Kitabı oku: «Umgeben Von Feinden», sayfa 2
KAPITEL DREI
19. Oktober
13:15 Uhr Eastern Daylight Time
Fairfax County, Virginia – Die Vororte von Washington, DC
Luke hatte einen Hubschrauber gemietet, der ihn und Gunner aus der Schlucht abgeholt hatte. Er hatte einen neuen Flug für sie gebucht und fuhr so schnell er konnte, um rechtzeitig in Phoenix anzukommen und ihn zu erreichen. Dabei hatte er die ganze Zeit Gunners Fragen abgewehrt, warum sie so plötzlich gegangen waren.
„Deine Mutter will dich einfach zu Hause haben, Monster. Sie vermisst dich und es gefällt ihr nicht, dass du die ganze Zeit die Schule verpasst.“
Auf dem Beifahrersitz, die Autobahn an seinem Fenster vorbeisausend, konnte Luke zusehen, wie Gunner überlegte. Er war ein kluges Kind. Er lernte bereits, Menschen beim Lügen zu erwischen. Luke hasste es – hasste es! – dass er einer der ersten Menschen sein musste, die Gunner tatsächlich überführen würde.
„Ich dachte, du hättest das alles mit Mom geklärt, bevor wir gegangen sind.“
„Das habe ich auch“, sagte Luke mit einem Achselzucken. „Aber sie hat es sich anders überlegt. Hör zu, wir reden darüber, wenn wir dort sind, okay?“
„Okay, Dad.“
Aber Luke konnte sehen, dass es nicht okay war. Bald schon würde es noch schlimmer werden.
Jetzt, zwei Tage später, saß er hier, auf dem großen Plüschsofa im Wohnzimmer seines ehemaligen Hauses. Gunner war in der Schule.
Luke schaute sich um. Vor langer Zeit hatten er und Becca hier ein großartiges Leben geführt. Es war ein schönes Haus, modern, wie etwas aus einer Architekturzeitschrift. Das Wohnzimmer mit seinen deckenhohen Fenstern glich einem riesigen Glaskasten. Er stellte sich die Weihnachtszeit vor, wie sie in diesem atemberaubenden Wohnzimmer saßen, den Baum in der Ecke, den Kamin angezündet, den Schnee um sie herum, als wären sie draußen – aber sie saßen drinnen und es war warm und gemütlich.
Gott, war das schön gewesen. Aber diese Zeiten waren vorbei.
Becca lief in der Wohnung herum, räumte auf, staubte ab, räumte verschiedene Dinge hin und her. Einmal nahm sie sogar mitten im Gespräch den Staubsauger aus dem Schrank und ließ ihn aufheulen. Sie war psychisch in einer sehr schlechten Verfassung. Er hatte versucht, sie bei seiner Ankunft zu umarmen, aber sie war ganz steif geworden und hatte ihre Arme nur an den Seiten hängen lassen.
„Ich war über dich hinweg, weißt du das?“, sagte sie jetzt. „Ich war bereit, mein Leben weiterzuführen. Ich war sogar auf ein paar Dates, als du diesen Sommer Gunner bei dir hattest. Warum auch nicht? Ich bin doch noch jung, oder?“
Sie schüttelte verbittert den Kopf. Luke sagte nichts. Was konnte er schon sagen?
„Willst du etwas über dich selbst wissen, Luke? Der erste, den ich traf, war ein Lehrer. Es waren Sommerferien. Er war ein netter Kerl und er fragte mich, was du beruflich machst. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt. Oh, mein Ex-Mann ist eine Art geheimer Attentäter für die Regierung. Er war früher bei der Delta Force. Weißt du, was danach geschah? Ich werde es dir sagen. Nichts. Rein gar nichts. Es war das letzte Mal, dass ich von ihm gehört habe. Er hat nur Delta Force gehört und ist abgehauen. Du machst den Leuten Angst, Luke. Das will ich damit sagen.“
Luke zuckte die Achseln. „Warum sagst du ihnen nicht einfach, dass ich etwas anderes mache? Es ist ja nicht so, dass ich…“
„Das habe ich dann auch gemacht. Sobald ich es begriffen hatte, begann ich den Leuten zu erzählen, dass du Anwalt bist.“
Für eine Sekunde fragte sich Luke, was sie mit dem Plural meinte. Hatte sie jeden Tag Verabredungen gehabt? Zwei am Tag? Er schüttelte den Kopf. Es ging ihn nichts mehr an, solange sie nur in Sicherheit war. Aber selbst das… Sie lag im Sterben. Sie würde nie wieder sicher sein und er konnte nichts dagegen tun.
Es verging einige Zeit, bevor er etwas sagte.
„Möchtest du eine zweite Meinung einholen?“
Sie nickte. Sie sah gefühllos und schockiert aus, wie die Überlebenden von Katastrophen oder Gräueltaten, die Luke so oft gesehen hatte. Das Erstaunliche war, dass sie völlig gesund aussah. Etwas dünner als sonst vielleicht, aber niemand würde jemals vermuten, dass sie Krebs hatte. Man würde höchstens denken, dass sie gerade auf Diät war.
Es ist die Chemo, die sie krank aussehen lässt. In der Hälfte der Fälle ist sie auch das, was sie umbringt.
„Ich habe bereits eine zweite Meinung von einem alten Kollegen von mir eingeholt. Ich werde Anfang nächster Woche noch eine dritte Meinung einholen. Wenn es mit dem übereinstimmt, was ich bereits gehört habe, dann werde ich am Donnerstag mit der Behandlung anfangen.“
„Kann man nicht operieren?“, fragte Luke.
Sie schüttelte den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Der Krebs ist überall…“ Ihre Stimme verlor sich. „Überall. Eine Chemotherapie ist die einzige Möglichkeit. Wenn ich die zugelassenen Chemo-Medikamente alle aufgebraucht habe, dann sind vielleicht klinische Studien noch eine Möglichkeit, wenn ich dann überhaupt noch lebe.“
Sie begann wieder zu weinen. Sie stand in der Mitte des Wohnzimmers, erbärmlich, das Gesicht in den Händen begraben, ihr Körper zitterte vor Schluchzen. Für Luke sah sie wie ein kleines Mädchen aus. Es schockierte ihn, sie auf diese Weise zu sehen. Er war in seinem Leben schon oft mit dem Tod konfrontiert worden, hatte zu viel davon gesehen, aber das hier? Das konnte einfach nicht wahr sein. Er stand auf und ging zu ihr. Er wollte sie trösten, wenn er konnte.
Sie stieß ihn weg, gewaltsam, wie ein Kind auf dem Spielplatz.
„Fass mich nicht an! Lass mich in Ruhe!“ Sie zeigte auf ihn, ihr Gesicht voller Wut verzerrt. „Es ist deine Schuld!“, schrie sie. „Du machst die Leute krank, ist dir das nicht klar? Du erstickst alle mit deinem Quatsch! Du und dein Superheldenmüll.“
Sie wippte mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und verspottete ihn. „Oh, tut mir leid, Schatz“, sagte sie in einer lächerlich tiefen Männerstimme. „Ich muss weglaufen und die Welt retten. Ich weiß nicht, ob ich in drei Tagen noch lebe oder schon tot bin. Zieh den Jungen für mich auf, ja? Ich tue nur meine patriotische Pflicht.“
Sie raste vor Wut. Ihre Stimme wurde wieder normal. „Du machst das, weil es dir Spaß macht, Luke. Du tust das nur, weil du unverantwortlich bist. Es macht dir Spaß. Für dich gibt es keine Konsequenzen. Es ist dir egal, ob du lebst oder stirbst und alle anderen müssen mit den Folgen und dem Stress fertig werden.“
Sie brach in Tränen aus. „Ich habe genug von dir. Ich habe einfach genug von dir.“ Sie wedelte mit ihrer Hand in seine Richtung. „Ich bin mir sicher, dass du den Weg nach draußen findest. Also geh einfach. Okay? Geh weg. Lass mich einfach in Ruhe sterben.“
Mit diesen Worten verließ sie den Raum. Eine Minute verging und dann hörte er sie am Ende des Flurs im Schlafzimmer schluchzen.
Er stand einen Moment lang da und wusste nicht, was er tun sollte. Gunner würde in ein paar Stunden zu Hause sein. Es war keine gute Idee, ihn hier bei Becca zu lassen, aber er wusste nicht, ob er eine Wahl hatte. Sie hatte das Sorgerecht. Er hatte nur sein Besuchsrecht. Wenn er Gunner jetzt ohne ihre Erlaubnis mitnehmen würde, wäre das streng genommen Entführung.
Er seufzte. Wann hatte er sich jemals um die gesetzlichen Konsequenzen gesorgt?
Luke war ratlos. Er spürte, wie ihm die Energie ausging. Und sie hatten ihrem Sohn noch immer nichts erzählt. Vielleicht sollte er Beccas Eltern anrufen und mit ihnen sprechen. Es stimmte, dass Becca sich in ihrer Beziehung um fast alle Dinge zu Hause gekümmert hatte. Vielleicht hatte sie Recht – er fühlte sich viel wohler, wenn er in Ruhe Katz und Maus mit gefährlichen Terroristen spielen konnte. Andere Menschen machten sich Sorgen um ihn, das wusste er, aber es war ihm auch egal gewesen. Was für ein Mensch war er nur, dass er so lebte? Vielleicht war er tatsächlich nie ganz erwachsen geworden.
Auf dem Glastisch neben dem Sofa begann sein Telefon zu klingeln. Er warf einen Blick darauf. Wie so oft schien es fast lebendig zu sein, wie eine Schlange, die man nicht anfassen durfte.
Er nahm es in die Hand. „Stone.“
Eine Männerstimme war in der Leitung.
„Die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“
Er blickte auf, und Becca stand nun in der Türöffnung. Anscheinend hatte sie sein Telefon klingeln gehört. Sie war wieder da, bereit, seinem Gespräch zuzuhören und all ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet zu wissen. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte er echten Hass – ja, sie hatte recht, egal was er sagte. Bis ins Grab hinein würde sie ihn noch festnageln.
Jetzt ertönte die Stimme von Susan Hopkins.
„Luke, bist du da?“
„Hallo, Susan.“
„Es ist lange her, Agent Stone. Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut“, sagte er. „Und dir?“
„Gut“, sagte sie, aber die Tonlage ihrer Stimme sagte etwas anderes. „Alles ist in Ordnung. Hör mal, ich brauche deine Hilfe.“
„Susan…“, fing er an.
„Es wird nur einen Tag dauern, aber es ist sehr wichtig. Ich brauche jemanden, der diskret und schnell arbeiten kann.“
„Um was geht es?“
„Ich kann nicht am Telefon darüber sprechen“, sagte sie. „Kannst du herkommen?“
Er ließ seine Schultern hängen. Oh, Mann.
„In Ordnung.“
„Wie schnell kannst du hier sein?“
Er blickte auf seine Uhr. Gunner würde in anderthalb Stunden zu Hause sein. Wenn er Zeit mit seinem Sohn verbringen wollte, müsste das Treffen warten. Wenn er hinging…
Er seufzte.
„Ich werde so schnell wie möglich da sein.“
„Gut. Ich werde dafür sorgen, dass du direkt zu mir gebracht wirst.“
Er legte auf. Er schaute Becca an. In ihren Augen war etwas Grausames und Spöttisches zu sehen. Da drin war ein Dämon, der auf einem See aus Feuer tanzte.
„Wohin gehst du, Luke?“
„Du weißt, wo ich hingehe.“
„Oh, du wirst nicht bleiben und eine schöne Zeit mit deinem Sohn verbringen? Du wirst kein guter Daddy sein? Was für eine Überraschung. Ich dachte…“
„Becca, hör auf damit. Okay? Es tut mir leid, dass du…“
„Du wirst das Sorgerecht für Gunner verlieren, Luke. Du gehst ständig auf Missionen, oder? Nun, rate mal. Ich werde dich zu meiner Mission machen. Du wirst den Jungen nicht einmal zu sehen bekommen. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich dafür sorgen. Meine Eltern werden ihn aufziehen und du wirst nicht einmal Zugang zu ihm haben. Weißt du, warum?“
Luke ging zur Tür.
„Auf Wiedersehen, Becca. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“
„Ich sage dir warum, Luke. Weil meine Eltern reich sind! Sie lieben Gunner. Und sie mögen dich nicht. Glaubst du, du kannst einem Rechtsstreit mit meinen Eltern durchhalten, Luke? Ich glaube nicht.“
Er war auf halbem Weg nach draußen, aber jetzt hielt er an und drehte sich um.
„Ist es das, was du mit der Zeit, die dir noch bleibt, machen willst?“, sagte er. „Möchtest du wirklich so sein?“
Sie starrte ihn an.
„Ja.“
Er schüttelte den Kopf.
Er erkannte sie nicht mehr wieder. Er fragte sich, ob er sie jemals wirklich gekannt hatte.
Und mit diesem Gedanken ging er nach draußen.
KAPITEL VIER
23:50 Uhr Osteuropäische Zeit (17:50 Uhr Eastern Daylight Time)
Alexandroupoli, Griechenland
Sie waren dreißig Meilen von der türkischen Grenze entfernt. Der Mann überprüfte seine Uhr. Fast Mitternacht.
Bald, bald.
Der Name des Mannes war Brown. Es war ein Name für jemanden, der vor langer Zeit verschwunden war. Brown war ein Gespenst. Er hatte eine dicke Narbe auf der linken Wange – eine Kugel, die ihn gerade so verfehlt hatte. Seine Haare waren kurz geschoren. Er war groß und stark und hatte die scharfen Züge von jemandem, der sein ganzes Leben in Sondereinsätzen verbracht hatte.
Früher war Brown unter einem anderen Namen bekannt gewesen – unter seinem richtigen Namen. Im Laufe der Zeit hatte er ihn jedoch abgelegt. Er hatte so viele Namen gehabt, dass er sich schon nicht mehr an alle erinnern konnte. Sein aktueller war allerdings sein Favorit: Brown. Kein Vorname, kein Nachname. Nur Brown. Das reichte. Er rief Erinnerungen wach. Er erinnerte ihn an tote Dinge. Tote Blätter im Spätherbst. Tote Bäume nach einem Atomtest. Weit aufgerissene, entsetzte braune Augen der vielen, vielen Menschen, die er getötet hatte.
Technisch gesehen befand Brown sich auf der Flucht. Vor etwa sechs Monaten hatte er sich in etwas verstrickt, in einen Job, der ihm noch nicht einmal richtig erklärt worden war. Er hatte sein Heimatland in Eile verlassen müssen und war abgetaucht. Aber nach einer langen Zeit der Unsicherheit war er jetzt wieder auf den Beinen. Und wie immer gab es viel zu tun, vor allem für jemanden, der sich so schnell wieder aufrappeln konnte wie er.
Jetzt, kurz vor Mitternacht, stand er vor einem Lagerhaus in einem heruntergekommenen Teil des Hafenviertels dieser Seefahrerstadt. Das Lagerhaus war von einem hohen, mit Stacheldraht überzogenen Zaun umgeben, aber das Tor stand offen. Vom Mittelmeer zog ein kalter Nebel auf.
Zwei Männer standen bei ihm, beide in Lederjacken, beide hatten Uzi-Maschinenpistolen über die Schultern geschnallt. Die beiden sahen fast identisch aus, außer dass einer von ihnen seinen Kopf völlig kahl rasiert hatte.
Auf der Straße näherten sich Scheinwerfer.
„Augen auf“, sagte Brown. „Hier kommen unsere heiligen Krieger.“
Ein kleiner Truck fuhr den verlassenen Boulevard hinauf. Auf seiner Seite waren Orangen abgebildet, eine davon in zwei Hälften geteilt, wodurch man das leuchtend rot-orangefarbene Fleisch der Frucht sah. Darunter standen Worte in griechischer Sprache, wahrscheinlich ein Firmenname, aber Brown konnte die Schrift nicht lesen.
Der Truck erreichte das Tor und fuhr direkt in den Hof. Einer von Browns Männern ging hinüber, schob das Tor zu und schloss es dann mit einem schweren Vorhängeschloss ab.
Sobald der Truck anhielt, kletterten zwei Männer aus dem Fahrerhaus. Die hintere Tür öffnete sich und drei weitere stiegen aus. Die Männer waren dunkelhäutig, wahrscheinlich arabisch, aber glattrasiert. Sie waren in blaue Jeans, leichte Windjacken und Turnschuhe gekleidet.
Einer von ihnen trug eine große Segeltuchtasche, die wie eine Hockeytasche aussah, über beide Schultern. Das Gewicht der Taschen zog die Schultern des Mannes nach unten. Drei der Männer trugen Uzis.
Wir haben Uzis, sie haben Uzis. Eine richtige Uzi-Party.
Der vierte Mann, der Fahrer des Lastwagens, stand mit leeren Händen da. Er wandte sich an Brown. Seine Augen waren blau und seine Haut war sehr dunkel. Sein Haar war tiefschwarz. Die Kombination aus blauen Augen und dunkler Haut verlieh seinem Gesicht eine seltsame Ausstrahlung, als ob er nicht von dieser Welt wäre.
Die beiden Männer schüttelten sich die Hand.
„Jamal“, sagte Brown. „Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, Sie sollten nur mit drei Männern kommen.“
Jamal zuckte die Achseln. „Ich brauchte einen, um das Geld zu tragen. Und ich zähle doch nicht, oder? Also habe ich drei mitgebracht. Drei bewaffnete Männer.“
Brown schüttelte den Kopf und lächelte. Es spielte kaum eine Rolle, wie viele Männer Jamal mitbrachte. Die beiden Männer mit Brown könnten alleine schon eine Busladung von Soldaten töten.
„Okay, gehen wir“, sagte Brown. „Die Lastwagen sind drinnen.“
Einer von Browns Männern – er nannte sich selbst Mr. Jones – zog eine Fernbedienung aus seiner Tasche und das Garagentor des Lagers öffnete sich langsam. Die acht Männer betraten den riesigen Raum. Das Lager war größtenteils leer, abgesehen von schweren grünen Planen, die über zwei große Fahrzeuge geworfen waren. Brown ging zum nächstgelegenen und riss die Plane halb herunter.
„Voilà!“, sagte er. Was er enthüllte, war die vordere Hälfte eines großen Traktoranhängers, der in grünen, braunen und hautfarbenen Tarnfarben lackiert war. Jones riss die Plane nahe dem Heck des Lastwagens ab und enthüllte eine flache Vierzylinder-Raketenabschussrampe. Die beiden Teile des Lastwagens waren getrennt und unabhängig voneinander, waren aber in der Mitte hydraulisch befestigt.
Die Lastwagen waren mobile Raketenstartrampen, Relikte des Kalten Krieges, Angriffsstationen, die die NATO zur Bekämpfung der Sowjetunion eingesetzt hatte. Die Trägerraketen feuerten kleinere Varianten des Tomahawk Marschflugkörpers ab und sie konnten auch mit kleinen thermonuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden. Diese Waffen waren für einen begrenzten taktischen Nuklearschlag gedacht – die Art, die eine mittelgroße Stadt ausschalten oder einen Militärstützpunkt und die umliegende Landschaft völlig zerstören würde, aber vielleicht alleine noch nicht die Apokalypse herbeiführen würde. Aber sobald man anfing, Atomwaffen abzufeuern, wären die Folgen ohnehin unabsehbar.
Früher nannte man dieses Raketensystem den „Greif“, nach dem alten Fabelwesen mit den Beinen und dem Körper eines Löwen und den Flügeln, dem Kopf und den Klauen eines Adlers – dem Beschützer alles Göttlichen. Das gefiel Brown sehr gut.
Das System wurde 1991 stillgelegt und alle Einheiten hätten zerstört werden sollen. Aber es gab immer noch einige wenige davon. Es schwebten immer irgendwo Waffensysteme dieser Art herum. Brown hatte noch nie von einer Raketenklasse oder einem vollständig demontierten Waffensystem gehört – man konnte einfach zu viel Geld damit verdienen, sie verschwinden zu lassen und später weiterzuverkaufen. Im Einzelhandel nannte man das Schwindung. Walmart und Home Depot erlebten es. Das Militär ebenso.
Und hier waren zwei solcher mobilen Plattformen, die die ganze Zeit über in einem Lagerhaus in einer griechischen Hafenstadt geparkt worden waren, ganz in der Nähe der Türkei und weniger als einen Kilometer von den Docks entfernt. Auf jeder von ihnen saß eine Tomahawk-Rakete, beide einsatzbereit oder so gut wie einsatzbereit, wenn man sie überholen würde.
Es war fast so, als könnte man diese Lastwagen von hier aus direkt auf ein Frachtschiff oder eine Fähre laden und dann zu einem beliebigen Ort weitertransportieren. Für sich genommen waren sie zwar nur konventionelle Waffensysteme, aber es gab bestimmt noch irgendwo herrenlose nukleare Sprengköpfe, die man problemlos auf sie montieren konnte.
Allerdings war die Beschaffung von Sprengköpfen nicht Browns Aufgabe. Das war Jamals Problem. Er war ein fähiger Kerl und Brown war sich sicher, dass er bereits wusste, wo er seine Atomwaffen finden könnte. Brown war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Jamal spielte ein gefährliches Spiel.
„Es ist wunderschön“, sagte Jamal.
„Gott ist groß“, sagte einer seiner Männer.
Brown zuckte zusammen. In der Regel missbilligte er religiöses Gerede. Und wunderschön war ein relativer Begriff. Diese Lastwagen waren zwei der hässlichsten Kriegsmaschinen, die er je gesehen hatte. Aber sie würden enormen Schaden anrichten können – so viel war sicher.
„Gefällt es Ihnen?“, sagte Brown zu Jamal.
Jamal nickte. „Sehr gut.“
„Dann lassen Sie mal das Geld sehen.“
Der Mann mit den schweren Taschen trat nach vorne. Er ließ sie von seinen Schultern auf den Steinboden des Lagers fallen. Er kniete sich hin und öffnete den Reißverschluss.
„Eine Million Dollar in bar in jeder Tasche“, sagte Jamal.
Brown gestikulierte mit dem Kopf zu seinem anderen Mann, dem Glatzkopf.
„Meister Proper, nachzählen.“
Er kniete sich neben die beiden Taschen und zog wahllos einige Geldstapel heraus. Er nahm einen kleinen, flachen digitalen Scanner aus seiner Tasche und begann, einzelne Scheine zu entnehmen. Er schaltete das UV-LED-Licht des Scanners ein und legte die Scheine einzeln auf das Scannerfenster, so dass der UV-Sicherheitsstreifen auf jedem Schein sichtbar wurde. Dann fuhr er mit einem Lichtstift über jeden Geldschein und enthüllte die versteckten Wasserzeichen. Es war ein mühseliger Prozess.
Während er arbeitete, schob Brown eine Hand in seine Jacke und berührte dort seine Waffe. Er nahm Augenkontakt zu seinem Mann Jones auf, der ihm zunickte. Wenn seine Geschäftspartner vorhatten, ihn zu betrügen, würde es jetzt passieren. Die Körpersprache der Araber änderte sich nicht – sie schauten nur untätig zu. Brown nahm das als gutes Zeichen. Sie waren wirklich hier, um die Lastwagen zu kaufen.
Meister Proper schmiss einen Stapel Geld auf den Boden. „Gut.“ Er nahm einen weiteren Stapel auf, fing an, ihn zu durchwühlen und mit dem Gerät zu prüfen. Die Zeit schien nicht zu vergehen.
„Gut.“ Er ließ den Stapel fallen und hob einen weiteren auf. Weitere Minuten vergingen.
„Gut.“ Er machte weiter.
Nach einer Weile wurde es langweilig. Das Geld war echt, so viel war jetzt klar. Nach etwa zehn Minuten wandte sich Brown an Jamal.
„Okay, ich glaube Ihnen. Das sind zwei Millionen.“
Jamal zuckte die Achseln. Er öffnete seine Jacke und zog eine große Samttasche heraus. „Zwei Millionen in bar, zwei Millionen in Diamanten, wie vereinbart.“
Der Glatzkopf stand auf und nahm Jamal die Samttasche ab. Er war der Geld- und Wertsachenexperte in ihrem kleinen Team. Er zog ein anderes elektronisches Gerät aus seiner Tasche – ein kleines schwarzes Quadrat mit einer Nadelspitze. Das Gerät hatte Lampen an der Seite und Brown wusste, dass es die Wärmeausbreitung und die elektrische Leitfähigkeit der Steine testete.
Meister Proper begann, die Steine einzeln aus dem Beutel zu nehmen und die Nadelspitze vorsichtig an die Steine zu drücken. Jedes Mal, wenn er einen prüfte, erklang ein warmer Ton. Er hatte etwa ein Dutzend geprüft, bevor Brown wieder zu ihm sprach.
„Und?“
Er blickte zu Brown und grinste.
„Bisher sehen sie gut aus“, sagte er. „Alles echte Diamanten.“
Er testete einen weiteren. Dann noch einen.
Und noch einen.
Brown wandte sich an Jamal, der seinen Männern bereits bedeutete, die Planen zu entfernen und in die Lastwagen zu steigen.
„Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Jamal.“
Jamal erwiderte seinen Blick kaum. „Gleichermaßen.“ Er war mit seinen Männern und den Lastwagen beschäftigt. Der nächste Teil ihrer Reise hatte bereits begonnen. Zwei mobile Atomraketen-Startplattformen mit Raketen in den Nahen Osten zu schmuggeln war wahrscheinlich kein einfaches Unterfangen.
Brown hob einen Finger. „Hey, Jamal!“
Der dünne Mann wandte sich ihm wieder zu. Er machte eine ungeduldige Handbewegung, als wollte er sagen: „Was?“
„Wenn Sie mit diesen Dingern erwischt werden…“
Jetzt lächelte Jamal. „Ich weiß. Wir beide sind uns nie begegnet.“ Er ging zum nächstgelegenen der beiden Lastwagen zurück.
Brown wandte sich an Mr. Jones und Meister Proper. Jones war auf einem Knie am Boden und stopfte das Geld wieder in die schweren Taschen. Der Glatzkopf testete noch immer die Diamanten aus dem Samtbeutel, die Nadelvorrichtung noch in der Hand.
Sie hatten ein Riesengeschäft gemacht. Nach dem Fiasko, das Brown aus seinem eigenen Land vertrieben hatte, ging es endlich aufwärts. Er lächelte.
Und das alles an einem Tag.
Und doch störte Brown etwas an der Szene hier. Seine Jungs achteten nicht auf ihre Umgebung – sie waren durch das viele Geld abgelenkt. Ihre Wachsamkeit hatte stark nachgelassen. Und seine auch. Bei einer anderen Operation hätte das gut nach hinten losgehen können. Nicht jeder war so vertrauenswürdig wie Jamal.
Er wandte sich wieder den Arabern zu.
Jamal stand dort, in der Nähe des Lastwagens und hielt seine Uzi fest. Zwei seiner Leute waren bei ihm. Sie standen in einer Reihe und richteten ihre Waffen auf Brown und seine Männer.
Jamal lächelte.
„Proper!“, schrie Brown.
Jamal feuerte und seine Männer taten dasselbe. Das hässliche Geräusch von automatischem Feuer dröhnte durch die Lagerhalle. Für Brown schien es, als würden sie ihn mit einem Feuerwehrschlauch besprühen. Er spürte, wie die Kugeln ihn durchbohrten und wie stechende Bienen in ihn hineinbissen. Sein Körper tanzte unwillkürlich und er kämpfte dagegen an, ohne Erfolg. Es war fast so, als ob die Kugeln ihn aufrecht hielten und ihn zittern und schwanken ließen.
Für einen Moment verlor er das Bewusstsein. Alles wurde schwarz. Dann lag er auf dem Rücken, auf dem harten Beton des Lagers. Er spürte, wie das Blut aus ihm floss. Er konnte spüren, dass der Boden dort, wo er lag, nass war. Um ihn herum breitete sich eine Pfütze aus. Er hatte große Schmerzen.
Er blickte zu Meister Proper und Mr. Jones hinüber. Sie waren beide tot, ihre Körper durchlöchert, ihre Köpfe halb weggerissen. Nur Brown war noch am Leben.
Es kam ihm in den Sinn, dass er schon immer gut im Überleben gewesen war. Verdammt, er war immer ein Gewinner gewesen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten voller Kämpfe, voll mit verrückten Abenteuern und knappen Fluchten erschien es ihm unmöglich, dass er jetzt sterben würde. Es war unmöglich. Er war zu gut in seinem Job. So viele Männer hatten bereits versucht, ihn zu töten und waren dabei gescheitert. Sein Leben durfte nicht so enden. Das konnte es einfach nicht.
Er versuchte, in seine Jacke zu greifen, um seine Waffe herauszuholen, aber sein Arm schien nicht richtig zu funktionieren. Dann bemerkte er etwas anderes. Trotz aller Schmerzen konnte er seine Beine nicht mehr spüren.
Er konnte das Brennen in seinem Bauch spüren, wo die Kugeln ihn getroffen hatten. Er konnte den klingenden Schmerz in seinem Kopf spüren, an der Stelle an der auf den Steinboden aufgeschlagen war. Er schluckte, hob seinen Kopf und starrte auf seine Füße. Es war alles noch da – aber er konnte nichts spüren.
Die Kugeln haben mir die Wirbelsäule durchtrennt.
Kein Gedanke hatte ihm jemals solch einen Schrecken eingejagt. Wertvolle Sekunden vergingen, als er vor seinem inneren Auge seine Zukunft sah – eine Zukunft im Rollstuhl, wie er versuchte, sich auf den Fahrersitz eines behindertengerechten Autos zu heben oder den Beutel zu entleeren, der seine Exkremente aus seinem nutzlosen Verdauungssystem abführte.
Nein. Er schüttelte den Kopf. Dafür war keine Zeit. Jetzt war es Zeit zu Handeln. Die Waffe von Meister Proper war über seinem Kopf und irgendwo hinter ihm. Er griff nach hinten – es tat weh, die Arme so zu heben – aber er konnte sie nicht finden. Er begann, rückwärts zu kriechen und seine Beine hinter sich her zu ziehen.
Er sah eine Bewegung aus seinem Augenwinkel. Er schaute auf und da kam Jamal auf ihn zu, stolzierte geradezu. Der Bastard grinste.
Während er sich näherte, hob er seine Waffe. Er richtete sie auf Brown. Nun bemerkte Brown, dass Jamals zwei Männer ebenfalls bei ihm waren.
„Machen Sie keine Dummheiten, Brown. Bleiben Sie einfach still liegen.“
Jamals Männer nahmen die große schwere Tasche mit dem Geld und die kleine Tasche mit den Diamanten. Dann drehten sie um und gingen zurück zu den Lastwagen. Sie kletterten in das Fahrerhaus. Die Scheinwerfer gingen an. Der Motor furzte und rülpste, schwarzer Rauch strömte aus einem Auspuff auf der Fahrerseite.
„Ich mag Sie“, sagte Jamal. „Aber Geschäft ist Geschäft, wissen Sie? Wir lassen in dieser Sache nichts anbrennen. Entschuldigen Sie uns bitte.“
Brown versuchte, etwas zu sagen, aber er schien seine Stimme nicht zu finden. Alles, was er tun konnte, war, ein undeutliches Gurgeln hervorzustoßen.
Jamal hob erneut die Waffe.
„Brauchen Sie einen Moment, um zu beten?“
Brown hätte fast gelacht. Er schüttelte den Kopf. „Weißt du was, Jamal? Du bist zum Totlachen. Du und deine Religion sind ein Witz. Ob ich beten möchte? Zu wem denn? Es gibt keinen Gott, das wirst du schon herausfinden, sobald du…“
Brown sah, wie Feuer aus dem Ende der Waffe aufstieg. Im nächsten Moment lag er flach auf dem Rücken und starrte an die Decke des Lagers, die sich hoch über ihm befand.