Kitabı oku: «Raqqa am Rhein»
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
PROLOG
Raqqa im Libanon
Brot und Geburt
Unser Garten, der nicht geflüchtet ist
Die Tränen Aleppos
Flucht im Vaterland
Die Sprühdosen der Freiheit
Das Volk und das Regime
Die Bärtigen in Raqqa
Hussam
Die Lüge der Befreiung
Die Flucht außer Landes
Köln
NACHWORT

Jabbar Abdullah
RAQQA am RHEIN
Ein Bericht
mit einem Vorwort von
Ilija Trojanow
Der vorliegende Text entstand zu einem Teil durch die enge Zusammenarbeit des Autors mit Sonja Oelgart, welche seine mündlichen Erzählungen ins Deutsche übertrug. Weitere Passagen, übersetzte Christine Battermann direkt aus Jabbar Abdullas arabischem Manuskript.
CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek
© 2020 by Sujet Verlag
Raqqa am Rhein
Jabbar Abdullah
ISBN: 978-3-96202-613-4
Lektorat: Roberto Di Bella, Gerrit Wustmann
Umschlaggestaltung: Kai Kullen
Layout/Korrektorat: Lúcia Rodrigues Maio
Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen
Printed in Europe
1. Auflage: 2020
www.sujet-verlag.de
VORWORT
von Ilija Trojanow
Es ist eine der wesentlichen Aufgaben der Literatur, Erinnerung zu wahren und Zukunft zu imaginieren. Das motiviert jede Erzählung, auch diese von Jabbar Abdullah. „An jeden Winkel (...)habe ich Erinnerungen. Sie zwicken mich immer wieder im Kopf, als wollten sie mir sagen: ‚Wir sind noch da! Vergiss uns nicht!‘“
Aus literarischer Sicht sind diese aufdringlichen Erinnerungen zugleich eine Herausforderung, weil sie andere, weniger traumatische, weniger einschneidende Erinnerungen überschatten oder gar auslöschen. Schreiben ist stets auch ein Bemühen, die Fragmente der eigenen beziehungsweise der gemeinsamen Erinnerung zusammenzufügen. Nichts anderes tut Jabbar Abdullah, auch wenn er als Flüchtling, der in einer vor wenigen Jahren ihm noch fremden Sprache schreibt, besonders widrige Umstände zu bewältigen hat: „Sie haben meinen Lieblingstisch in Flammen gesetzt, an dem ich so oft mit Papier und Stift gesessen hatte.“ Er muss einführen in eine fremde Welt, er muss die Details des Alltags beschwören, um die untergegangene Normalität zu vergegenwärtigen.
„Raqqa am Rhein“ ist ein Bericht über das Ausgeliefertsein gegenüber der Macht und der Gewalt. „Assads Regime hat meine Schule zerstört, und der IS hat die andere Schule geschlossen (...) unser Leben war schwarz geworden. Niemand konnte mehr den Blick in die Zukunft richten.“ Ohne sichtbare Zukunft herrscht eine unerträgliche Ohnmacht, die es zu überwinden gilt, mit einfachen Formen des Widerstands, seien sie auch so vordergründig hilflos wie das Besprühen der kleinstädtischen Mauern mit revolutionären Parolen gegen die Diktatur und ihre Propaganda. Auch wenn die Parolen schon am nächsten Tag entfernt werden, die Schrift an der Wand ist Ausdruck einer Gegenposition, einer anderen Erzählung, einer widerspenstigen Haltung. Und davon muss immer wieder berichtet werden.
Unvergesslich etwa die Beschreibung einer spontanen Demonstration an der Universität von Aleppo, die von Soldaten und Geheimdienstagenten in Zivil niedergeschlagen wird. Ein kurzer Atemzug der Freiheit, gefolgt von der Brutalität der Macht, die nicht einmal einen Hauch von Hoffnung zulassen will, zulassen darf.
Allerdings weiß ein leidgeprüfter Autor, der Zeugnis ablegt, von seiner Verpflichtung gegenüber den vielen anderen Erinnerungen: „Sie haben nicht nur meine Erinnerungen, sondern auch diejenigen der Millionen von Menschen, die dort gelebt haben, bombardiert.“ Deswegen richtet er seinen Blick, durchaus überraschend mitten in der Erzählung, auf zwei weitere Schicksale, so als könne der Einzelne dem Geschehenen mit eigener Stimme nicht gerecht werden, so als müsste die einzelne Stimme zu einem Chor erweitert werden, weswegen die bemerkenswerten Geschichten der Männer Moomin und Hussam zu vernehmen sind.
Jabbar Abdullahs Bericht endet mit einem Hoffnungsschimmer, der zärtlich ist (Euphrat und Rhein verschmelzen) und zugleich zutiefst politisch, denn seine Rettung ist Folge einer zivilisatorischen Errungenschaft (Asylgesetze, Flüchtlingskonvention, Willkommenskultur), die von xenophoben Teilen unserer Gesellschaft angegriffen, dämonisiert wird. Ohne diese humanen Rahmenbedingungen wäre dieses Buch nicht entstanden, könnte sein deutscher Autor mit syrischem Namen nicht am Ende schreiben: „Ich hoffe, dass das Leben wieder zu uns zurückkehrt .“
Die Hoffnung auf eine Rückkehr des Lebens hält einen am Leben. Wer diese Hoffnung anderen Menschen wegnimmt, der tötet.
PROLOG
Warum lesen Sie dieses Buch? Weil ich ein Flüchtling bin? Weil ich Ihnen eventuell ein paar spannende und interessante Geschichten von Liebe und Krieg in einem orientalischen Land mitbringe, die Sie sich gerne anhören würden? Oder haben Sie gestern ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht gelesen, sich für eine Weile in dieser fantastischen, faszinierenden Welt verloren und Interesse an mir entwickelt, weil ich für Sie einen der vierzig Sklaven verkörpere, welche die Prinzessin eines orientalischen Märchens erworben hat, um mit einem nach dem anderen ins Bett zu gehen?
Schließlich bin ich gewissermaßen von Geburt an Sklave, aufgrund meines Vornamens. Bedauern Sie mich nicht. Wundern Sie sich nicht über den Begriff. Ich wurde als Sklave geboren, um Lust zu verschaffen. Auch meine Mutter ist Sklavin. Jeden Tag von morgens bis abends mühte sie sich ab, Baumwolle zu pflanzen, damit ein paar reiche Völker an billige Textilien kamen. Sie hütete die Schafe, um uns Kinder mit Milch zu versorgen, sodass wir schnell groß wurden und den Krieg in all seiner Hässlichkeit erleben konnten. Um dann eines Tages in billige Schlauchboote zu steigen und überzusetzen in ein fernes Land namens Europa.
Zwar war meine Mutter Sklavin und ich noch ein unreifer Embryo, aber ich war noch frei. Am liebsten wäre ich mein Leben lang, neunzig Jahre statt nur neun Monate, in ihrem Leib geblieben, wäre darin zum Mann herangewachsen, gealtert und erst im Augenblick meines Todes zu Ihnen hinausgekommen oder als gebrechlicher, weißhaariger Greis, schwerhörig und mit trübem Blick. Aber frei.
Ich hätte mir so gewünscht, nicht hinauszumüssen in Ihre Welt voller Kriege und Tragödien wie jene von Hiroshima und Nagasaki, in eine Welt, die den Irakkrieg gesehen hat und den Völkermord an den Armeniern, nicht hinauszumüssen zu Kriegen um Öl und zu Revolutionen, die von den Großmächten zu Kriegen gemacht werden. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie niemals einen Text wie diesen zu lesen bekommen, dass ich mich Ihnen nie als Geflüchteter hätte vorstellen müssen. Denn weder möchte ich Ihr Mitleid noch Hunderte Male gefragt werden: „Wo kommen Sie denn her?“
So wurde ich selbst zum Sklaven. Mein Vater nennt mich schon seit meiner Geburt so, mein vollständiger Vorname lautet Abd Al-Jabbar. Und was bedeutet Abd? Sklave, Sklave Gottes des Allgewaltigen. Mit diesem Namen, den ich nie leiden konnte, bin ich groß geworden, mit ihm habe ich gelebt. Seinetwegen waren mir Gott und mein Vater verhasst. Und meine Mutter liebte ich, weil sie mich nie mit diesem Namen ansprach. Sie nannte mich immer Abûd. Ich hätte mir sehr gewünscht, mein Vater hätte mich in jener Nacht damals um meine Meinung gebeten, bevor er mit meiner Mutter schlief. Dann hätte ich ihn gebeten, sich wenigstens noch zwanzig Jahre Zeit mit mir zu lassen. Zwanzig Jahre? Ach nein, wenn er das getan hätte, wäre ich heute ein Kriegskind, und ein Heckenschütze schösse mir in den Kopf.
Und wie hätte ich es als Kind fertiggebracht, ganz allein vor dem Krieg zu fliehen? Wie hätte ich mit dem Pass meines Bruders reisen, illegal all diese Grenzen überwinden, durchs Meer schwimmen und mein Leben gegen Haie, Wale und die Soldaten der Küstenwache verteidigen sollen? Ich wäre jetzt ein Leichnam ohne Ausweis oder auch ohne jene Erkennungsmarken, wie sie Soldaten im Kampf tragen. Aber das sind sowieso alles nur Gedankenspiele.
Wer sagt denn, mein Vater hätte seine Lust überhaupt unterdrückt, auf meine Bitte gehört und sein Sperma zwanzig Jahre lang zurückgehalten?
Nein, Vater, ich bin stolz auf dich, dass du bei meiner Zeugung dein Verlangen nicht bezwungen, und auch auf dich, Mutter, dass du damals nicht die Pille genommen hast. Ich bin stolz, als Sklave geboren, mich befreit und mich Gott widersetzt zu haben, und statt Abd nenne ich mich nun Jabbar. Jabbar der Allgewaltige, so lautet einer der neunundneunzig Namen Gottes. Damit bin ich Gottes Bruder, Kollege, Freund – oder gleichsam wie Gott.
Meine Mutter heißt Maryam, und Maryam war auch die Mutter Jesu. Jesus ist Gottes Sohn, oder Gott selbst, und ich habe Gott zum Großvater. Meine Mutter ist also irgendwie auch Gottes Ehefrau. Mein Vater aber ist nicht Gott, denn er heißt Hussain, nach dem Enkel des Propheten Muhammad. Mein Vater interessiert mich auch gar nicht, denn er wurde als Mann geschaffen.
Wie schön wäre es, wäre er eine Frau wie meine Mutter! Ich mag Männer nicht. Die einen fangen Kriege an, die anderen arbeiten als Schlepper und überreden die, die sich vor dem Krieg retten konnten, zur Flucht übers Meer. Ich hasse auch das Meer, es ist genauso mörderisch wie die Männer. Mein Vater hat mich nicht gezeugt, weil er mich haben wollte, sondern nur, weil er damals seine Lust nicht unter Kontrolle hatte.
Ich hasse diese Triebe, denn sie sind wie der Mann, sie erheben sich in seinem Körper, kämpfen gegeneinander an und begehen ständig den Fehler, Kinder wie mich zu zeugen. Nur, damit wir dann im Krieg leben. Damit wir von einem Mann, der in seinem korrekten Anzug nur aussieht wie ein Demokrat, getötet oder von einem Milizionär unterjocht werden, der uns Kinder als Soldaten in den Bergen kämpfen lässt, wo wir zu Wilden heranwachsen und uns darauf vorbereiten sollen, Helden und Schlachtlämmer zu werden, die sich seinetwegen und für ihn opfern.
Wäre der Krieg nicht gewesen, hätte ich mein Zuhause nicht verlassen. Dann wäre ich Sklave geblieben. Ich hätte meinen Namen nicht ändern können und auch nicht schreiben, dass ich sie alle hasse: Gott, die Baath-Partei und „meinen“ Staatspräsidenten, die Mörder Rosa Luxemburgs, die Balkanroute und die Pläne sämtlicher Schlepper, Kriegspiloten und Artillerieschützen. Und ich hätte nicht sagen können, dass meine Mutter Gottes Ehefrau ist und ich Gottes Kollege und Enkel bin. Ich bin kein religiöser Mensch. An den Moscheen liebe ich nur die Architektur und die weichen bunten Teppiche. Die krächzende Stimme des Muezzins aber, der seit zehn Jahren in der Moschee neben unserem Haus zum Gebet ruft, kann ich nicht ausstehen.
Ein paarmal habe ich sogar selbst zum Gebet gerufen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Ich hatte nämlich beim Freitagsgebet einmal gehört, wie der Sheikh zu den Betenden sagte, das mache Gott zornig und erschüttere seinen Thron. Und Gott zornig machen wollte ich, das war meine einzige Waffe. Ich wusste, eines Tages würde er auch mich gegen sich aufbringen, indem er einen zweijährigen Jungen namens Aylan ganz allein, ohne seine Mutter, tot an eine ferne Küste wirft. Und damit, dass er die Tyrannen dazu bringt, meinen einzigen Freund mit einer Kugel in den Kopf zu töten. Und indem er meine Mutter vier Jahre lang in einem Zelt der Vereinten Nationen im Libanon hausen lässt.
Später nahm ich an den Demonstrationen teil, um den Herrscher in Rage zu versetzen. Der Herrscher ist ja Gottes Stellvertreter auf Erden und das Demonstrieren meine Waffe gegen ihn. Jetzt halte ich mich als Flüchtling hier in Deutschland auf, weil ich gehört habe, dass sich die Rechten dadurch provoziert fühlen. Und so verfüge ich nun über drei Waffen und drei Feinde.
Aus dem Arabischen von Christine Battermann
Raqqa im Libanon
Die Bewohner von Raqqa sind einfache Menschen. Die meisten von ihnen sind in Landwirtschaft und Handel tätig oder arbeiten in der städtischen Verwaltung. Viele besitzen außerdem ein eigenes Stück Land, mehr oder weniger groß, auf dem sie im Sommer und im Winter die Saat ausbringen.
Doch sind in den letzten Jahren die Erträge immer weiter gesunken. Sie reichen nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren. Dürreperioden sind eine Ursache, ebenso wie gestiegene Preise für Kraftstoff, Saatgut und Dünger. Ihre Ernte müssen sie an den Staat verkaufen, der jedoch die Preise bewusst drückt. Seine Erzeugnisse selbst auf dem Markt anzubieten, ist verboten. Wer doch dabei erwischt wird, muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Den Bauern bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Diktat von oben zu fügen.
Um sich das teure Saatgut leisten zu können, müssen sie sich wiederum vom Staat Geld leihen, ein Kredit, der bereits innerhalb eines Jahres zurückzuzahlen ist. Wem dies nicht gelingt, dessen Land wird vom Staat beschlagnahmt und weiter verkauft, ein Teufelskreis. Dieses Schicksal ist auch meinem Großvater widerfahren, als er seinen Kredit erst nach fünf Jahren tilgen konnte.
So bleibt vielen Landwirten keine andere Möglichkeit, als in andere Regionen wie Damaskus oder Latakia auszuweichen oder sogar ins Ausland zu gehen, um dort den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen.
Viele Männer gehen zum Beispiel in den Libanon. Manchmal ziehen auch ganze Familien um. Sie nehmen harte Arbeit in Kauf, um über die Runden zu kommen und ihren Kindern eine gute Ausbildung bieten zu können.
Ich bin selbst viele Male in den Libanon gefahren, zuerst 2001 nach Tarablus, auch Tripoli genannt, die zweitgrößte Stadt des Landes. Damals besuchte ich noch die 11. Klasse, und es war das erste Mal überhaupt, dass ich meine Stadt verließ, um in den Sommerferien dort auf dem Bau zu arbeiten. Auch andere Mitglieder meiner Familie waren schon oft zuvor zu diesem Zweck in den Libanon gegangen. Bis dahin kannte ich nur den Namen unseres Nachbarlandes und die Erdnüsse, die die Verwandten jedes Mal von ihren Reisen dorthin mitbrachten.
Nun war es an mir, diese Erfahrung zu machen. Zu der Zeit lebten dort bereits drei meiner fünf Geschwister: ein älterer Bruder und meine zwei Schwestern. Mein Bruder arbeitete als Maler bei einer Baufirma, wo er einen Ferienjob für mich gefunden hatte. Meine beiden Schwestern waren Erntehelferinnen. Wir lebten alle vier zusammen in einer kleinen Holzbaracke. Sie stand, gemeinsam mit vielen anderen, auf einem großen, unbefestigten Grundstück, gleich neben der Hauptstraße von Tarablus. Die Lage war zwar sehr zentral, doch die Wohnverhältnisse waren miserabel, so wie für alle Syrer, die dort unsere Nachbarn waren. Auf etwa 40 x 40 Metern drängten sich hier rund zwanzig Hütten. Ihre Dächer bestanden nur aus einer Plastikplane, und wenn es nachts regnete, war das das Prasseln der Regentropfen so laut, dass man nicht schlafen konnte.
Jede Hütte war in einzelne Bereiche unterteilt, nur durch Stoffbahnen voneinander getrennt: eine behelfsmäßige Küche, eine Ecke, die als Bad diente sowie der eigentliche Wohnbereich, wo wir auch schliefen. Ich erinnere mich noch an die kleine Lampe, die in der Mitte des Raumes am Stützbalken hing und wild hin- und herschaukelte, wenn wieder einmal der Wind durch die Bretter pfiff. Es waren nicht mehr als 17 Quadratmeter, für die wir dem Vermieter dieser Hütten jeden Monat 200.000 Libanesische Lira zahlten, also etwa 125 Euro.
Meine Aufgabe in der Baufirma bestand darin, die Wände vor dem Auftragen der Farbe ordentlich abzuschleifen. Nach meinem ersten Tag waren Haare, Gesicht und Kleidung vollkommen von weißem Staub überzogen. Die Arbeit begann um sieben Uhr morgens und dauerte bis sieben Uhr abends. Für zwölf Stunden harter Arbeit gab es gerade einmal neun Dollar.
Ich höre immer noch das Hupen des Transporters, der meine zwei Schwestern jeden Morgen um vier Uhr abholte und sie gemeinsam mit anderen Arbeiterinnen und Arbeitern von der Stadt auf die Felder fuhr. Zum Glück konnten ich und mein Bruder noch zwei Stunden weiterschlafen, doch jeden Morgen hörte ich, halb noch im Schlaf, die schweren Schritte meiner Schwestern wie der anderen Frauen und Männer draußen auf dem Kies. Ihre täglichen Strapazen waren eines der ‚Geschenke‘, welche das Assad-Regimes seinen Menschen machte, die anders kaum genug zum Überleben verdient hätten.
Brot und Geburt
Die Häuser auf dem Land in der Gegend um Raqqa sind in der Regel sehr großzügig geschnitten. Alle Zimmer gehen von einem Innenhof ab, der im Sommer als Terrasse genutzt wird. Jedes Haus ist von mindestens einem halben Hektar Land umgeben, auf dem sich Olivenhaine, Weinstöcke oder auch Gemüsefelder befinden. Auch unsere Familie erntete im Sommer hier Tomaten, Auberginen, Zucchini, Paprika und Okraschoten, im Winter Rettich.
Normalerweise verfügt jedes Haus über vier oder fünf Räume, alle ebenerdig und mindestens fünfundzwanzig Quadratmeter groß. Der arabischen Tradition entsprechend besteht die Einrichtung oftmals nur aus einem großen buntgewebten Teppich und einer Vielzahl von Sitzkissen, die rundum an den Wänden ausgelegt werden. Am Abend kommen oft Verwandte, Freunde und Nachbarn zu Besuch, manchmal mehrere Gruppen auf einmal. Sie erscheinen spontan, einfach dann, wenn es ihnen in den Sinn kommt. Dann stehen sie vor der Tür, rufen laut „Besitzer des Hauses!“ und finden sogleich Einlass. Die Gastfreundschaft gebietet es, dass allen Besuchern gleich Tee und Kaffee angeboten wird. Im Sommer sitzt man dann gemeinsam draußen auf der Terrasse, vor allem nachts, wenn oft noch über dreißig Grad herrschen. Im Winter kommt man im großen Gästeraum zusammen und versammelt sich um die improvisierte Ölheizung. Entgegen dem weit verbreiteten westlichen Klischee sitzen Frauen und Männer hierbei immer zusammen, unterhalten sich und genießen das Beisammensein.
Meine Mutter weiß nicht, wann genau ich geboren wurde. Natürlich ist das Datum in den Familiendokumenten verzeichnet, aber sie kann weder schreiben noch lesen. Wenn sie sich also mit anderen über meine Geburt unterhält, nennt sie keine Jahreszahl, sondern verbindet das immer mit anderen Ereignissen aus jenem Jahr. Zu einer Freundin sagt sie dann so etwas wie: „Jabbar kam im gleichen Jahr auf die Welt, als dein Vater starb.“
Ich habe ihr bei meiner Geburt keine Schmerzen bereitet, so erzählt sie mir immer, noch sonst das Familienleben durcheinandergebracht. Sich selbst kann man natürlich nicht dabei beobachten, wie man auf die Welt kommt, aber das Leben hat mir das einzigartige Geschenk gemacht, die Geburt meiner kleinen Schwester miterleben zu dürfen. Das war 1998 und ich war gerade neun.
An jenem Tag bin ich am Nachmittag aus der Schule nach Hause zurückgekommen. Meine Mutter lag im großen Wohnzimmer, und ich hörte, wie sie vor Schmerzen stöhnte. Sie lag auf einer alten, dünnen Matratze, die deshalb so zerschlissen war, weil sie schon seit Jahren benutzt wurde oder vielleicht auch, weil mein Vater sich für gewöhnlich am Nachmittag mit seinem schweren Körper darauf legte. Meine Mutter schrie und schaute nach oben an die Decke. Aber ich verstand nicht, was es dort zu sehen gab, außer der rauen Betondecke des Zimmers, aus der hier und da immer noch einzelne Eisenstangen ragten. Denn beim Bau des Hauses hatte das Geld nicht gereicht, um auch die Decke ordentlich zu verputzen.
Eine Stunde später kam meine Tante. Vielleicht hatte ein Nachbarskind sie gerufen. Sie sah, dass die Wehen bereits eingesetzt hatten und lief direkt in die Küche, um heißes Wasser in einer großen Schüssel zu holen.
Dann nahm sie zwei weiße Tücher aus einer Nische, die ursprünglich als Fenster geplant, aber dann doch zugemauert worden war und nun von meiner Mutter als Regal genutzt wurde. Ich kannte diese beiden Tücher genau: sie waren einmal Teil der Dschallabija meines Vaters gewesen; so nennt man im Nahen Osten das traditionelle hemdartige Gewand. Ich weiß nicht mehr, warum mein Vater sie nicht mehr tragen wollte. Möglicherweise war sie ihm zu klein geworden. Jedenfalls hatte er darin immer eine gute Figur gemacht. Die Schreie meiner Mutter wurden immer lauter. Tränen liefen mir die Wangen herunter wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Doch meine Tante beruhigte mich. „Deiner Mutter wird es gleich besser gehen und sehr bald bekommst du ein neues Schwesterchen oder Brüderchen“. Dann hörte ich einen Ruf von draußen. Es war unsere Nachbarin Dalal, die beste Freundin meiner Mutter.
Meine Mutter lag auf der Matratze, die beiden Frauen saßen neben ihr, die eine am Kopfende, die andere am Fußende. Was da passiert, habe ich als Kind nicht verstanden. Meine Mutter schrie vor Schmerz, während diese Frauen emsig durch den Raum eilten, ihre Aufgaben und Plätze wechselnd.
In der Zwischenzeit hatte ich mich auf einen der vielen bunten Teppiche im Raum gekauert und beobachtete aufmerksam, was geschah. Die Zeit verging und die Schreie meiner Mutter hielten an. Meine Tante und die Nachbarin waren besorgt, man sah das ihren Gesichtern an. Plötzlich hörte ich die Schreie eines Kindes. Die Nachbarin sagte: „Es ist ein Mädchen und es geht ihr gut“. Meine Mutter war ruhig geworden. Ich konnte mich aber dem kleinen, schönen Wesen noch nicht nähern. Ich kann nicht sagen, warum, aber ich hatte Angst vor ihm. Aus einer mitgebrachten Tasche nahm meine Tante eine weiße Decke und wickelte meine Schwester darin ein. Sie lächelte.
Hatte ich damals bei meiner Geburt auch so ausgesehen? Hatten sich die Frauen ebenfalls über mich gebeugt, um den kleinen und weichen Körper in Augenschein zu nehmen? Und war die Decke, die meine Mutter nun zudeckte, die gleiche gewesen? Brachten alle Frauen ihre Kinder auf diese Weise zu Hause zur Welt? Warum hatte die Nachbarin meines Onkels zweimal ein Baby aus dem Krankenhaus mitgebracht?
Die Nachricht der Geburt meiner Schwester verbreitete sich in Windeseile und immer neue Nachbarinnen trafen ein, um das Neugeborene zu sehen und meine Mutter zu beglückwünschen. Alle zehn Minuten musste ich aufstehen und die Tür aufmachen. Das Zimmer war schließlich voller Frauen, und meine Mutter lag noch immer auf ihrer alten, zerschlissenen Matratze neben der Wand unter dem zugemauerten Fenster.
Weil damals der Preis für Metall so hoch war, hatte mein Vater schließlich seine Pläne aufgegeben, überall ordentliche Fensterrahmen einzubauen. Wozu braucht man auch so viele Fenster, hatte er sich wohl gedacht. Wichtiger war, dass es vor dem geschlossenen Fenster eine Fensterbank gab, auf der meine Mutter die Kleidung meiner Schwester und die Geschenke der Nachbarinnen ablegen konnte. Aber wo waren all die Geschenke geblieben, die all diese Frauen zu meiner Geburt mitgebracht haben? Hatte sie am Ende nichts davon behalten, sondern alles zum gleichen Anlass weiterverschenkt? „Wir haben nicht so viel Geld, um jeder Frau ein Geschenk zu machen, wenn sie ein Kind gebärt“, hatte mir meine Mutter einmal gesagt.
Ungefähr zwei Stunden nach der Geburt meiner Schwester hörte ich von draußen eine tiefe Stimme. Es war Vater.
Ich lief zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Trotzdem gab es ein lautes Geräusch. Doch niemand hörte es und sicher auch meine neugeborene Schwester nicht, denn die Stimmen der Frauen drinnen übertönten alles andere.
Mein Vater stand noch im Hof, unterhielt sich mit einem Passanten. In seinen Händen hielt er drei blaue Tüten. Mein ganzes Interesse galt plötzlich dem Inhalt dieser Tüten, in denen ich etwas Leckeres vermutete. Man konnte nämlich schon an der Form erkennen, dass in einer davon Bananen sein mussten. Ich versuchte vergeblich, sie aus seinen großen Fingern zu lösen. „Jabbar, lass jetzt die Tüten“, sagte mein Vater, als er seine Unterhaltung endlich beendet hatte. „Wie geht es deiner Mutter?“.
Ich berichtete ihm die Neuigkeiten und erzählte auch von den Frauen, die gekommen waren: Dalal, Kabna, Fatha, Zahra und all die anderen. Er lächelte und gab mir eine Banane aus der Tüte. Ich sollte sie jedoch draußen essen, um mich nicht mit den Nachbarskindern zu streiten, die sich natürlich alle im Haus bei ihren Müttern tummelten. Doch ich lief stattdessen in die Küche und legte die Banane in einen Topf, um sie später zu essen.
Mein Vater betrat das Wohnzimmer, ich folgte ihm. Die Frauen begannen mit den üblichen Glückwünschen, und wir dankten jeder einzelnen. Mein Vater setzte sich genau dorthin, wo ich vorher gesessen hatte und bat mich, ihm ein Glas Tee zu bringen. Ich reichte es ihm und lief dann schnell zurück in die Küche, um nach meiner Banane zu schauen. Als ich zurückkam, hatte mein Vater sein Glas bereits geleert. Er trinkt sehr gerne Tee. Allerdings bat er mich nicht, sein Glas wieder aufzufüllen, wie er sonst getan hätte, wohl weil er gerade so in sein Gespräch mit Zahra vertieft war. Sie unterhielten sich vermutlich über Dinge wie Weizenanbau, schlechte Ernten oder auch darüber, wie schwer es sei, die Kredite zu tilgen.
Auch die Nachbarin hatte ihren Tee fast ausgetrunken, so schien es mir. Da Zahra das Glas in ihrer großen, dunklen Hand hielt, konnte ich das nicht genau erkennen. Doch als sie sich an der rechten Schulter kratzte, musste sie es auf den Boden stellen. Es war tatsächlich schon leer. Ich holte also rasch die Teekanne, die in der Mitte des Raumes auf einem alten, schon etwas rostigen Tablett stand. Mein Vater sagte: „Gieß bitte vorsichtig ein, damit du nichts verschüttest und womöglich Zahras Hände verbrühst!“ Ich goss den Tee in hohem Bogen ein und da der Tee bereits gesüßt war, schäumte er. Viele Leute mögen ihren Tee so, gilt doch ein schöner Schaum auch als Zeichen der besonderen Wertschätzung der Gäste. Auf die gleiche Weise füllte ich danach auch Vaters Glas wieder auf.
Alle Gäste saßen auf dem Boden, denn in diesem Raum gab es weder Tisch noch Stühle, sondern nur einen großen Teppich sowie viele breite und schmale Kissen. Meine Mutter legte im Winter noch ein paar Matratzen auf den Teppich, um sich vor der Kälte zu schützen, die vom Boden her heraufkroch. Sie hatte sie von einem fahrenden Händler aus Aleppo erworben. Einen ganzen Monat hatte sie als Erntehelferin gearbeitet, um das Geld dafür zusammenzusparen.
Die Nachbarinnen machten sich schließlich eine nach der anderen wieder auf den Weg nach Hause. Und jede einzelne von ihnen wurde von meinem Vater persönlich verabschiedet. Manchmal begleitete er sie sogar bis zum Gartentor, um das Gespräch noch zu beenden. Als dann endlich alle fort waren, setzte er sich zu meiner Mutter, ganz nahe an ihren Kopf. „Wie geht es dir? Geht es dir besser? Ich habe Bananen mitgebracht. Iss davon, sie geben dir neue Kraft“. Als ich das hörte, erinnerte ich mich wieder an meine Banane. Ich rannte in die Küche und aß sie schnell auf, in der Hoffnung, ich bekäme noch eine neue.
Als ich zurück ins Zimmer kam, waren alle Besucher fort. Nur meine Mutter und mein Vater saßen noch auf ihren Plätzen. Mein Vater näherte sich meiner kleinen Schwester und berührte ihre feinen Gesichtszüge mit seinen großen Fingern. Sie schlief ganz ruhig weiter. Vater schälte eine der Bananen und reichte sie meiner Mutter. Ich legte mich neben sie. Sie biss ein kleines Stück von der Frucht ab. „Hast du auch eine Banane bekommen?“, fragte sie mich. „Ja, ich habe ihm schon eine gegeben“, antwortete mein Vater und machte sich sodann auf den Weg, um das Wudu durchzuführen, die rituelle Waschung. Denn er hatte an dem Tag bisher weder das Zuhr- noch das Asr-Gebet gesprochen, also das zweite und dritte der fünf obligatorischen Gebete im Islam.
Als er weg war, brach meine Mutter ein großes Stück von ihrer Banane ab und gab es mir. „Bring mir bitte ein Glas Wasser aus dem Thermobehälter“, bat sie mich dann. „Aber das Wasser ist nicht mehr kalt“, erwiderte ich. „Dann lauf rüber zu Dalal und hol neues Eis.“
Damals besaßen wir nämlich noch keinen Kühlschrank. Meine Mutter benutzte stattdessen kleine Metallbehälter, in denen sie bei der Nachbarin, die schon einen Kühlschrank hatte, Wasser gefrieren ließ. Im Nu war ich von dort zurück, füllte rasch einige Eiswürfel in unseren blauen Thermobehälter und schon nach fünf Minuten konnte ich meiner Mutter ein Glas kühles Wasser reichen. Sie trank es in einem Zug. „Wir werden das Mädchen Iman nennen“, sagte sie dann. „Was denkst du, ist das ein guter Name?“ Ich nickte eifrig.
In diesem Moment kam mein Vater zurück und ich rief rasch: „Wir werden das Baby Iman nennen!“.
„Wer hat denn diesen Namen ausgesucht?“
„Mama“.
„Ein schöner Name!“
Er bat mich, ihm seinen Gebetsteppich zu bringen. Ich zeigte mit meinem Finger darauf, denn er lag bereits neben ihm, unter dem großen Bild von Hafiz Al-Assad, dem Vater des heutigen Diktators. Ich weiß nicht, wie dieses Bild zu uns gekommen war, denn mein Vater war gar kein Mitglied der Baath-Partei. Ich habe es jedenfalls nie gemocht. Es war wie ein Fremdkörper in unserem Haus. Vielleicht hatte der Vorsitzende des örtlichen Parteibüros solche Porträts an die Haushalte verteilt? Höchstwahrscheinlich war es damals wie heute sicherer, so ein Bild an der Wand hängen zu haben. Das Bild stellte Hafiz in den 1980er Jahren dar, vermutlich etwa zur Zeit des Massakers von Hama im Jahr 1982.
Als Reaktion auf einen Aufstand der Muslimbrüder hatten damals die Regierungstruppen die etwa 350.000 Einwohner zählende mittelsyrische Stadt unter Beschuss genommen. Der Angriff begann am 2. Februar 1982. In den folgenden drei Wochen starben – die Schätzungen variieren – 20.000 bis 30.000 Menschen. Zehntausende weitere wurden verhaftet oder gelten bis heute als vermisst. Große Teile der Stadt, insbesondere der historischen Altstadt, lagen in Schutt und Asche. Bis heute sind die Ereignisse von damals – in Syrien werden sie nur als Ahdath Hama, „die Ereignisse von Hama“ umschrieben – ein Tabuthema.
In meiner Kindheit war das Porträt von Hafiz Al-Assad allgegenwärtig: in den Schulen, auf Straßenplakaten, sogar auf den Schulbüchern und -heften der Kinder. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 ist es nun das Bild seines Sohnes Baschar, das überall zu sehen ist. Ich erinnere mich noch an ein dickes, blaues Heft, das von allen nur „Das Heft, das 100 Seiten hat“ genannt wurde. Vorne auf dem Umschlag war, kreisrund umrahmt, oben rechts ein Foto von Hafiz Al-Assad zu sehen. Genau das gleiche Bild erschien auch auf allen Zeugnissen. Damals wusste ich nicht, was dieser Name bedeutete, aber was ich wusste war, dass sein Name in der Schule bei jeder Feierlichkeit und jedem Morgenappell erklang.
Alle Schüler mussten sich zwei oder drei Mal am Tag in Reihen auf dem großen Schulhof aufstellen, nach Klassen geordnet, davor standen dann die Klassenlehrer und der Schulleiter. Außerdem gab es wie in jeder Schule Syriens einen jener Lehrer in Uniform, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die Schüler einmal in der Woche in militärischen Dingen zu unterweisen. Dazu gehörte insbesondere der Waffengebrauch. In dem dazugehörigen Schulbuch stand zum Beispiel sehr viel über Kalaschnikows. Das russisch-sowjetische Maschinengewehr war auch in Syrien sehr bekannt und die Hauptwaffe der Armee. In unserem Buch gab es detaillierte Zeichnungen dazu, mit genauen Erläuterungen zu allen Einzelteilen, auch von anderen Gewehren und Pistolen. Wir mussten das ganze Zeug auswendig lernen.
Beim täglichen Morgenappel wiederholten wir alle Befehle im Chor und mussten dazu auch die dazu passenden Bewegungen machen. Manche Schüler waren dabei jedoch nicht so laut, wie es sich Militärlehrer und Schulleiter wünschten. Also mussten sie die Befehle so lange rufen, bis auch noch der letzte Mensch am anderen Ende des Dorfes ihre Stimmen vernommen hatte.
In Syrien mussten alle Schüler bis etwa 2005 Militäruniformtragen, bis zum Abitur. Erst auf Druck der UN wurde das abgeschafft. Später auf der Universität gab es dann zwar keinen Uniformzwang mehr, doch musste jeder Student zweimal während seines Studiums für drei Wochen in ein richtiges Militärlager. Wer an diesen Trainings nicht teilnahm, bekam seinen Abschluss nicht. Frauen waren allerdings von dieser Pflicht ausgenommen.
Einmal – ich war gerade in der 6. Klasse – kam ich zur spät zur Schule, weil meine Mutter am Tag davor meine Uniform gewaschen hatte, die deshalb noch halb nass auf der Leine hing. Ohne sie in der Schule zu erscheinen, wäre undenkbar gewesen. Ich lief also damit in die Küche, um sie so rasch es nur ging auf dem Küchenherd zu trocknen. Als ich endlich damit fertig war, hörte ich bereits von weitem den Morgenappell, obwohl mein Elternhaus einen Kilometer von der Schule entfernt liegt. Hastig zog ich mich an und rannte los.
Meine Schule wurde von einer großen Mauer umgeben. Aber durch ein Loch in der Mauer konnte ich den ganzen Schulhof überblicken. Denn ich wollte natürlich sichergehen, dass der Schulleiter nicht gerade eine Inspektionsrunde dort drehte, sondern hoffentlich noch in seinem Zimmer saß und Tee trank, wie er es für gewöhnlich während des Unterrichts tat. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und ging weiter bis zum meterhohen schwarzen Haupttor. Es war natürlich bereits zu, aber glücklicherweise nicht abgeschlossen. Durch die Eisenstäbe sah ich nochmals ängstlich auf den Hof. Weiterhin kein Direktor in Sicht. Ich schlich also über den Hof, bis ich die Tür zu seinem Büro sehen konnte. Verschlossen. Also schnell weiter zu meinem Klassenzimmer. Ich klopfte, trat vorsichtig ein und erstarrte: dort stand der Schulleiter und sprach zur Schulklasse.
Ali war klein, untersetzt und kahl. Er kam nur gelegentlich zu uns, vor allem dann, wenn es Schwierigkeiten gab oder wieder einmal neue Regeln oder Vorschriften erlassen worden waren. Worum es allerdings an diesem Tag ging, weiß ich nicht mehr. Aber es gab ein Problem und Ali war sauer. Seine Stimme klang heiser. Wie üblich hatte er seinen Stock in der Hand, einen Besenstiel. Im Klassenraum war kein Ton zu hören, alle Schüler saßen ‚gesund‘. Diese Haltung beherrscht auch heute noch jedes syrische Schulkind. Es bedeutet, kerzengerade zu sitzen, die Arme vor dem Bauch verschränkt.
In jedem Klassenraum standen etwa fünfzehn Schulbänke, wie sie auch früher in Deutschland üblich waren. Daran saßen jeweils zwei bis drei Schüler. In einer Ecke des Klassenzimmers, vor der ersten Bankreihe, hatte sich der Lehrer aufgestellt, und vor ihm standen drei Jungs mit roten Gesichtern. Ich vermute, sie waren geschlagen worden. Einer von ihnen hatte zusätzlich einen kahl rasierten Streifen am Kopf, eine übliche Strafe für Schüler, die etwas Unerlaubtes getan hatten oder deren Haare länger als offiziell erlaubt waren.
Kaum hatte mich der Schulleiter erblickt, deutete er stumm auf die drei an der Wand stehenden Schüler. Er war an diesem Tag nur gekommen, um unsere Frisuren zu kontrollieren. Gott sei Dank hatte mich meine Mutter erst zwei Tage zuvor zum Frisör geschickt, sonst wäre es mir wie meinen Mitschülern ergangen. Ich folgte der Handbewegung des Schulleiters. Wir brauchten ihn nur aus der Ferne zu sehen, um Angst zu bekommen.
Ali fuhr in seiner Rede fort und zitierte dabei jeden Schüler einzeln zu sich nach vorne. Dabei bewegte er seinen Stock auf und ab und wir alle wussten dann schon, was uns blühte. Jeder von uns, so kündigte er an, werde nun sechs Schläge auf die Handfläche erhalten. Der erste Junge trat vor und streckte dem Schulleiter eine Hand entgegen. Als der Stock niedersauste, zog das Kind sie natürlich im Reflex zurück. Ali packte sie und drohte: „Jeder, der seine Hand wegzieht, kriegt drei Schläge extra verpasst“.
Schließlich war ich an der Reihe. „Warum bist du zu spät gekommen?“ Ich erzählte ihm die Geschichte von meiner nassen Schuluniform. „Das ist keine Entschuldigung“, sagte er nur knapp und bevor er noch seinen Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte ich links und rechts eine sitzen. Ich setzte mich mit hochrotem Gesicht wieder auf meinen Platz. Mit festem Griff umfasste ich die kalten Eisenstangen des Schulpultes, um mit den Händen den Schmerz meiner glühenden Wangen wenigstens etwas zu lindern. So machten wir es jedes Mal, wenn wir bestraft wurden.
Wie ich bereits erwähnte, arbeiten die meisten Dorfbewohner in der Landwirtschaft. Allerdings ziehen es die jungen Leute in den letzten Jahren vor, einen Universitätsabschluss zu machen, statt in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Jedes Dorf hat mehrere sogenannte Schawische, Vorarbeiter, die im Auftrag der Grundbesitzer jeweils zusammen mit bis zu dreißig Frauen auf die Felder gehen und das Einbringen der Ernte beaufsichtigen sollen. Ein Tagesablauf sieht dann in etwa so aus, dass die Frauen von morgens früh gegen fünf Uhr bis mittags auf den Feldern arbeiten. Im Sommer wird es dann zu heiß, um weiter zu arbeiten. Deshalb ruht die Arbeit für drei Stunden. In dieser Zeit fahren die Frauen nach Hause, um sich auszuruhen und zu stärken. Am Nachmittag fährt das Ernteteam erneut raus, bis die Arbeit gegen sieben Uhr endgültig endet.
Einer meiner Onkel ist seit vielen Jahren ein solcher Schawisch. Noch immer habe ich das allmorgendliche Hupen seines weißen Honda-Transporters im Ohr. Er kam noch in der Dämmerung, um die Frauen im Dorf einzusammeln. Sie stiegen auf die offene Ladefläche, hockten sich hin oder blieben stehen. Täglich sah ich, wie sie mit meinem Onkel zur Arbeit fuhren und wieder zurückkehrten.
Oft hat mein Onkel mir von den Schwierigkeiten seiner Arbeit berichtet. Viele Frauen brachten ihre Probleme von zu Hause mit, und er musste dafür sorgen, dass sie während der gemeinsamen Arbeitszeit trotzdem miteinander auskamen. Trotzdem war mein Onkel immer fröhlich und deshalb auch bei allen beliebt. Viele Frauen wollten in seinem Team arbeiten, obwohl der Lohn nicht sehr hoch war und sie um jeden Bissen Brot kämpfen mussten. Sie waren dennoch zufrieden und sagten sich, es sei besser, im eigenen Land zu arbeiten, statt als Gastarbeiterinnen in den Libanon zu gehen.
Einige dieser Frauen waren Studentinnen, die in der Sommersaison zusammen mit ihren Müttern und Schwestern arbeiteten, um so ihr Studium zu finanzieren. Die Mütter jedoch haben zusätzlich viele andere Aufgaben. Dazu gehört auch, jeden Morgen in aller Frühe frisches Brot aus den Bäckereien zu holen. Diese öffnen bereits um vier Uhr und schließen um acht. Während dieser Stunden dienen sie zugleich als Treffpunkt und Nachrichtenbörse.
Wie gut duftete das Brot, das unsere Mutter uns von dort mitbrachte! Meistens bin ich nur deshalb früh aufgestanden, um es noch ofenwarm essen zu können. Begleitet nur von einem Glas schwarzen Tee, heiß und süß, war es der pure Genuss. Ich vermisse dieses morgendliche Ritual, diese Atmosphäre der Ruhe und Frische. Ich vermisse die Stimmen und das helle Lachen der Frauen auf ihren morgendlichen Wegen. Und den Joghurt, den unsere Mutter regelmäßig frisch ansetzte. Am meisten jedoch fehlen mir aber unsere Gespräche, wenn wir zusammen auf der Terrasse saßen und sie mir, in eine warme Decke gehüllt, beim Frühstück Gesellschaft leistete. Auch später noch, als ich bereits studierte und während der Semesterferien aus Aleppo nach Hause kam, habe ich diese Momente unter der Weinlaube sehr genossen. Manchmal stießen ein Nachbar oder eine Nachbarin dazu. Dann plauderten wir zu dritt über die Lebensmittelpreise, gemeinsame Bekannte und die Lage im Land, kurz über Allah und die Welt.
Unser Garten, der nicht geflüchtet ist
Das Letzte, was ich bei meiner Flucht aus Syrien aus dem Busfenster heraus sah und woran ich auch hier in Deutschland noch alle zehn Tage denken muss, sind die Bäume neben unserem Haus.
Es waren einhundertneunundneunzig Olivenbäume, dazu fünf Granatapfelbäume und ein Feigenbaum, der auch heute noch der größte im ganzen Viertel ist. Ich nannte ihn den „Mann“, weil er, anders als die übrigen, „weiblichen“, Bäume, seine Früchte abwarf, bevor sie reif wurden. Wie jene blühte zwar auch er, und seine Feigen begannen auch zu reifen und ihre endgültige Farbe anzunehmen. Aber nach genau zwei Monaten fiel eine nach der anderen ab. Jeden Morgen fanden wir Hunderte auf dem Boden. Um den dicken, knorrigen Stamm herum lagen sie einen Zoll hoch.
Im Sommer breitete meine Mutter, um der Hitze im Haus zu entkommen, im Schatten dieses Baums eine alte, ausgefranste Matte aus. Kaum hatte sie sich darauf niedergelassen, kamen auch die Nachbarinnen eine nach der anderen an und setzten sich zu ihr. Manche hatten sich ein paar Küchen- oder Näharbeiten mitgebracht, die sie in dieser Gemeinschaft erledigen wollten. Fidda hackte Tomaten, meine Mutter klopfte mit einem langen, dünnen Stock die Wolle, Zahra stopfte ein Loch in der Kleidung ihres Mannes, und die Kinder spielten entweder zwischen den Olivenbäumen oder kletterten auf den Feigenbaum. Eines Samstags band meine Mutter eine Wäscheleine mit dem einen Ende an einen Ast des Feigenbaums, das andere befestigte sie an einem Pflock, den mein Bruder tief in den Boden gerammt hatte. Freitags und samstags hing diese Leine voller Kleidungsstücke, und diejenigen, die dort keinen Platz mehr fanden, breitete meine Mutter über die Zweige des Feigenbaums oder der fünf Granatapfelbäume daneben.
Einmal suchte ich dort am ersten Schultag der Woche ewig lange nach der Jacke meiner Schuluniform und konnte sie einfach nicht finden. Es war bereits sieben Uhr morgens, und durch die Sucherei verspätete ich mich immer weiter. Dreimal kletterte ich auf den Baum: Beim ersten Mal sah ich zwischen den Zweigen nach, beim zweiten inspizierte ich von oben, ob der Wind die Jacke vielleicht in die Nachbarbäume getragen hatte, und beim dritten wollte ich mich nur noch einmal vergewissern und jeden Zweifel ausschließen. Mein Freund Mahmud, der wie üblich an der Haustür auf mich gewartet hatte, ging schon einmal vor.
Als ich nach dem letzten Nachschauen eilig vom Baum hinuntersprang, blieb ich mit dem Fuß zwischen den Astansätzen am Stamm hängen und berührte dort etwas, das sich weder wie Blätter noch wie Erde anfühlte. Ich zog meinen Fuß wieder heraus, und da steckte meine Jacke zusammengeknüllt in einer Astgabel. Ich war mit der Schuhsohle genau auf das Bild von Hafiz Al-Assad gerutscht, das auf die linke Brustseite gedruckt war. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Mein Schuh hatte einen hässlichen Abdruck hinterlassen. Schnell nahm ich die Jacke mit ins Bad und wusch die beschmutzte Stelle gründlich mit Wasser und Seife aus. Mir zitterten die Hände. Was, wenn das Bild des Präsidenten so schmutzig blieb und alle Leute auf dem Schulweg es bemerkten, wenn der Direktor, der Lehrer und die übrigen Schüler es sahen?
Im ersten Durchgang bekam ich die Jacke nicht sauber, im zweiten aber konnte ich den Fleck zu drei Vierteln entfernen, und im letzten triumphierte ich endgültig über den Schmutz, und das Gesicht des Präsidenten strahlte wieder. Ich gelobte mir, niemandem davon zu erzählen, denn in Syrien haben die Bilder des Präsidenten picobello zu sein. Dafür zu sorgen ist auch für die Schulkinder wichtiger als der Unterricht.
Sein Konterfei ist, damals wie heute, an den Schulen allgegenwärtig: auf den Uniformen, Lehrbüchern, Heften und sogar auf den Stiften. Selbst über dem Schulhof sind lange Schnüre von Ast zu Ast gespannt, an denen sein Porträt befestigt ist. In jeder Klasse hängen über der Tafel drei Porträts, ein großes des Präsidenten in der Mitte und rechts und links zwei etwas kleinere von seinen Söhnen.
Dass es sich bei unserem Feigenbaum um ein männliches Exemplar handelte, das in seiner Sturheit jedes Jahr wieder sämtliche Früchte vor der Reife abwarf, ärgerte meinen Vater offenbar sehr. Dieses seiner Ansicht nach unnatürliche Fortpflanzungsverhalten war ihm derart zuwider, dass er dem Baum einmal sogar mit einer scharfen Axt einen großen Spalt in die Lende schlug und ihm ein Bündel abgeschnittener Zweige aufpfropfte, das er von einer Feige beim Haus meiner Onkel mütterlicherseits geholt hatte, die für ihre guten Früchte bekannt war. Ein ganzes Jahr warteten wir, ob der Baum jetzt wohl mit vielen Feigen schwanger gehen und sie nicht mehr abwerfen würde wie in den Jahren zuvor. Doch die Behandlung blieb wirkungslos.
Mein Vater beschloss, den Baum zu fällen. Am nächsten Tag jedoch nahm er davon wieder Abstand und versuchte es stattdessen mit einer neuen Methode, von der er bei einem neunzigjährigen Bauern namens Chalil gehört hatte. Der erklärte ihm nämlich, der Baum halte seine Früchte nicht bis zur Ernte fest, weil er an Eisenmangel leide ... Daraufhin fuhr mein Vater in die Werkstatt meines Bruders, der in der Nachbarstadt Mansura als Schmied arbeitete, und besorgte sich dort zwanzig Kilo Eisenabfälle und fünf Kilo dünne Eisenspäne.
Ich meinerseits karrte drei Fuhren Schafmist von dem großen Haufen heran, den meine Mutter drei Jahre lang aufgetürmt hatte, um ihn irgendwann einmal an einen Händler aus Hama zu verkaufen. Der zahlte nämlich einen besseren Preis für den Mist als der örtliche Händler. Der Mann hatte sich jedoch nie blicken lassen, dafür war der Krieg ausgebrochen, mein Vater hatte sämtliche Kühe und Schafe verkauft, und die Mistknödel blieben unter den Militärfahrzeugen Assads und des IS sowie später unter den amerikanischen Humvees kleben und wurden von ihnen in alle Richtungen verteilt. So wurde der Haufen in sieben elenden Kriegsjahren immer kleiner, und meine Mutter bereute es sehr, den Mist nicht an den örtlichen Händler verkauft zu haben. Dem Auftrag meines Vaters folgend griff ich zu Hacke und Spaten und legte die Wurzeln des Baums frei. Sie waren dick und hart und reichten tief in den Boden hinein.
Anschließend breitete ich, ebenfalls nach Anweisung meines Vaters, zuerst eine Schicht Eisen aus, dann eine Schicht Mist, dann wieder Erde, dann wieder Mist, dann Eisen, dann Erde, dann Eisen, dann Mist, dann wieder Erde. Danach rollten mir dreiundsechzig Schweißperlen vom Gesicht, zu denen jeder Hieb und Spatenstich seinen Beitrag geleistet hatte. Die Grube füllte sich, bis der Boden wieder so eben war wie zuvor. Mit der überschüssigen Erde legte ich eine große Baumscheibe um den Stamm an und wässerte sie.
In der Hoffnung, dass der Baum nun tragen würde und wir aus seinen Früchten Marmelade kochen, einen Teil an die Nachbarn und Verwandten verteilen, dem Bauern Chalil als Dank für seinen Rat etwas abgeben und den Rest verkaufen könnten, warteten wir ein weiteres Jahr. Der Baum blühte und setzte Früchte an. Und wie in den vergangenen Jahren fielen sie vor unseren Augen ab.
Da beschloss mein Vater, ihn abzusägen und von neuem emporwachsen zu lassen, vielleicht würde er dann sein Verhalten ändern und zur Frau werden, die wie die übrigen Bäume trug. Mit einer Zweimannsäge, die er sich von unserem Nachbarn Hussain geliehen hatte, sägten er und mein großer Bruder, der über kräftige Muskeln und einen festen Willen verfügt, drei Stunden lang an dem Baum herum, bis er bezwungen war und umsank.
Als meine Mutter mit einem großen Tablett auf dem Kopf, von dem es nach gekochten Auberginen und geschnittenen Gurken duftete, aus der Küche kam, sah mein schweißüberströmter Vater sie mit dem triumphierenden Blick eines Mannes an, der gerade einem Baum, den ich seit meiner Kindheit kannte, das Leben genommen hatte. Die Gelegenheiten, zu denen ich in seine Äste geklettert war, waren zahlreicher gewesen als die Seiten in meinen Schulbüchern, zahlreicher als die Bilder von Hafiz Al-Assad oder später von Baschar, die darin abgedruckt waren.
Zwei Jahre später jedoch war der Baum wieder so groß, als wäre er niemals abgesägt worden, trug die mir vertrauten Früchte und warf sie bald darauf wieder ab. Da wurde mein Vater so wütend, dass er beschloss, den Baum erneut abzusägen und zusätzlich noch einen Kanister Diesel darüber zu gießen und ihn niederzubrennen, damit er nie wieder hochwachsen könnte. Gesagt, getan.
Die Rauchsäule stieg bis in den Himmel und war noch am anderen Ende des Dorfes zu sehen wie eine Seele, die in den Himmel auffuhr. Zwei Jahre später allerdings war der Baum aus dem Stumpf wieder ausgetrieben, als wäre er nie abgesägt und verbrannt worden und als hätte er nie Diesel getrunken. Und wie früher wurde er wieder zum „Mann“, der seinen Früchten kein Leben gönnte.
Im Jahr 2004 erweiterten wir die Mauer des Gartens um dreißig Meter in Richtung Osten. Dort lag kahles, ödes Land, das niemandem wirklich gehörte. Wir setzten viele junge Olivenbäume, sodass wir schließlich einhundertneunundneunzig Olivenbäume, einen großen Feigenbaum und fünf Granatapfelbäume besaßen. Der Abstand zwischen den Bäumen war mit drei Metern so groß, dass wir alle zwei Jahre mit dem kleinen Trecker eines Verwandten zwischen ihnen hindurchfahren konnten, um den Boden zu pflügen.
Meine Mutter hielt meinem Vater ständig vor: „Du hättest vier Meter Abstand lassen sollen, dann könnten wir jetzt mit einem großen, starken Traktor pflügen, der auch das Unkraut ausreißen und den Boden tiefer umwerfen würde.“ Mein Vater hatte darauf immer dieselbe Antwort: Vier Meter Abstand zwischen den Bäumen hieße weniger Bäume und infolgedessen weniger Oliven.
Im Jahr 2012 half ich meiner Familie bei unserer letzten Olivenernte vor dem Ausbruch des Krieges und unserem Aufbruch ins Exil. Jedes Jahr hatten wir vier Tage für die Ernte reserviert. Nacheinander fanden sich Nachbarn und Freunde ein, einige kletterten auf Leitern oder an den Stämmen hoch und schüttelten die Oliven auf den Boden, andere sammelten sie in große Säcke, und eine dritte Gruppe setzte sich kurz zu uns, trank im Schatten der Bäume mit uns Tee, erzählte ein paar Geschichten und ging dann wieder ihrer Wege.
Meine Mutter wollte nicht, dass wir mit langen Stöcken von unten gegen die Zweige schlugen, um an die Oliven zu kommen. Sie fürchtete, die Bäume könnten aufhören zu tragen oder im kommenden Jahr weniger Früchte ansetzen. Als wir mit der Ernte fertig waren, standen die großen Säcke mit den Oliven ungeordnet unter den Bäumen verteilt. Mein Vater bat mich, sie zu zählen. Es waren fünfzig volle Säcke und ein halb gefüllter. Mein Vater rief seinen Bruder an, der einen Transporter besaß, und verabredete mit ihm, in zwei Tagen zu der Olivenpresse in Aleppo zu fahren.
Ich sollte ihn begleiten, um ihm zu helfen. Der Weg war gefährlich, es gab Meldungen, dass es zwei Tage zuvor Kämpfe gegeben hatte. Mein Onkel kannte jedoch eine Abkürzung durch die Dörfer, auf der man den Kampfgebieten und den Bombardements durch die Flugzeuge ausweichen konnte. Bis auf einen großen Sack Oliven, den wir als Vorrat für das dritte Kriegsjahr 2013 behielten, luden wir alles ins Auto.
Mein Vater ließ sich keine Furcht anmerken, er erzählte uns unterwegs, wie wir uns mithilfe bestimmter Notmaßnahmen vor den Milizen oder den Scharfschützen der Armee in Sicherheit bringen könnten. Es waren alles halb scherzhafte Fantastereien. „Die Dauer des Lebens liegt in Gottes Hand, was Gott bestimmt hat, wird geschehen“, warf mein Onkel von Zeit zu Zeit ein.
Uns hatte Gott bestimmt, nach vier Stunden die Olivenpresse zu erreichen. Es war fast leer dort. Einer der Arbeiter brachte uns eine Kanne Tee, und wir setzten uns, um zu warten, bis das Öl fertig war. Der Mann berichtete, dass die Presse seit mehr als einer Woche keine Kunden mehr hatte. „Alle haben Angst, zu uns zu kommen, weil wir hier wie auf dem Präsentierteller sitzen.“
Die Milizen waren überall, und ein Flugzeug warf planlos seine Bomben ab. Am Tag zuvor hatte es drei mit Säcken voller Oliven beladene Autos bombardiert, die aus Manbidsch kamen.
Als die Oliven fertig gepresst waren, setzte mein Onkel den Wagen bis an die Stelle zurück, wo die dreißig Kanister aufgeladen werden sollten. Die Ernte war in jenem Jahr sehr gut ausgefallen. Mein Vater verkaufte sämtliche Kanister, bis auf fünf, die er für uns und die Familie meines Bruders behielt und einen, den er einem Geheimdienstoffizier als Bestechungsgeschenk gab. Der sollte ihm ein Führungszeugnis besorgen, das er bald benötigen würde, wenn er seine Reise ins Exil nach Beirut antrat.
2013, genau am Neujahrsmorgen, frühstückte ich zum letzten Mal mit meiner Mutter unter der Weinlaube, die den Haupteingang unseres Hauses beschattete. Meine Mutter hatte gerade frisches Brot aus dem Dorfofen geholt, die Luft war mild, und es wehte ein sanfter Wind. Wie der Himmel aussah, weiß ich nicht mehr. Die Erinnerung an diese Weinblätter und ihre gelbe Farbe bietet mir jedoch bis heute Zuflucht, hier im Exil denke ich immer wieder an sie zurück.
Meine Mutter kam mit einem großen Tablett mit Milch, Oliven, Thymian, Käse und drei Fladen heißem Brot, dazu eine Kanne Tee und zwei französische Teegläser, die sie zehn Tage zuvor einem fliegenden Händler aus Ägypten abgekauft hatte. Ich nahm damals nur Brot und Tee. Man muss einmal Brot gegessen haben, das frisch aus dem Ofen kommt, um zu wissen, wie das schmeckt. Diesen Weizengeschmack wollte ich mit ins Exil nehmen, ihn neben dem Bild der Weinblätter im Gedächtnis bewahren.
Auch die Bilder der Baumwoll- und Maisfelder trage ich in mir, das Aussehen der Spitzhacken der Bauern ebenso wie das Schwarz ihrer Gummistiefel und den Geruch nach Feigen und Erde in ihren Kleidern, wenn sie vom Bewässern der Felder heimkommen. Außerdem sind die verschiedenen Weißtöne der Schafwolle mit mir ins Exil gegangen, die Farbe der Gräser im Sommer und die der Feigen im Winter. Dazu die Zahl der Schafe, die ich vor zehn Jahren in den Sommerferien gehütet habe, nebst all ihren verschiedenen hellen oder schwarzen oder schwarz-weiß gefleckten Gesichtern. Und die Erinnerung an die Zeit der Baumwollernte, daran, wie ich zusammen mit meinem Onkel den Ertrag der einzelnen Arbeiterinnen abwog. Eine gute, schnelle Pflückerin brachte es am Tag – von fünf Uhr morgens bis sechs Uhr abends – auf einhundert Kilo und fünf Dollar Verdienst.
Am Ende des Tages waren ihre Hände pechschwarz vom Umdrehen und Festhalten der Blätter, Stiele und Kapseln der Baumwollsträucher. Abends kletterten alle Frauen auf einen Lastwagen, der sie nach Hause brachte. Sie mussten stehen, damit so viele von ihnen wie möglich auf der Ladefläche Platz fanden. Die ganze Plackerei hatte erst dann ein Ende, wenn der Aufseher zum Abschluss der Erntezeit mit einem Heft und einem Sack voller Geld seine Runde bei den Häusern der Pflückerinnen machte. Er rechnete alle Arbeitstage zusammen und bezahlte jede nach ihrer Mühe.
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