Kitabı oku: «Die Tränen des Porzellans»

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Die Traenen des Porzellans

von Jade Y. Chen

übersetzt von Ilka Schneider


Inhaltsverzeichnis

Titel

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Die Tränen des Porzellans

Nachwort der Übersetzerin

Glossar

Impressum

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This project was kindly supported by the National Museum of Taiwan Literature.

Die Übersetzung des Romans wurde mit freundlicher Unterstützung des National Museum of Taiwan Literature ermöglicht.

Exquisites, aber zerbrochenes Porzellan verursacht Bedauern.

Makellose, aber geschmacklose Jade verursacht Abscheu.

Die Edlen der Welt sind lieber die Ursache für Bedauern als für Abscheu.

Chen Lie, Der Alte vom Stillen Garten, Jiangpu(Qing-Dynastie)

Dresden, 8. September 1763

Tharandter Wald, sechs Uhr morgens, es war neblig und der Himmel noch immer dunkel. Die ersten Strahlen der Morgensonne brachen gerade erst durch. Der Abstand von zehn Metern war ausgemessen. Ich stand in der Nähe des Sees, Webermann stand unter einem Baum. Nachdem wir unsere Positionen eingenommen hatten, wurden uns die Pistolen übergeben. Mein Gegner sei kurzsichtig, hatte mir jemand zuvor versichert. Ich brauche daher keine Angst zu haben, sagte er.

Ich hatte keine Angst. Mir war, als sei ich gar nicht ich, als sei ich nur an meiner statt gekommen.

Mir oblag der erste Schuss und ich drückte ab. Doch die Kugel ging fehl und schlug in den Baumstamm. Dann war mein Gegner am Zug, es gab einen Knall und ich ging sofort zu Boden. Ich war bei Bewusstsein und spürte, dass ich auf Laub lag. Der weiche Boden war feucht.

Die Kugel hatte mich wohl am Oberschenkel in der Nähe der Leiste getroffen. Ich hörte meinen eigenen Herzschlag, andere kamen über das Laub zu mir gelaufen, jemand sprach, irgendwer rief meinen Namen. Als ich eine Möglichkeit suchte, wieder aufzustehen, verlor ich allmählich das Bewusstsein.

Dresden, 11. September 1763

Ich würde für sie sterben – vor jenem Tag hatte ich so gedacht.

Wenn es auf dieser Welt so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, bin ich dafür der lebende Beweis. Das Schicksal interessierte sich nicht für meine Pläne und es traf seine eigenen Entscheidungen für mich. Letztes Jahr an diesem einen Tag, als sie, gefolgt von ihrer Zofe, so schlank und voller Liebreiz in ihren Salon trat, wurde ich ihr linkischer Verehrer. Schüchtern stellte ich mich als Mineraloge aus Dresden und Kunstliebhaber vor. Sie lächelte und fragte noch mal nach meinem Namen. Dann wiederholte sie ihn, als ob sie eine geheime Formel rezitieren würde, als ob das Aussprechen meines Namens eine Bedeutung enthüllen würde. An diesem Tag war ich gerufen worden, um ihren Schmuck zu schätzen.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich mich schätze, dass Sie sich bereit erklärt haben, mir heute einen Besuch abzustatten.“

„Meine beschränkten Fähigkeiten stelle ich Ihnen mit allergrößtem Vergnügen ganz und gar zur Verfügung.“

Ihr Lächeln traf mich ohne jede Vorwarnung wie ein Blitz mitten ins Herz.

Sie hieß Helena und war die neue Frau von Webermann. Webermann selbst war nicht zuhause, und ich fand es etwas ungewöhnlich, dass sie allein Gäste empfing, aber vielleicht war ich auch nur überempfindlich.

„Mein Mann ist auf der Jagd. Sie müssen wissen, er ist ganz verrückt danach. Im Moment scheint eine gute Zeit für die Hasenjagd zu sein.“

Sie bat dafür um Verzeihung und sagte, dass sie mich mit der Reise zu ihr nicht deswegen behelligt habe, weil sie den Wert ihrer Juwelen wissen wolle, sondern um zu erfahren, wie sie sie behandeln solle. Wir setzten uns und ich begutachtete jeden einzelnen Stein und erläuterte ihn ihr. Sie lud mich danach zum Tee ein und bedankte sich vielmals. Als ich mich erhob, um aufzubrechen, brachte sie mich zur Tür. In diesem Moment verlangsamte ich willkürlich meine Schritte, und als sie mir zum Abschied winkte, sah sie so einsam aus, dass ich meine Augen nicht von ihr abwenden konnte. Als ich meine Unschicklichkeit bemerkte, schaute ich sofort zur Seite.

„Gott sei mit Ihnen, und hoffentlich habe ich das Glück, dereinst wieder von Ihnen unterwiesen zu werden.“

„Sehr verehrte Dame, das ist zu viel der Höflichkeit. Sobald Sie mich brauchen, werde ich Ihnen von ganzem Herzen zu Diensten sein.“

Einen Monat später überbrachte mir ihre Zofe einen Brief. Darin bat sie mich zu sich, um noch einen weiteren Edelstein zu begutachten. Diese Aufgabe duldete keinen Aufschub und ich machte mich sofort auf den Weg. Als ich ihre Hand zur Begrüßung küsste, nahm sie meine rechte Hand und legte sie auf ihre Brust. Dann ging alles seinen natürlichen Gang, so selbstverständlich, wie Wasser durch ein Tal fließt oder Vögel hoch im Himmel fliegen. In einer Abstellkammer liebten wir uns hemmungslos zwischen den Schränken.

So blieb es, bis Webermann die Affäre entdeckte.

Dresden, 15. September 1763

Manchmal ist es schmerzhaft aufzuwachen.

Allmählich kam ich wieder zu mir. Ich lag zuhause in meinem Bett.

Dr. Schrader, ein befreundeter Arzt, hatte die Kugel mit einer Zange entfernt. Zwar hatte ich bis zur Besinnungslosigkeit getrunken, trotzdem erinnerte ich mich an unbeschreibliche Schmerzen und unaufhörliche Krämpfe.

Freiherr von Seydewitz stattete mir einen Besuch ab, was mir ziemlich schmeichelte. Seit wann war von Seydewitz eine Art Samariter? Dann hatte ich diesen bedeutenden Mann bisher falsch eingeschätzt. Wir waren uns nie begegnet, so dass sein persönliches Erscheinen bei mir außerordentlich sonderbar war. Ein Freiherr kommt in seiner prächtigen Kutsche, um mich, einen einfachen Mineralogie-Professor, zu besuchen und mir Dresdener Stollen und Meißener Porzellan mitzubringen?

Abgesehen davon hatte der Baron große Neuigkeiten im Gepäck. „Warum unternehmen Sie nicht eine Reise? Von hier zu verschwinden hätte für Sie nur Vorteile“, fühlte er vorsichtig vor, nachdem er sich nach meinem Gesundheitszustand erkundigt hatte. Sein Auftreten war bescheiden und er sprach mit so sanfter Stimme, dass mich seine Rede auf Anhieb berührte, und das Gefühl von Einsamkeit, das mich seit einiger Zeit bedrückte, ließ etwas nach.

Der Baron erkundigte sich erneut nach meiner Verletzung und wann ich wieder völlig hergestellt sein würde. Er sprach voller Anteilnahme und war von so aufmerksamer Besorgnis, als sei er mir der nächste Mensch auf der ganzen Welt.

„Wir möchten Sie bitten, eine Reise in den Fernen Osten zu unternehmen.“

„Ah.“

Ich war verblüfft und wartete darauf, dass der Baron mit seinen Ausführungen fortfuhr. Mein Gegenüber schien die Angelegenheit bereits gründlich durchdacht zu haben und erklärte umsichtig, dass mich die Albrechtsburg mit Reisekosten versorgen und nach der Rückkehr von einer erfolgreichen Mission eine Belohnung erwarten würde.

„Wenn Sie sich uns anschließen, dann gehören Sie zu uns, dann bieten wir jedwede Unterstützung.“

„Ich fühle mich sehr geehrt, und es liegt mir fern, Ihre freundlichen Absichten zurückzuweisen, aber was kann denn ich für Meißener Porzellan tun?“

„Meißen würde Sie von heute an in den Dienst nehmen, wobei der förmliche Titel noch besprochen werden müsste, und Sie erhielten von Meißen ein Jahresgehalt in Höhe von dreihundert Thalern zuzüglich Spesen.“

Seit meiner Verwundung hatte ich mich einsam und hilflos gefühlt, als wäre ich in eine dunkle Ecke der Welt gestoßen worden. Aber wenn ich den Freiherrn richtig verstanden hatte, würde mit der Albrechtsburg sogar Kurfürst Friedrich August II hinter mir stehen, wenn ich mich bereit erklärte, für Meißen nach China zu gehen. Könnte es einen größeren Trost für mich geben?

Noch vor einem Moment war ich eine Persona non grata. Sogar die Universität zu Leipzig hatte mir meinen Lehrauftrag entzogen, womit ich im Leben nicht gerechnet hatte. Wenn ich mich nun in den Dienst von Meißen stellte, dann gehörte ich wieder dazu. Dann würden sich meine mageren Aussichten auf einen Schlag verbessern. Das könnte ein gangbarer Weg sein. Ein Weg, den zu gehen mir nie in den Sinn gekommen war.

„China? Sie sprechen von China, in dem das Porzellan erfunden wurde?“

„Ja. Das China mit dem Porzellan.“

Seydewitz sprach auch davon, dass Friedrich August II große Hoffnungen in die Meißener Öfen setze und dass er, Seydewitz, von ihm zum Mitglied des Beratungskomitees für die Meißener Manufaktur ernannt worden sei. Er habe geschworen, Meißen wieder zur besten und herausragendsten Porzellanmanufaktur in ganz Europa zu machen.1

„Wenn ich Ihnen eines Tages ein gewisses Porzellan zeigen darf, werden Sie mich verstehen.“

Obwohl diese Nachrichten so unerwartet kamen, dass mein niedergeschlagenes Herz sie noch nicht aufnehmen konnte, so vertrieben sie doch die Dunkelheit aus meinem Gemüt und mein schweres, geschwollenes Bein wurde auf einmal leicht und beweglich.

Plötzlich fühlte ich mich so, als ob ich forschen Schrittes mehrere Meilen spazieren könnte.

1. Was von Seydewitz nicht sagte: Friedrich August II war keineswegs ein Porzellanliebhaber wie sein Vater, sondern er brauchte nach dem Krieg schlicht große Summen Geldes. Wenn er also hoffte, dass Meißen in der Kunst des Porzellans große Fortschritte machen könnte, so hieß das nichts anderes, als dass er hoffte, dass Porzellan so profitabel werden könnte, wie es einst gewesen war.

Dresden, 16. September 1763

Von Seydewitz ließ mich mit einer Kutsche abholen und zu seinem Anwesen an der Elbe fahren. Die Wunde an meinem Bein verheilte allmählich. Ohne Verzug legte ich alles zur Seite und stieg in die Kutsche des Freiherrn, deren Opulenz mich tief beeindruckte.

Auf einen Stock gestützt wandelte ich mit dem Freiherrn über sein Anwesen, auf dem er viele exotische Pflanzen und wilde Tiere hielt. Es war so großartig, wie es einem Freiherrn geziemt.

Wir befuhren die Elbe und von Seydewitz behandelte mich mit unvergleichlicher Wärme. Es schien, als habe er umfassende Vorbereitungen getroffen, um mich zu der Reise nach China zu überreden. Er gab mir zwei Bücher, das eine war eine Ausgabe der französischen Enzyklopädie von Diderot, das andere der Reisebericht „Il Milione“ von Marco Polo. Ich hatte gehört, dass die Enzyklopädie in Frankreich verboten sei, und war von daher recht erstaunt, dass der Freiherr einer Ausgabe hatte habhaft werden können.

„Sie sind noch jung und stark genug, um auf Abenteuer zu gehen. Ich hingegen wollte zwar immer liebend gern auf so eine Reise gehen, aber die Umstände erlaubten es nicht.“ Seydewitz sah mich freimütig an. Schon seit unserem ersten Treffen schien er mich wortlos zum Freund erkoren zu haben.

Er sagte, dass letztlich niemand wisse, ob „Il Milione“ auf Tatsachen beruhe. Aber die Welt sei so groß, und wenn man sie nur mit eigenen Augen sehen und damit sein Wissen erweitern könnte, dann hätte man im Leben nichts zu bereuen. Mir kam es mehr und mehr so vor, als wäre der Freiherr, der mich unablässig zu überreden versuchte, immer noch voll von dem Verlangen, selbst auf diese Abenteuerreise zu gehen.

Auf einmal verstand ich nicht mehr, was ihn daran hinderte.

„Sie haben noch keine Nachkommen und wissen nicht, wie bewundernde Kinderaugen es unmöglich machen, sie zu verlassen.“

„Ah, und ich hatte immer gedacht, dass es vor allem andere Augen seien, die es einem noch schwerer machten zu gehen“, sagte ich.

„Wenn Sie sich tatsächlich auf diese Reise begeben, dann würden Sie nicht nur für Meißen, sondern auch für unsere Nachfahren ein wichtiges Zeugnis hinterlassen, und das nicht nur im Hinblick auf die Porzellankunst. Denn wenn Sie dorthin gehen und in die chinesische Kultur eintauchen, dann könnten Sie uns hier diesen ganzen Kulturschatz näher bringen.“

Der Baron benetzte einen Finger und blätterte rasch durch die Seiten von „Il Milione“.

„Marco Polo war der Erste, der chinesisches Porzellan erwähnt. Sehen Sie sich dieses Kapitel an.“ Der Baron sprach lebhaft und seine Augen funkelten: „Die Stadt Tiungiu, der Ton, ich kann kaum glauben, dass sich das alles schon 1270 abspielt!“

Wir gingen zurück zu seinem Anwesen. Der Freiherr trug einen Pekinesen auf dem Arm und führte mich zu seiner Porzellansammlung. Er besaß einige Stücke mattgrünen chinesischen Porzellans und weitere Teeschalen, Utensilien und Teller aus japanischem Imari. Dann zeigte er mir noch eine Schale Meißener Porzellan nach chinesischer Art.

„Wir wissen, dass Sie Mineraloge sind und ein Faible für Porzellan haben. Hätten Sie nicht vielleicht Interesse, für Meißen ein wenig weiterzuforschen?“

„Ach, Interesse hätte ich schon, aber von Forschung kann gar keine Rede sein“, sagte ich. Während dieser letzten Kriegsjahre hatte ich tatsächlich Interesse am Porzellan entwickelt. Ich erzählte ihm, dass ich einmal von einem gewissen Herrn Bartholomaei, einer Autorität auf dem Gebiet der Geologie, unterschiedlichen Kaolin-Ton bekommen hätte und dabei auch die Gelegenheit erhielt, nicht nur originalen Stein aus Carolsfeld, sondern auch den von Meißen verwandten Feldspat zu sehen.

„Stille Wasser gründen tief. So bescheiden, und versteht doch so viel von Porzellan.“ Der Baron murmelte kurz und räusperte sich, als ob er seinen Gedankengang ordnen würde.

„Porzellan ist meine Leidenschaft. Das ist die reine Wahrheit. Ich weiß, dass Ihre Manufaktur schon vor einem halben Jahrhundert das Geheimnis des weißen Porzellans gelüftet hat und dass das Geheimnis Kaolin ist.“

„Das stimmt. Wir haben den Ton gefunden, aber das ist kein Geheimnis mehr. Andere Öfen verfügen mittlerweile sicher über ähnlichen Ton.“

Der Baron goss mir Wein ein, weißen Wein, den sein Gärtner selbst gekeltert hatte. Schon beim ersten Schluck kam der erlesene Geschmack zur Geltung. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass jemand in dieser Gegend derart köstlichen Wein herstellt.

Der Baron sprach über das Jahr 1709, als Böttger zum ersten Mal weißes Hartporzellan gebrannt hatte. Dies hatte eine große Aufregung an den Höfen Europas verursacht und war damals Meißens größter Stolz gewesen. Gedankenversunken füllte mir der Baron ein wenig Wein nach.

„Aber diese Jahre sind lange vorüber. Wir sollten nicht in der Vergangenheit versinken.“

Ich hatte von der Geschichte des traurigen und geheimnisvollen Lebens des Alchimisten Böttger gehört. Er war von August dem Starken auf der Albrechtsburg gefangen gehalten worden, hatte den ganzen Tag vor dem Ofen verbracht, sich in die Arbeit vergraben und dabei vergessen zu essen und zu schlafen. Wenn er nicht gerade Porzellan brannte, hatte er seine Sorgen in Alkohol ertränkt. Schließlich war er an Erschöpfung und zu viel Alkohol gestorben. Er war nur siebenunddreißig Jahre alt geworden.

„Kann selbst das mächtige Frankreich kein Porzellan herstellen?“

„Sèvres kann bisher nur Weichporzellan brennen, aber es ist in den schönsten und feinsten Farben bemalt.“

Von Seydewitz hob sein Glas und trank mir zu. „Auf Böttger, ein Hoch auf Böttger.“

„Ein Hoch auf Böttger!“

„Haben Sie mal von Madame Pompadour gehört?“

„Selbstverständlich.“

„Sie ist der eigentliche Geist hinter Sèvres. Ich habe gehört, dass sie geschworen hat, Sèvres zum führenden Brennofen Europas zu machen.“

All die einzelnen Informationen zusammengenommen, kam ich zu einem Schluss. „Meißen hat einen mächtigen Gegner bekommen? Die Manufaktur Sèvres?“

„Exakt. Sèvres insbesondere.“

Obwohl August der Starke Böttger und alle Porzellan herstellenden Handwerker auf der Albrechtsburg unter Hausarrest gestellt hatte und das Verfahren der Porzellanherstellung als höchstes Staatsgeheimnis galt, wurde das Geheimnis nur neun Jahre später gestohlen. Seither entstehen in Europa immer mehr Brennöfen und die Konkurrenten Meißens werden immer zahlreicher.

Der Baron schien in Gedanken versunken und sein Blick glitt in die Ferne. Erst nach einer ganzen Weile ergriff er wieder das Wort.

„Während Meißen in den letzten sieben Kriegsjahren Porzellan für das feindliche Preußen herstellte, hat die Technologie keine Fortschritte mehr gemacht. Stattdessen ist vor geraumer Zeit mit Sèvres ein neuer Spieler auf der Bildfläche erschienen. Unter den Brüdern Dubois hat der ursprüngliche Brennofen in Vincennes begonnen, Gold-, Kupfer- und Eisenarbeiten am bemalten Porzellan zu montieren und damit die Meißener Tradition erweitert. Farben und Stil sind von so außergewöhnlicher Schönheit, dass es einem vor Augen flirrt. Nachdem Madame Pompadour, die Mätresse von Louis XV, den Brennofen von Vincennes nach Sèvres in der Nähe von Paris umziehen ließ, wurde das Porzellan sogar noch besser. Auf dem Markt hat Sèvres Meißen bereits überholt.“

Von Seydewitz erwähnte, dass Meißen sogar nichts anderes übrig blieb, als französische Farbmischmeister anzuwerben. Aber es waren gleichwohl die neuesten Waren aus Sèvres, die die Welt in Erstaunen versetzten, denn der orientalische Stil wurde zugunsten des Prunks des französischen Hofes aufgegeben. Der Meißener Stil spielte dabei keine Rolle mehr. Von Seydewitz schüttelte den Kopf. „In der Welt des Porzellans gibt es viele, die sagen, Sèvres habe Meißen bereits ersetzt. Aber das ist noch nicht gesagt.“ Es gelang ihm nicht, einen Seufzer zu unterdrücken.

Er musste zugeben, dass das Ergebnis enttäuschend gewesen war, als Meißen vor einigen Monaten in Paris an einem Porzellansalon teilgenommen hatte. Der höchste Preis, den ein Stück aus Meißen erzielte, waren nur gut zweihundert Livres, ein Vielfaches weniger als Waren aus Sèvres. Die Stimme des Marktes hatte gesprochen.

Der Baron war deshalb der Meinung, dass französische Missionare im fernen Osten vielleicht an weitere Geheimnisse in der Porzellanherstellung gelangt waren. Zumindest hatte der französische Jesuit François-Xavier d‘Entrecolles vor geraumer Zeit eine ganze Weile in Jingdezhen missioniert, dort Geheimnisse der Porzellanherstellung erlernt und diese schon bald enthüllt.

„Das ist der Grund, warum ich Sie hergebeten habe.“ Von Seydewitz kam auf das eigentliche Thema zurück und sah mich mit scharfem, aber gleichsam müdem Blick an. „Bevor ich fortfahre, muss ich Ihnen noch etwas zeigen.“ Von Seydewitz ließ eine Holzschatulle holen, die er eigenhändig öffnete. Sanft und mit äußerster Vorsicht hob er eine grüne Vase heraus. Ich war sofort überwältigt von ihrer Schönheit. Das grüne Porzellan schimmerte wie ein Edelstein und war papierdünn. Ich tippte ganz leicht darauf und überraschenderweise erklang ein Ton wie von einem Musikinstrument. Eine halbe Ewigkeit brachte ich kein Wort heraus.

„Ich weiß nur, dass diese Vase aus China stammt. Sie gehörte sein ganzes Leben lang zum Lieblingsporzellan Augusts des Starken. Wenn Meißen dieses Herstellungsverfahrens habhaft werden könnte, würden Sie sich einen unermesslichen Verdienst erwerben. Wir wissen aber auch, dass dieses Porzellan vor mehreren Hundert Jahren hergestellt wurde und es möglicherweise nicht leicht sein wird, ein Rezept aufzutreiben. Sie müssten also bereit sein, jede Kunstfertigkeit, die Meißen noch nicht besitzt, zu suchen, und sei es nur ein kleines Detail, das uns bislang unbekannt ist. Wenn es nur etwas ist, von dem Sie meinen, dass es uns in der zukünftigen Entwicklung nützen könnte, wären wir Ihnen schon zu tausendfachem Dank verpflichtet und Sie hätte die Reise nicht umsonst angetreten.“

Der Baron verstaute die Vase wieder und musterte mich, als ob er auf eine Antwort von mir warte. Er bat mich an den Tisch und ließ einen Diener mein Weinglas wieder auffüllen. Als er mein Zögern bemerkte, fragte er mich, ob ich ausschließlich Interesse an einem Lehrauftrag an einer Universität hätte. Ich erzählte ihm, dass sich mir auch die Möglichkeit bot, bei einer Salzraffinerie zu arbeiten.

Ich weiß nicht, wie Helena reagieren würde, wenn sie davon hörte. Allerdings gibt es für mich keine Möglichkeit, sie zu fragen. Ich muss sie auch nicht mehr fragen. Wenn das Leben an so einen Scheideweg kommt, scheine ich unfähig zu sein, mich zu entscheiden. Es ist, als ob mich tief im Dunklen verborgen eine stärkere Macht zöge.

Bevor ich das Seydewitzsche Anwesen verließ, sagte ich ihm zu.

Meerenge von Sunda, 5. September 1764

Nachdem ich in Lorient das Schiff bestiegen hatte, wusste ich schon bald nicht mehr, welcher Tag es war, obwohl ich eine Taschenuhr bei mir führte. Das Schiff segelte still dahin und die See blieb ruhig, bis wir fast Madeira erreicht hatten. Nur eine Nacht davor gerieten wir unerwartet in einen Sturm, der das Schiff so hin und her warf, dass man praktisch nicht mehr an Deck gehen konnte. Viele wurden ernsthaft seekrank. Auch ich konnte nicht aufhören, mich zu übergeben, und meine Glieder wurden so vollkommen kraftlos, als wäre ich schwer erkrankt. Noch vor dem Kap der Guten Hoffnung in Afrika hatten einige Skorbut bekommen. Still, wortlos und ohne Zeremonie wurden die Leichen ins Meer geworfen. Auf den Vorschlag des Freiherrn hin hatte ich ein Zitronenbäumchen mit auf das Schiff gebracht, aber es dauerte nicht lange, bis die ersten Früchte gestohlen worden waren. Ich kann nur insgeheim beten, dass der Skorbut mich verschont.

Am Nachmittag hörte ich in meiner Koje auf Deck gewaltiges Geschrei und das Trappeln unruhiger Schritte. Ich versuchte mich auf meine Chinesischstudien zu konzentrieren, aber der Lärm auf Deck nahm immer mehr zu. Das Trampeln einer unruhig hin und her rennenden Menschenmenge ließ Geist und Gemüt nicht zur Ruhe kommen. Ich fasste mir ein Herz, zog mir einen Mantel an und ging an Deck. Zunächst dachte ich, es sei wieder jemand an Skorbut gestorben, der nun dem Meer überantwortet werden sollte. Tatsächlich war es aber der sehr lebendige Jesuit Perrot, der sich mit aller Kraft dagegen wehrte, von anderen hochgehoben zu werden. Einige Vertraute des Kapitäns schickten sich an, den Jesuiten über Bord zu werfen. Das Gesicht des Kapitäns war rot angelaufen, als er mit dem Finger auf Perrot zeigte und schrie: „Wage du es noch einmal, mir zu sagen, wie ich dieses Schiff zu navigieren habe, und ich lasse dich über Bord werfen! Ich bin der Kapitän auf diesem Schiff, und was ich sage, wird gemacht! Hast du das verstanden?“

Perrots Lippen erbleichten und er wehrte sich nicht weiter gegen die zwei starken Kerle, die an seinem zarten Körper zerrten. Mit Mühe stotterte er: „Sie, Sie, Sie mögen mir keinen Glauben schenken, aber sollten Sie nicht auf wissenschaftliche Instrumente vertrauen?“

„Deine verdammten wissenschaftlichen Geräte! Was nützen denn jetzt dein Quadrant und dein Sextant? Wenn das Schiff so heftig herumgeworfen wird, was willst du da messen?“

„Ich benutze keinen Sextanten, sondern den neuesten Oktanten für die Seefahrt ...“ Perrots Stimme war so leise und kraftlos, dass er mehr vor sich hinzumurmeln schien. In seinem Gesicht malte sich Entsetzen und seine Haare standen wirr vom Kopf ab.

„Ich würde gern wissen, ob irgendwer hier den Instrumenten von euch Jesuiten vertraut?“ Der Kapitän ließ seinen Blick über die Menge auf Deck schweifen.

Alle blieben stumm wie die Fische, viele schüttelten den Kopf. Die Menge hatte sich in zwei Lager gespalten, aber die meisten vertrauten auf den Kapitän, die wenigsten auf den Jesuiten.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und trat hervor. „Er wird jetzt nichts mehr sagen. Lassen Sie ihn leben“, sagte ich.

Kapitän Picoux sah mich scharf an und schwieg. Schließlich verließ er kommentarlos das Deck, und so ließen endlich auch die Männer Perrot fallen.

Freiherr von Seydewitz hatte einen Freund, der bereits vor vielen Jahren in Japan gewesen war, um Porzellan und Rohseide zu kaufen. Dieser unterhielt gute Verbindungen in die gesellschaftlichen Kreise Frankreichs, und er war es auch, der sich bei den Pariser Jesuiten dafür eingesetzt hatte, dass diese drei französischen Jesuitenmissionare auf die Reise nach China geschickt wurden. Zusammen bildeten wir eine kleine China-Reisegruppe. Ich war der Laienhelfer für die drei Missionare und sollte mich unter anderem um die Geschenke für den Kaiser von China kümmern. Zwei der Missionare, Jean Denis Attiret und Reymond Prunier, waren Maler und der dritte war der Uhrmachermeister Perrot aus Limoges. Wir hatten das Schiff mit über hundert anderen Passagieren in Lorient bestiegen. Die meisten sind Kaufleute, die im fernen Osten Geschäfte machen wollen, einige andere sind französische Marineoffiziere, die zum Dienst in Fernost abkommandiert sind. Kapitän Picoux ist ein Bretone aus der Normandie, der bereits mehrmals in den fernen Osten gesegelt ist. Er sagte, er sei auch einmal in China gewesen: „Ach, dieser barbarische Ort!“ Er sagte, er würde es dort nicht lange aushalten, weil die Menschen weder Rotwein noch Brot kannten. Mit seinem imposanten Bart und einem schwarzen Hut strahlte er ganz die Autorität eines Schiffskapitäns aus. „Allein das Essen, das ist nichts für meinen bretonischen Gaumen! Sie essen ohne Unterschiede jedes Tier. Egal worauf ihr Blick fällt, sie werden es ganz und gar verspeisen.“

So erfuhr ich nun erst, dass Perrot nicht nur ein hervorragender Uhrmachermeister war, sondern auch mit Navigationsgeräten und Astronomie auf vertrautem Fuß stand. Auf diese Reise hatte er sich ein unhandliches Gerät mitgenommen, mit dem er tagelang den Himmel vermaß.

Tagein, tagaus mit einem endlosen Horizont auf dem Meer zu sein, ist monoton und ermüdend. Ich verbesserte im Selbststudium mein Chinesisch und lernte von Frater Attiret das Zeichnen. Ich malte Möwen und die Matrosen auf dem Schiff. Ich zeichnete ohne Unterlass, und je mehr ich zeichnete, desto interessanter wurde es für mich.

Nicht lange, nachdem ich meine versteckte, letzte, aber faulende Zitrone ins Meer geworfen hatte, befiel auch mich der Skorbut. Erst wurde ich von einer so tiefen Müdigkeit befallen, dass es mir nicht mehr gelang, irgendetwas zu tun. Nach einigen Wochen war ich bleich wie ein Gespenst, meine Haare fielen aus und die Krankheit wurde lebensbedrohlich. Glücklicherweise erreichte das Schiff nun das Kap der Guten Hoffnung. Die Krankheit ebbte ab und nach wenigen Tagen war ich wiederhergestellt.

Das Schiff erreichte die Meerenge von Sunda.

Ich bin noch am Leben.

Meine Haare fallen mittlerweile bis über die Schultern und auch meinen Bart könnte ich zu einem Zopf zusammenbinden. Meine Kleidung hängt mir in Fetzen herunter, doch die in meine Unterkleidung und meinen Mantel eingenähten spanischen Dublonen sind immer noch an ihrem Platz.

Auf einmal wird mit bewusst, dass ich Helena in diesem Leben vielleicht nicht mehr sehen werde.

Meerenge von Sunda, 7. September 1764

Ich kann nicht mehr an den letzten Blick Helenas denken, die sich in die Umarmung eines anderen Mannes geworfen hat. Die Tiefe ihrer Augen hat ihr Strahlen verloren, sie sind leer und seelenlos geworden. Hat sie mich schon aufgegeben? Oder hat sie sich selbst aufgegeben?

„Wenn ich dich nicht liebte, stünde ich dann hier?“ Das sind die letzten Worte, die ich aus ihrem Munde hörte. Oft lausche ich diesem Satz nach. Jedes Mal, wenn ich an sie denke, folgt eine noch größere Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist wie eine himmelsgroße Welle, die die Erde überschwemmt und bald auch mich verschlingt. Gibt es etwas, das einen Mann noch einsamer macht als das Verlangen nach einer Frau? Oft schaue ich, schaue auf das endlose Wasser und spreche mit mir selbst.

Was bin ich, wenn nicht für dich?

Ohne dich habe ich kein Ziel,

vergeude ich allein die Zeit in der Ödnis der Welt,

fest im Klammergriff von Furcht und Schrecken.

Nichts weiß ich, außer meiner Liebe.

Die Zukunft ist ein dunkler, tiefer Brunnen.

Wenn mein Herz in Trauer erstarrt,

an wen kann ich mich in meinem Kummer wenden?

Kanton, 1. November 1764

Fröstelnd vor Kälte wache ich im Gefängnis auf. Mein ganzer Körper zittert unkontrolliert. Welche Jahreszeit ist überhaupt? Herbst? Ich denke an Helena, will ihr schreiben: Ich bin in China angekommen!

Ich will ihr erzählen, dass ich am Huangpuhafen in Kanton ankam, dass die Landschaft hier lieblich ist, dass ganz in der Nähe eine große chinesische Pagode steht. Ich will ihr sagen, dass ich viele Zeichnungen gemacht habe. Seit ich das Schiff bestiegen habe, habe ich unablässig gezeichnet, ich kann nicht mehr davon lassen. Ich habe das Kontorbuch, das ich in Paris einem fahrenden Händler abgekauft hatte, gänzlich vollgemalt. Ich malte die Seeleute und das Meer, malte Delphine und Wale, die es hin und wieder zu sehen gab. Ich habe für Helena gemalt. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich ihr die Bilder zeigen kann. Wird dieser Tag je kommen?

Ich möchte ihr auch sagen, dass ich bis aufs Mark erschöpft bin. Ich habe nicht nur keine Kraft mehr, ich kann auch nicht mehr denken. Jetzt bin ich in China angekommen, weiß aber selbst nicht mehr warum. Ich bin müde und taub, würde gern Winterschlaf halten wie eine Schlange. Ich möchte ihr auch sagen, dass ich Dresden nicht hätte verlassen sollen, sie nicht hätte verlassen sollen. Aber nun ist das alles zu spät. Jetzt begreife ich erst, dass ich nie werde zurückkommen können.

Die Schicksalsgötter haben mich vergessen. Ich kann nur noch einen Schritt nach dem anderen machen.

Gerade eben kam dieser bezopfte Wächter und ich begann sofort zu schreien: „Lasst mich frei! Lasst mich frei!“ Erst danach wurde mir bewusst, dass ich Chinesisch gesprochen hatte. Sie brachten mich in eine Halle. In der Ferne rief jemand irgendetwas. Am Himmel zogen Wildenten vorbei. Ich atmete tief ein, in der Luft lag ein Hauch von Sandelholz.

„Name?“, fragte mich ein Mandschu-Beamter, der auf einem erhöhten Podest saß.

„Wilhelm Bühl“, nannte ich meinen Namen, aber der andere sah mich nur wortlos an.

„Hast du keinen chinesischen Namen?“

„Nein.“

„Herkunft?“

„Ich komme aus dem Kurfürstentum Sachsen.“

„Sachsen? ... Wo hast du Chinesisch gelernt?“

„In der königlichen Akademie in Paris.“

„Wieso bist du nach China gekommen?“

Wieso war ich nach China gekommen? Für einen Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich hätte nie gedacht, dass meine Reise in China hier oder auf diese Art beginnen würde. Ich hatte mir von China durch meine Lektüre von Leibniz, Voltaire und Montesquieu ein Bild gemacht. Mein China war ein Paradies voller erhabener Musik, Vogelgesang und Blumenduft.

„Um Chinesisch zu lernen“, sagte ich. Aber meine feste und volle Stimme schien nicht den letzten Zweifel zu zerstreuen.

„Um China zu sehen.“

„Du bist den ganzen langen Weg hierhergekommen, nur um China zu sehen?“ Der Beamte hatte leichte Zweifel und befragte mich brüsk.

„Ganz recht“, sagte ich.

Der Mandschu-Beamte lachte auf, gewann aber sofort seinen skeptischen Ausdruck zurück. Er schwieg eine Weile.

„Du musst mit dem nächsten Schiff, das der Herbstwind bringt, in dein Land zurückkehren. Du hättest nicht hierherkommen sollen.“ Der Beamte schaute weiterhin ernst, aber in seiner Stimme lag keine Bosheit. „Wenn du nicht gehst, verbringst du den Rest deines Lebens im Gefängnis.“

Ich spreizte meine Hände und wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton raus. Den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen? Nie hätte ich gedacht, dass mich China auf diese Weise begrüßen würde. Der Beamte und seine Untergebenen sahen gar nicht wie Chinesen aus. Oder zumindest nicht so wie die Chinesen in den illustrierten Büchern von Athanasius Kircher oder Johan Nieuhof, die ich in der Bibliothek so oft durchgeblättert hatte, immer und immer wieder.

Liebste Helena,

Dein Geliebter, der nun schon seit anderthalb Jahren auf Reisen ist, hat das große Tor von China erreicht. Zusammen mit einigen Missionaren warte ich in Kanton auf meine Einreiseerlaubnis. Abgesehen von meinen Chinesischstudien fülle ich diese zähen und langen Tage mit meiner Sehnsucht nach Dir. Wie viele Tage dürstet es mich schon nach Deinem Lächeln. Nie werde ich die Nacht auf dem Ball von Offizier Götz vergessen, diese intimen Momente, als Du beim Tanz mit sanfter Stimme leise meinen Namen riefst. Die Sehnsucht verursacht mir schrecklichste Schmerzen, aber wegen dieser Schmerzen spüre ich deutlich, dass ich noch lebe. Es klingt vielleicht sonderbar, das zu sagen, aber manchmal habe ich Angst, dass dieser Kummer nachlässt. Verstehst Du, was ich meine?

Du weißt es schon lange: Auch wenn mein Körper Dich verlassen hat, wird mein Herz immer bei Dir sein. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Dich zu sein. Und wenn es so wäre, weiß ich nicht, wie ich weiterleben sollte, wie ich diese endlose Reise weiterführen sollte. Für mich war diese Reise nie, um Dich zu verlassen, sondern um wieder zu dir zurückzukehren. Manchmal denke ich, dass diese Reise dazu dient, dass ich mich kennenlerne. Wer bin ich? Was will ich? Wozu lebe ich? Warum lebe ich weiter?

Ich frage mich selbst: Wenn ich Dich verlöre, könnte ich dann einfach weiterleben? Ich liebe Dich von ganzem Herzen, und ich glaube auch, dass Du mich noch liebst. Aber wenn ich an Dich denke, stürmt der Schmerz in der Tiefe meines Herzens mit solcher Gewalt, dass ich es manchmal kaum ertragen kann. Am meisten bedaure ich, dass ich Dir keine süßen Träume bereiten konnte.

Während unserer gemeinsamen Tage hatten mich meine Verfehlung und die Kritik der anderen beunruhigt. Das hat mich zu jemand anderem gemacht. Dieser andere sah dich jeden Tag, aber er brachte dir kein Glück. Dieser andere nahm keine Rücksicht auf deine Gefühle, und so hast Du mich missverstanden. Du hattest recht. Ich war so fasziniert von Dir, und wegen dieser Hingabe konnte ich lange nicht sagen, woher meine Zuneigung rührte. Ich weiß nur, dass ich während unserer gemeinsamen Tage herumlief wie ein lebender Toter.

Dein Körper ist ein göttliches Meisterstück, aber ich habe nur eine Zeichnung von Dir gemacht. Auch das bereue ich jetzt.

An jenen Tagen lag mir vieles schwer auf dem Herzen. Dieses Gewicht bedrückte mich und lenkte mich von Dir ab. Wenn das Ziel meines Lebens ist, Dich zu lieben, dann entferne ich mich von meinem Ziel immer mehr. Aber es gibt etwas, das ich nicht bereue, und das ist, Dich so geliebt zu haben und immer noch zu lieben.

Jetzt, während der ganzen Reise, erdulde ich all die durchwachten Nächte als meine Strafe für die verpasste Zeit. Es scheint, als hätte ich das Gute und Schöne in meinem Leben verpasst. Warum muss das so sein? In jeder freien Minute denke ich an Dich, denke an jeden einzelnen Teil von Dir und versuche durch dieses unablässige Memorieren die Erinnerung zu festigen: die kindergleiche Zartheit Deiner Zehen, Deinen Halsansatz, Deine erlesene Figur. Soll ich damit fortfahren, Dir zu erzählen, wie Du mich aufwühlst? Ich erinnere mich, wie ich Dir meine Zunge zwischen die köstlichen Lippen schob, zögernd und jede Berührung auskostend. Wie sehr war mir damals zum Weinen zumute, als ich in Deinen perfekten Körper eindrang, ein Gefäß, das der Himmel für mich bereithielt, um meine Rauheit mit Körper und Seele aufzunehmen. Ich verlor mich in Dir und wurde zu Deiner Marionette. Ich wurde dein Schatten, der Seufzer deiner Sorgen. Ich wurde eins mit Dir. In diesen Momenten, die mich alles vergessen ließen, verschwand ich beinahe. Gleichzeitig war mir, als wäre in mir ein Tiger ausgebrochen. Ich konnte mich kaum kontrollieren und nahm große Risiken auf mich. Wenn es nicht die übermenschengroßen Gräser und Blätter des tropischen Regenwaldes waren, die ich zum Fortkommen beiseiteschob, dann segelte ich meiner Intuition folgend auf hoher See zu einem unbekannten Ziel, mit nur Deiner Stimme als Zuflucht. Ich folgte Deinen rührenden Lauten, wie eine Möwe der Küstenlinie folgt, und konnte erst dort vor Anker gehen.

Aber je weiter ich mich von dir entferne, desto stärker wird das seltsame Gefühl zu schmelzen, als hätte ich nicht länger eine Seele. Ich werde ein hohler Mensch werden.

Oder einer, der deinetwegen verrückt geworden ist.

Dir heute Abend zu schreiben, erregt und beunruhigt mich. Ich habe große Angst, Dich zu verlieren. Ich habe große Angst, Dich zu vergessen.

Meiner Königin, mit unendlichen Küssen und unendlicher Liebe

Dein Wilhelm

Kanton, 28. Dezember 1764

Die drei französischen Missionare und ich wurden zur französischen Faktorei gebracht, die in einer Ecke Kantons lag. Das Gebäude war so imposant, als stünde es in einer europäischen Stadt. Jedes Land hatte in einem festgelegten Gebiet Häuser im eigenen Stil errichtet. Doch die Grenze durfte nicht überschritten werden, so dass man wie in einem Gefängnis lebte. Dort mussten wir die weiteren Verhandlungen abwarten. Wir hatten China direkt vor Augen und konnten es doch nicht betreten. Vielleicht durften wir niemals hinein. Jetzt erfuhr ich, dass alle Kaufleute in Kanton nur die Straße der 13 Faktoreien betreten durften, um Handel zu treiben. Sie alle hatten China nie gesehen. Kommt ein Schiff in Kanton an, werden zunächst Arbeiter angeheuert, um einen Speicher zu errichten, und die Kaufleute verbringen den ganzen Tag damit, Geschäfte mit Chinesen zu diskutieren, sich Prototypen anzusehen und es sich abends in einer Bar in der Nähe der Faktoreien gut gehen zu lassen, zu essen, zu trinken und zu spielen. Sobald die Compradores die Geschäfte für die Kaufleute abgeschlossen haben und die Güter auf den Schiffen verstaut wurden, segeln sie wieder davon. Das ist ihre China-Reise. Kann es sein, dass ich ihren Spuren folgen muss?

Das tagelange Warten machte mich mutlos und ich begann zu trinken. Nach einem Saufgelage geriet ich in Schwierigkeiten. Bei einer Weihnachtsfeier, die die Faktorei der englischen Barbaren veranstaltete (Chinesen nennen alle Ausländer Barbaren), schien ich einer blonden Frau zu gefallen und sie ergriff die Initiative zu einem Gespräch. Ich wusste nicht, dass diese Frau bereits verlobt und der Verlobte ausgerechnet der Aufseher der Faktorei war, der heftig betrunken zu sein schien. In einem Anfall von Eifersucht provozierte er mich erst grundlos und verspottete mich dann als Feigling. Das ließ wiederum meinen Ärger hochkochen und ich verpasste ihm zwei brutale Faustschläge. Ich hatte nicht erwartet, dass mein Gegner ernsthaft zurückschlagen würde, aber er brach mir fast die Nase und kugelte meinen rechten Arm aus. Ich hörte später, ich hätte volltrunken und blutbesudelt auf dem Boden gelegen. Niemand beachtete mich. Einzig die Frau war besorgt, wurde aber von ihrem Verlobten weggezogen.

Kanton, 10. Januar 1765

Direktor Colbert der französischen Faktorei mochte mich nicht länger in der Faktorei wohnen lassen. Den Leuten, die mich in jener Nacht dorthin trugen, blieb nichts anderes übrig, als mich wieder wegzutragen. Schließlich ließen sie mich am Straßenrand liegen. Es regnete, und so lag ich fast den ganzen Tag im Schlamm des regennassen Bodens. Der ängstliche, aber gutherzige Colbert fürchtete vermutlich, ich könnte mich davon nicht mehr erholen, und so sah er sich gezwungen, mich doch wieder in mein Zimmer bringen zu lassen, damit ich dort genäse. Er ließ sogar den französischen Arzt der 13 Faktoreien kommen, um mich zu behandeln.

Allmählich verheilen meine Wunden. Colbert sperrt mich im Zimmer ein und verweigert mir den Alkohol. Ein Diener bringt mir Essen. Im Moment kann ich nirgends hingehen. Wenn mich die Sucht nach Alkohol quält, hämmere ich an die Tür, und wenn mir der Ärger hochkocht, schreie ich.

Häufig schaue ich versonnen auf die französische Flagge auf dem Dach, die im Wind flattert, und auf die britische nebenan, oder ich starre auf funkelnde Fenster mit Perlmutt- und Perlenintarsien.

Kanton, 15. Januar 1765

Endlich durfte ich raus, um die jesuitische Kirche in Kanton aufzusuchen. Alle Jesuiten in Kanton waren da. Der Priester war ein Franzose mit langem Bart. Er trug das lange Hemd der Chinesen und sprach fließend Chinesisch. Er war von großer Anmut, was sein sanftes Gesicht noch unterstrich. Meine drei Missionare, die ich schon mehrere Tage nicht gesehen hatte, waren auch da.

„Meine Brüder, ich bin Pater Pasquier. Ich habe gehört, eure Reise war außerordentlich gefährlich und beschwerlich.“ Er streckte mir mit einem liebenswerten Lächeln die Hand entgegen. Ursprünglich war der Jesuit gekommen, um die Waren in seine Obhut zu nehmen und dafür seinen Dank auszusprechen. Ich durchsuchte meine Kleidung, konnte die Warenaufstellung jedoch nicht finden. Offenbar hatten mir die Chinesen die Liste abgenommen. Glücklicherweise hatte Frater Attiret noch eine Abschrift:

1 Pianoforte

1 mit Gold verzierter Globus aus Elfenbein

6 Glasscheiben mit 2 Fuß Länge und 4 Fuß Breite

1 Dutzend Pigmente, inklusive Rosé

6 Kisten Bordeaux

1 böhmischer Kristalllüster

1 Spieluhr

„Der Großteil der Artikel ist unversehrt, bis auf eine Glasscheibe, die ein Kuli beim Verladen zerbrochen hat. Dem gnädigen Gott sei Dank wurde niemand dabei verletzt.“ Der freundlich aussehende Priester legte beide Handflächen aneinander und sprach mit sanfter Stimme, in der Bedauern mitklang, vielleicht wegen des vom Kaiser so geschätzten Glases. „Haben Sie vor, die Reise an andere Orte fortzusetzen?“

„Ich plane, in China zu bleiben.“ Ich erschrak über die plötzliche Heiserkeit meiner Stimme, die mich an die Rufe der Händler auf einer Auktion in Wien erinnerte.

„Dieses geheimnisvolle und despotische Land lässt Fremde nicht nach Belieben herein.“ Pater Pasquier sah mich mit einem schmerzlichen Ausdruck im Gesicht an, als ob er sich dafür entschuldigen müsste. „Sie sind kein Geistlicher. Verzeihen Sie mir meine Neugier, aber was haben Sie denn in China vor?“

„Ich will mir meinen chinesischen Traum erfüllen ...“

Ich nahm die Frage des Kirchenmannes als philosophische Fragestellung. Seit ich Dresden verlassen hatte, habe ich mir dieselbe Frage unzählige Male gestellt. Was ist mein Antrieb, nach China zu reisen? Ich sagte dem Priester nicht, dass ich mir China ansehen möchte, sondern ich erzählte ihm: „Ich interessiere mich für Porzellan und bin deshalb natürlich auch neugierig auf das Land, aus dem es kommt.“ Und: „Ich habe auch schon ernsthaft begonnen, Chinesisch zu studieren.“ Wie sollte ich das Ganze erklären? Welche Erklärung ist überhaupt nötig? Ist es nicht ähnlich wie die Frage, warum man sich in diese und nicht in die andere Frau verliebt hat? Wieso man roten oder weißen Wein bevorzugt? Man wird immer diesen oder jenen Grund haben, aber ist das dann auch der wahre Grund? Kann es sein, dass alles eine Frage des Schicksals ist? Oder des Zufalls?

Die Missionare werden vermutlich nicht verstehen, warum ich nach China gekommen bin, weil ich ihnen nicht die Wahrheit sagen kann. Und selbst wenn ich sie ihnen sagen könnte, kann es sein, dass dies doch nicht die Wahrheit ist.

Die Wahrheit ist nämlich, dass ich gegenüber dem Orient oder anderen fremden Ländern eine gewisse Neugier habe. Ich würde gern wissen, wie groß diese Welt ist und welche Wunder sie enthält. Wenn es möglich wäre, möchte ich sogar wissen, wo die Zeit beginnt und wo der Raum endet. Ich will wissen, was das Leben ist und ob man sich in den Tod schicken kann, bevor man dieses weiß. Diese Neugier lässt mich weiter willig Risiken eingehen und Gefahren begegnen. Außerdem ruft mich das geheimnisvolle Unbekannte. Ist es wahr, dass ich einen Auftrag und eine Verantwortung habe? Ist es wahr, dass ich dem Dilemma meines Lebens entfliehen muss? Dass meine Geliebte mich nicht lieben kann? Die Wahrheit ist, dass ich mich selbst frage, was denn nun wahr ist. Nichts davon sagte ich und sah Pater Pasquier nur in die Augen. Ein sehr einsames Paar Augen, wie ich fand.

Kanton, 16. Januar 1765

Ich hatte in Kanton bisher nur die jesuitische Kirche gesehen und noch keine Gelegenheit gehabt, mir die ganze Stadt anzusehen. Das Kanton, von dem ich reden hörte, schien noch größer zu sein als Paris oder London. Es ist nicht einfach eine Stadt, sondern eine ganze Welt.

Pater Pasquier bat den apostolischen Präfekten von Guangdong, Dominique Parrenin, herbei. Der Präfekt war Franzose wie Pasquier. Er sprach sehr förmlich und wählte seine Worte mit Bedacht. Er sagte, dass China ein in keiner Hinsicht offenes Land sei und dass, obwohl die Chinesen sehr gastfreundlich seien, sie nicht gern Umgang mit Ausländern hätten. Er sagte, dass zuvor schon einige Missionare aus Portugal und Frankreich hier gewesen seien, die der katholischen Kirche in Jiangxi und Shaozhou gedient hätten. Doch wegen des Missionsverbotes, das der Kaiser vor nicht allzu langer Zeit erlassen hätte, waren sie gezwungen gewesen, ihre Stationen zu verlassen. Auch sie seien nach Kanton gekommen, wohnten in der Kirche und warteten auf die Gewährung eines „roten Passes“. Sie warteten bereits seit einigen Monaten vergeblich. Auch der Generalgouverneur von Kanton hasse Ausländer und vertage die Entscheidung über die Einreise der Missionare immer wieder.

„Die Jesuitenkirche war früher das prächtigste und majestätischste Gebäude in Kanton. Haben Sie sie gesehen? Es war eines der Bauwerke, mit dem ein Vorfahr des aktuellen Kaisers den Jesuiten seinen Dank ausdrückte. Jetzt gibt es sogar Leute, die die Kirche im Vorbeigehen mit Unrat bewerfen und Hundeblut darauf verspritzen.“ Während der Präfekt über die Mission sprach, zeichnete sich Besorgnis in seinem Gesicht ab. „Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis sich ein Unglück ereignet.“

Aber ich will China nicht verlassen, auch wenn ich es eigentlich noch gar nicht betreten habe. Der Präfekt schlug mir vor, nach Macao zu gehen. Dort sei das Warten leichter zu ertragen, da es dort die beste Schule für Chinesisch gäbe. Sehr viele Missionare lernten dort Chinesisch. Zudem sei die Einreise nach China von Macao aus einfacher. „Außerdem ist es ein guter Ort“, sagte der Präfekt. Er persönlich bevorzuge Macao vor Kanton. Er sagte, die Überlegenheit der Marine habe Portugal schon vor langer Zeit an Holland abgetreten, und die nächsten seien die Engländer, die bereits die Franzosen geschlagen, sich auf dem Meer die Vorherrschaft erkämpft hätten und von Indien aus ihre Fühler Richtung Fernost ausstreckten.

Aber Macao war schon immer ein Niemandsland.

Hochverehrter Freiherr von Seydewitz,

ich bin mit einigen Missionaren nach Macao gesegelt, was in der Nähe von Kanton liegt und zu Portugal gehört. Auf der Insel gibt es mehr als zwanzig Kirchen, und zur Pauluskirche gehört außerdem ein Jesuiten-Kolleg. Meine Mitreisenden und ich sind hergekommen, um zu warten und um an dem Kolleg Chinesisch zu studieren. Die Kirche wurde von dem italienischen Jesuiten Carlo Spinola gebaut und mithilfe von japanischen Steinmetzen fertiggestellt. Sie ist sehr beeindruckend. Das Kolleg ist die erste westliche Hochschule im fernen Osten, auf der viele jesuitische Gelehrte Chinesisch studieren. Wollen Sie wissen, was meine erste Lektion hier war? Das waren die zwei Verszeilen, die in die Fassade der Pauluskirche graviert sind:

Der Teufel verführt die Menschen zum Bösen.

Die Jungfrau Maria zertritt den Kopf des Drachen.

Ich habe einen chinesischen Namen bekommen und kleide mich wie ein Chinese. Allerdings kann ich es nicht ertragen, meine Haare zu einem Zopf zu flechten, so dass ich immer einen Hut tragen muss. Ich habe einen chinesischen Schneider und einen Schuhmacher gefunden, die mir ein langes Gewand und Schuhe im chinesischen Stil herstellen. Aber die chinesischen Handwerksmeister fanden mich so übergroß, insbesondere der Schuhmacher, dass sie den doppelten Preis verlangten.

Mein chinesischer Name lautet Wei Han, ein chinesischer Literatus aus Macao hat ihn für mich ausgewählt. Als mich dieser angesehene Mann auf der Straße traf, bat er mich gleich zu sich herein. Leider spricht er Kantonesisch, einen starken südchinesischen Dialekt. Als er erfuhr, dass ich Chinesisch lernen möchte, fand er für mich einen jungen Mann aus dem Norden des Landes. Dieser Mann heißt Li Rubo und soll korrektes Mandarin sprechen. Er ist bereit, als mein „Bote“ zu arbeiten.

Ich lerne beflissen und mit beispielloser Geschwindigkeit Chinesisch. Nach dem Unterricht am Kolleg streife ich mit Li Rubo durch die Straßen und besuche Geschäfte. In mein Notizbuch schreibe ich alle neuen Wörter hinein und lerne viel über Dinge, die ich zuvor noch nie gesehen habe, wie Rohseide, Reibsteine, Pinsel und Moskitonetze. Oder chinesische Arzneien wie chinesischen Fingerhut, Ginseng, Fuling-Pilze und Engelwurz. Oder orientalische Blumen und Bäume wie Päonien, Chrysanthemen, Kamelien, Regenbäume, Banyanbäume und Kokospalmen. Ich habe Menschen gesehen, die auf der Straße rasiert oder denen die Zähne gezogen wurden. Uns auf den Fersen folgt zumeist eine Horde ausgelassen spielender Kinder und herrenloser Hunde. Oft steige ich auf den Hügel zur Kapelle Unserer Lieben Frau von Penha, um von dort aus in die Ferne zu schauen.

Macao ist eine außergewöhnliche Stadt. Die Portugiesen haben viele Straßen und Häuser errichtet, die sich mit den chinesischen Gebäuden und Tempeln zu einem wundersamen Stil verbinden. Portugiesische Lokale verkaufen chinesisches Essen, und es gibt ein paar Chinesen, die etwas Portugiesisch sprechen. Es gefällt mir sehr gut hier, und ich vermute, ich könnte mich allmählich an die Stadt gewöhnen, wie ich mich an die chinesische Kleidung gewöhnt habe.

Ich habe das St-Rafael-Krankenhaus aufgesucht, um meine Einreise nach China voranzutreiben. Dort gibt es einen belgischen Arzt, der engen Kontakt zu chinesischen Beamten pflegt. Dieser Wundarzt hat mal einige Beamte kuriert, die ihm seither seine guten Taten vergelten. Viele glauben, dass die Chinesen eine hohe Meinung von westlicher Medizin haben, eine wesentlich höhere als von den Missionaren. Ich hoffe, dass der Arzt ein gutes Wort für mich einlegen kann und ich nach China einreisen darf.

Ich füge dem Brief einige Bleistiftzeichnungen der hiesigen Landschaft und von farbenfrohem Porzellan bei. Die meisten Skizzen sind schwarzweiß und mit spezieller chinesischer Tusche aufgetragen, in dem Versuch, die Essenz einzufangen. Ich hoffe, diese Zeichnungen können Ihre Neugier befriedigen. Ich habe als Kind gern gemalt und diese Reise hat meine Begeisterung für das Malen wiedererweckt. Ich werde meine Technik weiter verbessern müssen, denn noch lassen die Bilder eine gewisse Könnerschaft vermissen. Trotzdem hoffe ich, dass Sie sich nicht darüber lustig machen.

Ich wünsche Ihnen Glück und Gesundheit. Möge Gott mit Ihnen sein.

Ihr Wilhelm Bühl

Macao, 3. September 1765

Heute Morgen wurden auf der Straße Gongs und Trommeln geschlagen und es wurden mehrere hochtönende Suonas, oboenähnliche Instrumente, geblasen. In der Nähe soll eine Hochzeit stattfinden. Bei einer chinesischen Hochzeit startet vom Haus des Bräutigams ein Zug, um die Braut bei ihrer Familie abzuholen.

Die drei Missionare, die mit mir auf die Einreise nach China warteten, hatten gute Nachrichten. Der Kaiser hatte erfahren, dass die Geschenke des französischen Erzbischofs eingetroffen waren, und so erhielten sie die Erlaubnis, diese nach Beijing zu bringen. An diesem Morgen war außerdem der Beamte, der die Geistlichen nach Beijing eskortieren sollte, aus Kanton gekommen und verlangte, dass sich die drei Missionare niederwerfen sollten, um das kaiserliche Edikt zu hören. Der Beamte zog aus seinem Stiefel ein Dokument, während die Missionare in einem Holzbau, den die Chinesen „Großer Tempel“ nennen, mit dem Gesicht nach Norden das Edikt vernahmen. Weil wir miteinander gereist waren, hatte Frater Attiret mich als Dolmetscher empfohlen und ich übersetzte ihnen also das Edikt.

Der Beamte hatte für die Missionare eine Dschunke vorbereitet. Die Geschenke, die schon vor vielen Monaten verpackt, aber noch nicht nach Beijing verbracht worden waren, wurden nun auf das Boot geladen.

„Um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, hätte ich einen Rat.“ Der Beamte wollte, dass die Missionare sich auf dem Weg möglichst nicht zeigen sollten, da Chinesen nur sehr selten Fremde zu Gesicht bekommen. Er fürchtete, dass ihr Erscheinen sonst auf Schritt und Tritt Unruhe verursachen und sogar gefährlich sein könnte. Deshalb hoffte er, dass die Missionare auf der Reise an Land so viel wie möglich in den Sänften verborgen blieben. Er sagte, dass die Reise auf dem Wasser beginnen würde und dass es vom Süden in den Norden einen Monat dauere. Vielleicht sogar länger. Danach ginge es auf dem Landweg weiter. Sie müssten ganz China durchqueren, um die Hauptstadt im Norden zu erreichen. Was mich anbetraf, so war ich weder Missionar noch stand ich auf der Liste, so dass der Beamte mir kühl mitteilte, dass er mir nicht helfen könne, selbst wenn er wolle.

Macao, 8. September 1765

Nach langem, bitterem Warten habe ich endlich Erfolg. Weil ich nicht auf offiziellem Weg nach China einreisen darf, habe ich mich entschieden, dem Vorschlag eines portugiesischen Offiziers zu folgen und das Land illegal zu betreten. Dafür musste ich einen Bestatter samt Angestellten bestechen, einen Sarg zu präparieren und einen Beerdigungszug vorzutäuschen. Auf diese Weise werde ich nach China gebracht werden, was tatsächlich nur wenige Meilen entfernt ist. Ich halte das für eine gute Idee. Chinesen glauben, dass Tote einen sehr großen Einfluss haben, weshalb sich niemand traut, diesem Tabu zu trotzen und einen Sarg zu untersuchen. Der Abenteurer und Weltreisende Paul Burchell, der in Macao bereits mehrere Jahre vergeblich auf eine Einreisemöglichkeit nach Beijing gewartet hat, will den gleichen Plan verfolgen. Wir werden es nacheinander versuchen und uns dann in China wiedertreffen. Morgen werde ich eingesargt. Ich will gar nicht daran denken. Mir graut davor. Aber ich habe keine andere Wahl.

Perlflussdelta, 9. September 1765

Ich hatte geglaubt, dass es nicht wirklich schlimm werden würde, aber da hatte ich mich geirrt. Und wie ich mich geirrt habe! Fast wäre ich erstickt. Auf dem Weg habe ich unablässig nach Luft geschnappt. Auf diesem endlosen Weg ans Ende der Welt, unendlich verlassen. Jetzt weiß ich: Das Niemandsland ist eine Leiche.

Ich konnte die Gespräche und die Schritte der Sargträger hören. Die ganze Welt war auf die Größe des Sarges geschrumpft und ich existierte nicht mehr. Es gab nur noch das angestrengte Atmen, die Enge, die Hitze. Ich war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Ich musste beten. Ich sagte zu mir: Wenn ich diesen Sarg lebend verlasse, dann werde ich mich nie wieder lebend in einen legen.

Perlfluss, 30. September 1765

Der Abenteurer Burchell stammt aus England. Er sagt, er habe vorher Japan bereist und wollte ursprünglich auf dem Seeweg zurück nach England fahren, aber dann geriet sein Schiff in einen Taifun und ging deshalb in Macao vor Anker. Als er nun schon so nah an China war, wollte er es auf jeden Fall auch erkunden, um auf dem Totenbett nichts zu bereuen zu haben.

Ich beschloss, ein Stück mit Burchell zu reisen. Er wollte allerdings direkt nach Beijing, ich erst am Ende meiner Reise. Sei es, wie es sei, wie mieteten zusammen ein Boot und einigten uns darauf, zuerst den Norden von Guangdong anzusteuern.

Als wir gerade an Bord gegangen waren, schnitt der Steuermann einem Hahn den Kopf ab und ließ diesen in den Fluss fallen. Das Blut des Hahns tropfte er in die Ecken der Kajüte. Dabei murmelte er vor sich hin. Auf Deck stellte er je einen Becher mit Öl, Tee, Schnaps und Salz auf, und nachdem er sich drei Mal vor diesen vier Bechern niedergeworfen hatte, hob er mit beiden Händen ein Bündel Räucherstäbchen hoch und betete murmelnd. „Wieso ein Huhn?“, fragte Burchell den Kapitän. Die Antwort lautete überraschenderweise: „Ein Huhn bringt Glück, weil es gleich ausgesprochen wird.“

Als wir den Perlfluss flussaufwärts befuhren, sahen wir einheimische Frauen beim Paddeln. Die meisten trugen ungefärbte Kleider und hatten ihre Haare zu Knoten geschlungen. Sie sahen reinlich aus und auch ein wenig geheimnisvoll. Als die Frauen bemerkten, dass wir sie ansahen, drehten sie sich verschämt weg. Gleichzeitig waren sie auch neugierig, und so musterten sie uns verstohlen. Burchell deutete auf eine und sagte: „Sehen Sie nur, wie reizend und faszinierend die Chinesinnen sind.“ Er seufzte vor Bewunderung, als hätte er eben eine neue Wahrheit entdeckt.

Burchell war Bergsteiger und hatte schon diverse Gipfel der Alpen erklommen. Obwohl Engländer, war er in der Hafenstadt Genua aufgewachsen und interessierte sich von klein auf für die Seefahrt. Schiffe aus aller Welt hatte er schon gesehen. Er erzählte mir, dass die Ausrüstung der englischen Flotte auf dem modernsten Stand sei und die der Franzosen schon lange überholt hätte. „Die Bauweise der chinesischen Schiffe ist nicht weiter bemerkenswert, aber die Lackierung ist hervorragend!“ Er deutete auf die farbenfrohen Schiffe auf dem Fluss. „Finden Sie sie nicht herrlich?“

Ich schaute auf das plätschernd dahinfließende Wasser und sprach gelegentlich mit Burchell, aber die meiste Zeit machte ich flüchtige Skizzen. Ein Dorf nach dem anderen, ein grüner Hügel nach dem anderen zogen an uns vorbei. Ich hatte sehr viel Zeit, in die Ferne zu blicken, zu denken und Luft zu schnuppern. Manchmal betete ich auch.

Wir sahen Fischer, die mit einer Art kleinem Reiher auf wundersame Weise Fische fingen. Wir aßen, was wir selbst aus dem Fluss zogen.

Die Erinnerung an Helenas grenzenlose Zärtlichkeit tröstete mich. Außer gelegentlichen Rufen des Steuermannes und anderen Schiffen, die an uns vorüberzogen, war das Leben an Bord sehr schlicht. Das vorbeifließende Wasser drang tief in meinen Herzensgrund und verstärkte meine Sehnsucht nach Helena. Wellen und Strömung zogen diese Sehnsüchte mit, und ganz allmählich sanken sie auf den Grund des Flusses.

Ich schmiedete Pläne für meine weitere Reise, hielt sie aber streng geheim, wie ein Spieler seine Karten eng vor seine Brust hält. Wir beschlossen, den nächsten Teil des Weges in Bambussänften zurückzulegen, um unnötigem Ärger aus dem Weg zu gehen. In der Sänfte dient ein Brett als Sitz und sie ist mit Seide verhängt. Vorn und hinten wird sie von je zwei Männern getragen. Man wird darin fürchterlich durchgeschüttelt, zuweilen regelrecht hin und her geworfen, und hört nur das Krachen des Holzes. Tag für Tag wurden wir von einer Herberge zur nächsten getragen, ohne die Gelegenheit zu haben, die Landschaft unterwegs oder gar Märkte und Straßen zu sehen. Ich sah höchstens mal einen Tempel oder eine Pagode, ein paar Wasserbüffel, die Felder bestellten, und Vögel aller Art. Wenn die Vorhänge das Fenster der Sänfte freigaben und mich die Leute unvorsichtigerweise zu Gesicht bekamen, sahen sie aus, als könnten sie ihren Augen nicht trauen. Ich versuchte, auch in der schwankenden Sänfte Skizzen von der Landschaft zu machen, aber das war sehr mühsam und die Ergebnisse nicht der Rede wert.

Jiulianberg, 20. Oktober 1765

Die nächste Etappe der Reise war die Strecke von Nanxiong in Guangdong nach Nanan, der südlichsten Stadt in der Provinz Jiangxi. Ich stieg aufs Pferd um, weil wir uns auf engen Bergpfaden bewegen mussten. Burchell ließ sich weiter in der Sänfte tragen. Wir wurden von vier chinesischen Sänftenträgern und zwei Trägern für das Gepäck begleitet. Auf diesem Teil der Reise fühlte ich mich oft wie als Kind im Umland von Dresden.

Heute erreichten wir nach mehr als zehn Tagen den Fuß des Jiulianberges. Ich sah in meine Karte, um unsere Position zu überprüfen. Die Stadt, die ich im Sinn hatte, war nicht mehr weit entfernt.

Kurz vor Mittag drang aus der Ferne des Passes Hufgetrappel zu uns, Staub wirbelte auf und bedeckte den Himmel. Ich sah mich um und versuchte etwas zu erkennen, die Sänftenträger hielten abrupt an. Eine Gruppe fremder Reiter kam in vollem Galopp auf uns zu. Nachdem die Träger sich ihrer Last entledigt hatten, flohen sie wie ein Mann in den Wald. Auch Burchell und ich rannten in Deckung. Als die Horde näher kam, gab einer der Banditen seinem Pferd die Sporen und hieb mit seinem Schwert einen unserer Träger nieder. „Ein Überfall!“, schrie der Träger noch, „Flieht!“, dann fiel er zu Boden.

Ich stützte einen der Träger, der sich vor lauter Angst nicht mehr aufrecht halten konnte. Ich brachte ihn hinter einen kleinen Erdgottschrein im Wald und riet ihm, sich zu ducken. Ich zog die Pistole, die ich immer bei mir führe, stellte mich hinter einen Baum und beobachtete die Räuber. Sie waren auf Wertsachen und Silber aus, aber wir führten nur wenige Gepäckstücke mit. Und das Silber trugen wir am Körper.

Gut verborgen richtete ich meine volle Aufmerksamkeit auf den Anführer der Räuber, einen ungehobelten Kerl. Als er auf uns lospreschte, kam sein Pferd leicht aus dem Tritt. Die Gelegenheit nutzend, zielte ich und schoss. Er fiel sofort.

Kaum war der Anführer vom Pferd gefallen, verstreuten sich die Banditen in alle vier Himmelsrichtungen. Sie hatten noch nie eine Schusswaffe gesehen und deren Tödlichkeit versetzte sie offensichtlich in Angst und Schrecken. Nachdem ich sie den ganzen langen Weg mitgeführt hatte, kam die Waffe schließlich zum Einsatz und rettete mir das Leben. Auch Burchell wurde kein Haar gekrümmt, er sah nur etwas blass aus. Zwei Träger waren tot, einer verwundet. Unter großen Schwierigkeiten erreichten wir die nächste Herberge.

Jiulianberg, 21. Oktober 1765

Burchell und ich trennen uns. Ab morgen geht jeder von uns seinen eigenen Weg. Er war ein etwas geschwätziger Begleiter, aber mit dem typischen Humor eines Engländers. Unsere gemeinsame Reise war äußerst angenehm und er ist der einzige andere Mensch auf der Welt, der weiß, wie es sich anfühlt, in einem Sarg zu liegen. Wir tauschten unsere Adressen aus und verliehen unserer Hoffnung Ausdruck, uns eines Tages wieder zu begegnen.

Ich gehe allein in die Stadt meiner Sehnsucht, in die Stadt des Porzellans. Zur Provinz Jiangxi ist es nicht mehr weit, also sollte Jingdezhen auch nicht fern sein.

Jingdezhen, 30. Oktober 1765

Diese Stadt hat keine Mauer. Das war mein erster Gedanke, als ich in Jingdezhen ankam. Diese geheimnisumwobene Stadt liegt in einem von Bergen umgebenen Kessel. Ein gewaltiger Strom fließt langsam hindurch und bildet einen wunderschönen natürlichen Hafen. In diesem Hafen liegt Bug an Heck, ein Boot am anderen. Von meinem Pferd aus sah ich im Hafen auf die Stadt, über der so zahllose Rauchwolken aufstiegen, als herrsche Krieg. Diese eigenartige Atmosphäre faszinierte mich und ich konnte mich von ihrem Anblick lange nicht losreißen. Ich betrat die Stadt durch ein altes Stadttor und entdeckte an jeder Ecke Schreine der Feuergöttin, in denen der Porzellangottheit gehuldigt wird. Das Götzenbild stellt die Tochter eines Handwerkers dar, dem es auch unter größten Anstrengungen nicht gelang, für den Kaiser Porzellan herzustellen. Um ihn zu retten, sprang das Mädchen in den brennenden Ofen und heraus kam wundersamerweise ein Gefäß aus makellosem Porzellan. Durch ihr Opfer hatte sie ihren Vater gerettet. In der Stadt wird diese Keramikertochter nun als Feuergöttin verehrt. Diese Art Porzellan wird seither „Opfer der Schönen“ genannt, weil es durch das Blut des schönen Mädchens rot gefärbt werde. Andere sind aber der Meinung, dass die rote Glasur die Röte auf den Wangen einer beschwipsten Maid darstellt, und nennen die Gefäße daher „Rausch der Schönen“.

Ich erinnere mich, dass ich in Macao mal einen langstieligen Kelch gesehen hatte, der in der Tat so ein „Opfer der Schönen“ war!

In dieser Stadt gibt es so viele Geschichten von Blut und Tränen, dass sich die Seele Böttgers im Himmel nicht einsam fühlen muss. Eine religiöse Prozession habe ich noch keine gesehen, aber ich habe in den Tempeln der unterschiedlichen Götter des Feuers und des Windes Räucherstäbchen für Böttger angezündet und den zahlreichen Göttern des Porzellans damit meine Verehrung ausgedrückt.

Die Stadt ähnelt einem wütenden Drachen. In Dresden hatte ich mal ein rot glasiertes Teeservice aus China gesehen. Oben war ein sich im Himmel tummelnder Drache abgebildet, der Rauch und Feuer spuckte. Der brennende Himmel über Jingdezhen befeuerte meine Leidenschaft und Inspiration. In einer Wolke am Horizont sah ich das Gesicht Helenas. Sie schien mich zu tadeln, dass ich mich so weit von ihr entfernt hatte. Oder war es nur ein Trugbild? Abwesend ließ ich meinen Blick über den Himmel schweifen und vergaß die Zeit.

Später betrat ich das kreuz und quer verlaufende Straßengewirr der Stadt. Die Häuser stehen dicht gedrängt und die Straßen sind eng. Unentwegt hallen die Rufe der Träger durch die Gassen, die zahlreiche Lagen Porzellan an die Tragestangen gehängt haben. Sie bewegen sich flink durch die Menschenmassen und sind damit so vertraut, dass keiner von ihnen im Geringsten fürchtet, mit anderen zusammenzustoßen. An ihrer statt brach mir der kalte Schweiß aus.

Ich betrat eine etwa zweihundert bis dreihundert Meter lange Straße mit Porzellanläden in der Nähe des „Huangjiazhou“ genannten Viertels. Dort gab es alle nur erdenklichen Arten von Gefäßen mit Dekors von lebendiger Frische. Die Vielfalt neuen und alten Porzellans ließ mir die Augen überlaufen. In jedem Geschäft betrachtete ich sorgfältig die Waren. Ich erfuhr, dass es am Hafen noch einen Porzellanmarkt gäbe, und machte mich eilig auf den Weg dorthin. Als ich ankam, befand sich die Menge in einem hektischen Aufbruch und wollte sich in alle Winde zerstreuen. Einem der Händler, der sich gerade seine Stange auflud, um zu verschwinden, stellte ich mich in den Weg.

„Was ist passiert? Warum laufen alle weg, als sei der Teufel hinter ihnen her?“ Ich hielt den Händler fest, der mir in die Arme gelaufen war.

„Ai! Die Yamenläufer kommen und nehmen Leute fest“, schrie der Mann, gerade als die Läufer und Reiter des Yamens 2 abdrehten und in eine andere Richtung liefen. Langsam beruhigte er sich wieder. „Weißt du das denn nicht? Diese korrupten Beamten nennen es Untersuchung, aber in Wirklichkeit wollen sie nur Vorteile für sich rausschlagen.“ Der Mann war eine Plaudertasche, und dass ein ausländischer Teufel Interesse zeigte, bestärkte ihn in seiner Redelust.

„Aber nach was suchen sie denn?“

„Sie sagen, es sei verboten, altes Porzellan herzustellen, aber wie wollen sie erkennen, welches Porzellan alt ist? Sie verstehen doch nichts davon.“

„Darum geht es also?“ Ich war ein wenig enttäuscht, weil ich etwas Spektakuläreres erwartet hatte. Der Mann stellte seine großen Körbe ab, entfernte ein dickes Tuch und präsentierte mir sein Porzellan. Er sagte, er sei einer der fliegenden Händler, die im lokalen Dialekt „Korbträger“ genannt werden und nur im kleinen Stil Porzellan verkaufen.

„Es ist auch verboten, Seqing-Porzellan zu verkaufen.“

„Was ist das?“ Mir fiel nicht ein, was die beiden Zeichen Seqing bedeuteten.

„Aiya, Sie wissen ja eine ganze Menge nicht! Sehen Sie her!“, prustete der Händler los und wickelte einige wohlverstaute Waren aus ihren Tüchern. „Dieses hier zum Beispiel, das läuft sehr gut. An einem Tag verkaufe ich mehrere davon.“ Er übergab mir ein Stück Porzellan und beobachtete aufmerksam meine Reaktion. Ich war kein bisschen überrascht. Schon bevor ich nach China gekommen war, hatte ich einige davon gesehen, die sogar noch plumper gemacht waren. Es war ein zweiteiliges Weingeschirr aus Porzellan, bestehend aus einem Weinkrug und einem Becher. Wenn man sie zusammensteckt, zeigen sie Mann und Frau in coitus. Spielerisch nahm ich es hoch, aber nach einer Weile konnte ich nicht mehr an mich halten und brach auch in Gelächter aus.

„Was soll diese Spielerei denn kosten?“

Er antwortete ausweichend und schien mehr Interesse an mir als am Verkauf zu haben.

„Westlicher Herr, Sie sprechen so gut Chinesisch. Aus welchem Land kommen Sie?“, fragte er mich neugierig.

In diesem Moment fiel ich auch anderen Marktbesuchern auf und sie bildeten peu à peu einen Kreis um mich, um einen guten Blick auf den Ausländer werfen zu können. Ich stellte mich der uns umgebenden Menge kurz und schlicht vor und betonte meine Begeisterung für Porzellan.

„Ich muss jetzt erst noch arbeiten, aber wenn Sie später Zeit haben, könnten Sie ein Weilchen zu mir kommen und Tee trinken. Ich würde dann die Gelegenheit nutzen, Ihnen das großartige Porzellan Chinas näherzubringen.“ Er sagte, er heiße Wang und erklärte mir sorgfältig den Weg zu seinem Haus. Schließlich lieh er sich Papier und Pinsel von einem Wahrsager auf dem Markt und malte mir den Weg in wenigen Strichen auf.

Als ich allein durch die Porzellanstraßen bei Huangjiazhou streunte, bewunderte ich vielerlei Porzellan, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. In diesen Straßen wird jedes erdenkliche Porzellan angeboten, so dass man sich einfach nicht sattsehen kann. Ich war derart begeistert, dass ich mich einmal bei einem Mann entschuldigte, der mir auf den Fuß gestiegen war. Er war völlig entgeistert. Die Waren waren leuchtend gefärbt und kühn gestaltet. Manche wirkten auf den ersten Blick etwas plump, waren bei genauerer Betrachtung jedoch ebenso bewegend. Von den Verkäufern erfuhr ich, dass diese Porzellane von einfachen Handwerkern hergestellt werden. In Europa nennt man sie Kraak.

„Das Porzellan aus den privaten Öfen ist nicht unbedingt schlechter als das aus den offiziellen. Manchmal ist es sogar besser“, versicherte mir ein Händler sachlich. Aber es war klar, dass er damit nur den Preis treiben wollte. Ich stöberte interessiert durch seine Waren, von denen manche vielleicht sogar alt waren.

„Das ist blauweißes Porzellan aus der Yuan-Dynastie.“ Er deutete auf eine Schale. Er fragte mich, ob mir die Yuan-Dynastie ein Begriff sei, und als ich bejahte, streckte er überrascht die Zunge raus. Nach einer Weile fragte er, ob ich auch wüsste, was die Longquan- und die Zhanggongxiang-Öfen seien. Diesmal war ich an der Reihe, den Kopf zu schütteln. „Das hier, das ist aus dem Longquan-Ofen.“

„Ah! Und wo ist das her?“, schrie ich unvermittelt heraus. Ich konnte es nicht fassen, es war unglaublich. Genau neben dem Porzellan, auf das er gedeutet hatte, entdeckte ich plötzlich ein Stück aus Meißen. Es war ein Teil aus dem für den Grafen Heinrich von Brühl hergestellten Schwanenservice. Die Sauciere hatte die Form eines Schwans, den ein Engel umarmt. „Ist das ein Original?“, fuhr ich fort, ihn zu befragen.

Er nickte mehrfach. Der Händler schien die Bedeutung dieses Stücks nicht zu begreifen.

„Wo kommt es her?“ Ich fragte ihn wiederholt, ohne eine eindeutige Antwort zu erhalten.

„Vielleicht aus Kanton.“

Kanton? Ich kaufte das Gefäß umgehend.

Natürlich konnte es kein Original sein. Obwohl das Service einige Dutzend Mal hergestellt worden war, stand es nicht zum freien Verkauf. Abgesehen vom Haushalt des Grafen von Brühl befindet sich davon noch ein Exemplar im Zwinger. Auf ein weiteres hatte mich Meißens leitender Modelleur Johann Joachim Kändler heimlich mal einen Blick werfen lassen. Außerdem befinden sich auf der Unterseite jedes Originals aus Meißen die zwei blauen, sich kreuzenden Schwerter. Die weiße Unterseite dieses Gefäßes war völlig blank. Solange ich auch darüber nachdachte, konnte ich mir doch keinen Reim darauf machen, wieso dieses Stück in China aufgetaucht war. Sollte jemand ein Original nach China gebracht haben, um es hier zu kopieren? Wenn nicht, wie könnten die Chinesen es nachgemacht haben? Warum wurde es kopiert? Von wem? Und weiß Meißen davon?

Mit dem in ein Tuch gewickelten Porzellan unter dem Arm fragte ich überall in der Stadt nach einer Herberge. Allerdings erfolglos, da es Fremden verboten ist, die Nacht innerhalb der Stadt zu verbringen. Also war ich gezwungen, mir ein Boot auf dem Fluss zu suchen, das Gäste aufnimmt. Mit dem Pferd am Zügel ging ich das Ufer entlang.

An den Ufern des Hauptflusses und seiner Seitenarme lagen zahllose weggeworfene Porzellanscherben und ergaben ein schauderhaftes Bild von Flüssen aus zerbrochenem Porzellan. Weit entfernt sah ich ein Schiff und wollte gerade aufsitzen, um dorthin zu reiten.

„Werter Herr, ich hätte jetzt Zeit. Wollen wir nicht zu mir gehen und ein wenig plaudern?“ Es war tatsächlich der Porzellanhändler, der mich zuvor schon zu sich eingeladen hatte. Erfreut nahm ich die Einladung an.

Sobald ich sein Haus betrat, sah ich den Ofen im Hof. Das Haus besteht aus einer großen, schlichten Holzkonstruktion ohne eingezogene Innendecke, so dass man das Reisstroh sehen kann, mit dem das Dach gedeckt ist. Der Boden besteht schlicht aus dem Erdboden, der durch die lange Zeit der Nutzung festgestampft wurde. Einige Strohmatten hängen von den Dachsparren. In einem Schuppen hinter dem Haus stehen hölzerne Regale voll mit Porzellanrohlingen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein chinesisches Wohnhaus betrat. Lächelnd bückte ich mich und trat ein.

Der Porzellanhändler, seine Eltern, seine Ehefrau und ihre drei Söhne wohnen hier zusammen in einem großen Raum. Jeder hat seine eigene Ecke, von den anderen durch herabhängende Strohmatten abgetrennt. Die freundliche Ehefrau war gerade am Kochen. Mit einer ausländischen Langnase in ihrem Haus hatte sie sicher nicht gerechnet, und so lächelte sie nur geschäftig vor sich hin und wagte kaum einen Blick auf mich zu werfen.

Die ganze Familie, ob jung, ob alt, war in der Keramik- und Porzellanherstellung beschäftigt. Ihre Familie sei wie die Äste eines einzigen Baumes, sagten sie. Eines der drei Kinder, noch ziemlich jung, saß aufrecht und still in einer Ecke und bemalte Porzellan. Die zwei jüngeren Söhne drückten sich in meiner Nähe herum, trauten sich aber nicht zu sprechen, sondern sahen mich nur unentwegt mit großen Augen an.

Von den Sparren hingen nicht nur Strohmatten, sondern auch Schinken und Würste, und in den Regalen stand allerlei bereits fertiges Porzellan.

„Setzen Sie sich. Setzen Sie sich.“ Der Porzellanhändler hatte sich mir auf dem Weg bereits vorgestellt. Er heißt Wang Yang. Seine Vorfahren waren vor langer Zeit den ganzen Weg aus Henan gekommen, um hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Er sei jetzt die dritte Generation hier. Er erzählte, dass sie seither ausschließlich Porzellan herstellten, wenn auch nur von mäßiger Qualität und mit kleineren Fehlern. Wenn er Zeit habe, gehe er zu den großen Öfen, um Porzellan mit verborgenen Fehlern zu kaufen, die nur für Kenner sichtbar sind, normale Kunden aber nicht erkennen. „Wenn ich Glück habe, kann ich dafür gute Preise erzielen“, erzählte er mir. Er kramte aus einer Truhe eine Blumenvase hervor und gab sie mir. „Jetzt sagen Sie mir: Was stimmt nicht mit dieser Vase?“

Sorgfältig betrachtete ich sie, entdeckte aber keinen Anhaltspunkt. Ich hielt sie für ein hervorragendes Stück.

Wang Yang sagte kichernd: „Es ist ein hervorragendes Stück. Hervorragend. Es handelt sich um ein Doucai-Porzellan mit einem sogenannten Sich-ergänzende-Farben-Dekor. Aber weil zu viel grünes Pigment beigemischt wurde, wurde das Rot zu Purpur. Deshalb gilt die Vase als fehlerhaft. Mir gefiel sie gerade deshalb ganz besonders gut, also kaufte ich sie für etwas Silber und hüte sie seitdem wie einen Schatz.“

Ich betrachtete alle Details der Vase, schüttelte den Kopf und seufzte. Ich sagte: „Das sollte doch nicht als Fehler gelten, sondern als Fall handwerklicher Kreativität. Ich hätte sie auch sofort gekauft.“

„Wenn Sie das sagen, sind wir wirklich eines Geistes Kind“, sagte Wang Yang immer noch lachend. Aus einer Schachtel in einer anderen Ecke zog er nun eine grüne Porzellanflasche hervor. Kaum wurde ich ihrer ansichtig, verschlug es mir die Sprache. Ähnelte sie nicht der Vase, die mir der Baron an den Elbauen gezeigt hatte?

„Wo kommt die her?“, stammelte ich fast.

„Ich bitte um Verzeihung, aber das ist mein Geheimnis“, sagte er.

„Sie müsste aus der Songzeit stammen.“

„Das stimmt. Sie ist aus der Songzeit.“

„Von welchem Ofen?“

„Erraten Sie es?“ Er nahm die Porzellanflasche behutsam auf, zählte die Stile der fünf großen Song-Öfen auf und ging dann zur Schilderung der unvergleichlichen Farbe des Ru-Porzellans über. Er fürchte, so sagte er, dass auf der ganzen Welt nur noch wenige Stücke Ru-Ware existierten. Aber er schwor bei seinem Leben, dass er nicht verraten würde, wo er sie gefunden habe. Das also war Ru-Ware! Es gelang mir kaum, meiner Aufregung Herr zu werden, doch ich tat so, als sei alles in bester Ordnung, und hörte ihm weiter zu.

Er sprach nun über seinen Vater. Wangs Vater war ein Experte in Porzellanreparatur, aber mittlerweile helfe er nur noch ein wenig im Laden aus, weil im Laufe der Jahre sein Augenlicht und seine Geschicklichkeit nachgelassen hätten. Dann wühlte er wieder ein wenig im Zimmer herum und brachte einen Porzellanteller zum Vorschein. Er sagte, dass das ein exzellentes Stück sei, welches jemand am Fluss weggeworfen hatte, weil es in zwei Teile zerbrochen gewesen wäre. Sie hätten es mitgenommen. „Mein Vater bohrte mit einem Diamantbohrer winzige Löcher hinein und verband die beiden Teile mit haarfeinem Messingdraht. Danach trug er etwas Farbe auf und jetzt würden weder Gott noch Geist etwas davon bemerken.“ Wang Yang schien mich um meine Meinung zu bitten.

„Nicht der geringste Makel!“ Ich las die Zeichen auf der Unterseite der Platte, „Hergestellt in der Kangxi-Ära der großen Qing“, und lachte herzhaft.

Wang Yangs Mutter verstand sich ursprünglich aufs Sticken, doch nachdem sie Wang Yangs Vater geheiratet hatte und nach Jingdezhen gezogen war, lebte sie wie hunderttausend andere Einwohner von Jingdezhen auch vom Bemalen des Porzellans. Die Hälfte aller Einwohner in dieser Stadt kam von außerhalb, um hier ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wang Yangs Mutter gilt in diesem Flecken als hervorragende Künstlerin, weil sie viele Jahre in einem offiziellen Ofen Porzellan bemalt hatte. Aber auch ihr Augenlicht ließ nach, so dass sie seit einigen Jahren nicht mehr malen kann. Sie blinzelt unentwegt und gibt ihre Kunst an ihre Schwiegertochter weiter. Erst jetzt wurde mir klar, wie stark dieses Geschäft von gesunden Augen abhängt! Ich erinnerte mich an den jahrelangen Streit zwischen dem Meißener Maler Johann Gregorius Höroldt und dem Modelleur Johann Joachim Kändler um Ruhm und Ansehen. Höroldt hatte einen schwierigen Charakter und neigte zuweilen zu Intrigen und Betrügereien. Er bestand damals darauf, dass das Gehalt der Maler doppelt so hoch sein müsste wie das der Modellierer. Vielleicht gab es dafür doch gute Gründe.

Wang Yangs Frau wiederum bemalt zu Hause kleine Gegenstände wie Tellerchen und Weinbecher.

„Sehen Sie her“, sagte Wang Yang, als er Schüsseln und Essstäbchen hervorholte, „ihre Augen sind auch schon nicht mehr gut. Diese Blätter hängen nicht am Baum, es ist, als würden sie herunterfallen.“ Er deutete auf die Blätter auf einer der Schalen. Es war ein weißes, durchscheinendes Botai-Porzellan, auf das Zweige mit zwei roten Granatäpfeln gemalt waren. Aber weil die Blätter fielen, bekam das Bild eine ganz andere symbolische Bedeutung.

Ich war überaus verwundert. Wie konnte in einer so gewöhnlichen Familie ein jeder ein so vollendeter Künstler sein? Der Porzellanhändler Wang stellte mir seinen ältesten Sohn vor, der etwas über zehn Jahre alt zu sein schien. Er war zu meinem Erstaunen dabei, nach einer Papiervorlage einen europäischen Palast naturgetreu abzubilden. Die Fähigkeiten dieses Kindes stehen denen der europäischen Porzellanmaler wirklich in nichts nach, obwohl es nicht einmal weiß, wo Europa überhaupt liegt.

„Zeig mal dem Onkel die ausländischen Dinge, die du letztes Mal gemalt hast“, wies ihn sein Vater an.

Fügsam nickte der Sohn und stellte in einer sanften Bewegung seinen unfertig bemalten Rohling zur Seite. In dieser Familie zeigt sich beispielhaft das chinesische Sprichwort „Auch wenn der Spatz klein ist, hat er schon alle fünf Organe“. Aus einem Korb unter dem Tisch holte der Junge einen Stapel Teller hervor.

„Das hast alles du gemalt?“, fragte ich und konnte meinen Augen kaum trauen. Diese Teller waren von Europäern in Auftrag gegeben worden. Viele zeigten die Wappen großer Familien, andere Abbildungen von europäischen Landschaften und Gebäuden, wieder andere von europäischen Damen und Herren. Der Junge hatte auch Bilder von Johannes dem Täufer, von Maria, der Muttergottes, und sogar von Martin Luther gemalt. Er sagte, er wisse nicht, wer das jeweils sei, aber er male gern die Kreuzigung Christi. Das Ergebnis seiner äußerst feinen Pinselstriche wird in Frankreich „la ceramique d´encre de Chine“ genannt. Ich fragte ihn: „Dann kannst du alles malen, wenn du nur ein Bild davon hast?“ Der Knabe lächelte glücklich und nickte. Umgehend holte ich mein Skizzenbuch aus meinem Gepäck, zeigte auf eine Zeichnung und fragte ihn: „Kannst du auch das malen?“ Der Junge erschrak zuerst bei dieser Frage, aber dann nickte er grinsend. Es war Helenas Profil.

2. Anm. d. Ü.: Lokalbehörde im kaiserlichen China, der auch die Strafjustiz unterstellt war.

Jingdezhen, 1. November 1765

In meiner auf dem Boot gemieteten Koje steht ein hölzernes Bett mit einer Strohmatte und einem kleinen Tischchen am Kopfende. Außerdem ist sie mit einer Waschschüssel und einem Handtuch ausgestattet. Ich hatte gerade meinen Koffer abgestellt, meine Stiefel ausgezogen und wollte mich zur Ruhe legen, als von draußen der eigentümliche Gesang einer Frau hereindrang. Ich zog den Vorhang auf und schaute hinaus. Es war schon dunkel. Ich sah einige aufwändig bemalte Boote, die innen von bunten Lampions beleuchtet wurden. Eine reizend herausgeputzte Frau öffnete ebenfalls ihren Vorhang und sah mich an.

„Oh, ein ausländischer Herr! Möchten Sie nicht auf unser Boot kommen und sich ein bisschen amüsieren?“ Allmählich waren einige dieser Blumenboote bei meinem kleinen Schiff angekommen. Ich warf der Frau einen Blick zu. Ihre zwei raupendicken Augenbrauen wirkten auf den ersten Blick etwas sonderbar, aber ihre Augen strahlten außergewöhnlich und ihre Stimme war wunderschön. Sie trug ihre Fingernägel extrem lang. Kann es sein, dass sie die Quelle des wundersamen Gesangs war? Bevor ich mir darüber klar werden konnte, hatte das Boot neben meinem festgemacht und mehrere Frauenhände zogen an mir.

„Ah!“, rief ich auf Deutsch. „Helena, hilf mir!“

Kurz darauf fand ich mich inmitten einer Gruppe unverfroren lasziv gekleideter Frauen wieder. Eine fütterte mich mit gerösteten Erdnüssen, eine andere zupfte ein Instrument und sang, wieder eine andere prostete mir zu, hieß mich trinken und wieder trinken. Sie lehrten mich ein Trinkspiel, bei dem zwei Parteien gleichzeitig eine von drei Gesten machen. Diese Gesten standen zueinander in wechselseitigem Über- oder Unterordnungsverhältnis. Der Verlierer musste dann sein Glas leeren.

„Fremder Herr, wie Ihr wünscht. Ich trinke.“ Die Frauen tranken den Alkohol wie Wasser, ohne mit der Wimper zu zucken. Es wurde laut und jede von ihnen schien musizieren zu können. Die eine zupfte eine dreisaitige Laute, eine andere eine Pipa, noch eine andere sang Verse dazu. Ich verstand den lokalen Dialekt, den sie sprachen, kaum, aber unter dem Einfluss des Alkohols entspannte ich mich allmählich. In der Folge keimten ruchlosere Wünsche in mir. Auf der einen Seite streichelte ich die winzigen, in viele Tücher gewickelten Füße einer der Frauen, gleichzeitig entstand in mir das Begehren, die etwas reifere Frau auf meiner anderen Seite zu küssen. Seit ich auf das Boot gekommen war, fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Sie war von einer Art wilder Schönheit, schien aber gleichzeitig von delikatem Wesen zu sein. Den ganzen Abend betrachtete sie mich still und sagte kein einziges Wort. Aber als ich sie zu küssen versuchte, erhob sie sich abrupt, verließ die Kajüte und verschwand Richtung Heck. Die Musik verstummte plötzlich und es wurde still. Mittlerweile herrschte stockfinstere Nacht.

Der Steuermann, der nicht am Gelärme teilgenommen, sondern den ganzen Abend in tiefes Schweigen gehüllt am Heck gesessen hatte, kam lautlos in die Kajüte und verlangte nachdrücklich eine Bezahlung.

„Wie viel?“

„Zwei Tael.3“ Er klang so grimmig und wirkte so furchterregend, als wollte er mich in der Luft zerreißen.

„Oh. Ich habe nicht einmal einen bei mir.“ Noch war ich nicht vollständig betrunken und konnte wenigstens ein wenig feilschen. Nachdem wir eine Weile gestritten hatten, gab ich ihm sämtliches chinesisches Silber, das ich bei mir hatte. Trotzdem warf er mich ins Wasser. Steif vor Kälte trieb ich im Wasser, was mich jäh ernüchterte. Glücklicherweise bin ich früher oft in der Elbe geschwommen und kann als guter Schwimmer gelten. So kam ich letzten Endes zu meinem Boot zurück.

3. Anm. d. Ü.: Gewichts- und Währungseinheit für Silber, ca. 34 g.

Jingdezhen, 8. November 1765

Mein winterliches Bad hatte mir eine ernsthafte Verkühlung beschert. Glücklicherweise kümmerte sich die Familie Wang um mich und versorgte mich mit Medikamenten und heißer Suppe. Außerdem luden sie mich ein, bei ihnen zu wohnen, was ich höflich ablehnte. Ich stellte einen Diener an, der auf dem Boot für mich kochte.

Jingdezhen, 1. Dezember 1765

„In Jingdezhen gibt es keine Herbergen“, sagte Wang Yang. „Weil es in unserer Stadt zu viele Geheimnisse über Porzellan gibt und wir es Fremden nicht so leicht machen wollen, sie zu stehlen. Früher kamen viele Fremde mit betrügerischen Absichten in die Stadt, deren Schliche letztlich alle offenbar wurden. Aber du bist kein Kaufmann und sprichst fließend Chinesisch. Die chinesischen Handwerker werden sich gern mit dir austauschen und unterhalten“, tröstete mich Wang Yang.

Unter seiner Führung suchte ich viele bedeutende Handwerker in Jingdezhen auf und hatte die Gelegenheit, Porzellane aller Dynastien ebenso wie das berühmte Porzellan aus Jingdezhen zu sehen. In kurzer Zeit sog ich Wang Yangs reichhaltiges Wissen über Porzellan auf und hatte schon grundsätzliche Vorstellungen von Porzellan aus der Song-, Yuan-, Ming- und Qingzeit entwickelt. Fleißig machte ich mir Notizen und fertigte Skizzen an. Wang Yang erklärte alles mit großem Sachverstand und ich notierte mir jedes Detail so genau wie möglich.

Ich bewunderte das blauweiße Porzellan aus Jingdezhen. Es war von dem gleichen Blau wie die von mir so geschätzten Saphire. Allerdings strahlt das Blau aus der Zeit des Kaisers Yongzheng noch reiner als das aus der Ming-Dynastie, so dass es schier einen eigenen Stil verkörpert. Natürlich ist auch das Meißener Zwiebelmuster nicht zu verachten, doch im Vergleich schneiden die chinesischen Fertigkeiten nach wie vor besser ab.

Ich hatte das Glück, einen „Sich-ergänzende-Farben-Becher“ aus der Mingzeit zu sehen. Dieser Weinbecher war so dünn und durchscheinend wie ein Zikadenflügel und es gaukelten Schmetterlinge in prächtigen und leuchtenden Farben wie lebendig darauf auf und ab. Außerdem war es mir vergönnt, ein seltenes Seladon-Räuchergefäß aus einem Ofen der südlichen Song zu bewundern. Das grünliche Blau war so frisch wie der klare Himmel nach einem Regen, und das Muster schimmerte wie Fischschuppen.

Ich schmeichelte mich bei dem Besitzer des Bechers ein, einem Herrn Chang, der aus einer alten Gelehrtenfamilie in Jingdezhen stammt, um meinen Augen öfter diesen labenden Anblick zu ermöglichen. Sein Großvater hatte seinerzeit den dritten Platz in der großen kaiserlichen Palastprüfung erlangt, und er selbst hatte immerhin bereits das Bezirksexamen bestanden.

Gierig verschlinge ich den Becher mit den Augen, um seine Schönheit meiner Erinnerung einzubrennen. Es handelt sich um dünnwandiges Eierschalenporzellan, von dem es in einem Vers heißt:

„Ich fürchte, der Wind bläst es fort,

mich sorgt, die Sonne könnt’ es zerschmelzen.“

Ich kann all diese Porzellane betrachten und vergleichen, weil Wang Yang es versteht, in dieser Stadt unfehlbar seine Besitzer ausfindig zu machen. Besonderes Augenmerk richte ich auf einige Stücke, deren herrliche Muster auf der Glasur durch eine wundersame Transformation im Ofen entstehen, und auf einige mehrfarbig glasierte Stücke. Jingdezhen hat mir wirklich die Augen geöffnet!

Ich erzählte Wang Yang, dass ich eine Vorliebe für das sahnig-weiße Porzellan aus der Ära des Kaisers Yongle und für das gelb glasierte Porzellan aus der Zeit des Kaisers Hongzhi hätte. „Das einzige Porzellan, dem ich nicht so viel abgewinnen kann, ist die songzeitliche Ge-Ware mit ihren Glasurrissen.“ Dieses cremeweiße Porzellan aus dem Ge-Brennofen weist ein Linienmuster aus Rissen auf, die durch eine bestimmte Art von Brand erzeugt werden. Das Porzellan selbst wirkt so, als sei es gesprungen, aber tatsächlich ist es völlig unversehrt. Viele Chinesen lieben diese Art Porzellan.

Jingdezhen, 2. Dezember 1765

Ich kann mittlerweile das Porzellan aus der Song-Dynastie erkennen und verstehe mich allmählich auch auf die fünf großen Brennöfen dieser Zeit. Auch habe ich das von August dem Starken so begehrte Ru-Porzellan mit eigenen Augen gesehen. Es heißt, dass heutzutage niemand mehr in der Lage sei, Ru-Porzellan herzustellen, obwohl unzählige Chinesen überall nach dem geheimen Rezept gesucht haben. Nachgemachte Ru-Ware gibt es allerdings überall. Diese verlangt keine geheimen Fähigkeiten.

Ich verfalle zusehends der schlichten Schönheit songzeitlichen Porzellans und verstehe langsam, weshalb Porzellansammler wie August der Starke Ru-Porzellan für einzigartig hielten. Wie könnten Europäer, die noch nie Song-Porzellan gesehen haben, das verstehen? Gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob sie es lieben würden, wenn sie es tatsächlich zu Gesicht bekämen. Gefallen ihnen denn nicht nur die Dekore, die sie für chinesisch halten? Wer von ihnen weiß schon, dass die Chinesen sie extra für sie so malen, in der Annahme, dass es dem Geschmack der Europäer entspricht?

Jeden Abend, wenn ich zu meinem Boot zurückgekehrt bin, mache ich mir im schwachen Licht der Kerze Notizen und zeichne das gekaufte oder geliehene Porzellan ab. Wenn von draußen gelegentlich Geräusche von Lustbarkeiten auf den Blumenbooten hereindringen, steckt mein Diener sofort seinen Kopf heraus, um sie anzusehen, aber ich lüfte den Vorhang nicht mehr.

Im Gegenzug dafür, dass mich Wang Yang überall herumgeführt und mir Porzellan gezeigt hatte, helfe ich ihm bei der Reparatur seines Hauses und beim Porzellanverkauf auf dem Markt. Ich bin begierig darauf, einen offiziellen Brennofen zu besichtigen, egal was für einen. Aber so zermürbend das Warten auch sein mag, es ergab sich dazu noch keine Gelegenheit.

Als ich klein war, spielte ich in der Nähe meines Elternhauses bei Dresden. Eine geheimnisvolle Höhle erweckte meine ganze Neugier, doch die Bewohner des Ortes sagten, dass etwas Böses darin wohne, und auch meine Eltern erlaubten mir nicht, dort hinzugehen, egal wie lange und wie inständig ich sie darum bat. Aber eines Tages erzählte mein Vater, dass ein Geologe die Gegend erkunden wolle. Zu gegebener Zeit würde er ihn fragen, ob ich ihn begleiten dürfe. Ich wartete eifrig den ganzen Tag. Ich wartete mehrere Monate. Als der Geologe endlich kam, brachte er allerlei Apparate und Instrumente mit, um Messungen vorzunehmen, wobei ich ihm helfen durfte. Wenn ich heute darüber nachdenke, war es diese Begebenheit, die mich zu dem Entschluss veranlasste, Mineraloge zu werden. Als ich dann endlich Mineraloge geworden war, hatte ich das Interesse an der Mineralogie schon wieder verloren. Meine Interessen hatten sich vielmehr derart erweitert, dass mich die Steine nicht mehr auszufüllen vermochten. Auch das wurde mir erst allmählich klar, nachdem ich Dresden verlassen hatte. Lieber würde ich malen.

Jingdezhen, 20. Dezember 1765

Früher war Jingdezhen eine Legende für mich, und nun bin ich zu einer Legende in Jingdezhen geworden.

In Jingdezhen gibt es mehr als dreißig offizielle und über dreitausend private Brennöfen. Unter den Handwerkern verbreiten sich Gerüchte in Windeseile. Sie waren neugierig auf den ausländischen Teufel, der sich mit Porzellan auskennen soll. Einige interessierte besonders, ob ich antikes Porzellan von nachgemachtem unterscheiden kann. Es werden sogar Wetten darüber abgeschlossen, ob es mir tatsächlich gelingt, echt und falsch auseinanderzuhalten. Eines dieser Wettspiele wurde in einem großen Haus in der Nähe des Marktes abgehalten. Der Einsatz erreichte schon bald einige Goldunzen. Die Frage war, welche der beiden grün glasierten Porzellanflaschen mit einem eingeschnittenen Päonienmuster aus der Zeit der nördlichen Song stammt.

Die Flaschen sehen aus wie Blumenvasen, werden aber tatsächlich für Schnaps benutzt. Ich war in dieses Haus eingeladen worden, ohne dass mir jemand das Geringste über diese Wette erzählt hatte. Viele Männer warteten bereits auf mich, andere waren nur gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen. Mit ernsthafter Miene beklopfte ich die Flaschen. Eine klang viel klarer und melodiöser. Ich bespritzte die Unterseite der Flaschen mit Wasser. Bei einer verteilte sich das Wasser sehr schnell. „Das spricht für eine höhere Absorption“, dachte ich laut. Sorgfältig strich ich über die Oberflächen der Flaschen, um deren Qualität zu untersuchen, und mit dem Einverständnis des Besitzers kratzte ich leicht mit einem harten Gegenstand unten über die Glasur. „Die Schrammen zeigen die Qualität.“ Ich betrachtete die Farben, untersuchte sie nach Rissen und dem Grad der Glätte. Beide Flaschen waren von verblüffend ähnlicher Qualität, aber die eine hatte einen klareren Klang. Nachdem ich alle Ergebnisse ausgewertet hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf die Intuition eines Mineralogen zu verlassen. „Diese hier ist aus der Zeit der nördlichen Song.“ Auf einmal wurde es still. Kurz darauf brachen die Gewinner in Gelächter aus, während mich die Verlierer fassungslos ansahen und sich fragten, wie das hatte passieren können. Was für eine Art Gott war ich? Oder ein Dämon? Wie hatte ich das gemacht? Mein Ruhm verbreitete sich in Windeseile.

Die nächste Wette bekam noch mehr Zulauf. Mir wurde bewusst, dass dies Ärger bedeuten könnte, und ich wollte eigentlich nicht mehr mitmachen. Aber die Buchmacher lockten mich mit Geld, und in den Tiefen meines Herzens wollte auch ich zu gern wissen, ob ich wirklich ein Experte war oder ob ich das eine Mal bloß Glück gehabt hatte. Gleicht mein ganzes Leben doch einer Wette. Bin ich nicht ein unverbesserlicher Spieler? Der Einsatz war mein Leben.

Einige Runden lang lag ich immer richtig, was den Einsatz laufend erhöhte. Jedoch beim letzten Mal, als ich eine rot glasierte Kanne in Form einer Mönchskappe aus der Ming-Dynastie beurteilen sollte, ließen mich meine Fähigkeiten im Stich. Einer, der dabei sehr viel Geld verlor, argwöhnte, dass ich absichtlich falsch geantwortet hätte, und erhob im Yamen Klage gegen mich. Der stellvertretende Bezirksmagistrat war ein wohlmeinender Gelehrter, der mich ausgesucht höflich behandelte. Er ließ mich nicht festnehmen, sondern lud mich nur zu einem Gespräch. Meine Sorge stand mir ins Gesicht geschrieben, als ich ihm auseinandersetzte, dass ich unabsichtlich falsch geantwortet hatte und mich einfach nur für Porzellan interessiere. „Das macht nichts. Ich werde dir helfen, es dem kaiserlichen Manufakturaufseher zu erklären.“ Das war die abschließende Entscheidung des freundlichen, rundgesichtigen Beamten.

Dieser Gerichtsfall verbreitete meinen Ruf nur noch weiter, bis sogar der wichtigste Experte für Porzellan in ganz China, der kaiserliche Manufakturaufseher Tang Ying, Interesse an mir bekam und jemanden nach mir schickte.

Jingdezhen, 8. Januar 1766

Ich wurde zu einem prächtigen Anwesen geführt. Tang Ying erwartete mich in der Empfangshalle. Er war ein freundlich wirkender, hinfälliger Greis mit einem langen Bart und von nicht sonderlich großer Statur.

„Wo kommen Sie her?“ Der alte Herr war tatsächlich sehr freundlich. Er bat mich, Platz zu nehmen und ließ Tee kommen.

„Ich komme aus Dresden im Kurfürstentum Sachsen“, sagte ich. „Kennen Sie die Porzellanmanufaktur Meißen?“, fuhr Tang Ying mit der Befragung fort. Mein Herz machte einen Satz. Was weiß dieser alte Mann? In meinen Ohren rauschte es. Kennt er mein Geheimnis? Das war wirklich die letzte Frage, die der alte Mann mir stellen sollte.

„Ich kenne die Porzellanmanufaktur Meißen, und auch ihre Waren sind mir vertraut, weil ich Porzellan liebe und mich sehr dafür interessiere“, zwang ich mich, gelassen zu antworten. Tang Ying fixierte mich.

„Wissen Sie, wie Meißen an das Geheimnis der Porzellanherstellung gelangt ist?“

Bevor ich herkam, war ich davon ausgegangen, dass mich der Porzellanexperte nach meinen Kenntnissen über chinesisches Porzellan befragen würde. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er mich nach Meißen ausfragen würde. Ich musste lachen. Der alte Mann vor mir war der Experte unter den Experten, er saß auf dem Thron eines kaiserlichen Tutors und sah mich an. „Wer hat es gefunden? Und auf welche Weise?“ Tang Ying sprach sehr gleichmäßig und blieb im Übrigen völlig regungslos. Ich sah, dass einige an der Wand hängende Kalligrafien und Landschaftsbilder mit „Alter Mann im Schneckenhaus“ oder „Töpfer“ signiert waren. Ich vermutete, dass diese Werke von Tang Ying selbst stammten. Seine Kalligrafie war elegant und seine Tuschmalerei ungewöhnlich. Vor allem eine Kalligrafie erregte meine Aufmerksamkeit:

„Ob die Weidenstraße zum Haus des Keramikdirektors führt? Der Blumenzüchter gräbt einen Teich für seinen geliebten Lotus.“ Der alte Mann schrieb sogar Gedichte in lockerem Stil.

„Wenn wir von Meißen sprechen, müssen wir bei einem König beginnen, der ‚der Starke‘ genannt wird“, sagte ich in einer deutlich intonierten Weise, als spräche ich auf einer Bühne.

„Ich bin ganz Ohr“, sagte Tang Ying hustend. Jetzt bemerkte ich erst, dass der alte Herr wirklich erschöpft und indisponiert war.

„Anfang dieses Jahrhunderts wurden das Kurfürstentum Sachsen und das Königreich Polen von August II regiert, einem überschäumenden und ehrgeizigen König, der ‚der Starke‘ genannt wurde. Er verschrieb sich nicht nur den Wissenschaften, sondern widmete sich auch begeistert den schönen Künsten, wobei ihm seine Porzellansammlung am meisten am Herzen lag.“ Beim Erzählen über das ferne Europa und einen verblichenen König kam ich mir wie ein Märchenerzähler vor. Tang Ying lauschte mir aufmerksam. In diesem Raum stand eine Porzellanuhr, deren Pendel deutliche Geräusche machte. Aber das Porzellan selbst war so elaboriert, dass es sogar lebendiger wirkte als die Terrine des Schwanenservices, dem unvergleichlichen Meisterstück des Meißener Porzellanbildners Kändler. Die Uhr war in der Form einer europäischen Burg gearbeitet worden und sah nicht so aus, als sei sie in China gestaltet worden. Aber wer hatte sie dann gemacht?

„August der Starke liebte Porzellan. Allein im Turmzimmer seines Schlosses in Dresden unterhielt er eine Sammlung mit fast fünfzigtausend Stücken aus aller Welt“, fuhr ich mit meinem Bericht fort. „Er liebte Porzellan so sehr, dass er einst sogar mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm I ein sächsisches Dragonerregiment gegen Porzellanvasen aus der Mingzeit tauschte. Aber das Geheimnis der Porzellanherstellung wurde nur per Zufall entdeckt.“

Tang Ying hustete erneut, aber es schien, als würde seine Neugier auf Europas Suche nach dem Porzellan wachsen. „Wie das?“

„Porzellan war für die herrschaftlichen Höfe Europas von großer Bedeutung. Geschirr, Teeservice und auch Service für Kaffee aus Porzellan dienten dazu, die Großartigkeit des Herrschers zu unterstreichen. Seit Porzellan aus dem Osten nach Europa gekommen war, wurde fieberhaft versucht, das Geheimnis der Herstellung des weißen Goldes zu lüften. Doch August der Starke brauchte für die Vision seines Reiches ausreichende Mittel für das Heer. Darum suchte er in erster Linie nach einem Alchemisten, der sich auf das Goldmachen versteht, und nur nebenbei nach einem Keramiker, der Porzellan herstellen kann.“

Tang Ying nickte leicht, als gestatte er mir wortlos, fortzufahren.

„Auf seiner dringenden Suche kam ihm ein aus Preußen entlaufener Alchemist gerade recht und er ließ ihn einsperren. Dieser junge Alchemist namens Böttger schlug in seiner Not August dem Starken vor, zunächst die Methode der Porzellanherstellung zu erforschen, um dadurch seine Freiheit zurückzugewinnen. Der Kurfürst stimmte zu. Schließlich kann man Porzellan für Geld verkaufen. Böttger verlangte sechsunddreißig Pfund Ton aus allen Ecken des Landes. Zusammen mit dem Wissenschaftler von Tschirnhaus führte er Experimente durch und fand im Osten des Landes bei Colditz schließlich einen Ton, der dem Kaolin in China höchst ähnlich ist. Von Tschirnhaus war darüber äußerst erregt und nannte das Porzellan, das sie in Meißen herstellten, die Blutschalen Sachsens.“

„Die Blutschalen Sachsens?“

„Ja. Nur unter dem Einsatz von Blut und Schweiß konnten sie chinesisches Porzellan herstellen.“ Ich fuhr fort, Tang Ying den Sachsen Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, einen Mathematiker und Mediziner, vorzustellen. Er war ein Freund von Newton und stand auch mit Leibniz auf vertrautem Fuß, mit dem er zeit seines Lebens Briefe austauschte. Außerdem war er ein Mitglied der königlichen französischen Akademie der Wissenschaften. Als von Tschirnhaus im Jahr 1707 in Schneeberg Kaolinton und Alabaster gefunden hatte, überredete er den neunzehnjährigen Böttger zur Zusammenarbeit. Die beiden experimentierten Tag und Nacht mit unterschiedlichen Temperaturen. Als der Erfolg nahe schien, erbat von Tschirnhaus von August dem Starken 2.561 Thaler, aber der verkündete, er wolle erst bezahlen, wenn er das Porzellan gesehen habe. Noch bevor der König das Porzellan zu Gesicht bekam, starb von Tschirnhaus.

Drei Tage später wurde in das Tschirnhaus’sche Haus eingebrochen und Böttger erklärte, dass ein Stück Hartporzellan gestohlen worden sei. Einige meinen, Böttger habe damit zugegeben, dass Tschirnhaus der eigentliche Erfinder des Hartporzellans sei. Trotzdem erklärte sich Böttger in einem Memorandum an den Kurfürsten vom 28. März 1709 zum Erfinder des weißen Hartporzellans. „Mir ist, als ob schon vor sehr langer Zeit Fremde nach Jingdezhen kamen und mit Kaolin in ihre Länder zurückkehrten“, schien sich der alte Mann plötzlich zu erinnern. Er fragte einen neben ihm stehenden Diener: „Woher kamen doch diese Menschen, die damals mit Kaolin in ihre Heimat zurückkehrten?“

Der Diener konnte ihm dies nicht beantworten.

„Meines Wissens befand sich ganz Europa in einer rauschhaften Suche nach Porzellanerde“, zog ich einen teilweisen Schluss. „Wie haben sie die Erde gefunden?“ Tang Ying mag der größte Porzellanexperte seiner Zeit sein, aber er stellte Fragen wie ein unschuldiges Kind.

„Durch unermüdliches Experimentieren, wie Tschirnhaus und Böttger es damals taten. Der Prozess ist äußerst mühsam und beschwerlich, so dass viele lieber einen Handwerker suchten, der die Methode bereits beherrschte, anstatt diese ermüdenden Experimente weiter selbst durchzuführen. Auch von der Albrechtsburg flohen hin und wieder Handwerker und verkauften das Geheimnis der Porzellanherstellung an andere Länder.“

Tang Ying fragte: „Kennen Sie das geheime Rezept von Böttger?“

„Nicht wirklich. Ich weiß nur, dass das Porzellan von Böttger bei hohen Temperaturen gebrannt wird. Nach seiner Auffassung ist die Temperatur entscheidend.“

„Natürlich braucht man zum Brennen von Porzellan große Hitze. Gibt es andere, die das nicht so machen?“

„Weichporzellan wird bei niedrigeren Temperaturen gebrannt.“ Tang Ying, der kaiserliche Manufakturvorsteher, hatte sein ganzes Leben dem Studium und der Herstellung von Porzellan gewidmet. Er ist ein gelehrter Beamter der regierenden Mandschu und war mit siebzehn Jahren in den Palastdienst eingetreten. Später wurde er in den Süden Chinas nach Jingdezhen geschickt, um die Kunst der Porzellanherstellung zu erlernen. Drei Jahre lang wohnte er mit den Handwerkern zusammen und war sich nicht zu schade, von Untergebenen zu lernen, um alle Details im Prozess der Porzellanherstellung zu durchdringen. Nun saß er krank vor mir und befragte mich eingehend zu den europäischen Brennöfen.

„Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach das Meißener von unserem Porzellan?“

Mir war klar, dass diese Frage eine diplomatische Antwort erforderte, deshalb erklärte ich vorsichtig: „In Europa neigen wir zu figürlichen Techniken. Auf diversen europäischen Haushaltsgegenständen befinden sich Skulpturen von Menschen oder Tieren. Derartiges habe ich in China kaum gesehen.“

Das hatte ich auch schon mal zu Wang Yang gesagt, aber er hatte sofort abgewunken: „Aiya. Um Würmer zu schnitzen, braucht man kein Können! Es ist nicht so, dass wir dazu nicht in der Lage wären, aber diesen Formen fehlt der Stil!“ Für Chinesen haben diese konkreten Nachbildungen keinen Wert. Wang Yang hält Skulpturen weder für schön noch für echte Kunst. Außerdem ist im chinesischen Schönheitsverständnis die Nützlichkeit von hoher Bedeutung. Solche Figürchen kann man aber nicht benutzen, sondern nur betrachten. Wie könnte das also schön sein?

Tang Ying war so versunken, als sei er plötzlich in einer anderen Welt.

Jingdezhen, 12. Januar 1766

Die Welt, in der ich jetzt lebe, erfüllt mich mit dem gleichen Gefühl von Mysterium wie Porzellan. Porzellan ist wie eine Frau, eine Haut so glatt wie Seide, zerbrechlich, edel, schön, schlicht und vielfältig. Oder gleicht eher die Liebe dem Porzellan? Einmal zerbrochen, ist es vorbei. Oder ähnelt das Porzellan der Liebe? Mysteriös, grundlos, nur den Regeln der Natur und des Gefühls folgend.

Ach, Porzellan und Liebe. Die zwei Dinge auf Erden, die am leichtesten zerbrechen.

Jingdezhen, 13. Januar 1766

Als ich den Brennofen betrat, war ich von großer Aufregung erfüllt. Ich dachte an den Nachmittag, an dem ich mit Baron von Seydewitz an der Elbe Wein getrunken hatte. Wann werde ich wieder bei ihm sitzen können und berichten, was ich hier gesehen habe? Kaum war ich durch das große Tor hindurchgegangen, stellte sich mir ein Angestellter namens Shu vor und zeigte mir die Porzellanerde. Er sagte, dass „Stein“ eigentlich die passendere Bezeichnung wäre, und verriet mir ein Geheimnis: Die schwarzen Streifen auf dem Ton, die wie Seetang aussehen, seien die Grundlage für die Qualitätsbestimmung des Tons. Derzeit käme der beste aus Shouxiwu.

Dann sagte er, dass der erste Schritt zur Herstellung die Zubereitung des Tons sei. Er führte mich in einen Hof, in dem zehn große Bottiche standen. Einige Arbeiter hievten sich rohen Ton von ihren Tragstangen, warfen ihn in einen Bottich und verrührten ihn mit eisernem Gerät. Ich sah, wie die Arbeiter unter großer Kraftanstrengung mit den Eisengabeln auf und ab werkten, um den Ton gleichmäßig zu machen. Danach wurde er feinmaschig gesiebt.

„Der Autor von ‚Erschließung der himmlischen Schätze‘, Song Yingxing, unterteilte den Prozess der Porzellanherstellung in 72 Schritte.“ Der zuvorkommende Herr Shu war glatzköpfig und fett. Er keuchte beim Gehen, während er gleichzeitig Erklärungen abgab. „Die Herstellung von Porzellan ist eigentlich nicht sonderlich kompliziert. Man muss den richtigen Ton finden, dann muss man ihn säubern und reinigen, Rohlinge formen und glätten, sie mit Malereien verzieren und eine schöne Glasur auftragen. Man darf keine Fehler machen, wenn man das Stück in die Brennkammer stellt; dann muss man noch die Brennzeit richtig bestimmen, und am Ende kommt ein Meisterstück heraus, das der Welt den Atem verschlägt.“

Er zeigte mir einen Raum, in dem Gussformen angefertigt werden, einen, in dem die Masse gereinigt wird, einen, in dem Rohlinge hergestellt und einen anderen, in dem sie geprägt werden. Ein Raum, in dem Rohlinge geschliffen werden, einer, in dem sie bemalt und ein weiterer, in dem sie glasiert werden. Es waren alles große Räume. Die Arbeitsweise ähnelte sich hier und in Meißen stark. Ein Unterschied war, dass die Arbeiter, die die Formen und Rohlinge herstellten, hier jeweils an einem Tisch saßen, der sich wie ein Wagenrad drehte. Einen weiterer Unterschied war die Arbeitsteilung: Bemalung und Glasur wurden von vielen Handwerkern gemeinsam ausgeführt, wobei jeder nur für ein kleines Detail verantwortlich war. Zum Beispiel malt bei einem Dekor aus Blumen und Vögeln einer die Blätter, ein anderer die Blüten, wieder ein anderer die Schwungfedern. Sogar der Schnabel wird gesondert gemalt. Besondere Aufmerksamkeit zollte ich dem Meister, der die Schnäbel malte. Nicht nur der des Muttervogels, sondern insbesondere die offenen Schnäbel der Jungvögel waren so frisch und lebensecht gemalt, dass deren Hunger und Durst zu sehen war.

In Meißen, egal ob Glasur oder Malerei, ist nur je ein Handwerker von Anfang bis Ende für diesen Arbeitsschritt verantwortlich.

Die irdenen Brennöfen sind über zehn Fuß breit und konisch wie eine umgedrehte Urne. Sie sind mit Ziegeln ummauert, so dass sie an kleine Häuser erinnern. Die runden Schornsteine sind über zwanzig Fuß hoch.

Herr Shu sagte, dass abgesehen von den althergebrachten Öfen mittlerweile vor allem eiförmige Öfen benutzt werden, die eine perfekt elliptische Form haben. Er zeigte mir auch einen Drachenbeckenofen und einen „Geheime-Farben-Ofen“. In Ersterem werden Drachenbecken für den kaiserlichen Palast hergestellt. Der Kaiser hält darin Fische. Er zeigte mir so einen Bottich. Noch nie zuvor hatte ich ein so großes Porzellangefäß zu Gesicht bekommen. Aber beim Baron von Seydewitz hatte ich ein kleineres, ähnlich geformtes Behältnis gesehen. Vermutlich weiß der Baron nicht, dass er seinen Gästen den auf Eis liegenden Champagner in einem Fischbecken serviert.

Unten an den Brennöfen befinden sich in der äußeren Ziegelmauer Öffnungen für das Gebläse. Zwischen dem Ofen und der Mauer gibt es Zwischenräume, in die von unten Feuerholz geschoben werden kann. Auch kann oben durch Öffnungen Brennmaterial eingefüllt werden.

„Die Flammen müssen aufrecht lodern“, erläuterte Herr Shu. „Wenn die Hitze stimmt, dann stimmt alles.“ Wie viel Herzblut Böttger damals wohl vergossen hatte, bis er zu diesem Schluss kam? Manchmal schlief er ganze Nächte nicht, weil er das Ergebnis einer Brennprobe abwarten musste. Zu dieser Zeit erfand er auch einen Ofen mit Luke, durch die man feststellen konnte, ob das Porzellan fertig war. Überraschenderweise hat Böttger nämlich, obwohl er nie in China gewesen war, eine Methode der Brennprobe erfunden, die der hiesiger Arbeiter überaus ähnlich ist. Man verteilt verschiedene zerbrochene Rohlinge mit einem Loch in der Brennkammer. Die Rohlinge werden zur Hälfte glasiert und mit gebrannt. Nach einer gewissen Zeit kann man sie mit einem Eisenhaken einzeln herausholen und anlässlich des Zustands der Glasur und des Materials die Temperatur bestimmen. Die Öffnungen, durch die das Porzellan zur Überprüfung herausgeholt wird, sind üblicherweise mit Ziegelsteinen abgedeckt. „Sie sind wie Augen – man darf sie nicht willkürlich öffnen.“ Herr Shu nahm den Verschluss aus Ziegelsteinen ab und ließ mich hineinsehen. In allen Farben schillernd brannten kleine Schalen in der Brennkapsel. Für mich sah es so aus, als ob sie beinahe fertig waren. Ein Arbeiter brachte eine Schachtel mit fertigem Porzellan und zeigte mir ein Stück, damit ich es bewundern konnte.

Bevor ich ging, zeigte mir Herr Shu noch eine bauchige, langhalsige Vase mit einem bunten Dekor aus Kranichen und Kiefern auf einem grünlichen Fond. Die Glasur war von berückender Transparenz. Obwohl ich das Dekor zu kompliziert fand, sprach mich der transparente Schimmer sehr an.

Heutzutage scheint man sich in China nur noch für diese farblos-transparente Glasur zu interessieren, aber der Baron von Seydewitz fand eine pudrige Textur mit einem zahnähnlichen Weiß hochwertiger.

Jingdezhen, 16. Januar 1766

Ich hatte mein Hausboot verlassen und wollte in die Stadt gehen. Als ich mit dem Pferd am Zügel das Ufer flussaufwärts ging, begegnete mir keine Menschenseele, abgesehen von einer Frau, die am Ufer hockte. Wie sie da saß und im Fluss die Wäsche wusch, kam sie mir bekannt vor. Allmählich dämmerte es mir: Es war die Frau, die ich an jenem Abend hatte küssen wollen, die Frau auf dem Blumenboot. Dunkel erinnerte ich mich, dass sie wütend abgezogen war und den Bootsmann dazu angestachelt hatte, mich in den Fluss zu werfen. Jetzt war sie in ein schlichtes, ungefärbtes Gewand gekleidet und trug einen großen Bambushut. Obwohl es helllichter Tag war, sah sie aus wie ein Geist. „Guten Tag, Fräulein.“ Sie war nicht mehr jung, aber ihre ganze Erscheinung verströmte ein anziehendes Flair und ich wollte sie noch einmal ansehen. Sie hob den Kopf und sah mich an. Sie schien sich ein Lächeln verkneifen zu müssen, antwortete aber nicht.

„Wertes Fräulein, gestatten Sie mir die Frage, warum Sie mir an jenem Abend so zürnten?“ Es war, als ob eine fremde Kraft mich zu ihr zog, ich konnte mir nicht helfen und näherte mich ihr. Sie wandte sich ab. Mir ihren Rücken zukehrend wusch sie weiter Wäsche. Ich stand sehr lange neben ihr. Sehr lange. Als ich das Schweigen nicht mehr ertragen konnte, musste ich mich bewegen, stellte mich dicht hinter sie und fragte: „Nun sagen Sie mir doch, wertes Fräulein, warum waren Sie so wütend?“ Sie ließ die Wäsche fallen und stand auf, um zu gehen. Ich wollte sie noch festhalten, aber sie riss sich los und lief weg. Ich sah ihr nach, dann warf ich einen Blick auf die Wäsche, die sie gewaschen hatte. Es war Männerkleidung. Ich entfaltete und untersuchte sie.

Warum mache ich so etwas? Ich weiß es nicht. Wieso will ich mit ihr reden? Wieso halte ich sie fest? Ich bin nicht mehr ich selbst. Jemand anderes in mir zwingt mich dazu. Dieser andere scheint irgendeine Verbindung zu der Frau zu haben. Aber welche?

Verwirrt ließ ich die Kleider fallen und verließ das Flussufer. Ich war noch nicht weit gekommen, da sah ich die Frau zurückkommen, um die Wäsche zu holen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und betrachtete die Frau still. Ich fragte sie: „Darf ich ein Bild von Ihnen malen?“ Diese Frage verblüffte sie. Noch erstaunter war allerdings ich, als sie zustimmte. Ich ging mit ihr zu meinem Boot und drapierte eine Ecke für sie. Sie nahm mir gegenüber Platz und saß geduldig Modell. Ich legte mein ganzes Können und meine gesamte Aufmerksamkeit darein, ihren Geist und ihre Schönheit abzubilden. Sie sagte nicht viel und ich fragte sie nicht weiter. Mir genügte es. Mein Herz quoll über vor Dankbarkeit.

Jingdezhen, 28. Februar 1766

Nachmittags kam sie oft zu mir. Ich hatte schon mehrere Zeichnungen von ihr angefertigt, die ihr gut gefielen. Eine schenkte ich ihr. Da sah ich sie das erste Mal lächeln. Ihr Lächeln war bezaubernd.

Wir tranken zusammen Tee, und schließlich begann sie mit mir zu sprechen. Sie sagte, sie heiße Pu mit Familiennamen und stamme nicht von hier, sondern aus dem Grenzgebiet zu Burma, und sie sei keine Han-Chinesin. Sie spreche nicht viel, weil ihr Chinesisch nicht gut sei. Sie sei hierher verkauft worden. Normalerweise müsse sie im Haus helfen und Näharbeiten verrichten. Am Abend müsse sie auf dem Blumenboot die trinkenden Gäste unterhalten. Sie sagte, dass sie es nicht habe ertragen können, mich zu küssen. Auch wenn ich einen vorteilhaften Eindruck auf sie gemacht hätte. Kaum hatte sie das gesagt, lehnte sie sich zu mir und küsste mich.

Ich fragte, ob sie ihre Oberkleidung ablegen würde, damit ich sie so malen könne. Ohne zu zögern streifte sie sie ab und schien keinerlei Scham zu empfinden. Dafür fing ich an, nervös zu werden. Meine Hände wollten nicht aufhören zu schwitzen und der Stift in meiner Hand zitterte. Meine Lenden erwachten. Anstatt mir zu gehorchen, konnte ich sie nicht ignorieren.

Ich machte das Boot los und ließ es an einen einsamen Ort treiben. Den ganzen Nachmittag zeichnete ich ohne konkrete Idee. Sie reagierte mit unerschöpflicher Geduld. Sie war schön, egal aus welchem Blickwinkel. Hohe Wangenknochen, eine Haut so weiß wie Porzellan, funkelnde Katzenaugen und eine ebenmäßige, sanfte Gestalt. Ich starrte sie schier an und wusste kaum, wo ich den Stift ansetzen sollte. Sie wollte gern sehen, was ich malte, aber ich ließ es sie nicht sehen. Mir gelang nichts: Die Striche waren verworren und die Konturen unklar. Ich konnte ihre Schönheit einfach nicht einfangen.

Plötzlich rammte uns ein anderes Schiff. Flink hatte sie sich wieder angezogen, aber ich schaffte es nicht, meine ganzen Skizzen einzusammeln. Dieser Bootsmann, der mich ins Wasser geworfen hatte und der auch ihr Eigentümer war (ich war noch nicht dazu gekommen, sie zu ihrem Verhältnis zu befragen), hörte nicht auf, unser Boot zu rammen. In fliegender Hast griff ich zum Ruder und paddelte so schnell ich konnte. Aber die anderen waren dicht hinter uns. Als wir das Ufer erreicht hatten, ließ ich erst sie an Land gehen, bevor auch ich absprang. Der Mann kam mit fliegenden Fäusten auf mich zu. Ich stand am Ufer und zog, blitzschnell meinen Instinkten folgend, den Mann am Bein. Bevor er in den Fluss fiel, hielt ich inne.

„Verlass Jingdezhen jetzt, sofort. Hau ab!“, zischte der Bootsmann drohend und drückte mir ein Messer in den Rücken.

Ich leistete keinen Widerstand. „Wenn du ihr nichts tust, dann gehe ich.“

Er und ein paar andere packten sie. Bedauernd warf sie mir noch einen Blick zu und ließ sich dann wegführen. Der Bootsmann ließ mich mit einer Drohung zurück: „Wage es, in Jingdezhen zu bleiben, und du bist ein toter Mann.“

Die Scham schmerzte wie ein Messerstich. Ich hatte sie nicht beschützen können. Wieder einmal war ich der Verlierer, einer, der nicht lieben darf.

Sehr verehrter Freiherr von Seydewitz,

ich bin bereits in Jingdezhen und glaube, dass dies tatsächlich der Ort ist, den Marco Polo „Tingui“ genannt hat. Jingdezhen ist eine große Stadt in der Provinz Jiangxi und liegt in der Mitte Chinas. Das Porzellan aus Jingdezhen könnte das Nanjing-Porzellan sein, das Sie erwähnt hatten, denn es wird erst zu Wasser und zu Lande nach Nanjing gebracht, bevor es nach Europa ausgeführt wird.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts, als die Mingdynastie zu einem politischen Stillstand gekommen war, war der Export von Porzellan aus Jingdezhen verboten, so dass Europa Porzellan aus Japan kaufte. Aber weder Imari- noch Kakiemon-Porzellan konnte in größeren Mengen hergestellt werden, weshalb überall an der Küste in Fujian Brennöfen errichtet wurden. Zu dieser Zeit gab es in Europa vor allem Fuzhou-Porzellan aus Südchina. Das Beste war das weiße Porzellan aus Dehua, es wird auch „Schneeporzellan“ genannt. Die klare Glasur und die exzellente Qualität verschafften ihm einen cremigen Schimmer, den Delft seither zu imitieren versucht.

Ende des letzten Jahrhunderts hat sich der Stil des Porzellans unter den mandschurischen Qing geändert. Das blauweiße Porzellan genügte nicht mehr den Anforderungen des Hofes und es kamen mehrfarbige Glasuren auf, bis hin zu dem Fünffarbendekor, das wir „Famille verte“ nennen und dessen Grün brillant und transparent wie ein Edelstein leuchtet. Die Farben sind von einer fließenden Kraft und die Maler zeichnen außerordentlich feine Umrisslinien.

Weil Ausländer China nicht betreten dürfen, kommen die meisten Händler in Kanton an und bestellen dort bei chinesischen Kaufleuten Porzellan. Das führte zu einer verstärkten Porzellanproduktion, aber das Porzellan aus Kanton ist nicht so gut wie das aus dem Inland. Das bekannteste Porzellan aus Kanton wird „Goldgewobenes Buntporzellan“ genannt, oder kurz „Kanton Bunt“. Es ist eine Art emailliertes Porzellan, wobei die auf den weiß glasierten Scherben aufgetragenen goldenen Muster den Eindruck von prächtig goldbesticktem Brokat vermitteln. Dann wird es bei niedriger Temperatur fertiggebrannt.

Verehrtester Baron, Sie werden es vermutlich nicht glauben können, aber ich argwöhne, dass die Technik des Emailfarbendekors tatsächlich aus Meißen stammt und über Arabien nach China kam. In der Tat schätzen die Chinesen dieses Kanton Bunt nicht sonderlich. Sie bevorzugen Stücke, die im chinesischen Stil bemalt sind. Das Kanton Bunt wird ausschließlich für Ausländer hergestellt, für die diese verschwenderische Pracht wahre Könnerschaft zeigt. Ich habe in der Nähe der 13 Faktoreien in Kanton einen Ort gesehen, an dem Kanton Bunt hergestellt wird. Kaum beginnt der Monsun, sitzen über hundert Handwerker, von alten Männern bis hin zu fünfjährigen Jungen, auf den überdachten Veranden und bemalen das Porzellan. Manchmal sind die chinesischen Händler so ungeduldig, die europäischen Bestellungen zu erfüllen, dass sie daneben stehen und warten.

Ich habe auch herausgefunden, dass in China heutzutage die roséfarbenen Waren en vogue sind. Diese Farbe entsteht durch die Beimischung von Alabaster, der sie milchig macht und ihr eine Art opaken Charakter verleiht. Ich denke, dass diese Glasur auf weißem Grund große Erfolge auf dem Markt haben könnte.

Außerdem wollte ich Ihnen mitteilen, dass ich den Ursprung Ihrer Geheimwaffe schon gefunden habe, aber nicht das Geheimnis ihrer Herstellung. Der Ofen, der sie produziert, liegt in Hebei im Norden Chinas, nicht weit von Beijing entfernt. Ich werde bald dorthin aufbrechen. Bitte richten Sie Ihre Antwort an die Jesuitenmission in Beijing.

Mit diesem Brief übersende ich einige Bleistiftzeichnungen von songzeitlichem und aktuellem Porzellan.

Ich bedanke mich vielmals für die Übersendung der Samen und Bücher und bin Ihnen auch für Ihre liebenswürdige Gunst und Großzügigkeit mir gegenüber zutiefst zu Dank verpflichtet.

Ich hoffe, Sie und Ihre Familie sind bei guter Gesundheit. Möge Gott mit Ihnen sein.

Ihr Wilhelm Bühl

Beijing, 29. September 1766

Ich wartete sehr lange am Chongwen-Tor, aber als ich endlich an der Reihe war, wurde mir umstandslos der Eintritt verwehrt. „Solche wie du kommen nicht in diese Stadt“, sagte der Torwächter zu mir. Das Chongwen-Tor ist das zweitgrößte Tor in Beijing außerhalb der Verbotenen Stadt. Die Mauern sind grau und mit blaugrünen Ziegeln gedeckt. Beijing ist die großartigste Stadt des ganzen Reiches. Die mongolischen Kaiser der Yuan-Dynastie machten sie zu ihrer Hauptstadt und der Mingkaiser Yongle erbaute den heutigen Palast mit roten Säulen und gelben Dächern. Wagen und Pferde aus allen Teilen des Landes bildeten eine lange Schlange, während sie vor dem Tor auf die Inspektion warteten. Trotz des Tohuwabohus herrschte eine ernste Atmosphäre. Nur Mandschus oder Beamte dürfen hinein. Ich fragte einen anderen Ausländer, der auf Einlass in die Stadt wartete, ob er die Jesuitenmission in Beijing kenne. Er erzählte mir, dass er selbst Jesuit sei und Attiret und Perrot kenne. Er fragte mich, wo ich Quartier bezogen hätte, und versicherte mir freundlich, dass er den Präfekten über meine Ankunft informieren und man dann sehen würde, ob sie mir bei meiner Reise helfen könnten.

Beijing, 1. November 1766

Der apostolische Präfekt Le Febrve der jesuitischen Mission von Beijing ließ sich in seiner Sänfte zu meiner Unterkunft tragen. „Die Kirche in Beijing liegt innerhalb der Kaiserstadt. Da Sie kein Missionar sind, gibt es in der Tat keinerlei Möglichkeit, dass Sie die Stadt betreten“, erklärte mir der Pater. „Die französischen Jesuiten kommen in der westlichen Kirche außerhalb des Xizhi-Tores zusammen, und außerhalb des Xuanwu-Tores gibt es noch die Südkirche. Sie brauchen uns nur eine Nachricht zukommen zu lassen, und dann kommen wir raus und suchen Sie auf.“

Der mandschurische Winter hatte bereits begonnen. Ein eiskalter Nordwind blies, der die Pferde draußen zum Wiehern brachte. Le Febrve sprach nur kurz mit mir und wollte dann eilig wieder aufbrechen, weil er noch vor Einbruch der Nacht zurück in der Stadt sein musste. Er hatte mir einige wichtige Adressen gegeben, die mir von Nutzen sein sollten. Das große Südtor, das bereits seit sechs Dynastien steht, wird um fünf Uhr geschlossen. Um die Sperrstunde zu vermeiden, wohnen deshalb viele reiche Chinesen lieber außerhalb der Stadtmauern.

Ich fragte ihn nach meinen drei mitreisenden Missionaren. „Sie sind alle sicher eingetroffen“, antwortete er. Attiret und Perrot sei bei einer Audienz bereits die Erlaubnis erteilt worden, in den Dienst des Kaisers von China zu treten. Sie und die anderen im Palast arbeitenden Missionare bemühten sich um immer bessere Beziehungen zum Kaiser, um auf diese Weise den Katholizismus innerhalb Chinas verbreiten zu können. Allerdings sei Pater Prunier krank geworden und befinde sich irgendwo in der Stadt in Rekonvaleszenz. Die Wächter auf dem Stadttor schlugen den Gong. „Es ist an der Zeit“, sagte Le Febvre und verabschiedete sich. „Wie auch immer Ihre nächsten Schritte aussehen, möge Gott mit Ihnen sein und Sie auf Ihrem Weg sicher und gesund erhalten.“

Die Winternacht senkte sich still über Beijing, voller Magie und so unvermittelt wie die Inspiration eines Dichters.

Meine Herberge war ein traditioneller Vierseitenhof. Die hinteren Zimmer waren karg und eiskalt. Der Wirt ließ mir ein Kohlenbecken und heißes Wasser bringen. Ich lag in meinem Zimmer auf dem Bett und dachte über meine nächsten Schritte nach. Ich fragte mich, wo die Ru-Brennöfen eigentlich lagen? Und ob noch jemand dieses Porzellan herzustellen vermochte? In dieser Nacht in Beijing hätte ich so gern eine Tasse heißen Kaffees getrunken.

Beijing, 4. November 1766

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ein kalter Luftzug wehte durchs Fenster herein und die Glut im Kohlebecken war erloschen. Das weiße Papier, das auf den hölzernen Fensterrahmen geklebt war, hatte ein Loch. Ich steckte meinen Finger durch das Loch und zog ihn wieder zurück. Es war eine fürchterlich kalte Nacht. Ich saß auf der Bettkante, stand auf, legte mich schließlich wieder hin und wickelte mich in zwei dicke Baumwollsteppdecken. Es blieb eine schlaflose Winternacht.

Im Morgengrauen klopfte jemand so hart und laut an die Tür, dass mein Herz vor Schreck einen Satz machte. Ich wusste nicht, was los war, und mir war auch nicht klar, ob jemand zu mir wollte oder ob es an der Nachbartür geklopft hatte. Ich stand auf und öffnete die Tür. Dort stand ein Ausländer in einem langen, blauen chinesischen Obergewand und einer Zobelmütze. Begleitet wurde er von einem chinesischen Diener.

„Haben Sie Chinin?“, fragte mich diese Person auf Latein. Er klang wie ein Franzose. „Würden Sie mir welches überlassen?“ Le Febrve hatte ihn in aller Herrgottsfrühe zu mir geschickt, weil er befürchtete, ich hätte Beijing vielleicht schon verlassen. Das Chinin hatte ich auf den Rat eines anderen jesuitischen Missionars mitgebracht. Die Missionare hatten von Ureinwohnern in Südamerika gelernt, dass ein aus der Rinde eines bestimmten Baumes gewonnenes Pulver gegen Malaria hilft.

„Ja“, sagte ich. Ich sinnierte über den Grund seines Kommens, stand nur da und schwieg.

„Wir benötigen dringend mehr von dieser Medizin“, erklärte er.

Der Enkel des Kaisers hatte hohes Fieber und der jesuitische Missionsarzt empfahl dem Kaiser Chinin. Aber weil den Chinesen dieses Mittel nicht vertraut war, hegte er Zweifel an diesem Vorschlag. Nachdem die Prinzen und Minister die Angelegenheit diskutiert hatten, wurde entschieden, zunächst eine Proklamation auszuhängen, dass jeder, der unter den gleichen Symptomen litt, die Stadt betreten durfte, um das Medikament zu testen. Hätte das Experiment Erfolg, sollte der kaiserliche Enkel damit behandelt werden. „Wir sind besorgt, dass unser Vorrat nicht ausreicht, und hoffen, dass Sie uns aushelfen.“ Ich stimmte sofort zu und holte die Medizin aus meinem Koffer. Der Mann wollte mich mit Silberbarren bezahlen, doch ich lehnte ab. „Dem Kaiser von China zu Diensten zu sein, ist mir eine Ehre.“

Nachdem ich die beiden Männer verabschiedet hatte, aß ich ein chinesisches Frühstück und holte dann weitere Erkundigungen über die Aktivitäten der ausländischen Kaufleute in Beijing ein. Ich schlenderte durch die Hutongs 4 und Marktplätze außerhalb der Stadtmauern und sah den Leuten zu, die mit Vogelkäfigen spazieren gingen.

Egal wo ich hingehe, verursache ich Aufsehen. Die Menschen starren mich an wie ein Tier oder sie legen den Kopf in den Nacken und lachen lauthals. Die Kinder umkreisen mich und greifen nach meinem pomadisierten und gepuderten Haar. Wenn ich dann noch Chinesisch spreche, sind sie umso verblüffter und können ihren Ohren kaum trauen. Chinesinnen sind nur selten auf der Straße zu sehen, außer auf dem Markt oder auf Tempelfesten. Sieht man zufällig doch mal eine, zieht sie sich sogleich zurück. Viele Frauen binden sich die Füße ein und müssen sich beim Gehen auf andere stützen. Sie sind hellhäutig und würdevoll. Die Männer scheren sich die Stirn und binden die übrigen Haare zu einem Zopf. Wenn sie eine Glatze haben, gibt es Händler, die ihnen falsche Zöpfe verkaufen.

Chinesen mögen indigogefärbte Kleidung und essen gern gedämpfte Teigtaschen oder Nudelsuppe. Sie haben die Angewohnheit, beim Diskutieren einen unglaublichen Lärm zu veranstalten, aber es scheint darin immer einen geordneten Ablauf zu geben. Nach außen wirkt es zwar wie ein heilloses Durcheinander, folgt im Inneren aber einer gewissen Ordnung. Auf jeden Fall scheinen die Menschen an diesem Ende der Welt mehr Geduld zu haben. Einmal hörte ich, wie ein alter Mann einen hastenden Jüngling maßregelte: „Was rennst du so? Hast du es eilig, den Tod zu treffen?“ Ich erschrak, als ich die Wahrheit hinter den Worten spürte.

Die meisten Chinesen sind schlicht und freundlich, solange es nicht ums Geschäft geht. Die Händler allerdings haben zwei Waagen und entscheiden von Kunde zu Kunde, welche sie benutzen, und auch die Reinheit des Silbers unterscheidet sich stark. Sobald sie merken, dass du das alles weißt, verändern sie ihr Verhalten. In Beijing wohnen viele Beamte und Adelige, aber auch zahlreiche Bettler sind von sonst woher hierhergekommen. In der Stadt stehen nicht nur viele Kiefern und Zypressen, sondern auch Pflaumenbäume, Mei-Pflaumen und Chinesische Zieräpfel. Den Palast habe ich immer noch nicht gesehen, dafür aber anmutige, stille Ahnenschreine und Tempel mit zahllosen Bodhisattwas, die in China verehrt werden.

Ich habe zwei tscherkessische Händler kennengelernt, die über Sibirien nach China gekommen waren. Sie haben Quecksilber und Felle dabei und wollen mit Rohseide, Tee und Porzellan zurückkehren. Sie handeln auch mit Teekannen, haben aber nur zweitrangige Ware, sogenannte Beinware, gekauft. Ihnen selbst gefallen vor allem die vergoldeten Vasen. Beim Wodka erzählten sie von ihrer Reise. Dieses Mal wären sie per Schiff von Yalta bis nach Damaskus gefahren, hätten Persien durchquert, bis sie nach Kabul gelangten. In den Wüsten von Xinjiang verliefen sie sich. Sie sahen zu viele Fata Morganas und traten zu häufig auf zu viele ausgebleichte Knochen der Toten. Einer von beiden kannte sich mit den Sternen aus, und so fanden sie schließlich wieder aus der Wüste heraus. So kamen sie nach Gansu, aber weil einige ihrer Kamele gestorben waren, waren sie gezwungen gewesen, viele ihrer Waren zurückzulassen. Die andere Hälfte hatten ihnen Räuber in der Wüste abgenommen. Beide sprachen Französisch, aber sie sprachen es so tief, leise und derart langsam, dass ich nicht wusste, ob sie eigentlich abenteuerlustige Idioten oder begnadete Geschichtenerzähler waren. Mit großer Leidenschaft berichteten sie von sonderbaren Begebenheiten auf ihrer Reise und über die Prostituierten, die sie getroffen hatten. Auch verglichen sie die Frauen an den jeweiligen Orten. Einer von ihnen verwandte sehr viel Zeit darauf, ausführlich von einer kurzfristigen Eheform in der Nähe einer Sandwüste zu erzählen. Man könne sich dort für nur vierundzwanzig Stunden verheiraten. Trotz der Kürze der Ehe sei die Hochzeitszeremonie immer noch großartig. Der Sternenkundige war wohl so eine Ehe eingegangen und hörte nicht auf, davon zu sprechen. Am meisten kam es ihm darauf an, dass seine Ehe nur drei Tage gedauert hatte. Seit diesem Tag geht ihm das Ganze nicht mehr aus dem Kopf und er überlegt, zurückzugehen und erneut zu heiraten. Der andere erzählte, dass sie in Shaanxi einen Mann mit zahlreichen Ehefrauen und Konkubinen getroffen hatten. Dieser Mann war so überaus gastfreundlich gewesen, dass er sie nicht nur einlud, eine Weile bei ihm zu wohnen, sondern darauf bestand, dass er sich unter den Frauen, Konkubinen und Töchtern eine aussuchen solle. Inklusive der Hauptfrau.

„Inklusive der Hauptfrau?“

Ja, inklusive der Hauptfrau. Aber er habe kein Interesse gehabt.

Nach dieser wodkaseligen Nacht kam ich zu zwei Schlussfolgerungen. Die erste war, dass Wodka sehr gut schmecken kann, und die zweite, dass es nicht sehr klug ist, den Landweg zwischen China und Europa zu nehmen.

Ich lernte auch einen wegekundigen Perser kennen, der sehr oft innerhalb Chinas Handel treibt und ein exzellentes Chinesisch spricht. Er klagte: „Die Chinesen essen zu gern Schweinefleisch. Im Süden braten sie sogar das Gemüse in Schweineschmalz!“ Das sei die größte Widrigkeit auf seinen Reisen in China. Eine andere sei, dass er fünf Mal am Tag nach Mekka bete, weshalb manche Chinesen ihn für einen Verrückten hielten und ihn auch schon mal getreten hätten. Der Perser erzählte, dass es auch in China Muslime gäbe, die „Huihui“ hießen. Nach Phasen der Auflehnung hätten sie sich mittlerweile unterworfen. Er erzählte weiter, dass es in China, genauer gesagt in der Provinz Henan, viele Juden gäbe. Ihre Vorfahren hätten sich vor vielen Generationen dort angesiedelt.

Ich kaufte mir ein Pferd. Die Hufe der Pferde werden hier nicht beschlagen, so dass sie bereits nach wenigen Jahren kaputt sind. Ich zeichnete ein Hufeisen, um es einem Schmied zu zeigen, damit er mir welche anfertigt. Erst nachdem ich mehrere Schmiede aufgesucht hatte, kam ich endlich zu einem, der bereit war, sich meine Beschreibung anzuhören und sich die Zeichnung anzusehen. Er brach in Gelächter aus. Trotzdem konnte ich ihn überreden, mir Hufeisen zu schmieden. Ich bin mir sicher, dass sie mir Glück bringen werden.

4. Anm. d. Ü.: Einstöckige Viertel aus grau gemauerten Hofhäusern, die enge Gassen bilden.

Beijing, 5. November, 1766

Ich war gerade dabei, in eine andere Herberge umzuziehen, als der Missionar wiederkam. Diesmal hetzte er atemlos mit einem chinesischen Priester heran. Sie kamen, um mich darüber zu informieren, dass ich mich für einen Besuch in der kaiserlichen Stadt vorbereiten sollte. Der Enkel des Kaisers war auf dem Weg der Besserung und in seiner großen Freude wollte der Kaiser dem Missionar, der ihn mit der Medizin versorgt hatte, seinen Dank ausdrücken. Le Febvre hatte einem kaiserlichen Beamten mitgeteilt, dass ich derjenige war, von dem das Medikament stammte. Der Beamte gab diese Information an den Kaiser weiter, der nun dem Ausländer, der die Medizin überlassen hatte, eine Audienz gewähren will. Der Beamte sollte mit mir vor den Kaiser treten.

Niemand kann eine Einladung des Kaisers von China ablehnen. Ich widersprach nicht und machte mich sofort mit dem Missionar auf den Weg in die Stadt. Diesmal hielt mich niemand auf, wir mussten nicht einmal anstehen.

Wir liefen den ganzen Weg zur Nordkirche, wo ein Beamter des Ministeriums für Riten uns das kaiserliche Edikt verkünden und die Zeit der Audienz mitteilen würde. Auch sollte mir die höfische Etikette beigebracht werden, denn der Eintritt in den Palast war eine bedeutende Angelegenheit und es gab Tausende Regeln, die unbedingt und exakt beachtet werden mussten. In China gibt es acht Stufen der Höflichkeit, wobei der Kotau die feierlichste ist. Die acht Höflichkeiten sind der Gruß mit der vor der Brust von einer Hand umschlossenen Faust, die Verbeugung mit zum Gruß zusammengelegten Händen, der Kniefall, ein einfacher Kotau, der dreifache Kotau, der sechsfache Kotau, der dreimalige Kniefall und der neunfache Kotau. Die letzte Form wird ausschließlich gegenüber Göttern und dem Kaiser ausgeführt.

Auf dem Weg zur Nordkirche sah ich Anschläge, auf denen eine Mondfinsternis angekündigt wurde. Viele standen davor und gaben ihre Meinung dazu kund. Die Stimmung war eigenartig konzentriert.

Letzte Nacht träumte ich von Helena. Ich hatte ihr ein Bild gemalt und wir wollten uns gerade in die Arme sinken, als sie sich plötzlich in eine weiße Katze verwandelte, eine riesige weiße Katze, fast ein weißer Tiger. Als ich in sie eindringen wollte, hielt sie mich mit den Tatzen fest und riss das Maul auf, als wollte sie mich verschlingen. Ich war leicht berauscht, aber gleichzeitig voller Angst, also riss ich mich los. Ich drehte mich um und lief in ein anderes Zimmer, wo eine Frau der südchinesischen Li auf mich wartete. Sie ließ ihre Kleidung fallen und sah mich gefügig an. Als ich ihr Gesicht genau betrachtete, war es Helenas.

Beijing, 6. November 1766

Ich kleidete mich in eine neue, eben erst hergestellte Robe und Stoffschuhe und setzte eine russische Fellmütze auf, die ich von den tscherkessischen Händlern billig erstanden hatte. Mit den Jesuiten ging ich gemeinsam zum Palast und wir warteten bereits vor Tagesanbruch am Eingangstor. Die französischen Fratres Attiret und Perrot standen mit mir in der Reihe derjenigen, die auf eine Audienz beim Kaiser warteten. Sie waren einige Monate vor mir in Beijing angekommen. Glücklich umarmten und küssten wir uns. Das führte bei den Hofeunuchen zu kritischen Blicken und Getuschel. Den dreifachen Kniefall mit neunfachem Kotau hatte ich vorher ausführlich geübt. Trotzdem fand ich derartigen Pathos eher amüsant.

Als wir vor dem Palasttor warteten, erzählte mir Frater Attiret von einem westlichen Ausländer, der vor einer Audienz dem Hofeunuchen gesagt hatte, dass er als Ausländer dem Kaiser auf ausländische Weise seine Aufwartung machen sollte. Also wollte der Eunuch wissen, wie diese ausländischen Sitten aussähen. Der Ausländer zeigte es dem Eunuchen, sank auf ein Knie nieder, ergriff die Hand des Eunuchen und küsste sie, womit er dem armen Mann einen furchtbaren Schrecken einjagte. Der stieß die ausgestreckte Hand mit so viel Kraft von sich, dass er sich dabei fast den Ellbogen verstauchte.

Ein Beamter des Ritenministeriums erschien mit neuen Instruktionen und Befehlen und erinnerte uns daran, dass bei einer Audienz beim Kaiser alle Formalitäten des großen Rituals peinlichst genau zu beachten seien. Unsere Abordnung stand schließlich in einem Hof gegenüber der kaiserlichen Studierstube. Zuerst knieten wir in tiefem und respektvollem Schweigen und berührten drei Mal mit der Stirn den Boden. Dann erhoben wir uns wieder und warteten auf die Ankunft des Kaisers. Wir warteten endlos. Es vergingen mehrere Stunden, ohne dass wir den geringsten Laut von uns gaben. Endlich kam jemand und hieß uns in die Palasthalle eintreten. Dieser Eunuch verlangte, dass wir in chinesischer Art und Weise hurtig in leichten Trippelschritten gehen sollten. Außerdem war es streng verboten, den Kaiser direkt anzusehen. „Auf was immer der Kaiser fragt, habt ihr zu antworten. Eine Änderung des Themas ist ausgeschlossen.“

Der Morgennebel hatte sich noch nicht ganz verzogen und der Wintermorgen war von strengem Frost. Frater Attiret war so nervös, dass sich auf seiner Stirn trotzdem Schweißperlen bildeten. Seine Stimmung färbte auf mich, der ich hinter ihm lief, ab, so dass mein Herz immer schneller und schneller schlug. Ich wurde beinahe ohnmächtig. Weil ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte, fiel ich hinter die Gruppe zurück. Als ich zur Beruhigung meine Magengrube rieb, kam ein begleitender Eunuch angelaufen und fragte mich vorwurfsvoll: „Kann der ausländische Herr nicht etwas zügiger aufschließen?“

„Ja, ja“, erwiderte ich und strengte mich an, Schritt zu halten.

Das ist ein altes Leiden von mir. Mein Arzt und Freund Dr. Schrader hatte mal gesagt: „Wenn der Herzschlag unregelmäßig ist, gibt es nur eine Methode: tief atmen und sich beruhigen. Wenn es schlimmer wird, müssen Sie sich hinlegen.“ Im Moment blieb mir nichts anderes übrig, als mir selbst gut zuzureden, mich zu beruhigen und tief ein- und auszuatmen. Ich nahm mich zusammen und sagte zu meinem Herzen: „Du musst still werden. Das ist alles.“ Ich schloss die Augen und allmählich beruhigte sich mein Puls.

Unsere Abordnung stand nun in einem Wandelgang einer Seitenhalle des Palastes der harmonischen Ruhe. Vereinzelte Schneeflocken fielen herab. Plötzlich hörten wir eilige Schritte und die lauten Rufe: „Der Kaiser kommt!“ Schnell knieten wir der Reihe nach nieder. Ich hörte das Rascheln langer chinesischer Gewänder, als der Kaiser in einer Sänfte in die Halle getragen wurde, dann wurde es wieder vollkommen still. Ein Eunuch des kaiserlichen Haushaltsdepartements trat zu der Gruppe kniender Missionare und bestimmte den apostolischen Präfekten und designierten Dolmetscher Le Febrve dazu, die Gruppe anzuleiten und in die Halle zu führen. Dort knieten wir erneut.

Der Kaiser der Großen Qing saß auf einem erhöhten Thron über allen anderen und sprach sehr freundlich zu den Missionaren. Er befahl ihnen aufzustehen, aber niemand erhob sich. „Der Kaiser befiehlt es. Steht auf!“, krächzte ein Eunuch von der Seite.

Der Kaiser befragte jeden einzeln nach seinem Alter und seiner Nationalität, und diejenigen, die des Chinesischen mächtig waren, lobte und ermunterte er.

„Wie alt wird euer Kaiser dieses Jahr? Wie geht es seiner Gesundheit?“ Der Kaiser von China interessierte sich sehr für Ludwig XV, Le Bien Aimé, und fragte noch dies und das über ihn. Er fragte auch Pater Perrot, ob er außer Uhren zu bauen auch Glas blasen könne.

„Nein“, antwortete Perrot vor lauter Nervosität einsilbig. Perrot war ein Astronom, der sogar alle astronomischen Instrumente selbst herstellen konnte. Eine Uhr zu bauen war für ihn eine Kleinigkeit. Er hatte gedacht, dass der Kaiser ihn nach diesen Instrumenten fragen würde, aber das tat er nicht. Als die Reihe an mich kam, nahm ich meine Mütze ab, kniete und vollführte die Kotaus, indem ich meine Stirn auf den eiskalten Ziegelboden schlug. Beim Aufstehen vergaß ich, meine Mütze wieder aufzuheben, und während ich noch auf die auf dem Boden liegende Mütze starrte, hob der Kaiser an zu sprechen: „Ich habe gehört, dass du kein Missionar bist. Aus welchem Grund bist du also nach China gekommen?“ In seiner Stimme lag keinerlei Schärfe, dennoch schien diese Frage die Atmosphäre plötzlich abzukühlen. Meine Zukunft hing unauflöslich von dieser kaiserlichen Frage ab.

Bei der Audienz im Palast des Kaisers von China spürte ich meine eigene Bedeutungslosigkeit. Wie soll ich das Schicksal verstehen, wenn es sich mir nur verschlüsselt zeigt? Seit ich Dresden verlassen habe, ist der alte Wilhelm verschwunden. Ich bin nicht völlig naiv. Ich kann weder aufhören noch umkehren. Ich erzählte wahrheitsgemäß, dass ich wegen der tiefsinnigen und verfeinerten Kultur nach China gekommen sei. Der Kaiser staunte über mein flüssiges Chinesisch.

„Wie heißt du? Und wie lange hast du Chinesisch gelernt?“, fragte er freundlich.

„Mein Name ist Wei Han. Ich habe über drei Jahre Chinesisch studiert.“ Zuerst wollte ich erläutern, wo und wie ich Chinesisch gelernt hatte, aber dann fiel mir die Unterweisung des Eunuchen wieder ein und ich sprach nicht weiter. Der Kaiser deutete auf ein in Holz geschnitztes Spruchpaar, das im Kabinett der östlichen Wärme in der Halle der Pflege des Herzens hing, und fragte mich danach. Ein Schriftzeichen nach dem anderen las ich vor: „Sorge dich über das, auf das du dich stützt, fürchte das, was dich stolz macht.“5

Der Kaiser staunte. „Was war deine Arbeit, bevor du nach China kamst?“

„Ich war Mineraloge.“ Weil ich unsicher war, ob der Kaiser mit diesem Begriff etwas anfangen konnte, ergänzte ich: „Meine Arbeit bestand darin, Steine zu untersuchen und Juwelen zu bestimmen.“

Der Kaiser ließ jedem von uns zwei Ballen Seide und etwas Lotuswurzelpulver überreichen.

5. Anm. d. Ü.:憂其所可恃,懼其所可衿。Zitat von Han Yu (768–824), chinesischer Dichter und Essayist, Wegbereiter des Neokonfuzianismus.

Beijing, 8. November 1766

Zwei Tage später rief mich der Kaiser in der Halle der drei Seltenheiten. „Du hast früher Schätze des österreichischen Prinzen begutachtet, nicht wahr?“ Der Kaiser nippte an einer Tasse heißen Tees, den ihm ein Hofeunuch gereicht hatte. „Was sammelt er?“ Die Teekanne, ein rot glasiertes Kännchen in der Form einer Mönchskappe, stammte mit Sicherheit aus der Ming-Dynastie.

Dass der Kaiser so genau über meine Vergangenheit Bescheid wusste, überraschte mich. Ich fühlte mich gleichzeitig geehrt, aber auch etwas beunruhigt.

„Besitzt er auch Porzellan?“ Der Kaiser schien eine ganze Reihe von Fragen zu haben.

„Ja, aber nicht sehr viel.“ Tatsächlich war ich mir diesbezüglich nicht sicher.

„Und was ist mit Jade?“, fragte der Kaiser weiter.

„Auch. Aber ebenfalls nur wenig.“ Nach meiner Erinnerung besaß er nur eine Blumenvase aus Jade. Oder vielleicht auch ein Schnupftabaksfläschchen. Aber auch da war ich mir schon nicht mehr sicher.

„Wir wünschen, dass du einige Edelsteine aus unserer Schatzkammer begutachtest.“ Der Kaiser sprach weiterhin langsam.

Ich wagte es nicht, meinen Kopf anzuheben und ihn anzusehen. Mit gesenktem Haupt und hängenden Armen nahm ich die kaiserliche Anweisung entgegen.

„Was benötigst du?“

„Was benötigst du?“ Zuerst dachte ich, der Kaiser fragt mich nach meinen Bedürfnissen für den Lebensunterhalt. Einen Moment war ich verwirrt, dann fing ich mich wieder und sagte prompt: „Ein Wasserbecken und Wasser. Außerdem könnte ein Mikroskop von Nutzen sein.“ In Macao hatte ich von einem Jesuiten gehört, dass frühere Missionare dem Kaiser von China Mikroskope dargebracht hatten. Sogar Teleskope, die in China „Tausendmeilenaugen“ heißen. Ich hatte aber auch gehört, dass die Kaiser diesen Geräten nicht viel Wert beimaßen und sie für Spielzeug hielten, das sie den kaiserlichen Söhnen und Enkeln gaben. Auf einmal bereute ich, dass ich meine Aufzeichnungen über Mineralien nicht mitgenommen hatte, als ich nach China aufgebrochen war.

„Gut. Sucht für ihn ein Mikroskop, gebt ihm ein Xingzou-Amt, bereitet ihm einen Platz im Quartier zum Glückszepter und verschafft ihm die Dinge, die er benötigt“, wies der Kaiser die Eunuchen an, die zu seiner Aufwartung bereitstanden. „Informiert die Vorsteher der Lager des Tores der westlichen Pracht und des Palastes der Pflege des Herzens über diese Begutachtung.“ Der Kaiser fuhr mit seiner Befragung fort: „Kennst du dich mit Jade aus?“

„Ein bisschen“, antwortete ich vage. Ähnelt eine solche Antwort nicht sehr denen der Chinesen um mich herum?

„Wir wollen, dass du als Erstes einige Gemmen aus der Schatzkammer des inneren Palastes bestimmst und jede einzelne fein säuberlich mit Namen notierst“, fuhr der Kaiser ohne Unterbrechung fort. „Dann werden wir dich weiter befragen.“

Der Kaiser wartete meine Antwort nicht ab und wies an, mich mit einer fellbesetzten Jacke auszustatten. Ein Hofeunuch trat flink an meine Seite und zischte: „Zeig Dankbarkeit!“

Unverzüglich kniete ich nieder und wartete, bis der Kaiser gegangen war. Ich stand nicht eher wieder auf, bis die Eunuchen mich dazu aufforderten. Eine Gruppe Eunuchen geleitete mich aus dem Palast. Mir kam es so vor, als ob sie mich neidisch beäugten.

In welche Situation war ich geraten? In kürzester Zeit hatte mir der Kaiser eine bedeutende Rolle zugedacht und ich muss nun hinaus auf die Bühne und sie spielen. Werde ich das Schicksal illoyaler Beamter teilen? Werden mir vielleicht beide Füße abgeschnitten, wenn ich den Kaiser nicht zufriedenstelle? Eigentlich dürfen nur Ausländer in den kaiserlichen Palast, die Maler, Ärzte, Astronomen oder Uhrmacher sind. Die meisten davon sind Missionare mit außergewöhnlichem Wissen und Talenten. Ich hingegen bin mit so wenig Aufwand in die Nähe des Kaisers gekommen, wie es braucht, um Asche wegzublasen.

Nachdem ich den Kaiserpalast verlassen hatte, suchte mich der apostolische Präfekt Le Febrve sofort in meiner Herberge auf. „In der Gemeindekirche bewahre ich noch ein Mikroskop auf, vielleicht kann Ihnen das von Nutzen sein?“ Der Präfekt war außergewöhnlich freundlich und sagte: „Wenn Sie wollen, können Sie sich in unserer Gemeinschaftsunterkunft niederlassen. Es müsste möglich sein, ein Zimmer für Sie freizuräumen.“ Ich stimmte dem Plan des Kirchenmannes sofort zu und schaffte mein Gepäck von der Herberge zur Kirche in der Stadt, wo neun Missionare sich eine gemeinsame Unterkunft teilten. Sie kelterten eigenen Wein und buken ihr eigenes Brot und Kuchen. So aßen sie das Essen ihrer Heimat, als ob sie noch immer in Europa lebten.

Unendlich geliebte Helena,

ein Wunder ist geschehen! Ich habe hier in Beijing den Brief erhalten, den Du mir vor einem Jahr geschrieben hast. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie glücklich er mich macht! Ich stehe am Straßenrand und lese Deinen Brief wieder und wieder. Immer wieder lache ich vor Freude. Die Passanten halten mich schon für einen Irren.

Liebste Helena, auch wenn die Trennung so bitteren Kummer brachte, was könnte ich mir mehr wünschen, als zu erfahren, dass der geliebte Mensch mich immer noch liebt? Diese paar Zeilen von Dir haben mir meinen Gram erhellt! Wie eine Medizin haben sie mich von der Einsamkeit geheilt!

An diesen Tagen voller Einsamkeit habe ich nie aufgehört, an Dich zu denken, habe ich nie aufgehört, mich nach Dir zu sehnen. Wenn ich eines Tages von dieser Reise zurückkomme, sollten wir uns wieder treffen, sollten wir zusammenleben. Bis ans Ende allen Seins.

Kannst Du so lange auf mich warten? Oder kannst Du den verhassten Menschen an Deiner Seite verlassen und zu mir kommen? Ich kann Dir nicht viel bieten, aber mit ganzer Kraft werde ich alles für Dich herbeischaffen, was Du Dir wünschst. Ich werde Dein Sklave sein und nicht eher ruhen, bis Du glücklich bist.

Damit dieser Brief mit dem nächsten Schiff nach Europa geht, schließe ich mit den Versicherungen meiner tiefsten und leidenschaftlichsten Gedanken. Im nächsten Brief werde ich Dir von meinen Erlebnissen in China berichten.

Für ewig Dein, Wilhelm

Beijing, 6. Dezember 1766

In einem Pulk chinesischer Beamter wartete ich vor dem Palasttor. Nachdem ein Beamter des Ritenministeriums unsere Namen deklamiert hatte, führten mich einige Eunuchen endlich vor den Oberverwalter der Abteilung für innere Angelegenheiten, der mich in meine zukünftigen Pflichten im Quartier zum Glückszepter einweisen sollte. Noch bevor ich das Quartier betrat, sah ich ganz in der Ferne zwei Ausländer in langen chinesischen Gewändern, die vor einem Tor warteten. Es waren keine anderen als die Fratres Perrot und Attiret. An dem Morgen der Audienz beim Kaiser hatten wir keine Gelegenheit für ein Gespräch gehabt. „Du bist wirklich hier!“, stammelte Frater Attiret vor Aufregung. „Wie lange haben wir uns nicht gesprochen!“

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03 eylül 2024
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