Kitabı oku: «Seid bereit, immer bereit!»
Jan Schäfer
Seid bereit, immer bereit!
Wie die DDR die BRD
wiedervereinte
Erzählung
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2021
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›Eine neue Art von Denken ist notwendig,
wenn die Menschheit weiterleben will.‹
Albert Einstein
Einleitung
Wir schreiben das Jahr 1998. Seit einem Jahr ist die Bundesrepublik Deutschland Teil der Deutschen Demokratischen Republik. Deutschland ist damit wiedervereint. Zehn Jahre zuvor hatte ein hochrangiger bundesdeutscher Politiker Staatsgeheimnisse preisgegeben und dafür mit seinem Leben bezahlt. Die wahren Umstände seines Todes blieben ungeklärt oder aber Teil von Mutmaßungen und Spekulationen über mögliche Szenarien. Die Kapitalmasse, die in den ostdeutschen Staatshaushalt einfloss, wurde von einer eigens gebildeten treuhänderischen Kommission nach sozialistischem Vorbild erfasst. Unter Leitung des Generalsekretärs der SED und der ihm unterstellten Einrichtungen und Kader der DDR begann so die systematische Zerschlagung bundesdeutschen Eigentums. Das war ein Kraftakt von epischem Ausmaß. Möglich nur dadurch, dass staatstragende Geheimnisse aus dem Bundesministerium des Innern auf dem Schreibtisch des Chefs der Hauptverwaltung Aufklärung landeten, der damit alle Mittel besaß, um einen weltpolitischen Coup zu landen. Man frohlockte nicht ohne heimliche Genugtuung, denn der Grabenkrieg der Geheimdienste hatte bizarre Formen angenommen. Spätestens seit dem Ende der mächtigen Sowjetunion und aller sich daraus ergebenden Konsequenzen hatte niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten. Dass es das kleine Land zwischen Ostsee und Thüringer Wald überhaupt noch gab und alle Bemühungen des Westens, es von der Landkarte verschwinden zu lassen gescheitert waren, grenzte an ein Wunder. Besonders da, wo traditionell das Kapital regierte, wollte man es nicht für möglich halten. Aus diesen Reihen erwuchs dem sozialistischen Staat auch der schärfste Widerstand gegen die Politik der Wiedervereinigung und Verstaatlichung im Sinne des Arbeiter- und Bauernstaates. Doch es gab kein Comeback der Waffengewalt, um den politischen Gegner zum Schweigen zu bringen und es wurden keine energischen Gegenmaßnahmen getroffen, wie zunächst zu erwarten stand. Allein die Grenzöffnung sah Deutsche im Widerstreit vereint, denen es egal war, dass gerade der Zusammenbruch eines Systems erfolgte und niemand so recht wusste, wie das überhaupt möglich sein konnte. Im Zentralrat der SED und im Politbüro hatte man diese Entwicklung mit Wohlwollen aufgenommen. Die Parteiführung sah sich bestätigt und der Staatsapparat belächelte das Gebaren börsenorientierter Aufsichtsräte, für die Sozialismus immer nur ein Fremdwort war. Der gewaltige Wirbel, der folgte, war mit nichts zu vergleichen. Die DDR dagegen untermauerte ihre Existenz eindrucksvoll.
Seid bereit, immer bereit. Wie die DDR die BRD wiedervereinte
Inmitten all dieser Vorgänge war Hermann Schreiner damit befasst, seine Briefmarkensammlung zu sortieren. Ein Markensatz aus der Nachkriegszeit wechselte von der Pinzette geführt seinen Sammelort in ein neu angelegtes Album zu jener Zeit. Hermann hatte keine Mühe, doch es kostete ihn etliche Schweißperlen, die empfindlichen Marken unbeschädigt umzusetzen. Mit auf dem Tisch lag die Zeitung ›Neues Deutschland‹, ein Blatt mit dem er normalerweise nichts anfangen konnte, doch hin und wieder las er darin so, als wolle er in Erfahrung bringen, ob mit der Neuverstaatlichung der BRD auch neue Märkte für Philatelisten entstehen. Dabei entging ihm nicht die Polemik des Klassenkampfes, die den Heißhunger des Kapitals auf höhere Profite für beendet erklärte und anzeigte, dass Konzerne keine Zukunft haben. Er erfuhr auch weitreichende Aufklärung über die abwertende Umschreibung Zonengrenze, wie der ehemalige deutsch-deutsche Grenzstreifen genannt wurde. Über vierzig Jahre hatte auf der anderen Seite die BRD regiert. Das war Hermann natürlich bekannt, doch es ging alles so plötzlich. Nicht von ungefähr fühlte er sich angehalten, vorsichtig zu sein. Als gelernter DDR-Bürger argwöhnte er skeptisch was Veränderungen betraf, doch seit Perestroika und Glasnost war auch Neugier im Spiel. Er wollte wissen, wie die deutsche Geschichte weiterging, seit es im Kreml so gewaltig rumort hatte, dass der Bruderkuss aus der Mode kam. Die Interessen der Machthaber ließen keinen Schmusekurs mehr zu, sondern bestimmten über den Fortgang der Ereignisse neu. Damit erlebte die Sowjetunion eine Aufspaltung ihres Territoriums, mit der die Auflösung des Landes verbunden war. Für die DDR, die mit der Wiedervereinigung alles auf einmal riskierte, ziemlich viel für den Anfang. Hermann Schreiner schätzte das mit der Reserviertheit und Zurückhaltung eines Menschen ein, der so etwas aus der Vergangenheit nicht kannte. Raubtierkapitalismus war im Übrigen ein Wort, mit dem er nichts verbinden konnte und so schob er die Zeitung ein Stück von sich.
Der Krawall aus dem Fernseher ging Hermann mächtig auf die Nerven. Er sah sich nur widerwillig die gesendeten Bilder an und konnte sich ihnen doch nicht entziehen. Vor einer Woche hatte der Zentralrat der SED den Abriss der Berliner Mauer beschlossen und seit einer Stunde waren Bagger damit befasst, die ersten Teilstücke zu demontieren. Vor dem Brandenburger Tor protestierte eine Gruppe ehemaliger Abgeordneter des Bundestages gegen diese Maßnahme. Sie wurden aber von den Sicherheitsorganen der DDR zurückgedrängt und in der Ausübung ihres Protestes zurechtgewiesen. Dabei intonierten sie lautstark Parolen, schwenkten Transparente auf denen feindselige Losungen zu lesen waren und beklagten die ausgebliebene Hilfe der Nato. Eigentlich berief man sich auf den Bündnisfall, aber eben nur eigentlich. Hermann mokierte sich über die Dummheit dieser Leute, die doch wissen mussten, dass zwischen der DDR und der Nato ein Nichtangriffspakt bestand. Emsige Diplomaten hatten das Kunststück vollbracht, mit dem westlichen Verteidigungsbündnis einen Separatfrieden auszuhandeln, der den Amerikanern lukrative Geschäfte im Rahmen der Wiedervereinigung zusicherte. Der Ex-Sowjetunion wurden zeitgleich Aufbauhilfen zugesichert, die den Zusammenbruch auffangen und einen Neubeginn unterstützen sollten. Als dann die DDR-Regierung aus Washington die Garantie erhielt, dass von Seiten des westlichen Militärs keine entsprechenden Abwehrmaßnahmen geplant seien, sollte demonstrativ vor dem Brandenburger Tor mit dem Abriss begonnen werden. So geschah es nun auch. Eben da umstanden die Demonstranten eine Baubrigade vom Berliner ›Kombinat für urbane Flächenplanung‹ und machten ihrem Ärger Luft. Hermann fühlte sich ganz scheußlich beunruhigt ob dessen was da zu sehen war, doch die Angst schwand mit dem Vertrauen in die Sicherheitskräfte der DDR. Bald war das erste Teilstück der befremdlichen Mauer abgebrochen, jenes antifaschistischen Schutzwalles, den die DDR einst selbst errichtet hatte. Ironie des Schicksals, dachte Hermann und schaltete die Glotze aus.
In der Wohnungsgenossenschaft ›Friedensglück‹ wohnten fast ausschließlich verdiente Persönlichkeiten der DDR. Überzeugte Antifaschisten, meist Parteiveteranen, die ihr Leben der Sache des Kommunismus gewidmet hatten und für die ein Mann wie Ernst Thälmann ein leuchtendes Vorbild war. Beim Spatenstich zum Baubeginn in den späten fünfziger Jahren war Walther Ulbricht höchst selbst erschienen. Fast so lange wohnte Günther Liebig im Haus, ein altgedienter Parteigänger der SED, inzwischen verwitwet und trotzdem kein Kind von Traurigkeit. Hermann, seines Zeichens erst im Jahr 1993 eingezogen, war für ihn so etwas wie ein Ziehsohn aus der Nachbarschaft, der ihm schon etliche Einkaufstaschen hochgeschleppt hatte, von denen einige schwer zu tragen waren. Dass er noch lebe, habe er ausschließlich dem Hermann zu verdanken, sagte Herr Liebig immer. Mit dieser Übertreibung wollte er weiter nichts als anzeigen, welche Wertschätzung er dem jungen Mann entgegenbrachte. Dieses Lob schmeichelte Hermann in seiner Bescheidenheit, ja es beschämte ihn fast ein wenig. Er hatte ja noch Liebigs Frau Gertrud und ihre zupackende Art erlebt und die nimmermüde Kraft, mit der sie im Haushalt schaltete und waltete. Die beiden waren ein Paar, seit sie sich Mitte der dreißiger Jahre kennengelernt hatten. In einem Sommerlager für Jungkommunisten inmitten der Schorfheide, da wo früher ein Teil der Parteiprominenz eine Datsche zu haben pflegte und ein gewisser Herr Honecker viele Jahre der Jagd auf Hirsche und Wildschweine nachgegangen war. Dort hatte die Liebe zwischen Gertrud und Günther ihren Anfang genommen. Nun war Herr Liebig Ende achtzig, fast so aufmerksam und pfiffig wie in jungen Jahren und manchmal von einer Zufriedenheit erfüllt, wie man sie von ihm nicht kannte. Seitdem die politischen Ereignisse zum Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus geführt hatten, bemerkte man diese Verwandlung immer mal wieder mit. Das ließ den alten Arbeitersohn sämtliche Gebrechen des Alters vergessen. Seine Hingabe an den Frühsport markierte jeden Morgen die Lebenslust, mit der er darauf reagierte. Natürlich sprachen Hermann und er nun viel öfter über die Ereignisse. Dabei urteilten beide unterschiedlich. Während Günther Liebig eine gesund-optimistische Haltung an den Tag legte, hielt Hermann sich noch bedeckt.
Mit dem Abzug der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte aus der DDR wurde ein weiteres Kapitel der Nachkriegsgeschichte beendet. Die Wiedervereinigung, nicht unwesentlich beeinflusst vom Geschehen in der ehemaligen Sowjetunion, hatte diesen Schritt schon fast herausgefordert. Vor ein paar Jahren und einem Machtkampf voller Gefahren war die westliche Allianz als Sieger aus dem Kampf der Systeme hervorgegangen. Da hatte es auch die BRD noch gegeben. Glücklicherweise schlug die Regierung der DDR daraus Kapital und nutzte die weltpolitische Windflaute, um sich mehr Souveränität und Sicherheit anzueignen. Die Bevölkerung hielt an der Beobachtung der Ereignisse aufmerksam fest. Sie ließ keine Zeit verstreichen, verlegte sich aufs Abwarten, noch skeptisch aber schon am Ablauf interessiert. Ungefähr so wie jemand, der die Vergangenheit loswerden wollte und es plötzlich auf einen vollkommenen Wandel ankommen ließ. Unter die Anteilnahme mischte sich vielfach Neugier, dass unstillbare Verlangen nach Teilhabe, um sich vielleicht selbst mehr einzubringen als zunächst gedacht oder angenommen. Auch Ostberlin bildete da keine Ausnahme, sondern teilte den Geist der Zeit. Es war nicht das erste Mal, dass sich viele Menschen in der Stadt versammelten, aber anders als je zuvor. Neugierige Westberliner kamen über die Grenze, die keine mehr war, sondern Gegenstand eines historischen Irrtums infolge einer fehlgeleiteten Nachkriegspolitik. Ihr Auftreten gegenüber den Sicherheitskräften im Uniformrock war ausgesprochen höflich. Sie machten die Grenzsoldaten der DDR freundlich darauf aufmerksam, nicht gleich die ständige Vertretung der BRD in Ostberlin zu informieren, die ja längst über alles Bescheid wusste. Das waren Vorgänge von einer Tragweite, wie sie ein Jahrzehnt zuvor möglicherweise noch zu einem atomaren Konflikt und damit zum Ende der Menschheit geführt hätten. Die damalige Friedensbewegung reagierte auf das Wettrüsten ausgelöst durch den Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung neuer Raketen auf dem Gebiet der BRD, nachgerade so, dass ein Atomkrieg bedrohlich realistisch erschien. Nunmehr waren diese Raketen Teil einer Altlast, die zur Beseitigung stand. Auch der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war eine Altlast, die alle Anstrengungen unternahm, die Wiedervereinigung zu boykottieren und das drohende Ende abzuwenden. Freilich ohne Erfolg.
Hermann hatte das Treppenhaus gewischt. Das war kein neusozialistisches Gebaren, sondern eine Pflicht, die einmal im Monat mietvertraglich auf dem Programm stand. Die Altneubauten dieser Generation hatten erfreulich kleine Treppen und Stufen. Einen Reinigungsservice, wie er andernorts schon üblich war, gab es bei der Genossenschaft nicht. Hinter den Wohnungstüren herrschte Stille. Auch aus der Wohnung von Frau Lutze, mit Vornamen Annegret, war nichts zu hören. Oft war es vorgekommen, dass sie plötzlich aus der Wohnung trat und ebenso deutliche wie ungestüme Bemerkungen gegen den westlichen Nachbarn, die Bundesrepublik, richtete. Ein Land, das nach ihrem Verständnis für eine permanente Bedrohung stand. Mannigfaltig waren die Anschuldigungen, die sie dabei verbal intonierte und ziemlich schonungslos die Wortwahl, derer sie sich bediente. Man konnte darüber glattweg vergessen, wie gebildet und kultiviert sie war. Frau Lutze wusste Hermann, war eine Verfolgte des Nationalsozialismus, die im Dritten Reich wegen aktiver politischer Tätigkeit für die Kommunisten fünf Jahre im KZ gesessen hatte. Geschunden und gequält von den Nazischergen, wie sie zu sagen pflegte. Die Annegret, wie Herr Liebig sie liebevoll beim Vornamen nannte, sei eine gute Seele, doch die BRD war für sie immer gleichbedeutend mit Adolfs NSDAP-geführtem Deutschland. Bei Wasser und Brot und Entbehrungen, wie sie sich kein Mensch vorstellen kann, habe sie unter Zwang die schlimmsten Arbeiten verrichten müssen und für ihre politischen Überzeugungen einen hohen Preis gezahlt. Das Nachkriegsdeutschland des Westens war für sie die Fortsetzung von Nazideutschland mit geringfügigen Änderungen. Diese Übertreibung hatte sie verinnerlicht wie die Narben auf ihrer Seele. Sie überhaupt noch lebend anzutreffen grenze an ein Wunder, so sagte Günther Liebig stets, wenn die Rede auf sie und ihr Schicksal kam. Immer wieder habe man sie bei ihrem Leben bedroht und immer wieder sei sie standhaft geblieben. Die Frage nach einer späten Gerechtigkeit bejahte sie mit der Begründung, dass sie in der DDR ein glückliches Leben leben durfte und dieses Land ihr die größte Freude sei. Nun war Hermann fast ein bisschen in Sorge ob der Stille, die hinter Frau Lutzes Wohnungstür herrschte. Bestimmt hat sie wieder die Kopfhörer auf und ist vor dem Fernseher eingeschlafen, dachte er.
Die neudeutsche Wirklichkeit offenbarte sich an jeder Straßenecke. Das sächsische Kleinstadtprofil von Hermann Schreiners Wohnort machte da keine Ausnahme. Auch hier bahnten sich Veränderungen an, wie sie das Land im Zuge der Wiedervereinigung erlebte. An den Ausläufern des Erzgebirges gelegen und nur einen Steinwurf von Karl-Marx-Stadt entfernt, lebte sie vom Tourismus und Holzhandel. ›Beschaulich eingebettet ins Erzgebirgsvorland‹ lautete eine Umschreibung, wie sie in jedem Reiseführer zu den Besonderheiten der Region zu finden war. Hermann sah sich da ein wenig abseits der allgemeinen Lesart, denn er verband seine Heimatstadt vor allem mit seiner Passion als Briefmarkensammler und Gelegenheitswanderer. Seine ausgeprägte Leidenschaft verfiel oft in den Stand einer lebensbegleitenden Notwendigkeit, ohne die sein Tun keinen Sinn hatte. In Anbetracht der Umstände jedoch spiegelte sich wider, was Hermann Schreiner und viele andere dazu brachte, ganz genau hinzusehen. Hier und da und unübersehbar nahm der Wandel im städtischen Stadtbild schnell konkrete Formen an. Plötzlich gelangten Westwaren in den Osten, die Hermann bis dahin nur aus der Werbung kannte. Die DDR-Regierung hatte den großen Handelsketten aus der Bundesrepublik eine Beteiligung am Staatsmonopol der freien Wettbewerbspolitik zugesprochen und sie in die Lage versetzt, ihr Handelsgebiet auf das Territorium jenseits der ehemaligen Grenze auszudehnen. Eine Offerte, die einen regelrechten Begeisterungssturm bei den Großhändlern im ehemaligen Westen ausübte. Lediglich fünf Prozent des monatlichen Nettogewinns waren an die Adresse des Staatshaushaltes abzuführen und galten somit als Gewinnbeteiligung der DDR. Ein Geschäft, das sofort Schule machte. Wenn also ein Aldi-Laster durch den Ort fuhr oder ein Rewe-Truck mal wieder die viel zu engen Durchfahrtsstraßen versperrte, war das ein sicheres Zeichen des politischen und wirtschaftlichen Triumphes der sozialistischen Staats- und Parteiführung. Selbst Günther Liebig hatte sich inzwischen bekehren lassen und Artikel in seinen Haushalt aufgenommen, die Hermann ihm gelegentlich vom Einkauf mitbrachte. Ihr Beispiel machte Schule und so wunderte es nicht, dass selbst in der Wohnungsgenossenschaft ›Friedensglück‹ bald vermehrt Westwaren auf den Einkaufszetteln vorzufinden waren.
Im Plenar- und Tagungssaal der Volkskammer im Palast der Republik stimmten die Abgeordneten ›Die Internationale‹ an. Der riesige Saal mit seiner ausgeklügelten Akustik widerhallte vom Gesang der vielen hundert Stimmen. Mit der Unterzeichnung des Vertrages zur Wiedervereinigung seitens beider deutscher Staaten und der Anerkennung der DDR als rechtmäßiger Nachfolger der BRD sowie nunmehrigem Souverän auf gesamtdeutschem Territorium war die Hoheitsfrage zur Übernahme der Bundesrepublik geklärt. Sektgläser wurden gereicht, gegenseitiges Händeschütteln machte die Runde, Jubel brandete durch die Reihen der Anwesenden und stellenweise sah man geballte Fäuste in die Höhe ragen. Die Nationalhymne folgte überzeugend vorgetragen im machtvollen Chorus und man brachte Hochrufe auf die Gründungsväter der DDR aus. In einem festlichen Reigen feierte man den Beginn eines neuen Zeitalters, eines Zeitalters sozialer Gerechtigkeit und friedlicher Koexistenz mit den Staaten der Europäischen Union und der Nato. Die altehrwürdige Freundschaft zur Sowjetunion war einem Freundschaftspakt mit Russland gewichen, das, obwohl es die klassischen Blöcke und das Gleichgewicht des Kalten Krieges nicht mehr gab, neben den USA auch weiterhin als zweites politisches Schwergewicht auf der internationalen Bühne agierte. Man hatte sich ganz bewusst für diesen Weg entschieden, damit die bilateralen Beziehungen keinen Abbruch nahmen und mehr als vierzig Jahre teils sehr wechselvoller Nachkriegsgeschichte eine gemeinsame Zukunft haben. Unter dem Banner von Marx, Engels und Lenin, der ›Heiligen Trinität der Sozialisten‹ wie man scherzeshalber zu sagen pflegte, erblühte ein neuer Zeitgeist und wie die Aktivisten von einst zeigte man sich entschlossen und gewillt, die historische Chance aufzunehmen und der weltpolitischen Mission gerecht zu werden, die mit der Wiedervereinigung verbunden war. Das, was lange Zeit als vollkommen unmöglich galt, wurde mit diesem Tag Lügen gestraft. Dazu gehörte auch, dass ›Der schwarze Kanal‹ keine Zukunft hatte, denn das Format der Sendung hatte ausgedient und wurde ersatzlos gestrichen. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR und jetzige Alterspräsident der Volkskammer Erich Honecker sah sein politisches Lebenswerk gefährdet. Die Tatsache, nicht mehr Generalsekretär zu sein verstimmte ihn mehr als ein wenig, doch er arrangierte sich weitestgehend kritiklos. Seine politische Distanz nahm damit zu und offenbarte gelegentlich Abgründe. Als Alterspräsident der Volkskammer fühlte er sich dennoch recht wohl.
Hermann begleitete Günther Liebig auf dem Weg zum Einkauf in der ›HO‹, was als Kürzel für ›Handelsorganisation‹ stand. Herr Liebig brauchte Brot, Milch und Butter, – allesamt Lebensmittel, die seit Jahrzehnten extrem preisgünstig waren, weil sie vom Staat subventioniert wurden. Eine Errungenschaft des Sozialismus, wie Herr Liebig es zu nennen pflegte und ein Ausdruck der Wertschätzung des Volkes zum Wohle des Staates. Hermann half dem alten Herrn beim Einkauf, trotzdem dieser noch gut auf den Beinen war, was sich in seiner fußläufigen Geschwindigkeit widerspiegelte. So sah man sie nebeneinander die Straße hinuntergehen, dabei manchmal andere Passanten grüßen. Beiden entging nicht, dass der Delikat-Laden, der eine lange Tradition aufzuweisen hatte und als Tempel der Privilegierten galt, vor der Schließung stand. Herr Liebig hatte dort oft eingekauft, wenn es etwas zu feiern gab. Sein Verdienst als Werkzeugmaschinist und späterer Ingenieur für maschinelle Verfahrenstechnologie machte es möglich, zumal seit er als Verfolgter des Faschismus und Parteimitglied auch eine Zusatzrente erhielt. Seit der Grenzöffnung allerdings gab es Krimsekt, Bananen und Cognac der Marke Dujardin fast überall zu kaufen. Günther und Hermann war die ›HO‹ eh das Liebste, um die Einkäufe zu erledigen, zumal Gertrud Liebig für die Handelsorganisation gearbeitete hatte und die Angestellten dort immer besonders freundlich und zuvorkommend auf Herrn Liebig eingingen. Hermann sonnte sich dann in Günther Liebigs Glanz, der vielen zu Unrecht als Systemkritiker galt, weil er ganz öffentlich auf die Risiken der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit hinwies, die angetan war, sozialistische Werte zu torpedieren, wie er es in seinem Sprachgebrauch zu nennen pflegte. Auf die warnenden Worte achtete zumeist nur der Sekretär der SED-Bezirksleitung, der von Amtswegen dazu verpflichtet war und sorgfältig darüber wachte, mögliche Schäden am sozialistischen Gemeingut zu vermeiden. Hermann Schreiner und die anderen nahmen das mit Gelassenheit auf. Sie verwiesen den Kritiker Liebig liebevoll auf das Prinzip des freien Handels, wie es im Einigungsvertrag geschrieben stand und dankten ihm im selben Atemzug für seine selbstlose Agitation zum Schutz des Sozialismus. Günther dachte dann immer an Gertrud, um Rat suchend bei seiner verstorbenen Ehefrau. Ihre alten Kolleginnen halfen ihm über den Verlust hinweg und trösteten ihn so gut es ging. Am Ende des Einkaufs war Herr Liebig dann meist zufrieden, auch weil Hermann ihn mal wieder gut unterstützt hatte.
Eine Gruppe Thälmannpioniere mit roten Halstüchern zog die Straße unterhalb des Wohnblocks der Genossenschaft ›Friedensglück‹ entlang. Sie klingelten an und fragten, ob jemand Hilfe braucht. Annegret Lutze, die normalerweise einmal die Woche Wirtschaftshilfe erhielt, reagierte unentschlossen auf das Angebot. Andere Mieter im Block kamen gern auf die Initiative der Pioniere zurück und waren voll des Lobes ob dieser. Frau Lutze entschied sich letztlich doch dagegen. Sie wusste, dass sie in dringenden Fällen stets den Hermann bemühen durfte, weil sie dann immer noch jemanden hatte, mit dem sie eine Tasse Kaffee trinken konnte. Diese Annehmlichkeit wusste sie zu schätzen und so spendierte sie den Thälmannpionieren zwei Tafeln Schokolade und bedankte sich höflich. Als Frau Lutze die Wohnungstür geschlossen hatte, blickte sie auf ein Regal voller Auszeichnungen und Ehrenurkunden an der Wand. Sie war mehrfache Aktivistin, verdiente Leiterin des sozialistischen Kollektivs, Botschafterin des Friedens und sogar Trägerin des Vaterländischen Verdienstordens in Silber. Diese hohe Auszeichnung hatte sie für ihr unermüdliches Wirken zur Stärkung des Sozialismus in der DDR erhalten. Von ihrem selbstlosen Einsatz als Trümmerfrau bis hin zur leitenden Angestellten der Stadt Karl-Marx-Stadt waren es lange, harte Jahre voller Entbehrungen. Das war es auch, was ihr ständiges Misstrauen ausmachte, da sie nicht zu der Ruhe finden konnte, die anderen Sicherheit gab. Ein Gruppenfoto vom Betriebsausflug zeigte sie inmitten ihres Kollektivs vor dem ›Nischel‹, wie die honorige Titulierung der Kolossalbüste von Karl Marx im Stadtzentrum liebevoll lautete. Seitdem waren ein paar Jahre ins Land gegangen und neben Herrn Liebig und wenigen anderen Mietern zählte sie zu den Ältesten im Block. Die neue Zeit empfand sie, wenn schon nicht als Bedrohung, so doch als Gefahr. Ihr Vertrauen in die Führung und ihre politische Orientierung seit dem großen Triumph über den Klassenfeind verband sie mit wechselvoller Sympathie. Sie wusste nur zu gut, wieviel Kraft die Auferstehung aus Ruinen gekostet hatte und argwöhnte bezüglich der Hinterlist der Kapitalisten jeden Tag, was die Entwicklung des Landes anbetraf. Doch sie fand auch Trost bei Männern wie dem ortsansässigen Sekretär der SED-Bezirksleitung, zu dem sie einen direkten Draht hatte. Auch Hermann zerstreute ihre Skepsis, vor allem mit dem Argument, dass die Währungsreform abgeschlossen sei.
Die Mark der DDR war nun das landesweite Zahlungsmittel. Viele Milliarden mussten neu gedruckt werden, um sechzig Millionen ehemalige Bundesbürger mit Geld zu versorgen. Aufgrund der Vermögenslage besonders wohlhabender Kreise und auch aus Gründen der monetären Gesamtsituation, wurden zusätzlich eine 200- und eine 500 DDR-Mark Banknote eingeführt. Vor diesem Hintergrund gab es mancherorts einen Ansturm auf Verkaufseinrichtungen und Warenhäuser in den östlich gelegenen Großstädten der neuen sozialistisch-demokratisch legitimierten Republik. Tausendfach kamen in Scharen ehemalige Bundesbürger aus Westberlin und den alten Bundesländern, um sich dem Konsumrausch in Städten wie Leipzig, Magdeburg, Berlin und eben auch Karl-Marx-Stadt hinzugeben. Es bedurfte keiner Einladung, sie zu mobilisieren, um in den innerstädtischen Kaufhäusern der Konsumlust zu frönen. Sie hatten das meiste Geld gemessen an dem, was einem Arbeiter zur Verfügung stand. Einen Plan zur Umverteilung von Vermögenswerten oder gar einer Enteignung wie sie nach dem Krieg stattgefunden hatte, gab es nicht. Auch durften keine Ansprüche auf ehemaligen Privatbesitz geltend gemacht werden, denn solcher war als sozialistisches Eigentum Staatseigentum und galt damit als unantastbar. Mit dieser Entscheidung sollten die Besitzstände vorab eine eindeutige Regelung erfahren, denn sie gestand Erzkapitalisten die Sicherheit ihres Besitztandes zu, garantierte aber gleichzeitig Hoheitsrechte der DDR, die den zuständigen Organen Handlungsfreiheit bis hin zur Anwendung von Gewalt sicherte. Das war ein Akt der Notwendigkeit zur Absicherung des geltenden Rechts. Und es war ein Kompromiss, der ein weiteres Kapitel diplomatischer Erfolgsgeschichte bedeutete, dass die Unterhändler der DDR am Verhandlungstisch durchsetzen konnten. Neuzeitliche Demokratie hieß auch, dass man die 200 Mark-Note zu Ehren von Willy Brandt mit seinem Konterfei versah und auf dem 500 Mark-Schein die überparteiliche und neutrale, weil von Genialität getragene Forschermiene des Albert Einstein erschien. ›Der Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹, wie ihn Alexander Dubcek einst genannt hatte, begann zu reifen, auch da wo Sterne über Autohäusern aufgingen oder alte Stahlbarone ihr Süppchen kochten. Gerade in der Stadt, die zu Ehren von Karl Marx seinen Namen trug und Kunstfasern wie ›Malimo‹ und ›Dederon‹ der Textilindustrie das Überleben gesichert hatten, erlebte man das hautnah mit, denn mit der Konsumwanderung von West nach Ost gelangten auch neue Unternehmenspläne zur Praxisreife. Gleich nebenan, da wo Hermann Schreiner vom Tag seiner Geburt an zu Hause war, geschah Gleiches nur in kleinerem Maßstab.
Günther Liebig konnte es nicht fassen, 500 Mark der Deutschen Demokratischen Republik in den Händen zu halten. Sein Leben lang war er ein sparsamer Mann gewesen und nun das! Einsteins Forschermiene schaute vielfragend skeptisch drein und auch einen Hauch von melancholisch verklärter Allwissenheit glaubte Herr Liebig darin zu entdecken. Das Gewohnheitsprinzip, mit der man einen 20 oder 50 Mark-Schein aus der Geldbörse nahm, wurde hier außer Kraft gesetzt. Herr Liebig hatte sich diesen Schein auf Wunsch bei seiner Bank auszahlen lassen, um nur einmal im Besitz eines solchen zu sein. Er feierte im Stillen und freute sich wie ein Schuljunge. Das sein Vaterland, dem er seinen Stand, seine Karriere und sein Lebensglück zu verdanken hatte, es jetzt verantworten konnte, so eine werthohe Banknote zu drucken, grenzte für ihn schlichtweg an ein Wunder. Mehrfach war er im Wohnzimmer auf und abgewandert, den Geldschein vor sich hertragend, ihn dabei immer wieder hochhaltend, als würde er tatsächlich den Heiligen Gral vor sich haben. Es wäre wohl vermessen, fand Günther Liebig, dieses vermeintliche Stück Papier wie einen Schatz zu feiern, doch der besondere Moment war eigentlich nur vergleichbar mit dem Tag, als er es sich das erste Mal leisten konnte, im ›Delikat‹ einzukaufen. Seine nüchterne Weltsicht und seine Definition von Vernunft gaben ihm aber auch zu verstehen, dass es sich nur um Geld handelte. Hier im ›Friedensglück‹ wollte er sich weder durch Raffgier noch durch Prahlerei neu definieren, schon gar nicht auf seine alten Tage und er glaubte zu wissen, warum. Liebig verstand seinen Reichtum aus Sicht eines Arbeiters, der auf ein erfülltes Leben zurückblickte und eben gerade jetzt wusste er um die Bedeutung seiner Herkunft und seines Standes nur allzu gut Bescheid. Und als er sich gesetzt hatte, folgte auf die Einsicht die Ruhe. Aus Einsteins Konterfei erwuchs mehr als eine Summe. Die altehrwürdige DDR würde schon damit zurechtkommen, dass er den neuen Reichtum in Frage stellte und es dennoch als Triumph ansah, was sich innerhalb kürzester Zeit ereignet hatte. So demonstrativ in Schwarz gekleidet, wie sich die Abgeordneten des Bundestages zu ihrer letzten Sitzung versammelt hatten, käme es nun darauf an, dass die DDR nicht am Besitzdenken scheitert und dem Kapital seine Grenzen aufgezeigt werden. Ein guter Kaffee machte dem alten Günther Liebig bewusst, wie wichtig das war.
Die Bundesrepublik Deutschland war Geschichte. Nach über vierzig Jahren ihres Bestehens hatte sie aufgehört zu existieren. Im Kanzleramt oder dem was davon übrig war herrschte Trauerstimmung. Der ehemalige Kanzler und seine Minister saßen ratlos zusammen und haderten mit ihrem Schicksal. Das Geschehene zu begreifen, grenzte für sie an eine Laune des Schicksals. Von ihren Gesichtern war abzulesen, was sie dachten und fühlten und mit der Verdrossenheit machte Müdigkeit die Runde. An der ehemaligen innerdeutschen Grenze wurden von den Sicherheitskräften der DDR die Grenzschutzanlagen abgebaut, in Berlin wurde stückweise die Mauer demontiert und aus Moskau und Washington erhielten die Sozialisten auch noch Unterstützung. Das war zweifellos eine friedliche Revolution, so wie sie von allen Seiten angepriesen wurde, wie es sie nie zuvor gegeben hatte. Der Bundeskanzler und sein Stab hatten eigentlich andere Pläne gehabt, die politisch nicht minder motiviert angelegt waren, doch dieser windige Spion im Kanzleramt hatte mit seinen Aktivitäten hochbrisantes Geheimmaterial ausspioniert und an die Genossen nach Ostberlin geliefert. Zwar hatte Erich Honecker nicht die Schalmei aus dem Geschenkefundus gekramt, was manch anderer getan hätte, um wie ein Triumphator den politischen Coup offenkundig zu machen. Dazu war es dank der Vernunft und im Interesse der Beibehaltung des internationalen Friedens dann doch nicht gekommen. Trotzdem rumorte es im politischen Gedärm ganz gewaltig und ein paar Etagen weiter oben, da wo der politische Verstand an der Bewältigung des Fiaskos zu knabbern hatte, verweigerte sich den Herren auf der Suche nach dem politischen Neubeginn der Erfolg. Der Kanzler druckste herum, sparte nicht an moralinsaurer Miene und war bemüht, dass Politbeben herunterzuspielen. Die mächtige BRD, die der kleinen DDR scheinbar immer in allen Belangen überlegen war, würde von der Landkarte verschwinden und den Geschichtsschreibern viel Stoff und Anlass geben, ihrer Arbeit nachzugehen. Das betretene Schweigen in der Runde sprach Bände. Als ein Minister schließlich laut dachte und das Alte Testament bemühte, wo das Kräftemessen zwischen David und Goliath auch ganz anders verlief als angenommen, wurde er barsch zurechtgewiesen. Gespenstisch schön, sonderbar skurril, merkwürdig anders und missmutig angespannt verlautete das gegenstandslose Protokoll der Szene, hätte es eines gegeben. Auch wenn der Bundeskanzler die politische Verantwortung übernahm, blieb vieles offen. Neben Fragen, welche die neudeutsche Wirklichkeit zur Disposition stellten und der erklärten Absicht, sich von allen Aktivitäten politischer Natur künftig fernzuhalten, gab es Ambitionen, die Entwicklung rückläufig zu machen. Das war die Hoffnung einer Gruppe von Verantwortungsträgern, die den Konflikt nicht scheute.
Annegret Lutze saß im Wohnzimmer und rauchte. Im Fernsehen liefen die Nachrichten der aktuellen Kamera. Die ›Aktuelle Kamera‹ war das Nachrichtenformat im Fernsehen der DDR, vergleichbar mit der ›Tagesschau‹ im Programm der ARD. Frau Lutze war erfreut, ihren Lieblingssprecher zu sehen. Ein Mann Mitte fünfzig mit dunklen, vollen Haaren, einer Brille, die ihn überaus interessant erscheinen ließ, und einer Stimme, deren samtener Klang mit einer Männlichkeit kokettierte, dass sie noch immer in Begeisterung ausbrach, wenn er die Nachrichten verlas. Natürlich und nicht umsonst wie sie fand, war dieser Sprecher mehrfacher Fernsehliebling der DDR. Auch sie hatte ihm ihre Stimme gegeben und das nicht nur, weil er so ein perfekter Nachrichtensprecher war. Auf einem Ball für die Aktivisten des Volkes in Berlin hatte sie ihn einst ganz aus der Nähe erlebt. Weil ihr gefiel, was sie sah, getraute sie sich nach einem Autogramm zu fragen. Es hatte sie unendlich viel Überwindung gekostet, dieses Wagnis einzugehen, doch seine nahe Gegenwart und die Tatsache, dass er bereitwillig Autogramme schrieb, machten ihr Mut. Im ehemaligen Westfernsehen gab es keinen, für den sie auch nur annähernd so schwärmte wie für ihn. Als sie an der Reihe war und sich endlich erfolgreich durch die Schlange der Verehrerinnen vorgearbeitet hatte, stockte ihr der Atem. Sie wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte, bis sie ihre Fassung wiederfand. Es war ja eigentlich gar keine Schwärmerei, sondern doch eher Verehrung wie man sie für einen Sportchampion oder einen unerreichten Operntenor empfand. Annegret Lutze zog an ihrer Zigarette, denn sie wusste nur zu gut, dass sie damals schon Mitte sechzig war. Trotzdem hatte sie mit beinah mädchenhafter Verzückung nach einem Autogramm gefragt und es sofort bekommen. Schon damals trat ihr der Nachrichtensprecher mit ausgesuchter Höflichkeit entgegen und unterschrieb die Autogrammkarte mit eben jenem Lächeln im Gesicht, das sie von der Mattscheibe so gut kannte. Für einen Moment wagte sie kaum zu atmen und sie erinnerte sich sofort, wie sie etwas zurückgewichen war und ihr geliebter Nachrichtenmann einen Schritt auf sie zugemacht hatte, um die Situation zu retten. So kam es, dass sie für einen Moment glücklich in seinen Armen lag. Und während sie ihn sah und seine Stimme hörte, fühlte sie in aller Bescheidenheit ein Glück jenseits aller Politik und Entbehrungen, wie es sie in ihrem Leben reichlich gegeben hatte. Sie nahm noch einen Zug, dann machte sie die Zigarette aus. Die ›Aktuelle Kamera‹ war so gut wie vorüber.
Auf dem Marktplatz von Hermanns Heimatstadt hatte sich eine Gruppe junger Leute zu einer Kundgebung der FDJ zusammengefunden. Die Freie Deutsche Jugend war die Jugendorganisation der SED und gleichzeitig Kampfreserve der Partei. ›Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf,- Freie Deutsche Jugend bau auf …‹, musizierte ein Gitarrenduo mitten unter ihnen. Zum Klang von Arbeiterliedern wiegten sich junge Menschen im Reigen und bekundeten ihre Verbundenheit mit dem Arbeiter- und Bauernstaat. Auch sie bejubelten frohgelaunt den großen politischen Triumph der Staatsführung, ein wenig vom Bier beschwingt, das die nahegelegene Brauerei spendiert hatte. Hermann hatte sich eingereiht und teilte die Jubelstimmung indem er sich neugierig umsah, welche Aufnahme die Veranstaltung bei den Umstehenden fand. Das Lied vom ›Kleinen Trompeter‹ wie das nicht minder bekannte Kampflied von den ›Moorsoldaten‹ ernteten viel Zuspruch. Der Stolz, den die Bewohner der kleinen Stadt empfanden, löste sich in Zweifeln und Skepsis auf, doch keiner erging sich in Mutlosigkeit, was das Thema der Wiedervereinigung betraf. Da wo Alt und Jung aufeinandertrafen, verging die Anspannung unter dem Einfluss der Freude, nicht außer Acht lassend jene Art von generationsübergreifender Nähe, wie sie Menschen vereint und einander näherbringt. Hermann bildete da keine Ausnahme. Als Mitglied der FDJ engagierte er sich seit jeher für das Zusammenleben der Alters- und Interessengruppen. So hatte er erfolgreich gemeinsame Treffen organisiert, mit dem Ergebnis, dass die Alten im Ort wieder reger in der Öffentlichkeit auftraten, besonders da, wo die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit jungen Menschen ihrer Lebenserfahrung und Hilfe bedurfte. In der Zeitung ›Junge Welt‹, dem offiziellen Organ der FDJ, fand das bereits mehrfach Erwähnung und gerade in Hinsicht auf die politische Entwicklung im Land mit jener Dynamik der vergangenen Wochen und Monate war das wichtig. Man sprach miteinander, pflegte den politischen Witz, übte sich in politischer Agitation und versäumte nicht, die Thüringer Bratwurst zu probieren. Nicht nur weil Bier und Bratwurst seit jeher fester Bestandteil solcher Veranstaltungen waren, bediente sich die Klientel der Anwesenden auch eifrig. Hinter dem politischen Kalkül stand durchaus so etwas wie ein Wohlgefühl, wie es seit jeher nur im Osten unter den Menschen anzutreffen war oder anders gesagt menschliche Wärme, von der ein Bürger der BRD vergleichsweise wenig wusste. Das gehörte zum Selbstverständnis der FDJler dazu, dass Menschlichkeit kein Fremdwort sein durfte. Seit den Tagen des großen Pfingsttreffens der FDJ im Jahr 1973, als ein Zeichen an die Welt ging, dass die DDR ein selbstbestimmter Staat der Jugend ist, hatte die Organisation ihre Strukturen gefestigt und Prioritäten gesetzt. Hermann fühlte sich von einer freisinnigen Zugehörigkeit ergriffen, die da anknüpfte, wo er seine geistige Heimat sah. Seine Stimmung war auf dem Höhepunkt, als das Gitarrenduo ›Alt wie ein Baum‹ von den Puhdys intonierte.
In den Altbundesländern sorgte die rasante Entwicklung für banges Staunen. Die Menschen dort verbrachten die Zeit in einer Mischung aus Neugier und Unbehagen. Sie wussten so gar nichts über ihre Landsleute in der DDR und scheuten die Nähe zu ihnen. Seit jeher hatte die BRD im deutsch-deutschen Geschehen den Ton angegeben, sich ihrer Macht und ihres Einflusses vollauf bewusst und dank ihrer wirtschaftlichen Stärke über jeden Zweifel erhaben. Seit die DDR die Grenzanlagen geöffnet hatte war man in eine Art Schockzustand verfallen, denn man fürchtete die Barbaren aus dem Osten mehr als die eigene Schwiegermutter. Die friedliche Kolonisierung mit Hilfe von Bananen war fehlgeschlagen, alle Interventionen begünstigt durch einen regen Rentnerreiseverkehr hatten nichts gebracht und gewissermaßen mussten sämtliche Pläne einer Übernahme erfolglos quittiert werden. Das Wort Katastrophe schlug buchstäblich in Realität um, als der greise Herr Honecker im honorigen Stil wie ein kleiner Napoleon die Seiten wechselte und plötzlich im Westen angekommen war. Ein gefundenes Fressen für die Zeitungen, besonders die ›Bild-Zeitung‹, die auf dem Titelblatt den nationalen Notstand ausrief, weil sie das natürlich auch durfte, denn die Pressefreiheit war garantiertes Gesetzesmittel im Staat. Der kantige Kanzler, der aus seiner Schmäh für die neuen Machthaber kein Geheimnis machte, stand damit nicht allein, so unverkennbar stritt die Medienlandschaft und kämpfte dagegen an, in einen Topf mit den Zeitungen ›Neues Deutschland‹ oder ›Junge Welt‹ geworfen zu werden. Aus dem Osten antwortete die Gelassenheit einer neu positionierten Regierungsriege, die schon mal freundschaftliche Verbindungen zur SPD unterhielt, wo die Kontakte zu den Sozialisten von der anderen Seite schon im Kalten Krieg zu einer Nähe gereift waren, die freundschaftliche Beziehungen gedeihen ließ. Es war ja auch alles ziemlich kompliziert und über alle Maßen schwierig, besonders dann, wenn in einer Westfirma ein Kombinatsdirektor erschien und versuchte, dem Firmenchef die Vorteile der Planwirtschaft zu erläutern. Manchen sah man mit wutverzerrter Miene aus dem eigenen Büro stürzen, doch die neudeutsche Gesetzgebung sah eine Zusammenarbeit vor, die sicherstellte, dass soziale Risiken vermieden werden. Die Gesetzbücher der DDR bildeten die Grundlage dieser Einigungsrichtlinie und waren das Hauptinstrument für die Ausarbeitung des Einigungsvertrages, der bei weitem kein Diktat, sondern eine fortschrittliche Gesetzesnovelle unter Wahrung und Achtung der Interessen beider Parteien darstellte. Quasi eine notariell beglaubigte Heiratsurkunde mit leichten Vorteilen zugunsten des Staatsapparates der DDR. Die Deutsche Demokratische Republik war jetzt der Hauptaktionär in Staatsdiensten und ihre Handhabe der Devisen sprudelte aus den Kassen der neu eingeführten Vermögenssteuer, die lediglich zwei Prozent betrug. Klar, dass diesem Entscheid ein Sturm der Entrüstung folgte. Doch die Lobbyisten führten ihrer freundschaftlich verbundenen Klientel vor, wie trotz dieser Regelung neuer Reichtum erwachsen kann und dass dank der wirtschaftlichen Expansion bald neue Märkte entstehen würden. Schließlich bot allein der Handel mit China einen Markt, der in seiner Fülle und Vielfalt gewaltige wirtschaftliche Gewinne versprach. Für Amerika und die EU fiel da auch noch genügend ab.
Günther Liebig sah aus dem Fenster auf die Straße hinaus. Seine Augen waren längst nicht mehr so gut wie früher und die Brille ihm heilig. Ein Blick vorbei an der Fassade der Wohnungsgenossenschaft ›Friedensglück‹ offenbarte ihm schon genug. Zwischen den verwinkelten Gassen und Straßen war zu sehen, dass die Zeit nicht stehen blieb, gerade jetzt, wo alles auf Veränderung stand. Herrn Liebigs Lebenserfahrung endete aber nicht an der nächsten Straßenecke, sondern legte im Hinterkopf ein Archiv für Gestern und Heute an. Der unverstellte Blick auf die Konsum-Verkaufsstätte war möglich, weil die Kriegsruine davor schon vor Jahrzehnten abgerissen und an selber Stelle nun eine kleine Grünanlage zu finden war. Auch auf seine Initiative hin hatte der Stadtrat diese Maßnahme beschlossen, wie er sich zu erinnern wusste. Hässliche Spuren von misslungenen Bauaktivitäten galt es zu vermeiden, was damals wie heute Priorität bei der Stadtgestaltung hatte, auch wenn windige, an anderer Stelle geschäftstüchtig genannte Investoren gerne damit abschließen wollten. Doch in der kleinen Stadt am Fuße des Erzgebirges endete das Verständnis für Städtebau nicht mit der Kapitulation vor der mächtigen Finanzwelt. Hier gab es Männer wie Günther Liebig, die eine geschlossene Abwehrfront bildeten, sobald jemand mit einem Projekt die natürliche Bausubstanz des Ortes in Gefahr brachte oder glaubte, er könne über die Köpfe der örtlichen Parteizentrale hinweg entscheiden. Darüber wachte Herr Liebig auch wenn er aus dem Fenster sah und beim Blick auf die vertraute Kulisse die Errungenschaften des Sozialismus ins Visier nahm. Manche Spötter hatten schon vor Jahren vor einem Ausverkauf gewarnt, als die Zerstörung des Stadtbildes begonnen und man mit vereinten Kräften die Berliner Regierungsentscheidung rückgängig gemacht hatte. Ein Erfolg, der Günther Liebig am selben Abend mit dem Kreissekretär in der Ratsschänke sah, wo sich ein illustrer Kreis ortsbekannter Führungskräfte zusammengefunden hatte, die alle das Glas erhoben und mit zufriedener Miene ihren Triumph über die Berliner Parteigenossen begossen. Dort, im Zentrum der Macht, war der Widerstand auf massives Missfallen gestoßen, das aber letztlich ausgeräumt werden konnte, nachdem eine Erfolgsmeldung der Hauptabteilung Aufklärung im Politbüro landete die besagte, dass ein Nachrichtenoffizier aus jener Gegend sensationelle, neue Erkenntnisse über das Kanzleramt zur Verfügung habe. Dann kamen sogar noch eine Grußadresse nebst einem Glückwunschtelegramm nach und auf dem Ortskonto der Partei befanden sich zehntausend Mark mehr als vorher. Günther Liebigs Vergangenheit hatte also einiges vorzuweisen. Viel mehr als man dem alten Mann zutraute, wie er so aus dem Fenster sah. Als Gertrud noch lebte, hatte sie ihrem Günther auch so manches nachgesehen, weil sie wusste, dass die Augen hinter seiner Brille Dinge sahen, die anderen verborgen blieben.
Hermann war nicht entgangen, dass Frau Lutze immer gebrechlicher wurde. Wenn er auf einen Kaffee bei ihr zu Besuch war, kam das recht deutlich zum Vorschein. Er wagte allerdings nicht sie darauf anzusprechen, wohl wissend, dass er damit einen Schritt zu weit gehen würde. Für die Dinge des täglichen Lebens sorgte sie noch selbst, indem sie einkaufen ging, kleine Mahlzeiten zubereitete und putzte. Natürlich nur so, wie es im Rahmen ihrer Befindlichkeit möglich war und auch nur noch dann, wenn sie Lust hatte. Jetzt war es wieder so, dass er mit ein wenig verkniffenen Augen dasaß, weil sich die grelle Nachmittagssonne über den Tisch an die Vitrinen herantastete, ähnlich einem Lichtstrahl aus der Taschenlampe. Hermanns Wohnung gleich nebenan im ›Friedensglück‹ stellte keine glänzenden Vitrinen zur Schau, die erstrahlten, sobald sich die Sonne in den Fenstern verfing, wenn es Nachmittag wurde. Er bat Annegret Lutze um die Erlaubnis, die Vorhänge ein wenig zuziehen zu dürfen und sie gestattete es ihm. Bei dieser Gelegenheit fragte er auch, ob sie noch eine Tasse Kaffee möchte. Ihre Zustimmung ließ nicht lange auf sich warten. Sie war außerdem bemüht, Hermann den Weg durch die Rauchschwaden im Zimmer zu erleichtern, indem sie ›Neues Deutschland‹ ergriff und als Frischluftwedel missbrauchte. Von Zigaretten konnte sie einfach nicht lassen, obwohl es ihr die Ärzte verboten hatten. Und wenn sie Gäste zu Besuch hatte, erwies sie sich stets als pragmatische Gastgeberin und erleichterte ihnen den Aufenthalt durch den Missbrauch ihrer Lieblingszeitung. Eigentlich ein Unding für all jene die sie kannten und wussten, wie besonders aufmerksam sie darin las. Doch Frau Lutze war nicht aus Zucker. Das Leben hatte sie hart gemacht, besonders jene Jahre der Lagerhaft unter den Nazis hatten sie gelehrt, niemals aufzugeben. Diese schwere Zeit schwebte wie ein Schatten über ihr, begleitete sie wie ihr zweites Ich und untermauerte ihre Überzeugung, im Sozialismus die Antwort auf das Grauen gefunden zu haben, welches sie in Gestalt der Lager und ihrer Aufseher kennenlernen musste. Ein Punkt, um dessen Sensibilität Hermann wusste, denn Frau Lutze mochte es überhaupt nicht mitanhören, wenn jemand versuchte, ihr das Leben zu erklären. Trotzdem hatte sie Humor und konnte lachen. Zur Zielscheibe ihres Humors hatte sie ein paar westdeutsche Politiker gemacht, über deren dümmliche Arroganz und Überheblichkeit sie sich köstlich amüsieren konnte. Das war dann fast so, als würde die Unbeschwertheit der Jugend in sie zurückkehren und mit ihr das erfrischende Gefühl einer Überlegenheit von ungeahnter Größe. Sie konnte es sich leisten. Aus Respekt behandelte man sie im Haus auch mit ausgesuchter Höflichkeit, fernab jener Etikette, die an Eitelkeit oder Überheblichkeit erinnert. Annegret Lutze wusste das zu schätzen.
Der Staatsrat der DDR hatte sich zu einer Sitzung zusammengefunden. Neben dem Generalsekretär waren alle Regierungsminister anwesend. Die bereits beschlossene Ausdehnung der Planwirtschaft ließ mächtige Konzernmultis zittern. Doch schon längst wusste man von dem Privileg, das die DDR-Regierung allen Firmen zugestand, die bereit waren, ihre Bilanzen offenzulegen. Man wollte keinen Krieg ums Kapital und keine Festsetzung von Richtlinien für den maximalen Profit nur zum Zwecke der Staatsräson. Die DDR urteilte menschlich, schöpfte aus dem vorhandenen Potential die Mittel zur Stärkung ihrer Staatsmacht und bemühte die Wirtschaftsweisen der Republik um eine planvolle Umsetzung. Auch aus dem Westen waren Vorschläge eingegangen, die es im Rat zu erörtern galt. So ergab es sich, inmitten der Runde die Wirtschaftsvertreter der ehemaligen BRD willkommen zu heißen, die ihre Bücher mitgebracht hatten, in denen sie nun mirakelmäßig nach Argumenten und erfolgsversprechenden Lösungen suchten. Eine ziemlich mühevolle Angelegenheit, die vielen von ihnen ein gequältes Lächeln aufzwang, als hätten sie gerade eine Kröte verschluckt. Der Generalsekretär der DDR war seines Zeichens ein humorvoller Mann, dem nicht entgangen war, wie es manchen Herrschaften im Saal widerstrebte, sich dem neuen Fünfjahrplan zu stellen, der erstmals so angelegt war, dass sie fast wie bisher weitermachen konnten. Offensichtlich mied man das Regelwerk wie der Teufel das Weihwasser und bedachte seine Absichten mit allerlei Missgunst und Widerwillen. Dann aber merkten einige recht schnell, dass der Zonengeist seinen Schrecken verwirkt hatte und einen Weg in die Zukunft wies. Dem Staatsratsvorsitzenden und den anwesenden Ministern kam die Attitüde der Verweigerung auch gleich leicht gespielt vor, denn die Machtfrage war eindeutig geklärt und seitens der DDR gesichert. Ein guter Nährboden für zufriedene Gesichter nach einem politischen Erdbeben wie der Wiedervereinigung. Die Ellenbogen in der Runde zeigten schon keine Wirkung mehr und obgleich man noch weit davon entfernt war, ein allgemeines Wohlbefinden zu konstatieren, entlockten die Offerten der Planwirtschaft auch eingefleischten Geldsäcken den Ansatz eines Lächelns. Sie würden ja nichts einbüßen, sondern nur einen Teil ihres Profits zwischenparken und damit helfen, einen Hilfsfonds anzusparen. Mit den Erträgen aus der Vermögenssteuer, allen übrigen Steuereinnahmen, diversen Gewinnen aus einem Exklusiv-Vertrag mit den USA, der den Amerikanern das alleinige Nutzungsrecht von Bodenschätzen aus dem Erzgebirge zusicherte, wenn zweifelsfrei feststand, dass kein ökologisches Risiko bestand, machte das eine gewaltige Summe aus. Wenn der Finanzhaushalt der DDR auch lange Jahre wie ein Flickenteppich überdauert hatte, versprach er jetzt doch ansehnliche Erträge. Diese Tatsache bestärkte die Väter der Einheit, die Herausforderung anzunehmen.
Im ›Kessel Buntes‹ agierte gerade eine Schlangenfrau, als Hermann sich Schnittchen schmierte und ein Bier aus dem Kühlschrank nahm. Die Akrobatin im Fernsehen hatte soeben ihre Füße unter den Achseln eingehakt und rollte dergestalt über die Bühne. Das Publikum applaudierte begeistert, Hermann wurde schlecht. Er mochte nicht hinsehen, so dermaßen ungesund wie das Ganze aussah. Doch die Schlangenfrau konnte noch mehr. Sie beugte sich rücklings nach unten, steckte den Kopf zwischen den Beinen durch und lächelte den Zuschauern zu. Hermann glaubte seine Bandscheiben in Gefahr und überließ es der Dame im TV, sich weiteren Verrenkungen hinzugeben. Ihr Assistent reichte ihr einen Koffer. In den stieg sie hinein, dann faltete sie sich wie ein Stück Papier zusammen, lächelte sich publikumswirksam platt wie eine Flunder, dem Bühnenpartner signalisierend, dass er den Reißverschluss zuziehen soll, was jener auch sofort machte. Hermanns Hand fuhr mit schmerzgespielter Miene den Rücken hinunter und er staunte Bauklötzer, wie so etwas möglich ist. Dann leuchteten die Scheinwerfer auf, der Koffer bewegte sich, die Schlangenfrau regte sich, keine Sekunde zu früh, um gebührend Applaus einzufordern. Das war der Moment, als Hermann nicht weiterwusste und mit offenem Mund vor dem Fernseher verharrte. Mit einem Schnittchen in der Hand stand er da, verschluckte sich fast am Bier, als hätte sich der Gerstensaft in übelschmeckende Jauche verwandelt. Das war nicht die zersägte Frau, sondern die Schlangenfrau, weil nun zweifellos feststand, wie biegsam und schmiegsam eine Frau zwischen zwei Kofferhälften verschwinden kann, vorausgesetzt, sie kann ihr Rückgrat wie eine Gliederkette einrollen. Im Gegensatz dazu, dachte Hermann, hat die DDR Rückgrat bewiesen und der Bundesrepublik Stärke demonstriert. Jetzt fraß der Kanzler dem Generalsekretär aus dem Händchen, weil ein wunderbar cleverer Geheimdienst das Kanzleramt ausgehorcht und ein unfähiger Spitzenpolitiker zu hoch gepokert hatte. In dieser Situation eine Verbindung zwischen Showgeschäft und Politik herzustellen war fast absurd, doch Hermann gefiel sich darin nicht schlecht, zumal er die Maxime des Klassenkampfes erfüllt sah. Im Fernseher war die Schlangendame derweil von der Bühne verschwunden und ein seichter Schlagerfuzzi beschwor in schmalziger Attitüde die Schönheit der Liebe in allen Facetten. Nun würgte es Hermann in der Magengrube, wo eben noch alles in Ordnung war. Doch weil später die Puhdys auftreten und Monika Herz im Duett mit Heino singen würde, überspielte sichtbare Zufriedenheit seine Miene. Gleichwohl auch, weil in ihm die Gewissheit aufkam, dass Schlangen und Frauen gewisse Gemeinsamkeiten offenbaren. Er war eben kein Frauenversteher, sondern eher ein Zyniker, der Überraschungen mochte.
In Berlin war der Abriss der Mauer vorangeschritten. Ulbrichts Glanzstück von einst hatte seine Bedeutung verwirkt, seit die Wiedervereinigung fortschritt. Die Regelmäßigkeit, mit der nun täglich Mauerabschnitte abgerissen wurden, trug dazu bei, dass bald ganze Straßenzüge befreit aufblühten. In Westberlin, wo der Senat dem regierenden Bürgermeister nahegelegt hatte, die Ostberliner Anstrengungen zu unterstützen, scheute man vor übertriebenem Eifer zurück. Der ›Antifaschistische Schutzwall‹ war plötzlich ein Gegenstand zur Selbstverteidigung gegen die rasante Vorgehensweise der Behörden aus dem Osten. Im Wirbel der Ereignisse verdrehte die Geschichte ursächliche Bedeutungen ins Gegenteil und schuf aus historischen Fakten neue Gegebenheiten. Die Berliner in Ost und West reagierten auf die neue Situation selbstverständlich sehr unterschiedlich. Wenn man an den Aufmarsch an der Sektorengrenze dachte, der im Jahr 1961 Angehörige der bewaffneten Organe der DDR im direkten Konflikt mit amerikanischen Panzern sah, geschah jetzt eigentlich etwas, dass sich alle Berliner seitdem gewünscht hatten. Und tatsächlich sah man unterhalb des Fernsehturmes die wiedervereinte Stadt zusammenwachsen und erlebte ein Beispiel für den Wandel der Nation, wie ihn keiner vorhergesehen hatte. Die ›Aktuelle Kamera‹ berichtete in einer nie dagewesenen Ausführlichkeit von den epochalen Veränderungen in Berlin, was auch in der kleinen Stadt am Rande des Erzgebirges nicht unbemerkt blieb. Günther Liebig, der während seines Berufslebens oft in Ostberlin weilte, war mit der Mentalität der Berliner bestens vertraut und nicht überrascht, einen Ausbruch an Freude und Herzlichkeit unter den Menschen dort zu erleben. Er prophezeite den Mietern seines Blocks eine friedliche Revolution und bestärkte sie in der Hoffnung auf einen Neuanfang unter Führung der Partei. Auch wenn die politischen Verflechtungen und die Nähe zu den Politikern in Bonn über Jahrzehnte gewachsen, schwierige Zeiten zu einem Klima der Entfremdung beigetragen hatten und alles geschehen war, um Feindbilder zu nähren, musste die Wende her. Herr Liebig freute sich für die Menschen in der Stadt und verfolgte aufmerksam das Geschehen. In seinen heimatlichen Gefilden vermerkte er die nachhaltige Wirkung der Vorgänge in Berlin für die Entwicklung der örtlichen Aufbauarbeit. Dieser Begriff aus den Nachkriegsjahren war für ihn wieder brandaktuell, denn der Fortgang der Ereignisse war von einer Dringlichkeit, die jener nach dem Krieg ähnelte. Der betagte Günther Liebig freute sich ob dessen und frohlockte ein wenig, denn er hatte Recht behalten.
In der rührigen Stadt im Erzgebirgsvorland nahe Karl-Marx-Stadt wandelte sich das Stimmungsbild von Tag zu Tag. Die neuen politischen Verhältnisse trugen Fragen auf, sorgten für reichlich Gesprächsstoff, geißelten die Dreistigkeit örtlicher Wortführer und stellten das Parteikonzept in Frage. Mit einer Ausgelassenheit wie in jungen Jahren war es vor allem die ältere Bevölkerung, welche sich mit Forderungen nicht zurückhielt. Diese rekrutierte sich aus Parteigängern der SED, ländlichen Sturköpfen aus dem Umfeld und Politikgegnern, die ihr Ansinnen mit der Besinnung auf typische Traditionen begründeten, welche das Erzgebirge ihrer Meinung nach zu einer besonders wichtigen Region machte. Ein Tumult bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz bildete den vorläufigen Höhepunkt, dem auch zugereiste aus dem Westen beiwohnten, die in gewohnter Harmlosigkeit nur die Sehenswürdigkeiten der Gegend erkunden wollten. Ihr Mut zur Grenzüberwindung hatte sie ohnehin Nerven gekostet, denn der Reiseverkehr in den Osten der Republik galt als Abenteurertum, ja lebensgefährlicher Akt persönlicher Dummheit und Selbstignoranz. Abgesehen von der Herzlichkeit auf die sie stießen, war es vor allem die Wunderwelt hinter der Grenze, die für blankes Erstaunen sorgte. Nun waren sie mittendrin im Strudel der Ereignisse und säumten das Pflaster einer Stadt, der gerade eine Verwandlung drohte, wie sie die Menschen überall da bewegte, wo ›Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‹ in Epik und Theatralik nicht mehr nur den Losungsalltag der Parteizeitung bestimmte. Die feierliche Stunde in der die Regierung der DDR den Einheitsbeschluss verkündete, steigerte beträchtlich die Mittel der Befindlichkeit und all ihr Potenzial, das den Bürger der DDR daran erinnerte, welche Möglichkeiten der Klassenkampf offenbart, sobald Klarheit herrscht. Man achtete nunmehr der Dinge, die zwischen Himmel und Erde ihr Auskommen hatten, wobei der prophetische Ansatz zugunsten der Fakten geopfert wurde. Der Dynamik des Meinungsstreits auf dem Marktplatz war das in jeder Hinsicht zuträglich, ja es förderte sogar die Prägnanz der Widersacher, die trotz oder gerade wegen Löffelschnitzercharme und Gebirgsdeutsch auf ihrer Meinung beharrten. Wo der Gebirgsgeist waltete, konnte keiner ernsthaft böse sein. Es an den Verhältnissen festzumachen, dass Widerstreit im Sinne von Demokratie noch Zeit zur Entwicklung brauchte, lag in der Tradition eines Denkens, das von Lenin über Hitler bis zu Honecker eins nie verlor: seine urwüchsige Kraft und Unbändigkeit. Die Menschen auf dem Markt wussten das und hielten den Bundis keinen Spiegel vor, sondern nährten ihr Selbstvertrauen, bevor sie sich wieder der Kontroverse widmeten und die Bezirksleitung beschworen, in Berlin keine Siegermentalität an den Tag zu legen. Das Territorium im Westen der Republik, ehemals BRD genannt, sollte keine Behandlung erfahren wie Dissidenten oder Republikflüchtlinge. Darüber war man sich einig. Diese Art der Geschichte sollte der Vergangenheit angehören und mit Blick auf die Zukunft eine Lehre sein. Ob das gelingen würde, wusste keiner, denn auch im Sozialismus gab es keine Garantien, sondern nur den Ehrgeiz, Fehler nicht zu wiederholen.
Hermann Schreiner war als Postbote tätig und in seinem Viertel bekannt. Wenn er in den frühen Morgenstunden das Haus verließ, schliefen die meisten noch. Im örtlichen Postamt begann die Arbeit mit dem Packen von Zeitungen, Briefpost oder dem Vorsortieren der Zustellungen für die zweite Tagesschicht. Zu Hermanns Arbeitsbeginn fanden sich die Mitarbeiter zunächst oft in kleinen Gruppen zusammen, wo sie rauchten, Kaffee tranken und vom Gruppenleiter erfuhren, welche Tagestour sie übernehmen sollten. Insgesamt war die Zahl der Mitarbeiter klein und dem Personalbedarf in einer Kreisstadt angepasst. So wunderte es nicht, dass die Atmosphäre recht familiär ausfiel, weil jeder jeden kannte, was im Erzgebirge nun auch wieder nichts Ungewöhnliches war. Seit neuestem hatte die Ortspost Arbeitsräder mit Tretkraftverstärkung beschafft, was dank der hohen Übersetzung per Nabenschaltung eine ungeheure Erleichterung mit sich brachte. Die ortstypischen Straßenverläufe konnte Hermann so leicht nehmen, um im hügeligen auf und ab wie ein Bergpostkurier ein wenig über seine gewöhnliche Rolle hinauszuwachsen. Er tat dies mit ersichtlicher Freude, auch weil er sich inzwischen einen Ruf als patenter Radfahrer erworben hatte, was er gerne bestätigte, wenn er darauf angesprochen wurde. Eitel oder eingebildet war Hermann nicht. Seine bodenständige Art und seine Profession als Briefmarkensammler ließen das gar nicht zu. Wenn also der Dienststellenleiter die morgendliche Schicht ankündigte, indem er ein altes Posthorn aus dem Schreibtisch kramte, zwei,- dreimal kräftig hineinblies und dabei mächtig dicke Backen machte, war das der Anstoß für das Kollektiv, den Sozialismus stärker und den Frieden sicherer zu machen. Unter der Zeitungspost die Hermann austeilte, befand sich auch ›Neues Deutschland‹. Daneben gab es das ›Erzgebirgsblatt‹, den ›Deutschlandkurier‹, eine Postille die sich ›Allgemeiner Anzeiger‹ nannte und natürlich das Hausblatt der FDJ, die ›Junge Welt‹. Sein Revier war im Wesentlichen der südliche Außenbezirk der Stadt, eingedenk jener Gegend, wo er selbst wohnte. In der frischen Morgenluft, die mit dem Bergwind ins Tal strömte, bereitete das Radfahren fast schon Vergnügen und Hermann trat ausgelassen in die Pedale. Dabei vergaß er manchmal schon, dass er dienstlich unterwegs war, die Arbeit keine Attitüde seiner Ausgelassenheit ausmachte, damit alles im Dienste der Werktätigen des Volkes und seines Broterwerbes geschah. Gerade in der Gegend rund um die Wohnanlage ›Friedensglück‹ musste er die Etikette verteidigen und zumindest der Post zur Ehre und als Aushängeschild gereichen. Inmitten all der Veränderung kam es auf Beständigkeit an. Vor allem ältere Leute entwickelten sonst schnell einen Groll, der sie als Verlierer der Politik sah. Und von diesen gab es viele im Viertel. Bei einem Blick auf das Bergpanorama im Hintergrund mochte man schon wahrhaben, warum gerade hier so viele Alte lebten, unter denen es einige gab, welche die ›Junge Welt‹ abonniert hatten. Hermann konnte sich gelegentlich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn er bei über achtzigjährigen diese Zeitung einwarf und die Senioren bereits hinter der Haustür standen, um den Briefkasten aufzuschließen. Oft kam es ihm so vor, als würde er Gutes vollbringen, wie jemand der jemandem hilft, damit der nicht verhungern muss. Geistiger Nahrung bedurfte es schließlich ganz besonders und die Alten waren begierige Leser. Nicht selten endete so eine Schicht mit viel Lob und Anerkennung für Hermann.
Annegret Lutze sichtete den Inhalt ihrer Kommode im Schlafzimmer. Da sie nie verheiratet war und ihr Leben lang nur flüchtige Beziehungen pflegte, gab es keine Erinnerungsstücke an etwaige Verflossene. Ihre Stärke und ihr Drang zur Unabhängigkeit mochten mit dafür verantwortlich sein, dass Männer es nie lange mit ihr ausgehalten hatten. Die Frau im Sozialismus galt als selbstbewusst und emanzipiert und sie als Überlebende eines Konzentrationslagers ordnete sich ungern unter. So hatte sie im Leben für sich selbst Sorge getragen, eigenverantwortlich gelebt, ihre Verbundenheit mit der Partei als Lebensaufgabe angesehen, die sie sehr ernst nahm. Als ehemalige leitende Angestellte in der Stadtverwaltung war es für sie selbstverständlich gewesen, die Aufgaben und Ziele der DDR in die eigene Arbeit einfließen zu lassen. Jetzt im Rentenstand mit der Bürde des Alters beladen und müden Knochen, fühlte sie sich oftmals schlecht und verbrachte viel Zeit im Bett. Da es keine Kinder gab, die zu Besuch kamen oder Angehörige, fand Frau Lutze oftmals keine Freude mehr am Dasein. Lediglich die Erinnerung schenkte ihr noch etwas von der Fülle des Lebens und eröffnete ihr die Hoffnung, mit dem Triumph über die Kapitalisten beste Aussichten für die Umgestaltung des Landes zu haben. Ihre erklärte Liebe zum Tabak ließ dabei schnell ein paar Zigaretten in Rauch aufgehen, denn das Szenario beschäftigte sie so intensiv, dass sie sich umgehend selbst in der Politik wiederfand. Doch das war vorbei. Mit ihrer Vorgeschichte und der Entwicklung der letzten Monate fiel eine altersweise Zurückhaltung zusammen, die Annegret Lutze schon beinah als sanftmütige Matriarchin sah. Freilich schlug das Kämpferherz in altvertrauter Manier, mehr noch zählte aber die Einsicht, die Parteiarbeit den Verantwortlichen zu überlassen und sich gelegentlich höchstens zu beschweren über den Bockmist, den das Zentralkomitee mal wieder losgelassen hatte. Sie sah Menschen wie Hermann in der Pflicht, den Zweifler, der alles in Frage stellte, aber im Grunde ein recht passabler junger Mann war, wie sie es nannte. Als junge Frau Mitte der dreißiger Jahre hatte sie jemanden gekannt, der ihm ganz ähnlich war, doch der Typ war nicht der Mann, der ihr den Hof machte. Sie kannte ihn über den Jugendzirkel der Kommunistischen Partei, organisierte mit ihm die Praxis des politischen Kampfes und half ihm aus einer Schlägerei mit Jungnationalen, ohne dafür Freundschaft oder gar Liebe zu erfahren. Nur zu gut wusste Frau Lutze, wie traurig sie das gemacht hatte und wie schmerzlich es für sie war, als sie viele Jahre danach erfuhr, dass er an der Ostfront gefallen war. Später hatte sie das einfach weggelächelt und als dumme und naive Jugendschwärmerei abgetan. Schuldgefühle quälten sie nicht, woher auch, war er es doch, der ihre Zuneigung ausgeschlagen hatte. Annegret, wie sie jener Mann aus ihrer Jugend genannt, war hartgesotten und zerbrechlich in einem, sie konnte sich an einem Klavierkonzert erfreuen und wie ein Kutscher fluchen, dass die Wände wackelten. Die Lehren ihres Lebens hatte sie angenommen, nur die Politik hatte sie nie losgelassen. Da war sie streitbar geblieben, und das zurecht.
In der Kirche des Ortes hatten sich nach einer Demonstration viele Menschen eingefunden. Man war durch das Zentrum gelaufen, am Marktplatz vorbei, unter den Rathausfenstern entlang die innerstädtischen Straßen entlanggezogen und schließlich in die Kirche eingekehrt. Im Schutze der Kanzel herrschte nun ein reges Durcheinander miteinander redender Menschen. Es herrschte Uneinigkeit darüber, wie die nationale Einheit gefestigt werden soll, weil die Anforderungen an das Land eine ganze Menge Probleme mit sich brachten. Für die altgedienten Funktionäre unter den Anwesenden war es keine Frage des Glaubens, sondern eine von Macht mit Revolutionscharakter. Dementsprechend forsch traten sie auf, nicht achtend die Schirmherrschaft der Kirche, die eingeladen hatte, um im Widerstreit zu vermitteln. Dort trafen sie auf Männer und Frauen aus der Bevölkerung, die politisch weniger engagiert waren, aber die Zeichen der Zeit erkannt hatten. Sie forderten noch mehr Mitspracherecht für die Bevölkerung der DDR, auch für die Brüder und Schwestern aus dem vermeintlichen Westen, der auf einmal so nahegerückt war. Ein Regierungsbeschluss besagte, dass die Entscheidungshoheit den zentralen Ämtern des Landes vorbehalten blieb, in etwa so wie ehemals in der BRD, wo so oft und gern das Grundgesetz bemüht wurde, um dem Verlangen des Volkes Nachdruck zu verschaffen. Die Volkskammer hatte bereits mit einem Beschluss reagiert, der den Menschen des Landes mehr Rechte sichern sollte, um an der Gestaltung des neuen Deutschland mitzuwirken. Die Parteistrategen vor Ort wollten das beachtet wissen, auch wenn sie sich im Angesicht des Kreuzes ein wenig hilflos fühlten und ihr Auftreten etwas an Sicherheit verlor. Sie wussten wohl, dass die Kirche vom Staat stiefmütterlich behandelt wurde, was längst nicht mehr so brutal geschah wie einst, bei weitem jedoch auch noch nicht so, wie es an der Zeit war. Populisten und Eiferer auf beiden Seiten unter dem Dach der Kirche zu vereinen, war gelinde gesagt fast unmöglich. Und nun trafen sie sich hier, in der kleinen Stadtkirche, scheinbar geläutert und befreit von all ihren Sünden, dass es Luther eine Freude sein würde. Der Pfarrer frohlockte selten zufriedener als in diesem Moment, wo alle im Kirchengestühl Platz genommen hatten, eine Kerze in den Händen hielten und miteinander so vertraut schienen, als hätte der liebe Gott höchstpersönlich eine Schar von Engeln ausgeschickt. Eine These Walther Ulbrichts, gerade noch von einem Funktionär eingestreut, verstummte ungehört. Als dann eine Stimme erklang die forderte, sich nicht dem Glauben, dem Opium des Volkes hinzugeben, schien Ärger unvermeidlich. Nun war man miteinander an jenem Punkt angelangt, der es möglich machte, Streitpunkte zu begraben. Man diskutierte ergebnisorientiert und es herrschte eine Nähe wie im Kindergarten vor, wenn die Knirpse zur Vesper beisammensaßen. Der Bericht nach Berlin, den der anwesende Bezirkssekretär noch schreiben musste, würde vielleicht länger als sonst werden und Passagen enthalten, für die vom Verfasser nachträglich eine Begründung gefordert wurde. Das wusste der Mann, der für die Arbeit der Partei im Ort und darüber hinaus zuständig war. Auf seiner Stirn, für den Bruchteil einer Sekunde im Schatten der Kreuzfigur des heiligen Georg zu sehen, gruben sich nicht ohne Grund tiefe Falten ein. Das war ein Ausdruck der anklingen ließ, welche Veränderungen bevorstanden. Im Parteikader auf Verständnis zu stoßen, sollte mit Hilfe einer gewissen Beredsamkeit durchaus möglich sein, denn auch im Zentrum der Macht hatte die Wende einen Wandel herbeigeführt, der verbissene Funktionäre als Zuhörer und Neugestalter sah. Eingedenk der Herausforderungen die noch warteten, war das ganz famos.
Die örtliche Volkspolizei bekam Besuch von Günther Liebig. Herr Liebig wollte eine Schmiererei, die sich Graffiti nannte, zur Anzeige bringen. An der Fassade der Wohnungsgenossenschaft ›Friedensglück‹ prangte eine solche und sah aus wie ein hingeschmierter Schandfleck. Nach Einschätzung von Günther Liebig hatte das mit Kunst rein Garnichts zu tun, sondern erinnerte eher an die Spätfolgen einer schlechten Erziehung und war Ausdruck einer Unlust am Leben, die im geistfreien Exzess kulminierte. Genau das widerstrebte ihm und er war wahrhaftig kein Banause ohne Kunstverstand. In dieser Hinsicht nannte er einen Sachverstand sein eigen, der ihn in die Lage versetzte, so tiefgründig und trefflich zu urteilen, dass der gemeine Kunstexperte bei ihm um Rat nachsuchen konnte. Der Abschnittsbevollmächtigte freilich orientierte sich an rein ermittlungstechnischen Aspekten der Angelegenheit, ohne auf Kunstsinnigkeit, Street Art oder dergleichen mehr zu achten, als es der Anzeigenaufnahme dienlich war. In dieser Hinsicht entsprach der ABV exakt jener Art von Verwaltungstätern, wie sie ein Staat brauchte, um die Administrative zu behaupten und Zweifel an der eigenen Arbeit im Keim zu ersticken. Herr Liebig wusste auch, wie unwahrscheinlich es war, die Urheber ausfindig zu machen. Das erwartete er auch gar nicht, wenngleich es wenigstens sein Wunsch war, dass die Schmierereien wieder von der Fassade verschwanden. Aus dem Protokoll ging hervor, wie fremd den Anwohnern die Schriftzüge und Bilder waren, wo die meisten von ihnen doch ohnehin keine Ahnung hatten, was das sollte. Der Polizeihauptmann nahm alles sorgfältig zu den Unterlagen und versah den Sachverhalt mit einer Nummer. Er zog ein Gesicht, welches nicht genau erkennen ließ, ob die Anzeige seine Zustimmung findet oder die Vielzahl neuer Fälle ihm eher eine Geste der Gleichgültigkeit entlockte. Jedenfalls fühlte sich Herr Liebig bestätigt, als er alles zu Protokoll gegeben hatte. Während seiner Laufbahn als Ingenieur und noch mit Gertrud an seiner Seite war das Leben auch nicht immer leicht gewesen, aber leichter zu ertragen. Er befand noch auf dem Revier, wie schwermütig und grüblerisch er sich manchmal fühlte und wie die Erinnerung an vergangene Zeiten ihm etwas wiederbrachte, dass er längst verloren glaubte. Unfähig, über Gefühle zu reden, schaffte er es hin und wieder, aus seinem Gefängnis auszubrechen, um sich ein kleines Stück Freiheit zu verschaffen. Im sozialistischen Realismus der Stalinzeit waren die Gelegenheiten für Extrawürste so zahlreich wie ein Volltreffer im Lotto, was nur heißen sollte, dass Günther Liebig als altgedienter Sozialist durchaus noch Träume hatte. Mit seiner Haltung zum Staat und seiner Loyalität in Fragen zum System demonstrierte er gewiss Rückgrat, doch als ein Unbeugsamer mit einer Tendenz zum Ungehorsam die ihn erschrak, war es auch nicht immer leicht. Das kam so plötzlich wie der Graffiti an der Hauswand und brachte etwas zum Ausdruck, dass er dem Polizisten verschwieg. Er hatte nun die Gewissheit, ein verantwortungsbewusster Bürger zu sein, der sich am Aufbau des Landes beteiligt und seinen Anteil dazu beigetragen hatte, Wunderwerke wie den Berliner Fernsehturm wachsen zu sehen und aus einem erfüllten Leben zu schöpfen, wie es nicht immer selbstverständlich war. Mit dieser Erkenntnis verließ Günther Liebig das Polizeirevier, wo sein Freund, der ABV, die Anzeige aktenkundig machte.
Tief im Westen, mitten im Ruhrpott, versuchte ein SED-Parteimitglied Anhänger und Sympathisanten zu werben. Seine Mission erinnerte ein wenig an die eines Wanderpredigers, der Werbung in eigener Sache macht und Menschen davon überzeugen möchte. Angefangen hatte der Genosse Martin Beyer als Mitglied der Jugendparteiorganisation FDJ. Nach wenigen Jahren intensiver Arbeit war er zum FDJ-Sekretär aufgestiegen und hatte sich in dieser Funktion bestens bewährt. Damit stand fest, dass er nicht mehr irgendjemand war, sondern ein Kandidat für die Zentrale der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in Berlin. Mit Führungsarbeit kannte er sich bestens aus, mit Agitation nicht minder gut, was ihn zum idealen Botschafter der deutschen Wiedervereinigung machte, prädestiniert für praktische Überzeugungsarbeit und den Abbau von Vorurteilen. Mitten im Pott interessierte das niemanden. Die Menschen lebten weiter wie bisher, hatten ihre althergebrachte Vorstellung von Obrigkeit, ihre ganz persönliche Meinung von Parteiarbeit und vergleichsweise wenig am Hut mit der neuen Regierung aus dem Osten. Geriet die Kohleförderung einmal ins Stocken oder versiegte die Glut in einem Schmelzofen, war das weitaus schlimmer als irgendeine Politikgeschichte. Das war auch für den rührigen Genossen Beyer ein hartes Stück Arbeit. Da wo seit über einhundert Jahren der Zechengeist bestimmte was zwischen Duisburg und Essen passiert, war kein Platz für einen Politiker Made in Ostdeutschland, was Martin Beyer nicht verborgen blieb. Es kam ihm keinesfalls in den Sinn, wie eine Art Eroberer aufzutreten, um etwaige Grenzen auszuloten oder um herauszufinden, wie weit er gehen konnte, um Stimmen für seine Partei zu bekommen. Nein, das wollte er nicht. Glücklicherweise fiel die Zusammenarbeit mit den SPD-Genossen in der Gegend gleich viel konstruktiver aus. Das machte es um einiges einfacher, obwohl die Arbeiterpartei des Westens viel Vertrauen eingebüßt hatte, seit ihren Funktionären durch persönliche Eskapaden das Verständnis für gute Politik abhandengekommen war. Mit der Wende, was ein Begriff war der sich ins Gedächtnis eingebrannt hatte wie ein Ohrwurm aus dem Radio, sollte sich das ändern, doch nichts geschah. Die Seele der Region und ihrer Menschen probte gerade den Aufstand, nicht eben demonstrativ wie auf einer Politparty, eher unauffällig und aus Gründen der Zurückhaltung mehr im Verborgenen. Widerstand war auch nicht das richtige Wort, um den Zustand namhaft zu machen. Also agitierte Genosse Beyer auf verlorenem Posten und doch ließ der Mann kein Zeichen von Müdigkeit erkennen. Seines Zeichens hatte er ja schon als FDJ-Mann durch außergewöhnliche Zähigkeit geglänzt, meist dann, wenn die renitente Jugend andere Vorstellungen hatte und ein Kompromiss gefunden werden musste, der beide Seiten zufrieden sah. Dieses Prinzip brachte er auch jetzt zur Anwendung, wo es scheinbar nichts mehr gab, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Beyer selbst war es, der den Geist der Ikonen der Nachkriegszeit beschwor, die den Aktivisten hervorgebracht hatten, der in der DDR Heldenstatus genoss. Ein Mann wie Adolf Hennecke war besonders für die Kumpel und mithin den Kohleabbau eine Figur von herausragendem Interesse. Die Grundlage für seinen Vorstoß in die Vergangenheit sah Martin Beyer in der gemeinsamen Geschichte, die bis 1949 währte, auch wenn es da längst tiefe Risse gab. Er glaubte, dass er die Brücke bauen konnte, die es noch nicht gab.
Auf der Straße vor den Häusern der Genossenschaft ›Friedensglück‹ entfaltete sich die Demonstration zu Ehren des 1.Mai. Es war gerade 7 Uhr, als ein Fanfarenzug die Straße aufrollte und ins Zentrum strömte. Populäre Kampflieder, musikalisch vertont, wurden intoniert, dass es nach allen Seiten schmetterte. Im Anschluss an die Kapelle folgte ein Block FDJler nach, der Fahnen in die Höhe hielt, gelegentlich auch schwenkte. Die Stadt hatte alle Straßen im Umfeld gesperrt, kein Auto durfte sich über den Asphalt bewegen, der am Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse ausschließlich ihr vorbehalten blieb. Der Festumzug polterte ganz gewaltig herum, was nun auch nicht jedermanns Sache war. Hier und da erschöpfte das die Geduld genervter Schichtarbeiter, besserte sich aber unter dem Eindruck des stetig nachlassenden Lärms. Schon zu dieser frühen Stunde verfolgten viele Neugierige das Geschehen vom Fenster aus, insbesondere die Alten, die nicht mehr so gut zu Fuß waren. Fensterschmuck, Fahnen und Transparente schmückten die Kulisse des Feiertages und zogen sich die ganze Straße entlang. Vom Parteicharakter der Veranstaltung bemerkte man nicht viel oder erst dann etwas, wenn die Tribüne im Stadtzentrum passiert wurde. Das war der Punkt, wo sich die örtliche Parteiprominenz versammelt hatte, um die Parade abzunehmen. Der Bürgermeister stand neben dem Kreissekretär und mit ihnen ungefähr dreißig andere ausgewiesene Funktionäre in Jubelstimmung mit Festlaune. Annegret Lutze ließ es sehr viel ruhiger angehen. Sie hatte sich am Fenster ihres Wohnzimmers postiert, zunächst der Nachbarschaft zugewunken, was alljährlich zum Auftakt der Maifeierlichkeiten ein Ritual geworden war. Bis vor drei Jahren hatte sie sich noch in den Zug der Demonstranten eingereiht und sich vom Geschmetter der Pauken und Trompeten nicht abschrecken lassen. Das war nun vorbei. Sie hatte Hermann die Verantwortung übertragen, sie würdig zu vertreten, der darüber ein wenig verunsichert angenommen hatte und losgezogen war. Seine Arbeit als Postbote brachte es mit sich, dass er viele Gesichter im Menschenstrom erkannte und der Grußaustausch mit erhobener Hand an diesem Tag von einem Fähnchen begleitet wurde. Frau Lutze drängte sich, ihm ein Stück weit nachzusehen, bis er hinter der nächsten Kurve aus ihrem Sichtfeld verschwand. Das dauerte sie kein bisschen, fühlte sie sich doch gut vertreten. Die lebendige Untermalung durch das Fanfarenorchester ging nicht verloren, sondern unterhielt auch aus der Ferne noch langanhaltend und intensiv. Alles was sie brauchte war eine Zigarette, weil sie sich der Aufregung einfach nicht entziehen konnte. Man mochte es nicht für möglich halten, doch tief in ihr fielen dutzende Erinnerungen mit diesem Tag zusammen. Fürwahr als solcher schon besonders, für sie tatsächlich aber noch weitaus besonderer aufgrund so vieler Dinge. In ihren Augen stiegen stets Tränen auf und sie musste sich etwas aus dem Fenster zurückziehen, weil sie nicht wollte, dass es jemand sah. Ein Strauß roter Nelken hatte sie angestiftet, Hermann noch eine mit auf den Weg zu geben, damit er dem Anlass entsprechend aufwarten konnte. Die übrigen Nelken zierten ihren Couchtisch mit Köpfen so rot wie Arbeiterblut. Frau Lutze saß lange davor, hörte die Klänge von der Straße hinaufsteigen, bis ein Anflug von Müdigkeit ihre Glieder ergriff.
Der Abschnittsbevollmächtigte hatte alle Hebel in Gang gesetzt, um die Sprayer dingfest zu machen. In seinem Amtszimmer mit dem bekannten Portrait von Erich Honecker zeigte sich aber, dass bei den Ermittlungen keine Fortschritte gemacht wurden. Ein Umstand, der ihm schwer zu schaffen machte. In fünfundzwanzig Dienstjahren waren ihm nur zwei Fälle untergekommen, die er nicht aufklären konnte. Dieser nun, noch dazu von so einem stadtbekannten Einwohner zur Anzeige gebracht, schien der dritte zu werden. Das sorgte bei ihm für eine gehörige Anspannung. In den wöchentlichen Dienstberatungen interessierten sich alle nur noch für die Veränderungen im Land und diskutierten eifrig, wie es weitergehen mochte. Er in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter musste mit der Einsicht leben, vergleichsweise viel allein zu sein. Doch Jammern lag ihm fern. Für einen Hauptmann der Deutschen Volkspolizei stand Klagen hintenan und auch wenn er sich mit dem Rest der Welt anlegen musste war das immer noch besser, als aufzugeben. Die verdammten Sprayer waren einfach überall in der Stadt. Der ABV fürchtete verspottet zu werden und quälte sich durch das Einmaleins ermittlungstaktischer Ansätze, die eigentlich schon ins Ressort der Kripo gehörten. Die Kollegen da hatten allerdings selbst alle Hände voll zu tun. Für vermeintliche Bagatellen wie vollgeschmierte Wände hatten sie selten mehr als ein Achselzucken übrig. Der Streifendienst war angehalten, die Augen offen zu halten und sich unnachgiebig zu zeigen für den Fall, dass ein Straftäter gestellt wurde. Vandalismus und schwere Sachbeschädigung waren nach dem Gesetz der DDR keine Kleinigkeiten. Für alle Fragen, die sich aus den Ermittlungen ergaben und für seine Ehre als Polizeihauptmann war es unabdingbar, die getroffenen Maßnahmen auszuweiten und Vorsorge zu treffen, damit eine Ermittlungspanne vermieden wird. Wie das gehen sollte, wusste der ABV auch nicht. Er glaubte gerade so etwas wie eine Wendepsychose zu erleben und verstieg sich zu der Annahme, dass Polizeikräfte der Ex-BRD sein Selbstverständnis als guter Polizist torpedieren wollten. In dieser und anderen verdrießlichen Situationen hatte es sich immer bewährt, eine gute Flasche Schnaps im Schreibtisch zu haben, denn das war bekanntermaßen das bewährteste aller Hausmittel gegen Frustration und ergebnislosen Arbeitsaufwand. Der Staat, das Land und überhaupt alles, was in der DDR in die Zuständigkeit der Behörden fiel, musste mit unerschöpflicher Energie unterstützt werden wie die zielstrebige Arbeit, die zur Niederwerfung des Klassengegners geführt hatte. Für den Abschnittsbevollmächtigten bestand daran überhaupt kein Zweifel. Wenn man jugendliche Täter verfolgte, und davon ging er aus, bräuchten sie das Netz vielleicht nur noch ein wenig engmaschiger auslegen, um Erfolg zu haben. Alles andere wäre eine Schande und weil er es nicht besser wusste, spülte der Hauptmann einen Schnaps hinunter. Die kleine Stadt am Fuße des Erzgebirges, seine Stadt, würde ein Hort gesetzestreuer Bürger bleiben, auch wenn durch die Wiedervereinigung der Schmutz des Westens nach Osten drängte und es jemanden brauchte, der für Recht und Ordnung sorgte. Er war dieser Jemand, der unter dem Portrait des Alterspräsidenten der Volkskammer seine grauen Zellen malträtierte und nicht zulassen wollte, dass aus zwei ungelösten Fällen drei wurden. Nach dieser Maßgabe wollte er den Fall weiterverfolgen und am Ende triumphieren.
In der Berliner Parteizentrale trieb man den Prozess der Wiedervereinigung energisch voran. Im Regierungssitz herrschte hektische Aktivität vor, die bisweilen ein wenig übertrieben erschien, denn im Grunde war alles geregelt. Für eine Delegation aus Bonn standen alle Türen offen. Die Unterhändler aus der ehemaligen Hauptstadt der nicht mehr existenten BRD wurden mit respektvoller Hochachtung empfangen. Der Generalsekretär der SED sah es als seine Pflicht an, die Herrschaften gebührend zu empfangen, auch wenn der ehemalige Bundeskanzler nicht unter ihnen war. Mit seiner Abwesenheit sollte sichergestellt werden, dass sich keine neuen Hürden aufbauen und der ohnehin schwierige Einigungsvorgang unnötig Verzögerung erfährt. Als die schwarzen Limousinen vorfuhren, war der rote Teppich bereits ausgerollt, wenngleich es kein Protokoll gab, das Unterhändlern diese Ehre zugedachte. In diesem Fall machte man eine Ausnahme und wollte so der Bedeutung des Treffens gerecht werden. Nach einigen Formalitäten, die keiner weiteren Erwähnung bedürfen, saß man schließlich beisammen und fühlte förmlich, wie die Atmosphäre gefror. Erst als die DDR-Führung an die Bedeutung des Treffens erinnerte, kehrte Leben in die versteinerten Mienen der westdeutschen Unterhändler zurück, die nach der Einnahme ihrer Plätze stur geschwiegen hatten. Ein Lächeln des Generalsekretärs konnte sie zunächst auch nicht erweichen, doch dann erinnerten sie sich wieder an den Grund ihrer Anwesenheit. Der Einigungsvertrag war besiegelt und es ging nur noch um die Einhaltung von Verbindlichkeiten, die zur Disposition standen. Der Strukturwandel verbunden mit dem Umbau der Behörden war in vollem Gange. In den Ämtern der Ex-BRD hatten sich bereits DDR-Funktionäre eingearbeitet und erste Beschlüsse zur Neuordnung der Administrative veranlasst. Da wo Beflaggung zur Vorschrift gehörte, wehte nicht mehr Schwarz-Rot-Gold am Fahnenmast, sondern Hammer und Zirkel und Ährenkranz im Zeichen des Arbeiter- und Bauernstaates. Es war ein Erlebnis in Hamburg, Köln, Stuttgart oder München der Verabschiedung von der Kapitalgesellschaft beizuwohnen und emsigen Funktionären wie Martin Beyer bei der Arbeit zuzusehen, die das umsetzten, was für den Staatsumbau notwendig war. Im Berliner Regierungssitz aber krampfte es noch gehörig unter dem Eindruck von Vorbehalten seitens der Unterhändler eines Kanzlers ohne Amtsgewalt. Einen Moment schien die Atmosphäre vergiftet, im nächsten machte man Zugeständnisse und wieder fünf Minuten später schob ein Witz die zähen Verhandlungen erfolgreich an. Die Mauern des Staatsratsgebäudes hatten so etwas noch nicht erlebt. Auf Anfrage von Journalisten wurden keine Informationen weitergegeben, weil man die Verhandlungen so lange geheim halten wollte, bis eine Unterschrift die vorbereiteten Verträge rechtskräftig bestätigte. Die deutschen Bemühungen um die staatliche Einheit wurden auch weiterhin vom Ausland aufmerksam verfolgt. Russland und die USA hatten die DDR ermächtigt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Druck auszuüben und allen Bemühungen, die zu einer Verzögerung des Einigungsprozesses beitrugen, eine Abfuhr zu erteilen. Das sah die DDR-Regierung als Bestätigung ihrer Arbeit an. Während dessen schritt auch der Abriss der Berliner Mauer voran und bescherte der Stadt einen Zuwachs von Touristen aus aller Welt, die dem Ereignis beiwohnen wollten. Den Alterspräsidenten der Volkskammer, der den Urheber des Mauerbaus noch kannte, kostete es Überwindung und viele Stunden des Nachdenkens, um damit klarzukommen. Das war die neue Zeit, die Deutschland wiedervereint sah, diesseits aller Sorgen und Nöte.
Hermann Schreiner war von der Kundgebung zum 1. Mai heimgekehrt. Den Rest des Tages wollte er ohne Stress verbringen. Draußen herrschte wieder Ruhe vor, die Fanfaren und Trompeten waren verstummt. Gern hätte er sich eine Folge von ›Zu Besuch im Märchenland‹ angesehen oder eine Episode aus ›Barfuß ins Bett‹. Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herr Fuchs und Frau Elster hießen die Helden seiner Kindertage und er sah sie noch immer unglaublich gern. Leider lief nichts von alldem und der hochheilige Videorekorder war kaputt. Das lustige Geplapper von Schnattchen und Pitti musste er dennoch nicht vermissen, denn er hatte ihre Stimmen im Kopf. Natürlich auch die leicht kratzige von Herrn Fuchs und die hochtönende von Frau Elster, die sich immer anhörte, als spräche aus ihr die ganze Vornehmheit der Oberschicht des Märchenwaldes. Zwei ungemein unterhaltsame Paare, die Hermann alle Langeweile vergessen ließen, auch wenn er ihnen gerade nicht zusehen konnte. Der entspannende, gepflegte Nachmittag auf dem Sofa war wirklich eine durchaus angenehme Angelegenheit, die Steigerungsstufen bereithielt. Er konnte bequem seine Briefmarkenalben einsehen, dabei auf einem Auge fernsehen und sich gleichzeitig glücklich schätzen, so einen ungemein gut gefüllten Kühlschrank sein Eigen zu nennen. Diese Offerte war wahrhaftig verführerisch, besonders dann, wenn er frisch gekocht, vorgekocht oder etwas zum Aufwärmen in den Backofen gestellt hatte. Die Versorgung mit Lebensmitteln war gesichert, auch wenn es noch nicht lange her war, dass es nicht immer alles gab. Ohnehin war das kein Thema mehr, seit die großen Handelsketten dafür sorgten, dass die Regale gefüllt waren. Hermann hatte den schleichenden Übergang zur Konsumgesellschaft sehr wohl bemerkt und die Verwandlung der Geschäfte miterlebt wie alle anderen im Ort, die bei ihrem Einkauf neue Marken ausprobierten. Die Mark der DDR war landesweites Zahlungsmittel, was dem Aufschwung einen gehörigen Auftrieb verschaffte, zumal die ehemals belächelte Währung jetzt internationale Kaufkraft hatte. Das bewog Hermann zu der Annahme, einen weiteren Anstieg der Wirtschaftskraft zu beobachten, dass selbst der letzte Verfechter der D-Mark nasse Füße bekommen musste. Die politische Realität war eben kein Märchenland und oftmals so schwer verständlich, dass selbst der sozialistische Realismus viel Zeit aufwenden musste, um Erfolge greifbar zu machen. Doch der 1. Mai war heilig. Genau darin lag der Unterschied zweier Systeme, von denen ursprünglich nur das eine Ambitionen hegte, Deutschland wieder zu vereinen, während das andere im Schulterschluss mit der unbesiegbaren Sowjetunion an der Teilung festhalten wollte. Die Kraft der Arbeiterklasse war ungebrochen aus allen Kämpfen hervorgegangen und einem fähigen Geheimdienst war nicht entgangen, wie verwundbar der Westen im Stillstand verharrte. Hermann wusste auf einmal gar nichts mehr, außer dass er sich reichlich benommen vorkam und sich plötzlich schrecklich müde fühlte. Das große Stück Tradition, das die Nelke im Knopfloch an seiner Jacke beschwor, war in jeder Hinsicht lebendig. Anfangs tat er sich schwer damit, Frau Lutze danke zu sagen, wenn sie ihm etwas mit auf den Weg gab. Inzwischen machte er es beinah regelmäßig und wenn auch nicht immer, so doch meistens. Die in Ehren ergrauten Veteranen im Haus, dachte Hermann, waren schon eine Klasse für sich. Frau Lutze und Herr Liebig ganz besonders.
Im Städtischen Kaufhaus von Karl-Marx-Stadt drängten sich Gäste und Touristen aus den neuen Bundesländern. Manche kamen aus Bayern, andere aus Hessen und wieder andere aus Niedersachsen. Sie bestaunten den Reichtum in den Schaufenstern und Auslagen wie das achte Weltwunder. Gemessen an den ehemals dürftigen Konsumverhältnissen in der DDR packte sie fast der pure Neid auf das, was sie da sahen. Wiederum froh darüber in diesem Luxus zu schwelgen, waren sie es auch, die sich die Taschen vollstopften und mit glückseligem Lächeln von einer Etage auf die andere wechselten. Ihre Marotte, alles was sie interessierte auch einmal anzufassen, schuf eine Berührungsorgie von nie dagewesener Intensität. Viele von ihnen trugen eine gesunde Mallorca-Bräune, die sehr gut zu den teuren, meist goldfarbenen Brillengestellen passte, welche viele der Konsumenten auf der Nase trugen und bereitwillig zur Schau stellten. Das war insgesamt eine vollkommen neue Erfahrung für die Mitarbeiter des Kaufhauses. Seit in der ehemaligen Zone alles für Besuche offenstand und die Vorbehalte fielen, war die anfängliche Distanz gewichen und es gab sogar schon Stammkunden. Nicht alles lief reibungslos ab. Für Zwischenfälle stand Sicherheitspersonal bereit, das bei verschiedenen Gelegenheiten aktiv wurde, sobald es zu Wortgefechten kam oder darüber hinaus die Gefahr einer tätlichen Auseinandersetzung bestand. Karl-Marx-Stadt verstand sich als Stadt sozialistischer Kultur und Lebensart und behandelte solche Vorgänge so, wie es das Gesetz der DDR vorsah. Trotzdem lobte man kein Kopfgeld auf notorische Kaufhausrowdys aus, nur um Stärke zu demonstrieren. Und es gehörte nicht zu den Gepflogenheiten, gleich Drohgebärden auszusenden. Im Mittel entfaltete sich ein Klima der wechselseitigen Akzeptanz und Rücksichtnahme. Dass Plus der dickeren Geldbeutel kursierte freilich schon beim gutbetuchten Publikum aus den alten Bundesländern, was nicht hieß, dass jeder von ihnen ein Wessi der übelsten Sorte war. Die zarte Pflanze der Menschlichkeit blühte hier und da schon verheißungsvoll, schuf grenzüberschreitende Nähe wo noch Minenfelder versteckt waren, setzte Gewehrmündungen rote Nelken auf und baute täglich ein Stück an der Brücke, die den Graben überwinden sollte, der sich zwischen West und Ost erstreckte und seine tiefe, alles verschlingende Abgründigkeit nicht so leicht aufgeben wollte. Nah an der Grenze zum Erzgebirge hatte sich da mit Karl-Marx-Stadt ein urbanes Zentrum profiliert, um der Wiedervereinigung wichtige Impulse zu geben. Es geschah im Beisein des ›Nischel‹, so als würde Karl Marx persönlich Regie führen und wie ein Dirigent den Taktstock schwingen. Im Städtischen Kaufhaus thematisierte das Publikum den überdimensionalen Steinschädel, machte ihn zum Gesprächsthema neben Bonn und Berlin und stellte voller Freude fest, dass Marx gar nicht so verkehrt war. Die Annalen des Marxismus-Leninismus hatten es aber glücklicherweise nicht bis ins kaufhauseigene Restaurant geschafft, wo der politische Diskurs zwar nicht verboten war, nach Ansicht des Chefs allerdings nichts zu suchen hatte. Das machte er unmissverständlich klar, sobald im Widerstreit der Meinungen der politische Korpsgeist erwachte und im Verbund mit Leidenschaft eine Politposse drohte. Für den gemütlichen Erzgebirgler, der, wenn er die Berge verließ, um in den Niederungen einkaufen zu gehen, oft Karl-Marx-Stadt zum Ziel erwählte, eröffnete sich eine ganz andere Sicht. Vielfach war dann die Rede vom Holzmichl. Darüber konnte man auch mit Menschen von drüben gut ins Gespräch kommen. Das war schon wieder ein Politikum jenseits der Politik und aller Verbindlichkeiten, die gerade aktuell waren.
Für den Tag und die Stunde gestaltete sich das Weltgeschehen aus deutscher Sicht absolut zufriedenstellend. Martin Beyer hatte das Ruhrgebiet verlassen und sich in Richtung Norden aufgemacht. Er wollte Hamburg einen Besuch abstatten. Die Hansestadt symbolisierte für ihn ein Tor zur Welt und so war es ja auch. Der Fischmarkt und die Landungsbrücken, die Elbwiesen, St. Pauli und das Hafenviertel gehörten dazu, andernorts Blankenese und Harvestehude und natürlich der HSV. Im Politikjargon wie allgemein wurden die Nordlichter als kühler, reservierter Menschenschlag beschrieben, den Genosse Beyer näher kennenlernen wollte. Seine Parteikarriere hätte niemals ohne Helmut Schmidt stattgefunden, der Anfang der achtziger Jahre zu einem Besuch in der DDR weilte. Es war ein Parteitreffen der inoffiziellen Art, kein Staatsbesuch, einem solchen aber nicht ganz unähnlich. Der Sozialdemokrat aus der BRD war ein politisches Schwergewicht und hatte als ehemaliger Kanzler unter harten Bedingungen regiert. Für Martin Beyer verkörperte der Mann mit der Schiffermütze den Inbegriff eines redegewandten und rhetorisch ungemein begabten Politikers. Er als Ostdeutscher auf der Suche nach einem politischen Vorbild war bei Schmidt hängen geblieben, den viele Menschen nur beim Vornamen nannten, weil er zumindest im Norden eine gewisse Nähe zum Volk genoss. Aber das war zweitrangig und verblasste neben seinen Fähigkeiten als Wirtschaftsfachmann, der genau wusste, mit welchen Schwierigkeiten die DDR in dieser Hinsicht zu kämpfen hatte. Im Zentralrat der SED, da wo Martin Beyer ein- und ausging, oblag es nicht ihm zu entscheiden, ob Politiker vom Schlage eines Schmidt positiv auf die DDR wirken. Für die Zyniker im Volk, die dort nur alte Männer vermuteten, die graue Bärte trugen und wie Merlin mit visionärer Energie das Orakel in der Glaskugel befragten, war klar, dass man es mit Versagern zu tun hatte. In Wirklichkeit operierte dort ein Stab gebildeter Männer, die zwar alt waren, aber nicht dumm, so wie es in der Westpresse gerne dargestellt wurde. Für Martin Beyer stand fest, dass Helmut Schmidt dort Teil einer Zielgruppe war, von der die DDR lernte ihre politischen Möglichkeiten weiter zu entwickeln, nicht versäumte sich zu profilieren, um auf dem internationalen Parkett zu überzeugen. Er wusste auch, dass zu viel Politik schlecht für die Volksnähe war und der größte Teil an Sympathien durch Tatkraft gewonnen wurde. Im Pott, da wo die Städte einen Herzschlag aus Stahl hatten und den Menschen ›Glück auf‹ mehr bedeutete als politischer Kauderwelsch, hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie das zutraf. Aber Schmidt konnte er nicht in den Ruhrpott kopieren, um seine Vorstellung von politischer Arbeit umzusetzen und für die Nordlichter war er ein Unbekannter aus dem Osten, der auf irgendeiner Mission sein Glück versuchte. Die Probleme waren also mannigfaltig, der Auftrag dagegen klar: Der neuen deutschen Wirklichkeit die Zukunft ebnen! Im Berliner Politikleben herrschten wieder ganz andere Gesetze vor, die auf der Reeperbahn so populär waren wie Freier ohne Bargeld. Im Strudel der Wiedervereinigung hatte Martin Beyer trotzdem nie den Durchblick verloren und das hatte ihn vor groben Fehleinschätzungen bewahrt. Dank seiner Verehrung für Schmidt musste er sich Gepolter gefallen lassen, weil man ihm die Nummer nicht abnehmen wollte. Hoch im Norden schienen die Zeichen eher auf Sturm zu stehen und das war für diese Region nicht ungewöhnlich. Doch Genosse Beyer war zäh wie ein Hamburger Hafenarbeiter und mit dem Mundwerk auch nicht hinterher. Das machte ihn in den Augen der Partei zur Idealbesetzung für die politische Agitation in den neuen, nunmehr zur DDR gehörenden Gebieten westwärts der ehemaligen Zonengrenze samt ihrer sechzig Millionen Einwohner, die den Niedergang Bonns aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erlebten. Niemand wusste, wie die BRD umgestaltet werden sollte, keiner kannte Honecker und ganz nebenbei gab es Martin Beyer, der ein bisschen wie Helmut Schmidt sein wollte.
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