Kitabı oku: «Koste Es Was Es Wolle»

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Jack Mars

Jack Mars ist ein begeisterter Leser und Zeit seines Lebens großer Anhänger des Thriller-Genres. KOSTE ES WAS ES WOLLE ist Jacks erster Thriller. Jack würde sich freuen von Ihnen zu hören. Dafür einfach auf www.Jackmarsauthor.com mit Ihrer Email-Adresse registrieren und ein kostenfreies Buch und Geschenk erwerben. Wir sind auch auf Facebook und Twitter zu finden.

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TEIL EINS

Kapitel 1

5. Juni, 1.15 Uhr

Fairfax County, Virginia – Vorort Washington DCs

Das Telefon klingelte.

Luke Stone befand sich in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Bilder kreuzten seine Gedanken. Es war Nacht auf einem leeren regennassen Highway. Das Wrack eines Autos. Aus der Ferne näherte sich in schnellem Tempo ein Krankenwagen. Die Sirene heulte.

Er öffnete die Augen. In der Dunkelheit seines Schlafzimmers klingelte neben ihm auf dem Nachttisch das Telefon. Eine Digitaluhr stand neben dem Telefon auf dem Tisch. Er schaute kurz auf die roten Ziffern.

“Verdammter Mist”, brummte er. Er war erst vor einer halben Stunde eingeschlafen. Die schlaftrunkene Stimme seiner Frau Rebecca murmelte: „Geh nicht ran.“ Einige Strähnen ihres blonden Haars schauten unter der Bettdecke hervor. Der schwache Schein des blauen Nachtlichts aus dem Badezimmer drang in den Raum. Er nahm den Hörer ab. „Luke“, sagte eine Stimme. Die Stimme war tief und rau, ihr Südstaatendialekt kaum wahrnehmbar. Luke kannte diese Stimme nur allzu gut. Es war Don Morris, sein einstiger Boss beim Spezialeinsatzkommando.

Luke fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ja?“ „Hab ich dich aufgeweckt?“, fragte Don. „Was glaubst du wohl?“ „Ich hätte dich nicht zu Hause angerufen, wenn dein Handy nicht ausgeschaltet wäre.“ Luke schnaubte. „Genau deshalb ist es aus.“

„Wir haben hier Ärger, Luke. Ich brauch dich hier.“ „Schieß los“, sagte Luke. Er lauschte der Stimme. Er hatte schnell wieder dieses Gefühl, dass er in solchen Momenten immer bekommen hatte – ein Gefühl, sein Magen würde in einem Fahrstuhl fünfzig Stockwerke nach oben rasen. Vielleicht war das der Grund, weshalb er den Job hingeschmissen hatte. Nicht wegen der Flut von Anrufen, nicht weil sein Sohn so schnell größer wurde, sondern weil er dieses Gefühl im Magen nicht ausstehen konnte.

Es war das Wissen um die Dinge, das ihm zu schaffen machte. Dieses Wissen erdrückte ihn. Er dachte an die vielen Millionen Menschen in der Welt, die ihr Leben glücklich lebten, voll glückseliger Unwissenheit über die Dinge, die in der Welt vor sich gingen. Luke beneidete ihre Ahnungslosigkeit.

„Wann ist das passiert?“, fragte er.

„Wir haben noch keine Ahnung. Vor einer, vielleicht zwei Stunden. Das Krankenhaus hat den Sicherheitsverstoß vor etwa fünfzehn Minuten entdeckt. Einige Mitarbeiter werden vermisst, es sieht also nach einem Insider Job aus. Das könnte sich allerdings ändern, wenn neue Geheimdienstinformationen reinkommen. Die New Yorker Polizeidirektion ist völlig aus dem Häuschen, aus offensichtlichen Gründen. Sie haben zwei tausend Extraleute aufgestellt und so wie ich das sehe, wird das nicht reichen. Die meisten von ihnen werden vor dem Schichtwechsel noch nicht einmal vor Ort sein können.“

„Wer hat die Direktion angerufen?“ fragte Luke. „Das Krankenhaus.“ „Wer hat uns angerufen?“ „Der Polizeichef.“

„Hat er sonst noch jemanden angerufen?“ „Nein. Damit ist es an uns.“

Luke nickte.

“Okay, gut. Dabei sollten wir es auch belassen. Die Polizisten müssen den Tatort absperren und sichern. Aber sie müssen dem direkten Umkreis fernbleiben. Sie dürfen da nicht rein. Sie müssen auch die Medien da raushalten. Wenn die Zeitungen das herausbekommen, dann wird das ein riesen Zirkus.“

„Schon getan.“

Luke seufzte. „Wir können von einem zwei Stunden Vorsprung ausgehen. Das ist alles andere als gut. Kaum wieder aufzuholen. Sie könnten überall sein.“

„Ich weiß. Die Direktion überwacht alle möglichen Brücken, Tunnel, U-Bahnen, den Pendlerverkehr. Sie überprüfen die Daten der Highway Mautstellen, aber es ist eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wir haben nicht genug Leute.“

„Wann wirst du hochfahren?“ sagte Luke. Don antwortete ohne Zögern. „Jetzt. Und du kommst mit.“ Luke schaute erneut auf die Uhr, 1.23 Uhr. „Ich kann in einer halben Stunde am Helikopter sein.“ „Ich habe schon ein Auto geschickt“, sagte Don. „Der Fahrer hat gerade Bescheid gegeben. Er ist in zehn Minuten bei dir.“ Luke legte auf. Rebecca war nun halb wach, ihren Kopf auf einen Ellenbogen gestützt, schaute sie ihn eingehend an. Ihr langes Haar fiel über ihre Schultern. Dicke Wimpern rahmten ihre blauen Augen. Ihr hübsches Gesicht war schmaler als damals, als sie sich am College kennengelernt hatten. Sorgen hatten im Laufe der Jahre feine Linien in ihrem Gesicht hinterlassen.

Luke bereute dies. Es trieb ihn um, dass seine Arbeit ihr so viel Schmerz bereitet hatte. Das war ein weiterer Grund gewesen, seinen Job aufzugeben.

Er erinnerte sich daran, wie sie war, als sie noch jung waren, so ausgelassen, immer ein Lachen auf den Lippen. Sie war so unbeschwert damals. Es war viel Zeit vergangen, seitdem er sie das letzte Mal so gesehen hatte. Er dachte, dass diese Becca vielleicht wieder zum Vorschein käme, wenn er seinen Job aufgäbe. Die Veränderung machte sich jedoch nur langsam bemerkbar. Es gab mit Sicherheit immer wieder Momente der wahren Becca, aber die waren schnell vorüber.

Er wusste genau, dass sie der Situation nicht traute. Sie traute ihm nicht. Sie wartete nur auf diesen Anruf mitten in der Nacht, den er entgegen nehmen musste. Derjenige, nachdem er auflegte, aufstünde und das Haus verließe.

Sie hatten heute einen schönen Abend gehabt. Für einige wenige Momente waren fast die alten Zeiten wieder eingekehrt. Und nun das. „Luke…“ begann sie. Ihr Blick verhieß nichts Gutes. Er sagte ihm, dass sie es ihm schwer machen würde.

Luke sprang aus dem Bett, teils weil es die Umstände so forderten, teils weil er aus dem Haus sein wollte, bevor Becca ihre Gedanken geordnet hatte. Er huschte ins Badezimmer, wusch sich das Gesicht und betrachtete sich flüchtig im Spiegel. Er fühlte sich wach, seine Augen jedoch waren müde. Sein drahtiger Körper war stark – ein Zeichen seines Trainings vier Tage die Woche. Neununddreißig Jahre, dachte er. Nicht schlecht.

Er zog eine lange stählerne Kassette von einem der oberen Regalplatten des begehbaren Kleiderschranks. Aus dem Gedächtnis tippte er die zehnstellige Zahlenkombination ein. Das Schloss ploppte auf. Er entnahm der Kassette seine Neun-Millimeter-Glock und steckte sie in ein ledernes Schulterholster. Er hockte sich hin und befestigte eine kleine 25 Kaliber Pistole an seiner rechten Wade sowie eine etwa 13 Zentimeter lange gezahnte Klinge, dessen Griff auch als Schlagring herhalten konnte, an seiner linken Wade.

“Ich dachte, du würdest keine Waffen mehr im Haus haben.”

Er blickte hoch, es war natürlich Becca, die ihm zusah. Sie trug einen Morgenmantel, den sie eng um ihren Körper geschlungen hatte. Ihre Haare hatte sie hinten zusammengenommen. Ihre Arme waren verschränkt. Ihr Gesicht war angespannt und ihre Augen auf der Hut. Die lustvolle Frau der frühen Abendstunden war verschwunden. Lange schon.

Luke schüttelte seinen Kopf. „Das habe ich nie gesagt.“

Er stand auf und begann sich anzuziehen. Er zog seine schwarze Cargo-Hose an und ließ einige Schussmagazine mehr in seiner Hosentasche verschwinden. Er streifte ein tailliertes Hemd über und steckte die Glock in den Bund darüber. Er schlüpfte in seine Stahlkappen-Stiefel, schloss die Waffenkiste wieder und verstaute sie an ihrem angestammten Platz im oberen Teil des Schranks.

„Was wäre, wenn Gunner die Kiste finden würde?“

„Sie steht so weit oben, dass er sie nicht sehen, geschweige denn erreichen könnte. Selbst wenn er sie irgendwie herunter bekäme, wüsste er noch immer den Zahlencode nicht. Nur ich kenne die Kombination.“

Ein Kleidersack mit Wechselkleidung genug für zwei Tage hing auf dem Kleiderständer. Er schnappte ihn. Eine kleine Tasche gefüllt mit Toilettenartikeln in Reisegröße, Lesebrille, einigen Energie-Riegeln, und einem halben Duzend Dexedrine Pillen stand auf einem der Regalbretter. Auch diese griff er.

„Stets bereit, nicht wahr Luke? Deine Kiste mit Waffen und deine Klamotten-Tasche und deine Pillen und du bist bereit in jedem Moment zu gehen, sobald dich dein Land braucht. Habe ich nicht recht?“

Er holte tief Luft. „Ich weiß nicht, was du von mir hören willst.“

„Warum sagst du nicht: Ich habe mich dafür entschieden, nicht zu gehen. Ich habe mich dafür entschieden, dass meine Frau und mein Sohn mir wichtiger sind als mein Job. Ich will, dass mein Sohn einen Vater hat. Ich will nicht, dass meine Frau Nacht um Nacht sich schlaflos fragt, ob ich noch am Leben bin oder ob ich jemals zurückkomme. Kannst du dich das bitte einmal  fragen?“

In solchen Momenten spürte er die wachsende Distanz zwischen ihnen. Er konnte es fast sehen. Becca war ein winziger Schatten in einer unendlichen Wüste, der am Horizont zu verschwinden drohte. Er wollte sie zu sich zurückholen. Er wollte es so sehr, aber er wusste nicht wie. Die Arbeit rief.

„Geht Papa wieder weg?“ Beide erstarrten. Gunner stand auf dem Absatz der drei Stufen, die in sein Zimmer führten.

Luke verschlug es für eine Sekunde den Atem, als er ihn sah. Er sah aus wie Christopher Robin aus Winnie Pooh. Seine blonden Haare standen in Büscheln von seinem Kopf ab. Er trug eine blaue Schlafanzughose mit gelbem Mond und Sternen darauf sowie ein Walking Dead T-Shirt.

„Komm mal her du Monster.“ Luke stellte seine Taschen ab, ging zu seinem Sohn und hob ihn hoch. Der Junge umschlang seinen Hals. „Du bist das Monster Papa. Nicht ich. “Okay, ich bin das Monster.“ „Wohin gehst du?“ „Ich muss zur Arbeit für vielleicht ein oder zwei Tage. Aber ich werde so schnell wie möglich wieder zurück sein.“ „Wird Mama dich verlassen, so wie sie es gesagt hat?“ Luke hielt Gunner mit ausgestreckten Armen vor sich. Der Junge wuchs und Luke erkannte, dass er ihn bald so nicht mehr halten würde können. Aber dieser Tag war noch nicht gekommen. „Hör mir mal zu. Mama wird mich nicht verlassen und wir werden noch ganz lange alle zusammenbleiben. In Ordnung?“ „In Ordnung, Papa.“

Er stieg die Treppen herauf und verschwand in seinem Zimmer.

Nachdem er weg war, blickten sich die beiden an. Die Distanz erschien nun geringer. Gunner war wie eine Brücke zwischen ihnen.

„Luke…“

Er hob seine Hände. „Bevor du etwas sagst, will ich etwas sagen. Ich liebe dich und ich liebe Gunner, mehr als alles andere in der Welt. Ich will bei euch sein, jeden Tag, jetzt und immer. Ich gehe nicht, weil mir gerade danach ist. Mir ist ganz und gar nicht danach. Es ist mir zuwider. Aber dieser Anruf heute Nacht… das Leben von Menschen steht auf dem Spiel. Ich mache diesen Job nun schon so viele Jahre. In den Nächten, in denen ich so aufbrechen musste wie jetzt, lag Gefahrenstufe zwei vor, das war genauer gesagt zwei Mal. Meistens war es Stufe drei.“

Beccas Gesicht schien sich ein wenig zu entspannen. „Welche Gefahrenstufe ist es dieses Mal?“ fragte sie. „Stufe eins.“

Kapitel 2

1.57 Uhr

McLean, Virginia – Zentrale des Spezialeinsatzkommandos

„Verzeihen Sie?“, fragte jemand. „Verzeihen Sie, wir sind da.“

Luke fuhr hoch. Er richtete sich auf. Das Auto parkte bereits am Gate der Abflugstelle. Ein leichter Regen fiel. Er schaute zum Fahrer. Es war ein junger Mann mit kurz geschorenen Haaren, der wahrscheinlich gerade erst seinen Militärdienst abgeleistet hatte. Der Bursche lächelte.

„Sie sind eingedöst.“

„Wohl wahr“, sagte Luke. Das Gewicht seines Jobs machte sich bereits bemerkbar. Er wollte zurück nach Hause ins Bett mit Becca aber er war nun einmal hier. Er wollte in einer Welt leben, in der Schwerstverbrecher keine radioaktiven Materialien stahlen. Er wollte schlafen und von angenehmeren Dingen träumen. Gerade konnte er sich nicht einmal vorstellen, wie diese angenehmen Dinge aussehen könnten. Sein Schlaf war vergiftet, denn er wusste zu viel.

Er stieg mit seinen Taschen aus dem Auto, präsentierte dem Wächter seinen Ausweis und passierte den Scanner.

Der schwarz glänzende Bell 430 Helikopter stand auf der Startfläche, der Hauptrotor drehte sich bereits. Luke lief geduckt über den Asphalt auf den Helikopter zu, dessen Motor nun an Fahrt gewann. Sie waren zum Abflug bereit. Die Tür der Passagierkabine wurde aufgeschoben und Luke kletterte hinein.

Sechs Leute waren an Bord, vier in der Passagierkabine, zwei im Cockpit des Helikopters. Don Morris saß neben dem Fenster. Der Sitz gegenüber von ihm war leer. Don deutete auf ihn.

„Ich bin froh, dass du gekommen bist, Luke. Setz dich. Willkommen im Team.“

Luke schnallte sich an, während der Helikopter gen Himmel wankte. Er blickte zu Don. Don war alt geworden, sein Flattop Haarschnitt grau. Seine Bartstoppeln waren grau. Sogar seine Augenbrauen waren grau. Dennoch sah er immer noch wie der Delta Force Kommandeur aus, der er einst gewesen war. Sein fester Körper hatte an nichts eingebüßt und sein Gesicht wirkte wie eine Wand aus Granit, dessen felsige Vorsprünge scharf abfielen. Seine Augen waren wie zwei Laser. In einer seiner steinernen Hände hielt er eine noch unangezündete Zigarre. Zehn Jahre lang hatte er keine mehr geraucht.

Als der Helikopter an Höhe gewann, folgte eine kurze Vorstellung der Leute in der Passagierkabine. „Luke du hast hier das Nachsehen, alle anderen hier wissen, wer du bist, aber du kennst die anderen wahrscheinlich noch nicht. Trudy Wellington kennst du, Wissenschafts- und Geheimdienstbeamter.“

Luke nickte der hübschen jungen Frau mit den schwarzen Haaren und der großen runden Brille zu. Er hatte mit ihr viele Male zusammengearbeitet. „Hallo Trudy.“

„Hallo Luke.“

„Okay ihr Turteltauben, soviel dazu. Das hier ist Mark Swann Luke, unser Computerexperte. Zusammen mit Ed Newsam zuständig für Waffen und Taktik.“

Luke nickte den Männern zu. Swann war weiß, hatte blondes Haar und trug eine Brille, er war vielleicht fünfunddreißig oder vierzig. Luke hatte ihn zuvor ein oder zwei Mal getroffen. Newsam war schwarz und Luke kannte ihn nicht, wahrscheinlich Anfang dreißig, barhäuptig, kurz-geschorener Bart, Muskeln wie gemeißelt und eine breite Brust, eine sechzig Zentimeter Python prangte auf seinem weißen T-Shirt. Er sah so aus, als hätte er jede Menge Schießereien hinter sich oder schlimme Straßenkämpfe. Mit „Waffen und Taktik“ meinte Don offensichtlich „Muskelkraft“.

Der Helikopter hatte seine endgültige Flughöhe erreicht; Luke schätzte etwa 3000 Meter. Der Helikopter brauchte einen Moment um sich auszutarieren und bewegte sich dann mit 240 Kilometern pro Stunde weiter. Gute neunzig Minuten konnten sie bei diesem Tempo auf New York City schauen.

„Trudy“, sagte Don. „Was kannst du uns sagen?“

Das Tablet in ihrer Hand leuchtete in der Dunkelheit der Kabine auf. Sie fixierte es. Ihr Gesicht wirkte in diesem Licht unheimlich, wie das eines Dämons.

„Ich starte einfach mal von ganz vorne“, sagte sie. „In Ordnung.“ Sie begann. „Vor weniger als einer Stunde hat uns die Anti-Terrorismus-Einheit der New Yorker Polizeidirektion kontaktiert. Es ging um ein großes Krankenhaus – das Center Medical Center – gelegen auf der Upper East Side von Manhattan. Dort lagert in einem Sicherheitsgewölbe in sechs Stockwerken Tiefe jede Menge radioaktives Material. Größtenteils handelt es sich dabei um Abfälle von Chemotherapien, andere Materialien kommen beispielsweise aus dem Röntgenbereich. Zu einem nicht genau festzustellenden Zeitpunkt in den letzten Stunden haben Unbekannte das Sicherheitssystem überlistet und den erwähnten radioaktiven Müll entfernt.“

„Wissen wir, um welche Menge es sich handelt?“ fragte Luke.

Trudy konsultierte ihr Tablet. „Das Material wird alle vier Wochen von einem LKW abgeholt und in eine Endlagerstätte im Westen Pennsylvanias gebracht, wo es unter der gemeinsamen Aufsicht vom Ministerium für Innere Sicherheit und der Umweltbehörde Pennsylvanias steht. Die nächste Ladung hätte in zwei Tagen abgeholt werden sollen.“

„Das heißt, es handelt sich um den radioaktiven Müll von etwa sechsundzwanzig Tagen“, sagte Don. „Wie viel ist das genau?“ „Das weiß das Krankenhaus nicht“, sagte Trudy. „Das wissen sie nicht?“ „Sie führen mit Hilfe einer Datenbank Buch über die Menge an Müll, die dort lagert. Nun, jemand hat sich Zugang zu der Datenbank verschafft und sie gelöscht. Je nach Behandlungsplan variieren die Mengen jeden Monat. Sie sind in der Lage mit Hilfe der Behandlungspläne die Listen wiederherzustellen, aber das kann noch ein paar Stunden dauern.“

„Sie haben keine Backup-Kopie?“, fragte Swann, der für die Technologie zuständig war.

„Haben sie, aber auch die wurde unschädlich gemacht. Die Daten des letzten Jahren fehlen somit.“

„Da weiß jemand, was er tut“, sagte Swann.

Luke ergriff das Wort. „Wie können wir wissen, dass es sich hier um einen Notfall handelt, wenn wir nicht einmal genau wissen, was gestohlen wurde?“

„Es gibt verschiedene Gründe“, sagte Trudy. „Das war nicht nur ein Diebstahl. Es handelt sich um einen wohlorganisierten und geplanten Angriff. Die Videoüberwachung in strategisch wichtigen Teilen des Krankenhauses wurde ausgeschaltet. Das schließt einige Ein- und Ausgänge, Treppenhäuser und Lastenaufzüge, das Sicherheitsgewölbe und das Parkhaus mit ein.“

„Hat schon jemand mit der Security gesprochen?“ fragte Luke.

„Die zwei Sicherheitsbeamten, die die Aufsicht für die Überwachung hatten, wurden beide tot in einem Ausrüstungsschrank aufgefunden. Sie hießen Nathan Gold, vierundfünfzig Jahre, männlich, weiß, geschieden, drei Kinder, keine bekannten Verbindungen zu organisierter Kriminalität oder Extremisten. Auch Kitty Faulkner, dreiunddreißig Jahre alt, weiblich, schwarz, unverheiratet hatte keine bekannten Verbindungen zu Extremismus oder organisierter Kriminalität. Faulkner hat acht Jahre dort gearbeitet. Beide Leichen wurden ohne Kleidung gefunden, von ihren Uniformen fehlt jede Spur. Beide wurden erwürgt, offenkundige Verfärbungen im Gesicht, Schwellungen, HWS Trauma, Würgemale von Strangulation oder Ähnlichem, die zum Tod geführt haben. Ich habe Fotos, falls ihr einen Blick darauf werfen wollt.“

Luke lehnte ab. „Ist okay. Lasst uns für den Moment annehmen, es handelt sich bei den Tätern um Männer. Tötet ein männlicher Täter eine Frau und zieht dann ihre Unform an?“

„Faulkner war für eine Frau recht groß“, sagte Trudy. „Sie war fast ein Meter achtzig und stämmig. Ein Mann hätte leicht in ihre Uniform gepasst.“

„Ist das alles, was wir haben?“

Trudy fuhr fort. „Nein. Ein Krankenhausmitarbeiter, der Schicht hatte, ist momentan nicht aufzufinden. Der Angestellte gehört zum Wachpersonal und heißt Ken Bryant. Er ist neunundzwanzig Jahre alt, schwarz, männlich und hat ein Jahr in Untersuchungshaft in Rikerts Islands gesessen und dann dreißig Monate in der Clinton JVA in Dannemora, New York. Er war wegen Diebstahl und einfacher Körperverletzung verurteilt. Nach seiner Entlassung hat er eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und ein Jobtraining abgeleistet. Er arbeitet seit fast vier Jahren im Krankenhaus und hat eine saubere Akte. Zuverlässig, keine Verhaltensauffälligkeiten.

„Als Wächter hat er Zugang zum Sicherheitsgewölbe wo der gefährliche Müll aufbewahrt wird und kennt außerdem die Sicherheitsabläufe des Krankenhauses und Personals. Er hatte Verbindungen zu Drogendealern und zu einer afroamerikanischen Gefängnisgang, der Black Gangster Family. Bei den Drogenhändlern handelt es sich um Kleinkriminelle aus der Nachbarschaft, in der er aufwuchs. Er hat sich wahrscheinlich aus Angst um die eigene Sicherheit auf diese Gefängnisgang eingelassen.“

„Du glaubst eine Gefängnis- oder Straßengang steckt dahinter?“

Sie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Ich erwähne Bryants Umgang nur, weil noch unklar ist, wo er steckt. Um eine Datenbank zu knacken und zu löschen und in ein Überwachungssystem einzudringen, das erfordert technisches Knowhow, das typischerweise nicht auf der Straße oder im Gefängnis erworben wird. Dieses Level an professioneller Herangehensweise und die Art der Beute lässt auf eine ruhende Terrorzelle schließen.“

„Was könnten sie mit den Chemikalien anfangen?“ fragte Don. „Die Warnhinweise auf den Materialien sind nicht zu übersehen“, sagte Trudy. „Eine schmutzige – eine radioaktive Bombe,“ sagte Luke. „Bingo. Welchen Grund könnte es sonst geben radioaktiven Müll zu stehlen? Das Krankenhaus hat keinen Schimmer, wie viel gestohlen wurde, aber sie wissen was es war. Iridium-192, Caesium-137, Tritium und Fluor sind unter den Chemikalien. Iridium ist höchst radioaktiv und in der Konzentration kommt es bei Kontakt zu Verbrennungen und Verstrahlungssymptomen innerhalb von Minuten oder Stunden. Experimente haben gezeigt, dass eine geringe Dosis Caesium-137 einen 20 Kilogramm schweren Hund innerhalb von drei Wochen töten kann. Fluor ist ein ätzendes Gas, das besonders für weiches Gewebe wie Augen, Haut und Lungen gefährlich werden kann. Geringe Dosen führen zu tränenden Augen. Eine hohe Konzentration schädigt die Lunge massiv und führt innerhalb von Minuten zum Tod durch Atemstillstand.“

„Na wunderbar”, sagte Don.

„Was für uns hier wichtig ist“, sagte Trudy „ist das Stichwort hohe Konzentrationen. Als Terrorist wirst du nicht versuchen, ein möglichst weitflächiges Gebiet zu finden. Das würde zu keinem wirksamen Kontakt mit den Stoffen führen. Du würdest eine Bombe mit dem radioaktiven Material bauen und sie mit konventionellen Sprengstoffen wie Dynamit kombinieren und du würdest sie in einem möglichst geschlossenen Gebiet detonieren lassen, mit vorzugsweise vielen Menschen. In einer überfüllten U-Bahn oder U-Bahn Station zur Hauptverkehrszeit. An Knotenpunkten des Pendlerverkehrs wie dem Grand Central Terminal oder der Penn Station. An einem großen Busbahnhof oder Flughafen. An einer Sehenswürdigkeit wie der Freiheitsstatue. Die Abgeschlossenheit wird die Strahlungskonzentration maximieren.“

Luke rief sich die enge Treppe, die zur Spitze der Freiheitsstatue führte, ins Gedächtnis. Jeden Tag war sie voller Menschen, meist Kinder auf Schulausflügen. Er sah Liberty Island vor seinem inneren Auge, wie die Insel mit tausenden Touristen gefüllt war, er sah die Fähren, die fast noch verstopfter waren als die Insel selbst, so wie Flüchtlingsboote aus Haiti.

Dann sah er die U-Bahnsteige des Grand Central Terminals morgens 7.30 Uhr, so voll von Pendlern, dass man kaum einen Platz zum Stehen fand. Ungefähr hundert Menschen würden auf den Treppen stehen und auf den nächsten Zug warten, der Menschen aufnehmen würde, um dem Bahnsteig Platz für die nächste Gruppe Menschen zu geben. Er stellte sich vor, wie eine Bombe in dieser Menge hochgehen würde.

Und dann die Lichter ausgingen.

Ein Welle Abscheu überrollte ihn. Es würden mehr Menschen in dem panischen Gedränge sterben, als durch die eigentliche Explosion.

Trudy fuhr fort. „Das Problem, mit dem wir es hier zu tun haben, ist, dass es zu viele potentielle Angriffsziele gibt. Außerdem muss die Attacke nicht notwendigerweise in New York stattfinden. Wenn der Diebstahl tatsächlich vor drei Stunden stattgefunden hat, dann haben wir bereits einen möglichen Operationsradius von wenigstens 240 Kilometern. Das schließt ganz New York City, seine Vororte, Philadelphia und alle größeren Städte in New Jersey, also Jersey City und Trenton mit ein. Wenn die Täter auch in der nächsten Stunde nicht gefasst werden, können wir den Radius bis Boston und Baltimore ausweiten. Die gesamte Region ist dich besiedelt. In einem Gebiet dieser Größenordnung können wir von Zehntausenden leicht verwundbaren Angriffszielen ausgehen. Selbst wenn sie sich an die bekanntesten Hausnummern halten würden, sprechen wir immer noch von mehreren Hundert.“

„Okay, Trudy“, sagte Luke. „Du hast die Faktenlage präsentiert. Was sagt euch jetzt euer Bauch?“

Trudy zuckte die Schultern. „Ich denke, dass wir davon ausgehen können, dass es sich um eine dreckige Bombe handelt, die im Zuge eines Anschlags zum Einsatz kommen soll und davon, dass dieser Anschlag mit Mitteln eines anderen Landes finanziert wird. Möglicherweise handelt es sich auch um eine unabhängige Terrororganisation wie ISIS oder Al-Qaida. Amerikaner und Kanadier mögen involviert sein, doch gesteuert wird die Sache von anderer Stelle. Es ist definitiv keine Gruppe, die ihre Wurzeln hier bei uns hat, wie im Falle von Umweltschützern oder weißen Rassisten.“

„Warum? Warum nicht von hier?“, fragte Luke. Er wusste bereits warum, aber es war wichtig, dass es auch ausgesprochen wurde, damit ein Schritt nach dem anderen gegangen werden konnte ohne etwas entscheidendes zu übersehen.

„Die Linken brennen Hummer Niederlassungen mitten in der Nacht nieder. Sie verhindern die Rodung von Wäldern und bemalen die Bäume, sodass niemand verletzt wird. Doch haben sie niemals auch nur den Versuch unternommen einen Anschlag auf eine dicht besiedelte Region zu verüben, geschweige denn jemanden umzubringen. Außerdem hassen sie alles, was mit Radioaktivität zu tun hat. Der rechte Flügel ist gewaltbereiter und Oklahoma City hat gezeigt, dass sie bereit sind die Zivilbevölkerung sowie Regierungswahrzeichen anzugreifen. Aber keine der Gruppen hätte das notwendige Training hierfür. Und es gibt einen anderen Grund, warum sie es wahrscheinlich nicht sind.“

„Und der wäre?“, fragte Luke.

„Iridium hat eine sehr kurze Halbwertszeit“, sagte Trudy. „Der Großteil wird in wenigen Tagen nutzlos sein. Wer auch immer diese Chemikalien gestohlen hat, muss schnell handeln, bevor sie selbst Opfer der Verstrahlung werden. Für die Muslime beginnt heute bei Sonnenuntergang der heilige Monat Ramadan. Ich denke, wir haben es hier mit einem Anschlag zu tun, der absichtlich so gelegt ist, dass er mit dem Beginn des Ramadans zusammenfällt.“

Luke atmete schon fast erleichtert aus. Er kannte Trudy seit einigen Jahren und hatte mit ihr zusammengearbeitet. Ihre Informationen waren immer gut und ihre Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken war außergewöhnlich. Sie hatte viel öfter Recht, als dass sie daneben lag.

Er sah auf seine Uhr. Es war 3.15 Uhr. Die Sonne würde heute wahrscheinlich gegen 20 Uhr untergehen. Er stellte eine schnelle Berechnung an. „Du denkst also, wir haben mehr als sechzehn Stunden zur Verfügung, um diese Leute aufzuspüren?“

Sechzehn Stunden. Nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen war die eine Sache. Aber sechzehn Stunden dafür zur Verfügung zu haben samt der allerbesten Leute und Technologie war eine andere. Es war fast zu viel zu hoffen.

Trudy schüttelte ihren Kopf. „Nein. Das Problem ist, dass Ramadan mit Sonnenuntergang beginnt, aber mit welchem? In Teheran wird die Sonne heute um 20.24 untergehen, 10.54 Uhr unserer Zeit. Aber was wäre, wenn sie sich auf den Beginn des Ramadan anderswo beziehen würden, zum Beispiel den in Malaysia oder Indonesien? Das hieße für uns 7.24 Uhr morgens, was nicht völlig abwegig wäre, denn das ist der Beginn der Hauptverkehrszeit.“

Luke schnaubte. Er stierte durch das Fenster auf die weite Lichterflut der grenzenlosen Stadt unter ihm. Er warf erneut einen Blick auf seine Uhr. 3.20 Uhr. Vor ihm am Horizont konnte er die hohen Gebäude Lower Manhattans sehen und dort die zwei blauen Lichtstrahle, die anstelle des einstigen World Trade Center hoch in die Luft ragten. In drei Stunden würden die U-Bahnen und Zugstationen sich mit Pendlern zu füllen beginnen.

Und irgendwo dort draußen waren Menschen, die Pläne schmiedeten, diese Pendler sterben zu lassen.

Kapitel 3

3.35 Uhr

Manhattans East Side

„Sieht aus wie ein Haufen Ratten“, sagte Ed Newsam.

Der Helikopter flog dicht über dem East River. Das dunkle Wasser war unter ihnen, es floss eilig, kleine Wellen ritten darauf. Luke konnte sehen, was Ed meinte. Das Wasser sah aus wie eine riesige Ansammlung Ratten, die unter einer schimmernden Decke davonrannten.

Der Helikopter landete behutsam auf der vierunddreißigsten Straße. Luke erkannte die Lichter der Gebäude zu seiner Linken, ein Juwelenmeer in der Nacht. Jetzt da sie hier waren, durchdrang ihn ein Gefühl von Dringlichkeit. Sein Herz stolperte. Er war während des langen Fluges still gewesen, was sonst hätte er tun können? Doch die Uhr tickte und sie mussten sich an die Arbeit machen. Er wartete ungeduldig auf die Landung des Helikopters.

Er landete mit einem Poltern, im selben Moment lösten die Insassen ihre Gurte. Don riss die Tür auf. „Auf geht es“, sagte er. Der Absperrschieber zur Straße befand sich etwa achtzehn Meter vom Landungsort entfernt. Drei Geländewagen warteten bereits vor den Betonbarrieren. Eine Spezialeinheit der New Yorker Polizei rannte zum Helikopter und entlud das Equipment. Ein Mann nahm auch Lukes zwei Taschen aus dem Helikopter.

„Vorsicht mit den zwei Taschen,“ sagte Luke. „Als ich das letzte Mal hier war, habt ihr meine Taschen verbummelt. Ich werde keine Zeit für eine Einkaufstour haben.“

Luke und Don kletterten in den ersten Geländewagen, Trudy schlüpfte ebenfalls hinein. Der Geländewagen war recht breit, sodass ein Innenraum mit gegenüberliegenden Sitzen entstand. Luke und Don blickten nach vorne, Trudy nach hinten. Der Geländewagen bewegte sich Richtung Ausgang noch bevor sie Platznehmen konnten. Es verging keine Minute und sie rasten durch die enge Schlucht des FDR Drive gen Norden. Gelbe Taxis brausten wie ein Schwarm Bienen aus allen Richtungen an ihnen vorbei.

Niemand sprach ein Wort. Der Geländewagen preschte voran, schmiegte sich in die Kurven, fuhr unter bröckelnden Bauten durch Tunnelschächte und schepperte über Schlaglöcher. Luke konnte das Herz in seiner Brust schlagen fühlen. Aber nicht die Fahrt trieb seinen Puls in die Höhe. Es war die Erwartung.

„Es wäre nett, hier einmal zum Spaß herzukommen,“ sagte Don. „In einem schönen Hotel übernachten und vielleicht eine Broadway Show sehen.“

„Nächstes Mal,“ sagte Luke.

Er konnte sehen, dass der Wagen bereits den Highway verließ. Es war die Abfahrt zur sechsundneunzigsten Straße. Der Fahrer bremste nachlässig an einer roten Ampel, bog links ab und steuerte auf einen leeren Boulevard zu.

Luke sah wie der Wagen in den kleinen Kreisverkehr vor dem Krankenhaus donnerte. Sie kamen direkt vor den hellen Lichtern der Notaufnahme zum stehen. Ein Mann in einem Dreiteiler wartete bereits auf sie.

„Elegante Erscheinung,“ sagte Luke.

Don bohrte seinen Finger in Lukes Arm. „Luke, wir haben eine kleine Überraschung für dich vorbereitet. Wann hattest du das letzte Mal einen Schutzanzug an?“

Kapitel 4

4.11 Uhr

Untergeschoss Center Medical Center, Upper East Side

„Nicht so fest,“ sagte Luke, aus dessen Mund ein Plastikthermometer ragte.

Trudy hatte die Manschette eines tragbaren Blutdruckmessgeräts um sein Handgelenk geschlungen. Sie umschloss sein Handgelenk immer fester bis der Druck mit einem zischenden Geräusch langsam wieder nachließ. Trudy öffnete den Klettverschluss der Manschette und zog ihm im selben Atemzug das Thermometer aus dem Mund.

„Wie sieht es aus?“ fragte er.

Sie blickte auf die Anzeige. „Hoher Blutdruck,“ sagte sie. „138 über 85. Ruhepuls 97. Körpertemperatur 38 Grad. Ich werde dir nichts vormachen Luke. Die Werte könnten besser sein.“

„Ich hatte ziemlich viel Stress in der letzten Zeit,“ sagte Luke. Trudy zuckte mit den Schultern. „Dons Werte sind besser als deine.“ „Ja gut, aber er nimmt auch Cholesterinpillen.“ Luke und Don saßen in Boxershorts und T-Shirt zusammen auf einer Holzbank. Sie befanden sich in einer unterirdischen Lagerräumlichkeit unter dem Krankenhaus. Schwere Vinylvorhänge schlossen den Bereich ab und umschlossen die Beiden. Es war kalt und feucht hier unten und ein kalter Schauder fuhr Luke den Rücken herunter. Das betroffene Sicherheitsgewölbe befand sich noch zwei weitere Stockwerke tiefer.

Menschen liefen durch die Gegend. Ein paar Beamte der Spezialeinheit aus dem New Yorker Büro waren unter ihnen. Sie hatten zwei Klapptische für einige Laptops und Monitore aufgestellt. Der Typ im Dreiteiler stand auch dort. Es hatte sich herausgestellt, dass er ein Geheimdienstmitarbeiter der New Yorker Anti-Terrorismus Einheit war.

Ed Newsam, der für schwere Waffen und Taktik zuständig war und den Luke im Helikopter getroffen hatte, kam durch die Vinylvorhänge mit zwei Beamten der Spezialeinheit im Schlepptau. Beide trugen jeweils ein durchsichtiges verschlossenes Packet mit hellgelbem Inhalt.

„Achtung!“ rief Newsam und unterbrach das Stimmengewirr. Er zeigte mit zwei Fingern auf seine eigenen Augen. „Don, Luke Augen bitte hierher.“

Newsam hielt in jeder Hand eine Wasserflasche. „Ich weiß, dass ihr beide das schon kennt, aber wir werden so tun, als wäre es das erste Mal für euch, so können wir sicher gehen, dass keine Fehler gemacht werden. Diese Männer hinter mir werden eure Anzüge inspizieren und euch dann helfen, sie anzulegen. Es handelt sich um Schutzanzüge der Stufe A aus solidem Vinyl. Ihr werdet ordentlich ins Schwitzen kommen, wenn ihr sie tragt. Bevor wir anfangen, bitte ich euch deshalb diese Wasserflaschen auszutrinken. Ihr werdet später froh darüber sein.“

„Ist schon irgendjemand vor uns dort unten gewesen?“ fragte Luke.

„Zwei Wächter waren unten, nachdem der Sicherheitsverstoß bemerkt worden war. Das Licht funktioniert nicht. Swann hat versucht es zu reparieren, hatte aber kein Glück damit. Es wird also dunkel sein. Die Wächter hatten Taschenlampen dabei, allerdings haben sie schnell wieder kehrt gemacht, als sie das Gewölbe offen und Kanister und Behälter verstreut vorfanden.“

„Haben sie was abbekommen?“

Newsam lächelte. „Ein bisschen. Meine Töchter werden sie für ein paar Tage als Nachtlicht nutzen. Sie trugen keine Anzüge, waren aber nur für einen kurzen Moment dort. Ihr werdet wesentlich länger dort unten bleiben.“

„Werdet ihr sehen können, was wir sehen?“

„An euren Kappen sind Videokameras und LED Lichter befestigt. Ich werde sehen, was ihr seht und ich werde es aufnehmen.“

Es dauerte zwanzig Minuten, die Anzüge anzulegen. Luke war frustriert. Es war schwierig, sich in dem Anzug zu bewegen. Er war von Kopf bis Fuß in Vinyl gekleidet und die Temperatur im Anzug fing bereits an zu steigen. Sein Gesichtsschutz beschlug. Die Zeit schien nur so davonzufliegen. Die Diebe mussten längst weit weg sein.

Er und Don nahmen gemeinsam den Lastenaufzug. Er fuhr langsam und knarrend nach unten. Don trug den Geiger-Müller-Zähler. Der sah aus wie eine kleine Autobatterie mit Handgriff.

„Könnt ihr mich gut hören?“ fragte Newsam. Es klang für Luke wie eine Stimme in seinem Kopf. Die Kappen hatten eingebaute Lautsprecher und Mikrophone.

„Ja,“ sagte Luke. „Ich kann dich hören,“ sagte Don. „Gut. Ich höre euch beide klar und deutlich. Wir sind auf geschlossener Frequenz unterwegs. Die einzigen die Zugang haben seid ihr, ich und Swann oben im Kontrollraum. Swann hat Zugang zu einer digitalen Karte der Einrichtung und eure Anzüge haben eine Tracking-Vorrichtung. Swann kann euch also auf seiner Karte sehen und er wird euch anweisen, wie ihr vom Fahrstuhl zum Gewölbe kommt. Bist du da Swann?“

„Bin hier,“ sagte Swann. Der Fahrstuhl kam ruckartig zum Stehen. „Wenn die Türen sich öffnen, geht raus und biegt nach links ab.“ Die zwei Männer bewegten sich unter den Anweisungen Swanns ungelenk in Richtung eines breiten Flurs. Das Spiel ihrer Helmlichter an der Wand ließ Schatten in der Dunkelheit entstehen. Luke erinnerten sie an Schiffswracks, die er bei einigen Tauchausflügen vor Jahren gesehen hatte. Nach wenigen Sekunden fing der Geiger-Zähler an zu klicken. Zunächst waren die Pausen zwischen den Klicken recht groß, wie ein langsamer Herzschlag.

„Wir haben Strahlung,“ sagte Don. „Das sehen wir. Keine Sorge. Es ist nicht schlimm. Es ist ein sensibles Instrument, das ihr da habt.“ Das Klicken wurde schneller und lauter. Swanns Stimme sagte: „In ein paar Metern biegt ihr rechts ab, dann folgt ihr dem Flur noch etwa zehn Meter. Dann kommt ein großer quadratischer Raum. Das Sicherheitsgewölbe ist auf der anderen Seite dieses Raums.“ Sie bogen rechts ab und der Geiger-Zähler legte an Lautstärke und Geschwindigkeit weiter zu. Das Klicken schwoll an und die einzelnen Schläge waren kaum noch voneinander zu unterscheiden. „Newsam?“

„Nur zu. Wir sollten versuchen das in fünf Minuten oder weniger hinter uns zu bringen.“

Sie betraten den Raum. Er sah wüst aus. Auf dem Boden lagen umgeworfene Kanister, Boxen und große Metallbehälter. Einige waren offen. Luke richtete sein Licht auf das Gewölbe auf der anderen Seite des Raums. Die schwere Tür stand offen.

„Siehst du das?“ fragte Luke. „Godzilla muss hier gewütet haben.“

Newsams Stimme meldete sich wieder. „Don! Don! Leuchte mit deinem Licht mal auf den Boden, anderthalb Meter vor dir. Dort. Ein bisschen weiter noch. Was ist da auf dem Boden?“

Luke trat neben Don und richtete seine Lampe auf dieselbe Stelle. Etwa drei Meter vor ihnen, inmitten der Verwüstung, lag etwas verstreut, das aussah wie ein Haufen von Fetzen.

„Das ist ein Körper,“ sagte Don. „Scheiße.“

Luke stellte sich dazu und richtete sein Lampe auf die Überbleibsel. Die Person war groß und trug etwas, das wie eine Wächteruniform aussah. Luke kniete sich neben den Körper. Er entdeckte einen dunklen Fleck, der leckendem Motoröl unter einem Auto glich. Der Kopf war zur Seite gedreht und schaute zu ihm. Alles oberhalb der Augen war nicht mehr, was einst seine Stirn gewesen war, bildete nun einen Krater. Luke umfasste den Hinterkopf und taste dort nach einem viel kleineren Loch. Trotz seiner dicken Handschuhe fand er es.

„Was hast du gefunden Luke?“

„Einen großen Mann, zwischen achtzehn und dreißig Jahre alt, arabischer, persischer oder südländischer Abstammung. Hier ist jede Menge Blut. Er hat Ein- und Austrittswunden, die mit einem Nackenschuss konsistent sind. Sieht wie eine Hinrichtung aus. Es könnte eine weitere Person des Wachpersonals sein oder jemand, der einen Streit mit seinen Freunden hatte.“

„Luke,“ sagte Newsam. „In deinem Gürtel befindet sich ein kleiner digitaler Scanner für Fingerabdrücke. Schau mal, ob du den findest und damit einen Fingerabdruck von dem Typen nehmen kannst.“

„Ich glaube nicht, dass das möglich ist,“ sagte Luke.

„Komm schon. Die Handschuhe sind nervig aber ich weiß, wo der Scanner ist. Ich werde es dir beschreiben.“

Luke richtete seine Kamera auf die rechte Hand des Mannes. Alle Finger waren unterhalb des ersten Knöchels verstümmelt worden. Er warf einen Blick auf die andere Hand. Die sah nicht besser aus.

„Sie haben die Fingerabdrücke mitgenommen,“ sagte er.

Kapitel 5

Wieder in ihrer Straßenkleidung liefen Luke und Don zusammen mit einem Beamten der New Yorker Anti-Terrorismus-Einheit im Eiltempo den Flur des Krankenhauses entlang. Luke hatte nicht einmal den Namen des Beamten aufgeschnappt. Für ihn war er einfach Dreiteiler. Luke war dabei dem Beamten Anordnungen zu geben. Dinge mussten ins Rollen gebracht werden und dafür benötigten sie die Unterstützung der Stadt.

Luke übernahm diesen Job, das lag in seiner Natur. Er blickte zu Don und Don nickte ihm zustimmend zu. Genau deshalb hatte Don Luke mit ins Boot geholt, damit er die Richtung vorgab. Don sagte immer, dass Luke der geborene Quarterback sei.

„Ich will Geiger-Zähler auf allen Etagen,“ sagte Luke. „Aber so, dass niemand sie sieht. Wir sind erst im sechsten Untergeschoss auf Strahlung gestoßen, aber sie beginnt sich nach oben auszubreiten und das ziemlich schnell.“

„Das Krankenhaus hat Patienten mit lebenserhaltenden Maßnahmen,“ sagte Dreiteiler. „Die sind also nur bedingt verlegbar.“ „Genau. Also fang an, die Logistikhebel in Gang zu setzen.“ „Okay.“ Luke fuhr fort. „Wir brauchen ein ganzes Team in Sicherheitsanzügen dort unten. Wir müssen die Leiche hier hochholen, egal wie kontaminiert sie ist und wir müssen uns beeilen. Das Aufräumteam kann warten, bis wir die Leiche haben.“

„Alles klar,“ sagte Dreiteiler. „Wir werden sie in einem mit Blei ausgekleideten Sarg transportieren, der dann in einem strahlungssicheren Transporter zur Gerichtsmedizin gebracht wird.“

„Kann das bitte ohne großes Aufsehen vonstatten gehen?“ „Sicher.“ „Wir brauchen einen Gebissabdruck für einen Datenbankabgleich, DNA, Narben, Tattoos, Implantate, was auch immer ihr findet. Wenn ihr alles zusammen habt, schickt Trudy Wellington aus unserem Team alles rüber. Sie hat Zugang zu Datenbanken, zu denen eure Leute keinen haben.“

Luke zog sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. Sie nahm beim ersten Klingeln ab. „Trudy, wo bist du?“ „Ich bin mit Swann auf der Fifth Avenue, auf der Rückbank einer unserer Wagen, auf dem Weg zur Kommandozentrale.“ „Hör zu, ich bin hier mit…“ Er blickte Dreiteiler an. „Wie heißen Sie?“ „Kurt. Kurt Myerson.“ „Ich bin hier mit Kurt Myerson von der New Yorker Polizeibehörde. Er ist von der Anti-Terrorismus-Einheit. Sie werden die Leiche hochholen. Ich will, dass du mit ihm für die Überprüfung von Gebiss, DNA und anderen potentiellen Identifizierungsmerkmalen in Kontakt stehst. Wenn du die Informationen von ihm hast, will ich Namen, Alter, Herkunftsland, Verbindungen und so weiter von dem Typen haben. Ich muss wissen, wo er gewesen ist und was er in den letzten sechs Monaten getrieben hat. Und ich brauche das alles quasi gestern.“

„Geht klar, Luke.“ „Sehr gut. Danke. Hier ist Kurt, er wird dir seine Durchwahl geben.“ Luke reichte Kurt das Handy. Die drei Männer drangen durch die Doppeltür, sie verloren dabei kaum an Tempo. Einen Moment später gab Kurt ihm das Handy zurück. „Trudy? Bist du noch dran?“ „Wo sollte ich sonst sein?“ Luke nickte. „Gut. Eines noch. Die Überwachungskameras hier im Krankenhaus sind zwar aus, aber in der näheren Umgebung muss es noch andere Kameras geben. Wenn du in der Kommandozentrale bist, nimm dir ein paar unserer Leute. Sie sollen alles im fünf Block Radius des Krankenhauses durchkämmen und das Videomaterial von sagen wir 8 Uhr bis 13 Uhr durchgehen. Ich will genau wissen, welche Lieferfahrzeuge in diesem Zeitraum in der Nähe des Krankenhauses waren. Der Fokus sollte auf kleinen Lastwagen, Transportern von Backwaren, Hot Dog Buden und ähnlich Geartetem liegen. Alles, was klein und praktisch ist und verpackte Waren transportiert. Geringere Priorität haben Sattelschlepper, Busse oder Baufahrzeuge, trotzdem auch die überprüfen. Geringe Priorität haben Wohnwagen, Pickup-Trucks und Geländewagen. Ich will einen Abzug der Nummernschilder und die Namen der Besitzer der Fahrzeuge. Wenn irgendetwas seltsam erscheint, sucht nach mehr Kameras und erweitert den Radius, um herauszufinden, wohin der Wagen gefahren ist.“

„Luke,“ sagte sie, „ich werde mehr Leute brauchen.“

Luke dachte zwei Sekunden nach. „Okay. Mach ein paar Leute wach, bring sie in die Zentrale des Spezialeinsatzkommandos und schick ihnen die Nummernschilder. Sie werden die Fahrzeughalter ermitteln.“

„Alles klar.“

Sie legten auf. Luke besann sich und ein neuer Gedanke erschien ihm. Er blickte zu Kurt Myerson hinüber.

„In Ordnung, Kurt. Nun das Allerwichtigste. Wir müssen das Krankenhaus zumachen. Alle Angestellten, die heute Abend Schicht hatten, sollen zusammenkommen und müssen überprüft werden. Die Leute werden reden, das verstehe ich, aber wir müssen das aus den Medien raushalten so lange wir können. Wenn das rauskommt, wird Panik ausbrechen, zehntausende falsche Hinweise werden bei der Polizei eingehen und die bösen Jungs werden vor dem Fernseher sitzen und alle Entwicklungen mitverfolgen. Das können wir nicht geschehen lassen.“

Sie drangen durch eine weitere Doppeltür in die Hauptlobby des Krankenhauses. Die gesamte Front der Lobby war aus Glas. Mehrere Sicherheitsbeamte standen in der Nähe des abgeschlossenen Haupteingangs.

Draußen war eine Menschentraube zu erkennen. Ein Haufen Reporter versuchte, die Polizeibarrieren aufzubrechen. Fotografen pressten sich gegen die Fenster und schossen Innenaufnahmen der Lobby. Unzählige Nachrichtensender parkten auf der Straße. Luke sah drei verschiedene Fernsehreporter Teile ihrer Berichterstattung direkt vor dem Eingang des Krankenhauses filmen.

„Was haben Sie gerade gesagt?“

Kapitel 6

5.10 Uhr

In einem Lieferwagen

Er saß auf der Rückbank des Lieferwagens, umklammerte seine Beine und fragte sich, worauf er sich da eingelassen hatte. Er hatte im Knast ein paar extreme Sachen gesehen, aber nichts dieser Kategorie.

Vor ihm saß Ezatullah, er telefonierte lautstark mit jemandem auf Farsi. Ezatullah war jetzt schon seit mehreren Stunden am Telefon. Für Eldrick ergaben die Worte keinen Sinn. Alles klang nach Kauderwelsch. Was er wusste war, dass Ezatullah in London eine Ausbildung zum Chemotechniker gemacht hatte, doch anstatt danach einen Job zu suchen, war er in den Krieg gezogen. Er war Anfang dreißig, eine breite Narbe prangte auf seiner Wange, er sagte von sich selbst, dass er den Jihad in ein halbes Dutzend Länder gebracht hatte und nun nach Amerika gekommen war, um das gleiche hier zu tun.

Er brüllte immer wieder in den Hörer, bevor er durchkam. Als er endlich jemanden erreichte, stimmte er gleich das Erste mehrerer Wortgefechte an. Nach einigen Minuten wurde er ruhiger und lauschte. Dann legte er auf.

Eldricks Gesicht war gerötet. Er hatte Fieber. Er fühlte das Brennen in seinem Körper. Sein Herz raste. Er hatte sich noch nicht übergeben, aber er fühlte, dass er es bald würde. Sie hatten bereits zwei Stunden am Treffpunkt im Hafengebiet der Süd-Bronx gewartet. Es sollte eine einfache Sache sein. Das Material klauen, den Lieferwagen zehn Minuten fahren, die Kontaktpersonen treffen und sich verziehen. Aber die Kontaktpersonen tauchten nicht auf.

Sie waren jetzt… irgendwo. Eldrick wusste es nicht. Er hatte für eine Weile nichts mitbekommen. Jetzt war er wieder wach, aber alles schien nur wie ein undeutlicher Traum. Sie waren auf dem Highway. Momo fuhr, er musste also wissen, wohin es ging. Dürr ohne eine sich abzeichnende Muskelpartie entsprach Momo dem, was man sich unter einem Computerexperten vorstellte. Er war so jung, dass seine Haut kein einziges Fältchen aufzeigte. Er sah so aus als würde ihm niemals ein Bart wachsen, auch wenn Allah selbst davon abhinge.

„Wir haben neue Anweisungen,“ sagte Ezatullah. Eldrick ächzte und wünschte sich seinen Tod herbei. Er hatte nicht gewusst, dass es möglich war, sich so krank zu fühlen. „Ich muss mal hier raus,“ sagte Eldrick. „Halts Maul, Abdul!“ Eldrick hatte vergessen, dass sein Name nun Adbul Malik war. Es war seltsam, so genannt zu werden, Abdul, er, Eldrick, stolzer schwarzer Mann und stolzer Amerikaner die größte Zeit seines Lebens. So krank wie er sich jetzt fühlte, wünschte er sich, dass es zu all diesen Veränderungen nie gekommen wäre. Im Knast zu konvertieren, war die dümmste Idee, die er jemals gehabt hatte.

Der ganze Mist war hinten drinnen. Es gab reichlich, in allmöglichen Arten von Kanistern und Behältern. Einige waren ausgelaufen und nun brachte es sie um. Es hatte Bibi bereits getötet. Der Dummkopf hatte einen Kanister geöffnet, als sie noch unten im Gewölbe gewesen waren. Er war stark und konnte den Deckel öffnen. Warum hat er das getan? Eldrick sah ihn noch vor sich, wie er den Kanister hochhielt. „Da ist nichts drinnen,“ hatte er gesagt. Dann hatte er seine Nase reingesteckt.

Nach einer Minute finge er an zu husten. Er fiel regelrecht auf seine Knie. Dann auf alle viere, immer noch hustend. „Ich hab was in meinen Lungen,“ sagte er. „Es geht nicht weg.“ Er fing an nach Luft zu japsen. Das Geräusch war furchterregend.

Ezatullah ging zu ihm und schoss ihm in den Hintekopf. „Glaubt mir, ich habe ihm einen Gefallen getan,“ sagte er. Der Lieferwagen fuhr nun durch einen Tunnel. Der Tunnel war lang und eng und dunkel, orange Lichter schwirrten an der Decke vorbei. Die Lichter erregten ein Schwindelgefühl bei Eldrick.

„Ich muss hier raus!“ rief er. „Ich muss hier raus! Ich muss…“ Ezatullah drehte sich zu ihm um. Er hatte seine Waffe. Er richtete sie auf Eldricks Kopf. „Ruhe jetzt! Ich telefoniere.“ Ezatullahs geschlitztes Gesicht war rot. Er schwitzte.

„Wirst du mich genauso umbringen, wie du Bibi umgebracht hast?“

„Ibrahim war mein Freund,“ sagte Ezatullah. „Ich habe ihn aus Gnade umgebracht. Dich werde ich umbringen, nur damit du die Klappe hältst.“ Er presste die Mündung der Waffe gegen Eldricks Stirn.

„Erschieß mich. Es ist mir egal.“ Eldrick schloss seine Augen.

Als er sie wieder öffnete, hatte sich Ezatullah wieder nach vorne gedreht. Sie waren noch immer im Tunnel. Die Lichter waren zu viel. Eine Welle Übelkeit überkam Eldrick, und sein Körper wurde von heftigen Zuckungen geschüttelt. Sein Magen zog sich zusammen und er schmeckte die Säure in seinem Hals. Er beugte sich vornüber und übergab sich auf den Boden zwischen seinen Schuhen.

Ein paar Sekunden vergingen. Der Geruch schlug ihm ins Gesicht und er würgte. Oh Gott, bat er stillschweigend. Bitte lass mich sterben.

Kapitel 7

5.33 Uhr

East Harlem, Bezirk Manhattan

Luke hielt den Atem an. Laute Geräusche waren nicht sein Ding und er wusste, dass es gleich sehr laut würde.

Er stand bewegungslos im schwachen Licht eines Mietshauses in Harlem. Er hatte seine Waffe gezogen, seinen Rücken an die Wand gepresst. Hinter ihm stand Ed Newsam in fast der gleichen Pose. Vor ihnen stand auf jeder Seite der Wohnungstür ein halbes Dutzend SWAT Teammitglieder in Helmen und Schutzwesten.

Das Gebäude war totenstill. Staubpartikel hingen in der Luft. Kurz zuvor hatte ein kleiner Roboter eine winzige Kamera unter der Tür durchgeschoben, um eventuelle Sprengsätzen auf der anderen Seite auszumachen. Negativ. Der Roboter war gerade zurückgekommen.

Zwei Männer des SWAT-Teams traten nun mit einem schweren Rammbock heran. Es war einer dieser schwingenden Böcke, jeweils ein Beamter hielt ihn an einem Griff auf jeder Seite. Sie machten keinerlei Geräusche. Der Leiter des SWAT-Teams hob seine Faust in die Höhe. Sein Zeigefinder schnellte nach oben. Das war eins. Mittelfinger. Zwei. Ringfinger… Die zwei Männer holten Schwung und stießen zu. BUMM! Die Tür zersplitterte und die Männer duckten sich. Die vier anderen schwärmten hinein. Plötzlich schrie jemand, „Runter! Runter! Duckt euch!“ Irgendwo weiter unten im Gang fing ein Kind an zu weinen. Türen öffneten sich, Köpfe lugten heraus und wurden wieder zurückgezogen. Es war eines dieser Dinge hier. Manchmal kam die Polizei und brach in die Wohnung des Nachbarn ein.

Luke und Ed warteten etwa dreißig Sekunden bis das SWAT Team die Wohnung gesichert hatte. Die Leiche lag auf dem Boden im Wohnzimmer, genauso wie Luke es vermutet hatte. Er schaute kaum hin. „Alles klar?“ sagte er zum Leiter des SWAT-Teams. Er schaute Luke ein wenig finster an. Es hatte zuvor eine kurze Auseinandersetzung gegeben, als Luke dem Team Anweisungen geben wollte. Die Jungs waren von der New Yorker Polizeibehörde. Sie waren keine Schachfiguren, die sich von anderen FBI-Agenten einfach so herumkommandieren ließen. Das wollten sie Luke wissen lassen. Das war kein Problem für Luke, aber eine Terrorattacke war keine Situation, in der jemand irgendetwas einfach so tat.

„Alles klar,“ sagte der Leiter. „Das ist dann wohl Ihr Fachgebiet hier.“ „Danke,“ sagte Luke. Er zuckte mit den Schultern und wendete seinen Blick ab. Ed kniete neben der Leiche. Er hatte einen Scanner für Fingerabdrücke dabei. Er nahm Abdrücke von drei Fingern. „Was denkst du, Ed?“ Er hob die Schultern. „Ich habe Ken Byrants Abdrücke aus der Polizeidatenbank dabei. Wir sollten in ein paar Sekunden wissen, ob er es ist. So weit haben wir offenkundige Würgemale und Schwellungen. Der Körper ist noch ein wenig warm. Die Totenstarre hat eingesetzt, hat sich aber noch nicht vollständig ausgebreitet. Die Finger werden langsam blau. Ich würde sagen, dass er auf die gleiche Weise wie die Wächter im Krankenhaus gestorben ist, durch Erwürgen, vor ungefähr acht bis zwölf Stunden.“

Er sah zu Luke hoch. Er hatte ein Flackern in seinen Augen. „Wenn du seine Hose runterziehst, kann ich die Temperatur nehmen und die Tatzeit ein bisschen weiter eingrenzen.“

Luke lächelte und schüttelte seinen Kopf. „Nein danke. Acht bis zwölf Stunden ist ausreichend. Sag mir nur, ist er es?“

Ed warf einen Blick auf den Scanner. „Byrant? Jap. Er ist es.“

Luke holte sein Handy heraus und wählte Trudys Nummer. Am anderen Ende klingelte es. Einmal, zweimal, dreimal. Luke blickte um sich durch die düstere Finsternis der Wohnung. Die Wohnzimmereinrichtung war alt, die Polster zerrissen und die Unterstopfung der Armlehnen des Sofas quellte heraus. Ein abgenutzter Teppich bedeckte den Boden, leere Takeaway-Boxen und Plastikutensilien lagen auf dem Tisch verstreut. Schwere schwarze Vorhänge waren über den Fenstern befestigt.

Trudys Stimme ging ran, munter fast singend. „Luke,“ sagte sie. „Wie lange ist es her? Eine halbe Stunde?“

„Ich rufe wegen der vermissten Reinigungskraft an.“ „Ken Byrant,“ sagte sie. „Genau. Wir haben ihn gefunden. Newsam und ich sind in seiner Wohnung. Wir haben übereinstimmende Fingerabdrücke. Er ist vor etwa acht bis zwölf Stunden gestorben. Erwürgt, wie die Wächter.“ „Okay,“ sagte sie.

„Ich will, dass du dir sein Bankkonto ansiehst. Wahrscheinlich hat ihn das Krankenhaus per Überweisung bezahlt. Fang damit an und arbeite dich von dort aus durch.“

„Mmh, ich werde dafür eine Genehmigung brauchen.“

Luke machte eine Pause. Er verstand, warum sie zögerte. Trudy war eine gute Beamtin. Sie war jung und ambitioniert. Nicht wenigen hatte es die vielversprechende Karriere gekostet, Regeln zu brechen. Aber nicht immer. Manches Mal hatte es auch zu einer unverzüglichen Beförderung geführt. Es hing alles davon ab, wessen Regeln man brach und was letztlich dabei herauskam.

„Ist Swann bei dir?“ fragte er. „Ja.“ „Dann brauchst du keine Genehmigung.“ Sie gab keine Antwort.

„Trudy?“ „Ich bin da.“ „Wir haben keine Zeit, um Genehmigungen einzuholen. Menschenleben sind in Gefahr.“ „Ist Byrant in diesem Fall ein Verdächtiger?“ „Er ist von Interesse. Und er ist sowieso tot. Wir verletzen wohl kaum seine Rechte.“ „Ist das eine Anordnung von dir, Luke?“ „Das ist eine direkte Anweisung,“ sagte er. „Ich übernehme die Verantwortung. Wenn du so willst, teile ich dir hiermit mit, dass dein Job von der Befolgung dieser Anordnung abhängt. Also tu, was ich dir sage oder ich muss ein Disziplinarverfahren einleiten. Verstanden?“

Sie klang gereizt, fast wie ein Kind. „In Ordnung.“

„Gut. Wenn du Zugang zu seinem Konto hast, schau nach etwas, das aus der Reihe fällt. Geld, das dort nicht hingehört. Größere Einzahlungen oder Beträge, die abgehoben wurden. Elektronische Überweisungen. Wenn er ein Sparkonto hat oder andere Anlagen, die mit dem Konto in Verbindung stehen, überprüfe die auch. Wir sprechen hier von einem Ex-Häftling auf Bewährung. Er dürfte nicht allzu viel Geld haben. Wenn er doch welches hat, dann will ich wissen, wo es herkommt.“

„Okay, Luke.“ Er zögerte. „Wie läuft es mit den Nummernschildern?“ „Wir arbeiten so schnell wir können,“ sagte sie. „Wir haben Zugang zu Nachtaufnahmen der Fifth Avenue und der sechsundneunzigsten Straße sowie der Fifth Avenue und der vierundneunzigsten Straße und ein paar anderen in der Nachbarschaft. Wir verfolgen 198 Fahrzeuge, 46 davon mit hoher Priorität. Ich sollte in circa fünfzehn Minuten einen ersten Bericht aus den Zentralen reinbekommen.“

Luke blickte auf seine Uhr. Es wurde eng. „Okay. Gute Arbeit. Wir werden so schnell wie möglich runterkommen.“

„Luke?“ „Ja.“ „Die Story ist in allen Nachrichten. Es gibt drei Liveübertragungen. Alle bringen es als die Nachricht der Stunde.“ Er nickte. „Verstanden.“ Sie fuhr fort. „Der Bürgermeister hat eine Ankündigung für 6 Uhr angesetzt. Es klingt so, als würde er allen raten zu Hause zu bleiben.“ „Allen?“

„Er will, dass alles Personal, das nicht unbedingt notwendig ist, Manhattan fern bleibt. Alle Büroangestellten. Das ganze Reinigungspersonal und alle Verkäufer. Alle Schulkinder und Lehrer. Er wird vorschlagen, dass sich fünf Millionen Leute einen Tag Auszeit nehmen.“

Luke presste eine Hand an seinen Mund. Er atmete einmal tief durch. „Das sollte viel für die Kampfmoral tun,“ sagte er. „Wenn in New York alle zu Hause bleiben, schlagen sie wahrscheinlich einfach in Philadelphia zu.“

Kapitel 8

5.45 Uhr

Baltimore, Maryland – Südlich von Fort McHenry in einem Tunnel

Eldrick stand etwa zehn Meter abseits des Lieferwagens. Er hatte sich erneut übergeben. Trockenes Würgen und Blut. Das Blut beunruhigte ihn. Ihm war immer noch schwindlig, das Fieber und die Hitze waren noch da, aber da nichts mehr in seinem Magen war, hatte die Übelkeit fast aufgehört. Das Beste war, dass er endlich den Wagen verlassen hatte.

Irgendwo über dem trüben Horizont gewann der Himmel an Helligkeit, ein blass krankes Gelb. Hier unten war es noch dunkel. Sie standen am finsteren Ufer eines einsamen Parkplatzes. Eine Highway-Überführung ragte zwanzig Stockwerke über ihren Köpfen in die Höhe. In der Nähe war ein verlassenes Industriegebäude aus Backstein mit zwei Schornsteinen. Die schwarzen Löcher in den Fenstern sahen aus wie tote Augen. Das Gebäude war von Stacheldraht eingezäunt. Schilder wiesen im Zehnmeter-Abstand darauf hin, dem Gebäude fernzubleiben. Es gab ein sichtbares Loch im Zaun. Das Gelände um das Gebäude war mit Büschen und hohem Gras wild bewachsen.

Er beobachtete Ezatullah und Momo. Ezatullah entfernte eines der großen magnetischen Abziehbilder mit der Aufschrift Dun-Rite Wäschedienst, trug es zum Ufer und schleuderte es über das Wasser. Er kam zurück und tat das gleiche mit der anderen Seite. Elderick wäre nie auf die Idee gekommen, dass man diese Magneten ablösen konnte. Unterdessen kniete Momo vor dem Lieferwagen in der Hand einen Schraubendreher, mit dem er das Nummernschild abmontierte und ein anderes anbrachte. Einen Moment später wiederholte er diesen Vorgang auf der Rückseite.

Ezatullah gestikulierte Richtung Lieferwagen. „Voilà!“ sagte er. „Ganz anderer Wagen. Versuch mich jetzt mal zu fangen, Uncle Sam.“ Ezatullahs Gesicht war hellrot und schwitzte. Er schien zu keuchen. Seine Augen waren blutunterlaufen.

Eldrick blickte sich um. Ezatullahs Zustand hatte bei ihm eine Idee geweckt. Die Idee schlug wie ein Blitz in seine Gedanken ein, kaum war sie da, war sie auch schon wieder verschwunden. Das war die sicherste Art zu denken. Die Leute konnten häufig Gedanken erraten, wenn sie einem in die Augen blickten.

„Wo sind wir?“ fragte er.

„Baltimore,“ sagte Ezatullah. „Eine weitere eurer großartigen amerikanischen Städte. Hier lässt es sich sehr gut leben, vermute ich. Kaum Kriminalität, wunderschöne Natur und die Bürger sind alle gesund und wohlhabend, für Menschen überall zu beneiden.“

In der Nacht hatte Eldrick halluziniert. Er hatte mehr als einmal das Bewusstsein verloren. Er hatte jegliches Zeitgefühl und seinen Orientierungssinn verloren. Aber dass sie soweit gekommen waren, überraschte ihn.

„Baltimore? Warum sind wir gerade hier?“ Ezatullah zuckte mit den Schultern. „Wir sind auf dem Weg zu unserem Zielort.“ „Das Ziel ist hier?“ Jetzt lächelte Ezatullah. Das Lächeln erschien in seinem von Strahlung vergifteten Gesicht zu verrücken. Er sah wie der Tod persönlich aus. Er streckte eine zitternde Hand aus und gab Eldrick einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.

„Es tut mir leid, dass ich böse mit dir war, mein Bruder. Du hast gute Arbeit geleistet. Du hast alles getan, was du versprochen hattest. So Allah es will, hoffe ich, dass du noch an diesem Tag das Paradies erreichen wirst. Aber nicht durch meine Hand.“

Eldrick starrte ihn an.

Ezatullah schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht Baltimore. Wir werden Richtung Süden fahren, um den leidenden Massen überall auf der Welt die Freude eines Schicksalsschlages zu bereiten. Wir werden die Höhle des Teufels selbst betreten und den Kopf des Biestes mit unseren eigenen Händen abtrennen.“

Eldrick lief ein kalter Schauder über den Oberkörper. Auf seinen Armen breitete sich Gänsehaut aus. Er bemerkte, dass sein eigenes Shirt geradezu in Schweiß schwamm. Das hörte sich in seinen Ohren nicht gut an. Wenn sie Richtung Süden fahren würden und gerade in Baltimore waren, dann war die nächste Stadt…

„Washington,“ sagte er. „Ja.“ Ezatullah lächelte erneut. Dieses Mal war es das ruhmvolle Lächeln eines Heiligen, der an den Toren des Himmels stand und darauf wartete Einlass zu erhalten. „Töte den Kopf und der Körper wird sterben.“ Eldrick konnte es in Ezatullahs Augen sehen. Der Mann hatte den Verstand verloren. Vielleicht war es die Krankheit oder vielleicht war es etwas anderes, aber es war offenkundig, dass er nicht klar dachte. Es war die ganze Zeit der Plan, die Materialien zu stehlen und den Wagen in der Süd-Bronx zurückzulassen. Es war ein gefährlicher Job, nicht einfach durchzuführen und sie hatten es trotzdem geschafft. Aber wer auch immer die Strippen zog, hatte seinen Plan geändert oder hatte von Anfang an gelogen. Jetzt fuhren sie in einem radioaktiv-verstrahlten Lieferwagen nach Washington.

Um was zu tun?

Ezatullah war ein erfahrener Dschihadist. Er musste wissen, dass das, was er hier andeutete, unmöglich war. Was auch immer er zu tun gedachte, Eldrick wusste, dass sie nicht einmal in die Nähe kommen würden. Er stellte sich den Wagen vor, von Einschusslöchern durchsiebt, dreihundert Meter vom Zaun des Weißen Hauses oder Pentagons oder des Kapitols entfernt.

Das war keine Selbstmordmission. Es war nicht einmal eine Mission. Es war eine politische Botschaft.

„Keine Sorge,“ sagte Ezatullah. „Freu dich. Man hat dich für diese große Ehre auserkoren. Wir werden es schaffen, auch wenn du dir das gerade noch nicht vorstellen kannst. Das Vorgehen wird dir rechtzeitig einleuchten.“ Er drehte sich um und ließ die Seitentür des Lieferwagens aufgleiten.

Eldrick blickte zu Momo. Er hatte das hintere Nummernschild fast angebracht. Momo hatte schon eine Weile nicht mehr gesprochen. Er fühlte sich wahrscheinlich selbst nicht besonders gut.

Eldrick trat einen Schritt zurück. Dann einen weiteren. Ezatullah war mit irgendetwas im Inneren des Wagens beschäftigt. Er hatte ihm den Rücken zugewandt. Das Seltsame des Moments war, dass er sich wahrscheinlich nicht noch einmal anbieten würde. Eldrick stand dort im toten Winkel und niemand schaute zu ihm. Eldrick war in der Schule Mittelstrecke gelaufen. Er war gut darin. Er erinnerte sich an die Menge im Armory in der hundertsechsundachtzigsten Straße in Manhattan, an die Platzierungen auf der große Anzeigetafel, wie das Startsignal ertönte. Er erinnerte sich an das flaue Gefühl im Magen kurz vor dem Rennen und an die unglaubliche Geschwindigkeit auf der neuen Bahn, schlanke schwarze Gazellen, rangelnd, die sich abstießen, die Ellenbogen in der Luft, die sich so schnell bewegten, als wäre es ein Traum.

Seitdem war Eldrick nie wieder so schnell gerannt wie damals. Doch wenn er seine gesamte Energie bündelte, dann würde er vielleicht noch einmal so schnell laufen können. Es erschien sinnlos zu warten oder länger darüber nachzudenken.

Er drehte sich um und rannte los. Eine Sekunde später hörte er Momos Stimme hinter ihm: „EZA!“

Dann folgte etwas auf Farsi. Das verlassene Gebäude befand sich vor ihm. Die Übelkeit kam zurück. Er würgte, Blut floss auf sein T-shirt, aber er lief weiter. Er war bereits außer Atem.

Er hörte etwas zuklappen wie ein Tacker. Es hallte verhalten an den Wänden des Gebäudes wider. Ezatullah schoss, natürlich tat er das. Seine Waffe hatte einen Schalldämpfer.

Ein scharfer Stich fuhr durch Eldricks Rücken. Er fiel auf den Boden und schürfte sich seinen Arm an dem kaputten Asphalt auf. Den Bruchteil einer Sekunde später erschallte ein weiterer Schuss. Eldrick stand auf und rannte weiter. Der Zaun war nah. Er schwenkte um und lief auf das Loch zu.

Ein zweiter Stich durchdrang ihn. Er fiel nach vorne und klammerte sich an den Zaun. Seinen Beinen schien die gesamte Kraft zu entweichen. Er hing dort, an seinen Finger, die sich an die Maschen des Zauns klammerten.

„Beweg dich,“ krächzte er. „Beweg dich.“

Er fiel auf seine Knie, krabbelte auf den zerrissen Zaun zu und zwängte sich durch das Loch. Hohes Gras umgab ihn. Er stand auf wankte ein paar Schritte nach vorne, stolperte über etwas, das er nicht gesehen hatte und rollte eine Aufschüttung herunter. Er unternahm keinen Versuch zum Stehen zu kommen und überließ es dem Schwung, ihn zum Fuße der Aufschüttung zu befördern.

Er kam zum Stehen. Er atmete schwer. Der Schmerz in seinem Rücken war enorm. Sein Gesicht war von Schmutz bedeckt. Es war nass und matschig hier, er befand sich direkt am Ufer. Er konnte sich in das dunkle Wasser rollen, wenn er wollte. Doch stattdessen kroch er tiefer in das Gehölz. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Wenn er hier blieb, sich nicht bewegte und keinen Mucks machte, dann wäre es kaum möglich…

Er berührte mit der Hand seine Brust. Seine Finger tasteten Blut.

*

Ezatullah stand neben dem Loch im Zaun. Die Welt um ihn herum drehte sich. Ihm war schwindlig geworden, als er versucht hatte Eldrick hinterherzulaufen.

Seine Hand umfasste stützend die Maschen des Zauns. Er dachte, er müsse sich übergeben. Es war dunkel dort im Gebüsch. Sie könnten eine Stunde dort nach ihm suchen. Wenn er es in das große verlassene Haus geschafft hatte, würden sie ihn vielleicht nie finden.

Mohammar stand in seiner Nähe. Er hatte sich nach vorn übergebeugt, seine Hände hatte er auf die Knie stützt, er atmete tief ein und aus. Sein Körper zitterte. „Sollen wir hinterher?“ fragte er.

Ezatullah schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Zeit. Ich habe ihn zwei Mal angeschossen. Wenn die Strahlung ihn nicht umbringt, dann die Kugeln. Lass ihn hier alleine verrecken. Vielleicht wird Allah mit diesem Feigling Mitleid haben. Ich hoffe es. Wie auch immer wir müssen weiter, auch ohne ihn.“

Er drehte sich um und lief zum Lieferwagen zurück. Es schien, als parkte der Wagen weit weg. Er war müde und abgezehrt aber er setzte weiter einen Fuß vor den anderen. Jeder Schritt brachte ihn näher zum Paradies.

Kapitel 9

6.05 Uhr

Kommandozentrale der Anti-Terrorismus Einheit – Midtown Manhattan

„Luke, es wäre jetzt das Beste, deine Leute zusammenzurufen und zurück nach Washington zu fahren,“ sagte der Mann in dem Anzug.

Luke stand etwas abseits des geschäftigen Chaos, das sich im Hauptraum der Zentrale abspielte. Der Tag war bereits angebrochen und schwaches Licht drang durch die Fenster zwei Stockwerke über dem Arbeitsbereich. Die Zeit verging zu schnell und die Kommandozentrale war noch immer ein unkoordiniertes Schlachtfeld.

Zweihundert Menschen befanden sich im Raum. Es gab mindestens vierzig Arbeitsstationen, von denen einige mit fünf Computerbildschirmen ausgestattet und von zwei oder drei Personen besetzt waren. Auf der großen Wand ganz vorne befanden sich zwanzig verschiedene Fernseh- und Computerbildschirme. Die Monitore zeigten digitale Karten von Manhattan, der Bronx, Brooklyn, Live-Schaltungen aus den Eingängen zum Holland und Lincoln Tunnel, Fahndungsfotos von arabischen Terroristen, von denen bekannt war, dass sie sich im Land aufhielten.

Drei der Bildschirme zeigten gerade Bürgermeister DeAngelo, während er ins Mikrofon sprach und den tapferen Menschen New Yorks mitteilte mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben. Er schien mit seinen fast zwei Metern seine Berater neben ihm in den Schatten zu stellen. Die Rede war vorbereitet und er las sie von einem Manuskript ab.

„Im schlimmsten Fall,“ sagte der Bürgermeister, dessen Stimme aus Lautsprechern kam, die in allen Winkeln des Raums aufgestellt worden waren, „würde die erste Explosion viele Menschen töten und eine Massenpanik im betroffenen Gebiet auslösen. Der Kontakt mit der Strahlung würde Angst und Schrecken in der Region und wahrscheinlich im gesamten Land verbreiten. Viele Menschen, die bei der Explosion mit der Strahlung in Kontakt kommen würden, würden erste Symptome zeigen und schließlich sterben. Die Aufräumkosten wären enorm, aber sie wären marginal im Vergleich zu den psychologischen und ökonomischen Kosten. Der Einsatz einer radioaktiven Bombe in einem größeren Bahnhof in New York City würde das Transportsystem entlang der Ostküste für lange Zeit erheblich einschränken.“

„Wie erfreulich,“ bemerkte Luke. „Ich frage mich, wer seine Reden schreibt.“

Sein Blick fuhr durch den Raum. Alle waren sie hier vertreten und sie alle kämpften um Status und Geltung. Es war förmlich eine Buchstabensuppe. NYPD, FBI, NSA, ATF, DEP und sogar die CIA. Sogar die DEA. Luke wunderte sich, wie der Diebstahl von radioaktivem Material mit Drogenkriminalität zusammenpasste.

Ed Newsam war in der Menge auf die Suche nach Personal vom Spezialeinsatzkommando gegangen. „Luke, hast du gehört, was ich gerade gesagt habe?“ Luke kehrte mit seinen Gedanken zurück. Er stand neben Ron Begley vom Verfassungsschutz.

Sicherheit. Ron hatte schütteres Haar und war Ende fünfzig. Er hatte einen Bauch und dickliche kleine Finger. Luke kannte seine Geschichte. Er war ein Bürohengst, ein Mann der es durch den Bürokratieapparat der Regierung zu etwas gebracht hatte. Am elften September hatte er für das Finanzministerium gearbeitet und ein Team geleitet, das sich mit Steuerhinterziehung und Ponzi-Schemes beschäftigte. Er hatte zur Anti-Terrorismus-Einheit gewechselt als der Verfassungsschutz gegründet wurde. Er hatte noch nie jemanden verhaften lassen oder im Affekt seine Waffe benutzt.

„Du sagtest, ich solle nach Hause gehen.“

„Du trittst hier Leuten auf die Füße, Luke. Kurt Myerson hat seinen Chef angerufen und ihm erzählt, dass du die Leute im Krankenhaus wie deine persönlichen Angestellten behandelt hast. Und dass du einem SWAT-Team Anweisungen gegeben hast. Mal ehrlich? Einem SWAT-Team? Hör zu, das ist deren Zuständigkeit. Du bist derjenige, der ihren Anweisungen folgt. So herum läuft der Hase.“

„Ron, die New Yorker Polizeibehörde hat uns angerufen. Ich nehme stark an, dass sie das getan haben, weil sie uns brauchen. Die Leute wissen, wie wir arbeiten.“

„Cowboys,“ sagte Begley. „Ihr benehmt euch wie Rodeo Cowboys.“ „Don Morris hat mich aus dem Bett geholt, damit ich herkomme. Du kannst mit ihm sprechen…!“

Begley zuckte mit den Schultern. Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Don wurde abberufen. Er hat vor zwanzig Minuten den Helikopter genommen. Ich würde vorschlagen, dass du das auch machst.“

„Was?“

„Es ist wahr. Er wurde auf höhere Ebene berufen. Sie haben ihn gebeten einen Situationsüberblick im Pentagon zu geben. Hochrangiges Zeug. Ich vermute, sie hatten keinen Praktikanten, der das machen konnte, deshalb haben sie Don herbeizitiert.“

Begley dämpfte seine Stimme, doch Luke konnte ihn immer noch gut verstehen. „Kleiner Ratschlag. Was bleibt Don denn noch, drei Jahre bis zur Pensionierung? Don ist eine aussterbende Gattung. Er ist ein Dinosaurier genauso wie das Spezialeinsatzkommando. Ihr wisst es und ich weiß es auch. Alle diese kleinen geheimen Einheiten innerhalb der Einheit werden auf der Strecke bleiben. Wir fusionieren und zentralisieren, Luke. Was wir jetzt brauchen sind datenbasierte Analysen. So werden die Verbrechen in der Zukunft aufgeklärt. Und so werden wir auch die Terroristen heute kriegen. Wir brauchen keine testosterongesteuerten Super-Spione und in die Jahre gekommene Kommandeure, die sich an Gebäudeseiten abseilen. Das ist vorbei. Das Helden-Spielen hat ein Ende. Es ist fast ein wenig komisch, wenn man darüber nachdenkt.“

„Toll,“ sagte Luke. „Ich werde das in meine Überlegungen miteinbeziehen.“

„Ich dachte, du würdest am College unterrichten,“ sagte Begley. „Geschichte, Politikwissenschaft, so was in der Art.“

Luke nickte. „Ja das stimmt.“ Begley legte seine fleischige Hand auf Lukes Arm. „Du solltest dabei bleiben.“ Luke schüttelte die Hand ab und verschwand in der Menge, um nach seinen Leuten zu suchen.

*

„Was haben wir soweit?“ fragte Luke.

Sein Team kampierte in einem etwas außerhalb liegenden Büro. Sie hatten sich ein paar leere Tische geschnappt und ihre eigene kleine Kommandostation mit Laptops und Satellitenverbindung eingerichtet. Trudy und Ed Newsam waren da, sowie ein paar andere. Swann saß mit drei Laptops alleine in einer Ecke.

„Sie haben Don zurückgerufen,“ sagte Trudy. „Ich weiß. Hast du mit ihm gesprochen?“ Sie nickte. „Vor zwanzig Minuten. Kurz vor seinem Abflug. Er hat gesagt, dass wir bis auf weiteres an dem Fall dranbleiben sollen. Freundlich ausgedrückt für: Ignoriert alle, die das Gegenteil fordern.“ „Klingt gut. Also was haben wir?“ Ihr Gesicht war ernst. „Wir sind ziemlich gut vorangekommen und konnten den Kreis an Fahrzeugen mit hoher Priorität auf sechs einschränken. Alle haben in einer Straße Reichweite das Krankenhaus letzte Nacht passiert. Sie alle haben etwas, das nicht zusammenpasst oder verdächtig ist.“

„Kannst du mir ein Beispiel geben?“

„Klar. Einer ist ein Lebensmitteltransporter, der auf einen ehemaligen russischen Fallschirmjäger läuft. Wir konnten ihn mit Hilfe der Überwachungskameras folgen, so weit können wir sagen, dass er die ganze Nacht durch Manhattan gefahren ist, er hat Hot Dogs und Pepsi an Prostituierte, Zuhälter und Freier verkauft.“

„Wo ist er jetzt?“

„Er parkt auf der elften Avenue, südlich vom Jacob Javits Convention Center. Er hat sich eine Weile lang nicht bewegt. Wir glauben, dass er gerade schläft.“

„Okay, klingt als wäre er damit von niedriger Priorität. Leite das nur für den Fall weiter zum NYPD. Die können ihn aufscheuchen, seinen Truck auf den Kopf stellen und herausfinden, was er sonst noch so verkauft. Nächster.“

Trudy ging zum Nächsten über. Ein Kleinwagen, der bei Uber registriert war und einem in Ungnade gefallenen ehemaligen Atomphysiker gehörte. Ein vierzig Tonnen schwerer Traktorschlepper, für den nach einem Unfall mit anschließender Verschrottung Schadensersatz beantragt wurde. Der Lieferwagen einer kommerziellen Wäscherei mit Nummernschildern, die auf ein Geschäft für Fußbodenbelag in Long Island registriert sind. Ein vor drei Jahren als gestohlen gemeldeter Krankenwagen.“

„Ein gestohlener Krankenwagen?“ fragte Luke. „Das klingt doch nach etwas.“

Trudy zuckte die Schultern. „Das ist normalerweise der Schwarzmarkt für Organhandel. Sie entnehmen den Verstorbenen kurz nach ihrem Dahinscheiden Organe, die sie dann verpacken und schnell aus dem Krankenhaus bringen. Ein Krankenwagen fällt schließlich auf einem Krankenhausparkplatz nicht auf.“

„Aber vielleicht haben sie heute nicht auf Organe gewartet. Wissen wir, wo sie gerade sind?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Den einzigen Standort, den wir kennen, ist der von dem Russen. Das ist immer noch eher Kunst als Wissenschaft. Überwachungskameras sind noch längst nicht überall, vor allem wenn man einmal Manhattan verlassen hat. Man sieht einmal einen Wagen an einer Kamera vorbeifahren und dann siehst du ihn nie wieder. Oder du findest ihn zehn Straßen entfernt wieder oder zehn Kilometer. Der Traktorschlepper ist über die George Washington Brücke nach New Jersey gefahren, bevor wir ihn verloren haben. Der Wäschereiwagen ist zur hundertachtunddreißigsten Straße Richtung Süd-Bronx gefahren, bevor er verschwand. Momentan versuchen wir ihn mit anderen Mitteln wiederzufinden. Wir haben das Fuhrunternehmen, Uber, das Fußbodengeschäft und die Wäscherei kontaktiert. Wir sollten bald Bescheid bekommen. Außerdem durchforsten acht Leute im Headquarter Videoaufnahmen um den Krankenwagen wiederzufinden.“

„Gut. Halt mich auf dem Laufenden. Wie läuft es mit der Bankgeschichte?“ Trudys Gesicht versteinerte. „Diesbezüglich solltest du Swann fragen.“ „Okay.“ Er trat einen Schritt auf Swanns Ecke zu. „Luke?“

Er blieb stehen. „Ja.“ Ihre Augen streiften durch den Raum. „Können wir uns mal unter vier Augen unterhalten?“

*

„Du willst mich feuern, nur weil ich nicht bereit bin für dich das Gesetz zu brechen?“ „Trudy, ich werde dich nicht feuern. Warum sollte ich das tun?“ „Das ist aber genau das, was du gesagt hast, Luke.“ Sie standen in einem kleinen Lagerraum. Zwei leere Tische standen dort, es gab ein kleines Fenster. Der Bodenbelag war neu. Die Wände waren makellos weiß. Eine Überwachungskamera war in einer der Ecken in Höhe der Decke angebracht worden.

Der Raum sah so aus als wäre er noch nie benutzt worden. Die Kommandozentrale war vor weniger als einem Jahr ins Leben gerufen worden.

Trudys große Augen sahen ihn unverwandt an.

Luke seufzte. „Ich wollte dir eine Verschnaufpause geben. Ich dachte, du würdest das verstehen. Wenn Ärger auf dich zugekommen wäre, hättest du es auf mich schieben können. Alles das, was du getan hast, hast du auf meine Anweisung hin getan. Du hattest Angst deinen Job zu verlieren, wenn du meiner Anordnung nicht gefolgt wärest.“

Sie trat einen Schritt auf ihn zu. In der Beengtheit des Raumes konnte er ihr Shampoo riechen und den leichten Duft Eau de Cologne, den sie oft trug. Die Kombination dieser Düfte ließ seine Beine weich werden. Er fühlte, wie sie leicht zitterten.

„Du darfst mir nicht einmal direkte Anordnungen geben, Luke. Du arbeitest nicht mehr für die Spezialeinheit.“ „Ich bin lediglich beurlaubt.“

Sie ging noch einen weiteren, kleinen Schritt auf ihn zu. Ihre Augen bohrten sich wie zwei Laser in ihn. Diese Augen zeugten von Klugheit und Feuer.

„Und du hast dich warum beurlauben lassen? Meinetwegen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hatte meine Gründe. Du warst keiner davon.“ „Die Marshall Brüder?“ Er zuckte die Schultern. „Wenn man zwei Männer in einer Nacht umbringt, ist es wahrscheinlich der richtige Zeitpunkt eine Auszeit zu nehmen. Vielleicht um eine neue Perspektive auf die Dinge zu gewinnen.“ „Sagst du mir gerade, dass du nie irgendwelche Gefühle für mich hattest?“ fragte sie. Er sah sie an, verblüfft, dass sie diese Frage stellte. Er hatte immer gespürt, dass Trudy mit ihm flirtete, doch er war nie darauf eingegangen. Einige wenige Male, als sie betrunken auf irgendwelchen Cocktail-Partys unterwegs gewesen waren und er sich mit seiner Frau gestritten hatte, waren sie sich näher gekommen. Aber der Gedanke an seine Frau und seinen Sohn hatte ihn immer davor bewahrt in den Abgrund zu springen.“

„Trudy, wir arbeiten zusammen,“ sagte er förmlich. „Und ich bin verheiratet.“ Sie kam noch näher heran. „Ich bin nicht auf der Suche nach einem Bräutigam, Luke,“ sagte sie sanft, beugte sich nach vorne und war nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt. Schließlich lehnte sie sich an ihn. Seine Arme hingen an seinen Seiten herab. Er spürte die Wärme ihres Körpers und den alten unkontrollierbaren Drang, den ihre Gegenwart bei ihm auslöste, die Erregung, die Energie… die Lust. Sie legte ihre Hände auf seine Brust und als ihre Handinnenflächen sein Shirt berührten, wusste er, dass er jetzt reagieren oder sich ihr völlig hingeben musste.

Mit einer Geste größter Selbstdisziplin trat Luke einen Schritt zurück und schob ihre Hände sanft von sich.

„Tut mir Leid, Trudy,“ sagte er mit rauer Stimme. „Du bist mir wichtig. Wirklich. Aber das wäre keine gute Idee.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen, doch bevor sie etwas sagen konnte, donnerte eine schwere Faust gegen die Holztür.

„Luke, bist du da drin?“ Es war Newsams Stimme. „Du solltest rauskommen und einen Blick auf das hier werfen. Swann hat was gefunden.“

Sie starrten einander an, Luke hatte Gewissensbissen, wenn er an seine Frau dachte, obwohl nichts passiert war.

Er entzog sich der Situation, um Schlimmeres zu vermeiden und fragte sich, wie dieses Vorkommnis ihre Zusammenarbeit belasten würde.

Das Schlimmste jedoch war sich einzugestehen, dass er im tiefsten Inneren den Raum nicht verlassen wollte.

*

Swann saß an einem langen Tisch, auf dem sich drei Monitore aneinanderreihten. Mit seinem schütteren Haar und der Brille erinnerte er Luke an einen NASA-Physiker einer Weltraumflugkontrollstation. Luke stand mit Newsam und Trudy hinter ihm, alle drei schauten über Swanns schmale Schultern.

„Das hier ist Ken Bryants Bankkonto,“ sagte Swann und deutete mit dem Cursor auf etwas in der Mitte des Bildschirms. Luke speicherte die Details in seinem Kopf ab: Überweisungen, Abzüge, Gesamtsaldo, alles zwischen dem achtundzwanzigsten April und siebenundzwanzigsten Mai.

„Wie sicher ist diese Verbindung?“ fragte Luke. Er schaute sich im Raum und vor der Tür um. Der Hauptraum der Zentrale befand sich bereits am Ende des Gangs.

„Die hier?“ fragte Swann. Er zuckte mit den Schultern. „Sie steht in keiner Verbindung mit der Zentrale. Ich bin mit unserem eigenen Tower und unseren eigenen Satelliten verbunden. Verschlüsselt von unseren Leuten. Ich nehme stark an, dass CIA oder NSA jemanden finden könnten, der Zugang findet, aber warum sollte uns das stören? Wir spielen doch alle im selben Team oder? Ich würde mir darum keine Sorgen machen. Ich würde mich viel eher auf das Bankkonto hier konzentrieren. Fällt etwas auf?“

„Sein Saldo beträgt 24.000 Dollar,“ sagte Luke.

„Richtig,“ sagte Swann. „Eine Reinigungskraft mit einem beachtlichen Batzen Geld auf seinem Konto. Interessant. Nun lasst uns einen Monat zurückgehen. Achtundzwanzigster März bis siebenundzwanzigster April. Der Kontostand beträgt sogar 37.000 Dollar, einiges davon gibt er wohl aus. Es gibt Überweisungen von einem anonymen Konto, 5.000 Dollar, dann 4.000 Dollar, dann, oh okay, vergesst das IRS Problem… her mit den 20.000 Dollar.“

„Okay,“ sagte Luke.

„Geh noch einen Monat zurück. Ende Februar bis Ende März. Sein Anfangssaldo beträgt 1.129 Dollar. Am Ende des Monats sind es mehr als 9.000 Dollar. Geh noch einen zurück, Ende Januar bis Ende Februar, sein Kontostand betrug nie mehr als 2.000 Dollar. Wenn du noch drei weitere Jahre zurückgehst, wirst du sehen, dass sein Kontostand selten mehr als 1.500 Dollar betrug. Ein Typ, der von der Hand in den Mund lebte und der mit einem Mal im März riesige Beträge auf seinem Konto verbuchen kann.“

„Woher kommen die?“

Swann lächelte und hob den Finger. „Jetzt kommt der spaßige Teil. Die Überweisungen kommen von einer kleinen Offshore-Bank, die auf anonyme Nummernkonten spezialisiert ist. Sie heißt Royal Heritage Bank und liegt auf den Cayman Inseln.“

„Kommst du da rein?“, fragte Luke. Er schaute zu Trudy, die missbilligend dreinblickte.

„Das brauche ich gar nicht“, sagte Swann. „Royal Heritage gehört einem CIA Agenten mit Namen Grigor Svetlana. Er ist Ukrainer, gehörte einst zur Roten Armee. Er hat es sich vor zwanzig Jahren mit den Russen verscherzt, nachdem alte Sowjet-Waffentechnik verschwunden war und dann auf dem Schwarzmarkt in Westafrika wieder aufgetaucht war. Ich spreche hier nicht von Waffen. Ich spreche hier von Flugabwehrgeschützen, Panzerabwehrraketen und tieffliegenden Lenkflugkörpern. Die Russen waren bereit ihn dafür zu hängen. Da er nicht wusste wohin, ist er zu uns gekommen. Ich habe einen Freund bei Langley. Die Konten der Royal Heritage Bank sind bei weitem kein Geheimnis, sondern für den amerikanischen Geheimdienst ein offenes Buch. Das ist den meisten Royal Heritage Bank Kontoinhabern natürlich nicht bewusst.“

„Also weißt du, auf wen das Konto läuft, das die Überweisungen getätigt hat.“ „Ganz genau.“ „Okay, Swann,“ sagte Luke. „Ich habe es kapiert. Du bist sehr intelligent. Jetzt komm zum Punkt.“ Swann fuchtelte vor den Computerbildschirmen herum. „Byrant selbst führte das Konto, von dem aus die Überweisungen kommen. Das ist das Konto hier auf meinem linken Bildschirm. Wie du sehen kannst, beläuft sich das Saldo derzeit auf 209.000 Dollar. Er hat hier und dort kleinere Beträge vom Nummernkonto auf sein Girokonto verschoben, wahrscheinlich um persönliche Besorgungen davon zu machen. Und wenn wir ein paar Monate zurückscrollen dann können wir sehen, dass Byrants Offshore-Konto am dritten März mit einem Anfangsbetrag von 250.000 Dollar eröffnet wurde, überwiesen von einem anderen Royal Heritage Konto, dem auf dem rechten Monitor.“

Luke schaute zu dem Konto auf der rechten Seite. Mehr als vierundvierzig Millionen Dollar waren dort verbucht. „Da hat sich Byrant wohl auf ein Tauschgeschäft eingelassen,“ sagte er. „Genau,“ sagte Swann. „Wer ist es?“

„Es handelt sich um diesen Mann.“ Auf dem Bildschirm tauchte ein Personalausweis auf. Er zeigte einen Mann mittleren Alters mit dunklen sich ins Weiße entfärbenden Haaren. „Das ist Ali Nassar. Siebenundfünfzig Jahre alt. Iraner. In Teheran in eine einflussreiche und wohlhabende Familie geboren. Hat erst an der London School of Economics studiert, dann an der Harvard Law School. Zurück in der Heimat hat er einen weiteren Jura-Abschluss an der Universität von Teheran gemacht. Folglich kann er sowohl in den USA als auch in Iran als Rechtsanwalt praktizieren. Er hatte den Großteil seiner Karriere mit internationalen Handelsvereinbarungen zu tun. Er lebt hier in New York und ist momentan iranischer Diplomat bei den Vereinten Nationen. Er hat volle diplomatische Immunität.“

Luke strich sich über das Kinn. Er konnte dort die kurzen Stoppeln spüren. Er fing an müde zu werden. „Nur um das noch einmal klarzustellen. Nassar hat Byrant bezahlt, vermutlich um Zugang zum Krankenhaus zu bekommen und um an Informationen über Sicherheitsmaßnahmen und wie man sie umgeht zu gelangen.“

„Wahrscheinlich war es so, ja.“

„Also führt er höchstwahrscheinlich eine Terrorzelle hier in New York an und fungierte bei dem Diebstahl des hochgefährlichen Materials und dem Mord von vier Menschen als Komplize und die Krönung ist, dass er unter amerikanischem Recht strafrechtlich nicht verfolgt werden kann.“

„So sieht es aus.“

„Okay. Du bist bereits in seinem Konto, richtig? Lass uns nachsehen, wohin er sonst noch Geld überwiesen hat.“

„Dafür werde ich ein bisschen Zeit brauchen.“ „In Ordnung. Ich muss kurz etwas erledigen.“ Luke blickte zu Ed Newsam. Newsams Gesicht war steinhart, seine Augen flach und leer. „Sag mal Ed, hast du Lust mit mir Herrn Ali Nassar einen kleinen Besuch abzustatten?“ Newsam lächelte, konnte die Finsternis seines Gesichts aber auch jetzt nicht überlisten. „Hört sich gut an.“

Kapitel 10

6.20 Uhr

Kongress Wellness Center – Washington, DC

Es war nicht gerade einfach zu finden.

Jeremy Spencer stand vor mehreren verschlossenen Stahltüren in einem Untergeschoss des Rayburn House Bürogebäudes.

Die Türen lagen versteckt in einer Ecke des Parkgebäudes im Untergeschoss. Nur wenige wussten, dass es überhaupt existierte. Noch wenigere wussten, wo es lag. Er kam sich seltsam vor, als er trotzdem an eine der Türen klopfte.

Die Tür summte. Er stieß sie auf und spürte wie sich ein Gefühl altvertrauter Unsicherheit in seinem Magen ausbreitete. Er wusste, dass dieses Fitnessstudio nur Mitglieder des amerikanischen Kongresses vorbehalten war. Dennoch war er trotz dieses verstaubten Protokolls eingeladen worden.

Heute war der wichtigste Tag in seinem jungen Leben. Er lebte seit drei Jahren in Washington und nun ging es endlich bergauf.

Noch vor sieben Jahren war er ein Landei aus dem Norden New Yorks gewesen, das in einer Wohnwagensiedlung lebte. Dann hatte er ein Vollzeitstipendium für die staatliche New Yorker Universität Binghamton bekommen. Doch anstatt abzuschalten und die Freikarte zu genießen, wurde er Präsident der Kampus-Republikaner und Kommentator der Universitätszeitung. Schon bald postete er für Breitbart und Drudge. Nur kurze Zeit darauf wurde er Sonderberichterstatter für das Kapitol.

Das Fitnessstudio war nichts Besonderes. Es gab ein paar Kardiotrainer, Spiegel und einige Hanteln auf einer Ablage. Ein alter Mann in Trainingshose und T-Shirt trug Kopfhörer und lief auf dem Laufband. Jeremy betrat die ruhige Umkleidekabine. Er bog um die Ecke und vor ihm stand der Mann, für den er gekommen war.

Der Mann war groß, Mitte fünfzig und hatte silbernes Haar. Er stand vor einem geöffneten Schließfach, sodass Jeremy ihn im Profil sehen konnte. Sein Rücken war gerade und sein großer Kiefer stand etwas nach vorne. Er trug ein T-Shirt und eine kurze Hose, beides war schweißnass. Seine Schultern, Arme, Beine und Brust, alles war durchtrainiert und definiert. Er sah wie ein Anführer aus.

Der Mann hieß William Ryan, er war Abgeordneter von North Carolina in seiner neunten Amtszeit und zudem Sprecher des Repräsentantenhauses. Jeremy wusste alles über ihn. Er kam aus einer alten wohlhabenden Familie. Ihnen hatten schon vor der Revolution Tabakplantagen gehört. Sein Ur-Ur-Großvater war Senator in der Zeit während und nach dem Sezessionskrieg gewesen. Er hatte als Jahrgangserster seinen Abschluss an der Militärhochschule von South Caroline erworben. Er war charmant und großzügig und er trat mit einem Selbstvertrauen und einer Selbstverständlichkeit auf, dass nur wenige in seiner Partei sich gegen ihn gestellt hätten.

„Herr Abgeordneter, Sir?“

Ryan drehte sich um, sah Jeremy dort stehen und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Sein T-Shirt war dunkelblau, mit roten und weißen Lettern. STOLZER AMERIKANER prangte darauf. Er hielt ihm seine Hand entgegen. „Verzeihen Sie“, sagte er. „Ich bin noch etwas durchgeschwitzt.“

„Kein Problem, Sir.“

„Okay“, sagte Ryan. „Genug mit dem formalen Sir. Privat kannst du mich Bill nennen. Wenn sich das seltsam anfühlt, kannst du auch bei meiner offiziellen Bezeichnung bleiben. Aber ich will, dass du etwas weißt. Ich habe nach dir im Speziellen gebeten und ich werde dir exklusiv diese Informationen geben. Spätnachmittags werde ich vielleicht eine Pressekonferenz geben. Darüber bin ich mir noch nicht ganz klar. Bis dahin, also im Prinzip den Großteil des Tages, werden meine Gedanken zu der Krise dir vorbehalten sein. Wie fühlt sich das an?“

„Großartig“, sagte Jeremy. „Das ist eine Ehre. Aber warum ich?“

Ryan dämpfte seine Stimme. „Du bist ein guter Kerl. Ich verfolge schon eine Weile deine Artikel. Und ich will dir einen Rat geben. Unter uns gesagt: Nach dem heutigen Tag wirst du kein Kampfhund mehr sein, sondern ein anerkannter Journalist. Ich will, dass du von morgen an Wort für Wort das druckst, was ich vorhabe zu sagen, allerdings etwas, wie soll ich sagen… nuancierter. Newsmax ist eine großartige Sache, aber in spätestens einem Jahr sehe ich dich bei der Washington Post. Wir brauchen dich dort, deshalb wird es genau so kommen. Aber zuerst müssen die Leute sehen, dass du dich zu einem gemäßigten Mainstream Reporter entwickelt hast. Ob das tatsächlich der Fall ist, spielt keine Rolle. Es muss nur so wirken. Weißt du, wovon ich spreche?“

„Ich denke schon“, sagte Jeremy. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Diese Worte waren ebenso aufregend wie erschreckend.

„Wir alle brauchen Vitamin B“, sagte der Sprecher des Repräsentantenhauses. „Auch ich. Also lass uns loslegen.“

Jeremy holte sein Handy heraus. „Aufnahme läuft. Sir, haben Sie von dem ungeheuren Diebstahl radioaktiven Materials heute Nacht in New York City gehört?“

„Das habe ich“, sagte Ryan. „So wie alle Amerikaner mache ich mir größte Sorgen. Meine Berater haben mich heute Morgen um vier mit diesen Nachrichten aus dem Schlaf gerissen. Wir stehen mit den Geheimdiensten in engem Kontakt und wir beobachten die Situation aus nächster Nähe. Wie Sie sicherlich wissen, arbeite ich schon seit längerem an einer Kriegserklärung des Kongresses an den Iran, die der Präsident und seine Partei eisern ablehnen. Wir befinden uns in einer Situation, in der Iran Gebiete unseres Verbündeten Irak besetzt und selbst unser Personal muss die irakische Sicherheitsüberprüfung über sich ergehen lassen, um unsere Botschaft dort zu betreten oder zu verlassen. Ich bezweifle, dass es seit der iranischen Geiselnahme 1979 ähnlich demütigende Ereignisse gegeben hat.“

„Glauben Sie, dass dieser Diebstahl von Iran ausgeht und durchgeführt wurde?“

„Lassen Sie es uns zuallererst beim Namen nennen. Ob eine Bombe in einer U-Bahn-Station hochgeht oder nicht, wir sprechen hier von einer Terrorattacke auf amerikanischem Boden. Wenigstens Wächter des Sicherheitspersonals wurden ermordet und die Großstadt New York befindet sich in einem Zustand der Angst. Zweitens haben wir noch immer nicht genug Informationen, um Genaueres über die Täter sagen zu können. Aber wir wissen, dass das Chaos auf globaler Ebene diese Art von Angriffen begünstigt. Wir müssen wahre Stärke zeigen und wir müssen als Land zusammenstehen, überparteilich, nur so werden wir uns verteidigen können. Ich lade auch den Präsidenten ein sich uns anzuschließen.“

„Was glauben Sie sollte der Präsident tun?“

„Allermindestens muss er den nationalen Notstand ausrufen. Er sollte vorübergehend spezielle Vollmachten ausstellen, die für die Einhaltung der Gesetze sorgen, solange bis wir diese Leute gefunden haben. Diese Vollmachten sollten den Zugang zu Überwachungsmaterial ohne Genehmigung erlauben sowie die Suche und Festnahme an allen Bahnhöfen, Busstationen, Flughäfen, Schulen, öffentlichen Plätzen, Einkaufszentren und anderen Knotenpunkten möglich machen. Außerdem sollte er veranlassen, dass alle anderen Vorräte an radioaktivem Material in den USA sichergestellt werden.“

Jeremy sah die glühende Entschlossenheit in Ryans Augen. Dieser Blick war fast genug, um die Sache auf sich beruhen zu lassen.

„Und schließlich das Wichtigste. Wenn es sich herausstellt, dass die Angreifer tatsächlich aus dem Iran stammen, oder auf dessen Auftrag handeln, dann muss er dem Land entweder den Krieg erklären oder uns den Weg frei machen, dass wir das erledigen können. Wenn es sich hier tatsächlich um einen iranischen Angriff handelt und der Präsident weiterhin Versuche, unser Land und unsere Verbündeten im Nahen Osten zu schützen, blockiert, dann… welche Wahl lässt er mir dann noch? Ich selbst werde mich um ein Amtsenthebungsverfahren bemühen.“

Kapitel 11

6.43 Uhr

Fünfundsechzigste Straße in der Nähe der Park Avenue – Manhattan

Luke und Ed Newsam saßen auf der Rückbank einer der Geländewagen des Spezialeinsatzkommandos. Sie befanden sich gegenüber einer ruhigen von Bäumen gesäumten Straße. Dahinter erstrahlte ein hohes modernes Wohnhaus mit gläsernen Doppeltüren und weißbehandschuhten Türwächtern davor. Gerade hielt einer der Türmänner einer dürren blonden Frau in einem weißen Kostüm, die zusammen mit ihrem Hund kam, die Tür auf. Er hasste diese Art von Gebäuden.

„Wenigstens eine Person in dieser Stadt, die sich nicht um eventuelle Terrorattacken schert“, sagte Luke.

Ed fiel zurück in seinen Sitz. Er schien nur halb wach zu sein. Mit seiner beigen Cargo-Hose und dem weißen T-Shirt, durch das sich seine gemeißelte Brust abzeichnete, seinem Ballonkopf und seinem kurzgeschorenen Bart sah Ed wie der Gegenentwurf eines Polizeibeamten aus. Mit Sicherheit sah er nicht wie jemand aus, der jemals Zugang zu diesem Gebäude erhalten würde.

Luke dachte entnervt an Ali Nassars diplomatische Immunität. Er hoffe, dass Nassar kein großes Problem daraus machen würde. Luke würde keine Geduld haben, mit ihm zu verhandeln.

Lukes Handy klingelte. Er blickte auf den Display und drückte auf Abnehmen. „Trudy“, sagte er. „Wie kann ich dir helfen?“ „Luke wir haben gerade Informationen vom Geheimdienst hereinbekommen“, sagte sie. „Die Leiche, die du und Don im Krankenhaus gefunden haben.“ „Na sag schon.“ „Es handelt sich um den einunddreißigjährigen Ibrahim Abdulraman. Libyer, in Tripolis geboren, aus armem Elternhaus. So gut wie keine Schulausbildung. Ist mit achtzehn der Armee beigetreten. Innerhalb kürzester Zeit wurde er zum Abu Salim Gefängnis delegiert, wo er mehrere Jahre gearbeitet hat. Dort soll es zu Verstößen gegen die Menschenrechte, Folter und Mord von politischen Oppositionellen miteingeschlossen, gekommen sein, in die er wohl verwickelt war. Als im März 2011 das Regime zusammenzubrechen drohte, ist er außer Landes geflohen. Er muss die Zeichen der Zeit richtig gedeutet haben. Ein Jahr später ist er wieder in London aufgetaucht, wo er als Bodyguard für einen jungen Saudi-Prinz gearbeitet hat.“

Lukes Schultern sackten nach unten. „Mmhh. Ein libyscher Henker, der für einen Saudi-Prinz arbeitet? Warum würde so jemand sein Leben bei einem Diebstahl von radioaktivem Material in New York verlieren? Wer war dieser Typ wirklich?“

„Es gibt keine Hinweise auf extremistische Verbindungen und er hatte wohl auch keine starken politischen Einstellungen. Er war kein Elite-Soldat in irgendwelchen militärischen Verbänden, noch hat er irgendwelche Trainingslager besucht. Für mich sieht das nach einem Opportunisten aus, einem Handlanger. Er ist vor zehn Monaten aus London verschwunden.“

„Okay, gib mir nochmal seinen Namen.“ „Ibrahim Abdulraman. Und, Luke? Du solltest noch etwas anderes wissen.“ „Schieß los.“ „Nicht ich habe das herausgefunden. Ich habe die Infos aus dem Hauptraum. Dieser Myerson vom NYPD hat mir die Identifikationsmerkmale vorenthalten und sie haben ihre eigenen Nachforschungen angestellt. Sie haben die Informationen an alle außer uns rausgegeben. Sie versuchen uns auszuschließen.“

Luke schaute zu Ed und verdrehte die Augen. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Hahnenkampf unter den verschiedenen Behörden. „Alles klar, tja…“

„Hör zu, Luke. Ich mache mir um dich ein klein wenig Sorgen. Dir scheinen hier die Freunde wegzurennen und ich bezweifle, dass ein internationales Ereignis das ändern könnte. Warum geben wir die Bankdetails nicht frei und lassen den Verfassungsschutz diesen Anruf machen? Wir könnten uns für die kleine Hacking-Aktion entschuldigen und sagen, dass wir überambitioniert waren. Wenn du jetzt diesen Diplomaten triffst, läufst du Gefahr, letztendlich ohne Rückendeckung dazustehen.“.

„Trudy, ich bin bereits hier.“ „Luke –“ „Trudy, ich lege jetzt auf.“ „Ich versuche nur.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            dir zu helfen“, sagte sie. Nachdem er aufgelegt hatte, schaute er zu Ed. „Fertig?“

Ed bewegte sich kaum. Er deutete auf das Gebäude. „Ich wurde genau dafür geboren.“

*

“Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?”, fragte der Mann als sie das Gebäude betraten.

Ein schillernder Kronleuchter hing von der Decke der Eingangslobby. Rechts standen ein Sofa und einige Designerstühle. Ein langer Empfangstisch, hinter dem ein weiterer Aufpasser stand, zog sich entlang der Wand auf der linken Seite. Er hatte ein Telefon, einen Computer und eine ganze Reihe Bildschirme. Ein kleiner Fernseher zeigte die Nachrichten.

Der Mann schien um die fünfzig zu sein. Seine Augen waren rot und adrig, aber nicht blutunterlaufen. Sein Haar hatte er zurückgekämmt. Er sah aus als wäre er gerade aus der Dusche gestiegen. Luke vermutete, dass er hier schon sehr lange arbeitete und selbst, wenn er die Nacht durchgetrunken hätte, seinen Job im Schlaf bewältigen konnte. Er kannte wahrscheinlich vom Sehen jede einzelne Person, die hier jemals herein- oder herausspaziert war. Und er wusste, dass Luke und Ed nicht hierher gehörten.

„Ali Nassar“, sagte Luke.

Der Mann nahm den Hörer in die Hand. „Herr Nassar. Die Penthouse Suite. Wen soll ich bitte anmelden?“

Wortlos glitt Ed hinter den Empfangstisch und umgriff den Hörer so, dass das andere Ende ihn nur schwer hätte hören können. Ed war groß und stark wie ein Löwe, aber er bewegte sich geschmeidig wie eine Gazelle.

„Wir brauchen keine Anmeldung,“ sagte Luke. Er zeigte dem Wächter seine Polizeimarke. Ed tat das gleiche. „Bundespolizei. Wir müssen Herrn Nassar ein paar Fragen stellen.“

„Ich fürchte, dass dies im Moment nicht möglich sein wird. Herr Nassar empfängt niemanden vor acht Uhr.“

„Warum haben Sie dann versucht ihn anzurufen?“ fragte Newsam.

Luke blickte zu Ed hinüber. Das war eine schnippische Antwort. Ed wirkte nicht so, als wäre er einmal Mitglied eines Debattierclubs gewesen, aber er hätte sich dort sicherlich gut geschlagen.

„Haben Sie die Nachrichten heute gesehen?“ fragte Luke. „Sie haben bestimmt von dem radioaktiven Material gehört, das gestohlen wurde? Wir haben Grund zu der Annahme, dass Herr Nassar etwas darüber weiß.“

Der Mann starrte ins Leere. Luke grinste. Er hatte soeben Nassars weiße Weste beschmutzt. Dieser Wächter war eine wahre Goldgrube. Spätestens morgen würde das gesamte Personal dieses Gebäudes wissen, dass die Polizei hier gewesen war, um Nassar zu seinen Verstrickungen im Terrornetzwerk zu befragen.

„Es tut mir leid, Sir“, fing er an.

„Es muss Ihnen nicht leid tun,“ sagte Luke. „Alles was Sie tun müssen, ist uns Zugang zur Penthouse Suite zu verschaffen. Wenn Sie das nicht tun, muss ich Sie leider wegen Behinderung von polizeilichen Ermittlungen festnehmen lassen und ich werde Sie in Handschellen aus diesem Gebäude führen. Ich bin mir sicher, dass Sie das genauso wenig wollen wie ich. Also geben Sie uns den Schlüssel oder Code oder was auch immer wir brauchen und dann machen Sie mit Ihrer Arbeit weiter. Sollten Sie zudem versuchen,, den Fahrstuhl in irgendeiner Weise zu manipulieren, dann werde ich Sie nicht nur wegen Behinderung von polizeilichen Ermittlungen festnehmen, sondern auch wegen Mittäterschaft in vier Mordfällen und Diebstahls gefährlichen Materials. Der Richter wird eine Kaution von zehn Millionen Dollar veranschlagen und Sie werden auf Rikers Island dahinvegetieren, während Sie in den nächsten zwölf Monaten auf Ihren Prozess warten. Klingt das irgendwie verlockend…“ Luke schaute auf das Namensschild des Mannes.

„John?“

*

„Hättest du ihn wirklich festgenommen?“, fragte Ed.

Der gläserne Fahrstuhl, der in einer Glas-Röhre durch die einzelnen Stockwerke schwebte, befand sich in einer Ecke im Südwesten des Gebäudes. Als sie nach oben fuhren, erhielten sie eine erst atemberaubende dann schwindelerregende Ansicht der Stadt. Ein Blick auf die Riesenhaftigkeit der Stadt wurde freigegeben und sie fanden sich gegenüber des Empire State Buildings und zur Rechten  des Gebäudes der Vereinten Nationen wieder. In der Ferne schimmerten einige Flugzeuge im Landeanflug auf den LaGuardia Flughafen in der Morgensonne.

Luke grinste. „Für was hätte ich ihn denn festnehmen sollen?“ Ed gluckste. Der Fahrstuhl fuhr immer höher. „Ich bin echt müde. Ich war gerade dabei ins Bett zu gehen als Don mich anrief.“ „ich weiß“, sagte Luke. „Ich auch.“ Ed schüttelte den Kopf. „Ich habe diese rund um die Uhr Dinger lange nicht gemacht. Ich habe sie nicht vermisst.“ Der Fahrstuhl erreichte das Obergeschoss. Ein warmer Ton kündigte das an und die Türen glitten auseinander. Sie traten in eine große Halle. Der polierte Boden reflektierte das Licht. Direkt vor ihnen in etwa zehn Meter Entfernung standen zwei Männer. Sie waren groß und trugen Anzüge, dunkle Haut, vielleicht Perser, vielleicht anderer Ethnizität. Sie versperrten den Zugang zu einer Flügeltür. Luke war das egal.

„Sieht so aus als hätte unser Wächter bereits durchgerufen.“ Einer der Männer in der Halle winkte mit der Hand. „Nein! Sie müssen wieder runterfahren. Sie können hier nicht rein.“ „Bundespolizei“, sagte Luke. Er und Ed liefen auf die Männer zu. „Nein! Sie haben hier keine Hoheitsgewalt. Wir werden Ihnen keinen Zugang gewähren.“ „Ich vermute mal, dass ich es mir sparen kann, ihnen meine Marke zu zeigen,“ sagte Luke. „Ja“, sagte Ed. „Überflüssig.“ „Auf mein Signal, okay?“ „Klar.“ Luke wartete eine Sekunde. „Los.“ Sie waren anderthalb Meter von den Männern entfernt. Luke erreichte einen der Männer als erster und schlug ihm seine Faust ins Gesicht. Er war überrascht, wie langsam seine Faust sich zu bewegen schien. Der Mann war gute zehn Zentimeter größer als er. Er hatte ein Kreuz so groß wie das eines Greifvogels. Er wehrte den Schlag mit Leichtigkeit ab und griff Lukes Handgelenk. Er war stark und zog Luke zu sich.

Luke holte mit dem Knie in Richtung Leistengegend aus, aber der Mann wehrte auch das mit seinem Bein ab. Der Mann schlang seine Pranke um Lukes Hals. Seine Finger gruben sich wie die Greifer eines Adlers in das empfindliche Fleisch.

Mit seiner linken Hand, die noch frei war, langte Luke ihm in die Augen. Zeigefinder und Mittelfinger in jeweils ein Auge. Es war kein überraschender Zug, aber er war wirkungsvoll. Der Mann ließ von Luke ab und trat einen Schritt zurück. Seine Augen tränten. Er blinzelte und schüttelte den Kopf. Dann grinste er.

Dann tauchte Newsam aus dem Nichts auf, wie ein Geist. Er nahm den Kopf des Mannes in beide Hände und schlug ihn hart gegen die Wand. Die Gewalttätigkeit dieser Geste war enorm. Manche Leute schlugen den Kopf ihres Gegners gegen die Wand. Was Newsam hier versuchte, war mit dem Kopf des Mannes die Wand zu durchbrechen.

Krach! Das Gesicht des Mannes zuckte. Krach! Sein Kiefer stand offen. Krach! Seine Augen verdrehten sich. Luke hob die Hand. „Ed! Okay. Ich glaube das reicht. Er hat genug. Lass ihn los. Diese Wände sehen aus wie Marmor.“ Luke sah zu dem anderen Wächter. Er lag bereits erledigt auf dem Boden, seine Augen waren geschlossen, sein Mund stand offen und sein Kopf lehnte an der Wand. Ed hatte kurzen Prozess mit ihnen gemacht. Luke hatte nicht eine kleine Schramme an ihnen hinterlassen.

Luke zog einige Kabelbinder aus Plastik aus seiner Tasche und kniete sich vor seinen Mann. Er band die Knöchel des Mannes zusammen. Er zurrte sie fest, wie die eines preisgekürten Schweines. Irgendwann würde jemand kommen und ihn davon befreien. Wenn der Moment gekommen war, würde der Mann wahrscheinlich für eine Stunde kein Gefühl in seinen Füßen mehr haben.

Ed tat das gleiche mit seinem Mann. „Du bist ein wenig eingerostet, Luke“, sagte er. „Ich? Nicht doch. Ich soll ja nicht einmal kämpfen. Sie haben mich wegen meines Verstands dazu geholt.“ Er konnte noch immer die Stelle an seinem Hals spüren, an der der Mann ihn zuvor gepackt hatte. Morgen würden sie sich zurückmelden. Ed schüttelte den Kopf. „ Ich war bei der Delta Force, genau wie du. Ich kam zwei Jahre nach dem Stanley Außenposteneinsatz in Nuristan. Damals haben die Leute noch viel davon gesprochen. Wie sie euch dort oben abgesetzt haben und ihr wurdet förmlich überrollt. Am Morgen waren nur noch drei Männer übrig, die kämpften. Du warst einer von diesen, stimmt’s?“

Luke grummelte. „Ich habe keine Ahnung von…“ „Hör mit dem Mist auf“, sagte Ed. „Geheim oder nicht, ich kenn die Geschichte.“ Luke hatte gelernt sein Leben in luftdichten Räumen zu leben. Er sprach nur selten über diesen Zwischenfall. Das schien in einem anderen Leben stattgefunden zu haben, in einer Ecke im Osten Afghanistans so weit entfernt dass dort ein paar Truppen aufzustellen schon viel geheißen hatte. Es war ewig her. Nicht einmal seine Frau wusste davon.

Aber Ed war bei der Delta gewesen, also… na gut.

„Ja“, sagte er. „Ich war dort. Schlechte Geheimdienstinformationen haben uns dorthin verschlagen und es wurde so zu dem schlimmsten Kampf meines Lebens.“ Er deutete auf die zwei Männer auf dem Boden.

„Im Vergleich dazu sieht das hier aus wie eine Folge aus Happy Days. Wir haben damals neun gute Leute verloren. Noch vor Sonnenaufgang ging uns die Munition aus.“ Luke schüttelte den Kopf. „Es wurde ziemlich hässlich. Die meisten unserer Männer waren da schon tot. Und wir drei, die noch lebten… ich weiß nicht, ob wir jemals wirklich zurückkamen. Martinez war hüftabwärts gelähmt. Das Letzte, was ich von Murphy gehört habe, war, dass er obdachlos ist und aus der Veteranen Psychiatrie rein- und rausspaziert.“

„Und du?“ „Ich habe bis heute Alpträume.“ Ed schnürte die Hände seines Mannes zusammen. „Ich kannte einen Typen aus dem Aufräumtrupp, der das Gebiet danach inspizierte. Er sagte, dass sie hundertsiebenundsechzig Leichen auf dem Hügel gefunden hatten, unsere Leute nicht miteingeschlossen. Es hatte einundzwanzig Tote aus Nahkämpfen mit dem Feind innerhalb dieses Parameters gegeben.“

Luke schaute zu ihm. „Warum erzählst du mir das?“

Ed zuckte die Schultern. „Du bist ein klein wenig eingerostet. Kein Ehrverlust das einzugestehen. Und du bist wahrscheinlich nicht auf den Kopf gefallen. Aber du hast auch dieses Kampfgen, genau wie ich.“

Luke lachte schallend. „Okay. Ich bin eingerostet. Aber wieso nur ein klein wenig?“ Er lachte und blickte zu Eds enormer Statur auf.

Ed lachte. Er durchsuchte die Taschen des Mannes auf dem Boden. Nach wenigen Sekunden hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Die elektronische Karte würde das digitale Schloss, das an der Wand neben der Flügeltür angebracht war, entriegeln.

„Sollen wir rein?“ „Bitte nach dir,“ sagte Ed.

Kapitel 12

„Sie haben kein Recht hier zu sein!“, schrie der Mann. „Raus, raus aus meiner Wohnung!“

Sie standen inmitten eines gigantischen offenen Wohnzimmers. Ein kleiner Flügel stand in einer entfernten Ecke, Fenster, die vom Boden fast bis zur Decke reichten, eröffneten eine Aussicht, welche diejenige des Fahrstuhls zuvor sogar noch übertraf. Morgenlicht strömte hinein. Ein weißes Sofa mit dazu passendem Tisch und Designerstühlen bildeten eine Sitzgruppe, die sich vor einem riesigen an der Wand befestigten Flachbildfernseher gruppierte. Auf der gegenüberliegenden Wand hing ein ebenso großes Ölgemälde, drei Meter hoch, bunte Farbklekse und -tupfer wirbelten wild durcheinander. Luke kannte sich etwas mit Kunst aus. Er tippte auf Jackson Pollock.

„Ja, das gleiche Problem hatten wir draußen mit den Jungs auch“, sagte Luke. „Wir sollen nicht hier sein und… sind es doch.“

Der Mann war nicht besonders groß. Er war dick und untersetzt. Er trug einen weißen Plüschrock. Er hielt ein großes Gewehr in der Hand, mit dem er auf sie zielte. Luke tippte auf ein altes Browning Safarigewehr, das wahrscheinlich mit 270 Winchestern geladen wurde. Das Ding würde einen Elch in vierhundert Meter Entfernung erledigen.

Luke bewegte sich zur rechten Seite des Raums Ed zur Linken. Der Mann zielte abwechselnd auf Beide, unsicher auf wen er sich konzentrieren sollte.

„Ali Nassar?“

„Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Luke Stone. Das ist Ed Newsam. Wir sind von der Bundespolizei.“

Luke und Ed keilten den Mann immer mehr ein.

„Ich bin Diplomat bei den Vereinten Nationen. Sie haben hier keine Befugnis.“

„Wir wollen Ihnen lediglich ein paar Fragen stellen.“

„Ich habe die Polizei gerufen. Sie wird in ein paar Minuten hier sein.“

„Wenn das so ist, warum nehmen sie dann das Gewehr nicht runter? Hören Sie zu, das ist ein altes Gewehr. Sie können nur einmal feuern. Sie werden keine Zeit haben eine zweite Runde nachzuladen.“

„Dann werde ich Sie erschießen und den anderen leben lassen.“

Er drehte sich zu Luke um. Luke bewegte sich entlang der Wand. Er hielt seine Hände in die Höhe, um zu zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausging. Im Laufe seines Lebens waren so viele Waffen auf ihn gerichtet worden, dass er es schon vor langer Zeit aufgegeben hatte mitzuzählen. Dennoch fühlte er ein Unbehagen. Ali Nassar sah nicht gerade wie ein geübter Schütze aus, aber sollte es ihm gelingen abzufeuern, würde es ein großes Loch in etwas oder jemandem hinterlassen.

„Wenn ich Sie wäre, würde ich den großen Kerl dort drüben umbringen. Denn wenn Sie mich umbringen, dann wollen Sie gar nicht wissen, was er mit ihnen anstellen wird. Er mag mich.“

Nassar blieb dabei. „Nein. Ich werde dich umbringen.“

Ed war bereits bis auf drei Meter an den Mann herangepirscht. Im Bruchteil einer Sekunde überwand er auch diese Distanz. Er stieß den Gewehrlauf in dem Moment nach oben, als Nassar gerade den Abzug betätigte.

BOOM!

Der Knall war in der Begrenztheit der Wohnung überaus laut. Der Schuss hinterließ ein gewaltiges Loch in der Gipsdecke. Ed brauchte nur eine einzige Bewegung, um Nassar das Gewehr zu entreißen, ihm einen Schlag zu verpassen und ihn auf einem der Designerstühle zu platzieren.

„Okay, hinsetzen. Und aufpassen.“

Nassar war durch den Schlag völlig aus der Bahn geworfen. Seine Augen brauchten mehrere Sekunden um wieder in der Mitte anzugelangen. Mit seiner fleischigen Hand tastete er nach dem Striemen, der sich bereits an seinem Kiefer abzuzeichnen begann.

Ed zeigte Luke das Gewehr. „Wo kommt das her?“ Es war verziert, mit mehreren eingelassenen Perlen und einem polierten Gewehrlauf. Noch vor wenigen Minuten hatte es wahrscheinlich irgendwo an einer Wand gehangen.

Luke wendete seine Aufmerksamkeit dem Mann auf dem Stuhl zu. Er fing noch einmal von vorne an.

„Ali Nassar?“

Der Mann schmollte beleidigt vor sich hin. Gleichzeitig sah er verärgert aus, was Luke an seinen Sohn erinnerte. Mit vier Jahren hatte Gunnar häufig auch so dreingeblickt.

Er nickte. „Offensichtlich.“

Luke und Ed mussten schnell handeln und keine Zeit vergeuden.

„Sie können das nicht mit mir machen“, sagte Nassar.

Luke blickte auf seine Uhr. Es war 7 Uhr. Die Polizei konnte jeden Moment hier sein. Sie brachten ihn in das Büro gleich neben dem Wohnzimmer. Sie nahmen ihm seinen Morgenmantel ab. Sie zogen ihm seine Pantoffeln aus. Er trug enge weiße Unterwäsche und sonst nichts darunter. Sein fetter Bauch ragte hervor. Er war fest wie das Fell einer Wirbeltrommel. Sie setzten ihn in einen Sessel und befestigten seine Handgelenke an den Armlehnen und seine Knöchel an den Stuhlbeinen.

Im Büro standen ein Schreibtisch mit einem altmodischen Computer-Tower und Bildschirm. Die CPU-Karte befand sich in einer dicken Stahlkassette, die in dem Steinboden fest verankert war. Es gab keinen sichtbaren Weg, die Kasse zu öffnen, kein Schloss, keine Klappe, nichts. Um an die Festplatte zu kommen, hätten Sie ein Schweißgerät gebraucht. Dafür gab es jedoch keine Zeit.

Luke und Ed schauten auf Nassar herab.

„Sie besitzen ein Nummernkonto bei der Royal Heritage Bank auf der Grand Cayman Insel“, sagte Luke. „Am dritten März haben Sie 250.000 Dollar an einen Mann namens Ken Byrants überwiesen. Ken Byrants wurde letzte Nacht tot aufgefunden,  erwürgt in seiner Wohnung in Harlem.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

„Sie sind der Auftraggeber eines Mannes mit Namen Ibrahim Abdulraman, der diesen Morgen im Untergeschoss des Center Medical Center gestorben ist. Er wurde durch einen Kopfschuss getötet, während er versucht hatte radioaktives Material zu entwenden.“

Die Ahnung einer Erinnerung huschte über Nassars Gesicht.

„Ich kenne diesen Mann nicht.“

Luke atmete tief durch. Normalerweise hätten wir Stunden, um jemandem etwas zu entlocken. Heute waren es jedoch nur Minuten. Das hieß, dass er wohl etwas würde mogeln müssen.

„Warum ist Ihr Computer auf diese Weise in den Boden eingelassen?“

Nassar zuckte die Schultern. Er begann sein Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Luke konnte fast sehen, wie es zurückströmte. Der Mann glaubte an sich. Er hielt sich für eine Steinmauer, die niemand zu durchbrechen vermochte.

„Auf dem Computer sind jede Menge vertrauliche Informationen. Ich habe viele Kunden, die mit geistigem Eigentum zu tun haben. Und wie gesagt ich bin als Diplomat für die Vereinten Nationen tätig. In dieser Funktion erhalte ich gelegentlich Nachrichten, die wie soll ich sagen… geheim sind. Ich wäre nicht hier, wenn ich nicht für meine Diskretion bekannt wäre.“

„Das kann durchaus sein“, sagte Luke. „Aber Sie geben mir jetzt trotzdem das Passwort, damit ich mir selbst ein Bild machen kann.“

„Ich fürchte, dass das nicht möglich sein wird.“

Ed, der hinter Nassar stand, lachte auf. Es klang wie ein Grunzen.

„Sie werden sich wundern, was alles möglich ist“, sagte Luke. „Tatsache ist, dass wir Zugang zu Ihrem Computer kriegen. Und Sie uns das dafür notwendige Passwort geben werden. Nun gibt es einen angenehmen Weg das zu tun und einen unangenehmen. Sie haben die Wahl.“

„Sie werden mir nichts tun“, sagte Nassar. „Sie stecken schon tief genug im Schlamassel.“

Luke blickte zu Ed. Ed ging zu Nassar und kniete sich neben Nassars rechte Seite. Er nahm Nassars rechte Hand in seine starken Hände.

Luke und Ed hatten sich erst letzte Nacht kennengelernt und doch arbeiteten sie schon so zusammen, dass eine verbale Verständigung nicht mehr unbedingt vonnöten war. Es war als würden sie die Gedanken des anderen lesen können. Luke hatte das zuvor schon mehrfach erlebt, gewöhnlich mit Leuten, mit denen er in Einheiten wie Delta zusammengearbeitet hatte. Normalerweise brauchte es mehr Zeit, eine solche Beziehung zu entwickeln.

„Sie spielen doch Klavier, oder?“ fragte Luke.

Nassar nickte. „Vor allem Klassik. Als ich jung war, war ich Konzertpianist. Jetzt spiele ich nur noch für mich selbst zum Spaß.“

Luke beugte sich so weit hinab, dass er mit Nassar auf Augenhöhe war.

„Gleich wird Ed anfangen Ihnen Ihre Finger zu brechen. Klavierspielen wird dann nicht mehr so viel Spaß machen. Und es wird ziemlich weh tun. Ich bin nicht sicher, ob Sie zuvor jemals solche Schmerzen empfunden haben, ich bezweifle es.“

„Das wagen Sie nicht.“

„Ich werde gleich bis drei zählen. Das wird Ihnen ein paar letzte Sekunden geben, um zu entscheiden. Im Gegensatz zu Ihnen warnen wir Leute, bevor wir ihnen wehtun. Wir stehlen kein radioaktives Material, mit dem wir dann versuchen Millionen von Menschen umzubringen. Sie werden dabei noch ganz gut wegkommen im Vergleich zu dem, was Sie vorhaben anderen anzutun. Nach dem ersten Finger werde ich Sie nicht mehr warnen. Ich werde Ed lediglich einen Blick zuwerfen und er wird einen weiteren Finger brechen. Haben Sie das verstanden?“

„Das wird Sie Ihren Job kosten“, sagte Nassar.

„Eins.“

„Sie sind ein kleiner Beamter, der nach Macht lechzt. Sie werden es schwer bereuen, jemals hier hergekommen zu sein.“

„Zwei.“

„Wehe Ihnen.“

„Drei.“

Ed brach den zweiten Knochen von Nassars kleinem Finger. Schnell und ohne große Mühe. Luke hörte es knacken, kurz bevor Nassar einen Schrei ausstieß. Der kleine Finger stand zur Seite ab. Der Winkel, in dem der Finger abstand, wirkte geradezu obszön.

Luke schob seine Hand unter Nassars Kinn und hob einen Kopf nach oben. Nassar biss die Zähne zusammen. Sein Gesicht hatte Flecken und er atmete stoßweise. Aber der Wille in seinem Blick war ungebrochen.

„Das war nur der kleine Finger“, sagte Luke. „Als nächstes käme dann der Daumen. Daumen tun sehr viel mehr weh als kleine Finger. Daumen sind auch wichtiger.“

„Sie sind Barbaren. Ich werde Ihnen gar nichts sagen.“

Luke blickte zu Ed. Eds Gesicht war undurchdringlich. Er zuckte die Schultern und brach den Daumen. Dieses Mal war ein lautes Knacken zu hören.

Luke erhob sich und ließ den Mann eine Weile schreien. Das Geschrei war ohrenbetäubend. Er hörte es in der Wohnung widerhallen, wie in einem Horrorfilm. Vielleicht sollten sie in der Küche nach einem Handtuch suchen, aus dem sie ihm einen Knebel drehen konnten.

Er durchsuchte den Raum. Er mochte diese Situationen nicht. Er wusste, dass es Folter war. Aber die Finger des Mannes würden wieder zusammenwachsen. Wenn die Bombe in einer U-Bahn-Station hochginge, würden viele Menschen sterben. Die Überlebenden würden krank. Keiner von ihnen würde wieder gesund werden. Die Finger des Mannes zu brechen oder unzählige Tote in der U-Bahn, diese zwei Möglichkeiten in die Waagschale zu werfen und abzuwägen, erleichterte die Entscheidung.

Nassar kamen die Tränen. Rotz lief ihm aus der Nase. Er atmete wie wild. Es klang wie huh-huh-huh-huh.

„Schau mich an“, sagte Luke.

Der Mann gehorchte ihm. Sein Blick war weicher geworden.

„Wie ich sehe, hat der Daumen Ihre Aufmerksamkeit geweckt. Als nächstes wäre dann der linke Daumen dran. Danach machen wir mit den Zähnen weiter. Ed?“

Ed bewegte sich auf die linke Seite des Mannes.

„Kahlil Gibran“, keuchte Nassar.

„Was sagen Sie? Ich konnte Sie nicht hören.“

„Kahlil Unterstrich Gibran. Das ist das Passwort.“

„Wie der Autor?“, fragte Luke.

„Ja.“

„Und was heißt es, mit Liebe zu arbeiten?“, sagte Ed und zitierte Gibran.

Luke grinste. „Es heißt die Kleidung aus den Fasern deines eigenen Herzens zu weben, als wäre es das Kleid deiner Geliebten. Das steht auf unserer Küchenwand zu Hause. Ich liebe diesen Autor. Ich würde sagen, wir sind alle drei hier unheilbare Romantiker.“

Luke ging zum Computer und betätigte mit seinem Finger das Touchpad. Das Passwort-Fenster erschien. Er gab die Worte ein.

Kahlil_Gibran

Der Desktopbildschirm erschien. Das Desktopbild zeigte schneebedeckte Berge hinter gelbgrünen Wiesen.

„Das scheint zu klappen. Danke, Ali.“

Luke zog eine externe Festplatte, die er zuvor von Swann bekommen hatte, aus seiner Hosentasche. Er verband sie mit dem USB Stecker. Die externe Festplatte hatte einen riesigen Speicher. Sie sollte ohne Probleme die Daten des gesamten Computers fassen können. Über die Entschlüsselung konnten sie sich später Sorgen machen.

Der Datentransfer startete. Der Bildschirm zeigte einen leeren horizontalen Balken. Auf der linken Seite begann der Balken sich grün zu färben. Drei Prozent waren grün, vier Prozent, fünf. Unter dem Balken wirbelte ein Sturm aus Dateinamen, der von der Festplatte verschluckt wurde.

Acht Prozent. Neun Prozent.

Im Hauptraum kam plötzlich etwas in Bewegung. Die Eingangstür würde aufgestoßen. „Polizei!“ schrie jemand. „Waffen fallenlassen! Auf den Boden!“

Sie bewegten sich durch die Wohnung, stießen Gegenstände um, stürmten durch Türen. Es klang als wären es viele. Sie würden jede Sekunde hier sein.

„Polizei! Auf den Boden! Auf den Boden! Runter!“

Luke blickte auf den Ladebalken. Er schien bei zwölf Prozent stecken geblieben zu sein.

Nassar schaute zu Luke hinauf. Seine Lider drückten auf seine Augen. Tränen traten aus ihnen. Seine Lippen bebten. Sein Gesicht war rot und sein sonst fast nackter Körper war schweißnass. Sein Blick war weder siegessicher noch triumphierend.

Kapitel 13

7.05 Uhr

Baltimore, Maryland – Südlich vom Fort McHenry Tunnel

Eldrick Thomas schreckte aus einem Traum hoch.

In dem Traum befand er sich in einer Hütte hoch in den Bergen. Die Luft war sauber und kühl. Er wusste, dass er träumte, denn er war zuvor noch nie in einer Berghütte gewesen. Es gab eine Feuerstelle, in der auch ein Feuer brannte. Das Feuer war warm und er hielt  seine Hände über die wärmenden Flammen. Im Raum nebenan konnte er die Stimme seiner Großmutter hören. Sie sang ein altes Kirchenlied. Sie hatte eine schöne Stimme.

Er öffnete seine Augen, es war Tag.

Ihm tat alles weh. Er berührte seine Brust. Sie war klebrig vom Blut jedoch hatten die Gewehrschüsse ihn nicht umgebracht. Die Strahlung machte sich bemerkbar. Er erinnerte sich daran. Er blickte sich um. Er lag im Matsch und war umgeben von dicken Büschen. Auf seiner Linken war eine große Wasserstelle, ein Fluss oder Hafen. Er konnte einen Highway in der Nähe hören.

Ezatullah war hinter ihm her gewesen. Aber das… war lange her. Ezatullah war wahrscheinlich längst weg.

„Komm schon, Mann“, krächzte er. „Du musst dich aufraffen.“

Es wäre leicht gewesen, einfach hier zu bleiben. Aber dann würde er sterben. Er wollte nicht sterben. Er wollte kein Dschihadist mehr sein. Er wollte einfach leben. Auch wenn er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen würde, hätte er das gewollt. Gefängnis war okay. Er hatte dort viel Lebenszeit verbracht. Es war gar nicht so schlimm, wie die Leute immer meinten.

Er versuchte aufzustehen, aber er konnte seine Beine nicht fühlen. Das Gefühl war weg. Er rollte sich auf seinen Bauch. Der Schmerz traf ihn wie ein Stromschlag. Ihm wurde schwarz vor Augen. Die Zeit verging. Nach einer Weile wachte er wieder auf. Er war noch immer hier.

Er begann auf dem Boden entlang zu robben, seine Hände zogen ihn durch Dreck und Schmutz nach vorne. Er schleppte sich den Hügel hinauf, der Hügel, von dem er letzte Nacht gerollt war, der ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Er weinte vor Schmerzen, aber er machte weiter. Er scherte sich nicht um den Schmerz, er versuchte einfach nur den Berg hochzukommen.

Eine ganze Weile verstrich. Er lang mit dem Gesicht nach unten im Matsch. Das Gebüsch hier war ein wenig dichter. Er schaute sich um. Er war jetzt oberhalb des Flusses. Das Loch im Zaun war genau vor ihm. Er kroch darauf zu.

Er blieb am unteren Rand des Zauns hängen, während er versuchte sich durch das Loch zu ziehen. Er schrie auf.

Zwei alte schwarze Männer saßen auf weißen Eimern nicht weit von ihm entfernt. Eldrick sah sie ganz klar. Er hatte noch nie zuvor so klar gesehen. Sie hatten Angelruten, Angelkisten und einen großen weißen Eimer. Sie hatten einen großen blauen Kühlwagen auf Rädern. Sie hatten weiße Papiertüten mit McDonald’s Frühstück in Styropor-Boxen. Hinter ihnen stand ein altes verrostetes Oldsmobile.

Ihr Leben wirkte wie das Paradies.

Gott, bitte lass mich sie sein.

Er schrie und die Männer eilten zu ihm herüber.

„Fassen Sie mich nicht an!“ sagte er. „Ich bin kontaminiert.“

Kapitel 14

7.09 Uhr

Weißes Haus – Washington, DC

Thomas Hayes, Präsident der Vereinigten Staaten, stand in langer Hose und langem Hemd in der Familienküche des Weißen Hauses. Er schälte eine Banane und wartete darauf, dass der Kaffee durchlief. Wenn er alleine war, genoss er es hierherzukommen und sich selbst das Frühstück zu machen. Er hatte sich noch nicht einmal seine Krawatte umgebunden. Er war barfuß. Dunkle Gedanken quälten ihn.

Diese Leute verschlingen mich bei lebendigem Leibe.

Er versuchte solche Gedankengänge zu vermeiden, doch drängten sie sich in letzter Zeit immer mehr auf. Früher war er einmal der größte Optimist gewesen, den er kannte. Er war immer und überall der Beste unter den Besten gewesen. Er hatte die Ansprache bei der Zeugnisvergabe auf der High School gehalten, er war Kapitän des Ruderclubs gewesen, Präsident der Schülervertretung. Er hatte mit summa cum laude sein Studium in Yale abgeschlossen, mit summa cum laude in Stanford. Er war Fulbright Stipendiat gewesen. Präsident des Senats von Pennsylvania. Gouverneur von Pennsylvania.

Er hatte geglaubt, für jedes Problem eine Lösung finden zu können. Er hatte immer an die Wirkungsmacht seiner Führung geglaubt. Er hatte zudem immer an das Gute im Menschen geglaubt. Alle diese Glaubenssätze waren zerbrochen. Fünf Jahre im Amt hatten ihn den letzten Optimismus gekostet.

Er hatte kein Problem mit den langen Arbeitsstunden. Die Verschiedenheit der Abteilungen war kein Problem für ihn, genauso wenig wie die ausschweifende Bürokratie. Bis vor kurzem hatte es keinerlei größere Verstimmungen zwischen ihm und dem Pentagon gegeben. Er konnte mit dem Geheimdienst, der ihn vierundzwanzig Stunden umgab und jeden Bereich seines Alltags begleitete, leben.

Er konnte auch mit den Medien und ihren scharfzüngigen Angriffen auf ihn umgehen. Er ertrug ihre Lästereien über sein Aufwachsen in der Oberschicht und den Ruf eines Salonkommunisten, der angeblich jeden Draht zum gemeinen Bürger vermissen ließ. Das Problem waren nicht die Medien.

Das Problem war das Repräsentantenhaus. Sie verhielten sich wie ein Kindergarten. Sie waren ein Haufen Schwachsinniger. Sie waren Sadisten. Sie waren ein Mob aus Vandalen, der es darauf anlegte, ihn auseinanderzunehmen und ihn Stück um Stück seiner Macht zu berauben. Das Haus war wie eine Schülerversammlung der Realschule, aber eine in der die straffälligsten Schüler der Schule den Vorsitz hatten.

Die durchschnittlichen Republikaner waren eine randalierende Horde mittelalterlicher Barbaren und die Mitglieder der Tea Party bombenwerfende Anarchisten. Unterdessen machte der Sprecher der Minderheitenfraktion des Hauses keinen Hehl daraus, dass er ein Auge auf das Amt des Präsidenten geworfen hatte und er dafür bereit war, den derzeitigen Präsidenten ohne mit der Wimper zu zucken, abzusägen. Der konservative Flügel der Demokraten war ein Bündel heuchlerischer Verräter – in der einen Sekunde händeschüttelnde Eidesgenossen, in der nächsten wütende weiße Männer, die gegen Araber und Migranten und innerstädtische Kriminalität wetterten. Thomas Hayes wachte jeden Morgen auf, wissend, dass der Kreis seiner Freunde und Verbündeten mit jeder Stunde kleiner und kleiner wurde.

„Hörst du mir zu, Thomas?“

Hayes schaute hoch.

David Halstram, sein Stabschef, stand vor ihm in voller Montur und blickte ihn auf gewohnte Art und Weise an – aufnahmebereit, energetisch, wach, mit Kampfansage und bereit zu allem. David war vierunddreißig und er arbeitete erst seit neun Monaten in seinem Job. Gib ihm Zeit.

„Wann kam das raus?“ fragte Hayes.

„Vor etwa zwanzig Minuten,“ sagte David. „Es läuft schon auf allen Social Media hoch und runter, die Fernsehkanäle schlagen sich um die besten Kommentatoren für ihre 8 Uhr Nachrichten. Es ist ein Selbstläufer. Wir befinden uns gerade nicht in der besten Position zwischen dem Sprecher des Repräsentantenhauses Ryan, dem Irandebakel und den Terroristen in New York.“

Hayes ballte seine Hand zur Faust. Er hatte genau zwei Personen in seinem Leben eine verpasst. Beides war lange her, als er noch zur Schule ging. Gerade hatte er das Bedürfnis diesem erlesenen Club eine dritte Person namentlich Bill Ryan hinzuzufügen.

„Wir hatten uns für morgen zum Mittagessen verabredet,“ sagte er. „Ich dachte, das könnte eine Annäherung bedeuten. Nicht, dass wir alles bei einem Treffen hätten aushandeln können, aber....“

David tat die Idee mit einer Handbewegung ab. „Er hat uns auf dem linken Fuß erwischt. Du musst zugeben, dass das ein sehr gewiefter Zug war. Im Prinzip versucht er ein Amtsenthebungsverfahren in die Gänge zu bringen, denn du wirst es ablehnen, einen Dritten Weltkrieg anzufangen. Und er trifft sich mit einem netten Journalisten von einer Plattform wie Newsmax, wo es keinen kritischen Kommentar geben wird, keinerlei Kritik in dem Artikel selbst und die ganze konservative Propagandamaschine läuft im Internet wie von selbst, ohne dass nur ein Wort hinzugesetzt wird. Sie entwickelt jetzt schon ein Eigenleben. Wir müssen uns hingegen wie Erwachsene verhalten. Wir müssen eine Pressekonferenz geben, um uns zu den drohenden Terrorattacken und eventuellen Verstrickungen des Iran zu äußern. Wir müssen uns Fragen gefallen lassen, ob es einen Zuwachs an Stimmen für deine Amtsenthebung gibt und was wir unternehmen werden, um die Sicherung von radioaktivem Material im gesamten Land zu gewährleisten.“

„Was sollen wir tun?“

„Wegen des radioaktiven Materials?“

„Ja.“

David zuckte die Schultern. „Das hängt davon ab. Die Richtlinien besagen, dass radioaktiver Abfall sicher gelagert werden muss, das jedoch ist nicht immer der Fall. Für die meisten Fälle wahrscheinlich schon. Einrichtungen wie das Center Medical Center wissen im Übrigen wie man damit umgeht und wo es ein sicheres Endlager findet. Aber sogar sie transportieren das Zeug auf öffentlichen Straßen in unbewachten Trucks. Dann gibt es da noch Krankenhäuser, die ihren radioaktiven Müll zusammen mit anderen biologisch bedenklichen Stoffen lagern. Andere Krankenhäuser vor allem im Süden entsorgen ihn sogar zusammen mit dem Normalmüll. Ich mache keine Witze. Und fang gar nicht erst mit den Atomkraftwerken an. Ursprünglich sollten alle ausgedienten Kernbrennstäbe zu speziellen Lagern überführt werden, das war jedoch nie der Fall. Diese Lager sind nie gebaut worden. Der Großteil dieser Stäbe wird seit den Siebzigern vor Ort bei den Reaktoren, für die sie in Benutzung waren, gelagert. Und es gibt Belege, dass fast neunzig Prozent der Reaktoren des Landes undicht sind und das benachbarte Grundwasser verseuchen.“

Präsident Hayes blickte zu seinem Stabschef. „Warum weiß ich davon nichts?“

„Theoretisch weißt du davon. Du wurdest davon unterrichtet, aber das hatte nie besondere Priorität.“

„Wann wurde ich davon unterrichtet?“

„Willst du ein genaues Datum haben?“

„Ich will das Datum, Personal und Inhalt dieser Unterrichtung. Ja.“

David ließ resigniert die Schultern sinken. Er überlegte kurz. „Thomas, das kann ich machen. Aber dann was? Wirst du das Briefing der Aufsichtsbehörde für Kernenergie von vor drei Jahren noch einmal lesen? Ich glaube, wir haben uns um Wichtigeres zu kümmern. Wir haben hier eine sich abzeichnende Krise im Nahen Osten und die Kriegshetze in den Medien und im Kongress. Wir haben uns um das gestohlene radioaktive Material zu kümmern und um eine potentielle Terrorattacke in New York City. Wir verlieren Boden in unserer eigenen Partei. Sie könnten heute Nachmittag im großen Stil zur anderen Seite überlaufen. Und der zweitmächtigste Mann in Washington hat gerade deine Amtsenthebung angeraten. Wir befinden uns auf einer Insel und das Wasser steigt. Wir müssen handeln und zwar jetzt.“

Hayes hatte sich noch nie so verloren gefühlt. Es war ihm alles zu viel. Seine Frau und seine Tochter waren im Urlaub auf Hawaii. Die hatten es gut. Er wünschte sich auch dort zu sein.

Was wäre er nur ohne den Lebensretter in Seenot David Halstram.

„Was sollen wir tun?“

„Wir werden uns verteidigen“, sagte David. „Noch steht dein Kabinett hinter dir. Ich habe mir erlaubt, ein Meeting für heute Morgen einzuberufen. Wir werden alle klugen Köpfe zusammentrommeln und geschlossene Front demonstrieren. Kate Hoelscher vom Finanzministerium. Marcus Jones vom Außenministerium. Dave Delliger vom Verteidigungsministerium kann aus offensichtlichen Gründen nicht dabei sein, wird aber auf einer sicheren Leitung dazugeschaltet. Und Susan Hopkins ist auf dem Weg von der Westküste.“

„Susan“, begann Hayes.

Der Name kam ihm nur schwer über die Lippen. Seit mehr als fünf Jahren versuchte er alles in seiner Macht Stehende, um sich von seiner Vizekandidatin und Vizepräsidentin fernzuhalten. Die ganze Situation war zu unangenehm. Sie hatte ihre Karriere als Model gestartet. Als sie ihre Karriere mit vierundzwanzig beendet hatte, hatte sie einen Milliardär aus der Technologiebranche geheiratet. Als ihre Kinder das Schulalter erreicht hatten, hatte sie sich mit dem Geld ihres Mannes in die Politik geworfen.

Die Leute mochten sie, weil sie gut aussah. Sie war für eine Frau mittleren Alters gesund und in Form geblieben, war enthusiastisch. Ein Frauenmagazin hatte sie kürzlich beim Joggen in knall orangener Yogahose und Tank Top fotografiert. Sie war eine passable Rednerin. Unaufhaltsam nahm sie an Kochwettbewerben und Eröffnungsfeiern teil. Ihr war viel daran gelegen das Bewusstsein für Übergewicht in der Kindheit und das für Brustkrebs zu stärken (als ob das den Leuten nicht schon bewusst genug wäre). Darüber hinaus engagierte sie sich für Programme, die sich die Ideologie lebenslanger Fitness auf die Fahne geschrieben hatten.

Eine Möchtegern Eleanor Roosevelt.

David hob die Hand. „Ich weiß, ich weiß. Du denkst, dass Susan nichts taugt, aber du hast ihr nie eine wirkliche Chance gegeben. Sie war zwei Amtszeiten Senatorin von Kalifornien, Thomas. Sie ist die erste weibliche Vize-Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Das sind keine kleinen Errungenschaften. Sie ist klug und kann gut mit Menschen. Und das Wichtigste, sie ist auf deiner Seite. Du kannst momentan jeden gebrauchen und ich glaube, sie kann dir dabei helfen.“

„Was könnte sie schon ausrichten? Das hier ist kein Schönheitswettbewerb.“

David zuckte mit den Schultern. „Deine letzten Umfragewerte lagen bei 12%. Das war vor drei Tagen, noch vor dem letzten Desaster. Nächste Woche könnte es einstellig sein. Deinem Lieblingsfeind Bill Ryan ergeht es nicht viel besser. Er liegt bei 17%, vor allem, weil er es nicht geschafft hat die Kriegserklärung durchzubringen. Er wird wahrscheinlich vorübergehenden Zuwachs verzeichnen, weil er dir mit Amtsenthebung gedroht hat.“

„Okay, die Leute sind mit der Regierung unzufrieden.“

David hob den Finger. „Das trifft größtenteils zu. Mit Ausnahme von Susan. Die Irangeschichte hat ihr nicht geschadet. Ihr Wert liegt bei 62% und sie hat die breite Zustimmung aller Frauen, die religiöse Rechte ausgenommen. Männer aus dem liberalen und unabhängigen Lager lieben sie. Sie ist die beliebteste Politikerin Amerikas und es ist durchaus möglich, dass das auf dich abstrahlen könnte.“

„Wie soll das gehen?“

„Indem sie hier mit dir im Weißen Haus in wichtigen Themen, die das Land betreffen zusammenarbeitet und mit dir fotografiert wird. Indem sie sich mit dir in der Öffentlichkeit zeigt und dabei zu dir als Führungsfigur wie zu einem Helden aufsieht.“

„Um Himmels willen, David.“

„Es wäre ein Fehler, es nicht so zu machen, Thomas. Hier stehen wir nun einmal. Ich habe mit ihr am Telefon gesprochen, kurz bevor ich reinkam. Sie weiß, was auf dem Spiel steht, und sie ist zu genau diesen Dingen bereit. Sie wird das, was sie öffentlich sagt, an uns anpassen und in den Talkshows und auf dem Land damit überzeugen.“

Hayes strich sich über das Kinn. „Ich muss mir noch überlegen, ob ich das wirklich will.“

David schüttelte den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Wir brauchen Susan und wenn ich ehrlich sein soll, dann hast du sie bisher nicht besonders gut behandelt. Ernsthaft, du solltest froh sein, dass sie überhaupt noch gewillt ist mit dir zu sprechen.“

Kapitel 15

7.12 Uhr

Wohnung Ali Nassars – Manhattan

„Auf den Boden! Unten bleiben!“

Luke lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Steinboden von Nassars Büro. Sie hatten ihm seine Waffe abgenommen. Der Schuh eines Polizisten hielt ihn auf dem Boden. Der Polizist brachte mindestens hundert Kilo auf die Waage. Hätte er es gewollt, hätte er Lukes Genick ohne Mühe brechen können.

Luke hielt mit einer Hand sein Polizeiabzeichen in die Höhe. „Bundespolizei!“ rief er und versuchte dabei seine Stimme dem Tonfall der Polizisten anzugleichen.

„FBI! FBI!“ schrie Ed neben ihm. Das war einer dieser gefährlichen Momente, in dem die Guten sich gegenseitig ausversehen erschossen.

Jemand schnappte sich Lukes Polizeimarke. Grobe Hände zerrten seine Arme nach hinten und legten ihm Handschellen an. Er konnte fühlen, wie der kalte Stahl in seine Handgelenke schnitt. Er machte keine Anstalten. Die anderen Räume der Wohnung waren noch immer voller Polizisten, die sich lautstark unterhielten.

„Stone, was machst du bitte hier?“

Luke kannte die Stimme. Er drehte den Kopf herum, um zu sehen wer es war. Ron Begley vom  Verfassungsschutz stand neben ihm umgeben von uniformierten Polizisten. Er blickte zu Luke mit einem gewollt angeekelten vielleicht auch mitfühlenden Ausdruck. Begley trug einen langen Trenchcoat. Sein dicker Bauch und der Mantel verliehen ihm die Aura eines irischen Detektiven mit Alkoholproblem. Neben ihm stand Dreiteiler, der Beamte aus der Anti-Terrorismus Einheit von heute morgen, derjenige, der sich nicht gerne herumkommandieren ließ. Luke brauchte einen Moment, um sich an seinen Namen zu erinnern. Myerson. Kurt Myerson.

Irgendwie war Luke froh, ihn zu sehen.

„Der Mann auf dem Stuhl leitet eine Terrorzelle in New York. Wir haben Anhaltspunkte, die ihn mit der Gruppe in Verbindung bringen, die letzte Nacht das  radioaktive Material aus dem Center gestohlen hat.“

Begley kniete sich neben Luke. „Der Mann sitzt nicht länger auf dem Stuhl. Wir haben ihn gerade von seinen Fesseln befreit. Ich vermute, dir ist bekannt, dass er Diplomat für Iran bei den Vereinten Nationen ist?“

„Er versteckt sich hinter seiner diplomatischen Immunität,“ sagte Luke. „Nur so kann er…“

„Wir stehen kurz vor einem Krieg mit Iran, Stone. So viel steht fest. Einen Krieg anzuzetteln, gehört nicht zu deinen Aufgaben.“ Begley machte eine Pause. Das Knien schien ihm den Atem abzuschneiden, aber er blieb, wo er war.

„Kannst du dir überhaupt vorstellen, zu welchen Problemen das noch führen wird? Die Vereinigten Staaten von Amerika werden sich öffentlich bei Iran entschuldigen müssen. Und nur weil dir nichts Besseres eingefallen ist, in die Wohnung eines Diplomaten einzudringen und ihn in Unterwäsche einer Befragung zu unterziehen, die allem Anschein nach unter die internationale Definition von Folter fällt. Dem Präsidenten wird sein Müsli im Halse stecken bleiben, wenn er das hört. Und ein abtrünniger Beamter einer geheimen FBI Einheit, von dem noch nie irgendjemand irgendwas gehört hat, liefert die Schlagzeile des Tages, die dann vierundzwanzig Stunden rauf und runter gespielt wird, nur für den Fall, dass es dort draußen noch Leute geben sollte, die nicht glauben, dass der Überwachungsapparat der Regierung außer Kontrolle geraten ist.“

„Ron, hör zu.“

„Ich habe es satt dir zuzuhören, Stone. Was kommt schon dabei heraus? Du bist völlig durchgedreht. Don Morris wird gerade verständigt. Da er wohl der Einzige ist, auf den du hörst, wird er dir gleich mitteilen, dass du von deinen Aufgaben entbunden bist. Um deine gesicherte Arbeitsstelle brauchst du dir jetzt keine Sorgen mehr machen, die bist du los. Der Mann nebenan wird sehr wahrscheinlich ein Verfahren einleiten und wenn er das tut, dann wirst du wohl die nächste Zeit im Gefängnis verbringen. Niemand wird dich da raushauen. Niemand wird sich für dich einsetzen.“

Begleys Stimme wurde leiser. „Ich will ehrlich zu dir sein. Die Leute zweifeln bereits Dons Urteilskraft an, weil er dich mit ins Boot geholt hat. Die Spezialeinheit ist Dons kleines Projekt, nicht wahr? Die ganze Sache könnte nun schneller als gedacht auseinanderfallen und sich in Luft auflösen. Eigentlich hast du mir heute einen Gefallen getan.“

Begley erhob sich. „Nehmt ihm die Handschellen ab“, sagte er zu jemandem neben ihm. „Dann führ sie ab. Zum Fahrstuhl und runter zur Straße. Ohne Unterbrechung, kein Gequatsche, kein nach Rechts- oder Linksschauen. Wenn sie irgendwelche Faxen machen, schieß ihnen in den Kopf.“

„Sir?“

Begley zuckte die Schulter. „Kleiner Spaß am Rande.“

Zwei Männer stellten Luke auf seine Füße. Sein Blick streifte Begley und Myerson, wie sie den Raum verließen. Die Polizisten nahmen Luke die Handschellen ab und gaben ihm seine Waffe und sein Abzeichen. Ed Newsam erging es links neben ihm genauso.

Luke blickte zu dem Computer, seine externe Festplatte war noch immer eingesteckt. Der horizontale Balken war fast vollständig grün. Der Datentransfer war also fast abgeschlossen. Luke lenkte Eds Aufmerksamkeit darauf. Ed zog für eine kurze Sekunde die Augenbrauen nach oben.

„Los geht’s“, sagte ein Polizist. „Marsch.“

Ed ging voraus, Luke folgte ihm. Eds breiter Rücken versperrte Luke die Sicht. Sie traten zwei Schritte aus dem Raum. Auf der rechten Seite saß Ali Nassar auf einem der Designerstühle. Er hatte seinen weißen Plüschmantel wieder angezogen und sprach mit jemandem an seinem Handy.  Eine Polizistin injizierte ihm Betäubungsmittel und fixierte seine Finger provisorisch. Nassar winselte übertrieben vor sich hin.

Plötzlich fiel Ed zu Boden. Sein Kopf schlug auf dem Boden auf. Seine Augen verdrehten sich und man konnte nur noch das Weiße der Augäpfel sehen. Ein mächtiges Zucken erfasste seinen Körper. Sein Kopf und seine Arme zuckten. Sekunden später lief weißer Schaum aus seinem Mund.

„Verdammt“, sagte Luke. Er kniete sich neben Ed.

Begley hatte sich umgedreht. „Halt dich da raus, Stone!“

Luke stand auf und trat zurück, seine Hände in der Luft. Die Polizisten kamen herbei.

„Was ist los mit ihm?“ fragte Begley.

„Er ist Epileptiker. Er saß in einem Humvee, auf den ein Anschlag verübt wurde als er in Afghanistan war. Er hat damals ernsthafte Kopfverletzungen davongetragen. Sein Gehirn hat Schaden genommen und seine Gehirnströme verändert. Ich weiß es nicht ganz genau. Ihr müsst seine Atemwege freihalten. Es sollte in ein paar Sekunden vorbei sein.“

„Ihr setzt einen Beamten ein, der Epileptiker ist?“

„Ich treffe diese Entscheidungen nicht, Ron.“

„Okay, zurücktreten. Diese Leute hier wissen, was sie tun. Sie werden sich darum kümmern.“

Luke trat einen Schritt zurück. Dann noch einen weiteren. Es hatte sich ein Kreis aus teils knienden teils stehenden Beamten um Ed gebildet. Einige Sekunden verstrichen und Begley setzte seine Unterhaltung mit Myerson fort. Luke glitt langsam zurück, als ob er still stünde. Er betrat das Büro. Er sprintete zum Computer, griff nach der Festplatte und ließ sie in der Schenkeltasche seiner Cargo-Hose verschwinden. Er griff nach einem blauen Stift, der auf dem Tisch lag.

Er drehte sich herum. Ein Polizist stand in der Tür.

Luke hielt den Stift in die Höhe. „Fast hätte ich meinen Stift vergessen.“

Der Polizist winkte ihn durch die Tür. „Los jetzt.“

Im Hauptraum angekommen hatte Ed aufgehört, Schaum vor dem Mund zu haben. Er lag bewegungslos auf der Seite. Seine Augen waren geschlossen, schließlich öffneten sie sich langsam. Ein paar Polizisten halfen ihm sich aufzurichten. Er blinzelte. Er schien nicht zu wissen, wo er war.

„Bist du okay?“ fragte jemand. „Dein Kopf ist ziemlich hart aufgeschlagen.“

Ed atmete tief durch. Er fühlte sich sichtbar unwohl vor all diesen Machos von Polizisten. „Keine Ahnung, Mann. Das ist der Stress. Schlafdefizit. Das passiert mir nur, wenn alle Batterien alle sind.“

Luke blickte sich um. Auf seiner Rechten hatte Nassar gerade aufgelegt. Er stand und sprach mit der Polizistin, die seine Finger notdürftig verarztet hatte. Luke ging schnurstracks auf ihn zu.

„Stone!“

Luke streckte Nassar seine Linke entgegen, als ob er mit ihm Hände schütteln wollte.

Nassar ignorierte mit grimmiger Miene seine Geste. Luke packte ihn an seinem Mantel und zog ihn zu sich heran. Ihre Gesichter berührten sich beinahe.

„Ich weiß genau, was du getan hast“, sagte Luke. „Und ich krieg dich.“

„Spätestens heute Nachmittag sitzt du auf der Straße“, sagte Nassar. „Dafür werde ich sorgen.“

Dann kamen die Polizisten und trennten die Beiden. Ein stämmiger Polizist nahm Luke in die Mangel und drehte ihn herum.

„Genug!“ rief Begley. „Schafft mir diese Affen aus den Augen!“

Im Fahrstuhl auf dem Weg nach unten waren sie von Polizisten umringt. Es war still, sie alle beobachteten die Ziffern, die rapide abnahmen.

„Bist du in Ordnung?“ fragte Luke.

Ed zuckte die Schultern. „Ich bin müde. Ich hatte schon seit Jahren keinen dieser Anfälle mehr. Sie machen mich fix und alle. Mein ganzer Körper bebt jetzt noch.“

Auf der Straße angelangt, ließen die Polizisten sie gehen. Auf dem Weg zu ihrem Geländewagen liefen sie nebeneinander die mit Bäumen gesäumte Straße entlang. Luke sprach kein Wort bis sie etwa fünfzig Meter von der Ansammlung Polizisten entfernt waren.

„Epilepsie?“ fragte er. „Du hattest noch nie einen epileptischen Anfall in deinem Leben.“

Ed grinste. „Epileptische Anfälle sind manchmal ganz hilfreich. Aber du musst sie auch gut verkaufen.“

„Das hast du. Als ich hörte, wie dein Kopf aufschlug, war ich mir eine Sekunde auch nicht ganz sicher. Das ging bis ins Mark sage ich dir.“

„Ganz recht. Hab einen Dickschädel. Und ich hab immer ein paar schaumerzeugende Pillen dabei, um den Effekt noch zu vergrößern. Wie lief es bei dir?“

Luke zuckte die Schultern. „Ich hab die Festplatte. Und die letzte kleine Nummer? Die Konfrontation mit Nassar? Alter Taschendiebtrick.“ Er griff in seine Cargo-Hose und zog ein neues Smartphone in einer weißen Plastikhülle heraus. „Ich hab dem Mann sein Handy abgenommen.“

Kapitel 16

7.20 Uhr

Flügel R – Blue Ridge Gipfel, Pennsylvania

„Meine Herren, bitte kommen Sie zur Ruhe.“

Vierzehn Männer waren in einem ruhigen Raum tief unter der Erde zusammengekommen. In dem Raum gab es fast nichts bis auf einen großen Konferenztisch in der Mitte, dem Gipsbetonboden, den abgerundeten Steinwänden und der Zimmerdecke. LED Lichter waren in die Decke eingelassen. Sauerstoffversetzte Luft musste mit Hilfe von mehreren kleinen Ventilatoren in den Raum gepumpt werden. Ohne Fenster fühlte man sich nicht nur wie in den Tiefen einer Höhle, sondern befand sich tatsächlich in einer. Ein Klaustrophobiker hätte es keine fünf Minuten hier ausgehalten.

Es gab keine Aufnahmegeräte in dem Raum. Die Gegensprechanlage, die mit dem Kommunikationssystem verbunden gewesen war, hatte man vor einem guten Jahrzehnt entfernt. Ein alter interaktiver Computerbildschirm, der einst eine Weltkarte und eine Karte der USA angezeigt hatte, war in die Wand eingebaut. Er konnte dazu benutzt werden, die Aufstellung von Truppen, Flugzeugen oder sogar Raketen nachzuvollziehen. Das Gerät funktionierte theoretisch noch, war aber in der Praxis nie getestet worden. Seit 1998 war das Gerät nicht angeschaltet worden.

Der Raum befand sich hinter einer doppelten Stahltür am Ende eines metallverkleideten Ganges. Der Gang befand sich drei Stockwerke über einer düsteren und höhlenartigen Kommandozentrale und einem Kontrollraum, die rund um die Uhr von einem kleinen Kader Militär besetzt waren. Es war das am tiefsten gelegene Gebiet der ausufernden Anlage, die 1953 eröffnet und so gebaut worden war, dass sie auch sowjetischen Atombomben hätte standhalten sollen.

Zehn der Männer saßen in gepolsterten Bürostühlen um den Konferenztisch herum. Die Männer kamen aus verschiedenen traditionellen wie speziellen Geheimdienstorganisationen des amerikanischen Militärs. Vier Männer saßen auf Klappstühlen neben der Wand. Diese Männer repräsentierten vier Industriezweige darunter die Kohleindustrie, Öl- und Gasindustrie, der Finanz- und Bankensektor sowie der Luftfahrt- und Verteidigungssektor.

Die Gruppe operierte im Geheimen sogar untereinander. Niemand trug Namensschilder, keine Abzeichen, Medaillen oder anderen Identifikationen. Nicht einmal Uniformen wurden getragen. Die Militärs trugen allesamt lange Hosen und Hemden. Obwohl die meisten Männer sich untereinander flüchtig vom Sehen her kannten, waren zwei unter ihnen, die keinem bekannt waren und deren Zugehörigkeit zur versammelten Gruppe sich keinem erschloss.

Ein silberhaariger Vier-Sterne-General, der einst Kommandeur der Spezialkräfte der Armee gewesen war, stand am Kopf des Tisches. Er rieb sich eine alte, lang verblasste Narbe auf seiner Stirn.

„Sie alle kennen mich“, sagte er. „Sie wissen, welche Rolle ich hier einnehme. Ich werde also gleich zum Punkt kommen. Die Ereignisse haben sich in den letzten vierundzwanzig Stunden überschlagen. Als Antwort auf die Vorkommnisse haben wir den Evakuierungsplan für alle hochrangigen Politiker und berufenen Regierungsbeamten aktualisiert, um Kontinuität im Falle eines Angriffs zu gewährleisten. Diese Pläne sind um 6 Uhr in Kraft getreten, vor etwa achtzig Minuten also. Sie gelten bis auf weiteres. Schenken Sie diesen bitte etwas Aufmerksamkeit, da sie von vorherigen Plänen abweichen.“

Er blickte auf ein Blatt Papier, das vor ihm auf dem Tisch lag.

„Während eines Angriffs werden Präsident Thomas Hayes und Vize-Präsidentin Susan Hopkins per Helikopter in die sichere Mount Weather Regierungseinrichtung in der Nähe von Bluemont in Virginia geflogen. Im Falle des Ablebens von Präsident Hayes tritt Vize-Präsidentin Hopkins seine Nachfolge an und wird den Amtseid in Mount Weather ablegen. Kabinettsmitglieder – den Sekretär des Finanzministeriums, den Außenminister und den Bildungsminister miteingeschlossen – werden abhängig von den Umständen und der Verfügbarkeit von Flugzeugen entweder mit dem Helikopter oder einem Militärkonvoi ebenso nach Mount Weather evakuiert. Die Benannten repräsentieren jeweils die Nummern fünf, sechs und acht in der Nachfolge.“

Er blickte erneut auf seine Notizen.

„Im Fall eines Angriffs wird der Sprecher des Repräsentantenhauses per Helikopter in den Flügel R der Anlage evakuiert. Der gegenwärtige Sprecher ist William Ryan aus North Carolina. Im Falle des Todes von Präsident und Vize-Präsidentin folgt Ryan in der Rangordnung an Platz drei und wird den Amtseid als unser Gast hier ablegen.“

Er schaute sich im Raum um und blickte jedem Einzelnen der Reihe nach in die Augen.

„Im Fall eines Angriffs wird der vorübergehende Senatspräsident den Befehl über den Kommandoposten der Luftwaffe der Vereinigten Staaten übernehmen. Das Flugzeug wird auf 12.000 Metern fliegen und für den Zeitraum der Krise von Kampffliegern begleitet werden. Für den unwahrscheinlichen Fall des Todes von Präsident, Vize-Präsidentin und Sprecher des Repräsentantenhauses tritt der Senatspräsident an vierter Stelle die Nachfolge an und wird den Amtseid an Bord des Flugzeuges ableisten. Derzeitiger Senatspräsident ist Senator Edward Graves aus Kansas, gegenwärtig Vorsitzender des Militärkomitees des Kongresses.“

Eine Hand schnellte in die Höhe. Der General erkannte einen Mann, der viel älter als er selbst war, ein ehemaliger Marineadmiral, der so uralt war, dass er vor langer Zeit einen Marinestab durch ein gewaltiges Unwetter bei Pusan zu Beginn des Koreakrieges geführt hatte. Es gab eine bis dato unter Verschluss gehaltene ikonische Fotografie dieses Ereignisses, das der General kannte. Es zeigte den Admiral im Alter von neunzehn Jahren ohne Hemd in einem matschigen Graben mit wilden Augen, sein Gesicht und Oberkörper im dunkelroten Blut der toten Kommunisten getüncht.

„Ja?“

„Sie haben vergessen den Außenminister zu erwähnen. Er würde normalerweise der Luftwaffe vorstehen.“

Der General zuckte die Schultern. „Der Außenminister wird hierherkommen.“

„Nehmen Sie an, dass das Probleme verursachen könnte?“

Der General nahm das Blatt auf, das vor ihm lag und begann es sorgfältig in lange Streifen zu zerreißen. „Wir nehmen an,“, sagte er, „ dass es keine Probleme gibt.“

Kapitel 17

7.40 Uhr

Kommandozentrale der Anti-Terrorismus Einheit – Midtown Manhattan

„Wie zur Hölle wusste Begley wo wir waren?“

Luke stand in der Tür des kleinen Raumes, welches das Spezialeinsatzkommando in der Kommandozentrale besetzt hatte. Trudy und Swann waren hier zusammen mit ein paar Leuten aus dem New Yorker Büro. Sie blickten ihn groß an. Jemand hier im Raum musste Unschuldslamm spielen. Das war es, was Luke zur Weißglut brachte.

„Was?“ fragte Trudy.

„Begley. Er war plötzlich in der Wohnung von dem Iraner zusammen mit jeder Menge Polizei. Niemand hatte ihn gerufen. Er war einfach dort. Wie hat er das bitte gemacht?“

Swann schüttelte den Kopf. Er deutete auf seine Geräte. „Das Zeug ist verschlüsselt. Ich bin in meinem eigenen Netzwerk. Begleys Leute können unmöglich in der kurzen Zeit, die wir hier sind, den Code geknackt haben.“

„Trudy?“

Sie hob die Hände in die Höhe als hätte er eine Waffe gezogen. „No way, Luke. Denk gar nicht erst darüber nach. Ich verachte Begley. Du glaubst, ich würde ihn dir auf den Hals jagen?“

Ed schlüpfte an ihm vorbei in den Raum. „Ich denke, wir sollten fokussiert bleiben. Es hat wenig Sinn hier nach dem Schwarzen Peter zu suchen. Ich glaube nicht, dass dich hier irgendjemand verkauft hat.“

Luke nickte. Ed hatte Recht. „Na gut.“ Er ging zu Swann hinüber und leerte den Inhalt seiner Taschen auf Swanns Tisch aus. „Ich habe hier eine Kopie der Festplatte von Nassars Computer. Das hier ist sein Handy. Ich brauche alle darauf gespeicherten Daten, danach mach das Handy unschädlich und lass es verschwinden. Fang damit an.“

Swann zuckte mit den Schultern. „Sie werden es sowieso wissen. Es ist ein iPhone. Sie werden seinen Standort verfolgen und uns auf die Spur kommen. Das sind sie wahrscheinlich bereits.“

„Das ist in Ordnung“, sagte Luke. „Allerdings sollten wir es nicht gerade in der Hand halten, wenn sie hier bei uns vorbeischauen. Okay?“

„Alles klar.“

Luke blickte zur Tür schon fast in der Erwartung Begley dort stehen zu sehen. „Was habt ihr in Bezug auf das Bankkonto herausgefunden?“

„Jede Menge. Ali Nassar ist ein gut beschäftigter Mann. Es gibt unzählige Transaktionen, die mit dem Konto in Verbindung stehen. Geld kommt und geht. Genf, Nassau, Teheran, Paris, Washington. Viele sind anonym, es ist zwar nicht unmöglich herauszufinden, woher sie kommen, aber es würde mehr Zeit kosten, als wir zur Verfügung haben.“

„Sonst noch was Interessantes?“

„Hier. In den letzten sechs Monaten hat Nassar mehr als acht Millionen Dollar an eine Firma namens China Aerospace Science and Technology überwiesen. Dabei handelt es sich um ein Unternehmen, das der chinesischen Regierung gehört und von ihr betrieben wird. Sie bauen Roboterdrohnen von militärischem Kaliber, ziemlich hochwertiges Zeug. Die Drohnen können Luft-Boden-Raketen und Bomben tragen, überwachen, via Satellit Daten versenden, eigentlich alles. Und China verscherbelt sie zu Dumpingpreisen an Leute, in deren Hände sie eigentlich nicht gehören. Ich denke dabei an Nord Korea. Afghanische Diktatoren. Nicht-staatliche Akteure. Ihre CH-3A Drohne ist mit unserer MQ-9 zu vergleichen, aber kostet weniger als eine Million. Siehst du das Bild hier?“

Luke sah es. „Könnte man eine radioaktive Bombe auf einer dieser Drohnen anbringen und sie dann möglicherweise mit irgendwas zusammenstoßen lassen?“

Swann spitze seine Lippen. „Eventuell. Du musst allerdings bedenken, dass es nicht leicht ist eine Drohne dieser Größenordnung durch Manhattan zu steuern, schließlich gibt es hier sehr viele hohe Gebäude. Das sind keine Drohnen eines Hobbybastlers. Sie sind gewaltig. Wir sprechen hier je nach Fluggerät von acht bis zehn Metern Flügelspanne. Diese Drohnen brauchen Platz zum Manövrieren. Sie starten, fliegen und landen wie Flugzeuge. Sie können 5.000 Meter hoch fliegen. Aber wenn du sie so hoch fliegen lassen würdest, dann würden sie innerhalb einer Minute auf den Radaren der Flugsicherung auftauchen.“

Luke holte die Festplatte mit Nassars Computerdaten. „Schau nach, ob er hier irgendwas drauf hat.“

„Vor oder nach dem Handy?“

„Zuerst das Handy, aber beeile dich.“

Swann seufzte. „Mir hat noch nie jemand in diesem Job geraten, langsam zu machen. Mach ganz ruhig Swann. Nimm dir Zeit und mach die Sachen gründlich. Worte, die ich nie zu hören bekomme.“

„Wenn du diese magischen Worte hören willst, solltest du besser in den Privatsektor gehen.“

Swann verzog das Gesicht. „Was? Um das Fünffache zu verdienen? Davon will ich nichts hören.“

„Luke?“ sagte Trudy.

Er drehte sich zu ihr um. Ihre Augen waren weit geöffnet. Sie hielt ihm ein Handy hin.

„Es ist Don“, sagte sie. „Für dich.“

Kapitel 18

Luke hielt das Handy an sein Ohr und verließ den Raum. Das Stimmengewirr des Hauptraums kam ihm entgegen. Er wollte diesen Anruf nicht entgegennehmen. Teilweise auch deshalb nicht, weil er noch nicht nach Hause geschickt werden wollte, nicht nach all dem, was heute Morgen geschehen war, nicht wenn so viel auf dem Spiel stand. Aber es ging um mehr, viel mehr.

Luke erinnerte sich an den Tag, als er Don das erste Mal getroffen hatte. Damals war Luke ein siebenundzwanzig Jahre alter Offizier gewesen. Er war sechs Monate zuvor zum Offizier ernannt worden und war gerade erst in die Delta Force aufgenommen worden, dem Eliteeinsatzteam und der Anti-Terrorismus Einheit der Armee. Es war sein erster Tag gewesen und Luke war nervös. Don war sein neuer Oberbefehlskommandant. Don gab ihm ein paar Anweisungen, während Luke vor seinem Schreibtisch stand.

„Ja Herr Oberst“, sagte Luke dabei einmal.

Don seufzte schwer. „Junge, eine Sache will ich hier klarstellen. Du bist hier nicht mehr in der Armee, wie du sie bisher kanntest. Das ist die Delta Force. Wir werden zusammen leben, zusammen kämpfen und vielleicht eines Tages zusammen sterben. Nenn mich Don oder Morris. Du kannst mich auch Volltrottel nennen. Ist mir egal. Aber du nennst mich auf keinen Fall Sir oder Oberst. Das kannst du dir für die anderen Abteilungen des Militärs aufheben. Verstanden?“

„Ja…“ sagte Luke, dem das Sir beinahe wieder rausgerutscht wäre. „Don.“

Don lächelte. „Gut. Der Volltrottel kommt dann später.“

Jahre später als Don die Delta Force verließ, um das Spezialeinsatzkommando zu gründen, zählte Luke zu seinen ersten Rekruten.

„Don?“ antwortete er jetzt.

„Luke. Wie geht es dir, wie läuft es?“

„Gut. Mir geht es gut. Wie war das Briefing?“

„Es hat noch gar nicht stattgefunden. Wir sind vor zehn Minuten erst aus dem Helikopter gestiegen. Ich werde wohl noch eine Weile warten müssen, bevor es losgeht. Du kennst das ja. Feuer unterm Hintern machen und dann ewig warten müssen.“

„Richtig“, sagte Luke.

„Ich glaube, sie wollen mich ausrangieren“, sagte Don.

Luke nickte. „Ja. Ich weiß.“

„Die Leitung hat mich vor kurzem angerufen. Ron Begleys Chef vom Verfassungsschutz. Ich kenn die ganze Geschichte mit dem Diplomaten.“

„Don, ich hab mich da ein bisschen zu sehr mitreißen lassen. Wenn du das Spezialeinsatzkommando jetzt deshalb verlierst, dann tut mir das sehr leid. Aber es tut mir nicht leid, dass ich das getan habe.“

„Ganz ruhig, Junge. Warum glaubst du habe ich dich letzte Nacht angerufen? Damit du dazukommst und dich an die Regeln hältst? Wenn es das wäre, was ich gewollt hätte, dann hätte ich dich schlafen lassen. Von dieser Sorte Mensch gibt es mehr als genug hier. Mehr als wir brauchen. Nein, darum mache ich mir keine Sorgen. Ich hätte nicht weniger von dir erwartet.“

„Begley wusste wo ich war“, sagte Luke. „Er kam mit einem Haufen Stadtpolizisten reinspaziert.“

„Natürlich hat er das. Wir haben eine Weile schon einen Maulwurf. Sechs Monate vielleicht länger.“

Luke fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. Ein Maulwurf also, als gäbe es nicht schon genug Ärger. Er schaute den Gang hinauf, an dessen Ende in Nähe der Wasserspender ein Pulk aus ruhig murmelnden Geheimdienstbeamten stand. Einer blickte in seine Richtung und sprach hinter vorgehaltener Hand.

Luke hatte es langsam satt. Er brauchte jetzt seine Tasche. Es war fast Zeit für einen Augenöffner.

„Wer war es?“ fragte Luke.

Don schien nicht besonders erpicht darauf, ihm diese Information preiszugeben. „Luke…“

„Komm schon, Don. Ich werde die Wahrheit schon ertragen können.“

„Ich hatte bisher keine Zeit, um die Sache einwandfrei aufzuklären. Aber ich habe einen Verdacht. Die Gerüchteküche in puncto Spezialeinheit brodelt schon seit Monaten. Wir scheinen eine paar Leute zu haben, die das Schiff wohl gerne verließen, bevor es untergeht.“

„Nenn mir einen Namen.“

„Trudy Wellington.“

„Don…“

Don schnitt ihm das Wort ab. „Schon gut. Ich weiß, was du jetzt sagen wirst. Sie ist unsere beste Geheimdienstmitarbeiterin. Da hast du völlig recht. Und du hast eine Zeit lang mit ihr geschlafen. Ich weiß alles darüber. Ich nämlich auch. Jetzt bereue ich das zutiefst. Wenn Margaret das jemals herausfindet, bin ich tot. Aber es ist nicht nur das. Ich habe Trudy ein paar Dinge erzählt, die ich ihr hätte besser nicht erzählen sollen. Bettgeflüster. Ich nehme an, du weißt wie das läuft. Ich befürchte, dass die Spezialeinheit nun ein offenes Buch für viele andere ist. Glaub mir, ich fühle mich wie ein Idiot.“

Luke antwortete nicht. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte.

„Luke, ich fühle mich so alt.“

„Don-“

„Es kann auch sein, dass es noch mehr gibt“, fuhr er fort. „Ich meine außer Trudy. Dinge sind nach außen gedrungen, über die nicht einmal sie Bescheid wusste. Wir kämmen die Büros jede Woche durch. Wir entschlüsseln alles, was es an Kommunikation gibt. Unsere Netzwerke werden runtergefahren. Und trotzdem…“

Seine Stimme verlor sich für einen Moment.

„Die Spezialeinheit hat sich in ein Wespennest verwandelt, Luke. Es gibt niemanden, dem ich noch trauen kann. Weißt du das? Ein Grund, weshalb ich dich letzte Nacht angerufen habe war, dass ich das Ding wieder zum Laufen bringen wollte. Ich wollte, dass es sich wie früher anfühlt. Wir zusammen das anpacken, mit der Faust auf den Tisch hauen und den bösen Jungs ein letztes Mal richtig einheizen.“

Luke atmete einmal tief durch. Er hatte das Gefühl, dass das Gespräch noch eine Stunde so weitergehen konnte, ohne dass er auch nur ein Wort sagte.

„So jetzt der Teil, auf den du gewartet hast“, sagte Don. „Nur, dass du es weißt, ich habe keinen Einfluss und keine Wahl in dieser Angelegenheit. Es kommt von ganz oben.“

Dons Tonfall veränderte sich. Plötzlich klang es so, als würde er einige vorbereitete Notizen ablesen. „Luke, in Folge einiger Straftaten, die du während der Ausführung deiner Pflichten dir zu Schulden hast kommen lassen, muss ich dich suspendieren. Du bist mit sofortiger Wirkung von deiner Funktion als Kommandeur des Spezialeinsatzkommandos befreit. Für die Zeit der bevorstehenden Untersuchungen zwecks deiner Delikte bist du zeitweise beurlaubt. Du wirst eventuell vorgeladen und kannst dich vor Gericht selbst verteidigen. Während dieser Zeit werden dir dein Gehalt und Zulagen weiterhin nur dann gezahlt, wenn du dich dazu entschließt mit uns vollständig in den Untersuchungen zusammenzuarbeiten.“

Luke fand schließlich seine Stimme wieder. „Ich war bereits freigestellt“, erwiderte er.

„Du bist der beste Ermittler, beste Anti-Terrorismus Agent und einer der besten Soldaten, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe“, sagte Don. „Bitte gib dein Abzeichen und deine Waffe an Trudy ab. Der Besitz von privaten Waffen erfordert eine private Waffenlizenz, solltest du keine haben.“

„Doch, habe ich.“

„Es tut mir aufrichtig leid, Luke.“

Der Anruf war vorbei. Sekunden später konnte Luke sich nicht mehr daran erinnern, wie das Gespräch zu Ende gegangen war. Vielleicht hatte er einfach aufgelegt. Er blieb noch einige Minuten im Flur stehen, das Handy immer noch an sein Ohr gepresst. Dann wandelte er zurück in das Büro. Er schien seine Beine nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Seine Füße erschienen so weit weg.

Trudy war dort. Sie blickte ihn an.

„Was hat Don gesagt?“

Eine Schlacht der Gefühle wütete in ihm und er musste sie unter Kontrolle bringen. Er wollte nicht diese Sorte Mensch sein. Eifersüchtig. Sauer. Verletzt. Aber genau so war er. Er war dieser Mensch. Er war ein verheirateter Mann und doch verzehrte er sich nach dieser Frau. Er hatte geglaubt, dass es dort etwas zwischen ihnen gegeben hatte. Der Gedanke, dass sie alles nur aus Kalkül getan hatte… Der Gedanke, dass sie es mit Don getrieben hatte, vielleicht sogar zur selben Zeit… Mit wem sonst hatte sie etwas? Wohin verkaufte sie ihre brisanten Informationen? Er brauchte Zeit, um all dies zu verdauen.

Luke künstelte ein Lächeln und dieses Lächeln allein versöhnte ihn ein klein wenig. Es fühlte sich fast echt an. „Don hat gesagt, dass wir dranbleiben sollen. Sie wollen mich suspendieren, aber er wird dagegen vorgehen. Du kennst Don. Er ist eine harte Nuss.“

„Wirklich?“, fragte sie. „Er wird deine Suspendierung anfechten?“

Ihr Gesicht zu lesen, war fast zu einfach. Sie glaubte ihm kein Wort.

„Ja“, sagte Luke. „Er hat seine Meinung im Laufe unseres Gesprächs geändert. Er weiß, dass etwas nicht stimmt. Don und ich haben anderes zusammen durchgestanden, da wird er nicht einfach das Handtuch schmeißen. Ich bin also noch dabei, zumindest für den Moment. Was hast du Neues?“

Sie zögerte. „Also…“

Luke schnipste mit den Fingern. „Trudy, wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Wir müssen wach bleiben. Lieferwagen, Lastwagen, was ist daraus geworden?“

Sie nahm ihr Tablet zur Hand. „Es bewegt sich etwas. Die lokale Polizei hat den Hot Dog Wagen hochgenommen. Du hattest Recht. Der Russe betreibt ein Restaurant für Prostituierte und Zuhälter. Hot Dogs, italienische Würste, Chips, Red Bull, Pepsi, Mountain Dew. Aber auch Oxycodon, Methamphetamine, Ecstasy, Beruhigungsmittel, Diazepam… alles mögliche. Sie haben ihn auf der Rückbank seines Wagens mit zwei Prostituierten gefunden. Aber alles halb so wild. Die Drei wurden schlafend gefunden in ihren Klamotten.“

„Was sonst?“

„Der gestohlene Krankenwagen wurde in einem Parkhaus eines Lagers für Fleischwaren in Newark, New Jersey gefunden. Die Newarker Polizei hat das übernommen. Übel. Das Lager hat als Lagerraum für menschliche Organe vor allem Lebern und Nieren hergehalten. In einem Hinterraum haben sie zwei Lungen gefunden, die in einer Plastikvorrichtung am Leben gehalten wurden. Eine Maschine pumpte Sauerstoff in die Lungen und die Lungen atmeten. Ein Polizist hat sie als“ – sie blickte auf ihr Tablet – „riesige rosa Fleischflügel beschrieben.“

„Und der Wäschereiwagen?“

„Nichts so weit. Wir haben das Unternehmen angerufen, die Dun-Rite Wäscherei. Der Besitzer war da. Er ist rausgegangen und hat die Wagen gezählt. Er meinte, sie seien vollständig. Einundzwanzig Wagen. Er hat auch gesagt, dass sie nur relativ große Wagen benutzen – er hat eine komplette Flotte von umgebauten Bäckereitransportern gekauft. Sie fahren keine kleinen Lieferwagen der Sorte, wie wir sie in der Überwachung gesehen haben. Er hat uns vorgeschlagen, dass wir selbst einen Blick darauf werfen.“

„Haben wir?“

Sie nickte. „Ein Beamter ist auf dem Weg dorthin.“

„Also hat jemand das Firmenlogo kopiert und auf seinen Wagen geklebt.“

„Ja. Und Dun-Rite hat einen Vertrag mit dem Center. Ein Wagen mit diesem Logo hätte also keinerlei Verdacht geweckt, wenn er bei dem Krankenhaus geparkt hätte.“

„Wir müssen diesen Wagen finden“, sagte Luke.

„Wir geben unser Bestes, Luke.“

„Gebt mehr.“

Er entfernte sich von ihr. Dieser Schritt war zu abrupt und sagte zu viel. Er musste ihr alles verraten, was sie zu wissen brauchte. Er ging zu Swanns Station hinüber. Swann arbeitete immer noch an drei Bildschirmen gleichzeitig.

„Hast du was Neues, Swann?“

„Die Schlinge zieht sich zu“, sagte Swann. „Ali Nassar hat einen ganzen Ordner zum Thema Drohnentechnologie auf seinem Computer. Er hat PDF Versionen von Broschüren mit Farbbildchen. Er hat hunderte von Fotos sowie Videos aufgenommen aus der Vogelperspektive. Er hat Kalkulationstabellen, die Besonderheiten, Ladekraft, Waffentechnik, Geschwindigkeit und Höhe vergleichen. Entweder kauft er Drohnen oder schreibt eine Hausarbeit zum Thema.“

„Und das Handy?“

Swann nickte. „Das Handy. Man kann nicht mehr nachvollziehen, wen er angerufen hat. Er muss eine App haben, die die Namen automatisch löscht. Wir bekommen die Namen nur dann heraus, wenn wir mit Genehmigung bei seinem Anbieter nachfragen.“

„Kannst du da nicht reinhacken?“

„Das könnte ich, aber warum sollte ich? Es würde zwölf Stunden dauern, bis dahin wird, was auch immer es sein wird, passiert sein. Davon einmal abgesehen, haben wir ein viel drängenderes Problem. Kurz nach Mitternacht hat Nassar ein One-Way-Flugticket nach Venezuela gekauft. Abflugzeit 14.30 Uhr, vom JFK nonstop nach Caracas, Executive Class. Der Boarding Pass war auf seinem Handy. Die Rechnung und eine zweite Kopie des Boarding Passes waren auf seiner Computerfestplatte.“

„Venezuela?“, sagte Luke.

Swann zuckte die Schultern. „Wir haben keinen Auslieferungsvertrag mit Venezuela.“

„Sicher, aber warum fliegt er nicht nach Iran?“

Swann drehte sich um. Seine Augen stierten durch seine Brille. „Was würde passieren, wenn der Anschlag misslingt? Ich hab erst vor kurzem gehört, dass sie in Iran immer noch Erschießungskommandos haben. Wegen Inkompetenz gefeuert zu werden erhält dabei eine ganz neue Bedeutung.“

„Aber der Punkt ist, dass er das Land verlassen wird“, sagte Luke.

„Ja das wird er. Heute.“

„Er hat das Ticket ungefähr zu dem Zeitpunkt gekauft, als das radioaktive Material gestohlen wurde.“

Swann nickte. „Ich vermute, er hat es in dem Moment gekauft, als klar wurde, dass die Aktion geglückt war.“

„Jetzt haben wir ihn“, sagte Luke. Er schlug Swann auf die Schulter. „Gute Arbeit.“

Luke drehte sich um und sah dass Begley in der Tür stand. Zwei große Kerle in Anzügen standen zu seinen Seiten. Luke blickte im Raum umher. Ed Newsam stand in einer Ecke in der Nähe des Fensters und beobachtete die Straße unter ihm während er einen Orangensaft trank. Trudy sprach mit jemandem am Telefon und schaute gleichzeitig auf ihr Tablet. Ein paar Leute aus der örtlichen Spezialeinheit saßen an ihren Tischen und schienen mit ihren Laptops verschmolzen.

„Stone, was machst du noch hier?“, fragte Begley. Der Raum wurde still, als er das sagte. Alle blickten zu ihm.

Luke grinste. „Ron erst einmal, schön dich zu sehen. Wir haben einen Durchbruch. Ali Nassar hat eine viertel Million Dollar von einem Offshore-Konto an Ken Byrant, die tote Reinigungskraft aus dem Krankenhaus, überwiesen. Nassar hat Millionen von Dollar für militärische Drohnentechnik ausgegeben. Und letzte Nacht hat er zum Zeitpunkt des Überfalls auf das Center ein Flugticket nach Venezuela für heute Nachmittag gebucht.“

Begley schüttelte den Kopf. „Wenig beeindruckend.“

„Wir müssen ihn herholen, Ron. Wir dürfen ihn nicht das Land verlassen lassen. Wenn er es nach Venezuela schafft, wird es sehr schwer sein ihn zurückzuholen.“

Begley blickte zu Ed. „Epilepsie, Newsam? Sehr lustig. Ich habe deine persönliche Akte checken lassen. Du bist kein Epileptiker. Du bist in Afghanistan nicht einmal verletzt worden.“

Ed stand bewegungslos da. Er hob seinen Zeigefinger. „Das ist nicht ganz richtig. Ich war zwei Mal verletzt. Gebrochene Rippen, Gehirnerschütterung und ein gebrochener Arm als unser Humvee in die Luft gesprengt wurde. Der Typ neben mir hat damals sein Bein verloren.“ Er zuckte die Schultern. „Das andere Mal wurde mir in die Wade geschossen. Die Kugel hat ein ganz schönes Loch hinterlassen. Sie mussten meinem Arsch Gewebe entnehmen, um es zu stopfen und den Muskel wiederaufzubauen. Bis heute hat das Arschgewebe eine andere Farbe als das Wadengewebe. Man kann die Umrisse noch sehen. Willst du mal schauen?“

Begley sagte nichts.

„Wie auch immer, das klingt für mich sehr nach Verletzungen. Ich habe zwei Purple Heart Kriegsabzeichen, Uncle Sam scheint also meiner Meinung zu sein.“

„Ich meine nur, dass du nie eine Gehirnverletzung hattest.“

Ed blickte erneut aus dem Fenster. „Das ist was anderes.“

„Begley, hörst du mir zu?“, fragte Luke. „Wir haben hier den Mann, der die Terrorzelle finanziert. Und wir wissen, wie der Angriff vonstatten gehen wird. Als Drohnenangriff. Und das heißt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es nicht hier passieren wird. Es gibt in Manhattan keinen Platz eine solche Drohne zu lenken. Wir sprechen also von einer sehr gezielt eingesetzten Bombe, einer radioaktiven Bombe, die an einem abgeschlossenen Ort abgeworfen werden wird. Und die Drohne wird wahrscheinlich recht tief, unter der Radargrenze fliegen.“

Begley grinste. „Du hast keine Ahnung, wovon du da sprichst, Stone. Das Ganze wäre sogar lustig, wenn du es nicht so ernst nehmen würdest. Wir haben die Geheimdienstinformationen, die wir brauchen. Wir kennen die Ziele. Ibrahim Abdulraman, erinnerst du dich an ihn? Der Mann ohne Fingerabdrücke? Sein Cousin steckt in einem Gefängnis in Ägypten. Sie befragen ihn seit über einer Stunde.“

„Du meinst, sie foltern ihn“, sagte Stone.

„Was sich nicht wesentlich von dem unterscheidet, was ihr Beiden getan habt, oder?“

„Es ist anders“, sagte Stone. „Wir haben einem Mann die Finger gebrochen, um an sein Computerpasswort zu kommen, dessen Richtigkeit sofort überprüft werden konnte.“

„Es gibt drei potentielle Ziele“, sagte Begley. „Die Wahl hängt vom Ermessen der Angreifer ab und von den Bedingungen, die sie vor Ort vorfinden. Das erste Ziel ist eine unter der Erde gelegene Restaurant-Meile des Grand Central Terminals zur Mittagszeit. Unzählige Leute. Das behandeln wir als das wahrscheinlichste Szenario. Wir haben Leute mit Geiger-Zählern an jedem Eingang des Terminals postiert.“

Luke schüttelte den Kopf. „Darauf würde ich nicht wetten. In Ägypten simulieren sie Situationen, in denen Menschen glauben, sie würden ertrinken. Das weißt du. Sie versetzen ihnen Stromschläge. Sie hängen sie an den Handgelenken auf. Sie spießen sie auf Eisenstäben auf. Die Gefolterten würden alles sagen, damit es aufhört.“

Begley ignorierte ihn und fuhr fort. „Das zweitwahrscheinlichste Szenario ist der PATH Zug von Hoboken nach Manhattan. Diese Züge sind überlaufen und fahren eine lange Zeit unter dem Hudson. Gleiche Vorgehensweise. Wir haben Geiger-Zähler an allen Eingängen beidseitig des Flusses aufgestellt. In der dritten Variante verursachen sie einen Autounfall im Midtown Tunnel und zünden die Bombe nachdem sich der Verkehr rückgestaut hat. Wir überprüfen alle Autos zu beiden Seiten des Tunnels, allerdings ist das auch das am wenigsten wahrscheinliche Szenario. Zu viele Faktoren sind hier zu beachten, um den Angriff zum Erfolg zu führen. Siehst du, was ich meine, Stone? Wir haben das ganze Ding unter Kontrolle.“

„Du liegst falsch, Begley. Du kannst Informationen, die durch Folter zustande gekommen sind, nicht trauen.“

„Nein, du liegst falsch. Weißt du, warum ich dir die Ziele verraten habe? Damit du weißt, wie falsch du gelegen hast. Du jagst einem Phantom nach. Du bist nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge und du bist suspendiert. Also geh nach Hause und lass die Erwachsenen das Problem lösen, okay?“

Begley wandte sich an die zwei Männer neben ihm. „Ich will, dass ihr diesen Mann und den Mann neben dem Fenster nach draußen geleitet. Gebt ihnen drei Minuten, um ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen und dann bringt sie hier raus.“

Begley verließ den Raum und hinterließ eine unangenehme Stille.

Luke stand in der Mitte des Raumes, blickte die zwei Männer an, die sie nach draußen bringen sollten. Die Männer beobachteten ihn, ihre Blicke waren teilnahmslos. Alle blickten zu ihm.

Kapitel 19

8.19 Uhr

East Side Manhattans

„Ich vermute wir sind soeben unwichtig geworden“, sagte Ed Newsam.

Der schwarze Geländewagen parkte vor den Zement-Absperrungen neben dem Hubschrauberlandeplatz in der vierunddreißigsten Straße dort, wo sie vor ungefähr fünf Stunden gelandet waren. Der Morgenverkehr brauste an ihnen vorbei. Der Helikopter war noch nicht da, so saßen sie auf der Rückbank des Geländewagens und warteten. Ein großer weißer Sikorsky kam über den Fluss geflogen, während sie warteten.

Er landete und eine Gruppe aufbrausender junger Leute stieg aus. Ein Mann trug enge schwarze Jeans und war oberkörperfrei. Seine Haare waren blau und standen in alle Richtungen, sein schmaler Oberkörper war mit Tattoos bedeckt. Ein anderer spindeldürrer Mann trug einen Blaumann mit passendem Filzhut dazu. Die drei Frauen, mit denen sie kamen, sahen aus wie Prostituiere aus den Neunzigern, sie trugen Miniröcke, Neckholder-Tops und dreizehn Zentimeter hohe Absätze. Die Gruppe stolperte voran, während sie lachte und ihnen Dinge runterfielen. Sie mussten betrunken sein.

Zwei sehr große ältere Männer, einer weiß der andere schwarz, beide glatzköpfig liefen hinter den jungen Leuten. Die großen Männer trugen gewöhnliche schwarze T-Shirts und Jeans.

Sie alle quetschten sich in eine weiße Stretch Limousine. Gleich darauf verschwand die Limo im Verkehr. Ihr Helikopter war schon wieder verschwunden. Er war kurz gelandet, hatte sie ausgespuckt und war wieder abgehoben.

„Machst du dir Sorgen?“, fragte Luke.

Newsam sank in seinem Sitz zurück und setzte seinen normalen Blick auf. „Um was?“

Luke zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Deinen Job zu verlieren?“

Newsam grinste. „Ich glaube nicht, dass sie mich feuern werden. Das ist doch alles Taktik. Irgendjemand da oben schützt Ali Nassar, das ist alles. Wir haben den Richtigen erwischt. Du weißt das und ich weiß es. Wenn heute eine radioaktive Bombe hochgeht, werden Köpfe rollen, aber nicht unsere. Ein paar Leute werden bei Luftangriffen im Nahen Osten sterben. Ali Nassars Leiche wird man verbrannt in einer Gasse in Caracas finden. Nichts davon wird in der Zeitung stehen. Du und ich werden einen netten Bonus bekommen, damit wir den Mund halten. Wir werden die Geschichte in Gänze nie verstehen, vor allem, weil sie keinen Sinn ergibt. Und die Person, die im Hintergrund die Fäden zieht, wird weitermachen wie zuvor.“

Luke grummelte. Diese zynische Art war gängig unter Geheimdienstbeamten. Aber Luke war anders. Er hatte immer versucht, es einfach zu halten. Wir sind die Guten. Auf der anderen Seite sind die Bösen. Dieses Weltbild diente ihm als Schutzwall, den er um sich errichtet hatte. Er musste zugeben, dass dieser Wall heute Morgen Risse bekommen hatte.

„Und wenn die Bombe nicht hochgeht?“

Eds Grinsen wurde nur noch breiter. „Ich vermute, sie werden dann sagen, dass wir einen Mann zusammengeschlagen haben, der lediglich versucht hat die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Welche Rolle spielt das schon? Hast du diese Kinder gerade gesehen? Rockstars, Fernsehstars, was weiß ich? Meine Mädchen würden sie wahrscheinlich auf den ersten Blick erkennen. Hast du die Kerle hinter ihnen gesehen? Bodyguards. Das ist das, was ich gemacht habe, als ich in die Staaten zurückkam. Die Arbeitszeiten sind furchtbar, denn diese Kinder sind wie Wehrwölfe. Sie sind nachtaktiv. Aber sie zahlen gut. Das würde ich wieder machen, wenn ich müsste. Ein Mann wie ich, der nicht einrostet, hat in dieser Welt die Wahl.“

Lukes Handy klingelte. Er sah die Nummer. Es war Becca.

„Das ist meine Frau. Da werde ich rangehen.“

„Kein Problem“, sagte Ed. „Ich werde ein Nickerchen machen.“

„Hallo Schatz“, sagte Luke, nachdem er den grünen Knopf gedrückt hatte. Er versuchte seine vergnügte Stimme aufzulegen, mehr ihretwegen als seinetwegen.

„Luke?“

„Ja“, sagte er. „Hi.“

„Schön, deine Stimme zu hören“, sagte sie. „Ich habe mir Sorgen gemacht, aber ich wollte dich nicht stören. Es ist auf allen Kanälen. Das gestohlene radioaktive Material? Ist es das, wo du dran bist?“

„Ja. Genau.“

„Wie läuft es?“

„Ich bin raus aus dem Fall seit zwanzig Minuten. Ich bin eigentlich gerade auf dem Weg nach Hause.“

„Da bin ich erleichtert. Ist das gut oder schlecht?“

„Es ist Politik, so würdest du es wahrscheinlich nennen. Aber ich freue mich darauf, nach Hause zu fahren und das Ganze hinter mir zu lassen. Was machst du Schönes?“

„Gunner und ich haben uns entschlossen zu Hause zu bleiben und uns einen schönen Tag zu machen. Es hat letzte Nacht lange gedauert, bis er eingeschlafen war und mir ging es ähnlich. Du fehlst uns, Luke. Wir wünschten, du würdest diesen Job ein für allemal hinschmeißen. Ich habe festgestellt, dass Gunner gerade einmal vier Tage in diesem Schuljahr verpasst hat und mir stehen auch noch ein paar Tage zu, warum sollte ich also nicht ein paar Tage frei nehmen?“

„Klar“, sagte Luke. „Warum nicht? Was werdet ihr unternehmen?“

„Wir wollten in die Stadt fahren. Ich wollte gerne in das Luft- und Raumfahrtmuseum und er wollte natürlich ins Spionagemuseum.“

Luke lächelte. „Natürlich.“

„Aber mit dem ganzen Terrording bin ich etwas verunsichert. Anscheinend erhöhen sie die Sicherheitsvorkehrungen überall, vor allem an Sehenswürdigkeiten. Das ist schon etwas unheimlich. Deshalb lass ich ihn noch eine Stunde weiterschlafen, damit ich mir was anderes überlegen kann. Wir werden dann wahrscheinlich ein spätes Frühstück haben und dann… mal sehen? Ins Kino? Ich vermute mal, dass die Terroristen kein Kino attackieren werden, zumal im Vorort zur Mittagszeit, oder?“

Jetzt musste er fast lachen. „Ah… ja. Ich glaube nicht, dass sie so einen Aufstand machen würden, wenn das ihr Angriffsziel wäre.“

„Vielleicht gehen wir zur Indoor-Kletterhalle nach dem Kino und essen danach dann Krabbenpuffer zum Mittag.“

„Das klingt nach einem schönen Tag.“

„Sollen wir auf dich warten?“, fragte sie.

„Ich würde sehr gerne mitkommen. Aber ich warte noch auf den Helikopter. Ich habe keine Ahnung, wann ich zu Hause sein werde. Außerdem habe ich vierundzwanzig Stunden kein Auge zugetan.“

Nachdem sie aufgelegt hatten, schloss Luke seine Augen und döste ein wenig. Schnarchte Ed neben ihm? Es klang auf jeden Fall danach. Luke dachte an die Zukunft. Das College Semester war vorbei. Er hatte einige Zusatzkurse gegeben und es hatte ihm Spaß gemacht. Er konnte sich vorstellen, zukünftig noch mehr zu halten, vielleicht einen Master zu machen und irgendwo eine Professur anzutreten. Ein Mann wie er, ehemaliges Mitglied des fünfundsiebzigsten Ranger Regiments und der Delta Force Spezialeinheit, die überall ihre Truppen in der Welt aufstellten und kämpften, ein ehemaliger FBI Anti-Terrorismus Beamter, irgendwo musste es einen Platz für ihn geben.

Er dachte an das nächste Sommersemester. Er und Becca hatten ein kleines Sommerhaus in der Bucht von Chesapeake. Das Haus war seit Generationen in ihrer Familie. Es war wunderschön auf einer Klippe mit Blick auf das Meer gelegen. Eine alte Treppe wandelte die Klippe zu ihrem Boots- und Schwimmsteg hinab. Im Sommer lag dort Lukes altes Motorboot. Gunner hatte ein Alter erreicht, in dem Luke ihm das Schwimmen beibringen konnte. Vielleicht würde Luke ihn dieses Jahr mit auf eine Wasser-Ski-Tour nehmen. Vielleicht würde er ihm beibringen, wie man das Boot steuerte.

Luke bewegte alle diese Bilder in seinem Kopf. Sie alle drei saßen auf dem Hof ihres Sommerhauses, während die Sonne im Westen im Meer unterging. Es war das Ende eines langen Tages mit Schwimmen und Bootsfahrten. Sie aßen gedämpfte Muscheln, eine Flasche gekühlten Weißweines stand auf dem Tisch. Er konnte all die Details lebendig vor sich sehen. Als sie gerade zusammensaßen und lachten, wurde das Idyll durch den Lärm einer Sirene zerbrochen. Sie heulte und heulte, ihr Kreischen hob und senkte sich.

Er öffnete seine Augen. Sein Handy klingelte.

„Wirst du da rangehen?“, fragte Ed Newsam. „Oder soll ich?“

Luke nahm ab, ohne zu prüfen, wer anrief.

„Stone“, sagte er.

„Luke, ich bin es Trudy. Hör zu, ich weiß, dass du mich angelogen hast. Ich weiß, dass du suspendiert wurdest. Darüber können wir ein anderes Mal reden.“

„Okay.“

„Gerade sind ein paar neue Informationen reingekommen. Es steht auf dem Hauptboard. Ein Mann wurde vor vierzig Minuten in kritischem Zustand ins Baltimore Memorial Krankenhaus eingeliefert. Er leidet unter akuten Strahlungserscheinungen und hat mindestens zwei Schusswunden in seinem Rücken. Er wurde von zwei Fischern unter einer Highway-Brücke in Nähe des Baltimore Ufers gefunden.“

„Wer ist er?“

„Er heißt Eldrick Thomas. Auch LT genannt. Oder Abdul Malik. Achtundzwanzigjähriger Afroamerikaner. Geboren und aufgewachsen in Brownsville, Brooklyn. Langes Vorstrafenregister, mehrere Gefängnisaufenthalte in den letzten zehn Jahren. Überfälle, bewaffneter Raub, Waffenbesitz. Er steht kurz davor, für lange Zeit hinter Gittern zu landen.“

„Okay, er ist also ein schlimmer Finger“, sagte Luke.

„Wichtiger noch, er war zweimal zusammen mit Ken Byrant im Kittchen. Einmal für fünf Monate in Rikers Island und einmal für fast zwei Jahre in der Clinton JVA. Er hatte mit der selben Gefängnisgang zu tun, mit der auch Byrant assoziiert war – der Black Gangster Family. Er ist vom Christentum zum Islam konvertiert während seiner Zeit im Gefängnis und hat im Zuge dessen den Namen Adbul Malik angenommen. Er hatte drei Disziplinarverfahren am Hals. In allen Fällen war es zu Auseinandersetzungen mit Mitinsassen gekommen, dabei ging es vor allem um die Notwendigkeit von Dschihad in den Vereinigten Staaten. Eine dieser Verfahren hat ihm eine einmonatige Einzelhaft eingebracht.“

Lukes Interesse war geweckt. Er blickte zu Ed. Ed deutete Lukes Körpersprache und richtete sich in seinem Sitz auf.

„Jetzt aber kommt der Knüller“, sagte Trudy. „Eldrick Thomas und Ken Byrant waren im Gefängnis befreundet. Sie sahen sich so ähnlich, dass sie unter den Insassen und Wärtern als die Zwillinge bekannt waren. Ich habe hier Fahndungsfotos von ihnen auf Swanns Bildschirm. Sie könnten Brüder sein. Wenn du so willst, könntest du sie für ein und dieselbe Person halten.“

„Warum ist er in Baltimore?“, fragte Luke.

„Das weiß niemand.“

„Hat schon jemand mit ihm gesprochen?“

„Nein. Er war bewusstlos, als sie ihn eingeliefert haben. Ihm werden gerade die Kugeln entfernt. Er ist betäubt.“

„Wird er überleben?“

„Sie gehen davon aus, dass er die Operation überleben wird. Darüberhinaus ist alles offen.“

„Warum rufst du mich an?“

Er konnte ihr Lächeln am anderen Ende des Telefons spüren. „Ich dachte nur, dass du es vielleicht gerne wissen wollen würdest.“

„Wer sind meine Helikopter-Piloten?“, fragte Luke.

„Rachel und Jacob“, sagte Trudy. „ich habe sie extra für dich ausgesucht.“

„Zu freundlich“, sagte Luke.

„Gern geschehen.“

Der Anruf war vorbei. Luke blickte auf das Wasser. Ein schwarzer Bell Helikopter kam gerade an. Das war ihr Flug. Seine Tasche stand zwischen seinen Füssen. Er öffnete sie und kramte nach seinen Dexedrine Pillen. Er fand sie und hielt sie vor Eds prüfendes Gesicht.

„Dexies“, sagte Ed. „Von denen habe ich mich in Afghanistan ernährt. Wenn du sie zu lange nimmst, bringen sie dich um, das weißt du hoffentlich.“

Luke nickte.

„Ich weiß.“

Er öffnete die Dose und kippte vorsichtig zwei Kapseln in seine Handfläche. Eine Hälfte der Kapseln war rotbraun, die andere durchsichtig.

„Es sieht so aus, als würden wir noch einen letzten Anlauf in dieser Sache unternehmen. Noch Lust heute Morgen ein paar Regeln auf ihre Biegsamkeit hin zu überprüfen?“

Ed nahm eine der Kapseln aus Lukes Fingern. Er steckte sie sich in den Mund und schluckte sie runter. Er schaute auf seine Uhr.

„Ich glaube, ich kann noch ein bisschen Zeit rausholen.“

Kapitel 20

Stunde Null

Zwischen Leben und Tod

Er schwebte förmlich, während er die Geräusche um sich wahrnahm.

Irgendwo spielte Musik, irgendetwas Klassisches mit Geigen und Klavier. Die Leute, die sich um ihn versammelt hatten, sprachen mit mechanischen Stimmen.

„Schere. Skalpell. Sauger. Ich habe Sauger gesagt! Kannst du das nicht ein bisschen sauberer machen?“

„Ja, Herr Oberarzt.“

Dann: „Er hatte Glück. Einen Zentimeter weiter nach links und die Kugel hätte seine Aorta getroffen. Er wäre innerhalb weniger Minuten tot gewesen.“

Eldrick interessierte sich nicht für die Ärzte und er interessierte sich auch nicht für den Körper, der auf dem Tisch lag. Sie waren jetzt alle unter ihm und er konnte einen Blick auf das erhaschen, was die Ärzte so mühevoll zu retten versuchten. Es erinnerte ihn an einen toten Hund, den man auf der Straße überfahren hatte. Es sah nicht wie etwas aus, das wert war gerettet zu werden.

Er drehte sich um und sah durch die Tür seine Großmutter im Raum nebenan. Sie stand am Herd und rührte in einem Kochtopf. Etwas roch sehr gut.

„LT, beweg deinen Hinter hier rein.“

Er rannte hinein. Es war nachmittags, die Sonne schien vor dem Fenster ihrer Wohnung und er wäre am liebsten rausgegangen um im Park Fußball zu spielen. Aber der verführerische Duft des Essens ließ diesen Wunsch schnell nebensächlich werden. Es war eine gute Zeit nachdem zuvor alles so unglücklich gelaufen war.

„Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“

„Ja, Großmutter.“

„Du würdest mich nicht anlügen, oder?“

Er grinste.

Sie drehte sich zu ihm mit ernstem Gesicht um. „Du hast was angestellt, oder?“

Er war kein Kind mehr. Er war ein erwachsener Mann und sie war noch immer diese kleine alte Dame, die sie gewesen war, bevor der Brustkrebs sie ihm entrissen hatte.

Er nickte. „Das habe ich.“

„Kannst du es wieder in Ordnung bringen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob jemals wieder irgendetwas in Ordnung sein wird.“

9.30 Uhr

Johns Hopkins Bayview Krankenhaus – Baltimore, Maryland

„Die vielleicht“, sagte Luke.

Er und Ed standen in einem Krankenhauskorridor ungefähr achtzehn Meter von einer Tür mit dem Aufzug APOTHEKE entfernt. Kurz zuvor hatte Luke versucht, sie zu öffnen. Sie war verschlossen. Weiter oben im Gang kamen zwei Männer in blauen Kitteln und weißen Laborjacken auf sie zu. Sie unterhielten sich und lachten.

An jeder Ecke gab es Überwachungskameras. Das war egal. Luke wollte möglichst schnell handeln. Er steckte bereits im Schlamassel. Was machte da schon ein kleines bisschen mehr?

„Entschuldigung“, sagte Luke. „Sind Sie Ärzte?“

„Ja, das sind wir“ sagte der eine mittleren Alters, der eine Brille mit Rand trug. „Worum geht es?“

Luke trat an den Mann heran. Er hatte seine Waffe gezogen. Er presste sie gegen den unteren Bauch des Mannes, so dass man es in der Überwachung nicht sehen konnte. Er legte dem Mann freundschaftlich die Hand auf die Schulter. „Sagen Sie kein Wort, keiner von Ihnen.“

Ed trat sehr nah an den zweiten Mann heran. Luke konnte sehen, dass er seine Waffe in der Hand hielt. Er drückte die Mündung in den Rücken des zweiten Arztes.

„Keiner wird hier zu Schaden kommen, wenn Sie jetzt genau das tun, was ich Ihnen sage.“

Der erste Arzt, der zuvor noch so selbstbewusst aufgetreten war, zitterte. „Ich…“, sagte er. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.

„Ist schon okay“, sagte Luke. „Sie brauchen nichts zu sagen. Sie öffnen mir jetzt die Tür zur Apotheke da drüben. Das ist alles, was Sie machen müssen. Die Tür öffnen und mit mir zusammen kurz dahinter verschwinden.“

Der zweite Arzt war bedeutend ruhiger. Er hatte schütteres Haar und trug eine dicke Brille, er war stämmiger als der erste Arzt. „Kein Problem. Wenn Sie Medikamente brauchen, ist das kein Problem. Wir werden Ihnen besorgen, was Sie brauchen. Allerdings gibt es hier überall Überwachungskameras. Sie werden nicht sonderlich weit damit kommen.“

Luke lächelte. „Wir werden auch nicht besonders weit kommen müssen.“

Die Männer drehten sich geschlossen in Richtung Tür um. Der zweite Arzt benutzte seine Schlüsselkarte, das Licht leuchtete grün. Luke öffnete die Tür. Im Raum befanden sich mehrere verschlossene Glasschränke.

„Was brauchen Sie?“, fragte der Arzt.

„Ritalin“, sagte Luke. „Zwei Injektionen.“

„Ritalin?“, fragte der Arzt.

„Ja. Und bitte schnell, ich habe nicht viel Zeit.“

Der Arzt machte eine Pause. „Davon werden Sie nicht high werden. Wenn sie ein Aufmerksamkeitsdefizit haben, können Sie Ritalin ohne Probleme auf Rezept bekommen. Sie könnten sich den ganzen Ärger hier sparen. Die Krankenkasse zahlt das. Davon einmal abgesehen, wird Ritalin auch nicht…“

Luke schüttelte seinen Kopf. „Wir sind hier nicht in der Schule, Doktor. Nehmen Sie einfach an, dass ich weiß was ich tue und Sie nicht wissen, was ich tue. Okay?“

Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Wie Sie wollen.“ Er öffnete den Glasschrank, zeigte Luke die Flasche und bereitete zwei Injektionen vor. Während er das tat, legte Ed vier Kabelbinder aus Plastik auf den Tisch. Er öffnete eine Schublade und fand darin mehrere kleine Handtücher und chirurgisches Klebeband. Er legte alles neben die Kabelbinder.

Der Arzt hatte mittlerweile die Injektionen vorbereitet und reichte die Spritzen zu ihnen hinüber.

„Sehr gut“, sagte Luke. „Vielen Dank. Bevor wir gehen, müssen Sie mir noch einen Gefallen tun.“

„Okay“, sagte der Arzt.

„Ziehen Sie ihre Kleidung aus“, sagte Luke. „Beide.“

*

Gekleidet in Operationskleidung und Handschuhen liefen Luke und Ed durch die Horde Polizisten, die vor der Tür von Eldrick Thomas’ Raum geparkt waren. Sie hielten kurz inne und legten ihren Mundschutz an, bevor sie den Raum betraten.

Ein gelbschwarzes dreieckiges Zeichen war an der Tür angebracht. GEFAHRENZONE: STRAHLUNGSRISIKO.

Darunter befand sich ein weiteres Zeichen. Es war eine Reihe an Anweisungen.

Besuchszeit maximal eine Stunde. Keine Schwangeren oder Personen unter achtzehn Jahren ist es erlaubt den Patienten zu besuchen.

Besucher sollten sich mindestens zwei Meter vom Patienten entfernt halten.

Besucher müssen Schutzkittel, Schuhüberzieher und Handschuhe tragen.

Besuchern ist es verboten zu rauchen, zu essen oder zu trinken, während sie sich im Krankenzimmer befinden.

Ein Polizist berührte Luke am Arm. „Wann wird er vermutlich aufwachen?“

Luke schaute ihn mit dem ernsten Blick eines Arztes an. „Sie meinen wohl, falls er aufwacht. Wir tun alles, was in unserer Macht steht. Sie müssen sich noch etwas gedulden.“

Sie betraten den Raum. Thomas lag flach auf einem Krankenhausbett und schlief. Sein Gesicht und Hals war von dunkelroten Flecken übersät. Seine Handgelenke und Knöchel waren an den Metallstangen des Bettes fixiert. Mehrere Maschinen gaben Auskunft über seinen Zustand. Zwei Polizisten in Gesichtsmasken und Handschuhen standen in einer Ecke, so weit von Thomas entfernt, wie es in diesem Raum nur möglich war.

„Können Sie uns einen Moment mit dem Patienten geben?“, fragte Ed.

„Wir sind nicht befugt, den Raum zu verlassen“, sagte einer der Polizisten.

Ed wählte schließlich die magischen Worte, die wohl einen Streit ausgelöst hätten, wäre der Patient nicht radioaktiv gewesen. „Es tut mir leid, aber Ihre Anwesenheit wäre nicht mit den Gesundheitsvorschriften im Einklang.“ Dann lächelte er. „Der Mann ist doch sowieso ans Bett gefesselt. Er wird nicht einfach abhauen. Eine Minute, okay?“

Die Polizisten verließen den Raum, wahrscheinlich froh dem Raum entfliehen zu können.

Luke ging sofort zu Thomas’ Bett hinüber. Er zog die Kappe von der Spritze, drehte Thomas Arm herum, suchte nach einer dicken Vene in seiner Armbeuge und gab ihm die Injektion.

„Ritalin, he?“, sagte Ed.

Luke zuckte die Schultern. „Bringt Leute direkt aus dem Koma zurück. Offiziell nicht erlaubt, aber es wirkt wie ein Wundermittel.“

Er trat zurück. „Es sollte nicht lange dauern.“

Eine Minute verging, dann die zweite. Nach zweieinhalb Minuten glaubte Luke ein Zucken der Augenlider gesehen zu haben.

„Eldrick“, sagte er. „Wach auf.“

Eldricks Augen öffneten sich langsam. Er blinkerte. Er sah sehr müde aus. Er sah aus als wäre er hundert Jahre alt.

„Meine Brust schmerzt“, sagte er, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er blickte sich langsam um, ohne den Kopf dabei zu bewegen. „Wo bin ich?“

Luke schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle, wo Sie sind. Sie waren letzte Nacht in New York. Sie haben radioaktives Material aus dem Center Medical Center gestohlen. Sie haben dabei mit Ken Byrant und Ibrahim Abdulraman zusammengearbeitet. Sie wurden beide ermordet. Genauso wie die zwei Sicherheitsleute.“

Die Erinnerungen kamen flutartig zurück. Er bewegte kaum einen Muskel. Er wirkte so schwach, dass er jede Minute hätte sterben können. Aber seine Augen waren wach. „Polizisten?“, fragte er.

Luke nickte. „Wir müssen wissen, wann und wo die Bombe hochgehen soll.“

Eldrick Thomas blickte zu Ed. Er nickt mit dem Kopf in Richtung Luke.

„Hey, Bro. Bring mir den weißen Teufel hier raus.“

Er schloss seine Augen langsam und öffnete sie dann wieder. „Dann werde ich dir alles erzählen, was ich weiß.“

*

Luke wartete in der Halle etwa fünfzig Meter von dem Polizeiwall entfernt. Es dauerte nicht lange und Ed kam heraus. Er lief zügig.

„Komm schon, los geht’s.“

Luke lief schnell und versuchte mit Ed Schritt zu halten. „Was ist los?“

„Ich glaube, er hatte einen Herzinfarkt“, sagte Ed. „Vielleicht war das Ritalin zu viel für ihn. Ich weiß es nicht. Ich habe Alarm geschlagen, bevor ich weg bin.“

„Hat er irgendetwas gesagt?“

„Das hat er.“

„Was hat er gesagt?“

„Ich weiß nicht, ob ich dem glauben schenken soll.“

Luke blieb stehen. Ed ebenso.

„Wir müssen weitergehen“, sagte Ed.

Luke schüttelte den Kopf. „Was ist es?“

Über ihren Köpfen schlug die Lautsprecherdurchsage Alarm. Die Stimme einer Frau, ruhig, mechanisch, fast roboterhaft. Stufe blau, Stufe blau. Dritter Stock, Raum 318, dritter Stock, Stufe blau… Aufgescheuchte Ärzte und Personal rannten schulterrempelnd an ihnen vorbei durch die Halle.

„Der Ramadan beginnt bald im Iran. 20.24 Uhr oder 10.54 Uhr unserer Zeit.“

Er blickte auf seine Uhr. „Noch eine Stunde Zeit bis dahin.“

„Wo?“, fragte Luke.

Ed starrte ihn grimmig an. Es war das erste Mal, dass Luke Verzweiflung in Eds Gesicht erkannte.

„Das Weiße Haus.“

Kapitel 21

10.01 Uhr

In der Luft zwischen Baltimore und Washington DC

Die Piloten waren unerschrockene Kerle.

Der Helikopter flog niedrig und schnell. Die Landschaft unter ihnen sauste an ihnen vorbei, sie war zum Greifen nah. Luke bemerkte das kaum. Er schrie in sein Handy. Die Verbindung drohte abzubrechen. Sie flogen mit launischen einhundertsechzig Kilometern pro Stunde von einem Sendemasten zum nächsten.

„Das Weiße Haus muss evakuiert werden“, sagte er. „Trudy! Kannst du mich hören?“

Ihre Stimme drang durch das Knistern. „Luke, es liegt ein Haftbefehl gegen dich vor. Für dich und für Ed. Die kamen gerade rein.“

„Warum? Wegen der Ärzte? Wir haben ihnen nichts getan.“

Das Rauschen nahm überhand. Der Anruf wurde unterbrochen.

„Trudy? Trudy! Scheiße!“

Er blickte zu Ed.

„Er hat mir erzählt, dass sie den Dun-Rite Wäschereiwagen benutzt haben“, sagte Ed. „Die Aufschrift war ein magnetischer Aufkleber. Sie haben ihn in Baltimore entfernt und die Nummernschilder ausgetauscht. Es gab Überwachungskameras in der Nähe, wo sie Thomas gefunden haben. Sie könnten also die Route des Lieferwagens dort wiederaufnehmen.“

Lukes Handy klingelte. Er nahm ab.

„Trudy.“

„Luke, lass mich bitte erst einmal ausreden, bevor du etwas sagst. Eldrick Thomas ist tot. Er ist einem Herzinfarkt erlegen. Du und Ed, ihr seid auf dem Überwachungsmaterial. Daraus geht hervor, dass du es warst, der Thomas irgendeine Injektion verabreicht hat.“

„Ritalin, um ihn aufzuwecken“, sagte Luke.

„Ed kam erst kurz vor Thomas Tod mit ins Spiel.“

„Trudy, Thomas hat Ed die Informationen gegeben. Verstehst du? Es geht jetzt nicht um Eldrick Thomas. Der Anschlag wird dem Weißen Haus gelten. Die Hinweise deuten auf einen Drohnenangriff. Sie waren im Dun-Rite Lieferwagen. Sie haben die Aufschrift verändert. Wir müssen den Wagen finden und wir müssen die Leute aus dem Weißen Haus rausholen. Sofort.“

Das Rauschen kam zurück.

„Das werden sie nicht tun… Luke? Luke?“

„Ich bin da.“

„Sie beobachten den Grand Central Terminal und die Hoboken PATH Station. Sie haben den Midtown Tunnel geschlossen. Ich habe mit Ron Begley gesprochen. Sie glauben nicht, dass das Weiße Haus das Ziel sein wird. Sie denken, dass du Eldrick Thomas getötet hast. Der Haftbefehl läuft wegen Mordes.“

„Was? Warum sollte ich Eldrick Thomas umbringen?“

Der Anruf wurde erneut unterbrochen.

Luke blickte zu Ed. „Wir werden die Piloten dazu bringen, die Informationen über Radiofrequenz zu senden.“

Ed schüttelte den Kopf. „Keine gute Idee. Niemand wird uns glauben. Außerdem werden sie wissen, wo wir sind, wenn die Piloten das tun. Nein. Wir müssen das selbst erledigen. Und wir müssen es so machen, das niemand Wind bekommt.“

Luke ging vor zum Cockpit und steckte seinen Kopf hinein.

Er kannte die Beiden – Rachel und Jacob. Sie waren alte Freunde und sie waren jahrelang zusammengeflogen. Beide gehörten sie dem hundertsechzigsten Regiment der Spezialflugeinheit der amerikanischen Armee an. Luke und Ed waren es gewohnt mit dieser Art Menschen zu fliegen. Die Spezialflugeinheit war die Delta Force unter den Helikopterpiloten.

Rachel war von der taffen Sorte. Normalerweise trittst du als Frau nicht einer Armee-Elitespezialeinheit als Pilotin bei. Du kämpfst dich hinein. Was genau zu Rachel passte – ihr Hobby war Cage-Fighting.

Jacob hingegen war ein Fels in der Brandung. Seine Ruhe im Sturm war legendär fast surreal. Sein Hobby waren Meditationen auf Bergkämmen. Die zwei wussten aller Wahrscheinlichkeit nach, dass Luke suspendiert war. Sie wussten wahrscheinlich auch, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Aber sie wussten auch, dass Luke zur Delta gehörte und sie waren nicht die Sorte Mensch, die zu viele Fragen stellen würde.

„Wie nah könnten wir an das Weiße Haus?“, fragte Luke.

„Hast du eine Verabredung zum Mittagessen?“, fragte Rachel.

Luke zuckte die Schultern. „Komm schon.“

„Der Landeplatz an der South Capitol Straße“, sagte Jacob. „Er ist eigentlich ausschließlich für die Polizei gedacht, aber ich kenne jemanden dort. Ich kann uns da reinbringen. Das wäre dann etwa fünf Kilometer vom Weißen Haus entfernt.“

„Ich brauche einen Geländewagen vor Ort“, sagte Luke. „Ohne Fahrer, nur der Wagen. Okay?“

„Alles klar“, sagte Rachel. Sie drehte sich zu ihm um.

„Ich werde dir später alles erklären“, sagte er.

Luke kehrte zu Ed zurück. Der stand an der offenen Ladetür.

Luke musste schreien. „Wir haben einen Landeplatz fünf Kilometer vom Weißen Haus entfernt und einen Wagen, der dort auf uns wartet ohne Fahrer.“

Ed nickte. „Klingt gut.“

Das Handy klingelte erneut. Luke schaute auf das Display. Er hatte keine Lust jetzt über Haftbefehle zu sprechen oder darüber, wer was glaubte. Als er dieses Mal abnahm, schnitt er ihr das Wort gleich ab.

„Trudy, hol Mark Swann ans Handy.“

Kapitel 22

10.23 Uhr

Washington, DC

„Das werden wir nie schaffen.“

Luke steuerte den Geländewagen Richtung Weißes Haus durch den morgendlichen Verkehr. Es ging nur schleppend voran. Sie hatten keine Zeit mehr.

Er hielt sein Handy unablässig an sein Ohr. Es klingelte und klingelt. Schließlich hob jemand ab. Zum dritten oder vierten Mal ging die Mailbox ran. Sie sagte ihm, dass sie und Gunner vorhatten ins Kino zu gehen.

Ihre Stimme klang lebhaft und hell. Er stellte sie sich vor: schön, lächelnd, optimistisch und energetisch. „Hallo, hier ist Becca. Ich kann gerade nicht rangehen. Bitte hinterlass eine Nachricht nach dem Ton, und ich rufe so schnell wie möglich zurück.“

„Becca!“, sagte er. Er musste einmal durchatmen. Er wollte sie nicht beunruhigen. „Ich muss dich um etwas bitten. Ich habe keine Zeit, es zu erklären. Wenn du diese Nachricht bekommst, steige ins Auto und fahr auf direktem Wege zum Landhaus. Fahre nicht nach Hause. Halt nicht an, um irgendetwas zu besorgen. Nimm einfach den Highway und fahr. Wenn du irgendetwas brauchst, kannst du es auch dort besorgen. Ich werde nachkommen, so schnell ich kann.“ Er machte eine Pause. „Ich liebe euch Beiden so sehr. Bitte tu das für mich. Warte nicht. Fahre los, sobald du das hier hörst.“

Er legte auf. Neben ihm saß Ed stocksteif da. Eine dicke Vene zeichnete sich auf Eds Stirn ab. Er schwitzte.

„Wir müssen irgendwie aus diesem Verkehr raus“, sagte Luke.

Ed öffnete das Handschuhfach und zog eine LED Sirene heraus. Er montierte sie auf dem Armaturenbrett, schaltete sie an und drückte den Knopf. Das Kreischen der Sirene außerhalb des Wagens war unglaublich laut.

WAH-WAH-WAH-WAH-WAH.

„Los!“, sagte Ed.

Luke zog den Wagen auf die entgegengesetzte Fahrtrichtung und begann zu hupen. Er trat das Gaspedal durch und raste zur nächsten Ampel und ordnete sich wieder in seine eigene Fahrbahn ein. Luke gab Gas und der Wagen fuhr los wie eine Rakete.

„Los! Los fahr!“ schrie Ed.

Weiter vorne wichen die Autos bereits wie eine Tierherde nach rechts aus. Luke raste über die Kreuzung mit 120 Kilometern pro Stunde.

Das Handy klingelte.

„Swann?“

Die Stimme hatte einen leichten dialektalen Einschlag. „Luke, ich bin es Don Morris.“

„Don, ich muss die Leitung hier freihalten.“

„Junge, was treibst du da? Sie haben mir gesagt, dass du einen Mann im Krankenhaus in Baltimore umgebracht hast.“

Luke schüttelte den Kopf. „Ich habe niemanden getötet. Sie werden das Weiße Haus angreifen. Darum geht es hier eigentlich.“

„Das kann nicht stimmen, Luke. In den letzten zehn Minuten haben sie zwei arabischstämmige Jugendliche festgenommen, einen am Grand Central Terminal den anderen bei der Hoboken. Sie beide hatten Kochtopfbomben bei sich. Die NSA prüft gerade ihre Identitäten und Verbindungen.“

„Kochtopfbomben sind ja wohl keine radioaktiven Bomben!“, sagte Luke. Er hörte wie schrill seine Stimme klang. Er klang wie ein Verrückter. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. Er wusste das. Seine Wahrnehmung könnte beeinträchtigt sein. Aber so sehr? Könnte das sein? Er schaute auf den Tacho. Sie fuhren einhundertvierzig Stundenkilometer in der Stadt.

„Die Kochtopfbomben waren Attrappen“, sagte Don. „Die Bomben hätten nicht funktioniert. Die haben die Kinder losgeschickt, um zu sehen was passiert. Jetzt wissen sie, dass uns die Ziele bekannt sind.“

Luke versuchte seine Stimme etwas zu beruhigen, sodass er und Don ein vernünftiges Gespräch führen konnten. Don sollte begreifen, dass Lukes Gedanken mehr als klar waren. „Don, wir haben mit Eldrick Thomas gesprochen. Er war einer der Diebe. Wir haben ihn nicht umgebracht. Er ist an der Strahlung gestorben. Er hat uns gesagt, dass das Weiße Haus das Ziel ist.“

„Luke, ich weiß, wer er war. Die Informationen die uns vorliegen besagen, dass Eldrick Thomas außerdem ein professioneller Hochstapler war. Er hat dich reingelegt, das ist alles. Das ist es, was Hochstapler tun. Sie verarschen die Leute bis zuletzt. Er hat gesagt, es ist das Weiße Haus. Das Sicherheitspersonal wird aufgestockt und die Leute glauben es würde kooperieren. Wenn er es überlebt, könnte er bei Gericht etwas raushauen. Der Mann ist sein Leben lang ins Gefängnis raus- und reingewandert. Aber er weiß, dass das Weiße Haus das Ziel ist. Denkst du die Leute hinter der Sache würden einem drittklassigen Ganoven diese Information anvertrauen?“

Luke sagte kein Wort.

„Du kannst die Sache immer noch abblasen“, sagte Don. „Komm zurück in die Zentrale. Wir treffen uns dort. Wenn du sagst, dass du ihn nicht getötet hast, dann glaube ich dir. Ich werde alles versuchen, dich zu beschützen. Ich werde einen Psychiater dazu holen. Er könnte eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren. Einen Nervenzusammenbruch. Deine Kampfakte wird diesen Befund stützen. Du müsstest nur ein paar Tage stationär behandelt werden, aber du würdest unbeschadet da rauskommen.“

Luke konnte nicht glauben, was er da hörte.

„Ich muss die Leitung freihalten“, sagte er.

„Du bist schon sehr weit gegangen, Luke. Wenn du noch weitergehst, bist du bald allein auf dich gestellt.“

Ein Anruf kam durch.

„Don, ich muss los.“

„Luke! Wage es nicht aufzulegen.“

Vor ihnen lag das Eingangstor zum Weißen Haus. Ed schaltete das Blaulicht und die Sirene aus. Luke fuhr langsamer. Er hielt das Handy vor sein Gesicht, sodass er sehen konnte wer anrief. Es war Swann.

Luke schaltete den Anruf durch. „Swann. Hast du Freigabe für den Geheimdienst?“

Swann zögerte. „Ich glaube schon.“

„Du glaubst?“

„Gegen euch Beide liegen Haftbefehle vor, Luke. Also halt mal still. Es sieht so aus als hättest du eine Yankee White Befugnis, Stufe eins. Du kannst direkt mit Präsident und Vize-Präsidentin sprechen. Die Freigabe ist allerdings gefälscht. Der Geheimdienst könnte innerhalb von dreißig Sekunden seinen Datenbankabgleich mit der Verbrecherdatenbank abgleichen und euch wieder rauskicken. Jemand könnte sie überprüfen und bemerken, dass die Freigabe in den letzten fünf Minuten ausgestellt wurde. Ich kann für nichts garantieren. Es ist bestenfalls eine fünfzig-fünfzig Chance. Wie schnell könnt ihr dort sein?“

„Wir sind bereits hier. Wir sind kurz vor dem Eingang.“

„Alles klar. Dann werden wir gleich sehen, wie gut ich war.“

Luke legte auf. Er stellte die Leitung wieder zu Don durch.

„Don?“

Die Leitung war tot.

Das Wächterhaus lag genau vor ihnen. Es war von Zementmauern umgeben. Es gab sowohl ein STOP als auch BETRETEN VERBOTEN Schild. Vier Männer lungerten in Nähe des Eingangs herum. ACHTUNG besagte ein weiteres Schild. BESCHRÄNKTER ZUGANG. 100% IDENTITÄTSKONTROLLE.

Luke drehte sich zu Ed um. Eds Gesicht glänzte vor Schweiß.

„Bereit?“, fragte Luke.

„Zu allem bereit.“

Luke fühlte wie ein Rinnsal aus Schweiß seinen Rücken hinunterlief. Sie würden sich in das Weiße Haus hineinmogeln. Sie würden versuchen so weit vorzudringen, wie es ihre gefälschten Identitäten nur zuließen und dann mit dem Kopf durch die Wand den Rest des Weges zurücklegen. Sie würden versuchen den gesamten Geheimdienstapparat zu überlisten und den Präsident auf ihr eigenes Geheiß hin zu evakuieren. Zwei Männer verschiedener Einrichtungen, die vor wenigen Stunden von ihren Pflichten entbunden worden waren. Und all das baute auf den Behauptungen eines toten Karrierekriminellen auf.

Für einen kurzen Moment konnte Luke Dons Argumentation fast verstehen. Von außen betrachtet musste es wie eine irrwitzige Idee aussehen.

Ein Wächter erschien neben Lukes linkem Ellenbogen. Luke war per Autopilot zum Pförtnerhaus gefahren. Steif übergab er dem Mann seine und Eds Identifikationsnachweise. Der Mann verschwand, kam aber eine Minute wieder zurück.

„Tut mir leid“, sagte er. „Diese beiden wurden abgelehnt. Sie haben keine Befugnis.“

„Vielleicht ist das eine Zeichen“, sagte Ed.

„Versuchen Sie es bitte noch einmal“, sagte Luke.

Vor ihnen öffnete sich das Tor. Der Wächter kam zurück.

„Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten“, sagte er. „Muss ein Fehler im System gewesen sein.“

Luke fuhr langsam durch das Tor des Weißen Hauses.

*

Swann war gut. Er war sogar verdammt gut.

Sie fuhren durch den Westflügel, passierten eine Identitätsüberprüfung und bewegten sich dann schnell in Richtung einer im Stil griechischer Säulen gesäumten Halle. Ihre Schritte auf dem Marmorboden hallten wider. Sie bogen rechts ab, der Eingang zum Oval Office lag direkt vor ihnen.

Zwei Sicherheitsmänner standen vor der Tür.

„Hallo, Jungs“, sagte einer von ihnen. „Hier ist stop.“

Luke hob sein Abzeichen in die Höhe. „FBI. Wir haben eine Yankee White Befugnis. Wir müssen mit Präsident Hayes sprechen.“

„Der Präsident ist in einer Besprechung.“

„Er wird hören wollen, was wir zu sagen haben.“

Der Typ schüttelte den Kopf. „Davon wissen wir nichts. Bitte gedulden Sie sich einen Moment, wir werden das überprüfen.“

Ed zögerte keinen Moment. Er packte den Mann am Hals drehte sich um und erwischte den zweiten Mann mit seinem Ellbogen am Kiefer. Der erste Mann fiel seinen Hals umklammernd zu Boden. Ed kniete sich hin und schlug seinen Kopf gegen den Steinboden, dann stand er wieder auf. Der zweite Mann war gerade im Stande nach seiner Waffe zu greifen als Ed ihm eine verpasste. Der Mann hatte das Bewusstsein verloren, noch bevor er auf dem Boden aufschlug.

Luke und Ed fegten durch die Tür in das Oval Office.

Auf der anderen Seite des Raumes stand der Präsident zusammen mit der Vize-Präsidentin. Sie lehnten grübelnd über etwas, das wie eine gigantische Karte aussah und das auf dem Schreibtisch des Präsidenten festgepinnt war. Hinter ihnen konnte man durch drei große Fenster in den Rosengarten blicken. Ein Mann machte gerade Fotos. Ein junger Mann mit dünner werdendem Haar stand neben ihm. Ein halbes Duzend mehr Leute befanden sich im Raum.

Als Luke und Ed durch die Tür kamen, richtete sich der Präsident auf. Er war sehr groß. Vier Geheimdienstbeamte zogen ihre Waffen.

„Keine Bewegung! Auf den Boden!“

In der Mitte des Raums lag ein mit dem runden Siegel des Präsidenten ausstaffierter cremefarbener Teppich. Luke trat auf diesen Teppich. Er hob seine Hände.

„FBI“, sagte er. „Ich habe eine wichtige Mitteilung für den Präsidenten.“

Er wurde von hinten gepackt. Kurz darauf wurde seine Wange gegen den Teppich gepresst. Seine Arme wurden schmerzhaft nach hinten gedreht. Der Fuß eines Mannes stand auf seinem Gesicht. Ein paar Meter neben ihm befand sich Ed in der gleichen Position.

„FBI!“, schrie Luke. „Bundespolizei!“

Sie hatten sich sein Abzeichen und seinen Ausweis gegriffen. Sie entfernten seine Waffe aus dem Holster. Er fühlte, wie sie an seinen Beinen zogen und ihm seine Reservewaffe und sein Messer abnahmen.

„Was geht hier vor sich?“, fragte der Präsident.

Drei Männer hielten Luke am Boden. Ein schwerer Arm drückte gegen seinen Hals. Jede Bewegung wurde so zur Qual. Es war schwer zu sprechen. „Sir. Ich bin Agent Stone vom FBI Spezialeinsatzkommando. Das hier ist Agent Newsam. Sie befinden sich in Gefahr. Wir haben verlässliche Informationen, denen zufolge ein Anschlag mit radioaktivem Material auf das Weiße Haus verübt werden soll. Der Anschlag ist so geplant, dass er mit dem Beginn des Ramadans in Teheran zusammenfallen soll, das ist in fünfzehn Minuten.“

Der Präsident kam näher. Er ragte über Luke.

„Das entspricht nicht der Wahrheit“, sagte eine Frauenstimme.

Luke verengte seinen Kopf und erblickte Susan Hopkins, die Vize-Präsidentin. Sie war bildschön, wie eine Nachrichtensprecherin. Sie trug einen grauen Nadelstreifenanzug und einen blonden Bob. „Wir haben gerade einen Bericht erhalten der besagt, dass die Gefahr, die ohnehin auf New York City beschränkt war, gebannt wurde.“

„Wir haben nicht genug Zeit, um Ihnen alles im Detail zu erzählen“, sagte Luke. „Das gesamte Gebäude muss evakuiert werden und die Zeit läuft uns davon. Wenn es sich als falsch herausstellt, dann machen wir uns hier gerade total zum Affen. Für das Weiße Haus lag keine Bombendrohung vor und es wurde ohne Grund evakuiert. Aber wenn es sich bewahrheitet… Darüber will ich besser gar nicht nachdenken.“

Alle blickten zum Präsidenten. Er war jemand, der es gewohnt war schwierige Entscheidungen zu treffen. Er wartete ganze sieben Sekunden.

„Alle raus hier“, sagte er. „Setzt die Evakuierungsprotokolle für das gesamte Personal in Kraft. Ich will in zehn Minuten hier drinnen keinen mehr sehen.“

Kapitel 23

10.50 Uhr

Unter dem Weißen Haus

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl tief unter die Erde. Zehn Leute: darunter der Präsident, die Vize-Präsidentin, der junge Stabschef des Präsidenten, Ed und Luke sowie fünf Sicherheitsbeamte. Einer der Agenten trug ein mit einer Metallschnalle befestigtes schwarzes Ledertäschchen um sein Handgelenk. Irgendwo über ihnen ging der Alarm los.

„Wie sicher sind sie sich?“, fragte der Präsident.

Lukes Gesicht war feuerrot. Sein Nacken und die Seiten seines Halses waren wund. Er fühlte einen Striemen auf seinem Kiefer brennen. Sein Mund blutete.

„Ich kann nichts mit Sicherheit sagen, Sir.“

„Sollten Sie falsch liegen, werden sie in Schwierigkeiten stecken.“

„Sir, ich glaube Sie wissen nichts von dem Ausmaß dieser Schwierigkeiten.“

Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich. Sie betraten einen beleuchteten höhlenartigen Raum, der im Nichts zu verschwinden schien. Zwei schwarze Limousinen standen vor dem Fahrstuhl bereit. Luke fuhr zusammen mit Ed, der Vize-Präsidentin und zwei Geheimdienstmitarbeitern im zweiten Wagen.

Eds Gesicht glich einem Schlachtfeld. Sein rechtes Auge war halb zugeschwollen. Das Lid war verletzt und blutete.

Der Wagen raste durch den im gelben Licht erleuchteten Tunnel.

„Ich kann nur hoffen, dass Sie falsch liegen“, sagte Susan Hopkins.

„Das hoffe ich auch“, sagte Luke. „Mehr als alles andere.“

Am Ende des Tunnels angelangt nahmen sie einen zweiten Fahrstuhl, um wieder an die Erdoberfläche zu gelangen. Vor ihnen befand sich ein Hubschrauberlandeplatz. Ein großer grauer Sikorsky stand auf der Fläche, seine Rotoren drehten sich bereits. Sie kletterten an Bord und der Helikopter hob ab.

Im Abflug sah Luke, dass sie von einem bewaldeten Gebiet ungefähr einen Kilometer vom Weißen Haus entfernt gestartet waren. Sie hatten bereits einen beträchtlichen Abstand zum Weißen Haus hergestellt. Der Präsident starrte durch das Fenster zum Weißen Haus. Luke ebenso.

„Wenn etwas passieren sollte, dann doch genau jetzt,“ sagte der Präsident. „Oder?“

Luke blickte auf seine Uhr. „Es ist 10.53 Uhr.“

„Eine radioaktive Bombe ist meistens recht klein“, sagte Ed. „Vielleicht werden wir aus dieser Entfernung gar nicht viel sehen können.“

„Es handelt sich eventuell um einen Drohnenangriff“, sagte Luke. „Falls das so sein sollte, könnten wir…“

Seine Worte wurden jäh unterbrochen in dem Moment als das Oval Office explodierte.

Eine Brunst aus roten und gelben Feuerballen leuchtete hinter den hohen Fenstern auf. Glas zersplitterte. Die Wände schienen sich nach außen zu biegen und zerbarsten schließlich in alle Richtungen.

Eine zweite noch größere Explosion zerfetzte den Westflügel.

Das Dach stürzte ein.

Mehrere Explosionen ereigneten sich der Reihe nach, angefangen beim Säulengang aufwärts in Richtung des Hauptwohngebäudes in der Mitte. Alle wurden sie Zeuge wie das Flammenmeer eines der wohl beständigsten Symbole der Vereinigten Staaten verzehrte. Eine noch gewaltigere Explosion erschütterte die Residenz. Ein riesiges sich um sich selbst drehendes Stück Mauerwerk flog durch die Luft. Luke sah wie einer der Zierbögen zurück zur Erde flog als die Mauer in viele Teile zerbrach.

Plötzlich begann der Helikopter zu beben. Er begann einen üblen Sinkflug bevor die Piloten ihn wieder unter ihre Kontrolle brachten und er wieder stieg.

„Das ist die Druckwelle“, sagte Luke. „Kein Problem.“

Der Helikopter drehte und flog Richtung Westen. Niemand sprach ein Wort, verwirrte Blicke wurden ausgetauscht. Luke blickte in Eds zertrümmertes Gesicht. Er sah aus wie ein Boxer, der gerade einen Kampf verloren hatte. Es blieb nichts zu sagen.

Hinter ihnen stand das Weiße Haus in Flammen.

TEIL ZWEI

Kapitel 24

11.15 Uhr

Mount Weather Notfalleinsatzzentrum – Bluemont, Virginia

„Irgendwelche Waffen?“, fragte ein Mann Luke.

Zwanzig Geheimdienstbeamte standen am Landeplatz bereit, als der Helikopter landete. Alles lief reibungslos und zügig über die Bühne. Luke und Ed wurden von der Hauptgruppe getrennt, während Präsident und Vize-Präsidentin in den klaffenden Schlund eines Tunnels geschoben wurden. Der Eingang war zweistöckig und war von Wellblech eingerahmt. Über ihnen füllte sich der Himmel mit Helikopter-Kanonenbooten, die aussahen wie ein Schwarm Libellen. Der Helikopter, mit dem der Präsidenten gekommen war, hatte bereits abgehoben, eskortiert von zehn weiteren Helikoptern.

Luke und Ed standen auf dem Asphalt etwa fünf Meter voneinander entfernt. Sie waren von Stacheldraht eingezäunt. Der Geheimdienst durchsuchte sie mit ruppigen Griffen. Zwei Männer hielten Lukes Arme fest, während einige andere seine Kleidung durchsuchten. Seine Kleidung blähte sich im Wind der Helikopterrotoren auf.

„Waffen?“, fragte der Mann erneut.

Luke war wie benommen. Das Weiße Haus war in die Luft gesprengt worden. Das Oval Office, der gesamte Westflügel, der Säulengang bis hinauf zur Residenz des Präsidenten. Er hatte etwas geahnt… irgendetwas. Aber nicht das, was er gerade hatte mit ansehen müssen. Er war jetzt zu müde, um dem Ganzen irgendeinen Sinn zu geben.

Ihm fiel ein, dass er Becca immer noch nicht erreicht hatte. Sie würde sich um ihn Sorgen machen. Er hoffte, dass sie im Landhaus war. Es war in der Nähe der Küste Marylands. Es war ruhig dort und sicher. Washington, DC und seine Vororte würden wohl eine Weile im Chaos versinken.

„Ich muss meine Frau anrufen“, sagte er.

Der Geheimdienstbeamte verpasste Luke einen scharfen Schlag in die Magengrube. Dieser brachte Luke in die Gegenwart zurück. Er schaute in die kalten Augen des Mannes.

„Halten Sie noch irgendwelche Waffen versteckt?“, fragte der Mann wieder.

„Ich weiß es nicht. Sie haben mir glaube ich alle im Oval Office abgenommen.“

„Wer sind Sie?“

Das war einfach. „Agent Luke Stone, FBI Spezialeinsatzkommando.“

„Wo ist Ihre Identifikation?“

„Ich weiß es nicht. Fragen Sie Ihre Kumpels. Sie haben mir alles abgenommen. Hören Sie, ich muss wirklich dringend telefonieren und ich habe kein Telefon.“

„Sie können telefonieren, nachdem Sie unsere Fragen beantwortet haben.“

Luke blickte sich um. Es war hell und sonnig, allerdings tünchten die Geschehnisse des heutigen Tages und seine Erschöpfung den Himmel in ein tristes Grau. Über ihren Köpfen zeichneten Helikopter Schatten auf den Boden so wie die kreisender Geier. In Nähe des Eingangs der Einrichtung hatte der Präsident gerade kehrt gemacht und lief nun in ihre Richtung. Weil er so groß war, war es einfach, ihn in der Masse auszumachen.

Der Geheimdienstbeamte schnippte mit den Fingern vor Lukes Gesicht. „Hören Sie mir zu?“

Luke schüttelte seinen Kopf. „Tut mir leid, Jungs. Ich hatte einen verdammt langen Tag. Ich will einfach nur meine Frau anrufen, und dann sage ich Ihnen alles, was Sie hören wollen.“

Der Mann schlug ihm ins Gesicht. Es war ein scharfer, brennender Schlag, der seine Aufmerksamkeit wecken sollte. Das tat er mehr, als er sollte. Luke versuchte sich frei zu winden. Eine Sekunde später fand er sich auf dem Boden wieder, das Gesicht gegen die raue Oberfläche des schwarzen Asphalts gedrückt. Zwei Männer hielten ihn fest. Zu seiner Linken drückten sie auch Ed zu Boden.

Aus seiner Froschperspektive sah Luke wie der Präsident sich mit schnellen Schritten näherte. Er wurde von allen Seiten von Geheimdienstpersonal umgeben. Er blieb drei Meter von ihm entfernt stehen.

„Meine Herren!“, sagte er im Befehlston. „Lassen Sie diese Männer los. Sie gehören zu mir.“

Luke stand im Eingang der Mount Weather Einrichtung. Eine Menschenmenge von der viele, die für das Militär typische blaue Uniform trugen, wirbelte um ihn herum. Der Eingang war eigentlich nichts anderes als ein riesiger Tunnel, der in den Granit des Berges gebohrt worden war. Die steinerne Decke wölbte sich drei Stockwerke in die Höhe. Der Präsident war verschwunden.

Luke holte sein Handy heraus.

„Hallo, hier ist Becca. Ich kann gerade nicht rangehen. Bitte hinterlass eine Nachricht nach dem Ton und ich rufe so schnell wie möglich zurück.“

Luke wollte das Handy am liebsten auf den Zementboden schmeißen.

„Verdammt! Warum geht sie nicht ran?“

Er wusste natürlich genau warum. Ihr Handy klingelte nicht einmal – es ging direkt die Mailbox ran. Die Funkmasten mussten völlig überlastet sein. Überall in der Region mussten Menschen zur selben Zeit versuchen zu telefonieren.

Ed stand in seiner Nähe, auch er versuchte zu telefonieren.

„Klappt’s?“, fragte Luke.

Ed schüttelte den Kopf.

Luke wurde ernst. „Hör mal, die werden mich in ein paar Minuten mit nach unten nehmen. Ich will, dass du irgendwie mit Trudy und Swann Kontakt aufnimmst. Wir müssen Ali Nassar kriegen. Wenn die New Yorker Polizei ihn nicht festnimmt, müssen wir unsere eigenen Leute auf ihn ansetzen. Sie sollen ihn festhalten, ihn verschwinden lassen und in ein Safe House bringen. Wir dürfen ihn unter keinen Umständen entkommen lassen. Und sie sollen dabei vergessen, auf die Hilfe von Ron Begley zählen zu können.“

Ed nickte. „Alles klar. Soll ich Don kontaktieren?“

Luke zuckte die Schultern. „Ja, wenn du irgendwie an ihn rankommst.“

„Was soll ich ihm sagen?“

Luke wusste nicht, wie er diese Frage beantworten sollte. Don war einer seiner Wegweiser gewesen, er war eigentlich sogar mehr als das gewesen. Don war für ihn wie ein Vater. Allerdings war es heute Don gewesen, der ihn suspendiert und ihm vorgeschlagen hatte, sich in stationärer Behandlung psychiatrisch behandeln zu lassen. In beiderlei Hinsicht hatte er sich geirrt.

In der Wand öffneten sich in etwa sechs Metern Entfernung vor ihm zwei große Türen. Die Gruppe bewegte sich auf die sich öffnenden Türen zu, und Luke folgte dieser Bewegung.

„Sag ihm, dass wir leben und dass der Präsident lebt.“

„Und dann?“, fragte Ed.

Luke zuckte die Schultern. „Such dir was zu essen.“ Er deutete auf den Fahrstuhl. „Das sollte nicht allzu lange dauern.“

Der Lastenaufzug war riesig und zwei Geschosse hoch. Zwanzig Leute kletterten hinein. Der Fahrstuhl bewegte sich langsam immer weiter nach unten, während der gemeißelte Stein vor den Metalltüren leise an ihnen nach oben vorbeifloss. In schwarzen Buchstaben prangte auf einem gelben Schild an der Tür: ACHTUNG – HÄNDE NICHT HINAUSSTRECKEN. Der Fahrstuhl fuhr hinab, verschwand immer tiefer unter der Erdoberfläche.

Luke blickte zu den Leuten um ihn. Männer in Anzügen. Männer in Uniformen. Alle waren sie gestriegelt, angemessen gekleidet, alle waren sie wie elektrisiert von Furcht und Entschlossenheit. Im Gegenzug fühlte sich Luke schmutzig und ausgezehrt.

Der Fahrstuhl spuckte sie in einem engen Gang aus. Sie folgten ihm wie eine Herde. Er mündete in einem grell erleuchteten Raum. Zwei Wände waren dort von Flachbildschirme bedeckt. Jeder Bildschirm konnte ein Dutzend oder mehr Fenster anzeigen, jedes davon mit seinen eigenen Bildern und Informationen. Die Bildschirme waren angeschaltet und ein kleines Team aus Technikern scharte sich um ein Bedienungsfeld mit Touchpad, um Videos und Bilder auf die Monitore zu laden. Eines der Videos zeigte das brennende Weiße Haus, umgeben von Feuerwehrwagen. Andere zeigten brennende Moscheen. Wieder andere zeigten Szenen von singenden und bärtigen Männern, die mit AK-47ern in die Luft schossen und dabei Teil einer feiernden Masse von Straßentumulten waren.

Eines der rasanten Bilder erregte Lukes Aufmerksamkeit. Es zeigte für wenige Sekunden den vorderen Eingang des Westflügels. Ein dunkles sich schnell bewegendes verschwommenes Etwas tauchte in der oberen rechten Ecke des Bildschirms auf und drang durch die Tür der Lobby. Einen Moment später sprengte eine Explosion den vorderen Teil der Lobby, die Überbleibsel ergossen sich auf Rasen und Einfahrt. Das Video wiederholte sich in Slow Motion immer und immer wieder. Doch selbst so sehr verlangsamt war es unmöglich festzustellen, worum es sich bei dem verschwommen Objekt handelte.

Ein junger Mann in hellbraunem Anzug nahm Luke beim Ellenbogen und führte ihn weiter in den Raum hinein. Vor ihm saßen zwölf Leute auf Stühlen mit hohen Lehnen an einem langen Tisch. Weitere dreißig Leute, unter ihnen Assistenten, Personal, Strategen und wer weiß nicht wer, standen an der Wand. Der Präsident stand am Kopf des Tisches. Die Vize-Präsidentin, einen Kopf kleiner als er, stand neben ihm.

„Da haben wir ihn“, sagte Präsident Thomas Hayes und deutete dabei mit ausgestreckter Hand auf Luke. Seine Zähne waren strahlend weiß und tadellos. Er erinnerte Luke eine Sekunde lang an einen Spielshow-Moderator, der sein Studiopublikum dazu einlädt, einen Blick hinter Tür Nummer drei zu werfen.

„Wie heißen Sie gleich noch einmal?“, fragte der Präsident.

Fünfzig Gesichter richteten sich auf Luke. Mit der Gesamtheit der Blicke auf ihn gerichtet kam er sich sogar noch schäbiger vor. „Stone“, sagte er. „Ich bin Luke Stone, FBI Spezialeinsatzkommando.“

Der Präsident nickte. „Das ist der Mann, der unsere Leben gerettet hat.“

Luke setzte sich an den Konferenztisch. Er sank in das weiche Leder des Stuhls zurück.

Ein Assistent platzierte eine in Plastik verpackte Apfeltasche vor ihm. Ein anderer brachte ihm Kaffee in einem Styropor-Becher. Luke versenkte ein Päckchen Kaffeeweißer in seinem Kaffee. Die Leuchtstoffröhren der Deckenbeleuchtung verliehen dem Kaffee einen grünen Schimmer.

Die Einrichtung war dazu gebaut, einen Atomkrieg zu überstehen. Auch das Essen sah dementsprechend aus.

Ein Oberstleutnant in Militärkleidung stand vor dem mittleren Bildschirm. Er zeigte mit einem roten Laserpointer auf die Bilder auf einer der Monitore. „Um ungefähr 10.54 Uhr Eastern Time wurde das Weiße Haus Opfer einer Reihe explosiver Anschläge. Bei mindestens einer der Bomben handelt es sich um einen mit einer radioaktiven Sprengladung ausgestatteten Körper, dessen genaue Zusammensetzung bisher unbekannt ist. Der Westflügel, das Oval Office miteingeschlossen, wurde fast komplett zerstört. Der Säulengang und die Residenz des Präsidenten wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Ostflügel war zwar kein direktes Ziel, hat aber in Folge der Explosion auch Schäden davongetragen, nicht zuletzt aufgrund des Rauchs und der Löscharbeiten.“

„Personenschäden?“, fragte der Präsident.

Der Oberstleutnant nickte. „Siebzehn bestätigte Todesfälle soweit. Dreiundvierzig Verletzte, einige davon in kritischem Zustand. Acht Leute gelten als vermisst. Mindestens zwölf Feuerwehrmänner und anderes Notfallpersonal sind aller Wahrscheinlichkeit mit Strahlung in Kontakt gekommen. Das Ausmaß werden wir erst in ein paar Tagen kennen. Seit ungefähr 11.24 Uhr ist es erforderlich, dass alles Feuerwehr- und Notfallpersonal  in der Nähe des Weißen Hauses Schutzanzüge der Stufe eins trägt. Wie Sie sich vorstellen können, hat das die Bemühungen, das Feuer zu löschen und mögliche Überlebende zu bergen, erheblich verlangsamt.“

Niemand machte einen Mucks im Raum. Der Mann hustete leise und fuhr fort.

„Der Anschlag hat für weitverbreitete Panik gesorgt. Wir haben im Radius von einem Kilometer um das Weiße Haus herum eine Sicherheitszone errichtet. Nur autorisiertes Personal hat Zugang zu der Zone. Auch wenn derzeit keine messbare Strahlung an der Grenzen dieser Zone nachzuweisen ist, wird gleichzeitig versucht die gesamte Stadt zu evakuieren. Das gesamte U-Bahnnetz in Washington, DC und Umgebung ist unterdessen stillgelegt worden. Die wichtigsten Straßen und Hauptverkehrsadern sind nur dem Notfallverkehr zugänglich, was zu massivem Stau auf allen anderen Straßen führt.“

„Diese Ereignisse sind auch über die Region hinaus geschwappt. Der Zugverkehr zwischen Washington und Boston wurde ausgesetzt und alle größeren Flughäfen der Region wurden geschlossen und sollen so schnell wie möglich durchkämmt werden. Darüberhinaus wurden zahlreiche Moscheen in mehr als einem halben Duzend Städte angegriffen, jede Minute kommen neue hinzu. Viele Amerikaner scheinen zu glauben, dass die Anschläge von Muslimen verübt wurden, weshalb es Leute gibt, die als Antwort darauf angefangen haben, Moscheen niederzubrennen und Muslime anzugreifen.“

„Es waren Muslime“, sagte Luke.

Der Mann machte eine Pause. „Wie bitte?“

Luke zuckte die Schultern. „Es waren Muslime. Die Leute, die den Anschlag verübt haben.“

Der Redner blickte zum Präsidenten, dieser nickte.

„Können Sie das noch etwas weiter ausführen, Agent Stone?“

„Mir erscheint alles ganz klar“, sagte Luke. „Meine Einheit wurde gestern Nacht einberufen, um den Diebstahl von radioaktivem Material in einem Krankenhaus in New York City zu untersuchen. Ich bin mir sicher, Sie haben von dem Diebstahl in den Nachrichten heute Morgen gehört. Uns ist es gelungen, den Diebstahl bis zu einer Terrorzelle, die bestehend aus mindestens zwei Amerikanern und einem Libyer unter der Leitung eines iranischen Diplomaten und ständigen Vertreter des Iran bei den Vereinten Nationen steht, nachzuverfolgen. Schauen Sie sich das kurze Video auf Bildschirm C an, das mit dem verschwommenen Objekt, das den Westflügel trifft. Dabei handelt es sich entweder um eine schnell fliegende Drohne oder ein Geschoss, das von einer Drohne abgefeuert wurde. Der besagte Mann hat ein anonymes Konto auf der Grand Cayman Insel benutzt, um für Millionen von Dollar militärische Drohnenausrüstung aus China zu kaufen.“

Susan Hopkins saß Luke gegenüber. Sie starrte ihn an. Luke verstand, was Leute an ihr fanden. Sie sah nach genau dem aus, was sie war – ein Fashion Model, das Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten spielte. In natura war sie sogar noch schöner als im Fernsehen.

„Ist das eine Mutmaßung?“, fragte sie.

„Alles, was ich gesagt habe, beruht auf Tatsachen“, sagte Luke. „Mein Partner und ich haben heute Morgen mit dem Diplomaten gesprochen, aber der Geheimdienst hat ihn aus mir unbekannten Gründen geschützt. Unsere Arbeit wurde jäh unterbrochen, noch bevor wir viel aus ihm herausbekommen konnten.“

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. „Hat es sich dabei nicht um Folter gehandelt? Ich wurde heute Morgen auf meinem Flug von Los Angeles hierher darüber unterrichtet. Wenn nicht alles Nachfolgende so eingetreten wäre, wie es eingetreten ist, würden Sie und Ihr Partner wohl das Gesprächsthema Nummer eins in den amerikanischen Medien sein.“

Es war entweder die Feindseligkeit in ihrem Tonfall oder der Kaffee der seine Wirkung entfaltete, was auch immer es war, Luke begann langsam wach zu werden. Noch vor einer Stunde hatte er das Leben dieser Frau gerettet. Das war die eine Sache, aber…

„Wir haben ihn befragt“, sagte er. „Er war nicht bereit, uns Auskunft zu geben und viele Leben standen auf dem Spiel. Eingeschlossen, wie es sich herausgestellt hat, das Ihre, das des Präsidenten und die Leben aller im Weißen Haus befindlichen Personen. Glauben Sie mir, dass wir angesichts der Umstände immer noch vergleichsweise sacht mit ihm umgegangen sind. Wenn ich in die Zukunft hätte blicken können, wäre ich weniger zimperlich gewesen.“

Sie nickte. „Das ist sehr mutig von Ihnen, das einzugestehen vor allem im Lichte der Diskussionen die heutzutage um das Thema Folter geführt werden. Es ist auch sehr wagemutig von Ihnen zu behaupten, dass es sich hier um einen von Muslimen motivierten Angriff handelt, schließlich wissen wir bisher recht wenig. Angesichts der internationalen Lage ist es in der Tat mehr als mutig Iran den Angriff in die Schuhe zu schieben. Es ist vielmehr gefährlich, voreilig solche Schlüsse zu ziehen.“

„Ich habe lediglich gesagt, dass ein Iraner der Kopf hinter dem Anschlag ist. Er hat die Leute, die den Anschlag ausgeführt haben, bezahlt. Dabei bleibe ich.“

„Sind Sie der Tatsache gewahr, dass wir uns kurz vor einem Krieg mit Iran befinden und dass es Kongressmitglieder gibt, die den Präsidenten seines Amtes entheben wollen, wenn er nicht in den Krieg zieht? Sind Sie sich bewusst, dass ein Krieg mit Iran wahrscheinlich einen Krieg mit Russland nach sich zieht?“

Luke schüttelte den Kopf. „Das ist nicht meine Angelegenheit. Ich sage bloß, was ich weiß.“

Im Raum ging ein Raunen um.

Der Präsident hob seine Hand. „Okay, okay.“ Er blickte zu Luke. „Sagen Sie es uns frei heraus. Was wir daraus machen, ist dann eine andere Sache. Glauben Sie, dass die iranische Regierung hinter dem Anschlag steckt?“

„Ich ziehe keine voreiligen Schlüsse“, sagte Luke. „Alles, was ich weiß, ist, dass ein Iraner hinter dem Anschlag steckt. Ich weiß, dass er als Diplomat für die Vereinten Nationen tätig ist. Das letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass er lebt und dass er sich noch auf amerikanischem Boden befindet.“

Der Präsident blickte sich um Raum um. „Ich wiederhole, dass wir den Informationen von Agent Stone nicht glauben schenken müssen. Aber ich persönlich würde gerne, dass er nach weiteren Informationen sucht und die Ergebnisse seiner Suche dieser Gruppe hier präsentiert, auch wenn das zu einigen Meinungsverschiedenheiten führen kann.“

„Das könnte etwas schwierig für mich werden“, sagte Luke.

„Warum?“

Jetzt zuckte Luke mit den Schultern. „Ich wurde heute Morgen von meinen Pflichten entbunden. Ich stehe unter Tatverdacht für etwas, das ich während der Untersuchungen in Kauf nehmen musste.“

Der Oberstleutnant fixierte Luke. „Ist das alles?“

Luke schüttelte den Kopf. „Es liegt in Baltimore auch ein Haftbefehl gegen mich vor.“

„Weswegen?“

„Mord.“

Der gesamte Raum wurde still. Alle Augen richteten sich erneut auf Luke.

„Ich hatte heute viel zu tun“, sagte er.

Kapitel 25

„Und, wie ist es dort unten gelaufen?“, fragte Ed.

Sie standen am Rand des Helikopterlandeplatzes und beobachteten wie eine Menschenmenge aus einem gerade gelandeten Helikopter kletterte und Richtung des Eingangs der Mount Weather Einrichtung lief. Luke erkannte den Repräsentanten von Vermont unter ihnen.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe ihnen nur gesagt, was ich weiß. Sie haben brav danke gesagt und sich dazu entschlossen, mir nicht zu glauben.“

„Das klingt nach dem, was ich erwartet hätte“, sagte Ed.

„Sie wollen keinen Krieg mit Iran“, sagte Luke.

Jetzt zuckte Ed die Schultern. „Ich kann ihnen nichts vorwerfen. Krieg ist die Hölle.“

Der Signalmann auf der Landestelle winkte Luke und Ed mit orangenen Stäben zu sich hinüber und gab ihnen grünes Licht. Sie duckten sich und rannten zum Helikopter. Es gab nur einen aktiven Landeplatz an diesem Eingang und sie dirigierten alle zwei Minuten die Helikopter rein und raus.

Kaum waren Luke und Ed im Helikopter, hob er auch schon ab. Ed zog die Tür erst in sieben Metern zu. Luke ließ sich in den Sitz fallen und schloss seinen Sicherheitsgurt. Sie waren allein in einer für acht Passagiere gebauten Maschine. Viele der Regierungsmitglieder verließen Washington, DC, um nach Mount Weather zu fliegen. Kaum jemand flog zurück zur Stadt.

Er blickte auf seine Uhr. Es war 12.35 Uhr. Es waren nun schon elf Stunden, seit Don ihn angerufen hatte. Etwa dreißig Stunden war es her, dass er gestern Morgen aufgewacht war. Wenn man die wenigen Male, in denen er eingedöst war, mitzählte, hatte er seitdem wahrscheinlich dreißig Minuten geschlafen.

Sie flogen über dem ausgedehnten Bunkerkomplex. Bald lag er hinter ihnen und sie blickten auf grüne Wälder und niedrige zerklüftete Berge. Der Himmel war schwarz vor Helikoptern, die auf ihre Landegenehmigung warteten. Im Osten erkannte er eine fast ununterbrochene Schlange aus Helikoptern in der Luft, die Schlange reichte bis zum Horizont. Luke blickte sich um. Es gab dort einen Highway. Auf den Fahrbahnen Richtung Westen versanken die Autos Stoßstange an Stoßstange im Stau. Auf den Bahnen Richtung Osten sauste eine Handvoll Autos vorbei.

„Das wird eine gute Nacht für das Motel Geschäft in West Virginia“, sagte Ed.

„Pennsylvania, Maryland, North Carolina“, sagte Luke. „Ich wette, dort wird man im Umkreis von zweihundert Kilometern kein einziges freies Zimmer mehr finden.“

Ed nickte. „Und viele Leute, die in ihren Autos schlafen werden.“

Luke blickte in Eds Gesicht. Er hatte sich gewaschen, somit war zumindest er sauber. Allerdings hatte der Geheimdienst ihm ordentlich zugesetzt, Luke hatte es weniger schlimm erwischt. Vielleicht war es die Rache dafür gewesen, im Oval Office zwei ihrer Agenten niedergeschlagen zu haben. Vielleicht aber auch deshalb, weil er schwarz war. Das war schwer zu sagen. Sein zugeschwollenes Auge war jetzt geschlossen. Die vielen schwarzen Flecken, die auf seinem Kieferknochen prangten, würden bald zu blauen Flecken. Er sah erschöpft aus. Ausgelaugt.

„Ey, du siehst echt mies aus.“

Ed zuckte mit den Schultern. „Du hättest den anderen Typen sehen sollen.“

„Wirst du das als Arbeitsunfall melden?“

Ed schüttelte den Kopf. Er grinste. „Nein, ich werde wahrscheinlich dich einfach wegen rücksichtsloser Gefährdung meiner Person verklagen. Ich hoffe, du hast eine Haftpflichtversicherung.“

Luke lachte. „Viel Glück damit. Wir sind übrigens nicht mehr suspendiert. „

Ed zog die Augenbrauen nach oben. „War ich jemals suspendiert?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht warst du es, vielleicht auch nicht. Jetzt bist du es auf jeden Fall nicht mehr. Außerdem hast du einen neuen Chef.“

„Ach wirklich? Wer?“

Luke blickte auf den Highway unter ihm. Der Stau reichte, soweit das Auge blicken konnte. „Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika“, sagte er.

Kapitel 26

13.15 Uhr

McLean, Virginia – Zentrale des Spezialeinsatzkommandos

Luke hatte sich zuvor nie wirklich die Fotos von Don Morris angesehen. Die Wände in seinem Büro waren mit ihnen gepflastert. Auch hatte Luke zuvor nie in seinem Büro gestanden, ohne etwas zu tun zu haben. Normalerweise war Don da, wenn Luke hereinkam.

Die Fotos waren fantastisch. Eines der Fotos zeigte einen sehr viel jüngeren Don zusammen mit Arnold Schwarzenegger. Er zeigte dem Schauspieler eine große MK-19 Panzergranate. In einem aktuelleren überlistete er gerade Mark Wahlberg mit einem Jiu-Jitsu Move. Wahlberg war nach innen gedreht, seine Beine in der Luft, sein Kopf auf dem Weg auf die Matte. Luke wusste, dass Don gelegentlich in Hollywood arbeitete, um deren filmtechnischer Mogelei den Hauch von Realitätsnähe zu geben.

Mehr noch. Ein weiteres Foto zeigte, wie Don einen bronzenen Stern von Jimmy Carter in Empfang nahm. Dann Don in väterlicher Umarmung mit Susan Hopkins. Don, der zusammen mit dem derzeitigen Sprecher des Repräsentantenhauses in der Nähe eines Flusses stand, beide trugen Anglerkleidung. Don, der vor einem Komitee des Kongresses sprach.

Luke fühlte die Anwesenheit einer Person hinter sich.

„Hallo, Junge“, sagte Don.

„Hallo, Don. Tolle Bilder.“ Luke drehte sich zu ihm um. „Bist rumgekommen, was?“

Don durchquerte den Raum. Er trug Hemd und Hose. Seine Körpersprache signalisierte Entspanntheit, aber in seinen Augen funkelte Entschlossenheit. Er saß hinter seinem riesigen Schreibtisch und deutete auf den gegenüberliegenden Stuhl.

„Setz sich. Entspann dich ein bisschen.“

Das tat Luke.

„Die Politik…“, sagte Don, „… ist die Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln. Über Connections, nur so konnte das hier überhaupt laufen. Unsere Leute machen ihre Arbeit gut, aber wenn die da oben nicht Bescheid wissen, dann bist du deinen Job los. Für die Erbsenzähler sind wir ein Einzelposten, der ungefähr so wichtig ist wie der Posten Sonstiges.“

„Okay“, sagte Luke.

„Wie ich sehen kann, hattest du Gelegenheit eine Dusche zu nehmen“, sagte Don. „Wieder taufrisch?“

Luke nickte. Die Duschen hier waren erste Klasse. Und er hatte die zwei Sets Wechselklamotten in seinem Spint gefunden, die er trotz seiner Beurlaubung hier aufbewahrt hatte. Er fühlte sich noch nicht wieder hundertprozentig hergestellt, fühlte sich aber viel besser als vorher.

„Das war knapp heute, was?“

„Es war wohl schon einmal knapper“, sagte Luke.

Don grinste. „Wie auch immer, ich bin froh, dass du nicht tot bist.“

Luke erwiderte das Grinsen. „Ich auch.“

„Sind wir noch Partner?“, fragte Don.

Luke war nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Sie hatten so lange zusammengearbeitet. Bis zum heutigen Tage hatte es keinen Moment gegeben, in dem Luke nicht auf Dons Rückenhalt hätte zählen können. Heute aber hatte es zwei dieser Momente gegeben. Und in beiden Fällen hatte Don falsch gelegen. Don war in die eine Richtung geskatet und der Puck war mit voller Geschwindigkeit in die andere Richtung geschlittert. Wenn Luke auf Don gehört hätte, wären der Präsident, die Vize-Präsidentin und viele Menschen nicht mehr am Leben.

Es war ein tiefgreifender Wandel, so als würde man einen Eisberg von der Größe Kentuckys von der Antarktis wegbrechen und in den Ozean stürzen sehen. Es war ein spektakulärer Moment, aber die Konsequenzen waren weit folgenreicher.

Vielleicht wurde Don einfach langsam alt. Vielleicht sah er den Zusammenbruch des Spezialeinsatzkommandos an jeder Ecke lauern, diese Einheit, die er mehr als zehn Jahre lang aufgebaut hatte, und er hatte Angst. Vielleicht war der Untergang ein Wink seiner eigenen Sterblichkeit. Vielleicht trübte es sein Urteilsvermögen. Luke war bereit, alle diese Dinge zu glauben.

„Wir werden immer Partner sein“, sagte Luke.

„Gut“, sagte Don. „Hör zu! Du bist immer noch suspendiert. Mir ist es nicht gelungen, sie zu bequatschen. Sie werden die Suspendierung zurückziehen, aber das kann ein oder zwei Tage dauern, deshalb muss ich dich leider nach Hause schicken. Ist das für dich in Ordnung?“

„Don–“

„Ich würde mir darum keine allzu großen Sorgen machen, Junge. Du warst ja sowieso beurlaubt. Nach allem, was du heute geleistet hast, hast du dir ein paar freie Tage verdient. Du sieht aus wie etwas, das die Katze gerade hier reingeschleppt hat.“

„Ich habe neue Anweisungen, Don“

Dons Gesicht wurde ernst. „Unter welcher Instanz?“

Luke blickte ihm direkt in die Augen. „Die des Präsidenten. Er hat mich beauftragt, den Hinweisen von heute Morgen weiter nachzugehen und sie seinem Sicherheitsteam in Mount Weather dann mitzuteilen. Das würde ich gerne mit dem Team des Spezialeinsatzkommandos hier in die Wege leiten, aber er hat mir auch gesagt, dass ich Zugang zu Geheimdienstressourcen haben könnte, sollte das irgendwie nicht möglich sein.“

Don lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Luke fühlte einen kleinen Stich deswegen. Das Spezialeinsatzkommando stand taumelnd am Abgrund und nun beanspruchte der Präsident Dons Leute. Auch wenn Don in dieser Situation Größe zeigen musste, hier ging es nicht um Egos oder Budgets, die irgendwie den Abteilungen zugeteilt werden mussten. Hier ging es darum, einen Job zu erledigen.

Don blickte auf seine Schreibtischplatte. „Nun, wenn der Präsident das so angeordnet hat, weiß ich nicht wie ich da nein sagen könnte. Oder wie der Leiter des FBI das könnte. Bis auf weiteres steht alles zu deiner Verfügung, was du brauchst.“

*

Trudy Wellingtons körperloser Kopf erschien auf dem Flachbildschirm an der Wand.

Luke, Ed Newsam, Don Morris und ein halbes Duzend Mitglieder des Spezialeinsatzkommandos saßen im Konferenzraum. Echte Nahrung lag auf dem schwarzen Tisch verteilt – Sandwiches aus dem Delikatessengeschäft in einem Kilometer Entfernung. Luke hatte sich ein Pumpernickel Sandwich mit Corned Beef und Sauerkraut geangelt.

Er blickte zu Ed. Ed hatte auch geduscht und sich neue Klamotten angezogen. Er trug jetzt einen schwarzen Jumpsuit des Spezialeinsatzkommandos. Er hielt ein Kühlpaket auf sein Auge. Er hatte bereits zwei Sandwiches verschlungen, vor ihm stand eine große Tasse Kaffee. Die Tasse war schwarz mit roten Buchstaben: TREIBSTOFF. Ed sah wach, kolossal, hervorragend aus – ein anderer Mensch, als der vor einer halben Stunde. Von dem zerschmetterten Gesicht und dem geschwollenen Auge abgesehen, war er der Mann, den Luke heute Morgen kennengelernt hatte.

„Könnt ihr mich hören?“, fragte Trudy.

„Ausgezeichnet“, sagte Don.

„Ist die Videoqualität okay?“

„Ich denke schon. Ist Swann bei euch?“

„Er sitzt hinter mir. Er hat sich um die Datenübermittlung gekümmert.“

„Gut“, sagte Don. „Was hast du Neues für uns?“

„Hier herrscht Chaos“, sagte Trudy. „Die Nationalgarde ist ausgerückt. Jedes einzelne Fahrzeug, an jeder Brücke und an jedem Tunnel aus Manhattan raus, wird durchsucht. Der Verkehr ist überall kollabiert. Zwei Trucks entfernen geparkte Autos, um die Fahrbahn für die Notfalleinsatzwagen frei zu räumen. Die Polizei hat die U- und S-Bahnen gesichert. Nur ein Eingang und ein Ausgang ist an jeder U-Bahn Station offen und alle dortigen Personen werden durchsucht. Jede Tasche muss geöffnet werden. Die Schlangen sind mehrere Straßen lang. Die Massen am Times Square sind so groß geworden, dass die Polizei die U-Bahn dort schließen und den Platz räumen musste. Mindestens zehntausend Menschen sind auf dem Weg nach Norden in den Central Park. Vandalismus greift dort um sich, vor allem zerschlagene Ladenfenster.“

„Was noch?“, fragte Don.

„In diesem Moment verlassen hunderttausende Menschen Manhattan über die Brücken Brooklyn, Manhattan, Williamsburg, Neunundfünfzigste Straße, hundertachtunddreißigste Straße und George Washington. Es wirkt wie ein zweiter Elfter September. Die meisten Menschen sind ruhig, es ist gar nicht auszudenken, wie es dort aussehen würde, wenn der Anschlag hier verübt worden wäre.“

„Habt ihr was Neues von dem Wäschereilieferwagen?“, fragte Luke. „Wir wissen nicht, welche radioaktiven Materialen bei dem Anschlag auf das Weiße Hause benutzt wurden. Da das Auto immer noch nicht gefunden wurde, besteht immer noch die Gefahr eines zweiten Anschlags.“

„Wir sind dran“, sagte Trudy. „Eldrick Thomas, ihr erinnert euch mit Sicherheit an ihn. Er wurde auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens von Baltimore gefunden. Der Platz befindet sich direkt der Ausfahrt I-95. Ein Dreh- und Angelpunkt für Prostitution und Drogenhandel, deshalb hat die Polizei von Baltimore Sicherheitskameras an den Ein- und Ausfahrten zum Parkplatz installiert. Die eine Kamera, die sich am Eingang des Parkplatzes befindet, wurde unschädlich gemacht, wahrscheinlich genau von denjenigen, die sie überwachen sollte. Die andere Kamera funktioniert jedoch. Swann, kannst du die Videos hochladen?“

Der Bildschirm teilte sich in zwei. Auf der linken Seite schaute Trudy nach etwas, das man in der Kamera nicht sehen konnte. Auf der rechten Seite erschien verpixeltes Videomaterial. Es zeigte eine vierspurige Fahrbahn an einer Ampel. Die Straße war leer.

„Wir haben das erst vor einer halben Stunde reinbekommen“, sagte Trudy. „Aus irgendwelchen Gründen hat die Polizei aus Baltimore das Material nur zögernd herausgerückt. Ich dachte schon, dass wir zum Bundesgericht gehen müssen.“

Sie sahen, wie ein weißer Lieferwagen auf dem Bildschirm auftauchte. Das Logo auf der Seite des Wagens war gut erkennbar. Dun-Rite Wäscherei. Der Wagen bog rechts ab, sodass er direkt auf die Kamera zufuhr.

„Okay, Swann, halt hier an“, sagte Trudy. „Hier kann man das Nummernschild sehen. Es ist verschwommen, aber wir konnten es identifizieren. Ein New Yorker Geschäftskennzeichen, AN1-2NL. Das sind die selben Kennzeichen die sie auch in der Nähe des Center Medical Center benutzt haben. Jetzt hier, sie verlassen den Parkplatz.“

Das Video sprang und der Wagen verschwand. Einen Moment später tauchte er wieder auf, dieses Mal mit der Rückseite zur Kamera. Luke konnte einen orangen Schimmer ausmachen, wo das Nummernschild sein musste.

„Das ist zwanzig Minuten später“, sagte Trudy. „Seht ihr das Kennzeichen? Ein New Yorker Anwohnerkennzeichen, 10G-4PQ. Jetzt schaut, der Wagen biegt links auf den Highway ab. Und? Das Wäschereilogo ist weg. Sehr clever.“

„Was werden wir mit diesem Wissen anfangen?“, fragte Luke.

„Die örtliche Polizei hat im fünfhundert Meilen Radius einen Fahndungsaufruf gestartet. Die Helikopter der Polizei von Maryland und Virginia sind in der Luft und suchen mit den Bilder von dem Video nach weißen Lieferwagen auf den Straßen.“

„Was, wenn sie es irgendwo untergestellt haben?“, fragte Ed.

Trudy schüttelte den Kopf. „Das ist egal. Das Überwachungsmaterial der letzten acht Stunden, das alle Ampeln in Maryland und Virginia abdeckt, wurde an eine Firma in Indien ausgesourct. Vierhundert Leute in Dehli schauen sich gerade das Videomaterial mit nur einem Ziel an: weiße Lieferwagen zu finden und den mit dem orangen New Yorker Nummernschild 10G-4PQ herauszufiltern. Boni werden an die Arbeiter und Firma, je nach dem wie schnell sie den Wagen finden, ausgegeben und nicht wie viele Arbeitsstunden sie daran sitzen. Irgendjemand wird diesen Wagen sehr bald finden und wenn sie ihn einmal haben, wird es ein Leichtes sein, seinen Weg nachzuvollziehen.“

„Wer auch immer in diesem Wagen sitzt, muss völlig am Rad drehen“, sagte Luke. „Sie haben bereits zwei ihrer Leute verloren. Wenn sie merken, dass wir ihnen auf die Schliche kommen, werden sie sich selbst in die Luft sprengen. Wenn der Wagen gefunden wird, will ich, dass wir als Spezialeinsatzkommando vor Ort sind. Wir brauchen sie lebendig.“

„Wir geben unser Bestes“, sagte Trudy. „Aber wir mussten andere bereits einweihen. Fünfzig Polizeieinsatzkräfte wissen Bescheid und ein dutzend Geheimdiensteinheiten. Hätten wir es für uns behalten, wäre die Gefahr, sie niemals zu finden, sehr groß gewesen.“

„Das verstehe ich“, sagte Luke. „Aber wenn wir den Little Bird nehmen, können wir überall innerhalb kürzester Zeit sein. Gib uns einfach ein bisschen Vorlauf.“

„Das werde ich tun“, sagte sie.

„Jetzt zu Ali Nassar.“

„Dazu musst du mit Swann reden.“

Trudy verschwand und Mark Swanns Gesicht tauchte auf. „Luke, wir haben drei Leute geschickt, um Nassar aus seiner Wohnung zu holen. Leider kamen sie einige Minuten zu spät. Als sie ankamen, hatte Nassar bereits die Wohnung in Begleitung eines von Iran gesandten Sicherheitsteams verlassen. Sie waren bewaffnet, haben ihre Waffen gezeigt. Wir wollten keinen Schusswechsel auf offener Straße riskieren und offen gesagt unsere Leute waren nicht nur in der Unterzahl, sondern auch weniger schwer bewaffnet.“

„Wohin sind sie gefahren?“

„Das war noch, bevor das Weiße Haus angegriffen wurde, der Verkehr war also kein Problem. Sie sind ins Zentrum gefahren und haben Nassar in die iranische Vertretung auf der Fifth Avenue gebracht. Da kommt man nicht rein. Es bedürfte einer Armee und einiger Verluste, um da rein zu kommen und ihn rauszuholen. Angesichts der Kriegserklärung werden wir keine Anstrengungen unternehmen und selbst wenn, würden wir ihn wahrscheinlich nicht lebendig da rausbekommen.“

„Scheiße“, sagte Luke.

„Nicht ärgern“, sagte Luke. „der CIA ist es gelungen über zweihundert Abhörgeräte im Laufe der letzten Jahre dort zu installieren. Elf davon sind noch funktionstüchtig. Es ist ein großes Gebäude, aber Nassars Stimme wurde auf mindestens zwei Geräten bereits ausgemacht. Sie haben sich ziemlich heftig gestritten, als sie ihn dort hingebracht haben. Alles in Farsi, also nicht besonders hilfreich, aber die CIA hat Übersetzer und meine Langley Verbindung hat es mir ermöglicht, die wichtigsten Information rauszuziehen. Sie werden versuchen, ihn aus dem Land zu schmuggeln, möglicherweise schon heute.“

„Wie wollen sie das anstellen? Alle Flugzeuge sind auf dem Boden.“

Swann hob einen Finger. „Alle kommerziellen Flüge sind auf dem Boden. Privatflüge gehen nach wie vor. Ein vollgetankter Privatjet steht abflugbereit am Kennedy Flughafen. Die iranische Vertretung ist nur wenige Straßen vom Midtown Tunnel entfernt. Falls und wenn der Verkehr sich auflöst, müssen sie nur durch den Tunnel auf die Van Wyck Schnellstraße und runter zum Kennedy.“

„Können wir ihn festnehmen, wenn er rauskommt?“

Swann zuckte die Schultern. „Die New Yorker Polizei und der Verfassungsschutz kooperieren nicht. Ich glaube Begley ist sauer, weil du Recht hattest. Er sägt gerade an dem Ast, auf dem er sitzt. Wir könnten Nassar festnehmen, wenn wir zu einem Kampf bereit sind und er nicht in irgendeiner Verkleidung rauskommt oder in irgendeiner Verpackung, die dann im Auto verladen wird.“

„Ich will, dass alle Ausgänge der Vertretung beobachtet werden“, sagte Luke. „Wir dürfen ihn nicht entkommen lassen, auch wenn das bedeuten sollte, dass wir…“

„Luke? Luke?“ Trudys Stimme drang aus dem Hintergrund, ohne dass sie ihr Gesicht sehen konnten. „Luke, wir haben gerade neue Informationen zu dem Lieferwagen reinbekommen. Er wurde gefunden. Sie haben ihn bis auf einen Schrottplatz im Nordosten DCs verfolgt. Er parkt. Wir werden Satellitenaufnahmen in etwa dreißig Sekunden haben.“

Luke stand bereits. Er blickte zu Ed Newsams Stuhl. Newsam war nicht mehr dort. Luke blickte zur Tür des Konferenzraumes. Ed stand in der Tür und hielt sie offen.

„Ich warte auf dich“, sagte Ed.

Luke blickte sich im Konferenzraum um. Don saß kerzengerade in seinem Stuhl und starrte geradeaus.

„Don?“

Er nickte.

„Geht.“

Kapitel 27

13.45 Uhr

Ivy City – Nordosten Washington, DC

Der Mann war wie ein Geist.

Er hatte keinen Namen. Er hatte keine Familie. Keinen Personalausweis. Wenn jemand seine Fingerabdrücke genommen hätte, dann wären sie in keinem Straf- oder Militärregister aufgetaucht. Er hatte eine Vergangenheit, natürlich hatte er die, aber die hatte keinerlei Bedeutung mehr. Er hatte mit seinem alten Leben abgeschlossen, er hatte mit dem Mann gebrochen, der dieses Leben so maßgeblich bestimmt hatte. Jetzt lebte er in einer scheinbar niemals endenden Gegenwart. Die Gegenwart hatte ihre Vorzüge.

Er lag auf dem Bauch auf dem Dach eines verlassenen dreistöckigen Gebäudes, er und sein THOR M408 Gewehr. Für ihn war es Mighty THOR, mit dem er mittlerweile eins geworden war. Er schenkte dem Gewehr ein Leben. Und das Gewehr wurde zum Ausdruck seiner Kreativität.

Um ihn herum türmte sich aussortierter Müll auf dem Dach. Kleidung, Kartons, eine alte Mikrowelle, ein kaputter Schwarz-Weiß-Fernseher. Ein alter Einkaufswagen stand dort sowie eine Antriebsstange, die wohl einmal ein Kleinlastwagen gewesen war. Warum wohl jemand sie hier heraufgebracht hatte…

Es war Zeitverschwendung darüber nachzudenken.

Das Gebäude, so zerfallen es war, war erst kürzlich geräumt worden. Zwangsweise. Bis heute Morgen war es das Zuhause von acht Heroinabhängigen gewesen, die nachts hier Zuflucht genommen hatten. Ihre fleckigen Matratzen, ihre zurückgelassene Kleidung, die dreckigen Nadeln und ihre jämmerlichen Habseligkeiten lagen verstreut in den verschiedenen Räumen des Gebäudes. Ihre hirnlosen Graffitis bedeckten die Wände und das Treppenhaus. Der Mann hatte sie alle durchquert auf seinem Weg nach oben. Es war recht spektakulär.

Die Junkies waren noch vor Sonnenaufgang ohne großen Lärm gefasst und entfernt worden. Der Mann hatte keine Ahnung, was mit ihnen geschehen würde und es war ihm auch egal. Sie standen ihm im Weg, also mussten sie weg. Sie täten wohl jedem, sich selbst eingeschlossen, einen Gefallen, wenn man sie einfach umbrächte.

Der Mann atmete tief durch und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Als er sie wieder öffnete, peilte er erneut sein Ziel an. Er lag unter den Überresten einer alten grünen Plane von der Art, die Leute benutzen, um den Regen von ihrem Hof abzuschirmen. Der riesige Schalldämpfer seines Gewehrs war von außen das einzig sichtbare Zeichen seiner Gegenwart. Ja, er war sich ziemlich sicher, dass niemand ihn sehen konnte. Niemand würde den Schuss hören, wenn er abfeuerte.

Er zielte auf die vordere Beifahrertür eines weißen Lieferwagens, der zwei Gassen entfernt auf einem Schrottplatz parkte. Die mächtige Reichweite des Gewehrs ermöglichte ihm, die Tür des Lieferwagens aus scheinbar wenigen Zentimeter Nähe zu sehen. Der Mann hätte den Schuss am liebsten gleich abgefeuert, aber die Sonne blendete ihn und erschwerte den Blick durch das Fenster. Außerdem hatte er Anweisungen zu warten, bis sich die Tür öffnete und die Person nach draußen trat.

Das war alles. Warten, bis sich die Tür öffnet und der Mann rauskommt. Einen Kopfschuss. Mighty THOR auseinanderbauen. Unter der Plane hervorschlüpfen und die Treppen zur Straße runterlaufen. Ein unauffälliger Wagen würde dort vor dem Gebäude auf ihn warten. Auf den Beifahrersitz gleiten und sich von jemandem den er nie zuvor gesehen hatte davonfahren lassen.

Dabei war es mehr als nur das, ein betrunkener Landstreicher würde auf den Schrottplatz wandern, um sich zu erleichtern und dabei jegliche Telefone oder anderen verfolgbaren Geräte entfernen. Aber das war nicht seine Aufgabe und er hatte sonst keine Ahnung, was es mit dem Landstreicher auf sich hatte. Die Straßen hier waren voll von zerlumpten Pennern, die zu viel Wein und Bier getrunken hatten. Es hätte jeder von ihnen sein können.

Der Mann auf dem Dach war kein Landstreicher. Er trug die braune Uniform eines Elektrikers, und wenn er das Gebäude verließ, würde er einen Werkzeugkasten tragen. Niemand würde sich über ihn wundern. Er wäre ein vom nicht anwesenden Hausbesitzer angestellter Elektriker, der ein paar kleinere Probleme in dem Haus repariert hatte.

Jetzt wartete er. Und er beobachtete die Tür des Lieferwagens.

*

Nichts hatte mehr Sinn.

Ezatullah Sadeh saß auf dem Beifahrersitz des weißen Lieferwagens. Er war gerade aus einem mit Alpträumen gefüllten Fiebertraum aufgewacht. Sein Körper und seine Kleidung waren schweißnass.

Er zitterte, obwohl er wusste, dass es ein warmer Tag sein musste. Er hatte sich kurz zuvor übergeben, jetzt aber schien es zu gehen. Er blickte auf sein Handy und sah, dass es schon spät am Nachmittag war. Er sah auch, dass niemand ihn versucht hatte zu erreichen.

Das Vertrauen, auf das er heute Morgen noch hatte bauen können, hatte sich schon vor mehreren Stunden verflüchtigt. Es war durch Verwirrung ersetzt worden. Sie parkten in einem Drecksloch, das hauptsächlich aus mit Gras überwachsenen alten Autos und Müll bestand. Vor den Toren des Schrottplatzes erstreckte sich ein Slum. Es war eine typische amerikanische Zementlandschaft, trostlose wahllos zusammengewürfelte Läden, Menschenmengen bestehend aus Frauen, die Plastiktüten trugen und am Bahnhofskiosk warteten, betrunkene Männer, die mit Bierdosen in braunen Papiertüten an den Straßenecken standen. Er konnte den Lärm aus der Nachbarschaft von hier aus hören: Autolärm, Musik, Gezänk und Gelächter.

Die letzte Anweisung die er erhalten hatte war, zu diesem Platz hier zu kommen. Das war heute früh gewesen, in Baltimore, kurz bevor sie Eldrick verloren hatten. Ezatullah hatte nie vollends an Eldricks Hingabe an Allah geglaubt und es war ihm schwer gefallen, ihn bei seinem islamischen Namen Malik zu rufen. Damals hatte es ihm leid getan, dass Eldrick kurz vor dem Erreichen des Paradieses Panik bekommen hatte und weggelaufen war. Aber jetzt…

Jetzt war sich Ezatullah nicht mehr so sicher.

Als sie hier angekommen waren, hatten sie das Tor verschlossen vorgefunden. Niemand hatte ihm gesagt, dass das der Fall hätte sein können. Sie hatten die Kette mit einem Bolzen aufschneiden müssen. Sie beide, er und Mohammar, waren so schwach gewesen, dass sie es fast nicht fertig gebracht hatten. Sie waren hineingefahren, hatten den Wagen zwischen zwei schrottreifen Autos geparkt und hatten angefangen zu warten. Stunden später warteten sie immer noch. Eigentlich warten „sie“ nicht mehr. Mohammar war irgendwann heute Morgen gestorben. Ezatullah hatte jegliches Zeitgefühl eingebüßt, aber kurz nach Sonnenaufgang hatte er sich zu Mohammar gedreht, um ihm etwas zu sagen. Doch Mohammar hatte nicht mehr zugehört. Er war gestorben und saß doch ganz gerade noch auf der Fahrerseite. Er war der letzte, der übrig war. Er ging davon aus, dass Eldrick in den Büschen gestorben war, somit waren alle seine Männer tot, die gesamte Zelle, alle waren sie tot.

Ezatullah hatte dem Auftraggeber Mohammars Tod mitgeteilt, aber natürlich hatte niemand darauf reagiert. Er seufzte bei dem Gedanken daran. Er hoffte, dass Mohammars Opfer Allah gefallen würde. Mohammar war noch keine zwanzig Jahre alt gewesen und auch wenn er sehr intelligent gewesen war, so war er in vielerlei Hinsicht noch ein Kind.

Ezatullah schlug frustriert mit der Faust auf das Armaturenbrett. Der Schlag war schwach. Sein Name bedeutete „Lob sei Gott“ und er hatte gewollt, dass diese Operation ein großartiges Vermächtnis für ihn sein würde, die öffentliche Zurschaustellung seines Glaubens. Das würde nun niemals der Fall sein.

Der Angriff hatte ohne ihre Beteiligung stattgefunden. Er hatte die Nachrichten über die Explosion des Weißen Hauses auf seinem Handy gesehen. Das bedeutete wohl, dass er und seine Gruppe die ganze Zeit nichts als Lockvögel gewesen waren. Niemand hatte von ihnen erwartet den Anschlag auszuführen. Sie waren hierher gelockt und Stich gelassen worden. Es war unerträglich, sich das klar zu machen. Ezatullah hatte sich selbst immer als wertvolle Bereicherung bei Einsätzen empfunden. Doch hatte er lernen müssen, dass er hier als bloße Schachfigur benutzt und verpfändet worden war.

Und der Anschlag war, wenn auch spektakulär, größtenteils eine Niederlage gewesen. Eine Handvoll unbedeutender Leute war dabei gestorben und der Präsident war ohne eine Schramme davongekommen. Sie hätten Ezatullah vertrauen sollen. Er hätte den Job richtig erledigt. Er schüttelte den Kopf beim Gedanken an diese Dummheit.

Plötzlich zeigte sein Handy den Empfang einer Nachricht an.

Wir sind stolz. Du hast dich großartig geschlagen, alles wird dir bald klar erscheinen. Grünes Auto wartet auf der Straße. Komm, Mudschaheddin.

Ezatullah starrte auf die Nachricht. Es war nach all den Stunden kaum zu glauben. Wenn das stimmte, dann hatten sie ihn nicht betrogen. Jetzt, nachdem der Auftrag abgeschlossen war, hatten sie jemanden gesandt, um ihn zu retten und nach Hause zu bringen.

Aber er zögerte. Konnte er ihnen trauen?

Es war durchaus möglich, dachte er. Natürlich würden ihm die Auftraggeber nicht jede Einzelheit des Anschlags mitteilen. Er durfte das große Ganze nicht sehen. Es war eine gefährliche und schwierige Operation, die viele Leute involviert hatte. Die anderen mussten beschützt werden. Wenn Ezatullah gefasst worden wäre, hätte er selbst unter der Folter der CIA nichts preisgeben können, weil er schlichtweg nichts gewusst hätte. Er hatte Geld eingestrichen, er wusste nicht von wem. Er hatte Anweisungen bekommen, er wusste nicht von wem. Er hatte ein Ziel, das sich mehrere Male geändert hatte, und er wusste nicht warum.

„Steh auf“, sagte er zu sich selbst. „Steh auf und geh zu ihnen.“

Er würde hier rauskommen. Er musste nur die Tür öffnen und auf die Straße stolpern. Er war krank, ja, aber sie könnten ihn retten. Sie waren hier in den Vereinigten Staaten. Eine der inoffiziellen und geheimen Kliniken, in der approbationslose Ärzte praktizierten, wäre immer noch eine Außenstelle glanzvoller Modernität im Vergleich zu dem, was in vielen anderen Ländern verfügbar war.

Okay. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Er würde leben, um an einem anderen Tag kämpfen zu können. Sein großes Statement würde er an einem anderen Tag machen, in einer anderen Schlacht.

Er entriegelte die Tür und stieß sie auf. Er war überrascht, wie einfach sie aufschwang. Vielleicht hatte er mehr Kraft als er geglaubt hatte. Er blickte ein letztes Mal zu dem jungen Mohammar.

„Mach’s gut, mein Freund“, sagte er. „Du warst tapfer.“

Irgendwo in nächster Nähe hörte er Sirenen heulen. Sie kamen näher. Vielleicht hatte es einen anderen Anschlag gegeben oder vielleicht war es bloß ein ganz normaler Tag in einem furchtbaren Viertel. Ezatullah drehte seinen Körper und glitt aus dem Wagen. Seine Füße traten in den Dreck des Parkplatzes und er musste feststellen, dass seine Beine recht wacklig waren, trotzdem konnte er stehen. Er tat versuchsweise einen Schritt, dann eine zweiten. Gelobt sei Allah, er konnte laufen.

Er schlug die Wagentür hinter sich zu und atmete tief durch. Das Letzte, was er sah, war der blaue Himmel und das grelle Sonnenlicht eines warmen Junitages.

Kapitel 28

Sie nannten ihn Little Bird. Manchmal auch Flying Egg. Es war der MH-6 Helikopter – schnell und leicht, gelenkig, die Art Helikopter, die nicht viel Platz zum Landen brauchte. Er konnte auf flachen Dächern landen und auf engen Straßen in menschengefüllten Vierteln.  Der Helikopter war unter den Spezialkommandos beliebt und Don hatte einen beschafft, als das Spezialeinsatzkommando gegründet worden war.

Er flog flach über die Straßen, knapp über den elektrischen Leitungen. Luke und Ed saßen auf der hölzernen Bank, die an der Seite angebracht war, ihre Beine baumelten in der Luft. Neben dem Schrottplatz fand der Pilot ein zweistöckiges Betongebäude mit einer Feuerleiter. Er setzte auf und die beiden Männer sprangen hinaus auf das Dach. Drei Sekunden später war der Helikopter schon wieder in der Luft.

Eine Minute später liefen Luke und Ed bereits über den staubigen Platz in Richtung Lieferwagen. Der Platz war voller Polizisten. Sieben oder acht Polizeiwagen parkten auf der Straße und auf dem Bürgersteig, ihre Lichter blinkten. Zwei Feuerwehrwagen waren auch dort. Ein Wagen, der im Fall von Gefahrgütern zum Einsatz kam und einer, der für die Entschärfung von Bomben gebaut worden war, standen auf dem Platz, gelbe Polizeimarkierungen versperrten den Eingang.

In einer Ecke des Platzes durchsuchten Leute in Schutzanzügen den Wagen. Alle seine Türen standen offen. Ein Körper lag auf dem Boden neben der Beifahrertür, eine Blutlache hatte sich dort gebildet. Ein weiterer Körper saß auf dem Fahrersitz.

Fünfzig Meter von dem Lieferwagen entfernt trat ein Polizist vor sie.

„Nicht weiter.“

Luke zeigte ihm sein Polizeiabzeichen. „Agent Stone, FBI Spezialeinsatzkommando.“ Er sagte das in einer Weise, die durchklingen ließ, dass er auch nicht genau wusste, für wen er eigentlich arbeitete. Immerhin hatte er immer noch sein Abzeichen. Das musste reichen.

Der Polizist nickte. „Ich nehme an, Sie sind nicht irgendwer. Die wenigstens kommen einfach mal so mit einem Helikopter angeflogen. Von hier ab gilt das Gebiet als kontaminationsgefährdend. Wenn Sie weiter wollten, sollten Sie Schutzanzüge anziehen.“

Luke hatte keine Lust, zwanzig weitere Minuten damit zuzubringen einen Schutzanzug anzulegen. Er deutete auf den Mann neben dem Lieferwagen. „Haben Sie eine Ahnung, was hier passiert ist?“

Der Polizist grinste. „Ich habe da schon ein paar Dinge gehört.“

„Wie sind sie gestorben?“

Der Polizist deutete mit dem Finger auf etwas. „Dem auf dem Boden wurde in den Kopf geschossen. Waffe mit großem Kaliber, abgefeuert aus größerer Entfernung.  Die Kugel hat einen großen Teil seines Gehirns und Schädels erwischt, als sie ausgetreten ist. Der Typ hatte Glück – er hat wahrscheinlich nicht gewusst, was ihn da traf.“

„Jemand hat ihn erschossen?“, fragte Ed.

„Wenn Sie näher dran wären, würden Sie mir diese Frage nicht stellen. Gehirnmatsch überall auf dem Boden. Sieht aus als hätte jemand einen Teller Guacamole fallen lassen.“

„Er hat sich nicht selbst erschossen?“

Der Polizist zuckte die Schultern. „Alles, was ich weiß, hab ich von den Ballistikern. Sie haben ein paar Sachen berechnet und werden ein Computermodel erstellen, aber auf den ersten Blick glauben sie, dass es sich um einen Schützen handelt, der von einem der umliegenden Dächer geschossen hat.“

Luke blickte sich um. Es war ein Viertel, das hauptsächlich aus zwei- und dreistöckigen Wohnhäusern, Maschinenläden und Lagerhäusern bestand. Es gab Alkoholfachverkäufer, Scheckeinlösestellen und Läden für den Ankauf von Gold auf Höhe der Straße. Er drehte sich um und blickte zu dem Mann.

„Sie sagen, er sei von einem Scharfschützen erledigt worden? Wer würde einen Scharfschützen auf eines dieser Gebäude neben der Polizei stellen?“

Der Polizist hob die Hände. „Ich mache nur meinen Job hier. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir es nicht waren. Wir hatten Anweisungen, den Typen möglichst lebendig festzunehmen und der Typ auf dem Boden war bereits tot, als der erste Polizist hier aufkreuzte.“

„Was ist mit dem Anderen?“

„Dem Fahrer? Sieht nach Strahlungskrankheit aus oder er hat irgendwas anderes genommen. Es gibt auf jeden Fall keine offensichtlichen Schuss- oder Stichverletzungen. Kein Blut. Er sitzt einfach da, am Steuer, als hätte er den Wagen geparkt und wäre gestorben. Sie werden noch ein toxikologisches Gutachten für ihn erstellen, aber das kann eine Weile dauern. Wegen all der Strahlung kann es noch ein paar Stunden dauern, bis sie die Leichen überhaupt hier heraustransportieren können.“

„Hatten sie irgendwelche Geräte dabei?“, fragte Ed. „Handy, Tablet, Laptop?“

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Soweit haben wir nichts gefunden. Klingt seltsam, nicht wahr? Zwei Jungs auf Mission ohne Kontakt zum Mutterschiff?“

„Haben sie Fingerabdrücke genommen?“, fragte Luke.

Der Kopf nickte. „Das und auch DNA. Das war eines der ersten Dinge, die sie gemacht haben, als die Leute in den Schutzanzügen hier ankamen.“

„Danke.“

Luke und Ed liefen zurück zum Gebäude, wo der Helikopter gelandet war. „Genau davor hatte ich Angst“, sagte Luke. „Von Ali Nassar abgesehen waren diese Jungs hier die einzige verbleibende Verbindung zu wer auch immer das Weiße Haus angegriffen hat. Es waren mit Sicherheit nicht sie.“

„Was vermutest du?“, fragte Ed. „War die ganze Geschichte mit dem radioaktiven Müll dann nur eine Ablenkung?“

„Vielleicht. Oder es war ein Plan B, der schief gelaufen ist. Keine Ahnung.“

Luke nahm sei Satellitentelefon. Er und Trudy hatten jetzt auf Satellitentelefon umgestellte. Diese waren nur gegenüber schlechtem Wetter empfindlich und funktionierten auch dann noch, wenn die Kommunikationsnetze zusammenbrachen, so wie es gerade an der Ostküste geschehen war.

Er wartete, bis das Telefon sich mit dem Satelliten angefreundet hatte und den Verbindungsaufbau mit Trudy startete. Piep… Piep… Piep… Satellitentelefone machten ihn immer ein wenig misstrauisch. Er wusste, dass das albern war. Es war ein Überbleibsel aus der Zeit, als es Drohnen mit Hilfe der Satellitenverbindung erleichtert wurde, Bodenziele anzugreifen. Damals war jemand mit einem Satellitentelefon ein echter Gefahrenposten gewesen. Aber heutzutage spielte das keine Rolle mehr. Die neusten Drohnen konnten sich  Handys, Laptops, fast alles, was mit GPS funktionierte zunutze machen.

„Hallo?“, fragte eine Stimme. Es war Trudy. Sie hörte sich an als würde sie auf dem Boden einer Blechbüchse sitzen. „Luke?“

„Trudy, hör zu! Wir sind jetzt bei dem Lieferwagen. Es gibt zwei Verdächtige, beide sind tot. Ein Polizist hat mir gesagt, dass sie DNA und Fingerabdrücke haben. Setz dich mit wem auch immer in Verbindung, der da dransitzt. Wenn die Ergebnisse reinkommen, will ich sie haben.“

„Werde ich, Luke. Aber hör mal. Swann hört hier fast in Echtzeit mit, was in der iranischen Vertretung passiert. Sie werden Ali Nassar heute noch zum Flughafen bringen. Sie wollen ihn aus dem Land schaffen. Alles deutet darauf hin, dass sein Jet eine Abflugerlaubnis für 15.30 Uhr bekommen hat.“

Luke blickte auf seine Uhr. Es war 14.05 Uhr.

„Himmel. Können wir ihn irgendwie aufhalten?“

„Ich habe mit Ron Begley darüber gesprochen“, sagte sie. „Er hat gelacht. Er sagte, dass der Verfassungsschutz ihn nicht anfassen wird. Nach ihrem Verständnis ist der Mann Diplomat und hatte nichts mit dem Anschlag zu tun. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Iran eine Rolle dabei gespielt hat und sie wollen heute keinen zweiten internationalen Skandal riskieren.“

„Verdammt!“, sagte Luke. Nassar war die eine noch verbleibende Verbindung zu dem Anschlag, und Ron Begley würde ihn einfach entkommen lassen. „Verdammte… was ist mit der lokalen Polizei?“

„Keine Chance“, sagte sie. „Sie haben bereits klargemacht, dass, wenn der Verfassungsschutz ihn nicht will, sie keine Befugnis haben. Außerdem sind sie schlichtweg mit der Situation überfordert. Die gesamte Polizei ist mobilisiert worden, jeder Bahnhof und jeder öffentliche Platz wird überwacht. Ali Nassar ist deine Sache, Luke. Niemand sonst schert sich um ihn.“

„Dann sei es so“, sagte Luke. „Dann werde ich ihn selbst stoppen.“

„Wo?“, fragte sie.

Luke schüttelte seinen Kopf und bemerkte, dass sie ihn gar nicht sehen konnte. „Nein. Wir sind auf dem Weg zurück nach New York. Wenn wir die Vertretung stürmen, müssten wir gerade noch rechtzeitig kommen. Ich will, dass die Leute vor der iranischen Vertretung sofort Bescheid geben, wenn Nassar das Gebäude verlässt.“

„Außerdem gibt es da noch ein paar mehr Sachen, die du wissen solltest“, sagte Trudy. „Sie werden in einem bewaffneten Konvoi aus Geländewagen zum Flughafen fahren.“

„Das würde ich nicht anders machen“, sagte Luke. „Stell sicher, dass unsere Leute wissen, wie Nassar aussieht. Wenn es mehr als einen Konvoi gibt, will ich das wissen und ich will eine Einschätzung haben, in welchem Konvoi er mit größter Wahrscheinlichkeit sitzt. Und wenn sie sich was ausdenken müssen, wie sie den Wagen anhalten und feststellen, wer darin sitzt. Eine getürkte Polizeikontrolle wäre eine Möglichkeit, ist mir egal. Sag Swann, er soll ein paar seiner Spielzeugdrohnen in die Luft schicken und bereit sein, möglicherweise mehreren Konvois zu folgen. Finde heraus, wie nah sie mit den Kameras da rankommt.“

„Luke, noch etwas anderes. Nassar hat eine fünfjährige Tochter. Die Mutter ist Libanesin und lebt hier in New York. Sie werden alle zusammen das Land verlassen. Sie werden also wahrscheinlich auch mit in seinem Auto sitzen.“

Luke sagte kein Wort. Er fühlte einen Stein im Magen bei dem Gedanken, dass das Mädchen mit im Auto sein würde. Warum musste es auch immer irgendein Problem geben? Warum konnte nicht einmal alles glatt laufen?

Neben ihm rief Ed gerade den Helikopter zurück. Einen Moment später konnte Luke ihn bereits sehen, ein schwarzes Insekt in der Ferne, das sich rasch näherte und jede Sekunde größer wurde. Er und Ed liefen auf die Feuertreppe zu und kletterten sie hinauf.

„Eröffne das Schussfeuer nicht gleich, wenn du reingehst“, sagte Trudy. „Das will ich dir nur gesagt haben.“

„Das war doch noch nie der Fall.“

„Nie?“

Luke grinste. „Nein. Das überlasse ich voll und ganz Ed.“

Kapitel 29

14.35 Uhr

Mount Weather Notfalleinsatzzentrale – Bluemont, Virginia

Das Meeting war chaotisch. Es zog sich bereits seit über einer Stunde hin.

Thomas Hayes versuchte einen wildgewordenen und verängstigten Haufen wieder unter Kontrolle zu bringen. Es funktionierte nicht. Fast alle waren sie kluge, intelligente und kreative Leute, normalerweise die besten und hellsten. Aber die Angst hatte ihre Kreativität lahm gelegt und sie erstickte jegliche Anstrengung, Initiative zu ergreifen. Sie bekamen es nicht einmal auf die Reihe herauszufinden wo die fehlenden Leute gerade noch steckten. Hayes konnte kaum glauben, wie unorganisiert die Evakuierung vonstatten gegangen war.

Es war hilfreich die bekannten Informationen zusammenzutragen. „Sir, um ungefähr 12.30 Uhr hat der Kommandoposten der Luftwaffe Codename Nightwatch vom Stützpunkt Andrews abgehoben und fliegt seitdem Richtung Westen. Er befindet sich derzeit über dem Osten von Missouri in zwölftausend Metern Höhe.“

Hayes blickte über den Konferenztisch in eine Reihe leerer Gesichter.

„Wer hat das angeordnet?“

Niemand sprach ein Wort. Nightwatch sollte nur im Falle eines nuklearen Anschlags aktiviert werden. Die Codes für die Raketen befanden sich an Bord.

Hayes blickte streng in die Runde. Ein Geheimdienstmitarbeiter stand in der Nähe der Tür und hielt einen Lederkoffer in der Hand. Der Koffer war mit einer Stahlkette an seinem Handgelenk befestigt. Hayes wusste, dass der Koffer ein Aluminium ZERO Halliburton Koffer war. Er grunzte innerlich vor Freude. ZERO Halliburton, das lange Hersteller des Atomkoffers des Präsidenten gewesen war, war jetzt eine Tochtergesellschaft eines japanischen Taschenherstellers. Traditionen waren eine seltsame Sache.

Hayes blickte zu seinem Berater. „Junge, befinden wir uns, unseres Wissens nach, im Krieg?“

„Nein, Sir.“

„Wer ist dann bitte an Bord dieses verdammten Flugzeuges?“

„Sir, der Senator von Kansas Edward Graves ist an Bord zusammen mit einer Handvoll von Pentagon Offiziellen.“

Thomas Hayes ließ seine Schultern hängen. Ed Graves war Vorsitzender des Komitees der Streitkräfte im Senat und zählte zu den wohl dümmsten Mitgliedern beider Gremien des Kongresses.

Der Mann hatte die geistige Kapazität eines Baumstumpfes. Er war nie in einen Krieg oder ein Grenzscharmützel involviert gewesen. Die Tatsache, dass das Nightwatch Flugzeug gebaut worden war, um dem Präsidenten einen Vergeltungsschlag im Falle eines nuklearen Schlags zu ermöglichen, machte es in den Händen von Ed Graves zu einem gefährlichen Instrument. Himmel, wahrscheinlich glaube er zum Präsidenten aufgestiegen zu sein, nur weil er jetzt in dem Flugzeug saß.

Hayes wandte sich an den gesamten Raum. „Kann mir bitte jemand den Gefallen tun und ihn da runterholen? In St. Louis, Kansas City was auch immer nah dran ist. Sagt ihm, ich hätte das angeordnet.“

Hayes rieb sich die Stirn. Er war müde und hatte Kopfschmerzen.

David Halstram saß in einer Ecke des Raumes. Er war hereingekommen als er gesehen hatte in welchem Zustand sich Hayes befand.

„Alles klar, herhören bitte! Lassen Sie es uns angehen. Doch davor würde ich eine halbstündige Pause vorschlagen, alle können sich frisch machen, einen Kaffee trinken, entspannen, was immer Ihnen angenehm ist.“ Er blickte auf seine Uhr. „Das hieße, dass wir uns hier um genau 14.50 Uhr wiedertreffen. Oder wissen Sie was? Sagen wir vierzig Minuten und wir treffen uns Punkt 15 Uhr hier wieder. Es geht hier um schwerwiegende Probleme, ich weiß, aber diese Probleme werden sich sicherlich nicht in Luft auflösen, sondern in vierzig Minuten immer noch geduldig auf uns warten.“

„Danke, David“, sagte Hayes. „Das ist eine gute Idee.“

Susan Hopkins hob eine flache Hand in die Höhe. Sie sah aus wie ein STOP Schild. „Thomas, dürfte ich etwas sagen?“

„Susan, kann das nicht warten?“

„Thomas, ich halte es für äußerst wichtig und ich bin mir nicht sicher, dass es bis um drei warten kann.“

Hayes verlor die Geduld. Er hätte jeden angefahren, der ihn jetzt angesprochen hätte. Aber sie war die Vize-Präsidentin und die Absurdität ihrer Beziehung zueinander zehrte noch mehr an seinem Geduldsfaden, als es bei jedem anderen gewesen wäre. Die Worte rutschten ihm heraus, noch bevor er sie zu fassen bekam.

„Wir sind hier nicht bei einem Kochwettbewerb, Susan. Und du organisierst hier auch keine Modenschau. Was ist bitte so wichtig, dass es nicht warten könnte?“

Sie erwiderte kein Wort. Ihr Gesicht verfärbte sich dunkelrot. Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und verließ den Raum.

Kapitel 30

15.15 Uhr

In der Luft – Bezirk Queens, New York

Der Helikopter hatte Staten Island und die Verrazano-Narrows bereits hinter sich gelassen und befand sich jetzt über Brooklyn. Sie flogen gerade Richtung Osten entlang der Ozeanstrände, niedrig und schnell rauschten sie über den Boden. Bald würden sie nach links ausscheren und gen Norden entlang der Van Wyck Schnellstraße fliegen.

Luke und Ed saßen eng gedrängt im Frachtraum des Helikopters. In New Jersey hatten sie sich eine weitere Dexedrine eingeworfen. Sie begann Wirkung zu zeigen.

Es war ein langer und brutaler Tag gewesen. Luke war schlicht und ergreifend zu lange wach. Er war gewürgt, angegriffen, getreten, geschlagen worden, auf ihn war geschossen worden und ja, er wäre fast in die Luft gesprengt worden. Er war von seinem Job suspendiert und des Mordes bezichtigt worden. Aber mit der Wirkung der Dexies fühlte er seinen Optimismus vorsichtig zurückkommen. Immerhin hatte er das Leben des Präsidenten der Vereinigten Staaten gerettet. Das musste doch etwas wert sein.

Der Helikopter war winzig. Er konnte seine Hand ausstrecken und beide Piloten erreichen. Er zwängte seinen Kopf zwischen ihnen hindurch. Es waren Jacob und Rachel, die Piloten von heute Morgen.

„Seid ihr bereit, das Ding hier zu fliegen?“, schrie er.

Hinter ihm saß Ed in der Nähe der offenen Frachttür, er lud dreißig Magazine für ein M4 Sturmgewehr. Ein kleiner Berg türmte sich neben ihm.

„Sind wir nicht schon mittendrin?“, fragte Rachel.

Luke mochte Rachel. Sie hatte dunkles rotbraunes Haar. Sie war muskulös so wie die Frauen auf den alten Rosie the Riveter Postern. Natürlich war sie das. Sie beherrschte einen Mix verschiedener Kampftechniken. Stramme Arme, stramme Beine, sie musste die Hölle im stählernen Käfig sein.

„Ed könnte übernehmen“, sagte Luke. „Aber ich brauche ihn an der M4. Ich meine nur, seid ihr bereit, dieses Ding so zu fliegen, wie ihr es in der Armee der Vereinigten Staaten gelernt habt? Es wird happig werden.“

„Wir sind bereit, Luke“, sagte Jacob. Jacob war so ziemlich das Gegenteil von Rachel. Er war schlank und lang. Er sah gar nicht nach dem Prototyp eines Elitesoldaten aus. Leute, die für Spezialeinheiten arbeiteten, konnte man gewöhnlich schon am Erscheinungsbild erkennen. Wahrscheinlich hätten weder Delta, noch SOAR, noch die Rangers oder SEALS ihn genommen. Was ihn auszeichnete, war jedoch, neben seiner überbordenden Ruhe, die Tatsache, dass er zu den wohl zehn besten noch lebenden Helikopterpiloten auf diesem Planten zählte.

Rachel nickte. „Du weißt genau, dass wir bereit sind.“

„Gut. Ein Konvoi aus Geländewagen ist auf dem Weg zum Kennedy Flughafen. Dort wird er aber nie ankommen, weil wir ihn stoppen werden.“

„Gibt es da sonst noch jemanden außer uns?“, fragte Jacob.

„Swann hat ein paar kleinere Drohnen losgeschickt, die für uns die Gegend sichten. Ein paar unserer Autos hat er sicherlich auch losgeschickt. Davon abgesehen, ich und der große Kerl mit dem großen Gewehr dort hinten.“

„Was habt ihr vor?“

Luke grinste. „Ich bin der Anführer der Cheerleader. Halte die Sprechanlage frei und höre auf meine Schreie.“

„Hey, Luke“, rief Rachel. „Als ich aufgehört habe bei SOAR zu arbeiten hat der erste Offizier mich gefragt, was ich mit dem Rest meines Lebens anstellen wolle. Weißt du, was ich gesagt habe? Ich habe gesagt, dass ich für das Spezialeinsatzkommando arbeiten wollen würde. Weißt du warum? Weil dort Luke Stone arbeitete. So viele Jahre, die ich Helikopter geflogen war und nie hatte ich die Gelegenheit zu sterben. Ich hoffte, dass Luke das vielleicht ändern könne.“

„Du gefällst mir“, sagte Luke.

„Übrigens“, sagte Jacob. „Das ist ein Gebiet voller Zivilisten.“

Luke nickte. „Deshalb müssen wir das auch ohne zu schießen auf die Reihe bekommen.“

Einen Moment später piepste Lukes Satellitentelefon. Er ging ran und hielt das Telefon dicht an sein Ohr.

„Swann? Was passiert vor Ort?“

„Wir beobachten sie. Sie haben die Vertretung vor etwa fünfzehn Minuten verlassen.“

„Und?“

„Sie haben anscheinend nicht mitbekommen, dass wir mitgehört haben“, sagte Swann. „Das ist das einzige, was Sinn ergibt. Sie sind mit einem Konvoi los. Zwei Range Rovers, dazwischen ein großer schwarzer Lincoln Navigator. Nassar ist zu neunzig Prozent in dem Lincoln. Sie sind geradewegs zum Midtown Tunnel gefahren und haben dort am Checkpoint gehalten. Die Polizisten haben ihre Identitäten überprüft und sie durchgewunken. Ich habe sie auf der anderen Seite mit einer Drohne wieder abgefangen. Ich beobachte sie jetzt. Sie sind gerade auf die Van Wyck gewechselt und fahren Richtung Flughafen. Zwei Geländewagen sind an ihnen dran und folgen ihnen im zwei Kilometer Abstand.“

„Sonst kam niemand aus der Vertretung?“, schrie Luke in das Telefon.

„Zwei Beamte sind noch dort“, sagte Swann. „Niemand ist soweit dort herausgekommen. Ich glaube, dass es besagter Konvoi ist, in dem er sitzt. Sie wissen nicht, dass wir gelauscht haben und sie haben keinen Schimmer, dass wir an ihnen dran sind. Sie haben nicht einmal versucht, uns in die Irre zu führen.“

„Na gut“, sagte Luke. Er überprüfte die Straße unter ihnen. Der Helikopter flog Richtung Norden, westlich des Highways. Der Konvoi fuhr gen Süden. Ihre Wege sollten sich jeden Moment kreuzen. Der Verkehr war sonderbar ruhig und die Autos fuhren in hohem Tempo. Nach wie vor versuchte jeder so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, bevor die Welt endete.“

„Was hast du vor?“, fragte Swann.

„Wir werden sie auf den Seitenstreifen drängen“, sagte Luke. „So wie das Polizisten mit Rasern machen. Wenn ich dir ein Zeichen gebe, lass unsere Geländewagen mit Licht und Sirene auf sie los. Wir werden sie einkesseln und ihnen eine Waffe an den Kopf halten. Ich denke, das sollte genügen.“

„Okay“, sagte Swann. „Ich bin auf Standby.“

In diesem Moment rauschte ein weißer Range Rover unter Luke vorbei, gefolgt von einem schwarzen Navigator. Ein zweiter weißer Range Rover bildete das Schlusslicht des Gespanns. Sie fuhren schnell. Der Helikopter schoss an ihnen vorbei. Luke pochte auf Rachels Helm.

„Seht ihr das?“

„Haben wir“, sagte Rachel.

„Das ist unser Ziel“, sagte Luke. „Lass uns die Richtung wechseln.“

Der Helikopter drehte, ging in Schräglage und flog gen Süden.

„Swann, schick die Geländewagen los.“

„So gut wie unterwegs“, sagte Swann.

Unter ihnen tat sich etwas, zwei schwarze Geländewagen waren noch etwa einen halben Kilometer entfernt und näherten sich mit großer Geschwindigkeit. Ihre Frontscheiben reflektierten die roten und blauen Lichter der Sirene. Ihre Fahrer drückten das Gaspedal durch und nach wenigen Sekunden hatten sie auf hundertsechzig Kilometer pro Stunde beschleunigt.

Der Helikopter war schneller.

Luke blickte zu Newsam. „Hast du die Waffe bereit?“

Ed zeigte ein geisterhaftes Grinsen. Er liebkoste den Gewehrlauf. „Diese alte Knarre? Wir kennen einander schon sehr lange.“ Er trug gelb eingefärbte Brillengläser. Er hatte einen Gehörschutz aufgesetzt. Er glitt aus der Frachtraumtür, bis er auf der Außenbank saß. Er schnallte sich fest.

Sie beobachteten, wie die Geländewagen dem Konvoi immer näher kamen. Das alles passierte innerhalb weniger Kilometer. Die Range Rover und der große Navigator sahen die Lichter kommen und schwenkten auf den Seitenstreifen des Highways. Die Geländewagen kamen hinter ihnen zu stehen. Mit einem Meter Abstand rauschte der Verkehr an ihnen auf der rechten Seite vorbei.

„Das war einfach“, schrie Newsam von draußen.

„Ja“, sagte Luke. „Zu einfach.“

Der Helikopter war dabei zu landen. Er schwebte fünfzehn Meter über dem Boden und war etwa dreißig Meter vom ersten der Wagen entfernt.

„Swann, wir wollen nur Nassar, sonst niemanden. Wenn er in dem Navigator ist, dann sollen deine Jungs ihn einfach rausholen und wegbringen.“

„Alles klar, Luke.“

Zwei der Leute aus den Geländewagen liefen auf jeweils einer Seite der Autoreihe entlang. Sie bewegten sich schnell und hatten ihre Waffen gezückt. Sie bewegten sich auf das mittlere Auto zu, den schwarzen Lincoln. Der Mann auf der Seite des Seitenstreifens hämmerte gegen die Tür. Nichts geschah. Niemand kam heraus.

Luke tippte Ed an. „Halt deine Waffe drauf! Das gefällt mir gar nicht. Zwei Männer reichen nicht.“

Newsam hob die Waffe und zielte. „Hab ihn.“

„Swann! Gib mir zwei Männer mehr für den Wagen.“

Ohne Warnung öffnete sich die Hintertür des ersten Range Rovers. Ein Mann mit Maschinenpistole kam heraus und eröffnete das Feuer. Luke konnte das hässliche Rattern der Maschinenpistole hören. Der erste Mann wurde von dem Feuerhagel niedergeschossen. Der zweite Agent duckte sich und rannte zurück zum Wagen.

„Mann am Boden!“, schrie Swann. „Mann am Boden! Scheiße. Trudy, ruf die 911. Wir brauchen einen Krankenwagen. Verdammte Scheiße.“

Der Mann aus dem Range Rover spazierte langsam in Richtung des verletzten Agenten. Er schob seine Maschinenpistole zur Seite. Sie hing jetzt auf seinem Rücken. Er zog eine Handfeuerwaffe aus seiner Jacke hervor und zielte auf den Kopf des Agenten.

„Ed!“ rief Luke. „Lass das nicht zu.“

Das plötzliche Gewitter der M4 war erderschütternd neben Lukes Kopf. Er duckte sich weg, seine Ohren klingelten. Newsam glich den Rückstoß gekonnt aus, seine Muskeln spielten, sein Gesicht war eine leblose Maske.

Er konzentrierte sich voll darauf. Eine Reihe Kugeln trafen den Range Rover. Der vordere linke Reifen explodierte und die Windschutzscheibe zerbarst. Der Mann mit der Handfeuerwaffe erzitterte nur eine Sekunde und fiel neben den Mann, den er gerade hatte töten wollen, zu Boden. Der Agent, verletzt, aber lebendig, begann in Richtung eines Entwässerungsgrabens zu kriechen.

„Dein Mann bewegt sich, Swann. Er lebt. Schick jemanden, der ihn da rausholt.“

Der erste Range Rover war aus dem Gefecht gezogen. Eine dichte Wolke dampfte aus dem Kühler. Dahinter zog der Navigator scharf zurück auf die Straße, der zweite Range Rover war direkt hinter ihm. Beide Wagen drehten ab und rasten den Highway hinab. Das alles passierte innerhalb von Sekunden. Ein Geländewagen scherte aus und folgte ihnen.

Der Navigator zog gerade unter ihnen vorbei. Der Helikopter befand sich auf der Breitseite der Straße, die Frachttür stand weit offen. Ed saß draußen auf der Bank. Der Range Rover kam. Zu spät sah Luke die Gewehrmünder aus den Fenstern der Rückbank blinken.

„Achtung! Beschuss!“

Ein Gewehrfeuer wie ein Schwarm verärgerter Wespen brach um sie herum aus. Luke legte sich flach auf den Boden. Etwas streifte seine rechte Schulter. Ein Riss, dann ein stechender Schmerz. Metall wurde zerfetzt. Glas zersplitterte. Ed Newsam schrie.

Luke kroch zu ihm. Er griff Ed unter den Schultern und zog ihn zurück in den Helikopter.

Eds Gesicht war von Schmerz verzerrt. Sein Blick war wild und entfesselt. Er atmete schnell. „Ich wurde getroffen“, sagte er. „Scheiße, das tut weh.“

„Wo genau?“

„Keine Ahnung. Überall.“

Eine Stimme drang durch die Gegensprechanlage. Es war Jacob. „Luke, die rechte Seite unserer Windschutzscheibe ist weg. Der Feuerhagel hat sie zerschmolzen.“ Er klang ganz entspannt, als würde er von einem ruhigen Wochenende daheim erzählen.

„Ist jemand verletzt?“, schrie Luke.

„Ähm, wir sitzen in einem Scherbenhaufen, aber sind soweit okay. Die Windschutzscheibe wird hohe Geschwindigkeiten wohl nicht mehr mitmachen.“

„Ed wurde getroffen“, sagte Luke.

„Tut mir leid. Wie schlimm ist es?“

„Ich weiß es nicht.“ Luke zog sein Messer heraus und begann Eds Jumpsuit aufzuschneiden.

Ein schwarzes Innenfutter kam darunter zum Vorschein. Eine beschusshemmende Weste. Das war überraschend. Luke hatte gar nicht daran gedacht, eine anzuziehen. Er fasste sie an.

„Ist dir in dem Ding nicht heiß?“

Ed zuckte die Schultern. Vor Schmerzen traten ihm Tränen in seine Augen.

„Stylisch“, brachte er heraus.

„Ja. Mehr als nur stylisch. Das Ding hat dir dein Leben gerettet.“

Luke fühlte unter der Weste nach. Nichts war durchgedrungen. Seine Hände tasteten Eds Körper ab. Eds rechten Arm und seine Schulter hatte es schwer erwischt. Ein großer Teil seines rechten Oberschenkels war zerfetzt. Die rechte Ecke seines Beckens war getroffen worden. Sein Jumpsuit war an dieser Stelle zerrissen und von Blut durchdrängt. Wenn Luke die Stelle berührte, fing Ed wieder an zu schreien.

„Okay“, sagte Luke. „Das sieht nicht gut aus.“

„Hast du gerade gehört, wie ich geschrien habe?“, fragte Ed mit zusammengebissenen Zähnen. „Klang wie ein Mädchen.“

„Ich weiß“, sagte Luke. „Ich schäme mich für dich. Vor allem, weil du das hier überleben wirst und ich dann allen bis ans Ende meines Lebens von diesem Schrei erzählen werde.“

Der Helikopter drehte sich und flog nun wieder Richtung Süden, den Autos folgend. Luke stand auf und nahm den Erste-Hilfe-Koffer von der Wand. Er beugte sich über Ed und begann sogleich dessen Wunden zu desinfizieren. Eds Körper verkrampfte sich, als das Desinfektionszeug mit seiner Haut in Berührung kam.

„Es tut weh“, sagte Ed. „Sehr sogar.“

Luke wollte gar nicht erst an die Sorte Schmerz denken, die einem Mann wie Ed so sehr zusetzte. „Ich weiß“, sagte er. „Ich werde dir eine Tablette geben. Das wird den Schmerz stillen, dich aber auch aus dem Verkehr ziehen.“

Ed schüttelte den Kopf.

„Hilf mir nur nach draußen. Ich krieg das mit der Waffe hin. Ich schnall mich an der Tür fest, das wird gehen. Ich werde schon nicht herausfallen.“

„Ed…“ Luke blickte durch die Tür. Sie flogen schnell und niedrig. Der Highway war direkt unter ihnen. Aus seiner Sicht vom Boden aus konnte er nicht sehen, wo die Autos sich gerade befanden. Er streckte seinen Kopf aus der Seitentür und blickte auf die Straße vor ihm.

Der Oberkörper eines Mannes lehnte aus dem Beifahrerfenster des Range Rovers, dabei richtete er eine Maschinenpistole auf sie.

„Was zur Hölle.“

Luke wich zurück, als erneut ein Kugelhagel losbrach, der das Metall zerbeulte.  Er und Ed lagen sich Auge in Auge auf dem Boden gegenüber. Luke kniete sich wieder hin. „Ich werde mich nicht mit dir streiten, Ed. Dafür habe ich jetzt keine Zeit.“

Ed schüttelte heftig den Kopf. „Dann hör auf zu streiten.“

Wieder traf ein Kugelgewitter den Helikopter. Vorne zersplitterte noch mehr Glas.

„Luke, unsere Anzeigen funktionieren nicht mehr. Noch solch ein Treffer und wir verlieren den Bird in einer Minute.“

„Versuche auszuweichen“, sagte Luke

Der Helikopter zog abrupt nach oben. Er stieg steil in die Höhe und flog eine scharfe Linkskurve. Luke fiel zur Seite um. Er klammerte sich an den Boden, seine Finger griffen nach den Metalllamellen. Wieder brach das Gewehrfeuer los, aber dieses Mal schien es weiter weg zu sein.

Ein Alarm ging im Cockpit los.

PIEP,PIEP,PIEP…

Jacobs Stimme drang zu Luke: „Luke, wir mussten einen Notruf senden. Einer der Rotoren wurde getroffen. Er eiert ganz schön. Das hatte ich schon einmal. Das geht nicht lange gut. Wir müssen landen, sonst stürzen wir ab, nach unten geht es so oder so.“

„Wie lange haben wir noch?“

„Neunzig Sekunden. Vielleicht. Je länger wir warten, desto unweicher wird die Landung.“

Luke ließ die Schultern hängen. War es das jetzt? Würden die Iraner wirklich so entkommen? Was glaubten die eigentlich, sie könnten sich ihren Weg zum Flughafen einfach frei feuern an Bord gehen und wegfliegen?

Luke kletterte wieder auf seine Füße. Er blickte durch das Cockpit. Die Windschutzscheibe war verschwunden. Eine matt gewordene Glasscheibe war herausgebrochen. Rachel griff gerade nach ihr mit ihren behandschuhten Händen, zog sie in das Cockpit und schob sie zur Seite. Der Steuerknüppel vibrierte in Jacobs Hand.

Er klopfe Jacob auf den Helm.

„Schmeiß das Ding auf den Navigator!“, schrie er. „Gib mir zwei Sekunden hier rauszukommen, dann lande.“

PIEP,PIEP,PIEP…

Luke lehnte Ed nun doch an die Außenbank. Er hatte keine Wahl.

„Du weißt was du tust?“

Ed nickte. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er wirkte plötzlich sehr müde. „Ich halte dich für verrückt, aber ja, ich weiß schon.“

„Wie ist der Plan?“

„Sobald du unten bist, ziehen wir nach vorne und schmeißen die Windschutzscheibe raus.“

„Super“, sagte Luke. „Aber nicht den Fahrer erwischen.“

„Ich werde es versuchen.“

Sie waren hundertfünfzig Meter über dem Boden und etwa einen halben Kilometer außer Reichweite des Range Rover Schützen. Der gefährlichste Moment war der, in dem sie einen Bogen schlagen und sich wieder in Schussweite befinden würden. Aus der Entfernung und weit unter ihnen konnte Luke die Autos beobachten. Gerade war ein Polizeiwagen auf den Highway gefahren, sein Licht drehte sich. Knapp zwei Kilometer dahinter kamen zwei weitere Polizeiwagen.

Er schrie zu Jacob. „Ich bin bereit, wenn du es bist!“

Sofort drehte der Helikopter steil nach links ab und verlor an Höhe. Sie waren jetzt vor den Wagen. Sie verloren alle paar Sekunden dreißig Meter. Sie waren schnell. Einhundert Meter. Fünfzig Meter. Ein Schütze tauchte aus dem Inneren des Range Rovers auf. Er zielte mit seiner Waffe auf den Helikopter.

„Gib es dem Bastard!“, schrie Luke.

Das ließ sich Ed nicht zwei Mal sagen, das Gewehr ratterte. Die Tür des Range Rovers wurde nach innengedrückt, wie eine Bierdose in einer unsichtbaren Hand. Der Kopf des Mannes wurde zerschmettert. Er ließ seine Waffe fallen, fiel in sich zusammen und kippte um. Sein Gewehr krachte auf die Straße.

„Okay, jetzt lass mich raus.“

Der Helikopter verlor abermals an Höhe und bewegte sich auf die Seite der Straße zu. Er drehte sich, die Helikoptertür zeigte jetzt auf den Navigator. Luke kletterte über Ed auf die Laufplanke. Der Helikopter setzte kurz auf dem Dach des Navigators auf. Er federte einen Meter zurück bevor er ein zweites Mal aufsetzte.

Der Zeitpunkt war gekommen.

Luke sprang.

Kapitel 31

Luke fiel auf seine Hände und Knie und krallte sich am Dachträger des Autos fest.

Der Fahrer musste gehört haben, wie Luke auf dem Dach gelandet war. Der Lincoln begann zwischen den Fahrbahnen zu lavieren, dabei schwang er wie verrückt hin und her und versuchte Luke abzuwerfen. Luke krallte sich mit aller Kraft an den Dachträger, sein Unterkörper schwang von einer Seite zur anderen.

Der Helikopter flog an ihnen vorbei und machte eine scharfe Linkswende. Er schlug einen Haken und kreuzte ihre Fahrtrichtung. Ed befand sich in der Tür, auf der Breitseite von ihnen. Luke zog seinen Kopf ein als die Gewehrmündung begann, Blitze auszuspucken.

Ein Kugelhagel traf die Vorderseite des Wagens. Luke kroch nach vorne. Die rechte Seite der Windschutzscheibe war jetzt nach innen eingedrückt. Er beugte sich über sie und schlug gegen die Überreste des Glases und drückte sie in das Innere des Autos. Im Innenraum schrie irgendwo eine Frau. Ein Kind weinte.

Die Hälfte der Windschutzscheibe fiel in das Wageninnere. Luke schwang seinen Körper herum, drückte seine Beine durch und schlüpfte auf den vorderen Beifahrersitz. Er landete auf dem Schoss des erschossenen Schützes. Der Fahrer fummelte nach seiner Waffe. Er richtete sie auf Luke. Luke ergriff sein Handgelenk und schlug es auf das Armaturenbrett.

Der Mann ließ die Waffe fallen, ohne sie abzufeuern. Sie fiel zwischen seine Beine und auf den Boden der Fahrerseite. Der Mann wendete seinen Blick von der Straße ab und tastete nach ihr auf dem Boden. Luke zog jetzt seine eigene Waffe.

Plötzlich wurde ein Schuss vom Rücksitz abgegeben. Der Knall war in der Enge des Wagens unglaublich laut.

BOOM.

Leute schrien dort hinten. Luke duckte sich und der Kopf des Toten zerbarst. Der Knall hallte in Lukes Ohren wider. Er drehte sich um und blickte zwischen die Sitze. Ali Nassar saß dort mit einer Frau und einem kleinen Mädchen. Sie alle rissen die Augen auf, angsterfüllt und verschreckt. Das kleine Mädchen saß in der Mitte. Hinter ihnen, in der dritten Reihe, saß ein großer Mann mit einem Gewehr.

Der Mann hockte sich hinter den Kopf des kleinen Mädchens. Seine Waffe blitzte über ihrer Schulter. Sie war genau neben dem Gesicht des Mädchens.

Das war seine Gelegenheit die Sache zu beenden. Sein Leben zu retten. Nassar zu fassen.

Aber Luke konnte den Schuss nicht abgeben. Er durfte es nicht riskieren. Nicht mit dem Mädchen dazwischen.

„Ali!“, schrie Luke. „Nehmen Sie die Waffe! Halten Sie ihn auf!“

Ali Nassar blickte Luke mit leeren Augen an.

BOOM. Der Mann feuerte erneut.

Das Mädchen schrie auf, sie kreischte jetzt. Alle auf der Rückbank schrieen.

Die Kugel traf den Torso des Toten. Bald würden die Kugeln durch den Sitz des Mannes in seinen Körper dringen.

Der Fahrer hatte seine Waffe wiedergefunden.

Es blieb ihm nicht anderes übrig. Luke drehte seine Waffe herum. Er hielt den Lauf in der Hand und schwang den Griff. Er hämmerte damit auf den Kopf des Fahrers ein.

Einmal, zweimal, dreimal.

Er duckte sich, als ein weiterer Gewehrschuss durch den Wagen fuhr.

BOOM.

Das Plastik des Armaturenbretts zerbrach, Teile flogen umher. Luke fühlte, wie sie in sein Fleisch schnitten.

Das Auto schlitterte nach links aus, kam vom Highway ab, fuhr auf den Seitenstreifen und über ihn hinweg. Der Fahrer hatte am Steuer das Bewusstsein verloren. Der Wagen fuhr eine Böschung hinab. Er lehnte sich langsam nach links, kippte, kippte… auf zwei Räder. Luke griff nach dem Steuer.

Zu spät. Das Auto rollte. Luke schlug sich seinen Kopf am Armaturenbrett. Dann lag das Auto auf dem Dach. Er krachte mit betäubender Geschwindigkeit in die Decke des Wagens. Er landete auf seinem Rücken. Das verschlug ihm den Atem.

Die Airbags um ihn öffneten sich.

Das Auto rollte weiter. Er wurde wie eine Puppe umhergeschmissen. Er fiel von der Decke. Das letzte, was er fühlte, war sein Kopf, der gegen das Steuer schlug. Dann wurde es dunkel.

Kapitel 32

Ed Newsam beobachte die Szene aus dem Little Bird.

Der Navigator hatte zwei volle Drehungen genommen und war richtig herum auf befestigter Erde gelandet. Seine Reifen waren allesamt platt. Die Windschutzscheibe war weg. An verschiedenen Stellen trat Dampf aus.

Der zweite Range Rover war auf dem Seitenstreifen zum Stehen gekommen. Drei Männer waren dort hinausgesprungen und liefen jetzt mit gezückten und geladenen Waffen die Böschung zum verunglückten Navigator hinunter.

Der Helikopter bewegte sich schnell zur linken Seite. Ed versuchte die Männer ins Visier zu nehmen, aber es gelang ihm nicht. Der Helikopter wackelte. Er ließ trotzdem ein Gewehrfeuer los. Zwei der Männer fielen ins Gras. Der Dritte rannte weiter.

„Notruf, Notruf“, hörte er Jacobs Stimme sagen. „Crashposition einnehmen.“

Ed war mit Lederriemen an der Bank festgeschnallt. Die Vorrichtung war nicht besonders sicher. Der Schmerz im rechten Hüftbereich zermalmte ihn. Hinzu kamen stechende Schmerzen, seine Rippen und die Abschürfungen, die sich über seinen Körper verteilten. Er blickte durch die Tür in den Frachtraum und auf die dortigen Sicherheitsgurte. Er würde es nicht rechtzeitig dort hinein schaffen um sich festzuschnallen. Er ließ seine Waffe in den Innenraum schlittern, griff nach unten und umschlang die Bank so fest er konnte. Das war seine Crashposition.

Vor ihm kam der Boden immer näher. Wenn der Helikopter umkippte, würde er durch die Luft geschleudert. Er würde sich nicht festhalten können. Er würde nach draußen in Richtung der sich drehenden Flügel der Rotoren geschleudert. Er schüttelte den Kopf. Gar nicht gut.

Die Welt zischte mit schwindelerregender Geschwindigkeit an ihm vorbei. Sie waren fünf Meter vom Boden entfernt.

Jacobs Stimme, wie jemand, der gerade eine Pizza bestellte: „Aufschlag in drei, zwei…“

Ed umklammerte die Bank noch fester. Er schloss seine Augen.

Bitte nicht umkippen. Bitte nicht umkippen. Bitte nicht.

*

Lukes Augen brauchten einige Sekunden, um sich wieder scharf zu stellen.

Er saß noch immer vorne. Er war hart aufgeschlagen, seine Stirn war gegen das Steuer geknallt und er war fast blind vor Schmerz. Die Airbags hatten schon keine Luft mehr, weißer Staub hing in der Luft. Sein Kopf lag auf den Beinen des Fahrers. Seine eigenen Beine erstreckten sich über den Toten auf dem Beifahrersitz. Beide hatten ihre Sicherheitsgurte angelegt.

Luke suchte unter dem Fahrersitz in der Nähe der Füße des Mannes. Er fand die Waffe des Mannes und zog sie hervor. Eine Neun-Millimeter-Glock. Großartig. Sie fühlte sich gut in seiner Hand an. Er kämpfte sich in eine Sitzposition. Der vordere Bereich des Wagens war vom zersplitterten Glas der Windschutzscheibe bedeckt. Der Fahrer hatte immer noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt, sein Kopf hing in seinem Sicherheitsgurt.

Vor dem Wagen pirschten sich zwei Männer mit gezogenen Waffen heran.

Luke blickte zum Rücksitz. Ali Nassar und seine kleine Familie waren am Leben und bei Bewusstsein, auch wenn sie etwas benommen waren. Ali Nassars rechte Hand steckte in einem großen weißen Gips.

Das kleine Mädchen war süß, sie trug ein hellgrünes Band in ihrem schwarzen Haar. Sie hatte große braune Augen. Die Frau war gertenschlank und himmlisch schön. Sie wirkte auf Luke wie eine der Frauen, die ihren Tag damit zubrachte, sich Magazine mit der letzten Mode aus Paris und Mailand und dem neusten royalen Klatsch anzusehen. Sie war heute Morgen wahrscheinlich aufgewacht und hatte gedacht, die Welt gesehen und verstanden zu haben. Das hier musste ihr die Augen geöffnet haben. Sie starrte zurück. Luke hatte viele Male Menschen in diesem Zustand gesehen. Die Frau stand unter Schock.

Luke drückte den Fahrersitz nach vorne und kletterte nach hinten zu ihnen. Er kauerte sich hin nur für den Fall, dass einer der Schützen seine Disziplin verlor. Er zwängte sich vor die Füße des Mädchens.

„Sie sind wahnsinnig“, sagte Nassar.

Luke ignorierte ihn. Er blickte zu dem kleinen Mädchen und an ihr vorbei.

Den Mann ganz hinten hatte es übel getroffen, er war entweder bewusstlos oder tot.

„Wie heißt du?“, fragte Luke.

Das Mädchen war starr vor Angst, konnte aber noch sprechen. „Sofia.“

„Still, Kind! Wirst du wohl nicht mit ihm sprechen!“

„Sofia, was für ein schöner Name für ein Mädchen. Okay, Sofia, ich möchte, dass du etwas für mich machst. Es ist ganz einfach. Ich will, dass du dich abschnallst und zu mir kommst.“

Nassar war im Begriff sich selbst abzuschnallen. „Wagen Sie es nicht…“

Luke zielte mit der Waffe auf seinen Kopf. „Noch ein Wort.“

„Bitte tu ihm nicht weh“, sagte Sofia. Tränen begannen über ihre Wangen zu rollen.

„Ich werde ihm nicht weh tun Sofia, aber du musst zu mir kommen.“

Das Mädchen tat, was er gesagt hatte. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und bewegte sich anmutig auf Luke zu, wie ein kleines Tier. Er legte ihr vorsichtig den Arm um, als wäre sie sein eigenes Kind.

Draußen vor dem Wagen stand der Mann mit der Waffe. Sie befanden sich beide auf der selben linken Seite des Wagens. Durch das Fenster richteten sie gegenseitig ihre Waffen aufeinander. Das Fenster war zertrümmert worden. Es brauchte nur einer von ihnen seine Fassung verlieren. Dann würde es ein Blutbad in diesem Auto geben.

„Das ist nah genug!“, schrie er dem Mann entgegen. „Wir haben hier eine Frau und ein Kind. Wenn Sie ihre Waffe benutzen, werden Sie uns alle umbringen.“

Das war ihnen egal. Vor dem Auto ließ einer der Männer sein Maschinengewehr auf den Boden sinken und zog eine Handfeuerwaffe hervor. Er zielte auf das Loch wo einst das Fenster gewesen war.

BOOM!

Glas zersplitterte, als einer von ihnen durch das Loch schoss.

Das Mädchen in Lukes Armen schrie und er sah den Streifen, den die Kugel in dem Ledersitz nur zwei Zentimeter vom Kopf des Mädchens entfernt hinterlassen hatte. Zum Glück hatten sie sie verfehlt. Das nächste Mal hatte sie vielleicht weniger Glück, das wusste er. Seltsamerweise machte sich Luke mehr Sorgen um das Mädchen als um sich selbst.

Als einer der Männer erneut seine Waffe hob, näher kam und in die Dunkelheit des Wageninneren blinzelte, war es das Mädchen an das Luke zuerst dachte. Er hätte einfach schießen können. Er hätte sie beide töten können. Aber er durfte es nicht riskieren. Nicht, wenn sie möglicherweise gefährdet wurde.

BOOM!

Luke griff das Mädchen, wandte sie ab und warf sich, den Bruchteil einer Sekunde bevor der Schuss abgefeuert wurde, schützend über sie.

Luke spürte einen unerträglichen Schmerz in seinem Arm aufflammen, als die Kugel ihn streifte. Das Blut spritzte in alle Richtungen. Aber Luke wusste aus Erfahrung, dass es nur eine Fleischwunde war. Das war ein geringer Preis, den er dafür zahlte, ihr Leben zu retten.

Ihre Mutter kreischte und Nassar schrie: „HÖRT AUF ZU SCHIESSEN, IHR IDIOTEN!“

Luke hörte, wie die Männer erneut ihre Waffen zückten und ihn ins Visier nahmen. Er wusste, dass es seine letzte Chance war.

Er drehte sich, setzte ein Knie auf und schoss zwei Mal. Er wusste, dass diese Schüsse sitzen mussten oder er würde mit dem Leben dafür bezahlen. Er würde keine Zeit für einen dritten Schuss haben.

BOOM. BOOM.

Luke konnte keine Bewegung ausmachen, als sich die Pistolenschüsse gelegt hatten. Endlich war es still. Er blickte nach draußen und sah die zwei toten Männer, zwei perfekte Kopfschüsse.

Er atmete erleichtert auf.

„Sie sind wahnsinnig!“, wiederholte Nassar, seine Stimme bebte und zitterte.

Luke drehte sich zu ihm, blickte ihn finster an und packte ihn bei seinem Hemd.

„Ich will sie hier rausbringen“, sagte er. „Das Mädchen und deine Frau. Weit weg von hier. Es werden vielleicht noch mehr Leute hierherkommen und sie könnten dabei verletzt werden. Das hier ist etwas zwischen dir und mir.“

Nassar nickte seiner Frau zu, doch sie gab nur einen ächzenden Laut von sich.

„ALI!“, schrie Luke und hob die Waffe an seinen Kopf. „JETZT!“

Die Frau fing an zu heulen und auch das Mädchen fing an zu weinen.

Nassar beugte sich zu ihr hinüber und nahm die Frau bei beiden Schultern und begann sie zu schütteln. „Irina! Reiß dich zusammen. Nimm Sofia und geht.“

Die Frau schnallte sich ab. Sie kletterte hinaus und nahm das Mädchen. Die Frau und das Mädchen waren jetzt dreißig Meter entfernt, sie rannten. Dann fünfzig Meter. Luke blickte ihnen eine Sekunde nach. Er atmete tief durch. Er wunderte sich, ob, wenn er jemals eine Tochter haben sollte, sie wohl so wie sie sein würde.

Nassar versuchte aus dem Auto zu fliehen. Zu spät. Luke griff ihn beim T-Shirt und zog ihn zurück. Er schlug die Tür zu und hielt Nassar seine Waffe an den Kopf.

Nassar blickte Luke herausfordernd an.

„Jetzt hörst du mir mal zu“, sagte Luke. „Ich will alles wissen. Für wen du arbeitest. Wie ihr vorgegangen seid. Was als nächstes passieren soll. Alles, kapiert? Wenn ich nur den Hauch einer Lüge ahne, dann schwöre ich bei Gott, dich hier und jetzt zu erschießen.“

„Wenn du mich umbringst, dann verspreche ich dir, dass es das letzte sein wird, was du tust.“

„Rede! Ich zähle bist drei. Ganz so wie beim letzten Mal. Erinnerst du, dich wie das ausgegangen ist? Aber dieses Mal blase ich dir bei drei das Gehirn weg.“

„Du bist geistesgestört! Weißt du das? Du bist…“

„Eins“, sagte Luke.

Draußen sprinteten Männer in Uniform die Böschung hinab. Polizisten. New Yorker Polizisten, Landespolizisten, ein Strom aus Polizisten. Männer in Anzügen waren unter ihnen, wahrscheinlich Leute von der Spezialeinheit. Die Dinge spitzen sich dort draußen zu.

Ihm lief die Zeit davon.

„Zwei…“

Nassar hielt es nicht aus. „Hör auf! Ich werde dir alles erzählen, was du hören willst.“

„Wer steckt hinter der ganzen Sache?“, fragte Luke. „Für wen arbeitest du? Iran?“

Nassar ließ die Schultern fallen. Die Stärke, das Leben schien ihm zu entweichen. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich arbeite für dich.“

Kapitel 33

16.50 Uhr

Hundertsechzehnte Straße Polizeirevier – Queens, New York

Es dauerte über eine Stunde, bis Ali Nassar endlich im Polizeirevier saß.

Während er wartete, telefonierte Luke mit Becca.

„Du bist ein wunderbarer Mann.“

Luke presste seine Stirn gegen die dreckige Wand im Kellergeschoss des Polizeireviers und lauschte der melodischen Stimme seiner Frau. Das Revier war ein übler Ort. Die Leuchtstoffröhren an der Decke waren zu hell. Stimmen und Schritte hallten wider. Weiter unten im Gang lachte jemand gackernd.

„Ich fühle mich nicht gerade wunderbar“, sagte er.

„Bist du aber. Du hast dem Präsidenten heute das Leben gerettet. Das ist unglaublich. Es ist ein Wunder.“

Luke seufzte. Er fühlte sich nicht wie ein Held. Und es fühlte sich auch nicht nach einem Wunder an – eher wie ein Alptraum, der noch immer nicht ausgeträumt war.

„Du bist einfach übermüdet, Luke. Deshalb bist du so niedergeschlagen. Wann hast du das letzte Mal geschlafen, vor dreißig Stunden? Hör mal, Gunner und ich sind wirklich sehr stolz auf dich. Wenn du nach DC zurückkommst, warum fährst du nicht nach Hause, schläfst dich schön aus und fährst dann hierher zu uns? Es ist traumhaft hier. Wir nehmen uns ein paar Tage frei, verbannen alle Uhren und verbringen etwas Zeit miteinander. Wie klingt das?“

„Das klingt verlockend.“

„Ich liebe dich so sehr“, sagte sie.

Luke liebte Becca auch und er wollte sie auch gerne sehen. Er wollte ein paar ruhige Tage mit ihr und Gunner in ihrem Landhaus verbringen. Aber so sehr er das auch wollte, er wusste nicht, wie das möglich sein sollte.

Er durfte ihr nichts sagen. Alles, was er ihr gesagt hatte war, dass er nach dem Briefing mit dem Präsidenten zurück nach New York geflogen war und einer neuen Spur gefolgt war. Er hatte ihr nichts von der Aktion mit dem Helikopter erzählt. Er hatte ihr nicht erzählt, wie er auf das Dach eines hundertsechzig Stundenkilometer fahrenden Autos gesprungen war. Er hatte ihr nicht erzählt, dass er zwei Männer erschossen hatte. Er hatte ihr nicht erzählt, dass der Fall alles andere als abgeschlossen war.

Ein junger Beamter mit ausgedünntem Haar, schiefer Krawatte und hochgekrempelten Ärmeln kam den Gang herunter auf Luke zugelaufen.

„Agent Stone?“

Luke nickte.

„Die Befragung geht gleich los.“

Luke beendete das Gespräch mit Becca und folgte dem Beamten in den Beobachtungsraum.

Der Raum war nur schwach beleuchtet, ein halbes dutzend Männer waren bereits dort. Luke war das Halbdunkel nach dem grellen Licht des Ganges ganz recht.

Der Beamte stellte Luke die drei Männer in dunklen Anzügen und Krawatten vor.

„Sie wollen bestimmt wissen, wer das ist. Das ist Agent Stone vom FBI, das hier sind die Agenten Stern, Smith und Wallace.“

„Wir sind vom Verfassungsschutz“, sagte einer der Männer, während er Lukes Hand schüttelte.

„Kommen Sie von Begley?“, fragte Luke.

Das Lächeln des Mannes ließ etwas nach. „Begley?“

„Ja. Ron Begley.“ Luke formte mit den Händen einen Basketball.

„Runder Typ. Er leitet eine der Einheiten dort drüben, fragen Sie mich bitte nicht welche. Er und ich hatten heute Morgen ein paar kleinere Missverständnisse, weil wir uns uneins darüber waren, Ali Nassar zu verfolgen oder nicht. Ich vermute, er hat seine Meinung geändert.“

Die drei Männer lachten auf. „Wir arbeiten nicht für Ron Begley.“

„Glück gehabt. Da sind Sie sicher besser dran.“

Auf der anderen Seite des Einwegspiegels saß Ali Nassar an einem Metalltisch. Er nippte an einer weißen Kaffeetasse. Sein Knöchel war an ein Tischbein gekettet, das im Boden verankert war. Es war egal. Ali Nassar sah nicht so aus, als würde er irgendwohin gehen wollen.

Er war äußerst und überhaupt ganz und gar zerzaust. Sein Hemd war zerrissen und zerknittert und bis zu seinem Bauch aufgeknöpft. Seine Haare standen ab. Er hatte schwarze Ränder unter seinen Augen. Sein Kiefer stand offen. Seine Hand zitterte jedes Mal, wenn er die Kaffeetasse hochhob.

Einer der New Yorker Beamten überragte ihn, ein großer, bulliger, rot-haariger Ire. Alles wurde still, als Nassar zu sprechen begann.

„Wo sind meine Tochter und ihre Mutter?“, fragte er.

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Ihnen geht es gut. Sie müssen sich um sie keine Sorgen machen. Wir haben sie zurück zur iranischen Vertretung gebracht. Sie haben ja nichts getan. Sie haben keinen blassen Schimmer, was hier vor sich geht. Niemand interessiert sich überhaupt für sie.“

Nassar nickte. „Gut.“

„In Ordnung“, sagte der Polizist. „Alles klar. Sie sind sicher. Jetzt lassen Sie sie mal eine Minute außen vor. Ich würde gerne über Sie sprechen.“

Jetzt schüttelte Nassar seinen Kopf. „Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten. Ich will mit einem Anwalt sprechen.“

Der Polizist grinste. Er war entspannt. Luke erkannte in ihm jemanden, der die Frage nach dem Anwalt jeden einzelnen Tag hörte und dann einen geschickten Weg fand, dieser Frage auszuweichen.

„Warum würden Sie das tun?“, fragte der Polizist. „Halten Sie noch irgendetwas unter Verschluss? Sie haben bereits mit dem FBI Beamten im Auto gesprochen.

„Er hat eine Waffe an meinen Kopf gehalten.“

Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er das, vielleicht auch nicht. Sie sind der Erste, der mir davon berichtet. Ich war nicht dort, wie sollte ich also irgendwas wissen.“

„Dass es gesetzwidrig ist, mich hier festzuhalten“, sagte Nassar.

„Ali, lassen Sie mich hier eines klarstellen. Wir halten Sie hier nicht fest. Das ist die Sache. Sie sind nicht festgenommen worden. Wir dürften Sie auch gar nicht festnehmen, selbst wenn wir wollten, Sie wissen das. Wir haben Ihnen diese Fußfessel zu Ihrer eigenen Sicherheit angelegt. In diesen Gängen wuselt es nur so vor Kriminellen. Manchmal gehen sie auf Leute los. Glauben Sie mir, Sie sind in diesem Raum sicherer aufgehoben. Aber wenn Sie wollen, können Sie jederzeit gehen.“

Nassar gab den Anschein, sprechen zu wollen. Er zögerte, vielleicht weil er einen Trick witterte.

Der Polizist hob seine fleischige Hand. „Jetzt lassen Sie mich erklären, warum es keine gute Idee wäre zu gehen“, sagte er. „Sie hängen da in irgendwas drin. Etwas Schlimmem. Sie wissen das und ich weiß es auch, es ist also wenig sinnvoll, etwas anderes zu behaupten. Leute haben mir gesagt, dass Sie das Weiße Haus in die Luft gesprengt haben. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll.“

„Ich war es nicht“, sagte Nassar.

Der Polizist deutete mit dem Finger auf ihn. „Richtig. Das glaube ich auch. Ich glaube, dass Sie es nicht gewesen sind. Aber es hat den Anschein, dass Sie die Leute kennen, die es getan haben. Und wenn ich eine dieser Personen wäre, wissen Sie, was ich tun würde? Aufräumen. Wenn Sie da rausspazieren, wie lange glauben Sie, werden Sie noch zu leben haben? Zwölf Stunden, wenn Sie Glück haben? Ich persönlich bezweifle, dass Sie so viel Zeit hätten.“

Nassar starrte ihn entgeistert an.

„Ihre Freunde von der iranischen Vertretung?“ fragte der Polizist. Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass sie sich um Sie noch scheren. Sie haben bei dem Versuch, Sie zum Flughafen zu bringen, vier ihrer Männer verloren. Sie sind eine Last für Sie. Eine Schande. Wenn Sie zurückkommen, dann nur, um eine Kugel genau hier rein zu jagen.“

Der Polizist tippte mit dem Finger auf Nassars Stirn.

Nassar schüttelte den Kopf. „Sie haben nichts damit zu tun. Sie haben keinen Grund, mich töten zu wollen.“

„Ja. Das ist genau das, was Sie dem FBI Agenten erzählt haben.“ Der Polizist wies auf ein paar Notizen an den Wandtafeln. „Sie haben ihm erzählt, dass Sie für eine amerikanische Regierungsagentur arbeiten, die Red Box heißt. Glauben Sie nicht, dass die iranische Regierung Sie umbringen würde, wenn Sie herausfänden, dass Sie für Amerikaner arbeiteten. Kommen Sie schon, ich halte Sie für klüger als das.“

Nassars Augen weiteten sich für einen Moment.

Der Polizist nickte. „Ja. Sie sind klug. Sie sehen es auch. Es bleiben Ihnen nicht mehr viele Freunde, Ali.“

Luke dachte an die Situation im Auto zurück. Polizisten hatten sie eingekreist. „Ich arbeite für dich“, hatte Nassar gesagt. Dann hatte er Red Box erwähnt. Luke konnte sich kaum daran erinnern. Er war aus einem Helikopter gesprungen. Er hatte das Auto geschrottet. Er hatte wenige Sekunden davor zwei Männer mit einem Kopfschuss getötet. Er war genauso durcheinander wie alle anderen auch. In jenem Moment hatte er gar nicht mehr verstehen können, was Nassar ihm da eigentlich mitteilte.

Jetzt starrten Nassar und der Polizist sich einen langen Moment an.

„Ich will Ihnen etwas erzählen“, sagte der Polizist. „Ich weiß genau, was Sie gerade durchmachen. Ich habe einen jüngeren Bruder. Vor fünfzehn Jahren etwa ist er da auch in etwas reingeraten, genau wie Sie jetzt. Es war ein Fehler, so wie jetzt bei Ihnen, das Wasser stand ihm bis zum Hals. Es kam heraus, dass er Waffen für die Irish Republican Army aus einer Bar in die Bronx geschmuggelt hatte. Ich hab ihm gesagt, Mikey, mach keine dummen Sachen. Du bist nicht mal irisch. Du bist Amerikaner. Aber zu dem Zeitpunkt, steckte er schon mitten im Schlamassel. Er wurde von der amerikanischen Regierung gesucht. Er wurde auch von der englischen Regierung gesucht. Und wenn ihn seine Freunde von der IRA gefunden hätten, dann hätten sie ihn im Fluss versenkt. Das müssen sie. Was hätten sie sonst tun sollen, ihn reden lassen?“

Ein paar Polizisten im Raum lachten auf. Luke blickte sie finster an.

„Der Kerl und seine jüngeren Brüder“, sagte einer der Polizisten. „Mein Bruder der Vergewaltiger. Mein Bruder der Brandstifter. Mein Bruder der Terrorist. Wollen Sie die Wahrheit wissen? Er hat drei Schwestern und sie sind alle älter als er.“

Im Befragungsraum sagte Ali Nassar: „Ich glaube, dass ich mich hier in einer schwierigen Situation befinde.“

Der Polizist nickte. „Ich würde sagen, Sie befinden sich in einer sehr schwierigen Situation. Aber ich kann Ihnen helfen. Sie müssen mir einfach nur sagen, was hier vor sich geht.“

Nassar schien zu einem Entschluss gekommen zu sein. Er schüttelte seinen Kopf. „Red Box ist keine Behörde. Es ist ein Programm, eine Operation. Operation Red Box. Ich wusste gar nicht, welchen Zweck sie eigentlich verfolgte. Ich wusste, was sie von mir erwarteten, das war alles. Sie wollten, dass ich ein paar Drohnen aus China kaufe. Sie haben mir aufgetragen, ein paar Dschihadisten zu bezahlen, Leute die bereit seien, für Gott zu sterben. Ich habe die Zahlungen von einem Offshore Konto vorgenommen, das sie für mich eingerichtet hatten. Es war nicht mein Konto. Ich habe diese Männer nicht angeheuert. Ich wusste bis vor zwei Tagen nicht einmal, was sie vorhatten.“

„Sie sagen immer sie, sie, sie“, sagte der Polizist. „Könnten Sie ein bisschen genauer sein? Wer sind sie?“

Ali Nassar seufzte. „Die Central Intelligence Agency. Sie haben mich beauftragt. Ein Mann von Ihrer CIA, den ich kenne.“

Alle im Raum hielten die Luft an, Luke fühlte, wie ein Ruck durch seinen Oberkörper schoss. Es fühlte sich an, als sei sein Körper aufgespießt worden. Er blickte sich nach den anderen Männern im Raum um. Alle – Polizisten, Verfassungsschutz – alle schienen verblüfft. Ein stilles Gemurmel breitete sich im Raum aus. Die CIA hat Nassar beauftragt, bei einem Anschlag auf das Weiße Haus mitzuhelfen? Die CIA?

Lukes gesamte Welt schien sich um ihn zu drehen. Wenn das wahr wäre; Luke wusste immer, ob jemand log oder die Wahrheit sprach, Nassar sagte die Wahrheit. Entweder hatte die CIA ihn wirklich beauftragt oder er war zumindest fest davon überzeugt, dass sie es getan hatten. Luke taumelte und wunderte sich, ob das stimmen konnte. Wenn es so wäre, dann erschienen alle um ihn herum in einem völlig neuen Licht. Wem könnte er dann noch trauen?

„Es war vor einem Jahr“, sagte Nassar. „Er besuchte mich in meinem Hotelzimmer in London. Zuerst nannte er es Operation Red Box. Dann einen Monat später kam er zu mir und meinte, er hätte sich geirrt, es sei nicht Operation Red Box. Wir dürften nie wieder über Operation Red Box sprechen. Wir dürften nicht einmal jemals wieder die Worte aussprechen. Aber ich habe mir den Namen gemerkt. Ich bin mir sicher, dass das der Name ist, aber ich habe keine Ahnung, was er zu bedeuten hat. Also, wenn Sie irgendwas zu Operation Red Box wissen wollen, dann fragen Sie bitte nicht mich. Fragen Sie besser ihren CIA Direktor.“

„Wer übernimmt ihn danach?“, fragte Luke. „Kümmert sich jemand um ihn?“

Einer der Leute vom Verfassungsschutz hob die Hand. „Wenn die New Yorker hier mit ihm fertig sind, werden Sie ihn uns übergeben.“

Luke nickte. „Gut. Passen Sie gut auf ihn auf.“

Er fing an Richtung Tür zu gehen.

„Wohin gehen Sie?“, fragte einer der Männer.

Luke drehte sich nicht einmal um.

„Ich fahre zurück nach Washington. Ich muss mit jemandem sprechen.“

Kapitel 34

20.33 Uhr

Washington, DC

Der Mann würde ihn erst bei Einbruch der Nacht treffen.

Luke wartete alleine auf dem hölzernen Weg am Ufer des Potomac Rivers. Die Sonne war gerade erst untergegangen und hatte alles Licht mitgenommen. Ein dicker, kalter Nebel war kurz zuvor über das Meer herangerollt. Der Nebel hüllte ihn ein. Niemand hätte ihn sehen können. Er hätte auch sonst wer sein können. Er hätte tot sein können. Er hätte aufhören können zu existieren. Er hätte der letzte Mensch auf dieser Erde sein können. Das war ein gutes Gefühl.

Er war nach Washington zurückgerast, nur um hier zu warten. Er hatte die Müdigkeit hinter sich gelassen, soviel stand auf dem Spiel und das Warten störte ihn. Der Mann ließ ihn immer warten. Hatte er immer und würde er auch immer.

Luke hatte mit Ed Newsam vor zehn Minuten am Telefon gesprochen. Newsam war im Krankenhaus. Jacob und Rachel war es gelungen, den Helikopter in mitten eines leeren Baseball Feldes zu crashen. Newsams Hüfte war gebrochen und er hatte eine ganz schöne Ladung Kugel abbekommen, aber er würde wieder werden. Es bedurfte mehr als eines Maschinengewehrs, um einen Mann wie Newsam umzubringen.

Er war jetzt nicht mehr mit von der Partie, allerdings störte Luke diese Tatsache eher wenig. Es gab genug anderes, um das er sich sorgte.

„Da hast du ja einen Tag hinter dir“, sagte eine Stimme.

Luke blickte hoch. Ein großer alter Mann in einem langen Ledermantel stand neben ihm, er führte einen kleinen grau-braunen Hund bei sich. Das Haar des Mannes schien so weiß, dass man den Eindruck hatte, es würde in der sich gerade erst ausbreitenden Finsternis leuchten. Er blickte Luke nicht direkt ins Gesicht, aber kam nah zu ihm heran und setzte sich auf das weit entfernte andere Ende der Bank. Er setzte sich langsam und beschwerlich. Dann kraulte er den kleinen Hund mit seinen dünnen Fingern. Auf fast magische Art tauchte in einer der Hände ein Keks auf und der Mann verfütterte ihn an den Hund. Die Geschicklichkeit seiner Hand brachte ihn zum Lächeln.

„Schöner Hund“, sagte Luke. „Was für eine Rasse soll das sein?“

„Köter“, sagte er. „Ich denke, er muss halb Ratte sein. Ich habe ihn aus dem Tierheim. Vierundzwanzig Stunden später hätten sie ihn vergast. Wie könnte ich zu einem Hundezüchter gehen, wenn es so viele verlorene Seelen in den Todesreihen gibt? Das ist unverantwortbar.“

„Wie kann ich Sie nennen?“, fragte Luke.

„Paul ist gut“, sagte der Mann.

Das war seltsam. Paul, Wes, Steve dieser Mann entschied sich immer für einen nichtssagenden Namen. Als Luke jung war, waren das Henrys und Hanks gewesen. Er war der Mann ohne Namen, der Mann ohne Nationalität. Was kann man über jemanden sagen, der im Kalten Krieg die Staatsgeheimnisse des eigenen Landes an die Sowjets verkauft hatte und dann die Geheimnisse der Sowjets an die Briten und Israelis? Das war das wenige, das Luke wusste. Wahrscheinlich gab es da eine Menge mehr.

Eine der wenigen Sachen, die man über ihn sagen konnte war, dass er Glück gehabt hatte noch am Leben zu sein. Außerdem war es verblüffend, dass er sich als Wohnort Washington, DC hatte aussuchen können, direkt unter der Nase der Leute, die ihn sehr gerne tot oder für immer hinter Gittern gesehen hätten. Aber vielleicht verjährt auch Betrug eines Tages. Nachdem einige Zeit ins Land gegangen war, kümmerte sich vielleicht einfach niemand mehr darum. Vielleicht waren auch all die Leute, die sich gekümmert hätten, längst tot.

Luke nickte. „Okay, Paul. Vielen Dank fürs Kommen. Ich habe mich heute Nachmittag mit einem Mann getroffen. Oben in New York.“

Der alte Mann lachte. „Ohje, ja. Ich habe davon gehört. Wenn ich richtig verstanden habe, dann hast du unangemeldet bei ihm vorbeigeschaut. Bist quasi aus dem heiterem Himmel gefallen.“

Luke starrte in den Nebel. Es war eine dicke Suppe.

„Er hat ein paar Dinge gesagt, die ich nicht verstanden habe.“

„Klug zu sein heißt nicht, unbedingt gleich alles zu durchdringen und zu verstehen“, sagte der Mann. „So mancher kluge Mensch ist schwer von Begriff.“

„Vielleicht habe ich auch verstanden, was er gesagt hat, aber kann es einfach nicht glauben.“

„Worum ging’s?“

„Operation Red Box“, sagte Luke. „Davon hat er erzählt.“

Der alte Mann schwieg. Er starrte geradeaus. Noch vor einem Moment hatten seine Hände den Hund gestreichelt. Jetzt hatten sie aufgehört.

Luke fuhr fort. „Er meinte, wir sollten den Direktor der CIA fragen. Naja, ich habe keinen Zugang zum Direktor der CIA. Aber ich habe Zugang zu Ihnen.“

Der Mund des Mannes öffnete sich, dann schloss er sich wieder.

„Erzählen Sie es mir“, sagte Luke.

Der Mann blickte Luke zum ersten Mal direkt an. Sein Gesicht sah wie zerknittertes Pergamentpapier aus. Seine Augen saßen tief in den Höhlen und waren blass blau. Es waren Augen, die Geheimnisse kannten. Es waren gnadenlose Augen.

„Ich habe diesen Namen lange Zeit nicht mehr gehört“, sagte er. „Ich würde dir empfehlen, ihn nicht noch einmal auszusprechen. Man weiß nie, wer gerade zuhört, sogar an einem Ort wie diesem.“

„In Ordnung.“

„Ich vermute, du hast ihn etwas gefragt, um ihm diesen Namen zu entlocken. Was hast du ihn gefragt?“

„Ich habe ihn gefragt“, sagte Luke, „für wen er arbeitete.“

Der Mann stieß einen langen Seufzer aus. Er klang wie ein Reifen, dem langsam die Luft ausging, bis zuletzt alle Luft entwichen war. Der Mann stand abrupt auf. Er bewegte sich schnell und ohne die zuvor zur Schau gestellte Gebrechlichkeit.

„Es war interessant, mit dir zu plaudern“, sagte der Mann. „Vielleicht treffen wir uns einmal wieder.“

Die Waffe war plötzlich in Lukes Hand, wie durch Zauberhand, ein besserer Trick als der Hundekuchen zuvor. Es war nicht die Waffe, die er früher am heutigen Tage gehabt hatte. Ein zwanzig Zentimeter langer silberner Schalldämpfer prangte am Ende des Waffenlaufs. Er war länger als die Waffe selbst. Luke zielte beiläufig mit der Waffe auf den Bauch des Mannes.

„Kennen Sie diesen Schalldämpfer?“, fragte er. „Er trägt den Namen Illusion. Er ist neu und Sie haben schon eine Weile lang nicht mehr mitgespielt, also kennen Sie ihn vielleicht noch nicht. Es genügt zu sagen, dass er wirklich sehr, sehr gut funktioniert. In einer Nacht wie dieser, mit all dem Nebel? Ein Schuss wird abgegeben und es würde sich so anhören, als hätte gerade jemand genießt. Kein lautes Niesen. Ein leises, wie jemand, der bei einer Ballettaufführung ist.“ Er grinste. „Für das Spezialeinsatzkommando nur das Beste.“

Ein geisterhaftes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes. „Ich habe unsere Treffen schon immer sehr genossen.“

„Erzählen Sie es mir“, sagte Luke.

Der Mann zuckte die Schultern. „Du solltest zu deiner zauberhaften Frau und deinem süßen Sohn nach Hause fahren. Das ist nichts, was dich angeht. Und selbst wenn, dann gäbe es nichts, was du ausrichten könntest.“

„Was ist die Operation Red Box?“

Der alte Mann schien beim Klang dieses Namens zusammenzuzucken.

Luke wartete ein paar Sekunden aber der Mann schien immer noch nicht gewillt zu sprechen. „Sag mir einen Grund, warum ich dich nicht erschießen sollte.“

Der Mann blinzelte. „Töte mich“, sagte er langsam, „und du wirst mich in Zukunft nicht mehr als Informationsquelle zur Verfügung haben.“

Luke schüttelte den Kopf. „Es wird keine zukünftigen Fälle geben“, sagte er. „Wenn dieser Fall nicht gelöst wird, dann wird es keine Zukunft geben.“

Luke blickte ihn düster an. „Was ist Operation Red Box?“

Der Mann schüttelte seinen Kopf. „Du steckst da zu tief drinnen. Du bringst dich selbst und andere in Gefahr und das Schlimmste ist, dass dir das nicht einmal bewusst ist. Ich werde den Namen nicht aussprechen. Aber die Operation, die du erwähnt hast, wurde extra dafür designt, einen Präsidentenwechsel vorzeitig herbeizuführen. Sie ist dazu da, einen Präsidenten aus dem Amt zu drängen, noch bevor die Legislaturperiode zu Ende ist.“

„Sie haben heute Morgen damit gedroht, den Präsidenten seines Amtes zu entheben“, sagte Luke. „Es war im Radio.“ Diese Aussage hörte sich seltsam an, sobald er sie ausgesprochen hatte. Den Präsidenten seines Amtes entheben und Terroristen, die das Weiße Haus in die Luft sprengten… diese zwei Tatbestände passten einfach nicht zusammen. Luke war zu müde. Es war schwer, aus all dem einen Zusammenhang herzustellen.

„Es ist schneller als ein Amtsenthebungsverfahren“, sagte Paul. „Und sicherer. Denk an einen klaren Bruch. Wie 1963. Es ist eine Operation, die dann zum Zuge kommt, wenn die Loyalität des Präsidenten nicht länger zweifelsfrei gegeben ist. Und eine Operation für den Fall, wenn Angelegenheiten zu wichtig oder sensibel für den Mann im Amt sind. Sie ist für Zeiten, in denen Einsatz gefragt ist.“

„Wer entscheidet darin?“, fragte Luke.

Paul zuckte die Schultern. Er lächelte wieder. „Die Leute, die eigentlich die Strippen ziehen.“

Luke starrte ihn an.

„Sag mir, dass du keinen Schimmer hast, wer die Strippen zieht“, sagte Paul, „und ich werde anfangen, mich über die Beziehung deiner Mutter mit dem Milchmann zu wundern.“

Der alte Mann starrte ihn an. Ein wildes Feuer zuckte in seinen Augen. Für Luke sah er wie ein Marktschreier aus oder wie ein Hochstapler, der seine medizinischen Künste in einer Show zum Besten gab.

Der Mann lächelte. Es lag jedoch kein Humor in diesem Lächeln.

„Du hast heute gesehen, wie das Weiße Haus in die Luft gesprengt wurde, oder?“

Luke nickte. „Ich war dort.“

„Natürlich warst du das. Wo würdest du sonst zu solch einem Zeitpunkt sein? Sah es für dich nach einem Drohnenangriff aus? Oder sah es nach etwas anderem aus? Denk nach! Sah es vielleicht eher wie eine Detonationsserie aus, Bomben, die im Gebäude platziert worden waren vielleicht Tage oder Wochen zuvor?“

Luke spielte die Geschehnisse nochmals in seinem Kopf durch, er sah die Explosionen, eine ganze Reihe, die sich vom Westflügel entlang des Säulengangs bis zur Residenz zogen. Eine gigantische Explosion sprengte die Residenz in Tausende von Einzelteilen, ein riesiger Brocken wurde in die Luft geschleudert. Er spürte die Druckwelle, die ihren Helikopter fast zum Fall gebracht hatte.

Aber wie hätte jemand Bomben ins Weiße Haus schmuggeln können?

Alle, die dort arbeiteten waren auf Herz und Nieren geprüft worden, angefangen bei den Dienstmädchen und Hausmeistern, über die Tellerwäscher und Zwiebelschäler bis hin zu den Pressesprechern und dem Stabschef des Präsidenten. Alles waren sie gründlich geprüft worden. Wenn dort Bomben installiert worden waren, dann hieße das…

Ein Insider-Job. In das Herz, in das Innere des Sicherheitsapparats, in das Innere der Geheimdienste, so weit drinnen, dass sie eine Gruppe von Bombenexperten einschleusen, ihnen neue Identitäten verpassen und eine Anstellung im Weißen Haus beschaffen konnten. Jobs, die ohne großartige Überwachung getan wurden, Jobs, die ihnen die Freiheit verschafften, sich frei in den Gängen des Weißen Hauses zu bewegen, vor allem nachts, wenn niemand sonst dort war.

Ganz neue Überlegungen verschafften sich Raum in Lukes Gedanken. Den ganzen Tag lang war er davon ausgegangen, es mit einem Pack von Terroristen zu tun zu haben. Sie waren schlecht ausgebildet, aber sie waren gewaltbereit und clever. Sie versteckten sich, sie liefen davon, sie wendeten unerwartete Taktiken an und nutzten ihre Geringfügigkeit als Waffe gegen einen übermächtigen Feind. Vielleicht glauben diese Männer sogar, dass sie genau das taten. Sie hätten das radioaktive Material gestohlen. Sie hätten die Drohnen geflogen und sogar einen Teil des Weißen Hauses in die Luft gesprengt. Und doch blieben sie ein kleines Zahnrad im Getriebe. Sie wurden von etwas viel Größerem benutzt, etwas viel Ausgeklügelterem.

Was Ali Nassar gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen. Es war die amerikanische Regierung gewesen.

Ein seltsames Hitzegefühl lief Luke den Rücken hinauf. Es erreichte seinen Kopf und lief zurück über seine Schultern und Arme. Er blickte zu seinen Händen und erwartete fast, sie in Flammen stehen zu finden. Übelkeit überkam ihn. Für eine Sekunde glaubte er, sich gleich übergeben zu müssen. Das wollte er nicht, nicht hier, nicht vor Paul.

„Wie kann ich es aufhalten?“, fragte Luke.

Paul schüttelte den Kopf. „Mein Freund, man kann Operation Red Box nicht aufhalten. Man geht ihr am besten aus dem Weg. Das ist nicht dein Kampf, Luke. Wenn du es versuchst, dann wirst du versagen. Du wirst auf eine Art und Weise versagen, die sich im ersten Moment vielleicht heldenhaft anfühlt sich aber letztlich als erbärmlich herausstellt.“

„Dann gib mir wenigstens genug Anhaltspunkte, damit ich wenigstens das versuchen kann.“

Paul gluckste und dann lachte er: „Du bist ein Dummkopf. Du scherst dich einen feuchten Kehricht um dich selbst. Du bist wie einer dieser japanischen Kamikaze Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg, mit einem Flugzeug voller Bomben in einen Flugzeugträger fliegen. Nur leider handelt es sich in deinem Fall um Wasserspielzeug.“

Der alte Mann machte eine Pause und dachte einen Moment nach, er sah, dass Luke nicht nachgeben würde.

„Okay. Du suchst nach einem Weg dich umzubringen? Kontaktiere einen Mann namens David Delliger. Er ist Verteidigungsminister, falls du ihn nicht kennst. Er hat in Yale mit dem Präsidenten ein Zimmer geteilt. Er wird nicht an dem Plot beteiligt gewesen sein, aber er wird sehr, sehr nah an den jeweiligen Leuten dran sein, vielleicht ohne es zu wissen. Die Einzelteile werden ihm erst jetzt nach den Geschehnissen einleuchten, aber er wird sie verstehen und einen Zusammenhang herstellen. Vielleicht schert er sich genauso wenig um sich selbst. Dann wäret ihr beide ein interessantes Gespann.“

„Was ist mit dem Präsidenten?“, fragte Luke.

Paul zuckte die Schultern. „Was soll mit ihm sein?“

„Er ist jetzt in Sicherheit, oder?“, hakte Luke nach. „Er befindet sich zehn Geschosse unter der Erde.“

Paul lächelte. „Ich muss los. Es ist spät für einen alten Mann wie mich hier draußen rumzulaufen. Diese Parks können bei Nacht gefährlich sein.“

„Der Präsident ist in Sicherheit“, insistierte Luke und griff ihn krampfhaft bei seinem Arm ihn bedrängend, ihm diesen Satz zu bestätigen.

Paul bewegte langsam seinen Kopf und schüttelte Lukes Hand ab.

„Du verstehst es nicht“, antwortete er mit heiserer Stimme, bevor er sich umdrehte und in den silber-grauen Nebel davonschwebte. „Wenn das wirklich Operation Red Box ist, dann ist der Präsident bereits tot.“

Kapitel 35

20.53 Uhr

Mount Weather Notfalleinsatzzentrum – Bluemont, Virginia

Ein ernster junger Mann steckte seinen Kopf in den Raum.

„Herr Präsident? Wir sind in sieben Minuten auf Sendung. Es wäre schön, wenn Sie zwei Minuten vorher schon da sein könnten.“

Thomas Hayes saß in einem ledernen Frisierstuhl in einer Art Ankleidezimmer. Der Raum hatte eine ovale Form. Die Wände waren kahl bis auf einen langen Ankleidetisch und einen Spiegel, der vor ihm an der Wand hing. Er konnte sehen, wie sein Stabschef David Halstram sich versuchte in der Couch zu entspannen.

David schien nur zwei Geschwindigkeiten zu kennen – schnell und schneller. Er konnte sich nicht entspannen, selbst wenn die Umstände es zugelassen hätten. Der heutige Tag war alles andere als ruhig gewesen. Er war viel umhergesprungen. Einer seiner Schuhe wippte maschinengewehrartig auf dem Betonboden.

Der Präsident hielt die erste Fassung seiner Rede in den Händen. Ganz altmodisch auf Papier für Präsident Hayes – er hatte sich nie vollkommen der digitalen Revolution beugen wollen. David hatte die selbe Rede auf einem iPad.

Zwei junge Frauen legten letzte Hand an Hayes an. Eine verblendete sein Makeup auf eine Weise, in der man es nicht mehr wahrnahm. Die andere kämmte sein Haar, so dass es ordentlich und vorzeigbar war, so dass es fast perfekt war. Er war heute fast umgebracht worden. Er sollte zumindest auch ein wenig so aussehen.

„Was soll das heißen?“, sagte er zu dem jungen Mann, der ihn gerade angesprochen hatte. „Ist das ein mathematisches Problem?“

„Es heißt in fünf Minuten, Sir.“

„Alles klar wir werden da sein.“

Als der Mann verschwunden war, sah Präsident Hayes wieder durch den Spiegel zu David.

„Wie findest du diesen Satz, den er am Ende benutzt, Fantastisches erwartet uns? Das hat er drei Mal drinnen. Das klingt wie die Image-Kampagne eines gebührenfreien Kontos. Ich meine, was soll ich mit diesem Satz?“

Hayes war nervös, so wie es sein sollte. In wenigen Minuten würde er sich an das amerikanische Volk wenden und über die derzeitige Krise sprechen. Er konnte davon ausgehen, dass so gut wie jeder einzelne Erwachsene in diesem Land, und hunderte Millionen mehr im Ausland, ihn sehen oder zumindest seinen Stimme hören würde. Alle Fernsehsender würden es übertragen. Fast alle Radionetze. YouTube würde es live streamen.

Es war die größte Rede, die er wahrscheinlich jemals halten würde und sie war heute Nachmittag und Abend von einem Redenschreiber zusammengeschrieben worden, den Hayes schon vor Wochen rausgeschmissen hätte, wenn er nicht anderes im Sinn gehabt hätte.

„Thomas“, sagte David, „ich kenne niemanden, der öffentlich besser reden würde als du. Ich bin zwar zu jung, um John F. Kennedy oder Martin Luther King erlebt zu haben, aber das ist egal. Kein Lebender kann dir das Wasser reichen. Jemand hat heute versucht dich umzubringen. Sie haben das Weiße Haus zerstört und fast zwei dutzend Leute getötet. Das amerikanische Volk braucht dich jetzt. Sprich zu ihnen. Sprich mit deinem Herzen. Rühr sie an und führe sie. Nutze diese Rede einfach nur als Leitfaden oder schmeiß das Ding weg und improvisiere. Ich habe gesehen, wie du aus dem Stegreif Reden gehalten hast, die Leute zu Tränen gerührt haben.“

Hayes nickte. Er mochte die Idee zu improvisieren. Er mochte die Idee die Führung zu übernehmen. Und als er über das Führen nachdachte, realisierte er was eigentlich fehlte. Die Furcht, die Erschütterung, das Gefühl auseinandergerissen zu werden. Es war verschwunden. Er hatte seinen Fokus zurückgewonnen. Er fühlte sich selbstbewusst. Er fühlte, dass er bereit war wieder die Führung zu übernehmen. Es war ihm egal, was das Repräsentantenhaus dachte oder Leute wie Bill Ryan.

Thomas Hayes war von den Menschen der Vereinigten Staaten gewählt worden, um sie zu führen. Und das war es, was er vorhatte.

„Meinst du Susan wird auftauchen?“

David nickte. „Ich weiß, dass sie das wird. Ich habe mit ihr heute am späten Nachmittag gesprochen. Sie mag dich im Moment nicht besonders, aber das ist einerlei. Darum kümmern wir uns später. In der Zwischenzeit wird sie ihren Job machen. Wenn deine Rede vorbei ist und du die mächtigsten Leute Amerikas triffst, du dich mit ihnen unterhältst und ihr alle ein Bild der Einheit für die Kameras mimt, dann wird sie in der ersten Reihe stehen und sehr, sehr sichtbar sein.“

„Okay, David. Ich fühle mich schlecht wegen der Sache heute. Ich will es wirklich in Ordnung bringen.“

David nickte. „Das wirst du.“

Als die Zeit herangerückt war, erhob sich Hayes aus seinem Stuhl, schlüpfte in seine Anzugsjacke und marschierte aus dem Raum. David war bei ihm, einen halben Schritt hinter ihm. Hayes betrat das unterirdische Fernsehstudio. Sein Podium mit dem Siegel des Präsidenten stand dreißig Zentimeter erhöht auf blauem Teppich. Es war von Kameras und Lichtern umgeben.

Hayes fühlte sich gut, er fühlte sich energetisch und mächtig. Er spürte diese elektrische Spannung in seinem Körper, die er immer vor Ruderwettkämpfen als Kapitän eines auf nationaler Ebene antretenden Teams bekommen hatte.

Er widerstand der Versuchung auf die Bühne zu rennen wie der Moderator einer Gameshow.

Hinter ihm begann Davids Telefon zu klingeln. Er drehte sich nach seinem Stabschef um. David blickte auf den Namen des Anrufers. Er schaute auf.

„Es ist Luke Stone.“

Der Präsident zuckte die Schultern. „Nimm ab. Wir haben noch ein paar Minuten. Das hier ist kein Problem mehr für mich. Hab ich schon eine Million Male gemacht.“

Er stieg auf das Podium und blickte in die hellen Lichter.

*

Luke stand am Ufer. Er hatte sich genau fünf Schritte von der Bank entfernt, wo sein Vater ihn hatte sitzen lassen. Er konnte kaum sehen. Der Nebel war so dicht, dass er froh war, dass der Anruf überhaupt durchgekommen war.

Das Telefon klingelte und klingelte.

„Halstram“, sagte eine Stimme.

„David, ich muss mit Präsident Hayes sprechen.“

„Luke, es tut mir leid. Sie und dein Partner haben hervorragende Arbeit geleistet. Aber der Präsident wird in zwei Minuten auf Sendung gehen. Wenn Sie wollen kann ich ihre Nachricht an den Präsidenten später weiterleiten, wenn er fertig ist, also wahrscheinlich in einer Stunde. Hören Sie, Sie sollten in die Nähe eines Fernsehers gehen und die Sendung sehen. Ich erwarte eine fulminante Rede. Sie haben uns einen Schlag verpasst, aber der Kampf ist noch nicht vorbei.“

„David, es ist alles viel schlimmer.“

„Ich weiß. Ich war dabei, erinnern Sie sich? Wir werden hart daran arbeiten und einen Weg hinaus finden. Und Sie werden dabei eine nicht unbedeutende Rolle spielen, glauben Sie mir.“

Luke wusste nicht, wie er mit Leuten wie David Halstram umgehen sollte, nicht über das Telefon. David tendierte dazu ohne Punkt und Komma zu reden, Luft zu holen und dann weiterzureden. Er hatte Energie, zu viel Energie und er wahrscheinlich sehr klug. Auf jeden Fall war er von seinen Fähigkeiten überzeugt, und er war davon überzeugt, dass die Leute ihm zuhören und tun sollten, was er ihnen sagte. Es war schwer, ihn auszubremsen und ihn zum Zuhören zu bringen.

Wenn Luke dort gewesen wäre, dann hätte er David vielleicht seine Waffe an den Kopf gehalten und ihn bei seinem ausgedünnten Haar gegriffen. Oder wenn er relaxt gewesen wäre, dann hätte er ihm einen Karatekick auf das Schlüsselbein versetzt. Beides hätte wahrscheinlich seine Aufmerksamkeit erregt. Aber über das Telefon? Das war schwer.

Er sprach langsam, wie mit einem Volltrottel. „David, Sie müssen mir zuhören. Das Leben des Präsidenten ist in Gefahr.“

„Deswegen sind wir jetzt hier unten.“

„David…“

„Luke, hören Sie zu, ich muss hier weiter. Wenn Sie keine spezielle Nachricht haben, die ich dem Präsidenten übermitteln soll, dann muss ich Sie bitten mich später zurückzurufen… in sagen wir neunzig Minuten, okay? Wenn Sie mich nicht erwischen, dann noch mal dreißig Minuten später.“

„Sie müssen da raus.“

„Okay, Luke, wir reden später darüber. Es geht los. Ich muss gehen.“

Das Gespräch war beendet. Luke starrte auf das Telefon. Er kämpfte mit dem Drang, es in den Fluss zu schmeißen. Anstatt dessen lief er zu seinem Auto. Eine Minute später begann er zu rennen. Würde er wirklich nach Mount Weather fahren, jetzt, nachdem er vierzig Stunden nicht geschlafen hatte?

Ja.

Kapitel 36

Wie sehr wünschte sie sich an einem anderen Ort zu sein.

Sie stand vor dem klaffenden Schlund des Mount Weather Eingangs, sie rauchte eine Zigarette und hielt ihr Smartphone am Ohr.

Dass sie rauchte, war eines jener kleinen Geheimnisse von denen das amerikanische Volk nichts wissen sollte. Susan Hopkins genoss hin und wieder eine Zigarette und das hatte sie seitdem sie ein Teenager Model gewesen war. Vor allem in stressigen Situationen half nichts besser als eine Zigarette und das hier war wahrscheinlich der stressigste Tag ihres Lebens. Niemand hatte jemals zuvor versucht sie umzubringen. Sie trug ein kurzes Kleid, eines, das vielleicht ein bisschen zu sexy für den Anlass war. Sie hatten es vom Nordstrom Geschäft aus einer Mall in der Nähe des Pentagons zusammen mit einer Näherin, die für die Anpassung hinzugezogen worden war, einfliegen lassen. Es war David Halstrams Idee gewesen. Es war für die Leute, die im Fernsehen zusahen gedacht, denn so konnten sie sie in der Menge leichter ausfindig machen. Nach der Rede von Thomas konnte auf diese Weise niemand auf der Welt die Tatsache leugnen, dass Susan Hopkins tief in einem unterirdischen Tunnel steckte und jedes Wort des Präsidenten mittrug. Es war eine gute Idee. Aber es war auch eine kühle Nacht und der Wind aus den Bergen blies durch das Material des Kleides.

Sie zitterte. Drei sehr große Sicherheitsmänner standen gleich neben ihr. Sie wachten über ihr. Sie hoffte, dass niemand von ihnen ihr seine Jacke anbieten würde. Diese Art von Ritterlichkeit löste bei ihr einen Brechreiz aus.

Pierre sprach am anderen Ende der Telefonleitung.

„Liebling“, sagte er, „ich sehe dich nicht gerne da drinnen. Das macht mich nervös. Ich kann ein Flugzeug zu jedem regionalen Flughafen schicken, der nah an dir dran ist. Du könntest dich in einer Stunde auf dem Weg nach draußen befinden. Ich habe die Sicherheitskräfte verdoppelt. Der elektrische Zaun ist an. Es bedürfte schon einer kleinen Armee, um da durch zu kommen. Du könntest denen einfach sagen, dass du ein paar Wochen Auszeit brauchst, um dich wieder zu sammeln. Am Pool liegen und entspannen. Eine Massage.“

Susan lächelte bei dem Gedanken, wie Pierre ihre dreißig Zimmer Mansion abgeriegelt hatte, sicher hinter einem elektrischen Zaun. Wen glaubte er damit abschrecken zu können, die Jungs von der Burschenschaft? Sein Zaun und sein Eingangstor, sowie seine acht (anstelle von vier) pensionierten Wachkräfte könnten die Leute nicht einmal für eine Sekunde davon abhalten in das Gelände einzudringen, wenn sie Susan wirklich töten wollten.

Guter Gott.

„Pierre…!

Er sprach weiter. „Lass mich fertig reden“, sagte er.

Sie dachte an frühere Zeiten mit ihm. Sie war damals bereits in der Vogue, Cosmo, Mademoiselle, Victoria’s Secret und sogar der Sports Illustrated für jugendliche Masturbierende gewesen. Aber sie fing an alt zu werden. Sie konnte es spüren und ihr Agent bestätigte es. Die Anfragen für Covershootings hatten aufgehört. Sie war vierundzwanzig Jahre alt.

Dann hatte sie Pierre getroffen. Er war neunundzwanzig und der Börsengang seines Start-up Unternehmens hatte ihn über Nacht zu einem Milliardär gemacht. Er war in San Francisco aufgewachsen, aber seine Familie kam aus Frankreich. Er war schön, hatte einen sehr schlanken Körper und große braune Augen. Er sah aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Sein dunkles Haar fiel ihm immer ins Gesicht. Er versteckte sich darunter. Er war unglaublich süß.

Sie hatte gutes Geld im Laufe ihrer Karriere verdient, mehrere Millionen Dollar. Finanziell hätte sie es nicht nötig gehabt. Aber um Geld ging es plötzlich nicht mehr. Sie hatten zusammen die Welt bereist. Paris, Madrid, Hong Kong, London… Sie waren stets in Fünf-Sterne Hotels abgestiegen und dort immer in den teuersten Suiten. Einmalig schöne Landschaften wurden zur Kulisse ihres Lebens sogar mehr noch als zuvor. Sie liefen Ski in den Alpen und in Aspen. Sie sonnten sich auf den Stränden griechischer Inseln, aber auch auf Bali und Barbados. Sie heirateten und bekamen Kinder, zwei wundervolle Zwillingsmädchen. Dann begannen die Jahre an ihr vorbeizuziehen und langsam lebten sie sich auseinander.

Susan langweilte sich. Sie suchte nach einer Beschäftigung. Sie ging in die Politik. Schließlich trat sie sogar für den Posten der Senatorin von Kalifornien an. Es war eine verrückte Idee und alle waren sie überrascht gewesen (sie selbst eingeschlossen), als sie tatsächlich haushoch gewann. Danach hatte sie viel Zeit in Washington verbracht, manchmal zusammen mit den Mädchen, manchmal nicht. Pierre kümmerte sich um seine Geschäfte und zunehmend um seine gemeinnützigen Anstrengungen in der Dritten Welt. Manchmal sahen sie sich monatelang nicht.

Vor etwa sieben Jahren rief Pierre sie eines Nachts spät an und gestand ihr etwas, dass sie eigentlich schon gewusst hatte. Er war schwul und er war in einer Beziehung.

Sie blieben trotzdem verheiratet. Vor allem für die Mädchen, aber auch aus anderen Gründen. Zum einen waren sie beste Freunde. Zum anderen war es für sie beide besser, wenn die Welt glaubte, dass sie noch immer ein Paar waren. Sie zimmerten sich ein medienfreundliches Bild zusammen. Und es war bequem.

Sie seufzte. Es war eines jener Geheimnisse, von denen die Amerikaner nichts mitbekommen durften.

Sie schaute auf ihre Uhr. Es war fast neun Uhr.

„Pierre“, sagte sie erneut.

„Ja“, sagte er endlich.

„Ich liebe dich sehr.“

„Ich liebe dich auch.“

„Gut. Ich werde mir das, was du gesagt hast, überlegen. Und ich werde versuchen, hier so schnell wie möglich rauszukommen. Aber jetzt muss ich erst einmal dem Präsidenten bei seiner Rede zusehen.“

„Der Präsident ist ein Trottel.“

Sie nickte. „Ich weiß. Aber er ist unser Trottel und wir müssen ihn unterstützen. Okay?“

„Okay.“

Sie legte auf und schnipste den Rest ihrer Zigarette weg. Sie schaute zu den drei klobigen Riesen, die sie umringten. „Lasst uns gehen Jungs“, sagte sie. Eine Minute später waren sie im Fahrstuhl auf dem Weg in die Tiefen der Erde.

*

„Noch vierzig Sekunden, Herr Präsident“, sagte eine Stimme aus der Kontrollkabine. „Wenn das Licht grün aufleuchtet, sind Sie auf Sendung.“

„Ist es das grüne Licht vor mir?“

„Fünf Kameras sind auf Sie gerichtet, Sir, und ja, grün ist das Licht vor Ihnen. Dreißig Sekunden.“

David Halstram positionierte sich im hinteren Teil des Fernsehstudios, so dass er die ganze Szenerie überblicken konnte. Der Präsident thronte auf dem Podium, vollkommen ruhig wartete er auf das grüne Signal. In dem kleinen Amphitheater vor ihm saßen einige der wichtigsten und einflussreichsten Leute des Landes.

Leute aus dem Kongress und Senatoren beider Parteien stellten den größten Teil des Publikums – mehrheitlich liberal wie der Präsident, aber auch zahlreiche treue Vertreter der Opposition. Der Außenminister war hier, genauso wie der Finanzminister und Bildungsminister. Die Direktoren der NASA, der National Science Stiftung und des National Park Systems saßen in einer Reihe umringt von ihren Führungsriegen.

Halstrams Herz raste. Zu sagen, dass er aufgeregt war, war stark untertrieben. Er fühlte sich wie in einem Raketenschiff, das mit steigender Geschwindigkeit auf das Gravitationsfeld der Erde zuraste. Das waren die Momente, für die er lebte.

Er war für diesen Job geboren worden. Er trank keinen Alkohol und nahm keine Drogen. Er brauchte kaum Koffein. Ohne mit der Wimper zu zucken arbeitete er gelegentlich achtzehn Stunden am Tag schlief vier oder fünf Stunden, stand auf und wiederholte das Ganze. Was war schon Kaffee im Vergleich zu dem Leben das David führte?

Präsident Thomas Hayes stand kurz davor eine der bedeutsamsten Reden in der Geschichte Amerikas zu halten und David Halstram sein Stabschef, sein Vertrauter, sein Berater, stand zehn Meter von ihm entfernt.

„Noch zwanzig Sekunden, Herr Präsident.“

Für einen kurzen Moment wurden Davids Gedanken abgelenkt. Luke Stone. Sie hatten ihn heute Nachmittag gründlich unter die Lupe genommen. Natürlich hatten sie das. Er hatte das Leben des Präsidenten gerettet, aber… man musste wissen, mit wem man es zu tun hatte. Es gab einiges in der Akte dieses Mannes. Ausrufezeichen zuhauf. Stress während Kampfhandlungen. Zweifelhafte Anwendung von Gewalt. Autoritätsmissbrauch. Urkundenfälschung. Anscheinend war er mit einer gefälschten Yankee White Befugnis in den Westflügel eingedrungen. Wie hatte er das angestellt? Was wäre passiert, wenn er es nicht geschafft hätte?

„Zehn Sekunden. Viel Glück, Sir.“

Jetzt wollte er, dass sie die Einrichtung verließen. Okay, David würde mit ihm darüber beraten. Vielleicht morgen, dann würden sie… was? Camp David?

Auf dem Podium schaute Hayes direkt in die Kamera.

Die Stimme meldete sich ein letztes Mal. „Wir sind live in vier…“

„Drei…“

Hayes lächelte. Es wirkte gekünstelt, gezwungen, aber dann verwandelte es sich in etwas anderes.

„Zwei…“

In Entschlossenheit.

„Eins…“

„Guten Abend, liebes amerikanisches Volk“, begann der Präsident mit einem breiten, selbstbewussten Lächeln. „Ich bin hier um Ihnen -“

BOOM!

Ein Licht leuchtete auf und für den Bruchteil einer Sekunde dachte David, dass es das grüne Licht war, auf das der Präsident gewartet hatte. Aber es war nicht grün. Es war weiß und riesig und blendend. Es kam von hinter dem Präsidenten.

Es verschlang den Präsidenten vollends.

David wurde durch die Druckwelle von seinen Füssen gerissen. Er flog durch die Luft, wurde gegen die Wand vier Meter hinter ihm geschleudert und fiel zu Boden. Alles war dunkel. Er konnte nichts sehen. Der Boden unter ihm wackelte.

Plötzlich flammte ein zweites Licht auf, noch größer als das erste und gewaltiger. Alles wankte. Die gesamte Einrichtung bewegte sich. Die Decke über ihm stürzte ein. Er hörte es und eine kurze Sekunde später fühlte er es. Ein großes Stück Mauerwerk landete auf seinem unteren Rücken und seinen Beinen. Es tat kurz weh, dann nicht mehr.

David war alles andere als blöd. Er wusste sofort, dass seine Beine gerade zerquetscht worden waren und dass er aller Wahrscheinlichkeit nach von der Hüfte abwärts gelähmt sein würde. Er vermutete, dass er stark blutete, ohne dass er es fühlen zu können.

In der Dunkelheit um ihn schrieen unsichtbare Menschen.

Ich befinde mich zehn Stockwerke unter der Erde, niemand wird kommen um mich zu retten.

Er dachte zurück und wiederholte das Geschehene für einige Sekunden. Der erste grelle Strahl Licht. Er sah ihn jetzt klarer als zuvor. Das Licht hatte den Präsidenten nicht verschluckt.

Es hatte ihn vernichtet.

Der Präsident – und wahrscheinlich alle hier unten – waren bereits tot.

Kapitel 37

21.02 Uhr

Washington, DC

„Und jetzt…” sagte eine ruhige Stimme. „Der Präsident der Vereinigten Staaten.“

Luke fuhr gerade auf den Highway, als die Rede des Präsidenten begann. Nach Lukes Berechnung sollte er die Tore von Mount Weather erreicht haben, wenn die Rede des Präsidenten nach einer Stunde vorbei war.

Er hörte die ersten Worte des Präsidenten – und dann wurde es still.

Die Stimme einer Frau sprach.

„Ähm… wir haben es hier scheinbar mit technischen Schwierigkeiten zu tun. Wir haben die Verbindung zum derzeitigen Aufenthaltsort des Präsidenten in Mount Weather verloren. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. In der Zwischenzeit einige Worte unserer Sponsoren.“

Luke stellte den Sender um. Die selbe Geschichte.

Er stellte wieder um. Sie spielten einen Rocksong.

Schließlich die Stimme eines Mannes.

„Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass es zu einer Explosion in der Mount Weather Einrichtung gekommen ist. Wir haben momentan keine genauen Informationen. Es besteht bisher kein Kontakt zu der Einrichtung, aber erste Berichterstatter sind vor Ort. Wir wollen Sie darauf hinweisen, dass es sich dabei nicht…“

Luke stellte das Radio aus.

Für einen Moment fühlte Luke gar nichts. Er war wie betäubt. Er erinnerte sich an diesen lange zurückliegenden Morgen in Afghanistan. Es war kalt gewesen. Die Sonne ging auf, aber die Wärme blieb aus. Der Boden war zerwühlt und hart. Überall tote Menschen. Dünne Männer mit Bärten lagen mit weit aufgerissenen Augen und starrem Blick auf dem Boden.

Irgendwann in der Nacht hatte sich Luke das Hemd vom Leibe gerissen. Seine Brust war rot getüncht. Er war von Blut bedeckt. Er hatte sie abgeschlachtet. Erstochen. Aufgeschlitzt. Und je mehr er sie umgebracht hatte, desto mehr kamen sie wieder zurück.

Martinez lag auf dem Rücken ausgestreckt auf dem Grunde eines Grabens. Er weinte. Er konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Er hatte genug. Er wollte einfach nur hier raus. „Stone“, sagte er. „Hey, Stone. Hey! Töte mich, man. Bring mich um. Hey, Stone! Höre mir zu, man!“

Murphy hockte auf einem aus der Erde ragenden Feld und starrte ins Leere. Er versuchte nicht einmal in Deckung zu gehen.

Wenn mehr Kämpfer gekommen wären, hätte Stone nicht gewusst, was er hätte tun sollen. Keiner der hier Verbleidenden schien noch viel für einen Kampf übrig zu haben und die einzige verfügbare Waffe die Luke noch blieb war das Bajonett in seiner Hand.

Er sah wie ein Schwarm schwarzer Insekten am fernen Himmel auftauchte. Er wusste, dass sie sich gleich in etwas anderes verwandeln würden. Helikopter. Dann würde er wissen, dass er noch lebte. Das fühlte sich weder gut noch schlecht an. Er fühlte nichts mehr.

Wie jetzt.

Er kehrte in die Gegenwart zurück als zu seiner Linken ein Krankenwagen mit hundertsechzig Stundenkilometern in Richtung Westen mit heulender Sirene und Warnlicht vorbeiraste. Luke nahm die nächste Ausfahrt. Am unteren Rand der Rampe gab es einen Parkplatz. Luke fuhr hinein und hielt an.

Er zog seine Handbremse an schaltete das Licht aus. Er glaubte, dass er vielleicht etwas fühlen würde, wenn er schrie, deshalb versuchte er es.

Er schrie. Für eine geraume Zeit.

Es funktionierte nicht.

Kapitel 38

21.35 Uhr

Fairfax County, Virginia – Vororte Washington, DCs

Whiskey auf Eis.

Er fand nichts Besonderes an der Kühle des Eises, die sich in seinem Magen in ein Feuer verwandelte.

Luke saß auf dem Sofa seines Wohnzimmers. Er war gerade nach Hause gekommen. Er blickte auf seine Uhr und dachte zurück. Vor ziemlich genau zwanzig Stunden war er aufgebrochen. Er hatte sich mit einem Ziel und voller Energie auf den Weg gemacht. Er hatte alles gegeben, um das Desaster abzuwenden, er hatte sein eigenes Leben mehr als ein Mal riskiert, aber wozu? Die Katastrophe war trotzdem eingetroffen.

Er schaltete den Fernseher an und stellte den Ton aus. Er zappte durch die Kanäle und schaute sich die Bilder an. Mount Weather, der Ort, an dem er noch früh am Tage gewesen war, stand in Flammen. Die First Lady wurde in ihrer Unterbringung auf Hawaii interviewt. Sie brach zusammen und weinte vor der Kamera. Spontane Mahnwachen an vielerlei Orten. Hunderttausend Menschen in Paris, hunderttausend in London. Verwüstete Straßen in DC und Manhattan. Straßenschlachten in Detroit, Los Angeles und Philadelphia, alles Städte, in denen der Präsident breiten Zuspruch gefunden hatte. Viel Gequatsche und noch mehr Gequatsche, einige mit ehrlichen Tränen in den Augen, andere verärgert gestikulierend. Jemand musste bezahlen, natürlich. Es musste immer jemand bezahlen.

Jetzt ein Themenwechsel. Kampfflieger wurden irgendwo gestartet. Bomben wurden auf den Nahen Osten geschmissen. U-Boote geladen mit Atombomben in der Nordsee. Die amerikanische Flotte im Persischen Golf. Die Pressekonferenz des russischen Präsidenten. Chinesische Kabinettsmitglieder in Peking. Iranische Mullahs. Skandierende Mengen, Männer mit Turban, Sandalen und schwingenden AK-47ern, Babys, die geküsst und zu Gott empor gehoben wurden. Ein Aufstand in der Gasse einer alten Stadt, Soldaten warfen Tränengas, Leute flohen, wurden in der Dunkelheit zertreten. Ein Mann wegen Betrugs verurteilt, wurde in einer staubigen Stadt zu Tode gesteinigt.

All das strömte auf ihn ein, ein Bild nach dem anderen. Der amerikanische Präsident war ermordet worden und die ganze Welt verlor den Verstand. Es war schier unmöglich das Ausmaß der Geschehnisse abzusehen.

Luke beugte sich nach unten, löste seine Schnürsenkel und streifte seine Schuhe ab. Er lehnte sich zurück. Noch vor vierundzwanzig Stunden hatte er kurz davor gestanden seinen Job beim Geheimdienst zu quittieren. Es war fast zu schön gewesen in den letzten sechs Monaten, die wenigen Seminarstunden, zum Spaß mit seinen Freunden Basketball spielen, die Zeit mit seiner Familie genießen. Vielleicht war seine Zeit als Soldat, Spion und Kamikaze einfach wirklich vorbei.

Er blickte sich im Haus um. Sie hatten hier ein schönes Leben. Ein schönes Haus, modern, mit Fenstern, die zum Boden reichten, wie aus einem Möbelkatalog. Es war wie ein Glaswürfel. Wenn es im Winter schneite, erinnerte es an eine jener Schneekugeln, die die Leute früher gehabt hatten als er noch ein Kind gewesen war. Er dachte an die Weihnachtsfeste – wie sie in dem tiefer gelegenen Wohnzimmer saßen, den Baum in der Ecke, das Kaminfeuer brannte, der Schnee fiel um sie herum als wären sie draußen, aber sie waren drinnen, wo es warm und gemütlich war.

Himmel, war das jedes Mal schön gewesen.

Er hätte sich dieses Haus niemals von dem Geld, das er bei der Regierung verdient hatte, leisten können. Becca hätte es sich nie von ihrem Wissenschaftlergehalt leisten könne. Auch zusammen hätten sie es sich nicht leisten können. Es war das Geld ihrer Familie, das es ermöglicht hatte.

Und das war genau der Punkt. Es war egal, ob er zwei Tage die Woche arbeitete oder gar nicht arbeitete. Sie waren sicher, wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens.

Ihm kam eine dunkle Ahnung. Wenn tatsächlich ein Krieg zwischen den Großmächten ausbrach, dann grenzte es ans Unmögliche, diesen zu verhindern. Auch konnte er es einfach diesen Ausgeburten der Gewalt überlassen, es unter sich auszukämpfen. Er musste dabei gar nicht mitmachen. Vielleicht könnte er nach geraumer Zeit das Ganze sogar völlig aus seinem Kopf verbannen. Die schlimmsten Grausamkeiten widerfuhren den Menschen dort draußen, irgendwo dort weit weg.

Er nahm das Handy vom Wohnzimmertisch und wählte eine Nummer.

Die Leitungen waren jetzt frei. Die Funkmasten waren nicht mehr überlastet. Die Leute hatten aufgegeben.

Es klingelte. Beim dritten Klingeln nahm sie ab.

Ihre Stimme klang verschlafen. „H’lo?“

„Liebling?“

„Hey, Liebes“, sagte sie.

„Hallo. Was machst du gerade?“

„Oh, ich war müde, deshalb bin ich früh ins Bett gegangen. Gunner hat mich den ganzen Tag auf Trapp gehalten. Deshalb hab ich mich gleich aufs Ohr gehauen, nachdem wir aufgelegt hatten. Wie ist es gelaufen? Hast du die Rede des Präsidenten gehört?“

Luke atmete tief durch. Sie war also vor der Rede des Präsidenten zu Bett gegangen. Das hieß, dass sie noch gar keine Ahnung hatte. Er konnte sich nicht überwinden, es ihr mitzuteilen. Nicht jetzt.

„Ja. Ich war auch zu müde. Ich hab mir eine Nacht frei genommen und mich da rausgezogen. Kein Fernseher, kein Computer, nichts. Ich bin mir sicher, dass die Leute mich morgen wieder auf den neusten Stand bringen.“

„Jetzt mutmaßt du“, sagte sie.

Luke lächelte. „Okay, Liebling. Geh wieder ins Bett. Tut mir leid, dass ich dich aufgeweckt habe.“

Sie war schon fast wieder dabei einzuschlafen. „Ich liebe dich.“

Er saß für eine Weile lächelnd auf dem Sofa. Er nippte an seinem Whiskey. Es machte ihn glücklich sich vorzustellen, wie Becca und Gunner den ganzen Tag um ihn herum liefen und wie sie jetzt in dem abgeschiedenen Landhaus schliefen. Luke würde seine Pensionierung genießen, das würde er wirklich.

Aber jetzt noch nicht.

Er wählte eine andere Nummer.

Eine Stimme am anderen Ende antwortete hastig. „Wellington.“

„Trudy, ich bins Luke.“

„Luke, wo bist du? Hier spielt der Teufel verrückt.“

„Ich bin zu Hause. Wo bist du?“

„Ich bin in der Zentrale, wo zur Hölle sollte ich sonst sein? Luke, der halbe Kongress war in Mount Weather. Der Präsident, seine Berater und sein Stabschef. Die Vize-Präsidentin, der Außenminister, der Finanzminister, der Bildungsminister. Sie sind alle dort unten. Alles steht in Flammen und niemand kann irgendetwas dagegen tun. Ein Feuersturm hat die Schächte der Fahrstühle zerstört. Die Notfalltreppen wurden in die Luft gejagt. Die Feuerwehr kommt gar nicht nach unten zum Feuer durch.“

„Besteht irgendein Kontakt nach dort unten?“

Sie räusperte sich. Es klang fast wie ein Lachen. „Dem Stabschef des Präsidenten, David Halstram, ist es gelungen durchzurufen. Er hatte die 911 gewählt, ob du es glaubst oder nicht. Es gibt eine Aufzeichnung dieses Anrufs. Ich habe es vorhin gehört. Er klang panisch und hat sehr schnell gesprochen. Er sagte, dass seine Beine unter etwas lagen, er sich nicht vom Fleck bewegen könne und dass er fürchtete, dass der Präsident tot sei. Er hat auch gesagt, dass du ihn kurz davor angerufen hättest und ihm gesagt hättest den Präsidenten da raus zu holen. Er…“ Trudys Stimme zitterte… „sagte, dass er auf dich hätte hören sollen.“

Luke sagte nichts.

„Hast du ihn angerufen?“, fragte Trudy.

„Das habe ich, ja.“

„Wie hast du es wissen können? Wie hast du wissen können, was passieren würde?“

„Trudy, das kann ich dir nicht sagen.“

„Luke -“

Er schnitt ihr das Wort ab. „Hör zu, du musst etwas für mich tun. Ist der Verteidigungsminister am Leben? David Delliger?“

„Er lebt. Er ist im Flügel R.“

„Ich brauche eine direkte Leitung zu ihm, um ihn zu kontaktieren.“

„Warum er? Solltest du nicht viel eher mit dem Präsidenten sprechen?“

Luke schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Präsidenten.“

„Noch nicht. Aber der neue wird gerade eingeschworen… noch zehn Minuten bis dahin.“

„Wer ist es, wenn nicht Delliger? Wer lebt überhaupt noch um das Amt zu übernehmen?“

„Luke, du weißt das nicht? Bill Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses.“

Luke dachte an all die Vertreter und Senatoren, die er heute Morgen in Mount Weather versammelt gesehen hatte. „Ryan? Wie hat er das überlebt?“

Trudys Stimme klang verunsichert. „Sie sagen, dass er einfach unverschämtes Glück gehabt hat. Er ist nicht nach Mount Weather gefahren.“

Ryan, dachte Luke entgeistert. Ein Geier unter den Geiern. Das konnte nur eines bedeuten, sie würden in den Krieg ziehen.

*

22.02 Uhr, Flügel R – Blue Ridge Summit, Pennsylvania

Es war wie ein Alptraum, aus dem er nicht aufwachen konnte.

Sein Name war David Delliger und er war der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten. Er war durch seinen langjährigen Freund und College Mitbewohner Thomas Hayes, dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, zu diesem Amt gekommen.

Delligers Nominierung war eine Überraschung gewesen, in jeder Hinsicht. Er war Professor für Geschichte an der Naval Academy gewesen und hatte als Anwalt die meiste Zeit seiner Karriere als Vermittler zwischen den Parteien gearbeitet. In den Jahren bevor er das Amt angenommen hatte, hatte er das Carter Center beraten und die Wahlen in neuen Demokratien überwacht, Länder mit einer Geschichte voller despotischer Herrscher. Dieser Job war das Gegenteil von Kriegsstiftung gewesen.

Und das war der Grund gewesen, warum Hayes ihn berufen hatte. Thomas Hayes war jetzt seit einer Stunde tot. Momentan gab es keine Möglichkeit festzustellen, wer noch am Leben war und wer tot in den Trümmern, was einst die Mount Weather Einrichtung gewesen war, lag. Die Vize-Präsidentin galt als verschwunden, man vermutete, sie war tot. Die Feuer wüteten noch immer auf mehreren Etagen tief dort unten. Hunderte Menschen waren dort eingeschlossen, viele Kongressabgeordnete unter ihnen und auch einige Familienmitglieder.

Delliger stand in einem tief unter der Erde liegenden Raum aus Zement, der vierzig Kilometer vom Ort der Katastrophe entfernt war. Etwa dreißig weitere Leute waren mit ihm in dem Raum. Ein blauer Vorhang war an einer der Zementwände angebracht worden, um die Hässlichkeit des Raumes wenigstens ein wenig zu verbergen. Zwei Männer und eine Frau standen auf einem kleinen Podium. Fotografen machten Fotos von ihnen.

Einer der beiden Männer war klein und glatzköpfig. Er trug ein langes Gewand. Es war Clarence Warren der Präsident des obstersten Gerichtshofes. Die Frau war Karen Ryan. Sie trug einen hellblauen Anzug und eine rote Rose an ihrem Revers. Eine offene Bibel lag in ihren Händen. Ein großer, gutaussehender Mann in dunkelblauem Anzug und Krawatte stand neben ihr, seine linke Hand ruhte auf der Bibel. Seine rechte Hand hielt er in die Höhe. Bis zu diesem Moment war der Mann Repräsentant North Carolinas und Sprecher des Repräsentantenhauses gewesen.

„Ich, William Theodore Ryan“, sagte er, „schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich ausführen…“

„Und die Verfassung der Vereinigten Staaten“, soufflierte Richter Warren.

„Und die Verfassung der Vereinigten Staaten“, sagte Ryan.

„Nach besten Kräften wahren, schützen und verteidigen werde.“

Ryan wiederholte die Worte und wurde dabei mit einer zeremoniellen Feierlichkeit zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt, die eher an die Mitgliedschaftsverleihung eines Wandervereins erinnerte. Delliger befand sich nahezu im Schockzustand. Ja, sein Freund war gerade getötet worden. Thomas Hayes war ein großartiger Mensch gewesen und sein Verlust war nicht nur für Delliger selbst, sondern vor allem für das gesamte amerikanische Volk eine Tragödie.

Doch schlimmer noch hatte gerade einer der ärgsten Feinde des Präsidenten seinen Job übernommen. Der selbe Mann, der noch heute Morgen dem Präsidenten mit einem Amtsenthebungsverfahren gedroht hatte, war gerade selbst zum Präsidenten ernannt worden.

Es ergab keinen Sinn. Wie konnten nur sowohl das Weiße Haus als auch Mount Weather an ein und dem selben Tag zerstört werden? Warum waren der Präsident und die Vize-Präsidentin in die selbe Einrichtung evakuiert worden? Sie hätten getrennt werden sollen sobald dem Geheimdienst aufgegangen war, dass sie beide zusammen dort waren.

Delliger sah, wie Ryan und seine Frau Karen sich flüchtig küssten. Dann zog Ryan für einen kurzen Moment eine Grimasse für die Kameras und verschiedene Leute im Raum lachten. Delliger schaute sich nach den Leuten um, die dort gelacht hatten. Er erkannte viele der Diensthabenden. Es waren die fanatischsten Kriegstreiber der Regierung. Mitglieder des Vereinigten Generalstabs. Der Direktor der CIA. Kongressabgeordnete mit engen Verbindungen zur Kriegsindustrie. Lobbyisten der Rüstungsindustrie und der Ölindustrie.

Wie waren gerade sie alle hier gelandet? Nein, die eigentliche Frage war, wieso war er hier mitten unter ihnen gelandet? Er war ein Fremder für sie, ein Outsider. Er war Verteidigungsminister, aber er war von einer Taube in dieses Amt befördert worden, von einem Mann, der alles in seiner Macht befindliche dafür tat einen Krieg zu vermeiden. Ein Mann, der jetzt tot war.

Das hier war ein Militärbunker. Diese Leute fühlten sich hier zu Hause. David Delliger hätte sich trotz seiner eigenen militärischen Laufbahn in einem zivilen Bunker mehr zu Hause gefühlt, aber dieser Bunker…

… war gerade zerstört worden.

Ein seltsames Gefühl überkam Delliger. Für einen Moment erschienen ihm die Gesichter der Menschen in der Menge verzerrt, so wie die Gesichter in einem Gruselkabinett. Alle grinsten sie. Die größte aller Katastrophen in der amerikanischen Geschichte hatte sich vor gerade einmal einer Stunde zugetragen, und hier lachten die Menschen. Warum sollten sie auch nicht? Sie saßen jetzt an den Schalthebeln der Macht.

Delliger blickte sich erneut im Raum um. Niemand achtete auf ihn. Warum auch? Er war Verteidigungsminister eines toten Präsidenten. Er war ein Witz für sie, Teil eines Regimes, das ausgelöscht worden war.

Auf dem Podium war Ryan wieder ernst geworden. Er blickte in die Menge.

„Niemand will in das Amt des Präsidenten so gelangen wie ich es heute bin. Aber ich werde hier heute nicht stehen und so tun als würde ich den Job nicht wollen. Ich wollte ihn und will ihn noch immer. Ich will ihn, weil ich Amerika wieder groß machen will. Thomas Hayes war ein großartiger Mann in vielerlei Hinsicht, aber er war auch ein schwacher Mann. Er konnte unseren Feinden nicht die Stirn bieten und dafür hat er einen bitteren Preis bezahlt. Diese Art politischer Entscheidungen, Entscheidungen aus der Schwäche geboren, sie werden jetzt aufhören.“

Jubel ging durch die Menge. Jemand lies einen langen Pfiff los. Das Klatschen hielt eine Weile an. Ryan gebot mit seinen Händen Ruhe.

„Heute Abend werde ich mich an das amerikanische Volk richten und darüber hinaus an die Menschen in der ganzen Welt. Das, was ich ihnen sagen werde, wird denjenigen Hoffnung und Mut geben, die durch die Ereignisse des heutigen Tages und der letzten Monate in Angst und Schrecken versetzt worden sind. Ich werde ihnen sagen, dass wir in den Krieg ziehen werden, dass wir eine Offensive starten werden und dass wir nicht eher aufhören werden bis wir die Verantwortlichen für die Grausamkeiten des heutigen Tages in die Knie gezwungen haben. Und auch dann werden wir noch nicht aufhören. Wir werden nicht aufhören bis ihre Paläste und Tore in Flammen stehen und ihre Bevölkerung schreiend auf den Straßen umherirrt. Und auch dann werden wir noch nicht aufhören.“

Der Jubel war jetzt so laut, dass Ryan aufhören musste zu sprechen. Es war zwecklos weiterzureden. Niemand hätte ihn gehört.

Er wartete. Langsam beruhigte sich die Menge wieder. Ryan starrte zu Delliger hinüber.

„Wir werden unsere Verluste rächen“, sagte er. „Und wir werden die rächen, die wir lieben. Und wir werden erst aufhören, wenn Iran nie wieder in der Lage sein wird, seine Macht in der Welt geltend zu machen. Wir werden erst dann aufhören, wenn sie nicht mehr in der Lage sein werden, sich selbst zu ernähren und sie auf unsere Nahrungs- und unsere Kleidungsspenden angewiesen sind. Dann erst wird eine Zeit des Trauerns und des Erinnerns kommen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt ist die Zeit der Rache angebrochen!“

Wieder jubelte die Masse, Delligers Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Er zog es heraus und blickte darauf. Es war eine Textnachricht. Das war sein Privathandy. Er bekam nur äußerst selten Nachrichten. Er öffnete sie.

Mein Name ist Luke Stone. Ich weiß, warum der Präsident sterben musste. Treffen Sie mich!

Kapitel 39

22.47 Uhr

Davis Memorial Hospital – Bethesda, Maryland

Die drei Männer huschten wie Schatten in sein Zimmer.

Sie waren dabei leise, fast geräuschlos. Sie hatten die Lichter im Flur ausgestellt. Als sie durch den Türspalt in Ed Newsams Zimmer glitten und in der Dunkelheit des Zimmers verschwanden, veränderten sich die Lichtverhältnisse kaum.

Es war auch egal. Ed Newsam glaubte nicht ans Schlafen. Nicht in Zeiten wie diesen. Sie hatten ihm ein starkes Schmerzmittel auf Morphium-Basis für die Einschusswunde und seine angeknackste Hüfte gegeben. Das Schmerzmittel würde ihn einschläfern. Ed glaubte an Schmerzen. Diese Schmerzen waren zu echt, um nicht an sie zu glauben. So hatte er das Schmerzmittel nicht abgelehnt. Er hatte es in seine Hand genommen und als die Krankenschwester den Raum verlassen hatte unter seiner Matratze verschwinden lassen.

Er hätte es ablehnen können, aber so hatten sie es in seiner Krankenakte vermerkt. Er hatte wohl irgendwie mit einem Besuch wie diesem gerechnet. Männer wie diese würden einen Blick auf sein Krankenblatt werfen, bevor sie hier herein kamen.

Ed war aus dem Verkehr gezogen. Er war auf Schmerzmitteln. Ed bekam seine wohlverdiente Ruhe.

Er atmete tief, wie jemand der schon lange im Reich der Träume abgetaucht war. Seine Augen waren nur einen Spalt weit geöffnet. Viele Menschen schliefen so. Seine Hände ruhten unter dem Laken. In seiner rechten Hand hielt er eine Beretta M9. Das Magazin war voll geladen. Eine Patrone war im Patronenlager. Sie war bereit.

Die Männer traten an sein Bett. Sie trugen dunkle langärmlige Shirts, dunkle Hosen und schwarze Kapuzen, die alles bis auf die Augen verdeckten.

Es waren offenkundig keine Ärzte.

Zwei Männer standen auf der rechten Seite, einer auf der linken. Einer der Männer zog eine Spritze heraus. Im Halbdunkeln sah Ed wie er sie hochhielt und die Kappe entfernte. Ein kleiner Spritzer entwich ihr. Er blickte zu den anderen zwei Männern und nickte.

Die zwei Männer bewegten sich schnell. Aber Ed war schneller. Sie sprinteten zu seiner Seite und versuchten seine Arme zu fixieren. Er holte seine Waffe nur einen Moment, bevor der Mann zu seiner Rechten sich bewegen konnte, hervor. Er richtete die Waffe auf sein Gesicht. Die Gewehrmündung war zwei Zentimeter von der Stirn des Mannes entfernt.

BOOM!

Der Knall war in der Enge des Raumes ohrenbetäubend. Ed sah von dem Mündungsfeuer Sterne vor seinen Augen tanzen.

Der Kopf des Mannes knickte ein. Blut und Knorpel flogen in alle Richtungen des Raumes. Der Mann fiel über die Brüstung des Krankenhausbettes. Ed stieß ihn mit der Waffe weg und die Leiche fiel auf den Boden.

Er schwang die Waffe wieder nach oben. Er richtete sie auf den Oberkörper des Mannes mit der Spritze in der Hand. Der Mann nahm beide Hände nach oben, seine Augen unter der Maskierung waren weit. Die Spritze war noch immer in seiner Hand.

BOOM!

Die Gewehrmündung war dreißig Zentimeter von der Brust des Mannes entfernt. Der Schuss katapultierte sein Herz und eine Hälfte seiner Lunge durch seinen Rücken. Der Mann fiel auf den Boden, als hätte sich eine Bodenluke unter ihm geöffnet.

Der dritte Mann hatte sich in die andere Hälfte des Raumes geflüchtet. Er war überrascht gewesen, dass er es nicht einmal versucht hatte, sich zur Tür zu retten. Wenn er sofort gelaufen wäre, hätte er es schaffen können. Jetzt stand er in einer Ecke etwa drei Meter von Ed entfernt. Ed zielte mit der Waffe direkt auf seinen Körper. Der Mann blickte zum Fenster. Achtes Stockwerk, erinnerte sich Ed, keine Feuertreppe. Viel Glück.

„Schöne Waffe, nicht?“, sagte Ed. „Ich nenne sie Alice. Willst du sie etwas fragen?“

Der Mann hob seine Hände. „Hey. Ich denke, du machst hier einen Fehler.“

„Nein, du machst einen Fehler, Hurensohn. Du willst mich umbringen? Dann komm hier nicht rein und lass es so aussehen, als wäre es eine Überdosis. Wenn du mich umbringen willst, dann kommst du besser hier rein und machst mich sofort kalt.“ Er schüttelte den Kopf und senkte seine Stimme.

„Sonst passiert eben genau das hier.“

Irgendwo im Krankenhaus ging der Alarm los. Der Sicherheitsdienst würde in einer Minute hier sein.

„Wer bist du?“, fragte Ed.

Der Mann grinste unter seiner Maske. „Du weißt, dass ich dir das nicht sagen werde.“

Ed war ein sehr guter Schütze. Eine weitere seiner Fähigkeiten, die er versuchte nicht einrosten zu lassen. Er konnte in zehn Metern Entfernung alles treffen, was er wollte. Er zielte und fegte eine Kugel oberhalb des Knies in das rechte Bein des Mannes.

BOOM!

Ed wusste genau, warum er diese Stelle auserkoren hatte. Die Kugel zertrümmerte den großen Knochen dort. Zerfetzte ihn in Stücke.

Die Ärzte hatten Ed gesagt, dass sein eigenes Becken am rechten Ende angebrochen war, wahrscheinlich weil eine abgefälschte Kugel den Großteil ihrer Energie bereits eingebüßt hatte, als sie ihn traf. Die Behandlung umfasste Bettruhe, Schmerzmittel und Physiotherapie. Er würde eine Weile eine Gehhilfe brauchen, dann Krücken. In etwa acht Wochen würde er noch etwas davon spüren, wäre aber sonst so gut wie neu. In sechs Monaten wäre er dann wieder ganz der Alte, als wäre nie etwas passiert.

Im Gegenteil dazu würde der Mann, der sich dort gerade auf dem Boden wand, nie wieder normal laufen können. Falls Ed ihn am Leben ließe.

Ed entfernte das Gitter von der Seite seines Bettes. Neben dem Stuhl stand eine Gehhilfe des Krankenhauses mit Rädern an den hinteren Beinen und Tennisbällen an den vorderen. Ed zog es zu sich heran und arbeitete sich in eine stehende Position neben seinem Bett. Er biss die Zähne vor Schmerzen zusammen.

Himmel. Wenn sich das Alter so anfühlte, dann wollte er nie alt werden.

Er blickte zu dem Mann, der sich auf dem Boden in der Ecke wand. Ed benutzte die Gehhilfe, um sich seinen Weg um die zwei Leichen herum zu bahnen, er musste aufpassen, nicht in dem Blut auszurutschen. Der polierte Boden schwamm im Blut. Er schleppte sich in Richtung  des verletzten Mannes.

„Wir haben nicht viel Zeit“, sagte er dem Mann. „Mal sehen ob ich den Namen in der nächsten Minute aus dir herausbekomme.“

Kapitel 40

23.05 Uhr

Fairfax County, Virginia – Vororte Washington, DCs

Luke war eingedämmert.

Das Telefon klingelte.

Er wachte auf, er lag flach auf dem Sofa. Er hatte einen zweiten Drink gehabt, während er auf den Anruf von David Delliger gewartet hatte. Dann war er eingeschlafen. Das musste jetzt Delliger sein.

Er nahm das Telefon ab.

„Hallo?“

„Luke?  Ich bins Ed Newsam. Hab ich dich aufgeweckt?“

Luke war etwas orientierungslos. „Nein. Wie spät ist es? Nein, du hast mich nicht aufgeweckt. Ed. Wie geht es dir? Ich hatte vor, dich morgen zu besuchen. Wollte dir ein paar Blumen bringen. Willst du ein Sandwich? Ich meine ein echtes, kein Krankenhausessen?“

„Mach dir keine Umstände“, sagte Ed. „Ich werde das Krankenhaus morgen verlassen. Hör zu, wir haben ein Problem. Gerade haben drei Männer versucht, mich zu töten.“

Luke setzte sich aufrecht hin. „Was? Wo bist du jetzt?“

„Noch im Krankenhaus. Zehn Polizisten sind bei mir. Sie werden mich in ein anderes Zimmer verlegen und Wachen vor der Tür postieren.“

„Wo sind die Killer?“

Es gab eine Pause. „Ähm, hier auf dem Boden. Sie haben es nicht überlebt. Ich habe versucht, die Identität des einen festzustellen, aber der hatte nicht so viel Lust zu reden. Da hätte ich nichts machen können. Außerdem haben sie die Krankenschwester auf der Station getötet und unter ihrem Schreibtisch versteckt. Sie hatten Masken auf als sie reinkamen. Ich bezweifle, dass wir im Nachhinein ihre Identitäten feststellen werden. Sie sind wie Gespenster. Geister.“

Luke fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Und du hast sie alle umgebracht?“

„Ja, das habe ich.“

Es folgte eine längere Stille.

„Luke, du solltest aufpassen. Deshalb rufe ich an. Das Ding mit dem Präsidenten… das läuft aus dem Ruder. Und diese Typen hier sehen mit Sicherheit nicht nach Iranern aus. Sie sehen wie Surfer aus San Diego aus. Sie haben versucht, mich zu erwischen, also haben sie es sicherlich auch auf dich abgesehen.“

Luke stellte den Fernseher aus, lehnte sich dann über den Tisch, um das Licht auszuschalten. Er bückte sich und rannte in die Küche. Er löschte auch dort das Licht. Von dem schwachen orangenen Schein der Wanduhr und dem roten LED Licht der Stereoanlage im Wohnzimmer abgesehen, lag der erste Stock nun völlig im Dunkeln. Luke kroch zurück ins Wohnzimmer.

„Luke? Bist du noch da?“

„Ja. Ich bin hier.“

„Was machst du?“

„Nichts, man. Alles klar.“

Luke hob eine Ecke des blauen Esstischteppichs an und rollte sie auf. Darunter kam eine Falltür zum Vorschein, die in den Holzboden eingelassen war. Luke klemmte das Handy an sein Ohr und zog seinen Schlüsselbund hervor. Es gab rechts und links neben der Falltür kleine Schlösser. Er fand die kleinen silbernen Schlüssel, steckte sie hinein und entriegelte die Tür.

„Hast du vor, mit mir zu reden?“, fragte Ed.

„Ich bereite mich nur vor, Ed. Ich glaube, ich sollte auflegen.“

„Das ist wahrscheinlich eine gute Idee. Viel Glück, Bruder.“

„Danke für den Tipp.“

Luke ließ das Handy auf den Boden fallen. Er öffnete die Falltür und zog eine lange Metallbox heraus. Ein weiterer Spielzeugkasten. Luke hatte sie überall im Haus verteilt. Er gab den Code aus dem Gedächtnis ein und öffnete die Box. Das hier war einer der größeren Kästen.

Ein M16 Gewehr. Ein Remington 870 Schrotgewehr. Ein paar Handfeuerwaffen. Ein Jagdmesser. Drei Granaten. Mehrere Boxen Munition, jede Menge Patronen für die Waffen. Er fuhr mit den Händen über die Waffen. Er würde sein Bestes geben, das Haus nicht in die Luft zu jagen. Seine Hände zitterten, vielleicht vor Angst, vielleicht weil er einfach Hunger hatte, er begann die Waffen zu laden.

Das Handy klingelte erneut. Er blickte auf das Display. Die Nummer war unbekannt. Er seufzte. Er hätte gerade auch mit sonst wem sprechen können. Als er ran ging, hoffte er auf David Delliger, oder einen Telefonverkäufer.

„Luke? Hier ist Don Morris.“

Luke presste Neun-Millimeter Patronen in ein leeres Magazin, seine Finger bewegten sich schnell und automatisch. Dabei fiel eines der Teile dumpf zu Boden. Don wusste, dass etwas vor sich ging. Natürlich tat er das. Er und der neue Präsident waren beste Fischerfreunde.

„Hallo, Don. Woher kennst du den ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses?“

„Wir waren zusammen im Citadel, Luke. Das ist viele Jahre her. Nach meinem Abschluss bin ich dem Militär beigetreten und Bill hat angefangen Jura zu studieren.“

„Verstehe.“

„Luke, wir müssen reden.“

„Okay.“ Luke füllte ein Magazin und legte es zur Seite. Er begann mit dem nächsten. „Aber wenn wir reden, dann lass uns ehrlich miteinander sein, okay?“

„Das ist nur fair“, sagte Don.

„Warum fängst du nicht an?“

Don machte eine Pause, bevor er anfing. „Also… Mittlerweile sollte dir klar sein, was heute passiert ist, nehme ich an.“

„Ich würde sagen, es ist glasklar, Don. Mit diesem Anruf wird es sogar noch klarer.“

„Ich bin froh darüber, Luke. Dann können wir hier also mit offenen Karten spielen. Und gleich zur Sache kommen. Du bist ein alter vom Krieg gebeutelter Kämpfer, genau wie ich. Du musst verstehen, dass es keinen anderen Weg gab. Es war zum Wohle unseres Landes. Es war für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder. Wir dürfen unseren Feinden nicht erlauben, uns auf internationaler Ebene so an der Nase herumführen zu lassen. Dieser Mann hätte alles aufgegeben, ohne auch nur einen Schuss abzugeben. Das ist jetzt vorbei.“

Luke hatte ein weiteres Magazin fertig gemacht. Er lud nun ein drittes.

„Was passiert jetzt?“, fragte er.

„Wir müssen ein paar Dinge in Ordnung bringen. Wir stellen ein paar Leute auf und erinnern jeden dort draußen daran, wer hier das Sagen hat.“

„Und danach? Was passiert mit der Regierung?“

„Dasselbe wie beim letzten Mal. Präsident Ryan bleibt für den Rest der Amtszeit bestehen, in seinem Fall also drei Jahre. Er tritt für seine Wiederwahl an oder auch nicht. Ich denke mal, dass er das wird, aber das liegt an ihm. Das Volk wird entscheiden, wer der nächste Präsident sein wird. Nichts hat sich verändert, Luke. Die Verfassung ist in Kraft. Alles, was wir getan haben, war die Reset-Taste zu drücken.“

„Die gesamte Regierung ist draufgegangen“, sagte Luke.

„Wir werden uns darum kümmern.“

„Ihr habt es nur ein kleines bisschen übertrieben, nicht wahr Don? So wie Kinder es manchmal übertreiben.“

„Klar. Wenn du es so nennen willst.“

„Wie viele Menschen sind bei eurer kleinen Übertreibung draufgegangen?“

Er antwortete nicht.

„Don?“

„Luke, ich würde sagen ein Millionstel der Bevölkerung. Dreihundertfünfzig Leute. Das ist eine Schätzung, aber sie ist wahrscheinlich mehr oder weniger präzise. Morgen früh werden wir mehr wissen. Kein sehr hoher Preis, wenn man sich bedenkt.“

Luke ging in der Dunkelheit in die Hocke. Er zog ein Schulterholster erst über seine linke Schulter, dann ein zweites über die rechte. Er würde seine M16 auf dem Rücken festschnallen. Die Granaten würde er in seinen Hosentaschen verstauen. Er würde die Schrotflinte in der Hand halten und mit ihr als allererstes abfeuern.

Er blickte sich im Wohnzimmer um. Die bodenlangen Fenster sahen gerade recht albern aus. Er lebte buchstäblich im Glashaus. Es gab keine Möglichkeit diesen Ort zu verteidigen. Er würde wahrscheinlich aus dem Haus nur im Kugelhagel fliehen können.

„Luke?“

„Ich höre zu, Don.“

„Hast du irgendwelche Frage?“

„Klar. Wie wäre es damit? Warum hast du mich mitten in der Nacht aufgeweckt und mich hier reingezogen? Ich war bereits sechs Monate beurlaubt. Ich hatte zehn Monate lang an keinem Fall gearbeitet.“

Don lachte und sein langsamer Südstaatendialekt quoll zähflüssig aus ihm heraus. „Das war mein Fehler. Du bist einer der besten Agenten, die ich jemals gesehen habe, aber ich hatte angenommen, dass du nach so langer Zeit langsam und aus der Übung sein würdest. Und du warst letzte Nacht auch etwas langsam, hast dich aber schnell wieder gefangen. Ich habe dich unterschätzt, das ist alles. Du solltest bis zu dem Iraner kommen und dort aufgeben.“

„Damit wir es den Iranern anhängen konnten, als das Weiße Haus in die Luft flog?“

„Ja, so leicht hätte es sein können.“

„Und Begley? Was ist mit dem?“

Don lachte erneut. „Ron Begley ist absolut unfähig.“

„Er hatte also keine Ahnung?“

„Oh Gott, nein.“

Jetzt musste Luke fast lachen. Das passte ihnen. Der arme Ron Begley hatte versucht, Ali Nassars Rechte zu verteidigen, ohne dass er auch nur die Gründe dahinter verstanden hätte. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, die Unantastbarkeit der diplomatischen Immunität zu verteidigen. Wenn wir sie hier nicht verteidigen, dann werden sie es da drüben auch nicht. Vielleicht hatte er aber auch nur versucht Luke zu zeigen, wer am längeren Hebel saß.

„Warum rufst du mich an, Don?“

„Jetzt kommen wir zum Punkt, Junge. Es wurde eine neue Fahndung für dich rausgeben. Dem Stabschef des früheren Präsidenten war es gelungen aus Mount Weather einen Anruf zu machen, bevor er gestorben ist. Er hat dich mit der Katastrophe in Verbindung gebracht. Du wirst gesucht, weil man dich dazu befragen will. Und auch wegen des Mords in Baltimore heute Morgen? Das hast du jetzt auch wieder am Hals. Es hat den Anschein, dass sie dich in eine Schublade mit den Terroristen stecken. Du hast den Präsidenten in sein Verhängnis geführt. Das kleine Ablenkungsmanöver in Baltimore war lediglich dein Versuch, einen deiner Partner davon abzuhalten, dich zu verraten. Und wir haben ein Offshore-Konto gefunden, das wir zu dir nachverfolgen konnten. Mehr als zwei Millionen Dollar sind da drauf.“

Luke lächelte.

„Habt ihr nicht mehr zu bieten?“, frage Luke. „Geld auf ein fingiertes Konto unter meinem Namen zu überweisen.“

„Ich denke, das genügt“, sagte Don.

„Und Ali Nassar?“, fragte Luke.

„Dein Zahlmeister? Er ist vor etwa einer Stunde gestorben. Suizid. Er ist vom Balkon seiner Wohnung gesprungen. Fünfzig Stockwerke hoch, kannst du dir das vorstellen? Zum Glück ist er auf einem Betonvorsprung im dritten Stock gelandet. Somit wurde niemand auf der Straße verletzt.“

Luke zuckte die Schultern. Er war kein Fan von Ali Nassar gewesen. Was auch immer Nassar geglaubt hatte zu tun, er musste gewusst haben, dass es falsch war. Und er musste gewusst haben, dass sein eigener Tod eine gangbare Möglichkeit darstellte. Wenn er das nicht gewusst hatte, dann war er ein größerer Idiot als es schien. „Das kommt euch gerade recht“, sagte Luke. „Noch jemand, der ins Gras beißt.“

„In der Tat.“

„Und jetzt willst du, dass ich mich kampflos ergebe, nehme ich an.“

„Das würde ich gerne, ja.“

„Gib nicht viel Hoffnung darauf, oder?“

„Luke…“

Von Lukes Standpunkt im Esszimmer konnte er die großen Fenster im Wohnzimmer sehen, die in Richtung Westen und Süden blickten. Das Haus war auf einem kleinen Hügel, der von Gras bedeckt war, gebaut worden. Durch die Höhe konnte man besonders weit blicken. Es war eine ruhige Gegend. Die meisten Anwohner parkten in ihren eigenen Auffahrten oder Garagen.

Im Süden machte er zwei Einsatzwagen ohne Kennzeichen aus, die Front an Front an der nächsten Ecke parkten. Es waren schnelle Autos von der Art, die die Regierung von Drogendealern konfiszierte. Die Fenster waren schwarz. Sie warteten dort wie lauernde Spinnen. Im Westen in der nördlichsten Ecke des Fensters konnte er einen schwarzen Kleinbus erkennen, der oberhalb der nächsten Straße parkte. Das war alles, was er von hier aus sehen konnte. Wahrscheinlich gab es noch mehr.

„Wenn es eine Fahndung nach mir gibt“, sagte Luke, „warum schickt ihr dann nicht einfach ein paar Polizisten? Alles, was ich hier sehe, sind Gespenster.“

Don lachte. „Tja. Fahndung mag ein starkes Wort sein. Lass es uns so sagen, wir würden uns gerne einmal mit dir unterhalten.“

Natürlich. Die Polizei blieb außen vor. Wenn Luke jetzt da hinaus ging und sich ergab, dann hätte sein letztes Stündchen geschlagen. Sie würden ihn in einem dunklen Loch vergraben und niemand würde ihn jemals finden.

Das würde nicht passieren.

„Ich verspreche dir ein Blutbad, Don. Wenn du versuchst mich zu kriegen, dann schicke ich alle Leute dort draußen vor meinem Haus und zehn, zwanzig oder dreißig mehr ins Grab. Das sind viele Witwen und Waisen. Das kann ich versprechen.“

Dons Stimme blieb stumm. „Luke, ich will, dass du mir jetzt sehr genau zuhörst. Es ist das wichtigste, was ich dir jemals sagen werde. Hörst du mir zu? Kannst du mich hören?“

„Ich höre“, sagte Luke.

„Sie haben deine Frau und deinen Sohn.“

„Was?“

„Das alles geht dich nichts an, Luke. Das hat es nie. Du warst die Schaufensterdekoration, der Komparse in einem viel größeren Drama. Wenn du heute Morgen nach Hause gegangen wärest, als ich dich suspendiert hatte, nichts von all dem wäre passiert. Aber du bist nicht nach Hause gegangen und damit hast du Rebecca und Gunner in Gefahr gebracht. Ihnen geht es gut und sie sind unversehrt, aber du musst auf mich hören. Wenn du dich jetzt stoppst, aufhörst, das zu tun, was du versuchst zu tun, mit deinen Händen in der Luft aus dem Haus gehst, dann wird alles gut werden. Wenn du darauf bestehst mit diesem… Schwachsinn weiterzumachen…“ Er machte eine Pause. „Dann weiß ich nicht, was passieren wird.“

„Don, was versuchst du hier gerade zu sagen?“

„Es ist nicht dein Kampf, Luke, oder meiner. Das hier ist größer als wir es sind.“

„Don, wenn du meiner Familie auch nur ein Haar krümmst -“

„Ich bin es nicht. Du weißt genau, dass ich deiner Familie nie etwas antun könnte. Ich liebe sie wie meine eigene. Ich bin nur derjenige, der die Nachricht überbringen muss. Bitte vergiss das nicht.“

„Don -“

„Es ist deine Wahl, Luke.“

„Don!“

Die Leitung war tot.

Kapitel 41

23.15 Uhr

Queen Anne’s County, Maryland – Ostküste des Chesapeake Bay

Rebecca saß aufrecht im Bett und starrte in die Dunkelheit. Auf dem Nachttisch neben ihr klingelte das Telefon. Sie blickte hinüber. Sie konnte auf der Anzeige sehen, dass es Luke war. Aber sie konnte sich nicht bewegen. Es würde sie verraten. Sie wusste, dass da jemand im Haus war.

Sie saß dort, wie erstarrt, das Herz raste in ihrer Brust. Sie war von den Schritte im Untergeschoss aufgewacht, schwere Körper, die sich vorsichtig versuchten zu bewegen. Dieses Haus war uralt und die Dielen knackten. Es gab kaum einen Raum in diesem Haus dessen Boden nicht wenigstens ein bisschen knarrte.

Da war es wieder. Ein schwerer Schritt im Untergeschoss, der verstohlen versuchte keinen Laut zu machen. Ein weiterer folgte, der aus dem Raum gegenüber vom Wohnzimmer kam. Wenigstens zwei Leute mussten dort unten sein. Unter ihrem Schlafzimmerfenster vernahm sie sogar noch mehr tapsende Schritte auf dem Gras. Auch außerhalb des Hauses lauerten Leute.

Plötzlich ging ihr etwas auf. Es hatte einen Moment gedauert, da sie noch geschlafen hatte, als die Geräusche angefangen hatten. Gunner war mit ihr in dem Haus.

Oh Gott. Sie musste ihn holen.

Wie sollte sie das anstellen? Luke schloss seine Waffen stets weg. Sie hatte ihn dazu gedrängt, weil sie befürchtet hatte, dass Gunner sie eines Tages finden könnte, wenn er allein zu Hause war.

Sie schlüpfte aus dem Bett und setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Sie riss sich das Nachthemd über ihren Kopf vom Leib. Sie zog ihre Jeans an und das T-Shirt, das sie während des Tages getragen hatte. Ihr kam eine Idee. Sie würde in Gunners Zimmer gehen, ihn leise aufwecken und dann das Fenster öffnen. Sie würden beide hinausklettern und leise das schräge Dach vor seinem Schlafzimmer entlangbalancieren. Wenn niemand sie bemerkte, dann würden sie die Regenrinne herunterrutschen und so schnell sie konnten zum nächsten Nachbarhaus in einem halben Kilometer Entfernung rennen.

Genau so. Das war der ganze Plan.

Sie blickte hoch und musste nach Luft schnappen. Gunner kam herein, er trug sein Walking Dead T-Shirt und seine Schlafanzughose. Er rieb sich die Augen.

„Mama? Hast du das auch gehört?“

Aus dem Dunklen tauchte hinter Gunner plötzlich ein sehr großer Mann auf. Sein Adamsapfel trat besonders auffällig hervor. Sein Gesicht war flach und leer. Was er fühlte, schien sich nicht in seinen Augen widerzuspiegeln. Seine Augen waren tot. Er grinste sie an.

Seine Stimme klang vergnügt. Er klang amüsiert.

„Hallo, Frau Stone“, sagte er. „Habe ich Sie aufgeweckt?“

Gunner schrie erschrocken beim Klang der tiefen Stimme hinter ihm. Er rannte zu ihr. Becca duckte ihn hinter sich. Ihr Atem schien ihr im Halse stecken zu bleiben. Ihre Atmung klang wie eine Lokomotive. Dann kam ihr ein seltsamer Gedanke.

„Alles kein Problem, gnädige Frau“, sagte der Mann. „Wir werden Ihnen nicht weh tun. Noch nicht.“

Sie musste an Luke denken. Er war so paranoid gewesen, wahrscheinlich weil er so furchtbare Dinge gesehen hatte. Damals als er manchmal wochenlang irgendwo in Übersee aufgestellt war, hatte er ihr beigebracht, sich selbst zu verteidigen. Aber das, was er ihr da gezeigt hatte, war weder Kickboxen noch Karate. Er hatte ihr nicht gezeigt, wie man jemanden zu Fall brachte oder schlug.

Nein. Er hatte diese lebensechten, schweren, der Anatomie des Menschen entsprechenden Dummys mit nach Hause gebracht. Luke hatte ihr beigebracht, wie man die Augen von jemandem herausdrückte, indem man seine Finger tief in die Augenhöhlen drückte. Er hatte ihr beigebracht wie man die Nase von jemandem abbiss. Abbiss! Einfach die Zähne versenken und die Nase vom Gesicht reißen. Er hatte ihr gezeigt wie man Hoden zermalmen, nicht zerquetschen konnte. Er hatte ihr auch beigebracht, wie man seine Faust in den Mund hinunter in den Hals von jemandem zwang. Er hatte ihr kurzum gezeigt, wie man einen anderen Menschen für den Rest seines Lebens dauerhaft Schaden zufügte, vor allem einem Menschen der größer und stärker als man selbst war.

Sie erinnerte sich an Lukes besonnenes Lächeln, als er darüber mit ihr sprach. „Wenn du einmal in einer Situation bist, in der du keine andere Wahl hast, als zu kämpfen, dann musst du der anderen Person Schmerzen zufügen. Und das nicht nur ein bisschen. Nicht mal sehr. Du musst dieser Person solche Schmerzen zufügen, dass sie nicht mehr aufstehen kann und dir das Gleiche oder Schlimmeres antun kann.“

Konnte sie das tun? Konnte sie diesem Mann solche Schmerzen zufügen? Wenn sie alleine gewesen wäre, dann wohl nicht. Aber Gunner war hier.

Der Mann kam auf sie zu. Er kam sehr nah. Er trug schwere Schuhe, eine Khaki-Hose und ein T-Shirt. Er presste seinen Körper gegen den ihren, aber berührte sie nicht mit den Händen. Seine Brust streifte ihr Gesicht. Sie konnte seine Körperwärme spüren. Er stützte seine Hände an der Wand hinter ihr ab. Der Körper des Mannes drängte sie zurück.

„Na, magst du das?“, fragte er. Er atmete tief. „Ich sehe dir doch an, dass dir dein Mann nicht wirklich fehlen wird.“

Gunner stieß einen Laut hinter ihr aus, wie ein kreischendes Tier.

Becca schrie, genauso wie Luke es ihr beigebracht hatte. Der Schrei setzte ihre Energie frei. Sie riss beide Hände nach oben in den Schritt des Mannes. Sie griff durch die Hose des Mannes nach seinen Hoden, sie drückte zu so fest sie konnte. Sie würgte sie förmlich. Dann riss sie mit aller Kraft an ihnen.

Die Augen des Mannes weiteten sich vor Schock. Er keuchte und fiel mit einem Rumps zu Boden. Sein Mund stand in einem lautlosen Schrei offen. Seine Hände hielten seinen Schritt. Durch seine Hose sickerte Blut. Sie hatte ihm Schmerzen zugefügt. Große Schmerzen.

Sie drehte sich zu Gunner. „Komm! Wir müssen schnell hier raus.“

Kapitel 42

23.17 Uhr

Fairfax County, Virginia – Vororte Washington, DCs

„Hallo, hier ist Becca. Ich kann gerade nicht rangehen. Bitte hinterlass eine Nachricht nach dem Ton und ich rufe so schnell wie möglich zurück.“

Luke legte auf. Es war wenig sinnvoll, eine Nachricht zu hinterlassen.

Er war nach unten gegangen. Das Haus war halb unterkellert. Man kam so am Fuße des kleinen Hügels durch einen Ausgang direkt zwischen seinem Haus und dem des Nachbars heraus. Die Tür war ein Schwachpunkt und zunächst war das der Grund weshalb Luke sich dorthin begab. Luke kauerte sich vor die Tür, es war fast stockdunkel, er blickte zum Haus des Nachbarn hinüber. Das Haus brachte ihn auf eine Idee.

Die Frage war: würde er es wagen?

Im Laufe seiner Karriere hatte Luke es immer versucht, Becca und Gunner von der Realität seiner Arbeit abzuschirmen. Becca wusste, wie er sein Geld verdiente, hatte aber tatsächlich nur eine kleine Ahnung, was das eigentlich bedeutete. Gunner auf seine Weise war da wahrscheinlich näher an der Wahrheit dran. Er glaubte, sein Vater sei James Bond.

Luke lachte auf. Er erkannte für eine Sekunde, dass er es wahrscheinlich war, der hier nichts verstand. In all den Jahren hatte er zwei Leben gehabt. So hatten sie es ihm beigebracht. Auf der einen Seite hast du deinen Job mit allem, was dazugehörte. Die Geheimnisse, die du erfuhrst und die du lerntest, schnell wieder zu vergessen, die Leute, die du trafst oder festnahmst oder tötetest. Auf der anderen Seite hattest du ein echtes Leben. Man versuchte, diese beiden Teile so weit wie möglich voneinander entfernt zu halten.

Aber es war eine Lüge. Die Arbeit war gefährlich und dreckig. Luke hatte regelmäßig mit den schlimmsten Menschen dieser Welt zu tun. Diese Menschen zogen keine willkürliche Linie zwischen Arbeitsleben und Privatem. Das war alles dasselbe für sie. Es war alles ein fairer Teil des Spiels.

Wie hatte er das so lange nicht sehen können? Oder hatte er es gesehen und einfach nur ignoriert?

Ein schrecklicher Gedanke erschien ihm, einer den er nicht ausdenken wollte. Er hatte es die ganze Zeit gewusst. Wenn Menschen gekidnappt wurden, dann endete das meistens tödlich für sie. Sie gehen zu lassen, wäre zu gefährlich. Sie wussten zu viel. Sie hatten zu viel gesehen. Es war einfacher und gescheiter sie einfach umzubringen.

Die Welt war voll mit Menschen, die für ihren Lebensunterhalt töteten. Es bedeutete ihnen nichts. Sie vermochten es am Morgen, jemanden umzubringen und danach bei Applebee’s für zehn Dollar Mittagessen zu gehen.

Luke biss seine Zähne zusammen, um den Schrei in seiner Kehle zu unterdrücken. Urplötzlich musste er anfangen zu weinen und das überraschte selbst ihn. Es tat weh. Es tat so sehr weh, und es hatte noch nicht einmal wirklich angefangen. Das wusste er. Er wusste, was auf ihn zukam. Er hatte es viele Male beobachten können. Unschuldige Menschen wurden aus dem Leben gerissen. Die Überlebenden wurden zu Schatten, leer, lebendig und doch tot zur selben Zeit. Sein Körper bebte vor Schluchzern.

Sein Handy piepte. Er blickte hinunter und hoffte, dass sie es sein würde. Sie war es nicht. Es war David Delliger.

Ich kann Sie treffen. Annapolis?

Okay. Das schürte seine Entschlossenheit.

Gegenüber der Tür des Erdgeschosses war die Tür seines Nachbarn Morts. Mort war ein lustiger Typ, Mitte fünfzig, Single. Er war Lobbyist der Casino Industrie. Nicht der etablierten Casio Industrie in Las Vegas. Der seltsamen Casino Industrie, deren Spielautomaten in heruntergekommenen Trabrennbahnanlagen oder trostlosen Flussschiffen, die in künstlichen Seen im Nirgendwo in Indiana vertäut waren, wie Pilze aus dem Boden schossen

Mort arbeitete hier in Washington, aber er verbrachte viel Zeit damit durchs Land zu fliegen, um Gesetzgeber zu schmieren. Somit war er nicht sonderlich viel zu Hause.

So wie heute Nacht. Luke wusste immer, ob Mort gerade nicht zu Hause war, weil er die Zeitschaltung seiner Innenbeleuchtung kannte. Es war jede Nacht dieselbe. Es hätte keinen Einbrecher zum Narren halten können, aber es beruhigte Morts Bedenken, was für einen Mann wie Mort sehr wichtig war.

Mort verdiente eine Menge Geld. Er hatte letztes Jahr so viel Geld verdient, dass er ein weiteres Stockwerk auf sein Hause hatte setzen lassen. Das machte einiges her, auch wenn es geschmacklos wirkte. Es war ein postmoderner Tumor, dessen Mix und Zusammenspiel verschiedener Architekturstile vielmehr wie ein Geschwür auf Morts herrschaftlicher Residenz thronte.

Man konnte fast sagen, dass es auch zum Verfall des Wertes von Lukes Grundstück beigetragen hatte. Luke mochte Mort, das tat er wirklich, aber dieser zusätzliche Bau war widerlich. Er war völlig inakzeptabel.

Und Mort war nicht zu Hause.

Immer noch hockend öffnete Luke die Tür im Erdgeschoss zur Hälfte. Morts Haus war nah, problemlose Wurfdistanz. Luke zog den Stift aus einer der Granaten und warf sie den kleinen Hügel in Richtung Morts Haus hinunter. Die Granate hüpfte zwei Mal und kam an die Wand gelehnt zum Stillstand.

Luke duckte sich und schmiss sich auf den Boden.

BOOM!

Ein Lichtkegel und ein lauter Knall zerrissen die Dunkelheit. Nach einigen Sekunden stand Luke auf und ging zurück zur Tür. Die Granate hatte ein Loch in Morts Haus gerissen. Ein kleines Feuer nagte an den Kanten des Lochs.

Luke öffnete dieses Mal ganz die Tür, trat nach draußen, riskierte, dass es möglicherweise Scharfschützen auf ihn abgesehen hatten, zog ein zweites Mal einen Stift aus einer Granate und warf sie wie einen Baseball genau durch die in Flammen stehende Mitte. Er raste zurück ins Haus.

Das Licht war dieses Mal anders und der Knall erstickte. Luke blickte nach draußen.

Die Seite von Morts Anbau war eingebrochen. Trümmer lagen auf dem Gras zwischen den zwei Häusern zerstreut. Ein ernsthaftes Feuer brach aus. Wenn erst einmal die Einrichtung und das Papier und die Teppiche und der ganze andere Müll brannten, dann würde es dort drüben schön warm werden.

Noch eine? Na klar. Eine mehr noch würde reichen. Luke trat nach draußen und schmiss auch die letzte Granate in das brennende Haus. In der Ferne hörte er bereits Sirenen heulen und näher kommen. Die lokale Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen – sie würden jede Minute hier sein. Wenn erst einmal die Nachbarn in ihren Nachtkleidern und Hausschuhen auf ihre Rasen drängten, würde es eine schöne Szene geben. Es würde nicht leicht sein, jemanden in solch einem Pulk Menschen verschwinden zu lassen.

Luke war auf dem Weg zurück nach oben, als der letzte Knall Morts Haus erschütterte. Er blickte aus dem Fenster. Glühende Asche flog überall durch die Gegend, schwarzer Rauch zog in den Himmel, der in rot und orange erstrahlte.

Die zwei Einsatzwagen ließen den Motor an und machten sich langsam aus dem Staub. Der Kleinbus war bereits verschwunden. Es war auch für Luke Zeit zu gehen. Er blickte noch einmal zu dem brennenden Haus. Er schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, Mort.“

Kapitel 43

23.19 Uhr

Queen Anne’s County, Maryland – Ostküste des Chesapeake Bays

Den großen Mann hatte sie erledigt. Er wand sich auf dem Boden.

Der würde nicht so schnell wieder aufstehen.

Becca nahm Gunner bei der Hand. Sie führte ihn zum Fenster und drückte das Gitter heraus. Es schepperte die Ziegel hinunter. Hinter ihr stampften schwere Schritte die Treppe hinauf.

Sie hockte sich vor Gunner. „Liebling, klettere raus, renn zur anderen Seite, aber sei vorsichtig, dann rutsch die Regenrinne hinab. So wie wir das in den Feuerübungen immer machen, okay? Ich bin hinter dir. Wenn du das Gras erreichst, dann renn. Renn so schnell du kannst zum Hause der Thompsons. Okay?“

Sie dachte an die Thompsons, ein altes Ehepaar, das um die fünfundachtzig, wenn nicht älter sein musste.

„Wer ist dieser Mann, Mama?“

„Ich weiß es nicht. Und es ist auch egal. Geh jetzt!“

Gunner kletterte mit dem Kopf voran aus dem Fenster, sprang hinunter und rannte davon.

Jetzt war sie an der Reihe. Sie blickte zur Tür. Zwei weitere Männer drängten sich in das Zimmer und rannten auf sie zu. Sie schlüpfte durch das Fenster. Sie stolperte über die Schieferziegel, doch einer der Männer erwischte sie an ihrem Bein und hielt sie fest. Sie befand sich zu Dreivierteln bereits auf dem Dach, ein Viertel ihres Körpers steckte noch im Zimmer. Der Mann zerrte jetzt an ihren beiden Beinen. Sie fingen an, sie zurück ins Zimmer zu ziehen.

Sie trat wild um sich, so sehr sie auch nur konnte.

Sie hörte ihre eigenen Schreie. „Aahh! Aahh!“

Es gelang ihr, sich zu befreien, dann begann sie sich da entlang zu rollen. Sie war bereits auf der niedrigen Schräge des Dachs. Eine Sekunde später tauchte einer der Männer durch das Fenster. Er war ihr auf den Fersen. Sie kugelten sich nun zusammen in Richtung Abgrund. Er versuchte sie festzunageln doch, sie kratzte ihn und zerquetschte seine Augen. Er rollte sich weg, um ihr zu entkommen, rollte aber zu weit und fiel über das Ende des Dachs. Sie hörte, wie er mit einem Knall auf dem Zementboden aufkam.

Sie sprang auf und fing an zu rennen. Ein weiterer Mann kletterte auf das Dach. Vor ihr war Gunner bereits an der Regenrinne angelangt. Er saß bereits auf der Dachrinne, seine Beine baumelten in der Luft. Er griff nach dem Rohr, stieß sich ab, schwang sich nach links herum und verschwand.

Becca erreichte die Kante.

Gunner glitt das Rohr hinab, landete auf dem Gras und rollte sich auf seinem Hintern ab. Eine weitere Sekunde verging und er saß immer noch auf dem Boden.

„Steh auf, Gunner! Renn!“

Er stand auf, drehte sich um und rannte den Hügel hinab in Richtung des Thompson Hauses. Becca blickte sich um. Der Mann auf dem Dach kam näher. Hinter ihm zwängte sich gerade ein weiterer durch das Fenster. Unter ihr und zu ihrer Linken sah sie Männer auf sie zu um die Ecke kommen.

Sie hatte keine Zeit, runter zu klettern. Sie drehte sich um und sprang.

Der Aufprall war hart und sie spürte einen Schmerz in ihrem Knöchel. Sie machte eine Rolle vorwärts, kam zum Stehen und rannte hinkend davon. Bei jedem Schritt durchfuhr sie eine Welle von Schmerzen, die vom Bein aus in ihren gesamten Körper ausstrahlten. Sie rannte weiter. Vor ihr rannte Gunner mit schwungholenden Armen und flinken Beinen. Sie näherte sich ihm.

„Lauf, Gunner!“, schrie sie. „Lauf!“

Hinter ihr vernahm sie die schwerfälligen Schritte des Mannes. Sie hörte, wie er schwer atmete. Sie rannte und rannte. Sie sah ihre Schatten im Gras vor ihr. Sie kamen immer näher, ihre Schatten überlagerten sich. Arme strecken sich nach ihr. Sie schüttelte sie ab.

„Nein!“

Ein Mann stürzte sich auf sie. Sie fühlte das Gewicht seines Körpers. Sie fielen zu Boden, ihre Körper bremsten schlitternd auf dem Gras. Sie kämpfte gegen ihn, sie kratzte ihn. Ein anderer Mann kam und dann noch einer. Sie drückten sie auf den Boden.

Zwei Männer liefen nach dem Jungen an ihr vorbei.

„Lauf!“, schrie sie. „Lauf!“

Sie verdrehte ihren Hals, um zu sehen was passierte. Hundert Meter entfernt hatte es Gunner fast bis zum Haus der Thompsons geschafft. Lichter im Haus wurden angeschaltet. Das Terrassenlicht ging an. Gunner sprang die Stufen hinauf, als die Tür sich öffnete.

Die zwei Männer waren gleich hinter ihm. Sie hörten auf zu rennen und liefen zur Terrasse. Langsam nahmen sie die Stufen.

Becca konnte Herrn und Frau Thompson in der Tür stehen sehen, eingerahmt vom Licht. Plötzlich sah sie einen Lichtstrahl, dann einen zweiten. Gewehrmündungen leuchteten auf, aber Becca konnte keinen Knall hören. Sie war so nah dran, und konnte ihn nicht hören.

Herr und Frau Thompson fielen zu Boden. Es gab einen weiteren Lichtblitz, dann noch einen, die Männer hatten es vollbracht.

„Oh, nein“, sagte Becca.

Jetzt kamen die Männer zurück, zusammen mit Gunner. Sie liefen zu seiner beiden Seiten, jeder hielt eines seiner Handgelenke umschlossen.

Ein Mann stand über ihr. Er war schlecht rasiert und roch nach Kaffee.

„Hast du das gesehen?“, fragte er. „Hast du das gesehen? Das ist deine Schuld, nicht unsere. Wenn du einfach getan hättest, was wir gesagt hatten, wäre das niemals passiert.“

Was hätte sie noch tun können. Becca spuckte dem Mann ins Gesicht.

Kapitel 44

23.27 Uhr

Mount Weather Notfalleinsatzzentrum – Bluemont, Virginia

In den letzten Stunden hatte Chuck Berg mehrfach das Bewusstsein verloren, bis eine Explosion ihn aufgeweckt hatte. Der Knall grollte wie ein weit entfernter Donner. Er versetzte die Luft in Schwingung, wie eine Welle im Ozean. Für eine lange Weile hatte er das Gefühl unter Wasser zu schwimmen, dann drang er wieder an die Oberfläche.

Er brach durch die Wasserwand und öffnete seine Augen. Chuck war siebenunddreißig Jahre alt und arbeitete seit fast zwölf Jahren für den Geheimdienst. Er hatte davor zwei Jahre am Schreibtisch zugebracht und neun als Teil eines erweiterten Sicherheitsteams. Zwei Monate lang hatte er einen Traumjob gehabt, er war der persönliche Bodyguard der Vize-Präsidentin gewesen. Gerade fühlte es sich nicht mehr so traumhaft an.

Chuck versuchte die Teile, an die er sich erinnern konnte, zusammen zu puzzeln. Sie waren aus dem Fahrstuhl getreten und waren einen langen schmalen Korridor in Richtung des Fernsehstudios entlang gegangen. Sie waren ein paar Minuten zu spät gewesen und waren deshalb in Eile. Er lief hinter der Vize-Präsidentin. Zwei andere, Smith und Erickson, liefen vor ihr.

Plötzlich flog die Stahltür vor ihnen nach innen. Erickson war sofort tot. Smith drehte sich herum und lief im Korridor wieder zurück. Sein Gesicht brannte, da die Flammen durch die zerbombte Tür gedrungen waren. Er sah einen Schatten durch das helle Orange und Rot der Flammen taumeln. Es war Smith, der wie eine Fackel brannte. Er schrie nur einige Sekunden, dann wurde er still und kippte nach vorn über. Berg stellte sich vor, wie Smith die Flammen inhaliert haben musste. Seine Kehle zerbarst, der Schrei erstarb, noch bevor er den Hals hätte verlassen können.

Chuck packte die Vize-Präsidentin und drückte sie nach unten.

Eine Druckwelle bewegte sich durch den Gang. Die gesamte Einrichtung schien zu beben. Etwas traf Berg am Kopf. Er erinnerte sich daran, dass er dachte: Okay, das wars, ich bin tot.

Aber er war nicht tot. Er war noch immer hier in demselben Korridor, es war stockdunkel und er lag auf der Vize-Präsidentin. Der Schmerz in seinem Kopf war groß. Er tastete mit einer Hand seinen Schädel ab und fand eine weite klebrige Wunde und getrocknetes Blut. Er drückte darauf. Ein geplatzter Schädel würde den Schmerz verschlimmern, je mehr er daran herumtastete. Aber das tat er nicht.

Er lebte und er schien dazu einsatzfähig. Und das bedeutete, dass er einen Job zu erledigen hatte.

„Frau Hopkins?“, fragte er. Sie war so klein, so zerbrechlich im Vergleich zu ihm, dass es seltsam war, auf ihr zu liegen.

„M’am, können Sie mich hören?“

„Nennen Sie mich Susan“, sprach sie, als wäre nichts gewesen. „Ich hasse diesen M’am Mist.“

„Sind Sie verletzt?“

„Ich habe Schmerzen“, sagte sie. „Aber ich weiß nicht, wie schlimm es ist.“

„Können Sie Ihre Arme und Beine bewegen?“

Sie wand sich unter ihm. „Ja. Aber mein rechter Arm tut ziemlich weh.“ Ihre Stimme zitterte. „Die Haut in meinem Gesicht schmerzt. Ich glaube sie wurde verbrannt.“

Chuck nickte. „Okay.“ Er rechnete alles durch. Sie konnte ihre Gliedmaßen bewegen, also waren keine wichtigen Nervenbahnen verletzt worden. Sie waren schon recht lange hier unten. Innere Verletzungen oder schwerere Verbrennungen hätten sie längst umgebracht. Und auch wenn ihre Verletzungen schmerzhaft waren, so waren sie noch nicht lebensbedrohlich.

„M’am, wir werden gleich sehen, ob sie aufstehen können, aber nicht sofort. Ich muss kurz weg und etwas überprüfen, dann komme ich sofort zurück. Ich will, dass Sie sich nicht bewegen. Ich will, dass Sie in genau derselben Position hier bleiben. Es ist sehr dunkel, ich würde Sie sonst nur schwer wiederfinden. Haben Sie das verstanden? Sagen Sie bitte ja oder nein.“

„Ja“, sagte sie mit der Stimme eines kleinen Mädchens. „Ich verstehe.“

Er ließ sie zurück und schlängelte sich auf dem Boden entlang. Ihm war ein Notfallkasten aufgefallen, der gegenüber der Fahrstuhltür angebracht worden war. Wenn jener Teil des Gebäudes noch stand, dann wüsste er, was zu tun sein würde. Er bewegte sich langsam, tastete nach allem, was im in die Quere kam. Er suchte nach etwas mit scharfen Kanten oder anderem vielleicht nützlichem Müll. Alles war voller Trümmern. Er tastete auch entlang der Mauer. Nach einer Weile fühlte seine Hand eine Einkerbung in der Wand, die ihm anzeigte, dass er den Fahrstuhl erreicht hatte.

Chuck zog sich mit Mühe auf die Knie. Einen Meter über dem Boden war es rauchig und die Luft begann seltsam zu riechen. Er duckte sich wieder auf den Boden.

„Frau Hopkins?“, rief er. „Sind Sie da?“

„Ich bin hier.“

„Bleiben Sie bitte auf dem Boden. Stehen Sie unter keinen Umständen auf, okay?“

„Okay.“

Chuck atmete tief ein und stand auf. Er drückte seine Knie durch. Seine Hände bewegten sich entlang der Mauer, bis sie den Glaskasten fanden. Er hatte keine Ahnung, wie er ihn öffnen sollte, deshalb stieß er mit voller Wucht seine Faust hinein. Es war leicht zerbrechliches Glas und es zersplitterte sofort.

Der Kasten war recht tief. Seine Hände wühlten in ihm herum und ertasteten ihm vertraute Formen. Beatmungsmasken waren darin. Die würde er brauchen. Da war auch eine Waffe – unnötig in diesen Umständen. Er fand auch eine Stabtaschenlampe, die mit einem Verschluss an der Wand angebracht worden war, er schaltete sie an. Sie funktionierte.

Oh mein Gott. Licht.

Schnell suchte er weiter und fand Wasser und einen Stapel Fertigessen. Einen Erste-Hilfe-Kasten. Ein Beil und ein Universalwerkzeug. Er fiel zu Boden, kurz bevor ihm der Atem ausging.

Er lehnte sich gegen die Mauer. Sie lebten und sie waren versorgt. Sie machten Fortschritte und es wurde Zeit, nach vorne zu denken. Die Einrichtung war angegriffen worden. Es war nicht irgendeine Einrichtung gewesen, sie war so gebaut worden, dass sie einen externen Raketen- oder Bombenangriff überstehen sollte. Das musste heißen, dass der Anschlag von hier drinnen ausgegangen war. Und das bedeutete im Umkehrschluss, dass Chuck einen Weg nach oben finden musste.

Aber…

Er musste aufpassen. Vor ungefähr zehn Jahren, als er zum ersten Mal ins Feld geschickt worden war, hatten sie ihn mit einem älteren, kurz vor der Pensionierung stehenden Agenten namens Walt Brenna zusammengesteckt. Walt war auf seine Weise besonders gewesen. Die Anderen hatten ihn einen Griesgram genannt. Sie hatten Chuck geraten, nicht auf ihn zu hören. Aber er und Walt hatten viel Zeit miteinander verbracht. Manchmal hatte es eben nichts anderes zu tun gegeben, als ihm zuzuhören.

Walt glaubte an ein Konzept, dass er selbst „Weiß auf Weiß“ nannte.

„Sie sagen dir, dass du in diesem Job islamistische Terroristen oder russische Mörder beschatten sollst oder was auch immer“, hatte Walt immer gesagt. „Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Du glaubst doch nicht wirklich, dass solche Leute auch nur in die Nähe des Präsidenten der Vereinigten Staaten kämen. Denk mal nach! Was wir hier eigentlich machen ist, Anschläge von Weißen auf Weiße zu neutralisieren.“

Chuck Berg hatte Walts Verschwörungstheorien immer mit großer Vorsicht genossen. Aber sie waren ihm trotzdem in all den Jahren nicht aus dem Kopf gegangen, und so musste er immer wieder daran denken. Für Walt Brenna war ein Weiß auf Weiß Anschlag einer, bei dem sich die Regierung selbst angriff. Die Anschläge auf die Kennedys waren das beste Beispiel dafür. Genauso wie der versuchte Mord an Ronald Reagan 1981.

Walt Brenna sagte über Reagan:

„Der Vize-Präsident, der an Stelle Nummer eins in der Nachfolge steht, war der frühere Direktor der CIA. Der Vater des Mannes, der versucht hatte, den Präsidenten zu töten, ist Leiter von World Vision, einer Organisation, die an der Spitze der CIA steht. Die Familie des Vize-Präsidenten war mit der Familie des potentiellen Mörders befreundet. Der Bruder des Vize-Präsidenten und der Bruder des Mörders aßen zusammen Mittag, während sich der Mord ereignete. Nur sehr wenig davon ist in die Presse gedrungen. Nichts davon wurde jemals genauer untersucht. Und warum? Weil der Mörder verrückt ist, ist das alles was wir wissen? Nein. Weil Weiß auf Weiß ein akzeptierter Bestandteil des Spiels ist. Es ist ihr Job und unser Job, sie aufzuhalten. Angriff und Verteidigung, das ist alles.“

Im Laufe der Jahre stellte Chuck fest, dass Walt nicht der einzige war, der im Geheimdienst so dachte. Niemand sprach offen darüber, aber er hatte es flüstern hören. Wie konnte man eine Weiß auf Weiß Tat identifizieren? Welche Anzeichen gab es dafür?

Chuck nickte sich selbst zu. Genau so würde es aussehen. Eine Bombe war in einer Sicherheitseinrichtung explodiert, kurz nachdem das Weiße Haus angegriffen worden war. Die Explosionen im Weißen Haus waren auch von Innen gekommen oder zumindest die meisten. Outsidern wäre es nicht möglich, an einem dieser Orte eine Bombe zu platzieren und schon gar nicht an beiden. Die einzigen, die den entsprechenden Zugang gehabt hatten, waren das Militär, die Nachrichtendienste oder der Geheimdienst selbst.

Die Stabtaschenlampe in der Hand hockte er sich hin und watschelte im Entengang zügig zurück zur Vize-Präsidentin. Sie hatte sich kein bisschen vom Fleck gerührt.

„Ma’m? Sie können sich jetzt aufsetzen, wenn Sie das schaffen. Ich habe etwas zu essen, Wasser und einen Erste-Hilfe-Kasten. Wir werden diese Masken hier tragen müssen, wenn wir uns gleich auf den Weg nach draußen machen werden und ich werde Ihnen zeigen, wie. Es wird erst etwas mühsam und beengend erscheinen, aber ich versprechen Ihnen, dass Sie sich schnell daran gewöhnen werden.“

Sie setzte sich langsam auf. Sie wimmerte wegen der Schmerzen in ihrem Arm. Einige Hautpartien in ihrem Gesicht hatten sich abgeschält. Für Berg sahen sie jedoch nach oberflächlichen Verletzungen aus, obwohl sie wahrscheinlich einige Narben oder Veränderungen der Hautfarbe davontragen würde. Wenn das alles war, dass ihr widerfahren war, dann würde er sie glücklich nennen.

„Sollten wir nicht versuchen, jemanden anzurufen?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wir können niemanden anrufen. Wir wissen nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist. Soweit müssen wir das Ganze hier im Geheimen angehen.“

Sie schien darüber nachzudenken. „Okay.“

„Nun, der Weg an die Oberfläche könnte sich als schwierig gestalten“, sagte Chuck. „Wahrscheinlich müssen wir klettern und es mag Angst machen und weh tun. Deshalb werde ich Sie jetzt um etwas bitten. Ich bitte Sie, tief in sich hineinzuhorchen, so tief wie möglich. Finden Sie die starke Frau in Ihnen. Ich weiß, dass sie dort ist. Können Sie sie finden?“

Die Frau blickte ihn an und ihre Augen wurden plötzlich hart. „Junge, ich war in der Modeindustrie umgeben von Raubtieren, als ich ein junges Mädchen war. Ich habe in New York und Paris und Mailand gelebt, alleine, damals war ich gerade einmal sechzehn Jahre alt. Entsprechend abgehärtet bin ich auch.“

Chuck nickte. Das war genau das, was er hören wollte.

Kapitel 45

23.57 Uhr

Die Marineakademie des Vereinigten Staaten – Annapolis, Maryland

Es war ein seltsamer Treffpunkt.

Luke war komplett in Schwarz gekleidet. Er trug schwarze Handschuhe. Eine schwarze Mütze hatte er in seine Hosentasche gestopft.

Das dunkle Football Feld des Navy Marine Corps Memorial Stadiums breitete sich vor ihm aus. Die leeren Tribunen thronten über ihm. GO NAVY stand in riesigen Buchstaben über dem oberen Teil der Sitze. In der Nacht sahen die Wörter weiß aus, aber er wusste, dass sie des Tags gelb auf blauem Untergrund waren.

Er wartete kurz und verblieb im Schatten unterhalb der Rampe. Er beobachtete die im Dunkel liegende Übertragungskabine oberhalb des Stadions und hielt nach auch nur der kleinsten Bewegung dort Ausschau. Wenn er ein Scharfschütze gewesen wäre, dann wäre er wohl dort gewesen.

Ein Mann spazierte über das Feld auf ihn zu. Nach und nach wurden seine Züge klarer. Er war groß, gut gebaut und lief so, als würde er sich noch nicht ganz an die Pfunde, die er in den letzten Jahren zugenommen hatte, gewöhnt haben. Er trug einen langen Mantel. Er kam näher und Luke konnte den dunklen Anzug unter dem Mantel des Mannes ausmachen sowie die weichen, fast teigigen Züge seines Gesichts.

Er trat in den Schatten unterhalb der Rampe.

Luke bewegte sich nur geringfügig. „Herr Minister?“

Der Mann zuckte ein wenig zusammen. Es war klar, dass er Luke nicht gesehen hatte. Seine Augen richteten sich sogleich auf die schwarz matte Glock in Lukes Hand. Luke steckte sie für den Moment zurück ins Holster, um ihn nicht nervös zu machen.

„Ja“, sagte der Mann. „Ich bin Dave Delliger.“

„Ich bin Luke Stone.“

„Ich weiß, wer Sie sind. Ich war in der Besprechung mit dem Präsidenten heute. Sie sind der Mann, der sein Leben gerettet hat.“

„Zeitweise“, sagte Luke.

„Ja.“

„Es tut mir leid, dass es so gekommen ist.“

Delliger nickte. „Mir auch.“

„Ich frage Sie nur ungern, Sir, aber besteht die Möglichkeit, dass Ihnen jemand hierher gefolgt ist?“

Delliger nickte erneut. „Auf jeden Fall. Ich habe der Vereidigung des neuen Präsidenten vor zwei Stunden im Flügel R beigewohnt. Ich habe einen Marine-Helikopter hierher genommen. Der Flügel R ist etwa hundertsechzig Kilometer von hier entfernt und liegt in den Bergen. Im Dunkeln mit meiner nachlassenden Sehkraft wäre ich morgen früh noch nicht hier gewesen.“

Luke wich zurück an die Wand. Das war die falsche Antwort gewesen. Mit Sicherheit nicht die, auf die er gehofft hatte.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte Delliger. „Ich habe nichts Auffälliges bemerkt. Sie haben keinen Grund mir zu mistrauen. Das hier ist meine Alma Mater und ich unterrichte hier seit Jahren. Ich habe noch immer ein Büro und ein Zimmer hier. Die Marine erlaubt mir das, weil sie so stolz auf mich sind. Sie zählen mich quasi schon zum Inventar. Ich habe den Leuten im Flügel R gesagt, dass, falls wir alle sterben, ich es bevorzugen würde hier zu sterben und nicht in einem Loch unter der Erde.“

„Mir ist zu Ohren gekommen“, sagte Luke, „dass Sie sich mit dem Präsidenten in Yale ein Zimmer geteilt haben.“

„Beim Jurastudium“, sagte Delliger, „wir waren beste Kumpels, wie man so sagt. Aber das war nach dem Militärdienst.“ Er hob die Arme und gestikulierte in die Umgebung. „Das hier ist mein wahres Zuhause.“

„Präsident Hayes wurde ermordet“, sagte Luke.

„Ich weiß. Es war ein Staatsstreich. Ich war anwesend, als Bill Ryan seinen Eid abgelegt hat. Alle schienen recht zufrieden mit sich selbst, glauben Sie mir. Jetzt werden wir einen Krieg mit Iran anfangen. Ryan wird heute Abend alles in die Wege leiten, wenn er das nicht schon getan hat. Warum auch auf die Nachrichtenshows heute Abend warten? Und da der Großteil des Kongresses tot ist, erübrigt es sich, sie einzubeziehen. Da frage ich mich natürlich, was die Russen darüber denken werden.“

„Wir können sie aufhalten“, sagte Luke.

„Was, den Krieg?“

„Den Staatsstreich.“

„Herr Stone, nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft können wir uns in der Zeit nur vorwärts bewegen. Sie können nicht etwas aufhalten, das bereits passiert ist.“

Luke sagte nichts.

„Der Präsident und die Vize-Präsidentin sind tot“, sagte Delliger. „Die beiden nächsten in der Folge sind Bill Ryan und Ed Graves, beide Kriegstreiber, beide am Leben. Alle, die danach gekommen wären, sind nicht mehr. Sie alle waren in Mount Weather. Wenn Sie das aufhalten wollen, angenommen es wäre irgendwie möglich Bill Ryan zu stürzen, wen würden Sie an seiner Stelle einsetzen? Wer wäre dann der legitime Nachfolger auf dem Thron?“

„Ich weiß es nicht“, gab Luke zu.

Er war den ganzen Tag so sehr damit beschäftigt gewesen die Dinge aufzuhalten, dass ihm noch gar nicht aufgegangen war, dass die ganze Sache bereits vorbei war. Er begann erst jetzt das ganze Ausmaß der Operation zu begreifen. Don hatte ihm gesagt, dass er nur Schaufensterdekoration gewesen sei, aber er lag falsch. Er war nicht nur schmückendes Beiwerk. Er war das Sandkorn im Auge.

Für eine Sekunde dachte Luke an die Begegnung mit Paul heute Nacht zurück. Paul hatte Luke als einen Kamikaze Flieger beschrieben, der ein Spielzeugflugzeug in einen Flugzeugträger crashte. Die Aktion erschien spektakulär, war aber eigentlich erbärmlich.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Delliger. „Aber ist es nicht auch egal? Sie haben ihre Leute überall. Können Sie sich ausmalen, wer für den Erfolg der Operation daran mitgewirkt haben muss? Können Sie nicht sehen, wie tief das System infiltriert sein muss? Wenn Sie in der Lage wären, die Dinge ungeschehen zu machen, wem würden Sie vertrauen können? Sie müssten alle daran Beteiligten in jeder Abteilung und jeder Einheit aufspüren. Diese Regierung ist eine Leiche, die von Maden zerfressen ist.“

Er machte eine Pause. „Ich wünschte, ich hätte all das vor fünf Jahren gewusst. Dann hätte ich niemals dieses Amt angenommen. Ich hätte Thomas für sein Vertrauen gedankt, hätte höflich abgelehnt und meine eigenen Sachen weitergemacht. Verteidigungsminister? Was für ein Witz! Sie haben einen Narren aus mir gemacht. Ich hatte niemals die Kontrolle über irgendetwas.“

„Wir könnten das nachweisen“, sagte Luke. „Wir könnten vor Gericht ziehen. Alles, nur der kleinste Anhaltspunkt, etwas, das wir den Medien anbieten können. Sie sind noch Teil des Spiels.“

Delliger schüttelte leicht den Kopf. „Ich bin darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass Präsident Ryan meine Kündigung für heute Morgen erwartet. Wenn er sie erhält, dann wird er mir öffentlich für meine Dienste und mein Engagement im Amt danken. Wenn er sie nicht erhält, dann wird er mich wegen schwerwiegender Inkompetenz feuern. Es ist also an mir.“

Luke wurde nachdenklich. „Warum sind Sie dann hergekommen?“

Delliger zuckte die Schultern. „Ich halte sie für einen guten Menschen. Sie sind offensichtlich sehr mutig. Ich dachte, dass ich Ihnen sagen sollte, sich da rauszuziehen, solange es noch nicht zu spät ist. Gehen Sie einfach. Vielleicht lassen sie Sie in Ruhe. Das Leben kann etwas Schönes sein, Herr Stone. Und es gibt mehr im Leben als Schlachten zu kämpfen, die man unmöglich gewinnen kann.“

Luke holte tief Luft. Es gab keinen Grund ihm zu sagen, dass es für ihn bereits zu spät war.

„Ist es das, was Sie tun werden?“, fragte er. „Weggehen?“

Delliger lächelte. Es war ein trauriges, ein betrübtes Lächeln. „Ich werde jetzt in mein Büro fahren und einen Entwurf für meine Entlassung schreiben. Morgen habe ich dann mein altes Leben zurück. Ich bin ein sehr guter Gärtner, wissen Sie? Es ist mein Lieblingshobby und ich hatte in den letzten Jahren so gut wie keine Gelegenheit mich ihm zu widmen. Ich hatte schlichtweg keine Zeit. Ich weiß, dass es bereits Juni ist, ich hänge also etwas hinterher dieses Jahr. Aber die Saison ist lang und geduldig in diesem Teil des Landes.“

Luke nickte. „Okay. Machen Sie es gut, Herr Delliger.“

„Sie auch, Herr Stone. Und viel Glück für was immer sie entscheiden mögen.“

Delliger drehte sich um und lief über das Feld zurück. Luke blieb an der Wand gelehnt stehen. Er sah wie Delliger langsam in der Entfernung verschwand. Als Delliger die Fünfzig-Yard-Linie erreicht hatte, erschallte ein einziger Schuss.

KRACH.

Er hallte in den Rängen des Stadions wider und durch die mit Bäumen gesäumten Straßen der Umgebung.

Lukes prüfende Augen versuchten den Schützen in dem leeren Stadion auszumachen. Er hatte keinen Lichtstrahl gesehen, auch keinen gedrosselten, also war der Schuss nicht aus der Übertragungskabine abgegeben worden. Er hätte ihn sonst aus dem Augenwinkel gesehen. Er realisierte, dass die Kugel aus einiger Entfernung gekommen sein musste. Die besten Schützen waren im Stande ihr Ziel auf zweitausend Meter Entfernung und mehr zu treffen. Die Vereinigten Staaten hatten einige dieser besten Schützen ausgebildet.

Er kniff die Augen zusammen und blickte angestrengt zurück auf das Feld. Delligers Körper war dort draußen, ein schwarzer Haufen irgendwo dort in der Mitte. Er erkannte, dass sie sich nicht einmal darum bemüht hatten, den Schuss unhörbar zu machen. Das hätten sie tun können, hatten es aber nicht.

Luke zog die schwarze Mütze aus seiner Hosentasche und zog sie über seinen Kopf. Das einzige was jetzt noch zu sehen war, waren seine Augen. Er tastete sich an den Betonwänden zu dem Bereich vor, in dem normalerweise Snacks und Bier verkauft wurden. Einen Moment später war er in der Dunkelheit der Schatten verschwunden.

Kapitel 46

6. Juni

00.03 Uhr

Auf der Straße

Die Welt um ihn herum war Schwarz.

Der Mann war ein Langstrecken-LKW-Fahrer, der meist nachts unterwegs war. Er befand sich unterhalb von Florence, South Carolina, in dem Teil des Staates, in dem es nur wenige und weit auseinander liegende Ausfahrten gab. Der dunkle Highway erstreckte sich vor ihm im Licht seiner Frontlichter. Er plante den Norden von Florida zu erreichen bevor er die Ausfahrt nahm, vielleicht bei Jacksonville, vielleicht bei Augustine, falls er es soweit schaffte.

Es war ein schrecklicher Tag gewesen, vielleicht der schrecklichste an den er sich erinnern konnte. Aber das Leben ging weiter. Er fuhr eine Ladung Schweinefleisch in Dosen aus Virginia zum Hafen der Everglades. Und das Zeug würde sich nicht von alleine dorthin fahren.

Er zündete sich eine Zigarette an und schaltete das Radio an. Der neue Präsident, ein Mann von dem der LKW-Fahrer noch nie zuvor gehört hatte, wurde gerade vorgestellt. Er würde eine Ankündigung machen.

Der Fahrer seufzte. Er hoffe, dass dieser Präsident nicht auch in die Luft gesprengt würde. Dann war es soweit.

„Mein liebes amerikanisches Volk“, sagte er.

„Gestern am fünften Juni wurden die Vereinigten Staaten ohne Vorwarnung mutwillig von im Untergrund operierenden Agenten und Anstiftern der Islamischen Republik Iran angegriffen. Die Vereinigten Staaten pflegten eine friedvolle Beziehung zu dieser Nation und standen im regen Austausch mit dessen Regierung, um den Frieden im Nahen Osten weiter voranzubringen.

Tatsächlich lieferte der iranische Botschafter bei den Vereinten Nationen, noch weniger als vierundzwanzig Stunden bevor ein iranischer Drohnenangriff das Weiße Haus zerstörte, unserem Botschafter bei den Vereinten Nationen eine formelle Antwort auf einen Ersuch der Vereinigten Staaten. Während diese Antwort besagte, dass die bestehenden diplomatischen Verhandlungen wenig erfolgreich gewesen seien, enthielt sie keinerlei Hinweis auf einen möglichen Krieg oder bewaffneten Angriff.

Sie werden bemerkt haben, dass, der Art des Anschlags nach, dieser nur nach tage- wochen- oder sogar monatelanger Planung durchgeführt werden konnte. In der Zwischenzeit hat die iranische Regierung die Vereinigten Staaten vorsätzlich durch falsche Aussagen, welche Hoffnungen auf Versöhnung nährten, getäuscht.

Bei den Anschlägen heute Nacht wurden dem Notfalleinsatzzentrum Mount Weather ernste Schäden zugefügt. Der frühere Präsident, sowie die Vize-Präsidentin und viele andere Mitglieder der Regierung, waren dort zusammengekommen. Es fällt mir schwer Ihnen mitzuteilen, dass wir heute viele amerikanische Leben verloren haben. Die genau Zahl ist bisher unbekannt, aber wir gehen davon aus, dass eine Opferzahl von etwa dreihundert Amerikanern in den nächsten Tagen bestätigt werden wird.

Iran hat einen Überraschungsangriff auf amerikanischem Boden verübt. Die Tatsachen des gestrigen und heutigen Tages sprechen für sich. Das Volk der Vereinigten Staaten hat sich bereits eine Meinung dazu gebildet und sehr wohl verstanden, welche Auswirkungen diese Ereignisse für das Leben und die Sicherheit unserer Nation haben werden.

Als Hauptkommandeur der Armee und Marine habe ich alle Maßnahmen in die Wege geleitet unser Land zu verteidigen. Es spielt keine Rolle, wie lange es dauern wird diesem vorsätzlichen Anschlag entgegenzuwirken, das amerikanische Volk wird letztendlich den absoluten Sieg davontragen. Ich glaube dem Willen des Volkes zu dienen, wenn ich geltend mache, dass wir uns nicht nur bis zum Letzten verteidigen werden, sondern auch sicherstellen werden, dass solch ein heimtückischer Verrat uns nie wieder in Gefahr bringen wird.

Feindseligkeiten existieren. Es gibt keinen Zweifel daran, dass unser Volk, unser Boden und unsere Interessen in großer Gefahr schweben. In Vertrauen auf unsere Streitkräfte und mit der Entschlossenheit des Volkes werden wir den unvermeidbaren Triumph davontragen, so Gott uns helfe. Ich setzte Sie somit in Kenntnis, dass seit dem grundlosen und feigen Anschlag des fünften Junis die Vereinigten Staaten sich im Krieg mit Iran befinden.“

Kapitel 47

***

00.35 Uhr

Queen Anne’s County, Maryland – Ostküste des Chesapeake Bays

Luke wusste, dass es spät war, als er das Haus erreichte.

Es war dunkel. Durch die Nähe zum Wasser lag ein elektrisches Knistern in der Luft. Er parkte zunächst das Auto in etwa hundert Meter Entfernung vom Haus entfernt. Er stellte das Licht aus, dann wartete er und beobachtete. Nichts bewegte sich auf der Straße. Die Lichter eines Fernsehers flackerten durch das Fenster eines Hauses zu seiner Linken. Näher noch, etwa vierhundert Meter entfernt, lag das Haus der Thompson in Dunkelheit.

Das Gefühl der Furcht war so übermächtig, dass er beinahe gekotzt hätte. Er hatte so viele Fehler gemacht und nun hatten sie Becca und Gunner wahrscheinlich das Leben gekostet. Er hätte Becca schon vor langer Zeit erzählen sollen, wie gefährlich seine Arbeit war. Davon mal abgesehen – er hätte gar nicht erst etwas mit ihr oder irgendeiner anderen Person anfangen sollen.

Er ließ den Wagen den Hügel hinunter zum Haus rollen. Ihr Volvo stand dort. Er parkte daneben. Er stieg aus und prüfte die Tür. Er versuchte gar nicht erst sich zu verstecken. Sie hätten lieber ihn als seine Familie töten sollen. Er wünschte, er wäre diesen Handel eingegangen, als er noch konnte. Er wusste, dass das eine Lüge war, aber…

Das Auto war unverriegelt – hier draußen schloss sie es nie ab. Nichts Auffälliges lag im Inneren des Wagens. Er öffnete den Kofferraum und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Nichts. Ein Wagenheber, eine Luftpumpe und zwei Tennisschläger.

Er lief hinüber zum Haus. Die Tür war offen. Er ging hinein.

Niemand war dort.

Er spürte die Leere des alten Hauses. Das Licht im Bad war an und warf einen Schatten ins Wohnzimmer. Der Wohnzimmertisch war zusammengebrochen, als wäre jemand darauf gefallen. Das war jedoch das einzige Anzeichen eines Kampfes, das er finden konnte.

Er stand einen Moment einfach nur so da, hielt den Atem an, schaute und lauschte.

Keine Geräusche. Gar keine.

Er atmete mit einem tiefen Seufzer aus. Okay. So weit hatte er es also geschafft. Jetzt würde er sich einen Moment Zeit nehmen, sich sammeln und dann den Rest des Hauses durchsuchen. Wenn hier irgendjemand war, so war er oder sie mit Sicherheit tot.

Es tut mir so leid, Becca.

Er stand einige Minuten einfach nur so da. Durch das Fenster auf der Rückseite konnte er in der Ferne sehen, wie ein Boot durch das schwarze Wasser an ihm vorbeifuhr. Er konnte das Boot nicht sehen. Er wusste, dass es  dort war, weil er das rote Licht an seinem Mast blinken sehen konnte.

Dann begann er zu suchen. Er lief durch alle Zimmer des Hauses. Schatten umgaben ihn. Er ging in das Hauptschlafzimmer. Er durchsuchte das Bad und die Toilette. Becca war nicht hier. Was auch immer sie mit ihr angestellte hatten, sie hatten ihren Körper nicht zurückgelassen.

Er ging in Gunners Zimmer. Ein lebensgroßer Zombie schaute von einem Poster an der Wand hinter seinem Bett auf hin hinab. Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er den Eindruck einen Mann dort stehen zu sehen. Der blutüberströmte Zombie in seinen zerfetzten Klamotten und dem Blut, das ihm aus dem Mund tropfte schien ihn anzuklagen:

Du hast das Kind umgebracht. Du hast es getan.

Luke hatte nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen.

Ein brennender Schmerz durchfuhr ihn. Er hatte nichts mit all der Gewalt zu tun, die ihm heute widerfahren war. Es tat so weh, weil sie mutwillig voneinander getrennt worden waren, weil er wusste, dass er nichts tun konnte, um sie zurückzuholen. Sie waren ihm entrissen worden und es gab keine Möglichkeit sie zurückzuholen.

Ihm schwirrte der Kopf. Es schnürte ihm den Atem ab.

Er hätte Don anrufen können. Er hätte ihn anflehen können. Er konnte sich lächerlich machen und es wäre erniedrigend. Er würde um diesen einen Gefallen der alten Zeiten wegen bitten. Luke würde alles tun, alles, um sie gegen ihn selbst einzutauschen. Aber Don würde darauf niemals eingehen. Er kannte Don. Wenn Don ein Ultimatum stellte, dann war es das definitive Ende. Kein Einlenken. Hölle. Don hätte wahrscheinlich, selbst wenn er es gewollt hätte, das Ganze nicht aufhalten können. Er stand wahrscheinlich gar nicht im Kontakt mit den Kidnappern und die Kidnapper selbst folgten wahrscheinlich stur und ohne Abschweife auch nur den Anweisungen. Hatte man den Stein erst einmal ins Rollen gebracht, dann führten sie den Auftrag ohne weiteren Kontakt bis zum Letzten aus.

Becca und Gunner waren wahrscheinlich bereits tot.

Luke hätte fast wieder angefangen zu heulen. Es war okay. Es gab keinen Grund dafür, es nicht zu tun. Er konnte schließlich nichts mehr tun.

Sein Handy klingelte. Er ging ran.

Die Stimme einer Frau fragte: „Luke?“

„Trudy.“

„Luke, die Vize-Präsidentin lebt.“

Innerhalb von drei Sekunden verließ Luke Gunners Zimmer und holperte die Treppen hinunter. Schon war er vor der Tür in der Kühle der Nacht, er lief schnell zu seinem Auto. Er handelte instinktiv. Sein Körper folgte seinem Geist. Vize-Präsidentin Susan Hopkins, und alles das, was sie repräsentierte, wurde zu seiner einzigen Chance seine Familie vielleicht doch noch zu retten.

„Leg los“, sagte er.

„ECHELON“, sagte Trudy. „Es hat nach Lebenszeichen gesucht, nach Anrufen, Email-Adressen, Tablets und anderen Kommunikationsgeräten, alles Geräte, die die Leute mit nach Mount Weather genommen hatten. Vor zehn Minuten hat es ein Signal aufgenommen – das Handy eines Sicherheitsbeamten namens Charles Berg, der dem Sicherheitsteam von Susan Hopkins angehörte. Das System hat die NSA alarmiert und es ist ihnen gelungen, einen Anruf von Berg abgefangen.“

Luke startete den Wagen und trat das Gaspedal durch. Die Reifen quietschten als er aus der Einfahrt preschte.

„Ich höre“, sagte er.

„Berg hat einen pensionierten Geheimdienstmitarbeiter mit Namen Walter Brenna abgerufen. Sie haben früher zusammengearbeitet. Kurz gesagt, Berg hat Hopkins, sie ist verletzt, aber lebt und er ist gerade auf dem Weg nach Washington mit ihr. Er hat nicht vor, irgendjemanden sonst einzuweihen. Anscheinend war Brenna als Mediziner bei der Marine tätig bevor er dem Nachrichtendienst beigetreten ist. Das war vor dreißig Jahren. Berg wird die Vize-Präsidentin zu Brennas Haus in den Vorstädten im Osten der Stadt bringen und dann werden sie sehen, ob er ihre Verletzungen ausreichend versorgen kann. Dann werden sie sie verstecken.“

„Wissen sie wie schwer die Verletzungen sind?“

„Das ist unklar geblieben. Die Unterhaltung hat gerade mal eine Minute gedauert.“

„Wo lebt Brenna?“

„Ähm… Das habe ich hier. Sie haben den Anruf zu einem Festnetz verfolgen können. Er lebt in Bowie, Maryland, 1307 Dritte Straße.“

Luke war bereits dabei die Adresse in sein GPS Gerät auf der Armatur einzugeben. Er sah, wie das Gerät ihm eine Route anzeigte. Er war dreißig Minuten, vielleicht weniger, wenn er einen Zahn zulegte, davon entfernt.

„Wo sind Berg und die Vize-Präsidentin jetzt?“

„Das ist auch nicht klar. Bergs Handy konnte im Osten von Virginia nicht weiter verfolgt werden. Versuche es wieder aufzuspüren sind gescheitert. Agenten unterschiedlicher Einheiten sind auf dem Weg, aber sie können es nur auf zweihundert Meter eingrenzen. Satellitenaufnahmen zeigen jede Menge Gras und Bäume entlang der Straße. Keine Autos die in der Nähe parken. Es hat den Anschein, dass er nur diesen einen Anruf getätigt hat und dann das Handy aus dem Fenster geschmissen hat. Wir kennen nicht einmal das Fahrzeug mit dem Berg unterwegs ist.“

Luke nickte. Der Mann war nicht dumm. Er ahnte, dass man ihn beobachten würde. Was er jedoch nicht wusste war, wie viele Leute ihn mit welch großem Aufwand beobachten.

„Weiß Don Bescheid?“

„Es ist seltsam. Er weiß Bescheid. Er ist sofort rausgerannt, als die Nachricht reinkam. Don ist nicht mehr er selbst.“

„Hat er mich irgendwie erwähnt?“

„Er hat nur gesagt, dass er mit dir gesprochen hat und ihr einen Streit hattet. Du hast ihm gesagt, dass du ins Bett gehen würdest. Er sagte, dass wir dich nicht stören sollten, aber ich kenne dich besser und mir war klar, dass du unter keinen Umständen jetzt schlafen gehen würdest.“

„Trudy, Don versucht mich umzubringen.“

Die Worte brachen aus ihm heraus, noch bevor er es wusste. Einmal ausgesprochen, war es für ihn kein Problem mehr. Es war nun einmal eine Tatsache und Trudy war eine erwachsene Frau. Er konnte sie nicht vor der Realität schützen. Es gab eine lange Stille am Telefon.

Luke brauste gerade an dem Brückenzeichen der Chesapeake Bay Bridge vorbei. Neun Kilometer. In zehn Minuten würde er an David Delligers Leiche vorbeirasen.

„Trudy?“

„Luke, wovon sprichst du?“

„Wenn ich dir das sage, dann bringe ich dich in Gefahr.“

„Erzähl es mir“, sagte sie.

Er erzählte es also. Danach gab es ein noch viel längeres Schweigen. Luke fuhr schnell, hundertfünfzig Stundenkilometer, er fuhr auf die Rampe der Brücke. Die Straßen waren leer. Keine Polizei weit und breit.

„Glaubst du mir?“, fragte er.

„Luke, ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich weiß, dass Don und Bill Ryan Freunde in Citadel waren. Sie sind zusammen mit ihren Familien in den Urlaub gefahren.“

„Trudy, sie haben meine Frau und meinen Sohn.“

„Was?“

Er erzählte es ihr. Er versuchte feste Stimme zu bewahren. Er hielt sich an die Fakten. Die Dinge die er mit Sicherheit wusste. Er weinte nicht. Er klagte nicht.

„Es war ein Staatsstreich“, sagte Luke. „Es gibt Leute, die für die Geheimdienste und das Militär arbeiten, die in den Krieg ziehen wollen. Wahrscheinlich steckt da auch die Rüstungsindustrie mit drinnen. Don steckt da auch irgendwie mit drinnen. Er ist eine bloße Schachfigur und doch ist er involviert.“

Trudys Stimme zitterte. „Vor ungefähr einer halben Stunde hat Bill Ryan Iran den Krieg erklärt. Gleich danach wurden die Kampfjets losgeschickt. ECHELON und all die anderen Abhördienste, Fairbanks, Menwith Hill, die Luftstation Misawa in Japan und eine Reihe anderer… haben Gespräche in Russisch abgefangen. Noch haben sie nichts verlauten lassen, aber die Russen werden einen Anschlag auf Iran als einen Anschlag auf ihr eigenes Land verstehen. Ihre Raketen sind startbereit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Don das wollen würde.“

„Okay Trudy, hör zu, ich muss dich um das folgende bitten“, sagte Luke. „Hol Swann… Ist Swann noch da?“

„Swann geht nie nach Hause“, sagte sie.

„Swann soll Dons Computer hacken. Sucht nach allem, das ihn irgendwie mit den Anschlägen von heute in Verbindung bringen könnte. E-Mails, Dokumente, alles. Don hat die Anschläge heute nicht geplant, aber er wusste, dass sie passieren würden.“

„Und was würde das ändern, wenn wir etwas fänden?“

„Vielleicht können wir damit beweisen, dass Ryan oder wer auch immer dahinter steckt, in die Sache verstrickt ist. Wenn wir Don dran kriegen, dann vielleicht auch Ryan und dann den nächsten und wieder nächsten. Wir bringen sie zu Fall wie Dominosteine. Wenn es uns gelingt die Vize-Präsidentin am Leben zu halten, können wir Ryan zwingen zurückzutreten. Und wenn er erst einmal zurückgetreten ist, dann schützt ihn sein Amt auch nicht mehr. Wenn wir irgendetwas gegen ihn finden, dann ist er so gut wie tot.“

„Okay, Luke. Ich werde Swann darauf ansetzen.“

„Ich weiß, dass er etwas finden wird“, sagte Luke. „Ruf mich dann sofort an.“

„Sonst noch irgendetwas?“

„Ja. Ruf Ed Newsam an und sag ihm, dass er sich fertig machen soll. Er kann nicht im Bett rumliegen wenn hier solche Sachen passieren.“

„Was wirst du tun?“

„Ich? Ich werde die Vize-Präsidentin retten – wenn es dafür nicht schon zu spät ist.“

Kapitel 48

8.56 Uhr (Moskauer Zeit)

Strategische Kommando- und Kontrollzentrale – Moskau, Russische Föderation

Yuri Grachev, neunundzwanzig, Berater des Verteidigungsministers, lief auf dem Weg zum Hauptversammlungsraum raschen Schrittes durch die Gänge der Kontrollzentrale. Seine Schritte hallten in den leeren Gängen wider, während er die Geschehnisse des heutigen Tages in seinem Kopf immer wieder durchspielte. Die schlimmste aller denkbaren Situationen war eingetroffen. Eine Katastrophe stand kurz bevor.

Aus Gründen, die ihm niemand erklärt hatte, war der schwarze Nuklearkoffer des Minister, der sogenannte Cheget, an Yuris rechtes Handgelenk gekettet worden. Der Koffer war schon alt, er war schwer und er zwang Yuri zu einem nach links geneigten Gang. Er enthielt die Zahlenkombinationen und die Vorgehensweise für einen Raketenangriff gegen den Westen.

Yuri missfiel die Idee, dieses Schreckenswerkzeug an sich gekettet zu wissen. Er wollte nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn. Zuallererst aber hätte er am liebsten geheult. Sein ganzer Körper zitterte. Die undurchdringliche Maske seines Gesichts war dabei zu zerbröckeln und auseinanderzubrechen.

Vor vier Stunden war die amerikanische Regierung in einem Staatsstreich gestürzt worden. Vor einer Stunde hatte der neue Präsident im Radio und Fernsehen Iran den Krieg erklärt. In den Kreisen der russischen Regierung galt der neue Präsident als Wahnsinniger und Kriegstreiber der ersten Reihe, deren elitäre Zirkel im Schatten operierten. Seine Machtergreifung war lange als Worst-Case-Szenario gehandelt worden.

Der Staatsstreich und die Kriegserklärung hatten eine Reihe lange nicht in Kraft gewesener Protokolle in Gang gesetzt. Die Protokolle trugen bekannte Namen aber die Meisten nannten sie einfach „Tote Hand“.

Die Tote Hand sandte russische Verteidigungssysteme in Staaten, die sich in brenzligen Situationen befanden. Sie gaben diesen Staaten breiten Zugang zu Raketen, Flugzeugen und U-Booten, während sie dabei eine Hand im Spiel behielten. Das Kommando wurde auf diese Weise dezentralisiert.

Für den Fall eines Überraschungsangriffs der Amerikaner, bei dem die gesamte Moskauer Führungsriege ums Leben gekommen war, sollte die Tote Hand der russischen Verteidigung die Möglichkeit einer Gegenoffensive einräumen. Falls es zu einem Kommunikationsengpass käme und ungewöhnliche seismische oder andere Werte auffällig wurden, war es sogar regionalen Kommandeuren und isolierten Bunkern möglich festzustellen, ob es zu einem Anschlag gekommen war. Entsprechende nukleare Vergeltungsmaßnahmen konnten dann in der Folge eingeleitet werden.

Aber das System funktionierte nicht so reibungslos. Es hatte im Verlauf der letzten zwanzig Jahre – fast die gesamte Spanne von Yuris bisherigem Leben – enorm abgebaut. Acht der ursprünglich zwölf Überwachungssatelliten waren in diesem Zeitraum in den Ozean gestürzt. Keiner von ihnen war ersetzt worden.

Die Kommunikation zu weiter entfernten Stationen brach regelmäßig zusammen. Ungewöhnliche seismische Werte gab es immer und zu jedem Zeitpunkt, kleine und sogar große Erdbeben traten rund um den Globus auf. Doch das Schlimmste war der Fakt, dass der Radar immer wieder Raketenangriffe meldete, die es gar nicht gegeben hatte. Niemand auf der Führungsetage hätte das zugegeben, aber es war die traurige Wahrheit.

Yuri selbst war vor drei Jahren im Kontrollzentrum zugegen gewesen. Die Schweden hatten zu wissenschaftlichen Erkundungen eine Rakete in die Erdumlaufbahn geschickt. Das Frühwarnsystem deutete es als einen Raketenangriff der im Nordatlantik stationierten amerikanischen Marine.

Der Nuklearkoffer (der seinerzeit glücklicherweise nicht an Yuris Handgelenk gekettet war) schlug Alarm. Es sandte Alarmmeldungen zu den Kampfstationen, ja, aber meldete sich auch gut hörbar mit einer hässlich schreienden Kriegsfanfare.

Raketensysteme im ganzen russischen Kernland meldeten Kampfbereitschaft. Wenn es sich bei der Rakete um einen amerikanischen Erstschlag gehandelt hätte, dann hätte die Rakete neun Minuten später eingeschlagen. Wäre es eine elektromagnetische Pulswaffe gewesen, hätte es dann die russische Zweitschlagkapazität zunichte gemacht? Wäre daraufhin ein zweiter noch größerer Anschlag gefolgt?

Niemand wusste es. Was man ihnen zugute halten musste war, dass die Generäle ihren Atem angehalten und gewartet hatten. Lange Minuten waren vergangen. Nach acht Minuten meldete der Radar, dass die Rakete die Erdatmosphäre verlassen hatte. Ein zaghafter Jubel folgte. Nach elf Minuten meldete der Radar, dass die Rakete sich ohne Auffälligkeiten um die Erde bewegte.

Niemand jubelte danach. Die Leute gingen einfach zurück an ihre Arbeit.

Die Tote Hand war an jenem Tage nicht zum Einsatz gekommen. Die Kampfstationen warteten auf die Befehle der Kommandozentrale. Aber heute war die Tote Hand im Einsatz. Ein Fehler, eine Panne im Kommunikationssystem, oder eine Ratte, die sich durch Kabel gefressen hatte, konnte die Entscheidung für einen nuklearen Angriff in die Hände von weit entfernten Menschen legen, die entweder betrunken, müde, gelangweilt oder geistesgestört waren.

Die Amerikaner hatten etwas Unerwartetes getan. Ein gefährlicher Intrigant war in Washington an die Macht gekommen und die nächsten Schachzüge würden so unberechenbar. Als Antwort darauf hatte Russland seine unverlässlichen und alles andere als sicheren Prozeduren ins Rollen gebracht, die nun die ganze Welt in Gefahr brachte.

Die Tote Hand war eine Abschreckungsstrategie. Es war die gegenseitige Zusicherung maximaler Zerstörung. Es war zu Zeiten der glorreichen Sowjetjahre vielleicht einmal eine gute Idee gewesen, damals als die Kommunikations- und Warnsysteme noch verlässlich, modern und gut gewartet waren.

Aber jetzt war es einfach nur eine schreckliche Idee. Und sie war Realität geworden.

Kapitel 49

1.03 Uhr

Bowie, Maryland – Östliche Vororte Washington, DCs

Luke parkte in dreißig Meter Entfernung. Das Haus war eine zweistöckige Ranch, die auf einer Doppelgarage thronte. Jede Lichtquelle musste in dem Haus angeschaltet worden sein. Eine der Garagen stand offen, in ihr brannte Licht. Es sah fast nach Weihnachten aus.

Die offenstehende Garage war vollkommen leer – abgesehen von einigen Werkzeugen, die an der Wand hingen, einem Garagenmülleimer und ein paar Harken und Schaufeln in der Ecke. Luke vermutete, dass Brenna sein eigenes Auto rausgefahren hatte, sodass Chuck direkt reinfahren konnte, wenn er ankam. Die Beiden hatten tatsächlich keine Ahnung, mit wem sie es hier zu tun hatten.

Luke blickte zum Himmel. Es war bewölkt. Angesichts von all dem, was auf dem Spiel stand, hätte es ihn nicht gewundert, wenn in der nächsten Sekunde das Haus durch einen Drohnenanschlag in die Luft gesprengt worden wäre. Das würden sie tun und dann erklären, dass es ein Blitz gewesen war. Allerdings würden sie wahrscheinlich auf Susan Hopkins warten, bevor sie zuschlugen.

Das Spiel hieß alles oder nichts.

Lukes Handy klingelte. Er blickte auf den Display und nahm ab.

„Ed.“

„Luke, schön zu hören, dass du noch lebst.“

„Finde ich auch. Danke nochmal. Du hast mein Leben gerettet.“

„Trudy hat mir gesagt, dass ich dich anrufen soll. Sie hat mir gesagt, dass deine Familie verschwunden ist. Stimmt das?“

„Das stimmt“, sagte Luke. „Ja.“

„Wirst du dich jetzt da rausziehen?“

„Ich fürchte, dass es dafür zu spät ist. Ich habe am ehesten eine Chance sie wiederzusehen wenn ich einfach weitermache.“

„Ich will dir etwas im Vertrauen sagen“, sagte Ed. „Ich habe schon einmal einen Mann eine Woche lang am Leben gehalten während ich ihn getötet habe. Das war damals eine private Angelegenheit, nichts, das mit der Arbeit zu tun gehabt hätte. Ich würde es wieder tun. Wenn jemand deiner Familie etwas antut, dann würde ich das für dich wieder tun. Ich verspreche es.“

Luke musste schluckten. Der Tag mochte kommen, an dem er auf Eds Angebot zurückkommen würde.

„Danke.“

„Was kann ich jetzt für dich tun?“

„Ich habe eine Freund“, sagte Luke. „Er ist irakischer Arzt und er arbeitet als Gerichtsmediziner in der E Street. Er heißt Ashwal Nadoori. Ich habe einmal mein Cover für ihn aufgegeben. Hat seinen Arsch gerettet. Wenn ich gleich auflege, will ich, dass du ihn anrufst. Okay?“

„Verstanden.“

„Sag ihm, dass ich ihn um einen Gefallen bitten muss. Mach klar, dass er keine Wahl hat. Er hat mir einmal gesagt, dass er für mich auf Knien durch die Wüste rutschen würde. So was in der Art. Erinnere ihn daran. Das ist seine Chance seine Schuld zu begleichen. Dann triff dich mit… Kannst du laufen?“

„Nein. Nicht wirklich. Aber kriechen.“

„Dann kriech zu seinem Büro. Wenn du dort bist, ruf mich zurück, aber benutzte nicht das Handy, von dem du jetzt anrufst. Klau dir ein Handy. Ich geh heute Abend an alle Anrufe ran. Wenn ich sehe, dass eine unbekannte Nummer mich anruft, dann weiß ich, dass du es bist. Bis dahin habe ich ein anderes Handy. Wir rufen uns gegenseitig von gestohlenen Handys an. Ich werde Ashwal dann unsere Anweisungen geben. Du wirst mir eventuell dabei helfen müssen, indem du ihm seinen Arm ein wenig verdrehst.“

„Alles klar, Luke. Ich bin ziemlich gut im Armverdrehen.“

„Das weiß ich.“

Luke legte auf und stieg aus dem Auto. Er nahm einen Metallkasten aus dem Kofferraum und einen grünen Tornister. Er lief durch die dunkle Nachbarschaft zur Vordertür des Hauses. Er hatte den Eindruck, dass die Nachbarschaft nicht wirklich schlief. Wer hätte auch in solch einer Nacht schlafen können? Er stellte sich vor, wie ihn dutzende von Menschen umgaben, wach in ihren Betten, sich vielleicht vorsichtig mit ihren Liebsten unterhielten, vielleicht weinten, vielleicht beteten.

Wenn sie einen Scharfschützen positioniert hatten, dann hätte er ihn jetzt erschießen können. Er machte sich für einen Schuss bereit, aber nichts geschah.

Er stieg die Treppen hinauf und klingelte. Eine Melodie erscholl im Haus. Ein paar Sekunden verstrichen. Luke stellte seine Taschen ab. Er drehte sich um und starrte in die Nacht. Haus neben Haus, Straße neben Straße alles das erstreckte sich über mehrere Blöcke bis hin zu der kleinen Hauptstraße. Für viele Menschen hier war es sicherlich die schlimmste Nacht ihres Lebens. Er war einer dieser Menschen.

Die Tür öffnete sich hinter ihm. Er drehte sich um und sah einen Mann dort stehen. Er war groß, hatte silbernes Haar und ein schroffes Gesicht. Er sah wie einer dieser Fünfundsechzig-Jährigen aus, der nie geraucht hatte und immer noch fünf Mal die Woche ins Fitnessstudio ging. Er hatte eine Schusshaltung eingenommen. Seine Hände hielten eine große Pistole. Das Ende war direkt vor Lukes Gesicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Mann.

Luke nahm seine Hände hoch. Keine plötzlichen Bewegungen, kein sinnloses Erschossen werden. Er sprach langsam und ruhig. „Walter Brenna, mein Name ist Luke Stone. Ich arbeite für das FBI Spezialeinsatzkommando. Ich gehöre zu den Guten.“

„Wie heißen Sie gleich?“

„Walter, alle – und ich meine wirklich alle – kennen Ihren Namen. Sie wissen wer Sie sind und was Sie vorhaben. Ich bin hier um Ihnen mitzuteilen, dass es so nicht funktionieren wird. Die Bösen haben Ihr Telefonat mit Chuck Berg mitgehört und sie bereiten sich in diesem Moment vor hier aufzukreuzen, wenn sie nicht bereits hier sind. Sie werden sie nicht aufhalten können.“

Brenna grinste. „Aber Sie werden es?“

„Ich war für die Delta Force in Afghanistan, Irak, Jemen, der Demokratischen Republik Kongo und anderen Orten stationiert. Niemand weiß, dass wir überhaupt im Kongo waren, verstehen Sie?“

Brenna nickte. „Das tue ich. Aber das heißt nicht, dass mich das beeindrucken würde oder dass ich Ihnen glauben würde.“

Luke wedelte mit seiner Hand umher. „Sehen Sie diesen Kasten und die Tasche hinter mir? Sie sind voll mit Waffen. Ich weiß, wie man sie benutzt. Ich habe bei hundert aufgehört die Leute, die ich nachweislich getötet habe, zu zählen. Wenn Sie diese Nacht überleben und die Vize-Präsidentin am Leben halten wollen dann sollten Sie mich jetzt reinlassen.“

Brenna wollte Quizshow spielen. „Und was wenn nicht?“

Luke zuckte mit den Schultern. „Dann warte ich hier draußen. Wenn Chuck auftaucht werde ich ihm sagen, dass die Vize-Präsidentin mit mir kommt. Wenn er nicht einwilligt, dann töte ich ihn. Und nehme sie dann so oder so mit. Sie muss um jeden Preis am Leben bleiben. Chuck ist dabei egal genauso wie Sie.“

„Wo wollen Sie sie hinbringen?“

„Ich werde sie zu einem Freund bringen. Ein Arzt wartet auf sie zusammen mit einem ehemaligen Delta-Kollegen. Er ist mein Partner und er hat in den letzten zwölf Stunden sechs Leute getötet, unter ihnen drei, die mit den Morden an der Regierung zu tun hatten. Wann haben Sie das letzte Mal jemanden umgebracht, Walter?“

Brenna starrte ihn an.

„Glauben Sie das hier durchzustehen ohne jemanden zu erschießen? Falls ja, sollten Sie es sich noch einmal überlegen.“

Die Waffe schwankte.

„Ich habe geklingelt, Walter. Das werden die Anderen nicht tun.“

Brenna nahm seine Waffe runter. „Kommen Sie rein.“

Luke griff seine Taschen und trat ins Haus. Er folgte Brenna hinunter in einen schmalen Gang. Sie gingen an einer alten Schiffsküche vorbei. Luke übernahm sogleich das Kommando und Brenna nahm es hin.“

„Gibt es hier irgendwelche Frauen?“, fragte Luke. „Kinder?“

Brenna schüttelte den Kopf. „Ich bin geschieden. Meine Frau ist nach Mexiko gegangen. Meine Tochter lebt in Kalifornien.“

„Gut.“

Brenna führte Luke in einen fensterlosen Raum. Ein Holztisch stand in der Mitte. Medizinische Materialien lagen darauf – Skalpelle, Scheren, Antiseptika, Bandagen, Mullbinden. „Dieser Raum hat eine doppelte Stahlwand. So kann man uns aus mehreren Metern Entfernung von außerhalb des Hauses nicht aufspüren.“

Luke schüttelte den Kopf. „Nein. Sie werden Infrarot-Wärmesucher benutzen. Wir hatten in Afghanistan solche Brillen. Man sieht die Wärme direkt durch die Wände. Sie starten ein Höllenfeuer dort draußen und wir sitzen hier in der Falle.“

Luke hob eine Hand. „Hören Sie, Walter. Wir werden das hier nicht durchstehen, wenn wir versuchen süß zu sein. Sie hauen alles klein. Kein Gesetz greift hier mehr. Keine Verhandlungen. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wenn sie uns angreifen, dann aber richtig. Wir müssen darauf eingestellt sein. Sie werden nicht zögern, dieses Haus in eine brennende Fackel zu verwandeln, um danach allen zu erzählen, dass es die Gasleitung war, die alles in die Luft gesprengt hat. Ich persönlich würde lieber auf offener Straße erschossen.“

Luke stellte seine Taschen auf den Tisch. Der Mann war offensichtlich ein Hobbyagent, einer dieser sogenannten „Prepper“, die sich mit diesen Dingen, wie diesem Panic Room umgaben, haufenweise Dosenessen bunkerten, um so die kommende Apokalypse zu überleben. Es war zwar nicht Lukes Art, aber immer noch besser als jemand, der überhaupt gar nicht vorbereitet war.

„Was haben Sie sonst noch zu bieten?“, fragte Luke. „Haben Sie sonst noch irgendetwas Nützliches?“

„Ich habe ein M1 Garand Gewehr und vielleicht zwanzig geladene Magazine mit .30-06 panzerbrechender Munition.“

Luke nickte. „Das ist schon besser. Was noch?“

Brenna atmete tief durch.

„Kommen Sie schon, Walter. Raus damit. Wir haben keine Zeit.“

„Okay“, sagte Brenna. „Ich habe einen nachgerüsteten schusssicheren Chevrolet Suburban. Er steht in der Garage. Er sieht nicht so aus, aber die Türen, das Gehäuse, das Interieur, die Aufhängung, der Motor, alles ist in Stahl gekleidet, ballistisches Nylon oder Kevlar. Die Reifen sind Runflats – man kann mit ihnen noch hundert Kilometer weiterfahren, nachdem sie zerschossen wurden. Das Glas ist aus fünf Zentimeter dickem durchsichtigen Polykarbonat und Blei. Das Gewicht kann sich auch sehen lassen, eine Tonne mehr als ein herkömmlicher Suburban. Der Motor ist ein getunter V8 und die vordere Stoßstange und der Grill sind aus gestärktem Stahl – man könnte mit dem Ding durch eine Backsteinwand fahren.“

Luke grinste. „Sehr schön. Und das wollten Sie mir verheimlichen.“

Brenna schüttelte seinen Kopf. „Ich habe hunderttausend Dollar in das Auto investiert.“

„Es wird keinen besseren Zeitpunkt geben es zu benutzen als jetzt“, sagte Luke. „Zeigen Sie ihn mir.“

Sie liefen durch Brennas Haus zur Garage. Luke hielt Brenna zurück, als er eintreten wollte. Sie standen in Nähe der Küchentür wohl wissend, dass mögliche Scharfschützen durch die offene Garagentür einen guten Blick auf sie haben konnten. Gegenüber stand der schwarze Suburban. Brenna hatte recht gehabt. Er sah wie ein gewöhnlicher Geländewagen aus. Vielleicht waren die Scheiben etwas dunkler als gewöhnlich. Vielleicht glänzte der Wagen ein bisschen mehr als er sollte. Vielleicht spielte sich das aber auch alles nur in Lukes Fantasie ab.

„Vollgetankt?“, fragte Luke.

„Natürlich.“

„Ich muss ihn mir kurz ausleihen.“

Brenna nickte. „Das dachte ich mir. Vielleicht komme ich mit.“

„Gute Idee. Haben Sie noch irgendwelche alten Geheimdienstkumpel, die noch fit sind und denen Sie trauen können?“

„Ein paar. Ja.“

„Wir brauchen sie“, sagte Luke. „Das Land zahlt ihnen schließlich eine Pension, richtig? Sie können ihre Körper ein letztes Mal zum Einsatz bringen.“

In diesem Moment ertönte das Heulen eines großen Motorrads von der Straße her. Es fuhr schnell. Es kam aus dem Nichts, bog scharf in Brennas Einfahrt ein und holperte hinauf durch die Garagentür. Es kam rutschend zum Stehen, das vordere Rad preschte in die Wand. Dem Fahrer gelang es dennoch das Motorrad aufrecht zu halten.

Luke zog seine Waffe im Glauben, dass das der Beginn des Angriffs sein würde.

Brenna rannte zur Garagentür. Er sprang, griff nach dem Seil und stieß die Tür nach unten zu. Er verschloss die Tür, indem er sie in ein schweres Raster im Boden einhakte.

Der Mann auf dem Motorrad nahm seinen Helm ab. Eine Frau befand sich hinter ihm, sie umklammerte seine Hüften. Luke kam näher. Eigentlich hielt sie ihn gar nicht fest. Ihre Handgelenke waren mit Handschellen um die Hüften des Mannes gekettet. Er hatte sie außerdem mit zwei großen Lederriemen an sich festgebunden. Brenna holte ein Messer heraus und begann sofort sie auseinanderzuschneiden.

Sobald ihre Hände frei waren, fiel der linke Arm der Frau zu ihrer Seite hinab. Sie zog mit der rechten Hand den Helm von ihrem Kopf. Ihr kurzer blonder Bob fiel ihr fast bis auf die Schultern. Ihr Gesicht war von Ruß bedeckt. Sie biss die Zähne zusammen. Die linke Seite ihres Gesichts bis zu ihrem Kinn war schreiend rot und schälte sich. Ihre blauen Augen verrieten ihre Erschöpfung.

Susan Hopkins blickte sich in der Garage um. Ihr Blick blieb an Luke kleben.

„Stone? Was machen Sie hier?“

„Das selbe wie Sie“, sagte Luke. „Ich versuche mein Land zu retten. Geht es Ihnen gut?“

„Ich habe Schmerzen. Aber es geht mir gut.“

Der Mann klappte den Motorradständer aus und stieg ab. Er war groß. Sein Gesicht war müde aber seine Körpersprache und Augen zeugten von Wachheit und Bereitschaft.

„Charles Berg?“, fragte Luke.

Der Mann nickte. „Nennen Sie mich Chuck“, sagte er. „Sie Vize-Präsidentin hat sich wacker geschlagen. Wir haben eine anstrengende Nacht hinter uns, aber sie hat es durchgestanden. Man könnte nicht viel zäher sein.“

„Sie ist Präsidentin“, sagte Luke und die Wahrheit dieser Aussage traf ihn zum ersten Mal.

„Nicht Vize-Präsidentin.“ Er blickte zu ihr. Sie war klein. Das erstaunte ihn wiederholt. Er hatte immer geglaubt, dass Supermodels groß wären. Sie war schön, fast himmlisch schön. Die Verbrennungen in ihrem Gesicht verstärkten diesen Eindruck noch. Er hätte sie noch eine Stunde weiter anstarren können.

Aber er hatte keine Stunde. Vielleicht nicht einmal fünf Minuten.

„Susan, Sie sind jetzt die Präsidentin der Vereinigten Staaten. Lassen Sie uns versuchen, das nicht zu vergessen. Das wird uns helfen. Jetzt müssen wir hier erst einmal raus.“

Lukes Handy begann zu klingeln. Er blickte darauf. Er kannte die Nummer nicht. Es war also Ed.

„Walter, das ist vielleicht eine verrückte Frage, aber haben Sie eventuell ein Handy, dass noch nie benutzt wurde?“

Brenna nickte. „Ich habe fünf oder sechs Prepaid-Handys. Ich habe sie immer bei der Hand, falls ich schnell jemanden anrufen muss, dessen Bewegungen nicht sofort nachverfolgt werden sollen. Ich benutzte ein Prepaid-Handy einmal, dann entsorge ich es.“

Der Typ war ein Jackpot. „Sie sind schon ein wenig paranoid, oder?“, fragte Luke.

Brenna zuckte die Schultern. „Kommt Ihnen doch gerade sehr recht, oder?“

Luke ging an sein Handy. „Ed? Hast du meinen Freund gefunden? Gut. Ich ruf dich gleich zurück.“

Kapitel 50

1.43 Uhr

Büro der Gerichtsmedizin – Washington, DC

Ashwal Nadoori legte auf.

Er saß für einen Moment gedankenverloren an seinem Schreibtisch. Ein großer schwarzer Mann saß ihm gegenüber in einem Rollstuhl. Der Anblick des Mannes und das was er repräsentierte weckten schlechte Erinnerungen bei Ashwal.

„Hat er Ihnen gesagt was er will?“, fragte der Mann.

Ashwal nickte. „Er will eine Leiche, bevorzugter Weise eine intakte. Eine Frauenleiche in den späten Vierzigern, blond. Jemanden der gesund war, bevor er starb.“

„Und kriegen Sie das hin?“

Ashwal zuckte die Schultern. „Wir sind groß. Es gibt sehr viele Leichen hier. Ich bin mir sicher, dass wir eine finden, die auf die Beschreibung zutrifft.“

Früher einmal war Ashwal ein Arzt gewesen. Hier in Amerika hatten sie sein irakisches Studium nicht anerkannt, deshalb arbeitete er jetzt als medizinischer Assistent. Er arbeitete jetzt in diesem großen Leichenschauhaus, bereitete die Körper vor, die sie ihm zuteilten. Es konnte ein unangenehmer Job sein, aber auch friedlich auf seine Weise.

Die Menschen waren bereits tot. Kein Kampf um das Leben mehr. Keine Schmerzen und keine Angst vor dem Tod. Das Schlimmste was einem Menschen widerfahren konnte, war bereits eingetroffen. Er musste nicht mehr versuchen dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und er musste auch nicht mehr so tun als wäre er keine abgemachte Sache.

Ashwal hatte ein dumpfes Gefühl im Magen. Er riskierte seinen Job dabei eine Leiche zu stehlen. Es war ein anständiger Job. Er war bescheiden und die Arbeit zahlte mehr als nur die Rechnungen. Er lebte in einem bescheidenen Haus zusammen mit seinen zwei Töchtern. Ihnen fehlte es an nichts. Es wäre wirklich schade, diese Sicherheit aufs Spiel zu setzen.

Aber welche Wahl hatte er? Ashwal war Bahá’í. Es war ein schöner Glauben, ein Glauben des Friedens, der Einheit und der Sehnsucht nach Gott. Ashwal liebte seine Religion. Er liebte alles an ihr. Aber viele Muslime taten das nicht. Sie setzten Bahá’í mit dem Abfall vom Glauben gleich. Sie meinten es sei ein Irrglaube. Vielen meinten seine Gläubigen sollten mit dem Tod bestraft werden.

Als er noch ein Kind gewesen war, hatte sein Familie Iran verlassen, weil die Bahá’í in diesem Land verfolgt wurden. Sie waren in den Irak gezogen, der zu diesem Zeitpunkt Todfeind Irans war. Der Irak wurde von einem Verrückten regiert, der die Bahá’í die meiste Zeit im Stich ließ. Ashwal wuchs heran, studierte mit großem Eifer und wurde Arzt, er genoss die Früchte und Privilegien dieser Anstrengung. Aber dann war der Verrückte gestürzt worden und plötzlich war es für Bahá’í nicht mehr sicher im Irak.

Eines Nachts kamen islamische Extremisten und nahmen seine Frau mit. Vielleicht waren unter ihnen einige seiner ehemaligen Patienten oder seine Nachbarn. Es war egal. Er würde sie nie wieder sehen. Sogar heute noch zehn Jahre danach traute er sich nicht an ihr Gesicht zu denken geschweige denn an ihren Namen. Er nannte sie einfach „Frau“ und schottete alles andere ab. Er ertrug es nicht, an sie zu denken.

Er ertrug es nicht, daran zu denken, dass es niemanden gegeben hatte, an den er sich hatte wenden können, als man sie ihm nahm. Die Gesellschaft damals funktionierte bereits nicht mehr. Das Schlimmste war bereits ins Rollen gebracht worden. Die Leute lachten oder wandten sich ab, wenn er auf der Straße an ihnen vorbeilief.

Zwei Wochen später kam eine andere Gruppe aus zwölf Männern mitten in der Nacht. Diese Männer waren anders, er kannte sie nicht. Sie trugen schwarze Kapuzen. Sie brachten ihn und seine Töchter auf einem Pickup-Truck in die Wüste. Sie führten sie auf den Sand. Sie zwangen sie auf die Knie vor den Rand eines Grabens. Seine Mädchen weinten. Ashwal konnte sich nicht dazu bringen zu weinen. Er konnte sich nicht selbst leidtun. Er war stumpf geworden. Er begrüßte diesen Zustand regelrecht, denn er brachte Erleichterung.

Plötzlich ertönten Schüsse. Automatische Gewehre.

Zuerst dachte Ashwal, dass er tot sei. Aber er lag falsch. Einer der Männer erschoss all die Anderen. Er tötete einen nach dem anderen. Er brauchte keine zehn Sekunden dafür. Der Lärm war ohrenbetäubend. Als es vorbei war, lebten noch drei der Männer, die krochen auf allen Vieren und versuchten zu entkommen. Der Mann lief gelassen zu ihnen und schoss einem jeden mit seiner Pistole in den Hinterkopf. Ashwal zuckte jedes Mal zusammen.

Der Mann zog seine Kapuze zurück. Er hatte den Bart eines Mudschaheddin. Seine Haut war dunkel von der Wüstensonne. Aber sein Haar war hell, fast blond, wie das von jemandem aus dem Westen. Er lief zu Ashwal und reichte ihm die Hand.

„Steh auf“, sagte er. Seine Stimme war fest. Es schwang kein Mitgefühl in ihr. Es war die Stimme eines Mannes, der es gewohnt war Befehle zu geben.

„Kommen Sie mit mir, wenn Sie leben wollen.“

Der Name des Mannes war Luke Stone. Er war der selbe Mann, der ihm gerade aufgetragen hatte eine Leiche zu stehlen. Er hatte keine Wahl. Ashwal hatte ihn nicht einmal nach dem Grund gefragt. Luke Stone hatte sein Leben gerettet und das seiner Töchter. Ihre Leben waren weit wichtiger als jeder Job.

Das letzte was Luke Stone zu ihm am Telefon gesagt hatte, hatte auch den letzten Zweifel ausgeräumt, wenn es nicht sowieso schon entschieden gewesen wäre.

„Sie haben meine Familie“, hatte er gesagt.

Ashwal blickte zu dem schwarzen Mann im Rollstuhl. „Sollen wir hinten nachsehen, was wir finden können?“

Kapitel 51

1.50 Uhr

Bowie, Maryland – Östliche Vororte Washington, DCs

Eine Autokolonne raste ihnen durch die Nacht entgegen.

Mehr als ein dutzend Wagen vor allem Jeeps und Geländewagen. Alle waren sie schwarz ohne irgendwelche Markierungen. Das letzte Gefährt war eine Art Gefangenenwagen für den unwahrscheinlichen Fall, dass man Gefangene nehmen musste. Die Wagen parkten ohne großes Aufsehen zwei Straßen von dem Haus entfernt. Die Gegend war eine suburbane Sackgasse. Die Straßen waren zumindest alle nur in eine Richtung befahrbar. Zwei Geländewagen parkten Front an Front in der Einfahrt zur Straße.

Unterdessen schloss ein zwanzig Mann starkes Team das Haus ein.

Acht Männer kamen von vorne, jeweils fünf von beiden Seiten. Zwei Männer und der Einsatzleiter warteten kniend hinter geparkten Autos in einem halben Block Entfernung. Sie stellten den Beobachtungs- und Kommandoposten dar. Alle trugen die Kevlar Anzüge und Helme. Alle Helme hatten interne Übertragung.

Die acht Männer liefen ruhig an der Doppelgarage vorbei. Der vordere Mann trug einen fünfzehn Kilo schweren Rammblock, der die Tür in ein oder zwei Stößen aus den Angeln heben sollte. Alle Männer hinter ihm trugen Granaten. Wenn das Team Glück hatte, dann würde die Explosion und das gleißende Licht die Subjekte unschädlich machen oder sie zumindest aus dem Haus locken und sie in die Arme des restlichen Teams treiben, das sie dann mit Leichtigkeit abfangen würde.

Der dritte Mann in der Reihe, ein junger Mann namens Rafer, wischte sich den Schweiß von den Augen. Die Wahrheit war, dass er nervös war.

Er hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, ein wirres Gefühl von der Art, dass man verspürt kurz bevor man sich in ein Feuergefecht stürzt. Er hätte sich ohne Probleme in die Hosen machen können. Er grinste. Schiss zu haben, war sein persönlicher Glücksbringer. Drei Pflichtrunden im Irak und in Afghanistan und er hatte nie mehr als einen Kratzer davongetragen.

Aufhören. Aufpassen.

Er brachte seine Gedanken zurück in die Gegenwart. Der Männerreigen neigte sich in Richtung Garagentür. Die Stufen zur Tür lagen drei Meter vor ihnen zu ihrer Linken. Das musste jetzt schnell gehen. Er stellte es sich in seinem Kopf vor. BAM! Die Tür würde nachgeben und sie würden ihre Granaten werfen. Seine wäre die zweite. Zurückweichen und auf die Explosion warten dann reinrennen.

Irgendwo in der Nähe gab es ein Geräusch.

Es war gedämpft, aber es klang wie ein Automotor. Und es klang so, als wäre es genau auf der anderen Seite dieser Garagentür.

Der Vordermann drehte sich zu Rafer um. Seine Augen weiteten sich. Sie drehten sich Beide um und blickten zur Tür.

* * *

Luke saß auf der Fahrerseite des Suburban, der noch immer in der geschlossenen Garage von Brenna stand. Brenna saß neben ihm. Hinter ihnen saßen Susan Hopkins und Charles Berg. Brenna hatte seine M1 auf den Knien bereitgelegt. Chuck hatte eine Neun-Millimeter-Beretta. Susan hatte keine Waffe. Luke saß da vorne wie ein Familienvater, der Rest war wie seine kleine Familie.

Seine Hände umfassten das Lenkrad. Es war fast totenstill in dem Geländewagen. In der Ecke der Garage war eine kleine Kamera angebracht worden. Sie zeigte was außerhalb der Garage vor sich ging. Männer waren dort, sie sahen aus wie ein SWAT Team. Luke hatte keine Ahnung wer sie waren und was sie glaubten zu sein.

Wussten Sie, dass es einen Staatsstreich gegeben hatte? Wussten sie, dass die wahre Präsidentin hier drinnen war? Vielleicht glaubten sie ein paar Terroristen hochzunehmen.

Er schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle. Sie waren im Begriff das Haus zu stürmen und das bedeutete, dass sie zu den Bösen zählten.

„Das werden sie nicht erwarten“, sagte er leise. „Wir haben einen Vorteil. Aber der wird nicht lange vorhalten.“

„Werden Sie diese Männer töten?“, fragte Susan.

„Ja.“

Er drehte den Zündschlüssel und der Motor sprang an. Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Er schaltete in den ersten Gang und holte tief Luft.

„Bereit?“

„Es ist ein wirklich schweres Auto“, sagte Brenna. „Sie müssen er hart rannehmen.“

Luke trat auf das Gas.

Die Reifen quietschten auf dem Betonboden der Garage, der Suburban schoss nach vorne und krachte durch die Tür, Splitter flogen. Der Geländewagen brach in die Nacht. Sie fuhren über etwas, Reste der Tür, eine Bodenwelle, Männer, Luke wusste es nicht und es war ihm auch egal.

Auf beiden Seiten rannten in schwarz gekleidete Männer.

Er drehte sich nach links ohne vom Gas zu gehen. Männer knieten dort, sie schossen und besprenkelten die Seite des Autos mit einem Kugelhagel.

DUH-DUH-DUH-DUH-DUH…

Susan schrie.

„Susan!“, rief Luke. „Kopf runter in Chucks Schoss. Wir wissen nicht, wie lange die Fenster das mitmachen. Ich will nicht, dass Sie aufrecht sitzen, wenn sie nachgeben.“

Der Geländewagen gewann an Geschwindigkeit. Luke spürte die Beschleunigung.

Zwei Straßen vor ihnen parkten die zwei Geländewagen in der Mitte der Straße. Männer brachten sich dahinter in Position. Luke sah bereits die Mündungen ihrer Waffen aufleuchten. Sie hatten schon angefangen zu schießen.

„Wohin geht es, Walter?“

„Geradeaus. Das ist der einzige Weg raus.“

„Dann werden wir gleich wissen, wie kugelsicher dieses Glas wirklich ist.“

Luke trat das Gaspedal voll durch. Er sah wie die geparkten Autos immer näher kamen. Näher und näher. Ein dutzend Männer in schwarz feuerten dahinter ihre Waffen ab. Kugel trafen die Windschutzscheibe wie ein Schwarm Wespen.

Zwei Männer lagen auf den Motohauben der Geländewagen und feuerten noch immer.

„Na bitte!“

BOOM!

Der Suburban preschte zwischen den zwei Geländewagen hindurch, Metall traf auf Metall. Er brach durch sie durch, brachte sie zum Drehen und stieß sie fort als wären es Spielzeugautos. Die zwei Schützen wurden nach unten gezogen und überrollt.

Der Suburban verlor kaum an Geschwindigkeit.

Luke trat erneut das Gaspedal ganz durch. Der Wagen sauste nach vorne und wurde schneller. Ein Kugelhagel traf die Rückscheibe. Susan schrie erneut auf, aber dieses Mal weniger laut. Dann waren sie außer Reichweite. Luke blickte in den Rückspiegel. Männer rannten zu den Geländewagen und sprangen hinein.

„Okay“, sagte Luke. „Das hat doch gut geklappt. Wo ist die nächste Highway-Zufahrt?“

„Da vorne“, sagte Walter. „In anderthalb Kilometer auf der rechten Seite.“

Das Auto schnitt durch die Stille der Stadt. Luke bremste kaum, als er die Highway-Auffahrt nahm und raste scharf um die Ecke. Sie wechselten auf eine fast leere vierspurige Straße, die in Richtung Weststadt führte.

Das Auto nahm weiter an Geschwindigkeit zu. Die Digitalanzeige vermeldete 130, 145, dann 160. Das Auto raste ruhig dahin. Luke fuhr ohne Mühe um die Kurven. Er liebte die Geschwindigkeit, den Rausch. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Der Suburban hatte sie regelrecht weggefegt.

Hinter ihnen tauchten die ersten Wagen auf, die es auf sie abgesehen hatten. Luke konnte ihre Vorderlichter im Rückspiegel sehen. Konnte er sie in diesem Auto ausstechen? Er hatte seine Zweifel.

Er trieb das Auto weiter voran. Jetzt war er bei 190.

210.

Im Innenraum war es still. Niemand jubelte. Kein Siegestaumel. Noch hatten sie nicht gewonnen, noch lange nicht. Das hatten sie alle verstanden.

Vor ihnen gaben andere Autos Lichtzeichen und zogen zur Seite ab. Luke blickte erneut in den Rückspiegel. Rote und blaue Lichter leuchteten da, sie kamen schnell näher.

„Wir werden uns bald in großer Gesellschaft befinden“, sagte er.

Hinter ihnen kamen auch die anderen Wagen immer näher. Sie nahmen die Einfahrtsspur. Drei andere schwarze Geländewagen rasten auf den Highway direkt neben ihnen. Zweihundert Meter vor ihnen kamen zwei weitere fast zum Stehen. Ihre Bremslichter leuchteten im Dunkeln auf.

„Stone!“, sagte Chuck Berg. „Sie werden uns einkesseln.“

„Das sehe ich.“

Susan hob den Kopf. „Was würde passieren“, sagte sie, „wenn wir einfach aufgäben?“

„Sie würden uns erschießen“, sagte Brenna.

„Sind Sie sich da sicher? Ich meine nur, das ist total verrückt. Wenn sie mich hier drinnen sähen, würden sie mich dann einfach so erschießen?“

Brenna zuckte mit den Schultern. „Wollen Sie das wirklich herausfinden?“

Alle paar Kilometer fuhren sie an Wendepunkten vorbei. Dort parkten normalerweise Landpolizisten, die den Verkehr mit einem Radar überwachten oder einfach diese Punkte nutzten um umzudrehen. Sie waren kurz davor wieder einen solchen Punkt zu passieren.

Ein Geländewagen tauchte links neben Luke auf. Ein Schütze lehnte sich aus dem Beifahrerfenster.

„Runter!“, schrie Luke.

Der Mann schoss auf den hinteren Teil des Suburban. Kugeln bohrten sich in die Wagenseite. Susan schrie. Das Beifahrerfenster bekam Risse aber brach nicht. Luke drehte das Steuer scharf zur Linken. Das gepanzerte Auto fuhr gegen den schwarzen Geländewagen und drängte ihn gegen die Betonwand. Das Auto wurde zusammengefaltet, die Reifen zerfetzt und es drehte sich um hundertachtzig Grad. Der Suburban fuhr weiter.

Luke drehte sich zu ihr um. „Susan, ich habe Ihnen gesagt unten zu bleiben. Nicht nur kurz, sondern die ganze Zeit. Denen ist egal, was aus uns wird. Sie schießen auf Sie. Ich würde es vorziehen, wenn sie nicht wüssten, wo genau Sie sind.“

Jetzt waren sie von Geländewagen umzingelt. Drei vor ihnen, einer neben ihnen, zwei hinter ihnen. Die drei vor ihnen wurden immer langsamer. Es führte kein Weg um sie herum. Ihre Rücklichter gingen immer wieder an und aus, an und aus, jedes Mal, wenn sie auf die Bremse traten. Luke schaute auf den Tacho. 95. 90. 85. 80. Die Geschwindigkeit fiel schnell. Sie saßen in der Falle. Es gab keinen Ausweg.

„Ich werde mich damit unbeliebt machen“, sagte Luke. „Ich würde es zur Wahl stellen aber ich bezweifle, dass irgendjemand dafür stimmen würde.“

„Was denn?“, fragte Brenna.

Die nächste Wendeschleife kam.

„Das hier“, sagte Luke und drehte das Lenkrad wieder scharf herum.

Der schwere Suburban drehte in die Wendeschleife ab, holperte über ein paar Straßen und in die Fahrbahnen Richtung Osten.

Ein Meer aus Lichtern tauchte vor ihnen auf.

„Verdammt!“

Luke steuerte direkt auf sie zu, er biss die Zähne zusammen. Er drückte aufs Gas. Sie pflügten durch den Verkehr, die entgegenkommenden Autos zerstoben wie Blätter im Wind.

Ein Traktorträger fuhr nach links. Der Wagen erschauderte im Zugwind.

„Luke!“, schrie Susan. „Stopp!“

Der Suburban beschleunigte weiter. Autos wichen ihnen aus. Die Lichter blendeten sie fast vollkommen. Keine Zeit sich umzudrehen. Er stierte nach vorne, beide Hände umklammerten das Steuer, seine Konzentration lief auf Hochtouren.

Die Straße verlief gerade, die Autos kamen in Trauben. Luke preschte durch sie hindurch, wie ein Boot das die Wellen schnitt. Zuversicht stieg in ihm auf – dieses brummende, schwirrende Gefühl, dass er immer bekam, wenn er Dexies nahm. Er musste aufpassen.

Zu viel Zuversicht war tödlich.

Autos brausten an ihnen vorbei wie Raketen.

„Hat sich uns irgendjemand angeschlossen?“, fragte Luke.

Brenna drehte sich um.

„Nein. Niemand sonst war verrückt genug.“

„Gut.“

Luke drehte zur Linken ab und verließ den Highway an der nächsten Einfahrt.

Kapitel 52

2.21 Uhr

Büro der Gerichtsmedizin – Washington, DC

Luke erkannte Ed Newsam, der an der Wand des Gebäudes lehnte und seine M4 Flinte in den Armen hielt.

Das Gebäude war vier Stockwerke hoch und hatte eine Glasfront. Es lag nur einen Kilometer außerhalb der radioaktiven Zone, die um das Weiße Haus gezogen worden war. Die Straßen waren verwüstet. Es sah so aus, als hätten den meisten Menschen ein Kilometer nicht genügt.

Luke parkte das Auto auf dem Fußgängerweg vor dem Gebäude.

„Was jetzt?“, fragte Susan.

„Sie steigen jetzt aus. Sie werden mit Ed, Chuck und Walter in diesem Gebäude warten, was auch immer passiert, wer auch immer herkommt, Sie bleiben bei ihnen. Bleiben Sie so nah wie möglich bei Ed. Chuck und Walter sind gute Leute, aber Ed ist eine Killermaschine. Okay?“

„Okay.“

„Dann los geht’s.“

Luke sprang aus dem Wagen. Rauch qualmte aus dem Kühler. Alle Türen waren von Kugeln zersiebt worden. Drei der vier Reifen waren zerfetzt. Alles in allem hatte das Auto aber außergewöhnlich gut durchgehalten. Luke wollte auch so eines.

„Ganz schön in Fahrt gekommen, oder?“, fragte Ed.

Luke grinste. „Du hättest dabei sein sollen.“

Hinter ihm stiegen die Anderen aus dem Wagen.

„Ed, du erinnerst dich sicherlich an die Präsidentin.“

„Natürlich.“

Ed stieß die Gebäudetür auf. Er hatte wenig Hebelkraft zur Verfügung und musste sein Körpergewicht dazu einsetzen. Sie betraten das Hauptfoyer. Ashwal stand dort mit einem Rollstuhl. Er war ein dunkler Mann mit Brille, sein Haupthaar war bereits sehr licht. Es waren viele Jahre vergangen seitdem Luke ihn das letzte Mal gesehen hatte. Eine blonde Frau mit Bobhaarschnitt saß festgeschnallt in dem Rollstuhl. Sie trug ein weißes Frühlingsshirt und eine lange Hose. Ihre Haut war grau und schlaff, davon abgesehen hätte sie gerade auch einfach nur schlafen können.

„Ashwal“, sagte Luke.

Der Mann starrte ihn an. „Luke.“

Luke deutete mit beiden Händen auf Susan. „Ashwal, das ist Susan Hopkins, die Präsidentin der Vereinigten Staaten. Sie ist verletzt. Ich würde dich darum bitten, dir ihre Verletzungen einmal anzusehen und sie so gut es eben geht zu versorgen. Wir können sie in kein Krankenhaus bringen. Es gibt Leute die sie tot sehen wollen.“

Ashwal starrte Susan an. Ihm dämmerte langsam etwas.

„Ich bin kein Arzt mehr.“

„Heute Nacht bist du einer.“

Ashwal nickte, sein Gesicht war ernst. „Okay.“

Susan starrte auf die Leiche.

„Soll das ich sein?“, fragte sie.

„Ja.“

„Was wollen Sie mit ihr machen?“

Luke zuckte die Schultern. „Ich werde sie umbringen.“

Kapitel 53

2.30 Uhr

In den Straßen von Washington, DC

Sie müssen einfach nach dem Auto Ausschau halten. Es lag nahe ihnen bei ihrer Suche ein wenig unter die Arme zu greifen. Luke war nun alleine im Suburban unterwegs. Brennas M1 Schrotgewehr lag neben ihm auf dem Vordersitz. Es war mit einem Acht-Schuss-Magazin der .30-06 panzerbrechenden Munition geladen. Zehn weitere Magazine lagen auf vor dem Sitz.

Auf dem Rücksitz saß die Leiche auf dem Platz, den zuvor Susan besetzt hatte. Der Anschnallgurt hielt die Leiche aufrecht. Ihr Kopf bewegte sich mit den Bewegungen des Autos.

Luke rollte langsam durch die leeren Straßen der National Mall und des Kapitols. Er war genau am Rand der radioaktiven Zone. Irgendwo hier sollten die DC Polizisten die Straßen abgesperrt halten.

Da waren sie, Licht flackerte auf, unterhalb der Straße zu seiner Rechten. Er fuhr über die Kreuzung und hielt auf dem Bordstein. Keine Autos oder Menschen weit und breit.

Polizisten waren gut. Sie waren ein Anfang. Aber Luke brauchte die bösen Jungs. Die Polizisten hier hatten keine Ahnung, was eigentlich vor sich ging. Das Auto würde ihnen nicht einmal auffallen. Er dachte ein Minute darüber nach. Hatte er sie tatsächlich auf dem Highway abgehängt, so dass sie überhaupt keine Ahnung mehr hatten, wo er jetzt war? Das glaubte er nicht.

Er hatte noch immer sein Handy bei sich. Er wusste, dass es dumm war es zu behalten, aber er hoffte gegen alle Wahrscheinlichkeiten, dass Becca ihn doch noch anrufen oder ihm texten würde. Er zog das Handy hervor und starrte auf seinen unheimlichen Schein in der Dunkelheit.

„Scheiße“, sagte er. Er wählte ihre Nummer.

Ihr Handy war aus. Es klingelte gar nicht mehr.

„Hallo, hier ist Becca. Ich kann gerade nicht…“

Er legte auf. Er saß eine Weile bewegungslos da und versuchte an nichts zu denken. Vielleicht würden sie ihn finden, vielleicht auch nicht. Falls nicht, müsste er sich selbst auf den Weg machen und sie finden. Er schloss seine Augen und atmete tief. Er sank einen Moment in dem Fahrersitz zurück.

Langsam bemerkte er ein Geräusch. Er war das schwere Rattern eines großen Helikopters. Es bereitete ihm keine Sorgen. Es konnte tausende Gründe dafür geben, dass ein Helikopter, selbst ein militärischer, sich gerade dort oben über Washington DC befand. Er setzte sich aufrecht hin und schaute durch die Windschutzscheibe. Er konnte auf den weiten Boulevard vor ihm blicken.

Der Helikopter näherte sich über ihm. Er flog niedrig und langsam. Nach ein paar Sekunden erkannte er seine ihm vertraute Form.

Er konnte es kaum glauben, nicht hier in mitten der Stadt.

Aber es war…

…ein Apache Kampfhubschrauber.

„Oh nein.“

Luke legte einen Gang ein und trat aufs Gas. Er drehte das Steuer scharf zur linken herum und machte eine große quietschende Wende in der Mitte der Straße.

Der Helikopter feuerte bereits auf ihn.

Dreißig-Millimeter Patronen durchlöcherten das Dach des Geländewagens und rissen die Verkleidung des Wagens in Fetzen.

Luke zuckte zusammen aber fuhr weiter. Er drehte ein weiteres Mal scharf nach links und drehte unterhalb der Nebenstraße.

Vor ihm standen vier Straßenpolizisten vor einer niedrigen Betonbarriere. Sie schauten in den Himmel zu dem Helikopter. Zwei Polizeiwagen waren auf je einer Seite geparkt, die Lichter leuchteten still auf. Luke atmete einmal tief durch.

Echte Polizisten! Er konnte sich keine andere Berufsgruppe vorstellen, der er sich jetzt lieber ergeben hätte. Nach hundert Metern drückte er wieder auf das Gas. Der Suburban beschleunigte. Er fuhr auf die Polizisten zu.

Die Vier stoben auseinander.

Drei Sekunden später preschte er durch die Betonbarriere, die dabei in zwei Teile zerbrach, dessen zerkrümelnde Überreste er nun vor sich her fuhr. Er kam rutschend zum Stehen, fuhr ein paar Meter zurück und drehte erneut ab.

Hinter ihm waren die Polizisten in ihre Wagen gesprungen. Sekunden später heulten die vertrauten Sirenen.

Luke bog auf der Independence Avenue nach links ab. Er suchte im Himmel nach dem Helikopter. Er konnte ihn hören, aber nicht sehen. Der Suburban rauchte von den vorherigen Drehungen. Er hatte sie schwer unterschätzt. Ein Apache! Sie würden dieses Auto zerstören und dabei würde es ihnen egal sein, wer das bezeugen konnte.

Er rang dem Suburban das Äußerste ab. Er hatte ein wenig Kraft verloren und streikte bereits bei unter 130. Er raste die Independence südlich der Mall entlang. Das Gezeitenbecken war auf seiner Linken. Die Straßenlichter spiegelten sich im Wasser.

Hinter ihm kamen die Polizisten immer näher.

Der Apache tauchte wieder auf seiner Rechten auf. Er war viergeschossig. Sie schossen erneut. Die Kugeln verfehlten ihr Ziel nicht. Sie klangen wie ein Presslufthammer. Das Fenster der rechten Beifahrerseite zerbrach und besprenkelte die Leiche mit Glas.

Luke versuchte wie verrück dem Beschuss auszuweichen, während sein Fuß das Gaspedal immer noch durchdrückte. Die Straße sauste an ihm vorbei. Weiter vorne zu seiner Linken konnte er das in der Nacht erleuchtete Lincoln Memorial sehen.

Der Helikopter kam zurück. Das Schießen hatten sie jetzt aufgegeben. Anstelle dessen setzen sie jetzt auf Hydra Raketen. Eine Reihe Raketen schoss aus der rechten Seite des Helikopters. Drei, vier, fünf.

Vor ihm wurde die Straße in rote und gelbe Schatten gesprengt. BOOM… BOOM… BOOOM.

Er drehte scharf nach links. Der Geländewagen krachte durch einen Maschendrahtzaun und hüpfte auf das Gras. Luke wurde auf seinem Sitz durchgeschüttelt. Seine Hände umklammerten das Steuer. Er nahm kaum Gas raus.

Mehr Raketen kamen. Eine steckte eine Reihe von in Blüten stehenden Kirschbäumen in Brand. Die kleinen Hügel um ihn flogen in die Luft.

Das Auto wurde hinten getroffen.

Luke spürte wie der hintere Teil nach oben in die Luft gerissen wurde. Er stieß seine Tür auf und sprang hinaus.

Er traf auf dem Gras auf und rollte sich nach links ab. Die Hinterräder des Wagens landeten wieder auf dem Boden und das Auto fuhr weiter den Hügel hinab gen Wasser.

Luke sah den Funken einer anderen Hydra Rakete, als sie abgefeuert wurde. Sie zischte durch die Luft, durchdrang die Karosse des Wagens und traf ihr Ziel. Flammen stiegen einen Moment auf bevor das gesamte Auto in die Luft flog.

BOOOOOM.

Luke schmiss sich auf den Boden und umklammerte seinen Kopf mit den Händen, um ihn vor den herumfliegenden Autoteilen zu schützen. Einen Moment später drehte er sich um. Das Auto rollte noch immer, rote und gelbe Flammen griffen wie Arme nach dem Nachthimmel. Im Auto brannte eine Frau Ende vierzig, ohne Herkunft, eine Person ohne Namen. Luke konnte ihren Umriss erkennen.

Das in Flammen stehende Auto rollte nun langsam auf die Kante des Wassers zu. Der Rand des Gezeitenbeckens war wie ein Sprungbrett. Das Auto fuhr über den Rand hinein. Es blieb für ein paar Sekunden dort hängen, halb im Wasser, halb noch auf dem Land, bevor es komplett hineinversank. Es brannte noch während es sank.

Der Helikopter drehte ab und verschwand. Sekunden später war er nur noch ein schwarzer und ferner Schatten am Nachthimmel.

Luke lag auf dem Gras und atmete schwer. Ein Polizeiwagen kam schlitternd hinter ihm zum Stehen, seine Sirenen heulten. Zwei Polizisten sprangen hinaus, einer weiß, einer schwarz. Sie kamen mit Taschenlampe und gezogener Waffe auf Luke zu.

„Umdrehen. Arme ausstrecken.“

Luke tat was der Mann ihm sagte. Grobe Hände durchsuchten ihn. Sie drehten seine Arme auf seinen Rücken und zogen die Handschellen eng zu.

„Sie haben das Recht zu schweigen“, begann der Polizist.

Kapitel 54

3.23 Uhr

Städtische Strafanstalt – Washington, DC

Alles war weiß hier.

Die Wände und der Boden waren weiß. Die Deckenlichter waren hell und weiß. Die elektronischen Metalltüren, die hinter ihm auf- und zuglitten, waren weiß gestrichen.

Sie fertigten Luke ab und steckten ihn zusammen mit sechs weiteren Männern in  eine Arrestzelle. Der Raum war riesig. Er war weiß und seine Wände waren von schmutzigen Handabdrücken bedeckt. Der Boden war weiß und ging ins schäbig graue wohl wegen der tausenden von Schuhsohlen. Es gab ein Pissoir und eine Toilette, die in die Wand eingebaut waren. Der Boden fiel zur Mitte hin leicht ab, da es dort einen kleinen runden Abfluss gab.

Eine dreckige weiße Bank zäunte fast die Hälfte der Wände der Zelle ein. Luke ging in der Zelle mehrere Minuten schnell auf und ab, während die anderen Männer ihn beobachteten. Er war der einzige Weiße in dem Raum. Das störte ihn nicht. Er bemerkte die anderen Männer kaum. Er saß hier einfach nur in der Falle. Es bedeutete Stillstand. Das konnte er nicht ausstehen.

Irgendwo dort draußen befanden sich Becca und Gunner in den Händen von schlechten Menschen. Luke mochte sich irren, aber er spürte, dass sie noch lebten. Wenn das stimmen sollte, dann musste er hier raus und sie finden. Er würde niemals aufgeben, bis er sie gefunden hatte. Und Gott möge denen beistehen, in dessen Gewalt sie sich befanden.

Nein. Das stimmte nicht. Niemand würde ihnen helfen können.

Wenn sie ihnen nur ein Haar krümmten…

Jetzt da er hier drinnen festsaß, spürte er wie Wut in ihm aufstieg.

Die Vize-Präsidentin, das Autorennen, all das – es hatte ihn abgelenkt. Aber jetzt gab es keine Ablenkung mehr.

Natürlich gab es da noch Susan Hopkins. Er hatte sie bei Ed, Brenna und Berg gelassen. Sie waren fähige Männer, vor allem Ed. Aber da Luke noch lebte, sollte er wirklich bei ihnen sein.

Er hätte am liebsten geschrien.

Er ging zur Bank hinüber und setzte sich auf sie. In der nächsten Minute erhob sich ein Typ vom anderen Ende der Bank und schlenderte zu Luke herüber. Er war ein großer junger Typ, durchtrainiert, er trug ein Chicago Bulls Hemd. Ein riesiger Afro umrahmte seinen Kopf. Er grinste, einer seiner Frontzähne war golden.

Er hockte sie vor Luke.

„Hey, Bro, alles klar?“

Gekicher und Getuschel machte die Runde unter den Männern in der Zelle.

Luke blickte zu ihm. „Der Präsident ist tot, Bro.“

Der Typ nickte. „Hab davon gehört. Ich glaube, dass ist mir ziemlich egal. Habe den Mann nie gewählt.“

Luke zuckte mit den Schultern. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

Der Typ deutete auf etwas mit seinem Kinn. „Ich habe deine Schuhe gesehen. Sie sind schön.“

Jetzt nickte Luke. Er blickte selbst zu seinem Füßen und den Lederschuhen in denen sie steckten. „Da hast du Recht. Sie sind schön. Meine Frau hat sie mir zu Weihnachten geschenkt.“

„Welche Marke?“

„Ferragamo. Ich glaube sie hat etwa sechshundert Dollar für sie bezahlt. Meine Frau kauft mir gerne schöne Sachen. Sie weiß, dass ich sie mir niemals selbst kaufen würde.“

„Gib sie mir“, sagte der junge Typ.

Luke schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Sie haben emotionalen Wert. Außerdem glaube ich nicht, dass sie dir passen würden.“

„Ich will sie aber.“

Luke blickte sich in der Zelle um. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er konnte sich vorstellen, dass das für manche eine angespannte und beängstigende Situation war.

„Ich denke, es ist besser, wenn du dich wieder hinsetzt“, sagte er. „Ich habe gerade ziemlich schlechte Laune.“

In die Augen des Jungen trat Verärgerung. „Gib mir diese Schuhe.“

Luke rollte mit den Augen. „Du willst sie? Dann nimm sie dir.“

Der Junge nickte und grinste. Er blickte sich in der Zelle um. Gelächter war zu hören. Der große starke Gangster würde die Schuhe des weißen Mannes stehlen. Er bückte sich nach vorne und griff nach Lukes Füßen.

Luke wartete eine Sekunde, dann trat er dem Jungen in den Mund. Es kam überraschend. Der Kopf des Jungen klappte zurück. Zähne flogen, insgesamt wohl drei. Einer war der goldene Frontzahn. Der Junge fiel nach hinten um. Er landete auf seinen Knien nach vorn über gebeugt, seine Hände presste er gegen den Mund.

Luke seufzte. Er stand auf, trat hinter den Jungen und schlug ihn hart auf die Rückseite seines Nackens, genau dort wo die Wirbelsäule an den Schädel anschloss. Der Junge brach auf dem schmutzigen Boden zusammen. Seine Augen rollten nach hinten. Nach ein paar Sekunden hatte er das Bewusstsein verloren. Sekunden später gab er seltsame Schnarchgeräusche von sich.

Luke blickte sich in der Zelle um. Er hatte schon vorher schlechte Laune gehabt. Der junge Schuhdieb hatte es nur noch schlimmer gemacht. Luke würde jeden Mann hier drinnen halb tot schlagen, wenn es das war, was sie wollten.

„Der Nächste, der mich blöd anmacht, verliert alle seine Zähne“, sagte er laut genug, so dass jeder es hören konnte.

Sie alle starrten zurück, mit gaffenden Mündern, bis sie schließlich alle den Blick wieder abwandten. Ihre Augen, die noch Momente zuvor so blutrünstig dreingeblickt hatten, waren jetzt von etwas anderem erfüllt: Angst.

Kapitel 55

5.45 Uhr

Seewarte der Vereinigten Staaten – Washington, DC

Sein Name war William Theodore Ryan.

Er war der Ur-Ur-Urenkel eines Plantagen-Besitzers mit adliger Abstammung. Seine Leute waren seit Generationen stolze Konföderierte und Rebellen gewesen. Und da war er nun, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so müde gewesen zu sein. Er hatte letzte Nacht kaum geschlafen. Noch vor dem ersten Licht des Tages hatte er darauf bestanden von Flügel R nach Washington zurückzufliegen. Es gab keinen Grund weiter im Untergrund zu bleiben. Die Gefahr war gebannt. Und es würde dem amerikanischen Volk zeigen wie mutig er war. Er würde sich nicht weiter in einem Loch unter der Erde verstecken, während dreihundert Millionen Amerikaner über der Erde mit ihrem Leben weitermachten und sich der Gefahr eines Anschlages aussetzten.

Er musste beim Gedanken daran grinsen.

Er saß in einer Sitzgruppe im Büro der offiziellen Residenz der Vize-Präsidentin. Vor dem Fenster brach das erste Licht am Himmel an. Das Haus war zauberhaft, es war ein großes weißes im Queen-Anne-Stil gebautes Haus mit Giebeln und Turm, das in der hübschen hügeligen Landschaft der Seewarte stand. Es wurde in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut und Generationen von Vize-Präsidenten hatten es ihr Zuhause genannt. Jetzt würde es als Weißes Haus fungieren, bis das Original wieder aufgebaut war.

Auf dem Sofa gegenüber von ihm saß Senator Edward Graves aus Kansas. Später am Tag würde Ed mit zweiundsiebzig Jahren zum ältesten Vize-Präsidenten in der modernen Geschichte Amerikas gemacht werden. Ed Graves war Militärexperte und seit jeher der Vorsitzende des Militärkomitees des Kongresses gewesen. Ed war vor etwa zwanzig Jahren einer seiner Mentoren gewesen.

Zwischen ihnen stand eine schwarze Lautsprechanlage auf dem Tisch. Sie kreischte als ein Staatssekretär des Vereinigten Generalstabs ihnen ein kurzes Update über die Ereignisse im Nahen Osten gab. Die Dinge spitzen sich zu, aber schienen in ihrem Sinne zu verlaufen.

„Sir“, sagte die Stimme, „auf ihren Befehl sind zwei amerikanische F-118 Kampfjets in den iranischen Luftraum um circa 13.45 lokale Zeit eingedrungen, also vor etwa einer halben Stunde.“

„Status?“, fragte Bill Ryan.

„Nach zwei Minuten haben sie sie bemerkt und drei iranische Jets geschickt, wir glauben, dass es sich bei diesen um alte russische Mig Kampfflieger handelt. Die F-118er haben die iranischen Jets kurzerhand zerstört. Der Radar hat mindestens zwölf weitere iranische Jets in dem Gebiet aufgespürt, deshalb haben sich die F-118er in den türkischen Luftraum zurückgezogen. Die Iraner sind an der Grenze umgekehrt.

„Okay“, sagte Ryan. „Was noch?“

„Zwei Abhörstationen, eine in Japan und eine in Alaska, haben gemeldet, dass mindestens sechs russische Raketensilos im Osten Sibiriens in den letzten zwanzig Minuten in Kampfbereitschaft geschaltet wurden. Die Silos haben es vor allem auf die städtischen Gebiete entlang der Westküste, Seattle, Portland und San Francisco miteingeschlossen, abgesehen. Diese Ziele stehen bereits fest.“

„Himmel. Warum tun sie das?“

„Wir sind uns nicht sicher, Sir. Das Timing scheint mit unserem Eindringen in den iranischen Luftraum in Verbindung zu stehen, allerdings deutet das, was wir an Gesprächen abgefangen haben, eher darauf hin, dass es zu einigen Verwirrungen in der russischen Kommandozentrale gekommen ist. Wir glauben nicht, dass es diese Silos auf eigene Faust versuchen wollen, aber sie scheinen ihre Anordnungen missverstanden zu haben.“

Ryan blickte zu Ed. So eine dämliche Aktion erschien typisch für die Russen. Was würden sie tun, Irans wegen einen Atomkrieg starten? Dennoch musste er zugeben, dass es etwas Erhebendes in dieser waghalsigen Politik gab. Er war noch nicht einmal acht Stunden Präsident.

Ryan wandte sich an die Stimme. „Haben wir Raketen, die diese russischen Silos angreifen können?“

„Ja, Sir, die haben wir.“

„Dann stellen Sie diese Raketen auf Bereitschaft und stellen Sie sicher, dass die Russen das mitkriegen. Sie müssen Ordnung in ihren Laden bringen. Wenn wir ihnen unsere Waffen zeigen, dann verstehen sie vielleicht, wie ernst wir es dort drüben meinen.“

Die Stimme am anderen Ende zögerte. „Ja, Sir.“

„Sonst noch irgendetwas?“

„Für den Moment nicht, Sir.“

Ryan schaltete das Telefon aus. Es war sehr ruhig in dem Raum. Er blickte zu Ed Graves.

„Irgendwelche Vorschläge?“

Eds Hände lagen auf seinen Knien. Es waren aderige und fleckige Hände, sie ähnelten einem alten Baum. Eds Gesicht war schroff und faltig. Er hatte eine Knollennase, die von Blutadern durchzogen war. Aber seine Augen waren hellwach wie zwei Laserstrahler.

„Es ist albern“, sagte er, „zwei Flugzeuge über die Grenze zu schicken. Warum spielen wir so mit ihnen? Wir wissen wozu sie im Stande sind und wir wissen wozu wir im Stande sind. Sie haben uns zuerst angegriffen, oder? Sie haben unseren Präsidenten getötet.“

Das war ein gewagter Wink von Ed. Bill schämte sich fast ein wenig für ihn.

„Wenn das stimmt, dann müssen wir sie hart rannehmen. Wir müssen Vergeltung üben. Wir haben die fünfte Flotte im Persischen Golf. Lass uns die iranischen Waffen in der Straße von Hormuz unschädlich machen. Wir sollten ihnen die Chance nehmen dort Mienen zu legen. Nimm sie einfach hoch. Boom. Als nächstes schickst du Kampfflugzeuge nach Teheran den ganzen Tag lang. Schick sie zusammen mit zusätzlichen Jets, die garantieren, dass sie dort auch ankommen. All das würde ich gleich heute anfangen.“

Bill nickte. „Sie müssen sich ihren Weg nach Teheran erkämpfen.“

Ed zuckte mit den Schultern. „Unsere Jungs sind die besten. Und bezahlen wir sie nicht schließlich auch genau dafür? Um zu kämpfen? Eine oder zwei Wochen schweres Bomben des Stadtkerns und ich denke unser iranisches Problem wird in Gänze gelöst sein.“

„Und was ist mit den Russen?“

Ed Graves schien eine Weile darüber nachdenken zu müssen. Schließlich zuckte er die Schultern. „Scheiß auf die Russen.“

Es klopfte an der schweren Eichentür.

„Kommen Sie rein.“

Die Tür öffnete sich. Ein junger Mitarbeiter trat ein. Sein Name war Ben und er gehört seit ein paar Jahren zu Ryans Mitarbeitern. Er hatte generell viel Energie, aber heute schien er vor Aufregung geradezu überzulaufen. Das gesamte Team war über Nacht ein paar Sprossen in der Karriereleiter hinaufgeklettert.

„Was kann ich für Sie tun, Ben?“

„Sir, wir haben gerade die Identifikation der Frau, die in dem in die Luft gesprengten Geländewagen saß, der letzte Nacht in dem Gezeitenbecken gelandet ist, reinbekommen. Sie hatten mir aufgetragen Ihnen Bescheid zu geben, sobald ich etwas Neues dazu höre.“

„Ja, das habe ich. Was gibt es Neues?“

„Nach Untersuchung ihrer Zähne wurde festgestellt, dass es sich um eine Frau namens Liza Redeemer handelt.“

Das waren nicht die Worte, die Bill Ryan hatte hören wollen. „Redeemer?“

„Ja, Sir. Sie war dreiunddreißig und lebte auf der Straße. Lange Geschichte von Geistesgestörtheit, Schizophrenie, bipolarer Störung, sie hatte verschiedene Arbeitsstellen. Ihren ursprünglichen Namen Elizabeth Reid hat sie offiziell ändern lassen als sie achtzehn wurde. Es gibt keine Anhaltspunkte, was sie in diesem Wagen zu suchen hatte.“

Ryan nickte. „Okay. Danke.“

Nachdem er den Raum verlassen hatte blickte Ryan erneut zu Ed Graves.

„Wir müssen uns mit Don Morris in Verbindung setzen.“

Kapitel 56

7.15 Uhr

Städtische Strafanstalt – Washington, DC

„Wie hast du geschlafen?“

„Wie ein Baby. Ich habe mir mit sechs weiteren Männern die Zelle geteilt. Nette Jungs. Ich wusste gar nicht wie viele Unschuldige ins Gefängnis wandern.“

Luke trat in das Sonnenlicht vor der Strafanstalt. Es war sehr hell. Seine Hände waren noch immer in Handschellen. Don Morris führte ihn voran. Er, Don und zwei Agenten, die er nicht kannte, liefen die Treppen hinunter auf einen neueren schwarzen Sedan zu, der oberhalb der Straße geparkt stand.

„Das war ein ganz schöner Trick, denn du da aus dem Ärmel geschüttelt hast. Sie mussten sogar die Zähne hinzuziehen um herauszufinden, dass es sich nicht um Susan Hopkins in dem Wagen gehandelt hat. Und das war gerade einmal vor einer Stunde. Sie wissen noch immer nicht, wer sie ist.“

„Oh?“, sagte Luke. „Ich hätte schwören können, dass es Susan gewesen war.“

Don blieb stehen. Er blickte zu Luke. „Spar dir den Scheiß, Stone. Ich habe heute keine gute Laune und ich würde vermuten, du auch nicht. Wir werden dich zum Reden bringen und du wirst uns erzählen wo Susan ist. Das ist dir schon klar, oder? Ach, ich weiß. Luke Stone kann man nicht brechen. Es würde Tage brauchen, um die Information aus ihm herauszubekommen. Ich persönlich denke da anders. Ich glaube, du wirst sehr schnell anfangen zu reden. Wir haben schließlich etwas, das dich dazu anspornen sollte, falls du es vergessen haben solltest.“

„Du hast gesagt, dass du meiner Familie niemals etwas antun würdest.“

Don lächelte. „Das werde ich auch nicht. Deine Familie lebt und ihr geht es gut. Das solltest du wissen. Aber wir müssen wissen wo Susan Hopkins ist.“

„Don, Susan ist die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“

Er schüttelte den Kopf. „Das liegt nicht in deiner Entscheidungsmacht, Stone.“

„Nein. Aber in der der Verfasssung.“

Don gab etwas von sich. Es klang wie ein missmutiges Knurren. Er blickte zu den zwei Agenten, die bei ihnen waren. „Können Sie mir und Agent Stone eine Minute Zeit geben?“

Die zwei Männer entfernten sich etwa dreißig Meter von ihnen. Sie standen in Nähe eines geparkten Autos und starrten zu Luke und Don hinüber. Sie schienen nicht anderes zu tun als zu glotzen. Luke vermutete, dass sie wissen mussten, dass er Don auch mit gebundenen Armen und Beinen hätte umbringen können.

Don lehnte sich an den schwarzen Sedan. „Junge, was hast du vor?“

Luke starrte ihn an. Er kannte Don schon so lange und doch hatte er ihn nie wirklich gekannt. „Was hast du vor, Don? Was spielst du hier eigentlich? Ich bin nicht derjenige, der hier gerade einen Staatsstreich inszeniert hat.“

Don schüttelte den Kopf. „Luke, als was auch immer du es bezeichnen magst, es ist längst vorbei. Die Dinge entwickeln sich, wir können die Vergangenheit nicht ändern. Bill Ryan ist Präsident der Vereinigten Staaten, ob du es nun magst oder nicht. Deine Familie schwebt in Gefahr, aber sie ist noch nicht tot und sie sind noch unversehrt. Du kannst sie zurückbekommen. Du musst nur ein bisschen hier mitspielen. Ich kann kaum glauben, wie sehr du dich dagegen wehrst. Du machst hier nicht die Spielregeln.“

„Was hast du von der ganzen Sache, Don? Du machst das alles doch nicht nur, weil Bill Ryan dein alter College-Kumpel ist.“

Don nickte. „Okay. Die Frage geht in Ordnung, wenn sie dir hilft die richtige Entscheidung zu treffen. Ich werde dir eine Antwort geben. Ich habe es satt, Amerika so schwach zu sehen. Ich hab es satt, Amerika so feige zu sehen. Diese Eigenschaften waren mir schon immer fremd und sie sind mir umso fremder durch meine Militärausbildung. Ich kann Schwäche und Feigheit nicht ausstehen. Und ich habe es satt, jedes Jahr aufs Neue nach Unterstützung für das Spezialeinsatzkommando betteln zu müssen. Wir machen eine verdammt gute Arbeit, das hast du selbst gesehen, und trotzdem standen wir kurz davor abgesägt zu werden.“

Luke begann zu verstehen. „Bill Ryan hat dir also dein Budget für das Spezialeinsatzkommando zugesichert?“

Don schüttelte den Kopf. „Nein. Bill Ryan ist nur ein Strohmann, wie dir sicher aufgefallen ist. Andere Kräfte sind hier am Werk. Und diese würden Amerika gerne wieder im alten Glanz erstrahlen sehen genauso wie ich und du. Heute Nachmittag wird Bill verkünden, dass ich seine Wahl für den Posten des Verteidigungsministers sein werde.“

Luke starrte ihn an. Er dachte an die letzte Nacht und an David Delliger, der auf der Fünfzig-Yard-Linie des Stadions der Marineakademie erschossen worden war.

„Bist du dir sicher, dass du diesen Job willst? Ich habe letzte Nacht deinen Vorgänger getroffen. Seine Amtszeit hat ziemlich abrupt geendet.“

Don lächelte. „Dave war keine gute Wahl für den Job. Er kam von Militär, war aber kein Krieger. Diese Zeiten verlangen nach einem Krieger. Ich bin sicher, dass du der erste bist, der das verstehen wird.“

„Don, wenn du mit Iran einen Krieg anfängst, werden die Russen…“

Don hob eine Hand. „Luke, du brauchst mir keinen Vortrag über die Russen zu halten. Ich habe Russen umgebracht, da hast du noch in deine Windeln gemacht.  Ich weiß was die Russen vorhaben. Nichts, das wars. Sie werden dabeistehen und zusehen. Jetzt sag mir bitte wo Susan ist.“

Luke schwieg.

„Rebecca und Gunner werden heute sterben, Luke. Da kannst du dir sicher sein. Und du wirst niemand als dich selbst dafür verantwortlich machen können.“

Luke drehte seinen Kopf weg. „Du bist ein Verräter, Don.“

Oberhalb der Straße in der Richtung, in die Luke gerade blickte, passierte etwas Seltsames. Die zwei Agenten liefen schnell zurück auf sie zu. Hinter ihnen lief eine Gruppe von Männern in Anzügen und Sonnenbrillen, die ihnen auf dem Fußgängerweg folgten. Luke zählte sieben Männer. Er drehte sich um und blickte in die andere Richtung. Vielleicht liefen sie etwas anderem hinterher.

Nein. Ein weiteres halbes dutzend Männer kam von der anderen Seite des Weges. Luke blickte zu den Agenten, die mit Don gekommen waren. Sie rannten plötzlich los. Einer sprang auf die Straße. Er überquerte sie zur Hälfte bevor er von einem Auto angefahren wurde. Das Auto kam quietschend zum Stillstand. Der Agent rollte über die Motorhaube und fiel auf die Straße.  Drei Männer liefen zu ihm, sie hatten ihre Waffen gezogen.

Der andere Beamte lief über einen Rasen in Richtung Parkplatz. Fünf Männer jagten ihm hinterher.

Drei Männer kamen auf Don und Luke von einer Seite aus zu, zwei von der anderen.

Sie zogen ihre Waffen. Ein Mann hielt sein Abzeichen hoch.

„Geheimdienst“, sagte er.

Sie stießen Don mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Sie nahmen ihm seine Waffe ab und legten ihm Handschellen an.

„Was wird mir vorgeworfen?“, fragte Don.

„Wo sollen wir anfangen?“, antwortete der Mann. „Verrat. Innerstaatlicher Terrorismus. Mord. Kidnapping. Anstiftung eines Komplotts. Das sollte für den Anfang reichen.“

Sie nahmen Luke die Handschellen ab. Er massierte seine Handgelenke, langsam kam das Gefühl zurück. „Einige klingen nach Straftaten, auf die die Todesstrafe steht.“

Der Geheimdienstbeamte nickte. „Das ist korrekt.“

„Meine Frau und mein Sohn wurden entführt. Dieser Mann weiß wo sie sind.“

Luke blickte zu Don hinab.

„Wenn ich du wäre“, sagte er, „dann würde ich schnell anfangen zu reden.“

Kapitel 57

7.45 Uhr

Seewarte der Vereinigten Staaten – Washington, DC

Ein schwarzer Geländewagen kam in der runden Einfahrt vor der Vize-Präsidenten-Residenz zum Stehen.

Die Hintertür öffnete sich und Susan Hopkins kam zum Vorschein. Der irakische Arzt hatte ihren Arm und ihr Handgelenkt letzte Nacht bandagiert. Die Behandlung der Verletzungen in ihrem Gesicht lagen außerhalb seiner Kompetenzen – er hatte lediglich ein betäubendes Schmerzmittel für die Verbrennungen angewandt, so dass sie hatte schlafen können.

Sie hatte vor fünfzehn Minuten mit Pierre gesprochen, nachdem sie sichergestellt hatte, dass das Telefonat kein Risiko darstellt. Er hatte geweint und sie fast auch. Sie hatte noch nicht mit den Mädchen gesprochen.

Sie lief den Weg hinauf zum großen Weißen Haus, sie trug eine schusssichere Weste unter ihrem Anzug. Chuck Berg lief hinter ihr, ebenso Walter Brenna.

Das Haus sah toll aus und es hatte nie besser ausgesehen als an diesem Morgen. Sie liebte dieses Haus. Es war in den letzten fünf Jahren ihre Residenz gewesen.

Sie betraten das Foyer.

Etwa ein dutzend Männer in blauer Militärkleidung und Anzügen starrten sie an, als sie eintraten. Sie erkannte ein paar der Männer wieder. Sie waren Geheimdienstbeamte. Alles Ryans Leute.

Sie schauten sie an als sei sie ein Geist. Einer tauschte einen Händedruck mit Chuck Berg. Ein leises Murmeln ging durch die Menge.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ein Mann in Militärkleidung.

„Ich bin hier um mit William Ryan zu sprechen.“

„Wen soll ich ankündigen?“

„Mein Name ist Susan Hopkins, ich bin die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“

Noch mehr Leute drängten in das Foyer. Vielen von ihnen waren groß und trugen blaue Anzüge, unter denen sich Waffen abzeichneten. Eine kleine Frau in Dienstmädchenuniform kam herein. Susan erkannte sie wieder. Sie hieß Esmeralda, aber die Leute riefen sie Esa und sie arbeitete seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Haus. Sie erschien verblüfft. Sie blickte zu Susan als wäre sie eine dieser Erscheinungen, die Katholiken Wunder nannten und zu denen sie ehrfürchtig pilgerten. Sie hätte das weinende und in die Kliffe eines Felsens gehauene Gesicht der Jungfrau Maria sein können.

„Frau Hopkins?“, fragte Esa. „Sie leben.“

Sie lief zu Susan als würde sie träumen. Die zwei Frauen umarmten sich. Zunächst zaghaft, dann drückte Susan Esa fester an sich heran. Plötzlich brach Susan in Tränen aus. Es fühlte sich so gut an in diesem Moment nicht die einzige Frau zu sein.

„Das bin ich“, sagte sie. „Ich lebe.“

Sie schloss ihre Augen und verharrte in der Umarmung.

„Sie sind nicht die Präsidentin“, sprach eine donnernde Stimme.

Susan ließ von Esa ab. Niemand anderes als William Ryan stieg in diesem Moment die große Marmortreppe hinab. Er sah gesund und munter aus, fit und energetisch, jünger als er eigentlich war. „Ich bin Präsident. Ich habe den Amtseid letzte Nacht abgelegt. Ich habe das Amt aus den Händen des Präsidenten des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten empfangen.“

Er hatte die letzte Stufe erreicht und lief nun direkt auf Susan zu. Er war sehr groß. Der thronte über ihr. Sie blickte zu ihm auf. Chuck Berg war zu ihrer rechten Seite. Walter Brenna zu ihrer linken.

„Susan“, sagte Ryan. „Schön dich zu sehen. Aber ich muss dich bitten zu gehen. Du hast in den letzten vierundzwanzig Stunden Furchtbares durchgemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du gerade nicht in der Verfassung bist, den Eid abzulegen.“

Ein Gewühl an Militärs und Geheimdienstbeamten waren nun im Foyer versammelt.

Ryan winkte ein paar Militärs herbei. „Würden Sie bitte so freundlich sein und Frau Hopkins nach draußen begleiten? Wir müssen hier weiterarbeiten.“

Susan deutete auf den Mann. „Nehmen Sie diesen Mann fest. Er hat Verrat begangen und ist verantwortlich für den Mord von Thomas Hayes und dreihundert weiteren Menschen.“

Es gab einen Moment, in dem sie nicht wusste, was passieren würde. Alle standen einfach nur da und starrten. Irgendwo tickte eine Uhr. Drei Sekunden, vier Sekunden.

Fünf.

Chuck Berg trat vor. Er nahm ein paar Handschellen von seinem Gürtel.

Er ging auf Ryan zu. „Sir, Sie haben das Recht zu schweigen.“

Ein Militär trat vor ihn. Chuck stieß den Mann weg. Plötzlich entwickelte sich eine Dynamik aus Stoßen und Schubsen. Große starke Männer stießen sich hin und her und rempelten auch Susan an. Dann spürte sie einen stechenden Schmerz.

Jemand war auf ihren Fuß getreten.

Die Zahl der Geheimdienstbeamten übertraf die der Militärs in einem Verhältnis von drei auf einen. Alle Geheimdienstmitarbeiter verhielten sich ihrem Amt entsprechend.

Am Ende kämpfte Ryan gegen sie. Er weigerte sich aufzugeben, aber er hatte keine Wahl. Innerhalb von Sekunden befand er sich mit dem Gesicht nach unten auf dem polierten Parkettboden, wo ihn zwei Geheimdienstbeamte nach unten drückten.

Der Geheimdienst stellte Ryan auf seine Füße. Sein Gesicht war rot von den Anstrengungen. Er blickte finster zu Susan hinüber bevor sie ihn zur Vordertür beförderten.

„Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten!“, schrie er.

Susan wehrte seine Worte mit einer Handbewegung ab.

„Verschwinden Sie aus meinem Haus“, sagte sie.

*

Pierre und die Mädchen würden herfliegen, um sie zu sehen. Der Gedanke daran gab ihr Hoffnung und ein Glücksgefühl. Das brauchte sie jetzt auch.

Die Rolle der Präsidentin würde ihr einiges abverlangen. Die Verschwörung gegen Thomas Hayes hatte nur erfolgreich sein können, weil sie alle Hierarchieebenen miteingeschlossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war es unmöglich zu wissen welche Personen und Regierungseinheiten daran beteiligt gewesen waren. Für die nächste Zeit ging sie von höchster Gefahrenbereitschaft auf nationaler Ebene aus was ihre eigene Person betraf. Sie würde während öffentlicher Veranstaltungen stets eine schusssichere Weste tragen müssen.

Die Probleme im Nahen Osten würden über Nacht sicherlich nicht gelöst, aber dennoch hatte sie bereits Fortschritte zu verzeichnen. Sie hatte heute kurz mit dem russischen Präsidenten gesprochen. Er hatte ihr mit Hilfe eines Dolmetschers mitgeteilt, wie froh er war, dass sie noch lebte. Er hatte ihr außerdem seine Unterstützung für die Lösung der Konflikte mit Iran angeboten.

Aber noch größere Probleme waren am Horizont aufgetaucht. Am Nachmittag hatte sie zwei Besucher in ihrem Büro empfangen.

„Ich will das Spezialeinsatzkommando weiterhin finanziell unterstützen“, hatte sie gesagt. „Aber ich will, dass es nicht weiter unter dem Schirm des FBIs arbeitet.“

Luke Stone stand am Fenster und blickte hinaus zur Seewarte. „Unter wessen Schirm würden Sie es gerne stellen?“

Sie zuckte die Schultern. „Es könnte zu einem Zweig des Geheimdienstes werden. Oder einfach eine eigene Organisation sein, die direkt der Präsidentin berichterstattet.“

„Das klingt gut“, sagte Ed Newsam. Er saß in einem Rollstuhl, sein verletztes Bein lag auf dem Schreibtisch. Er hielt eine noch nicht angezündete Zigarre in der Hand. „Das klingt sogar sehr gut.“

Stone drehte sich um. „Bis gestern war ich noch beurlaubt. Ich weiß nicht einmal, ob ich noch für das Spezialeinsatzkommando arbeite.“

„Das ist merkwürdig“, sagte sie. „Ich hatte mir überlegt, dass Sie den Direktorenposten übernehmen könnten. Ich habe mich in Ihnen getäuscht, Stone. Das muss ich Ihnen eingestehen. Sie haben in den letzten vierundzwanzig Stunden mein Leben mehr als ein Mal gerettet.“

Stone schüttelte den Kopf. „Ich muss meine Frau und meinen Sohn finden. Die Geschichte hat sich aufgelöst und diese Leute brauchen sie nun nicht mehr. Jede Minute die vergeht…“

Susann nickte. „Ich weiß. Wir tun alles was in unserer Macht steht um sie zu finden. Ich verspreche Ihnen, dass wir sie finden werden. Aber in der Zwischenzeit brauche ich Sie hier im Spezialeinsatzkommando. Es gibt nur eine Handvoll Leute, denen ich im Moment trauen kann und Sie beide führen diese Liste an.“

Sie lief zur Tür des Büros und blickte nach draußen. Chuck Berg und ein anderer Agent standen drei Meter entfernt. Sie schloss vorsichtig die Tür.

Sie drehte sich zu Stone und Newsam um.

„Ich will ehrlich sein, ich habe eine weitere dringende Aufgabe für Sie. Ich habe erst in der letzten halben Stunde davon erfahren. Leider glauben unsere Feinde uns in einer geschwächten Position zu sehen, die sie gerne für einen Gegenschlag nutzen wollen. Die nächsten vierundzwanzig Stunden sind entscheidend.“

Jetzt blickten Stone und Newsam sich an.

„Kommen Sie schon, ich brauche Sie.“

„Teilen Sie uns mit worum es geht?“

Sie nickte. „Ich werde Ihnen alles sagen, aber zuerst will ich ein „ja“ von Ihnen.“

Ein langer Moment verstrich.

„Ja.“

*

Luke lief die gepflegte Anlage der Seewarte in Richtung Parkplatz entlang. Neben ihm rollte Ed Newsam in seinem Rollstuhl, seine massiven Arme gaben den Rädern alle paar Sekunden neuen Schwung.

„Wirst du das Ding bald los?“, fragte Luke. „Ich habe das Gefühl, dass du ein wenig nachgelassen hast. Machst du Physiotherapie oder so etwas?“

„Stone, ich sitze in dem Ding seit letzter Nacht.“

Luke zuckte die Schultern. „Wollte ja nur mal fragen. Es scheint als wärst du schon einen Monat in dem Ding.“

Lukes Handy klingelte. Er zog es heraus und schaute auf die Nummer. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er die Hoffnung gehabt, dass…

Er ging ran. „Trudy. Was hast du für mich? Wie läuft es mit Dons Computer?“

Ihre Stimme klang überdreht euphorisch. Sie hatte wahrscheinlich fast achtundvierzig Stunden nicht mehr geschlafen. Sie war in der Zwischenzeit wahrscheinlich auch nicht einmal zu Hause gewesen und sie hatte wahrscheinlich schon zwanzig Tassen schwarzen Kaffee intus. Aber es war der Triumpf des Sieges, eventuell sogar der des hässlichen Siegens, der in den Menschen die Musik zum Schwingen brachte.

„Swann ist es endlich gelungen die Verschlüsslung von Dons Ordnern zu knacken. Luke, er wusste über alles Bescheid. Er war von Anfang an dabei. Es gibt Emails zwischen ihm und Bill Ryan, die von der Machtübernahme sprechen noch bevor Thomas Hayes überhaupt zum Präsidenten gewählt worden war.“

„Da glaubt man einen Menschen zu kennen“, sagte Luke.

„Ich dachte, ich hätte ihn besser gekannt als alle anderen“, sagte Trudy.

Luke ignorierte diese Aussage. Er und Trudy hatten eine komplizierte Geschichte. Er hatte keine Lust sich jetzt damit zu beschäftigen.

„Was noch?“, fragte er.

„Luke, Don hat geredet. Er hat die Adresse eines Sicheren Hauses vom CIA rausgegeben. Die Leute die das betreiben sind quasi Geister. Sie stehen nicht auf der offiziellen Gehaltsliste. Don glaubt, dass es dort ist, wo sie deine Frau und deinen Sohn halten.“

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