Kitabı oku: «Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich»
Jakob Christoph Heer
Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066113254
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur dritten Auflage
Inhaltsübersicht
Im Friaul.
Österreichisch Nizza.
Aquileja.
Die Lagune von Grado.
Im Frühling von Miramare.
Triest.
Die Küste von Istrien.
Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn.
Der Karst und die Grotte von Adelsberg.
von
J. C. Heer
4.–8. Tausend
Frauenfeld und Leipzig 1918
Verlag von Huber & Co.
Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich
Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld
Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
Vorwort zur dritten Auflage
Inhaltsverzeichnis
1887–1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die »Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt, daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit angelegt war.
Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals die Furcht davor über jedermann.
Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur Trümmer.
Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. Inter bellum musae silent. Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich für meinen Erstling immerhin erfreut.
Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten, indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser zufrieden geben.
Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen, die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern – das ist mir mehr Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.
Weihnacht 1917.
J. C. Heer.
Inhaltsübersicht
Inhaltsverzeichnis
| Seite | ||
| Im Friaul | 1 | |
| Venedig. – Abendfahrt. – Monfalcone. – Meer und Tiefland. – Ein Garten. – Die Piazza grande. – Der Markt. – Leben und Lieben. – Nord und Süd. – Ein Original. – Sein Hausregiment. – Der Maler. – Die Volksschule. – Am Hafen. – Die Fischer. – Ein Strandgebiet. – Die Malaria. – Die Campagnen. – Der Isonzo. – Die bäuerliche Wirtschaft. – Furlanische Dörfer. – Italiener und Slovenen. – Die Karstlandschaft. – Eine Taubenhöhle. – Verlorene Wasser. | ||
| Österreichisch Nizza | 27 | |
| Eine Wagenfahrt. – Görz. – Völker und Sprachen. – Ein mittelalterliches Idyll. – Industrie. – Die Villen. – Der Kurort. – Ein Ausflug. – Der Monte Santo. – Wallfahrer. – Lienhard und Gertrud. – Aussicht. – Bohnen in den Schuhen. – Am Isonzo. – In der Ebene. – Gradiska. – Ein Plan. | ||
| Aquileja | 45 | |
| Die Gründung. – Die Blüte. – Leben und Treiben. – Der Untergang. – Alte Lebensfasern. – Fundgegenstände. – Ein Stall. – Das moderne Aquileja. – Rückblick. – Die ungetreuen Frauen. – Die Erbin. – Eine Auferstehung. – Der Pozzo d'oro. – Ein Wirrsal. – Signore Moschettini. – Das Museum. – Skulpturen. – Grabsteine. – Anticaglien. – Neujahrslampen. – Ziegelinschriften. – Der Campanile. – Die Patriarchen. – Der Dom. – Die Krypta. – Ein urchristliches Taufbecken. – Die Aussicht. | ||
| Lagune von Grado | 73 | |
| Die Düne. – Ebbe und Flut. – Lagunenfahrt. – Säkuläre Senkungen. – Schöne Pläne. – Gradonesische Fischer. – Indolenz. – Ein Asyl. – Das Städtchen Grado. – Badeleben. – Inselgrün. – Die steigende Flut. – Südliche Nacht. | ||
| Im Frühling von Miramare | 87 | |
| Ein Badeort im Sumpfe. – Der kürzeste Strom Europas. – Naturrätsel. – »Es stand in alten Zeiten …« – Duino. – Meerbilder. – Die Dolinen. – Slavische Dörfer. – An der Küste. – Die Gärten von Miramare. – Erzherzog Max. – Das Trauerspiel von Mexiko. – Der Kaiser. – Charlotte von Belgien. – Das Ende. – Ein Gang durchs Schloß. – Auf der Balustrade. – Ave Maria. | ||
| Triest | 106 | |
| An den Quais. – Der Hafen. – Der Leuchtturm. – Ausblick. – Schiffer und Arbeiter. – Der Fischmarkt. – Meerspinnen und Muscheln. – Die Stadt. – Denkmäler. – Die Einwohnerschaft. – Gegensätze. – Antikes. – Winckelmann. – Beim Antiquar. – Das Arsenal. – Der Schiffsbau. – Seeleute. – Ein Maschinist. | ||
| Die Küste von Istrien | 125 | |
| Meerfahrt. – Capo d'Istria. – Pirano. – Das Volksleben. – Schöne Frauen. – Die Salzgärten. – Die Punta Salvore. – Spielende Delphine. – Der Name Istrien. – Der kleine Antiquar. – Parenzo. – Eine Schweiz im Wasser. – Felsen und Riffe. – Rovigno. – Schiffersagen. – Die Bucht von Pola. | ||
| Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn | 143 | |
| Das Seearsenal. – Schiffsmodelle. – Trophäen und Standarten. – Die Magazine. – Die Riesen des Alpenwaldes. – Werften und Docks. – Das Stadtbild von Pola. – Chidher, der ewig junge. – Römische Denkmäler. – Die Arena. – Eine Überraschung. – Arme Leutchen. – Im Mondschein. – Aus der Schenke. – Ein Nachtspaziergang. – Sonnenaufgang. – La poveretta. – Der Scirocco. – Mal di mare. | ||
| Der Karst und die Grotte von Adelsberg | 163 | |
| Osterfahrt. – Die Karstgewässer. – Äcker und Weiden. – Die Bora. – Der Wald. – Aufforstungen. – Adelsberg. – Am Grottentor. – Die Grotte. – Der große Dom. – Der Höhlenfluß. – Die Geschichte der Grotte. – Die Tropfsteinbildungen. – Der Tartarus. – Geheimnisvolle Bildwerke. – Festliches Leben. – Unerforschte Gänge. – Zum Kalvarienberg. – An die Sonne. | ||
Im Friaul.
Inhaltsverzeichnis

Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche Einladung meines Onkel – Direktor Johannes Heers in Monfalcone – zu einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.
Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien, Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut, geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von Triest.«
Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; in Lecco, wo die »Promessi sposi« in Liebesträumen gewandelt, fing ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem Markusplatz zu Venedig.
»La mia bella Venezia!« Es war am dritten Tag meines dortigen Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht, und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt der erschlagenen Republik.
Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.
Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen hinaus. »Addio, carissima patria, addio, addio!« schrien die braunen Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche, der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne im Auge.
Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische Doppeladler.
Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie – die Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons. Wagenwechsel – Gepäckrevision – dann sank melancholisch die Nacht herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke, während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz verriet.
Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« – dann »Rubbia-Savogna – Zagrado – Ronchi« und endlich – meine Ungeduld war aufs höchste gestiegen – »Monfalcone«!
Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder, die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs.
Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.
Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt haben.
»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott. Hier ist gute Wanderrast!«
Als ich's rief – oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke – stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen, aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen perlen.
Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt.
Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber.
Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem sonnigverklärten Blau zurück.
Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende, von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht Jahrhunderte kommen und gehen sah.
Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu Stein verhärtet hat.
Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts zu vergleichen haben.
Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.
Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis, in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen. Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.
Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach leicht und zwangslos in die Seele.
Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten genug vor den Blick des Fremden drängen.
Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen, auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze.
Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während sein ursprünglicher deutscher – Neuenmarkt – in Vergessenheit geriet.
Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit einem daran stoßenden kleinen Park.
Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.
Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering, da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders nach Wien.
Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben durch.
Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte, allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel; es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste leistet.
Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde.
Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes, wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der Monfalconeser bildet.
Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein Mädchen widersteht den Klängen.
Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt, dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen Gestalten.
Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht, eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.
Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße, die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen.
Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.
Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens. Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen, an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone.
Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt. Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und der Palette.
Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners.
Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle Haar.
Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.
»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.
»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus einem Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« Zuweilen erwische ich sie aber doch.«
»Wie so denn?«
»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich nicht.«
»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«
»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten – mein Gott, hätte ich nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm verloren gegangen.
Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, Netze und Wild.
Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das Sprichwort »Se non è vero, è ben trovato« anwenden mußte, bin ich immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der nördlichen Adria hübsch präpariert.
Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an sich gefesselt hat.
Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die heranwachsende Jugend baut.
Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum. Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten waren.
Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg – und manch ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu verdanken.
Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man kommt, sieht man etwas Neues.
Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der adriatischen Nordküste.
Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß, zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.
Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter, im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite Meergebiete bloß.
Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken, ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die zurückweichende Flut und sammeln ihre »frutti di mare.«
Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken, zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, hineinzugreifen.
Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge, als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.
Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung.
Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt:
»Il mar' è turpido E la barquetta pendole E nome tei è tendere Ch'è amic' sola me.«
Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt, und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart macht, den zukünftigen adriatischen Seemann.
Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.
Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück, da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.
Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die melancholische Poesie der Steppe schwebt.
Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers, aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.
Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und werden zum fortwährenden Fäulnisherd.
Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.
Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit schleppt, dafür.
In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten sind so verachtet wie die »doganieri«; ich aber, der ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.
Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.
Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm gefunden.
Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. – Waren es Wolken – waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.
Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die Felder deckt.
Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.
Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.
Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.
In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.
Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul – so bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts – den Fremden durch eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann geblieben.
Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.
Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen hat.
Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.
Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta, nicht mehr.
Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.
Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.
Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und wohltuenden Eindruck.
Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben Bevölkerungszahl.
Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück; denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern ist mit slavischem und deutschem versetzt.
Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten slavischen Wesen.
Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar und wasserblauen Augen.
Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt, dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet.
Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die Bürgermeister nicht schreiben können.
Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung, grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine Felsenwüste.
Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige Grün in dieser Steinwildnis.
Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man aus den Wundern nicht herauskommt.
Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales.
Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst, dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.
Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine grotta di columbe, eine Taubenhöhle.
Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen. Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals, unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.
In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen Pistolenschuß erschreckt.
Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein Blutbad anrichten.
Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der Adria brechenden kurzen Strom erreichen.
Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser umblühen, mitgenommen.
Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »Cotonificio triestino« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? – Von solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter.

Österreichisch Nizza.
Inhaltsverzeichnis

Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische Nizza« ist?
Wo aber ist »österreichisch Nizza?« – Es ist Görz, eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.
Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.
Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.
Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten Gebirgszüge des Karstes sendet.
Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.
Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.
Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.
Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.
Eine Stadt mit 17 000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu liegen kam.
Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt 11 000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.
Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.
Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.
So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.
Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.
Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein geistlicher Herr – die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut gemacht – löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist G'fahr vorbei.«
Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.
Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.
Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.
Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.
Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen.
Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet, hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.
Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben, die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.
Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort und – was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde – es stellt sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter, der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines südtirolischen Kurortes zurücksteht.
Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben, sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit, und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er eben in der italisierten Stadt vermißt.
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