Kitabı oku: «Heißes Geld»

Yazı tipi:


Jan Eik

Heißes Geld

Der 22. Kappe-Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Jan Eik, geboren 1940 als Helmut Eikermann, lebt als freiberuflicher Autor und Publizist in Berlin. Er schrieb eine Vielzahl von Sachbüchern, Kriminalromanen und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspielen. Bei Jaron erschienen von ihm u. a. «Schaurige Geschichten aus Berlin» (Neuausgabe 2013) sowie zwei humorvolle kleine Bücher zu den Besonderheiten der heimatlichen Sprache («Berliner Jargon», 2009; «DDR-Deutsch», 2010). Für die Krimiserien des Jaron Verlags verfasste er zahlreiche Bände: für «Es geschah in Berlin» (zuletzt: «Heimkehr», 2013), «Es geschah in Preußen» (zuletzt: «Attentat unter den Linden», mit Uwe Schimunek, 2012), die «Berliner Mauerkrimis» («Am Tag, als Walter Ulbricht starb», mit Horst Bosetzky, 2010) und «Es geschah in Sachsen» (Katzmann und das schweigende Dorf», 2011).

Originalausgabe

1. Auflage 2014

© 2014 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

ISBN 9783955520212

Für Mausa

INHALT

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Widmung

DER BRUCH

GROSSKAMPFTAG

MENSCHENRAUB

LUFTDRUCK GEGEN STALIN

UMZINGELT

DIE BESTELLTE LEICHE

BLOCKADE

EIN EHRENWERTES HAUS

BOMBENSTIMMUNG

MÄNNERWIRTSCHAFT

SENDEPAUSE

KLEINE GRÜNE MÄNNCHEN

DIE STARKEN UND EINE KÜHLE BLONDE

HRIBAL MIT H

SCHICHTWECHSEL

DIE REST-KOLONNE

BADEWETTER

FRÖHLICHE EINTRACHT

ENDE GUT – ALLES GUT?

NACHBEMERKUNG

Es geschah in Berlin …

Es geschah in Preußen …

DER BRUCH

DIE IM HERBSTWIND SCHWINGENDEN LAMPEN warfen ihren matten Schein auf die entblätterten Linden. Die gab es noch – oder wieder, sechseinhalb Jahre, nachdem ringsum alles in Schutt und Asche gelegen hatte. Wenig erinnerte an den Glanz der einst so prächtigen Allee. Zwischen der kahlen Fläche, auf der sich bis vor einem Jahr die Schlossruine erhoben hatte, und dem Brandenburger Tor, wo über den Quadriga-Resten schlaff ein rotes Fahnentuch wehte, war kein Gebäude vom Krieg verschont geblieben. Für die Weltfestspiele, vor drei Monaten mit großem Aufwand veranstaltet, hatte man die gröbsten Schäden beseitigt. Die Tristesse blieb.

Am Tage täuschten der spärliche Straßenverkehr, die Studenten der Universität, die Bauarbeiter am Zeughaus und die Mitarbeiter der Behörden, die sich in den notdürftig wiederhergestellten Bürohäusern breitmachten, Normalität vor. Jetzt, zur Geisterstunde, in einer feuchten Novembernacht des Jahres 1951, lag Preußens Prachtboulevard verlassen wie eine nutzlose Filmkulisse. Bald würde der letzte Bus der Linie 9 vorbeituckern und dann endgültig Ruhe einkehren.

Den drei Männern, die sich seit gut einer Stunde in der Ruine hinter dem Eckhaus an der Charlottenstraße aufhielten, konnte das nur recht sein. Sie hatten manche Nacht hier verbracht und kannten sich bestens aus. Selbst mit der Geschichte des Gebäudes, 85 Jahre zuvor als Grand Hotel de Rome errichtet und 1911 zu einem fünfgeschossigen Geschäftshaus umgebaut, waren sie vertraut. In den Vorkriegsjahren hatten hier Importgesellschaften, Anwälte und Reedereien residiert und Banken die Geschäftsräume im Erdgeschoss genutzt. Die Fassade Unter den Linden verriet wenig von den Bombenschäden an dem mächtigen Baukörper. Der Flügel hingegen, der sich in der Charlottenstraße bis zur Mittelstraße erstreckte, lag in Trümmern. Nur das provisorisch gesicherte Erdgeschoss verdeckte die Sicht auf die kahle Hofwand. Alle Fensteröffnungen zur Straße waren vergittert oder zugemauert, eine ausgediente Zimmertür versperrte den einzigen Zugang.

Durch diese Tür waren die Männer in den vergangenen Jahren immer wieder geschlüpft. Keineswegs unbemerkt, war doch einer von ihnen zeitweilig sogar Teilhaber jener Firma gewesen, die das mit Dachpappe gedeckte Parterre schon 1947 angemietet hatte. Zentral-Immobilien GmbH hieß das anscheinend nicht sonderlich florierende Unternehmen eines gewissen Herrn Müller. In der zerstörten Stadt wunderte sich kein Mensch darüber, dass ein Immobilienhändler sein Geschäftslokal in einer Ruine gegenüber der düster aufragenden Staatsbibliothek betrieb. Die nahen Linden waren noch immer eine gute Adresse und würden es wieder werden. Anwälte und Firmen unterhielten ihre Büros im Haus Unter den Linden 10. Im Erdgeschoss residierte die Verkehrskasse der Reichsbahndirektion Berlin. In der geschäftigen Umgebung fielen weder der Kaufmann Müller noch seine Kunden und Teilhaber auf.

Als das Schild der windigen Firma von einem auf den anderen Tag verschwand, bemerkte es kaum jemand. Die Miete wurde stets pünktlich bezahlt, und keiner kümmerte sich darum, was eine pleitegegangene Immobilienfirma in den Erdgeschossräumen lagerte.

Nebenan, direkt unter der Verkehrskasse, befand sich seit 1911 deren Tresorraum, geschützt von einem stahlbewehrten Betonmantel. Ein schmaler Gang, der keinen Platz für sperriges Werkzeug bot, umgab den festungsgleich gesicherten Raum. Spiegel in den Ecken boten dem stündlich kontrollierenden Wächter am einzigen Zugang einen Rundblick. Die Decke zu den darüberliegenden Bankräumen bestand aus meterdickem Stahlbeton.

Der Tresorraum galt als einbruchsicher. Niemand wusste das so gut wie die drei Männer, die seit einem Jahr Nacht für Nacht damit beschäftigt waren, sich bis dorthin vorzuarbeiten. Der ursprüngliche Plan, sich dem Tresor von unten zu nähern, war schon beim ersten Versuch gescheitert, denn der Grundwasserspiegel lag kaum einen Meter unter dem Kellerboden. Sie hatten sich also etwas anderes einfallen lassen müssen. «Dieser Schrank wird geknackt!», hatte Panitzke geschworen, der Entschlossenste von ihnen. Heute sollte der entscheidende Durchbruch gelingen.

Die Idee, ausgerechnet diesen Tresor zu knacken, war gleich nach dem Krieg entstanden. Damals hatten noch Reichsmark darin gelegen, deren Gültigkeit in naher Zukunft ablaufen würde. Vielleicht hatten die Beteiligten – und das waren ein paar mehr als die drei Nachtarbeiter in der Charlottenstraße – das aufwendige Unterfangen deshalb vor sich hergeschoben, ohne sich endgültig an die Arbeit zu machen.

Im Juni 1948 kam plötzlich, aber nicht unerwartet die Währungsreform. Innerhalb eines Tages galt in der westlichen Trizone nur noch die neue Deutsche Mark, von den Amerikanern ein Jahr zuvor gedruckt und unter höchster Geheimhaltung nach Deutschland eingeflogen. Die Russen standen da wie das Kind beim Dreck und mussten fürchten, in ihrer Zone mit wertlosem Altgeld überschwemmt zu werden. Als die westlichen Alliierten die D-Mark, mit einem runden B-Stempel versehen, auch in ihren Berliner Sektoren zur gültigen Währung erklärten, verhängten die Russen eine Blockade gegen West-Berlin. Im Osten beklebte man mangels neuer Scheine die alten mit eilig gedruckten Coupons, Tapetenmark genannt. Vier Wochen später lieferte Moskau seinem Besatzungsgebiet eine Deutsche Mark, deren Wert von Anfang an nur einen Bruchteil der westlichen ausmachte. Fortan galten zwei Währungen in der sich vollends spaltenden Stadt. Im Osten waren der Besitz von und der Umtausch in Westmark verboten.

Seither waren über drei Jahre vergangen. Die Berliner hatten sich an das Währungsgefälle wie an manch anderen Widersinn gewöhnt. Im Westen hielt jeder Händler die täglich aktualisierte Umtauschtabelle bereit, um die Ostkunden zu bedienen. Vollkommen ließ sich die östliche Abschottung gegen die Westmark nicht umsetzen, arbeiteten doch zahlreiche West-Berliner im Osten. Die beanspruchten einen Teil ihrer Bezüge in Westmark, um wenigstens Miete, Strom, Gas und Fahrgeld bezahlen zu können. Die Deutsche Reichsbahn samt Berliner S-Bahn befand sich in östlicher Hand, was das komplizierte Fahrscheinregime keineswegs einfacher machte. In West-Berlin mussten alle Fahrkarten in Westmark bezahlt werden. In Ost-Berlin gab es Rückfahrkarten in Ostmark. Von den Westgeldeinnahmen bezahlte die Reichsbahn ihre in West-Berlin wohnenden Angestellten.

Den drei Männern in der Immobilienfirma war der Umgang mit größeren Geldsummen – zumindest in der Theorie – vertraut. Sie setzten darauf, dass die Ost- wie die Westgeldeinnahmen für die Lohnzahlungen im Tresor der Eisenbahnverkehrskasse landeten. Oft genug hatten sie, verborgen hinter den verstaubten Fenstern der Firma Müller, die in den Hof fahrenden Geldtransporter beobachtet. Volkspolizei sicherte den Weg zum strengbewachten Tresorraum. Vierzehn Säcke hatte Erwin Panitzke am Nachmittag des 6. November gezählt. Das hatte den Ausschlag für den Nachteinsatz gegeben. Es war schon genug schiefgegangen.

Der 51-jährige Panitzke war ein drahtiger, agiler Mann von durchschnittlicher Größe. Seine eher mickrige Figur passte zu seinem Beruf – er hatte Schneider gelernt –, nur waren die Finger etwas zu dick und die Füße ein wenig zu groß geraten. Mit Nadel und Faden hatte Panitzke zuletzt im Zuchthaus hantiert, wo er dreizehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Heute sollte er wieder schneiden – mit dem in einer eiligen Aktion aufgetriebenen Schweißbrenner.

Sein Freund Willy Kremplin, drei Jahre älter und einen halben Kopf größer, bezeichnete sich selbst als Kaufmann und verfügte über nicht weniger Knasterfahrung als Panitzke. In einschlägigen Kreisen galt er genau wie seine beiden Kumpanen als professioneller Schränker von Format.

Der Dritte im Bunde hieß Werner Geißler, im Milieu als «Muhme» bekannt, seiner Brille wegen gelegentlich auch als «Doktor» tituliert. Er war es, der kurz vor eins unter der schützenden Steppdecke einen triumphierenden Schrei ausstieß: «Durch!»

Endlich! Der Steinbohrer hatte die letzten sechs Zentimeter Beton durchdrungen. Ihre Berechnungen stimmten. Der Rest schien nach der monatelangen Plackerei ein Kinderspiel. Sie waren ein paarmal drauf und dran gewesen, die Sache aufzugeben. Panitzke war es, der sich und die anderen immer wieder angetrieben hatte: «Am richtigen Tag sind in dem Tresor Millionen drin, versteht ihr? Nicht bloß ein Handgeld für jeden von uns!»

«Jeder von uns» – das waren längst mehr, als am Anfang geplant. Zwei davon saßen inzwischen in Moabit. Dass die ihr Maul hielten, galt als sicher. Erich Marggraf, ein Jahrzehnt lang in Berlin der «König der Schränker» und Chef der berüchtigten «West-Kolonne», einer Verbrecherbande, war nicht einmal von den Nationalsozialisten kleinzukriegen gewesen, obwohl die ihn als «gefährlichen Gewohnheitsverbrecher» zu Zuchthaus und Sicherungsverwahrung verurteilt hatten. Auf seinen Adlatus Addy Groß war ebenso Verlass. Außerdem brauchte der Geld, wenn er rauskam.

Schuld an der Verhaftung von Marggraf, dem eigentlichen Kopf des Unternehmens, war Panitzke – oder vielmehr dessen Umgang mit dem Brenner. Er sparte beim Sauerstoff, und die Flamme hinterließ eine Rußspur. Wenn man nicht aufpasste, geriet der Tresorinhalt in Gefahr. Genau das war beim letzten Bruch in der Wrangelstraße passiert, wo Panitzke einen Panzerschrank geöffnet hatte. Ein Teil der Beute – 22 000 West- und 26 000 Ostmark, die Wochenendeinnahmen eines geschäftstüchtigen Fleischermeisters – hatte Brandspuren davongetragen. Ausgerechnet der mit allen Wassern gewaschene Erich Marggraf war so unvorsichtig gewesen, gleich am Montagmorgen mit einem Bündel angesengter Scheine auf dem Postamt W 15 zu erscheinen. Die Bullen hatten erstaunlich schnell reagiert und ihn hoppgenommen. Ein herber Rückschlag für das große Unternehmen, zu dessen Finanzierung der Bruch in der Wrangelstraße hatte dienen sollen.

Unverständlicherweise war gleich danach Addy Groß verschüttgegangen und mit ihm das komplette Schneidgerät für die Charlottenstraße. Eigentlich ein Grund mehr, das ganze Vorhaben abzublasen. Hätten die übrigen Beteiligten gewusst, dass die Kripo bei Addy die Skizze des Tresorraums mit der Ansatzstelle für die Bohrung gefunden hatte, wäre es wahrscheinlich dazu gekommen. Doch das Geld lockte. Max Mikulla, Altmeister der internationalen Schränkergilde, riet zum Weitermachen. Für den Einsatz vor Ort war er zu alt, er half aber mit seinen Erfahrungen.

Woher die Skizze, genau genommen nur eine laienhafte Bleistiftzeichnung zweier Rechtecke, die sich an einer Ecke überlappten, stammte, wussten weder Panitzke noch der Doktor oder Kremplin. Dabei war das knittrige Papier der Schlüssel zum Erfolg. Durch die Bombe, die den Gebäudetrakt in der Charlottenstraße zerstört hatte, war auch die Wand zum Kassenraum im Erdgeschoss beschädigt worden. Bei der noch im Krieg erfolgten Instandsetzung hatte man sie um einen Meter in den Kassenraum hinein verschoben. Seitdem befand sich ein schmaler Streifen des Tresorraums unmittelbar unter dem Lagerraum der Immobilienfirma. Darauf beruhte der simple Plan. Zehn Monate hatten sie gebraucht, um ein Loch durch den Beton zu bohren. Jetzt war es so weit, die Früchte nächtlicher Schinderei zu ernten.

Dass Panitzke den Schrank aufschneiden würde, stand fest. Nur er war schlank genug, sich durch die schrundige Röhre im Boden zu winden. Er zog alle überflüssigen Kleidungsstücke aus und ließ sich an einem Feuerwehrschlauch hinab in die Dunkelheit. Es war eng, doch Panitzke schaffte es.

«Alles klar!», rief er nach kurzer Zeit. «Lasst das Zeug runter!»

Für die beiden oben Wartenden schien die Zeit stillzustehen. Voller Spannung horchten sie immer wieder in das Loch hinein, aus dem nur gedämpftes Werkzeuggeklirr und nach endlosen Minuten das Fauchen des Brenners drangen.

Eine weitere Ewigkeit verging. Kremplin standen trotz der Novemberkälte Schweißtropfen im Gesicht. Muhme blickte ihn abschätzig an. «Hast du Schiss?», erkundigte er sich spöttisch.

Unten knirschte Metall, etwas polterte zu Boden. Dann erklang endlich der Befehl: «Hochziehen!»

Der erste Sack schurrte nach oben. «Vorsichtig!», knurrte Muhme Geißler. «Das Loch hat scharfe Kanten!»

Das fehlte noch, dass jetzt ein Sack aufriss! Kremplin nahm den prall gefüllten Sack vom Haken und betastete ihn. «Ich kann es kaum glauben!», flüsterte er.

«Halt’s Maul und mach weiter!», sagte Geißler schroff.

GROSSKAMPFTAG

ES VERSPRACH ein schöner Tag zu werden. Kriminaloberkommissar Hermann Kappe hatte an diesem Sonntag, dem 11. Mai 1952, einen wohlverdienten freien Tag, und er gedachte, ihn zu genießen. Diesmal würde ausgerechnet sein jüngerer Sohn Karl-Heinz dazu beitragen. Der hatte ihm in den vergangenen Jahren nicht viel Freude bereitet. Dank seiner Beziehungen jedoch – und genau die bereiteten Kappe Sorgen – hatte der Junge Eintrittskarten für Berlins größtes Sportereignis an diesem Sonntag besorgen können: den Großkampftag der Berufsboxer in der Waldbühne. Das war schon was! Der Form halber hatte Karl-Heinz, hinter dem eine kurze und reichlich schmerzhafte Boxkarriere lag, sogar seinen älteren Bruder Hartmut eingeladen, doch der durfte als Volkspolizist, und noch dazu als Offizier, schon lange nicht mehr in den Westen. «Ich werde mir die Sandbahnmeisterschaften in Karlshorst angucken», ließ er durch seine Mutter ausrichten.

Sandbahnrennen für Motorräder auf einer staubigen Aschenpiste waren nichts im Vergleich zu den sieben angekündigten Kämpfen mit hochkarätigen Champions. Der lange Hein ten Hoff trat gegen Joschi Weidinger aus Wien an, und, ebenfalls im Schwergewicht, der vielversprechende Conny Rux gegen den starken Belgier Eugene Robert.

In seinen jungen Jahren hatte Kappe nicht besonders fürs Boxen geschwärmt, sich jedoch von der Schmeling-Euphorie in den Dreißigern anstecken lassen. Inzwischen guckte er sich gerne einen ordentlichen Kampf an, statt nur die Radio-Übertragung zu verfolgen. Obwohl dem Boxen, vor allem den Veranstaltern und einem Teil des Publikums, nach wie vor ein zweifelhafter Ruf anhaftete. Aber das fiel nicht in Kappes Ressort. Er gehörte seit über vierzig Jahren zur Mordkommission.

Seit das Berufsboxen in Berlin zugelassen war, erfreute sich der Sport, den Kappes Frau Klara als roh und gewalttätig ablehnte, zunehmender Beliebtheit. Bald sollten im notdürftig hergerichteten Sportpalast wieder Turniere stattfinden. Kappe fand die Waldbühne angenehmer, unter freiem Himmel fühlte er sich nicht so eingezwängt. Jetzt musste nur noch das Wetter halten. Feucht-milde Meeresluft lag über Berlin, die Vorhersage ließ nach einer kalten Nacht zeitweilige Aufheiterungen und örtliche Schauer oder Gewitter erwarten. In der ausgedienten Einkaufstasche, die Klara ihm aufgedrängt hatte, steckte neben dem perlmuttenen Opernglas, einer Thermosflasche mit Kaffee und dem Stullenpaket ein Regencape, das Kappe selbst im dringendsten Notfall nicht zu gebrauchen gedachte. Gegen mögliche Kälte half eher der Flachmann mit dem Hochprozentigen, den er heimlich in die Tasche geschmuggelt hatte. Dabei schwitzte er jetzt schon. Der Tag schien wärmer zu werden, als die Wetterfrösche vorausgesagt hatten.

Die Kämpfe begannen um 15 Uhr. Um gute Plätze für sie zu sichern, hatte Kappe sich frühzeitig mit Karl-Heinz am S-Bahnhof Pichelsberg verabredet. Natürlich traf der Herr Sohn mal wieder verspätet ein und eilte mit wehendem Trenchcoat die Treppe herauf. «Du hättest mir die Karte ja auch schicken können», empfing ihn Kappe bärbeißiger als beabsichtigt. Versöhnlicher fügte er deshalb hinzu: «Ich hätte dir ’n guten Platz freigehalten.»

Karl-Heinz, an kritische Bemerkungen seines Erzeugers gewöhnt, lachte. «Dafür sorgt meine Clique. Du wirst sehen, wir sitzen Ia!»

So war es tatsächlich. Als sie vom oberen Rang des Amphitheaters langsam nach unten drängten, winkte weit vorn eine grellgeschminkte junge Frau aus der Mitte einer lautstarken Meute und rief nach Karl-Heinz. Kappe brauchte keine zwei Sekunden, um zu erkennen, dass er in der Runde fehl am Platz sein würde. Unter diesen bunten Vögeln, die sich schon jetzt höchlichst amüsierten, musste ein Kriminalbeamter in seinen Jahren als Fremdkörper auffallen. Sollte eines von den Mädels in näherer Beziehung zu Karl-Heinz stehen, kam auf Klara eine herbe Enttäuschung zu. Vergeblich hoffte sie schon seit langem auf eine akzeptable Schwiegertochter.

«Ich bleibe lieber hier am Rand!», rief Kappe dem Sohn zu, der sich rücksichtslos durch die Reihen drängte.

Dem schien das recht. «Ich muss nachher noch mit dir sprechen!», rief er bloß zurück.

Auf Kappes Zureden rückten zwei betagtere Herren wohl oder übel etwas zusammen. Fürs Erste zufrieden, ließ Kappe sich in der engen Lücke nahe dem Aufgang nieder und sah sich erst einmal um.

Das weite Rund der Waldbühne, 1936 ursprünglich für die Nebenveranstaltungen der Olympiade am Hang der Murellenschlucht errichtet, füllte sich allmählich. Obwohl sich die Eintrittspreise hier nicht jeder leisten konnte, sahen sich 18 000 Besucher die Kämpfe an, wie Kappe am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren würde.

Von dem Genuss, den er sich versprochen hatte, spürte Kappe vorerst wenig. Der Lärm tobte ohrenbetäubend, und die schmale Sitzfläche verriet schon jetzt ihre Härte. Das zusammengefaltete Regencape machte es kaum besser. Die beiden Alten neben ihm, die er bei näherer Betrachtung zu seinem stillen Schrecken als etwa gleich alt mit sich selbst einschätzte, räsonierten darüber, dass die Engländer das ans Stadion anschließende Maifeld und größere Areale des Olympiageländes als Standort für ihr Hauptquartier beanspruchten, während die Amis in Dahlem residierten, wo sowieso nur hohe Nazis gewohnt hätten. Ein paarmal wandten sie sich beifallheischend an Kappe, der es jedoch vorzog, nur Undeutliches zu murmeln. Er war froh, einigermaßen entfernt von Karl-Heinz und dessen Clique zu sitzen, die sich schon jetzt durch freche Zurufe und auffälliges Gehabe bemerkbar machte. Keiner von denen sah aus, als verdiene er sein Geld mit geregelter Arbeit. Ein paar dicke Schiebertypen taten so, als gehörten sie nicht direkt zu dem auffälligen Haufen, zogen aber wahrscheinlich die Strippen bei den dunklen Geschäften, an denen sich die Jüngeren die Finger verbrennen durften.

Endlich begannen mit lautstarkem Tamtam die Vorkämpfe. Der erste Schwergewichtskampf ging nur über vier Runden. Bobby Warmbrunn gewann nach Punkten gegen einen zwanzigjährigen Anfänger. Das war nicht das, worauf die Zuschauer warteten. Auch der Leichtgewichtskampf, der mit einem wackligen Unentschieden endete, erregte eher Missfallen. Die Stimmung besserte sich erst, als mit Gerhard Hecht ein Berliner im Ring stand, der die acht Runden als Punktsieger beendete.

Kappes Nachbarn sparten nicht mit fachmännischen Urteilen und schwelgten in Erinnerungen an die großen Kämpfe der zwanziger Jahre. Von Hans Breitensträter und Paul Samson-Körner war die Rede, ebenso von Sabri Mahir, dem «schrecklichen Türken», wie er auch genannt worden war. Wiederholt versuchten sie Kappe ins Gespräch zu ziehen, aber der konnte und wollte nicht mitreden. In den Zwanzigern hatte er sich eher für Fußball als für Boxen begeistert. Allenfalls war ihm der Name von Franz Diener geläufig, den die beiden zu ihrer Freude drei Reihen tiefer im Publikum entdeckten. Kappe wusste, dass der ehemalige Boxer in Charlottenburg ein gutgehendes Lokal betrieb, in dem Berlins selbsternannte Prominenz verkehrte. Mehr fiel ihm zu dem Mann nicht ein.

Noch weniger ahnte er, dass etliche Reihen hinter ihm zwei Männer saßen, deren Gesprächsinhalt ihn wesentlich mehr interessiert hätte als alle Box-Reminiszenzen. Dabei waren die beiden vom Geschehen im Ring durchaus gepackt, hatte der Ältere und Größere der beiden doch einige Jahre lang keine Gelegenheit gehabt, einem offiziellen Boxkampf beizuwohnen. Dass er selbst mal im Ring gestanden hatte, sah man seiner von einem zu weiten Anzug umschlotterten Figur nicht auf den ersten Blick an. Die ungesund fahle Färbung des ausgemergelten Gesichts deutete eher auf einen zu langen Aufenthalt in geschlossenen Räumen hin.

«Na, wat sachste?», erkundigte sich sein Begleiter, ein mausköpfiges Kerlchen mit flacher Stirn und störrischem Haar, dem auch das schmale Menjoubärtchen unter der angeknickten Nase nicht zum erwünschten Aussehen eines Charmeurs und Weltmannes verhalf. Wenn der jemals geboxt hatte, dann allerhöchstens im Fliegengewicht.

«Ich komme gar nicht über die Geschichte hinweg», antwortete der Bleiche erschüttert. «Wieso hast’n das nicht gleich gesagt?»

Dem Kleinen, der mit Knickerbockerhosen, grellkariertem Sakko und Schiebermütze in Fischgrätenmuster nicht übermäßig modisch gekleidet war, fiel nichts anderes ein als: «Mensch, du musst dich erst mal zurechtfinden, hier in der neuen Welt …» Insgeheim ärgerte er sich, den Mund nicht gehalten zu haben. Er kannte Arnfried Weisel. Versprach eine Sache nur ein Minimum an Erfolg, verbiss der sich darin wie ein Köter in einen saftigen Knochen.

«Ich hab mich immer und überall zurechtgefunden!», gab Arnie prompt zurück. «Nun lass mich mal’n bisschen was Genaueres wissen!»

«Ausgerechnet hier?» Rudi Fenske, der in seinen Kreisen als «Funze» verkehrte, blickte sich um. Kein Mensch nahm Notiz von ihnen, zumal im Ring der nächste Kampf angekündigt wurde. «Das hat Zeit bis heute Abend.» Er hätte sich in den Hintern beißen können! Die Angelegenheit mit Arnie war von vornherein verkorkst, und das ausschließlich durch seine eigene Schuld. Er war und blieb ein Unglücksrabe! Brachte er mit den Händen ausnahmsweise mal was zustande, riss er es mit dem Mundwerk allemal wieder ein. Arnie gegenüber einen geglückten Millionenraub zu erwähnen war eine Schnapsidee gewesen! Der dachte doch an nichts anderes als an Geld! Er selbst auch, zugegeben – aber nicht in diesen Dimensionen.

Kennengelernt hatten Arnie und er sich Ende ’48 in Luckau, einer unbedeutenden märkischen Stadt, deren Namen in gewissen Kreisen kein guter Klang anhaftete. Im alten Luckauer Knast hatte schon so mancher ein paar Jährchen abgebrummt. Funze hatte nur achtzehn Monate dort gesessen, und das allein durch einen unglücklichen Zufall. Er war im Berliner Wedding aufgewachsen und alles andere als ein Ganove von Format. Lieber angelte er die kleinen Fische, stand mal Schmiere, sammelte Informationen und gab sie an Interessierte weiter. Der dilettantische Bruch in einer Provinzsparkasse, zu dem Funze sich hatte überreden lassen und der ihm Luckau beschert hatte, war eine Nummer zu groß ausgefallen, wie er sich inzwischen insgeheim eingestand. Noch dazu hatten sie das Ding kurz vor der Währungsreform gedreht – aber wer hatte das damals ahnen können?

In der überfüllten Zelle, wo unverbesserliche Nationalsozialisten taten, als hätten sie um ein Haar den Krieg gewonnen, und ein paar Politische, die nicht mal wussten, weshalb sie inhaftiert waren, sich mausigmachten, versuchte er anfangs große Bögen zu spucken. Er renommierte mit seinen kriminellen Erfahrungen, bis Arnie, der dank seiner Körperkraft und Persönlichkeit tatsächlich den Ton angab, ihm einen schmerzhaften Rippenhieb verpasste und ihm kategorisch das Maul verbot.

Funze, sonst nicht der Klügste, begriff rasch, dass Arnie das Recht des Stärkeren auf seiner Seite hatte. Also schwieg er fortan und hielt sich wohl oder übel an Arnies Führerrolle. Der spielte in einer höheren Liga als er. Vier Jahre hatten sie dem übergeholfen, weil er irgendwo einen Tresor geknackt hatte. Mehr erfuhr Funze nicht. Das war auch besser so, denn die Bullen holten ihn manchmal, einfach so, um ihn auszuhorchen. Er war der Richtige dafür, ein Quatschmaul, das wusste jeder. Über Arnie zu reden, weigerte er sich jedoch standhaft.

Es dauerte lange, bis Arnie ihm das mit ein bisschen Vertrauen lohnte, und es kostete Rudi Fenske die Adresse der eigenen Mutter am Gesundbrunnen. «Über die erreichst du mich jederzeit», musste er Arnie eins ums andere Mal versichern, bis der ihm endlich glaubte. Das hatte er nun davon!

Nachdem Funze nach Berlin zurückgekehrt war, verschwand Arnie vorerst aus seinem Gedächtnis. Mit der neuen Währung und den gänzlich veränderten Verhältnissen zwischen Ost und West stürmte zu viel Neues auf ihn ein. Ein halbes Jahr Plötzensee verdrängte die Luckauer Erlebnisse endgültig.

Arnie jedoch hatte den Berliner Kumpel und dessen angeblich weitreichende Verbindungen in den einschlägigen Kreisen nicht vergessen. Der Osten war sowieso nichts für ihn: Hungerlöhne bei hohen Normen, Lebensmittelkarten, knappes Fressen und eine allgegenwärtige Polizei. Kaum aus Luckau entlassen, zog es Arnie nach West-Berlin – wohin sonst. Außerdem hatte er da noch eine dicke Rechnung offen, wie er Funze gegenüber andeutete. Um die zu begleichen, brauchte er ortsansässige Hilfe.

Als Erstes suchte er Funzes alte Mutter auf und bequatschte sie so lange, bis sie ihm haarklein den Weg zu der Laube in Mariendorf beschrieb, in der sich Funze nach dem letzten Reinfall verkrochen hatte. Seit über einer Woche hausten sie nun zu zweit in der Bretterbude, in der Arnie sofort das Kommando übernommen hatte. Er wollte nicht in irgendeinem Flüchtlingsnotquartier beklaut werden. Die Befragungen durch die drei Besatzungsmächte und etliche deutsche Stellen verlangten sowieso ein ungewohntes Maß an Zurückhaltung von ihm. Dabei standen seine Chancen, als politischer Flüchtling anerkannt zu werden, nicht einmal schlecht. Nur die Freiheitlichen Juristen ließen ihn abblitzen. Die kannten überraschenderweise sein Strafregister.

Arnie verstand es, das Maul zu halten, das wusste Funze. Ihn auszuhorchen, hatte er längst aufgegeben. Wenn es jedoch sein musste, konnte Arnie auch beredsam sein wie ein Missionar auf Seelenfang. Dem fühlte Funze sich in keiner Weise gewachsen. Bis in die tiefe Nacht erzählte Arnie von den Fachleuten, mit denen er zusammengesessen hatte, richtigen Schränkern der alten Schule, die von nichts anderem geredet hätten als vom großen Geld, das in festen, stählernen Behältnissen aufbewahrt werde. Die warteten nur darauf, von geschickten Händen geknackt zu werden. «Das ist künftig unser Feld!», schwärmte Arnie, der sich in der neuen Umgebung fühlte wie ein Golddigger am Klondike. «Es kann doch nicht so schwer sein, irgendwo in dieser Stadt einen gutgefüllten Tresor ausfindig zu machen und dazu ein, zwei Leute, die was auf dem Kasten haben. Ich denke, du kennst hier Gott und die Welt!»

Funze gab sich wenig optimistisch. Namen nannte er schon gar nicht. Doch an Arnie prallten alle Einwände ab. Immer wieder fing der davon an. Auch jetzt beobachtete er aufmerksam die Betuchten, die sich in der Nähe des Rings sammelten. «Irgendwo müssen die ihre Kohle bunkern!», stieß er zwischen den ungepflegten Zähnen hervor.

Um ihm wenigstens das Hirngespinst eines mühelosen Tresoreinbruchs auszutreiben, fiel Funze nichts Besseres ein, als ausgerechnet den Bruch in der Verkehrskasse als abschreckendes Beispiel aufzubauschen. «Du hast keine Ahnung, wie das hier zugeht! Die im Osten haben alle Beteiligten ganz schnell gegriffen. Dabei sind die Jungs echte Profis, das kannst du glauben!»

«Und das Geld?», fragte Arnie, der ihm mit leuchtenden Augen zuhörte. Bis Luckau war nur eine verschwommene Version von dem Raubzug gedrungen. Jetzt wollte er jede Einzelheit hören.

Funze hob die schmalen Schultern. «Danach fragt man besser keinen», meinte er. «Die Bullen haben es jedenfalls nicht gefunden.»

Arnie grinste breit. «Na siehste! Da ist noch alles drin! An so ein Ding muss man sich ranhängen, Mensch!»

Funze zuckte zusammen. «Das lass mal lieber sein! Die Jungs sind gut organisiert und sehr empfindlich. Gegen die hast du keine Chance!»

«Erzähl mal!», verlangte Arnie. «Und lass nichts aus!»

So erfuhr Arnie zwischen den Kämpfen in Bruchstücken die Geschichte vom Raub in der Verkehrskasse, wie Funze sie sich aus Zeitungsberichten und umlaufenden Legenden zusammenreimte. «Zwei werden immer noch gesucht», schloss er. «Ein gewisser Panitzke und Muhme Geißler. Den hab ich sogar danach noch …» Er verstummte, und das nicht nur, weil Arnie ihn heftig am Arm packte.

«Sag das noch mal!», verlangte er scharf. «Muhme Geißler? Ist das so ’n Spitznasiger, der sich gerne ‹Doktor› nennen lässt?»

Funze schwante nichts Gutes. «Kennste den etwa?», erkundigte er sich vorsichtig.

Und ob Arnie den kannte! «Wenn ich den erwische, mach ich ihn kalt!», sagte er so laut, dass Funze sich erschrocken umsah. Im Ring lief die letzte Runde im Mittelgewicht. Erbarmungslos wurde der Franzose, der sich nur mit Mühe bis in die sechste Runde gerettet hatte, von seinem deutschen Gegner zusammengeschlagen. Hilflos hing er in den Seilen und glotzte stieren Blicks auf den zählenden Schiedsrichter. Die Menge johlte. Aus der Ecke des Franzosen flog das rettende Handtuch als Zeichen der Aufgabe.

«Genau so verhackstücke ich deinen Muhme!», kommentierte Arnie das Geschehen im Ring.

Funze tat beleidigt. «Wieso denn mein Muhme?», fragte er. «Ich kenn den kaum.»

«Dafür kenne ich ihn umso besser», sagte Arnie grimmig. Er sah aus, als ginge er jeden Moment hoch wie eine Rakete. «Der ist mir einiges schuldig!»

Sorgenvoll lüftete Funze die Mütze und kraulte seine wirre Tolle. Sein loses Maul hatte ihn mal wieder tief in die Kacke geritten! Er war Geißler nach dem Bruch tatsächlich begegnet, rein zufällig, und er wusste auch noch, wo das gewesen war. Aber Arnie durfte das auf keinen Fall erfahren! Der kriegte es fertig und richtete sonst was an. Ein echter Provinzganove! Der kannte sich nicht aus in den Berliner Verhältnissen.

Aber er war schnell von Kapee, wie sich herausstellte. «Wann und wo hast du den zuletzt gesehen?», wollte er wissen.

«Nu mal langsam!», wich Funze aus, doch es half ihm nichts. Wie eine Schraubzwinge presste Arnies Riesenpfote seinen Arm. «Keine Fisimatenten, mein Junge! Ich will alles wissen. Alles! Ist das klar?»

«Ich weiß fast gar nichts …», ächzte Funze schwach. Am liebsten hätte er geheult ob seiner eigenen Dämlichkeit. Er wusste, dass er den Mund nicht halten würde.

Im Ring ging es inzwischen auf den Hauptkampf des Tages zu. Der 32-jährige Hein ten Hoff, seit fünf Jahren Deutscher Meister im Schwergewicht, musste den Wiener Joschi Weidinger besiegen, wollte er gegen den amtierenden Europameister Heinz Neuhaus antreten, der den Titel erst seit März trug. Nach seinem sensationellen Sieg gegen den Engländer Jack Gardener waren ten Hoff kaum fünf Monate als Europameister vergönnt gewesen. Es wurde Zeit, dass er den Titel zurückeroberte! Darin stimmte Kappe mit seinen beiden Sitznachbarn ausnahmsweise überein. Nachdem er Klaras Stullen vertilgt und sich mit Kaffee und ein paar Schlucken aus dem Flachmann gestärkt hatte, war er mit ihnen ins Gespräch gekommen. Während der eine ten Hoffs Laufbahn am Ende sah, setzten Kappe und sein direkter Nachbar ihre Hoffnungen auf den langen Hamburger, über dessen Größe man uneins blieb. Ob 1,91 Meter oder 1,96 Meter, war aber letztlich egal. Der Wiener, ebenfalls kurzzeitig Europameister, war jedenfalls ein ebenbürtiger Riese mit einer entsprechenden Reichweite. Hatte ten Hoff nicht sogar den gefürchteten Amerikaner Tiger Jones nach Punkten besiegt?

Ten Hoff ließ es in der ersten Runde ruhig angehen und tastete den Gegner ab, um ihn in der zweiten Runde in die Ecke zu drängen und einen wahren Hagel von Schlägen auf ihn niederprasseln zu lassen.

«Der macht nicht mehr lange», prophezeite Kappes Nachbar bedauernd. Immerhin war der Kampf auf zehn Runden angesetzt.

Sechzig Sekunden Pause reichten Weidinger nicht, um sich von dem Trommelfeuer zu erholen. Angeschlagen und noch immer etwas benommen ging er in die dritte Runde. Ten Hoff nutzte die Schwäche seines Gegners und setzte ihm blitzschnell seine harte Rechte direkt aufs Kinn. Weidinger stürzte wie ein gefällter Baum und wurde unter dem tosenden Jubel des Publikums ausgezählt.

Damit war der Tag eigentlich gelaufen, fand Kappe. Der Hintern schmerzte, und die Blase drückte. Es war also höchste Zeit, sich wenigstens die Beine zu vertreten. Gemeinsam mit dem Nachbarn, der wortreich zugab, ten Hoff unterschätzt zu haben, machte er sich an den Aufstieg. Klaras alte Einkaufstasche ließ er in der Obhut des anderen. Nur das Opernglas steckte er in die Jacketttasche.

Vor den Toiletten standen die Männer in langen Reihen. Der Lärm der Arena drang dumpf an- und abschwellend herauf, überlagert von verzerrten Lautsprecherdurchsagen. Kappe merkte, dass er Kopfschmerzen hatte und ihm das ganze Spektakel allmählich zu viel wurde. Während er noch brav in der Schlange wartete, sprach ihn plötzlich jemand an. «Guten Abend, Herr Kappe!»

Er brauchte einen Augenblick, um den Mann zu erkennen. «Holtefret!», sagte er erstaunt. Den hatte er hier am allerwenigsten erwartet. Ihr letztes Zusammentreffen lag mindestens vier Jahre zurück und ihr gemeinsames Abenteuer in der Wadzeckstraße am Alex fast sechs. Damals hatte der Kriminalassistent Eddie Holtefret ihm möglicherweise das Leben gerettet. Später hatten sie sich aus den Augen verloren. Eddie war nach der Spaltung bei der Volkspolizei im Osten geblieben. «Bist du nicht mehr bei der Konkurrenz?», fragte Kappe deshalb auch als Erstes.

Eddie schüttelte den Kopf. «Das ist endgültig vorbei», sagte er. Es klang nicht gerade erfreut.

Kappe musterte ihn etwas eingehender. Ein glücklicher Mensch sah anders aus. Eddie Holtefret war wohl ein Flüchtling. Spontan sagte Kappe: «Lass dich doch mal sehen! Wenn ich dir helfen kann …» Es war nur eine Phrase, wie er selbst wusste. Er mochte Eddie, aber ein ehemaliger Volkspolizist würde es nicht leicht haben.

Eddie lächelte gequält und winkte ihm zu. «Mal sehen», sagte er. «Da drüben wartet meine Verlobte.» Weg war er.

Vergebens hielt Kappe nach ihm und der Verlobten Ausschau. Dass es sich noch um die gleiche Braut wie vor sechs Jahren handelte, erschien ihm unwahrscheinlich.

Nachdem Kappe sich endlich erleichtert hatte, drängte ihn nichts, sich sofort wieder hinunter in den brodelnden Hexenkessel zu begeben. Den Nachbarn, der mit ihm zur Toilette gegangen war, hatte er aus den Augen verloren, an Karl-Heinz dachte er nur flüchtig. Durch das alte Opernglas hatte er von oben einen guten Blick auf den Ring.

Dort begann inzwischen der letzte Kampf über acht Runden: Conny Rux gegen den zwölf Jahre älteren Belgier Eugene Robert, der 23 Kilogramm mehr auf die Waage brachte, von seinen letzten fünf Kämpfen jedoch vier verloren hatte. Aber auch Rux war vor zwei Jahren hier in der Waldbühne von Tiger Jones in der fünften Runde k. o. geschlagen worden. Kappe erinnerte sich noch gut an seine Enttäuschung.

Es wurde ein harter Kampf. In der fünften Runde ging Rux nach einer vollen Rechten des Belgiers zu Boden. Verärgert wandte sich Kappe ab. Jetzt bedauerte er es, nach ten Hoffs Sieg nicht gleich gegangen zu sein. Jeden Augenblick konnten sich die Massen in Bewegung setzen, und dann würde es unmöglich, im Gegenstrom zu seinem Platz zurückzugelangen. Es war allemal gescheiter, sich unverzüglich auf den Weg zur S-Bahn zu machen, bevor der große Ansturm einsetzte.

Die Tasche fiel ihm ein. War die es wert, sich in ein hoffnungsloses Getümmel zu stürzen? Klara besaß mindestens drei davon. Das olle Ding stellte keinen echten Verlust dar, und auch die verbeulte Thermosflasche ließ sich leicht ersetzen. Die wirklich wichtigen Dinge wurden am Mann getragen. So war Kappe noch nie etwas gestohlen worden. Klara dagegen hatte man im Laufe der Jahre zweimal das Portemonnaie geklaut und einmal die Wohnungsschlüssel. Aus reiner Gewohnheit tastete Kappe nach Polizeimarke, Brieftasche und Schlüsselbund. Alles war an seinem Platz. Beruhigt setzte er seinen Weg fort. Die ersten eiligen Heimkehrer stürmten an ihm vorbei. Hundert Meter vor dem S-Bahnhof merkte er, dass es zu regnen begann. Das Regencape! Klara würde wegen der unförmigen Pelle einen Heidenspektakel veranstalten. Resigniert schlug Kappe den Jackettkragen hoch. An Karl-Heinz dachte er nicht mehr.

MENSCHENRAUB

HILDEGUND HRIBAL saß an ihrem Arbeitsplatz und träumte. Nicht gerade von besseren Zeiten, aber wenigstens vom bevorstehenden Pfingstfest. Das bescherte ihr zweieinhalb freie Tage. Sie freute sich darauf, zumal laut Wetterbericht angenehme Temperaturen und Sonne zu erwarten waren. Wölfchen hatte versprochen, mit ihr an die Havel zu fahren. Vielleicht würden sie essen und eventuell auch tanzen gehen. Bei Wölfchen wusste man nie, wie er gerade bei Kasse war. Das wechselte in letzter Zeit. Bei ihr war das anders, da herrschte immer Ebbe im Geldbeutel. Das kleine Gehalt reichte nur für das Notwendigste. Immerhin war sie für Montagabend zum Nachtdienst eingeteilt worden und erhielt so einen kleinen Zuschlag. Sie musste Wölfchen nur beibringen, dass solche Dienste nun mal zu ihrem Beruf gehörten.

Ohne wirklich hinzusehen, blickte Hildegund hinüber auf die grauen Fassaden der Messehallen, die jenseits der breiten Allee in der Mittagssonne glänzten. Lehnte sie sich ein wenig zurück, konnte sie sogar die winzigen Gestalten auf dem Funkturm erkennen, die von der Aussichtsplattform auf das schiffförmige Klinkergebäude hinunterschauten, in dem sie an ihrem Schreibtisch darauf wartete, dass ein vor Aufregung schwitzender Jungredakteur ihr stammelnd einen Kommentar diktierte. Darin würde er zum tausendsten Mal in mäßigem Deutsch das «Kriegstreiberregime da draußen» madigmachen. Direkt vor ihren Augen lag der böse, wilde Westen mit den vielen Arbeitslosen – und mit all jenen Verlockungen, denen Hildegund insgeheim ganz gerne erlegen wäre. Sie seufzte. Vielleicht ergab sich einmal eine Gelegenheit …

Aus dem Zimmer des stellvertretenden Chefredakteurs drangen streitende Stimmen. «Wir werden dem Gegner keine Steilvorlage liefern!», dröhnte er. «Eine solche Meldung geht nicht über meinen Tisch!» Worauf jemand sarkastisch anmerkte, dass den Hörern bei dieser Zurückhaltung nichts anderes übrigbleibe, als sich beim RIAS über die Unterbrechung des Telefonnetzes zu informieren. Das war Hünicke, ein junger Bursche mit einer frechen Schnauze, dem der Chef sofort lautstark über den Mund fuhr: «Darüber unterhalten wir uns an anderer Stelle! Einer wie du braucht einen alten Genossen wie mich nicht über die Rolle des RIAS aufzuklären!»

Die Drohung des «alten Genossen» von knapp dreißig Jahren überraschte Hildegund nicht. Jeder wusste, dass der von den Amerikanern bezahlte Rundfunk aus dem amerikanischen Sektor hier im Haus als rotes Tuch galt. Die Erwähnung des Feindsenders war – wenn überhaupt – nur unter Beifügung saftiger Vokabeln üblich. Und dass der Telefonverkehr zwischen Ost und West seit Dienstag unterbrochen war, musste inzwischen auch der Letzte mitgekriegt haben.

Hildegund hatte sich längst abgewöhnt, auf den Inhalt der Phrasen zu achten, die täglich nicht nur an ihre Ohren drangen, sondern auch auf ihren Stenoblock und anschließend in die Tasten gerieten. Nur gelegentlich machte sie auf eine besonders unpassende Formulierung aufmerksam oder korrigierte die schlimmsten Sprachschnitzer. Sie war inzwischen zur Sekretärin des stellvertretenden Chefs aufgestiegen, aber keiner von diesen neunmalklugen Fatzken ließ sich gerne von einer einfachen Tippse belehren. Stattdessen machten die Kerle sich auf schleimige Art an sie ran oder versuchten, ihr mehr oder weniger direkt an die Wäsche zu gehen. «Sexualproviant», hatte mal einer gesagt und damit all die schlechtbezahlten jungen Frauen im Haus gemeint, die in den Sekretariaten, in der Telefonzentrale und in der Technik arbeiteten.

Sexualproviant! Für so was war sich Hildegund zu schade. Ihr beinahe vergessener Verlobter, eine Kinderfreundschaft aus dem Nachbarhaus, war vom letzten Einsatz an der Oder nicht zurückgekehrt, ihr kurzzeitiges Verhältnis mit einem Kaffeeschieber bald gescheitert. Und schließlich hatte sie es nach zwei Versuchen auch aufgegeben, sich mit einem der Redakteure aus dem Funkhaus einzulassen. Politische Agitation störte sie im privaten Bereich. Zu allem Unglück hatte sich der erste Kandidat, bei der täglichen Arbeit ein besonders scharfer Genosse, unerwartet als westlicher Provokateur entpuppt, der seine Agentenausbildung in britischer Kriegsgefangenschaft verheimlicht hatte. Ihr hatte das einigen Ärger eingebracht. Der zweite, ein ausnehmend schöner Mann, um den alle Frauen sie beneideten, hatte sich im Endeffekt als einer von den vielen Homosexuellen im Hause erwiesen und wollte die Beziehung zu einer Frau als Tarnung nutzen.

Allen schlechten Erfahrungen zum Trotz wäre Hildegund mit ihrem Leben zufrieden gewesen, hätte sich Zufriedenheit überhaupt unter den von ihr erwogenen Möglichkeiten menschlicher Existenz befunden. Sie war ein von Natur aus kritischer Mensch, der nicht zu viel von den eigenen und noch weniger von den Leistungen und Fähigkeiten anderer hielt. Glücklicherweise hinderte ihre Intelligenz sie daran, sich diesbezüglich zu äußern. Im jahrelangen engen Zusammenleben mit einer starrsinnigen Mutter war es ihr gelungen, ihre Schweigsamkeit so weit zu vervollkommnen, dass man sie allgemein für zurückhaltend, ja beinahe schüchtern hielt. Als eine nicht mehr ganz junge, stets wie aus dem Ei gepellte, dezent geschminkte und sorgfältig frisierte junge Frau hinterließ sie überall den allerbesten Eindruck. In normalen Zeiten wäre sie längst als Mutter schulpflichtiger Kinder mit anderen Gedanken beschäftigt gewesen. Aber die Zeiten waren, sieben Jahre nach Kriegsende, in ihren Augen keineswegs als normal anzusehen.

Anders als ihr armer Vater, der in den Weiten Russlands verschollen blieb, hatte sie den Krieg leidlich überstanden. Als 25-jährige Nachrichtenhelferin mit Fernschreibpraxis, mit guten Schreibmaschinenkenntnissen also, besaß sie keine schlechte Ausgangsposition für einen Neuanfang. Das bisschen Steno flog ihr beinahe zu. Die kränkelnde Mutter hatte den Nahrungsmangel und den kalten Winter ’47 nicht überstanden und ihr die schlicht eingerichtete Wohnung der einstigen Familie in der Palisadenstraße hinterlassen: Stube und Küche im Hinterhof, immerhin mit Innentoilette. Das war keine erstklassige Adresse, doch sehr viel mehr, als andere junge Frauen ihr Eigen nannten. Wohnraum war knapp in Ost und West. Von den Neubauten an der Stalinallee erwarteten bloß Aktivisten des Nationalen Aufbauwerks und sächsischsprechende Funktionäre eine Verbesserung. Hildegund stand der Sinn nicht nach freiwilligen Aufbaustunden, wenn sie abends todmüde nach Hause kam.

Dass ihr die Wohnung noch zu einem ganz anderen Vorteil gereichen würde, hätte sie nicht erwartet, als sie sich vor drei Jahren auf den Rat einer Bekannten hin beim Berliner Rundfunk bewarb. Dessen Generalintendanz befand sich im alten Goebbels-Ministerium am Kaiserhof, der jetzt Thälmannplatz hieß, die Personalabteilung saß nicht weit entfernt, in der Friedrichstraße. Dort empfing sie ein finster wirkender, dunkelhaariger Mann unbestimmten Alters, dessen durchdringender Blick sie irritierte. Erst als sie den Beruf des Vaters – der war Maurer – angab, wurde seine Miene wohlwollender und hellte sich bei ihrer Adresse endgültig auf. «Wir brauchen dringend junge Arbeiterkader aus dem Osten», äußerte er mit dem rollenden R des Sudetendeutschen, und damit war sie eingestellt.

Es war ein bemerkenswertes Unternehmen, in das sie da geriet. Berliner Rundfunk und Deutschlandsender residierten als Deutscher Demokratischer Rundfunk unter sowjetischem Schutz im Funkhaus der ehemaligen Reichsrundfunkgesellschaft in Charlottenburg und damit im britischen Sektor von Berlin. Vor dem ansehnlichen Klinkerbau an der Masurenallee verkündeten nicht zu übersehende Tafeln: Achtung! Dies ist kein Westberliner Sender! Dennoch führten alle Kabel aus dem Funkhaus in den amerikanischen Sektor nach Schöneberg, zum Verstärkeramt in der Winterfeldtstraße, wo sich bis 1948 die RIAS-Studios befunden hatten. Damals hatten die Sendeanlagen noch in Tegel im französischen Sektor gestanden.

Einen eigenen Rundfunksender besaß die von den Westmächten gepäppelte Insel im roten Meer, sah man vom amerikanischen RIAS ab, nicht. Der Nordwestdeutsche Rundfunk NWDR betrieb im Haus der Zahnärzte am Heidelberger Platz ein bescheidenes Studio und weit hinter dem Olympiastadion einen schwachen Sender, der kaum über West-Berlin hinausdrang. Aus der Ribbentrop-Villa in der Dahlemer Podbielskiallee erfreute der AFN des American Forces Network die amerikanischen Soldaten und eine jugendliche deutsche Hörerschar in Ost und West mit der Musik, die sie wirklich hören wollten. In der Masurenallee lagerte Derartiges als «imperialistisch verseucht» im Giftschrank.

Zu Hause in ihrer düsteren Hinterhofstube bevorzugte Hildegund wie die meisten ihrer Nachbarn den RIAS. Das Programm fiel allemal unterhaltender und informativer aus als die dröge Propaganda aus der Masurenallee. Bei flotter Musik erfuhr man, was im Westen, vor allem aber, was im Osten wirklich passierte, und montags hörte alle Welt die Schlager der Woche. Das West-Berliner Radiokabarett Die Insulaner mochte Hildegund nicht so sehr, die populäre Unterhaltungssendung Mach mit dafür umso mehr. Die versuchten die östlichen Betriebsabende vergebens zu übertreffen.

Dass die RIAS-Kommentare genauso giftig klangen wie diejenigen, die sie täglich zu tippen hatte, störte Hildegund kaum. Es überraschte sie nur immer wieder, dass der Westen nichts Ernsthaftes gegen die feindselige Stimme in der eigenen Stadthälfte unternahm. Umgekehrt hätten die Russen sich das vermutlich nicht so lange gefallen lassen. Im Haus wurde viel darüber gemunkelt, wie lange das noch gutgehen würde. Die Übertragungstechnik war bereits in den Ostsektor umgesiedelt. Vor einigen Tagen hatte man in einer Nacht- und Nebelaktion auch den größten Teil des Musikarchivs in den Osten transportiert. Unter strengster Geheimhaltung natürlich, doch Hildegund besaß, wenn es darauf ankam, ein gutes Gehör. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass die Unzahl von Tonbändern in dem kleinen Funkhaus in Grünau Platz finden sollte. In das ehemalige Bootshaus draußen an der Dahme musste sie von Zeit zu Zeit vertrauliche Materialien bringen.

Wie der hauseigene Mundfunk meldete, war man seit einem Jahr irgendwo in Ost-Berlin dabei, ein neues Funkhaus einzurichten, zu dem West-Berliner keinen Zutritt haben sollten. Das wiederum glaubte Hildegund nicht, wohnten doch viele Schauspieler und Regisseure und fast alle Musiker seit eh und je im Westen der Stadt. Zu einem Umzug in den Osten würde sich kaum einer von denen überreden lassen.

Bei den Redakteuren holte man den erforderlichen Nachwuchs aus der Provinz, so wie diesen Bauerntölpel Volker Ratzmann, der gerade hereinstürmte, schwitzend, die zerknitterten Papierbögen schwenkend und einen Geruch nach Ziegenstall verbreitend. Unwillkürlich bekam Hildegund eine Gänsehaut. Der Kerl wagte es wahrhaftig, ihr seine feuchte Flosse vertraulich auf die Schulter zu legen und sich über sie zu beugen, als wolle er ihr in den Ausschnitt gucken. Doch da hatte er bei ihr kein Glück. Sie hatte sich angewöhnt, selbst an warmen Tagen auf ein Dekolleté oder ähnlich Aufreizendes zu verzichten.

Hildegund schüttelte Ratzmanns schweißige Pfote ab und maß ihn mit einem Blick, der ihn zurückweichen ließ. Was für ein armseliger Trottel! Mit seiner ungebärdigen Haarmähne, dem durchgeschwitzten Hemd und der fleckigen Hose sah er aus wie ein verkleideter Orang-Utan. Noch dazu trug der Riesenkerl tatsächlich Igelitlatschen! Ihre eigenen Schuhe waren allerdings auch nicht besonders modisch. Hier im Haus verzichtete sie besser auf die von Wölfchen geschenkten, denen man die Herkunft ansah. Es gab Leute, die auf so etwas achteten und es meldeten.

«Stell dich nicht so prüde an, Mädchen!», polterte Ratzmann. «Jetzt hauen wir dieser miesen Frontstadtbagage mal richtig auf den Kopp!»

Dementsprechend fiel sein wirres Pamphlet aus. Hildegund war sicher, dass selbst der Chef, der jeden Beitrag vor der Aufnahme abzeichnen musste, seine helle Freude an Ratzmanns plumpen Formulierungen haben würde. Das sollte eigentlich nicht ihre Sorge sein. Die Änderungen des Manuskripts beschäftigte sie jedoch in den nächsten Stunden noch zweimal.

Ratzmann schien sich an diesem Tag gegen sie verschworen zu haben. Als Hildegund zum Feierabend endlich hinunter in die Halle eilte, schob er seine unübersehbare Gestalt gerade durch die Ausgangskontrolle, gefolgt von Sigmar Hünicke, dem schmächtigen Kerlchen mit der großen Klappe. Der hatte zu allem und jedem etwas Dämliches anzumerken. Oft war das ganz lustig, doch auf die Dauer ging Hildegund der bissige Ton auf den Geist. Zumindest war Hünicke nicht so unsympathisch wie der ungeschliffene Schnösel Ratzmann, der jetzt neben ihm in Richtung S-Bahn herstakte. Von hinten wirkten die beiden wie das dänische Filmkomikerpaar Pat und Patachon.

Innerlich verfluchte Hildegund die beiden. Sie nahmen sich alle Zeit der Welt und trödelten herum. Hildegund wollte sie auf keinen Fall überholen. Das hätte allemal ein Gespräch provoziert, und dem wollte sie unbedingt entgehen. Es genügte ihr, die Kerle den ganzen Tag auf der Arbeit erdulden zu müssen, wenigstens die Heimfahrt wollte sie in Ruhe genießen. Sie hatte immer ein Buch bei sich. Manchmal fand sich sogar ein Sitzplatz.

Die BVG war gespalten. Omnibus, U- und Straßenbahn verlangten Westgeld. Deshalb fuhren die Rundfunkmitarbeiter mit der S-Bahn, die dem Osten unterstand. Es sei denn, sie saßen weit genug oben und verfügten über einen Dienstwagen. Normalerweise durften Autos mit Ost-Berliner Nummer nicht in den Westen, aber das galt nicht für den Funk.

Pat und Patachon näherten sich der Kreuzung am Messedamm und machten Anstalten, zum Bahnhof Westkreuz abzubiegen. Wahrscheinlich wollten sie auf schnellstem Wege in die Innenstadt, um im Osten endlich etwas trinken zu gehen. Eigentlich war das auch Hildegunds Richtung. Notfalls konnte sie jedoch von Witzleben aus mit dem Nordring fahren und an der Stalinallee in die U-Bahn umsteigen. Nahe der Samariterstraße gab es ein Konsum-Kaufhaus, in dem es sich vielleicht lohnte, vor Pfingsten nach einem brauchbaren Kleidungsstück Ausschau zu halten. Noch war ihre Punktkarte nicht leer. Immer nur auf Wölfchens Geschenke angewiesen zu sein behagte ihr nicht. Außerdem besaß er einen leicht ausgefallenen Geschmack. Was er ihr mitbrachte, war meistens viel zu auffällig für die tägliche Arbeit in einem Ost-Berliner Staatsunternehmen.

Oder sollte sie die Gelegenheit nutzen, Wölfchen mit einem Besuch zu überraschen? Diese Idee trug sie schon seit längerer Zeit mit sich herum. Weshalb sollte sie immer warten, bis er sich meldete? Bis zur Damaschkestraße brauchte sie keine Viertelstunde.

Hildegund war gerade dabei, den Messedamm zu überqueren, als sich plötzlich ein dunkler Pkw in so scharfem Tempo näherte, dass sie erschrocken zurücksprang und prompt im Rinnstein stolperte. Sie fiel auf Knie und Hände, hielt aber ihre Handtasche krampfhaft umklammert. Die Strümpfe waren hin, so viel war gewiss. Unwillkürlich kamen ihr vor Wut und Schmerz die Tränen.

Als sie sich aufrappelte, wuselten zwei Männer um sie herum, die scheinbar besorgt an ihrer Kleidung herumklopften und beruhigend auf sie einsprachen. Der dunkle Wagen, der scharf gebremst hatte, stand genau an der Stelle, von der sie eine halbe Minute zuvor zurückgesprungen war.

«Kommen Sie, wir fahren Sie ins nächste Krankenhaus!», sagte der breitschultrige Mann, dessen Hand sie vergeblich von ihrem Arm zu streifen versuchte, während der andere, ein kleiner Kerl mit einem Menjoubärtchen in der Gaunervisage, einladend die Wagentür aufhielt.

Hildegund protestierte. «Was wollen Sie von mir? Mir ist nichts passiert!»

Der Griff um ihren Oberarm wurde fester. «Das wird sich noch herausstellen. Wir fahren Sie, wohin Sie wollen.»

«Ich will nirgendwohin!» Hildegund funkelte den kompakten Kerl mit dem bleichen Gesicht an und blickte sich hilfesuchend um. Ein paar Leute blieben stehen. «Und schon gar nicht mit Ihnen!», schrie Hildegund jetzt fast, worauf der mit dem Bärtchen zu erklären versuchte, die junge Frau habe sich verletzt und bedürfe dringend medizinischer Hilfe.

«Hilfe!», nahm Hildegund das Wort auf. «Hilfe!», rief sie ganz laut. «Ich bin nicht verletzt!»

Irgendwer sprach aus, was in der Luft zu liegen schien: «Menschenraub!», worauf der Breitschultrige rot anlief und blökte: «Machen Sie sich nicht lächerlich! Die Frau muss dringend ins Krankenhaus!»

Das Nächste, was Hildegund wahrnahm, waren ein dumpfes Türklappen und der anschließende Schmerzensschrei des Menjoumännchens. Sie drehte sich um. Grinsend stand Sigmar Hünicke neben dem Wagen und blickte unschuldig durch seine Brillengläser. Er hatte die Autotür zugeschlagen und dem Kerl dabei die Finger eingeklemmt. Plötzlich lockerte sich auch der Griff um ihren Arm. Eine vertraute Stimme sagte: «Lass das Mädel los, oder ich polier dir deine schäbige Agentenfresse!»

Ausgerechnet Ratzmann! Den schickte ihr in diesem Augenblick der Himmel. Der von dem Redakteur so höflich Titulierte wandte sich dem unerwarteten Widersacher zu, der ihn um einen halben Kopf überragte. Ratzmann verlieh seinen Worten mit einem kräftigen Faustschlag Nachdruck, traf jedoch nur die Schulter seines Gegners. Immerhin ließ der massige Kerl endlich Hildegunds Arm los – und wollte sich auf Ratzmann stürzen. Hildegund schaffte es gerade noch, ihm einen heftigen Tritt gegen das Schienbein zu versetzen. Manchmal war es doch gut, derbes Schuhwerk zu tragen. Der Schmerz ließ den Mann den Kopf senken, was Ratzmann Gelegenheit zu einem weitausgeholten Haken bot. Sein Gegner taumelte. In diesem Moment spürte Hildegund eine Hand, die nach der ihren griff. «Nischt wie weg hier!», stieß Hünicke halblaut hervor und zerrte sie quer über die Fahrbahn. «Nicht umdrehen! Da drüben ins Gewühl rein!»

An der gegenüberliegenden Ecke drängte sich eine Gruppe von Menschen, denen jemand etwas über den Funkturm erzählte. Hünicke stürzte sich mitten hinein und zog Hildegund hinter sich her, bis der S-Bahn-Eingang sie endlich verschluckte. Auf der Treppe zum Bahnsteig hinunter ließ Hünicke ihr etwas mehr Zeit. «Bist du verletzt?», erkundigte er sich besorgt.

Hildegund schüttelte den Kopf. «Nur ein bisschen am Knie», gab sie dann zu. Die aufgeschürften Handballen bemerkte sie erst jetzt. «Was ist mit Ratzmann?», fragte sie.

Hünicke lachte. «Der kann sich mit seinen Mühlenflügeln selbst wehren.»

Der Südring kam zuerst, und sie stiegen ein. Wie immer um diese Zeit war es voll. Der Mief im Raucherabteil stieg Hildegund unangenehm in die Nase. Dennoch protestierte sie nicht. Auch nicht dagegen, dass Hünicke sie weiterhin ungeniert duzte. «Na, Hildchen, das war aber ’ne heiße Nummer, die wir miteinander abgezogen haben, was?»

Sie lächelte schwach. «Ich weiß überhaupt nicht, was die von mir wollten.»

«Ich schon!», behauptete Hünicke, beließ es jedoch dabei.

Am Westkreuz stiegen sie aus und gingen hinunter zur Stadtbahn. Im Schutz des Aufsichtshäuschens und nachdem er sich umgesehen hatte, setzte Hünicke seine Aufklärung fort. «Die waren von der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, der KgU! Todsicher! Die wussten genau, auf wen sie es abgesehen hatten.»

Hildegund erschrak jetzt doch ein bisschen. «Wer bin ich denn, dass die sich für mich interessieren?»

«Eigentlich müsstest du das gleich melden», meinte Hünicke, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Abwehrend verzog sie das Gesicht. «Du bist wohl verrückt!» Unwillkürlich duzte sie den Redakteur ebenfalls. Der war ein paar Jahre jünger als sie. Immerhin hatte er ihr rausgeholfen aus dem Schlamassel, dafür musste sie ihm dankbar sein. «Damit ich meinen Namen morgen in allen Zeitungen wiederfinde? Was versprichst du dir davon?»

Das war für Hünicke ein Argument. «Aber Ratze wird sich mit seiner Heldentat brüsten», vermutete er.

Die S-Bahn fuhr ein. «Tu mir den Gefallen und rede ihm das aus!», bat sie beim Einstiegen.

«Ich werd sehen, was sich machen lässt …», meinte er und griente schon wieder dreist, wobei er sich ein bisschen an sie drängte. «Jetzt bringe ich dich erst mal nach Hause zu Mutti.»

Unglücklicherweise sagte Hildegund: «Die ist schon ein paar Jahre tot.»

Hünicke grinste noch breiter. «Umso besser!», sagte er.

LUFTDRUCK GEGEN STALIN

ALS HERMANN KAPPE an diesem kühlen Maiabend nach Hause kam, erwartete ihn statt eines schmackhaften Abendessens in einem friedlichen Heim seine aufgebrachte Frau Klara, die sich erst nach dringender Mahnung dazu herbeiließ, ein paar Spiegeleier in die Pfanne zu schlagen. Auch wenn er im Präsidium einen relativ ruhigen Tag verbracht hatte, hasste Kappe es, zum Feierabend mit nichtigen, oder schlimmer noch, unabänderlichen Angelegenheiten behelligt zu werden. Genau das hatte Klara jedoch vor.

«Was sagst du dazu, dass wir künftig für die Zone einen Passierschein benötigen?», erkundigte sie sich erregt. «Der soll auch noch Geld kosten! In unserer Währung!»

«Umsonst ist der Tod», äußerte Kappe unbedacht. Es war natürlich die falsche Antwort. Seit er vor vierzehn Tagen ohne Klaras angebliche Lieblingseinkaufstasche samt Thermosflasche aus Uraltbesitz und erst vor zwei Jahren angeschafftem Regencape aus der Waldbühne zurückgekehrt war, hing der Haussegen in der Wartburgstraße schief. Da kam es auf eine unbedachte Bemerkung mehr nicht an.

«Dich scheint das ja nicht zu erschüttern!», keifte Klara. «Verstehst du nicht, was das bedeutet? Die Kommunisten wollen dich daran hindern, deine eigene Verwandtschaft in Wendisch Rietz zu besuchen! Willst du dir das gefallen lassen?»

Allein ihr Ton reizte zum Widerspruch. Kappe knurrte: «Erwartest du, dass ich mir ein Luftdruckgewehr kaufe und gegen Stalin und Ulbricht in den Krieg ziehe?»

Ihn regten die Zonenmaßnahmen genauso auf wie seine Frau. Nur nützte das absolut nichts. Und was seinen Geburtsort Wendisch Rietz anging, so war ihm die Fahrt dorthin offiziell schon länger verwehrt. Als Polizist und Beamter hatte er im Osten, wo die Gefahr einer Verhaftung lauerte, nichts zu suchen. Er war kein ängstlicher Mensch, verspürte aber wenig Neigung, der dortigen Polizei, möglicherweise ehemaligen Kollegen, oder gar den Russen in die Hände zu fallen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, nach dem Krieg in der zerstörten und gespaltenen Hauptstadt auszuharren, statt sich irgendwo in Süd- oder Westdeutschland ein sicheres Plätzchen zu suchen, wie es etliche von den oberen Rängen bei der Polizei längst getan hatten. Ein Gedanke, der so schnell verging, wie er gekommen war. Kappe hing nun mal mit Haut und Haaren an seiner Arbeit, und die konnte er sich an keinem anderen Ort vorstellen als in Berlin, wenigstens in den übriggebliebenen drei Fünfteln. Leben wollte er erst recht nirgendwo anders. Und Klara sicher auch nicht.

«Das Schönste kommt erst noch!», sagte Klara, ohne seine rhetorische Frage zu beachten. «Man kann nicht einmal mehr in den Osten telefonieren! Sie haben die Leitungen unterbrochen. Das kam am Vormittag in den Nachrichten.»

Auch das wusste Kappe bereits und fand es empörend. Die Stadt wurde immer weiter auseinandergerissen. Dennoch erkundigte er sich mit ruhiger Stimme: «Wen willst du denn im Osten anrufen?» Dabei kannte er die Antwort. Immerhin wohnte ihr Kronprinz, der älteste Sohn Hartmut, in Ost-Berlin. Der hatte sich ausbedungen, weder zu Hause noch etwa über seinen Dienstapparat angerufen zu werden. Kappe hielt sich daran, so schwer es ihm auch fiel. Klara hingegen und Hartmuts Frau Inge hatten längst einen Dreh gefunden, das Verbot zu umgehen. Der Tankstellenbesitzer, der unter Hartmuts Familie im gleichen Aufgang wohnte, besaß einen der in Ost-Berlin seltenen privaten Telefonanschlüsse. Über den ließ sich Inge erreichen, und von dort konnte diese wiederum ihre Schwiegermutter anrufen, wenn etwas Dringendes anlag. Bis gestern jedenfalls.

Kappe hatte zu den Telefonaten geschwiegen, wie zu so vielem. Innerlich seufzte er tief, wenn er an die beiden Söhne dachte: Karl-Heinz, der mit seinen undurchsichtigen Geschäften früher oder später auffliegen musste, und Hartmut, den roten Kommissar, der demnächst zum Major aufsteigen sollte. Nicht mal die Nationalsozialisten hatten es fertiggebracht, bei der Kripo militärische Dienstränge einzuführen!

Der Gedanke an Hartmut versetzte Kappe jedes Mal einen Stich. Einerseits war es anerkennenswert, dass der Sohn Karriere machte. Nur um welchen politischen Preis! Ergebnislose Debatten lagen hinter ihnen, gebracht hatten sie nichts. Offiziell durften sie keinerlei Kontakt mehr miteinander haben – doch wer wollte das kontrollieren in einer Stadt, in der man für ein paar Groschen der jeweiligen Währung unbeschadet in die andere Hälfte gelangen konnte! Wie es nun weitergehen sollte, vermochte Kappe sich nicht vorzustellen. Jedenfalls würde er den Jungen auf absehbare Zeit nicht zu Gesicht bekommen, geschweige denn seine Stimme hören.

Blieb als einzige Verbindung die unverbesserliche Klara, die es sich nicht nehmen ließ, die bedürftige junge Familie im Osten einmal in der Woche mit Bananen oder einem halben Pfund guter Margarine zu beglücken und sich an der heranwachsenden Enkeltochter zu erfreuen. Dass die zur Erinnerung an Lenins Frau Nadja hieß, gefiel den Großeltern weniger.

«Sie haben sogar Leitungen nach Westdeutschland gekappt!», wusste Klara zu berichten. «Wahrscheinlich wollen die uns aushungern.»

Kappe sah sie von der Seite an. In den letzten Jahren hatte sie zugelegt. Ein bisschen am Essen zu sparen würde ihrer Figur kaum schaden. Dass Klara anderer Meinung war, ahnte er. Anscheinend erwartete sie sogar sein Lob, als sie erklärte: «Vorsichtshalber habe ich ein paar Konserven eingekauft: Mehl, Nudeln und Zucker und so was. Das Nötigste eben. Den ganzen Tag war ich unterwegs und habe geschleppt.»

Entgeistert starrte Kappe sie an. «Du fällst auch auf jede blöde Tatarenmeldung rein!», schnaubte er. «Hast du vergessen, was damals bei der Blockade passiert ist? Glaubst du, die Amerikaner geben uns ohne weiteres auf und lassen uns am langen Arm verhungern?»

«Bei denen weiß man nie!», verteidigte sich Klara pikiert. «Wenn die sich nun plötzlich mit den Russen einigen und uns an den Osten verkaufen?»

Kappe schüttelte den Kopf. So weit war es in der eigenen Familie gekommen! «Klara», sagte er mit Bestimmtheit, obwohl ihm derlei Phrasen nicht lagen, «hier in Berlin wird die freie Welt verteidigt. Wir sind ein Brückenkopf, eine Insel im roten Meer. So etwas gibt man unter keinen Umständen auf! Verstehst du das?»

Klara blieb bei ihren Zweifeln, das sah er ihr an. «Du müsstest mal hören, was die Leute reden», sagte sie. «Sogar vor der Wechselstube haben sie heute angestanden!»

Das Wort Wechselstube machte Kappe hellhörig. Misstrauisch erkundigte er sich: «Was hast du denn in einer Wechselstube verloren?» Dort wurde die wertbeständige West- gegen die schlappe Ostmark getauscht. Gegenwärtig stand der täglich wechselnde Kurs bei mehr als 1:4.

Klara errötete, was Kappes bösen Verdacht hinreichend verstärkte. Das Plakat an den Litfaßsäulen stand ihm lebhaft vor Augen: Herr Schimpf und Frau Schande kaufen im Osten ein.

Kappe war es gewohnt, Menschen zu vernehmen und auf geringfügige Reaktionen zu achten. Bei der eigenen Ehefrau widerstrebte ihm das, zumal sich Klara widerborstig gebärdete. Es verging einige Zeit, bis er kleckerweise erfuhr, dass Klara die Besuche bei Hartmuts Familie nutzte, um sich im Osten frisieren zu lassen. Sie pflegte ein paar Westmark zum günstigen Wechselkurs umzutauschen und in den östlichen HO-Läden «ein bisschen was» einzukaufen, um den ehrbaren Oberkommissar Hermann Kappe mit zusätzlichen Fleisch- und Wurstrationen zu überraschen.

«Bist du denn des Teufels!», donnerte der. «Du unterstützt dieses Zonenregime mit seinen Wucherpreisen, die für die eigene Bevölkerung zu hoch sind, und bringst mich in eine Situation, die mich die Stellung kosten kann! Möchtest du morgen in der Abendzeitung lesen: Altgedienter Kripokommissar versorgt sich im Osten?»

«Du nimmst immer alles so ernst …», war alles, was Klara zu ihrer Verteidigung einfiel. Ein bisschen kleinlaut klang sie zwar, doch Kappe zweifelte, ob sie die Schändlichkeit ihres Verhaltens wirklich einsah. Prompt sagte sie als Nächstes: «Das ist ja wie im Osten! Die dürfen offiziell auch nicht bei uns einkaufen.»

Bevor Kappe endgültig explodierte, klingelte es zu Klaras Glück. Das unterbrach den Streit zumindest für den Augenblick.

Es war Karl-Heinz, der – rein zufällig – an ebendiesem Abend und zu Klaras Freude in der Wartburgstraße auftauchte, «um mal nach den beiden Alten zu sehen», wie er sich burschikos ausdrückte und Kappe damit zusätzlich aufbrachte. Der eigene, betont unauffällige Abgang aus der Waldbühne war ihm noch in schlechter Erinnerung, und nicht einmal die mitgebrachte Flasche Bourbon tröstete ihn darüber hinweg, vom eigenen Sohn als Alter abqualifiziert zu werden. Der Junge war ihm fremd geworden. Bis auf die sehr gelegentlichen Besuche von Sportveranstaltungen verband sie beide kaum noch etwas. Im Vorjahr hatten sie gemeinsam das erste Nachkriegsrennen auf der Avus genossen, das ausgerechnet ein Ostdeutscher mit dem schönen Namen Paul Greifzu gewonnen hatte. Auf der Sportseite mit den Ergebnissen aus der Waldbühne und vom Karlshorster Sandbahnrennen hatte Kappe gelesen, Greifzu sei bei einer Testfahrt tödlich verunglückt.

Klara, von dem seltenen Besuch schier überwältigt, tat, als könne sie sich weder Pralinen noch Parfüm leisten und sei auf die Großzügigkeit des Jungen angewiesen, dem sie gar nicht genug danken konnte. In Windeseile zauberte sie das verspätete Geburtstagsgeschenk für ihn herbei, nicht ohne schmollend anzumerken, dass es sich wirklich nicht gehöre, einen solchen Ehrentag, und noch dazu den 25., ohne die Familie zu feiern. «Nicht einmal ans Telefon bist du gegangen!», stellte sie vorwurfsvoll fest.

Karl-Heinz nuschelte etwas von dringenden Geschäften. Kappe fragte nicht nach. Er gab sich alle Mühe, den verkorksten Abend nicht noch mehr zu verderben, und öffnete die Flasche. Ihm schwante, dass der Sohn keineswegs gekommen war, um den Eltern eine nachträgliche Geburtstagsfreude zu bereiten.

Sie stießen an. Klara war der Whisky zu stark. In ihr Lamento über das neue Grenzregime der Zone und die gekappten Telefonverbindungen stimmte Karl-Heinz nur bedingt ein. In einem Halbsatz gab er allerdings zu, dass sich die Unterbrechung nachteilig auf seine Geschäfte auswirken könnte. Der Streik der Drucker hingegen, der die gesamte Presse der Bundesrepublik und West-Berlins gerade für zwei Tage lahmlegte, amüsierte ihn. «In den Zeitungen steht doch sowieso bloß Käse!»

Sie tranken, und sie redeten. Was Karl-Heinz mit seinem Besuch wirklich bezweckte, merkte Kappe erst nach einer ganzen Weile, als der ungeratene Sprössling das Gespräch wie zufällig auf seines Vaters Arbeit und die Kriminalität in der Stadt brachte. Kappe hatte nicht die Absicht, sich dazu zu äußern, und ließ den Jungen reden. In mancher Beziehung war der so leicht zu durchschauen wie ein Glas Wasser. Doch der Vergleich hinkte. Klares Wasser war Karl-Heinz fremd, wie die geübte Bewegung beim Trinken verriet. Auch die plötzliche Bewunderung für den dreisten Tresorraub im Osten bewies eine eher trübe Auffassung, zu der Kappe schwieg.

Karl-Heinz schien das Thema zu faszinieren. Er wollte wissen, wie eng – wenn überhaupt – die Polizei in einem solchen Fall mit den Kollegen im Osten zusammenarbeitete. Kappe beantwortete das mit einer Gegenfrage: «Warum fragst du nicht deinen Bruder? Bei denen ist das Geld doch geklaut worden.»

So direkt auf seinen Bruder angesprochen, zog Karl-Heinz ein saures Gesicht. «Ihr wisst ja, was ich von dem halte», murrte er und hob das Glas.

Das Gleiche wie er von dir, wäre es Kappe beinahe entfahren. Klara zuliebe schwieg er, obwohl sie solche Rücksichtnahme heute kaum verdient hatte.

«Ein paar Millionen haben die erbeutet!», äußerte sie jetzt, und auch aus ihren Worten klang so etwas wie Bewunderung.

«Deine S-Bahn-Groschen», bestätigte Kappe bitter. «Und das Gehalt für die halbe Reichsbahn.»

Karl-Heinz grinste. «Ich finde, das schadet denen gar nichts!»

Kappe hatte nichts anderes von seinem Jüngsten erwartet. Er blickte ihn nur vorwurfsvoll an.

«Was unternehmt ihr denn, um den Panitzke und seinen Komplizen zu finden?», bohrte Karl-Heinz weiter.

Kappe hob die Schultern. «Das ist Aufgabe der Fahndung. Damit habe ich glücklicherweise nichts zu tun.»

Das klang endgültig, doch Karl-Heinz ließ sich nicht von dem Thema abbringen. «Angenommen, du erkennst Panitzke oder seinen Kumpanen auf der Straße, würdest du sie verhaften?»

«Mit Vergnügen!», bestätigte Kappe. «Nur werden sie mir den Gefallen nicht tun und einfach so durch die Stadt spazieren.»

Karl-Heinz gab sich wissend. «Angeblich weiß ja keiner, wo die beiden stecken. Aber in gewissen Kreisen sind Gerüchte im Umlauf …», sagte er vieldeutig.

Kappe missfiel das. «In was für Kreisen verkehrst du denn?», fragte er.

«Nur in den besten!», entgegnete Karl-Heinz fröhlich. «Demnächst werde ich ins Baugeschäft einsteigen.»

«Durchs Fenster oder durch die Wand?», erkundigte sich Kappe spöttisch. Großtuerei war ihm von jeher verhasst. Der Junge hatte nicht einmal einen Beruf erlernt.

Das fiel sogar Klara ein. Mahnend sagte sie: «Du verstehst doch überhaupt nichts vom Baugeschäft, Junge!»

«Mehr, als ihr denkt! Zum Beispiel braucht man Kies, wenn man bauen will.»

«Na ja, nachher für die Wege», gab Klara zu. «Das sieht sehr hübsch aus mit so kleinen Kieselsteinen.»

«Ach Mama!» Karl-Heinz schüttelte tadelnd den Kopf. «Heute baut man mit Beton! Und dafür braucht man ungeheure Mengen Kies. Genauso wie für den Mörtel. Wenn man in dieses Geschäft einsteigt, lässt sich Kies direkt in Kies verwandeln.» Seine Finger machten die Geste des Geldzählens. «Man braucht nur ein paar Lkws und eine Kiesgrube, mehr nicht.»

«Mehr nicht!», sagte Kappe schroff.

Es war alles andere als ein Zuspruch, doch Karl-Heinz ließ sich nicht beirren. «Ihr werdet es nicht glauben, die Grube habe ich schon!», sagte er triumphierend. «Und der erste Lkw folgt demnächst. Es mangelt nur ein bisschen an Kapital …»

Kappe sah ihn mit ernster Miene an. «Schlag dir solche Flausen aus dem Kopf!», sagte er trocken. «Und was Geld angeht, bist du bei uns sowieso an der falschen Adresse.»

«Das brauchst du nicht zu betonen. Du warst schon immer ziemlich knickrig.»

Kappe war nahe daran, über den Tisch zu langen, beschränkte sich jedoch darauf, deutlich zu erklären: «Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mein Geld stets auf ehrliche Weise verdienen musste.»

«Wahrscheinlich», stimmte Karl-Heinz leichthin zu. «Das mit der Kohle lass mal meine Sorge sein. Ich habe schon was im Auge.»

«Einen Kreditgeber? Suchst du deshalb nach Panitzke?»

Das fand Karl-Heinz erheiternd. «Zumindest versteht der was von Beton», sagte er lachend und goss sich noch einen Whisky ein.

Klara sah von einem zum anderen und begriff nicht. Kappe schon. «Karl-Heinz!», sagte er. In seiner Stimme lag ein scharfer Unterton, der dem Jungen aus der Kindheit vertraut sein musste. «Halt dich von diesen Kreisen fern, ich sage es dir im Guten!»

Der Sohn gab sich unbeeindruckt. «Bleib du mal bei deiner Kripo und nähre dich redlich!» Er blickte sich ein wenig verächtlich im Wohnzimmer um, dessen Einrichtung Klaras ganzer Stolz war. «Besser als redlich werdet ihr eben nie leben», ergänzte er und fügte noch etwas hinzu, das Kappe besonders verletzte: «Ich dachte immer, Mutter hätte was Besseres verdient …»

Schweigend erhob sich Kappe, um den Raum zu verlassen.

Aber sein Sohn war noch nicht fertig. «Bevor ich es vergesse – deine beiden Kumpels wollten mir neulich in der Waldbühne ’ne olle Tasche andrehen, die angeblich dir gehört.»

«Und?», fragte Klara begierig.

Karl-Heinz lachte hämisch. «Ich habe gesagt, mein Vater sei alt genug, selbst auf seine Sachen aufzupassen.»

Kappe ließ die Zimmertür so heftig hinter sich zuknallen, dass er nicht mehr hörte, wie Klara barmte: «Das schöne Regencape hat er einfach liegenlassen!»

UMZINGELT

HILDEGUND HRIBAL war todmüde. Bei jedem Versuch herauszufinden, seit wie vielen Stunden sie nicht geschlafen hatte, geriet ihre Rechnung durcheinander. Am Pfingstmontag hatte sie jedenfalls kein Auge zugetan, und auch an den Tagen davor hatte sie keine Ruhe gefunden. Schuld daran war Wölfchen, Wolf-Dieter Grassnick, dem sie nach längerem Zaudern vertraut hatte – und der sie nun offenbar schmählich im Stich ließ.

Oder sollte ihm etwas passiert sein? Als er am Sonnabend auch nach einer Stunde nicht zu ihrer Verabredung am Bahnhof Charlottenburg erschienen war, hatte Hildegund geglaubt, er habe sie einfach mal wieder versetzt. Das war schon öfter vorgekommen. Wölfchen behauptete, seine Termine ergäben sich oft kurzfristig. «In meinem Geschäft ist alles möglich», sagte er und ließ sich die Entschuldigung für gewöhnlich etwas kosten.

Was für eine Art von Geschäft Wölfchen betrieb, wusste Hildegund nicht genau. Nicht einmal ungenau, wenn sie es recht bedachte. «Export/Import, wie es gerade kommt», lautete seine vage Auskunft. «Du musst dich damit nicht belasten. Hauptsache, es springt genug dabei heraus, oder?»

Wahrscheinlich hatte er recht. In einer Stadt mit so vielen Arbeitslosen musste man auf dem Kien sein und bei allen Gelegenheiten sofort zugreifen. Ihr lag so etwas nicht. Das war einer der Gründe, weshalb sie lieber im Osten blieb. Obwohl Wölfchen immer wieder davon anfing: «Komm endlich rüber! Hier hat eine Frau wie du ganz andere Chancen!»

Doch sie wollte nicht. Sosehr die Kaufhäuser, die Cafés und die guten Restaurants auch lockten – die Atmosphäre gefiel ihr einfach nicht. In dieser Stadthälfte gab eine Schicht von Leuten den Ton an, zu der sie nicht gehörte und für die sie ewig ein Flüchtling aus dem Osten bleiben würde. Stimmte auch nur ein Teil von dem, was sie täglich in der Masurenallee über den Westen zu hören bekam, handelte es sich sowieso nicht um ihre Welt: Unverbesserliche Nationalsozialisten, wohin man blickte, hochnäsige Alt- und Neureiche, die in klotzigen Autos herumkutschierten und sich in den teuren Cafés räkelten, dazu die aufgeheizte Frontstadtatmosphäre und die arroganten Besatzer.

Sie würde im Westen keine Arbeit finden und erst recht keine Wohnung. Und auf eine Abhängigkeit von Wölfchen wollte sie sich nicht einlassen. Die Wohnung in der Damaschkestraße hätte für sie beide gereicht – drei Zimmer mit Bad, und die Gegend zehnmal besser als die Palisadenstraße –, nur war es eben nicht ihre Wohnung. Nicht einmal seine. Er hatte sie nur zeitweise von einem Bekannten übernommen, der angeblich in Westdeutschland Geschäften nachging. Genauer ließ sich Wölfchen nicht darüber aus.

Obwohl sie sich seit gut einem halben Jahr kannten, wusste Hildegund wenig über Wölfchen und seinen Bekanntenkreis. Er sprach lieber von der Zukunft als von Vergangenheit und Gegenwart. Das Wort Heirat fiel nie, doch schien er davon auszugehen, dass ihre Beziehung von längerer Dauer sein würde. Ihr war das recht. Den Frauen ihrer Generation war keine Auswahl beschieden, und gegen Wölfchen war wirklich nichts einzuwenden.

Dennoch hatten das Leben und ihre Mutter sie gelehrt, skeptisch zu bleiben. Den Spruch vom Spatz in der Hand kannte sie. Aber nein, bei Wölfchen handelte es sich eher um einen ausgewachsenen Adler – um den viele sie beneideten. Hildegund wusste die Blicke der Frauen zu deuten. Im Augenblick hätte sie sich jedoch am liebsten irgendwo verkrochen und den Kopf unter den Flügel gesteckt.

Volker Ratzmanns Stimme riss sie aus dem Sekundenschlaf. «Hier sind die Namen aller im Hause Befindlichen. Schreib die Liste schnell ab, der Chef muss sie weitergeben!»

Hildegund sah zu Ratzmann auf. Die Schmarre unter dem Auge trug er wie einen Orden. «Mit Provokateuren abgerechnet!», hatte seine stolze Erklärung gelautet. Dabei hatte er ihr verschwörerisch zugezwinkert und tatsächlich nicht mehr verraten. Hünicke, der wusste, wie man mit solchen Dingen umging, hatte ihn zum Schweigen gebracht. «Kein Wort über den Vorfall! Darum kümmern sich andere Genossen.»

Jemand wie Hünicke fehlte jetzt. Jemand, der ein bisschen Optimismus und Heiterkeit verbreitete. Auf so einen stumpfen Wichtigtuer wie Ratzmann konnte Hildegund verzichten! Dass er sie duzte, war in dieser besonderen Situation selbstverständlich. «Jedem von euch muss klar sein, dass wir an vorderster Front stehen!», hatte der Chefkommentator Kledwitz knapp geäußert. Wurde man an der Front eigentlich jemals abgelöst?

Im Gegensatz zu anderen Männern, die endlos über ihre Kriegserlebnisse oder die Gefangenschaft redeten, sprach Wölfchen nie darüber. «Es war schauerlich! Da kriegst du nur Alpträume!» Er selbst hatte oft welche, wenn er neben ihr schlief und sie ihn beobachtete. Das kam nicht so häufig vor, wie er es sich wünschte. Er ging gerne mit ihr aus, wenn er bei Kasse war. Sie genoss das zwar, fühlte sich aber ob seiner Großzügigkeit ein wenig unbehaglich. Hinzu kam die Angst, Kollegen aus dem Funk zu begegnen. Wie sollte sie sich erklären, falls jemand sie mit Wölfchen in einem West-Berliner Lokal sah? Sie kannte die inquisitorischen Fragen: Nur ein Bekannter? Woher kennst du den? Wo arbeitet der?

Natürlich war sie selbst schon auf die befremdliche Idee gekommen, dass ihr Wölfchen ein Agent sein könnte. Die Heimlichtuerei um seine Arbeit wäre damit zu erklären gewesen. Dennoch war es Unsinn! Wölfchen hatte weder mit den Amerikanern noch mit geheimnisvollen Organisationen zu tun, über die der Osten täglich die wildesten Meldungen verbreitete. Vielleicht traf manches davon tatsächlich zu, doch Wölfchen interessierte sich nicht die Bohne für den Osten. Erst recht nicht für ihre Arbeit im Funkhaus. Noch nie hatte er versucht, sie auszufragen. Wahrscheinlich, weil er es selbst nicht mochte, wenn er mit persönlichen Fragen behelligt wurde.

Dabei hatte sie ihn im Osten kennengelernt. Wölfchen war ihr im Flur ihres Wohnhauses begegnet, als sie mit einem Eimer Kohlen aus dem Keller kam. Ein so gepflegter und elegant gekleideter Mann passte nicht in diese Bruchbude. Er sah verdammt gut aus, wie er ihr in den Weg trat und höflich den Hut zog. Über ihre standhafte Weigerung, ihm den Eimer zu überlassen, lächelte er nur und nahm ihr die schwere Last aus der Hand. Wenn es darauf ankam, konnte er sehr beharrlich sein. Genau wie sie. In die unaufgeräumte Wohnung ließ sie ihn selbstverständlich nicht, dankte ihm nur an der Tür, lehnte aber nicht eindeutig ab, als er ein Treffen an einem freundlicheren Ort vorschlug.

Als sie anschließend in den Spiegel blickte, entfuhr ihr ein Schreckenslaut: Die Haare zerzaust, die Schminke verlaufen, und das Gesicht mit Kohlenstaub verschmiert! Was konnte ein gepflegter Mann wie der an so einer Frau finden?

Vor dem ersten Rendezvous in der HO-Gaststätte am Alex arbeitete sie stundenlang an sich – und blieb dennoch unzufrieden. Er hingegen fand sie außergewöhnlich attraktiv. Das sagte er zumindest. Es klang überzeugend. Er war charmant und wusste sich zu benehmen.

Sie verstanden sich von Anfang an und stritten sich nie. Nur als sie sich harmlos erkundigte, was er eigentlich in ihrem Haus gesucht habe, erschien eine kleine Unmutsfalte auf seiner Stirn. Er murmelte etwas von einem alten Kriegskameraden, dem er sich verpflichtet fühle, und wechselte schnell das Thema. Dank der Portiersfrau Sielaff wusste Hildegund ohnehin, bei wem er gewesen war: bei Mikulla, einem gebrechlichen alten Mann, der mit seiner Frau im vierten Stock wohnte. Als Hildegund der Sielaff gegenüber den Kriegskameraden Mikulla erwähnte, hatte die nur hämisch gelacht. «Der ist in keinem Krieg gewesen. Der hat immer nur gesessen.»

Weshalb fiel ihr das ausgerechnet jetzt ein? Vor einem halben Jahr war der alte Mikulla verhaftet worden, im Zusammenhang mit einem Tresoreinbruch, wie es hieß. Das war geradezu lachhaft, dachte man an die klapprige Figur, die es nur mit Mühe schaffte, die eigene Wohnungstür aufzuschließen. Woher kannte Wölfchen den Alten wirklich? Hildegund hatte nicht darüber nachgedacht. Auch nicht darüber, dass Wölfchen sich schon seit Monaten nicht mehr in Ost-Berlin mit ihr traf. Hing das miteinander zusammen? Er hatte gesagt, er wolle vorsichtshalber dem SSD aus dem Wege gehen. SSD – so hieß der gefürchtete Staatssicherheitsdienst im Osten. Weshalb musste Wölfchen den fürchten?

Diese Fragen gingen Hildegund im Kopf herum, während sie die blöde Liste mit den 63 Namen tippte, von denen ihr die wenigsten etwas sagten. Chef vom Dienst war in dieser Nacht Alois von Kledwitz, eine imposante Erscheinung, dem in vielerlei Hinsicht ein gewisser Ruf vorausging. Kledwitz kam aus dem Westen und war sogleich zum Chefkommentator aufgestiegen, ein Posten, um den ihn manche im Haus beneideten. Es wurde viel über ihn geredet, und er trug seinerseits bereitwillig dazu bei, den Klatschmäulern Stoff zu liefern. Kledwitz war ein gutaussehender Mann Mitte dreißig, dessen Formulierungskunst und schneidende Ironie ebenso auffielen wie seine elegante Kleidung. Wie ein exotischer Dandy schritt er durchs Haus, ein Hündchen im Schlepptau. Kein anderer wäre auf die Idee gekommen, sein Haustier mit ins Funkhaus zu bringen. «Hast du den Hund von Kledwitz heute schon gesehen?», lautete die beliebte Frage hämischer Geister.

Was die Damenwelt betraf, war von Kledwitz kein billiger Charmeur. Er wusste, wie man mit Frauen umging. Obwohl Hildegund seine Propagandasprüche missfielen, konnte sie sich seiner männlich-herben Ausstrahlung nicht völlig entziehen. Jedenfalls empfand sie seinen Blick, der mitunter länger an ihr hängenblieb, als es sich schickte, nicht als unangenehm.

Den Dienst am Pfingstmontag hatte Kledwitz ohne seinen Hund angetreten. Die Nacht versprach wegen des Feiertags ruhig zu werden. Erst am Dienstag würde das ermüdende Gezänk im Äther wieder anheben. Viel Schreibarbeit war nicht zu erwarten, allenfalls eine kurze Zeitungsschau, wenn das Neue Deutschland und die West-Berliner Morgenblätter eingetroffen und ausgewertet waren, oder eine ironische Morgenbetrachtung, die Kledwitz nicht ausgerechnet einem Redakteur vom Dienst wie Ratzmann überlassen würde.

Der riss ihr jetzt ungeduldig beinahe die Blätter aus der Maschine und verschwand eilig.

Hildegund stützte den Kopf in beide Hände und überließ sich wieder ihren trüben Gedanken. Sosehr sie sich auch das Hirn zermarterte, ihr fiel kein Grund ein, der Wölfchens Verhalten erklärte. Zwischen ihnen hatte es keinen Streit gegeben, kein böses Wort war gefallen.

Seltsamerweise reagierte er nicht auf ihre Anrufe. Zudem war es in den letzten Tagen nicht mehr möglich, aus dem Osten mit ihm zu telefonieren. Die Leitungen aus dem Funkhaus ins West-Berliner Netz blieben zwar in Betrieb, doch das Telefonieren war kurzerhand untersagt worden. Diese Möglichkeit hatte Hildegund sowieso nur selten genutzt. In der Telefonzentrale konnte jedes Gespräch kontrolliert werden. Wer weiß, wer da mithörte.

Weil nach dem endlosen Sonntag, den sie trotz des warmen Wetters in ihrer Wohnung verbracht hatte, am Montagnachmittag noch immer keine Nachricht von ihm vorlag, war sie kurz entschlossen zwei Stunden früher zum Nachtdienst losgefahren und vom Bahnhof Charlottenburg in die Damaschkestraße gegangen, wo sie vor der verschlossenen Wohnungstür stand. Einen Schlüssel hatte Wölfchen ihr nie anvertraut, angeblich besaß er selbst nur einen. Die Nachbarin, bei der sie eine Nachricht zu hinterlassen versuchte, konnte oder wollte ihr keine Auskunft geben. «Ich kümmere mich nicht um die Leute, die hier ein und aus gehen», äußerte sie sibyllinisch. Wer außer Wölfchen ging hier ein und aus? Sie selbst kam selten hierher. Das fiel ihr erst nachträglich auf. Anscheinend war ihre Beziehung keineswegs so eng gewesen, wie sie es sich erträumt hatte.

Im Funkhaus war ihr stiller Zorn auf den ungetreuen Wolf einer steigenden Unruhe gewichen. Gleich zu Dienstbeginn hatte sie trotz des Verbots noch einmal in der Damaschkestraße angerufen, aber erneut niemanden erreicht. Sie war entschlossen, es am Dienstagmorgen nach Dienstschluss noch einmal zu versuchen. Irgendwann musste Wölfchen doch wiederauftauchen!

Der Nachtdienst verlief anfangs wie erwartet. Dass von Kledwitz sie in ein langes Gespräch verwickelte, war ihr nur recht, zumal er ein amüsanter Plauderer war und es vermied, auf politischen Themen rumzureiten. Hildegund begleitete ihn in die Kantine, wo er sie großzügig zu einer Bockwurst und einem Gläschen einlud. Sie konnte schlecht ablehnen. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Immerhin lenkte Kledwitz sie von ihren Sorgen ab und verhinderte, dass ihr Ratzmann auf die Nerven ging.

Gegen zwei hatte ihr Kledwitz dann angeboten, sich zur Ruhe zu begeben. Das hatte sie auch getan. Möglichkeiten dazu bestanden überall im Haus, und müde war sie auch. Dennoch schlief sie nicht ein. Wölfchen ging ihr nicht aus dem Kopf.

Eineinhalb Stunden mochten vergangen sein, als Hildegund durch das angekippte Fenster ungewohnte Geräusche vernahm. Vor dem Haus rollten schwere Fahrzeuge an, Metall schepperte dumpf auf das Pflaster, knappe Kommandos in englischer Sprache ertönten. Erschrocken erhob sich Hildegund und trat ans Fenster. In der Morgendämmerung sah sie Uniformierte, die Tonnen aufstellten und Stacheldraht ausrollten.

In fliegender Hast zog sie sich an und stürzte zurück zum Chefzimmer. Im Sekretariat standen von Kledwitz und Ratzmann am Fenster. «Die sperren tatsächlich das Funkhaus ab!», sagte Kledwitz mit grimmiger Miene. Er wirkte gelassen.

Hildegunds Herz dagegen klopfte bis zum Hals. Beklommen fragte sie: «Was haben die mit uns vor?»

«Schwer zu sagen, was sie mit dieser Provokation beabsichtigen», meinte Kledwitz. Beruhigend legte er den Arm um ihre Schulter, was Hildegund angesichts der Lage nicht unangenehm war. «Auf keinen Fall dürfen wir denen Munition für weitere Angriffe liefern», sagte er und drückte ihr noch einmal ermutigend die Schulter, bevor er verschwand, um sich mit dem Chef des sowjetischen Wachkommandos im Hause abzustimmen. Der Hauptmann kommandierte nur ein Dutzend mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten, angesichts der vor dem Haus aufgezogenen Militärtruppe eine bescheidene Streitmacht. Die Briten hielten mit ihrem dichten Drahtverhau allerdings Abstand vom Gebäude. Hinter ihnen bildete die Stumm-Polizei, benannt nach dem im Osten verhassten West-Berliner Polizeipräsidenten, eine zweite Bewachungslinie. Nach Angriff sah das nicht aus, nur nach Einsperren.

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23 aralık 2023
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9783955520212
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