Kitabı oku: «Fünf ungleiche Reiter»
Fünf ungleiche Reiter
Die erste Feuerprobe
Jannis B. Ihrig
FÜNF UNGLEICHE REITER
DIE ERSTE FEUERPROBE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2012
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
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Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelgrafik von Sami Seyfert
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783954882724
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Prolog
1. Kapitel – Fall von Erlin
2. Kapitel – Dämonenpulver
3. Kapitel – GKR–3443
4. Kapitel – Erbarmungslose Wüste
5. Kapitel – Der Elf und der Ork
6. Kapitel – Prüfung des Dschungelgottes
7. Kapitel – Der Zwerg mit dem steinernen Gesicht
8. Kapitel – Eine neue Seele erwacht
9. Kapitel – Das braune Ei
10. Kapitel – Das freche Ei
11. Kapitel – Fleisch und Metall
12. Kapitel – Janoks Vision
13. Kapitel – Schattentänzer
14. Kapitel – Der Rüben fressende Drache
15. Kapitel – Die Wüstenkönigin
16. Kapitel – Der große Rachekrieg
17. Kapitel – Die Silberne Natter
18. Kapitel – Der erste zwergische Drachenreiter
19. Kapitel – Der Zusammenstoß zweier Erzfeinde
20. Kapitel – Der Flammende Prinz
21. Kapitel – Partner wider Willen
22. Kapitel – Die Wassermagierinnen
23. Kapitel – Flüchtlinge
24. Kapitel – Die Prophezeiung
25. Kapitel – Der Schatten im Berge
26. Kapitel – Verrat
27. Kapitel – Die Hölle
28. Kapitel – Die kleinen Grünen
29. Kapitel – Der Zwielichtmensch
30. Kapitel – Das Treffen
31. Kapitel – Nuala
32. Kapitel – Die Prüfung
33. Kapitel – Die Goblins
34. Kapitel – Die verschwundene Zivilisation
35. Kapitel – Der Gang in die Tiefe
36. Kapitel – Noch ist der Kampf nicht verloren
37. Kapitel - Der Vorbote der Finsternis
38. Kapitel – Licht und Schatten vereint
39. Kapitel – Nicht alles, was finster ist, ist böse
40. Kapitel – Der Kampf beginnt
41. Kapitel – Die Hölle kommt ins Rollen
42. Kapitel – Hölle, Hölle, Hölle
43. Kapitel - Die Hölle kocht über
44. Kapitel – Alles Eisige kommt von oben
45. Kapitel – Das Licht stirbt zuletzt
Epilog
Personenliste
Prolog
Vor langer Zeit herrschte auf dem Kontinent Locondia Frieden. Alle Völker waren unter einer Flagge vereint und wurden von einem gewählten Rat geführt. Man nannte diese Vereinigung „Bund der Fünfe“, denn es gab fünf Hauptvölker.
Da waren zum einen die Elfen, die im Inneren von Locondia herrschten. Sie nannten ihr Land „Grüne Ebene“, was daran lag, dass das Innere des Kontinents flach und von prächtigen Wäldern bewachsen war. Von den anderen Völkern wurde es schlicht Elfenland oder Zentrum genannt. Im hohen Norden lebten die Zwerge, die in den eiskalten Gegenden der Berge wertvolle Rohstoffe für ganz Locondia ans Tageslicht brachten.
Im Westen herrschten die grünhäutigen Orks. Diese kriegerischen Wesen waren stets rätselhaft. Sie lebten schon von Anbeginn der Zeit in ihren Mooren. und unternahmen nur ab und zu kleine Raubzüge in die Grenzstädte der Elfen und Zwerge, ohne hierbei zu einer ernsthaften Bedrohung zu werden. Diese Überfälle waren auch die einzigen Kontakte, sodass man kaum etwas über die Orks wusste. Deshalb kursierten die unglaublichsten Gerüchte: Der eine behauptete, sie wären die Geschöpfe eines wahnsinnigen Magiers, der andere sagte, sie wären Moorgeister und der Dritte glaubte wiederum, dass sie so etwas wie riesige Ameisen wären, überhaupt kein Bewusstsein hätten und nur nach den Befehlen einer riesigen Orkkönigin handeln würden. Als der Bund gegründet wurde, hörten die Überfälle auf. Niemand aber wollte in die Moore gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Die Gerüchte über schreckliche Moormonster schreckten jeden ab. Es war aber auch unnötig: Eines Tages erschien ein orkischer Diplomat am Hof des Königs, welcher die Kontinentalsprache beherrschte. Zwar mit einem schrecklichen Dialekt, der jeden einzelnen der Elfen, die diese Sprache für alle Völker des Bundes entwickelt hatten, fast in den Wahnsinn treiben konnte. Man war sich nicht sicher, ob es an der Form des Orkkiefers oder an mangelnder Intelligenz lag. Der König und seine Berater kamen gar nicht mehr aus dem Staunen heraus, als der Ork die Bitte seines Volkes vortrug: Die Orks wollten dem Bund beitreten. Sieben Tage lang beriet sich der König mit seinen Beratern. Am achten Tag gab er seinen Segen und hieß die Orks im Bund willkommen. Nach dem Eintritt wagten sich auch Abenteurer und Entdecker in die Moore. So konnte man etwas mehr über die Orks erfahren. Trotzdem gehörten die Orks zu den Völkern, die noch viele Geheimnisse hatten.
Im Süden des Kontinents befanden sich gewaltige Urwälder, die Heimatstätte der Tarborianer, aufrechtgehender Echsen. Ein Volk, das sehr stark mit dem Dschungelgott zusammenhing, der angeblich im Inneren der Urwälder lebte. Einen Beweis für seine Existenz gab es nicht, allerdings war es eine glaubwürdige Erklärung für die gewaltigen Kräfte der tarborianischen Schamanen. Sie konnten nicht nur hervorragend mit Heilkräutern und -pflanzen umgehen, sondern auch die Fauna und Flora für ihre Zwecke manipulieren. Einer Legende nach hatte ein Schamane vor langer Zeit eine Flutwelle aufgehalten, indem er Bäume eines Waldes dazu brachte, sich zu einem Damm aufzutürmen. Zwar hatten andere Schamanen so etwas nicht geschafft, dennoch sind sie hoch angesehen in der tarborianischen Gesellschaft.
Im Osten lebten die wohl seltsamsten Wesen ganz Locondias: die Menschen. Sie tauchten vor langer Zeit einfach in der Wüste des Ostens auf und besaßen Technologien, von denen die Zwerge mit ihrer praktischen Runenmagie nur träumen konnten. Viel wusste man nicht über sie, denn die Menschen ließen keine Nichtmenschen in ihr Land hinein und die Diplomaten waren die einzigen Menschen, denen man außerhalb des Menschengebietes, begegnen konnte. Berichten zufolge, trugen diese Diplomaten seltsame Kleidung: Sie wäre glatt und schwarz und würde von den Diplomaten schlicht Smoking genannt werden. Diese Kleidung sei ohne Schmuck, außer einem blau-grünen Kreis auf der linken Seite der Brust. Auf Nachfragen soll einer der Diplomaten geantwortet haben, dies sei eine Abbildung seiner Heimatwelt. Diese Antwort warf aber nur weitere Fragen auf, auf welche der Diplomat keine Antwort geben wollte. Auch wenn sich die Menschen völlig isolierten, schafften es einige über die schwer bewachte Grenze und konnten davon berichten: Die Menschen würden metallische Dämonen erschaffen, die innen hohl seien, denn sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie sie aus den Dämonen ein- und ausstiegen. Ein anderer wiederum behauptete steif und fest, die Menschen würden Kanäle mit Hilfe von Dämonen auf Rädern, die ein riesiges Maul besäßen, erschaffen. Das wäre eine Erklärung gewesen, wie die Menschen in der gnadenlosen Wüste überleben konnten, die sich über ihr ganzes Land erstreckte. Dann gab es noch das Gerücht von Feuer speienden Armbrüsten und Schwertern. Was wahr oder nur kompletter Unsinn war, wusste aber niemand. Weil die Menschen aber nie Krieg gegen die anderen Völker führten und sogar großzügige Geschenke in Form von Rohstoffen verteilten, interessierte sich auch niemand dafür.
Als die Elfen und die Zwerge den Bund gegründet hatten, beschlossen sie, ihre gemeinsame Zeitrechnung von Null neu anzufangen. Das übernahmen auch die drei anderen Völker, die in kurzer Zeit in den Bund eintraten. Der Bund und mit ihm der Frieden währte über zweihundert Jahre. Das Bundsystem war folgendermaßen aufgebaut: Jedes der fünf Reiche verwaltete sich selbst. Wie sein Staatssystem aufgebaut war, entschied jedes Reich für sich. Das Zwergenreich zum Beispiel unterteilte sich in mehrere kleine Gebiete, von denen jedes von einem Clan verwaltet wurde. Jeder Clan schwor dem Zwergenkönig, der das ganze Reich regierte, die Treue. Der Königstitel wurde im mächtigsten Clan aller Clane, dem Goldener-Hammer-Clan, weitervererbt. Der König erbte auch von seinem Vorgänger den Goldenen Hammer, welchem der Clan seinen Namen verdankte.
Das Reich der Orks soll so ähnlich aufgebaut gewesen sein: Anstelle der Clans herrschten hier die Stämme. Jeder Stamm hatte einen Häuptling, den stärksten Ork des ganzen Stammes, welcher mit den anderen Häuptlingen den Rat der Häuptlinge bildete. Sie regelten zusammen Angelegenheiten, die die gesamte Orkheit betrafen.
Die Elfen besaßen einen König, der nicht nur die gesamte Grüne Ebene beherrschte, sondern auch den Bund führte.
Die Tarborianer überließen ihrem Gott das Herrschen und waren zugegebenermaßen recht gut damit verfahren.
Von den Menschen wusste man es nicht. Gerüchte sagten, sie nannten ihre Staatsform Demokratie. Darunter konnte sich aber keiner etwas vorstellen.
Der Bund selbst wurde von einem Rat aus den fünf Vertretern der Völker verwaltet. Die Orks und die Tarborianer entsandten jeweils einen Schamanen, die Zwerge einen Runenmagier und die Elfen wurden von ihrem König vertreten, da der Sitz des Rates sich in Erlin befand. Die Menschen sandten einen Diplomaten.
Wie jede glorreiche Zeit ging auch diese einmal zu Ende. Im Jahr 213 der neuen Zeitrechnung begann der Zerfall. Lange Zeit wusste man überhaupt nicht, was genau geschehen war. Man wusste nur, dass auf einmal in ganz Locondia Konflikte ausbrachen.
Im Elfenreich gewann eine anfangs kleine Sekte, die sich mit dunkler Magie und durch Bündnisse mit Dämonen Macht erworben hatte, an Einfluss, sodass sie mehrere Städte kontrollierten. Doch das reichte ihnen nicht. Es kam zum Krieg. Es war ein Krieg, der das Elfenland in zwei Reiche teilte: das Reich der Elfen und das Reich der Schattenelfen. Die Schattenelfen waren kaum noch Elfen: Sie sahen zwar noch wie solche aus, jedoch hatte die dunkle Magie und die Dämonen sie verdorben. Die Schattenelfen besaßen zwar Spitzohren und glatte Haut, jedoch war diese rabenschwarz und die Augen glühten rot. Auch wenn es unter den Schattenelfen viele Schönheiten gab, erkannte man sofort das Böse in ihnen, wenn man einen von ihnen sah.
Der Bürgerkrieg erreichte seinen Höhepunkt, als die Schattenelfen im Jahr 307 Erlin, die Hauptstadt in der Mitte des Elfenreiches, belagerten. Die Hauptstadt konnte zwar gerade noch so verteidigt werden, jedoch verlangte der Sieg einen hohen Preis: Einer Gruppe Meuchelmörder der Schattenelfen war es gelungen, während der letzen Schlacht um Erlin die gesamte Königsfamilie bis auf die beiden Prinzen Maximilian und Monarchius auszulöschen. Nach diesem Kampf verlor der Krieg an Härte, denn beide Seiten hatten großen Mengen an Soldaten und Material verloren. So herrschten am Ende die Lichtelfen, wie sie von nun an genannt wurden, im Westen, während den Verrätern der Osten gehörte. Die Stadt Erlin lag genau auf der Grenze beider Reiche.
Im Zwergenreich verschwand der Goldene Hammer. Daraufhin wollten viele der Clans den Verlust an Ansehen des Goldenen-Hammer-Clans ausnutzen, um selber zu herrschen. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen, bis am Ende das Reich in vier Teile zerfiel. Diese vier recht großen Reiche stellten Anspruch auf den Thron, was auch ihre Namen zeigten. Im Norden befand sich das Reich des Bronzenen, im Westen das des Heiligen, im Osten das des Himmlischen und schließlich im Süden das des Silbernen Hammers. Nach mehreren blutigen Jahren endeten die Kämpfe, doch das Zwergenreich war zerfallen und eine Neuvereinigung war nicht in Sichtweite, vor allem weil der Goldener-Hammer-Clan während des Krieges ausgelöscht wurde.
Als dritter großer Konflikt in der kurzen Zeit entflammte der Krieg zwischen Orks und Tarborianern: Die Orks fielen plötzlich in den Dschungel der Tarborianer ein, was zu blutigen Kämpfe führte. Große Teile des Dschungels im Nordwesten wurden von den Orks vollständig abgebrannt, um leichter Nachschub an die Frontlinie bringen zu können. Dieses Gebiet nannte man später die „Große Einöde“. Die Tarborianer konnten mit Hilfe der Magie ihrer Schamanen den Vormarsch der Orks aufhalten. Nach dem Krieg errichteten die größten Schamanen einen unüberwindbaren Steinwall um den verbliebenen Dschungel, welcher das Tarborianerreich vom Rest der Welt abschotten sollte.
Was im Reich der Menschen geschah, weiß man nicht. Es musste aber katastrophale Ausmaße gehabt haben, denn die Menschen isolierten sich komplett vom Rest der Welt. Die Grenzen wurden verstärkt und jedes Wesen, dass sich auf hundert Schritt der Grenze näherte, wurde ohne Ausnahme getötet.
Im Jahr 321 beruhigte sich die Lage nach dem hundertjährigen Kontinentalkrieg: Die Elfen und Schattenelfen schlossen einen Waffenstillstand, nachdem beide Seiten sich so sehr in diesem Krieg aufgerieben hatten, dass ihre Existenz in Gefahr war.
Die vier Zwergenreiche schlossen sich zu einem lockeren Staatenbund zusammen. Jedoch gab es keine Vergebung unter den Zwergen und es herrschten immer noch Terror und Hass in den Bergen des Nordens. Ein zweiter Bürgerkrieg schien nicht unwahrscheinlich.
Die Tarborianer wagten sich wieder heraus aus ihrer Isolation und bauten mächtige und schwer bewachte Tore in den Steinwall, um den Handel zu ermöglichen.
Die Orks im Westen waren nach wie vor offen für Besucher der anderen Reiche, doch wehe ein Tarborianer näherte sich einem Orkdorf. Er würde nicht lange leben.
Die Menschen blieben weiterhin isoliert.
Es herrschte zwar ein brüchiger Frieden, doch der alte Glanz des Bundes wurde nicht wiederhergestellt.
Doch endet unsere Geschichte nicht hier.
Sie fängt erst an.
1. Kapitel – Fall von Erlin
Übungsraum des Lichtmeisters
Akademie für Lichtmagie
Erlin
Frühsommer 323
„Konzentriere dich, Erwin! Lass die Macht des Lichts deinem Geist Kraft geben!“ Leanus, Mitglied im Rat der Weisen, betrachtete gespannt seinen Schüler. Dieser saß im Lotussitz auf dem Boden des Raumes, den sie immer für Übungen nutzen. Leanus war sich nicht ganz sicher, ob sein Schüler in der Lage war, das Verlangte zu vollbringen. Seine Kraft war zwar mächtig, aber unausgebildet, und das Erschaffen eines Lichtgolems war alles andere als eine einfache Aufgabe für jemanden wie Erwin, der erst vor drei Monaten seine Ausbildung begonnen hatte. Diese Aufgabe wurde normalerweise erst nach zwei Lehrjahren von normalen Schülern verlangt. Doch war Erwin eine Klasse für sich: Er war mit sechzehn Jahren für elfische Verhältnisse noch ein Kind, doch war seine Fähigkeit, das Licht zu nutzen, jetzt schon besser als die von vielen älteren Schülern. Der hoch gewachsene, schlanke Elf war mit einer besonderen Gabe ausgestattet: das Anziehen und Speichern von Licht. Während andere sich schon damit abschuften mussten, Licht für eine kleine, leuchtende Kugel, welche generell schnell erlosch, zu sammeln, musste Erwin überhaupt nichts machen, um an Lichtenergie zu kommen. Die Kehrseite der Medaille bestand darin, dass Erwins Körper Licht zum Leben brauchte. Ohne Licht erging es seinem Körper so schlecht, dass sogar der Tod nicht unwahrscheinlich war. Leanus betrachtete sich in einem der lebensgroßen Spiegel, welche die Wände des Raums bildeten. Er selbst war schon über vierhundert Jahre alt, ein Alter, mit dem er die Lebenserwartung eines Elfen von dreihundert Jahren längst überschritten hatte, und sein Gesicht war schon lange vom Alter vernarbt und sein Haar und Bart waren schon seit einhundertfünfzig Jahren weiß. Doch so sehr sein Körper auch vom Alter gezeichnet war, loderten Wille und Kraft in seinen Augen, sodass es niemand für falsch hielt, dass er den Posten als Lichtmeister der Akademie bekleidete. Er blickte wieder zu Erwin: Auf der Stirn des Lehrlings befanden sich Schweißtropfen und sein Haar fing an von hellbraun zu blond zu wechseln, ein Zeichen dafür, dass Erwins Körper Licht aufsaugte. Die Kerzen im Raum, die Leanus für Erwin und nicht wegen des Lichts, es war ja Tag, angezündet hatte, fingen an zu flackern und in dem kleinen Granitblock, der in der Mitte des Raumes stand, zeigten sich die ersten, leuchtenden Risse. Leanus versank wieder in seinen Gedanken und erinnerte sich zurück, wie er und Erwin sich vor fünf Monaten kennenlernten.
„Es war einer der wildesten und dunkelsten Winter, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe, und das soll bei meinem Alter was heißen. Den ganzen Winter lang hatte es geschneit und die wärmende, leuchtende Sonne kam kaum hervor. Und dieser Winter hätte Erwin fast das Leben gekostet. Nie werde ich das verzweifelte Gesicht seines Vaters Iarus, eines talentierten Künstlers, vergessen, als er in meinen Saal, den ich für den Empfang von Bittstellern benutze, hereingelassen wurde und sich auf dem Boden hinkniete und mich um Hilfe für seinen Sohn anflehte. Andere Lichtmagier hatten sich seinen kranken Sohn angesehen, konnten jedoch nicht helfen. Auch wenn ich nicht glaubte, dass ich das Heilmittel finden würde, machte ich mich auf und begleitete Iarus zu seinem Haus, dass er mit Erwin bewohnte. Später sollte ich erfahren, dass Erwin der einzige nahe Verwandte war, der Iarus geblieben war. Die Mutter war irgendwann verschwunden und andere lebende Verwandte hatten sie nicht. Kein Wunder, dass er so verzweifelt war. Nun ja, da trat ich ins Haus und spürte plötzlich etwas. „Iarus, spüren Sie das?“
„Nein, Herr, ich spüre gar nichts.“ An dieser Stelle keimten eine Ahnung und eine Hoffnung in mir auf. Sollte ich wirklich einen … ? Das Gefühl ließ keinen anderen Schluss zu. Es fühlte sich so an, als würde jemand das Licht aus mir saugen. Weil das Gefühl schwach war, ließ ich es gewähren. Je mehr ich mich Erwins Schlafzimmer näherte umso stärker wurde das Gefühl. Als ich eintrat, sah ich, dass ich Recht hatte. Da lag Erwin: Schweiß überströmt, bleich, der Atem rasend und mit schwach leuchtendem Haar. „Sein Haar! Sein Haar!!“ Iarus war kurz vor einer Krise, bis ich ihn beruhigen konnte: „Keine Sorge, Iarus! Das Leuchten ist ein Zeichen dafür, dass meine Vermutung stimmt und dass ich deinem Sohn helfen kann.“ So trat ich ans Krankenbett und legte meine Hand auf Erwins Brust. Das darauf Folgende war schon ein kleines Wunder: Der ganze Raum war plötzlich mit strahlendem Licht gefüllt, sodass ich meine Augen zukniff und Iarus schreiend nach hinten fiel. Mich erfasste plötzlich ein kräftiger Sog, der von Erwin ausging. Zum Glück konnte ich mich dagegen stemmen. So plötzlich das Licht kam, so schnell verschwand es auch. Zurück blieben ein verschreckter Iarus, ich völlig ausgelaugt und ein in Sekunden genesener Erwin. Seine Haut war noch hell, wirkte jedoch viel gesünder, sein Atem hatte sich beruhigt und sein Haar nahm langsam einen Braunton an. „Ein Wunder! Ihr habt ein Wunder vollbracht, Meister!“ Iarus war außer sich vor Freude und nannte mich eine Legende. „Ihr dankt mir zu sehr. Dein Sohn hat sich selbst gerettet. Er brauchte nur jemanden, der ihm Licht gab.“ Als ich Iarus’ ratloses Gesicht sah, musste ich lachen und ihm erklären, was es mit seinem Sohn auf sich hatte. Als dann der Frühling anbrach und die Sonne wieder hervorkam, nahm ich Erwin an der Akademie des Lichts als meinen Schüler auf. Und seitdem hat er eine Menge gelernt.“
Leanus blickte wieder zu seinem Schüler. Inzwischen war der Granitblock nur so von Rissen überzogen. Dann geschah es: Anfangs war es nur ein leises Knirschen, das immer lauter wurde. Danach krachte es und der Block teilte sich in mehrere Brocken, die sich zu zwei Beinen, dann einem Oberkörper mit Kopf und letztendlich in Arme mit plumpen Händen formten. Die Lücken zwischen den Steinen waren mit hell leuchtendem Licht gefüllt. Als Letztes leuchteten zwei Augen im Kopf des Golems auf, ein Zeichen dafür, dass der Golem erwacht war. Der Golem sah sich um, während seine Brust sich hob und senkte. Der Steinerne atmete das Licht, das er von seinem Meister, Erwin, erhielt. Leannus zählte mit. Der Golem wollte sich bewegen, doch als er den ersten Schritt tat, fiel er zusammen und die Kerzen erloschen. „Gut gemacht Erwin. 30 Atemzüge. Nicht schlecht für einen Anfänger.“ Erwin musste erst wieder seinen Atem beruhigen, dann antwortete er mit selbstbewusster Stimme: „Ich danke für Euer Lob, Meister. Ich könnte es gleich noch mal versuchen.“ Doch in diesem Moment klingelte die Glocke, die zum Mittagessen rief. „Geh ruhig Erwin, nach so einer anstrengenden Aufgabe kannst du etwas zum Essen ganz gut vertragen.“ Erwin verbeugte sich, was mit seinem langen, weißen Schülergewand gar nicht so einfach war. Dann ging er und ließ den Meister allein.
Erwins Magen knurrte und jetzt erst wurde ihm bewusst, wie sehr ihn die Übung von seinem Hunger abgelenkt hatte. Er wandelte durch einen Korridor, dessen Wände mit Marmor geschmückt waren und wo das Licht durch mehrere Fenster einfiel. Prächtige Säulen standen in Zehnerschritten auseinander, völlig aus Gold. Kurz gesagt, wie im Still der gesamten Akademie. Viele hatten darüber gewitzelt, dass Diebe, die ursprünglich die wertvollen Bücher aus der umfassenden Bibliothek der Akademie stehlen wollten, mit Gold und Marmorplatten verschwunden waren. Die Akademie des Lichts gilt aber trotzdem mehr wegen des Wissens, dass hier gehütet wurde, als wertvollstes Gebäude von ganz Erlin.
Erwin freute sich schon auf das Essen mit seinen Mitschülern und ahnte noch nichts von der üblen Laune des Schicksals, die gleich sein ganzes Leben ändern würde. Kurz bevor Erwin die Tür zum Essensaal erreichte, bebte auf einmal der Boden. Erwin verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Als er sich wieder aufrappelte, fühlte er leichtere Nachbeben und hörte Schreie, das Zerbrechen von Holz, das Splittern von Steinen, das Prasseln von Feuer und die Einstürze mehrerer Gebäude. Erwin eilte zum Fenster: Was er sah, ließ ihn das Blut in seinen Adern gefrieren. Von hier aus konnte er die anderen Stadtteile von Erlin sehen, weil die hohen Mauern, die die Akademie umgaben, zerstört waren. Überall sah er Feuer und zerstörte Häuser und es war sehr dunkel, und das obwohl es erst um die Mittagzeit war. Erwin blickte nach unten und konnte einen der Gärten der Akademie einsehen. Der Garten war verwüstet und in dessen Mitte befand sich ein seltsames, schwarzes Gebilde: Es sah aus wie zwei Pyramiden, die man an den Grundflächen zusammengefügt hatte. Die untere Spitze war zum Teil im Erdboden verschwunden. Eine Truppe Wächter in weißer Rüstung mit Schwert und Schild standen, mit einigem Abstand um das Gebilde und sahen es misstrauisch an. Da öffnete sich plötzlich ein Spalt im Gebilde und seltsame Wesen stiegen aus. Diese sahen aus wie Ritter in schwarzer Rüstung. Nur gab es ganz markante Unterschiede: Ihre Rüstung schien aus einem Guss und ihre Helme hatten statt eines Visiers nur ganz enge Schlitze. Zudem trug jeder dieser seltsamen Gestalten ein großes und langes Gebilde, aus dem vorne sechs graue Röhren herausragten.
Einer der schwarzen Ritter blickte in den Kreis der Wächter, die ihn und seine fünf Kumpanen umzingelt hatten. Dann richtete er das Gebilde in seinen Händen auf die Wächter und es knallte mehrmals schnell hintereinander. Einer der Wächter kippte kreischend nach hinten. Seine Rüstung war an mehreren Stellen geschmolzen. Erwin traute seinen Augen nicht, als es wieder knallte. Aus den Röhren des Gebildes, die nun zu rotieren begonnen hatten, kam blaues Feuer und weitere Soldaten fielen um, denn die vier anderen schwarzen Ritter hatten nun ebenfalls das Feuer eröffnet. Nachdem die Wächter den ersten Schock überwunden hatten, versuchten sie, den Feind anzugreifen, doch sie hatten keine Chance, auch nur in die Nähe der schwarzen Ritter zu kommen. Die Ritter mähten sie nieder, doch aus der Akademie kamen immer mehr Wächter, die in den sicheren Tod rannten. Der Garten wurde von Leichen und Blut überschwemmt. Plötzlich fingen die tödlichen Gebilde der Ritter an zu qualmen und das Feuer erstarb. Mit einem Triumphschrei warfen sich die Wächter mit neuem Mut auf die Feinde. Jedoch zogen die schwarzen Ritter schwertähnliche, silberne Gebilde und erwarteten die Elfen mit gezückten Klingen. Erwin sah, wie einem Wächter der Oberkörper vom Rumpf abgetrennt wurde. Es flogen weitere Körperteile herum, während die Treffer der Wächter scheinbar ohne Wirkung an den Rüstungen der Ritter abprallten. Erwin ertrug diesen Anblick nicht mehr länger und er blickte nach oben. Der Himmel war vollkommen von einer weißen, metallenen Fläche verdeckt. Mehrere quadratische Erhebungen stachen aus der Fläche hervor und ständig öffneten sich Löcher, aus denen weitere Gebilde, in denen vermutlich ebenfalls schwarze Ritter steckten, zum Erdboden fielen. Es war kein Wunder, dass es dunkel war. Erwin wusste, dass er besser sofort zu Leanus zurückkehren sollte. Natürlich war der alte Magier zwar mit seiner Lichtmagie stärker als die Wächter, jedoch sagte ein mulmiges Gefühl im Erwins Magenbereich, dass auch Leanus es nicht mit einen der schwarzen Ritter aufnehmen konnte. Erwin drehte sich um …
… und starrte direkt in den Helm eines schwarzen Ritters. Das Visier blickte kalt zurück. Dann schlug der Ritter zu, während Erwin vor Schreck noch ganz starr war. Der Elf flog quer durch den Korridor, bis er an einer Wand abprallte. Er hatte Glück, dass er nicht durch eines der Fenster geflogen war, denn den Sturz in den Garten hätte er nicht überlebt. Erwin versuchte aufzustehen, doch ihm tat jeder seiner Knochen weh, sodass er sofort wieder auf die Knie fiel. Erst in diesem Moment dachte er an den anderen. Der stand noch immer dort. Erwin und er starrten sich an. Dann hob der Ritter seine Waffe, die wie eine metallische Armbrust ohne Bogen aussah, und wollte anscheinend jeden Moment schießen. Erwin reagierte sofort: Er bildete und warf einen Lichtblitz direkt auf den Kopf des Gegners. Ein schriller Schrei durchschnitt die Luft und die Waffe zuckte ganz nach oben, sodass der Schuss ein Loch in die Decke brannte. Scheinbar hatte Erwins Blitz den Ritter geblendet. Wie der Elf aber feststellen musste, hatte sein Angriff keine bleibenden Schäden an der Rüstung hinterlassen. Während Erwin sich über die Unwirksamkeit seines Angriffes wunderte, war er unachtsam und bekam die Waffe in den Magen geworfen. Während er nach hinten taumelte, machte sein Gegner einen gewaltigen Satz nach vorne und packte ihn mit seiner rechten, schwarzen Hand am Hals, hob ihn hoch und schmetterte ihn nach hinten gegen die Wand. Erwin verlor für einen Moment das Bewusstsein. Dann aber wehrte er sich gegen den Griff, trat mit den Füßen um sich und schlug mit seiner freien Linken gegen den Kopf, doch ohne Erfolg. Der Griff lockerte sich nicht und der Ritter zeigte keine Reaktion. Erwin versuchte noch einmal einen Lichtblitz zu formen, doch erkannte der Ritter seine Absicht und schmetterte die andere Faust gegen Erwins Kopf, sodass dieser vor lauter Kopfschmerzen sich nicht mehr genug konzentrieren konnte. Erwin ging die Luft aus und seine Sicht wurde dunkel, der Tod griff mit seinen eiskalten Fingern nach ihm. Jetzt würde er Frieden finden, da war er sich sicher. Plötzlich vernahm er wieder einen schrillen Schrei, der ihm weit entfernt vorkam. Der Griff lockerte sich und Erwin fiel zu Boden. Erwin schnappte sofort wieder nach Luft, bis ein schweres Gewicht auf ihn viel. Er konnte noch erkennen, dass es der Ritter war, dann wurde er bewusstlos.
„Erwin! Erwin! Wach auf, Erwin! Du schwebst in großer Gefahr!“ Erwin spürte auf einmal einen brennenden Schmerz und wachte auf. Vor ihm war das besorgte Gesicht seines Meisters Leanus. Soweit Erwin es sah, befand er sich in einem weißen Saal. Durch die Fenster konnte er die Abenddämmerung sehen. Der Saal musste sich weit oben befinden. „Leanus, was ist geschehen? Der Ritter … „
„ … ist beschäftigt. Ich habe ihn kurz außer Gefecht gesetzt, bevor du erstickst. Doch wir haben keine Zeit. Wir müssen das Ritual sofort beginnen.“
„Was für ein Ritual? Wo sind wir überhaupt?“, fragte Erwin. „ Wir sind im Magierturm, der höchste Turm der Akademie. Hör zu Erwin, die unbekannten Angreifer haben ganz Erlin überrannt. Die Akademie ist voll von denen und sie versuchen gerade hier einzudringen. Ich kann sie nicht aufhalten. Meine Güte, ich hatte schon Schwierigkeiten mit dem Ritter, der sich dich vorgeknöpft hatte. Deshalb muss ich die Eier sofort in Sicherheit bringen. Und dich noch dazu“, antwortete Leanus rasch. „Aber was ist mit den anderen? Und was für Eier?“
„Die anderen sind entweder tot oder gefangen. Wir sind die Letzten. Und wegen den Eiern … ich habe keine Zeit für längere Erklärungen. Stell dich sofort in das Pentagramm!“ Erwin wollte protestieren, doch das Gesicht seines Meisters machte ihm klar, dass Widerspruch nicht geduldet wurde. Also ging Erwin in die Mitte des Saals, wo das Pentagramm aufgemalt war. An jeder der fünf Ecken befand sich ein Ständer, der ein Ei trug. Jedes hatte eine eigene Farbe: rot, blau, grün, grau und braun. Als Erwin in der Mitte stand, begann Leanus Lichtenergie in das Pentagramm zu speisen. Die Linien des Pentagramms fingen an weiß zu leuchten, und plötzlich bildete sich ein Wirbel, der Erwin in die Lüfte erhob. Auch die Eier wurden erfasst und nun kreisten diese um Erwin. Leanus beachtete das alles nicht und sprach ruhig weiter. Plötzlich splitterte das Tor, brach auf und schwarze Ritter drangen ein. Einer hob den Arm. Erwin schrie eine Warnung. Die nächste Minuten verliefen wie in Zeitlupe: Der Schuss, das Aufleuchten von Leanus’ Körpers, welcher keinen Schrei von sich gab, sondern stattdessen weiter Lichtenergie an das Pentagramm leidete, auch als er zu Boden sackte. „Nein!“ Erwin schrie vor Schmerz. Inzwischen wählte der Ritter sein nächstes Ziel aus: Erwin. Erwin sah das Aufleuchten der unheimlichen Waffe, doch er spürte den Treffer nicht. Es wurde alles blau vor seinen Augen und es fühlte sich an, als würde sich sein Körper in tausend winzige Bruchstücke teilen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Augenzeugen in der Stadt berichteten später, dass die Spitze des Turmes blau aufgeleuchtet habe. Dann sollen fünf blaue Kugeln in verschiedene Richtungen davon geschossen sein: Eine nach Norden, eine in den Westen, eine andere nach Süden und zwei in den Osten.
2. Kapitel – Dämonenpulver
Irgendwo in den Höhlen des Berges Goldspitze
Am Morgen des Tages nach dem Fall von Erlin
„Ich weiß wirklich nicht, ob das klug ist. Die Weisen sagen immer, dass … „
„wir die Finger von diesem Pulver lassen sollen. Und ich sage immer, dass man Risiken eingehen muss, wenn man etwas herausfinden will.“ Gribus sah genervt seinen Zwillingsbruder Brobus an, während er sich an seinem braunen Bart kratzte. Er war ein Zwerg, neunzig Zentimeter groß und trug eine Lederrüstung. „Wenn du es für so gefährlich hältst, warum gehst du dann nicht einfach und lässt mich in Ruhe, bevor tatsächlich etwas Gefährliches passiert, weil du mich abgelenkt hast?“ Brobus, der seinem Bruder äußerlich sehr, aber nicht zum Verwechseln, ähnlich sah, hob als beruhigende Geste seine Hände und erwiderte: „Weil Vater mir nie verzeihen würde, wenn dir etwas passieren würde. Ich muss doch auf meinen jüngeren und einzigen Bruder aufpassen.“
„Jetzt fängst du auch damit an: Ersten bist du nur zehn Minuten älter als ich und zweitens weißt du genau, dass wir beide Borondo als Stiefbruder haben.“ Brobus Lächeln verschwand und kalter Abscheu legte sich auf sein Gesicht: „Er ist der Sohn einer Hydra, die unseren Vater verhext hat, kein Mitglied unserer Familie.“ Gribus stöhnte: Er konnte nicht verstehen, warum Brobus nie Borondo und dessen Mutter Glutia, die zweite Frau ihres Vaters, akzeptieren würde. Jeder andere in der Familie mochte die beiden: Er, sein Vater, seine Tanten und Onkel und auch die Großeltern. Gribus verfluchte den Tag vor zwei Jahren, an dem alles anfangen hatte: Seine Mutter war an hohem Fieber im Kindbett mitsamt ihrer neugeborenen Tochter gestorben. Damals waren die Zwillinge schon fünfzehn gewesen, wenn auch blutjung für ein Volk, dessen Einzelner gut einhundertfünfzig Jahre alt wurde.
Gribus kam es vor, als sei es erst gestern gewesen. Nie würde er vergessen, wie er, sein Bruder und sein Vater Ekarum jeden Tag am Bett seiner kranken Mutter gesessen hatten. Als sie dann starb, weinte die ganze Familie tagelang. Sein Vater suchte Trost, und den fand er bei Glutia. Ein Jahr später heiratete er sie und sie brachte ihren damals vierzehnjährigen Borondo mit in die Ehe. Der Vater des Kindes war schon seit langem bei einer Expedition verschollen. Alles wäre wieder gut gewesen und die Wunden wären verheilt, wenn nicht die Gerüchte aufgekommen wären, die behaupteten, dass Glutia die Mutter der Zwillinge vergiftet hätte. Gribus hatte nie Wert auf Gerüchte gelegt, doch sein Bruder glaubte sie aus einem für Gribus unbekannten Grund. Auch wenn er es nie offen aussprach, hasste er Glutia und ihren Sohn Bonrondo. Der Vater hatte so oft mit ihm geredet, doch es hatte keinen Sinn: Die Pflanze des Hasses hatte auf seinem Herzen Wurzeln geschlagen.
Gribus, heute siebzehn Jahre alt, konzentrierte sich wieder auf das Dämonenpulver, welches schwarz und grob war. Er kratzte es von den Wänden ab und verpackte es in kleine Fässer. Brobus versuchte es mit einem Themenwechsel und sagte: „Vater und der Rest der Stadt werden begeistert sein, wenn sie hören, dass du wieder experimentierst. Wie damals mit der Hydra … „
„Es war eine kleine. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie über Nacht ein ganzes Stückchen wachsen und dann herum wüten würde. Jedoch war die Beobachtung dieses erstaunlich schnellen Wachstum sehr interessant.“ Brobus starrte ihn an: „Interessant?! Das Biest hat das gesamte Haus zerstört! Welch ein Glück, dass die Stadt für deine Versuche das alte und instabile Haus zur Verfügung gestellt hatte. Wäre das Biest in unserem Haus gewesen, hätten wir unser ganzes Hab und Gut verloren.“ Gribus antwortete nicht und packte stattdessen die vier kleinen Fässer, voll mit Dämonenpulver, in das Tragegestell, welches er dann auf seinen Rücken schnallte. Stumm machten sich die Brüder auf den Weg nach Goldia, der Stadt im Berg Goldspitze. Obwohl sie kaum mehr als eine Kleinstadt war, war sie ein begehrtes Reiseziel für Händler die am einzigartigen Hydraeisen interessiert waren. Dieses Eisen wurde aus weißem, mit kleinen, grünen Punkten versehenem Hydraeisenerz geschmolzen. Waffen und Rüstungen, die aus diesem Eisen bestanden, waren besonders hart und dennoch leicht. Der Name kam von den Eishydras, die auf den hohen Bergen und in deren Höhlen lebten und völlig weiß mit kleinen, grünen Punkten waren. Wegen des Bürgerkrieges wurden die Handelswege zwischen den Königreichen nicht mehr genutzt, sodass der Handel fast zum Erliegen gekommen war. So hatte Goldia stark an Größe verloren, doch der alte Glanz war nie ganz erloschen. Heute war Goldia, die wie viele Städte der Zwerge unter der Erde lag, die Hauptstadt des Silberhammerclans. Die Stadt verfügte über einen Ausgang zur Oberfläche und mehrere Gänge zu den wichtigsten Orten: zu der Hydraeisenmine zum Beispiel. Der Weg in die Dämonenhöhle, von wo die Zwillinge gerade aufgebrochen waren, wurde wegen des Pulvers nur selten besucht. „Ein Feuer, und der Dämon erwacht“, warnte Brobus. „Dann achte ich halt drauf, dass mir kein Feuer zu nahe kommt“, antwortete Gribus genervt. Sie kamen jetzt in eine weitläufige Höhle. Vor ihnen erhob sich der Boden leicht schräg nach oben, sodass man ganz gemütlich in den nächsten Tunnel gelangen konnte. Nur noch hier durch und sie wären zu Hause. Neben dem Tunnel, aus dem die Zwillinge kamen, war noch ein dritter, blockierter Tunnel. Den Geschichten zufolge war ein mutiger Zwergentrupp in den Tunnel hinab gestiegen und nicht zurückgekehrt. Das einzige, was man hörte, waren die furchtbaren Schreie der Zwerge. Deshalb wurde der Tunnel sofort mit einem Eisentor versperrt, welches nicht zugeschlossen, sondern zugeschmolzen wurde. Gribus blickte kurz einmal auf das Tor: Es bestand aus zwei glatten, miteinander verschmolzenen, eisernen Torflügeln. Während den zahlreichen Jahren hatten Umwelteinflüsse den Glanz des Tores zerstört. Die Zwillinge stiegen langsam den Hang hoch. Als die Hälfte geschafft war, vernahm Gribus ein Geräusch. Es klang wie mehrere kleine Schritte und sie kamen aus dem versperrten Tunnel. „Was ist das?“ Brobus starrte auf den Tunnel und zückte seine zweihändige Axt. „Ich weiß es nicht …“, antwortete Gribus und zog ebenfalls seine beiden einhändigen Äxte, „vielleicht sollten wir in die Stadt und … „ Gribus konnte den Satz nicht beenden, denn in diesem Moment knackte das Tor. Irgendwas versuchte das Tor aufzubrechen. „Schnell, wir müssen Alarm schlagen!“, schrie Brobus, lief los und läutete an einer der Alarmglocken, die überall hingen. Dreißig Sekunden lang. Das Zeichen für den größten Alarm. Er wurde zum ersten Mal seit langer Zeit ausgelöst, hoffentlich nahmen es die anderen Zwerge ernst. Brobus horchte und hörte weitere Glockentöne, als Zeichen, dass der Alarm vernommen wurde. Doch hörte er auch ein besonders lautes Geräusch, das ihm gar nicht gefiel. Er drehte sich um und erstarrte: Die Tore waren aufgebrochen worden und aus dem Tunnel kamen zahlreiche erschreckende Kreaturen: Schwarze Spinnen. Und es waren keine kleinen, die in den Ecken der Häuser ihre Netze spannten, sondern riesige. Die kleineren, die zu Dutzenden kamen, reichten ihm bis zur Hüfte, während die größten, glücklicherweise war ihre Anzahl gering, denn Brobus sah nur drei, ihm in die Augen hätten blicken können. Und die Köpfe: Sie waren groß genug, um einem Zwerg den Kopf abzubeißen. Er eilte zu seinem Bruder, der bereits seine beiden Äxte in eine der kleineren Spinnen versenkte, holte mit seiner Axt aus und teilte eine andere Spinne, die seinem Bruder in den Rücken fallen wollte. „Verdammt, sie haben uns umzingelt!“, schrie Gribus. „Sie sind flink!“ Brobus antworte nicht und hackte auf weitere Spinnen ein. Die Brüder kämpften tapfer und schickten Spinne für Spinne in den Tod, doch für jede Spinne kamen zwei neue. Der Boden wurde vom grünen Spinnenblut überflutet und von Gliedmaßen, die noch zuckten, bedeckt. Plötzlich zogen sich die Spinnen zurück und sammelten sich an den beiden Tunneleingängen. Gribus blickte nach hinten: Verstärkung war noch nicht eingetroffen. Warum zogen sich die Spinnen dann zurück? Als Antwort setzten sich die drei Gigantenspinnen in Bewegung. „Ich glaube wir haben drei große Probleme“, sagte Brobus mit zittrige Stimme. Die Brüder sahen sich an … und suchten ihr Heil in der Flucht. Plötzlich kam eine vierte Spinne, versperrte den Eingang und scheuchte sie zurück. Sie musste an der Decke entlang unbemerkt an den Zwillingen vorbei gekrabbelt sein. Jetzt waren die beiden Zwerge von vier Gigantenspinnen umzingelt. ‚Warum halten sie Abstand?‘, fragte sich Gribus im Geiste. Die Antwort kam sofort: Eine der Gigantenspinnen, hinter der die kleineren Spinnen schon erwartungsvoll mit ihren jeweils acht Augen guckten, sprang fast bis zur Höhlendecke. Dann kam sie in einer schrägen Bahn auf die Zwillinge zu. Sie würde sie zerquetschen. Die Brüder waren vom Schreck wie gelähmt. Die Zeit schien in Zeitlupe zu vergehen. Langsam kam die Unterseite der Spinne näher und … wurde plötzlich von einem länglichen Ding, das sie in der Mitte ihrer linken Seite durchbohrte, aus der Bahn geworfen. Die Goliathspinne landete auf einem ihrer großen Artgenossen, der rechts von den Brüdern stand. Es knackte laut, als die fliegende die andere unter sich zerquetschte. Dann tönten Kriegsschreie aus mehreren Mündern. Aus dem Tunnel zur Stadt kamen mehrere Zwerge, darunter auch Gribus‘ und Brobus‘ Vater Ekarum, und warfen sich auf die beiden übrigen Gigantenspinnen, während drei andere die tragbare Balliste mit einem neuen Bolzen als todbringendes Geschoss luden. Jetzt, als es erkennbar wurde, dass ihre großen Geschwister in Gefahr waren, warfen sich die kleineren Spinnen in die Schlacht. Der vorher grüngefärbte Boden wurde nun auch von Zwergenblut überflutet. Es kamen weitere Zwerge, aber auch Spinnen. Die Zwerge waren in der Unterzahl, dafür aber tötete jeder Dutzende. Gribus trat eine Spinne, die sich in seinen Stiefel hinein gebissen hatte nach oben, sodass sie wegflog und schließlich in den Schneiden seiner Äxte landete. Einer der anderen Zwerge zerfetzte zwei Spinnen, während ein weiterer mit mehreren schnellen Schwerthieben sechs Spinnen die Köpfe abschlug. Gribus blickte sich um und erkannte, dass die Spinnen die Zwerge zurückdrängten, was wohl auch daran lag, dass weitere Gigantenspinnen dazugekommen waren. Gribus musste, während er eine Spinne mit dem Stiefel zertrat, hilflos zusehen, wie ein Zwerg von einer Gigantenspinne mit den vorderen Gliedmaßen gepackt, in die Luft gehoben und ihm schließlich der Kopf abgebissen wurde. Früher oder später würde auch die anderen Zwerge dieses Schicksal ereilen. Jedoch kam Gribus plötzlich die rettende Idee. „Brobus, deck mich! Ich habe eine Idee“, brüllte er durch den Schlachtlärm hindurch, und sein Bruder kämpfte sich zu ihm durch. „Was für eine?“, fragte er mit einer gewissen Sorge im Gesicht. „Warte, sieh und staune!“, antworte Gribus mit einem Grinsen im Gesicht. Er nahm eines der Fässchen mit dem Dämonenpulver, zog den Korken heraus und stopfte das Loch mit einem Fetzen, den er von seinem Hemd riss, zu. Dann zückte er seine Feuersteine und entzündete den Fetzen. Brobus gab einen erstickten Laut von sich, als er erkannte, was sein Bruder vorhatte. Dieser zielte und warf das Fässchen einer der Gigantenspinnen zu. Das Fässchen, welches glücklicherweise aus stabilem Holz war, landete unter dem Kopf der Spinne auf dem Boden. Die Spinne blickte neugierig und verwirrt nach unten. Es sollte das Letzte sein, was sie sah. Mit einem kurzen Aufblitzen und einem lauten Knall explodierte es. Die Zwerge und Spinnen waren für einen kurzen Augenblick geblendet. Als sich ihre Sicht klärte, bot sich ihnen ein grässliches Bild: Der Oberkörper der Gigantenspinne war nur noch als Überreste am Boden vorhanden. Der Unterkörper hingegen war an der abgetrennten Stelle verbrannt und stand noch einem Moment aufrecht, bevor er zusammenbrach. Alle waren so geschockt, dass niemand das Beben fühlte. Spinnen und Zwergen waren erstarrt. Dann flohen die Spinnen mit einem lauten Kreischen zurück in den ursprünglich versperrten Tunnel. „Sie fliehen!“
„Lang lebe Gribus!“
„Hurra!“ Die Zwerge jubelten. Vor lauter Siegesfreude bemerkten die Zwerge das immer stärker werdende Beben immer noch nicht. Bis es zu spät war: Plötzlich krachte ein riesiger Wesen aus der Decke. Es war der Kopf eines zehn Meter langen und einen Meter breiten Erdwurms. Das Gesicht bestand aus einem einzigen riesigen Maul, aus dem die meterlange Fangzunge hervorschnellte und sich ein Opfer fing, bevor die Zwerge überhaupt reagieren konnten. Der Schockzustand des Unglücklichen löste sich und dann brüllte er sich die Seele aus dem Leibe. Es war Gribus. Glücklicherweise waren Zwerge wegen ihrer Knochen schwer, sodass der Wurm die Fangzunge mitsamt dem Opfer nicht rasch wieder einziehen konnte, sondern nur langsam. Immer mehr kam Gribus dem Maul näher, während die anderen Zwerge versuchten, ihn zu retten. Die Balliste wurde ausgerichtet und abgefeuert, doch der Bolzen prallte wirkungslos an der harten Haut des Wurmes ab. Den Wurm kümmerte das alles nicht. Immer näher zog er sein Opfer heran, bis es nur noch zwei Meter vom Maul entfernt war. Dann hielt die Zunge inne. Gribus blickte nach oben und blickte direkt ins Maul des Wurmes. Die Zähne rotierten bereits erwartungsvoll. Gribus schloss die Augen und wartete auf den Tod.
Doch er kam nicht. Gribus hörte zuerst ein Zischen, dann plötzlich ein Knacken und letztendlich den ohrenbetäubendes Schrei des Wurmes. Dann landete auf einmal heißes Wurmblut in seinem Gesicht. Jetzt schrie Gribus, sein Gesicht stand in Flammen. Die Zunge des Wurmes lockerte sich, sodass Gribus herabfiel, doch nahm dieser es nur verschwommen wahr. Das Letzte, was er fühlte, war sein Aufprall in mehrere starke Arme, dann Finsternis.
3. Kapitel – GKR–3443
Westen der Sahara (Menschenreich)
Mittag des Tages nach dem Fall von Erlin
Der Wüstenwind blies erbarmungslos und weit und breit war nur Sand. Es war glühend heiß, doch das Wesen, welches durch die Wüste wandelte, kümmerte dies nicht. Wie auch, wenn es nichts fühlte: Es bestand nur aus Metall und Elektronik. Es war GKR-3443, ein Werk der Menschen. Mit zweieinhalb Metern war er deutlich größer als seine Erschaffer. Sein Kopf war ein Quadrat mit zwei grün glühenden Augen und einem sandfarbenen Anstrich. Der Kopf saß auf einem ebenfalls sandfarbenen Körper, der an eine wuchtige Rüstung, die es nur mit Mühe schaffte, von den Muskelmassen seines Besitzers nicht gesprengt zu werden, erinnerte. Auf den beiden Schultern saß jeweils eine Raketenlafette, vollständig geladen. Während der linke Arm in einem gewaltigen Flammenwerfer endete, verfügte der rechte über eine Klaue, die auch sehr schwere Gegenstände heben konnte. An den stiefelähnlichen Füßen waren mehrere kleine Düsen befestigt. Auf dem Rücken befand sich der Tank, der die Brennflüssigkeit des Flammenwerfers speicherte.
„GKR-3443, irgendwelche Neuigkeiten?“
„Nein, Zentrale“, antwortete er mit seiner neutralen Computerstimme. GKR-3443 war auf Patrouille, die Aufgabe für die er gebaut wurde und die er schon seit zehn Jahren ausführte. Obwohl er mit einer für Roboter typisch hohen Intelligenz ausgerüstet war, benötigte er sie nicht, was ihn nicht störte. Er existierte nur, um zu dienen. Wieder einmal scannte er die Gegend, wie tausendmal davor. „GKR-3443 hier. Ich orte eine starke Energiefrequenz in zwei Kilometern Entfernung.“
„Untersuchen Sie es!“ GKR-3443 brauchte nicht mehr Befehle, um zu agieren. Er blieb stehen und startete den nötigen Vorgang: „Bereite Reisemodus vor. Energie wird in Füße umgeleitet.“ Die Füße des Roboters leuchteten auf. „Start! „ Plötzlich beschleunigt der Roboter in einem Augenblick von 0 auf 400 Stundenkilometer. Wie der Blitz raste er durch die Wüste bis zu den Rocky Mountains im Norden. In Null Komma nichts erreichte er sein Ziel. Dann stand er vor einer steilen Klippe. Von ganz oben kam das Signal. „Hindernis ist hundert Meter hoch. Bereite Sprungdüsen vor.“ Die Düsen an seinen Füßen spuckten auf einmal Feuer und beförderten GKR-3443 nach oben auf die Klippe. Der Kopf schwenkte nach links und rechts. „Scanne die Umgebung … Standort des Signals geortet. Das Signal kommt von einem grauen, eiförmigen Objekt. Der Krater, in dem das Ei liegt, lässt einen gewaltigen Aufprall vermuten.“
„Hier Zentrale. Bergen sie das Objekt und bringen sie es zum Hauptquartier!“
„Verstanden. Fahre Greifarme aus und … Zapp!“ … „GKR-3443? Melden Sie sich! … Hauptzentrale am Bergungszentrale: GKR-3443 sendet keine Signale mehr. Sende seine letzten Koordinaten.“
Der blonde, blauäugige Christian lächelte. Das war eine Seltenheit bei diesem grottenschlechten Pokerspieler. Doch heute war ihm das Glück hold. Die Bank war gut gefüllt und sein Blatt wunderbar. Siegessicher lächelte er seine drei Mitspieler an. „Ich glaube es ist jetzt Zeit“, sagte Simon, ein Pilot. „Da stimme ich zu!“, antworte eine Pilotin. Christian konnte sich nicht an ihren Namen erinnern, doch es war egal. Schließlich würde er gleich ihre 450 Koloniedollar gewinnen. „Okay, dann wollen wir mal …“
„Christian Schmitt, melden Sie sich sofort im Hangar 3. Es gibt Arbeit“, tönte auf einmal die Stimme seiner Kollegin Sarah Black aus den Lautsprechern, die überall in der Basis herumhingen. „Oh nö. Nicht jetzt“, stöhnte Christian auf. „Du musst los!“, sagte Simon mit einem Grinsen auf dem Gesicht. „Nur noch einen Mo …“
„Du kennst die Anweisung.“ Christian nahm seine 450 Koloniedollar und ging wütend aus dem Freizeitraum. „Mal sehen, was für ein Blatt er hatte“, sagte die Pilotin und sah es an. „Oha, ein Royal Flush!“
„Na, welch ein Glück, dass was dazwischen kam“, sagte Simon und sein Grinsen wurde breiter.
„Nun hör schon auf. Ich habe es mir nicht ausgesucht, wann der Roboter ausfällt. Lass deine Wut also nicht an mir aus.“ Sarah sah Christian ins Gesicht. Dieser antwortete mit einem Grollen: „Tu ich nicht. Und schau wieder nach vorne.“
„Siehst du! Ich habe dir schon mehrmals gesagt, dass es besser wäre, mit dem Pokern aufzuhören.“ Jetzt sah sie mit ihren grünen Augen wieder nach vorne und korrigierte den Kurs des Bergungssenkrechtstarters, während sie sich unter dem kurz geschnittenen braunen Haar kratzte. Das Fluggefährt war nichts anderes als ein kleiner Senkrechtstarter, der mit zwei leichten Lasern und einem Bergungsgreifhaken bewaffnet war. Gerade rasten sie durch die Wüste auf der Suche nach GKR–3443. „Kannst du ihn orten, Christian?“
„Nein. Entweder wurde er weggeschafft oder er ist komplett ausgefallen. Wir erreichen gleich den Punkt, von dem das letzte Signal kam. Wir werden dann mehr wissen.“ Sarah nickte, obwohl ihr Partner es nicht sehen konnte, und gab Gas. Dann aktivierte sie die Düsen, um über die steile Felswand zu kommen, die auch GKR-3443 übersprungen hatte. „Ich glaub’ ich sehe ihn. Da, neben dem Krater. Was ist da los?“ Christian drehte sich um und traute seinen Augen nicht. Da unten sah er den Roboter und ein großes, graues Ei. Zwischen beiden gingen blaue Blitze hin und her. Dann erstarben die Blitze. „Was war das, Sarah?“
„Das wollte ich dich auch fragen.“ Christian schaute sich weiter um. Dann plötzlich piepte es. „GKR-3443 aktiviert sich!“
„Was?“ Tatsächlich stand GKR-3443 wieder auf. Christian nahm das Mikrofon, mit dem er über die Lautsprecher Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen konnte. „GKR-3443, verstehst du mich?“
„Klar und deutlich, Herr.“
„Was ist passiert?“
„Weiß nicht, Herr“
„Na egal. Heb das Ei auf. Wir bringen dich zurück in die Basis.“ GKR-3443 gehorchte. Als er aber das Ei aufhob, stockte er. „Was ist?“
„Ich empfange ein unbekanntes Signal. Ich glaube, es kommt aus den Ei, Herr.“ Christian und Sarah sahen sich sprachlos an. Dann ergriff Sarah wieder das Wort: „Seine Elektronik muss beschädigt sein. In der Basis kriegen sie es bestimmt wieder hin.“
„Vermutlich“, stimmte Christian zu, doch er hatte ein ungutes Gefühl. Also nahmen sie den Roboter samt Ei auf und begaben sich auf den Rückweg.
Hätten sie nur in das Ei hinein sehen können. Dann hätten sie ein Wesen, das wie eine graue Schlange aussah, gesehen, das lächelte, denn es hatte den ersten Schritt zur Erfüllung seines Schicksals geschafft.
4. Kapitel – Erbarmungslose Wüste
Westen der Sahara (Menschenreich)
Mitternacht des zweiten Tages nach dem Fall von Erlin
Das Erste, was Erwin fühlte, nachdem er zu sich kam, war Sand. Feiner, weicher Sand. Erwin lag auf dem Rücken und hatte mächtige Kopfschmerzen. Er versuchte langsam aufzustehen, was ihm auch gelang. Dann blickte er sich um. „Wo im Namen des Lichts bin ich?“ Egal wohin er blickte, er sah nur Sand und Sanddünen in der Nacht. Er hatte noch nie so viel Sand gesehen. Er überlegte, wo er sein konnte. Dann fand er eine Antwort, doch diese gefiel ihm nicht: In einer Wüste. Leanus hatte ihn schon immer viel über diese gefährliche Gegend erzählt. Leanus … Der Gedanke an seinen toten Meister schmerzte ihn. Doch was ihn im Moment noch mehr schmerzte und ihm eiskalt den Rücken herunter lief, war die Erkenntnis, dass es nur eine Wüste in Locondia gab: Das Menschenreich. Das Schicksal spielte ihm übel mit. ‚Was soll ich nur machen? Ich bin in der Wüste und laufe Gefahr zu verdursten oder getötet zu werden. Erlin ist erobert und mein Meister tot.‘, dachte Erwin verzweifelt. Er sah sich um und entdeckte einen Krater, der in der Mitte noch glühte. Erwin trat näher heran und rutschte beinahe aus, denn die Ränder waren aus Glas. Er konnte das Gleichgewicht gerade noch halten und sah sich nun an, was in der Mitte war. Erwin erkannte das blaue Ei. „Wie kommt das hierher?“, fragte er sich, während er es aufhob. Es fühlte sich warm an. Und es pulsierte. Erwin starrte es an. Er fühlte tatsächlich einen Herzschlag. „Hier lassen kann ich es nicht. Doch wie soll ich es am besten transportieren?“ Erwins Blick fiel auf den Sandboden. Wenig später war mit Lichtmagie weiße Sandseide gesponnen, sodass wiederum mit Magie ein Rucksack genäht werden konnte. Erwin verstaute das Ei und begann Richtung Norden, beziehungsweise wo er den Norden vermutete, zu ziehen.
Langsam kam die Sonne hervor und es wurde heiß. Erwin, der nichts zum Trinken hatte, war bereits nach einer Stunde in der Hitze der Hals ausgedörrt. Nur dank seines Sonnenhaares, welches das Licht von der Sonne einfing, bekam er noch genug Kraft für seine Schritte. Doch auch so würde er nicht mehr lange aushalten. ‚Ich … darf … nicht … aufgeben! Es … muss … doch … bald … eine … Oase … kommen‘, dachte er. Er sollte tatsächlich Recht behalten. Denn bald sah er am Horizont eine Palme. Wo Palmen sind, sind auch Oasen. Das hatte Leanus gesagt, als er über die Wüste sprach. Obwohl jetzt Hoffnung in Erwin aufkeimte, verließen ihn die Kräfte. Er versuchte noch einmal, seine Reserven zu nutzen, doch er hatte keine mehr. Er wurde ohnmächtig. Als er auf dem Boden aufschlug, wurde es schwarz vor seinen Augen. Er hörte nicht mehr das Knacken, das vom Ei kam.
Das erste, was Erwin spürte, als er wieder zu Bewusstsein kam, war Wasser im Gesicht. Er stemmte seinen Oberkörper hoch und stellte fest, dass er bei der Oase war. Bevor er sich fragen konnte, wie er hierher kam, hörte er ein Geräusch wie ein Gluckern. Sein Blick fiel auf den Teich der Oase. Da saß ein seltsames Wesen. Es sah von hinten aus wie ein hellgelber Tintenfisch, der auf vier seiner Tentakel lief. Insgesamt hatte es zehn davon. Es war etwas größer als Erwins Kopf. „Wer bist du denn?“ Erwin sah den Tintenfisch ungläubig an. Dieser glotze mit seinen untertassengroßen Augen zurück. „ … Und wie kam ich überhaupt hierher?“ Er sah sich um und entdeckte dann eine Schleifspur. Auf seinen Schultern waren kreisförmige Abdrücke, die von den Tentakeln des Kopffüßlers stammen könnten. Er sah den Tintenfisch erstaunt wieder an. „Du bist aber stark.“ Als hätte dieser Satz den Tintenfisch ermutigt, schmiegte er sich plötzlich sanft an Erwins Beine. „Und zutraulich auch“, sagte Erwin belustigt. Er stemmte sich hoch und überlegte einen Moment. „Eine Oase haben wir. Doch womit können wir Wasser transportieren?“
5. Kapitel – Der Elf und der Ork
Irgendwo im Osten des Sumpfes des Westens
Morgen des dritten Tages nach dem Fall von Erlin
Luke, ein typischer kleiner Elf in roter Stoffkleidung mit einen Umhang, war schon oft in brenzligen Situationen gewesen, hatte sie bis jetzt aber immer meistern können. Nun aber sah er sich hoffnungslos verloren. Dabei hatte alles gut angefangen: Als er über die östliche Grenze des riesigen Sumpfes getreten war, traf er auf einen Ork. Dieser beherrschte die Kontinentalsprache und für eine Menge Gold hatte er sich bereiterklärt, ihn einmal quer durch den Sumpf und zurück zu führen. Dank seiner Führung traf Luke vier Orkstämme und konnte so viel über die Lebensweise und Bräuche der Orks lernen. Wenn er wieder zuhause war, wollte er als erster Gelehrter ein Buch über die Orks schreiben, dass nicht auf Gerüchten, sondern auf Tatsachen beruhen würde. Doch dann hatten er und sein Begleiter Pech gehabt.
Sie stießen auf einen seltenen Sumpfschmetterling. Anfangs hatte Luke keine Angst vor diesem Wesen, dessen Körper drei Meter lang war und dessen Flügel eine Spannweite von sechs Metern hatten. Er freute sich sogar, ein so seltenes Tier zu sehen. Doch nur bis zu dem Augenblick, in dem das Insekt seinen Begleiter auffraß und ihn einfing, bevor er wegrennen konnte. Jetzt hing er in Seide eingewickelt in der Höhle des Schmetterlings und wartete darauf, dass der Schmetterling bald Hunger kriegen würde und ihn hoffentlich schnell und schmerzlos auffressen würde.
Das dauerte. Erst nach drei Tagen zeigte der Schmetterling wieder Interesse. Doch statt ihn aufzufressen, klammerte er Luke zwischen seinen Beinen fest und flog los. Der Flug dauerte lange, sodass Luke einschlief. Er wachte erst wieder auf, als der Schmetterling sein Ziel erreichte und ihn unsanft zu Boden fallen ließ. Luke lag auf dem Bauch und sah von seiner Position aus, wie der Sumpfschmetterling ein paar Schritte zurücktrat. Dann hörte er laute Schritte, die denen des Sumpfschmetterlings ähnelten, nur heftiger. Daraufhin wurde er wieder in die Luft gehoben und umgedreht, sodass er etwas sah, was ihn einen Riesenschreck einjagte, aber auch eine Erkenntnis brachte. Das Wesen, das ihn hob, war ebenfalls ein Sumpfschmetterling, der aber doppelt so groß war wie der erste. Luke erkannte jetzt den Zweck dieser Zeremonie. Der erste Schmetterling war ein Männchen, das sich unbedingt paaren wollte. Deshalb fing er Luke ein, um ihn jetzt als Geschenk an das deutlich größere Weibchen zu überreichen. Diese Entdeckung faszinierte Luke, denn so ein Verhalten war bis jetzt nur bei Spinnen beobachtet worden, und da auch nur bei Arten, die nicht größer wurden als eine Elfenhand. Luke wusste, das wäre eine Sensation für die Elfengelehrten gewesen. Leider wird er es nicht weitererzählen können. Doch er spürte keine Angst, sondern nur kalte Faszination und so guckte er trotzig ins aufgerissene Maul, welches sich ihn näherte … ihn aber nicht verschlang. Stattdessen hörte er einen so schrillen Schrei, dass er sich wünschte, er wäre in der Lage gewesen, sich die Ohren zuzuhalten. Dann schwappte kaltes Insektenblut in sein Gesicht, er wurde losgelassen und fiel abermals hart auf den Boden. Das war zu viel für Luke. Er verlor das Bewusstsein.
Als Luke langsam wieder zu sich kam, schmeckte er Wasser. Jemand goss ihn Wasser in seinen ausgetrockneten Mund. Er schlug die Augen auf und blickte in ein grünes Orkgesicht mit kurzem schwarzem Haar. „Alles in Ordnung?“ Luke antwortete erst nach einer Weile: „Ja, danke für die Nachfrage.“ Der Ork half ihn hoch. Luke nahm jetzt seinen Retter in Augenschein. Das Auffälligste an ihm war seine Größe. Während normale Orks schon eine Größe von zwei Metern erreichten, war dieser mit zweieinhalb Meter selbst für einen Ork groß. Luke, der mit einem Meter zwanzig als klein galt, musste sich den Hals ausrecken, um dem Ork ins Gesicht blicken zu können. Zudem war dieser noch auffallend hager und sah alles andere als kräftig aus. Allerdings wäre er als nicht ganz so starker Ork immer noch so stark wie ein Stier. Und sein Gesicht, aber vor allem seine blaue Augen, zeugte von Intelligenz. Er trug eine dunkelsilberne Rüstung und seinen Kopf zierte ein Ritterhelm mit aufklappbarem Visier. Eine Elfenrüstung, erkannte Luke erstaunt. „Wie hast du die Schmetterlinge besiegt?“
„Ach, eigentlich musste ich nur einen besiegen. Nachdem ich dem Weibchen ins Maul schoss …“
„Womit?“
„Mit meiner Armbrust! Wo war ich? Ach ja. Das Weibchen verfiel in Raserei und ein Sumpfschmetterlingsmännchen weiß nur zu gut, dass man sich von einem wütenden Weibchen fern halten sollte. Also machte es sich aus dem Staub.“
„Na gut, und wie tötetest du das Weibchen?“
„Dreh dich um und sieh selber.“ Das tat Luke und er entdeckte das Weibchen, das ein entsetzliches Bild bot. Es war geköpft und am Bauch aufgeschlitzt, sodass die Eingeweide heraus quollen. Langsam trat er näher und legte seine Hände auf den Kadaver. Der Körper war überall, selbst am Bauch, mit hartem Chitin umgeben. Der Kopf konnte, wie Luke vermutete, nur mit hohem Kraftaufwand vom Körper getrennt worden sein. „Unglaublich.“ Luke starrte das Weibchen an und konnte sich von diesem grässlichen, aber auch faszinierenden Anblick nicht losreißen. Er würde vermutlich immer noch da stehen, hätte ihn der Ork nicht ungeduldig einen Klaps auf die Schultern gegeben. „Was ist?“, fragte der Ork, „Kommst du mit oder willst du auf den nächsten Schmetterling warten?“ Dann drehte er sich um und ging, ohne eine Antwort abzuwarten. Luke eilte hinterher, denn der Ork machte Riesenschritte. Während er hinterherlief, fiel ihn die Bewaffnung des Orks auf: die schon genannte Armbrust und zwei Schwerter. Das war seltsam: Orks bevorzugten Äxte, und Fernkampfwaffen hielten sie eines Kriegers für unwürdig. Er hätte zu gern den Ork danach befragt, doch wegen der Geschwindigkeit des Orks, hatte er nicht genug Atem für die Fragen.
Nach zwei Stunden kam ein Orkdorf mit den für Orks typischen runden Häusern aus Steinen und mit einem Strohdach in Sicht. Es war das größte Orkdorf, das Luke bisher gesehen hatte. „Das ist eines der größeren Dörfer in der Umgebung. Hier solltest du ohne Probleme einen Führer finden, der dich aus dem Sumpf führt.“ Ohne ein weiteres Wort wendete sich der Ork ab und wollte gehen, als der Elf ihn rief: „Warte. Willst du gar nicht ins Dorf? Ich hatte gehofft, ich könnte mit einer Mahlzeit für meine Rettung danken.“
„Danke, doch ich muss ablehnen. Ich meide die Dörfer.“ Und dann ging der Ork. Luke blickte ihm nach, bis er am Horizont verschwunden war. Plötzlich fiel dem Elf ein, dass er nicht einmal den Namen des Orks wusste. Tief beschämt ging er ins Dorf, wobei ihm auch noch auffiel, das der Ork die Kontinentalsprache flüssig gesprochen hatte. Er beschloss, sich nach dem Ork zu erkundigen.
6. Kapitel – Prüfung des Dschungelgottes
Norden im Dschungel des Südens
Morgen des drittens Tages nach dem Fall von Erlin
Schimascha fluchte. Ausgerechnet heute, am Tag ihrer Prüfung, musste sie auf die seltenen Pisakmücken stoßen, die ihren Namen zu Recht trugen. Als einzige Mückenart waren sie in der Lage, die grünliche, dicke, aus Schuppen zusammengesetzte Haut der Tarborianerin zu durchdringen und die hellgraue Schamanenkutte bot auch keinen Schutz. Sie schlug nach dem Schwarm, der sie überfiel, doch zum Überfluss waren die Plagegeister auch flink. Als sie einsah, dass es keinen Sinn hatte, machte sie sich wieder auf den Weg zu der Lichtung des Dschungelgottes, eine heilige Stätte, die im Norden des Dschungels lag und von jeden angehenden Schamanen besucht werden musste.
Schimascha musste an ihre Eltern denken und an ihre Augen, die voller Stolz geglänzt hatten, als sie erfuhren, dass ihre Tochter als Schamanin auserwählt worden war. Nur ein Bruchteil aller der zu Schamanen auszubildenden Lehrlinge wurde erwählt, um sich mit dem Dschungelgott zu vereinen. Die anderen wurden Heilkundige, auch eine hoch angesehene Tätigkeit. Doch nur durch die Vereinigung mit dem Dschungelgott erlangte man die Kraft, die Natur um sich herum zu beeinflussen. Viele ihres Volkes gierte es nach dieser Kraft. Schimascha selber hatte nie das Verlangen danach gespürt, sie lernte nur, damit sie später anderen helfen konnte. Sie vermutete, dass sie genau deshalb erwählt wurde. Der Gott konnte keine habgierigen Diener gebrauchen.
Sie trat weiter durch den Wald, bis auf einmal die Pisakmücken aufhörten zu stechen und zurückflogen. Sie erkannte sofort den Grund dafür: Sie hatte die Lichtung des Dschungelgottes erreicht, ein heiliger Ort, den selbst die kleinsten Tiere ehrfürchtig mieden.
Man hatte ihr alles genau gesagt, was sie tun musste, weshalb sie langsam auf den Meditationsstein, der in der Mitte der Lichtung lag, zutrat. Als sie vor ihm stand, stieg sie hinauf, setzte sich hin und meditierte. Da saß sie nun, völlig ruhig und voller Konzentration. Dann kam der entscheidende Moment: Sie spürte die Anwesenheit eines körperlosen, aber mächtigen Wesens. Sie spürte, wie die kräftigen Wurzeln der Bäume sich aus dem Boden gruben. Sie spürte, wie der Stein von ihnen angehoben wurde. Sie war eins mit dem Dschungel. Sie öffnete die Augen und sah, wie die Wurzeln, die jetzt mindesten hundert Meter lang sein mussten, den Stein umschlangen und sich dann um sie herum gerade in den Himmel reckten. Wie in Trance stand sie auf und breitete die Arme waagerecht aus. Sie wartete, bis sie eine Stimme in Geiste vernahm: „Bist du bereit für die Vereinigung?“
„Ja, mein Gott.“ Zwei Wurzeln bewegten sich, bis ihre Enden auf die Schultern der Tarborianerin zeigten. Dann verformten sich die Enden zu Spitzen. Einen Moment lang verharrten sie. Danach rasten sie mit voller Wucht auf sie zu. Sie schrie, als ihre Arme abgetrennt wurden. Der Schmerz war trotz der Vorwarnung der anderen Schamanen überwältigend. Sie weinte und schämte sich wegen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung. „Schäme dich nicht, niemand ist gegen Schmerzen immun, selbst ich nicht“, tröstete sie die Stimme in ihrem Geist. Zwei andere Wurzeln bewegten sich nun an den frischen Wunden der Armstümpfe und setzen jeweils einen Samen in diese ein. Dann zuckten die Wurzeln wieder zurück. Schimascha spürte, wie die Samen ihr Blut aufnahmen, aufquollen und schließlich platzten. Wurzeln drangen in ihr Fleisch und verbanden sich mit den Blutbahnen und Nervensträngen. Zwei Stämme ohne Äste und Blätter entstanden und wuchsen zu Armen, die Hände mit je fünf Fingern hatten. Während das Abtrennen schmerzvoll gewesen war, fühlte sich das Wachsen der Armpflanzen, Schimascha nannte sie so, schmerzlos, ja sogar gut an. Als die Pflanzen ausgewachsen waren, wurde der Stein langsam herabgelassen. Schimascha stieg ab und betrachtete ihre neuen Arme. Sie waren aus braunem Holz und jetzt konnte sie einzelne kleine Blätter entdecken. Am außergewöhnlichsten waren die fünf Finger. Ein Tarborianer hatte nur drei krallenförmige Finger, von denen der eine wie ein Daumen fungierte. Plötzlich war sie unglaublich müde. Sie sackte zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf.
Als sie aufwachte, war es immer noch heller Tag. „Guten Morgen. Naja, eigentlich ist es ja schon Mittag. Wie fühlst du dich?“ Schimascha, trotz des Wissens, dass der Dschungelgott über den Geist mit einem sprach, erschreckte sich. Dann aber fasste sie sich wieder und antwortete: „Für ein kleines Nickerchen war er sehr erholsam, der Schlaf.“
„Nickerchen? Du hast vierundzwanzig Stunden durchgeschlafen.“
„Was? Oje, dann sollte ich zurück ins Dorf gehen, bevor sich noch jemand Sorgen macht.“
„Das geht nicht.“
„Warum, Mächtiger?“
„Ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. Ich kann nur sagen, dass schreckliche Dinge geschehen werden. Du muss nach Norden, zu den Zwergen.“
„Aber …“
„Ich weiß, es kommt überraschend. Ich wünschte ich hätte mehr Zeit zum Erklären. Du wirst es aber schon von selbst verstehen.“ Als diese Worte verklungen waren, raschelte es hinter Schimascha. Sie drehte sich um und sah einen Rabämus, ein bärenähnliches Reptil. An der Haltung des Tieres erkannte sie, dass es keine feindlichen Absichten hatte. Als es näher kam, ließ es ein großes, grünes Ei aus seinen Krallen fallen. „Nimm es mit in den Norden. Nein, fragt nicht, die Zeit drängt. Du musst los.“ Ohne weiter zu fragen nahm Schimascha das Ei und packte es in ihren Beutel. Dann machte sie sich auf den Weg.
7. Kapitel – Der Zwerg mit dem steinernen Gesicht
Goldia, Reich des Silbernen Hammers, Zwergenland
Mittag des drittens Tages nach dem Fall von Erlin
Gribus schritt durch blutrotes Wasser, das ihm bis zu seinem Knöchel reichte. Weit und breit war nur dieses Wasser. Der Himmel wies eine blassrote Färbung auf. Gribus rannte los, denn er fühlte sich verfolgt. Jetzt hörte er weiteres Geplätscher. Er verspürte unglaubliche Angst und rannte weiter. Das Plätschern wurde hastiger. Gribus wagte es nicht, nach hinten zu sehen. Er rannte und rannte, bis er plötzlich stolperte und hinfiel. Er landete auf dem Bauch, drehte sich jedoch schnell auf den Rücken, um dem Tod wenigstens in die Augen blicken zu können. Was er sah, überraschte ihn. Es war eine Gigantenspinne, die ihn mit acht grünen Augen ansah. Gribus schrie. Schon senkte sich der Kopf, um ihn zu zerreißen. Dann plötzlich ein Lichtblitz. Gribus wurde geblendet und als er wieder klar sehen konnte, befand sich ein zerrissener Spinnenkörper vor ihm. Bevor er begreifen konnte, was geschehen war, schwebte plötzlich eine kleine, rot leuchtende Kugel vor seinem Gesicht. „Ich habe dir gedient. Nun bezahle den Preis!“ Die Kugel wurde auf einmal größer und verbrannte sein Gesicht. Er schrie …
… und erwachte. Weg war die Kugel, dafür war aber der Schmerz geblieben. Zuerst nahm Gribus seine Umgebung nur verschwommen wahr. Dann aber klärte sich sein Blick und er erkannte endlich, wo er sich befand. Er erkannte sein Zimmer wieder und stellte fest, dass er in seinem Bett lag und so ziemlich alles in seinem Gesicht schmerzte. „Gribus, endlich bist du erwacht.“ Gribus drehte seinen Kopf in die Richtung aus der die Stimme kam, was ihm besonders schwer fiel. Medikusius, Arzt und der braunhaarige, elfische Freund seines Vaters, kam in sein Sichtfeld. „Me … „ Gribus Stimme versagte, sodass der Elf aus einer der Taschen seiner seidenen Robe eine kleine Flasche herauszog. „Das wird deine trockene Kehle wieder befeuchten“, sagte er, während er Gribus‘ Mund aufmachte und den Inhalt der Flasche hineingoss. Gribus schluckte und konnte nun mit kräftiger Stimme fragen, was passiert war. „Das kann ich dir erzählen“, kam es plötzlich mit trauriger Stimme von der Tür. Es war sein Vater, der nun fragte: „Woran kann du dich denn erinnern?“ Gribus überlegte einen Moment. „An den Erdwurm. Und an unsägliche Schmerzen.“ Ekarum sah ihn daraufhin an: „Nun, es ist schnell erzählt. Als der Wurm dich verschlingen wollte, geschah etwas Seltsames. Zuerst verharrte er, dann explodierte sein Gesicht und er ließ dich los. Hätte dich nicht einer der anderen aufgefangen, wärst du tot. Der Wurm selber stürzte nach kurzem Verharren um, sodass wir so schnell wie möglich verschwanden. Dann aber gingen wir zurück und staunten. Der Boden war mit dem Blut des Wurmes überflutet, doch er selbst war weg.“
„Weg?“
„Weg, einfach so weg. An seiner Stelle fanden wir das.“ Er nahm ein rotes Ei aus der Tasche. „Wir glauben, dass dies dein Leben gerettet hat. Wir denken, es ist ein Ei, aber von welchem Tier es ist, wissen wir nicht.“ Gribus betrachtete das Ei und spürte plötzlich das Verlangen, dass Ei zu behalten. „Könnte ich es haben?“, fragte er schließlich. Sein Vater guckte erst verdutzt, dann sagte er: „Na warum nicht? Es ist schließlich kein Hydraei. Ich lege es neben den Kamin. Dort ist es warm, falls irgendwas mal ausschlüpfen will. Wenn du wieder fit bist, kann du dir es ansehen.“
„Danke. Aber sag mal, Vater, warum bist du so traurig? Ist was passiert?“
„Nun ja, ich habe die unangenehme Pflicht, es dir zu sagen.“
„Mir was zu sagen?“ Statt ihn eine Antwort zu geben, drehte sein Vater sich um und nahm den kleinen Wandspiegel, der im Zimmer hing, und zeigte Gribus sein Spiegelbild. Gribus schrie auf. Sein Antlitz war entstellt. Sein Gesicht war mit Mondgestein, welches sich mit lebendem Fleisch verbinden konnte und deshalb in Narben eingepflanzt wurde, übersät. Sein linkes Augen hatte seine Farbe von grün nach rot geändert, während das rechte nicht mehr existierte. An seiner Stelle saß nun ein magischer Saphir, der mit Runen übersät war und der als Augenersatz diente. „Das ätzende Wurmblut hat dein ganzes Gesicht zerfressen. Dein rechtes Auge war schon weg, als wir dich zu Medikusius brachten, und der konnte gerade noch dein linkes retten. Glaub mir, vor der Verpflanzung des Mondgesteins hättest du selbst einen Ork an Hässlichkeit übertroffen.“
8. Kapitel – Eine neue Seele erwacht
Außenposten der Menschen
Zur selben Zeit
Im Außenposten wurde die Überprüfung eines Roboters abgeschlossenen. Die Techniker fanden keinen Fehler, weder an der Technik, noch in der Programmierung, weshalb sie meinten, man könnte ihn gefahrlos wieder einschalten und auf Patrouille schicken, was sie auch taten. Doch sie ahnten nicht, was geschehen würde. Welches schicksalhafte Ereignis sich für immer in ihre Erinnerung einbrennen würde. Denn als die Energie der Atombatterie durch die Kabel pulsierte, begann nicht nur die eingebaute Festplatte, das Gedächtnis des Roboters, zu laufen. Mitten auf ihr saß ein rosa Klumpen, der lebte. Die Techniker hatten es nicht entdeckt, weil es sich im Tiefschlaf befand, doch jetzt pulsierte er und fing mit seiner Arbeit an. Es dachte und wuchs langsam, aber stetig.
Der Technische Oberleiter Martin Klinge stand vor dem Gerüst, das GKR–3443 hielt. Er arbeitete jetzt schon fünf Jahre lang mit Robotern, sodass er viel Erfahrung besaß. Obwohl er erst dreißig Jahre alt war, wirkte er auf viele deutlich älter, was auf seine Armprothese, die den linken Arm ersetzte, und seine weißen Haare zurückzuführen war. Damals hatte ihn ein losgelöster Arm eines Roboters seinen Arm zerquetscht. Er blickte hoch zum Kopf. Noch hing er schlaff nach unten, doch gleich würden die grünen Sehsensoren wieder leuchten. Er hob die Hand. Einer von seinen Assistenten nickte und betätigte einen Hebel auf dem Hauptschaltpult. Summend begann der Generator zu arbeiten. Ein kurzer Stromstoß aktivierte schließlich den Roboter. Die Augen leuchteten grün auf. Dann bewegte sich der Roboter aus dem Gerüst. „GKR-3443 meldet sich zum Dienst, Herr.“ Herr Klinge nickte zufrieden und befahl schlicht: „Geh wieder an die Arbeit.“ Ohne etwas zu erwidern, bewegte sich der Roboter zum Ausgang der Reparaturanlage. Herr Klinge blickte hinterher und glaubte einen Moment lang, dass der Roboter hinkte. Doch dann hielt er es für ein Hirngespinst, dachte nicht mehr daran und machte sich wieder an die Arbeit.
Im Labor 36 des Außenpostens untersuchte eine Gruppe Wissenschaftler gerade das rätselhafte Ei. Als sie selbst durch Röntgen zu keinem Ergebnis kamen, beschlossen sie, das Ei aufzubohren. Das Wesen im Inneren des Eis bemerkte es und schickte in seiner Angst einen Gedanken los.
GKR-3443 wandelte durch einen Gang, der ihn zum Hangar führen würde, als es passierte. Er empfing ein außergewöhnliches Signal. Es war stärker als alles andere, das er je zuvor empfangen hatte. Auch die Reaktion verstand er nicht. Wie auch, wenn er der erste seiner Art ist, dem dies passierte. Er folgte jetzt keinem Befehl, sondern etwas, das er nicht kannte. Menschen würde es Instinkt nennen. Er blieb stehen. Dann wandte er sich und ging in Richtung der Labore.
In der Hauptzentrale saßen wie üblich Techniker in blauen Uniformen, die mit dem Abbild von Terra geschmückt waren, an ihren Monitoren und überwachten über die Kameras den gesamten Außenposten. Einer von ihnen wollte sich gerade einen Schluck Kaffee gönnen, als ihm etwas auf einem der Monitore auffiel. Er setzte die Tasse ab und widmete ihm nun seine gesamte Aufmerksamkeit. Tatsächlich! Auf einem Gang, der zu den Hauptlaboren führte, befand sich ein Kampfroboter. Einer der Gamma-Reihe. Was hatte der hier zu suchen? Der Techniker beobachtete über die Kamera, wie der Roboter langsam auf die Sicherheitsschleuse zutrat, die zum Laborabteil führte. Davor war ein Soldat, der eine graue Uniform, einen schwarzen Brustpanzer und einen ebenfalls schwarzen Helm trug, postiert, der jetzt den Roboter bemerkt haben musste. Schon übertrug das Mikrofon an der Kamera folgendes: „Hey, Robot. Was hast du hier zu suchen? Zurück an deinen Posten!“ Der Roboter blieb stehen und verharrte einen Moment. Dann antwortete er mit seiner digitalen Stimme: „Gehen Sie aus dem Weg, Herr.“ Auf dem Gesicht des Soldaten tauchte eine Mischung aus Überraschung und Angst auf. Doch dann fragte er mit scheinbar ruhiger Stimme: „Hat man dich hierher befohlen, Robot?“
„Nein, Herr.“
„Dann tu, was ich dir gesagt habe.“ Der Roboter starrte mit seinen grünen Augen den Wachposten an. Dann geschah es. Plötzlich schnellte der Flammenwerfer hoch und spuckte eine blaue Flamme aus. Der Wachposten konnte nicht mal schreien, bevor seine Überreste nur noch aus einem Häuflein Asche bestanden. Der Techniker war geschockt und während er auf den Monitor starrte, der den Roboter dabei zeigte, wie er die Sicherheitsschleuse mit seiner Kralle aufriss, hatte der Computer schon Alarm geschlagen.
Überall im Außenposten schrillten die Alarmsirenen. Alle, vom einfachen Soldaten bis zum Elitesoldaten, rüsteten sich nun für den Ernstfall, Selbstschussanlagen wurden aktiviert sowie auf die Vernichtung des scheinbar defekten Roboters programmiert und Kampfroboter der Beta-Reihe, Modelle wie GKR-3443, nur größer und gefährlicher, wurden aktiviert. Alle Kampfeinheiten eilten zu den Laboren.
GKR-3443 schritt langsam durch die Gänge, die die Labore miteinander verbanden. Ihm war klar, dass man versuchen würde, ihn aufzuhalten. Doch er war ein Roboter und spürte keine Angst. Er ging um eine Ecke und stand plötzlich vor einer Barrikade, die Soldaten auf die Schnelle aus Maschinen und Behältern gebaut hatten. Nun verschanzten sie sich hinter ihr und eröffneten das Feuer. Mehrere Laserstrahlen trafen GKR-3443, doch sein eingebauter Schutzschild fing die Attacke ab. GKR-3443 reagierte auf den Angriff und deckte den ganzen Gang mit Flammen ein. Schnell schmolz die Barrikade dahin und die Soldaten fielen schreiend und verkohlt zu Boden. GKR-3443 wollte seinen Weg nun fortsetzen, als er plötzlich eine Plasmagranate in den Rücken bekam und von der Wucht nach vorne geschleudert wurde. Sofort flammten die Sprungdrüsen auf, um das Gleichgewicht zu bewahren. Als GKR-3443 wieder stand, drehte er sich schnell um und aktivierte noch in der Drehung den Flammenwerfer. Schreiend fiel auch dieser Soldat.
In der Zentrale wurde dies beobachtet. „Gruppe Alpha wurde ausgelöscht!“
„Der Roboter setzt seinen Weg fort!“ Mehrere panische Rufe durchdrangen die Luft. Irving, der junge und unerfahrene Kommandant des Außenpostens, blickte wachsam auf die Bildschirme. Der Roboter musste schleunigst aufgehalten werden, sonst wäre er seinen Posten los. Und dieser Gedanke gefiel ihm ganz und gar nicht.
GKR-3443 war nicht aufzuhalten. Er näherte sich Labor 36 und hinterließ eine Spur der Verwüstung sowie haufenweise verbrannte Leichen. Niemand konnte ihn aufhalten. Bis jetzt. Der Roboter befand sich nun im letzten Gang, den er durchqueren musste. Am anderen Ende war die Schleuse zum Labor, auf der „36“ stand. GKR-3443 wollte zur Schleuse, als plötzlich seine Sensoren ausfielen. Er war auf einmal sozusagen blind. Ein Eliteteam, das sich von hinten genähert hatte, setzte einen Störsender ein, der die Sensoren von Robotern für nur einen kurzen Moment lahm legen konnte. Doch mehr Zeit brauchte das Eliteteam nicht. „Jetzt, der Überladungszapper!“ Während die Sensoren von GKR-3443 gerade erst wieder funktionierten, nahm ihn einer der Elitesoldaten mit einer Waffe, die einer Panzerfaust ähnelte, ins Visier. Der Überladungszapper: Eine Waffe, die durch eine starke Energiezufuhr die Atombatterie eines Roboters außer Gefecht setzen kann. „Hasta la vista, Robot!“, sagte der Soldat noch und drückte ab. GKR-3443 wurde in blaues Licht eingehüllt, dann sackte er leblos zusammen. Die Soldaten jubelten und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Für sie war der Kampf scheinbar gewonnen. Doch saß im GKR-3443’s Kopf ein organischer Klumpen, der nicht aufgeben wollte. Der Klumpen, der nun fast die ganze Festplatte überwuchert hatte, zog sich zusammen, verharrte ein paar Sekunden, um sich dann plötzlich wieder auf seine volle Größe auszustrecken und dabei eine ungeheure Menge an Energie freizusetzen. Diese Energie raste durch den ganzen Roboter und erreichte schließlich die Atombatterie. Erst passierte gar nichts, doch dann pulsierte wieder Energie durch die Kabel von GKR-3443. Die Augen leuchtenden erneut smaragdgrünlich und der ganze Körper regte sich wieder. Der Soldat, der den Überladungszapper trug, erbleichte und konnte gerade noch „Was zum Teufel?“ sagen, als der Kampfroboter schon direkt vor ihm stand und ihn mit seiner Kralle den Zapper entriss. Das brach die Moral der Truppe und sie flohen alle bis auf den Zapperschützen. Dieser stand erstarrt vor dem Roboter. Dann sagte er schließlich: „Wenn du glaubst, dass ich um mein Leben flehe, dann …“ GKR-3443 zerbrach mit seiner Kralle den Zapper. „… hast du richtig getippt. Gnade!“ Doch Kampfroboter kannten keine Gnade. Wenige Sekunden später gab es eine weitere verkohlte Leiche im Außenposten. GKR-3443 trat an die Schleuse und aktivierte den Flammenwerfer. Als der Stahl begann, sich zu verflüssigen, brach er sie mit seiner Kralle auf. Die Wissenschaftler schrien, als er eintrat und dann schrien sie noch mehr, als er sie verbrannte. Sofort schossen Flammen hervor, da die Chemikalien Feuer fingen, und das Labor verwandelte sich in eine Flammenhölle. Das kümmerte den Roboter nicht groß, ihn interessierte nur das Ei. Behutsam nahm er es auf. Er wollte überrechnen, was er nun tun sollte, als ihn plötzlich Feuer vom Eingang überraschte. Er drehte sich um und stand einer Übermacht von drei Beta-Kampf-Robotern gegenüber. Er wusste sofort, dass er keine Chance hatte, als ihm plötzlich eine Idee kam: Er visierte die Decke an und schoss seine Raketen ab. Die Raketen explodierten und sofort bildeten sich Risse, bis schließlich die ganze Decke einstürzte. Die BKRs zogen sich zurück, um nicht zerschlagen zu werden. Als sich der Staub legte, war GKR-3443 mit dem Ei verschwunden.
In zehn Kilometern Entfernung bekam GKR-3443 wieder Boden unter den Füßen. Er hatte seine Befehle ausgeführt und wollte nun in Ruhestellung gehen, als es passierte. Der Klumpen hatte die Festplatte komplett überwuchert. Es bildeten sich Seitenarme, die sich nun von der Festplatte aus im ganzen Körper verteilten. Sie verknüpften sich mit jedem Gerät, sie verschmolzen mit jedem Kabel und bildeten so ein Nervensystem. GKR-3443 schrie. Es war ein schriller Schrei, der erste, den GKR-3443 ausstieß. Seine Seele erwachte, er fing an zu denken … er lebte!
Während der Ereignisse im Außenposten trafen sich zwei Gestalten im Magierturm der Akademie des Lichts in Erlin. Die Halle, in der Leanus starb, war verwüstet. In der Mitte, wo noch die Reste des Pentagramms sichtbar waren, stand ein Schattenelf in schwarzer Rüstung, die an den Schultern, Beinen und an den Armen mit einzelnen rot glühenden Stacheln verziert war. Die Haut des Schattenelfen war rabenschwarz, seine Haare ebenfalls und seine Augen glühten rot. Er sah durch den Saal und lächelte abgrundtief böse. Durch das zerstörte Tor eilte ein einfacher Soldat, bewaffnet mit Schild und Schwert, in ebenfalls schwarzer Rüstung. Er blieb hinter dem Schattenelf, der ihm den Rücken zuwandte, stehen und verneigte sich. Der andere Schattenelf drehte sich um und befahl mit tiefer Stimme: „Sprich, Wurm!“
„Herr, wir haben die Stadt unter Kontrolle. Die Lichtmagier und ihre Lehrlinge sind eingesperrt.“
„Und die einfachen Leute?“
„Es gab anfangs einige Probleme, doch seit wir ein paar Verstümmelungen hier und ein paar Hinrichtungen da durchführten, verhalten sie sich gehorsam und sitzen nun verängstigt in ihren Häusern, mein König.“ Maglinus, König der Schattenelfen, lächelte noch mehr und befahl schließlich: „Gehe nun an deinen Posten zurück.“ Der Soldat verbeugte sich abermals und eilte weg. Der König drehte sich wieder um und fragte schließlich: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Eine Gestalt trat aus dem Schatten: Es war einer der schwarzen Ritter. „Bei dem Edelstein.“ Der Schattenelf lächelte wieder und nahm einem Beutel von seinem Gürtel und warf ihn dem Ritter zu. Dieser öffnete ihn und nahm einen großen Hämatit, schwarz wie die Nacht, heraus. „Danke, er wird uns bei unseren Forschungen sehr behilflich sein“, sagte der schwarze Ritter noch, dann verschwand er in den Schatten und verließ den Saal. Der König zuckte nur mit den Schultern. Daran war er schon gewöhnt. Wichtiger ist, dass er nun Herrscher von Erlin war.
Langsam zog sich die metallene Fläche weg und ließ zum ersten Mal seit drei Tagen wieder Sonnenlicht auf Erlin durch. Schließlich verschwand die Fläche und mit ihr die schwarzen Ritter. Zurück blieb eine von den Schattenelfen besetzte Stadt.
9. Kapitel – Das braune Ei
Irgendwo im Osten des Sumpfes
Abend des dritten Tages nach dem Fall von Erlin
Janok saß allein in seiner einfachen Stoffkleidung an seinem Lagerfeuer und döste im Schein des roten Mondes, der in dieser Nacht schien, vor sich hin. Der Tag hatte sich gelohnt: Er hatte nicht nur dem kleinen Elf das Leben gerettet, sondern auch wertvolle Sumpfschmetterlingsseide an sich bringen können. Janok, der einsame Ork, konnte wirklich zufrieden sein. Er nahm eines seiner Schwerter und begann es zu schleifen. Als er fertig war, wollte er sich sein zweites vornehmen … da vernahmen seine grünen, spitzen Ohren mehrere leise Geräusche. Sie klangen wie Schritte. Janok war von Natur aus neugierig, weshalb er aufstand und den Geräuschen nachging. Er nutzte dabei jeden Stein und jedes Gebüsch als Deckung, um nicht zu früh bemerkt zu werden, und kam so langsam dem Ursprung der rätselhaften Geräusche näher. Der Ork kroch einen Hügel hoch und konnte nun sehen, wer diese Geräusche verursachte. Direkt in einer Senke vor ihm waren sechs Schattenelfen, die in dunkle Lederrüstungen gekleidet und mit Schwert und Schild ausgerüstet waren. Sie umkreisten ein großes, braunes Ei, das noch an der Unterseite glühte und in einem Krater lag. Ein Schattenelf, der auf seine verbrannten Hände pustete, jammerte: „Warum habt Ihr mich nicht gewarnt? Ich habe mir die Hände verbrannt.“ Ein weiterer, der im Gegensatz zu den anderen eine schwarze Rüstung und ein zweihändiges Schwert trug, schrie ihn genervt an: „Klappe, Soldat. Hören Sie auf zu jammern und denken Sie lieber nach, wie wir es zum General bringen können!“ Bevor der Schattenelf mit den verbrannten Händen oder einer der anderen vier antworten konnte, knackte es plötzlich. Alle Augen, auch die von Janok, richteten sich auf das Ei. Es war von Rissen übersät. Es knackte noch ein letztes Mal laut, dann brach das Ei auf und gab ein sonderbares Wesen frei. Es schien ein Mischling zweier Tiere zu sein: Das Hinterteil ähnelte dem eines Tieres, dem man Janoks Meinung nach Löwe nannte. Der vordere Teil schien von einem Weißkopfseeadler zu stammen. Es hatte kleine, aber prächtige Flügel mit braunen Federn. Janok hatte zwar schon einen Adler und die Zeichnung von einem Löwen gesehen, doch so ein Tier war ihm völlig unbekannt. Dank des roten Mondes war es hell genug, sodass Janok sehen konnte, wie der Schattenelf in der Rüstung, der wohl der Anführer der Gruppe war, lächelte und mit heimtückischer Stimme sagte: „Oh, es ist geschlüpft. Ihr kennt die Anweisungen für diese Situation.“ Die Untergebenen nickten allesamt und zückten ihre Schwerter. Das frisch geschlüpfte Wesen schien die Gefahr zu spüren, kreischte ängstlich und versuchte zu fliehen. Ein Schattenelf stürzte sich darauf, doch die Klinge seines Schwertes rammte sich in die Erde. Dem Wesen gelang es, den Hügel schnell hoch zu krabbeln. Es versuchte zu fliegen, doch seine Flügel waren noch zu verklebt. Die Schattenelfen waren zuerst verwirrt, doch dann rannten sie hinterher und holten auf. Als Janok sah, wie die Schattenelfen das arme Wesen den Hügel hinauf hetzten, hatte er seine Entscheidung getroffen. Als das Wesen Janoks Position fast erreicht hatte, stemmte er sich mit einem Brüllen auf. Das Wesen erstarrte und blickte ihn mit seinen großen Augen entsetzt an. „Keine Angst, ich werde dich beschützen“, sagte Janok, um das Wesen zu beruhigen. Das Wesen schien es verstanden zu haben und versteckte sich hinter Janoks Beinen. Die Schattenelfen blieben stehen und starrten den Ork an. Der Anführer drohte schließlich: „Aus dem Weg, Grünhaut. Sonst stirbst du!“ Janok blieb unbeeindruckt und spottete: „Komm nur her, Rotauge.“ Die Schattenelfen wollten sich alle auf ihn stürzen, doch der Anführer schrie: „Zurück, der gehört mir.“ Der Schattenelf sprang in die Luft und holte im Flug mit dem Schwert aus. Doch als die Klinge hinuntersauste, war der Ork nicht mehr dar. Er war zur Seite ausgewichen und nutze nun die Hilflosigkeit des Elfen aus, denn die Klinge war im Erdreich versunken. Der Elf erkannte die Gefahr, ließ den Griff los und sprang über die beiden Stiche des Orks hinüber. Janok guckte verdutzt nach oben und bekam die Füße des Elfen ins Gesicht. „Na, schmeckt es dir, Ork?“, fragte der Elf gehässig, als er sein Schwert heraus zog. Statt zu antworten, fiel Janok in markerschütterndes Gebrüll. Der Schattenelf, selbst er konnte sich der Angst einflößenden Wirkung eines Orkschreis nicht entziehen, erstarrte. Janok nutzte dies aus und schlug dem Elfen ins Gesicht. Die Nase brach und die Lippen platzten auf. Der Schattenelf flog ganze fünf Meter weit zurück, überschlug sich im Flug und landete dann unglaublicherweise wieder auf den Beinen. Janok, der sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, konnte nur staunen und auch die Untergebenen des Schattenelfen gaben überrascht ein „WOW!“ von sich. Dem Schattenelf war die Siegessicherheit verloren gegangen, an ihre Stelle trat kalte Wut. Mit Kampfgebrüll, das sich fast mit dem von Janok messen konnte, stürzte er sich mit seinem Zweihänder auf den Ork und schlug in Raserei auf ihn ein. Der Ork hatte Mühe, die Schläge mit seinen zwei Schwertern abzuwehren. Er setzte all sein Können ein, doch er konnte keine Zeit für einen Gegenschlag gewinnen. Da passierte es: Das Schwert des Schattenelfen durchbrach die Verteidigung und durchschnitt von oben das Fleisch der rechten Schulter des Orks. Nur dank der Härte von Orkknochen wurde der Arm nicht abgetrennt. Während Janok ungläubig auf seine Schulter starrte, lachte der Schattenelf wie verrückt in seinem Blutrausch. Aber er lachte nicht mehr lange: Plötzlich packte ihn eine grüne, riesige Hand am Hals. Janok hob ihn hoch und starrte ihn hasserfüllt und rasend an. Dann drückte er zu. Das Genick des Elfen brach sofort. Janok ließ los und der Schattenelf fiel tot zu Boden. Doch Janoks Wut war noch nicht verraucht, sie kochte sogar noch mehr. Mit einem weltenerschütternden Gebrüll, das locker das erste übertraf, raste er auf die restlichen fünf Schattenelfen zu. Die waren noch von dem Tod ihres Anführers geschockt, sodass Janok mühelos zwei an den Hälsen packen und deren Köpfe zusammenschlagen konnte. Es knackte zweimal laut und Hirnmasse spritzte. Die drei, die nun noch übrig waren, verloren komplett den Mut und flohen. Der Ork verfolgte sie nicht, denn er hatte inzwischen seine Wut verbraucht. Er guckte ihnen nur verächtlich hinterher und sagte schließlich: „Es gibt nichts Besseres als einen ordentlichen Kampf.“ Er wollte zurück zu seinem Lager gehen, als er bemerkte, dass das Schwert des Anführers noch in seiner Schulter steckte. Er zog es heraus, spuckte auf seine Wunde und wollte nun endlich den Rückweg antreten, als er sich plötzlich immer schwerer und schwächer fühlte. Er hatte keine Kraft mehr und stürzte zu Boden. In ihm keimte ein Verdacht auf und er blickte auf die Klinge des herausgezogenen Schwertes. Sein Blut, das an der Klinge klebte, war grün. „Gift …“, röchelte Janok noch, bevor alles um ihn herum schwarz wurde.
10. Kapitel – Das freche Ei
Die Große Einöde
Morgen des vierten Tages nach dem Fall von Erlin
Schimascha fluchte. Und wie. Sie hatte geplant, im Nordosten aus dem Dschungel herauszukommen. Doch die Einöde vor ihr belehrte sie eines Besseren. „Kein Zweifel, das ist die Große Einöde. Wie konnte ich mich nur so verlaufen?“
„Vielleicht hast du keinen Orientierungssinn?“ Schimascha sprang, wie von einer Pisakmücke gestochen, erschreckt auf und sah sich um. „Wer spricht da?“
„Ich!“ Schimascha war noch verwirrter. „Zeig dich, damit ich dich sehen kann.“ Dann hatte sie einen Geistesblitz. Sie hob das Ei auf Augenhöhe und fragte: „Du steckst da drin, richtig?“ Sie spürte eine zustimmende Bewegung im Ei: „Ja, und ich bin dein zukünftiger Kampfgefährte.“
„Was meinst du damit?“, wollte Schimascha wissen, doch das Ei antwortete nur: „Alles zu seiner Zeit.“
Schimascha marschierte zügig durch die Einöde, bis sie das große steinerne Tor sah. Davor war eine ganze, kleine Armee der Tarborianer stationiert, welche die Grenze bewachte. Kein Wunder, schließlich führte sie geradezu ins Orkreich. Als Schimascha sich näherte, kam der Kommandant der Wache, erkennbar an seiner weißen Edelholzrüstung, auf sie zu, verbeugte sich und grüßte: „Willkommen, mächtige Schamanin! Wohin des Weges?“
„Nach Norden, Soldat.“ Der Kommandant sah sie fragend an. „Der Norden ist groß. Es geht mich ja nichts an, könnte ich vielleicht trotzdem ein genaueres Ziel erfahren?“ Schimascha schüttelte den Kopf. „Ich weiß es selber noch nicht genau. Der Dschungelgott hat mich auf eine Mission geschickt, von der ich noch nichts Exaktes weiß.“ Der Kommandant dachte erst einen Moment nach, dann sagte er schließlich: „Nun gut. Dann wünsche ich Ihnen ein gutes Gelingen.“
„Danke, möge der Dschungelgott schützend über Sie und Ihre Kameraden wachen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und schritt durch das mächtige, steinerne Tor.
Lange nachdem Schimascha das Tor hinter sich gelassen hatte, meldete sich das Ei wieder: „Du, Schimascha?“
„Was ist?“
„Ich wollte fragen, ob du mir einen Namen geben würdest.“ Schimascha war überrascht und dachte über diese Bitte nach, bevor sie antwortete: „Noch nicht, solange du nicht geschlüpft bist. Ich weiß schließlich noch nicht, was du bist. Oder kannst du es mir verraten?“
„Könnte schon“, antwortete das Ei. „Doch ich will dir die Überraschung nicht verderben.“
11. Kapitel – Fleisch und Metall
Irgendwo in der Wüste
Mittag des vierten Tages nach dem Fall von Erlin
Steil gingen die sandfarbenen Steinwände nach oben. Soweit Erwin links und rechts blicken konnte, sah er nur Wände, an denen man nie im Leben hätte hochklettern können. Er schwitzte am ganzen Körper und war wieder einmal froh, dass seine Lehrlingsrobe weiß war. Während er nach einer Schlucht oder irgendeinem Weg durch die Wände suchte, zupfte der laufende Tintenfisch an seinem Gewand. Erwin blickte ihn an, und der Tintenfisch eilte zu einer Felsspalte, die Erwin bis jetzt übersehen hatte. „Gut gemacht“, lobte Erwin, bückte sich und streichelte den Tintenfisch. Er stutzte: War der Tintenfisch größer geworden? Gestern war es noch so groß wie ein kleiner Welpe. Jetzt war er schon größer als ein ausgewachsener Hund. Erwin kam noch ein anderer Gedanke: Womit sollte er ihn füttern? Bis jetzt ging es mit gebratenen Wüstenechsen ganz gut. Doch „größer“ bedeutete auch mehr Hunger. ‚Ein Grund mehr, weiter zu kommen‘, dachte er und ging auf die Felsspalte zu.
Langsam schritt Erwin durch den breiten Spalt, der sanft anstieg und so auf ein Plateau führte. Oben angekommen, wollte Erwin ersteinmal verschnaufen. Mehr und mehr merkte er, dass sein dürrer Lehrlingskörper nicht gerade kräftig war. Während er versuchte, seinen Atem zu beruhigen, flitzte der Tintenfisch an ihm vorbei. „Bleib hier!“, rief Erwin noch, doch der Tintenfisch dachte gar nicht daran, sodass Erwin nichts anderes übrig blieb, als hinterher zu rennen. Der Tintenfisch verschwand hinter einem riesigen Felsen. Erwin hetzte ihm hinterher, umrundete den Felsen und …
… erschrak. Er machte entsetzt einen Schritt zurück. Er traute seinen Augen nicht. Das Wesen, das vor ihm stand, bestand aus sandfarbenem Metall und trug ein graues Ei. Sofort dachte er, dass dies kein Wesen aus Fleisch und Blut sein konnte. Er hatte jedoch nicht ganz Recht.
Erwin ahnte nicht im Geringsten, dass GKR-3443 noch überraschter war als er.
GKR-3443 verstand eigentlich bis dahin überhaupt nichts. Er war am Morgen wieder erwacht und wusste gar nicht, wer er war, wo er war und was überhaupt passiert war. Erst dann kam seine Erinnerung langsam wieder, doch diese half ihm nicht gerade, Übersicht über die Ereignisse zu bekommen. Warum hatte er es getan? Woher kam der Mut? Woher kam überhaupt sein eigener Wille? Solange er sich zurückerinnern konnte, hatte er stets die Befehle seiner Herren befolgt. Er fühlte sich in Gedanken so frei wie noch nie zuvor.
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem seltsamen Wesen zu. Es sah aus wie ein Mensch in einer weißen, schlichten Robe. Es gab aber deutliche Unterschiede: Da waren einerseits die spitzen Ohren und dann noch das Gesicht. Während die Gesichter der Menschen, die er je gesehen hatte, immer etwas schwabbelig waren, sah dieses Gesicht aus, als hätte man die Haut stramm über die Knochen gezogen. Während GKR-3443 den Elf ungläubig anstarrte, kam Bewegung in diesen. „Stirb, metallener Dämon.“ Grelles Licht blitze auf und ein Lichtpfeil raste auf ihn zu. Im letzten Moment konnte der Roboter ausweichen. Der Lichtpfeil zischte vorbei und pulverisierte einen Felsen zum Großteil. GKR-3443, noch immer verwirrt, versuchte zu beschwichtigen: „Ich habe keinen Grund, mit dir zu kämpfen.“ Der Elf sah ihn hasserfüllt an: „Versuch nur, mich zu blenden! Ich werde dich vernichten!“ Noch ein Lichtpfeil, und dieser traf. GKR-3443 wurde nach hinten geschleudert.
GKR-3443 schlitterte mehrere Meter weit, blieb aber auf den Beinen. Er erkannte, dass er um den Kampf nicht herum kommen würde, weshalb er zur Sicherheit das Ei in eine Luke seines Körpers packte, wo es sicher war. Dann wandte er sich seinem Angreifer zu.
Erwin war verunsichert: Dieses Wesen, welches er für einen Dämon hielt, hatte den Angriff genauso unbeschadet überstanden wie der schwarze Ritter. Doch Dämonen sind extrem anfällig gegenüber Lichtmagie. Angstschweiß rann von seiner Stirn herab, als er die Befürchtung bekam, dass es Dämonen geben könnte, die immun gegenüber Lichtmagie waren. Vielleicht sollte er fliehen. Nein, er wollte nicht noch einmal davonrennen. Diesmal würde er kämpfen. Trotzig blickte er seinen Gegner an. Dieser hatte ihn mit seinen grün leuchtenden Augen im Blick. „Wenn ich ihn nicht von vorne angreifen kann, sollte ich es von hinten versuchen“, schoss ihm es durch den Kopf und er schritt zugleich zur Tat. Er rannte los und versuchte ihn zu umkreisen. Das metallische Wesen schien seine Absicht zu erahnen und begann sich nun zu drehen, sodass immer seine Vorderseite zu Erwin gerichtet war. Erwin rannte immer schneller, doch das Wesen konnte mithalten. Der Elf hielt an, als er erkannte, dass es keinen Zweck hatte. Das metallische Wesen sprang plötzlich nach vorne und griff mit seiner Metallkralle nach ihm. Erwin reagierte nicht rechtzeitig genug und wurde gepackt. Er wurde in die Luft gehoben und schließlich gegen einen der Felsen gerammt. Nicht heftig, fast schon sanft. Doch Erwin bemerkte nichts davon, denn selbst dieser sanfte Aufprall machte ihn benommen. Dann aber sah er wieder deutlich und blickte dem Wesen in die grünen Augen. Sie waren ohne Iris und Pupille. ‚Ich muss mich befreien.‘, schallte es in seinen Gedanken. Doch seine Arme waren fest eingeklemmt, sodass er nicht zaubern konnte. Panik kam in ihm auf. Dann aber schoss ihn ein Gedanke durch den Kopf. Sein Meister hatte ihm erzählt, man könnte die Lichtenergie auch durch die Augen abgeben. Während das Wesen immer noch nichts tat, sondern ihn nur ansah, schloss er die Augen und konzentrierte sich. Er spürte, wie das Licht sich in seinen Augen sammelte. Dann riss er die Augen auf und das Licht bündelte sich zu zwei Lichtstrahlen, welche dem metallischen Wesen direkt in die Augen rasten.
Als GKR-3443 das Licht abbekam, fielen seine Sehsensoren aus. Wäre er immer noch ein Roboter gewesen, wäre er ausgefallen. Doch er war mehr als ein Roboter, weshalb er zum ersten Mal Panik verspürte. Seine Bewegungen wurde unkontrolliert: Seine Arme wackelten hin und her, sodass der Elf mehrmals, ohne dass es GKR-3443 bemerkte, gegen die Felswand geschleudert wurde. Seine Beine stampften heftig, was sich als unvorteilhaft erwies: Der Boden unter ihm gab nach, sodass er und der Elf in einem tiefen, dunklen Loch verschwanden. Als sich der Staub gelegt hatte, krabbelte der Landtintenfisch auf seinen acht Armen an den Rand des Loches. Zögernd blickte er nach unten. Dann begann er mit dem Abstieg.
Mehrere hundert Meter unterhalb der Wüstenoberfläche war GKR-3443 auf festem Boden angekommen. Beim Aufprall stieß er sich den Kopf, sodass die Biomasse in seinem Kopf ziemlich heftig durchgeschüttelt wurde, wodurch GKR-3443 zum ersten Mal bewusstlos wurde. So lag er dort zwei geschlagene Stunden, bis sich die Biomasse wieder geordnet hatte. Schnurrend fuhr GKR-3443 sich hoch. Als sämtliche Programme wieder aktiviert waren, stand er auf. Und stellte fest: Das Ei war weg. Sofort schaltete er seine Scheinwerfer an, suchte es und fand dieses schließlich nur wenige Meter vor sich. Das Ei lag zwischen mehreren Steinen und hatte Risse. Doch sie waren nicht durch den Aufprall verursacht worden. Die Risse wurden länger und es knackte immer mehr. Schließlich öffnete sich das Ei: Das schlangenähnliche Wesen schlüpfte. Das gut einen Meter lange Wesen schüttelte sich und kratzte sich mit seinen krallenbesetzten Vorderfüßen die Eischalenreste von seinen weißleuchtenden Schuppen ab. Dann bemerkte es den Blick des Roboters auf sich. „Was guckst du so? Noch nie einen Basilisk gesehen?“ Der Roboter antwortete sofort: „Nein, habe ich nicht.“ Der Basilisk guckte ihn frech an und spottete: „Ist ja auch kein Wunder, wenn man tagein, tagaus nur darauf wartet, von seinem Herrchen in die Wüste geschickt zu werden … „
„Na und? Es war meine Aufgabe, bevor ein gewisses Ei alles durcheinander brachte.“ Der Basilisk sah ihn so erstaunt an, wie man mit einem Schlangengesicht es konnte: „Höre ich da etwa Wut in deiner Stimme? Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass du vor kurzem nur ein Haufen Blech warst, der tat, was man ihm sagte.“
„Und was bin ich jetzt?“
„Ein Haufen Blech mit etwas denkender Masse im Kopf, der nicht so recht weiß, was er hier überhaupt tut.“ Damit traf der Basilisk voll ins Schwarze. GKR-3443 wusste tatsächlich nicht, was er hier tat. Früher hätte er nie daran gedacht, seine Patrouillenroute zu verlassen oder gar Menschen anzugreifen. Nicht, dass er Bedauern fühlte, noch war er zu sehr Roboter, um so etwas zu fühlen. GKR-3443 sah den Basilisken an und fragte: „Und nun?“
„Was schon? Suchen wir uns einen Weg hier raus!“
Erwins Kopf dröhnte, sodass er sich an den Kopf fasste. Um ihn herum war es stockdunkel, weshalb er, sobald er wieder klar denken konnte, eine Leuchtkugel erschuf. Nun konnte er erkennen, dass er in einer kleinen Höhle war, mit einem Schacht nach oben, durch den er gefallen war. Er sah sich um und konnte jedoch nirgendwo das metallische Wesen entdecken. Dafür ein Loch, durch welches das seltsame Wesen weitergefallen sein musste. Erwin erwartete nicht mehr, dass es noch lebte. Er überlegte nun, was er tun solle, als sich etwas an seine Beine anschmiegte. Es war der Tintenfisch. Erwin blickte ihn an und sagte schließlich: „Gut, dass ich hier nicht alleine bin.“ Er blickte nach oben. „Dort kommen wir nie im Leben hoch. Lass uns also diesen Gang erkunden“, sagte Erwin und ging mit den Tintenfisch durch den Gang vor ihm.
„Ich glaube, in dieser großen Höhle waren wir schon.“ GKR-3443 seufzte, was für ein Roboter natürlich unmöglich war, doch das, was GKR-3443 von sich gab, kam einem Seufzen am nächsten. „Und ich sage, dass wir hier noch nicht waren, Echse.“ Er wunderte sich schon lange nicht mehr über seine emotionalen Ausbrüche. Der Basilisk blickte ihn böse an: „Basilisk! Ich bin ein Basilisk! Und außerdem wird es Zeit, mir einen Namen zu geben.“ GKR-3443 blieb stehen und blickte ihn an: „Was soll das heißen?“
„Ich bin dein Begleiter und du musst mir einen Namen geben.“
„Ich habe dich nicht darum gebeten mich zu begleiten und außerdem kannst du dir gefälligst deinen Namen selbst ausdenken“, erwidert der Roboter und stampfte weiter. Der Basilisk geriet nun ebenfalls in Wut: „Du blöder … was war das?“ Sie blieben beiden stehen und GKR-3443 schwenkte seine Scheinwerfer durch die Höhle hin und her, ohne etwas zu entdecken: „Ich habe es auch gehört. Es klingt als würde etwas kreischen.“ Wieder ertönte es. Das ungleiche Paar sah sich um, konnte aber in der Dunkelheit des Tunnels nichts entdecken. Es kreischte immer mehr und egal was es war, es kam immer näher, ohne dass sie es entdecken konnten. GKR-3443 begann seine Sehmöglichkeiten durchzugehen: Nachtsicht … nichts. Infrarot … nichts. Echolot … Jetzt waren Konturen erkennbar, jedoch nicht deutlich genug, um die Gefahr genau zu erkennen. Strahlungsmessung … Volltreffer! Um ihn herum waren zahlreiche Strahlungsquellen. Sie waren umzingelt! GKR-3443 reagierte sofort: Mit seiner Kralle schnappte er sich den Basilisken und drückte ihn an sich. Dann ließ er den Flammenwerfer auf der Stufe Termination anlaufen. Die Strahlungsquellen waren jetzt auf einen Meter herangekommen. 5 Prozent. Die Quellen verharrten. 10 Prozent. Dann sprangen mehrere der Quellen auf den Roboter drauf. GKR-3443 reagierte sofort und schlug mit der Kralle, in dem noch der Basilisk hing, zu. Mehrere der Angreifer wurden gegen die Höhlenwände geklatscht. Durch ihren Tod verschwand auch die Unsichtbarkeit. Nun konnte GKR-3443 die Überreste von sandfarbenen Riesenkäfern erkennen. Für genaueres Ansehen hatte GKR-3443 jedoch keine Zeit. Weitere Quellen bzw. Käfer rückten näher und sprangen ihn an. 50 Prozent. Für jeden Käfer, den er zerdrückte, kamen zwei Neue. 60 Prozent. Immer mehr Käfer versuchten ihn zu überwältigen, was ihnen wegen GKR-3443’s Größe noch nicht gelungen war. Einige versuchten gar ihn zu beißen, kamen tatsächlich durch das Metall und beschädigten Kabel. 80 Prozent. GKR-3443 kämpfte wie besessen, schleuderte Käfer von sich und zerquetschte sie mit seinen Füßen. Doch immer mehr Käfer fielen ihn an und begruben ihn unter sich. GKR-3443 und der Basilisk schienen verloren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eines der wichtigen Kabel durchbissen werden würde. In diesem Moment sprang die Zahl auf der Anzeige des Flammenwerfers auf 100. Eine fünf Meter lange Flamme schoss aus der Mündung des Flammenwerfers. Gut ein Dutzend der Käfer wurden sichtbar und brannten, bis nur noch verkohlte Panzer vorhanden waren. Die Unversehrten zuckten mit entsetztem Kreischen zurück. GKR-3443 war frei und begann, immer noch den Basilisk in der Kralle, sich zu drehen. Die Sprungdüsen rasteten sich in geeignete Positionen ein, aktivierten sich und erhöhten so GKR-3443‘s Drehzahl. GKR-3443 wurde zu einem alles verschlingenden Feuersturm. Die Käfer wurden verbrannt, zerfielen zu Asche oder verdampften restlos. Die Steinwände fingen an zu schmelzen, sodass nun auch kleine Lavaflüsse sich ihre Opfer holten. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Höhle in eine Hölle verwandelt. Alles bis auf GKR-3443 und der Basilisk, die von einem Energieschild geschützt wurden, starb. Jetzt wurde GKR-3443 langsamer, der Flammenwerfer verstummte und schließlich stand der Roboter still. Um ihn herum bot sich ein Bild der Verwüstung: Der Boden war von Asche und glühendem Gestein, das nur langsam abkühlte, übersät und die Felswände waren immer noch zum Teil flüssig. Der Roboter setzte den Basilisk ab, der ihn erstaunt ansah: „Das war unglaublich! ... Du siehst allerdings nicht gut aus.“ GKR-3443’s Körper war mit Rissen und Dellen übersät. „Das wird schon. Es wurden keine wichtigen Systeme beschädigt“, beruhigte GKR-3443 den Basilisken. Dann schaute er in den nächsten Tunnel und sagte: „Gehen wir weiter.“
12. Kapitel – Janoks Vision
Orkdorf im Osten des Sumpfes, Gasthaus
Morgen des fünften Tages nach dem Fall von Erlin
Norden … Norden …
Janok ging gemächlich durch den Sumpf, der langsam der Steppe wich, und durch Finsternis.
Norden … Norden …
Janok wusste nicht, warum es ihn nach Norden zog. Er wusste nur, dass das Verlangen groß war.
Norden … Norden …
Während er immer noch langsam nach Norden ging, und dabei immer noch: „Norden … Norden.“ vor sich her murmelte, schlossen sich ihm drei Gestalten an. Die erste war ein junger Elf, dessen Haar strahlte wie die Sonne und die Finsternis vertrieb. Gekleidet war er mit einer weißen Robe. Zudem trug er ein Banner, auf dem ein Wesen abgebildet war. Es sah aus wie ein hellgelber Tintenfisch. Auch der Elf murmelte immerzu:
Norden … Norden …
Die zweite Gestalt ließ Janok wütend werden, doch die Wut konnte den Bann nicht brechen. Es war ein Tarborianerschamane oder eine -schamanin, denn bei den Tarborianern war das Geschlecht schwer erkennbar. Er oder sie trug eine graue Robe und Arme aus Holz, die trotzdem lebten. Auch er oder sie trug ein Banner, auf dem ein Skorpion abgebildet war. Und auch er oder sie stöhnte:
Norden … Norden …
Der dritte im Bunde war das rätselhafteste Wesen von allen. Es erinnerte an eine laufende, sandfarbene Rüstung mit grün glühenden Augen. Der eine Arm endete in einem Kasten, während der andere in einer Kralle endete, die ein Banner trug. Auf dem war ein schlangenähnliches Wesen abgebildet.
Norden … Norden …
Jetzt merkte Janok, dass auch er ein Banner trug. Das Banner zeigte das Bild des seltsamen Wesens aus dem Ei.
Norden … Norden …
Die Vier gingen immer weiter. Nun verblasste die Steppe und wich Schnee und Eis. Berge wurden erkennbar. Hier trat ein Fünfter in den Bund. Es war ein Zwerg, dessen Gesicht zur Hälfte aus Stein zu bestehen schien. Wie die anderen trug auch er ein Banner. Auf diesem war ein schwarzer Drache abgebildet.
Norden … Norden …
Die Fünf zogen gemeinsam zu einem Berg, der die anderen Berge überragte. Über dessen Spitze schwebte ein goldener Hammer. Die Fünf beschleunigten ihre Schritte und wollten zum Hammer. Doch plötzlich zog sich die Finsternis zusammen und bildete sich zu einem Wesen, das …
Janok erwachte und schreckte hoch. Er befand sich in einem Bett. Der Raum schien zu einer Ork-Wirtshütte zu gehören. Bevor er sich genauer umsehen konnte, wurde der Vorhang, der das Zimmer von den anderen trennte, zur Seite geschoben und eine dickliche Orkfrau kam herein. Sie trug ein Brett, auf der sich eine Schüssel mit dampfender Fleischbrühe befand. „Ah, unser großer Krieger ist aufgewacht. Nun ich sehe schon, du hast Fragen, doch zuerst sollst du essen“, kam sie Janok zuvor, packte das Brett aufs Bett und ging wieder hinaus. Janok spürte jetzt erst, dass er hungrig war und fing an zu essen.
Später kam der kleine Elf Luke ins Zimmer. Er verbeugte sich und trat ans Bett. Ihm folgte das seltsame Wesen ins Zimmer. Janok starrte es ungläubig an. Es war schon so groß wie ein Hund. „Erstaunlich dieses Wachstum, nicht wahr? Aber nicht untypisch für Greife.“ Als Janok sich endlich fasste, fragte er: „Wie hast du es genannt?“
„Greif. Doch erst einmal erzähl mir bitte, was passiert ist.“ Janok fing an zu berichten und als er endete, hatte Luke einen besorgten Gesichtsausdruck. „Das ist beunruhigend, dass Schattenelfen soweit in den Westen eindringen konnten. Und du glaubst, sie haben das Ei bzw. dieses Wesen gesucht?“
„Ich habe sie eindeutig darüber reden hören.“
„Nun ja. Jedenfalls kam der Greif ins Dorf und hat andere Orks zu dir geführt. Es war knapp. Etwas länger, und du wärst am Gift gestorben. Zum Glück kenne ich mich mit Giften aus und hatte auch ein Gegenmittel dabei.“ Janok lächelte und sagte: „Dann hast du mir das Leben gerettet. Ich denke, wir sind nun quitt.“ Jetzt lächelte auch Luke. „Denke ich auch. Nun aber solltest du dich ausruhen.“ Janok legte sich wieder hin und schlief sofort ein, während Luke leise das Zimmer verließ. Der Greif aber schlüpfte ins Bett und kuschelte sich an den Ork, bis er schließlich auch einschlief.
13. Kapitel – Schattentänzer
Erlin – Akademie des Lichts
Zur selben Zeit
Während Janok schlief, ging der Schattenelfenkönig Maglinus in den Raum, in dem Leanus gestorben war. Er sah sich um: Das Pentagramm war wieder hergestellt und in dessen Mitte lag Leanus’ Leiche. Ein Diener in einer dunkler Robe eilte herbei und meldete: „Die Beschwörung ist vorbereitet, Herr.“ Maglinus nickte nur und deutete mit der Hand nach draußen. Der Diener verbeugte sich und eilte aus dem Raum. Der König wandte sich dem Pentagramm zu, streckte seine Hände aus und konzentrierte magische Energie auf das Symbol.
Zuerst passierte nichts. Dann begann das Pentagramm grün zu leuchten. Leanus’ Leiche stieg empor und fing an, ebenfalls grün zu leuchten. Maglinus trat näher an die schwebende Leiche heran und hob die Hand. Dann steckte er sie rasant in die Brust des Leichnams. Die Hand tauchte in den Körper ein. Maglinus ballte die Hand und riss sie dann wieder heraus. Der Körper löste sich in grünen Staub auf, der dann in die Hand eingesogen wurde. Ein kurzes grünes Aufblitzen und es war vollbracht. Maglinus öffnete die Hand und auf seiner Handfläche lag ein Smaragd. Der König lächelte, schloss dann die Augen und konzentrierte sich. Der Smaragd schwebte hoch, fing an sich zu drehen und leuchtete grün auf. Leanus’ wutverzerrtes Gesicht wurde in dem grünen Schein sichtbar. „Von niemand anderem außer Euch hätte ich es erwartet, dass er die Seelenfesselung durchführen würde, Maglinus.“
„König Maglinus!“, donnerte es vom Schattenelf zurück. „Von mir aus können Sie behaupten, dass Sie der König von ganz Locondia sind. Für mich bleiben Sie eins: Ein stinkender Verräter.“ Maglinus lachte auf und fragte hämisch: „Warum denn so wütend, Leanus? Und warum diese höflichen Anreden? Wir waren schließlich früher Freunde.“
„Sie sagen es: früher. Als Sie noch nicht Maglinus hießen und noch ein Lichtmagier voller Tatendrang waren. Bevor Sie diese Sekte gründeten. Bevor Sie sich mit Dämonen einließen. Bevor … „
„Genug!“, donnerte der König wieder, „ich habe dich nicht hergerufen, um über früher zu reden. Ich will Antworten. Wo sind sie?“
„Die Eier? In Sicherheit. Wo genau weiß ich nicht.“
„Lüge mich nicht an, sonst … „
„Sonst foltern Sie meine Seele?“, fragte Leanus. „Sie können keine Antworten aus mir herausfoltern, die ich nicht weiß.“ Der Schattenelf beruhigte sich und sagte: „Nun gut. Dann beantworte meine zweite Frage: Wo ist er?“ Laenus sah ihn verwirrt an: „Wen oder was meinen Sie?“
„Wo ist Erwin? Antworte!“ Maglinus warf voll von wieder aufgeflammter Wut den Seelenstein auf den Boden. Er zersprang nicht, er bekam nicht einmal einen Kratzer ab, doch Leanus schrie vor Schmerz. Maglinus hob den Seelenstein wieder auf und hielt ihn auf Augenhöhe: „Wo?“ Leanus’ Gesichts war schmerzverzerrt und er presste mühsam hervor: „Auch in Sicherheit. Wo Sie ihn nicht finden und verderben können. Und selbst wenn Sie ihn finden würden, er würde Ihnen nie folgen.“
„Weil du ihn mit deiner Lehre in die Irre geführt hast? Doch ich werde ihn finden und ihn seiner wahren Bestimmung zuführen.“ Leanus sah ihn wieder verwirrt an: „Seiner Bestimmung?“ Jetzt war der Schattenelf an der Reihe verdutzt zu gucken: „Du weißt es nicht? Na, verraten werde ich es dir noch nicht.“ Bevor Leanus wieder etwas sagen konnte, beendete Maglinus die Verbindung. Als der Seelenstein verloschen war, nahm er die Kette, die er am Hals trug, in die Hand. Die Kette bestand aus mehreren Sockeln, von denen alle bis auf den größten in der Mitte Seelensteine trugen. Maglinus steckte Leanus’ Seelenstein in den freien Sockel. Der Stein hakte sich ein. Zufrieden legte der Schattenelf die Kette wieder um seinen Hals. Dann prüfte er das Pentagramm und stellte fest, dass es, trotz der ganzen Magieabgabe, noch intakt war. Er klatsche in die Hände und der Diener eilte herbei. „ Was wünschen Sie, mein König?“
„Hole die Kerzenständer und verdunkle dann den Raum.“ Der Diener eilte wieder hinweg und brachte fünf Kerzenständer und stellte jeweils einen an eine der Spitzen des Pentagramms. Die Kerzen bestanden aus Blut und Wachs, weshalb sie blutrot waren. Als der Diener fertig war, schob er die schweren Vorhänge so, dass sie die Fenster bedeckten und kein Licht mehr in den Saal eindrang. Maglinus schickte den Diener hinaus und schloss dann die Tür.
Maglinus stellte sich vor das Pentagramm und breitete die Arme aus. „Schuka!“ Die Kerzen entflammten sich mit blauen Flammen. „Muka!“ Die Linien des Pentagramms leuchteten rot auf. „Bruka!“ Ein Beben setzte ein. Es nahm immer mehr zu, bis es dann plötzlich wieder aufhörte. Ein Zischen wurde hörbar und in der Mitte des Pentagramms schwebte im blauen Schein der Kerzen eine schwarze Energiekugel. Aus dieser zuckten immer wieder Erhebungen hervor. Dann fing sie an, eine Gestalt aus sich zu bilden. Es entstand eine Gestalt in einer schwarzen Kutte, dessen Gesicht durch eine Kapuze verdeckt war. Doch die Bekleidung konnte nicht die hellblau leuchtenden Augen verbergen. Unter der Kutte guckten Krallenfüße hervor. „Es tut gut, dich wiederzusehen, Schattentänzer.“ Ein wütendes Zischen kam von der verhüllten Gestalt. Maglinus lachte: „Wie es scheint, ist niemand heute daran interessiert, mich zu sehen. Egal. Wie du dir denken kannst, habe ich eine Aufgabe für dich.“ Jetzt kam ein fragendes Zischen von der Gestalt. Maglinus fuhr fort: „Ich brauche wieder deine Künste für die Beschaffung von Personen und Gegenständen. Finde für mich die fünf Eier. Du weißt, welche ich meine. Und finde den Elf Erwin. Wo er oder die Eier sind, weiß ich nicht, doch dies dürfte kein Problem für dich sein.“ Die Gestalt signalisierte mit einem Zischen, dass sie verstanden hatten. Doch bevor sie verschwand, fügte Maglinus hinzu: „Erwin bitte lebendig. Und in einem Stück. Ich habe keine Lust, ihn wie dein letztes Opfer wieder zusammensetzen zu müssen.“ Die Gestalt zischte noch einmal bejahend und verschwand.
14. Kapitel – Der Rüben fressende Drache
Goldia, Reich des Silbernen Hammer, Zwergenland
Mittag des fünften Tages nach dem Fall von Erlin
Kraftvoll sauste die Axt herab und spaltete den Holzklotz. Gribus nahm den nächsten Klotz und packte ihn auf die Ablage. Auch diesen zerteilte er. Gribus befand sich auf dem Hinterhof des Hauses seines Vaters, wo er schon seit Tagen versucht hatte, seinen Kummer mit körperlicher Arbeit zu verdrängen. Einen ganzen Kilometer über ihm befand sich die Höhlendecke, welche die ganze Stadt überspannte. Brobus näherte sich und sagte: „Gribus, halte ein. Du solltest dringend eine Pause machen.“ Gribus brummte nur und verzog grimmig das Gesicht, was Brobus nicht sehen konnte: „Nicht jetzt.“
„Bruder, du hast jetzt schon so viel Feuerholz verarbeitet, dass wir für das ganze Jahr genug haben.“
„Von mir aus können es auch zwei Jahre werden.“
„Gribus … „ Brobus schreckte hoch, als jemand plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte. Es war Ekarum, der mit sanfter, aber direkter Stimme sagte: „Brobus, du solltest deinen Bruder in Ruhe lassen. Er muss sein Unglück erst mal verarbeiten.“
„Ich weiß, Vater. Doch beunruhigt es dich nicht? Er hat in den letzten Tagen mit niemandem viel geredet, weder mit mir, mit dir oder mit sonst jemandem. Wenn er sich zu sehr abschottet … „ Weiter kam Brobus nicht. Plötzlich ertönte ein Schrei, eine Tür wurde zugeschlagen und Glutia kam aus dem Haus gelaufen. „Glutia, meine Liebste, was ist geschehen?“ Ekarum nahm Glutia in die Arme und versuchte sie zu beruhigen. Jetzt kam Boron ebenfalls hinausgelaufen und fragte: „Was war das für ein Schrei?“ Brobus erklärte mit kalter Stimme: „Deine Mutter hat plötzlich geschrien und kam hinaus gelaufen.“ Glutia, die sich inzwischen beruhigt hatte, begann zu erzählen: „Ich stand in der Küche und machte wie jeden Tag zu dieser Zeit das Mittagessen, als ich etwas hörte.“ Ekarum sah sie an: „Etwas hörte?“
„Ja, es klang wie ein Schmatzen und es kam aus der Speisekammer. Also schaute ich nach und entdeckte ein Ungeheuer.“
„Ein Ungeheuer?“, fragte Ekarum. „Ja. Als ich es erblickte, habe ich mich erschrocken und bin dann raus gelaufen.“
„Es war nicht zu überhören“, brummte Brobus. Gribus, der schon in die Küche gegangen war, rief: „Ich werde mir mal das Monster ansehen. Bleibt draußen. Bis ich euch rufe.“ Langsam ging er um den Esstisch, der mitten in der Küche stand, herum und näherte sich der Speisekammer. Tatsächlich hörte nun auch er das Schmatzen aus der Speisenkammer. Er näherte sich der Tür und öffnete sie. Sie ging mit einem lauten Quietschen auf. Gribus erschrak und horchte. Das Schmatzen brach nicht ab. Was auch immer drinnen war, es war mit seinem Essen sehr beschäftigt. Also schob Gribus die Tür ganz zur Seite und sah hinein.
„Wo bleibt er nur? Er ist nun schon seit zehn Minuten da drinnen“, sagte Ekarum sichtlich besorgt. „Vielleicht hat ihn das Monster angefallen“, vermutete Boron. „Unwahrscheinlich. Wir hätten etwas gehört. Ich gehe jetzt rein“, beschloss Ekarum und schritt auf die Küchentür zu. Doch bevor er diese erreichte, ging sie auf und gab einen unglaublichen Anblick frei. Da stand Gribus, der in seinen Armen doch tatsächlich ein Drachenjunges hielt. Die Schuppen waren schwarz wie die Nacht, die Augen glühten rot. Doch es waren freundliche Augen. Die Krallen an den Füßen waren seltsam geformt. Sie erinnerten nicht an die von Raubtieren, sondern eher an jene von Tieren, die es gewohnt waren, sich durch Erdreich zu graben. Der Schwanz endete in einer natürlichen Stachelkeule. Der Kopf, der sehr groß im Vergleich zu dem restlichen Körper war, war mit vier dreißig Zentimeter langen Hörnern, die alle auf der Kopfdecke platziert waren und nach hinten wiesen, verziert. Der Rest des Kopfes ähnelte dem, was man sich unter einem Drachenkopf vorstellen würde. Das auffälligste Merkmal waren die riesigen Flügel. Der Drache, der zirka einen halben Meter lang war, hatte eine Flügelspannweite von einem Meter. Jetzt konnte man auch den Ursprung des Schmatzens erkennen: Das Drachenjunge fraß tatsächlich eine riesige Bergrübe. „Was beim Goldenen Hammer ist das?“, fragte Ekarum ungläubig. „Sieht aus wie ein Drache“, bemerkte Boron. „Quatsch, schon mal einen Rüben fressenden Drachen gesehen?“, widersprach Brobus. Dann stutzte er und gab kleinlaut zu: „Na ja. Eigentlich haben wir alle hier noch nie einen Drachen gesehen.“ Glutia sah es an und sagte: „Gefährlich sieht es nicht aus. Sogar ein bisschen niedlich.“
„Vorsicht, der Eindruck kann täuschen. Und es könnte ein Allesfresser sein“, warnte Ekarum. „Glaube ich nicht. Außerdem ist es ein Männchen“, erwiderte Gribus. „Und warum bist du dir da so sicher?“, fragte Boron. Statt zu antworten, hob Gribus das Drachenjunge hoch und zeigte seine Unterseite. Das erklärte alles. Ekarum sagte nun mit Schamröte auf den Wangen: „Nun, da die Geschlechtsfrage geklärt ist, was machen wir mit ihm?“ Gribus schlug vor: „Gehen wir erst mal zu Medikusius. Er liest viel. Vielleicht kennt er ja so ein Wesen.“
Später befand sich Gribus mit dem Drachen vor dem Haus von Medikusius, während die Blicke aller Zwerge, die sich auf der Straße befanden, auf ihm und dem Drachen ruhten. Zögernd hob Gribus die Hand und klopfte dann an die Tür des Elfenhauses, welches sich durch die hellen Steine von den Zwergenhäusern, die aus grauem Gestein gebaut waren, abhob. Einige Minuten vergingen, bis sich die Tür öffnete und die schlanke Gestalt von Medikusius sichtbar wurde. „Gribus! Schön dich zu sehen.“ Dann sah er den Drachen. Sein Gesicht entgleiste und er erstarrte. Erst als Gribus ihn besorgt anstupste, kam wieder Bewegung in ihn. „Das kann nicht sein. Und dennoch sehe ich es mit meinen eigenen Augen. Gribus, komm schnell herein. Ich habe dir eine Menge über deinen kleinen Freund zu erzählen.“
Nun saß Gribus in einem Sessel in Medikusius’ Wohnzimmer. Der Drachenjunge lag neben den warmen Kamin und aß eine Rübe, die ihn der Elf gegeben hatte. Der Elf selber brachte gerade Bergbier herein. Er stellte das Tablett mit den beiden Bechern auf einen Tisch ab und setzte sich dann in einen zweiten Sessel. Zögernd fing er an zu sprechen; „Ich weiß nicht so ganz, wo ich anfangen soll.“
„Dann sagt doch erst mal, was für ein Wesen das ist“, schlug Gribus vor. „Okay. Wie du schon vielleicht erkennen konntest, ist es ein Drache, wenn auch ein außergewöhnlicher. Er gehört der ausgestorben geglaubten Art der Schwarzen Vegetarier an.“
„Schwarze Vegetarier?“
„Ja. Sie sind beziehungsweise waren die einzigen Drachen, die sich ausschließlich von pflanzlicher Nahrung ernährten. Sieh dir die Krallen an! Sie dienen nicht dazu, um Beute zu reißen, sondern um zum Beispiel Knollen auszugraben.“
„Du hast Recht. Doch du sagtest, sie wären ausgestorben“, fragte Gribus nach. „Ja. Aber ich fange am besten von vorne an. Diese Drachen waren keine wildlebenden Tiere, sondern eine Züchtung der Elfen. Die Elfen wollten Wesen, die die Weisheit der Drachen hatten, aber auch friedlich und freundlich waren. Das hatten sie auch geschafft, zum Teil zumindest. Die Schwarzen Vegetarier wurden die besten Gefährten der Elfen. Sie waren Gelehrte, Mentoren, aber auch Kämpfer.“ Gribus fragte nochmal nach: „Du sagtest aber, sie wären friedlich gewesen.“
„Das stimmt. Sie waren friedlich. Wenn man aber kämpfen musste, so taten sie es wie die Elfen. Auch wenn sie Pflanzenfresser waren, konnten sie sehr gefährlich werden. Ihr giftiger Atem, etwas, was sie von ihren Vorfahren, den Sumpfdrachen, geerbt hatten, ätzte ganze Armeen weg. Und mit ihren Geisteskräften konnten sie selbst die mächtigsten Magier besiegen.“
„Geisteskräfte?“, fragte Gribus nach. Medikusius nickte: „Ja, sie besaßen die Fähigkeiten der Telepathie und der Telekinese.“
„Wenn sie so mächtig waren, warum sind sie dann ausgestorben?“ Das Gesicht des Elfen bekam einen traurigen Ausdruck: „Es geschah während des Kontinentalkrieges. Im Kampf hatten die Schattenelfen den Schwarzen Vegetariern nichts entgegen zu setzen. Deshalb griffen sie zu einem heimtückischen Mittel: dem schwarzen Tod. Es war eine fürchterliche Krankheit. Die armen Drachen bekamen überall Beulen, die extrem empfindlich waren und schmerzten, wenn sie mit etwas in Berührung kamen.“ Gribus war entsetzt: „Schrecklich!“
„Ja, das war es. Und selbst die Lichtmagier verzweifelten an dieser Krankheit.“ Nun schwiegen der Elf und der Zwerg.
Gribus ergriff als Erster wieder das Wort: „Danke, dass du mir das erzählst hast. Eine Frage hätte ich jedoch: Was soll ich mit dem Drachen machen?“ Medikusius lächelte dankbar für den Themawechsel und antwortete mit einer Gegenfrage: „Hast du schon mit den Gedanken gespielt, ihn zu behalten?“ Gribus nickte: „Ja, ich mache mir jedoch Sorgen um das Geld für die Rüben. So ein Drache isst vermutlich eine ganze Menge.“ Medikusius beruhigte ihn: „Die Schwarzen Vegetarier sind genügsame Esser. Na, dann ist es ja geklärt. Heute ist es schon spät. Morgen aber komme ich zu euch und werde dir helfen, alles für den Drachen einzurichten.“
15. Kapitel – Die Wüstenkönigin
Irgendwo in der Wüste
Morgen des sechsten Tages nach dem Fall von Erlin
Dunkelheit. Nur Erwins’ Licht durchdrang sie. Einen ganzen Tag schon irrte er durch dieses riesige Tunnelsystem. Mehrmals war er schon auf unsichtbare Riesenkäfer gestoßen, die er aber dank seiner Lichtmagie aufspüren und besiegen konnte. Seine Robe war von Schweiß und Blut, glücklicherweise war es nicht seins, durchtränkt. Immer mehr litt er und der laufende Tintenfisch unter dem Hunger. Durst hatten sie dank des Geruchssinns des schon kalbgroßen Tintenfischs, der sie direkt zu einer unterirdischen Quelle führte, nicht. Doch der Hunger war so schlimm, dass Erwin sogar mit dem Gedanken gespielt hatte, einen der Riesenkäfer auszuweiden. Als er es jedoch in Angriff nehmen wollte und einen mit seinem Allzweckwerkzeug Licht aufschnitt, reichte ein Blick hinein, um ihn klar zu machen, dass er so hungrig doch wieder nicht war. Als hätte das Licht seine stummen Klagen bemerkt, weitete sich der Tunnel und mündete in eine große Höhle. Erwin traute seinen Augen nicht und die Glubscher des Tintenfischs traten hervor. Die Höhle, in derern Deckenmitte durch einen meterlangen Schacht Sonnenlicht hinein schien, war in zwei Hälfte geteilt. Die linke Hälfte bestand nur aus Sand. Die andere genauso große war dafür umso fruchtbarer. Es war eine Wiese mit mehreren Bäumen, die von einem Fluss, der in einen kleinen See mündete, bewässert wurde. Die Bäume waren mit Früchten, die Erwin noch nie zuvor gesehen hatte, beladen. Doch das Seltsamste und zugleich Schönste war ein schlankes und mittelgroßes Wesen, das zwischen den Bäumen stand. Es war eine junge Elfin. Und eine wunderschöne dazu. Sie hatte feuerrotes Haar und schneeweiße Haut. Ihre Augen glühten grün und ihre Lippen waren ebenso rot wie ihr Haar. Bekleidet war sie nur mit einem blauen Tuch, das sich um ihre Hüfte schmiegte. Ihr Oberkörper war frei, was Erwin die Schamröte auf die Wangen trieb. Sie kam lächelnd näher und als sie vor ihm stand, fing sie mit honigsüßer Stimme an zu sprechen: „Willkommen in meinem Hain, Reisender. Ich bin die Wüstenkönigin Marella. Und wer bist du?“ Erwin stotterte heftig: „Erwin.“ Marella lächelte noch mehr, fasste ihn an den Arm und flüsterte ihm ins Ohr: „Komm Erwin. Lass uns unter den Bäumen wandeln.“ Dann zog sie ihn in Richtung des Hains. Zurück blieb ein verlassener Tintenfisch. Dieser war deprimiert, weil Erwin ihn anscheinend einfach vergessen hatte, dann aber wendete er seine Aufmerksamkeit einem Baum zu, der Äpfel trug. Der Tintenfisch ging zu ihm, kletterte hinauf und pflückte eine Frucht. Als er wieder herunter kletterte, rutschte ihm die Frucht aus dem Tentakel und fiel zu Boden. Dies sollte sich als glücklicher Zufall erweisen, denn der Tintenfisch sah jetzt das Innere der Frucht. Es war schwarz und stank. Der Tintenfisch erkannte sofort, dass es eine Falle war. Er sah wieder herüber und erblickte Erwin, der immer noch von Marella verzaubert war, seinen Kopf auf deren Beinen ruhend, und Marella wollte gerade ihn mit einer der Früchte füttern. Der Tintenfisch reagierte sofort. Er rannte zum See, nahm Wasser auf, drehte sich um und schoss eine mehrere Meter lange, kochend heiße Fontäne aus. Sie traf Marella am Kopf. Die Schöne konnte nicht einmal mehr schreien, denn der Kopf war sofort weg, ohne dass Blut spritzte. Die Frucht flog aus ihrer Hand und fiel auf Erwins Brust, wo sie aufplatzte und ihre giftigen Inhalt freigab. Erwin schreckte hoch und starrte auf den grünen Fleck auf seiner weißen Robe. Dann drehte er den Kopf und konnte gerade noch zusehen, wie Marella zu Sand zerfiel. Sie war eine magisch belebte Sandskulptur gewesen. Als Erwins Verstand wieder klar wurde, erkannte er auch, dass sie ihn verzaubert hatte und zwar nicht nur mit ihrer Schönheit. Bevor er sich völlig von dem Schrecken erholen und dem Tintenfisch danken konnte, bebte auf einmal die Erde. Erwin und der Tintenfisch ruderten mit ihren Armen bzw. Tentakeln um das Gleichgewicht zu bewahren, was ihnen allerdings nicht gelang. Während sie auf dem Boden hin- und herrutschten, bebte die Erde weiter. Bis sie plötzlich aufhörte zu beben. Erwin, sein Blick auf den Sand ausgerichtet, stand vorsichtig auf. Plötzlich brach ein meterlanger, sandfarbener Fangarm, dessen Ende mit mehreren roten kleineren Fangarmen und einem roten Auge in der Mitte bestückt war, aus dem Boden. Er sauste auf Erwin zu. Dieser konnte in letzter Sekunde ausweichen. Weitere Fangarme brachen aus dem Sand hervor und stürzten sich auf Erwin sowie auf den Tintenfisch. Die beiden konnten nur mit Mühe ausweichen. Erwin wusste, dass sie nicht ewig ausweichen können würden und dass sie in die Offensive gehen mussten, wenn sie das überleben wollten. Er rief dem Tintenfisch zu: „Angriff ist die beste Verteidigung … Debecia.“ Er wusste zum Zeitpunkt selber nicht, warum er diesen Namen kannte, hatte jedoch andere Sorgen in Form von heransausenden Fangarmen. Der Tintenfisch hatte verstanden, rannte los, wich dabei den Armen weiterhin aus und stürzte sich auf den See. Er saugte so schnell er konnte und so viel Wasser wie möglich auf. Dann stellte er (oder sie?) sich todesmutig drei Fangarmen entgegen, die auf ihn/sie zustürzten. Doch sie erreichten ihn/sie nicht. Ein kochend heißer Wasserstrahl schoss hervor und traf sie nacheinander. Das Wasser verbrühte die Arme nicht, es kochte das Fleisch weg. Das Fleisch teilte sich in seine kleinsten Bestandteile auf, so heiß war der Strahl. Schlicht gesagt, das Fleisch verpuffte. Drei abgetrennte Arme fielen herunter. In der Zwischenzeit hatte Erwin mit drei gebündelten Lichtstrahlen ebenfalls drei Fangarme durchtrennt. Die anderen Fangarme zogen sich anscheinend eingeschüchtert zurück in die Erde. Jedoch war dies nicht das Ende des Kampfes. Bevor Erwin und Debecia Luft holen konnten, ließ ein schriller Wutschrei die Höhle beben. Etwas sehr Großes und sehr Wütendes erhob sich aus dem Sand. Es war das Hässlichste, was Erwin je gesehen hatte. Das Wesen bestand aus einem unförmigen, sandfarbenen Körper, auf dem ein Kopf saß. Dieser ähnelte dem einer Wespe. Mit zwei Unterschieden. Statt Facettenaugen waren an derer Stelle zwei Stielaugen. Auf der Stirn des Wesens befand sich ein riesiges, verschlossenes Auge. Aus dem Körper gingen zahlreiche Fangarme hervor. Das Wesen war fünf Meter breit und zehn Meter hoch. Es war die wirkliche Wüstenkönigin, Königin der Wüstenkäfer. Die Königin sah Erwin und Debecia mit ihren Stielaugen an. Sie starrten sich mehrere Minuten lang an. Dann kreischte die Königen und sämtliche Fangarme rasten gemeinsam auf Erwin zu. Erwin reagierte instinktiv. Er erschuf einen Lichtschild um sich und Debecia. Die Fangarme schlugen dagegen und verbrannten. Jetzt kreischte die Königin vor Schmerz und zog ihre Arme zurück. Dann verharrte sie. Und verharrte. Erwin misstraute der Waffenruhe und erhielt den Schild aufrecht. Er sollte sich nicht geirrt haben. Plötzlich öffnete sich das Auge auf der Stirn der Königin. Es war ein Auge der Finsternis. Ein Auge, das nur von Wesen, die den Schatten verkörpern, getragen wurde. Ein Strahl gebündelter Finsternis schoss auf den Lichtschild zu. Erwin schrie, als beide Kräfte aufeinander stießen. Er hatte keine Chance. Sein Schild brach sofort zusammen und er fiel gebrochen zu Boden. Sofort schnappte ein Fangarm ihn und Debecia, bevor einer von den beiden reagieren konnte. Sie wurden auf Augenhöhe der Königin gehoben. Diese lächelte jetzt, riss das Maul auf und der Fangarm bewegte sich wieder, um seine Beute in den tiefen Schlund zu stecken.
„Jetzt irren wir schon seit Tagen hier herum und wir haben immer noch keinen Ausgang entdeckt. Und ich wette meinen Schwanz darauf, dass wir die ganzen Zeit im Kreis liefen“, nörgelte der Basilisk, der schon zwei Meter lang war. „Mein Orientierungschip ist da anderer Meinung“, antworte GKR-3443. „Dein was … ? Schlimmer hätte es mich wirklich nicht treffen können. Da schlüpfe ich aus, sehe nur Dunkelheit und das Licht einer wandelnden Blechdose, hab mich verlaufen und nun fängt das Blech auch noch an, irgendwas zu labern, das niemand versteht.“ GKR-3443 drehte sich erbost um. Er wusste selber nicht, warum er sich beleidigt fühlte. Roboter fühlen sich nicht beleidigt. Doch jetzt fing er an, mit maximaler Lautstärke zu brüllen und stampfte mit seinen Füßen: „Jetzt habe ich die Faxen dicke.“ Diesen Satz hatte er irgendwann von einem Menschen aufgeschnappt und wusste nicht, was er eigentlich ausdrücken sollte. Erst jetzt verstand er ihn völlig. „Die wandelnde Blechdose ist ein brandneuer Kampfroboter der Gammareihe. Ausgerüstet mit allen Finessen. Phönixflammenwerfer, Wasserstoffsprungdüsen, Raketenwerfer, die sogar kleine Atomraketen beherbergen, und ein leistungsstarker Steuercomputer. Und das ist nur ein Bruchteil meiner Ausstattung. Verstanden?“ Der Basilisk sah ihn sprachlos an. Dann antwortete es zögerlich: „Nein, kein Wunder bei all den Wörtern, die ich noch nie zuvor gehört habe.“ GKR-3443 gab nicht zu, dass er selber nicht alles verstanden hatte, was er gesagt hatte. Er hatte lediglich die Liste, die in seinem Computer gespeichert war, aufgerufen. Er hörte auf zu stampfen und wurde nachdenklich. Dann sagte er mit normaler Lautstärke: „Verzeih, dass ich … dass ich … „
„Ausgerastet bin?“
„Ja, ausgerastet. Das alles ist neu für mich. Was passiert nur mit mir?“ Bevor der Basilisk antworten konnte, knirschte es. Beide sahen nach unten. Der Boden bekam riesige, beunruhigende Risse. Und bevor sie reagieren konnten, stürzten sie schon wieder in die Tiefe.
Erwin kam wieder zu sich und sah direkt in den Schlund der Königin. Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, wieder ohnmächtig zu werden. Es war ausweglos. Er und Debecia konnten nicht die feste Umklammerung des Fangsarms lockern. Sie blickten dem Tod in die Augen und warteten, dass der Fangarm sie hinein warf. Doch gerade als der Fangarm ausholen wollte, knirschte es laut. Direkt über dem Kopf der Königin brach die Decke zusammen und etwas Metallenes fiel herunter. Es war GKR-3443, gegen den Erwin gekämpft hatte. Er fiel direkt auf den Kopf der Königin, drückte das Maul zusammen und brach den Kiefer des Monsters. Der Fangarm, der Erwin und Debecia festhielt, lockerte den Griff und beide fielen zu Boden und landeten unsanft im Sand. Wenige Meter neben ihnen landeten GKR-3443 und der Basilisk. Sand flog meterweit. GKR-3443 stand schnell auf, sah Erwin an und sagte verdutzt: „Du?“ Dann musste er zur Seite springen, um einem Fangarm auszuweichen, der auf die Stelle, wo er gerade noch gestanden hatte, krachte. Die Königin war vorhin schon wütend. Doch jetzt verfiel sie in Raserei. Die Fangarme schossen hin und her und versuchten ihre Feinde zu zerquetschen, während sie wie von Sinnen schrie. Erwin und GKR-3443 tauschten einen Blick aus und wussten, dass sie zusammenarbeiten mussten, wenn sie dies überleben wollten. Seite an Seite stürmten sie vor und verbrannten bzw. durchschossen die Fangarme. Doch aus der Haut der Königin entstanden ständig neue. Erwin und GKR-3443 gaben ihr Bestes, doch sie konnten die Anzahl der Fangarme nicht mindern. Plötzlich ertönte ein lautes Quieken. Debecia war von einem Fangarm eingefangen worden und wurde in die Luft gehoben. Erwin wollte dem Fangarm Licht entgegen werfen, doch in diesem Moment öffnete sich das Auge der Finsternis und es schoss eine geballte Menge an dunkler Materie auf ihn zu. Erwin und GKR-3443 konnten gerade noch ausweichen, aber die dunkle Schockwelle erfasste Erwin und er prallte auf den Boden auf. Die dunkle Energie lähmte ihn, sodass er hilflos zusehen musste, wie Debecia langsam zum Maul der Königin gehoben wurde. GKR-3443, der von der dunklen Energie unbeeinflusst blieb, versuchte den Fangarm anzuzünden, doch dieser war auf einmal mit einem Schattenschild geschützt. Die Königin setzte jede ihrer Kräfte ein. „Blechbüchse, wirf mich!“, ertönte es auf einmal. Es war der Basilisk. Ohne lange zu zögern, gehorchte GKR-3443, packte den Basilisken und warf ihn. Der Basilisk flog mehrere Meter weit und hoch. Als er auf gleicher Höhe mit Debecia war, blitzen im seinem Maul zwei Giftzähne auf. Als der Basilisk auf dem Fangarm landete, biss er zu. Starkes Gift drang ins Fleisch ein und zerstörte es. Der Arm verfärbte sich giftgrün, wurde schlaff und ließ Debecia los. Der Tintenfisch und der Basilisk fielen herunter in den Sand. Während die beiden sich wieder aufrappelten, breitete sich das Gift im Körper der Königin weiter aus. Die Hautfarbe änderte sich von sandfarben zu giftgrün. Das Gift reichte nicht aus, um sie zu töten, doch es schwächte sie. GKR-3443 ergriff die Chance und schoss einen Flammenstrahl ab, der aber wirkungslos an dem Schattenschild abprallte. Auch Erwins Angriffe bewirkten nichts. „Blödköpfe, bündelt eure Kräfte. Debecia und ich lenken sie ab“, schrie der Basilisk und schlängelte mit atemberaubender Geschwindigkeit um die schwerfällige Königin und biss sie mehrmals, ohne dass sie ihn erwischen konnte. Debecia hüpfte herum und verschoss weiter kochheißes Wasser. Erwin stand erstaunt da und fragte GKR-3443: „Ist der immer so frech?“
„Seit er vor zwei Tagen ausgeschlüpft ist“, antwortete der Roboter. „Vor zwei Tagen?“, fragte Erwin ungläubig. GKR-3443 antwortete nicht, denn er stationierte sich in direkter Linie zur Königin, die zu sehr von dem Basilisken und dem Landtintenfisch abgelenkt war, um ihn zu bemerken, und startete den Termination-Modus. Erwin, der natürlich nicht wusste, was GKR-3443 da machte, begann nun zu überlegen, welcher der mächtigste Lichtspruch war, den er kannte. Einer fiel ihm ein. Doch als er es das letzte Mal versucht hatte, konnte er einen kleinen Lichtgolem nur für kurze Zeit aufrecht halten. Um aber dieses Biest zu besiegen, müsste der Golem deutlich größer sein als einen Meter. Erwin schwitzte. Er war sich sicher, dass er es niemals schaffen würde. Doch er musste es versuchen. Er kniete sich hin und konzentrierte sich. Zuerst passierte nichts. Dann knirschte es laut. Die Königin erstarrte und sah die Höhlenwand an. Diese hatte einen riesigen Riss, der hell leuchtete, bekommen. Weitere bildeten sich. Dann passierte nichts mehr. Die vielen Risse leuchteten weiter, doch es bildeten sich keine weiteren. Dann plötzlich krachte eine riesige, steinerne Faust heraus, prallte gegen den Kopf der Königin und brach ihr den unversehrten Kiefer. Die Königin taumelte nach hinten, während sich der neun Meter große Golem komplett aus der Höhlenwand herausbrach. Die Königin fing sich wieder und stürzte sich auf den Golem. Der Kampf der Giganten hatte begonnen. Der Golem wich zur Seite aus, sodass die Königin, die ihren Fall nicht stoppen konnte, vorbei fiel. Daraufhin holte der steinerne Riese mit der Faust aus und ließ sie auf den Rücken der Bestie krachen. Die Königin brach zusammen und blieb liegen. Erwin lächelte und wurde einen Moment lang unachtsam. Dieser Moment sollte ihm zum Verhängnis werden. Ein Fangarm der Königin schoss hervor, umklammerte ein Bein des Golems und zog daran. Der Golem versuchte sich gegen den ziehenden Fangarm zu stemmen, doch er unterlag, verlor das Gleichgewicht und fiel mit lautem Krachen zu Boden. Sofort warf sich die Königin auf ihn. Der Golem versuchte, sie von sich herunter zu werfen, wurde jedoch von zahlreichen Fangarmen der Königin auf den Boden gedrückt. Der Kopf der Königin befand sich nun direkt über dem des Golems. Das Auge der Finsternis öffnete sich. Doch an Stelle von negativer Energie bildete sich ein Strudel des Bösen, der alles Licht aus den Golem und Erwins Seele, die mit dem Golem verbunden war, zu verschlingen drohte. Erwin erkannte die Gefahr und versuchte die Verbindung aufzulösen, jedoch vergeblich. Seine Seele befand sich mitsamt dem Licht im Sog des Bösen. Die Seele hatte keine Chance zu entkommen. Das Licht, welches die Bestandteile des Golems zusammenhielt, wurde schwächer. Es schien das Ende von Erwin zu sein. Da sprang die Anzeige des Flammenwerfers von GKR-3443 auf 100 Prozent. Ein gigantischer Flammenstrahl raste auf die Königin zu und setzte sie ihn Brand. Sie schrie auf und verlor dabei die Konzentration. Das Auge der Finsternis schloss sich und Erwins Seele kam frei. Der Golem erlangte seine gesamte Kraft wieder, stand schnell auf und schlug die brennende Königin. Dieser Schlag beförderte sie zu Boden und der Golem hob seinen Fuß an und trat zu. Und trat noch einmal zu. Immer wieder, bis der Kopf der Königin nur noch aus einem Gemisch aus Blut und Fleisch bestand. Die Königin war besiegt. Erwin, endlich froh, es überstanden zu haben, entließ den Golem. Dieser brach auseinander und die Steine fielen auf den brennenden Leib der Königin und bedeckten sie.
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