Kitabı oku: «Martin Eden: Vollständige deutsche Ausgabe»
Martin Eden
Jack London
Inhaltsverzeichnis
Der Autor
Erster Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Impressum
Der Autor
Jack London wurde am 12.01.1876 in San Franzisco geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereist später die ganze Welt. Am 12.11.1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende. London hat hervorragende Tiergeschichten, Kurzgeschichten, naturalistisch-romantische Abenteuerromane und sozialkritische Romane verfaßt, denen zumeist eigene Erlebnisse zugrunde liegen.
Erster Teil
Erstes Kapitel
Der eine klinkte die Tür auf und trat ein. Ihm folgte ein junger Bursche, der linkisch die Mütze abnahm. Seine Kleidung war derb und erinnerte an die der Seeleute; offenbar fühlte er sich in der geräumigen Halle wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er wußte nicht, was er mit seiner Mütze anfangen sollte, und wollte sie gerade in die Hosentasche stopfen, als der andere sie ihm abnahm. Er tat es ganz ruhig und natürlich, und der linkische junge Bursche wußte das zu schätzen. Der hat Verständnis, dachte er, der wird mich schon richtig durchlotsen.
Er folgte dem andern dicht auf den Fersen, mit schwingenden Schultern und unbewußt so breitbeinig, als höbe und senkte sich der ebene Boden wie Meereswogen. Die großen Räume schienen zu eng für seinen wiegenden Gang, und heimlich hatte er furchtbare Angst, daß seine breiten Schultern an den Türrahmen stoßen oder die Nippes von dem niedrigen Kamin fegen würden. Er schwankte zwischen den verschiedenen Dingen hin und her und vervielfältigte dadurch die Gefahren, die in Wirklichkeit nur in seiner Einbildung bestanden. Zwischen einem Flügel und einem hoch mit Büchern beladenen Tisch in der Mitte des Zimmers wäre Platz genug für ein halbes Dutzend Männer nebeneinander gewesen, aber er wagte den Weg nur mit Zittern und Zagen. Seine schweren Arme hingen schlaff an den Seiten herab. Er wußte nicht, was er mit diesen Armen und Händen anfangen sollte, und als seine erregte Phantasie ihm vorspiegelte, daß er die Bücher auf dem Tische umwerfen könnte, machte er wie ein scheues Pferd einen Satz nach der anderen Seite und entging mit Mühe und Not einem Zusammenstoß mit dem Klaviersessel. Er beobachtete den leichten Schritt des andern vor ihm, und zum erstenmal wurde ihm klar, daß sein Gang sich von dem anderer Leute unterschied. Einen Augenblick durchfuhr ihn schmerzliche Scham über seine eigene Schwerfälligkeit. Der Schweiß brach in kleinen Tröpfchen auf seiner Stirn aus, er blieb stehen und wischte sich mit dem Taschentuch über das sonnenverbrannte Gesicht.
»Warten Sie ein bißchen, Arthur«, sagte er, indem er seine Angst hinter einer scherzhaften Bemerkung zu verbergen suchte. »Das ist zuviel auf einmal für Ihren ergebenen Diener. Sie müssen mir Zeit lassen, mal Luft zu schöpfen. Sie wissen, daß ich nicht mitkommen wollte, und ich glaube, Ihre Familie wird auch nicht gerade darauf brennen, mich kennenzulernen.«
»Aber nicht doch«, lautete die beruhigende Antwort. »Ihnen braucht nicht bange vor uns zu sein. Wir sind ganz einfache Menschen. Hallo, da ist ja ein Brief für mich!« Er trat an den Tisch, riß den Umschlag auf und begann zu lesen, so bot er dem Fremden Gelegenheit, sich zu sammeln. Und der Gast begriff und war dankbar. Er besaß selbst die Gabe des Verstehens, des Mitfühlens, und auch jetzt wirkte sie unter seiner äußeren Erregung fort. Er trocknete sich die Stirn und blickte ruhiger umher, wenn auch in seinen Augen der Ausdruck des wilden Tieres lag, das die Falle fürchtet. Er befand sich in einer unbekannten Umgebung, ängstigte sich vor dem, was da geschehen mochte, und wußte nicht, wie er sich benehmen sollte; dabei war ihm seine Ungeschicklichkeit wohl bewußt, und er fürchtete, Geist und Seele wären ebenso gelähmt wie sein Körper. Er war überaus empfindlich und hoffnungslos befangen; der belustigte Blick, den der andere ihm heimlich über den Rand des Briefes zuwarf, brannte wie ein Dolchstoß in ihm. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, denn unter anderen Dingen hatte er auch Selbstbeherrschung gelernt. Aber der Dolchstoß hatte seinen Stolz getroffen. Er verwünschte sich, weil er gekommen war, und beschloß gleichzeitig, die nun einmal begonnene Sache auf jeden Fall durchzuführen. Seine Züge wurden härter, und ein streitbares Feuer blitzte in seinen Augen. Er sah sich viel unbefangener um und fühlte mit seiner schnellen Auffassungsgabe, wie jede Einzelheit in dem schönen Raum sich seinem Bewußtsein einprägte. Seine Augen standen weit auseinander; nichts innerhalb ihres Gesichtskreises entging ihm; und wie sie die Schönheit, die sie sahen, tranken, schwand der kampfbereite Ausdruck in ihnen und wich einer warmen Glut. Er war empfänglich für Schönheit, und hier gab es genug aufzunehmen.
Ein Ölgemälde fesselte ihn. Schwere Brandung donnerte krachend gegen einen vorspringenden Felsen; drohende Sturmwolken bedeckten den Himmel, und vor der Brandung lag ein Lotsenschoner mit gerefften Segeln, holte gerade über, so daß man jede Einzelheit auf seinem Deck sah, und wurde von den Wellen in ein wolkiges Abendrot gehoben. Das war Schönheit, und er fühlte sich unwiderstehlich davon angezogen. Er vergaß seinen linkischen Gang und trat ganz dicht an das Gemälde heran. Da schwand die Schönheit von der Leinwand. Sein Gesicht zeigte Bestürzung. Er starrte auf etwas, das scheinbar nichts als eine nachlässige Schmiererei war. Dann trat er wieder zurück. Sofort kehrte alle Schönheit auf die Leinwand zurück. Ein Trickbild, dachte er und wandte sich ab, fand aber inmitten der vielen Eindrücke, die auf ihn einstürmten, doch Zeit, sich zu empören, daß man soviel Schönheit auf ein Trickbild verwandt hatte. Von Malerei verstand er nichts. Er war zwischen Farbdrucken und Lithographien aufgewachsen, die in der Nähe wie aus der Ferne immer gleich scharf und deutlich wirkten. Zwar hatte er in Schaufenstern Ölgemälde gesehen, aber die Scheibe hatte ihn gehindert, dicht an sie heranzutreten.
Er blickte sich nach seinem Freunde um, der immer noch seinen Brief las, und sah die Bücher auf dem Tisch. In seinen Augen sprang eine träumerische Sehnsucht auf, das drängende Verlangen eines Hungrigen, der etwas Eßbares sieht. Mit einem einzigen impulsiven Schritt und einem Ruck der Schultern von rechts nach links erreichte er den Tisch und begann zärtlich über die Bücher zu streichen. Er betrachtete Titel und Verfassernamen, las Bruchstücke ihres Inhalts, liebkoste die Bände immer wieder mit Augen und Händen und erkannte ein Buch, das er gelesen hatte; die übrigen Bücher und Schriftsteller waren ihm fremd. Ein Band Swinburne fiel ihm plötzlich in die Hand. Er begann darin zu lesen und vergaß bald ganz, wo er sich befand. Sein Gesicht leuchtete. Zweimal blätterte er zurück, um den Namen des Verfassers zu sehen. Swinburne! Den Namen wollte er sich merken. Der Mann hatte Augen im Kopf und hatte wahrhaftig Farben und strahlendes Licht gesehen. Aber wer war Swinburne? War er seit hundert Jahren tot wie die meisten Dichter? Oder lebte und schrieb er noch? Er blätterte zur Titelseite zurück. Ja, er hatte noch andere Bücher geschrieben. Schön, das erste, was er morgen früh tun wollte, war, daß er in die Volksbücherei ging und etwas von dem, was Swinburne geschrieben hatte, zu bekommen suchte. Dann kehrte er wieder zu dem Inhalt des Buches zurück und vergaß alles um sich her. Er bemerkte nicht, daß eine junge Dame ins Zimmer trat. Das erste, dessen er sich bewußt wurde, war die Stimme Arthurs, die sagte:
»Ruth, das ist Herr Eden.«
Er schloß das Buch schnell über dem Zeigefinger, aber noch ehe er sich umwandte, fühlte er sich schon von einem neuen Eindruck durchbebt, dessen Ursache nicht das junge Mädchen, sondern die Äußerung ihres Bruders war. Sein muskulöser Körper barg nämlich höchste Empfindsamkeit. Bei dem geringsten Reiz, den die Außenwelt auf sein Bewußtsein ausübte, loderten seine Gedanken und Gefühle wie Flammen auf. Er war ungewöhnlich empfänglich und reagierte schnell, während seine Phantasie, die stets mit Hochdruck arbeitete, sich immer bemühte, Gleichheiten und Unterschiede festzustellen. »Herr Eden« – das hatte jetzt einen so starken Eindruck auf ihn gemacht – er, den man sein ganzes Leben lang nur »Eden«, »Martin Eden« oder einfach »Martin« genannt hatte! Und jetzt »Herr!« Das war wirklich ein weiter Schritt vorwärts, sagte er sich. Sein Geist schien augenblicklich zu einer ungeheuren Camera obscura zu werden, in der eine endlose Reihe von Bildern aus seinem Leben auftauchte, Bilder von Feuerungsräumen und Mannschaftslogis, von Lagern und Küsten, Gefängnissen und Kneipen, Hospitälern und Elendsvierteln, wobei das Bindeglied eben die Art bildete, wie er in den verschiedenen Situationen angeredet worden war.
Und dann drehte er sich um und sah das Mädchen an. Bei ihrem Anblick verschwanden die Schattenbilder in seinem Kopfe mit einem Schlage. Sie war ein blasses, ätherisches Geschöpf mit großen, träumerischen, blauen Augen und einer Flut goldenen Haares. Von ihrer Kleidung wußte er nichts, als daß sie ebenso wunderbar anzusehen war. Er verglich sie mit einer blaßgoldenen Blume auf schlankem Stiel. Nein, sie war eine Elfe, ein höheres Wesen, eine Gottheit; solche erhabene Schönheit war nicht von dieser Welt. Oder hatten vielleicht die Bücher recht, und es gab viele ihrer Art in den oberen Klassen? Sie hätte gut von diesem Swinburne besungen werden können. Vielleicht hatte er an eine wie sie gedacht, als er in dem Buch, das dort auf dem Tische lag, jenes Mädchen Iseult schilderte. Dies ganze Übermaß von Sinneseindrücken, Gefühlen und Gedanken bestürmte ihn in einem Augenblick. Die wirklichen Dinge, zwischen denen er sich bewegte, geboten ihnen keinen Halt. Er sah, wie sie den Arm ausstreckte und ihm gerade in die Augen blickte, wobei sie ihm so unbefangen die Hand drückte, als wäre sie ein Mann. Die Frauen, die er bisher kannte, hatten solchen Händedruck nicht. Die meisten von ihnen gaben einem überhaupt nicht die Hand. Eine Flut von Gedankenverbindungen und Erinnerungen daran, wie er die Bekanntschaft von Frauen gemacht hatte, schlug über seinem Bewußtsein zusammen und drohte, es unter sich zu begraben. Aber er schüttelte sie ab und betrachtete das Mädchen. Noch nie hatte er ein solches weibliches Wesen gesehen. Die Frauen, die er gekannt hatte! Sofort reihten sich all diese Frauen zu beiden Seiten neben ihr auf. Eine ewig währende Sekunde stand er mitten in einer Bildergalerie, deren Mittelpunkt sie bildete, und um sie scharten sich viele Frauen, die alle mit blitzschnellem Blick gewogen und gemessen werden sollten, während sie selbst die Gewichts- und Maßeinheit darstellte. Er sah die blassen, kränklichen Gesichter der Fabrikarbeiterinnen und die albernen, lauten Mädchen südlich der Market Street, Mädchen aus den Viehdistrikten und dunkelhäutige, zigarettenrauchende Mexikanerinnen; und diese wurden wieder verdrängt von puppenhaften Japanerinnen, die auf Holzsohlen geziert einhertrippelten, von Eurasierinnen, deren feine Züge vom Verfall der Rasse gekennzeichnet waren, von vollblütigen, blumengeschmückten, braunhäutigen Südseeinsulanerinnen. Sie alle wurden ausgelöscht durch ein groteskes und furchtbares Nachtgezücht – schlampige, watschelnde Geschöpfe aus den Straßen Whitechapels, schnapsgedunsene Hexen aus den Bordells, den ganzen großen Höhlenschwarm von Harpyen, unflätig und gemein, Ungeheuer in Weibsgestalt, die sich auf den Seemann stürzen, der Abschaum der Häfen, der schlammige Bodensatz der menschlichen Tiefen.
»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Eden?« sagte das Mädchen. »Seit Arthur uns von Ihnen erzählte, habe ich mich so darauf gefreut, Sie kennenzulernen. Es war tapfer von Ihnen…«
Er machte eine abwehrende Handbewegung und murmelte, das, was er getan habe, sei nicht der Rede wert. Jeder andere hätte genauso gehandelt. Sie bemerkte, daß seine Hand von frischen, in der Heilung begriffenen Schrammen bedeckt war, und ein Blick auf die andere, herabhängende Hand zeigte ihr, daß diese ebenso zugerichtet war. Ihr rasches, prüfendes Auge entdeckte auch eine Narbe an seiner Wange, eine zweite, die unter dem Stirnhaar hervorsah, und eine dritte am Halse, wo sie unter dem steifen Kragen verschwand. Sie unterdrückte ein Lächeln beim Anblick des roten Strichs, den der Kragen in die sonnenverbrannte Haut gerieben hatte. Er war offenbar nicht gewohnt, steife Kragen zu tragen. Ihr Blick schweifte auch über seine Kleidung und bemerkte den gewöhnlichen, unschönen Schnitt, den Rock, der sich an den Schultern beutelte, und die Falten in den Ärmeln, die seine mächtigen Muskeln ahnen ließen.
Während er abwinkte und murmelte, daß er nichts Besonderes getan hätte, folgte er ihrer Aufforderung, sich zu setzen. Er fand noch Zeit, die Leichtigkeit zu bewundern, mit der sie sich setzte, dann taumelte er nieder auf einen Stuhl, der dem ihren gegenüberstand, überwältigt von dem Bewußtsein seiner eigenen Ungeschicklichkeit. Das war ihm etwas ganz Neues. Sein ganzes Leben lang, bis zu diesem Tage, hatte er nicht darauf geachtet, ob er gewandt oder linkisch war. Er war gar nicht auf derartige Gedanken gekommen. Er setzte sich vorsichtig auf die Stuhlkante und wußte nicht, wo er mit seinen Händen bleiben sollte. Wohin er sie auch steckte, waren sie ihm im Wege. Arthur verließ das Zimmer, und Martin Eden sah ihm mit sehnsüchtigen Blicken nach. Allein im Raum mit diesem blassen, elfenhaften Mädchen kam er sich ganz verloren vor. Hier gab es keinen Kellner, bei dem er sich etwas zu trinken bestellen, keinen Jungen, den er nach einer Kanne Bier um die Ecke schicken konnte, um durch einen gemeinsamen Trunk die Grundlage für eine freundschaftliche Verständigung zu schaffen.
»Sie haben eine Narbe am Hals, Herr Eden«, sagte das Mädchen. »Wie haben Sie die bekommen? Das ist sicher ein ganzes Abenteuer.«
»Ein mexikanisches Messer, Fräulein«, antwortete er, indem er sich räusperte und die trockenen Lippen befeuchtete. »Es war eben eine Schlägerei. Als ich ihm das Messer weggenommen hatte, versuchte er mir die Nase abzubeißen.«
Er sagte das ganz nüchtern, aber vor seinem Auge stand das farbenprächtige Bild jener heißen, sternenklaren Nacht in Salina Cruz, der weiße Küstenstreifen, die Lichter der Zuckerdampfer im Hafen, die Stimmen der betrunkenen Matrosen in der Ferne, die hastenden Stauerleute, die flammende Leidenschaft im Gesicht des Mexikaners, das Funkeln seiner Raubtieraugen im Sternenlicht, der Stich in den Hals, das hervorschießende Blut, die schreiende Menge, die beiden Körper – seiner und der des Mexikaners –, wie sie, ineinander verbissen, wütend über den Sand rollten, und von weit her irgendwo das weiche Klimpern einer Gitarre. Das war das Bild, das er sah, und die Erinnerung durchschauerte ihn, während er darüber nachdachte, ob der Mann, der den Lotsenkutter an der Wand gemalt hatte, auch das malen könnte. Der weiße Strand, die Sterne, die Lichter auf den Zuckerdampfern müßten prachtvoll wirken, dachte er, und dazu mitten auf dem Sand die dunkle Gruppe, die die Kämpfenden umgab. Das Messer verdiente auch seinen Platz auf dem Gemälde, entschied er, und es würde großartig aussehen, wie es im Sternenlicht aufblitzte. Aber von alledem war in seinen Worten nicht das mindeste zu spüren. »Er versuchte, mir die Nase abzubeißen«, schloß er.
»Oh!« sagte das junge Mädchen mit leiser, ferner Stimme, und er bemerkte den erschrockenen Ausdruck in ihren beweglichen Zügen.
Er erschrak selbst, und eine schwache Röte der Verlegenheit stieg ihm in die sonnenbraunen Wangen, aber er hatte das Gefühl, daß sie so stark brannten, wie wenn er vor der offenen Ofentür im Feuerungsraum gestanden hätte. Derartig schmutzige Dinge wie Messerstechereien waren offenbar kein passender Unterhaltungsgegenstand für eine Dame. In den Büchern sprachen Menschen ihres Standes nicht über derlei – wußten vielleicht gar nichts davon.
Eine kurze Pause trat in dem Gespräch ein, das sie gerade in Gang zu setzen versucht hatten. Dann fragte sie nach der Narbe auf seiner Wange. Er merkte, daß sie sich bemühte, so zu sprechen, wie er zu sprechen gewohnt war, und er beschloß, in ihrer Sprache zu antworten.
»Das war nur ein Unfall«, sagte er und legte die Hand an die Wange. »Eines Nachts, bei stillem Wetter und schwerer See, sprang die Großbaumtopnant und gleich darauf die Talje. Die Topnant war aus Stahldraht und fuhr wie eine Schlange hin und her. Die ganze Wache versuchte, sie einzufangen, und ich kriegte beim Zupacken mächtig eins in die Fresse.«
»Oh!« sagte sie, diesmal in einem Ton, als hätte sie alles verstanden, obwohl seine Sprache das reine Griechisch für sie gewesen war und sie gern gewußt hätte, was eine Topnant war.
»Der Mann, der Swineburne«, begann er mit einem Versuch, seinen Plan zur Ausführung zu bringen.
»Wer?«
»Swineburne«, wiederholte er mit derselben falschen Aussprache, »der Dichter.«
»Swinburne«, berichtigte sie.
»Ja, den meine ich«, stammelte er, wieder mit heißen Wangen. »Wann ist er gestorben?«
»Wie bitte? Ich habe nie gehört, daß er tot ist!« Sie betrachtete ihn neugierig. »Wo haben Sie seine Bekanntschaft gemacht?«
»Ich habe ihn nie gesehen«, lautete die Antwort. »Aber ich habe einige von seinen Gedichten in dem Buch dort auf dem Tisch gelesen, ehe Sie hereinkamen. Wie finden Sie seine Gedichte?«
Und jetzt begann sie, schnell und leicht über den Gegenstand zu sprechen, den er selbst gewählt hatte. Er fühlte sich wohler und setzte sich etwas bequemer auf den Stuhle stützte sich aber immer noch fest mit den Armen auf die Lehnen, als fürchtete er, daß der Sitz unter ihm wegrutschen und er zu Boden fallen könnte. Es war ihm geglückt, sie in ihrer eigenen Sprache zum Sprechen zu bringen. Und während sie redete, strengte er sich an, ihr zu folgen, verwundert über all das Wissen, das in dem reizenden Köpfchen steckte und sog die blasse Schönheit ihres Gesichts gierig in sich ein. Er folgte ihr auch obwohl ihn unbekannte Worte, die leicht von ihren Lippen glitten, und kritische Bemerkungen und Gedankengänge störten, die ihm fremd waren, die aber doch seinen Geist reizten und entflammten. Hier war geistiges Leben, dachte er, und hier war Schönheit, eine warme, wunderbare Schönheit, wie er sie sich nie hatte träumen lassen. Er vergaß sich und starrte sie mit hungrigen Augen an. Hier war etwas, für das es sich lohnte, zu leben, vorwärtszukommen, zu kämpfen – ja, und zu sterben. Die Bücher sprachen die Wahrheit. Es gab solche Frauen in der Welt. Sie war eine von ihnen. Sie verlieh seiner Phantasie Schwingen, und große, leuchtende Bilder erschienen vor seinem Blick, undeutliche, riesige Bilder, die Liebe, Romantik und Heldentum um einer Frau willen zeigten – um einer blassen Frau, einer goldenen Blume willen. Und hinter der zitternden, schwingenden Vision sah er wie hinter einer Fata Morgana das lebendige Weib, das hier saß und von Literatur und Kunst sprach. Er hörte auch zu, aber er blickte sie dabei an, ohne sich bewußt zu sein, wie starr sein Blick war, und daß alles, was seine Natur an Männlichkeit besaß, ihm aus den Augen leuchtete. Sie aber, die wenig von der Welt der Männer wußte, weil sie eine Frau war, sie fühlte deutlich seine brennenden Augen. Sie war noch nie auf diese Weise angesehen worden, und es machte sie verlegen. Sie stockte und suchte nach Worten. Sie verlor vollkommen den Faden. Er erschreckte sie, und doch wurde sie wieder von einer seltsamen Freude durchbebt, daß jemand sie auf diese Weise ansah. Ihre Erziehung warnte sie vor Gefahr und Sünde, die in dieser geheimnisvollen, rätselhaften Lockung lag, während ihre Instinkte wie helle Fanfaren durch ihr ganzes Wesen klangen und sie drängten, die Hindernisse von Kaste und Stand zu nehmen und diesen Wanderer aus einer anderen Welt zu gewinnen, diesen linkischen jungen Burschen mit den zerschrammten Händen und dem roten, rauhen Strich am Halse von dem ungewohnten Kragen, einen Menschen, der allzu offenkundig von einem rohen, wilden Dasein befleckt und besudelt war. Sie war rein, und ihre Reinheit empörte sich dagegen; aber sie war auch Weib, und zum erstenmal erfuhr sie jetzt das Paradoxe der weiblichen Natur.
»Wie gesagt – ja, was sagte ich doch?« Sie unterbrach sich plötzlich und lachte heiter über ihre eigene Verlegenheit.
»Sie sagten, daß dieser Mann, der Swinburne, kein großer Dichter wurde, weil… so weit waren Sie gekommen, Fräulein«, half er ihr, während ihm schien, als ob er plötzlich hungrig würde und ein wundervolles leises Zittern ihm bei ihrem Lachen das Rückgrat entlang kroch. Wie Silber, dachte er, wie klingende, silberne Glocken, und im selben Augenblick, aber nur eine Sekunde lang, fühlte er sich in ein fernes Land versetzt, wo er unter rosa Kirschblüten saß, eine Zigarette rauchte und auf die Glocken der spitzen Pagode lauschte, die Gläubige mit Strohsandalen zur Andacht riefen.
»Ja, danke«, sagte sie. »Das Höchste erreicht Swinburne nicht, weil er – nun ja, weil er unzart ist. Viele seiner Gedichte sollte man gar nicht lesen. Jede Zeile der wirklich großen Dichter ist von wahrer Schönheit erfüllt und wendet sich an alles, was erhaben und edel im Menschen ist. Von den Werken der großen Dichter könnte man nicht eine Zeile entbehren, ohne daß die Welt dadurch ärmer würde.«
»Ich fand es großartig«, sagte er zögernd, »das bißchen jedenfalls, das ich las. Ich hatte keine Ahnung, daß er so ein – ein Schurke war. Das wird wohl in seinen andern Büchern zum Vorschein kommen.«
»Viele Zeilen in dem Buch, das Sie gelesen haben, hätte er sich sparen können«, sagte sie, und ihre Stimme klang streng und lehrhaft.
»Die muß ich übersehen haben«, erklärte er. »Was ich las, war wirklich gut. Und es war so strahlend und schimmernd, es schien gerade in mich hinein und erleuchtete mich inwendig wie die Sonne oder ein Scheinwerfer. So wirkte es jedenfalls auf mich, aber ich verstehe wohl nicht viel von Dichtkunst, Fräulein.« Er brach verlegen ab. Er war verwirrt, war sich schmerzlich der Unfähigkeit bewußt, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Er hatte die große und lebendige Glut in dem, was er las, empfunden, aber er vermochte es nicht wiederzugeben. Er konnte nicht ausdrücken, was er fühlte, und er verglich sich selbst mit einem Seemann, der sich in dunkler Nacht auf einem fremden Schiff mit einer Takelung abquälte, mit der er nicht vertraut war. Nun ja, sagte er sich, es ist meine Sache, mich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Er war noch nie auf etwas gestoßen, mit dem er nicht fertig geworden war, wenn er es ernstlich darauf angelegt hatte, und es war Zeit, daß er lernte, das, was in seinem Innern vorging, so auszusprechen, daß sie ihn verstand. Sie erweiterte seinen Horizont mächtig.
»Longfellow zum Beispiel – «, sagte sie.
»Ja, den habe ich gelesen«, unterbrach er sie, angespornt von dem Ehrgeiz, soviel wie möglich von seinem wenigen Bücherwissen zu zeigen, und eifrig bemüht, ihr zu beweisen, daß er kein ganz geistloser Tölpel war. ›»Der Psalm des Lebens‹, ›Excelsior‹ und… ich glaube, das ist alles.«
Sie nickte lächelnd, und er hatte das Gefühl, daß ihr Lächeln etwas nachsichtig war – mitleidig nachsichtig. Er war ein Narr, daß er versuchte, sich auf diese Weise aufzuspielen. Dieser Longfellow hatte wahrscheinlich zahllose Gedichtbände geschrieben. »Entschuldigen Sie, Fräulein, daß ich so drauflos schwatze. Ich weiß ja eigentlich nicht viel von diesen Sachen. Es gehört nicht zu meinem Beruf. Aber ich will es zu meinem Beruf machen.«
Das klang wie eine Drohung. Seine Stimme war entschlossen, seine Augen blitzten, die Linien in seinem Gesicht wurden hart. Ihr schien, als ob sein Kinn sich verändert hätte; es wirkte fast unangenehm streitbar. Gleichzeitig aber war es, als ob ihr eine Woge kraftvoller Männlichkeit von ihm entgegenschlug.
»Ich glaube wirklich, Sie können es zu Ihrem… Beruf machen«, schloß sie lachend. »Sie sind sehr stark.«
Ihr Blick weilte einen Augenblick auf dem muskulösen, sehnigen, fast stierhaften Nacken, der von der Sonne gebräunt war und von rauher Kraft und Gesundheit strotzte. Und obwohl er rot und verlegen dasaß, fühlte sie sich wieder zu ihm hingezogen. Zu ihrer eigenen Überraschung schoß ihr ein toller Gedanke durchs Hirn. Ihr schien, sie müsse ihre beiden Arme um seinen Hals legen, und all seine Stärke und Kraft würden auf sie überströmen. Dieser Einfall entsetzte sie. Ihr schien, daß sich ihr plötzlich eine ungeahnte Verderbnis ihrer Natur offenbarte. Zudem war Stärke für sie etwas Grobes, Brutales. Ihr Ideal männlicher Schönheit war immer schlanke Anmut gewesen. Aber der Gedanke verließ sie nicht. Es verwirrte sie, daß sie wirklich den Wunsch verspüren sollte, ihre Arme um diesen sonnenverbrannten Hals zu legen. Tatsächlich war sie selbst zart, und das, was ihr Körper und ihre Seele brauchten, war eben Stärke. Aber das wußte sie nicht. Sie wußte nur, daß kein Mann je eine solche Wirkung auf sie ausgeübt hatte wie dieser, der sie jeden Augenblick durch seine scheußliche Sprache erschreckte.
»Ja, ich bin kein Invalide«, sagte er. »Wenn es darauf ankommt, kann ich altes Eisen verdauen. Aber jetzt bin ich ein bißchen überladen. Das meiste von dem, was Sie gesagt haben, kann ich nicht verdauen. Ich habe mich nie mit dem Zeug abgegeben, wissen Sie. Ich habe Bücher und Poesie gern, und wenn ich mal Zeit hatte, habe ich gelesen, aber ich habe nie so darüber nachgedacht wie Sie. Darum kann ich nicht drüber reden. Mir geht es wie einem Seemann, der ohne Karte und Kompaß auf einem fremden Meer treibt. Jetzt möchte ich gern meine Lage peilen. Vielleicht können Sie mir dabei helfen. Wie haben Sie all das gelernt, was Sie da erzählen?«
»In der Schule und durch Studium«, antwortete sie.
»Zur Schule bin ich doch auch gegangen, als ich klein war«, wandte er ein.
»Ja; aber ich meine das Gymnasium und Kurse und die Universität.«
»Sie sind auf der Universität gewesen?« fragte er ehrlich bestürzt. Er hatte das Gefühl, daß sie ihm um mindestens eine Million Meilen ferner gerückt war.
»Ich besuche jetzt noch die Universität. Ich höre besonders Vorlesungen in Englisch.«
Er verstand nicht, was sie mit »Englisch« meinte, merkte sich aber diesen Mangel in seinem Wissen und fragte weiter:
»Wie lange müßte ich lernen, um auf die Universität kommen zu können?«
Sie lächelte ermutigend über seinen Lerneifer und sagte: »Das hängt davon ab, was Sie schon gelernt haben. Sie haben nie ein Gymnasium besucht? Natürlich nicht. Aber haben Sie die Grundschule ganz durchgemacht?«
»Es fehlten noch zwei Jahre, als ich abging«, erwiderte er. »Aber ich war immer sehr gut in der Schule.«
Im nächsten Augenblick ärgerte er sich über seine Prahlerei und packte die Stuhllehnen so wütend, daß seine Fingerspitzen förmlich brannten. Da bemerkte er, daß eine Frau ins Zimmer trat. Er sah, wie das Mädchen vom Stuhl aufstand und der Eintretenden entgegeneilte. Sie küßten sich und kamen dann Arm in Arm auf ihn zu. Das muß ihre Mutter sein, dachte er. Sie war eine hochgewachsene blonde Frau, schlank, stattlich und schön. Ihre Kleidung war so, wie er sie in einem solchen Hause erwarten durfte. Seine Augen hingen mit Entzücken an den anmutigen Linien. Sie erinnerte ihn an Frauen, die er auf der Bühne gesehen hatte. Dann entsann er sich, daß er ähnlich gekleidete vornehme Damen in die Londoner Theater hatte hineingehen sehen, während er dastand und schaute, bis der Schutzmann ihn vor das Schutzdach in den Sprühregen geschoben hatte. Gleich darauf machten seine Gedanken einen Sprung nach dem Grand Hotel in Yokohama, wo er auch von der Straße aus große Damen gesehen hatte. Dann begann Yokohama selbst mit seinem Hafen blitzschnell in tausend Bildern vor seinen Augen vorüberzuziehen. Aber er löste sich rasch von diesem Kaleidoskop der Erinnerung, in dem Bewußtsein, daß er jetzt seine ganze Geistesgegenwart nötig hatte. Er wußte, daß er aufstehen mußte, um vorgestellt zu werden, und so erhob er sich denn mühsam. Er stand da, mit Hosen, die sich an den Knien beutelten, und komisch hängenden Armen, und war mit zusammengebissenen Zähnen bereit, die bevorstehende Prüfung über sich ergehen zu lassen.
Zweites Kapitel
Der Weg ins Speisezimmer war ein Alpdruck für ihn. Er stolperte und zauderte, machte einen Ruck vorwärts und schwankte dann wieder, so daß es zuweilen schien, als würde er nie hineingelangen. Schließlich aber hatte er es geschafft und wurde neben SIE gesetzt. Die Fülle der Messer und Gabeln jagte ihm Schrecken ein. Sie drohten mit unbekannten Gefahren, und er starrte sie gebannt an, bis ihr Glanz der Hintergrund für eine Reihe von Bildern aus der Back wurde, wo er und seine Kameraden saßen und Salzfleisch mit dem Taschenmesser und den Fingern aßen oder dicke Erbsensuppe mit verbogenen Blechlöffeln aus der Pfanne kratzten. Er konnte geradezu den Geruch von verdorbenem Fleisch spüren und das Schmatzen der Essenden beim Knarren der Spanten und dem Ächzen der Schotts hören. Er sah die Kameraden essen und kam zu dem Ergebnis, daß sie wie Schweine aßen. Nun, er wollte sich hier schon zusammennehmen. Er wollte kein Geräusch machen. Er wollte ständig darauf achten.
Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Ihm gegenüber saßen Arthur und Arthurs Bruder Norman. Er dachte daran, daß es ihre Brüder waren, und fühlte warme Freundschaft für sie. Wie alle in dieser Familie sich liebten! Er sah es wieder vor sich, wie ihre Mutter erschien, wie sich die beiden zur Begrüßung küßten und dann Arm in Arm zu ihm traten. In seiner Welt zeigten Eltern und Kinder ihre Gefühle nicht so. Es war eine Offenbarung von den Höhen des Lebens, die man in der oberen Gesellschaft erreichen konnte. Es war das Schönste, was er bisher bei diesem kleinen Einblick in eine neue Welt gesehen hatte. Es machte tiefen Eindruck auf ihn, und sein Herz strömte über vor mitfühlender Zärtlichkeit. Sein ganzes Leben lang hatte er nach Liebe gehungert. Seine Natur verlangte Liebe. Sie war eine organische Forderung seines Wesens. Doch er hatte sie entbehren müssen und war hart dabei geworden. Er hatte selbst nicht gewußt, daß er Liebe brauchte, und auch jetzt wußte er es nicht. Er sah nur ihr Wirken, und das durchschauerte ihn tief und erschien ihm edel, herrlich und erhaben.
Er freute sich, daß Herr Morse nicht anwesend war. Es war schwierig genug, ihr, ihrer Mutter und ihrem Bruder Norman näherzukommen. Arthur kannte er schon ein wenig. Dem Vater, das wußte er, wäre er nicht mehr gewachsen. Ihm schien, daß er sich noch nie im Leben so abgemüht hätte. Die schwerste Arbeit war Kinderspiel dagegen. Winzige Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, und auch sein Hemd war feucht von der Anstrengung, soviel Ungewohntes auf einmal zu tun. Er mußte essen, wie er noch nie gegessen hatte, mußte mit seltsamen Geräten hantieren und dabei verstohlene Blicke auf die anderen werfen, um zu sehen, wie sie mit jedem neuen Ding umgingen; er mußte die Flut von Eindrücken bewältigen, die auf ihn zuströmten und in seinem Bewußtsein gesichtet und geklärt werden wollten. Dazu fühlte er eine heftige Sehnsucht nach ihr, eine Sehnsucht, die ihn als dumpf nagende Rastlosigkeit quälte, und spürte das stachelnde Verlangen, sich emporzuschwingen zu der Höhe des Lebens, auf der sie dahinschritt. Immer wieder verlor sich sein Geist in Grübelei und unklaren Plänen, wie er diese Höhe erreichen könnte. Wenn sein Blick heimlich zu Norman glitt, der ihm genau gegenüber saß, oder zu den anderen, um herauszubekommen, welches Messer oder welche Gabel gerade in diesem Fall benutzt wurde, so nahm noch dazu das Gesicht des Betreffenden seine Gedanken in Anspruch, und er versuchte unwillkürlich, die Personen einzuschätzen und zu erraten, was sie – stets im Verhältnis zu IHR – bedeuteten.
Dann wieder mußte er sprechen, hören, was man zu ihm sagte und was die anderen unter sich sprachen, und, wenn nötig, antworten, mit einer Zunge, die die unangenehme Neigung hatte, durchzugehen, und stets gezügelt werden mußte. Und um seine Verwirrung noch zu vermehren, war der Diener da, eine beständige Drohung, die lautlos an seiner Schulter auftauchte, eine unheimliche Sphinx, die ihm Rätsel und Vexierfragen vorlegte, die er stets sofort lösen mußte. Während der ganzen Mahlzeit bedrückte ihn der Gedanke an die Fingerschalen. Beharrlich, immer wieder abschweifend, fragte er sich, wann sie in Erscheinung treten und wie sie aussehen würden. Er hatte von diesen Dingern gehört und wußte, daß er sie im Laufe weniger Minuten sehen würde, da er mit höheren Wesen bei Tische saß und sie wie diese benutzen sollte. Und das Wichtigste vor allem: auf dem Grunde seiner Gedanken und doch stets dicht an der Oberfläche lag die große Frage, wie er sich diesen Leuten gegenüber benehmen sollte. Welche Haltung sollte er einnehmen? Mit diesem Problem kämpfte er andauernd und sorgenvoll. Da waren feige Einflüsterungen, die ihn veranlassen wollten, Komödie zu spielen, und noch feigere, die ihn warnten, daß er bei einem solchen Versuch scheitern müßte, daß seine Natur sich nicht dazu eignete und daß er sich zum Narren machen würde.
Während des ersten Teils des Essens, als er mit sich rang, wozu er sich entscheiden sollte, war er sehr still. Er wußte nicht, daß er durch sein Schweigen Arthur Lügen strafte, der am Tag zuvor angekündigt hatte, er würde einen Wilden mit zu Tisch bringen, sie brauchten aber keine Angst zu haben, denn sie würden feststellen, es sei ein interessanter Wilder. Martin Eden hätte gerade jetzt nicht an die Möglichkeit geglaubt, daß IHR Bruder sich eines solchen Verrats schuldig machen könnte, zumal er ja eben diesem Bruder aus einer schlimmen Prügelei geholfen hatte. Und so saß er denn bei Tisch, bedrückt durch seine eigene Unwürdigkeit und doch zugleich von allem, was um ihn her vorging, bezaubert. Zum erstenmal erkannte er, daß Essen etwas anderes als eine nützliche Funktion war. Er hatte keine Ahnung, was er aß. Es war eben Essen. Er stillte seinen Schönheitsdurst an diesem Tisch, wo Essen eine ästhetische Funktion war. Aber es bedeutete auch eine intellektuelle Funktion. Sein Geist war angeregt. Er hörte Worte, deren Sinn er nicht verstand, und andere Worte, die er nur in Büchern gefunden hatte und die weder Männer noch Frauen seiner Bekanntschaft imstande gewesen wären auszusprechen. Wenn er solche Worte von den Lippen dieser wundervollen Familie – IHRER Familie – aussprechen hörte, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, wurde er von Entzücken durchbebt. Die Romantik und Schönheit, das Erhabene, von dem er in Büchern gelesen hatte, wurden hier wahr. Er befand sich in dem seltsamen, seligen Zustand, in dem ein Mann seinen Traum aus den Winkeln der Phantasie herausspazieren und Wirklichkeit werden sieht.
Noch nie hatte er auf solchen Höhen des Lebens gestanden, und er hielt sich selbst im Hintergrund, lauschend, beobachtend und glücklich, während er einsilbig »Ja, Miß« und »Nein, Ma’am« erwiderte. Er unterdrückte den Impuls, der seinem Seemannsdrill entsprang, ihren Brüdern mit »Ja, Sir« und »Nein, Sir« zu antworten. Er fühlte, das würde nicht richtig sein, würde ein Eingeständnis seiner Unterordnung bedeuten – was unmöglich anging, wenn er SIE gewinnen wollte. Außerdem lehnte sich sein Stolz dagegen auf. Weiß Gott! sagte er zu sich, ich bin genauso gut wie sie, und wenn sie auch vieles wissen, was ich nicht weiß, so könnte ich sie doch auch ein ganz Teil lehren. Wenn aber sie oder ihre Mutter ihn ein paar Augenblicke später mit »Herr Eden« ansprachen, vergaß er seinen streitbaren Stolz und wurde ganz rot und warm vor Freude. Er war ein zivilisierter Mensch, jawohl, und er saß hier, Schulter an Schulter, bei Tisch mit Leuten gleich denen, über die er in Büchern gelesen hatte. Jetzt war er selbst mitten in so einem Buch, mitten in einem Abenteuer, das die Druckseiten eines dicken Bandes füllte.
Während er aber Arthurs Beschreibung auf diese Art Lügen strafte und eher ein frommes Lamm als ein Wilder zu sein schien, zerbrach er sich die ganze Zeit den Kopf, wie er auftreten sollte. Er war kein frommes Lamm, und die zweite Geige zu spielen, paßte seiner hochfahrenden Herrschernatur durchaus nicht. Er sprach nur, wenn er mußte, und dann war seine Rede wie sein Gang zu Tisch, zögernd und stockend, da er in seinem buntgemischten Sprachschatz suchte, über Worte nachgrübelte, die wohl bei dieser oder jener Gelegenheit paßten, die er aber fürchtete, nicht richtig auszusprechen, und wieder andere Worte verwarf, von denen er wußte, daß sie sie nicht verstanden, oder daß sie in ihren Ohren roh und gewöhnlich klingen würden. Aber die ganze Zeit bedrückte ihn das Bewußtsein, daß diese Vorsicht in der Wahl seiner Worte ihn als Dummkopf erscheinen ließ, weil sie ihn hinderte, seinem Innern Ausdruck zu verleihen.
Dazu empörte sich seine Freiheitsliebe gegen diesen Zwang ungefähr ebenso wie sein Hals gegen die Fessel seines steifen Kragens, und schließlich wußte er, daß er es auf die Dauer doch nicht durchhalten würde. Er war eine Kraftnatur, er konnte denken, und der schöpferische Geist in ihm hob das Haupt und wollte sich geltend machen. Er wurde schnell übermannt von der Idee oder dem Gefühl, die sich in ihm in Geburtswehen wanden, um Ausdruck und Form zu finden, und dann vergaß er sich und seine Umgebung, und die alten Worte – die Werkzeuge der Sprache, die er kannte – schlüpften heraus.
Als der Diener ihm einmal etwas anbot, ihn dabei unterbrach und an seine Schulter stieß, lehnte er mit einem kurzen, entschiedenen »Pau!« ab.
Sofort richteten sich alle Augen bei Tische erwartungsvoll auf ihn, der Diener war hochnäsig und belustigt, und Martin Eden schämte sich sehr. Aber er faßte sich schnell.
»Das ist ein Kanakenwort für ›fertig‹«, erklärte er. »Und es rutschte mir unwillkürlich heraus!«
Er sah, wie ihr Blick neugierig auf seinen Händen ruhte, und da er einmal beim Erklären war, redete er weiter: »Ich kam auf einem Schiff von der Pazifik-Postlinie die Küste herunter. Wir hatten uns verspätet, und in allen Häfen am Puget-Sund schufteten wir wie die Nigger, um die Ladung zu verstauen – Stückgut, wenn Sie wissen, was das heißt. Davon ist die Haut so abgeschrammt.«
»Ach, das meinte ich nicht«, erklärte sie schnell. »Ihre Hände scheinen mir zu klein für Ihren Körper.«
Er errötete. Er glaubte, daß wieder eine seiner Unvollkommenheiten ans Tageslicht gebracht worden sei.
»Ja«, sagte er ärgerlich. »Sie sind nicht groß genug. Meine Arme und Schultern sind so stark wie die von einem Maultier – zu stark, und wenn ich einem Mann eins in die Fresse haue, kriegen meine Hände auch etwas dabei ab.«
Was er da eben vorgebracht hatte, gefiel ihm nicht. Er war wütend auf sich. Er hatte seine Zunge laufen lassen und Dinge gesagt, die sich nicht schickten.
»Es war großartig von Ihnen, daß Sie Arthur auf diese Weise zu Hilfe kamen – Sie, als Fremder«, sagte sie taktvoll, als sie seine Verlegenheit sah, obwohl sie den Grund nicht kannte.
Er hingegen verstand sehr gut, was sie getan hatte, und in der warmen Welle der Dankbarkeit, die über ihm zusammenschlug, vergaß er seine geschwätzige Zunge.
»Das war nicht der Rede wert«, sagte er. »Jeder andere hätte es auch getan. Diese Rowdys wollten Spektakel machen, und Arthur hatte ihnen nichts getan. Sie gingen auf ihn los, und da ging ich eben auch auf sie los und vermöbelte ein paar von ihnen. Bei der Gelegenheit ging wohl auch ein bißchen Haut von meinen Händen ab, und unsere Gegner mußten ein paar Zähne opfern. Ich hätte es um alles in der Welt nicht versäumen mögen. Wenn ich sehe…«
Er hielt inne, mit offenem Munde, am Rande des Abgrunds seiner eigenen Verderbtheit und äußersten Unwürdigkeit, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Und während Arthur zum zwanzigstenmal sein Abenteuer mit den betrunkenen Strolchen auf der Fähre berichtete und erzählte, wie Martin Eden sich auf sie gestürzt und ihm geholfen hatte, saß dieser Martin Eden mit gerunzelter Stirn da, dachte, daß er sich jetzt vollkommen lächerlich gemacht hätte, und kämpfte verbissener denn je mit der Frage, wie er sich diesen Leuten gegenüber benehmen sollte. Bis jetzt hatte er wahrhaftig nicht viel Glück gehabt. Er gehörte nicht zu ihrer Klasse und sprach nicht ihre Sprache, so erklärte er es sich selbst. Er konnte nicht so tun, als ob er ihresgleichen wäre. Eine solche Maskerade würde ihm mißglücken, zumal jede Art Maskerade seinem Wesen fremd war. Verstellung oder List kannte er nicht. Was auch geschah, er mußte er selbst bleiben. Noch konnte er ihre Sprache nicht sprechen, doch bald würde er sie beherrschen. Dazu war er fest entschlossen. Inzwischen aber mußte er sprechen, und zwar in seiner eigenen Sprache, die er natürlich mildern müßte, damit sie ihnen verständlich wurde und sie nicht allzusehr verletzte. Von nun an wollte er nicht einmal mehr durch schweigendes Hinnehmen so tun, als kenne er Dinge, die er in Wirklichkeit nicht kannte. Nach dieser Entscheidung fragte Martin Eden, als die beiden Brüder in einem Gespräch über Universitätsangelegenheiten mehrmals den Ausdruck »Trig« gebrauchten:
»Was ist Trig?«
»Trigonometrie«, erwiderte Norman, »eine höhere Form der Math.«
»Und was ist Math?« lautete die nächste Frage, die Norman zum Lachen brachte.
»Mathematik – Arithmetik«, war die Antwort.
Martin Eden nickte. Flüchtig hatte er etwas von den anscheinend unbegrenzten Horizonten des Wissens erblickt. Was er sah, nahm greifbare Gestalt an. Seine unerhörte Einbildungskraft ließ Abstraktionen körperliche Form gewinnen. In der Werkstatt seines Hirns wurden Trigonometrie und Mathematik, der ganze Bereich der Wissenschaft, den sie bezeichneten, in eine Landschaft verwandelt. Er sah Alleen in grünem Laub und Waldlichtungen, ganz in sanftes Licht getaucht oder von hellen Sonnenflecken durchblitzt. Die Einzelheiten in der Ferne waren verschleiert und von einem violetten Nebel verwischt, dahinter aber, das fühlte er, lag der Zauber des Unbekannten, der Reiz der Romantik. Es wirkte auf ihn wie Wein. Hier gab es Abenteuer. Hier gab es etwas, das Kopf und Hände verrichten konnten, hier war eine Welt zu erobern; und sogleich tauchte im Hintergrund seines Bewußtseins der Gedanke auf, daß er siegen wollte, um SIE zu gewinnen, diese lilienweiße Elfe, die neben ihm saß.
Die leuchtende Vision wurde von Arthur zerstört, der den ganzen Abend versucht hatte, seinen wilden Mann aus sich herauszulocken. Martin Eden erinnerte sich seines Entschlusses. Zum erstenmal wurde er der echte Martin Eden, anfangs bewußt und mit voller Überlegung; bald aber vergaß er alles über der schöpferischen Freude, das Leben, wie er es kannte, vor den Augen der Zuhörer vorüberziehen zu lassen.
Er hatte zur Mannschaft des Schmugglerschoners »Halcyon« gehört, der von einem Zollkutter gefaßt worden war. Er hatte offene Augen und konnte erzählen, was er gesehen hatte.
Er ließ das wogende Meer und die Männer und Schiffe des Meeres vor ihnen erstehen. Er teilte ihnen von seiner Einbildungskraft mit, bis sie mit seinen Augen sahen, was er gesehen hatte. Aus der ungeheuren Menge von Einzelheiten wählte er mit dem sicheren Griff des Künstlers die geeigneten aus, zeichnete Bilder des Lebens, die von Licht und Farben flammten, so daß seine Zuhörer von diesem Strom ursprünglicher Beredsamkeit, Begeisterung und Kraft gepackt wurden. Zeitweilig erschreckte er sie durch die Lebhaftigkeit der Erzählung und seiner Ausdrücke, aber auf Heftigkeit folgte immer rasch wieder Schönheit, und die Tragödie wurde gemildert durch Humor und durch die Erklärungen der sonderbaren Gedankengänge und Wortspiele, die Seeleuten eigentümlich sind.
Und während er sprach, sah das junge Mädchen ihn mit großen, erschrockenen Augen an. Sein Feuer durchglühte sie. Sie fragte sich, ob sie wohl ihr ganzes Leben gefroren hätte. Sie sehnte sich danach, sich an diesen brennenden, flammenden Mann zu lehnen, der wie ein Vulkan Stärke und Gesundheit ausspie. Sie fühlte, daß sie sich an ihn lehnen mußte, und widerstand der Versuchung nur mit Mühe. Aber sie empfand auch den entgegengesetzten Impuls: sie schauderte vor ihm zurück. Sie wurde abgestoßen durch diese zerschundenen Hände, die so von Arbeit verfärbt waren, als sei der Schmutz des Lebens bis in das Fleisch gedrungen, durch den roten Streifen vom Kragen und die schwellenden Muskeln. Seine Rauheit erschreckte sie. Jedes grobe Wort beleidigte ihr Ohr, jedes rohe Erlebnis war ein Hohn auf ihre Seele. Aber immer wieder fühlte sie, wie er sie anzog, bis ihr schien, daß er schlecht sein müßte, da er eine solche Macht über sie hatte. Alles, was am tiefsten in ihr wurzelte, geriet ins Wanken. Der Zauber von Romantik und Abenteuer, der über ihm lag, war ein Angriff gegen alles Herkömmliche. Seinen leicht besiegten Gefahren und seinem stets bereiten Lachen gegenüber war das Leben nicht mehr etwas Ernstes voll Mühe und Zwang, sondern ein Spielzeug, das man nach Belieben drehen und wenden, das man sorglos und freudig leben und lässig beiseite werfen konnte. Deshalb spiele! rief es in ihr. Lehne dich an ihn, wenn du Lust dazu hast, und lege ihm deine Arme um den Hals! Sie hätte gern diesen wilden Gedanken verbannt, und sie suchte vergebens, ihre eigene Reinheit und Kultur, alles, was sie war, in die Waagschale zu werfen gegen das, was er nicht war. Sie sah auf die andern und bemerkte, daß sie ihn aufmerksam und hingerissen anblickten, und sie würde ganz den Mut verloren haben, hätte sie nicht den Schrecken in den Augen ihrer Mutter gesehen – die wohl auch gebannt war, aber dennoch zurückschauderte. Dieser Mann aus der äußersten Finsternis war schlecht. Ihre Mutter sah es, und ihre Mutter hatte recht. Sie wollte sich in dieser Sache wie immer auf das Urteil ihrer Mutter verlassen. Das Feuer, das aus ihm loderte, wärmte nicht mehr, ihre Angst vor ihm war nicht mehr so stark.
Später setzte sie sich an den Flügel und spielte für ihn und gegen ihn, aggressiv, mit dem unklaren Ziel, die unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen zu betonen. Ihre Musik war eine Keule, die sie brutal über seinem Haupte schwang, aber wenn sie ihn auch betäubte und in den Staub warf; so wirkte sie doch anspornend auf ihn. Er starrte sie ehrfürchtig an. Für ihn wie für sie erweiterte sich die Kluft zwischen ihnen; aber noch fester wurde sein ehrgeiziger Entschluß, diese Kluft zu überspringen. Jedoch wurde er von einem zu vielfältigen Komplex von Empfindungen bewegt, als daß er den ganzen Abend hätte ruhig dasitzen und in einen klaffenden Abgrund starren können, namentlich wenn musiziert wurde. Er war merkwürdig empfänglich für Musik. Sie war wie ein feuriger Trank, der seine Gefühle zu ungewohnter Kühnheit anspornte, wie ein Rausch, der seine Phantasie ergriff und sie bis in die Wolken hob. Musik verjagte die schmutzige Wirklichkeit, erfüllte sein Gemüt mit Schönheit, ließ die Romantik frei und gab ihr Schwingen. Er verstand die Musik nicht, die sie spielte. Sie war ganz anders als die Musik, die er kannte: das hämmernde Klavier und die lärmenden Blechkapellen in den Tanzlokalen. Aber er hätte durch die Bücher eine Vorstellung von dieser Art Musik, und er nahm ihr Spiel gläubig auf, wartete anfangs geduldig auf die hüpfenden Takte eines bestimmten einfachen Rhythmus und wurde ganz verwirrt, weil diese Maße so oft wechselten. Gerade wenn er ihre Melodie erfaßt hatte und seine Phantasie harmonisch zum Flug ansetzte, verschwanden sie immer wieder in einem wirren Chaos von Tönen, die ihm nichts bedeuteten, und seine Phantasie stürzte schwer zur Erde zurück.
Plötzlich fiel ihm ein, daß dies ein bewußter Versuch sein mochte, ihn zurückzuweisen. Er fühlte ihre Abwehr und bemühte sich, die Botschaft zu erraten, die ihre Hände durch die Tasten mitteilten. Dann aber schob er diesen Gedanken als unwürdig und unmöglich von sich und überließ sich freier der Musik. Wieder überkam ihn das alte Entzücken. Seine Füße waren nicht mehr erdgebunden, sein Fleisch wurde Geist. Vor und hinter seinem Blick entzündete sich ein mächtiger Strahlenkranz. Er vergaß seine Umgebung und erhob sich im Fluge über eine Welt, die ihm so teuer war. In den Traumbildern, die seiner inneren Schau zuströmten, mischte sich Bekanntes mit Unbekanntem. Er erreichte fremde Häfen in sonnigen Ländern und betrat Marktplätze barbarischer Völker, die kein Mensch je gesehen hatte. Er konnte den Duft der Gewürzinseln spüren, wie er ihn in warmen, stillen Nächten auf See gespürt hatte, er kreuzte gegen den Südostpassat der langen Tropentage, den Passat, der die Palmenwedel der Koralleninseln in das türkisblaue Meer hinter ihm versinken und wieder auftauchen ließ. Diese Bilder kamen und schwanden mit der Schnelligkeit eines Gedankens. In einem Augenblick saß er rittlings auf einem Präriehengst und flog durch das bunte Wüstenland mit seinen Märchenfarben; im nächsten starrte er durch Hitzeflimmer in die bleiche Gruft des Totentals oder ruderte über ein halb zugefrorenes Weltmeer, aus dem sich große Eisinseln hoben und in der Sonne glitzerten. Er lag am Ufer einer Koralleninsel, deren Kokospalmen bis zu der sanftrauschenden Brandung hinunterwuchsen. Auf dem Rumpf eines alten Wracks brannten blaue Flammen, und in ihrem Schimmer tanzten die Hulatänzer zu den fremdartigen Liebesrufen der Sänger, den klimpernden Ukuleles und rasselnden Tom-Toms. Es war eine sinnenerregende tropische Nacht. Im Hintergrund hob sich die dunkle Silhouette eines vulkanischen Kraters vom Sternenhimmel ab. Am Himmel stand ein blasser Halbmond, und tief am Horizont flammte das Kreuz des Südens.
Er war wie eine Harfe; alles Leben, das er bisher gekannt hatte und das sein Bewußtsein bildete, stellte die Saiten der Harfe dar, und die Flut der Musik war der Wind, der gegen die Saiten schlug und sie unter Erinnerungen und Träumen schwingen ließ. Er fühlte nicht nur. Seine Empfindung nahm Form, Farbe und Leuchtkraft an und verkörperte auf erhabene, zauberische Weise, was seine Phantasie wagte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden eins, und er wanderte beschwingt durch die weite, glühende Welt, durch Abenteuer und edle Taten, hin zu ihr – ja, und zusammen mit ihr, die er gewinnen wollte; er schlang seinen Arm um sie und trug sie im Fluge durch das Königreich seines Geistes.
Und als sie ihm über die Schulter hinweg einen verstohlenen Blick zuwarf, sah sie etwas von alledem in seinem Gesicht. Es war ein verklärtes Gesicht mit großen, glänzenden Augen, die durch den Schleier der Töne blickten und dahinter den klopfenden Pulsschlag des Lebens und die mächtigen Phantome des Geistes sahen. Sie erschrak. Der ungehobelte, verlegene Bursche war verschwunden. Die schlechtsitzende Kleidung, die zerschrammten Hände und das sonnverbrannte Gesicht waren noch da, aber nur wie ein Kerkergitter, durch das sie eine große Seele ausschauen sah, stumm und stammelnd, weil die Lippen unfähig waren, ihr Ausdruck zu verleihen. Sie erblickte das alles nur einen flüchtigen Augenblick; dann sah sie wieder den linkischen Burschen und lachte über ihren wunderlichen Einfall. Aber den Eindruck dieses flüchtigen Bildes konnte sie nicht abschütteln, und als der Zeitpunkt kam, da er sich, stolpernd und unsicher, verabschiedete, lieh sie ihm den Band Swinburne, in dem er geblättert hatte, und einen Band Browning – sie hörte gerade Vorlesungen über Browning. Wie er errötend dastand und seinen Dank stammelte, schien er ihr ein solcher Knabe, daß eine Woge mütterlichen Mitleids in ihr aufwallte. Sie dachte weder an den linkischen Burschen noch an die gefangene Seele oder an den Mann, der sie mit all seiner Männlichkeit angestarrt, der sie entzückt und geängstigt hatte. Sie sah nur einen Knaben, der ihre Hand mit einer Hand drückte, die so arbeitshart war, daß sie sich wie ein Reibeisen anfühlte, und ihr die Haut kratzte, einen Knaben, der stockend hervorstieß:
»Die größte Stunde meines Lebens. Wissen Sie, ich bin so was nicht gewohnt…« Er sah sich hilflos um. »Leute und Häuser wie dies. Das ist mir alles neu, und es gefällt mir.«
»Dann besuchen Sie uns hoffentlich wieder«, antwortete sie, als er ihren Brüdern gute Nacht sagte.
Er setzte die Mütze auf, stürzte verzweifelt zur Tür hinaus und war verschwunden.
»Nun, wie findest du ihn?« fragte Arthur.
»Er ist äußerst interessant – ein frischer Luftzug«, erwiderte sie. »Wie alt ist er?«
»Zwanzig – fast einundzwanzig. Ich fragte ihn heute nachmittag. Ich hätte ihn nicht für so jung gehalten.« Und ich bin drei Jahre älter, dachte sie, während sie ihren Brüdern den Gutenachtkuß gab.
Drittes Kapitel
Während Martin Eden die Treppe hinunterging, fuhr seine Hand in die Rocktasche. Sie kam mit einem Stück braunem Reispapier und einer Prise mexikanischem Tabak wieder zum Vorschein, woraus er sich gewandt eine Zigarette rollte. Er sog den ersten Zug tief in die Lunge ein und atmete langsam den Rauch aus. »Bei Gott!« sagte er laut, mit Ehrfurcht und Staunen in der Stimme. »Bei Gott!« wiederholte er. Und noch einmal murmelte er: »Bei Gott!« Dann hob er die Hand zum Kragen, riß ihn ab und stopfte ihn in die Tasche. Ein kalter Staubregen fiel, aber er entblößte den Kopf und knöpfte sich die Weste auf, während er mit einer herrlichen Sorglosigkeit durch die Straßen schlenderte. Er bemerkte kaum, daß es regnete. Er war in Verzückung, träumte herrliche Träume und genoß in Gedanken noch einmal das soeben Erlebte.
Endlich hatte er die Frau getroffen – die Frau, an die er bisher so wenig gedacht hatte, weil er nicht dazu neigte, an Frauen zu denken, wenn er auch unbestimmt erwartet hatte, ihr einmal in der Zukunft zu begegnen. Er hatte neben ihr bei Tisch gesessen. Er hatte ihre Hand in der seinen gefühlt, hatte ihr in die Augen geblickt und den Schimmer einer schönen Seele gesehen – die doch nicht schöner war als die Augen, aus denen sie leuchtete, oder der Körper, der ihr Form und Ausdruck gab. Er dachte nicht mit Begehren an ihren Körper, was neu für ihn war, denn bei den Frauen, die er bisher gekannt, hatte er an nichts anderes gedacht. Aber ihr Leib war nicht solcher Art. Er dachte ihn sich nicht als Leib, den Übeln und Schwächen des Fleisches unterworfen. Ihr Körper war mehr als ein Gewand ihres Geistes, er war eine Ausstrahlung ihrer Seele, eine reine, anmutige Kristallisierung des Göttlichen in ihrem Wesen. Dies Gefühl des Göttlichen überraschte ihn. Es scheuchte ihn aus seinen Träumen und zwang ihn zu ernstem Nachdenken. Nie zuvor hatte er auch nur in Gedanken einen Hauch des Göttlichen empfunden, nie hatte er an das Göttliche geglaubt. Er war stets Freidenker gewesen und hatte gutmütig über die »Himmelslotsen« und ihr Gerede von der Unsterblichkeit der Seele gespottet. Ein Leben nach dem Tode hatte er geleugnet; es gab nur das Jetzt und Hier und dann ewige Finsternis. Was er aber in ihren Augen gesehen hatte, war die Seele – die unsterbliche Seele, die nie erlöschen konnte. Kein Mann, den er bisher gekannt hatte, und keine Frau hatte ihm je eine Botschaft von der Unsterblichkeit gebracht. Sie aber hatte es getan. Sie hatte sie ihm zugeflüstert im ersten Augenblick, als sie ihn anschaute. Während er durch die Straßen schritt, schwebte ihr Gesicht vor ihm, blaß und ernst, süß und empfindsam, mit einem Lächeln, so mitfühlend und sanft, wie nur die seligen Geister lächeln können, und so rein, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Ihre Reinheit traf ihn wie ein Schlag. Sie erschreckte ihn. Er hatte Gut und Böse gekannt, aber an Reinheit als Wesensausdruck hatte er nie gedacht. Und jetzt erkannte er an ihr, daß Reinheit der höchste Grad von Güte und Unschuld war, deren Summe das ewige Leben ausmachte.
Und sofort spornte sein Ehrgeiz ihn an, nach diesem ewigen Leben zu greifen. Er war nicht einmal wert, ihr das Schuhband zu lösen – das wußte er; es war ein Wunder und ein phantastisches Spiel des Schicksals, das ihm an diesem Abend ermöglicht hatte, sie zu sehen, mit ihr zusammen zu sein, mit ihr zu sprechen. Es war Zufall, nicht sein Verdienst. Er verdiente ein solches Glück nicht. Er fühlte sich ganz religiös gestimmt. Er war bescheiden und demütig, von der Erkenntnis seiner eigenen Kleinheit und Unwürdigkeit erfüllt. In solcher Gemütsverfassung drängt es die Sünder zum Beichtstuhl. Er war von seiner Sünde überzeugt. Aber wie die Geringen und Demütigen, wenn sie Buße tun, einen strahlenden Schimmer ihrer eigenen künftigen Größe sehen, so sah auch er einen Schimmer dessen, was er durch ihren Besitz erreichen würde. Die Vorstellung von diesem künftigen Besitz war jedoch unklar und verschwommen. Er war völlig verschieden von der Art Besitz, die er bisher gekannt hatte. Sein Ehrgeiz erhob sich in wahnsinnigem Flug, und er sah, wie er gemeinsam mit ihr die Gipfel des Lebens erklomm, seine Gedanken mit ihr teilte und sich mit ihr an schönen, edlen Dingen freute. Es war ein Besitz der Seele, von dem er träumte, von allem irdisch Groben geläutert, eine freie Kameradschaft der Geister, die er nicht in bestimmte Gedanken fassen konnte. Er dachte sie nicht. In dieser Sache dachte er überhaupt nicht. Sein Gefühl bemächtigte sich der Vernunft, er zitterte und bebte in nie gekannten Erregungen, trieb lustvoll auf einem Meer von Empfindung, wo selbst das Gefühl erhaben und vergeistigt war und ihn auf die Höhen des Lebens trug.
Er schwankte wie ein Betrunkener und murmelte laut und begeistert: »Bei Gott! Bei Gott!«
An einer Straßenecke sah ihn ein Schutzmann mißtrauisch an und bemerkte seinen wiegenden Seemannsgang.
»Wo hast du dir den Rausch geholt?« fragte der Schutzmann. Martin Eden kehrte auf die Erde zurück. Sein Geist war wie ein leichtflüssiger Stoff, der schnell beweglich alle Winkel und Ritzen füllen konnte. Der Anruf des Schutzmanns brachte ihn sofort zu sich, und er erfaßte die Situation klar.
»Der ist nicht schlecht, was?« antwortete er lachend. »Ich wußte gar nicht, daß ich laut redete.«
»Du wirst bald anfangen zu singen«, meinte der Schutzmann.
»Nein, das werd ich nicht. Gib mir ein Streichholz, und ich fahre mit der nächsten Bahn nach Haus.«
Er zündete sich seine Zigarette an, sagte gute Nacht und ging weiter. »Dem hab ich sicher einen Schreck eingejagt«, murmelte er. »Der dachte, ich bin betrunken.« Er lächelte und überlegte. »Das war ich wohl auch«, fügte er hinzu, »aber ich hätte nie gedacht, daß ein Frauengesicht dazu genügt.«
Er stieg in eine Straßenbahn, die von Telegraph Avenue nach Berkeley ging. Sie war überfüllt – lauter junge Burschen, die Lieder sangen und immer wieder den Kriegsruf ihres Colleges ausstießen. Er betrachtete sie mit Interesse. Es waren Studenten. Sie besuchten alle dieselbe Universität wie Ruth, gehörten derselben sozialen Klasse an wie sie, kannten sie vielleicht, sahen sie jeden Tag, wenn sie Lust dazu hatten. Er wunderte sich, daß sie keine Lust dazu hatten, daß sie ausgegangen waren, um sich zu amüsieren, statt heute abend in einem ehrerbietigen, bewundernden Kreis um sie zu sitzen. Seine Gedanken arbeiteten weiter. Er bemerkte einen jungen Mann mit schmalgeschlitzten Augen und schlaffen Lippen. Das ist ein Mistkerl, dachte er. An Bord eines Schiffes würde er einen Schleicher, einen Waschlappen, einen Schwätzer abgeben. Er, Martin Eden, war ein besserer Mann als dieser Bursche. Der Gedanke ermutigte ihn. Es war, als ob er ihn ihr näherbrachte. Er begann, sich mit den anderen Studenten zu vergleichen. Er wurde sich seines Muskelmechanismus bewußt und war überzeugt, daß er ihnen in körperlicher Beziehung überlegen war. Aber ihre Köpfe waren mit einem Wissen gefüllt, das sie befähigte, so zu sprechen, wie sie zu sprechen pflegte. Dieser Gedanke bedrückte ihn. Aber wozu hat man denn einen Kopf? fragte er sich heftig. Was die getan hatten, konnte er auch tun. Sie hatten das Leben in Büchern studiert, während er damit beschäftigt war, das Leben wirklich zu leben. Sein Kopf war genauso voller Wissen wie die ihren, wenn es auch eine andere Art von Wissen war. Wie viele von ihnen konnten wohl einen Taljereepknoten schlingen, ein Ruder bedienen oder Wache stehen? Sein Leben lag vor ihm ausgebreitet in einer ganzen Reihe von Bildern, Bildern von Gefahr und Kühnheit, Mühsal und Härte. Er erinnerte sich der Niederlagen und Schlappen seiner Lehrjahre. Soviel hatte er jedenfalls doch gewonnen: sie mußten später auch hinaus ins Leben und ihre Erfahrungen machen, wie er es getan hatte. Schön! Während sie damit beschäftigt waren, konnte er die andere Seite des Lebens aus Büchern lernen.
Als der Wagen die wenig bebaute Gegend durchfuhr, die Oakland und Berkeley trennte, hielt er Ausschau nach einem wohlbekannten zweistöckigen Gebäude, das an der Straßenfront das stolze Schild »Higginbothams Bar- und Kassageschäft« trug. An dieser Ecke stieg Martin Eden aus. Er starrte einen Augenblick auf das Schild. Es verkündete ihm mehr, als die bloßen Worte besagten. Es war, als ob aus diesen Buchstaben eine kleinliche, egoistische und tückisch berechnende Persönlichkeit hervortrat. Bernard Higginbotham war mit seiner Schwester verheiratet, und er kannte ihn gut. Er öffnete die Haustür und stieg die Treppe hinauf zum zweiten Stock. Hier wohnte sein Schwager. Das Geschäft befand sich unten. Ein Geruch von welkem Gemüse hing in der Luft. Als er sich durch den dunklen Vorplatz tastete, stolperte er über einen Spielzeugwagen, den eines von seinen zahlreichen Neffen oder Nichten hatte stehenlassen, und stieß mit einem Krach, der im ganzen Hause widerhallte, gegen eine Tür. Der Knicker! dachte er. Zu geizig, um für zwei Cent Gas zu brennen, damit sich seine Pensionäre nicht den Hals brechen.
Schließlich fand er den Türgriff und betrat ein erleuchtetes Zimmer, in dem seine Schwester und Bernard Higginbotham saßen. Sie war dabei, ein Paar alte Hosen ihres Mannes zu flicken, und er rekelte seinen mageren Körper auf einem Stuhl, während seine Füße in ganz ausgetretenen Filzpantoffeln von einem zweiten Stuhl herunterbaumelten. Mit dunklen, unehrlichen, stechenden Augen blickte er über den Rand seiner Zeitung hinweg. Martin Eden konnte ihn nie ansehen, ohne daß ihn ein Gefühl des Widerwillens überkam. Was seine Schwester in diesem Manne gesehen hatte, ging über seinen Verstand. Auf ihn wirkte er stets wie ein giftiges Gewürm, und er fühlte immer die Versuchung, ihn unter seinem Absatz zu zertreten. Eines schönen Tages schlage ich ihm doch in die Fresse, sagte er sich oft, um sich darüber zu trösten, daß er die Existenz dieses Mannes dulden mußte. Die wieselartigen, grausamen Augen sahen ihn vorwurfsvoll an.
»Na?« sagte Martin. »Heraus damit!«
»Ich hab erst vorige Woche die Tür streichen lassen«, erklärte Bernard Higginbotham in halb jammerndem, halb keifendem Ton, »und du weißt, wie hoch der Gewerkschaftstarif ist. Du solltest besser achtgeben.«
Martin wollte antworten, sah dann aber ein, daß es zwecklos war. Sein Blick glitt über die unsagbare Gemeinheit dieses Menschen hinweg auf einen Farbendruck an der Wand. Er wunderte sich. Bisher hatte er ihm stets gefallen, jetzt aber schien ihm, als sähe er ihn zum erstenmal. Er war billig, das war es – billig, wie alles andere in diesem Hause. Seine Gedanken kehrten zu dem Heim zurück, das er soeben verlassen hatte, und er sah zuerst die Gemälde und dann sie, die ihn mit zarter Sanftmut angeblickt hatte, als sie ihm die Hand zum Abschied drückte. Er vergaß ganz, wo er war, ja, er vergaß die Existenz Bernard Higginbothams, bis dieser Herr fragte: »Du hast wohl einen Geist gesehen?«
Martin trat auf ihn zu und sah ihm in die kleinen, höhnischen, bösartigen, feigen Augen, und in seiner Vorstellung sah er wie auf einer Leinwand dieselben Augen, wenn ihr Besitzer unten im Laden stand und handelte – unterwürfig, schmeichelnd, voll öliger Liebenswürdigkeit.
»Ja«, antwortete Martin, »ich habe einen Geist gesehen. Gute Nacht. Gute Nacht, Gertrude.«
Er wandte sich zum Gehen, strauchelte aber über einen Riß in dem verschlissenen Teppich.
»Schmeiß nicht die Tür zu«, warnte ihn Herr Higginbotham.
Martin Eden fühlte das Blut in seinen Adern kochen, aber er bezwang sich und schloß vorsichtig die Tür hinter sich.
Herr Higginbotham sah seine Frau triumphierend an.
»Er ist betrunken«, erklärte er heiser flüsternd. »Ich habe es dir ja gesagt.«
Sie nickte resigniert.
»Seine Augen glänzten so«, gab sie zu. »Und er hatte keinen Kragen um, obgleich er mit Kragen weggegangen ist. Aber vielleicht hat er nur ein paar Glas getrunken.«
»Er konnte ja nicht auf den Beinen stehen«, versicherte ihr Mann. »Ich hab ihn beobachtet. Er konnte nicht über den Fußboden gehen, ohne zu stolpern. Du hast ja selbst gehört, daß er auf dem Vorplatz beinahe fiel.«
»Ich glaube, er stolperte über Alices Wagen«, sagte sie. »Er konnte ihn im Dunkeln nicht sehen.«
Bernard Higginbothams Zorn wuchs, und seine Stimme hob sich. Den ganzen Tag im Laden hielt er sich zurück, abends aber, wenn er mit seiner Familie zusammen war, behielt er sich das Recht vor, er selbst zu sein.
»Ich sage dir, dein Prachtkerl von Bruder war besoffen.«
Seine Stimme klang kalt, scharf und gebieterisch, und die Lippen prägten jedes Wort so hart wie eine Stanzmaschine. Seine Frau seufzte und schwieg. Sie war groß und stark, stets nachlässig gekleidet und stets müde von den Lasten, die sie zu tragen hatte: ihren Schwangerschaften, ihrer Arbeit und ihrem Mann.
»Das steckt in ihm, sage ich dir, er hat es von seinem Vater«, fuhr Bernard Higginbotham vorwurfsvoll fort. »Und er wird in der Gosse enden wie der. Das weißt du auch.«
Sie nickte, seufzte und nähte weiter. Sie waren sich einig, daß Martin betrunken heimgekommen war. Ihre Seelen hatten kein Gefühl für Schönheit, sonst hätten sie gewußt, daß die strahlenden Augen und das glühende Gesicht von der ersten Liebe des jungen Mannes erzählten.
»Er gibt den Kindern ein schönes Beispiel!« fauchte Herr Higginbotham plötzlich und unterbrach damit die Pause, die seine Frau verschuldet hatte und die ihn ärgerte. Zuweilen wünschte er fast, daß sie ihm mehr widersprechen würde. »Wenn das noch einmal vorkommt, dann muß er raus, verstehst du! Ich dulde die Sauferei nicht. Er verdirbt nur die unschuldigen Kinder mit seinen Ausschweifungen!« Der Ausdruck gefiel Herrn Higginbotham, er war neu in seinem Wortschatz und erst kürzlich aus einem Zeitungsartikel aufgelesen. »Das ist es, Ausschweifungen – man kann es nicht anders nennen.«
Aber seine Frau seufzte immer noch, schüttelte traurig den Kopf und nähte weiter. Herr Higginbotham machte sich wieder an seine Zeitung.
»Hat er Kostgeld und Miete für die letzte Woche bezahlt?« fragte er über den Rand seiner Zeitung hinweg. Sie nickte und fügte dann hinzu: »Er hat noch etwas Geld.«
»Wann geht er wieder zur See?«
»Wenn seine Heuer verbraucht ist, denke ich«, antwortete sie. »Er war gestern in San Franzisko, um sich nach einem Schiff umzusehen. Aber er hat noch Geld, und er ist wählerisch darin, auf welchem Schiff er anmustert.«
»Das steht einem solchen Rumtreiber an, vornehm zu tun!« schnaufte Herr Higginbotham verächtlich. »Wählerisch! So einer!«
»Er sprach von einem Schoner, der klargemacht würde, um irgendwohin ins Ausland zu fahren und nach vergrabenen Schätzen zu suchen, und daß er mit dem segeln wollte, wenn sein Geld so lange reichte.«
»Wenn er nur mal Ruhe geben würde, dann könnte ich ihn als Kutscher gebrauchen«, sagte ihr Mann, doch ohne eine Spur von Wohlwollen im Ton. »Tom ist gegangen.« Seine Frau sah ihn besorgt und fragend an.
»Ist heute abend gegangen. Wird für Carruthers arbeiten. Sie bezahlen ihm mehr, als ich geben kann.«
»Ich sagte dir ja, daß du ihn nicht behalten würdest«, rief sie. »Er war mehr wert, als du ihm gabst.«
»Nun hör mal, Alte«, polterte Higginbotham. »Zum tausendstenmal sage ich dir jetzt, daß du dich nicht in meine Geschäfte mischen sollst. Jetzt sag ich’s dir zum letztenmal.«
»Das ist mir einerlei«, weinte sie. »Tom war ein braver Junge.«
Ihr Mann sah sie wütend an. Das war ungebührlicher Trotz.
»Wenn dein Lümmel von Bruder auch nur das geringste taugen würde, dann könnte er den Wagen fahren«, schnob er sie an.
»Er bezahlt aber doch Kost und Logis«, lautete die Antwort. »Und er ist mein Bruder, und solange er dir kein Geld schuldet, hast du kein Recht, ihn bei jeder Gelegenheit zu beschimpfen. Ich hab doch auch Gefühl im Leibe, wenn ich auch sieben Jahre mit dir verheiratet bin.«
»Hast du ihm auch gesagt, daß du was extra für Gas verlangst, wenn er noch weiter abends im Bett liest?« fragte er.
Frau Higginbotham antwortete nicht. Ihre Empörung erlosch, der Mut, den ihr müder Körper hatte aufbringen können, schwand wieder. Ihr Mann triumphierte. Er hatte sie matt gesetzt. Ein rachgieriger Ausdruck trat in seine Augen, während er sich an ihrem unterdrückten Weinen weidete. Es machte ihm großes Vergnügen, sie zu quälen, und sie ließ sich jetzt leicht unterjochen. In den ersten Jahren ihrer Ehe, als die große Kinderschar und sein ewiges Nörgeln ihre Lebenskraft noch nicht untergraben hatten, war es anders gewesen.
»Also du sagst es ihm morgen, erledigt«, sagte er. »Und ehe ich es vergesse, laß morgen Marian kommen, damit sie auf die Kinder achtet. Da Tom gegangen ist, muß ich selbst den Wagen fahren, und du mußt dich darauf einrichten, den ganzen Tag im Laden zu stehen.«
»Aber morgen ist Waschtag«, protestierte sie schwach.
»Dann steh früh auf und wasch vorher. Ich fahre erst um zehn.«
Er raschelte boshaft mit der Zeitung und begann wieder zu lesen.
Viertes Kapitel
Martin Eden, dessen Blut immer noch vor Zorn über den Zusammenstoß mit seinem Schwager kochte, tastete sich über den unbeleuchteten Flur und erreichte sein Zimmer, eine winzige Mädchenkammer, in der gerade Platz für ein Bett, einen Waschtisch und einen Stuhl war. Bernard Higginbotham war zu sparsam, um ein Mädchen zu halten, wenn seine Frau die Arbeit tun konnte, und außerdem könnten sie auf diese Weise zwei Pensionäre statt einen aufnehmen. Martin legte den Swinburne und den Browning auf den Stuhl, zog den Rock aus und setzte sich auf den Bettrand. Ein Krachen der asthmatischen Federn war die Antwort auf das Gewicht seines Körpers, aber er bemerkte es nicht. Er begann sich die Schuhe auszuziehen, hielt aber inne und starrte auf die Wand, deren geweißte Fläche von langen braunen Streifen unterbrochen wurde – dort, wo der Regen durchs Dach gesickert war. Und auf diesem schmutzigen Hintergrund flammten jetzt die Visionen auf. Er vergaß seine Schuhe und starrte lange vor sich hin, bis sich schließlich seine Lippen bewegten und den Namen Ruth murmelten.
»Ruth!« Nie hätte er gedacht, daß ein einfacher Laut so schön sein könnte. Er entzückte sein Ohr und berauschte ihn, sooft er ihn wiederholte. »Ruth!« Das war ein Talisman, eine Zauberformel! Sobald er diesen Namen murmelte, stand ihr Gesicht leuchtend vor ihm und überflutete die schmutzige Wand mit goldenem Glanz. Und dieser Glanz beschränkte sich nicht auf die Wand. Er verbreitete sich bis ins Unendliche, und durch seine goldene Tiefe suchte seine Seele die ihre. Das Beste in ihm löste sich in einem mächtigen, herrlichen Strom. Der bloße Gedanke an sie veredelte und läuterte ihn, machte ihn besser und erweckte in ihm die Sehnsucht, noch besser zu werden. Dies war etwas Neues für ihn. Noch nie hatte er Frauen gekannt, die ihn besser gemacht hatten. Sie hatten stets die entgegengesetzte Wirkung auf ihn ausgeübt und ihn tierisch gemacht. Er wußte nicht, daß viele von ihnen ihr Bestes getan hatten, so wenig es auch sein mochte. Er hatte nie viel über sich nachgedacht, und er wußte nicht, daß er in seinem Wesen das hatte, was die Liebe der Frauen gewann. Hatten sie ihn auch oftmals gequält, so hatte er sich doch keine Mühe um sie gegeben, und er ahnte nicht, daß es Frauen gab, die bessere Menschen geworden waren, weil sie ihn getroffen hatten. Er hatte sein Leben bisher in erhabener Gleichgültigkeit gelebt, und jetzt kam es ihm vor, als hätten sie ihn stets bedrängt und schamlos die Hände nach ihm ausgestreckt. Das war weder gerecht gegen sie noch gegen sich selber. Aber es war das erstemal, daß er zum Bewußtsein seiner selbst kam, und er war nicht imstande, klar zu urteilen, sondern brannte vor Scham, als er seine Schändlichkeit bedachte.
Er stand hastig auf und versuchte, sich in dem blinden Spiegel über dem Waschtisch zu betrachten. Er rieb ihn mit einem Handtuch ab und musterte sich wieder, lange und sorgfältig. Es war das erstemal, daß er sich wirklich ansah. Seine Augen waren zum Sehen geschaffen, aber bis zu diesem Augenblick hatten sie nur das ewig wechselnde Panorama der Welt aufgefangen, das ihm keine Zeit gelassen hatte, sich selbst zu betrachten. Jetzt sah er das Gesicht eines zwanzigjährigen Burschen; da ihm aber solche Prüfung ungewohnt war, konnte er es nicht beurteilen. Über einer breiten, gewölbten Stirn sah er einen Schwall nußbraunen, welligen und leichtgelockten Haares, das eine Freude für die Frauen war und ihre Hände danach verlangen ließ, es zu streicheln und zärtlich hindurchzufahren. Aber das überging er als wertlos in IHREN Augen. Lange und sinnend verweilte er bei der hohen, breiten Stirn und versuchte hinter sie zu dringen, um zu sehen, was dort wohnen mochte. Was für eine Art Hirn lag dort drinnen – das fragte er sich die ganze Zeit. Was vermochte es? Wie weit konnte es ihn bringen? Würde es ihn wohl zu ihr bringen?
Er fragte sich dann, ob Seele in diesen großen, stahlgrauen Augen lag, die zuweilen ganz blau waren und klar vom Salzhauch der sonnigen See. Er grübelte auch, welchen Eindruck seine Augen auf sie gemacht haben mochten. Er versuchte, sich an ihre Stelle zu versetzen, wenn sie ihm in die Augen sah, aber hier scheiterte seine Phantasie. Wohl konnte er sich in die Gedanken anderer versetzen, aber es mußten Menschen sein, deren Lebensweise er kannte. Ihre Lebensweise kannte er nicht. Sie war ein Wunder, ein Rätsel, und wie konnte er auch nur einen einzigen ihrer Gedanken erraten? Nun ja, es waren ehrliche Augen, so schloß er, und es war nichts Kleines oder Gemeines in ihnen. Sein braunes, sonnenverbranntes Gesicht überraschte ihn, denn er hatte nicht geahnt, daß er so dunkel war. Er schob den Hemdsärmel zurück und verglich die Haut seiner Arme mit diesem Gesicht. Ja, ein Weißer war er doch! Aber die Arme waren auch verbrannt. Er drehte den Arm, rollte mit der andern Hand den Bizeps beiseite und betrachtete die Unterseite, die von der Sonne am wenigsten verbrannt war. Sie war sehr weiß, und er lachte über sein bronzebraunes Gesicht im Spiegel bei dem Gedanken, daß es einmal ebenso weiß wie die Innenseite seines Arms gewesen war; aber er ließ sich nicht träumen, daß es nur wenige blasse, elfenhafte Frauen gab, die eine hellere, glattere Haut als die seine hatten – heller als seine dort war, wo die Sonne sie nicht verbrennen konnte.
Sein Mund wäre der eines Cherubs gewesen, hätten die vollen, sinnlichen Lippen sich nicht in erregten Augenblicken fest über den Zähnen geschlossen. Zuweilen schlossen sie sich so fest, daß der Mund barsch und streng, ja fast asketisch wurde. Es waren die Lippen eines Mannes, der zu kämpfen und zu lieben verstand. Sie konnten die Süße des Lebens schmecken und sich an ihr freuen, und sie konnten die Süße beiseite schieben und das Leben beherrschen. Das Kinn und die kräftigen Kieferbogen, die eine handfeste Angriffslust nur eben andeuteten, halfen den Lippen, das Leben zu beherrschen. Kraft beherrschte die Sinnlichkeit und hatte eine heilsame Wirkung auf sie, denn sie zwang ihn, nur Schönheit zu lieben, die natürlich war, und nur auf Sinneseindrücke zu reagieren, die gesund waren. Und zwischen diesen Lippen lagen zwei Reihen Zähne, die nie einen Zahnarzt gekannt oder gebraucht hatten. Sie waren weiß, stark und regelmäßig, fand er, als er sie prüfend betrachtete. Aber während er sie betrachtete, begann er unruhig zu werden. Irgendwo in einem geheimen Winkel seines Gehirns lebte als dunkle Erinnerung der Eindruck, daß es Leute gäbe, die sich täglich die Zähne putzten; das waren die Leute hoch oben auf der sozialen Stufenleiter, die Menschen ihrer Klasse. Sie bürstete sich sicher täglich die Zähne. Was würde sie sagen, wenn sie erfuhr, daß er sich noch nie im Leben die Zähne geputzt hatte? Er beschloß, sich eine Zahnbürste zu kaufen und sich an ihre Benutzung zu gewöhnen. Gleich morgen wollte er damit beginnen. Nicht allein durch große Taten konnte er sie zu gewinnen hoffen. Er mußte seine ganze Lebensführung verändern, er mußte sich die Zähne putzen und sich daran gewöhnen, mit gestärkter Wäsche zu gehen, obwohl ein steifer Kragen ihm wie eine Beschränkung seiner Freiheit vorkam.
Er hob die Hand, rieb mit dem Daumenballen die schwielige Innenfläche und sah den Schmutz, der gleichsam in die Haut gewachsen war und den keine Bürste entfernen konnte. Wie anders war doch ihre Hand! Bei der Erinnerung an sie durchschauerte es ihn angenehm. Wie ein Rosenblatt, dachte er, kühl und weich wie eine Schneeflocke. Nie hatte er gedacht, daß eine Frauenhand so herrlich weich sein könnte. Er ertappte sich auch bei dem Gedanken, wie wunderbar es sein mußte, von einer solchen Hand liebkost zu werden, und eine schuldbewußte Röte färbte seine Wangen. Dieser Gedanke war zu grob – irdisch; irgendwie schien er ihrer hohen Geistigkeit zu widersprechen. Sie war eine blasse, feine Elfe, hoch erhaben über die Gier des Fleisches; aber dennoch konnte er sich nicht von dem Gedanken an ihre weiche Hand frei machen. Er war an die harten Hände der Fabrikmädel und Arbeiterfrauen gewöhnt.
Nun ja, er wußte ja gut, warum deren Hände hart waren, aber ihre Hand… sie war weich, weil sie nie damit gearbeitet hatte. Der klaffende Abgrund zwischen ihnen wurde größer als je bei dem Gedanken, daß es Menschen gab, die nie für ihr Brot hatten arbeiten müssen. Er sah plötzlich den Adel des Menschen, der nie arbeitete. Wie eine Bronzestatue ragte er vor ihm auf, hochmütig und mächtig. Er selbst hatte gearbeitet; seine ersten Erinnerungen schon schienen mit Arbeit verknüpft zu sein. Und seine ganze Familie hatte gearbeitet. Gertrude zum Beispiel! Waren ihre Hände nicht hart von der endlosen Hausarbeit, so waren sie von der Wäsche geschwollen und rot wie Rindfleisch. Und seine Schwester Marian! Sie hatte letzten Sommer in der Konservenfabrik gearbeitet, und ihre hübschen, schmalen Hände waren über und über mit Narben von den Tomatenmessern bedeckt. Dazu hatte sie im Winter zuvor zwei Fingerspitzen durch die Schneidemaschine in der Tütenfabrik verloren. Er gedachte der harten Hände seiner Mutter, als sie im Sarge lag. Und sein Vater hatte bis zum allerletzten Atemzug gearbeitet, und als er starb, war die Hornhaut an seinen Händen wohl einen halben Zoll dick gewesen. Ihre Hände waren weich, ebenso wie die Hände ihrer Mutter und ihrer Brüder. Dieses letzte kam ihm wie ein Überfall, es zeigte so furchtbar deutlich die Hoheit ihrer Kaste und den ungeheuren Abstand zwischen ihr und ihm.
Mit einem bitteren Lachen ließ er sich auf das Bett fallen und zog sich die Schuhe aus. Er war ein Narr. Er hatte sich von dem Gesicht und den weißen, weichen Händen einer Frau berauschen lassen. Und plötzlich erschien ein neues Bild auf der schmutzigen geweißten Wand. Er sah sich selbst vor einer düsteren Mietskaserne stehen. Es war eine Nacht im Osten Londons, und vor ihm stand Margey, eine kleine Fabrikarbeiterin von fünfzehn Jahren. Er hatte sie nach dem »Bohnenfest« heimbegleitet. Sie wohnte in dem finsteren Gebäude, das selbst als Schweinekoben zu schlecht war. Er reichte ihr die Hand zum Abschied, und sie hob ihm den Mund entgegen, damit er sie küßte. Aber er wollte sie nicht küssen. Er fürchtete sich irgendwie vor ihr. Da aber schloß sich ihre Hand mit fieberhaftem Druck über der seinen, er fühlte, wie ihre Schwielen gegen die seinen rieben, und eine Woge innigen Mitleids wallte ihn ihm auf. Er sah den sehnsüchtigen, hungrigen Ausdruck in ihren Augen, und wie die kleine, unterernährte Gestalt aus ihrer Kindlichkeit wild und gehetzt zur Reife drängte. Da schlang er mit unendlicher Nachsicht die Arme um sie, beugte sich zu ihr hinab und küßte sie auf den Mund. Er hörte noch den kleinen Freudenschrei, den sie ausstieß, und er fühlte, wie sie sich wie eine Katze an ihn klammerte. Arme, verkümmerte Kleine! Er starrte weiter auf die Vision dessen, was vor langer, langer Zeit geschehen war. Das Blut rollte schneller durch seine Adern, wie es in jener Nacht getan, als sie sich an ihn klammerte und sein Herz vor Mitleid schwoll. Es war ein graues Bild, schmutziggrau, und trübe rieselte der Regen auf die Pflastersteine. Dann aber erstrahlte die Wand in Glorie, das Bild verschwand, und statt seiner leuchtete IHR blasses Antlitz unter der goldenen Haarkrone, fern und unerreichbar wie ein Stern.
Er nahm den Browning und den Swinburne vom Stuhl und küßte die Bücher. Trotzdem hat sie mich aufgefordert, wiederzukommen, dachte er. Wieder warf er einen Blick in den Spiegel und sagte dann laut, mit tiefem Ernst:
»Martin Eden, gleich morgen früh gehst du in die Volksbibliothek und liest darüber nach, wie man sich zu benehmen hat. Verstanden?«
Er drehte das Gas aus, und die Federn kreischten unter seinem Gewicht.
»Aber du darfst nicht mehr fluchen, Martin. Hörst du, Alter, du darfst nicht mehr fluchen«, sagte er laut.
Dann schlief er ein und hatte Träume, die sich an Kühnheit nur mit den Träumen eines Opiumrauchers messen konnten.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen erwachte er aus seinen rosigen Träumen in einer dampfigen Luft, die nach Seifenlauge und schmutziger Wäsche roch und von den schreienden Disharmonien eines zerquälten Lebens vibrierte. Als er sein Zimmer verließ, hörte er Wasserplätschern, scharfes Schelten und eine schallende Backpfeife: seine Schwester ließ ihren Ärger an einem ihrer vielen Kinder aus. Das Schreien des Kindes durchbohrte ihn wie ein Messer. Er war sich bewußt, daß das alles, ja selbst die Luft, die er atmete, niedrig und widerwärtig war. Wie anders, dachte er, ist doch die Atmosphäre von Schönheit und Ruhe in dem Heim, das Ruth bewohnt. Dort ist alles Geist, hier alles Materie, elende Materie.
»Komm her, Alfred!« rief er dem weinenden Kinde zu und griff gleichzeitig in die Hosentasche, wo er sein Geld lose mit sich trug, großzügig und sorglos, wie er immer und überall im Leben war. Er drückte dem kleinen Burschen ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück in die Hand und hielt ihn einen Augenblick in seinen Armen, bis er aufhörte zu schluchzen. »So, jetzt läufst du hin und kaufst dir Malzbonbons, und gib deinen Geschwistern auch etwas ab. Aber paß auf, daß du die kriegst, von denen man am längsten etwas hat.«
Seine Schwester hob das gerötete Gesicht vom Waschzuber und sah ihn an.
»Zehn Cent wären auch genug gewesen«, sagte sie. »Aber das sieht dir ähnlich, keine Ahnung vom Wert des Geldes. Das Kind überfrißt sich ja nur.«
»Laß nur, Trudel!« sagte er gutmütig, »um mein Geld kümmere ich mich schon selbst. Wenn du nicht so viel zu tun hättest, würde ich dir einen Gutenmorgenkuß geben.«
Er wäre gern liebevoll zu seiner Schwester gewesen, die gut war und ihn, wie er wußte, auf ihre Art liebte. Aber sie wurde gleichsam mit den Jahren immer weniger sie selbst und immer schwerer zu verstehen. Die harte Arbeit, die vielen Kinder und das ewige Genörgel des Mannes hatten sie verändert, dachte er. Ihm schien plötzlich, als werde ihr ganzes Wesen von welkem Gemüse, dampfender Seifenlauge und dem schmutzigen Kleingeld geprägt, das sie am Ladentisch kassierte.
»Pack dich und iß dein Frühstück«, sagte sie barsch, obwohl sie sich innerlich über seine Bemerkung freute, denn von dem ganzen Nomadenstamm der Brüder war er immer ihr Liebling gewesen.
»Ich möchte wirklich einen Kuß von dir«, sagte sie in einer plötzlichen Herzensregung.
Mit Daumen und Zeigefinger strich sie sich den tropfenden Seifenschaum zuerst vom einen Arm und dann vom andern. Er legte die Arme um ihren plumpen Leib und küßte ihre naßkalten Lippen. Sie bekam Tränen in die Augen, nicht weil sie soviel dabei fühlte, sondern weil sie von der ewigen Überanstrengung geschwächt war. Sie schob ihn von sich, aber er hatte ihre tränenfeuchten Augen noch gesehen.
»Nimm dir selbst das Essen aus den Ofen«, sagte sie hastig. »Jim wird jetzt auch aufgestanden sein. Ich mußte wegen der Wäsche so früh heraus. Aber mach, daß du so bald wie möglich aus dem Hause kommst. Tom ist gegangen, und kein anderer kann den Wagen fahren als Bernard. Das wird kein guter Tag heute.«
Martin ging schweren Herzens in die Küche, während das Bild ihres roten Gesichtes und ihrer vernachlässigten Gestalt sich wie ätzende Säure in sein Hirn fraß. Sie könnte ihn vielleicht lieben, wenn sie nur Zeit dazu hätte, sagte er sich. Aber sie arbeitete sich tot. Bernard Higginbotham war ein Schuft, daß er seine Frau sich so abrackern ließ. Andererseits jedoch fühlte er, daß nichts Schönes in dem Kuß gewesen war. Es war richtig, es war an sich etwas Ungewöhnliches. Seit vielen Jahren hatten sie sich nur geküßt, wenn er von einer Fahrt kam oder auf Fahrt ging. Aber der Kuß hatte nach Seifenschaum geschmeckt, und er hatte bemerkt, daß ihre Lippen seltsam schlaff waren. Es war kein frischer, kräftiger Druck von Lippe zu Lippe gewesen, wie ein Kuß sein sollte, es war der Kuß einer müden Frau, die so lange müde gewesen ist, daß sie vergessen hat, wie man küßt. Er dachte daran, wie sie als junges Mädchen gewesen war, als sie nach hartem Tagewerk in der Wäscherei ganze Nächte hindurch tanzen konnte und sich nicht im geringsten fürchtete, direkt vom Ball an die Plackerei des neuen Tages zu gehen. Und dann dachte er an Ruth und an die kühle Süße, die auf ihren Lippen sein mußte, so wie sie in ihrem ganzen Wesen war. Ihr Kuß mußte wie ihr Händedruck oder wie ihr Blick sein, fest und freimütig. In Gedanken wagte er es, sich ihre Lippen auf den seinen vorzustellen, und so lebhaft war seine Einbildungskraft, daß ihm in Gedanken schwindelte und er ein Gefühl hatte, als triebe er dahin durch Wolken von Rosenblättern, die sein Hirn mit ihrem Duft füllten.
In der Küche fand er Jim, den andern Pensionär, der sehr langsam und widerstrebend, mit einem matten, abwesenden Ausdruck in den Augen, Grütze aß. Jim war ein Klempnerlehrling, dessen schwaches Kinn und zu Ausschweifungen neigendes Temperament nebst einem gewissen nervösen Stumpfsinn seine Aussichten im Kampf um das tägliche Brot nicht sehr rosig erscheinen ließen.
»Warum ißt du nicht?« fragte er, als Martin melancholisch in der kalten, halbgaren Hafergrütze zu rühren begann. »Warst du gestern abend wieder besoffen?«
Martin schüttelte den Kopf. Er war niedergeschlagen durch diese ganze unsagbar schmutzige Umgebung. Ruth Morse schien ihm weiter entfernt denn je.
»Aber ich«, fuhr Jim mit einem prahlerischen, nervösen Kichern fort. »Ich war voll bis oben hin. Oh, ich hatte mächtig einen sitzen! Billy brachte mich nach Hause.«
Martin nickte, zum Zeichen, daß er gehört hatte – er besaß die angeborene Gewohnheit, alles zu hören, was man ihm erzählte –, und goß sich eine Tasse lauwarmen Kaffee ein.
»Gehst du heute abend in den Lotus-Klub tanzen?« fragte Jim. »Es wird frisch angestochen, und wenn die ganze Bande aus Temescal kommt, setzt es sicher was. Mir ist es egal. Ich gehe trotzdem mit meiner Kleinen hin. Pfui Teufel, was für einen Geschmack ich im Mund habe!«
Er schnitt ein Gesicht und versuchte den schlechten Geschmack mit Kaffee hinunterzuspülen.
»Kennst du Julia?«
Martin schüttelte den Kopf.
»Das ist meine Kleine«, erklärte Jim, »und sie ist großartig. Ich würde dich ihr vorstellen, aber du würdest sie mir bloß ausspannen. Ich verstehe nicht, was die Weiber an dir finden, wahrhaftig, aber es ist geradezu ekelhaft, wie du sie den andern wegschnappst.«
»Ich hab dir nie eine weggeschnappt«, antwortete Martin gleichgültig. Das Frühstück mußte irgendwie überstanden werden.
»Das hast du doch«, ereiferte sich der andere. »Denkst du nicht mehr an Maggie?«
»Hab nie mit ihr zu tun gehabt, nie mit ihr getanzt, außer an dem einen Abend.«
»Ja, eben!« rief Jim. »Du hast nur mit ihr getanzt und sie angeguckt, und alles war aus. Natürlich hast du dir nichts dabei gedacht, aber ich war abgehängt. Sie wollte mich nicht mehr ansehen, fragte nur nach dir. Sie war ganz toll darauf, dich wiederzutreffen, wenn du nur gewollt hättest.«
»Aber ich wollte nicht.«
»War gar nicht nötig. Ich bekam jedenfalls den Laufpaß.« Jim blickte ihn bewundernd an. »Wie stellst du das bloß an, Mart?«
»Ich mache mir nichts aus ihnen«, lautete die Antwort.
»Du meinst, du tust so, als ob du dir nichts aus ihnen machst?« forschte Jim eifrig.
Martin bedachte sich einen Augenblick, dann antwortete er: »Vielleicht genügt das, aber bei mir ist es doch noch anders, glaub ich. Ich hab mir nie was aus ihnen gemacht… jedenfalls nicht viel. Wenn du so tun kannst, als ob, wird es höchstwahrscheinlich auch gehen.«
»Du hättest gestern abend in Rileys Scheune sein sollen«, sagte Jim ganz unvermittelt. »Verschiedene von den Jungens gingen in den Ring. Da war ein Prachtkerl aus West-Oakland. Sie nannten ihn ›die Ratte‹. Glatt wie ‘n Aal. War nicht zu packen. Wir wünschten alle, du wärst dagewesen. Wo warst du eigentlich?«
»In Oakland«, erwiderte Martin.
»Im Theater?«
Martin schob den Teller zurück und stand auf.
»Kommst du heute abend zum Tanzen?« rief Jim ihm nach.
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete er.
Er ging die Treppe hinunter, trat auf die Straße und atmete in tiefen Zügen die frische Luft ein. In der Atmosphäre oben war er fast erstickt, und das Geschwätz des Klempnerlehrlings hatte ihn verrückt gemacht. Mehrmals war er nahe daran gewesen, Jims Gesicht in den Grützeteller zu tauchen. Je mehr der schwatzte, desto ferner schien ihm Ruth. Wie konnte er, zusammengepfercht mit solchem Vieh, ihrer je würdig werden? Er war erschrocken über das Problem, dem er gegenüberstand, und seine Zugehörigkeit zu der arbeitenden Klasse drückte ihn wie ein Alp. Alles war bestrebt, ihn untenzuhalten: seine Schwester, deren Haus und Familie, der Lehrling Jim, jeder, den er kannte, alles, was ihn mit diesem Leben verknüpfte. Das Leben schmeckte ihm nicht mehr. Bis jetzt hatte er es so, wie er und seine Umgebung es lebten, als etwas Gutes hingenommen. Er hatte sich nie den Kopf darüber zerbrochen, außer wenn er Bücher las; aber damals waren diese Bücher nur Märchen, Märchenbücher von einer schöneren, unmöglichen Welt. Doch jetzt hatte er diese Welt als etwas Mögliches und Wirkliches gesehen, noch dazu mit einer Blume von Weib namens Ruth als Mittelpunkt; und von jetzt an mußte er den bitteren Geschmack schmerzender Sehnsucht und eine Hoffnungslosigkeit spüren, die ihn um so schlimmer quälte, als sie immer wieder von Hoffnung genährt wurde.
Er hatte zwischen den Volksbibliotheken von Berkeley und Oakland geschwankt und entschloß sich für die Oakländer, weil Ruth in Oakland wohnte. Wer konnte es wissen? – Eine Bibliothek war ein Ort, wo sie zu Hause war, und vielleicht traf er sie dort. Er wußte nicht Bescheid in Bibliotheken, und er irrte an endlosen Reihen von Romanen vorbei, bis das junge Mädchen mit den feinen französischen Zügen, das anscheinend die Aufsicht über die Abteilung führte, ihm sagte, daß die Handbücherei sich oben befand. Er war zu unbewandert, um den Mann am Tische zu fragen, und machte seine ersten Versuche in der philosophischen Abteilung. Er hatte wohl von Philosophie gehört, aber nicht gedacht, daß so viel darüber geschrieben worden war. Die hohen Regale, die sich unter der Last der schweren Bände bogen, demütigten ihn und spornten ihn gleichzeitig an. Hier gab es Arbeit für sein kräftiges Gehirn. In der mathematischen Abteilung fand er Bücher über Trigonometrie, und er überflog hastig die Seiten und starrte auf die sinnlosen Formeln und Figuren. Englisch konnte er lesen, aber die Sprache, die er hier sah, war ihm völlig fremd. Norman und Arthur aber kannten sie. Er hatte sie in dieser Sprache reden hören. Und sie waren Brüder. Verzweifelt verließ er die Regale. Es war, als ob die Bücher von allen Seiten auf ihn einstürmten und ihn unter sich begruben. Nie hatte er sich träumen lassen, daß der Vorrat menschlichen Wissens so riesig sei. Er war erschrocken. Wie konnte sein Kopf je das alles bewältigen? Später fiel ihm ein, daß andere Männer, viele Männer damit fertig geworden waren; und mit unterdrückter Leidenschaft schwor er einen wilden Eid, daß sein Kopf auch schaffen sollte, was der ihre geschafft hatte.
Und so ging er denn weiter, zwischen Entmutigung und Entzücken schwankend, und starrte auf die von Gelehrsamkeit strotzenden Regale. Auf einem, das verschiedenartige Literatur enthielt, stieß er auf ein Exemplar von ›Norrie’s Epitome‹. Er durchblätterte es ehrfurchtsvoll. Irgendwie redete es eine verwandte Sprache. Er und das Buch, sie beide gehörten dem Meere an. Dann fand er einen Band von Bowditch und Bücher von Leckey und Marshall. Da wußte er es: er wollte Navigation lernen. Er wollte kein Glas mehr anrühren, wollte arbeiten und Kapitän werden. Ruth schien ihm in diesem Augenblick ganz nahe. Als Kapitän konnte er sie heiraten (wenn sie ihn haben wollte), und wenn sie nicht wollte, nun ja, dann wollte er um ihretwillen als Mann unter Männern leben und jedenfalls nicht mehr trinken. Dann fielen ihm die Assekuradeure und Reeder ein, die zwei Herren, denen ein Kapitän dienen muß, wenn er sich nicht den Hals brechen will, und deren Interessen einander strikt entgegenlaufen. Er blickte sich in dem Raum um, schloß die Augen und sah all die zehntausend Bücher vor sich. Nein, er wollte nichts mehr mit der See zu tun haben. In diesem Überfluß von Büchern war Macht, und wenn er Großes verrichten wollte, so mußte er es zu Lande tun. Übrigens durfte ein Kapitän auch seine Frau nicht mit an Bord nehmen.
Es wurde Mittag, und es wurde Nachmittag. Er vergaß zu essen und suchte weiter nach Büchern über den guten Ton, denn außer der Sorge um seine Laufbahn quälte ihn ein einfaches und ganz gegenständliches Problem. Wie bald kann man einen Besuch wiederholen, wenn eine junge Dame einen dazu auffordert, so fragte er sich. Als er aber das betreffende Regal fand, suchte er vergebens nach einer Antwort. Er war entsetzt über das riesige Gebäude der Etikette und verlor sich in einem Labyrinth von Regeln über den Gebrauch von Visitenkarten in der guten Gesellschaft. Er gab es auf, weiter zu suchen. Er hatte nicht gefunden, was er brauchte; das einzige, was er entdeckte, war, daß es einen Menschen ganz in Anspruch nahm, wenn er nach den Regeln der Höflichkeit leben wollte, und daß er zunächst die Zeit damit verbringen müßte, Höflichkeit zu lernen.
»Haben Sie gefunden, was Sie suchten?« fragte ihn der Mann am Pult, als er ging.
»Ja«, antwortete er. »Sie haben eine sehr schöne Bibliothek.«
Der Mann nickte. »Wir würden uns freuen, wenn Sie öfter wiederkämen. Sind Sie Seemann?«
»Ja«, antwortete er. »Und ich komme wieder.«
Woher weiß er das nur? fragte er sich, als er die Treppe hinunterschritt.
Und bis zur nächsten Straßenecke ging er sehr steif und gerade und linkisch, dann aber verlor er sich in Gedanken und verfiel wieder in seinen natürlichen, wiegenden Gang.
Sechstes Kapitel
Eine schreckliche Unrast, eine Art Hunger hatte Martin Eden gepackt. Ihn hungerte nach dem Anblick des jungen Mädchens, dessen zarte Hände so gewaltig wie die eines Riesen in sein Leben gegriffen hatten, aber er konnte sich nicht dazu ermannen, sie zu besuchen. Er fürchtete, daß es zu früh sein und daß er sich dadurch eines furchtbaren Bruchs dieses »Etikette« genannten Dinges schuldig machen würde. Er verbrachte viele Stunden in den Volksbibliotheken von Oakland und Berkeley und erwarb die Mitgliedschaft für sich, seine beiden Schwestern Gertrude und Marian sowie für Jim, dessen Einwilligung er jedoch erst nach verschiedenen Gläsern Bier erlangte. Und auf alle vier Karten brachte er Bücher mit heim und brannte bis spät in die Nacht hinein in seinem Stübchen Gas, wofür Bernard Higginbotham ihm fünfzig Cent wöchentlich extra ankreidete.
Aber die vielen Bücher, die er las, erhöhten nur seine Unrast. Jede Seite aller dieser Bücher war ein Guckloch ins Reich der Erkenntnis. Sein Hunger nährte sich von dem, was er las, und wuchs nur noch an. Dazu wußte er nicht, wo beginnen, und litt beständig unter seiner mangelhaften Vorbildung. Die gewöhnlichsten Hinweise, die zu verstehen man von jedem Leser erwartete, wie er deutlich sah, waren ihm unbekannt. Und dasselbe galt auch von den Gedichten, die er las, und die ihn toll vor Entzücken machten. Er las mehr von Swinburne, als der Band enthielt, den Ruth ihm geliehen hatte, und ›Dolores‹ verstand er völlig. Ruth aber, meinte er, könnte es unmöglich verstehen. Wie sollte sie auch, sie, dieses verfeinerte, wohlbehütete junge Mädchen? Dann erwischte er einen Band Gedichte von Kipling und wurde völlig hingerissen von dem Rhythmus, dem Schwung und dem Glanz, den der Dichter alltäglichen Dingen verlieh. Er war erstaunt über die Lebensfreude und die scharfe Psychologie dieses Mannes. Psychologie war ein neues Wort in Martins Wortschatz. Er hatte sich ein Wörterbuch gekauft, was seinen Geldbeutel stark angegriffen und den Tag seiner Abfahrt nähergerückt hatte. Bernard Higginbotham war darüber erbost, da er es lieber gesehen hätte, wenn das Geld in Kost und Logis umgesetzt worden wäre.
Am Tage wagte er sich nicht in die Gegend, wo Ruth wohnte, abends aber schlich er wie ein Dieb um das Haus der Familie Morse, warf verstohlene Blicke zu den Fenstern hinauf und liebte selbst die Mauern, die SIE schützten. Einige Male wäre er beinahe von ihren Brüdern entdeckt worden, und einmal folgte er ihrem Vater bis in die Stadt, studierte dessen Gesicht im Schein der Straßenlaternen und wünschte sich, daß er überraschend in irgendeine Todesgefahr geriete, so daß er hinzuspringen und ihn retten könnte. Wieder an einem Abend wurde seine Ausdauer dadurch belohnt, daß er an einem Fenster im zweiten Stock einen Schimmer von Ruth erblickte. Er sah nur ihren Kopf, ihre Schultern und die Arme, die sie hob, um ihr Haar vor einem Spiegel zu ordnen. Es dauerte nur einen Augenblick. Aber ihm schien es eine Ewigkeit, in der sein Blut zu Wein wurde und singend durch seine Adern brauste. Dann ließ sie die Gardine herab. Aber nun wußte er, welches ihr Zimmer war, und von jetzt an stand er oft hier auf der andern Seite der Straße im Schatten eines Baumes und rauchte unzählige Zigaretten. Eines Nachmittags sah er ihre Mutter aus einer Bank kommen, und das machte ihm von neuem den ungeheuren Abstand klar, der Ruth von ihm schied.
Sie gehörte der Klasse an, die mit Banken zu tun hatte. Er war in seinem ganzen Leben noch nie in einer Bank gewesen und stellte sich vor, daß diese Institute nur die ganz Reichen und Mächtigen besuchten.
In gewisser Weise war eine moralische Umwälzung in ihm vorgegangen. Ihre körperliche und geistige Reinheit hatte ihre Wirkung auf ihn ausgeübt, und er fühlte einen heißen Drang, selbst rein zu sein. Er mußte es sein, wenn er je würdig werden wollte, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Er putzte sich die Zähne und schrubbte sich die Hände mit einer Scheuerbürste, bis er einmal im Schaufenster eines Drogisten eine Nagelbürste sah und ihren Zweck erriet. Er ging hinein, kaufte sie, und der Kommis, der seine Nägel sah, empfahl ihm auch eine Nagelfeile. So wurde er Besitzer eines weiteren Toilettengegenstandes. Zufällig stieß er in der Bibliothek auf ein Buch über Körperpflege, und sofort entwickelte sich bei ihm eine Neigung für ein tägliches kaltes Morgenbad, zum großen Erstaunen Jims und zum Ärger Bernard Higginbothams, der für derartige vornehme Übergeschnapptheiten nichts übrig hatte und ernsthaft überlegte, ob er Martin nicht für das Wasser extra zahlen lassen sollte. Ein weiterer Fortschritt waren Bügelfalten in seinen Hosen. Nun, da Martins Interesse für derartige Dinge einmal geweckt war, bemerkte er schnell den Unterschied zwischen den ausgebeutelten Knien in den Hosen der arbeitenden Klasse und der geraden Linie vom Knie bis zum Fuß, die er bei Männern besserer Herkunft sah. Er lernte auch, wie man dazu kam, und drang in die Küche seiner Schwester ein, um Bügeleisen und Plättbrett zu finden. Das erstemal hatte er Pech und versengte eine Hose so hoffnungslos, daß er sich eine neue kaufen mußte – eine Ausgabe, die wiederum den Tag seiner Abreise näherrückte.
Aber die Veränderung seiner Persönlichkeit beschränkte sich nicht nur auf seine äußere Erscheinung. Zwar rauchte er immer noch, aber er trank nicht mehr. Bisher hatte er Trinken für eine sehr angemessene Beschäftigung für Männer gehalten und war stolz auf seine starke Konstitution gewesen, die ihn befähigt hatte, die meisten Männer unter den Tisch zu trinken. Sooft er einen alten Schiffskameraden traf – und es gab viele in San Franzisko –, lud er ihn wie in alten Tagen ein und wurde wieder eingeladen, aber er bestellte für sich nur Ingwer- oder Kräuterbier und ließ sich alle Neckereien gutmütig gefallen. Und wenn sie dann allmählich betrunken wurden, beobachtete er sie und sah, wie das Tier in ihnen erwachte und sie übermannte, und er dankte Gott, daß er jetzt anders war als sie. Sie mußten ihre Grenzen vergessen, und wenn sie berauscht waren, wurden ihre trüben, stumpfen Geister Göttern gleich, und jeder einzelne herrschte in dem Himmel seiner berauschten Wünsche. Martins Drang nach starken Getränken war verschwunden. Er war auf eine neue und tiefere Art berauscht – berauscht von Ruth, die die Flamme der Liebe in ihm entzündet und ihm einen Funken höheren, ewigen Lebens gezeigt hatte; berauscht von Büchern, die ein Ameisenkribbeln von Sehnen und Verlangen in seinem Hirn geweckt hatten; berauscht von dem Gefühl persönlicher Reinheit, die er erstrebte, die ihn noch gesunder und kräftiger machte, als er früher gewesen war, und die seinen ganzen Körper mit einem Gefühl physischen Wohlbehagens erfüllte.
Eines Abends ging er in der vagen Hoffnung, sie vielleicht zu sehen, ins Theater, und von der Galerie aus sah er sie auch wirklich. Er sah sie durch den Mittelweg gehen mit Arthur und einem fremden jungen Mann mit mächtigem Haarbusch und einer Brille, dessen Anblick augenblicklich Argwohn und Eifersucht in ihm weckte. Er sah, wie sie ihren Orchesterplatz einnahm, und viel mehr sah er an diesem Abend nicht – nur undeutlich, aus der Ferne, ihre feinen weißen Schultern und einen Schwall blaßgoldenen Haares. Aber andere hatten auch Augen, und jedesmal, wenn er den Blick über die Umsitzenden gleiten ließ, bemerkte er einige Plätze weiter in der Reihe vor sich zwei junge Mädchen, die sich umdrehten und ihm mit dreisten Augen zulächelten. Er war immer leichtsinnig gewesen. Von Natur war er durchaus nicht abweisend. In alten Tagen hätte er zurückgelächelt und sie dadurch noch ermutigt. Jetzt aber war es anders. Er lächelte zwar, wandte aber den Kopf ab und sah absichtlich nicht mehr hin. Mehrmals jedoch, wenn er die beiden jungen Mädchen ganz vergessen hatte, wurde sein Blick von ihrem Lächeln gefangen. Er konnte sich weder an einem Tage verändern noch seine angeborene Gutmütigkeit vergewaltigen, und so lächelte er in diesen Augenblicken den beiden jungen Mädchen zu, nur aus reiner, warmer Menschenfreundlichkeit. Es war ihm nichts Neues. Er wußte, daß sie ihre Hände nach ihm ausstreckten. Aber jetzt war es etwas anderes. Unten im Parkett saß die Einzige in der ganzen Welt, so anders – so erschreckend anders – als diese beiden jungen Mädchen seiner eigenen Klasse, daß er für die nur Mitleid und Sorge fühlte. Er wünschte von Herzen, daß sie einen geringen Bruchteil IHRER Güte und Herrlichkeit erlangen könnten. Und um keinen Preis konnte er sie kränken, weil sie die Hände nach ihm ausstreckten. Er fühlte sich nicht dadurch geschmeichelt, im Gegenteil, eher ein wenig beschämt, daß seine eigene Niedrigkeit es ihnen erlaubte. Hätte er Ruths Kreisen angehört, so hätten diese jungen Mädchen, das wußte er, keine Annäherung versucht. Und bei jedem Blick, den sie ihm zuwarfen, war ihm, als ob die Hände seiner Klasse nach ihm griffen, um ihn niederzuhalten.
Er verließ seinen Platz, ehe der Vorhang nach dem letzten Akt gefallen war, denn er wollte sie sehen, wenn sie herauskam. Es standen immer viele Männer vor dem Theater, und er brauchte nur die Mütze in die Stirn zu ziehen und sich hinter einem andern Mann zu verstecken, damit sie ihn nicht bemerkte. Er war einer der ersten, der das Theater verließ, aber kaum hatte er sich auf den Bürgersteig gestellt, als auch schon die beiden jungen Mädchen herauskamen. Er wußte gut, daß sie es auf ihn abgesehen hatten, und in diesem Augenblick hätte er seine Anziehungskraft auf Frauen verfluchen können. Er merkte, daß sie ihn gesehen hatten, denn sie gingen, gleichsam zufällig, schräg über die Straße, um in seine Nähe zu gelangen. Dann gingen sie langsamer, tauchten mitten im dichtesten Gewühl neben ihm auf, die eine von ihnen streifte ihn und tat, als ob sie ihn zum erstenmal bemerkte. Sie war ein schlankes, dunkles Mädchen mit schwarzen, spöttischen Augen. Doch ihm lächelten sie zu, und er lächelte zurück.
»Hallo!« sagte er.
Das geschah rein mechanisch; er hatte dasselbe so oft unter ähnlichen Umständen bei einer ersten Begegnung gesagt. Weniger konnte er ja auch nicht tun. Bei der großen Nachsicht und Freundlichkeit seines Wesens konnte er wirklich nicht weniger tun. Das schwarzäugige junge Mädchen lächelte heiter und einladend und machte Miene, stehenzubleiben, ebenso wie die kichernde Freundin, die Arm in Arm mit ihr ging. Er überlegte schnell. Es wäre nicht gut, wenn SIE jetzt herauskommen und ihn hier stehen und mit den beiden reden sehen würde. Als wäre es die natürlichste Sache von der Welt, trat er neben die Dunkeläugige und ging mit ihr weiter. Hier kannte er keine Verlegenheit, kein benommenes Schweigen. Hier war er zu Hause, und er war ein Meister in dem schäkernden Geplauder voller Slang und Sticheleien, das stets der erste Schritt bei der Anknüpfung solcher schnell fortschreitenden Bekanntschaft war. An der Ecke, wo der Hauptstrom der Passanten in derselben Richtung weiterfloß, wollte er in die Querstraße abbiegen. Aber das junge Mädchen mit den schwarzen Augen packte ihn am Arm, folgte ihm, ihre Begleiterin mit sich ziehend, und rief gleichzeitig:
»Halt, Bill! Warum so eilig? Meinst du, daß du uns gleich wieder loswerden kannst?«
Er blieb lachend stehen und wandte sich ihnen zu. Über ihre Schultern hinweg konnte er die Menge sehen, die sich im Schein der Straßenlaternen vorüberdrängte. Hier war es weniger hell, und er konnte sie unbemerkt sehen, wenn sie vorbeikam. Sie mußte vorbeikommen, denn der Weg führte zu ihrem Hause. »Wie heißt sie?« fragte er das kichernde junge Mädchen und machte eine Kopfbewegung nach der Dunkeläugigen.
»Frag sie selbst«, lautete die Antwort, die fast von Lachen erstickt wurde.
»Na also, wie heißt du denn?« fragte er und wandte sich zu der andern.
»Du hast mir ja auch nicht erzählt, wie du heißt«, antwortete sie.
»Du hast mich ja auch nicht danach gefragt«, antwortete er lächelnd. »Übrigens hast du es gleich erraten, Bill, jawohl.«
»Ach geh!« Sie sah ihm mit einem brennenden, einladenden Blick in die Augen. »Wie heißt du – aber wirklich!«
Wieder sah sie ihn an. Alle Jahrhunderte des Weibes von Anbeginn des Geschlechts sprachen aus ihren Augen. Und er maß sie mit einem gleichgültigen Blick und wußte, wenn er sie, die jetzt so dreist war, verfolgte, würde sie sofort schamhaft und vorsichtig den Rückzug antreten, stets bereit, den Spieß umzukehren, sobald sein Eifer nachließe. Aber auch er war nur ein Mensch, und er spürte ihre Anziehungskraft und fühlte sich unbewußt von ihrer Freundlichkeit geschmeichelt. Oh, er kannte ja dies alles, kannte diese Mädchen in- und auswendig. Gute Mädchen, was man in ihrem Stande »gut« nannte, Mädchen, die um geringen Lohn schwer arbeiteten und sich für zu gut hielten, als daß sie sich für ein angenehmeres Leben verkauft hätten; Mädchen, die erfüllt waren von einem fieberhaften Drang nach einem ganz klein wenig Glück in der Wüste des Daseins – eine Zukunft vor Augen, die zwischen dem Elend ewiger Plackerei und dem noch scheußlicheren Elend schwankte, zu dem der Weg kürzer, wenn auch besser bezahlt war.
»Bill«, antwortete er nickend. »Wahrhaftig, Bill Pete und nicht anders.«
»Kein Spaß?« fragte sie.
»Er heißt gar nicht Bill«, mischte sich das andere Mädchen ein.
»Woher weißt du das?« fragte er. »Du hast mich doch noch nie gesehen.«
»Das ist auch gar nicht nötig, um zu merken, daß du lügst«, lautete die Antwort.
»Sag ehrlich, wie du heißt, Bill«, drängte das erste junge Mädchen.
»Bill ist wohl ebensogut wie jeder andere Name«, sagte er.
Sie griff seinen Arm und schüttelte ihn scherzhaft.
»Ich wußte, daß du lügst, aber deshalb gefällst du mir doch.«
Er nahm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, und fühlte auf der Handfläche vertraute Zeichen und Narben.
»Wann hast du in der Konservenfabrik aufgehört?« fragte er.
»Woher weißt du?« und »Gott, er ist wohl Gedankenleser!« riefen die jungen Mädchen im Chor.
Und während er törichte Worte mit ihnen wechselte, wie sie für törichte Seelen paßten, erhoben sich vor seinen inneren Augen die Bücherregale der Bibliothek, voll von der Weisheit der Jahrhunderte. Er lächelte bitter über den Gegensatz in alledem, und Zweifel stiegen in ihm auf. Aber zwischen seinen inneren Gesichten und äußerer Heiterkeit fand er doch Zeit, die Menge zu beobachten, die aus dem Theater strömte. Und da sah er sie im Schein der Laternen, zwischen ihrem Bruder und dem fremden jungen Mann mit der Brille, und ihm war, als ob sein Herz stillstände. Lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Er konnte eben das spinnwebfeine Tuch, das den stolzen Kopf verbarg, die schönen Linien der schlanken Gestalt, die anmutige Haltung und die Hand, die die Röcke hielt, bemerken, dann war sie verschwunden; und er stand da und starrte auf die beiden Mädels aus der Konservenfabrik, ihre armseligen Kleider, in denen sie schön auszusehen versuchten, ihre tragischen Bemühungen, schmuck und sauber zu erscheinen, den billigen Stoff, die billigen Bänder und die billigen Ringe an ihren Fingern. Er fühlte, wie die eine ihn am Arm zog, und hörte eine Stimme:
»Wach auf, Bill! Was ist los mit dir?«
»Was sagst du?« fragte er.
»Ach nichts«, antwortete das dunkle junge Mädchen und warf den Kopf zurück. »Ich wollte nur…«
»Was?«
»Na, ich meinte nur, es wäre eine gute Idee, wenn du einen Freund auftreiben könntest… für sie« (sie zeigte auf ihre Freundin), »dann könnten wir Eis essen oder eine Tasse Kaffee trinken gehen.«
Ein plötzliches Gefühl seelischer Übelkeit überkam ihn. Der Übergang von Ruth zu diesem hier war zu plötzlich gewesen. Neben den kecken, spöttischen Augen des jungen Mädchens sah er die klaren, strahlenden Ruths, Augen wie die einer Heiligen, die ihn aus unlotbaren Tiefen von Reinheit anblickten. Und plötzlich hatte er ein Gefühl von Macht. Er war besser als die andern. Das Leben bedeutete ihm mehr als diesen beiden jungen Mädchen, die nicht weiter dachten als bis zu einem Eis und einem »Freund«. Er erinnerte sich, daß er in Gedanken stets ein geheimes Leben gelebt hatte. Er hatte versucht, seine Gedanken mit andern zu teilen, aber noch nie hatte er eine Frau gefunden, die imstande gewesen war, ihn zu verstehen – und auch nie einen Mann. Er hatte es zuweilen versucht, hatte aber dabei seine Zuhörer nur verwirrt. Und da seine Gedanken höher flogen als die ihrigen, so argumentierte er jetzt, müßte er auch höher stehen als sie. Er fühlte Macht in sich und ballte die Fäuste. Wenn das Leben ihm mehr bedeutete, dann durfte er auch mehr vom Leben fordern; aber eine Gesellschaft wie diese konnte ihm nicht mehr geben. Diese dreisten, schwarzen Augen hatten nichts zu bieten. Er kannte die Gedanken, die hinter ihnen lagen – Gedanken an Eiskrem und etwas mehr. Aber die heiligen Augen neben ihnen – die boten ihm alles, was er kannte, und mehr als er ahnen konnte. Sie boten ihm Bücher und Gemälde, Schönheit und Ruhe und die ganze Feinheit und Auserlesenheit eines höheren Daseins. Er kannte jeden Gedankengang hinter den schwarzen Augen. Das war wie ein Uhrwerk. Er konnte alle Räder sich drehen sehen. Was sie ihm boten, waren niedrige Genüsse, eng wie das Grab, Genüsse, die man satt bekam; und das Ende von allem war das Grab. Was aber die heiligen Augen ihm boten, war Mysterium, war das unergründliche Wunder und das ewige Leben. Er hatte einen Schimmer ihrer Seele darin gesehen, und dazu einen Schimmer seiner eigenen Seele.
»Das Problem hat nur einen Haken«, sagte er laut. »Ich hab heute schon eine Verabredung.«
Die Augen des Mädchens zeigten ihre Enttäuschung.
»Wohl bei einem kranken Freund wachen, was?« spottete sie.
»Nein, eine wirkliche Verabredung mit – «, er stotterte, »mit einem Mädchen.«
»Du führst mich nicht an?« fragte sie ernst.
Er sah ihr in die Augen und antwortete. »Es stimmt schon. Aber warum können wir uns nicht ein andermal treffen? Du hast mir noch nicht gesagt, wie du heißt und wo du wohnst.«
»Lizzie«, erwiderte sie, sofort besänftigt, und ihre Hand preßte seinen Arm, während sie sich an ihn lehnte. »Lizzie Connolly. Und ich wohne an der Ecke der Fünften und der Market.«
Er unterhielt sich noch einige Minuten mit den beiden und sagte ihnen dann gute Nacht. Er ging nicht gleich heim, sondern blieb unter dem Baum stehen, wo er so manche Nacht stand, und murmelte: »Die Verabredung war mit dir, Ruth. Um deinetwillen habe ich sie gehalten.«
Siebentes Kapitel
Eine Woche eifrigsten Lesens war vergangen, seit er Ruth Morse zum ersten Male gesehen hatte, und noch wagte er nicht, sie zu besuchen. Immer wieder sprach er sich Mut zu, dann aber erhoben sich wieder Zweifel und erstickten seine Entschlossenheit. Er kannte nicht die passende Besuchszeit, es gab keinen, der sie ihm sagte, und so fürchtete er, einen nicht wiedergutzumachenden Fehler zu begehen. Da er aber seine alten Gefährten und seine alte Lebensweise abgeschüttelt und keine neuen Gefährten gefunden hatte, konnte er nichts als lesen. Die langen Stunden, die er dieser Beschäftigung opferte, hätten ein Dutzend Paar gewöhnlicher Augen verdorben. Aber seine Augen waren stark, und ein wunderbar kräftiger Körper half ihnen. Dazu war sein Geist aufnahmebereit. In bezug auf Bücherweisheit hatte er sein ganzes Leben brachgelegen, und jetzt war er reif zur Aussaat. Er, den noch nie ein Studium überanstrengt hatte, verbiß sich jetzt in das Wissen, das er in den Büchern fand, verbiß sich mit scharfen Zähnen, die nicht locker lassen wollten.
Am Ende der Woche schien es ihm, als ob er Jahrhunderte gelebt hätte, so weit war er über sein altes Leben und seine alten Gesichtspunkte hinausgelangt. Er wurde jedoch durch seinen Mangel an Vorbildung genarrt. Er versuchte Bücher zu lesen, die ein jahrelanges Spezialstudium erfordert hätten. Den einen Tag las er ein Buch über alte Philosophie und am nächsten Tage ein hypermodernes, so daß ihm von dem Widerspruch und dem Streit der Ideen der Kopf wirbelte. Und ebenso ging es ihm mit der Nationalökonomie. Auf ein und demselben Regal in der Bibliothek fand er Karl Marx, Ricardo, Adam Smith und Mill, und die schwerverständlichen Formulierungen des einen ließen ihn nicht ahnen, daß die Vorstellungen des andern veraltet waren. Er war verwirrt und wollte dennoch Bescheid wissen. An einem einzigen Tage hatte ihn das Interesse für Ökonomie, Industrie und Politik gepackt. Auf dem Wege durch den Rathauspark hatte er eine Menschenansammlung bemerkt, in deren Mitte fünf oder sechs Männer standen, die mit roten Gesichtern laut und ernsthaft diskutierten. Er schloß sich den Zuhörern an und vernahm jetzt eine neue, fremde Sprache, wie diese Philosophen des Volkes sie redeten. Der eine war ein Vagabund, ein anderer ein Arbeiteragitator, ein dritter Student der Jurisprudenz, und die übrigen waren redegewandte Arbeiter. Zum ersten Male hörte er etwas von Sozialismus, Anarchismus und Einzelbesteuerung und erfuhr, daß es einander widersprechende sozialphilosophische Systeme gab. Er hörte Hunderte von technischen Ausdrücken, die ihm neu waren, weil sie Gedankengebieten angehörten, mit denen er bei seinem bißchen Lesen noch nicht in Berührung gekommen war. Daher konnte er den Beweisgründen nicht recht folgen und die Ideen nur ahnen und erraten, die in all diese fremden Ausdrücke verkleidet auftraten. Dann kam ein schwarzäugiger Kellner, der Theosoph, ein gewerkschaftlich organisierter Bäcker, der Agnostiker war, ein alter Mann, der sie alle mit der merkwürdigen Philosophie verspottete, daß alles, was ist, richtig ist, und ein anderer alter Mann, der endlos über Weltall, Vateratom und Mutteratom schwatzte.
Martin Edens Kopf befand sich in einem Zustand völliger Verwirrung, als er nach mehreren Stunden den Park verließ und in die Bibliothek eilte, um die Bedeutung von einem Dutzend Fremdwörtern nachzuschlagen. Und als er die Bibliothek verließ, hatte er vier Bände unter dem Arm: Madame Blavatskys ›Geheimlehre‹, ›Fortschritt und Armut‹, ›Die Quintessenz des Sozialismus‹, und ›Krieg zwischen Religion und Wissen‹. Unglücklicherweise begann er mit der ›Geheimlehre‹; jede Zeile wimmelte von vielsilbigen Wörtern, die er nicht verstand. Er setzte sich im Bett auf und las mehr im Wörterbuch als in dem Werke selbst. So viele neue Wörter schlug er nach, daß er, wenn sie wieder auftauchten, ihre Bedeutung schon vergessen hatte und noch einmal nachschlagen mußte. Dann kam er auf den Einfall, die Bedeutung in ein Notizbuch niederzuschreiben, und er füllte Seite auf Seite damit. Aber den Sinn verstand er immer noch nicht. Er las bis drei Uhr morgens, und sein Hirn war ganz in Aufruhr, aber er hatte nicht einen einzigen tragenden Gedanken des Textes erfaßt. Er blickte auf, und es kam ihm vor, als ob die Stube sich hob und senkte wie ein Schiff im Sturm. Da schleuderte er die ›Geheimlehre‹ fluchend in die Ecke, drehte das Gas aus und legte sich schlafen. Mit den andern drei Büchern hatte er auch nicht viel mehr Glück. Nicht, daß sein Hirn schwach oder untauglich gewesen wäre, es hätte diese Gedanken gut fassen können, aber ihm fehlten die Übung im Denken und die Werkzeuge dazu. Er sah es selber ein und ging eine Zeitlang mit der Absicht um, nichts als das Wörterbuch zu lesen, bis er jedes Wort, das darin stand, auswendig wußte.
Aber sein Trost war die Poesie. Und er las viel und fand die größte Freude an den einfacheren Dichtern, die am verständlichsten waren. Er liebte Schönheit, und hier fand er Schönheit. Poesie machte wie Musik einen tiefen Eindruck auf ihn, und obwohl er es selbst nicht wußte, bereitete er seinen Kopf dadurch für die mühseligere Arbeit vor, die kommen sollte. Sein Gehirn war wie ein Buch mit unbeschriebenen Seiten, viele der Dinge, die er las und die ihm gefielen, druckten sich ohne Anstrengung Strophe um Strophe auf diesen unbeschriebenen Seiten ab, und bald hatte er die große Freude, sich laut oder ganz leise all die Musik und Schönheit aufsagen zu können, die aus den gelesenen Druckzeilen sprach. Dann stieß er auf Gayleys ›Klassische Sagen‹ und Bullfinchs ›Zeitalter der Fabel‹, die nebeneinander in der Bibliothek standen. Das war eine Erleuchtung, ein heller Strahl in der Finsternis seiner Unwissenheit, und jetzt las er Dichtung mit größerer Gier als je zuvor.
Der Mann in der Bibliothek hatte Martin so oft dort gesehen, daß er ihn beim Eintreten freundschaftlich mit Lächeln und Nicken begrüßte. Das ermutigte Martin eines Tages zu einem kühnen Entschluß. Als er sich einige Bücher ausliefern ließ und der Mann die Karten abstempelte, sagte er plötzlich:
»Hören Sie, ich möchte Sie gern etwas fragen.«
Der Mann blickte lächelnd auf.
»Wenn man eine junge Dame kennenlernt und sie einen auffordert, sie zu besuchen, wie bald kann man dann kommen?«
Martin fühlte, wie sein Hemd sich schweißnaß an seine Schultern klebte.
»Na, eigentlich jederzeit«, antwortete der Mann.
»Ja, aber die Sache ist ein bißchen anders«, wandte Martin ein. »Sie… ich… also, sehen Sie, es ist so: Vielleicht ist sie nicht zu Hause. Sie besucht die Universität.«
»Dann müssen Sie eben ein andermal wiederkommen.«
»Das meinte ich nicht«, gestand Martin stockend und entschloß sich dann, sich der Gnade des anderen auszuliefern. »Ich bin nur ein einfacher Bursche, und ich habe nie etwas von gesellschaftlichem Leben gesehen. Das junge Mädchen ist nicht wie ich, und ich bin nichts ihr gegenüber. Sie denken doch wohl nicht, daß ich mich zum Narren mache?« fragte er plötzlich.
»Nein, nein, durchaus nicht«, protestierte der andere. »Ihre Frage fällt nicht gerade in mein Ressort hier in der Bibliothek, aber es wird mir eine Freude sein, Ihnen zu helfen.«
Martin sah ihn bewundernd an. »Ja, wenn ich so quasseln könnte, dann wäre alles in Ordnung«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Ich meine, wenn ich so leicht und gebildet reden könnte und – «
»Ach so!« sagte der andere verständnisvoll.
»Welches ist die beste Besuchszeit? Nachmittags – nicht zu kurz vor der Essenszeit? Oder abends? Oder auch sonntags?«
»Ich will Ihnen was sagen«, meinte der Bibliothekar, und sein Antlitz erhellte sich. »Rufen Sie sie an und fragen Sie sie.«
»Das will ich tun«, sagte er, nahm die Bücher und wandte sich zur Tür. Aber er kehrte noch einmal um und fragte:
»Wenn man mit einer jungen Dame spricht – sagen wir, sie heißt Lizzie Smith –, sagt man dann ›Fräulein Lizzie‹ oder ›Fräulein Smith‹?«
»Sagen Sie ›Fräulein Smith‹«, entschied der Bibliothekar. »Sie müssen immer Fräulein Smith sagen, bis Sie sie besser kennenlernen.«
Und so löste Martin denn das Problem.
»Kommen Sie, wann Sie wollen; ich bin den ganzen Nachmittag zu Hause«, beantwortete Ruth seine hervorgestammelte Frage, wann er ihr die geliehenen Bücher zurückbringen könnte.
Sie empfing ihn selbst an der Tür, und ihr weiblicher Blick sah sofort die Bügelfalte und die entschiedene, wenn auch unbestimmbare leichte Veränderung zum Besseren, die mit ihm vorgegangen war. Auch sein Gesicht überraschte sie. Seine Gesundheit wirkte fast überwältigend und schien mit starken Wogen von ihm zu ihr überzuströmen. Wieder fühlte sie den Drang, sich an ihn zu lehnen, um Wärme zu empfangen, und wieder wunderte sie sich über die Wirkung, die seine Gegenwart auf sie ausübte, während er seinerseits bei der Berührung ihrer Hände wieder von einer schwindelnden Seligkeit durchbebt wurde. Der Unterschied zwischen ihnen war, daß sie ruhig und selbstbeherrscht blieb, während er bis zu den Haarwurzeln errötete. Er stolperte so linkisch wie beim ersten Besuch hinter ihr her, und seine Schultern schwangen gefährlich weit aus.
Sobald sie im Wohnzimmer saßen, benahm er sich freier – weit freier, als er selbst gedacht hatte. Sie erleichterte es ihm, und die Liebenswürdigkeit, mit der sie es tat, machte ihn verliebter denn je. Zuerst sprachen sie über die geliehenen Bücher, über Swinburne, auf den er schwor, und über Browning, den er nicht verstand; dann brachte sie das Gespräch auf andere Gegenstände, während sie darüber nachdachte, wie sie ihm helfen könnte. Seit ihrer ersten Begegnung war dieser Gedanke ihr so oft gekommen. Sie wollte ihm gern helfen. Er rief ihr Mitleid und ihre Zärtlichkeit in einer Weise wach, wie es noch keiner je getan, und ihr Mitleid war weniger Überlegenheit als Mütterlichkeit. Es konnte kein gewöhnliches Mitleid sein, wenn der, der es hervorrief, so sehr Mann war, daß er ihr ein Gefühl jungfräulicher Angst einflößte und ihre Seele und ihren Körper vor unerklärlichen Gedanken und Gefühlen beben ließ. Wieder fühlte sie den alten Zauber, den sein Hals gleich am ersten Tage auf sie ausgeübt hatte, und der Gedanke, ihren Arm um ihn zu schlingen, war süß. Es erschien ihr immer noch als eine ungebührliche Regung, aber sie hatte sich schon mehr daran gewöhnt. Sie ließ sich nicht träumen, daß unter solcher Verkleidung ihre neugeborene Liebe sich verbarg. Sie ließ sich auch nicht träumen, daß das Gefühl, das er in ihr erregte, Liebe war. Sie glaubte lediglich, daß sie sich für ihn als für einen ungewöhnlichen Menschen interessierte, der große Entwicklungsmöglichkeiten besaß, und sie fühlte sich ihm gegenüber als Philanthropin.
Sie wußte nicht, daß sie sich nach ihm sehnte; ihm aber erging es anders. Er wußte, daß er sie liebte, und er sehnte sich nach ihr, wie er sich noch nie im Leben nach etwas gesehnt hatte. Er hatte die Poesie um der Schönheit willen geliebt; aber seit er sie getroffen, waren die Tore zu dem ungeheuren Feld der Liebesdichtung weit geöffnet. Sie hatte ihm mehr Verständnis geschenkt als Bullfinch und Gayley. Es gab eine Zeile, der er vor einer Woche noch keinen Gedanken geschenkt haben würde: »Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender, der stirbt für einen Kuß«; jetzt aber lag sie ihm ständig im Sinn. Er grübelte darüber, wie wunderbar und wahr diese Zeile war, und als er sie ansah, wußte er, daß er mit Freuden für einen Kuß sterben könnte. Er fühlte sich selbst als Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender, und kein Ritterschlag hätte ihn mit größerem Stolz erfüllen können. Jetzt endlich kannte er den Sinn des Lebens und wußte, warum er geboren war.
Während er sie ansah und lauschte, wurden seine Gedanken kühner. Wieder erlebte er das wilde Entzücken, das ihn durchbebt hatte, als sie ihm an der Tür die Hand drückte, und er sehnte sich danach, sie nochmals in der seinigen zu fühlen. Sein Blick wanderte oft zu ihren Lippen, und ihn hungerte nach ihnen. Aber es war nichts grob Irdisches in diesem Verlangen. Es machte ihm eine unsagbare Freude, jede Bewegung und jedes Spiel dieser Lippen beim Sprechen zu beobachten, und gleichwohl waren es nicht gewöhnliche irdische Lippen, wie alle andern Männer und Frauen sie hatten. Sie waren nicht aus Erdenstaub geformt. Es waren Lippen aus reinem Geist, und sein Verlangen nach ihnen schien völlig verschieden von dem, das er nach andern Frauenlippen gehabt hatte. Er hätte ihre Lippen küssen, seine Lippen aus Fleisch und Blut auf sie drücken können, und doch wäre es mit der gleichen Ehrfurcht und erhabenen Leidenschaft geschehen, mit der der wahrhaft Gläubige das Gewand Gottes küssen würde. Er war sich nicht bewußt, welch eine Verschiebung von Werten in ihm stattgefunden hatte, und er ahnte nicht, daß das Licht in seinen Augen, wenn er sie ansah, eben das war, das in den Augen aller Menschen leuchtet, wenn das Verlangen nach Liebe in ihren Herzen erwacht. Er ließ sich nicht träumen, wie feurig und männlich sein Blick war, und ebensowenig, daß die Flamme darin ihre Seele ergriff. Ihre rührende Jungfräulichkeit erhöhte und verbarg seine eigenen Gefühle, indem sie seine Gedanken zu sternenkalter Keuschheit erhob. Es würde ihn erschreckt haben, hätte man ihm erzählt, daß in seinen Augen ein Licht brannte, das sie wie warme Wogen durchströmte und eine ähnliche Wärme in ihr entzündete. Sie wurde leicht verwirrt dadurch, und obwohl sie den Grund nicht kannte, durchbrach es immer wieder mit einer wundersam berauschenden Macht ihren Gedankengang und zwang sie, nach Worten zu suchen, um den begonnenen Satz zu beenden. Die Sprache war ihr sonst stets leicht von den Lippen geflossen, und diese Unterbrechungen hätten sie verwirrt, wäre sie nicht zu dem Ergebnis gelangt, daß es daher kam, weil er ein so eigentümlicher Mensch war. Sie war für Eindrücke sehr empfänglich, und alles in allem war es nicht so merkwürdig, daß dieser Wanderer aus einer andern Welt durch seine fremde Atmosphäre derartig auf sie wirkte.
Im Hintergrund ihres Bewußtseins lag das Problem, wie sie ihm helfen könnte, und sie lenkte die Unterhaltung in diese Richtung; aber es war Martin, der das erste Wort sprach.
»Ich möchte so gern einen Rat von Ihnen haben«, begann er, und sie ging sofort bereitwillig darauf ein, daß sein Herz einen Sprung tat. »Sie erinnern sich vielleicht, daß ich neulich sagte, ich könnte nicht über Bücher und dergleichen reden, weil ich nicht wüßte, wie. Nun, seitdem hab ich ein ganz Teil darüber nachgedacht. Ich bin viel in der Bibliothek gewesen; aber die meisten Bücher, mit denen ich mich abgegeben habe, waren mir zu hoch. Es wäre vielleicht am besten, wenn ich ganz von vorn anfinge. Ich habe nie etwas Ordentliches gelernt, von Kind an habe ich ziemlich schwer gearbeitet, und nachdem ich in der Bibliothek gewesen bin und die Bücher mit andern Augen angesehen habe – ja, auch neue Bücher gesehen habe –, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich nicht die richtigen gelesen habe. Sehen Sie, die Bücher, die man auf einer Viehranch oder in der Back findet, sind nicht dieselben, die Sie zum Beispiel hier im Hause haben. Und solche Art Bücher war ich eben gewohnt. Und doch – und ich will damit jetzt nicht prahlen – bin ich anders gewesen als die Leute, mit denen ich zusammen Vieh hütete. Nicht daß ich etwas Besseres bin als die Matrosen und die Viehhirten, mit denen ich zusammen lebte – ich bin eine Zeitlang Viehhirt gewesen, wissen Sie –, aber ich habe immer Bücher geliebt und alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte, und… ja, ich glaube, ich denke anders als die meisten von ihnen.
Aber was ich sagen wollte: Ich bin noch nie in einem Hause wie diesem gewesen. Als ich vor einer Woche herkam und Sie und Ihre Mutter und Ihre Brüder und alles andere sah, da – ja, es gefiel mir. Ich hatte von solchen Dingen gehört und in Büchern darüber gelesen, und als ich mich in Ihrem Hause umsah, da war es gerade wie in den Büchern. Aber was ich sagen wollte: es gefiel mir. Ich hätte es gern selbst so gehabt. Ich möchte es gern jetzt so haben. Ich möchte, daß die Luft, die ich atme, so ist wie in diesem Hause – eine Luft, die von Büchern, Bildern und schönen Dingen erfüllt ist, in der die Leute leise reden, rein sind und rein denken. Die Luft, die ich bisher geatmet habe, war immer vermischt mit Essen und Miete und Kneipen und Schlägereien, und das war auch alles, worüber man redete. Sehen Sie, als Sie durchs Zimmer gingen und Ihre Mutter küßten, dachte ich, das ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Ich habe allerhand in meinem Leben gesehen, und auf eine Art habe ich eine Masse mehr dabei erlebt als die meisten, mit denen ich zusammen war. Ich will sehen, und ich möchte gern mehr sehen und es auch anders sehen.
Aber ich bin noch nicht zur Hauptsache gekommen, und die ist: Ich will versuchen, es dahin zu bringen, daß ich ein Leben führen kann, wie Sie es hier im Hause leben. Es gibt anderes und Besseres im Leben als schwere Arbeit und Kneipen und sich herumtreiben. Aber wie soll ich das erreichen? Wo soll ich anfangen? Ich will dafür arbeiten, wissen Sie, und ich kann es mit den meisten aufnehmen, wenn es schwere Arbeit gilt. Wenn ich erst einmal angefangen habe, werde ich Tag und Nacht arbeiten. Vielleicht finden Sie es komisch, daß ich Sie nach alledem frage, ich weiß, Sie sind die letzte auf der Welt, die ich fragen sollte, aber ich kenne sonst niemand, den ich fragen könnte… außer Arthur. Vielleicht sollte ich lieber ihn fragen. Denn ich…«
Seine Stimme versagte. Die feste Entschlossenheit, die ihn bisher getrieben hatte, verschwand bei dem furchtbaren Gedanken, daß er Arthur hätte fragen sollen und daß er sich lächerlich gemacht habe. Ruth antwortete nicht gleich. Sie war zu sehr damit beschäftigt, seine stammelnde, unbeholfene Sprache und seinen einfachen Gedankengang mit seinem Gesichtsausdruck in Einklang zu bringen. Noch nie hatte sie in Augen geblickt, die eine solche Kraft ausstrahlten. Hier war ein Mann, der alles vermochte, so lautete die Botschaft, die sie in ihnen las, und die klang schlecht mit dieser mangelhaften Fähigkeit zusammen, seine Gedanken auszudrücken. Im übrigen war ihr eigenes Denken so kompliziert und schnell, daß sie Einfachheit nicht richtig zu würdigen vermochte; aber dennoch empfand sie, welche Kraft selbst in diesem Tasten seines Geistes lag. Er war ihr wie ein gefesselter Riese vorgekommen, der an seinen Banden riß und zerrte. Und als sie endlich sprach, drückte ihr Gesicht unendliches Mitgefühl aus.
»Sie wissen ja selbst sehr gut, was Sie brauchen: systematische Ausbildung. Sie sollten zuerst die Elementarschule beenden und dann die höhere Schule und die Universität besuchen.«
»Aber das kostet Geld«, warf er ein.
»Oh!« rief sie. »Daran hatte ich nicht gedacht. Aber Sie müssen doch Verwandte haben – irgend jemand, der Ihnen helfen könnte?«
Er schüttelte den Kopf.
»Mein Vater und meine Mutter sind tot. Ich habe zwei Schwestern, die eine ist verheiratet, und die andere wird wohl bald heiraten. Dann habe ich noch ein ganzes Schock Brüder – ich bin der Jüngste –, aber die haben noch nie jemand geholfen. Die treiben sich in der ganzen Welt herum und haben genug mit sich selbst zu tun. Der Älteste starb in Indien. Zwei sind jetzt in Südafrika, einer ist auf Walfang, und einer zieht mit einem Zirkus herum – er arbeitet am Trapez. Und mir geht es ganz wie ihnen. Seit meinem elften Jahr – als meine Mutter starb – habe ich selbst für mich gesorgt. Ich werde auch wohl auf eigene Faust studieren müssen, und was ich wissen möchte, ist eben, wo ich anfangen soll.«
»Zuallererst sollten Sie sich eine Grammatik anschaffen. Ihr Satzbau ist…« Sie hatte »schrecklich« sagen wollen, änderte es aber in »nicht besonders gut«.
Er errötete und schwitzte.
»Ich weiß, daß ich eine Menge Slang und Wörter rede, die Sie nicht verstehen. Aber das sind eben die einzigen, von denen ich weiß, wie ich sie aussprechen soll. Ich habe andere Wörter im Kopf – Wörter, die ich in Büchern gelesen habe, aber ich kann sie nicht aussprechen, und deshalb gebrauche ich sie nicht.«
»Es ist weniger was, als wie Sie es sagen. Sie brauchen nur etwas mehr Grammatik. Jetzt werde ich Ihnen ein Buch holen und zeigen, wie Sie anfangen sollen.« Als sie aufstand, fiel ihm etwas ein, das er in den Büchern über den guten Ton gelesen hatte, und er erhob sich linkisch, in schrecklicher Angst, daß es doch nicht richtig sei und daß sie es als Zeichen seines Aufbruchs ansehen könnte.
Als sie mit der Grammatik wiederkam, schob sie einen Stuhl neben den seinen – er dachte darüber nach, ob er ihr hätte helfen sollen – und setzte sich neben ihn. Sie blätterte in der Grammatik, und ihre Köpfe näherten sich einander. Er hatte Mühe, ihr, als sie ihm jetzt einen Arbeitsplan machte, zu folgen, so benommen war er von ihrer köstlichen Nähe. Als sie ihm aber die Bedeutung der Konjugation zu erklären begann, vergaß er sie über seiner Arbeit. Er hatte nie von diesen Dingen gehört und war vollkommen bezaubert von dem Einblick in das Knochengerüst der Sprache. Er beugte sich tiefer über das Buch, und ihr Haar berührte seine Wange. Er war nur einmal in seinem Leben ohnmächtig geworden, aber in diesem Augenblick fühlte er sich wieder einer Ohnmacht nahe. Er konnte kaum atmen, und sein Herz preßte ihm das Blut in die Kehle, daß er fast erstickte. Nie war sie ihm so erreichbar erschienen wie jetzt. Für den Augenblick war der Abgrund zwischen ihnen überbrückt. Aber sein Gefühl für sie war deshalb nicht weniger erhaben. Sie war nicht zu ihm herabgestiegen. Er war es, der in die Wolken gehoben und zu ihr getragen wurde. Die Verehrung, die er in diesem Augenblick für sie hegte, glich religiöser Ehrfurcht und Inbrunst. Ihm war, als sei er ins Allerheiligste eingedrungen, und langsam und vorsichtig entzog er seinen Kopf der Berührung, die auf ihn wie ein elektrischer Schlag gewirkt und die sie gar nicht bemerkt hatte.
Achtes Kapitel
Mehrere Wochen vergingen, in denen Martin Eden seine Grammatik studierte, die Bücher über den guten Ton wieder vornahm und alle Werke verschlang, die sein Interesse erregten. Von seinen Klassengenossen sah er niemand. Die jungen Mädchen im Lotus-Klub wunderten sich, daß er verschwunden war, und quälten Jim mit Fragen, und einige der jungen Leute, die sich an den Boxkämpfen bei Riley zu beteiligen pflegten, freuten sich, daß Martin nicht mehr dorthin kam. Er machte eine neue Entdeckung unter den Schätzen der Bibliothek. Wie die Grammatik ihm das Gerüst der Sprache gezeigt hatte, so zeigte dieses Buch ihm das Gerüst der Poesie; er begann Versmaß, Konstruktion und Form der von ihm so geliebten Schönheit zu erkennen und begriff ihre Gesetze. Noch ein modernes Werk fiel ihm in die Hände, das die Poesie als darstellende Kunst behandelte – sie erschöpfend behandelte mit vielen Beispielen aus dem Besten der Literatur. Nie hatte er einen Roman mit so großer Begeisterung gelesen, wie er dieses Werk studierte. Und sein unbelasteter, frischer, zwanzigjähriger Geist, angespornt durch sein drängendes Verlangen, erfaßte alles, was er las, mit einer ganz ungewöhnlichen männlichen Kraft.
Wenn er jetzt von seiner höheren Warte aus zurückblickte, so erschien ihm seine frühere Welt – diese Welt von Erde, Meer und Schiffen, mit Seeleuten und schlechten Frauenzimmern – sehr klein; und doch mischte sie sich mit seiner neuen Welt und erweiterte sie. Sein Geist strebte nach Einheit, und er war überrascht, als er die ersten Berührungspunkte zwischen den beiden Welten erblickte. Zudem verwandelten ihn die erhabenen Gedanken und die Schönheit, die er in den Büchern fand. Immer unerschütterlicher wurde sein Glaube, daß jeder, der sozial über ihm stand wie Ruth und ihre Familie, diese Gedanken dachte und nach ihnen lebte. Er lebte in der Niederung und hatte nur den einen Wunsch, sich von dem Schmutz, der sein ganzes Leben lang an ihm geklebt hatte, zu reinigen und sich in die höheren Regionen der oberen Klassen zu erheben. Während seiner ganzen Kindheit und Jugend hatte er unter einer Unrast gelitten; was er wünschte, hatte er nie gewußt, und er hatte vergebens gesucht, bis er Ruth traf. Und jetzt war diese Unrast qualvoll geworden, und er wußte endlich klar und sicher, daß es Schönheit, Wissen und Liebe waren, die er suchte.
In diesen Wochen sah er Ruth einhalbdutzendmal, und jedes Mal war es ihm eine neue Inspiration. Sie half ihm bei seinem Sprachstudium, berichtigte seine Aussprache und weihte ihn in die Arithmetik ein. Aber ihr Gedankenaustausch galt nicht allein dem Elementarstudium. Er hatte zuviel vom Leben gesehen und sein Geist war zu reif, um sich mit Brüchen, Kubikwurzeln, Satzbau und Analyse zufriedenzugeben; es kamen Stunden, in denen sie von ganz andern Dingen sprachen – von den letzten Dichtungen, die er gelesen, und den letzten Dichtern, die sie studiert hatte. Und wenn sie ihm ihre Lieblingsdichter vorlas, dann war der Gipfel alles Entzückens für ihn erreicht. Keine von all den Frauen, die er je sprechen gehört, hatte eine Stimme wie die ihre gehabt. Ihr leisester Ton war ein Sporn für seine Liebe, und jedes Wort, das sie aussprach, erfüllte ihn mit Freude und Entzücken. Es war der Wohlklang darin, die Ruhe und harmonische Modulation, dieses weiche, volle, unbestimmbare Produkt der Kultur und einer sanften, liebevollen Seele. Wenn er ihr lauschte, klangen in seiner Erinnerung die rauhen Schreie barbarischer Weiber wider und – wenn auch weniger rauh – die schrillen Stimmen der Mädchen seiner eigenen Klasse. Dann begann die Werkstatt der Bilder in ihm zu arbeiten und ließ sie vor seinem inneren Auge aufmarschieren und die Herrlichkeit Ruths durch den Gegensatz noch erhöhen. Was aber sein Glück noch vollkommener machte, war das Bewußtsein, daß ihre Seele mit dem Gelesenen übereinstimmte und vor Entzücken über die Schönheit des geschriebenen Gedankens bebte. Sie las ihm ein großes Stück aus ›Die Prinzessin‹ vor, und oft sah er Tränen in ihren Augen, so fein war ihr ästhetisches Empfinden. In solchen Augenblicken entrückte ihn ihre Bewegung über den Alltag hinaus, bis er sich wie ein Gott fühlte, und wenn er sie anschaute und ihr lauschte, schien ihm, als sähe er das Antlitz des Lebens und läse darin die tiefsten Geheimnisse. Und wenn ihm dann bewußt wurde, wie wunderbar seine Empfänglichkeit gewachsen war, sagte er sich, daß dies Liebe sei, daß Liebe das Größte in der Welt war, und durch seine Erinnerung huschten die Gemütsbewegungen und Sehnsüchte, die er früher gekannt hatte – Weinrausch, Liebkosungen von Frauen, Boxkämpfe mit ihrem rohen Geben und Nehmen –, und alles erschien ihm gleichgültig und häßlich im Vergleich mit der erhabenen Leidenschaft, die er jetzt fühlte.
Ruth durchschaute die Situation nicht. Sie hatte keine Herzenserfahrungen. Ihr einziges Wissen in dieser Beziehung stammte aus Büchern, in denen die Geschehnisse des täglichen Lebens durch die Phantasie in das Feenreich der Unwirklichkeit verpflanzt waren. Und sie ahnte nicht, daß dieser rauhe Seemann sich allmählich in ihr Herz schlich und schlummernde Kräfte in ihr weckte, die eines Tages losbrechen und sie wie Feuerflammen durchlodern würden. Sie kannte nicht den Feuerbrand der Liebe. Ihr Wissen um die Liebe war rein theoretisch, und sie dachte sie sich als ein zahmes Flämmchen, sanft wie fallender Tau oder wie das Kräuseln eines stillen Wassers und so mild wie die samtweiche Dunkelheit der Sommernächte. Sie dachte sich die Liebe als eine ruhige, freundschaftliche Zuneigung, die dem Geliebten in einer blumengesättigten, dämmrigen Atmosphäre ätherischer Ruhe dient. Sie ahnte nichts von den vulkanischen Ausbrüchen der Liebe, ihrer sengenden, glühenden Hitze und den verheerten Wüsten voll ausgebrannter Asche. Sie kannte weder ihre eigene Macht noch die der Welt, und die Tiefen des Lebens waren für sie ein Meer von Illusionen. Die eheliche Neigung zwischen ihren Eltern war für sie das Ideal der Liebe zwischen Mann und Weib; und sie erwartete, ohne schroffen Übergang oder starke Reibungen selbst eines Tages mit einem geliebten Manne in dasselbe ruhige, angenehme Dasein hinüberzugleiten.
So kam es, daß sie in Martin Eden etwas Neues, ein fremdartiges Wesen sah und daß sie sich die Wirkung, die er auf sie ausübte, mit diesem Neuen, Fremdartigen erklärte. Das war nur natürlich. Ähnliche ungewohnte Gefühle hatte sie beim Anblick wilder Tiere in der Menagerie, bei heftigem Sturm oder beim Anblick eines Blitzes und seines blendenden Zickzacks erlebt. Es war darin etwas vom ungeheuren Weltall, und etwas vom ungeheuren Weltall war auch in ihm. Er kam zu ihr mit einem Hauch der großen Stürme und der unendlichen Räume. Die Glut der Tropensonne leuchtete auf seinem Gesicht, und in seinen schwellenden, geschmeidigen Muskeln war die Lebenskraft der Urzeit. Er trug Narben und Zeichen der geheimnisvollen Welt roher Männer und noch roherer Taten, deren Vorposten jenseits ihres Horizontes begannen. Er war ungezähmt, wild, und im geheimen schmeichelte es ihrer Eitelkeit, daß er wie Wachs in ihren Händen war. Dazu trieb sie der unwillkürliche Wunsch, das Wilde zu zähmen. Das war ganz unbewußt. Und am allerwenigsten wußte sie, daß sie ihn nach dem Bilde ihres Vaters umzuschaffen wünschte, dem Bilde, das sie für das edelste der Welt hielt. Und sie konnte in ihrer Unerfahrenheit nicht erkennen, daß das kosmische Gefühl, das er in ihr erweckte, das mächtigste des Weltalls war, die Liebe, die mit gleicher Gewalt in der ganzen Welt Mann und Weib zueinander zog, die Hirsche in der Brunstzeit zwang, einander zu töten.
Seine schnelle Entwicklung war ihr eine Quelle der Überraschung und des Interesses. Sie entdeckte ungeahnte Feinheiten in ihm, die sich Tag für Tag, wie Blumen in gutem Boden, zu entfalten schienen. Sie las ihm Browning vor und war oft erstaunt, wie eigenartig er strittige Stellen erklärte. Sie begriff nicht, daß seine auf Menschenkenntnis und Lebenserfahrung beruhende Deutung im Gegensatz zu der ihrigen meist die richtige war. Seine Auffassungen erschienen ihr naiv, obwohl sie sich oft vom kühnen Fluge seiner Erkenntnis mitreißen ließ, der seine Bahn hoch zu den Sternen nahm, wohin sie nicht zu folgen vermochte. Sie konnte nur erschauern unter dem Gefühl einer ungeahnten Macht. Dann spielte sie für ihn – nicht mehr gegen ihn – und prüfte sein musikalisches Gefühl, das weit tiefer ging, als sie mit dem ihren loten konnte. Sein Wesen öffnete sich der Musik wie eine Blume der Sonne, und er fand rasch von der Tanzmusik der Arbeiter zu den klassischen Prunkstücken, die sie fast auswendig konnte. Doch verriet er eine demokratische Vorliebe für Wagner, und als sie ihm erst den Schlüssel zum Verständnis der ›Tannhäuser-Ouvertüre‹ gegeben hatte, machte dieses Stück auf ihn einen Eindruck wie keines sonst, das sie spielte. Es schien ganz unmittelbar seinem eigenen Leben zu entsprechen. Seine ganze Vergangenheit war das Venusbergmotiv, während sie ihn mit dem Pilgerchormotiv verschmolz, und aus der ekstatischen Stimmung, in die ihn dies hob, schwebte er immer höher in das mächtige Schattenreich des suchenden Menschengeistes, wo Gut und Böse ewig streiten.
Zuweilen stellte er Fragen, die vorübergehend in ihrer Seele Zweifel erregten, ob ihre Deutung und Auffassung der Musik auch richtig war. Nie aber stellte er Fragen über ihren Gesang. Der war zu sehr sie selber, und er war immer wieder bezaubert von dem göttlichen Klang ihres reinen Soprans. Er konnte es nicht lassen, ihn mit den schwachen Stimmen und dem schrillen Trällern der schlechtgenährten, ungeübten Fabrikarbeiterinnen oder mit dem heiseren Kreischen aus den branntweinrauhen Kehlen der Weiber in den Hafenstädten zu vergleichen. Sie freute sich, wenn sie ihm vorspielen und vorsingen konnte. Es war tatsächlich das erstemal, daß sie Gelegenheit hatte, auf eine Menschenseele zu wirken, und sie arbeitete mit Entzücken in dem weichen Ton, denn sie glaubte, sie forme ihn, und meinte es gut. Im übrigen war das Zusammensein mit ihm beglückend für sie. Er stieß sie nicht ab. Jenes erste Zurückschrecken war in Wirklichkeit nur die Angst vor ihrem eigenen, bisher unbekannten Ich gewesen, und diese Furcht hatte sich jetzt gelegt. Obwohl sie sich dessen nicht bewußt war, enthielt ihr Gefühl für ihn eine Art Besitzerfreude. Dazu übte er eine belebende Wirkung auf sie aus. Ihr Studium war sehr anstrengend, und ihr war gleichsam, als ob sie neue Kräfte erhielte, wenn sie die staubigen Bücher beiseite schob und sich von der frischen Seeluft seines Wesens anwehen ließ. Kraft!
Kraft war es, was sie brauchte, und die gab er ihr in reichem Maße. In die Stube zu treten, wo er sich befand, ihm in der Tür zu begegnen, hieß für sie Erhöhung des Lebensmuts. Und wenn er gegangen war, kehrte sie mit größerem Eifer und frischer Energie an ihre Bücher zurück. Sie kannte zwar ihren Browning, hatte aber nie begriffen, daß es gefährlich ist, mit Seelen zu spielen. Als ihr Interesse für Martin wuchs, wurde es ihr zur Leidenschaft, sein Leben umzuformen.
»Sehen Sie Herrn Butler«, sagte sie eines Nachmittags, als sie mit Grammatik, Arithmetik und Poesie fertig waren. »Seine Chancen für ein Vorwärtskommen waren anfangs verhältnismäßig schlecht. Sein Vater war Bankkassierer gewesen, mußte aber viele Jahre wegen eines Lungenleidens in Arizona leben, und als er starb, stand Herr Butler – Charles Butler heißt er – allein in der Welt. Sein Vater war aus Australien gekommen, und er hatte daher keine Verwandten in Kalifornien. Er begann, in einer Druckerei zu arbeiten – das habe ich ihn oft erzählen hören – und bekam anfangs drei Dollar die Woche. Jetzt hat er ein jährliches Einkommen von mindestens dreißigtausend. Wie er das machte? Er war ehrlich, treu, fleißig und sparsam. Er versagte sich die Freuden, die die meisten Knaben haben. Er machte es sich zur Regel, jede Woche soundsoviel beiseite zu legen, einerlei, was er deswegen entbehren mußte. Natürlich verdiente er bald mehr als drei Dollar wöchentlich, und je größer sein Lohn wurde, desto mehr sparte er.
Er arbeitete am Tage, und abends ging er in die Abendschule. Er hatte den Blick stets auf die Zukunft gerichtet. Später besuchte er die Abendhochschule. Mit siebzehn Jahren verdiente er ausgezeichnet als Setzer, aber er war ehrgeizig. Er wollte Karriere machen, nicht nur sein tägliches Brot verdienen, und er fürchtete sich nicht davor, im Augenblick Opfer zu bringen, um am Ende zu gewinnen. Er entschloß sich für Jura und kam als Bote – denken Sie nur – in Vaters Büro, für einen Wochenlohn von nur vier Dollar. Aber er hatte gelernt, sparsam zu sein, und von den vier Dollar sparte er weiter.«
Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen und die Wirkung auf Martin zu beobachten. Er hörte mit großem Interesse diese Geschichte von den Schwierigkeiten, mit denen Herr Butler in seiner Jugend zu kämpfen gehabt hatte, aber irgend etwas darin erregte seinen Unwillen.
»Es muß natürlich schwer für so einen jungen Kerl gewesen sein«, bemerkte er. »Vier Dollar wöchentlich – wie konnte er denn davon leben? Sie können sich darauf verlassen, daß er keine großen Sprünge machen konnte. Ich selbst bezahle fünf Dollar wöchentlich für Kost und Logis, und Sie können mir glauben, daß beides nicht sehr großartig ist. Er muß ja gelebt haben wie ein Hund. Sein Essen – «
»Er kochte selbst«, unterbrach sie ihn, »auf einem kleinen Petroleumkocher.«
»Sein Essen muß schlimmer gewesen sein als das, was die Leute auf dem ärgsten Hochseeschiff kriegen; kaum auszudenken.«
»Aber sehen Sie sich ihn jetzt an!« rief sie begeistert. »Denken Sie, was er sich bei seinem Einkommen leisten kann! Jetzt hat er ja tausendfach Ersatz für seine früheren Entbehrungen.«
Martin sah sie scharf an.
»Auf eines möchte ich schwören«, sagte er, »nämlich, daß Herr Butler jetzt in seinen fetten Jahren nicht besonders heiter ist. Wenn er seinen Jungenmagen jahrein, jahraus mit solcher Kost gefüttert hat, so möchte ich wetten, daß sein Magen jetzt nicht mehr besonders gut ist.«
Unter seinem forschenden Blick schlug sie die Augen nieder.
»Ich möchte wetten, daß er jetzt einen ganz schlechten Magen hat!« sagte Martin herausfordernd.
»Ja, das hat er«, räumte sie ein. »Aber – «
»Und ich möchte wetten«, fuhr Martin fort, »daß er feierlich und ernst wie eine alte Eule ist und sich aus keinem Vergnügen was macht trotz seiner Dreißigtausend jährlich. Und ich möchte wetten, daß er sich auch nicht freut, wenn er sieht, wie sich andere amüsieren. Habe ich recht?«
Sie nickte zustimmend und erklärte schnell weiter:
»Aber er ist eben ein ganz anderer Mensch. Er ist von Natur aus schüchtern und ernst. So war er immer.«
»Ja, sicher!« stellte Martin fest. »Drei Dollar wöchentlich, vier Dollar wöchentlich, ein junger Bengel, der sich sein Essen selbst auf einem Petroleumkocher macht und Geld spart, den ganzen Tag arbeitet, den ganzen Abend studiert – nur arbeitet, nie spielt oder mal über die Stränge schlägt – da kommen die Dreißigtausend natürlich zu spät.«
Seine einfühlende Phantasie ließ sofort die Tausende von Einzelheiten im Dasein dieses Jungen und seine enge geistige Entwicklung zu einem Mann mit dreißigtausend Dollar jährlich vor seinem inneren Auge aufblitzen. Mit der Schnelligkeit und Weite eines umfassenden Denkens erblickte er Charles Butlers ganzes Leben in dieser Vision.
»Wissen Sie«, fügte er hinzu, »mir tut Herr Butler leid. Er war zu jung, um es besser zu wissen, aber er hat sich selbst um sein Leben betrogen, für dreißigtausend Dollar jährlich, die ihm jetzt auch nichts mehr nützen. Heute können ihm selbst die dreißigtausend nicht mehr das geben, was die zehn Cent, die er beiseite legte, ihm hätten geben können, als er noch jung war – in Form von Bonbons, Erdnüssen oder einem Billett für die Galerie.«
Diese selbständigen Gesichtspunkte waren es gerade, die Ruth erschreckten. Nicht nur, daß sie ihr neu waren und ihren Anschauungen widersprachen, sie fühlte auch stets den wahren Kern darin, und das drohte ihre eigenen Überzeugungen zu verändern oder gar umzustürzen. Wäre sie vierzehn Jahre alt gewesen statt vierundzwanzig, so hätte sie dadurch vielleicht gewandelt werden können. Aber sie war vierundzwanzig Jahre alt, konservativ von Temperament und Erziehung und schon erstarrt in der Lebensform, in der sie geboren und gebildet worden war. Allerdings beunruhigten seine bizarren Urteile sie im ersten Augenblick, aber sie schrieb sie dem Umstand zu, daß er ein ungewöhnlicher Typ war und ein sonderbares Leben geführt hatte, und sie vergaß es bald wieder. Und wenn sie seine Urteile mißbilligte, war doch gleichzeitig in der Kraft, mit der er sie vorbrachte, in seinen blitzenden Augen und seinen ernsten Zügen etwas, das sie tief bewegte und anzog. Nie hätte sie für möglich gehalten, daß dieser Mann, der aus einer Welt ganz außerhalb ihres Lebenskreises kam, in solchen Augenblicken mit seiner tieferen und weiteren Auffassung sich über ihren Horizont erhob. Ihre Grenzen waren die Grenzen ihres Horizonts, aber begrenzte Geister können die Begrenzung nur bei anderen erkennen. Und daher fand sie ihren eigenen Blick sehr weit, und wo seine Anschauungen den ihren widersprachen, war es ihr nur ein Beweis seiner Begrenzung. Und sie träumte davon, ihn zu lehren, daß er mit ihren Augen sah, und seinen Horizont zu erweitern, bis er dem ihren gleich wurde.
»Aber meine Geschichte ist noch nicht zu Ende«, sagte sie. »Mein Vater erzählt, daß Herr Butler wie kein anderer seiner Büroboten je gearbeitet hat. Er war aufs Arbeiten versessen. Er kam nie zu spät und war meistens schon einige Minuten vor der Bürozeit da. Und dennoch war er sparsam mit seiner Zeit. Jede freie Minute benutzte er, um zu studieren. Er lernte Buchhaltung und Maschineschreiben, er nahm Stenographieunterricht und bezahlte ihn, indem er nachts einem Gerichtsreporter diktierte, der Übung brauchte. Er wurde bald Schreiber und machte sich ganz unentbehrlich. Mein Vater schätzte ihn sehr und sah, daß er Karriere machen würde. Auf Vaters Anregung studierte er Jura. Er wurde Rechtsanwalt, und kaum war er wieder im Büro, da nahm Vater ihn als jüngeren Teilhaber auf. Er ist ein großer Mann. Er hat mehrmals die Wahl in den Senat der Vereinigten Staaten abgelehnt, und Vater sagt, daß er Mitglied des Obersten Gerichtshofs werden kann, sobald ein Platz frei wird – und wenn er will. Ein solches Leben ist ein Ansporn für uns alle. Es zeigt uns, daß ein Mann sich hoch über seine Umgebung erheben kann.«
»Ja, er ist ein großer Mann«, sagte Martin ernst.
Aber ihm schien, etwas an der Geschichte beleidigte sein Gefühl für Schönheit und Leben. Er konnte kein Motiv in dem Leben des Herrn Butler finden, das sein Darben und Sparen gerechtfertigt hätte. Wäre Liebe oder Schönheitsdrang der Grund gewesen, so hätte Martin es verstanden. »Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender« durfte alles tun für einen Kuß, aber nicht für dreißigtausend Dollar jährlich. Der Aufstieg Butlers befriedigte ihn nicht. Es war, trotz allem, etwas Jämmerliches daran. Dreißigtausend Dollar jährlich mochten ganz schön sein, aber ein schwacher Magen und die Unfähigkeit, froh zu sein wie andere Menschen, raubten solchem fürstlichen Einkommen doch allen Wert.
Vieles hiervon versuchte er Ruth zu erklären, doch verletzte er sie dadurch nur und zeigte ihr deutlich, daß er weiterer Ummodlung bedurfte. Sie besaß die weit verbreitete Kurzsichtigkeit, die die Menschen glauben läßt, daß ihre Farbe, ihr Glaube und die Politik, die sie für richtig halten, die alleinseligmachenden sind, und daß die anderen über die Welt verstreuten menschlichen Geschöpfe weniger glücklich daran sind als sie selber.
Es war dieselbe Beschränktheit, die jenen alten Juden Gott danken ließ, daß er nicht als Weib geboren war, und die den modernen Missionar zu den äußersten Grenzen der Welt schickt, um Gott zu vertreten; und sie gab auch Ruth den Wunsch ein, diesen Mann, der aus ganz anderen Lebensbereichen kam, so umzubilden, daß er einem Mann ihrer eignen Schicht glich.
Neuntes Kapitel
Martin Eden kam von See nach Kalifornien zurück mit der Sehnsucht eines Liebenden. Als sein Geld verbraucht war, hatte, er als Matrose auf dem Schatzsucherschiff angeheuert. Auf den Salomoninseln hatte sich dann die Expedition aufgelöst, nachdem sie acht Monate vergeblich nach dem Schatz gesucht hatte. Die Mannschaft war in Australien abgemustert worden, und Martin hatte sofort wieder auf einem Hochseedampfer nach San Franzisko angeheuert. In diesen acht Monaten hatte er nicht nur soviel Geld zurückgelegt, daß er viele Wochen an Land bleiben konnte, sondern auch Gelegenheit gehabt, eine ganze Menge zu lesen und zu studieren.
Er war begabt, und hinter seiner Begabung standen seine unbezwingliche Natur und seine Liebe zu Ruth. Die mitgenommene Grammatik arbeitete er immer wieder durch, bis sein unverbrauchtes Hirn sie völlig beherrschte. Er bemerkte die grammatikalisch falsche Satzbildung seiner Kameraden und verbesserte in Gedanken ihre Sprachschnitzer. Zu seiner großen Freude entdeckte er, daß sein Ohr anfing, für Aussprache und Satzbau empfindlich zu werden, und daß er allmählich reiner und besser sprach als selbst die Schiffsoffiziere und die Gentleman-Abenteurer in der Kajüte, die die Expedition finanziert hatten.
Der Kapitän war ein fischäugiger Norweger, dem irgendwie eine vollständige Shakespeare-Ausgabe in die Hände gefallen war, die er niemals las, und wenn Martin ihm sein Zeug gewaschen hatte, lieh er ihm dafür die teuren Bücher. Eine Zeitlang hatten ihn die Dramen und die vielen Verse, die sich ihm fast ohne Anstrengung einprägten, so begeistert, daß ihm die ganze Welt fast wie eine elisabethanische Tragödie oder Komödie erschien und er sogar in Jamben dachte. Das übte sein Ohr und gab ihm ein feines Gefühl für schönes Englisch, während er gleichzeitig viele altertümliche und nicht mehr gebräuchliche Worte und Wendungen in seinen Sprachschatz aufnahm.
Er hatte die acht Monate gut angewandt, und außer korrektem Sprechen und hohen Gedanken hatte er auch sich selbst kennengelernt. Gleichzeitig mit der Scham über sein geringes Wissen stellte sich bei ihm ein gewisses Selbstbewußtsein ein. Er fühlte einen bedeutenden Unterschied zwischen sich und seinen Kameraden und war klug genug zu erkennen, daß dieser Unterschied eher in der Möglichkeit als in der Tat bestand. Was er jetzt leistete, konnten sie auch leisten, aber in seinem Innern lebte ein wirres, gärendes Gefühl, daß mehr in ihm steckte, als er bisher gezeigt hatte. Ihn peinigte die wunderbare Schönheit der Welt, und er wünschte, daß Ruth bei ihm gewesen wäre, um sie mit ihm zu teilen. Er beschloß, ihr die Schönheit der Südsee zu beschreiben. Der schöpferische Geist in ihm flammte bei diesem Gedanken auf und spornte ihn an, all diese Schönheit vor einem größeren Kreise als Ruth allein wiedererstehen zu lassen. Und da kam, in Glanz und Pracht, der große Gedanke. Er wollte schreiben. Er wollte eines der Augen werden, durch die die Welt sah, eines der Ohren, durch die sie hörte, eines der Herzen, durch die sie fühlte. Er wollte schreiben – alles – Poesie, Prosa, Romane, Beschreibungen und Dramen, wie Shakespeare sie geschrieben hatte. Das war Aufstieg und der Weg, Ruth zu gewinnen. Die Männer, die Bücher schrieben, waren die Großen der Welt, und er hatte das Gefühl, daß sie weit größer waren als ein Herr Butler und seinesgleichen, die dreißigtausend Dollar jährlich verdienten und, wenn sie wollten, Mitglieder des Obersten Gerichtshofs werden konnten.
Als der Gedanke erst geboren war, beherrschte er ihn völlig, und die Rückreise nach San Franzisko glich einem Traum. Er war von einer ungeahnten Kraft berauscht und fühlte, daß er alles, was es auch sei, tun konnte. Mitten auf dem großen, einsamen Meer gewann er den Überblick über die Dinge. Zum erstenmal sah er Ruth und ihre Welt klar und deutlich. In seinem Geist wurde alles gegenwärtig wie etwas Greifbares, etwas, das er in beide Hände nehmen, drehen und wenden und untersuchen konnte. Es gab viel Unklares, Verschleiertes in jener Welt, aber er sah sie als ein Ganzes, nicht in Einzelheiten, und er sah auch, wie er ihrer Herr werden konnte. Schreiben! Der Gedanke brannte wie Feuer in ihm. Gleich nach seiner Rückkehr wollte er anfangen. Das erste sollte eine Schilderung der Schatzsucherreise sein. Er wollte die Beschreibung an eine der San-Franziskoer Zeitungen verkaufen, er wollte Ruth nichts davon sagen, und sie sollte freudig überrascht werden, wenn sie seinen Namen gedruckt las. Während er schrieb, wollte er seine Studien fortsetzen. Jeder Tag hatte vierundzwanzig Stunden. Er war unüberwindlich. Er wußte, wie er arbeiten mußte, und die stärksten Festungen sollten vor ihm in den Staub sinken. Er brauchte nie mehr zur See zu gehen, jedenfalls nicht mehr als Matrose, und im Augenblick träumte er sogar von einer Dampfjacht. Es gab Schriftsteller, die Dampfjachten besaßen. Natürlich, das sagte er sich warnend, würde er nicht so schnell Erfolg haben und im Anfang froh sein, wenn er durch seine schriftstellerische Tätigkeit Geld genug verdiente, um sein Studium fortzusetzen. Und wenn er nach einiger Zeit – der Begriff war sehr dehnbar – genug gelernt und sich vorbereitet hatte, dann wollte er das wirklich Große schreiben, und sein Name sollte auf aller Lippen sein. Weit größer, unendlich größer, ja, das größte von allem war, daß er sich dann Ruths würdig gezeigt hatte. Ruhm mochte ganz schön sein, aber es war Ruths wegen, daß er seine strahlenden Träume träumte. Er war kein Ruhmsüchtiger, er war nur einer von Gottes erkorenen, wahnsinngeschlagenen Liebenden.
Mit einem netten Sümmchen in der Tasche ging er wieder nach Oakland, bezog sein altes Zimmer bei Bernard Higginbotham und begann zu arbeiten. Er ließ nicht einmal Ruth wissen, daß er wiedergekommen war. Er wollte sie erst besuchen, wenn der Bericht über die Schatzsucher fertig war. Es wurde ihm nicht einmal schwer, nicht zu ihr zu gehen, denn die mächtige Flamme des schöpferischen Fiebers brannte in ihm. Dazu würde ja der Artikel, den er schrieb, sie ihm näherbringen. Er wußte nicht, wie lang er sein durfte, aber er zählte die Wörter eines doppelseitigen Artikels in der Sonntagsbeilage ›San Francisco Examiner‹ und richtete sich danach. Drei Tage arbeitete er in wilder Erregung an seinem Bericht, schrieb ihn sorgfältig mit großen, ungeschickten, leicht lesbaren Buchstaben ins reine. Als er den Artikel zum zweitenmal abgeschrieben und sorgfältig zusammengerollt hatte, las er in einer Zeitung einige »Winke für Anfänger« und lernte das eiserne Gesetz, daß ein Manuskript nie zusammengerollt und daß es nur einseitig beschrieben werden darf. Er hatte das Gesetz in beiden Punkten übertreten. Aus derselben Notiz erfuhr er ferner, daß erstklassige Zeitungen mindestens zehn Dollar die Spalte bezahlten, und so tröstete er sich, während er das Manuskript zum drittenmal abschrieb, indem er zehn Spalten mit zehn Dollar multiplizierte. Das Ergebnis war immer dasselbe – hundert Dollar –, und er entschied sich, daß das besser war, als zur See zu fahren. Wenn er nicht diesen Fehler gemacht hätte, würde er den Aufsatz in drei Tagen fertiggeschrieben haben. Hundert Dollar in drei Tagen! Auf See hätte er drei Monate und länger gebraucht, um eine solche Summe zu verdienen. Man mußte ein Narr sein, um zur See zu gehen, wenn man schreiben konnte, entschied er, obwohl das Geld an und für sich ihm nichts bedeutete. Wert hatte in seinen Augen nur die Freiheit, die es ihm verschaffen, die gute Kleidung, die er sich dafür kaufen konnte – lauter Dinge, die ihn dem schlanken, blassen jungen Mädchen näherbringen sollten, das sein Leben umgewandelt und ihn inspiriert hatte.
Da lernte er aus einem Lehrbuch, das er in der Bibliothek fand, daß es so etwas wie Absätze und Anführungszeichen gab. Er hatte noch nie an solche Dinge gedacht, und sofort setzte er sich hin und überarbeitete den Artikel noch einmal. Er zog dauernd das Lehrbuch zu Rate und lernte in einem Tag mehr über Komposition als der Durchschnittsschüler in einem Jahr.
Er legte das Manuskript in einen großen Umschlag und schickte es an den Redakteur des ›San Francisco Examiner‹. Er glaubte, daß alles, was eine Zeitung annimmt, sofort veröffentlicht würde, und da er das Manuskript am Freitag eingesandt hatte, erwartete er, seinen Artikel am folgenden Sonntag gedruckt zu sehen. Er meinte, das wäre eine hübsche Art, Ruth von seiner Rückkehr zu unterrichten. Dann wollte er am Sonntagnachmittag zu ihr gehen und sie begrüßen. Unterdessen beschäftigte ihn eine andere Idee, die, wie er glaubte, wirklich vernünftig, gesund und durchführbar war: Er wollte eine Abenteuergeschichte für Knaben schreiben und sie dem ›Jungen Kameraden‹ verkaufen. Er ging in den Lesesaal der Volksbibliothek und blätterte mehrere Jahrgänge des Jugendmagazins durch. Er sah, daß die Geschichten in dieser Wochenzeitschrift durchweg in fünf Fortsetzungen zu je etwa dreitausend Worten gedruckt waren. Er sah aber auch verschiedene, die sich über sieben Nummern erstreckten, und er beschloß, eine Erzählung von dieser Länge zu schreiben.
Er hatte einmal eine Walfangexpedition in den arktischen Meeren mitgemacht – eine Reise, die auf drei Jahre berechnet gewesen war, aber nach einem halben Jahr durch Schiffbruch ihr Ende fand. Seine Einbildungskraft war lebhaft, zeitweise sogar phantastisch, gleichzeitig aber besaß er einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn, der ihn nur über Dinge schreiben ließ, die er kannte. Er kannte den Walfang und begann, aus dem Material seiner tatsächlichen Erfahrung die abenteuerlichen Erlebnisse der beiden Knaben zu gestalten, die er zu Helden seiner Geschichte machen wollte. Am Sonnabend entschied er, daß es eine leichte Arbeit war. Er hatte an diesem Tage den ersten Abschnitt von dreitausend Worten beendet – was große Belustigung bei Jim und offenen Spott bei Bernard Higginbotham auslöste, der beim Essen dauernd höhnische Bemerkungen über den »Literaten« machte, den man plötzlich in der Familie entdeckt habe.
Martin tröstete sich damit, daß er sich die Überraschung seines Schwagers ausmalte, wenn er am Sonntagmorgen den ›Examiner‹ öffnete und den Artikel über die Schatzsucher sah. Am Sonntagmorgen war er ganz früh auf der Straße und überflog nervös die Seiten der dicken Zeitung. Er durchsuchte sie noch einmal sehr sorgfältig, faltete sie dann zusammen und legte sie wieder an ihren Platz zurück. Er freute sich, daß er keinem etwas von seinem Aufsatz erzählt hatte. Dann kam er zu dem Ergebnis, daß er sich geirrt hatte in bezug auf die Schnelligkeit, mit der ein Artikel in der Zeitung erscheinen konnte. Zudem war sein Aufsatz nicht eigentlich aktuell gewesen, und höchstwahrscheinlich würde der Redakteur ihm erst schreiben.
Nach dem Frühstück arbeitete er weiter an seiner Erzählung. Die Worte flossen ihm aus der Feder, obwohl er häufig innehielt, um etwas im Lexikon nachzuschlagen oder sich im Lehrbuch Rat zu holen. In diesen Pausen las er oft, mitunter zweimal, ein ganzes Kapital durch und tröstete sich damit, daß er, wenn er auch nicht die großen Dinge schrieb, die er in sich fühlte, doch auf jeden Fall dabei schreiben lernte und sich übte, seine Gedanken zu formen und auszudrücken. Er arbeitete bis zum Dunkelwerden und ging dann in den Lesesaal, wo er Magazine und Wochenblätter bis zum Bibliothekschluß um zehn Uhr abends durchlas. Dieses Programm befolgte er eine ganze Woche. Täglich schrieb er dreitausend Worte, und täglich las er die Magazine und suchte herauszufinden, was für Erzählungen, Aufsätze und Gedichte die Redakteure am liebsten veröffentlichten. Eines war sicher: Was diese zahlreichen Skribenten machten, konnte er auch fertigbringen, und wenn er nur Zeit hatte, wollte er schon etwas schaffen, was sie nicht konnten. Es ermutigte ihn, daß er in einem Blatt eine Notiz fand, wie Leute, die für Magazine schrieben, bezahlt wurden – nicht, weil er sah, daß Rudyard Kipling einen Dollar für das Wort bekam, sondern weil der niedrigste Satz bei den erstrangigen Zeitschriften zwei Cent das Wort betrug. Das Jugendmagazin mußte doch ein erstrangiges Blatt sein, und bei dieser Bezahlung würden ihm die dreitausend Worte, die er an diesem Tage geschrieben hatte, sechzig Dollar einbringen – zwei Monate Heuer!
Am Freitagabend hatte er die einundzwanzigtausend Worte lange Erzählung beendet. Nach seiner Berechnung mußte sie ihm bei zwei Cent je Wort vierhundertundzwanzig Dollar einbringen – kein schlechter Wochenverdienst. Das war mehr Geld, als er je auf einmal besessen hatte. Er wußte gar nicht, was er mit all dem Geld machen sollte. Er hatte eine Goldmine entdeckt, und aus dieser Quelle konnte er immer mehr holen. Er beschloß, sich noch einige Kleidungsstücke zu kaufen, viele Zeitschriften zu halten und sich Dutzende von Handbüchern anzuschaffen, um derentwillen er jetzt in die Bibliothek gehen mußte. Aber es blieb immer noch ein gut Teil von den vierhundertundzwanzig Dollar übrig, mit dem er nichts anzufangen wußte. Das quälte ihn, bis ihm der Gedanke kam, ein Dienstmädchen für Gertrude zu engagieren und ein Fahrrad für Marian zu kaufen.
Er schickte das umfangreiche Manuskript mit der Post an das Jugendmagazin, und am Sonnabendnachmittag, nachdem er den Entwurf für einen Artikel über Perlenfischerei gemacht hatte, ging er, Ruth zu begrüßen. Er hatte sie zuvor angerufen, so daß sie ihn selbst an der Tür empfing. Der alte, wohlbekannte Hauch strahlender Gesundheit strömte ihr von ihm entgegen und traf sie wie ein Schlag. Es war, als ginge sie in ihren Körper über, schösse wie ein glühender Strom durch ihre Adern und ließe sie unter dieser neuen Kraftzufuhr erbeben. Eine warme Röte ergoß sich über sein Gesicht, als er ihre Hand ergriff und ihr in die blauen Augen sah. Aber die acht Monate Sonne hatten sein Gesicht so bronzebraun gebrannt, daß man diese Röte nicht sah, wenn man auch am Halse den roten Streifen vom steifen Kragen bemerkte. Sie sah den roten Strich mit Belustigung, die aber rasch verschwand, als sie seine Kleidung musterte. Sie paßte ihm wirklich – es war sein erster nach Maß gefertigter Anzug –, und er erschien ihr schlanker und feiner gebaut. Dazu hatte er seine Mütze mit einem weichen Filzhut vertauscht, den er auf ihren Befehl aufsetzte, worauf sie ihm Komplimente über sein Aussehen machte. Sie konnte sich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein. Die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, war ihr Werk, und sie war stolz darauf und brannte vor Ehrgeiz, ihm noch weiter zu helfen.
Aber die entscheidendste Veränderung und die, worüber sie sich am meisten freute, war der Wandel in seiner Sprache. Er sprach nicht nur korrekter, sondern auch mit größerer Leichtigkeit, und sein Wortschatz hatte sich um viele neue Ausdrücke vermehrt. Nur wenn er sich erregte und begeisterte, konnte er wieder in das Verschleifen der Silben und Fortlassen der Endkonsonanten verfallen, und sie bemerkte auch manchmal ein verlegenes Zögern, wenn er einen der neugelernten Ausdrücke anzuwenden versuchte. Andererseits zeigte sich zugleich mit der Leichtigkeit des Ausdrucks auch eine Gewandtheit und ein Witz in seinem Gedankengang, der sie entzückte. Dieser Sinn für Humor und scherzende Plauderei war es, der ihn in seiner eigenen Klasse so beliebt gemacht hatte, aber aus Wortmangel hatte er ihr gegenüber bisher keinen Gebrauch davon machen können. Jetzt begann er eben, sich zurechtzufinden, und fühlte, daß er kein Eindringling mehr war. Aber er war sehr vorsichtig darin, wie weit er gehen durfte, ließ Ruth die Führung bei Munterkeit und Scherz, hielt mit ihr Schritt, aber wagte sich nie weiter vor als sie. Er erzählte ihr von seiner Tätigkeit und der Absicht, sich seinen Unterhalt durch Schreiben zu verdienen und daneben sein Studium fortzusetzen. Aber er war sehr enttäuscht, als sie seinen Plan nicht billigte. Sie hielt nicht viel davon.
»Sehen Sie«, sagte sie offen, »das Schreiben muß doch ein Beruf sein wie jeder andere. Nicht, daß ich etwas davon verstehe – ich bringe nur ganz allgemeine Vernunftgründe vor. Man kann kein tüchtiger Schmied werden, ohne drei Jahre – oder sind es fünf Jahre? – das Schmiedehandwerk gelernt zu haben. Nun, ein Schriftsteller wird soviel besser bezahlt als ein Schmied, daß unendlich viel mehr Menschen lieber schreiben möchten… zu schreiben versuchen.«
»Aber kann ich denn nicht vielleicht eine besondere Veranlagung zum Schreiben haben?« fragte er, im geheimen stolz darauf, wie er sich ausdrückte, und seine lebhafte Einbildungskraft ließ sofort die ganze Szene mit ihrer Atmosphäre auf einem riesigen Schirm erscheinen, neben andern Auftritten aus seinem Leben – Auftritten, die roh und grob, brutal und tierisch waren.
Die ganze vielgestaltige Vision entstand mit Blitzesschnelle, ohne das Gespräch oder sein ruhiges Denken zu unterbrechen. Auf dem Schirm seiner Phantasie sah er sich selbst und dieses schöne, liebliche junge Mädchen, sah, wie sie sich in einem Zimmer voll Stil und Kultur, mit Büchern und Bildern gegenübersaßen und in einem guten, reinen Englisch miteinander sprachen, und über dem ganzen Bild lag ein gleichmäßiges, helles, glänzendes Licht, während sich ringsum und nach dem Rand des Schirmes zu, immer blasser werdend, Auftritte ganz anderer Art gruppierten, jeder Auftritt ein Bild, das er selbst als Zuschauer nach Belieben betrachten konnte. Diese andern Szenen sah er durch treibende Dünste und trübe, wirbelnde Nebel, die von roten, grellen Lichtstrahlen zerstreut wurden. Er sah Cowboys am Schanktisch stehen und schlechten Whisky trinken, die ganze Atmosphäre geladen mit Obszönität; er sah sich selbst mit ihnen trinken und fluchen, mit den Wildesten von ihnen unter blakenden Petroleumlampen sitzen, während die Spielmarken klapperten und schepperten und die Karten ausgeteilt wurden. Er sah sich selbst, nackt bis zum Gürtel, mit bloßen Fäusten seinen großen Kampf mit Liverpool Red auf dem Vorderdeck der »Susquehanna« ausfechten, und er sah das blutige Deck der »John Rogers« an dem grauen Morgen, als die Mannschaft zu meutern versuchte und der Steuermann im Todeskampf auf der Großluke um sich trat, während der Revolver in der Hand des Alten Feuer und Rauch spie und die Leute mit wutverzerrrten, gemeinen Gesichtern, freche Gotteslästerungen ausstoßend, rings um ihn fielen – und dann kehrte er wieder zu dem Bild in der Mitte des Schirmes zurück, das ruhig und rein im klaren Lichte dastand: da saß Ruth und sprach mit ihm über Bücher und Bilder, und er sah den Flügel und hörte das Echo seiner eigenen, wohlgesetzten und korrekt ausgesprochenen Worte: »Aber kann ich denn nicht vielleicht eine besondere Veranlagung zum Schreiben haben?«
»Es kann ein Mann auch die besten Anlagen zum Schmied haben«, sagte sie lächelnd, »aber ich habe noch nie gehört, daß jemand Schmied wurde, ohne erst seine Lehrzeit durchgemacht zu haben.«
»Was würden Sie mir denn raten?« fragte er. »Aber vergessen Sie nicht, daß ich die Veranlagung zum Schreiben in mir fühle – ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, daß ich sie habe.«
»Sie brauchen eine gründliche Ausbildung«, lautete die Antwort, »ganz gleich, ob Sie schließlich Schriftsteller werden oder nicht. Diese Ausbildung ist unerläßlich, welche Laufbahn Sie auch wählen wollen, und sie darf nicht oberflächlich und lückenhaft sein. Sie sollten die höhere Schule besuchen.«
»Ja – «, begann er; aber sie unterbrach ihn, als wäre ihr noch etwas eingefallen:
»Natürlich könnten Sie auch weiter schreiben.«
»Das müßte ich wohl«, sagte er grimmig.
»Wieso?« Sie sah ihn ziemlich verblüfft an, denn der Eigensinn, mit dem er an seiner Idee festhielt, gefiel ihr nicht ganz.
»Weil es nichts mit der höheren Schule werden kann, wenn ich nicht schreibe. Ich muß leben und mir Bücher und Kleidung kaufen, wissen Sie.«
»Das hatte ich ganz vergessen«, lachte sie. »Warum sind Sie auch nicht mit einem Einkommen auf die Welt gekommen!«
»Mir sind Gesundheit und Phantasie lieber«, antwortete er. »Ein Einkommen kann ich mir schaffen, aber die beiden andern Dinge nicht, verflucht noch mal!«
»Das dürfen Sie nicht sagen«, unterbrach sie ihn mit einem reizenden Schmollen. »Das klingt schrecklich!« Er errötete und stammelte:
»Sie haben recht, und ich möchte nur, daß Sie mich immer korrigieren.«
»Das… das werde ich auch gern tun«, sagte sie zögernd. »Es steckt soviel Gutes in Ihnen, daß ich Sie gerne ganz vollkommen sehen möchte.«
Sofort war er Wachs in ihren Händen und verlangte ebenso leidenschaftlich, sich von ihr umformen zu lassen, wie sie selbst wünschte, ihn zu ihrem Ideal eines Mannes umzuformen. Und als sie ihn darauf aufmerksam machte, daß der Zeitpunkt jetzt günstig sei, weil das Aufnahmeexamen für die Oberschule am folgenden Montag begann, erbot er sich sofort, die Gelegenheit wahrzunehmen.
Dann spielte und sang sie ihm vor, während er sie mit der Sehnsucht eines Hungernden anstarrte, ihre Schönheit trank und sich wunderte, daß nicht hundert Bewunderer ihr lauschten, wie er ihr lauschte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.