Kitabı oku: «Der Moloch»

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Jakob Wassermann

Der Moloch

Saga

Der MolochCopyright © 1902, 2019 Jakob Wassermann und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711488287

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Frau Ansorge

Erstes Kapitel

Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den weissgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluss zwingt, ihm in weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluss herangebaut, so dass die Hauptstrasse des Dorfs nahezu die Gestalt eines S hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.

Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser, öder Erdstrich. Nur ein grosser Zimmerplatz lag am Flussufer, und von ihm strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus.

Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von der Ostrauer Strasse her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der damalige Bürgermeister hatte die Frau hinübergeführt auf den Hof, der seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zugrunde gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu verändern. Stall und Scheune wurden instand gesetzt, Zäune aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft, und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.

Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred Ansorge war einer der grossen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen grossen Teil des Jahres in der traurigen, russigen Stadt zuzubringen, aber desto schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie, Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein falsches. Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verlies gelegen, das Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiss, ungewiss auch, was mit dem Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der Eisdecke des Stromes fliesst, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form des Lebens zu.

Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äusserlich ruhig; sie vermochte sich mit Den laufenden Geschäften zu befassen und bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle liegenden Gründe veräussert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl beeinflusst hatte.

Ihr Fuss wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie hasste alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern mussten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder den Anblick der Horizontlinie noch den der langhinlaufenden Strasse ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts, was an der Wand oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen.

In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige Geselligkeit entsteht.

Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und gespreizten Schrittchen stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben; denn für die Neckereien der Erwachsenen besass er damals und auch später nicht das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein unrechtmässiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte, zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den Plagegeist los und biss und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewusstsein der Körperkraft entsprang und recht possierlich wirkte.

Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang. Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut, und so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besass er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmässig und so am meisten geschützt gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.

In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an ihm eine unruhige Überschwenglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur fremd war. Da kam es vor, dass er während einer ganzen Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in die Erde hineinhorchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren, was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen, dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Strasse erschienen waren.

Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein Gegenteil, so dass er den Eindruck eines mürrischen und phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung, ja sogar ohne Frohsinn, liess er Sommer und Winter und wieder Sommer und Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land, nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den kurzen Gesprächen mit ihr eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, dass Arnold nicht mehr ausschliesslich die Mutter, sondern auch die Frau in ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich untergeordnet glaubte.

Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch körperliche Arbeit, hatte keinen Anlass zu dunklen Träumereien gefunden. Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergass er doch niemals den herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die schweissbedeckte dampfende Haut.

Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu, und ein wunderliches Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es, als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten.

Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie, frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hiess Salscha. Als Arnold sie gewahrte, sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes, da besann er sich lange, schaute gegen das sonnenbeschienene Gelände und blinzelte mit den Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus, als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmässig vorenthalten war. Die Magd lachte und liess ihn stehen. Aber zwölf Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm, verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer, und Salscha war ihm nichts mehr denn ein leeres Gefäss, dessen Inhalt er hatte trinken müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde wieder ruhig.

Zweites Kapitel

Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.

An der Zauntür des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draussen schob sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den flammenden Himmel.

Kleiderrauschen veranlasste Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er zwei Frauen, die, aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen. Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute, kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen die Richtung nach dem Dorf ein.

Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte wie ein Baumblatt Adern. „Sie machen Besuche,“ erwiderte sie vorsichtig, „Nachbarsvisite; sie glauben, das muss so sein. Sie haben das Haus des verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt. Hanka heissen sie.“

Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch. Seine Wissbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, dass die Mutter durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und Gerichtsbeamten waren ausser den Bauern die einzigen, die man hier zu Gesicht bekam.

Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim Specht eintrat. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung,“ sagte er gewandt und liebenswürdig, „das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.“ Er lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu beobachten fähig ist und sich dessen freut.

Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer, „Es ist sehr gelb, das Ding“, meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die Nase in den gestrickten Stoff. „Pfui!“ rief er.

„Es ist parfümiert“, sagte Specht verwundert. „Finden Sie das schlecht?“ Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im Lampenlicht ihm zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Misstrauen und zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.

Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte sich galant und wünschte gute Nacht.

Drittes Kapitel

Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und -frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder wurden zur Tränke geführt, sie blökten freundlich.

Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken. Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen.

Glasser begrüsste Arnold buckelnd, während er Stirn und Glatze, die trotz des kühlen Morgens schon schweissbedeckt waren, mit einem blauen Tuch trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing, mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüsste ehrerbietig und ging.

Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: „Ich geh’ jetzt ins Dorf.“

Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärtsschritt, fühlte er sich gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluss, dessen mühselig hinfliessendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels wiedergab.

Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig, entfernten sich nur an einer Stelle von der Strasse und bildeten, den Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen Gebärden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.

„Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,“ sagte der Hausierer, „werd’ ich Ihnen verklagen bei Gericht.“

Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weissen Zähne. „Judd, geh furt, sonst holl ich Hund“, sagte er und warf einen beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.

Elasser wurde erregt. „Ich fürcht’ mich nicht vor Ihrem Hund“, antwortete er. „Ich fürcht’ mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ hat sich gehoben.“ Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um seine dicken Schultern, dass die Schlüsselbeinknochen krachten und zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm liess Uravar den Juden zur Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt, und blickte Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den Blick mit solcher Ruhe, dass der brutale Mensch den Kopf duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne zusammenschrumpfte.

Glasser huckte keuchend seinen Pack auf. „Der Herr wird dafür zu büssen haben“, sagte er, auf Uravar deutend. „Einem Besoffenen und einem Heuwagen muss man ausweichen, heisst es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind da die Gerichte.“ Er nickte Arnold zu und verliess den Laden.

Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als sei der Sonnenschein trüber geworden.

Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: „Sehr schön, sehr gut. Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine Lektion erhalten.“ Er lachte mekkernd, wobei seine Augen ganz klein wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold betraf.

„Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?“ fragte er. „Was tun Sie denn den ganzen Tag über?“

Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.

„Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?“ meinte Specht. „Und wird Ihnen das nicht langweilig?“

„Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!“

„Waren Sie nie in der Stadt?“

„Nein.“

„Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äussern nach sind Sie doch ein Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei einem Städter. Sehr merkwürdig!“

„Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?“ erkundigte sich Arnold.

„Na, etwas Besonderes . . . das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein grosser Genuss bevor. Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine grosse Stadt. Theater, Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale Strassen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie mir.“

Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiss wurde, zog er seine Lodenjacke aus, wobei er stehenblieb und den Lehrer durchdringend und verständnislos anschaute.

Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Strasse lag eine Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und neu ums zäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und ging dem Lehrer entgegen.

Viertes Kapitel

Es war Nachmittag; Arnold sass am Fluss und schaute ruhig nach der Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht das kleinste Fischlein wollte sich verbeissen; den schwarzen Fluss kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den schlesischen Wäldern lag ein Wetter.

Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn, was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel auf ihn.

Arnold brummte etwas vor sich hin.

Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können.

„So? Warum denn nicht?“ fuhr Arnold auf.

Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh und zu Ostern schlachteten sie Christenkinder.

„Dumme Sans“, murmelte Arnold verächtlich. „Der Jud ist arm, hat neun Kinder zu Haus, und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht bekommen.“

„Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten nur so vorrätig wäre!“ höhnte Salscha.

Arnold zuckte die Achseln und schwieg.

Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstünde der Liebe schien erwünscht. Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr gleichmässiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen.

Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau Ansorge sass bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.

Aber die Wolken verzogen sich wieder.

Arnold erzählte, dass ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt vorgeschwärmt habe.

Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. „Der Windbeutel“, sagte sie; „er soll seine Weisheit für sich behalten.“

Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein Regenbogen stand.

„Komm einmal her, Arnold“, sagte sie.

Arnold trat an ihre Seite.

„Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und gross vor dir. Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm übrig. Und soviel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts anderes als eine Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel, sie sind leer wie gedroschenes Stroh.“

Fünftes Kapitel

Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate kam er, die seine Schussbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefasst. Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib, innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich, für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte. Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand die gleichmütige Gesinnung bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, ist wenigstens ehrlich; sie schäfte den Beschützer, denn sie wusste, was sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.

Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen. Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüssten. Am Rain weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Missbilligung auf den städtischen Ankömmling.

Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, dass seine Schwester beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der grosse Himmel, dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, liessen ihn seine anfängliche Verdriesslichkeit über den Landausflug vergessen.

Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter ihm, und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, erzählte Specht, dass sie auf der Lomnitzer Strasse Arnold Ansorge begegnet seien und sich gut dabei unterhalten hätten.

„Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte“, platte Beate lachend heraus.

„Nicht was er sagt, ist so amüsant,“ erklärte Specht, „sondern wie er zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht dumm.“

„Wer ist Arnold Ansorge?“ fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester begrüssten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig, aus Furcht, misszuverstehen, und aus noch grösserer Furcht, den zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt.

Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein Taktgefühl sagte ihm, dass er übers flüssig, und seine Empfindlichkeit, dass Hansa nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka bei Beate nach dem Lehrer.

Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, sass vorgebeugt und trippelte leise mit den Fussspitzen. Sie begann von Specht zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung, es zu etwas Grossem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. „Er ist ein Sozialist,“ fuhr sie flüsternd fort, „aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es soll Geheimnis bleiben.“

Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den Hüften, schmunzelte gutmütig, und um seinen Mund zuckte die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines hageren Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild, denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte er Hässlicheres gesehen zu haben, eine dicke, lange Nase, eine niedere Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. „Wir haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen“, sagte er. „Wie gehts dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?“

Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte Beates Lachlust. „Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr, zu tanzen“, log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: „Ich lese nämlich sehr viel.“

„Hm—m, Herrn Spechts Einfluss“, sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem flinken Benehmen.

Die Fenster waren offen, die fühle Herbstluft strich herein, die Lampe brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand. Beate nahm fleissigtuend einen Strickstrumpf, und Agnes steckte den vom Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.

Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldatenkompanie. Dabei entschuldigte sie sich, dass sie dies oder jenes nicht habe bekommen können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so dass er sich in eine Art Betäubung hineinass. Er schob die Lippen vor, machte eine Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm leid, dass er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es lauter für Agnes, und diese sah ihn vorwurfsvoll an.

Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie von den Tschechinnen gelernt hatte.

Kudy, kudy, vede cestička

Pro mého Jenička . . .

Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu lieben.

Sechstes Kapitel

Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas Blicken. Die Polin wurde blass, zog die Lippen von den Zähnen zurück und stiess einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoss und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und leichte Geringschätzung; dahinter gleich einen feinen Schimmer der Freude über den, der solche Kränkung zufügen konnte. Sie stand auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der Magd und sagte: „Das vergeht schon, Salscha. Gott hat genug andere für dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk’ dir einen neuen Unterrock.“

Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stiess er mit dem Fuss das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblösste der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er kurz, trotz der süssen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, dass es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das Elsasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn. „Sag’ dem Herrn Dank, Jutta“, murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt, und mit ihren schwärmerischen Augen schien sie ermüdet von den Lasten der Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt verhindert hatten.

Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien, und Kinder schlüpften wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im Gedränge kaum vorwärtsschieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend. Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des „Goldenen Stern“ gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt, seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied. Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu. Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt, das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefasst prüfenden Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, dass Arnold ihn fragte, was er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich genug, dass Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im Wald verirrt. Er wollte Fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt, und Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate. Specht fasste ihn sofort unter und fragte ihn vertraulich, wie es gehe. Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf die Füsse der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und wilden Bewegungen reizten immer seine Schausust. Oben auf einer Estrade hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit, aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie redete, hatten etwas Unerklärliches. „O ja,“ antwortete Arnold gelassen, „aber ich habs vergessen.“ In der Tat, für ihn war ein Jahr eine unübersehbare Spanne Zeit.

Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der heisse Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen, und seine grossen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefasst und knirschte etwas durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig, verliebt, unentschieden und von äusserster Wildheit war. Ihre Haare klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot, das Gesicht blass. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten, verbeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wusste nichts zu entgegnen. Die Welt ist für jedermanns Füsse, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von der Anstrengung des Nachlaufens.

„Bleiben wir doch noch zusammen“, bat Specht wiederum. „Ich möchte nicht gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr, und wir könnten ganz gut noch einen Spaziergang machen.“

Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.

Siebentes Kapitel

Elende Bauern“, sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend gegangen waren. „An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.“ Er redete in Wut und Hass und warf irgendeine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu schaffen hatte, irgendwohin.

Arnold schwieg.

„Und was ist das überhaupt für ein Leben!“ fuhr Specht mit einer verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. „Wer bin ich hier? Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.“

Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte Arnold, was macht er solches Wesen davon.

„Ich wundere mich nur, dass Sie’s hier aushalten,“ sagte Specht, „Sie sind doch auch schliesslich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer heutzutage.“

„Mir ist ganz wohl hier“, gab Arnold ruhig zur Antwort.

Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft. Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnenklosters auf; über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.

„Wir sind sehr weit“, sagte Specht bedenklich. Mit verborgener Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die Füsse in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen durchaus reifen Charakter.

Der Lehrer riss einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, das der Wind in den Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor ihm floss ein Strom der Einsamkeit.

Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fusse der Klostermauer. Dort setzte sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten, und deutete dumpf und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem Menschen beichten, und er vergass die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern, als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold, den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem Lehrer mit Interesse.

Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu gehen. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er hatte einen regen Geist, und mit Unrast suchte er Beziehungen und wünschte Sympathien.

Achtes Kapitel

Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden Elasser zu sich ins Kloster gebracht.

„Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewusst, wo ihr Kind ist“, sagte sie. „Erst heut nacht haben sie es durch Zufall erfahren.“

„Und was ist dann geschehen?“ fragte Arnold.

„Der Jud ist mit dem Gendarmeriewachtmeister Wittek ins Kloster gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.“

„Eine wunderbare Geschichte“, bemerkte Frau Ansorge spöttisch.

Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und an dessen beklommenes Wesen. „Man kann doch nicht ohne weiteres ein Mädchen rauben“, sagte er verwundert.

„Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden“, antwortete Ursula.

Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das Vorgefallene.

„Ich versteh’ das nicht“, sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu seiner Mutter. „Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?“

Frau Ansorge zuckte die Achseln.

„Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.“

„Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist, braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.“

„Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?“

Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. „Was gehen uns die fremden Leute an“, entgegnete sie gleichgültig.

Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider Willen, trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern, Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber sassen dort und machten Lärm. Arnold liess sich ein Glas Tschai geben. Ein alter, dicker, gichtischer Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt sei die Zeit gekommen, endlich werde dem Juden der Garaus gemacht. Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die blosse Brust durch das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen befohlen, alle Judenkinder zu taufen.

Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach der Wohnung Elassers und verliess dann den Laden.

Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger

Häuser bestehend, hatte nur eine einzige Seitengasse, und dort, dicht am Flussufer, wohnte Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen, Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern des Elasserschen Häuschens war der grösste Teil der Mörtelbekleidung abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als trauriger Anblick bot.

Neuntes Kapitel

Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, dass darunter nur der braune Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb spielend, halb winselnd über die Dielen, und ein Neugeborenes lag eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den Oberkörper. Ausser dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum Trocknen, und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften Teil des Raumes ein.

Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel zusammen. Glasser liess die Hände vom Gesicht fallen und blickte den Fremdling mit glasigen Augen an. Arnold war etwas verdutzt über die gepresste Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten. Er forschte unter den Gesichtern der Kinder, und als er das ihm bekannte der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: „Ist sie noch nicht zurück aus dem Kloster?“

Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden, ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. „Weiss der Herr nicht, dass unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins Nonnenkloster?“ rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge, obwohl alt und hässlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in jeder Form zu erteilen vermag.

Arnold blickte die Frau aufmerksam an. „Ja ja,“ erwiderte er, „aber das ist doch gegen das Recht.“

„Sehn Sie nur an,“ fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den Kopf, „wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibts kein Recht, für arme Juden gibts kein Recht. Und mit was kann ich dienen? Mit wem hab’ ich das Vergnügen?“

„Es ist der gnädige Herr Ansorge“, klärte Elasser auf, mit einer Gebärde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten konnte. „Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab’ gesucht Sonntag? Wir haben gewartet und gewartet, und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. Und der ganze Abend ist geflossen, und endlich gegen elf is gekommen der Gehilf vom Uravar und klopft da draussen und meint, wir sollen doch einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk’ mir noch und denk’ mir noch, ’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu die Nonnen, denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins Kloster, kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr, meine Tochter ist eine gute Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war Mitternacht, bin ich noch gegangen, und der Herr Wachtmeister, ein freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, dass wir kein Aug’ zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang’ zu sprechen die Oberin. Un sie kommt, und ich verlang’ zu haben mein Kind. Und, gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt haben wird an die neue Umgebung.“

Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. „Un so bin ich fortgegangen“, schloss er und atmete tief.

„Und der Wachtmeister?“ fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt hatte.

„Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt, leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muss warten. So wart’ ich.“

Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit dem Bein einen leichten Stoss, und als es platt auf der Erde lag, rollte sie es mit dem Fuss gleich einem Fässchen hin und her. Das Kind lachte, während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in Schlaf schüttelte.

Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte, und blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. „Was soll ich tun, lieber Herr?“ sagte er dumpf, und sein demütiger Tonfall wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. „Kann ich mir helfen, sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schliess’ ein Auge, kann ich mir helfen, lieber Herr?“ Er ging auf und ab.

Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts. Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich.

„Papa,“ rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit, „hör’ auf zu reden, bitt’ dich, vor dem Soi.“

„Keine Ruh’ will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein Kind gegeben haben!“ rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. „Und wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muss, un wenn ich hungern un dürsten muss.“

„Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?“ fragte die Frau mit streng zusammengezogenen Brauen.

„Schämen Sie sich doch,“ sagte Arnold laut und blickte verdriesslich von einem zum andern, „gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muss Ihnen das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.“

Draussen wurden Schritte laut, und drei jüdische Männer betraten den Raum, wobei sie Gebete murmelten.

Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm Specht begegnete. Der Lehrer schien die grösste Eile zu haben, blieb aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und meinte, es sei sonderbar, dass sie beide gerade gestern abend vor dem Kloster geweilt hätten. „Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht fabelhaft, dass dergleichen noch vorkommt?“ Leise und geheimnisvoll fügte er hinzu: „Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins Wirtshaus.“

Arnold folgte zögernd, nahm schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor ihn hinstellte.

Niemand war hier ausser den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: „Heute ist es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich was Schlimmes erfahren. Hören Sie nur . . . Vielleicht bereu’ ich einmal, dass ich schwatzhaft war, aber der Teufel kann ewig schweigen.“

Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des Lehrers.

„Sie kennen doch Beate?“

Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: „Ich übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.“ Er bedeckte die Stirn mit der Hand; seine Lippen zitterten, und in seinen Augen lag schon jetzt Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe hervor, als er sagte: „Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum Wahnsinn treiben.“ Er lächelte und zupfte an seinem schmalen blonden Schnurrbart.

Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besass, hatte zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines Wortes wert. Er schämte sich für Specht.

Über eine Viertelstunde sassen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: „Wann wird man denn befehlen, das Mädchen freizulassen?“

„Welches Mädchen?“ entgegnete Specht aufschreckend. „Die Glasser meinen Sie? Ich weiss nicht.“ Specht fühlte sich beleidigt, dass Arnold einer so fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts, persönlich nahen. „Wer, glauben Sie denn, dass hier befehlen wird?“ fragte er ironisch.

„Das Gericht, denk’ ich“, entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer völlig zu.

„Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?“ Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im Bunde sei.

Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: „Es handelt sich um ein Unrecht.“

Specht meckerte. „Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies? Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?“

„Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum Narren halten“, erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube verliess.

Specht seufzte. Er schloss grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstrasse entlang und kam bis zum Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff, mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Gier kommen?

Im Haus würde ein Fenster geöffnet, und eine helle Stimme rief: „Specht! Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!“

Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes sassen bei Tisch und schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich, lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der Mahlzeit, und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört, den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, dass sie von der halbtauben Agnes gehört werden könne: „Wenn du nicht vernünftig bist —“ . . . mit einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riss sie das Blatt mitten entzwei.

„Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse!“ rief Specht, zu Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, dass sie Sorge um ihren Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.

Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.

Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka „trieb“. „Nichts“, erwiderte sie endlich scheu.

Der Lehrer lächelte sarkastisch.

„Er lebt von seinem Seld“, sagte Beate stirnrunzelnd. „Er ist reich genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?

„Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen“, antwortete Specht.

Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluss und Trost, naiv dem Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.

Zehntes Kapitel

Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, dass ihr Bruder Borromeo sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin zeigte eine üppige Gestalt mit regelmässigen Zügen, die einen herrischen und kalten Ausdruck hatten. „Friedrich tut nichts Gutes in seinem Schwabenalter“, sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen Frau mit Vergnügen betrachtete.

An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung. Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser. Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und Wahren war etwas Fernes, Sespreiztes und Lärmendes geworden.

Der Brief lautete: „Wenn es Ihnen passt, holen Sie mich morgen früh um sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Glasserschen Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen, dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Glasser die väterliche Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen, und der Taufe steht kein. Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit, sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.“

Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur, sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerriss ihn schliesslich. Den ganzen Tag über vermochte er nichts Rechtes anzufangen.

In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen Landstrasse an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde einander gegenüber, ein kleines und ein grosses Pferd. Beide Tiere sahen aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift trug: Diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin. Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das grössere Pferd erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen, dass er in der grössten Sile über die Landstrasse Reissaus nahm. Als er aufswachte und den Traum überlegte, kam er ihm recht albern vor; dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Strasse, die schwermütige Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles hatte etwas Unvergessliches in sich.

Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam.

Vor dem Klostertor warteten sie. As die ersten Wolken vom Frührot glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Sin wenig davon entfernt gingen Glasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon. Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende ein Windlicht brannte, das nur mühsam die Finsternis verringerte. Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein dunkles Loch, vor dem sich ein aus weissen Stäben bestehendes Gitter befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie starrten vor sich nieder.

Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke, und vier Nonnen traten herein. Elasser reckte den Kopf auf — Arnold gedachte seines Traumpferdes, das sprechen wollte — und blickte nach der Tür, die sich indes wieder schloss, ohne dass seine Tochter eingetreten wäre. Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe liess sich von neuem hören; Füsse scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, und mit einem Schlag war es wieder still.

Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte, und seine Stirn glänzte von Schweiss. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Sendarm mussten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht. Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen oder wachten.

Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür, und die Oberin trat ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht rührte, nicht grüsste und mit verhängten Augen auf das eherne Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem Schritt auf den Kommissar zu und sagte: „Herr Glasser kann leider seine Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.“

Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle Finsternis, die er um sich gewahren musste, wenigstens durch Worte zu zerstören; der Polizeikommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern, die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz der Oberin zu rühren.

„Sie wird sie im Himmel wiedersehen“, antwortete die Oberin mit feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verliess an ihrer Spitze den Raum.

Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schliesslich, um fortzugehen. Elasser stiess einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung hasten blieb, ordnete den feiertäglichen Rod, der sich verschoben hatte, und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen durchwühlten Gesicht nichts als: „So wahr ein Gott lebt —!“

Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach Arnold um und wartete, bis er herankam.

Elftes Kapitel

Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, dass der Lehrer sich zusammennehmen musste, um seinen Schmerz zu verbeissen. „Nicht so stürmisch!“ sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab, liess ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu grüssen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn. Denn dass Glasser um sein offenbares, klares Recht gebracht werden könne, erschien ihm so unmöglich, wie dass der Sonnenball für immer verschwinden sollte, weil eine Wolke darüberzog.

Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewussten Horchen. Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande. Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen, denn er ahnte wohl, dass da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.

Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an die er berichtete, und Arnold las:

„Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt Durch die Hilfe und getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt, den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Steinbacher in Krakau. Unter Berufung auf den § 145 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde eine Singabe an die Polizeibehörde gerichtet. Dieser Paragraph erklärt deutlich, dass die Eltern berechtigt sind, vermisste Kinder aufzusuchen, entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede Vermittlung mit folgenden Worten ab: ,Was? Ich soll ein Mädchen aus einem Kloster herausnehmen?‘ In der tiefsten Besorgnis über das Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflösst, verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor Dr. Woering in das Kloster gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, dass Jutta Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: ,In sieben Tagen wird sie ihr Vater sehen.‘ Der Beamte musste sich damit begnügen, diesen Bescheid stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte Bericht. Man muss nur darüber erstaunen, dass die Schwester Wirtschafterin den Ausdruck ,entflohen‘ wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den klareren und wahreren Ausdruck: entführt —? Denn das Mädchen wurde inzwiscen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.“

Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die Lippe, während sie las. Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig war, und sagte: „So ist eben die Welt; so sind die Menschen.“

Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und bewussten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann erzittern kann, dass sie nicht mehr aus noch ein wusste; sie litt unter seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, dass er sich in einem seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber ausser einigen blitzhaften Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, dass ihn nichts Trübes erfüllte, nichts Lebensfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur Sorge.

Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.

„Wo ist Herr Elasser?“ fragte Arnold sanft.

„Wo wird er sein!“ erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den Sofawinkel.

„Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?“ fragte Arnold, der Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.

Die Frau schwieg.

„Ich habe gehört, dass sie in Podgorze ist“, fuhr Arnold ruhig fort.

„Warum nicht?“ erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln. Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold los und rief: „Wollen Sie mich zum besten haben, mein Herr?“ Sie blickte Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher Falschheit. „Wissen Sie was, gnädiger Herr? Ich will einmal sagen, und Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann, von mir zu erfahren, was die Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! In Podgorze ist Jutta, zwei Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. Und Elasser ist gegangen nach Podgorze, und die Gendarmerie dorten hat erwiesen, dass Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten keinen Auftrag, einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum Bezirkshauptmann von Podgorze, und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum Herrn Grafen Statthalter, und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach Wolajustowska und nach Wielowics, und überall ist Jutta gewesen und überall ist sie wieder fortgebracht worden, und überall hat die Behörde verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von unserm Kind bekannt, so war sie auch schon woanders. Und bloss in Kenty hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch mehr wissen?“

Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne dass sich ihr Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. Arnold senkte den Kopf und verliess langsam das Zimmer und das Haus.

Zwölftes Kapitel

Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung, trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht sass lesend am Tisch, und in einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich; der Lehrer trug einen grossväterischen Schlafrock und rauchte aus einer langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.

Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, dass man ihm eine Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar beginne. Aber da sei viel zu ordnen, und er könne es vor Ungeduld in Podolin nicht mehr aushalten. „Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber Freund! Endlich! Wenn Sie wüssten, was in mir alles brodelt, was da drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald zuviel. Endlich werd’ ich atmen können!“

Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen, niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem noch verborgenen Feuer.

„Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten“, sagte Specht, in Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu wägen. „Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab’ ich ein, ich möchte sagen, übersinnliches Vertrauen. Jaja,“ seufzte er, schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit in die Rauchwölkchen, „so geht die Liebe hin, und das Leben ergreift uns.“

Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons Geschichte, vom Untergang des Römerreichs.

„Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen Gut“, fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von diesem Gegenstand nicht zu trennen. „Traurig genug. Mir tut nur der arme Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!“

Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.

Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein Äusseres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte, gewahrte sein frischer Geist mit einem unermesslichen Erstaunen, wie die Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite, brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief, als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der dunklen Rinne laufen, statt den sonnenbeschienenen Weg zu wählen, kamen ihm die Handelnden vor, und die Leidenden wie Mücken, die trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er von dem längst entschwundenen Treiben längst vermoderter Geschlechter für die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem Trotz sich anmasste, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum Entlegenste wie Nächste in seiner Phantasie verschmolz, stiess er die neuen Bilder bald voll Hass von sich und kehrte bald leidenschaftlich suchend danach zurück.

Aber gleich wie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.

Um seiner Bedrängnis einigermassen Herr zu werden, begann er wieder viel draussen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er hielt Einkehr und liess sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen, und dort sah er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der „Mährische Landbote“. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, dass der Jude Glasser beim Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber, aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, dass er munter pfeifend seinen Weg fortsetzte.

Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. „Wie geht es Ihnen?“ fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, dass Arnold ihn misstrauisch anblickte.

„Glasser ist beim Justizminister — wissen Sie schon?“ sagte Arnold. Wie er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: „Spass! Schon längst gewesen.“

„Nun, und ist Jutta schon frei?“ fragte Arnold.

„Frei? Meinen Sie wirklich frei?“ Specht lachte belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener Zorn sammelte, dessen Äusserung er fürchtete, sagte er schnell: „Der Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und hat ihn mit den Worten entlassen: ,Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind wird Ihnen zurückgegeben werden.‘“

Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem Bericht des Lehrers begriff er nicht.

„Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,“ fuhr Specht munter fort, „aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt ferner, dass ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.“

„Das wissen Sie doch noch nicht“, versetzte Arnold unwillig. Er missverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.

Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. „Was für ein Unglück für Sie, lieber Freund, dass Sie so unerfahren sind!“ rief er aus und schlug die Hände zusammen. „Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.“

Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde blickend, schüttelte er den Kopf.

„Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles“, fuhr Specht mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg. „Der Advokat Glassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluss stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung des Urteils. Denn schliesslich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das ist nun verweigert worden, auch das.“ Specht suchte erregt in seiner Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: „Ich habe mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie!“ Arnold trat dicht neben Specht, so dass er beim dürftigen Schein einer Öllaterne mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. „An den Landesadvokaten Dr. Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei —“

„Was heisst das?“ unterbrach Arnold.

„Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heisst das, ob es den Glasser etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter . . . anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache Jutta Glasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das Landesgericht in Strafsachen.“ Specht faltete seinen Zettel wieder zusammen.

„Wichtige Gründe?“ fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos schaute er dem Lehrer ins Gesicht, und allmählich begriff er selbst, dass diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben sollten.

„Nun spüren Sie den Atem unserer Welt“, sagte Specht mit Bitterkeit. „Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen die ganze Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, dass das etwas nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die grossen Herren tun, was sie wollen, und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir beide werden es nicht erleben.“

Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.

Langsam und ohne Gruss entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.

„Ich sage Ihnen adieu, ich reise morgen früh“, sagte Specht. „Ich möchte Sie um einen grossen Gefallen bitten“, fügte er mit unsicherer Stimme hinzu und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. „Wollen Sie zu Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst dabei ist —? Wollen Sie das? Und grüssen Sie Agnes Hanka noch besonders von mir.“

Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.

„Und nun, Liebster, leben Sie wohl!“ sagte Specht, indem er Arnold die Hand gab. „Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold! Von Ihnen scheide ich am schwersten.“ Schnell wandte er sich ab und ging.

Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den halbentblössten Schultern hatte einen unschuldigen und süssen Ausdruck. Wie Sterne unter dunklen Torbogen traten die Augen unter den Linien der Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Seringschätzung nicht unterdrücken, die Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimass.

Seine angstvollen und heissen Gedanken waren ganz woanders, und er bemerkte gar nicht, dass die Mutter, schweigsam und bleich auf dem niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.

Elasser

Dreizehntes Kapitel

Alexander Hanka hatte grosse Spielverluste erlitten. Als er eines Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor der Schmälerung, die sein Vermögen erlitten hatte, und vor dem Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände, tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter, kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er von einem zu fassenden Entschluss; irgendein Geschehnis winkte in weiter Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.

Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen, und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter Fluss, der zu müde schien, um zu fliessen; zwischen dunklen Wiesen eine lange, schmale Landstrasse wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.

Er erinnerte sich freilich, dass es längst Winter war, auch dort draussen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er, ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, die Langeweile, Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so dass sein Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruss suchte sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der grossen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose Natalie.

Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riss seine schwarzen, stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als sie ihn so fand, wie sie wünschte, und mit seiner Ankunft nicht den Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war betroffen durch ihren Anblick. Sie war blass; ihre Bewegungen waren verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten Stunde für ausgemacht, dass er einige Wochen bleiben würde. Er brauche Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett, und die Mahlzeit war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht, und bis gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein und ging umher, Wut und Hass im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit dem Vorschreiten der Stunde; langsam verliess sie das Zimmer, als könne sie auch ebensogut bleiben, und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem Gesicht hervor, als sie draussen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch mehr als Liebe.

Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm; eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen, nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Grossvater zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus (er war so lang, dass seine Beine von den Waden an ausserhalb des Möbels in freier Luft schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.

Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig aus ihre Äusserungen waren, und so sehr sie in Son und Wort jede Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, dass sie und das junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse zur Sklavin geworden, aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem liesse sich gut mit ihr hausen; sie füge sich schnell und wer weiss, vielleicht rumore nur die düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht des Lebens getreten, als dass man die Dunkelheit, aus der sie gekommen, vergessen dürfe.

Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebensförderndes sehen. Und wie die sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebaren nahm er hin; er beschloss, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.

Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen. Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war, und mit einer Miene, als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.

Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken. Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam sein; nicht um zu beschliessen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.

Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate sass allein im Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe, und Arnold trat ein. Er grüsste, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz, und als er sich überzeugt hatte, dass sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriss ihr Porträt und warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen stellte und unverschämten Tones fragte: „Sind Sie vielleicht deshalb gekommen?“

Arnold bejahte.

„Zu viel Umstände“, spottete Beate.

„Ich finde auch, dass er zu viel Umstände mit Ihnen macht“, entgegnete Arnold trocken.

Beate trat zwei Schritte vor, erblasste, und ihr Blick irrte furchtsam von Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes und wusste sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte. Arnold sagte endlich: „Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim Specht grüssen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.“ Arnold fasste sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.

Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich, um das Zimmer zu verlassen, und sagte auf der Schwelle: „Auf Wiedersehen.“ Damit schlug sie die Türe zu.

Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruss so wichtig erschienen wäre; aber er vergass nach wenigen Minuten, dass er sich in einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein liess unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Ausserdem begann die drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.

Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür öffnend. Er machte grosse Augen, als er einen unbekannten Menschen im Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte seinen Namen, bemerkte aber zugleich, dass diese gesellschaftliche Form hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka, nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse verzogene Sesicht Hankas ansah, begriff er, dass es sich um seinen Namen handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, dass er eine Bestellung von dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.

Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem Bewusstsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben, gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit zeigte.

Vierzehntes Kapitel

Hanka fragte, und Arnold gab gehorsam Antwort. Hanka befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfasste sofort die merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und Langeweile in dessen Wesen. „Welche Beschäftigung haben Sie denn?“ fragte er.

„Keine,“ versetzte Hanka, „ich tue nichts.“

„Gar nichts?“

„Ich betrachte.“ Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.

„Haben Sie denn nichts gelernt?“ fragte Arnold er staunt.

Hanka lachte laut. „O ja“, antwortete er. „Ich habe die Juristerei erlernt, aber eben deshalb mach’ ich keinen Gebrauch davon.“

Diese Antwort gab Arnold zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen, und dankbar für den Gruss des Lehrers. „Ein reizender Mann“, sagte sie von Specht. „Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.“ Sie sprach laut, schüttelte die Hand Arnolds, und ihre Augen strahlten mild. Arnold fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen, und Sympathie strömte auf ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit wohlwollendem Lächeln.

Arnold verabschiedete sich. Zu Hause angekommen, fand er auf dem Tisch ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es heiss und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergass er die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äusserung eines Schmerzes lag.

Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluss. Es sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher, und er halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo, damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die Strasse gegen die Glassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.

An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen.

In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe (der etwa dreizehn Jahre alt war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold fragte, ob niemand zu Hause sei, und blieb an der Türe stehen, um den Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche, und die Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim Rabbiner in Lomnitz. „Wie heisst du?“ fragte Arnold. Moses, war die Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. „Und Jutta?“ fragte er mit heiserer Stimme. „Wird sie denn nicht wiederkommen?“

„Der Herr fragt —!“ erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein gutes Deutsch zu sprechen. „Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.“

Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er hörte ein vielfältiges Gemurmel von draussen, öffnete den winzigen Flügel und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreissig Menschen beisammenstehen. Gleichgültig schloss er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat, erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder hatten sich hinzugesellt, und ein verworrener Lärm herrschte. In der kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt. In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr Sesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu, und endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne. Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war weit entfernt zu denken, dass diese Zusammenrottung ihm gelten könne. Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, gross wie der eines Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: „Judenknecht!“, und das Gemurmel fing wieder an, dunkler und gärender.

Mit stummem Zorn Blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem Rufer, und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker, und als ein Schauer durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.

Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte. Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold sass mit gesenktem Kopf, die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der mit dem Frühschnellzug eintreffen musste. Von der Station aus war noch ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu begrüssen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt vor, einen eleganten, noch jungen Mann, und alle drei gingen zum Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen, in denen sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.

Die Begrüssung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein. Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der Küche. Da standen uralte Möbel, auf denen die Zeit gleich einem Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt mit wiegendem, müdem Sang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.

„Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?“ fragte er, in seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.

Arnold war überrascht und schaute zaubernd vor sich hin. Aus einem unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann. „Ich weiss nicht. Ich will leben“, sagte er trocken.

Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum die Haare berührend, als fürchtete er, sie zu zerzausen. „Und hältst du das für so leicht?“ erwiderte er sanft und traurig.

Arnold lachte. „Ist es denn schwer?“ fragte er verwundert. „Hast du denn so schlechte Erfahrungen gemacht?“ Er sass rittlings auf einem Stuhl und drückte das Kinn auf die Lehne.

„Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen“, antwortete Borromeo mit einem Lächeln, das ein vernichtendes Erbarmen mit dem Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen nicht klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging, und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck, die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick, als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel.

Fünfzehntes Kapitel

Die Ärzte liessen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte. Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter gehen sollte. Ausserdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst werde er wiederkommen.

Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen, und nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine Umkehrung erfahren, dass sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich selbst geschaffen hatte, dass sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit einer ungeheuren Überwindung ihr Bewusstsein abzog von ihren körperlichen Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.

Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte, war Arnold Herr eines beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.

Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, abwartenden Hass. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für das Unrecht Partei. Warum? Warum nicht für das Recht?

Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flussufer hin und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und Schlamm. Nasskalte Windstösse schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken, und als er sich endlich entschloss, nach Podolin zu gehen, war er bis über die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.

Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte der Strasse. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Strasse hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein Schlossergeselle namens Pavlicek eilte auf den Juden los und schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an. Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung, blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, dass der Hut von selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, dass er eigentlich nichts übelnehme, sondern dass es nur beschwerlich für ihn sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor Verachtung. Das Mass der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er warf den Kopf zurück, stiess einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen würde, und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund, aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie! Überzeuge sie!

Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte sich ab, ging bis zum Haustor über die Strasse, hob den davongeflogenen Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.

Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm ein apfelgrosser Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, dass einer dies wagte. Sin alter Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.

Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein, wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den Tisch. Frau Glasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor einem andern, weissgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten. Der eben eintretende Glasser liess seinen Pack sinken, und die Betenden gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und der Knabe, mit dem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich. Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend kleinen Kopf.

Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem Ruhepunkt über den Geschennissen. Es war, als ob sich die Bilder greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah Jutta, widerrechtlich leidend, und diese dort im Haus, widerrechtlich zögernd, feig, aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen Füssen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob und den Mund öffnete? Warum sassen sie dort in ihren Zimmern und duckten sich, liessen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er konnte nicht vergessen.

Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.

Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem in das Zimmer. Elasser sass an dem kleinen gedeckten Tisch, während die andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, dass der Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau sass starr und in sich gekehrt. Als die Kinder sich in die anstossende Kammer zur Nachtruhe begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den Sast zu begleiten. Die Haustüre kreischte, und die zwei Männer traten auf die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten Lichtdreiecks, einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu und fragte sogleich: „Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?“

Sin langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde verrieten: „Das ist der Herr von Ansorge, der ’s so gut meint mit uns.“

Der Alte liess sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.

„Wie steht es also?“ fragte Arnold ungeduldig.

„Es steht schlecht“, sagte Elasser. „Keine Hand bewegt sich. Es werden Erhebungen angestellt, heissts, und mich haben sie herumgehesst wie einen Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart’, wir warten lang genug, is es gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt, und dann ist keine Hoffnung mehr.“

„Es ist in der Schrift geschrieben,“ mahnte der Fremde, „man soll das Unrecht sich ergiessen lassen ganz.“

„Eine schöne Schrift!“ rief Arnold empört. „Wartet ihr darauf, bis man euch den Kopf abschlägt?“

Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. „Herr,“ antwortete er, „Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch. Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und nicht für uns.“

Langsam waren die drei gegen das Flussufer gegangen. Arnold stiess mit dem Fuss einen Stein ins Wasser, und heftig bewegt sagte er: „Aber wie könnt ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen. Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.“

„Der Herr ist in einem grossen Irrtum“, erwiderte Elasser finster. „Das Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.“

Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äusserster Feindseligkeit: „Lügner und Faulenzer seid ihr.“

Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der Geduld, die ihm Herz und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, die die Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht, obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her. Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. „Ja, Samuel,“ sagte er mit veränderter Stimme, „du musst deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst, hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden, dass wir können eine Audienz bekommen, und Seine Majestät wird uns anhören.“

„Er wird richten“, sagte Arnold befriedigt.

„Ich will nicht sagen, er wird,“ antwortete der Alte mit feinem Lächeln, „aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.“

Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch beredeten, kniete Arnold am Flussufer nieder, nahm die Mütze ab, legte die Binde beiseite, die seinen Hals umschloss, stülpte die Ärmel bis an die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser. Darauf wurde ihm wohl und kühl.

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