Kitabı oku: «Ich war HEINTJE»
Jan Adriaan Zwarteveen
ICH WAR HEINTJE
Jan Adriaan Zwarteveen
ICH WAR HEINTJE
Sein Leben als Kinderstar
mit der unvergesslichsten
Stimme der Welt
Aus dem Niederländischen
übersetzt von
Willy und Silvia Bemer

Bildquellen
Bildtafel I: © Hein Simons,
Bildtafeln II bis XXXII: © Norbert Unfried, Hamburg,
Foto im Textteil Seite 172: © Adriaan Zwarteveen
1. Auflage 2017
© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf
Telefon 0041 55 442 68 48
www.gigerverlag.ch
Lektorat: Monika Rohde
Umschlaggestaltung:
Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung von Fotos von © Norbert Unfried und © German Popp
Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln
e-Book: mbassador GmbH, Luzern
Printed in Germany
ISBN 978-3-906872-41-4
eISBN 978-3-906872-50-6
Vorwort von Hein Simons alias Heintje
Die Idee zu diesem Buch entstand im Jahr 2014, als ich Jan Adriaan Zwarteveen, meinen holländischen Produzenten, mit dem ich schon länger zusammenarbeite, in seinem Studio wegen einer gemeinsame CD-Produktion besuchte. Jan ist seit vielen Jahren ein erfolgreicher Produzent und Texteschreiber und er meinte so nebenbei: »Du hast als Kinderstar so viel erlebt und noch niemand hat ein Buch darüber geschrieben. Das ist eigentlich schade.« Damit hatte Jan die Idee eines Buches geboren.
Er machte sich danach sofort an die Arbeit und begann mit der Recherche, die drei Jahre dauerte. Entstanden ist ein wunderbares Buch: mein Weg als Kinderstar, mit vielen schönen und spannenden Geschichten. Auch für mich war es berührend, diese Geschichten zu lesen, weil ich sie zum einen Teil schon vergessen hatte und zum anderen Teil noch gar nicht kannte.
Es freut mich, dass dieses einmalige Buch entstanden ist, und ich danke Jan Adriaan Zwarteveen ganz herzlichst für die großartige Arbeit, die er geleistet hat und das einmalig schöne Buch, das dadurch entstanden ist. Der Zufall wollte es auch noch, dass sich unabhängig davon ein Verlag aus der Schweiz meldete, der gerne ein Buch über meinen Werdegang machen wollte. Großen Dank auch an die Verlegerin Sabine Giger für ihre Wertschätzung meiner Geschichte und ihre Bereitschaft, das Buch herauszubringen. Mit den Fotos, die dafür zusammengetragen wurden, ist es eine eindrucksvolle Dokumentation meiner Karriere als Kinderstar, die auch für mich selbst unvergesslich bleiben wird.
Dass so etwas in der damaligen Zeit möglich war, als das Musikgeschäft noch nicht so weit entwickelt war wie heute, ja, dafür brauchte es sicher Talent und auch eine Portion Glück, um entdeckt zu werden. Aber vor allem brauchte es Menschen, die mit dir arbeiten, und das Publikum, das hinter dir steht, an dich glaubt und deine Musik mag.
Ich bedanke mich bei allen Menschen, die mich in dieser Zeit begleitet haben, meinen Fans, meinem Publikum, das mir bis heute treu geblieben ist, und vor allem auch meiner Familie, die immer hinter mir gestanden hat. Es war eine unbeschreibliche schöne Zeit, die nur möglich war dank euch allen!
Herzlichst
Euer Hein Simons alias Heintje
Oktober 2017
Inhalt
Ein Wort vorab
Spuren
Gedicht »De Nachtegal van Bleyerheide«
De Nachtegal van Bleyerheid«
Eine spontane Entscheidung
Zurück zur Muttersprache
Jetzt fehlen nur noch die Texte
Präsentation in Westerlo und ’s Hertogenbosch
Ein bisschen Familiengeschichte
Im Schatten der Kohle
Das Jahr 1955
Hendrik in Brunssum
Eygelshoven 1962
»De Hannibar« in Bleyerheide
Ein Talent wird entdeckt
Eine Tafel Schokolade und ein Kaninchen
Eine Bühne für Heintje
Talentshow in »Het Streeperkruis«
Jean von Libergens Spürnase
Addy Kleijngeld bekommt einen neuen Schüler
Die erste Plattenaufnahme
Liedtext »Mama«
Vor der Musikbox und darin
Ein Lied überwindet Grenzen
Zwei neue im Team: Ronny und Hans Hee
Skandal im Theater von Heerlen
Parlamentarische Anfragen
Zehntausend Gulden unter der Hand
Auf nach Deutschland
Der goldene Schuß
In der Duisburger Mercator-Halle
Der Preis des Ruhms
Bleyerheide wird Wallfahrtsort
Rückzug nach Neu-Moresnet
Neue Verträge, neue Erfolge
Ariola
Vier goldene Schallplatten auf einmal
Blumenregen in der Gruga-Halle
Eine halbe Million in 100-Gulden-Scheinen
Gert und Hermien Timmerman
Die Paradepferde rücken in die zweite Reihe
Timmermans falscher Zug
Addy Kleijngeld macht sich selbstständig
Produzent und Manager in einer Person
Heintje wird ein Markenartikel
Ausgerechnet Bananen!
Mit Ariola in die Arme von Bertelsmann
Ein Vertrag, der sich lohnt
Auch CNR kommt gut dabei weg
Heintje als Filmstar
Heintje – Zielscheibe für Neid und Hass
Gold, noch mehr Gold und Platin
Der zweite Goldene Löwe
Edison
Das Trophäenjahr 1970
Zehn Millionen verkaufte Tonträger in den Niederlanden
Grand Gala du Disque
Falscher Alarm
Und noch mehr Filme
Amerika, wir kommen
Ein kurzes Hin und Her zwischendurch
Heintje zwischen Atlantik und Pazifik
Ein verlockender Vertrag
Das Heimweh ist stärker
Eine Ausstellung, die provoziert
Eine ernste Drohung
Der Blinddarm und die Stimmbänder
Der »liebste Patient der Welt«
Spekulationen über den Stimmbruch
Sind die großen Erfolge vorbei?
Aus Heintje wird Hein
Der Anschlag
Der Täter: angeschossen, festgenommen, verschwunden
Siegfried Martin meldet sich in Verviers
Wie geht es weiter
Die Pause
Tournee durch Indonesien
Comeback mit Hindernissen
Südafrika
Hin und Her
Pferdesport
Der Tod von Addy Kleijngeld
Heute
Liedtext »Ik zeg dank«
Bildteil
Diskografie
Filmografie
Literatur
Über den Autor
Ein Wort vorab
Dieses Buch ruft Erinnerungen wach an die unglaubliche Karriere eines Jungen mit einer Stimme wie eine Nachtigall. Einer Stimme, die in einer Zeit erklang, in der die Welt vor großen Veränderungen stand. Zum Glück ist uns diese Stimme in den Rillen von Millionen von Vinylschallplatten erhalten geblieben.
Dafür sage ich Danke.
Jan Adriaan Zwarteveen 2017
Spuren
Ich weiß nicht, ob es einmal ein Denkmal geben wird, aber dass die Erinnerung bleiben wird, weiß ich gewiss. Hier in Bleyerheide, in dieser ohnehin schon etwas trostlosen Umgebung, regnet es an diesem Tag des Jahres 2016 wie aus Kübeln. Wer hier jetzt spazieren geht, tut das nicht der Romantik der Gegend wegen. Hier sollte man den Kragen hochschlagen und den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern ziehen.
Wie anders muss es gewesen sein, als Heintje Simons auf diesem Platz mit seinen Freunden aus dem Viertel Fußball spielte. »De Hannibar«, damals die Nr. 27, jetzt Nr. 13 am Dr. Ackensplein, existiert noch, wenigstens das Gebäude. Der schöne weiße Anstrich allerdings, den das Haus zu der Zeit hatte, als die Familie Simons hier ein Café betrieb, ist durch ein knalliges Rot ersetzt worden. Die niedrigen Gebäude auf der anderen Seite des Platzes wurden abgerissen und durch standardisierte Neubauten ersetzt.
Das rote Haus mit der Gastwirtschaft gehört jetzt der Familie Ackens, und das einstige Bergarbeiterviertel erinnert durch nichts mehr an den »Wallfahrtsort« von 1960, als von hier aus Heintjes Karriere begann und ganze Busladungen von Fans aus Belgien, Deutschland und Holland auf dem Dr. Ackensplein ankamen. Unverändert allein, schaut von der Mitte des Platzes der Gekreuzigte wie ehedem in die Runde
De Nachtegaal van Bleyerheide
Diep in het Zuiden in het land van Rode
Toen in die streek de mijnbouw nog bestond
Diep in de warme schoot van ‘Moeder Aarde’,
Klopten de kompels ‘zwarte goud’, uit Limburgs grond
En na een dag van zweten in het duister
Togen de mannen naar het buurtcafé
En wierp men dan een kwartje in de jukebox
Dan zong de kasteleinszoon alle plaatjes mee
Hij was de Nachtegaal van Bleyerheide,
zijn stem klinkt nog in groeven van vinyl
Hij werd de zoon, de zoon van alle moeders,
Verstond de kunst, hij zong zich rechtstreeks in je ziel
Hij was de Nachtegaal van Bleyerheide,
hij werd alom geprezen en bemind
Hij was de zoon, de zoon van alle moeders,
helaas voor hen, hij bleef niet altijd kind
Het Amsterdam van einde jaren zestig
studentenrellen, provo’s op de Dam
en Dolle Mina’s op de barricades
Een nieuw geluid dat over Holland kwam
De radio draait Rolling Stones en Beatles
Vervreemdt steeds meer en meer van eigen taal
En daar was hij, als antwoord op het heimwee
Zijn Mama was de moeder van ons allemaal
De Nachtegaal van Bleyerheide
Mit dem 2013 von JAZ Musik herausgebrachten Album,De Nachtegaal van Bleyerheide,beginnt meine Zusammenarbeit mit Hein Simons. Als Besitzer des Plattenlabels JAZ Musik entschließe ich mich 2013, eine Zusammenfassung der früheren Erfolge von Heintje zusammenzustellen; der Musik, die ich schon als Kind gerne gehört habe. Außer seinen holländischen und deutschen Erfolgen enthalten die drei CDs auch etwa 20 englische Titel, die seinerzeit bei MGM erschienen sind. Diese Songs waren mehrmals auf der amerikanischen Hitparade »hot 100« platziert, was in Europa praktisch unbekannt ist, weil die Stücke nie auf demholländischen oder deutschen Markt erschienen. Als ich beim Zusammenstellen der Songs bei Hein Simons früherer Plattenfirma CNR (Cornelis Nicolaas Rood) nachfrage,warum in den Katalogen sein englisches Repertoire fehlt,stellt mir die Frau am Telefon die Gegenfrage, ob er auch wirklich in Englisch gesungen habe. CNR, die Plattenfirma,die Millionen an diesem Jungen verdient hat und durch den seinerzeit die in Not geratene Firma aus den roten Zahlen herauskam, weiß nichts über den umsatzstärksten Künstler ihrer Backlist! Die freundliche Frau am Telefon ist sich nicht bewusst, dass sie im Grunde ihren Job dem Erfolg verdankt, den Heintje Simons aus Bleyerheide vor 40 Jahren hatte. Das wirft wieder einmal ein bezeichnendes Licht auf die Oberflächlichkeit, die im Showbusiness herrscht, und wie man dort mit verdienten Künstlern umgeht, sobald sie nicht mehr das ganz große Geld einspielen.
Hein Simons mag bei seiner früheren Plattenfirma vergessen sein, doch bei den Diskjockeys von Radio Hilversum ist er das nicht. Gleich nach meiner ersten Promotionrunde wird mir klar, dass an der 3-CD-Box großes Interesse besteht. Doch darüber hinaus wird mir von den Programmmachern jedes Mal die Frage gestellt, ob Hein Simons noch aktiv ist. Leider muss ich die Antwort schuldig bleiben. Eigentlich habe auch ich ihn etwas aus den Augen verloren. Um die Fragen nach Interviews beantworten zu können, wende ich mich an seinen Fanclub und erhalte nach mehrmaligen Anfragen seine Telefonnummer.
Eine spontane Entscheidung
Hein wohnt in Belgien im Dorf Moresnet, nahe dem niederländischen Vaals, auf dem 40 Hektar großen Landgut »Groot Schimper«. Hier hat er sich endlich sein oft besungenes Schloss gebaut. Dass ich ihm die CD-Box zugeschickt habe, ist ein guter Anlass für einen Anruf, denke ich. Am Telefon meldet sich ein freundlicher Mann, der bereit ist, mit mir zu sprechen. Er freue sich, dass er eine Box bekommen hat, denn das geschehe sonst fast nie, sagt er. Wir reden über die Zusammenstellung der Lieder und die Biographie im Booklet. Auf meine Frage, ob er etwas Promotion machen möchte, bekomme ich die kurze, aber klare Antwort: Ja, aber nur per Telefon, wenn er nirgendwo hinmüsse, per Telefon sei es in Ordnung. Ich glaube, er wusste, wovon er sprach, es müssen mindestens 100 Anfragen nach einem Interview bei ihm eingegangen sein, die er alle auf professionelle Weise beantwortet hat.
Fast wie von selbst steht plötzlich die Frage im Raum, warum man nicht noch einmal ein Album mit auf Niederländisch gesungenen Liedern machen sollte. Seine Antwort: »Weil nie eine holländische Plattenfirma danach gefragt hat.« Noch während des Telefongesprächs wird auf der Stelle beschlossen, ein komplettes neues Album zu machen. Es ist der Beginn meiner Zusammenarbeit mit einer der größten Ikonen der Unterhaltungsmusik, die die holländische Nachkriegszeit hervorgebracht hat.
Zurück zur Muttersprache
Bis zum 3. Juni habe ich den Mann, der musikalisch einen Teil meiner Jugend geprägt hatte, immer noch nicht persönlich kennengelernt. Nach der Entscheidung, De Nachtegaal van Bleyerheide herauszubringen, haben wir hin und wieder telefoniert und über Einzelheiten des Projekts gesprochen, aber zu einem persönlichen Treffen ist es dabei nicht gekommen. So schnell damals der Kontakt hergestellt war, so schnell ist er nach den vielen Interviews im Frühjahr 2013 auch wieder eingeschlafen.
Jetzt fehlen nur noch die Texte
Ich hatte den Plan mit den niederländischen Liedern schon fast wieder zur Seite gelegt, als im Mai 2014 der für mich unvergessliche Anruf kommt. Hein Simons fragt mich, wie weit ich unterdessen mit den Texten sei, für die er mir vor einem halben Jahr die Musik geschickt hätte. Er habe für die erste Juniwoche das Studio reserviert, wir hätten doch abgesprochen, eine neue holländische CD zu produzieren.
Von diesem Moment an weiß ich, dass Hein Simons ein Mann ist, der sein Wort hält – etwas, das in der Welt des Showbusiness eine Seltenheit darstellt. Ich bin ehrlich und gebe zu, dass ich noch keinen Buchstaben auf dem Papier habe, weil ich so lange nichts mehr von ihm gehört hätte. Ich hatte ihm aus Bequemlichkeit erst einmal den Vortritt gelassen und war davon ausgegangen, dass sein Interesse an einer holländischen CD nach einiger Überlegung vielleicht doch nicht allzu groß sein würde. Denn natürlich ist eine Comeback-CD auch immer ein ziemliches Risiko. Was wir auch machen würden, es würde automatisch mit den 60 Millionen verkauften Tonträgen von einst verglichen werden. Das Einzige, was wir also tun könnten, wenn wir die CD produzieren wollten, war, zuzusehen, dass sie mit Text und Musik die ersten Kritiken übersteht. Ein Grund dafür, dass Heintje sich in der Zwischenzeit nicht gemeldet hatte, waren private Probleme, eine Scheidung und dazu noch eine Herzoperation.
Nach dem Telefongespräch im Mai mache ich mich dann aber blitzschnell an die Arbeit und schreibe 15 Liedtexte. Ich versuche, verschiedene Themen zu berühren, die zu Heins Alter passen. Aber was als Text auf dem Papier gefällt, muss noch lange nicht als gesungenes Lied gefallen.
Deshalb bin ich gespannt auf das, was mich erwartet, als ich am 3. Juni 2014 morgens um 10Uhr im Studio in Helchteren, Belgien, ankomme. Ich sehe im Halbdunkel des Studios einen Mann, der mir zuwinkt. Er solle eben das Lied noch fertig singen, ruft man aus der Technik. Dann höre ich die Worte, über denen ich lange gebrütet habe, bevor ich sie zu Papier brachte, von der Stimme gesungen, die ich aus Tausenden wiedererkennen würde, und die meinen Text jetzt zum Leben erweckt. Seine Interpretation ist tadellos, seine Stimme noch so klar wie früher, als er jetzt, im gedämpften Studiolicht stehend, mit Hingabe singt. Er scheint gerührt, das Singen in der Muttersprache weckt Emotionen – nicht allein beim Sänger, alle Anwesenden spüren, dass hier etwas Besonderes passiert. Hein Simons, der viele Orte der Welt kennt, fühlt sich hier in diesem Studio, als sei er nach Hause zurückgekehrt. Die CD könnte keinen passenderen Titel haben als Thuis (Zu Hause). Sie ist dann am 17. September 2014 erschienen. »Welkom Hein, welkom Thuis!«
Präsentation in Westerlo und ’s-Hertogenbosch
Am 17. September 2014 bin ich unterwegs nach Westerlo in Belgien, wo das vor drei Monaten aufgenommene Album Thuis von Hein Simons im Garten des Torenhofs der versammelten belgischen Presse präsentiert werden soll. Es ist ein großes Medienereignis und der Andrang enorm. Schließlich ist es schon mehr als 41 Jahre her, dass von »de Nachtegaal van Bleyerheide«, wie die Presse den jungen Heintje Simons genannt hat, ein neues holländisches Album erschienen ist, von einem Jungen, der sich zum Liebling von Millionen Menschen in der ganzen Welt entwickelt hatte.
Wie ich Hein gegenübersitze, muss ich daran denken, dass von diesem Mann weltweit 60 Millionen Tonträger verkauft wurden, und es scheint mir erstaunlich, dass in Holland nie jemand auf die Idee gekommen ist, etwas Neues von ihm herauszubringen, umso mehr, als Hein immer noch eine volltönende ausdrucksvolle Stimme hat.
Am nächsten Tag ist in Holland bei der Buma-Gala in ’s-Hertogenbosch der gleiche Auftrieb an Medienleuten wie in Westerlo. Populäre Fernsehsendungen, wie Een Vandaag ([Sender] 1 Heute) und De Wereld Draait Door (Die Welt dreht durch) wollen Hein für einen Exklusivauftritt gewinnen. Als er nichts davon wissen will, weil er niemanden ausschließen möchte, verzichten beide auf Exklusivität, und so präsentiert Hein Simons um 18.30 Uhr bei Een Vandaag und um 19.00 Uhr bei Mathijs van Nieuwkerk vom DWDD sein neues Album Thuis.
Ein bisschen Familiengeschichte
Heins Vater Laurens Henri Nicolas Simons, mit Rufnamen Hendrik, wurde am 13. August 1922 geboren. Sein Vater, Heins Großvater, kam aus Eijsden in den Niederlanden. Die Familie von Heins Großmutter war aus Kelmis im ehemaligen Kleinstaat Moresnet, der von 1816 bis 1919 ein neutrales Territorium zwischen den Niederlanden und Preußen, sowie ab 1830 auch Belgien, war. Das ist allerdings schon Geschichte, als Heins Vater das Licht der Welt erblickte. Heins Mutter Johanna Agnes Pauline Garretsen, ihr Rufname war Hanni, wurde am 12. Dezember 1934 in Heerlen als Kind holländischer Eltern geboren. Der Süden der Niederlande war in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hauptsächlich römisch-katholisch, so auch Hendrik Simons und Johanna Garretsen.
Heerlen war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein ziemlich abgelegenes Dorf. Die Bevölkerung lebte hauptsächlich von der Landwirtschaft und die Infrastruktur ließ zu wünschen übrig. Wer mit dem Zug verreisen wollte, musste erst einmal nach Simpelveld oder Sittard, um nach Maastricht oder Aachen weiterzukommen. Mit der Postkutsche konnte man allenfalls das nahegelegene Valkenburg erreichen.
Im Schatten der Kohle
Doch ab 1894 änderte sich die Situation grundlegend. In diesem Jahr wurde mit dem Bau der Eisenbahn »Oranje-Nassaumijn 1« begonnen, die von 1899–1974 in Betrieb war. Wegen der Bedeutung, die das Gebiet durch den Bergbau gewonnen hatte, musste es verkehrsmäßig besser erschlossen werden, und eine regionale Zugverbindung für den Transport der Steinkohle wurde gebaut, sodass sich in Heerlen 1894 und in den folgenden Jahren nicht nur die Tore zu den Kohlegruben, sondern auch die zum Rest der Welt öffneten.
Die Ehe von Johanna und Hendrik war trotz des Altersunterschieds von zwölf Jahren sehr glücklich. Zusammen waren sie eine starke Einheit und ein gutes Team. Jeden Tag brachte der Förderkorb Hendrik unter Tage, wo das schwarze Gold gefördert wurde. Im Bergwerk wurde in Schichten gearbeitet, dadurch waren die Löhne gut. Jede Gruppe hatte Jetons mit besonderen Merkmalen. Diese Jetons waren von großer Bedeutung, denn man konnte an ihnen erkennen, ob jemand in der Morgen-, der Mittags- oder der Nachtschicht arbeitete. Jeder Bergmann hatte drei Jetons mit der gleichen Nummer. Wer unter Tage arbeitete, musste einen Jeton beim Portier abholen im sogenannten Penning-Büro. Wenn der Jeton eines Bergmanns dort fehlte, wusste man, dass er unter Tage war. Am Ende jeder Schicht mussten die Jetons abgeliefert werden, damit man wusste, dass der Kumpel wieder gesund oben angekommen war. Es gab auch eine Zwischenschicht, wenn eilige Lieferungen bedient werden mussten. Von vier Gruppen blieb jede sechs Stunden unter Tage, sodass im Bergwerk rund um die Uhr gearbeitet wurde. Der Schichtwechsel fand unter Tage am Arbeitsplatz statt. Die Kumpel arbeiteten im Akkord, das heißt, je mehr Kohle gefördert wurde, desto besser war die Bezahlung, so auch bei Hendrik Simons.
Die Bergleute wurden zwar gut bezahlt, die Arbeit war aber außergewöhnlich schwer und schmutzig. Unter Tage herrschte eine bedingungslose Kameradschaft. Hier musste man sich nicht einbürgern, ob Türken, Spanier, Italiener oder Belgier, alle arbeiteten gut zusammen und vertrauten einander blindlings! Am Ende der Schicht wuschen sie einander den Rücken, die Zusammenhörigkeit unter den Kumpels war sehr groß.
Der Bergbau brachte Wohlstand in den Süden der Niederlande. Heerlen entwickelte sich zu einer der reichsten Städte Hollands, das machte sich auch in den Haushalten bemerkbar. Während der Rest von Holland die Wäsche noch von Hand in einer Wanne mit Waschtrommel wusch, gab es in Heerlen schon die ersten elektrischen Waschmaschinen, Staubsauger und Trockenhauben. Trotzdem hoffte Vater Simons, dass seine Kinder nicht wie er im Bergwerk arbeiten müssen.
Als Johanna mit ihrem dritten Kind schwanger war, platzte das Haus in Schaesbergerveld bald aus allen Nähten. In Heerlen baute die Bergwerksgesellschaft ein neues Viertel mit Wohnungen, die die Arbeiter günstig mieten konnten. Die Wohnungen waren großzügig bemessen, modern eingerichtet, und die Familie Simons brauchte für ihr drittes Kind bald mehr Platz. Hendrik schrieb sich für eine dieser Wohnungen ein, die ihm auch bald zugewiesen wurde. Jetzt konnten die Umzugskartons gepackt werden!
So bezog die Familie in der Middelburgstraat 5 eine moderne Wohnung, die mehr Komfort hatte als ihre vorige. Die Häuser besaßen eine hohe Stufe vor der Eingangstür, wo die Frauen im Sommer saßen, um Kartoffeln zu schälen, sich auszuruhen und dabei Freud und Leid des Alltags miteinander zu besprechen. Im Viertel herrschte eine gute Atmosphäre und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war groß. Jede kannte das Risiko, dass ihre Männer trugen, die jeden Tag tief unten in der Erde arbeiteten.
Die »ON 1« besaß ein eigenes Elektrizitätswerk, für das 1937 ein Schornstein gebaut wurde, der im Volksmund der »Lange Jan« hieß. Zusammen mit der »Langen Lies«, einem anderen Schornstein, beherrschten die beiden Schornsteine die Skyline von Heeren.
Der Umzug von Schaesbergerveld nach Heerlen bot außer der größeren und schöneren Wohnung einen weiteren Vorteil: Simons Schwester Beppie und der Schwager Klaas wohnten gleich um die Ecke in der Amsterdamstraat 30. Johanna brauchte also nur über die Straße und durch eine kleine Gasse zu gehen, um mit der Schwägerin eine Tasse Kaffee zu trinken und einen Schwatz zu halten. So besuchten sich die Familien nun regelmäßig. Es war kein Problem, man kam einfach durch die Hintertür herein, und jeder war willkommen.
Das Jahr 1955
Das Jahr 1955 wurde ein Schicksalsjahr für die Familie Simons. Sie erfuhren, dass großes Glück und tiefes Leid nahe beieinanderliegen können. Bei Vater Simons zeigten sich erste gesundheitliche Probleme. Der Husten morgens beim Aufstehen war ein Zeichen dafür, dass die Arbeit im Bergwerk ihren Tribut verlangte. Bald plagten ihn auch tagsüber hartnäckige Hustenanfälle, die nicht verschwinden wollten. Mancher von Hendriks Kollegen musste frühzeitig aufhören zu arbeiten, weil der feine Kohlenstaub sich in den Lungen festgesetzt hatte.
Obwohl die Vorschrift verlangte, dass Staubmasken getragen werden, arbeiteten die meisten Kumpel unter Tage ohne. Die Masken waren nicht bequem und darunter wurde es schnell unerträglich warm. Liegend in schmalen und engen Stollen mit manchmal nicht mehr als 50 cm Höhe behinderte die Maske auch die Bewegungsfreiheit.
Die Ohrenschützer wurden ebenfalls nicht gern getragen, weil man dann nicht mehr hören konnte, wenn die Holzstempel knackten, und sich zu bewegen begannen, bevor sie vielleicht brachen und einstürzten. Das Risiko, das die Arbeiter unter Tage eingingen, war groß und jeder wusste, dass der Feinstaub Lungenemphysem und Staublunge verursachen kann. Obwohl jeder Kumpel große Angst davor hatte, deswegen nicht mehr arbeiten zu können, schob doch jeder den Gedanken daran weit von sich, so auch Vater Simons.
Am 12. August hatte Johanna Garretsen ihre dritte Geburt in der Hebammenschule. Mittags um 13.45Uhr kam Hendrik Nicolaas Theodor Simons zur Welt, er wurde unter dem Sternbild Löwe geboren, sein Rufname war Heintje.
Der Vater, der am 13. August Geburtstag hatte, konnte sein Glück kaum fassen, er sagte einem Kollegen: »Ich habe heute das schönste Geburtstagsgeschenk bekommen.« Der Haushalt war nun komplett, zwei Buben und ein Schatz von einer Tochter, was will ein Mensch noch mehr!
Die Freude an dem neuen Lebewesen wurde getrübt, als die Mutter von Johanna kurz nach der Geburt starb – doch sollten Johanna und Hendrik noch schwerere Prüfungen erfahren. Das Jahr war fast zu Ende, als das Thermometer auf ungewohnte Höhen stieg. Am 8. November wurden in der Limburgischen Bucht vom Wetterdienst 21 Grad Celsius gemessen, jeder wollte die letzten schönen Tage des Jahres 1955 genießen. So auch die Bewohner der Middelburgstraat. Man ging zu Onkel Klaas und Tante Beppie, die einen Steinwurf weit vom Haus der Familie entfernt wohnten. Keiner ahnte in diesem Moment, welch dramatische Wende dieser schöne Tag noch nehmen würde.
Es war gemütlich, die Kinder waren im kleinen Garten hinter dem Haus ins Spiel vertieft. Die Erwachsenen sprachen über die Neuigkeiten des Tages, aber hauptsächlich über das ungewöhnlich schöne Wetter. Eigentlich müssten jetzt Novemberstürme über das Land fegen, bemerkte Hendrik. Er wusste nicht, dass ein verwüstender Sturm anderer Art sie in kurzer Zeit erreichen würde. Beppie verteilte Äpfel an die Kinder und während Johanna einen Apfel für ihren ältesten Sohn George schälte, naschte auch die kleine Ingrid von den Apfelstücken. Wie es genau passiert war, wusste später keiner mehr, aber plötzlich verschluckte sich das Mädchen. Ein Stückchen Apfel, das in die Luftröhre geraten war, konnte das Kind nicht aushusten. Alle Anwesenden gerieten in Panik, man versuchte, das Kind dazu zu bringen, sich zu übergeben, aber das gelang nicht, sodass es zu ersticken drohte. Vater Hendrik nahm die Kleine aus Johannas Armen und raste mit einem in aller Eile gerufenen Taxi ins St.-Josef-Krankenhaus in Heerlen. Als er nach fünf Minuten dort eintraf, versuchten die Ärzte alles, die Kleine zu retten. Doch trotz aller Bemühungen starb die kleine Ingrid, erstickt an einem Stückchen Apfel. Johanna und Hendrik waren untröstlich.
Trotz des großen Leids musste das Leben weitergehen, es waren immer noch zwei Kinder da, um die man sich kümmern musste, der fünfjährige George und der neu dazugekommene Heintje. In dieser Zeit kam immer mal wieder ein Scherenschleifer durch die Middelburgstraat. Die Frau, die ihn begleitete, bot den Leuten Handlesen und Tarotkartenlegen an.
Als die Mutter einmal ein paar Sachen zum Schleifen brachte, fragte diese Frau, ob sie Johanna die Hand lesen dürfe. Der Vater wollte nichts davon wissen, er glaubte nicht an solche Sachen, doch seine Frau blieb hartnäckig. Nach vielem Hin und Her gab er nach und Johanna reichte der Frau ihre Hand. Das erste, was die Frau sagte, war, dass Johanna und Hendrik durch den Verlust von zwei geliebten Menschen von großer Trauer gebeugt wären. Wusste sie vom Tod von Johannas Mutter und der kleinen Ingrid oder stand es in ihren Karten? Auf jeden Fall blieb Johanna und hörte weiter zu. Sie müsse, so sagte die Frau weiter, dieses Leid bis ans Ende ihrer Tage tragen. Aber durch die anderen Kinder werde sie durch die Welt kommen und große Liegenschaften erwerben. »Ich sehe, dass eines ihrer Kinder eine besondere Rolle zu erfüllen hat.« Oft dachte die Mutter später an die Worte dieser Frau und sagte immer dazu: »Ich bin ja nicht abergläubisch, aber …«
Doch so weit war es noch lange nicht, vorläufig wohnten Trauer und Leid zwischen den Mauern in der Middelburgstraat 5. Dazu wurden die Sorgen um den Vater immer größer. Die ungesunde Arbeit von Hendrik Simons machte sich jeden Morgen beim Aufstehen durch kaum stillbare Hustenanfälle bemerkbar. Trotz allem arbeitete er weiter, es musste ja Brot auf den Tisch kommen. Sich zurückziehen oder auf Teilzeitarbeit zu gehen, würde bedeuten, dass Ende der Woche weniger Geld in der Lohntüte war. Aber seinen Söhnen wollte Hendrik ersparen, mit 16 im Bergwerk zu arbeiten, wie er selbst es musste, das sagte er immer wieder.
So gut es ging, versuchten Hendrik und Johanna, nach dem Tod der kleinen Ingrid wieder in ihren normalen Alltag zurückzufinden. Auch, weil sie nicht wollten, dass ihre beiden Jungen unter der traurigen Situation zu Hause zu sehr leiden müssen, aber intuitiv spürten beide Kinder die Trauer der Eltern. Sie blieben oft allein oder gingen auf Besuch zu Onkel Klaas und Tante Beppie, weil dort eine entspanntere Atmosphäre herrschte und die Trauer weniger spürbar war. George, der fünf Jahre älter ist als Heintje, kam in die erste Klasse der Schule des Viertels Sint Jan.
Heintje war noch bei der Mutter zu Hause und sah sie manchmal weinen. Dann wollte er sie trösten, indem er ihr etwas vorsang. Vielleicht wurde er deshalb, so erzählt Johanna später, so ein feinfühliges Kind. Auf der anderen Seite war Heintje ein aufgeweckter Bursche, nicht ängstlich und stets zu Streichen bereit, ein fröhlicher Junge, der mit großer Freude verfolgte, wie der Karnevalsumzug und die Fanfaren durch Heerlen zogen. Henriks Bruder meinte einmal so nebenbei, dass der Junge später vielleicht mal in einem Zirkus auftreten sollte! Auf jeden Fall glaubte er, dass die Bühne sein Zuhause werden könnte. Ins Leben seiner Eltern brachte er mit seiner Fantasie und seinen Kapriolen Fröhlichkeit. Neben seiner künstlerischen Seite steckte in ihm auch ein großer Lausbub. Wenn irgendwo im Viertel etwas los war, war Heintje mit Sicherheit dabei. Klingelte es an der Tür, wussten Vater und Mutter, dass er wieder etwas angestellt hatte. Doch konnte man ihn selten erwischen, meist war er schneller als der Blitz. Das brachte ihm im Viertel den Spitznamen »Sputnik« ein. Er war unruhig wie ein Sack voll Hummeln.
Hendrik in Brunssum
Der Vater war inzwischen von der »Oranje Nassau Mijn« zur »Prins Hendrik Mijn« in Brunssum versetzt worden, dort arbeitete er nur noch in der Tagschicht, was nicht ganz so anstrengend war. Jeden Morgen um halb sieben wurde Hendrik mit seinem von der Mutter gepackten »pungeltje«, in dem sein Mittagessen war, von einem Bus der Bergwerksgesellschaft abgeholt. Eine halbe Stunde später war er unter Tage. Die »Prins Hendrik Mijn« hatte mit 1058 Metern den tiefsten Schacht von ganz Holland und acht übereinanderliegende Fördersohlen. Sie war als sehr gefährlich bekannt und jeder wusste, dass hier oft Unfälle passierten. Eine Gasexplosion, die 13 Menschen das Leben kostete, wurde zum Beispiel 1928 ausgelöst, als sich bei einem Kontrollgang ausgetretenes Grubengas durch eine Benzinlampe entzündete. Weil dieser Unfall an einem Freitag, dem 13. passierte und auch 13 Todesopfer forderte, wurde er von den abergläubischen Einwohnern von Brunssum dem Teufel zugeschrieben. Wieder 13 Todesopfer waren 1947 zu beklagen. Diesmal war ein Feuer in einem Lüftungsschacht ausgebrochen. Das Wissen um die immer gegenwärtige Gefahr schaffte ein starkes Band der Zusammenhörigkeit bei den Frauen und Kindern der Kumpel.
Manchmal, wenn der Vater einen freien Tag hatte, durfte Heintje mitfahren auf dem »Töff«, der Bergwerksbahn, und sie bestiegen zusammen den Förderturm des Bergwerks. So beeindruckend der weite Blick vom Turm auf die Erdoberfläche war, so eng und beängstigend war der Blick in den Schacht, der unter die Erde führte. Davor hatte das Kind Angst. Nie würde er mit dem Vater in den Lift steigen, um nach unten zu fahren. Nach der Fahrt auf den Turm kaufte der Vater Heintje eine »penny wafel« (eine knusprige Waffel mit Schokoladenfüllung).
Hin und wieder holte Heintje seinen Vater vor der Schachtbaracke ab, in die die Kumpel nach Ende ihrer Schicht gingen, unerkennbar und schwarz von Kohlenstaub! Man säuberte sich in den Duschräumen des Minengebäudes, wo die Männer einander die Rücken schrubbten. Der Anblick der mit Staub und Ruß beschmierten Männer prägte die oft gehörten Worte des Vaters fest in Heintjes Kopf ein. Nie und nimmer, so versprach er sich selbst, wird er je einen Fuß in ein Bergwerk setzen. Einen Vorsatz, den er 40 Jahre später ein bisschen bereute. Der Vater mochte gedacht haben, das sei Desinteresse von Heintje, aber es war eine große, tiefe Angst.
Nach dem Kindergarten ging Heintje genau wie sein Bruder George in die katholische Grundschule Sint Jan in der Pannesheidestraat in Heerlen. Er war ein mittelmäßiger Schüler, ließ sich leicht ablenken und träumte davon, Fußballer zu werden. Auch Musik hatte er gern. Piet de Munter, ein bekannter Tenor, wohnte im gleichen Viertel und Heintje hörte oft dessen Gesang, wenn er durch die Straße lief. Einmal fragte er Piet de Munter, ob er mit ihm singen dürfe. So sangen beide bald die populären Lieder der Zeit zusammen. Heintje genoss das aus vollem Herzen. Doch war er nicht nur wegen des Singens im Viertel bekannt, sondern vor allem durch seine Streiche. Zu Hause ging es langsam besser und groß war die Freude dann auch, als am 6. Juni 1959 noch einmal ein Mädchen geboren wurde, das die Eltern wieder Ingrid nennen.
Als Heintjes zweites Schuljahr begann, wurde Vater Simons wegen Staublunge entlassen und musste sich mit seiner angeschlagenen Gesundheit eine andere Arbeit suchen, was natürlich finanzielle Konsequenzen hatte. Er hatte 24 Jahre – von seinem 16. bis zu seinem 40. Lebensjahr – unter Tage gearbeitet. Dazu kam noch, dass die Familie aus dem Haus in der Middelburgstraat, das der Bergwerksgesellschaft gehörte, ausziehen musste. Fast ein Vierteljahrhundert hatte Hendrik das schwarze Gold aus der Erde geholt, immer sein Bestes gegeben und seine Gesundheit bei dieser Arbeit ruiniert.
Der erzwungene Umzug war eine bittere Pille für die Familie. Außer der Plackerei, die ein Umzug mit sich bringt, bedeutete das Umziehen sozial gesehen eine enorme Zurücksetzung, gar nicht zu reden von den finanziellen Sorgen, die es mit sich brachte. Einen Tag nach Heintjes erster Kommunion zog die Familie von Heerlen in die etwas weiter gelegene Ortschaft Eygelshoven. Dort war ein Café zu vermieten. Mit dem Geld, das sie damit zu verdienen hofften, wollten Hendrik und Johanna die finanzielle Einbuße ausgleichen.
Eygelshoven 1962
Das Café »De Sport« lag in der Wimmerstraat 7. Hier begann die Familie Simons 1962 ihr Abenteuer im Gastgewerbe.
Der Bruder George und der fünf Jahre jüngere Heintje kamen hier auf die katholische Sint-Jan-Schule in der Anselberglaan, die den gleichen Namen trug wie ihre alte Schule in Heerlen. Der Vater stürzte sich auf das Organisieren der nötigen Bewilligungen, etwas, das er gern machte. Neben dem obligaten Bier, das 50 Cents kostete, hatte das Café eine kleine Karte mit Leckerbissen, die die Mutter in der kleinen Küche selbst zubereitete. Wenn Hendrik mit seinem »Papierkram« beschäftigt war, übernahm Johanna das Geschäft hinter der Bar.
Was Heintje aus dieser Periode in Erinnerung blieb, war der Zahltag: »Jeden Freitag, wenn die Bergleute ihren Lohn bekamen, versammelten sich nachmittags die Frauen vor unserer Tür und warteten auf ihre Männer, die nach der Auszahlung direkt ins Café gingen. Jede nahm ihrem Mann die Lohntüte ab und die meisten gaben dem Mann dann fünf oder zehn Gulden Trinkgeld. So konnten sie sicher sein, dass nicht der komplette Inhalt der Lohntüte in der Kasse des Cafés ›De Sport‹ verschwand. Dadurch war jeder Freitagnachmittag für das Café ein Festtag.«
Zu dieser Zeit blühte auch die Popmusik richtig auf, und im Café gab es eine Wurlitzer Musikbox, die immer mit den neuesten Hits bestückt war.
Wenn die Simons-Kinder nachmittags gegen 16 Uhr aus der Schule heimkamen, gingen sie ins Café, um Vater und Mutter zu begrüßen. Um diese Zeit begann sich das Café an der Wimmerstraat zu füllen und man hörte aus dem Lautsprecher regelmäßig »The Mamas & The Papas«, Jim Reeves und Elvis Presley. Unbewusst bekamen die Kinder jeden Tag etwas davon mit. So klang auch das von dem italienischen Wunderkind Robertino Loreti gesungene Lied Mamma regelmäßig aus den Lautsprechern, denn die 1961 herausgekommene Single war auch in der Jukebox der Familie Simons zu finden. Im Süden der Niederlande gab es damals viele italienische Gastarbeiter, die in den belgischen und holländischen Bergwerken arbeiteten. Diese Männer waren oft zu Tränen gerührt, wenn das Lied Mamma durch das Café schallte. Dann wurden sie von den Einheimischen manchmal wegen ihrer Rührseligkeit ein bisschen aufgezogen.
Doch einer konnte nachfühlen, was dieses Lied bei den Männern aufwühlte, ohne dass er auch nur ein Wort davon verstanden hatte. Heintje bat seinen Vater, ihm einen Koffer-Plattenspieler zu kaufen, damit er sich diese Single jederzeit anhören konnte und um seine Aussprache zu perfektionieren. Nach gewisser Zeit konnte er das Lied fehlerlos phonetisch mitsingen. Vater und Mutter wussten nicht genau, wen sie hörten, und waren damit seine ersten Bewunderer. Nun prahlte Vater Hendrik, dass sein Sohn diese Gabe nicht von einem Fremden habe! Von vielen Familienfesten oder Veranstaltungen im Café kannte man die Gesangseinlagen von Hendrik und Johanna Simons. Doch ihr Sohn war ein ungewöhnliches Talent. Auch Gäste, die ins Café kamen, waren sehr angetan von der hellen und reinen Stimme dieses Jungen. Manch einer riet ihm, ein Instrument zu lernen, aber Heintje wusste genau, was er wollte. Er mochte nicht in ein Orchester oder eine Band, er wollte vorn im Rampenlicht stehen! Er hörte alte Aufnahmen von Enrico Caruso und sah den Film The Great Caruso, in dem der Tenor Mario Lanza die Rolle von Caruso spielte.
Die Sterbeszene von Carusos Mutter machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Heintje wusste genau, singen und in Filmen mitspielen war das, was er später machen will. Aber von seinem Zimmer in Eygelshoven bis zur Bühne schien der Weg unendlich weit. Manchmal träumte er davon, dass er mit den Worten »Und hier, meine Damen und Herren, ist Heintje!« angekündigt wird. Solche Träume spornten ihn an, er verwirklichte sie in seinen Spielen und schmückte sie aus. Wie er sein Ziel erreichen konnte, wusste er noch nicht, aber sobald sich die Chance ergeben würde, wollte er sie mit beiden Händen ergreifen. Wenn er aus solchen Wachträumen in den Schlaf hinübergleitete, ahnte er nicht, wie nahe er dieser Chance war.
»De Hannibar« in Bleyerheide
Angespornt durch den Erfolg des Cafés in Eygelshoven, entschlossen sich Vater und Mutter 1965, den Schritt zu wagen und ein größeres Geschäft zu eröffnen. Im zwei Kilometer entfernten Nachbarort Kerkrade-Bleyerheide war ein Lokal zu vermieten, das früher ein Café gewesen war und in den letzten Jahren als Frisörsalon genutzt wurde. Hendrik und Johanna wollten den Salon wieder in ein Café zurückverwandeln. In Bleyerheide hofften sie auf bessere Geschäfte als in Eygelshoven. Trotzdem half Vater Simons in der ersten Zeit, wenn er im Café nicht gebraucht wurde, ab und zu bei einer Baufirma als Handlanger aus, denn, auch wenn das staatliche Bergwerk fast um die Ecke lag, war er nicht mehr gesund genug, um unter Tage zu arbeiten.
Heintje kam auf die katholische St.-Josef-Schule in der Pannesheidestraat, wo man Jungen und Mädchen noch separat unterrichtete. Hier wurde er in die 4. Klasse versetzt. »Das Schönste an dieser Schule waren die Pausen«, erzählt er später.
Der Ort hatte ein reges Vereinsleben, sodass man Veranstaltungen organisieren, Partys ausrichten und zusätzlich auch Tanzunterricht geben konnte. Alles Dinge, die wegen der beschränkten Räumlichkeiten in Eygelshoven nicht möglich waren. Also wurde wieder umgezogen. Das Café wurde nach Johanna »De Hannibar« genannt. Das Haus an der Dr. Ackensplein 27 hatte auf seiner Rückseite eine kleine Küche, aus dem Rest des Erdgeschosses wurde wieder ein Café gemacht. Oben gab es ein großes Wohnzimmer, von dem aus man den ganzen Dorfplatz übersehen konnte, im zweiten Stock befanden sich die Schlafzimmer. Dem Haus schräg gegenüber, auf einem steinigen Hügel des Platzes, stand ein Christusbild. »So kann er uns immer im Auge behalten«, hat Vater Simons oft scherzhaft bemerkt. Vom Platz aus gesehen rechts neben »De Hannibar« gab es in Nachbar Wiel Saldens Salon Fritten und Eis. So eine Nachbarschaft gefiel den Kindern natürlich, denn Eis und Pommes Frites gleich nebenan zu haben, war zweifellos ein »Standortvorteil« des neuen Domizils. Sollten sie je Zweifel am Sinn des Wohnungswechsels gehabt haben, so überzeugte sie die Nähe dieses Geschäfts zu 100 Prozent.
Ein Talent wird entdeckt
De hemmel op aarde bestaat, en heet Heintje.
(Den Himmel auf Erden gibt es, er heißt Heintje.)
Das Jahr 1966 begann unruhig. Am 10. März wurde bei der Hochzeit von Prinzessin Beatrix und Prinzgemahl Claus eine Rauchbombe geworfen. Außerdem gingen die Bauarbeiter auf die Straße – Vorzeichen, dass die Zeiten sich bald ändern werden.
Eine Tafel Schokolade und ein Kaninchen
In »De Hannibar« versuchten Hendrik und Johanna alles, um ihre Gäste so weit wie möglich zufriedenzustellen. Johanna war eine nette, charmante Erscheinung hinter der Theke. Bleyerheide hatte in dieser Zeit etwa 22 Cafés. In »De Hannibar« besaß man, ohne es zu wissen, einen rohen, ungeschliffenen Diamanten. Der Trumpf, der die anderen Cafés ausstach, war der Sohn des Hauses. Die Konkurrenz, das vier Häuser weiter gelegene Café Ackens, das seit 1915 bestand, schickte den Sohn Wiel, um zu fragen, ob Heintje zum jährlichen Klubabend des Kaninchenzüchtervereins singen möchte. Für eine Tafel Schokolade und ein Kaninchen sang der Junge die Sterne vom Himmel. Aber auch zu Hause in »De Hannibar« traute er sich mehr und mehr, zu den populären Songs aus der Jukebox mitzusingen. Das sprach sich in der Umgebung herum und kam auch Jo Austen, dem Besitzer des Cafés »Het Pintje« zu Ohren.
Sein Café war ebenfalls in der Bleyerheidestraat und keine 400 Meter von »De Hannibar« entfernt. Er hörte von seinen Kunden von dem Gesangswunder aus dem Nachbarcafé und beschloss, neugierig geworden, selbst einmal dort hineinzuschauen und Bekanntschaft mit den neuen Eigentümern zu machen. Austen erinnert sich noch Jahre später genau, wie sich das Kennenlernen abgespielt hat. »Wir sprachen über Minister Den Uyl, der angekündigt hatte, die Bergwerke, eines nach dem anderen, zu schließen, und was das für Folgen für das Leben in Limburg haben wird. Hendrik erzählte über sein Leben unter Tage, wo er 24 Jahre lang sein Bestes gegeben hat und dass die Arbeit schließlich seine Gesundheit ruinierte. Er war keiner von denen, die sich immer und überall beklagen, sondern ein realistischer Mann mit einem klaren Blick auf die Welt. Das Café sollte jetzt, da er für die Arbeit unter Tage nicht mehr taugte, seine Rettung sein. Natürlich war ich neugierig auf diesen Jungen, über den man so viel hörte, und war gespannt, ob ich ihn an diesem Mittag noch zu sehen bekam.
Nachdem ich ein paar Biere getrunkenen hatte, kommt ein Lausbub ins Café und fragt, ob er ein Kwartje (25 Cents) für die Jukebox haben kann, und einen Moment später hörte ich aus der Musikbox O Sole Mio von Robertino Loreti gesungen. Wie vom Himmel herunter hörte ich von hinten aus dem Café eine Stimme, die mitsang, so kräftig und sauber. Ich dachte, was ist das? Ist das die Stimme, von der jeder im Viertel erzählt? Ich drehte mich um, da war er und stand vor mir. Der gleiche Lausbub von eben, ein Dreikäsehoch, aber mit einem Volumen in der Stimme, so unvorstellbar groß, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. ›Heiliger Strohsack, ist das dein Sohn, den ich da höre?‹, fragte ich seinen Vater. ›Der Junge übertrifft ja alles. Glaub’ mir‹, sagte ich zu Hendrik Simons. ›Hier gegenüber auf dem Dorfplatz hängt am Kreuz ein Weltwunder, aber weißt du, dass du auch eines im Haus hast? So eine Stimme, so gewaltig, das muss die Welt zu hören bekommen.‹«
In diesem Moment wurde beschlossen, dass Jo dem Jungen etwas unter die Arme greifen und versuchen sollte, hier und da einen Auftritt zu organisieren. Anfangen wollte er damit in seinem eigenen Café »Het Pintje«. Vater gab Jo freie Hand. »Mach, was du willst, meinen Segen hast du«, sagte Hendrik. Also ging Heintje regelmäßig mittwochnachmittags zu Jo Austen zum Üben. Das Repertoire der damaligen Zeit bestand vorwiegend aus Schlagern wie O Sole Mio, Mamma und So ein Tag, so wunderschön wie heute. Als Austen meinte, dass Heintje die gängigen Lieder fehlerfrei vortragen könne, organisierte er einen Auftritt knapp jenseits der Grenze in Deutschland. Ein befreundeter Gastro-Unternehmer, Jo Braun, betrieb dort eine Gaststube, in der sonntagnachmittags viele Nachwuchskünstler ihre Gesangskünste präsentieren durften. Als Heintje seine Stimme dort hören ließ, war das Publikum wie von Sinnen. Für diesen ersten Auftritt bekam er 10 DM. »So hat es angefangen«, erzählt Austen und denkt an diese Zeit zurück. Heintje Simons war damals zehn Jahre alt.
Eine Bühne für Heintje
Ab und zu, wenn Kunden ihn baten, nahm Heintje in »De Hannibar« neben der Jukebox Platz und sang die Tophits der Zeit mit. »Das war lustig und unterhaltsam zugleich«, erinnert sich der frühere Nachbarsjunge Leo Schroeders. Die erste Gage von 10 Mark im Jahr 1966 war ein kleines Kapital für dieses Kind. Jo Austen versprach, ein Sparschwein für ihn zu kaufen, und von da an sollte das Geld, das er mit dem Singen verdiente, im Bauch des Schweins verschwinden. Heintje wollte dafür, so erinnert sich Austen, an Weihnachten ein schönes Geschenk für seine Eltern kaufen. Die Zeit, in der er nur für Schokolade sang, war damit vorbei. Ab jetzt musste bezahlt werden, wenn man Heintje singen hören wollte, das war Jos Einstellung. Er tat, was er konnte für Heintje, wusste aber, dass er mit seinen Möglichkeiten dem Jungen nicht gerecht werden konnte.
Intuitiv spürte er, dass dieses Talent zu groß war, um nur in Bleyerheide und Umgebung aufzutreten. Natürlich wäre es schön, Heintje hin und wieder in einem Billardsaal oder einem Altersheim singen zu hören, aber dieser Junge, das wusste Austen, musste in die Welt hinaus. Lange konnte Jo seinen Schützling nicht unter seiner Obhut halten, dazu hatte Heintje zu viel Talent. In Bleyerheide wurde er immer populärer, aber er blieb immer noch ein richtiger »Baslap«, das limburgische Wort für Lausbub. Auch war er ein sensibles Kind, das seinem Vater versprach: »Wenn ich jemals mit Singen genug Geld verdiene, musst du nicht mehr arbeiten!« Der Vater schmunzelte über so viel Mitgefühl, während Königin Juliana im Fernsehen die Hochzeit ihrer Tochter Margrit mit Pieter van Vollenhoven am 19. Januar nächsten Jahres ankündigte
Talentshow in »Het Streeperkruis«
Wir schrieben das Jahr 1967, das Sportprogramm, Langs de lijn (Entlang der Linie), war zum ersten Mal im holländischen Radio zu hören, auch in den beiden holländischen Fernsehsendern wurde dafür Werbung gemacht. In »De Hannibar« lag am 25. März 1967 Limburgs Dagblat auf dem Tisch. Die Mutter las darin, dass im Tanzlokal »Het Stree- perkruis« in Schaesberg am 29. April eine Talentshow stattfinden sollte, bei der Vertreter von Radio Luxenburg und der Plattenfirma Phonogram anwesend sein würden. Der 1. Preis des Wettbewerbs war ein Vorsingen bei der Plattenfirma. Der Abend sollte mit einem Auftritt der in Holland beliebten Künstler »Willy & Willeke Alberti« enden. Ganz nebenbei bemerkte Mutter Simons, dass das etwas für Heintje wäre. Das stieß nicht auf taube Ohren. Wochen vergingen und Heintje kam mehrmals auf die Bemerkung der Mutter zurück.
Die Talentshow fand am Samstag vor Ostern statt, eigentlich war das ein schlechtes Datum, fand Vater Simons, denn das Osterwochenende brachte im Café immer viel Arbeit. Jemand sollte Heintje begleiten, aber die Mutter musste eigentlich im Café helfen. Überhaupt meinte der Vater, dass der Junge gar keine Chance hätte mit seinem seriösen Repertoire, für ihn war es Verschwendung von Zeit und Energie, was Heintje singe, entspreche nicht dem Zeitgeschmack, sagte er dem Jungen. Jetzt waren die »Rolling Stones« und die »Beatles« angesagt. Damit wollte er HeintHeintje nach Schaesje eine Enttäuschung ersparen. Aber der war fest entschlossen und ließ sich durch nichts davon abbringen, er wollte an der Talentshow teilnehmen. Die Mutter gab endlich nach, wenn ihr Sohn unbedingt mitmachen möchte, würde sie ihn anmelden.
Am Samstag, dem 29. April, war es dann so weit. Die Mutter und Tante Beppie reisten mit Heintje nach Schaesberg, wo die Talentshow stattfand. In der Jury saßen Jean van Libergen, ehemals Chef der Abteilung Künstler und Musiker des Arbeitsbüros in Heerlen, seine Frau sowie Fräulein Begas, die Sekretärin van Libergens, ebenso Abel Postma von der Plattenfirma Phonogram, der auch das bekannte Duo »Willy & Willeke Alberti« begleitete; Frans ter Heggen war der Vertreter von Radio Luxemburg.
Die Noten der Wettbewerbsbeiträge mussten vor dem 15. April eingeschickt werden. Heintje brachte keine Noten und auch keinen Pianisten oder Gitarristen als Begleitung mit. Er meinte, er könne doch eine Platte von Robertino auf seinem Koffer-Plattenspieler abspielen und dazu singen.
So sah man an diesem Abend einen hübschen Jungen mit seiner Mutter und seiner Tante in den Saal kommen. Der Moderator fragte, wer ihn begleiten solle, da kam die Wahrheit an den Tag. Er möchte zu seinem mitgebrachten Koffer-Plattenspieler singen, zur Stimme, die dort auf der Platte ist. Das stieß erst einmal auf Widerstand, besonders bei den anderen Kandidaten. Man argumentierte, dass es unter diesen Voraussetzungen nicht fair sei, an der Talentshow teilzunehmen, weil man die Originalstimme auf der Platte ja mithört. Aber eigentlich nahm niemand Heintje richtig ernst, er war ja nur ein kleiner Junge von zehn Jahren. Er hatte ein unschuldiges, einnehmendes Aussehen, und wegen seiner offensichtlichen Unbefangenheit und seines amateurhaften Auftretens entschieden die Organisatoren, ihn machen zu lassen. Einfach weil niemand erwartete, dass dieses Kind auch nur die Spur eine Chance haben würde. Die Vorbereitungen wurden mitleidig belächelt, ein Plattenspieler aufgestellt, ein netter Junge daneben, der nicht so aussah, als ob er die Musikwelt aus den Angeln heben könnte.
Kaum hatte sich die Nadel auf die Vinylplatte gesenkt und die ersten Takte des Intros waren verklungen, setzte Heintje ein. Die Stimme von Robertino wurde in vollem Umfang durch diese klare junge Tenorstimme übertönt. Hier auf der Bühne stand ein Junge, der mit einer Inbrunst und Überzeugung sang, als ob sein Leben davon abhänge. Die Menschen applaudierten, jubelten Heintje zu, kletterten auf die Stühle und waren total aus dem Häuschen.
Willy Alberti und seine Tochter Willeke waren an diesem Abend Zeugen der Entdeckung eines großen Talents, das auf der Bühne von »Het Strepperkruis« vor aller Augen zeigte, was in ihm steckte. Willy war außer sich vor Freude und prophezeite Heintje eine große Zukunft, er versprach, bei seiner Plattenfirma Phonogram, bei Abel Postma, vorzusprechen, um Heintje zu fördern. Um das zu bekräftigen, drückte er dem Jungen 25 Gulden in die Hand, für ein Kind in dieser Zeit ein kleines Vermögen.
Jean van Libergens Spürnase
Aber noch einer der Anwesenden hatte eine Nase für Talente. Jean van Libergen, Organisator des Wettbewerbs und Vorsitzender der Jury. Jean war einmal in der Arbeitsvermittlung von Heerlen beschäftigt, und hatte dort die Abteilung »Musiker und andere Künstler« geleitet. Er war selbst ein professioneller Pianist und kannte das Metier von innen und außen, hatte in einem Plattengeschäft bei van Hoepen am Vrijthof in Maastricht gearbeitet und war mit den Vertretern verschiedener Plattenfirmen bekannt. Wenn die Vertreter ihre Runde im Süden der Niederlande machten, trafen sie sich mit Jean immer donnerstags in seinem Büro. Auf diesen Treffen hat er schon mehrmals neue Talente vorgestellt. So war auch Irene Lardy, die an dem Abend im »Het Streeperkruis« als Stargast aufgetreten war, zu ihrem Vertrag bei CNR gekommen.
Ein solches Treffen gab es ebenfalls am Donnerstag, dem 11. Mai, ganze anderthalb Wochen nach der Talentshow in Schaesberg. An diesem Tag erzählte Jean den Vertretern, was für ein großes Talent er letzten Samstag hatte gewinnen sehen. Die meisten waren misstrauisch. Arbeit mit Kindern brachte immer Probleme mit sich. Sie wussten, wie lästig Eltern sein können, auch der Schule musste Rechnung getragen werden und dann war da noch das Kinderamt mit der Arbeitsinspektion. Es gab ein Gesetz »van Houten« von 1874, das verbot, dass Kinder unter 16 Jahren arbeiten. Das alles wussten die Vertreter und machten keinen Hehl daraus, dass sie sich mit einem Kind von zehn Jahren, so alt war Heintje gerade, nicht belasten wollten.
Einer der Vertreter war allerdings interessiert, es war Fritz Burdorf von CNR (Cornelis Nicolaas Rood). Burdorf ließ wissen, dass seine Plattenfirma eventuell Interesse habe, aber er wollte erst mit eigenen Ohren hören, worüber van Libergen so begeistert erzählte, bevor er sich bei seinem Vorgesetzten, Hans van Zeeland, für den Jungen stark machen würde. Zusammen entschieden sie, am nächsten Morgen, dem 12. Mai, nach Bleyerheide zu fahren.
Jean van Libergen: »Nachdem wir uns in ›De Hannibar‹ vorgestellt und gesagt hatten, weshalb wir gekommen sind, war Vater Simons erst einmal argwöhnisch, weil immer noch eine Option mit Philips/Phonogram im Raum stand. Wir haben Simons Senior überzeugen können, dass er jetzt keine Bindung eingehen muss und wir nur gekommen seien, weil Fritz Burdorf Heintje gern einmal singen hören möchte. Der Junge war noch in der Schule und wir mussten warten, bis er nach Hause kommt. Es wird geplaudert über alles oder nichts, eigentlich sehr gemütlich. Weil es in ›De Hannibar‹ keine Begleitinstrumente gibt, schlägt Heintjes Mutter vor, zu jemandem im Viertel zu gehen, der ein Klavier im Haus hat. Das wäre kein Problem, ich war früher einmal Pianist, sage ich. Noch jetzt, nach 50 Jahren, weiß ich genau, welche Lieder ich gespielt habe. Wir fingen an mit Mamma, dann kam O Sole mio, und nachher noch ein österreichisches Weihnachtslied Heidschi Bumbeidschi. Schon komisch, dass genau diese Lieder später so große Hits geworden sind.«
Burdorf war überwältigt. Sein Geschäftssinn sagte ihm, dass er hier auf eine Goldader gestoßen sei, und er telefonierte noch am selben Abend mit seinem Büro. »Ich war länger geblieben und war noch da«, erinnert sich van Zeeland. Am Telefon erzählt Fritz Burdorf enthusiastisch, was er diesen Morgen gehört hatte, und fügt noch hinzu, dass, wenn sie, CNR, etwas mit dem Jungen anfangen wollten, schnell reagiert werden müsse, weil Philipps/Phonogram auch hinter ihm her sei. »Gleich darauf habe ich unseren Produzenten Addy Kleijngeld angerufen«, berichtet van Zeeland, »und ihn gefragt, ob er sich das eine oder andere Lied anhören wolle, aber es muss schnell gehen.« Kleijngeld versprach, sich darum zu kümmern, und nahm Kontakt mit Jean van Libergen in Maastricht auf.
Addy Kleijngeld bekommt einen neuen Schüler
Am Freitag, dem 19. Mai, hatte sich Kleijngeld vorgenommen, van Libergen zu besuchen, um das Weitere zu besprechen. Aber er bekam erneut einen Anruf von CNR, Hans van Zeeland war am Telefon: Ob er unterdessen den Jungen schon singen gehört hatte? Van Zeeland legte Kleijngeld ans Herz, besser so schnell wie möglich nach Bleyerheide zu reisen, weil er gehört hatte, dass auch Willy Alberti für Phonogram Kontakt aufnehmen wollte.
Am Samstag, dem 20. Mai, drei Wochen nach der Talentshow, betrat Addy Kleijngeld, ausgerüstet mit seinem Akkordeon, mittags »De Hannibar« am Dr. Ackensplein. Mutter Hanni stand hinter der Theke, als Kleijngeld hereinkam und sah auf den ersten Blick einen netten bescheidenen Mann, der sich neugierig umschaute und sich dann nach Heintje erkundigte. »Eigentlich hatte ich gleich Vertrauen zu ihm«, erzählt sie später. »Gestern Mittag«, sagte Kleijngeld, »habe ich mit Ihrem Mann telefoniert, dass Ihr Sohn jetzt zu Hause sein müsste.« »Das stimmt«, meinte die Mutter, »er ist beim Fußballspielen auf dem kleinen Platz hinter dem Haus.« Sie sollte ihn hereinrufen, weil ein Herr von der Plattenfirma da wäre, der ihn gern singen hören möchte, bat Kleijngeld. Vom Akkordeon begleitet, sang Heintje dann Mamma und O Sole mio. Nach diesen zwei Stücken sagte Addy Kleijngeld, dass Heintje wieder weiter Fußball spielen gehen könne. Er hatte genug gehört.
Dann schlug Kleijngeld Vater und Mutter Simons vor, mit ihm einen kleinen vorläufigen Vertrag aufzusetzen. Auch diesmal wiesen die Eltern Kleijngeld darauf hin, dass Phonogram/Philips die Option auf einen Vertrag besäßen. Die war an den ersten Preis gekoppelt und jeder Teilnehmer des Wettbewerbs hatte das unterschrieben.
Kleijngeld berichtete, dass er schon für Johnny Hoes gearbeitet hatte und auch mit den Selvera’s und Gert Timmerman Erfolg hatte. Das machte natürlich Eindruck. Weiter erzählte er, dass er viel für Philips gearbeitet hatte und den Direktor sehr gut kenne. Er wollte, wenn die Familie zustimmte, Kontakt mit ihm aufnehmen, um zu schauen, ob man die Option rückgängig machen könne. »Phonogram hat schließlich schon drei Wochen nichts von sich hören lassen«, bemerkte Kleijngeld beim Ende dieses Besuches so nebenbei. Zu Hause angekommen, telefonierte Addy sofort mit Hans van Zeeland: »Es könnte klappen«, gibt er ihm zu verstehen, »ich glaube, ich habe Eindruck auf diese Leute gemacht!«
Gleich am Montag sprach Addy mit Phonogram. Der damalige Direktor Jack Haslinghuis und Addy Kleijngeld kannten einander. Addy hatte schließlich für Phonogram schon bei verschiedenen Hits mitgespielt und dabei einige Male geholfen, Künstler von Philips aus einem Tief wieder zum Erfolg zu bringen. Wenn er also gern mit dem Jungen arbeiten wollte, war Phonogram bereit, auf ihre Option zu verzichten, denn mit Kindern zu arbeiten, sei ja immer lästig, sagte der Chef-Produzent Abel Postma, der bei der Talentshow in Schaesberg mit in der Jury saß, und im Grunde glaube er nicht, dass Heintje Simons die Sensation der Sechzigerjahre wird, sagte er zu Haslinghuis.
Noch am selben Tag, Montag, dem 22. Mai, besuchte Fritz Burdorf noch einmal das Café in Bleyerheide, diesmal mit einem Vertrag in der Hand. Van Zeelands Auftrag an Burdorf: Er sollte mit einem unterschriebenen Vertrag zurückkommen. Vater Simons war mit den Konditionen zuerst nicht einverstanden und wahrscheinlich musste Fritz Burdorf mehrmals mit seinem Büro telefonieren. Aber er war ein guter Vertreter, konnte reden wie ein Buch und schließlich unterschrieb Vater Simons den Vertrag. Die erste Schlacht war gewonnen! Heintje Simons war von diesem Moment an der jüngste Künstler, der bei CNR unter Vertrag stand.
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