Kitabı oku: «Gesetz des Menschlichen»

Yazı tipi:

Jakob Vedelsby
Gesetz des Menschlichen

Roman

Aus dem Dänischen von

Bernd Kretschmer

Saga

Die Luft ist so erstaunlich ätherisch, so sonderbar durchsichtig in diesen Tagen des Indian Summer, es ist, als kämen alle nahen Gegenstände näher und würden klarer – als könne man jedes Blatt unterscheiden, jeden Zweig dort drüben am anderen Flussufer, und es fast mit den Händen greifen.

Jacob A. Riis

1

„Das Gesetz des Menschlichen bedeutet, dass das Leben wie ein Labyrinth wirkt, mit Sackgassen und verschlossenen Türen. Bisweilen musst du umkehren und ein Stück zurückgehen, eine andere Richtung wählen, die Hoffnung bewahren....“ Das Radiosignal verschwindet mit einem Zischen, wie wenn ein Haar zu Asche verbrennt. „Verdammt“, murmelt der Chauffeur und klopft mit dem Finger gegen die blau leuchtende, in Mahagoni eingearbeitete Stereoanlage des Wagens.

„Nimm dich zusammen, wir müssen Carl Bernsteins Freundin hören, sie ist scheißunterhaltsam...“, sagt der Minister und lacht mit zuckenden Schultern.

„Sie hören Radio Dänemark. Es gibt ein technisches Problem, das wir zu lösen versuchen.“

„Ich bin’s nicht, mit dem etwas nicht stimmt“, sagt der Chauffeur fast unhörbar.

„Sie hören Radio Dänemark. Es gibt ein technisches Problem, das wir ...“

„Schalte ab, zum Teufel!“ ruft der Minister.

Ich begnüge mich damit zu lächeln. Ich werde dem Schafskopf nicht noch einmal erzählen, dass Kassandra eine Freundin aus alten Zeiten ist, nicht meine Geliebte. Sie ist lesbisch. Um Himmels Willen. Oder zumindest bi. Ich fasse die Tasche fester und registriere den Duft frisch gegerbten Leders, ein Geschenk von Kassandra, handgearbeitet, ein persönliches Mitbringsel aus Nepal. Man muss aufpassen, wenn der Minister seine gute Laune hat. Die Jovialität pflegt irgendwann zu verebben, und bevor man sich versieht, sitzt man in der Patsche und muss sich in einem der improvisierten Konflikte verteidigen, in die er seine Beamten bringt. Seine nächste Bemerkung könnte sehr gut lauten: ’Warum in aller Welt sollte ich Interesse daran haben, deine Freundin im Radio zu hören?’ – oder: ‚Machst du dich etwa über mich lustig?’. Aus seiner Sicht ist es seine Pflicht, dafür zu sorgen, dass ein Emporkömmling wie ich sich nicht zu sicher im Sattel fühlt. Er muss es mir schwer machen und mir demonstrieren, dass der diplomatische Dienst seinen Preis hat, und dass dieser so teuflisch hoch ist, dass nur die Tüchtigsten, Widerstandsfähigsten und Gewissenlosesten durch das ultimative Nadelöhr dringen und den ersehnten Botschafterposten erhalten. Ich habe das Zeug dazu, aber das weiß der Psychopath neben mir nicht.

„Jetzt ist es völlig tot“, sagt der Chauffeur und drückt auf den Knöpfen des Radios herum. Er landet auf einem anderen Kanal, und rhythmisch hämmernde Popmusik trifft uns von allen Seiten, als wären wir Soldaten im Kreuzfeuer. Noch bevor er abschalten kann, ruft der Minister schon: „Das bist du auch, wenn du nicht gleich ausschaltest!“

„Sorry. Ankunft in 25 Sekunden“, sagt der Chauffeur nach unten gebeugt in das Mikro an seinem Handgelenk.

Einmal Soldat, immer Soldat, denke ich und mustere seinen Stiernacken mit den fünf Speckfalten.

„Es ist lebenswichtig, dass du dich diesmal an alles erinnerst, Legationsrat Bernstein. Wenn wir den Außenpolitischen Ausschuss heute verlassen, ist die Sache gestorben, hast du verstanden?“ sagt er in scharfem Ton, ohne mich dabei anzusehen.

Ich kenne ihn jetzt schon etliche Jahre, aber wir hatten noch nie Augenkontakt. Das wäre zu persönlich, eine Geste, die zweifellos seiner Familie vorbehalten ist – zur Zeit bestehend aus einer zweijährigen Tochter und Ehefrau Nummer drei. Gerüchten zufolge hat er sich mit den Vorgängerinnen überworfen und sieht seine älteren Kinder nicht. Er steht auf hübsche Frauen, Typ Model, die erheblich jünger sind als er. Auch an Kassandra hat er Interesse gezeigt. Sie ist vierzig, sieht aber aus wie dreißig. Man würde nicht darauf kommen, dass sie zuhause zwei achtzehnjährige Söhne hat. Der Minister hat sie einmal in einer Frauenzeitschrift gesehen, in der sie nackt zwischen Birken am Waldrand fotografiert war. Das lange Haar schwebte um ihre Brüste wie schwerelose Seide.

Ich habe den Minister studiert. Seine Augen hinter den randlosen Brillengläsern sind wässerig, und im Weißen des Augapfels haben sich gelbe Talgablagerungen angesammelt, miteinander verbunden durch dünne, rote Äderchen. Unter den Augen Tränensäcke, auf den Wangen wahre Landschaften aus kleinen, geplatzten Adern. Seine Zähne sind strahlendweiße Implantate, wie sie sie in Hollywood und Washington verwenden. Jetzt springt er aus dem Wagen und ist, mit zwei Sicherheitsbeamten auf den Fersen, schon auf halbem Weg die Treppe hoch, während ich mich noch abmühe, mit der Tasche und einem Stapel von Papieren aus dem Wagen zu kommen. Er öffnet die Tür zum Parlamentsgebäude, Schloss Christiansborg, und trommelt hart gegen die Holztäfelung. Ich beeile mich, ihn einzuholen.

„Was hat sie noch gleich gesagt, bevor der Idiot da am Radio gefummelt hat?“ Sein Blick streift den Chauffeur, der gerade auf seinem Handy telefoniert. „War das nicht irgend so ein idealistischer Blödsinn von Gemeinschaft, einem neuen Gesetz?“

„Ich habe es nicht gehört, er hat ja abgeschaltet“, murmele ich und schlüpfe hinein. Ich folge dem Minister, vorbei am Wachlokal, hin zur Treppe zum ersten Stock.

„Das Gesetz des Menschlichen“, das war es. „Was zum Teufel ist das?“ lacht er. „Ich muss sehen, dass ich das durch das Parlament bringe, dann werden wir alle richtige Menschen und gehen in Rente und lassen Dänemark auf dem großen Meer der Gemeinschaft vom Stapel laufen.“

Das Lachen des Ministers geht in einen kratzenden Raucherhusten über. Er schluckt Schleim, runzelt die Augenbrauen. Sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse in den wenigen Sekunden, die wir brauchen, die steile Treppe hochzusteigen. Nun schweigt er, ist außer Atem.

Der Minister verfügt über eine bemerkenswerte Fähigkeit, Dinge zu verdrängen. Er ist damit so zufrieden, dass er sie an seine Kinder weitergegeben hat. Es sei die beste Gabe, die er seinen Nachkommen hinterlassen habe, hat er in einem doppelseitigen Porträt in einer Sonntagszeitung erklärt. Es vergeht keine Woche, in der er nicht in den Medien ist. Die Journalisten lieben seinen brutalen Charme, und er ist klar und verständlich in seiner Sprache, dank effektiver Hilfe seiner Pressereferentin und Medienberaterin, deren Rolle er offiziell verachtet.

Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er gerade jetzt, aufgrund etlicher Minuten mangelnder Nikotinzufuhr, auf einer hauchdünnen Grenze zwischen echter Neugier und einem Ausbruch von Gereiztheit mit unvorhersehbaren Konsequenzen balanciert. Ich schweige, ich darf meine Konzentration nicht verlieren, nicht weitere Fehler begehen. Mein Schnitzer im Außenpolitischen Ausschuss kürzlich, als ich ihm eine falsche Information gab, was dazu führte, dass die Opposition ihn in den Medien als Lügner bezeichnete, haftet wie eine ansteckende Krankheit an mir. Die Kollegen im Außenministerium meiden mich. Ich würde das gleiche tun, denn Fehler sind das größte denkbare Tabu in einer Nullfehlerkultur. Seitdem bin ich unter verschärfter Aufsicht, im System hoch angesiedelte Schlüsselpersonen sind tief enttäuscht von mir, und alle wissen, dass der weitere Verlauf meiner künftigen Karriere bedeutend weniger klar vorgezeichnet ist. Wenn er denn in den Augen anderer überhaupt jemals klar vorgezeichnet gewesen war. Es gibt da ganz sicher immer einen Kollegen, der auf dem Sprung ist, den Platz von einem zu übernehmen. Noch ein Fehler, und ich ende meine Tage als Fachberater oder so etwas in der Richtung, wie die anderen bitteren Schicksale, die das System aussortiert. Es sei denn, man bewirbt sich an anderer Stelle, weg vom Außenministerium, und versucht sein Glück dort. Mit diesem Gedanken spiele ich allerdings nicht mehr. Ich bin inzwischen zweiundvierzig und nähere mich Schritt für Schritt dem Ziel, das, so predigen alle, so gut wie unerreichbar ist. Ich muss noch ein Jahr in Kopenhagen die Zähne zusammenbeißen, dann für drei bis vier Jahre in die Welt hinaus und wieder nach Hause auf einen Posten als ‚Stellvertretender Abteilungsleiter’. Wenn alles gut läuft, werde ich nach einem weiteren halben Jahr per Ernennung durch die Königin zum ‚Vortragenden Legationsrat Erster Klasse’ und damit zum Beamten ernannt, und dann ist der Weg frei zum heiligen Botschafterposten. Amen. Ich habe immer gesagt, dass ich das erreichen will, bevor ich 50 werde. Dann wird auf die dreißig Jahre Schufterei bis zur Bewusstlosigkeit in den nächsten zwanzig Jahren ein gut bezahlter Traumjob folgen. Dann werden die Früchte eines unmenschlichen beruflichen Einsatzes reichlich geerntet werden. Bei diesem Gedanken fühle ich mich, als würde ich schweben, aber nur für kurze Zeit. Ich wage nicht, ihn zu Ende zu denken.

Irgendetwas stimmt nicht. Die Leute um mich herum führen sich auf wie ferngesteuerte Roboter. Sie kommen aus ihren Büros, bewegen sich mechanisch auf dem Gang herum und halten Handys an die Ohren gedrückt. Sie ähneln verängstigten Hühnern, laufen gegen Wände und gegeneinander, gackern in die kleinen Apparate hinein.

„Teufel auch!“ brüllt der Minister, als die Leibwächter vom PET, dem Polizeilichen Nachrichtendienst, ihn unter die Achseln fassen und mit ihm davonlaufen. „Das ist eine Notsituation, beeilen Sie sich, aus dem Gebäude raus zu kommen!“ ruft mir einer der Beamten zu.

Ich bleibe mitten auf dem Gang stehen, und sehe sie die Treppe hinunter Richtung Notausgang verschwinden. Die Menschen um mich herum laufen in alle Richtungen. Da ist auch die Pressereferentin und Medienberaterin des Ministers, ihr strammer Hintern ist in einen eng sitzenden, kurzen Rock eingezwängt. Sie schlägt mit der flachen Hand auf ihr Handy.

„Das Hotel Danmark ist in die Luft gesprengt worden“, ruft sie im Vorbeilaufen, bleibt dann abrupt stehen und dreht sich um. „Oh Gott, Ihre Freundin!“ Ihr Mund öffnet und schließt sich, und sie tritt einen Schritt näher zu mir. „Ich hoffe nicht ... ich muss den Minister finden.“ Dann ist sie in der Menschenmenge verschwunden.

Ich sehe das Redemanuskript des Ministers, mit dem ich heute Morgen ganz früh fertig geworden bin. Es schwebt auf den Boden zu, bekommt wieder Auftrieb und erhebt sich wie ein kraftvoller Schwanenkörper, bevor es gegen die Wand prallt und jäh zu Boden fällt. Ich sinke auf einen hellblauen Rokokostuhl an der Wand, betrachte die Uhr über der Tür zum Sitzungsraum des Außenpolitischen Ausschusses. Es ist 12.54 Uhr.

Kassandras Radiosendung endet in sechs Minuten. Ich kann sie direkt vor mir sehen, wie sie vor den Panoramafenstern des Studios steht, die auf die Kopenhagener Seen hinaus gehen, sie hält ihren Mund dicht an das Mikrofon und lächelt dem Hörer zu, der in der Sendung telefonisch zu ihr durchgekommen ist. Das Studio befindet sich in einer Suite im zweiten Stock des neu gebauten Hotels. Sie beantwortet gerade seine Fragen. ‚Bisweilen musst du umkehren und ein Stück zurückgehen, eine andere Richtung wählen, die Hoffnung bewahren’, sagt sie, und dann dreht der Chauffeur am Autoradio, dann kommt die Information, dass ein technisches Problem aufgetaucht sei, dann Popmusik, dann Stille.

Ich gleite hinein in den Strom von Menschen und komme hinaus in die Ridebane-Anlage hinter Schloss Christiansborg, suche mein Handy, es ist nicht in meiner neuen Tasche, die ist mir abhanden gekommen... hier habe ich es ja. Ich weiß nicht, warum ich zu laufen beginne, ich laufe ansonsten überhaupt nicht mehr. Ich würde gern wieder mit dem Laufen anfangen, ich hätte die Laufschuhe kaufen sollen. Meine glänzenden schwarzen Schuhe klicken auf der Straße, Jackett und Krawatte wehen beim Laufen. Jetzt stolpere ich und stürze mit meinen hundert Kilo und knapp zwei Metern schwer hin, mein rechter Arm schrammt über den Asphalt. Ich rappele mich wieder auf und laufe weiter, stürze zu einem Taxi und werfe mich auf den Rücksitz.

„Hotel Danmark“, sage ich.

„Das geht nicht. Haben Sie nicht von der Explosion gehört?“

„Ich zahle den doppelten Preis.“

Ganz tief in meinem Innern, wo immer das auch sein mag, weiß ich, dass ihr nichts passiert ist. Vielleicht ist es mein Unterbewusstsein, was diese Frage, die in meinem Kopf herumkreist, mit einem ‚Sie ist okay, ganz ruhig’ beantwortet. Jetzt biegt das Taxi auf die Busspur ein, und die lange Schlange von Autos verschmilzt zu einem einzigen zusammenhängenden Fahrzeug, das gegen den potenten deutschen Diesel keine Chance hat. ‚Sie ist ein Überlebenstyp, Carl’. Ich schaue auf meine Hände. Ich habe sie gefaltet. Wer verdammt noch mal ist das, der mir fortgesetzt sagt, Kassandra sei tot? Ist es meine Vernunft? Kassandra pflegt zu sagen, Vernunft ist eine Zwangsjacke, die jemand erfunden hat, um Kreativität und Schaffensfreude zu unterdrücken. ‚Stell dir vor, alle Menschen würden nach dem Sublimen streben?’ Kassandras Stimme ist in meinem Kopf, sie setzt mir zu, um mit meinen Träumen einen Kompromiss zu schließen, um Vernunft über Gefühl zu setzen, und wenn ich sage, dass mein Traum faktisch ein Job als Botschafter sei, glaubt sie mir nicht, denn ich sei zu etwas Größerem geschaffen. ‚Größeres?’ sage ich und sehe in die braunen Augen, die vor Erregung fast schwarz sind. ‚In meiner kleinen Welt wird es nicht größer als ein Botschafterposten’, sage ich, und sie lacht mich aus, meint, es mangle mir sowohl an persönlichem Ehrgeiz als auch an Ehrgeiz, etwas für die Welt zu tun, und sie fragt, ob es für mich noch etwas anderes gäbe, als nur materiellen Wohlstand anzuhäufen. Doch, ich möchte schon gern etwas leisten, was über die Eindrücke hinausgeht, die ich bei den Menschen hinterlasse, mit denen ich zu tun habe, aber ich weiß nicht, wie.

„Ich hab’s doch gesagt“, murmelt der Fahrer und zeigt auf die Polizeiabsperrung. „Jetzt sitzen wir fest.“

Ein durchdringender Gestank nach Chemie hängt in der Luft, und ich sehe die Ruine und den Rauch, die ein gespenstisches, zum Himmel gerichtetes Bauwerk bilden. Jetzt begreife ich, dass sie weg ist, verschwunden wie ein Haar, das zu Asche verbrennt.

Ohne Kassandra bin ich nur ein halber, frei schwebender Mensch, ich taumele durch die Gänge, die Straßen, die Felder, die Wolken, fürchte den Hass und Groll der ganzen Welt, Messer und Kugeln, die Stürme von der blendenden Sonne, die Herden von Opfern in tristen Räumen ohne Notausgänge und alle kranken Schicksale, die freigiebig Hoffnungslosigkeit und Leid austeilen. Ohne Kassandra falle ich zu Boden. Jetzt falle ich.

Als ich weggehe, sitzt sie am Frühstückstisch in ihrem weißen Bademantel und redet mit Robert und Albert. Ich schwenke meine neue Ledermappe und werfe ihr drei Kusshände zu. Heute ist mein Geburtstag. Sie haben mich mit Gesang und frisch gebackenen Milchbrötchen, Ei, Schinkenspeck und Mangosaft geweckt. Wir sehen uns an, während sie langsam ihre Hand zum Mund führt. Jetzt zischt eine Kusshand heran, wie eine Feuerfliege in der Nacht, und ihr Blick verschwindet in den Himmel über Kopenhagen.

Ich begegnete Kassandra während des Jurastudiums. Anfangs glaubte ich, aus uns beiden sollte etwas Festes werden, aber sie hatte andere Pläne. Kassandra war alles, was man sich wünschen konnte. Schnell, lustig, liebevoll, warm, großherzig, originell, hübsch. Ihresgleichen gab es nur eine. Ich glaubte schon, dass sie Interesse an mir zeigte, und erhielt dafür die Bestätigung, als ein Kommilitone ein Fest in der Prachtvilla seiner Eltern am Øresund gab. Spät am Abend folgte ich ihr ins Haus auf eine der Toiletten, was sie ungeheuer lustig fand. Plötzlich waren wir nackt und umarmten uns, ich setzte mich auf das Toilettenbecken, und sie glitt auf mich. Die Füße fest auf den Boden gestemmt, bewegte sie sich auf und ab, und als sie kam, biss sie mich in die Schulter. Dann sank sie auf meine Oberschenkel und schmiegte ihre Wange an meine Brust. ‚Ich weiß gerade, wie es ist, ein Baby im Bauch der Mutter zu sein’, sagte sie. ‚Und wie ein Vogel im Wind, ein Gepard in der Ebene, ein Bär mit einem zappelnden Lachs zwischen den Zähnen. Wenn ich gut zuhöre, habe ich Zugang zu Antworten auf alle Fragen, weil ich aus all dem geschaffen bin, was jemals existiert hat.’ Ich küsste sie auf den Rand ihrer Oberlippe und dachte, ich hätte die Liebe meines Lebens gefunden.

Einige Wochen später, nachdem ich täglich versucht hatte, sie telefonisch zu erreichen, hörte ich, dass sie das Jurastudium aufgegeben habe und mit einem Typen namens Martin Fisch nach Indien gereist sei. Ich reagierte nicht wie sonst üblich, wenn man mit mir Schluss gemacht hatte, und ich dann in einen Zustand des Unglücklichseins mit momentanen Selbstmordgedanken und psychosomatisch bedingten Atembeschwerden versank. Stattdessen wurde mein Organismus von einer nicht vehement dominierenden existentiellen Unruhe ergriffen, begleitet von einem fortdauernden Gefühl der Unwirklichkeit. Ich war nicht imstande, im Jetzt zu sein, meine Gedanken bewegten sich ständig hin und her. Ich stellte mir vor, wo ich sein würde, und wie mein Leben morgen zur gleichen Zeit oder in genau einem Jahr aussehen würde. Ob ich Herzrhythmusstörungen bekommen würde, wenn ich das Licht ausmachte um einzuschlafen. Ob ich im Bett liegen, mir den Puls messen und mir selbst versichern würde, dass das Herz schon seine Arbeit tun wird. Aber keine abgrundtiefen Löcher, keine depressionsähnlichen Sümpfe, kein schreiendes Opfer der Umstände und eines schlimmen Schicksals. Offiziell waren wir kein Paar, nicht einmal inoffiziell, und als ich drei Monate später von ihr eine Postkarte bekam mit dem Text ‚Ich liebe Dich, Carl Bernstein’, wurde mir klar, dass unsere Liebe von jeglicher Beschränkung frei war und Bestand haben würde, ungeachtet, mit wem wir zusammen wären und was wir tun würden.

Deshalb konnte es nicht verwundern, dass sie Jahre später anrief und mich aufforderte, in das freie Zimmer in der Wohnung einzuziehen, in der sie seit ihrer Scheidung mit ihren drei Jahre alten Zwillingen wohnte. Sie fühlte sich auch von Frauen angezogen, und ihr Ex-Mann Martin Fisch war längst zurück nach Jütland zu seiner Jugendliebe gezogen, war in eine rechte Partei eingetreten und hatte eine Blitzkarriere in der Kommunalpolitik und im Parlament gestartet. Das würde ich selber mit größtem Vergnügen....

”Was jetzt?” fragt der Taxifahrer.

„Zurück nach Christiansborg.“

Er fährt durch eine schmale Straße zwischen hohen, braunen Mehrfamilienhäusern und biegt nach links in die Amagerbrogade ein. Das Mobiltelefonnetz ist zusammengebrochen, und ich kann zu den Zwillingen nicht durchkommen. Ich runde den Preis auf und bezahle, steige vor Schloss Christiansborg aus und zeige einem Polizisten in Kampfuniform meinen Ausweis. Er weiß von nichts. Er willigt ein, mir in den ersten Stock zu folgen, aber die Tasche ist nicht da, wo ich sie zurückgelassen hatte. Der Polizist zeigt mir den Weg zu einem Raum im Keller, wo sie in der Ecke liegt, zusammen mit anderen vergessenen Gegenständen. Auch das Rennrad des Ministers steht dort. Neugierige Finger haben sich an meiner Tasche zu schaffen gemacht, und meine Papiere befinden sich nicht in der üblichen Ordnung. Auf meinen diesbezüglichen Kommentar erhalte ich keine Antwort. Dann gehe ich hinaus zu meinem Fahrrad, lege die Tasche auf das Lenkrad und fahre heimwärts, passiere die Brücke über den Kanal und registriere aus dem Augenwinkel die Menschenmassen in Nyhavn. Die Temperaturen liegen heute bei 20 Grad. Ich radle in den Hof in der Amaliegade und laufe über die Küchentreppe hoch. Albert und Robert sitzen vor dem Fernseher und weinen. Ich setze mich zwischen sie auf das Sofa.

Das Weinen entsteht in der Tiefe meiner Lungen, braust durch den Hals herauf und aus dem Mund heraus, und in dem Moment beginnen die Zwillinge zu schreien. Wir halten uns umfasst, und sie reißen und zerren an meiner Kleidung, meine Sinne sind in Alarmbereitschaft, ich hole Luft, bekomme aber keinen Sauerstoff. Sie rufen nach ihrer Mutter, sie soll nach Hause kommen, heulen ihre Jungvogelmünder in aufgelösten Gesichtern mit brennenden Augen, die nichts sehen. Ich schnappe nach Luft und halte sie mit aller Kraft fest.

2

Ich befreie mich aus dem beengenden Anzug und ziehe mir stattdessen Jeans und ein kurzärmeliges Hemd an, entferne kleine Steinchen und Erde von der Hautabschürfung an meinem Arm, betupfe die Wunde mit lauwarmem Wasser und lasse sie an der Luft trocknen. Es gibt Überlebende, sagen sie im Fernsehen, aber nicht in dem Teil des Hotels, in dem Kassandra gearbeitet hat. Alle Fernsehkanäle zeigen die gleichen, vom Helikopter aufgenommen Bilder des siebzig Meter hohen intakten Gebäudes, das verschont geblieben ist, da anscheinend mehrere Sprengladungen nicht wie geplant gezündet haben, und zoomen die Stelle heran, wo das flachere Nebengebäude mit Konferenzräumen, Büros und Rundfunkstudios gestanden hatte. Es hat sich in einen Berg aus verbogenem Stahl und rauchenden Mauerbrocken verwandelt.

Ein Sprecher erzählt mit schriller Stimme die Geschichte vom Terror in Dänemark, der seinen Anfang nahm, als eine Tageszeitung Karikaturen des Propheten der Muslime veröffentlicht hatte. Dadurch hatte sich Dänemark in der muslimischen Welt unbeliebt gemacht und war für militante Muslims zum Ziel des Terrors geworden. Seitdem haben die dänischen Geheimdienste eine der Öffentlichkeit nicht bekannte Zahl von Terrorangriffen abgewehrt, aber heute war es schief gegangen. Ein Universitätsprofessor stellt fest, dass das Hotel Danmark vermutlich deshalb zum Ziel gewählt wurde, weil die Sicherheitsmaßnahmen begrenzt gewesen waren, und die Terroristen viele Menschen auf einmal treffen konnten. Die Polizei geht nicht davon aus, dass es sich um eine Selbstmordaktion handelt, sondern dass die Sprengung mit Hilfe eines Handys ferngesteuert wurde. Ich schalte um auf CNN, wo man ebenfalls live vom Ort des Geschehens berichtet.

„Dänemark – Hans Christian Andersens idyllisches Märchenland in Skandinavien – wurde heute morgen kurz vor neun Uhr Ortszeit von dem schlimmsten Terroranschlag gegen ein westliches Land seit Nine Eleven getroffen. Ein für alle Mal hat menschliche Brutalität den rosafarbenen Firnis und die romantische Unschuld von diesem kleinen Königreich abgeschlagen, das wie die anderen skandinavischen Länder bisher im großen und ganzen von den Grausamkeiten verschont geblieben war, die den Alltag der übrigen Welt schon lange prägen.“

Ich drehe den Ton leiser, als das Telefon läutet. Es ist Donald, mein direkter Vorgesetzter im Außenministerium, der fragt, wo ich bleibe. Es sei Krisensitzung in der Antiterroreinheit.

„Das Land befindet sich in der ernstesten Situation seit dem Zweiten Weltkrieg, und du machst frei. Ich erwarte, dich in einer halben Stunde zu sehen.“ Der Hörer wird aufgelegt.

Ich habe ihm kürzlich erzählt, dass Kassandra nach einer Reihe von Jahren als Produktionsleiterin schließlich ihre eigene Rundfunksendung bekommen hat, und dass diese von den Studios im Hotel Danmark aus gesendet wird, aber er kann natürlich nicht wissen, ob sie im Moment der Sprengung an ihrem Arbeitsplatz war. Donald ist kein Typ für Small Talk. Er hat es durch das Nadelöhr geschafft und kann sich ‚Vortragender Legationsrat Erster Klasse’ nennen; er kann seinen Botschafterposten bereits riechen, und nichts soll dazwischenkommen.

Aber ich gehe nicht zur Arbeit, ich fahre mit den Zwillingen zum Rigshospital, dem Zentralkrankenhaus. Dort hat man im Erdgeschoss ein Krisenzentrum eingerichtet, mit kleinen, durch Vorhänge abgeschirmten Boxen, mit jeweils einem Schreibtisch und zwei Stühlen, und wir bekommen einen Krisenpsychologen zugeteilt. Ich sage nichts, jetzt geht es erst um die mentale Wiederherstellung der beiden Jungen, und ich lausche ihren tränenerstickten Fragen und Gefühlsentladungen und den wohlgemeinten Ratschlägen des Psychologen, und das Ganze verschmilzt zu brummenden, gellenden, flüsternden, zischenden, schreienden Stimmen, bis mir plötzlich klar ist, dass sie ihre Mutter verloren haben, dass Kassandra tot ist, und dass sie die Konsequenzen nicht überschauen können. Ich kann es auch nicht. Aber jetzt bin ich an der Reihe.

„Sie werden früher oder später in einen Zustand geraten, in dem Sie Zorn verspüren, wenn Sie an die Verstorbene denken. Das ist ganz natürlich, und es ist wichtig, dass Sie Ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Jegliche Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die weinen, schreien, schimpfen und über die Dinge sprechen, am besten durch die Krise kommen“, sagt der bärtige Mann, und ich versuche, seinen Blick hinter den verschmierten Brillengläsern aufzufangen. Ich bin dankbar, dass es Menschen wie ihn gibt, die Energie investieren, um anderen zu helfen. Er hätte ja auch Immobilienhai werden können, Börsenspekulant oder ein böswilliger Banker, den Blick starr auf nichts anderes als den jährlichen Bonus gerichtet, ein roher und rücksichtsloser Kapitalist. Der Blick des Psychologen flackert, die Situation zeigt Wirkung bei ihm, auch er hat Gefühle, selbst wenn er gelernt hat, sie zu kontrollieren, aber so viele Leben, die zu gleicher Zeit über dem Dunkel des Abgrunds hängen, bilden eine gewaltige Kraft, die selbst die solidesten Fundamente zum Bersten bringen können. Ich nicke schnell, will ihm sagen, dass mein Organismus von einer erdrückenden Zwangsjacke der Sinnlosigkeit umschlossen wird, aber die Worte verdorren in meinem Mund. Dann will ich ihm sagen, dass ich am meisten an Albert und Robert denke, die mitten im Abitur stehen und morgen ihre schriftliche Dänisch-Prüfung haben. Ich weiß nicht, ob sie das schaffen, oder ob ich veranlassen kann, dass ihre Prüfungen verschoben werden. Ihr Vater, Martin Fisch, muss wohl auch einbezogen werden. Ja, das ist der von der Dänemark-Partei, sie sehen ihn selten, und für die Jungen bin ich wohl mehr ihr Vater als er, aber trotzdem. Der Psychologe sieht mich fragend an. Martin Fisch wird viel zu tun bekommen. Egal wer hinter der Terroraktion steckt, sie wird noch stärkeren Hass gegen das Unbekannte hervorrufen, seine Sache wird explosionsartig Zuspruch erfahren, und Dänemark wird fremdenfeindlicher werden. Für Martin Fisch eine traumhafte Situation. Jetzt beuge ich mich über den Tisch.

„Muss ich ihre Leiche identifizieren?“

„Nach meinen Informationen befand sie sich unmittelbar über einer der Sprengladungen“, sagt der Psychologe so leise, dass ich mich anstrengen muss, ihn zu verstehen.

„Bedeutet das, dass es nichts zu identifizieren gibt?“

Er nickt schwach, nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen.

Vor dem Fernsehbildschirm an der Wand im Foyer ist eine Menschenmenge zusammengeströmt. Die Hände der Jungen halten meine Unterarme fest umklammert. Einem Krankenträger gelingt es, den Ton lauter zu stellen, und wir bleiben stehen und hören dem Sprecher zu. Er berichtet, dass eine bislang unbekannte Terrorgruppe namens ‚Letzter Tag des Kapitalismus’ auf einem Video, das den Nachrichtenagenturen zugespielt wurde, die Verantwortung für die Bombensprengung in Kopenhagen übernommen hat. Auf dem Bildschirm taucht ein Mann auf, das Gesicht mit einem Halstuch maskiert, und trägt seine Botschaft in perfektem Englisch vor.

Wir sind die von der Menschheit ausgesandten Krieger. Wir sind eure Brüder und Schwestern, wir leben unter euch, wir sprechen eure Sprache und arbeiten zusammen mit euch. Wir sind Menschen wie ihr, die sich über Grenzen der Religion und Politik hinweg zum Kampf gegen den globalen Kapitalismus zusammengefunden haben, der unsere gemeinsame Erde unbewohnbar macht und einen wirtschaftlichen Morast geschaffen hat, der Millionen von Menschen aus Haus und Heim vertreibt. Die Aktion in Kopenhagen ist nur die erste von weiteren, die der globalen Krankheit ein Ende bereiten sollen, deren Symptome Egoismus und Materialismus auf Kosten der Gemeinschaft sind. Die Aktion in Kopenhagen hat zwölf einflussreiche Wirtschaftsbosse ausgelöscht, die im Hotel Danmark versammelt waren, um Pläne für die zukünftige Ausbeutung der armen Bevölkerungen in der Welt zu schmieden. Wir bedauern zutiefst die unschuldigen Opfer und trösten uns damit, dass sie in einem notwendigen Krieg gefallen sind.

Wir schieben die Fahrräder, als wir den Peblinge-See entlang gehen, und setzen uns dann auf eine Bank unter einem blühenden Kastanienbaum. Ich sitze zwischen den beiden und suche nach Worten. Normalerweise ist es Kassandra, die das Richtige sagt, und ich bin es dann, der es bestätigt. Ich wende mich Albert zu. Er ist eine identische Ausgabe von Robert, aber trotzdem ist er der Kleine, zehn Minuten später geboren.

„Ich zittere“, sagt er.

„Ich auch“, sagt Robert.

„Ich ebenfalls“, murmele ich.

Aber es sind nicht nur wir, die im Innern zittern, die Erde vibriert, und ich halte die Jungen fest an den Schultern gepackt, die Fahrräder fallen um, und am Weg nimmt eine junge Frau ihr Baby aus dem Kinderwagen, setzt sich auf den Boden und beugt sich über das Kind, während die Zweige des Kastanienbaumes über ihr schaukeln, und die Blüten sich lösen und wie Schnee herabfallen, und hinter uns schreit eine ältere Frau auf, als ihr der Rollator aus den Händen gleitet und sie auf die Knie fällt. Bevor ich reagieren kann, ist das Erdbeben vorbei.

Wir beeilen uns, nach Hause zu kommen, und schalten den Fernseher ein. Das bislang stärkste Erdbeben, das jemals in der Geschichte Dänemarks registriert wurde, hatte sein Epizentrum im Zentrum von Kopenhagen, nahe dem Hotel Danmark. Der Fernsehsender spricht mit einem Geologen, dessen Ansicht nach es einen Zusammenhang zwischen dem Erdbeben und der Terrorbombe geben kann.

„Eine so starke Explosion kann die seismischen Kräfte in der Erdkruste beeinflussen und Erdbeben auslösen. Das hat man 1971 in der Wüste von Nevada gesehen, als ein atomarer Test dazu führte, dass sich auf einer Strecke von 1300 Metern eine Verwerfungszone öffnete. Die Wahrscheinlichkeit wächst mit der Sprengkraft der Bombe und der Tiefe, in der sie platziert ist. So weit ich weiß, war mindestens eine der Ladungen in Kopenhagen im Abwassersystem unter dem Hotel angebracht. Glücklicherweise sind die seismischen Aktivitäten in Dänemark gering. Hätte die Explosion am San Andreas-Graben in Kalifornien stattgefunden oder entlang der Küste Chiles, wage ich nicht an die Folgen zu denken“, sagt der Forscher und rückt seine Krawatte zurecht.

Die Moderatorin im Studio blickt mit einem verwirrten Gesichtsausdruck in die Kamera.

„Ich würde gern hören, zu welchem Beitrag wir jetzt kommen?“ sagt sie, streckt ihren Arm aus dem Bild und bekommt ein Stück Papier in die Hand gedrückt. „Wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass sich innerhalb weniger Minuten Terroraktionen in Amsterdam, Berlin, Madrid, Brüssel, Stockholm und Rom ereignet haben. Überall hatten die Terroristen es auf Firmensitze, Hotels und andere Gebäude abgesehen, wo viele Wirtschaftsleute versammelt sind und wo als Folge mit hohen Verlusten an Menschenleben zu rechnen ist. Laut unbestätigten Quellen hat die Terrororganisation ‚Letzter Tag des Kapitalismus’ die Verantwortung für die Anschläge übernommen. Nach einer kurzen Pause sind wir gleich wieder zurück mit weiteren Nachrichten.“

„Was passiert da mit der Welt?“ Alberts Stimme zittert. Die Zwillinge sitzen wie zu Salzsäulen erstarrt auf dem Boden und starren mit ihren dunkelbraunen Augen auf den Bildschirm. „Bricht sie auseinander?“

„Hat er das nicht vorausgesehen, der Grieche Alexandros, der bei uns gewohnt hat?“ murmelt Robert.

„Natürlich bricht die Welt nicht auseinander. Denk doch, wie groß und solide sie ist. Das kann nicht passieren.“ Ich denke an Alexandros, der genau das Gegenteil gesagt hatte. Er meinte, die Auslöschung des Lebens, wie wir es kennen, sei eine Voraussetzung dafür, dass die Welt als Aufenthaltsort für Menschen fortbestehen könnte. Er hatte gesagt, dass Raumschiffe auf dem Weg hierher unterwegs wären, und dass diese Schiffe die Auserwählten mitnehmen würden, kurz bevor die Erde durch Naturkatastrophen und Kriege untergehen würde. Dann würde reiner Tisch gemacht, und die Auserwählten könnten von neuem beginnen und eine neue Welt aufbauen, mit anderen Werten als jenen, die heutzutage gelten. Er hatte so viel gesagt.

Ich betrachte die Zwillinge, die sich durch das Zimmer bewegen, jeder zieht seine Matratze hinter sich her, sie fragen, ob sie bei mir im Zimmer schlafen dürfen, und bevor ich antworten kann, haben sie die Matratzen neben mein Bett gelegt. Irgendwann schlafen sie ein. Und dann irgendwann später wachen wir auf und entdecken, dass wir nichts zu essen im Hause haben. Also nehmen wir das Auto und fahren zu einem Restaurant in Hellerup, essen dort Rührei mit Schinken und fahren danach über den Strandvej nach Bellevue. Wir parken dort, wo wir in alten Zeiten immer gehalten haben, und schauen auf die Schaum sprühenden Wellen, sprechen über den Vergnügungspark Dyrehavsbakken, wo wir nicht mehr gewesen sind, seit sie Kinder waren, und dass sie immer einen Hot Dog und ein Sprudelwasser bekommen haben. Wir stellen uns vor, wir gingen zweimal rund um den See drinnen im Dyrehavsbakken, unseren See. Wir sind fast dran, eine dritte Runde zu unternehmen, aber es bedarf der Einstimmigkeit, und Albert ist dagegen. Vom Restaurant aus hat man Aussicht auf den See, da sind wir seit der Konfirmation der Zwillinge nicht mehr gewesen. Wir bestellen eine Platte Smørrebrød, und die Kellnerin kann sich noch genau an das Fest erinnern, unser Fest. „Ausgezeichneter Redner, und Ihre Frau trug das wunderbarste Kleid“, sagt sie, und als sie sich in die Küche zurückgezogen hat, treffen sich unsere Blicke über den Tisch hinweg, und keiner kann sich überwinden, ‚Prost’ zu sagen, und dann fangen wir an zu weinen; es ist erst das zweite Mal, dass die Jungen Tränen in meinen Augen sehen, und sie studieren eingehend mein Gesicht, vergessen alles und weinen selbst weiter, und ich bin erleichtert, als wir wieder im Auto sind.

„Ich verstehe nicht, dass Mama nicht hier ist“, sagt Robert und sieht mich an. „Sie hätte da auf dem Sitz neben dir sitzen müssen.“

Wäre ich es, der nicht hier war, und wären die Jungen mit Kassandra zusammen und würden das Gleiche zu ihr sagen – sie würde genau wissen, mit welchen lindernden Worten sie die beiden trösten müsste. Das, was ich weiß, ist, dass sie ihre Mutter verloren haben, und dass ich meinen besten Freund verloren habe, und keiner von uns weiß, ob wir ohne sie weiterleben können.

Robert sieht mich immer noch an.

„Überlegst du, was Mama sagen würde, wenn sie in deiner Lage wäre? – Sie würde sagen, du bist in einer parallelen Dimension und wirst immer bei uns sein, ganz gleich, ob wir dich sehen oder nicht.“

3

Wir werden gleichzeitig um fünf Uhr wach, bleiben im Bett liegen und lauschen dem Regen. Während der Fahrt mit dem Auto zur Friedhofskapelle dringt die Sonne durch einige Wolkenlücken, und wir fahren unter einem Regenbogen hindurch. Jetzt ist es ein klarer Tag. Die Jungen sitzen eng nebeneinander auf dem Rücksitz. Sie haben die schriftlichen Prüfungen überstanden und können sich an nichts erinnern, weil ihnen alles wie im Nebel vorgekommen ist; bald kommt die Mündliche, und in Kürze sind sie Abiturienten, dann müssen sie in die Welt hinaus. Die Erde dreht sich weiter. Ich kurbele das Fenster herunter, und der Wind erfasst mein Haar. Ich hole Luft, so wie es Kassandra mir beigebracht hat, wenn sich die Unruhe schleichend nähert. Ruhig durch die Nase einatmen, bis tief hinunter in den Magen, dann durch den Mund ausatmen. Ich gab mich dem Alltag mit Kassandra und den Zwillingen hin. Ich habe einmal Tennis gespielt. Ich hatte eine Geliebte, ich hatte zwei gleichzeitig. Ich hatte Freunde und ging aus. Ich hatte einen durchtrainierten Körper, war muskulös und wirkte selbstverständlich auf hübsche Frauen anziehend. Ich war einmal ein attraktiver Mann. Seitdem ist mein Körper zu einer Transporteinheit und einem Nahrungskanal für das Gehirn verkümmert, und ich begann zu welken. Aber es gab nichts, was ich mehr schätzte als nach einem langen Tag im Ministerium nach Hause zu kommen und mich an den Küchentisch zu setzen, mich mit Kassandra zu unterhalten, mit ihren Freundinnen, den Zwillingen, deren Freunden. Die Freude und Geborgenheit wogen reichhaltig die Bedürfnisse und Träume auf, die ich nicht länger identifizieren konnte.

Ich lasse die rote Rose los und folge mit meinen Augen ihrem ungleichmäßigen Hinunterschweben, bis sie auf den weißen Sarg tief unten im Grab auftrifft. Mein Blick begegnet dem von Martin Fisch. Er hat den Zwillingen angeboten, bei ihm einzuziehen, aber sie haben abgelehnt. Ich kann den Duft der Rosen in ihren Händen riechen.

In der Nähe weint ein Baby. Ob es weh tut, das erste Mal zu atmen, und das letzte Mal? Ich denke an Kassandras weißes, zartes Gesicht, ihre hohe, gerundete Stirn, die nach kosmetischen Behandlungen glatten Wangen, ihre schwarzen Wimpern, Engelshaar, das halb den Rücken herunter reicht. Sie schwebt dahin zwischen ihren viel größeren, fast erwachsenen Söhnen mit den breiten Schultern. Ich umfasse diese Schultern.

Ich kann die Geduld meines Chefs nicht viel länger strapazieren. Bald wird es wieder die alten Arbeitszeiten geben, es sei denn, ich bewerbe mich um einen humaneren Job. Der Sarg ist von Rosen bedeckt. Es ist gut, dass er leer ist. Der Gedanke, dass ihr Körper dort eingesperrt wäre, ist unerträglich. Wir alle können Kassandra vor uns sehen, ihre Eltern können sie sehen, die Kollegen, die verflossenen Liebhaber, die Freunde und die mir Unbekannten. Wie der dunkelhäutige Mann am Rande des Trauerzuges. Etwas kommt mir jetzt an ihm bekannt vor. Ja doch, das ist der Grieche Alexandros. Er trägt einen Vollbart, den er damals nicht hatte, als er bei uns wohnte. In dem Moment wendet er seinen Blick zum Himmel, mit von Tränen geröteten Augen, und ich werde in der Zeit zurückgewirbelt, hebe den Telefonhörer ab und sage:

„Hier ist Carl.“

„Carl Bernstein? Der Verfasser eines Artikels über Nahtod-Erfahrungen?“ fragt eine dünne Frauenstimme.

Ich kann meinen Namen nicht verleugnen, ebenso wenig, dass ich vor zwei Jahrzehnten, vor dem Jurastudium, ein paar Monate lang Anthropologie belegt hatte und in dem Fach ein Referat zu dem Thema geschrieben hatte. Anscheinend hatte es jemand ins Internet gestellt. Ich schalte den Mithörlautsprecher des Telefons ein.

„Ja, das bin ich.“

„Ich heiße Vicky, du ahnst nicht, wie froh ich bin, deine Stimme zu hören. Ich rufe im Namen eines jungen Mannes an, er heißt Alexandros. Er ist den ganzen Weg von Griechenland hierher gereist, um einen Dänen namens Paul Weis aufzusuchen. Kennst du ihn?“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Störe ich?“

„Nein.“ Meine Antwort kommt sicher etwas zögerlich.

„Alexandros hatte ein Nahtod-Erlebnis, verstehst du, und als er wieder zu sich kam, war es in dem Bewusstsein, dass ihm als Mensch ein höheres Ziel bestimmt war, das über seine jetzige Lebensführung hinausging. Er konnte es nicht näher definieren, nur, dass er nicht länger Häuser für reiche Touristen bauen wollte. Kurz darauf fand er alle Antworten auf seine Fragen in einer griechischen Übersetzung von Paul Weis’ Buch ‚Stimmen des Himmels’. Nach der Lektüre des Buches machte er sich von allen materiellen Bedürfnissen frei. Er verkaufte seine Wohnung und sein Auto und verschenkte sein Geld. Seine Frau und sein Kind zogen in eine billige Mietwohnung, und er selbst begann herumzureisen und von seinen Plänen zu erzählen. Er schrieb darüber auch im Internet, und inzwischen hat er mehrere Tausend Anhänger. Vor einem Monat reiste er dann nach Dänemark, um Paul Weis zu suchen.“

„Ach so.“

„Die einzige Spur, die er verfolgen konnte, war die Adresse der Organisation ‚Universal Link’, die Paul Weis’ Buch herausgegeben hat. Die hat ein Postfach bei einem Postamt hier in der Stadt. Aber Alexandros konnte Paul Weis nicht finden. Er streifte durch das ganze Viertel und klopfte schließlich bei unserer Wohngemeinschaft an die Tür und bat um Hilfe. Seitdem wohnt er bei uns.“

„Und was sollte ich tun können?“ Über den Küchentisch hinweg fange ich Kassandras Blick auf.

„Möglicherweise ist es nur ein Schuss ins Blaue, aber ich stellte mir vor, dass, wenn Alexandros’ Reise ursprünglich einem Nahtod-Erlebnis entsprang, ich bei einer Suche danach im Internet vielleicht jemanden finden konnte, mit dem er anstelle von Weis sprechen könnte.“

„Und so kam ich ins Spiel. Aber worüber soll ich deiner Meinung nach mit ihm sprechen?“ sage ich und kann Kassandras Gesichtsausdruck nicht deuten.

„Vielleicht kannst du ihm etwas sagen, was ihn auf seiner Suche weiterbringt. Dazu kommt, dass er nicht mehr viel länger bei uns wohnen bleiben kann. Ich dachte, dass er eventuell ein paar Tage bei dir übernachten könnte?“

„Wir haben relativ wenig Platz“, sage ich. Kassandras Kopf bewegt sich auf und ab. „Aber andererseits könnte es wohl gehen.“

Ein paar Tage später steht Vicky in der Tür ihrer Wohngemeinschaft und begrüßt Kassandra und mich mit einem Lächeln. Sie ist älter als ich mir vorgestellt hatte. Ihre blonden, seit langem dauergewellten Locken sind zu einem wippenden Pferdeschwanz zusammengebunden, das Gesicht ist wettergebräunt und ungeschminkt. Sie breitet die Arme aus, und ihr Blick verschwindet irgendwo zwischen unseren Köpfen.

„Willkommen auf dem Lande“, ruft sie.

Wir betrachten die flache Landschaft. Nicht weit entfernt kriechen Hochspannungsmasten über die Felder wie Insekten in einem Science-Fiction-Film.

„Es ist schön hier“, sagt Kassandra.

„Kommt jetzt und begrüßt Alexandros. Er ist 28 Jahre alt, wie Jesus, als er in die Wüste hinauswanderte. Wisst ihr, warum er nach Dänemark gekommen ist?“

„Jesus?“

„Nein, nein“, lacht sie. „Oder vielleicht trotzdem, denn nachdem er Paul Weis’ Buch gelesen hatte, wurde Alexandros klar, wer er in Wirklichkeit ist. Sie wendet sich Kassandra zu. „Ich habe nie an Wunderheilung und so was geglaubt, bis ich Alexandros begegnet bin. Das erste Mal, als er mich berührte, sprengte sich mein Herz durch die Schichten von Trauer, die es bedrückten, und ich wurde von einem wunderbaren Gefühl von Freiheit erfüllt.“

Kassandra lacht und drückt Vicky.

„Aber die anderen in der Wohngemeinschaft sagen, er sei ein Schwindler auf der Durchreise. Alte Kommunisten haben für etwas, was sie nicht verstehen, nur Verachtung übrig“, lacht Vicky. „Die Männer hier im Haus haben Angst vor Veränderungen und wollen nicht mit ihm sprechen. Sie sehen in ihm eine Bedrohung ihrer Stellung und bezeichnen ihn als Stein im Schuh des Kollektivs.“

„Wie lange bleibt er im Land?“ frage ich.

„Er sagt, dass sich innerhalb von 40 Tagen nach seiner Abreise aus Griechenland alles verändert haben wird, und erst heute morgen haben wir darüber gesprochen, dass 33 Tage vorüber sind. Ich werde ihn vermissen.“

Wir ziehen Mäntel und Schuhe aus. In der Küche begegnen wir einem Mann mit graumelierten Haaren in löchrigen Jeans und mit einer Brille auf der Nase, er beeilt sich wegzukommen, ohne die fremden Elemente zu begrüßen. Vicky kocht Tee und ich bringe die Trinkbecher zum Kamin. Wir setzen uns in die mit verschlissenem Samt bezogenen Sessel und reiben uns die Hände. Ich lege meine Füße auf den Rand des Kamins nahe am Feuer. In dem Moment steht Alexandros vor uns, und wir springen auf und drücken ihm die Hand. Die Augen des Griechen sind dunkel und blicken in die Ferne. Er geht mir bis zur Schulter und ist unter seinem T-Shirt wie ein Ringer gebaut. Vicky stellt uns vor und gießt uns Tee in die braunen Trinkbecher ein. Die Stille erfüllt den Raum, und Wärme umfängt uns. Alexandros hat ein Buch auf dem Schoß liegen.

„Danke, dass ihr gekommen seid“, sagt er schließlich mit tiefer, weicher Stimme. Mit seinen schwieligen Händen öffnet er das Tabakspäckchen und holt ein Stück Zigarettenpapier heraus. Er füllt es mit Tabak, rollt es zusammen und leckt daran, um es zu versiegeln. „Paul Weis ist der Schlüssel. Er ist der Verfasser dieses Buches – es heißt ‚Stimmen des Himmels’“.

Er zündet die Zigarette an, bläst Rauch in die Flammen des Kaminfeuers und sieht mich mit unbeweglichen Augen an. Die Zigarette balanciert zwischen den schmalen Lippen, und jetzt leuchtet die Glut wiederum auf. Er wendet sein Gesicht Kassandra zu.

„Es ist in viele Sprachen übersetzt worden und in spirituellen Kreisen weltweit bekannt. Paul Weis gründete die Organisation Universal Link, welche die ursprüngliche Ausgabe herausgab. Universal Link hatte ihren Hauptsitz hier in der Stadt, existiert aber nicht mehr, und niemand hier weiß, was aus Mr. Weis geworden ist.“

„Erzähl ihnen, was deiner Meinung nach mit der Welt geschehen wird“, unterbricht Vicky.

„Universal Link ist mehr als ein Verlag“, fährt Alexandros langsam fort, ohne Notiz von ihr zu nehmen. „Es ist der Name für eine Operation, die die Menschheit vor dem Untergang retten soll, wenn die alles umfassende Zerstörung einsetzt. Vielleicht ist euch bereits klar, dass wir uns am Rand des Abgrunds befinden? Die Erdbevölkerung wächst explosiv, und alle Menschen sollen sich jeden Tag satt essen und sollen Autos, Fernsehen, Kühlschränke und all das übrige Materielle haben, was wir für selbstverständlich halten. Es wird ein Kampf jeder gegen jeden, und keiner kann gewinnen. Nicht lange, und es wird ein neuer Weltkrieg ausbrechen, und Atomexplosionen werden Vulkanausbrüche und Erdbeben auslösen, die jegliches Leben auf der Erde auslöschen. Aber Sekunden bevor der Erdball in Flammen und Schreien ertrinkt, werden Raumschiffe unter Führung von Commander Ashtar aus der Andromeda-Galaxis hierher kommen und die Auserwählten mit sich nehmen.“

Er saugt den Rest aus seiner Zigarette und schnipst sie in den Kamin.

„Wenn wieder Ruhe auf der Erde eingekehrt ist, werden die Auserwählten zurückkommen und zusammen mit dem wiedergekehrten Christus eine neue Lebensform schaffen. Das habe ich in einer Offenbarung jenseits der Grenze zwischen Leben und Tod gesehen. Und später las ich das gleiche in diesem Buch, und ich begriff, dass ich in all dem, was geschehen wird, eine Rolle zu spielen habe. Und das habt ihr auch.“

Ich suche Kassandras Blick, aber ihre ganze Aufmerksamkeit gilt Alexandros. Der Grieche hebt den Blick:

„Ihr bekommt keine Probleme mit mir. Ich faste und brauche nur ein wenig Wasser und einen Platz, wo ich schlafen und während der Wartezeit meditieren kann, und ein bisschen Tabak, das ist alles.“

Kassandra nickt unmerklich. Ich vertraue blind auf ihre Urteilskraft und erkläre, er sei uns willkommen. Etwa eine Woche oder so. Darüber sprechen wir noch.

„Von Staub bist du genommen. Zu Staub sollst du wieder werden. Vom Staub wirst du auferstehen.“ Der Wind erfasst eine Wolke aus Staub und wirbelt sie in die Luft.

Jetzt rückt die Menschenmenge näher an das Grab heran, und die Rosen färben den Sarg noch roter. Alexandros ist verschwunden. Vielleicht ist er gar nicht hier gewesen, vielleicht habe ich es mir nur eingebildet. Wäre er denn sonst nicht geblieben und hätte uns begrüßt? Jetzt kommen sie und sprechen ihr Beileid aus, mit Tränen in den Augen liefern sie Mitgefühl und Umarmungen ab, wie man es halt so tut, aber anstatt etwas zu geben, dringen sie in meinen letzten Freiraum ein, pumpen Tränen hinein, bis kein Sauerstoff mehr übrig bleibt.

Dann ist es überstanden, und die Zwillinge und ich fahren im Auto mit heruntergelassenen Fenstern weg, wie immer in Richtung Norden, den Øresund entlang. Ich fahre auf den üblichen Parkplatz, und wir steigen aus und gehen eine Zeitlang schweigend am Wasser entlang.

„Wir haben uns noch“, sagt Albert und sieht Robert und danach mich an. Wir stehen nebeneinander, die Gesichter dem Øresund zugewendet. Nicht weit von der Küste findet eine Segelregatta für Optimisten-Jollen statt.

„Ich wünschte, Mama wäre hier“, murmelt Robert.

„Wir drei haben uns noch, wir müssen weiterleben“, sagt Albert.

„Das weiß ich ja, aber ich vermisse sie!“

Mein Blick folgt einer der kleinen Jollen.

„Ich glaube, ich habe Alexandros bei der Beerdigung gesehen.“

Robert wendet sich mir zu.

„Er war da. Ich habe ihn auch gesehen.“

4

Ich habe das Gefühl, als hätte das Telefon schon etliche Male geläutet, als ich aufwache und den Hörer ans Ohr lege. Es ist Donald vom Ministerium. Die Übergangenen und Verbitterten nennen ihn Donald Dick. Ich sehe an mir selbst herunter, ich habe immer noch meine Kleidung und meine Schuhe an, konnte gestern Abend keine Ruhe finden.

„Kommst du heute rein, Carl?“ Er mobilisiert die ganze Freundlichkeit, die er in besonders peinlichen Situationen in Reserve hat.

Der Fernseher läuft, und aus dem Text der Laufschrift Breaking News geht hervor, der Ministerpräsident zöge in Erwägung, den Ausnahmezustand über Dänemark zu verhängen. In den vom Terror betroffenen europäischen Städten wandern Menschen wie Zombiefiguren in den Straßen herum, getrieben von Massenangst. Sobald sie auf ein Hindernis stoßen, wechseln sie die Richtung. Sie haben vergessen, was sie zurückgelassen haben, und wissen nicht, wonach sie suchen.

„Ich habe eine, wie soll ich sagen, ziemlich anspruchsvolle Sache übertragen bekommen. Ich hoffe, du kannst mir dabei helfen, die zu erledigen.“

In Kopenhagen patrouillieren die gepanzerten Mannschaftswagen des Militärs, und die Politiker in Christiansborg halten Krisensitzungen. Sie haben bereits neue Sondergesetze verabschiedet, die den Geheimdiensten freie Hand lassen. Die Beamten in der Zentralverwaltung haben sich in ihren Büros niedergelassen, von denen aus sie den Politikern mit Gesetzesentwürfen assistieren. Donald gilt als harter Knochen, aber das sind alle, die auf der gleichen Hierarchie-Ebene stehen wie er, sonst würde man auch nicht soweit kommen. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, sich dafür zu entschuldigen, dass er an einem Samstagabend oder Sonntagnachmittag wegen einer Aufgabe anruft, die es sofort zu erledigen gilt. Oft informiert er einen kaum, das meiste muss man sich selbst zusammenreimen und dazu noch beten, dass man die Aufgabe nicht missversteht, wie zum Beispiel die Ausarbeitung eines Redemanuskripts für den Minister in einer Angelegenheit, die man nicht kennt und in die man sich deshalb erst einmal gründlich einarbeiten muss. Vielleicht ist die Opposition in Besitz von Informationen gekommen, dass die Regierung vorschriftswidrig oder kritikwürdig gehandelt hat. Dann ist es an mir, die Informationen zu dementieren, ungeachtet wie korrekt sie auch sein mögen. Ich erinnere mich an eine Vielzahl von Fällen, insbesondere in Bezug auf die Teilnahme Dänemarks an den Kriegen im Irak, in Afghanistan und in Libyen, in denen ich mit Hilfe von Argumentationen, basierend auf Hinweisen auf anonyme Quellen und die Rücksicht auf die Staatssicherheit, mehr als einen Minister davor gerettet habe, von der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt zu werden. In seltenen, schwachen Momenten suchen mich die Lügen heim. Normalerweise empfinde ich einen gewissen Stolz darüber, dass ich über die notwendige intellektuelle Kapazität verfüge und mich in einer Position befinde, in der meine Überlegungen entscheidend sind, gesellschaftliche Destabilisierung zu verhindern. Die Misskreditierung der Motive, die die politischen Führer eines Landes leiten, wirkt zerstörerisch auf die Demokratie. Es gibt Situationen, und wird sie immer geben, die nach alternativen Versionen der Wahrheit rufen, und ich bin und bleibe ein Meister auf diesem Gebiet. Bisweilen träume ich sogar in der Behördensprache.

„Nur eine Stunde. Es geht nicht direkt um den Terroranschlag, und trotzdem. Es ist ein ziemlich gutes Angebot für dich. Komm um 13 Uhr.“

Im Hörer ertönt ein Klick. Donald ist ein eminent tüchtiger Schauspieler. Nur die besten dieser Art erreichen die Spitze im Außenministerium. Ich habe bemerkt, dass auf meiner Hierarchie-Ebene alle das gleiche Pokerface aufsetzen und gute Miene zum bösen Spiel machen können, wenn es sein muss. Alles ist Technik, wir können alles mögliche auswendig lernen, und wir können unsere Gefühle abkoppeln und Eiseskälte gegenüber denen praktizieren, die versagen und die geopfert werden müssen, damit wir selbst schneller vorwärts kommen. Auf meiner Stufe der Hierarchie muss man mit dem Dolch umgehen können. Man muss wissen, was erforderlich ist, um seinen Gegner für kürzere Zeit oder auf Dauer mattzusetzen.

Ich koche Hafergrütze für die Zwillinge. Sie müssen zur mündlichen Prüfung. Der eine Arm Roberts liegt auf der Bettdecke, Albert befindet sich darunter.

„Warum hast du uns nicht geweckt?“ ruft Albert, als er bemerkt, wie spät es ist.

Robert springt auf und läuft hinaus zur Dusche.

„Da ist Hafergrütze“, sage ich.

„Gibt es keine Brötchen?“ murmelt Albert.

„Ich habe verschlafen. Soll ich euch fahren?“

„Ja, danke“, sagt Robert auf dem Weg durch die Küche, ein Handtuch um den Körper gewickelt. „Die Formeln warten nicht.“

Albert schließt die Tür zum Badezimmer und kommt einen Moment später wieder heraus. Dann laufen wir die Treppe hinunter. Ich verstehe nicht, wie sie das hier so durchziehen können. Mein Herz klopft heftig in der Brust, es schreit nach Kassandra, wie ein Rauschgiftsüchtiger nach seinem Stoff.

Ich sitze auf dem Fahrrad und versuche, meine üblichen mentalen Überschüsse zu mobilisieren. Das ist notwendig, will man die Spiele und Machtkämpfe im Ministerium durchstehen, die vor allem daher rühren, dass das System des Außenministeriums keine anderen Ziele kennt als einen Posten als Botschafter. Die mehr als neunzig Prozent der Mitarbeiter, die das Ziel nicht erreichen, werden deshalb im voraus zu Verlierern erklärt. Sie müssen mit dem nach unten gestreckten Daumen und dem daraus folgenden Zustand der Niederlage leben. Sie haben es nicht geschafft, waren nicht tüchtig genug, nicht skrupellos genug, nicht intelligent genug, sie hatten nicht das, was dazu erforderlich ist. Sie ertrugen nicht die Leichen im Keller, das Gewissen plagte sie, sie schafften es nicht, sich vorzudrängen, um im Rampenlicht zu stehen und Anerkennung auf Kosten anderer zu ernten. Ihre ekelhaft falsche Bescheidenheit hinderte sie daran, die richtigen Karten auszuspielen. Über neunzig Prozent der Mitarbeiter sind misslungene Beamte, Hilfsarbeiter, die das Ministerium mehr oder weniger gezwungenermaßen bis zum Rentenalter durchfüttern muss. Die wenigen erfolgreichen Kollegen kehren den Verlierern den Rücken zu, sprechen nicht mehr mit ihnen, beantworten nicht ihre Anfragen, und betrachten sie nur, wenn diese es nicht sehen, und sie tuscheln untereinander, dass da einer geht, der nicht aus dem richtigen Stoff gemacht ist und deshalb vom System nichts erwarten kann, einer, der völlig fertig ist.

„Wie viele Male bist du schon ins Ausland entsandt gewesen?“ fragt Donald und sieht mich über den Rand seiner Brillengläser an. Natürlich kennt er die Antwort bereits.

„Zwei Mal – bei den Vereinten Nationen in New York und an der Botschaft in London. Ich rechne eigentlich damit, dass man mich in einem Jahr wieder rausschicken wird.“

„Ich werde deine nächste Entsendung gerne beschleunigen. Wir haben ein Problem in Athen, muss ich dir sagen, und ich brauche da unten einen soliden Mann. Ich schwanke zwischen einigen Mitarbeitern, du weißt schon, welchen, aber ich tendiere am ehesten zu dir.“

„Was für ein Problem gibt es in Athen?“

„Der Botschafter, Montgomery heißt er. Du kennst ihn ja.“ Auf Donalds Gesicht zeigt sich andeutungsweise ein Lächeln.

Pierre Montgomery ist ein paar Jahre älter als ich und hat Blitzkarriere gemacht. Er war drei lange Jahre mein Vorgesetzter. Wenn Donald schon ein scharfer Hund ist, dann ist Montgomery ein rasender, hungriger Wolf mit einem Wurf frierender Junger im Bau.

„Lass mich sagen, wie es ist: Das System hat ihn falsch eingeschätzt. Er funktioniert nicht und wird allmählich zum Alkoholiker. Es gibt da mehrere Fälle. Bei einem geht es um finanzielle Fehldispositionen und bei dem anderen um Autofahren unter Alkoholeinfluss. Beide haben wir glücklicherweise abschließen können. Schlimmer steht es um die Anklagen wegen Anwendung körperlicher Gewalt gegen einen Mitarbeiter der Botschaft. Mir war gar nicht klar, dass Gewalt körperlich sein kann. Nun, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Presse von der Schweinerei Wind bekommt. Außerdem hat seine Frau, Frida Montgomery heißt sie, Kontakt zu uns aufgenommen. Sie hat Angst vor ihm. Anscheinend hat er sich nicht mehr im Griff und ist außer Kontrolle geraten, ein losgehendes Geschoss. Du weißt, was das bedeutet.“

„Tragisch. Was kann ich tun?“

Wir wissen beide, dass ich weiß, dass Pierre Montgomery einer von Donalds treuesten Alliierten im System ist. Ich rufe mir Montgomery ins Gedächtnis. Ein kleingeistiger, karrieresüchtiger Streber von 160 Zentimetern, ausgestattet mit einem, wie man sagt, außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten, mit hervorstehendem Bauch und psychopathischen Charakterzügen. Einer der gewissenlosesten Menschen, denen ich während meiner Jahre im Ministerium begegnet bin. Es ist wohl kaum möglich, dass ein Mensch böse geboren werden kann, aber bei Pierre Montgomery bekommt man Zweifel. Er kommt einem vor, als sei er bis tief in seine Seele hinein voller Bosheit, und mit allem, was er tut, verfolgt er zwei gleichwertige Ziele: sich selbst zu nützen und anderen zu schaden.

„Es ist extrem wichtig, dass du dich bedeckt hältst. Einen diplomatischen Skandal können wir nicht dulden. Der eigentliche Grund für deine Entsendung bleibt zwischen uns. Offiziell hast du um eine unplanmäßige Entsendung aufgrund des plötzlichen Todes deiner Freundin ersucht. Das System hat beschlossen, unter Berücksichtigung deines Status’ und der an dich gerichteten Erwartungen deinem Wunsch zu entsprechen. Das ist die ganze Geschichte, Schluss.“

„Und mein Titel?“

„Jetzt hör mal zu, Bernstein. Die Menschen, die wir in die Welt hinaus entsenden, sind jahrzehntelang an allen Ecken und Kanten getestet und für schwer genug befunden worden. Montgomery aber ist so leicht wie eine Feder. Er ist ein Fehlschuss, ein Symptom für einen gigantischen Systemfehler, der in der Theorie nicht vorkommen kann und in der Praxis nie vorkommen darf. Aber selbst die stärkste Stahllegierung kann eine unvorhersehbare Schwachstelle haben. Das Schlimmste ist, dass er uns in der Hand hat. Sollte er sich vor der Presse bloßstellen, gäbe es einen ungeheuren Skandal. Und genau damit hat er gedroht, falls wir ihn feuern würden. Sonst, das kann ich dir versichern, säße er schon längst hinter irgendeinem Schreibtisch weit weg von allem. Er hat sich bereiterklärt, sich für mindestens drei Monate von der Botschaft fern zu halten, aber es werden wohl eher sechs werden. Er geht in eine Entziehungsklinik für Alkoholiker auf der Insel Santorin, und dann rückst du nach und übernimmst in der Zwischenzeit den Posten. Wir lassen verlautbaren, dass er erkrankt ist, irgendetwas Nebensächliches, ich denke da an Schleudertrauma nach einem Verkehrsunfall oder vielleicht Stress, solche Diagnosen sind zur Zeit modern. Das wird die Supermänner im Auswärtigen Dienst etwas menschlich erscheinen lassen. Wir können ihm auch eine Krankheit andichten, die zur Invalidität führt, Parkinson oder ähnliches, und das als Entschuldigung benutzen, ihn frühzeitig in Pension zu schicken, wenn er seine Finger nicht von der Flasche lässt. Sag was, Carl!“

Ich bin sprachlos. Hier sitze ich einem Mann gegenüber, der selbst noch nicht Botschafter ist, und bekomme das Angebot, einen Botschafter zu vertreten. Das ergibt keinen Sinn und kommt in diesem System nicht vor. Entweder braut sich da etwas zusammen, oder ich habe quasi in der Lotterie gewonnen. Ich spüre ein warmes Gefühl in der Brust, das sich in meinem Körper ausbreitet und in mein Gesicht hochsteigt, als ich begreife, dass seine Worte gleichzeitig bedeuten, dass das System mir soeben genehmigt, durch das Nadelöhr zu treten.

„Ach ja, und im übrigen ist Griechenland ja Konkursmasse, aber das ist nicht deine Sorge. Du sollst nicht deren wirtschaftliche Probleme lösen, bloß Dänemarks Interessen bestmöglich wahrnehmen. Das schaffst du locker, Bernstein. Wenn du dich zusammenreißt, natürlich.“

Mir gelingt es nicht zu antworten, bevor er seinen Redestrom fortsetzt:

„Warum ergreife ich nicht selbst die Chance?“ Er bringt eines seiner seltenen Lächeln zustande. „Glaub es oder nicht, ich bin zum Botschafter in Rom ernannt worden und werde in drei Wochen abreisen.“

„Glückwunsch“, bekomme ich hervorgestammelt. Das hatte ich nicht kommen sehen, und dann Rom, eine gefragte Botschaft. Er hat seine Kontakte in Ordnung, das muss man ihm lassen.

„Du drängst ja auch danach, wieder in die Welt hinaus zu kommen. Du hast dir ja wohl schon ausgerechnet, dass es deiner weiteren Karriere förderlich sein wird, wenn du die Aufgabe perfekt löst. Machst du aber Fehler, wird dich der Rückschlag wieder bis an den Start zurückwerfen.“

„Das einzige ist ...“

„Ja, Bernstein?“

„Ich mache mir Sorgen um die Zwillinge.“

„Haben die keinen Vater?“

„Sie haben nur sporadisch Kontakt zu ihm. Sie brauchen mich.“

„Tatsache ist, dass sie einen Vater haben, und dass ich ein außergewöhnliches Angebot für dich habe.“

„Ich muss zuerst mit ihnen sprechen. Ohne ihr Einverständnis reise ich nicht ab.“

„Ich habe Leute, die würden für diese Chance einen Mord begehen, und du weißt, von wem ich spreche.“

Ich weiß ganz genau, wer da mit im Spiel ist. RP, der führende Arschkriecher meiner Generation und deswegen ein richtiges Arschloch. MS, der nach eigener Aussage einen IQ von 180 hat, dabei aber ein nachplappernder Angsthase der schlimmsten Sorte ist. KR, der sich selbst herausstreicht, indem er auf die Fehltritte anderer verweist, die er der Leitung des Ministeriums zuspielt, die wiederum ihn nicht loswerden kann, weil er der Bruder eines einflussreichen Politikers ist. Es wäre eine Katastrophe, würde ich von einem von denen überholt werden, und Donald weiß das. Trotzdem sagt er:

„Du kannst es dir bis heute Abend 10 Uhr überlegen. Wenn du dabei bist, ist die Abreise spätestens Sonntagmorgen, also in drei Tagen. Jede Stunde zählt.“

Er stellt sich ans Fenster, als würde er sich etwas unten auf der Straße anschauen. Dann dreht er sich um und sieht mich an.

„Du bekommst da unten noch eine ergänzende Aufgabe.“ Er zögert. „Sei dir darüber im klaren, dass dies weit über deine Sicherheitsstufe hinausgeht, aber ich bin von höchster Stelle autorisiert, dich zu informieren. Es floriert hartnäckig die Theorie, dass die hinter den Bombardierungen in Kopenhagen und andernorts in Europa stehenden Spinner in Wirklichkeit zu einer der Öffentlichkeit nicht bekannten Terrorzelle gehören, die ihren Sitz in Griechenland hat. Vielleicht weißt du, dass die wichtigste ethnische Minderheit im nördlichen Griechenland Muslime sind. Es lebt auch eine große Zahl muslimischer Einwanderer im Land. Es wir deine Aufgabe sein, in aller Diskretion natürlich, den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den dänischen Geheimdiensten und den griechischen zu koordinieren. Auf diese Weise bekommst du auch die Chance, deinen Beitrag dazu zu leisten, dass wir diese Teufel erwischen, die deine Freundin getötet haben. Ich gehe nicht davon aus, dass du etwas dagegen hast.“

Ich bin mir völlig bewusst, dass das Gespräch mit Donald mich hypnotisiert hat, trotzdem kann ich die Fesseln der Hypnose nicht zerbrechen. Ich kann Blut riechen, eine einzigartige Möglichkeit, meine schlimmsten Konkurrenten auf Distanz zu halten. Der Job in Athen wird meine Karriere im günstigsten Fall um vier Jahre beschleunigen. Ich habe es verdient. Ich kann es kaum erwarten, dass meine verschmähten Kollegen, durch ungeschriebene Regeln gezwungen, mit demütigen Glückwünschen angekrochen kommen. Donald und ich wissen, dass es mir unmöglich ist, zu diesem Angebot Nein zu sagen. Ich kann mir selbst vormachen, dass ich es überdenken und mit dem einen oder anderen darüber reden muss, aber das ändert nichts daran. Ungeachtet der Konsequenzen für mich selbst und andere gibt es nach allen meinen Jahren im Ministerium nur eine Antwort. Kann man mich dann als Mensch bezeichnen? Oder bin ich vielmehr ein ferngesteuerter, gefühlskalter und äußerst diplomatischer Beamtenroboter?

Auch Albert und Robert kennen die Antwort im voraus. Wir vereinbaren, dass sie mich für einige Wochen im Juli in Athen besuchen kommen sollen. Zuerst aber kommen die Abiturpartys und anschließend Badeurlaub auf einer griechischen Insel.

„Wenn sich herausstellt, dass ihr allein nicht zurechtkommt, oder es aus anderen Gründen nicht geht, komme ich sofort nach Hause.“

„Oder wir kommen runter zu dir“, murmelt Robert. Sein Fuß berührt den meinen unter dem Tisch.

„Ja, genau.“

„Selbstverständlich musst du abreisen“, sagt Albert mit klarer Stimme.

Ich habe das Bedürfnis zu hören, dass es so in Ordnung ist, damit ich mir ihr Einverständnis später ins Gedächtnis zurückrufen kann. Ich weiß, es ist falsch, sie zu verlassen, aber wenn ich weg und allein bin, haben die beiden zumindest sich.

Nachdem sie zu Bett gegangen sind, setze ich mich ins Wohnzimmer in dem Bewusstsein, dass ich nicht schlafen können werde. Als ich für einen Moment die Augen schließe, sehe ich Kassandra am Wasser entlang auf mich zukommen, sie ist in Begleitung eines Mannes. Es ist Alexandros mit seinem neuen, kurz geschnittenen schwarzen Bart, der das Gesicht größtenteils verdeckt.

Mir fällt der Nachmittag ein, an dem wir von dem Besuch bei der Wohngemeinschaft in Mittelseeland nach Hause kommen. Ich mache mich auf die Suche nach Paul Weis, dem Mann, wegen dem Alexandros nach Dänemark gekommen war. In den Adressenregistern im Internet ist er nicht zu finden, dagegen aber eine Person, die sich als sein Enkel herausstellt. Ich rufe an und erkläre die Situation. Der junge Mann sagt, es sei nicht mehr möglich, mit Paul Weis in Kontakt zu kommen. Er sei wenige Tage zuvor gestorben. Der Enkel war auf seiner Beerdigung und ist faktisch gerade erst wieder zur Tür herein. Abgesehen von diesem sonderbaren Zusammentreffen der Ereignisse setze ich meine Suche im Netz fort und stoße auf ein Interview mit Paul Weis, der berichtet, wie an einem Tag im Frühjahr 1965 ein göttliches Wesen zu ihm gesprochen hatte:

Es geschah am 13. März 1965 um 3.15 Uhr, als ich von der Nachtschicht nach Hause kam. Ich fuhr damals Taxi. Wie gewöhnlich setzte ich mich ins Wohnzimmer, um vor dem Schlafengehen noch eine zu rauchen. Plötzlich hörte ich eine männliche Stimme sagen: ‚Mach die Zigarette aus, ich will mit dir reden.’ Ich sah mich im Zimmer um, aber da war niemand zu sehen. Ich bin nicht so leicht zu schockieren, also dachte ich nicht weiter darüber nach, sondern rauchte ruhig weiter. Da wiederholte die Stimme ihre Aufforderung, wiederum nahm ich einen ordentlichen Zug aus der Zigarette, gleichsam demonstrativ dem Unbekannten gegenüber, der mir sagen wollte, was ich in meinen eigenen vier Wänden zu tun oder zu lassen hätte. Da gingen alle Lichter in der Wohnung aus, und ich sah einen Lichtschein, und aus diesem ertönte die göttliche Stimme.

In den darauf folgenden Stunden entspann sich ein Dialog zwischen Paul Weis und der Stimme. Einige Tage später kam er mit einer Gruppe Menschen in Kontakt, die sich für Okkultismus interessierten. Während ihrer ersten Sitzung begann die Stimme durch Paul Weis zu sprechen. Dies setzte sich in den folgenden Jahren fort. Alle Botschaften wurden auf Band aufgenommen, niedergeschrieben und in dem Buch ‚Stimmen des Himmels’ zusammengefasst. In den dänischen Bibliotheken aber kennt man dieses Werk nicht.

Ich lausche den widerhallenden Stimmen zwischen den schrägen Dachfenstern und den Betonplattformen mit Kiosken, Automaten und mit Gepäck behängten Menschen und schweren, ruhigen Metallwesen, grüne, silberfarbene, schwarze und rote, die sich in die eine oder andere Richtung bewegen. Ich beobachte eine Taube, die in niedriger Höhe vorbeiflattert und einen Landeplatz findet, von dem aus sie in sicherem Abstand dem schrillen Streit der Möwen um die Reste von etwas Essbarem zusieht. Die Frage ist, ob sie es schaffen, zu Ende zu fressen und sich rechtzeitig von dem massiven Körper des Zuges zu entfernen, der in diesem Moment auf der Grenze zwischen dem Lichtermeer draußen und dem Zwielicht des Bahnhofs in Sicht kommt. Ich vergesse die Vögel und spähe hinter den getönten Fenstern, die vorbeigleiten, nach Alexandros. Auf dem Bahnsteig herrscht lebhafte Aktivität. Menschen mit Rollkoffern, Rucksäcken und Laptop-Taschen stehen bereit, während sie mit ihren Handys telefonieren, Kaffee aus Pappbechern trinken, küssen. Dann öffnen sich die Türen, und die Reisenden strömen heraus. In der Menschenmenge ist Alexandros an seiner Ringerfigur zu erkennen, er streckt die Hand aus.

„Paul Weis ist tot“, sage ich, als wir auf der Rolltreppe stehen.

Im Gesicht des Griechen ist keine Reaktion zu sehen. Wir bewegen uns durch das Gewimmel des Hauptbahnhofs und treten hinaus ins Sonnenlicht. Etwas ist mit der Sonne geschehen. Sie ist wärmer und schärfer geworden, und ich blinzele gegen die brennende Goldkugel und denke, dass genau jetzt der Frühling beginnt.

„Ich kam, und Mr. Weis ging“, sagt Alexandros tonlos, als wir im Auto sitzen. „Sein Tod ändert nichts an den Realitäten. Er arbeitet von der anderen Seite aus weiter, und jetzt stehe ich an der Spitze der Aktivitäten hier auf der Erde.“

Alexandros sitzt unruhig auf dem Sitz und dreht sich um und starrt den Radfahrern und Fußgängern hinterher, an denen wir vorbeifahren. Er kommt meiner Frage zuvor:

„Ich kommuniziere mit ihren Seelen. Es fing im Zug an. Meine Seele fragt ihre Seelen, ob sie mit auf die Reise gehen werden, wenn die Raumschiffe kommen. Ist die Antwort ‚Ja’, übertrage ich meinen energetischen Abdruck, er ist der Zugangscode zu Ashtars Flotte und damit zu der neuen Welt.“

„Ich gehe davon aus, dass wir auch eingeladen werden, an Bord zu kommen?“ sage ich und versuche, nicht allzu nachsichtig zu lächeln.

„Natürlich. Stell dich darauf ein, dass du und Kassandra zu den Führern in der neuen Welt gehören. Sonst wäre ich mit euch nicht in Kontakt. Später wirst du alles verstehen, mein Freund“, fügt er hinzu und tätschelt mir beruhigend den Arm. „Die Bewegung, von der ich ein Teil bin, vereint Tausende von Menschen in vielen Ländern, junge, alte, Handwerker, Ingenieure, Ärzte, Priester, Studenten, Hausfrauen. Sie alle haben ‚Stimmen des Himmels’ gelesen, sie sitzen vor den Computerbildschirmen bereit und warten auf Nachricht von mir. Ich mache die ersten entscheidenden Schritte, und sie folgen mir auf meinen Spuren, wenn die Zeit gekommen ist. Und das wird bald der Fall sein. Stunde um Stunde werde ich von mehr Kraft erfüllt. In den letzten Wochen ist meine Intuition in einem Maß geschärft worden, dass ich die Antworten auf jegliche Fragen schon wahrnehme, bevor sie in meinem Bewusstsein zu Ende formuliert sind.“

Alexandros wird in Alberts Zimmer untergebracht. Die Zwillinge begrüßen den Griechen kurz und gehen zu einigen Freunden. Momentan sehen wir sie nicht so häufig. Ich koche Tee für Alexandros, aber er vergisst, ihn zu trinken, weil er die ganze Zeit redet:

„Die Zerstörung beginnt in höchstens sechs Tagen“, sagt er. „Denn dann sind es vierzig Tage her, dass ich meine Reise begonnen habe. Ihr wisst ja noch, dass Jesus nach vierzig Tagen in der Wüste in den Himmel aufgefahren ist. Bevor er wegging, sagte er zu seinen Jüngern: ‚Ich werde euch nicht vaterlos zurücklassen; ich komme zu euch. Die Welt sieht mich nicht mehr, aber ihr seht mich, denn ich lebe, und auch ihr werdet leben’. Und dann ging er hinaus in die Wüste, um allein zu sein, zu Gott zu beten und darüber nachzudenken, wie er den Menschen helfen könnte, an Gott zu glauben.“

„Betrachtest du uns als deine Jünger?“ fragt Kassandra.

„Carl ist einer der Jünger. Du stehst mir noch näher. Mehr kann ich nicht sagen. Es ist zu früh. Sobald ich aus eigener Kraft fliegen kann, werde ich alles wissen, und dann werde ich alles erzählen. Ich warte auf ein Zeichen, aber es gibt schon viele andere Zeichen. Städte und Landgebiete werden aufgrund steigender Wasserstände überschwemmt werden. Mutter Erde wird uns etliche große Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis bescheren. Waldbrände werden enorme Gebiete veröden lassen. Tausende von Menschen werden in Kriegen getötet werden; Millionen werden sterben, durch Hunger, verunreinigtes Trinkwasser und unheilbare Krankheiten, ausgelöst durch mutierte Bakterien, die in Labors für chemische Kriegsführung oder von der Natur selbst geschaffen wurden. Der Zerfallsprozess ist in vollem Gang und nimmt Tag für Tag an Intensität und Schnelligkeit zu.“

In dem Moment flimmert das Sonnenlicht durch die Fensterscheibe, und Alexandros deutet auf das sinnreiche System der Schatten, die sich über die Wand bewegen.

„Dieser überirdische Bescheid bekräftigt, dass alles so sein wird, wie ich sage. Meine Kraft wächst fortdauernd, und es dauert nur noch kurze Zeit, bis ich meine Arme ausbreiten und fliegen kann, wohin ich im Universum will. Freut euch, denn auch ihr werdet das können, wenn ich nach dem Aufenthalt im Raumschiff zurückkehre. Zu der Zeit dann wird das Magnetfeld der Erde schneller schwingen als jetzt, und wir werden uns in einer anderen Dimension befinden, wo alle Menschen in jeglicher Hinsicht frei sind. Das ist das Reich der Freiheit, das Gott denen versprochen hat, die ihn lieben.“

Alexandros verbringt die Tage damit, durch Kopenhagen zu streifen und seinen energetischen Abdruck zu verteilen. Er verbringt auch Stunden mit Meditation in der ‚Kirche Unserer Lieben Frau’. Und eines Abends erzählt er uns von den Vorgängen, die seiner Abreise nach Dänemark vorausgegangen waren.

„Vor drei Monaten fahre ich in einem nagelneuen Auto durch Athen. Aber nicht ich lenke den Wagen, ich kann nicht fahren. Ich bin krank, ich sterbe fast. Ich habe meine eigene Baufirma und schufte mich ab mit einer Prachtvilla am Meer in Lemos im Süden der Stadt. Sie ist aus Marmor und hat vier Garagen, die Einfahrt hat einen Belag aus Granitschotter, es gibt einen 25 Meter-Swimmingpool und einen Garten mit Wegen und Blumenbeeten, umgeben von Golfplatz-Rasen.

Alexandros macht einen tiefen Atemzug.

„Den ganzen Tag schon hat es mir vor Augen geflimmert, aber ich tue es als gewöhnliche Überanstrengung und Müdigkeit ab. Trotzdem rufe ich nach der Arbeit meine Cousine an, die in der Nähe wohnt und eine anerkannte Heilpraktikerin ist. Jetzt bin ich es, dem sie hilft. Sie sitzt hinter dem Steuer, als die Schmerzen mich wie ein Pistolenschuss in die Stirn treffen. In diesem Moment verwandelt sich die Welt draußen vor den Fenstern des Autos in einen vibrierenden Nebel, und Menschen, Gebäude und Fahrzeuge gleiten gallertartig durcheinander. Es tut weh, wenn ich Luft hole, und ich habe ein Gefühl, als könnte ich mich auf dem Sitz nicht rühren. Ich rufe meiner Cousine zu, sie solle sich beeilen, und ich habe Angst und fühle, dass ich sterben werde. Das werde ich auch. Das muss man, wenn das Gehirn von jemandem hundert Mal größer ist als der Schädel. Meine Schmerzen werden stärker und stärker, und im ganzen Körper breitet sich Panik aus, und ich beginne, am Sicherheitsgurt zu reißen und zu zerren. Ich schnappe nach Luft, ich bin dabei zu ersticken. Jetzt werde ich aus dem Auto gezogen, schon befinde ich mich in einem Aufzug und dann in einem Bett. Der Schweiß strömt mir am Körper herunter. Ich schlage den Kopf gegen das Kopfteil des Bettgestells, es bricht, und weiter in die Betonwand und ich falle auf dem Bett um. Im selben Moment verschwinden die Schmerzen.“

Alexandros wischt sich mit dem Handrücken Tränen von seiner Wange.

„Ich kann sehen, wie meine Cousine dasteht und mit der geballten Faust auf meine Brust hämmert und dabei ruft, ich solle atmen, aber dafür gibt es keinen Grund, denn ich schwebe durch den Raum und fühle mich dabei unglaublich gut. Ich kann wirklich fliegen, es ist wunderbar, Nirwana. Sie gibt mir künstliche Beatmung und drückt auf meine Brust, aber das wirkt nicht, denn ich soll nicht zurück zu den Schmerzen. Ich fliege unter der Zimmerdecke umher, tauche hinunter zum Fußboden, schwinge mich vor die Tür, wieder hinauf zur Decke und weiter die Wände entlang. Es fühlt sich ein wenig wie Schwimmen an, es geht nur schneller und macht viel, viel mehr Spaß. Ein paar Meter über dem Bett bleibe ich in der Luft hängen und schaue auf mein eigenes friedvolles Gesicht herab. Meine Cousine sitzt auf der Bettkante und schluchzt. Jetzt dreht sie sich um und legt die Handflächen auf mein Gesicht. Die Worte strömen nur so aus ihrem Mund und hüllen mich in Segnungen und Gebete. Es ist ihre Aufgabe, mich zum Leben zu erwecken, das muss und will sie, und das tut sie auch, denn kurz darauf bin ich zurück in meinem schmerzenden Körper im Bett.“

Alexandros massiert auf der Stirn einen Punkt über einem Auge, dann fährt er fort:

„Dann öffnet sich Gottes Auge vor mir, und als ich in dieses hinein fliege und weiter durch das Licht, beginne ich in rasender Fahrt Visionen zu haben, wie das Universum aufgebaut ist. Mein Gehirn ist brennendheiß, und meine Trommelfelle knistern wie eine überlastete Computer-Festplatte. Plötzlich fühle ich einen schneidenden Schmerz, der gleichzeitig in meinen Handflächen und meinen Füßen entsteht. Ich sehe, wie meine Cousine telefoniert, und bald schon liege ich im Krankenwagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Morphium zeigt keine Wirkung, und die Schmerzen in Kopf, Händen und Füßen werden immer schlimmer. Drei Tage und Nächte lang wäscht sie mir die Stirn mit kalten Lappen und betet für mich. Drei Tage lang sehe ich die ganze Zeit alles auf einmal. Ich befinde mich auf der Grenze zwischen verschiedenen Dimensionen und lebe in diesen allen, ohne an einem der Orte vollständig zugegen zu sein. Allmählich aber beginnen die Schmerzen zurückzugehen, und ich falle in einen tiefen Schlaf.“

Alexandros leert seinen Teebecher.

„Als ich aufwache, sagt meine Cousine, dass ich Jesus bin, der auf die Erde zurückgekehrt ist. Zuerst werde ich wütend auf sie und schimpfe sie aus, aber dann erzählt sie, dass ich die ganze Zeit über in einer Sprache gesprochen habe, die an Aramäisch erinnert, die Muttersprache Jesu. Später überkommen mich Zweifel, und ich bitte sie, den Mund zu halten. So einer wie ich, der in einem kleinen Flecken im nördlichen Griechenland geboren wurde, kann unmöglich Jesus sein.“

„Aber dann findest du Paul Weis’ Buch?“ sage ich.

Alexandros nickt.

„Ein großer Teil des Buches ist eine Wiedergabe der Informationen, die ich selbst im Grenzland zwischen Leben und Tod erfahren habe. Ich befinde mich im Auto auf dem Weg nach Hause, als ich endlich begreife, dass meine Cousine Recht hat. Ich beginne am ganzen Körper zu zittern, fahre an die Seite und bleibe stehen, und während ich da so sitze und versuche, zur Ruhe zu kommen, kommen die Erinnerungen. Ich will mein Leben zurückhaben. Ich will Häuser bauen und Geld verdienen, mich volllaufen lassen, mit allen möglichen Frauen schlafen, mich mit Idioten herumschlagen, alle und jeden und mich selbst auch belügen, was das Zeug hält, und der raue Typ sein, der ich immer gewesen war, den ich kenne und dem ich vertraue. Zugleich aber weiß ich, dass es keinen Weg zurück gibt. Ich lasse die Gedanken kommen und gehen und bemerke, dass mein Gehirn langsam das Leben akzeptiert, das ich bisher geführt habe. Nach meinen Jahren beim Militär bin ich durch die ganze Welt gereist und habe überall gearbeitet. Als Bodyguard in Dubai, als Bauarbeiter in Italien, als Tellerwäscher in Frankreich. Ich nahm die Jobs an, wie sie mir über den Weg kamen, während ich nach meinem Platz in der Welt suchte – dort, wo ich mich zurechtfinden und eine Familie gründen könnte. Ich bin nahe dran, als ich vor einigen Jahren mit meiner Freundin in Dubai lebe. Wir arbeiten und sparen Geld zusammen, damit wir nach Australien reisen und uns dort niederlassen können. Aber sie verlässt mich und geht mit einem anderen Typen in die USA. Lieber wollte sie mit viel Geld nichts sein, als ohne Geld alles. Und dann gehe ich zurück nach Griechenland und fange an, Häuser zu bauen. Ich kurbele die Fensterscheibe des Wagens herunter und registriere den Luftzug von den vorbeifahrenden Autos. In diesem Moment lasse ich meine Vergangenheit los und schaffe Platz dafür, dass die Energie aus dem Universum frei in meinen Organismus fließen kann. So empfinde ich es, und jetzt kann ich auch weiterfahren. Als ich nach Hause komme, gebe ich alles Materielle auf und beginne zu fasten und zu meditieren.“

Der Schrei rollt über die Felder und trifft mein Gesicht wie ein plötzlicher Windstoß, der einen Gestank nach verfaultem Fleisch mitbringt. Ich weiß, dass der Schrei vom Wald her kommt, wo er sich in einer Kehle gebildet hat. Er hat sich mit einer Geschwindigkeit von 340 Metern in der Sekunde über die Erdoberfläche im Dunkel zwischen den Bäumen bewegt und ist aus dem Waldrand hervorgeschossen wie eine Kanonenkugel. Jetzt zerre ich ihn vom Gesicht und halte ihn vor mir hoch. Schwellende Würmer winden sich durch die frisch ausgefressenen Löcher des bluttriefenden Schädels. Jetzt reißt sich der Schrei los und beginnt, um meinen Kopf herumzusausen, immer schneller geht es, und tiefer und tiefer dringt er in mein Bewusstsein. Bis ich die Augen öffne und mich im Bett aufsetze. Die Zwillinge halten sich umfasst, sie haben von einem Schrei geträumt, der nicht enden wollte. Er kam von Kassandra, sagen sie.

5

Es ist halb vier morgens, und ich kann nicht schlafen, habe zuviel getrunken und gegessen. Unten im Hof klagt eine Katze in hohen Tönen und wetzt ihre Krallen am Stamm des Orangenbaumes. Der Schweiß rinnt mir aus den Poren des Gesichts und von der Kopfhaut, mein Nacken trieft vor Nässe. Ich lege die Beine auf den Rand des Balkons und betrachte die verfallene Ruine der Akropolis, während sich hinter meinen Augen immer wieder derselbe Filmfetzen abspult, der mein Herz stolpern lässt.

Kassandra kommt am Meer entlang gegangen, zusammen mit Alexandros. Sie haben mich nicht gesehen, denn ich stehe ganz oben auf der Düne, links von ihnen. Jetzt sehen sie mich und winken beide gleichzeitig. Ich winke zurück.

Ich glaube nicht, dass ich Fieber habe. So ist Athen halt in den Nächten im Sommer. Nachttemperaturen von 30 Grad sind für diese Jahreszeit hier normal, es kann sogar noch schlimmer werden, oder besser, abhängig von der Toleranzschwelle des Einzelnen, sagen sie in der Botschaft.

Zurzeit gehen mir viele Gedanken im Kopf herum, und wenn ich sie nicht auf Distanz halten kann, suche ich Zuflucht in meinem inneren virtuellen Ministerium voller täglicher dringender Angelegenheiten, die bis zur Perfektion geklärt werden müssen. Dann gleite ich zurück in meinen früheren Alltag, in dem es keine Zeit für Reflexionen gibt, in dem jeder nächste Schritt vom elektronischen Kalender des Handys diktiert wird, in dem Tage, Wochen und Monate verschmelzen und meinem Alter Jahre hinzufügen, ohne dass ich es anders bemerke, als dass ich mich Stufe für Stufe die Karriereleiter hinauf bewege.

Alexandros’ Besuch vor ein paar Jahren lässt mich für kurze Zeit über mein Leben nachdenken. Während er bei uns wohnt, gibt es faktisch Tage, an denen ich nicht weiß, was ich anfangen soll, an denen mein Alltag sich nicht mehr von selbst ergibt, und ich schnurstracks in die Ewigkeit schaue und Antworten auf Fragen bekomme, die ich noch nicht gestellt habe. Dort existiert meine Karriere nicht, da gibt es keine Ministerien und Machtkämpfe, dort herrscht vielmehr eine alles überdeckende Harmonie, die mit großer Kraft an mir zieht. Ich will Teil dieser Harmonie sein, die sich, wie ich instinktiv weiß, bereits irgendwo in mir befindet, aber zu der ich keine Verbindung habe. Das Problem ist, dass ich, um dorthin zu kommen, durch unbekannte Landschaften reisen muss. Ich bin Anhänger des Rationalen und nicht wie Kassandra ein Befürworter von Glauben und all dem Ungewissen, von dem die Welt überquillt, und das Zweifel und Furcht hervorruft. Ich halte mich an das, was ich sehe, höre, schmecke, rieche und fühle. Und das ist reichlich.

Es ist jenseits jeglicher Rationalität, aber es gibt kaum einen Zweifel darüber, dass Alexandros über übernatürliche Kräfte verfügt. Kassandra hat es auch verschiedene Male versucht, und eines Tages empfange ich auch die Kraft, die seinen Händen entströmt. Ich lege mich auf das Sofa und tue, was er mir sagt, schließe die Augen, entspanne mich, atme tief und ruhig. Im gleichen Moment füllt sich mein Herz mit einer brodelnden Flüssigkeit, die sich durch die Blutbahnen ausbreitet und am ganzen Körper Gänsehaut verursacht, und danach eine schwebende Leichtigkeit, die in mir die Perfektion der Kindheit wachruft, und jetzt verstehe ich, warum sie lächeln, diejenigen, die sagen, sie wären Gott begegnet.

Eines Abends sitzen Alexandros und ich auf dem Sofa, jeder an einem Ende, mit einem Buch in der Hand. Alexandros blättert eine Seite um, ich blättere eine Seite um. Alexandros legt das Buch beiseite, schließt für einige Sekunden die Augen, öffnet sie wieder und hat einen Ausdruck im Gesicht, als habe er vergessen, wo er ist. Als befinde er sich an einem anderen Ort und studiere einen Vorgang in einer anderen Dimension, zu der ich keinen Zugang habe. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ich schließe mein Buch mit einem Knall, und Alexandros wendet sich mir zu.

„Ich verspreche dir, Carl, dass du in Kürze bestätigt bekommen wirst, dass all das, was ich gesagt habe, wahr ist. Ich bin nach Dänemark gekommen, um die Mission abzuschließen, die Mr. Weis vor fast fünfzig Jahren eingeleitet hat. In diesem Buch schreibt er, dass Jesus auf die Erde zurückkehren wird. Ich bin dieser Mann.“

Ich würde lieber glauben, dass er nicht verrückt ist.

„Dann sag mir, woher deine Kraft kommt“, murmele ich.

„Ich habe große Mengen an Licht in mir von den Menschen, denen ich in meiner Zeit geholfen habe“, sagt Alexandros geduldig. „Als Mensch wird man mit einem bestimmten Quantum Licht geboren, aber du verlierst das Licht und deine Kraft wieder, wenn du negativ bist. Dann kann kein Licht hindurchdringen, auch nicht das von Gott. Du bist immer noch derselbe Mensch, aber du kannst nicht den Weg im Leben finden, und deine Probleme lösen sich nicht. Bist du dagegen positiv und hilfst anderen, bekommst du mehr Licht. Wenn du mir mit Unterkunft, Essen und Tabak hilfst, bin ich froh und dankbar und sende dir etwas von meinem Licht. Du tust das gleiche mit mir, wenn ich dir die Hände auflege, und du fühlst dich gut. Aber der größte Teil meines Lichts kommt von Gott. Er mag mich sehr, denn ich lebe so, wie er sagte, dass Menschen leben sollten: Ich helfe anderen und erwarte nichts dafür. Auf diese Weise bekomme ich immer mehr Kraft und durchlebe eine Transformation. Nicht mehr allzu lange, dann werde ich so positiv sein, dass ich meinen Körper physisch an jeden beliebigen Ort versetzen kann. Dann kann ich über die ganze Erde fliegen, bis hinaus zu den Raumschiffen, die unter Ashtars Kommando auf dem Weg hierher sind.“

Alexandros hat sich warm geredet, und seine Augen glänzen.

„Du kannst das gleiche tun, wenn du meinem Beispiel folgst, denn du bist mein Seelenbruder. Wir sind in unzähligen Inkarnationen nah beieinander gewesen. Wenn du in der Vergangenheit suchst, wirst du entdecken, dass wir trotz der räumlichen Distanz viele gleiche Erfahrungen gemacht haben. Es ist so, dass deine Seele und meine miteinander verbunden sind. Unsere Schicksalsgemeinschaft reicht zurück bis Christi Geburt. Hättest du vielleicht einen Wildfremden, der behauptet, er wäre Jesus, eingeladen, bei dir zuhause zu wohnen? Nein, wohl kaum! Aber es ist wichtig, dass du verstehst, dass du nichts verändern kannst, wenn du dir Sorgen machst. Die Erklärung ist einfach und sie kam mir unterwegs: Die Seele ist die Batterie des Menschen und eine ewige Kraft. Um den Menschen herum liegt die Aura, sie ist ein elektromagnetisches Feld. Du weißt, Elektromagnetismus ist die unsichtbare Kraft zwischen einem Magneten und einem Stück Eisen. Jeder Mensch ist von einem Magnetfeld umgeben. Sorgt sich der Mensch um Geld, um die Vergangenheit, die Zukunft, um Krankheit oder anderes, dann wird das Magnetfeld schwächer als es sonst sein würde. Gleichzeitig kann ein besorgter Mensch kein Licht von anderen Menschen empfangen, weil er damit beschäftigt ist, sich Sorgen zu machen. Ich sage es noch einmal: Wenn du anderen hilfst und nichts dafür erwartest, senden sie dir Liebe und Licht, die dein Magnetfeld wachsen, stärker werden und schneller schwingen lassen. Hilfst du einem kranken Mann, hilfst du auch seiner Frau und seinen Kindern, und dann werden der Mann, die Frau und die Kinder dir Licht senden, und dann wächst dein Magnetfeld. Und wenn dein Magnetfeld sich erweitert und schneller schwingt, hat dies den Effekt, dass das gesamte uns umgebende Universum größer wird, und dass Gott größer wird. Wenn du dir vorstellst, dass du dich immer mehr erweiterst und zuletzt eine göttliche Ebene erreichst, dann wird Gott zu diesem Zeitpunkt eine noch höhere Stufe erreicht haben. Aber dann bist du selbst vielleicht so stark und kraftvoll geworden, dass du dir dein eigenes Universum mit Galaxien, Sternen, Planeten und Milliarden von Bewohnern gebildet hast.“

„Wie weiß ich, dass mein Magnetfeld wächst?“ frage ich, ohne zu versuchen, meine Zweifel zu verbergen.

„Du spürst die Wärme im Herzen und in den Händen, und du fühlst dich kraftvoll. Schau mich an, ich brauche nicht zu schlafen. Ich habe vollständige Selbstkontrolle, weil ich weiß, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Jeden Tag gehe ich durch Kopenhagen und denke an Gott und an die Zusammenhänge, von denen ich dir erzählt habe, und ich kann keinen einzigen Fehler entdecken. Die Dinge müssen so zusammenhängen. Ich weiß auch bereits, was mit uns oben in Ashtars Raumschiff geschehen wird. Wir werden lernen, die Kapazität unseres Gehirns besser zu nutzen. Wir nutzen nur zehn Prozent, aber wir werden auf hundert kommen, bevor wir zurückkehren und die Erde wieder aufbauen.“ Er schweigt eine Zeit lang. „In der Zukunft wird auf der Erde nur Platz für diejenigen sein, die begreifen, dass das Leben Geben bedeutet, denn dies ist es, was Entwicklung und Wachstum schafft. Alle anderen gehen in den Reinigungsprozess ein, in dem alles Lebende und vom Menschen Geschaffene in den allumfassenden Zerstörungen verschwindet. Sie werden kurzzeitig Schmerz empfinden, und sie werden verstehen, dass es Konsequenzen hatte, ihren freien Willen dazu zu gebrauchen, Kriege zu führen, zu töten, zu zerstören, zu unterdrücken, zu hassen, zu erniedrigen. Später aber werden sie auf anderen Planeten wiedergeboren, denn die Seele ist ewig. Ich weiß auch, dass das Körperbewusstsein oben in den Raumschiffen verschwindet, und dass die Gedanken vorbeigleiten wie Wolken am Himmel, bis auch sie irgendwann ganz verschwinden, und es sich anfühlt, als existiere man nicht mehr als Individuum mit einem Körper. Wie im Tod, wenn die Seele sich frei entfaltet. Ich weiß auch, wie das Universum zusammenhängt. Die Galaxis, in der wir uns befinden, hat eine konstante Geschwindigkeit von dreihunderttausend Kilometern in der Sekunde. Wenn der Entwicklungssprung, der uns bevorsteht, stattgefunden hat, werden sich alle Galaxien schneller bewegen als zuvor. Denn wenn mehr Kraft kommt, kommt auch mehr Licht, und dann nimmt die Geschwindigkeit zu. Sie wird in unserer Galaxis vielleicht dreihundertfünfzigtausend Kilometer in der Sekunde erreichen, und dann gleiten wir in eine andere Dimension, denn das Licht, das vorher existierte, gibt es in der neuen Lichtgeschwindigkeit nicht.“

Auf Alexandros’ Gesicht breitet sich ein Lächeln aus.

„Wenn das Feuer ausgegangen ist, wird die neue Erde tausende von Jahren verödet sein, bevor langsam wieder Leben entsteht. Es werden sich wieder Wolken, Regen und Schnee bilden. Die Wasserfälle werden erneut brausen, und es werden sich die ersten Zeichen von Tierleben zeigen. Aus den überlebenden Samen tief unter der meterdicken Ascheschicht werden im Laufe der Jahre Bäume, die weitere Samen abwerfen, und Wälder werden sich über die Erde verbreiten. Zu dieser Zeit werden wir zurückkehren und mit dem Wiederaufbau beginnen. Alles wird sehr schnell gehen, denn wir haben gelernt, die Materie mit Hilfe des Bewusstseins zu beherrschen. Allein durch die Kraft des Gedankens können wir dann Häuser bauen und uns in der neuen Welt bewegen, ja, überall im Universum. Es wird wunderbar sein. Du kannst Baumaterialien materialisieren und dich zu der Art und Weise hindenken, wie sie zusammengesetzt werden müssen. Das Ergebnis werden die schönsten Häuser sein, die du dir vorstellen kannst, ohne dass du einen Finger zu rühren brauchst.“

Alexandros, von seinen eigenen Worten angefeuert, steht auf und geht im Zimmer auf und ab.

„In der neuen Welt existiert die Zeit nicht, und damit nicht der Tod. Man kann seinen Körper wiedererschaffen oder einen neuen und anderen materialisieren, wenn man das lieber will. Wenn man hungrig ist, braucht man nur an das zu denken, worauf man Appetit hat, und schon steht es vor einem. In der neuen Welt ist Geld überflüssig, und es gibt keine Kriege, weil es für die Menschen keinen Grund gibt, sich zu streiten. Man kann seine Freunde überall im Universum besuchen, man kann mit den Frauen und Männern schlafen, denen man begegnet. Man ist ein freies Wesen. Das bedeutet aber nicht, dass der Sinn des Lebens verschwindet, denn es wird immer einen Teil ehrenvoller Arbeit zu tun geben. Es wird Planeten gebe, deren Bewohner Hilfe brauchen, so wie wir hier auf der Erde. Das ist das Leben, das dich und mich erwartet, und ich freue mich unsäglich darauf, es zu leben.“

Die Kante des Balkons hat tiefe Abdrücke auf der Unterseite meiner Schenkel hinterlassen. Ich stelle mich hin, beuge mich vor und spüre kurzzeitig eine Brise um die Hausecke wehen. Im Laufe meiner ersten Woche in Athen habe ich lange Tage in der Botschaft verbracht, und das Personal hat mich mit den Aufgaben vertraut gemacht. Pierre Montgomery hat Bescheid bekommen, sich aufgrund der Personalaffäre fernzuhalten, und ich bin ihm erst am frühen Abend beim Abendessen in der Residenz anlässlich der Amtsübergabe begegnet. Außer dem Botschafter und mir selbst ist seine Frau Frida zugegen.

Sie ist weit jünger als ihr korpulenter Mann, der sich seit damals, als er mein Vorgesetzter im Ministerium war, gar nicht verändert hat. Natürlich haben die Jahre an ihm ihre Spuren hinterlassen, das Gesicht ist teigiger, und die Augen haben an Lebenskraft eingebüßt und wirken verschwommen. Sie ist wohl um die dreißig, ein schmächtiges, schwebendes Wesen, und ihre Figur erinnert an die Kassandras. Fridas Haare sind pechschwarz, kurz geschnitten und schmiegen sich um das Gesicht. Sie trägt blauen Lidschatten, und an jedem Ohrläppchen hängt am Ende eines weißgoldenen Kettchens ein ansehnlicher Diamant. Ihre Hände zittern ganz leicht, während sie die mit Knoblauch und Tomaten gegrillten Garnelen verzehrt und dabei erzählt, dass sie dem Küchenpersonal bei der Zubereitung des Hauptgerichts geholfen hat: mit Rosmarin gewürzte Lammkoteletts, Salat mit rustikal zubereiteten Tomaten- und Gurkenscheiben und in Öl und Essig gewendetem Feta-Käse, verziert mit Kalamata Oliven, dazu Tzatziki, Brot und ein wenig Reis zur Dekoration. Sie versorgt mich mit einem eiskalten Retsina aus einer Metallkanne. Der Botschafter trinkt Rotwein.

„Es schmeckt hervorragend“, sage ich zum wiederholten Mal, was Pierre Montgomery laut aufseufzen lässt. Er möchte lieber über das untaugliche Personal reden, mit dem er sich in der Botschaft herumplagen muss.

„Du kannst sagen, was du willst, aber das Niveau ist längst nicht mehr das wie früher. Heute kann jeder, der sich während der Arbeitszeit wach hält, im Außenministerium Karriere machen. Es erfordert weder Muskelkraft noch Arbeitseinsatz, keine Fähigkeit, durch den Panzer der Leute hindurch bis in ihren Kern zu schauen und zu entscheiden, ob sie das haben, was erforderlich ist, oder nicht. Aber ich besitze diese Fähigkeit, Bernstein. Ich durchschaue jeden Blender im Bruchteil einer Sekunde, und dann stoße ich das Messer hinein und drehe es herum. Wenn die Leute den Schmerz nicht ertragen können, sind sie meiner klaren Überzeugung nach für die Arbeit an einer Botschaft im Dienste Dänemarks nicht geeignet.“ Er nickt auf seinem Weg durch das Zimmer vor sich selbst hin, er muss wohl zur Toilette oder hinaus in die Küche, um etwas Hochprozentigeres zu schlucken.

„Mich hat in der letzten Woche eine halbseitige Parese erwischt“, murmelt Frida, als die Tür sich hinter dem Botschafter geschlossen hat. „Das ist eine partielle Lähmung, durch die meine linke Gesichtshälfte etwas herunterhängt. Ja, du hast dich sicher schon gefragt, was mit mir nicht stimmt.“

Ich schüttele den Kopf. Jetzt, da sie es sagt, bemerke ich, dass ihr Gesicht schief ist. Die Lähmung erklärt, warum sie so häufig die Serviette zum Mundwinkel führt. Auf diese Weise verhindert sie, dass ihr aufgrund mangelnder Nervenkontrolle Speichel herunterrinnt.

Als Pierre zurückkommt, klingt seine Stimme eine Nuance tiefer, und mir kommt wiederum der Gedanke, dass er draußen gewesen ist und etwas Stärkeres als Wein getrunken hat. Eminente Selbstkontrolle ist stets eines seiner Markenzeichen gewesen. Einen Mitarbeiter, den er bewusst bis an den Rand der Beherrschung getrieben hat, bis dieser schließlich zusammenklappt und seine ganze angesammelte Frustration direkt gegen ihn wendet, fegt er mit einer kurzen, beißenden Bemerkung vom Tisch, die jegliche Möglichkeit für einen Dialog versperrt und ausschließt. Aber es geht kein verdächtiger Geruch von ihm aus, es gibt keine intensive Gesichtsrötung oder andere Anzeichen für Alkoholmissbrauch.

Im weiteren Verlauf des Abends ist er dann doch betrunken. Die Vergiftung setzt ganz plötzlich ein. Er spricht lauter als gewöhnlich, lächelt mich über den Tisch breit an, und zum ersten Mal sehe ich seine Zähne. Sie sind kurz und gleichmäßig, und es scheinen mehr zu sein, als die blau gefärbte Mundhöhle eigentlich fassen kann. Er schenkt noch mehr Wein in sein Glas und verschüttet auch etwas davon auf die weiße, gestickte Tischdecke.

„Pass doch auf!“ entfährt es Frida mit plötzlicher Irritation in der Stimme, sie führt die Serviette zum Mundwinkel. Mehr braucht es nicht, um das berüchtigte Temperament zu entzünden, das wie ein Teufel unter einer kontrollierten Oberfläche lauert.

„Du kannst dich einfach nicht benehmen. Du musst mich vor diesem Entsandten aus dem hohen Norden kompromittieren, der gekommen ist, meine Botschaft zu okkupieren. Vor diesem Fremden musst du deine Verachtung für mich demonstrieren und ihm Einblick in deine selbst geschaffene Leidensgeschichte gewähren.“ Er hämmert die Flasche auf den Tisch.

„Beruhige dich, Pierre“, sagt sie nervös.

„Natürlich, mein geliebter Schatz. Wenn dein verdunkeltes Gemüt diktiert, dass ich spuren soll, dann tue ich das. Aber ich frage mich selbst, wer Kopenhagen erzählt hat, dass ich zuviel trinke. Wir wollen jetzt mal die Karten auf den Tisch legen. Carl, darf ich sie dir vorstellen: Kopenhagens kleiner, geiler Maulwurf“, sagt er und schlägt ein falsches Lachen an, ohne den Blick von ihr zu wenden. „Du bist es leid, mit mir zusammen zu sein, nicht wahr, und jetzt bekommst du die ganze Hütte für dich selbst und kannst mit dem Koch bumsen oder mit wem auch immer du Lust hast. Du darfst sie auch gern bumsen, Bernstein, aber war da nicht was, dass du mehr auf Männer stehst?“ Der Botschafter hebt sein volles Glas und kippt sich den Inhalt in den Hals.

Eine solche Frage bekommt ein 42-jähriger Mann, der weder verheiratet ist noch Kinder hat, unwillkürlich gestellt. In meiner Phantasie beschäftige ich mich täglich mit Frauen, und ich praktiziere zwischendurch auch sexuellen Umgang mit dem anderen Geschlecht, selbst wenn das inzwischen lange her ist. Seit dem ersten Jahr auf der Universität habe ich keine feste Beziehung mehr gehabt. Sie hieß Laura, genau wie die Verfasserin und Hauptperson des Buches Kleines Haus in der Prärie, das meine Mutter mir vorlas, als ich ein Kind war. Auch meine Laura kam vom Lande und hatte Zöpfe. Wir begegneten uns auf der Erstsemester-Party der Uni und bumsten am ersten Abend auf meinem Zimmer im Studentenwohnheim. So fing die Geschichte an, die ein halbes Jahr später damit endete, dass sie sich die Pulsader aufschnitt, weil sie mich wollte, und ich eine andere haben wollte, die mich nicht wollte. Glücklicherweise misslang der Selbstmordversuch, und glücklicherweise begegnete sie später einem Mann, der sie haben wollte, und bekam die Kinder, von denen sie träumte, und machte eine Ausbildung zur Hebamme und wurde glücklich. Aber all das geht bei Gott Montgomery nichts an.

Die Gesichtsfarbe des Botschafters hat eine violette Nuance bekommen, er verlagert seine ganze Energie in das Aggressivitätszentrum seines Gehirns, wo es anschwillt und die kontrollierte Gehirnaktivität verdrängt. Ich hoffe nicht, dass Frida Prügel bezieht, wenn ich gegangen bin. Dann springt er plötzlich auf und schwingt den rechten Arm. Die Flasche saust davon und zerbricht, und der Wein läuft in roten Streifen die weiße Wand herunter. Er lächelt unergründlich und mit schräg gehaltenem Kopf, den Blick halb zur Zimmerdecke gerichtet, wankt er schweigend und theatralisch wie ein Stummfilmdarsteller durch das Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu.

Wir bleiben einige Sekunden lang sitzen, ohne uns zu rühren. Wir erwarten wohl beide, dass er wieder zurückkommt, aber das ist nicht der Fall. Im Haus herrscht Stille. Ich trinke mein Glas aus und reiche ihr meine Visitenkarte.

„Du kannst immer anrufen.“

„Was ist bloß los mit euch Männern“, ruft sie aus, mit einer Stimme, die mein Gehirn zu Eis gefrieren lässt. „Ihr mit euren gequälten Gesichtern und eurem ewigen Schweigen. Ich kann nur glauben, dass ihr auch voller Zweifel seid, und dass ihr euch danach sehnt, ihn mit anderen zu teilen. Aber was hält euch dann zurück? Ihr könnt nicht einmal mit euren Frauen und Kindern offen und ehrlich sprechen. Und wenn ihr mit euren sogenannten Freunden zusammen seid, müsst ihr euch erst um den Verstand trinken, bevor auch nur ein ganz kleines bisschen Gefühl auf den Tisch kommt, und trotzdem ist die Reaktion am nächsten Tag vergessen. Vielleicht wagt ihr es nicht, euch zu öffnen, vielleicht habt ihr zu niemandem Vertrauen, vielleicht seid ihr außerstande, Themen von menschlichem Wert zu kommunizieren, vielleicht seid ihr auch nur von Natur aus viel einäugiger und eingeschränkter als wir Frauen.“

„Du hast vollkommen Recht“, sage ich und gehe.

Ich lasse meine Finger den Abdruck entlang gleiten, den die Kante des Balkons auf der Unterseite meines Oberschenkels hinterlassen hat. Mein Körper ist schwer und müde, ich kann mich nicht bewegen. Ich denke daran, dass ich, lange nachdem Alexandros uns verlassen hatte, mich in einen Zustand tiefgreifender Unruhe versetzt gefühlt hatte. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass seine letzten Tage in Kopenhagen nicht unbedingt harmonisch gewesen waren. Die Dinge entwickelten sich nicht so, wie er vorausgesehen hatte.

Alexandros sieht mich mit ausdruckslosen Augen an. Er mag es nicht, wenn man ihm sagt, dass er kaum damit rechnen kann, sich die Fähigkeit zu fliegen ohne weiteres aneignen zu können. Ich hatte gesagt, dass alles seine Zeit hat. Wer weiß, vielleicht wird er eines Tages seine Arme ausbreiten und wie ein Vogel fliegen, aber jetzt gerade steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden und zittert. Mein Organismus mobilisiert seine automatische Verteidigung und lässt die stummen Ergüsse des Griechen abprallen. Für mich ist es einleuchtend, dass Alexandros’ Aggressionen der Furcht entspringen, dass das Ganze eine Lüge ist. Der Furcht davor, dass er nur ein tüchtiger Zimmermann ist, und nichts anderes. Furcht davor, dass das, an was er ganz fest glaubt und seinen Anhängern predigt, nicht eintrifft. Dass Commander Ashtar nicht in seinem Mutterschiff an der Spitze einer Flotte von Raumfahrzeugen kommen und diejenigen retten wird, die gerettet werden sollen, bevor alles Leben auf der Erde in Feuer und Rauch aufgeht, um später in neuen, wunderbaren Formen neu zu erstehen, während zugleich diejenigen, die Zuflucht in den Raumschiffen gesucht hatten, zurückkehren werden. Und dass er niemals fliegen wird. Das Letztere ist vielleicht am schlimmsten. Es wäre ein endgültiger Beweis dafür, dass er nicht derjenige ist, der zu sein er behauptet. Wenn er erst einmal fliegt, werden die Raumschiffe auch kommen, dann wird die Erde brennen und das Tor zur Ewigkeit sich zu seinen Füßen öffnen. Was aber, wenn alles nur eine eingebildete, wahnwitzige Phantasie ist? Kann er nach einer Reise von vierzig Tagen nach Hause zurückkehren, ohne dass seine Voraussagungen sich erfüllt haben? Was soll er denen sagen, die an seine Prophezeiung und an den Jüngsten Tag und an das ewige Leben in Freiheit auf der neu erschaffenen Erde glauben?

Alexandros macht auf dem Absatz kehrt und blickt aus dem Fenster zu den Wolken, die sich wie auf Kommando vor der Sonne öffnen. In dem Moment bildet sich ein scharfes, blaugrünes Licht zwischen den Häusermauern in der schmalen Straße. Ich kann an seinem Nacken sehen, dass er lächelt.

„Sie warten auf den richtigen Moment. Jetzt dauert es nicht mehr lange“, sagt Alexandros. Dann beruhigt er sich wieder ein wenig. „Entschuldige meine Ungeduld, aber es bedeutet mir alles. Wenn ich nicht fliegen werde, will ich sterben“, murmelt er und blickt auf seine abgearbeiteten Hände.

Im selben Moment läutet das Telefon. Es ist Maria, seine Frau, die mit tränenerstickter Stimme nach Alexandros fragt.

„Sind Sie okay?“ frage ich auf Englisch.

„Nein“, antwortet sie.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

„Lassen Sie mich mit Alexandros sprechen.“

Ich reiche ihm den Hörer. Zuerst klingt er gereizt, aber dann bekommt seine Stimme schnell einen sanfteren Klang.

„Meine Frau und meine Tochter können in der Wohnung nicht wohnen bleiben“, sagt er, nachdem er den Hörer aufgelegt hat. „Ich muss dafür sorgen, dass sie zu meinen Eltern ziehen können. Maria mag die Alten nicht, aber wie ich ihr gesagt habe: Es ist nur für kurze Zeit.“

In dieser Nacht träume ich wieder, dass die Zeit eine halbe Stunde vorgeht, und dass sich in den dreißig Minuten, die ich verloren habe, alles verändert hat. Ich bin zu spät gekommen, um Kassandra und die Zwillinge vor dem Weltuntergang zu retten, und jetzt stehen wir alle fünf am Fenster, halten uns umfasst und sehen die Raumschiffe voller Menschen zwischen den Sternen verschwinden. Dann beginnen die Feuerkugeln auf den Erdball herabzuregnen. Ich werde allmählich wach und schaue auf die Uhr, um erleichtert festzustellen, dass es die richtige Uhrzeit ist. Ich bin zu nichts zu spät gekommen. Aber sobald ich einschlafe, beginnt der Traum von vorn.

„Als du heute morgen gegangen warst, kam Alexandros zu mir und begann zu weinen“, sagt Kassandra. „Er ist unglücklich, dass ihm nichts gelingen will. Er kann nicht fliegen, es kommen keine Raumschiffe, die Erde brennt nicht unter unseren Füßen. Da habe ich zu ihm gesagt, es könne gut sein, dass die Dinge nicht auf die Weise geschehen, wie er es sich vorstellt, aber dass das, was geschehen soll, geschieht. Er trägt in der Gesäßtasche eine Art Drehbuch bei sich: ‚Ich bin Jesus, und jetzt begebe ich mich nach Dänemark und treffe Paul Weis, der mich wiedererkennt, und dann kann ich fliegen, und dann kommen die Raumschiffe’. Ich habe ihm gesagt, man würde das bekommen, was man braucht, und nicht immer das, um was man bittet. Ich habe auch gesagt, dass ein Besuch in einem Raumschiff und eine Flugreise mit eigenen Flügeln nicht weiter entfernt sind als ein Gedanke oder ein Traum. Es ist möglich, sich in anderen Wirklichkeiten zu bewegen, indem man seinen Bewusstseinszustand ändert. Man braucht nicht immer körperlich zu reisen. Das ist meistens ein Bedürfnis des Ego. Wenn man auf diese Art im Leben auf Widerstand trifft, ist es, als würde man gleichzeitig auf Gaspedal und Bremse treten. Du musst es akzeptieren und dich darüber freuen, dass du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bist, und nicht glauben, du müsstest ein anderer sein als der, der du bist, oder woanders sein als dort, wo du bist.“

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
340 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711477472
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