Kitabı oku: «Der Hüter»

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Jasmin Jülicher

Der Hüter

Stadt der Asche

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Der Hüter – Stadt der Asche

© Jasmin Jülicher Annastraße 87

47638 Straelen Deutschland

Coverillustration: Hannah Böving

Lektorat & Satz + Layout: Ka & Jott, Bernau bei Berlin

Illustrationen: www.pixabay.de www.shutterstock.com www.123rf.com

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14



Kapitel 1

Benommen stolperte Alexander aus der Luke des Golems, in dem Oliver, Nic und er die letzten zwei Wochen verbracht hatten. Seine Beine sackten unter ihm weg und er landete mit Händen und Knien im schwarzen Sand.

Hinter ihm kletterte Nic aus der Maschine und half Oliver heraus, der mit schmerzverzerrtem Gesicht eine Hand auf die Schusswunde in seiner Schulter drückte.

Alexander ließ den schwarzen Sand durch seine Finger rieseln. Endlich wieder fester Boden unter den Füßen. Er blickte hinauf. Da war er, der Himmel. Blau, mit winzigen weißen Wolken, endlos. In Biota hatte er ihn nicht sehen können, niemals. Dort hatte es nur Wasser gegeben, Wasser überall um die Stadt herum. Und dunkel war es gewesen auf dem Grund des Meeres.

Dieser Himmel … Er bekam eine Gänsehaut. Bereits als sie mit dem Golem auf ihrer Flucht kurz aus dem Meer aufgetaucht waren, hatte er sich fast in ihm verloren. Von dem Gefühl der Unendlichkeit wurde ihm schwindelig. Er richtete seinen Blick wieder nach unten.

Erschrocken wich er zurück. Nur wenige Meter von ihm entfernt standen fünf Männer. Stumm starrten sie ihn an. Alle trugen braune Stoffhosen und ausgeblichene blaue Hemden, über denen eine braune Lederweste hing. Zwei von ihnen hatten sich einen Gürtel über die Brust geschnallt, an dem kleine metallische Gegenstände glänzten. Und sie alle zielten mit etwas auf ihn, das Alexander verdächtig an die Waffen des Golems erinnerte, der Oliver auf ihrer Flucht aus Biota verletzt hatte.

»Hallo.« Alexander richtete sich auf. »Bitte … Wo sind wir?«

»Wen haben wir denn da?«, fragte der Mann ganz links, ohne ihm zu antworten, und legte den Kopf schräg. Er war Mitte vierzig und auf seinem Kinn spross ein stoppeliger dunkelblonder Bart. Seine ebenfalls dunkelblonden Haare waren seitlich gescheitelt und makellos glatt.

Erst glaubte Alexander, der Mann benutze eine völlig andere Sprache als die, die in Biota gesprochen wurde, dann jedoch erkannte er, dass es lediglich die breite und schleppende Aussprache war, die die Worte so fremdartig wirken ließ.

»Ich weiß nich’, Jesse, frische Beute würd’ ich sag’n!« Die anderen Männer grölten vor Lachen.

Ängstlich betrachtete Alexander den Sprecher aus dem Augenwinkel. Er trug ein Halstuch und einen zerlumpten schwarzen Zylinder, der ihn kleiner wirken ließ, als er es eigentlich war. Unordentliche blonde Locken quollen darunter hervor.

Verärgert wandte sich der angesprochene Jesse ihm zu. »Ach, halt die Klappe, McCarty!« Zu den anderen sagte er mit einem Nicken hinüber: »Schnappt sie euch!«

Die drei anderen Männer, jeder von ihnen sehr viel größer und breiter als Alexander, kamen auf ihn, Nic und Oliver zu.

»Stopp!« Nic war vorgetreten und hatte die Hand gehoben. Sie schob Oliver hinter ihren Rücken. »Ich verlange, zu erfahren, wo wir sind und wo Sie uns hinbringen wollen.«

»Sie verlangt es, habt ihr das gehört?« McCarty schlug sich auf die Schenkel und lachte schrill und höhnisch.

Alexanders Augen zuckten von einem Mann zum anderen.

»Ihr solltet mir antworten!« Nics Stimme bebte geradezu vor Autorität, doch die Männer waren nicht nur unbeeindruckt, sie lachten so laut, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Nur der Anführer, derjenige, der den anderen die Befehle erteilte, blieb ernst.

»Sollten wir das?«, fragte er Nic gedehnt.

»Ja.« Nic deutete auf die Wände hinter ihnen und die Hügel rundherum. »Wo sind wir?«

»Ihr seid in Narau.«

Narau. Endlich hatte ihr Ziel einen Namen.

»Und jetzt nehmt sie endlich gefangen.« Der Anführer machte einen Schlenker mit seiner Waffe und die Männer setzten sich sofort in Bewegung. McCarty griff nach Alexanders Armen, doch Alexander schlug seine Hände zur Seite.

»Finger weg!« Sein Mund war trocken und er wich nach hinten aus. »Ihr könnt uns nicht mitnehmen. Wir sind frei, wir können tun, was wir wollen.«

»Junge, du bis’ in Narau, du bis’ nich’ frei«, höhnte McCarty und griff erneut nach seinen Armen. Diesmal war Alexander zu langsam, seine Bewegungen waren zu träge von den Wochen im Inneren des Golems. McCarty schlang ein Seil um seine Handgelenke und wich den Tritten, die Alexander ihm verpassen wollte, mühelos aus. »Na, na, na, tu dir lieber nich’ weh.« Alexander wusste, dass er verloren hatte, doch er hatte nicht vor, es diesem McCarty leicht zu machen, und versuchte, ihm ruckartig das Seil aus den Händen zu reißen, doch er schürfte sich dabei nur die Handgelenke auf.

»Hey!« Nics Schrei ließ ihn herumfahren. Einer der Männer, ein grobschlächtiger Kerl von fast zwei Meter Körpergröße, wollte Oliver ebenfalls Fesseln anlegen. Der Junge schwankte, schrecklich bleich im Gesicht. Nic stieß den Mann mit beiden Händen in die Seite. »Lass ihn in Ruhe.« Ihre Augen funkelten und sie stellte sich wieder schützend vor Oliver.

»Oh, die hat ja Feuer.« McCarty kicherte.

»Er ist verletzt, sehen Sie das nicht?« Nic deutete auf Olivers Schulter. Zwar hatten sie während der Reise versucht, sie zu verarzten, doch irgendetwas stimmte nicht mit der Wunde.

»Na und?« Der riesige Mann zuckte mit den Schultern.

»Nicht unser Problem.« Wieder griff er nach Oliver, doch Nic sprang ihm in den Weg.

»Nein!«

»Na, dann nehme ich halt erst dich, mir auch egal.« Der Mann schwenkte herum und griff nun nach Nics Händen, doch sie reagierte rasch und zog sie weg, dann hastete sie nach vorn, zum Anführer. Dieser hob seine Waffe und ein gewaltiger Knall erschütterte die Felswand in ihrem Rücken, sein Echo hallte nach. Sand stob vor Nics Füßen auf.

»Einen Schritt weiter und die nächste Kugel trifft dich. Dann habt ihr beide so ein hübsches Loch.« Jesse deutete auf Oliver.

»Nur einen Schritt.«

Wie erstarrt blieb Nic stehen, doch sie dachte offenbar nicht daran, klein beizugeben. »Bitte, er braucht einen Arzt, hier gibt es doch sicher einen Arzt, richtig?«

»Du has’ es offenbar nich’ kapiert, was Mädchen?« McCarty schüttelte betont tadelnd den Kopf und sein Zylinder hüpfte hin und her. »Du has’ hier gar nix zu melden, nix zu fordern. Du kanns’ gar nix machen.«

»Wollt ihr einen kleinen Jungen sterben lassen?« Nun hatte auch Alexander genug. »Bitte, ihr könnt uns ja mitnehmen, wohin auch immer, aber bringt ihn zu einem Arzt.«

Jesse schüttelte den Kopf. »Ist mir egal, was mit ihm ist. Das soll jemand anderes entscheiden. Wir bringen euch in die Stadt. Solange ihr noch lebt, krieg ich Geld für euch. Also los.« Wieder machte seine Waffe eine wippende Bewegung, und nun gingen gleich drei der Männer auf Nic los, während McCarty sie mit hämischen Kommentaren anfeuerte. Es dauerte nicht lange und auch Nic und Oliver waren gefesselt und hingen an Leinen, die die Männer fest in der Hand hielten.

»Na endlich. Dann los.«

»Was is’n das eigentlich für ein Ding?«, nuschelte McCarty, als Jesse sich schon umgedreht hatte, und deutete auf den Golem.

»Das ist –«, setzte Alexander an, doch wurde sogleich rüde von Jesse unterbrochen.

»Ist doch völlig egal, was das ist. Darum können wir uns später kümmern, kann man sicher einschmelzen. Vielleicht zahlt Wesson uns dafür ja was.«

Noch immer fiel es Alexander schwer, aus dem schleppenden Tonfall der Männer die einzelnen Wörter herauszuhören, aber er hatte langsam das Gefühl, sich daran zu gewöhnen.

»Was haben Sie jetzt genau mit uns vor?«, ertönte Nics Stimme hinter seinem Rücken.

»He, Jesse, die hier will genauer wissen, was wir mit ihr vorhab’n. Wills’ du es ihr sag’n?« Lachend stieß McCarty Alexander in die Seite.

»Das sieht sie noch früh genug«, erwiderte Jesse gelangweilt.

»Beweg dich mal lieber. Will wieder zurück in die Stadt, die geben sicher ein hübsches Sümmchen.«

Redeten die etwa davon, sie zu verkaufen? Mit weit aufgerissenen Augen sah Alexander von einem zum anderen. »Moment mal, Sie können doch nicht …« Keiner der Männer hörte ihm zu.

»Schau doch mal, wie hübsch die hier ist. Na ja, wieder sein wird. Die braucht erstma’ ein ordentliches Bad.«

Jesse ging gemächlich auf Nic zu und packte sie am Kinn. Wütend starrte sie ihm ins Gesicht und versuchte, sich seinem Griff zu entwinden, doch er war zu fest.

»Oh ja«, sagte Jesse langsam. »Die hat wirklich richtig Feuer, und das will hier schon was heißen.« Er lachte lauthals über seinen eigenen Witz, und nach wenigen Augenblicken stimmten auch die anderen Männer mit ein.

»Bin sicher, der alte Grady würde sie gern in die Finger bekommen, meinst du nich’ auch, Johnson?« Beifall heischend blickte McCarty zu dem Mann hinüber, der Nic am Seil hinter sich herführte.

Der zuckte nur mit den Schultern. »Kann schon sein«, murmelte er leise.

»So, dann lasst uns mal einen Zahn zulegen, ich will noch in den ›Old Hat‹«, verkündete Jesse und erhöhte sein Tempo.

»Willste deine hart verdiente Kohle gleich wie’er verlier’n?« McCarty betrachtete ihn feixend.

Jesse sah zurück, rollte nur mit den Augen und winkte den anderen über die Schulter zu, damit diese ihm folgten.

Alexander begriff nicht, worüber die Männer sprachen. Es lag nicht nur an der Art und Weise, wie sie alles aussprachen, es lag auch an den Wörtern, die sie benutzten.

»Deine Spielerei wird dich noch mal in die Hölle bringen!« Brüllendes Lachen war der Dank für diese Bemerkung.

»Da bin ich doch schon längst, sonst wäre ich nicht mit eurer Gesellschaft gestraft worden«, antwortete Jesse ebenfalls grinsend.

Alexander folgte ihrem Wortwechsel ratlos. Die »Hölle«? Was mochte das sein? Eine Art Gefängnis vielleicht?

»Also, das hier ist Narau, habt ihr gesagt?« Alexander deutete mit seinen zusammengebundenen Händen in die Richtung, in die sie gingen.

»Ja, Trottel.« McCarty gab ihm einen Stoß in den Rücken und er stolperte vorwärts.

Narau … auf den Karten, die sie zur Navigation benutzt hatten, war kein Name eingezeichnet gewesen. Der einzige Hinweis auf einen Vulkan war ein unförmiger kleiner Berg gewesen, der unter den Inseln von Hawaii eingezeichnet war. Sie hatten ihn aus purer Verzweiflung angesteuert, als ihnen die Möglichkeiten ausgegangen waren, wo die in einem Vulkan verborgene Stadt noch liegen konnte. Alle anderen Vulkane waren unbewohnt und lebensgefährlich gewesen, einige wenige sogar unauffindbar.

Überhaupt hatten sie nur von dieser Stadt erfahren, weil sie in Biota – verbotenerweise – mit den Dunklen gesprochen hatten, Menschen, deren Gedächtnis im Gegensatz zu ihrem noch intakt war und die von den Oberen deshalb eingesperrt worden waren. Sie hatten sich an eine andere bewohnte Stadt als Biota erinnern können und einen Vulkan im Pazifik als einzigen Hinweis genannt.

Zu gerne würde er sich auch an etwas erinnern, an etwas außerhalb von Biota. Doch bei ihm hatte die Anpassung an die Stadt funktioniert, sein Gedächtnis war von den Wissenschaftlern schon vor Jahren gelöscht und manipuliert worden. Alles, was er jemals außerhalb von Biota gesehen hatte, war unwiederbringlich fort.

In Gedanken versunken stolperte Alexander erneut. Auf dem groben Weg fiel er hart auf die Knie und rang nach Luft. Er war so müde.

Ungeduldig zerrte McCarty an dem Seil, das er um Alexanders Hände geschlungen hatte.

»Mach schon. Keine Lust, hier hint’n festzusitz’n, nur weil du nich’ richtig lauf’n kanns’!«

Mühsam rappelte Alexander sich wieder auf. Seine Knie schmerzten, doch noch schlimmer war der Durst, der ihn seit Tagen quälte. Zwar hatten sie im Golem Süßwasser aus dem Meerwasser gewinnen können, das sie von allen Seiten umgab, doch während der letzten Tage ihrer Reise hatte der Mechanismus nach und nach den Geist aufgegeben. Wenige Stunden, bevor sie Narau erreicht hatten, war das Wasser genauso salzig gewesen, als hätten sie es direkt aus dem Ozean getrunken. Alexander verdrängte den Gedanken an ein kühles Getränk. Er hatte nicht vor, diese Männer um Wasser anzubetteln. Wenigstens hatten sie die Stadt erreicht, die Dunklen hatten also nicht gelogen. Sie existierte tatsächlich!

Nur den Empfang hatte er sich anders vorgestellt.

Gequält verzog Alexander das Gesicht, als der Mann vor ihm am Seil riss und sich die groben Fasern schmerzhaft in seine Handgelenke gruben.

»Ich mache, so schnell ich kann«, krächzte er und eilte McCarty hinterher.

Von Oliver und Nic war den ganzen Weg über kaum etwas zu hören, nur ab und zu ein Stöhnen von Oliver und gemurmelte Worte von Nic. Das änderte sich jedoch, als sie den Gipfel des kleinen Hügels erreichten, der, wie sich jetzt herausstellte, das Innere des Vulkans war, das zu den Seiten sanft anstieg.

»Unglaublich«, flüsterte Nic hinter ihm und auch von Oliver kamen bewundernde Laute. Gesprochen hatte der Junge seit zwei Tagen nicht mehr. Die Schussverletzung an seiner Schulter verheilte kaum und es ging ihm zusehends schlechter. Von Zeit zu Zeit hatten Alexander Gewissensbisse geplagt. Vielleicht wäre es Oliver besser ergangen, wenn sie ihn in Biota zurückgelassen hätten. Doch diese Gedanken hatte er immer schnell wieder verdrängt. Hätten sie ihn bei den Dunklen gelassen, wäre er vermutlich von ihnen ermordet worden. Dann war eine Schusswunde auf der Flucht aus der Stadt doch die bessere Wahl.

Hinter dem vermeintlichen Hügel war der Rest von Narau sichtbar geworden. Eine Stadt inmitten eines Vulkankraters. Die Wände des Kraters ragten so hoch in die Luft, dass sie sich in dem Dunst verloren, der wie ein Schleier über der Stadt hing. Sie waren schwarz und zerklüftet, spitz und massiv. Vor ihrer kleinen Gruppe erstreckte sich ein langer Weg aus schwarzen Steinquadern, der zu der eigentlichen Stadt aus unwirklich schwarzen und rotbraunen Häusern führte. Obwohl die Sonne schien, konnte sie den seltsamen Nebel, der die Stadt einhüllte, kaum durchdringen. Wie scheußlich es hier roch! Nach faulen Eiern und Kohlefeuern ohne Lüftung. Krampfhaft holte Alexander Luft, sein Hals kratzte und seine Augen tränten, doch er sah sich weiter um.

Auf der linken Seite der Stadt erhob sich eine etwa fünfzig Meter hohe Konstruktion aus Metall, von der aus ein breiter Steg in der Höhe einmal quer über den Krater führte.

»Was ist das?« Nic war neben ihn getreten und sah auf die Konstruktion in schwindelerregender Höhe.

»Nich’ dein Problem, würd ich sag’n.« McCarty kicherte hämisch.

»Das ist der Steg.« Im Gegensatz zu McCarty schien Jesse kein Problem damit zu haben, ihnen etwas über Narau zu erzählen. »Da oben gibt es Fabriken und all so was. Alles, was viel Dreck macht, und viel Rauch absondert.«

»Interessant.« Nic beobachtete den Steg, wo sich offenbar Menschen tummelten, denn Alexander nahm vage Bewegungen im Nebel wahr.

Die Häuser der Stadt schienen wie die Jahresringe eines Baumes nach einer Art Ringsystem angelegt zu sein: Kreise aus Gebäuden, die immer enger wurden. Flachere Häuser standen im äußeren Ring, es folgten höhere Häuser, dann Häuser mit zahlreichen Schildern und Beschriftungen und schließlich – direkt in der Mitte der Stadt – riesenhafte Villen, mit großen Gärten und Säulen neben dem Eingang.

Ganz Narau war eingehüllt von einer brütenden Hitze, die Alexander den Schweiß auf die Stirn trieb. Da seine Hände gefesselt waren, liefen die Schweißtropfen ungehindert über sein Gesicht und rannen ihm in die Augen. Hektisch blinzelnd tappte er seinem Begleiter hinterher und trat ihm versehentlich in die Hacken.

Wütend wirbelte McCarty herum und gab Alexander einen Schubs. Gleichzeitig zog er aus einer Ledertasche an der Seite seines Gürtels eine Waffe. Das dünne, silbern glänzende Metallrohr war direkt auf Alexander gerichtet, der braune Griff schmiegte sich perfekt in die Hand des Mannes. Verängstigt starrte Alexander darauf. Diese Dinger waren der Grund für den Großen Krieg gewesen. Wussten die Menschen hier denn nicht, wie gefährlich sie waren?

McCarty lachte angesichts Alexanders ängstlichen Gesichtsausdrucks. »So ist’s brav«, knurrte er und steckte die Waffe wieder ein.

Sie folgten dem Weg weiter in die Stadt. Einige Minuten herrschte Schweigen, und Alexander fiel auf, wie porös die Steine waren, auf denen sie liefen. Jeder Einzelne von ihnen bestand aus unterschiedlich großen Blasen und hatte eine etwas andere Form als der nächste neben ihm. Rechts entdeckte er eine große Wiese, die fast ein Viertel des Kraters einnahm und sich bis zu seinem Rand hinzog. Mehrere Menschen und metallene Maschinen waren darauf mit ihrer Arbeit beschäftigt. Dichte Rauchschwaden schwebten über ihren Köpfen, und Alexander hätte zu gern gewusst, was sie dort taten, doch McCarty zog ihn unerbittlich weiter.

Nach wenigen Minuten passierten sie den ersten Ring aus heruntergekommenen Häusern. Sie erinnerten Alexander an die Stadt der Dunklen in Biota. Viele der schwarzen Steine, aus denen die Hauswände bestanden, waren zerbrochen, die Türen aus Holz waren gesplittert und Unrat säumte die Straße, die einmal im Kreis um den Häuserring herumlief. Vor den Häusern spielten Kinder auf der Straße. Sie waren so dünn, dass Alexander problemlos ihre Rippen zählen konnte. Ihre Gesichter waren eingefallen und schmutzig. Die wenigen Erwachsenen, die er sah, trugen dicke Metallringe um den Hals und starrten mit leerem Blick vor sich hin. Neugierig betrachtete Alexander die Menschen, deren Aussehen er nicht einordnen konnte. Sie hatten eine dunklere Haut als er selbst, ein flacheres Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer scharf geschnittenen Nase. Ihre tiefbraunen Augen folgten der kleinen Gruppe, bis sie durch eine Gasse in den nächsten Häuserring eintauchten.

Staunend betrachtete Alexander die Häuser in diesem Ring. Sie waren höher als in der Reihe zuvor, er schätzte sie auf zehn Meter, zwei Stockwerke mit einer kleinen Veranda auf der Vorderseite. Die Fassaden waren von dunkelbrauner Farbe, hatten eckige und ovale Fenster und wirkten gepflegt. In den Fenstern der meisten Gebäude standen Pflanzen, viele mit Stacheln, aber alle ohne Blüten. Auch hier befanden sich Menschen auf den Straßen, nur ähnelten sie denen aus dem ersten Ring nicht im Geringsten. Wie er selbst waren sie weiß und keiner von ihnen trug einen Metallreif um den Hals. Die Frauen trugen entweder Kleider aus Leinen oder Baumwolle, mit Rüschen und ohne, oder lange braune Hosen, die Männer braune Hosen und blaue Hemden. Alle, Frauen und Männer, trugen diese metallischen Waffen bei sich, die auch ihre Bewacher hatten, entweder auf dem Rücken oder in einer Ledertasche an der Hüfte. Alexander hätte nur zu gerne gewusst, wozu sie dienten und wie sie funktionierten. Denn darüber hatten die Oberen ihnen leider nichts erzählt. Er verrenkte sich fast den Hals, als er versuchte, die länglichen Waffen auf dem Rücken einer Frau näher zu betrachten, bis sein Entführer ihn mit einem harten Ruck weiterzog.

»Ich verlange, dass Sie uns endlich zu einem Arzt bringen.« Mit verschränkten Armen war Nic stehengeblieben. »Er kann nicht mehr weiter. Bitte, ich mache mir wirklich Sorgen.« Auf Olivers Stirn standen Schweißperlen. Seine Augenlider waren halb herabgesunken und er hielt sich eher dadurch aufrecht, dass er am Seil ihrer Bewacher hing, als dass er aus eigener Kraft stand.

»Jetzt hör mir mal zu.« Jesse trat so dicht vor Nic, dass seine Nase fast ihre berührte. »Ihr gehört nicht hierher. Ihr habt nichts zu melden. Ihr habt kein Geld, keine Macht, keine Waffen. Nichts, was uns auch nur irgendwie interessieren könnte. Das einzige, das mich an euch interessiert, ist das Geld, das ihr mir einbringen werdet. Sonst nichts, verstanden?«

Für ein paar Momente war es absolut still. Alexander sah, wie es hinter Nics Stirn arbeitete. Er wusste, dass sie nicht nachgeben wollte, doch er hoffte, dass sie es tat. Ein Streit würde ihnen nichts außer Probleme bringen. »Wenn wir in Biota wären …«, zischte Nic, dann trat sie einen Schritt zurück.

»Geht doch.« Jesse winkte den anderen und sie zogen weiter. Im nächsten Viertel wurde die Straße ebener und silberne Laternen, in denen kleine Flammen brannten, standen in gleichmäßigen Abständen am Rand. Der seltsame Nebel war hier weniger dicht, doch noch immer atmete Alexander keuchend und konnte alles nur durch einen Schleier erkennen. Die Häuser im dritten Ring hatten verschiedene Formen, nicht wie in den Ringen zuvor, wo jedes Haus dem nächsten glich. Eins von ihnen hatte sogar eine riesige Schere auf dem Dach montiert. »Dan’s Schleiferei«, entzifferte Alexander mit zusammengekniffenen Augen.

Ein anderes hatte ein abgeflachtes Dach, auf dem ein riesiger metallischer Golem mit rot glühenden Augen stand. In seinen ausgestreckten Händen hielt er eine große Waffe, die aus zwei Metallrohren bestand. Es sah beinahe so aus, als ziele er auf die Besucher, die den Laden betreten wollten. Auf dem Metallschild, das schief an der Häuserecke angebracht war, stand

»Smith & Wesson«.

»Verdammt!« McCarty deutete genervt zum Himmel. »Jetzt hat Wesson schon wieder mit der Schmelze begonn’n. Von dem Geld für den Schrotthaufen könn’ wir uns schon ma’ verabschied’n.«

Alexander blickte ebenfalls hinauf und blinzelte krampfhaft. Aus der Luft rieselten die ganze Zeit kleine Flocken auf ihn hinab, die in seinen Augen kratzten und brannten. Nach wenigen Sekunden entdeckte er im grauen Nebelschleier jedoch den schwarzen Umriss des Stegs, der sich einmal quer durch den Vulkankrater zog.

»Krieg’ dich wieder ein, dann halt nächste Woche.« Grob klatschte Jesse seine Hand auf McCartys Schulter und ging an ihm vorbei. Leise vor sich hin murmelnd trottete McCarty ihm hinterher und sie betraten den letzten und innersten Ring der Stadt. Hier gruppierten sich sechs Häuser in einem engen Kreis, in dessen Inneren ein Garten angelegt war. Riesige schwarz glänzende Säulen säumten die Eingänge. Doch die Männer schleiften sie nicht in eines der Häuser, wie Alexander es erwartet hatte, sondern gingen an ihnen vorbei und betraten durch eine gegenüberliegende Gasse wieder den dritten Häuserring. Häuser zu beiden Seiten der Straße bildeten einen langen Gang, nur durchbrochen von Wegen, die in die anderen Ringe führten. Zielstrebig steuerten die Männer auf ein hüfthohes Podest aus schwarzem Stein zu, neben dem ein Mann stand. Er hatte die Haare mit einem Lederband aus dem Gesicht gebunden. Am Leib trug er schwarze Hosen, nur eine Lederweste auf der nackten Brust und hatte sich eine Art geflecktes Tierfell um die Handgelenke geschlungen.

»Hey, Jim!«, begrüßte Jesse ihn.

Jim nickte nur und betrachtete die Gruppe mit hochgezogenen Augenbrauen. »Was habt ihr denn da Schönes für mich?«, fragte er mit monotoner Stimme. Trotz seiner Frage schien es ihn nicht sonderlich zu interessieren.

»Neue Ware.« Jesse deutete auf Nic, Oliver und Alexander.

Das also waren sie jetzt? Nur eine Ware?

»Neu sehen die nicht gerade aus. Und auch nicht, als könnten die arbeiten. Dafür kriege ich sicher nicht viel.« Abschätzig glitt sein Blick über Alexander und dann weiter zu Oliver, der gekrümmt dastand und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

»Schau’ dir doch ma’ die hier an.« McCarty deutete auf Nic.

»Wenn die nich’ viel einbringt, dann weiß ich auch nich’. Allein die Haare!« Grob fuhr er Nic durch ihre langen dunkelblonden Locken. Wütend schüttelte sie den Kopf, doch McCarty schnalzte nur mit der Zunge und tätschelte ihre Wange.

»Und Temperament hat sie auch noch.«

Jim wiegte seinen Kopf hin und her. »Ich weiß nicht …«

Jesse tippte mit den Stiefelspitzen auf den Steinboden. »Ja oder nein? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit für deine Spielchen.« Fest blickte er Jim in die Augen. Als Jim nichts sagte, zuckte er nach wenigen Sekunden mit den Schultern und wandte sich zum Gehen.

»Abmarsch, Jungs!« Auch die anderen Männer drehten sich um und zogen die Gefangenen an den Seilen hinter sich her.

»In Ordnung, alles klar!«, rief ihnen Jim genervt hinterher.

»Du hast gewonnen, verdammter Hund!«

»Wie viel?«, knurrte Jesse.

»20 Gramm. Mehr ist aber nicht drin!«

»25 und wir sind uns einig.«

»Du ruinierst mir noch mein Geschäft.« Jim seufzte demonstrativ. »25 Gramm, alles klar.«

Er kramte in einer kleinen Ledertasche an seinem Gürtel, dabei schlugen die zwei Waffen daran klirrend aneinander. Schließlich zog er fünf kleine goldene Plättchen aus dem Beutel und drückte sie Jesse in die Hand. »Da! Und jetzt verzieht euch von hier!«

»Nur zu gerne«, erwiderte Jesse und gab den anderen das Zeichen zum Aufbruch. Sie übergaben Jim die Seilenden und verschwanden in der nächsten Gasse. Dumpf tönte McCartys leiser werdende Stimme herüber. »Jetz’ gib’ mir schon mein’n Anteil!«

Unsicher sah Alexander Jim an. Der grinste nur und zog an ihren Seilen.

»Los, kommt mit!« Unsanft riss er an den Fesseln, doch sie bewegten sich nicht von der Stelle. Was geschah nun mit ihnen? »Ach, ihr sprecht unsere Sprache wieder nicht, immer das Gleiche …«

»Nein«, sagte Alexander. »Aber wir bewegen uns erst, wenn Sie ihm helfen. Er braucht einen Arzt.« Er deutete auf Oliver.

»Helfen?« Jim lachte schallend. »Ich werd’ dir gleich helfen. Du bewegst dich jetzt.«

Doch Alexander schüttelte den Kopf. Nic trat an seine Seite.

»Nein«, sagte auch sie. »Er wird nicht mehr lange durchhalten.« Sie griff nach Olivers Hand.

»Mir völlig egal. Ihr geht da jetzt endlich rein.« Er deutete auf ein kleines Gebäude mit vergitterten Fenstern.

»Das werden wir nicht tun«, erklärte Nic mit fester Stimme und der steifen Haltung der Botania, die sie in Biota gewesen war.

Schimpfend wandte der Mann sich ab und bückte sich. Plötzlich wirbelte er ruckartig wieder herum. Er hatte etwas in der Hand, das aussah wie ein Stock mit Fransen daran. Klatschend landeten die Fransen auf Alexanders nackten Armen und er schrie auf. Rote Striemen bildeten sich auf seiner Haut.

»Willst du noch mehr?«, knurrte Jim mit einem fiesen Grinsen. Alexander schnappte vor Schmerz nach Luft und schüttelte den Kopf. Er konnte es nicht auf einen Kampf mit diesem Mann ankommen lassen. Er hätte keine Chance. »Und du?« Jim deutete mit dem Stock in seiner Hand auf Nic. Auch sie schüttelte den Kopf, wenn auch mit einem mörderischen Gesichtsausdruck. »Na, geht doch.« Jim zog an ihren Fesseln und führte sie zu dem Gebäude, in dem bereits zwei weitere Personen saßen. Ebenso wie die Menschen im ersten Häuserring hatten sie hohe Wangenknochen und dunkle Haut. Mit verängstigtem Blick sahen sie die Neuankömmlinge an. Alexander versuchte es mit einem Lächeln, doch er war so ausgelaugt und dehydriert, dass es ihm wohl nicht richtig gelang, denn die beiden anderen Gefangenen rutschten auf der schmalen Bank noch ein Stück weiter von ihm fort. Seufzend ließ Alexander sich an der Wand herabrutschen und setzte sich auf den Boden. Nic jedoch drehte sich um und versetzte Jim einen Stoß. »Lass uns hier raus! Du kannst uns nicht einfach gefangen halten!«

Sichtlich überrascht stolperte Jim einen Schritt zurück, fing sich aber gleich wieder und grinste Nic an.

»Schön und kampflustig, das wird meine Kunden sicher freuen.« Er machte einen schnellen Schritt auf Nic zu und griff ihr mit einer Hand an den Hals. Gurgelnd versuchte sie, sich aus dem Griff zu befreien, doch Jim drückte sie gegen die Wand.

»Mach’ das nicht noch einmal, hast du mich verstanden?« Er stieß Nic mit Wucht zurück und verließ den Raum. Mit einem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

»Au!« Mit schmerzverzerrter Miene strich Nic sich über den Hinterkopf. Als sie die Hand wieder löste, waren ihre Finger blutverschmiert. »Er hat dich verletzt!« Alexander sprang auf, um ihr zu helfen, doch sie winkte nur ab.

»Schon gut, das ist nur eine winzige Platzwunde, nichts Schlimmes. Ich bin ja selber schuld. Was habe ich auch erwartet? Dass er uns einfach wieder gehen lässt?« Sie lachte bitter.

»Ich bin nichts hier, Alex. Ich bin keine Botania mehr! Und ohne meinen Titel … Wer bin ich da schon?«

Betroffen senkte Alexander seinen Blick. Natürlich hatte sie recht. In Biota war sie eine Biologin gewesen, eine der Leiterinnen der Stadt, die Leute hatten Respekt vor ihr gehabt, mehr noch: Sie hatten sie verehrt. Ihrem Status war es überhaupt erst zu verdanken gewesen, dass sie die Mordfälle in ihrer Heimatstadt hatten aufklären können.

Doch sie würden einen Weg hier raus finden, dazu brauchten sie keinen Titel!

Ein Stöhnen unterbrach seine Gedanken. Oliver war auf dem Boden zusammengesunken. Frisches Blut sickerte unter der Hand hervor, die er auf die Wunde an seiner Schulter gepresst hatte. Sofort waren Alexander und Nic an seiner Seite.

»Oliver?« Besorgt strich Nic ihm über die Stirn, auf der kalter Schweiß stand. Er reagierte nicht. Alexander hockte sich neben ihn, doch wagte nicht, ihn zu berühren.

»Was ist los?«, flüsterte er leise.

»Er ist ohnmächtig. Ich vermute, die Anstrengung heute und die Wunde waren einfach zu viel. Außerdem glaube ich, dass die Wunde ihn langsam vergiftet, sie heilt einfach nicht und die Bakterien werden sicher bald zu einer Blutvergiftung führen.«

Hilflos sah Nic ihn an. Alexander wusste, dass sie ohne Hilfsmittel auch nichts tun konnte, trotzdem war er ein klein wenig enttäuscht. Sie war immer diejenige gewesen, die gewusst hatte, was zu tun war. Erst jetzt merkte er, wie sehr er sich auf sie verlassen hatte.

Er bemühte sich, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Langsam fuhr er Oliver durchs Haar. »Wir kommen hier ganz sicher wieder raus, ich lasse mir was einfallen.« Er hatte Oliver schließlich nicht aus seinem Gefängnis unter Biota gerettet, damit er nun hier in Narau starb. Gemeinsam legten sie Oliver flach auf den Boden und Nic bettete seinen Kopf auf ihren Schoß.

Alexander lehnte sich mit dem Rücken gegen die Steinmauer. Sie war warm, ebenso wie der Boden. Vorsichtig strich er mit der Hand darüber. Der Stein fühlte sich unter seinen Fingern scharf und grobkörnig an. Er konnte sich nicht daran erinnern, dieses Material jemals in Biota gesehen zu haben. Ganz leicht kratzte er mit seinem Fingernagel darüber und kleine Brocken brachen ab.

Einige Momente lang beobachtete er Nic, die Oliver hin und wieder die Hand auf die Stirn legte. Danach hob sie das Tuch, das seine Schulter bedeckte, hoch und betrachtete die Wunde, deren Ränder so dunkelrot waren, dass sie fast schwarz wirkte. Eine Hand auf seinem Kopf, die andere an ihrem Ärmel, riss sie den Stoff entzwei und tauschte das Tuch mit dem Teil ihres Ärmels.

Alexanders Blick glitt wieder hinüber zu ihren Mitgefangenen. Sie hatten ihre Köpfe von ihm abgewandt und so musterte er ungeniert ihr Profil. Eine scharf geschnittene Nase, die sich nach unten hin deutlich verbreiterte, braune Hautfarbe und Haare, die wie Kohle glänzten. Einer der beiden Männer, die er auf Mitte dreißig schätzte, hatte seine Nase mit etwas durchbohrt, das aussah wie Holz oder Knochen. Beide trugen Ohrringe in leuchtendem Rot und sanftem Grün.

»Entschuldigen Sie«, begann Alexander und hob eine Hand, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Hallo?« Die beiden Gefangenen würdigten ihn keines Blickes. Mühsam erhob Alexander sich und ging hinüber auf ihre Seite der Zelle.

»Hallo«, versuchte er es noch einmal und streckte seine Hand aus. Diesmal musterten die beiden ihn aus ihren dunklen, unergründlichen Augen. Er ließ seine Hand wieder sinken.

»Also … Können Sie uns vielleicht sagen, wo wir sind?« Keine Reaktion.

»Dann vielleicht, was mit uns geschehen wird? Was hat dieser Mann mit uns vor?« Die einzige Antwort, die die beiden ihm gaben, war Schweigen. »Will er uns wirklich verkaufen?« Verzweiflung machte sich in Alexander breit. Es musste doch irgendetwas aus ihnen herauszukriegen sein. »Warum hat man uns gefangen genommen? Und warum Sie?«

Die Augen des einen Mannes hefteten sich wieder auf ihn und sein Gesicht verzog sich verächtlich. Dann schnaubte er und wandte sein Gesicht wieder zur Wand.

»Lass es gut sein, Alex, die sagen uns nichts. Vielleicht verstehen sie uns auch gar nicht.« Nic streckte ihm die Hand entgegen und zog ihn wieder hinab auf den Boden. »Ruh dich lieber aus, ich habe das ungute Gefühl, wir können unsere Kräfte noch gebrauchen.«

Eine Weile später, Alexander hatte in der dunklen Zelle jedes Zeitgefühl längst verloren, öffnete sich die Tür endlich wieder. Licht flutete herein und alle Gefangenen blinzelten in der plötzlichen Helligkeit.

Jim erschien in der Tür. »Alle in einer Reihe aufstellen, macht keinen Unfug, dann passiert euch auch nichts«, bellte er und wedelte mit den Händen. »Los, los!«

Alexander und Nic erhoben sich und traten zur Tür.

Jims Blick fiel auf Oliver. »Was ist denn mit dem los? Der ist doch jetzt nicht etwa verreckt, oder?«

Der genervte Tonfall des Mannes reizte Alexander, doch er bemühte sich, völlig ruhig zu antworten. »Nein, er ist nur ohnmächtig. Das ist die Anstrengung und wir hatten ja auch nichts zu trinken. Er muss unbedingt zu einem Arzt, bitte …«

Abrupt wurde er von Jim unterbrochen. »Jaja. Spar dir deine traurige Geschichte für jemanden, den es interessiert. Ihr beide tragt ihn einfach, klar?« Mit schmutzigen Fingern deutete er auf Nic und Alexander, dann verschwand er. Mit Mühe nahmen sie Oliver in ihre Mitte und trugen ihn aus der Hütte. Obwohl er kaum etwas wog, bereitete sein Gewicht ihnen einige Schwierigkeiten. Auch sie waren mit ihren Kräften fast am Ende, Alexanders Beine waren wackelig, bei jedem Schritt zitterten die Muskeln in seinen Oberschenkeln, als stünden sie unter Strom. Sein Kopf dröhnte, seine Zunge klebte am Gaumen und alles in ihm schrie nach Wasser. Und Nic erging es sicher nicht viel besser.

Außerhalb der Hütte war es noch wärmer. Es musste jetzt später Nachmittag sein und der Nebel in der Stadt hatte sich noch weiter verdichtet. Zwar konnte Alexander die Häuser im Umkreis erkennen, doch über allem lag dieser merkwürdige Schleier.

Jim deutete auf das Steinpodest in der Mitte des Platzes vor der Hütte und Alexander stieg umständlich hinauf. Mit einigen Schwierigkeiten zog er Oliver hoch, während Nic von unten schob. Bei ihren Bemühungen öffnete Oliver die Augen und sah sich hektisch um.

»Ganz ruhig, alles in Ordnung.« Alexander nickte ihm zu. »Dir passiert nichts.« Er sah, dass Oliver etwas sagen wollte, doch kein Wort kam aus seinem Mund. Seine Lippen hatten tiefe Risse und die Mundwinkel waren verkrustet und bluteten an manchen Stellen.

»Wasser«, brachte er schließlich krächzend heraus. Bedauernd schüttelte Alexander den Kopf. »Wir haben keins, noch nicht. Gleich. « Er unterbrach das Gespräch, da Jim mit seiner Peitsche wedelte und ihn zur Eile antrieb.

Die beiden anderen Gefangenen waren ihnen gefolgt. Mit klopfendem Herzen stand Alexander auf dem Podest. Was würde nun geschehen? Was hatte Jim mit ihnen vor? Vor ihrer Flucht hatten sie keinen Gedanken daran verschwendet, wie andere Städte ihren Besuch wohl aufnehmen würden.

Nach und nach versammelten sich Menschen vor dem Podest. Immer schneller wuchs die Menge an, bis Alexander über zweihundert Zuschauer zählte.

Schließlich trat Jim nach vorn an den Rand der kleinen Bühne. Er streckte die Arme in die Luft und das Gemurmel auf dem Platz erstarb.

»Liebe Mitbürger, es ist wieder so weit! Ich habe neue Ware für euch! Lasst uns doch mal sehen, was sie euch wert ist!« Applaus brandete auf. Jim nickte begeistert und die vielen Ringe an seinem rechten Ohr klimperten leise. Er griff nach Nics Hand und zog sie zu sich heran. »Als Erstes möchte ich euch diese Schönheit hier präsentieren. Ein wenig schmutzig, ja, aber mit viel Leidenschaft! Na, wer bietet 10 Gramm?« Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Erste Hände hoben sich.

»20!«

»30!«

Alexanders Gedanken rasten. Aus irgendeinem Grund wollte Jim sie verkaufen. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Er musste es beenden oder zumindest unterbrechen. Nach einem kurzen Zögern trat er vor und stellte sich direkt neben den Verkäufer.

»Was soll der Scheiß?«, zischte der ihm aus dem Mundwinkel zu. »Verzieh dich wieder nach hinten, du bist später dran!« Er gab ihm einen leichten Stoß vor die Brust.

Alexander ignorierte Jim und wandte sich direkt an das Publikum zu seinen Füßen.

»Hallo, ich bin Alexander, das ist Nic und das ist Oliver. Wir sind erst heute in eurer schönen Stadt gelandet, nicht, weil wir euch schaden wollen, sondern weil wir unsere Heimat Biota verlassen mussten.« Erste Rufe ertönten. Alexander konnte zwar nicht verstehen, was die Leute riefen, aber der Inhalt war ganz klar gegen ihn gerichtet. Er schluckte und sprach dann hastig weiter: »In Biota war Nic eine Biologin, ich war ein Hüter und wir waren damit beauftragt, einen Mord aufzuklären. Das ist uns auch gelungen, aber leider haben die Ermittlungen Geheimnisse zutage gefördert, die die Leiter unserer Stadt schützen wollten. Wir sind geflohen, bevor sie uns töten konnten.«

Er schwieg. Die Rufe in der Menge waren verstummt, jetzt war lediglich ein Murmeln zu hören. Die Leute sprachen mit ihren Nachbarn und blickten dabei immer wieder zu ihm hinauf. Er konnte nicht erkennen, ob seine Rede ihre Wirkung erzielte, doch er fuhr fort: »Wir haben nur nach einem Ort gesucht, an dem wir uns ausruhen können, und sind dabei in eurer Stadt gelandet.« Ein wenig außer Atem blickte er in die Menge.

Einzelne Einwohner erwiderten seinen Blick und nickten ihm sogar zu. Unsicher nickte er zurück. Ein unerwartet harter Schlag gegen seine Rippen ließ ihn zurücktaumeln. Der Händler hatte ihn mit ausgestrecktem Arm fortgestoßen und stellte sich nun direkt vor ihn.

»Liebe Mitbürger, der Zwischenfall tut mir sehr leid, wir werden natürlich sofort mit der Versteigerung fortfahren.« Er zog Nic zu sich heran und drückte sie an seine Seite, sodass sie sich kaum noch rühren konnte. »Also, wer bietet mehr als 30?«

»Ihr solltet uns erst anhören«, rief nun Nic, während sie sich in Jims Arm wand. »Wir sind als Gäste nach Narau gekommen, als Besucher.« Sie hielt kurz inne und ließ ihren Blick über die Menge gleiten. »Behandelt man so in Narau vielleicht seine Gäste?«

Alexander sah an Jim vorbei in die Menge. Viele der Menschen wirkten unsicher, sahen zu Boden und warfen einander verwirrte Blicke zu.

»Kommt schon, Leute, die hier hat wirklich beste Qualität!« Verzweiflung hatte sich in Jims Stimme geschlichen. »Vielleicht legst du mal die hier ab.« Der Händler deutete auf Nics zerrissene Bluse.

»Ganz sicher nicht!« Nics Stimme zitterte vor Empörung.

»Eine Botania entblößt sich nicht in aller Öffentlichkeit.«

Jim beugte sich zu ihr und flüsterte so leise in ihr Ohr, dass Alexander es gerade noch verstand. »Du bist nichts hier, gar nichts, hörst du?«

Schwungvoll holte Nic aus, Jim einen ungelenken Kopfstoß zu verpassen, doch dieser ging ins Leere, als der Händler zurückwich und lachte. Er hob die Hand wie zur Ohrfeige, doch eine Frau in der Menge trat vor. Sie räusperte sich lautstark und die Menge verstummte. Sie war etwa Ende dreißig, hatte leuchtend rote Haare und trug ein gewagt geschnittenes schwarzes Kleid, das für Biotas Verhältnisse zu viel Haut gezeigt hätte. In aller Ruhe ging sie zum Podest hinüber, legte eine Hand auf den Stein und schwang sich elegant hinauf. Oben klopfte sie sich einen imaginären Staubfleck vom Kleid und legte Jim eine Hand auf den Arm. Dann verkündete sie: »Meine lieben Freunde, diese drei hier sind unsere Gäste. Sie suchten nur nach einer Unterkunft, nicht nach Streit oder Krieg. Gewähren wir ihnen doch einen, sagen wir, zweiwöchigen Aufenthalt, ja? Sie sollen sehen, dass wir hier keine Barbaren sind. Lasst uns ihnen zeigen, wie schön Narau ist.« Ihre schmeichelnde Stimme verklang und sie ließ ihren durchdringenden Blick über die Menge wandern. Mit kurzer Verzögerung brach das Publikum in Applaus aus. Offenbar war das Publikum mit ihrem Vorschlag einverstanden, nicht jedoch Jim, der protestierend die Hände hob.

»Moment, Moment, Apolonaria, ich habe ein Vermögen für die drei bezahlt.« Jim schob die Hand der Frau von seinem Arm und schüttelte den Kopf. Seine rechte Hand wanderte zu seinem Gürtel und berührte die Spitze der Waffe, die dort hing, ein bronzefarbenes Gebilde mit Einlegearbeiten aus Messing.

»Wage es nicht.« Schneller, als Alexander reagieren konnte, hatte die Frau nach der Waffe gegriffen, sie Jim aus der Hand gerissen und sie auf ihren Besitzer gerichtet. »Das hat doch keinen Zweck. Lass es einfach geschehen, hörst du?« Ihre Stimme war dunkel geworden und so leise, dass sie nicht bis zum Publikum drang.

Jims Augen zuckten von der Waffe ins Publikum. Dann hob er die Hände wie zur Kapitulation.

»Aber woher, glaubst du, bekomme ich jetzt mein Geld?« Der Kopf des Händlers war puterrot angelaufen.

Die Frau wirbelte die Waffe in der Hand herum und schob sie mit einer einzigen schnellen Bewegung zurück in die Tasche an Jims Gürtel. Dann legte sie den Kopf schief und lächelte – ein breites, einnehmendes Lächeln. »Jim, also bitte. Von mir natürlich. Hier, 40 Gramm sollten genügen, oder?« Vergnügt ließ sie einige goldene Plättchen in die Hand des verdutzten Verkäufers fallen. Anschließend wandte sie sich um und breitete ihre Arme aus, als verkündete sie den Beginn eines wunderbaren Festes. »Herzlich willkommen in Narau!« Immer noch strahlte sie Nic, Oliver und Alexander an. »Ich bin sicher, ihr werdet euch hier wohlfühlen!«

Unsicher erwiderte Alexander ihren Blick.

»Was ist mit dem Jungen geschehen?«, fragte die Frau einen Moment später und runzelte die Stirn, als ihr Blick auf Oliver fiel, der sich nicht allein auf den Beinen halten konnte.

»Eine Schusswunde«, beantwortete Nic mit rauer Stimme die Frage. »Er braucht unbedingt Hilfe.«

»Ah, eine Schusswunde, sehr gut, damit kennen wir uns hier aus. Der Kleine wird in Nullkommanichts wieder auf den Beinen sein, keine Sorge.« Verschwörerisch blinzelte sie Nic zu.

»Ihr werdet mit zu mir kommen, dort könnt ihr euch erst einmal waschen und ausruhen.«

»Gibt es da auch etwas zu trinken?«, krächzte Nic und die Frau lachte. »Natürlich, so viel ihr wollt.«

»Hast du gehört?«, flüsterte Oliver Alexander zu. »Etwas zu trinken.« Seine Augen schlossen sich und sein Kopf sackte zur Seite.

Alexander kniete sich neben ihn und fühlte seine Stirn. Sie war so heiß, viel zu heiß. Sie konnten nur hoffen, dass sich diese Frau an ihr Angebot hielt und die Wunde versorgen ließ. Er konnte es noch nicht wirklich glauben. Wieso war sie so nett zu ihnen? Gerade noch hatten sie verkauft werden sollen und nun …

»Ich bin übrigens Apolonaria Garrett, aber nennt mich doch bitte einfach Apolonaria.« Wohlwollend blickte er von einem zum anderen.

»Danke … Apolonaria«, presste Alexander schließlich hervor und die Frau schenkte ihm ihr allgegenwärtiges zufriedenes Lächeln. Es wirkte fröhlich, doch Alexander glaubte, dahinter noch etwas anderes zu erkennen. Ein Ausdruck, der sich auch durch das strahlendste Lächeln nicht aus ihren Augen vertreiben ließ. Dynamisch sprang Apolonaria vom Podest herunter und half zunächst Nic, dann Alexander, der Oliver auf den Arm genommen hatte, um ihn zu tragen, beim Herabsteigen. Die Menschenmenge scharte sich bereits wieder um das Podest, während Jim den einen der anderen gefangenen Männer zum Rand schob und den Zustand seiner Zähne anpries.

Apolonaria führte sie den Häuserring entlang bis zum Eingang in den innersten Kreis, und Jims Rufe und die der Menge verstummten allmählich. »Das hier ist das Zentrum der Stadt: Mavoria. Hier wohnen die sieben Caeles. Wir leiten die Stadt.« Stolz deutete sie auf den schwarzen Steinbogen, der den Übergang in das innere Viertel markierte. In den Fels waren Buchstaben eingeritzt und Alexander trat ein wenig näher, um sie entziffern zu können. »Paid with blood.« Bezahlt mit Blut? Verwundert las Alexander die Inschrift noch einmal, doch er wurde nicht schlau daraus.

Apolonaria führte sie hinein in das Viertel und deutete auf eines der Häuser. Alle waren gleich groß und aus dem gleichen Material gebaut, sie unterschieden sich lediglich durch die eingravierten Symbole auf der Hauswand. Apolonarias Haus zierte das Symbol eines Schwerts, gleich oberhalb der Haustür. Kurz blieb Alexander stehen und betrachtete die Arbeit. Das Schwert war offenbar mit Silber ausgegossen worden, denn das bloße Abbild des Schwertes funkelte täuschend echt. Noch während er es betrachtete, veränderte sich das Schwert. Es drehte sich klickend zur Seite und klappte nach vorn, als wollte es jeden aufspießen, der es wagte, das Haus zu betreten. Apolonaria bemerkte seinen Blick. »Ja, das ist was, nicht? Mein Mann hat es anfertigen lassen.« Sie schob die Tür auf und betrat das Haus. Nic folgte ihr und als Letzter übertrat

Alexander die Schwelle mit Oliver auf dem Arm.

Als Alexander im dämmrigen Flur stand, wusste er nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Warum hatte diese Frau sie freigekauft? Warum hatte sie nicht einfach zugelassen, dass sie versteigert wurden? Zögernd sah er sich in dem großen Haus um. Die inneren Wände waren mit einer Art schwarzem Glas überzogen, das im Licht der Leuchtrohre schimmerte, die an der Decke entlangliefen. Der Flur war bis auf dunkle Löcher an den Wänden leer, doch bevor Alexander diese näher betrachten konnte, führte Apolonaria sie weiter in das Wohnzimmer, wo sie ihnen einen Platz auf dem Sofa anbot, das sich über die gesamte rechte Seite des Raumes erstreckte. Seufzend ließen sie sich auf dem steinernen Möbelstück nieder, das mit dicken Fellen gepolstert war.

»Einen Moment bitte.« Apolonaria verschwand im Zimmer jenseits des Flurs und kam kurze Zeit später mit einem Krug voller Wasser und drei Bechern zurück. »Hier, bitte.« Vorsichtig setzte sie das Tablett auf einem Tisch aus Kupfer ab, dessen fein geschwungene Beine reich mit Ornamenten verziert und auf Hochglanz poliert waren. Versonnen blieb Alexanders Blick daran hängen. Dieses Möbelstück erinnerte ihn an Biota, alles andere in dieser Stadt war fremd, aber ein solches Möbelstück …

Er zuckte zusammen, als Apolonaria sich respektvoll räusperte, und sah, dass ihre Gastgeberin ihn interessiert betrachtete. »Nun, ihr fragt euch sicherlich, warum ihr jetzt hier seid, nicht wahr?« Auf einmal überzogen Sorgenfalten die gebräunte Stirn der Frau. Er wollte nicht gierig wirken, doch Alexander war so durstig, dass er sich nicht für die Gründe ihrer Rettung interessierte, sondern hastig nach dem Wasserkrug griff. Mit zitternden Händen goss er etwas von dem Wasser in eines der Gläser.

»Gib mir das.« Nic griff ebenfalls nach dem Krug und füllte sich mit zitternder Hand ein Glas. Alexander trank so schnell, dass einige Tropfen über sein Kinn flossen und auf seine Jacke tropften. Peinlich berührt wischte er sie fort. »Entschuldigen Sie bitte …«, murmelte er leise.

»Entschuldige bitte, wenn überhaupt«, verbesserte Apolonaria ihn schmunzelnd. »Es ist nicht nötig, mich oder einen der anderen zu siezen. Wie gesagt, ich bin Apolonaria.« Sie bedachte Alexander noch einmal mit einem breiten Lächeln und strahlte dann auch Nic an, die die Stirn runzelte. Erneut griff Alexander nach dem Krug und füllte nun, langsamer diesmal, alle drei Gläser. Nic griff erneut nach ihrem Glas, Oliver war inzwischen zwar wach, aber zu schwach, um das Glas zu halten, und so half Alexander ihm beim Trinken.

»Wir brauchen Hilfe für ihn. Für Oliver.« Nic setzte ihr Glas wieder ab und schob ihre gefalteten Hände zwischen die Knie.

»Sehen Sie …«

»Ich bin Apolonaria, das habe ich doch schon gesagt.« Apolonaria strahlte weiterhin so begeistert, als hätte sie mit ihnen als Gäste das große Los gezogen.

»Sehen Sie«, fuhr Nic unbeeindruckt fort. »Wir brauchen unbedingt Hilfe für Oliver, Sie haben gesagt, Sie können das arrangieren. Bevor wir irgendetwas besprechen, muss ich wissen, dass er behandelt wird.« Sie beugte sich vor. »Ich mache mir Sorgen, die Wunde heilt einfach nicht.«

Apolonaria nickte und ihr Lächeln verlor kurz an Strahlkraft.

»Ah ja. Ich sehe schon.« Wieder nickte sie. »Aber so einfach wird das leider nicht. Ich habe euch schließlich nicht freigekauft, damit ihr hier Urlaub macht. Ich brauche eure Hilfe und ich brauche sie jetzt.« Von einem Moment auf den anderen war das Lächeln erloschen, keine Spur mehr von der so fröhlichen Frau. Nic wurde blass und auch Alexander spürte Panik in sich aufsteigen. Es gab also doch einen Haken, einen Grund, weshalb sie sie vor der Versteigerung gerettet hatte. Wobei sollten gerade sie ihr denn helfen können? Doch Alexander dachte an Oliver und dass er ohne Apolonarias Hilfe so gut wie verloren

war. »Und wie können wir Ihnen helfen?«

»Wie ihr bestimmt schon gesehen habt, ist Narau eine große Stadt.« Apolonaria fuhr sich mit einer Hand durch ihr leuchtendes Haar. »Hier leben viele Menschen und … nun ja, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Es gibt natürlich Gesetze, aber Sheriffs, die sie auch durchsetzen, gibt es schon lange nicht mehr. Wir, also eigentlich mein Mann, das heißt … alle Caeles, sagen zwar, wo es langgeht, aber verantwortlich sind wir für das Leben der anderen natürlich nicht.« Sie geriet ins Stocken und die Sekunden vergingen.

»Es hat in letzter Zeit Gerüchte gegeben, dass Menschen verschwunden sind. Ich habe mich nicht darum gekümmert, weil es nur die anderen Ringe betroffen hat, versteht ihr? Deswegen habe ich meinem Mann auch nichts gesagt.« Apolonaria schlug ein Bein über das andere.

Alexander warf einen schnellen Blick zu Nic hinüber. Sie schien auch nicht gerade viel von dem zu verstehen, was Apolonaria ihnen zu erklären versuchte.

»Ihr habt also niemanden, der darauf achtet, dass die Gesetze eingehalten werden?«, fragte er.

Apolonaria lachte kurz auf. »Na ja, ›Gesetze‹ war vielleicht ein wenig übertrieben. Es sind eher ein paar Regeln. Sagen wir einfach: Jeder tut das, was er tun muss, um zu überleben. Das funktioniert normalerweise auch recht gut, aber nun …«

»Warum kümmert es Sie auf einmal, wo doch nur Personen verschwunden sind, die nicht aus Ihrem Bezirk stammen?«, warf Nic spöttisch ein.

Alexander zuckte zusammen. Sie waren nur hier, weil diese Frau sie hier duldete. Sie hatte sie befreit. Ein Wort von ihr und sie würden doch noch an den Höchstbietenden verkauft werden. Doch Nic schickte ihm nur einen trotzigen Blick und sah wieder zu Apolonaria hinüber.

Diese hatte ihre Bemerkung anscheinend nicht als Beleidigung aufgefasst und richtete sich ein wenig in ihrem Sessel auf.

»Jetzt ist Jace ebenfalls verschwunden. Jacelyn, sie ist meine Tochter. Vor fünf Tagen ist sie vom Schießtraining nicht nach Hause gekommen.«

Falten furchten Apolonarias Stirn und Alexander hatte Mitleid mit ihr. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim darauf machen, wie es ihr bei der Suche nach ihrer Tochter helfen sollte, drei völlig verwahrloste Fremde aufzunehmen.

»Warum suchen Sie sie dann nicht?«, fragte Nic spitz und Alexander schloss beschämt die Augen. Die Art und Weise, wie sie sich aufführte, würde sie auf dem schnellsten Weg wieder auf den Marktplatz oder sogar ins Grab führen.

Apolonaria seufzte.

»Ich verstehe, warum du mir nicht traust, wer würde das schon. Ihr kommt hierher, werdet gefangen, fast als Sklaven verkauft, und plötzlich kommt irgendeine daher, die euch befreit und behauptet, ihre Tochter wäre verschwunden.« Mit festem Blick sah sie Nic an. »Es ist allerdings so, dass ich meine Tochter gesucht habe. Nur leider kennt mich jeder in der Stadt, jeder weiß, wer ich bin, und auch, was mein Mann womöglich mit ihnen tun wird. Niemand lässt mich in sein Haus oder redet mit mir. Alle befürchten den Tod, wenn sie mit mir sprechen. Ich könnte mir natürlich gewaltsam Zugang verschaffen, aber was, außer Vergeltung, würde mir das bringen?« Sie machte eine Pause, scheinbar in Gedanken versunken. »Außerdem will Patrick nicht, dass ich Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Niemand soll es wissen. Niemand, der in der Stadt irgendeinen Einfluss hat. Und dafür brauche ich euch. Als ich euch da vorhin habe stehen sehen, dachte ich gleich, dass ihr ein Geschenk des Himmels seid.«

»Was hat Ihr Mann denn getan?« Nic sah Apolonaria auffordernd an. »Warum haben alle Angst vor ihm?«

Apolonaria wirkte, als wäre sie tief aus ihren Gedanken gerissen worden, und zog beide Augenbrauen in die Höhe. »Was er getan hat?«

»Ganz genau.« Nic hob eine Hand, die Handfläche zur Decke gewandt. »Irgendetwas muss er ja getan haben, sonst hätten nicht alle Angst, wie Sie sagen. Und ich will erst genau wissen, was hier vor sich geht.«

Apolonaria schwieg und musterte die schwer atmende Nic. Das Schweigen machte Alexander nervös, er hatte das Gefühl,

Apolonaria nehme ihr die Fragen übel. Dann jedoch verzogen sich ihre Mundwinkel wieder zu dem gewohnten freundlichen Lächeln. »Er war nicht immer einer der Caeles, wisst ihr? Patrick. Eigentlich ist es sogar so, dass es die Caeles nicht immer gab.« Sie verschränkte die Hände mit den gepflegten Nägeln ineinander. »Damals, nach dem Krieg, suchten viele ein neues Zuhause, eines, das sicher war. Und Narau war dieser sichere Ort. Mein Mann und ich kamen hierher, in einem U-Boot, wie so viele andere. Irgendwann waren wir zu viele, ungefähr zweitausend, und einigen wurde klar, dass sich so eine große Menschenmenge nicht einfach selbst regieren kann.« Sie schüttelte den Kopf, Bedauern schob sich auf ihr Gesicht, doch Alexander kam es falsch vor. »Ein Mann nahm die Aufgabe an, sich um alles zu kümmern. Der alte McCarty gab sich wirklich Mühe, er hob die Stadt aus dem Schmutz und gab uns ein echtes Zuhause.«

Gebannt lauschte Alexander. Noch nie hatte er Geschichten von anderen Städten aus der Zeit nach dem Krieg gehört.

»Er scharte die anderen Caeles um sich, um die Aufgaben besser verteilen und alles besser im Auge behalten zu können.«

»War dieser McCarty mit diesem Kerl verwandt, der uns gefangen genommen hat?«, fragte Nic.

»Gefangen genommen?« Apolonaria schien zu überlegen.

»Oh, das müssen die Versorger gewesen sein. Dann ja, McCartys Sohn macht bei ihnen mit.«

»Was ist mit ihm passiert? Dem Vater, meine ich.« Nic zog eine Augenbraue hoch.

»Er war schwach. Wollte mit anderen Städten kooperieren, sogar mit diesen Ureinwohnern, diesen Huacas.« Apolonaria schüttelte angewidert den Kopf. »Seine Bemühungen hätten alles ruiniert, man hätte uns entdeckt.«

»Also hat Ihr Mann …«

»Patrick war damals jünger, ein Hitzkopf.« Mit weicher Miene schüttelte Apolonaria den Kopf. »Er hat McCarty zu einem Duell herausgefordert und nach ihm jeden, der auf seiner Seite stand. Bis keiner mehr übrig war. Danach hat er Narau zu dem Glanz verholfen, den ihr hier heute seht. Er hat auch die Sklavenhaltung eingeführt, sonst hätten wir all das nicht so schnell geschafft.«

»Was sind denn Sklaven?«, platzte Alexander heraus. Ihm war klar, dass das sicher nicht die Kernaussage des Satzes gewesen war, doch es klang irgendwie wichtig.

Verwirrt blickte Apolonaria ihn an. »Ihr wisst doch sicherlich, was Sklaven sind?«

Sie sah ihre Gäste der Reihe nach an, und Alexander schüttelte den Kopf. »Ich habe das Wort noch nie gehört.«

»Oh, ich dachte nur, dass ihr auch aus einer zivilisierten Stadt stammt, daher …«

»Natürlich stammen wir aus einer zivilisierten Stadt!« Entrüstet hob Nic das Kinn.

»Vielleicht verwenden wir lediglich ein anderes Wort für den gleichen Gegenstand«, versuchte Alexander, zu schlichten.

Apolonaria zuckte die Schultern. »Das mag sein. Sklaven sind Gefangene, die man kaufen kann. Wenn sie in deinem Besitz sind, machen sie das, was du möchtest.«

»Ihr verkauft also wirklich Menschen?« Fassungslos starrte Alexander sie an. Dabei hatte er diesen Verkauf ja erst vor Kurzem am eigenen Leib erlebt.

»Ah ja, wir haben wohl doch nicht verschiedene Begriffe für die gleiche Sache«, erwiderte Apolonaria steif.

»Wie soll das gehen? Gehört nicht jeder Mensch sich selbst?« Nic war empört. Auch Alexander war entsetzt, doch war es wirklich ratsam, Apolonaria – und gleichzeitig auch ganz Narau – zu kritisieren?

»Nic, lass es gut sein. Das hier ist Narau, nicht Biota, hier geht es etwas anders zu.« Leise murmelte Alexander die Worte in Nics Ohr und strich ihr beruhigend über den Arm. Ihre Haut fühlte sich heiß an.

Nic blickte ihn an, als hätte er den Verstand verloren, doch Alexander schüttelte kaum merklich den Kopf. Er wusste nicht, ob Nic ihn verstanden hatte, doch zumindest schwieg sie nun.

»Können wir vielleicht fortfahren? Ihr habt es gehört, euch bleiben lediglich zwei Wochen in Narau, nicht länger. Noch länger, und die anderen wären misstrauisch geworden. Und was meinen Mann angeht …« Sie brach ab. »Wir sollten die Zeit nutzen.« Apolonaria beugte sich ein wenig nach vorn.

»Wie ich schon sagte, meine Tochter Jace ist verschwunden. Ich kann nicht selbst nach ihr suchen, und daher brauche ich jemanden, der das kann. Niemand kennt euch, niemand hat Angst vor euch, und noch dazu seht ihr nicht gerade … gefährlich aus.« Apolonaria rang die Hände.

»Was soll das bringen?« Nic hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte nicht gerade erfreut über Apolonarias Pläne. »Glauben Sie ernsthaft, irgendjemand wird uns irgendetwas sagen? Und wie sollen wir das überhaupt machen? Wir kennen uns doch hier gar nicht aus.«

»Ihr habt doch gesagt, ihr hättet in eurer Stadt versucht, einen Mord aufzuklären, richtig? Und es auch geschafft? Warum sollte euch das Gleiche nicht mit einem Verschwinden gelingen? Im Gegenzug geht ihr natürlich nicht leer aus, ihr bekommt Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf, und ich werde dafür sorgen, dass Oliver überlebt.« Sie warf einen kurzen Blick auf den Jungen, der zusammengesunken auf der Couch hing. Schlief er nur, oder war er ohnmächtig? Alexander tastete nach seinem Handgelenk. War das sein Puls? Oder fühlte er dort nur seinen eigenen?

»Ich kenne einen Arzt, der ihm ganz sicher helfen kann.« Fragend sah Alexander Nic an. Einerseits widerstrebte es ihm,

sich in die Hände dieser Frau und ihres mächtigen Mannes zu begeben. Aber andererseits … Alexander ahnte, dass Apolonaria nur so tat, als hätten sie eine Wahl, denn die hatten sie ganz sicher nicht. Egal, was sie sagten, sie würden vorerst in Narau bleiben müssen, dafür würde sie schon sorgen. Sie wirkte wie jemand, der immer das bekam, was er wollte. Jetzt allerdings konnten sie noch guten Willen zeigen, ihr schmeicheln, und falls sie ihre Tochter fanden, konnten sie sich ihre Dankbarkeit und auch die ihres Mannes sichern. Wenn ihnen das gelang, konnten sie den Vulkan vielleicht als freie Menschen wieder verlassen.

Ohne Nic anzusehen, antwortete Alexander: »In Ordnung. Wir werden versuchen, Ihre Tochter zu finden.«

Schwungvoll sprang Apolonaria aus dem Sessel auf und hob die Hände zur Decke. »Wunderbar! Ich wusste, wir werden uns einig.« Freudestrahlend sah sie sie an. »So, und jetzt, da das geklärt ist … Es wird später ein Essen geben, vorher wollt ihr euch sicher noch frisch machen, richtig? Es gibt im Obergeschoss mehrere Gästezimmer, die könnt ihr benutzen, solange ihr hier seid. Sucht euch einfach jeder eins aus.« Sie deutete auf die Treppe, die sich in engen Windungen in den ersten Stock hinaufzog.

Doch Nic und Alexander blieben sitzen.

»Tut mir leid, aber wäre es möglich, Oliver sofort zu dem Arzt zu bringen, von dem Sie gesprochen haben?«, fragte Alexander zögerlich. »Es steht nicht gut um ihn.«

»Oh, ja natürlich. Ich werde Atzocatzin gleich beauftragen, ihn dorthin zu bringen. Atzocatzin!« Ihr lauter Ruf schallte durch das großzügige Wohnzimmer. Sogleich erschien ein muskulöser Mann mit olivfarbener Haut und hohen Wangenknochen in der Tür. Er war lediglich in ein dünnes Tuch gehüllt.

»Ja?«, fragte er und neigte respektvoll den Kopf.

»Bring doch diesen Jungen rüber zu ›The World's Fair‹, ja? Holmes soll ihn versorgen. Sag ihm einfach, die Rechnung geht auf mich.«

Mit einem Nicken trat der Mann hinüber zum Sofa und hob Oliver so mühelos auf seine Arme, als wäre er eine Stoffpuppe. Als er sich wieder aufrichtete, erhaschte Alexander einen kurzen Blick auf die rechte Seite seines Halses. Narben bildeten dort über dem Halsband die Buchstaben »PG«. Wie Patrick Garrett? War dies ein Sklave, ein Eigentum, dem der Stempel seines Besitzers aufgedrückt worden war? Beunruhigt wandte Alexander seinen Blick ab.

»Können wir ihn begleiten?« Nic war aufgestanden. »Ich möchte gerne sehen, dass er behandelt wird.«

Bedauernd schüttelte Apolonaria den Kopf. »Das verstehe ich, aber es ist so, dass ihr mir vertrauen müsst, genauso, wie ich euch vertrauen muss.« Lächelnd trat sie einen Schritt auf Nic zu. »Auf euch warten wichtigere Aufgaben, als einem Arzt über die Schulter zu schauen. Ich versichere euch, Holmes ist der Beste, Oliver wird es an nichts fehlen.«

Nic sah aus, als würde sie nur zu gerne widersprechen, doch dann nickte sie. »Gut.«

Atzocatzin verließ mit einer kurzen Verbeugung das Haus und Apolonaria deutete die Treppe hinauf. »Alles, was sich in den Zimmern befindet, könnt ihr gerne benutzen. Eure schmutzige Kleidung könnt ihr einfach vor die Tür legen, Rosa wird sie bis morgen für euch waschen. Saubere Kleidung bringt sie euch gleich hoch.«

Sie gingen die Treppe hinauf in den ersten Stock. Auf dem obersten Treppenabsatz begann Nic zu flüstern: »Was soll der Unfug? Willst du ihr tatsächlich helfen?«

Schnell zog Alexander sie die restlichen Stufen hinauf. »Natürlich nicht, aber wir haben keine andere Wahl. Sobald ihr etwas nicht passt, wird sie uns doch noch verkaufen und wir können Narau nie wieder verlassen, willst du das etwa?«

Nics Schultern sackten nach unten. »Nein, aber es macht mich so wütend. Was ist nur passiert? Wie sind wir da reingeraten?«

»Na ja, unsere Möglichkeiten waren begrenzt.«

Nics Mundwinkel verzogen sich ein winziges Stück nach oben. »Ja, da hast du recht. Wenigstens müssen wir da zusammen durch. Wie furchtbar wäre es, alleine hier festzusitzen?« Sie ergriff Alexanders Hand und drückte sie fest. Dann ließ sie sie wieder los und deutete auf zwei massive Holztüren.

»Das müssen die Zimmer sein, die Apolonaria gemeint hat. Dann machen wir uns mal besser fertig …« Unschlüssig starrten beide auf die Türen. Irgendwann gab Alexander sich einen Ruck und stieß eine von ihnen auf und betrat das dahinterliegende Zimmer. Die dicken Mauern des Hauses hatten auch hier den unangenehmen Geruch des Nebels, der über der ganzen Stadt lag, nicht fernhalten können, doch die Einrichtung gefiel ihm. Der Boden war aus einem Material, das schwarzem Glas ähnelte, die Möbel aus dunklem Holz. Zahlreiche Lampen und fröhliche Gemälde an den Wänden sorgten dafür, dass das Zimmer nicht zu dunkel und erdrückend wirkte. Zögerlich ging Alexander hinüber zum Bett, dessen Füße in Klauen endeten. Umständlich zog er seine Jacke aus und legte sie sorgfältig zusammen. Auf der linken Seite des Zimmers führte eine weitere Tür aus dem Raum hinaus. Vermutlich das Badezimmer. Erschöpft betrat Alexander es und fand sich in einer Art Grotte wieder. Staunend drehte er sich im Kreis. So etwas hatte es nicht einmal in Biota gegeben. Die Wände waren ebenfalls aus dem dunklen Material, nur hatte es hier einen bläulichen Schimmer, als befände man sich tief unter Wasser. Noch dazu waren sie so dünn, dass Alexander glaubte, dahinter schemenhaft andere Räume erkennen zu können. In allen vier oberen Ecken waren Lampen angebracht, die dezentes Licht spendeten und damit wohl die Pflanzen am Leben erhielten, die aus einer Rinne herausrankten, die sich um den ganzen Raum zog. Staunend betrachtete Alexander ein Gemälde, das direkt in die Wand eingelassen war. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass die vielen schimmernden Perlen ebenfalls die Waffe bildeten, die er bereits an der Hauswand gesehen hatte. Es musste das Familienwappen der Garretts sein.

Als Badewanne diente ein riesiges wassergefülltes Bassin. Voller Vorfreude entledigte Alexander sich aller Kleider und tauchte dann zur Probe eine Hand in das Becken. Das Wasser war angenehm warm, und so kletterte er über den Rand und ließ sich in das herrliche Nass fallen. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so sehr darüber gefreut, baden zu können. Was für eine Wohltat nach den Wochen im Golem. Er tauchte unter, ließ das Wasser über seine Haare laufen und schrubbte seine Haut mit einem Schwamm, den er am Beckenrand gefunden hatte, bis sie ganz rot war. Nach ein paar Minuten entdeckte er eine Schnur am hinteren Rand des Beckens und zog neugierig daran. Ein beeindruckender Schwall Wasser stürzte aus einer verborgenen Luke in der Wand hinab. Begeistert stellte Alexander sich darunter und genoss das Gefühl des Wassers, das auf seine Schultern hinabprasselte.

Leider meldete sich wenig später sein knurrender Magen und Alexander beschloss, dass er langsam wieder zur Gastgeberin zurückkehren sollte. Apolonaria fragte sich vermutlich bereits, was er hier oben so lange trieb. Noch dazu fühlte er sich schuldig, weil Oliver irgendwo in dieser fremden Stadt um sein Leben kämpfte und er sich hier vergnügte.

Mit einem riesigen vorgewärmten Handtuch trocknete er sich ab und betrat das Schlafzimmer. Wie versprochen entdeckte er vor der Tür saubere Kleidung, ein weißes Hemd und eine etwas steife blaue Hose, die zwar passte, sich jedoch ungewohnt eng anfühlte. Sauber und mit frischer Kleidung griff Alexander nach seiner alten Kleidung und verließ das Schlafzimmer.

Aus dem Wohnzimmer klangen ihm bereits Stimmen entgegen. Vorsichtig warf er einen Blick hinein und sah dort zwölf Männer und Frauen stehen, die sich mit ihrer Gastgeberin unterhielten.

»Soll ich die für Sie waschen?«, ertönte plötzlich eine weiche dunkle Stimme hinter seinem Rücken. Alexander fuhr herum. Hinter ihm stand eine junge Frau. Sie lächelte und tiefe Grübchen bildeten sich auf beiden Wangen. Glattes schwarzes Haar fiel über ihre linke Schulter. Sie streckte die Hand aus und deutete auf die Kleidungsstücke in seiner Hand. »Soll ich Ihre Kleidung waschen? Die Herrin meinte, sie wäre dreckig …« Fragend blickte sie ihn aus ihren großen Augen an und Alexander nickte.

»Das wäre wirklich sehr nett«, brachte er heraus.

Sie nahm die Kleidung und hatte sich schon halb wieder von ihm abgewandt. »Ich heiße übrigens Rosa«, merkte sie an.

»Alexander«, erwiderte er. War sie etwa auch eine dieser Sklaven, die Apolonaria erwähnt hatte? Mit einem unguten Gefühl drehte Alexander sich wieder zum Wohnzimmer um.

Als er das Zimmer betrat, verstummten die Gespräche und alle Anwesenden wandten sich ihm zu. Mit neugierigen Blicken musterten sie ihn von oben bis unten. Alexander konnte keine Ablehnung darin erkennen, nur Interesse. Wer waren all diese Menschen? Schließlich brach Apolonaria das unangenehme Schweigen.

»Da bist du ja, Alexander. Genau zur rechten Zeit würde ich sagen. Das Essen wird in fünf Minuten serviert. Aber erst möchte ich dich noch allen vorstellen.«

Seine Gastgeberin packte ihn am Arm und zog ihn zunächst hinüber zu einem Mann mit schulterlangem schwarzen Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war. Er musste alt sein, vielleicht sogar schon achtzig. In gebeugter Haltung stützte er sich auf einen Stock, doch als Alexander näher kam, hob er eine Hand und ergriff seine Schulter.

»Alexander, das ist Geronimo, eigentlich Goyathlay, aber so nennt ihn niemand mehr.«

»Sehr erfreut«, wandte Alexander sich an den Mann.

Als Antwort drückte der seine Schulter und sagte: »So höflich, erstaunlich«, und stieß ein heiseres Lachen aus, das fröhlich klang und nicht so, als wollte er sich über Alexander lustig machen. Alexander fühlte sich sofort wohl in seiner Nähe, und nur zu gerne hätte er mehr über ihn erfahren, doch Apolonaria zog ihn bereits weiter zur nächsten Person im Raum.»Das ist Annie«, stellte sie ihm eine Frau vor, die vielleicht ein paar Jahre älter war als Alexander. Sie hatte braune Locken, die sie mit Spangen an den Seiten ihres Kopfes zurückgesteckt hatte und ihr bis weit hinab auf den Rücken fielen.

»Hallo, Annie Oakley. Ich weiß nicht, warum sie nicht meinen vollständigen Namen nennt. Gibt es dafür einen besonderen Grund?« Mit einem frechen Grinsen betrachtete sie Apolonaria, doch die murmelte nur unverständlich vor sich hin und schwieg dann wieder. »Wohl immer noch sauer, weil ich Patrick letzte Woche beim Turnier besiegt habe, und das mit dem Revolver, wo das doch seine Lieblingswaffe ist!« Sie lachte und Alexander sah, wie Apolonarias Kopf rot anlief. Anscheinend hatte die kleine Frau einen Nerv bei ihr getroffen.

»Sag mal, Apolonaria, ist Jace denn heute Abend nicht hier? Ich habe sie schon beim letzten Treffen vermisst.« Annie zog eine Augenbraue in die Höhe und blickte sich suchend im Zimmer um, als erwartete sie, Jace plötzlich irgendwo auftauchen zu sehen.

»Jace ist nicht da.« Steif schüttelte Apolonaria den Kopf. »Patrick hat ihr eine Aufgabe gegeben. Ich glaube, irgendetwas mit einem neuen Gewehr. Und bevor sie diese Aufgabe nicht gelöst hat, will er nicht, dass sie abgelenkt wird. Ihr kennt ihn ja.« Schrill lachte sie auf.

Schritte erklangen auf der Treppe und unterbrachen das Gespräch. Wenige Sekunden später betrat Nic den Raum. Auch sie trug nun frische Kleidung und sah einfach atemberaubend aus. Offensichtlich war Alexander nicht der Einzige, der das so sah, denn bei ihrem Erscheinen drehten sich sämtliche Besucher im Wohnzimmer zu ihr um. Sie trug ein eng geschnittenes rotes Kleid, das bis zu ihren Knien hinabreichte. Bewundernd betrachtete Alexander sie, wandte jedoch den Blick schnell ab, als sie seinen Blick bemerkte.

»Wunderbar, wie ich sehe, passt dir das Kleid wie angegossen, ich habe ein Auge dafür.« Apolonaria trat mit raschen Schritten zu Nic und hakte sich bei ihr unter. Nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern ging Nic mit ihr mit, und sie machte sie ebenfalls mit den Anwesenden bekannt, während Alexander sich den restlichen Gästen selbst vorstellte und sich krampfhaft bemühte, ihre Namen nicht gleich wieder zu vergessen. William Barclay Masterson, William Matthew Tilghman, Bill Frederick Cody, der eigentlich auch William hieß, aber darauf bestand, »Bill« genannt zu werden, Martha Jane Cannary Burke, James Sinclair, Oliver Saint-Claire …

Alexander schwirrte der Kopf, als Apolonaria endlich zum Essen rief. Stumm ließ er sich auf dem Stuhl neben Nic nieder. Oliver sollte eigentlich auch hier sein. Wie mochte es ihm wohl gehen? Hatte Apolonaria Wort gehalten, und er war bei einem Arzt, der ihm helfen konnte? Ein plötzlicher Druck auf seinem Bein unterbrach seine Gedanken. Nic hatte ihm ihre Hand auf das linke Knie gelegt und betrachtete ihn mit einem scheuen Lächeln. Sofort fühlte er sich besser.

»Ich bin sicher, Oliver geht es gut«, flüsterte Nic. Woher wusste sie, was er gerade gedacht hatte? »Ich muss auch immer wieder an ihn denken.«

Alexander erwiderte ihr Lächeln. Es tat gut, Nic hier direkt an seiner Seite zu haben. Sie beide gegen den Rest der Welt, würde es fortan so laufen?

»Es freut mich, dass ihr alle heute Mittag gekommen seid, um mit mir unsere beiden Gäste Nic und Alexander in unserer schönen Stadt zu begrüßen.« Apolonaria strahlte in die Runde und strich eine Strähne ihres Haars mit einer eleganten Geste zurück hinters Ohr. »Wie einige von euch wahrscheinlich gesehen haben, gab es ein kleines Missverständnis auf dem Marktplatz, nun sind die beiden aber hier und stehen euch für Fragen zur Verfügung.« Diese Menschen hier würden ihnen doch nicht wirklich Fragen stellen, oder? Alexander sah beunruhigt zu Apolonaria. Er fühlte sich unangenehm an die Fragerunde in der Messe von Biota erinnert, nur dass diesmal er im Mittelpunkt stehen würde, keine Wissenschaftler und ihre neuen Erfindungen. »Ich hoffe, dass mein Mann uns auch bald beehrt, eigentlich hätte er schon längst hier sein sollen, aber ihr kennt das ja. Es gibt immer etwas Wichtiges zu tun. Und außerdem war meine Einladung ja sehr kurzfristig.« Scheinbar gleichgültig zuckte sie die Achseln und blickte entschuldigend in die Runde. Alexander jedoch bemerkte ein leichtes Zucken im Mundwinkel ihrer Gastgeberin. War ihr Garretts Abwesenheit vielleicht doch nicht so egal, wie sie sie alle glauben machen wollte? »Obwohl Patrick noch nicht da ist, werden wir mit dem Essen beginnen, wir wollen doch nicht, dass unsere beiden Abenteurer vom Fleisch fallen, nicht wahr?« Apolonaria hob ihr Glas und prostete in die Runde. Alle Anwesenden erhoben ebenfalls ihr Glas und zeigten damit in ihre Richtung. Gleichzeitig folgten auch Alexander und Nic diesem Beispiel und erhoben kurz ihr Glas, bevor sie es zum Mund führten. Vorsichtig nippte Alexander an dem gelben Getränk und verzog irritiert das Gesicht. Ein seltsam bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. Er bekam eine Gänsehaut und schüttelte sich. Nic schien es nicht besser zu ergehen. Nach dem ersten kleinen Schluck setzte sie ihr Glas ein wenig zu heftig auf dem Tisch ab und alle starrten in ihre Richtung.

»Ja, das ist nichts für schwache Nerven, nicht wahr?«, erkundigte Apolonaria sich lachend. »Da muss man sich erstmal dran gewöhnen, aber danach, das kann ich euch versprechen, werdet ihr Bier nicht mehr missen wollen.«

Bier. Interessant, ja, schmeckte allerdings trotzdem, als würde er Medizin trinken. Probehalber nahm Alexander noch einen Schluck. Nein, immer noch nicht besser.

»Könnte ich vielleicht noch ein Glas Wasser bekommen?«, fragte er zögernd. Ohne zu antworten, winkte Apolonaria Rosa herbei, die behände ein Glas Wasser für ihn füllte. Nic bat sie ebenfalls um ein Glas, dabei hatte sie nicht einmal einen weiteren Schluck des Getränkes probiert. Doch Alexander konnte es ihr nicht verdenken.

Irgendwo in Narau

»Wir werden uns davon nicht aus der Ruhe bringen lassen.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Hast du mich verstanden? Wir machen weiter wie bisher. Ich weiß, dass sie herumschnüffelt, aber wen interessiert’s? Du machst deinen Job, ich mache meinen. So war es abgesprochen, also halte dich daran.«

Der andere Mann nickte. »Ja, kein Problem. Garretts Frau wird uns nicht in die Quere kommen, das kann sie nicht.« Er grinste.

»Sei einfach nur vorsichtig, mach, was ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger.« Der Mann wandte sich ab. »Keine Alleingänge und keine Spielereien, klar?«

Es war bereits spät, als die Gäste das Haus wieder verließen. Gähnend streckte Alexander sich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Apolonaria hatte ihnen einen Schlummertrank versprochen und wollte noch etwas Wichtiges mit ihnen besprechen.

Während ihre Gastgeberin in die Küche verschwunden war, schielte Alexander zu Nic herüber.

»Was denkst du?«, fragte er leise. Sie wirkte, als habe er sie aus ihren Gedanken gerissen. »Über die Caeles? Sie waren nett … ein wenig aggressiv und allesamt auf die Konkurrenz untereinander fokussiert, aber zu mir waren sie freundlich.«

Ja, den Eindruck hatte er auch gehabt, aber irgendetwas störte ihn trotzdem. Er fürchtete sich vor ihnen, vor jedem von ihnen, denn sie strahlten etwas aus, das er nicht einordnen konnte. Er wagte jedoch nicht, Nic von seinen Bedenken zu erzählen. Was sollte das auch bringen? Sie würden Garrett helfen, und wenn alles gut lief, würden sie Narau bereits in zwei Wochen wieder verlassen. Nur vierzehn Tage und dann … Er wusste nicht, wohin sie dann gehen würden, aber das konnten sie später entscheiden. »Und Apolonaria?«

»Sie ist sehr von sich überzeugt. Das kommt sicher daher, dass die anderen ihren Mann als Anführer akzeptieren. Er ist derjenige, der hier alles entscheidet.« Sie zuckte die Schultern. »Ich denke, solange wir tun, was er von uns möchte, wird alles gut gehen.« Nur hatten sie ihn – Patrick Garrett – bisher noch gar nicht zu Gesicht bekommen. »Wie sollen wir denn seine Tochter finden? Wir kennen die Leute nicht, kennen die Stadt nicht, wir wissen nicht einmal, wohin sie Oliver gebracht haben … Wie

sollen wir mehrere verschwundene Menschen finden?«

Nic legte kurz ihre Hand auf seine und drückte sie. »Wir werden das schaffen, bis jetzt lief es doch recht gut für uns.« Sie zwinkerte ihm zu. Das entlockte auch Alexander ein kleines Grinsen und sofort fühlte er sich besser. Ja, Nic hatte recht. Sie lebten noch, so unwahrscheinlich das auch erschien, nach allem, was geschehen war.

Nic zog ihre Hand fort, als Apolonaria zurückkam. Sie setzte sich ihnen gegenüber in den Sessel und überkreuzte die Beine an den Knöcheln, was ihr Kleid leise rascheln ließ. »Rosa kommt gleich mit eurem Getränk, ich bin sicher, das wird euch gefallen.« Sie zögerte kurz und lehnte sich dann vor. »Ihr werdet mir doch helfen, oder? Ihr werdet mir helfen, Jace wiederzufinden?« Die Dringlichkeit in ihrer Stimme war nicht zu überhören, ebenso wenig wie die Verzweiflung.

Noch bevor Alexander antworten konnte, hörte er das Geräusch der sich öffnenden Haustür. Wenige Augenblicke später wurde sie mit Schwung wieder ins Schloss geschlagen und ein Mann erschien in der Wohnzimmertür. Er war Ende dreißig, hatte dunkelbraune Haare, die von grauen Strähnen durchzogen waren, und trug Kleidung, die Alexander für die Temperaturen in Narau viel zu warm erschien: einen schwarzen Nadelstreifenanzug mit Weste, Jackett und schmaler Krawatte. Dies musste Patrick Garrett sein. Und er tobte vor Wut.

»Apolonaria!« Sein sorgfältig gestutzter Schnauzbart zitterte.

»Wenn es stimmt, was ich gehört habe, dann …« Er ließ den Satz unvollendet, denn sein Blick fiel auf ihn und Nic. »Gütiger Himmel, nein.« Er schüttelte den Kopf, sein Gesicht wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, röter. »Apolonaria.«

Apolonaria erhob sich aus dem Sessel, ging auf ihren Mann zu und streckte die Hand aus. »Patrick, das sind Nic und Alexander.«

»Nein, Apolonaria, das kann unmöglich dein Ernst sein.«

»Ich habe die zwei und einen ihrer Begleiter davor bewahrt, von Jim als Sklaven verkauft zu werden.«

»Hallo, ich –«

Rüde unterbrach Garrett Alexanders Versuch, sich vorzustellen. »Es ist mir egal, wer sie sind. Und wenn sie der Heilige Geist persönlich wären. – Was hast du dir nur dabei gedacht?« Garretts Stimme war inzwischen ein Brüllen und Alexander setzte sich lieber wieder. Es war klar, dass es bei diesem Streit nicht um ihn und Nic ging, nicht wirklich. Und er wollte es um jeden Preis vermeiden, da hineingezogen zu werden.

»Sie werden uns helfen, Jace zu finden.« Apolonaria griff nach der Hand ihres Mannes. »Du hast gesagt, wenn ich einen Weg finde, wie keiner davon erfährt und ich mich nicht einmische, dann könnte ich nach Jace suchen.«

»Bist du denn verrückt?« Garrett schüttelte sie ab und schlug mit der flachen Hand auf den Esstisch. »Wie kann man nur so bescheuert sein. Wie sollen diese armseligen Gestalten uns denn bitte helfen? Wer sind die schon?« Fahrig strich Garrett sich über die Haare. »Niemande. Flüchtlinge aus irgendeiner seltsamen Stadt unter dem Meer, als ob. Das sind Verrückte, das sage ich dir.«

»Moment mal.« Nic erhob sich halb von ihrem Platz, doch Garrett streifte sie mit einem tödlichen Blick und sie ließ sich wieder zurücksinken.

»Ich muss mir von den Leuten in der Stadt sagen lassen, du hättest dich für diese Idioten eingesetzt. Dass du auch noch dafür bezahlt hättest, damit Jim sie gehen lässt. Ich zweifle wirklich an deinem Verstand.«

»Sie haben Erfahrung mit so was«, hielt Apolonaria stur dagegen. »Sie haben gesagt, sie haben schon Morde aufgeklärt. Wenn du hier einen Sheriff einsetzen würdest …«

»Wir brauchen keinen Sheriff!« Garrett brüllte so laut, dass Alexander glaubte, die Scheiben klirren zu hören. »Ich bin hier der Leiter, kapierst du das? Alle machen das, was ich sage.«

»Das weiß ich ja.« Alexander sah, dass Apolonaria sich bemühte, ruhig zu bleiben. »Aber unsere Tochter ist verschwunden und ich will sie zurück.«

»Ich sage dir eins.« Garrett holte tief Luft. »Wenn sie es nicht schafft, auf sich allein aufzupassen, dann ist sie nicht meine Tochter.«

Apolonaria schluchzte auf. »Wie kannst du so was nur sagen? Sie ist dein Kind.«

Garrett schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf.

»Patrick.« Apolonarias Stimme war ganz leise geworden und hatte einen eiskalten Tonfall angenommen. »Wenn ihr etwas passiert, dann werde ich dir das nie verzeihen, niemals. Dann verlasse ich die Stadt und gehe.«

Garretts Gesichtsausdruck veränderte sich, wurde weniger wütend und schließlich völlig ausdruckslos. Es dauerte lange, bis er wieder sprach. »Wie sieht der Plan aus? Wie soll das funktionieren?«

»Wir haben das noch nicht detailliert mit Ihrer Frau besprochen.« Nics Stimme klang ein wenig höher als sonst. »Aber wir werden Jace finden. Dazu wäre es natürlich notwendig, dass wir uns umhören und die Menschen befragen, die etwas wissen könnten.«

Garrett schnaubte verächtlich. »Als ob ihr das könntet. Man sieht euch auf einer Meile Entfernung an, dass ihr nicht aus Narau stammt.«

»Gerade das ist unser größter Trumpf«, erwiderte Nic gelassen. »Wir sind geschwächt von unserer Reise, wir sind unbewaffnet und wenn wir neugierige Fragen stellen, haben wir eine gute Begründung dafür: Wir sind nicht von hier.« Bestätigend nickte Alexander.

Garretts Blick wurde nachgiebiger, auch wenn er noch immer unwillig wirkte. »Das klingt wirklich nach einem Plan, der vielleicht funktionieren könnte. Trotzdem halte ich ihn für Schwachsinn. Wir sollten abwarten. Wir können es uns nicht leisten, in aller Öffentlichkeit zu zeigen, dass es hier ein Problem gibt. Niemand sollte erfahren, dass Jace verschwunden ist.«

»Wenn wir nichts tun, dann stirbt Jace vielleicht, willst du das?«

»Apolonaria, bitte. Lass es uns ganz ruhig versuchen, erstmal warten. Du weißt, die Unruhen in letzter Zeit … Es braucht nur einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und Jace’ Verschwinden könnte dieser Tropfen sein. Denk doch mal nach. Wir werden verwundbar wirken.« Garrett packte seine Frau bei den Schultern und schüttelte sie leicht.

Genervt schlug sie seine Hände weg und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Mach doch, was du willst! Du bist einer der großen mächtigen Caeles, entscheide du über das Leben unserer Tochter! Aber ich sage dir eins: Die beiden bleiben. Und sie werden nach Jace suchen.« Lautstark stiefelte sie die Treppe empor. Im oberen Stock schlug eine Tür so hart ins Schloss, dass die Erschütterung bis ins Erdgeschoss zu fühlen war. Unangenehmes Schweigen breitete sich aus.

»Sie hat … Temperament«, brachte Alexander schließlich heraus.

»Ja, das hat sie wohl«, erwiderte Garrett und schüttelte den Kopf. »Na ja. Sie wird sich wieder beruhigen.«

Er schien davon überzeugt, doch Alexander hatte so seine Zweifel. Wie sollte Apolonaria sich beruhigen, wenn ihre Tochter noch immer verschwunden war?

»Entschuldigt bitte, ich bin noch nicht dazu gekommen, mich vorzustellen. Ich bin Patrick Floyd Garrett. Ich bin einer der Caeles, genauer gesagt der erste. Aber nennt mich doch bitte Patrick.«

»Wir sind Nic und Alexander.« Alexander ergriff die Hand, die Garrett ihm darbot. Ihr müsst einen schrecklichen Eindruck von mir haben.« Betont bedauernd sah Garrett zur Treppe, wo Apolonaria eben noch zu sehen gewesen war. »Aber ich kann euch versichern, ich war nicht untätig, was Jace angeht. Ich war vorhin bei den Versorgern.«

»Versorger?« Nic sah Garrett fragend an.

»Ja, das ist eine Truppe, die die Stadt manchmal verlässt. Vermutlich waren sie es, die euch gefunden haben.«

»Heißt der Anführer James?« Alexander dachte an den wortkargen Mann, der sie zu Jim gebracht hatte.

»Ganz genau. Ich wollte sie fragen, ob sie irgendetwas mitbekommen haben, etwas über vermisste Personen, oder ob es Unruhen außerhalb der Stadt gibt.«

Verständnisvoll nickte Alexander.

»Allerdings habe ich nichts herausgefunden. Aber solche heiklen Angelegenheiten muss man mit Bedacht angehen, vorsichtig. Wenn ich nicht will, dass meine Gegner mich für schwach halten, darf ich mich nicht schwach präsentieren. Meine Frau versteht nichts von den Feinheiten der Politik. Und deswegen gefällt es mir auch ganz und gar nicht, dass sie euch hier angeschleppt hat.« Garrett beugte sich vor und seine Stimme wurde leiser, drohender. »Ihr habt gehört, was Apolonaria gesagt hat. Sie will euch hier. Und ich werde ihr diesen Wunsch gewähren.« Er sagte es, als wäre es eine große Geste seinerseits. »Aber ein falscher Schritt, ein falsches Wort und ihr seid dran. Ich werde euch im Auge behalten.« Garrett lehnte sich mit gefalteten Händen in seinem Sessel zurück und seine ernste Miene wich einem Ausdruck der Zufriedenheit.

In diesem Moment kam Rosa mit einem Tablett in der Hand ins Zimmer. Vorsichtig setzte sie drei breite Gläser vor ihnen ab, in denen träge eine braune Flüssigkeit hin und her schwappte.

»Sehr gut, vielen Dank, Rosa.«

Rosa verneigte sich vor Garrett und warf Alexander einen flüchtigen Blick zu. Er sah nachdenklich auf ihre nackten Beine, als sie den Raum wieder verließ. Nicht einmal Schuhe trug sie.

»Langt zu. Keine falsche Scheu.« Mit einem Lächeln deutete Garrett auf die Gläser und hob sein eigenes hoch. Zögernd griffen auch Nic und Alexander nach ihren Getränken. Ein beißender Geruch schlug Alexander daraus entgegen, der ihm die Tränen in die Augen trieb.

»Was genau ist das?«, erkundigte er sich mit erstickter Stimme bei Garrett.

»Ein guter Whiskey. Den stelle ich selbst her.«

Whiskey … was auch immer das wieder sein sollte. Garrett prostete ihnen zu und sie taten es ihm gleich. Alexander beobachtete ihren Gastgeber dabei, wie er die braune Flüssigkeit in einem Zug herunterstürzte und machte es genauso. Es war, als hätte er flüssiges Feuer getrunken und für einen Moment fragte er sich, ob Garrett versuchte, sie zu vergiften. Er begann zu husten und eine seltsame Wärme breitete sich in seinem Magen aus. Keuchend hielt er sich den Hals.

»Ja, der ist ziemlich stark, nicht wahr?« Herablassend grinste Garrett.

Das musste sich also so anfühlen? Auf die Erfahrung hätte Alexander auch gut verzichten können.

»Also … was braucht ihr? Womit werdet ihr anfangen?«

Alexander fühlte sich überrumpelt. Natürlich mussten sie, so schnell es ging, mit ihrer Suche anfangen, aber womit genau

… darüber hatte er sich bisher keine Gedanken gemacht. Und Nics Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sie auch nicht.

»So genau kann man das natürlich noch nicht sagen«, begann Alexander zögernd. »Für den Anfang wäre eine Liste hilfreich mit allen Personen, die verschwunden sind, wenn möglich mit dem Ort, an dem sie zuletzt gesehen wurden.«

»Und wo wir ihre Familie finden können oder zumindest denjenigen, dem aufgefallen ist, dass sie verschwunden sind«, warf Nic ein.

»Das lässt sich machen.« Garrett rutschte an die Kante seines Sessels und drehte das Glas in den Händen. »Ihr habt das schon mal gemacht, richtig? Ich meine, Apolonaria hat gesagt, in eurer Stadt hättet ihr einen Mordfall aufgeklärt …«

»Ja, das haben wir auch, eigentlich sogar mehrere«, begann Alexander, unsicher, ob das die richtige Antwort war. Natürlich hatten sie den Fall aufgeklärt, aber das hatte viel mit Zufall und Nics Stellung in der Stadthierarchie zu tun gehabt. Ob die Ermittlungen in Narau ebenfalls erfolgreich wären …

»Sehr gut. Ich verlasse mich auf euch.« Garrett lächelte sie an und zog dabei die Jacke seines Anzugs ein winziges Stück zurück. Alexander sah das silberne Metall einer Waffe darunter aufblitzen. Er blickte Garrett in die Augen und zwang sich ebenfalls zu einer freundlichen Miene. »Ihr plaudert nichts aus, verstanden? Nichts, was ihr über mich oder meine Familie erfahrt, findet seinen Weg in die Ohren anderer Menschen, ist das klar?«

Automatisch nickte Alexander. Bereits jetzt vermisste er Biota mehr, als er erwartet hatte. Er vermisste die Übersichtlichkeit, die Ordnung, die Vertrautheit. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen, doch am meisten vermisste er seine Eltern. Was dachten sie von ihm? Sie mussten gehört haben, dass er gegen die Gesetze verstoßen hatte. Niemals würden die Oberen der Stadt zugeben, dass es ihnen dreien gelungen war, zu fliehen. Die anderen Bewohner sollten nicht wissen, dass man die Stadt verlassen konnte. Seine Eltern würden die Wahrheit also nie erfahren.


Jace

Wo war er?

Hastig setzte Jace sich auf, und der Steinboden unter ihren Fingern schürfte ihre Haut auf.

Wo?

Panisch sah sie sich um. Sie erinnerte sich nicht mehr, sie war doch … Sie kniff die Augen zusammen. Er war hier gewesen, er hatte sie mitgenommen, mit in den anderen Raum. Er nannte ihn »Die Räucherkammer«. Sie zitterte. Was war dann … Verschwommene Bilder irrten durch ihre Erinnerung. Sie hatte auf diesem Tisch gelegen und er hatte neben ihr gestanden. Ihre Füße! Sie beugte sich so schnell vor, dass ihr schwindelig wurde. Dann stöhnte sie auf. Die Sohlen ihrer Füße waren rot und roh, voller Blasen und mit schwarzen Stellen übersät. Er hatte ihr die Füße versengt, immer wieder.

Jace schrie, sie schrie so laut, dass es sich anfühlte, als würde ihre Kehle zerreißen. Als sie aufhörte, war da nur die Stille, diese allumfassende Stille, die immer dann herrschte, wenn er nicht da war. Eine Stille, in der sie ihr Blut durch ihren Körper rauschen hörte.

Bis er wiederkam.


Kapitel 2

Am nächsten Morgen erwachte Alexander völlig gerädert, die ganze Nacht hatte er sich voller Sorge von einer Seite auf die andere gewälzt. Er hatte überlegt, was passieren konnte, wenn sie versagten, und wie er genau das verhindern konnte. Ihm war nichts eingefallen, das sie weiterbringen würde. Er kannte die Stadt einfach viel zu wenig. Wie sollte er Pläne schmieden, wenn er nicht einmal wusste, welche Menschen hier wohnten? Welche Berufe übten sie aus? Welche Gegenstände konnte man kaufen? Wer hatte etwas gegen die Vermissten gehabt? Was befand sich außerhalb der Wände dieses Vulkans? Erschöpft fuhr er sich mit den Händen über das Gesicht. Und dann gab es auch noch Oliver. Wie mochte es ihm gehen?

Er betrat das Badezimmer und wusch sich in dem üppigen Becken, doch im Gegensatz zum Vortag hatte es seine Faszination verloren. Es war nur eine Pfütze voller Wasser, die ihn davon ablenken sollte, was ihnen blühte, wenn sie versagten.

Heute würden sie die Stadt erkunden, so war es mit Garrett abgesprochen, der ihnen sogar zugesichert hatte, dass Rosa sie begleiten würde. Er selbst hatte, wie er sagte, »wichtige Geschäfte, die sich nicht aufschieben ließen«. Was auch immer das heißen mochte. Als Alexander den Schrank öffnete, lagen darin wieder seine eigenen Kleidungsstücke. Frisch gewaschen und sorgfältig gefaltet waren sie auf das unterste Regalbrett gestapelt worden. Alexander zögerte. Dann griff er nach der Kleidung, die nun ebenfalls im Schrank lag, aber nicht ihm gehörte. Konnte es schaden, sich ein wenig anzupassen? Sie würden genug auffallen, da konnte er sich zumindest in der Kleiderfrage nach den Einwohnern der Stadt richten.

Er rückte die braune Lederweste zurecht, die er über ein blaues Hemd gezogen hatte, und verließ das Zimmer. Am Tisch im Wohnzimmer wartete Nic bereits auf ihn. Auch sie hatte sich für die Kleidung aus Narau entschieden und trug eine braune Korsage, in der sie sich sichtlich wohlfühlte. Kein Wunder, eine ähnliche hatte sie in Biota auch getragen. Die dunkelgrünen Träger des Oberteils passten hervorragend zu ihren grünen Augen, und als Alexander sie näher in Augenschein nahm, stellte er fest, dass sie mit dünnen glänzenden Steinen besetzt waren. Dazu trug sie einen weit ausgestellten Rock und Stiefel mit Absatz. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erhob Nic sich, als er das Zimmer betrat.

»Gute Neuigkeiten, Oliver geht es besser, der Arzt hat extra einen Sklaven hierher geschickt, um uns das mitzuteilen, ist das nicht nett?«

»Ja, sehr nett«, murmelte Alexander und setzte sich. »Wann können wir ihn besuchen?« Auch wenn der Sklave gesagt haben mochte, dass es Oliver besser ging, wollte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen.

»Das hat er nicht gesagt. Vielleicht fragen wir nachher einfach Garrett oder Apolonaria, was hältst du davon?«

»Wenn du meinst.« Mit diesem Beschluss nicht gänzlich zufrieden, löffelte Alexander sich seinen Teller voll. Viel lieber wäre er sofort losgegangen und hätte nach Oliver gesehen.

»Beeil dich mit dem Essen, Rosa hat in einer halben Stunde für uns Zeit, aber nur, bis sie das Mittagessen vorbereiten muss. Bis dahin sollten wir besser mit der Besichtigung durch sein.« Nic legte ihr Besteck sorgfältig auf den Teller. »Wir sollten uns auch gleich notieren, wo was liegt, dann finden wir es später wieder. Ach ja, und wir müssen unbedingt Notizen machen, was wir uns genauer ansehen wollen. Vielleicht müssen wir dafür noch einmal auf Garretts Hilfe zurückgreifen.

»Hm, hm, richtig«, murmelte Alexander angesichts ihres Wortschwalls nur noch. Sie schien richtig gut gelaunt zu sein, gänzlich in ihrem Element, ein wenig seltsam angesichts ihrer unangenehmen Lage. Erst dann fiel ihm auf, was sie gesagt hatte. »Wieso denn an ihn? Findest du das nicht merkwürdig?«

Nic seufzte. »Doch. Aber willst du ihm sagen, dass du lieber mit seiner Frau darüber sprechen würdest? Ich werde ihm das ganz sicher nicht mitteilen.« Sie zog eine Grimasse.

»Ich auch nicht.« Es war vermutlich besser, Garrett einfach zu gehorchen.

»Ich bin wirklich gespannt.« Zwar saß Nic noch am Tisch, doch sie sah aus, als wollte sie am liebsten losrennen. »Ich hoffe, wir schauen uns auch diese Felder an, die wir auf dem Weg hierhin gesehen haben.«

»Was ist mit dir los? Gefällt dir die Stadt auf einmal?«, fragte Alexander leicht genervt.

»Was ist denn mit dir los? Wir haben doch nicht unser Todesurteil unterschrieben. Es kann sich alles zum Guten wenden, wir haben genug Zeit …«

»Nur zwei Wochen«, warf Alexander kritisch ein, doch Nic wischte seinen Einwand mit einer lässigen Handbewegung beiseite. »Das ist genug, wir schaffen das. Außerdem, was ist schon aufregender, als eine völlig neue Stadt zu sehen? Etwas anderes als Biota? Wer weiß, was es hier für Tiere gibt, und die Pflanzen erst …«

Das war es also! In Nic war der Forscherdrang erwacht, sie wollte alles untersuchen, alles sehen, alles entdecken. Nur anscheinend vergaß sie darüber, dass sie kein Labor mehr besaß, in dem neue Entdeckungen irgendeine Bedeutung hatten. Doch Alexander wollte nicht der Spaßverderber sein. Er beschloss, sich von ihrer guten Laune und Zuversicht anstecken zu lassen. Sie hatte ja recht – was nützte es schon, bereits jetzt aufzugeben?

Rosa erschien pünktlich eine halbe Stunde später, die Alexander dazu genutzt hatte, so viel Rührei und Brot in sich hineinzustopfen, wie er schaffte. Es war unglaublich, wie gut hier alles schmeckte, so frisch und so viel intensiver als zu Hause.

Mit neu erwachter guter Laune begrüßte er Rosa überschwänglich und sie wandte sich ihm mit einem kleinen Lächeln zu und betrachtete ihn von oben bis unten.

»Die neue Kleidung steht dir gut«, bemerkte sie, und Alexander wurde rot. Er freute sich über ihr Kompliment, nur konnte er es unmöglich zurückgeben, denn sie trug nur ein schlammfarbenes Tuch, das sie sich wie eine Toga um den Körper geschlungen hatte. Ihre bloßen Füße waren verdreckt, ihre Beine mit schwarzem und rötlichem Staub überzogen. Doch trotz ihrer Aufmachung reckte sie ihm stolz ihr Kinn entgegen. Ein Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken und er zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt.

Nic starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. »Wir sollten losgehen, wir haben wenig Zeit.« Sie warf ihm einen letzten Blick zu, wandte sich um und marschierte aus dem Haus.

Rosa und Alexander folgten ihr auf die Straßen von Narau. Im Gegensatz zum vorherigen Tag war der Nebel nicht so dicht und Alexander konnte tatsächlich den Himmel über dem Vulkan erkennen, an dem feine weiße Wolken entlangzogen. Er hatte auch einen besseren Blick auf das Metallgerüst, von dem er von Zeit zu Zeit ein Klirren und Zischen hörte, und das sich quer über die Stadt erstreckte. Es war gut dreißig Meter breit, und dicht an dicht standen dort Gebäude, deren lange Schlote in den Himmel stachen. Schwarzer und weißer Rauch quoll aus ihnen hervor, und für einen Moment hatte Alexander den Eindruck, dass die Fabriken mit dem weißen Rauch für die Wolken am Himmel verantwortlich waren. Doch das war natürlich Unsinn. Obwohl es früher Morgen war, herrschte bereits emsiges Treiben auf der Straße. Hier, im innersten Ring, tummelten sich Männer und Frauen, die, ebenso wie Rosa, nur einfache Kleidung und einen Eisenring um den Hals trugen und Nahrungsmittel, Holz, Steine, und Kohle in kleinen Karren vor sich herschoben. Vermutlich waren das die Sklaven, von denen Apolonaria gesprochen hatte. Das hieß, alles was sie hier taten, taten sie nicht freiwillig, sondern weil jemand, ihr »Herr«, es ihnen befohlen hatte. Mit einer seltsamen Faszination beobachtete Alexander verstohlen die Menschen mit den glatten schwarzen Haaren.

Wie mochte es sich für sie anfühlen? Sollte er Rosa womöglich danach fragen?

Bevor sie den innersten Häuserring verließen, drehte Rosa sich noch einmal um und machte eine weit ausholende Bewegung.

»Das hier ist das Zentrum von Narau. Offiziell heißt dieser Teil der Stadt ›Mavoria‹, aber die meisten nennen ihn nur ›Center‹.« Sie deutete auf ein Holzschild neben dem Eingang zum Center. In ihren Worten klang etwas mit, ganz sanft und kaum hörbar, doch Alexander hatte den Eindruck, dass dies nicht ihre Muttersprache war. »Mavoria« stand dort in schwarzen Lettern über dem Bild von etwas, von dem Alexander inzwischen wusste, dass es eine Kugel für eine Waffe war. »Die Menschen, die hier leben, sind die momentanen Herrscher von Narau, sie haben das alleinige Recht, die Regeln festzulegen. Ihnen unterstehen sämtliche Geschäfte und sie sind für die Versorgung der Stadt verantwortlich. Es gibt für die anderen Einwohner natürlich jederzeit die Möglichkeit, einen der Caeles herauszufordern. Sollte er ihn schlagen, nimmt er oder sie dessen oder deren Platz ein.« Sie leierte die Informationen herunter, als hätte sie sie auswendig gelernt.

»Schlagen?«, warf Alexander ein. »Du meinst …«

»Ihn töten«, erwiderte Rosa ruhig.

»Oh …« Alexander wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Die Einwohner der Stadt hatten also die Erlaubnis, sich gegenseitig umzubringen?

»Die Herausforderungen finden in der Arena statt und haben ganz spezielle Regeln.« Rosa deutete auf einen weit entfernten Punkt der Stadt. »Man darf also nicht einfach einen der Caeles auf offener Straße hinterrücks erschießen«, erklärte Rosa weiter, die seinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet hatte. »Es geht darum, dass die Stärksten der Gemeinschaft die Stadt leiten. Nur so können wir überleben.« Ihre Erklärung klang für Alexander, als plapperte sie lediglich die Leitsätze ihres Herren nach, doch er traute sich nicht, sie nach ihrer wirklichen Meinung zu fragen, und hielt lieber den Mund. Er hatte später noch genug Zeit, mit ihr zu sprechen. Heute zählte erstmal nur, einen Eindruck von der Stadt zu bekommen.

»Natürlich können nur die richtigen Bürger ein Caeles werden, Sklaven ist es nicht erlaubt, sie herauszufordern«, sagte sie bitter.

»Darf ich dich etwas fragen?« Alexander ging dicht neben ihr her, während Nic ein paar Schritte zurückblieb und sich Notizen machte.

»Natürlich.« Rosa nickte und sah ihn mit einem gekonnten Augenaufschlag von der Seite an. »Alles, was du willst.«

»Alle hier erwähnen immer wieder Sklaven.« Und sie selbst hatten schließlich auch als solche verkauft werden sollen. »Und ich bin nicht sicher, was das bedeutet.«

»Bei euch gab es keine Sklaven?« Rosas Augen weiteten sich, und für einen Moment fiel das kokette Verhalten von ihr ab.

»Warum nicht?«

»Keine Ahnung. Bis ich hierher kam, habe ich gar nicht gewusst, dass so etwas existiert.« Alexander zuckte mit den Achseln. »Warum bist du eine Sklavin?«

Sekundenlang gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Alexander schließlich das Gefühl hatte, etwas Falsches gesagt zu haben.

»Ich war fünf.« Rosas Stimme war leise und ruhig. »Männer kamen in das Dorf, in dem ich mit meinen Eltern und Geschwistern wohnte. Es liegt irgendwo dort draußen.« Sie deutete auf die Wände des Vulkankraters. »Sie hatten Waffen. Waffen, die wir noch nie vorher gesehen hatten. Sie wollten alles, unsere ganzen Vorräte, unser Vieh, einfach alles. Das ließen die Männer im Dorf nicht zu. Sie weigerten sich. Ein Mann trat vor und hat sie einen nach dem anderen erschossen, obwohl sie ihm inzwischen alles anboten und vor ihm auf dem Boden knieten. Am Ende war meine ganze Familie tot und auch die meisten anderen aus dem Dorf.«

Alexander konnte nicht anders, als sie anzustarren. Was sie alles durchlebt hatte … Er konnte es sich kaum vorstellen.

»Die Männer nahmen mich mit. Sie meinten, ich könnte entweder mit meiner Familie sterben oder mit ihnen kommen. Ich war fünf, natürlich wollte ich nicht sterben. Also ging ich mit. Und hier bin ich«, schloss sie bitter und eine unechte Fröhlichkeit machte sich auf ihrem Gesicht breit. »Und hier werde ich auch bleiben.«

Alexander hatte kaum Zeit, ihre Geschichte zu verarbeiten. Schon durchschritten sie das Tor, das in den zweiten Ring der Stadt führte und Rosa fuhr mit ihrer Erklärung fort.

»Das ist ›Dodge City‹. Hier befinden sich sämtliche Geschäfte, außer den gefährlichen.« Rosa deutete auf die Überführung über ihren Köpfen. Alexander blickte erneut empor. Die Rauchschwaden noch immer dicht, doch nun erkannte er auch Menschen dort oben. »Vielleicht gehen wir später noch hoch, früh am Morgen dort aufzutauchen, ist üblicherweise eine schlechte Idee.« Sie wandte sich von ihnen ab und das Tuch um ihren Körper schwang umher.

»Was gibt es denn hier für Geschäfte?« Interessiert versuchte Alexander, irgendwelche Schilder zu entziffern. »Können wir vielleicht einmal rundherum gehen?«

Rosa zuckte mit den Schultern. »Klar, gerne. Die meisten sollten auch schon geöffnet haben, vielleicht können wir auch gleich einen Blick hineinwerfen, falls ihr euch dafür interessiert.«

Alexander war neugierig, was in Narau verkauft und hergestellt wurde, und nickte begeistert.

Gemeinsam wandten sie sich nach rechts und gingen die unebene Straße entlang, die ebenso wie die Gebäude rechts und links aus porösem schwarzen Stein bestand.

»Was ist das eigentlich?«, fragte nun Nic und deutete auf das Gestein unter ihren Füßen. »Ihr baut ja anscheinend alles damit.«

»Ja, hier gibt es ja auch kaum etwas anderes. Das ist Basalt. Er stammt aus dem Vulkan. Wir können ja die Stadt nicht ständig verlassen, um Zeug zum Bauen zu suchen, auch wenn es dann hier schöner aussehen würde.«

Schöner vielleicht nicht, dachte Alexander, aber weniger düster. Das dunkle Grau und Schwarz des Gesteins verlieh der gesamten Stadt eine unwirkliche Atmosphäre, so als würde es nie wirklich hell.

Auf ihrem Rundgang passierten sie einige Läden, die Waffen, Möbel, Gläser, Nahrung und Medizin verkauften. Dann erreichten sie ein Gebäude, vor dem eine knöchelhohe Konstruktion aus silbernem Metall stand. Als Alexander sich ihr näherte, um es genauer zu betrachten, stieß es Laute aus, die stark an ein Bellen erinnerten. Jetzt erst erkannte Alexander die Ohren, die Schnauze und die vier kurzen Beine. Das hier war ein Hund, allerdings ein Hund aus Metall.

»Wahnsinn!« Er kniete sich nieder. Mit einer Hand stützte er sich am Boden ab, mit der anderen wollte er dem Hund über den Kopf streichen, doch der stieß ein tiefes Knurren aus. Rosa und Nic lachten, als er seine Hand ruckartig zurückzog.

»Davon lässt du dich einschüchtern?«, fragte Rosa noch immer lachend.

Unsicher blickte Alexander zwischen ihr und dem Metallhund hin und her. »Ähm …«

»Du Angsthase! Das ist nur Zerberus, Pawlow hat ihn zur Demonstration hier draußen aufgestellt. Der tut nichts, darauf wurde er nicht programmiert.«

»Ich bevorzuge ›konditioniert‹«, ertönte eine tiefe brummige Stimme vom Eingang des Gebäudes. »Das beschreibt sehr viel exakter, was ich hier mache.« Die Worte des Mannes klangen seltsam abgehackt, als versuchte er, jedes einzeln korrekt auszusprechen, doch es mangelte ihm am Gefühl für die Sprache.

»Guten Morgen, Pawlow!«, begrüßte Rosa ihn höflich und trat einen Schritt zurück. Sie senkte den Blick. »Das sind Nic und Alexander, sie kommen aus einer anderen Stadt und werden zwei Wochen bei uns bleiben.«

Pawlow grunzte abwertend. »Hab schon von euch gehört. Was wollt ihr hier? Was erhofft ihr euch, hier zu finden?«

»Gar nichts. Wir mussten nur weg aus unserer Stadt«, gab Alexander unumwunden zu.

»Habt wohl was ausgefressen, was?« Der Mann hinter dem dichten buschigen Bart starrte sie mit durchdringenden blauen Augen an.

»Nein, wir …«, versuchte Nic sich zu verteidigen, doch Pawlow unterbrach sie gleich wieder.

»Es ist mir völlig egal, was ihr getan habt. Ihr seid hier, Garrett hat euch seine Erlaubnis gegeben, das muss reichen. Genießt euren Aufenthalt.« Er wandte sich von der kleinen Gruppe ab und wollte zurück ins Dunkel seines Ladens gehen. »Tut mir leid … Herr Pawlow?« Alexander hatte noch zu viele Fragen, um den Mann jetzt schon wieder gehen zu lassen.

Der große Mann wandte sich auf der Türschwelle noch einmal um. »Ja?«

»Das haben Sie gemacht?«

»Ja, das ist meiner.« Pawlow musterte ihn misstrauisch.

»Ich dachte eigentlich, die Golems in unserer Stadt wären schon gut gemacht, aber Zerberus wirkt so echt.«

»Ja, er ist gut. Aber ich kann noch mehr. Andere Tiere. Aber ganz besonders stolz bin ich auf die Gears.«

»Stolz.« Rosa schnaubte. »Du verdienst am meisten mit ihnen, das ist alles.«

Pawlow ging nicht auf ihre Worte ein.

»Gears?« Nic trat näher. »Was sind Gears?«

»Das, junge Dame, sind Gears.« Pawlow deutete über die Schulter in seinen Laden auf ein Wesen aus Metall, das fast die gleiche Größe und Statur hatte wie ein Mensch.

»Die sehen beinahe aus wie unsere Golems.« Alexander wandte sich an Nic. »Oder?«

»Stimmt, sehr ähnlich. Wozu dienen sie?«

»Die meisten kaufen sie für schwere Arbeiten. Manche auch zum Schutz.«

»Also sind sie unseren Golems wirklich sehr ähnlich. Aber sie wirken feiner, besser abgestimmt. Und auch die Gesichter …« Alexander wusste, was sie meinte. Das »Gesicht« des Gears war detailliert ausgearbeitet und die menschlichen Züge wirkten geradezu erschreckend real. Wäre die metallische Farbe nicht gewesen, hätte man es beinahe für ein menschliches Gesicht halten können.

»Darf ich Sie noch etwas fragen?« Nic war auf den Gear zugetreten und hatte die Hand erhoben, doch sie berührte die Maschine nicht. »Sie sagten ›konditionieren‹, was meinten Sie damit?«

»Das zu erklären, würde vermutlich etwas länger dauern.«

»Es würde mich wirklich interessieren.« Nic sah sich zu Alexander um. »Dich nicht auch?«

Alexander zuckte mit den Schultern. »Na ja …«

»Ich habe eine Idee.« Mit Schwung klappte Nic ihr Notizbuch zu. »Ich bleibe hier. Dann können wir uns noch unterhalten. In Ordnung?« Sie deutete auf Pawlow. »Und ich kann hier den Ring abgehen und alle Geschäfte eintragen, wie wäre das?«

Sie wollte allein hierbleiben? Hier bei Pawlow? Unsicher sah Alexander Rosa an. Diese nickte zufrieden. »Eine gute Idee. Dann gehen Alexander und ich durch die beiden letzten Ringe zur Arena und kommen danach wieder zurück. Er kann dir dann ja alles erzählen.« Als Nic sich wieder zu Pawlow umdrehte, zwinkerte Rosa Alexander zu. Mit einem unguten Gefühl stimmte er zu, Nic allein zu lassen.

»Den Weg müssten wir in einer halben Stunde schaffen. Vielleicht sogar in fünfundzwanzig Minuten, wenn wir uns beeilen. Das schaffen wir noch.« Rosa ließ eine filigrane Uhr an einer Kette zurück in den Ausschnitt ihres Kleides rutschen.

Nur fünfundzwanzig Minuten klangen gut. Alexander hatte das Gefühl, dass sie sich lieber beeilen sollten, denn der Gedanke daran, Nic in Narau allein zu lassen, beunruhigte ihn mehr und mehr.

»Dann lass uns losgehen«, drängte er deshalb und lief bereits zum Ausgang des Viertels.

»Du wartest hier auf uns?«, erkundigte sich Rosa fröhlich bei Nic.

»Natürlich. Ich will mir nur die Gears und die Geschäfte näher ansehen. Geht ruhig.« Sie wedelte mit der Hand, als würde sie eine Fliege verscheuchen wollen. Rosa zuckte die Achseln und lief Alexander hinterher.

»Willkommen in Fort Sumner!« Lächelnd breitete Rosa die Arme aus und deutete die neue Straße entlang.

Alexander ließ seinen Blick erst in die eine, dann in die andere Richtung schweifen. Die Gebäude hier waren höher als in Dodge City, zwar nicht höher als im Zentrum der Stadt, doch immer noch beeindruckend. Er sah an der Fassade eines Hauses empor. Sie war mit dem seltsamen schwarzen Glas verkleidet, dass es überall in der Stadt gab.

»Obsidian«, kommentierte Rosa. »Oder Rabenstein. Das kommt von dem Vulkan«, fügte sie hinzu, als er sich wieder zu ihr umdrehte.

»Das ist wirklich schön«, erwiderte er und trat einen Schritt zurück, um das Haus als Ganzes betrachten zu können. Die Nachbarhäuser waren nicht mit Obsidian verkleidet, stattdessen bestanden ihre Fronten aus dem groben schwarzen Stein, der auch als Baumaterial für die Straße verwendet worden war.

In diesem Moment fielen einige Sonnenstrahlen durch das nebelige Grau, das sie umgab, und brachten den Obsidian zum Leuchten. »Wunderschön«, staunte er und legte eine Hand auf die Hauswand, die plötzlich in einem dunklen Goldton erstrahlte.

»Ja, nicht wahr?« Gelangweilt betrachtete Rosa die Fassade.

»Diesen besonderen Schliff benutzten bereits die Azteken, um Figuren ihrer Götter herzustellen. Übrigens meine Vorfahren.« Plötzlich lächelte sie wieder strahlend und kleine Grübchen erschienen auf ihren Wangen. Alexander lächelte automatisch zurück, obwohl ihm der Kopf schwirrte. Azteken? Götter? Was …

»Das hier ist der Ort, an dem die Familien wohnen, also natürlich nur die freien Bürger«, fügte Rosa hastig hinzu, als eine Frau an ihr vorbeiging und sie herablassend ansah.

»Rosa, was hast du hier zu suchen? Das hier ist Sumner, nicht das verdammte Dodge City!«

»Ich weiß, Mary, aber dieses Mal hat der Herr mich hergeschickt, ich habe einen Auftrag.«

Abschätzig blickte die Frau die Sklavin an.

»Frag ihn doch, wenn du mir nicht glaubst.« Der aggressive Unterton in ihrer Stimme entging Alexander nicht. Die Angesprochene sagte kein weiteres Wort, bedachte Rosa und anschließend auch ihn jedoch mit einem Blick, der zu sagen schien: Ich behalte euch im Auge.

Als sie wieder unter sich waren, ließ Rosas Anspannung sichtbar nach und der fröhliche Ausdruck kehrte zurück auf ihr Gesicht. War sie wirklich so zufrieden, wie sie immer tat? Alexander fiel es schwer, das zu glauben.

»Ich denke, ich muss dich hier nicht herumführen. Die Häuser sehen von außen fast alle gleich aus und um diese Uhrzeit sind die meisten sowieso bei der Arbeit. Ein Rundgang würde dir nicht viel nützen.« Sie wandte sich ab und strebte bereits auf den letzten Durchgang zu.

»Und wie sollen wir hier später einzelne Personen wiederfinden? Das Viertel ist riesig!« Alexander konnte sich nicht vorstellen, wie er hier effektiv nach einem Vermissten suchen sollte.

Rosa blieb stehen und drehte sich um, seufzte tief und antwortete: »Da sind Nummern an den Häusern, der Herr hat ein Buch mit allen Einwohnern und der Zahl des Hauses, in dem sie wohnen. Ganz einfach.« Sie drehte sich wieder um und verließ Fort Sumner.

Ganz einfach also, natürlich, wenn man alles bereits wusste … Er folgte der Sklavin durch eine Gasse, die zum nächsten und letzten Viertel führte. Ein Gitter spannte sich quer durch die Gasse und versperrte ihnen den Weg.

»Was ist denn das?« Gestern hatte er dieses Gitter nicht gesehen. Aber vielleicht war er auch nur abgelenkt gewesen.

»Ein Schutz. Vor den Menschen aus Deadwood. Vor uns Sklaven.« Rosa fletschte die Zähne und krümmte ihre Finger zu Klauen. »Sie haben nämlich Angst vor uns.« Alexander lachte und Rosa zwinkerte ihm zu. Dann drückte sie auf einen Knopf, der auf einer Schaltfläche am Haus rechts von ihnen angebracht war. Ratternd glitt das Gitter zur Seite.

»Bitte, nach dir.«

Zögernd betrat Alexander den Abschnitt von Narau, der im Gegensatz zu den anderen Vierteln zuvor längst sämtliche Pracht, die hier möglicherweise einmal geherrscht haben mochte, verloren hatte. Die Steine der Straße waren zerbrochen, die Häuser wirkten vernachlässigt. Über dem Zugang aus schwarzem Stein hing ein Holzschild mit der Aufschrift

»Deadwood« und darunter ein kleineres, schief hängendes mit krakeligen Buchstaben: »Der Vorort zur Hölle«.

Beim Anblick der Worte lief es Alexander trotz der Hitze und obwohl er die Worte nicht verstand, kalt den Rücken herunter. Wer mochte dieses Schild geschrieben haben?

Rosa zog ihn ungeduldig weiter und schlug mit einem lässigen Schlenker ihres Arms gegen das kleinere der Schilder, sodass es auf den Boden fiel. Eine Wolke aus Staub stob auf.

»Beachte diesen Quatsch einfach nicht, das war garantiert wieder Degan, der macht so etwas gerne. Seine Art der Rebellion gegen unsere Herren.« Noch immer lächelnd hob sie wie zur Entschuldigung die Achseln, doch ihre Mundwinkel zuckten. Das Lächeln war auf keinen Fall echt.

Vorsichtig schob Alexander sich an ihr vorbei und sah sich um. Der allgemeine Eindruck war der einer verwahrlosten Straße, die gnädigerweise zu einem großen Teil im Nebel versank. Wie auch am Vortag spielten schmutzige Kinder auf der Straße. Sie traten gegen einen kleinen Ball und johlten gerade in dem Moment, in dem sie an ihnen vorbeigingen, laut auf.

»Rosa, Rosa!« Ein kleines Mädchen mit einer verdreckten rosa Schleife in ihrem langen Haar rannte auf die Sklavin zu und umklammerte ihre Beine. »Hast du heute frei? Dann kannst du ja doch mit mir spielen!« Freudig strahlte das Mädchen, doch Rosa strich ihr nur sachte über den Kopf und schob sie dann sanft von sich.

»Leider nicht, ich soll den Freund von Herrn Garrett hier herumführen.« Sie deutete auf ihn, stellte ihn jedoch nicht vor.

»Von dem und der anderen habe ich gehört!«, rief das Mädchen aufgeregt und hüpfte auf der Stelle. »Die kommen aus einer Stadt, ganz weit weg von hier, und eigentlich sollten sie Sklaven werden und …«

»Schon gut, schon gut«, unterbrach Rosa sie lachend.

»Das muss ich sofort Mutter erzählen.« Sie wandte sich um und rannte auf eines der Häuser zu, dem die Tür fehlte. »Mutter, ich habe die seltsamen Fremden gesehen, sie sind hier!«

Mit roten Wangen wandte Rosa sich ihm wieder zu. »Sie ist ein wirklich liebes Mädchen«, erklärte sie. »Wie du siehst, gibt es hier kaum etwas, das ich dir zeigen könnte. Das ist das Sklavenviertel. Jeder, der hier wohnt, gehört einem Herren.« Rosa wandte sich ab und wollte weitergehen.

»Ist jeder Herr gleich? Gibt es Regeln für die Behandlung der Sklaven?« Die Fragen sprudelten nur so aus Alexander heraus.

»Ähm … nein, natürlich nicht«, erwiderte Rosa sichtlich irritiert. »Wie wir behandelt werden, ist von Herr zu Herr unterschiedlich. Manche sind gut, andere schlecht.« Sie zuckte die Achseln. »So ist das nun mal.«

»Was für ein Herr ist Garrett?« Alexander hielt den Atem an. War der Mann, für den sie arbeiten mussten, ein guter Mensch?

»Ein guter natürlich«, versicherte Rosa sofort. Sie sah aus, als meinte sie es auch so, doch Alexander wusste nicht, ob er ihren Worten trauen konnte.

Er zwang sich zu einem Nicken und Rosa wandte sich von ihm ab. »Wir können gleich weitergehen. Dieses Viertel ist nicht von Interesse für euch.« Sie konnte die Bitterkeit hinter ihren Worten nicht verbergen. »Wenn wir dieser Straße folgen«, sie deutete die lange Straße hinunter, die vom Stadtzentrum an dessen Rand führte, »dann kommen wir zur Arena. Von da aus geht es dann weiter zu den Farmen.«

Mit schnellen Schritten überquerte Rosa die Straße und wandte sich nach rechts.

Fragend blickte Alexander sie an, während sie weiter die Straße entlang gingen.

»Nun, dies ist der Weg zur Arena. Ich kann gar nicht zählen, wie viele dort bereits gestorben sind.«

»Da gehen die Menschen hin, um zu …«

»Kämpfen, ja«, ergänzte Rosa. Dabei hatte Alexander eigentlich »sterben« sagen wollen.

»Nur Sklaven?«, fragte er unsicher, und Rosa schüttelte den Kopf.

»Nein, dort kann jede Streitigkeit ausgetragen werden. Manchmal lassen die Herren aber auch einfach nur ihre Sklaven gegeneinander antreten, von Zeit zu Zeit werden auch die Huacas hergebracht, meistens, wenn sie der Stadt mal wieder zu nah gekommen sind.« Rosa schien völlig unbekümmert, während sie von den Gewalttaten berichtete, die sich hier normalerweise abspielten.

»Und das da ist die Arena.« Rosa deutete auf ein Gebäude am Ende der Straße. Es war rund und aus so dunklem Stein, dass es sich mit seiner schwarzen Farbe kaum von den Wänden des Vulkankraters dahinter abhob.

»Also, da kämpfen die Leute in Narau? Aber warum tun sie das?« Alexander konnte sich nicht vorstellen, warum irgendjemand das tun sollte.

»Nehmen wir mal an, du willst etwas, das jemand anderes hat, oder hast eine Rechnung mit ihm offen, dann musst du ihn oder sie zu einem offiziellen Kampf in der Arena herausfordern.«

»Aber …« War das ihr Ernst? Schockiert sah Alexander sie an. Auf ihrem Gesicht zeigte sich kein Hinweis darauf, dass das Gesagte ein Scherz gewesen war. »Und in der Arena, da …«

»Geht es darum, wer den Platz am Ende noch verlassen kann«, unterbrach Rosa ihn mit einer energischen Handbewegung.

»Es geht darum, den anderen zu töten?«

»Worum denn sonst?« Fragend sah Rosa ihn an.

Alexander schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.« Er überlegte. »Also ist das hier die Art und Weise, wie man mit jemandem abrechnen würde? Man fordert ihn heraus?«

»Ganz genau.«

»Und wie macht man das?«

Rosa seufzte. »Na ja, entweder man schickt demjenigen eine Einladung. Dann kann es aber sein, dass er sie einfach ignoriert. Oder man verkündet den Wunsch nach einem Duell öffentlich vor Zeugen. Dann kann sich keiner herauswinden.«

»Wurde Garrett schon mal herausgefordert?« Alexander versuchte, sich vorzustellen, wie ein solches Duell wohl ablief. Doch unmöglich.

»Oh ja, unzählige Male.« Rosa nickte bestätigend. »Ist ja auch nur verständlich, wer würde seine Position nicht wollen? Er ist einer der Caeles, ihr Anführer. Mehr Macht wirst du in Narau nicht finden.«

»Und er hat immer gewonnen?«

»Immer«, sagte Rosa ernst. »Nie hat einer der Herausforderer auch nur einen Schuss abgegeben. Ich kann dir eins sagen: Im Töten kann Garrett niemand etwas vormachen. Er ist unerbittlich.«

»Alle, die ihn herausgefordert haben, sind also tot?«

»Alle«, bestätigte Rosa. »Obwohl, nein, nicht alle. Einmal war es ein Kind. Garrett hat das Duell abgelehnt.«

Ein Kind? Kaum vorstellbar, dass ein Kind einen erwachsenen Mann herausforderte, um ihn zu töten. Oder getötet zu werden. »Mit welcher Begründung?«

»Er hat gesagt, dass der Junge nicht klar im Kopf wäre, dass er noch trauerte und das Ganze nicht durchdacht hätte.«

Dunkel und drohend tauchten die Mauern der Arena vor ihnen auf. Breite Holztore versperrten ihnen den Blick ins Innere.

»Und was ist da drin?« Fragend blickte Alexander die unüberwindbaren Wände hinauf.

»Ein Sandplatz und die Zuschauertribüne. Vielleicht hast du ja Glück und kriegst das noch zu sehen.«

Glück? Alexander wagte zu bezweifeln, dass er dann Glück hatte.

»Alexander?«

»Ja?«

Rosa stand plötzlich dicht vor ihm, ein wenig zu dicht für seinen Geschmack. Er sah den Staub auf ihren Wangen und in ihren Wimpern. Aufmerksam sah sie ihm in die Augen und legte den Kopf schief, dann stützte sie die Arme rechts und links neben seinem Körper gegen die Mauer. »Wir sind ganz allein«, murmelte sie mit halb geschlossenen Augen. »Fällt dir da nichts ein, was wir tun könnten?«

Jetzt, wo sie es sagte … Außer ihnen war niemand an der Arena, kein einziger Mensch war auf der Straße der Toten. Er war ganz allein mit Rosa. »Was …« Er räusperte sich. »Was meinst du damit?«

»Muss ich wirklich noch deutlicher werden?« Rosas Brust presste sich an seine und sie sah zu ihm auf. »Gibt es denn nichts, was du mit mir tun möchtest?«

Sanft fuhr sie mit ihrer Hand über seine Brust. Dann glitt sie tiefer, über seinen Bauch und noch tiefer. »Alex«, murmelte sie.

»Stopp!« Er griff nach ihrer Hand. Er konnte das nicht. Er wollte es nicht. Wie kam sie darauf, dass sie ihm das anbieten musste? »Warum machst du das? Hat Garrett dir das befohlen?«

»Was denn, Alex? Willst du mich etwa nicht?«

»Nenn mich bitte nicht so.« Das war Nics Name für ihn. Und es fühlte sich falsch an, dass Rosa ihn benutzte.

»Alex«, flüsterte Rosa wieder und streckte sich, um ihn zu küssen. Ihre Lippen streiften seine, doch er tauchte unter ihren Armen hindurch. »Nicht. Nic und ich …«

»Nic und du?« Rosas Ton war nun lauernd.

»Wir sind …« Er stockte. »Ich weiß nicht, was wir sind, aber das ist egal. Ich werde es noch herausfinden.«

»Aber das hier stört doch dabei nicht.« Rosa drehte sich um und lehnte sich gegen die Mauer. »Ich verrate ihr nichts.«

»Rosa, was ist hier los?« Dachte sie wirklich, er wäre so einfältig, zu glauben, dass sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte?

»Ich will …« Sie brach ab. Ein bitteres Lachen. »Ach, verdammt. Ich will hier raus. Und du wirst bald wieder wegfahren. Nimm mich mit!« Flehend sah sie ihn an. »Nimm mich mit und du bekommst von mir, was du willst. Hier.« Sie griff nach seiner Hand und legte sie auf ihre Brust. »Bring mich nur hier weg, weg von Garrett.«

Hastig zog Alexander seine Hand zurück. Wie stellte sie sich das vor? Sollte er sie etwa in seinem Gepäck aus Narau herausschmuggeln? Oder vielleicht Garrett bitten, sie ihm als Gastgeschenk mitzugeben?

»Rosa, das wird …«

»Psst.« Mit wachsamen Augen musterte sie den Himmel und wich vor ihm zurück.

»Was denn?« Alexander suchte ebenfalls den Himmel ab. Aber er sah nichts, was Rosas Beunruhigung erklärte.

»Geier.« Rosa leckte sich die Lippen. »Das ist schlecht.«

Nun entdeckte auch Alexander mehrere schwarze Vögel, die ein Stück entfernt am Himmel kreisten.

»Wieso?«

»Komm mit. Wir gehen nachschauen.« Entschlossen hielt Rosa auf die Stelle zu, an der die Vögel ihre Kreise zogen.

Sie hatten schon mehr als die Hälfte der Arena umrundet, als Rosa endlich stehen blieb. Hier wuchsen einige Büsche in die Höhe, und Alexander konnte nichts mehr sehen, außer den dornigen Ranken direkt vor ihm. Aber er konnte etwas riechen. Etwas, das ihm schrecklich vertraut war. Dort. »Rosa.« Er deutete auf die Büsche und die deutlich sichtbare Schneise aus abgeknickten Zweigen. Jemand hatte sich vor Kurzem hier durchgekämpft.

»Wir müssen nachschauen, vielleicht braucht jemand Hilfe.« Rosa kaute auf ihrer Lippe herum, nickte aber.

Alexander biss die Zähne zusammen, als sich die Dornen einer Pflanze mit langen Ranken durch das Hemd in seinen Unterarm bohrten. Er riss den Arm zurück und besah sich den Schaden. Ein Stück vom Stoff fehlte und drei tiefe Kratzer waren zu sehen. Träge liefen mehrere kleine Blutstropfen über seine Haut und fielen zu Boden, wo bereits alte, eingetrocknete Flecken zu sehen waren.

Ein leises Rascheln ertönte auf der linken Seite. Vorsichtig, um sich nicht noch einmal zu stechen, bog Alexander die Zweige zur Seite. »Was …« Er taumelte rückwärts, riss sich Hemd und Hose an den scharfen Dornen auf und fiel schließlich hart auf den Rücken. Zwei riesenhafte Vögel erhoben sich mit kräftigen Flügelschlägen über ihm in die Luft und stießen krächzende Laute aus.

»Rosa!«, schrie er, als er es geschafft hatte, sich aus seiner Schreckensstarre zu lösen. »Rosa!« Er hörte Blätter knirschen und Äste brechen, als Rosa sich zu ihm durchschlug.

»Warum hast du geschrien?«

Alexander holte tief Luft.

»Du zitterst ja«, stellte Rosa fest und er sah hinunter auf seine Hände. Tatsächlich … Hastig drückte er sie an seine Brust.

»Sie ist hier. Gleich hinter diesem Busch.« Er räusperte sich und rappelte sich wieder vom Boden auf.

»Dem hier?«

Alexander nickte. Er sah dabei zu, wie auch Rosa sich ihren Weg durch das dichte Buschwerk bahnte und lauschte ängstlich. Hatte er wirklich das gesehen, was er geglaubt hatte, zu sehen? Vielleicht hatte ihm seine Fantasie ja nur einen Streich gespielt?

»Oh nein!«, hörte er Rosa sagen. »Oh nein, oh nein, oh nein.« Mit bleichem Gesicht tauchte sie wieder hinter dem Busch auf. Es war also tatsächlich das gewesen, was er gedacht hatte. »Meinst du, es ist …«, begann er, doch Rosas Kopfschütteln ließ ihn innehalten.

»Nein, ich glaube nicht. Obwohl … Vielleicht ja doch.« Rosa fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Blutige Striemen zogen sich über ihre Beine und Arme.

Sie blickte an sich herunter. »Das wird dem Herrn gar nicht gefallen«, seufzte sie, doch Alexander ging nicht darauf ein.

Er überwand sich dazu, einen erneuten Blick auf das blutige Bündel zu werfen, das im gelblichen Gras zwischen den Büschen lag. Der Leichnam war nackt, die Beine wiesen ein Zickzackmuster aus Schnitten auf, zum Teil so tief, dass der Knochen sichtbar war. Die Haut, die sich über den Brustkorb spannte, erschien narbig, warf Blasen und war feuerrot. An Fingerspitzen und Händen lagen Muskelstränge und Blutgefäße frei. Überall fehlte die Haut oder war verbrannt, sodass man unmöglich sagen konnte, welche Hautfarbe das Opfer einmal gehabt hatte. Das Gesicht war nur noch eine blutige Masse, in der man grob erahnen konnte, wo einmal die Augen, die Nase und der Mund gewesen waren. Außerdem waren die Haare restlos entfernt worden. Mit geballten Fäusten stand Rosa neben ihm und schüttelte immer wieder den Kopf.

»Also? Ist das Jace? Ist das Garretts Tochter?« Was, wenn sie es war? Was würde Garrett dann mit ihm machen?

»Woher soll ich das denn wissen?« Rosas Stimme bebte. »Das sieht ja nicht einmal mehr aus wie ein Mensch! Wie soll ich da sagen können …« Sie brach ab und drehte sich im Kreis, als suchte sie nach demjenigen, der dem Opfer das angetan hatte. Alexander wusste, dass sie recht hatte, das Opfer war unmöglich so zu identifizieren, aber trotzdem war die Frage einen Versuch wert gewesen. »Hat Jace irgendwelche besonderen Merkmale? Muttermale oder vielleicht Tätowierungen?«

Rosa schüttelte vehement den Kopf. »Ich habe nie Muttermale gesehen und eine Tätowierung … nein, das hätte der Herr niemals erlaubt.« Unwillkürlich zog Alexander den Ärmel seines Hemdes über die Tätowierung an seinem Unterarm. Es war nicht einmal so, dass er sich dafür schämte oder etwas Peinliches an den Worten »Forschung, Vertrauen, Einigkeit« war. Für ihn und Nic gab es dieses Vertrauen und diese Einigkeit nicht mehr, eigentlich hatte es sie nie tatsächlich gegeben, und Rosa würde mit der Schrift nichts anfangen können. Bis jetzt hatte sie auch noch niemand darauf angesprochen.

»Wir müssen sie in die Stadt bringen, sie muss zu einem Arzt, irgendwohin, wo Nic sie untersuchen kann.« Alexander flüsterte die Worte mehr zu sich selbst. Sie rüttelten ihn wach, zwangen ihn dazu, endlich etwas zu unternehmen. Vielleicht war es Jace, dann war ihre Suche bereits beendet, bevor sie angefangen hatte. Vielleicht war es aber nicht Jace und sie hatten hier einen anderen Menschen gefunden, den jemand vermisste. Sie brauchten diese Liste der vermissten Personen von Garrett!

Wenn sie diese Leiche untersuchten, würde Nic herausfinden, woran sie gestorben war und wer es war.

»Wie willst du sie in die Stadt bekommen?« Rosa war ein paar Meter zurückgewichen und hielt nun die Äste der Büsche für ihn aus dem Weg.

»Ich werde sie tragen müssen. Wieder zurückzugehen und dann wieder hierherzukommen, um sie zu transportieren, ist zu umständlich, dadurch verlieren wir nur Zeit.«

Er wusste, dass sein Plan richtig war, aber die Leiche war sicherlich schwer und außerdem war sie … blutig. Angewidert verzog er das Gesicht.

Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, schob er einen Arm unter die Kniekehlen und den anderen unter den Nacken des Opfers. Er schnitt eine Grimasse, als sein Hemd feucht wurde, und bemühte sich, die aufsteigende Übelkeit im Griff zu halten. Er atmete flach und bemüht ruhig.

Rosa wandte sich von ihm ab, während er das Opfer hochhob. Als sie sich wieder umwandte, fragte sie: »Soll ich nicht einen der Sklaven rufen? Sie könnten diese … Frau für dich in die Stadt tragen. Am besten zu Holmes, er müsste die richtige Ausstattung für euer Vorhaben besitzen.«

Holmes? War Oliver nicht auch zu diesem Arzt geschickt worden? »Ich mache das schon, kein Problem.« Alexander stöhnte leise, als er sich wieder mit dem Bündel auf seinem Arm aufrichtete. Das Opfer war leichter, als er gedacht hatte, trotzdem würde es ein anstrengender Marsch den ganzen Weg zurück werden. »Lass uns gehen.«



Jace

»Nein!« Jace brüllte und trat, doch sie verfehlte ihn mit jedem Tritt. Ihre Bewegungen hatten nicht mehr genügend Kraft. Sie war schon so lange hier, so lange … Warum suchte ihr Vater sie nicht? Oder ihre Mutter? Sie musste doch noch in Narau sein, warum kam ihr niemand zu Hilfe?

»Na, na, na.« Sein Murmeln klang vergnügt, er genoss es, dass sie sich wehrte. Sollte sie damit aufhören, nur um ihm die Befriedigung nicht zu gönnen? Vielleicht. Doch das würde sie niemals durchhalten. Ihr Vater hatte es ihr immer wieder gepredigt: Eine Garrett gibt nicht auf, niemals. Sie war stark, sie war schlau. Sie würde einen Weg finden. Wenn er sie nur dieses Mal noch am Leben ließ. Noch dieses eine Mal, dann würde sie einen Weg hier raus finden. Ganz allein.


Kapitel 3

»Dieser Holmes, ist er ein guter Arzt?«

Überrascht sah Rosa ihn an. Sie hatten bereits zwei Drittel der Strecke zurückgelegt, die sie von der Innenstadt Naraus trennte, und die Frage spukte Alexander schon im Kopf herum, seit Rosa seinen Namen erwähnt hatte.

»Ich denke schon, warum nicht? Der Herr schwört auf ihn, alle tun das.«

»Gibt es noch andere Ärzte?«

Rosa fand seine Frage anscheinend merkwürdig, antwortete jedoch nach wenigen Augenblicken: »Ja, mehrere. Aber Holmes ist der beliebteste. Er wird sogar öfter beim Meister und den anderen Caeles zum Essen eingeladen, und das werden nicht viele. Und er ist nett zu mir und den anderen Sklaven. Nicht herablassend, einfach freundlich.« Sie schwieg einen Augenblick. »Er bietet auch nicht nur die Behandlung von Verletzten an, in seinem Laden gibt es zusätzlich noch Tränke, Massagen, Tees, alles, womit man sich besser fühlt.«

Ihre Augen leuchteten bei den Worten auf und Alexander hatte das Gefühl, dass die Sklavin des Öfteren von einem Leben träumte, in dem dieser Luxus ein Teil war.

»Dann bringen wir die Leiche zu ihm«, entschied Alexander. »Wenn er so freundlich und so gut ist, wie du sagst, wird er uns sicher helfen.« Er blieb kurz stehen und verlagerte das Gewicht auf seinen Armen ein wenig, da sie langsam taub wurden. Von hier aus konnte er bereits die Gebäude von Dodge City erkennen. Dort musste auch Holmes’ Praxis liegen.

Was er allerdings nicht bedacht hatte, waren die vielen anderen Einwohner Naraus, die sie natürlich mit der Leiche auf der Straße sahen. So gut es ging, schirmte Rosa ihn ab, und sie passierten rasch die Grenze zwischen Fort Sumner und Dodge City.

»Alexander!«

Ruckartig blieb Alexander stehen und wandte sich um. Mit wehenden Haaren kam Nic auf sie zu gerannt. »Alex, hey!« Sie blieb stehen. »Ich dachte, wir treffen uns vor Pawlows Laden wieder. Da hab ich gewartet.« Dann fiel ihr Blick auf das, was er in den Armen hielt. »Nein.« Ihre Stimme brach. »Ist das …«

»Das weiß ich noch nicht.« Hastig deutete Alexander mit dem Kopf weiter. »Wir bringen sie zu Holmes, er hat die Ausstattung und Rosa meint, er würde uns sicher damit helfen.«

»Ja, gute Idee.« In Windeseile hatte Nic die Situation erfasst.

»Wir müssen sie untersuchen.«

»Aber es sollte uns nicht unbedingt jeder sehen.« Beunruhigt sah Alexander sich auf der Straße um.

»Da«, murmelte Nic und deutete auf eine Gruppe von Frauen, die tratschend vor einem der Geschäfte stand. »Da können wir nicht vorbei.«

»Hier entlang«, wisperte Rosa und deutete in die entgegengesetzte Richtung. Hastig wandte Alexander sich ab und folgte der Sklavin über die Straße aus schwarzem Stein bis zu einem Haus, an dessen Wand die Initialen »H. H.« umrahmt von zwei Spritzen zu sehen waren. Ein Schild verkündete » The World’s Fair«.

»Einladend«, kommentierte er unwillkürlich.

Rosa zuckte die Achseln. »Drinnen ist es besser.« Sie hielt die Tür auf, damit Alexander die Leiche ins Innere tragen konnte. Rosa hatte recht: Die Eingangshalle war hell und freundlich, die Wände waren mit poliertem Holz verkleidet und der Boden mit einem roten Teppich ausgelegt.

Nur wenige Sekunden nach ihrem Eintreten erschien ein Mann mit einer schwarzen Melone auf dem Kopf aus der Tür auf der linken Seite. Sein Gesicht war jungenhaft, umrahmt von braunen Kotletten und dominiert von einem unpassend dichten Schnauzbart.

Als er sie bemerkte, hellte sich seine Miene auf. »Wen haben wir denn da? Ihr seid Garretts Gäste, richtig? Was kann ich für euch tun?« Erst jetzt fiel sein Blick auf die Leiche in Alexanders Armen und er wurde ernst. »Wer …« Er trat näher, räusperte sich und versuchte es erneut. »Wer ist das?«

»Genau das wollen wir gerne herausfinden«, erwiderte Nic und sah ihn ernst an. »Rosa meinte, Sie könnten uns vielleicht dabei helfen?«

»Ich soll sie untersuchen?«

»Nein, das würde ich gerne selbst machen, wenn Sie nichts dagegen haben, ich habe inzwischen ein wenig Erfahrung in der Obduktion von Mordopfern.« Nic deutete auf die vom Eingangsraum abgehenden Türen. »Ich hatte nur gedacht, dass Sie uns vielleicht ihre Räumlichkeiten und Werkzeuge zur Verfügung stellen könnten.«

»Ich kann euch noch viel mehr zur Verfügung stellen: mich.« Er streckte die Hand aus und Nic schüttelte sie. »Ich bin Doktor Holmes.«

»Nic.«

»Alexander.«

»Kommt mit.« Holmes winkte ihnen über die Schulter zu und sie folgten ihm in einen Raum, dessen Wände mit Metall verkleidet waren, und zum ersten Mal, seit sie in Narau angekommen waren, fiel eine Last von Alexanders Schultern. Zunächst wusste er nicht, woher dieses Gefühl kam, doch als er sich umsah, wurde ihm bewusst, dass dieser Raum ihn an Biota erinnerte. Es hätte einer der Tunnel sein können, eines der Häuser, eines der Labore … Er schluckte und versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Es hatte keinen Sinn: Er würde Biota nie wieder betreten, nicht, wenn er weiterleben wollte. Trotzdem war es ein angenehmes Gefühl, endlich wieder von Metall umgeben zu sein. Die kalten Wände vermittelten ihm ein Gefühl der Sicherheit, das ihm ab dem Moment gefehlt hatte, als sie mit dem Golem aus der Stadt unter dem Meer geflüchtet waren. Auch Nic sah sich in dem Raum um und Alexander glaubte, ein kurzes Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen.

»Legt sie hier her.« Holmes deutete auf eine Metallbahre im Zentrum des Raums. »Das ist der einzige Raum, den ich euch anbieten kann.« Bedauernd hob er die Hände. »Die anderen sind für weniger drastische Behandlungen gedacht.«

»Sieht doch gut aus, es scheint alles da zu sein, was wir brauchen.« Nic sah sich um und ging zu einem Kasten mit Rollen, auf dem chirurgische Werkzeuge lagen.

Vorsichtig hob Alexander den Leichnam auf die Bahre und trat einen Schritt zurück. Er sah sich zu Rosa um, die direkt in der Tür stehen geblieben war. »Ich muss wieder zurück.« Sie sah erst ihn und dann Nic an. »Wenn ich nicht rechtzeitig für das Mittagessen zu Hause bin, lässt Garrett sich eine Strafe einfallen.«

Alexander nickte. »Kein Problem, von hier aus finden wir den Weg zurück zum Haus. Wir sehen uns dann später. Aber sag Garrett bitte noch nichts von der Leiche, das würde ich gerne selbst erledigen.«

»Kein Problem.« Rosa nickte ihm zu.

Nic hob nur ohne von dem Leichnam aufzublicken die Hand in Richtung der Sklavin. Und auch Holmes hatte sich bereits über das Opfer gebeugt.

Alexander beobachtete die beiden, wie sie auf die verschiedenen Verletzungen des Opfers deuteten und sich darüber berieten, was diese womöglich verursacht haben könnte.

Es war seltsam, beinahe, als würde er Nic doppelt sehen: einmal als sie selbst und einmal in Gestalt eines Mannes Ende zwanzig.

»Wo haben Sie sie gefunden?« Holmes blickte von dem verstümmelten Körper auf.

»Ja, Alex, wo hast du sie eigentlich gefunden?«

»Es ist also wirklich eine Frau?«

»Ja.« Holmes nickte. »Mehr werden wir aber erst nach ausführlicher Untersuchung sagen können. Wo sagten Sie, haben Sie sie gefunden?«

»Bisher habe ich noch gar nichts gesagt. Es ging alles so schnell vorhin.« Noch einmal erschienen die Bilder von der Leiche inmitten der dornigen Büsche vor seinen Augen. »Ich war mit Rosa an der Arena. Und da lag sie. Sie hatte sich durch ein Dornengestrüpp gekämpft, aber … Ihre Wunden waren offenbar zu schwerwiegend.«

»Gut, dann müssen wir darauf achten, dass es Wunden geben kann, die von den Dornen verursacht wurden.« Holmes zog den Wagen mit den Instrumenten zu sich heran und holte aus einem Regal an der Wand ein Notizbuch. »Darf ich noch fragen …« Holmes zögerte. »Nic, Sie scheinen sich hiermit auszukennen. Sie stammen doch aus einer anderen Stadt, was war dort Ihr Beruf?«

»Ich war eine Botania.« Nic richtete sich auf. »Dazu gehört das Studium aller Naturwissenschaften. Am Ende habe ich mich dann für Botanik entschieden.«

»Faszinierend.« Holmes nickte ihr anerkennend zu. »In dieser Stadt sind Sie damit geradezu eine Seltenheit. Hier wird nicht gerade viel Wert auf Bildung gelegt, Sie verstehen?« Die letzten Worte raunte er ihr verschwörerisch zu und Nic lachte. Selten hatte Alexander sich so fehl am Platz gefühlt. Er konnte den beiden nur zuschauen.

»Und Sie? Das ist Ihre Arztpraxis, hat Garrett gesagt.«

»Ja, das stimmt.« Obwohl Holmes offenbar versuchte, bescheiden zu wirken, gelang es ihm nicht ganz. »Das hier war zuerst eine Apotheke. Aber dann kam immer mehr dazu. Die Praxis, das Labor … Ich bemühe mich stetig darum, mehr dazu zu lernen.«

»Bewundernswert.«

»Vielleicht solltet ihr langsam mit der Untersuchung beginnen«, mischte Alexander sich in die Unterhaltung ein, die ihm langsam zu persönlich wurde. »Wir müssen Ergebnisse haben, die wir Garrett präsentieren können. Fundierte Ergebnisse.«

»Garrett?« Verwirrt blickte Holmes von ihm zu Nic. »Welches Interesse hat Garrett denn an ihr?«

»Er …«, begann Nic, doch Alexander unterbrach sie.

»Das ist seine Sache, wenn er es für richtig hält, wird er es Ihnen erzählen.«

»Nun gut.« Holmes zuckte mit den Achseln. »Dann machen wir uns besser an die Arbeit. Mit Pat ist nicht zu spaßen.« Er lächelte Nic verschwörerisch zu. »Ich denke, ihr braucht meine Hilfe nicht, oder?«, fragte Alexander an Nic gewandt. Nic hob die Hände und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Ich würde nämlich gerne mal nach Oliver sehen. Doktor Holmes, wo finde ich ihn? Ich nehme an, er kann Besuch empfangen?«

»Ja, es geht ihm schon besser.« Holmes richtete sich auf. »Das war wirklich knapp, das muss ich schon sagen. Ein paar Stunden mehr …« Er schüttelte den Kopf. »Aber jetzt hat er es überstanden, er war sehr tapfer. Und er wird sich sicher freuen, Sie zu sehen. Sie gehen einfach wieder in den Vorraum und von dort in den Gang geradeaus. Dort befinden sich die Patientenzimmer. Es ist das erste auf der rechten Seite.«

»Gut, danke.« Alexander hatte sich schon abgewandt, zögerte dann aber. »Und danke, dass Sie ihn gerettet haben.«

»Das habe ich doch gern gemacht«, winkte Holmes ab. »Das ist eben mein Beruf.«

»Trotzdem, danke.«

»Ja, vielen Dank«, sagte nun auch Nic. »Ich konnte ihm einfach nicht helfen und Sie haben ihm das Leben gerettet.«

Noch während sie Holmes für Olivers Rettung dankte, verließ Alexander den Untersuchungsraum. Er folgte Holmes Anweisungen und gelangte in den Gang mit den Patientenzimmern. Es gab vier Türen, zwei links, zwei rechts und er griff nach der Türklinke der ersten Tür auf der rechten Seite. Er klopfte und wartete, bis von innen ein »Ja?« ertönte. Alexander drückte die Klinke herunter und die dünne Metalltür schwang von alleine auf.

»Alexander!« Oliver lag in einem Bett mit roten Laken. Sein gesamter Oberkörper war bandagiert, doch Alexander brauchte kein Arzt zu sein, um zu sehen, dass es ihm besser ging. Sein Gesicht hatte wieder eine gesündere Farbe angenommen und er winkte ihm mit dem gesunden Arm zu.

»Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen.«

Alexander setzte sich auf die Bettkante. »Vergessen? Quatsch.« Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Niemals. Du weißt es vielleicht nicht, aber du bist erst seit gestern hier und wir …« Er zögerte. Wie viel konnte er Oliver erzählen? »Wir hatten etwas zu tun. Apolonaria und ihr Mann haben uns ja diesen Auftrag erteilt. Erinnerst du dich?« Unwillkürlich senkte er seine Stimme.

»Die Tochter, die verschwunden ist?«

»Ganz genau.« Es erstaunte Alexander, dass Oliver sich noch daran erinnern konnte, schließlich war er gestern wiederholt ohnmächtig geworden.

»Habt ihr sie gefunden?«

»Nein, nein, so schnell nicht. Heute haben wir uns erstmal die Stadt angeschaut, damit wir uns allein orientieren können. Wenn du hier rauskommst, dann zeigen wir dir alles.« Er musste lachen, als Oliver die Augen begeistert aufriss.

»Und dann kann ich mir alles anschauen?«, sprudelte es aus dem Jungen hervor. »Ich kann dann in die Geschäfte? Und ich kann dann hingehen, wo ich will?«

»Klar kannst du das.« Alexander hoffte, dass Garrett es erlauben würde.

»Und ihr habt noch keine Spur? Keine Idee, wer seine Tochter entführt hat?«

»Na ja … Wir haben eine Leiche gefunden.« Die Wörter wollten nur zögerlich Alexanders Mund verlassen, noch während er sie sagte, zweifelte er daran, dass die Informationen für Olivers Ohren bestimmt waren.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
12 kasım 2024
Hacim:
441 s. 19 illüstrasyon
ISBN:
9783965448292
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki İkinci kitap "Der Hüter"
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