Kitabı oku: «Ultras im Abseits?»

Yazı tipi:

Martin Thein | Jannis Linkelmann (Hrsg.)

Ultras im Abseits?

Porträt einer verwegenen Fankultur

Verlag die Werkstatt

Impressum

2. Auflage Juli 2012

Copyright © 2012 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

Druck und Bindung: Westermann Druck Zwickau

Umschlagfoto: imago

ISBN 978-3-89533-848-9

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Fankultur im Wandel Vom Aufstieg einer Subkultur

Elmar Vieregge: Fußball im Wandel

Marcus Sommerey: Entwicklungsgeschichte der deutschen Ultra-Bewegung

Von Rebellen, Idealisten und Pragmatikern Identität und Selbstverständnis der deutschen Ultra-Bewegung

Markus Verma: „Der Weg ist das Ziel“

Gerd Dembowski: Eine notwendige Erfindung des Selbst

Peter Czoch: Wandel von Fanidentitäten im Zuge kommerzieller Entfremdung

Tobias Wark: Ultras und Politik

Einblicke in eine verborgene Szene Mit Ultras im Gespräch

Jonas Gabler: „Sich die Freiheiten nehmen“

Martin Thein: Ultras hautnah!

Umstritten und gefürchtet Eine Subkultur zwischen Gewaltvorwürfen, Repression und Prävention

Konrad Langer: Ultras zwischen Gewalt und Kriminalisierung

Udo Tönjann: Ultras und Polizei

Michael Müller / Silke Martin: Vom Verhältnis zwischen Polizei und Ultras

Volker Herold: Fansozialarbeit Gewaltprävention im Umgang mit Ultras

Thomas Feltes: Ultras und Fanbeauftragte

Alexandra Schröder: Zu Risiken und Nebenwirkungen bei Fußballspielen in Spanien ein Bericht

Ultras von außen Spurensuche aus unterschiedlichen Perspektiven

Jan-Philipp Apmann / Gabriel Fehlandt: Pyrotechnik

Mike Glindmeier: Ultras in den Medien

Christoph Ruf: Occupy Sesame Street

Tilmann Feltes: Ultras und „die Anderen“

Martin Gerster / Oliver Stegemann / Alexander Geisler: Ultras und Sportpolitik in Deutschland

Jannis Linkelmann / Martin Thein: „Ich denke, wir waren auf einem guten Weg!“

Ultras im Abseits? Chancen und Risiken einer Subkultur

Gerald von Gorrissen: „Ultra“ in Deutschland am Scheideweg

Michael Gabriel / Volker Goll: Die Ultras

Die Herausgeber

Die Autoren

Vorwort

Immer häufiger scheint der deutsche Fußball am Abgrund zu stehen. Das Verhalten der Fans rückt deutschlandweit regelmäßig medial in den Mittelpunkt und zeichnet das Bild einer von Hass und Gewalt durchsetzten Fankultur. Manche Medien sahen im Herbst 2011 in den Vorfällen bei den zwei DFB-Pokalspielen in Dortmund und Frankfurt Ende Oktober sogar ein „Attentat auf den Fußball“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) oder einen „Anschlag auf den Fußball“ (STERN Online). Nach umfangreichem Pyrotechnik-Einsatz und einem im Freudentaumel begründeten verfrühten Platzsturm beim Relegationsspiel für die 1. Bundesliga zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC aus Berlin im Mai 2012 verstärkte sich die Hysterie nachhaltig. Die Abschaffung der Stehplätze steht seitdem genau so im Raum wie ein Alkoholverbot in den Zügen des öffentlichen Nahverkehrs im Vorfeld von Fußballspielen. Einen unrühmlichen Höhepunkt fand die Diskussion in einer bekannten Fernseh-Talkshow, in der von „Taliban der Fans“ gesprochen und Choreografien als „faschistoide Versammlungsrituale“ dargestellt wurden. Heben die deutschen Vereine und Verbände die Fans häufig aufgrund ihrer Kreativität und der tollen Stimmung hervor, werden Fußballanhänger bei öffentlichkeitswirksamen Ereignissen schnell als Gewalttäter gebrandmarkt.

Die Darstellungen in der Öffentlichkeit vermittelten allgemein den Eindruck, dass Straftaten in und um Stadien nachhaltig gestiegen und die heutigen Fußballfans gewalttätiger als die früheren sind. Offizielle Verlautbarungen untermauerten dies: So berichtet die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) für die Saison 2010/11 in der 1. und 2. Bundesliga von insgesamt 846 verletzten Personen, wobei Unfallopfer in dieser Zahl nicht enthalten sind. Nach Angaben der ZIS handelt es sich dabei um den Höchststand der vergangenen zwölf Jahre.

Fankultur im Wandel Vom Aufstieg einer Subkultur
Elmar Vieregge: Fußball im Wandel
Traditionell eingestellte Fans im „modernen Fußball“ zwischen Kommerz, Komfort und Konfrontation

Zwischen 2000 und 2010 kam es im deutschen Profifußball zu grundlegenden Veränderungen, die erhebliche Auswirkungen auf die traditionell eingestellte Fanszene hatten. Deren in Anhängerschaften einzelner Vereine unterteilte Angehörige unterstützten zwar in erster Linie ihre Klubmannschaften, konnten aber den Zustand des Ligabetriebs auch an der Leistungsfähigkeit der Nationalmannschaft ablesen. Diese schied zu Beginn des Jahrzehnts bei der 2000 in Belgien und in den Niederlanden ausgetragenen Europameisterschaft nach einer derart desolaten Leistung aus, dass sich viele Fans pessimistisch hinsichtlich der Zukunft und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs zeigten. Nur sechs Jahre später belegte die DFB-Auswahl den dritten Platz bei der 2006 im eigenen Land veranstalteten Weltmeisterschaft. Dabei entstand eine als „Sommermärchen“ beschriebene Stimmung, die nicht nur reine Sportfreunde, sondern auch ein eventorientiertes Publikum erfasste. Während der 2010 in Südafrika ausgetragenen Weltmeisterschaft bestätigte das Nationalteam nicht nur seine wiedergewonnene Stärke durch einen weiteren dritten Platz, sondern weckte Zuversicht auf erfolgreiche Teilnahmen an zukünftigen Turnieren.

Die Grundlage für die internationalen Auftritte deutscher Auswahlspieler bildeten vor allem die Verhältnisse der 1. und 2. Bundesliga.1 Die positive Entwicklung der Nationalmannschaft ging mit Veränderungen einher, die eine Steigerung des Medienengagements, eine Verbesserung der Finanzierungsmöglichkeiten, den Neubau von Stadien und die Gewinnung neuer Zuschauergruppen einschlossen. Die als „moderner Fußball“ bezeichnete Entwicklung wirkte sich erheblich auf die Situation der Fan-szene aus. Zu ihr gehören zwar unterschiedliche Gruppen, sie wird aber von Fans geprägt, die sich als Teil ihrer Vereine begreifen, diesen unabhängig vom Tabellenstand langjährig die Treue halten, sich im Alltagsleben zu ihnen bekennen und durch ihre lautstarke Unterstützung die Atmosphäre in den Stadien prägen. Diese Personen können als traditionell eingestellte Fans bezeichnet werden. Dazu gehören sowohl sogenannte Normalos und die nach ihren geschmückten Jacken benannten Kutten als auch Hooligans und Ultras.

Rahmenbedingungen

In den Jahren nach 2000 veränderten sich die Verhältnisse im Fußball grundlegend, wobei verschiedene Faktoren wechselseitig aufeinander einwirkten. So steigerte sich etwa die Aufmerksamkeit der Medien, was zu höheren Einnahmen der Vereine aus Werbung und Vermarktung von Fernsehübertragungsrechten führte. Zudem erhöhte sich die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft. Größere Einnahmen eröffneten den Klubs neue Möglichkeiten, Spitzenspieler anzuwerben, die Ausstattungen ihrer Spielstätten zu verbessern und die Nachwuchsarbeit zu fördern. Dies motivierte mehr Menschen zu Stadionbesuchen, was wiederum das Interesse der Medien und der sonstigen Wirtschaft verstärkte. Im Verlauf dieser Entwicklung änderten sich auch die Bedingungen für die Fußballfans.

Medien

Der Profifußball erfreute sich bereits vor der Jahrtausendwende eines, insbesondere im Bereich des Fernsehens, beständig wachsenden Interesses der Medien. Von 2000 bis 2010 hielt diese Entwicklung an, und insbesondere die durch Werbung finanzierten Privatsender steigerten ihr Bemühen, den Fußball zu vermarkten. Den Bundesligavereinen kam dabei zugute, dass sich ihre Einnahmen aus der Veräußerung von Übertragungsrechten erhöhten. Andererseits wirkten die Sender zur Wahrung ihrer ökonomischen Interessen auf den Spielbetrieb ein, was die Verhältnisse in den Stadien beeinflusste.

Für deren Besucher hatte dies einerseits positive Folgen, denn die zunehmenden Einkünfte trugen dazu bei, dass die Vereine ihre bauliche Infrastruktur modernisierten, die Ausbildungsbedingungen für Nachwuchsspieler verbesserten und ihre Attraktivität im internationalen Wettbewerb durch herausragende Spieler steigern konnten. Zudem sorgten die Sender durch Investitionen in ihre Kamera- und Übertragungstechnik dafür, dass Fußballanhänger umfassend über die Geschehnisse auf den Spielfeldern unterrichtet wurden. Andererseits kam es zu diversen Nachteilen, die sich aus dem primären Interesse der TV-Gesellschaften ergaben, ihre Gewinne zu maximieren. Sie waren bestrebt, die Spieltage auf mehrere Termine zu zersplittern, um das Produkt Fußball durch möglichst viele Einzelspiele zu für Fernsehzuschauer freundlichen Zeiten zu vermarkten. Die bereits vor der Jahrtausendwende erfolgte Einrichtung von Freitagabend- und Sonntagsspielen verfestigte sich nach 2000, was den hergebrachten Anpfiff eines kompletten Spieltages am Samstag um 15:30 Uhr zu einer Erscheinung der Vergangenheit machte. Während die Fernsehsender ihren Zuschauern dadurch Übertragungen zu ihnen genehmen Zeiten anboten, belasteten die Spielansetzungen insbesondere zu Auswärtsspielen mitreisende Anhänger, also besonders stark engagierte Fans. Diese standen vor allem bei weit entfernten Sonntagsspielen vor dem Problem einer langen nächtlichen Rückreise im Vorfeld einer am nächsten Morgen beginnenden Arbeitswoche. Darüber hinaus erschwerte ihnen die erst im Verlauf der Saison erfolgende Terminierung der Freitags- und Sonntagsspiele die Vorbereitung ihrer Reisen.

Während das verstärkte Engagement der TV-Sender sowohl Vor- als auch Nachteile für die traditionell eingestellten Fans mit sich brachte, verbesserten die Zeitschriftenverlage das Informationsangebot. Nach der Jahrtausendwende kamen zu den eingesessenen Publikationen mehr oder weniger erfolgreiche Magazine. Sie präsentierten den Sport als „Lifestyle“ oder richteten sich an sehr junge Käufer, indem sie sich auf eine Berichterstattung über die herausragenden Starspieler konzentrierten. Andererseits thematisierten weitere Veröffentlichungen nun auch kulturelle und gesellschaftliche Aspekte des Massensports.

Zu einer noch größeren Ausweitung des Informationsangebots zum Vorteil für die Fans führte die zunehmende Nutzung des Internets. Die Vereine bauten ihre eigenen Internetpräsenzen aus, um ihre Anhänger und die allgemeine Öffentlichkeit zu informieren, ihre Fanartikel und Eintrittskarten zu vermarkten oder um kostenpflichtige Zusatzangebote zu verkaufen. Zudem gründeten die Klubs oder engagierte Fans elektronische Foren, die es den Anhängern ermöglichten, sich an Diskussionen zu beteiligen oder sich zu organisieren. Über soziale Netzwerke ergaben sich Möglichkeiten der direkten Kontaktaufnahme, indem auch einzelne Spieler mit ihren Anhängern kommunizierten. Darüber hinaus bauten Fußballverbände und Zeitschriftenverlage ihre Internetpräsenzen aus. Zudem entstanden durch Werbung finanzierte Webseiten zu speziellen Aspekten, wie etwa den Entwicklungen auf dem Transfermarkt.

Letztendlich erweiterte sich das mediale Angebot nach 2000 rasant, was unterschiedliche Auswirkungen auf die Fanszene hatte. Diese zog ihren Nutzen aus einem jederzeit verfügbaren Informations- und Unterhaltungsangebot, erlitt jedoch einen Schaden durch die Einflussnahme der TV-Sender auf die Ansetzungen von Spielen.

Finanzen

Zur Modernisierung des Fußballs gehörten Bemühungen, aus wirtschaftlichen Gründen neue Formen der Verfasstheit von Vereinen zu etablieren. Dazu kam eine Ausweitung des Engagements von Investoren, das weit über ein gewöhnliches Sponsoring hinausging.

Einen folgenschweren Anlauf unternahm Borussia Dortmund, als der Verein2 im Oktober 2000 Aktien zum Ausgabekurs von elf Euro herausgab.3 Der Klub investierte die dadurch erworbenen Gelder in Spitzenspieler sowie den Stadionausbau und erwartete einkalkulierte Erfolge sowie damit verbundene Gewinne. Viele Anhänger des proletarisch geprägten Vereins widersetzten sich jedoch, da sie dessen Ausverkauf an fremde Finanziers fürchteten, denen Gewinne wichtiger waren als der Klub. Sie sahen sich durch die Situation in England gewarnt, wo etwa Manchester United zum Investitionsobjekt eines ausländischen Großinvestors geworden war, der über eine erhebliche Anhebung der Eintrittspreise langjährige Anhänger mit geringerem Einkommen verdrängt hatte. Die Befürchtungen der Borussen-Fans erfüllten sich, als die angepeilten Erfolge und damit die nötigen Gewinne ausblieben und 2005 zeitweilig die Existenz des damals völlig überschuldeten Vereins auf dem Spiel stand. Während die Anteilseigner erhebliche Verluste hinnehmen mussten,4 gelang dem Klub jedoch in seiner Notlage ein sportlicher Neuanfang, indem er talentierte Nachwuchsspieler einsetzte. Die dann in der Saison 2010/11 errungene Meisterschaft setzte nicht nur einen Kontrapunkt zum gescheiterten Projekt, sondern bestätigte die Vorbehalte vieler traditionell eingestellter Fußballanhänger gegen derartige Finanzierungsformen.

Eine weitere Vorgehensweise war erfolgreicher, stieß jedoch ebenfalls auf Ablehnung. Es waren hochprofessionell aufgebaute Vereine, die ohne dominante Unterstützung eines einzelnen Wirtschaftsakteurs kaum in der Lage gewesen wären, eine Rolle in der 1. Bundesliga zu spielen.5 Das betraf mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und der TSG 1899 Hoffenheim drei Klubs, die lediglich über relativ begrenzte Anhängerscharen verfügten und bundesweit häufig als „Retortenvereine“ bezeichnet wurden. Hinter Bayer Leverkusen stand mit dem Chemieriesen Bayer ein weltweit operierendes Großunternehmen. Auf dessen Unterstützung reagierten viele traditionell eingestellte Fans anderer Vereine mit einer grundsätzlichen Ablehnung, indem sie Bayer Leverkusen als „Werkself“ oder „Plastikverein“ verspotteten. Wie grundsätzlich diese Zurückweisung war, zeigte sich daran, dass sie erfolgte, obwohl der Klub über eine rund hundertjährige Tradition verfügt, aus dem aufrichtig betriebenen Mitarbeitersport des Konzerns entstanden war und durch eine seit 1979 bestehende Erstklassigkeit zu einem festen Bestandteil der 1. Bundesliga geworden war.

Abgelehnt wurde mit dem VfL Wolfsburg ein zweiter von einem Großkonzern abhängiger Verein, obwohl auch er kein alleiniges Marketing-Projekt war, sondern ebenfalls dem Betriebssport entstammte. Der mit der Unterstützung des Autoherstellers Volkswagen 1997 in die 1. Bundesliga aufgestiegene Klub etablierte sich nicht nur nach der Jahrtausendwende, sondern errang 2009 die Deutsche Meisterschaft. Damit nahm er den Gegnern dieser von einzelnen Wirtschaftsakteuren entscheidend geförderten Bundesligisten ihre sich auf die zuvor erfolglos gebliebenen Titelaspirationen Bayer Leverkusens fußende Hoffnung, dass „Geld keine Tore schießt“.

Im gleichen Jahr beendete mit der TSG 1899 Hoffenheim ein weiterer von einem dominierenden Wirtschaftsakteur abhängiger Verein seine erste Saison in der höchsten deutschen Spielklasse. In diesem Fall stand kein Großkonzern hinter dem Erfolg, sondern eine vermögende Einzelperson, die jedoch als Gründer des Softwaregroßkonzerns SAP über erhebliche Geldmittel verfügte. Es war der Milliardär Dietmar Hopp, der sich 1990 entschlossen hatte, seinen Heimatverein nach dessen Abstieg in die Kreisklasse A finanziell im großen Maß zu unterstützen.6 Obwohl es sich bei Hopp um einen seine Heimatregion großzügig unterstützenden Sportmäzen im klassischen Sinn handelte, war er nicht nur für traditionell eingestellte Fans ein Feindbild. Während in Leverkusen und Wolfsburg unpersönliche Weltkonzerne hinter den Erfolgen standen, personalisierte sich aus der Sicht vieler Fans hergebrachter Vereine in Dietmar Hopp die abzulehnende Entwicklung. Sie sahen eine Wettbewerbsverzerrung und in dem Mäzen ein Feindbild. Daraufhin äußerte sich ein regelrechter Hass auf Dietmar Hopp nicht nur in beleidigenden Sprechchören, sondern auch in während der Spiele präsentierten Bannern. Darunter war ein Banner, das sein mit einer Zielscheibe versehenes Gesicht zeigte.7

Für traditionell eingestellte Fans anderer Mannschaften bedeuteten die Erfolge von Bayer Leverkusen, des VfL Wolfsburg und der TSG 1899 Hoffenheim nicht nur, dass sich drei von einzelnen Wirtschaftsakteuren entscheidend geförderte Klubs in der 1. Bundesliga etabliert hatten, sondern auch die Existenz von drei stimmungsarmen Heimspielen und drei unattraktiven Zielen für Auswärtsfahrten. Die Präsenz der drei Klubs in der 1. Bundesliga bedeutete zudem, dass es für alteingesessene Vereine schwieriger wurde, in die höchste Spielklasse aufzusteigen. Darüber hinaus sahen die Gegner der drei Klubs die Gefahr, dass deren Erfolge weitere Wirtschaftsakteure zu vergleichbaren Engagements animieren und mittelfristig weitere „Retortenvereine“ eine gewichtige Rolle im nationalen Fußball einnehmen könnten.

Dass diese Befürchtung nicht unbegründet war, belegte die Entstehung von Rasenball Leipzig. Dabei handelte es sich nicht um einen Verein mit eigenen Wurzeln, sondern um das Resultat eines kühl kalkulierenden Wirtschaftshandelns. Dessen Hintergrund bildeten die zuvor erfolgreichen Projekte des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull, der in verschiedenen Ländern Fußballteams als reine Träger für seine Werbung aufgebaut hatte. Als die Firmenvertreter 2009 die Oberligalizenz eines Leipziger Vorortvereins erwarben und ihr Projekt großzügig mit Finanzmitteln ausstatteten, um mittelfristig den Weg in die 1. Bundesliga zu beschreiten, entstand nicht nur für viele Fans der sächsischen Traditionsvereine ein absoluter Gegenentwurf zu allem, was der Fußball für sie bedeutete.8

Vor diesem Hintergrund sorgte Hannover 96 für weitere Unruhe, als dessen Präsident ab 2008 danach trachtete, die sogenannte 50+1-Regel abzuschaffen. Diese in § 16c der Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) enthaltene Vorschrift behinderte Großinvestoren, indem sie eine mehrheitliche Beteiligung eines Vereins verlangte, falls eine Kapitalgesellschaft eine Lizenz erwerben wollte. Letztendlich bekannte sich das Schiedsgericht DFB zwar 2011 zu dieser Regel, lockerte sie jedoch, indem es den dominierenden Einstieg von Investoren zuließ, sofern sie länger als 20 Jahre mit dem Klub verbunden waren.9 Damit blieb die Regelung zwar auf den ersten Blick bestehen, wurde aber dahingehend abgeschwächt, dass, wenn auch unter erheblichen Einschränkungen, durchaus die Möglichkeit des Auftretens entscheidender Wirtschaftsakteure bestand.

Spielstätten

Unmittelbar spürten Fußballfans die Modernisierung des Fußballs anhand der Stadien. Das erste Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende sah eine grundlegende Erneuerung der Spielstätten der erfahrungsgemäß in der 1. Bundesliga und vieler der über mehrere Jahre in der 2. Bundesliga vertretenen Klubs. Die Bautätigkeit von Vereinen und Kommunen setzte bereits zu Beginn der Dekade ein, verstärkte sich im Vorfeld der WM 2006, als große Investitionen in die Austragungsstätten getätigt wurden, und hielt zum Ende des Jahrzehnts an. Die neuen Spielstätten zeichneten sich in der Regel durch komplette Überdachungen, großzügige Parkplätze und den Verzicht auf Leichtathletiklaufbahnen aus. Für die Zuschauer ergaben sich daraus die Vorteile eines optimierten Wetterschutzes, besserer Verkehrsanbindungen und einer geringeren Distanz zum Spielfeld. Zudem erhöhten ausgebaute Gastronomieeinrichtungen und Sanitäranlagen den Komfort. Auf der anderen Seite steigerten die Vereine ihre Einnahmen durch die Einrichtung großzügiger Logenbereiche, die Verringerung des Stehplatzangebots, die Ausweitung der Werbung und die Steigerung der Eintrittspreise. Zudem vermarkteten die Klubs die Spielstätten nicht mehr als reine Austragungsplätze sportlicher Wettkämpfe, sondern als Event-Orte. Dies drückte sich in der Namensgebung aus, denn Stadien hießen nun in der Regel Arenen und wurden nach Firmen benannt. Wie umfassend die Vermarktung der Stadiennamen, das Aufkommen der Arenen und die Bautätigkeit nach der Jahrtausendwende waren, lässt sich anhand eines Überblicks der Spielstätten der die 1. Bundesliga prägenden Vereine ablesen. Mit dem Berliner „Olympiastadion“, dem Bremer „Weser-Stadion“ und dem Kaiserslauterer „Fritz-Walter-Stadion“ existierten 2010 nur noch drei Austragungsorte mit einem Traditionsnamen.


Stadion Verein Fertigstellung oder Modernisierungsende
Imtech Arena Hamburger SV 2000
Veltins-Arena FC Schalke 04 2001
Volkswagen Arena VfL Wolfsburg 2002
Signal Iduna Park Borussia Dortmund 2003
Stadion im Borussia-Park Borussia Mönchengladbach 2004
RheinEnergieStadion 1. FC Köln 2004
AWD-Arena Hannover 96 2004
Olympiastadion Hertha BSC 2004
Allianz Arena Bayern München 2005
Commerzbank-Arena Eintracht Frankfurt 2005
easyCredit Stadion 1. FC Nürnberg 2005
Fritz-Walter-Stadion 1. FC Kaiserslautern 2006
Rhein-Neckar-Arena TSG 1899 Hoffenheim 2009
BayArena Bayer Leverkusen 200911
Weser-Stadion Werder Bremen 201112
Mercedes-Benz Arena VfB Stuttgart 201113
Coface Arena 1. FSV Mainz 05 201114
rewirpowerStadion VfL Bochum 201115

Neubauten und Modernisierungen10

Während die meisten Zuschauer den neuen Komfort genossen, ergab sich für viele traditionell eingestellte Fans, wie im Fall der fernsehgerechten Anstoßzeiten, ein Konflikt, denn sie sahen einen Ausverkauf an Sponsoren und wohlhabende Gäste. Sie fürchteten, dass ihre aufrichtige, laut-

10 11 12 13 14 15

starke Unterstützung als stimmungsvolles Beiwerk abgetan werden könnte, um ein zahlungsfähiges Publikum zu unterhalten, dem ein familienorientiertes Wochenendvergnügen verkauft werden sollte. Vor diesem Hintergrund erlangte für sie die Namensgebung eine besondere Bedeutung, denn sie sahen im verstärkten Sponsoring keine Chance zur Finanzierung der Vereine, sondern einen Ausverkauf der Tradition. Das galt vor allem in den Fällen, in denen bestehende Stadien mit klangvolle Namen umbenannt wurden, wie das Dortmunder „Westfalenstadion“ in „Signal Iduna Park“, das Nürnberger „Frankenstadion“ in „easyCredit-Stadion“, das Hannoveraner „Niedersachsenstadion“ in „AWD-Arena“, das Frankfurter „Waldstadion“ in „Commerzbank-Arena“ oder das Hamburger „Volksparkstadion“ zunächst in „AOL Arena“, danach in „HSH Nordbank Arena“ und schließlich in „Imtech Arena“. Dabei wies der Umstand, dass die scheinbar unbedeutende Umbenennung von Stadien den Unwillen traditionell eingestellter Fans entfachen konnte, auf das der Entwicklung innewohnende Konfliktpotenzial hin.

Grundsätzlich hatten die Bauherren die Wahl zwischen dem Aus- oder Neubau eines bestehenden Stadions bei laufendem Spielbetrieb oder der kompletten Neuerrichtung an einem anderen Ort. Dies geschah beispielsweise in Köln und Mönchengladbach. In der Domstadt errichtete die Kommune für die WM 2006 einen zeitgemäßen Austragungsort, indem sie die Spielstätte des 1. FC Köln in Phasen abreißen und durch eine neue, 50.000 Plätze aufweisende Konstruktion ersetzen ließ. Auf diese Weise verschwand mit dem 1975 entstandenen „Müngersdorfer Stadion“ eine für die 1970er Jahre typische „Betonschüssel“ mit Leichtathletiklaufbahnen und flachen Rängen. Obwohl die damit verbundene Umbenennung in „RheinEnergie-Stadion“ bei einem Teil der Fans, insbesondere den Ultras, für Unmut sorgte, nahm der weit überwiegende Teil das neue Bauwerk am alten Ort an, das sie bis an den Spielfeldrand vorrücken ließ. Die Gründe für den geringen Widerstand gegen den Verlust des Namens dürfte in dem erheblichen Komfortgewinn und dem Umstand liegen, dass der im einige Kilometer entfernten Geißbockheim gelegene Hort der Klubtradition unangetastet blieb.

Am Niederrhein beschritt Borussia Mönchengladbach einen anderen Weg. Der Verein nutzte ein frei gewordenes Militärgelände am Stadtrand, um nicht nur ein vereinseigenes Stadion zu bauen, sondern seine weiteren Einrichtungen wie Trainingsplätze und Geschäftsstelle an einem Ort zu konzentrieren. In diesem Fall lag ein vollkommener Traditionsbruch vor, denn der in der Nähe der Innenstadt gelegene, traditionsreiche, jedoch überalterte, nur teilweise überdachte und lediglich 35.000 Plätze fassende „Bökelberg“ wurde abgerissen. Dabei war sich der Verein offenbar eines möglichen Konflikts mit Traditionalisten bewusst, denn der Neubau wurde nicht nach dem legendären Trainer Hennes Weisweiler benannt, sondern erhielt den nichtssagenden Namen „Stadion im Borussia-Park“, der im Fall einer Vermarktung problemlos durch die Bezeichnung eines Sponsors ersetzt werden könnte. Dass die Fans hingegen den im Vergleich zum Kölner Vorgehen vollzogenen Traditionsbruch hinnahmen, dürfte nicht zuletzt an der Hoffnung gelegen haben, mit der neuen, nun ca. 54.000 Plätze umfassenden Spielstätte die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend zu stärken.

Entwicklungen in der Fanszene

Wenngleich unterschiedliche Indikatoren den Zustand des Fußballs in einem Land beschreiben, zeigt er sich vor allem anhand der Zuschauerzahlen. In dieser Hinsicht sah der deutsche Fußball im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende einen regelrechten Boom. Die Gesamtbesucherzahl stieg innerhalb von zehn Jahren um mehr als 50 Prozent.

1./2. Bundesliga Zuschauerentwicklung 2000-201016


Saison 1. Bundesliga Zuschauer Durchschnitt 2. BundesligaZuschauer Durchschnitt Gesamtzahl
2000/01 8,7 Mio. 28.400 2,9 Mio. 9.600 11,6 Mio.
2001/02 9,5 Mio. 31.000 2,5 Mio. 8.000 12,0 Mio.
2002/03 9,8 Mio. 31.900 3,0 Mio. 10.100 12,8 Mio.
2003/04 10,7 Mio. 35.000 2,6 Mio. 8.600 13,3 Mio.
2004/05 10,8 Mio. 35.200 3,7 Mio. 12.100 14,5 Mio.
2005/06 11,7 Mio. 38.200 3,7 Mio. 12.000 15,4 Mio.
2006/07 11,5 Mio. 37.600 4,7 Mio. 15.300 16,2 Mio.
2007/08 11,8 Mio. 38.600 5,5 Mio. 18.000 17,3 Mio.
2008/09 12,8 Mio. 41.900 4,8 Mio. 15.600 17,6 Mio.
2009/10 12,8 Mio. 41.800 4,6 Mio. 15.000 17,4 Mio.

Mit den erhöhten Besucherzahlen in den modernisierten Stadien änderten sich zumeist auch die Verhältnisse in ihnen, und die gesellschaftliche Bedeutung des Massensports wurde deutlicher. Während die Zahl der unauffälligen Normalos anstieg, die ohnehin schon den größten Teil der Fan-szene stellten, verringerte sich die Präsenz der zuvor die Kurven optisch prägenden Kutten. Innerhalb der insgesamt vergrößerten Zuschauermengen fielen Hooligans weniger ins Auge, und mit den Ultras etablierte sich eine die Fanszene nachhaltig ändernde Bewegung.

Hooligans

Zur Jahrtausendwende stand mit den Hooligans ein kleiner Teil der Fan-szene im Blickfeld der Öffentlichkeit. Ursächlich dafür waren auch Ausschreitungen deutscher Gewalttäter während der 1998 in Frankreich ausgetragenen WM, in deren Verlauf sie in Lens einen Polizisten derart schwer verletzten, dass er zu einem lebenslangen Pflegefall wurde.17 Die Politik reagierte darauf mit verstärkter Repression. Dazu gehörten Polizeieinsätze während der Spiele, Stadionsperren, Strafverfahren und die Arbeit der bei der nordrhein-westfälischen Polizei angesiedelten „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) mit ihrer Datei „Gewalttäter Sport“.

Andererseits verbesserten politische Entscheidungsträger auch ihren Wissensstand. Dem dienten nicht nur die polizeilichen Erkenntnisse der „Szenekundigen Beamten“ (SKB), sondern auch die Ergebnisse eines durch das Bundesministerium des Innern initiierten Forschungsprojektes. Dies stellte fest, dass die meisten Hooligans, entgegen wiederholt in den Medien geäußerter Auffassungen, Fußballspiele nicht allein als Austragungsbühnen nutzen, sondern in der Regel in ihren lokalen Fanszenen, häufig als vormalige Kuttenträger, aufgewachsen sind.18

Für die Hooligans hatte die Modernisierung negative Auswirkungen. Sie hatten bereits Ende der 1990er Jahre auf ansteigende Sicherheitsmaßnahmen in und um die Spielstätten mit einer Verlagerung ihrer Aktivitäten reagiert. So stellte die ZIS seit der Spielzeit 1997/98 eine Tendenz zu verabredeten Kämpfen abseits der Stadien und sogar der Spielzeiten fest.19 Die baulichen Gegebenheiten der neuen Stadien/Arenen bewirkten eine weitere Verschlechterung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Verbesserte Absperrungen erschwerten ein gewaltsames Eindringen in gegnerische Blöcke von außen, und die übersichtlichere Gestaltung der Ränge erschwerte den unauffälligen Positionswechsel innerhalb der eigenen Blöcke. Darüber hinaus ermöglichte neue Kameraüberwachungstechnik bei Ausschreitungen die rasche Zuführung von Ordnungskräften, die Identifizierung von Tätern sowie die Beweissicherung für Strafverfahren. Während sich der Handlungsspielraum der Hooligans in den modernen Spielstätten der 1. und 2. Bundesliga einschränkte, war für sie die Lage bei unterklassigen Vereinen günstiger. Das betraf insbesondere die in schwierigen wirtschaftlichen Umfeldern arbeitenden ostdeutschen Klubs.

Negative Auswirkungen auf den Hooliganismus dürften nicht nur der verbesserte Erkenntnisstand staatlicher Stellen, deren Repressionsmaßnahmen und die Modernisierungen der Spielstätten gehabt haben, sondern auch zwei weitere Aspekte, welche die Gewinnung von Nachwuchs betrafen. Den ersten bildeten sozialpädagogisch arbeitende Fanprojekte, die sich auch um gewaltgeneigte Jugendliche kümmerten. Der andere war die sich ausweitende Bewegung der Ultras, in der junge Fußballanhänger, die sich nicht auf ein übliches Fanleben beschränken wollten, ihre Leidenschaften ausleben konnten, ohne dabei zwangsweise gewalttätig werden zu müssen. Die sich für die Hooligans zwischen 2000 und 2010 in den obersten Spielklassen verschlechternden Rahmenbedingungen korrespondierten mit einer Verminderung ihres Personenpotenzials in einem Zeitraum, in dem die Gesamtzuschauerzahlen stark anstiegen.

1./2. Bundesliga Gewaltpotenzial202122


Saison Kategorie C Körperverletzungen21 Zuschauerzahlen22
2000/01 2.558 751 11,6 Mio.
2001/02 2.440 861 12,0 Mio.
2002/03 2.452 911 12,8 Mio.
2003/04 2.195 913 13,3 Mio.
2004/05 2.415 1.296 14,5 Mio.
2005/06 2.305 1.294 15,4 Mio.
2006/07 2.308 1.232 16,2 Mio.
2007/08 2.185 1.237 17,3 Mio.
2008/09 2.125 1.696 17,6 Mio.
2009/10 2.295 1.439 17,4 Mio.

Der zahlenmäßige Rückgang der Hooligans in den beiden obersten Spielklassen führte nicht zu einem Rückgang der Gewalt, denn gleichzeitig verdoppelte sich die Anzahl der wegen Körperverletzungen eingeleiteten Strafverfahren. Während in den Medien in der Regel Hooligans als Verursacher der Gewalttaten erschienen, wurden diese Delikte auch von den durch die Polizei als Kategorie B geführten gewaltbereiten/-geneigten Fans verübt.23 Zu ihnen gehören Normalos, Kutten und Ultras.

Ultras

Die Entwicklung der in den 1960er Jahren in Italien entstandenen Ultra-Bewegung in Deutschland ist die augenscheinlichste Veränderung der Fan-szene. Sie begann in hiesigen Stadien Ende der 1980er Jahre mit einzelnen kleineren Gruppen. Als in den 1990er Jahren immer mehr junge Vereinsanhänger ihre Mannschaften mit Spruchbändern, Doppelhaltern und lang andauernden Sprechchören auf eine neue Weise anfeuerten, wurden sie zuweilen von älteren Fans zunächst mit Verwunderung registriert. Doch je aufwendiger sie Kurven mit Choreografien schmückten und je stärker sie Stimmungen durch Gesänge und den Einsatz von Pyrotechnik schufen, umso deutlicher zeigte sich, dass sich eine nachhaltige Bewegung entwickelte, deren Anhänger sich nicht nur an Spieltagen mit ihren Klubs beschäftigten, sondern sie durch ihr alltägliches Leben mit sich trugen. Die Polizei stellte ab der Spielzeit 1999/2000 bei fast allen Vereinen der vier obersten Spielklassen Ultragruppierungen fest.24 In den Jahren nach 2000 etablierten sie sich derart, dass sie die Stimmung in den Stadien maßgeblich beeinflussten.25

Die neue Bewegung führte nicht nur zu einem neuen Klima auf den Rängen, sondern brachte auch neue Konfliktfelder mit sich. Unter Berufung auf ihr massives Engagement sahen sich Ultragruppierungen zuweilen als Kern ihrer Kurven oder „Herz und Seele des Vereins“, was teilweise von anderen Fans als anmaßend empfunden wurde. Zur Durchführung von Choreografien benötigten Ultras Freiräume in den Stadien, was den Sicherheitsinteressen der Vereine und der von diesen eingesetzten Ordner entgegen stand. Die Ultras präsentierten sich als Wahrer der Tradition ihrer Vereine gegen das zunehmende Engagement der Wirtschaft, was den Plänen daran interessierter Vereins- und Verbandsfunktionäre zuwider---------lief. Die unbedingte Unterstützung des eigenen Klubs führte zwangsläufig zur Frontstellung gegen Ultragruppen konkurrierender Vereine, was unter anderem zum Raub von Zaunfahnen sowie zu damit verbundenen körperlichen Auseinandersetzungen führte.

Zum größten Konfliktpotenzial wurde jedoch der Einsatz von Pyrotechnik, insbesondere von Rauchmitteln und sogenannten Bengalos. Die für Ultras zentrale Bedeutung dieser Form der Stimmungserzeugung zeigte sich anhand von Befragungen für eine im Vorfeld der WM 2006 getätigte Untersuchung. Damals gaben 66,5 % der befragten Ultras an, dass Pyrotechnik zu ihren Aktivitäten dazugehöre.26 Andererseits barg die große Hitze des Bengalischen Feuers die Gefahr schwerer Brandverletzungen, und die Rauchentwicklung führte zu Gesundheitsgefährdungen anderer Stadionbesucher.27 Dies ließ Polizisten und Stadionordnern aus rechtlichen Gründen keine andere Möglichkeit, als dagegen vorzugehen, was sie wiederum zu unmittelbaren Gegnern machte. Das Ausmaß der Vorfälle mit Pyrotechnik, die unter die Bestimmungen des Sprengstoffgesetzes (SprengG) fällt, manifestierte sich anhand der wegen Verstößen gegen dieses Gesetz eingeleiteten Strafverfahren. Obwohl die Verstöße auch von Stadionbesuchern verübt wurden, die nicht zu den Ultras gehörten, dürften Letztere für den Großteil verantwortlich gewesen sein, und die Versechsfachung der Verfahren innerhalb eines Jahrzehnts zeigte die steigende Brisanz des Themas. Vor diesem Hintergrund erklärte sich auch eine zu dieser Zeit ansteigende Aggression gegen Polizisten und Ordner.28

1./2. Bundesliga Sprengstoffgesetz29


Saison Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz
2000/01 113
2001/02 141
2002/03 131
2003/04 175
2004/05 203
2005/06 187
2006/07 304
2007/08 243
2008/09 357
2009/10 704

Dass sich Ultras bei ihren Aktivitäten der Gefahr von Schadensersatzklagen, Stadionverboten und Strafverfahren aussetzten, belegte deren Entschlossenheit. Diese ging mit einem hohen Organisierungsgrad einher, was ihnen ermöglichte, ihre Interessen auch auf legalen Wegen zu vertreten, etwa durch einen organisierten Vereinseintritt zur Mitgestaltung der Klubpolitik oder den Einsatz von Fachanwälten bei Auseinandersetzungen mit Behörden.

Gesellschaftspolitik

Zwischen 2000 und 2010 rückten auch gesamtgesellschaftliche Aspekte in das Blickfeld vieler Fußballanhänger. Das betraf etwa die Diskriminierung von Minderheiten30 und das Ausmaß rechtsextremistischer Aktivitäten.31 Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für diese Themen weckte etwa das bereits seit 1993 bestehende „Bündnis Aktiver Fußball-Fans“ (BAFF), das 2001 die Wanderausstellung „Tatort Stadion Rassismus und Diskriminierung im Fußball“ startete.32 Eine gesteigerte Sensibilität trug dazu bei, dass diverse Vereine in ihren Stadien das Tragen von Kleidung rechtsextremistischer Hersteller oder von bei Rechtsextremisten beliebten Marken untersagten.33 Zudem engagierte sich auch der DFB, indem er sich in Kampagnen gegen Rassismus positionierte oder in Fernsehspots auf die Verdienste von Spielern mit Migrationshintergrund für den deutschen Fußball hinwies.

Schlussbetrachtung

Zwischen 2000 und 2010 modernisierte sich der Fußball grundlegend und wirkte sich ebenso grundlegend auf die Situation der traditionell eingestellten Fans aus. Dies hatte sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Die flächendeckende Erneuerung der Stadionlandschaft, die Steigerung des Zuschauerkomforts, die Verbreiterung des Informationsangebots und die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit standen gegen die Ausweitung der Kommerzialisierung, die Zunahme von „Retortenvereinen“, die Veränderung von Anstoßzeiten und den Verlust von Tradition.

Auffallend ist, dass sich trotz der Einengung der Spielräume für Hooligans in den beiden obersten Spielklassen und einer Verringerung ihres Personenpotenzials die Anzahl der Strafverfahren zum Ende des Jahrzehnts erheblich erhöhte. Die Gesamtzahl eingeleiteter Strafverfahren stieg von 4.577 in der Saison 2007/08 auf 6.030 in der Spielzeit 2008/09, um in der Folgesaison mit 6.043 Taten auf diesem Niveau zu verweilen.34 Diese Zahlen lassen jedoch unterschiedliche Sichtweisen zu, denn die Zunahme der Strafverfahren bedeutete nicht automatisch, dass sich die Gefährdung für den durchschnittlichen Stadionbesucher erhöht hatte. Eine Ursache für den Anstieg könnte auch darin gelegen haben, dass die Polizei stärker gegen vermehrt Pyrotechnik einsetzende Ultras vorging und es dabei zu Widerstandshandlungen kam. So erhöhte sich zum Ende des Jahrzehnts die Zahl der wegen des Einsatzes von Pyrotechnik eingeleiteten Verfahren stark, was das ohnehin konfliktträchtige Verhältnis von Polizisten und Ordnern zu Ultras weiter verschlechterte. Die Bewegung der Ultras entfaltete sich parallel zur Modernisierung des Fußballs, möglicherweise auch aufgrund dieser, und ihr auf Hingabe zu ihren Klubs beruhender Anspruch musste zwangsläufig mit den Interessen derer kollidieren, die in den Vereinen vor allem mittelständische Wirtschaftsbetriebe sahen. Auf die zunehmende Kommerzialisierung reagierten insbesondere Ultras mit einer Haltung gegen den „modernen Fußball“.

Die Veränderungen des deutschen Fußballs im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends führten nicht nur zu erheblichen Verbesserungen für Stadionbesucher, sondern verdeutlichten, dass sich die Interessen von Funktionären, Wirtschaftsakteuren, Medienschaffenden und Polizisten von denen vieler traditionell eingestellter Fans unterschieden, wodurch sich Konfliktfelder ergaben, die einen Einfluss auf die Zunahme von Straftaten gehabt haben dürften. Seitdem müssen insbesondere traditionsbewusste Vereinsanhänger individuell für sich entscheiden, ob und wie sie auf diese Situation reagieren.

Literaturverzeichnis

Behn, Sabine/Schwenzer, Victoria (2006): Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien, in: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Bonn, S. 320-435.

Blaschke, Ronny (2007): Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball, Göttingen.

Blaschke, Ronny (2011): Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen, Göttingen.

Bundesministerium des Innern (Hrsg.) (2001): Hooliganismus in Deutschland. Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention, Berlin.

Dembowski, Gerd/Scheidle, Jürgen (Hrsg.) (2002): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln.

Ek, Ralf (1996): Hooligans. Fakten Hintergründe Analysen, Worms.

Farin, Klaus/Hauswald, Harald (1998): Die Dritte Halbzeit. Hooligans in Berlin-Ost, Bad Tölz.

Gabler, Jonas (2010): Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland. Köln.

Pilz, Gunter A./Wölki, Franciska (2006): Ultraszene in Deutschland, in: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Bonn, S. 63-238.

Pilz, Gunter A./Behn, Sabine/Harzer, Erika/Lynen von Berg, Heinz/Selmer, Nicole (2009): Rechtsextremismus im Sport. In Deutschland und im internationalen Vergleich, Köln.

Vieregge, Elmar (2007): Die Fußballweltmeisterschaft 2006 und der deutsche Rechtsextremismus, in: Möllers, Martin H. W./van Ooyen, Robert Christian (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2006/2007, Frankfurt, S. 137-145.

Marcus Sommerey: Entwicklungsgeschichte der deutschen Ultra-Bewegung

Um die Entstehungsgeschichte der deutschen Ultrabewegung von der Geburtsstunde an verstehen und analysieren zu können, ist es unumgänglich, sich mit der Geschichte des Fußballs, der Fankulturen anderer Länder und dem Begriff der (Fan-)Identität auseinander zu setzen. Daher muss gleich hier zu Beginn ein Blick zurück geworfen werden, nach England, dem „Heimatland“ des Fußballs, nach Italien, von wo lange die Leitkultur der Ultrabewegung vorgegeben wurde, aber auch in die deutsche Fußballvergangenheit, bevor der Schwerpunkt dann bei der Genese deutscher Gruppen liegen wird. Die gerade genannten Länder England und Italien hatten bzw. haben, so viel darf man vorweg nehmen, einen enormen Einfluss auf die Fußball- und Fankultur der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.

Entstehung von Fanidentität in England

In England kam es Mitte des 19. Jahrhunderts zu bedeutenden demografischen Veränderungen. Die ländliche Bevölkerung zog es mehr und mehr in die Stadt. Die Folge war die Entkopplung traditioneller kultureller Manifestationen, wie z. B. der auf dem Land üblichen regelmäßigen Feste, die den sozialen Austausch und Zusammenhalt förderten. Die nun entstandenen Löcher im sozialen Netz mussten, wie Brändle und Koller feststellen, geflickt werden:35

„Hier bot und bietet der Fußball auch heute noch ein leicht zugängliches und vor allem unverbindliches Identitätsangebot. Denn man kann sich sicher sein, im Stadion die ‚Anderen‘ zu treffen.“36

Hier begegnet man gleichgesinnten Menschen und weiß, dass dies am nächsten Spieltag wieder der Fall sein wird.37

Der primäre Grund für den Massenboom im englischen Fußball liegt aber in der Arbeitszeitverkürzung und den sinkenden Lebenshaltungskosten. Diese brachten dem Großteil der englischen erwerbstätigen Bevölkerung, der damals ca. 80 Prozent betrug, mehr Freizeit und Geld ein, und so strömten die Arbeiter in bestehende Vereine oder gründeten eigene Arbeitersportvereine.38 Während die Dominanz der Arbeitervereine immer deutlicher wurde, fanden sich Freunde und Arbeitskollegen am Spielfeld ein, um sie anzufeuern.39

Brändle und Koller machen noch zwei weitere Gründe für den Siegeszug des Fußballs aus, indem sie weitere Hintergründe der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte beleuchten. So beschreiben sie die Affinität des Sports zur Industriearbeit, welche von Einsatz, Kondition und Robustheit geprägt war. Genau diese Eigenschaften wurden auch auf dem Rasen benötigt. Des Weiteren ließ der Fußball Platz für Kreativität und Eigensinn in der so stark reglementierten Industriearbeit.

Den Arbeitern stand, wie oben gezeigt, nun mehr Freizeit zur Verfügung, die es sinnvoll zu nutzen galt. Unternehmen sowie verschiedenste Konfessionen förderten die Gründung von Vereinen, denn es wurde befürchtet, dass die gewonnene Freizeit mit Herumlungern und Sichbetrinken gefüllt werden würde. Hier sehen Brändle und Koller den zweiten wichtigen Faktor zur Entstehung des Massenphänomens Fußball.40

Entstehung von Fanidentität und der Ultrakultur in Italien

Wie die Wurzeln des Fußballs in England zu finden sind, so verhält es sich mit der Entstehung von Ultragruppen in Italien. Hier entstanden in den 1960er Jahren erste Ultragruppen, die seit jeher mit der Fankultur eng verflochten sind. Die Entwicklung der Szene begann in Norditalien, als sich in der Jugend- und Fankultur, inspiriert durch studentische Proteste und die Arbeiterbewegung, eine linksgerichtete Protestbewegung formierte. Ihr Aufbegehren richtete sich gegen die fortschreitende soziale Ungleichheit in der Gesellschaft Italiens, und ihre Forderungen wurden überwiegend in der Fankurve von Fußballstadien auf Bannern propagiert.41 Aus dem kreativen Potenzial der politischen Demonstrationen gelangten Transparente, Megafone, Doppelhalter, Rauchkörper und bengalische Feuer in die Stadien, die bis heute wichtiger Bestandteil der italienischen Ultraszene sind.42

Der Ursprung des Begriffs Ultra ist nicht eindeutig festzulegen. Am wahrscheinlichsten ist es aber, dass er auf wütende Anhänger des AC Torino zurückgeht, die nach einer 2:3-Niederlage den Schiedsrichter bis zum Flughafen weit außerhalb von Turin verfolgten. Ein Reporter bezeichnete dieses Verhalten mit dem treffenden Begriff „extrem“, italienisch „ultrà“.43 Dieser Begriff wurde landesweit schnell zum Inbegriff einer neuen Jugend-, Protest- und Fankultur.

Ein erstes Banner mit dem Schriftzug „Ultras“ soll 1964 beim Pokalfinale der Landesmeister in der „Inter-Kurve“ zu sehen gewesen sein. Die Ehre der ersten und ältesten Ultragruppierung schreibt man aber dem schwarz-roten Stadtrivalen, der Gruppe „Fossa dei Leoni“ vom AC Milan zu.44

In der Folgezeit, um 1969, entstanden in Italien etliche Ultragruppen. Waren es zu Beginn der Szene eher linksgerichtete Gruppen, die sich mit der sozialistischen Bewegung solidarisierten, so entstanden Mitte der 1970er Jahre immer mehr Gruppen, die sich offen zu faschistischen und rechten Ideologien bekannten.

In den 1980er Jahren wurde der Zulauf zu den Ultragruppen immer größer, und so zählte z. B. die Gruppierung „Drughi Bianconeri“ (Juventus Turin) zwischenzeitlich mehr als 10.000 Mitglieder. Zugleich kam es zu immer gewalttätigeren Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Ultragruppen unterschiedlichster Vereine oder politischen Richtungen.

Seit den 1990er Jahren nahm der Einfluss der Ultragruppen auf die Vereinsbegehren extreme Formen an. So wurde z. B. die Einkaufspolitik des Vereins mitbestimmt, was am besten an einem Zitat des Vereinspräsidenten von Hellas Verona, Giambattista Pastorello, gezeigt werden kann. Er gab öffentlich zu: „Meine Fans würden es nicht erlauben, den schwarzen Spieler Patrick Mboma zu verpflichten.“ Des Weiteren stellten Vereine den Ultragruppen Eintrittskarten zur Verfügung, die eigenständig verwaltet werden konnten, aber meist gleich wieder auf dem Schwarzmarkt gewinnbringend verkauft wurden. Selbst der Ordnungsdienst der Kurve wird von den einzelnen Gruppen kontrolliert.

Heute sind mehr als 445 registrierte Ultragruppen mit mehr als 74.000 Mitgliedern in Italien bekannt.

Fanidentität im Nachkriegsdeutschland

Die Entstehung der Fanidentität in Deutschland weist viele Parallelen zu den englischen Verhältnissen auf. So sehen Schulze-Marmeling und Dembowski auch für Deutschland die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages als wichtigste Voraussetzung für die Ausbreitung des Fußballs.45 Die Entkopplung traditioneller kultureller Manifestationen spiegelt sich in der nachkriegszeitlichen Orientierungslosigkeit der Menschen wider. Die Förderung seitens einzelner Unternehmen sowie verschiedenster Konfessionen und des Staates zeigte sich, anders als in England, besonders in der Ausweitung des Sportstättenbaus.46 Wie in England waren es auch in Deutschland die Arbeitervereine, die durch spielerische Leistung die bürgerlichen Vereine über die Jahre immer mehr ins Abseits drängten.47

Vor Einführung der Bundesliga 1963, also weit vor der Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sports, waren Spieler für die Zuschauer noch greifbare Repräsentanten ihres Viertels, des Orts oder der Stadt und waren ihren Anhängern sozial, kulturell und finanziell nahe. Es war der „Kumpel von nebenan“, mit dem man sich identifizieren konnte.48 So war es undenkbar, dass sich der Spieler auf dem Platz im Regen abrackern musste und der Fan im Stadion unter einem Regendach stand.

Diese Spieler-Fanbeziehung besteht heute, wenn überhaupt, nur noch in Ortsvereinen der unteren Ligen.49 Vielmehr entfernte sich der Spieler vom Fan oder umgekehrt, je nachdem, wie man es sehen mag. Es herrscht zurzeit ein Verhältnis voller emotionaler Spannung, wobei Verehrung und Verachtung nahe beieinanderliegen. Hortleder beschreibt dies treffend, wenn er sagt: „Man ist bereit, ihn begeistert zu feiern, wenn er gut ist, um ihn ebenso schnell zu verfluchen, wenn er versagt.“50

Mit der Professionalisierung des Fußballs entwickelte sich ein neuer Typus Spieler, der nur so lange seinem Verein treu bleibt, bis ein finanziell besseres Angebot für ihn vorliegt oder der sportliche Erfolg des Vereins gewährleistet ist. Dieser Spieler zeichnet sich nicht nur durch die eben beschriebene räumliche Mobilität aus, sondern auch durch die Distanz zum Fan.51

Bedingt durch stadionbauliche Veränderungen (z. B. das Trennen der Blöcke durch Zäune) für die WM 1974 in Deutschland konnte sich erstmals eine eigenständige jugendliche Fankultur entwickeln. Diese sammelte sich von nun an in den Kurven hinter den Toren eines Stadions, da hier die Eintrittspreise aufgrund der schlechten Sicht am günstigsten waren. Von diesen Bereichen aus entstanden nach britischem Vorbild bestimmte Rituale wie das Anfeuern einer Mannschaft oder das Schwenken von Fahnen.52 Die Stehkurve entwickelte sich zu einem Ort, an dem vorwiegend Jugendliche unter sich und doch vor den Augen der übrigen, zumeist älteren Stadionbesucher Formen körperbetonter Selbstdarstellung entwickeln konnten. Der Platz in der Kurve fungiert für jugendliche Fans als Freiraum außerhalb der Erwachsenenwelt, wo sie ihre Ideale ausleben können und sich so ihre eigene Ordnung schaffen.53

Deutsche Fankultur in den 1980er und 1990er Jahren

Die deutsche Fankultur orientierte sich in seiner Ausdrucks- und Organisationsform, wie gerade kurz skizziert, Mitte bis Ende der 1980er Jahre an den englischen Verhältnissen. Doch das Vorbild England geriet auf Grund einiger schwerer Ausschreitungen und Katastrophen langsam, aber sicher ins Wanken. Gemeint sind die Tragödien mit zahlreichen Toten und Verletzten bei Fußballspielen 1985 in Bradford (57 Tote), im Brüsseler Heysel-Stadion (39 Opfer und 454 Verletzte) sowie 1989 in Sheffield (96 Tote).

Die Folgen dieser tragischen Ereignisse sind für die Fankultur weitreichend und in zweifacher Hinsicht von besonderer Relevanz. Zum einen erfolgte aufgrund dieser Ereignisse eine Stigmatisierung der gesamten Fanszene weltweit. Der Fußballfan war von nun an gewaltbereit und gefährlich.54 Für Presse, Funk und Fernsehen existierte der Fan seitdem nahezu ausschließlich als Randalierer, Säufer und Neonazi.55

Zum anderen war man in England seit diesen Katastrophen der Auffassung, Stehplätze würden die Gewalt auf den Rängen fördern. Und so wurden bis 1995 alle Stehplätze in den Stadien abgebaut und durch Sitzplätze ersetzt, oder es wurden gleich komplett neue Arenen ohne Stehplätze, dafür aber mit VIP-Logen gebaut. Weitere Konsequenzen waren der Abbau von Zäunen, die Einführung von Stadionverboten, ein generelles Fahnenverbot sowie die Anhebung der Eintrittspreise. Besonders Letzteres veränderte die Fankultur massiv, denn die Leidtragenden dieser Einschränkungen waren die, für die der Fußball mehr war als reiner Konsum und Unterhaltung, zumeist Menschen aus Unter- und Mittelschichtenmilieus, für die der Fußball ein Teil ihrer persönlichen Identität geworden war und die nun durch teure Eintrittspreise aus dem Stadion verdrängt wurden.56 Die Folgen waren eindeutig und sind bis heute unübersehbar. Die Fanszene in England verlor das, was sie ausmachte: Stimmung, Identität und die Eigenschaft, das Fußballspiel als Spektakel zu erleben. Aber es war gerade das, was Deutsche, besonders die jungen Fans, die gerade dazugekommen waren, faszinierte. Die deutsche Fanszene wandte sich ab und orientierte sich südwärts, größtenteils nach Italien, wo schon seit Längerem die Ultraszene die Fankultur bestimmte. Hier fand man das Verlorengegangene in den stimmungsvollen Spielen der Serie A mit bengalischen Feuern, überdimensionalen Fahnen und lautstarken Gesängen wieder. Hinzu kam, dass deutsche Fußballfans durch die neuen Pay-TV-Sender die Spiele der höchsten italienischen Spielklasse nun auch in Deutschland sehen konnten und jeder am Bildschirm miterleben durfte, welche Stimmung in italienischen Stadien herrschte.

Entstehung deutscher Ultragruppen

Seit Anfang der 1990er Jahre nahm die Bedeutung der Fanklubs, in denen zumeist Kuttenfans organisiert waren, in Deutschland rapide ab.57 Mit der Abwendung von den Kuttenfans, „die sich alles gefallen ließen“, aber auch strikt distanziert von den gewalttätigen Hooligans, entstand zunächst eine Mischform zwischen britischem, deutschem und italienischem Fanstil. Es entstanden die sogenanten Supporter. Diese Fanform, so viel darf man vorwegnehmen, wandelte sich jedoch nach und nach in Richtung Ultrastil, da der Stil der italienischen Ultrakultur, gerade für heranwachsende Fans, wie oben beschrieben, wesentlich mehr Orientierungspunkte und Identifikationsmöglichkeiten lieferte als der englische. Dennoch existierten zunächst supporter- und ultraorientierte Fangruppen nebeneinander, denn nicht alle Fans waren sofort von der neuen Fangruppierung, in der zumeist viele junge Menschen organisiert waren, und ihrer eigenwilligen Anfeuerungsart überzeugt. So mussten sich die Ultras Akzeptanz innerhalb der Szene erst erarbeiten.

Dies war aber gerade bei den traditionellen Kuttenfans problematisch: „Viele meiner Freunde fahren schon ewig auf Schalke. Die müssen sich nicht von den Jungen erzählen lassen, wie man den Verein unterstützt“, wird dementsprechend ein traditioneller Schalke-Fan im 11Freunde-Magazin zitiert.58 Im Gegensatz zu den Supportern war zudem die Kenntnis über die Ultrakultur bei traditionellen Fans äußerst gering: „(…) betttuchgroße Fahnen ins Stadion schleppen oder gemeinsam fluchtartig durchs Geviert zu 40 hüpfen, weil es beeindruckend aussieht, wenn das viele Fans gleichzeitig machen? Die Skepsis war groß“.59 Ebenso in der öffentlichen Wahrnehmung, denn die Ultragruppen wurden aufgrund mangelnder Kenntnis, unterstützt durch undifferenzierte Medienberichterstattung, schnell mit den gewaltbereiten Ultras aus Italien gleichgesetzt.

Im weiteren Verlauf orientierten sich immer mehr Gruppen an den Vorbildern aus Italien und passten sich dementsprechend an. Dies geschah jedoch nicht eins zu eins oder als bloße Kopie, sondern mit bedeutenden Veränderungen. So spielten zu Beginn der Verzicht auf das Politische und besonders das Thema Gewalt eine eher untergeordnete Rolle für diese neue, heranwachsende deutsche Fankultur. Der relevanteste Faktor bei der deutsch-italienischen Fankulturadaption ist die Tatsache, dass die Fans lernten, nicht alle Entscheidungen der Verbände oder Vereine hinzunehmen, sondern begriffen, dass sie ein aktiver Teil des Gesamtkonstrukts Fußball sind bzw. sein können. Von dieser neu entdeckten Möglichkeit wurde auch gleich Gebrauch gemacht, um gegen die beschleunigte Kommerzialisierung und Eventisierung des deutschen Fußballs zu protestieren. Es war die Zeit des Pay-TV und der Einführung der Champions League, die Zeit, in der Traditionen gebrochen wurden und Spieltage möglichst gewinnbringend auseinandergezerrt und sogar Stadionnamen an Sponsoren verkauft wurden. Die gerade genannten Entwicklungen und Tendenzen ließen den Fan nicht unberührt, und einige begannen, die Geschehnisse rund um den Fußball kritisch zu hinterfragen. Ausgangspunkt der Entstehung einer kritischen Fanszene war der FC St. Pauli. Im Zuge der oben erwähnten stadionbaulichen Veränderungen protestierten die Fans des Vereins gegen die Pläne für ein neues Stadion. Ein Neu- oder Umbau des Stadions hätte einen erheblichen Eingriff in die Struktur des Stadtteils bedeutet und widersprach so den Wünschen der Fans. Der Protest hatte Erfolg. Es folgten Kampagnen gegen Rassismus, der in der deutschen Fußballlandschaft in den 1980er Jahren zu einem immer größeren Problem wurde. Der FC St. Pauli wurde zum Symbol und Vorbild und bewies, dass es durchaus möglich war, sich gegen kommerzielle Interessen zur Wehr zu setzen.60

Der Grund, dass sich die ultraorientierten Gruppen mit der Zeit schließlich durchsetzten, liegt in der Tatsache begründet, dass sich die älteren Kutten und Supporter nach und nach aus der aktiven Fanszene zurückzogen und die nachkommende junge Generation, wie eben mehrfach skizziert, von Natur aus eher ultraorientiert war und es noch immer ist.

Doch zunächst: Eine der ersten ultraähnlichen Gruppen in Deutschland waren 1986 die „Fortuna Eagles“ rund um den Verein Fortuna Köln und etwas später, 1989, die „Soccer Boyz“ (heute: „Mad Boyz“) aus Leverkusen. Der große Aufschwung mit rapide steigenden Mitgliederzahlen, mit ausgelöst und gefördert durch das „Sprachrohr“ Internet, kam dann noch vor der Jahrtausendwende. So gründeten sich 1997 zum Beispiel die Gruppe „Eastside Bremen“ (SV Werder Bremen), die „Wilde Horde Köln“ (1. FC Köln) und 1998 unter anderem die „Harlekins Berlin“ (Hertha BSC) oder die „Generation Luzifer“ (1. FC Kaiserslautern). Die Gruppen wuchsen stetig, und erste Soziologen sprachen von einer neuen Bewegung, Jugendkultur oder Szene.61 Mit dem Wachstum der Gruppen wurden auch ihre Motive deutlicher. Ziemlich schnell und durch die klare Artikulation auf Bannern und Doppelhaltern konnten drei bzw. vier Hauptadressaten der neuen Demonstrations- und Protestbewegung in und um deutsche Stadien ausgemacht werden. Dies sind die Medien, die Polizei und die Verbände DFB/DFL (national) bzw. FIFA/UEFA (international). Als Viertes können hier die gegnerischen Ultragruppen genannt werden. Alle Adressaten fungieren in der Szene als mehr oder minder ausgeprägte Feindbilder.62

Im Jahr 2000 war die Ultrabewegung in fast allen Stadien angekommen. In der obersten deutschen Spielklasse verfügte nun fast jeder Verein über eine ultraorientierte Anhängerschaft, da in diesem Zeitraum ebenfalls noch die „Natural Born Ultras“ aus Freiburg, die „Suptras Rostock“ oder die „Ultras Hannover“ entstanden. Dieses Niveau konnte über die Jahre bis heute gehalten werden, wobei nicht übersehen werden darf, dass sich ebenfalls in hierarchisch tieferen Spielklassen bedeutende Gruppen, die sich selbst als Ultras verstehen, entstanden sind und auch heute noch aktiv sind. Zu diesem Zeitpunkt konnte man eine für Fanforscher interessante Entdeckung machen. Anders als bei den Gründungsmitgliedern sämtlicher Ultragruppen oder Mitgliedern von Fanklubs oder Kutten konnte die nachwachsende, neue Generation des (Ultra-)Fans nicht die normale, bis dato übliche Fankarriere nachweisen. Immer mehr Jugendliche schlossen sich relativ schnell und ohne vorherige Fanleidenschaft den wachstumsbestrebten Ultragruppierungen an, ja sogar die Ultragruppen selbst wurden zum Grund des Stadionbesuchs.

Trotz verstärkter Aufmerksamkeit in den Medien und dem wachsenden (sozial-)wissenschaftlichen Interesse an dieser neu entstandenen Fan- und Jugendkultur war und ist es nach wie vor schwer, eine genaue Gruppenanzahl für Deutschland zu nennen, da sich ständig neue Gruppen bilden oder sich andere zusammenschließen. Zu Zeiten meiner ersten Recherchen 2007 gab es in Bielefeld keine Ultragruppe, jedoch waren es beim FC Bayern München zum gleichen Zeitpunkt gleich fünf Gruppen. Die größte Ultragruppierung Deutschlands befand sich 2001 in Frankfurt mit ca. 600 Mitgliedern.63 Heute kann man neben den Frankfurter Ultras, nach wirklich sehr vorsichtigen Schätzungen, da keine Gruppe genaue Zahlen nennt und man ebenfalls zwischen aktiven und eher passiven Mitgliedern unterscheiden muss, die Gruppe „Schickeria München“ um den FC Bayern München, „The Unity“ (Borussia Dortmund), die Gruppe „Commando Cannstatt“ (VfB Stuttgart) und die Dresdener Ultras nennen. Jedoch sind genau die zuletzt Genannten, nach den Vorkommnissen im DFB-Pokalspiel bei Borussia Dortmund vom 25.10.2011, ein gutes Beispiel für die Vermischung von gewaltbereiten Fans, Hooligans oder Ultras im Sinne ihrer eigentlichen Definition und lässt erahnen, wie schwierig die sozialwissenschaftliche Separierung der Fanszene sein kann. Erschwerend kommt hinzu, dass es im Osten Deutschlands eine ganz andere Ultraszene als in den alten Bundesländern gibt. Dort existiert, wie gerade am Beispiel gezeigt, mitunter eine Mischform hinein in die Hooliganszene.64

Organisierte Demonstrationen und die jüngste Entwicklung

Anfang 2001 organisierte die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) eine bundesweite Ultra-Konferenz, an der damals mehr als 40 Ultragruppen teilnahmen. Als ein Ergebnis dieser Konferenz wurde von den anwesenden Gruppen eine bundesweite Fandemonstration beschlossen, die im Mai 2001 vor dem Pokalfinale in Berlin stattfand. Mehr als 2.500 Ultras und ultraorientierte Fans demonstrierten bunt, lautstark und vor allem friedlich „für den Erhalt der Fankultur“.

Nachdem 2005 kurz vor der WM 2006 eine zweite bundesweite Fandemonstration stattgefunden hatte, gab es im Oktober 2010 die dritte Auflage. Diesmal nahmen mehr als 6.000 Fans, zumeist Ultras, daran teil, um „getrennt in den Farben, vereint in der Sache“ wieder friedlich für Fanrechte auf die Straße zu gehen. Im Nachgang der dritten Fandemonstration erarbeiteten die 50 teilnehmenden Ultragruppen gemeinsam ein Konzept zum kontrollierten und sicheren Gebrauch von Pyrotechnik, welches später dem DFB vorgelegt wurde.

Mit der Zeit berichteten erste Medien, die sich bis dato überwiegend negativ über Ultragruppen geäußert hatten, etwas differenzierter und betrachteten erstmals weitere, wenn auch nicht alle Aspekte der Ultragruppen. Und so war plötzlich in Zeitungen von sozialen Projekten oder über ihre Unterstützung zu lesen, denn etliche Ultragruppen organisierten regelmäßig Fußballturniere, Konzerte oder ähnliche Veranstaltungen, um Geld für soziale Zwecke zu sammeln. Oftmals spielte dabei das Schicksal eines Freundes aus der eigenen Gruppe eine übergeordnete Rolle, welche zum Anlass für die Benefizveranstaltung genommen wurde.

In den letzten Jahren schlossen sich immer wieder kleinere Ultragruppen eines Vereins zusammen, um gemeinsam den Support in der Kurve zu organisieren. Hier ist beispielhaft die Gruppe „Kohorte Duisburg“ (MSV Duisburg) zu nennen. Neben Zusammenschlüssen hörte man aber auch immer öfter von Meinungsverschiedenheiten und zunehmender Rivalität unter Ultragruppen des gleichen Vereins. Oftmals ging es um die Art des Supports für die eigene Mannschaft oder um den Standort der Gruppen im Stadion. Vermehrt ist in letzter Zeit zu bemerken, dass auch der Normalo, also der Fan, der von den Ultras als „mit dem Strom schwimmender Konsument“ abgestempelt wurde, seine Stimme ins Stadion trägt. So z. B. im Frühjahr 2010, als die Ultras vom St. Pauli den eigenen Fans den Zugang zur Kurve versperrten, damit diese Teil einer der von Ultras geplanten Protestaktion werden sollten. Die nicht ultraorientierte Fangemeinschaft wehrte sich, und es kam zum Zerwürfnis innerhalb der Fanszene auf St. Pauli. Ähnliches Bild bei der Protestaktion „Koan Neuer“ der Ultragruppe „Schickeria München“, die mit Tausenden Plakaten bzw. Zetteln die Verpflichtung des Schalker Torhüters Manuel Neuer verhindern wollte. Eine Befürwortung für eine Verpflichtung konnte man auf Banner und Plakaten der Geraden des Stadions ablesen, wo die Ultras üblicherweise nicht anzutreffen sind. Jedoch sind diese Phänomene bislang Randnotizen, und die Ultrakultur ist weiterhin die treibende Kraft in deutschen Stadien.

Literatur

Brändle, Fabian/Koller, Christian (2002): Goooal!!! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fussballs, Zürich.

Bündnis aktiver Fußballfans (AG Repression) (2004): „Chaoten und Wahnsinnige“. Wie werden gefährliche Fans gemacht? In: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 165-178.

Dembowski, Gerd (2004 a): Spieler kommen, Trainer gehen Fans bleiben. Kleine Standortbestimmung der Fußballfans, in: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 8-34.

Dembowski, Gerd (2004 b): Sitzen ist immer noch für’n Arsch. Wie Stadien zu Arenen werden, in: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 74-79.

Gabriel, Michael (2004 a): Ultra-Bewegungen in Deutschland. Von Doppelhaltern und Choreografien die Antwort der Kurve auf den Fußball als Event, in: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 179-194.

Giesenbauer, Björn (2000): Fantradition und sozialintegrative Wirkung des Fußballspiels heute, in: Tengelbeckers, W. Ludwig/Milles, Dietrich (Hrsg.): Quo vadis, Fußball? Göttingen, S. 116-140.

Hortleder, Gerd (1974): Die Faszination des Fußballspiels: Soziologische Anmerkungen zum Sport als Freizeit und Beruf, Frankfurt am Main, S. 55-76.

Mergen, Felix (2001): Planet Schalke, in: 11Freunde. Magazin für Fußball-Kultur, Nr. 9 / 2001, S. 16-19

Oehler, Claus (2001): Eine Frage des Alters, in: 11Freunde. Magazin für Fußballkultur, Nr. 9/2001, S. 8-11.

Pilz, Gunter A. u. a. (2006): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball. Schriftenreihe des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, Band 114, Bonn.

Schulze-Marmeling, Dietrich (1995): Vom Spieler zum Fan. Kleine Geschichte der Fußballfans, in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg.): „Holt Euch das Spiel zurück!“ Fans und Fußball, Göttingen.

Schulze-Marmeling, Dietrich (2000): Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports, Göttingen.

Sommerey, Marcus (2009): Die Ultras und ihre Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs. Genese einer neuen Jugendkultur, in: Deutsche Jugend. Zeitschrift für die Jugendarbeit, Nr. 5/2009, S. 218-225.

Sommerey, Marcus (2010): Die Jugendkultur der Ultras. Zur Entstehung einer neuen Generation von Fußballfans, Hannover.

Tesar, Thomas/Leonhardsberger, Horst (2004): Erst wenn das letzte Feuer erloschen ist … Rückblick auf fast vier Jahrzehnte Ultrà, in: ballesterer fm. Fußballmagazin, Nr. 14/2004, S. 10-14.

1 Die Bezeichnung der höchsten deutschen Spielklasse lautet offiziell lediglich „Bundesliga“. Sie wird im folgenden Text jedoch zur besseren Verständlichkeit als „1. Bundesliga“ benannt.

2 Nachfolgend wird der Begriff Verein auch in den Fällen genutzt, in denen die Mannschaften für eine ausgegliederte GmbH aufliefen. Der Begriff wird demnach nicht im Sinn des Vereinsrechts, sondern, wie auch der Begriff Klub, im Sinn einer im Fußballsport gängigen Bezeichnung verwendet.

3 Vgl. Borussia Dortmund, Investor Relations. Basisinformationen,

www.borussia-aktie.de?_%1B%E7 %F4 %9D, abgerufen am 3.1.2012.

4 Der Anteilsschein fiel bis zum Ende des Jahrzehnts auf einen Wert, der zeitweilig unter einem Euro lag, vgl. Borussia Dortmund, Investor Relations. Aktienkurse und Charts, www.borussia-aktie.de/?Z%1B%E7 %F4 %9C, abgerufen am 3.1.2012.

5 Die Ursachen für die diesen Vereinen entgegengebrachte grundsätzliche Ablehnung beschrieb im Rahmen einer Untersuchung der Ultras: Jonas Gabler, 2010, S. 105-115.

6 Vgl. 1899 Hoffenheim, Historie. Von der Vereinsgründung bis in die Bundesliga,

www.achtzehn99.de/historie/, abgerufen am 31.12.2011.

7 Vgl. Focus-Online, 23.9.2008, pw/dpa, DFB will Beleidigungen gegen Dietmar Hopp bestrafen, www.focus.de/sport/fussball/bundesliga1/hoffenheim-dfb-will-beleidigungen-gegen-dietmar-hopp-bestrafen_aid_335370.html, abgerufen am 2.1.2012.

8 Vgl. Sven Flohr, Red Bull reißt Leipzig aus dem Fußballschlaf, in: Die Welt online, 13.6.2009, www.welt.de/sport/fußball/article3919661, abgerufen am 2.1.2012.

9 Vgl. leh/sid, Entscheidung des DFB-Schiedsgerichts. „50+1-Regel“ wird abgeschwächt, Spiegel online, 30.8.2011, www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,783331,00.html, abgerufen am 17.1.2012.

10 Die Bauaktivitäten beschränkten sich nicht nur auf den Bereich der 1. Bundesliga, sondern erfolgten auch in Kommunen mit erfahrungsgemäß in der 2. Bundesliga vertretenen Vereinen sowie in Einzelfällen in Städten mit niederklassigeren Klubs. Gebaut wurde etwa in Leipzig (2004), Duisburg (2005), Düsseldorf (2005), Magdeburg (2006), Paderborn (2008), Augsburg (2009), Aachen (2009), Dresden (2009) und Ingolstadt (2010).

11 In Leverkusen war bereits 1999 aus dem Ulrich-Haberland-Stadion die BayArena entstanden. Die damals in Deutschland wegweisende Spielstätte wurde zehn Jahre später ausgebaut.

12 Modernisierungszeitraum 2008-2011.

13 Modernisierungszeitraum 2009-2011.

14 Bauzeitraum 2009-2011.

15 Modernisierungszeitraum 2009-2011.

16 Die Zahlen beruhen auf Angaben des DFB und wurden auf die erste Stelle hinter dem Komma gerundet, vgl. Deutscher Fußball-Bund, Zuschauer-Zahlen, www.dfb.de/index.php?id=82912, abgerufen am 13.1.2012.

17 Zur Entwicklung des Hooliganismus bis in die 1990er Jahre siehe: Ralf Ek, 1996. Mit den exemplarisch für die ostdeutsche Entwicklung stehenden Hooligans des 1. FC Union Berlin und des BFC Dynamo beschäftigten sich: Klaus Farin/Harald Hauswald, 1998.

18 Das Ergebnis des von der Universität Erlangen-Nürnberg realisierten Projektes wurde veröffentlicht unter: Bundesministerium des Innern (Hrsg.)/Friedrich Lösel et. al., 2001, S. 120 f.

19 Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2000/01 (gekürzte Fassung), S. 9.

20 Die Daten entstammen den Jahresberichten 2000/01-2009/10 der ZIS, die das Gewalt suchende Personenpotenzial als Kategorie C bezeichnet.

21 Aufgeführt sind Strafverfahren, die in Stadien der 1. und 2. Bundesliga während des Ligabetriebs sowie bei sonstigen Begegnungen, etwa Pokalspielen, eingeleitet wurden. Enthalten sind zudem Verfahren, die aufgrund von Vorfällen eingeleitet wurden, welche sich bei diesen Spielen im Bereich der Deutschen Bahn ereignet hatten. Zu beachten ist, dass Körperverletzungen nicht nur von Hooligans verübt wurden und wahrscheinlich nicht alle Taten angezeigt wurden. Dennoch zeigt die Anzahl der Strafverfahren die Entwicklung der Sicherheitslage an.

22 Für die Zuschauerzahlen siehe Fußnote 16.

23 Für die 1. und 2. Bundesliga bestanden folgende Personenstärken: 4.163 (2000/01), 4.203 (2001/02), 4.850 (2002/03), 4.285 (2003/04), 5.673 (2004/05), 5.560 (2005/06), 6.105 (2006/07), 5.870 (2007/08), 5.785 (2008/09), 6.470 (2009/10). Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2009/10 (gekürzte Fassung), S. 31.

24 Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2009/10 (gekürzte Fassung), S. 6.

25 Mit den italienischen und den deutschen Ultras beschäftigte sich: Jonas Gabler, 2010. Die Entwicklung in Deutschland untersuchten: Gunter A. Pilz /Franciska Wölki, in: Gunter A. Pilz et. al., 2006, S. 63-238.

26 Vgl. ebenda, S. 86.

27 Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2000/01 (gekürzte Fassung), S. 3.

28 Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2009/10 (gekürzte Fassung), S. 6.

29 Die Daten entstammen den Jahresberichten 2000/01-2009/10 der ZIS.

30 Hierzu: Sabine Behn/Victoria Schwenzer, in: Pilz et. al. (FN 25), S. 320-435.

31 Hierzu siehe: Gunter A. Pilz et. al., 2009. Zu rechtsextremistischen Aktivitäten während der WM 2006 siehe: Elmar Vieregge, in: Martin H. W. Möllers/Robert Christian van Ooyen (Hrsg.), 2007, S. 137-145. Die Aktivitäten von Rechtsextremisten thematisierte aus journalistischer Sicht: Ronny Blaschke, 2007; ders., 2011.

32 Vgl. Bündnis Aktiver Fußball-Fans: Wer ist BAFF? Und was machen wir so…, veröffentlicht unter: www.aktive-fans.de, abgerufen am 31.12.2011. Weiterführend zu dieser Ausstellung: Gerd Dembowski/Jürgen Scheidle (Hrsg.), 2002.

33 Vgl. Werder Bremen, „Thor Steinar“-Kleidung im Weser-Stadion nicht erwünscht, 24.4.2007, www.werder.de/aktuelles/news/meldung.php?id=10633, abgerufen am 13.4.2008.

34 Dazu gehörten neben Köperverletzungen und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz weitere Deliktarten wie Landfriedensbruch, Raub, Bedrohung, Nötigung, Widerstand, Hausfriedensbruch oder Verstöß gegen das Waffengesetz. Vgl. Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Jahresbericht Fußball. Saison 2009/10 (gekürzte Fassung), S. 29.

35 Vgl. Brändle/Koller, 2002, S. 49ff.

36 Dembowski, 2004 a, S. 16.

37 Vgl. Brändle/Koller 2002: S. 61ff.

38 Vgl. Dembowski, 2004 a, S. 11; vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 30f.

39 Vgl. Dembowski, 2004 a, S. 14f.

40 Vgl. Brändle/Koller, 2002, S. 47ff.

41 Vgl. Scheidle, 2002, S. 92f.

42 Vgl. ebd., S. 11.

43 Vgl. Tesar/Leonhardsberger, 2004, S. 10.

44 Vgl. ebd., S. 10.

45 Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 75; vgl. Dembowski, 2004 a, S. 15.

46 Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 76.

47 Vgl. Dembowski, 2004, S. 15; Schulze-Marmeling, 2000, S. 74.

48 Vgl. Becker/Pilz, 1988, S. 18.

49 Vgl. Dembowski, 2004 a, S. 13.

50 Hortleder, 1974, S. 68.

51 Vgl. Becker/Pilz, 1988, S. 18f.

52 Vgl. Giesenbauer, 2000, S. 118.

53 Vgl. ebd., S. 118f.

54 Vgl. Gabriel, 2004 a, S. 181f.

55 Vgl. Bündnis aktiver Fußballfans, 2004, S. 174.

56 Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 209; vgl. Brändle/Koller, 2002, S. 97.

57 Vgl. Dembowski, 2004 a, S. 17.

58 Mergen, 2001, S. 19.

59 Oehler, 2001, S. 10.

60 Vgl. Schulze-Marmeling, 1995, S. 21ff.

61 Vgl. Sommerey, 2009, S. 220.

62 Vgl. Sommerey, 2010, S. 69.

63 Vgl. Köster, 2001, S. 10ff.

64 Vgl. Pilz et. al., 2006, S. 131ff.

Von Rebellen, Idealisten und Pragmatikern Identität und Selbstverständnis der deutschen Ultra-Bewegung
© rasensportguerilla


© mad butcher records


Markus Verma: „Der Weg ist das Ziel“
Welche Motive hinter dem Engagement der Ultras stehen

Die Ultras, das ist derzeit die Jugendbewegung, die nicht nur das Stimmungsbild in den Stadien der deutschen Fußball-Ligen bestimmt, sondern auch die öffentliche Debatte über die Fanszene dominiert. Während Fanprojekte bereits seit Mitte der 1990er Jahre ihre Aufmerksamkeit den Ultragruppierungen schenken, haben Vereine und Medien erst in den vergangenen Jahren allmählich begonnen, die Ultras als Ansprechpartner für Faninteressen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Medien- und Vereinsvertreter tun sich allerdings schwer, die Ultras richtig einzuordnen, und so wird stets über die „wahren Motive“ der Gruppierungen spekuliert und gerätselt, weshalb gerade diese Art von Fankultur so viele jugendliche Stadionbesucher anzieht. Exemplarisch dafür ein Zitat des Vorstandsvorsitzenden von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen: „Die Ultrabewegung übt auf junge Menschen eine Faszination aus, die man nicht erklären kann.“65

Dieser Beitrag soll helfen, die Bewegründe zu verstehen, weshalb sich Fußballfans entschlossen haben, Ultragruppierungen zu gründen, und weshalb diese Gruppierungen in den letzten Jahren so einen enormen Zulauf haben.

Die im Folgenden dargelegten Erkenntnisse stützen sich auf Interviews mit Mitgliedern von Ultragruppierungen, die ich zur Erstellung meiner Diplomarbeit durchgeführt habe. Ausgangspunkt meiner Arbeit war die theoretische Argumentation, dass es sich bei den Zielen, welche die Ultras selbst formulieren, nämlich akustische und visuelle Stimmungsbilder im Stadion zu erstellen sowie Faninteressen zu verteidigen, um Kollektivgüter handelt. Kollektivgüter können aber nicht ausreichen, um das Engagement von Individuen zu erklären, da sie die Eigenschaft haben, dass ihr Konsum nicht exklusiv denen zugänglich ist, die bei der Erstellung mitgewirkt haben. Stattdessen können sie im Grunde von jedem, der Interesse hat, konsumiert werden, auch ohne dass man sich für die Herstellung engagiert hat.

Als Fan Nutznießer von bestimmten Freiräumen oder Fanrechten zu sein, heißt noch nicht, dass man auch automatisch bereit ist, sich in einer Gruppierung zu engagieren, die sich für diese einsetzt. Hier liegt eine ähnliche Problematik vor, wie sie Gewerkschaften haben, die sich für die Interessen der Arbeitnehmer einsetzen. Jeder Arbeitnehmer eines Betriebs oder einer Branche, für die Gewerkschaften bestimmte Rechte erkämpft haben, profitiert letztlich, unabhängig davon, ob man selbst Gewerkschaftsmitglied ist oder nicht oder ob man sich als aktives Mitglied engagiert oder nur passiver Beitragszahler ist.

Das Motiv, Mitglied zu werden, und dann als Mitglied wiederum aktiv zu werden, lässt sich also nicht mit dem Ziel der Organisation erklären. Bei Gewerkschaften sind individuelle, externe Nutzen die ausschlaggebenden Anreize für das Engagement bzw. die Mitgliedschaft (z. B. das Streikgeld, das nur Mitgliedern gezahlt wird, oder die Aussicht auf eine Funktionärskarriere als aktives Gewerkschaftsmitglied). Bei Fans, die sich in Ultragruppierungen engagieren, zeigen sich ebenfalls individuelle Nutzenmotive, die hinter dem Engagement stehen, allerdings weniger externe, sondern vielmehr intrinsische Motive.

Intrinsisch bedeutet, dass aus dem Handeln selbst eine Befriedigung gezogen wird, die das Engagement bereits aufwiegt. Während eine extrinsische Motivation immer mit einer indirekten Bedürfnisbefriedigung zusammenhängt, also eine Handlung wird durchgeführt, um ein separates Ziel zu erreichen, ist eine intrinsische Motivation bei einer direkten Bedürfnisbefriedigung gegeben, d. h. die Aktivität selbst verschafft Befriedigung, und der Weg zum Ziel wird selbst zum Ziel.66 Dabei kann in beiden Fällen eine externe Belohnung winken. Zu unterscheiden ist allerdings, ob die Handlung zur Erreichung dieser Belohnung vollzogen wird (extrinsisch motiviert) oder ob sie unabhängig von der externen Belohnung selbst als befriedigend angesehen wird.67 Ist der Weg also das Ziel, kann das Ziel möglicherweise gar nicht erreicht werden, die Befriedigung, die sich aus dem Engagement selbst ergibt, ist allerdings ausreichend, damit sich das Engagement bereits gelohnt hat.

Bei den Ultras wurden folgende Aspekte identifiziert, die sich aus dem Engagement in einer Gruppierung ergeben und wiederum als Motive für das Engagement dienen:

▶ Etablierung von Strukturen zur Auslebung subkultureller Vorbilder

▶ Austreten aus dem passiven Fansein

▶ Ersatz für verloren gegangene Identifikationsflächen der Vereine

▶ Schaffung eines Freiraums zur erlebnisorientierten Persönlichkeitsentfaltung

Bevor detailliert auf diese Aspekte eingegangen werden soll, möchte ich noch kurz den Hintergrund beschreiben, vor dem die Interviews stattfanden. Die Interviews wurden im Zeitraum von Mitte November 2005 bis Ende März 2006 durchgeführt. Es handelte sich dabei um jeweils fünf Interviews mit Mitgliedern der beiden Ultragruppierungen „Schickeria München“ (SM) des FC Bayern und „Cosa Nostra“ (CN) von 1860 München. Zusätzlich wurde noch Thomas Emmes vom Fan-Projekt München interviewt, der als Außenstehender die Entwicklung der Ultra-Szene in München von Beginn an begleitet hat.

Zum damaligen Zeitpunkt umfasste die CN nach eigenen Angaben zwischen 50 und 60 Mitglieder, hauptsächlich im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Die SM zählte damals etwa 700 Mitglieder, von denen die meisten zwischen 16 und 22 Jahren alt waren, einige wenige älter als 25. Bei der Auswahl der Interviewpartner wurde einerseits berücksichtigt, Mitglieder zu befragen, die bei der Gründung der Gruppe eine aktive Rolle gespielt haben, um zu verstehen, welche Motive für die Gründung ausschlaggebend waren. Andererseits wurden aber auch speziell Interviewpartner rekrutiert, die erst vor Kurzem, also in einem Zeitraum, in dem die Ultragruppierungen einen enormen Zulauf verbuchen konnten, in die Gruppe eingetreten sind. Dadurch sollten die Anreize identifiziert werden, die Ultragruppierungen gerade für jüngere Fußballfans darstellen.

Die beiden Fangruppierungen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Mitgliederzahl stark, auch die jeweiligen Fanszenen könnten nicht unterschiedlicher sein. Die identifizierten Motive der Mitglieder für ihr Engagement zeigen allerdings Parallelen auf und können durchaus als exemplarisch auch für andere Ultragruppierungen in Deutschland gelten, obwohl man sicher nicht von einer homogenen Ultras-Szene sprechen kann.

Versuchen wir zunächst einmal zu verstehen, was die Pioniere der Ultrabewegung in Deutschland dazu motiviert hat, Gruppierungen zu gründen.

Die Wegbereiter der Ultrabewegung in Deutschland gehören zu einer Generation, die Mitte der 1990er begann, in die Fankurven zu gehen, und dort Anschluss an die aktive Fanszene suchte. Während allerdings für ältere Fangenerationen stets die britische Fanszene als Quelle für subkulturelle Einflüsse galt, erschien für diese Generation die Ultra-Kultur aus Südeuropa wesentlich attraktiver. Fasziniert von den mächtigen Choreografien, Rauch- und Pyroaktionen sowie Fangesängen, entwickelte sich ein Verlangen, diese neue Art von Fankultur auch in der eigenen Fanszene auszuleben, was zusätzlich noch durch eigene Fahrten nach Italien gestärkt wurde, wie ein Ultra rückblickend erzählt: „(…) es war halt schon so, dass es einem in den Stadien in Italien kalt den Rücken heruntergelaufen ist und man sich dann eben gedacht hat, wie krass das wäre, wenn das bei uns so wäre, und eben so Wunschträume gehabt.“

Diesen Wunschträumen stand aber die Realität einer Fanszene gegenüber, die von älteren Generationen dominiert war, die für diese neue Art von Fankultur zunächst einmal wenig übrig hatten. Wollte man also Einflüsse der Ultra-Kultur einbringen, konnte man sich nicht einfach bestehenden Gruppierungen anschließen, sondern musste seine eigenen Gruppen bilden. Dazu ein weiteres Zitat eines Ultras der ersten Stunde: „Man hat (…) gemerkt, dass es nicht unbedingt von allen akzeptiert wird. Die Leute kannten das einfach nicht, aber wir hatten eben den Wunsch, das Ganze größer aufzuziehen. Es war so, dass es von vielen eher belächelt und nicht akzeptiert wurde.“

Etablierung von Strukturen zur Auslebung subkultureller Vorbilder

So entstanden in den meisten Fanszenen kleinere Gruppierungen, die sich der Ultrasache verschrieben hatten und versuchten, zunächst einmal selbst eine Art von Ultrakultur im kleinen Rahmen einzuführen: „Man stand halt so zu zehnt herum, hat ein bisschen auf der Trommel herumgehauen, kannte das aus Italien, hat schon irgendwie seinen Spaß daran gehabt, aber das war halt noch nicht das Wahre.“ Man realisierte schnell, dass sich Stimmungsbilder, die nur annähernd an das herankommen sollten, was man aus dem Süden kannte, nur verwirklichen lassen, wenn man sich besser organisiert und Strukturen entwickelt, die einen bedeutenden Einfluss in der Fankurve haben.

Der Traum, eines Tages die eigene Fankurve in Choreografien verwandeln zu können und den kollektiven Support im Stile der Ultras selbst im eigenen Stadion ausleben zu können, gab den Antrieb, sich für die Gründung von Ultragruppierungen zu engagieren. Diese Gründungsaktivisten übernahmen daher mit viel Enthusiasmus den Aufwand, Flyer zu entwerfen, um Gleichgesinnte anzusprechen, Treffen zu organisieren, erste Strukturen zu entwickeln, Fahrten zu organisieren, Materialien zu besorgen und zu gestalten und sich auch gegen die Widerstände in der eigenen Fanszene zu stellen.

Gerade in den Anfangsjahren, als Vereine und Sicherheitsorgane die Ultras noch gar nicht richtig wahrgenommen hatten, waren die Hauptkonflikte innerhalb der eigenen Fanszene zu finden. Die ältere Generation konnte sich zumeist weder für diese neue Form der Fankultur begeistern, noch war sie bereit, ihre Stellung im Stadion an die Jüngeren abzugeben.

Die Ultras wiederum hatten allerdings von Beginn an den Anspruch, das Bild der Kurve zu gestalten und damit auch zu dominieren, was ein Ultra-Aktivist deutlich macht: „Im Prinzip haben Ultras auch den Anspruch, die Organisation der Kurve zu sein. Also die Stimmung zu organisieren. Und dann kann nicht der Anspruch sein, sich irgendwo einzuordnen.“

Die daraus entstandenen Konflikte wurden in verschiedenen Fankurven unterschiedlich ausgetragen, was sich an den Beispielen der beiden Münchner Ultragruppierungen zeigt. Während die „Cosa Nostra“ sich eher darum bemühte, auch ältere Mitglieder der aktiven Fanszene mit einzubinden, und sich daher von Beginn an auf keinen allzu extremen, rein auf die Ultrakultur ausgelegten Stil festlegte, hat sich die „Schickeria“ von der älteren Fanszene distanziert und keine Kompromisse angestrebt. Dies hatte in diesem speziellen Fall allerdings auch politische Gründe, wie ein SM-Mitglied erklärt: „Wenn die Älteren politisch korrekter wären, gäbe es weniger Gründe, sich abzusondern. Ich möchte nicht sagen, dass die alle Nazis sind, aber es gibt eben Nazis, und die anderen akzeptieren das eben. Das ist für mich nicht verständlich. Und natürlich schon auch diese Style-Frage, also die wollen eben auch was anderes als wir, und dann stellt sich eben auch die Frage, inwieweit du überhaupt noch zusammenarbeitest.“

Der Antrieb, eine Gruppierung aufzubauen, war in diesem Fall also nicht nur, eine bestimmte Art von Fankultur selbst für sich auszuleben, sondern auch das Bild der Fankurve insgesamt zu gestalten und damit letztlich das Image des Vereins innerhalb der deutschen Fanszene zu beeinflussen. Hier zeigt sich ein bedeutender Aspekt der Ultrakultur, nämlich, dass sie dem Fan die Möglichkeit bietet, sich mit seinem Engagement aus der Passivität des normalen Fandaseins zu lösen und selbst als Akteur in einen Wettbewerb für seinen Verein zu treten.

Austreten aus dem passiven Fandasein

Die Organisation von Stimmung stellt für einen Fan eine der wenigen Möglichkeiten dar, aus dem passiven Dasein eines bloßen Konsumenten herauszutreten und selbst zu einem Akteur im Wettbewerb zwischen den Vereinen zu werden. Damit kann man dem Verein mit einem eigenen Beitrag auf seinem Gebiet zu Erfolgen verhelfen. Dazu passt auch die Aussage eines „Schickeria“-Mitglieds, der seine Identifikation mit dem Verein so beschreibt: „Ich sehe mich als Teil des FC Bayern und in meinem Gebiet im Wettstreit mit den anderen Vereinen.“

Die Ultras gehen damit einen Schritt weiter als die traditionellen Fans. Während zuvor auch bereits das Erzeugen von Stimmung und der eigene Einsatz in der Schlacht der Gesänge als Beitrag gesehen wurde, um die Mannschaft nach vorne zu treiben und damit mehr zu tun für den Erfolg, als bloß das Spiel zu verfolgen, haben die Ultras den Wettbewerb zwischen den Fans auf mehreren Ebenen weiter zugespitzt und zu einem Teil auch vom sportlichen Geschehen entkoppelt. Während traditionelle Fans mit ihrem Einsatz in erster Linie der Mannschaft zu Erfolg verhelfen wollten, haben die Ultras innerhalb ihrer Szene einen Wettbewerb entstehen lassen, der auch bei einer sportlichen Niederlage der eigenen Mannschaft noch zu Erfolg und Anerkennung führen kann, wenn die eigene Performance gut war.

In einer Szene, die stark von Rivalität und Wettbewerb geprägt ist, haben die Ultras den Anspruch, den eigenen Verein nach den Kriterien der Szene möglichst erfolgreich zu repräsentieren. Sie fertigen innovative Choreografien an, schreiben Spruchbänder, wollen mit besonderem Wortwitz die gegnerische Fraktion auf den Arm nehmen oder auch provozieren, entwickeln neue Gesänge, machen aber auch mit spektakulären Pyro-Aktionen auf sich aufmerksam. Szenemedien, Internetforen oder Magazine bieten dann die Quelle für Anerkennung, selbst von Rivalen. Die Bedeutung, die das Feedback innerhalb der Szene hat und wie sehr dies motivierend wirken kann, zeigt sich in den folgenden Zitaten:

„Zum Beispiel letztes Jahr gegen Dresden, da haben sie uns alle gelobt, oder letzte Saison gegen Ahlen, da haben alle anderen Ultragruppen gesagt, dass das eine geile Choreo war, so was ist dann schon eine Ehre für einen. Bei den anderen Gruppen ist es ja genauso, also wenn die eine tolle Choreo machen, dann sagt das ja auch jeder, jeder gibt da seinen Kommentar im Netz ab oder in den Fanmagazinen, da gibt es ja auch Kommentare wie: ‚Die Choreo war total Scheiße oder die war super geil‘, das kommt alles dazu.“

„Also zum Beispiel im ,Erlebnis-Fußball‘, wenn man da mal was reinschreibt, zum Beispiel vom Spiel gegen Nürnberg, dann ist es trotz aller Rivalität schon so, dass man denen auch mal zugesteht, wenn sie eine gute Aktion gemacht haben oder wenn die Stimmung gut war. Sicherlich schreibt man auch mal gern einen Kommentar mit Augenzwinkern oder was Ironisches rein, aber man sollte schon die Größe haben, eine gute Aktion der anderen zu akzeptieren.“

Durch die Anerkennung gewinnen die jeweiligen Fanszenen der Vereine sowie die einzelnen Gruppierungen an Prestige. Das Prestige einer Gruppierung wiederum steigert den Wert der Mitgliedschaft und die Attraktivität, sich ihr anzuschließen.

Hier kommt ein Aspekt zu Geltung, der den Ultras oft vorgeworfen wird, nämlich dass sie sich in erster Linie selbst inszenieren wollen und gar nicht so sehr an der Unterstützung der Mannschaft interessiert sind. Vor allem auch wegen der Art, wie Ultras ihre Stimmung gestalten: weitestgehend unabhängig vom Spielverlauf und auf das Kommando eines Vorsängers, der mit dem Rücken zum Spielgeschehen den Blick auf die Kurve gerichtet hat.

Sicherlich sind Ultras in erster Linie Fans ihres Vereins und daran interessiert, dass ihr Verein erfolgreich Fußball spielt. Zwar ist die Stärke des tatsächlichen Einflusses der Fans auf den Verlauf eines Spiels schwer einzuschätzen, dass sie aber mitunter einen sowohl positiven als auch negativen Einflussfaktor für die Leistung der Akteure darstellen, ist kaum von der Hand zu weisen und wird auch in Aussagen von Spielern bestätigt.68 Doch dieser Einfluss eines Fans auf das Spielgeschehen hält sich doch stark in Grenzen, während man als Ultra im Wettbewerb mit anderen Ultras direkt zu einem Erfolg seiner Mannschaft beitragen kann.

Hiermit bieten die Ultras dem Fan eine Möglichkeit, ein Dilemma zu überwinden, welches Heitmeyer und Peter bereits Ende der 1980er Jahre festgestellt haben. Die zunehmende Kommerzialisierung hat die identitätsstiftende Kraft von Vereinen stark eingeschränkt. Die Spieler kommen durch die Professionalisierung nur noch selten aus den gleichen regionalen und sozialen Zusammenhängen wie die Fans eines Vereins, seit dem Bosman-Urteil aber noch seltener. Das ständige Kommen und Gehen von Spielern und Trainern und zum Teil auch Funktionären erschwert eine Identifikation zusätzlich. Sie gelten als „Söldner“, die nicht mal ansatzweise die Loyalität zum Verein haben wie die Fans selbst. „Identitätsstiftend können die Spieler aufgrund ihrer Austauschbarkeit nicht sein; sie sind geradezu auf soziale Gleichgültigkeit angewiesen“, schreiben Heitmeyer und Peter hierzu.69 Gerade aber die Spieler stellten in der Vergangenheit einen wichtigen identitätsstiftenden Faktor dar, da sie eine Subjekt-Subjekt-Beziehung ermöglichten, welche die Grundlage für die Stiftung einer Identität bildete.70

Wenn die Subjekt-Subjekt-Beziehung zwischen dem Fan, der in der Kurve die Mannschaft nach vorne peitscht, und dem Spieler, der, davon angetrieben, auf dem Rasen für den gemeinsamen Erfolg kämpft, wegfällt, wird es für den Fan wiederum schwierig, einen Erfolg der Mannschaft für sich zu verbuchen und als ausreichende Befriedigung für den eigenen Einsatz zu betrachten. Sich aber selbst zum Akteur, der den Verein in einem Wettbewerb repräsentiert, zu machen, schafft wiederum neue Identifikationsmöglichkeiten.

Ersatz für verloren gegangene Identifikationsflächen der Vereine

Nach Heitmeyer und Peter bleibt dem Fan durch die zunehmende Kommerzialisierung nur noch der Bezug zum Verein, als ein Abstraktum, das sich „in vielen Fällen schlicht auf Symbole wie Vereinswappen oder -namen reduziert (…) [und] in der Regel auch personaler identitätsbestätigender Merkmale entbehrt, da die Beziehungen auf ökonomische reduziert sind.“71 Demnach kann der Fan nur noch durch den Kauf von Fanartikeln Identifikation zum Verein herstellen.

Seit Ende der 1980er ist die Kommerzialisierung aber noch um ein Vielfaches vorangeschritten, und zahlreiche Identifikationsmerkmale der Vereine blieben dabei auf der Strecke. So sind beispielsweise die Vereinsfarben seit jeher ein wichtiges Mittel, um sich als Fan eines Vereins zu positionieren und von anderen Fans abzugrenzen. Wenn man sich schon nicht mehr mit dem Spieler als Persönlichkeit identifizieren kann, so doch zumindest, wenn er auf dem Feld die Farben des Vereins verteidigt. Zunehmend kommt es aber dazu, dass die Spieler auf dem Feld Trikots tragen, die mit den Vereinsfarben wenig oder gar nichts mehr gemeinsam haben. Einerseits bedingt durch den Einfluss von Sponsoren, die die Farben des Unternehmens oder eines Produktes einbringen wollen. Andererseits bedingt durch das Kalkül der Vereine und Ausrüster, mit verschiedenfarbigen Trikots höhere Verkaufszahlen zu erzielen, als wenn man stets Trikots in den gleichen Farben und mit nur kleinen Veränderungen auf den Markt bringt. Zudem spricht man damit auch Kunden an, die ein Trikot weniger wegen der Vereinsfarben als vielmehr wegen seines Designs kaufen. Der Zwang, immer neue Geldquellen aufzubringen, führt zu weiteren Einbußen an Identifikationspunkten: Die Rechte an Stadionnamen werden verkauft oder vermietet, damit entfällt ein traditioneller Bezugspunkt zur Heimspielstätte als emotional bedeutendem Ort für den Fan. Die Umwandlung der Vereine in Kapitalgesellschaften und damit verbundene Börsengänge einiger Klubs. Sie bieten zwar einerseits die Möglichkeit, sich als Fan ein „Stück“ seines Klubs zu kaufen, andererseits aber bergen sie auch die Gefahr, dass ein Klub zum Spielball von am eigenen Gewinn interessierten Investoren wird. Auch verstärkt dies die zunehmend entfremdete Wahrnehmung der Fußballklubs als bloße Konzerne.

Während man als passiver Fan stark darauf angewiesen ist, dass einem der Verein Identifikationspunkte liefert, kann man als aktiver Fan seine eigenen Identifikationspunkte erstellen. Man kann beispielsweise dafür sorgen, dass die Kurve in die traditionellen Vereinsfarben gehüllt wird, während möglicherweise die Spieler und das passive Publikum Trikots in Farben tragen, die nichts mit dem Verein zu tun haben.

Der Slogan „Wir sind der Verein“ sollte dementsprechend in dem Sinne verstanden werden, dass sich aktive Fans ihre eigenen Identifikationsmerkmale mit dem Verein erhalten oder gestalten und damit eine nicht emotionale, rein kommerzielle Beziehung zwischen dem Fan als Kunden und dem Verein als Dienstleister wieder in eine emotionale, persönliche Verbindung umwandeln. Dazu ein Zitat eines Ultras: „Ich sehe es grundsätzlich so, dass der Verein von seinen Fans lebt, die Fans letztendlich der Verein sind und wir diejenigen sind, die den Verein mit Leben füllen, also nicht nur wir als Gruppe, sondern die gesamte Gesellschaft um den Verein herum, ohne sie wäre der Verein eben nichts. Ich sehe das so, dass das Ganze mittlerweile ein Wirtschaftsunternehmen ist, mit dem man sich nicht identifizieren kann.“

Für denjenigen, der durch die Kommerzialisierung und den einhergehenden Verlust der Identifikationspunkte mit dem Verein in eine Art Identitätskrise geraten ist, bilden die Ultragruppierungen nicht nur eine Alternative, um diese zu überwinden, sondern auch eine Möglichkeit, sich im Einsatz für traditionelle Werte als Hüter des wahren Geistes des Vereins zu engagieren.

Damit schaffen die Ultras aber paradoxerweise auch einen Nutzen für den Verein, da sie auch kritisch denkende Fans und Traditionalisten, die sich mit dem Verein eigentlich nicht mehr identifizieren können, weiterhin auf eine enge Art an den Verein binden, als Fan und Konsumenten.

Wenn man Fan und Konsument gegenüberstellt, muss man sehen, dass jeder Fan auch gleichzeitig Konsument ist, auch die Ultras. Denn auch sie kaufen Eintrittskarten, konsumieren Fußball im TV, und unter Umständen kaufen sie auch den einen oder anderen Merchandisingartikel, auch wenn die Ultras hier selbst produzierte, nicht kommerzielle Produkte vorziehen. Der große Unterschied zwischen einem (aktiven oder passiven) Fan und dem bloßen Konsumenten liegt in der Loyalität. Ein Konsument reagiert auf eine Verschlechterung des Angebots mit Konsumverzicht oder Abwanderung. Ein Fan dagegen bleibt, er kann nicht einfach das „Unterhaltungsangebot“ Fußballverein gegen ein anderes tauschen. Was macht also der Fan, wenn sich das Angebot für ihn verschlechtert? Er reagiert mit Kritik. Kritik sollte daher immer als ein starkes Zeichen von Loyalität verstanden werden.72 Ultras sind nicht die einzigen kritischen Fans, aber sie stehen oftmals an der Spitze, wenn es darum geht, Kritik an Maßnahmen und Entwicklungen zu äußern, die vielen Fans missfallen.

Ultra zu sein bietet die Alternative, immer noch Fan zu bleiben, sich nicht vom Fußball verabschieden zu müssen, weil er in seiner kommerziellen Form den eigenen Idealen nicht mehr entspricht, sondern im Gegenteil, sich als aktiver Fan inmitten des Kommerzes kritisch hervorzuheben und eine Alternative zu zelebrieren. Man ist also mittendrin, aber doch dagegen.

Als Ultra aktiv zu sein, bietet nicht nur die Möglichkeit, die Traditionen des eigenen Vereins im Stadion lebendig zu halten, sondern auch das Image des Vereins mitzugestalten.

Mit den Ultras haben auch popkulturelle Symbole den Einzug ins Stadion vollzogen. Ultragruppierungen greifen für ihre Logos und Banner nicht nur auf den Vereins- oder Fußballkontext zurück, sondern bedienen sich aus ihrer Lebenswelt, in der Profile von Bob Marley oder Che Guevara genauso als Vorlagen herhalten wie die Simpsons oder Komponenten aus Kultfilmen wie „Clockwork Orange“. Zusätzlich werden Stilmittel wie Graffiti, Poster-Art, Stencil-Techniken und Street-Art-Sticker verwendet. All dies hilft, den Verein in Verbindung zur jugendkulturellen Ästhetik zu setzen und ihm damit ein Image zu verpassen, mit dem man sich als Jugendlicher leicht identifizieren kann.

Die Ultragruppierungen erhalten so ein „cooles“, angesagtes, unter Umständen auch progressives Image bei Jugendlichen. Verstärkt noch durch den urbanen Flair, der sich auch in Kleidungstücken wie Camouflage-Jacken, Parka, Cargo-Hosen und Kapuzenpullover zeigt, sowie die zumeist antirassistische Grundhaltung der Gruppierungen, sprechen sie jugendliche Stadiongänger möglicherweise weit mehr an als die Marketingstrategien vieler Vereine.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass man als Ultra in seinem Engagement verloren gegangene Identifikationspunkte der Vereine wiederherstellt und gleichzeitig neue, der eigenen jugendlichen Lebenswelt entsprechende Identifikationsmöglichkeiten hinzufügt.

Dies spiegelt einen Hauptgrund wieder, weshalb die Gruppen so attraktiv für Jugendliche erscheinen. Dadurch entsteht natürlich auch ein Trend, und gerade in den letzten Jahren sind die Ultras von einer Randerscheinung fast schon zu einer Modeerscheinung geworden. Dies zieht natürlich auch jene an, die generell Modeerscheinungen hinterherlaufen und daran interessiert sind, das „Produkt Ultra“ zu konsumieren.

Teil einer angesagten Jugendbewegung zu sein, vom Prestige einer Gruppe durch die Mitgliedschaft und das Tragen der Gruppensymbole ein Stück abzubekommen und ab und an im Stadion, am besten noch bei schönem Wetter, Spaß zu haben, kann schon Grund genug sein, sich einer Ultragruppierung anzuschließen. Die Gruppierungen gehen mit diesem Zulauf von „Mode-Ultras“ unterschiedlich um. Während einige Gruppierungen durch selektive Auswahlprozesse versuchen, solche Art von Mitgliedern gar nicht erst zu bekommen, heißen andere diese Fans willkommen, auch wenn man weiß, dass man nicht viel Engagement von ihnen erwarten kann. Aber schließlich können sie auch als bloße Beitragszahler schon von Nutzen sein.

In den Gesprächen zeigt sich allerdings, dass viele derer, die vielleicht zu Beginn eher von der Modewelle angezogen wurden, schnell erkennen, dass so eine Ultragruppierung wesentlich mehr bietet, wenn man sich in ihr engagiert und nicht nur die Spaßaspekte konsumiert. Die Möglichkeit, durch das Engagement das Profil und das Erscheinungsbild der Gruppe sowie der Fankurve und letztlich bis zu einem gewissen Grad sogar des Vereins mitzugestalten, dient als Anreiz, sich einzubringen. Der Nutzen des kreativen Gestaltens liegt aber nicht nur in der Möglichkeit, das Profil der Gruppe und des Vereins mitzugestalten. Alleine schon im kreativen Gestalten selbst liegt ein intrinsischer Wert, und die Gruppierung bietet einen Freiraum, der unter anderem zur kreativen Entfaltung dienen kann.

Schaffung eines Freiraums zur erlebnisorientierten Persönlichkeitsentfaltung und Identitätsentwicklung

Fankurven stellen für junge Stadiongänger schon seit jeher einen Anziehungspunkt dar. Besuchen die meisten das Stadion zunächst oft in Begleitung von Eltern und finden sich in anderen Bereichen des Stadions wieder, so zieht es viele ab einem gewissen Alter in die Fankurven. Der Anreiz, in der Erlebniswelt Fankurve etwas mehr zu finden als das bloße Betrachten eines Fußballspiels, ist verlockend. Die Ultras sind die Gruppe, die in dieser Erlebniswelt optisch und akustisch besonders herausstechen, ihre Stilmittel sprechen die Sprache der Jugend, sie erscheinen kreativ, progressiv und vor allem versprechen sie Action.

Zwei Zitate von jüngeren Ultras, die sich erst kürzlich den Gruppierungen angeschlossen hatten:

„Ich war damals im Stadion, aber nicht in der Fankurve. Aufmerksam wurde ich durch die große Zaunfahne und hab mich dann später zu Hause im Internet noch genauer darüber informiert, was das überhaupt ist, was dahinter steckt. (…) Ich war eigentlich schon die ganze Zeit fußballbegeistert, und die Ziele der Gruppe haben mich auch angesprochen, die politische Einstellung der Gruppe, also antirassistisch, und die Stimmung im Stadion verbessern zu wollen.“

„Ich weiß nicht, was mich genau angezogen hat, eigentlich war es alles, also die Choreografien, das Auftreten als Gruppe, irgendwie das ganze Umfeld, die Atmosphäre. Einfach die Ausstrahlung.“

Damit scheinen sie wie gemacht für Jugendliche, die in ihrer Selbstfindungsphase Anschluss an Gruppen Gleichaltriger suchen, die identitätsstiftende Funktionen übernehmen können.

Identität bedeutet zu wissen, was man ist oder was man „eigentlich“ sein will.73 Identitäten sind aber ständiger Weiterentwicklung unterworfen. Während man bei Erwachsenen von weitestgehend gefestigten Identitäten ausgehen kann, befindet sich ein Jugendlicher in der Adoleszenz in einer Phase der Suche nach dem, was er ist und was er gerne sein möchte.

Nun handelt es sich bei dem Beitritt zu einer Ultragruppierung nicht unbedingt um eine bewusste „Wahl einer identitätsstiftenden Institution“. Vielmehr befindet man sich im Heranwachsendenalter in einer Phase der Suche nach Möglichkeiten, „Gefühle zu realisieren, Probleme zu lösen oder Wünsche nach persönlicher Bedeutung und Wirksamkeit zu erlangen“.74 Hier trägt die Bildung einer Gruppierung mit Gleichaltrigen sehr viel zur Identitätssuche bei, die, wie Eckert et al. ausführen, für Jugendliche oftmals mit einem Dilemma verbunden sein kann. Einerseits erfahren „Kinder und Jugendliche (…) von klein auf, dass sie nicht einfach etwas ‚sind‘, was vor ihnen schon die Eltern waren und neben ihnen die Nachbarn sind, sondern dass sie ‚etwas‘ aus sich machen sollen, damit ‚etwas‘ aus ihnen wird.“75 Bei diesem Auftrag zur Selbstverwirklichung handelt es sich um einen „inhaltlich unbestimmten, aber gleichzeitig unbedingten Auftrag, der ihnen nicht nur von den Eltern, sondern von nahezu allen Institutionen der Gesellschaft erteilt wird.“76

Demgegenüber steht aber nicht automatisch die Möglichkeit, diese Selbstverwirklichung in den gegebenen Institutionen wie Schule, Berufsausbildung, Familie oder auch den vorhandenen Freizeitmöglichkeiten zu vollziehen. Die Fankurve dagegen, und vor allem die Ultras, erscheinen als Freiraum, in dem man ohne die Vorgaben der oben genannten Institutionen eine Möglichkeit sieht, sich auszuleben und zu verwirklichen. Dazu ein passendes Zitat eines Ultras: „Ich sehe es im Prinzip so, dass du als Jugendlicher zunächst einmal von Autoritäten um dich herum beherrscht wirst, also in der Schule hast du den Lehrer über dir und zu Hause hast du die Eltern über dir, dann hast du den Arbeitgeber über dir und du kannst eigentlich nie machen, was du willst. Du bist immer eingeschränkt. Dadurch, dass du die Möglichkeit hast, dir eine Gegenwelt zu schaffen, hast du auch die Möglichkeit zu bestimmen und hast wirklich die Freiheit, das zu machen, was du willst, was du sonst meiner Meinung nach eigentlich nicht hast.“

Die Gruppierung ermöglicht einen gewissen eigenen Raum, eine „Gegenwelt“, in der man eigene Vorstellungen, natürlich immer im Zusammenspiel mit den anderen, verwirklichen kann. Indem sich der Einzelne engagiert, kann er diese Gegenwelt nach seinen Vorstellungen mitgestalten: „Durch mein Engagement habe ich Einfluss auf meine Stellung und darauf, wie sich die Gruppe entwickelt. Ich gestalte die Gruppe durch mein Engagement, deswegen entspricht die Gruppe, wenn ich viel mache, dem, was ich gerne will, auch wenn es noch von vielen gemacht wird und dadurch ein Mix ist, aber es ist trotzdem noch der Mix der Leute, die engagiert sind.“

Durch das Engagement für die Herstellung von Stimmungsbildern im Stadion weitet sich dieser Freiraum auf die Fankurve und das Stadion aus. Hier kann man seine Kreativität inszenieren und eigene Bedürfnisse ausleben, was einem in anderen Kontexten häufig verwehrt bleibt. So scheint der Schlüsselgedanke darin zu liegen, einen Freiraum selbst gestalten zu können: „Also der Ultra-Gedanke ist der Gedanke, über sich selbst verfügen zu können“, beschreibt ein Ultra-Mitglied, was für ihn das Ultra-Sein ausmacht.

Gerade in einer Phase des Erwachsenwerdens, in der man sich Freiheiten vom Elternhaus und anderen umgebenden Institutionen erkämpft, gewinnen rebellische und für eigene Freiheiten kämpfende Personen und Gruppierungen an Reiz.

„A major attraction of subcultures is its rebellion, its hedonism and its alternatives to the restrictions of home, school and work it is fun. It offers a space to celebrate rebelliousness and hedonism.“77

Dazu braucht man aber auch etwas, an dem man sich reiben kann, etwas, das einen eingrenzt, das einem Freiheiten nimmt. Man braucht Grenzen, um überhaupt Grenzen austesten zu können. Man benötigt Regeln, um überhaupt Regeln brechen zu können. So mag paradoxerweise gerade auch in den Einschränkungen und den negativen Veränderungen, die der moderne Fußball für Fans mit sich bringt, ein Nutzen liegen: „So blöd das jetzt klingt, aber irgendwie brauchst du das auch. Irgendwie ist auch das Negative ein Teil von dem großen Spiel. Wenn jetzt alles ideal wäre, dann wäre es auch wieder langweilig“, so das ehrliche Bekenntnis eines Ultras.

Mag dieser Reiz zwar auch eine gewisse Rolle spielen, so sollte man bei den Ultras aber nicht von „rebels without a cause“, von Leuten, die eine Rebellion der Rebellion wegen betreiben, ausgehen. Dafür stehen, zumindest bei den Befragten, das Ausleben einer bestimmten Art von Fankultur und das Schaffen von Stimmungsbildern zu sehr im Vordergrund. Hier schafft der Reiz, Grenzen auszutesten und zu bekämpfen, weit weniger Befriedigung als das Erleben von bestimmten Aktionen, die aber gerade durch die Grenzen eingeschränkt werden. Der Einsatz für mehr Freiheiten mag zwar auch eine gewisse Befriedigung in sich tragen, doch an den Reaktionen der Betroffenen auf Einschränkungen und Repressionen spürt man, dass hier der Verlust von Freiräumen schwerer wiegt, als der dadurch entstehende Ansporn zum Kampf an Befriedigung aufwiegen würde. Im Gegenteil, es ist bei einigen der Befragten eher eine Art Resignation zu spüren. Exemplarisch hierfür folgendes Zitat:

„Das ist irgendwie ein Kampf gegen Windmühlen. Also ich sehe das so, dass das ein wichtiger Protest ist, auf keinen Fall ist es ein Protest nur des Protestes wegen, was von manchen Leuten immer wieder behauptet wird. Es ist schon so, dass das aus einer Überzeugung heraus geschieht. Ob wir wirklich überzeugt sind, daran was ändern zu können, ist eine gute Frage. Also ich denke sicher, dass man die Presse dahin bringen kann, dass du den normalen Zuschauer weiter dafür sensibilisierst. (…) Aber ich bin da jetzt kein Romantiker, und glaube nicht, dass sich alles wieder zurückdrehen lässt, sondern dass es eher Schlimmeres verhindert und die Zustände anprangert.“

Betrachtet man die Entwicklung der Ultra-Szene in Deutschland, so sieht man, dass zu Beginn der Einsatz für Fanrechte und gegen Repression fast gar nicht oder nur bedingt vorhanden war. Das Hauptaugenmerk lag auf der Inszenierung von Stimmung im Stadion. Erst als diese Inszenierung mehr und mehr auf Beschränkungen stieß, wurde der „Kampf für die Freiheit der Kurve“ ein wesentlicher Bestandteil der Aktionen.

Der Hauptaspekt lag dabei zunächst darin, konkrete Freiheiten für die Gestaltung der Stimmung zu erhalten: „Es ist einfach so, dass wir gewisse Freiheiten haben wollen. Es geht jetzt nicht darum, dass wir Bengalen oder Rauchpulver hochjagen müssen. Da bekommt der Verein dann die Strafe, und das muss nicht sein. Aber unverständlich ist für uns, dass über die Länge einer Fahne überhaupt diskutiert wird. Oder wenn wir sagen, dass zwei oder drei Megafone besser wären, dann ist es auch völlig unsinnig, dass wir erst mit der Polizei und dem Verein darüber diskutieren müssen.“

Die Erfahrungen mit den Ordnungsinstanzen endeten oft in Frustration:

„Also ich habe einmal für eine Choreo mit dem M. zusammen 13 Stunden gearbeitet. (…) Das war die Abschieds-Choreo für den Martin Max, die verboten wurde wegen Folie, die wir dann nur auf dem Rasen auflegen durften. Tja, 13 Stunden umsonst. (…) Es kommt einfach darauf an, wie der Tag bei denen ist. Manchmal genehmigen sie Folien, manchmal nicht.“

Je mehr man in seiner Entfaltung eingeengt wird, desto weniger kann man sich mit dem identifizieren, was man kreiert. Dies ist auch ein Grund dafür, warum sich Ultras ungerne vom Verein bei der Gestaltung von Choreografien unterstützen oder gar beeinflussen lassen möchten. Vor allem das Gefühl, frei von äußeren Zwängen zu handeln, ist stark mit der Ausprägung der intrinsischen Motivation verbunden. Nach Deci und Ryan haben äußere Einflüsse einen negativen Effekt auf die intrinsische Motivation.78 Kontrolle und ein Empfinden von äußerem Druck lassen diese sinken. Hier besteht die Gefahr, dass die zu starke Eingrenzung der Freiräume bewirkt, dass es an Reiz verliert, sich gestalterisch und kreativ einzubringen, während die bloße Konfrontation mit den Ordnungshütern und Vereinen wesentlich stärker in den Vordergrund tritt. Deutlich spannender, als Fähnchen zu malen, könnte es dann werden, Ordnungshüter zu ärgern. Das ist auch ein Erklärungsansatz dafür, warum Pyrotechnik anscheinend zunehmend als bloße Provokation und weniger als Stilmittel verwendet wird.

Die Eingrenzung dieser Freiräume nimmt auch immer mehr die Möglichkeit, in einem Rahmen erlebnisorientiert Fußballfan zu sein, der weit weniger durch Gewalt bestimmt wird als beispielsweise die Erlebniswelt der Hooligans.

Dabei bilden die Ultras in Deutschland durchaus eine Alternative für jüngere Fans, die ins Stadion kommen und mehr erleben wollen als das normale Fandasein, also auf der Suche nach einer erlebnisorientierten Alternative sind. Auch für jene, die früher möglicherweise eher auf die Hooliganschiene geleitet worden wären. Während ein Hooligan mit dem Ziel zu einem Fußballspiel geht, in Gewaltaktionen verwickelt zu werden und einen Adrenalinkick durch diese Situation zu erlangen, kann ein Ultra auch ohne jegliche Gewalt mehr erleben als der passive Fußballfan. Dazu gehört allerdings auch das Austesten von Grenzen, wie das Einschmuggeln und Abbrennen von Pyromaterial, das Verwenden von nicht zugelassenen Plakaten oder Fahnen und das Anbringen von Stickern oder Graffiti. All dies sind Regelverstöße, die aber ohne die Absicht, Gewalt anzuwenden, bereits Reize befriedigen, die in früheren Jahren nur der Hooliganismus im Umfeld des Fußballs angeboten hat.

Aus diesem Grund setzen sich Fanprojekte auch vehement für den Freiraum Fankurve ein. Dazu abschließend ein Zitat aus dem Interview mit Thomas Emmes vom Fan-Projekt München: „Wir kämpfen natürlich um jede Kleinigkeit, den Ultras ihre Freiheiten zu lassen, um so einer Entwicklung gegenzusteuern. Die sehen die Kurve als ihre Kurve an. Und wenn sie das durch die vielen Einschränkungen mal nicht mehr haben, dann ist die Gefahr, dass sie draußen aktiver werden, größer.“

Literatur

Brake, Mike (1980): The Sociology of Youth Culture and Youth Subcultures, London, Bristol, Henley.

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior, in: Psychological Inquiry, Vol. 11, Nr. 4, S. 227-268 (http://www.psych.rochester.edu/SDT/faculty/edeci.html [27.1.06]).

Dembowski, Gerd (2003): Spieler kommen, Trainer gehen Fans bleiben. Kleine Standortbestimmung der Fußballfans, in: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 8-34.

Eckert, Roland/Reis, Christa/Wetzstein, Thomas A. (2000): „Ich will halt anders sein wie die anderen!“ Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher, Opladen.

Gabriel, Michael (2004): Ultra-Bewegungen in Deutschland. Von Doppelhaltern und Choreografien die Antwort der Kurve auf den Fußball als Event, in: Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF (Hrsg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Göttingen, S. 179-194.

Heitmeyer, Wilhelm/Peter, Jörg-Ingo (1988): Jugendliche Fußballfans. Soziale und politische Orientierung, Gesellungsformen, Gewalt, Weinheim, München.

Hirschman, Albert O. (1974): Abwanderung und Widerspruch, Tübingen.

Hirschman, Albert O. (1988): Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl, Frankfurt am Main.

Kopiez, Reinhardt/Brink, Guido (1998): Fußball-Fangesänge. Eine Fanomenologie, Würzburg.

Marx, Uwe/Meuren, Daniel (2011): Im Gespräch: Bruchhagen und Heidel: „Man hätte Capos nie zulassen dürfen“, Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 13. November 2011, http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-bruchhagen-und-heidel-man-haette-capos-nie-zulassen-duerfen-11525652.html [11.1.2012].

Olson, Mancur Jr. (1968): Die Logik des Kollektiven Handelns, Tübingen.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Intrinsic and Extrinsic Motivations: Classic Definitions and New Directions. In: Contemporary Educational Psychology, 25, S. 54-67 (http://www.psych.rochester.edu/SDT/faculty/edeci.html [27.1.06]).

Wilkesmann, Uwe (1994): Zur Logik des Handelns in betrieblichen Arbeitsgruppen. Möglichkeiten und Grenzen einer Rational-Choice-Theorie der Anreizsysteme bei Gruppenarbeit, Opladen.

Gerd Dembowski: Eine notwendige Erfindung des Selbst
Anmerkungen zur Identitätsbildung von Ultras als individualisierte Gemeinschaften

Abgesehen von ihrer Bedeutung für die Stimmung in den Stadien haben Ultras zweifelsohne zahlreiche Verdienste im sozialen Bereich von Elementen selbstorganisierter Jugendarbeit und -politik, wohltätigen Zwecken, Unterstützung gewerkschaftlicher Proteste bis zur Flüchtlingshilfe. Viele Gruppen beanspruchen derzeit einen antirassistischen Grundkonsens.79 Trotz gruppeninterner Hackordnung finden inhaltliche Entscheidungen vor allem basisdemokratisch statt. Ultragruppen bieten eine Chance, demokratisch partizipatorisches Verhalten einzuüben. Über Praktiken des „Do it yourself“ lernen sie, ihre Interessen im Sinne eines Self-Empowerments gemeinschaftlich und selbst in die Hand zu nehmen.

Doch von Position zur Pose ist es nur ein kleiner Schritt. Bei eher hoher personeller Fluktuation geschehen Positionierungen bei Ultragruppen häufig auf der Folie einer ständigen Reproduktion von „Wir“ „Die Anderen“80 und hegemonialen Männlichkeiten.81 Daher sind sie zunächst intragenerational verankert und bleiben fragil.

Ihr sich stets aktualisierender, jugendaffiner Habitus basiert auf kreativer Vereins- und Selbstdarstellung, verhandelbaren Gruppenregeln, dem Hauch von Konspiration und Abenteuer sowie einem Aufrührergestus, der eine gewisse politische Unschärfe transportiert. Einige Forscher und Szenebeobachtende schließen, dass die gern propagierte Selbstbezeichnung „unpolitisch“ über kulturhegemoniale Mechanismen und den gruppendynamischen Diskurs einen organischen Schub in Richtung Antirassismus unter dem einigenden Dach der Vorstellung vom Verein bewirkt. Ebenso gibt es Ansätze, die diese Haltung als Einfallstor für rechtes Gedankengut und Anknüpfungsstelle für Neonazis und ihren Sympathisanten problematisieren. Antirassistische Statements bzw. eine Unterdrückung von rassistischen und antirassistischen Aussagen müssen nicht notwendig mit einer inneren Haltung gleichgesetzt sein und beschreiben möglicherweise in erster Linie einen Anti-Neonazismus, einen Antirassismus. Inzwischen gibt es im Umfeld zahlreicher Vereine Gruppenabspaltungen von Ultras, die sich als antirassistisch, z. T. als gegen Homophobie engagiert oder gar als antisexistisch bezeichnen und die sich folglich durchaus Bedrohungen und körperlichen Angriffen ausgesetzt sehen.

Sicher ist, dass potenzielles Mitläufertum erfolgreich in Anhängerschaft für die eigene Gruppe gewendet wird, wobei der mitläuferische Charaktertyp unter Erhaltung seiner psychischen Struktur lediglich abrufbereit hinter die Bedeutung der Gruppe zurücktreten kann.82 Aufgrund der empfundenen Missverhältnisse zu den kommerziellen und den damit verzahnten Sicherheitsinteressen des Vereins sowie des Verhaltens der Ordnungsmächte wird die Vertretung fanpolitischer Interessen als primär angeführt.

Zu sozial-evolutionären Tendenzen der Ultras

„Nicht die Söhne der ärmsten Klasse waren es, die sich der soeben aus Ostindien eingeführten Schwärmer und Raketen bedienten, um einen heillosen Unfug allabendlich auf den Straßen zu veranstalten. Sie warfen diese zischenden Funkensprüher mitten in eine ahnungslose Menschengruppe oder zwischen die Pferde einer Kutsche, dass sie scheu wurden und durchgingen; oder in die mit geputzten Herren und Damen besetzten Karossen, dass Perücken und Toupets, Reifröcke und Samtröcke brannten (…). Dann jubelte die gottlose Bubenschar und vereitelte jede Verfolgung durch geteilte Flucht in Quergassen und Twieten.“83

Ultras bilden eine sozial-evolutionäre jugendliche bzw. jungerwachsene Suchbewegung, agieren mal mehr und mal weniger bewusst mit dem Gespür für und dem Wissen um unterschiedliche, historisch vorangegangene Fan-, aber auch Jugend(sub)kulturen außerhalb des Fußballs. So wird die eigene Existenz eingebettet in das soziale Wissen um die Kultur- und Gefühlsgeschichte der Jugend(sub)kulturen. Wie eine Jugend(sub)kulturmaschine können Ultras bedürfnisorientiert fließend neue Erscheinungsformen und Aussagen aufgreifen und z. T. ungeachtet von klassisch politischen Schubläden in ihre Formierung als Gruppe einarbeiten. Nicht nur fankulturelle Präsentiationsformen, sondern auch das Phänomen, dass sich auf den Rängen schon lange Fußballinteressierte aus unterschiedlichen Jugendkultursegmenten individuell vermischen, entwickeln Ultras erheblich weiter.

Ultras bedienen sich stilbewusst z. B. beim Hip Hop, beim Punk, bei der Grafitti-Szene, bei Gangkulturen und fügen sie patchworkhaft zu etwas Eigenem zusammen. Wechselwirkungen mit Ausdrucksformen von Teilen der autonomen Linken genauso wie der „Autonomen Nationalisten“84 sind beobachtbar. Vielerorts formulieren Ultras also eine Art Crossover aus Jugend(sub)kulturen, das in Form und Inhalt wandlungsfähig sein kann.

Informationstechnisch gesehen, herrscht ein regelrechter Update-Druck: Wer die brandneuen Choreografien, diversen Vorfälle bei Spielen und die entsprechenden Online-Foren über all das stets verfolgt, kann sich vorn fühlen. Mit Blick auf ihre ausgeklügelte Organisation der vielfältigen Vereinsunterstützung, den eigenen Erzeugnissen bis hin zur Gründung gemeinnütziger Vereine mit jugendzentrumsähnlichen Ausprägungen kann von einer Professionalisierung und einer hochtechnisierten Jugendkultur gesprochen werden. Mit einem höheren bildungsbürgerlichen Hintergrund als zuvor,85 der Etablierung einer permanenteren Diskussionskultur und organisierter Kreativität haben sie das Stadion und die Fanszene atmosphärisch umgedeutet. Kommen gesellschaftlich benachteiligte Jugendliche bzw. solche ins Stadion, die als „bildungsferne Jugendliche“ herrschaftlich fremddefiniert werden, finden sie eine elaboriertere, spezialisiertere Situation vor als noch in den 1980er und 1990er Jahren. Um dabei und „cool“ zu sein so attraktiv sind die Gruppen dann , sehen sich Neuankömmlinge dazu gezwungen zu versuchen, sich das spezifische Wissen, den Habitus nachahmerisch anzueignen.

Die aus anderen, jüngeren Jugend(sub)kulturen bekannten Kategorien „Fame“ (Ruhm im Hinblick auf den Ruf) und „Respekt“ sind im Fußballumfeld sichtbarer hinzugekommen. Sie erfinden ein soziales Standing, das permanent erneuert werden will. Ultragruppen zeigen „Respekt“ vor der beeindruckenden Choreografie oder dem sozialen Engagement von ansonsten als Kontrahenten definierten Fangruppen, solange das eigene Territorium nicht entehrt wird. Entehrung über Schal- und Bannerklau sowie ein Betreten symbolisch aufgeladener Orte durchaus mit körperlichen Auseinandersetzungen und gezielten Überfällen auf andere Ultragruppen gehören inzwischen zum festen Identitätsrepertoire vieler Ultras. Auch gewaltförmige Präsenz kann eben Respekt einbringen.

Der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion unterstützt den Gestus der Gruppeninszenierung. Sie kann als Teil ihrer männlichgeprägten, durchaus tribalistischen, territorialen Repräsentanz und symbolischen Eroberung des gegnerischen Terrains betrachtet werden. Sogenannte Pyros sind das Signal, dass man präsent und wirkungsvoll bereit zum „Support“ des Teams und der eigenen Gruppe ist. Es ist eine symbolische Drohung, dass man den „Support“ eindrucksvoller gestalten wird als die gegnerische Gruppe in der Fankurve gegenüber. Da bevorzugt in den Auswärtskurven gezündelt wird, könnte es ebenso als Entweihung der gegnerischen Arena angesehen werden.

Soziale Evolution bedeutet ebenso, sich reaktiv wie pro-aktiv mit dem Bestehenden, der eigenen Verortung und den eigenen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Dabei werden zwangsläufig Spielräume geltender Normen ausgelotet. Wie bei jeder öffentlich wahrgenommenen Jugend(sub)kultur zuvor empören sich etablierte, „erwachsene“ Institutionen und ihre Vertreter mit selektivem Blick: Sie schimpfen über „die Jugend“ und vergessen die eigene. Im Bedürfnis nach Kontrolle und Domestizierung gilt sie vereinfachenderweise eher als abweichend. Dabei wird nicht bedacht, dass jeder gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Errungenschaft ein abweichendes Verhalten vorausgeht.86

So werden Ultragruppen in der öffentlichen Debatte regelmäßig als „Folk Devils“87 gebrandmarkt, obwohl Gewalt in unterschiedlichen Ausformungen in der heutigen Gesellschaft alltäglich ist und außerhalb des Fußballs bedeutend häufiger vorkommt. Dies, die empfundene Polizeiwillkür und die zunehmende Erfahrung, die eigenen Standpunkte im Dialog mit den „Stakeholdern“ des Fußballs nicht in eine „Win-Win“-Situation umsetzen zu können, führten zu einer Atmosphäre, in der Ultras sich als gemachte Störenfriede bestätigt fühlen können.

Jannis Linkelmann erklärt, „dass wir es mit einer Jugendkultur mit eigentlich konservativen Werten zu tun haben. (…) Freundschaft ist zentraler Wert, dazu kommt ein stark ausgeprägter Heimatpatriotismus: für unsere Mannschaft, für unseren Verein, für unsere Stadt, für unsere Gruppe.“88 Auf dieser Basis geht es Ultras mit ihrem häufig radikalen Gebärden darum, das System Fußball und darüber ihre Lebenswelt partizipatorischer und somit annehmbarer zu gestalten, während man sich ihm unter hegemonial männlichen Trends aus Versatzstücken wie Ehre, Treue, Heimat, Territorialität, Standfestigkeit, Leidensbereitschaft, Korpsgeist, Anführerprinzipien, der sozialen Leistungsmaschine Körper, Stärke- bzw. Härteideal, Direktheit, Ritterlichkeit, der Naturalisierung sog. männlicher Eigenschaften und der Höherwertigkeit männlicher Sexualität grundsätzlich unterwirft.

Es ist zu beobachten, dass Gewaltförmigkeiten in Jugend(sub)kulturen seit jeher eine Rolle spielen,89 Teil einer Identitätssuche sind und situativ in physische Gewalt münden können. Wie jedes gesellschaftliche Subjekt auch außerhalb des Fußballs, so verdoppeln Ultras das Abgrenzungs- und Vorrangigkeitsbestreben in gesellschaftlichen Machtverhältnissen und die Reproduktion von Machtgefügen. Dies geschieht z. B. durch eigene Hackordnungen, die Fortschreibung und Modernisierung hegemonialer Männlichkeiten,90 die Zementierung eines „Wir“ und „Die Anderen“. Dieses „Wir“ und „Die Anderen“ bietet die Struktur des Fußballs unumgänglich an, genauso wie seine Orientierung an Strafe Befehl Gehorsam. Dies sind, wie die eigenen Regeln, partizipatorische Gruppenprozesse, symbolische und/oder gelebte Absicherung gegen Neonazismus und die Treue zu einer Vorstellung von Verein, Teile ihres symbolischen Gruppenpanzers.

Eine solche, auch sozialdarwinistisch angelegte Folie impliziert ebenso eine humanistische Gönnerhaftigkeit und Toleranz, die gleichsam repressiv und von Weißsein geprägt ist.91 Sie reproduziert Macht, indem sie einerseits Fortschritt zulässt, um den vom Fortschritt Betroffenen andererseits einen ihnen „zustehenden“, beschränkten Platz gönnerhaft patronisierend zuzugestehen. So gesehen, werden in Ultragruppen trotz der Pflege von Gemeinschaftssinn ebenso Techniken eingeübt, die außerhalb des Fußballs zur Herstellung und Sicherung einer „Normalität“ der Ungleichwertigkeiten im gegenwärtigen Gesellschaftsalltag und ihren Dominanzkulturen angewendet werden können.

Äquivalent zur Heterogenität der einzelnen Ultragruppen in Deutschland ist ihr Gewaltbegriff uneinheitlich bzw. ambivalent. „Es gibt praktisch keine Ultragruppe, die der Gewalt grundsätzlich abschwört“92 oder sich bislang entscheidend von gewaltaffinen Mitgliedern distanziert. Wenn Ultras und Polizei in brenzliger, häufig als ungerecht wahrgenommener Situation zusammentreffen, können sich besonnenere Ultras mit gewaltaffinen solidarisieren.

Es handelt sich nicht um revolutionäre Ideen, sondern um Rebellion, die portioniert am Spieltag ihr scharmützelndes Ventil findet. Dadurch, dass Ultras sich jedoch die ganze Woche über mit den entsprechenden Themen beschäftigen, ihr Auftreten detailliert vorbereiten und über reflektierende Momente weiterentwickeln, können sich bleibende, skeptische, hinterfragende Charakterelemente also grundlegende Bestandteile einer gelebten Demokratie als Extrakt aus dieser lebensphaseorientierten „Resistance Identity“93 für den weiteren Lebensverlauf herausbilden. Besonders angesichts der heutzutage zugenommenen Aufweichung althergebrachter Lebensverläufe besteht die Möglichkeit, dass dies auf einem Niveau „festgefahrener Adoleszenz“ passiert.94 Im Sinne von Elias Canetti können Ultras somit als eine Spielart, eine sublimierte Form der „Verbotsmasse“ (Elias Canetti) erscheinen:

„Alle weigern sich zu tun, was eine äußere Welt von ihnen erwartet. (…) An der Bestimmtheit ihrer Weigerung ist ihre Zusammengehörigkeit zu erkennen. Das Negative des Verbots teilt sich dieser Masse vom Augenblick ihrer Geburt an mit und bleibt, solange sie besteht, ihr wesentlichster Zug“.95

Sublimiert insofern, als ihr weigernder Charakter und das damit zusammenhängende Leiden und Sich-ausgegrenzt-Fühlen ein selbst erwählter Zustand ist. Andere Aktionsformen von Benachteiligten sind häufig sublimierte oder direkte Reaktionen auf existenzielle Bedrohungen. Jugendgangs in Südamerika oder den USA z. B. sind Reaktionen auf existenzielle und/oder soziale Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag. Der Protest von Ultras folgt nicht einer radikalen Bedrohung ihrer sozialen Existenz oder gar ihres Lebens als Menschen. Außerhalb des Fußballs können sie als vorwiegend weiße, autochthone Männer trotz allgemein möglichen gesellschaftlichen Krisenanfälligkeiten eher weniger benachteiligt als manch andere marginalisierte Gruppe in ihrem Alltag in Deutschland relativ unbedroht leben.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sie einen simulierten Protest im Sinne von Selbstmarginalisierung, eines sozusagen optionierten Widerstands formieren, der sich sukzessive in soziale Modernisierungsfaktoren auflösen kann, um an einem bestimmten „Tipping Point“ dann wiederum von einer weiteren Jugend(sub)kultur abgelöst oder modernisiert zu werden.

Die Ultragruppe als Identitätsangebot zwischen Gemeinschaftssinn und Individualismus im Angesicht der Kommerzialisierung des Fußballs

„Unter anderem wird verboten, ‚über den Spielfeldzaun oder ein anderes Hinweiszeichen hinaus spazieren zu gehen, (…) und falls Bänke aufgestellt sind, müssen sie sitzen bleiben und mit den Füßen weder darauf noch davor treten. Und gegen die Zuwiderhandelnden ist es dem Gerichtsdiener statthaft, diese gefangen zu nehmen und in die Kerker abzuführen.‘ (…) Offenbar wurde befürchtet, dass die überschwengliche Anteilnahme am Geschehen, hierin dem in der Antike ausgebildeten Doppelcharakter der Spiele als Mittel der Repräsentation und Rebellion vergleichbar, im Gegenzug in eine Art spielerischen Aufruhr umschlagen könnte.“96

Das Stadion bzw. das Fußballspiel im Fernsehen hat sich als Auslöser für ein selbst- und systemkonditionierendes Emotions- und Körpererleben etabliert. Ein Emotionserleben, das sich in einem sozial verregelten Umfeld kanalisieren und „durch tradierte Rituale spezifische Affektlogiken hervorrufen“ kann.97 Nicht ventilierte Emotionen lassen sich durch die Übertragung ins sozial verregelte Massenumfeld des eigenen Vereins bzw. in Fußballspiele regulieren. Eine solche Handlungsweise kann reflektives Individualverhalten beeinträchtigen.98

Ein Bedürfnis nach Identifikation, Aufgehen in der Masse und das damit verknüpfte Emotions- und Körpererleben bezeichnen Ultras häufig selbst als ein zentrales Antriebsmittel ihrer Konstituierung. Sie bedienen sich hierbei des Konstrukts einer kollektiven Identität, die diffus, imaginär, ja sogar illusionär und somit simuliert ist. Diffus und imaginär deshalb, weil jeder Fan seine eigene Folie aus Vorstellungen individuell auf dieses Konstrukt als kleinsten gemeinsamen Nenner baut. Dieses Konstrukt hat ein fremdzugeschriebenes, möglichst weitwinkliges Dach, auf das sich nonverbal, historisch gewachsen geeinigt wurde. So können viele Menschen mit ihren eigenen Projektionen von dem, was der Verein bedeutet, gefasst werden.

Im Grunde eine Einigung auf eine Fiktion, weil sie unzulänglich vereinheitlicht und Tradition erfindet, ähnlich wie es Benedict Anderson für die „Imagined Community“ der Nationenidee aufzeigt.99 Auch Lars Riedl schlägt vor, die kollektive Identitätsillusion in Fanszenen so zu betrachten wie die imaginierte Gemeinschaft einer Nation100 als „Resultat kommunikativer Prozesse“ und sozialer wie sozialökonomischer Interessen. Im Wunsch nach Zusammenhalt in einer Gemeinschaft erscheint die Imagination einer kollektiven Identität. Jenseits des Rahmens einiger weniger kollektivstiftender, gemeinschaftssemantischer Merkmale wie z. B. Vereinslogo, Vereinsfarben, historisch bedeutende Spieler, Trainer, Präsidenten und Splitter der Vereinsgeschichte herrscht ein individuelles Wuchern identifizierender Merkmale, das viele Andockstellen bereithält.

Diese fanhistorisch gewachsene, über die o.g. Gemeinschaftssemantik funktionierende Einigung garantiert die Schaffung einer Perspektive für (Alltags-)Kompensation.101 Denn Fußball ob aktiv gespielt oder dabei zugeschaut funktioniert am Ende nicht als Kompensationsmittel, er wird lediglich als solches aufgeladen. Nicht genug, dass der Mensch im Fußball einen in vielen Elementen als fremdbestimmt empfundenen Alltag kompensieren wollen würde es ist dramatischer: Fußball simuliert Kompensation, verspricht sie, ohne sie auf Dauer einzulösen.

Die Einigung auf Fußball, den Verein, die eigene Gruppe ist unbewusst als „fake“, als Schein erkannt. Die Hoffnung auf das Konstrukt und seine Versprechen bleibt in ständiger Aktion verdrängend aufrechterhalten. Wenn das fragile Imaginationsgebilde nicht zusammenbrechen und die konstruierte Reinigungsoption102 erhalten bleiben soll, muss sie durch ständige Wiederholung von Gruppenprozessen, entsprechenden Dynamiken und die Mystifizierung der Gruppe verhüllt werden.

Gerade die ständig reproduzierte, plakative Binarität „Wir“ „Die Anderen“ muss deshalb „permanent neu erzeugt werden. Kollektive Identitäten sind Selbstsimplifikationen, die durch ihre Selbstbeobachtung und -beschreibung systeminterne Komplexität reduzieren mit der Funktion, Handlungs- und Wertorientierungen zu erzeugen“.103 Somit befinden sich Ultras als Suchbewegung in einer ständigen Wiederholung von Erzeugungs- bzw. Initiationsriten. Durch die ständige Demonstration und Repräsentation von Differenz wird sich einer imaginären Gruppenidentität vergewissert,104 wobei die Identitätskonstrukten innewohnenden Widersprüche und Instabilitäten zugedeckt werden. Dies gelingt z. B. durch die ständige Reproduktion der Binarität „eigener Verein anderer Verein“, was sich in unterschiedlich ausgeprägten Freund-Feind-Schemata untereinander fortsetzt.

Diffus ist diese Idee der kollektiven Identität, da sie einen Nebel aus Vereins- und Selbstbild bedeutet: „Da es sich um kommunikativ erzeugte Identitäten sozialer Systeme oder anderer sozialer Zusammenhänge handelt“, so Riedl, „ist auch klar, dass die Mitglieder, die sich mit diesen Systemen identifizieren, weder identisch mit der kollektiven Identität sind noch ihre individuelle Identität völlig aufgeht.“105

Es ist, als würden verdrängte Ideen und Wünsche, die im als fremdbestimmt empfundenen Alltag hintanstehen müssen, in ein Identitätsgebaren, in einen Wunsch nach Gruppenidentität zu kompensieren versucht. In solch einem Prozess erfindet der Fan sein Ventil zur Gefühlsäußerung immer wieder neu, das bei der Erfindung schon systemisch gemainstreamt wird. Im Sinne einer „Wunschmaschine“106 kann sich eine kollektive Identität immer wieder erneuern. So kommt es zur Illusion einer befreienden Deterritorialisierungsbewegung im Sinne von Gilles Deleuze und Félix Guattari.107 Denn sie impliziert Vorstellungen von Überlegenheit, die viele Ultras über ein betont symbolisches Territorialverhalten zu etablieren versuchen. Werden lokal gesteckte Grenzen oder z. B. die Ehre verletzt, können gewaltförmige, körperliche Verweise von Ultras durch gegnerische Ultras folgen.

Die Repräsentanzformen von Ultras sind ritualisiert und inszenieren den Körper einer Gruppe betont auffällig. „Im rituellen Handeln ergeben sich (…) Spielräume für spontanes und kreatives Handeln, bei dem die bestehenden Normen der Gemeinschaft auch außer Kraft gesetzt oder modifiziert werden können. (…) Rituale sind in Machtbeziehungen eingebunden und strukturieren soziale Wirklichkeit; sie schaffen und verändern soziale Ordnungen und Hierarchien.“108 Im Zusammenspiel mimetischer, performativer und ritueller Prozesse setzen Ultras immer wieder die Existenz ihrer Variante des Fußballspiels symbolisch in die Welt und formulieren über ständige Selbstvergewisserung hinaus den Wunsch nach diesbezüglicher Veränderung. In der Liebe zur Idee vom Verein und dem Versagen ihrer Einlösung wiederholt sich von Spieltag zu Spieltag das o.g. Zusammenspiel, weil frei nach Wilhelm Schmid sich das Individuum nach dem Spiel allein zu Hause auf sich selbst zurückgeworfen findet, „zwischen den Ruinen der Repräsentation, in den Trümmern der Welt seiner Vorstellungen, in denen das Einssein mit dem Anderen [als Individuum, d. A.] so große Bedeutung hatte“.109

Das Nichteintreten einer Veränderung zumindest einer Annäherung kann Unmut, Verzweiflung und Trotz anhäufen, was wiederum situativ Gewaltförmigkeit und physische Gewalt gebären kann, die sich letztendlich routinisiert. Zunächst erscheint sie temporär, z. B. als Reaktion auf empfundene Polizeiwillkür oder gerichtet gegen eine andere Ultragruppe oder gar die symbolische Konstruktion eines Vereins, der immerhin veränderbarer erscheint als die etablierte Ordnung. Im Verlauf einer performativen Kette temporärer Gewaltförmigkeiten auch weil man durch den anderen vergleichbaren männerförmigen Bund namens Ordnungsmacht als bleibend gewaltförmig markiert ist kann sich die Bereithaltung von Gewalt verstärkt in den Habitus von Ultras einschreiben. Wird ihnen zuvor und danach der Raum für das Zusammenspiel mimetischer, performativer und ritueller Prozesse sukzessive beschnitten als Fankultur sind sie ja selbst schon ein Ergebnis jahrzehntelanger Disziplinierung von dem, was Fansein für sie bedeutet , entfällt die für sie so notwendige Möglichkeit einer simulierten Katharsis. Dies kann die Verfestigung des o.g. symbolischen Gruppenpanzers und Gewaltförmigkeiten ebenso begünstigen.

Ist der Fußball nur eine Folie für eine Kritik am eigenen Zustand, an der Verortung des Selbst in der Gesellschaft, dann ist die Deutung des o.g. Zusammenspiels von Mimesis, Performativität und Ritual vielschichtiger Art. Dann kommentieren, simulieren, wiederholen Ultras in ihrem Handeln hoffnungsvoll ihre individuelle Entwicklung, die Vergemeinschaftung, das eigene Eintreten in die soziale Ordnung bzw. die Sozialwerdung des Subjekts. Der Auftritt an einem Spieltag beinhaltet damit auch eine ständige Selbstinitiation. Dieser Vorgang kann gleichsam den Ausdruck eines Kommentars zu herrschaftlichen Machtgefügen, einer Individualisierungskritik und eines Ausbruchsversuchs bedeuten. Unreflektiert bleibt dies ein Wunsch, der in seiner frustrierten Version als Gewalt mit der etablierten Ordnung aneinandergerät.

Das begehrte Aufgehen in der Gruppe, das so erwünschte „Einander-ähnlich-Werden im gemeinsamen Vollzug von Ritualen oder rituellem Verhalten geschieht über eine sinnlich-körperliche (mimetische) ‚Ansteckung‘, die in manchen Situationen zur Zurückstellung individueller Verhaltenssteuerung und Verantwortung führen kann. In solchen Momenten kann Mimesis in Mimikry umschlagen und das potenziell Gemeinschaft stiftende Ritual zum bloßen Anpassungszwang für Individuen verkommen.“110

Hier befindet sich ein Herleitungsmoment für Gruppenzwänge, für Frustration aus dem Gruppenaffekt heraus, für die Gewöhnung an hegemoniale Männlichkeiten, Feindseligkeiten und Gewaltförmigkeiten sowie ihre sich stets bestätigende Einschreibung in das persönliche Handlungsrepertoire. Kritisches Potenzial wechselt die Maske und kann sich mitunter sozialdarwinistisch oder in von Weißsein geprägtes Selbstbewusstsein wenden.

Was Ultras im Identitätsbildungsprozess der Gruppe eint, ist ihre territorial (selbst-)bestimmende, revierbewusste Ausrichtung. Die Manifestation von Orten einer gefühlten Region z. B., der sich ein Ultra zugehörig fühlt erscheint zumindest in ihrem Etikett als ein unveränderliches Kennzeichen. Auch wenn Vereine ständig ihre personelle Zusammensetzung, die Trikotfarben oder das Klubwappen ändern, wenn ein Stadionname durch das Werbeinteresse von Konzernen mehr als nur einmal gewechselt oder gar ein neues Stadion für den eigenen Verein in einem anderen Stadtteil errichtet wird: Die Stadt mit ihren identitär von den Ultras angeeigneten, z. T. überhöhten Merkmalen bleibt am gleichen Fleck. Als personifiziertes Pendant dazu gestalten sich die Ultras.

Über die Erfindung einer eigenen „community“ mit eigenem Regel- und Leistungssystem also im vielschichtigen Wettstreit mit anderen Ultras eignet sich eine Ultragruppe den Fußball konstruktivistisch an. Sie erfindet für sich den Verein neu und lädt ihn mit eigenen Distinktionsmerkmalen auf. Eine Ultragruppe bildet also eine Gemeinschaft gegen einen, von ihnen selbst nur unscharf definierten „modernen Fußball“ und stellt ihre ausdiskutierten Regeln gegen die der etablierten, definitionsmächtigeren Ordnung. Ultras sind also nicht nur eine Reaktion auf, sondern auch ein symbolisches Aufbäumen gegen die übermäßige Kommerzialisierung111, ein möglicher Seismograf, der gegenwärtige und zukünftige Gefahren der Profitmaximierung ausmalen kann.

Der Schatten hegemonialer Männlichkeiten schließt ihr Partizipationsideal nicht aus, auch nicht „Solidarität, Respekt, Toleranz, Selbstreflexion, Ehrlichkeit und Hingabe“.112 In der Beanspruchung solcher Werte sehen sie sich als wahre Hüter von Stimmung und Tradition im Fußball. Man zieht Personen als Helden und Erfolgsdaten mit Heldenstatus aus der Vereinsgeschichte heran und hält sie im wahrsten Sinne des Wortes auf Bannern dem Team und dem Verein vor. Im Verlauf der Ultrageschichte hat es sich zu einem Hauptaugenmerk entwickelt, dass sie den Vereinen und Verbänden auf vielerlei Art zu verstehen geben, dass sie ihr identifikatorisches Potenzial zunehmend verspielt haben. Ultras sind ein vorläufiges, posttraditionelles Ergebnis eines Abnabelungssprozesses des Fußballs von seinen Fans im Stadion. 113 Sie tun alles für den Verein, jedoch so, wie sie ihn sich in über die konstruierte Identität der eigenen Gruppe eklektizistisch zusammenbauen. Die notwendige Erfindung ihrer selbst fordert den Verein, der ursprünglich selbst eine Erfindung war, expressiv dazu auf, sich wieder verstärkter jenseits von Kommerz zu erfinden.

In diesem Kontext setzen Ultras sich für einen re-modernisierten Holismus ein, während sie im Sinne Gunter Gebauers114 dabei Kinder eines „Zeitalter(s) des extremen Individualismus“115 bleiben können. So wie Gebauer es für die einstigen Merkmale des Sports nachzeichnet, formulieren sie „einen merkwürdigen Mischcharakter von Modernität und Traditionalität“. Mit der „Freisetzung des Individuums (…) unter der Kontrolle von Gemeinschaftsgedanken“116 wiederholen sie auf den Rängen, was der Sport eingebüßt hat. Peter Schüngel vom Institut für Fußball und Gesellschaft (IFG) bestätigt das: „Ultras bilden gewissermaßen einen Verein im Verein. Dort wollen sie das Vereinsleben leben, das an sich im professionellen Fußball nahezu ausgestorben ist. Das Bedürfnis ist aber noch da, die Ultras leben das eben in ihrer Gruppe aus.“117

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
425 s. 10 illüstrasyon
ISBN:
9783895338489
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar