Kitabı oku: «Die eiserne Ferse»

Yazı tipi:

Jack London

Die eiserne Ferse

Impressum

Texte: © Copyright by Jack London

Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke

Verlag:

Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag

Gunter Pirntke

Mühlsdorfer Weg 25

01257 Dresden

gunter.50@gmx.net

Inhalt

Impressum

Vorwort

Mein Adler

Anklagen

Jacksons Arm

Sklaven der Maschine

Die Wissbegierigen

Schatten

Die Vision des Bischofs

Die Maschinenstürmer

Die Mathematik eines Traumes

Der Strudel

Das große Ereignis

Der Bischof

Der Generalstreik

Der Anfang vom Ende

Die letzten Tage

Das Ende

Die scharlachrote Livree

Im Schatten der Sonoma-Berge

Verwandlung

Ein verlorener Oligarch

Die brüllende Bestie des Abgrunds

Die Chicagoer Kommune

Das Volk des Abgrunds

Alpdrücken

Die Terroristen

Vorwort

Man kann nicht sagen, dass das Everhard-Manuskript ein wichtiges historisches Dokument sei. In Bezug auf das Historische strotzt es von Irrtümern — Irrtümern nicht betreffs der Tatsachen, sondern deren Auslegung. Wenn wir auf die sieben Jahrhunderte zurückblicken, die seit Vollendung des Manuskripts durch Avis Everhard vergingen, sind uns die Ereignisse, die ihr verworren und verschleiert erscheinen mussten, klar. Ihr fehlte die Perspektive. Sie war den Ereignissen, über die sie schreibt, zu nahe, ja, sie war mit ihnen verschmolzen. Nichtsdestoweniger ist das Everhard-Manuskript als persönliches Dokument von unschätzbarem Wert. Aber auch hier sind ihr Irrtümer unterlaufen, die ihre Ursache sowohl in ihrem Mangel an Perspektive wie in den Vorurteilen haben, welche ihr die Liebe eingegeben hat. Aber wir verzeihen Avis Eberhard lächelnd die Heldenverehrung ihres Gatten. Heute wissen wir, dass er nicht so bedeutend war, nicht so groß in den Ereignissen jener Zeit, wie das Manuskript uns glauben machen möchte.

Wir wissen, dass Ernst Everhard ein ungewöhnlich befähigter Mensch war, aber nicht so außergewöhnlich, wie seine Frau glaubte. Alles in allem war er nur einer in der großen Zahl von Helden, die, über die ganze Welt verstreut, ihr Leben der Revolution weihten, wenn auch zugegeben werden muss, dass er Ungewöhnliches, namentlich in seinem Werk über die Philosophie der Arbeiterklasse, leistete. Er bezeichnete sie als »Proletarische Wissenschaft« oder »Proletarier-Philosophie«, ein Beweis für die Enge seines Geistes — ein Mangel, der jedoch der Zeit zuzuschreiben ist und dem sich niemand in jenen Tagen zu entziehen vermochte. Doch zurück zu dem Manuskript. Ganz besonders wertvoll darin ist, dass es das Gefühl jener schrecklichen Zeiten übermittelt. Nirgends finden wir lebendiger die Psychologie der Personen dargestellt, die in dieser wilden Periode, in den Jahren 1912 bis 1932 lebten — ihre Irrtümer und ihre Unwissenheit, ihre Zweifel, Befürchtungen und Missverständnisse, ihren Wahn, ihre heftigen Leidenschaften, ihre unbeschreibliche Gewinn- und Selbstsucht. Diese Dinge sind für unser erleuchtetes Jahrhundert so schwer begreiflich. Die Geschichte berichtet jedoch, dass sie existierten, und Biologie und Psychologie erwecken sie nicht wieder zum Leben. Wir nehmen sie als Tatsache hin, ohne jedoch Mitgefühl und Verständnis für sie aufbringen zu können.

Dieses Mitgefühl empfinden wir jedoch, wenn wir das Everhard-Manuskript aufmerksam lesen. Wir identifizieren uns mit den Darstellern in diesem längst vergangenen Weltdrama, und für die Dauer unseres Lesens ist ihr Denken das unsere. Wir verstehen nicht allein Avis Everhards Liebe für ihren Heldengatten, wir fühlen, wie er in jenen ersten Tagen, das undeutliche und schreckliche Auftauchen der Oligarchie. Wir fühlen, wie die (so treffend genannte) Eiserne Ferse heraufstieg und die Menschheit zerstampfte.

Und nebenbei finden wir, dass dieser historisch gewordene Ausdruck, die Eiserne Ferse, Ernst Everhard zum Urheber hat. Dies ist die eine strittige Frage, die durch das kürzlich aufgefundene Dokument geklärt wird. Vorher ist der Ausdruck, soweit bekannt, nur in dem im Dezember 1912 von George Milford veröffentlichten Pamphlet »Ihr Sklaven« angewandt. Dieser George Milford war ein unbedeutender Agitator, von dem nichts bekannt ist außer dem wenigen, das man aus dem Everhard-Manuskript erfährt, wonach er in der Chicagoer Kommune erschossen wurde. Offenbar hatte er den Ausdruck Ernst Everhards in irgendeiner öffentlichen Rede anwenden hören, höchstwahrscheinlich bei dem Wahlkampf für den Kongress im Herbst 1912. Aus dem Manuskript erfahren wir, dass Ernst Everhard den Ausdruck in einer Privatgesellschaft im Frühling 1912 gebrauchte. Es ist dies zweifellos die erste bekannte Gelegenheit, bei der die Oligarchie so bezeichnet wurde.

Die Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlass geheimer Verwunderung für Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse haben ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich, und ihr Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können, wie Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese anderen großen historischen Ereignisse hätte die soziale Entwicklung sich auch nicht vollziehen können. Primitiver Kommunismus, Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei waren die notwendigen Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung. Es wäre jedoch lächerlich, zu behaupten, dass die Eiserne Ferse ein solcher notwendiger Meilenstein gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt oder Rückschritt zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde früher zur Hölle machte, die aber für ihre Zeit ebenso notwendig, wie die Eiserne Ferse unnötig war.

So schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht so jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten der sozialen Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig noch unvermeidlich. Sie wird immer die große Merkwürdigkeit der Geschichte bleiben, eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas Unerwartetes, Ungeahntes; und sie sollte den übereiligen politischen Theoretikern von heute, die mit Gewissheit von sozialen Prozessen sprechen, zur Warnung dienen.

Nach dem Urteil der Soziologen jeder Zeit bedeutete der Kapitalismus den Höhepunkt der bürgerlichen Herrschaft, die reife Frucht der bürgerlichen Revolution. Und wir können heute dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst geistige Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten dass auf den Kapitalismus der Sozialismus folgen würde Man glaubte, dass auf dem Schutt des selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit der Menschheit, erblühen würde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum Entsetzen für uns, die wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für die, die damals lebten, in seiner Überreife einen ungeheuren Spross, die Oligarchie.

Zu spät erriet die sozialistische Bewegung zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts das Kommen der Oligarchie.

Als man sie kaum ahnte, war sie schon da. Eine zutiefst begründete Tatsache, eine staunenerregende furchtbare Wirklichkeit. Wie das Everhard-Manuskript zeigt, glaubte man selbst damals nicht an eine Dauer der Eisernen Ferse, Das Urteil der Revolutionäre war, dass ihre Niederringung eine Sache weniger kurzer Jahre sein würde. Es ist wahr, man vergegenwärtigte sich, dass die Bauernrevolte unvorbereitet, die erste Revolution vorzeitig erfolgt war; aber man vergegenwärtigte sich kaum, dass die zweite, wohlvorbereitete Revolution zu derselben Zwecklosigkeit und zu noch schrecklicherer Strafe verurteilt war.

Offenbar beendete Avis Everhard ihr Manuskript in den letzten Tagen der Vorbereitung für die zweite Revolution. Daher die Tatsache, dass sie deren unglückseliges Ergebnis mit keinem Worte erwähnt. Es ist klar, dass sie das Manuskript zur sofortigen Veröffentlichung nach Vernichtung der Eisernen Ferse bestimmt hatte, damit alles, was ihr soeben verstorbener Gatte gewagt und vollbracht hatte, anerkannt wurde. Dann aber erfolgte die furchtbare Zerschmetterung der zweiten Revolution, und wahrscheinlich hat sie in einem Augenblick der Gefahr, ehe sie floh oder durch die Söldner gefangen genommen wurde, das Manuskript in der hohlen Eiche zu Wake Robin Lodge versteckt. Über Avis Everhard gibt es keine weiteren Nachrichten. Zweifellos ist sie von den Söldnern hingerichtet worden; bekanntlich wurden keine Berichte über derartige Hinrichtungen seitens der Eisernen Ferse aufbewahrt. Aber selbst damals, als sie das Manuskript versteckte und sich zur Flucht vorbereitete, hat sie sich kaum vergegenwärtigt, wie schrecklich der Zusammenbruch der zweiten Revolution sein würde. Sie hat sich kaum gedacht, dass die qualvolle, irregehende Entwicklung der nächsten drei Jahrhunderte eine dritte und vierte und viele weitere Revolutionen nötig machen sollte, die alle in Seen von Blut erstickt wurden, ehe die Weltrevolution der Arbeiter zu ihrem Rechte kommen konnte. Und wenig ließ sie sich träumen, dass das Zeugnis ihrer Liebe zu Ernst Everhard sieben Jahrhunderte lang ungestört im Herzen einer alten Eiche zu Wake Robin Lodge ruhen sollte.

Ardis, 27. November 419 B. d. M. Anthony Meredith

Mein Adler

Der sanfte Sommerwind rauscht in den Riesentannen, und das Wildwasser plätschert liebliche Kadenzen über sein moosiges Gestein. Schmetterlinge spielen im Sonnenschein, und überall erhebt sich das einschläfernde Summen der Bienen. Es ist so still und friedlich, und ich sitze hier, sinne und bin ruhelos. Die Stille ist es, die mich ruhelos macht. Sie scheint unwirklich zu sein. Die ganze Welt ist ruhig, aber es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ich strenge meine Ohren, all meine Sinne an, um etwas von dem drohenden Sturme zu spüren. Ach, dass er nur nicht zu früh losbricht! Dass er nur nicht zu früh losbricht!

Ist es ein Wunder, dass ich ruhelos bin? Ich denke und denke und kann nicht aufhören zu denken. So lange bin ich im Schwärm des Lebens gewesen, dass ich mich jetzt bedrückt fühle von der Ruhe und dem Frieden rings, und ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass der tolle Wirbel von Tod und Vernichtung plötzlich losbrechen muss. In meinen Ohren tönt das Geschrei der Getroffenen, und wie ich es früher sah, so sehe ich auch jetzt, wie all die frische, schöne Jugend zerfleischt und zerstückelt wird, und wie die Seelen gewaltsam aus den stolzen Leibern gerissen und zu Gott emporgeschleudert werden. So erreichen wir armen Sterblichen unser Ziel, indem wir durch Blut und Vernichtung der Welt dauernden Frieden zu bringen suchen. Und ich bin so einsam. Wenn ich nicht an das denke was kommen muss, so denke ich an das, was war und nicht mehr ist — an meinen Adler, den seine unermüdlichen Schwingen durch den Raum trugen, hinauf zu dem, was stets seine Sonne war, dem flammenden Ideal der menschlichen Freiheit. Ich kann nicht müßig dasitzen und auf das große Ereignis warten, das sein Werk ist, wenn er es auch nicht mehr sehen soll. Ihm weihte er all seine Mannesjahre und gab sein Leben dafür. Es ist sein Werk. Er hat es geschaffen.

Und so will ich denn in dieser bangen Zeit des Harrend von meinem Gatten schreiben. Viel Licht kann ich allein von allen Lebenden auf seinen Charakter werfen, und ein so edler Charakter kann gar nicht leuchtend genug geschildert werden. Er war eine große Seele, und wenn meine Liebe auch zu immer größerer Selbstlosigkeit wächst, so ist es doch mein größter Schmerz, dass er die kommende Zeit nicht mehr erleben soll. Es kann nicht fehlschlagen. Dazu hat er zu hartnäckig und zu sicher gebaut. Wehe der Eisernen Ferse! Bald wird sich die niedergetretene Menschheit unter ihr erheben. Wenn der Ruf dazu ergeht, werden die Arbeiterscharen der ganzen Welt aufstehen. Nie hat die Weltgeschichte dergleichen gesehen. Die Arbeiter stehen zusammen, und in der ersten Stunde wird eine Revolution ausbrechen, die die ganze Welt umspannt.

Ihr seht, ich bin erfüllt von dem, was da kommen soll. Tag und Nacht habe ich es immer und immer wieder so durchlebt, dass es mir stets vor Augen steht. Und so oft ich n meinen Gatten denke, muss ich auch daran denken. Er war die Seele von alledem, und wie könnte ich ihn in Gedanken davon trennen?

Wie ich schon sagte, bin ich allein imstande, viel Licht auf seinen Charakter zu werfen. Man weiß, dass er für die Sache der Freiheit hart arbeitete und schwer litt. Wie hart er arbeitete, und wie schwer er litt, weiß ich selbst am besten, denn diese zwanzig aufreibenden Jahre war ich bei ihm, und ich kenne seine Geduld, sein unermüdliches Streben, seine grenzenlose Hingabe für die Sache, für die er nun, vor kaum zwei Monaten, sein Leben gegeben hat.

Ich will versuchen, schlicht zu erzählen, wie Ernst Everhard in mein Leben trat — wie ich ihm zuerst begegnete, wie er groß wurde, bis ich ein Teil von ihm ward, und welch ungeheure Veränderungen er in mein Leben brachte. So mögt ihr ihn durch meine Augen sehen und ihn kennen lernen, wie ich ihn kennen lernte — in allem, außer in dem, das zu heilig und zu süß ist, als dass ich es erzählen könnte.

Es war im Februar 1912, dass ich ihm zum ersten Male begegnete, und zwar als Gast im Hause meines Vaters in Berkeley. Ich kann nicht sagen, dass der erste Eindruck, den er auf mich machte, besonders günstig war. Bei Tisch war er einer von vielen, und im Salon, wo wir die Gäste empfingen, wirkte er etwas seltsam. Es war »Pastorentag«, wie mein Vater unter vier Augen sagte, und unter diesen Männern der Kirche war Ernst sicher nicht recht am Platze. Erstens saß sein Anzug nicht. Es war ein fertig gekauften aus dunklern Stoff, der sich seinem Körper schlecht anschmiegte. Fertig gekaufte Anzüge passten ihm überhaupt nie. Wie immer beutelte sich auch an diesem Abend der Stoff über seinen Muskeln, während der Rock zwischen den überbreiten Schultern ein Labyrinth von Falten zeigte. Sein Hals war der eines Preiskämpfers, dick und stark. So also sieht der Sozialphilosoph und frühere Hufschmied aus, den mein Vater entdeckt hat, dachte ich. Und wahrlich: Man sah ihm seine Vergangenheit an den schwellenden Muskeln und dem Stiernacken an. Sofort war ich mir klar über ihn — eine Sehenswürdigkeit, dachte ich, ein Blinder Tom der arbeitenden Klasse.

Und als er mir dann die Hand schüttelte! Sein Händedruck war stark und fest, seine schwarzen Augen aber sahen mich kühn an — fast zu kühn, wie mir schien. Ihr seht, ich war ein Produkt meiner Umgebung und besaß damals ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein. Bei einem Manne meiner eigenen Klasse wäre eine solche Kühnheit fast unverzeihlich gewesen. Ich weiß noch, wie ich unwillkürlich die Augen senken musste; ich fühlte mich ganz erleichtert, als ich ihn stehen lassen konnte, um Bischof Morehouse zu begrüßen — einen meiner Lieblinge, ein Mann von mildem Ernst in reiferen Jahren, eine gütige Christuserscheinung und dabei ein tüchtiger Gelehrter.

Aber diese Kühnheit, die mir als Anmaßung erschien, war ein Grundzug in Ernst Everhards Wesen. Er war einfach und geradezu, fürchtete sich vor nichts und verschmähte es, Zeit auf konventionelles Getue zu verschwenden. »Du gefielst mir,« erklärte er mir viel später einmal; »und warum sollten sich meine Augen nicht sattsehen an dem, was mir gefiel?« Ich sagte, dass er sich vor nichts fürchtete. Er war der geborene Aristokrat — und das trotz der Tatsache, dass er im Lager der Nichtaristokraten stand. Er war ein Übermensch, eine blonde Bestie, wie Nietzsche sie beschrieben hat, und zu alledem ein glühender Demokrat.

Die Begrüßung der übrigen Gäste nahm mich in Anspruch, und dazu kam der ungünstige Eindruck, den der Arbeiterphilosoph auf mich gemacht hatte, so dass ich ihn ganz vergessen haben würde, hätte er nicht ein- oder zweimal meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und zwar durch ein Aufblitzen seiner Augen, während er den Worten eines der Geistlichen lauschte. Er hat Humor, dachte ich und verzieh ihm fast seine Kleidung. Aber das Essen ging seinem Ende zu, ohne dass er den Mund zum Sprechen geöffnet hätte, während die Geistlichen ununterbrochen von der arbeitenden Klasse und ihren Beziehungen zur Kirche, sowie von dem redeten, was die Kirche für sie getan hatte und noch tat. Ich merkte, dass mein Vater sich ärgerte, weil Ernst nichts sagte. Einmal nahm er eine Pause wahr, um ihn zu bitten, etwas zu sagen; Ernst aber zuckte mit einem »Ich habe nichts zu sagen« die Achseln und fuhr fort, Salzmandeln zu essen.

Vater ließ sich jedoch nicht abweisen. Nach einer Weile sagte er:

»Wir haben ein Mitglied der arbeitenden Klasse unter uns. Ich bin sicher, dass er manches von einem neuen, interessanten und erfrischenden Standpunkt aus beleuchtet! könnte. Was meinen Sie, Herr Everhard?«

Die ändern bezeigten geziemendes Interesse und baten Ernst um eine Darlegung seiner Ansichten. Ihr Benehmen gegen ihn war so duldsam und liebenswürdig, dass es schon beinahe herablassend wirkte. Und ich sah, dass Ernst es bemerkte und belustigt war. Er blickte sich langsam um, und ich sah das Lachen in seinen Augen.

»Ich bin nicht in der Höflichkeit geistlicher Unterhaltung bewandert«, begann er, stockte dann aber bescheiden und unschlüssig.

»Nur zu«, drängten die ändern, und Dr. Hammerfield sagte: »Wir stoßen uns nicht an der Aufrichtigkeit eines Menschen, wenn sie nur ehrlich ist.«

»Sie machen also einen Unterschied zwischen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit?« Ernst lächelte flüchtig bei diesen Worten.

Dr. Hammerfield schnappte nach Luft; dann erwiderte er: »Die besten unter uns können irren, junger Mann, die besten unter uns.«

Ernst änderte sein Benehmen augenblicklich. Er wurde ein anderer.

»Also schön«, sagte er, »dann lassen Sie mich Ihnen gleich von vornherein sagen, dass Sie alle irren. Von der arbeitenden Klasse wissen Sie nichts, weniger als nichts. Ihre Soziologie ist ebenso falsch und wertlos wie ihre ganze Denkart.«

Es war nicht so sehr, was er sagte, wie die Art, wie er es sagte.

Beim ersten Klang seiner Stimme war ich aufgerüttelt.

Diese Stimme war ebenso kühn wie seine Augen. Sie durchdrang mich wie eine Fanfare. Und die ganze Tafelrunde war aufgerüttelt und aus ihrer Eintönigkeit und Schläfrigkeit geweckt.

»Was ist denn so Falsches und Wertloses an unserer Denkart, junger Mann?« fragte Dr. Hammerfield, und schon war eine gewisse Unliebenswürdigkeit in seiner Stimme und Sprechweise zu spüren.

»Sie sind Metaphysiker. Durch Metaphysik können Sie alles beweisen; und demzufolge kann jeder Metaphysiker jedem ändern Metaphysiker — zu seiner eigenen Genugtuung — beweisen, dass er irrt. Sie sind Anarchisten im Reiche des Gedankens. Und schlechte Weltordner sind Sie dazu! Jeder von Ihnen lebt in seiner selbst geschaffenen Welt, die seiner Phantasie und seinen eigenen Wünschen entsprungen ist. Die wirkliche Welt, in der Sie leben, kennen Sie nicht, und in der wirklichen Welt hat Ihr Denken nur insofern Platz, als diese Welt eine durch Geistesverwirrung hervorgerufene Erscheinung ist.

Wissen Sie, woran ich denken musste, als ich bei Tisch Ihren Gesprächen lauschte? Sie erinnerten mich ganz an die Welt der Scholastiker im Mittelalter, die feierlich und unter Aufgebot ungeheurer Gelehrsamkeit die fesselnde Frage behandelten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen könnten. Ja, meine verehrten Herren, dem geistigen Leben des zwanzigsten Jahrhunderts stehen Sie ebenso fern wie ein indianischer Medizinmann, der vor zehntausend Jahren im Urwald seine Beschwörungen vornahm.«

Eine schöne Leidenschaft schien Ernst beim Sprechen zu erfüllen; sein Antlitz glühte, seine Augen leuchteten und sprühten, und Kinn und Kiefer zeigten eine angriffslustige Beredtheit. Aber es war dies nur seine Art. Sie war es, die stets die Menschen aufrüttelte. Seine Art, anzugreifen, wie ein Hammer niederzuschmettern, ließ sie alles um sich vergessen. Und so geschah es auch jetzt. Bischof Morehouse beugte sich vor und lauschte gespannt. Zorn und Ärger röteten das Gesicht Dr. Hammerfields. Einige von den ändern waren auch aufgebracht, während wieder andere belustigt und überlegen lächelten. Ich selbst fand es außerordentlich drollig. Ich warf einen Blick auf meinen Vater und bekam Angst, dass er im nächsten Augenblick losplatzen würde über den Erfolg der Bombe, die er selbst geschleudert hatte.

»Ihre Worte sind recht unklar«, unterbrach Dr. Hammerfield das Schweigen. »Präzisieren Sie bitte, das Sie damit meinen, wenn Sie uns Metaphysiker nennen.«

»Ich nenne Sie Metaphysiker, weil Sie metaphysisch denken«, fuhr Ernst fort. »Sie denken alles andere eher als! wissenschaftlich. Ihre Folgerungen haben keine Gültigkeit. Sie können alles und nichts beweisen, ohne dass auch nur zwei von Ihnen einig wären. Jeder von Ihnen sucht sich und das All nach seiner eigenen Überzeugung zu erklären. Ebenso gut können Sie sich an Ihren eigenen Stiefelstrippen hochheben, wie eine Überzeugung durch die andere erklären.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Bischof Morehouse. »Mir scheint doch, dass alles Geistige metaphysisch ist. Die exakteste und überzeugendste aller Wissenschaften, die Mathematik, ist durch und durch metaphysisch. Jeder Denkprozess eines Wissenschaftlers ist es. Geben Sie mir da nicht recht?«

»Ja, insofern Sie sagen, dass Sie mich nicht verstanden haben«, erwiderte Ernst. »Der Metaphysiker urteilt deduktiv aus seiner eigenen Subjektivität heraus. Der Wissenschaftler urteilt induktiv aus der Erfahrung heraus. Der Metaphysiker schließt von der Theorie auf die Tatsachen, der Wissenschaftler von den Tatsachen auf die Theorie. Der Metaphysiker erklärt das Universum aus sich, der Wissenschaftler sich aus dem Universum.«

»Gott sei Dank, dass wir keine Wissenschaftler sind«, murmelte Dr. Hammerfield selbstgefällig.

»Was sind Sie denn?« fragte Ernst.

»Philosophen.«

»Ach so!« Ernst lachte. »Sie haben den festen Boden verlassen und sich mit einer Nachricht für ein Flugzeug in die Luft begeben. Bitte, kommen Sie wieder zur Erde herab und sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie unter Philosophie verstehen.«

»Philosophie ist —«, Dr. Hammerfield machte eine Pause und räusperte sich, »etwas, das nur denen verständlich gemacht werden kann, die selbst nach Geist und Temperament Philosophen sind. Der begrenzte Wissenschaftler, der seine Nase in ein Reagenzglas steckt, versteht von Philosophie nichts.«

Ernst überging den Stich. Es war stets seine Art, die Spitze gegen den Gegner zu kehren, und er tat es auch jetzt, wobei seine Miene seine Worte ausdrucksvoll unterstrich.

»Dann werden Sie aber zweifellos die Erklärung verstehen, die ich Ihnen jetzt von der Philosophie geben werde. Zuvor aber ersuche ich Sie, etwaige Irrtümer darin festzustellen oder schweigender Metaphysiker zu bleiben. Die Philosophie ist unbedingt die umfassendste aller Wissenschaften. Ihre Denkmethode ist dieselbe wie die irgendeiner Sonderwissenschaft, und wie die aller Sonderwissenschaften. Und durch eben diese Methode, die induktive, sammelt die Philosophie alle Sonderwissenschaften zu einer einzigen großen Wissenschaft. Wie Spencer sagt, sind die Grundzüge jeder Sonderwissenschaft teilweise gleichartige Erkenntnisse. Die Philosophie vereinigt das Wissen, das von allen ändern Wissenschaften zusammengetragen ist. Die Philosophie ist die Wissenschaft der Wissenschaften, die Meisterwissenschaft, wenn Sie wollen. Wie gefällt Ihnen meine Erklärung?«

»Nicht schlecht, nicht schlecht«, murmelte Dr. Hammerfield zögernd.

Aber Ernst war unerbittlich.

»Vergessen Sie nicht«, warnte er ihn, »dass meine Erklärung für die Metaphysik verhängnisvoll ist. Wenn Sie jetzt keine Lücke in meiner Erklärung finden, sind Sie später nicht berechtigt, metaphysische Argumente vorzubringen. Sie müssen Ihr ganzes Leben nach dieser Lücke suchen und metaphysisch schweigen, bis Sie sie gefunden haben.«

Ernst hielt inne. Das Schweigen war peinlich. Dr. Hammerfield war verlegen und zugleich verblüfft. Der scharfe Angriff hatte ihn aus der Fassung gebracht. Diese einfache und direkte Kampfmethode war er nicht gewöhnt. Er sah sich flehend am Tische um, aber niemand sprang für ihn in die Bresche. Ich ertappte meinen Vater, wie er lachend in seine Serviette biss.

»Es gibt noch eine Art, die Metaphysiker zu widerlegen«, sagte Ernst, als die Niederlage Dr. Hammerfields besiegelt war. »Beurteilen Sie sie nach ihren Werken. Was haben sie für die Menschheit getan, außer dass sie lästige Phantasiegebilde ersannen und ihre eigenen Schatten für Götter hielten . Sie haben zur Erheiterung der Menschheit beigetragen, das gebe ich zu; aber was haben Sie Greifbares für die Menschheit getan? Sie philosophierten, wenn Sie mir den Missbrauch des Wortes verzeihen wollen, über das Herz als den Sitz der Regungen, während die Wissenschaftler den Kreislauf des Blutes feststellten. Sie redeten von Pest und Hungersnot als Geißeln Gottes, während die Wissenschaftler Kornspeicher bauten und Städte kanalisierten. Sie schufen Götter nach ihrem eigenen Bilde und ihren eigenen Wünschen, während die Wissenschaftler Straßen und Brücken bauten.

Sie erklärten unsre Erde für den Mittelpunkt des Alls, während die Wissenschaftler Amerika entdeckten und den Himmelsraum nach den Sternen und ihren Gesetzen durchforschten. Kurz, die Metaphysiker haben nichts, absolut nichts für die Menschheit getan. Fuß um Fuß sind sie vor dem Fortschritt der Wissenschaft zurückgewichen. Ebenso schnell, wie die festgestellten wissenschaftlichen Tatsachen ihre subjektiven Erklärungen über den Haufen warfen, ebenso schnell stellten sie wieder neue subjektive Erklärungen auf, die die letzten wissenschaftlichen Tatsachen einbezogen. Und das werden sie zweifellos bis ans Ende der Dinge tun. Meine Herren, ein Metaphysiker ist ein Medizinmann. Der Unterschied zwischen ihm und dem Eskimo, der sich einen pelzbekleideten, walspeckfressenden Gott macht, besteht nur in einigen tausend Jahren festgestellter Tatsachen. Das ist alles.«

»Und doch haben die Gedanken des Aristoteles Europa zwölfhundert Jahre lang beherrscht«, verkündete Dr. Ballingford feierlich. »Und Aristoteles war Metaphysiker.«

Dr. Ballingford blickte sich um und erntete beifälliges Nicken und Lächeln.

»Ihr Beispiel ist sehr unglücklich gewählt«, erwiderte Ernst. »Sie beziehen sich auf eine sehr dunkle Periode der menschlichen Geschichte. Diese Periode nennen wir in der Tat das dunkle Mittelalter. Es war eine Periode in der die Wissenschaft von den Metaphysikern vergewaltigt wurde, in der die Physik den Stein der Weisen suchte, die Chemie zur Alchimie und die Astronomie zur Astrologie wurde. Die Herrschaft der Gedanken des Aristoteles ist ein trauriges Kapitel.«

Doktor Ballingford sah verstimmt aus, dann aber erheiterte sich seine Miene, und er sagte:

»Wenn ich auch zugebe, dass das schreckliche Bild, das Sie gezeichnet haben, der Wirklichkeit entspricht, so müssen Sie doch gestehen, dass die Metaphysik insofern Gutes bewirkt hat, als sie die Menschen aus diesem dunklen Zeitalter heraus und in die Erleuchtung der glücklichen Jahrhunderte getrieben hatte.«

»Damit hatte die Metaphysik nichts zu tun«, entgegnete Ernst.

»Wie?« rief Dr. Hammerfield. »War es nicht ihr Denken und Grübeln, das zu den Entdeckungsreisen führte?«

»Ach, mein Lieber«, Ernst lächelte. »Ich dachte, Sie wären erledigt, denn bis jetzt haben Sie die Lücke in meiner Erklärung der Philosophie nicht gefunden. Sie stehen nicht auf dem Boden der Wirklichkeit. Aber das ist die Art der Metaphysiker, und ich verzeihe Ihnen. Nein, ich wiederhole: Die Metaphysik hat nichts damit zu tun. Brot und Butter, Seide und Juwelen, Dollars und Cents und, nebenbei, die Unterbindung des Verkehrs auf dem Landwege nach Indien, das waren die Ursachen der Entdeckungsreisen. Mit dem Fall Konstantinopels im Jahre 1453 blockierten die Türken den Karawanenweg nach Indien. Die Kaufleute Europas mussten einen ändern Weg finden. Das war der eigentliche Anlass zu den Entdeckungsreisen. Kolumbus schiffte sich ein, um einen neuen Weg nach Indien zu suchen. Das steht in jedem Geschichtsbuch. Zufällig erfuhr man dabei manches Neue über die Natur, die Form und Größe der Erde, und das ptolemäische System begann seinen Glanz zu verlieren.«

Doktor Hammerfield schnaufte.

»Sie pflichten mir nicht bei?« fragte Ernst. »Worin habe ich denn unrecht?«

»Ich kann meine Behauptung nur aufrechterhalten«, erwiderte Doktor Hammerfield mürrisch. »Es würde jetzt zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte man sich in die Sache vertiefen.«

»Für den Wissenschaftler dauert nichts zu lange«, sagte Ernst liebenswürdig. »Daher erreicht der Wissenschaftler eben sein Ziel. Daher kam er nach Amerika.«

Ich will nicht den ganzen Abend schildern, obgleich es mir eine Freude ist, mir jeden Augenblick, jede Einzelheit dieser ersten Stunde meiner Bekanntschaft mit Ernst Everhard ins Gedächtnis zurückzurufen.

Ein prachtvoller Kampf entspann sich, die Geistlichen bekamen rote Köpfe und regten sich auf, namentlich, als Ernst sie romantische Philosophen, Schattenspieler und dergleichen mehr nannte. Und immer wieder wartete er ihnen mit Tatsachen auf.

»Tatsachen, Verehrtester, unwiderlegbare Tatsachen!« rief er triumphierend, sobald er einen von ihnen zu Fall gebracht hatte. Er strotzte von Tatsachen. Mit Tatsachen stellte er ihnen eine Falle, mit Tatsachen überfiel er sie, mit den Breitseiten von Tatsachen bombardierte er sie.

»Sie scheinen den Altar der Tatsachen anzubeten«, spöttelte Doktor Hammerfield.

»Es gibt keinen Gott außer der Tatsache, und Herr Everhard ist ihr Prophet«, zitierte Doktor Ballingford.

Ernst lächelte zustimmend.

»Ich bin wie der Mann aus Texas«, sagte er, und um eine Erklärung gebeten, fuhr er fort: »Ja, der Mann aus Missouri sagt immer: >Sie müssen es mir zeigen.< Der Mann aus Texas aber sagt: >Sie müssen es mir in die Hand legen.< Was beweist, dass er kein Metaphysiker ist.«

Als Ernst einmal geradezu sagte, dass die metaphysischen Philosophen nie den Wahrheitsbeweis erbringen könnten, fragte Dr. Hammerfield hastig: »Was ist der Wahrheitsbeweis, junger Mann? Wollen Sie uns freundlichst erklären, worüber klügere Leute als Sie sich so lange den Kopf zerbrochen haben?«

»Gern«, antwortete Ernst. Seine absolute Sicherheit irritierte die ändern. »Die klugen Leute haben sich den Kopf so über der Wahrheit zerbrochen, weil sie auf der Suche nach ihr ins Blaue gerieten. Wären sie auf dem festen Boden geblieben, so würden sie sie leicht gefunden haben — ja, sie hätten entdeckt, dass sie selbst mit allem praktischen Tun und Denken ihres Lebens eben den Wahrheitsbeweis erbrachte.

»Den Beweis, den Beweis«, wiederholte Dr. Hammerfield ungeduldig, »ohne Umschweife. Geben Sie uns, was wir so lange gesucht haben: den Wahrheitsbeweis. Geben Sie ihn uns, und wir werden Götter sein.«

Seine Worte und sein ganzes Benehmen zeigten einen unhöflichen, höhnischen Skeptizismus, an dem jedoch die meisten bei Tische heimliches Gefallen fanden. Nur Bischof Morehouse schien aufgebracht.

»Dr. Jordan hat es ganz klar ausgesprochen«, sagte Ernst. »Sein Wahrheitsbericht ist: >Wird es wirken? Willst du dein Leben daran wagen?<«

»Pah!« höhnte Dr. Hammerfield. »Sie haben nicht mit Bischof Berkeley gerechnet. Er wurde nie widerlegt.«

»Der prächtigste Metaphysiker von allen«, Ernst lachte. »Aber Ihr Beispiel ist unglücklich gewählt. Berkeley bezeugt selbst, dass seine Metaphysik wirkungslos sei.«

Jetzt war Dr. Hammerfield zornig, rechtschaffen zornig. Es war, als hätte er Ernst bei einem Diebstahl oder einer Lüge ertappt.

»Junger Mann«, stieß er hervor, »diese Behauptung ist allen ändern Äußerungen, die Sie heute abend getan haben, ebenbürtig. Sie ist eine niedrige, unverantwortliche Anmaßung.«

»Ich bin ganz zerschmettert«, murmelte Ernst demütig Nur weiß ich noch nicht, wodurch. Sie müssen es mir in die Hand legen, Herr Doktor.«

»Das will ich, das will ich«, sprudelte Doktor Hammerfield heraus. »Woher wissen Sie das? Woher wissen Sie, dass Bischof Berkeley bezeugte, seine Metaphysik sei wirkungslos. Sie haben keinen Beweis dafür, junger Mann, sie war immer wirksam.«

»Ich halte es für einen Beweis für die Unwirksamkeit von Berkeleys Metaphysik, dass« — Ernst hielt einen Augenblick inne — , »dass Berkeley die unabänderliche Gewohnheit hatte, durch Türen statt durch Mauern zu gehen. Dass er sein Wohl Brot und Butter und gebratenem Fleisch anvertraute. Dass er sich mit einem Messer rasierte, welches wirkte, indem es die Haare aus seinem Gesicht entfernte.«

»Aber das sind wirkliche Dinge«, rief Doktor Hammerfield. »Metaphysik ist etwas Geistiges.«

»Und sie wirkt — geistig?« fragte Ernst ruhig.

Der andere nickte.

»Dann können also unzählige Engel auf einer Nadelspitze tanzen — geistig«, fuhr Ernst sinnend fort. »Und ein pelzgekleideter, speckfressender Gott kann existieren und wirken — geistig; und es gibt keine Gegenbeweise — geistig. Ich nehme an, Herr Doktor, dass Sie geistig leben?«

»Mein Geist ist mein Königreich«, lautete die Antwort.

»Mit ändern Worten, Sie leben im Blauen. Aber ich bin überzeugt, dass Sie zur Erde herabkommen, wenn Essenszeit ist, oder wenn ein Erdbeben stattfinden sollte. Oder, sagen Sie, Herr Doktor, fürchten Sie beim Erdbeben nicht, dass Ihr unkörperlicher Leib von einem unkörperlichen Ziegelstein getroffen werden könnte?«

Im selben Augenblick fuhr Doktor Hammerfields Hand unbewusst nach dem Kopfe, wo er eine Narbe unter dem Haar hatte. Zufällig hatte Ernst ein passendes Bild gewählt.

Doktor Hammerfield wäre bei dem Großen Erdbeben fast von einem herabstürzenden Schornstein erschlagen worden. Alles brach in schallendes Gelächter aus.

»Nun?« fragte Ernst, als sich die Heiterkeit gelegt hatte. »Ihre Gegenbeweise!«

Aber Doktor Hammerfield hatte für einen Augenblick genug bekommen, und der Kampf nahm eine andere Wendung. Punkt für Punkt forderte Ernst die Geistlichen heraus. Behaupteten sie, die arbeitende Klasse zu kennen, so sagte er ihnen gründlich die Wahrheit, bewies ihnen, dass sie die arbeitende Klasse gar nicht kannten, und forderte sie auf, ihn zu widerlegen. Er wartete ihnen mit Tatsachen auf, bremste ihre Ausflüge ins Blaue und holte sie mit seinen Tatsachen auf den festen Boden zurück.

Wie klar sehe ich die Szene vor mir! Noch jetzt kann ich ihn mit dem kriegerischen Ton in seiner Stimme hören, wie er seine Gegner mit seinen Tatsachen quälte, deren jede wie ein Peitschenhieb war, und er war unerbittlich. Er verlangte keinen Pardon und gab keinen. Nie vergesse ich den Hieb, den er ihnen zum Schluss versetzte.

»Sie haben mehrmals, teils offen, teils unbewusst, bewiesen, dass Sie die arbeitende Klasse gar nicht kennen. Aber daraus mache ich Ihnen keinen Vorwurf. Wie könnten Sie etwas von ihr wissen? Sie wohnen nicht mit ihr zusammen. Sie wohnen mit der kapitalistischen Klasse zusammen in ändern Gegenden. Und warum nicht? Die kapitalistische Klasse bezahlt Sie, ernährt Sie, gibt Ihnen die Kleidung, die Sie tragen. Und dafür predigen Sie eben die Metaphysik, die Ihren Brotherren angenehm ist. Und diese Metaphysik ist Ihnen wiederum angenehm, weil sie die hergebrachte Gesellschaftsform nicht bedroht.« Bei diesen Worten erhob sich lärmender Widerspruch. »Oh ich stelle Ihre Lauterkeit nicht in Frage«, fuhr Ernst fort »Sie sind ehrlich. Sie predigen, was Sie glauben. Darin liegt eben Ihre Kraft und Ihr Wert — für die kapitalistische Klasse. Sollten Sie aber Ihrem Glauben irgendeine Richtung geben, die bedrohlich für die bestehende Ordnung wäre, so würde man Ihre Predigten unangenehm empfinden und Sie Ihres Amtes entheben. Hin und wieder geschieht das ja auch wohl nicht wahr?«

Diesmal erhob sich kein Widerspruch. Die Geistlichen saßen stumm ergeben da, und nur Dr. Hammerfield sagte:

»Wenn ihre Anschauungen unrichtig sind, werden sie ersucht, ihren Abschied zu nehmen.«

»Mit ändern Worten, wenn diese Anschauungen unbequem sind«, antwortete Ernst und fuhr dann fort: »Und darum sage ich Ihnen, machen Sie weiter, predigen Sie und verdienen Sie sich Ihr Geld damit, aber lassen Sie um Himmels willen die arbeitende Klasse in Frieden. Sie stehen im Lager des Feindes. Sie haben keine Gemeinschaft mit der arbeitenden Klasse. Ihre Hände sind weich von der Arbeit, die andere für Sie getan haben. Sie essen so viel, dass Sie schon Bäuche haben. (Hier fuhr Doktor Bailingford zusammen, und alle Augen richteten sich auf seinen mächtigen Bauch. Man sagte von ihm, dass er seit Jahren seine eigenen Füße nicht mehr gesehen hätte.) Sie haben keine anderen Lehren im Kopfe als die, welche die mächtigen Grundpfeiler der herrschenden Ordnung sind. Sie sind Söldner — ehrliche Söldner, gebe ich zu — genau wie die Leute der Schweizer Garde.

Bleiben Sie Ihrem Salz und Sold treu. Behüten Sie mit Ihren Predigten die Interessen ihrer Brotherren, aber steigen Sie nicht zur arbeitenden Klasse hinab und dienen ihr als falsche Führer. Als ehrliche Menschen können Sie nicht in zwei Lagern auf einmal stehen. Die arbeitende Klasse ist ohne Sie ausgekommen. Glauben Sie mir, sie wird es auch ferner. Und mehr noch, sie wird besser ohne Sie auskommen.«

Anklagen

Als die Gäste gegangen waren, warf mein Vater sich auf einen Sessel und brach in ein schallendes Gelächter aus. Seit dem Tode meiner Mutter hatte ich ihn noch nie so lachen hören.

»Ich wette, Doktor Hammerfield ist noch nie in seinem Leben so aufgebracht gewesen«, meinte er dann. »>Die Höflichkeit geistlicher Unterhaltung!< Hast du es bemerkt, wie er sanft wie ein Lamm anfing — Everhard, meine ich —, und wie schnell er zum brüllenden Löwen wurde? Er hat einen glänzend geschulten Geist. Er hätte einen vorzüglichen Wissenschaftler abgegeben, wenn seine Energie in die Richtung gelenkt worden wäre.«

Ich brauche kaum zu sagen, dass Ernst Everhard mich ungeheuer interessierte. Es war nicht allein das, was er gesagt, und wie er es gesagt hatte, sondern der Mann an sich. Nie war ich einem solchen Manne begegnet. Ich glaube, es kam daher, dass ich trotz meiner vierundzwanzig Jahre noch nicht verheiratet war. Er gefiel mir, das gestand ich selber.

Und mein Gefallen an ihm beruhte auf Dingen, die jenseits von Intellekt und Argument lagen. Ungeachtet seiner schwellenden Muskeln und seines Preisboxer-Halses machte er auf mich den Eindruck eines geistreichen jungen Mannes. Ich hatte das Gefühl, dass unter der Maske eines intelligenten Eisenfressers ein zarter, empfindsamer Geist lebte. Woher dies Gefühl kam, weiß ich nicht, aber es muss wohl meine weibliche Intuition gewesen sein.

In dieser tönenden Stimme lag etwas, das mir zu Herzen ging. Sie klang mir noch in den Ohren, und ich fühlte, dass ich sie gern wiederhören und ebenso gern das Lachen in seinen Augen wieder sehen würde — dieses Lachen, das den leidenschaftlichen Ernst seines Antlitzes Lügen strafte.

Und eine ganze Reihe wirrer, unbestimmter Gefühle regten sich in mir. Schon damals liebte ich ihn, wenn ich auch überzeugt bin, dass, hätte ich ihn nie wieder gesehen, diese unklaren Gefühle vergangen wären und ich ihn mit Leichtigkeit vergessen hätte.

Aber ich sollte ihn wieder sehen. Das neu erwachte Interesse meines Vaters für Soziologie, die Gesellschaften, die er gab, waren die Ursache. Mein Vater war nicht Soziologe. Seine Ehe mit meiner Mutter war sehr glücklich gewesen, und in den Forschungen, die er in seiner eigentlichen Wissenschaft, der Physik, anstellte, hatte er ebenfalls Glück gehabt. Als aber meine Mutter starb, konnte seine Arbeit nicht die entstandene Leere ausfüllen. Zuerst befasste er sich ein wenig mit Philosophie, dann ließ er sich, als das Interesse wach wurde, in das Studium der Nationalökonomie und der Soziologie hineintreiben. Er hatte einen starken Gerechtigkeitssinn und fasste bald eine wahre Leidenschaft, geschehenes Unrecht wiedergutzumachen. Diese Zeichen neuerwachten Lebensmutes nahm ich dankbar wahr, wenn ich mir auch nicht träumen ließ, was dabei herauskommen sollte. Mit der Leidenschaft eines Jünglings stürzte er sich in diese neuen Studien, unbekümmert, wohin sie ihn führten.

Er war stets gewohnt gewesen, im Laboratorium zu arbeiten, und so wurde unser Esszimmer bald zu einem soziologischen Laboratorium. Hierher kamen zum Essen Männer aller Art und Klassen — Gelehrte, Politiker, Bankleute, Kaufleute, Professoren, Arbeiterführer, Sozialisten und Anarchisten. Er reizte sie zur Diskussion und analysierte ihre Gedanken über Leben und Gesellschaft.

Ernst hatte er kurz vor dem »Pastoren-Abend« kennen gelernt. Und als die Gäste gegangen waren, erfuhr ich, wie er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Beim Passieren einer Straße war er eines Abends stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einer Seifenkiste stand und zu einer Schar von Arbeitern redete. Der Mann auf der Kiste war Ernst. Aber er war kein gewöhnlicher Seifenkistenredner. Er stand in hohem Ansehen bei der sozialistischen Parteileitung, war einer der Führer, und zwar der anerkannte Führer in der sozialistischen Philosophie. Aber er hatte eine klare bestimmte Art, Schwerverständliches in einfachen Worten auszudrücken, er war der geborene Erklärer und Lehrer und verschmähte die Seifenkiste nicht als ein Mittel, den Arbeitern seine Parteilehren darzulegen.

Mein Vater war stehen geblieben, um zuzuhören, hatte Interesse gefasst, ihn angeredet und ihn, nachdem die Bekanntschaft gemacht war, zum »Pastoren-Abend« eingeladen. Nach der Gesellschaft erzählte mir mein Vater das wenige, was er von ihm wusste. Er stammte aus der Arbeiterklasse, wenn er auch zu den Everhards gehörte, die schon vor mehr als zweihundert Jahren in Amerika ansässig gewesen waren. Im Alter von zehn Jahren musste er schon in der Mühle arbeiten, und später kam er in die Lehre und wurde Hufschmied. Er war Autodidakt, hatte sich selbst Deutsch und Französisch beigebracht, und fristete nun sein Leben durch das Übersetzen wissenschaftlicher und philosophischer Werke für einen schwer kämpfenden sozialistischen Verlag in Chikago. Seine Einnahmen wurden vermehrt durch das geringe Honorar, das seine eigenen volkswirtschaftlichen und philosophischen Schriften ihm eintrugen.

So viel erfuhr ich, ehe ich zu Bett ging, und lange lag ich wach und hörte im Geist noch den Klang seiner Stimme. Ich erschrak vor meinen eigenen Gedanken. Er war so anders als die Männer meiner Klasse, so fremdartig und so stark. Seine Überlegenheit entzückte und erschreckte mich zu-gleich, denn meine phantastischen Gedanken trieben ihr mutwilliges Spiel so weit, bis ich mich dabei ertappte, dass ich ihn mir als meinen Geliebten, als meinen Gatten vorstellte. Ich hatte stets gehört, dass die Stärke eines Mannes eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Frauen ausübte; aber er war zu stark. »Nein! Nein!« rief ich. »Es ist unmöglich, unsinnig!« Und am Morgen erwachte ich mit der Sehnsucht, ihn wieder zu sehen. Ich wollte ihn sehen, wie er andere Männer mit dem kriegerischen Klang seiner Stimme in der Diskussion abtat; ihn sehen, in all seiner Sicherheit und Kraft, wie er sie aus ihrer Behaglichkeit herausriss und aus ihren ausgetretenen Gedankenbahnen rüttelte. Warum er seine Klopffechterei betrieb? Um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, weil es »zog«, Effekt machte. Und zudem war seine Klopffechterei ein prachtvolles Schauspiel. Sie erregte einen wie der Angriff zur Schlacht.

Mehrere Tage vergingen, in denen ich Ernsts Bücher las, die mein Vater mir lieh. Er schrieb, wie er sprach, knapp, klar und überzeugend. Eben diese klare Schlichtheit war es, die selbst dann überzeugte, wenn man noch zweifelte. Er hatte die Gabe, Klarheit um sich zu verbreiten. Er war der vollendete Erklärer. Und doch war ich trotz seines Stils in vielem nicht mit ihm einverstanden. Er legte zuviel Gewicht auf das, was er Klassenkampf nannte -- den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, den Streit der Interessen. Vater erzählte mir mit großem Vergnügen das Urteil, das Doktor Hammerfield über Ernst gefällt hatte, und das in der Behauptung gipfelte, Ernst sei »ein frecher junger Laffe, den sein bisschen sehr unzureichendes Wissen aufgeblasen hätte«. Doktor Hammerfield wünschte auch nicht wieder mit ihm zusammenzutreffen.

Dagegen erklärte Bischof Morehouse, dass Ernst ihn interessiere, und dass er ihn gern wieder sehen wolle. »Ein starker junger Mann«, sagte er. »Und lebhaft, sehr lebhaft. Aber er ist zu sicher, zu sicher.«

Eines Nachmittags kam Ernst mit Vater. Der Bischof war bereits anwesend, und wir tranken Tee auf der Veranda. Dass Ernst so oft in Berkeley war, erklärte sich aus der Tatsache, dass er an der Universität Vorlesungen über Biologie hörte, und dass er ferner stark an seinem neuen Buche »Philosophie und Revolution« arbeitete.

Die Veranda schien plötzlich zu eng geworden, als Ernst kam. Nicht, dass er außergewöhnlich groß gewesen wäre — er maß nur ein Meter fünfundsiebzig —, aber er schien eine Atmosphäre von Größe auszustrahlen. Als er mich begrüßte, verriet er eine leichte Verlegenheit, die befremdend wirkte und nicht im Einklang stand mit seinem kühnen Blick und seiner festen, sicheren Hand, die die meine im Augenblick der Begrüßung drückte. Und eben in diesem Augenblick waren seine Augen ruhig und sicher. Er betrachtete mich lange, und eine Frage schien in seinem Blick zu liegen.

»Ich habe gerade in Ihrer >Philosophie der arbeitenden Klasse< gelesen«, sagte ich und sah seine Augen zufrieden auf leuchten. »Sie haben doch natürlich das Publikum in Betracht gezogen an das das Buch sich richtet«, antwortete er. »Ja, und eben deshalb muss ich ein Wörtchen mit Ihnen reden«, sagte ich herausfordernd.

»Ich habe auch einen Strauß mit Ihnen auszufechten, Herr Everhard«, sagte Bischof Morehouse.

Ernst hob die Schultern und nahm eine Tasse Tee, die ich ihm reichte.

Der Bischof ließ mir mit einer Verbeugung den Vortritt. »Sie schüren den Klassenhass«, sagte ich. »Ich halte es für unrecht und sträflich, all die niedrigen und rohen Instinkte der arbeitenden Klasse wachzurufen. Klassenhass ist unsozial, und, wie mir scheint, antisozialistisch.«

»Falsch«, erwiderte er. »Weder im Wortlaut noch im Geist irgendeiner meiner Schriften ist Klassenhass.« »Oho!« rief ich vorwurfsvoll, nahm sein Buch und schlug es auf. Er nippte lächelnd an seinem Tee, während ich die Seiten überflog.

»Seite hundertzweiunddreißig«, las ich laut. >»Daher gibt es im jetzigen Stadium der sozialen Entwicklung als einziges Mittel den Klassenkampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.<«

Ich blickte ihn triumphierend an.

»Keine Spur von Klassenhass«, gab er lachend zurück.

»Aber Sie sprechen doch von Klassenkampf«, sagte ich.

»Etwas ganz anderes als Klassenhass«, erwiderte er. »Und glauben Sie mir, wir schüren den Hass nicht. Wir sagen, dass der Klassenkampf eine Folge der sozialen Entwicklung ist. Wir sind nicht dafür verantwortlich. Wir schaffen den Klassenkampf nicht. Wir erklären ihn nur, wie Newton das Gesetz der Gravitation erklärt hat. Wir erklären lediglich das Wesen des Interessenkonflikts, der den Klassenkampf hervorruft.«

»Aber es sollte keinen Interessenkonflikt geben!« rief ich.

»Da bin ich völlig mit Ihnen einig«, antwortete er. »Das ist es ja, was wir Sozialisten erstreben — die Beendigung des Interessenkonflikts. Entschuldigen Sie bitte einen Augenblick; lassen Sie mich vorlesen.« Er nahm das Buch und blätterte darin. »Seite hundertsechsundzwanzig: >Die Periode der Klassenkämpfe, die mit der Zersetzung der ursprünglichen Gütergemeinschaft und der Entstehung des Privateigentums begann, wird mit dem Aufhören des Privateigentums im Sinne des Sozialismus endigen.<«

»Aber da stimme ich nicht mit Ihnen überein«, fiel der Bischof ein, dessen blasses, asketisches Gesicht durch schwaches Erröten seine Erregung verriet. »Ihre Voraussetzung ist falsch. Es gibt nichts Derartiges wie einen Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital — oder, vielmehr, es sollte ihn nicht geben.«

»Danke«, sagte Ernst mit Nachdruck. »Durch diese Behauptung haben Sie mir meine Voraussetzung wiedergegeben .«

»Aber warum muss es einen Konflikt geben?« fragte der Bischof eifrig.

Ernst zuckte die Achsel. »Weil wir einmal so geschaffen sind, denke ich.«

»Aber das sind wir ja gar nicht!« rief der andere.

»Sprechen Sie vom Idealmenschen?« fragte Ernst. »Von dem selbstlosen, gottähnlichen Idealmenschen, der so selten ist, dass er praktisch gar nicht in Frage kommt, oder sprechen Sie vom gewöhnlichen Durchschnittsmenschen?«

»Vom gewöhnlichen Durchschnittsmenschen«, lautete die Antwort.

»Der schwach und fehlbar und Irrtümern verfallen ist?«

Bischof Morehouse nickte.

»Und kleinlich und selbstsüchtig?« Er nickte wieder. »Beachten Sie wohl,« sagte Ernst, »ich sagte >selbstsüchtig<.«

»Der Durchschnittsmensch ist selbstsüchtig«, gab der Bischof tapfer zu.

»Begehrt alles, was er bekommen kann.«

»Begehrt alles, was er bekommen kann — leider wahr.«

»Dann habe ich Sie.« Ernst ließ seine Kiefer wie eine Falle zuklappen. »Ich werde es Ihnen zeigen. Nehmen Sie einen Mann, der an der Straßenbahn arbeitet.«

»Er hätte diese Arbeit nicht, wenn das Kapital nicht wäre«, unterbrach ihn der Bischof.

»Stimmt, aber Sie werden mir zugeben, dass das Kapital zugrunde gehen würde, wenn die Arbeiter nicht die Dividenden verdienten.«

Der Bischof schwieg.

»Geben Sie das zu?« beharrte Ernst.

Der Bischof nickte.

»Dann heben unsere Behauptungen sich gegenseitig auf«, sagte Ernst geschäftsmäßig, »und wir sind wieder, wo wir waren. Also lassen Sie uns wieder von vorne anfangen. Die Arbeiter bei der Straßenbahn liefern die Arbeit. Die Aktionäre liefern das Kapital. Durch die vereinigte Wirkung von Arbeit und Kapital wird das Geld verdient. Das verdiente Geld wird zwischen ihnen geteilt. Der Verdienstanteil des Kapitals heißt >Dividende<, der der Arbeit >Lohn<.«

»Sehr richtig«, bemerkte der Bischof. »Und es ist kein Grund vorhanden, dass die Teilung nicht auf friedlichem Wege erfolgen sollte.«

»Sie haben schon vergessen, worüber wir uns einig waren«, erwiderte Ernst. »Wir waren uns darüber einig, dass der Durchschnittsmensch selbstsüchtig ist. Er ist der Mensch der Tatsache. Sie sind ins Blaue geflogen und haben einen Unterschied zwischen den Menschen aufgestellt, wie sie sein sollten, aber nicht sind. Kehren Sie wieder auf die Erde zurück. Der Arbeiter, der selbstsüchtig ist, will bei der Teilung haben, was er bekommen kann. Der Kapitalist, der auch selbstsüchtig ist, will ebenfalls bei der Teilung haben, was er bekommen kann. Wenn es aber nur soundso viel zum Teilen gibt, und wenn zwei alles haben wollen, dann ist der Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital ein unversöhnlicher. Solange es Arbeiter und Kapitalisten gibt, werden sie sich über die Teilung streiten. Wenn Sie heute abend in San Franzisko wären, müssten Sie zu Fuß gehen. Dort fährt nicht eine Straßenbahn.«

»Wieder Streik?« fragte der Bischof erschrocken. »Ja, sie streiten sich über die Verteilung des Gewinns der Straßenbahn.«

Bischof Morehouse wurde erregt.

»Es ist unrecht«, rief er. »Es ist so kurzsichtig von den Arbeitern. Wie können sie Sympathie von uns erwarten —« »Wenn wir gezwungen werden, zu Fuß zu gehen«, Ernst schmunzelte.

Aber Bischof Morehouse beachtete ihn nicht und fuhr fort: »Ihr Horizont ist zu eng. Menschen sollten Menschen sein und keine wilden Tiere. Jetzt wird es wieder Gewalt und Mord, trauernde Witwen und Waisen geben. Kapital und Arbeit sollten Freunde sein. Sie sollten Hand in Hand zu gegenseitigem Nutzen arbeiten.«

»Ach, jetzt schweben Sie wieder im Blauen«, bemerkte Ernst trocken. »Kommen Sie auf die Erde zurück. Vergessen Sie nicht: Wir waren uns einig, dass der Durchschnittsmensch selbstsüchtig ist.«

»Aber er sollte es nicht sein«, rief der Bischof.

»Da stimme ich mit Ihnen überein«, lautete Ernsts Erwiderung- »Er sollte nicht selbstsüchtig sein. Aber er wird es sein solange er unter einem sozialen System lebt, das auf einer Schweine-Ethik beruht.«

Der Bischof war entsetzt, und mein Vater schmunzelte.

»Ja, Schweine-Ethik«, fuhr Ernst unbarmherzig fort, »das ist das kapitalistische System. Und dafür tritt Ihre Kirche ein, die predigen Sie, so oft Sie die Kanzel besteigen. Schweine-Ethik! Es gibt keine andere Bezeichnung dafür.«

Bischof Morehouse wandte sich flehend zu meinem Vater, aber der nickte lachend.

»Ich fürchte, Herr Everhard hat recht«, sagte er. »Laissez-faire, die Unterlassungspolitik, jeder für sich, und den Rest soll der Teufel holen. Wie Herr Everhard neulich sagte, ist es die Aufgabe von euch Männern der Kirche, die bestehende Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten, und auf dieser Grundlage steht die Gesellschaft eben.«

»Aber das ist nicht die Lehre Christi!« rief der Bischof.

»Die heutige Kirche lehrt nicht Christus«, warf Ernst schnell ein. »Deshalb will der Arbeiter nichts mit der Kirche zu tun haben. Die Kirche sanktioniert die furchtbare Brutalität und Grausamkeit der Kapitalisten gegen die arbeitende Klasse.«

»Die sanktioniert die Kirche nicht«, wandte der Bischof ein.

»Jedenfalls protestiert die Kirche nicht dagegen«, erwiderte er. »Und wenn die Kirche nicht protestiert, sanktioniert sie; denn vergessen Sie nicht, dass die Kirche von der kapitalistischen Klasse unterhalten wird.«

»In diesem Licht habe ich es noch nicht gesehen«, sagte der Bischof naiv. »Sie müssen unrecht haben. Ich weiß wohl, dass manches in dieser Welt hässlich und schlecht ist. Ich weiß, dass die Kirche das — das Proletariat, wie Sie es nennen, verloren hat.«

»Sie haben das Proletariat nie gehabt«, rief Ernst. »Das Proletariat ist abseits von der Kirche und ohne sie entstanden.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte der Bischof verzagt.

»Dann lassen Sie es mich Ihnen erklären. Mit der Einführung der Maschine und des Fabriksystems gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde die große Masse der arbeitenden Bevölkerung heimatlos gemacht. Das alte Arbeitssystem war zusammengebrochen. Das arbeitende Volk wurde von seinen Dörfern vertrieben und in Fabrikstädten zusammengepfercht. Mütter und Kinder mussten an den neuen Maschinen arbeiten. Alles Familienleben hörte auf. Die Bedingungen waren furchtbar. Es ist eine blutige Geschichte.«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach Bischof Morehouse ihn mit schmerzlicher Miene. »Es war schrecklich. Aber das ist anderthalb Jahrhunderte her.«

»Und damals, vor anderthalb Jahrhunderten entstand eben das moderne Proletariat«, fuhr Ernst fort. »Und die Kirche kümmerte sich nicht darum. Während die Kapitalisten aus der Nation ein Schlachthaus machten, blieb die Kirche stumm. Sie protestierte damals so wenig, wie sie es heute tut. Wie Austin Lewis, wenn er von jener Zeit spricht, sagt, haben die, an welche das Gebot >Weidet meine Lämmer< ergangen ist, ruhig zugesehen, wie diese Lämmer in die Sklaverei verkauft wurden und sich zu Tode arbeiten mussten. Damals war die Kirche stumm, und ehe ich fortfahre, bitte ich Sie, mir zu sagen, ob Sie mir recht geben oder nicht. War die Kirche damals stumm?«

Bischof Morehouse zögerte. Wie Dr. Hammerfield war er einen solchen »Zusammenprall«, wie Ernst es nannte, nicht gewohnt.

»Die Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts ist geschrieben«, sagte Ernst schnell. »Wäre die Kirche nicht stumm, würde sie in den Büchern nicht schweigen.«

»Ich fürchte, die Kirche war stumm«, gestand der Bischof.

»Und die Kirche ist heute noch stumm.«

»Da muss ich widersprechen«, sagte der Bischof.

Ernst machte eine Pause, sah ihn forschend an und nahm dann die Herausforderung an.

»Also schön«, sagte er. »Lassen Sie uns sehen. In Chikago gibt es Frauen, die die ganze Woche für nur neunzig Cents arbeiten. Hat die Kirche dagegen protestiert?«

»Das ist mir ganz neu«, lautete die Antwort. »Neunzig Cents die Woche! Das ist ja schrecklich.«

»Hat die Kirche dagegen protestiert?« beharrte Ernst.

»Die Kirche weiß das nicht.« Der Bischof war offenbar in schwerer Bedrängnis.

»Aber der Kirche ist doch befohlen: >Weidet meine Lämmer«, höhnte Ernst. Und im nächsten Augenblick sagte er: »Verzeihen Sie meinen Hohn, Herr Bischof. Aber können Sie sich wundern, wenn wir die Geduld mit Ihnen verlieren? Wann haben Sie je bei Ihren kapitalistischen Verbänden gegen die Verwendung von Kindern zur Arbeit in den Baumwollspinnereien des Südens protestiert? Sechs -und siebenjährige Kinder arbeiten jede Nacht in Zwölfstundenschichten. Sie sehen nie die Sonne. Sie sterben wie die Fliegen. Die Dividenden werden mit ihrem Blute bezahlt. Und aus den Dividenden werden in Neuengland prachtvolle Kirchen gebaut, in denen Ihresgleichen den schlauen, dickbäuchigen Beziehern dieser Dividenden Plattheiten predigen.«

»Das wusste ich nicht«, murmelte der Bischof leise. Sein Gesicht war bleich, und ihm schien übel zu werden.

»Dann haben Sie also nicht dagegen protestiert.«

Der Bischof schüttelte den Kopf.

»Dann ist die Kirche heute noch so stumm, wie sie es im achtzehnten Jahrhundert war?«

Der Bischof schwieg, und Ernst gab dem Gespräch unvermittelt eine andere Wendung. »Sie wissen, dass ein Geistlicher, der protestieren wollte, entlassen würde.« »Ich glaube kaum, dass das leicht ist«, lautete die Erwiderung.

»Wollen Sie protestieren?« fragte Ernst. »Zeigen Sie mir solche Schäden, wie Sie sie anführen, in unserer eignen Gemeinde, und ich werde protestieren.«

»Ich werde sie Ihnen zeigen«, sagte Ernst ruhig. »Ich stehe Ihnen zur Verfügung. Ich will mit Ihnen eine Wanderung durch die Hölle machen.«

»Und ich werde protestieren.« Die Glieder des Bischofs strafften sich, und seine feinen Züge nahmen die Härte eines Kriegers an. »Die Kirche soll nicht stumm sein.«

»Man wird Sie entlassen«, sagte Ernst.

»Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen«, lautete die Antwort. »Ich werde beweisen, dass die Kirche nur aus Unwissenheit geirrt hat. Und mehr noch, ich bin überzeugt, dass, was auch immer Schreckliches in der Industrie vorkommt, nur durch die Unwissenheit der kapitalistischen Klasse ermöglicht wird. Sobald sie es erfährt, wird sie alles Unrecht gutmachen. Und dass sie es erfährt, soll Sache der Kirche sein.«

Ernst lachte. Er lachte brutal, und mich trieb es, dem Bischof beizustehen.

»Vergessen Sie nicht«, sagte ich, »dass Sie nur die eine Seite der Sache sehen. Es ist viel Gutes in uns, wenn Sie es auch nicht sehen wollen. Bischof Morehouse hat recht. Das Unrecht der Industrie ist schrecklich, aber er sagt, es rührt nur von der Unwissenheit her. Der Schlund, der zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft klafft, ist zu breit geworden.«

»Der wilde Indianer ist nicht so roh und grausam wie die kapitalistische Klasse«, erwiderte er, und in diesem Augenblick hasste ich ihn.

»Sie kennen uns nicht«, antwortete ich. »Wir sind nicht roh und grausam.«

»Beweisen Sie das«, forderte er mich auf.

»Wie kann ich es Ihnen beweisen?« Ich wurde zornig.

Er schüttelte den Kopf.

»Ich verlange ja nicht, dass Sie es mir beweisen sollen. Beweisen Sie es sich selber.«

»Ich weiß Bescheid«, sagte ich.

»Sie wissen nichts«, erwiderte er grob.

»Aber Kinder«, sagte Vater besänftigend.

»Es ist mir ganz einerlei — «, begann ich unwillig, aber Ernst unterbrach mich.

»Ich glaube, Sie — oder Ihr Vater, was dasselbe ist — haben Geld in den Sierra-Spinnereien angelegt.«

»Was hat das damit zu tun?« rief ich.

»Nicht viel«, begann er langsam. »Nur, dass das Gewand, das Sie tragen, mit Blut befleckt ist. Dass die Nahrung, die Sie essen, blutig ist. Dass das Blut kleiner Kinder und starker Männer von Ihren Dachbalken herabtropft. Wenn ich jetzt die Augen schließe, kann ich es immerfort über mir tropfen hören: Tripp, tropp, tripp, tropp.«

Und indem er die Tat den Worten folgen ließ, schloss er die Augen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Vor Zorn und verletzter Eitelkeit brach ich in Tränen aus. Nie in meinem Leben war man mir so brutal begegnet. Sowohl der Bischof wie mein Vater waren verlegen und bestürzt. Sie versuchten die Unterhaltung in ruhigere Bahnen zu lenken, aber Ernst öffnete die Augen, ließ sie einen Augenblick auf mir ruhen und wandte sich dann ab. Sein Mund war starr und seine Augen auch, und sie lächelten nicht. Was er mir sagen, welche furchtbare Züchtigung er mir angedeihen lassen wollte, habe ich nie erfahren, denn in diesem Augenblick blieb ein Mann, der auf dem Bürgersteig vorbeiging, stehen und sah zu uns herein. Er war groß, ärmlich gekleidet und trug auf dem Rücken eine schwere Last von Rohr- und Bambusständern, Stühlen und Ofenschirmen. Er sah zum Hause herauf, als sei er unschlüssig, ob er eintreten und versuchen sollte, etwas von seiner Ware zu verkaufen. »Der Mann heißt Jackson«, sagte Ernst. »Mit dem kräftigen Körper sollte er arbeiten und nicht hausieren«, antwortete ich kurz. »Sehen Sie seinen linken Ärmel«, sagte Ernst höflich. Ich blickte hin und sah, dass der Ärmel leer war. »Blut von diesem Arm war es, das ich von Ihren Dachbalken tropfen hörte«, sagte Ernst mit immer gleich bleibender Höflichkeit. »Er verlor seinen Arm in den Sierra-Spinnereien, und wie ein niedergebrochenes Pferd warfen sie ihn zum Sterben auf die Landstraße. Unter >sie< verstehe ich den Generaldirektor und die Beamten, die von Ihnen und den anderen Aktionären für die Leitung der Spinnerei bezahlt werden. Es war ein Unfall. Er erlitt ihn bei dem Versuch, der Gesellschaft ein paar Dollar zu retten. Er geriet mit dem Arm zwischen die Zahnräder. Er hätte das Steinchen ruhig lassen können, das er zwischen den Zähnen sah. Es wäre nur eine Reihe von Stiften verbogen worden. Aber er griff nach dem Stein, und dabei wurde sein Arm gepackt und von den Fingerspitzen bis zur Schulter zerfleischt. Es war Nacht. Die Spinnerei machte Überstunden. Sie schütteten damals eine fette Dividende aus. Jackson hatte viele Stunden gearbeitet, seine Muskeln waren erlahmt, und so führten sie die Bewegung ein wenig langsam aus. Deshalb packte ihn die Maschine. Er hat eine Frau und drei Kinder.« »Und was tat die Gesellschaft für ihn?« fragte ich darauf. »Nichts. Ach ja, doch, etwas taten sie. Sie führte den Prozess, den Jackson nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf Schadenersatz anstrengte, erfolgreich durch. Die Gesellschaft beschäftigt sehr tüchtige Rechtsanwälte, wissen Sie.«

»Sie haben nicht alles erzählt«, sagte ich mit Überzeugung. »Oder Sie wissen nicht alles. Vielleicht war der Mann unverschämt.«

»Unverschämt! Ha! Ha!« Sein Lachen war teuflisch. »Du lieber Gott, unverschämt! Mit seinem verstümmelten Arm! Trotz allem war er demütig und bescheiden und dachte gar nicht daran, unverschämt zu sein.«

»Aber das Gericht«, drängte ich. »Der Prozess wäre doch nicht zu seinen Ungunsten entschieden worden, wenn nicht noch etwas gewesen wäre, das Sie nicht erwähnt haben.«' »Der erste Anwalt der Gesellschaft ist Ingram, ein scharfsinniger Jurist.« Ernst sah mich einen Augenblick gespannt an, dann fuhr er fort: »Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Cunningham. Untersuchen Sie den Fall Jackson.«

»Das hatte ich mir sowieso vorgenommen«, sagte ich kühl.

»Schön«, meinte er freundlich. »Und ich will Ihnen sagen, wo Sie den Mann finden können. Aber ich zittere für Sie, wenn ich daran denke, was Sie durch Jacksons Arm erfahren werden.«

Und so kam es, dass sowohl der Bischof wie ich auf den Vorschlag Ernsts eingingen. Die beiden entfernten sich und ließen mich allein mit dem schmerzlichen Gefühl eines Unrechts, das mir und meiner Klasse angetan war. Dieser Mann war ein wildes Tier. Ich hasste ihn und tröstete mich nur mit dem Gedanken, dass man eben von einem Angehörigen der arbeitenden Klasse kein anderes Benehmen erwarten konnte.

Jacksons Arm

Ich ließ mir nicht träumen, welch verhängnisvolle Rolle Jacksons Arm in meinem Leben spielen sollte. Jackson selbst machte, als ich ihn aufsuchte keinen besonders starken Eindruck auf mich. Ich fand ihn in einem wackligen, baufälligen Hause, dicht an der Bucht, am Rande des Sumpfes. Rings um das Haus waren Tümpel stagnierenden Wassers, dessen Oberfläche von grünem fauligen Schlamm bedeckt war, und aus denen ein unerträglicher Gestank aufstieg.

Ich fand Jackson so demütig und bescheiden, wie Ernst ihn geschildert hatte. Er war mit der Herstellung eines Rohrgeflechts beschäftigt und arbeitete stumpf weiter, während ich mit ihm sprach. Aber trotz seiner Demut und Bescheidenheit glaubte ich in ihm das erste Anzeichen einer keimenden Erbitterung zu entdecken, als er sagte:

»Man hätte mich aber doch wenigstens als Wächter einstellen sollen.«

Ich bekam nur wenig aus ihm heraus. Er machte den Eindruck eines Stumpfsinnigen, und doch schien die Gewandtheit, mit der er mit seiner einen Hand arbeitete, seinen Stumpfsinn Lügen zu strafen. Das brachte mich auf einen Gedanken.

»Wie kam es, dass Ihr Arm in die Maschine geriet?«

Er warf mir einen langen, forschenden Blick zu und schüttelte dann den Kopf.

»Ich weiß nicht. Es ist eben passiert.«

»Fahrlässigkeit?« fragte ich.

»Nein«, antwortete er. »So kann man es nicht nennen. Ich machte Überstunden und war, glaube ich, etwas übermüdet. In den siebzehn Jahren, die ich in der Spinnerei arbeitete, habe ich bemerkt, dass die meisten Unglücksfälle gerade vor Arbeitsschluss vorkommen. Ich möchte wetten, dass in der letzten Arbeitsstunde mehr Unfälle vorkommen als während der ganzen übrigen des Tages. Wenn der Mensch stundenlang anstrengend gearbeitet hat, ist er nicht mehr so gewandt. Ich habe zu viele zerlöchert und zerrissen und bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt gesehen.«

»Viele?« forschte ich.

»Hunderte und aber Hunderte, auch Kinder.«

Bis auf die schrecklichen Einzelheiten stimmte seine Beschreibung des Unfalls mit der überein, die ich bereits vernommen hatte. Als ich ihn fragte, ob er vielleicht eine der Bedienungsvorschriften der Maschine außer acht gelassen hätte, schüttelte er den Kopf.

»Ich riss mit der rechten Hand den Treibriemen ab«, sagte er, »und griff mit der Linken nach dem Steinchen. Ich hielt nicht an, um nachzusehen, ob der Treibriemen wirklich ab wäre. Ich dachte, meine rechte Hand hätte es getan — aber das war nicht der Fall. Ich griff schnell hin, aber der Riemen war nicht ganz herunter, und da wurde mir der Arm abgerissen.«

»Es muss sehr geschmerzt haben«, sagte ich mitleidig.

»Das Krachen der Knochen war nicht schön«, lautete seine Antwort.

Über seinen Prozess war er sich noch nicht ganz klar. Nur so viel wusste er, dass er keinen Schadenersatz erhalten hatte. Er hatte das Gefühl, dass die Aussagen des Direktors und des Werkmeisters die ungünstige Entscheidung des Gerichts herbeigeführt hatten. Ihre Aussagen, wie er sie hinstellte, »waren nicht, wie sie hätten sein sollen«. Und ich beschloss, diese Zeugen aufzusuchen.

Eines war klar, die Lage Jacksons war erbärmlich. Seine Frau war leidend, und er selbst konnte durch das Rohrflechten und Hausieren den Lebensunterhalt für seine Familie nicht verdienen. Er war mit der Miete im Rückstand, und sein ältestes Kind, ein Junge von elf Jahren, hatte jetzt angefangen, in der Spinnerei zu arbeiten.

»Sie hätten mich als Wächter einstellen sollen«, waren seine letzten Worte, als ich ging.

Als ich dann den Anwalt, der Jackson vertreten, sowie die beiden Werkführer und den Generaldirektor der Spinnerei, die in dem Prozess ausgesagt, gesprochen hatte, begann ich zu fühlen, dass in dem, was Ernst behauptete, etwas Wahres steckte.

Der Anwalt machte den Eindruck eines energielosen, unfähigen Menschen, und bei seinem Anblick wunderte ich mich nicht, dass Jackson seinen Prozess verloren hatte. Mein erster Gedanke war, dass Jackson recht geschehen war, weil er sich einen solchen Anwalt genommen hatte. Im nächsten Augenblick aber kamen mir plötzlich zwei Behauptungen von Ernst zum Bewusstsein: »Die Gesellschaft beschäftigt sehr tüchtige Rechtsanwälte« und »Ingram ist ein scharfsinniger Jurist«. Ich überlegte schnell. Es wurde mir klar, dass die Gesellschaft sich natürlich bessere Juristen leisten konnte als ein Arbeiter wie Jackson. Aber das war das wenigste. Es musste unbedingt einen Grund haben, dass der Prozess ungünstig für Jackson ausgefallen war.

»Warum haben Sie den Prozess verloren?« fragte ich.

Der Anwalt war bestürzt und sah mich einen Augenblick zerquält an, und ich empfand Mitleid mit dem armseligen Menschen. Dann begann er zu jammern. Ich glaube, das Jammern war ihm angeboren. Er jammerte über die Zeugenaussagen. Sie wären alle zugunsten der Gegenpartei ausgefallen. Nicht ein einziges Wort zugunsten Jacksons hätte man aus ihnen herausbringen können. Sie hätten gewusst, wo die Butter für ihr Brot zu holen war. Jackson sei ein Dummkopf. Er wäre durch Ingram eingeschüchtert und verwirrt worden. Ingram sei glänzend im Kreuzverhör. Er hätte Jackson veranlasst, nachteilige Antworten zu geben.

»Wie konnten seine Antworten nachteilig sein, wenn er das Recht auf seiner Seite hatte?« fragte ich.

»Was hat das mit Recht zu tun?« fragte er zurück. »Sehen Sie alle diese Bücher.« Er wies mit der Hand auf eine Reihe von Bänden an den Wänden seines winzigen Bureaus. »Alles, was ich in ihnen gelesen und studiert habe, hat mich gelehrt, dass Gesetz und Recht zweierlei sind. Fragen Sie jeden Anwalt, den Sie wollen. In der Sonntagsschule lernt man, was Recht ist. Aus diesen Büchern aber lernt man eines: Gesetz.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Jackson im Recht war und doch verurteilt wurde?« forschte ich. »Wollen Sie sagen, dass es keine Gerechtigkeit in Caldwells Gericht gibt?«

Der kleine Anwalt starrte mich einen Augenblick an, dann aber schwand die Energie aus seinen Zügen.

»Ich hatte keine Möglichkeit«, begann er wieder jammernd. »Sie haben Jackson zum Narren gemacht und mich auch. Welche Möglichkeiten hatte ich auch. Ingram ist ein großer Jurist. Wäre er das nicht, würden ihm dann die Sierra-Spinnereien, das Erston Land-Syndicate, die Berkeley Consolidated, die Oakland, San Leandro und Pleasenton Elektrizitätswerke die Führung ihrer Rechtsgeschäfte übertragen haben? Er ist Trustanwalt, und ein Trustanwalt wird nicht umsonst bezahlt. Wofür meinen Sie wohl, zahlt die Sierra-Spinnerei allein ihm zwanzigtausend Dollar jährlich? Natürlich, weil er ihnen zwanzigtausend Dollar jährlich wert ist. Ich bin nicht so viel wert. Wäre ich es, so stünde ich nicht abseits, darbte und übernähme Prozesse wie den Jacksons. Was, glauben Sie, hätte ich bekommen, wenn ich den Prozess gewonnen hätte?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach hätten Sie Jackson ausgeplündert«, antwortete ich.

»Selbstverständlich!« rief er ärgerlich. »Ich muss doch auch leben, nicht wahr?«

»Er hat Frau und Kinder«, tadelte ich ihn.

»Ich auch«, erwiderte er. »Und außer mir kümmert sich kein Mensch in der Welt darum, ob sie darben oder nicht.«

Seine Züge wurden plötzlich weich, er öffnete seine Uhr und zeigte mir die auf die Innenseite des Deckels geklebte Photographie von einer Frau und zwei kleinen Mädchen.

»Das sind sie, sehen Sie sie an. Wir haben schwere Zeiten durchgemacht, schwere Zeiten. Ich hatte gehofft, sie aufs Land schicken zu können, wenn ich Jacksons Prozess gewann. Sie brauchen Landluft, aber ich kann es mir nicht leisten, sie fortzuschicken.«

Als ich mich zum Gehen anschickte, verfiel er wieder in sein Jammern.

»Ich habe nicht die geringsten Aussichten. Ingram und der Richter Caldwell sind befreundet. Ich will nicht sagen, dass diese Freundschaft den Prozess entschieden haben würde, wenn ich im Kreuzverhör die Zeugen zu den richtigen Aussagen bekommen hätte. Aber Caldwell tat doch sein möglichstes, um zu verhindern, dass ich das richtige Beweismaterial zusammenbekam. Caldwell und Ingram gehören derselben Loge und demselben Klub an. Sie sind Nachbarn in einer Gegend, wo ich es mir nicht leisten kann zu wohnen. Und ihre Frauen besuchen sich immer. Sie haben ihre gemeinsame Whistpartie und lauter ähnliche Dinge.«

»Und glauben Sie noch, dass Jackson im Recht war?« fragte ich, indem ich einen Augenblick auf der Schwelle stehen blieb.

»Ich glaube nicht, ich weiß nicht«, lautete die Antwort. »Zuerst glaubte ich auch, dass er Aussichten hätte. Aber ich sagte meiner Frau nichts davon. Ich wollte ihr keine Enttäuschung bereiten. Ihr Herz hing an einem Aufenthalt auf dem Lande, so schwer das auch zu machen war.«

»Warum lenkten Sie nicht die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Jackson die Maschine vor Schaden zu bewahren versuchte?« fragte ich Peter Donnelly, einen der Werkführer, die vor Gericht ausgesagt hatten. Er überlegte lange, ehe er antwortete. Dann warf er einen scheuen Blick um sich und sagte:

»Weil ich eine brave Frau und drei der süßesten Kinder habe, die Ihre Augen je erblickt haben. Deshalb.«

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich.

»Mit ändern Worten, weil es nicht ratsam gewesen wäre«, antwortete er.

»Sie meinen —«, begann ich.

Er unterbrach mich heftig.

»Ich meine, was ich sage. Ich arbeite seit vielen Jahren in der Spinnerei. Als Kind fing ich an den Spindeln an und habe mich seitdem langsam heraufgearbeitet. Nur durch schwere Arbeit habe ich meine jetzige Stellung erlangt. Ich bin Werkführer, mit Verlaub. Und ich zweifle, dass in der ganzen Spinnerei sich eine Hand ausstrecken würde, um mich vor dem Ertrinken zu retten. Ich war immer Mitglied der Gewerkschaft. Aber bei zwei Streiks habe ich der Gesellschaft geholfen. Sie nannten mich einen Streikbrecher. Nicht einer von ihnen würde ein Glas mit mir trinken, wenn ich ihn dazu einlüde. Sehen Sie die Narben an meinem Kopfe? Sie stammen von Ziegelsteinen, die nach mir geworfen wurden. Kein Kind an den Spindeln, das meinen Namen nicht verfluchte. Mein einziger Freund ist die Gesellschaft. Und nicht aus Pflichtgefühl stehe ich zu ihr, Brot und Butter und das Leben meiner Kinder binden mich an sie. Das ist es.«

»War Jackson zu verurteilen?« fragte ich.

»Er hätte Schadenersatz haben sollen. Er war ein guter Arbeiter, der nie krakeelte.«

»War es Ihnen denn nicht möglich, die ganze Wahrheit zu sagen, wie Sie geschworen hatten?«

Er schüttelte den Kopf.

»Die Wahrheit, die reine Wahrheit, und nichts als die Wahrheit?« sagte ich feierlich.

Wieder wurde sein Gesicht leidenschaftlich erregt, und er hob es nicht zu mir, sondern zum Himmel.

»Für meine Kinder würde ich Seele und Leib in ewiger Hölle brennen lassen«, lautete seine Antwort.

Henry Dallas, der Generaldirektor, war ein Mensch mit einem Fuchsgesicht, der mich frech ansah und sich weigerte, über die Sache mit mir zu sprechen. Nicht ein Wort über die Gerichtsverhandlung und seine Aussage konnte ich aus ihm herausbekommen. Aber bei dem anderen Werkführer hatte ich mehr Glück. James Smith war ein Mann mit harten Zügen, und das Herz sank mir in die Schuhe, als ich vor ihm stand. Auch er machte den Eindruck, dass er keinen freien Willen hätte, und als ich mit ihm sprach, bemerkte ich, dass er geistig höher stand als der Durchschnitt seiner Klasse. Er stimmte mit Peter Donnelly darin überein, dass Jackson hätte entschädigt werden müssen, ja, er ging sogar noch weiter und nannte die Handlungsweise, die den durch einen Unfall zum Krüppel gewordenen Arbeiter brotlos gemacht hatte, herzlos und gemein. Er erklärte auch, dass Unfälle in der Spinnerei häufig seien, und dass die Gesellschaft die Politik verfolge, alle sich daraus ergebenden Schadenersatzansprüche bis zum bitteren Ende zu bekämpfen.

»Das bedeutet jährlich Hunderte und Tausende für die Aktionäre«, und ich musste an die letzte Dividende, die mein Vater erhalten, und an den herrlichen Mantel für mich und die Bücher für meinen Vater denken, die von ebendieser Dividende gekauft worden waren. Ich dachte an den Ausspruch Ernsts, dass an meinem Mantel Blut klebe, und ich begann unter meinen Kleidern zu zittern.

»Haben Sie bei Ihrer Aussage nicht betont, dass Jackson verunglückte, als er versuchte, die Maschine vor Schaden zu bewahren?« sagte ich.

»Nein«, lautete seine Antwort, und sein Mund presste sich bitter zusammen. »Ich sagte aus, dass Jackson seinen Unfall selbst verschuldet hätte, und zwar durch Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit, und dass die Gesellschaft in keiner Weise verantwortlich oder ersatzpflichtig sei.«

»War es denn Fahrlässigkeit?« fragte ich.

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen. Tatsache ist, dass ein Mann müde wird, wenn er stundenlang gearbeitet hat.«

Der Mann begann mich zu interessieren. Er stammte zweifellos aus einer höheren Klasse.

»Sie sind gebildeter als die Arbeiter im allgemeinen«, sagte ich.

»Ich habe das Gymnasium besucht«, erwiderte er. »Das ermöglichte ich, indem ich mich als Pförtner anstellen ließ. Ich wollte auf die Universität gehen. Aber mein Vater starb, und ich musste in die Spinnerei. Ich wollte Naturwissenschaft studieren«, erklärte er schüchtern, als gestände er eine Schwäche ein. »Ich liebe Tiere, aber ich musste in die Spinnerei. Als ich zum Werkführer aufrückte, verheiratete ich mich, und dann kam die Familie und — nun ja, da war ich eben nicht mehr mein eigener Herr.«

»Was meinen Sie damit?« fragte ich.

»Ich wollte Ihnen gerade erklären, warum ich vor Gericht aussagte, wie ich es tat — ich folgte Instruktionen.«

»Wessen Instruktionen?«

»Ingrams. Er schrieb mir die Aussage, die ich zu machen hatte, vor.«

»Und darum verlor Jackson seinen Prozess?«

Er nickte, und das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht.

»Und Jackson hat eine Frau und zwei Kinder zu ernähren.«

»Ich weiß«, sagte er ruhig, aber sein Gesicht färbte sich noch dunkler.

»Sagen Sie mir«, fuhr ich fort, »wurde es Ihnen leicht, aus dem gebildeten Menschen, der Sie waren, zu dem Manne zu werden, der Sie geworden sein müssen, um das fertig zu bringen?«

Ich prallte erschrocken zurück, so unerwartet kam Gefühlsausbruch. Er stieß einen wilden Fluch aus und ballte die Fäuste, als wollte er mich schlagen.

»Verzeihen Sie«, sagte er im nächsten Augenblick. »Nein, es war nicht leicht. Und jetzt wird es am besten sein, wenn Sie gehen. Sie haben alles, was Sie wollten, aus mir herausgebracht . Aber ehe Sie gehen, möchte ich Ihnen noch eines sagen. Es würde Ihnen nichts helfen, wenn Sie etwas von dem, was Sie von mir gehört haben, weitersagen. Ich würde es leugnen, und Sie haben keinen Zeugen. Ich würde jedes Wort leugnen — wenn es sein müsste, unter Eid auf der Zeugenbank.«

Nach der Unterredung mit Smith ging ich in das Bureau meines Vaters im chemischen Laboratorium, und dort traf ich Ernst. Die Begegnung war ganz unerwartet, aber er begrüßte mich mit seinem kühnen Blick und seinem festen Händedruck und mit dieser eigentümlichen Mischung von Verlegenheit und Ungezwungenheit. Es schien, als hätte er unsere letzte stürmische Begegnung vergessen; aber ich war nicht in der Stimmung, sie zu vergessen.

»Ich habe den Fall Jackson verfolgt«, sagte ich unvermittelt.

Er wartete gespannt, dass ich weitersprechen sollte, aber; ich konnte in seinen Augen die Gewissheit lesen, dass meine Ansichten erschüttert worden seien.

»Man scheint ihm übel mitgespielt zu haben«, gestand ich. »Ich — ich — glaube, dass etwas von seinem Blute von unsern Dachbalken tropft.«

»Natürlich«, antwortete er. »Wenn man gegen Jackson und alle seine Genossen barmherzig gewesen wäre, würde die Dividende nicht so fett sein.«

»Ich werde nie mehr Gefallen an schönen Kleidern finden können«, fügte ich hinzu.

Ich fühlte mich gedemütigt und zerknirscht, und mich durchrieselte es süß, dass Ernst eine Art Beichtvater für mich war. Dann, wie später immer, stützte mich seine Kraft. Sie schien eine Verheißung von Schutz und Frieden auszustrahlen. »Und ebenso wenig werden Sie Gefallen an Sackleinen finden können«, sagte er mit Nachdruck. »Sie kennen die Jutespinnereien, dort herrschen dieselben Zustände. Dort wie überall. Unsere viel gepriesene Zivilisation ist auf Blut begründet, mit Blut gesättigt, und weder Sie, noch ich, noch sonst irgend jemand kann es vermeiden, von diesem roten Blut befleckt zu werden. Wer waren die Leute, mit denen Sie sprachen?«

Ich erzählte ihm alles, was vorgefallen war.

»Und nicht einer von ihnen hatte Handlungsfreiheit«, sagte er. »Sie alle sind an die erbarmungslose Industriemaschine gefesselt. Und das Tragische dabei ist, dass sie alle mit ihrem Herzblut daran gefesselt sind. Ihre Kinder — es ist immer das junge Leben, das sie instinktiv schützen. Dieser Instinkt ist stärker als alle Ethik in ihnen. Mein Vater! Er log, er stahl, er tat alles mögliche Ehrenrührige, um Brot für mich und meine Geschwister zu schaffen. Er war ein Sklave der Industriemaschine, die ihn zerstampfte, ihn zu Tode hetzte.«

»Aber Sie«, warf ich ein. »Sie sind doch sicher frei in ihrem Handeln.«

»Nicht ganz«, erwiderte er. »Ich bin nicht durch mein Herzblut gefesselt. Ich bin oft dankbar, dass ich keine Kinder habe, und dabei liebe ich Kinder. Und doch würde ich mir keine wünschen, wenn ich verheiratet wäre.«

»Das ist ein schlechter Grundsatz«, rief ich.

»Ich weiß«, sagte er traurig, »aber für mich ist er angebracht. Ich bin Revolutionär, und das ist ein gefährlicher Beruf.«

Ich lachte ungläubig.

»Was würde Ihr Vater tun, wenn ich nachts bei ihm einzubrechen versuchte, um seine Dividenden von den Sierra-Spinnereien zu stehlen?«

»Er schläft mit einem Revolver auf dem Nachttisch neben sich«, antwortete ich. »Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er Sie erschießen.«

»Und wenn ich und ein paar andere anderthalb Millionen Mann in die Häuser aller Wohlhabenden führen würde -es gäbe eine mächtige Schießerei, nicht wahr?«

»Ja, aber das würden Sie nicht tun«, bemerkte ich.

»Eben das will ich tun. Und wir haben die Absicht, nicht nur allen Reichtum in den Häusern zu nehmen, sondern auch sämtliche Quellen dieses Reichtums, alle Bergwerke, Eisenbahnen, Fabriken, Banken und Geschäfte. Das ist die Revolution. Sie ist wirklich gefährlich. Ich fürchte, die Schießerei wird schlimmer werden, als ich mir je erträumen ließ. Aber, wie gesagt, heute ist niemand frei in seinem Handeln. Wir sind alle von den Rädern und Zähnen der Industriemaschine gepackt. Sie haben das dort, wo Sie waren, gesehen, Sie sehen, dass die Männer, mit denen Sie sprachen, es auch waren. Sprechen Sie noch mit einigen ändern. Gehen Sie zu Ingram. Suchen Sie die Reporter und Redakteure auf, die dafür sorgten, dass der Fall Jackson nicht in die Zeitungen kam. Sie werden sehen, dass sie alle Sklaven der Maschine sind.«

Im Verlauf unserer Unterhaltung stellte ich eine einfache Frage nach der Haftpflicht gegenüber den Arbeitern bei Unfällen und erhielt von ihm eine statistische Belehrung.

»Es steht alles in den Büchern«, sagte er. »Alle Fälle sind gesammelt, und es ist unumstößlich, dass die wenigsten Unfälle sich in den Morgenstunden ereignen, dass ihre Zahl aber mit jener Stunde, mit der der Arbeiter körperlich und geistig ermüdet und langsamer wird, rasch anschwillt.«

»Weshalb, meinen Sie, hat Ihr Vater dreimal soviel Chancen für die Sicherheit von Leib und Leben wie ein Arbeiter? Er hat sie. Die Versicherungsgesellschaften wissen es. Ihn kostet eine Unfallversicherung auf tausend Dollar vier Dollar zwanzig jährlich, einen Arbeiter hingegen fünf-zehn Dollar.«

»Und Sie?« fragte ich, und in diesem Augenblick spürte ich eine mehr als oberflächliche Unruhe in mir.

»Ach, als Revolutionär habe ich etwa achtmal soviel Aussicht wie ein Arbeiter, verletzt oder getötet zu werden«, antwortete er sorglos. »Von einem sehr geübten Chemiker, der mit Explosivstoffen umgeht, verlangt die Unfallversicherung die achtfache Prämie wie von einem Arbeiter. Ich glaube, mich würden sie überhaupt nicht aufnehmen. Warum fragen Sie?«

Ich konnte die Augen nicht aufschlagen und fühlte, wie mir das Blut in heiß in die Wangen stieg. Nicht, weil er meine Unruhe bemerkt haben konnte, sondern weil ich sie selbst, und dazu in seiner Gegenwart, entdeckt hatte.

In diesem Augenblick trat mein Vater ein und machte Anstalten, mit mir fortzugehen. Ernst gab ihm einige Bücher zurück, die er von ihm geliehen hatte, und verabschiedete sich. Aber im Hinausgehen drehte er sich noch einmal um und sagte: »Wissen Sie, statt dass Sie sich Ihre Seelenruhe stören lassen und ich die des Bischofs störe, sollten Sie lieber Frau Wickson und Frau Pertonwaithe aufsuchen. Ihre Männer sind, wie Sie wissen, die beiden Hauptaktionäre der Spinnerei. Wie alle ändern Menschen, sind auch diese beiden Frauen an die Maschine gefesselt, wenn sie auch obendrauf sitzen.«

Sklaven der Maschine

Je mehr ich an Jacksons Arm dachte, desto tiefer war ich erschüttert. Ich stand einer Tatsache gegenüber. Zum ersten Male sah ich das Leben, wie es war. Meine Universitätsjahre, Studium und Kultur waren nichts Wirkliches gewesen. Ich hatte nur die Theorien des Lebens und der Gesellschaft kennen gelernt, die sich gedruckt alle sehr schön ausnahmen, jetzt aber hatte ich das Leben selbst gesehen. Jacksons Arm war eine Tatsache. Ernsts Worte: »Tatsachen, Verehrtester, unwiderlegbare Tatsachen!« klangen mir noch in den Ohren.

Es erschien mir ungeheuerlich, unmöglich, dass unsere ganze Gesellschaft auf Blut begründet sein sollte. Aber Jackson! Ich konnte nicht von ihm loskommen. Immer wieder flogen meine Gedanken zu ihm zurück, wie die Kompassnadel zum Pol. Er war ungeheuerlich behandelt worden. Man hatte ihm sein Blut nicht bezahlt, um eine höhere Dividende ausschütten zu können. Und ich kannte eine ganze Reihe glücklicher, wohlhabender Menschen, die diese Dividende erhalten und Nutzen aus Jacksons Blut gezogen hatten. Konnte ein Mann so ungeheuerlich behandelt werden, und konnte die Gesellschaft so sorglos ihren Weg wandeln, mochten dann nicht viele Menschen so ungeheuerlich behandelt worden sein? Mir fielen die Frauen in Chikago ein, von denen Ernst gesprochen hatte, die für neunzig Cents die Woche arbeiteten, die Kinder, die in den Spinnereien im Süden fronten. Und ich konnte ihre blassen, weißen Hände, aus denen das Blut herausgepresst war, sehen, wie sie die Stoffe für meinen Mantel herstellten. Und dann dachte ich wieder an die Sierra-Spinnereien und die Dividenden, die bezahlt worden waren, und deutlich sah ich das Blut Jacksons auf meinem Mantel. Ich konnte Jackson nicht entgehen. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu ihm zurück.

Tief in meinem Innern hatte ich das Gefühl, dass ich am Rande eines Abgrunds stände. Mir war, als sollte mir eine neue, furchtbare Offenbarung des Lebens werden. Und nicht mir allein. Meine ganze Welt stürzte zusammen. Mein Vater zum Beispiel! Ich konnte den Einfluss Ernsts an ihm beobachten. Und der Bischof! Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er einem Kranken geglichen. Er befand sich in einer nervösen Erregung, und in seinen Augen lag ein unaussprechliches Grauen. Aus dem wenigen, das ich erfuhr, konnte ich ersehen, dass Ernst sein Versprechen, ihm die Hölle zu zeigen, gehalten hatte. Was für Höllenszenen der Bischof aber gesehen hatte, erfuhr ich nicht, denn vor Entsetzen schien er nicht darüber sprechen zu können.

Als ich einmal besonders stark fühlte, dass in meiner kleinen Welt und in allem um mich her das Unterste zu oberst gekehrt wurde, dachte ich, dass Ernst die Ursache sei; und ich dachte weiter: >Wir waren so glücklich und zufrieden, ehe er kam!< Aber im selben Augenblick empfand ich diesen Gedanken als Verrat an der Wahrheit, und Ernst erschien mir wie ein Verklärter, ein Wahrheitsapostel, der mit strahlendem Antlitz und der Furchtlosigkeit eines Engels Gottes für Wahrheit und Recht, für die Armen, Verlassenen und Unterdrückten kämpfte. Und dann stand er wieder in einer ändern Gestalt vor mir, in der Jesu! Auch Jesus hatte für die Verlassenen und Unterdrückten gegen die ganze bestehende Macht der Priester und Pharisäer Partei ergriffen. Und ich dachte an seinen Tod am Kreuze, und mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich an Ernst dachte. War auch er für das Kreuz bestimmt? Er, mit seiner klingenden, kriegerischen Stimme und all seinem herrlichen Mannesmut!

Und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich ihn liebte, dass ich vor Verlangen, ihn zu trösten, verging. Ich dachte an sein Leben. Niedrig, rauh und armselig musste es gewesen sein. Und ich dachte an seinen Vater, der für ihn gelogen und gestohlen und sich zu Tode gearbeitet hatte. Und er selbst hatte als zehnjähriger Knabe in der Spinnerei arbeiten müssen! Mein Herz schien zerspringen zu wollen vor Sehnsucht, ihn mit meinen Armen zu umschlingen und sein Haupt an meiner Schulter zu bergen — dieses Haupt, das von so vielen Gedanken schmerzen musste, und das in einer freundlichen Stunde Ruhe, Linderung und Vergessen finden sollte!

Ich traf Rechtsanwalt Ingram bei einer kirchlichen Veranstaltung. Ich kannte ihn seit Jahren sehr gut. Ich entdeckte ihn hinter großen Palmen und Gummibäumen, ohne dass er indessen etwas davon ahnte. Er begegnete mir mit konventioneller Freundlichkeit und Höflichkeit. Er war immer sehr elegant, taktvoll, diplomatisch und aufmerksam und machte äußerlich den distinguiertesten Eindruck aller Herren in der Gesellschaft. Neben ihm sah selbst der verehrte Rektor der Universität unelegant und unbedeutend aus. Und doch sah ich, dass Ingram sich in derselben Lage befand wie die unbelesenen Maschinenarbeiter. Auch er war nicht Herr seines Handelns. Auch er war an das Rad gefesselt. Nie werde ich die Veränderung vergessen, die mit ihm vorging, als ich den Fall Jackson erwähnte. Seine lächelnde Freundlichkeit verschwand wie ein Geist. Ein entsetzter Ausdruck entstellte plötzlich sein liebenswürdiges Gesicht. Ich spürte dieselbe Unruhe, die ich bei dem Ausbruch von James Smith gefühlt hatte. Aber Herr Ingram fluchte nicht. Das war der sichtbare Unterschied, der zwischen dem Arbeiter und ihm bestehen blieb. Man rühmte ihn als einen Mann von Witz, aber jetzt war nichts davon zu bemerken.

Er blickte nur, ganz unbewusst, hin und her, um eine Gelegenheit zu finden, mir zu entschlüpfen. Aber er stand zwischen Palmen und Gummibäumen.

Nein, ihm war nicht wohl bei dem Klang von Jacksons Namen. Warum ich die Angelegenheit erwähnt hätte? Mein Scherz gefiel ihm nicht. Es wäre geschmacklos und sehr unüberlegt von mir. Ob ich nicht wüsste, dass sein Beruf keine persönlichen Gefühle zuließe? Die ließe er zu Hause, wenn er in sein Bureau ging. Hier hätte er nur berufliche Gefühle.

»Hätte Jackson Schadenersatz haben sollen?« fragte ich ihn.

»Gewiss«, antwortete er. »Das heißt, dies ist ein persönliches Gefühl. Aber das hat nichts mit der rechtlichen Seite der Sache zu tun.«

Er versuchte sich zu sammeln.

»Sagen Sie, hat Recht etwas mit Gesetz zu tun?« fragte ich.

»Sie haben einen falschen Ausdruck gebraucht«, antwortete er lächelnd.

»Macht?« fragte ich, und er nickte. »Und doch meinen wir, durch das Gesetz immer zu unserm Recht zu kommen.«

»Das ist eben das Paradoxe dabei«, entgegnete er. »Wir erhalten nicht Gerechtigkeit, sondern Recht.«

»Jetzt sprechen Sie beruflich, nicht wahr?« fragte ich.

Ingram errötete, errötete wirklich und warf wieder ängstliche Blicke um sich. Aber ich versperrte ihm den Weg und machte keine Anstalten, ihn freizugeben.

»Sagen Sie mir«, fragte ich, »wenn jemand seine persönlichen Gefühle mit dem Beruflichen vermengt, gibt das dann nicht eine Art geistiger Missgeburt?«

Ich erhielt keine Antwort. Herr Ingram hatte unrühmlich die Flucht ergriffen, wobei er eine Palme umwarf.

Nunmehr versuchte ich mein Heil bei den Zeitschriften. Ich schrieb einen ruhigen, zurückhaltenden, leidenschaftslosen Aufsatz über den Fall Jackson. Ich griff darin die Männer, mit denen ich gesprochen hatte, nicht an, erwähnte sie nur. Ich legte die Tatsachen dar, sprach von den langen Jahren, die Jackson in der Spinnerei gearbeitet, von der Anstrengung, die er gemacht hatte, um die Maschine vor Schaden zu bewahren, und von dem daraus folgenden Unfall, sowie von seiner jetzigen furchtbaren, bedauernswerten Lage. Weder die drei Tageszeitungen noch die beiden Wochenblätter unserer Stadt nahmen den Aufsatz an.

Ich wandte mich an Percy Layton. Er hatte sein Staatsexamen gemacht, war dann zum Journalismus übergegangen und verdiente sich augenblicklich seine Sporen als Reporter an der einflussreichsten der drei Zeitungen. Als ich ihn fragte, warum die Zeitungen nichts über Jackson und seinen Fall bringen wollten, lächelte er.

»Redaktionspolitik«, sagte er. »Damit haben wir nichts zu tun. Das ist Sache der Redakteure.« »Was heißt Politik?« fragte ich.

»Wir sind alle solidarisch mit den großen Unternehmungen«, erwiderte er. »Selbst wenn Sie die Anzeigengebühr bezahlen würden, könnten Sie etwas Derartiges nicht in die Zeitungen bringen. Und wenn einer von uns versuchen wollte, es einzuschmuggeln, würde er seine Stellung verlieren. Sie würden es nicht hineinbringen, und wenn Sie die zehnfache Gebühr zahlten.«

»Und wie steht es mit Ihrer eigenen Politik?« forschte ich. »Es sieht fast so aus, als hätten Sie auf Befehl Ihrer Arbeitgeber, die ihrerseits wieder den Befehlen der Unternehmungen gehorchen, die Wahrheit zu verdrehen.«

»Damit habe ich nichts zu tun.« Einen Augenblick schien ihm die Sache unbehaglich zu werden, dann aber sah er einen Ausweg, und seine Miene erhellte sich. »Und selbst schreibe ich nichts Unwahres. Ich halte mein Gewissen rein. Aber natürlich gibt es bei meinem Tagewerk viele Widerstände. Das gehört nun einmal dazu, sehen Sie«, schloss er naiv.

»Aber Sie hoffen doch, eines Tages am Redaktionstisch zu sitzen und die Politik zu leiten.«

»Bis dahin bin ich abgehärtet«, lautete seine Erwiderung.

»Da Sie heute noch nicht abgehärtet sind, bitte ich Sie, mir Ihre aufrichtige Meinung über die allgemeine Redaktionspolitik zu sagen.«

»Ich denke nicht darüber nach«, antwortete er schnell. »Man kann es sich nicht leisten, über die Stränge zu schlagen, wenn man als Journalist Erfolg haben will. So viel habe ich jedenfalls schon gelernt.«

Er nickte weise mit seinem jungen Kopfe.

»Aber das Recht?« beharrte ich.

»Sie verstehen das Spiel nicht. Alles ist natürlich recht, wenn es auf die rechte Weise gebraucht wird. Sehen Sie das nicht ein?«

»Köstlich unklar«, murmelte ich; aber das Herz schmerzte mir um seine Jugend, und ich fühlte, dass ich es herausschreien oder in Tränen ausbrechen musste.

Ich fing an, die äußere Schale der Gesellschaft, in der ich lebte, zu durchschauen und die schreckliche Wirklichkeit dahinter zu entdecken. Es schien eine geheime Verschwörung gegen Jackson zu bestehen, und mir tat der jammernde Anwalt leid, der seinen Prozess so unrühmlich geführt hatte. Und diese heimliche Verschwörung wuchs beständig. Sie richtete sich nicht gegen Jackson allein, sondern gegen jeden Arbeiter, der in der Fabrik zum Krüppel wurde. Und wenn gegen jeden Arbeiter in den Spinnereien, warum nicht auch gegen jeden in jeder ändern Fabrik? Wirklich, war es nicht überall so, in der ganzen Industrie?

Verhielt es sich aber so, dann war die Gesellschaft eine Lüge. Ich schreckte vor meinen eigenen Schlüssen zurück. Es war zu furchtbar und abscheulich, um wahr zu sein. Aber Jackson und Jacksons Arm und das Blut, das mein Kleid befleckte und von meinem eigenen Dache herabtropfte? Und es gab viele Jacksons — Hunderte allein in den Spinnereien, wie Jackson selbst gesagt hatte. Ich konnte Jackson nicht entfliehen.

Ich suchte Herrn Wickson und Herrn Pertonwaithe, die beiden Hauptaktionäre der Sierra-Spinnereien, auf. Aber sie konnte ich nicht zum Wanken bringen wie die beiden Maschinisten, die in ihren Diensten standen. Ich sah, dass ihre Moral der der übrigen Gesellschaft überlegen war. Es war eine Moral, die ich die aristokratische oder Herrenmoral nennen möchte.

Sie redeten weitschweifig über Politik und identifizierten Politik und Recht. Mit mir sprachen sie väterlich, sie behandelten mich gönnerhaft mit Rücksicht auf meine Jugend und Unerfahrenheit. Sie waren die Hoffnungslosesten, die ich in meiner Sache aufgesucht hatte. Sie waren durchaus überzeugt, dass die Spinnereien richtig geleitet wurden. Darüber gab es keine Frage, keine Erörterung. Sie waren überzeugt, dass sie die Führer der Gesellschaft waren und der großen Masse das Glück brachten. Sie entwarfen ergreifende Bilder von dem Elend, das über die Arbeiter kommen musste, wenn sie beschäftigungslos wurden, was sie allein durch ihre Weisheit verhüteten.

Gleich nach der Begegnung mit diesen beiden Herren traf ich Ernst und berichtete ihm, was ich erfahren hatte. Er sah mich befriedigt an und sagte:

»Wirklich ausgezeichnet! Sie beginnen auf eigene Faust nach Wahrheit zu schürfen. Es ist Ihre eigene, empirische Verallgemeinerung, und sie stimmt. Kein Mensch an der Industriemaschine ist Herr seines Handelns, außer den Großkapitalisten, und die sind es letzten Endes auch nicht. Sie sehen, die Herren sind vollkommen überzeugt, dass sie in allem, was sie tun, recht haben. Das ist der Gipfelpunkt der Absurdität in der ganzen Situation. Sie sind so tief in ihre menschliche Natur verstrickt, dass sie nichts tun können, ohne es für Recht zu halten. Sie brauchen eine Sanktion für ihr Tun.

»Wenn sie etwas tun wollen, etwas Geschäftliches, beraten sie, bis in ihrem Hirn irgendein religiöser oder ethischer, wissenschaftlicher oder philosophischer Begriff entsteht, der ihnen einen Rechtsstandpunkt verleiht. Und dann machen sie sich daran und wissen nicht, dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist, eine der Schwächen der menschlichen Seele. Was sie auch tun, sie finden immer eine Sanktion dafür. Eine der angenehmsten und unumstößlichsten Fiktionen, die sie geschaffen haben, ist, dass sie der übrigen Menschheit an Weisheit und Tüchtigkeit überlegen sind. Daher ihre Anmaßung, dass ihnen die Aufsicht über Brot und Butter der übrigen Menschheit zusteht. Sie sind es auch, die die Lehre vom göttlichen Recht der Könige wieder zum Leben erweckt haben — in ihrem Fall der Handelskönige.

Die Schwäche ihrer Stellung liegt darin, dass sie nur Geschäftsleute sind. Sie sind keine Philosophen, sie sind weder Biologen noch Soziologen. Wären sie es, so würde natürlich alles gut sein. Ein Geschäftsmann, der zugleich Biologe und Soziologe wäre, würde annähernd das Richtige für die Menschheit zu tun wissen. Aber außerhalb des Reiches ihrer Geschäfte sind diese Männer stumpfsinnig. Sie kennen nur ihre Geschäfte. Sie kennen weder die Gesetze noch die Gesellschaft, und doch machen sie sich zu Herren über das Geschick der hungernden Millionen und der übrigen Millionen dazu. Eines Tages wird die Geschichte auf ihre Kosten schmerzlich lachen.«

Über den Erfolg meiner Unterredung mit Frau Wickson und Frau Pertonwaithe war ich nicht weiter überrascht. Sie waren Damen der Gesellschaft. Sie bewohnten Paläste. Sie besaßen viele Häuser, die über das Land, im Gebirge, an den Seen und am Meere verstreut waren. Sie hatten ein Heer von Bedienten, und ihre soziale Betätigung war verwirrend. Sie begönnerten die Universitäten und die Kirchen, und namentlich die Geistlichen lagen in demütiger Unterwürfigkeit vor ihnen auf den Knien. Sie waren Mächte, diese beiden Frauen, und das waren sie kraft ihres Geldes. Mit ihrem Gelde förderten sie in bemerkenswertem Maße die Gedanken, wie ich bald von Ernst lernen sollte.

Sie ahmten ihre Männer nach und redeten in den gleichen hohen Tönen über die Politik und über die Pflichten und die Verantwortlichkeit der Reichen. Sie hatten dieselbe Moral wie ihre Männer — die Moral ihrer Klasse, glatte Phrasen, die sie selbst nicht verstanden. Als ich ihnen von der bedauernswerten Lage der Familie Jackson erzählte und meine Verwunderung aussprach, dass sie nichts für den Mann getan hätten, wurden sie aufgebracht. Ich erfuhr, dass sie niemand für Belehrungen über ihre sozialen Pflichten dankbar seien. Als ich sie rundweg bat, Jackson zu helfen, lehnten sie es ebenso rundweg ab. Das Merkwürdige war, dass sie es fast mit den gleichen Worten ablehnten, und das, obgleich ich sie jede für sich aufsuchte, und keine von den beiden wusste, dass ich die andere besucht hatte oder besuchen wollte. Beide antworteten, dass sie sich freuten, es einmal deutlich aussprechen zu können: Nie würde sie eine Prämie auf Fahrlässigkeit aussetzen, und ebenso wenig wollten sie durch Unterstützung die Armen verleiten, sich in die Maschine zu werfen.

Und sie meinten es aufrichtig, die beiden Frauen. Sie waren trunken von der Überzeugung ihrer Überlegenheit und der ihrer Klasse. Für alles, was sie taten, fanden sie eine Sanktion in ihrer Klassenmoral. Als ich Frau Pertonwaithes Haus verließ, warf ich noch einen Blick zurück und dachte an Ernsts Worte, dass auch sie an die Maschine gefesselt seien, wenn sie auch obendrauf säßen.

Die Wissbegierigen

Ernst besuchte uns jetzt oft. Es war nicht nur mein Vater, und es waren auch nicht allein die Streitfragen, die bei Gesellschaften an unserm Tisch erörtert wurden, welche ihn anzogen, vielmehr schmeichelte ich mir damals, teilweise selbst die Veranlassung zu seinen Besuchen zu sein, und bald darauf erfuhr ich, dass meine Vermutung richtig gewesen war. Nie hat es einen Liebhaber gegeben wie Ernst Everhard. Sein Blick und sein Händedruck wurden, wenn möglich, noch fester und sicherer, und die Frage, die von Anfang an in seinen Augen gestanden, noch gebieterischer.

Mein erster Eindruck von ihm war ungünstig gewesen. Dann hatte ich mich von ihm angezogen gefühlt. Dann wieder hatte er mich mit seinen brutalen Angriffen auf meine Klasse abgestoßen. Als ich jedoch eingesehen hatte, dass er meine Klasse nicht verleumdet hatte, dass alles Bittere, das er von ihr sagte, berechtigt war, fühlte ich mich wieder zu ihm hingezogen. Er wurde mein Orakel. Um meinetwillen riss er der Gesellschaft die Maske vom Gesicht und gewährte mir Einblicke in die Wirklichkeit, die zwar unerfreulich, aber unbestreitbar richtig waren.

Wie gesagt: Nie hat es einen Liebhaber gegeben wie ihn. Kein Mädchen konnte bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr in einer Universitätsstadt leben, ohne Liebeserfahrungen gemacht zu haben. Auch ich hatte meine Verehrer gehabt, und zwar bartlose Studenten, ergraute Professoren und Sportsleute jeder Art. Aber nicht einer von ihnen hatte mir den Hof gemacht, wie Ernst es tat. Ehe ich es wusste, hatte er mich umarmt. Ehe ich Einspruch erheben oder es verhindern konnte, hatten seine Lippen sich auf die meinen gepresst. Seinem Ernst gegenüber hätte konventionelle Geziertheit lächerlich gewirkt. Sein glänzendes, unwiderstehliches Ungestüm riss den Boden unter mir fort. Er machte mir keinen Antrag. Er umschloss mich, küsste mich und hielt es dann für abgemacht, dass wir heiraten sollten. Das war keine Frage. Die einzige Frage — sie entstand erst später — war, wann wir heiraten sollten.

Es war beispiellos. Es war phantastisch. Aber, in Übereinstimmung mit Ernsts Wahrheitsbeweis: es wirkte. Ich vertraute ihm mein Leben an. Und dies Vertrauen war Glück verheißend. Dennoch war mir oft in den ersten Tagen unserer Liebe bange vor der Zukunft, wenn ich an die Heftigkeit und das Ungestüm seiner Liebe dachte. Aber diese Furcht war unbegründet. Nie ist eine Frau mit einem edleren, zartfühlenderen Gatten beglückt worden. Sein Zartgefühl und sein Ungestüm waren eine seltsame Mischung, ähnlich der von Verlegenheit und Ungezwungenheit in seinem Benehmen. Diese linkische Verlegenheit! Er überwand sie nie, und sie war köstlich. Sein Benehmen in unsern Salons war das eines ängstlichen Bullen in einem Porzellanladen. In dieser Zeit schwanden auch meine letzten Zweifel an meiner Liebe zu ihm (es waren höchstens unbewusste Zweifel). Im »Klub der Wissbegierigen« bot Ernst an einem prachtvollen Kampfabend den Herren in ihrem Lager Trotz. Die »Wissbegierigen« waren der exklusivste Klub an der pazifischen Küste. Er war eine Gründung von Fräulein Brentwood, einer sehr reichen alten Jungfer, und war für sie Gatte, Familie und Spielzeug. Seine Mitglieder waren die reichsten Leute der Stadt, die Dollarfürsten, denen, um dem Klub eine intellektuelle Note zu geben, natürlich einzelne Gelehrte zugesellt waren.

Die »Wissbegierigen« hatten kein Klubhaus. Ein derartiger Klub war es nicht. Die Mitglieder trafen sich einmal monatlich in einem ihrer Privathäuser, um einen Vortrag zu hören. Die Vortragenden erhielten gewöhnlich, wenn auch nicht immer, ein Honorar. Wenn ein Chemiker in New York eine neue Entdeckung, sagen wir Radium, machte, wurden ihm alle Reisekosten quer über den Kontinent sowie eine fürstliche Vergütung für seinen Zeitverlust bezahlt. Dasselbe war der Fall mit einem heimgekehrten Nordpolfahrer und einem erfolgreichen Schriftsteller oder Künstler. Gäste wurden nicht zugelassen, weil die Wissbegierigen die Politik verfolgten, nichts von ihren Diskussionen in die Zeitungen gelangen zu lassen. Daher konnten Staatsmänner — und es hatte solche Gelegenheiten gegeben — ganz offen ihre Meinungen aussprechen.

Vor mir liegt ein zerknitterter Brief, den Ernst mir vor zwanzig Jahren geschrieben hat, und dem ich folgendes entnehme:

»Dein Vater ist Mitglied der Wissbegierigen. Du hast also Zutritt. Komm daher am nächsten Dienstag abend. Ich verspreche dir eine der schönsten Stunden deines Lebens. Als du seinerzeit die Herren sprachst, war es dir nicht möglich, sie aufzurütteln. Wenn du jetzt kommst, werde ich es für dich tun. Ich will sie knurren lassen wie die Wölfe. Du hast sie nur bei ihrer Moral gepackt. Dabei fühlen sie sich nur um so selbstgefälliger und erhabener. Ich werde ihren Geldbeutel bedrohen. Das wird die Wurzeln ihres Wesens erschüttern. Wenn du kommst, wirst du den Höhlenmenschen im Smoking über einem Knochen knurren und zuschnappen sehen. Ich verspreche dir eine prachtvolle Katzenmusik und einen tiefen Einblick in das Wesen der Bestien.

Sie haben mich eingeladen in der Absicht, mich zu zerreißen. Es ist die Idee von Fräulein Brentwood, die sie nur ungeschickt verbarg, als sie mich einlud. Sie hat ihnen schon den Vorgeschmack von diesem Spaß gegeben. Man schwelgt in dem Gedanken, einen vertrauensvollen, höflichen Weltverbesserer zu sehen zu bekommen. Fräulein Brentwood hält mich für so sanft wie ein Kätzchen und so gutmütig und dumm wie eine Familienkuh. Ich leugne nicht, dass ich ihr geholfen habe, diesen Eindruck zu gewinnen. Zuerst war sie sehr vorsichtig, bis sie meine Harmlosigkeit festgestellt hatte. Ich bekomme ein hübsches Honorar — zweihundert-fünfzig Dollar —, wie es einem Manne zukommt, der, wenn auch bei den Radikalen, eine leitende Stellung einnimmt. Ich muss auch im Smoking kommen. Das ist Zwang. Ich habe noch nie so etwas angehabt und werde mir wohl irgendwo ein solches Möbel leihen müssen. Aber um eine solche Gelegenheit bei den Wissbegierigen zu erhalten, würde ich noch mehr tun.«

An diesem Abend versammelte sich der ganze Klub im Hause Pertonwaithe. Der große Saal stand voller Stühle und alles in allem müssen zweihundert Wissbegierige dagewesen sein, um Ernst zu hören. Es waren wirklich die Löwen der Gesellschaft. Ich machte mir das Vergnügen, in Gedanken die Summe des Vermögens, das diese Leute repräsentierten, zu veranschlagen; sie lief in die Hunderte Millionen. Und dabei waren die Besitzer nicht untätig. Es waren Geschäftsleute, die den regsten Anteil am industriellen und politischen Leben nahmen.

Wir hatten alle Platz genommen, als Fräulein Brentwood Ernst hereinführte. Alles wandte sich gleichzeitig nach der Seite des Raumes, wo er sprechen sollte. Er war im Smoking und sah prachtvoll aus mit seinen breiten Schultern und seinem königlichen Kopfe. Über seinen Bewegungen lag wieder der leichte, unverkennbare Hauch von Verlegenheit.

Ich glaube fast, ich hätte ihn schon deswegen allein lieben können. Als ich ihn ansah, empfand ich eine große Freude. Ich fühlte wieder den Pulsschlag seiner Hand in der meinen und die Berührung seiner Lippen; und so groß war mein Stolz, dass ich am liebsten aufgestanden wäre und der Versammlung zugerufen hätte: »Er ist mein! Er hat mich in seinen Armen gehalten, und ich, ich allein, habe seine Seele bis zur Grenze ihrer Möglichkeiten und ihrer königlichen Gedanken erfüllt!«

Gleich bei seinem Eintritt stellte Fräulein Brentwood ihn Herrn Van Gilbert vor, der, wie ich erfuhr, den Vorsitz führen sollte. Herr Van Gilbert war ein großer Trustanwalt und dazu ungeheuer reich. Seine geringste Honorarforderungbetrug hunderttausend Dollar. Er kannte das Gesetz in-und auswendig. Es war eine Puppe, mit der er spielen konnte. Er knetete es wie Lehm, verdrehte und verzerrte es wie ein chinesisches Spielzeug in jeder gewünschten Richtung. Seine Erscheinung sowie seine Redeweise waren altmodisch, an Phantasie, Kenntnissen und Begabungen aber nahm er es mit dem Jüngsten auf. Seine erste Berühmtheit hatte er erlangt, als er das Shardwellsche Testament mit Erfolg anfocht. Allein hierfür erhielt er ein Honorar von einer halben Million Dollar. Dann war er wie eine Rakete aufgestiegen. Man nannte ihn oft den größten Anwalt — Trustanwalt natürlich — des Landes. Und wenn man die Namen der drei größten Anwälte der Vereinigten Staaten nannte, durfte der seine nicht fehlen.

Er erhob sich und stellte Ernst mit einigen wohlgesetzten Worten vor, die einen leicht ironischen Unterton enthielten, Bei der Vorstellung dieses sozialen Reformators und Angehörigen der arbeitenden Klasse war Van Gilbert geistreich und ironisch, und die Zuhörer lächelten. Das ärgerte mich, und ich sah Ernst an. Sein Anblick ärgerte mich noch mehr. Er schien die feinen Anspielungen nicht übel zu nehmen, ja, noch schlimmer, gar nicht zu verstehen. Höflich, dumm und schläfrig saß er da. Er sah direkt stumpfsinnig aus, und einen Augenblick stieg der Gedanke in mir auf: Wie, wenn die imposante Versammlung von Macht und Geist ihn eingeschüchtert hätte? Dann aber lächelte ich. Mich konnte er nicht narren. Die ändern aber narrte er, wie er Fräulein Brentwood genarrt hatte. Sie setzte sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe, wandte sich mehrmals zum einen oder ändern ihrer Gesinnungsgenossen und lächelte beifällig über deren Bemerkungen.

Als Herr Van Gilbert geendet hatte, erhob Ernst sich und begann zu sprechen. Er tat es mit leiser Stimme, bescheiden und zurückhaltend, und seine Miene zeigte deutlich seine Schüchternheit. Er sprach von seiner Herkunft aus der arbeitenden Klasse und von dem Schmutz und Elend seiner Umgebung, wo Körper und Geist gleicherweise Hunger und Qualen erlitten. Er schilderte seine Bestrebungen und Ideale und seine Vorstellung von dem Paradiese, in dem die oberen Klassen lebten. Er sagte:

»Ich wusste, dass dort Selbstlosigkeit, ein reines edles Denken und freier Geist herrschten. Ich wusste das alles, denn ich las die Romane der >Seebücherei<, in denen, mit Ausnahme der Bösewichte und Abenteurer, jeder Mann und jede Frau nur die wundervollsten Gedanken denkt, die herrlichste Sprache redet und die glorreichsten Taten vollbringt. Kurz, es war mir klar wie die Sonne, dass bei ihnen alles fein, edel und schön war, dass sie alles hatten, was dem Leben Anstand und Würde verlieh, alles, was das Leben lebenswert erscheinen ließ und den Menschen für seine Mühe und sein Elend entschädigte.«

Er fuhr fort und schilderte sein Leben in der Fabrik, seine Lehrzeit in der Hufschmiede und seine Begegnung mit den Sozialisten. Unter ihnen, sagte er, hätte er scharfen Verstand und glänzenden Geist gefunden, Verkünder des Evangeliums, die gescheitert wären, weil ihr Christentum zu groß für die Anschauungen der Kapitalisten und Professoren gewesen, und die daher von der herrschenden Klasse unter dem Rade ihres Kastengeistes zermalmt worden wären. Die Sozialisten wären Revolutionäre, sagte er, die danach strebten, die vernunftwidrige Gesellschaft der Gegenwart umzustoßen, und die fähig wären, die vernunftgemäße Gesellschaft der Zukunft aufzubauen. Und noch vieles andere sagte er, das hier niederzuschreiben zu weit führen würde, aber nie werde ich vergessen, wie er das Leben der Revolutionäre schilderte. Alle Zurückhaltung schwand, seine Stimme wurde stark und sicher und glühte wie er selbst und die Gedanken, die er zum Ausdruck brachte. Er sagte:

»Bei den Revolutionären fand ich warmes Vertrauen zur Menschheit, glühenden Idealismus, edle Selbstlosigkeit, Erhebung und Märtyrertum alle glänzenden, scharfen Eigenschaften des Geistes. Hier war das Leben rein, edel und lebendig. Er stand unter dem Einfluss großer Seelen, die Körper und Geist über Dollar und Cent erhoben, und denen das Jammern hungernder Kinder in schmutzigen Gassen mehr bedeutete als aller Pomp und alles Streben nach kommerzieller Expansion und Weltherrschaft. Alles um mich her war edler Wille und heldenmütiges Handeln, meine Tage und Nächte waren Sonnenschein und Sternenglanz, Licht und Tau, und vor meinen Augen stand in ewigem Flammenschein der heilige Gral, der Gral Christi, dieses barmherzigen Menschen, der so schmerzlich litt und misshandelt wurde, um doch schließlich erlöst zu werden.«

Wie schon einmal zuvor, so stand Ernst auch jetzt verklärt vor mir. Auf seiner Stirn strahlte das Göttliche, das in ihm war, und mehr noch leuchteten seine Augen aus diesem Strahlenkranz, der ihn wie ein Mantel umhüllte. Aber die andern sahen diesen Strahlenkranz nicht, und ich dachte, dass vielleicht die Tränen, die ich vor Liebe und Freude weinte, meine Augen getrübt hätten. Jedenfalls war Herr Wickson, der hinter mir saß, gänzlich unangefochten, denn ich hörte ihn laut und höhnisch sagen: »Utopie.«

Ernst erzählte nun von seinem Aufstieg in der Gesellschaft, bis er schließlich mit Mitgliedern der oberen Klassen in Berührung war und Schulter an Schulter neben den Männern stand, die die höchsten Stellungen einnahmen. Dann war seine Enttäuschung gekommen, und diese Enttäuschung schilderte er in Ausdrücken, die für seine Zuhörer nicht gerade schmeichelhaft waren. Der überall herrschende Schmutz hatte ihn überrascht, das Leben hatte sich nicht als schön und freundlich erwiesen. Er war entsetzt über den Eigennutz, dem er begegnete, und mehr noch überraschte ihn der Mangel an geistigem Leben. Frisch von den Revolutionären gekommen, empörte ihn der geistige Stumpfsinn der herrschenden Klasse. Und dazu hatte er erkannt, dass sie alle, Männer und Frauen, trotz ihren herrlichen Kirchen und gut gelohnten Geistlichen in höchstem Maße materiell waren. Zwar schwatzten sie liebenswürdig über kleine Ideale und ebenso kleine Moralitäten, die ihnen teuer waren, aber trotz diesem Geschwätz war ihr Leben im Grunde rein materialistisch. Und sie kannten keine wirkliche Moral — zum Beispiel das, was Christus gepredigt hatte, was aber jetzt nicht mehr gepredigt wurde.

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