Kitabı oku: «Satzinterpretationsstrategien mehr- und einsprachiger Kinder im Deutschen»

Yazı tipi:

Jana Gamper

Satzinterpretationsstrategien mehr- und einsprachiger Kinder im Deutschen

Herausgegeben von Cristina Flores (Braga), Tanja Kupisch (Konstanz), Jürgen M. Meisel (Hamburg/Calgary), Esther Rinke (Frankfurt am Main)

A. Francke Verlag Tübingen



© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0007-6

Inhalt

  Dank

  Abkürzungsverzeichnis

  1 Einleitung 1.1 Ziele und Fragestellungen 1.2 Aufbau

  2 Kasusmarker, Wortstellung und semantische Relationen – eine kontrastive Perspektive 2.1 Funktionalistische Ansätze: Theoretische Prämissen 2.2 Form-Funktions-Relationen im Deutschen, Niederländischen und Russischen 2.3 Form-Funktions-Relationen in transitiven Sätzen – die kognitive Sicht 2.4 Synkretismen im Kasusparadigma – Zur besonderen Rolle der Belebtheit 2.5 Vorläufige Zusammenfassung

  3 mappings in der Satzverarbeitung und in der sprachlichen Entwicklung 3.1 Funktionen in Formen – das Competition Model 3.2 Cue-Transfer in mehrsprachigen Bedingungen 3.3 Belebtheit, Satzschema und Kasusmarker im Erwerb – Mehr- und einsprachige Perspektiven 3.4 Emergente mapping-Systeme: Zusammenfassung und Implikationen für die Satzverarbeitung

  4 Cue strength bei mehr- und einsprachigen Kindern – Vorannahmen und empirisches Design 4.1 Experimentelles Testdesign 4.2 Probanden 4.3 Durchführung

 5 Ergebnisse5.1 Haupteffekte5.2 Vom Satzschema zur Kasusmorphologie: Indikatoren für eine cue-Hierarchie5.2.1 Exkurs: Belebtheitskontrast als cue?5.2.2 Zur Rolle einzelner Artikelformen bei der Verarbeitung kanonischer Sätze5.3 Gruppenspezifische Verarbeitungsstrategien5.3.1 Die Rolle der Erstsprache5.3.2 Die Rolle des Sprachstands im Deutschen5.3.3 Auf dem Weg zur morphologischen Strategie – ein Überblick5.4 Individuelle Verarbeitungsstrategien5.5 Ergebniszusammenfassung

  6 cue strength im Kontrast: Ergebnisdiskussion und Methodenkritik 6.1 Was wissen mehr- und einsprachige Kinder über Formen und Funktionen? 6.2 Sukzessive cue strength-Modifikation: Parallelen zwischen Rezeption und Produktion 6.3 Zur Rolle der Erstsprache bei mehrsprachigen Kindern 6.4 Verarbeitungsstrategien der monolingual deutschen Kinder – Versuch einer Methodenkritik

  7 Ausblick

  Literatur

 AnhangI.1 Testsätze des Typs SVO ohne transparenten morphologischen cue (= ohne maskuline NP)I.2 Testsätze des Typs SVO mit eindeutigem morphologischen cue (= mit maskuliner NP als N1)I.3 Testsätze des Typs SVO mit transparentem morphologischen cue (= mit overter Kasusmarkierung bei N2)I.4 Testsätze des Typs OVS mit transparenter N1 (= den oder dem)I.5 Testsätze des Typs OVS mit halbtransparenter N1 (= derDAT)I.6 Testsätze des Typs OVS mit intransparenter N1 (= dasAKK oder dieAKK)

Dank

Die Anfertigung und Fertigstellung meiner Dissertation wäre ohne die Unterstützung von zahlreichen Personen kaum denkbar gewesen. Einigen von ihnen möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen.

Meinen beiden Betreuern Prof. Dr. Klaus-Michael Köpcke und Dr. Andreas Bittner gilt mein ganz besonderer Dank. Die Zeit, Energie und Geduld, die sie in die Besprechungen und Diskussionen meiner Dissertation investiert haben, haben entscheidend zu ihrer Entstehung beigetragen. Ich habe durch die intensive Betreuung ungeheuer viel gelernt und danke den beiden, dass sie mir meinen Weg in die Sprachwissenschaft auf ihre ganz eigene Weise geebnet haben. Ebenso danke ich meinem Zweitgutachter Prof. Dr. Brian MacWhinney für die Möglichkeit, einen Teil der Arbeit an der Carnegie Mellon University schreiben zu dürfen sowie für seinen wertvollen Input und seine Ideen.

Den an der empirischen Erhebung beteiligten Schulleiterinnen und Schulleitern, Lehrerinnen und Lehrern, den Eltern und ganz besonders den Kindern danke ich sehr für ihre Teilnahme.

Ich hatte das große Glück, Mitglied des Promotionskollegs Empirical and Applied Linguistics der Universität Münster zu sein. Der Austausch mit den Lehrenden sowie den anderen Promovierenden, ihre kritischen Nachfragen sowie ihr Feedback haben meine Arbeit stets ein Stück vorangebracht. Ich habe sehr von meiner Mitgliedschaft im Kolleg profitiert und möchte die fünf Jahre nicht missen. Besonders meine Mitpromovenden Verena Wecker, Anja Binanzer, Elisa Franz, Marc Schutzeichel und Valentina Cristante haben mich stets unterstützt – dafür danke ich ihnen. Prof. Dr. Jens Bölte danke ich für die Unterstützung in statistischen Fragen.

Katrin Thelen möchte ich für die vielen Stunden in der Bibliothek, endlose Gespräche über die Welt der cues und allen voran die Freundschaft, die aus all dem entstanden ist, danken.

Die vier gemeinsamen Bürojahre während der Dissertationsphase und die vielen erhellenden Gespräche, die mich mit Sabina De Carlo auch außerhalb der Bürowände verbinden, haben mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Danke dafür.

Kathrin Weber danke ich fürs Zuhören, Diskutieren, Unterstützen und Motivieren innerhalb und außerhalb unserer Dissertationswelten.

Mein besonderer Dank gilt Alisa Blachut, die mit kritischem Blick und viel Geduld und Akribie die Arbeit Korrektur gelesen und es stets geschafft hat, mir mit freundschaftlichem Rat und einem offenen Ohr zur Seite zu stehen.

Ebenso möchte ich meiner Familie, vor allem meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen Großeltern dafür danken, dass sie mich immer motiviert haben und immer hinter mir stehen.

Mein größter Dank gilt Dir, Stefan. Danke fürs an meiner Seite sein.

Abkürzungsverzeichnis


AGAgens
AKKAkkusativ
CMCompetition Model
DATDativ
DETDeterminierer
FEMFemininum
L1Erstsprache
L1 NLErstsprache Niederländisch
L1 RErstsprache Russisch
L2Zweitsprache
MASKMaskulinum
monolingual Dmonolingual Deutsch
N+maximale Nominalphrase
N>Nzwei aufeinanderfolgende nominale Konstituenten
N1erste nominale Konstituente
N1-StrategieStrategie, die erste von zwei nominalen Konstituenten als Agens auszuwählen
N2zweite nominale Konstituente
NEUTNeutrum
NOMNominativ
NPNominalphrase
NVNnominale Konstituente - Verb - nominale Konstituente
OS-SatzSatz, in dem das Objekt vor dem Subjekt realisiert wird
PATPatiens
REZRezipiens
S>OAbfolge Subjekt vor Objekt
SO-SatzSatz, in dem das Subjekt vor dem Objekt realisiert wird
SpStSprachstand
SVOSubjekt - Verb - Objekt

1 Einleitung

„Die Esel wollten natürlich alle Kinder streicheln“ – am 20.11.2011 druckte der Lüdinghausener Kreiskurier1 diese ungewöhnlich anmutende Meldung ab. Auf den ersten Blick scheint es, als würden die Kinder von den Eseln gestreichelt werden. Beim nochmaligen Lesen wird diese erste Interpretation des Satzes jedoch vermutlich von den meisten Sprechern2 des Deutschen revidiert, sodass die Esel zu den Gestreichelten und die Kinder zu den Streichelnden werden. Obwohl diese Reinterpretation ohne weiteres vorgenommen werden kann, stellt sich die Frage, wodurch die anfängliche Ambiguität überhaupt entsteht und wie sie schließlich aufgelöst werden kann. Die erste Lesart des Satzes kann zustande kommen, weil Sprecher annehmen, dass das erstgenannte Argument des Verbs streicheln der Handlungsträger (Agens) und das zweitgenannte das Objekt (Patiens) sei. Man kann sich bei der Satzinterpretation also auf die Reihenfolge der Konstituenten und damit auf die Wortstellung stützen. Untermauert wird diese Satzinterpretation durch die Tatsache, dass beide Nominalphrasen im Plural realisiert werden und die Verbform in Hinblick auf Kongruenzrelationen keine der beiden Phrasen eindeutig als agentivisch favorisiert.

Syntaktische Ambiguitäten kommen im täglichen Sprachgebrauch in unzähligen Ausprägungen vor. Neben den ‚streichelnden Eseln‘ finden sich zum Beispiel Meldungen wie Zwei Autos beschädigten Unbekannte in der Nacht von Samstag auf Sonntag3 oder Elterngeld: Nur jedes fünfte Kind wickelt Papa.4 Jeder dieser Sätze ist uneindeutig und ermöglicht bei der Bestimmung des Subjekts zwei Lesarten. Während die streichelnden Esel und das wickelnde Kind vermutlich aufgrund des Weltwissens, dass Esel nicht streicheln können und Kinder ihre Eltern eher nicht wickeln, als Agens entfallen, ist es im zweiten Beispiel die Unbelebtheit der Autos, die diese als Aktanten ausschließt. Die Beispiele zeigen, dass Sprecher Sätze nach komplexen Prinzipien analysieren müssen, wenn sie bestimmen wollen, wer Handlungsträger und wer nur von der Handlung betroffen ist.

Nicht umsonst nennt Kako (2006: 1) Sätze „miniature plays“, die stets die Information enthalten, wer was tut und mit wem was geschieht. Die sprachliche Oberfläche dient uns neben dem Weltwissen dabei als Orientierungspunkt, um zu erfassen, wer die Aktanten innerhalb der Satzszene sind und in welcher Relation sie zueinander stehen, das heißt welche Rolle sie im Stück spielen. Unterschiedliche Formen werden dabei dazu verwendet, die Rollen der beteiligten Handlungsaktanten anzuzeigen. Formal-grammatische Mittel haben folglich eine Kodierungsfunktion. Aufgabe der Sprecher ist es, den oberflächensprachlichen Kode zu entschlüsseln, um an den Inhalt, im vorliegenden Fall die semantischen Relationen, zu gelangen. Der Handlungs- und Satzrahmen wird dabei von der Verbbedeutung bestimmt; den an der Handlung beteiligten Aktanten müssen in einem zweiten Schritt spezifische Rollen zugewiesen werden. So wäre bei der Kombination der Lexeme schenken, Mädchen, Junge und Blume zunächst nur klar, dass auf die Handlung des Schenkens sowie auf drei an der Handlung beteiligte Aktanten (Mädchen, Junge, Blume) referiert wird. Wer jedoch welche Rolle spielt, wird erst durch die Hinzunahme grammatischer Mittel deutlich. So kann beispielsweise entweder das Mädchen (Das Mädchen schenkt dem Jungen eine Blume) oder der Junge (Dem Mädchen schenkt der Junge eine Blume) zum Schenkenden werden.

Im Deutschen lässt sich anhand der Kasusmarkierung am Artikel meist eindeutig erkennen, wer welche Rolle in einer Handlung einnimmt. Wie die obigen Beispiele jedoch deutlich machen, sind Kasusmarker nicht immer eindeutig (zum Beispiel im Plural) oder nicht immer verfügbar, sodass der Sprecher andere Informationen hinzuziehen muss, mittels derer semantische Relationen im Satz determiniert werden können. Für den Fall, dass keine morphologischen Marker verfügbar sind, ist besonders die syntaktische Position der Aktanten relevant – diese grammatische Information ist nämlich in jedem Fall verfügbar. Weitere grammatische Mittel können die Subjekt-Verb-Kongruenz sein (zum Beispiel Die Kinder sieht der Mann) sowie besonders die Prosodie und der Kontext. Auf semantischer und damit nicht-grammatischer Ebene spielt auch die Belebtheit der Aktanten eine Rolle. Kasusmarker, Abfolge im Satz, Belebtheitskontraste, Prosodie und Kongruenzrealtionen fungieren damit als potentielle cues für semantische Relationen. Die grammatischen und semantischen Indikatoren sind hierarchisch zunächst gleich gewichtet. Wen der Sprecher in einem Satz wie Die Esel wollten natürlich alle Kinder streicheln als Agens auswählt, hängt schließlich von der sprecherspezifischen Gewichtung dieser cues, der sogenannten cue strength ab. Das Spezifikum des Deutschen besteht dabei darin, dass unterschiedliche cues ein und dieselbe Funktion erfüllen können. Allein der Sprecher entscheidet darüber, welche Kodierungsform die ausschlaggebende ist.

Aus den bisherigen Überlegungen lässt sich folgern, dass sprachliche Mittel mehr oder weniger eindeutige Funktionen erfüllen, mithilfe derer Sprachverständnis überhaupt ermöglicht und so die primäre Funktion von Sprache – nämlich die Kommunikation – gesichert werden kann. Diese funktionale Sicht auf grammatische und semantische Mittel wirft im Kontext eines auf sprachliche Entwicklung bezogenen Zugangs die Frage auf, wie Kinder Wissen über Formen und ihre Funktionen erlangen. Aus einer kognitiv-funktionalen und gebrauchsbasierten Perspektive, die den Grundstein dieser Arbeit bildet, heißt das, dass Kinder im Zuge ihrer sprachlichen Entwicklung vor der Aufgabe stehen, Form-Funktions-Paare zu finden, diese zu systematisieren, zu verstehen und letztlich selbst zu gebrauchen. Konkret bedeutet das, dass sie mittels spezifischer kognitiver Fertigkeiten den sprachlichen Input in Hinblick auf cues durchsuchen, um adäquate formalsprachliche Kodierungsmöglichkeiten aufzufinden, die eine Satzinterpretation und -produktion sicherstellen. Besonders bei der Satzverarbeitung dienen diese cues als Anhaltspunkte, mit deren Hilfe semantische Relationen identifiziert werden. Das Ziel im Sinne einer erfolgreichen, auf automatisierte Satzverarbeitung hin ausgerichteten sprachlichen Entwicklung besteht darin, mappings zwischen Formen und ihren Funktionen aufzubauen und so zu validen Form-Funktions-Paaren zu gelangen. Dies ist im Deutschen besonders deshalb eine potentielle Hürde, da eben keine Eins-zu-Eins-, sondern eine Viele-zu-Eins-Relation besteht (das heißt viele cues für eine Funktion). Kombiniert mit der These, dass die Gewichtung der einzelnen cues sprecherspezifisch variieren kann, schließt sich in Bezug auf sprachliche Entwicklungsprozesse die Frage an, ob Kinder zu unterschiedlichen Zeitpunkten spezifische Kodierungsmöglichkeiten als Indikatoren für semantische Rollen präferieren und ob sich die Präferenz im Laufe ihrer Entwicklung verändert sowie wovon diese Veränderung abhängig sein kann. Sprachentwicklung wird im Rahmen dieser Arbeit folglich als emergenter, im kontinuierlichen Wandel befindlicher Prozess einer Umgewichtung der cue strength verstanden, der von unterschiedlichen sprachspezifischen sowie lernerbedingten Faktoren abhängig sein kann.

Die lernerbedingten Faktoren, die im Zuge dieser Arbeit im Fokus stehen sollen, beziehen neben der sprachlichen Entwicklung vor allem die Mehr- und Einsprachigkeit von Sprechern ein. So müssen Kinder, die neben dem Deutschen eine weitere Sprache sprechen, in mehreren Systemen valide Form-Funktions-Relationen ausbilden. Eine innersprachliche Varianz wird damit um eine sprachkontrastive Varianz ergänzt. Während beispielsweise das Deutsche über Kasusmarker verfügt, haben andere germanische Sprachen wie das Niederländische einen starken Flexionsabbau erfahren. Da morphologische Marker als Indikatoren für semantische Rollen kaum verfügbar sind, lässt sich im Niederländischen die Rolle der Aktanten ausschließlich an der Abfolge der Konstituenten bestimmen. Andere indogermanische, insbesondere slawische Sprachen wie das Russische sind vom Flexionsabbau weniger betroffen, sodass Kasusmarker in fast allen Satzkontexten zuverlässige Indikatoren für semantische Relationen sind. Auf formal-sprachlicher Ebene stehen sich also die Wortstellung und die Kasusmarkierung als zwei maximal unterschiedliche Kodierungsmöglichkeiten dichotom gegenüber, die im Niederländischen respektive Russischen jeweils hochvalide cues für semantische Relationen im transitiven Satz darstellen. Im Gegensatz zum Deutschen dominieren hierbei also zwar maximal unterschiedliche, jedoch eindeutige cues die Kodiereung semantischer Relationen. In Bezug auf mehrsprachige Sprecher (Russisch-Deutsch sowie Niederländisch-Deutsch) stellt sich somit die Frgae, ob die validen cues der jeweiligen Ausgangssprachen (L1) den Verarbeitungs- und Interpretationprozess in der Zielsprache Deutsch (L2) beeinflussen. Unterschiedliche Ausgangssprachen, so die übergeordnete Hypothese der Arbeit, führen zu unterschiedlichen Gewichtungen von cues und somit zu divergierenden Interpretationsstrategien in der L2 Deutsch.

1.1 Ziele und Fragestellungen

Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen vier Fragestellungen. Erstens soll geklärt werden, welche grammatischen und semantischen cues (Wortstellung, Kasusmarker, Belebtheit) mehr- sowie einsprachige Kinder des Deutschen im Grundschulalter nutzen, um semantische Relationen in transitiven Sätzen zu determinieren. Geklärt werden soll dabei auch, ob und in welche Relation die genannten Mittel zueinander gesetzt werden und welche unterschiedlichen Strategien Kinder nutzen, um Sätze zu interpretieren. Zweitens soll ermittelt werden, ob sich die Gewichtung dieser Mittel verändert und wovon eine potentielle cue strength-Modifikation abhängig ist. Drittens – und dies ist zugleich auch die wichtigste Fragestellung – soll geklärt werden, ob typologisch divergierende Ausgangssprachen die Gewichtung von cues in der L2 beeinflussen beziehungsweise determinieren. Ein weiteres zentrales Ziel der Arbeit ist es, zu überprüfen, ob und welche spezifischen Artikelformen des Deutschen mit spezifischen Informationen verknüpft werden. Die Annahme hierbei ist, dass einzelne Artikelformen prototypische Funktionen erfüllen. Die Modifikation der cue strength könnte dabei ein Resultat dieser auf einzelne Artikelformen im Kasusparadigma bezogenen Form-Funktions-Relationen sein.

Die Beantwortung der Fragen erfolgt auf der Basis eines empirischen experimentellen Designs, in dem grammatische (Wortstellung, Kasusmarker) und semantische (Belebtheit) cues koalieren und konkurrieren. Methodisch orientiert sich das Testdesign an den Prinzipien des Competition Models (CM), was deshalb ausgewählt wurde, weil es neben grundlegenden funktionalsprachlichen Prinzipien auch kognitive Mechanismen bei der Sprachverarbeitung und der sprachlichen Entwicklung berücksichtigt und darüber hinaus ermöglicht, einzelne cues und ihre Relevanz für Satzverarbeitungsstrategien systematisch zu überprüfen. Das Modell umfasst die These, dass sprachliche Formen um die Kennzeichnung semantischer Relationen konkurrieren können. Das entwickelte Testdesign orientiert sich an dieser Konkurrenzthese und schafft Satzkontexte, in denen die drei Variablen Wortstellung, Kasusmarker und Belebtheit sowohl zugunsten einer spezifischen semantischen Rolle in transitiven Bedingungen koalieren als auch konkurrieren. Die systematische Korrelation dieser Bedingungen ermöglicht es, gruppen- und sprecherspezifische cue strengths zu erfassen.

Das Testdesign ist als forced choice-Aufgabe konzipiert, bei der die Probanden in transitiven Sätzen ein Agens auswählen mussten. Zu den Probanden gehörten Kinder im Alter von durchschnittlich 9;6 Jahren, die sich in Hinblick auf ihr sprachliches Profil unterschieden. Zwei Gruppen waren mehrsprachig, wobei bei einer die Ausgangssprache Niederländisch und bei der anderen Russisch war. Die dritte Gruppe bildeten gleichaltrige monolingual deutschsprachige Kinder. Hinzu kam eine vierte monolinguale Gruppe, die aus erwachsenen Sprechern des Deutschen bestand. Die beiden monolingualen Testgruppen dienten als Kontrollgruppen. Um auch potentielle entwicklungsbedingte Effekte abzudecken, wurden die drei Kindergruppen in Hinblick auf den Sprachstand im Deutschen gematcht. Bei der Auswertung der Testergebnisse wurden damit neben grammatischen und semantischen auch unterschiedliche lernerspezifische Variablen berücksichtigt.

Theoretisch ist die Arbeit in der kognitiv-funktionalen und gebrauchsbasierten Linguistik sowie einer konstruktivistisch-empirischen Sprachentwicklungssperspektive verankert. Die aufgeworfenen Fragestellungen werden deshalb vor dem Hintergrund der Grundannahmen verhandelt, dass sprachliches Wissen im Allgemeinen und cue strength im Besonderen im Sinne eines emergenzorientierten Ansatzes kontinuierlich modifiziert wird. Die Gewichtung von cues bildet dabei eine lernerspezifische kognitive Repräsentation der jeweiligen Form-Funktions-Relationen ab. Die Arbeit setzt deshalb an der Schnittstelle zwischen Satzverarbeitungsstrategien und sprachlicher Emergenz an.1

Die empirische Aufarbeitung form-funktionsspezifischen Wissens im Deutschen möchte somit eine relativ große Forschungslücke in Bezug auf mehrsprachige sowie insbesondere kindliche Sprecher schließen. Die bisherigen Erkenntnisse zu cue strength bei der Satzinterpretation beziehen sich nämlich vor allem auf einsprachige Sprecher und zeigen, dass die Gewichtung von cues einem kontinuierlichen Modifikationsprozess unterliegt. Mehrsprachig aufwachsende Kinder sowie damit einhergehende potentielle mapping-Transferphänomene im Deutschen standen bisher nicht im Fokus. Damit soll erfasst werden, welche Strategien Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen Profilen bei der Satzinterpretation im Deutschen gebrauchen.

1.2 Aufbau

Die Arbeit ist in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert. In ersterem werden zunächst in Kapitel 2 die beiden im Fokus stehenden grammatischen Mittel Wortstellung und Kasusmarker in Hinblick auf ihr Vorkommen und ihre Funktion als Kodierungsformen für semantische Relationen in den drei relevanten Sprachen (Deutsch, Russisch und Niederländisch) erläutert. Eingebettet ist die Diskussion der grammatischen Formen in eine funktionalistische Sicht auf Sprachgebrauch und -entwicklung. Dieser grundlegenden Gegenstandsanalyse folgt in Kapitel 3 die Darstellung der cue strength von Wortstellung, Kasusmarkern und Belebtheit bei der Satzverarbeitung bei ein- und mehrsprachigen Sprechern. Im Zuge dieses Forschungsüberblicks wird auch das Competition Model erläutert und eingeordnet. Ergänzt ist der Überblick um Erkenntnisse zum Erwerb transitiver Satzschemata und Kasusmarker im Deutschen.

Die theoretische und methodische Beleuchtung sprachentwicklungsrelevanter Fragestellungen mündet schließlich in den zweiten Teil der Arbeit, der die Empirie umfasst. Dazu werden zunächst in Kapitel 4 die Fragestellungen, das experimentelle Testdesign sowie die der Arbeit zugrundeliegenden Hypothesen vorgestellt. Kapitel 5 enthält schließlich die Ergebnisdarstellung und -analyse. Die Arbeit schließt mit einer Ergebnisdiskussion (Kapitel 6) sowie einem Ausblick (Kapitel 7).

2 Kasusmarker, Wortstellung und semantische Relationen – eine kontrastive Perspektive

Sprachen bedienen sich unterschiedlicher Kodierungsmechanismen zum ‚Verpacken‘ (mapping) semantischer Relationen. Für mehr- und einsprachige Sprecher bedeutet dies, dass sie die einzelsprachlichen Kodes identifizieren und lernen müssen. Daran anknüpfend stellt sich die Frage, ob mehrsprachige Kinder L1-spezifische Kodes (oder cues, s. Kapitel 3) auf die Satzverarbeitung in der L2 Deutsch übertragen. Bevor also erläutert werden kann, welche cues für welche Lerner im Deutschen wann besonders wichtig sind und ob tatsächlich die Existenz eines mapping-Transfers plausibel ist, muss geklärt werden, über welche Kodierungsformen die für die vorliegende Untersuchung relevanten Sprachen überhaupt verfügen. Im Folgenden wird deshalb skizziert, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede das Deutsche, das Niederländische und das Russiche hinsichtlich der Kodierung semantischer Relationen aufweisen. Die Gegenstandsbeschreibung erfolgt hierbei im Sinne des funktionalen Prinzips. Zum besseren Verständnis geht der Gegenstandsbeschreibung zunächst die Erläuterung von Grundannahmen der funktionalen Linguistik voran.

2.1 Funktionalistische Ansätze: Theoretische Prämissen

Die Annahme, dass Formen und Funktionen in einer interdependenten Beziehung zueinander stehen und dass formale Strukturen funktional motiviert sind, bildet die Basis funktional-linguistischer Ansätze. Die funktionale Linguistik geht davon aus, dass „Sprache nicht isoliert, sondern nur in Beziehung zu ihrer Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation erforscht werden kann“ (Smirnova/Mortelmans 2010: 13, vgl. auch Bischoff/Jany 2013). Die Analyse sprachlicher Strukturen erfolgt dabei stets in Hinblick auf die Funktionen, die sprachliche Mittel und Formen kommunikativ und kognitiv erfüllen. Die Betrachtung sprachlicher Systematiken als Abbildung kommunikativer Absichten sowie semantischer Konzepte ist der Ausgangspunkt jeglicher funktional motivierter Beschreibungskonventionen.

Die Grundidee der funktionalen Linguistik geht auf die Prager Schule der 20er Jahre zurück. Das funktionalistische Credo – „functions are embodied in structures“ (Tomasello 1998: xvi) – impliziert, dass Sprecher in Kommunikationssituationen vor der Herausforderung stehen, komplexe kommunikative Einheiten in ein lineares sprachliches System zu ‚verpacken‘. Grammatische Strukturen dienen also dieser ‚Verpackung‘ (vgl. Daneš 1987) und strukturieren die verbale Interaktion zwischen Sprecher und Hörer. Langacker (1998: 1) fasst die Funktionen sprachlicher Systeme mit den Begriffen semiological function und interactive function zusammen. Einerseits können durch den Gebrauch sprachlicher Mittel Gedanken und Konzepte symbolisiert werden, andererseits stellen diese Mittel Kommunikation überhaupt erst sicher. Die daraus resultierende Abbildung von Form auf Inhalt und Inhalt auf Form wird im Rahmen funktionalistischer Ansätze und Modelle als mapping (auch direct mapping beziehungsweise form-function mapping) bezeichnet. Die Verknüpfung zwischen sprachlicher Form und außersprachlichem Inhalt ist dabei genuin symbolisch. Die konkrete äußere Form ist Bates/MacWhinney (1989: 18) zufolge zwar arbiträr, ihre funktionale Motivation ist von dieser rein formalen Arbitrarität jedoch nicht betroffen. Sprachgebrauch, -verarbeitung und -lernen muss deshalb als ein kontinuierliches Ent- und Verpacken beziehungsweise Denotieren und Konnotieren von Formen und Funktionen verstanden werden.

Problematisch bei einer funktionalistischen Betrachtung von Sprache ist zunächst die fehlende theoretische Basis. Es existiert keine einheitliche zugrunde liegende funktionalistische Theorie, vielmehr stehen unterschiedliche Ansätze mehr oder weniger lose nebeneinander, die funktionalistische Annahmen teilen. Ausgehend von einer grundlegenden funktionalen Perspektive auf Sprachgebrauch können unterschiedliche theoretische Positionen ausgemacht werden, die den Funktionsbegriff auf unterschiedliche sprachliche Ebenen anwenden. Eine dieser Positionen ist die Funktionale Grammatik von Dik (Dik 21997). Das primäre Ziel Diks ist es, grammatische Regularitäten auf semantischer, phonologischer, morphologischer und syntaktischer Ebene mit pragmatischen Regularitäten im Sprachgebrauch zu verknüpfen. Diks Grundannahme ist dabei, dass die Pragmatik die hierarchiehöchste Ebene sei: „the basic requirement of the functional paradigm is that linguistic expressions should be described and explained in terms of the general framework provided by the pragmatic system of verbal interaction“ (Dik 21997: 4). Das grammatische Regelsystem ist vor dem Hintergrund dieser Prämisse deshalb auch ein Resultat beziehungsweise eine Abbildung pragmatischer Faktoren. Bezogen auf die Struktur von Sätzen folgert Dik unter anderem, dass Konstituentenabfolgen ein Mittel für den Ausdruck spezifischer Relationen seien (vgl. ebd.: 392f.). Eine Veränderung der Konstituentenfolge ist deshalb auch Resultat eines kontextuell und pragmatisch gebundenen Relationsausdrucks. Wenn es also darum gehen soll, den Sprecher und sein Sprachverhalten zu untersuchen, müsse das primäre Ziel zunächst die Analyse pragmatischer Faktoren und erst danach die systematische Betrachtung der sprachlichen Oberfläche sein (vgl. auch Smirnova/Mortelmans 2010: 18). Während Diks Ansatz als umfassender Versuch betrachtet werden kann, alle sprachlichen Ebenen zu integrieren, beziehen sich andere Ansätze auf spezifische Sprachbereiche. Tyler (2010) differenziert dazu zwischen systemisch-funktionalen Ansätzen, zu denen vor allem Halliday/Matthiesen (32004) zu zählen sind, dem Diskursfunktionalismus (vor allem Givón 1995) und kognitiven Ansätzen, zu denen neben der Kognitiven Grammatik (Langacker 1987, 1991, 2008) vor allem die Konstruktionsgrammatik (Croft 2001, Fillmore/Kay/O’Connor 1988, Goldberg 1995) gehört. Trotz ihres gemeinsamen funktionalen Blicks auf Sprache, wenden die jeweiligen theoretischen Ansätze den Terminus der Funktion auf unterschiedliche Aspekte von Sprache an. So steht im von Halliday geprägten systemisch-funktionalen Ansatz die situationsbedingte Kommunikationsabsicht und auf analytischer Ebene die Systematisierung kontextspezifischer sprachlicher Mittel im Fokus. Bekannt geworden ist dieser Zugang durch die Register- und Stilforschung. Betrachtet werden dabei zum Beispiel situationsbedingte soziale Relationen zwischen Gesprächspartnern, deren Strukturen sich jeweils auch an der sprachlichen Oberfläche abbilden.

Tyler (2010) zufolge ist auch der von Givón geprägte diskursanalytische Funktionalismus eng an das Ziel angelehnt, Sprachgebrauch aus einer situationsspezifischen Perspektive auszuleuchten. Givóns Erweiterung im Vergleich zu Halliday bestehe jedoch darin, kognitive Prozesse und mental repräsentierte Konzepte in die Analyse sprachlicher Strukturen einzubeziehen (ebd.). Während beispielsweise der Halliday’sche Ansatz untersucht, an welchen Stellen im Diskurs welche syntaktischen Thema-Rhema-Strukturen vorkommen, versucht der Givón’sche Ansatz zu beantworten, wie spezifische syntaktische Strukturen anhand kognitiver Prinzipien erklärt werden können. Zentral ist in diesem Zusammenhang der von Givón gebrauchte Begriff der Ikonizität beziehungsweise Meta-Ikonizität (Givón 1995: 58f.). Gemeint ist damit, dass sich zum Beispiel spezifische Handlungsabläufe in einer entsprechenden syntaktischen Struktur abbilden. Givón nimmt eine natürliche, jedoch nicht zwingende Korrelation zwischen Inhalt und Ausdruck an und geht dabei von einer Isomorphie zwischen Form und Inhalt aus. Im Zentrum seiner Untersuchungen stehen transitive syntaktische Strukturen, die er als Abbildung eines kausal-linearen Handlungsverlaufs betrachtet (s. auch Kapitel 2.3). Im Blick steht ein kanonisches Handlungsmuster, in dem ein belebtes Individuum auf ein Gegenüber oder ein Objekt einwirkt. Die kausale Relation, die so entsteht, bildet sich schließlich syntaktisch so ab, dass der Handlungsträger in der linearen Satzstruktur zuerst und der von der Handlung Betroffene darauffolgend genannt wird. Eine kausale Handlungskette des Typs ‚Handlungsträger → von der Handlung Betroffener‘ mündet schließlich in einem Satz des Typs Nomen – Verb – Nomen (NVN) oder Nomen – Nomen – Verb (NNV). Die syntaktische Struktur ist somit die ikonische Abbildung abstrahierter Handlungsmuster, die wiederum kognitiv abstrakt repräsentiert sind.

Givóns Analysen zu syntaktischen Mustern sowie zu Thema-Rhema-Strukturen bilden unter anderem die Grundlage für kognitiv basierte funktionale Ansätze. Eine der zentralen Grammatiktheorien, die die Givón’schen Überlegungen systematisch weiterentwickelt, ist die Konstruktionsgrammatik (Fillmore 1988, Fillmore/Kay/O’Connor 1988, Goldberg 1995). Konstruktionen sind dabei Form-Inhalts-Paare, deren Gesamtdeutung nicht auf der Basis einzelner Komponenten abgeleitet werden kann (vgl. Goldberg 1995: 4). Die syntaktischen Muster, auf die sich die Analysen von Fillmore sowie Goldberg beziehen, zeichnen sich durch einzelsprachlich konventionalisierte interne und externe Eigenschaften (vgl. Fillmore 1988: 36) aus. Das erwähnte syntaktische Muster (NVN) wäre solch ein Form-Inhalts-Paar mit spezifischen externen und internen Merkmalen, das als transitive Konstruktion eingestuft wird. Diese transitive Konstruktion zeichnet sich im Deutschen durch eine kontextuell bedingte Konstituentenabfolge aus und kann dabei zwischen NVN, NNV oder VNN variieren. In kanonischen Bedingungen verweist die erste NP (N1) auf den Handlungsträger und die zweite (N2) auf einen von der Handlung betroffenen Aktanten. Die syntaktische Struktur kodiert damit unabhängig vom ‚Füllmaterial‘, das heißt von spezifischen Lexemen, einen spezifischen Handlungsrahmen. Die Konstruktionsgrammtik legt damit wie auch andere Ansätze den Fokus auf den Zusammenhang spezifischer semantischer Relationen und ihrer ‚Sichtbarkeit‘ in syntaktischen sowie morphologischen und phonologischen Mustern und betrachtet diese Muster als Kernbestandteil einzelsprachlicher Grammatiken.

Die Konstruktionsgrammatik orientiert sich insofern an Prinzipien der Kognitiven Grammatik, als sie annimmt, dass Sprecher über spezifische kognitive Fähigkeiten verfügen, die es ihnen ermöglichen, Sprache als System zu erlernen, zu gebrauchen und zu verändern. Insbesondere für den Spracherwerb gilt dabei, dass mithilfe dieser Fähigkeiten der sprachliche Input gewissermaßen nach wiederkehrenden bedeutungstragenden Mustern analysiert wird. Das Finden und Verwenden dieser Muster bildet dann auch die Basis für die sprachliche Entwicklung. Zu diesen Fähigkeiten gehören vor allem die Kategorienbildung, Klassifikation, Analogiebildung und Abstraktion (vgl. Langacker 2000a), die domänenübergreifend arbeiten und in jedem Bereich des Wissenserwerbs und damit auch – jedoch nicht nur – beim Sprachlernen und Sprachverwenden zum Einsatz kommen. Regularitäten (und damit auch Konstruktionen) im grammatischen System wären im Sinne der Kognitiven Grammatik das Resultat von Kategorisierungs- und Analogisierungsverfahren. Die kognitive Kategorienbildung bildet sich entsprechend an der sprachlichen Oberfläche und damit im Sprachgebrauch ab. Das Vorhandensein abstrakter Einheiten wie der oben beschriebenen Konstruktionen ist Resultat dieser Kategorien- und Analogiebildung und mündet in abstrakte Muster, die nicht nur Sprachverarbeitung und -produktion, sondern sprachliche Entwicklungsprozesse steuern. Linguistische Analysen verfolgen im Kontext der Kognitiven Grammatik damit das Ziel, Muster aufzufinden und davon ausgehend Rückschlüsse auf kognitive Strukturen und Mechanismen zu ziehen.

Funktionalistische Ansätze teilen weiterhin die Annahme, dass grammatische Charakteristika von Sprache auf Interaktion, also dem Sprachgebrauch, fußen und rücken somit den Sprecher und seinen Umgang mit sprachlichen Strukturen ins Zentrum ihrer Analyse. Die empirisch basierte Hinwendung zum Sprecher mündet schließlich in die sogenannten usage-based models (vgl. Barlow/Kemmer 2000, Bybee/Hopper 2001), die auf der Basis einer sprachgebrauchsbasierten Analyse Aussagen zu unterschiedlichen Untersuchungsfeldern der Linguistik (zum Beispiel Spracherwerb oder Sprachwandel) machen wollen. Die gebrauchsbasierte Komponente ist im Kontext der funktionalen Linguistik essentiell, wobei die zum Einsatz kommende Methode zur Identifikation gebrauchsspezifischer Effekte auf das sprachliche System und auf sprachliches Wissen vom konkreten funktionalistischen Ansatz abhängig sein kann. So liegt es zum Beispiel nahe, Registervarianz und im Register verwendete sprachliche Mittel auf der Basis natürlicher Interaktion zu analysieren. Geht es hingegen um die Frage, wie spezifische grammatische Muster kognitiv repräsentiert sind, eignen sich Elizitationsverfahren oder experimentelle Methoden, die zum Beispiel Aufschluss darüber geben, mit welchen Inhalten einzelne grammatische Formen verknüpft werden. Funktionalistische Ansätze bringen folglich drei primäre Komponenten mit sich. Sie verbinden formalsprachliche Charakteristika mit kommunikativen und kognitiven Funktionen, sie sind sprecher- und damit gebrauchsorientiert und sie haben den Anspruch, ihre Erkenntnisse empirisch zu fundieren.

Der Begriff Funktion ist insgesamt relativ ambig und nicht klar definiert. Daneš (1987: 4) führt diesen Umstand auf das Versäumnis zurück, im Laufe der Begründung des funktionalistischen Prinzips Funktion als Terminus klar abzugrenzen. Dies führte schließlich dazu, dass unterschiedliche sprachliche Ebenen funktional motiviert sein können. So kann der Gebrauch bestimmter Lexeme oder syntaktischer Muster funktional in einer spezifischen Interaktionssituation sein. Ein Sprecher würde zum Beispiel in einer informellen Interaktionssituation mit Freunden andere sprachliche Mittel gebrauchen als in einem öffentlich-formellen oder institutionellen Gespräch (zum Beispiel bei einem Vortrag vor einem Fachpublikum). Gleichzeitig haben die Hinweise zu konstruktionsgrammatischen Ansätzen gezeigt, dass sprachliche Einheiten für sich, das heißt losgelöst von jeglicher situations- und interaktionsbedingter Kontextgebundenheit, funktional sein können. Hierbei ist also nicht eine vermeintliche kommunikative Absicht, sondern die Funktion der grammatischen Struktur als Indikator für einen spezifischen Inhalt ausschlaggebend. Mehrgan (2012: 39) differenziert deshalb zwischen einer strukturellen und einer pragmatischen Funktion. Nichols (1984: 98) verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass allen funktionalistischen Ansätzen die Prämisse zugrunde liegt, eine Brücke zwischen formalen Beschreibungsebenen und der Kommunikation zu schlagen: „It aims at closing the gap between the study of language and the study of communication, […]. It tries to give grammar a direct material grounding in the communicative situation.“ Da diese Verknüpfung wiederum unterschiedlichen Zugängen unterliegt, findet man divergierende Auffassungen zum Funktionsbegriff.

Generell wird angenommen, dass kommunikative Funktionen und Absichten universal sein können, die konkrete formale Realisierung sich jedoch von Sprache zu Sprache unterscheidet. In Bezug auf die Gegenstände dieser Arbeit bedeutet das, dass semantische Relationen für jede Sprache relevant sind. Wenn Handlungen verbalisiert werden, enthalten sie unabhängig von der Einzelsprache Rollen wie Agens, Patiens, Thema, Rezipiens oder Instrument. Die einzelsprachliche Kodierung der Funktion kann jedoch divergieren. Die formalen Realisierungsoptionen schöpfen dabei aus dem der Einzelsprache zugrunde liegenden Formeninventar, wodurch einzelsprachlich konventionalisierte Form-Funktions-Paare entstehen. Charakteristisch ist dabei in den meisten Fällen das mapping problem. Nur in wenigen Sprachen kann einer Form genau eine Funktion zugeordnet werden. So ist zum Beispiel die Verfügbarkeit von genau einer Kasusform zur Markierung von exakt einer semantischen Rolle in agglutinierenden Sprachen wie dem Türkischen zu finden (zum Beispiel -a/-e im Dativ, -da/-de im Lokativ).1 Ein ähnlich striktes Muster findet sich in flexionsfreien und damit isolierenden Sprachen, die semantische Relationen im Satz ausschließlich durch die Abfolge der Konstituenten kennzeichnen. Liegt solch eine Eins-zu-Eins-Relation vor, spricht man vom one-to-one mapping. In den meisten flektierenden Sprachen wird hingegen eine Form zur Markierung mehrerer Funktionen gebraucht. So ist im Deutschen der Artikel die nicht nur Genus- und Kasusmarker im Femininum, sondern wird sowohl im Nominativ als auch im Akkusativ gebraucht (Dienom Frau sieht den Mann vs. Den Mann sieht dieakk Frau). Hinzu kommt, dass die in allen Genera im Nominativ und Akkusativ Plural verwendet wird (Dienom Männer/Kinder/Frauen sehen den Mann vs. Der Mann sieht dieakk Männer/Frauen/Kinder). Aus funktionaler Perspektive heißt das, dass die Artikelform die multifunktional ist, da sie sowohl Singularität als auch Pluralität anzeigt und darüber hinaus verschiedene Kasus und damit semantische Rollen kennzeichnen kann. Da der Idealfall des one-to-one mappings sehr selten oder sprachenspezifisch auftritt, sind one-to-many mappings (das heißt eine Form erfüllt mehrere Funktionen) oder many-to-one mappings (unterschiedliche nebeneinander stehende Formen können jeweils dieselbe Funktion erfüllen) in vielen Sprachen gängig.2 Bates/MacWhinney erklären dieses mapping problem mit der Tatsache, dass es eine Vielzahl außersprachlicher pragmatischer und semantischer Funktionen gibt, diesen aber nur ein begrenzter Pool sprachlicher Formen gegenübersteht. Sie folgern deshalb: „[W]e can view the mapping problem as a competition for channel access among these diverse pragmatic and semantic functions” (1987a: 215). Der Terminus channel access entspricht in diesem Zusammenhang der Annahme, dass Sprecher komplexe und multidimensionale Inhalte in ein relativ striktes lineares sprachliches System bringen müssen. Der Sprecher hat somit die Aufgabe, die Funktionsvarianz zu erkennen und zu entscheiden, welche Funktion die Form im spezifischen Gebrauchsmoment erfüllt. Kommunikationsprozesse zwingen den Sprecher dabei stets dazu, Funktionen in ‚geeignete‘ Formen zu verpacken („mapping of function onto form“), während Hörer diese Formen wiederum dekodieren müssen, um den Inhalt herauszufiltern („mapping of form onto function“; Bates/MacWhinney 1989: 51).

Sprachliche Entwicklung (insbesondere die kindliche) wird im Sinne eines funktionalistischen Ansatzes als Erwerb von form-function mappings betrachtet. Funktionalistische Ansätze nehmen an – basierend auf einer gebrauchsorientierten Grundhypothese –, dass die von Sprechern (oder allgemeiner: von Interaktionspartnern) verwendeten Kodierungsmöglichkeiten eine zentrale Rolle im kindlichen Erwerbsprozess spielen (vgl. Tomlin 1990: 160f.). Spracherwerb ist in diesem Sinne dann erfolgreich, wenn Lerner die einzelsprachlichen Form-Funktions-Paare mühelos en- und dekodieren können. Lerner stehen vor der Aufgabe, passende Formen zum Ausdruck konkreter Inhalte und Konzepte aus dem Input zu filtern und sie in angemessener Weise, das heißt für den Kommunikationspartner verständlich zu gebrauchen. Kommunikative Funktionen und semantische Konzepte bestimmen dabei in Abhängigkeit von der kognitiven Entwicklung des Lerners den Erwerbsprozess und die Erwerbsverläufe, sodass Erwerbsprozesse zunächst „meaning-driven“ sind:

[C]ommunicative functions can drive the learner in a rather special way, by directing attention to regularities in the linguistic environment. The child is scanning the input for ways to convey interests and needs, trying to extract information that will help in predicting the behavior and attitudes of other people. (Bates/MacWhinney 1989: 31)

Kindliche Lerner mit einer uneingeschränkten physiologischen Entwicklung sind nicht nur in der Lage, sprachliche Laute als Möglichkeit der Kommunikation zu erkennen. Sie können (baiserend auf dem Ausbau semantischer Konzepte und kommunikativer Funktionen) in einem nächsten Schritt mittels konkreter kognitiver Fertigkeiten (Kategorisierung, Klassifizierung, Analogiebildung, Abstraktion) den sprachlichen Input analysieren und systematisieren. Lerner können in einer bestimmten Erwerbsphase spezifische Lexeme einzelnen Objekten zuordnen und im weiteren Erwerbsverlauf auch grammatische Strukturen als Ausdrucksmöglichkeiten für komplexere Konzepte nutzen. Funktionalistische Ansätze nehmen dabei an, dass das Suchen nach Formen eng mit der kognitiven Ausbildung dieser Konzepte verknüpft ist, was als zentrale Vorläuferfertigkeit betrachtet werden muss. Erst wenn ein Kind beispielsweise verstanden hat, dass belebte, meist menschliche Wesen in der Lage sind, unbelebte Objekte zu bewegen und ihren Zustand zu verändern, entsteht ein Konzept von Transitivität. Wenn dieses Grundverständnis kognitiv verankert ist, kann der Lerner den sprachlichen Input nach passenden Verpackungsmöglichkeiten durchsuchen und das Konzept verbalisieren (vgl. Mandler 1992, 2012). Im Rahmen des funktionalen Spracherwerbs wird diese Voraussetzung als functional readiness bezeichnet (vgl. Bates/MacWhinney 1987b, MacWhinney 1987b, 1988). Das Konzept der functional readiness ist stark angelehnt an die Annahme, dass Funktionen sprachungebunden und damit quasi funktional-semantische Universalien seien. Tomlin zufolge (1990: 165) ist es deshalb notwendig, diese zunächst systematisch zu erfassen, bevor untersucht werden könne, wie sie den Erwerb passender sprachlicher Kodierungsmöglichkeiten steuern.

Der Zugang über die functional readiness fragt danach, welche Konzepte ausgebildet sein müssen, damit sprachliche Mittel zur Realisierung dieser Konzepte überhaupt erst gebraucht werden können. Der Zugang über die Form fragt hingegen danach, mit welchen semantischen Konzepten spezifische sprachliche Formen verknüpft werden. Eine Fragestellung wäre in diesem Zusammenhang zum Beispiel, ob Kinder eine NVN-Konstruktion mit einer kausalen semantischen Relation zwischen zwei Aktanten verbinden. Ebenso kann danach gefragt werden, mit welchen semantischen Rollen Sprecher eine morphologische Artikelform wie die oder dem verknüpfen. Beide Zugänge gehen von der kognitiven Repräsentation von Form-Funktions-Relationen aus. Die Zielrichtung ist im ersten Fall das mapping von Form auf semantische Konzepte, im zweiten hingegen das mapping von semantischen Konzepten auf Form(en). Letzteres steht im Fokus dieser Arbeit.

Dass Lerner nicht nur über funktionales Wissen verfügen müssen, um sprachliche Mittel zu entdecken und zu gebrauchen, sondern dass die sprachliche Form an sich, das heißt losgelöst von kommunikativen Absichten und semantischen Konzepten, den Erwerbsprozess beeinflussen kann, ist wahrscheinlich. So kann davon ausgegangen werden, dass Lerner Strukturen und Konstruktionen wahrnehmen und abspeichern, ohne diese in Hinblick auf ihre Funktion zu analysieren. Denkbar wäre dazu folgendes Szenario: Ein Lerner könnte im Input ein Lexem wie Mann in unterschiedlichen syntaktischen Kontexten in NPs wie der Mann, aber auch dem Mann oder den Mann antreffen. Je häufiger das Item Mann also in unterschiedlichen Rollen und damit mit unterschiedlichen Kasusmarkern gebraucht wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass ein Lerner ein Flexionsparadigma für dieses spezifische Lexem ausbildet. In diesem Paradigma würden die Artikelformen der, den und dem als potentiell zugehörige Bestandteile des Lexems Mann gespeichert, ohne dass dem Lerner klar sein muss, dass die jeweiligen Artikelformen als Indikatoren für divergierende Rollen verwendet werden. Das mapping zwischen den identifizierten Formen und ihrer Funktion als Marker für semantische Rollen könnte dann in einem nächsten Schritt erfolgen. Wenn Lerner also versuchen, Sprache in Hinblick auf ihren funktionalen Gehalt zu analysieren, so müssten auch identifizierte formale Regelmäßigkeiten und paradigmatische Charakteristika hinsichtlich ihrer Funktion ‚abgeklopft‘ werden, ohne dass das zugehörige Konzept vollständig ausgebildet sein muss. Bates/MacWhinney (1989: 31) fassen die Interdependenz zwischen funktionalen Voraussetzungen und formal-grammatischem Wissen so zusammen, dass beide Ebenen das Erlernen von mappings steuern: „[T]he important issue is not whether learning is driven by form or by function. The answer to this question is that it is driven in both ways“. Genau diese Interdependenz formaler und funktionaler Prinzipien ist in der These, Spracherwerb sei Erwerb von form-function mappings repräsentiert.

Das Nebeneinander funktionaler und formaler Prinzipien ist sowohl für ein- als auch für mehrsprachige Erwerbsbedingungen relevant. In beiden Kontexten ist das primäre Ziel die Beherrschung eines grammatischen Systems als Notwendigkeit für eine erfolgreiche Kommunikation. Dieser grundsätzliche Ansatz ermöglicht es, auch im L2-Erwerb ermergente Lernerstrukturen vor dem Hintergrund einer kommunikativen Notwendigkeit zu erklären. Tomlin (1990: 172) folgert, dass „the interplay between functional linguistic codings and more general communicative principles“ unabhängig von der Erwerbsbedingung systematisch erfasst werden könne. Auch Mehrgan (2012: 39) stellt heraus, dass funktionalistisch ausgerichtete Erwerbsforschung im Bereich des L2-Erwerbs daran interessiert sei herauszuarbeiten, inwiefern „meaning-making efforts on the part of learners are a driving force in an ongoing second language development, which interact with the development of formal grammatical systems“. Auch im L2-Erwerb ist deshalb die Frage essentiell, wie form-function mappings entstehen. L2-Studien müssen sich deshalb damit befassen, welche Funktionen Lerner mit welchen Formen verknüpfen und wie sie formal realisiert werden (vgl. Mehrgan 2012). Letz­teres bezeichnet Bardovi-Harlig (22015: 55) als „concept-oriented approach“, was heißt, dass das zu versprachlichende Konzept (zum Beispiel semantische Relationen) als Anstoß zum Erwerb formalsprachlicher Formen dient. Ein entscheidender Unterschied zwischen L1- und L2-Erwerbsprozessen ist hierbei die Rolle der functional readiness. Während Kinder im L1-Erwerb zunächst basale funktionale Kategorien ausbilden müssen, sind diese im später einsetzenden L2-Erwerb bereits vorhanden. Die Erwerbsaufgabe besteht dann ‚nur‘ noch darin, neue Kodierungsmöglichkeiten zum Ausdruck bereits ausgebildeter semantischer Konzepte zu finden. Während im L1-Erwerb überhaupt erst Form-Funktions-Paare ausgebildet werden müssen, gilt es im L2-Erwerb neue Paare zu etablieren (vgl. dazu auch Bardovi-Harlig 22015, Mehrgan 2012, Saville-Troike/McClure/Fritz 1984).

Funktional ausgerichtete erwerbstheoretische Fragestellungen orientieren sich nicht nur an den Prinzipien des form-function mappings, sondern greifen auch die aus der funktionalen Linguistik hervorgegangenen gebrauchsbasierten Ansätze und kognitiven Prinzipien auf. Beides findet sich im Konzept der emergent language. Der Terminus der emergent grammar geht auf Hopper (1987:142) zurück, der das Emergenzprinzip folgendermaßen definiert:

[S]tructure, or regularity, comes out of discourse and is shaped by discourse as much as it shapes discourse in an on-going process. Grammar is hence not to be understood as a pre-requisite for discourse, a prior possession attributable in identical form to both speaker and hearer. Its forms are not fixed templates but are negotiable in face-to-face interaction in ways that reflect the individual speaker’s past experience of these forms, and their assessment of the present context, including especially their interlocutors, whose experiences and assessments may be quite different.

Aus der Definition geht vor allem hervor, dass Regularitäten im grammatischen System nicht ‚voreingestellt‘ sind, sondern regelrecht verhandelt werden können. Die Nutzung spezifischer Muster ist entsprechend davon abhängig, in welchem Kontext diese gebraucht werden und welches Wissen der Sprachbenutzer mit ihnen verknüpft. Hoppers zunächst vage erscheinende Definition fasst grundlegende funktionalistische Vorannahmen zusammen. So ist die Emergenzthese keinesfalls so zu verstehen, dass Sprecher in spezifischen Interaktionssituationen die lineare grammatische Struktur immer wieder neu aushandeln müssten. Vielmehr geht aus dem Zitat hervor, dass die Verwendung einzelner Strukturen kontextgebunden sein muss und die an der Interaktion Beteiligten spezifisches Wissen über die Funktionen der gebrauchten Strukturen mitbringen müssen, um Inhalte kommunizierbar und verstehbar zu machen. Grammatik entsteht also in und durch Interaktion und ist damit quasi doppelt gebrauchsbasiert.

Für den Spracherwerb ist hier besonders der Aufbau grammatischen Wissens aus dem Gebrauch heraus entscheidend. Erwerbstheoretische Ansätze gehen zwar davon aus, dass Erwerbsprozesse systematisch, jedoch nicht linear verlaufen (vgl. Ellis/Larsen-Freeman 2006: 562). Die fehlende Linearität und daraus resultierende Variabilität im Erwerbsverlauf ist wiederum eine direkte Abbildung eines emergenten, das heißt schrittweisen Aufbaus eines lernerspezifischen grammatischen Wissens. Vorausgesetzt wird hierbei, dass die ausgebildete Systematik auf interaktionalen Erfahrungen und damit auf einem spezifischen sprachlichen Input basiert. Die gebrauchsbasierte Orientierung gepaart mit kognitiven Fertigkeiten, die Erwerb überhaupt erst ermöglichen, fasst Tomasello (2005: 41) folgendermaßen zusammen:

In this process [i.e. the grammatical development, JG] children do two things simultaneously. First, they extract from utterances and expressions such small things as words, morphemes, and phrases by identifying the communicative job these elements are doing in the utterance or expression as a whole. Second, they see patterns across utterances, or parts of utterances, with “similar” structure and function, which enables them to create more or less abstract categories and constructions. These are the two faces of grammar: smaller elements and larger patterns.

Tomasello stellt hier drei zentrale Komponenten heraus: Spracherwerb ist zunächst als Grammatikerwerb zu verstehen, der wiederum funktional motiviert ist. Welche grammatischen Muster und Strukturen wiederum welche Bedeutungen transportieren, wird aus der Interaktion mit unterschiedlichen Gesprächspartnern abgeleitet. Die Extraktion von Form-Funktions-Relationen ist, so lässt sich folgern, gebunden an Gebrauch. Damit überhaupt etwas aus dem die Lerner umgebenden Sprachgebrauch extrahiert werden kann, werden Äußerungen nach spezifischen Kriterien systematisch analysiert. Lerner sind dabei auf der Suche nach Mustern (patterns) und Regelmäßigkeiten, die sie wiederum nur auffinden können, indem sie einzelne Strukturen zu größeren Einheiten bündeln (das heißt Kategorien bilden) und diese Einheiten letztlich zu größeren, bedeutungstragenden Mustern beziehungsweise Schemata abstrahieren. Dabei muss ergänzt werden, dass Lernern nicht nur die erwähnten kognitiven Fertigkeiten der Kategorisierung, Analogiebildung und Abstrahierung zum Auffinden von Mustern zur Verfügung stehen, sondern dass diese durch implizites statistisches Lernen determiniert werden. Kidd (2012: 172) definiert dieses „as the largely or wholly unconscious process of inducing structure from input following exposure to repeated exemplars“. Dass Lerner also überhaupt Muster entdecken können, wird durch die grundlegende kognitive Fertigkeit der statistischen Analyse von Input ermöglicht. In Bezug auf die Ausbildung von Form-Funktions-Paaren heißt das, dass Lerner analysieren, wie oft eine spezifische grammatische Struktur als zuverlässiger Indikator für den Ausdruck spezifischer Inhalte verwendet wird. Frequenz und Reliabilität von Mustern spielen deshalb eine zentrale Rolle im Erwerb. Spracherwerb im Sinne eines emergenten Prozesses würde in diesem Zusammenhang bedeuten, dass Lerner Schritt für Schritt ein grammatisches System aufbauen. Diese Annahme ist zugleich das Credo einer konstruktivistischen Sicht auf Spracherwerb: „Language structure […] is constructed by the child, either in the context of pragmatically elaborate communicative contexts […] or as an extension of conceptual understanding, which is the logical precursor to language“ (Hollich et al. 2000: 149). Aus konstruktivistischer Perspektive ist dieser Gedanke so zu verstehen, dass Lerner sich auf zweierlei Art und Weise entwickeln. Ihre kommunikativen Kontexte und damit Bedürfnisse werden genauso stetig ausgebaut wie ihr konzeptuell-semantisches Wissen, das wiederum den Ausbau des sprachlichen Repertoires erfordert. Vereinfacht lässt sich sagen: Entwickelt sich ein Lerner, entwickelt sich auch seine Sprache. Entwicklung heißt wiederum Veränderung, sodass Spracherwerb im Sinne der Emergenzthese eine kontinuierliche und systematische Weiterentwicklung formal-funktionaler mappings bedeutet.

Zusammenfassend lässt sich folgern, dass ein funktional motivierter Blick auf Grammatik stets ein Zusammenspiel zwischen pragmatischen und semantischen Faktoren und ihrer Abbildung auf formalsprachliche Strukturen annimmt. Erweitert um die kognitive Sicht sind dabei sowohl semantische Konzepte als auch die jeweilige sprachliche Struktur mental repräsentierte er Einheiten, die in einem symbolischen Verhältnis stehen. Die Beherrschung einzelsprachlicher Form-Funktions-Paare ist aus einer Erwerbsperspektive das primäre Erwerbsziel. Aufbauend auf spezifischen kognitiven Mechanismen wie Kategorien- und abstrakter Musterbildung sowie implizit-statistischem Lernen wird Sprechern das Auffinden grammatischer Muster ermöglicht. Im Erwerbsprozess verändern sich mit dem Ausbau kommunikativer Bedürfnisse und semantischer Konzepte (die wiederum vor allem im L1-Erwerb von der kognitiven Entwicklung abhängig sind) die Verknüpfungen zwischen Formen und Funktionen. Je mehr Informationen ein Lerner erhält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass bestehende Verknüpfungen zwischen grammatischen Formen und ihren jeweiligen Funktionen modifiziert und erweitert werden.

Die Fragestellungen der Arbeit lassen sich vor dem Hintergrund dieser Grundannahmen nun weiter spezifizieren. In erster Linie soll es darum gehen, Form-Funktions-Paare bei Lernern mit unterschiedlichen sprachlichen Vorerfahrungen und damit mit variierenden mappings zu identifizieren. Mit Blick auf den Givón’schen Ikonizitätsbegriff soll ermittelt werden, ob Lerner syntaktische Muster sowie andere formalsprachliche Mittel (hier: Kasusmarker) mit konkreten semantischen Konzepten verbinden. Die Existenz mehrerer Kodierungsmöglichkeiten für eine Funktion ist Resultat des many-to-one-mappings, wodurch eine potentielle Konkurrenz zwischen syntaktischem Muster und Kasusform hervorgerufen wird. Mit Blick auf die Annahmen der emergenten Grammatik, die davon ausgeht, dass Lerner im Zuge ihrer sprachlichen Entwicklung ein grammatisches System schrittweise und systematisch konstruieren, sollte dieser Umstand dazu führen, dass sich die Verknüpfung zwischen Formen und ihren potentiellen Funktionen sukzessive verändert. Ziel der Arbeit ist es deshalb herauszufinden, welche mappings mehrsprachige Sprecher in der L2 Deutsch aufbauen und inwiefern sich diese mappings (insbesondere unter dem Einfluss der jeweiligen Ausgangssprache) von denen einsprachiger Sprecher unterscheiden. Weiterhin soll geklärt werden, ob und wie sich diese Form-Funktions-Paare im Kontext der Emergenzthese verändern. Die Veränderung, so die übergeordnete These, bildet letztlich den Weg zum Erwerbsziel ab, der (unabhängig von der Ein- respektive Mehrsprachigkeit von Sprechern) darin besteht, Kasusmarker im Deutschen als zuverlässige Indikatoren für semantische Relationen in transitiven Sätzen zu nutzen.

2.2 Form-Funktions-Relationen im Deutschen, Niederländischen und Russischen

Um herausarbeiten zu können, welche sprachlichen Mittel in den hier untersuchten Sprachen als Indikatoren für semantische Relationen fungieren, werden im Folgenden die dem Deutschen, Niederländischen und Russischen zugrundeliegenden Kodierungsprinzipien skizziert. Die Gegenstandsbeschreibung bezieht sich dabei ausschließlich auf aktivische transitive Aussagesätze, bestehend aus zwei Nominalphrasen sowie einem finiten Verb. Vorausgesetzt wird hierbei, dass solche Strukturen eine kausale Relation zwischen einem Agens und einem Nicht-Agens umfassen (vgl. Givón 1995). Bevor die Relation zwischen Inhalt und Form genauer betrachtet wird, steht zunächst die oberflächensprachliche Struktur im Fokus.

In der Einleitung wurde bereits erwähnt, dass das Niederländische und Russische von zwei maximal unterschiedlichen Möglichkeiten zur Kennzeichnung semantischer Relationen im Satz Gebrauch machen, nämlich der Wortstellung und den Kasusmarkern. Im Deutschen finden sich aus unterschiedlichen Gründen beide Kodierungsformen. Was die drei Sprachen verbindet, ist eine einheitliche Basiswortstellung.

Die in der Greenberg’schen (1963) Tradition stehenden Bemühungen, Erkenntnisse zu Wortstellungsvariabilitäten und -regularitäten systematisch weiterzuentwickeln, mündeten in die Diskussion, warum spezifische Wortstellungsmuster häufiger vorkommen als andere. Van Everbroeck (2003) zeigt in diesem Zusammenhang, dass sich in den meisten (bekannten) Sprachen spezifische Basiswortstellungsmuster ausmachen lassen, die letztlich auf drei dominante Strukturen eingrenzbar sind. So haben 51 % der untersuchten Sprachen der Welt die Basisabfolge Subjekt-Objekt-Verb (SOV), 23 % SVO und 11 % VSO. VOS kommt in nur 8 % der Sprachen vor, die übrigen Varianten (OSV, VOS) liegen bei unter 1 % und sind damit als Einzelfälle einzustufen. Auch Hawkins (1983) und Tomlin (1986) verweisen darauf, dass die meisten Sprachen auf die Abfolge SOV, SVO und VSO einzugrenzen sind, wobei Tomlin die Muster SOV und SVO als äquivalent betrachtet. Lässt man die Position des Verbs außen vor, zeigt sich, dass in der überwiegenden Mehrheit der Sprachen der Welt die Basiswortstellung Subjekt vor Objekt (S>O) dominiert. Dryer (2013) zufolge ist diese Abfolge die dominanteste Struktur in den meisten bisher untersuchten Sprachen (über 80 %). Die Abfolge von S>O stellt letztlich eine sprachübergreifende universelle Tendenz dar. Der umgekehrte Fall (O>S) ist zumindest in der Basiswortstellung deutlich seltener anzutreffen.

Die Frage ist, nach welchen Kriterien einer Sprache ein Basiswortstellungstyp zugewiesen wird. Zu den wichtigsten Kriterien, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden, gehören die Vorkommenshäufigkeit (Dryer 1995, Hawkins 1983, Tomlin 1986), die pragmatische Neutralität (Pullum 1977; vgl. für einen Überblick auch Mithun 1992) sowie die Interaktion zwischen Satzstruktur und Satzprosodie (Höhle 1982) und besonders auch die Diskussion um Thema-Rhema- beziehungsweise Fokus-Topik-Relationen (Reis 1993). Pragmatische Neutralität meint in Pullums Sinn den Gebrauch einer Struktur, deren Auftreten in einem kontextfreien Rahmen, also diskursinitial wahrscheinlich ist (vgl. Pullum 1977: 266). Ohne an dieser Stelle im Detail auf die diesen Kriterien anhaftenden Diskussionen eingehen zu wollen, lässt sich Basiswortstellung als eine in einer Einzelsprache am häufigsten vorkommende pragmatisch sowie prosodisch unmarkierte (oder ‚neutrale‘) Struktur definieren. Dass Vorkommenshäufigkeit überhaupt als definitorisches Kriterium angewendet wird, weist zugleich darauf hin, dass der Gebrauch anderer Strukturen möglich, jedoch besonders deshalb selten ist, weil er an kontextuelle Faktoren gebunden ist.

Die funktionale Sicht auf die sprachübergreifende Tendenz, S vor O zu realisieren,1 umfasst unterschiedliche Erklärungen. Die Kognitive Grammatik argumentiert dabei im Sinne des Givón’schen Ikonizitätsprinzipis und nimmt an, dass ein (meist belebtes) Agens in der Regel als Handlungsausführender auf ein (meist unbelebtes) Patiens einwirkt. Diese kausale Relation (AGENS → PATIENS) bildet aus einer kognitiv-funktionalen Perspektive eine kanonische Handlungsstruktur ab (Funktion), die auf der sprachlichen Oberfläche in eine spezifische syntaktische Struktur übergeht (Form). Das Subjekt/Agens (N1 im SO-Satz) wird im Satz zuerst realisiert, das Objekt/Patiens (N2 im SO-Satz) danach. Eine kausale Handlungsstruktur (AGENS → PATIENS) mündet also in eine spezifische Abfolge nominaler Konstituenten (S → O; vgl. dazu Comrie 1981, Croft 1991, Langacker 1991, s. auch Kapitel 2.3). Aus funktionaler Perspektive hätte die syntaktische Position der beiden Aktanten also die Funktion, ihre semantische und kausale Relation abzubilden. Losgelöst von ihren grammatischen Funktionen als Subjekt und Objekt, lässt sich schließen, dass eine neutrale Abfolge zweier nominaler Konstituenten (N>N) an sich bedeutungstragend ist. Die Abkürzung N>N wird im Folgenden deshalb als abstrahierte Form einer kanonischen Satzstruktur mit einer neutralen Abfolge von AGENS > NICHT-AGENS und damit als kanonischer SO-Satz verstanden.

Croft (1988: 173) zufolge haben neben der Konstituentenabfolge auch Kasus- oder Kongruenzmarker die primäre Funktion, „a relation between two entities“ auszudrücken. Daraus folgt, dass analog zum syntaktischen Muster auch bei den Kasusmarkern spezifische Verknüpfungen zwischen der Form (Kasusmarkierung) und dem Inhalt (semantische Rolle) hergestellt werden können. Ein Agens ist in der Regel morphologisch unmarkiert, ein Patiens oder Rezipiens hingegen markiert.2 Sowohl im Russischen als auch im Deutschen wird der Nominativ zur Kennzeichnung des Agens, der Akkusativ zur Kennzeichnung des Patiens und der Dativ als Marker für ein Rezipiens gebraucht (s. zum Beispiel Abraham 32013 sowie Zifonun/Hoffman/Strecker 1997 für das Deutsche). Demnach lässt sich eine Dichotomie zwischen dem morphologisch unmarkierten Agens und allen anderen nicht-agentivischen, jedoch morphologisch markierten Rollen ziehen (neben dem Patiens und dem Rezipiens wären hier auch das Instrument, der Locus und weitere nicht-agentivische Aktanten zu nennen).3 Die semantische Dichotomie zwischen Agens und Nicht-Agens mündet so in die formale Dichotomie [+/- MORPHOLOGISCH MARKIERT]. Croft (1988: 174) folgert daraus:

Case marking is a complement of the strategy of simple juxtaposition of the related constituents, in which the hearer must infer the relation that holds between the two. Simple juxtaposition is only possible when the relation between the two terms is obvious enough for the hearer to easily infer it. Otherwise, the relation must be more explicitly represented in the utterance, and case marking is the strategy for doing so.

Kasusmarker dienen also dem Hörer dazu, die semantischen Relationen zwischen unterschiedlichen Aktanten zu determinieren und sind somit nichts anderes als eine formale Explizitmachung semantischer Relationen.

Zentral ist in diesem Zusammenhang die Rolle der Verben. Im Sinne eines valenzgrammatischen und framesemantischen Ansatzes (vgl. Busse 2012, Fillmore 1968, 1977) übernehmen Verben in Sätzen die Rolle des Regisseurs. Oder um Kakos (2006) Sicht auf Sätze als „miniature plays“ nochmals aufzugreifen: Sätze umfassen spezifische Handlungsrahmen, in denen unterschiedliche Mitspieler verschiedene Rollen einnehmen. Das Verb legt dabei fest, welche Rollen zu vergeben sind. Ein von Fillmore häufig gebrauchtes Beispiel ist das der kommerziellen Transaktion. So würde das Verb kaufen unterschiedliche an der Kaufhandlung beteiligte Aktanten umfassen, nämlich den Käufer, den Verkäufer, die Ware sowie zum Kauf der Ware benötigte Mittel (vgl. Fillmore 1977). Folgt man Fillmores Überlegungen, würde das Verb kaufen diese Handlung und an ihr teilnehmende Mitspieler kognitiv evozieren, weil der Sprecher über verstehens- und wissensrelevante Schemata4 (Frames) verfügt, das heißt auf der Basis seiner Erfahrungen weiß, wie eine Kaufsituation abläuft und wer daran beteiligt ist. Die Verbbedeutung bestimmt, wer im satzinternen Miniaturstück mitspielen darf. Das Verb eröffnet ein Spektrum an Leerstellen (slots), die gefüllt werden können, jedoch nicht müssen.5 Ein Verb wie kaufen enthält zum Beispiel die Leerstellen [KÄUFER] und [GEKAUFTES]. In der Valenzgrammatik ist das Prinzip der Leerstelle vergleichbar mit der Wertigkeit des Verbs, das heißt mit der Anzahl der Bindungsstellen, die ein Verb mitbringt. Die slots müssen vom Sprecher mit auf die spezifische Handlung angepassten fillern ausgefüllt werden. Die Mitspieler müssen also konkret benannt werden (zum Beispiel Der Mann kauft eine Hose). Im Prinzip lässt sich unter Berücksichtigung mapping-bezogener und valenzgrammatischer Prinzipien ein zweiphasiger Prozess bei der Konstruktion von Sätzen annehmen. Die Nutzung eines spezifischen Verbs macht es erforderlich, an der Handlung beteiligte Aktanten überhaupt zu benennen. Mithilfe der grammatischen Mittel Wortstellung und Kasusmarker wird in einem weiteren Schritt spezifiziert, welcher Aktant welche Rolle im Handlungsrahmen einnimmt. So sind für die Leerstellen des Verbs kaufen die filler ‚Mann‘, ‚Hose‘ und ‚Tochter‘ denkbar. Innerhalb des Handlungsrahmens kaufen muss mithilfe formaler Mittel deutlich werden, in welchem Verhältnis Mann, Tochter und Hose stehen und wer von ihnen agentivisch ist (Der Mann kauft der Tochter eine Hose vs. Die Tochter kauft dem Mann eine Hose).

Im Kontext eines vom Verb evozierten Handlungsrahmens sind Wortstellung und Kasusmarker als zwei Möglichkeiten zu betrachten, um ein und dieselbe Funktion sprachlich abzubilden. Im Deutschen, Russischen und Niederländischen haben sie eine jeweils unterschiedlich hohe Validität, was bedeutet, dass sie in transitiven Sätzen kontextunabhängig als zuverlässige Indikatoren für semantische Relationen fungieren. So wäre die Wortfolge dann ein valider Indikator, wenn anhand der linearen Abfolge der nominalen Konstitutenten im Großteil der Fälle die vom Verb regierten Rollen ermittelt werden können. Kasusmarker sind wiederum dann valide Indikatoren, wenn unabhängig von der syntaktischen Position der Konstituenten anhand der morphologischen Markierung auf ihre semantische Rolle im Satz geschlossen werden kann. So ist es im Deutschen mehr als unwahrscheinlich, dass eine NP des Typs dem Kind ein Agens kennzeichnet, da die Artikelform dem ein valider Indikator für Nicht-Agentivität und so in Hinblick auf diese Funktion transparent ist. Daneben finden sich im Deutschen Formen wie die Frau. Die Artikelform die ist uneindeutig, weil sie sowohl als Agens- als auch als Patiensmarker fungiert (zum Beispiel Die Frauag sieht den Mann vs. Der Mann sieht die Fraupat). Ohne die Einbettung in einen syntaktischen Zusammenhang ist es auf der Basis der isolierten NP nicht möglich, diese in Hinblick auf ihr Agentivitätspotential einzustufen, sodass die Artikelform die funktional intransparent ist. Was für die Beispiele dem und die im Speziellen gilt, lässt sich für ein gesamtes Kasussystem verallgemeinern. Ist die Anzahl intransparenter Formen des Typs die im Gesamtsystem hoch, so sind Kasusmarker prinzipiell unzuverlässige Indikatoren für semantische Relationen. Je höher hingegen der Anteil transparenter Formen des Typs dem, desto höher ist schließlich auch die Validität von Kasusmarkern an sich.

Das Vorhandensein transparenter Kasusmarker wirkt sich in der Regel auf die Wortstellungsvarianz innerhalb einer Sprache aus. Dabei gilt: Je höher die Validität von Kasusmarkern, desto höher ist in der Regel auch die Wortstellungsvarianz innerhalb von transitiven Satzkonstruktionen. Eine geringe Transparenz von Kasusmarkern führt entsprechend zu einer geringeren Wortstellungsvarianz.

In einer Sprache wie dem Niederländischen, das – ähnlich wie das Englische – einen Großteil seiner nominalen Kasusmarkierungen verloren hat, kann es im Prinzip keine Wechselbeziehung zwischen Wortstellungsmustern und Kasusmarkern geben. Morphologische Marker finden sich weder am Artikel noch am Substantiv.6 Die Differenzierung zwischen Agens und Nicht-Agens erfolgt im Niederländischen mittels der Abfolge der NPs im Satz (N > N = AGENS > NICHT-AGENS). Verändert man die Position der NPs im Satz, so verändern sich auch die semantischen Relationen. Im Deutschen hingegen kennzeichnen spezifische Kasusmarker die Relation zwischen Agens und Nicht-Agens, sodass die Position der beiden NPs im Satz vertauscht werden kann, ohne dass damit eine Bedeutungsveränderung einherginge (s. Tabelle 1).


Tabelle 1: Kennzeichnung semantischer Relationen im Niederländischen und Deutschen7

Obwohl das Niederländische wie das Deutsche über Artikel verfügt, bleiben die genusspezifischen Formen de (MASK/FEM) und het (NEUT) kontextübergreifend unverändert. Die Position der nominalen Konstituenten ist damit der einzige verlässliche Indikator für semantische Relationen und hat damit eine besonders hohe Validität.

Tabelle 1 enthält mit Blick auf das Deutsche Sätze des Typs SVO (Beispiele 1, 3, 5 und 7) und OVS (Beispiele 2, 4, 6 und 8). Beide Varianten sind im Gebrauch möglich, jedoch erfüllt nur eine davon die Kriterien, um als Basiswortstellung eingestuft werden zu können. In Hinblick auf die Frage, welche Wortfolge im Deutschen als neutral einzustufen ist, bewegt sich die Diskussion besonders um die Position des Verbs und dabei vor allem um die Kontroverse, ob Deutsch als SOV- (vgl. zum Beispiel Hawkins 1983, Müller 2015) oder SVO-Sprache (vgl. zum Beispiel Greenberg 1963, Dryer 2013) einzustufen ist. Jenseits des Disputs um die Position des Verbs, findet sich in beiden Ansätzen eine zentrale Gemeinsamkeit: Die Realisierung des Subjekts vor dem Objekt wird in beiden Fällen quasi vorausgesetzt. Die Umkehrung der SO-Abfolge zu einer OS-Struktur wird hingegen von pragmatischen Faktoren sowie Dialogstrukturen abhängig gemacht (vgl. zum Beispiel Machate/Hoepelmann 1992). Sätze wie Den Bruder sieht die Frau sind zwar möglich, müssen jedoch als Abweichung vom neutralen Fall gewertet werden. Am stärksten diskutiert wird der Grund für Wortstellungsvarianzen dieser Art (S>O vs. O>S) im Kontext der Funktionalen Satzperspektive. Faktoren wie Thema/Rhema, Figur/Grund, Topik/Fokus spielen für die Wahl der jeweiligen Konstituentenabfolge eine entscheidende Rolle.

In der Regel wird im Deutschen das Topik im Vorfeld realisiert; die satzinitiale Subjektpositionierung kann damit als Prototyp sowie als „universelle Tendenz“ bezeichnet werden (Musan 2010: 35). Wortstellungsvarianz im Rahmen eines transitiven Satzes ist damit ein Mittel der Informationsorganisation im Gespräch. Ein zusätzliches Merkmal in Hinblick auf die potentielle Fokussierung, die durch die Wortabfolgevarianz einhergehen kann, ist die Intonation. Ohne an dieser Stelle auf die einzelnen Möglichkeiten der Hervorhebung und Fokussierung einzugehen (vgl. für einen Überblick Abraham 32013, Dürscheid 62012 sowie Welke 2002), bleibt festzuhalten, dass in Bezug auf die Abfolge nominaler Konstituenten im Deutschen S>O als kanonisches beziehungsweise unmarkiertes, O>S hingegen als nicht-kanonisches beziehungsweise markiertes Muster einzustufen ist (vgl. auch Haider 2010, Lenerz 1977, Zubin/Köpcke 1985).

Die Unterschiede der beiden Varianten spiegeln sich auch in einer ungleichen Verteilung von SO- und OS-Sätzen im Deutschen wider. Anhand einer exem­plarischen Korpusanalyse von Schlesewsky et al. (2000: 67f.), die mithilfe von gesprochenen Sprach-, nicht-fiktionalen sowie fiktionalen Korpora (Analyse von 2826 Sätzen) durchgeführt wurde, lässt sich folgende Tendenz nachzeichnen:8 OS-Sätze kommen prinzipiell in allen Gesprächs- und Textgattungen signifikant seltener vor als SO-Sätze. In der gesprochenen Sprache ist der Anteil von OS-Strukturen mit ca. 10 % am höchsten, danach folgen fiktionale (ca. 8 %) und zuletzt nicht-fiktionale Texte (5 %). Zu ähnlichen Werten für schriftsprachliche Texte kommen Hoberg (1981) sowie Kempen/Harbusch (2005). Etwas höher liegt der Gesamtanteil der OS-Sätze bei Weber/Müller (2004) sowie Bader/Häussler (2010), die auf einen Anteil von 18,5 % beziehungsweise 17,5 % kommen. Bader/Häussler (2010) führen ihre vergleichsweise hohen Werte auf die Tatsache zurück, dass ausschließlich den-NPs im Akkusativ Singular und Dativ Plural berücksichtigt wurden und dadurch keine Querschnittsanalyse von OS-Sätzen im Allgemeinen abgebildet wird. Alle vier Korpusstudien kommen zu dem Schluss, dass in nicht-kanonischen Bedingungen das topikalisierte Objekt deutlich häufiger akkusativ- als dativmarkiert ist. Bei Schlesewsky et al. (2002) machen innerhalb der OS-Sätze in allen drei Korpustypen dativmarkierte Objekte jeweils nur ca. 15 % der Vorkommen aus, wobei in absoluten Zahlen der Anteil mit zwei (nicht-fiktionale Texte), fünf (fiktionale Texte) und fünfzehn (gesprochene Sprache) Treffern fast verschwindend gering ist. Zu einem sehr ähnlichen Fazit kommen Bader/Häussler (2010). Auch in ihrer Korpusanalyse, die jedoch ausschließlich Zeitungstexte umfasst und nur Sätze berücksichtigt, die eine den-NP (Akkusativ Singular und Dativ Plural) enthalten, sind topikalisierte Objekte in gut 70 % akkusativmarkiert. Dativmarkierte Objekte, die vor dem Subjekt realisiert werden, finden sich hingegen vor allem im Mittelfeld, also zum Beispiel in Form von …, dass dem Opa der Witz gefallen hat oder …, dass dem Opa ein Malheur passiert (ebd.: 734). Die Beispiele illustrieren weiterhin einen zentralen Befund von Bader/Häussler: OS-Abfolgen im Mittelfeld sind gebunden an spezifische Verben und sind somit ein Resultat lexiko-semantischer und nicht syntaktischer Faktoren. Ebenso ist für genau diese verbgebundenen OdatS-Abfolgen im Mittelfeld das Vorhandensein eines belebten Objekts und eines unbelebten Subjekts typisch. Insbesondere in OakkS-Sätzen mit topikalisiertem Objekt im Vorfeld dominiert hingegen die Opposition S[+belebt] vs. O[-belebt] (vgl. ebd: 731)

Es lässt sich also folgern, dass das Deutsche trotz der syntaktische Möglichkeit, OS-Sätze zu verwenden, nur selten davon Gebrauch macht. Problematisch bei dem Befund, dass OS-Sätze meist akkusativmarkierte Objekte enthalten, ist die Tatsache, dass im Deutschen der Akkusativ nur im Maskulinum lokal, das heißt auf Basis des einzelnen Markers identifizierbar ist. Lediglich das Maskulinum verfügt über ein maximal ausdifferenziertes Kasusparadigma; im Neutrum und Femininum finden sich diverse Synkretismen (s. Tabelle 2).


Tabelle 2: Kasussystem des Deutschen (Singular)

Aus Tabelle 2 geht zunächst hervor, dass Kasusmarker im Deutschen überwiegend am Artikel zu finden sind. Das Substantiv wird nur im Genitiv Maskulinum und Neutrum Singular (Mann-es, Kind-es) sowie im Dativ Plural in allen Genera (den Männer-n/Frau-en/Kinder-n) zusätzlich flektiert. Hinzu kommt im Deutschen eine schwache Deklinationsklasse, die Maskulina umfasst, die in beiden Numeri mit dem Flexionsmorphem -n markiert werden (zum Beispiel den/dem/des Junge-n). Insgesamt ist die formale Kasusinformation jedoch in der Regel ausgelagert und zeigt sich am Determinierer sowie in komplexen Nominalphrasen am Adjektiv, sofern dieses stark flektiert wird (zum Beispiel ein groß-esnom/akk Kind). Tabelle 2 zeigt weiterhin, dass der Artikel den der einzige transparente, das heißt nicht multifunktionale Marker im Singular ist. Alle übrigen Formen decken mehrere Funktionen ab. Dabei ist zu unterscheiden, ob die Formen einen Kasus abdecken und in zwei Genera formidentisch sind, oder ob eine Form in verschiedenen Kasus auftritt. So ist dem ausschließlich Dativ- und damit Rezipiensmarker, wird jedoch sowohl im maskulinen als auch neutralen Paradigma verwendet. Selbiges gilt für des als Genitivmarker. Die Form das im Neutrum wird hingegen nicht nur im Nominativ, sondern auch im Akkusativ verwendet. Die zentralen semantischen Rollen Agens und Patiens sind folglich im Neutrum formal nicht differenzierbar. Selbiger Synkretismus findet sich im Femininum (die). Nur durch die Opposition zu einer zweiten NP können die intransparenten Marker das und die disambiguiert werden. Disambiguierung heißt wiederum, dass ihnen eine spezifische Funktion zugeordnet werden kann. Auch der ist eine multifunktionale Form. Sie kann entweder den Nominativ im Maskulinum oder den Dativ beziehungsweise Genitiv im Femininum kennzeichnen. Der Artikel allein kann also keinen eindeutigen Hinweis auf die semantische Rolle liefern, sodass bei der Satzverarbeitung nicht nur das Genus der NP, sondern weitere Merkmale (hier besonders die morphologische Opposition zur zweiten NP) mitberücksichtigt werden müssen, damit eine Rollenzuweisung vorgenommen werden kann. Es lässt sich damit zwischen funktional transparenten (den, dem), halb-transparenten (der) und intransparenten (das, die) Formen differenzieren. Bei ersteren verweist die Form eindeutig auf Nicht-Agentivität, letztere können sowohl auf eine agentivische als auch eine nicht-agentivische Rolle verweisen und sind damit maximal ambig. Die als halb-transparent klassifizierte Form der kann hinsichtlich ihrer Funktion nur unter Hinzunahme des lexemspezifischen Genus disambiguiert werden. Sofern dieses berücksichtigt wird, ist die Zuordnung zu agentivisch beziehungsweise nicht-agentivisch eindeutig. Wird das Genus (bei der Verarbeitung) außen vor gelassen, ist die Form ambig. Ebenso macht ein Blick auf Tabelle 2 deutlich, dass es im Deutschen zwar eindeutige nicht-agentivische Marker (den, dem), jedoch keine eindeutigen agentivischen Formen gibt. Jede Nominativmarkierung (der, das und die) kommt auch in den obliquen Kasuskontexten vor.

Die Übersicht zeigt, dass das Deutsche zwar Kasusmarker enthält, diese jedoch nur selten auf eindeutige Form-Funktionsbeziehungen verweisen. Auf insgesamt zwölf Zellen im Singular kommen lediglich sechs unterschiedliche Formen, sodass die Zahl der Synkretismen vergleichsweise hoch ist.9 Für die Satzverarbeitung bedeutet dies konkret, dass Kasusmarker vor allem in Sätzen mit akkusativregierendem Verb nur bedingt valide sind. Kempe/MacWhinney (1998) errechnen für Kasusmarker im Deutschen einen Validitätswert von gut 50 %. Der niedrigere Wert geht darauf zurück, dass in Sätzen mit einem akkusativregierenden Verb und zwei Feminina, zwei Neutra oder einem Femininum und einem Neutrum disambiguierende Mittel nicht verfügbar sind und die Wortstellung als einzige Interpretationsgrundlage übrig bleibt (s. Bsp. 11 und 12 in Tabelle 3). Eine Disambiguierung kann nur bei Verfügbarkeit einer maskulinen NP erfolgen (Bsp. 9 und 10). Steht diese nicht zur Verfügung, muss die satzinitiale NP als agentivisch eingestuft werden (Bsp. 11 und 12).


Tabelle 3: Akkusativ- und Dativformen in OVS-Sätzen

Aufgrund des vollständigen Formenzusammenfalls zwischen NOM und AKK im Neutrum und Femininum fungieren das und die in den Beispielen 11 und 12 nur noch als Genus- und Numerusmarker, nicht mehr als Kasusformen. Das Deutsche verhält sich damit in entsprechenden Fällen wie das Niederländische und zeigt semantische Relationen nur noch mithilfe der Konstituentenabfolge an.

Eine höhere formale Eindeutigkeit und damit die Möglichkeit, eine N>N-Struktur als O>S-Satz zu identifizieren, besteht in Sätzen mit dativregierenden Verben (Bsp. 13–16). Da sowohl im Neutrum als auch im Femininum die formale Abgrenzung zwischen Nominativ/Akkusativ versus Dativ besteht, können Sprecher in entsprechenden Fällen auf die Kasusinformation zurückgreifen. Eine potentielle Schwierigkeit für Lerner besteht lediglich bei der Einordnung des Markers derdat. Ist ihnen das Genus der NP nicht bekannt oder sind sie in der Genuszuweisung unsicher, kann die Form derdat in den Beispielen 14 und 16 auch als morphologisch unmarkierte maskuline NP und damit als Agensmarker verarbeitet werden.

Die Gegenüberstellung des Niederländischen und Deutschen zeigt, dass Wortfolge und Kasusmarker als Indikatoren für semantische Relationen in unterschiedlichem Umfang verfügbar sind. Im Niederländischen verweist die Abfolge N>N immer auf S>O, morphologische Marker spielen keine Rolle. Das Deutsche verfügt zwar über Kasusmarker, jedoch sind sie je nach Genus häufig intransparent. Die Konstituentenabfolge gewinnt damit an funktionaler Validität. Im Vergleich zum Niederländischen ist die Wortstellung als Indikator für semantische Relationen im Deutschen zwar deutlich weniger valide, aber trotzdem relevant.

Anders als das Deutsche, ist das Russische eine morphologisch ausdifferenzierte Sprache, die in nur geringem Ausmaß einen Formenabbau erfahren hat. Das Russische verfügt über insgesamt sechs Kasus, die sich am Substantiv sowie bei Verfügbarkeit auch am attributiven Adjektiv zeigen: Nominativ, Akkusativ, Dativ, Genitiv, Instrumental und Präpositional.10 Parallelen zum Deutschen gibt es im Bereich der Formenbildung. In beiden Sprachen ist die Kasusform jeweils vom Genus und Numerus des Substantivs abhängig, sodass die entsprechenden Funktionsträger (im Deutschen die Artikel, im Russischen das Flexionsmorphem am Substantiv) jeweils unterschiedliche grammatische und semantische Kategorien kennzeichnen. Einen Überblick über das russische Kasussystem (Singular) bietet Tabelle 4.11


Tabelle 4: Kasussystem des Russischen (Singular)

Das Deklinationsparadigma ist im Russischen nicht nur vom Genus und damit von der phonologischen Wortstruktur, sondern auch von der Belebtheit abhängig. Maskulina, die auf einen Konsonanten auslauten, und alle Neutra12 können in einer Deklinationsklasse zusammengefasst werden. Charakteristisch für diese Klasse ist der Formenzusammenfall zwischen NOM und AKK bei unbelebten Substantiven. Bei belebten Konstituenten werden Nominativ und Akkusativ morphologisch unterschieden; stattdessen entspricht in dieser Klasse der Akkusativ dem Genitiv. Diese Differenzierung ist besonders für die Maskulina relevant, da es bei den Neutra nur zwei belebte Lexeme gibt (neben dem in Tabelle 4 aufgeführten Lexem životnoe nur dit’jo (Kind), dessen Gebrauch im Singular sehr selten ist und das tendenziell durch das Synonym rebjonokmask ersetzt wird). Tendenziell sind also im Russischen alle Neutra unbelebt und dadurch im NOM und AKK formidentisch.

Einen Sonderfall bilden die Feminina, die aufgrund zweier unterschiedlicher phonologischer Strukturen in zwei Klassen unterteilt werden. Differenziert wird zwischen Feminina auf -a13 (Feminina I) und Feminina, die auf einem palatalisierten alveolaren Frikativ ([sj], [zj]) oder einer postalveolaren Affrikate ([džj], [tʃj]) auslauten (Feminina II). Letztere Gruppe zeichnet sich wie die unbelebten Maskulina und Neutra durch einen Formenzusammenfall im NOM und AKK aus und enthält überwiegend unbelebte Lexeme.14 Die größere Gruppe der Feminina auf -a, die sowohl belebte als auch unbelebte Lexeme umfasst, differenziert hingegen zwischen diesen beiden Kasus. Dadurch, dass Feminina der Klasse II mehrheitlich unbelebt sind, äußern sich die Differenzen in der phonologischen Struktur der beiden Femininagruppen tendenziell auch in einer Belebtheitsunterscheidung, die sich wiederum auf das Formenspektrum der Kasusformen auswirkt. Wie im Deutschen gibt es dadurch auch im Russischen in bestimmten Kontexten multifunktionale Formen zwischen NOM und AKK. Während jedoch im Deutschen der Zusammenfall auf bestimmte Genera (Neutra und Feminina) eingegrenzt ist, ist im Russischen sowohl die Genusdifferenzierung (Maskulina vs. Neutra) als auch die Belebtheit und damit auch die phonotaktische Wortstruktur für eine potentielle Formidentität ausschlaggebend.

Weitere Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem russischen Kasussystem finden sich in der Verwendung eines Flexionsmarkers für unterschiedliche Kasus in unterschiedlichen Genera. So wird zum Beispiel die Flexionsendung -u sowohl als Dativmarker bei Maskulina und Neutra als auch als Akkusativmarker bei Feminina des Typs I verwendet. Solche Formzusammenfälle sind jedoch im Gegensatz zum Deutschen seltener. Ebenso selten kommt der Fall vor, dass innerhalb einer Deklinationsklasse ein Flexiv mehrere Kasus abdeckt. Dies ist insbesondere für Feminina des Typs II der Fall, bei denen die Endung -i sowohl im Dativ als auch im Genitiv gebraucht wird. In den übrigen Genera finden sich solche Formzusammenfälle – mit Ausnahme des NOM-AKK-Zusammenfalls bei unbelebten Substantiven – kaum. Auch wenn das Russische also keine 1:1-Korrespondenz zwischen Kasusmarker und Funktion aufweist, ist der Anteil der Synkretismen deutlich niedriger als im Deutschen und die Validität morphologischer Marker entsprechend höher. Weiterhin gibt es anders als im Deutschen keine Formidentität zwischen einem Dativ- und einem Nominativmarker. Eine Endung wie -u oder -i ist stets als oblique Form deutbar und kann nie im Nominativ auftreten.

Somit gibt es zwar zentrale Parallelen zwischen dem deutschen und dem russischen Kasussystem, jedoch auch zentrale Unterschiede. In beiden Sprachen ist die Kasusform vom Genus und Numerus des Substantivs abhängig. In beiden sind Kasusmarker nicht eindeutig, sondern multifunktional. Jedoch ist im Russischen das Kasusparadigma innerhalb der einzelnen Deklinationsklassen und damit der einzelnen Genera formal ausdifferenzierter als im Deutschen. Die paradigmatische Ausdifferenziertheit der Kasusflexive führt schließlich dazu, dass in den meisten Fällen eine eindeutige Abgrenzung zwischen dem Nominativ und den obliquen Kasus stattfinden kann.

Geht man auch für das Russische davon aus, dass der Nominativ überwiegend zur Markierung des Agens genutzt wird, so verweist die formale Differenzierung [+/-MORPHOLOGISCH MARKIERT] auf die Unterscheidung [+/-AGENS]. Dass diese grundlegende Unterscheidung auch für den Erwerb von Kasus­flexiven relevant zu sein scheint, erschließt sich aus einer Studie von Gagarina/Voeikova (2009). Sie können zeigen, dass die von ihnen untersuchten einsprachig russischen Kinder zunächst in den produktiven Deklinationsklassen I und II spezifische Kasusoppositionen (unmarkiert für Nominativ sowie markiert für fast alle anderen Kasus) aufbauen. Sobald ihr Gebrauch einsetzt (als „mini-paradigms“ (ebd.: 197) bezeichnet), durchlaufen die Lerner eine Art „morphological spurt“ (ebd.: 193). Dabei kommt eine Reihe neuer Lemmata hinzu, die sowohl morphologisch markiert als auch unmarkiert gebraucht werden. Die obliquen Formen werden dabei zunächst unsystematisch verwendet, sodass im L1-Erwerb zuerst die Dichotomie [-MARKIERT] vs. [+MARKIERT] zur Differenzierung von Agens und Nicht-Agens etabliert wird. In einem zweiten Schritt werden dann die nicht-agentivischen obliquen Marker systematisch differenziert.

Im Deutschen ist eine analoge Formeindeutigkeit in Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Agens und nicht-agentivischen Rollen paradigmatisch nur im Maskulinum gegeben. Dies führt laut Kempe/MacWhinney (1999) dazu, dass der Anteil von Sätzen, die keine eindeutige Kasusmarkierung haben, im Deutschen höher ist als im Russischen. Zurückzuführen ist dies auf einen höheren Anteil neutralisierter Formen im Akkusativparadigma im Deutschen (s. Tabelle 3, Beispiele 11 und 12).15 Die Abhängigkeit vom Maskulinum als disambiguierende Form schränkt die Verfügbarkeit morphologisch eindeutiger Formen ein, wodurch die Validität von Kasusmarkern als Indikatoren für semantische Relationen im Deutschen geringer ist (ca. 50 %) als im Russischen (ca. 90 %; vgl. Kempe/MacWhinney 1998). Zurückzuführen ist dies wiederum auf die Belebt­heit im Russischen. Sobald ein belebtes Substantiv gebraucht wird, ist eine ambige Lesart des Satzes ausgeschlossen. So wäre in einem Satz wie stol-ømask/akk vidit brat-ømask/nom (Tischakk sieht Brudernom) trotz einer fehlenden morphologischen Markierung der präverbalen NP die einzige in Frage kommende Lesart hier OVS. Wäre nämlich brat hier nicht Agens, sondern Patiens, müsste aufgrund des Merkmals [+BELEBT] das Akkusativflexiv -a realisiert werden. Der Satz wäre also nur dann ambig und würde die Wortstellung als einzigen Indikator zulassen, wenn beide Konstituenten unbelebt wären, was wiederum sehr selten ist.16 Insgesamt sind die Bedingungen, in denen die Konstituentenabfolge der einzige Indikator für semantische Relationen wäre, im Russischen auf sehr spezifische Kontexte eingegrenzt. Funktional transparente Kasusmarker sind meistens verfügbar und limitieren den Validitätsstatus der Konstituentenabfolge.

Kempe/MacWhinney (1999) können anhand eines Reaktionszeitexperiments zeigen, dass sich die hohe Validität der Kasusmarker im Russischen auch auf Satzverarbeitungsstrategien auswirkt. Russischsprachige Probanden wählen bei OVS-Sätzen mit transparenter Kasusmarkierung schneller N2 als Agens als deutsche Sprecher. Das heißt, dass deutsche Sprecher bei einem Satz wie Den Teller sucht die Mutter länger für die Agenswahl benötigen als russische Sprecher bei äquivalent konstruierten russischen Sätzen (Tarelkuakk iščet mat´nom). Weiterhin können Kempe/MacWhinney belegen, dass russischsprachige Erwachsene semantische Informationen wie Belebtheit ignorieren, während deutsche Probanden sie mitberücksichtigen. So benötigen deutsche Sprecher für die Verarbeitung von Sätzen wie Die Blume sucht den Mann länger als russische Sprecher in äquivalenten Kontexten. Die Verarbeitungsdauer bleibt bei ihnen unabhängig von der Belebtheitsinformation unbeeinträchtigt. Kempe/MacWhinney folgern daraus (ebd.: 151), dass der generelle Validitätsstatus morphologischer Kasusmarker innerhalb der untersuchten Sprachen Deutsch und Russisch einen Einfluss darauf hat, wie gut die Sprecher den formalsprachlichen Markern ‚trauen‘. Die grundsätzlich geringere Verfügbarkeit eindeutiger transparenter Kasusmarker im Deutschen führt offensichtlich dazu, dass Sprecher andere Informationen im Satz (hier die Belebtheit) mitverarbeiten. Die deutlich höhere Validität von Kasusmarkern im Russischen hat zur Folge, dass sich Sprecher bei der Satzverarbeitung ausschließlich auf morphologische Informationen stützen.

Die Ergebnisse von Kempe/MacWhinney zeigen neben der unterschiedlichen Gewichtung unterschiedlicher Kodierungsmechanismen als Resultat typologischer Varianz auch, dass für Sprecher die Informationen der satzinitialen NP entscheidend sind. MacWhinney (1977) sowie Langacker (1998) verweisen in diesem Zusammenhang auf das starting point-Prinzip, das den Verarbeitungsprozess zu lenken scheint. So determiniert die semantische und morphologische Information innerhalb der satzinitialen NP, ob eine N>N-Struktur als S>O- oder O>S-Satz interpretiert wird. Je später dabei eine disambiguierende Form im Satz auftritt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass diese überhaupt Berücksichtigung findet. Entscheidend für die Satzinterpretation sind besonders Informationen, die früh auftauchen (vgl. hierzu besonders Choi/Trueswell 2010). Besonders mit Blick auf das Deutsche hat dies Auswirkungen darauf, unter welchen Bedingungen eine N>N-Struktur als S>O- oder S>O-Satz interpretiert wird.

Die hohe formale Ausdifferenziertheit im russischen Kasussystem und die Verfügbarkeit synthetischer Marker führen dazu, dass die Abfolge der nominalen Konstituenten als Indikator für semantische Relationen kaum in Frage kommt. Dies äußert sich in einer relativ variablen Wortstellung, die charakteristisch für das Russische ist.


Die Übersicht bezieht sich auf einfache Aussagesätze sowie ihre einzelsprachlichen Realisierungsmöglichkeiten.17 Die Beispiele 17 bis 22 zeigen, dass im Russischen dafür sechs verschiedene Wortstellungsmöglichkeiten in Betracht kommen. Jede Variante ist dabei zwar abhängig von pragmatischen Faktoren, allerdings führt keine zu einer Veränderung der semantischen Rollen oder des Satztyps (vgl. Bailyn 1995, 2012 sowie Neidle 1988). Im Deutschen ist die Wortstellungsvarianz deutlich eingeschränkter, was nicht unmittelbar auf eine geringere Validität der Kasusflexive, sondern auf den Stellenwert der Verbposition, die wiederum mit spezifischen Satztypen korreliert, zurückzuführen ist. Lässt man die Position des Verbs außen vor und legt den Fokus auf die Abfolge von Subjekt und Objekt, zeigt sich mit Blick auf die Beispiele 19–22, dass die Reihenfolge der Konstituenten nur bedingt variabel ist. In den Sätzen 20 und 22 ist zwar die Position des Verbs veränderbar, eine O>S-Abfolge jedoch fragwürdig, wenn nicht sogar unmöglich, sofern es sich um nominale Konstituenten handelt.18 Während also die Verbposition im Deutschen relativ flexibel (beziehungsweise grammatikalisiert) ist, ist der Positionswechsel von Subjekt und Objekt stark eingeschränkt. Die Abfolge O > S ist dabei vor allem in Sätzen mit Verb­zweitposition akzeptabel, bei Verberst- und Verbletztsätzen hingegen stark eingeschränkt.

Ähnlichkeiten zwischen dem Deutschen und Niederländischen finden sich in Hinblick auf die Grammatikalisierung der Verbposition. Bei der Abfolge der Konstituenten gibt es jedoch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Während die Realisierung des Objekts vor dem Subjekt im Deutschen zumindest in NVN-Sätzen gängig ist, ist sie im Niederländischen schlicht nicht möglich, sodass die Wortstellungsvarianten OVS, OSV sowie VOS im Niederländischen bei Kombination zweier nominaler Konstituten nicht vorhanden sind.19 Während also im Russischen die Abfolge zweier nominaler NPs sowohl auf eine SO- als auch eine OS-Struktur verweisen kann, ist die OS-Lesart im Deutschen auf spezifische Satztypen beschränkt und im Niederländischen nicht vorhanden.

Trotz der einzelsprachspezifischen Wortstellungsvarianten teilen sich die drei Sprachen eine zentrale Gemeinsamkeit. In allen Sprachen ist die kanonische Konstituentenfolge S>O (Bsp. 17) die neutrale Struktur für aktivische Hauptsätze (vgl. Bailyn 1995, Divjak/Janda 2008, Hawkins 1983 und Tomlin 1986 für das Russische, Musan 2010 für das Deutsche und Bouma 2008 für das Niederländische).20 In allen drei Sprachen wird also das Agens in der Regel satzinitial realisiert und ist morphologisch nicht markiert. Die Abfolge der Konstituenten interagiert mit dem Merkmal der morphologischen Markierung in Hinblick auf die Kennzeichnung semantischer Relationen.

Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Sprachen ist die Belebtheitsopposition, die als semantische und damit nicht-grammatische Information gewertet werden muss (s. Bsp. 23 und 24).


Während in Beispiel 23 Konstituentenabfolge und Belebtheitskontrast in einem prototypischen Verhältnis stehen, führt die Belebtheitsopposition in Satz 24 dazu, dass die NPs die Nacht/noč´/nacht als Patiens und die Mutter/mat´/moeder als Agens interpretierbar sind, obwohl die Konstituentenabfolge für eine S>O-Lesart sprechen würde. Die Belebtheitsopposition kann also potentiell die kanonische Konstituentenabfolge als Hinweis auf satzinterne Rollenrelationen aushebeln, die hier aufgrund der fehlenden eindeutigen morphologischen Mar­kierungen als einzige Interpretationsgrundlage aktiviert werden müsste. Die Belebtheit hat folglich das Potential, als zur Konstituentenabfolge konkurrierende Information aufzutreten. Welche Option (Belebtheitsopposition oder Konstituentenabfolge) als Interpretationsgrundlage gewählt wird, hängt vermutlich mit ihrer einzelsprachspezifischen Validität zusammen, sodass es wahrscheinlich ist, dass sich niederländische Sprecher eher auf die Konstituentenabfolge stützen als russische.

Die Konstituentenabfolge hat für die Kodierung semantischer Relationen je nach Sprache einen unterschiedlich hohen Stellenwert. Im Niederländischen ist sie der hierarchiehöchste, im Russischen der hierarchieniedrigste Indikator. Das Deutsche lässt zwar Wortstellungsvarianz zu, die Relevanz der Konstituenten­abfolge für die Interpretation semantischer Relationen steigt jedoch im Gegensatz zum Russischen durch die hohe Anzahl der Synkretismen im Akkusativ. Stellt man einzelsprachliche Wortstellungsvarianzen und Kasussysteme in Relation zueinander, lässt sich folgende Tendenz beschreiben: Je ausdifferenzierter das Kasussystem und je höher damit die Validität morphologischer Kasusformen, desto variabler ist entsprechend die Wortstellung (vgl. dazu auch McFadden 2003; s. Abbildung 1).21


Abbildung 1: Interdependenz von Kasusmarkern und Wortstellungsvarianz (kontrastiv)

Abbildung 1 verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen morphologischen Kasusmarkern und Wortstellungsvariationen in den drei untersuchten Sprachen. Das Niederländische ist am linken Pol angesiedelt, da es im nominalen Bereich nur über rudimentäre morphologische Kasusflexive verfügt und gleichzeitig keine Wortstellungsvarianz zulässt. Das Russische ist dem gegenüberliegenden Pol zugeordnet, da die ausdifferenzierte Kasusmorphologie (in Kombination mit einer fehlenden festen Verbstellung) eine große Anzahl variierender Wortstellungstypen zulässt. Das Deutsche bewegt sich zwischen den beiden Polen, wodurch seine typologische Besonderheit deutlich wird (vgl. auch Gladrow 1998: 204). Es ist eine Art Mischtyp.

Die sprachspezifischen Unterschiede haben Folgen für Verarbeitungsstrategien und -mechanismen. Kempe/MacWhinney (1999) sowie MacWhinney/Bates/Kliegl (1984) belegen für Sprecher des Deutschen, dass die Verfügbarkeit und die Transparenz von Kasusmarkern die Interpretation semantischer Relationen determiniert. Erwartungsgemäß sind in Sätzen wie Den Mann sieht die Frau zwar die Reaktionszeiten höher als bei kanonischen Sätzen, jedoch wird Frau stets als Agens eingestuft. Fehlt hingegen eine eindeutige morphologische Markierung (zum Beispiel in Max gefällt Inge), so wird die Relation zwischen den beiden Aktanten auf der Basis der Wortstellung bestimmt und Max als Agens ausgewählt (vgl. auch Draye 2002). Im Gegensatz zu russischen Sprechern ist jedoch die Verarbeitung von OS-Sätzen für deutsche Sprecher offenbar aufwändiger (vgl. Kempe/MacWhinney 1999). Kilborn/Cooreman (1987) können wiederum für das Niederländische und das Englische zeigen, dass die Wortstellung besonders ausschlaggebend für die Agenswahl ist. Sie stützen damit die Ergebnisse von Bates et al. (1982) für das Englische, was aufgrund seiner zahlreichen Parallelen gut auf das Niederländische übertragbar ist. Um die Relevanz der Konstituentenfolge im Niederländischen zu verdeutlich, soll die Studie von Kilborn/Cooreman (1987) an dieser Stelle kurz diskutiert werden. Kilborn/Cooreman stellen anhand von mono- und bilingualen niederländischen und englischen Sprechern gruppenspezifisch variierende Satzinterpretationsstrategien hinsichtlich der Nutzung von Merkmalen wie Belebtheitsopposition, Konstituentenabfolge und Subjekt-Verb-Kongruenz zur Determination semantischer Relationen heraus. Es wurde unter anderem geprüft, welche Konstituente die Probanden in Sätzen des Typs NVN (De giraffen bijten de vork [Die Giraffen beißen die Gabel]), NNV (De cigaret de kat kust [Die Zigarette die Katze küsst]) und VNN (Bekijt de muis de zeug [Sieht die Maus den Schnee]) als Agens wählen. Während die niederlän­dischen Probanden in allen Satztypen die jeweils erste der beiden NPs zu ca. 60 % als Agens auswählen, entscheiden sich die englischen Probanden vor allem in der VNN-Bedingung häufiger für die zweite NP als Agens. Die Folgerung der Autoren, dass die Wortstellung für die englischen Sprecher ein dominanterer Indikator für semantische Rollen sei, ist dabei nicht ganz nachvollziehbar. Bezogen auf die Abfolge der Konstituenten ist nämlich das Gegenteil der Fall. Kilborn/Cooreman stellen die These auf, dass sich das Niederländische trotz vieler Gemeinsamkeiten durch eine ausdifferenziertere Verbmorphologie vom Englischen abgrenzt. So seien im Niederländischen zum Beispiel auch VSO-Strukturen bei Fragesätzen möglich, wobei nicht darauf verwiesen wird, dass dies auch im Englischen für Fragesätze des Typs Does he love her? gilt. Dem Niederländischen wird also eine größere Wortstellungsvarianz zugesprochen als dem Englischen.22 Jenseits dieser Verbstellungsvarianzen dominiert im Niederländischen jedoch die Abfolge S>O. So verweisen die Autoren darauf, dass es im Englischen auch VOS- und OSV-Strukturen gibt, die im Niederländischen als VSO- sowie SOV-Sätze realisiert werden. Somit hätte Englisch ein höheres Varianzspektrum, weil hier sowohl SO- als auch OS-Strukturen möglich sind, das Niederländische hingegen fast ausschließlich von SO-Stellungen Gebrauch macht. Die Validität der Konstituentenfolge N>N als Indikator für S>O ist im Niederländischen deshalb besonders hoch. In den Ergebnissen spiegelt sich genau das wider: Unabhängig von der Testbedingung (NVN, NNV und VNN) wählen niederländische Probanden N1 sogar häufiger als Agens als englischsprachige Sprecher.

Zusammenfassend lässt sich folgern, dass aus funktionaler Perspektive sowohl die Konstituentenfolge N>N als auch Kasusmarker der Abbildung kausaler Relationen zwischen Agens und Nicht-Agens dienen können. Im Niederländischen wird die semantische Rollenrelation fast ausschließlich anhand der Konstituentenabfolge, im Russischen anhand der Kasusmorphologie und im Deutschen anhand von beiden Verfahren kenntlich gemacht. Typologisch gesehen ist Deutsch im Vergleich zum Niederländischen und Russischen als eine Art Mischtyp zu betrachten. Gemeinsam ist den drei Sprachen die kanonische Abfolge S>O. Unterschiede ergeben sich hinsichtlich der Validität von Konstituentenabfolge und Kasusmarkern als Indikatoren für semantische Rollenrelationen. Im Folgenden wird basierend auf diesen Feststellungen einerseits diskutiert, wodurch die Gemeinsamkeiten zustande kommen und andererseits ausgeführt, wie die Unterschiede divergierende Satzverarbeitungsstrategien bewirken (s. Kapitel 3).

2.3 Form-Funktions-Relationen in transitiven Sätzen – die kognitive Sicht

Der Vergleich von Form-Funktions-Relationen hat gezeigt, dass es typologisch bedingte Unterschiede, aber auch zentrale Gemeinsamkeiten zwischen dem Deutschen, Niederländischen und Russischen gibt. Diese zunächst deskriptive Betrachtung typologisch variierender Form-Funktions-Paare soll im nächsten Schritt vertieft werden, indem im Kontext der Kognitiven Grammatik diskutiert wird, warum es spezifische Realisierungsmöglichkeiten gibt und warum sich einzelne mappings über die typologischen Grenzen hinweg ähneln. Zu den Ähnlichkeiten gehören neben der Basisabfolge S>O auch Kasussynkretismen an spezifischen Stellen im Deutschen und Russischen.

Während die deskriptiv-funktionale Perspektive überhaupt formale Realisierungsmechanismen mit konkreten Funktionen verknüpft, geht die kognitive Perspektive einen Schritt weiter und sucht nach Erklärungen für sprachübergreifende Tendenzen. Entsprechend der Grundannahme der Kognitiven Grammatik wird davon ausgegangen, dass semantische Konzepte formalsprachlich abgebildet werden. Das Zusammenspiel zwischen der semantischen Konzeptebene und der formalsprachlichen Realisierung ist wiederum mental repräsentiert. Givón zufolge sind die kognitive Wissensrepräsentation zusammen mit der Kommunikation (also der sprachlichen Realisierung) dieser Wissensrepräsentation die „two mega-functions“ von Sprache (1998: 41). Das Ziel des kognitiv-funktionalen Ansatzes ist es, die semiologische Funktion von Sprache mit Konzeptualisierungsmechanismen zu verknüpfen: „Insofar as possible, linguistic structure is analyzed in terms of more basic systems and abilities (e.g., perception, attention, categorization) from which it cannot be distinguished“ (Langacker 1998: 1). Sprachliche Musterbildung ist, so die Folgerung, stets Resultat kognitiver Prozesse.

Eine Grundidee der Kognitiven Linguistik ist die Annahme, dass kognitiv verankerte semantische und formale Prototypen existieren. Dabei wird angenommen, dass Sprecher Lexeme oder grammatische Strukturen nicht einzeln speichern, sondern diese in Hinblick auf spezifische Merkmale analysieren, bündeln und um einen Prototyp herum anordnen. Die Auseinandersetzung mit der kognitiven Repräsentation von Prototypen geht auf umfangreiche empirische Studien von Rosch (1973, 1977, vgl. auch Kleiber 1993 sowie besonders Taylor 1995 und Lakoff 1999) zurück. Rosch konnte mittels einer Reihe von Experimenten zeigen, dass Sprecher bestimmte Objekte (zum Beispiel Vögel, Möbel) in Hinblick auf ihre Eignung als Vertreter einer Kategorie hierarchisieren. Die Probanden ihrer Studien waren sich in der Bewertung der Objekte sehr einig. So wurde von der überwiegenden Mehrheit ein Rotkehlchen als der beste Vertreter der Kategorie Vogel ausgewählt, der Strauß und der Pinguin hingegen als weniger gute Repräsentanten eingestuft. Rosch folgert daraus, dass Sprecher erfahrungsbasiert abstrakte Kategorien ausbilden, die durch einen prototypischen Vertreter dieser Kategorie repräsentiert sind. Dieser zeichnet sich durch eine Reihe spezifischer Eigenschaften aus, die unterschiedlich stark gewichtet werden können (vgl. Lakoff 1999, Geeraerts 1989). Ein Prototyp wird dabei als der beste Vertreter einer Kategorie (vgl. zum Beispiel Lewandowska-Tomaszczyk 2007) definiert. Betrachtet man diese generellen Überlegungen aus einer funktionalen Perspektive, fndet sich erneut das mapping-Prinzip wieder. Ein spezifisches Konzept wird mit einer konkreten Form verknüpft. Im Fall von Roschs Experimenten verfügen Sprecher über eine bestimmte Vorstellung eines Vogels. Diese Vorstellung ist am besten durch ein Rotkehlchen repräsentiert.

Die Existenz abstrakter und kognitiv repräsentierter Prototypen führt Rosch zufolge zu Prototypeneffekten. So werden zum Beispiel prototypische Kategorienmitglieder bei Kategorisierungsaufgaben schneller verarbeitet und früher erworben als periphere Mitglieder (vgl. zu letzerem Aspekt Ibbotson/Tomasello 2009). Besonders in Hinblick auf Verarbeitungsprinzipien werden Prototypikalität und Informationsverarbeitung (processing) sowie Lernprozesse als interdependente Prozesse betrachtet (vgl. Rosch 1978). Informationsverarbeitung wird dabei aus kognitiver Sicht als der Abgleich eingehender Informationen jeglicher Art (visuell, auditiv etc.) mit existenten abstrakten Mustern verstanden. Langacker (1987) bezeichnet diesen Prozess als Überprüfung von category membership. Roschs Entdeckungen erfassen deshalb eine der zentralen kognitiven Fertigkeiten überhaupt: kognitive Kategorisierungsprozesse. Auf der Basis dieser Erkenntnis folgert Lakoff (1987: 5): „There is nothing more basic than categorization to our thought, perception, action, and speech“. Wissenserwerb fußt diesem Ansatz zufolge auf der Ausbildung von Kategorien, die wiederum dem Prinzip der Prototypenausbildung folgen. Dass der Mensch überhaupt fähig zur Kategorienbildung ist, baut Langacker (2000a) zufolge auf der Basisfertigkeit des Vergleichens auf.

Im Rahmen des kognitiv-funktionalen Ansatzes wird die Emergenz und Nutzung von Prototypen als grundlegende kognitive Fähigkeit verstanden, die wiederum eine zentrale Rolle in der Sprachentwicklung und -verarbeitung spielt. Sprecher entwickeln nicht nur Wissen zu prototypischen Vögeln oder Wortbedeutungen, sondern auch zu prototypischen Strukturen als Repräsentanten semantischer Konzepte.1 Dies wird zum Beispiel anhand der deutschen Pluralbildung deutlich. Köpcke (1993, 1994) nimmt an, dass das Deutsche über prototypische, also besonders häufige sowie valide Pluralschemata verfügt. Zweisilbige, auf -(e)n auslautende Lexeme (zum Beispiel Katze-n) entsprechen solch einem idealen Pluralrepräsentanten. Weist ein Lexem diese Eigenschaften im Singular auf, führt dies dazu, dass keine Formveränderung mehr im Plural stattfindet. Das Becken wird im Plural zu die Becken-ø, auf eine zusätzliche morphologische Pluralform wird verzichtet. Köpcke zeigt weiterhin, dass sich die zahlreichen Pluralformen im Deutschen auf einer Prototypenskala anordnen lassen. Je mehr eine Wortform einer prototypischen Singularform ähnelt (dazu zählen vor allem Monosyllabia wie Buch, Wand, Mann), desto wahrscheinlicher ist es, dass sie im Plural ihr ‚Aussehen‘ verändert und zu einer pluralischen Wortform gemacht wird. Die Pluralformen selbst sind ferner hierarchisierbar, sodass im Deutschen zwischen guten und weniger guten, also peripheren Pluralmarkern differenziert werden kann. Zu letzteren gehört zum Beispiel ein einfaches Schwa als Pluralendung (der Wind – die Winde). Der -e-Plural ist deshalb kein zuverlässiger Indikator für einen Plural, weil das Deutsche über zahlreiche Singularformen verfügt, die auf einem Schwa auslauten (zum Beispiel Matte, Kette, Junge). Zwei Funktionen (Einzahl vs. Mehrzahl) konkurrieren somit um eine Wortform (= ‚2-Silber auf -e‘). Müsste ein Sprecher einem unbekannten Lexem des Typs ‚2-Silber auf Schwa‘ eine Numerusform zuweisen, würde er sich vermutlich für den Singular entscheiden. Müsste hingegen die Kategorienzugehörigkeit bei einer Wortform des Typs ‚2-Silber auf -en‘ vorgenommen werden, würde die Wahl höchstwahrscheinlich auf den Plural fallen.

Die Prinzipien der Prototypentheorie lassen sich ausgehend vom Pluralbeispiel auch auf das Konzept der semantischen Rollen übertragen. Die Kognitive Grammatik geht davon aus, dass sprachliche Muster außersprachliche Konzepte abbilden (vgl. zum Beispiel Croft 1991). Beim Numerus ist das außersprachliche Konzept die Ein- und Vielzahl von Einheiten und ihre damit verbundene Zählbarkeit, die im Deutschen mit einer spezifischen Wortstruktur abgebildet wird. Die Ausdrucksebene semantischer Relationen ist hingegen der Satz (vgl. in Hinblick auf Prototypikalitätseffekte Næss 2007, Ibbotson et al. 2012). Innerhalb des Satzmusters finden sich wiederum prototypische Aktanten mit prototypischen semantischen und formalen Eigenschaften.

Konzeptuell werden satzinterne Aktanten als semantische Einheiten verstanden, die Dowty (1991) auf zwei zentrale, in Opposition zueinander stehende Kategorien eingrenzt: das Proto-Agens und das Proto-Patiens. Wann welcher Aktant welche Rolle zugewiesen bekommt, hängt zunächst von der Verbbedeutung ab. Die von den Verben geöffneten Leerstellen erfordern die Realisierung konkreter Argumente, die mit prototypischen Rolleneigenschaften korrelieren. Dieser Prozess wird von Dowty als protorole argument selection hypothesis bezeichnet. Die Protorolle zeichnet sich dabei durch konkrete Eigenschaftenbündel aus, die Cluster bilden und dadurch als Generalisierungen von semantisch verwandten Rollentypen zu verstehen sind. Dowty ordnet dem Proto-Agens und dem Proto-Patiens jeweils fünf unterschiedliche abstrakte Eigenschaften zu. Das Proto-Agens zeichnet sich durch „volitional involvement“, „sentience“, „causing an event or change of state in another participant“, „movement“ (in Opposition zu einem anderen Partizipanten) und „independence“ (ebd.: 572) aus. Zum Proto-Patiens gehören die Eigenschaften „undergoes change of state“, „incremental theme“, „affectedness by another participant“, „stationary“ (wiederum in Opposition zu einem sich bewegenden Partizipanten) und „non-existant independence“ (ebd.).2 Dowtys Listung prototypischer Eigenschaften ist stark an die Überlegungen von Hopper/Thompson (1980) angelehnt, die zu einer ähnlichen Merkmalsliste im Kontext von prototypischen transitiven Handlungen kommen. Entscheidend bei der Verknüpfung von Argumentrealisierung und semantischer Proto-Rolle ist, wie viele und welche dieser Eigenschaften eine NP im Gegensatz zu einer anderen NP enthält. Überwiegt die Anzahl der Proto-Agens-Eigenschaften, wird die entsprechende Konstituente als Subjekt des Satzes realisiert; eine höhere Anzahl von Proto-Patiens-Eigenschaften führt zu ihrer Realisierung als Objekt. Proto-Agens und Proto-Patiens bilden dadurch zwei Pole, die idealer- und damit prototypischerweise semantisch maximal unterschiedlich sind. Comrie zufolge müssen die oppositionellen Rollen als ein Kontinuum verstanden werden, auf dem die jeweiligen Eigenschaften einzelne Punkte entlang des Kontinuums darstellen (1981: 61).

Das Konzept der Protorollen findet sich auch bei Langacker (1991), der diese als role archetypes bezeichnet. Neben Eigenschaften wie „physical activity“ und „physical contact“ ordnet Langacker einem archetypal agent vor allem das Charakteristikum [+BELEBT] zu (1991: 285). Analog zu der Annahme, dass das Patiens den oppositionellen Pol besetzt, wird diesem die Eigenschaft [-BELEBT] zugewiesen. Agens und Patiens stehen also in einem asymmetrischen semantischen Verhältnis, wobei dieses im Sinne der Prototypentheorie als ein graduelles zu verstehen ist. Während Dowty (1991) seine Ausführungen auf das Proto-Agens und das Proto-Patiens beschränkt, listet Langacker (1991) weitere Rollen wie den experiencer, der als „person engaged in a mental activity“ (1991: 285) definiert wird, die jedoch weniger ausführlich behandelt werden. Grundsätzlich gehen Dowty und Langacker gleichermaßen von einer Dichotomie zwischen einem Agens und einem Nicht-Agens aus. Rollenzuweisung ist damit auch automatisch ein Resultat von Relationen, was heißt, dass Rollenzuweisung stets kontextualisiert (sprich im Kontext einer transitiven Handlung) erfolgen muss. Langacker nimmt an, dass Rollendichotomien im Rahmen eines canonical event entstehen, das wiederum „the normal observation of a prototypical action“ (Langacker 1991: 285) repräsentiert. Innerhalb dieser kanonischen Handlung besteht eine kausale Relation zwischen einem Agens und einem Nicht-Agens. Die Relation zwischen den Handlungsaktanten bildet sich schließlich an der sprachlichen Oberfläche durch die Konstituentenabfolge S>O ab. Das prototypische canonical event geht so in ein prototypisch transitives syntaktisches Muster über (vgl. auch Langacker 2000b). Ein N>N-Satz wird aus Sicht der Prototypentheorie zum validesten Repräsentanten einer kanonischen Handlung, in der ein Agens auf eine bestimmte Art und Weise auf das Patiens einwirkt. Die Linearität dieser kausalen Ereignisse bezeichnet Croft als causal order hypothesis (1991: 186). Transitive außersprachliche Handlungskonzepte und transitive Satzstrukturen stehen somit in einem komplexen Interdependenzverhältnis, das Croft als „correlation between causal ordering and the grammatical relations hierarchy“ (1991: 186) zusammenfasst. Das Satzmuster als solches ist (genau wie das beschriebene abstrakte Pluralschema) semantisch motiviert, sodass anhand des Satzmusters ein Handlungsschema abgeleitet werden kann.

Die Konstituentenabfolge N>N ist somit als bedeutungstragendes (und dadurch funktional motiviertes) Satzschema zu greifen. Dass syntaktische Strukturen und Muster für sich Bedeutungsträger darstellen, ist wiederum eine Kernannahme der Konstuktionsgrammatik. Aus konstruktionsgrammatischer Perspektive hat die Abfolge N>N genau wie andere Konstruktionen die Eigenschaft, als holistische Einheit gespeichert werden zu können (vgl. Lakoff 1987) und dem Dekompositionalitätsprinzip zu unterliegen (vgl. Goldberg 1995). Es wird also nicht in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, sondern als Ganzes analysiert, sodass die Gesamtbedeutung einer syntaktischen Einheit nicht auf der Grundlage der Bedeutung einzelner Bestandteile generiert werden kann. Ziem/Lasch (2013: 83) folgern deshalb, dass die „sprachliche Einheit nicht atomarer Natur ist. Eine Konstruktion ist folglich immer komplexe Einheit von Vielheit“. Für das transitive Satzschema N>N ist es in einem Satz wie Der Mann sieht das Fahrrad also weitgehend irrelevant, dass er Lexeme wie Mann, Fahrrad oder sieht enthält. Was zählt, ist die Verfügbarkeit von zwei Konstituenten und einem finiten Verb, die wiederum zu einem Ganzen zusammengefasst und mit einer kausal-transitiven Handlung verknüpft werden.

Köpcke/Panther (2008) gehen in Hinblick auf dieses syntaktische Schema davon aus, dass ein transitiver Satz des Typs SVX3 (Subjekt > Verb > weitere Konstituente) nicht nur die prototypische Repräsentation einer transitiven Handlung, sondern gar der Prototyp eines Satzes sei. Sie begründen diese These unter anderem damit, dass sich in dieser Hinsicht entsprechende Prototypeneffekte bei Sprechern identifizieren lassen („When adults are requested to produce sentence tokens spontaneously, they usually come up with simple affirmative declarative sentences”, ebd.: 89) und der Beobachtung, dass sich andere Satztypen (Interrogativ- sowie Imperativsätze) in einen Deklarativsatz umwandeln ließen. Der SVX-Satz ist damit nicht nur der Prototyp für die Kodierung einer transitiven Handlung, sondern per se der Prototyp eines Satzes.

Protototypikalität ist in der Kognitiven Grammatik sehr eng mit Überlegungen zur abstrakten Repräsentation von Mustern verknüpft. Zentral ist hierbei der Begriff des Schemas. Bußmann (32002: 583) definiert Schema als „Form der Repräsentation von generalisiertem, soziokulturell bestimmten Wissen, das als Orientierung bei der Interpretation und zur Organisation von Erfahrungen dient“.4 Schemata stellen abstrakte Formen der mentalen Wissensrepräsentation dar, die einerseits existentes (kategorielles) Wissen bündeln und andererseits als kognitive Schablone dienen, um neues Wissen auf- und ausbauen (vgl. auch Anderson/Pearson 1984 sowie Rumelhart 1980). Ein Schema kann deshalb als Resultat eines Kategorisierungsprozesses und dadurch als abstrakte Einheit verstanden werden. Schemata sind Langacker (2000a: 3f.) zufolge Resultat von Abstraktionsprozessen (= schematization) und haben kognitiv den „status of a unit“ (ebd.: 3) inne. Sind solche abstrakten schematischen Einheiten verfügbar, können Informationen mithilfe dieser kognitiven Schemata automatisiert verarbeitet werden. Langacker (ebd.) bezeichnet diesen Automatisierungseffekt als entrenchment. Einzelne Merkmale müssen dann nicht mehr separat analysiert werden, sondern sind automatisch mitverfügbar, sobald ein Schema abgerufen wird. Mit Blick auf die Annahme, dass Kategorien hierarchisch strukturiert und um einen Prototypen herum konstruiert sind, sind Prototypen damit automatisch auch Schemata (vgl. Langacker 2000a: 69, Tuggy 2007: 89f.). So ist die auf -en auslautende zweisilbige Wortform sowohl die prototypische sprachliche Entsprechung der semantischen Einheit von Vielheit als auch ein Pluralschema. Wichtig ist, dass Schemata sowohl eine semantisch-konzeptuelle als auch eine sprachstrukturelle Ebene abdecken. In beiden Bereichen sind Schemata Resultat von Kategorisierungs- und Abstraktionsprozessen, sodass ein prototypisches Handlungsmuster AGENS → NICHT-AGENS als auch ein prototypisches transitives Satzmuster N>N (= S>O) existiert.

Strukturelle sprachliche Schemata (wie das Pluralschema im Deutschen oder das Satzschema N>N) haben stets eine semantische Funktion und kodieren teils abstrakte semantische Konzepte. Die Ausbildung dieser semantischen Konzepte im Zuge der kognitiven Entwicklung von Kindern wird als sprachliche Vorläuferfertigkeit verstanden und mit dem bereits erwähnten Terminus der functional readiness erfasst (Bates/MacWhinney 1987b, MacWhinney 1987b, 1988). Langacker (1998: 3) zufolge ist der Prozess der semantischen Konzeptualisierung als „embracing any kind of mental experience“ zu verstehen. Kinder sind grundsätzlich in der Lage, ihre Umgebung auf unterschiedliche Art und Weise wahrzunehmen, indem sie mit den ihnen gegeben Sinnen mit der Umwelt interagieren. Um die Informations- und schließlich auch die Sprachverarbeitung maximal ökonomisch zu gestalten, werden Eindrücke und Erfahrungen zu abstrakten Kategorien beziehungsweise image schemas (Oakley 2007) zusammengefasst. Sprecher analysieren und abstrahieren dabei rekurrierende usage events, die als „an actual instance of language use“ (Langacker 2000a: 9) definiert werden können. Eine kanonische Handlung ist ein Beispiel für solch ein usage event. Functional readiness heißt deshalb, dass die Ausbildung des non-sprachlichen usage events dem Auffinden passender sprachlicher Realisierungsformen (sprich dem Satzschema N>N) vorangeht.

Die Konzeptformation verläuft Mandler (1992: 589) zufolge im Kindesalter mittels der sogenannten „perceptual analysis“. Sie definiert diesen Begriff als

a process in which a given perceptual array is attentively analyzed, and a new kind of information is abstracted. The information is new in the sense that a piece of perceptual information is recoded into a nonperceptual form that represents a meaning (ebd. 1992: 589).

Dass der Mensch überhaupt zur Perzeption fähig ist, führt Mandler (2012: 422) auf die Verfügbarkeit einer Fähigkeit zurück, die sie als „perceptual meaning analysis“ (PMA) definiert. Mit PMA ist ein domänenübergreifender „single mechanism that uses a small set of path, motion, and spatial relation primitives to interpret spatiotemporal information“ gemeint, mit dem image schemas auf der Basis der räumlichen Perzeption aufgebaut werden (ebd.). Dieser Prozess basiert zunächst auf sensomotorischen Erfahrungen, die die Wahrnehmung und Kategorisierung der das Kind umgebenden Umwelt determinieren. Am Ende dieses Prozesses verortet Mandler (1992) die concept formation.

Mandler differenziert drei Konzepte, die zentral für die kognitive Entwicklung des Kindes sind: das Belebtheits-, das Agentivitäts- und das Transitivitätskonzept. Kinder lernen zunächst, dass belebte Wesen in der Lage sind, sich eigenständig zu bewegen, wobei ihre Bewegungsrichtung non-linear verlaufen kann. Zudem sind belebte Wesen zur Interaktion mit anderen Objekten fähig, was Mandler als ‚Kontingenz ohne direkten physischen Kontakt‘ bezeichnet. Unbelebte Objekte tragen hingegen das Charakteristikum „caused motion“ (Mandler 2012: 434); eigenständige Bewegung ist ihnen nicht möglich, stattdessen müssen sie bewegt werden. Der Bewegungsverlauf ist dabei im Gegensatz zu belebten Wesen linear.5 Sobald diese einzelnen Konzepte ausgebildet sind, können sie in eine kausale Beziehung gesetzt werden. Dies ist der Grundstein zur Ausbildung eines Konzepts von Transitivität.

Sobald Kinder verstanden haben, dass ihre Umwelt grob in belebte und unbelebte Objekte eingeteilt werden kann, setzen sie diese oppositionellen Konzepte zueinander in Beziehung, wodurch das Konzept der dichotomen Relation zwischen Agentivität und Nicht-Agentivität ausgebildet wird. Ausgehend von diesem auf Kausalität beruhenden Agentivitätsprinzip kann das abstraktere Konzept von Transitivität gefestigt und letztlich mit einer entsprechenden sprachlichen Form verknüpft werden. Kinder bilden somit prototypische transitive Handlungsmuster aus und verknüpfen diese dann mit passenden sprachlichen Mustern, vorwiegend mit prototypischen kanonischen Satzschemata. Form-function mapping heißt in diesem Zusammenhang, dass semantische Prototypen mit passenden formal-sprachlichen Prototypen verknüpft werden. Langacker (2000b: 25) zufolge ist diese Verknüpfung zwischen dem Handlungs- und dem Satzschema als „natural correlation“ zu verstehen.

Die primäre Annahme für die sprachliche Entwicklung erster grammatischer Strukturen ist somit, dass eine semantische Rollendichotomie zwischen belebtem Agens und unbelebtem Nicht-Agens in Form einer dazu passenden grammatischen Struktur verpackt wird. Bereits Brown (1973) stellt für die frühen Spracherwerbsphasen fest, dass erste Kombinationen zweier nominaler Konstituenten (in Form von N+N) semantisch häufig ein Agens und ein Obejekt in Form einer kausalen linearen Handlung kodieren (zum Beispiel Kendall spider, vgl. Clark 2003: 169). Die Realisierung des Objekts vor einer agentivischen Rolle ist hingegen untypisch und kaum existent. Dieses Prinzip scheint sprachübergreifend zu gelten. Auch Tomasello (1992) weist nach, dass ein von ihm untersuchtes englischsprachiges Kind in der 3-Wort-Phase (mit ca. 19 Monaten) überwiegend Sätze mit einem belebten Agens und einem unbelebten Patiens verwendet, daneben wird vereinzelt auch ein belebtes Patiens gebraucht. Erst mit ca. 23 Monaten kommen Sätze mit unbelebtem Agens hinzu, wobei diese meist durch das neutrale Pronomen es beziehungsweise das Relativpronomen das repräsentiert sind. Sätze mit belebtem Agens und unbelebtem Patiens bleiben jedoch im gesamten untersuchten Zeitraum (19–23 Monate) in der deutlichen Mehrheit. Auch Hodeweg/de Hopp (2010) weisen anhand einer korpusanalytischen Auswertung für das Niederländische nach, dass Kinder bei transitiven Sätzen in 92 % der Fälle ein belebtes Agens gebrauchen. Sätze mit neutralisierter Belebtheitsopposition (also mit zwei belebten oder unbelebten Aktanten) kommen in nur gut 5 % der Fälle vor. Erste syntaktische Muster bilden somit prototypische transitive Handlungsmuster ab.

Der Konstruktionstyp N>N umfasst nicht nur die von Mandler angenommene Abbildung kausaler transitiver Handlungsmuster, sondern bildet auch die von ihr postulierte Belebtheitsopposition der beiden Aktanten ab. Dies wirkt sich in der Folge auch auf den Erwerb und den Gebrauch von Kasusmarkern zur Kennzeichnung semantischer Rollen aus. Slobin (1985) verweist darauf, dass Kinder zunächst belebte Subjekte und unbelebte Objekte mittels morphologischer Mittel markieren und erst danach beginnen, untypische Kombinationen morphologisch zu kennzeichnen. Mandlers Annahmen über die Existenz prototypischer transitiver Schemata, die zugleich spezifische Rolleneigenschaften enthalten, lassen sich damit im frühen Spracherwerb nachweisen. Die Abfolge zweier nominaler Konstituenten (N>N) dient im Erwerbsprozess der Abbildung einer belebten agentivischen (= N1) und einer unbelebten nicht-agentivischen Rolle (= N2). Basierend auf der Etablierung eines prototypischen kanonischen Satzschemas finden dann auch schrittweise morphologische Formen ihren Einzug ins grammatische System. Das semantische Konzept (= Transitivität) wird so schrittweise auf sprachliche Strukturen gemappt.

Wenn ein N>N-Schema für Kinder unterschiedlicher Sprachen die erste prototypische Kodierung des transitiven Handlungsschemas [+AGENS]>[-AGENS] darstellt, muss angenommen werden, dass die Verwendung von [-AGENS]>[+AGENS]-Strukturen erst später im Erwerb folgen sollte. Diese als O>S-Sätze charakterisierbaren Muster stellen zwar ebenfalls transitive Schemata dar, sind jedoch untypisch, weil sie den natürlichen Handlungsablauf von ‚AGENS → PATIENS‘ zu ‚PATIENS ← AGENS‘ umkehren. Die Abweichung von der prototypischen Konstituentenabfolge ist hierbei zwar funktional motiviert, da die Topikalisierung des Objekts zum Beispiel mit einer expliziten Hervorhebung einzelner Aktanten hervorgeht, muss jedoch als pragmatisch markierter Fall betrachtet werden. Hopper/Thompson (1980) sprechen in diesem Zusammenhang von einer ‚Diskursmotivation‘, die in eine Dichotomie zwischen Vorder- und Hintergrund mündet. Die Verfügbarkeit von vordergründigen und hintergründigen Informationen ist wiederum besonders im Gesprächsdiskurs relevant (hier ist auch der Anteil von OS-Struturen im Deutschen am höchsten, s. Schlesewsky et al. 2000). Die syntaktische Topikalisierung nicht-agentivischer Aktanten muss deshalb als ein Mittel der Hervorhebung betrachtet werden. Für Lerner einer Sprache (L1 oder L2) ist dieses Mittel damit erst relevant, wenn sie über die sprachlichen Ressourcen verfügen, um an längeren Gesprächen teilzunehmen. Das Mittel der Hervorhebung ist letztlich der Pragmatik zuzuordnen und sollte dazu führen, dass sich die umfassende Nutzung von O>S-Sätzen erst im fortgeschrittenen Erwerb entwickelt.

Die Bidirektionalität zwischen Handlungs- und Satzschema ist nicht nur beim mapping von Formen auf Funktionen (also in der Produktion), sondern auch bei der Abbildung von Funktionen auf Formen, genauer in der Rezeption und Verarbeitung relevant. Das transitive Schema N>N bildet einen „stabilizing frame“ (Tomasello 2007: 1104), der die prototypischen semantischen Relationen zwischen einem Agens und einem Nicht-Agens evoziert. Diese Idee ist – wenn auch nicht explizit – eng angelehnt an das Konzept des syntactic bootstrapping. Dabei wird angenommen, dass erstens das lexikalische Lernen dem syntaktischen untergeordnet ist und zweitens Wortbedeutungen (dabei allen voran Verb- aber auch Substantivbedeutungen) auf der Basis eines syntaktischen Frames generiert werden (vgl. Fischer et al. 2010, Gleitman 1990, Naigles/Swensen 2007). Beispielswiese kann ein Sprecher durch die Verfügbarkeit von zwei Nominal­phrasen eine kausale Relation zwischen den Phrasen und damit den beteiligten Aktanten annehmen: „[S]entence structures themselves are meaningful to children as well as adults, in a way not reducible to links between thematic roles and grammatical function“ (Fischer 2000: 11). Sprecher sind also in der Lage, über die Anzahl und die Abfolge der Konstituenten eine grobe Satzbedeutung zu generieren und den Aktanten spezifische Eigenschaften zuzuordnen. In diesem Zusammenhang können beispielsweise Kako/Wagner (2001) zeigen, dass Sprecher die Anzahl der Phrasen dazu nutzen, um die Bedeutung eines unbekannten Verbs zumindest einzugrenzen und somit die syntaktische Struktur an sich als structural cue zu gebrauchen. Bei zwei nominalen Konstituenten werden unbekannte Verben als transitiv interpretiert, bei nur einer als intransitiv. Der bootstrapping-Ansatz stellt damit das Satzschema an die Spitze eines Top-Down-Prozesses bei der Satzverarbeitung und beim Satzverstehen. Syntaktische Strukturen regulieren dabei die Generierung einer semantischen Skizze und erleichtern im Erwerb die Eingrenzung und Kategorisierung von Wortbedeutungen. Diese hierarchische Relation zwischen Syntax und lexikalischer Semantik weist darauf hin, dass syntaktische Strukturen als bedeutungstragende Einheiten beziehungsweise als Schemata fungieren, die dem Wissenserwerb dienen.

Insgesamt lässt sich bisher folgern, dass sich das semantische Konzept der Transitivität in der Produktion im frühen Erwerb des N>N-Musters abbildet, in dem zugleich auch eine prototypische Belebheitsopposition zwischen einem belebten Agens und einem unbelebten Nicht-Agens kodiert wird. In der Rezeption dient das N>N-Muster Sprechern dann dazu, die syntaktische Struktur als Repräsentanten eines transitiven Handlungsmusters zu verarbeiten.

Die Konstituentenabfolge im Satz erfüllt die Funktion, kausale Handlungszuammenhänge zwischen einem Agens und einem Nicht-Agens abzubilden. Auch Kasusmarker erfüllen die Aufgaben, dichotome semantische Rollen formal abzugrenzen. Eine formale Differenzierung zwischen Nominativ (NOM) und Akkusativ (AKK)6 dient dabei einer semantischen Differenzierung zwischen Agens und Patiens innerhalb von transitiven Konstruktionen (vgl. für das Deutsche für einen Überblick Dürscheid 1999). Comrie (1981: 119) verweist darauf, dass die meisten NOM-AKK-Sprachen dazu tendieren, nur den Akkusativ mittels eines Affixes zu markieren, der Nominativ ist morphologisch unmarkiert. Kombiniert mit den prototypischen dichotomen Eigenschaften der semantischen Rollen heißt dies, dass über eine oblique morphologische Veränderung einer NP auf Nicht-Agentivität geschlossen werden kann. Bleibt die NP hingegen morphologisch unmarkiert, so ist dies ein Indikator für Agentivität. Kombiniert mit den prototypischen Satzpositionen von Agens und Patiens heißt dies, dass in einer N>N-Struktur das morphologisch unmarkierte Agens als N1 und das morphologisch markierte Patiens als N2 realisiert wird. Comrie (1981) und Langacker (1991) verweisen zudem darauf, dass auf formaler Ebene die Definitheit eine wichtige Rolle spielt. Ein Agens ist prototypisch definit, ein Patiens hingegen indefinit.

Daraus lässt sich ableiten, dass Agens und Patiens neben distinktiven semantischen auch prototypische morphologische und syntaktische Merkmale aufweisen. Formale und semantische Eigenschaften stehen in einem komplexen Interdependenzverhältnis, da einerseits die semantischen Merkmale die formalsprachliche Ebene motivieren (indem zum Beispiel das entsprechende Satzmuster N>N entsteht) und andererseits über die einzelnen formalen Merkmale auf die dahinterliegenden semantischen Konzepte geschlossen werden kann. Abbildung 2 fasst die prototypischen semantischen und formalen Eigenschaften eines Proto-Agens und eines Proto-Patiens zusammen und macht darüber hinaus deutlich, dass Agens und Patiens ein Kontinuum bilden, an dessen oppositionellen Enden die prototypischen Eigenschaften zu finden sind. Die jeweiligen Eigenschaften müssen nicht gemeinsam auftreten, sodass Varianzen und Dynamizität im Rahmen des Kontinuums denkbar sind (indem zum Beispiel das Patiens belebt ist und damit potentiell auch Handlungsträger sein kann).


Abbildung 2: Semantische und formale Prototypikalität von Agens und Patiens

In Hinblick auf das Deutsche findet sich eine Reihe von korpusanalytischen Studien, die entweder einzelne Eigenschaften aus der Übersicht oder das Zusammenspiel einzelner Merkmale untersuchen. So zeigen beispielsweise Bader/Häussler (2010) sowie Müller/Weber (2004), dass in SO-Sätzen das Subjekt (und dadurch in der Regel das Agens) definit, das Objekt (und damit das Nicht-Agens) hingegen indefinit ist.7 Die Belebtheitsdichotomie (Agens [+BELEBT] vs. Patiens [-BELEBT]) scheint ebenfalls ein typisches Merkmal von SO- und OS-Sätzen zu sein. Bader/Häussler (2010) kommen zum Beispiel zu dem Fazit, dass diese Dichotomie zu 60 % für SO- und 80 % für OS-Sätze gilt, sofern diese ein akkusativmarkiertes Objekt enthalten.

Mit Blick auf die Zuverlässigkeit, die die in Abbildung 2 gelisteten formalen Merkmale jeweils innehaben, muss die morphologische Markierung als diejenige herausgestellt werden, die am deutlichsten machen kann, ob eine NP eine agentivische oder nicht-agentivische Rolle kodiert. In Hinblick auf die Kennzeichnung nicht-agentivischer Rollentypen muss hierbei zwischen den Funktionen des Akkusativs und Dativs differenziert werden. Anders als der Akkusativ wird der Dativ prototypisch für die Markierung indirekter Objekte gebraucht, die wiederum in der Regel mit der semantischen Rolle des Rezipiens8 korrespondieren. Wie das direkte Objekt, tritt auch das indirekte Objekt immer in einer transitiven sowie auch ditransitiven Konstruktion auf und ist damit Bestandteil einer kausalen Handlung, die von einem prototypischen Agens ausgeführt wird. Langacker (1991: 327) unterscheidet deshalb zwischen dem Subjekt als source domain auf der einen und der target domain in Form eines direkten oder indirekten Objekts auf der anderen Seite. Im Kontext der Prototypikalisierung semantischer Relationen differenziert Langacker weiterhin zwischen direkten und indirekten Objekten als Repräsentanten passiver und aktiver Handlungsbeteiligter: „[A]n active participant is one that functions as an original source of energy and thereby initiates [Herv. i.O.] an interaction“ und kann letztlich als ein active experiencer definiert werden (Langacker 1991: 327). Typischerweise gehen dativmarkierte Objekte als Kodierungsformen eines Rezipiens mit Transferverben wie helfen und geben einher, die eine teilweise Aktivität des nicht-agentivischen Gegenübers implizieren.9 Anders als das Patiens kann das Rezipiens folglich agentivische Eigenschaften mitbringen, wie zum Beispiel das Merkmal [+BELEBT], sowie eine teilweise Selbstständigkeit und Involviertheit im Rahmen einer Handlung. Eine semantische Abgrenzung zwischen den eigentlich dichotomen Rollen Agens und Rezipiens kann somit nicht mittels klarer Grenzen im Sinne eines eindeutigen Belebtheitskontrastes erfolgen, sondern muss vielmehr im Kontext einer von Primus (2006) vorgeschlagenen involvement- beziehungsweise dependency-Hierarchie erfasst werden. Je höher der Grad des involvement, desto wahrscheinlicher ist die Realisierung eines Arguments als Agens. Je höher der Grad der dependency, desto eher handelt es sich um ein Patiens. Ein Rezipiens steht zwischen diesen beiden Extrempolen: Es ist weniger involviert als das Agens, jedoch auch weniger abhängig als das Patiens. Dadurch nimmt es semantisch gesehen Eigenschaften beider Rollen an. Entsprechend wäre das Rezipiens in Abbildung 2 zwischen den beiden Polen einzuordnen.

Anders als die klaren semantischen Oppositionen zwischen Agens und Patiens werden die Grenzen zwischen Agens und Rezipiens also merklich unschärfer, da beide prototypisch die Eigenschaft [+BELEBT] mitbringen. Dass das indirekte Objekt dem Subjekt jedoch trotzdem hierarchisch untergeordnet ist, wird wiederum durch eine entsprechende Satzposition sowie eine oblique Kasusmarkierung deutlich. Wie auch das Patiens, wird das Rezipiens in einer transitiven Konstruktion nämlich nach dem Subjekt realisiert, wodurch die kausale Relation zwischen den beiden Aktanten abgebildet wird. Zusätzlich wird das Rezipiens oblique markiert. Die overte oblique Kasusmarkierung im Dativ ist offenbar genau deshalb nowendig, weil die semantischen Grenzen besonders im Bereich der Belebtheit verschwimmen (s. dazu Kapitel 2.4).

Zusammengenommen existieren aus Sicht der Prototypentheorie abstrakte transitive Handlungsschemata, die in Form eines Satzschemas kodiert werden, in dem die Konstituentenabfolge N>N die kausale Relation zwischen Agens und Nicht-Agens repräsentiert ([+AGENS]>[-AGENS]). Diese natürliche Korrelation ist auch der Grund dafür, warum die Abfolge N>N sowohl im Deutschen als auch im Niederländischen und Russischen prototypisch die Konstituentenabfolge S>O beziehungsweise AGENS > NICHT-AGENS kodiert. In allen drei Sprachen implizieren die beiden nominalen Konstituenten zugleich eine prototypische Dichotomie zwischen einem belebten und einem unbelebten Aktanten. Die Korrelation zwischen semantischer Rolle und Konstituentenabfolge wird in Sprachen, die über ein Kasussystem verfügen, um prototypische Kasusmarker beziehungsweise Kasuskategorien ergänzt. Das Agens ist dabei in aktivischen Bedingungen nominativ-, die nicht-agentivischen Rollen akkusativ- oder dativmarkiert. Die konkrete Kasuskategorie (AKK vs. DAT) ergibt sich auf der Basis des Grads der Involviertheit des nicht-agentivischen Aktanten. Auch dies ist eine sprachübergreifende Tendenz, da die dahinterliegende Funktion semantischer Natur ist und somit losgelöst von einzelsprachlichen formalen Prinzipien greift. Semantisches Konzept, Satzstruktur und Kasusmarker sind letztlich in allen hier untersuchten Sprachen interdependent; die Abbildung semantischer Rollendichotomien erfolgt mithilfe dichotomer syntaktischer Positionen und morphologischer Formen. Die im Kontext von transitiven Handlungsstrukturen enthaltene Involviertheitshierarchie der beteiligten Aktanten ist eng verknüpft mit ihrer Belebtheitseigenschaft, wodurch auch spezifische Kasuskategorien mit spezifischen Belebtheitsmerkmalen korrelieren. Der Umstand, dass Sprachen wie das Deutsche oder das Russische sich sowohl syntaktischer als auch morphologischer Mittel zur Kodierung semantischer Rollenrelationen (= many-to-one mapping) bedienen (s. Kapitel 2.2), führt schließlich zu einer formalen Konkurrenzsituation, die sich auf die bereits skizzierte Variabilität der S>O-Struktur und damit auch auf die Validität des Satzschemas bei der Satzverarbeitung auswirkt. Bevor die Zuverlässigkeit der beiden Strukturen in Hinblick auf ihr Potential, semantische Relationen zu kodieren, aus einer Erwerbs- und Verarbeitungsperspektive näher beleuchtet wird, soll zunächst der Zusammenhang zwischen Kasusformen, Synkretismen sowie Belebtheitsmerkmalen im Kasussystem betrachtet werden. Dies ist notwendig, wenn erfasst werden soll, welche Funktionen L1- und L2-Sprecher mit spezifischen Kasusformen des Deutschen verknüpfen.

2.4 Synkretismen im Kasusparadigma – Zur besonderen Rolle der Belebtheit

Der Vergleich zwischen dem Deutschen, dem Russischen und dem Niederlän­dischen (Kapitel 2.2) hat gezeigt, dass alle drei Sprachen in unterschiedlichem Umfang über Synkretismen verfügen. Während der Formenabbau im Niederländischen am weitesten vorangeschrittenen ist, sodass im Prinzip im Bereich der Kasusflexion absolute Synkretie vorherrscht, findet sich im Deutschen und Russischen je nach Genus eine unterschiedliche Anzahl synkretischer Formen. Gemeinsam ist den beiden Sprachen der Formenzusammenfall von Nominativ und Akkusativ im Neutrum.1 Während dies im Deutschen auch für das Femininum gilt, sind im Russischen nur ein Teil der Feminina betroffen. Eine Sonderstellung nimmt in beiden Sprachen das Maskulinum ein. Im Deutschen sind alle vier Kasusformen formal distinkt, im Russischen entspricht der Akkusativ bei unbelebten Maskulina dem Nominativ. Eine morphologische Differenzierung des Akkusativs findet sich entsprechend nur bei belebten Maskulina.

Prinzipiell sind Kasussynkretismen ein typisches Charakteristikum indoeuropäischer Sprachen (vgl. Baerman/Brown 2013). Dabei kann angenommen werden, dass ein Formenzusammenfall jeglicher Art aus funktionaler Sicht eine semantische Korrespondenz der von der jeweiligen Form abgebildeten Inhalte impliziert. So geht Jakobson (1984) davon aus, dass synkretische Kasusformen im Russischen suggerieren, dass die von den formidentischen Markern gekennzeichneten Rollen eine semantische Ähnlichkeit aufweisen (s. auch Givón 1995). Müller (2004: 197) fasst diese These in Form des Prinzips „identity of form implies identity of function“ zusammen. Dabei stellt sich die Frage, warum sprachübergreifend NOM- und AKK-Formen häufig formidentisch sind, obwohl ihre Aufgabe darin besteht, die zwei semantisch maximal distinkten Rollen Agens und Patiens zu markieren. Eine mögliche Erklärung findet sich beim Blick auf die Genusklassifikation und die von ihr abhängigen Deklinationsklassen und Kasusformen.

Corbett (1991) zufolge leiten sprachübergreifend zwei Prinzipien die Genuszuweisung: semantische Faktoren und/oder die phonotaktische Wortstruktur. Zu den semantischen Faktoren zählt allen voran die Belebtheit, insbesondere die Differenzierung zwischen [+BELEBT] und [-BELEBT].2 Dahl (2000) nimmt an, dass grammatische Relationen dieser semantischen Dichotomie ‚gehorchen‘, sodass die These aufgestellt werden kann, dass nicht nur die Genusklassifikation, sondern auch das vom Genus abhängige Kasusparadigma und darin enthaltene synkretische Formen mit dem Konzept der Belebtheitshierarchie erklärt werden können.

Der Formenzusammenfall zwischen NOM und AKK im Neutrum ist ein typisches Charakteristikum indoeuropäischer Sprachen (vgl. Baerman/Brown/Corbett 2005, Krifka 2009, Wunderlich 2004; vgl. für einen Überblick über Typen von Synkretismen zum Beispiel Luraghi 1987 und Blake 22001). Bezogen auf den Einfluss der Belebtheit, ist dies darauf zurückzuführen, dass Neutra in der Regel unbelebt sind, was im Russischen für fast 100 % und im Deutschen für ca. 90 % der Neutra gilt (vgl. für das Deutsche Krifka 2009). Deutlich wird dies auch im Niederländischen, wo es eine Genusdifferenzierung zwischen Maskulina/Feminina (de) und Neutra (het) gibt. Corbett (1991: 102) sieht in diesem Nebeneinander zweier Genusklassen einen mit dem Englischen vergleichbaren Wandel zu einem semantisch basierten Genussystem, das zwischen belebten und unbelebten Aktanten differenziert. Het als Marker für Neutra wäre also mit dem Merkmal [-BELEBT] und de mit [+BELEBT] verknüpft. Durch das Merkmal [-BELEBT] stellen Neutra also in allen drei Sprachen einen idealen Kandidaten (oder ein Patiens-default, vgl. Bank 2007:5) für die Patiensrolle dar. Da die prototypische semantische Belebtheitsdistinktion zwischen Agens und Patiens innerhalb eines transitiven Satzes durch den Gebrauch eines Neutrums bereits abgebildet wäre, wird eine zusätzliche oblique Markierung des Patiens überflüssig. Der Verzicht auf eine oblique Kasusmarkierung bei Neutra ist im Zuge dieser Argumentation deshalb Resultat einer prototypischen Belebtheitsopposition in transitiven Bedingungen.

Bestätigt wird diese These durch Krifkas (2009) Hinweis darauf, dass zahlreiche Sprachen unabhängig vom Genus dazu tendieren, vor allem unbelebte Objekte morphologisch nicht zu markieren (vgl. auch Comrie 1989). Diesem Prinzip folgt auch das Russische bei der Markierung belebter und unbelebter Maskulina und Feminina. Im Maskulinum wird ein unbelebtes Patiens (und damit der Akkusativ) nicht markiert (zum Beispiel brat vidit stol-ø [(Der) Bruder sieht (den) Tisch]), ein belebtes hingegen schon (zum Beispiel bratNOM vidit mužčin-uAKK [Der Bruder sieht den Mann]). Gleiches gilt für Feminina der Klasse II (s. Tabelle 3, Kapitel 2.2).

Im Deutschen wird nicht zwischen belebten und unbelebten Maskulina differenziert; stattdessen wird das Maskulinum unabhängig von diesem semantischen Merkmal stets mit dem Marker den versehen, wenn es als Patiens realisiert wird. Die obligatorische oblique Kasusmarkierung ist ein Hinweis darauf, dass Maskulina im Deutschen dazu tendieren, belebt zu sein. Umgekehrt findet sich im femininen Paradigma genau wie im Neutrum keine oblique Form im Akkusativ. Analog zum neutralen Paradigma ist dies wiederum ein Hinweis darauf, dass Feminina ebenfalls größtenteils unbelebt sein sollten.

Dass diese Korrelation zwischen Belebtheit und Genus tatsächlich zu existieren scheint, zeigt Krifka (2009). Anhand einer Korpusanalyse kann er belegen, dass von den ausgezählten Types (bei einem Vorkommen von >2 Tokens) 30 % der Maskulina belebt sind, bei den Neutra und Feminina belebte Types hingegen einen Anteil von nur 9 % beziehungsweise 6 % ausmachen. Belebte Lexeme sind im Deutschen damit mit einer hohen Wahrscheinlichkeit maskulin klassifiziert. Hinzu kommt, dass Maskulina im Deutschen insgesamt deutlich häufiger vorkommen (45 %) als Feminina (30 %) und Neutra (20 %).3 Zu ähnlichen Folgerungen – jedoch nicht auf einer korpuslinguistisch angelegten Basis – kommen auch Eisenberg/Sayatz (2004). Bezogen auf die Korrelation zwischen Belebt­heitsmerkmal und semantischer Rolle sind Neutra und Feminina somit gleichermaßen dafür geeignet, als Patiens aufzutreten. In beiden Fällen ist damit eine oblique Markierung im AKK nicht notwendig. Die Belebtheitsdichotomie verteilt sich im Deutschen (ähnlich wie im Niederländischen) deshalb auf einzelne Genera (MASK = tendenziell [+BELEBT] vs. NEUT/FEM = tendenziell [-BELEBT]) und wirkt sich dadurch auch auf die formalen Merkmale des Akkusativs aus. Da Maskulina wiederum auch als Patiens auftreten können, müssen sie aufgrund ihrer Eigenschaft, prototypisch belebt zu sein (was wiederum in Hinblick auf die Patiensrolle als markiert zu werten ist), morphologisch durch einen obliquen Kasusmarker gekennzeichnet werden. Bank (2007: 5) resümiert dazu: „Markierte Bedeutungen werden mit markierten Formen verknüpft, unmarkierte Formen denotieren unmarkierte Bedeutungen.“ Bank verknüpft so eine semantische Markiertheit mit einer formalen, das heißt obliquen Markierung. Ist dies der Fall (also beim Marker den im Singular), so verweist die Form darauf, dass es sich um ein untypisches, da vermutlich belebtes Patiens handelt (zum Beispiel den Mann). Ist dies nicht der Fall (also bei dasakk und dieakk), so liegt ein typisches, da unbelebtes Patiens vor (zum Beispiel dasakk Fahrrad oder dieakk Tür).

Neutra und Feminina sind somit ideale Kandidaten für eine Patiensrolle,4 Maskulina sind eher untypische Vertreter für diese Kategorie. Aufgrund ihrer Eigenschaft, tendenziell belebt zu sein, fungieren Maskulina deshalb eher als Kandidaten für die Agensrolle. Diese wird wiederum besonders häufig in Form eines nominativmarkierten Subjekts und dadurch mit der Form der kodiert (vgl. dazu Gamper 2016.). Der kann somit als prototypischer Agensmarker verstanden werden. Für diese Annahme sprechen zwei Studien: Im Erstspracherwerb verwenden monolingual deutsche Kinder die Form der besonders häufig als Agensmarker (vgl. Bittner 2006), im Zweitspracherwerb werden die maskulinen Formen der und er auch dann überdurchschnittlich häufig zur Wiederaufnahme belebter Aktanten verwendet, wenn die Bezugs-NP nicht maskulin klassifiziert ist (vgl. Binanzer 2015). Dies ist wiederum ein Hinweis darauf ist, dass die Form der mit Belebtheit und damit potentiell auch mit Agentivität in Verbindung gebracht wird. Umgekehrt werden unbelebte Aktanten besonders häufig mit den neutralen Formen das und es wieder aufgenommen. Binanzers Ergebnisse bilden also ab, dass die Formen der und das in Hinblick auf ihre Funktionen maximal dichotom sind. Ersterer wird die prototypische Eigenschaft [+BELEBT], letzterer das Merkmal [-BELEBT] zugewiesen.

Die prototypische Korrelation zwischen einzelnen Kasusformen des Deutschen und ihren jeweiligen semantischen Funktionen ist in Abbildung 3 zusammengefasst.


Abbildung 3: Semantische und formale Prototypikalität von Agens und Patiens im Deutschen

Die Belebtheitshierarchie wirkt sich nicht nur unmittelbar auf die Genusklassifikation, sondern vor allem auch auf die Verknüpfung von einzelnen Formen und rollenspezifischen Funktionen sowie in der Folge auch auf die den einzelnen Genera zugrundeliegenden Kasusparadigmen aus. Belebtheit ist dabei ein typisches Merkmal von Maskulina und zugleich der Grund dafür, dass Nominativ und Akkusativ im maskulinen Paradigma formal different sind. Unbelebtheit korrespondiert mit den Genera Femininum und Neutrum und führt zu einem morphologischen Formenzusammenfall zwischen NOM und AKK. Insgesamt lässt sich also folgern, dass die Belebtheitsdichotomie von BELEBT > UNBELEBT die grammatischen Relationen auf semantischer (AGENS > PATIENS), syntaktischer (SUBJEKT > OBJEKT) und morphologischer Ebene (MASKULINUM > NEUTRUM/FEMININUM sowie NOM-AKK-OPPOSITION > NOM-AKK-ZUSAMMENFALL) determiniert (s. Abbildung. 3).

In Hinblick auf die Prinzipien von Form-Funktions-Paaren kann aus den bisherigen Ausführungen abgeleitet werden, dass Formen wie das, die und den in N>N-Sätzen in der Regel nicht nur satzfinal (beziehungsweise als N2) realisiert werden, sondern zugleich mit der Patiens-Rolle verknüpft sind. Alle drei Formen sind somit Indikatoren für Nicht-Agentivität. Umgekehrt verweist eine NP mit einer der-Form auf ein Agens. Dadurch ergibt sich zugleich, dass einzelne Formen in Hinblick auf die Kennzeichnung semantischer Relationen Prototypikalitätscharakter haben.

Die ‚Forderung‘ der Prototypentheorie nach einer vom Nominativ morphologisch distinkten Kasusform zur Markierung eines Nicht-Agens wird im Deutschen schließlich in allen drei Genera nur im Dativ realisiert. Gleiches gilt auch für das Russische. Für beide Sprachen lässt sich erneut die Belebtheitshierarchie als Erklärung anführen. Wie in Kapitel 2.2 ausgeführt, markiert der Dativ in der Regel ein Rezipiens. Die semantische Rolle des Rezipiens geht per definitionem mit dem Merkmal [+BELEBT] einher (vgl. auch Hopper/Thompson 1980). Da folglich innerhalb einer transitiven Satzstruktur die Belebtheits­opposition zwischen Agens und Nicht-Agens durch den Gebrauch eines belebten Rezipiens nicht mehr als Hinweis für die Unterscheidung der beiden dichotomen semantischen Rollen verfügbar ist, muss die morphologische Kasusmarkierung hier zum Einsatz kommen, damit ein Unterschied zwischen den beiden Rollen sichtbar wird.5 Das semantische Merkmal der Belebtheitsdichotomie ist somit die erste Differenzierungsstufe zur Unterscheidung zweier oppositioneller semantischer Rollen. Nur wenn diese nicht verfügbar ist (zum Beispiel bei Der Mann[+belebt] hilft dem Bruder[+belebt]), greift die Kasusmarkierung als Distinktheitsmarker.6 Anders als Bank (2007) behauptet, könnte im Dativ im Gegensatz zum Akkusativ damit nicht die semantische Markiertheit der Grund für eine formale Abweichung vom Nominativ sein (eine solche semantische Markiertheit liegt zum Beispiel bei einem belebten Patiens vor). Der Dativ verweist bereits prototypisch auf ein belebtes Rezipiens und wird trotz dieses prototypischen Gebrauchs formal in allen Genera vom Nominativ abgegrenzt. Dies geschieht wiederum deshalb, weil Agens und Rezipiens auf der Grundlage des Belebtheitsmerkmals innerhalb des transitiven Satzes nicht unterscheidbar sind. Die semantische Gleichschaltung erfordert eine morphologische Kennzeichnung, damit eine Rollenunterscheidung möglich ist. An der Stelle, an der Agens und Nicht-Agens nicht mehr durch die Unterscheidung [+BELEBT] und [-BELEBT] differenzierbar sind, sondern auf der Belebtheitsskala beide das Merkmal [+BELEBT] zugewiesen bekommen, ist das Kasusparadigma in jedem Genus maximal differenziert und die Formen dadurch transparent. Transparenz heißt wiederum, dass die Dativmarkierung in keinem Fall (und das gilt sowohl für das Deutsche als auch das Russische) dem unmarkierten Nominativ im jeweiligen Genusparadigma entspricht.7

Die Kognitive Grammatik versucht, Belebtheitseffekte als Erklärung für die Existenz von Synkretismen heranzuziehen sowie die Entstehung von Rollenhierarchien aus dem Blickwinkel einer satzbezogenen Perspektive zu greifen (vgl. auch Baerman/Brown/Corbett 2005). Rollenzuweisung entsteht im Kontext eines Handlungsrahmens, der die Aktanten in Hinblick auf ihren Involviertheitsgrad ordnet. Die Belebtheitsmerkmale sind dabei meist Resultat der an der Handlung beteiligten Aktanten. Da ihre Relationen jedoch prototypikalisierbar sind, gibt es automatisch auch eine Korrelation zwischen Aktanten und ihren Belebtheitseigenschaften. Die so aus der transtiven Perspektive hervogegegangen Relationen und Dichotomien bestimmen im Bereich der Kasusformen die Differenzierung zwischen morphologisch unmarkierten und markierten Formen, wobei letztere stest den formalen Kontrast zum Nominativ meinen. Basierend auf der Grundannahme, dass die Belebtheitsrelation innerhalb transitiver Strukturen (in Abhängigkeit vom jeweiligen Genus) die Kasusform mitbestimmt, wird so versucht, Formenzusammenfälle sowie formale Distinktheit innerhalb von Flexionsparadigmen zu erklären. Dabei muss angemerkt werden, dass kognitive Erklärungsansätze in diesem Bereich besonders für das Deutsche noch relativ am Anfang stehen. Die Annahme, dass sich die Belebtheit auf Flexionsparadigmen auswirkt, ist zwar alles andere als neu und zum Beispiel unter dem Begriff der differentialen Objektmarkierung für diverse Sprache (insbesondere für das Spanische) ausführlich dokumentiert (vgl. für einen thematischen Überblick zum Beispiel Aissen 2003), jedoch besonders für das Deutsche nur für eine Handvoll von Strukturen angewendet worden (dazu zählen zum Beispiel die schwachen Maskulina bei Köpcke (1995) sowie Banks (2007) Studie zu Pronomina im Deutschen).

Insgesamt hat aus funktionaler Sicht die Interdependenz zwischen Belebtheit, Genusklassifikation und Kasusmarkern eindeutig Einfluss auf Form-Funktions-Relationen sowie perspektivisch die Nutzung spezifischer Indikatoren für die Interpretation semantischer Relationen. Der Sprecher kann bei der Satzinterpretation nicht nur auf die lineare Reihenfolge der Konstituenten (das heißt die Wortstellung) zurückgreifen, um semantische Rollen zu identifizieren. Er kann daneben auch die Belebtheitsinformation und spezifische Artikelformen als Indikatoren nutzen. So wäre das Merkmal [-BELEBT] in Kombination mit dem Marker das ein guter Hinweis auf ein Patiens. Auch anhand des Merkmals [+MORPHOLOGISCH MARKIERT] lässt sich darauf schließen, dass die jeweilige NP mit großer Wahrscheinlichkeit eine nicht-agentivische Rolle markiert. Problematisch wird es, wenn der Sprecher einordnen soll, was [+MORPHOLOGISCH MARKIERT] denn tatsächlich heißt, da dieses Kriterium fest mit dem Genus verankert ist, von dem der Marker abhängt. So ist die Form der im femininen Paradigma ganz klar als morphologisch markiert und damit transparent einstufbar. Um diese Einstufung vornehmen zu können, muss der Sprecher jedoch wissen, dass das inhärente Genus des Lexems, mit dem die Form der auftritt, auch ein Femininum ist. Vor allem im Spracherwerb und insbesondere im L2-Erwerb, in dem die Aneignung der Genuszuweisungsprinzipien zu den größten Stolpersteinen gehört, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.