Kitabı oku: «Abenteurer des Schienenstranges»

Yazı tipi:

Abenteurer des Schienenstranges

Jack London

Inhaltsverzeichnis

Ein Bekenntnis

Blinde Passagiere

Zigeuner

Geschnappt

In gestreifter Tracht

Nächtliche Fahrten

Wie ich Landstreicher wurde

General Kellys Armee

Der Polizist

Impressum

Ein Bekenntnis

Im Staate Nevada wohnte eine Frau, die ich einmal andauernd, konsequent und schamlos mehrere Stunden lang belogen habe. Ich will mich nicht bei ihr entschuldigen, keineswegs. Aber ich möchte ihr eine Erklärung geben. Unglücklicherweise kenne ich ihren Namen nicht, und noch weniger ihre jetzige Adresse. Sollten ihr jedoch diese Zeilen zufällig vor Augen kommen, so hoffe ich, daß sie mir schreiben wird.

Es war in Reno (Nevada) im Sommer 1892. Dazu war Jahrmarkt und die ganze Stadt voller Spitzbuben und Taschendiebe, gar nicht zu reden von einer ungeheuren Horde hungriger Landstreicher. Diese hungrigen Landstreicher waren es, die die Stadt so ungastlich machten. Sie belagerten die Hintertüren der Bürgerhäuser, bis sich keine mehr öffnete.

Eine schlechte Stadt für brave Leute – so nannten die Landstreicher sie damals. Ich weiß noch, daß ich manches liebe Mal herumlief, ohne einen Bissen zu bekommen. Ja, so schlimm ging es mir in dieser Stadt, daß ich eines Tages dem Schaffner einen Streich spielte und den Salonwagen eines reisenden Millionärs enterte. Als ich auf der Plattform stand, fuhr der Zug ab, und ich stürzte auf besagten Millionär los, der Schaffner hinter mir her, um mich zu packen. Es wurde totes Rennen, denn ich erreichte den Millionär in demselben Augenblick wie der Schaffner mich. Ich hatte keine Zeit, viele Umstände zu machen. »Geben Sie mir einen viertel Dollar, damit ich mir Essen kaufen kann«, platzte ich heraus. Und so wahr ich lebe: der Millionär fuhr in die Tasche und reichte mir ... gerade ... genau einen viertel Dollar. Ich bin überzeugt, er war so verblüfft, daß er automatisch gehorchte, und ich habe später bitter bereut, daß ich nicht einen Dollar verlangte. Ich weiß, daß ich ihn bekommen hätte. Ich sprang vom Trittbrett, während der Schaffner versuchte, mir einen Tritt ins Gesicht zu versetzen. Es gelang ihm nicht. Man ist nicht mehr viel wert, wenn man von einem fahrenden Zuge abspringen muß, von dem Tritt eines Negerstiefels – Nummer fünfzig! – bedroht; aber jedenfalls: ich erhielt meinen viertel Dollar! Wahrhaftig!

Doch um wieder von der Frau zu erzählen, die ich so schamlos belog: Es war mein letzter Abend in Reno. Ich war auf der Rennbahn gewesen und hatte dabei mein Mittagessen eingebüßt. Ich war hungrig, und zudem war gerade eine Art Wohltätigkeitskomitee gegründet worden, um die Stadt von hungrigen Individuen meiner Art zu befreien. Die Polizei hatte sich schon eines Teils meiner Kollegen bemächtigt, und ich konnte gleichsam die sonnigen Täler Kaliforniens mich über die eisigen Zinnen der Sierra rufen hören. Zweierlei hatte ich noch zu tun, ehe ich den Staub Renos von meinen Füßen schütteln konnte. Erstens: einen Platz auf dem blinden Gepäckwagen des abends abgehenden Überlandzuges nach Westen zu erwischen. Zweitens: eine Mahlzeit zu erbetteln. Selbst ein junger Mann bedenkt sich, ehe er sich darauf einläßt, mit leerem Magen die ganze Nacht hindurch außen auf einem Zuge zu verbringen, der durch Tunnels und ewigen Schnee auf himmelanstrebenden Bergen dahinsaust. Aber dieses »Eine-Mahlzeit-Erbetteln« war keine Kleinigkeit. Ich hatte ein Dutzend Häuser vergebens abgeklappert. Zuweilen machte man unangenehme Bemerkungen über schwedische Gardinen, hinter die ich gehörte, wenn es mir nach Verdienst ginge. Das schlimmste von allem war aber, daß solche Behauptungen nur allzusehr stimmten. Deshalb wollte ich gerade am Abend machen, daß ich nach dem Westen kam. Das Auge des Gesetzes suchte sehr eifrig in der Stadt nach Hungrigen und Obdachlosen, denn für sie war das Haus mit den schwedischen Gardinen bestimmt.

Anderswo wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, so daß ich mein höflich und demütig vorgebrachtes Ersuchen, mir etwas zu essen zu geben, jäh unterbrechen mußte. In einem Hause öffneten sie nicht einmal die Tür. Ich stand davor und klopfte an, und sie beguckten mich durchs Fenster. Ja, sie hoben sogar einen kräftigen kleinen Jungen hoch, damit er über die Schultern seiner Eltern den Vagabunden sehen konnte, der in ihrem Hause nichts zu essen haben sollte.

Es sah aus, als müßte ich zu den ganz Armen gehen, um mein Essen zu bekommen. Die ganz Armen sind die letzte, aber sichere Hoffnung des Vagabunden. Auf die ganz Armen kann man sich stets verlassen. Sie jagen niemals einen Hungrigen von ihrer Tür. Immer habe ich etwas zu essen bekommen, wenn ich zu den Hütten kam, wo die Löcher in den zerschlagenen Scheiben mit Lumpen verstopft sind.

O ihr Wohltätigkeitskrämer! Geht zu den Armen und lernt von ihnen, denn nur die Armen sind wirklich wohltätig. Sie geben weder vom Überfluß, noch versagen sie ihn, denn sie haben keinen Überfluß. Sie geben – und sie versagen nie – von dem, was sie selbst nötig und oft bitter nötig haben. Einem Hunde einen Knochen zuzuwerfen, ist keine Wohltätigkeit. Wohltätigkeit ist, den Knochen mit dem Hunde zu teilen, wenn man selbst ebenso hungrig ist wie der Hund.

Besonders aus einem Hause wurde ich an diesem Abend regelrecht hinausgeworfen. Die Fenster der Vorhalle gingen ins Speisezimmer, und drinnen sah ich einen Mann, der Pastete aß – eine große Fleischpastete. Ich stand in der offenen Tür, und er aß weiter, während er mit mir sprach. Er hatte Glück gehabt, und aus seinem Glück war Groll gegen seine weniger glücklichen Brüder erwachsen. Er unterbrach meine Bitte, mir etwas zu geben, mit einem schnarrenden: »Ich glaube, Sie haben keine Lust zum Arbeiten.«

Nun hatte das gar nichts mit der Sache zu tun. Ich hatte nichts von Arbeit gesagt. Der Gegenstand, auf den ich das Gespräch gebracht hatte, war lediglich »Essen«. Und ich hatte in der Tat keine Lust zum Arbeiten. Ich wollte heute nacht mit dem Überlandzuge weg.

»Ich glaube, Sie würden nicht einmal arbeiten, wenn Sie Gelegenheit dazu hätten«, knurrte er. Ich sah das bedrückte Gesicht seiner Frau und wußte, daß ich eine gute Portion von der Fleischpastete bekommen haben würde, wenn der Zerberus nicht dagesessen hätte. Aber der Zerberus saß da und schaufelte die Pastete in sich hinein, und ich sah, daß ich mich bei ihm beliebt machen mußte, wenn ich etwas erreichen wollte. Folglich ging ich seufzend auf seine moralischen Betrachtungen über die Arbeit ein.

»Natürlich möchte ich gern arbeiten«, schützte ich vor.

»Das glaube ich nicht«, schnaubte er.

»Versuchen Sie es«, antwortete ich und wurde jetzt selber warm.

»Schön«, sagte er. »Kommen Sie morgen früh an die und die Ecke.« – Ich habe die Adresse vergessen. – »Sie wissen, wo das Haus abgebrannt ist. Da werde ich Ihnen Arbeit geben; Sie können Steine tragen.«

»Schön, ich werde kommen.«

Er grunzte und aß weiter. Ich wartete. Nach einigen Minuten blickte er auf mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: ›Ich denke, Sie sind längst fort!‹, und fragte:

»Nun?«

»Ich ... ich warte darauf, daß ich etwas zu essen bekomme«, sagte ich höflich.

»Ich wußte ja, daß Sie nicht arbeiten wollen!« brüllte er.

Er hatte recht, selbstverständlich; aber er muß durch Gedankenlesen auf seinen Schluß gekommen sein, denn er konnte es durch nichts belegen. Aber der Bettler an der Tür muß demütig sein, und so beugte ich mich vor seiner Logik, wie ich mich vor seiner Moral gebeugt hatte.

»Sehen Sie, ich bin jetzt hungrig«, sagte ich immer noch höflich. »Morgen früh bin ich noch hungriger. Denken Sie sich, wie hungrig ich sein werde, wenn ich einen ganzen Tag Steine geschleppt habe, ohne etwas zu essen zu bekommen. Wenn Sie mir jetzt aber etwas zu essen geben, werde ich morgen ganz anders arbeiten können.«

Er erwog ernsthaft meinen Einwand, während er gleichzeitig weiter aß und seine eingeschüchterte Frau beinahe ein paar freundliche Worte gesagt hätte, sich aber beherrschte.

»Ich werde Ihnen sagen, was ich tun will«, sagte er zwischen zwei Bissen. »Sie kommen morgen früh, und mittags gebe ich Ihnen einen Vorschuß, so daß Sie etwas essen können. Dann kann ich ja sehen, ob Sie es ernst meinen oder nicht.«

»Aber inzwischen –« begann ich, doch er unterbrach mich.

»Wenn ich Ihnen jetzt etwas zu essen gäbe, so bekäme ich Sie sicher nie mehr zu sehen. Oh, ich kenne Leute Ihres Schlages. Sehen Sie mich an! Ich schulde keinem Menschen etwas. Ich habe mich nie so weit erniedrigt, daß ich einen Menschen um Essen gebeten hätte. Ich habe mir mein Essen immer redlich verdient. Das schlimme bei Ihnen ist, daß Sie faul und liederlich sind. Das kann ich Ihnen ansehen. Ich habe gearbeitet und bin ein anständiger Mensch. Was ich bin, habe ich mir selbst zu verdanken. Und Sie können es ebenso haben, wenn Sie arbeiten und ein anständiger Mensch sind.«

»So wie Sie?« fragte ich.

Ach, nie hatte auch nur ein Funken Humor die düstere, durch Arbeit abgebrühte Seele dieses Menschen erhellt.

»Ja, wie ich«, antwortete er.

»Wir alle?« fragte ich.

»Ja, ihr alle«, entgegnete er mit innerlicher Überzeugung.

»Aber wenn es uns allen so wie Ihnen ginge«, sagte ich. »so müssen Sie mir schon erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es dann keinen gäbe, der Mauersteine für Sie schleppte«.

Ich schwöre darauf, daß ein Anflug von Lächeln in den Augen der Frau zu sehen war. Was ihn betrifft, so war er einfach entsetzt – ob aber über die schreckliche Aussicht, daß er bei einer Reform der Menschheit niemand mehr bekommen könnte, der Steine für ihn schleppte, oder über meine Frechheit, das werde ich nie erfahren.

»Ich will meine Worte nicht an Sie verschwenden«, brüllte er. »Machen Sie, daß Sie wegkommen, Sie undankbarer Lümmel!«

Ich machte einen Kratzfuß, um ihm meine Absicht, zu gehen, kundzutun, und fragte:

»Und ich bekomme also nichts zu essen?«

Er sprang auf. Er war ein großer Kerl. Ich war ein Fremder in einem fremden Lande, und das Auge des Gesetzes suchte nach mir. Ich machte, daß ich fort kam. ›Aber warum undankbar?‹ fragte ich mich, als ich die Gartenpforte hinter mir schloß. ›Was, zum Kuckuck!, hat er mir gegeben, daß ich undankbar sein könnte?‹ Ich blickte mich um. Durchs Fenster konnte ich ihn noch sehen. Er war zu seiner Pastete zurückgekehrt.

Jetzt hatte ich fast den Mut verloren. Ich ging an vielen Häusern vorbei, ohne mich hineinzuwagen. Alle Häuser sahen gleich aus, aber keines einladend. Nachdem ich ein halbes Dutzend Ecken weitergekommen war, schüttelte ich meine Niedergeschlagenheit ab und nahm mich zusammen. Ich entschloß mich, mein Glück im nächsten Hause zu versuchen. Es begann schon dunkel zu werden, als ich es erreichte und nach hinten an die Küchentür ging.

Ich klopfte vorsichtig an, und als ich das freundliche Gesicht einer Frau in mittleren Jahren sah, die mir öffnete, fiel mir plötzlich die »Geschichte« ein, die ich ihr erzählen mußte. Denn man muß wissen, daß für einen Bettler viel vom Erzählen einer guten Geschichte abhängt. Vor allem, und zwar im ersten Augenblick, muß der Bettler sein Opfer »abschätzen«. Hierauf muß er eine Geschichte erzählen, die sich nach Persönlichkeit und Temperament des jeweiligen Opfers zu richten hat. Und gerade hier beginnt die Hauptschwierigkeit: Man muß im selben Augenblick das Opfer abschätzen und seine Geschichte anfangen. Man hat nicht eine Minute zur Vorbereitung. Blitzschnell muß man die Eigenart des Opfers erraten und eine Geschichte ausdenken, die Eindruck macht. Der erfolgreiche Landstreicher muß ein Künstler sein. Er muß spontan und ohne sich zu bedenken erfinden – und darf nicht aus dem Überfluß seiner Phantasie schöpfen, sondern aus dem, was er in dem Gesicht der Person liest, die ihm die Tür öffnet, einerlei, ob es Mann, Frau oder Kind, ob das Gesicht freundlich oder mürrisch, freigebig oder geizig, gutmütig oder boshaft, jüdisch oder christlich, schwarz oder weiß, von Rassenvorurteilen geprägt oder von brüderlichem Geist beseelt, von Kurzsichtigkeit oder Weitblick, oder was es sonst sein kann, gezeichnet ist. Ich habe oft gedacht, daß ich meine Erfolge als Schriftsteller der Erfahrung zu verdanken haben muß, die ich in meinen Vagabundentagen gesammelt habe. Um die Nahrung zu erhalten, die ich zum Leben brauchte, war ich genötigt, Geschichten zu erzählen, die wahrscheinlich klangen. Wenn man, von einem unerbittlichen Zwange getrieben, an der Küchentür steht, entwickelt sich die Fähigkeit, zu überzeugen und aufrichtig zu wirken, die von den Kritikern als erste Voraussetzung, gute Erzählungen zu schreiben, betrachtet wird. Ich bin auch fest davon überzeugt, daß es meine Lehrzeit als Vagabund war, die mich zu einem Realisten gemacht hat. Realismus ist die einzige Ware, die man gegen Nahrungsmittel an der Küchentür eintauschen kann.

Überhaupt: Kunst ist nur vollendete Kunstfertigkeit, und Kunstfertigkeit hat schon manche ›Geschichte‹ gerettet. Ich weiß noch, wie ich einmal auf einer Polizeistation in Winnipeg (Manitoba) log. Ich wollte mit der Kanada-Pazifikbahn nach dem Westen. Natürlich verlangte die Polizei eine Geschichte, und die erfand ich denn auch – stehenden Fußes. Sie waren Landratten mitten im Festlande, also was konnte ich Besseres tun, als eine Geschichte von der See erzählen? Dabei konnten sie mich nie fangen. Und so erzählte ich ihnen denn eine herzerweichende Geschichte von meinem Leben auf dem Höllenschiff ›Glenmore‹. (Ich hatte die ›Glenmore‹ einmal in San Francisco vor Anker liegen sehen.) Ich wäre englischer Schiffsjunge, sagte ich. Aber da sagten sie, ich spräche nicht wie ein Engländer, und so mußte ich sofort eine neue Geschichte erfinden. Ich wäre in den Vereinigten Staaten geboren und erzogen worden. Dann wären meine Eltern gestorben, und man hätte mich zu meinen Großeltern nach England geschickt. Die hätten mich auf die ›Glenmore‹ gegeben. Ich hoffe, der Kapitän der› Glenmore‹ wird es mir verzeihen, daß ich seinen guten Namen an jenem Abend auf der Polizeistation in Winnipeg angeschwärzt habe. Solche Grausamkeit! Solche Roheit! So teuflisch in der Erfindung von Strafen! Das erklärte, daß ich von der ›Glenmore‹ weggelaufen war, als sie in Montreal lag.

Aber weshalb ich mich denn mitten in Kanada befände und nach dem Westen wollte, wenn meine Großeltern in England wohnten? Ich erdichtete sofort eine verheiratete Schwester in Kalifornien. Sie würde für mich sorgen. Ich verbreitete mich weitläufig über ihr liebevolles Gemüt. Aber sie waren noch nicht mit mir fertig, diese hartherzigen Polizisten, ich war in England auf die ›Glenmore‹ gekommen; was hatte ich in den beiden Jahren getan, ehe ich weggelaufen war, was hatte die ›Glenmore‹ getan, und wo war sie gewesen? Und so hatte ich mit diesen Landratten eine Reise um die Welt unternommen. Von gewaltigen Seen umhergeworfen, während der Schaum ihnen das Gesicht peitschte, hatten sie mit mir gegen einen Orkan in der japanischen Küste angekämpft. Sie luden und löschten mit mir in allen Häfen der sieben Meere. Ich nahm sie mit nach Indien, Rangoon und China, ließ sie mir das Eis bei Kap Horn aufbrechen, und schließlich vertäuten wir in Montreal.

Und dann sagten sie, ich sollte einen Augenblick warten, und einer der Polizisten ging in die Nacht hinaus, während ich mich am Ofen wärmte und mir den Kopf darüber zerbrach, was sie mir jetzt für eine Falle stellen würden.

Ich stöhnte inwendig, als ich ihn auf den Fersen des Polizisten zur Tür hereinkommen sah. Diese winzigen Goldringe in seinen Ohren waren kein Zigeunerschmuck, diese Haut war nicht vom Präriewind zu runzligem Leder verwittert, und nicht Schneegestöber und Bergeshänge hatten seinen Gang so wiegend gemacht. In diesen Augen, die mich jetzt anblickten, sah ich den unverkennbaren Sonnenglanz des Meeres. Ach, das war eine schwere Aufgabe für mich! Hier standen fünf oder sechs Polizisten und sahen mich an – und ich hatte nie das Chinesische Meer befahren, war nie bei Kap Horn gewesen, hatte nie Indien und Rangoon gesehen.

Ich war verzweifelt. Der Zusammenbruch grinste mich an in Gestalt dieses alten verwitterten Seebären mit den goldenen Ringen in den Ohren. Wer war er? Was war er? Das mußte ich ergründen, ehe er mich ergründete. Ich mußte eine neue Richtung einschlagen, sonst gaben mir diese bösen Polizisten die Richtung an, in eine Zelle, vor Gericht, in andre Zellen. Wenn er mich fragte, ehe ich wußte, wieviel er wußte, so war ich verloren.

Aber glauben Sie, daß ich etwas von der verzweifelten Lage, in der ich mich befand, vor diesen wachsamen Hütern des öffentlichen Wohles von Winnipeg verriet? Nicht die Spur. Ich begegnete dem alten Seemann froh und lächelnd, mit all der gutgespielten Erleichterung über die Befreiung aus einer Gefahr, die ein Ertrinkender an den Tag legen mag, wenn er in seinem letzten Verzweiflungskampf einen Retter findet. Hier war ein Mann, der mich verstand, und der den Bluthunden, die mich nicht verstanden, meine wahre Geschichte bestätigen würde, das war die Rolle, die ich zu spielen hatte. Ich bemächtigte mich seiner, bombardierte ihn mit Fragen über ihn selber. In Gegenwart meiner Richter wollte ich den Charakter meines Retters erforschen, ehe er mich rettete.

Er war ein freundlicher Seemann – eine »leichte Beute«. Die Polizisten wurden ungeduldig, als ich ihn so ausfragte. Zuletzt sagte einer von ihnen, ich sollte den Mund halten. Ich hielt den Mund; aber während ich den Mund hielt, dichtete ich eifrig, arbeitete fieberhaft an dem Text für den nächsten Akt. Ich hatte genug erfahren, um vorläufig mit ihm fertig zu werden. Er war Franzose. Er war immer auf französischen Kauffahrteischiffen gefahren, mit Ausnahme einer einzigen Reise auf einem englischen Segler. Und schließlich – welches Glück! – war er seit zwanzig Jahren nicht mehr auf See gewesen.

Der Polizist bat ihn, mich nachdrücklich zu verhören.

»Du hast Rangoon angelaufen?« fragte er.

Ich nickte. »Wir mußten den dritten Steuermann an Land schicken. Fieber.«

Hätte er mich gefragt, welche Art Fieber, so würde ich »gastrisches« gesagt haben, obgleich ich keine Ahnung hatte, was gastrisches Fieber war. Aber das fragte er nicht. Statt dessen war seine nächste Frage:

»Und wie ist Rangoon?«

»Wie es sein soll. Es regnete ziemlich stark, als wir da waren.«

»Hast du Landurlaub gehabt?«

»Gewiß«, antwortete ich. »Drei von uns Schiffsjungen waren zusammen in der Stadt.«

»Erinnerst du dich des großen Tempels?«

»Welches Tempels?« wich ich aus.

»Des großen, oben auf der Treppe.«

Ich wußte, hätte ich mich des Tempels erinnert, so wäre ich genötigt worden, ihn zu beschreiben. Ein gähnender Schlund öffnete sich vor mir.

Ich schüttelte den Kopf.

»Du kannst ihn vom Hafen aus sehen«, sagte er. »Man braucht nicht einmal Landurlaub, um ihn zu sehen.«

Nie in meinem Leben habe ich mich so über einen Tempel geärgert. Aber mit dem Tempel in Rangoon wurde ich doch fertig.

»Er ist nicht vom Hafen aus zu sehen«, widersprach ich. »Er ist auch weder von der Stadt noch oben von der Treppe aus zu sehen, weil« – ich machte eine Pause, um die Wirkung zu steigern – »weil gar kein Tempel da ist.«

»Ich habe ihn aber mit eigenen Augen gesehen!« rief er. – »Wann war das?« forschte ich.

»Einundsiebzig.«

»Aber der ist doch bei dem großen Erdbeben achtzehnhundertundsiebenundachtzig zerstört«, erklärte ich. »Er war sehr alt.«

Es trat eine Pause ein. Er versuchte eifrig, sich das Bild des schönen Tempels am Meere, den er in seiner Jugend gesehen hatte, vor seine alten Augen zurückzurufen.

»Die Treppe ist noch da«, sagte ich, gleichsam um ihm zu helfen. »Man kann sie vom Hafen aus sehen. Und erinnern Sie sich der kleinen Insel rechts von der Hafeneinfahrt?« Ich denke mir, daß dort irgendwo eine Insel gewesen war (ich war entschlossen, sie gegebenenfalls auf die linke Seite zu versetzen), denn er nickte. »Die ist weg«, sagte ich.

»Sieben Faden Wasser, wo sie lag.«

Ich konnte einen Augenblick Atem schöpfen. Während er darüber nachgrübelte, wie die Zeit alles verändert, bereitete ich mich auf den Rest meiner Geschichte vor.

»Kennen Sie das Zollgebäude in Bombay?« Er kannte es.

»Bis auf den Grund abgebrannt«, teilte ich ihm mit.

»Kennst du Jim Wan?« drang er auf mich ein.

»Tot«, sagte ich; aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wer Jim Wan war.

Jetzt befand ich mich wieder auf Glatteis.

»Kennen Sie Billy Harper in Schanghai?« fragte ich meinerseits schnell.

Der alte Seemann dachte angestrengt nach, um sich Billy Harpers zu erinnern, aber diese Ausgeburt meiner Phantasie war zuviel für sein geschwächtes Gedächtnis.

»Selbstverständlich kennen Sie Billy Harper«, sagte ich eindringlich. »Den kennt doch jedermann. Er ist seit vierzig Jahren dort. Na ja, und er ist immer noch da, das ist alles, was ich darüber sagen kann.« Und da geschah das Wunderbare. Der Seemann erinnerte sich Billy Harpers. Vielleicht gab es einen Billy Harper, und vielleicht hatte er vierzig Jahre in Schanghai gelebt und war noch da, aber ich hörte jedenfalls zum erstenmal von ihm.

Eine gute halbe Stunde sprachen der Seemann und ich weiter auf diese Art. Schließlich sagte er zu den Polizisten, ich wäre der, für den ich mich ausgäbe, und nachdem ich freies Logis für die Nacht und Frühstück erhalten hatte, wurde ich in Freiheit gesetzt und konnte nach San Francisco zu meiner verheirateten Schwester fahren.

Aber nun zurück zu der Frau in Reno, die mir in der Dämmerung die Tür öffnete. Sobald ich den ersten Schimmer ihres freundlichen Gesichtes sah, war ich mir gleich klar, wie ich mich zu verhalten hatte. Ich wurde ein lieber, unschuldiger, unglücklicher Junge. Ich konnte nichts herausbringen. Ich öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Noch nie hatte ich einen Menschen um Essen gebeten. Ich, der ich das Fechten als eine angenehme, lustige Beschäftigung betrachtete, machte aus mir einen braven Bürgerknaben, mit der ganzen Moral des Bürgerstandes belastet. Und ich versuchte, mein Gesicht in müde und traurige Falten zu legen, wie es sich für einen treuherzigen, hungrigen Burschen schickte, der nicht gewohnt war, zu betteln.

»Sie sind hungrig, armer junger Mann«, sagte sie. Ich hatte sie dazu gebracht, das erste Wort zu sprechen.

Ich nickte und schluckte.

»Es ist das erstemal, daß ich je ... gebettelt habe«, sagte ich mit zitternder Stimme.

»Kommen Sie herein!« Die Tür wurde weit geöffnet. »Wir haben selbst gerade fertig gegessen, aber es ist noch Feuer auf dem Herde, und ich kann Ihnen schnell etwas machen.«

Als ich ins Licht trat, betrachtete sie mich forschend. »Ich wünschte, mein Junge wäre so gesund und stark wie Sie«, sagte sie. »Aber er ist nicht stark. Manchmal fällt er hin. Gerade heute nachmittag ist er wieder hingefallen und hat sich bös gestoßen, der arme Junge!«

In ihrer Stimme lag eine unsagbare Mütterlichkeit und Milde, und ich sehnte mich, teil daran zu haben. Ich sah ihn an. Er saß dünn und blaß, mit verbundenem Kopfe an der andern Seite des Tisches. Er regte sich nicht, aber seine Augen, die im Schein der Lampe schimmerten, ruhten anhaltend und verwundert auf mir.

»Gerade wie mein armer Vater«, sagte ich. »Er hatte die Fallsucht. Eine Art Schwindel. Die Ärzte waren ratlos. Sie konnten nicht herausbekommen, was mit ihm los war.«

»Ist er tot?« fragte die Frau sanft und legte mir ein halbes Dutzend weichgekochte Eier vor.

»Tot«, schluchzte ich. »Vor vierzehn Tagen. Ich war bei ihm, als es geschah. Wir wollten über eine Straße gehen. Auf einmal fiel er hin. Er kam nicht wieder zum Bewußtsein. Man trug ihn in eine Apotheke, und dort starb er.«

Und so verbreitete ich mich über die mitleiderregende Geschichte meines Vaters – wie er mit mir nach dem Tode meiner Mutter den Hof verlassen hatte und nach San Francisco gegangen war; wie seine Pension (er war alter Soldat) nicht ausreichte, und wie er sein Glück als Kolporteur versucht hatte. Auch von meinen traurigen Erlebnissen in den wenigen Tagen nach seinem Tode erzählte ich, die ich allein und verlassen in den Straßen San Franciscos verbracht hatte. Die gute Frau briet Speck und kochte noch mehr Eier, und ich aß alles, was sie mir vorsetzte, und dabei verbreitete ich mich mit immer größerer Beredsamkeit über den armen elternlosen Jungen. Immer mehr Einzelheiten erzählte ich. Ich wurde wirklich dieser arme Junge. Ich hätte selbst über mich weinen können. Ich weiß, daß meine Stimme zuweilen von Tränen erstickt war. Es war sehr wirkungsvoll.

Tatsächlich: bei jedem neuen Zuge, mit dem ich das Bild ausstattete, gab mir die gute Seele mehr. Sie packte mir etwas zum Mitnehmen ein, darunter viele gekochte Eier und Pfeffer und einen großen Apfel. Sie versah mich mit drei Paar dicken rotwollenen Socken. Sie schenkte mir reine Taschentücher und andere Sachen, die ich vergessen habe Und unterdessen gab sie immer mehr zu essen, und ich stopfte immer mehr in mich hinein. Ich fraß wie ein Wilder, aber es war auch eine weite Strecke in einem blinden Güterwagen über die Sierra, die vor mir lag, und ich wußte nicht, wann und wo ich das nächste Mal etwas zu essen bekommen würde. Und die ganze Zeit über saß ihr eigener unglücklicher Junge, wie ein Totenkopf beim Feste, stumm und unbeweglich da und starrte mich von der andern Seite des Tisches an. Für ihn stellte ich wohl die Mystik, die Romantik, das Abenteuer dar – alles, was ihm bei seiner schwach zuckenden Lebensflamme versagt war. Und doch schoß es mir ein paarmal durch den Kopf, daß er mich vielleicht bis auf den Grund meiner verlogenen Seele durchschaut hätte.

»Wohin gehen Sie jetzt?« fragte die gute Frau mich. »Nach Salt Lake City«, sagte ich. »Dort habe ich eine Schwester, eine verheiratete Schwester.« (Ich dachte nach, ob ich sie zur Mormonin machen sollte, ließ es dann aber bleiben.) »Ihr Mann ist Unternehmer.«

Nun wußte ich gut, daß Unternehmer in der Regel viel Geld verdienen. Aber ich hatte es einmal gesagt. Ich mußte es nach Möglichkeit wieder gutmachen.

»Sie würden mir das Reisegeld geschickt haben, wenn ich darum gebeten hätte«, erklärte ich, »aber sie haben Krankheit und geschäftliches Unglück gehabt. Sein Kompagnon hat ihn betrogen. Und da wollte ich nicht schreiben und um Geld bitten. Ich wußte, daß ich schon irgendwie hinkommen würde. Ich ließ sie in dem Glauben, daß ich genug hätte, um nach Salt Lake City zu kommen. Sie ist lieb und gut. Sie ist immer gut gegen mich gewesen. Ich denke, ich werde zu meinem Schwager in die Lehre kommen und später in sein Geschäft eintreten. Sie haben zwei Töchter. Die sind jünger als ich. Eine ist noch ganz klein.«

Von allen verheirateten Schwestern, die ich über die Vereinigten Staaten ausgestreut habe, ist die Schwester in Salt Lake City sicher die beste. Sie steht ganz lebendig vor mir. Wenn ich von ihr erzähle, kann ich sie, ihre beiden kleinen Mädchen und ihren Mann, den Unternehmer, gleichsam vor mir sehen. Sie ist eine große, mütterliche Frau, die ein wenig stark zu werden beginnt, wie es oft der Fall bei gutmütigen Frauen ist, die gut kochen können und nie böse werden. Sie ist dunkel. Ihr Mann ist ein ruhiger, bequemer Mensch. Manchmal ist mir fast, als kennte ich ihn. Und wer weiß, ob ich ihm nicht eines Tages begegnen werde? Wenn der alte Seemann sich Billy Harpers erinnern konnte, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht eines Tages dem Unternehmer begegnen sollte, der mit meiner Schwester verheiratet ist, die in Salt Lake City wohnt.

Anderseits habe ich das sichere Gefühl, daß ich nie meinen vielen Eltern und Großeltern begegnen werde – denn sehen Sie, die habe ich unweigerlich ums Leben gebracht. Ein Herzleiden war meine Lieblingsmethode, um meine Mutter loszuwerden, aber in geeigneten Fällen habe ich sie auch an Schwindsucht, Lungenentzündung und Typhus sterben lassen. Allerdings: die Polizei in Winnipeg kann bezeugen, daß ich Großeltern habe, die in England wohnen; aber das ist lange her, und warum sollten sie nicht seither gestorben sein? Auf jeden Fall haben sie mir nie geschrieben. Ich hoffe, daß die Frau in Reno diese Zeilen lesen und mir meine Frechheit und Verlogenheit verzeihen wird. Ich entschuldige mich nicht, denn ich schäme mich nicht. Es waren Jugend, Lebensfreude und heiße Abenteuerlust, die mich an ihre Tür führten. Es tat mir gut. Es lehrte mich, wie herzensgut Menschen sein können. Ich hoffe auch, daß es ihr gut tat. Jedenfalls kann sie einmal tüchtig lachen, wenn sie den wirklichen Zusammenhang erfährt. Für sie war meine Geschichte »wahr«. Sie glaubte an mich und meine ganze Familie und war von Sorge erfüllt bei dem Gedanken an die beschwerliche Reise, die meiner wartete, ehe ich nach Salt Lake City kam. Diese Besorgnis hätte mich fast in Verlegenheit gebracht. Gerade als ich, den Arm voller Pakete mit Essen und die Taschen von wollenen Socken strotzend, aufbrach, fiel ihr ein Onkel, Neffe oder sonstiger Verwandter ein, der bei der Post angestellt war und noch dazu mit demselben Zuge, mit dem ich mich aus dem Staube machen wollte, ankommen sollte. Das war eine schöne Bescherung! Sie wollte mich zum Bahnhof begleiten, ihm meine Geschichte erzählen und ihn veranlassen, mich im Postwagen zu verstecken. So käme ich ohne Gefahr und Mühe nach Ogden. Von dort seien es nur noch ein paar Meilen bis Salt Lake City. Das Herz sank mir. Sie wurde ganz erregt, setzte ihren Plan in allen Einzelheiten auseinander, und unglücklich, wie ich war, mußte ich tun, als wäre ich entzückt und begeistert über die Lösung! Lösung! Ich hatte mich entschlossen, am Abend nach dem Westen zu reisen, und nun war ich gefangen und mußte nach dem Osten, ja, geradezu gefangen, und ich wagte nicht, ihr zu erzählen, daß alles Lüge und Erfindung gewesen war. Und während ich auszusehen versuchte, als sei ich entzückt, zerbrach ich mir den Kopf, um einen Ausweg zu finden. Aber es gab keinen. Sie wollte mich selbst zum Postwagen bringen, und dann sollte mich der Postbeamte, der mit ihr verwandt war, nach Ogden mitnehmen. Und dann war ich gezwungen, mich diese Hunderte von Meilen Wüste zwischen den beiden Stationen wieder zurückzuschleppen. Aber an diesem Abend stand mir das Glück bei. Gerade in dem Augenblick, als sie ihren Hut nehmen wollte, um mich zum Bahnhof zu begleiten, fiel ihr ein, daß sie sich geirrt hatte. Der Postbeamte, der mit ihr verwandt war, kam an diesem Abend gar nicht durch die Stadt. Sein Zugplan war verändert. Er kam erst in zwei Tagen. Ich war gerettet, denn selbstverständlich erlaubte meine schrankenlose Jugend mir nicht, zwei Tage zu warten. Ich versicherte ihr mit großem Optimismus daß ich schneller nach Salt Lake City käme, wenn ich gleich aufbräche, und verließ sie mit ihren Segenswünschen im Ohr.

Aber die wollenen Socken waren wirklich großartig. Ich trug ein Paar von ihnen, als ich in derselben Nacht auf dem »blinden« Güterwagen mit dem Überlandzuge nach dem Westen fuhr.

Blinde Passagiere

Wenn er kein Pech hat, kann ein tüchtiger junger und gewandter Vagabund trotz aller Versuche des Zugpersonals, ihn zu ›schmeißen‹, an einem Zuge hängen, vorausgesetzt natürlich, daß es Nacht ist. Das ist unbedingt erforderlich. Wenn ein Vagabund dieser Art sich unter solchen Bedingungen zum Anhängen entschließt, so führt er es auch aus, wenn das Schicksal ihm nicht einen Streich spielt. Außer Mord hat das Zugpersonal keine gesetzliche Methode, ihn zu ›schmeißen‹. Daß das Zugpersonal nicht immer vor Mord zurückschreckt, ist ein allgemeiner Glaube in der Landstreicherwelt. Da ich jedoch in meiner Vagabundenzeit keine diesbezüglichen persönlichen Erfahrungen gemacht habe, kann ich nicht dafür einstehen. Aber ich habe folgendes über die ›schlechten‹ Linien gehört: Wenn ein Vagabund ›nach unten gegangen‹ ist und der Zug sich in Bewegung gesetzt hat, gibt es offenbar keine Möglichkeit mehr, ihn zu vertreiben, ehe der Zug hält. Der Landstreicher, der bequem, von den vier Rädern und dem ganzen Rahmen umgeben, auf dem Wagengestell liegt, hat das Personal hinters Licht geführt –oder er glaubt es wenigstens, bis er eines Tages mal auf einer ›schlechten‹ Linie fährt. Eine schlechte Linie ist in der Regel eine Eisenbahn, auf der vor kurzem einer oder mehrere Beamte von Vagabunden totgeschlagen worden sind. Gnade Gott dem Landstreicher, der auf einer solchen Linie unter dem Wagen gefaßt wird – denn gefaßt wird er, und wenn der Zug sechzig Meilen in der Stunde macht. Der Bremser nimmt einen Koppelungsbolzen und eine Signalschnur und geht auf die Plattform vor dem Wagen, unter dem der Vagabund hängt. Dann bindet er den Bolzen an die Schnur, läßt den Apparat zwischen die Plattformen fallen und wirft die Leine aus. Der Bolzen schlägt auf die Schwellen zwischen den Schienen, springt zurück gegen den Wagenboden und schlägt dann wieder gegen die Schwellen. Der Bremser läßt die Schnur hin und zurück, bald nach der einen, bald nach der andern Seite laufen, läßt ein wenig nach, holt wieder ein, so daß seine Waffe Gelegenheit zu jeder Art Stoß und Rückschlag erhält. Jeder Schlag des tanzenden Bolzens kann den Tod bringen, und bei einer Fahrt von sechzig Meilen in der Stunde trommelt er einen reinen Zapfenstreich des Todes. Am nächsten Tage findet man die Überreste des Landstreichers am Bahnkörper, und eine Zeile im Lokalblatt berichtet von dem Unbekannten, zweifellos einem Vagabunden, der vermutlich betrunken und wahrscheinlich auf dem Gleise eingeschlafen war.

Als ein charakteristisches Beispiel, wie ein gewandter Vagabund ›anhängen‹ kann, möchte ich folgende Begebenheit erzählen: Ich war in Ottawa und wollte mit der Kanada-Pazifikbahn nach dem Westen. Eine Fahrt von dreitausend Meilen lag vor mir; es war Herbst, und ich mußte über Manitoba und die Rocky Mountains. Kaltes Wetter war zu erwarten, und der geringste Aufschub hätte die Reise nur noch kälter und beschwerlicher gemacht. Dazu kam, daß ich schlechter Laune war. Die Entfernung zwischen Montreal und Ottawa beträgt hundertundzwanzig Meilen. Das mußte ich wohl wissen, denn ich hatte eben die Strecke zurückgelegt und sechs Tage dazu gebraucht. Durch ein Versehen war ich von der Hauptstrecke abgeirrt und auf eine kleine Seitenlinie gekommen, auf der nur zwei Lokalzüge täglich verkehrten. Und die sechs Tage hatte ich von trockenem Brot gelebt, das ich, nicht einmal reichlich, von den französischen Bauern erbettelt hatte.

Mein Aerger wuchs noch, weil ich den ganzen Tag, den ich in Ottawa verbrachte, herumlaufen mußte, um mir Kleidung für die lange Reise zu verschaffen. Ich möchte hier einschieben, daß Ottawa mit einer einzigen Ausnahme die Stadt in den Vereinigten Staaten ist, wo es am schwersten ist, sich Kleidung zu erbetteln; die eine Ausnahme ist Washington. Diese schöne Stadt ist der Höhepunkt. Dort verbrachte ich einmal vierzehn Tage mit vergeblichen Versuchen, mir ein Paar Schuhe zu erbetteln, und schließlich mußte ich nach Jersey City reisen, ehe ich sie bekam.

Doch zurück nach Ottawa. Pünktlich um acht Uhr morgens begann meine Kleiderjagd. Ich arbeitete energisch den ganzen Tag. Ich schwöre, daß ich vierzig Meilen lief. Ich besuchte tausend Hausfrauen und nahm mir nicht einmal die Zeit, um Mittagessen zu fechten. Und um sechs Uhr nachmittags, nach zehn Stunden unablässiger, harter Arbeit, fehlte mir noch ein Hemd, während die Hosen, die ich endlich ergattert hatte, zu eng waren und dazu alle Anzeichen einer baldigen Auflösung trugen.

Um sechs Uhr stellte ich die Arbeit ein und steuerte auf das Eisenbahngelände los, in der Erwartung, unterwegs etwas zu essen zu bekommen. Aber ich war immer noch vom Unglück verfolgt. In einem Haus nach dem andern wurde ich abgewiesen. Endlich bekam ich ein ›Futterpaket‹. Meine Laune besserte sich gleich, denn es war das größte Futterpaket, das ich je in meinem langen, ereignisvollen Leben gesehen hatte. Es war in Zeitungspapier gewickelt und so groß wie ein ausgewachsener Handkoffer. Ich machte, daß ich auf ein unbebautes Grundstück kam, und öffnete es. Das erste, was ich sah, war Kuchen, immer mehr Kuchen, aller Arten Kuchen und wieder Kuchen. Es war alles Kuchen. Kein Butterbrot mit ordentlichen Fleischstücken – nichts als Kuchen, und ich verabscheute auf der ganzen Welt nichts so sehr wie Kuchen! In einem andern Zeitalter und unter einem andern Himmelsstrich setzte das Volk sich an die Wasser Babylons und weinte. Ich aber setzte mich auf einen Baugrund in der stolzen Hauptstadt Kanadas und weinte ... über einen Berg Kuchen. Wie man das Antlitz eines toten Sohnes betrachtet, so betrachtete ich diese Menge verschiedenen Backwerks. Ich war wohl ein undankbarer Landstreicher, daß ich mich nicht des Überflusses freute, von dem mir eine Familie geschenkt hatte, bei der am Abend zuvor Gesellschaft gewesen war. Den Gästen hatte der Kuchen offenbar auch nicht geschmeckt.

Dieser Kuchen bezeichnete jedoch den Wendepunkt in meinem Schicksal. Schlimmer konnte es nicht werden: jetzt mußten bessere Zeiten kommen. Und sie kamen denn auch. Im nächsten Hause wurde ich ›hereingebeten‹. Und das ›Hereingebetenwerden‹ ist der Höhepunkt der Glückseligkeit. Man kommt unter Dach und Fach, hat gewöhnlich Gelegenheit, sich zu waschen und an einem richtigen Tische zu essen. Vagabunden lieben es, die Beine unter einen Tisch zu strecken. Das Haus war geräumig und gut eingerichtet und lag inmitten eines großen Gartens mit schönen Bäumen, ein gut Stück von der Straße ab. Man hatte gerade fertig gegessen, und ich wurde ins Speisezimmer geführt – an sich schon etwas höchst Ungewöhnliches, da Vagabunden, die das Glück haben, ›hereingebeten zu werden‹, in der Regel in der Küche essen müssen. Ein grauhaariger, liebenswürdiger Engländer, seine matronenhafte Gattin und eine hübsche, lebhafte junge französische Dame unterhielten mich, während ich aß. Als ich den Bahnhof erreichte, fand ich zu meinem großen Aerger eine Bande von mindestens zwanzig Vagabunden vor, die alle darauf warteten, auf dem ›blinden‹ Güterwagen des Überlandzuges zu fahren. Nun lasse ich mir zwei oder drei Vagabunden auf einem ›Blinden‹ gefallen. Die bemerkt man nicht. Aber zwanzig! Das mußte zu Unannehmlichkeiten führen. Kein Zugpersonal würde uns alle fahren lassen.

Ich möchte hier gleich erklären, was ein ›Blinder‹ ist. Gewisse Postwagen sind ohne Türen an den Schmalseiten gebaut; daher werden sie blind genannt. Gesetzt nun, ein Vagabund ist, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, auf die Plattform eines blinden Wagens gesprungen, so kann kein Schaffner oder Bremser kommen und das Geld für die Fahrkarte verlangen oder ihn herunterschmeißen. Es ist klar; der Vagabund ist vollkommen sicher, bis der Zug das nächste Mal hält. Dann muß er abspringen, in der Dunkelheit vor den Zug laufen und, wenn er vorbeikommt, wieder auf den ›Blinden‹ springen. Aber es gibt viele Arten, es zu machen, wie wir sehen werden.

Als der Zug zum Bahnhof hinausfuhr, stürzten sich die Vagabunden auf die drei ›Blinden‹. Einige krochen hinauf, als der Zug noch keine Wagenlänge vom Bahnhof entfernt war. Das waren Anfänger, und ich sah denn auch, wie sie mit größter Schnelligkeit wieder herunterflogen. Selbstverständlich hatte das Zugpersonal aufgepaßt, und als der Zug das erstemal hielt, ging der Spektakel los. Ich sprang ab und lief ein Stück an den Schienen entlang voraus. Ich bemerkte, daß mir mehrere Vagabunden auf den Hacken waren. Sie wußten offenbar gut Bescheid, wie man es machen mußte. Wenn man sich an einen Überlandzug ›anhängen‹ will, muß man an den Haltestellen immer ziemlich weit vorauslaufen. Ich tat es, und allmählich gab einer nach dem andern von denen, die mir folgten, den Wettlauf auf. Aus der Art, wie sie zurückblieben, konnte man auf ihre Gewandtheit und ihren Mut im Aufspringen auf einen Zug schließen.

Das muß nämlich folgendermaßen gemacht werden: Wenn der Zug sich in Bewegung setzt, fährt der Bremser auf dem ›Blinden‹ zum Bahnhof hinaus. Um zu den andern Wagen zurückzukommen, muß er von dem ›Blinden‹ abspringen und die Plattform eines nichtblinden Wagens entern. Wenn der Zug also die Schnelligkeit erreicht hat, die der Bremser für gut befindet, springt er von dem ›Blinden‹ herunter, läßt ein paar Wagen vorbeifahren und springt dann wieder auf. Und deshalb muß der Vagabund so weit vorauslaufen, daß der Bremser den ›Blinden‹ schon verlassen hat, wenn er aufspringt.

Ich hatte einen Vorsprung von ungefähr fünfzig Fuß vor dem letzten Vagabunden und wartete nun. Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich sah die Laterne des Bremsers auf dem ersten ›Blinden‹. Und ich sah die Dummköpfe verlassen neben dem Gleis stehen, während der ›Blinde‹ vorbeifuhr. Sie versuchten gar nicht erst, hinaufzukommen. Dann kamen, weiter vorn, die Vagabunden, die einigermaßen wußten, was man zu tun hatte. Sie ließen den ersten ›Blinden‹, auf dem der Bremser stand, vorbeifahren und sprangen dann auf den zweiten und dritten. Natürlich sprang der Bremser vom ersten ›Blinden‹ ab und auf den zweiten, und während der Zug weiterfuhr, räumte er auf und warf die Hinaufgesprungenen wieder hinunter. Aber die Hauptsache war, den andern so weit vorauszukommen, daß der Bremser den ersten ›Blinden‹, wenn er bei mir vorbeikam, schon verlassen hatte und sich in einem eifrigen Handgemenge mit den Vagabunden auf dem zweiten ›Blinden‹ befand. Ein halbes Dutzend der geübteren Vagabunden, die weit genug vorausgelaufen waren, gelangte denn auch auf den ersten ›Blinden‹.

Als wir das erstemal hielten und am Gleis entlang vorliefen, zählte ich nur fünfzehn Vagabunden. Fünf von uns waren ›geflogen‹. Der Ausrottungsprozeß war also gut im Gange und wurde Station auf Station fortgesetzt. Jetzt waren wir vierzehn, dann neun, schließlich acht. Es erinnerte mich an die zehn Negerlein im Kinderlied. Ich war fest entschlossen, das letzte Negerlein zu sein. Und warum auch nicht? War ich nicht mit Kraft, Gewandtheit und Jugend gesegnet? Ich war achtzehn Jahre alt und in glänzender Form. Und Nerven hatte ich auch nicht. War ich nicht zudem ein Vagabund von Gottes Gnaden? Waren die andern nicht die reinen Dummköpfe und Anfänger neben mir? Wenn ich nicht das letzte Negerlein wurde, so konnte ich ebensogut das ganze Spiel aufgeben und mich auf irgendeiner Farm anstellen lassen. Mit der Zeit war unsere Zahl auf vier reduziert worden, und nun begann sich das ganze Zugpersonal dafür zu interessieren, und es wurde ein Kampf zwischen Witz und Gewandtheit, bei dem das Personal natürlich die besseren Chancen hatte. Einer nach dem andern verschwand, bis ich schließlich allein übrig war. Nun ja, ich war nicht wenig stolz darauf! Kein Krösus ist je stolzer auf seine erste Million gewesen. Ich hing fest trotz der beiden Bremser, eines Schaffners, eines Heizers und eines Lokomotivführers.

Hier ein paar Beispiele, wie ich mich anhing: Weit voraus in der Dunkelheit – so weit, daß der Bremser, der auf dem ›Blinden‹ fährt, ihn bestimmt verlassen hat – springe ich auf. Schön, bis zur nächsten Station bin ich sicher. Dann wiederhole ich das Manöver. Der Zug fährt zum Bahnhof hinaus. Ich sehe ihn kommen. Es ist kein Licht zu sehen auf dem ›Blinden‹. Hat das Personal den Kampf aufgegeben? Ich weiß es nicht. Das weiß man nie, und man muß immer auf alles vorbereitet sein. Sobald der ›Blinde‹ neben mir ist, springe ich auf und strenge meine Augen an, um zu sehen, ob der Bremser auf der Plattform steht. Vielleicht steht er tatsächlich mit abgeblendeter Laterne da, um sie mir an den Kopf zu schlagen. Ich kenne das! Ich habe zwei- oder dreimal eine Laterne an den Kopf bekommen.

Aber nein, der erste ›Blinde‹ ist leer. Der Zug beschleunigt seine Fahrt. Jetzt bin ich sicher bis zur nächsten Station. Aber bin ich wirklich sicher? Ich spüre, wie der Zug seine Schnelligkeit vermindert. Im selben Augenblick bin ich auf der Hut. Man führt etwas im Schilde gegen mich, und ich weiß nicht, was. Ich versuche, nach beiden Seiten gleichzeitig Ausguck zu halten, und vergesse auch nicht, den Tender vor mir zu beobachten. Von jeder dieser drei Seiten, vielleicht auch von allen dreien auf einmal, kann der Angriff erfolgen.

Ah, jetzt kommt es! Der Bremser ist auf der Lokomotive gefahren. Das wird mir erst in dem Augenblick klar, als er seine Füße auf das rechte Trittbrett des ›Blinden‹ setzt. Wie der Blitz bin ich unten und laufe vor die Lokomotive. Ich verschwinde im Dunkel. Genau so war die Situation, als der Zug Ottawa verließ. Jedenfalls bin ich vorn und der Zug muß an mir vorbeifahren, wenn er seine Reise fortsetzt. Meine Chancen, hinaufzuspringen, sind so gut wie je.

Ich passe genau auf. Ich sehe, wie die Laterne sich auf die Lokomotive zu bewegt, und sehe sie nicht wieder zurückkommen. Folglich muß sie sich noch auf der Lokomotive befinden, und es liegt nahe, daß an dem Handgriff der Laterne ein Bremser hängt. Dieser Bremser muß faul sein, sonst hätte er seine Laterne ausgelöscht, als er nach vorn ging, statt nur die Hand vorzuhalten. Der Zug fährt wieder schneller. Der erste ›Blinde‹ ist leer, und es gelingt mir, hinaufzukommen. Wie zuvor, fährt der Zug langsamer, der Bremser von der Lokomotive klettert von der einen Seite auf den ›Blinden‹ hinauf, und ich springe auf der andern Seite hinunter und laufe vor.

Wie ich im Dunkel warte, fühle ich mich von unsagbarem Stolz durchbebt. Der Überlandzug hat zweimal meinetwegen gehalten – meinetwegen, des armseligen Landstreichers auf der Walze. Ich allein habe zweimal den Überlandzug mit seinen vielen Passagieren und Wagen, seiner Regierungspost und seinen zweitausend Pferdekräften, die in der Lokomotive arbeiten, aufgehalten. Und dabei wiege ich nur hundertundsechzig Pfund und habe keine fünf Cent in der Tasche. Wieder sehe ich, wie die Laterne zur Lokomotive kommt. Aber diesmal ganz offensichtlich. Ein wenig zu offensichtlich für meinen Geschmack, und ich denke nach, was das bedeuten kann. Auf jeden Fall habe ich etwas andres zu fürchten als den Bremser auf der Lokomotive. Der Zug fährt vorbei. Im letzten Augenblick, ehe ich den Sprung wage, sehe ich eine dunkle Gestalt auf dem ersten ›Blinden‹ – einen Bremser ohne Licht. Ich lasse ihn vorbeifahren und will auf den zweiten ›Blinden‹ springen. Aber der Bremser vom ersten ist abgesprungen und läuft hinter mir her. Im Fluge sehe ich auch die Laterne jenes Bremsers, der sich auf der Lokomotive befand. Er ist ebenfalls abgesprungen, und nun sind beide Bremser neben dem Gleise, auf derselben Seite wie ich. Im nächsten Augenblick kommt der dritte ›Blinde‹ an mir vorbei, und ich springe hinauf. Aber ich bleibe nicht oben. Ich habe meinen Gegenzug berechnet. Ich laufe über die Plattform und höre im selben Augenblick, wie der Bremser auf das Trittbrett springt. Ich springe auf der anderen Seite ab und laufe in der Richtung des Zuges nach vorn. Ich will einen kleinen Vorsprung bekommen und dann auf den ersten ›Blinden‹ springen. Es gelingt mir gerade noch im letzten Augenblick, denn der Zug beschleunigt jetzt seine Fahrt. Der Bremser ist mir wieder auf den Hacken und läuft weiter. Ich glaube, daß ich der bessere Schnellläufer von uns beiden bin, denn ich erreiche den ersten ›Blinden‹. Ich stehe auf dem Trittbrett und sehe mich nach meinem Verfolger um. Er ist nur zehn Fuß hinter mir und läuft schnell, aber die Schnelligkeit des Zuges ist jezt ungefähr ebenso groß wie seine eigene, und der Abstand zwischen ihm und mir verringert sieh nicht. Ich rede ihm ermutigend zu, strecke die Hand aus, um ihm zu helfen; aber er bricht in einen mächtigen Fluch aus, gibt den Kampf auf und springt ein paar Wagen weiter hinten auf den Zug. Der Zug fährt jetzt mit voller Fahrt, und ich lache vor mich hin, als ich ganz unvorbereitet von einem Wasserstrahl getroffen werde. Es ist der Heizer, der von der Lokomotive aus den Wasserschlauch auf mich richtet. Ich gehe auf das hinterste Trittbrett des Tenders, wo ich unter dem vorspringenden Dach vollkommen geschützt bin. Das Wasser fährt über meinen Kopf hin, ohne mir etwas zu tun. Es juckt mir in den Fingern, dem Heizer ein Stück Kohle an den Kopf zu werfen, aber ich weiß, daß ich, wenn ich es tue, von ihm und dem Lokomotivführer totgeschlagen werde, und so beherrsche ich mich.

Kaum hält der Zug das nächste Mal, so bin ich wieder unten und laufe in der Dunkelheit nach vorn. Ais der Zug diesmal die Station verläßt, befinden sich beide Bremser auf dem ersten ›Blinden‹. Ich errate, was sie vorhaben. Der Wiederholung des Spiels von vorhin haben sie einen Riegel vorgeschoben. Ich kann nicht wieder auf den zweiten Wagen springen, auf die andere Seite laufen und dann den ersten einholen. Sobald der erste ›Blinde‹ vorüber ist, springen sie, jeder auf einer Seite des Zuges, ab. Ich aber springe auf den zweiten Wagen, und indem ich dies tue, weiß ich, daß die Bremser mich jetzt von beiden Seiten angreifen werden. Es ist gleichsam eine Falle. Beide Auswege sind versperrt. Und doch gibt es noch einen Weg; nach oben. Darum warte ich nicht, bis meine Verfolger mich eingeholt haben. Ich klettere auf das eiserne Geländer der Plattform und stehe auf dem Rad der Handbremse. Damit bin ich aber auch am Ende meiner Weisheit angelangt, und ich höre die Bremser von beiden Seiten die Stufen heraufstürmen. Ich lasse mir nicht die Zeit, mich nach ihnen umzusehen. Ich hebe die Arme über den Kopf, bis sie den Rand der herabgebogenen Wagendächer erreichen. Die eine Hand liegt natürlich auf dem einen, die andere auf dem andern Dache. Unterdessen kommen beide Bremser die Treppe herauf. Ich weiß es gut, obwohl ich keine Zeit habe, mich nach ihnen umzusehen, denn alles das geschieht im Laufe weniger Sekunden. Ich springe mit den Füßen ab und schwinge mich hoch. Gerade als ich die Beine unter mir hochziehe, strecken beide Bremser die Hände aus und greifen in die leere Luft Ich weiß das sehr gut, denn ich blicke hinunter und verfolge mit Interesse ihre Bewegungen. Und ich höre sie auch fluchen.

So zwischen den äußersten Rändern der zwei abwärts gewölbten Wagendächer hängend, befinde ich mich jetzt in einer äußerst gefährlichen Stellung. Mit einer schnellen Anspannung aller Kräfte schwinge ich beide Beine auf das eine und beide Hände auf das andere Dach. Dann fasse ich den Rand, klettere über die Rundung auf das flache Dach, setzte mich hin und schöpfte Luft, während ich mich die ganze Zeit an einem Ventilator, der über das Dach ragt, festhalte. Jetzt bin ich oben auf dem Dach – auf ›Deck‹, wie wir Vagabunden es nennen, und den hier beschriebenen Vorgang nennt man unter Brüdern ›decken‹. Und ich will noch sagen, daß nur ein junger, kräftiger Vagabund einen Passagierzug decken kann, und daß besagter junger, kräftiger Vagabund keine Nerven haben darf. Der Zug fährt immer schneller, und ich weiß, daß ich sicher bin, bis er das nächste Mal hält, aber auch nur so lange. Ich weiß, daß die Bremser mich mit Steinen bombardieren werden, wenn ich nach dem Halten des Zuges noch auf dem Dache bin. Ein tüchtiger Bremser kann einen ziemlich schweren Stein auf das Wagendeck ›fallen lassen‹ – einen Stein von, sagen wir, fünfundzwanzig Pfund Gewicht. Anderseits werden die Bremser sehr wahrscheinlich erwarten, daß ich an derselben Stelle, wo ich hinauf gekrochen bin, wieder herunterkomme, und ich muß also dafür sorgen, daß ich auf eine andere Plattform gelange. In der stillen Hoffnung, daß die erste halbe Meile kein Tunnel kommt, stehe ich auf und gehe den Zug ein halbes Dutzend Wagen hinunter. Man darf nicht ängstlich sein, wenn man eine solche Reise macht. Die Dächer der Passagierwagen sind nicht für nächtliche Spaziergänge eingerichtet. Und wenn jemand glaubt, daß sie es doch sind, so rate ich ihm, es selbst einmal zu versuchen. Ich möchte ihn gern über das Dach eines rumpelnden, schleudernden Wagens spazieren sehen, wo es nichts gibt, an das er sich anklammern kann, als die dunkle leere Luft. Und wenn er dann an das gewölbte Dachende kommt, das feucht und glatt vom Tau ist, so muß er schnell machen, daß er auf die nächste Dachwölbung gelangt, die auch feucht und glatt ist. Glauben Sie mir: wenn man das gemacht hat, so weiß man, ob das Herz in Ordnung ist, oder ob man zu Schwindel neigt.

Als der Zug seine Fahrt ermäßigt, krieche ich auf eine Plattform, ein halbes Dutzend Wagen hinter der, auf die ich gesprungen war. Es ist niemand dort. Als der Zug hält, lasse ich mich zu Boden gleiten. Vorn, zwischen mir und der Lokomotive, sind zwei Laternen, die sich vor und zurück bewegen. Die Bremser sehen sich auf den Dächern nach mir um. Ich bemerke, daß der Wagen, neben dem ich stehe, vier Räder hat. (Wenn man ›unten‹ auf dem Gestell fahren will, muß man sorgfältig die sechsrädrigen Wagen vermeiden – die bringen Unheil.)

Ich ducke mich unter den Zug und krieche an den Stangen entlang. Es ist das erstemal, daß ich unter einen Zug der Kanada-Pazifikbahn gekrochen bin, und ich kenne seine innere Einrichtung noch nicht. Ich versuche, oben auf den Rahmen zwischen ihn und den Boden des Wagens zu kriechen, aber es ist nicht genügend Platz, daß ich mich hineinzwängen könnte. Das habe ich noch nie erlebt. In den Vereinigten Staaten ist man gewohnt, auf richtigen Schnellzügen ›unten‹ zu fahren, und ich pflege es so zu machen, daß ich das Geländer fasse, die Füße nach der Bremsstange schwinge und von dort auf den Rahmen hinaufkrieche. Innerhalb des Rahmens kann ich dann auf der Kreuzstange sitzen. Indem ich mich in der Dunkelheit immer weiter mit den Händen vorfühle, merke ich schließlich, daß zwischen der Bremsstange und der Erde Platz ist. Mit großer Mühe kann ich mich hineinzwängen, ich muß mich flach hinlegen und durchwinden. Sobald ich innerhalb des Rahmens bin, setze ich mich auf die Stange und denke darüber nach, ob der Bremser jetzt wohl herauskriegt, wo ich geblieben bin. Der Zug setzt sich in Bewegung. Sie haben es endlich aufgegeben, nach mir zu suchen.

Aber haben sie es wirklich aufgegeben? Schon als wir das nächste Mal halten, sehe ich, wie eine Laterne unter den Rahmen gehalten wird, der dem meinen am nächsten ist, aber am andern Ende des Wagens. Sie suchen die Stangen ab, um mich zu finden. Ich muß schnell machen, daß ich wegkomme. Auf dem Bauche krieche ich unter die Bremsstange. Sie sehen mich und laufen mir nach, aber ich krieche auf Händen und Füßen quer über die Schienen nach der entgegengesetzten Seite und verstecke mich hier in dem schirmenden Dunkel. Wieder die alte Situation. Ich bin wieder vor dem Zuge, und der Zug muß an mir vorbeifahren.

Der Zug fährt an. Auf dem ersten ›Blinden‹ ist eine Laterne. Ich liege auf dem Boden und sehe den Bremser vorbeifahren und nach mir ausschauen. Auf dem zweiten ›Blinden‹ ist auch eine Laterne. Der Bremser erblickt mich und ruft es dem Bremser, der auf dem ersten Wagen vorbeigefahren ist, zu. Beide springen ab. Schön, dann muß ich eben den dritten ›Blinden‹ nehmen. Aber – lieber Gott – auf dem dritten ›Blinden‹ ist auch eine Laterne! Das ist der Schaffner. Ich lasse ihn vorbeifahren. Jedenfalls habe ich jetzt das ganze Zugpersonal vor mir. Ich drehe mich um und laufe in der dem Zuge entgegengesetzten Richtung. Über die Schulter sehe ich zurück. Alle drei Laternen sind jetzt auf der Erde und schwanken auf der Suche nach mir umher. Ich nehme einen Anlauf. Die Hälfte der Wagen ist schon vorbei, und der Zug fährt ziemlich schnell, als ich aufspringe. Ich weiß, daß die beiden Bremser und der Schaffner in zwei Sekunden wie rasende Wölfe über mich herfallen werden. Ich springe wieder auf die Handbremse, fasse die gewölbten Dachenden und bin im nächsten Augenblick auf ›Deck‹, während meine enttäuschten Verfolger sich auf der Plattform zusammendrängen wie heulende Hunde, die eine Katze auf einen Baum gejagt haben, und da stehen sie nun und fluchen und erzählen mir Unliebenswürdigkeiten über meine Vorfahren.

Aber was mache ich mir daraus? Einschließlich Lokomotivführer und Heizer sind sie fünf gegen einen, und obwohl die Majestät des Gesetzes und eine große, mächtige Körperschaft hinter ihnen stehen, führe ich sie alle an. Ich bin ganz hinten auf dem Zuge, und so laufe ich über die Wagendächer vor, bis ich mich über der fünften oder sechsten Plattform von der Lokomotive befinde. Dann spähe ich vorsichtig hinunter. Auf der Plattform steht ein Bremser. Daß er mich bemerkt hat, kann ich aus der Art sehen, wie er sich in größter Eile in den Wagen schleicht, und ich weiß auch, daß er jetzt hinter der Tür steht und darauf wartet, über mich herzufallen, wenn ich hinunterklettere. Aber ich tue, als wüßte ich es nicht, und bleibe dort, um ihn in seinem Irrtum zu bestärken. Ich sehe ihn nicht, weiß aber gut, daß er hin und wieder die Tür öffnet, um sich zu vergewissern, daß ich immer noch da bin.

Der Zug fährt langsamer, wir nähern uns einer Station. Ich lasse die Beine hinunterhängen, um mich vorzufühlen. Der Zug hält, ich baumle immer noch mit den Beinen. Da höre ich den Bremser vorsichtig die Tür öffnen. Er ist zu meinem Empfang gerüstet. Plötzlich springe ich auf und laufe über das Dach, gerade über dem Kopfe des Mannes, der da unten auf mich lauert. Der Zug hält; die Nacht ist ruhig, und ich sorge dafür, daß meine Füße auf dem eisernen Dache soviel Lärm wie nur möglich machen. Ich weiß es natürlich nicht, nehme aber an, daß er jetzt hinläuft, um mich zu fassen, wenn ich auf die nächste Plattform hinunterkomme. Aber ich komme gar nicht hinunter. Als ich die Mitte des Zuges erreicht habe, mache ich kehrt und schleiche schnell und vorsichtig zu der Plattform zurück, die der Bremser und ich eben verlassen haben. Die Bahn ist frei. Ich klettere auf der andern Seite des Zuges hinunter und verstecke mich im Dunkeln. Keine Seele hat mich gesehen.

Ich steige über die Einfriedung neben dem Bahnkörper, lege mich hin und passe auf. Aha! Was ist das? Ich sehe eine Laterne, die sich oben auf den Dächern von einem Wagen zum andern bewegt. Sie meinen, ich sitze noch oben, und suchen mich nun. Und noch besser – auf dem Boden, zu beiden Seiten des Zuges, bewegen sich zwei Laternen in derselben Richtung und mit derselben Schnelligkeit wie die auf den Dächern. Es ist die reine Hasenjagd, und ich bin der Hase. Sobald der Bremser auf dem Dache mich erblickt, wollen die beiden andern mich packen. Ich drehe mir eine Zigarette und sehe die Prozession vorüberziehen. Sobald sie vorbei ist, kann ich mich in aller Ruhe vorn zum Zuge begeben. Der Zug setzt sich in Bewegung, und ohne Widerstand komme ich auf den ersten ›Blinden‹. Aber ehe noch der Zug richtig in Gang gekommen ist, und als ich mir gerade die Zigarette anzünden will, sehe ich, daß der Heizer über die Kohlen hinten auf den Tender geklettert ist und mich betrachtet. Ich bekomme einen furchtbaren Schreck. Von seinem Platz aus kann er nach mir mit Kohlenstücken werfen und mich zu Frikassee machen. Statt dessen spricht er mich an, und ich höre zu meiner großen Erleichterung Bewunderung in seiner Stimme.

»Du verfluchter Schweinehund!« sagt er.

Das ist ein großes Kompliment, und ich werde von Stolz durchschauert wie ein Schulknabe, der ein Lob erhält. »Hör' mal,« rufe ich zu ihm hinüber, »mach' das nicht wieder mit dem Schlauch.«

»Nein«, antwortet er und geht wieder an die Arbeit. Mit der Lokomotive habe ich mich befreundet, aber die Bremser lauern immer noch auf mich. Als wir das nächste Mal halten, sind alle ›Blinden‹ mit Bremsern besetzt, und wie früher, lasse ich sie vorüber und klettere in der Mitte des Zuges auf Deck. Aber jetzt ist das Personal darauf gekommen, was ich vorhabe, und der Zug hält. Die Bremser wollen mich ›schmeißen‹, eher haben sie keine Ruhe. Dreimal hält der mächtige Überlandzug meinetwegen an dieser Station, und jedesmal entwische ich den Bremsern und klettere wieder auf Deck. Aber es ist hoffnungslos, denn endlich haben sie doch die Situation erfaßt. Ich habe ihnen gezeigt, daß sie den Zug nicht vor mir schützen können. Sie müssen etwas anderes machen. Und das tun sie. Als der Zug das letztemal hält, setzen sie in voller Fahrt hinter mir her. Ja, ich weiß schon, was sie wollen. Sie wollen versuchen, mich müde zu hetzen. Im Anfang drängen sie mich bis zu den letzten Wagen des Zuges zurück. Ich bin mir ganz klar über die Gefahr, die mir droht. Sobald sie mich hinter den Zug bekommen haben, wollen sie losfahren und mich stehenlassen. Ich mache kehrt, laufe in einer Schlangenlinie, schlüpfe zwischen meinen Verfolgern hindurch und gelange so zu den vordersten Wagen. Einer der Bremser ist mir beständig auf den Hacken. Na schön, ich will ihn tüchtig laufen lassen, denn ich bin glänzend in Form. Ich laufe am Gleis entlang. Mir macht es nichts aus. Selbst wenn er mich zehn ganze Meilen jagt, so muß er doch zum Zuge zurück, und ich kann immer genau so gut aufspringen wie er selbst.

So laufe ich weiter, halte mich immer ein kleines Stück vor ihm und strenge meine Augen an, damit ich in der Dunkelheit etwaige Wildfallen oder Weichen sehen kann, die mir Schaden bringen könnten. O weh! Ich bemühe mich zu sehr, das zu sehen, was weiter voraus liegt, stolpere über einen kleinen Gegenstand gerade vor mir und falle hin. Im nächsten Augenblick bin ich wieder auf den Beinen, aber schon hat der Bremser mich am Kragen. Ich leiste keinen Widerstand. Ich muß Luft schöpfen und ihn mir ansehen. Er ist schmalschultrig, und ich wiege wenigstens dreißig Pfund mehr als er. Außerdem ist er ebenso müde wie ich, und wenn er boxen will, soll er mich kennenlernen. Aber er boxt nicht, so daß ich dies Problem nicht zu erörtern brauche. Statt dessen beginnt er mich nach dem Zuge zurückzuziehen, und jetzt erhebt sich ein neues Problem. Ich sehe die Laternen des Schaffners und des anderen Bremsers. Wir nähern uns ihnen. Nicht umsonst habe ich die Bekanntschaft der New Yorker Polizei gemacht. Nicht umsonst habe ich in Güterwagen, bei Wasserbehältern und in Gefängniszellen blutige Geschichten von Mißhandlungen gehört. Wenn diese drei Männer mich nun mißhandelten? Der Himmel weiß, daß ich ihnen Anlaß genug dazu gegeben habe. In aller Eile überdenke ich die Situation. Immer mehr nähern wir uns den beiden Eisenbahnmännern. Ich sehe mir Bauch und Kiefern des Mannes, der mich festhält, an und denke aus, was ich mit der rechten und mit der linken Faust machen werde, wenn er das erste Zeichen von Unfreundlichkeit gibt.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
200 s.
ISBN:
9783754171974
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar