Kitabı oku: «Kinder und Jugendliche im Internet»
Für Ananda und Dave

Urs Gasser, Sandra C. Cortesi, Jan Gerlach
Kinder und Jugendliche im Internet
Risiken und Interverntionsmöglichkeiten
ISBN Print: 978-3-03905-840-2
ISBN E-Book: 978-3-03905-907-2
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
1. Auflage 2012
Alle Rechte vorbehalten
© 2012 hep verlag ag, Bern
hep verlag ag
Brunngasse 36
CH-3011 Bern
www.hep-verlag.ch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung:
Gedanken zu einer digitalen Didaktik
Kapitel I Grundlagen
1. Ausgangslage
2. Erkenntnisleitende Fragestellungen
3. Methodologie
Kapitel II Fakten
Kapitel III Analyse ausgewählter Risiko- und Gefahrenbereiche
1. Sicherheitsrisiken
1.1 Kontaktanbahnung bzw. Fremdkontakte
1.2 Zugang zu pornografischem Material
1.3 Cyberbullying
1.4 Sexting
1.5 Interventionsmöglichkeiten
2. Gewalt und körperliche Aggression
2.1 Computerspiele und Online-Games
2.2 Happy Slapping
2.3 Interventionsmöglichkeiten
3. Bedrohung der Privatsphäre
3.1 Reputation
3.2 Digitale Dossiers
3.3 Interventionsmöglichkeiten
4. Urheberrechtsverletzungen
4.1 Tauschbörsen und Cyberlockers
4.2 Nutzergenerierte Inhalte
4.3 Interventionsmöglichkeiten
Kapitel IV Zukünftige Risiken
1. Einleitung
2. Ausgewählte Bereiche im Überblick
2.1 Abhängigkeit
2.2 Informationskompetenz und Informationsqualität
Kapitel V Literaturverzeichnis
Vorwort
Die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen wird nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Fachleuten verschiedener Couleur mit Sorgen oder gar mit ablehnenden Vorurteilen belegt, die sich nicht selten in Internetmythen ausdrücken. Naheliegende Vereinfachungen werden von manchen Journalisten und Buchautorinnen mit Titeln wie »Das Internet macht dumm«, »Online-Spiele führen zu Gewalt« usw. publikumswirksam inszeniert. Leider werden damit und mit teilweise gelehrter Unkenntnis, Ignoranz und ideologisch gefärbter Wissenschaft weder Gefahrenpotenziale angemessen erkannt noch vorhandene Leistungspotenziale richtig eingeschätzt. In der vorliegenden Abhandlung geht es deshalb darum, in einem kritischen Sinne Verbreitung, Nutzung und Wirkung des Internets – als Leitmedium der heranwachsenden Generation – differenziert zu untersuchen und zu bewerten. Dabei sind auch voreilige Pauschalisierungen und monokausale Zuschreibungen zu überprüfen.
Zunächst ist festzuhalten, dass Besitz und intensive Nutzung von Computer und Mobiltelefon sowie Internetnutzung und Online-Spiele zum selbstverständlichen Standard der Heranwachsenden gehören. Ältere Kinder und Jugendliche, das heisst 12- bis 19-Jährige nutzen das Internet zwei oder mehr Stunden pro Tag, und zwar in meist unkontrollierten Räumen im Sinne des »informellen«, das heisst des nicht angeleiteten Lernens. Für Lernende und Studierende ist das Internet mit seinen Such- und Informationsangeboten (z. B. Google, Facebook, Wikipedia) ein bildungswirksames und meist unentbehrliches Medium. Die Nutzungsschwerpunkte liegen trendmässig über den informativen Gebrauch hinaus beim vielfältigen Sozialkontakt, bei Online-Spielen und kreativer Verwendung im Sinne aktiver Teilhabe (Web 2.0). Insbesondere bei Kindern und bei Jugendlichen höherer Schulstufen ist das Internet ein Informations-, Austausch- und Gestaltungsmedium, das wesentlich zur Identitätsbildung und zur Internetidentität beiträgt. Computer, iPhone, Facebook- und Wikipedia-Nutzung usw. sind deutliche Indikatoren der Zugehörigkeit zur modernen Jugend, sie sind darüber hinaus Statussymbole. Insofern ist das Internet in quantitativer und qualitativer Hinsicht das Leitmedium der nach 1980 Geborenen, die Zugang zu den digitalen Medien haben und über das Wissen verfügen, diese bedarfsgerecht zu nutzen. Die damit verbundene Medien- und Informationskompetenz ist beispielsweise bezüglich informationeller Quellen- und Qualitätskritik zwar lückenhaft, aber dennoch beachtlich – und mit Blick auf die digitale Berufs- und Lebenswelt der Informationsgesellschaft eine zukünftige und wohl zentrale Schlüsselqualifikation.
Das Internet ersetzt bislang weder vorschulische Primärerfahrungen noch schulisch-systematisches Lernen, und es setzt Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben, Aufmerksamkeit und Konzentration usw. voraus: Das Internetlernen beginnt vor dem Internet. Weiterführende Fähigkeiten im Bereich der raschen Signalverarbeitung sowie des Multitaskings scheinen gefördert zu werden.
Der weit verbreitete, häufige, leichte und vermeintlich unkontrollierte Zugang zum Internet sowie die scheinbar anonyme Nutzung desselben implizieren allerdings ein Gefahrenpotenzial, das teilweise vom Medium, von Produzenten, aber auch von grossen Akteurinnen und Akteuren des Internetangebots und schliesslich von den Nutzerinnen und Nutzern selbst generiert und fast wöchentlich erweitert wird. Als Hauptergebnis der vorliegenden Erschliessung des Gefahrenpotenzials kann Folgendes gelten:
Im Verlauf seiner digitalen Biografie ist grundsätzlich jedes Kind und jeder Jugendliche den Internetgefahren passiv oder aktiv, wissentlich oder unwissentlich, allein oder in Gruppen, oft geschlechts- und altersspezifisch mit mehr oder weniger gravierender Wirkung und Nachhaltigkeit ausgesetzt. Dabei lässt sich kein gleichförmiges Gefährdungsmuster identifizieren: Die Vielfalt der Negativerscheinungen – von illegalem Musiktausch über Spielsucht, Happy Slapping und Cyberbullying bis zum Pornografiekonsum – ist derart gross, dass Gefährdung und Vulnerabilität (Verletzbarkeit) sowohl phänomen- als auch kohortenspezifisch zu betrachten sind.
Fokussiert man einzelne Gefahrenfelder, so zeigen sich unterschiedliche Verbreitung, Aktualität und Interventionsdringlichkeit:
Relativ verbreitet sind illegale Downloads und die illegale Weitergabe von Musiktiteln. Online-Tauschbörsen und neuerdings auch sog. Cyberlocker-Dienste haben die tradierten Geschäftsmodelle der Musik-, Film- und Spielindustrie zum Teil massiv geschädigt und in den Grundfesten erschüttert. Bei Jugendlichen herrscht teilweise Unkenntnis und Ignoranz illegaler Vorgänge und der damit verbundenen Urheberrechtsverletzungen bzw. eine aus Erwachsenensicht teilweise eigenwillige Interpretationsbereitschaft.
Kinder und Jugendliche empfinden namentlich soziale Netzwerke mehrheitlich als privaten oder bestenfalls halböffentlichen Raum. Vor allem die langfristigen Gefahren beim Eintragen privater Daten und Ereignisse, die zu einem »digitalen Dossier« führen und öffentliche sowie kommerzielle Zugriffsmöglichkeiten schaffen, werden dabei oft unterschätzt.
Obschon eine monokausale Zuschreibung von »Killer-Spielen« oder »Ego-Shooter-Spielen« zu jugendlichen Gewalthandlungen unzulässig ist, ist die positive Korrelation, das heisst der Zusammenhang zwischen gewalthaltigem Medien- bzw. Fernseh- und Internetkonsum einerseits und erhöhter Aggressionsbereitschaft andererseits, empirisch belegt. Hier wie anderswo ist allerdings ein multikausaler Zusammenhang, der auch soziale Umstände, Erziehungsdefizite, Erniedrigungen usw. einbezieht, zu berücksichtigen.
Zu den aus Erwachsenensicht wichtigsten Risiken gehören Cyberbullying, sexuelle Belästigung, Online-Bedrohung und Pornografie. Das Spezielle an Kontaktnahmen ist die Leichtigkeit des Zugangs, der anonyme Informationszugriff sowie der weitgehend kontrollfreie Aktionsraum (z. B. in Chaträumen). Pornografie ist der elterlichen und schulischen Kontrolle meist entzogen. Hauptakteure und Adressatinnen sind meistens die Jugendlichen unter sich. Pornografie als wichtiges und fragwürdiges »Aufklärungsmedium« liefert nicht nur einen Beitrag zum sexuellen Identitätsaufbau bzw. zur Identitätsdiffusion, sondern signalisiert auch ein virulentes ethisches Problem. Empirisch gesehen besonders problematisch ist das Cyberbullying, wobei in der Regel online und offline die gleichen Gruppen gefährdet sind und eine Vermengung zwischen Opfern und Täterin oder Täter festzustellen ist. Dabei kommt namentlich dem Cyberbullying zwischen Peers, d. h. zwischen Kindern und Jugendlichen, zentrale Bedeutung zu.
Mit Hinblick auf Prävention, Aufklärung und Förderung der Medienkompetenz, speziell bezüglich kritischer und qualitativ anspruchsvoller Informationsnutzung, gibt es eine breite Palette von Interventionsmöglichkeiten. Diesbezüglich sind verschiedene Akteure angesprochen: Politiker, Eltern, Lehrkräfte, Gesetzgeber, Akteure der Medienindustrie, Dienstanbieter usw. Das Instrumentarium umfasst technische, rechtliche und (medien-)pädagogische Massnahmen, die – wie in der Abhandlung detailliert gezeigt wird – den epochalen, örtlichen, bildungspolitischen, entwicklungsspezifischen, lehr- und lernkontextuellen Erfordernissen und nicht zuletzt organisatorischen und finanziellen Mitteln anzupassen sind. Der naheliegende Ruf nach Verboten und gesetzlichen Einschränkungen ist im Raum der oft unkontrollierbaren Prozesse im digitalen Geschehen selten angemessen und wirkungsvoll. Hier gelten traditionelle pädagogische Ansichten, die von der Unterstützung des Positiven mehr erwarten als von der Gegenwirkung.
Das vorliegende Buch basiert auf einer Studie, die im Rahmen eines Umfeldmonitorings zu den Risiken und Gefahren im Internet für Schülerinnen und Schüler der Volksschule zuhanden des Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements des Kantons Graubünden (Schweiz) an der Forschungsstelle für Informationsrecht (Universität St.Gallen) in Zusammenarbeit mit dem Berkman Center for Internet & Society (Harvard University) erstellt worden ist. An der Studie haben neben den Autoren dieses Buches auch Assistierende mitgewirkt, namentlich Herr Phil Baumann und Frau Aurelia Tamò, denen an dieser Stelle für die Mitarbeit herzlich gedankt sei. Den Direktoren der Forschungsstelle, Herrn Professor Peter Hettich und Herrn Professor Florent Thouvenin, danken wir für die vielgestaltige Unterstützung dieses Vorhabens. Ein besonderer Dank geht ferner an die Projektverantwortlichen des Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements des Kantons Graubünden, an die Herren Dany Bazzell und Christian Sulser, für die Zusammenarbeit und wertvolle Hinweise.
Für die Buchpublikation haben wir neuestes Zahlenmaterial sowie aktuellste Erkenntnisse aus der Forschung eingearbeitet (Stand: Januar 2012). Darüber hinaus hat sich Herr Dr. Peter Gasser, Vater des Erstautors, freundlicherweise bereit erklärt, Grundgedanken einer digitalen Didaktik vorzustellen, die das Werk nicht nur abrunden, sondern in wichtiger Weise auch den Blick öffnen für die beeindruckenden Möglichkeiten und Bildungschancen, die das Internet jungen Menschen bietet und die es gemeinsam zu nutzen gilt. Die realistische Einschätzung der Risiken und Herausforderungen soll dazu einen Beitrag leisten.
Der Herausgeberin und den Herausgebern der vorliegenden Reihe sowie den Mitarbeitenden des hep verlages, insbesondere Herrn Peter Egger sowie Frau Geraldine Blatter, sind wir für die verlegerische Betreuung zu Dank verpflichtet. Ein weiterer Dank geht an den Profilbereich: Unternehmen – Recht, Innovation, Risiko der Rechtswissenschaftlichen Abteilung an der Universität St. Gallen sowie an die dortige Forschungskommission für finanzielle Unterstützung der Drucklegung.
Cambridge/St.Gallen, 4. Februar 2012
Urs Gasser
Sandra Cortesi
Jan Gerlach
Einleitung:
Gedanken zu einer digitalen Didaktik
Peter Gasser
Während manche Tageszeitung davon berichtet, wie in Schulen ein »Handy-Verbot« erfolgreich eingeführt worden ist, um den Pausenplatz als »sozialen Ort« zu retten, wo sich Kinder entspannen, miteinander reden und spielen, anstatt Schlägereien zu filmen und per Handy zu verbreiten, gibt es einzelne Schulen und Schulklassen, die ein »iPhone-Pilotprojekt« starten (www.projektschulegoldau.ch) oder einen ETHZ-betreuten Kurs als »Programmieren mit Logo« für 12-Jährige durchführen.1 Dieser Widerspruch bildet im Kleinen einen Sachverhalt ab, der sich als teilweise pointierte Auseinandersetzung von internetkritischen Journalisten und Buchautorinnen (Nicolas Carr, Frank Schirrmacher, Gary Small, Sascha Adamek, Susanne Gaschke, Paula Bleckmann usw.) mit namhaften Internetforscherinnen und -forschern manifestiert (Nicola Döring, Christian Schertz und Dominik Höch, John Palfrey und Urs Gasser, Ullrich Dittler, Daniel Süss, Beat Döbeli, Werner Hartmann, Gabi Reinmann, danah boyd usw. ). Grob gesehen, kann man den Eindruck erhalten, dass nur eine streng dichotome Sicht auf mediales Echo stösst, obwohl sich Einzelne durchaus um eine nuancierte Betrachtungsweise unter Einbezug von Chancen und Risiken der Mediennutzung bemühen.2 Bei uns Menschen ist wohl neuronal verankert, in einem öffentlichen Diskurs vorerst einmal alles entweder als gut oder böse zu bewerten. Eine differenziertere Sicht bedarf allerdings grösserer mentaler Anstrengung.
Neuere Untersuchungen wie JAMES focus 2011, JAMES-Studie 2010, JIM-Studie 2011 usw. belegen, dass die elektronischen Medien die Kommunikation und Sachaneignung im ausserschulischen Alltag von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren dominieren und die entsprechenden Medienkompetenzen (vom E-Mailen über Googeln, Twittern, Chatten, Bloggen, Simsen bis zum Nutzen sozialer Netzwerke wie Facebook, MySpace, SchülerVZ usw.) ausserschulisch, meist in Peer-Groups eingebettet, selbstgesteuert und mit informellem Lernen erworben worden sind. Immerhin haben gemäss BITKOM-Studie die 16- bis 18-Jährigen, das heisst die nach 1980 geborenen Digital Natives mit Internetzugang selbstorganisiert und ausserhalb eines Schulfaches eine beachtliche Medienkompetenz erworben: Ins Internet gehen 97 %, E-Mails versenden 98 %, Textdokumente erstellen und bearbeiten 95 %, Fotos bearbeiten 89 %, Präsentationen erstellen und bearbeiten 89 %, CDs/DVDs brennen 88 %, Tabellen erstellen und bearbeiten 88 %, Lernprogramme nutzen 83 %. Demgegenüber betonen Lehrplanreformer und Interessenvertreterinnen von IT-Firmen sowie von Hochschulinstituten, wie wichtig es sei, Informatik als »Leitwissenschaft« zu respektieren – und als Pflichtfach in die Primarschule (ICT-Kompetenzen, Programmieren), in der Sekundarstufe I (Umgang mit Computer, Vertiefen der ICT-Kompetenzen) und Mittelschulen (Computational Thinking, algorithmisches Denken, Verzahnung mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern) einzuführen bzw. im Lehrplan 21, im Plan d’études romand, im Harmos-Projekt und in Gymnasien zu integrieren.3
Ein drittes Spannungsfeld bzw. ein Widerspruch in der Wahrnehmung ist darin zu finden, dass die »Chancen« oft einseitig dem schulischen Lernangebot,4 hingegen die »Gefahren« (Cybermobbing, Cyberbullying, Sexting, Happy Slapping, Ego-Shooter-Spiele, Urherberrechtsverletzungen, Selbstentblössung und Privatsphärenverlust im Facebook, Computersucht … bis Schulamoklauf) der privaten, ausserschulischen, von Eltern und Schule unkontrollierten Internet- und Mediennutzung zuzurechnen seien.5
Einleitendes Fazit: Wer sich heutzutage im Bildungsbereich mit Internet- und Informatikfragen auseinandersetzt, bewegt sich zwischen Skylla und Charibdis, das heisst im Spannungsfeld von Ignoranz und Überschätzung, der entgegenzutreten ist: Weder lässt sich eine moderne und lebensnahe Bildung ganz ohne Computer vermitteln oder erwerben, noch lässt sich alles im Internet oder bei Wikipedia finden. Dazu ein Beispiel:
Früher mussten wir als Grundschülerin oder -schüler durch das ganze Dorf laufen, das Dorf mit Holzklötzen darstellen, davon einen Plan zeichnen und diesen mit dem Dorfplan 1:10 000 vergleichen. Heute, so gibt Gunter Dueck zu bedenken, müssten wir nach der »digitalen Revolution im Bildungswesen« überlegen, ob wir dies nicht besser im Netz und mit Computer, das heisst mit Google Earth, mit Google Street View und mit »Rallyes per Navi im Smartphone« erreichen.6
Das eine ist nicht durch das andere zu ersetzen. Wer das Verständnis für den Dorfplan erwandert und handelnd aufbaut, lernt bewegt und körpernah, transformiert sein Wissen vom enaktiven in den ikonischen und symbolischen Repräsentationsmodus, baut im Marschieren sein Raum-, Distanz- und Zeitbewusstsein auf und integriert neuronal seine Form-, seine Farb-, Geruchs- und Gehöreindrücke zu jener Ganzheit, die er sein Leben lang als »mein Dorf« bezeichnen wird. Und damit ist die Grundlage für digitale Formen der geografischen Orientierung gelegt, die uns beispielsweise Google Earth, Street View und Navigation im Smartphone anbieten. Damit erfahren Lernende allerdings eine Dimension virtueller Realität, die neue Handlungs- und Orientierungsmöglichkeiten schafft, indem beispielsweise zwischen kartografischer und Strassensicht hin und her geschaltet wird oder Zusatzinformationen zu Bewohnerinnen und Bewohnern und Umgebung abgerufen werden können.
Wenn wir Bildung in diesem Sinne als Konstruktions- und Integrationsprozess verstehen, lassen sich die im vorliegenden Buch geschilderten Phänomene, Beispiele, Fälle und Probleme in einem relativ konsistenten Modell der »digitalen Didaktik« mittlerer Reichweite – in Ergänzung zu umfangreicheren professionellen Konzepten und zu praxisnahen Handreichungen – einordnen und fruchtbar machen.7
In pragmatischer Hinsicht begegnen uns im Kontext des medialen Alltags und der dargelegten »Chancen und Gefahren« digitale bzw. informatik- und internetbezogene Phänomene, Erfahrungen, Fälle, Probleme, Projekte und Systeme. Daraus ergeben sich folgende Lehr-Lern-Formen, die sich konzentrisch um das selbstorganisierte sowie angeleitete Lernen anordnen lassen: Exemplarisches Lernen – Erfahrungslernen – fallbasiertes Lernen – problemorientiertes Lernen – Projektlernen – Systematiklernen. Diese Lehr-Lern-Formen knüpfen an die klassischen Modelle und Theorien der Didaktik an, und sie sind sowohl in digitalen Kontexten schulischer Lernangebote als auch im ausserschulischen, informellen und selbstorganisierten Lernen zu finden.8 Sie stehen in einem inneren Zusammenhang und sind so angelegt, dass sie das Potenzial haben, kontextübergreifend wirksam zu werden: Es kann durchaus vorkommen, dass Lernende beispielsweise aus der Presse von einem Fall (z. B. Wikileaks) hören, auf den sie sich gruppenweise einlassen. Im weiteren Verlauf von Recherchen und Suchprozessen beginnen sie digitale Phänomene (z. B. der Rechtmässigkeit, der Quellenqualität) zu klären, dabei technologisches Handlungswissen zu erweitern –, um schliesslich beim Problemlösen und Bearbeiten eines eigenen Projekts zu landen.
Die digitalen Lehr- und Lern-Formen bewirken in der Regel eine Durchmischung der traditionellen Lehrpersonen- und Schülerinnenrollen. In manchen Bereichen und digitalen Handlungsfeldern sind die Lernenden den Lehrenden oft insofern überlegen, als sie ausserschulisch »skills« aufgebaut, das heisst digitale Fertigkeiten und Kenntnisse erworben haben, über die die »Digital Immigrants« (noch) nicht verfügen. Lehrende werden vorübergehend zu Lernenden. Andererseits verfügen Lehrpersonen meistens über hoch strukturiertes und tiefes Hintergrund- und Bildungswissen, über Sichtweisen und Fragestellungen, die auch gut informierten und hoch vernetzten Schülerinnen und Schülern hilfreich sein können. Die hier darzustellenden Lehr- und Lern-Formen sind insofern Indikatoren des geistigen Austauschs und der lebenslangen Bildung.
Obschon es inhaltlich manche Überschneidungen geben mag, lassen sich die im Buch erläuterten Inhalte zu einem lernprozessbezogenen, offenen und digitalen Curriculum zuordnen, wie die folgenden Beispiele belegen mögen.
(1) Das exemplarische Lehren und Lernen bezieht Phänomene wie die folgenden ein bzw. geht sowohl im ausserschulisch-informellen Lernen als auch im Unterricht von Phänomenen aus, die zu klären sind: analog-digital/Digitalisierung – Hypertext – Cyberspace – Web 2.0 – Handy – SMS – MMS – Blog – Chatten – Tool – Apps – Websites – Twitter – Wiki/Wikipedia – virtuelle Welten – Avatar – Open Source – iPhone/iPod/iPad – Cloud – Plattform – Facebook – Nicknamen – YouTube – Google usw.9 Selbstverständlich sind diese und weitere Begriffe nicht nur semantisch zu erklären, sondern handelnd, das heisst im Gebrauchszusammenhang (beispielweise des »mobilen Lernens« mit iPhone) zu klären.10
(2) Das Erfahrungslernen geht von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen der Internetnutzerinnen und -nutzer aus, die zu schildern, auszutauschen, zu diskutieren und zu reflektieren sind. Genau genommen, ist alles Lernen dem subjektiven Zugang und der individuellen Konstruktion unterworfen: Jeder lernt mit seinem Kopf und bedient iPhone, iPad und PC mehr oder weniger geschickt mit seinen Händen, realisiert die Chancen des Internets selbst und erfährt die Schattenseiten am eigenen Leibe (z. B. Cybermobbing). Erfahrungsberichte wie die folgenden lassen sich in Beratungssituationen, in Kleingruppen, in Peer-Groups, in Communities und sozialen Netzwerken oder im modularen Unterricht über entsprechend definierte Plattformen austauschen und bearbeiten.
Die 16-jährige Sandra berichtet, wie sie dauernd von »komischen Leuten« per SMS und E-Mail angesprochen, zum Chatten oder zu Offline-Treffen eingeladen wird. Sie ist einigermassen ratlos und weiss vor allem nicht, wie die Leute an ihre Handynummer, an ihre Internet- und Wohnadresse kommen.
Das Erfahrungslernen hat gewissermassen eine passive und eine aktive Seite. Die passive Seite betrifft all das, was uns im Zusammenhang mit Aktivitäten im digitalen Raum begegnet und widerfährt: Man ist beispielsweise einem Cybermobbing ausgesetzt, der PC »stürzt ab«, der Akku ist leer usw. Auf der andern Seite gibt es ein weitreichendes Handlungsfeld, das von »literacies«, das heisst von »skills« bzw. Fähigkeiten und Fertigkeiten besetzt ist und das derzeit unter verschiedenen Titeln diskutiert wird: new literacy, digital literacy, internet literacy, media literacy bzw. Medienkompetenzen, ICT-Anwendungen, Informations- und Internetkompetenzen usw. Im Prinzip geht es um die Fähigkeiten, die es braucht, um digitale Technologien und Angebote gewinnbringend zu nutzen und Gefahren abzuwehren. Ob nun im ausserschulischen Raum des autodidaktischen, selbstorganisierten und P2P-unterstützten Lernens oder im Raum des schulisch moderierten und angeleiteten Lehrens und Lernens, immer geht es um konkrete Handlungen und Fähigkeiten, digitale Prozeduren und Applikationen optimal zu beherrschen, die ihrerseits Grundlagen bilden für die angemessene »Navigationsfähigkeit« des Individuums in der Informationsgesellschaft, und zwar sowohl im privaten wie im (zukünftigen) beruflichen Leben. Um den betreffenden Bildungs- und Schulungsbedarf zu skizzieren, seien im Folgenden einige handlungsleitende Fragen und Themen/Phänomene erwähnt:11
Wie kann man einen Text (mit verschiedenen Geräten) verfassen, speichern, abrufen, verschicken, korrigieren, erweitern … ins Netz stellen?
Wie lassen sich Bilder und Videos herstellen, sammeln, ordnen, kommentieren … ins Internet stellen?
Wie erstellt man eine Powerpoint-Präsentation, wie stellt man dies ins Netz?
Was ist ein Podcast, wie geht man damit um?
Was ist »Open-Source«-Software, und wie kann man diese nutzen?
Was ist ein Blog, wie eröffnet und führt man einen Blog?
Was ist und wie erstellt man ein Wiki, wie erweitert, bearbeitet man Wikis?
Wie eröffnet, betreibt und nutzt man Foren?
Wie eröffnet und modifiziert man eine eigene Homepage?
Wie nutzt man Facebook, YouTube, MySpace …, und wie schützt man private Daten?
Was kann, darf, soll ein eigenes Profil für ein soziale Netzwerk (nicht) enthalten?
Wie reagiert man auf problematische, z. B. anstössige, gewalthaltige … Inhalte im Internet?
Wie läuft der Einsatz von Web 2.0 beim Lernen?
Wie richtet man eine Lernplattform ein?
Was ist »Moodle«, welche Aktivitäten und Vorteile sind damit verbunden?
Wie richtet man eine Klassenwebsite ein, und wie lässt sie sich betreiben?
Was ist ein Web-2.0-Tool, und wie nutzt man dieses?
Was ist ein Microblog, wie wird er eingerichtet und betrieben?
Was ist ein E-Portfolio, und wie wird es erstellt?
Was sind Tags, und wie setzt man sie ein?
Wie lässt sich im Internet ein Projekt (gemeinsam) planen und dokumentieren?
Was ist RSS-Feed, und wie wird diese Datei genutzt?
Die meisten Lehrpläne fassen diese Fertigkeiten zu Lernbereichen und Themen zusammen, die sie in Bildungs-, Richt- und Grobzielen sowie in fachdidaktischen Grundsätzen festhalten (vgl. dazu beispielsweise den Lehrplan für die Volksschule sowie den Lehrplan für den gymnasialen Bildungsgang bzw. Fachlehrplan Informatik des Kantons Bern). Oft widersprechen allerdings die semantisch gehaltvollen Zielformulierungen sowohl der Marginalisierung der Informatik als Ergänzungs- oder Freiwahlfach als auch der Stundenzuteilung im offiziellen Lektionsplan.
(3) Das fallbasierte Lernen ist den meisten Lehrkräften im Zusammenhang mit traditionellem Unterricht bekannt, man kennt in vielen Fachgebieten Fälle, Fallsammlungen und kasuistische Verfahren. Die Effektivität der Lernmethode hängt dabei wesentlich vom Design und von der Aufarbeitung der Fälle ab.
Fälle sind auch in der Internet- und Informatikliteratur beliebte Illustrationsmittel (vgl. dazu die »einführenden Beispiele« im vorliegenden Buch, die jeweils einen Zugang erschliessen und erleichtern). Derzeit fehlen Internetphänomenspezifische Fallsammlungen. Immerhin lassen sich im literarischen und im Internetangebot beispielsweise zum Thema »Facebook« viele Illustrationsfälle finden, deren Detaillierungsgrad allerdings inkonsistent und meist ungenügend ist.12 Etwas dichter ist die Faktenlage bei Negativschilderungen wie Schulamok oder bei Biografien erfolgreicher oder berühmter Leute (Bill Gates, Mark Zuckerberg, Jimmy Wales, Steve Jobs, Julian Assange usw.). Im Prinzip geht es darum, möglichst aspektreich und hintergrundorientiert einen Fall oder eine Biografie zu entfalten und exemplarisch zu studieren bzw. das Charakteristische und Allgemeine, Prinzipielle herauszuholen. Neben Vorfällen und Biografien lassen sich auch einzelne markante digitale Phänomene und deren Entwicklung kasuistisch bearbeiten, beispielsweise Wikipedia (Begründer – Entstehung – Verbreitung – Nutzung – Schwachstellen – Kommunikationskultur – Vergleich mit Fachlexika usw.)13(4) Der Ansatz des problemorientierten Lernens lässt sich für viele Themen fruchtbar machen, die in der aktuellen Internetdiskussion und im vorliegenden Buch als »Gefahren« erwähnt, geschildert oder dokumentiert werden – allen voran das Cyberbullying. Dazu gibt es bereits Monografien, die sich durchaus modellartig als problemorientierte Auseinandersetzungen nutzen lassen.14
Beim problemorientierten Lernen sind neben dem informationellen Wissensanteil (Worum geht es?) auch der motivationale Haltungsanteil (Was will ich bzw. was will ich nicht?) und Ansätze der Therapie (Wer ist für Hilfe zuständig?) zu beachten.15
Im Zusammenhang mit den im vorliegenden Buch präsentierten Interventions- und Präventionsvorschlägen seien beispielsweise für die Themen Cyberbullying/ Sexting/ Pornografie-Konsum tabellarisch folgende Möglichkeiten in Erinnerung gerufen:
Massnahmenebene Technologie: Identifizierungs- und Altersverifizierungstechnologien, Filterungstechnologien, Standardvereinbarungen
Massnahmenebene Rechtsrahmen: Schutznormen, Verstärkung von Fahndungsverfahren und -personal, Rechtsdurchsetzung, Verbote
Massnahmenebene Elternaufklärung: Elterngespräche mit Jugendlichen, an Eltern adressierte Broschüren/Alltagshilfen/Literatur; Elternabende
Massnahmenebene Schule: Schulinterne Internetberatung, Workshop und Modulangebote (z. B. bezüglich Straf- und Sanktionswirkungen); Internet-Chatroom (z. B. Sicherheitsregeln im Facebook), Schulordnung/Schulreglemente und Verfügungen; Peer-Verantwortung (Gruppengespräche/Klassenmeetings)
Massnahmenebene Peer-Group: Beiträge und kreative Lösungen von Jugendlichen sind zu beachten und zu belohnen; Jugendliche sind in ihrer Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung zu unterstützen
Massnahmenebene Öffentlichkeit: Berichte in Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsendungen, Angebot anonymer Internetberatung und -therapie, Internetangebote zu den erwähnten Gefahren; selbstorganisierte Peer-Aufklärung
(5) Auch das Projektlernen ist Lehrenden aller Schulstufen bekannt und neuerdings im Bereich digitaler Bildungsreformen, schulischer ICT-Integration und Pilotprojekte verbreitet, angefangen mit vereinzeltem Einbau von digitalen Übungs- und Spielformen in den Normalunterricht und in Einzelfächer wie Mathematik, Musik, Erdkunde, Fremdsprachen usw. Über den Einsatz von Handy als Lern- und Arbeitswerkzeug, mit dem Wiki Lerninhalte wiederholen, strukturieren und vernetzen bis zu Versuchen mit »One-to-One-Computing (z. B. Ben Bachmair, Universität Kassel, Werner Hartmann, PH Bern), Einsatz von Notebook und interaktiven Whiteboards an Grundschulen (Henry Heper, Universität Magdeburg), 1:1-Computing mit Netbooks im Primarschulunterricht (z. B. Primarschule Guttannen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Bildungsinformatik der PH Bern), bis zum professionellen Lernen und Arbeiten mit Netbooks im Unterricht an der Kantonsschule Sursee.16 Zu den Pilotversuchen und praktischen Erfahrungen liegen mehrere Praxisberichte verschiedener Stufen vor.17
Abgesehen von den Endgeräten und deren schulischem Einsatz lassen sich auch zentrale Themen der Digitalisierung projektartig bearbeiten. Dabei können beispielsweise Monografien zum Thema »Facebook« alle relevanten Aspekte i. S. eines inhaltlichen Handlaufs für Teilthemen wie die folgenden liefern: Facebook-Zugang – Selbstdarstellung – Reputation – digitale Identität – privater oder öffentlicher Raum – Schutz der Privatsphäre – digitales Dossier – Facebook als Falle – Spurenbeseitigung – Cybermobbing im Facebook – freie Meinungsäusserung – Like-Button – Datenschutzskandale – Facebook im Netz der Interessen.18
(6) Systeme und systematischer Unterricht haben bislang die europäische Bildung dominiert. Wegleitend sind weitgehend auch heute noch die zu Lehrbüchern geronnenen Fachsystematiken der Biologie, Physik, Mathematik, Geschichte usw., die man nach Laienauffassung am besten auswendig lernt. Immerhin scheint manchenorts dieser Bildungstopos im Schwinden begriffen: Das internetdominierte Suchen, Finden, P2P-Bearbeiten, Verwerten, Gestalten und Austauschen ersetzt das öde Dozieren und das kopf- und memorierlastige Lernen. Andererseits breiten sich digital konfigurierte Bildungsangebote und Szenarien aus, die die modernen Fachcurricula (insbesondere an Hochschulen und Universitäten) mit E-Learning, Blended Learning, Lernplattformen, Mobile Learning, Micro-Learning, Online-Moderation, Tele-Tutoring und Aktivitäten im virtuellen Klassenzimmer durchdringen. Meistens sind entsprechende Lehr-Lern-Angebote an spezifische Institutionen (und deren Informatikbeauftragte bzw. Protagonisten) gebunden.19
Zusammengefasst: Viele junge Menschen mit Internetzugang haben heute eine weitreichende und beeindruckende Medienkompetenz, die sie mit selbstorganisiertem, informellem Lernen erworben, ausgetauscht und im Sinne des Web 2.0 eingesetzt haben. Sie holen sich die gewünschten Informationen aus dem Netz, sie nutzen mit ihren Geräten Internet und soziale Netzwerke wie Facebook usw., tauschen Informationen aus, bauen eine digitale Identität auf, nutzen Open-Source-Lernplattformen, übermitteln und teilen Nachrichten, Texte und Bilder, nutzen Film-, Musik- und Spielangebote – oft auch ausserhalb des wünschenswerten Rahmens. Die Schule kann und muss diese Ressourcen nutzen und einbeziehen20 sowie zur Kenntnis nehmen, dass das mit mobilen Endgeräten nutzbare Internet- und Digitalangebot in lerntheoretischer Sicht der bislang exzellenteste und konsequenteste Beitrag zum individualisierenden formellen und informellen Lernen ist. Die Schule muss aber auch den entsprechenden Gefahren gegensteuern und mithin jene jungen Nutzerinnen und Nutzer fördern, deren Teilnahmechancen (im Rahmen des sich manchenorts eröffnenden sogenannten »participation gap«) geringer ausgefallen sind. Wenn die Chancen genutzt werden sollen, ist im geschilderten Sinne teilweise ein Paradigmenwechsel der Lehr- und Lern-Formen nötig. Zudem sind auf verschiedenen Ebenen entsprechende Informatikangebote – inklusiv angemessene Zeitgefässe für den Unterricht – zu machen, finanziell und personell differenziert zu unterstützen sowie die lehrspezifischen Medienkompetenzen der Lehrenden auf- und auszubauen. Die besondere informationelle Qualität der Beiträge von Lehrpersonen liegt meines Ermessens nicht nur im Beschaffen, Einrichten und Betreiben technologischer Geräte, in deren Handhabung und digitale Nutzung im Sinne von ICT, sondern in der weiterführenden und vertiefenden, hintergrundkundigen Aufklärung unter Einschluss nicht nur der jungen Menschen, sondern auch der Erziehungsverantwortlichen (inkl. Eltern), die sich gegen Internetmythen richtet und dem journalistischen und eindimensionalen Feldzug gegen Informatik und Internet entgegenstellt. Dies soll abschliessend an drei brisanten und aktuellen Themen erläutert werden.
(1) Führt das extensive Multitasking junger Menschen vermehrt zu Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsdefiziten?
In manchen Hörsälen referiert vorne eine Dozentin oder ein Dozent, die Studierenden sitzen hinter ihren Laptops, machen Notizen, rufen im Internet Schlüsselbegriffe ab, ordnen ihre E-Mails, senden oder empfangen hin und wieder auch Botschaften über iPhone – und fühlen sich nach eigenen Aussagen wohl und überhaupt nicht überfordert. »I multitask every single second I am online. At this very moment, I am watching TV, checking my email every two minutes, reading a newsgroup about who shot JFK, burning some music to a CD and writing this message«, berichtet ein Siebzehnjähriger.21 Dieses Verhalten nennen wir mediales »Multitasking«. Eine Studie aus dem Jahr 2003 belegt, dass »fast ein Drittel der untersuchten Jugendlichen beim Hausaufgabenmachen meistens telefoniert, chattet, fernsieht, Musik hört oder im Internet surft«.22
Multitasking beschäftigt in erster Linie das Arbeitsgedächtnis, mithin Areale des frontalen Cortex. Wenn wir mit Torkel Klingberg annehmen,23 dass Multitasking vom Belastungsgrad des Arbeitsgedächtnisses abhängt und dass gewisse »Exekutivfunktionen« desselben trainierbar sind, lässt sich die Vermutung anstellen, dass Digital Natives, die sich täglich stundenlang mit mehreren digitalen Endgeräten gleichzeitig beschäftigen, sich auch eine entsprechende Parallelverarbeitung aneignen. Und genau dies scheint der kritische Punkt zu sein: Wenn die zu bewältigenden Aufgaben hoch habitualisiert und automatisiert sind, reicht die neuronale Stirnhirn- und Aufmerksamkeitskapazität aus: Wir können durchaus ein Auto lenken und dazu ein Gespräch führen oder Musik hören. Die Kombination von Autofahren und mit dem Handy jemanden anrufen übersteigt diese Kapazitätsgrenze und führt unweigerlich zu hohem Aufmerksamkeitsverlust und zu Fehlreaktionen. Dies hat zum Verbot des Handygebrauchs während des Autofahrens geführt.
Mittlerweile gibt es eine wahre Flut von Multitasking-kritischen Artikeln und Büchern. Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Nicolas Carr warnte (2008) nicht nur mit einem wegweisenden Artikel »Is Google making us stupid?« vor den Untiefen des Internets, er befürchtet auch, dass das Multitasking Konzentrationsfähigkeit, Nachdenklichkeit und Reflexionstiefe zerstört. Im deutschen Sprachraum warnt der Journalist Frank Schirrmacher mit deftigen Titeln wie »Multitasking ist Körperverletzung«.24 Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel verweist darauf, dass die konstante Überforderung des Multitaskings zu einer markanten Aufmerksamkeitsstörung führen kann – und sie bezeichnet darüber hinaus Multitasking als Mythos, denn das Gehirn könne niemals gleichzeitig zwei anspruchsvolle Aufgaben parallel bearbeiten. Wir müssten vielmehr eines nach dem andern tun, das heisst ein »serielles Multitasking«25 pflegen – oder zwischendurch »einfach abschalten«.26 Zwar räumt der amerikanische Neurowissenschaftler Gary Small ein, Multitasking bzw. das Hin- und Herspringen zwischen zwei Aufgaben sei offenkundig zu einer notwendigen Fähigkeit geworden, aber mit psychischen Unkosten verbunden, zum Beispiel mit Zeitverlust beim Aufmerksamkeitswechsel und darüber hinaus mit der Gefahr des Erwachsenen-ADHS.27 Small kommt zum Schluss: »Wenn wir das Multitasking minimieren, verbessern wir damit im Allgemeinen unsere Konzentrationsfähigkeit.«28 Prägnant ablehnend äussert sich auch Manfred Spitzer: »Multitasking – Nein danke!«.29 Er belegt seine ablehnende Haltung gegenüber Multitasking (wie übrigens auch Gary Small, Lutz Jäncke und andere) mit dem Hinweis auf eine amerikanische Untersuchung von Clifford Nass et al.,30 in welcher Extremgruppenvergleiche zwischen intensiven und leichten Multitaskern und Multitaskerinnen gemacht wurden. Die Ergebnisse waren eindeutig:
Je mehr Distraktoren (ablenkende Reize) im Spiel sind, desto schlechter sind die Heavy-Multimedia-Users.
Je schwerer die Arbeitsgedächtnis-Aufgabe ist, desto schlechter sind die Heavy-Multimedia-Users.
Je schwerer die Multitasking-Aufgabe, desto langsamer arbeiten die Heavy-Multimedia-Users.
Gesamthaft kann man sagen: Intensives und anhaltendes Multitasken reduziert die Fähigkeit, irrelevante Inhalte auszublenden, verlangsamt den Aufgabenwechsel – und führt schliesslich zu einem oberflächlicheren und weniger effektiven kognitiven Stil.
Einen erhellenden Beitrag zum Problem Multitasking hat jüngst Etienne Koechlin vom Laboratoire de Neurosciences Cognitives in Paris publiziert.31 Er konnte nachweisen, dass zwei konkurrierende Aufgaben auf die Frontalaktivität der beiden Hemisphären aufgeteilt werden – und damit auf eine wohl strukturelle neuronale Kapazitätsgrenze stösst: Die Studie belegt, dass das Gehirn maximal zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann.
Damit ist ein handlungsrelevantes Fazit zu ziehen: Multitasking ist im Normalfall wahrscheinlich gehirnstrukturell und durch die Aufgabenschwierigkeit limitiert. Hoch automatisierte Handlungen erlauben es allenfalls, zwei Aufgaben parallel zu bearbeiten – allerdings mit dem erhöhten Risiko, mehr Fehler zu machen, die Konzentration und Aufmerksamkeit zu überfordern und letztlich mehr Zeit zu benötigen. Bei anforderungsreichen Aufgaben ist das Nacheinander konzentrierter Zuwendung lernpraktisch optimaler – und sogar für den schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben günstiger.
(2) Machen Computerspiele Jugendliche gewalttätig oder klug?
Das vom Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer 2005 publizierte Buch »Vorsicht Bildschirm« wirkte wie ein Fanal im Feldzug gegen Computer- und Internetspiele – und darüber hinaus gegen deren Einsatz in der Schule. Spitzer erwähnt mehrere Schulamokläufe (Littleton, Erfurt usw.), deren Täterinnen und Täter »sehr viel Zeit mit dem Spielen von Gewaltvideospielen« verbracht, somit Gewalt aktiv und selbstbelohnt trainiert und in das Verhalten implantiert hatten.32 Spitzer resümiert diesen Zusammenhang linear und eindimensional: »Aus der virtuellen Gewalt (wird) grausame Realität.«33
Die monokausale Sicht Spitzers wurde allerdings schon bald durch Untersuchungen infrage gestellt, welche jugendliche Gewalt als mehrfaktoriell verursachtes Phänomen beschreiben.34 Zu diesen Faktoren gehören beispielsweise geschädigtes Selbstwertgefühl, niedrige Beliebtheit, verletzende häusliche und schulische Realerfahrungen, bedrückende soziale Rahmung – und nicht zuletzt mangelnde Geschmacksbildung im Umgang mit Computerspielen im Einstiegsalter von 8 bis 10 bzw. 12 Jahren. Von Salisch belegt, dass man Gewalt nicht nur als Wirkung von Gewaltspielen, sondern genau umgekehrt die Wahl von Gewaltspielen als Ausdruck personverankerter Aggressionsbereitschaft verstehen kann. Der Zusammenhang zwischen Internetgebrauch bzw. Ego-Shooter-Spielen und Gewalttätigkeit ist durchaus vorhanden, aber gewalthaltige Spiele sind nicht die einzige Ursache. Insbesondere jugendliche Schulamoktaten werden derzeit als Zusammenwirken diverser »Risikofaktoren« erklärt: Sozioökonomischer Hintergrund, Missbrauch, Mobbingerfahrungen, defiziente Schulbiografie, gewalthaltiges Erziehungsumfeld, spezielle Peer-Beziehungen, intensiver Konsum gewalthaltiger Spiele usw. bis zu neuronalen Defiziten im Sinne fehlender Risikobewertung, Verhaltenskontrolle und Impulshemmung … können bei Gewalthandlungen wirksam sein. Überdies können im »Wirklichkeitstransfer« von der virtuellen in die reale Welt und umgekehrt eingeübte Skripts und Schemata, sowohl Leistungs- als auch Flucht- und Vergeltungsmotive eine Rolle spielen.35
Einen eigentlichen Paradigmenwechsel im Verständnis der Bedeutung von Internetspielen wird durch neueste Untersuchungen und Sichtweisen gefördert. Differenzierte Befragungen belegen, dass Computer-, Internet- bzw. Online-Spiele nicht die einzige und schon gar nicht die dominierende digitale Nutzung sind: Sowohl die BITCOM-Studie (2011) als auch die JAMES-Studie von 2010 zeigten höchst differenzierte mediale und digitale Portfolios und Nutzungsprofile:
Nach der JAMES-Studie 2010 umfasst der tägliche oder wöchentlich mehrmalige Medienkonsum beispielsweise folgende Aktivitäten: Handy nutzen (92 %), Internetdienste nutzen (89 %), Fernsehen (81 %), MP3s hören (80 %), Musik-CDs/Kassetten (57 %), Radio hören (56 %), Tageszeitung (Printversion) lesen (48 %), Computer- oder Videogames spielen (36 %), DVDs/Videos schauen (30 %), digitale Fotos machen (28 %), Zeitschrift lesen (26 %), Bücher lesen (26 %), Computer oder Internet nutzen (20 %), Hörspiel hören (16 %), Zeitschrift online lesen (13 %), digitale Videos machen (7 %), Kino besuchen (1 %). Dieser Befund belegt, dass das Computerspiel nur eine unter verschiedenen Aktivitäten ist.36
Ähnliche Fragestellungen liefern auch im Bereich der Video-Games bemerkenswerte Unterschiede: Täglich oder mehrmals pro Woche spielen Konsolenspiele allein 27 %, Online-Spiele allein 25 %, Konsolenspiele mit andern 18 %, alleine offline am PC 17 %, Multi-User-Spiele mit andern Internetnutzerinnen und -nutzern 20 %, mit andern offline am PC spielen 7 %.37 Als Lieblingsgames werden – nach Häufigkeit der Nennung gewichtet – folgende genannt: Sport-Spiele 19 %, First Person Shooters 17 %, Action-Spiele 17 %, Renn-Spiele 11 %, Casual Games 9 %, Simulationen 7 %, Jump’n’Run/Plattformers 7 %, Echtzeit-Strategie-Spiele 5 %, Rollenspiele 4 %, MMORPG (Massively Multi-Player Online Role Playing Games) 3 %, Adventure-Spiele 2 %.38 Zudem ist festzuhalten, dass das Handy als Hybrid-Medium zunehmend dominiert und zum Musikhören, Filmen, Fotografieren, Surfen im Internet – und eben auch zum Spielen eingesetzt wird.
Der erwähnte Paradigmenwechsel manifestiert sich weiter in einer qualitativsystematischen, kontextuellen Sicht, wie sie John Palfrey und Urs Gasser in ihrem Grundlagenwerk »Generation Internet« (2008) entfalten. Sie liefern damit die Grundlinien einer digitalen Spieltheorie, die in mancher Hinsicht traditionelle entwicklungs- und spieltheoretische Aspekte (Spiel als Aktivierung, als Austauschprozess zwischen Personen, als Problemlösung und Realitätsbewältigung) aufgreift.39 Internetspiele enthalten durchaus Elemente der traditionellen Funktions-, Symbol-, Fiktions-, Regel-, Konstruktions- und Rollenspiele, erweitern und betonen darüber hinaus den Aktivitäts- und Intensitätsgrad, den Einbezug der Spieleridentität (z. B. über Avatare) und deren erhöhte Selbstwirksamkeit, die Einbindung in digitale (und oft internationale) Spielgemeinschaften, aber auch die Möglichkeit aggressiven Auslebens: Kinder, die hyperrealistische Gewaltszenarien erleben, sind nicht nur Beobachter, »sie werden zu aktiven Teilnehmern in brutalen Fantasiewelten. Das Spiel veranlasst sie, virtuelle Morde zu begehen.«40 Der erhöhte Intensitäts- und Attraktivitätsgrad führt teilweise zu Spielabhängigkeit, zu Spielsucht und Flucht aus der Offline-Welt in Online-Spielwelten, die als »eigentliches Leben« wahrgenommen werden. Dies wird von der »Abwanderung weg von den Fernsehschirmen und Spielkonsolen hin zum Internet« gefördert.41
Und schliesslich ist ein dritter, didaktischer Aspekt der Spielnutzung zu erwähnen: Digitale Lernspiele können sowohl individualisierend als auch im Partner- oder Gruppenverband zu einem relativ eigenständigen didaktischen Lernmittel werden. Das Angebot von Computerspielen zwischen den Ansprüchen Unterhaltung und Lernen ist kaum mehr überschaubar. Immerhin gibt es seit etwa 10 Jahren eine intensivierte Forschung, die das Bildungspotenzial von Computerspielen, das heisst u. a. Sozialisationswirkungen, Aufbau von Computerspiel-Literalität, Kompetenzerwerb, Lernwirkungen von »Serious Games« und therapeutischen Spielen usw. untersucht.42 Die vielfältige Lernwirkung ist empirisch belegt und ist kaum mehr zu bezweifeln: Computerspielende Kinder lernen nicht bloss, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu klicken bzw. Auge und Hand zu koordinieren, schnell wahrzunehmen und zu reagieren, sondern auch Form- und Mustererkennung, Regeln, Taktiken, kognitive Strategien, Ausdauer und Konzentration.43
Computerspiele sind in pädagogischer Sicht allerdings einer »didaktischen Spielanalyse« zu unterwerfen, die den Lehrenden verschiedener Stufen – über allgemeine Empfehlungen hinaus – konkrete Einsatzhinweise liefern: Worin bestehen Spieloberfläche, Spielhandlungen und Handlungsstrukturen? Welche Inhalte bzw. curricularen Bezüge liegen vor? Wie sieht die Steuerung und Kontrolle der emotionalen, kognitiven, motorischen und sozialen Lernprozesse aus? Welche Lernschwierigkeiten sind zu überwinden, wie sehen Rückmeldungen aus, und wie werden sie verarbeitet? Welche inhaltlichen Lernziele sind (in welcher Zeit) zu erreichen? Wie ist ein Computerspiel methodisch in Lehr-Lern-Prozesse (im Sinne der Annäherung, des Erarbeitens und Vertiefens, der Anwendung und Erfolgskontrolle) einzubetten? Antworten auf derartige Fragen sollen aufzeigen, »wie das Lernen in den Spass verpackt ist« und welche sachstrukturellen Zusammenhänge (beispielsweise zwischen Tangram, Pentaminos und Tetris …) bestehen.44
(3) Führt intensive Internetnutzung zum Verlust von Lesekultur und zur Veränderung jugendlicher Gehirne?
Das Urteil mancher medienkritischer Journalisten ist so klar wie pointiert: Frank Schirrmacher ist der Ansicht, dass die Lesefähigkeit abnimmt – und mit ihr die Lesegeduld: »Wir alle haben zunehmend Probleme, ein Buch zu lesen.«45 Unter dem Druck digitaler Informationsflut beginnt sich nach Schirrmachers Ansicht das Gehirn umzubauen: Geistige Funktionen, insbesondere die Fähigkeit der Konzentration, der gelenkten und ausdauernden Aufmerksamkeit, des vertieften Lesens und selbstständigen Denkens gingen verloren.46 Das Stirnhirn sei im Online-Modus ununterbrochen auf dem Sprung, neue Reize zu beachten, es stehe unter permanentem Aufmerksamkeits- und Zuwendungsdruck. Ähnliches befürchtet auch der amerikanische Wissenschaftsjournalist Nicolas Carr: Das Internet verändere das Denken und das Gehirn Jugendlicher, und es reduziere die Fähigkeit zu linearem und vertieftem, das heisst sinnverstehendem Lesen. Die »Reizkakofonie des Internets« bewirke, »dass unser Gehirn weder konzentriert noch kreativ denken kann. Unser Gehirn wird zu einer simplen, signalverarbeitenden Einheit, die Informationen möglichst rasch durch unser Bewusstsein schleust.«47
Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, dass »vertieftes Lesen« alles andere als bloss »linear« verläuft, nämlich assoziativ, rekursiv, verknüpfend: Die Oberflächenstruktur der Sätze wird mit dem semantischen Gehalt der Textbasis sowie mit bedeutungshaltigen Situationsmodellen und Weltwissen verknüpft – und genau diese Verzögerung bezeichnen wir (mit Maryanne Wolf) als Nachdenklichkeit. Überdies sind verschiedene Lesemodi zu unterscheiden: Orientierendes Lesen und Navigieren in Hypertexten erweitern schulische Lesenormen, betonen digitale Lesegewohnheiten. Die einseitige Orientierung an literarischen Textsorten wird durch das Internet und durch digitale Kommunikationsformen (E-Mail, SMS, Chat, Blog, Twitter, Facebook) erweitert. Dies mag unter anderem dazu geführt haben, dass sich die 15-jährigen Schweizer Jugendlichen bezüglich Lesekompetenz von 494 Punkten (in der PISA-Studie von 2000) auf 501 Punkte (in der Studie von 2009) verbessert haben. Auch was die Schreibkompetenz betrifft, bewirken die Chat- und Instant-Messaging-Texte Jugendlicher keinen Verlust der Schreibfähigkeit, sondern vielmehr ein gutes Gespür für situativ-mediale und textsortenspezifische Eigenheiten.48 Es ist demnach vielmehr so, dass die digitalen Medien neue Möglichkeiten der Textrezeption und -produktion schaffen, die schulisch fruchtbar zu machen sind.49 Schliesslich ist anzumerken, dass die intensive Internetnutzung tatsächlich das Gehirn von Jugendlichen und Erwachsenen verändert – etwa so, wie intensives Musizieren, Schachspielen, Jonglieren, Lernen einer Fremdsprache oder Orientierungslaufen das Gehirn in seiner Feinstruktur und synaptischen Vernetzung verändern. Jedenfalls bestätigen dies neurowissenschaftliche Ergebnisse.50
Schlussbemerkung
Zweifellos verändern Computer, Internet, Facebook & Co. unseren Alltag, unsere Kommunikation, unseren Beruf und unsere Köpfe. Heranwachsende bzw. die Digital Natives sind davon massiv betroffen und dabei nicht nur den technologischen Segnungen, sondern auch Verführungen ausgesetzt.51 Die Hoffnung, digitale Phänomene mit gelehrter Ignoranz und Ablehnung52 oder mit Regulierung und Verboten in den Griff zu bekommen, ist relativ minim. Uns bleibt nichts anderes, als zwischen blinder Begeisterung und überheblicher Ablehnung zu erforschen und zu überlegen, wohin sich der junge »homo digitaliensis« entwickelt und wie wir als Lehrende und Erziehende diese Entwicklung unterstützen und begleiten können.53 Der Didaktik sind dabei enge Grenzen gesetzt, weil ausserschulische Akteure, Medienschaffende und -anbieter, die Inhalte (z. B. Apps) anbieten, Werte setzen und die Nutzung der neuen Medien informell didaktisieren.
Politiker, Gesetzgeber, Erziehende und Lehrende, aber auch Produzenten und Distribuenten – und nicht zuletzt die Forscher-Community können sich der Verantwortung nicht entziehen, sich mit der neuen Bildungsmacht rezeptiv und mitgestaltend auseinanderzusetzen. Diesem Anliegen will das vorliegende Buch dienen.
KAPITEL I
Grundlagen
1. Ausgangslage
Das Internet hat sich zu einem Multifunktionsmedium entwickelt, das sowohl traditionelle Formen wie Text, Video und Audio miteinander verknüpft, aber insbesondere auch neue Kommunikationsformen ermöglicht und Interaktionsräume eröffnet. Die aktuellen Entwicklungen des Internets sind indes nicht nur technischer Natur; ebenso bedeutsam ist, dass digitale Technologien durch eine zunehmende Einbindung in den Alltag der Menschen gekennzeichnet sind, wie neuere Mediennutzungsstatistiken namentlich aus Amerika und Europa eindrucksvoll belegen. Dabei entstehen neue Gewohnheiten in der Mediennutzung und wichtige soziale Normen, welche die Informations- und Kommunikationsprozesse lenken; diese werden verändert oder hinterfragt. Die zunehmende Zeit, die der Mensch online verbringt, aber auch die qualitativ steigende Bedeutung des Mediums Internet im Alltagsleben bieten Anlass, die mit den vielfältigen Nutzungsarten verbundenen Chancen und Risiken zu analysieren und gegenseitig ins Verhältnis zu setzen. Dabei hat vor allem die zunehmende Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen dazu geführt, dass Erwachsene, Bildungsinstitutionen und Politiker sich mit diesem Thema stärker auseinandersetzen.
In Gesprächen mit Eltern ist der erste angesprochene Problemkreis, wenn es um die Internetnutzung ihrer Kinder geht, regelmässig die Frage der Sicherheit – im Sinne der physischen und psychischen Integrität online. Aber auch Lehrpersonen, Gesetzeshüter und Politikerinnen sind zunehmend um die digitalen Sicherheitsrisiken besorgt. Die Sorge gründet in der (empirisch allerdings nicht fundierten) Annahme, dass ein mediales Umfeld, das Interaktionen mit einem mithin unbekannten Gegenüber ermöglicht, weniger sicher ist als traditionelle Kommunikationsräume, die nicht durch Anonymität gekennzeichnet sind. Während hinsichtlich Problemlage in der breiten Öffentlichkeit weitherum Einigkeit herrscht, trennen sich die Meinungen, wenn es um die Frage wirksamer Gegenmassnahmen geht. Auf der einen Seite wird etwa die Meinung vertreten, Kindern und Jugendlichen soll ein sicherer Umgang mit neuen Medien beigebracht werden – etwa im Rahmen der Medienerziehung in der Schule –, während andere Stimmen argumentieren, dass der Zugang zum Internet oder mindestens gewisse Anwendungen wie etwa soziale Netzwerke eingeschränkt oder gar verboten werden sollten. Die letztgenannte, auf Restriktion angelegte Reaktionsform findet zunehmend in den USA Verbreitung, wo Schulen manche unter Kindern und Jugendlichen populäre Anwendungen blockieren und die Eltern immer öfters Filterungs- und Trackingmethoden verwenden, um die Internetnutzung ihrer Kinder zu überwachen. Während manche dieser Interventionsmöglichkeiten in bestimmten Kontexten und für bestimmte Altersklassen sinnvoll sein können und sicherlich die meisten davon gut gemeint sind, sind sie mehrheitlich angstgetrieben statt datenbasiert und werfen eine Vielzahl neuer Fragen auf, etwa hinsichtlich der Informationsfreiheitsrechte und des Privatsphärenschutzes der Kinder und Jugendlichen. Hinzu kommt, dass die Interventionen oft mehr aus der Sicht der Erwachsenen sinnvoll sind, dabei aber auf geringe Akzeptanz seitens der Kinder und Jugendlichen stossen, was regelmässig zur Umgehung der Schutzmassnahmen führt.
Obwohl im Rahmen der öffentlichen Diskussion und mit Blick auf Politikgestaltung allgemeine Aussagen hinsichtlich der Medien- und Technologienutzung von Kindern und Jugendlichen unvermeidbar und wesensimmanent sind, ist es wichtig, zu verstehen, dass nicht alle jungen Menschen digitale Medien in identischer Weise nutzen.54 Zunächst ist festzuhalten, dass nicht für alle der Zugang zum Internet gleichermassen gewährleistet ist. Gemäss der JAMES-Studie 2010 geben 95 % der Befragten an, im Haushalt Zugang zum Internet zu haben,55 wobei drei Viertel über einen eigenen Computer mit Internetzugang verfügen.56 Wiewohl diese Zahlen absolut gesehen hoch sind und der Trend ermutigend ist (zum Vergleich: laut einer Befragung von SWITCH unter 575 Schweizer Jugendlichen im Alter von 6 bis 20 Jahren, hatten noch im Jahr 2009 lediglich 87 % die Möglichkeit, das Internet zu Hause zu nutzen, wobei 62 % auf einen eigenen Computer mit Internet zurückgreifen konnten),57 zeigen Untersuchungen, dass Jugendliche aus Familien mit tieferem soziökonomischem Status höhere Zugangsschranken haben als die bessergestellte Vergleichsgruppe.58 Dies hat Folgen: Jugendliche mit fehlendem oder eingeschränktem Zugang zum Internet erhalten nicht die gleichen Teilnahmechancen. Insbesondere reduzieren sich für sie die Möglichkeiten, sich die durch Nutzung und Peer-Learning vermittelten technischen und sozialen Fähigkeiten anzueignen. Daraus können sich zum Beispiel Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion online oder im Umgang mit unzuverlässigen Informationen und anderen vermeidbaren Risikosituationen ergeben.
Die Möglichkeit des Zugangs alleine bedeutet indes noch nicht, gleichsam automatisch auch erfahren im Internetumgang zu sein.59 Auch die Zugangsbedingungen sind in den Blick zu nehmen. Gewisse Ungleichheiten hinsichtlich Zugangsbedingungen, die sich ihrerseits auf den Erwerb von Medienkompetenz auswirken, sind dabei gleichsam »hausgemacht«. Beispielsweise ist es in gewissen Ländern nicht unüblich, dass der Zugang zu bestimmten Anwendungen oder Webseiten an Schulen eingeschränkt wird und damit jene Kinder und Jugendliche, die zu Hause über keinen Internetzugang verfügen, im Umgang mit solchen Anwendungen einen Nachteil gegenüber der privilegierten Vergleichsgruppe erleiden. Sowohl theoretische Arbeiten als auch empirische Studien belegen (Henry Jenkins und Eszter Hargittai60), dass es einen wesentlichen Unterschied im Umgang mit Gefahren und Risiken gibt zwischen Jugendlichen mit fortgeschrittenen Fähigkeiten und solchen ohne diese Fähigkeiten.
Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor ist die Zeit, die Kinder und Jugendliche im Internet und mit neuen Medien verbringen. Eine schweizerische Studie aus dem Jahre 2007 belegt, dass es zu einer starken Zunahme des Computerkonsums unter Jugendlichen gekommen ist.61 Nach einer neueren Studie von 2010 sind 89 % der 12- bis 19-Jährigen täglich oder mehrmals pro Woche im Internet.62 Dieser Wert ist signifikant höher als die 47 % der 6- bis 20-Jährigen, die 2009 täglich im Internet waren.63 Dieser Trend wird auch durch Statistiken aus Deutschland unterstützt, wo das Internet bei Jugendlichen das Fernsehen als Leitmedium überholt hat. Gemäss der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 verbringen 14- bis 19-Jährige im Durchschnitt 125 Minuten pro Tag im Internet und 114 Minuten vor dem Fernseher (2009 waren es sogar 123 Minuten im Netz und 97 Minuten Fernsehen).64 Diese eindrücklichen Zahlen spiegeln sich auch in der subjektiven Einschätzung der Bedeutung des Internets unter den Nutzerinnen und Nutzern selbst: 50 % der 15- bis 19-jährigen Jugendlichen in der Schweiz könnten nach eigener Aussage unmöglich auf den Computer mit Internetanschluss verzichten.65 Auch Mobiltelefone werden häufiger erworben und benutzt. 92 % der 12- bis 19-jährigen Schweizerinnen und Schweizer geben an, täglich oder mehrmals pro Woche ein Mobiltelefon zu benutzen; die JAMES-Studie 2010 bezeichnet »Handy nutzen« deshalb als beliebteste Aktivität.66 Gemäss derselben Untersuchung besitzen 98 % der befragten Jugendlichen ein Mobiltelefon.67 Studien belegen, dass sich insbesondere Smartphones zunehmender Beliebtheit erfreuen. Diese ermöglichen es den Benutzerinnen und Benutzern, grundsätzlich überall und jederzeit online zu sein, und haben den Effekt, dass der Zugangsort an Bedeutung verliert, was wiederum die Möglichkeiten einschränkt, die zur Verfügung stehen, um die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen zu regulieren.
Bereits vor dem Hintergrund dieser Statistiken wird deutlich, dass dem Dialog zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Lehrpersonen eine grosse Bedeutung zukommt, wenn es um die eingangs erwähnten, mit der Internetnutzung verbundenen Risiken geht. Eine Zürcher Studie zeigt dabei den besorgniserregenden Trend an, dass die gemeinsamen Aktivitäten Jugendlicher mit den Eltern in den letzten Jahren deutlich abgenommen haben.68 Die Autoren der Studie schliessen daraus, dass Jugendliche heute nicht nur den Computer stärker nutzen als früher, sondern sich gleichzeitig von den Eltern distanzieren.69 Auch Untersuchungen aus den USA deuten darauf hin, dass der Einfluss der Eltern auf den Mediengebrauch der Jugendlichen vermutlich eher geringer ist als noch vor einigen Jahren, womit die Schulen einen immer wichtiger werdenden Einflussfaktor darstellen dürften. Eine breit angelegte europäische Studie stützt diese Vermutung, indem sie feststellt, dass ein Drittel der befragten 9- bis 16-Jährigen manchmal ignorieren, was ihre Eltern zur Internetnutzung sagen.70 Laut derselben Studie haben 58 % der Befragten angegeben, ihre Lehrpersonen hätten ihnen bereits einmal geholfen, etwas im Internet zu finden oder zu erledigen.71
Aus der Optik der Schulen und Bildungsinstitutionen ist es folglich zunehmend bedeutsam, sich mit dem Internetgebrauch von Kindern und Jugendlichen eingehend zu beschäftigen, die Risiken zu studieren, aber auch die Potenziale auszuloten und stärker zu nutzen. So stellt beispielsweise eine 2008 in Amerika durchgeführte ethnografische Studie zu Peer-basierten Lerngewohnheiten unter Jugendlichen fest, dass elektronische Medien neue Möglichkeiten für intensives, selbstgesteuertes, interessengeleitetes Lernen eröffnen.72 Diese in der Fachsprache als »Geeking out« bezeichnete Lernmethode – das Aneignen und spätere Teilen von Expertenwissen unter Peers – gleicht in vielen Bereichen nicht dem traditionellen, Schulzimmer-basierten Unterricht, unterstützt aber dennoch auf interessante Weise technische und soziale Kompetenzen wie Selbstvertrauen, Führungskompetenz und Kommunikationsfähigkeit. Dabei profitieren Jugendliche vom Umgang im digitalen Umfeld namentlich dadurch, dass sie sich soziale Fähigkeiten aneignen, die es für ein kreatives und auf Zusammenarbeit basierendes Arbeitsumfeld braucht.73 Während oft der Ruf laut wird, dass Kinder und Jugendliche besser vor bestehenden und zukünftigen Risiken und Gefahren geschützt werden sollen, ist es wichtig, die Vorteile zu erkennen, die die neuen Digitaltechnologien mit sich bringen. Durch das Experimentieren mit neuen Technologien im Unterricht können selbstgesteuertes und ausserschulisches Lernen gefördert und neue Formen der sozialen Interaktion entwickelt werden.
Erst die Zukunft wird verlässlich zeigen, in welchem Ausmass digitale Medien wie Handy und Internet informations- und kommunikationsbasierte Vorgänge wie das Lernen nachhaltig verändern. Immerhin besteht aber bereits jetzt eine reichhaltige Forschung zu den Chancen und Risiken der digitalen Mediennutzung, aus der sich gerade auch im Blick auf Schulen erste und vorsichtige Handlungsempfehlungen ableiten lassen.
2. Erkenntnisleitende Fragestellungen
Dieses Buch bezweckt ein »Umfeldmonitoring« in Sachen Internetrisiken für Kinder und Jugendliche in der Schweiz. Dabei werden namentlich die folgenden Aspekte diskutiert und Fragen beantwortet:
1. Welchen Risiken und Gefahren sind Kinder und Jugendliche bei der Nutzung des Internets ausgesetzt? Dabei sind sowohl kurzfristige Risiken und Gefahren (z. B. Mobbing) als auch langfristige Folgen (z. B. Hinterlassen von untilgbaren Informationen im Internet) zu berücksichtigen.
2. Welche Möglichkeiten bestehen, um für Kinder und Jugendliche diese Risiken und Gefahren – präventiv – zu minimieren?
3. Sind in Zukunft im Zusammenhang mit der Nutzung des Internets für Kinder und Jugendliche Risiken und Gefahren zu erwarten, die heute noch von untergeordneter Bedeutung sind? Wenn ja, welche?
3. Methodologie
Primäres Datenmaterial
Die vorliegende Studie basiert auf einschlägigen Forschungsarbeiten aus dem In- und Ausland, wobei sowohl quantiative wie auch qualitative Befunde Berücksichtigung finden. Für die nachfolgende Darstellung der Risiken und Gefahren, die sich für Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit der Internetnutzung ergeben, wurde hauptsächlich Datenmaterial aus folgenden grösseren Studien aus dem deutschsprachigen Raum verwendet (weitere wichtige Quellen finden sich im Literaturverzeichnis):
1. JAMESfocus 201174
Willemse, I., Waller, G., & Süss, D. (2011). JAMESfocus – Mediennutzungstypen bei Schweizer Jugendlichen – zwischen Risikoverhalten und positivem Umgang. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.psychologie.zhaw.ch/fileadmin/user_upload/psychologie/ Downloads/Forschung/James/Willemse_Waller_Su%CC%88ss_-_JAMESfocus_Bericht_31.01.2012.pdf.
2. JAMES-Studie 201075
Willemse, I., Waller, G., & Süss, D. (2010). JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.psychologie.zhaw.ch/fileadmin/user_upload/psychologie/ Downloads/Forschung/James/Ergebnisbericht_JAMES_2010_de.pdf.
3. JIM-Studie 201176
Behrens, P., & Rathgeb, T. (2011). JIM-Studie 2011: Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf11/JIM2011.pdf.
4. JIM-Studie 201077
Kutteroff, A., & Behrens, P. (2010). JIM-Studie 2010: Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf10/JIM2010.pdf.
5. JIM-Studie 200978
Kutteroff, A., & Behrens, P. (2009). JIM-Studie 2009: Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf09/JIM-Studie2009.pdf.
6. KIM-Studie 201079
Behrens, P., & Rathgeb, T. (2011). KIM-Studie 2010: Kinder und Medien, Computer und Internet. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf10/KIM2010.pdf.
7. KIM-Studie 200880
Kutteroff, A., & Behrens, P. (2009). KIM-Studie 2008: Kinder und Medien, Computer und Internet. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. Zuletzt abgerufen am 3. Februar 2012 unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf08/KIM2008.pdf.
Zusätzlich zu diesen Quellen werden im Folgenden mehrere internationale Studien zu Spezialfragen herangezogen, die in den vorgenannten Untersuchungen nicht adressiert worden sind.
Gliederung
Die vorliegende Studie ist wie folgt aufgebaut: In einem ersten Teil werden grundlegende Fakten rund um die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen im Überblick dargestellt, auf die im Verlaufe der weiteren Betrachtungen vertiefend Bezug genommen wird. Daran schliesst eine Analyse ausgewählter Risiko- und Gefahrenbereiche an. Das Schwergewicht der Betrachtung liegt dabei auf Bereichen, zu denen in der Forschung bereits relativ aussagekräftige Ergebnisse vorliegen. Die Diskussion der einzelnen Risiko- und Gefahrenbereiche folgt dabei einem einheitlichen Muster: Jedem Kapitel ist eine Übersicht vorangestellt, die in den jeweiligen Bereich einführt und die zentralen Fragen, aber auch erste Erkenntnisse zusammenfasst. Es folgt dann eine kleine Auswahl von konkreten Praxisbeispielen, die den jeweiligen Risiko- und Gefahrenbereich illustrieren sollen. Daran schliesst eine Diskussion der in der Übersicht angesprochenen und durch die Beispiele aufgeworfenen Fragen und Phänomene an, die den aktuellen Forschungsstand zusammenfassend darzustellen sucht, ohne aber auch nur annäherungsweise Vollständigkeit anzustreben. Jedes Kapitel endet mit einem Überblick über Interventionsmöglichkeiten, wobei besonders auf jene Massnahmen eingegangen wird, die einen Bezug zu Bildung und Schule aufweisen. Im letzten Teil der Studie werden sodann Risiko- und Gefahrenbereiche angesprochen, die bisher zumindest in der Schweiz in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit erfahren haben, aber im Rahmen eines Monitorings allemal Berücksichtigung finden sollten.
KAPITEL II
Fakten
Für die Analyse von Risiken und Gefahren im Internet spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Grundlegend ist die Frage des Zugangs zum Internet und der Zugangsbedingungen, die Häufigkeit und Intensität der Internetnutzung und der Zugangsort. Relevant in Bezug auf die Internetnutzung und den Umgang mit Risiken und Gefahren ist mithin der Bildungsstand. Bedeutsam ist auch das Zugangsmedium. Immer mehr Kinder und Jugendliche besitzen selbst ein Mobiltelefon und können damit jederzeit und ohne elterliche Kontrolle online gehen. Nicht weniger relevant ist, was Kinder und Jugendliche tatsächlich online machen.
Internetzugang
Wie oben erwähnt, ist gemäss der JAMES-Studie 2010 in 99 % der Haushalte, in welchen Kinder und Jugendliche aufwachsen, ein Computer und in 95 % der Haushalte ein Zugang zum Internet vorhanden.81 Drei Viertel der Kinder und Jugendlichen haben nach dieser Studie gar einen eigenen Computer mit Internetzugang.82 Damit ist, bei wohl weiter steigender Tendenz, bald von einer fast allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Internet in Haushalten, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, auszugehen.83 Laut der KIM-Studie 2009 ist die Verfügbarkeit des Internets auch in deutschen Haushalten, in denen Kinder aufwachsen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen.84 Die JIM-Studie 2011 besagt, dass Computer (100 %) und Internet (99 %) in allen deutschen Haushalten, in denen 12- bis 19-Jährige aufwachsen, vorhanden sind.85 Eine zunehmend wichtige, allerdings noch wenig erforschte Rolle spielt der mobile Zugang zum Internet via Handys (dazu sogleich mehr), aber etwa auch via WiFifähige iPods und Tablets, wobei namentlich die Zugangsbedingungen (z.B WiFi versus Datenplan) noch kaum untersucht sind.
Internetnutzung
Laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik nutzten im März 2011 95,4 % der 14- bis 19-Jährigen das Internet.86 Die JAMES-Studie 2010 geht von 99 % der 12- bis 19-Jährigen aus, wobei 89 % täglich oder mehrmals pro Woche online sind.87 Ähnliche Daten sind auch über Kinder und Jugendliche in Deutschland vorhanden. Nach Angaben der KIM-Studie 2010 nutzen insgesamt 57 % der Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren das Internet zumindest selten.88 Zu den Nutzerinnen und Nutzern des Internets zählen laut JIM-Studie 2011 99 % der 12- bis 19-Jährigen.89
Nutzungshäufigkeit
Gemäss der JAMES-Studie 2010 sind 89 % der befragten Kinder und Jugendlichen in der Schweiz mehrmals pro Woche oder täglich online.90 Die Verweildauer im Internet wird im Schnitt mit 2 Stunden und 5 Minuten (an Wochentagen) bzw. mit 3 Stunden und 1 Minute (an freien Tagen) angegeben.91 In Deutschland sind ebenfalls 89 % der Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren mehrmals pro Woche online. 65 % der Befragten geben an, täglich im Internet zu sein. Die durchschnittliche tägliche Internetnutzung liegt nach eigenen Angaben der Kinder und Jugendlichen bei 2 Stunden und 14 Minuten (134 Minuten) pro Tag.92 Der Bericht »Generation M2« der Henry J. Kaiser Family Foundation kommt zu einem ganz ähnlichen Schluss. Jugendliche in den USA verbringen täglich 129 Minuten an einem Computer/online.93 Grundsätzlich darf aber nicht davon ausgegangen werden, dass eine häufigere Nutzung automatisch und für alle Kategorien mehr Risiken mit sich bringt; Kinder und Jugendliche, die häufiger das Internet nutzen, lernen u. U. manche Risiken frühzeitig zu erkennen (z. B. Kontaktanbahnung/Fremdkontakt) oder verstehen es, sich davon (z. B. mit technischen Massnahmen) abzuschirmen. Vieles hängt (auch hier) von der konkreten Nutzungsweise ab.
Zugangsort
Laut der deutschen JIM-Studie 2011 findet die Internetnutzung der 12- bis 19-Jährigen wie in früheren Jahren in erster Linie zu Hause statt. Drei Viertel (73 %) gehen regelmässig vom eigenen Zimmer aus online, 43 % nutzen einen anderen Zugang im Haushalt. 11 % surfen bei Freundinnen und Freunden. In der Schule oder bei der Arbeit gehen nur 16 % regelmässig online. Mobiles Internet spielt momentan zwar ebenfalls noch eine untergeordnete Rolle, ist aber zweifelsfrei im Wachstum begriffen und seit der letzten Befragung um 11 Prozentpunkte auf 13 % angestiegen.94 In der Schweiz variiert der Zugriff auf das Internet in der Schule je nach Alter stark. Gemäss der JAMES-Studie 2010 werden Computer und Internet von knapp einem Drittel der 18- bis 19-Jährigen täglich oder mehrmals pro Woche genutzt, bei den 12- bis 13-Jährigen allerdings nur von 10 % der Befragten.95
Bildungsstand
Nach Angaben des schweizerischen Bundesamtes für Statistik variiert die Internetnutzung je nach Bildungsstand. Verglichen mit Jugendlichen mit einem obligatorischen Schulabschluss (57 % sind Internetnutzerinnen und -nutzer) und Jugendlichen mit einem Abschluss auf der Sekundarstufe II (76 % sind Internetnutzerinnen und -nutzer), benutzen Gymnasiasten und Hochschulabsolventinnen das Internet am häufigsten (94 %). Das Bundesamt für Statistik stellt weiter fest, dass sich die Lücke in der Internetnutzung zwischen Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad nur langsam einebnet.96 Die JIM-Studie 2011 hat zudem ergeben, dass der Bildungsgrad auch einen Einfluss auf die Nutzungszeiten hat: Jugendliche mit tieferem Bildungsstand verweilen länger im Internet als solche mit höherer Bildung.97
Medium
Gemäss der JIM-Studie 2011 ist das Mobiltelefon das am meisten verbreitete eigene Medium der 12- bis 19-Jährigen. Allen 12- bis 19-Jährigen steht im Haushalt ein Mobiltelefon zur Verfügung. 96 % der Jugendlichen besitzen bereits ein eigenes Mobiltelefon, unter den Mädchen sind es sogar 98 %.98 Dabei überprüfen 83 % der Eltern die Inhalte nicht, die ihre Kinder auf ihren Mobiltelefonen gespeichert haben.99 Die weite Verbreitung von Mobiltelefonen ist auch in der Schweiz zu beobachten, wo 98 % der in der JAMES-Studie 2010 befragten 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Handy besitzen, wovon ca. ein knappes Drittel Smartphones.100 In 43 % der deutschen Haushalte sind Smartphones, also Mobiltelefone mit mobilem Internetzugang, vorhanden. 25 % der Jugendlichen haben ein eigenes Smartphone, was einer Zunahme von 11 Prozentpunkten seit Durchführung der JIM-Studie 2010 entspricht.101 Bei den Mobiltelefonen handelt es sich vielfach um neuere Modelle mit erweiterten Funktionen: Fast alle Mobiltelefone (95 %) der 12- bis 19-Jährigen verfügen über eine eigene integrierte Kamera.102 Die meisten Mobiltelefone sind laut Angaben der Kinder und Jugendlichen zudem in der Lage, auf das Internet zuzugreifen (81 %).103
92 % der Jugendlichen in der JAMES-Studie 2010 benutzen das Mobiltelefon täglich oder zumindest mehrmals pro Woche.104 In der Rangliste der liebsten Freizeitaktivität (medial und non-medial) steht das Nutzen des Mobiltelefones zuoberst.105 Der Bericht »Generation M2« der Henry J. Kaiser Family Foundation besagt, dass 12- bis 15-Jährige in den USA 90 Minuten täglich damit verbringen, SMS zu versenden.106 In der Schweiz verschicken 86 % der befragten Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche SMS-Nachrichten.107 Allerdings dürfte SMS mit zunehmender Verbreitung von Smartphones durch Anwendungen verdrängt werden, die es erlauben, Kurznachrichten via Internet zu versenden.
Gemäss der in Deutschland durchgeführten JIM-Studie 2011 haben bereits alle 12- bis 19-Jährigen einen Computer oder Laptop im Haushalt. 79 % besitzen einen eigenen Computer oder Laptop.108 In der Schweiz haben gemäss der JAMES-Studie 2010 99 % der Haushalte mit Kindern und Jugendlichen einen Computer,109 wobei drei Viertel der Kinder und Jugendlichen gar einen eigenen Computer mit Internetzugang besitzen.110
Tätigkeiten online
Nach Angaben der KIM-Studie 2010 ist das Benutzen von Suchmaschinen für 6- bis 13-jährige Kinder die häufigste Tätigkeit online (mind. einmal pro Woche: 68 %); es folgen der Besuch von Websites für Kinder und das Ansehen von Filmen und Videos online (je 46 %). Ähnlich häufig (44 %) surfen 6- bis 13-Jährige einfach so drauf los oder besuchen eine Social Network Site (43 %; in der Studie »Community« genannt). Die Kommunikation übers Internet, sei es via E-Mail (38 %), beim Chatten (34 %) und oder durch Austausch per Instant Messenger (30 %), spielt anders als bei Jugendlichen (siehe JIM-Studie 2011) bei der Internetnutzung von 6- bis 13-Jährigen eine weniger prominente Rolle.111 Allerdings haben kommunikative Aspekte des Internets auch für 6- bis 13-Jährige seit der letzten Erhebung der KIM-Studie 2008 an Bedeutung gewonnen: Instant Messenger (19 %) oder Communities wie SchülerVZ (16 %) waren 2008, wenn überhaupt, nur für die älteren Kinder interessant.112
Nach Angaben der JIM-Studie benutzen 12- bis 19-Jährige das Internet vor allem als Kommunikationsmedium. Etwa die Hälfte der Befragten kommuniziert regelmässig per E-Mail; dieser Wert ist seit 2009 ziemlich stabil. Jedoch haben sich andere Gewohnheiten innerhalb kurzer Zeit stark verändert: Während 2010 noch 63 % täglich oder mehrmals pro Woche einen Instant Messenger benutzten, waren es 2011 nur noch 49 %. An die Stelle der Instant Messenger sind Social Networks getreten. Während 60 % der 12- und 13-Jährigen solche sozialen Netzwerke wie Facebook nutzen, sind es bei den 14- bis 19-Jährigen 80 % oder mehr.113 Auch die ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 kommt zu ähnlichen Resultaten. Der Studie zufolge nutzen 63 % der 14- bis 19-Jährigen täglich ein Social Network, weitere 30 % wöchentlich.114
In der Schweiz sind 84 % der in der JAMES-Studie 2010 befragten Jugendlichen bei mindestens einem Social Network registriert. 73 % dieser registrierten Nutzerinnen und Nutzer sind bei Facebook angemeldet. Insgesamt nutzten im November 2011 549 100 Personen im Alter von 14 bis 19 Jahren Facebook. Die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer wächst wohl weiterhin, waren doch zu Beginn 2011 erst 508 360 davon bei diesem hierzulande erfolgreichsten Social Network registriert.115 Im Durchschnitt verbringt ein Schweizer knapp vier Stunden pro Monat auf einer Social Network Seite.116 Die JAMES-Studie 2010 zeigt, dass Jugendliche in der Schweiz Social Networks auch bei der Suche nach Information im Internet nutzen (67 % täglich oder mehrmals pro Woche), und zwar sogar intensiver als Suchmaschinen (66 %).117
Gemäss JIM-Studie 2011 wird von Jugendlichen neben der Kommunikation am meisten Zeit online zu Zwecken der Unterhaltung verbracht (24 %). 16 % der Internetnutzung dienen dem Online-Gaming, zwei Prozentpunkte mehr als im Jahr 2009. Nach Angaben der JAMES-Studie 2010 spielen 25 % häufig alleine Online-Spiele, 20 % gemeinsam mit anderenen Internetnutzerinnen und -nutzern (Freunden oder unbekannten Personen).118 Im Vergleich zu Deutschland (16 % bzw. 17 %) liegen diese Werte etwas höher.119 Es besteht dabei ein grosser Unterschied zwischen Mädchen und Jungen: Während nur 6 % der Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren in der Schweiz mit anderen online spielen, sind es bei den Knaben 33 %.120 Die JIM-Studie 2011 zeigt, dass die männlichen Jugendlichen auch wesentlich mehr Zeit mit Spielen verbringen als die weiblichen: Mit 58 Minuten wochentags und 116 Minuten am Wochenende spielen Erstere mehr als doppelt so lange wie Letztere (35 Minuten bzw. 42 Minuten).121 Gemäss der JAMES-Studie 2010 haben 70 % aller 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz Zugang zu einer festen Spielkonsole (TV/PC).122
Das Internet wird durchaus auch für kreativere Tätigkeiten verwendet. 48 % der in der JAMES-Studie 2010 befragten 12- bis 19-Jährigen geben an, täglich oder mehrmals pro Woche zum Web 2.0 beizutragen. 19 % laden regelmässig Fotos oder Videos ins Netz. 11 % laden Musik hoch. 10 % verfassen täglich oder mehrmals pro Woche Blogeinträge (28 % monatlich oder seltener).123 Es erstaunt dabei nicht, dass die auch im Offline-Leben gestalterisch aktiven Nutzerinnen und Nutzer solche interaktiven Internetanwendungen häufiger nutzen als ihre gestalterisch passiven Peers, wie die JAMESfocus-Studie 2011 belegt.124 In Deutschland ist gemäss der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 das Interesse zu aktiver Nutzung in den vergangenen Jahren – mit Ausnahme von 2010, wo ein Rückgang festgestellt wurde – stabil geblieben.125
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