Kitabı oku: «Der Geruch der Seele»
Jad Turjman
Der Geruch der Seele
Eine Liebesgeschichte in Zeiten
von Krieg und Revolution

© 2021 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.residenzverlag.com
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
Umschlaggestaltung: buero 8 / Thomas Kussin, unter Verwendung eines
Fotos von Safa Hasaballah
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBN ePub:
978 3 7017 4666 8
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1747 7
Just because it’s fiction, doesn’t mean it’s any less true …
JODI PICOULT
Inhalt
Damaskus, April 2011
Damaskus, Juni 2010
Damaskus, Juni 2010
Damaskus, Juni 2010
Syrische Wüste, August 2015
Damaskus, Juni 2010
Arraqa, August 2015
Arraqa, August 2015
Damaskus, Juni 2010
Damaskus, August 2010
Damaskus, August 2010
Arraqa, September 2015
Damaskus, August 2010
Arraqa, September 2015
Damaskus, September 2010
Arraqa, September 2015
Damaskus, April 2011
Arraqa, September 2015
Damaskus, April 2011
Arraqa, September 2015
In der Umgebung von Homs, April 2011
Arraqa, September 2015
Damaskus, April 2011
Damaskus, August 2011
Damaskus, April 2012
Damaskus, April 2012
Damaskus, Mai 2012
Damaskus, Mai 2012
Damaskus, Mai 2012
Damaskus, Mai 2012
Bei Al-Hasaka an der irakischen Grenze, September 2015
Damaskus, Mai 2012
Bei Al-Hasaka an der irakischen Grenze, September 2015
An der libanesischen Grenze, Mai 2012
Bei Al-Hasaka an der irakischen Grenze, September 2015
Flughafen Erbil, September 2015
Flughafen München, September 2015
Flughafen München, September 2015
Flughafen München, September 2015
Damaskus, April 2011
»Meine Dame, ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie die Polizisten auf unbewaffnete, friedliche Demonstranten das Feuer eröffnet haben! Dutzende Menschen fielen auf der Stelle tot um und die Menge lief hysterisch und panisch in alle Richtungen davon«, schreit eine aufgeregte Stimme im Fernsehen. Tarek sitzt mit vorgeneigtem Oberkörper vor dem Fernseher und schaut gebannt auf den Bildschirm.
»Habibi, bitte schalte dieses Gefasel aus, du wirst doch nicht diesen letzten Morgen mit den Nachrichten verbringen statt mit mir!«, bittet seine Mutter Salma, während sie einen Plastikbeutel mit Brotröllchen in seinen Rucksack packt.
»Habibti, einen kleinen Moment, ich möchte diesen Augenzeugen noch bis zum Ende hören. Die Demonstrationen in Damaskus haben letzten Freitag eine neue Dimension erreicht!«, versucht Tarek, sie auf später zu vertrösten, ohne seinen Blick vom Bildschirm zu lösen.
»Die Demonstranten haben nur nach Freiheit und Reformen gerufen! Und die Regimeschlägertypen haben einfach in die Menge geschossen, es gab einige Tote, unter ihnen auch Kinder, und Dutzende wurden festgenommen!«, berichtet der Augenzeuge der Moderatorin weiter.
»Habibi, du darfst nicht alles glauben, das ist Al Jazeera, und die verbreiten nur Nachrichten, die der Agenda ihrer Geldgeber dienen. Und dieser Augenzeuge, wie heißt er«, Salma schaut genauer auf den Bildschirm, »der sitzt wahrscheinlich bei ihnen im Studio in Doha!« Sie setzt sich neben ihren Sohn, nimmt die Fernbedienung und wechselt auf einen staatlichen Kanal. »Unsere Quellen berichten über gewalttätige Ausschreitungen im Umland von Damaskus. Jugendliche Demonstranten schleuderten Molotow-Cocktails auf die Polizeistation und verletzten dabei mehrere Polizeibeamte. Die Demonstranten wurden festgenommen. Sie gaben an, von Geheimdiensten der USA und Saudi-Arabiens angeheuert und bezahlt worden zu sein«, berichtet eine stark geschminkte Moderatorin. Daraufhin zeigt ein kurzer Film einen der Festgenommenen, der mit reumütig gesenktem Blick zugibt, dass er mit Dollars dafür bezahlt wurde, den Einflüsterungen des Teufels nachzugeben, um die Bevölkerung aufzuhetzen. Unmittelbar danach wird ein rhythmisches Lied gespielt, unterlegt mit vielen Bildern des Präsidenten. »Und wie ist das, hier gilt das Prinzip, dass die Nachrichten nur der Agenda der Geldgeber dienen, nicht?«
Die Ironie in Tareks Frage ist eindeutig. Salma schaltet den Fernseher aus, legt die Fernbedienung auf den Tisch und rückt näher an ihren Sohn heran. Sie legt eine Hand auf Tareks Schulter und die andere auf sein Knie. »Habibi, auf meiner Zunge sind Haare gewachsen, so oft habe ich mit dir schon darüber diskutiert. Du musst aufpassen. Ab morgen bist du ein Soldat im syrischen Militär! Ich werde es dir nicht verzeihen, wenn du an diesen Demonstrationen teilnimmst. Ich kann es nicht verkraften, wenn dir etwas passiert!« Das Flehen in ihrer Stimme wird deutlicher. Salma merkt, dass ihre Worte Tarek nicht erreichen. So wird sie bestimmter und lauter: »Habibi, deine Generation hat die Siebziger- und Achtzigerjahre nicht erlebt, das Regime in Syrien ist nicht wie das in Libyen oder Ägypten. Es hat sich seit vierzig Jahren mit Feuer und Schwert tief verwurzelt. Sie werden erst gehen, wenn sie das ganze Land zugrundegerichtet haben. Ich weiß, wovon ich rede. Wir haben gesehen, was beim Massaker in Hama 1982 geschehen ist.«
Tarek steht auf und geht zum Fenster. Sein Herz ist schwer. Er schaut ins Leere und kann die Ironie des Schicksals nicht verstehen. Er träumt seit Jahren, dass dieses Regime und die Sippe dahinter ein Ende finden. Jetzt, wo es so weit ist, kann er nicht dabei sein, jetzt geht er nicht mit den Demonstranten auf die Straße, sondern muss seine Wehrpflicht erfüllen, um genau diesem Regime zu dienen.
Heute ist Sonntag, der Beginn einer neuen Woche. Und obwohl es erst acht Uhr früh ist, zeigt die Sonne schon ihre Kraft. Tarek beobachtet die Kinder, die spät dran sind und in ihren blauen Schuluniformen in die Schule laufen. Sie sehen aus dem fünften Stockwerk wie kleine Schlümpfe aus. Darüber hat Tarek sich öfter lustig gemacht, aber er hat auch Mitgefühl mit ihnen, er hat als Kind immer zu jenen gehört, die ein wenig zu spät kamen. Tarek hatte es gehasst, in die Schule gehen zu müssen, und sein Vater, der schon ganz verzweifelt war, musste ihn jeden Morgen mit Gewalt aus dem Bett werfen, da es weder half, ihn mit Wasser anzuspritzen, noch ihm vorzumachen, dass es schon acht Uhr war.
Gerade sieht er, wie der Schulwart das große Tor schließen möchte. Tarek kennt ihn gut. Vor Abu Mudar hatte Tarek damals große Angst, denn der verschloss immer absichtlich vor Tarek das Schultor, wenn dieser wie so oft zu spät kam. Das war seine Rache an dem Jungen, der, wenn er wieder einmal heimlich aus der Schule flüchten wollte, die Mülltonnen aufeinanderstapelte und, hinaufkletterte, wobei die Tonnen umkippten und ihren Inhalt über den Hof verteilten. In syrischen Schulen ist das Schulgelände wie ein Gefängnis von einer hohen Mauer umgeben und darf nur durch ein Tor betreten oder verlassen werden. Tarek war geübt darin, gemeinsam mit zwei Schulfreunden von der Mauer zu springen und unten abzurollen. Zu seinem Glück waren die Lehrer nachlässig und nahmen wegen seiner Abwesenheit nicht mit seinen Eltern Kontakt auf. Um genau zu sein, waren sie ganz froh, dass er öfters nicht in der Klasse war, denn er passte nie auf und war nur bemüht, Witze zu machen, um die anderen zum Lachen zu bringen.
Außerdem verspätete Tarek sich absichtlich, um sich die Rede des Direktors bei der morgendlichen Versammlung zur Fahnenbegrüßung im Schulhof zu ersparen, denn diese Rede über die Herrlichkeit und Glorie des ewigen Führers und seiner Partei wurde seit fünf Jahren wiederholt, ohne ein einziges Wort daran zu verändern. Tareks Onkel Nisar hatte ihm das Geheimnis der gleichbleibenden Rede offenbart. »Der Geheimdienst hat im Kopf des Direktors eine Schallplatte installiert, und jeden Tag drücken sie in der Zentrale auf einen Knopf«, erklärte er dem Jungen im Sommer 1999. Onkel Nisar studierte in Frankreich. Wenn er im Sommer nach Damaskus kam, durfte Tarek einige Zeit bei ihm verbringen. Er liebte den wachen Geist und die fantasievollen Geschichten seines Onkels.
Tarek hasste die Schule und die Lehrerinnen, die ihm bei jedem Versäumnis mit dem riesengroßen Holzstock gnadenlos auf die Hände schlugen. Ein Jahr später, als er in der fünften Klasse war, ersparte Tarek sich das Springen von der Mauer und ging oft gar nicht mehr in die Schule. Sein Onkel Nisar hatte ihm ein paar Bücher geschenkt, und auf einmal war er vom Lesen wie besessen. Er tat, als würde er in die Schule gehen, machte einen großen Bogen, steckte seine Schuluniform in den Rucksack, ging zurück zu seinem Wohnblock und verschwand im Keller. Zwischen den alten Möbeln las er bei schwachem Licht stundenlang. Eine Uhr hatte er nicht. Wenn er den Lärm der heimkehrenden Kinder hörte, kam er wieder aus seinem Versteck. Bald war er mit den Büchern von Onkel Nisar fertig. Tarek schaute sich zu Hause und bei Bekannten nach Lesestoff um, aber er stieß nur auf religiöse Bücher. In der Schulbibliothek war es nicht besser. Dort ging es nur um Geographie, Nationalismus und um die Herrlichkeit des Präsidenten und seiner Partei. Seine Suche war auf Romane ausländischer Autoren gerichtet, kam allerdings rasch an ihr Ende, weil sein Schulschwänzen aufflog und sein Vater ihn schmerzhaft wieder zurechtbog. An diesem Abend verwandelte sich sein Vater Basam in Rocky Balboa und boxte ihn so heftig von allen Seiten, dass Tarek nicht mehr wusste, wo sein Vater stand. Er solle nie wieder ans Schulschwänzen denken. Einen der Boxhiebe bekam er auf die Schulter, die ihn noch jahrelang schmerzen sollte.
Trotz allem las Tarek manchmal heimlich in der Klasse weiter. Eine Geschichte liebte er ganz besonders: »Die Verwandlung« von Franz Kafka. Er identifizierte sich stark mit der Hauptfigur. Wenn er schlechte Noten hatte und nicht in die Schule gehen wollte, fühlte er sich wie der Käfer. Später, als Erwachsener, würde er eine andere Interpretation für diese Metapher finden.
Nach all den Jahren wirkt der Schulwart Abu Mudar auf Tarek nicht mehr so bedrohlich wie damals, sein böser Blick ist milder geworden und mit seinem gebeugten Rücken steht er kurz vor der Pensionierung. Jetzt lässt er alle Kinder durch das geöffnete Tor, obwohl es schon zwei Minuten nach acht ist, und sperrt es erst nach dem letzten Nachzügler ab.
Tareks Blick bleibt auf das Schultor gerichtet, er ist ganz in Gedanken versunken. Er nimmt kaum wahr, dass Salma hinter ihn tritt. »Habibi, bitte schau immer darauf, dass dir nicht kalt ist«, sagt sie mit besorgter Stimme und umarmt ihn fest von hinten. Tarek blickt weiterhin schweigend aus dem Fenster. »Tarek! Hörst du mich?«, wird sie lauter. »Ja, Habibti, mach dir keine Sorgen! Außerdem ist schon Frühling und vielleicht habe ich ja Glück und werde in Latakia oder in Tartus am Meer stationiert«, erwidert Tarek, lächelt seine Mutter an und versucht, sie aufzurichten. »Nein, Habibi, sag das nicht. Lass uns doch hoffen, dass du in der Nähe von Damaskus stationiert wirst und oft nach Hause kommen kannst«, erwidert Salma.
»Was haben wir ausgemacht? Ruhe bewahren! Ich werde nicht sterben! Es sind nur ein Jahr und neun Monate. Die werde ich ganz sicher überleben. Außerdem weißt du doch, dass der Vater von Nauras ein hochrangiger Offizier ist, der sich sicher dafür einsetzen wird, dass ich einen relativ ruhigen Büroposten bekomme«, sagt Tarek tröstend.
Ihn bedrückt auch, dass sein Vater sein festes Ritual eingehalten und bei seiner zweiten Frau übernachtet hat, obwohl Tarek an diesem Tag zum Militär einrücken muss. Tarek ist mit der Regelung aufgewachsen, dass sein Vater jeden zweiten Tag bei seiner anderen Familie verbrachte. Tarek wusste von ihnen, hat aber weder seine drei Halbschwestern noch Basams zweite Frau jemals kennengelernt. Der Vater wollte diese strikte Trennung. Tarek hasste diese zweite Frau von Anfang an und machte sie für die Kälte in seinem Zuhause verantwortlich. In seinem Freundeskreis kennt er niemand, dessen Vater zwei Frauen hat. Basam beruft sich dabei auf die religiöse Erlaubnis zur Polygamie. Aber er weiß, der Koran verpflichtet den Mann, der mehrere Frauen heiratet, gerecht zu sein und sie ganz und gar gleich zu behandeln. Jedoch geht Gott im Koran davon aus, dass diese verpflichtende Gleichbehandlung keinem Mann jemals gelingen kann. Daher schläft Basam abwechselnd bei seiner ersten Frau Salma und bei seiner zweiten Frau. Und das ist das Einzige, womit Basam seinen beiden Frauen und Familien Gerechtigkeit widerfahren lässt.
Tarek hatte seine Enttäuschung darüber schon immer vor seiner Mutter verborgen, sie hatte unter diesem Mann genug gelitten, und er will auch heute keine alten Wunden aufreißen. Salma erfuhr durch Zufall von der zweiten Frau, einen Monat vor Tareks Geburt. Basam war bei der Geburt nicht dabei, als wollte er seinem Sohn gleich vermitteln, übernimm du meine Rolle bei deiner Mutter. Tarek erlebte seinen Vater zu Hause niemals lächelnd. Für ihn war deutlich, dass der Vater nur zu ihnen kam, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Sobald er die Wohnung betrat, setzte er sein Pokerface auf, nahm auf seiner Stammcouch Platz, schaute mit unbeweglicher Miene in den Fernseher und sprach mit Salma nur das Allernotwendigste. Tarek und seinen beiden Geschwistern hielt er nur ihre schulischen Misserfolge vor. Draußen bei seinen Freunden erlebte Tarek seinen Vater als rhetorisch begabten Charmeur und begnadeten Erzähler. Den staatlichen Kanal hatte er auf die lauteste Lautstärke aufgedreht. Tarek bewunderte seine Extrovertiertheit und sein Selbstbewusstsein, er ahmte den Vater nach und benahm sich in großen Runden wie er. Wie Basam liebte er es, den Frauenhelden zu spielen. Bei Festen begeisterte Basam Verwandte und Nachbarn mit seinen Erzählungen über jene Zeit, als er noch das Büro des Vizepräsidenten leitete. Mittlerweile hatte der Vizepräsident nach Frankreich fliehen müssen und dort Asyl erhalten. Ihm wurde unterstellt, in den Achtzigerjahren deutsche und französische Bestechungsgelder angenommen zu haben, um diesen Ländern zu gestatten, Atommüll in der Wüste bei Palmyra zu vergraben. Das Büro wurde daraufhin aufgelöst, Basam und alle Mitarbeiter eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft genommen. Auch seine attraktive Sekretärin, mittlerweile Basams zweite Frau, wurde festgenommen. Jeder Mensch, der dem Vizepräsidenten jemals die Hand gegeben hatte, wurde über sein Verhältnis zu ihm befragt. Seitdem hatte sich das Leben für Tareks Familie grundlegend verändert, sie mussten sich von ihrem Wohlstand verabschieden und lernten, mit den neuen Umständen umzugehen. Basam versuchte mehrmals, sich selbständig zu machen, aber er scheiterte jedes Mal.
Tarek dreht sich um und nimmt Salma in die Arme. »Jetzt muss ich aufbrechen«, flüstert er an ihrem Ohr. Salma protestiert: »Warum willst du jetzt schon gehen, du musst dich doch erst um 12 Uhr bei deiner Aufnahmestelle melden!«
»Ich muss mich mit Adnan und Nauras treffen, bevor ich einrücke, das habe ich ihnen versprochen«, grinst Tarek. Er ist schon seit seiner Kindheit ein begnadeter Lügner, aber bei Salma hat ihm diese Begabung noch nie genützt, sie durchschaut ihn jedes Mal. Salma grinst zweifelnd zurück. »Du willst doch diese Alawitin treffen. Dir ist es wichtiger, mit ihr Zeit zu verbringen als mit deiner Mutter«, klagt sie wie ein kleines Kind. »Sanaa heißt sie, Mama«, und das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht. Tarek hat keine Lust, schon wieder über dieses Thema zu diskutieren. Ihm ist bewusst, dass diese Beziehung bei seiner sunnitischen Familie unerwünscht ist. Die religiösen Gegensätze sind so groß, dass es für einen Moslem akzeptabler ist, eine Christin zu heiraten als eine Alawitin, obwohl Alawiten und Sunniten islamischen Konfessionen angehören. Sein Onkel Nisar, der in Frankreich Chemie studiert hat, hat dort eine katholische Französin geheiratet. Das wurde in der Familie mit weit weniger Aufregung zur Kenntnis genommen als Tareks Beziehung mit Sanaa. Diese religiösen Grenzen haben für Tarek kein Gewicht. Er lächelt seine Mutter wieder an. In dieser Stunde des Abschieds soll kein Unfrieden aufkommen. »Ich lasse diese schönen Augen nicht traurig werden, trinken wir noch einen Mokka zusammen.« Mit diesen Worten geht er bereits Richtung Küche. Er holt sein Mobiltelefon aus der Tasche und schreibt Sanaa, dass er sich ein bisschen verspäten wird.
In der Küche füllt er die Kupferkanne für den Kaffee mit frischem Wasser und stellt sie auf den Gasherd. Er öffnet das Glas mit dem Kaffeepulver und atmet den Geruch des Mokkas, der mit Kardamom gemischt ist, tief ein. Tarek liebt diesen zurückhaltenden Duft des Kardamoms, der sich seiner Macht bei voller Entfaltung bewusst ist. Plötzlich klingelt es. Salma öffnet die Türe, es ist Sausan, Tareks Schwester. Sie betritt die Wohnung keuchend mit ihrem neunmonatigen Baby im Arm. Sie gibt es Salma weiter, stürzt in die Küche, auf Tarek zu und umarmt ihn fest: »Gott sei Dank habe ich dich noch erwischt!« Tarek freut sich, das tut ihm gut an diesem Tag. Die beiden hatten immer eine enge Beziehung. Sausan nennt Tarek »meinen Geheimnisbrunnen«. Er hatte sie, als sie noch ein Teenager war, oft vor den Händen des Vaters und des ebenfalls gewalttätigen Bruders Salman bewahrt. Tarek wusste alles von Sausans ersten Erfahrungen mit jungen Männern und reagierte gelassen darauf, was keineswegs üblich war. Tareks Haltung unterschied sich radikal von der seines jüngeren Bruders, der Sausan immer geschlagen hatte, wenn er sie unterwegs mit jungen Männern sah.
Salman hatte die Schule mit fünfzehn Jahren abgebrochen, den Beruf des Schneiders erlernt und führte mittlerweile einen eigenen Betrieb. Basam hatte Salmans Brutalität stets befürwortet und Tarek oft verspottet: »Salman schützt unsere Ehre, und du, du lernst von deinen ehrlosen Unifreunden, wie man Hörner aufsetzt.« Tarek würde erst später darauf reagieren können, als er erfuhr, dass sein Vater bei seinen Halbschwestern ganz andere Regeln anwendete. Sie dürfen sehr westlich und modern erzogen werden, denn ihre Mutter findet, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen sollen. Basam hingegen schwor nach jeder, oft auch gewalttätigen Auseinandersetzung mit Sausan, sie dem Ersten, der um ihre Hand anhielt, zur Frau zu geben. Und das tat er dann auch: Er akzeptierte den Heiratsantrag eines Metzgers und mutete Sausan diese Zwangsehe zu.
Inzwischen ist der Mokka fertig und Tarek kommt mit einem Tablett, auf dem alles hergerichtet ist, ins Wohnzimmer. »Hier ist der beste Mokka für die schönste junge Mutter auf der Welt!« Mit diesen Worten reicht Tarek seiner Schwester eine Kaffeetasse. Sausan lächelt zurück, aber langsam füllen sich ihre Augen mit Tränen. »Habibti, warum weinst du, es sind nur ein Jahr und neun Monate, und dann kehre ich zurück und ich werde euch sicher immer wieder besuchen können«, versucht er sie zu trösten. Doch Sausan weint nicht, weil ihr Bruder zum Militär eingezogen wird, sondern weil ihr Mann, der Metzger, wieder begonnen hat, sie zu schlagen. Salma versucht das Thema zu wechseln. Sie weiß ganz genau, dass Tarek darauf explosiv reagieren und es wiederum zu einer Auseinandersetzung mit seinem Schwager kommen wird. Zu ihrem Glück klingelt es in diesem Augenblick an der Haustür. »Vielleicht ist es dein Bruder Salman«, hofft Salma und geht zur Tür. »Was sagst du zu den Ereignissen im Land? Ist es eine gute Idee, jetzt zum Militär zu gehen?«, fragt Sausan ihren Bruder.
»Ich habe keinen anderen Plan, auch wenn es noch nie eine gute Idee war, zum Militär zu gehen. Ich bin sehr verwirrt«, seufzt Tarek.
»Mit Sanaa habe ich gestern telefoniert, sie weiß nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen soll«, will Sausan das Gespräch in eine andere Richtung lenken, stoppt aber abrupt, um kein Salz in die Wunden ihres Bruders zu streuen. »Was in den letzten Monaten passiert ist, war so surreal und hat alle unsere Pläne über den Haufen geworfen«, greift Tarek das Thema auf.
Da betritt Salma mit der Putzfrau Om-Fatima wieder den Raum. Als Tarek sie ansieht, zuckt er zusammen. Er hat vor dieser Frau seit seiner Kindheit Angst, und auch wenn er jetzt ein einundzwanzigjähriger, erwachsener Mann ist, schreckt er noch immer vor ihren finsteren Blicken zurück. Om-Fatima ist mittlerweile eine alte Frau, eine Beduinin aus der Wüste, die seit Jahrzehnten in dem teuren Barzeh-Viertel putzt, in dem Tareks Familie wohnt. Sie reinigt das Stiegenhaus und auf Anfrage die Wohnungen. Aber nicht nur das, sie liest auch aus Händen und Kaffeetassen und löst schwarzmagische Flüche und Schadenzauber auf. Ihr Aussehen ist seit Jahren immer dasselbe. Sie trägt eine schwarze, lange Abaya. Ihre Stirn schmückt eine Kette mit bunten Steinen. Ihre Augen sind nachtschwarz umrandet, und sie hat auf der Stirn eine Tätowierung, vier blaue Punkte und ein roter, die ein verkehrtes Kreuz bilden. Unter der Unterlippe schmückt sie ein mysteriöses Tattoo. Tarek glaubt allerdings nicht an ihre übersinnlichen Fähigkeiten, er empfindet nur große Abneigung ihr gegenüber, denn sie hat ihm als Kind sehr wehgetan. Damals, als Tarek neun Jahre alt war, hatte Salma Om-Fatima gebeten, zu überprüfen, ob Tarek von einem Djinn besessen war, da er zeitweise kaum zu bändigen war und oft mit dem Fußball in der Wohnung randalierte. Die alte Frau saß damals auf der Couch und Tarek musste vor ihr auf dem Boden niederknien. Sie drückte fest auf seinen rechten Zeigefinger und murmelte dabei etwas in einer unverständlichen Sprache. Der Druck wurde immer stärker, sodass Tarek zu weinen und zu schreien begann. Als er den Druck nicht mehr aushalten konnte, biss er in ihre Hand, rannte in sein Schlafzimmer und versteckte sich unter dem Bett. Das Problem löste sich allerdings von selbst, als seine Eltern draufkamen, dass ihm sein Onkel Nisar stets Gläser mit Schokoladencreme mitbrachte, wenn er mit seiner französischen Frau aus Paris zu Besuch kam. Tarek aß die Creme nicht auf Brot, sondern löffelte die Herrlichkeit heimlich in seinem Zimmer. Im Kasten fanden sich einige leergegessene Gläser, und als Tarek daraufhin seinen Zuckerkonsum radikal einschränken musste, legte sich auch seine Hyperaktivität.
Om-Fatima geht auf Tarek zu und legt ihre Hand auf seine Schulter. »Ich habe gehört, du rückst heute ein. Möge dir Gott den richtigen Weg voller Wohltäter offenbaren«, wünscht sie ihm. Tarek spürt ihre Hand schwer auf seiner Schulter, als hätte sie hundert Kilo, und so neigt er seinen Körper ein wenig. Er will nicht unhöflich sein, aber er will ihre Hand nicht spüren.
Sausan fragt Om-Fatima: »Liest du mir endlich einmal aus der Hand? Ich möchte wissen, wann mein Mann sterben wird!«
»Ich darf niemals den Tod eines Menschen verraten. Ja, ich lese dir aus der Hand, aber erst, wenn Tarek mir erlaubt, auch seine Hände zu lesen«, antwortet sie und schaut ihm dabei in die Augen. Om-Fatima lässt sich nie dafür bezahlen, die Zukunft aus der Hand zu lesen, sie macht es selten und nur, wenn sie Lust dazu hat. Viele Nachbarn schwören auf ihre hellseherischen Fähigkeiten. Tarek ließ sich aber nie davon beeindrucken, obwohl sie ihm ihre Dienste schon einmal angeboten hatte. Er hält das Ganze für Schwachsinn. Sausan versucht ihren Bruder zu überzeugen, und der verdreht die Augen, streckt den Arm aus und sagt: »Ich muss in zehn Minuten den Bus erwischen! Sei also kurz und prägnant!«
Om-Fatimas Augen glänzen und werden ganz schmal. Sie setzt sich im Schneidersitz vor Tarek auf den Boden und nimmt seine Hände. Es ist wie damals, nur mit vertauschten Sitzpositionen. Sie wirft einen Blick auf seine Handflächen und atmet tief ein. Tarek spürt sofort Om-Fatimas ungeheure Energie. Er kann nicht zuordnen, ob sie positiv oder negativ ist, auf jeden Fall aber ist sie ihm zu stark. Er setzt sich auf, macht sich breit und zieht die Augenbrauen zusammen. Er möchte mit dieser Energie nicht in Kontakt kommen. Salma und Sausan setzen sich zu ihm und richten ihre Blicke fest auf Om-Fatima. Alle schweigen. Salma schaltet den Fernsehapparat aus. Nach einer Minute bricht Tarek das Schweigen. »Und? Kannst du mir jetzt sagen, wann ich Präsident werde?« Om-Fatima schaut ihm kurz in die Augen und blickt wieder in seine Hände. Dann beginnt sie eindrücklich zu sprechen. »Vor dir liegt ein langer und mühevoller Weg, der dir ein unbekanntes Territorium in deiner Seele offenbaren wird. Jedoch musst du ihn zu Ende gehen und viel Schmerz durchleben. Ich könnte dir sagen, rück nicht ein, geh nicht zum Militär, aber den einfachen Weg im Leben zu nehmen, führt niemanden zu sich selbst. Nur wenn du Leid und Anstrengung in Kauf nimmst, kannst du dir selbst begegnen.«
Om-Fatima schaut mit ernster Miene zwischen Tareks Augen und seinen Händen hin und her. Tarek kann ihre Worte nicht einordnen, aber er hört weiter wortlos zu. »Ich sehe auch, dass du dir deine Finger an der Liebe schwer verbrennen wirst. Aber scheue auch davor nicht zurück. Wer von der Liebe besiegt wird, hat gewonnen. Merke dir diese Worte gut und behalte sie wie Ohrringe in deinen Ohren: Die Liebe ist wie ein Kamin. Um das Feuer am Brennen zu halten, muss man klug mit ihm umgehen können. Man darf nicht zu wenig Holz hineinwerfen, sodass es erlischt, und auch nicht alles Holz auf einmal, sodass man es in der Nähe nicht mehr aushält.« Om-Fatimas Ton ändert sich, sie spricht nicht mehr voll Überschwang und theatralisch, sondern bedächtig und wohlwollend. Tarek zieht seine Hände aus den ihren und meint spöttisch: »Danke für die Prophezeiung, Frau Wahrsagerin! Schau nicht so viele Hollywood-Filme!« Er hätte ihr gerne noch gesagt: Welche Zukunftsaussichten, die man vorher überhaupt wissen will, haben wir in diesem Land, in dem wir wie Schafe leben, aber er hält sich zurück. So steht er auf, umarmt seine Mutter und seine Schwester lange, küsst dann das Baby auf die Stirn, nimmt seinen Rucksack und geht, denn Sanaa wartet auf ihn im Park. Er will noch möglichst viel Zeit mit ihr verbringen.
Ihr Plan für eine gemeinsame Zukunft ist zunächst gescheitert, sie müssen sich einen neuen Plan ausdenken, und die Hürden, die sie schon überwunden haben, waren nur eine Kostprobe dessen, was ihnen bevorsteht.
Damaskus, Juni 2010
Um acht Uhr wäre Tareks erste Vorlesung auf der Uni gewesen. Um Punkt acht Uhr öffnet er die Augen. Er hat schon wieder verschlafen. Kaffeearoma erfüllt den Raum und strömt in seine Nase. Seine Mutter hat wie jeden Tag den Mokka mit Kardamom nach ihrer Geheimmethode gekocht. Der Geruch hat auf ihn eine magische Wirkung, er ist blitzschnell hellwach und gleichzeitig von einer tiefen Ruhe erfüllt. Er hört Gesprächsgeräusche vom Balkon her. Die Nachbarinnen trinken den Mokka heute bei seiner Mutter. Sie wechseln sich jeden Tag bei ihrem festen Ritual ab, morgens gemeinsam Kaffee zu trinken, über die Nachbarinnen der anderen Wohnblocks zu lästern und neueste Informationen auszutauschen. Langsam steht er auf, ohne sich zu beeilen. Seit einiger Zeit lässt er die erste Vorlesung gerne ausfallen. Er hat die Begeisterung für das Studium der arabischen Literatur mittlerweile verloren, obwohl er als Jugendlicher große Liebe und Leidenschaft für die arabische Sprache und ihre Schrift empfunden hatte. Doch Arabischlehrer will Tarek nicht werden. Dafür hasst er die Schule zu sehr. Und er hat langsam begriffen, dass er vom Gedichteschreiben nicht einmal einen Hund ernähren kann. Früher schrieb er viele Gedichte über Liebe, Sehnsucht und Ekstase an eine fiktive Frau, häufig in der Mathematikstunde. Leider erwischte ihn der Lehrer ab und zu und es gab Schläge mit einer Holzstange auf die Hände für seine Unaufmerksamkeit. Nicht nur vom Lehrer wurde er ertappt, auch von seinem Vater. Einmal, vor dem Freitagsgebet, suchte sein Vater nach einer Nagelschere. Dabei öffnete Basam eine der Schubladen und fand die zusammengefalteten Zettel mit den Gedichten.
Basam las den ersten Text, in dem er sich darüber lustig machte, dass der verstorbene Vater des Präsidenten stets als ewiger Führer bezeichnet wurde. Basam stürzte in Tareks Zimmer und gab ihm wortlos eine solche Ohrfeige, dass Tarek minutenlang ein Klingen im Ohr hörte. Sein Vater zerriss den Zettel mit dem Text, drehte sich zu Tareks Bücherregal und riss einige Bücher heraus, die ihm Onkel Nisar geschenkt hatte.
»Dieser Blödsinn verdirbt deinen Kopf! Oder willst du dasselbe Schicksal wie Onkel Nisar erleiden?«, brüllte Basam, als er mit den Büchern das Zimmer verließ.
Nisar war vor drei Jahren verhaftet worden, und Basams Nerven waren deswegen auf das Allerhöchste angespannt. Denn als sein Bruder sich 2002 nach Abschluss seines Chemiestudiums mit seiner französischen Frau in Damaskus niedergelassen hatte, hatte er sich öffentlich zu Menschenrechten und journalistischer Freiheit geäußert. Er war daraufhin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet worden und seither fehlte jede Nachricht von ihm und seinem Schicksal.
Basam verbrannte die Bücher und Tareks Texte. Seit diesem Abend schrieb Tarek nur mehr wenige Gedichte, jedenfalls nichts Politisches mehr, und Romane will er schon gar nicht verfassen. Er hält Schriftsteller für einsame Einzelgänger, die kein Sozialleben haben. Außerdem lesen Araber nicht viel, und wenn, dann meistens Werke von ausländischen Autoren. Die syrischen Autoren und ihre Werke verschwinden in den Kellern der Geheimdienste. In Baramkeh gibt es einen Buchbasar, das ist der beliebteste Ort in Damaskus, um Bücher zu kaufen. Die Händler dort verkaufen haufenweise ins Arabische übersetzte Trivialromane. Onkel Nisar ist Tareks Vorbild. Er stellte sich oft vor, was der Onkel im Gefängnis gerade machte.
Salma sitzt schon seit einer Stunde mit Wisal, Maisaa und Fardous, ihren Nachbarinnen, auf dem Balkon mit Ausblick auf die Stadt. Sie trinken ihren Mokka, und im Hintergrund singt Fairuz mit ihrer sanften Stimme. Das ist die morgendliche Göttin des Gesanges, eine libanesische Sängerin, deren Lieder jeden Tag von sechs bis neun Uhr in der Früh an jeder Ecke von Damaskus gespielt werden.
»Wieso bist du noch da?«, fragt Salma ihren Sohn. »Vielleicht solltest du dir irgendwann doch einen Wecker anschaffen, sonst schließt du dein Studium erst mit Krücken ab«, sagt sie, und die Nachbarinnen kichern. Von der Erfindung des Weckers hält Tarek nicht viel. Er behauptet immer, dass der Wecker ihn dumm mache und ihm den ganzen Tag eine Blockade im Kopf bescheren würde. Er wache lieber von selbst auf. Es mache ihn produktiver.
Eigentlich ist Tarek mit seinen Gedanken ganz woanders. Er verspätet sich absichtlich, um im Bus Sanaa zu sehen, eine Studentin, die an derselben Universität studiert wie er. Sie ist bereits im dritten Semester und für sie beginnen die Vorlesungen erst um neun. Auf der Uni will Tarek sie nicht ansprechen, aber zum Glück wohnt sie in der Nähe und nimmt manchmal den gleichen Bus wie er, um zur Uni zu fahren. Heute will er die Gelegenheit nutzen, um sie endlich einmal anzusprechen.
Er zieht sich mit großer Sorgfalt an und besprüht sich übermäßig mit seinem »Amber«-Parfum.
»Trinkst du jetzt einen Mokka mit uns oder nicht?«, ruft Salma ungeduldig. »Sag etwas oder hat die Katze deine Zunge gefressen?«, fügt sie hinzu. Tarek geht zu ihnen auf den Balkon und küsst seine Mutter auf die Stirn. »Zu deinem Mokka kann ich nicht Nein sagen, das ist der beste Wecker auf der Welt«, antwortet Tarek. Salma kann kaum atmen, die Duftwolke, die Tarek umgibt, ist zu stark. Sie hält sich einen Teil ihres Kopftuches vor den Mund. Auf dem Balkon muss sie Kopftuch tragen, da ist sie in der Öffentlichkeit.
»Es ist immer wieder verwunderlich, wie du dich in diesem Saustall von einem Zimmer so hochzeitsreif herrichten kannst«, stichelt Salma weiter.
»Und was ist der Anlass, dass du dich so fein machst?«, wundert sich Wisal.
»Habe ich sonst schlecht ausgeschaut?«, will Tarek wissen. »Das mache ich nur für mich«, fügt er hinzu.
»Hol dir eine Tasse aus der Küche«, fordert ihn Salma auf. Aber Tarek will keine Zeit verschwenden. Er gießt sich aus der Kupferkanne einen Mokka in Salmas Tasse, trinkt ihn im Stehen in einem Schluck aus und verabschiedet sich.
Als Kind liebte er es, in der Runde von Salmas Nachbarinnen zu sitzen und zuzuhören. Die Frauen erzählten die spannendsten Geschichten, besonders aufregend waren die von Wisal. Sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Gerichtsschreiberin und ihre geheime Schatztruhe ist voller Geschichten. Salma ruft ihm nach: »Du bist ein echter Dimashqi, wie dein Vater, euch bringen nur Frauen zum Aufblühen!«
Tarek läuft die Treppen hinunter. Sein Nachbar aus dem vierten Stock, der Apotheker, schließt gerade hinter sich die Wohnungstür ab.
»Gott beglücke deinen Morgen, Nachbar«, begrüßt ihn Tarek im Vorbeigehen.
»Wohin, wohin? Warte kurz, ich wollte dich fragen, wo ihr eure neue Klimaanlage gekauft habt. Ich habe von meiner Frau gehört, dass sie gut ist. Es ist mittlerweile Juni, wir haben mittags schon 35 Grad, wie wird das erst im August werden? Unsere alte funktioniert nicht mehr gut«, will der Apotheker wissen.
»Die Europäer würden ›Klimawandel‹ sagen«, erwidert Tarek.
»Die Europäer haben andere Probleme. Sag mir, was eure Anlage gekostet hat. Sie scheint teuer zu sein, denn der äußere Teil ist sehr leise«, sagt der Apotheker neugierig.
»Mein lieber Nachbar, ich schicke dir die Nummer des Installateurs, und er wird dir weiterhelfen. Die Preise ändern sich ständig«, meint Tarek im Weitergehen.
»Warte kurz! Ich fahre bei deiner Uni vorbei, du kannst mitfahren!«, bietet ihm der Nachbar an.
»Ich gehe heute nicht zur Uni, ich muss meinem Bruder im Geschäft helfen. Salam aleikum«, lügt Tarek.
Tareks Bruder Salman hat eine Schneiderei für Damenbekleidung. In Wirklichkeit hat Tarek seinem Bruder noch nie ausgeholfen. Ihr Verhältnis ist nicht besonders gut.
»Für deine Gedichte bekommst du nur dann Geld, wenn du sie als Einwickelpapier für Falafelröllchen verwendest«, spottet Salman, wenn bei Familientreffen über Tareks Zukunftsperspektiven gesprochen wird.
»Was stört dich daran? Es ist doch gut so, du machst Kleider für Frauen, die sich für ihre Männer hübsch machen wollen, und ich schreibe Lieder für Frauen, die ihre Männer vermissen. Außerdem es ist eine super Werbekampagne, wenn meine Schriften als Einwickelpapier genutzt werden. Ich erreiche die Menschen zu einer besonderen Zeit, dann haben sie etwas für den Magen und die Seele gleichzeitig«, kontert Tarek. In Wahrheit jedoch jobbt er auf einer Baustelle bei einem Elektriker.
Tarek tritt auf die Straße. Es ist ein herrlicher Tag, wolkenloser Himmel, die Sonne steht noch nicht im Zenit, es ist angenehm warm. Die Vögel zwitschern so enthusiastisch, dass man die einzelnen Stimmen nicht unterscheiden kann. Der Geruch des Frühlings liegt noch stark in der Luft. Die Dimashqis wohnen in Barzeh, einem reichen Stadtteil am Rand von Damaskus mit vielen kleinen Gärten zwischen den Wohnblocks, in dem viele Beamte und hochrangige Offiziere leben. Die Damaszener haben eine große Vorliebe für Blumen und alle Grünpflanzen. Auch wenn man die Stimmen der Vögel nicht unterscheiden kann, so kann man unter den vielen Blumengerüchen doch einen herausriechen: So unterschiedlich die Bewohner das kleine Grün vor ihrer Haustür auch gestalten, alle sind sich darin einig, Jasmin zu pflanzen. Die Vielfalt an Religionen und Konfessionen in dieser Nachbarschaft ist auch eines der Merkmale dieses Viertels. Nach dem Vorbild der Altstadt wurde hier eine Kirche neben einer Moschee gebaut. Von Tareks Balkon sieht es so aus, als würden sich die beiden Türme umarmen.
Tarek schaut auf die Uhr, es ist acht Uhr fünfunddreißig. Die Busse in Damaskus haben keinen Fahrplan. Aber er hat beobachtet, dass Sanaa um diese Zeit zur Universität fährt. So läuft er zur Hauptstraße hinunter und hat nur einen Gedanken im Kopf, den er ständig wiederholt: »Sprich sie, verdammt noch einmal, endlich an! Hast du nicht gesehen, was ihre Augen dir sagen?« Er klopft sich mit der Faust an die Schläfe. Plötzlich zuckt er zusammen: Hinter ihm macht ein Auto eine Vollbremsung und der Fahrer hupt ununterbrochen. Tareks Puls schießt in die Höhe, er springt auf die Seite und schaut nach hinten. Sein Freund Nauras lacht sich hinter dem Lenkrad kaputt. Erleichtert, wenn auch nicht begeistert, beruhigen sich Tareks Gesichtszüge und er nähert sich dem Auto seines Freundes.
»Wie ich immer sage, du bist der Sohn des Harams!«, ruft er. So nennt man in Damaskus Menschen, die durch außerehelichen Sex gezeugt wurden. »Aber gut, jetzt habe ich mehr Adrenalin im Blut. Das brauche ich heute.«
»Steig ein, ich fahre bei deiner Uni vorbei«, fordert ihn Nauras auf. Sein Kindheitsfreund studiert Wirtschaftswissenschaft an einer Privatuniversität außerhalb von Damaskus. Nauras stammt aus einer wohlhabenden Familie und hat ein eigenes Auto. Das gehört eigentlich dem Militär, aber sein Vater verfügt über mehrere Dienstautos, über deren Nutzung er frei bestimmen kann. Er ist einer der wenigen Sunniten, die einen hohen militärischen Rang erreicht haben. Die überwiegende Mehrheit der Militär- und Geheimdienstoffiziere sind Alawiten und kommen aus der Küstenregion wie der Präsident selbst. »Nein, ich muss mit dem Bus fahren, denn heute ist der Tag, ich werde Sanaa auf einen Kaffee einladen oder sie jedenfalls ansprechen, ich weiß es noch nicht genau«, lehnt Tarek das Angebot ab.
»Ich verstehe deine Logik nicht. Du sagst, sie läuft den ganzen Tag bei dir auf der Uni herum, und du willst sie unbedingt im Bus ansprechen?«, fragt ihn Nauras mit hochgezogenen Augenbrauen. »Sanaa ist doch eine privilegierte junge Frau. Sie lässt sich von den Chauffeuren ihres Vaters fahren, du wirst sie im Bus nicht erwischen!«
»Auf der Uni kann ich sie nie alleine sprechen, sie ist immer in Gesellschaft ihrer Freundinnen. Und es gibt einige alawitische Kollegen, die gar nicht davon begeistert wären, wenn ich sie anspreche. Du kennst Saker, den Sohn von Oberst Maher Saleh, dem größten Tier beim Geheimdienst. Er läuft ihr auf der Uni immer hinterher«, erklärt Tarek fast verzweifelt.
»Ja, das verstehe ich«, antwortet Nauras, »mit der Präsidentenverwandtschaft würde ich mich auch nicht anlegen. Sakers Vater ist berüchtigt. Er kann zum Tode Verurteilte vom Galgen befreien und dafür jemand anderen aufhängen lassen. Dann wünsche ich dir viel Glück, mein Freund! Und nicht vergessen, heute Abend spielen wir bei Adnan Karten. Bring deine Shisha mit!« Mit diesen Worten fährt Nauras los.
Tarek geht weiter zur Hauptstraße. Da bemerkt er, dass der Bus langsam vorbeifährt. Er steckt zwei Finger in den Mund und stößt einen schrillen Pfiff aus, um den Busfahrer auf sich aufmerksam zu machen. Der Fahrer bemerkt ihn, gibt ihm ein Zeichen mit der Hand, dass der Bus voll ist und Tarek nur einen halben Sitzplatz haben kann, denn in diesem abgenutzten Minibus kann man nicht aufrecht stehen. Tarek nähert sich und schaut suchend hinein, ob Sanaa drinnen sitzt. Zu seiner Enttäuschung findet er sie nicht. Schnell entscheidet er sich, auf den nächsten Bus zu warten. Er dreht sich um und sucht mit Blicken die Straße ab. Und dann passiert, was heute nicht passieren sollte: ein Auto mit Militärkennzeichen fährt an ihm vorbei. Er kennt dieses Auto nur zu gut. Es ist das von Sanaas Vater, General Tamim Mahmoud. Er blickt kurz hinein und ist enttäuscht: Sanaa sitzt hinten und wird vom Chauffeur ihres Vaters gefahren. Sie halten kurz Augenkontakt. Sie lächelt schüchtern. Ihr Lächeln macht Tarek wahnsinnig. Er kann nicht genau einordnen, was ihn an Sanaa fasziniert … Ihre großen, grünen Augen mit Augenbrauen wie gebogene Schwerter darüber oder ihr magisches Lächeln oder ihre zarte, braune Haut oder ihre langen, dunkelbraunen Haare. Vielleicht ist es auch ihre energiegeladene Ausstrahlung oder einfach alles zusammen.
Aber jetzt ist alles umsonst gewesen, er hat zwei Einladungen, mitzufahren, ausgeschlagen und konnte Sanaa trotzdem nicht ansprechen. Nun muss er auch noch auf den nächsten Bus warten. Er setzt sich auf eine kleine Mauer neben der Straße und holt die Kopfhörer aus der Tasche. Aber zu seinem Glück hält ein Auto neben ihm, es ist Nauras: »Ich habe gesehen, dass sie im Auto sitzt. Ich habe mir gedacht, ich hole dich ab, bevor du hier wie ein einsamer Hund ewig wartest!«
Damaskus, Juni 2010
Die Hauptstraßen sind um diese Zeit verstopft wie beim Jüngsten Gericht. Nauras manövriert das Auto durch die Nebenstraßen von Damaskus, während er gleichzeitig im Handschuhfach die CDs durchwühlt. »Schau bitte auf die Straße, nicht dass du ein Kind umfährst«, weist ihn Tarek zurecht. Er ist äußerst schlecht gelaunt.
»Jetzt komm schon, lass deinen Frust nicht an mir aus! Außerdem kenne ich die Stadt auswendig wie meinen Namen, ich kann das Auto mit verbundenen Augen durch die Gassen lenken«, behauptet Nauras. Er schiebt eine CD in den Player und spielt ein rhythmisches Lied von Tamer Hosny. Seine Lieder sind derzeit Dauerbrenner. Nauras dreht die Musik ganz laut, grinst wissend und fordert Tarek mit Gesten und Mimik auf, während er laut mitsingt: »Du bist die, die den Burschen in unserer Gasse schlaflose Nächte bereitet.« Bei der nächsten Strophe hebt Tarek die Hände und beginnt, ohne dass sich die ernste Miene in seinem Gesicht ändert, sich mit Nauras zu bewegen und zu singen: »Und du hast aus ihren Herzen ein papierenes Fußkettchen gemacht …«
Die beiden sind Freunde, seit sie denken können.
Nauras hat schon als Kind Autofahren gelernt. Sein Vater war stolz darauf und freute sich, bei seinen Freunden damit angeben zu können. Er nahm Nauras schon als kleines Kind auf den Schoß und ließ ihn lenken. Mit vierzehn nahm Nauras oft abends heimlich den Dienstwagen seines Vaters, um seine Freunde abzuholen und mit ihnen herumzufahren. Da er damals noch recht klein war, sah man ihn im Vorbeifahren kaum hinter dem Lenkrad sitzen. Er brachte auch Tarek das Fahren bei und ließ ihn immer wieder in der Gasse hin- und herfahren. Die Polizei konnte ihnen nichts anhaben, denn sie würde es nie wagen, ein Auto mit militärischem Kennzeichen anzuhalten.
Nauras möchte Tarek wieder zum Lachen bringen und erinnert ihn an eine ganz besonders lustige Begebenheit, die sie gemeinsam erlebt haben, als sie ungefähr fünfzehn Jahre alt waren. Nauras, Tarek und ihr Freund Adnan begannen damals, auch das Auto von Tareks Vater nachts, wenn dieser schlief, »auszuborgen«. Einmal beschlossen sie, auf den Qasiun zu fahren, jenen legendären Berg, auf dem Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben soll. Der Qasiun beschützt gleichsam die Stadt, außerdem ist der Blick von oben auf Damaskus atemberaubend. In einer Augustnacht war es so weit, die Stadt schlief noch nicht, viele Nachtschwärmer waren zum Gipfel unterwegs, um dort eines der zahlreichen Lokale an der Panoramastraße zu besuchen, die bis zum Sonnenaufgang geöffnet sind. Oben trafen sich alle Gesellschaftsschichten, es gab einfache Lokale mit Hockern und Shisha, doch je weiter man fuhr, desto nobler wurden die Restaurants. Ganz am Ende der Straße konnte man in einigen Restaurants das Monatsgehalt eines gewöhnlichen Beamten für ein Abendessen ausgeben. Mit einem Polster auf der Sitzfläche, um die unbeleuchtete Straße etwas besser sehen zu können, lenkte Tarek das Auto mühsam den Berg hinauf. Kurz vor der Panoramastraße kamen sie an der berüchtigten Luststraße vorbei. Das war für die jungen Männer wesentlich aufregender als die Aussicht auf Damaskus. Diese Straße auf der anderen Seite des Berges war dafür bekannt, dass Paare, die verbotenen Sex suchten oder sich auch nur ungestört näherkommen wollten, hier im dunklen Auto heimlich ihre Lust ausleben konnten. Als die drei Freunde an den parkenden Fahrzeugen vorbeifuhren, wurden ihre Hälse länger und länger, und mit offenen Mündern und großen Augen schauten sie nach links und rechts. Der Nervenkitzel war groß, doch eigentlich konnten sie nicht viel sehen, denn die meisten Scheiben waren angelaufen oder verdunkelt. Am Ende der Autoschlange jedoch parkte ein Fahrzeug mit offen stehendem Fenster, der Fahrer rauchte entspannt eine Zigarette, neben ihm war aber niemand zu sehen. »Der arme Kerl fährt alleine hinauf«, bemitleidete Adnan ihn. »Du bist der Arme, mein Freund, der hat es am allerbesten«, lachte Tarek ihn aus. Es dauerte nicht lange, bis sie die gut beleuchtete Aussichtsstraße erreichten.
Sie wollten die Nacht als erwachsene Männer verbringen, aber bei den teuren Lokalen spielten ihre Geldtaschen nicht mit und bei den günstigen fanden sie keinen Parkplatz, die Straße war noch immer voll. Schließlich entdeckten sie ein Lokal, vor dem Parkplätze frei waren. »Wir werden nur ein Cola bestellen, das wird schon nicht zu teuer sein«, meinte Nauras. Beim Hineingehen fiel ihnen die rote Beleuchtung in dem ziemlich leeren Lokal auf. Ein junger Mann sah sie abschätzig an: »Herzlich willkommen, beste Männer!«
»Wir wollen nur die Aussicht genießen und etwas trinken, wir können nicht lange bleiben«, erklärte Tarek.
»Jaja, immer mit der Ruhe. Setzt euch hin, Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen. Ich kümmere mich um euch!« Er führte sie zu einer der Sitznischen, die voneinander durch Bambusmatten getrennt waren. Im Hintergrund lief rhythmische Musik aus der Küstenregion. Adnan setzte sich nicht hin, er ging dem Klatschen nach, das aus der letzten Nische kam. Dort saßen drei schon etwas alkoholisierte Männer, klatschten im Takt und schauten einer Bauchtänzerin zu, die auf dem Tisch tanzte. Adnan erschrak und ging zu den anderen zurück. Bevor er ihnen noch von seiner Beobachtung erzählen konnte, kam der junge Mann mit einem großen Tablett voller Mezze zurück: Gurkenscheiben, Karottenstücke, Schälchen mit Nüssen, Kartoffelchips und Oliven.
»Sagt einmal, Männer, habt ihr Lust auf spirituelle Getränke, damit ihr gute Laune bekommt?«, fragte der Kellner. Tarek war irritiert: »Spirituell?«, fragte er rätselnd. »Sündhafte Getränke«, flüsterte Nauras ihm ins Ohr. Sie schauten einander fragend an. »Nein!«, antworteten sie dann unsicher, aber wie aus einem Mund.
Der Kellner zuckte mit den Schultern, meinte: »Wie ihr wollt, dann schicke ich euch eine Unterhalterin« und ging. »Lasst uns gehen, Leute, ich glaube nicht, dass es sich hier um ein normales Restaurant handelt«, bat Adnan. Als Tarek zu den Chips griff, gab ihm Nauras unter dem Tisch einen leichten Tritt gegen das Schienbein: »Iss nichts, wir wollen gehen, sonst müssen wir die ganze Platte bezahlen!«, flüsterte er ihm zu. In diesem Moment trat eine junge, freizügig gekleidete Frau in die Nische. »Ach, wie süß, ich habe meinem Kollegen nicht geglaubt, dass der Kindergarten einen Ausflug zu uns macht!«, sagte sie und lachte laut. Die drei schauten zu Boden, nur Tarek riskierte einen Blick auf ihre Brüste. »Was wollt ihr? Ich werde nicht für euch tanzen und keinem von euch näherkommen. Ihr solltet schon längst im Bett sein!«, setzte sie fort.
»Wo sind wir hier und was bist du, Bauchtänzerin oder Prostituierte?«, fragte Adnan wie sein Vater, der Psychotherapeut.
»Ach, mein Süßer, macht das einen Unterschied?«, fragte sie und knabberte dabei an einer Karotte. »Mein Vater hat gesagt, man darf Tänzerinnen nicht diskriminieren. Denn Tanzen ist eine Kunst. Aber Prostitution ist Kapitulation«, erwiderte Adnan und wiederholte dabei Wort für Wort, was er von seinem Vater gehört hatte.
»Ich bin keine Prostituierte, aber glaube mir, Prostitution ist auch eine Kunst, aber eine harte«, sagte die Frau und kicherte so haltlos, als wäre sie auf Drogen. Tarek war genervt und drängte die anderen zum Gehen. Beim Ausgang gab es ein kleines, mit einem riesigen Bild des Staatspräsidenten geschmücktes Zimmer, in dem der Kellner mit einer anderen freizügig gekleideten Frau saß und mit einem älteren Mann hinter einem Schreibtisch Karten spielte.
»Wir wollen gehen, ich denke, wir haben uns geirrt, müssen wir etwas zahlen, wir haben nichts gegessen, nur die Frau eine Karotte?!«, stieß Tarek hervor. Der Kellner schaute den Mann hinter dem Schreibtisch, der anscheinend der Eigentümer des Etablissements war, fragend an. Dieser Mann trug einen auffallend langen, struppigen Bart und eine Militärjacke. Er hörte ungerührt zu, nickte leicht mit dem Kopf und meinte: »Schon, aber das Betreten eines Hamam ist etwas anderes als das Verlassen.« Die drei Jungen waren augenblicklich von seiner rauen, krächzenden Stimme eingeschüchtert. Der Kellner bekräftigte: »Ihr habt es gehört, Männer, ihr müsst zahlen, das hier ist kein Spielplatz«, und tippte hastig etwas in den Taschenrechner ein, während er murmelte: »Tisch, Mezze, Einsatz der Tänzerin.« Dann schrieb er auf einen kleinen Block »3000 Lira« und hielt ihn den jungen Männern hin. Die drei waren geschockt.
Dreitausend Lira waren sehr viel Geld. Tarek bekam von seinem Vater 25 Lira Taschengeld pro Tag. Sie steckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich flüsternd. Zusammen hatten sie 550 Lira in ihren Taschen, das teilten sie dem Kellner mit. Der Besitzer schüttelte ungeduldig den Kopf und forderte den Kellner auf, die Polizei anzurufen. Der Kellner hatte sich inzwischen hinter die drei jungen Männer gestellt und damit den Ausgang blockiert. Tarek und seine Freunde wurden blass, sie hatten alle denselben Gedanken: »Wenn die Eltern das erfahren, gibt es großen Ärger.« In Tareks Kopf lief die Vorstellung der Prügel, die er von seinem Vater beziehen würde, wie ein Film ab. Der Kellner fragte sie giftig wie eine Kobra kurz vor dem Zubeißen: »Habt ihr nichts Wertvolles bei euch, womit ihr die Rechnung begleichen könnt oder was ihr zumindest als Pfand dalassen könnt, bis ihr das Geld beschafft habt?« Unsicher schauten die drei einander an, Tarek blickte zu Nauras und machte eine auffordernde Kopfbewegung. Nauras verstand sofort und wehrte mit einem leichten Kopfschütteln ab. In seiner Tasche steckte ein nagelneues Handy, das er erst vor zwei Wochen von seinem Vater für einen guten Schulabschluss bekommen hatte. Es war das erste Smartphone mit Touchscreen und kostete ungefähr 20 000 Lira. Ein solches Handy zu besitzen war in Syrien ein Statussymbol und eine SIM-Card war ein kleines Vermögen wert.
»Was gibt es da in deiner Tasche?«, wollte der Kellner wissen, der die Gesten der beiden natürlich mitbekommen hatte. Tarek redete leise auf Nauras ein: »Wir haben keine andere Wahl!« Widerwillig griff dieser in seine Tasche und holte das Handy heraus. Der Kellner und sein Chef waren von dem teuren Gerät völlig überrascht. Dann nahm der Kellner Nauras das Handy aus der Hand, trat einen Schritt zur Seite, machte den Ausgang frei und forderte sie auf zu gehen. »Wir haben bis 5 Uhr früh geöffnet, dann wieder morgen ab 18 Uhr.«
Im Auto saßen sie schweigend. »Scheiße, was machen wir jetzt? Mein neues Handy!«,war Nauras verzweifelt. Tarek antwortete: »Wir müssen jetzt nach Hause fahren und schauen, wie wir die 3000 zusammenbringen. Ich weiß, wo meine Mutter ihr Geld für den Haushalt aufbewahrt, das kann ich heimlich holen. Wie ist es bei euch?«
»Mein Vater hat immer etwas in seinem Geldbeutel, der ist nachts immer in seiner Hose auf dem Garderobenständer«, wusste Nauras. Die beiden drehten sich zu Adnan, der auf der Rückbank saß: »Und du?« Dieser nickte: »Jaja, meine Mutter versteckt auch immer Geld in einer Vase im Gästezimmer!« Nun fuhren sie durch die Luststraße zurück, ohne auch nur einen einzigen Blick auf die parkenden Autos zu werfen. Tarek brachte seine beiden Freunde nach Hause, dann fuhr auch er heim.
Leise ging er die fünf Stockwerke zu ihrer Wohnung hinauf. Es war Punkt drei Uhr, als er die Wohnung betrat. Auf Zehenspitzen schlich er zum Schlafzimmer seiner Eltern und öffnete vorsichtig die Türe einen Spalt breit. Es war stockdunkel, er konnte nichts erkennen. Vorsichtig schlich er zum Schrank, öffnete ihn und griff nach dem Sakko. Plötzlich wurde es taghell. Tarek zuckte zusammen. Sein Vater saß auf einem Hocker neben dem Lichtschalter. »Wo warst du mit meinem Auto, du Hundesohn?« Tarek erstarrte. »Und was willst du in meinem Sakko?«, schrie Basam. Salma war verwirrt aufgewacht, ebenso Salman und Sausan.
Tarek konnte nicht antworten, seine Zähne klapperten. Basam stand zornig auf, packte ihn am Ohr und schleuderte ihn auf das Bett. »Sprichst du jetzt oder ich schlage dich, wo es dir wehtut!« Basam beugte sich zu ihm.
»Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du mich erst recht schlagen!«, stotterte Tarek mit zitternder Stimme. Basam war ungeduldig und versprach, ihn nicht zu schlagen. Tarek erzählte die Geschichte in drei Sätzen, doch Basam geriet völlig außer sich, ohrfeigte und prügelte seinen Sohn, und als Salma dazwischenging, gab ihm Basam zu guter Letzt noch einen Tritt. Basam schlug seine Kinder immer häufiger und immer heftiger, seit seine zweite Ehe nach sechs Jahren der Geheimnistuerei endlich bekannt geworden war und er seinen Frust wegen der täglichen Streitereien mit Salma loswerden musste.
»Du Hundesohn, was sollen die Leute über uns sagen? Soll ich nur mehr mit gesenktem Kopf durch die Gassen gehen? Mein Sohn geht mit fünfzehn ins Bordell!« Tarek lag zusammengekrümmt auf dem Bett und ließ alles geschehen, als ginge es ihn nichts an.
Basam rief bei Nauras’ Familie an. In dem Moment stand Nauras gerade im Wohnzimmer und zählte das Geld, das er aus der Hose seines Vaters gestohlen hatte. Als das Telefon neben ihm klingelte, wachten seine Eltern auf und die Lichter gingen eins nach dem anderen an. Schnell lief er zur Couch vor dem Fernseher legte sich hin und tat, als ob er schliefe. Asef, Nauras’ Vater, griff eilig nach dem Telefon, hörte ein paar Sekunden wortlos zu, schaute zu seinem schlafenden Sohn und seine Augen wurden immer größer. »Okay, sofort«, er legte auf, zog seinen scheinbar schlafenden Sohn heftig hoch und stellte ihn auf die Füße. Nauras stand stramm wie ein Soldat vor seinem Vorgesetzten und schaute Asef in die Augen. »Komm jetzt, wir müssen Basam unten treffen, um diesen Mist zu beseitigen. Wir zwei rechnen später ab.«
Asef hatte seine Uniform angezogen. Er wusste, wenn er als Offizier auftrat, erhielt er den nötigen Respekt. Basam konnte Adnans Eltern nicht erreichen. So beschlossen die beiden Väter, sich mit den Söhnen auf den Weg zu jenem Etablissement zu machen. Im Auto saßen Tarek und Nauras schweigend hinten und warfen sich immer wieder angsterfüllte Blicke zu. Ohne Zweifel hatte der Betreiber des Lokals die Jungen betrogen, denn es war verboten, einen wertvollen Gegenstand ohne schriftlichen Vertrag als Pfand zu behalten.
Als Asef und Basam das kleine Zimmer in dem Etablissement betraten, war es bereits kurz vor fünf Uhr. Es wurde langsam hell und das Trio spielte immer noch Karten und rauchte Shisha. Der Bärtige schaute auf und war im ersten Augenblick begeistert, dass ein hochrangiger Offizier seine Dienste in Anspruch nehmen wollte. Dann bemerkte er dahinter die beiden Burschen und schluckte.
»Herzlich willkommen, mein Herr!«, stieß er hervor und sprang auf. Die Tänzerin und der Kellner liefen schnell aus dem Raum. »Ihr habt uns zu ernst genommen, junge Männer, wir wollten uns mit euch nur einen Scherz erlauben«, versuchte der Bärtige die Situation zu retten.
»Schön, dass du mit Minderjährigen solche Scherze in deinem Bordell machst«, sagte Asef ironisch.
»Es ist kein Bordell!«, stotterte der Bärtige.
»Das ist mir egal. Gib mir zuerst das Handy, denn ich werde mir jetzt auch einen Scherz mit dir erlauben«, forderte Asef und rief einen Freund, der beim Konsumentenschutz arbeitete, an. Schon bald stürmten sechs Beamte das Etablissement. Sie verlangten vom Betreiber die Unterlagen und kontrollierten die Räumlichkeiten. In einer der Nischen erwischten sie einen Mann beim Oralsex mit einer Tänzerin. Da es sich angeblich um ein normales Restaurant handelte, wurde das Lokal für sechs Monate geschlossen und der Betreiber erhielt drei Monate Freiheitsstrafe.
Die drei jungen Männer hatten unter den Folgen ihrer Taten gut zwei Wochen zu leiden, von gestrichenem Taschengeld bis zu Hausarrest. Aber wenn sie diese Geschichte jetzt, nachdem Gras darüber gewachsen war, als Erwachsene erzählen, lachen sie darüber herzlich und laut.
Damaskus, Juni 2010
Tarek lächelt ein wenig, als Nauras ihn an diese alte Geschichte erinnert. Aber er schiebt die Gedanken an diesen Abend wieder weg, er mag keine Erinnerungen an die Schläge, die er als Jugendlicher von seinem Vater erhalten hat. Er fühlt sich jetzt erwachsen und will mit diesem Kapitel abschließen. Schließlich ist er zwanzig Jahre alt und verdient seinen eigenen Lebensunterhalt. Außerdem kann sein Vater für ihn gar nicht mehr sorgen, seit er seinen gutbezahlten Regierungsjob verloren hat. Nach einigen gescheiterten Versuchen, sich selbständig zu machen, arbeitet Basam jetzt für einen bescheidenen Lohn als Buchhalter in einer Fabrik, die Motoröle erzeugt. Damit kann er allerdings nicht einmal die Hälfte des Lebensunterhalts der beiden Haushalte bestreiten. Zur Unterstützung erhält er immer wieder ein paar Scheine von den wohlhabenden Eltern seiner zweiten Frau, damit er den aufwendigen Lebensstil seiner drei Töchter finanzieren kann. Tarek hingegen muss vor seinen reichen Freunden verbergen, dass er immer wieder auf der Baustelle arbeitet. Wenn er hinfährt, zieht er sich, passend zu dem teuren Viertel, in dem er lebt, saubere Kleidung an und nimmt seine Arbeitskleidung im Rucksack mit. Auf dem Heimweg hat er wieder saubere Kleidung an und achtet sehr genau darauf, dass seine Hände und Haare gewaschen sind und ihn keinerlei Spuren der Baustelle verraten.
Seine engsten Freunde aus dem Barzeh-Viertel sind Söhne von Offizieren, wichtigen Beamten oder reichen Händlern. Er bemüht sich, mit ihnen Schritt zu halten, und das gelingt ihm auch meistens, selbst wenn sie fast jeden Abend essen gehen. Oft behauptet er, gerade gegessen zu haben, doch in Wahrheit hat er kein Geld. Er hat sich damit abgefunden, als Einziger kein Auto zu besitzen. So wird er von seinen wohlhabenden Freunden eben jeden Abend abgeholt. Sie schätzen seine Unternehmungslust und seine spannenden Geschichten.
Mittlerweile sind sie bei Tareks Universität angekommen. »Die Shisha nicht vergessen! Heute Abend schauen wir uns bei Adnan eine neue Folge von ›Lost‹ an, ich hole dich ab!« Tarek nickt und küsst Nauras vor dem Aussteigen links und rechts auf die Wangen.
Die Sonne strahlt heiß und kündigt einen glühenden, windstillen Mittag an. Er geht durch die Unterführung zur Universität, wo sich schon viele hundert Studenten aufhalten. Es ist ein riesengroßes Gelände, alle Fakultäten befinden sich an diesem Ort: Medizin, Psychologie, Literatur und noch viele andere sind hier in den verschiedenen Gebäuden untergebracht. Hier befinden sich auch zwei riesige mehrstöckige Gebäude, in denen Studenten aus ganz Syrien wohnen – in einem Gebäude die Männer, im anderen die Frauen. An der Universität Damaskus sind immerhin rund 90 000 Studenten aus dem ganzen Land inskribiert. Obwohl es in Aleppo, Latakia und Homs auch große Universitäten gibt, hat das Studium an der Universität der Hauptstadt doch für viele einen besonderen Glanz.
Als Tarek aus der Unterführung kommt, fällt ihm die Menge auf, die sich am Eingang versammelt hat. Er nähert sich dem Torbogen und erblickt Sakers gigantisches Auto, das jeder auf der Uni kennt. Es ist nicht der einzige Hummer in Damaskus, aber er ist auf jeder Seite mit den riesengroßen Portraits des Präsidenten beklebt. »Du scheinst meine Worte nicht zu verstehen, bist du neu hier?«, brüllt Saker den Torwächter an. Der Sohn des Obersts hat mit seinen 22 Jahren schon eine Halbglatze, sein restlicher Körper ist allerdings so stark behaart, dass sich die Brusthaare aus dem Kragen seines T-Shirts herauskräuseln. Er hat dunkle Augenringe und einen schwammigen Körper, der Alkoholkonsum hat schon in jungen Jahren seine Spuren hinterlassen.
»Ich verstehe Sie, aber ich habe klare Anweisungen vom Rektor, keine Fahrzeuge von Studenten auf das Gelände fahren zu lassen«, erwidert der Torwächter.
»Du hast keine Ahnung, mit wem du sprichst. Wenn du das Tor nicht öffnest, wirst du es dein Leben lang bereuen!« Saker wird sichtlich aggressiver.
»Es tut mir leid, ich kann nicht –«
Während der Torwächter spricht, blickt Saker in die Runde der Schaulustigen, legt hastig den ersten Gang ein und fährt los. Die beiden Torflügel halten dem Druck nicht stand und schwingen auf, Saker fährt zum Parkplatz der Professorinnen und Professoren. Tarek schaut den erstarrten Torwächter mitleidig an. Er würde ihm gerne beistehen, weiß aber nicht, was er sagen soll. Die anderen anscheinend auch nicht, denn alle gehen wortlos an ihm vorbei. Das ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Tarek verschwindet mit allen anderen. »Wie schafft es die Ungerechtigkeit, zur Normalität zu werden?«, fragt er sich im Weitergehen.
Syrische Wüste, August 2015
Einer der IS-Kämpfer schleudert die Frau in den Kofferraum des Jeeps. Ihr Rucksack fliegt auf ihren Kopf. Der größere der beiden Männer setzt sich neben den Fahrer des Autos, der andere steigt hinten ein. Der, der sich nach vorne gesetzt hat, spricht in sein Walkie-Talkie: »Fahr los, Bruder, wir warten hier noch kurz, wir müssen einen Kilometer Abstand zwischen den Fahrzeugen halten.« Seine Stimme klingt rau und emotionslos. Der zweite schwarze Jeep, der vor ihrem Fahrzeug steht, fährt sofort los. Er verlässt die asphaltierte Straße und biegt auf einen schmalen Schotterweg ein.
»Abu Khadeifa, der Bus steht noch! Der Busfahrer hat deine Anweisung anscheinend nicht verstanden«, sagt der jüngere Kämpfer, der hinten sitzt, nach einem Blick durch die Heckscheibe. Seine Stimme ist hell und sein Arabisch gebrochen, die gefesselte Frau im Kofferraum hat den Eindruck, dass er kein Syrer ist. Abu Khadeifa schaut zum Bus, schüttelt den Kopf und steigt mit der Kalaschnikow im Anschlag aus dem Auto.
Es ist Mittag, die Sonne steht genau über ihnen und brennt erbarmungslos auf die vegetationslose Steinwüste. Zwischen Deir ez-Zor und Al-Hasaka leben nur giftige Reptilien.
Abu Khadeifa klopft mit der flachen Hand auf die Karosserie des Busses. »Ich habe dir gesagt, fahr los. Verstehst du kein Arabisch! Die Frau gehört uns, vergiss sie!«, schreit er und schaut den Fahrer mit wutverzerrtem Gesicht über den Seitenspiegel an. Der Fahrer blickt starr vor Angst nur geradeaus, genauso wie alle anderen Fahrgäste, die nicht in der Lage zu sein scheinen, den Kopf zu bewegen. Eine lähmende Angst schwebt im ganzen Bus.
Abu Khadeifa blickt dauernd in den Himmel, das ist wie ein Zwang, denn die Angriffe der Kampfjets haben bereits viele von ihnen das Leben gekostet. Daher hält er beständig nach Kampfflugzeugen Ausschau, obwohl er weiß, dass es, wenn er sie sieht, schon zu spät ist, um zu fliehen, die Jets feuern ihre Schüsse auf drei Kilometer Entfernung ab.
Der Busfahrer kann nicht reagieren. Obwohl er diese Strecke seit zehn Jahren fährt und sein Bus seit Beginn des Krieges mehrmals von Bewaffneten aufgehalten worden ist, verlassen ihn diesmal seine Nerven, denn es ist das erste Mal, dass sie eine Passagierin gefangennehmen. Seine Hände zittern und sein Gesicht ist aschfahl. Die flehenden Schreie der entführten Frau, die er noch immer im Ohr hat, zerreißen sein Inneres. Abu Khadeifa senkt den Blick wieder in den Seitenspiegel, schüttelt den Kopf, lädt durch und schießt eine Salve in die Luft. Die Passagiere im Bus reagieren alle gleichzeitig, sie ducken sich und machen sich so klein wie möglich. Der Fahrer zuckt zusammen, legt den ersten Gang ein und fährt los.
»Bruder, der Abstand ist schon groß genug, fahrt ihr los?«, meldet sich das Walkie-Talkie des ersten Jeeps.
»Ja, Bruder, wir sind hinter euch, Allah ist der Beschützer«, sagt Abu Khadeifa, steigt ins Auto und gibt dem Lenker durch eine Handbewegung zu verstehen, er solle losfahren.
Die Schotterstraße ist in schlechtem Zustand, voller Schlaglöcher und Steine. Nach einer halben Stunde ist der Frau im Kofferraum schwindlig und übel. Sie fühlt sich seekrank und unter dem schwarzen Stoffsack, der ihr über den Kopf gezogen wurde, ist es mittlerweile heiß wie in der Hölle. Sie löst sich langsam aus ihrer Erstarrung und versucht, sich von ihren Fesseln zu befreien. Sie zieht den schwarzen Stoff in ihre Mundhöhle, um ein Loch hineinzubeißen, damit sie mehr Luft bekommt.
»Tschetschene, schau nach, was da hinten los ist, die Geräusche nerven mich.« Abu Khadeifa spricht zu dem Kämpfer auf dem Rücksitz. Der Tschetschene löst den Knoten um den schwarzen Sack und zieht ihn der Frau vom Kopf. Beim Versuch, den ersten tiefen Atemzug zu nehmen, erbricht sie. Sie beginnt heftig zu weinen, wagt es aber nicht, zu schreien, da ihr das Gesicht von Abu Khadeifas Ohrfeige noch immer heftig schmerzt. »Ich werde das Auto sicher nicht putzen. Entweder machst du das oder irgendein Gefangener«, erklärt der Fahrer mit angewidertem Gesicht dem Tschetschenen.
Die Frau merkt, dass das Auto inzwischen wieder auf einer asphaltierten Straße fährt. Sie ist nach wie vor gefesselt, aber der schwarze Sack ist weg. Auch hört sie Geräusche von Menschen und anderen Autos. Sie scheinen nach einer endlosen Stunde Fahrt in ein bewohntes Gebiet gekommen zu sein. Sie sind in Arraqa, wie sie später erfahren wird. Endlich hält das Auto an. Die Männer steigen aus, der Tschetschene und Abu Khadeifa öffnen den Kofferraum und ziehen die Frau und ihren Rucksack heraus. Ihre Angst wächst wieder und ihr Herz beginnt noch heftiger zu klopfen, als sie die bewaffneten Männer sieht, die IS-Flaggen auf den Gebäuden, die von Mauern aus Sandsäcken umgeben sind, und die verschleierten Frauen. »Was habt ihr heute mitgebracht, Brüder?«, fragt einer der Wächter am IS-Gerichtsgebäude, das früher das Magistrat war. Abu Khadeifa meint selbstbewusst: »Etwas, das ausländische Kämpfer nicht bekommen: eine Alawitin, Bruder!«, sagt er, während er die Frau nach vorne drängt.
Nicht nur Abu Khadeifa, sondern die meisten syrischen IS-Anhänger spüren ihre Unterlegenheit den ausländischen Mitkämpfern gegenüber immer stärker. Diese brüsten sich damit, ihr luxuriöses Leben in Europa aufgegeben zu haben, um das islamische Kalifat wieder ins Leben zu rufen und die unterdrückten Syrer und Iraker von ihrem Leid zu befreien. Dieses Argument verschafft ihnen Führungspositionen und das Recht auf alles, was sie begehren. Abu Khadeifa, der vor dem Krieg als Bäcker in Arraqa gearbeitet hat, musste seine fünfzehnjährige Schwester mit lächelndem Gesicht einem Pakistani aus Irland zur zweiten Ehefrau geben, obwohl dieser bereits mit seiner schwangeren Frau und seinem Kind eingereist war. Abu Khadeifa redete sich ein, dass diese Heirat einem höheren Zweck diente, aber der Schmerz scheuerte an seinem Herzen wie ein Seil, das ständig über eine scharfe Kante gezogen wird. Er wusste, dass seine Schwester wie die Dienerin der ersten Frau gehalten wurde und gelegentlich, wenn es günstig war, dem Mann auch für seine sexuellen Vergnügungen zur Verfügung stehen musste. Daher hatte er Angst, dass es ihn irgendwann einmal zerreißen könnte und er dann als Verräter der Sache des IS dastehen würde und eine harte Strafe verbüßen müsste. Wenn Abu Khadeifa mit seinen Vertrauten darüber spricht, heißt es: »Leg dich nicht mit ihm an. Der Ire hat durch seine Kontakte mit dem Ausland viel Einfluss. Schließlich hat er dem IS sehr viel Unterstützung zukommen lassen.«
Die Frau traut ihren Augen nicht. Während sie in das riesige Gerichtsgebäude geführt wird, sieht sie auf dem Zaun, der mit spitzen Stangen den ganzen Bereich umgibt, drei Köpfe aufgespießt.
Es ist nur einige Tage her, dass diese Männer vor einer Menschenmenge aus Männern, Frauen und Kindern als angebliche Regime-Spione enthauptet wurden. Es war nicht das erste Mal, dass in der Mitte des geräumigen Kreisverkehrs solche Aktionen stattfanden, nicht nur Spione, sondern auch Homosexuelle und andere missliebige Personen werden hier öffentlich hingerichtet. Die Kameras liefen und das Video der Enthauptung wurde weltweit in den Nachrichten ausgestrahlt.
Langsam löst sich ihre Erstarrung und sie beginnt wieder zu weinen. »Was mache ich hier? Wo bin ich? Ich mache alles, was du willst! Aber lass mich bitte wieder gehen!«, fleht sie Abu Khadeifa an. Da schlägt er sie wieder ins Gesicht. In ihrem Ohr beginnt es zu rauschen. Wortlos führt er sie in das Gebäude und die Stiegen hinunter in das Untergeschoss. Sie betreten einen Raum, der wie ein Büro eingerichtet ist. Drinnen sitzen zwei Männer, die etwas gepflegter aussehen. Sie tragen Zivilkleidung und scheinen keine Kämpfer zu sein, aber direkt über ihnen hängen neben einer großen IS-Flagge zwei Kalaschnikows an der Wand.
»So, bitteschön, hier eine fette Beute. Eine Alawitin«, mit diesen Worten stößt Abu Khadeifa die Frau vor dem Schreibtisch auf den Boden und legt mit überlegener Geste ihren Ausweis vor die Männer hin. »Dokumentiere das und schreib meinen Namen dazu, ich möchte, dass mein Einsatz entsprechend gewürdigt wird und in der Berichterstattung auch vorkommt.« Der IS hat zu dieser Zeit mehrere Medienkanäle, unter anderem einen Fernsehkanal, in dem entsprechende Kampagnen gesendet werden.
Der Mann hinter dem Schreibtisch nimmt den Ausweis in die Hand und studiert ihn genau. »Wie – Alawitin, sie trägt Kopftuch, und hier steht, dass sie in Damaskus geboren ist und Nadia heißt«, wendet er ungläubig ein. »Eine ihrer Mitreisenden hat sie verraten, sie soll Sanaa heißen«, erklärt Abu Khadeifa.
»Die Frau im Bus muss den Verstand verloren haben. Ich bin Nadia, eine Sunnitin! Ich war auf dem Weg zu meinem Mann, der in Erbil arbeitet«, versucht Sanaa mit zitternder Stimme die Situation zu retten, aber der Mann hinter dem Tisch wirft ihr einen bitterbösen Blick zu. »Halt den Mund, die Stimme einer Frau ist wie ihre Haut, sie darf vor fremden Männern nicht sprechen«, weist er sie zurecht. Dann wendet er sich an den anderen, der sichtlich sein Untergebener ist:
»Abu Faruk, nimm sie und ihren Rucksack mit in den Frauentrakt und lass die Schwester ihre Identität überprüfen.«
Damaskus, Juni 2010
In Tareks Vorlesung geht es heute um den berühmten Kalligraphen Abu Ali Muhammad ibn Ali ibn Muqla, oder einfach gesagt Ibn Muqla, der die arabische Schriftkunst grundlegend verändert hat, als er die Grundlagen für die Kalligraphie erstellte. Er ist sozusagen der Pate der arabischen Schrift. Sein Leben ist ein Symbol für die Unterdrückung von Innovationen im Namen der Religion. Im Jahr 928 erhielt er einen Ministerposten in einem abasischen Kalifat in Bagdad. Er reformierte die arabische Schrift, die er durch das Hinzufügen von Buchstaben, zum Beispiel p, g und v, moderner und internationaler gestalten wollte. Man unterstellte ihm jedoch, durch diese Ergänzungen den Koran zu verändern. Daraufhin wurde er als Minister abgesetzt und nach Shiraz in Persien verbannt. Er arbeitete dort aber weiter an seinem Vorhaben, was den Kalifen veranlasste, ihn verhaften und seine rechte Hand abhacken zu lassen. Auch das hielt Ibn Muqla aber nicht davon ab, an seinen Ideen weiterzuarbeiten und in Shiraz eine Schule zu gründen, um seine Künste zu verbreiten. Der Kalif ließ ihn erneut verhaften und ihm zur Strafe die Zunge abschneiden. Im Gefängnis starb er schließlich. Heute findet man in der persischen Schrift, die der arabischen weitgehend gleicht, diese drei Buchstaben.
Diese Geschichte interessiert Tarek, er liebt die arabische Schrift und ihre Kalligraphie. Später, in der Bibliothek, sucht er einige weiterführende Skripten heraus und blättert sie durch. In diesem Moment nimmt er einen schwachen Parfumduft wahr, der seinen Körper durchströmt und ihn förmlich elektrisiert. Er hebt den Kopf, denkt sekundenschnell an Sanaa, und zu seiner Überraschung steht sie tatsächlich ihm gegenüber bei einem Regal und sucht ein Buch. Sein Puls schießt in die Höhe und er spürt, wie ihm das Herz im Hals schlägt. Sanaa stellt sich gerade auf die Zehenspitzen und möchte ein Buch aus der obersten Reihe nehmen. Tarek hat das erste Mal Gelegenheit, ihre Figur etwas genauer zu bewundern. Sie trägt enge, schwarze Jeans und eine weiße, kurzärmelige Bluse. Ihre Kleidung sitzt wie angegossen, als wäre sie von einem Schneider extra für sie gemacht worden. Tarek kann den Blick nicht abwenden, so vernarrt ist er in sie. Er ballt die Hand zur Faust und entschließt sich, sie jetzt anzusprechen. Er nimmt sich vor, sie zu fragen, ob sie ihm für seine nächste Prüfung Tipps geben kann. Er steht auf, macht einen Schritt auf sie zu, dann zögert er wieder und dreht sich weg, nimmt ein Buch in die Hand. Sanaa steht noch vor dem Regal, blättert, während sie Tarek aus den Augenwinkeln beobachtet. Tarek reißt sich zusammen und macht einen Schritt auf Sanaa zu. »Guten Morgen!«, lächelt er breit. Sie erwidert den Gruß und lächelt freundlich zurück. Tarek ist von diesem Lächeln verzaubert, für ihn bleibt in diesem Moment die Erde stehen.
Er hat vergessen, was er sagen wollte, und stammelt: »Ich weiß, wir wohnen im selben Viertel, ich wollte mich einmal vorstellen. Mein Name ist Tarek.« Er ist erleichtert, diesen Schritt gemacht zu haben, und schaut sie mit großen verliebten Augen an. Beide schweigen kurz. »Ich habe vergessen, was ich sagen wollte«, gibt Tarek dann lächelnd zu.
»Ja, ich bin auch vergesslich, das passiert mir oft. Aber wenn es dir wieder einfällt, kannst du mich anrufen«, erwidert Sanaa und öffnet ihm damit eindeutig eine Tür. Wenn Tarek sein Herz sprechen ließe, würde er sagen: »Du bist die schönste Frau, die jemals auf dieser Welt gelebt hat. Ich bin so sehr in dich verliebt, und wenn es keinen Gott gäbe, würde ich dich anbeten«, aber das sagt man nicht. Tarek zieht sein Handy aus der Tasche und reicht es ihr. Sie tippt blitzschnell ihre Nummer ein und gibt es ihm zurück. Dabei streifen ihre Finger scheinbar unabsichtlich seine Hand, während sie sich in die Augen blicken. Tarek ist wie elektrisiert, er kann es kaum glauben, er hat Sanaa berührt.
»So, jetzt muss ich gehen. Meine Freundinnen warten draußen«, lächelt sie ihm zu, dreht sich um und geht. Tarek bleibt unbeweglich stehen und schaut ihr nach. Er blickt auf sein Handy und speichert die Nummer unter »Traumfrau«.
Dann läuft er schnell hinaus zu der Bank vor dem Fakultätsgebäude für Literatur, bei der er sich immer mit seinen Freunden trifft. In dem großen Garten gibt es mehrere Bänke, eine davon ist »ihre«, und ohne sich etwas auszumachen, finden sie sich immer dort. Tareks Freunde teilen seine kritische Haltung gegenüber dem Regime, und wenn sie unbeobachtet sind, drehen sich ihre Gespräche immer um Politik. Als er die Bank erreicht, sitzen dort schon Mohanad und Hibba, mit denen er seit Studienbeginn befreundet ist. Mohanad ist ein zuvorkommender blonder Syrer mit blauen Augen, der wie ein Skandinavier aussieht, dessen Familie aber schon seit Generationen in Damaskus lebt. Aber wer sich mit der Geschichte der Stadt auskennt, wundert sich nicht über das unterschiedliche Aussehen ihrer Menschen. Wenn Mohanad mit seinem breiten Damaszener Dialekt spricht, wirkt es wie ein synchronisierter Film, weil sein Aussehen nicht zu seiner Sprache passt. Hibba kommt aus Hama und lebt seit drei Jahren mit ihrem Bruder in einer der wilden Siedlungen am Rand von Damaskus, in denen ohne Planung drauflosgebaut wird und wo jeder sich selbst darum kümmern muss, sein Haus mit Strom und Wasser zu versorgen. Wegen der unzähligen Kabel für Strom und Telefon, die einander völlig willkürlich überschneiden, sieht man den Himmel kaum. Hibba ist wortgewandt und politisch sehr interessiert. Sie ist eine entschiedene Gegnerin der herrschenden Baath-Partei, denn ein Großteil der Familie ihres Vaters wurde 1982 in dem Massaker von Hama ermordet.
Tarek nähert sich der Bank mit Tanzschritten und einem Lied auf den Lippen. »Was ist los? Einen so glücklichen Tarek haben wir noch nie gesehen«, wundert sich Mohanad. »Sie hat mir ihre Nummer gegeben, sie hat mir ihre Nummer gegeben!« Hibba und Mohanad schauen ihn mit großen Augen an. »Sanaa?«, fragt Hibba.
»Ja, und ich habe sogar ihre Hand berührt«, sagt Tarek und tanzt weiter.
»Gratuliere! Aber du bist doch kein Höhlenbewohner, der noch nie eine Frau berührt hat«, wundert sich Mohanad.
»Das war keine Berührung, das war ein göttlicher Augenblick. Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt!«, erklärt Tarek und betont seine Worte mit breiter Gestik.
»Ich freue mich für dich. Aber wie weit, glaubst du, wirst du mit ihr gehen? Du hast sicher nicht vergessen, welcher Konfession sie angehört!«, versucht Hibba, Tarek wieder auf den Boden zurückzuholen. Tarek zuckt die Schultern und antwortet nicht. »Sie ist Alawitin und die Tochter eines Hochrangigen. Wenn du mehr als eine Freundschaft willst, wirst du Unruhe auslösen. Alawiten geben nie einem Sunniten ihre Tochter zur Frau!«, setzt Hibba fort, und ihr Hass auf die Alawiten ist spürbar. »Jetzt zerstör doch nicht die Freude eines Verliebten, er muss sie ja nicht gleich heiraten!«, meint Mohanad. »Außerdem weiß jeder hier auf der Uni, dass der durchgeknallte Saker ständig Sanaas Nähe sucht. Die sind auch Alawiten, und Sanaas Vater wird seine Tochter sicherlich eher dem Sohn eines hohen Geheimdienstlers geben als dir«, wendet Hibba noch ein.
»Da hat Hibba zwar recht, aber jetzt hast du so lange auf diesen Moment gewartet und uns mit deinen Plänen gelöchert. Wir müssen feiern, dass du sie endlich angesprochen hast! Du lädst uns jetzt auf einen Tesqehe bei Buz-Al-Gedi ein!«, schlägt Mohanad vor. Das Restaurant Buz-Al-Gedi liegt in der Shaalan-Straße, nicht weit vom Universitätsgelände, und ist berühmt für traditionelle Damaszener Gerichte.
»Nicht nur Tesqehe, ich kaufe euch das ganze Restaurant!«, ruft Tarek überschwänglich.
»Und die Vorlesung?«, wendet Hibba ein.
»Komm, lass uns gehen. Professor Smail erzählt in der ersten Stunde ohnehin nur von den Problemen mit seiner Frau. Ich kaufe nachher in der Bibliothek eine Zusammenfassung der Vorlesung«, wischt Tarek Hibbas Einwand euphorisch zur Seite und geht bereits los.
Nur vom Denken an das köstliche Frühstück aus Kichererbsen und gebratenen Fladenbrotstücken in einer Soße aus Joghurt, Sesampaste und Zitronensaft läuft den dreien das Wasser im Mund zusammen. Sie verlassen das Gelände über den Weg des Jasmins, einen kurzen Pfad durch den Garten, an dessen beiden Seiten Jasminsträucher zu einem Tunnel zusammengewachsen sind. Es riecht intensiv nach den weißen Blüten, ein Geruch, der in die Seele eindringt und Tote wieder zum Leben erweckt.
Arraqa, August 2015
Abu Khadeifa folgt Abu Faruk, der Sanaa mitgenommen hat, und sie steigen die Treppen hinauf. Die unteren Ebenen sind den Funktionären, hochrangigen Kämpfern und dem Gericht vorbehalten. In den oberen Stockwerken sind die Gefängnisse. Ganz oben sind die bedeutendsten Gefangenen untergebracht. Alle Gegner des IS wurden davon in Kenntnis gesetzt, damit dieses Gebäude vor Luftangriffen geschützt ist. Am Treppenabsatz zum vierten Stock müssen die Männer zurückbleiben. »Du weißt, dass der vierte Stock den Frauen vorbehalten ist«, sagt ein Wärter, der den Eingang zum Frauenbereich bewacht. Abu Khadeifa ist kurzzeitig irritiert. »Mich beschäftigt etwas, ich bin mir über die Identität dieser Frau nicht sicher«, stottert er. Dann fasst er sich und setzt fort: »Ich muss mit Um Baakr über den Vorfall reden und ihr von meinen Zweifeln berichten. Meine Beobachtungen werden ihr bei der Befragung sicher helfen.« Der Soldat schaut ihn zweifelnd an. »Bleibt hier stehen, ich hole sie«, erklärt er und verschwindet hinter der großen Tür. Der Zutritt zum Frauenbereich ist für alle Kämpfer ausnahmslos verboten. Vor dieser strikten Regelung gab es massive Probleme, weil immer wieder Kämpfer um bestimmte Frauen gestritten haben.
Nach einigen Minuten öffnet sich die Tür und eine Frau in Uniform geht auf Abu Khadeifa zu. »Was willst du mir sagen?«, fragt sie mit ihrer tiefen, fast männlich klingenden Stimme und baut sich vor ihm auf. Abu Khadeifa tritt einen Schritt zurück. So wie alle anderen Kämpfer hat er Scheu vor Um Baakr. Sie ist ungefähr vierzig, ihr Gesicht ist durch eine Brandnarbe entstellt, eine Augenbraue fehlt, der Mund ist verzogen. Alle haben Respekt vor ihr, nicht wegen ihrer etwas beängstigenden Erscheinung, sondern weil sie als erste Frau im IS eine wichtige Funktion bekam und Alleinherrscherin über das vierte Stockwerk ist.
In diesem Gerichtsgebäude werden alle straffällig gewordenen Frauen und insbesondere die Sabaya festgehalten und auf die nächstmögliche Ehe vorbereitet. Sabaya sind Frauen anderer Religionen, die im Krieg »erbeutet« wurden. Der IS bestimmt sie als Sklavinnen für die Kämpfer. Besonders gilt das für Jesidinnen und Alawitinnen. Christinnen haben die Möglichkeit, Algesia zu zahlen, Tribut, Steuer, um ihren Glauben behalten zu dürfen. Für arme Christinnen beträgt diese Algesia einhundert Euro, das ist viel Geld, reiche hingegen werden mit sechshundert Euro besteuert. Christen werden als »Träger des Heiligen Buches« gesehen, daher ist diese Religion anerkannt. Jesiden, Alawiten wie auch Schiiten gelten als Abtrünnige und haben nur die Wahl, sich zum »richtigen« Islam zu bekennen oder getötet zu werden. Die Frauen aber können versklavt werden und dürfen an Kämpfer für ungefähr 1500 Euro – das entspricht dem Preis einer Kalaschnikow – verkauft werden.
»Es ist wegen dieser Frau«, erklärt Abu Khadeifa fast unterwürfig. »Wir haben ihr Gepäck und ihre Papiere an der Sicherheitskontrolle untersucht. Und nichts deutet darauf hin, dass sie Alawitin ist. Aber die Frau, die im Bus neben ihr saß, hat uns nachdrücklich versichert, dass sie an der Grenzstelle von einem Regime-Söldner erkannt und mit dem Namen ›Sanaa‹ angesprochen wurde. Sie hat den Söldner gebeten, mit ihr kurz den Bus zu verlassen, und ist nach einigen Minuten wieder eingestiegen. Das schien der Frau neben ihr verdächtig und sie hat versucht, auf dem Handy mitzulesen. Dabei hat sie festgestellt, dass diese Sanaa Alawitin ist.«
Um Baakr nickt und stellt fest: »Das ist meine Arbeit. Ich weiß schon, wie ich das mache.« Sie dreht sich um, gibt Abu Faruk den Befehl, mit Sanaa in das letzte Zimmer am Flur zu gehen und danach sofort wieder auf seinen Posten im Erdgeschoss zurückzukehren, und verschwindet wieder hinter der Tür, durch die sie gekommen war.
Arraqa, August 2015
Ich werde durch einen langen Flur mit vielen Türen geführt. Manche sind geschlossen, einige sind offen, in diesen Zellen sitzen Frauen mit angstvollem Gesichtsausdruck, manche sind gefesselt. Uns kommt eine Frau in Uniform entgegen, die zwei aneinandergefesselte Frauen hinter sich herzieht. Beide tragen ein weißes Gewand, das ihren Körper fast vollständig bedeckt, und bewegen sich, ohne eine Miene zu verziehen, wie seelenlose Roboter. Ich blicke in ihre Gesichter und ihre Augen sind leer. »Für wen sind diese Frauen, Schwester?«, fragt Abu Faruk neugierig.
»Es sind abtrünnige Jesidinnen für zwei unserer heldenhaften Brüder an der südlichen Front.« Abu Faruks Augen beginnen bei diesen Worten lüstern zu glänzen.
Meinen Körper durchzuckt es wie ein Blitz, als ich höre, was für ein Schicksal vermutlich auch mich erwartet. Abu Faruk öffnet wie angewiesen die letzte der Türen, schiebt mich in die Zelle und fordert mich auf, mich auf den Boden neben eine kauernde Frau zu setzen. Sie hat ihren Kopf auf die Knie gelegt und blickt nicht auf. Er stößt mich zu Boden und hockt sich vor mich hin. Er starrt mich an und blickt immer wieder zwischen meinen Augen und meinem Mund hin und her. Er rutscht immer näher an mich heran. »So eine Schönheit hat unser Gebäude noch nie vorher betreten. Wenn du wirklich eine Alawitin bist, wirst du sicher schnell gekauft werden. Leider habe ich für dich kein Geld mehr, ich habe mein ganzes Geld für eine bei weitem hässlichere Frau ausgegeben«, flüstert er und kommt immer näher. Ich spüre schon seinen heißen Atem, und es ekelt mich vor dem Geruch nach Rauch. Ich versuche, meinen Kopf gegen die Wand zu drücken, um möglichst weit von Abu Faruk weg zu sein. Die Frau neben mir bricht in Tränen aus. »Das Militär wird bald kommen. Sie werden uns sicher befreien!«, stößt sie unter Schluchzen hervor, ohne ihren Kopf zu heben. Abu Faruk schlägt sie auf den Kopf, um sie zum Schweigen zu bringen: »Hör auf, du jesidisches Miststück!«
Da öffnet sich die Tür und Um Baakr stürzt herein: »Warum sitzt du so nah bei ihr! Abu Faruk, steh auf und verschwinde!«
Abu Faruk erhebt sich enttäuscht und geht mit langsamen Schritten hinaus. Um Baakr blickt zu uns beiden. Da bemerkt sie Blut auf dem blauen Kleid der Jesidin. »Bist du verletzt oder hast du deine Periode?« Die Frau antwortet nicht. Um Baakr ruft laut nach einer Soldatin. »Marua!« Dann wendet sie sich wieder an die Jesidin: »Du solltest dich auf diese Ehe einlassen! Wenn du so weitermachst, wirst du nicht überleben. Du solltest deinem Ehemann gehorchen.«
Marua steht in der Tür. »Was befehlen Sie?«, fragt sie. An ihrem Dialekt erkenne ich, dass sie aus dem Maghreb kommt, vielleicht ist sie eine jener Tunesierinnen, die sich dem IS angeschlossen haben, weil sie dem Aufruf eines ägyptischen Scheichs gefolgt sind, sich als Sexualpartnerinnen zur Verfügung zu stellen, um den Kämpfern Entspannung während der harten Kämpfe zu bringen und Nachkommen für das Kalifat zu gebären.
»Marua, nimm sie mit und schau nach, warum sie blutet«, befiehlt Um Baakr.
Marua zerrt die Frau grob in die Höhe und stößt sie aus dem Raum. Um Baakr wirft mir einen schneidenden Blick zu und richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich. Sie zieht meinen Ausweis aus der Tasche, die sie vorher von Abu Faruk bekommen hatte.
»Antworte mir schnell auf meine Fragen, ohne lang nachzudenken. Wie heißt du, mit vollem Namen«, fordert Um Baakr mich auf.
»Nadia Mohamed Thabet,« antworte ich, ohne zu zögern.
»Wann bist du geboren?«
»Am 9.4.1990.«
»Wo wurde dein Ausweis ausgestellt?«
» Sarouja, Damaskus Stadt.«
»Wann wurde er ausgestellt?«
Da zögere ich: »Ich kann mich nicht erinnern.«
»Gut«, sagt Um Baakr, »es wäre verdächtig, wenn du das auswendig wüsstest.«
Ich vermeide während dieser Befragung jeden Augenkontakt und schaue zu Boden. Nach einigen Augenblicken des Schweigens verlangt Um Baakr von mir, mich nackt auszuziehen. Sie untersucht meine Kleidung und auch meinen Körper ganz genau. Wonach sie sucht, sagt sie nicht. Anschließend untersucht sie meinen Rucksack akribisch, während ich mich wieder anziehe. In einer Außentasche findet sie mein Handy und steckt es sofort in ihre Hosentasche. »Das schaue ich mir später an.« Dann kramt sie weiter. »Und was ist das?«, fragt Um Baakr und zieht einen Plastikbeutel voller Medikamentenschachteln heraus und schüttelt ihn. »Das sind meine Medikamente«, sage ich mit leiser Stimme. »Was hast du?«, will Um Baakr wissen und zieht eine Augenbraue in die Höhe. Ich zeige mich irritiert und zögere mit der Antwort.
Um Baakr schaut mich noch immer abwartend an. »Ich habe diese Medikamente nur zur Vorsorge mit«, antworte ich mit zitternder, unsicherer Stimme. Um Baakr sieht sich die einzelnen Schachteln genauer an. »Glaubst du, ich bin dumm? Das sind keine normalen Schmerzmittel, das sind Spritzen und Hormonpräparate.« Ich gebe mich wieder irritiert und schweige. Um Baakr wird ärgerlich, packt mich am Kopftuch und drückt mich gegen die Wand. Ihr wütendes Gesicht kommt ganz nah und sie schreit in mein Ohr: »Du bist hier nicht von einer kleinen Bande entführt worden. Wir sind ein Staat, wir haben Ärzte und Krankenhäuser. Rück einfach mit der Wahrheit heraus!«
Da beginne ich mit weinerlicher Stimme zu erzählen: »Ich habe Gebärmutterkrebs und ich habe gehört, dass im Islamischen Staat Menschen mit unheilbarer Erkrankung gnadenhalber getötet werden.« Ich bin gerade selbst überrascht von meiner Fähigkeit zu schauspielern. Dass ich eine so begabte Lügnerin bin, habe ich bisher nicht gewusst. Die Medikamente sind in Wirklichkeit für die Schwester meiner Freundin Samah bestimmt, die in Erbil lebt. Krebsmedikamente sind in Syrien trotz des jahrelangen Krieges immer noch billiger als im Irak. Sie zu meiner Verteidigung zu verwenden, war nicht geplant. Auch die Idee der Euthanasie ist mir erst jetzt gekommen, um überzeugend zu wirken.
»Was für ein Schwachsinn! Wer hat dir so etwas erzählt? Jeder, dem langweilig ist, erzählt irgendwelche Märchen über den IS.« Um Baakr ist verärgert. Wir schweigen beide. Ich setze mich auf das kleine Bett, das als einziger Einrichtungsgegenstand in dem schmalen Zimmer an der Wand steht, und starre auf den Boden. Um Baakr schaut mich nachdenklich an. »Bist du gerade rein, um beten zu können?«, fragt sie. Ich schüttle den Kopf. »Dann komm mit mir auf die Toilette, um den Wudū zu machen.« Als Um Baakr die Türe der Toilette im Nebenraum öffnet, treffen wir dort Marua, die tunesische Soldatin, und die jesidische Frau, die gerade gekrümmt über dem Toilettenloch steht und erbricht.
»Ich kann nicht herausfinden, warum sie blutet, ich glaube nicht, dass es nur ihre Periode ist. Sie spricht nicht mit mir. Sollen wir sie ins Krankenhaus bringen?«, fragt Marua Um Baakr verzweifelt. »Nein. Bring sie ins Erdgeschoss in den Entlassungsraum, ihr irakischer Ehemann soll sie heute wieder abholen«, ordnet sie an. »Er soll sich darum kümmern. Er ist so stur, er hat seine Kalaschnikow verkauft, um den Kaufpreis für sie zusammenzubringen, er wird sich etwas einfallen lassen. Und, Marua, bevor du das machst, bring mir einen Gebetsteppich in das kleine Zimmer«, fügt sie hinzu.
Ich kann gerade kein Mitleid mit dieser Frau empfinden, ich bin ganz im Überlebensmodus und nur auf mich konzentriert. Ich nähere mich dem Waschbecken und beginne unter den scharfen Blicken Um Baakrs mit der rituellen Waschung. Ich wasche Kopf, Arme, Mund, Ohren und Füße dreimal, um beten zu dürfen.
Der Zustand der Toilette steht in krassem Widerspruch zur Idee der Reinigung. Becken und Fußboden sind sehr schmutzig. Ich mache so weit alles richtig, Um Baakr legt keinen Widerspruch ein. Zurück im Zimmer, stelle ich mich gleich auf den Gebetsteppich. »Zähl mir die fünf Säulen des Islam auf«, fordert Um Baakr zu überzeugen.
»Das Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammed ist sein Prophet, das Beten: die fünf Gebete am Tag, das Fasten, Al Zakat: soziale Pflichtabgaben, und die Pilgerfahrt nach Mekka«, antworte ich mit leiser Stimme. Wie alle Prediger des IS glaubt Um Baakr, dass Alawiten keine Moslems sind. Sie halten uns für Abtrünnige, für Alkoholtrinker, sie denken, dass wir Frauen ohne Kopftuch auf die Straße gehen dürfen und uns mit dem Islam nicht auskennen. Aber diese Vorurteile sind gerade von Vorteil, denn sie helfen mir, Um Baakrs zu überzeugen.
»In Ordnung, und was für eine Gebetszeit ist jetzt?«, fragt sie streng.
»Nachmittag, oder?«, antworte ich.
»Dann beginne jetzt«, nickt sie.
»Ist der Gebetsteppich in Richtung Mekka gelegt?«, frage ich sie.
»Bete jetzt«, herrscht mich Um Baakr an.
Ich spreche die Vorbereitungssätze, die ähnlich den Rufen des Muezzins vom Minarett sind, und bete nach sunnitischer Art. Als ich die letzten Worte im Knien ausspreche, breche ich in lautes Weinen aus. »Warum macht ihr das mit mir? Ich will nur zu meinem Mann nach Erbil! Lasst mich weiterreisen. Die Frau im Bus ist sicher dement«, stoße ich unter Schluchzen hervor.
»So einfach wirst du nicht wieder gehen dürfen, hör auf zu weinen, ich habe jetzt keine Zeit für dich«, mit diesen Worten ergreift Um Baakr meinen Rucksack und öffnet genervt die Türe.
»Warte kurz, lass mich bitte meine Medikamente nehmen. Kann ich noch ein Glas Wasser haben?«, bitte ich. Um Baakr schaut mich ein paar Sekunden regungslos an, dann nickt sie langsam und verlässt das Zimmer. Ich versuche, das Geschehene zu verarbeiten. Das kann doch nicht real sein? Das muss ein böser Traum sein. Ich denke verzweifelt nach, wie ich meinen Vater und Tarek über diese Ereignisse informieren könnte. Das war die dümmste Idee der Welt, durch das IS-Gebiet zu fahren … Möge Gott Salim Goldhands Hände brechen für diesen Plan! Nach einigen Minuten öffnet sich die Tür, ein Wächter und Marua begleiten Um Baakr, die mir eine kleine Wasserflasche und den Beutel mit den Medikamenten zuwirft.
»Warum sind alle Medikamente neu? Musst du nichts regelmäßig einnehmen?«, fragt sie misstrauisch.
»Doch, aber ich habe meine Handtasche mit den angebrochenen Schachteln im Bus liegen gelassen, als mich die Männer herausholten«, sage ich und bin wieder verwundert, wie schnell ich meine Lügen erfinde.
»Nimm deine Medikamente ein, du wirst jetzt ins Frauengefängnis gebracht. Du wirst dort in einigen Tagen von einem Arzt untersucht werden. Wenn du lügst, dann werde ich dich das Lügen bereuen lassen«, droht Um Baakr unmissverständlich. Als ich zwei willkürlich ausgesuchte Tabletten hinuntergeschluckt habe, packt mich der Wächter am Arm und zieht mich hinaus auf den Flur.
Beim Haupteingang wartet ein Auto auf uns. Bevor wir das Gebäude verlassen, legt Marua mir Handschellen an und stülpt einen dicht gewebten Stoffsack über meinen Kopf. Dann steigt sie mit mir in das Fahrzeug. Die Fahrt dauert ungefähr fünfzehn Minuten. Die zwei Männer, die uns begleiten, müssen beim Eingang zum Frauengefängnis, das von Kämpfern bewacht, aber von Kämpferinnen verwaltet wird, zurückbleiben. Marua übergibt mich an zwei Frauen, die mir den Sack vom Kopf ziehen. Sie nehmen mir das Kopftuch, meinen Gürtel und meine Schuhbänder weg und ohne weiter mit mir zu sprechen, führen sie mich in eine Einzelzelle im Erdgeschoss, die winzig klein ist und auf deren Boden nur zwei Decken liegen. »Du bekommst erst morgen zu essen«, sagt eine der Wächterinnen und wirft krachend die Metalltüre zu. In der Zimmerdecke ist eine schmale Öffnung, durch die als einzige Helligkeit das Licht einer Neonröhre dringt.
Damaskus, Juni 2010
Am Abend sitzt Tarek mit Nauras bei Adnan, sie schauen gemeinsam wie jeden Sonntag die neue Folge ihrer Lieblingsserie an. Adnan wohnt in derselben Gasse wie Tarek. Auch wenn sein Vater als Psychotherapeut nicht so viel verdient, haben sie zwei übereinanderliegende und durch eine Wendeltreppe verbundene Wohnungen in diesem fünfstöckigen Wohnblock ergattert. Adnan bewohnt die untere Wohnung alleine, sie ist ein beliebter Treffpunkt, um Shisha zu rauchen, fernzusehen oder einfach zu chillen. Sein Urgroßvater und sein Großvater waren Viehhändler in Nablus in Palästina. Nach der Vertreibung tauschten sie ihren ganzen Besitz in Gold, und Adnans Vater erbte ein riesiges Vermögen. Obwohl schon sein Vater in Damaskus geboren wurde, fühlt Adnan sich mit Palästina verbunden, und wenn über den Konflikt mit Israel gesprochen wird, erwidert er immer: »Wir werden zurückkehren.«
Ihnen hat sich auch Aiham angeschlossen, der ebenfalls im selben Viertel wohnt und gemeinsam mit Nauras an der Privatuniversität Wirtschaftswissenschaften studiert. Sein Vater ist Leiter der Finanzabteilung im Magistrat von Damaskus.
»Ich habe wirklich Pech, die Shisha mit dir zu teilen, her mit dem Schlauch«, fordert Aiham seinen Freund Tarek auf. Sie haben zwei Shishas, Nauras und Adnan teilen sich eine, Aiham und Tarek die andere. Aiham hat sich Tarek als Partner ausgesucht, weil dieser normalerweise nicht viel raucht, aber heute ist er angespannt und zieht ständig an der Shisha. »Du hast kein einziges Mal auf den Fernseher geschaut, interessiert dich das überhaupt?«, fragt Aiham, als er den Schlauch entgegennimmt.
»Lass ihn, er ist nur physisch da«, grinst Nauras. Tarek hält die ganze Zeit sein Handy in der Hand, schreibt unentwegt SMS, löscht sie wieder und überlegt, ob er Sanaa lieber anrufen soll. Er entscheidet sich, zurückhaltend zu bleiben, obwohl er ihre Stimme zu gerne hören würde, und so schreibt er ihr kurz vor zehn Uhr nur »Gute Nacht«.
Nach einer Minute bekommt er eine Antwort: »Gehst du so früh schlafen wie die Hühner?«
Tarek versteht das als Aufforderung, sie anzurufen.
»Ich telefoniere kurz draußen, ich komme gleich wieder!«, erklärt er und verlässt die Wohnung. Aber an diesem Abend wird er nicht wiederkommen. Sie telefonieren drei Stunden lang miteinander, während Tarek durch die Straßen spaziert. Er hätte nie gedacht, dass er zu Fuß so weit weg von seinem Zuhause gehen würde. Das Gespräch findet kein Ende. Sie reden über alles Mögliche, nur nicht über ihre Gefühle. Plötzlich ertönt eine freundliche Telefonstimme: »Die Verbindung wird in sechzig Sekunden unterbrochen. Ihr Guthaben ist aufgebraucht. Bitte laden Sie Ihre Karte neu auf.«
Telefonieren ist in Syrien sehr teuer – mit dieser Wertkarte wollte er einen Monat lang auskommen –, und Tarek muss sich sein Geld sehr genau einteilen. Sie vereinbaren noch schnell, in der nächsten Zeit über das Festnetz zu telefonieren. Erst als sie das Gespräch beenden, begreift Tarek, wie spät es inzwischen geworden ist und wie weit er gegangen ist. Kurz vor ein Uhr fahren auch keine Busse mehr, und ein Taxi ist nachts sehr teuer. Er kann auch keinen seiner Freunde mehr anrufen. So geht er den ganzen weiten Weg wieder zurück. Er genießt die Stadt, sein geliebtes Damaskus, in der Nacht legt sie ihren Schleier ab und zeigt ihr zärtliches Gesicht.
Am nächsten Tag beginnt Tarek mit dem Umbau der Telefonanlage in der Wohnung. Es gibt drei Apparate, einen in der Küche, einen im Wohnzimmer und einen auf dem Balkon, wo seine Mutter morgens mit den Nachbarinnen Kaffee trinkt. Er besorgt sich ein langes Telefonkabel, legt es möglichst unauffällig hinter den Möbeln vom Balkon bis in sein Zimmer, und in der Nacht, wenn alle schlafen, kann er den Apparat in seinem Zimmer anstecken und ungestört telefonieren, so lange er will. Und so sprechen Tarek und Sanaa bald jede Nacht bis zum Morgengrauen miteinander. Die Telefonanlage hat aber einen Haken: An den anderen beiden Apparaten kann man, wenn man abhebt, alles mithören.
Als Sausan, Tareks Schwester, nach der Geburt ihres Kindes einige Tage bei ihren Eltern wohnt, sieht sie eines Nachts in der Küche am Telefonapparat ein rotes Lämpchen leuchten. Neugierig hebt sie ab und hört Tarek mit einer Frau sprechen. Das Gespräch der beiden Verliebten bringt eine besondere Saite in ihr zum Klingen. Ein wenig beneidet sie die beiden, weil sie so etwas nie erleben durfte und ihr Mann, der ständig nach Blut und Fleisch riecht, nicht einmal weiß, wie man zwei zärtliche Worte in einem Satz zusammenbringt. Und so schleicht sie in diesen Nächten in die Küche und lauscht den beiden Verliebten. In Sanaas Familie hingegen ahnt noch niemand, dass ihr einziges Kind verliebt ist.
Nach vielen Nächten und langen Telefonaten vereinbaren sie ein Treffen am Wochenende außerhalb der Universität. Tarek möchte Sanaa zum Essen einladen. Er will mit ihr nach Al-Rabieh fahren, ein wunderschönes grünes Erholungsgebiet am Fluss Barada, der ganz Damaskus mit Trinkwasser versorgt. An den Hängen der umliegenden Hügel gibt es viele Restaurants. In der Luft hängt stets ein leichter Geruch von Gegrilltem. Es ist nicht billig, aber Tarek wird auf seine Ersparnisse zurückgreifen, um Sanaa zu beeindrucken. Am Telefon hat er behauptet, dass sein Vater ein Auto besitzt und er es sich jederzeit leihen kann, doch das stimmt schon lange nicht mehr. Er wollte nicht vor der Tochter eines hohen Offiziers, die täglich mit dem Auto zur Uni gebracht wird, als Habenichts dastehen. So bittet er Adnan, ihm sein Auto am Freitag zu leihen, was Adnan gerne für Tarek macht.
So holt Tarek Sanaa am vereinbarten Treffpunkt ab. Das Wetter ist vielversprechend, in der Morgendämmerung gab es einen kurzen Regenschauer, und jetzt riecht es stark nach den Thymianstauden, die schon fast ausgetrocknet waren und jetzt ihren Durst gelöscht haben. Üblicherweise schwebt dieser Duft nur dann in der Luft, wenn es im Oktober nach der langen trockenen Zeit das erste Mal regnet.
Tarek spielt im Auto seine Lieblinglieder und fährt Richtung Al-Rabieh. Jedes Mal, wenn er einen kurzen Seitenblick auf Sanaa wirft und ihr Lächeln sieht, fühlt er sich, als habe er die ganze Welt in der Hand. Er parkt das Auto neben dem Fluss, der jetzt, vor der Hitze des Sommers, noch viel Wasser führt. Die Vögel in den Bäumen am Flussufer zwitschern unaufhörlich. Er führt Sanaa in ein Grillrestaurant direkt am Ufer, wo sie gegrillte Hackfleischspieße mit Tabouleh, Hummus und Baba Ghanoush essen.
Auf dem Rückweg schlägt er vor, über den Qasiun zu fahren, dort bei einem der Stände noch einen Kaffee zu kaufen und ihn an einem schönen Aussichtspunkt zu trinken. So bleibt Tarek bei einem klapprigen, bunt bemalten VW-Bus stehen. Er kennt den alten Kaffeeverkäufer, Abu Said. Tarek kommt oft am Abend mit seinen Freunden her, um Abu Saids legendären Mokka und die atemberaubende Aussicht auf Damaskus zu genießen. Sanaa und Tarek nehmen ihre Kaffeebecher und fahren ein Stück weiter, wo es ruhiger ist. In die nahe gelegene »Luststraße« will er nicht fahren, Sanaa soll keinen falschen Eindruck von ihm bekommen. Kurz vor dem Ende der Aussichtsstraße bleibt er beim »Denk-an-mich-Felsen« stehen. Dort fällt der Berg so steil ab, dass viele Menschen, die ihren Schmerz nicht mehr ertragen konnten, ihn dort mit einem Sprung beendeten. Jeder Damaszener kann eine Geschichte über einen solchen Menschen erzählen. Ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen oder ausgeschmückt sind, kann niemand sagen. Damaszener lieben es, ihren Erzählungen Gewürze hinzuzufügen, und wenn drei Menschen in Damaskus dieselbe Geschichte erzählen, erkennt man den ursprünglichen Inhalt nicht wieder.
»Kennst du die Legende von Mohamad und Lora?«, fragt Tarek Sanaa, während sie den Ausblick bewundern, als säßen sie auf einem fliegenden Teppich.
»Der Muslim und die Christin?«, antwortet Sanaa mit fragendem Blick. »Ach ja, oft bauen Religionen Mauern statt Brücken zwischen den Menschen.«, bedauert sie.
»Ja, und Konfessionen ebenfalls«, bekräftigt Tarek und spürt, dass er etwas anspricht, das er wahrscheinlich an diesem schönen Tag lieber nicht angeschnitten hätte. Er hätte lieber ein Thema gewählt, das ihm den Weg ebnet, ihr seine Liebe zu gestehen. Nach einigen Augenblicken des Schweigens wendet sich Tarek zu Sanaa und schaut sie mit großen, verliebten Augen an. »Du machst mich ganz verwirrt, ich weiß nicht, wie du das schaffst«, lächelt er.
»Was denn?«, fragt sie zurück und freut sich schon auf seine Antwort.
»Jedes Mal, wenn ich dich sehe, bist du schöner als das vorige Mal.« Tarek ergreift ihre Hand, er blickt auf ihre Hände, er blickt in ihre Augen, dann führt er ihre Hand zum Mund und küsst sie zärtlich. Er legt ihre Hand auf seine Brust und lässt sie das Hämmern seines Herzens spüren. Sanaa wird rot und senkt den Blick. Tarek zieht sie an sich und umarmt sie fest. Er hat sich noch nie im Leben so sicher gefühlt wie in dieser Umarmung. Doch in diesem Augenblick stößt Tarek einen der Kaffeebecher um, der Inhalt ergießt sich über Sanaas Jeans und den Autositz.
»Scheiße, das müssen wir schnell in Ordnung bringen, bevor es am Sitz trocknet und nicht mehr herausgeht. Sonst habe ich mit meinem Vater ein Problem. Wir fahren zu mir, in unserem Keller gibt es einen kleinen Raum für die Putzfrau, dort hat Om-Fatima ihre Putzsachen, es gibt auch eine Toilette und ein Waschbecken, dort können wir deine Hose reinigen.«
Sanaa schmunzelt wissend, nickt und sie fahren los. Auf dem Weg erklärt er ihr seinen Plan. Es würde kein gutes Ende nehmen, wenn sie gemeinsam beim Betreten des Hauses gesehen würden. Daher wird er sie kurz vor seinem Wohnblock aussteigen lassen, dann die drei Türen – ins Haus, zum Keller und in seinen geheimen Raum – aufsperren, Licht einschalten und sich wieder ins Auto setzen. Sanaa soll hineingehen, jede Tür hinter sich ins Schloss fallen lassen und im Geheimraum auf Tarek warten. Tarek beobachtet mit klopfendem Herzen, wie Sanaa an seinem Auto vorbei ins Haus hineingeht. Sie macht alles genau nach Plan.
Während sie wartet, sieht sie sich erstaunt um: Das Zimmer im Keller – das Versteck, wie Tarek und seine Freunde es nennen – hat er mit Adnan, Nauras und Aiham hergerichtet, das Gerümpel von Tareks Familie kam in die Keller der anderen Familien. Jetzt stehen hier zwei Sofas, dazwischen ein kleiner runder Tisch, neben der Tür ist ein doppelter Lichtschalter für das helle Deckenlicht und für eine kleine rote Lampe an der Wand. Unter die rote Lampe hat Tarek ein Bild seines Lieblingsdichters Mahmud Darwisch gehängt. Die Farbe an den Wänden ist schon abgeblättert, aber das fällt niemandem auf. Ganz oben unter der Decke sind Lüftungsklappen angebracht, die man auch ganz öffnen könnte, wenn sie nicht schon seit Jahren verrostet wären. In einer Ecke steht ein Heizstrahler, denn im Winter wird es hier drinnen richtig kalt. Im Sommer ist es immer angenehm kühl. In der anderen Ecke ist auf einem Regal eine provisorische Bar eingerichtet, Flaschen mit Raki und Ouzo, Chivas und Black Label stehen da, aber auch eine kleine Wasserpfeife. Obwohl es in Syrien nicht verboten ist, Alkohol zu trinken, stößt es in der Öffentlichkeit auf Ablehnung. So lassen es sich die vier jungen Männer hier mit Getränken aus der Bar beim Kartenspielen und Musikhören gut gehen. Wichtig ist, das Versteck geheimzuhalten, die Eltern dürfen auf keinen Fall etwas davon erfahren, daher erzählen sie auch ihren anderen Freunden nichts, denn sie fürchten Schnüffler. Nur Tareks jüngerer Bruder Salman hat zufällig davon erfahren und war empört, doch seinen Bruder zu verraten, kam für ihn nicht infrage. Für Tareks Eltern ist Alkohol ein Tabu. Tarek selbst löst sich immer mehr von seiner strengen Erziehung. Als Kind hat er in der Volksschule Preise gewonnen, weil er bei Wettbewerben ganze Koranverse auswendig hersagen konnte, und mit seinem Vater den Islamunterricht sufistischer Prediger besucht. Jetzt geht er nicht einmal mehr zum Freitagsgebet. Er findet die Lebensweise der Sufisten zermürbend. Er möchte nicht in Enthaltsamkeit und Abstinenz leben, um im nächsten Leben dafür belohnt zu werden. Denn er glaubt, beides haben zu können – das jetzige Leben genießen und später ins Paradies kommen. Er ist sehr optimistisch, dass Gott ihm aus irgendeinem Grund seine Sünden verzeihen und ihn ins Paradies aufnehmen wird. Diese Leichtigkeit und dieses zuversichtliche Vertrauen in die Zukunft haben sich bis jetzt in seinem Leben durchaus bewährt.
Tarek schaut sich um, ob ihn jemand beobachtet, und folgt schnell Sanaa. »Das also ist das Versteck, in dem ihr euch immer verschanzt«, sagt sie, als Tarek den Raum betritt. Er nickt lächelnd, und während er die Tür zweimal hinter sich absperrt, bittet er sie, sich hinzusetzen. Leichter Zigarettengeruch steigt auf, aber beide nehmen es nicht wahr. »Jetzt sehe ich erst, dass ich dir hier nichts zu trinken anbieten kann außer alkoholischen Getränken«, stellt Tarek sich dumm und hofft im Geheimen, dass sie mit ihm ein Glas Whisky trinken wird, was sie jedoch ablehnt.
Tareks Herz klopft heftig, aber er will es nicht zeigen, denn er möchte ein starker, lässiger Mann bleiben, der keine Angst kennt. So setzt er sich zu ihr und gesteht: »Ich muss dir ehrlich etwas sagen: Ich habe weder für deine Jeans noch für mein Auto Putzzeug da. Ich wollte dich hier ungestört umarmen, ohne mich um die Blicke der Passanten zu kümmern.«
Sanaa lacht verlegen: »Das habe ich schon gewusst. Du kannst mit mir über alles offen reden, Habibi.«
Tarek traut seinen Ohren nicht: »Hast du mich jetzt Habibi genannt?« Als Sanaa wieder ihr unwiderstehliches Lächeln aufblühen lässt, nimmt er sie in die Arme und drückt sie fest an sich. Er ist von ihrem Duft berauscht, er weiß nicht, ob es ihr Haar, ihre Haut oder ihr Parfum ist oder eine Mischung von allem. Langsam lösen sich ihre Körper ein wenig voneinander, aber nur so viel, dass sie die Atemluft des anderen auf ihrem Gesicht spüren. Sie sehen sich einige Sekunden lang direkt in die Augen. Sanaas grüne Augen wirken auf Tarek wie Fenster zu fernen Galaxien, die ihn unwiderstehlich anziehen. Dann richtet er mit Mühe den Blick auf ihren Mund und verliert jedes Zeitgefühl. Und ohne zu wissen, wer den Anfang gemacht hat, berühren sich ihre Lippen in einem vorsichtigen Kuss, der immer leidenschaftlicher wird. Ohne es zu wissen, haben sie wahrscheinlich den Rekord des längsten Kusses längst gebrochen, aber trotzdem noch nicht genug voneinander. Es ist Tareks allererster Kuss.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.