und Elorath abgewandt, und sein Leben will nicht enden. Herzog Celan von Tandor führt einen erbitterten Kampf um das Land, der immer mal wieder aufflammt, aber in den letzten Monaten ruhig war. Und Arthur von Freital ist ein geächteter Verräter, der sich in den Wäldern Rethas verschanzt. Geron von Dämmertan verschwand vor vielen Jahren aus dem Reich, genauso wie das Schwert von Fendron. Sein eigentlicher Träger, Forgat, befindet sich in seinem Herzogtum in einem religiösen Wahn. Drei weitere Ritterschwerter befinden sich ohne Nutzen und ohne Träger im Rittersaal in Elorath. Du siehst, Daron, es steht nicht gut um das Reich, das du erkunden willst.“, schloss Alois ab.

„Es ist keine gute Zeit, um Valorien zu bereisen.“, fügte Wieland hinzu. Daron senkte den Kopf, hob ihn dann aber wieder mit einem hoffnungsvollen Lächeln.

„Jetzt bin ich ja bereits hinter dem Eisentor. Und es scheint in jedem Land Krieg zu herrschen. Ich glaube, die Hoffnung der Menschen auf Frieden ist stets größer und wird die Konflikte besiegen. Wenn Ihr erlaubt, Herr von Schöngau, würde ich gerne an meinem Plan festhalten, Euer Land zu bereisen.“

Die beiden Männer wirkten ob des Optimismus von Daron verwirrt, schauten sich kurz an. Aber dann nickte Alois und konnte sogar auch leicht lächeln.

„Es sei dir gestattet. Wenn du willst, kannst du dich meiner Reisegruppe anschließen. Ich werde morgen wieder nach Elorath aufbrechen. Ein paar Geschichten aus fernen Landen mögen mich auf andere Gedanken bringen. Bessere jedenfalls, als die Realität meines Landes erlaubt.“, bot er Daron an.

Der Novize lächelte und verbeugte sich erneut. „Es wäre mir eine große Freude und Ehre, Euer Gnaden.“

Kapitel 2

Taskor rannte durch die Gänge der Festung von Härengar. Seine Schritte hallten durch die alten Mauern, und dennoch wirkte dies wie ein unwichtiges Hintergrundgeräusch. Der wahre Lärm des Momentes kam von draußen, von der Stadt.

Da waren zuerst die Schreie. So viele Schreie. Vor Angst. Vor Schmerzen. Vor Entsetzen. Oder auch nur die Rufe der Befehle. Soldaten lagen sterbend in den Straßen. Zivilisten rannten vor dem heranrückenden Feind, um irgendwo einen Ort der Sicherheit zu finden. Doch diesen Platz gab es wohl in ganz Härengar nicht. Nicht mal in der großen Festung des Königs. Die letzten kargatianischen Truppen, die noch kämpften, versuchten eine Verteidigung zu koordinieren. Tapfere Offiziere voran. Doch Taskor glaubte nicht mehr daran, dass ihr Leben gerettet werden konnte.

Dann war da das Krachen der Belagerungsmaschinen. Der Feind hatte Katapulte um die Stadt herum aufgebaut, die feurige Kugeln nach Härengar schleuderten, damit ein Teil der Stadt nach dem anderen in Flammen aufging. Es war die wohl effektivste Angriffsmethode gewesen, denn die Sorge um ihre Familien hatte viele Soldaten dazu gebracht, ihre Waffen niederzuwerfen und zu ihren Liebsten zu eilen, um diese aus den Flammen zu retten. Obwohl der Feind schon längst in der Stadt war, waren noch vereinzelte Brandgeschosse zu hören. Das entfernte Klacken der Katapulte. Das Surren in der Luft. Der krachende Aufprall.

Die Flammen waren ein weiterer Klang, der an seine Ohren drang. Er hielt kurz inne, als er aus dem Augenwinkel das gelbe Flackern sah und schaute zum Fenster hinaus. Der Ostturm stand vollkommen in Flammen. Sie knisterten und das Knacken von Balken war zu hören, die von den Flammen geschwächt brachen. So wie die Geräusche der Brände lag auch schwarzer Rauch über der gesamten Stadt. Taskor rieb sich kurz die Augen, die ob des Rauches brannten. Der Ostturm war verloren. Und damit eine weitere Hoffnung Kargats. Eigentlich war dies sein Ziel gewesen, denn die beiden Zwillinge waren dort untergebracht. Tyl und Adela von Kargat, die jüngsten Kinder von Kronprinz Liam. Doch der Turm war verloren, wie auch seine Bewohner. Er könnte vielleicht noch hinein laufen, aber dadurch würde er nur sein eigenes Leben wegwerfen. Nein, das Leben der Kinder war verloren.

Er wandte sich ab und rannte an der Abzweigung vorbei, die ihn zum Ostturm geführt hätte. Das Klirren der Klingen schien näher zu kommen. Überall in der Stadt hörte man kämpfende Männer. Stahl, der auf Stahl, Holz, oder in Knochen schlug.

All diese Geräusche und Wahrnehmungen waren ihm bekannt. Es schien ihm selbst, als schaute er auf hunderte Schlachten und Belagerungen zurück, in denen er all diese Eindrücke ein ums andere Mal wahrgenommen hatte. Aber in dieser Schlacht kam ein neues Geräusch hinzu, das alles zugleich untermalte als auch überlagerte. Es war ein neues Geräusch dieses Krieges. Und dieses Feindes. Dem Kaiserreich der Sonne.

Trommeln und Flöten. Klänge, die er schon so oft auf Festen gehört hatte. Das schnelle Rattern von Trommeln, die im Takt geschlagen wurden. Die hohen Töne von Flötenmelodien, die selbst großen Lärm überlagerten konnten. Doch von nun an würde diese für ihn immer mit Schrecken belegt sein. Die Art zu kämpfen, in die Schlacht zu ziehen, hatte er so noch nie bei einem Feind gesehen. Dennoch war das Resultat mehr als beeindruckend. Es war erschreckend.

Im Vergleich zu den Truppen Kargats schickte das Kaiserreich fast ausschließlich Fußsoldaten in eine Schlacht, die in genau gleiche Truppenteile aufgeteilt waren. Immer einhundert Mann, immer die gleiche Bewaffnung, immer die gleiche Befehlsstruktur. Von diesen Gruppen gab es Dutzende, die in monotonem Gleichschritt dem Feind entgegen marschierten. Getrieben und begleitet von dem Spiel einer Trommel und einer Flöte. Nun marschierten sie durch die Straßen von Härengar. Und er, General Taskor Graufels, konnte sein Heil und das Heil des Königreiches nur noch in der Flucht suchen. Mit dem Versuch, die letzten lebenden Mitglieder des Königsgeschlechts zu retten.

“Majestät, die Stadt ist verloren.“, sagte er schwer atmend, als er die Tür am Ende des Korridors aufschlug. Es gab allen Grund zur Eile und keinen Grund an den Tatsachen vorbei zu reden. Erst als er die Tür hinter sich zuschlug konnte er den Raum kurz mustern.

Neben ihm waren zwei Frauen und ein Soldat im Raum. Der Soldat stand in den Farben Kargats stramm an der Tür. Sein junges Gesicht war starr vor Angst und Anspannung. Die blonden Haare gaben ihm etwas Jungenhaftes. In der Tat war er wohl noch keine zwanzig Jahre alt. Doch Taskor ignorierte ihn und ging sofort auf die ältere Frau zu, die gerade aus ihrem Stuhl aufsprang, und kniete vor ihr nieder.

„Wir sollten so schnell wie möglich versuchen, aus Härengar zu fliehen, um Euch und Eure Tochter in Sicherheit zu bringen.“, fuhr Taskor fort, bevor sie antworten konnte.

„Wieso bist du nicht bei Liams Söhnen?“, fuhr ihn die Frau an, obwohl die Stimme mehr verzweifelt als wirklich wütend war. Taskor erhob sich nach einem kurzen Zeichen und musterte sie. Trotz ihres vorangeschrittenen Alters, waren ihre Haare noch immer hellbraun wie in früheren Tagen. Lediglich ihr Gesicht wirkte matter und schwächer, und dennoch erkannte man die Schönheit, die Hega von Kargat einst ausgestrahlt hatte.

„Es war Kronprinz Magnus, der mich angewiesen hat, Euch und Eure Kinder in Sicherheit zu bringen, Majestät. Ich wollte dem nicht zustimmen, aber der Befehl war eindeutig.“

„Was ist mit ihm? Und meinem Mann? Und mit Wolf? Und wo sind die anderen Kinder von Liam? Wo sind Tyl und Adela?“, fragte Hega aufgebracht.

Taskor senkte den Kopf. Es war schwierig, solche Nachrichten zu überbringen. Besonders in einer solchen Stunde, da es keine zwei Tage her war, seit die Königin ihren Stiefsohn verloren hatte. Obwohl Kronprinz Liam nicht ihr leiblicher Sohn gewesen war, war ihr Verhältnis immer gut gewesen. Oder vielleicht genau deshalb, waren die beiden doch fast im gleichen Alter. Es waren auch die Umstände dieses Verlustes gewesen, die nicht nur die Königin, sondern ganz Kargat entsetzt hatten. Der Plan des alten Königs war sehr gut gewesen. Das heranrückende Heer von Kronprinz Liam sollte dem Feind in den Rücken fallen, der doch gerade erst damit begann, eine Belagerung um Härengar zu legen. Gleichzeitig führten dessen Söhne, Wolf und Magnus, einen Ausfall aus der Stadt, um den Feind in einer Zangenbewegung niederzuringen. Doch der Plan war gescheitert. Die Kampfkraft der kaiserlichen Truppen war überragend gewesen, vernichtend für das kargatianische Heer. Während die beiden Söhne des Kronprinzen noch den Rückzug in die Stadt befehlen konnten, war Liam verloren gewesen. So wie sein Bruder Beorn einst war er heldenhaft in der Schlacht gefallen. Es waren die Tage der schweren Nachrichten. Doch es gab keinen Grund, diese zurück zu halten.

„Majestät, Euer Mann starb heldenhaft in der ersten Angriffswelle, die er selber zurückschlagen wollte.“, sagte Taskor anerkennend. Er selbst spürte langsam die Last des Alters in seinen Knochen. König Magnus war ungleich älter, und dennoch hatte ihn sein schierer Wille erneut in die Rüstung und vor seine Männer getrieben, um seine Stadt, seine Heimat zu verteidigen. Ein ehrenhaftes Ende für einen großen König.

Hega nickte traurig. Magnus, der große König der letzten Jahrzehnte, hatte sein eigenes, würdiges Ende gefunden. Irgendwie war sie erleichtert für ihren Mann. Doch sie konnte nichts sagen, bevor Taskor weitersprach, nun mit deutlich gesenkter Stimme.

„Magnus der Jüngere und Wolf…“, sprach der General leise und mit gesenktem Kopf, „…nachdem sie mir den Befehl gaben, Euch in Sicherheit zu bringen, konnte ich von der Mauer noch sehen, wie ihre Linien überrannt wurden. Wolf ging von mehreren Bolzen getroffen zu Boden. Magnus wurde von mehreren Soldaten umzingelt. Vielleicht ist er gefangen genommen, allerdings müssen wir davon ausgehen, dass er ebenso wie sein Bruder und sein Großvater gefallen ist.“

Taskor erkannte, wie Hega langsam schwächer wurde. Er trat vor und hielt sie am Arm, half ihr wieder Platz zu nehmen. Doch die Königin konnte nichts sagen. Brachte kein Wort des Wehklagens hervor. Und Taskor war immer noch nicht am Ende seines Berichts der Trauer.

„Tyl und Adela. Sie… nun… ein Geschoss traf den Ostturm. Er steht in Flammen. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig vordringen. Anscheinend hat es niemand mehr hinaus geschafft. Der Eingang ist eingestürzt. Es gibt keine Hoffnung.“

Hega schlug die Hände vor das Gesicht. Taskor hörte ein Schluchzen und dann einen leisen Satz. „Es ist alles verloren.“

Er wusste nicht wirklich, wie er mit der Situation umgehen sollte. So viele Schlachten waren vergangen, in denen er sich bewähren musste. In denen immer wieder Männer gefallen waren, deren Tod er den Familien erklären musste. Auch damals, als er König Magnus vom Tode Beorns hatte berichten müssen. Aber die Fülle der schlimmen Nachrichten, die Schutzlosigkeit der Königin, dieser Moment der Hoffnungslosigkeit. Dafür wusste Taskor keine Lösung.

„Mutter.“, sagte die andere Frau leise, als sie auf Königin Hega zuging. Sonya von Kargat hatte die gleichen, hellbraunen Haare wie ihre Mutter, die aber im Vergleich zu ihr leicht gelockt waren. Ihre tiefgrünen Augen gaben ihr etwas Mysteriöses, das doch ihre Schönheit nur hervorhob. Taskor war in diesem Moment dankbar über die beeindruckende Stärke, die die Prinzessin an den Tag legte. Immerhin waren es auch ihre Brüder und Neffen gewesen, die ihr Leben verloren hatten. dennoch wirkte sie gefasst, legte ihre Hand tröstend auf den Arm der Mutter.

„Nein, Majestät, noch ist nicht alles verloren.“, sagte Taskor etwas steif. „Noch gibt es eine Nachfahrin Wulfrics, die das Königsgeschlecht weiterführen kann. Majestät, prinzliche Hoheit, wir müssen so schnell es geht aus Härengar fliehen. Die Stadt ist gefallen, aber so lange das Volk Kargats noch auf eine Königin hoffen kann, ist das Land noch nicht verloren.“

Hega schaute ungläubig auf und fixierte Taskor erneut fast wütend. Ihre Augen waren rot, Tränen rannen über ihre Wangen. Aber Hega von Kargat war immer eine starke Frau gewesen. Wut war ihr näher als Trauer. Sie schaute den General giftig an.

„Über was für eine Hoffnung redest du, Taskor? Du hättest an der Seite meiner Enkel stehen sollen, um tapfer mit ihnen zu sterben. Wie ein Feigling bist du in die Burg geflohen, um deine eigene Haut zu retten. Und nun willst du, dass ich genauso davon laufe? Niemals. Wenn das Königshaus von Kargat zu Grunde geht, dann mit erhobenem Haupt. Hier und heute.“

„Mutter.“, sagte Sonya beruhigend und sofort wich die Wut Hegas ob der sanften Worte ihrer Tochter. „General Graufels hat Recht. Ich bin mir sicher, dass er mit Freuden als erstes gefallen wäre um unser Leben und das Leben der Prinzen zu schützen. Aber die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Lass uns fliehen, wenn wir können.“

Taskor nickte wortlos. Er hatte die Wut von Hega verdient. Und konnte über die Stärke von Sonya nur staunen. Sie hatte Recht. In jedem Moment, den sie zögerten, kamen die kaiserlichen Truppen näher. Ohne weiter auf eine Entscheidung der Frauen zu warten, drehte sich Taskor zu dem jungen Soldaten an der Tür um.

„Du, wie ist dein Name?“

„Be…Benno. Benno Mühlknecht.“, antworte der junge Mann stotternd. Die Angst stand ihm im Gesicht.

„Gut, Benno. Du wirst uns begleiten. Du bist für das Leben der Königin und der Prinzessin verantwortlich. Du wirst sie keine Sekunde aus den Augen lassen. So wie ich wirst du dich mit Freuden in jede Klinge stürzen, die ihnen zu nahe kommt, verstanden?“, sprach der alte General in zackigem Befehlston.

Benno spannte den ganzen Körper an und verbeugte sich leicht. „Natürlich, mein General. Aber wie wollen wir fliehen?“

Taskor legte die Stirn in Falten. Der Weg über den Burghof war zu gefährlich. Auch den Weg an die Anlegestelle der Festung konnten sie nicht nehmen, denn die Schiffe des Kaisers hatten den Hafen unter Belagerung genommen.

„Es gibt einen Bediensteteneingang aus der Küche, der direkt in die Gassen von Härengar hinter der Burg führt.“, sagte Sonya und wandte sich mit den Worten direkt an Taskor. Dieser nickte. Ja, das war ein guter Plan. Vielleicht der einzige Weg.

„Ja, sehr gut. Majestät, seid Ihr bereit?“

Man merkte, wie Hega um Fassung rang, sich dann aber aufrichtete und ihren Rücken durchstreckte. Sie strich über ihr Kleid und wirkte von einem Moment auf den anderen wieder wie eine wahre, würdevolle Königin. Sie schaute Taskor direkt in die Augen.

„In Ordnung, General Graufels. Dann zeig mir, dass es gerechtfertigt war, dein Leben zu schonen. Bring mich und die Prinzessin aus Härengar.“

Der Rauch lag tief über der Stadt und zog auch in die kleine Gasse, in die sie aus der Burg traten. Taskor schaute sich zu allen Seiten um, bevor er die beiden Frauen hinauswinkte. Beide hatten sich unscheinbare Umhänge umgeworfen, um im besten Fall unentdeckt zu bleiben. Zögerlich folgte als letztes der junge Benno.

„Wir versuchen einen Weg nach Norden zu finden, um dort aus der Stadt zu fliehen.“, erklärte Taskor der Königin und schaute zum Himmel. Es war nicht viel zu sehen, aber zwischen den Rauchschwaden waren die Strahlen der Mittagssonne zu erahnen. Also wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung und lief los.

Im Prinzip war die Lage, wie die Königin gesagt hatte, fast ausweglos. Die kaiserlichen Truppen hatten die Tore im Süden und Osten niedergerissen und marschierten durch die Straßen der Stadt, um den letzten Widerstand niederzuschlagen. Gleichzeitig hatte eine Flotte des Kaisers den Hafen erst verschlossen und setzte dann zum Angriff von See aus an. Der Belagerungsring umschloss Härengar auch im Norden, aber hier waren deutlich weniger Soldaten zu sehen gewesen. Mit ein bisschen Glück konnten sie vielleicht dort hindurch schlüpfen, um dann… ja, um dann wohin zu gehen? Doch Taskor konnte sich nur einen Gedanken auf einmal erlauben. Aktuell musste er sich nur darauf konzentrieren, aus der gefallenen Stadt zu fliehen.

„Nicht so schnell, General Graufels.“, hörte er die Stimme des jungen Soldaten Benno. Er drehte sich um und erkannte, dass er in Gedanken verloren einen zu scharfen Schritt angeschlagen hatte, dem die Frauen nicht folgen konnten. Er hielt inne und wartete, bis sie aufschlossen. Sonya stützte ihre Mutter, die immer noch schwach wirkte. Wohl ob des Rauches, genauso wie der Trauer und Angst, die sie empfand.

„Entschuldigung, Majestät. Geht es?“, fragte er dann die Königin. Hega nickte zaghaft.

„Ja, Taskor, lass uns weitergehen.“

„Vorsicht!“, hörte Taskor noch den warnenden Ruf des jungen Soldaten. Blitzartig stellte er sich schützend vor die Königin und spürte gerade noch den Bolzen der Armbrust, der wenige Finger entfernt an seinem Gesicht vorbeiflog. Er riss die Klinge aus seiner Scheide und schaute die Straße hinunter, um die Situation zu analysieren.

Am Ende der Gasse standen sechs oder sieben Soldaten in den roten Farben des Kaiserreiches. Die Truppen schienen sich langsam aufzuteilen, um die Gassen zu durchkämmen. Zu ihrem Glück hatte nur einer der Männer eine Armbrust, die er gerade versuchte nachzuladen. Dennoch waren es sechs gegen einen, denn Taskor ging davon aus, dass der junge Benno kaum eine Hilfe war. Eine schwierige Aufgabe. Aber keine Unmögliche. Und eine Alternativlose.

„Benno, führ die Königin und Prinzessin weiter nach Norden. Kargats Hoffnungen ruhen auf dir. Ich werde die hier aufhalten.“, befahl der General dem Jungen. Hega schien noch etwas einwenden zu wollen, aber Taskor lief in seiner schwarzen Rüstung bereits auf die Feinde zu. Er mobilisierte seine letzten Kräfte.

Krachend schlug sein Stahl auf den großen Schild des ersten Soldaten. Doch er ließ dem Feind keine Zeit zu kontern. Bevor dieser sein Schwert nach vorne stoßen konnte, führte Taskor einen seitlichen Hieb aus, der über den Rand des Schildes schliff und die Schulter des Feindes aufriss. Mit Schmerzensschreien ging der Mann zu Boden.

Der Triumph war für Taskor allerdings von kurzer Dauer. Mit einer Bewegung nach rechts versuchte er, der Speerspitze eines Angreifers auszuweichen. Jedoch waren seine besten Tage lange her, und die eiserne Spitze schlug in die Seite seiner Rüstung und verbeulte das Metall, sodass ihm die Luft genommen wurde. Gerade noch rechtzeitig konnte er sein Schwert hochreißen, um einen Hieb eines anderen Soldaten abzuwehren. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie der Kaiserliche mit der Armbrust diese neu geladen auf ihn anlegte.

Nur ein Feind. Er hatte nur einen Feind niederringen können, bevor das Ende kam. Ein erbärmliches Ende. Vielleicht hatte er Benno zumindest genug Zeit erkauft, damit dieser Hega und Sonya in Sicherheit bringen konnte. Dann hörte er das Klacken der Armbrust und einen Schrei.

Der Bolzen schlug neben Taskor in der Mauer ein, und wie er wandten sich auch seine beiden Feinde erschreckt um. Man erkannte noch die blutige Klinge, die dem Armbrustschützen aus der Brust ragte, bevor er zu Boden fiel und den Blick auf einen stämmigen Mann freigab. Seine Arme und Schultern waren kräftig, sein Haar kurz, militärisch und grau, und sein Gesicht entstellt von mehreren Narben und einer Augenklappe. Mit einer schnellen Bewegung zog er die Klinge aus dem Leib des Mannes und baute sich vor dem nächsten Feind auf.

Taskor nutzte den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit seiner Feinde. Mit einem Ausfallschritt nach vorne griff er den Speerträger an, verringerte so den Abstand und machte die Waffe des Feindes nutzlos. Der Holzschaft der Waffe splitterte, als der Soldat diese zur Verteidigung in die Höhe riss, um die Klinge Taskors abzublocken. Der nächste Hieb der Klinge war tödlich.

Aus dem Augenwinkel erkannte er eine weitere Gestalt, die in den Kampf eingriff. Sie sprang vom Dach eines kleinen Hauses, das an der Gasse lag, und setzte mit schnellen Schlägen einer feinen Waffe dem Feind zu. Die Klinge war aus dreieckigem Stahl, fein, aber anscheinend scharf und spitz. Der Mann trug Kleidung aus Stoff, die wohl einst edel gewesen war, nun aber durchgetragen wirkte. Auf dem Kopf trug er einen Hut mit einer Feder. Seine schwarzen Haare fielen lang unter diesem hervor und wurden von einem säuberlichen Spitzbart untermauert.

Das Blatt hatte sich gewendet. War es gerade noch ein Kampf sechs gegen eins gewesen, waren es nun drei gegen drei. Und das Überraschungsmoment auf der Seite der Kargatianer. Taskor wusste noch nicht, was er von der fremden Hilfe halten sollte, doch mit Genugtuung stellte er fest, wie sie mit gemeinsamen Kräften die restlichen Feinde innerhalb weniger Momente niedermachten.

Als der letzte kaiserliche Soldat tot zu Boden fiel, nahm sich Taskor nur kurz Zeit durchzuschnaufen. Dann hob er sofort die Klinge und richtete diese auf die beiden Fremden. Sein Blick ging kurz die Gasse hinunter. Zu seiner Überraschung waren die beiden Damen und Benno noch immer am Ende der Gasse. Allerdings waren auch sie nicht mehr alleine. Neben Hega stand eine junge Frau, vielleicht zwanzig Jahre alt, die in dunklen Farben gekleidet war. Ihre dunkelbraunen Haare waren zusammengebunden, am Gürtel trug sie neben einem Schwert mehrere Dolche und Messer. Und eine Klinge hielt sie dem jungen Benno an den Hals. Daneben war ein Mann, der wie ein Gaukler gekleidet war, mit einer Glockenmütze auf seinen roten Haaren. Er lief etwas hektisch um die kleine Gruppe. Es war aber offensichtlich, dass die beiden Gestalten zu den beiden Kämpfern gehörten, die ihnen gerade noch geholfen hatten.

„Im Name der Krone, senkt sofort eure Waffen ihr Lumpen.“, knurrte Taskor bedrohlich zu den beiden Männern, die bei ihm standen. „Und befehlt eurer Freundin das Gleiche.“, fügte er warnend hinzu.

Ob nun durch seine Befehle oder nicht, die beiden Männer steckten ihre Klingen in der Tat in den Gürtel. Nur die Frau schien keine Anstalten zu machen, Benno und die Damen aus ihrer Kontrolle zu lassen.

„Also, mein Herr.“, sagte der Fechter mit dem charakteristischen Bart mit einer leichten Verbeugung. „Wie mir scheint, steht Ihr nicht in der besseren Verhandlungsposition, um solch gewagte Forderungen zu formulieren. Der Wert der Krone hat in Kargat in den letzten Stunden leider rapide abgenommen.“

Taskor ging vorsichtig einige Schritte rückwärts auf die Gruppe um die Königin zu, hielt aber die beiden Kämpfer im Auge, während er antwortete. „So lange es Nachfahren von Wulfric gibt, gibt es eine wahrhafte Krone unseres Königreiches. Und du wirst dich dem beugen, Bürger.“

„Florenzo.“, korrigierte der Mann Taskor mit einem schelmischen Lächeln. „Man nennt mich Florenzo den Fechter. Und da ich genau genommen kein Bürger Kargats bin, erscheint mir auch die Drohung eher hinlänglich.“

Taskor musste sich auf die Zunge beißen, um nicht in Wut auszubrechen. Doch die Situation gab ein solches Verhalten nicht her. Sie hatten nicht nur zwei ausgesprochen wertvolle Geiseln in ihrer Hand, sondern waren ihm auch überlegen. Denn zumindest die beiden Männer verstanden das Handwerk des Krieges, das hatte Taskor auch in dem kurzen Moment erkennen können.

„Wer seid ihr?“, fragte er den offensichtlichen Anführer der kleinen Gruppe, „Und was wollt ihr?“

Florenzo lächelte. „Wir sind wohl das, was euer eins Abschaum nennen würde, ich würde uns als die wirklich freien Menschen des Landes bezeichnen. Eigentlich wollten wir euch nur gegen diese ungebetenen Gäste unterstützen. Aber General Graufels, den schwarzen General, erkennt man eben. Und wie erwartet scheinen wir ja eine gute Beute gemacht zu haben.“

Taskor hatte noch immer die Klinge erhoben und schnaubte. „Für eine Beute bin ich schlecht zu fangen. Aber wenn ihr gegen die Soldaten kämpft, die unser Reich in Flammen setzen, haben wir den gleichen Feind. Lasst die Frauen und den Jungen frei, und ich werde euch in Frieden und Freiheit gehen lassen.“

„Aah, ich glaube nicht. Oder…“, sagte Florenzo und schien zu überlegen.

„Ich habe ne Königin gefangen – edel, schön und hold - und willst du sie zurück erlangen – überschütte uns mit Gold.“, hörte Taskor auf einmal den Gaukler, der die Zeilen in einer Art schiefen Gesangs anstimmte. Er schaute unruhig zu dem Mann, der offenbar verrückt war.

„Entschuldigt Gilmar. Er ist manchmal etwas direkt.“, sprach nun wieder Florenzo. „Aber ich glaube er bringt es auf den Punkt. Was bringt es uns, euch nun laufen zu lassen?“

Euer Leben, wollte Taskor antworten. Aber erneut beherrschte er sich. Es war eigentlich recht einfach. Sie hatten nichts bei sich und er konnte nur die Zukunft versprechen. Gleichzeitig würden sich auch die vier Gestalten vor den kaiserlichen Truppen verstecken müssen. Dessen war er sich sicher. Er schaute ernst zu Florenzo.

„Ich sage es ein letztes Mal: Lass die Frauen frei, dann können wir sprechen. Wenn ihr uns helft, aus der Stadt zu entkommen, sollt ihr gut belohnt werden. Doch im Moment haben wir nichts bei uns. Also: Wollt ihr gute Bürger Kargats sein oder durch meine Klinge sterben?“, sagte er mit einer Mischung aus Drohung und ehrlichem Angebot. Seine Augen blieben auf Florenzo verhaftet, aber es war der ältere Kämpfer, der nun das Wort übernahm.

„Es reicht, Sinja. Steck die Klinge weg. Gilmar, komm her.“, sagte er mit rauer Stimme. Sofort folgten die beiden den Befehlen des Mannes und ließen von Benno, Hega und Sonya ab. Nun senkte auch Taskor die Klinge.

„Mein Name ist Eggbert Einauge. Einst diente ich als Soldat in der kargatianischen Armee. Dies ist meine Tochter Sinja Silberhand, sowie meine Gefährten Florenzo und Gilmar Glockenkron.“, sprach er mit ruhiger Stimme. Taskor ging derweilen die letzten Schritte zurück zu den Frauen und blickte dann Eggbert ins Auge.

„Danke Eggbert, für deine kluge Entscheidung.“, sagte er. Das Gefüge der vier hatte sich sehr schnell geändert. Gerade hatte er noch Florenzo als Anführer gesehen, aber Eggbert strahlte eine andere Art der Autorität aus. Dann wandte sich der General an die Königin.

„Majestät, geht es Euch gut?“, fragte er und Hega nickte sofort wortlos.

„Wir müssen uns beeilen.“, mahnte nun Sonya Taskor.

„Ja, Hoheit.“, gab dieser zurück und schaute dann noch wütend zu Benno, der seine Aufgabe so überhaupt nicht erfüllt hatte. Doch der Junge wich dem Blick aus und Taskor verkniff sich einen Kommentar, der ihnen nun auch nicht mehr helfen würde. Dann drehte er sich wieder zu Eggbert.

„Mein Angebot gilt. Ihr sollt alle entlohnt werden, wenn ihr uns aus der Stadt helft. Wie ihr seht, bin ich mit dem Jungen alleine für den Schutz der Frauen verantwortlich. Und ich habe gesehen, dass ihr von Hilfe sein könnt.“

Eggbert zögerte kurz, nickte dann aber. „Wir helfen euch aus der Stadt. Es gibt Wege, die ihr nicht kennt. Und die Kaiserlichen auch nicht. Dann unterhalten wir uns über unsere Belohnung.“

„Unsere Heimat steht in Flammen, ein Zurück gibt es nicht mehr.“, brachte Eggbert es auf den Punkt, als er den Blick auf Härengar hinunter warf. Sie hatten es geschafft. Es gab viele Winkel und Wege in Härengar, die Adeligen verborgen blieben. Aber Menschen wie sie, Diebe, Streuner, Herumtreiber, fanden diese Wege und Winkel. Mal um einen Schlafplatz zu finden. Mal um die Flucht vor der Obrigkeit anzutreten. Manchmal auch nur, weil einen die Neugier trieb. Der Abwasserweg hatte sie weit aus der Stadt geführt hin zu den Klippen, die nördlich von Härengar die Küste bildeten. Von dort war es noch ein Aufstieg gewesen und schon befanden sie sich auf dem kleinen Hügel, der ihnen den Blick auf die Stadt und den kaiserlichen Belagerungsring davor erlaubte.

Florenzo nickte. „Ja, und es scheint mir, dass das Leben für unsereins unter den Augen des Kaiserreiches nicht einfacher wird. Also, was wollen wir tun?“ Er schaute skeptisch zu der Gruppe hinüber, die um General Taskor stand. Ein einfacher Soldat, eine Königin und eine Prinzessin. Wahrlich nicht ihre Welt.

„Traue keinem Adelsmann - weil er nur Adel adeln kann - auf unsereins schaut er hinab - und schlägt uns schnell die Köpfe ab.“ Gilmar sprach wie immer in Reimen und wirr. Dennoch war es seine Erfahrung mit der Obrigkeit, die ihn zu diesem Urteil führte. Sinja legte die Stirn in Falten und schaute zu ihrem Vater.

„Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Wenn wir dem General helfen, haben wir zumindest die Chance, an ein bisschen Gold zu kommen. Es gibt immer noch Teile Kargats, die nicht besetzt sind. Von hier fliehen wollen wir auch, vielleicht können die Herrschaften uns Türen öffnen, die sonst verschlossen wären.“

„In Ordnung.“, sagte Eggbert und schaute dann in die kleine Runde. „Seid ihr alle dabei?“

Florenzo hielt kurz inne, schien zu überlegen, aber nickte dann. „Ich bin dabei.“

„Es wird wohl sein mein Ende - wenn ich schon wieder mit euch gehe - doch wie ichs dreh und wende - keinen andern Weg ich sehe.“

„Ich bin dabei, Vater.“, bestätigte auch Sinja.

„General Graufels.“, rief der Veteran laut und ging auf die anderen Flüchtenden zu. „Wir haben uns entschieden. Wenn Euer Angebot steht, uns zu entlohnen, werden wir Euch weiter begleiten und schützen. Aber wohin führt uns unser Weg?“

Taskor wandte sich zu dem Mann um und war erleichtert. Außer Benno hatte er keinen anderen Kämpfer und der Junge war, wie gesehen, keine große Hilfe. Die Reise vor ihnen, egal wie sie es angingen, würde gefährlich sein. Er wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl, dass man den vier Gestalten trauen konnte. Sie waren auf den ersten Blick alles andere als vertrauenserweckend, aber aus ihnen sprach eine gewisse, bodenständige Ehrlichkeit. Eben nur ein Gefühl. Aber sie hatten ja nicht viel zu verlieren.

„Sehr gut. Die südlichen und westlichen Teile des Königreiches sind eingenommen. Die Städte im Norden der Küste wie Tengemünde, die Zwillinge und Wulfricshafen werden sich bald ergeben. Wir sollten nach Osten fliehen, ins Landesinnere, und dort nach Unterschlupf und Verbündeten suchen.“ Dann drehte er sich von dem Mann weg und ging auf die Königin zu, die im Gras saß. Neben ihr hockte Sonya.

„Majestät, ich verstehe, wenn Ihr eine Pause braucht, aber wir sollten aufbrechen. Wir müssen heute so weit es geht vor den kaiserlichen Soldaten fliehen. Ich versprach, Eure Sicherheit und die Sicherheit Eurer Tochter zu gewährleisten.“

Hega nickte kraftlos. Es war nicht einmal die körperliche Anstrengung, die ihr alle Energie nahm. Es war die gesamte Situation. Zu viele Menschen waren gestorben. Alle ihre Stiefenkel hatten nur zwei Tage nach ihrem Stiefsohn den Tod gefunden. Ebenso ihr Mann. Nun blieb nur noch ihre Tochter als Hoffnung für Kargat. Denn sie selbst spürte, wie ihre Kräfte wichen. Außerdem war sie im Vergleich zu Sonya nicht vom Blute Wulfrics. Doch daneben waren auch so viele weitere Kargatianer gestorben. Soldaten. Bürger. Frauen. Kinder. Es würden noch viele folgen, bis der Tag sein Ende fand.

„Majestät?“, hakte Taskor nach, als Hega nicht direkt antwortete. Nur langsam drehte die Königin den Kopf zu dem älteren General und schaute dem langjährigen Vertrauten in die Augen.

„Sag, Taskor, gibt es noch Hoffnung?“ Der General streckte den Rücken wieder durch und richtete sich auf. Kurz hielt er inne, bevor er antwortete.

„Ja, es gibt Hoffnung.“, sagte er mit fester Stimme, „Sonya ist die nächste Königin Kargats. In ihr fließt das Blut Wulfrics. Egal ob es Monate, Jahre, oder Jahrzehnte dauern wird, wir werden unser Land wieder zurückerobern. Jeden noch so kleinen Fleck. So lange es noch Menschen wie unsere neuen Gefährten gibt, die trotz aller Widrigkeiten unsere Flucht unterstützen wollen, gibt es Hoffnung für Kargat. Denn Kargat, das sind keine Steine und Titel, es sind die Menschen, die dieses Königreich beleben.“

Hega schaute kurz zu Boden, streckte dann aber ihre Hand zu Taskor, der ihr half, aufzustehen. „In Ordnung, General, ich glaube dir.“, antwortete sie und schaute dann zu ihrer Tochter. „Sonya, danke für deine Stärke. Ich werde von nun an versuchen, dir eine gute Mutter zu sein. Wir können nicht mehr ändern, was passiert ist. Aber wir können die Zukunft des Königreiches gestalten. Ich glaube an dich.“

Sonya lächelte, fast schüchtern, ob der ehrlichen Worte der Mutter. Dann senkte sie den Kopf und verbeugte sich leicht vor ihr.

„Danke Mutter. Ich werde diese Hoffnungen nicht enttäuschen.“

„Wir sollten nun aufbrechen.“, mahnte Eggbert die Adeligen zur Eile. „Florenzo wird uns führen, ich werde mit Sinja die Nachhut bilden.“

Kapitel 3

„Du musst mir alles über Taarl erzählen, Sylvius.“, forderte Lerke ihren jungen Mitreisenden auf und unterbrach so die Stille in der Kutsche. Es war der zweite Tag, seit ihrem Aufbruch aus Grünburg. Gestern war sie in Gedanken noch in ihrer Heimat gewesen. Der Hauptstadt von Rethas, die sie in ihren neunzehn Lebensjahren eigentlich nie verlassen hatte. Außer kleinen Spaziergängen und Ausritten in die umliegenden Wälder. Doch es war nun genug der Melancholie. Nun galt es für sie, nach vorne zu schauen. Denn dass ihre Zukunft in Tandor, in Taarl, lag, war nicht mehr umzukehren. Also sollte sie die Reise dahin nutzen, so viel wie möglich zu erlernen.

Sylvius schaute sie etwas überrascht mit großen Augen an, als er so direkt angesprochen wurde. Er war seinem Vater, dem Herzog von Tandor, wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte die gleichen schwarzen Haare, ordentlich kurz gestutzt, und durchdringenden grünen Augen. An seiner Oberlippe zeichneten sich schon erste leichte Haare ab, die den Übergang des Vierzehnjährigen hin zum Mann andeuteten.

„Ja, in Ordnung.“, sagte er etwas verwirrt, räusperte sich dann aber. „Was willst du denn wissen?“ Lerke von Rethas galt nicht ohne Grund als eine der schönsten Jungfrauen des Reiches. Über die Jahre war die goldene Farbe ihrer Locken noch durch einen leichten Rotstich ergänzt worden, der für das Haus Rethas üblich war. Ihre strahlendblauen Augen vermochten es, jeden Mann um den Finger zu wickeln. Auch ihre Figur war attraktiv anzusehen. Kein Wunder, dass es der Sohn des wohl mächtigsten Mannes Valoriens war, der sie bald heiraten würde: Lumos von Tandor.

„Naja, einfach so alles. Ich will wissen, wie die Stadt ist. Wie deren Bewohner sind. Wie die Burg von Taarl aussieht. Und was mich erwartet, wenn ich deinen Bruder heiraten werde. Stimmt es, dass in den Straßen viele Urben umherstreifen? Die machen mir ja immer ganz viel Angst.“

„Mmh, wo fange ich da am besten an.“, überlegte Sylvius kurz laut. „Wir fangen bei der Stadt an. Lass es mich mit Grünburg vergleichen. Grünburg erscheint in diesem Vergleich wie ein Baum. Die Festung ist der mächtige Stamm und all die Häuser und Straßen wachsen in alle Richtungen. Man kann den Wuchs des Baums nicht kontrollieren, und so ist auch Grünburg. Herzliche Menschen, die gemeinsam in den Tag hinein leben und sich wie ein Blatt im Wind wiegen. Taarl hingegen ist wie ein Fels. Es ist schroff und kalt, und dennoch von beeindruckender Schönheit. Die Mauern und Straßen sind klar angelegt, nichts ist dem Zufall hinterlassen. Und die Bewohner sind hart und entschlossen, ihre Stadt auf alle Ewigkeit zu verteidigen.“

Lerke merkte, dass Sylvius einiges von seinem Vater hatte, das über das Aussehen hinausging. Für einen so jungen Mann hatte er einen äußerst scharfen Verstand, der aber neben der strategischen Kälte des legendären Herzogs auch eine gewisse Kreativität barg. So war die Beschreibung zugleich lyrisch, aber auch anschaulich für sie.

„Das hört sich ja eher unangenehm an. Und da kann man gut leben?“

Sylvius musste leicht auflachen ob der Zweifel von Lerke. „Nein, so schlimm ist es nicht. So hart die Stadt nach außen wirkt, so warm kann sie innen sein. Die Feste meines Vaters hat viele Kamine und Feuerstellen, für kalte Winter, wenn der Wind von den Dunkelzinnen hinab bläst. Im Sommer kann man durch das ganze Umland reiten, auf den besten Pferden Valoriens. Meine Mutter wird sich sehr auf dich freuen. Und meine Schwester Cecilia bestimmt auch.“, antwortete er mit einem warmen Lächeln. Auch er selbst freute sich, wieder in seine Heimat zurück zu kommen. Seit nunmehr vier Jahren war er in der Knappschaft bei Graf Valentin von Ostwacht, und hielt sich so meist in Ostwacht, am Stammsitz des Grafen oder in Grünburg auf, wo Valentin die meisten der Regierungsgeschäfte von Rethas übernommen hatte.

„In Ordnung. Und das mit den Urben?“, hakte Lerke nach.

„Ja, es gibt einige Urben in Taarl. Aber sie sind treue Diener meines Vaters. Und wenn sie dir Angst machen, wird Dolf sie mit Sicherheit verscheuchen, nicht wahr?“, wandte sich der junge Knappe an den älteren Soldaten, der den beiden gegenüber saß. Dolf Hammerstein war ein alter Veteran aus den Kriegen des Herzogs von Tandor. Obwohl er nur aus einer Handwerkerfamilie Taarls stammte, genoss er hohes Ansehen.

„Natürlich, Euer Gnaden.“, antwortete er schroff. Dolf war in der Tat eine Person, vor der man Angst haben konnte. Die meisten Männer überragte er deutlich, seine Arme waren stark und dick, wie die eines Schmiedes, und sein Gesicht war durch den grau-braunen Vollbart untermalt stets hart und bedrohlich.

„Siehst du. Und, glaubst du, es wird dir gefallen?“, fragte Sylvius dann Lerke abschließend.

„Ich bin bereit, es kennen zu lernen.“, gab sie mit einem fast frechen Grinsen zurück. „Dann muss mich nur noch dein Bruder von sich überzeugen.“

Sylvius nickte bedächtig. Das würde wohl die schwierigere Aufgabe. Lumos war nicht gerade die Person, die man als liebenswert bezeichnen konnte. Er war äußerst still, abweisend und kalt. In seiner Kindheit hatte Sylvius immer lieber Zeit mit seinem anderen älteren Bruder, Vincent, verbracht. Aber vielleicht konnte das sonnige Gemüt von Lerke ja den Erben von Tandor erwärmen.

Auf einmal blieb die Kutsche mit einem Ruck stehen.

„Was is…?“, wollte Lerke fragen, als von draußen auf einmal Rufe zu hören waren. Schreie. Und Kampfgeräusche.

„Haltet euch von der Tür der Kutsche fern!“, befahl Dolf und zog, beengt vom Innenraum des Gefährts, seine Klinge aus dem Gürtel, um sich direkt vor der Kutschtür zu positionieren. Dann wartete er.

Lautlos lief Arthur durch den Wald. Ihm folgten die Männer der Schwarzen Pfeile, wobei immer wieder einer stehen blieb und sich im Unterholz versteckte. Als nur noch er und Rogard übrig waren, hielt er kurz inne und schlich dann geduckt in Richtung der Straße, bis er direkt am Rand des Waldes war. Er hockte sich hinter einen Busch und lauschte. Absolute Stille. Selbst er, der wusste, dass die Männer in Stellung waren, konnte sie nicht sehen, schon gar nicht hören. Nur aus der Ferne hörte man schon die Hufschläge der Pferde und das ratternde Geräusch der fahrenden Kutsche.

„Wir sind bereit und warten auf deinen Befehl.“, flüsterte Rogard. Arthur nickte dem jungen Mann zu. Der Sohn seines Cousins Hagen hatte nach dessen Tod an einem Fieber eine wichtige Rolle bei den Schwarzen Pfeilen eingenommen und war stets an Arthurs Seite gewesen. Jedoch kam er mit seinen dunkelbraunen, lockigen Haaren mehr nach der Mutter, denn dem Vater, der doch Arthur so ähnlich gewesen war.

„In Ordnung. Geh nach vorne zum Tau und zieh es fest wenn die Eskorte die Stelle erreicht.“, befahl der Ritter dem jungen Mann. Das Seil auf der Straße war mit Blättern und Erde bedeckt und für einen unwissenden Beobachter so gut wie unsichtbar. In Spannung über der Straße würde es aber zu einem unüberwindbaren Hindernis für die Reiter aus Tandor werden.

Dann galt es zu warten. Obwohl die Geräusche aus der Ferne schon zu hören waren, würde es noch einige Momente dauern. Am Boden kauernd atmete Arthur tief aus, um Kraft zu sammeln. Dies war ein entscheidender Tag, ein entscheidender Moment für ihren Kampf um Freital, wenn nicht gar um Rethas oder gar ganz Valorien.

Die letzten Jahre waren mehr durch Rückschläge denn durch Siege gekennzeichnet gewesen. Nachdem sie aus Freital geflohen waren, hatte es erste Priorität gehabt, einen sicheren Unterschlupf zu finden. Zwei Jahre hatte sie in den Alrinnen verbracht, ungestört von den Häschern der Herzöge aus Grünburg oder Taarl. Doch dann hatte sich der Freiheitstrieb in Arthur wieder breitgemacht. Und der Drang nach Rache, für die Ungerechtigkeit und den Verrat von Celan. Schließlich galt es noch, die Heimat zurück zu erobern.

Es war ein erbitterter Kampf seitdem. Auf der einen Seite die Soldaten von Herzog Celan, die unter der Zustimmung Herzog Helmbrechts in Rethas stationiert waren, um für Sicherheit zu sorgen. So zumindest die offizielle Aussage. Sie waren in den wichtigsten Burgen und Städten stationiert und patrouillierten die großen Straßen. Fast überall regierten nun de facto Adelige aus Tandor.

Als Gegenseite hatte Arthur eine kleine Anzahl von Männern geführt, denen es wie ihm nach Freiheit und Rache gierte. Sie hatten immer wieder zugeschlagen. Transporte überfallen. Kleine Dörfer befreit. Tandorische Adelige bestraft. Anfangs hatte Arthur noch Skrupel gehabt, die brutalen Angriffe zu befehlen. Immerhin waren auch die Feinde Valoren, viele sogar wie er aus Rethas. Diese waren gewichen, als er die ersten Dörfer gesehen hatte, die von Herzog Celans Männern ausgelöscht worden waren. Die Bewohner inklusive Frauen und Kinder massakriert. Gewalt konnte man nur mit Gewalt beantworten und wenn der Feind keine Skrupel hatte, durfte man sich selbst kein Gewissen erlauben. Das war die traurige Realität des Krieges.

Trotz der ersten Erfolge waren sie immer wieder zurückgeschlagen worden. Befreite Dörfer waren in Flammen aufgegangen. Unterschlüpfe von ihnen gefunden und ausgelöscht. Während immer wieder neue junge Männer hinzukamen, fielen die alten Weggefährten Arthurs den ständigen Scharmützeln zum Opfer. Jorgen. Hagen. Wulf. Sie alle waren nicht mehr. Oft fühlte er sich einsam, im Alter, das ihn doch so deutlich kennzeichnete. Doch dann gaben ihm die Jungen wieder Stärke und Zuversicht. Vielleicht würde sich ihre Beharrlichkeit endlich auszahlen.

Ein Spion in Grünburg war an äußerst interessante Informationen gekommen. Die Enkelin von Herzog Helmbrecht sollte Lumos von Tandor heiraten. Da sie auch die letzte Erbin Rethas war, wäre dies das endgültige Ende des freien Herzogtums und der Beginn einer Personalunion mit Tandor. Doch hierin lag ihre Chance, denn zusammen mit einem anderen Sohn Celans reiste die junge Frau von Grünburg nach Taarl. Und Arthur kannte ihre Route.

Die lauteren Geräusche schreckten ihn aus seinen Gedanken. Der Ritter blickte auf und schaute die Straße hinunter. Hinter einer Biegung kamen die ersten Reiter zum Vorschein, dann die Kutsche und schließlich noch mehr Reiter. Insgesamt waren es zwei Dutzend Soldaten, vielleicht einige mehr. Die Eskorte war also keine große Herausforderung. Anscheinend hatte es sich ausgezahlt, dass sie sich in den letzten Monaten bedeckt gehalten hatten. Vielleicht hatte Celan schon geglaubt, sie in die Knie gezwungen zu haben. Eine fatale Fehleinschätzung.

Arthur zog vier Pfeile aus dem Köcher und steckte sie vor sich in den Boden. Dann nahm er einen weiteren und legte ihn auf die Sehne seines Bogens. Er atmete ruhig ein und aus und konzentrierte sich. Der Erfolg des Angriffs hing vom Überraschungsmoment ab. Und von dem ersten Schlag, der vernichtend sein musste. Im besten Fall waren alle Soldaten tot, bevor sie richtig bemerkt hatten, dass sie angegriffen wurden.

Die Reiter kamen näher. Nicht mehr lange. Arthur suchte Sichtkontakt zu Rogard, der hinter ihm im Unterholz ausharrte, das schwere Tau in der Hand. Ein dicker Knoten im Tau war in eine Astgabel gelegt, sodass die Pferde das Tau nicht durchlaufen konnten. Schließlich nickte Arthur. Und Rogard zog am Seil.

Von da an ging alles blitzschnell. Die vordersten Pferde scheuten und warfen ihre Reiter ab, die Kutsche und Reiter dahinter kamen ebenfalls abrupt zum Stehen. An beiden Seiten der Straße erhoben sich Schwarze Pfeile und ließen einen tödlichen Hagel auf den Feind hinabprasseln. Die Männer waren wortlos, standen in ihren dunklen Umhängen da und schickten einen Pfeil nach dem nächsten auf die Eskorte. Arthur selbst ließ den ersten Pfeil auf den Kutscher nieder, den er perfekt ins Herz traf. Auch die anderen vier Pfeile zog er blitzschnell und schickte sie auf die Tandorer. Dann hielt er inne.

Beim Anblick des Werkes stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Obwohl er schon zu oft in Schlachten gewesen war, zu oft getötet hatte, war es kein einfacher Anblick. Überall lagen die von Pfeilen gespickten Leichen der Soldaten. Einige kämpften am Boden liegend noch mit dem Tod, aber nur wenige machten noch lautere Geräusche als das Röcheln eines Sterbenden. Einige der Pferde rannten in verschiedene Richtungen davon, andere lagen wie ihre Reiter tot oder sterbend am Boden. Rings um den Ort des Geschehens standen die Schwarzen Pfeile ruhig und verharrten wie er.

Mit einem Schritt nach vorne durchbrach er den Moment der Regungslosigkeit. Er hängte sich seinen Bogen um und lief auf die Kutsche zu. Seine Männer taten es ihm gleich. Einige traten zu ihm, andere kümmerten sich um die noch Lebenden, um diesen ein gnädiges Ende zu schenken. Dann erreichte der Ritter die Tür der Kutsche, die auch von einigen Pfeilen getroffen war. Von innen hörte er geflüsterte Worte der Insassen.

„Öffnen!“, befahl Arthur einem seiner Männer und baute sich vor der Tür der Kutsche auf.

Lerke kauerte ängstlich auf dem Boden der Kutsche. Als die ersten Pfeile durch das Holz geschlagen waren, hatte Dolf Sylvius und sie angewiesen, sich auf den Boden zu legen. Sie zitterte am ganzen Körper. Es waren nur wenige Sekunden gewesen, aber wohl zweifellos die Schlimmsten ihres Lebens. Sie fürchtete, dass das wahre Grauen erst beginnen würde.

Lerke fühlte sich vollkommen ohnmächtig. Alle drei hatten gehört, was draußen passiert war. Erst die Pferde, das abrupte Stoppen der Kutsche und dann die Schreie der sterbenden Männer, die schnell erstickt waren. Es hatte nicht wirklich Kampfgeräusche gegeben. Nun saßen sie hier drin und warteten auf ihr Schicksal. Obwohl Lerke viel Vertrauen in den Recken aus Tandor hatte, der sie beschützen sollte, glaubte sie nicht daran, dass er all die Feinde besiegen konnte. Dies hatte schon ihre Eskorte nicht gekonnt. Dann hörte sie Schritte von Stiefeln.

„Öffnen!“, hörte sie die dunkle Stimme eines Mannes und im selben Moment wurde die Tür aufgerissen und Licht schien in die Kutsche hinein. Dolf schien auf diesen Moment gewartet zu haben und sprang mit der Klinge nach vorne hinaus, um den Mann zu töten, der die Tür geöffnet hatte. Aber direkt vor der Kutsche war kein Feind, den er erreichen konnte. Die Tür war seitlich geöffnet worden, und so stand Dolf direkt vor der Kutsche, umzingelt von mehreren Feinden, und schwenkte seine Klinge hektisch umher, um alle gleichzeitig in Schach zu halten. Ein auswegloses Vorhaben. Lerke versuchte einen Blick an dem Junker vorbei zu erhaschen.

Sie musste ob des hellen Licht des Tages blinzeln, erkannte dann aber die Feinde. Alle waren in dunkle Umhänge gekleidet, in Braun- und Grüntönen. Sie trugen Bögen und Schwerter, viele hatten sogar ihr Gesicht verhüllt. Nur der Mann, der sich direkt vor Dolf aufbaute, war gut zu erkennen.

Obwohl er nicht der größte Mann war, hatte er eine imposante Gestalt. Man erkannte noch die rotbraune Farbe seiner Haare und seines Bartes, doch mittlerweile waren diese weitestgehend grau. Sein Bart war ein wilder Vollbart, der doch auch die dunklen Augen hervorhob. Seine Gestalt war sehnig und in vielen Kämpfen gestählt. Doch am herausragendsten war das Schwert, das er auf dem Rücken trug, und von dem Lerke nur einen Teil sah. Die bronzene Scheide mit roten Edelsteinen war unverkennbar: Dies war Blutstein. Und der Mann vor der Kutsche damit Arthur von Freital. Der verräterische Ritter, Erzfeind ihres Großvaters und aller aufrichtigen Bürger Rethas und Valoriens. Der Mann, den selbst der mächtige Herzog Celan von Tandor nicht in die Knie hatte zwingen können.

„Dolf Hammerstein nehme ich an?“, sagte Arthur herausfordernd zu dem letzten überlebenden Leibwächter. „Leg die Klinge nieder, dann werde ich mir überlegen, ob wir dich lebend zu Celan zurückschicken.“, fügte er dann kalt hinzu.

Dolfs Blick fokussierte sich jetzt auf Arthur. Er konnte sowieso nicht gegen alle Männer gleichzeitig kämpfen, also war es nur sinnvoll, sich auf den wichtigsten Feind zu konzentrieren.

„Ich glaube nicht, Arthur. Selbst wenn deine Männer mich töten, dich werde ich mitnehmen.“, warf er dem Ritter zurück und sprang dann mit blanker Klinge nach vorne gerichtet auf den Feind zu.

Arthur zog kurz die Augenbraue hoch. Dann wich er mit einem Schritt nach hinten links dem Angriff aus und ließ Dolf so ins Leere laufen. Als dieser sich umdrehte hatte Arthur bereits die mächtige Klinge aus der Scheide gezogen und mit beiden Händen umfasst. Den nächsten Schlag des Junkers parierte er mit hochgerissener Klinge. Stahl schlug auf Stahl und mit einem Ruck des Schwertes stieß Arthur seinen Gegner zurück. Dann leitete er den Gegenangriff ein. Seine Schläge waren sowohl präzise als auch kräftig. Man hörte Dolf schon keuchen, nachdem er die ersten zwei Hiebe pariert hatte. Sein Arm begann zu zittern. Andere Männer hätten vielleicht Spott und Höhne über ihrem Feind ausgegossen, der nun langsam in die Enge getrieben wurde, aber Arthur blieb vollkommen still und ließ seinen Stahl sprechen. Ein von oben geführter Schlag wurde dem tandorischen Junker zum Verhängnis. Seine Klinge war noch nach unten gerichtet, nachdem er einen seitlichen Hieb abgewehrt hatte. Er versuchte das Schwert noch hochzureißen, doch Blutstein hatte den Punkt bereits passiert und fand seinen Weg.

Dolfs Kopf wurde sauber vom Körper abgetrennt. Dolf sackte zusammen, als der Kopf bereits durch den Dreck rollte. Arthur schaute noch einmal auf den Feind hinunter und steckte dann sein Schwert zurück in die Scheide.

Lerke spürte, wie Sylvius ihren Arm umklammert hielt. Eigentlich sollte der Knappe ja der Tapfere sein, aber angesichts der Übermacht des Feindes und der Tatsache, dass es sich um den gefürchteten Arthur von Freital handelte, war seine Reaktion verständlich. Als Dolf getötet wurde brachte sie einen spitzen Schrei hervor, hielt sich aber sofort selber die Hand vor den Mund, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber natürlich waren sie bereits die ganze Zeit unter wachsamer Beobachtung gewesen.

Als Arthur sich zu ihr drehte und ihr direkt in die Augen schaute, erschauderte sie. Das sowieso schon furchteinflößende Gesicht war von einem feinen Nebel aus Blut rot gefärbt. Der Ritter wirkte wie ein Unhold aus den Gruselgeschichten, die sie sich früher gegenseitig erzählt hatten. Doch es war Realität. Sie wollte irgendetwas sagen. Immerhin war sie die Erbin von Rethas. Sie musste doch auch tapfer sein. Doch auch sie brachte kein Wort über ihre Lippen. Was gab es nun auch schon zu sagen?

„Arved, Rogard, holt die beiden aus der Kutsche. Dann verschwinden wir von hier.“, befahl Arthur mit kalter Stimme und wandte sich anschließend selber ab. Lerke sah, wie sich zwei Männer lösten und auf die Kutsche zugingen. Beide waren deutlich jünger als Arthur. Während der eine kräftiger war und wohl schon an die dreißig, war der andere ein junger Mann, vielleicht so alt wie sie.

Seine Haare waren tief dunkelrot, ein Farbton, den sie noch nie gesehen hatte. Sein Körper war muskulös, athletisch und sein Gesicht glatt rasiert. Er erinnerte ganz leicht an Arthur, denn er hatte die gleichen, dunkelbraunen, fast schwarzen Augen. Dennoch war er natürlich um einiges jünger und attraktiver als der alte Ritter.

„Lerke von Rethas, Sylvius von Tandor.“, sprach der Jüngere die beiden Insassen an. Seine Stimme war männlich und dennoch lieblich. Fast wie die Stimme eines Barden oder Sängers. „Dürfte ich euch bitten, aus der Kutsche zu steigen und uns zu begleiten?“

Lerke war kurz etwas verwirrt ob der freundlichen Worte des Mannes. Der andere stand still neben ihm, seine Arme verschränkt. Sein Blick war kälter, dunkler, doch in den Augen des jungen Mannes konnte sie nichts Böses sehen.

„Was wird mit uns passieren, mein Herr?“, fragte Lerke zurück, bevor sie sich regte.

„Nennt mich einfach Arved, Euer Gnaden.“, antwortete dieser. „Ihr werdet uns in die Wälder der Alrinnen begleiten. Dann werden wir mit den Herzögen Helmbrecht und Celan über eure Freilassung verhandeln. Euch wird nichts geschehen. Beiden. Das verspreche ich bei meiner Ehre.“

Dann ging er noch einen Schritt vor, verneigte sich leicht und hielt ihr seine Hand hin. „Darf ich Euch helfen?“

Lerke verharrte noch kurz, immer noch überrascht über den Kontrast der Situation. Dort der brutale Angriff des gefürchteten Ritters und hier der freundliche junge Mann, der sie respektvoll behandelte.

„Ich nehme dich beim Wort, Arved. Und sei gewiss, dass mein Großvater und alle ehrenhaften Männer Valoriens es vernehmen werden, wenn Sylvius oder mir etwas passiert. Dann wird der Tod eine gnadenvolle Erlösung sein.“, fügte sie so bedrohlich hinzu, wie sie konnte. Obwohl die Worte aus ihrem Mund und mit ihrer Stimme weit weniger einschüchternd wirkten, als sie gewünscht hatte.

Arved lächelte ihr zu. „Dann wollen wir das lieber verhindern.“, sagte er mit einem Hauch von Schalk und half ihr dann aus der Kutsche, als sie seine Hand ergriff.

Kapitel 4

„Wo soll ich nur starten?“, überlegte Daron laut. Er schaute in die Runde der Menschen, die ihn erwartungsvoll anschauten. In seinem Rücken prasselte das Feuer des Kamins, der den großen Gastraum der Schenke erwärmte. Vor ihm saßen und standen die Bewohner des kleinen Dorfes, das er am Nachmittag erreicht hatte: Eschfurt. Ein kleines Dorf an der Furt, die einen Weg durch den großen Fluss, der Oberen Varna, ermöglichte.

„Also, es ist fast ein ganzes Jahr her, als ich durch das Stadttor von Vadenfall getreten bin, mit einem Ziel: die Welt, wie sie heute ist, zu erkunden. Und noch mehr. Ich wollte überall Menschen kennen lernen, Geschichten und Mythen erfahren, und vielleicht sogar unentdeckte Orte erkunden. Also machte ich mich auf und startete meine Reise ins Ungewisse.“, begann er zu erzählen. Natürlich war der erste Teil vollkommen falsch und erlogen, aber das machte nichts. Denn die Gedanken und Gefühle, die er schilderte, waren sehr ähnlich, wie an jenem Tag, als er Kloster Sonnfels verlassen hatte. Er hatte einen Auftrag von Prior Cleos, ja, aber viel mehr interessierten ihn die Wunder der Mutter Laëa, die es zu erforschen galt. So fiel es ihm auch leicht, von diesem Punkt an eine authentische Erzählung weiterzuführen. Das war es, was er hier wollte: eine gute Erzählung vortragen. Manchmal dachte er sich, dass er vielleicht Barde hätte werden sollen. Oder Poet. Nun, in einem anderen Leben vielleicht.

Gespannt lauschten die Bewohner seinen Worten. Wie er die ersten Landstriche erkundete, wie er die Grenze zu Kargat passierte und das befeindete Königreich erforschte. Er erzählte über die kaiserlichen Truppen, die begannen, das Land zu besetzen.

„Wieso sollte das Kaiserreich Kargat angreifen?“, fragte einer der Bewohner, ein kräftiger Mann jenseits der vierzig, der hier offensichtlich der Schmied des Dorfes war.

„Wieso nicht? Sie haben es verdient, für all den Krieg, den sie uns gebracht haben. Jetzt wissen sie, wie es sich anfühlt, angegriffen zu werden.“, antwortete eine Frau aufgebracht. Daron schwieg und senkte kurz den Kopf, machte eine kleine Pause, um seiner Antwort Wirkung zu verleihen.

„Dem Kaiser geht es nicht um Krieg, sondern um Frieden. Als ich die äußeren Grenzen des Kaiserreichs besuchte und mit den Bewohnern sprach, hörte ich immer das gleiche: Innerhalb des Kaiserreichs der Sonne gibt es keine Konflikte. Der Blick des Kaisers ist überall und seine Soldaten sorgen für Frieden. Und Frieden bringt Wohlstand mit sich. Doch so lange die äußeren Grenzen des Kaiserreichs unter Gefahr sind, kann dieser Frieden nicht bestehen. Deswegen schickt der Kaiser seine Soldaten in die nahen Länder, um die Wärme der Sonne auch über diese strahlen zu lassen.“

Die Dorfbewohner blieben still. Sie alle schauten sich etwas unruhig an. Nachrichten aus ferneren Ländern wie dem Ylonischen Bund, ja selbst aus dem benachbarten Kargat, wirkten weit weg. Es gab keinen in dem Dorf, der Valorien je verlassen hatte. In der Tat hatten es die meisten maximal bis Goldheim geschafft, der nächsten größeren Stadt. Und doch schien ein großes Reich am Horizont kein beruhigender Gedanke.

„Und was wenn der Kaiser Kargat erobert hat? Wird er dann seinen Blick nach Valorien richten?“, fragte der Schmied erneut mit skeptischem Blick.

„Was sollte er daran interessiert sein, wir wollen das Kaiserreich ja nicht angreifen.“, wandte ein anderer Mann ein.

„Und was, wenn er uns endlich Frieden bringt?“, stellte eine Frau eine Frage und alle nickten stumm. Daron hatte schon in den ersten Gesprächen bemerkt, dass es die Konflikte innerhalb Valoriens waren, die den Bewohnern von Eschfurt große Sorgen machten. Das Dorf war einst in den Kronlanden gewesen, aber im Jahr Priovans Tod, dem letzten König, vom Herzog von Tandor besetzt worden. Genauso wie Goldheim und weitere Städte des Nordens in den Kronlanden und dem Herzogtum Fendron. Seitdem hatte es öfter kleinere Scharmützel an der Furt gegeben, aber seit einiger Zeit schien sich der Status Quo etabliert zu haben.

„Selbst wenn, sie würden genauso wie Kargat am Eisentor abprallen.“, gab die ältere Frau zu bedenken und wandte sich dann wieder direkt an Daron. „Bist du am Eisentor vorbeigekommen? Hast du die große Brücke über den Calas passiert?“

Daron nickte, als sie das Thema wieder ein bisschen wechselte. „Ja, ich bin über die mächtigen Steine gegangen, die euer Königreich von Kargat trennen. Es ist ein beeindruckender Ort aus älteren Zeiten. Man spürt die Energie.“, erzählte er. „In der Burg Eisentor traf ich dann Alois von Schöngau, dem ich mich bis Elorath anschließen durfte. Von dort bin ich alleine nach Goldheim gereist und bin nun auf dem Weg nach Taarl. Aber diese Länder kennt ihr wohl besser als ich, also gibt es nicht mehr viel zu erzählen.“

Die Zuhörer lachten, als er die Erzählung beendete. Einige ließen ihre Krüge neu befüllen und eine Magd schenkte auch in Darons Becher nach. Ein dünnes Bier, das aber eigentlich recht schmackhaft war. Und gut den Durst löschte. Was nach einer solch langen Erzählung wohl das Wichtigste war.

„Und nun habe ich alles über meine Reise erzählt, aber eigentlich wollte ich doch Geschichten aus diesem Land hören.“, sagte Daron mit einem Lächeln.

„Ich kann eine Geschichte erzählen“, hörte Daron die Stimme einer Frau aus einer dunklen Ecke der Schenke in der Nähe der Tür, die dann aus dem Schatten trat. Sie war in eine weiße Robe gekleidet, die mit allerlei Stickereien verziert war. Um die Schultern hatte sie einen dunklen Umhang, der das weiße Kleidungsstück verdecken konnte. Ihre blonden, langen Haare leuchteten im Schein des Feuers, als sie nach vorne trat. Die Dorfbewohner senkten ehrfurchtsvoll die Köpfe, obwohl die Frau vielleicht nur in ihren Dreißigern war und alles andere als hochgestellt wirkte. Eher sehr natürlich.

„Dann will ich gespannt zuhören. Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennen gelernt. Mein Name ist Daron, ich bin ein Reisender aus dem Ylonischen Bund.“

Die Frau wirkte erst ernst, lächelte dann aber, als Daron sich vorstellte. „Ja, das habe ich gehört, und es freut mich. Mein Name ist Helena, und ich bin eine Priesterin der Trias.“

Daron hatte bereits von der Trias gehört, einer Religion, die in Valorien eigentlich verboten war. Zumindest war dies der Fall gewesen, als er das Land vor so vielen Jahren hinter sich gelassen hatte. Aber dies schien nicht mehr vollkommen der Fall. Von Alois hatte er erfahren, dass auch der Herzog von Fendron ein Anhänger der alten Religion war. Dennoch wusste er nicht viel über die Religion.

„Was ist das, die Trias?“, fragte er neugierig, als Helena sich in die Mitte der Zuhörer stellte und sich ein bisschen umdrehte, um jedem der Dorfbewohner in die Augen zu schauen.

„Das ist der Beginn der Geschichte“, sagte sie mit einem Lächeln, das sie einige Momente Daron schenkte, während sie ihm tief in die Augen schaute. „Denn es geht um die Gnade der Trias, doch auch um ihre Strenge, ob der Fehler, die wir begehen.“

Man merkte sofort, wie die Atmosphäre sich änderte. War die Runde gerade noch ausgelassen, lauschten die Männer und Frauen Helena nun aufmerksam, ehrfürchtig. Trotzdem erkannte Daron in ihren Blicken auch etwas Erleichtertes, Hoffnungsvolles. Es schien, als wäre der Glauben an diese Kräfte in dem Dorf tief verwurzelt. Wie sein Glauben an die Mutter Laëa. Mit dem Unterschied, dass Laëa ihre Kräfte offenbarte und ihm schenkte. Ähnliches hatte er von einer Trias Priesterin noch nicht gehört.

„Am Anfang waren Elona, die Gnädige, Thorian, der Mächtige und Kylael, der Weise. Sie schufen unsere Welt und ihre Bewohner und bauten die größten Bauten, die wir noch heute bestaunen können. Doch eines Tages überließen sie uns unserem Schicksal, um unser eigenes Leben zu gestalten. Ihre Blicke blieben auf uns gerichtet.“, begann sie zu erzählen. Ihre milde Stimme belebte die Worte und viel mehr als die anderen Zuhörer schaute sie Daron an. Es schien klar, dass die Bewohner von Eschfurt viele der Geschichten der Trias kannten und so die Einführung mehr für ihn bestimmt war.

„Doch sie ließen uns nicht alleine. Vor vielen Jahren schickten sie ihren Boten zu uns. Er blieb verdeckt, lebte unter uns und beobachtete unser Treiben und Streben. Doch er musste mit Enttäuschung feststellen, dass die Menschen sich von der Trias abgewandt hatten. Die Könige des Reiches verboten die Anbetung der wahren Macht dieser Welt. Mehr und mehr Menschen beugten sich den Befehlen und vergaßen die großen Taten, die die Trias für uns vollführte. Anstatt die Gnade Elonas leben zu lassen, verwickelten sich die Menschen in Konflikte und Kämpfe, strebten nach Macht und Rache und führten unerbittliche Kriege. All das endete in dem verhängnisvollen Jahr des Blutes, das unser Reich bis heute verändern sollte. Einstige Verbündete richteten die Waffen aufeinander, aus Gnade entsprang Hass, Vertraute fielen einander in den Rücken und der Tod unseres Königs beendete die Linie von St. Gilbert in Valorien.“ Helena sprach bedächtig, aber verlieh den letzten Worten deutlichen Ausdruck. Daron spürte die Enttäuschung in ihr, über die Konflikte. Er erinnerte sich an seinen eigenen Anteil, an jenem Jahr. Er erinnerte sich an Ulfs Befehle, und all die Pfeile, die er auf gute Valoren abschoss.

„In diesem Moment beobachtete der Bote der Trias unser Treiben und wusste, dass dieses Land verloren ist. Er schickte zur Strafe Donner und Blitz über das Land und verließ Valorien in Groll. Ließ es alleine zurück, und damit auch die Hoffnung auf Gnade und Frieden, die wir uns wünschen. Dieser Bote war bekannt als Fürst Elian. Jeden Tag beten wir um seine Rückkehr. Auf dass die Elfen wieder in unseren Ländern wandern, als Boten der Trias, und ihre Göttliche Macht und Gnade mit uns teilen. Auf dass Frieden einkehren mag in Valorien, und all jene, die ihre Waffen gegen das Volk richten, bestraft werden mögen. Und auf dass wieder Hoffnung in die Herzen der Menschen zurückkehrt, um auf dem Pfad der Gnade, der Stärke und der Weisheit zu wandeln, wie es uns die Trias gebietet. Darum bete ich. Und beten wir.“

Die Priesterin schloss die Erzählung, indem sie die Augen schloss und den Kopf senkte. Daron erkannte, wie die Menschen um ihn herum es ihr gleich taten. Dann sprach Helena ein Gebet und jede Zeile wiederholten die Bewohner von Eschfurt in einem monotonen Chor.

Elona, schenke uns deine Gnade

Thorian, gib uns Kraft und Stärke

Kylael, führe uns auf den Weg der Weisheit

Auf dass die Macht der Trias ihr Licht über uns scheinen lässt

Es erinnerte Daron fast an die Gebete seiner Brüder an Laëa. Doch waren ihre Gebete und Meditationen immer stärker gewesen, hatten die Kraft der Mutter dieser Welt hervorgebracht. Dagegen war die Trias eine reine Hoffnung, gar eine Illusion, der sich die Gläubigen hingaben. Doch war es die Kraft dieser Hoffnung, die den geplagten Bewohnern von Eschfurt anscheinend Stärke gab.

„Und, Daron, was denkst du über die Geschichte?“, fragte Helena nach einer kurzen Pause und schaute ihn eindringlich an. Daron spürte, dass ob der Atmosphäre seine Kehle ganz trocken war und musste sich kurz räuspern.

„Es ist faszinierend und ergreifend. Obwohl ich euren Glauben nicht teile, wünsche ich zutiefst, dass eure Gebete erhört werden.“, antwortete er. Helena lächelte ihn an, obwohl da etwas in ihrem Blick war, das er erst nicht genau deuten konnte.

„Sie werden erhört werden, dessen bin ich mir sicher.“, sagte Helena zuversichtlich. „Aber nun haben wir schon eine fortgeschrittene Stunde. Und morgen will ich dir gerne noch die Geschichte von Lora der Ritterin erzählen, die ich selber einst traf.“

Daron erkannte, wie die Gäste sich erhoben und die ersten bereits den Gastraum verließen. In der Tat merkte auch er, dass er langsam müde wurde und die Anstrengungen des Tages sich auf ihn legten.

„Ich bin schon sehr gespannt.“, gab er mit einem Lächeln zurück und stand auf. Er lief auf die Treppe zu, die zu dem kleinen Zimmer führte, dass man ihm zugewiesen hatte. Dabei passierte er Helena, die die Hand ausstreckte und ihn leicht am Arm berührte. Während die anderen Bewohner aufstanden und so einen Geräuschpegel im Raum erzeugten, flüsterte sie einige Worte, die nur er verstehen konnte.

„Und vielleicht können wir heute Nacht noch mehr als Geschichten teilen.“, sagte sie leise. Daron hielt inne und schaute der Priesterin in die Augen. Nun erkannte er den Blick genauer, den sie ihm zugeworfen hatte. Es war ein Verlangen. Er lächelte zurück.

„Eine gute Idee.“, sagte er mit einem schelmischen Blick. Dies war wohl ein weiterer Vorzug, seitdem er auf Reisen war. Er war nicht länger hinter Klostermauern gefangen, die ihn in gewissen Belangen des Lebens deutlich einschränkten. Und anscheinend hatte auch Helena Interesse an dem Fremden, der er doch war.

Die Nacht lag noch über Tandor, als die Reiter die Lichter des Dorfes sahen. Es war nur ein leichter Schein des Feuers, der aus dem Gasthof zu sehen war. Alle anderen Häuser lagen in der Dunkelheit, nur vereinzelt stieg noch Rauch in den Himmel. Nicht mehr lange und die Sonne des neuen Tages würde auf Eschfurt scheinen. Doch dieser Tag würde wohl nichts Gutes bringen.

Lumos‘ Pferd schnaubte und scharrte nervös im Sandboden. So unruhig der Hengst war, so ruhig und gefasst war der Reiter. Mit kaltem Blick musterte er das Dorf.

„Euer Gnaden, dies ist das Dorf, aus dem wir die Berichte der Triasverehrung haben.“

Lumos blickte wortlos zu dem Freiherrn von Eisenstein hinüber. Golbert war ein treuer Berater und Diener, den sein Vater ihm wohl eigentlich zugeordnet hatte, um auf ihn aufzupassen. Sollte der Herzog das doch tun. Lumos würde schon dafür sorgen, dass die Berichte an Celan stets seinen eigenen Erwartungen entsprachen.

Statt zu antworten zog er nur erwartungsvoll die Augenbraue hoch und musterte Golbert. Im Vergleich zu vielen Kriegern war der Freiherr schmächtig. Er war recht groß gewachsen, hatte aber ein schmales Gesicht und recht schlanke Gliedmaßen. Seine Augen wirkten stets erschöpft und müde, und auch sein Haar war schon licht. In Lumos Augen war Golbert keine starke Person. Er war ein Mann, der Befehle befolgte und nicht dazu gemacht war, wirklich zu führen, echte Macht auszuüben. Lumos verachtete ihn. Aber er konnte ihn als Werkzeug nutzen.

„Euer Gnaden, wie lauten Eure Befehle? Sollen wir das Dorf angreifen?“, hakte der Freiherr nach. Lumos nickte nur mit dem Kopf und drehte dann wieder seinen Blick zu dem Dorf. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete Eschfurt. Golbert wirkte noch immer nicht entschlossen, den Angriffsbefehl zu geben. Obwohl er bereits die ruhige Art von Lumos kennen sollte, schien er noch auf einen expliziten Befehl zu warten.

Der Sohn des Herzogs atmete hörbar aus und seufzte. Dann erst erhob er selbst die Stimme. „Ja, greift es an. Tötet die Männer. Brennt die Häuser nieder. Treibt die Frauen zusammen. Die Kinder sind mir egal.“, befahl er kalt, doch laut genug, dass auch die Soldaten ihn verstehen konnten. Er hatte einige tandorische Reiter unter seinem Kommando, aber noch mehr Urben von Narthas Khan. Die Männer der Steppe waren äußerst nützlich. Sie hinterfragten die Befehle weniger. Sie führten sie aus. Und sie waren erfahrene und gefürchtete Kämpfer. Gerade gegen andere Valoren ein hohes Gut. Denn die Urben hatten keine Skrupel.

Golbert wirkte erst etwas verwirrt, schien sich aber nicht zu trauen, Widerworte zu geben. Er hatte gesehen, was mit Männern passierte, die den Befehlen von Lumos nicht folgten. Er wollte nicht zu diesen Männern gehören. Egal wie gut seine Beziehung zu Celan war, im Moment war Lumos der Mann, der hier das letzte Wort sprach. Golbert selbst wollte nicht Bestandteil dieses letzten Wortes sein. Also zog er sein Schwert aus dem Gürtel.

„In Ordnung, Männer, ihr habt die Befehle vernommen. Diese Menschen beten die Lügen der Trias an und untergraben den Anspruch unseres Herzogs Celan. Sie haben das Leben nicht verdient, denn sie sind Hochverräter. Lasst uns ein Exempel statuieren. Alle, die von Eschfurt hören, sollen in Demut vor Tandor knien und seine Herrschaft anerkennen. Für Tandor!“, rief er noch laut und setzte dann sein Pferd in Bewegung.

Lumos sah, wie rechts und links die Reiter losgaloppierten. Er selbst gab seinem Pferd nur den Befehl für einen leichten Trab und folgte seinen Soldaten in Ruhe. Es gab keinen Grund, selbst am Kampf teilzunehmen, wenn er doch auch nur das Resultat begutachten konnte.

„Ob die anderen Menschen endlich lernen werden?“, hörte er eine Stimme neben sich und schaute zur Seite. Der Urbe, der zu ihm aufgeschlossen hatte, trug seine Haare und seinen Bart lang, wie die meisten der Anführer der Stämme. Trotz des jungen Alters wirkte er wie ein mächtiger Krieger der Steppe.

Lumos lächelte kalt. „Wohl kaum. Aber ein um das andere Dorf wird brennen, bis wir diesen Verrat vernichtet haben. Bald schon wird niemand mehr wissen, was diese Trias sein soll, Lokran.“, antwortete er seinem Vertrauten. Lokran, Sohn von Narthas, ein Sohn des Khans, der seinem Vater diente. Und ein Waffenbruder seit jungen Jahre. Denn obwohl die Urben dienen sollten, wusste Lumos, dass er sich auf Lokran verlassen konnte. Vielleicht mehr, als auf die meisten Adeligen Tandors.

Daron schlug die Augen auf. Er sah zum Fenster und spürte, wie die ersten Strahlen der Sonne auf sein Gesicht fielen. Doch es war nicht das Licht, das ihn geweckt hatte. Es waren Geräusche. Lärm geradezu. Erst konnte er es nicht genau zuordnen, denn er war noch immer schlaftrunken. Neben ihm in dem Bett des Gasthofes lag die noch immer unbekleidete Helena. In der Tat schien die Priesterin ein Verlangen gehegt zu haben, für dessen Befriedigung der Fremde eine willkommene Möglichkeit gewesen war. Und die er auch gerne angenommen hatte. Entsprechend wenig hatte er selbst geschlafen und fühlte sich, gemischt mit den Auswirkungen des Biers, recht ausgezehrt. Nun versuchte er sich zu konzentrieren und zu lauschen.

Er brauchte nicht lange, um die Geräusche zu deuten. Pferdehufe, Klingen, rufende Männer und die Schreie Sterbender. Eschfurt wurde angegriffen.

„Wach auf.“, sagte er hektisch zu Helena, die auch nur langsam aus dem Schlaf aufwachte. Als auch sie realisierte, was passierte, schien sie plötzlich hellwach.

„Bei Elonas Gnade… wir müssen hier verschwinden.“, sagte sie und stand hektisch auf, um sich ihr Kleid überzuwerfen und den Umhang umzuhängen. Daron erkannte das erste Mal Angst in den Augen der Priesterin. Gestern, sowohl in der Geschichte, als auch danach, war sie stets selbstsicher gewesen. Sie hatte eine Ausstrahlung, als wäre sie durch ihren Glauben so gefestigt, dass ihr nichts in der Welt etwas anhaben konnte. Aber dies schien sich nun zu ändern.

Auch er sprang auf und warf sich seine Kutte um. Er hatte keine Waffen, um sich und Helena zu verteidigen, aber mit profanen Waffen wäre dieses Vorhaben wohl auch aussichtslos. Er hatte eine stärkere Macht an seiner Seite. Die Macht der Erde selber, die Macht von Laëa.

„Wer greift uns an? Und wieso?“, fragte Daron die Priesterin, als diese gerade ihren Umhang schloss und die Kapuze überwarf, sodass ihre weiße Robe nicht mehr sichtbar war.

„Es sind bestimmt Tandorer oder Urben. Sie jagen uns Triaspriester.“

„Wieso?“

„Laut ihnen ist der Glauben an die göttliche Trias verboten. In ihren Augen ist nur der König eine Macht und alles andere Lüge. In ihren Augen sollte natürlich auch Herzog Celan der König sein, ein Vorhaben, das vor vielen Jahren scheiterte. Aber das erzähle ich dir später, wenn wir hier raus sind. Lass uns den Hinterausgang nutzen und dann am Flussufer in die Wälder fliehen. Folg mir.“, sagte sie nun wieder sicherer und schob vorsichtig die Tür auf, um nach links und rechts zu schauen.

„Ich glaube es ist sicher…“, sagte sie gerade, als man plötzlich schwere Stiefel in dem Gastraum hörte.

„Ihr könnt hier nicht…“, hörte man noch den Ruf des Wirtes, der jedoch jäh erstickte und in das Röcheln eines Sterbenden überging.

„Verdammt, sie kommen.“, zischte Helena leise und zeigte auf das Fenster am Ende des Flures. „Wir müssen dort durch verschwinden.“

Daron nickte nur. Er wollte nicht mehr reden. Seine Gedanken waren schon woanders. Es würde zum Kampf kommen, dessen war er sich sicher. Also musste er seine Waffen ziehen. Langsam begann er, die Erde zu spüren. Die Steine, den Sand, den Boden. Es war schwieriger, wenn er nicht direkte Verbindung hatte. Aber wenn sie erst aus dem Gebäude waren, würde er die Mutter Laëa spüren, dessen war er sich sicher. Er bemerkte, wie Helena ihn am Arm packte und zum Fenster zog.

Der Laden war schnell geöffnet und Daron schwang sich zuerst aus dem Oberschoss nach unten. Es war nicht hoch und so landete er geschmeidig. Sofort merkte er das Gefühl, mit Laëa verbunden zu sein. Doch er musste kurze die Konzentration aufheben, um Helena aufzufangen.

„Wohin jetzt?“, fragte Daron die Triaspriesterin. Sie waren hinter dem Gasthof zwischen einigen anderen Hütten. Helena zeigte nach Osten.

„Da lang geht es aus der Stadt. Komm.“, sagte sie und griff ihn erneut am Arm. Die Priesterin war trotz der eher ungünstigen Kleidung schnell auf den Beinen. Jetzt, da sie draußen waren, hörten sie noch mehr die Töne des Kampfes. Obwohl es wohl meistens kaum ein Kampf war, sondern ein gnadenloses Gemetzel. Daron roch auch Rauch, der über dem Dorf aufstieg. Aber Helena fokussierte sich nur auf ein Ziel: nach vorne. Raus aus Eschfurt. Sie konnten den anderen Menschen im Zweifel sowieso nicht helfen.

Sie liefen, die Schatten der Häuser über ihnen. Am Ende der Gasse schien die Sonne ihnen entgegen und blendete sie. Es war wie das Licht am Ende einer langen Höhle, das Ziel der Hoffnung. Daron spürte, wie ihn seine Beine immer schneller voran brachten und sie dann das Ende der Gasse erreichten.

Sie hielten kurz inne und Daron musste sich die Hand vor das Gesicht halten, um von der aufgehenden Sonne nicht geblendet zu werden. Doch im nächsten Moment warf etwas ein Schatten auf sein Gesicht. Er blickte auf und erkannte einen Reiter, der sich vor ihnen aufbaute, und so eine weitere Flucht verhinderte. Mit ein bisschen Blinzeln konnte er den Mann näher erkennen.

Seine Rüstung und Kleidung war von höchster Qualität und edlen Materialien. Er saß aufrecht, geradezu herrschaftlich im Sattel und schaute auf die beiden hinunter. Seine Haare waren zu kurzen Stoppeln geschoren, sodass er fast eine Glatze hatte. Dennoch erkannte man die schwarze Farbe der Haare, die sich auch im feinrasierten Kinnbart wiederspiegelte. Doch am herausragendsten waren die Augen des Mannes, die nur Kälte ausstrahlten. Und Verachtung.

Helena blieb starr vor Schreck stehen. Sie wollte sich gerade zur Flucht wenden, als drei weitere Reiter sie umzingelten. Sie schnitten den Weg in alle Richtungen ab.

Daron schloss die Augen und senkte den Kopf. Nun war es also an der Zeit, die Macht Laëas das erste Mal in einem Kampf einzusetzen. Er konzentrierte sich auf die Erde, wurde dann aber von der Stimme des Anführers aus den Gedanken gerissen.

„Bringt die zu den anderen, den Frauen und Kindern. Wir werden dann über ihr Schicksal entscheiden.“, befahl er den Männern und wandte sich dann selber ab. Daron entspannte sich. Er war sich nicht sicher, ob er alleine alle Reiter besiegen konnte. Aber wenn diese sie nicht sofort umbringen wollten, war es wohl erstmal nicht notwendig. Statt anzugreifen schaute er zu Helena.

„Es wird alles gut.“, flüsterte er ihr aufmunternd zu und lächelte leicht, bevor sie die Reiter in Richtung des Dorfplatzes trieben.

Der Anblick des Dorfplatzes war in der Tat erschreckend. Überall lagen Leichen der Männer, die von den tandorischen Soldaten aus den Häusern gezogen worden waren, um sie auf offener Straße abzustechen. Aus allen Ecken von Eschfurt trieben Soldaten, tandorische und urbische, Frauen und Kinder auf den Platz. Daron fragte sich, wieso sie ihn nicht angegriffen hatten. Aber vielleicht lag es an seiner sonderbaren Kleidung.

Man konnte erkennen, dass die ersten Häuser am Rand des Dorfes in Flammen standen, doch bisher hatte das Feuer die Mitte von Eschfurt noch nicht erreicht. Helena und er wurden zu den anderen Menschen getrieben. Viele der Kinder und Frauen weinten, gefangen zwischen Verzweiflung, Trauer und Angst.

Daron selbst wusste nicht, wie er reagieren sollte. Einerseits hatte er eine Macht unter seiner Kontrolle, die jedes Schwert überwog. Aber es waren viele Feinde. Sehr viele. Und es war klar, dass er nicht alle besiegen könnte. Wenn er nun vortrat, um Laëa anzubeten, würde er wohl schnell einen Pfeil im Leib haben. Vielleicht schneller, als er überhaupt die Kraft der Mutter herbeirufen konnte. Andererseits wirkte die Situation mehr als ausweglos. Auch Helena an seiner Seite schien unsicher, was sie tun konnte. Die Antwort war wohl recht einfach: gar nichts.

„Ihr habt alle gegen das Gesetz verstoßen, das die Anbetung der falschen Götzen der Trias verbietet.“, hörte Daron die Stimme eines Mannes, der sein Pferd vor die Bewohner von Eschfurt führte. Er war schmal, geradezu schmächtig, und hatte doch die kalte Ausstrahlung eines Adeligen. „Dafür verdient ihr nur den Tod.“, sagte er kalt, während auch der Adelige, den sie vorher gesehen hatten, angeritten kam. Sein Blick musterte die Menschen, die nun noch mehr vor Angst zitterten.

Daron erkannte, wie der schmale Mann nach vorne ritt und auf ihn zeigte. „Du, bist du ein Priester der Trias?“, fragte er harsch. Der Novize schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Herr, ich bin nur ein Reisender aus einem fremden Land. Ich kenne eure Religionen und Gesetze nicht.“, antwortete Daron fast wahrheitsgemäß. Der Adelige nickte und ließ seinen Blick weiter schweifen.

„Golbert.“, sagte Lumos und blickte zu dem Freiherrn. „Es reicht. Die Männer können ihren Spaß haben, danach schneidet allen die Kehlen durch und brennt die Häuser nieder.“

Daron hörte die Schreie der Frauen, vor Angst. Er selbst blieb ruhig, was ihn fast selbst beeindruckte. Es gab nun keinen anderen Weg mehr. Selbst wenn er dabei umkommen sollte, nun galt es sich zu verteidigen. Er schloss die Augen und begann zu summen. Es fühlte sich an, als würde er mit dem Boden verschmelzen. Ein Teil der Steine werden. Ein erstes leichtes Beben durchzuckte die Erde, doch kaum einer der Anwesenden spürte es. Nur die Pferde begannen nervös zu werden.

„Lumos!“, hörte Daron den lauten und wütenden Ruf eines Mannes. Er hielt kurz inne und schaute auf. Eine weitere Gruppe von Reitern näherte sich schnell dem Dorfplatz, und der vorderste Reiter hatte sich bereits abgesetzt. Er sah ähnlich aus wie der Angesprochene. Der Blick und der Ausdruck der Augen, dieser grün-grauen Augen, deutete auf ihre Verwandtschaft hin. Ansonsten hatten die beiden nicht viel gemein. Die Gesichtszüge des Neuankömmlings waren weicher, sein Gesicht glatt rasiert und seine Haare fielen halblang in dunkelbraunen Locken.

„Vincent, was für eine unverhoffte Freude.“, sagte Lumos kalt und ruhig. Er hob die Hand leicht und hielt damit die Männer auf, die sich gerade schon bedrohlich den Frauen und Kindern genähert hatten.

„Lumos, stopp diesen Wahnsinn. Was soll dieses Massaker?“, rief Vincent seinem Bruder zu und schaute ihn tadelnd an. Obwohl er der Jüngere der beiden Brüder war, war er schon größer und kräftiger gewachsen als Lumos.

„Wahnsinn? Nein. Es ist Recht und Gesetz. Diese Menschen haben die Trias angebetet und müssen dafür sterben.“, antwortete Lumos, immer noch in der ruhigen Stimme. Es schien ihn nichts aus dieser Ruhe bringen zu können. Eine bedrohliche Ruhe. Er schaute seinen Bruder finster an.

Vincent hielt dem Blick seines Bruders stand. „Dies endet hier und jetzt. Es sind genug gestorben. Du wirst die Frauen und Kinder verschonen.“

„Wieso?“, gab Lumos zurück.

Vincent wirkte erst etwas verwirrt, sammelte sich dann aber wieder. Statt weiter mit Lumos zu sprechen, wandte er seinen Blick zu Golbert. „Golbert, du weißt genau, das mein Vater dieses Werk hier nicht befürworten würde.“, sagte er scharf zu dem Freiherrn. Man merkte, wie dieser unsicher wurde.

„Aber, Euer Gnaden, Lumos gab den Befehl…“

„Es ist mir vollkommen egal. Ruf die Männer zurück. Meine Reiter werden diese Menschen nach Goldheim begleiten. Alle.“, unterbrach er den Mann scharf. Sein Ton duldete keine Widerworte. Vincents Blick wanderte wieder zu seinem Bruder, den er eindringlich anschaute, ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Lumos hielt dem Blick stand, wandte dann aber sein Pferd ab. Er ließ es einige Schritte von den Menschen wegtraben. Man merkte förmlich, wie die Anspannung sich langsam legte. Die Menschen von Eschfurt konnten zwar noch nicht wirklich glauben, gerettet zu sein, aber es gab Hoffnung. In Form von Vincent von Tandor. Und auch der junge Sohn des Herzogs schien erleichtert, dass sein älterer Bruder klein beigegeben hatte. Doch dann hielt Lumos sein Pferd an. Er schaute über die Schulter nach hinten und zeigte dann mit ausgestrecktem Finger auf Helena.

„Sie ist eine Priesterin und muss sterben. Das Dorf soll brennen.“

„Nein!“, rief Daron noch aus, als ein Pfeil flog. Er erkannte noch, wie das Geschoss Helena in die Brust traf und sprang nach vorne, um sie aufzufangen. Sie landete in seinen Armen, doch er spürte schon, wie das Leben aus ihr wich. Ein Blutstrom lief aus ihrem Mundwinkel. Sie schaute ihm in die Augen und lächelte leicht. Der Versuch, die Hand zu heben, scheiterte, denn ihre Kräfte reichten nicht mehr aus.

„Möge Elona deinen Weg schützen.“, sagte Helena leise und starb dann in seinen Armen.

Daron warf einen Blick über seine Schulter zurück. Die Flammen loderten noch hell und hoch, wo einst Eschfurt gewesen war. Lumos Soldaten hatten die Stadt vollkommen den Flammen übergeben. Obwohl Daron gesehen hatte, dass viele der Männer enttäuscht gewesen waren, nicht auch noch einige der Frauen als Beute zu bekommen, hatte Vincent in dieser Hinsicht seinen Willen durchgesetzt.

Als er so die Flammen sah, durchlief ihn ein leichter Schauer. Es war nicht so, dass Helena ihm durch eine Nacht besonders ans Herzen gewachsen war. Beide hatten ein Verlangen gehabt, das der jeweils andere stillen konnte. Für Daron war die Triaspriesterin interessant gewesen. Er hätte gerne mehr über sie, Valorien und ihre Religion erfahren, bevor er einst wieder zurück nach Kloster Sonnfels kehren würde. Dennoch war ihr jäher Tod ein Schock gewesen und verschaffte ihm noch immer ein mulmiges Gefühl.

Er ließ seinen Blick über die Dorfbewohner schweifen. Die Wenigen, die das Massaker überlebt hatten. Alle sahen erschöpft aus, körperlich und geistig. Sie ließen sich einfach von den Soldaten treiben, die ihre Pferde vor und hinter der Gruppe führten. Gemeinsam marschierte die Kolonne in Richtung Westen, nach Goldheim, der nächsten größeren Stadt, aus der Daron auch gekommen war. Es war wohl nur die Resignation und Alternativlosigkeit, die die Frauen, Kinder und einige Alte vorantrieb. Alle Männer im mittleren Alter, der Schmied, der Wirt, die Bauern und Fischer, waren tot.

„He, du.“, hörte Daron die Stimme eines Soldaten, der zu ihm aufgeschlossen hatte. Erst jetzt merkte er, wie er in Gedanken verloren nach unten geschaute hatte, und ihn so gar nicht bemerkt hatte. Langsam und bedächtig hob er den Kopf und schaute dem Mann in die Augen.

„Ja?“

„Seine Gnaden, der Herr von Tandor, will dich sprechen.“

Daron zog die Augenbraue hoch. Obwohl Vincent in gewisser Weise ihr Retter war, verspürte der Novize keinen größeren Drang, mit diesem zu sprechen. Was sollte es auch schon bringen? Andererseits, vielleicht gab es interessante Erkenntnisse. Die Aufforderung an sich erlaubte ja auch eigentlich keine Widerworte.

„Natürlich, wenn das sein Wunsch ist.“, gab er so auch nur in ruhigem Ton zurück und folgte dem Mann, der sein Pferd wieder nach vorne trieb. Er selbst musste so einen schnelleren Schritt anschlagen und erreichte den Adeligen an der Spitze der Truppe leicht außer Atem.

„Mein Herr, hier ist der Fremde wie gewünscht.“, hörte Daron noch den Soldaten in kurzem zackigen Ton sprechen. Vincent saß noch im Sattel und nickte nur zur Bestätigung, schaute dann aber zu Daron hinunter. Bevor er etwas sagte, schwang er sich vom Rücken seines Pferdes hinunter und reichte die Zügel einem weiteren Soldaten. Dann schritt er auf Daron zu und musterte diesen.

Daron verbeugte sich leicht vor dem jungen Mann. Jetzt, da er dem Adeligen näher war, erkannte er, dass dieser wohl erst Anfang zwanzig sein musste, vielleicht sogar jünger.

„Euer Gnaden, wie kann ich Euch zu Diensten sein?“, fragte Daron unterwürfig. Es war wohl das Beste, Demut zu zeigen. Eine Fähigkeit, die er schon lange verinnerlicht hatte.

„Zu Diensten? Nein. Ich habe vorhin gehört, dass du aus fremden Landen stammst, und war interessiert daran, wer du bist und was du im Land meines Vaters machst. Mein Name ist Vincent von Tandor, Sohn von Herzog Celan.“, stellte er sich vor. Er wirkte offen und freundlich, so vollkommen anders als der kalte Bruder, der keine Skrupel gezeigt hatte, Eschfurt auszulöschen.

„Es ist mir eine Freude.“, antwortete Daron mit einem freundlichen Lächeln. „Mein Name ist Daron. Ich stamme aus dem Ylonischen Bund, aus Vadenfall, und habe es mir zur Aufgabe gemacht, möglichst viele fremde Länder zu bereisen.“

„Dann ist deine Wahl des Orts und Zeitpunktes aber sehr ungelegen.“, antwortete Vincent. „Obwohl der Krieg in der Tat über die letzten Jahre etwas ruhiger geworden ist.“

„Ja, ich habe davon gehört.“ Daron überlegte kurz, ob er den Angriff auf Eschfurt erwähnen sollte. Immerhin war dort der Krieg alles andere als ruhig gewesen. Andererseits schien es eine gezielte Bestrafungsaktion von Vincents Bruder gewesen zu sein.

„Es tut mir leid, was Lumos diesem Dorf angetan hat.“, sagte aber nun Vincent von sich aus. „Er hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht, alle Priester und Gläubige dieser falschen Religion zu vernichten. Doch manchmal geht er dabei etwas zu rabiat vor.“

„Was hat Euer Bruder gegen die Trias?“

Vincent zuckte die Schultern. „Nun, es ist klar, dass die Trias verboten ist. Seitdem die Menschen im Norden Fendrons im Namen dieser Religion gegen meinen Vater aufgestanden sind, wurde das Verbot in ganz Tandor mit Gewalt durchgesetzt. Aber die Bedrohung ist weitestgehend vernichtet. Nur noch vereinzelte Menschen klammern sich an diesen Glauben.“

„Ich dachte, Fendron wäre ein anderes Herzogtum in Valorien?“, fragte Daron neugierig. Vincent schnaubte leicht.

„Das ist wohl richtig. Anscheinend hast du dich schon vorher über unser Königreich schlau gemacht.“

„Man liest viel in Büchern.“

Vincent nickte, ging aber auf die Antwort nicht weiter ein, sondern erzählte weiter. „In der Tat waren einst Fendron, Rethas und Tandor die drei Herzogtümer Valoriens, die direkt der Krone unterstanden. Der König regierte über die Kronlande. Nach dem Tod des letzten Königs aufgrund des Verrats seiner engsten Vertrauten, hat mein Vater, als Nachfolger von Leodegar von Tandor, die Krone beansprucht.“

„Und wieso ist er dann nicht der König?“

Vincent zögerte kurz, bevor er antwortete. „Die Ritter und Herzöge des Reiches stimmten mit seinem Anspruch nicht überein. Wie wir heute stehen, herrscht mein Vater über die nördlichen Kronlande. Dies schließt Goldheim ein, die Heimat eines der Verräter. Außerdem hat er die nord-westlichen Teile Fendrons im Besitz, bis zur Hafenstadt Lyth Valor. Mit dem Herzog von Fendron und dem Verweser der Kronlande besteht ein brüchiger Waffenstillstand, Herzog Helmbrecht von Rethas erkennt den Anspruch meines Vaters an. Dafür stellt ihm Tandor Truppen zur Seite, um sich gegen Rebellen und Verbrecher zu wehren, die sein Herzogtum bedrohen.“

„Interessant.“, gab Daron zurück. Denn in der Tat waren die genauen Begebenheiten, die Vincent preisgab, von höchstem Interesse für ihn. „Und was ist Eure Aufgabe?“, fragte er neugierig.

„Mein Vater hat mich mit meinen Männern aus Taarl fortgeschickt, um sein Reich zu erkunden. Er gab mir den Auftrag zu verstehen, wie die Situation in den einzelnen Städten und Burgen ist. Meist reise ich verdeckt, deshalb auch nur die kleine Eskorte. Aber nun bist du an der Reihe, von deinen Ländern zu erzählen. Sag, wie war Kargat? Ich kenne das Königreich nur als Feind, doch habe es nie sehen können.“

Daron lächelte ob des Interesses des jungen Adeligen. „Das werde ich gerne lang und breit erzählen. Allerdings bin ich im Moment recht erschöpft, aufgrund der Geschehnisse.“, gab er zu Bedenken.

Doch Vincent winkte ab. „Dann eben später. Was hältst du davon: Du willst doch sowieso die Länder erkunden. Begleite mich auf meinen Reisen durch Tandor. Ich finde dich interessant, Daron. Und dann wird mir auf keinen Fall langweilig, während du unter meinem Schutz stehst. Wie hört sich das an?“

Daron verneigte sich dankbar. „Vielen Dank, Euer Gnaden. Das hört sich sehr gut an, und ich würde den Vorschlag dankend annehmen.“

„Sehr gut.“, antwortete der Sohn Tandors. „Ach, und Vincent ist ausreichend.“

Kapitel 5

Helmbrecht schaute auf seine zitternden Hände hinunter, als er die Seiten umschlug. Er blätterte vorsichtig nach hinten. Für ihn schien es wie eine kleine Reise in die Vergangenheit. Gerne hätte er sagen wollen, eine Reise in die Jugend. Aber so weit blätterte er nicht zurück. Nur einige Jahre, bis zu jenem Jahr, das als Jahr des Blutes in die Geschichte eingegangen war.

Er seufzte und studierte die Worte, die doch die Grausamkeit der Realität kaum fassen konnten. König Priovan, der letzte Erbe St. Gilberts, wurde vom Verräter Heinrich von Goldheim getötet. Dieser wurde von Herzog Celan von Tandor niedergestreckt, doch das Leben des Königs konnte nicht mehr gerettet werden. Es war die offizielle Version der Geschehnisse in Elorath, die er in das Buch des Herzogtums geschrieben hatte. Noch immer zweifelte er an der Version des Herzogs, aber es spielte auch keine Rolle. Wahrheit war relativ, das hatte er Celan schon vor vielen Jahren geraten. Mit dem Alter wurde diese Erkenntnis immer deutlicher. Nun hatte er so viele Jahre hinter sich, wie kein Mensch, den er je gekannt hatte. Doch das Schicksal wollte noch immer nicht seinen Tod. Stattdessen hatte es das Leben aller anderer seiner Verwandten und Nachkommen beendet.

Er erinnerte sich an jenes Jahr zurück. Nachdem er die Nachricht vom Tod des Königs erhalten hatte, hatte er sich persönlich auf die anstrengende Reise nach Elorath aufgemacht. Trotz seines Alters. Es war das letzte Mal gewesen, dass er Grünburg verlassen hatte. Doch es war seine Pflicht gewesen, als Herzog und Ritter. Denn das Reich wollte regiert werden, gerade in schweren Zeiten. Und dies konnte nur aus Elorath geschehen, aus dem Rittersaal. Damals schien ihm die Zukunft noch so gewiss. Celan würde König werden, als Nachfolger von Leodegar. Forgat würde sich diesem sowieso beugen, er wollte am liebsten Rethas in Sicherheit wissen, und die überlebenden Ritter würden sich fügen oder sterben. Schon bald, wenn seine Zeit abgelaufen war, würde sein junger Enkel Helmbrecht, Sohn seines zweitältesten Sohn, das Herzogtum führen. Es schien so einfach. Doch es sollte alles anders kommen.

Er erinnerte sich noch wie gestern, als er bereits im Rittersaal saß. Die Banner der Verräter waren entfernt, die Schwerter von Eleonora, Ulf und Heinrich bereits an ihren Platz gebracht. Während er und Celan sprachen, waren Alois und Forgat in den Saal getreten. Was folgte, waren wüste Beschimpfungen, und nur seine beruhigenden Worte hatten verhindert, dass die Ritter direkt die Klingen kreuzten. Doch die Situation hatte sich schlagartig geändert.

Forgat berichtete vom Wunder von Liamtal, von der Rückkehr des Boten der Trias, wie er Fürst Elian bezeichnete. Und von dem Erben St. Gilberts, der lebte und eines Tages unter dem Segen der Trias nach Valorien zurückkehren würde. Ein Tag, für den Forgat nun beten würde.

Alois war in dieser Hinsicht strategischer. Er warf Celan den Verrat vor, dessen Heinrich bezichtigt war und erzählte von den Befehlen Ulfs, die junge Ritterin Eleonora zu töten. Doch viel wichtiger war: Er hatte mit seiner Streitmacht wichtige Posten der Kronlande besetzt und die Stadtwache Eloraths auf seine Seite gezogen, die alle Soldaten Tandors innerhalb der Stadt verhaftet hatten.

Was folgte, war nicht mehr zu verhindern. Celan schaffte es noch, aus der Stadt zu fliehen, die er gerade noch als seine geglaubt hatte. Helmbrecht selbst hatte Alois und Forgat offen seine Unterstützung für Celan mitgeteilt. Weniger aus dem eigenen Wunsch, diesen auf dem Thron zu sehen, als vielmehr in der Angst um Rethas, in dem sich wohl mehr Tandorer und Urben als rethanische Soldaten aufhielten. Denn diese unterstanden zu der Zeit Alois. Doch er rief Rethas als neutral aus und zog sich zurück. Wenn er auf die Wirren dieses Jahres zurückschaute, war das wohl die beste Entscheidung gewesen. Denn so hatte sich der Krieg nicht nach Rethas ausgebreitet und er hatte nur gegen die Partisanen von Arthur kämpfen müssen.

Seitdem war das Land nicht mehr zu Ruhe gekommen. Seine Hoffnungen in den Sohn von Eilert waren jäh durch dessen Tod zerbrochen worden. Ein Sturz vom Pferd hatte am Ende gereicht, eine Wunde zu schlagen, die den jungen Erben in den Tod gerissen hatte. So blieb dem alten Herzog nur mehr Lerke, die Tochter des jüngsten Sohn, Rainald, der einst in Elorath bei dem Versuch starb, den König zu ermorden. Nach deren geplanter Hochzeit mit dem Erben von Tandor würde seine Linie nun also erlöschen und das einstige stolze Herzogtum Rethas dann wohl auch de jure in Tandor aufgehen. Der Lauf der Geschichte war eben nicht aufzuhalten. Dennoch war es ein trauriges Ende für Rethas.

Mit zittrigen Händen schloss Helmbrecht das Buch und lehnte sich in dem Holzstuhl zurück. Er betrachtete den schweren Band. Ob Lerke das Buch weiterfüllen würde? Selbst wenn Rethas als Herzogtum nicht mehr bestand, seine Menschen würden weiterleben, und die Geschicke ihrer Heimat bestimmen. Doch die junge Herzogin würde wohl in Taarl residieren, das große Buch von Rethas aber hier in Grünburg verweilen.

„Euer Gnaden?“. Helmbrecht hörte die Stimme des Dieners. Er hätte ihn sonst nicht bemerkt. Seine Sinne waren wie die gesamten Kräfte seines Körpers geschwunden. Nur sein Blick war scharf wie eh und je.

„Ja?“, sagte er mit schwacher Stimme und signalisierte dem Mann mit einem Winken, näher zu kommen. Doch seine Augen hielt er fest auf dem Buch, während sich der Diener in seinem Rücken näherte.

„Euer Gnaden, der Herzog von Tandor ist angekommen und wünscht Euch zu sprechen.“

Helmbrecht nickte. „Und wie gerne wäre er als König Valoriens angekündigt worden…“, antwortete er leise.

„Wie meint Ihr, mein Herr?“

„Schon gut.“, sagte Helmbrecht. „Hilf mir bitte.“, wies er den Diener an. Dieser trat sofort näher und reichte dem alten Herzog einen Arm um ihn zu stützen. In die freie rechte Hand des Herzogs gab er ihm einen Stock, auf dem sich der alte Mann zusätzlich stützen konnte. Erneut spürte Helmbrecht, wie viel Kraft es ihn kostete, nur aufzustehen. Der kurze Weg in die große Halle würde ungleich anstrengender werden.

Eigentlich hätte er ob seines Alters und Gebrechens sein Leben im Bett verbringen müssen. Um langsam und siechend zu sterben. Aber er wollte nicht ein solches Bild abgeben. So war die kleine Schreibkammer ein willkommener Platz. Man konnte sitzen, stundenlang und lesen, oder sich einfach ausruhen. Und niemand störte einen. Doch jetzt musste er wieder in die Welt dort draußen zurück. Die Welt voller Lügen, Verrat, Intrigen, Mord und Totschlag. Der Welt, der er eigentlich überdrüssig war. Aber das Schicksal ließ ihn nicht frei.

„Der Graf von Ostwacht ist auch eingetroffen.“, sagte der Diener, als sie einige Schritte gegangen waren. Helmbrecht nickte, antwortete aber nicht. Natürlich, Valentin war auch gekommen. Er war über die letzten Jahre zu einem treuen Diener von Celan verkommen. Mit einem Auge hatte er stets auf Rethas geschielt, das er doch so gerne selbst beherrschen wollte. Aber Celan würde dies nicht erlauben. Helmbrecht selbst wollte einfach nicht sterben. Beides nicht gut für die Ambitionen des Grafen.

Als er mit langsamen Schritten so auf die Wendeltreppe nach oben zuging, dachte Helmbrecht an jenen Tag vor fast sechzehn Jahren zurück. Er war auch in der Kammer gesessen, als der junge König mit Graf Valentin und Freiherr Arthur nach Grünburg gekommen waren, um ihn zu demütigen. Es war das letzte Mal gewesen, dass er Priovan I. gesehen hatte.

Damals dachte er, dass er wohl ein schlechter König für Valorien war, zumindest für Rethas. Heute war er sich nicht mehr sicher. Die Zeit ohne Herrscher war wohl ungleich schlechter für das Land. Er seufzte. Ein Herrscher Celan würde Valorien wohl auch nur Unglück bringen. Doch war dies wohl die wahrscheinlichste Zukunft.

Der Herzog von Rethas hörte die laute Stimme und die stampfenden Schritte von Graf Valentin schon aus einiger Entfernung. Der Ritter aus Ostwacht war über die Jahre immer aufbrausender geworden. Das Chaos im Land hatte sich scheinbar auf sein Gemüt übertragen. An manchen Tagen dachte Helmbrecht fast, die Persönlichkeit seines alten Weggefährten Heinrichs in Valentin zu sehen. Aber es gab einen großen Unterschied: Der Graf von Ostwacht war nicht nur aufbrausend, sondern auch verschlagen. Einen Charakterzug, den er sich wohl eher bei seinem Förderer Celan angeeignet hatte. Sowieso hatte sich Helmbrechts Bild über den jüngeren Mann von Jahr zu Jahr verschlechtert. Nicht verwunderlich, immerhin hatte der Graf die ganze Zeit auf seinen Thron geschielt. Und seine Enkelin. Doch wie es aussah, würde ihm beides verweigert bleiben.

Als er gestützt von dem Diener durch die offene Tür trat, sah er in der Tat seine beiden Ritterbrüder als einzige Personen. Valentin stapfte aufgeregt auf und ab. Seine körperlich imposante Gestalt hatte sich über die letzten Jahre kaum verändert, nur das Blond der Haare und des Bartes waren einem Weiß gewichen. Celan hingegen saß ruhig an einem der kleineren Tische am Rand der Halle und nippte ruhig an einem Weinbecher. Seine Augen fokussierten Helmbrecht sofort, als er den Raum betrat. Während der Herzog von Tandor äußerlich gealtert war – die einst schwarzen Haare waren von sichtbaren grauen Strähnen durchzogen und das Gesicht war gegerbt und von Falten gezeichnet – hatte sich die Kraft in seinem Blick nicht abgeschwächt. Es war diese Mischung aus arroganter Überlegenheit, unbändigem Ehrgeiz und einer gewissen Verschlagenheit, die ihn schon als jungen Mann gekennzeichnet hatte. Schon als ihn Helmbrecht als Knappen ausgebildet hatte.

„Helmbrecht!“, rief Graf Valentin laut aus, als er den Herzog sah. „Das ist alles deine Schuld! Ich habe dir schon im letzten Jahr gesagt, dass wir die Schwäche von Freital ausnutzen müssen, um ihn endgültig in die Knie zu zwingen. Wir hätten ihn aus den Wäldern treiben müssen, wie ein Wildschwein. Nun hat er uns in der Hand. Und keine deiner Soldaten konnten das verhindern!“

Helmbrecht lächelte Valentin milde an. Er war es mittlerweile gewohnt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und sein Alter erlaubte ihm nicht mehr die Kraft, um sich mit Valentin oder Celan zu streiten. Gestützt von dem Diener ging er also weiter auf den Tisch zu, an dem Celan saß.

„Für dich Valentin heißt es immer noch ‚Euer Gnaden‘“, wies er den Grafen ruhig aber bestimmt zurecht. „Des Weiteren würde ich dich bitten, einen sehr alten Mann zunächst zur Ruhe kommen zu lassen, bevor du mich mit Tiraden bewirfst.“

Valentin blieb stehen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Die Worte Helmbrechts waren entwaffnend, und er wusste auch nichts zu erwidern, sodass Helmbrecht genug Zeit blieb, sich in Ruhe zu setzen. Der Diener zog den Stuhl leicht zurück und der alte Herzog ließ sich erleichtert auf die Sitzfläche sinken.

„Ah, viel besser. Nun, junge Freunde. Willkommen in Grünburg. Mir scheint, ihr seid hier in letzter Zeit öfter, als es uns allen beliebt.“, sprach Helmbrecht ruhig weiter. Er bemerkte, wie ihn Celan weiter mit seinem Blick fokussierte, ohne etwas zu sagen. Stattdessen nippte er erneut an seinem Weinbecher.

„Ach, und ihr trinkt meinen Wein leer. Nun gut Diener, für mich bitte ein Becher mit Wasser und einem kleinen Spritzer des Roten aus dem Ylonischen Bund.“, wies er den Diener an und beobachtete, wie dieser die Halle aus einem Diensteingang verließ. Dann schaute er wieder herausfordernd zu Valentin und dann Celan.

„Also, was verschafft mir die Ehre?“

„Das weißt du genau so gut wie wir. Dieser Verräter läuft nun seit fast zwei Jahrzehnten ungestraft durch dein Herzogtum. Und nun hat er einen Sohn Tandors und deine Enkelin in seiner Gewalt. Der treue Dolf ist tot. Und alles, weil du zu untätig gewesen bist.“

„Valentin, in diesem Land führst du die Truppen bereits seit Langem. Mir scheint die Unfähigkeit der tandorischen Eskorte auch eher ein Grund für diese Entführung als meine Person.“, entgegnete der Herzog. Im Vergleich zu vielem anderen hatte ihn sein Verstand noch nicht verlassen.

„Es ist auch deine Enkelin, die in den Händen dieses Mannes ist.“, erwiderte Valentin weiter energisch. „Du bist ein verblendeter alter Mann.“

„Immer noch ‚Euer Gnaden‘“, mahnte ihn Helmbrecht. „Und dieser Mann ist ein Ritter Valoriens…“

Er senkte den Blick leicht. Ja, sein erster Gedanke, als er die Nachricht erhalten hatte, war ähnlich wie die Reaktion Valentins gewesen. Es ging immerhin um Lerke, seine letzte Nachfahrin. Und der letzte Sonnenschein in seinem Leben, das doch sonst von dunklen Wolken überschattet wurde. Aber je länger er darüber nachgedacht hatte, desto ruhiger war er geworden. Ja, Arthur von Freital war auf keinen Fall ein schlechter Mann. Er war im Gegenteil einer der ehrlichsten und offensten Männer, die Helmbrecht in seinem langen Leben kennen gelernt hatte. Und er war ein Ritterbruder Valoriens, Träger von Blutstein. Er würde sich nicht an einem jungen Mädchen vergreifen, selbst wenn es seinen Plänen zuträglich war. Je länger Helmbrecht in den letzten Jahren über Arthur nachgedacht hatte, desto weniger konnte er in ihm einen Verräter sehen. Vielleicht war er selber der eigentliche Verräter an Rethas. Doch dies konnte er nun nicht mehr ändern. Dennoch teilte er die Sorge von Valentin mittlerweile nicht mehr.

„Helmbrecht.“ Es war die tiefe und kraftvolle Stimme von Celan, die den alten Herzog aus seinen Gedanken riss. „Du wirst dafür sorgen, dass mein Sohn und meine zukünftige Schwiegertochter befreit werden. Koste es, was es wolle.“

„Du überschätzt meine Möglichkeiten.“

„Du…“, wollte sich Valentin gerade wieder lautstark zu Wort melden, wurde aber jäh von einer Handbewegung von Celan zum Schweigen gebracht. Auf ein Nicken des Herzogs von Tandor hin nahm stattdessen auch der Graf am Tisch Platz.

„Ich stelle nur Tatsachen fest.“, fuhr Celan fort. „Entweder du schaffst es, sie zu befreien, oder ich werde Rethas mit Krieg überziehen. Feuer und Eisen werden regieren, bis die Kinder frei, oder gerächt sind. Dein Land wird brennen.“

Es war die ruhige Art von Celan, die die Drohung erst glaubwürdig machte. Diese Kälte, mit der der Herzog von Tandor schon jetzt fast die Hälfte Valoriens unter seine Hand gebracht hatte. Mit Rethas würde sein Reich noch weiter wachsen. Helmbrecht zweifelte keinen Moment daran, dass Celan seinen Worten Taten folgen lassen würde. Aber er schüttelte nur resigniert den Kopf.

„Tu das, Celan. Bald ist es sowieso dein Land. Oder denkst du, dass ich meinem Schicksal noch lange entrinnen kann?“, antwortete er dann herausfordernd.

„Ich habe bereits heute Reiter entsendet. In die Alrinnen, nach Freital und in alle anderen Ecken deines Herzogtums.“, entgegnete Celan kühl.

„Dann ist ja allem Sorge getragen.“, antwortete Helmbrecht. „Und was wünschen wir noch zu besprechen? Oder habt ihr dafür einen so langen Weg auf euch genommen?“

Kurz lag Stille im Raum, bevor sich Valentin mit einem Räuspern zu Wort meldete. „Alois hat uns Boten geschickt. Er wünscht die Runde der Ritter in Elorath zu sammeln, um über die Verteidigung Valoriens zu sprechen. Er sichert freies Geleit, bei seiner Ehre als Ritter. Was werden wir tun?“

Celan schaute erwartungsvoll zu Helmbrecht. Der Herzog von Tandor hatte seine Gedanken schon gebildet, dessen war sich der alte Ritter sicher. Und dennoch fragten sie ihn nach seiner Meinung. Immerhin war noch immer er der Herzog von Rethas und traf seine eigenen Entscheidungen.

„Mmh“, war seine erste Antwort. Er überlegte. Alois. Wer hätte gedacht, dass jener Mann, den man eigentlich als den am wenigsten mutigsten Ritter wahrgenommen hatte, derart für das Reich aufstehen würde. Und für die Linie St. Gilberts. Wenn, wie das Gerücht ging, diese nicht mit dem jungen König untergegangen war. Helmbrecht hörte noch immer die Spötter nachhallen, als Alois von Priovan zum Ritter geschlagen wurde. Ein prächtiger Turnierstreiter, der noch nie einen wahren Kampf geschlagen hatte. Auch in der Rebellion Berlans war er oft zögerlich gewesen. Doch nach dem Tod seiner beiden Ritterbrüder in der Schlacht zwischen Ulf und Lora hatte sich der Mann gewandelt. Das Auftreten des Ritters aus Fendron im folgenden Disput um Elorath hatte Helmbrecht beeindruckt und sein Bild des nun herrschenden Reichverwesers geändert. Auch die Beharrlichkeit, mit der er die Kronlande gegen Celan verteidigt hatte, war beeindruckend gewesen.

„Was will er denn von uns?“, fragte Helmbrecht schließlich und schaute insbesondere zu Celan, der doch immer so gut informiert war. „Ich dachte, wir befänden uns bereits in einem Waffenstillstand.“

Erneut war es Valentin, der für den Herzog aus Tandor antwortete. „Sein Bote war unklar. Zumindest will er alle verbliebenden Ritter vereinen, somit wird auch Forgat dort sein. Zumindest wenn er sich nicht gerade mit seiner Priesterin im Bett befindet, um der Trias zu huldigen.“, fügte er spitz hinzu.

Helmbrecht zuckte schließlich mit den Schultern.

„Ich habe keine Zweifel an der Ehrhaftigkeit Alois‘. Wenn es Belange des Reiches gibt, sollten die Ritter in Elorath zusammentreten, obwohl wir uns in den letzten Jahren bekämpften. Ich werde jedoch selber die Reise aus verständlichen Gründen nicht antreten können.“

Celan nickte zustimmend. „Ja, so denke ich auch. Wir wollen uns anhören, was Alois zu sagen hat, während meine Männer Arthur jagen. Valentin wird dich bestimmt würdig vertreten.“

Die Worte des Herzogs von Tandor hatten etwas Abschließendes. Helmbrecht seufzte erleichtert, diese Begegnung offensichtlich auch überstanden zu haben.

„Also, meine Gäste, dann fühlt euch bis dahin in Grünburg willkommen. Ich werde mich nun aber zurückziehen.“, sagte der alte Herzog und wurde sofort von einem Diener gestützt, als er sich daran machte, aufzustehen.

Mit ihm erhoben sich auch Valentin und Celan. Helmbrecht schaute dem anderen Herzog noch in die Augen. Ganz kurz glaubte er die gleiche Müdigkeit zu erkennen, die er spürte, seit Rainald die Krone verraten hatte. Doch es war nur für einen Moment. Dann wich diese wieder der bekannten Kälte. Und der Gewissheit, dass Rethas brennen würde, wenn Arthur den Sohn Tandors nicht frei lassen würde.

„Wollt ihr euch nun hinlegen, Euer Gnaden?“, fragte der Diener den alten Herzog, als sie seine große Kammer betraten. Helmbrecht schüttelte den Kopf, jedoch mit einem milden Lächeln, das ihm etwas Großväterliches gab.

„Nein, mein Junge. Begleite mich doch kurz noch auf den Balkon. Ich möchte noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen. Bald werde ich genug liegen können.“

„Natürlich mein Herr.“, antwortete der junge Diener und führte Helmbrecht zu der kleinen Holztür, die auf einen Balkon führte, der einen Blick über Grünburg und die davorliegenden Wälder erlaubte.

„Danke.“, sagte der Herzog und stützte sich dann an der Balustrade des Balkons ab, während er seinen Blick über sein Volk schweifen ließ. Je näher er den kalten Hauch des Todes spürte, desto mehr dachte er über sein langes Leben nach. Hatte er alles richtig gemacht? Würde er als guter Herzog Rethas‘ in die Geschichte einziehen? Oder als gescheiterter Letzter? Unter drei Königen hatte er gedient, nur um dann das Ende der Linie ansehen zu müssen. Sein Volk hatte zu oft gelitten. Doch was hätte er tun können?

Im Nachhinein bereute er gar nicht mal viel. Er hatte stets versucht, die besten Entscheidungen in der jeweiligen Situation zu treffen. Nur eine Sache bereute er: Er hätte Arthur von Freital mehr vertrauen müssen, nicht Valentin, nicht Celan. Der Ritter aus dem kleinen Freital war ein aufrichtiger Mann, dem seine Loyalität zum Verhängnis geworden war. So war auch seine Sorge um Lerke kleiner, als die Sorge Celans um seinen Sohn. Nein, Arthur würde die junge Frau nicht zu Schaden kommen lassen. Natürlich war sie ein wertvolles Pfand, aber der Ritter würde niemals den ultimativen Preis verlangen. Nein, Lerke war im Moment sicher. Es war sein Herzogtum, um das er sich nun Sorgen machen musste.

Kapitel 6

Die Nacht war trotz des Frühlings kalt. Obwohl der Waldboden an vielen Stellen bereits von den ersten Frühblühern durchbrochen wurde, fühlte sich Taskor eher wie im Herbst. Oder gar im Winter. Denn Winter war es fürwahr für Kargat. Vielleicht der Winter eines sterbenden Reiches. Er schien den letzten Keim der Hoffnung in den Händen zu halten. Doch dieser war zerbrechlich, und selbst wenn er sprießen sollte, war es unklar, ob das Königreich Kargat wieder aus dem Winter erwachen konnte.

„General, ich kann nun die Wache übernehmen.“, hörte Taskor die dunkle Stimme von Eggbert, der zu ihm ans Feuer trat.

„Danke. Wieso nennst du mich noch so?“, fragte er den alten Veteranen.

„Wie? General? Weil Ihr das doch seid. Ihr seid General der Streitkräfte Kargats und Anführer unserer Truppen. Obwohl ich meine Differenzen mit der Armee hatte, respektiere ich Euch noch immer. Und Euren Titel.“

Taskor nickte gedankenversunken, den Blick ins Feuer gerichtet.

„Ich glaube nicht mehr, mich General nennen zu können. Immerhin habe ich weder Armee noch Königreich. Noch trage ich eine Rüstung.“, sagte er. Er schaute an sich hinunter und dann zu den beiden schlafenden Frauen. Schnell nach ihrer Flucht aus Härengar hatten sie sich ihrer edlen Kleidung und der Rüstung entledigt. Auf der Flucht war beides nur störend, bei einem echten Angriff würde es kaum helfen, und die Gefahr erkannt zu werden war mit solch auffälligen Gewändern deutlich größer. Doch mit der Rüstung war auch das Gefühl gewichen, ein großer Heerführer zu sein. Taskor, der Schwarze General, hatte man ihn genannt. Nun sah er aus wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Immerhin passte er somit zur Lage im Land. Er wusste nicht mal mehr, ob es noch eine kargatianische Armee gab. Große Teile waren in Härengar mit dem König untergegangen. Ob sich die überlebenden Soldaten irgendwo gesammelt hatten, wusste Taskor nicht. Im Moment galt seine Aufmerksamkeit auch etwas anderem.

„Ich glaube nicht, dass man einen solchen Titel einfach abstreifen kann. Immerhin habt Ihr uns mehr als einmal erfolgreich in die Schlacht geführt. Man kann nicht jeden Kampf gewinnen. Dennoch seid Ihr hier und lebt noch. Genauso wie die Königin und Prinzessin“

„Uns? Hast du in meinem Regiment gedient?“

Der alte Veteran nickte, schaute aber wortlos ins Feuer.

„In den Südlandkriegen?“, hakte Taskor nach.

„Ja, gegen die Ylonier.“, antwortete Eggbert. „Und in Valorien.“, fügte er hinzu.

Valorien. Taskor dachte all die Jahre zurück. Es hätte sein großer Triumph sein sollen. Bis zu jenen Tagen hatte er gedacht, die Niederlage mit Prinz Beorn wäre seine größte Schmach gewesen. Doch der Rückzug, der erneute Fall von Eisentor, die Demütigung, hatten dies übertroffen. Der Fall von Härengar bildete nun die dritte Niederlage in dieser Reihe. Doch wie Eggbert sagte, er lebte noch immer.

„Als wir die Brücke in die Heimat wieder passiert hatten, habe ich mich für immer von der Armee davon gemacht. Mein Glauben in die Streitkräfte und ihre Führung war für immer verschwunden, und meine Tochter brauchte einen Vater. Vielleicht war ich nicht immer der beste Vater, aber ich bin stolz darauf, was aus ihr geworden ist.“

„Du bist desertiert?“, fragte Taskor verwundert. Er hatte schon erfahren, dass Eggbert ein Veteran gewesen war, aber gegenüber einem General Kargats Desertation zuzugeben war in der Tat mutig. Immerhin stand darauf der Tod. Aber was hatte das in Zeiten wie diesen noch zu bedeuten.

„Ja. Es gab keinen Grund mehr, der mich gehalten hätte.“

Taskor antwortete nicht. Die Männer schauten wortlos in ihr Feuer. Beide hatten eine vollkommen andere Geschichte, doch ihre Wege hatten sich gekreuzt, und das Schicksal sie nun an diesen Ort geführt. Taskor erkannte viel von sich selbst in Eggbert. Was, wenn er in Armut, und nicht in das reiche Haus der Graufels hereingeboren worden wäre?

„General, könnt Ihr mir eine Frage beantworten?“, fragte dann Eggbert.

„Ich kann es versuchen.“

„Was ist damals in Valorien geschehen?“

Taskor seufzte. Es fiel ihm schwer, darüber zu sprechen. Andererseits hatte ein Mann wie Eggbert es nach so vielen Jahren wohl verdient, die Wahrheit zu erfahren. Immerhin half er nun, die letzte Erbin Wulfrics zu schützen.

„Ich habe Valorien unterschätzt. Insbesondere habe ich Herzog Celan von Tandor unterschätzt. Ich habe mich in eine Falle ziehen lassen, die doch nur den durchtriebenen Plänen dieses Mannes diente. Auch das Schicksal hat uns schwere Schläge verpasst.“, begann Taskor zu reden.

„Eine recht ungenaue Antwort auf meine Frage.“, brummte Eggbert und wollte sich schon abwenden. Taskor lächelte schmerzhaft, als er an die Zeit zurückdachte.

„Ja. Das stimmt. Der Fall von Eisentor war ein abgekartetes Spiel.“, sprach er aber weiter und hielt Eggbert so weiter am Feuer. „Die Valoren wurden anscheinend von den Urben von Herzog Celan hinterrücks ermordet und uns wurde die Pforte geöffnet. Doch ich in meinem Hochmut dachte, dass wir einer guten Fügung des Schicksals entgegen sahen und befahl den Marsch auf Elorath. Immerhin dachte ich, dass der König mit seinem Bürgerkrieg in Fendron gebunden war. Mit ihm die Streitkräfte des Feindes und der anderen Herzogtümer. Außerdem hoffte ich auf schnelle Verstärkungen durch eine Streitkraft von König Magnus. All dies trat nicht ein. Die Burg wurde kurz nach unserem Abmarsch von urbischen Reitern von valorischer Seite erneut eingenommen. Die Streitkraft von König Magnus machte sich auf dem Weg aus Härengar. Allerdings nicht nach Norden, um Valorien einzunehmen, sondern nach Süden, um den ersten Angriff des Kaiserreiches abzuwehren. Wir waren alleine und verloren, geschwächt vom Marsch, einigen Kämpfen und Krankheit, wie du wohl weißt. Doch dann erhielt ich ein Angebot.“

„Was für ein Angebot? Von wem?“, fragte Eggbert, als Taskor erst nicht weitersprach.

„Von einem Kriegsherrn der Urben. Narthas war sein Name. Ich werde mich für immer an diesen Moment erinnern. Er versprach uns freies Geleit nach Kargat, wenn wir unsere Zelte und Fackeln aufgebaut ließen und im Schutz der Dunkelheit fliehen würden. Ich wusste, dass dies nicht ehrenhaft und eine Schmach war, aber die Alternative war, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Alle Leben meiner Männer zu verschenken. Leben von Vätern wie dir, von Söhnen, Brüdern und Ehemännern. Doch die Bürde der Niederlage und der Schmach würde nur auf meinen Schultern liegen. Den Rest der Geschichte kennst du wohl.“, schloss Taskor die Erzählung ab. Was Eggbert dann sagte, verwundert Taskor.

„Danke, General.“, sagte der Veteran. „Danke, dass Ihr unser aller Leben bewahrt habt. So hat meine Tochter einen Vater. Hunderte Familien haben ihre Söhne, Väter, Brüder und Männer wiederbekommen.“

Der General nickte nur leicht als Antwort. Er wusste auch sonst nichts auf den Dank zu erwidern. Obwohl er ein Deserteur war, war Eggbert offensichtlich ein aufrichtiger Mann. Das hatte er schon in Härengar gespürt. Der Rest der Truppe war zwar im besten Fall bizarr, aber mittlerweile vertraute Taskor ihnen. Selbst dem verrückten Narren, der offensichtlich einige Knackse abbekommen hatte.

„In Ordnung, ich werde dann noch einige Stunden Ruhe suchen.“, sagte Taskor und erhob sich vom Lagerfeuer. „Sei wachsam. Hier gibt es mehr Gefahren als Kaiserliche…“, sagte er noch zu Eggbert, als er die Lagerstelle verließ, um sich unter einem der Bäume in eine Decke zu wickeln.

Ja, nicht nur durch Angreifer war dieses Land geplagt. Je mehr man sich von der Hauptstadt entfernte und in die abgelegenen Gegenden Kargats kam, desto größer wurde die Gefahr auf den Straßen. Einst waren es nur vereinzelte Räuberbanden gewesen. Doch sie hatten sich gesammelt, organisiert. Das Nachtrudel nannte man bald die Bande, die immer besser bewaffnet und koordiniert vorging. Fast zeitgleich mit seiner Niederlage in Valorien hatte sich die Gruppe formiert. Taskor war sich sicher, dass viele desertierte Soldaten, sowohl von der Front im Norden als auch um Süden, von ihrem Weg abgekommen waren. Soldaten wie Eggbert, der doch anscheinend einen etwas besseren Weg gefunden hatte. Einen etwas besseren Weg.

Es waren düstere Gedanken, die Taskor in den Schlaf begleiteten. Aber für Optimismus gab es in diesen Zeiten fürwahr nicht viel Platz.

Flammen. Es waren immer wieder die Flammen, die sie sah. Obwohl sie es nur aus der Ferne gesehen hatte, stand sie in ihrem Traum direkt neben ihren kleinen Geschwistern. Sie sah, wie das Feuer sich im Raum ausbreitete. Sie wollte weglaufen, doch ihre Füße bewegten sich nicht, wurden von den Schatten gehalten. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme wurde überlagert. Von den monotonen Trommelschlägen und –wirbeln und den Klängen der Flöten, die die marschierenden Männer antrieben. Ein Klang, einst entstanden aus Freude an der Musik, zum Vergnügen der Massen, der doch pervertiert worden war. Nun für immer der Klang des Todes für sie war. Nein, sie wollte sie retten. Tyl. Adela. Sie musste sie retten. Sie streckte ihre Hand aus, wollte sie greifen. Doch sofort schlugen die Flammen um sie. Hitze umgab sie. Sie wollte nicht aufgeben.

„Tyl. Adela. Greift meine Hand!“, wollte sie rufen. Doch ihrem Mund entsprangen keine Worte, nur weitere Flammen. Sie erkannte, wie das orange Licht die beiden Kinder umgab. Sich durch Kleidung und Fleisch fraß, nur schwarzen Ruß hinterließ. „Nein!!!“, wollte sie schreien, ob der sterbenden Geschwister, doch immer noch erklang kein Laut. Der Lärm des Todes überlagerte alles. Fast alles. Aus den Flammen hörte sie die flehenden Schreie der Sterbenden.

Sonya. Sonya. Sonya.

„Sonya, wach auf!“

Sie riss die Augen auf und spürte den Schweiß auf ihrer Stirn, über den der kühle Wind der Nacht strich. Über ihr gebeugt erkannte sie nun die Person, die wirklich zu ihr gesprochen hatte.

„Mutter, was…?“, wollte sie fragen, die Stimme noch immer zu laut ob des Traums, wurde aber jäh unterbrochen als ihr Königin Hega die Hand auf den Mund legte.

„Schsch!“, machte sie einen Laut und flüsterte dann weiter. „Irgendetwas stimmt nicht.“

Sonya spürte noch immer ihren schnellen Atem. Sie versuchte sich zu beruhigen. Zu lauschen. Fast schon befürchtete sie die Trommeln und Flöten zu hören, aber dies schien nur aus ihrem Traum nachzuhallen. Erst schien der Wald ruhig zu sein, doch dann hörte sie das Schnauben von Pferden.

Wieso hatte sie ihre Wache nicht gewarnt? Reiter musste man doch aus großer Entfernung bemerken. Sie wollte gerade etwas sagen, als ihre Mutter erneut die Hand über ihren Mund legte. Langsam krochen die Frauen in das nahe Unterholz, in die Dunkelheit.

Der erste lautere Klang waren die schweren Stiefel eines Mannes, der aus dem Sattel seines Pferdes sprang. Trotz des weichen Waldbodens konnte man dies deutlich vernehmen. Die Rüstung klimperte. Der Mann musste eine Metallrüstung tragen. Vielleicht sogar Platte. Also eher ein Soldat, denn ein Bandit.

Sonya schaute aus den Büschen hinaus, in die sie ihre Mutter gezogen hatte. Eingewickelt in ihre Mäntel waren sie wohl in der Tat kaum zu sehen. Sie schaute auf. Wollte sehen, wer dort war. Nur kurz konnte sie ihren Blick über ihr Lager schweifen lassen, bis sie ihre Mutter wieder hinunter zog. Doch sie hatte genug gesehen. Zu viel gesehen.

Sonya presste ihre Hand vor ihren Mund, um nicht aufzuschreien. Sie hatte das Lagerfeuer gesehen. Den Grund, wieso sie niemand gewarnt hatte. Eggbert Einauge, der alte Veteran, hatte neben dem Feuer gelegen. Im Rücken mehrere Bolzen. Hinter den Flammen war eine Gestalt aus dem Wald getreten. Das orangene Flackern der Flammen sah wie in ihrem Traum aus, nur schwächer. Doch die goldene Sonne auf rotem Grund war Realität.

„Aufwachen! Im Namen des Kaisers!“, rief der Offizier laut über die schlafenden Gestalten hinweg. Sonya erkannte, dass die Sorge ihrer Mutter, der Königin, nur ihr gegolten hatte, der letzten Prinzessin Kargats. Die restlichen Gefährten lagen noch unwissend im Schlaf und wurden jäh aus diesem gerissen.

Taskor sprang als erstes auf. In der gleichen Bewegung wie er sich hochdrückte zog er seine Klinge aus der Scheide, die neben seinem Schlafplatz gelegen hatte. Für einen kurzen Moment wirkte er wieder wie ein junger Mann. Auch Florenzo und Benno sprangen hoch und zogen ihre Waffen, wobei man dem Jungen sofort wieder die Unsicherheit und Angst ansah. Doch es war Sinja, die danach am schnellsten reagierte.

„Nein, Vater!“, rief sie noch, bevor sie ihr Ziel fixierte. Eine Mischung aus Überraschung, Trauer und Hass sprach aus ihr, als sie ihre Dolche zog um nach vorne zu stürzen, um das Leben des kaiserlichen Offiziers zu beenden. Vielleicht war es Taskors schnelles Eingreifen, das ihr das Leben rettete.

Mit einem festen Griff an der Schulter zog er Sinja zurück, bevor diese sich auf den Mann stürzen konnte. Trotz der Lage schaffte es der General besonnen zu bleiben. Erst jetzt erkannten auch die anderen die Berittenen, die zwischen den Bäumen auf die Lichtung kamen. Fast alle trugen Armbrüste mit eingelegten Bolzen, zum Schuss bereit. Im Vergleich zu den schweren Armbrüsten der kaiserlichen Infanterie waren diese Waffen kleiner, aber gerade auf kurzer Distanz nicht weniger tödlich.

„Werft die Waffen auf den Boden, wenn euch etwas an eurem Leben liegt.“, sagte der Offizier mit fester Stimme und schaute dann kurz auf den toten Eggbert hinunter. „Indem ihr die Klingen gegen Soldaten des Kaisers erhebt, habt ihr euer Leben verwirkt wie dieser Mann. Aber vielleicht bin ich gnädig.“, fügte er noch hinzu und schaute dann mit aufforderndem Blick zu den Gefährten.

Benno ließ als erstes sein Schwert fallen. Auch Florenzo senkte die Klinge, steckte dieser aber in aller Ruhe in die Scheide. Taskor stieß seine Klinge in den Waldboden und schaute dann ernst zu Sinja. Die Tochter des Getöteten war die letzte, die ihre beiden Klingen fallen ließ. Gilmar saß wie eingefroren am Boden und beobachtete die Szenerie, wobei sich nur seine Augen nervös bewegten, während der Kopf vollkommen ruhig blieb.

„Wir sind einfache Reisende, die sich vor Banditen schützen wollen. Was will das Kaiserreich von uns?“ Es war Taskor, der als erstes sprach. Obwohl Florenzo offensichtlich auch einige Worte auf der Zunge gelegen hatten, war es die Besonnenheit des älteren Mannes, die die Stimmung etwas beruhigte. So senkten auch die Reiter ihre Armbrüste leicht, gleichzeitig stiegen allerdings noch mehr Soldaten aus dem Sattel.

„Ihr befindet euch im Kaiserreich der Sonne und es herrscht Kriegsrecht. Ihr hättet besser in eurer Heimat bleiben sollen, anstatt des Nachts durch die Gegend zu ziehen. Bewaffnet.“, entgegnete der Offizier kalt und wandte sich dann einen seiner Soldaten.

„Vierter Veran, lass diese Männer entwaffnen und durchsuchen. Wenn sie Widerstand leisten, tötet sie.“, befahl er kalt. Der jüngere Soldat, offensichtlich ein Unteroffizier der kaiserlichen Armee, signalisierte weiteren Reitern abzusetzen und ging auf die Reisenden zu. Seine Klinge musste er nicht ziehen, denn die tödliche Drohung der Armbrustschützen hing noch immer in der Luft.

Sonya beobachtete die Szene aus ihrem Versteck mit Unbehagen. Sie erkannte, wie die Soldaten die Gefährten mit Gewalt gegen Bäume drückten, während andere die Klingen einsammelten und begannen, das Gepäck zu durchwühlen. Es war die Ohnmacht über die Situation, die sie erzittern ließ. Ihre Mutter hielt sie noch immer im Arm. Beide versuchten so regungslos und leise wie möglich zu bleiben. Hier konnten sie nur beobachten, bangen und hoffen. Hoffen, dass sie nicht entdeckt wurden. Hoffen, dass die Kaiserlichen einfach weiterziehen würden. Hoffen, dass das Leben von Taskor und den anderen verschont werden würde.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen. Sie wurde gepackt. Kräftige Hände zogen sie und Hega tiefer in das Unterholz. Sonya wollte schreien, spürte aber wie eine dreckige und stinkende Hand ihr Stimme und Atem nahm. Dennoch war ein Rascheln zu hören, als sie nach hinten gezogen wurden, und sich instinktiv wehrten. Hatten sie die Kaiserlichen doch gefunden? Aber wieso würden diese darauf achten, dass sie nicht schreien?

„Still, meine Schöne.“, hörte sie das Flüstern einer tiefen Stimme an ihrem Ohr. Sie spürte den warmen Atem des Mannes, der sie fest im Griff hatte. „Schau einfach zu.“

„Da war etwas, schaut nach!“, hörte sie die laute Stimme des Offiziers über die Lichtung schallen. Drei Soldaten lösten sich von den restlichen Kaiserlichen und nahmen brennende Scheite aus dem Feuer, um die Dunkelheit des Waldes auszuleuchten.

„Jetzt!“, hörte Sonya noch die flüsternde Stimme an ihrem Ohr, dann vernahm sie schon das sirrende Geräusch fliegender Pfeile.

„Hinterhalt!“, hörte sie noch den Ruf des Unteroffiziers, doch es schien zu spät. Viele der getroffenen Soldaten fielen ohne Gegenwehr zu Boden, gespickt von Pfeilen. Die Armbrustschützen suchten ihre Feinde, konnten diese aber in der Dunkelheit nicht ausmachen. Dann plötzlich strömten mehrere Bewaffnete auf die Lichtung. Sie waren in dunklen Klamotten gekleidet, vorher mit dem Wald verschmolzen, und wirkten wie erfahrene Kämpfer. Blitzschnell zogen sie die Reiter von ihren Pferden, um sie am Boden niederzumachen. Der Kampf, der entbrannte, war kurz und einseitig.

Taskor selbst blieb gerade noch genug Zeit sein eigenes Schwert aufzuheben, nachdem seine Bewacher tot zu Boden gegangen waren, doch dann war er bereits umzingelt. Nun von anderen Bewaffneten, die aber nicht weniger feindselig schienen, wie die Kaiserlichen, die nun tot am Boden lagen.

Sonya wurde von ihrem Bewacher auf die Beine gezogen. Sie spürte die Kälte einer Klinge an ihrem Hals, als dieser sie nach vorne drückte und mit ihr die Lichtung betrat.

„Die Waffen fallen lassen.“, sagte ihr Bewacher entschieden.

„Irgendwie hatten wir das schon mal…“, konnte sich Florenzo einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen und ließ seinen Blick erst über die toten kaiserlichen Soldaten, dann über die neuen Angreifer schweifen.

„Mir scheint dieser Landstrich ist stärker bevölkert, als angenommen.“, erwiderte dann auch Taskor, ließ aber aufgrund der Situation, in der er Hega und Sonya sah, sofort seine Klinge fallen. „Lasst die beiden Frauen gehen. Sie sind für euch keine Gefahr.“, fügte er dann an den offensichtlichen Anführer gerichtet hinzu. Man konnte spüren, das Taskor ob dieser brenzligen Lage nervös war. Dennoch schaffte er es einen beherrschten Eindruck zu vermitteln.

„Wir haben euch schon länger beobachtet, genauso wie diese Soldaten. Dieser Wald gehört uns, und somit auch alles, was sich darin befindet. Dessen stimmst du mir doch zu, oder, General Taskor?“, antwortete der Mann. „Und nein, ich glaube nicht, dass ich diese besonders wertvollen Juwelen wieder frei lasse. Wann bekommt denn ein bescheidener Mann wie ich schon einmal die Chance, die Prinzessin Kargats im Arm zu halten?“

Sonya erkannte, wie sich die Augen Taskors weiteten, als ihre Tarnung offensichtlich aufgeflogen war. Woher kannte dieser Mann den General? Und sie? Doch dann gab Taskor selber die Antwort, als er die Augen zusammenkniff.

„Rufus. Rufus Failgrad.“

„Oh, mein General, wie schön, dass du mich nach all den Jahren noch erkennst.“

„Also bist du auch einer jener Männer, die zu einem räudigen Banditen geworden sind. Ich hätte Besseres von dir erwartet.“, warf ihm Taskor entgegen. „Und nun, was habt ihr jetzt mit uns vor?“, fragte der General.

„Wir werden sehen. Eine so wertvolle Beute sollte man gut geschützt an einen sicheren Ort bringen, nicht wahr?“, sagte der Mann mit einem Lächeln. Doch gleichzeitig lockerte er den Griff um Sonya und ließ die Prinzessin dann schließlich gänzlich los. Sofort lief sie zu ihren Gefährten, gefolgt von ihrer Mutter, die ebenfalls losgelassen wurde.

Während Taskor sich sofort vor Hega stellte, erkannte Sonya wie der junge Benno vortrat und sich zwischen sie und Rufus stellte. Erst jetzt konnte sie einen Blick auf ihren Bewacher werfen.

Er sah wirklich wie ein Bandit aus. Seine dunkle Kleidung verdeckte ein verdrecktes Kettenhemd, das aber an einigen Stellen sichtbar war. Seine Haare waren kraus und von grauen Strähnen durchzogen, genauso wild wie sein Bart. Sein Grinsen offenbarte einige Lücken, und dennoch war sein Blick nicht der eines gewöhnlichen Halsabschneiders. Er wirkte entschlossener, gefestigter.

„Woher kennst du diesen Mann, Taskor?“, fragte die Königin dann leise. Taskor behielt seinen Blick auf Rufus gerichtet, als er mit lauter Stimme antwortete, sodass alle Männer es hören könnte.

„Dies ist Rufus Failgrad, einstiger General der kargatianischen Streitkräfte, der mit seinem Flankenangriff die Schlacht am Tarrag entschied und damit den Sieg gegen den Ylonischen Bund einläutete. Doch anscheinend ist er von dem Pfad der Rechtschaffenheit abgewichen und hat sich den Gesetzlosen angeschlossen, die sich selbst das Nachtrudel nennen. Ist das nicht so, Rufus?“

„Fast, General Taskor. Mit der Ausnahme, dass ich mich durchaus auf der Seite der Rechtschaffenheit sehe. Nur eben nicht als Knecht der Krone, die aber nun sowieso gestürzt scheint. Aber wie ihr alle sehen könnt, stehen wir auch nicht an der Seite der neuen Besatzer.“, antwortete der Mann mit ruhiger Stimme.

„Wir brechen auf.“, befahl er dann seinen Männern. „Wenn sich unsere Gäste widersetzen, fesselt sie.“ Mit diesen Worten wandte sich Rufus ab und verschwand erneut in der Dunkelheit der Nacht.

Benno spürte jeden Knochen seines Körpers. Fast zwei Tagen waren sie durchgehend geritten und marschiert. Nur kurz hatten sie jeweils gerastet, um dann von Rufus und seinen Männern weiter getrieben zu werden. Immerhin hatten sie die Pferde der Kaiserlichen einfangen können, und konnten so wenigstens ab und zu im Sattel schlafen, nur um später weiterzumarschieren und die Pferde zu schonen. Mit jeder Stunde, die verging, hatte er noch mehr das Gefühl, dass diese Reise nie enden würde.

Bis zum Tag ihrer Flucht hatte der junge Mann Härengar noch nicht verlassen. Er war in eine einfache Familie geboren worden, der Vater Soldat, die Mutter half ihrem Bruder des Öfteren auf dem Markt. Er wäre auch lieber Händler geworden, oder Handwerker. Doch die Eltern hatten das Geld für eine Ausbildung nicht aufbringen können. Außerdem sah es sein Vater als gegeben an, dass Benno in seine Fußstapfen als Soldat der kargatianischen Streitkräfte treten sollte. So wurde er gerade in jenem Moment Teil des Militärs, als das Königreich an den Rand des Abgrunds gedrückt wurde. Es taumelte. Und Benno befürchtete schon des Öfteren, dass es fallen würde. Aber da war noch General Taskor Graufels. Königin Hega. Und natürlich die schöne Prinzessin Sonya, die er beschützen sollte. Er war außer dem General der letzte Soldat an der Seite der Prinzessin. In dem Moment, als sie aus Härengar geflohen waren, hatte er sich geschworen, Sonya mit seinem Leben zu schützen. Das war bisher eher schlecht gelaufen. Ja, sie lebte noch, aber sie befanden sich in Gefangenschaft, mit unsicherer Perspektive.

„Was seh ich da am Horizont? – Türme hoch, die Mauern breit – Doch schwarz vor Ruß ist deren Front – die stolze Burg aus andrer Zeit – Wo heute nur noch Geister schreiten – keine hohen Herren reiten – der Tod sein Heim gefunden hat – die alte Feste Dornat.“

Die Stimme des Narren, die durch das Geklimper der Glocken untermalt wurde, riss Benno aus seinen Gedanken. Er hob seinen Blick und erkannte die schwarzen Ruinen am Horizont.

„Ist das wirklich Dornat?“, fragte er, wollte er es doch nicht wirklich glauben, dass diese Banditen sie zu einem solchen Ort führen würden.

„Es scheint so.“, sagte Taskor. Benno schaute zu dem Narren. Er hatte schon öfter erkannt, dass Gilmar offensichtlich nicht mehr ganz klar im Kopf war. Nicht nur, weil er immer in Reimen sprach, sondern weil er auch sonst manchmal verwirrt oder abwesend wirkte. Aber dann gab es wieder Moment wie diese, wo er mit seiner schnellen Auffassungsgabe überraschte. Auch die Reime zu finden war eine Fähigkeit, die Benno beeindruckte.

„Wenn Böses Böses sucht – an einem Ort der ist verflucht“, begann Gilmar weiter zu reimen, nuschelte die weiteren Worte aber für die anderen unhörbar. Erst jetzt merkte Benno, dass auch die Banditen merklich ruhiger geworden waren. Die Burg warf einen Schatten auf das Land, der scheinbar alle Männer kleiner machte, einschüchterte.

„Wieso sollte jemand hier wohnen wollen?“, fragte nun Sonya und schaute dabei zu Taskor und Benno.

„Es ist offensichtlich ein Ort, an dem man nicht suchen würde. Außerdem ist die alte Ruine immer noch eine ordentliche Festungsanlage, wenn man sie ein bisschen ausbaut.“, mutmaßte Taskor.

„Wir sollten dort nicht hin reiten. Wenn nur die Hälfte der Legenden und Geschichten stimmt, sollten wir uns möglichst weit von diesem Ort entfernt halten.“, erwiderte Sonya. Benno nickte. Er wollte kein Feigling sein, aber auch er kannte die Geschichten.

Dornat. Einst Hauptstadt Kargats. Feste der Könige. Bis ein Bruder den anderen verriet und einen Dolch in den Rücken stieß. Ein Kampf entstand, der das ganze Königreich ergriff. Seit diesem Tag war der Sitz der Krone nach Härengar gewandert. Und die Geister der Gefallenen durchschritten die Ruinen der zerstörten und niedergebrannten Burg, auf der Suche, sich an jedem Kargatianer für den Verrat zu rächen. In alle Ewigkeit. Wer an diesen Ort ging, kam nicht mehr zurück. So viel wusste Benno. Man mied Dornat.

„Ich glaube kaum, dass wir eine Wahl haben.“, erwiderte Taskor trocken.

Kapitel 7

Daron war beeindruckt von der Vielseitigkeit des kleinen Valoriens. Obwohl es nur so groß war wie eine mittlere kaiserliche Provinz, bot es so viele Facetten. Von den reißenden Fluten des Calas, den flachen grünen Ebenen und Feldern, die vor Elorath lagen, den großen Forsten in Dämmertan und Rethas, die er aus der Ferne gesehen hatte, über den großen Königssee, bis zu den Dunkelzinnen im Norden. Jeder noch so kleine Landstrich schien sich zu unterscheiden, genau wie seine Bewohner. Er hatte Menschen am Eisentor getroffen, in Elorath, in Goldheim, in Tandor und nun würde er das nördlichste Freiherrentum, Valor Kath, kennen lernen. Obwohl der ständig schwelende Krieg auf dem Land lastete, hatten alle Menschen, die er gesehen hatte, auch ihre Geschichten von Hoffnung und Zuversicht. Dieses Land, das doch auch für ihn einst Heimat gewesen war, war in der Tat beeindruckend. Viel beeindruckender, als er es in Erinnerung hatte. Mehr als einmal hatte er sich an das eigentliche Ziel seiner Reise erinnern müssen.

„Sieh, Daron. Da vorne liegt Nordend. Unser Ziel für den heutigen Tag.“, sagte Vincent und deutete auf die kleine Siedlung, die von Palisaden umgeben wurde. Sie wirkte alles andere als beeindruckend, insbesondere gegenüber Städten wie Goldheim oder gar Elorath.

„Ist dies der Sitz des Freiherrn dieser Gegend?“, fragte Daron neugierig, wie er schon die gesamte Reise seinen Gastgeber über das Land ausgefragt hatte. Im Gegenzug hatte Daron Geschichten über die südlicheren Länder erzählt.

„Ja. Es ist die einzige befestigte Stadt in Valor Kath. Obwohl wir vor einigen Jahrzehnten von Barbaren aus dem Norden angegriffen wurden, sind die kleineren Dörfer nicht befestigt. Der Konflikt konnte schnell beigelegt werden und somit gibt es dafür keinen Grund mehr. Insbesondere jetzt, da die schützende Hand Tandors über diesem Land liegt.“

„Wer ist der Freiherr von Valor Kath?“, hakte Daron nach.

„Wichart von Rabenkamm. Ein treuer Diener meines Vaters, der in der Besatzung der nördlichen Kronlande eine wichtige Rolle spielte, und dafür belohnt wurde. Oder bestraft. Je nachdem, wie man es sieht.“

„Wieso bestraft?“

„Nun, mein lieber Daron, wie du siehst ist Valor Kath nicht gerade einladend. Es ist abgelegen und karg. Die Bewohner sind Tandor gegenüber feindselig eingestellt, obwohl wir sie in den Zeiten des Chaos schützten.“

Daron schaute den jungen Sohn Tandors fragend an. „Wegen der Besatzung? Also die Feindseligkeit?“

Vincent zuckte mit den Schultern, gab dann aber doch eine Erklärung. „Die Menschen von Valor Kath sind stolz. Sie waren es wohl schon immer. Doch noch schwerer wiegt wohl die Tatsache, dass sich die junge Freiherrin, die vor Wichart das Land beherrschte, innerhalb kürzester Zeit Respekt und Beliebtheit erarbeitet hatte. Obwohl sie das Reich verriet, scheinen noch viele Einwohner in Gedanken an ihr zu hängen.“

„Wer war sie?“, fragte Daron, obwohl er die Antwort selber kannte.

„Eleonora war ihr Name. Eleonora von Mondschein nannte sie sich. Die erste und bisher einzige Ritterin Valoriens. Von König Priovan geschlagen, mit dem sie auch ihre Knappschaft absolviert hatte. Viele Zungen behaupten, dass die Ernennung zur Ritterin mit mehr zusammenhing, als ihrer Stärke oder Tapferkeit. Aber man sollte über Tote nicht schlecht reden, selbst dann nicht, wenn es Verräter sind.“, fügte Vincent hinzu. Daron musterte ihn. Der junge Mann schien wirklich aufrichtig. Selbst gegenüber seinen Feinden schien er einen gewissen Respekt zu haben, der ihm etwas Ehrenhaftes verlieh.

„Was hat sie getan?“

Vincent seufzte. „Es war in dem Jahr, das wir nun das Jahr des Blutes nennen. Sie hat sich mit drei weiteren Rittern verschworen, die Macht im Land an sich zu reißen. Einer der drei wurde getötet, einer floh aus dem Land und der letzte, Arthur von Freital, marodiert mit seinen Männern in Rethas. Eleonora wurde in einer großen Schlacht niedergerungen und getötet, wobei sie auch einen weiteren Ritter tötete. Ulf von Darbenkort. Deswegen gibt es nicht mehr viele Ritter, denn ohne König wurden die Schwerter nicht weitergereicht.“

Daron senkte den Kopf. Große Schlacht. Nein. Es war ein sinnloses Gemetzel. Kurz war er versucht, Vincent zu widersprechen, hielt sich aber zurück. Was sollte der Sohn Tandors denn auch sonst sagen? Als dieses schicksalshafte Jahr über Valorien gekommen war, war Vincent noch ein kleiner Junge gewesen. Während Daron alles gesehen hatte. Die Schlacht. Die Toten. Eleonora. Die schöne Ritterin.

„Ein trauriges Ende. Ich hoffe auf eine bessere Zukunft für dein Land.“, sagte Daron. Vincent nickte nur. Ja, Valorien hatte eine bessere Zukunft verdient. Es brauchte Frieden, und nicht den ständigen Konflikt zwischen Herzögen und Rittern. Nicht noch mehr Krieg und Zerstörung. Doch manchmal musste eben noch ein letztes Feuer wüten, um Frieden zu bringen.

Zweiundzwanzig Jahre. Was einst Demütigung und Knechtschaft gewesen war, hatte sich in eine ehrenvolle Aufgabe gewandelt. Dennoch zählte Narthas jedes Jahr das verging, um seine Schuld zu begleichen. Mit jedem Jahr das vergangen war, war er im Respekt Herzog Celans gestiegen und hatte sich nun zu einem seiner wichtigsten Berater und Heerführer entwickelt. Vielleicht auch deshalb, weil er scheinbar der einzige Mann am Hofe von Taarl war, der dem Herzog die Stirn bot und seine Meinung aussprach. Trotz des Pfandes, das Celan in der Hand hielt. Seine Ehre als Krieger gebot es ihm. Der Herzog von Tandor würdigte seine Einschätzungen. Damals, vor zweiundzwanzig Jahren, hätte er niemals erahnt, Seite an Seite mit Celan um sein Reich zu kämpfen. Doch genau dies tat er. Deswegen war er nun in Valor Kath.

Er stand auf der kleinen Palisade, die Nordend umgab. Als die Stadt besetzt worden war, war ein großer Teil niedergebrannt. Doch dies war nun schon viele Jahre her und man hatte die Hütten und Häuser neu errichtet, viele sogar aus Stein. Tandor hatte der Stadt seinen Stempel aufgedrückt, nicht nur durch die Wolfsbanner, die an den verschiedenen Ecken im Wind flatterten. Der neue Freiherr hatte sein eigenes Gefolge mitgebracht, auch Handwerker aus Taarl waren gefolgt. Die nahen Nebelberge boten Erze für ihre Tätigkeiten. So waren auch mehrere neue Bergwerke entstanden, die die Schätze aus der Erde holen sollten. Die Stadt war regelmäßig erweitert worden, sodass die Palisade mittlerweile eher einem unförmigen Ei glich denn dem Kreis, der einst vorhanden war. Für Narthas war Nordend eines jener Beispiele, die den positiven Einfluss Celans auf das Land bewies. Bald würden mehr Orte folgen.

Der Blick des Khans der Urben schweifte über die Zelte, die im Norden der Stadt errichtet worden waren. Vor einigen Tagen hatte die Zahl der urbischen Soldaten die Einhundert überschritten. Jeden Tag kamen mehr an, in kleinen Gruppen. Celan hatte Valor Kath als Basis für seinen Plan gewählt. Narthas hatte ihm nach kurzer Überlegung zugestimmt, obwohl er erst Zweifel gehabt hatte. Valor Kath war abgelegen und lebensfeindlich. Viele der Vorräte mussten mit Karren aus anderen Freiherrentümern hergebracht werden. Bis zu der Grenze Tandors war es eine weite Entfernung. Eine starke Festung gab es nicht. Doch all dies waren Faktoren, die Celans Plan beflügelten. Den nächsten Angriff auf Fendron.

Seit einigen Jahren hatte sich ein stabiles Gleichgewicht zwischen Tandor, Fendron und den verbleibenden Kronlanden eingestellt. Doch dieses würde nicht mehr lange bestehen. Allerdings hatte der Waffenstillstand auch wieder Reisende angeregt, Händler, die durch ganz Valorien zogen. Und so auch Neuigkeiten übermittelten, aus den Städten und Dörfern, aber eben auch Militärbewegungen. Wenn Celan eine große Streitmacht aufgestellt hätte, vielleicht sogar direkt an der Grenze seines Reiches, wäre er sofort bemerkt worden. Forgat würde dann wohl seine Truppen sammeln um sich in einer seiner Burgen oder an einer Furt zu verschanzen, auf den Angriff wartend. So wie er es schon bei den bisherigen nicht erfolgreichen Angriffen getan hatte. Also hatte sich Celan für einen anderen Plan entschieden und wie schon so oft in den Kämpfen spielte Narthas dabei eine wichtige Rolle.

Kleine unscheinbare Truppen sammelten sich entlang der gesamten Grenze zu Fendron. Im Norden der einstigen Kronlande, in Auenstein, in Lyth Valor. Doch die größte Streitkraft von Reitern würde sich hier in Valor Kath sammeln, verdeckt vor den Augen des Feindes, der doch nicht in diesen entlegenen Winkel des Reiches blickte. Mit jedem Tag wuchs also die Truppe unter Narthas Befehl und in ein bis zwei Monaten würde der Angriffsbefehl erschallen. Bis dahin galt es ruhig und unscheinbar zu bleiben, die Männer bei Laune zu halten. Dem Freiherrn und den Bewohnern von Nordend waren die Urben als Verstärkung der nördlichen Grenze erklärt worden. Späher hätten Aktivitäten der Nordlande erkannt. Natürlich ein Vorwand. Zum einen hatte Narthas in diese Richtung keine Späher geschickt, zum anderen gab es jenseits der Berge wohl kaum etwas zu sehen.

Mit langsamen Schritten ging er die Palisaden weiter entlang und beobachtete die jungen Urben, die vor der Stadt mit Pferd und Bogen übten. Viele der Älteren hatten befürchtet, dass die junge Generation unter tandorischem Befehl verweichlichen würde. Narthas war anderer Meinung gewesen und sah sich bestätigt. Er führte ausgezeichnete Urben in die Schlacht, die den Geist der Steppe in sich trugen, obwohl sie weit entfernt der alten Heimat groß geworden waren. Sie waren furchtlos, stolz und stark, wie ihre Vorväter. Wie all die Krieger, die er in den letzten Jahrzehnten in die Kämpfe geführt hatte.

„Mein Herr.“, hörte Narthas eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und erkannte eine der Wachen von Wichart, dem Freiherrn. Er lächelte, amüsiert darüber, wie schwer es den Valoren immer noch fiel, eine Anrede für ihn zu finden. Er war Khan der Urben, ein Titel, den die Valoren nicht einzuordnen wussten. Doch seine Ausstrahlung forderte Respekt und er war bekannt als enger Vertrauter Celans, um nicht wie ein einfacher Mann angesprochen zu werden. So hatte er schon viele Varianten gehört und immer schien sein Gegenüber nervös.

„Ja, mein Junge?“, antwortete er mit hochgezogener Augenbraue.

„Mein Herr, der Freiherr schickt mich Euch zu holen. Es sind Gäste eingetroffen.“

„Gäste?“

„Ja...ja… mein Herr.“, stammelte der Bote, sichtbar unsicher ob der Reaktion des Khan.

„Wer?“

„Seine Gnaden, der Sohn von Herzog Celan.“

„Lumos ist hier in Nordend?“, fragte Narthas ungläubig. Doch der Mann schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Herr. Vincent von Tandor.“

Narthas nickte nur. Vincent war besser als Lumos, so viel war klar. Der jüngere Bruder war besonnener und umgänglicher als der Erbe des Herzogtums.

„Gut. Ich komme gleich.“, sagte er und signalisierte dem Mann mit einer Handbewegung zu verschwinden. Noch einmal drehte er sich um und blickte über seine Urben. Der Tag rückte näher, an dem sie das beenden würden, was er vor sechzehn Jahren begonnen hatte. Er erinnerte sich noch wie heute an den Abend nach der Schlacht, in der sie Ismar von Falkenheim geschlagen hatten. Erst an jenem Abend hatte Celan seinen Plan ausgebreitet, und ihn, Forgat und Ulf in seine Gedanken eingeweiht. Der geplante Fall von Eisentor, der die anderen Ritter auseinanderziehen sollte. Die Eroberung Eloraths von Innen. Der Tod von Geron, Heinrich, Arthur und Eleonora, der ja nur teilweise realisiert worden war. Schließlich die Übernahme des Throns durch Celan, dem Erben von Leodegar, dem Bruder des Gründervaters Gilbert. Obwohl sie viele Erfolge gefeiert hatten, war der Plan nicht vollständig aufgegangen. Er selbst hatte seinen Teil erfüllt. Eisentor erobert, die Kargatianer ins Land gelockt, die Burg zurückerobert, um dann den General des Nachbarlandes für seine Zwecke zu gewinnen. Aber der Tod Ulfs war ein Rückschlag gewesen, genau wie die Flucht Arthurs und Gerons und das Erstarken Alois‘. Doch all dies hätte wohl nichts ausgemacht, wenn Forgat von Fendron nicht seine religiöse Eingebung gehabt hätte, die die Machtverhältnisse geändert hatten. Narthas selbst glaubte nicht an jene Trias, wollte aber ihre Existenz auch nicht ausschließen. Wenn die Geister über die Steppen herrschten, konnte es auch andere Wesen geben, die ihre Reiche beanspruchten. Doch deren Einmischung kam zu einem schlechten Zeitpunkt. So hatte sich die ständige Situation des Krieges eingestellt, in der sie nun lebten.

Er seufzte und wendete sich ab. Obwohl er ein Mann des Kampfes war, war es in der Tat höchste Zeit, diesen Zustand zu beenden. Hierfür gab es nur eine langfristige Lösung: der Sieg Tandors. Nun war er gespannt, ob Vincent Nachrichten von seinem Vater brachte, die diesen Plan weiter befeuerten. Dann machte er sich auf und lief die Palisaden hinunter, um auf den kleinen Bergfried zuzusteuern.

„Euer Gnaden, wenn Ihr Euren Besuch früher angekündigt hättet, hätte ich Nordend vorbereitet, um Euch entsprechend willkommen zu heißen. Bitte entschuldigt den Zustand der Stadt und des Hofes.“, sagte Wichart, während er sich tief vor Vincent verbeugte, der gerade aus dem Sattel gestiegen war. Vincent schaute den Mann an, der als Veteran unter seinem Vater in vielen Schlachten gekämpft hatte. Trotzdem war er ein erbärmlicher Speichellecker. Ein Typ von Untertan, von denen Celan von Tandor viel zu viele hatte, zumindest in Vincents Augen.

„Danke, Wichart. Es ist auch nicht nötig. So lange deine Küche mir und meinen Gefährten ein stärkendes Mal und ein kühles Bier servieren kann, bin ich vollkommen zufrieden.“, antwortete Vincent selbstsicher und signalisierte Wichart, sich aufzurichten.

„Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich werde Euch natürlich meine Kammer überlassen.“

„Hab Dank auch dafür. Wichart, darf ich dir meinen Gefährten Daron vorstellen. Er ist ein Reisender aus dem Ylonischen Bund, fern im Süden jenseits Kargats, und will unser schönes Tandor kennenlernen. Ich hatte vor, mit ihm morgen an den Valor Kath zu reisen.“

„Es ist mir eine Freude.“, sagte Wichart an Daron gerichtet, allerdings deutlich trockener als die vorher an Vincent gerichteten Worte. Daron antwortete mit einem Nicken.

„Und mir eine Ehre, Wohlgeboren.“

„Dann wollen wir mal eintreten.“, sagte Wichart und wies den Weg in die kleine Halle hinein. Daron folgte Vincent, der sich dem Freiherrn anschloss, als auf einmal eine weitere Stimme von hinter ihnen ertönte.

„Vincent, es ist überraschend und schön dich hier zu sehen.“

Der angesprochene Sohn Tandors wandte sich um und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Narthas. Du bist schon in Nordend!“, rief er freudig aus und ging auf den Mann zu. Daron betrachtete die Gestalt. Narthas war offensichtlich ein Urbe, das zeigten die markanten Gesichtszüge. Er war wohl ähnlich alt wie der Freiherr von Valor Kath. Doch im Vergleich zu diesem, der schon alle Haare verloren und einige Fettpolster angesetzt hatte, war der Urbe drahtig und gestählt von Jahrzehnten des Kampfes. Das Alter hatte die Züge gegerbt und gehärtet, ohne ihnen die Stärke zu nehmen.

„Nun Junge, dein Vater sandte mich schon vor einiger Zeit aus Taarl.“ Vincent nickte lächelnd.

„Ja, aber ich hatte vermutet, dass du dich in Auenstein aufhältst. Narthas, darf ich dir Daron vorstellen, ein Freund, den ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe.“, sagte er und zeigte auf den Novizen. „Daron, dies ist Narthas Khan, Sohn des großen Ikran Khan, Stammesführer der Urben und treuer Diener meines Vaters. Außerdem der Grund, dass ich selbst bei wildesten Ritten im Sattel bleibe.“

Daron verneigte sich vor Narthas, der doch eine größere Autorität als Wichart ausstrahlte, obwohl letzterer der eigentliche Herr des Hauses war. So stand der Freiherr etwas alleine und unbeachtet in der Tür zur Halle.

„Daron also.“, sagte Narthas und musterte den Mann. Daron fühlte sich, als würden die kalten Augen des Urben ihn durchbohren. „Woher stammst du?“

„Aus dem Ylonischen Bund, mein Herr.“, antwortete Daron. Narthas nickte, sein Blick noch immer skeptisch.

„Ich habe schon einige Fremde aus anderen Reichen gesehen, aber du ähnelst ihnen nicht.“, sagte Narthas, wurde aber von Vincent unterbrochen, bevor er weitere Fragen stellen konnte. Der Herzogssohn legte einen Arm um die Schulter des Khans um mit ihm Seite an Seite in die Halle zu gehen.

„Narthas, du musst dir unbedingt einige Geschichten von Daron anhören. Über ferne Reiche und mystische Helden.“, sagte er überschwänglich, nur um dann den Kopf zum Ohr des Urben zu neigen, und flüsternd hinzuzufügen: „Und du musst mir unbedingt berichten, wie weit die Vorbereitungen stehen.“ Narthas nickte wortlos, während sie die Halle betraten.

„Meine Gäste…“, versuchte Wichart erneut das Wort zu erheben, wurde aber mit einer kleinen Handbewegung von Vincent unterbrochen. Der Sohn Tandors löste sich von Narthas und ging zielstrebig auf den Kopf der Tafel zu, um sich auf dem aufwändigen Holzstuhl niederzulassen. Er zeigte auf die beiden Stühle an seiner Seite.

„Narthas, Daron, darf ich euch an meine Seite bitten.“ Er spürte, dass Wichart etwas erwidern wollte. Immerhin war es dessen Halle. Doch mit einem ernsten Blick verhinderte Vincent den Einspruch und wandte sich stattdessen an die Diener des Freiherrn. „Diener, bringt uns doch etwas zu Trinken und einige Speisen. Der Koch soll sich außerdem daran machen, etwas Ordentliches auf den Tisch zu bringen. Wir sind hungrig.“, befahl er ihnen.

„Was hast du in Valor Kath vor, Vincent?“, fragte Narthas, nachdem er sich gesetzt hatte.

„Mein Vater hat mir aufgetragen, die entfernten Provinzen seines Reiches auf ihre Wehrfähigkeit hin zu überprüfen.“, antwortete Vincent und schaute dabei eindringlich zu Wichart. Bevor der Freiherr aber endlich zu Wort kommen konnte, fuhr er einfach fort. Der Speichellecker aus Nordend war es nicht wert, zu Wort zu kommen. „Außerdem wollte ich mit Daron zum Pass von Valor Kath. Wir werden aber bald weiterreisen. Nach Auenstein und Lyth Valor.“

„Eine mutige Entscheidung, an den Pass zu reisen, wo die Geister nach Rache suchen bei jenen, die das Reich verraten haben.“, hörte Daron die Stimme eines alten Mannes und drehte sich um. In der Tat saß in der Ecke ein alter Mann, den er vorher nicht bemerkt hatte. Er hatte keine Haare mehr, seine Haut war eingefallen und seine Augen milchig weiß. Er musste das übliche Alter eines valorischen Mannes schon lange überschritten haben, hatte bestimmt schon mehr als siebzig oder achtzig Sommer gesehen.

„Ach sei still, alter Mann.“, fuhr ihn Wichart an, doch auch Vincent drehte sich um.

„Welche Geister, alter Mann? Und wer bist du?“

Der Alte schnaubte nur. „Die Festung am Valor Kath wird von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, den Geistern derer treuen Untertanten St. Gilberts, die hinterrücks verraten wurden. Sie spüren den Verrat und steigen vom Pass hinab, um die Verräter zu bestrafen. Verräter wie Celan von Tandor und alle die ihm folgen.“

Noch bevor Vincent etwas erwidern konnte, schlug Wichart mit der Faust auf den Tisch. „Sei still, Rodrik. Genug, dass du meine Nerven jeden Tag strapazierst, wagst du es, meine Gäste zu beleidigen. Ich sollte dir auf der Stelle den Kopf abschlagen.“

„Wir werden sehen, wessen Kopf zuerst rollt.“, erwiderte der alte Hofmeister bissig.

„Es reicht.“, rief Wichart laut und wandte sich an eine der Dienerinnen, eine blonde Frau, die vielleicht in ihren Dreißigern war. „Klara, bring deinen Großvater hinaus, bevor ich mich vergesse.“

„Natürlich, Wohlgeboren!“, sagte die Angesprochene mit einem unterwürfigen Knicks und ging auf den alten Mann zu.

„Los, Großvater, ich helfe dir in deine Kammer.“

„Wenn mich…“, wollte Rodrik etwas erwidern, aber Klara legte ihm die Hand auf den Unterarm.

„Es ist gut, Großvater. Bitte denke an uns.“, sagte sie mit weicher Stimme und schaffte es so in der Tat, den alten Mann zum Schweigen zu bringen. Auf ihren Arm gestützt folgte er Klara aus der Halle hinaus.

Vincent schaute ihm noch nach, die Augen zu schmalen Schlitzen verzogen und blickte dann nicht weniger ernst zu Wichart. „Das war ja mal eine unangenehme Überraschung, Wichart.“

„Entschuldigt ihn, Euer Gnaden. Er ist ein alter Mann und verwirrt.“

Vincent zog die Augenbraue hoch, antwortete nicht. Stattdessen schaute er weiter zu Wichart. Sein Blick stellte all die Fragen, die er nicht aussprach. Wieso der Freiherr einer solchen Person erlaubte, hier in der Halle zu sein? Wieso er nicht für den Vorwurf des Verrats, der doch selber einen Hochverrat darstellte, bestraft wurde? Und eben, wer dieser alte Mann war. Der Freiherr schaffte es nicht lange, dem Blick Stand zu halten und schaute auf den Tisch hinab.

„Sein Name ist Rodrik von Eisfurt. Er hat bereits die letzten drei Freiherren von Valor Kath als Hofmeister gedient und ist bei den Menschen von Nordend äußerst beliebt.“

Die Antwort klang wohl weniger überzeugt, als Wichart gewollt hatte. So starrte ihn Vincent weiter an, ohne etwas zu sagen. Der Freiherr erkannte nun den Vater in dem Sohn Tandors. Während er bis zu diesem Moment freundlich, geradezu fröhlich gewesen war, entsprang seinen Augen nun die Kälte, die Celan von Tandor auszeichnete.

„Ich hielt es für das Richtige, ihm die wenigen letzten Jahre seines Lebens am Hof zu belassen. Aber er strapaziert meine Geduld.“, versuchte Wichart noch zu retten, was zu retten war. Die angespannte Situation wurde von einem breiten Lächeln Vincents unterbrochen, der sich ohne Wichart eines weiteren Wortes zu würdigen zu Daron drehte.

„Dann, Daron, sollten wir uns vor Geistern in Acht nehmen, meinst du nicht auch?“

Obwohl der Herzogssohn lächelte, war Daron nicht so überzeugt. Nicht nur seit seiner Verehrung von Laëa wusste der Novize, dass es Kräfte auf dieser Welt gab, die Menschen nicht verstehen konnte. Die Rache der Toten, die verraten wurden… Wieso auch nicht? Dennoch erwiderte er mit einem Lächeln.

„Ich werde dir den Rücken freihalten.“

„Na dann, auf die Geister des Valor Kaths.“, sagte Vincent mit einem Grinsen und erhob seinen Becher.

Die Halle war fast leer. Nur noch Wichart und Vincent saßen am Tisch und Narthas stand in einer Ecke an die Wand gelehnt. Vincents Blick folgte den beiden Dienern, die den Raum verließen, und die Türe hinter sich schlossen.

„Wichart, danke für den angenehmen Empfang. Du kannst dich nun auch entfernen.“, sagte Vincent mit kalter Stimme zu dem Freiherrn, der merklich ein Krug Bier zu viel getrunken hatte. So schwankte er schon leicht und wirkte langsam und behäbig.

„Also werde ich schon aus meiner eigenen Halle geworfen?“

Wieder dieser kalte Blick von Vincent. Es war die gesamte Verachtung für den Mann, die aus den Augen von Celans Sohn sprach. Wie hatte sein Vater nur einen solchen Schwächling zum Freiherrn machen können? Oder was war aus ihm geworden, wenn er einst ein Kämpfer an der Seite Herzog Celans gewesen war?

„Ja, Wichart, du wirst nun aus deiner eigenen Halle geworfen, weil ich mit Narthas Wichtiges zu besprechen habe. Sei froh, dass es nur die Halle ist, die du heute verlierst.“, antwortete Vincent scharf. Es war die Endgültigkeit der Aussage, die keine Erwiderung mehr erlaubte. Wichart zögerte noch kurz, erhob sich dann aber und wankte zum Ausgang. Die Tür schlug fester in das Schloss, als es notwendig gewesen wäre. Dennoch blieb Vincent regungslos. Erst als die Tür nicht mehr zitterte, wandte er sich zu Narthas, der immer noch in der dunklen Ecke stand.

„Narthas, wie weit seid ihr?“

Erst jetzt trat Narthas Khan hervor und an den Tisch. Er blieb an der Tischkante stehen und schaute Vincent in die Augen.

„Ich habe fast zweihundert Mann hier in Nordend. Innerhalb des nächsten Monats werden wir zweihundert weitere hierher verlegen und diese über das Freiherrentum verteilen. Im Sommer werden wir mit dieser Truppe den Norden Fendrons angreifen, am besten bis nach Nordfurt vorstoßen und Forgat so aus Tjemin locken. Die Truppen deines Vaters sind über die Gebiete jenseits des Orb verteilt und werden sich im Frühsommer unauffällig in Auenstein sammeln. Die Burg und umliegenden Dörfer bieten genug Raum, viele Männer zu verstecken, wenn diese verteilt anreisen. Bis Forgats Spione die Finte durchschaut haben, stehen wir schon in Tjemin.“

Vincent nickte. Sein Vater hatte ihm den Plan bereits in Taarl erklärt, aber nun, da sich die Steine ins Rollen setzten, schien das ganze unwirklicher. Celan selbst konnte den Feldzug nicht anführen. Es wäre viel zu auffällig gewesen, wenn er aus Taarl nach Westen gezogen wäre. Narthas würde den nördlichen Angriff führen. Doch die Verantwortung über das Hauptheer hatte Celan seinem Zweitgeborenen überlassen. An seiner Seite würde noch Rimbert von Taneck reiten, der Statthalter von Lyth Valor und jüngere Cousin Celans. Dennoch lag die Verantwortung für den Erfolg auf seinen jungen Schultern. Während Lumos, sein älterer Bruder, wohl nicht mal in den Plan eingeweiht war.

„Gut. Mit diesem Reisenden Daron habe ich eine noch bessere Tarnung, durch das Land zu reisen. Dennoch werde ich aus Nordend verdeckt weiterreisen. Ich möchte weder in Auenstein noch Lyth Valor erkannt werden. Bedenke das, falls du Boten schickst.“, antwortete Vincent.

„Natürlich.“, sagte Narthas und wandte sich schon zum Gehen, als er sich noch einmal umdrehte. „Dein Vater hält große Stücke auf dich.“

Vincent nickte. „Narthas. Ich habe Lumos auf dem Weg hierher getroffen, auf der Jagd auf Triasgläubige. Lass deine Späher Ausschau halten, nicht dass er noch zu eifrig wird.“, warnte Vincent den Urben.

„Das werde ich tun. Danke.“

Die Wolken hingen tief in den Bergen, waren aber im Laufe des Vormittags lichter geworden und so konnte man die Bergspitzen der Dunkelzinnen erahnen. Dennoch war es ein düsteres Bild, hier im Schatten der großen Berge zu stehen, und vor der einsamen Passstraße, die sich ins Gebirge schlängelte.

„Jetzt habe ich wohl das gesamte Reich durchquert.“, merkte Daron schmunzelnd an, als er den Pass hinauf schaute.

„Noch ist es ein recht langer Aufstieg bis zur Grenze. Aber ja, da du vom Eisentor kommst, hast du es zumindest von Süden nach Norden geschafft.“, antwortete Vincent, der sein Pferd gestoppt hatte. Er schaute den Berg hinauf.

Schon vor dem Sonnenaufgang waren sie aus Nordend aufgebrochen, wo sie drei Tage geblieben waren. Daron hatte mit einigen der Bewohner gesprochen, um Geschichten zu hören. Er hatte von den Geistern der Feste am Pass gehört, von den Nordmännern jenseits der Berge, von Mythen und Legenden aus fernen Tagen. Aber auch immer wieder die Geschichte der jungen Freiherrin, der Ritterin Valoriens. Die Geschichte von Eleonora von Mondschein. Eine kurze aber nicht weniger beeindruckende Geschichte. Wie sie, während viele aufgaben, weitergekämpft hatte, und dennoch eine Lösung im Frieden gefunden hatte, ohne Blutvergießen. Wie sie die legendäre Klinge Mondschein geführt hatte, gegen die Feinde des Reiches. Wie sie unterging, im Jahr des Blutes. Spätestens hier unterschieden sich die Geschichten, je nachdem, wen man fragte. Am Ende stand stets der Verrat, jedoch von unterschiedlichen Seiten.

„Dann sollten wir uns an den Aufstieg machen. Ich bin auch sehr gespannt, die Geister der alten Feste zu sehen.“, sagte Daron aufmunternd und wollte schon sein Pferd voran treiben. Doch Vincent schüttelte den Kopf.

„Nein, diesmal nicht. Ich wollte dir gerne das Ende des Reiches zeigen. Oben am Berg sieht man die Feste. Wie sie schwarz und düster über uns ragt, am Ende Valoriens. Aber ich muss weiter nach Auenstein. Falls du zum Pass reiten willst, trennen sich unsere Wege.“, sagte er.

Daron hielt inne. Er spürte, dass diesen Ort etwas Besonderes umgab. Als wäre die Erde näher. Als wäre er näher an Laëa. Als wäre die Kraft der Mutter stärker hier. Mit jedem Schritt, den er sich dem Pass und der Festung näherte, spürte er es mehr. Dennoch war seine Aufgabe eine andere. Die Bekanntschaft von Vincent hatte hier sehr geholfen und obwohl er sehr neugierig auf die schwarze Festung war, wollte er diesen Vorteil nicht riskieren.

„In Ordnung. Dann auf. Ich bin gespannt auf die mächtige Festung Auenstein und auf den Hafen von Lyth Valor.“

Vincent nickte. Er warf einen letzten Blick auf die Festung und zog sich dann die Kapuze über.

„Daron, ab hier werde ich nicht länger offen als Vincent von Tandor reisen. Ich bin ein Wanderer wie du. Unsere Eskorte lassen wir in Nordend. Nenn mich einfach Gren.“, sagte Vincent, als er sein Pferd gewendet hatte.

Daron schaute ihm nach und wollte den Grund erfragen, bemerkte aber, dass er wohl keine Antwort erhalten würde. Also zog er ebenso am Zügel, um dem Sohn von Tandor zu folgen.

„Mein Khan.“, hörte Narthas die Stimme eines seiner Späher vor der Zeltwand.

„Tritt ein.“, rief er nach draußen. Sein Blick war auf eine Karte gerichtet, die auf einem Tisch ausgebreitet lag. Sie zeigte den Orb und die Gronde und die Länder um diese. Den Norden Fendrons ebenso wie die neuen Gebiete Tandors, die einst Teil der Kronlande und eben Fendrons gewesen waren.

„Was hast du zu berichten?“, fragte Narthas den Boten, der nachdem er das Zelt betreten hatte sofort niedergekniet war. Es war ein junger Urbe. Einer jener Soldaten, die den großen Khan und die Niederlage gegen Tandor nicht mehr miterlebt hatten. Die bereits in die Knechtschaft unter Herzog Celan hineingeboren worden waren. Dennoch waren sie vollwertige Urben. Das Blut der Ahnen floss durch sie und die Geister der Steppe beseelten sie, schenkten ihnen Kraft. Es war eine gute Generation.

„Mein Khan, wir haben eine Truppe von Reitern entdeckt, die sich weiter südlich auf die Gronde zubewegt. Es scheinen Gerüstete unter dem Kommando Lumos‘ von Tandor zu sein. Zuletzt verfolgten sie Flüchtende, die nach Fendron unterwegs waren. Einige Dörfer sind auch in Flammen aufgegangen.“, berichtete der Späher seine Erkenntnisse. Er wirkte unsicher und schob so noch etwas nach: „Ihr hattet uns doch befohlen, jegliche Truppenbewegungen, auf beiden Seiten des Flusses, zu berichten.“

Es hörte sich an wie eine Rechtfertigung. Als hätte der Mann etwas Falsches gemacht. Doch Narthas war äußerst zufrieden über diese Nachricht. Nicht, dass sie ihn erfreute, aber immerhin erreichte sie sein Ohr.

„Danke. Das ist wertvolle Information. Geh nun. Lass dir von meinem Hauptmann eine Silbermünze geben und richte ihm aus, mein Pferd und einige Männer als Eskorte bereit zu machen.“, befahl Narthas dem Mann, der mit einer wortlosen Verbeugung verschwand.

Der Khan schaute erneut auf die Karte. Verdammt. Es war, wie Vincent vermutet hatte. Er musste diesen Ritt stoppen, bevor Lumos größeren Schaden anrichten konnte. Wie konnten die beiden Brüder nur so unterschiedlich sein. Irgendwie kamen beide nach dem Vater. Aber während Lumos eher die Kampfkraft und taktische Schläue gewonnen hatte, war Vincent der Stratege, der es schaffte, Menschen für sich zu gewinnen. Leider konnte nur einer den Herzog von Tandor, oder den König von Valorien, beerben. Es würde der Erstgeborene sein…

Kapitel 8

Lerke wusste nicht mehr wo sie war. Nun, sie wusste, dass sie zusammen mit Sylvius in einer Höhle saß, die nur spärlich durch die Sonne, die durch wenige Felsspalten fiel, beleuchtet wurde. Doch wo diese Höhle sich befand oder wie sie hierhergekommen war, wusste sie nicht mehr.

Nachdem sie von den Männern von Arthur gefangen genommen worden waren, hatte man den beiden die Augen verbunden. Dann hatte ein längerer Ritt begonnen. Lerke hatte die ganze Zeit vor dem gleichen Mann im Sattel gesessen, der sie bei der Kutsche mitgenommen hatte. Der Mann mit den mysteriös dunkelroten Haaren. Doch er hatte geschwiegen. Den gesamten Weg.

Sie vermutete, dass sie sich in den Alrinnen befanden. Oder zumindest deren Ausläufern. Jedenfalls hatte sie das öfter am Hofe ihres Großvaters gehört, dass die Rebellen dort vermutet wurden. Dennoch hatten es weder die Soldaten Rethas‘, noch die Reiter aus Tandor geschafft, den abtrünnigen Ritter festzusetzen. So war auch ihre Hoffnung, hier gefunden zu werden, gering. Trotzdem tat es gut, nun wieder an einem festen Ort zu sein, nicht mehr im Sattel zu sitzen. Alleine mit Sylvius, ohne Fesseln, ohne Augenbinden.

„Denkst du, dass dein Vater auf die Bedingungen von Arthur eingehen wird?“, fragte Lerke ihren jüngeren Begleiter. Sylvius saß auf einer der beiden Pritschen, die in der Höhle standen. Obwohl sie offensichtlich im Berg waren, war die Höhle nicht unangenehm. Die Wände waren zwar kühl, aber nicht feucht. Die Pritschen hatten mit Stroh gefüllte Kissen und dicke Decken. Doch die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings trugen ihre Wärme in die Höhle, sodass sie diese zumindest tagsüber nicht brauchten. Sie hatten etwas zu trinken bekommen. Einzig der Hunger meldete sich langsam bei ihnen.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Sylvius ehrlich. Er starrte zu Boden. Obwohl er der Sohn des großen Celan war, wirkte er in diesem Moment viel mehr wie das Kind, das er nun einmal war. „Wir wissen ja nicht mal, was dieser Verräter von uns will.“, fügte er das Offensichtliche hinzu.

„Ich denke nicht, dass er uns Gewalt antun will. Er braucht uns als Druckmittel, gegen unsere herzoglichen Eltern bzw. Großvater. Dazu muss es uns gut gehen. Uns wird bestimmt nichts geschehen.“, sagte Lerke aufmunternd in fast fröhlichem Ton und setzte sich neben Sylvius. Sie legte den Arm um den Jungen. „Wir werden schon bald wieder hier raus sein. Ich glaube nicht, dass Arthur ein unehrenhafter Mann ist.“

Er war hart. Das hatte sie schon oft gehört. Und auch gesehen. Der Überfall auf ihre Eskorte war natürlich kalt und brutal gewesen. Dennoch hatte er weder ihr noch Sylvius ein Leid zugefügt. Am Ende war er doch ein Ritter Valoriens, zumindest sah er sich selbst als ein solcher. Oder?

„Mmh.“, sagte Sylvius und nickte mit dem Kopf. Er war wohl deutlich weniger zuversichtlich. „Ich habe Hunger. Denkst du, die lassen uns hier einfach verhungern?“, fügte er dann hinzu.

„Dann hätten sie uns die Höhle hier nicht so schön ausgestattet, oder?“, sagte Lerke wieder mit einem Lächeln. Sie konnten die Situation nicht ändern. Also sollten sie wenigstens so zuversichtlich und positiv bleiben, wie es ging. Nicht verzweifeln. Es würde sich schon alles zum Guten wandeln.

„Ich werde mal nachfragen.“, sagte sie mit einem Grinsen und ging zu der Holztür, die ihre Höhle versperrte. Sie klopfte kräftig an diese.

„Hey, hört mich jemand? Wir haben Hunger!“, rief Lerke laut. Sie ging näher an die Tür und legte ihr Ohr an das Holz um zu lauschen, ob sie dahinter etwas hörte. Erst meinte sie nichts auszumachen, aber dann schienen da Schritte zu sein. Sie trat erneut zurück.

„Siehst du, sie haben uns gehört. Wir werden bestimmt gleich etwas bekommen.“, sagte sie zu Sylvius just bevor die Tür aufging. Oder eher aufschlug.

Zwei Männer betraten die Höhle. Offensichtlich einfache Soldaten im Gefolge Arthurs, in Leder und Stoff gekleidet wie die meisten seiner Männer, die sich aus den einstigen Schwarzen Pfeilen und weiteren Bauern und Freiwilligen aus den Dörfern des Herzogtums zusammensetzten.

„Einen schönen guten Tag.“, sagte Lerke freundlich. Sie hatte in ihrem Leben oft gelernt, dass man mit Freundlichkeit weiter kam, als mit Befehlen. In dieser Situation schien dies wohl umso mehr zu gelten. „Sylvius und ich haben schon länger nichts zu essen bekommen und würden uns über etwas freuen. Es kann auch etwas Einfaches sein.“

Die Männer blieben am Eingang stehen. Der eine, ein Mann wohl in seinen Dreißigern mit ungepflegtem Bart und struppigen Haaren, schaute zu seinem Kameraden, einem jüngeren Mann, der zwar seinen Bart geschnitten hatte, dem aber die dunkelbraunen Haare lang auf die Schultern fielen und von Fusseln durchzogen waren. Der Ältere verschränkte die Arme.

„Was dürfen wir Euer Gnaden denn kredenzen? Einen Fasan vielleicht? Mit frischen Früchten? Oder doch lieber ein paar Süßspeisen?“, fragte er hämisch. Lerke gab aber nicht auf und lächelte offen freundlich zurück.

„An einem solchen Ort, scheint mir das doch ein bisschen viel Aufwand. Uns würde ein Eintopf reichen, mit ein bisschen Brot. Oder Schinken. Habt vielen Dank.“

Dann verzog sich das hämische Lächeln des Mannes und wurde düsterer. „Ich habe alles verloren, wegen deinem Großvater und seinem Vater.“, sagte er und deutete auf Sylvius. „Vielen Männern hier geht es so. Und da soll ich, wenn du rufst, wie ein Dienstbote springen?“

„Es tut mir leid für deinen Verlust.“, antwortete Lerke ehrlich. „Und nein, ich meine…“, stammelte sie, nicht mehr sicher, was sie sagen sollte. Sie spürte, dass die Situation gefährlich wurde. Vielleicht hätte sie nie fragen dürfen. Doch nun war es zu spät.

Der ältere Mann, der die ganze Zeit gesprochen hatte, ging nun einige Schritte nach vorne und näherte sich Lerke. Diese wich automatisch einige Schritte zurück, stieß aber sofort an die hintere Wand der Höhle.

„Also, meine Schöne. Wir können dir gerne etwas zu essen bringen. Aber dafür sollten wir zumindest eine Gegenleistung erhalten.“, sagte er, nun wieder mit dem hämischen Grinsen. Und einem lüsternen Blick, der Lerkes Körper hinabwanderte. Als er sie erreicht hatte, packte er ihren Arm und zog sie an sich. Er atmete ihren Geruch ein.

„Und ich weiß auch schon eine geeignete Bezahlung.“

„Lass sie sofort los!“ Sylvius Stimme hallte durch die Höhle, als er von der Pritsche aufsprang. Aber sein Mut wurde schnell gebremst. Blitzschnell war der Jüngere nach vorne geschossen und hatte einen Dolch aus der Scheide gezogen. Er setzte die Klinge auf die Brust des Jungen und drückte ihn zurück auf die Pritsche.

Lerke atmete schnell, panisch. „Lass mich sofort los.“, schrie sie nun den Mann an. Sie spürte die Panik in sich aufsteigen. Hatte sie nicht noch gerade die Ehrenhaftigkeit von Arthur herausgestellt? Wieso waren dann solche Männer in seinem Gefolge?

„Lass mich los. Wenn Arthur davon erfährt, wird er dich aufhängen.“, schrie sie laut und verlieh dem Nachdruck, indem sie versuchte kräftig den Mann davonzustoßen. Doch dieser hielt sie fest im Griff.

„Je mehr du dich wehrst, desto unangenehmer wird es.“, sagte er nur gehässig und warf sie mit einem Ruck auf die andere Pritsche. Er drückte sie mit einer Hand nach unten und begann, mit der anderen Hand ihre Beine zu streicheln, die durch den heraufgerutschten Rock freigelegt waren.

Lerke schluchzte. Sie versuchte alle Kraft aufzubringen, um sich zu befreien. Aber es war vollkommen ausweglos. Sie spürte wie der Mann den Stoff ihres Kleides umfasste. Sie versuchte ihre Gedanken abzuwenden. Nicht daran denken. Nichts wahrnehmen. Alles ausschalten.

„Ihr dreckiges Pack, lasst sie sofort los!“

Diesmal war es die Stimme eines Mannes, die in der Höhle ertönte. Lerke öffnete die Augen und schaute auf. Es war der Mann mit den dunkelroten Haaren und fast schwarzen Augen. Gerade wollte sie ihm danken, als auf einmal Bewegung aufkam.

Der junge Mann, der gerade noch Sylvius in Schach gehalten hatte, sprang auf und ging auf ihren offensichtlichen Retter los. Mit einer schnellen Bewegung nach links wich Arved der Klinge aus und packte die Hände des Angreifers. Er drehte den Schwung des Angriffs in eine andere Richtung. Das nächste, was Lerke aktiv wahrnahm, war wie die beiden Kämpfenden eng umschlungen waren. Dann glitt der böse Mann zu Boden. Jetzt erst sah sie die Klinge, die tief in seiner Brust steckte.

„Du!“, rief der ältere Mann und sprang auf. Lerke fühlte sich wie befreit, als sie nicht mehr die Kraft und das Gewicht des Mannes spürte. Dieser zog seine Klinge aus dem Gürtel und ging auf ihren Retter zu. Doch er kam nicht weit.

Man hörte noch das Surren des Pfeiles, der aus dem Höhleneingang geflogen kam, an der Schulter des Rothaarigen vorbei, und sich dann in das linke Auge ihres Angreifers bohrte. Der Mann fiel sofort tot zu Boden. Lerke schrie auf. Es war eine Mischung aus Schreck und Erleichterung.

Kurz lag eine Ruhe in dem Raum, als die Toten still am Boden lagen, während sich ihr Blut ausbreitete. Die Stille wurde durch Schritte durchbrochen, als der Bogenschütze den Raum betrat.

„Ritter Arthur.“, hauchte Lerke leise, als sie den Mann erkannte. Sie spürte immer noch ihren schnellen Herzschlag, aber die Gefahr schien nun gebannt.

„Geht es euch gut, Euer Gnaden?“, fragte Arthur mit einer leichten Verbeugung, schaute zuerst zu Lerke, dann aber auch zu Sylvius.

„Ich…ich…“, stotterte Lerke leise. Auch Sylvius fand keine Worte. Arthur nickte aber verständnisvoll.

„Kilian!“, rief der Ritter laut und im nächsten Moment erschien ein weiterer älterer Krieger. „Lass diese Schweinerei aufräumen. Und sage allen Männern, dass ein Angriff auf meine Gäste ein Angriff auf mich ist. Nur das wir uns alle verstehen.“

„Natürlich, Arthur!“

„Sylvius. Komm mit mir.“, sagte Arthur an den jungen Sohn Tandors gerichtet und wandte sich dann an den Rothaarigen. „Arved. Bitte begleite doch Lerke nach draußen. Ich glaube, sie kann ein bisschen frische Luft brauchen. Außerdem bist du für ihre Sicherheit verantwortlich, egal was passiert.“

„Natürlich, Vater.“, bestätigte Arved und ging dann vorsichtig auf Lerke zu. Er streckte ihr seine Hand entgegen.

„Euer Gnaden, ich würde vorschlagen wir gehen nach draußen und vielleicht in den Wald. Die frische Luft und Ruhe wird Euch nun gut tun.“

Lerke nickte nur und umfasste die Hand. Auf einmal fühlte sie sich wieder sicher.

Sie waren Seite an Seite gelaufen und hatten dennoch kein Wort geredet. Erst als Lerke und Arved am Kamm des kleinen Berges ankamen, hielten sie inne. Lerke sah einen größeren Felsen, der von der Sonne beschienen wurde, und setzte sich dort hin. Sie spürte, wie der Wind ihre blonden Haare erfasste und um ihr Gesicht herumwehte. Es war ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Freiheit. Obwohl sie natürlich wusste, dass sie noch immer in Gefangenschaft war.

Ihre erste Vermutung schien sich zu bestätigen. Sie befanden sich in einem Gebirge. Am Horizont erkannte man die hohen Bergspitzen, die in die Wolken stießen. Sie selbst waren in den flacheren Ausläufern, und dennoch war das Land steinig und karg. Am Fuße des Hügels, den sie mit Arved hinaufgegangen war, befand sich das Lager von Arthurs Männern. In einem Wald verborgen waren die Zelte und Hütten fast nicht zu erkennen. Selbst von hier nicht, obwohl sie wusste, wo das Lager war. Aus weiterer Entfernung gab es keine Möglichkeit sie zu finden. So war auch ihre Chance auf eine Befreiung – durch die Männer ihres Großvaters oder durch die Soldaten Tandors – verschwindend gering. Wohl nicht existent.

„Geht es Euch besser?“, fragte Arved die sitzende Lerke, die immer noch ihre Augen geschlossen hatte und den Wind genoss. Sie öffnete diese und schaute dem jungen Mann ins Gesicht und nickte.

„Ja. Es geht schon. Du musst mich nicht so förmlich ansprechen. Nenn mich einfach Lerke.“, sagte sie, nur um dann noch etwas nachzuschieben. „Danke, dass du uns beschützt hast.“

„Natürlich, eue... Lerke. Es tut mir leid, dass wir dich und Sylvius entführen mussten. Aber es ist das einzige Mittel, gegen Celan von Tandor. Es gibt keinen anderen Weg mehr.“

„Das verstehe ich.“, sagte Lerke leise.

„Wirklich?“, fragte Arved ungläubig. Welche Geisel verstand schon ihre Situation?

„Es wird uns doch nichts passieren, oder?“, fragte Lerke eine Gegenfrage, ohne Arved zu antworten. Dieser schüttelte den Kopf.

„Nein, es wird dir nichts passieren. Das schwöre ich bei meiner Ehre. Mein Vater wird nicht zulassen, dass euch auch nur ein Haar gekrümmt wird.“

„Bin ich mit dir geritten? Also ich meine, als ihr uns hierher gebracht habt, saß ich glaube ich bei dir auf dem Pferd, oder?“

Arved wandte sich ab und schaute in die Täler, die vor ihnen lagen. Er zögerte kurz, bevor er antwortete.

„Ja. Wieso?“

„Wieso hast du nicht mit mir gesprochen?“

Erneut zögerte Arved, bevor er antwortete. Wieso stellte sie solche Fragen? So richtig ergab es keinen Sinn. Andererseits war seine Rolle sie zu beschützen. Bei ihr zu sein.

„Ich sollte nicht.“, antwortete er erst. „Außerdem hast du ja nichts gefragt.“, fügte er dann hinzu.

Lerke lächelte. Das erste Lächeln, seit dem Angriff auf Sylvius und sie in der Höhle. Es war noch zaghaft, aber dennoch ehrlich. „Dann kann ich ja jetzt fragen.“

„Bitte.“

„Was wünschst du dir? Was willst du erreichen, mit dem Kampf gegen Rethas?“

Arved ging auf Lerke zu und setzte sich auf den Felsen neben sie. Obwohl sie sich nicht berührten, spürte sie die Wärme des jungen Mannes.

„Wir kämpfen nicht gegen Rethas. Wir kämpfen für Rethas und sein Volk. Für Freital. Für Ostwacht. Für Grünburg. Wir kämpfen gegen Celan und seine Häscher. Und ja, auch gegen deinen Großvater, denn er hat die Seite dieses Tyrannen und Verräters gewählt. Aber ich will nicht kämpfen. Ich wünsche mir Frieden und Freiheit. Die Freiheit, dass jeder Mensch in Rethas, in Valorien, das tun kann und so leben kann, wie er will. Unter dem Schutz der Ritter und Adeligen des Reiches.“

Lerke nickte. Die Worte aus Arveds Mund waren schön. Er verstand es, zu formulieren. Sie verstand ihn auch. Wenn es das Schicksal anders mit ihr gemeint hätte, würde sie nun auf seiner und Arthurs Seite sein. Denn der Wunsch, den auch sie hegte, war der gleiche.

„Woher hast du diese Haarfarbe? Von deiner Mutter?“

Arved schmunzelte leicht. „Wahrscheinlich.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, mein Vater hat ja auch schon rötliche Haare, aber natürlich nicht so stark wie meine.“

„Du hast eine Haarfarbe, die ich noch nie gesehen habe.“

„Da bist du nicht die Einzige. Als Kind macht es das Leben auch nicht einfacher.“

„Hast du die Haare nun von deiner Mutter?“, hakte sie nach.

Arved zuckte die Schultern. „Ich kenne meine Mutter nicht. Mein Vater hat mir auch nie erzählt, wer sie ist, oder was ihr geschehen ist. So bin ich einfach der Sohn von Arthur von Freital. Ein Bastard in den Augen vieler…“

„Verstehe.“, sagte Lerke. Sie hatte nicht gewusst, dass Arved ein Bastard war Ehrlicherweise hatte sie vor ihrem Zusammentreffen nicht mal gewusst, dass Arthur einen Sohn hatte. Es musste schwer sein. Aber sie wollte ihn nicht weiter in dieses Thema drängen und versuchte so das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Kanntest du den König?“

„Noch so eine seltsame Frage.“, sagte Arved nun mit einem deutlichen Grinsen.

„Du hast doch gesagt, ich soll Fragen stellen.“, antwortete Lerke, der man von jedem Moment mehr anmerkte, wie ihre eigentlich immer gegebene Fröhlichkeit zurückkam.

„In Ordnung. Nein, ich kannte den König nicht. Du etwa?“

Lerke nickte. „Naja, kennen ist wohl viel gesagt. Im Jahr des Blutes, im Frühjahr, war König Priovan in Grünburg. Dort habe ich ihn getroffen, als ich noch klein war. Er hat mir einige Geschichten erzählt und ich habe ihm Geschichten erzählt. Wir haben miteinander gelacht. Ich glaube, dass er ein guter Mann und ein guter König war, obwohl er noch so jung war. Dann musste ich gehen. Er hat mit meinem Großvater gesprochen. Später erst habe ich erfahren, wie zornig er auf ihn war, da er die Krone im vorigen Jahr nicht im Krieg gegen Berlan von Fendron unterstützt hat. Im Nachhinein glaube ich, dass andere Könige meinen Großvater damals schwer bestraft hätten, ihn vielleicht sogar getötet hätten. Aber er tat das nicht. Ich wünschte, der König würde noch leben.“

Arved lächelte. „Ja, das wünschen wir uns alle.“ Es war geradezu Ironie, die Worte aus dem Mund von Lerke zu hören. Immerhin war es ihr Vater gewesen, getrieben vom Eifer der Trias, der Priovan hatte töten wollen. Rainald von Rethas. Doch er war gescheitert. Celan hatte es fertig gebracht, wenn auch aus anderen Motiven. Dessen war sich Arved sicher.

„Es heißt, der König habe einen Sohn. Irgendwo. Glaubst du daran?“, fragte Lerke dann.

„Ja. Ich glaube schon. Mein Vater glaubt daran. Er weiß mehr über dieses Land und diese Welt, als sonst ein Mann oder eine Frau.“

Lerke schien erleichtert. Das Gespräch mit Arved, die Natur, der Wind, all das hatte sie auf andere Gedanken gebracht. Sie fühlte sich nicht mehr wirklich wie eine Gefangene. Vorsichtig rückte sie näher zu Arved, lehnte sich an ihn an und legte ihren Kopf auf dessen Schulter. Sie schaute hinunter ins Tal.

„Wenn wir wieder zurückgehen, wirst du dann bei Sylvius und mir bleiben? Um auf uns aufzupassen?“, fragte sie mit leiser Stimme. Dann spürte sie, wie Arved seinen starken Arm um sie legte.

„Ich werde nicht von Eurer Seite weichen, Lerke von Rethas. Das schwöre ich.“

Arthur schlug die Tür der kleinen Hütte kräftig auf, sodass diese mit einem Krachen gegen die Wand schlug. Der Ritter stampfte mit schweren Schritten in den kleinen Raum und ließ seinen Blick über die dort sitzenden Befehlshaber seiner Truppen gleiten. Man konnte die Wut geradezu im Raum spüren, obwohl Arthur sonst ein durchaus ausgeglichener Mann war. Selbst der Hüne Kilian, der seinem Anführer folgte, wirkte klein gegenüber dem aufgebrachten Ritter, der sofort den ganzen Raum einnahm.

„Sagt allen euren Männern eines: Wer der Tochter von Rethas oder dem Sohn Tandors auch nur ein Haar krümmt, hat sein Leben verwirkt.“, begrüßte Arthur seine Männer unwirsch und stellte sich an den Tisch, um sich auf seinen Händen abzustützen. Er schaute durch die Runde. Rogard war der jüngste Mann im Raum, jetzt, da Arved nicht da war. Er war ein wichtiger Mann, gerade als Anführer der jüngeren Kämpfer. Dann waren da noch Helmes und Rikkard, zwei Veteranen aus Freital, sowie Wanfried von Tulheim, ein in Ungnade gefallener Freiherr, der sich Arthur angeschlossen hatte, und Aldo von Lorigan, der einst Hauptmann der Garnison und Stadtwache von Grünburg gewesen war, bis er sich dem Herzog von Tandor widersetzt hatte. Arthur hatte ihn vom Schafott gerettet, und seitdem nicht nur einen fähigen Anführer, sondern auch einen respektierten und beliebten Mann in seinen Reihen.

Rikkard seufzte. „Was ist passiert?“

Arthur schaute sich zu Kilian um, der sich kurz räusperte. „Zwei Männer, die auf die Gefangenen aufpassen sollten, haben versucht sich an Lerke von Rethas zu vergehen und haben Arved angegriffen, als dieser eingriff.“ Man sah die Bestürzung der Männer, über die Tat.

„Was ist mit ihnen?“, fragte Helmes.

„Tot.“, antwortete Arthur kalt. „Habt ihr mich verstanden? Kein Haar!“, sagte er und schaute noch einmal in die Runde. Die Männer nickten. Doch Wanfried meldete sich zu Wort.

„Wir werden dafür sorgen, Arthur. Aber du kannst verstehen, wieso viele Männer unruhig werden. Wir haben den jungen Spross Tandors nun schon einige Tage in unserer Gewalt, aber unsere Späher berichten, dass sich die Truppen Celans eher aggressiver verhalten und Dörfer und Städte durchsuchen. Vielleicht braucht es eine deutlichere Warnung…“

„Ach ja, und was schlägst du vor?“, fragte Arthur herausfordernd. Man merkte noch immer, dass er innerlich kochte.

„Nun ja, ein Finger, einige Zähne…“

„Wenn dann werden es deine sein.“, unterbrach Arthur den gestammelten Vorschlag von Wanfried, dessen Andeutungen deutlich war, der aber anscheinend nicht den Mut hatte, die volle Wahrheit auszusprechen.

„Arthur.“ Es war Kilian, der dem Ritter die Hand auf die Schulter legte. „Beruhige dich. Die Beobachtung von Wanfried ist wahr. Wir haben uns ein Druckmittel erhofft, aber Celan geht nicht darauf ein. Nun müssen wir überlegen, was die nächsten Schritte sind.“

Arthur atmete aus. Er wollte gerade etwas erwidern, verschwieg sich dann aber die Worte. Kilian hatte Recht. Nur ein kühler Kopf hatte sie so lange am Leben gehalten. Es war wohl auch weniger der Angriff auf Lerke, denn der auf seinen Sohn gewesen, der ihn so in Fahrt gebracht hatte. Wenn er nur wenige Momente später gekommen wäre… Nein, das waren Gedanken, die ihnen nun wirklich nicht halfen. Er zog sich einen Stuhl an den Tisch und setzte sich zu den Männern.

„In Ordnung. Wie ist die Lage?“

„Celan hat zusätzliche Reiter aus Tandor geschickt, die von Grünburg aus in die Dörfer und Gehöfte vordringen. In vielen Orten werden Menschen nur drangsaliert, es gab aber auch erste Kämpfe. In den Auen des Oberlaufes des Rin haben wir eine Truppe gestellt, mussten uns aber zurückziehen, als Verstärkung kam. Es scheint, als versuche Tandor entscheidend zuzuschlagen, aber es fehlen ihnen die Männer. Die Angriffe waren weniger entschieden, als noch vor einigen Jahren, als wir tief in die Berge zurückgedrängt wurden.“, versuchte Aldo die Lage möglichst präzise zusammen zu fassen.

„Was ist mit Freital?“

„Unverändert stark besetzt. Grauberg hat sich mit seinen Männern nicht entfernt. Unsere Späher kommen aber kaum an die Stadt ran.“, berichtete Helmes.

Arthur nickte. Gren von Grauberg. Einer der brutalsten Häscher Celans. Nun Statthalter seiner Heimat Freital. Sie hatten vor vielen Jahren schon einmal versucht, die Stadt zurück zu erobern. Es war seine wohl verheerendste Niederlage gewesen.

„Arthur. Es ist die Zeit, konzentriert zurück zu schlagen. Wir haben so lange unsere Truppen gesammelt, die Männer gestärkt. Wir haben einen Trumpf in der Hand. Celan wird nicht selber gegen uns ins Feld ziehen, so lange wir seinen Sohn haben. Wir spüren, dass das Volk der Herrschaft Tandors überdrüssig ist. Es könnte bald zu spät sein, wenn Celan seine Macht in Valorien weiter festigt und sich mehr auf Rethas konzentrieren kann.“ Kilians Worte waren wohl überlegt, eine Stärke, die dem Krieger sonst nicht in die Wiege gelegt war. Aber in diesem Moment sprach er voll Überzeugung und Inbrunst.

Arthur überlegte. Haderte mit sich. Er schaute die Männer an, die an seiner Seite die Schwarzen Pfeile befehligten. Einst eine Einheit aus Freital, waren sie nun der größte Widerstand gegen Celan, wenn man den Herzog von Fendron und den Reichsverweser Alois außen vor ließ. Dennoch waren es alles alte Männer. Auch er selbst spürte, dass der Zahn der Zeit an ihm nagte. Wenn sie Rethas befreien wollten, musste es bald geschehen. In einem oder zwei Jahren konnte es in der Tat zu spät sein. Nun war Frühling. Es war ein guter Winter gewesen. Die Männer waren stark und zahlreich. Sie hatten zwei wertvolle Geiseln. Die Stärke Tandors schien ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Oder das Augenmerk Celans war nicht mehr auf das Herzogtum im Südosten gerichtet. Er nickte.

„In Ordnung. Ihr habt Recht. Wir müssen unserer Aufgabe folgen. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es Rethas zu befreien.“, sagte Arthur. „Und es muss in Freital beginnen. Wir werden die Stadt befreien, und von dort aus das Herzogtum. Wir müssen jeden Rethaner davon überzeugen, für uns zu kämpfen. Stadt für Stadt werden wir befreien, bis wir in der Halle von Grünburg sitzen.“

„Oder unter der Erde.“, sagte Wanfried, blickte aber grimmig entschlossen. Die anderen Männer nickten, bis Rogard aufstand und die Klinge zog.

„Treu und Ehr!“, rief der junge Mann und die Älteren erhoben sich und zogen die Schwerter aus den Scheiden.

„Valorien!“

Kapitel 9

Lumos trieb sein Pferd voran. Hinter ihm hörte er die Hufe seiner Männer. Drei Tage lang hatten sie die Spuren verfolgt. Die Spuren der geflohenen Priesterin und ihrer Anhänger, die den Irrglauben in den Ländern seines Vaters verbreitet hatten. Ein Verbrechen, auf das es nur eine Strafe gab: den Tod. Er würde derjenige sein, der das Land von dieser Geißel befreien würde. Es säubern.

Lumos musste sich regelmäßig ducken. Der Weg führte sie durch ein dichtes Waldgebiet in den nördlichen Ausläufern des Dämmertan. Dennoch wusste er, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Es hatte Wochen gedauert sie zu finden. Eine Priesterin, die in den einstigen Kronlanden von Dorf zu Dorf zog. Die Leute hingen ihr an den Lippen. Selbst unter größter Folter hatte kaum jemand ihm erzählen wollen, wo er sie finden konnte. So überzeugt waren die Menschen von ihrem Glauben an diese Götter. Doch als er und seine Männer eine Fährte gefunden hatten, hatten sie sich festgebissen, wie Bluthunde. Egal wie viele Gläubige die Frau um sich scharen konnte, er hatte fast hundert Reiter hinter sich. Sie würde sich nicht mehr schützen können. Oder verstecken. Ihr Weg nach Westen, nach Fendron, war wohl die einzige Chance. Doch Lumos würde sie finden. Diesseits oder jenseits der Gronde.

Mit einem Ruck am Zügel führte er sein Pferd in schnellem Galopp um die letzte Wegbiegung, bevor der Wald sich lichtete. Vor ihm tat sich ein Fluss auf, jedoch führte der Weg direkt zu einer Furt. Dies war also die Gronde, Grenze des Reiches seines Vaters. Er hatte nicht gedacht, dass sie schon so weit gekommen waren. Lumos hielt sein Pferd an, und seine Männer sammelten sich hinter ihm. Denn sie waren nicht alleine am Fluss.

„Mein Herr, wir sollten umkehren.“, hörte Lumos die mahnende Stimme von Golbert neben sich. Auch er hatte die Soldaten auf der anderen Seite des Flusses gesehen. Ein großes Banner verriet, dass es herzogliche Truppen waren: Die Efeuranke und der blaue Stern auf weißem Grund bestand seit hunderten Jahren als Wappen der Familie von Forgat. Doch vor wenigen Jahren hatte er das Wappen erweitern lassen, um das goldene Dreieck der Trias, das zwischen den Spitzen des Efeus prangte. Jeder sollte sehen, dass Fendron von der Trias gesegnet und geschützt war.

„Wieso?“, fragte Lumos kalt und schaute auf die andere Flussseite. Die Soldaten Fendrons beobachteten sie, machten aber keine Anstalten, ihnen entgegen zumarschieren, oder gar einen Angriff zu provozieren.

„Euer Vater hat befohlen, unsere Aufgabe innerhalb der Grenzen Tandors zu vollenden. Wir haben diese Priesterin verjagt und ihre Jünger gefunden und bestraft. Es scheint mir, als könnten wir erfolgreich nach Taarl zurückkehren. Oder unser Land weiter absuchen.“, versuchte Golbert es positiv zu fassen. Das Argument, er wolle keinen unnötigen Kampf gegen Fendron vom Zaun brechen, ersparte er sich. Er glaubte nicht, dass dies bei Lumos auf offene Ohren stoßen würde.

„Das werden wir sehen.“, sagte Lumos und trieb sein Pferd langsam nach vorne in den Fluss hinein. Golbert schaute dem jungen Mann ungläubig nach, signalisierte dann aber den anderen Reitern, ihm zu folgen. Immerhin würde er seinen Kopf nicht lange behalten, wenn Lumos von fendronischen Soldaten gefangen genommen würde.

In dem Moment, als die Pferde in den Fluss ritten, bewegte sich auch etwas am anderen Ufer. Die Fußsoldaten öffneten eine Passage und mehrere Reiter preschten nach vorne in die Furt hinein. Ihnen folgten weitere Fußsoldaten, um sie zu flankieren.

Die Reiter wurden von einem Mann in einer glänzenden Rüstung angeführt: Forgat von Fendron. Er trug die braunen Haare lang, die trotz seines Alters noch dicht waren und nur vereinzelt von grauen Strähnen durchzogen waren. Sein Blick wirkte entschlossen, als er Lumos musterte. Im Vergleich zu den meisten anderen Kriegern hing an seinem Gürtel kein Schwert, sondern ein Streitkolben, dessen Schlagfläche das goldene Dreieck der Trias bildete. Neben ihm ritt eine Frau auf einem Schimmel. Ihr Gesicht verriet ihr vorangeschrittenes Alter. Doch die Haare waren ebenschwarz wie eh und je und ihr Körperbau wirkte noch jugendlich. Sie trug ein weites, weißes Kleid, das voll von goldenen Stickereien waren. Direkt hinter den beiden ritt ein Bannerträger mit einem prächtigen herzoglichen Wappen, flankiert wurden sie von schweren Reitern, die geschlossene Rüstungen trugen. Mit den Soldaten am Ufer standen Lumos bestimmt zweihundert Gegner entgegen.

In der Mitte des Flusses hielten die Reiter beider Seiten inne, sodass Lumos und Forgat nur noch wenige Schritte trennten. Der Thronfolger von Tandor ließ sein Pferd noch einige Schritte nach vorne traben, sodass er vor seinen Männern stand, und so tat es ihm auch Forgat nach, bis sich die Pferde fast berührten.

„Lumos!“, begrüßte Forgat den jüngeren Mann kalt.

„Forgat. Du versperrst mir den Weg.“, sagte Lumos ruhig.

„Ich glaube, dein Weg endet hier. Kehr um nach Taarl und sag deinem Vater, dass dieses Land unter dem heiligen Schutz der Trias steht und er es niemals sein Eigen nennen wird. Ich glaube, das kann Celan nicht oft genug hören.“

Lumos lächelte verächtlich und ließ dann seinen Blick zu der Priesterin wandern, die er musterte. „Ich habe diese Hexe gejagt, die an deiner Seite reitet. Wenn du sie uns gibst, befehle ich meinen Männern umzukehren.“

Forgat zog seine Augen zu Schlitzen zusammen. „Alisa ist nicht nur die Hohepriesterin der Trias in Fendron, sondern steht auch unter meinem persönlichen Schutz.“

„Dann sollte sie in Fendron bleiben.“

Forgat antwortete nicht direkt. Er verharrte auf der Stelle und hielt die Tandorer genau im Auge. Es war eine Pattsituation, wo jeder falsche Zug zu einer Katastrophe führen konnte. Aber er wusste mehr Männer hinter sich. Und die führende Kraft Thorians.

„Lumos. Verschwinde. Du wirst in Fendron nur Blut finden. Aber ich will keinen Kampf mit dir. Geh einfach.“

Noch immer machte Lumos keine Anstalten sich zu bewegen. Sein Blick blieb auf Alisa behaftet, als höre er Forgat gar nicht. Er spürte, wie der Herzog unruhiger wurde. Ob er wohl Angst hatte? Lumos wusste, dass er selbst ein guter Kämpfer war. Er war sich sicher, dass dies auch über die Grenzen Tandors hinaus bekannt war. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie Forgat langsam seine Hand zum Gürtel führte, um die Befestigung des Streitkolbens zu lösen.

„Euer Gnaden, wir sollten nun gehen.“, hörte Lumos auf einmal erneut Golberts Stimme. Der Freiherr hatte zu ihm aufgeschlossen. Lumos fluchte innerlich. Fast hätte er Forgat da gehabt, ihn anzugreifen. Ein Kampf, den der Herzog nur hätte verlieren können, dessen war er sich sicher. Doch das Eingreifen Golberts schien die Situation zu verändern, denn er spürte, wie Forgat sich entspannte.

Lumos schaute noch einmal zu der Priesterin und spuckte aus, dann wendete er sein Pferd. Er fokussierte mit seinen Augen noch den Herzog, bevor er den Blick abwandte und durch eine Gasse seiner Reiter ritt, die sich ihm öffnete. Wortlos.

Forgat blickte mit Sorgen zum anderen Ufer. Die Reiter Tandors waren in den Bäumen verschwunden, aber noch traute er der Sache nicht, dass Lumos sich einfach so zurückgezogen haben sollte.

„Was meinst du? Werden sie den Frieden halten?“, fragte Forgat. Alisa ließ ihren Blick über den Fluss wandern und blickte dann hoch zur Sonne, die ihre wärmenden Strahlen auf sie niederwarf.

„Kylael weißt uns den Weg, aber er ist verschlungen und das Ziel schwer zu sehen.“, antwortete sie erst kryptisch, wie sie es meist tat. Dann blickte sie aber wieder zu Forgat. „Nein, ich glaube nicht, dass sie noch angreifen werden. Dennoch würde ich Vorsicht walten lassen. Du solltest deine Männer hier stationiert lassen und Späher nach drüben schicken, wenn möglich.“

Forgat nickte. Obwohl es Alisa war, die letztendlich die Feinde an die Grenze seines Herzogtums gelockt hatte, war er ihr nicht böse oder Gram. Sie hatte in Tandor eine heilige Aufgabe erfüllt. Forgat war sich sicher, dass in diesen chaotischen Zeiten nur die Trias Valorien retten konnte. Die Entscheidung Gilberts die Kirche zu verbieten, getragen von all seinen Nachfahren, war falsch gewesen. Nun gab es keine Nachfahren mehr, nun galt es, den Weg zu berichtigen. Als er von einem Boten dann gehört hatte, dass Alisa verfolgt wurde, hatte er sich persönlich an die Spitze seiner Männer gesetzt, um sie an der Grenze in Sicherheit zu nehmen. Nur wenige Stunden nach ihr war Lumos mit seinen Reitern eingetroffen.

„In Ordnung. Ich selber werde nicht hier bleiben können.“

„Wohin führt dich dein Weg?“, fragte Alisa ihren Herzog, den sie aber schon lange nicht mehr mit einem Titel ansprach. Zu vertraut war die Priesterin mit ihrem eifrigsten Gläubigen.

„Ein Bote ist in Tjemin eingetroffen. Aus Elorath. Alois ruft die verbliebenden Ritter des Reiches in die Kronburg. Unter freiem Geleit.“

„Werden Herzog Celan und Herzog Helmbrecht auch dort sein?“, fragte die Priesterin, doch Forgat schüttelte den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass Helmbrecht eine solche Reise noch antreten kann. Celan… ich weiß es nicht. Egal was er vorhat, ich bin bereit mein Reich zu verteidigen. Denn Thorian führt meine Hand.“

„Und Elonas Gnade ist Fendron sicher.“, fügte Alisa hinzu. „Was will der Reichsverweser?“

Forgat zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Doch ich werde hinreisen, um es herauszufinden. Wie jeden Tag werde ich beten, dass das Chaos in Valorien zurückgedrängt wird.“ Noch immer verharrte der Herzog und beobachtete das Ufer. Aber egal, wie lange er schaute, außer dem Rascheln der Blätter im Wind war weder etwas zu hören, noch zu sehen. Also wandte er sich wieder an die Priesterin.

„Alisa, wann wird dieses Land befreit? Wann kehren die Boten der Trias zurück, um das Licht zu schenken?“ Es war eine spontane Frage, die ihn doch schon seit Jahren beschäftigte. Ja, fast seit dem Moment, als er von Geron und dem heiligen Fürst Elian geschlagen worden war. Eine Weisung des Schicksals, wie sich herausstellen sollte. Stundenlang war er alleine im Regen verharrt, richtungslos, ausweglos, zweifelnd. Er hatte Dinge gesehen, die er nicht verstand, und es schien, als hätte er einen Weg eingeschlagen, der nur ins dunkelste Verderben führen konnte. Ziellos war er durch die Nacht geirrt, denn seine Männer und die Pferde hatten sich in alle Richtungen zerschlagen. Nach Liamtal hatte er sich nicht getraut, so blieb nur der Weg ins Ungewisse. Als ihn die Gedanken ob des Gesehenen zu übermannen schienen, in den Wahnsinn zu treiben, war sie dagewesen: Alisa. Wie einen Gestrandeten hatte sie ihn aufgenommen, ihm von der Trias erzählt, und ihrem Plan. Der Gnade Elonas, der Kraft Thorians, der Weisheit Kylaels. Wie die Trias ihn ausgewählt hatte, Zeuge ihrer Macht zu sein. Und wie er, als Diener der Trias, dieses Land ins Licht führen konnte. Gegen die Dunkelheit. Gegen Celan, der das Land unter sein Joch bringen wollte, der den König ermordet hatte und der jegliche Form des Triasglaubens auslöschen wollte. So war er als geläuterter Mann nach Tjemin zurückgekehrt und hatte sein Volk geeint, aufgerufen, sich gegen die Besatzung durch Tandor zu wehren, die bereits begann. Obwohl er nicht alle Ländereien hatte halten können, Fendron bestand weiter. Unter dem Licht der Trias.

„Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Wenn ich sie kennen würde, wäre ich wohl nicht mehr an diesem Ort.“, sagte Alisa nachdenklich. Sie legte Forgat eine Hand auf die Schulter und schaute ihm in die Augen. „Doch du wirst diesen Tag erleben, dessen bin ich mir sicher. Du wandelst unter ihrem Licht. Nun reite nach Elorath, wie du es vorhattest. Du bist eine Hoffnung für Valorien. So lange du deine Hoffnung und deinen Glauben an die Trias behältst, kannst auch du ihr Bote sein.“

Forgat nickte, antwortete aber nicht. Es war eine Antwort, wie sie nur Alisa hatte finden können.

„Möge Elona dich schützen.“, sagte Alisa also noch, bevor sich der Herzog abwandte und zu seinem Pferd ging.

Die Sonne war untergegangen, Wolken aufgezogen und so lag die Nacht dunkel über Lumos. Sein Blick war gen Westen gewandt. Gen Fendron. Über die Gronde, hin zu Forgat, und dieser Priesterin, die ihre Lügen in Tandor verbreitet hatte. Er war sich sicher, dass die Einflüsterungen von Priesterinnen wie ihr verhinderten, dass Valorien noch nicht vereint war. Obwohl sich nur Forgat offen zu der Religion bekannte, verfolgte auch Alois in den Kronlanden deren Gläubige nicht wirklich. Wenn Fendron sich vor Jahren wie von seinem Vater beschrieben unterworfen hätte, um Celan als König zu krönen, hätte Alois Elorath niemals halten können. Doch es war alles anders gekommen. Nun galt es, dieses Gift auszumerzen, um dem Chaos ein Ende zu bereiten. Um Celan zu krönen, auf dass Lumos ihm eines Tages folgen konnte. Vielleicht war dieser Tag ja gar nicht so fern, wie manche dachten…

„Golbert.“, sagte Lumos, als er erkannte, dass sich der Freiherr näherte. Der Thronfolger Tandors stand auf einer leichten Erhebung außerhalb des Lagers und schaute über die Spitzen der Bäume hinweg. „Befiehl den Männern sich für den Kampf vorzubereiten.“ Er sprach es wie eine Selbstverständlichkeit aus. Als wäre der Angriff auf Forgat schon immer der logische nächste Schritt gewesen, den es nun umzusetzen galt.

„Wie bitte?“, fragte Golbert offensichtlich verwundert. „Gegen wen?“

„Ist das nicht offensichtlich? Wir hatten es doch schon mal mit dem Ausführen von Befehlen…“, antwortete Lumos scharf, sein Blick immer noch nach Westen gewandt.

„Mein Herr, ich glaube nicht, dass wir uns einen Angriff auf Fendron erlauben können. Euer Vater würde dies nicht gutheißen, außerdem…“

„Mein Vater ist nicht da.“, unterbrach Lumos den Freiherrn.

„Nein, aber er herrscht über das Land, und unsere Befehle waren eindeutig.“

„Außerdem?“, fragte Lumos dann nach.

„Wie meinen, mein Herr?“

„Du wolltest noch etwas sagen…“

„Ja, ich wollte euch berichten, dass weitere Reiter eingetroffen sind.“

„Sehr gut. Das wird das Schlachtenglück für uns entscheiden.“, sagte Lumos zuversichtlich und ließ sich selbst von den Widerworten Golberts nicht aus der Ruhe bringen.

„Ich glaube kaum, Lumos.“, hörte er dann jedoch eine andere Stimme und drehte sich um.

„Narthas.“, stellte er kalt fest und betrachtete den Urben. Was machte dieser dreckige Steppenkrieger nur hier? Und was wollte er ihm befehlen? Ihm, dem Nachfolger Herzog Celans und damit in gewisser Weise auch Befehlshaber des Kriegers?

„Golbert, lass die Männer sich sammeln. Sie sollen nach Taarl zurückkehren, einige werden mich nach Nordend begleiten.“, sagte Narthas entschieden. Es war unklar ob er einfach dem Befehl des Urben folgte oder den Ausweg aus der Situation gerne annahm: Golbert drehte sich auf der Stelle um und lief auf das Lager zu.

„Ich dachte nicht, dass du mir oder meinen Männern Befehle gibst, Narthas.“, sagte Lumos und schaute den Urben hasserfüllt an.

„Und ich habe nichts von einem Befehl Herzog Celans gehört, der einen Angriff auf Fendron beinhaltet hat.“

„Ich bin beauftragt, die Krankheit des Triasglaubens zu heilen.“

„Und das hast du großartig gemacht. Aber hier ist die Grenze. Kehr zurück nach Taarl, und melde dich bei deinem Vater, wenn er aus Elorath zurück ist.“

„Was macht er in Elorath?“, fragte Lumos nun offen interessiert.

„Das wird er dir bestimmt berichten.“, sagte Narthas, wandte sich dann aber auch ab, um wieder zum Lager zurückzukehren, und ließ Lumos alleine in der Nacht stehen. Dieser schaute dem Urben hinterher. Hass sprach aus seinen Augen. Doch er wusste, dass er die Situation nicht mehr ändern konnte. Noch nicht.

Kapitel 10

Die Sonne senkte sich bereits über Kargat, als die kleine Truppe aus Reitern die ersten Palisaden und Barrieren erreichten, die das große Räuberlager umgaben. Aus der Ferne waren diese unscheinbar gewesen, meist hatte man Büsche oder Bäume wahrgenommen. Aber als sie sich Dornat näherten, bemerkte Taskor die verborgenen aber wohl effektiven Verteidigungsringe. Überall waren kleine Fallen und andere Verteidigungsanlagen aufgebaut. Falls eine Reihe überwunden war, konnten sich die Verteidiger zur nächsten zurückziehen. Genauso wurden die weitauslaufenden Ruinen der einst mächtigen Feste genutzt und in das Konzept integriert. Im Falle eines Angriffs würde es dem Nachtrudel nicht schwer fallen, die Ruinen zu verteidigen. Ein Angreifer müsste mit großen Verlusten rechnen. Doch gerade aufgrund dieser Anlagen war es Taskor schleierhaft, wie sie all die Jahre das Hauptlager der Räuber hatten übersehen können. Der Blick des Königs war in andere Richtungen gegangen. Nun, da diese nicht mehr der Hauptfeind waren, fand sich Taskor im Lager des Nachtrudels wieder. Was für eine Ironie des Schicksals.

„Sagt, königliche Majestät, was haltet Ihr von unserer kleinen Festung?“, hörte Taskor Rufus‘ Stimme und schaute zu dem Anführer, der die Königin angesprochen hatte. Gerade wollte er sich zwischen ihn und Hega schieben, als diese antwortete.

„Es ist sehr beeindruckend, Rufus. Obwohl ihr gegen meinen Mann und die Krone Kargats in den Kampf gezogen seid, bin ich ergriffen, was ihr aus den alten Ruinen des Königreiches gemacht habt. Es erfordert Mut sich dem Fluch Dornats zu stellen, und hier zu übernachten. Und es erfordert Geschick, Können, und militärischen Verstand, eine solche Anlage anzulegen. Zumindest erkenne ich deren Wert, wenn ich den Blick meines Generals richtig deute. Nicht wahr, Taskor?“, erwiderte die Königin mit einem aufrichtigen Lächeln. Taskor war kurz verwirrt von der Freundlichkeit Hegas, erkannte darin aber einen klugen Schachzug. Es gab kaum etwas zu verlieren. Grobheit und Arroganz würde sie kaum weiterbringen. Und da das Kaiserreich der eigentliche Feind war, gab es keinen Grund, auch noch diese Räuber zu verärgern.

„Ich kann nicht sagen, dass ich gerne in Fesseln in euer Lager einreite. Aber ich bin froh, dass ich nicht versuche, es mit erhobenem Schwert zu betreten.“, antwortete Taskor diplomatisch, als sie gerade den letzten Ring der Mauern erreichten.

Die Feste von Dornat lag auf einem erhöhten Plateau, dessen vordere, flache Seite sie gerade hochgeritten waren. Im Rücken der Burg erhob sich der mächtige Kal Dor. Obwohl der Berg an sich nicht so hoch war wie andere Gebirge, erschien er dadurch mächtig, dass er scheinbar einsam in weiten Ebenen stand. So war seine Spitze schon aus großer Entfernung zu sehen. Die Festung war einst direkt an den Berg gebaut worden, doch wie der große Teil waren auch die Türme, die am Berg gestanden waren, zu Ruinen von geschwärztem Stein verfallen. Man sagte, dass die alten Könige Kargats einst den Berg untergraben hätten, um ein riesiges System aus Gängen und Hallen anzulegen. Doch mit der Zerstörung der Festung waren auch die Eingänge zu diesen Stollen verschlossen worden, wenn es sie überhaupt gab.

„Glaub mir Taskor: Du bist nun genau auf der richtigen Seite. Außerdem trägst du doch gar keine Fesseln, schließlich seid ihr unsere Gäste.“, sagte Rufus mit einem falschen Lächeln, als sie nach oben in den Hof einbogen, der einst das Zentrum der Burg gebildet hatte. Die Größe des Innenhofes war beeindruckend. Doch Taskors Aufmerksamkeit richtete sich viel mehr auf das, was sich im Innenhof befand. Dieser war gefüllt von Zelten, provisorischen Hütten, Feuerstellen, Handwerkertischen und sogar einem kleinen Trainingsplatz. Es wirkte wie ein kleines Heerlager. Der General hatte nie realisiert, wie viele Männer dem Nachtrudel angehören mochten. Dafür hatte seine Aufmerksamkeit zu sehr auf den äußeren Feinden Kargats gelegen. Aber sein Eindruck bestätigte sich immer mehr: Es war keine wilde Räuberbande, der sie hier entgegenstanden. Die Truppe schien von Männern mit militärischer Erfahrung, wie Rufus, geführt zu werden.

„Als Gäste wünschen wir mit deinem Anführer zu sprechen, Rufus.", antwortete dann die Königin vor ihm, nun in etwas schärferem Ton.

„Wie königliche Majestät wünschen“, antwortete der Angesprochene mit einer angedeuteten Verbeugung und zeigte dann auf das Gebäude, das wohl einst die Haupthalle gewesen war. Obwohl auch hier die Wände zum Teil eingestürzt und verbrannt waren, erinnerte diese noch am ehesten an ein intaktes Gebäude. Aus verschiedenen Materialien war das Dach provisorisch wieder aufgebaut und die eingestürzte Westwand teilweise neu errichtet worden.

„Nach euch!“, sagte Rufus, als sie aus den Sätteln gestiegen waren, und deutete auf den offenen Eingang, dem eine Tür fehlte. Taskor erkannte, wie ihre weiteren Begleiter unsicher schauten: Florenzo, Sinja und Gilmar wirkten noch verlorener, als er selber. Obwohl die drei doch am ehesten zu dieser Räuberbande passten. Andererseits hatten sich die drei, und insbesondere der gefallene Eggbert, als verlässlich erwiesen.

„Dann wollen wir mal“, sagte Taskor und deutete der Gruppe, ihm zu folgen.

Das Innere der Halle war nur spärlich von einigen Fackeln beleuchtet. Sonya musste sich kurz orientieren, bevor sie die Gestalten am Ende des Raumes sah. Obwohl die Prinzessin nur die Umrisse sehen konnte, machte sie drei Männer aus, die an einem Tisch saßen.

„Hauptmann, wir haben wahrlich hohe Gäste in der Wildnis angetroffen.“, rief Rufus zur Begrüßung. Die Männer erhoben sich von ihren Plätzen und traten in das Licht der Fackeln. Sonya musterte diese. An der linken Seite stand ein kleiner Mann, vielleicht sogar nur ein Junge, der kurze, schwarze Haare hatten, die wild zu allen Seiten wegstanden, und am Gürtel eine kleine Axt trug. Der Mann auf der rechten Seite schien deutlich älter. Wie bei Rufus war sein Haar bereits von grauen Strähnen durchzogen. Trotz des schlechten Lichtes erkannte Sonya, dass sein linkes Auge vollständig bleich und somit wohl blind war. Doch beide Gestalten wurden von der Statur des Hauptmanns vollkommen überragt. Dieser war bestimmt über zwei Schritte groß und hatte mächtige Schultern und Oberarme. Sein ebenfalls ergrautes Haar war kurz, soldatisch geschnitten, der Bart zu kurzen Stoppeln geschoren. Der Blick hatte etwas Herrschaftliches und dennoch Kaltes. Doch am auffälligsten war seine linke Hand. Oder eben das Fehlen jener, denn wo die Hand sein sollte, endete der Arm stattdessen in einem eisernen Haken, der den sowieso schon beeindruckenden Mann wahrlich furchteinflößend machte.

„Hauptmann“, sprach Rufus ihn dann weiter an und machte eine Verbeugung mit einem schelmischen Lächeln, die offenbar mehr Ironie denn echter Respekt war. „Darf ich vorstellen: Königin Hega von Kargat, ihre Tochter Prinzessin Sonya von Kargat und der legendäre Schwarze General, Taskor Graufels. Naja, und ein paar mehr, die wir nicht vor der Halle hatten stehen lassen wollen.“, fügte er mit einem Grinsen hinzu.

Der Hauptmann machte keine Anstalten, Sonya oder Hega Respekt zu erweisen. Die Prinzessin spürte, wie sich Benno erneut halb vor sie stellte. Immerhin Mut baute der Junge langsam auf, wenn man den Mann ansah, der dort auf sie hinabschaute. Doch es war Taskor, der das Wort ergriff.

„Nun kennst du unsere Namen. Wie dürfen wir denn den Hauptmann des Nachtrudels ansprechen?“, sagte er und blickte fest zu dem Hünen. Dieser blieb erst regungslos, lächelte dann aber.

„Dann will ich meine Gäste in Dornat begrüßen. Willkommen in den verfluchten Hallen, die ihr Adeligen so gerne meidet. Ein Glück für uns, fürwahr. Nun, was kann ich für meine Gäste tun, bevor ich euch der Gnade des Kaiserreiches überlasse?“ Die Stimme des Mannes war trotz seines Alters stark und tief und hallte durch den Raum.

„Ein Name, für den Anfang.“, erwiderte Taskor kalt.

„Berlan.“, antwortete der Hauptmann ohne Zögern. Taskor stockte, bevor er antwortete. Er musterte den Hauptmann näher, bevor sich dann seine Augen weiteten.

„Berlan? Berlan von Fendron aus Valorien?“, sagte er fragend.

„Der war ich einst. Nun bin ich Berlan, Hauptmann des Nachtrudels und Beschützer des Volkes von Kargat.“

„Beschützer des Volkes? Das ist wohl ein schlechter Scherz.“, antwortete Taskor, der nun deutlich aufgebracht wirkte. Doch bevor er weitere Worte sprechen konnte, bewegte sich Sonya nach vorne und legte dem General die Hand auf den Unterarm. „Danke, General Taskor.“, sagte sie und ging dann weiter auf Berlan zu.

„Sonya!“, sagte noch Hega, die auch deutlich überrascht schien, um die Prinzessin zurück zu halten, doch Sonya ließ sich nicht beirren. Sie ging auf Berlan zu, bis sie nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war und knickste dann vor dem Hünen leicht.

„Mein Herr von Fendron. Im Namen meiner Mutter, der Königin von Kargat und des Volkes von Kargat bitte ich um Euren Schutz in den Mauern Dornats. Lange hörte ich von den Taten Eurer Männer. Während große Teile unseres Landes in euch nur Räuber und Vagabunden sahen, habe ich immer öfter vernommen, dass es nur die Reichen und Mächtigen waren, die eure Opfer wurden. Und das selten Gewalt gebraucht wurde, wenn es nicht notwendig war. Wenn ihr euch in der Tat als Beschützer unseres Volkes seht, dann bitte ich Euch darum, uns hier in Dornat aufzunehmen. Doch ich bitte Euch um mehr: Dieses Land ist noch nicht verloren. Es brennt unter dem Banner der Sonne, doch so lange es Männer und Frauen gibt, die an Kargat glauben, besteht unser Land. Helft uns, diesen Krieg zu führen, auf dass unser Volk nicht unter dem Joch des Kaisers leiden muss. Wenn wir obsiegen, soll die Herrschaft des Adels nicht mehr die Gleiche sein, wie vorher. Auf dass sich Banden wie das Nachtrudel nicht bilden müssen.“

Die sanfte Stimme der Prinzessin schwang durch die Halle und zog absolute Stille nach sich. Von den Worten Sonyas waren wohl sowohl die anwesenden Räuber, als auch Taskor, Hega und ihre Begleiter sowohl überrascht, wie auch beeindruckt. Doch es war die Königin, die als nächstes reagierte und nach vorne ging, um sich neben ihre Tochter zu stellen. Vielleicht war es eine Nachwirkung der Worte Sonyas, vielleicht auch das sichere Auftreten Hegas, aber als sie sich vor Berlan stellte, neigte dieser den Kopf und verbeugte sich vor ihr.

„Berlan. Wir kennen uns nicht. Dennoch erkenne ich einen Mann der Ehre in dir, trotz deiner Taten gegen meinen Mann und das Reich. Doch wie du schon sagtest: der Feind ist nun ein anderer. Ich schließe mich den Worten meiner Tochter an. Wenn du und deine Männer uns zur Seite stehen, sollen alle eure Verbrechen vergessen sein. Denn es gilt Kargat zu befreien, egal wie gering unsere Hoffnung auch sein mag.“

Berlan schaute auf und wollte anscheinend etwas antworten, als auch Taskor an die Seite der beiden Frauen trat.

„Wenn du der Kopf hinter dieser Anlage bist, dann gilt dir meine Hochachtung. Gegen jemand, der seine Männer so führt, will ich nicht gerne kämpfen. An dessen Seite sehe ich aber noch Hoffnung für Kargat.“

Berlan richtete sich auf und streckte seinen Rücken durch. Sein Blick wanderte über die drei, blieb aber schließlich bei Hega stehen.

„Königliche Majestät, ich habe mit voller Überzeugung gegen Euch und Euren Mann gekämpft, da das Volk unter der Gier und der Macht des Adels gelitten hat. Und um Fehler aus meinem vorherigen Leben wieder gut zu machen. Doch ich werde mir Eure Worte zu Herzen nehmen. Ich muss darüber nachdenken.“, antwortete er. Dann wandte er sich an den Jungen neben ihn.

„Sivert, bitte führe unsere Gäste in die alte Schmiede. Dort sollte man ein gutes Lager für sie einrichten können. Rufus, darum wirst du dich kümmern.“, befahl Berlan. Der Junge nickte nur und quittierte die Anweisung mit einem kurzen „Ja, Vater!“ Dann wandte sich der Hauptmann an den alten Mann neben ihn.

„Felbart. Lass die Männer wissen, dass diese Leute meine Gäste sind, und nicht unsere Gefangenen. Sie sollen entsprechend behandeln werden.“ Der Räuber nickte wortlos, bevor sich Berlan wieder an Hega wandte.

„Königliche Majestät, Ihr werdet hier Schutz und Unterschlupf finden. Gebt mir eine Nacht, dann werden wir wieder sprechen.“

Hega nickte mit einem Lächeln. „Ich danke dir, Berlan, für die Gastfreundschaft.“

Berlan schaute auf seine rechte Hand hinunter. Es hatte die gesamte Nacht geregnet, und so lag Dornat in Schlamm und Wasser unter ihm, die Feuer waren erloschen. Trotz des aufkeimenden Frühlings war es ein kühler Morgen, und er hatte sich seinen Fellumhang umgelegt, bevor er auf die alte Mauer gestiegen war. Oft hatte er hier oben gestanden, auf das Lager geschaut, das er geschaffen hatte, und an all seine Taten gedacht. Gute wie Schlechte.

Er meinte das Blut an seiner Hand kleben zu sehen. Zu viel Blut, das er vergossen hatte, aus Hass, Neid und Eitelkeit. Leid, das er über seine Heimat gebracht hatte. Valorien und Fendron. Dennoch hatten diese falschen Taten ihn zu dem Mann gemacht, der er heute war. Die Taten, und Elsa. Wie oft hatte er hier schon gestanden und überlegt, was sie nun über ihn denken würde. Ob sie ihn von irgendwo her beobachtete. Ihre gemeinsame Zeit war zu kurz gewesen, und dennoch hatte sie ihn für immer geprägt.

Er schaute auf und blickte zum Horizont nach Norden. Fern der weiten Ebenen vor Dornat, über dem Horizont hinaus lag Valorien. Mit jedem Jahr hatte er weniger an die alte Heimat denken müssen, und dennoch verließ ihn das Gefühl auch nicht, eines Tages doch zurück zu kehren. Gleichzeitig dachte er an den Abschied aus dem Reich seines Vaters. Der König hatte es als Gnade verstanden ihm das Leben zu schenken. Doch für ihn war es die größte Strafe gewesen, die er sich vorstellen konnte. Verbannt, alleine, ohne Macht, ohne Männer, zurückgelassen. Ohne Ziel und Richtung. So war er durch das benachbarte Kargat geirrt, hatte sich durchgeschlagen, irgendwie. Erst als er Elsa getroffen hatte, hatte sich alles geändert. Sie hatte ihn geändert. Er dachte, er hätte Frieden gefunden. Mit ihr und Sivert. Es schien so unwirklich, bei all dem, was er erlebt hatte. Wer er war. Dennoch war dieses bisschen Frieden und einfaches Leben vielleicht ein gnädiges Ende. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

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