Kitabı oku: «Stadt der See»
Jasmin Jülicher
Der Hüter
Stadt der See
Band 4
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Der Hüter – Stadt der See
© 2021 Jasmin Jülicher
Annastraße 87
47638 Straelen
Deutschland
Druck: Booksfactory, Szczecin (Polen)
Coverillustration: Hannah Böving
Lektorat: Ka & Jott, Bernau bei Berlin
Buchsatz: saje design, www.saje-design.de
Illustrationen: www.pixabay.de, www.shutterstock.com
ISBN: 978-3-96698-967-1
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Biota
»So kann es nicht weitergehen. Ihr müsst das stoppen!« Mit hochrotem Gesicht stützte William Vanderbilt sich auf den Schreibtisch des Obersten rerum naturalis.
»Wir stoppen es ja, beruhigen Sie sich.« Thomas Hunt-Morgan lehnte sich entspannt in seinem hohen Stuhl zurück. »Wir haben die Hüter darauf angesetzt, sie werden den Fall lösen.«
»Sie glauben, diese Witzfiguren können mehrere Mordfälle aufklären?« Vanderbilt schüttelte den Kopf. »Wie können Sie dabei so ruhig bleiben? Dieser Wahnsinnige zerstört meine Stadt. Er tötet Eure Wissenschaftler!«

Kapitel 1
Breitbeinig stand Alexander auf den flachen Felsen. Mit beiden Händen hielt er eine Angel ins tiefblaue Meer. Die Wellen schlugen träge ans Ufer und der Schwimmer tanzte munter auf den Schaumkronen. Eine leichte Brise wehte und Alexander drehte das Gesicht zur Morgensonne. Um diese Uhrzeit war die Wärme noch angenehm. Später am Tag dagegen würde er froh sein, Schutz vor den unerbittlichen Sonnenstrahlen zu finden.
Ein leichter Zug spannte die Leine seiner Rute und Alexander straffte sich. Er zog ebenfalls an der Angel und lehnte sich zurück. Ein Ruck ging durch die Leine und er stellte einen Fuß auf den Felsen vor sich, um einen besseren Halt zu haben. Kraftvoll riss er die Angel zurück und begann damit, die Leine einzuholen.
So wie sich die Angel bog, musste es ein richtig großer Brocken sein. Er stellte sich vor, wie die anderen ihn ansehen würden, wenn er dieses Exemplar durch die Stadt trug. Natürlich, er hatte auch zuvor schon etwas gefangen, kleinere Fische, doch in den vier Monaten, die er jetzt hier war, hatte er alles erst von Grund auf lernen müssen. Nie zuvor hatte er geangelt. Dafür war er ganz gut. Das hatte auch Alvaro ihm bestätigt, als er ihm das Angeln beigebracht hatte. »Machst das erstaunlich gut«, hatte er ihm damals gesagt. Alvaro hielt ihn für einen verwöhnten Jungen aus gutem Haus. So hatte er es ausgedrückt. Noch immer wusste Alexander nicht genau, was das eigentlich heißen sollte, doch er vermutete, dass die Reichen, die guten Häuser eben, viele Dinge nicht selbst machen mussten. Zumindest damals vor dem Krieg. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre nach dem Großen Krieg, musste jeder an der Oberfläche die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wer etwas zu essen wollte, der musste es fangen. Wer ein Dach über dem Kopf wollte, der musste es sich bauen. So lief das hier auf Roatán. Es war nicht wie in Biota, wo jeder einzelne Einwohner seine Rolle gehabt hatte, die ihm schon kurz nach der Geburt zugewiesen worden war. Er war ein Hüter gewesen, ein Aufpasser, damit alle die Regeln einhielten. Welchen Sinn hatte dieser Beruf gehabt? Er hatte nichts produziert, er hatte niemanden versorgt, er hatte keine Ahnung gehabt, wie es in der echten Welt ablief. So nannte er die Welt hier draußen inzwischen. Echt. Biota, eine Stadt unter Kuppeln tief am Grund des Meeres, war nicht echt. Und das Leben dort war es auch nicht gewesen.
Der Fisch kämpfte hartnäckig. Die Schnur war straff gespannt und Alexander bekam Angst, sie würde reißen. Doch Aufgeben kam nicht infrage. Zentimeter um Zentimeter holte er die Schnur ein. Nach ein paar Minuten durchbrach seine Beute die Wasseroberfläche: ein Fisch so lang wie sein Unterarm. Er zuckte und wand sich, doch jetzt konnte er nicht mehr entkommen. Alexander holte die Schnur ein und tötete den Fisch mit einem schnellen Schlag auf die Felsen. Auch das hatte Alvaro ihm beigebracht. Ein Schlag – und das Tier musste nicht leiden. Es hatte Alexander allerdings einiges an Überwindung gekostet, seinen Anweisungen zu folgen.
Er ließ den Fisch einfach am Haken hängen. Auf dem Weg nach Hause machte es keinen Sinn, ihn in der einen, die Angel in der anderen Hand zu tragen. So konnte er sich die Rute bequem über die Schulter legen und den Fisch transportieren. Er warf einen letzten langen Blick hinaus aufs Meer. Diese Tageszeit mochte er am liebsten. Den frühen Morgen, der wunderbar klar war und wo einfach alles noch möglich schien. Von Zeit zu Zeit fragte er sich, wie er das Leben in Biota überhaupt ertragen hatte. Wie hatte er die dunklen Gänge und schmalen Räume für schön halten können? Wie hatte er sich mit Menschen unterhalten können, deren Antworten durch die Wissenschaftler schon vorgegeben waren? Niemand hatte eine eigene Meinung. Sie waren vor dem Einzug in die Stadt alle darauf programmiert worden, ihr vorheriges Leben zu vergessen und nach den Regeln und Sitten Biotas zu leben.
Nun war er frei. Nicht länger war er an die Stadt gefesselt. Und an solchen Morgen wie heute glaubte er es sogar selbst. Doch konnte er jemals wirklich frei sein? Wenn er schlief, verfolgte ihn das, was er gesehen hatte. Es war so viel geschehen. Und nichts davon konnte er rückgängig machen, nichts davon konnte er vergessen. Er träumte von Biota, von Jack the Ripper, diesem Wahnsinnigen, der ihn eingesperrt und beinahe getötet hatte. Von den Spheon, grauenhaften Kreaturen, die die Wissenschaftler der Stadt erschaffen hatten. Von dem Keller in Narau, in dem er Nic halbtot aufgefunden hatte. Und von den riesigen Maschinen in Theben, denen Nic und er nur knapp hatten entfliehen können.
Nic.
Noch immer, auch nach den vergangenen Monaten, dachte er oft an sie. Sie war in Biota eine Wissenschaftlerin gewesen, eine Botania. Hoch angesehen, erfolgreich und beinahe unantastbar.
Er hatte gedacht, sie hätte all das hinter sich gelassen, um mit ihm zusammen zu sein. Doch er hätte nicht falscher liegen können. Was sie getan hatte, war ein einziges großes Experiment gewesen. Eine wissenschaftliche Untersuchung, die wohl zeigen sollte, wie gut die Anpassung der Menschen an die Regeln Biotas funktioniert hatte. Sonst war da nichts zwischen ihnen gewesen, sie hatte ihm all die Zeit etwas vorgespielt.
Er hatte sie nun wie lange nicht mehr gesehen? Drei Monate? Fast seit ihrer Ankunft in der Stadt nicht mehr. Er wollte sie nicht sehen und sie hatte bisher keine Versuche unternommen, ihn umzustimmen.
Sie waren mit einem Luftschiff von der Stadt Theben nach Roatán befördert worden. Interessanterweise hatten die Inselbewohner sie wesentlich freundlicher aufgenommen als zuvor die Einwohner von Narau, die ihnen sofort an den Kragen gewollt hatten. Sklaven hatten sie aus ihnen machen wollen. Oder die Menschen in Theben, die ihnen mehr als skeptisch gegenübergestanden hatten.
Doch die Einwohner von Roatán waren anders. Entspannter, fröhlicher. Sie führten ein einfaches Leben, ohne einen Tyrannen, der über sie herrschte. Jeder von ihnen war frei und der Anführer der Stadt mit dem Namen Coxen Hole wurde jedes Jahr von den Bürgern selbst gewählt und »Alcalde« genannt. In diesem Jahr war es eine Anfüherin – eine Frau namens Anne Bonny. Angeblich hatte ihr Name eine lange Tradition, wie sie ihm eines Tages erzählt hatte, aber dazu, was genau es damit auf sich hatte, war sie leider nicht mehr gekommen. Doch sie war nett und freundlich und Alexander mochte sie. Ihr vertraute er auf jeden Fall eher als diesem Wahnsinnigen, der Narau mit eiserner Hand regiert hatte. Pat Garrett. Als seine Gedanken diesen Namen streiften, sank Alexanders gute Laune. Oder die Hohepriesterin von Theben. Sie hatte Rosa ermorden lassen und es auch bei ihm versucht. Niemals waren sie irgendwo sicher. Aus diesem Grund hatte Alexander nach ihrer Ankunft auf der Insel gleich nach einer Möglichkeit gefragt, mit der sie weiterreisen konnten. Doch Nic hatte sich geweigert. Sie war blass gewesen, todmüde und erschöpft. Sie hatte ihm erklärt, dass sie nicht mehr reisen wollte. Sich zu verstecken wäre nicht die Lösung. Und inzwischen musste er ihr Recht geben. Selbst wenn es noch weitere menschliche Verstecke auf der zerstörten Welt geben sollte, wer sagte ihnen denn, dass sie dort sicher wären? Und dass die Menschen sie dort einfach so aufnehmen würden? Es war ja schon ein Wunder, dass sie bisher mit heiler Haut entkommen waren. Noch einmal würde ihnen das vielleicht nicht gelingen. Und eine weitere Reise mit Nic erschien ihm inzwischen – nach allem, was er erfahren hatte – wenig verlockend.
Auf dem Weg in die Stadt versuchte er die düsteren Gedanken zu verdrängen. Sie kamen oft in ihm hoch, wenn er allein und es zu ruhig war. Doch zum Glück war man in Coxen Hole selten allein. Die Menschen waren gesellig und trafen sich an den Abenden zu einer Partie Schach oder ähnlichen Spielen und aßen und tranken gemeinsam.
Alexander erklomm den Abhang, der vom Strand her leicht anstieg. Dahinter führte ein staubiger Weg in das Innere der Insel. Coxen Hole lag nur wenige Hundert Meter von der Küste entfernt und so kamen die ersten Häuser bald in Sicht. Bei ihrer Ankunft hatte der Anblick der Behausungen ihn erschreckt. Die Häuser waren einstöckig und bestanden aus Holzbalken von unterschiedlicher Größe und Farbe und glichen dadurch einem riesigen Flickenteppich. Wie arm mussten diese Menschen sein, hatte er sich gedacht.
Doch jedes Haus war einzigartig, da jeder Einwohner es eigenhändig erbaut hatte, der eine mehr, der andere weniger kunstvoll. Und die Menschen auf Roatán waren auch nicht wirklich arm, nein, sie waren sorgsam. Da die Insel nicht allzu groß war, verzichteten sie darauf, die Wälder abzuholzen, da sie ihnen sonst keine Nahrung mehr liefern würden. Stattdessen gab es in der Stadt eine Vielzahl von sogenannten Freibeutern. Diese Männer und Frauen besaßen große mit Dampfmaschinen angetriebene Schiffe, mit denen sie das Meer überquerten und auf verlassenen Landstrichen nach Material suchten, das es wert war, eingesammelt zu werden. Sie brachten Eisenstäbe mit, Kupferplatten, das Innenleben von mechanischen Golems, Holzplanken und vieles mehr. Sofern sie es fanden, nahmen sie dankend auch Glas oder Porzellan oder sogar kleinere Tiere, wenn sie einfach zu fangen waren. Jeden Tag legten mehrere Schiffe, die man Presas nannte, in dem kleinen Hafen an und die Menschen strömten zusammen, um sich die Ausbeute anzusehen. Danach wurde gefeilscht und gehandelt. Die Freibeuter waren die einzige Verbindung der Inselbewohner zum Festland und zu anderen Inseln. Sie nahmen Kontakt zu anderen Städten auf und tauschten mit ihnen auf Befehl der Alcalde Material gegen Essen, Saatgut oder andere wertvolle Besitztümer.
Das einzige, worauf die Bewohner wirklich Wert legten, waren die Krankenstation und der Hafen von Coxen Hole. In beide Einrichtungen wurde das meiste gesteckt, was die Freibeuter mit zurück zur Insel brachten. So hatte der Hafen allerlei mechanische Vorrichtungen, um Schiffe außerhalb des Wassers zu reparieren, und die Krankenstation war mit Operationsgeräten ausgestattet, von denen Alexander vorher noch nie etwas gehört hatte.
Aus Alexanders Sicht ging es der Insel gut. Die Menschen erschienen ihm glücklich. Doch war er wirklich Experte darin, einzuschätzen, ob Menschen glücklich waren? Ob in der Stadt alles mit rechten Dingen zuging? Er hatte das Gleiche von Biota gedacht. Doch alles, was er geglaubt hatte, zu wissen, war nur eine Lüge der Leiter der Stadt gewesen, nur Schein.
Doch er wollte nicht an Biota denken. Er wollte nach Hause gehen, dann zur Arbeit und dann diesen wunderbaren, selbst gefangenen Fisch genießen. Er straffte die Schultern und zwang sich ein Lächeln ins Gesicht. Sofort hob sich seine Stimmung. Die ersten Häuser zogen vorbei und er grüßte die Menschen, die in Schaukelstühlen vor ihren Hütten saßen. So ärmlich die Häuser auf den ersten Blick auch wirkten, sie waren mit einigem an Kunstfertigkeit gebaut worden. Die einzelnen Teile passten perfekt ineinander. Und wie handwerklich geschickt die Menschen hier wirklich waren, hatte er gemerkt, als sie ihm geholfen hatten, sein eigenes Haus aufzubauen. Die Alcalde hatte ihm einen Platz zugewiesen und bereits am nächsten Tag war es losgegangen. Viele Menschen hatten sich freiwillig zum Helfen gemeldet. Vermutlich waren sie neugierig auf den Fremden, vielleicht freuten sie sich aber auch einfach darüber, Besuch zu haben. So oder so war sein Haus bereits nach drei Tagen fertig gewesen und es war erstaunlich gut gelungen. Es war gemütlich und praktisch zugleich. Im Inneren war es tagsüber angenehm kühl und nachts warm genug.
Nic hatte im Gegensatz zu ihm einen Platz in der Stadt abgelehnt. Sie wollte sich wieder der Forschung widmen und dazu hinaus in den weitgehend unberührten Wald ziehen, der sich im Inneren der Insel befand. Auch wenn Alexander verstehen konnte, dass sie die Wissenschaft vermisste, hatte er sich dennoch verletzt und verraten gefühlt. Ihr kleines Experiment mit ihm war also beendet und er es nicht einmal mehr wert, dass sie zusammen mit ihm in einer Stadt wohnte. Doch er hatte nichts dazu gesagt und ihr nur viel Glück gewünscht. Ein schwacher Händedruck und sie waren beide ihres Weges gegangen.
Nic. Sie war der Mensch gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, alles zu riskieren. Sein Zuhause, sein Leben, seine Freiheit. Nur durch sie hatte er den Mut gehabt, sich gegen die Falschheit in Biota zu wehren. Als er herausgefunden hatte, dass die Wissenschaftler unzählige Experimente an wehrlosen Menschen durchführten, teilweise mit erschreckenden Folgen, hätte er sich weiterhin fügen können. Hätte er geschwiegen, wäre nichts von dem geschehen, was letztendlich gefolgt war. Er wusste zu viel und sollte sterben. Dank Nic hatte er sich gewehrt. Doch gleichzeitig hatte diese Gegenwehr das Ende seines Lebens in Biota bedeutet. Weil er eben nicht hatte schweigen wollen. Nun wusste er, dass alles Berechnung gewesen war. Nic hätte nicht fliehen müssen. Sie hatte die Chance genutzt, um ihn und seine Konditionierung zu testen.
Er versuchte, die düsteren Gedanken hinter sich zu lassen. Daran zu denken, würde nichts ändern, es würde nichts besser machen.
Wie erwartet, hoben Menschen im Vorbeigehen einen Daumen und lobten ihn für seinen guten Fang. Stolz stieg in Alexander auf. Er war Teil dieser Gemeinschaft. Es tat gut, endlich wieder dazuzugehören. In Narau waren sie nur wenig mehr als Sklaven gewesen. Der Spielball des Leiters der Stadt. In Theben nur auf Zeit geduldete Fremde. Aber hier auf Roatán … Alexander konnte sich gut vorstellen, längere Zeit hier zu bleiben. Vielleicht sogar für immer?
»Hey, Alex, wie ich seh, biste besser geworden? Das ganze Üben hat sich dann ja gelohnt.«
»Guten Morgen, Alvaro. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt!«
Aus einer Gasse war Alvaro aufgetaucht. In den Händen hielt er ein engmaschiges Netz, das er vermutlich zum Ausbessern mit zu sich nach Hause nahm. Alvaro war ein Fischer. Tag für Tag fuhr er aufs Meer hinaus und warf Fangnetze aus. Abends holte er sie wieder ein. Den Fisch tauschte er in der Stadt ein, teilweise gegen andere Nahrungsmittel, aber auch gegen alle Dinge, die er sonst brauchte. An manchen Tagen, wenn die See es zuließ, legte er am Meeresgrund Fallen aus, in denen sich Krustentiere verfingen. Sie hatten einen höheren Wert als Fische, denn von ihnen gab es höchstens fünf bis zehn Stück pro Woche. Alexander hatte sie schon probiert und sie waren so gar nicht nach seinem Geschmack gewesen. Er wartete lieber auf die Lieferungen der Freibeuter, die auch andere Tiere mitbrachten. Oder eben auf den Fisch, den er selbst fing. So wie heute.
Mit der freien Hand stieß er die Tür zu seiner Hütte auf. Der Geruch nach Holzfeuer und Essen lag in der Luft.
»Ich bin wieder da«, rief Alexander in das dämmrige Halbdunkel hinein. Die Fensterläden waren geschlossen, um die kommende Hitze der Sonnenstrahlen abzuhalten.
»Guten Morgen.« Amy stand im Türrahmen der Küche und sah ihn mit einem sanften Lächeln an. »Du warst so früh weg, ich habe dich gar nicht gehen hören.«
»Ich wollte dich nicht wecken.«
»Hattest du wieder diese Alpträume?«
»Ja.« Mehr musste er nicht sagen. Sie wusste ganz genau, welche Bilder ihn nachts quälten. Da gab es reichlich Auswahl und eines war schlimmer als das andere. »Ich war angeln.«
»Und? Hast du was gefangen?« Ihre Stimme war ruhig und angenehm. Manchmal saß er einfach nur da und genoss es, ihr zuzuhören. Kein Wunder, dass die Patienten auf der Krankenstation sich bei ihr so wohlfühlten. Viele bestanden sogar darauf, sie als ihre Krankenschwester zugewiesen zu bekommen.
Er ließ seinen Blick über ihr Gesicht wandern. Sie war ein wenig jünger als er, gerade einmal neunzehn. Doch die Fältchen in den Augenwinkeln, die man erst bei näherem Hinsehen erkannte, zeugten davon, dass sie oft im Freien war und schon einiges erlebt hatte. So früh am Morgen trug sie noch nicht die graue Haube der Krankenschwestern. Stattdessen fiel ihr das blonde Haar locker auf die Schultern.
»Ja, hier.« Er drehte sich zur Seite, damit sie seinen Fang sehen konnte.
»Nicht schlecht.« Sie legte ihre Hände auf seine Hüften und gab ihm einen kurzen Kuss. »Du wirst richtig gut darin.«
Er freute sich sehr über ihr Lob. Noch immer war es seltsam für ihn, eine Partnerin zu haben. Eine Freundin. Jemanden, mit dem er sein Leben teilen konnte. Und er hatte sie sich selbst ausgesucht. DNS-Kompatibilität wie in Biota hatte dabei keine Rolle gespielt. Auch nicht die Meinung der anderen Einwohner der Stadt. Es war kein Zusammenschluss aus Machtgründen gewesen wie in Narau. Er mochte sie und sie mochte ihn. Manchmal war es wohl tatsächlich so einfach. Nicht so wie mit Nic …
»Ich hoffe, du hattest Ruhe vor den Klabautermännern?« Amys Lächeln vertiefte sich.
»Ja, heute war ich mal allein.« Das war diese eine Sache, die er an Roatán nicht verstand. Die Geschichten, die die Menschen hier erzählten und an die sie felsenfest glaubten, obwohl sie nicht zu beweisen waren. Klabautermänner, Riesenkraken, Meerjungfrauen. Seiner Meinung nach alles frei erfunden. Doch die Roatáner beharrten darauf, dass all das der Wahrheit entsprach. Wollten sie wirklich in einer Welt leben, in der riesige Seeungeheuer ganze Schiffe in die Tiefen des Meeres rissen? Gab es dafür auch nur den geringsten Beweis außer dem Geschwätz einiger Seeleute, die erkrankt und völlig dehydriert von ihren Fahrten heimkehrten? Oder dienten die Geschichten in Wirklichkeit einem anderen Zweck? Obwohl er bereits seit Monaten hier wohnte und mit den Einwohnern viel und gerne sprach, hatte er bis jetzt kein Licht in das Dunkel dieser Angelegenheit bringen können. Er verstand es einfach nicht. Und er konnte sich gut vorstellen, was Nic dazu sagen würde, sollte sie von den Geschichten hören. Sie würde nicht zögern, zu beweisen, dass alles frei erfunden war. Sie würde sagen, dass nichts existierte, solange es keinen zweifelsfreien Beweis dafür gab. Ein lebendes Exemplar einer Meerjungfrau zum Beispiel. Immer wieder gab es diese Momente, in denen er an das dachte, was Nic wohl zu bestimmten Dingen sagen würde. Nur spielte das keine Rolle. Nic und er waren fertig miteinander. Sie wartete vermutlich nur darauf, nach Biota zurückzukehren, und er wollte nichts mehr mit einer Lügnerin wie ihr zu tun haben.
Doch er wollte Amy mit seiner Skepsis gegenüber den kleinen Geschichten auf dieser Insel nicht auf die Füße treten, also versuchte er, seine Antworten stets in kleine Witze zu verpacken. Er war kein Wissenschaftler und konnte nicht beweisen, dass diese Dinge nicht existierten, und er hatte so ein Gefühl, dass sich ohnehin keiner auf Roatán für die Wahrheit hinter den Geschichten interessierte. Was für ein Unterschied zu Biota! Dort war Wissen einfach alles gewesen. Das Nonplusultra. Eine Stadt regiert von Wissenschaftlern und dem mit ihnen verbundenen Fortschritt. Doch Roatán war anders, in jeder Hinsicht, und das musste er so akzeptieren. Schließlich war es auch genau das, was er im Moment brauchte.
»Das ist gut. Falls du sie mal siehst, renn lieber. Sie sind sehr schnell, das solltest du wissen.« Sie zwinkerte ihm zu, griff nach ihrer Haube und schob ihr Haar darunter zurecht.
»Ich muss los. Wir sehen uns dann heute Abend, ja?«
»Natürlich.« Alexander legte ihr eine Hand in den Nacken und zog sie an sich. Der Kuss dauerte länger als sonst, denn er tat zu gut, um ihn früher zu beenden. Seine Gedanken waren heute früh so düster, dass er Amys Nähe brauchte.
Als er sie losließ, strich sie ihm mit der Hand über die Wange. Ihre Augen wirkten dunkel im Zwielicht des Hauses. Als sie es verließ, fiel ein schmaler Sonnenstrahl herein und beleuchtete für einen Moment die aus dunklen und helleren Holzbalken bestehende Wand des Wohnraums. Bereits seit einem Monat wohnten sie nun zusammen. Wie schnell doch die Zeit verging!
Nachdem er den Fisch in den Kühler gelegt hatte, der eigentlich nur ein tieferes Loch im Boden war, machte auch Alexander sich auf den Weg zum Hafen von Coxen Hole. Der Punkt, den die Presas mit ihren Waren ansteuerten und der damit der Anziehungspunkt sowohl für die Einwohner der Stadt als auch für die Bewohner der umliegenden Städte war. Allesamt waren sie kleiner als Coxen Hole, und für ihre Einwohner war der Ausflug in die größere Stadt eine nicht zu unterschätzende Anstrengung, doch auch eine Möglichkeit, zu tauschen, zu tratschen und Kontakte zu knüpfen. Nicht selten hatte Alexander erlebt, dass Väter ihre Töchter mit sich zum Hafen schleiften und dort versuchten, sie einem der Männer auf den Schiffen als Ehefrau aufzudrängen. Glücklicherweise war es letztendlich die Entscheidung der Frauen, wen sie als Mann wollten. Doch das hieß noch lange nicht, dass manche Väter es nicht versuchen würden, sich selbst diesem Thema anzunehmen.
Alexanders Aufgabe war es, den Freibeutern zu helfen. Er trug die Beute von Bord und baute sie ansprechend für die Besucher auf. Wenn es nötig war, half er auch bei den Tauschgeschäften. Was genau er tun musste, hing von dem jeweiligen Kapitän des Schiffes ab. Es gab einige, die seine Hilfe schätzten und ihn vieles erledigen ließen und ihn im Gegenzug dafür auch reich belohnten. Aber es gab auch diejenigen, die ihn spüren ließen, dass er unwillkommen war, und deutlich zeigten, dass er für sie noch ein Fremder war, den sie nur ungern an ihre Waren ließen.
Er war gespannt, welche Schiffe heute anlegen würden. Meistens waren es über den Tag verteilt drei bis vier, die leergeräumt und auf Vordermann gebracht werden mussten. Wenn es sein musste, diente Alexander auch als Reinigungskraft und sogar als Schiffsbauer. Zumindest mehr oder weniger. Einer der Zimmermänner hatte ihn unter seine Fittiche genommen und zeigte ihm hin und wieder bei einfacheren Arbeiten Handgriffe, die er auch allein anwenden konnte. Inzwischen konnte er kalfatern, Segel flicken und gebrochene Ruder reparieren. Fähigkeiten, auf die er durchaus stolz war. Hatte er in seiner Zeit in Biota doch nichts gelernt, was man auf Roatán wirklich gebrauchen konnte. Hüter waren hier nicht im Geringsten gefragt. Und in Narau … Gelernt hatte er dort höchstens, zu schießen und jedem zu misstrauen. Die erste Fähigkeit hatte ihm auf Roatán zwar Respekt eingebracht, allerdings keine Arbeit. Die zweite hätte ihm höchstens den Ruf eines Idioten beschert, also hatte er von dieser Seite der Geschichte nichts erzählt. Er war froh, dass die Hafenarbeiter ihm die Möglichkeit gegeben hatten, zu zeigen, dass er etwas konnte, und eben nicht der verweichlichte Fremde aus der seltsamen Unterwasserstadt war. Und inzwischen schien es, als hätten selbst die skeptischsten unter ihnen akzeptiert, dass er nun zu ihnen gehörte und Seite an Seite mit ihnen arbeitete.
Und es war keine leichte Arbeit. An vielen Tagen kehrte er mit schmerzendem Rücken, verbrannten Armen und müden Beinen zu Amy zurück. Zum Glück war sie so versiert und fürsorglich, dass seine Schmerzen normalerweise nur von kurzer Dauer waren. Als Krankenschwester wusste sie ohne Zweifel, was sie tat.
Gemeinsam mit fünfzehn anderen Hafenarbeitern fand er sich heute auf dem hölzernen Steg ein. Es gab insgesamt drei Anlegestellen für größere Schiffe und rund einhundert, vielleicht auch mehr, für die kleineren. Wie sonst auch dümpelten an den niedrigeren Anlegestellen etliche Nussschalen, winzige Boote, von denen einige nicht einmal mehr fahrtauglich aussahen. Schon seitdem er hier angekommen waren, hing eines der Boote schräg aus dem Wasser, das Heck unter der Oberfläche. Und keinen schien es zu interessieren. Diese Art der Gelassenheit gefiel Alexander. Er war sie nicht gewohnt und er bewunderte die Leute, die über solche Dinge, die ja nun nicht gerade Kleinigkeiten waren, einfach so hinweggingen.
Er musste nicht lange warten, dann lief auch schon die Edward Teach in den Hafen ein und legte am Steg an. Dicker Dampf quoll aus dem Schornstein in der Mitte des Schiffes. Mehrere Hafenarbeiter griffen nach den dicken Tauen, mit denen das Schiff am Steg festgemacht wurde. Währenddessen sprangen schon die ersten Seeleute herunter, die gar nicht erst warteten, bis das Schiff stillstand. Sie machten sich auf den Weg in die erstbeste Kneipe. Ihr dröhnendes Gelächter und ihre Rufe waren noch einige Augenblicke lang zu hören, bis sie in der Taverne »Saint John« verschwanden. Ihre Aufgabe war mit Einlaufen des Schiffes in den Hafen erledigt, nun waren die Hafenarbeiter an der Reihe. Eine Planke wurde hinüber zum Schiff gelegt und Alexander setzte mit großen Schritten über. Neben der Planke wurde ein Förderband aufgestellt, ein Gerät aus Zahnrädern, das, angetrieben von einer kleinen Dampfmaschine, in stetiger Bewegung eine Matte aus Pflanzenfasern bewegte.
Beim ersten Mal auf einem dieser Schiffe war ihm mulmig zumute gewesen. Wie konnte so etwas bloß schwimmen? Das viele Holz und Metall … Noch dazu schwankte es so schrecklich, dass ihm damals ganz flau im Magen wurde. Inzwischen bemerkte er die Wellenbewegung nicht einmal mehr. Viel zu sehr war er darauf fokussiert, beim Entladen des Schiffes nichts fallen zu lassen oder umzuwerfen. Die meisten Kapitäne hatten nicht unbedingt ein sanftes Gemüt. An seinem zweiten Arbeitstag hatte er es sich gleich mit Matthew Drake verscherzt, einem rotgesichtigen Mann mit spärlichem Haarwuchs. Beim Ausladen des Schiffes war ihm eine Flasche mit einer scharf riechenden Flüssigkeit zu Boden gefallen und zerbrochen. Als er sich darangemacht hatte, die Scherben aufzulesen, war Drake aus der Schiffsluke geschossen, hatte sich vor ihm aufgebaut und ihn minutenlang angeschrien. Es war ihm egal gewesen, dass er neu war, und auch, dass er die Flasche nicht mit Absicht zerbrochen hatte.
Später hatte ihn eine Hafenarbeiterin beiseite gezogen und ihm geraten, Drake aus dem Weg zu gehen. Bis jetzt hatte ihr Ratschlag funktioniert. Er war dem Kapitän nicht mehr so nah gekommen, dass dieser ihn anschreien konnte.
Alexander griff nach einer Kiste, deren Holzlatten mitgenommen aussahen. Als er eine Ecke hochhob, merkte er, dass sie zu schwer für ihn war. Suchend blickte er sich um. Alle seine Kollegen waren beschäftigt, nicht einer von ihnen blickte in seine Richtung.
»Ich mach das.«
Ein Schatten fiel auf ihn. Alexander blickte hoch, direkt in das lächelnde Gesicht einer Frau Anfang dreißig. Ihr Gesicht war von harten Linien durchzogen und so braun wie Leder. Genua Teach, genannt Jimmy. Sie war die Kapitänin der Edward Teach. Bis jetzt hatte er noch nie persönlich mit ihr zu tun gehabt. Lediglich Gerüchte waren an seine Ohren gedrungen. Angeblich war sie hart, aber gerecht. Ihre Mannschaft war ihr treu ergeben und viele der Seeleute rissen sich förmlich darum, auf ihrem Schiff mitzufahren.
Die vielen Schmuckstücke an Jimmys Handgelenken und um ihren Hals klirrten, als sie näherkam. Sie bückte sich und griff nach einer Ecke der Kiste. Dabei rutschte der Ärmel ihrer weißen Bluse hoch und entblößte ihren Arm. Ein Zeichen wurde sichtbar. Die Ränder waren unsauber, die Tinte verwaschen und das Motiv war so schlecht gestochen, dass Alexander nicht erkennen konnte, was es darstellen sollte. Ein Steuerrad? Oder doch einen Menschen? Vielleicht waren es auch kreisförmig angeordnete Buchstaben? Um das Bild herum war die Haut vernarbt und wirkte verbrannt. War das tatsächlich etwas, das man sich auf Roatán freiwillig verpassen ließ? Alexander dachte an seine eigene Tätowierung auf der Innenseite seines Handgelenks. Freiwillig hatte er sie nicht bekommen, die hatte zu dem Leben in Biota dazugehört. Ein Zeichen, das alle Bürger einte und sie daran erinnerte, dass sie im selben Boot saßen. »Forschung, Vertrauen, Einigkeit.« Inzwischen erkannte er die Verlogenheit hinter diesen Worten, doch viele Jahre lang hatte er bedingungslos daran geglaubt. Seit er auf Roatán lebte, trug er ein Stoffband am Handgelenk, das die Tätowierung überdeckte. Er wollte keine Fragen dazu beantworten. Und vor allem wollte er selbst nicht mehr daran denken, jemals so leichtgläubig gewesen zu sein.
»Hey, Landratte.« Jimmys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er blinzelte.
»Ja?«
»Heben wir das Ding jetzt oder nicht? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
Hastig hob Alexander die eine Ecke der Kiste, während Jimmy die andere Seite stabilisierte. Ächzend schleppten sie das schwere Ding zum Förderband und setzten es darauf ab.
»Was ist da eigentlich drin?«, keuchte Alexander, als er sich wieder aufrichtete.
»Steine«, antwortete Jimmy knapp und streckte sich. Ihr flacher Bauch kam unter der Bluse zum Vorschein und Alexander blickte zur Seite.
»Steine? Habt ihr davon hier nicht genug?«
Jimmy lachte. Ihre Stimme war rau wie die eines Papageis.
»Edelsteine und Gold.«
»Und das Zeug verkauft sich?«, fragte Alexander skeptisch. Die Menschen in Coxen Hole führten ein einfaches Leben. Ihnen war es wichtig, genug zum Essen zu haben und den Tag zu genießen. Die Frauen trugen kaum Schmuck und wenn, dann aus Holz. Was sollten sie mit Edelsteinen?
»Nicht wirklich«, antwortete Jimmy und blinzelte hinüber zu den Hafengebäuden. »Das ist für mich. Mir gefallen glitzernde Dinge.« Sie zwinkerte ihm zu und feine Fältchen bildeten sich wie ein Spinnennetz um ihre Augen.
»Oh.« Ihm wollte keine intelligentere Erwiderung einfallen, also blickte Alexander sich zum Schiff um. »Ich muss dann mal weitermachen.«
»Alexander, richtig? Du arbeitest hart, das gefällt mir. Was würdest du dazu sagen, zu meiner Crew zu gehören?«
Er traute seinen Ohren kaum. Sie wollte, dass er für sie arbeitete? »Ich soll auf deinem Schiff mitfahren?«
»Ganz genau.«
»Warum ich?«
Jimmy lachte und stemmte die Hände in die Hüften. Ihre Jacke verschob sich und gab den Blick auf zwei Pistolen frei, die an ihrem Gürtel hingen.
»Willst du mir etwa sagen, dass etwas gegen dich spricht?« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ich habe ein gutes Gefühl bei dir, das könnte klappen.«
Alexanders Herz schlug schneller. Hinaus auf die offene See fahren … Das klang verlockend. Er wollte die Welt sehen. Wollte sehen, was es dort draußen noch alles gab. Seit Jahren war seine Sicht der Dinge von anderen diktiert worden. Wie schön wäre es, sich selbst davon überzeugen zu können, was wahr war und was nicht?
Dennoch zögerte er. Diese Arbeit anzunehmen, bedeutete, tagelang, manchmal sogar wochenlang nicht zurückzukehren. Amy wäre allein in ihrem Haus und würde auf ihn warten. Oder auch nicht. Ein nagendes Gefühl der Eifersucht fraß sich in ihn hinein. Wenn er jetzt schon zweifelte – war es da eine gute Idee, den Posten anzunehmen?
»Was genau müsste ich tun, wenn ich mitkomme?«
»Das, was die anderen auch tun. Das Schiff steuern, putzen, instandhalten. Aber auch kochen, solange wir unterwegs sind. Wenn wir landen, suchst du nach allem, was wertvoll sein könnte. Du zeigst es mir und wenn ich die Erlaubnis gebe, bringst du es an Bord. Falls wir angegriffen werden, ist es deine Aufgabe, das Schiff und deine Kameraden zu verteidigen.«
Der letzte Teil klang gefährlich.
»Darf ich darüber nachdenken?« Jimmys Angebot kam unerwartet, er war erst wenige Wochen Hafenarbeiter, warum gab sie ausgerechnet ihm eine solche Chance?
Jimmys Gesicht wurde ernst. »Gut, denke darüber nach. Aber nicht zu lange. So ein Angebot mache ich nicht jedem, weißt du? Du hast bis nächsten Dienstag Zeit, dann verschwinde ich wieder von hier.«
Alexander schluckte. Nur sechs Tage. Am besten sprach er nachher mit Amy darüber. Es konnte nicht schaden, sich anzuhören, wie sie über das Angebot dachte.
»Ich muss weiter. Wir sehen uns.« Jimmy hob kurz die Hand zum Gruß und eilte dann den Steg entlang, ihren Männern hinterher. Ihre schweren Stiefel verursachten ein unregelmäßiges Pochen auf den Holzplanken.
Er, ein Seemann, ein Freibeuter. War das eine realistische Vorstellung? Er wollte nicht der Köder sein, den Jimmy auswarf, um Feinde anzulocken oder etwas Derartiges. Er hatte keine Erfahrung, weder auf See noch im Kämpfen. Alles, was er sein würde, war ein Klotz am Bein. Trotzdem reizte ihn die Vorstellung, aufs Meer hinaus zu segeln, über alle Maßen.
»Alex, steh da nich so rum! Der Kahn lädt sich nicht von allein aus!« Loak, ein Junge mit strubbeligen schwarzen Haaren machte eine unhöfliche Geste mit der Hand und grinste dann. »Los, beweg deinen Hintern mal.«
Alexander hatte sich an einiges auf Roatán gewöhnen müssen. Dazu hatte auch die Sprache der Einwohner gehört. Nicht nur, dass die meisten in einem Singsang sprachen, der es schwer machte, einzelne Worte zu verstehen, nein, meistens folgten den Sätzen auch irgendwelche Beleidigungen. Nur waren es keine wirklichen Beleidigungen, sondern ein freundschaftliches Sticheln. So richtig war er immer noch nicht dahintergekommen, wie es funktionierte. Daher hielt er sich bisher noch damit zurück, die Worte zu benutzen, die er hier aufgeschnappt hatte. Was, wenn er sie falsch benutzte? Auf eine Faust im Gesicht konnte er - verdammt noch mal – gut verzichten. Er grinste bei dem Kraftausdruck. Das hatten die Leute in Narau gerne gesagt.
»Jaja«, rief er zurück und machte sich wieder an die Arbeit.
Zwei Schiffe später schmerzte Alexanders Rücken deutlich. Er hatte gehofft, dass sich seine Muskeln mit der Zeit an die Belastung gewöhnen würden, doch das schien nicht der Fall zu sein. Er rieb sich das Kreuz, als ein weiteres Schiff in seinem Sichtfeld auftauchte. Die Segel waren rot, die Masten aus einem dunklen silbernen Metall, das Holz des Schiffes war stark poliert und glänzte im Licht der Sonne. Auf beiden Seiten des Schiffes drehten sich große Wasserräder, die das Schiff auch bei Flaute vorantrieben.
Alexander seufzte. Das konnte nur ein Schiff sein: die Guangdong. Das hatte ihm heute noch gefehlt. Ihr Befehlshaber Chi Yi Sao war ein höchst unsympathischer Mann. Seine schmalen Augen blickten immerzu streng und kalt auf andere herab und seine herabhängenden Mundwinkel vermittelten den Eindruck von Verbitterung. Der schmale schwarze Schnurrbart über seinen Lippen machte es auch nicht besser. Und dann noch dieser Hut … Immer und überall trug er einen schwarzen, speckigen Hut, den man bereits Meilen gegen den Wind riechen konnte. Und auch seine Art machte ihn nicht gerade beliebter. Er schrie viel, kritisierte jeden und schickte seine Seeleute, wie man so hörte, auf Missionen, deren Erfolg recht unwahrscheinlich war. Wer jedoch aufbegehrte, wurde auf einer einsamen Insel zurückgelassen. Man munkelte, dass bereits achtzehn seiner Männer da draußen zurückgeblieben waren. Ob sie tot oder lebendig waren, wusste keiner.
Das Schiff lief in den Hafen ein, die Wasserräder drehten sich rückwärts, um die Geschwindigkeit zu verringern, und die Seemänner warfen dicke Taue auf den Steg, wo die Hafenarbeiter sie befestigten. Währenddessen blieben die Seemänner stocksteif an Bord stehen, ihre Blicke gingen starr geradeaus. Chin Yi Sao, eingehüllt in einen protzigen roten Mantel, schritt an ihnen vorbei und sprang vom Schiff auf den Steg. Alles war still. Alle Arbeiter blieben stehen und sahen ihn nicht einmal an. Seine Schritte waren das einzige Geräusch, das die Stille störte. Er passierte die Arbeiter, doch ganz im Gegensatz zu sonst verzichtete er darauf, einen nach dem anderen anzuschreien. Stattdessen schien er sie gar nicht wahrzunehmen. Schnellen Schrittes hielt er auf den Hafenmeister zu, dessen Miene zu entnehmen war, dass er sich liebend gerne unsichtbar gemacht hatte.
Hielt der Kapitän etwas in seiner Hand? Alexander kniff die Augen zusammen. Vielleicht ein Stück Papier?
Sao blieb vor dem Hafenmeister stehen und begann auf ihn einzureden. Alexander konnte das Gespräch der Männer in der einsetzenden Hektik, die mit dem Entladen eines Schiffes einherging, nicht verstehen, doch das Gesicht des Hafenmeisters wirkte erst wie versteinert, dann hob er abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf.
Was war da los?
Eine schnelle Bewegung – und Sao drückte ein Messer an die Kehle des Hafenmeisters. Der Mann riss die Augen auf und erstarrte.
War das Saos Ernst? Was war so wichtig, dass er dem Mann auf offener Straße an die Kehle ging – wortwörtlich.
Noch einige Augenblicke lang redete Sao auf den Hafenmeister ein. Der jedoch sah eindeutig so aus, als hätte er keine Ahnung, was Sao eigentlich von ihm wollte. Sao hob die Hand mit dem bräunlichen Etwas, das Alexander zuvor bereits aufgefallen war, und schüttelte sie vor den Augen des Hafenmeisters hin und her.
Als der Kapitän den Hafenmeister endlich losließ, war die Erleichterung unter den Arbeitern deutlich spürbar.
»Was glotzt ihr so? Ich werdet fürs Arbeiten bezahlt, also arbeitet, ihr armseligen Maden.« Sao steckte das Messer wieder ein und schritt so schnell davon, dass sein Mantel hinter ihm her flatterte wie eine Gardine in einem geöffneten Fenster.
Alexander wandte sich zu den anderen Arbeitern um.
»Frag gar nicht erst.« Loak hatte abwehrend eine Hand gehoben. »Ich weiß genau so wenig wie du.«
Eine Menge Fragen wirbelten in Alexanders Kopf umher. Irgendetwas bereitete dem Kapitän, der sonst so gefühllos und beherrscht war, große Sorgen. Ging es vielleicht um das Schiff? War etwas damit geschehen? Oder war auf dem Ausflug etwas passiert? Und was hatte es mit diesem Ding in seiner Hand auf sich?
»Los, machen wir, dass wir hier fertig werden. Ich will nicht, dass Sao wiederkommt, bevor wir alles ausgeladen haben. Der bringt es echt fertig und reißt uns den Kopf ab.« Loak zog an Alexanders Ärmel.
»Du hast recht.« Alexander warf einen letzten Blick in die Richtung, in die Sao verschwunden war. War der Kapitän vielleicht einfach verrückt geworden? Etwas Ähnliches hatten die Hafenarbeiter zuvor schon angedeutet. Wahnsinn, Paranoia, Wutanfälle.
Seufzend machte Alexander sich wieder an die Arbeit. Die Kisten luden sich schließlich nicht von selbst aus. Es war allerdings schade, dass sie von Sao keinen Bonus für ihre Arbeit erhalten würden. Er zahlte allen Arbeitern haargenau den Lohn, der vertraglich für sie festgelegt war. Die anderen Kapitäne legten gerne auch mal etwas Fleisch oder Metall obendrauf, wenn sie gute Laune hatten oder das Schiff besonders schnell ausgeräumt wurde.
Nach und nach ging auch Saos Mannschaft von Bord. Im Gegensatz zu den anderen Schiffsbesatzungen war sie offenbar nicht allzu erpicht darauf, das Schiff zu verlassen. Die Männer schlugen eine andere Richtung ein als ihr Kapitän und verschwanden im Straßengewirr von Coxen Hole.
Konzentriert trug Alexander eine Kiste nach der anderen von Bord des Schiffes. Es folgten einige Metallteile, die er gemeinsam mit Loak forttrug, da sie für ihn allein viel zu schwer und sperrig waren. Danach ging es daran, die lebendigen Waren von Schiff zu bewegen. Diesmal hatte das Schiff vier kleine Tiere geladen, die Rehen ähnelten und die mit Seilen angebunden waren. Alexander löste die Seile, zog die Tiere, die sich zunächst weigerten, von Bord und band sie auf dem Steg wieder an. Dann kehrte er zurück, griff nach den Schalen mit Wasser, die für die Tiere an Bord gestanden hatten, und brachte sie ebenfalls auf den Steg.
Die Hitze war drückend und permanent rannen ihm dicke Schweißtropfen über die Stirn hinab in den Kragen seines Hemdes. Doch die Sonne war inzwischen hinter dichten Wolken verschwunden. Vielleicht würde es ja heute noch regnen? Alexander wünschte es sich beinah. So schön das gute Wetter auf Roatán auch war – auf Dauer war es eine enorme Belastung. Und er war die Wärme nicht gewohnt. In Biota war die Temperatur der Stadt geregelt worden und damit nie zu hoch oder zu niedrig.
Bereits Narau war ein Schock für ihn gewesen. Die dunstige Hitze, der Rauch, der zu jeder Tageszeit in der Luft lag, und das Fehlen der Sonnenstrahlen, die den Nebel nicht durchdringen konnten. Und nach seiner Erfahrung in der Wüste vor Theben war Hitze nicht unbedingt seine bevorzugte Wetterlage. Und so war Roatán eine Herausforderung für ihn. Es war immerzu warm und feucht. Die Sonne brannte nur so vom Himmel herab und versengte die Haut, wenn man ihr zu lange ausgesetzt war. Das hatte er am Anfang nicht beachtet und bereits am dritten Tag hier hatte er ausgesehen, wie ein gekochter Krebs. Roter Kopf, rote Arme, rote Beine. Die Einwohner hatten so viele Witze über ihn gerissen, dass er dachte, sie würden an ihrem Lachen noch ersticken. Aber eigentlich war es ein guter Einstand gewesen. Jeder hatte Spaß gehabt und ihn sogleich als neues Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert.
Alexander hob gerade eine kleinere Kiste hoch, als eine Bewegung in seinem Augenwinkel seine Aufmerksamkeit erregte. Lange dunkelblonde Locken. Rasch stand er auf und spähte hinüber zu den Gebäuden am Hafen. Keine Locken. Nur das übliche Gewimmel von Leuten, die auf die Freigabe der neuen Waren für den Tausch oder Verkauf warteten. Hatte er sich die Bewegung nur eingebildet?
Da! Die Tür des Rathauses schwang noch in den Angeln. Wenn er sie sich nicht eingebildet hatte, musste sie dorthinein gegangen sein.
»Hey, Ezio, ich bin kurz weg, ja?«
Ezio, ein großer Mann mit dunkler Haut sah nicht einmal auf. »Wenn du meinst.«
Das hieß dann wohl »Ja«. Alexander sprang von Bord und lief den Steg hinab. Am Ende war der Steg noch für Besucher gesperrt und er musste sich durch die davor wartende Menschenmenge zwängen. Viele der Leute hatten Karren dabei, auf denen sie ihre Tauschwaren transportierten und die das Durchkommen erschwerten.
»Darf ich mal …« und »Entschuldigung« murmelnd wand Alexander sich durch die vielen Menschen und stand wenige Augenblicke später vor dem Rathaus, dem Gebäude der Alcalde Anne Bonny. Einmal erst war Alexander bei ihr gewesen. Damals, vielleicht eine Woche, nachdem er auf Roatán angekommen war und als feststand, dass er so bald nicht wieder gehen würde. Er hatte sich angemeldet und sein Haus als Wohnsitz eingetragen. Unter der Leitung der Alcalde musste alles seine Ordnung haben.
Er schritt zur Tür und legte die Hand auf das warme Holz. Dann atmete er zweimal tief durch, stieß die Tür auf und trat ein.
Im Inneren war es heller als draußen und einen kurzen Moment lang war Alexander geblendet von dem Licht, das mehr als zehn Gaslaternen verströmten. Der unangenehme Nebeneffekt der Lampen war eine brütende Hitze, die die im Freien noch weit übertraf.
Bevor er sie sah, vernahm Alexander ihre Stimme.
»… muss ihn finden. Können Sie mir sagen, wo er wohnt?«
»Hallo Nic.« Er war froh, dass seine Stimme ganz normal klang. Wie oft hatte er sich den Moment ausgemalt, in dem sie sich wiedersehen würden?
Nic fuhr herum und ihre Haare wirbelten durch die Luft.
»Alexander!« Sie klang atemlos. Die Augen weit aufgerissen, sah sie eher erschrocken als erfreut aus. »Was machst du denn hier?«
Nun, das war nicht die Begrüßung, die er erwartet hatte. Sie hatten so viel miteinander durchgemacht, verdiente er da nicht ein wenig mehr als das? Auch wenn ihre gemeinsame Zeit wenig mehr als ein Experiment gewesen war?
»Ich habe dich vom Schiff aus gesehen. Da wollte ich Hallo sagen.« Er musterte Nic. Sie wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie trug eine Korsage aus hellem Leder und einen mehrlagigen Rock, der vorne kürzer war als hinten. Beides hatte er noch nie zuvor an ihr gesehen. Ihr Gesicht war deutlich gebräunter als zu ihrer Ankunft auf Roatán und ihr Haar hatte einen goldenen Schimmer bekommen. Es stimmte, er hatte sie begrüßen wollen. Er musste sich davon überzeugen, dass alles tatsächlich so gewesen war, wie er es in Erinnerung hatte. Da war nichts zwischen ihnen gewesen, richtig? Sie war nur eine Forscherin gewesen und er ihr Forschungsobjekt.
»Hallo.« Offenbar schien Nic nach weiteren Worten zu suchen, denn sie sah zu Boden und biss sich auf die Lippe. Im Hintergrund saß die Alcalde an ihrem Schreibtisch, ein dickes Buch vor sich aufgeklappt und das sie betont intensiv studierte. Sie wollte ihnen wohl etwas Privatsphäre geben oder nur nicht mitansehen, wie er von Nic eiskalt abgewiesen wurde. Gab es wirklich nichts mehr zu sagen?
»Wie laufen deine Projekte?«, erkundigte sich Alexander, als er die Stille nicht mehr ertragen konnte.
»Gut, gut.«
Na, das war doch mal eine ergiebige Antwort. So langsam wurde Alexander sauer. Wer glaubte sie eigentlich, wer sie war, dass sie ihn einfach so abfertigen konnte? Sie lebte genau wie er auf dieser Insel. Offenbar wollten ihre Forscherkollegen nicht unbedingt, dass sie nach Biota zurückkehrte.
Er startete einen letzten Versuch. »Was führt dich in die Stadt?«
»Nichts Besonderes.« Das war alles. Sie sah zu Boden und schwieg.
Sie wollte nicht mit ihm reden? Gut, dann er auch nicht mit ihr.
»Na, dann mach‘s gut, ich muss zurück an die Arbeit.«
Fester als nötig stieß Alexander die Schwingtür auf, die daraufhin auf der Außenseite gegen die Wand schlug. Ohne sich umzudrehen marschierte er zurück zum Schiff. Was bildete Nic sich eigentlich ein?
Bepackt mit seiner Belohnung für das Entladen der Schiffe am heutigen Tag ging Alexander am frühen Abend zurück zu seinem Haus. Nun war endlich der frisch gefangene Fisch an der Reihe, auf den er sich schon den ganzen Tag freute. Nicht weil er Fisch so lecker fand – davon hatte es in Biota viel zu viel gegeben –, nein, weil er ihn selbst gefangen hatte. Es gefiel ihm mehr und mehr, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Seinen Beruf selbst zu wählen, seine Partnerin, sein Haus. Dazu Nahrung eigenständig beschaffen, Reparaturen selbst durchführen … Es fühlte sich richtig an und es ging ihm gut damit. Dieses dumpfe Gefühl der Betäubung, das ihn in Biota befallen hatte, nachdem er sich auf die Suche nach einem Mörder gemacht, aber keine Ahnung hatte, was er eigentlich tun sollte, war endlich verschwunden. Er konnte selbstständig denken und handeln.
»Da bist du ja«, begrüßte Amy ihn an der Tür und nahm ihm einige Metallteile ab, die sie in einer Kammer unter den Dielenbrettern im Wohnzimmer verstaute. »Ich hatte früher mit dir gerechnet.«
»Tut mir leid, es waren mehr Schiffe, als wir erwartet hatten. Und außerdem war eins von Sao dabei.«
Amys Mundwinkel wanderten nach unten. »Und? Wen hat er diesmal angebrüllt?«
»Den Hafenmeister.«
»Was? Wieso denn das?«
»Keine Ahnung. Er hat ihm sogar mit einem Messer gedroht.«
»Welchen Grund könnte er denn dafür haben?« Amy legte die Stirn in Falten.
»Ich hatte eigentlich gehofft, das könntest du mir sagen.« Nach allem, was Alexander wusste, war der Hafenmeister für die Einteilung und Entlohnung der Hafenarbeiter sowie für das Ausbessern des Stegs und die Reparatur der Schiffe zuständig.
»Wollen wir uns vielleicht erstmal hinsetzen? Ich habe das Abendessen schon fertig gemacht, ich dachte, du hast sicher Hunger.« Da hatte sie allerdings recht. Sein Magen knurrte schon seit einigen Stunden. Es war so viel los gewesen, dass er nicht einmal Zeit für eine kurze Zwischenmahlzeit gehabt hatte.
Alexander verstaute den Rest seines Lohns und setzte sich in die Küche an den Tisch. Dort standen bereits zwei Teller mit Fisch und einer Kartoffel und eine Schale mit einer dunkelroten Flüssigkeit. Die scharfe Soße, auf die die Einwohner von Roatán schworen und die sie praktisch zu allem aßen.
Nachdem Alexander sich gesetzt und einen Bissen vom Fisch genommen hatte, wollte er mehr über den Hafenmeister hören.
»Also, was weißt du über den Hafenmeister? Wofür ist er zuständig?«
»Viel weiß ich nicht. Er heißt Bert Alvarez. Er hat den Posten vor über drei Jahren übernommen und bis jetzt sind mir keine Beschwerden über ihn zu Ohren gekommen. Auf der Krankenstation war er, soweit ich weiß, auch noch nicht.« Sie goss sich ein Glas Wasser ein. »Seine Aufgabe besteht darin, sich um alles zu kümmern, was mit den Schiffen zu tun hat. Er organisiert die Wartung, vermittelt Seeleute und Hafenarbeiter, er achtet auf die Einhaltung der Bezahlung, er verwahrt das Eigentum der Crewmitglieder, wenn es von ihnen gewünscht wird. Außerdem zeichnet er nach den Angaben der Kapitäne Karten von ihren Plünderfahrten, damit andere wissen, wo es noch etwas zu holen gibt und von welchen Ecken man lieber die Finger lassen sollte.« Sie nippte an ihrem Wasserglas. »Und er ist für die Post der Seeleute zuständig. Da sie ja selten an Land sind, bewahrt er sie für sie auf und übergibt sie ihnen bei ihrem nächsten Landgang.«
»Post?«
»Ja, viele Briefe sind es sicher nicht, aber einige der Kapitäne haben Frauen in anderen Städten, die ihnen schreiben. Manchmal auch mehrere.«
Die Frauen interessierten Alexander nicht. Es war etwas anderes, das Amy erwähnt hatte, das sein Herz schneller schlagen ließ. Briefe … Sao hatte etwas Bräunlich-Weißes in der Hand gehabt, das er dem Hafenmeister förmlich unter die Nase gedrückt hatte. Die Farbe hatte Alexander an Papier erinnert.
Ein Klopfen durchbrach seine Gedanken. Wer könnte das sein?
»Ich mach auf«, sagte er zu Amy, die sich schon halb erhoben hatte.
Alexander durchquerte das Wohnzimmer und öffnete die Tür.
»Hallo Alex.«
Es war Nic. Ihre Haare waren wirr und sie hatte einen Streifen Dreck auf der Wange.
»Störe ich?«
Die ehrliche Antwort wäre »Ja« gewesen, doch Alexander schüttelte den Kopf. Jetzt also wollte sie mit ihm reden?
Er zog die Tür hinter sich zu, sodass sie gemeinsam auf der schmalen Veranda standen, die sein Haus umgab.
Nic sah für einen Augenblick verdutzt aus, sagte aber nichts dazu, dass er sie nicht in sein Haus bat.
»Also?«, sagte Alexander, weil Nic keine Anstalten machte, zu sprechen. »Warum bist du hier?«
Nic trat von einem Bein aufs andere und sah überall hin, nur nicht in seine Augen. Dann zog sie etwas aus ihrer Hosentasche. Etwas, das Alexander bekannt vorkam.
»Den hier habe ich vor ein paar Tagen bekommen.«
Alexander blickte auf den Brief hinab, der in ihrer offenen Hand lag. Ein heller Braunton. Ihm wurde kalt.
»Was ist das?«, flüsterte er. Angst stieg wie eine eisige Welle in ihm auf.
»Lies es selbst.« Nic gab ihm den Brief und Alexander begann zu lesen.

Sei gegrüßt, du, der du dich in Sicherheit wähnst. Du hast mich vergessen. Wie könntest du auch nicht? Schuld vergisst man gern. Doch bedenke eines: Ich kann mich erinnern. Wir werden uns wiedersehen.

»Wer hat dir das geschickt?«
»Ich habe keine Ahnung. Er lag einfach auf meiner Türschwelle.« Sie wedelte unsicher mit einer Hand in der Luft. »Ich habe niemanden in der Nähe meiner Hütte gesehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Erst habe ich mir nichts dabei gedacht, aber dann hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich dachte vielleicht …«
»Steckt Garrett dahinter? Oder jemand aus Theben?«
Nic riss die Augen weit auf. »Nein, ich dachte, vielleicht spielt mir jemand einen Streich. Erschreck die Fremde oder so etwas in der Art. Jemand, der mich vergraulen wollte. Garrett? Meinst du wirklich? Ist er nicht tot? Oder Amarna?«
»Könnte doch sein.« Garrett hatte ihnen gedroht, als sie Narau verlassen hatten. Und Amarna … Wenn sie freigekommen war, könnte sie sich an ihnen rächen wollen.
»Nach all der Zeit?«
»Vielleicht haben sich die Umstände geändert, wer weiß.«
»Aber Garrett …« Nic schien zu überlegen, wie sie es formulieren sollte. »Meinst du nicht, dass er etwas deutlicher geschrieben hätte, was er will? Und dass er vielleicht auch mit seinem Namen unterschrieben hätte? Wir kennen ihn doch.«
»Das einzige, was ich über diesen Kerl weiß, ist, dass man ihm nicht trauen kann. So etwas wäre doch genau sein Ding! Er versetzt dich in Angst und Schrecken und sieht zu, wie du dich windest. Er liebt es, wenn die Menschen sich vor ihm fürchten.«
»Ja, vor ihm! Aber doch nicht vor einem gesichtslosen Jemand.« Nic sprach nun lauter und Alexander warf besorgt einen Blick zur Tür. Konnte Amy sie hören? Lauschte sie vielleicht sogar hinter der Tür?
Etwas an Nics Anwesenheit flößte ihm Schuldgefühle ein. Als ob er Amy schon mit der Tatsache betrog, dass er mit Nic allein war.
»Aber weißt du wirklich, was Garrett tun würde?«
»Nein, du denn? Ich weiß nur, dass er zu allem fähig ist. Und er hat Beziehungen.« Nic fuhr sich durch die dichten Locken und brachte sie dabei noch mehr durcheinander.
»Gut möglich, dass Garrett sowieso tot ist, wir wissen nicht, wie sein Kampf mit James ausgegangen ist.« Genervt schloss Alexander die Augen. Alles an Nic beschwor die grauenvollen Dinge wieder herauf, die er erlebt hatte. Sie war ein Teil davon gewesen und inzwischen untrennbar mit den Erinnerungen verbunden. Und nichts davon hätte geschehen müssen. Hätten sie und ihre Kollegen nicht beschlossen, dass er das perfekte Versuchsobjekt war …
»Ich denke nicht, dass er tot ist. Und Amarna könnte bei dem Angriff befreit worden sein …«
»Was ist das hier?«, unterbrach Alexander sie.
Nic runzelte die Stirn. »Was meinst du?«
»Das hier.« Alexander hatte den Brief in den Händen gedreht und dabei war ihm ein Schriftzug aufgefallen. Vorne auf dem Brief prangte der Name »Andrew Fontaine«.
»Wer ist Andrew Fontaine?«
»Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?«
»Es steht auf deinem Brief!« Alexander musste sich Mühe geben, um nicht loszuschreien. Warum musste es mit Nic so sein? Warum brachte ihre Nähe ihn so aus dem Gleichgewicht? Alles war gut gewesen, bevor sie wieder aufgetaucht war. Sogar mehr als gut. Er war glücklich gewesen. Nun stand sie hier vor ihm und er verwandelte sich in jemanden, der beinahe Frauen anschrie.
»Sag mir bitte: Kennst du einen Andrew Fontaine?« Er bemühte sich, seine Stimme ruhiger klingen zu lassen.
»Andrew Fontaine … Ich kenne niemanden, der so heißt. Versteh mich nicht falsch, ich habe den Namen gesehen, aber ich habe angenommen, dass vielleicht zuerst etwas anderes auf den Bogen Papier geschrieben werden sollte oder vielleicht der Papierhersteller seine Waren kennzeichnet …«
»Es steht vorne auf dem Brief. Kann es nicht auch sein, dass es der Adressat ist und der Brief gar nicht für dich war?«
»Vielleicht ist es aber auch der Absender«, überlegte Nic weiter.
»Das könnte auch sein.« Sie schwiegen für ein paar Augenblicke.
»Aber jetzt habe ich Angst, dass es am Ende doch Garrett war, der mir den Brief geschickt hat«, flüsterte Nic.
Plötzlich ging die Haustür auf und Amy kam heraus. Alexander wich ein Stück zurück.
»Hallo, ich habe euch drinnen gehört«, begann Amy. »Ich kenne Andrew Fontaine.«
Alexander sah von Amy zu Nic. Stocksteif stand sie da und starrte Amy an. Dann wanderte ihr Blick langsam zu ihm hinüber. In ihren Augen erkannte er deutlich die Frage, wer Amy war und warum sie sich in seinem Haus aufhielt.
»Das ist Amy«, erklärte Alexander unbehaglich und deutete hilflos auf sie.
Beide Frauen sahen ihn an. »Sie wohnt hier mit mir.«
Nics Lippen wurden zu einem schmalen Strich. »Aha.«
»Ja.« Was sollte er dazu noch sagen? Gab es etwas, das er sagen konnte? Es ging Nic nicht das Geringste an, mit wem er zusammenwohnte.
»Er ist tot«, sagte Amy. Gut, diese Worte hätte er jetzt nicht gewählt, um die Stimmung aufzulockern.
Nic kniff die Augen zusammen. »Wer war er denn?«
»Er war vor ein paar Jahren Seemann auf Saos Schiff.«
»Sao?«
An dieser Stelle fiel Alexander wieder auf, wie weit Nic von allem entfernt wohnte. Sie war nie in der Stadt, darum kannte sie auch die Freibeuter und ihre Kapitäne nicht.
»Chi Yi Sao. Ein Kapitän.«
»Ach ja.« Nic winkte ab. »Diese Kerle, die hinaus aufs Meer fahren, um anderen ihr Hab und Gut zu stehlen.«
»Hey, sie sind Helden. Sie riskieren jeden Tag ihr Leben, um uns hier zu versorgen. Was glaubst du denn, wo dein Essen jeden Tag herkommt?«
»Inzwischen kommt es aus meinem Garten«, erwiderte Nic ruhig. »Aber dieser Sao … Fontaine hat also auf seinem Schiff gearbeitet?«
»Ja, viele Jahre lang. Er war recht ungeschickt für einen Seemann, deswegen war er ein häufiger Gast auf der Krankenstation. Dort arbeite ich«, fügte Amy mit einem Blick auf die verwirrt dreinschauende Nic hinzu. »Irgendwann hat ihm ein Tau den Hals aufgerissen. Er ist verblutet. Das ist bestimmt schon fünf Jahre her.«
»Wieso sollte ihm dann jemand einen Brief schicken? Nach so langer Zeit?«
»Verstehst du es denn nicht?« Amys Wangen glühten rot.
»Was soll ich denn daran verstehen?«
»Er war es. Der Fliegende Holländer, er sucht uns heim.« Amys Stimme war nur noch ein Flüstern, als befürchtete sie, den Mann anzulocken, wenn sie zu laut redete.
»Wer?«
»Der Fliegende Holländer. Den müsst ihr doch kennen.«
Alexander und Nic schüttelten synchron die Köpfe. Den Namen hatte Alexander noch nie gehört, daran würde er sich erinnern.
»Seine Mannschaft besteht aus Toten, ertrunkene Seeleute, und er kann sein Schiff nicht verlassen. Es hat blutrote Segel und ist pechschwarz …«
»Es ist also ein Mann aus einer Geschichte?«
»Es ist mehr als nur eine Geschichte. Er existiert wirklich. Und er sucht die Lebenden heim. Er schickt Briefe. Briefe, die an Menschen gerichtet sind, die längst tot sind. Es ist das Zeichen dafür, dass er kommt.«
»Warum sollte er kommen?« Nic zog die Augenbrauen so weit hoch, dass sie unter ihren Haaren verschwanden. »Versteh mich nicht falsch … Aber das klingt verdächtig nach einem Märchen.«
»Alles, was ich sage, stimmt.«
»Hast du ihn schon mal gesehen?«
»Nein, aber …«
»Hat irgendjemand ihn mal gesehen?«
»Ja, aber alle, die ihn gesehen haben, sind gestorben.«
»Sie sind gestorben, weil sie den Fliegenden Holländer gesehen haben?« In Nics Stimme schwang eine gehörige Portion Skepsis mit.
»Ja!«
»Und woher wisst ihr dann, dass das Schiff blutrote Segel hat? Wer konnte denn davon berichten, wenn alle, die es gesehen haben, gestorben sind?«
»Ich … ich weiß es nicht, aber es stimmt, glaubt mir!«
»Das klingt für mich ganz nach einer erfundenen Geschichte«, erwiderte Nic achselzuckend.
»Du musst den Brief verbrennen oder ihn an einen Mast nageln, sonst geschieht etwas Furchtbares.«
Nic warf Alexander einen fragenden Blick zu.
»Amy? Warum sollte sie das tun?«
»Weil sonst ein Unglück geschieht. Niemand darf die Briefe einfach ignorieren.« Sie holte tief Luft. »Deswegen sind schon Schiffe untergegangen.«
»Dann ist es ja gut, dass ich nicht zur See fahre.« Nic schmunzelte.
»Findest du das lustig? Wer weiß, was dir passiert. Vielleicht fällst du einfach tot um, vielleicht brennt dein Haus nieder – ich weiß es doch auch nicht!«
Alexander bekam ein ungutes Gefühl. Konnte es sein, dass Amy Nic drohte? Ahnte sie vielleicht etwas davon, wie vertraut sie einander wirklich waren? Er hatte ihr zwar erzählt, dass sie gemeinsam aus Biota geflohen waren und in Narau und Theben gelandet waren, doch er hatte nie auch nur ein Wort darüber verloren, dass mehr als das zwischen ihnen vorgefallen war. Doch Amy war nicht dumm. Sie hatte offenbar an der Tür gelauscht und ihr Gespräch gehört. Hatten sie darin etwas über ihre Beziehung zueinander gesagt? Er war sich nicht sicher.
»Amy, hör mal, du musst zugeben, das klingt ziemlich verrückt …«, begann Nic, doch Amy unterbrach sie sofort.
»Verrückt? Du hältst mich also für verrückt?«
»Nein, ich meinte nur, dass diese Geschichte doch sehr weit hergeholt klingt. Und noch dazu sind die Details einfach nicht stimmig. Es gibt Augenzeugenberichte – aber eigentlich ist jeder, der das Schiff gesehen hat, tot. Wie passt das zusammen?«
Nic klang wieder wie die Wissenschaftlerin, die sie ja eigentlich auch war. Und insgeheim stimmte Alexander ihr zu. Da er sich jedoch nicht Amys Zorn zuziehen wollte, schwieg er und verfolgte stumm das Gespräch.
»Es mag nicht alles passen, aber ich weiß, was ich weiß. Hier in der Stadt weiß jeder Bescheid über den Fliegenden Holländer, fragt doch die anderen.«
»Ich glaube, das ist nicht nötig.« Nic seufzte. »Gibt es vielleicht noch eine andere Erklärung für die Briefe? Etwas, das nicht mit dem Fliegenden Holländer zu tun hat?«
Langsam konnte Alexander den Namen nicht mehr hören. Noch dazu war es ihm unangenehm, dass Nic Amy ausgerechnet so kennenlernen musste. Sie musste nur das Schlechteste von ihr denken – und damit vermutlich auch von ihm. Es sollte ihn nicht stören, aber das tat es.
»Er ist verhext, wisst ihr«, platzte Amy heraus, als wäre diese Nachricht ein unschlagbares Argument dafür, dass der besagte Seemann Nic den Brief geschickt hatte. »Er kann sein Schiff nur alle fünfzehn Jahre für eine Stunde verlassen. Seine Mannschaft besteht aus ertrunkenen Seeleuten. Und nur die tiefe und echte Liebe einer Frau kann ihn erlösen. Ist das nicht romantisch?«
»Romantisch?« Nic verzog das Gesicht. »Du findest es romantisch, dass sich eine Frau in einen Psychopathen verlieben soll, der unschuldige Menschen tötet und Seeleuten ihre letzte Ruhe verwehrt und sie stattdessen versklavt? Meine Vorstellung von Romantik wäre ein wenig anders.«
»Nein, natürlich nicht.« Amy hob abwehrend die Hände. »Aber das Einzige, das ihn erlösen kann, ist die wahre Liebe. Das gefällt mir.«
»Trotzdem erklärt das alles nicht, wie der Brief zu Nic gelangt ist. Und warum überhaupt zu ihr. Sie hat das Schiff, sofern es existiert, schließlich nicht gesehen.«
»Sofern es existiert? Du glaubst mir also auch nicht?« Amy verschränkte die Arme vor der Brust.
»Na ja … Mir gefällt es, die Dinge mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ich vertraue ungern auf bloßes Hörensagen.«
Nic nickte bestätigend. Alexander wünschte sich, sie würde damit aufhören. Schlimm genug, dass er nicht hinter Amy stand, was dieses Thema anging, aber nun sah es so aus, als stellte er sich auf Nics Seite. Auch wenn er der Meinung war, dass es hier eigentlich gar keine Seiten gab. Und wenn doch … Nun, dann hätte er tatsächlich auf Nics gestanden.
»Gut, ihr wollt mir nicht glauben, damit muss ich leben. Ist auch nicht wirklich überraschend, ihr seid Fremde und die Skepsis ist euch förmlich eingetrichtert worden, wie ich von Alexander gehört habe.«
Nur hatte sich diese Skepsis auf Wissenschaft bezogen, nicht auf ihre eigenen Oberen. Aber das war ein anderes Thema.
»Aber wäre es dann ein Problem, den Brief einfach zu verbrennen? Es schadet doch nicht, ganz im Gegenteil. Wenn ich doch recht habe, dann rettet es dir das Leben. Falls es nicht stimmt, hast du ein wertloses Stück Papier verbrannt.«
Nic schien zu überlegen. »Gut, das könnte ich vielleicht tatsächlich machen.«
»Dann tu es jetzt gleich, ich hole ein Zündholz.« Amy hatte sich schon halb umgedreht, als Nic wieder das Wort ergriff: »Ich möchte gerne selbst bestimmen, wann ich es tue. Aber vielen Dank.« Ihre Worte waren freundlich, aber bestimmt. Genau der richtige Tonfall für eine Botania. Nur dass sie nicht mehr in Biota waren. Doch überraschenderweise hatten die Worte auch einen positiven Effekt auf Amy.
»Natürlich, kein Problem.« Sie lächelte Nic sogar an.
Alexander fiel wieder etwas ein. Etwas, das er noch gern mit Nic besprechen würde.
»Amy?«
»Ja?«
»Könntest du uns noch mal für ein paar Minuten allein lassen?«
Amy sah ihn mit großen Augen an, als erwartete sie eine weitere Erklärung. Als er ihr keine lieferte, zuckte sie mit den Schultern. »Kein Problem.« Sie verschwand im Haus und schlug die Tür deutlich stärker ins Schloss, als sie es hätte tun müssen.
»Was möchtest du mit mir besprechen?«, fragte Nic und lehnte sich gegen das Geländer der Veranda.
»Heute Nachmittag, als ich dich gesehen habe, was hast du da getan? Warum warst du bei der Alcalde?«
»Ich habe sie nur nach dem Brief gefragt. Also danach, wer die Briefe zustellt, weil ich mich gewundert habe, dass ich in meiner Hütte, die ja doch sehr versteckt im Wald liegt, Post bekommen habe.« Sie stellte sich gerade hin. »Ich war in meinem Garten, und als ich zurückkam, lag dieser Brief direkt vor meiner Haustür.«
»Und?«
»Sie meinte, für mein Haus wäre niemand zuständig, ich müsste mir meine Post beim Hafenmeister abholen. Vermutlich hätte jemand diesen Brief selbst bei mir abgelegt.«
»Hast du ihr den Inhalt gezeigt?«
»Nein, warum sollte ich?«
»Vielleicht hätte sie dir etwas über den Schreiber sagen können. Oder wer Andrew Fontaine ist.«
»Nun, das wissen wir jetzt zumindest. Er war ein Seemann auf Saos Schiff. Er war ungeschickt, er ist gestorben.«
»Beunruhigt es dich wirklich gar nicht, dass der Brief, der an einen Toten adressiert ist, vor deiner Tür abgelegt wurde?«
»Eigentlich nicht.«
Alexander wunderte sich über Nic. Es war ein wenig so, als würde sie sich für nichts mehr interessieren. Damals in Biota war sie so neugierig auf alles gewesen. Sie hatte alles wissen und erforschen wollen. Sie hatte Gerechtigkeit für jeden gewollt. Die Erfahrungen der letzten Zeit schienen ihr diese guten Eigenschaften ausgetrieben zu haben. Oder sie waren immer nur Fassade gewesen, ein Schauspiel für ihn, den leichtgläubigen Hüter.
»Willst du weitere Nachforschungen anstellen?«
»Wieso? Ich weiß doch jetzt alles. Ich vermute, der Brief ist nur versehentlich bei mir gelandet. Und fertig. Mach nicht mehr daraus, als es ist.«
»Warum bist du dann hergekommen?«
Das war die Frage, die ihm schon auf der Seele brannte, seit er vor ein paar Minuten die Tür geöffnet hatte. Er senkte die Stimme. »Versteh mich nicht falsch: Glaubst du wirklich, das bringt uns irgendwie weiter? Es gab keinen Kontakt mehr zwischen uns. Warum bist du jetzt hier?«
»Ich wollte nach dir sehen, schauen, ob es dir gut geht. Und ich wollte wissen, was du von dem Brief hältst. Hätte ja sein können, dass ich mich irre, und er doch mehr zu bedeuten hat. Dass es wirklich Garrett war, der ihn geschickt hat.«
Alexander sagte ihr nicht noch einmal, dass immer noch mehr dahinterstecken konnte. Sie kannte seine Meinung, aber hatte beschlossen, sie zu ignorieren.
»Mir geht es gut«, sagte Alexander steif.
»Das freut mich, wirklich«, flüsterte Nic. »Ich wollte dich nicht hintergehen. Ich habe es als Experiment begonnen, aber …«
»Schon gut«, unterbrach Alexander Nic barsch. Er wollte keine weiteren Lügen von ihr hören. Er hatte damit abgeschlossen. Ihm gefiel sein jetziges Leben. Ein Leben, in dem Nic keinen Platz mehr hatte.
Alexander überlegte, ob er ihr von Saos Brief erzählen sollte. Das Gefühl, dass es ebenfalls ein Brief gewesen war, war inzwischen fast zur Gewissheit geworden. Aber etwas hielt ihn davon ab. Dabei wollte er Nic vertrauen, wollte, dass alles so war wie früher. Es ging einfach nicht. Eine ganze Welt schien zwischen ihnen zu stehen.
»Liebst du sie?« Die Frage war leise gewesen, kaum zu hören. Nic sah ihm tief in die Augen.
»Amy?« Er wusste genau, wen sie meinte, aber er brauchte mehr Zeit, um die Frage beantworten zu können. Er hoffte, dass Amy nicht wieder an der Tür lauschte.
»Ich glaube, ich könnte es eines Tages. Sie ist ein guter Mensch.«
Nur für eine Sekunde schloss Nic die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war ihr Blick klar und kühl.
»Ich werde dann jetzt gehen. Du kannst Amy ausrichten, dass ich den Brief vernichten werden, ganz so, wie sie es gesagt hat.« Spott klang aus ihren Worten.
»Sie ist nicht dumm, Nic. Es ist nur auf dieser Insel so, dass … Man glaubt an Dinge, auch wenn man sie nicht sehen kann.«
»Ja, das ist mir schon aufgefallen. Aber genau das ist doch Dummheit, oder nicht?« Sie hob die Arme. »Blind an etwas zu glauben?«
Alexander fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die er inzwischen ein wenig länger trug als zu seiner Zeit als Hüter. Ihm gefiel es so besser.
»Ich muss wieder rein«, sagte er, weil er keine Antwort auf ihre Frage wusste.
»Ja, geh ruhig. Ich muss zurück zum Labor.«
Labor. Wie es dort wohl aussehen mochte? Und was erforschte sie dort eigentlich? Ohne die modernen Methoden und Geräte aus Biota musste ihre Forschung weit zurückgeworfen worden sein. Keine Mikroskope, keine Möglichkeiten zur Genmanipulation, keine optimierten Aufzuchtbedingungen. Aber als Botania hatte sie immerhin gute Chancen, ihr Essen selbst zu produzieren.
»Wir sehen uns.« Vermutlich eher später als früher.
»Ja, wir sehen uns, Alex. Bis dann.«
Nach ein paar Schritten verschluckte sie die Dunkelheit.
Alexander blieb noch einige Augenblicke draußen stehen. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus. Nic wiederzusehen, hatte etwas in ihm aufgewühlt, das vier Monate lang ruhig gewesen war, ähnlich einem See, der nach dem ruhigen Winter durch die Stürme des Frühlings durcheinander gewirbelt wird.
Nic
Was hatte sie eigentlich erwartet? Zweige zerbrachen unter ihren forschen Schritten. Die Stadt lag bereits hinter ihr und das einzige Licht stammte vom Mond, der voll und rund über ihr am Himmel hing.
Warum nur bin ich hingegangen?
Sie trat einen Stein aus dem Weg, der mit einem leisen Rascheln im Gebüsch abseits des schmalen Sandpfads landete. Der Weg wurde schmaler, doch Nic wusste, wo sie hinmusste. Ihre Füße landeten genau dort, wo sie sollten. Jeden Tag ging sie diesen Weg entlang, an vielen Tagen auch mehrmals, und das seit vier Monaten. Vier Monate. Das war im Grunde keine so lange Zeit. Trotzdem fühlte es sich an wie ihr halbes Leben. Fast, als hätte sie schon immer auf Roatán gelebt. Als sie die Möglichkeit erhalten hatte, Biota zu verlassen, hatte sie sie ergriffen. Alexander glaubte, sie hätte es nur getan, um aus ihm ein Experiment zu machen. Doch es war anders gewesen.
Lange Zeit hatte sie glücklich in Biota gelebt. Die Stadt war ihr Zuhause. Als Botania war sie von den Einwohnern geschätzt worden. Sie hatten sie und die anderen Wissenschaftler verehrt und ihnen bedingungslos vertraut – ein Fehler und auch nicht aus freiem Willen. Das Geheimnis hinter dem Zusammenhalt der Stadt und dem sanften Gemüt der Einwohner war die Löschung jedermanns Gedächtnis gewesen. Niemand sollte mehr etwas über die Welt außerhalb der Stadt wissen. Danach begann dann die Manipulation. Jeder wurde auf seinen späteren Beruf und das Zusammenleben mit anderen vorbereitet. Wie viel von dem, was die Einwohner Biotas von sich gaben, entsprach ihrem eigenen Charakter, ihren eigenen Gedanken? Fragen, die sie sich nach ihrem Aufstieg oft gestellt hatte. Und der Preis für die Aufrechterhaltung des Systems war hoch, das musste sie am eigenen Leib erfahren. Ihr Vater war ebenfalls Wissenschaftler gewesen, ein brillanter Zoologe. Er hatte die Menschen von dem Joch der Manipulation befreien wollen. Und die Leiter der Stadt hatten ihn ermordet.
Nic schüttelte den Kopf und stieß einen Ast beiseite, der quer über dem Weg hing. Der Gedanke an Biota machte sie traurig. Sie hatte alles verloren. Ihre Sicherheit, ihre Arbeit, ihre Freunde. Und wofür? Wofür? Seit ihrer Zeit in Narau hatte sie sich das oft gefragt. Sie hatte alles geopfert, einfach alles, bis auf ihr Leben. Und inzwischen wusste sie nicht mehr, ob es das wert gewesen war. Die Einwohner von Biota waren doch glücklich gewesen, oder nicht? Warum hatte sie es nicht einfach gut sein lassen? Warum hatte sie die Morde nicht vertuscht, so wie die anderen Wissenschaftler es getan hätten? Sie hätte Alexander eine Erklärung liefern können, die so harmlos war, dass er den Fall aufgab. Eine Erklärung, die nicht die ganze Stadt in Gefahr gebracht hätte.
Stattdessen hatte sie die Oberen überzeugt, Alexander mit den Ermittlungen fortfahren zu lassen. Sie wollte nicht, dass ihm etwas zustieß, und sie wollte auch nicht, dass die Bevölkerung weiterlebte wie zuvor. Der Vorschlag eines bedeutenden Experiments an Alexander war die beste Tarnung gewesen. Regelmäßig hatte sie Bericht aus Narau an die Oberen erstattet, um sie in Sicherheit zu wiegen. Und um sich und Alexander vor ihrer Verfolgung zu schützen. In Theben hatte sie damit aufgehört. Die Oberen konnten sie nicht mehr finden und damit war sie frei von ihnen. Doch leider war sie nun auch frei von Alexander. Er sah in ihrem Handeln einen unverzeihlichen Verrat. Und sie konnte es ihm nicht verdenken.
Es war zu spät. Und sich mit diesen Gedanken selbst zu zerfleischen, führte zu nichts. Trotzdem kehrte ihr Geist jeden Tag zurück in die Stadt unter dem Meer. Manchmal bildete sie sich sogar ein, die Mischung aus Salzwasser, Algen und Metall wieder zu riechen, die in Biota allgegenwärtig gewesen war.
Nic fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und seufzte. Als sie sie wegzog, war ihre Hand nass. Wäre sie wieder in Biota, müsste sie auch nicht Tag für Tag in den tropischen Temperaturen schwitzen, ohne eine Möglichkeit, ihnen zu entkommen.
Nach ein paar Metern kam sie an einen Zaun aus unregelmäßig großen Holzpfosten. Als sie in dieses Haus – oder eher diese Hütte – gezogen war, war das Grundstück ringsherum offen gewesen. Jeder Mensch, jedes Tier hatte ungehindert eindringen können. Nic wusste nicht, ob es ihre Vergangenheit in einer abgeriegelten Stadt war oder aber ihr geschulter Verstand, doch sie wollte einen Zaun zwischen sich und dem Rest des Waldes. Sie hatte sich eine Säge und eine Axt geborgt und einfach angefangen. Acht Tage lang hatte sie mit einer Genehmigung der Alcalde von morgens bis abends Bäume geschlagen, zersägt und zu einem Zaun aufgestellt.
Es war ihr Glück gewesen, dass die Roatáner sie und Alexander so freundlich aufgenommen hatten. Diese Hütte hatte leer gestanden. Und ohne eine Verhandlung, ohne irgendeine Bezahlung hatten sie Nic gestattet, sich darin einzurichten. Niemand wollte etwas dafür. Sie hatten ihr sogar noch geholfen. An den Tagen, an denen sie so hart gearbeitet hatte, hatten ihr zwei Frauen aus der Stadt etwas zu essen gebracht. Einfach so. Kaum zu glauben.
Nic beschloss, sich so bald wie möglich zu revanchieren. Inzwischen wuchsen allerlei Pflanzen in ihrem weitläufigen Garten. Es war eine unglaubliche Arbeit gewesen, doch sie war stolz auf das, was sie geleistet hatte. Neben dem Obst- und Gemüsegarten hatte sie auch an ihrem Labor gearbeitet, so bezeichnete sie es zumindest. Leider hatte es nicht das Geringste mit ihrem Labor in Biota gemein – doch es gehörte ihr.
Sie öffnete das Schloss und betrat den Weg zu ihrem Haus, den sie mit Muscheln ausgelegt hatte. Das dumpfe Knirschen der zerbrechenden Schalen klang laut in der Stille der Nacht, doch Nic hatte sich daran gewöhnt.
Im Haus entzündete sie die zwei Gaslaternen, die sie an der Decke angebracht hatte. Zwei Lichtkugeln hüllten ihr Wohnzimmer in einen goldenen Schein.
Erschöpft ließ sie sich auf das Sofa sinken, das sie aus Brettern, Stroh und Stoffresten gebaut hatte. Es gefiel ihr. Überhaupt gefiel es ihr, Dinge selbst zu machen. In Biota war es nicht nötig gewesen, sie hatte alles kaufen können, was sie wollte. Sie hatte das Geld, die Beziehungen und den Status gehabt. Außerdem sah man es nicht gern, wenn die Wissenschaftler an etwas anderem als ihren Forschungsthemen arbeiteten. Noch dazu körperliche Arbeit … Nic lächelte und schüttelte den Kopf.
Dann musste sie an Alex denken. Damals hatte er sie bewundert, vielleicht hatte er sie sogar ein wenig gefürchtet. Wissenschaftler und normale Einwohner zusammen … Das wurde ebenfalls nicht gern gesehen. Sie hatte ihn nervös gemacht, das hatte sie gemerkt. Inzwischen war es anders. Das Verhältnis zwischen ihnen hatte sich gewandelt. Ein Großteil dieser Veränderung war von ihr ausgegangen, das war ihr klar. Sie hatte ihn von sich gestoßen, immerzu und anscheinend einmal zu oft. Nachdem sie auf Roatán gelandet waren, hatte sie eine Unruhe in sich verspürt, die es ihr unmöglich gemacht hatte, in der Stadt zu bleiben. Die vielen Menschen, die Enge, der Lärm, die Hitze. Sie hatte nur noch weggewollt aus der Stadt. Alleinsein und die Natur genießen. Noch dazu eine Auszeit von sich selbst.
Alexander musste froh sein, dass sie fortblieb. Sie hatte sich auch isoliert, weil sie nicht ertragen konnte, wie er sie ignorierte oder mit Verachtung strafte. Ohne ihn wäre sie noch in Biota. Aber wäre sie glücklich dort? Nein, auf keinen Fall. Er hatte ihr den Mut gegeben, zu versuchen, die Stadt zu verändern. Unglücklicherweise hatte es nicht funktioniert und sie musste nun mit den Konsequenzen leben. Doch das war ihre eigene Entscheidung gewesen und Alexander lediglich der Auslöser.
Er und sie … es hatte nicht sein sollen, dabei war die Zeit in Theben ihr wie der Beginn von etwas Besonderem vorgekommen.
Doch er hatte bereits damit abgeschlossen. Amy hieß sie. Und sie war hübsch und jung. Doch was bitte wollte Alexander von ihr? Sie war verrückt, hatte Wahnvorstellungen oder sonst etwas stimmte nicht mit ihr. Der Fliegende Holländer? War das ihr Ernst? Oder hatte sie sich einen Spaß mit ihr erlaubt? Nic bezweifelte es. Amy hatte überzeugt geklungen, als sie ihr dieses Märchen aufgetischt hatte. Ein verhexter Kapitän, eine ertrunkene Crew, Briefe, die verbrannt werden mussten … Fantasie hatte sie zweifellos. Für Nics Geschmack ein wenig zu viel.
Sie zog den Brief aus der Tasche und betrachtete ihn im Licht der Laternen. Die Tinte war mit strengen Schwüngen aufgetragen worden. Schnörkellose Buchstaben. Keine Schreibfehler. Von welcher Schuld war dort nur die Rede? Nicht, dass sie nicht genügend Schuld auf sich geladen hätte, um einen solchen Brief zu verdienen. Da wäre der Verrat an Biota, ein Mord, der auf ihr Konto ging, Garrett, Yanara und James, die sie im Stich gelassen und Alex, dessen Gefühle sie verletzt hatte. Eine lange Liste von Menschen, die ihr möglicherweise an etwas die Schuld geben könnten. Doch wer hätte ihr den Brief schreiben sollen? Und wie hatte er nach Roatán gelangen können?
So kam sie nicht weiter. Nic griff nach ihrem Feuerzeug. Mit einer fließenden Bewegung entzündete sie es und hielt die Flamme unter eine Ecke des Briefes. Für einen Moment starrte sie gedankenverloren in das helle Licht, ließ sich förmlich davon einsaugen. Dann blies sie die Flamme wieder aus. Sie konnte das nicht. So zu tun, als wäre die Geschichte vom Fliegenden Holländer Realität und nicht nur ein Märchen … Nein, das war gegen alles, an das sie glaubte. Und obwohl sie Amy und Alexander versprochen hatte, es zu tun, entschied sie, den Brief vorläufig nicht zu verbrennen. Und ihn auch nicht an einen Mast zu nageln. Was war das eigentlich für eine alberne Idee?
Warum beschäftigte der Gedanke an den Brief sie bloß so sehr? Es war nur ein Stück Papier. Und es war nicht einmal an sie gerichtet. Vielleicht hatte der Zufall den Brief vor ihre Tür geführt. Der Wind könnte ihn aus der Stadt hierher gewirbelt haben. Es war möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Die Erklärung gefiel ihr immer noch besser, als die Möglichkeit, dass der Brief tatsächlich an sie gerichtet war. Dann müsste sie nämlich wirklich Angst haben.
Alexander
Es war eine schwierige Woche gewesen. Noch Tage nach Nics plötzlichem Auftauchen redete Amy kaum mit ihm. Das hatte es nicht leichter gemacht, ihr von Jimmys Angebot zu erzählen, bei ihr auf dem Schiff zu arbeiten. So lange wie möglich hatte er es herausgezögert, aber letztendlich hatte er es doch ansprechen müssen. Jimmy wollte am Dienstag seine Antwort, und er fühlte sich verpflichtet, wenigstens darüber nachzudenken.
Sein Herz sagte ihm, er solle ihren Vorschlag annehmen. Er würde so vieles sehen, so vieles erleben und auch wesentlich mehr verdienen. Dagegen war das, was für die Hafenarbeiter abfiel, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Er hielt sich jedoch ständig die Gefahren vor Augen, denen er sich aussetzen würde. Stürme, andere Menschen, wilde Tiere, Krankheiten. Nach dazu müsste er Amy alleinlassen.
Am Montag brachte er dann endlich den Mut auf, Amy darauf anzusprechen. Sie schälte gerade das Gemüse fürs Abendessen und er besserte den Boden an einer Stelle aus. Da wurde ihm klar, dass es keine bessere Gelegenheit geben würde. Oder eher: Eine Gelegenheit war so schlecht wie die andere.
»Amy?«
»Hm?«
»Ich habe letzte Woche ein Angebot bekommen.«
»Was für ein Angebot?« Amy legte das Gemüse und das Messer zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Küchenschrank.
»Jimmy hat gesagt, ich könnte für sie arbeiten. Auf ihrem Schiff.«
»Du willst ein Freibeuter werden?« Amy verschränkte die Arme vor der Brust. »Ist das dein Ernst?«
»Das habe ich ja gar nicht gesagt. Ich sagte nur, sie hat es mir angeboten. Und ich habe versprochen, darüber nachzudenken. Ich wollte wissen, was du dazu sagst.«
»Jetzt legst du also Wert auf meine Meinung?«
Ja, den Seitenhieb hatte er wohl verdient. Wobei es mehr ein rechter Haken gewesen war.
»Ich lege immer Wert auf deine Meinung. Wir sollten zusammen entscheiden.«
»Wenn du ehrlich bist, hast du dich doch schon entschieden.« Amys Stimme war leiser geworden. »Du willst gehen. Wie könnte ich dich davon abhalten?«
»Ich will dich nicht alleinlassen.« Alexander ging zu ihr hinüber, um sie in den Arm zu nehmen, doch sie entwand sich seinem Griff.
»Das ist der Grund? Du willst nicht, dass mir etwas zustößt?«
Alexander schluckte. Eigentlich war der Grund ein wenig einfacher. Er war eifersüchtig und wollte nicht, dass sie so lange allein war. Aber dieser Grund war armselig, also nickte er. »Genau.«
»Das ist lieb, aber ich komme klar. Auch bevor ich dich kannte, konnte ich auf mich aufpassen. Und ich bin ja nicht ganz allein.«
»Du meinst deine Mutter?«
Amy nickte.
»Aber sie wird dir kaum helfen können.« Amys Mutter war eine gebrechliche und verwirrte alte Frau. Den lieben langen Tag saß sie am Fenster ihrer Hütte und starrte nach draußen oder lag im Bett. Beim einzigen Mal, als Alexander sie besucht hatte, hatte sie kaum auf seine Gegenwart reagiert. Amy pflegte sie, aber der Gedanke, dass die alte Frau auf Amy aufpassen sollte, war geradezu lächerlich.
»Ich habe es immer schon allein geschafft, ich brauche dich nicht. Fahr ruhig.« Amy fuhr damit fort, das Gemüse zu schneiden.
Sie hatte recht, doch genau das traf Alexander. Sie brauchte ihn nicht. Trotzdem fiel ihm die Entscheidung so nicht leichter.
»Ich werde die Stelle annehmen«, sagte er leise.
Amys Bewegungen kamen zum Stillstand. »Ich weiß«, flüsterte sie.
Irgendwo auf Roatán
»Ich habe mehr hilflose Menschen umgelegt als jeder andere Mann oder Frau.« Sie flüsterte die Worte nur, nicht aus Angst vor seiner Reaktion, sondern weil die Erregung, die in ihr hochkroch, ihr die Luft nahm.
»Wie viele?« Er hatte ihr gesagt, was er getan hatte, jetzt war sie an der Reihe, ihm alles zu gestehen, ihn einzuweihen in das, was sonst niemand außer ihr wusste.
»Siebzig? Vielleicht mehr.«
Biota
Sechs Tote!
Vanderbilt klopfte an die Tür des Obersten rerum naturalis. Diese Morde mussten aufhören, sie mussten gestoppt werden. Wenn das so weiterging, würde Biota bald keine Wissenschaftler mehr haben. Das wäre der Untergang der Stadt, der Untergang seiner Stadt!
»Herein.«
Vanderbilt stieß die Tür auf. »Sie müssen etwas unternehmen!«, schrie er Thomas Hunt-Morgan entgegen. »Bald wird es keine Stadt mehr geben, über die sie richten können.«
Im Gegensatz zu seinem letzten Besuch wirkte der Oberste grau, er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Abwehrend hob er eine Hand.
»Herr Vanderbilt, ich mache mir genau so Sorgen wie sie es tun. Und ich unternehme alles Mögliche, um …«
»Was genau ist es, das Ihr unternehmt?«, unterbrach ihn Vanderbilt.
»Die Hüter arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung dieser Verbrechen«, antwortete Hunt-Morgen, sah dabei jedoch auf seinen Schreibtisch und nicht auf zu Vanderbilt.
»Sie liefern keine Ergebnisse.«
»Sie …« Der Oberste schien sich einen Moment sammeln zu müssen. »Es ist nicht nur so, dass sie keine Ergebnisse liefern. Es scheint, dass sie bei jedem Schritt, der entscheidend sein könnte, vergessen, was sie herausgefunden haben«, flüsterte er schließlich.
»Vergessen?«
»Ihre Erinnerung scheint nur noch fragmentarisch vorhanden zu sein. Sie folgen plötzlich anderen Befehlen und es sind nicht meine oder die des Rates.« Der Oberste schloss die Augen für einen Augenblick und seufzte. Es schien ihn zu erleichtern, das eben Gesagte mit jemandem zu teilen.
»Sie werden manipuliert?«
»So sieht es aus.«
Schweigen breitete sich im Raum aus. Schließlich war es Vanderbilt, der es brach. »Es gibt jemanden, der uns helfen könnte. Ihr kennt ihn.«
»Wovon reden Sie?«
»Er war ein Hüter, so wie die anderen.«

Kapitel 2
»Ich möchte gern auf deinem Schiff arbeiten.« Alexander hatte Jimmy auf dem Weg zum Hafenmeister abgefangen.
»Ach ja? Das hat ja lange gedauert.«
»Ich weiß, aber ich habe mich entschieden.« Alexanders Herz pochte heftig. Nun hatte er es ausgesprochen, es gab kein Zurück mehr.
»Schön, schön. Dann mach dich fertig, wir fahren in einer Stunde los.«
»Eine Stunde?« Das war allerdings kurzfristig.
»Ja, was hast du denn gedacht? Dass ich warte, bis du dich endlich bequemst, das Schiff zu besteigen?« Tiefe Linien furchten ihre Stirn.
»Nein, nein, schon gut«, erwiderte Alexander hastig. »In einer Stunde dann.« Jimmy hob die Hand und ging mit langen Schritten den Steg entlang.
Der Hafenmeister stand noch immer vor dem Steg und notierte etwas in einem in Leder gebundenen Notizbuch.
»Bert?«
»Ja, Alexander?« Das Gesicht des Hafenmeisters war rot und mit feinen Adern durchzogen. Er schnaufte.
»Ich muss dir sagen, dass ich Jimmys Angebot angenommen habe. Ab heute arbeite ich leider nicht mehr für dich.« Bereits letzte Woche hatte er Bert darüber informiert, dass Jimmy ihm dieses Angebot gemacht hatte.
»Ich kann nicht gerade sagen, dass es mich freut, das zu hören.« Bert strich sich über seine Halbglatze. »Aber ich kann’s verstehen, weißt du? Es ist eine Chance, eine gute.«
»Ich müsste dann auch jetzt sofort los. Sie hat gesagt, dass wir in einer Stunde abfahren.«
»Kein Problem, geh ruhig. Ich werde einem der anderen Bescheid sagen, dass er heute arbeiten muss. Aber vielleicht denkst du dann ja mal an mich, wenn du etwas findest? Jetzt, wo du doch ein Freibeuter bist.«
»Ja, das werde ich sicher«, erwiderte Alexander erleichtert. »Ich gehe dann jetzt, bis später.«
»Bis gleich.«
Alexander lief zum Haus zurück und packte in Windeseile seine Kleidung in einen Sack aus kratzigen Pflanzenfasern. Ein Stück Seife wanderte ebenfalls hinein, genau wie sein Kissen. Da er nicht wusste, wo er schlafen würde, hielt er das für eine gute Idee. In der Küche wickelte er getrocknetes Gemüse und gedörrten Fisch in Stoff ein und packte sie ebenfalls in den Sack. Ein letztes Mal ließ er den Blick durch die Zimmer seines Hauses wandern. Nein, hier gab es nichts mehr, was er mitnehmen könnte. Abgesehen davon, dass er ohnehin kaum etwas besaß. Es gab nur noch eine Sache, die er vor der Abfahrt erledigen musste.
Sein Ziel lag in der Nähe des Hafens nicht weit vom Gebäude der Alcalde und dem Arbeitsplatz des Hafenmeisters. Es war ein langer, flacher Bau mit schlichten rechteckigen Fenstern. Auf dem Holz der Wand befanden sich Buchstaben aus Metall: Hospital.
Alexander betrat das Gebäude und schwang sich den Sack mit seinem Hab und Gut auf den Rücken. Dies würde der schwerste Teil an seinem neuen Beruf werden.
In der Eingangshalle begrüßte ihn Mary, eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die die Besucher normalerweise in Empfang nahm und sie nach einer ersten oberflächlichen Untersuchung an den richtigen Arzt oder die richtige Krankenschwester weiterleitete.
»Alexander!«
Mit einem strahlenden Lächeln umrundete Mary die Theke, hinter der sie Formulare ausgefüllt hatte.
»Wie geht es dir? Du bist doch nicht hier, weil dir etwas fehlt, oder?« Eine Augenbraue hochgezogen, musterte sie ihn von oben bis unten.
»Nein, keine Sorge, ich wollte nur zu Amy, ist sie hier?«
»Ja, sie hatte vorhin eine Operation zusammen mit Doktor Bridges. Vermutlich ist sie jetzt fertig und sieht nach den Patienten in Raum 2A.«
2A. Die leicht verletzten Patienten. Zum Glück nicht 5B, die Station, auf der die sterbenden Patienten untergebracht waren.
»Warte, ich bringe dich zu ihr.« Mary griff hinter die Theke und förderte ein Schild zu Tage, auf dem stand: »Ich bin sofort zurück.«
Dann öffnete sie die Tür, die aus der Empfangshalle in einen langen Gang führte, von dem rechts und links weitere Türen abgingen. Im Gang verliefen schmale leuchtende Lampen über die Decke, die den Flur in Helligkeit tauchten. Alle Türen bestanden aus massivem Metall, möglicherweise Eisen, und viele hatten rostige Stellen. Die Schilder neben den Türen wiesen auf die jeweilige Station hin, die sich dahinter befand. Vor der Nummer 2A blieb Mary stehen.
»Warte kurz hier«, sagte sie und verschwand hinter der schweren Tür. Alexander stand allein im Zwielicht und versuchte den Geruch zu ignorieren, der über dem gesamten Hospital lag. Krankheit und Tod.
Nach einiger Zeit – Alexander begann gerade zum zweiten Mal damit, die Fugen auf dem Boden zu zählen – kam Mary wieder heraus.
»Du kannst jetzt rein«, sagte sie in gedämpftem Tonfall. »Bis gleich.« Sie ging den Weg wieder zurück zur Empfangshalle.
Vorsichtig schob Alexander die schwere Tür auf und betrat Station 2A. Er stand in einem Raum, in dem allerlei medizinisches Zubehör in Regalen lag. Verbände, Scheren, Skalpelle. Noch dazu einiges, das er nicht kannte. Auf einer schmalen Theke an der Wand standen Tabletts mit je einem Glas Wasser und einem Brot. Wohl das Mittagsessen für die anwesenden Patienten. Die Betten, in denen die Patienten lagen, waren wuchtige Konstrukte aus Metall, deren Höhe man verstellen und deren Kopfteile man anheben konnte.
Amy war gerade damit beschäftigt, die Kopfwunde einer älteren Frau neu zu verbinden.
»So, fast fertig.« Amy befestigte den Verband und lächelte die Frau an.
»Danke.« Die Frau lehnte sich in ihrem Bett zurück und schloss die Augen.
Amy sah auf und blickte Alexander an. »Komm mit.« Sie zog ihn in einen Nebenraum mit weiterem medizinischen Zubehör. »Was gibt es?« Sie packte Schere und Verbandsmaterial zurück ins Regal.
»Ich habe mit Jimmy gesprochen. Ich fahre noch heute los, eigentlich sogar bereits in ein paar Minuten.«
Amy nickte, ohne ihn anzusehen. »Das habe ich mir schon gedacht.« Sie deutete auf den Sack auf seinem Rücken.
Alexander ging zu ihr und legte die Arme um sie. Sie schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. Ihr Atem war laut, aber sie weinte nicht. »Ich werde dich vermissen.« Er streichelte sanft ihre Wange. »Und es dauert ja auch nicht so lange, bis ich wieder da bin.« Vermutlich würde er immer nur eine Woche fort sein, selten länger.
»Ja. Pass nur bitte auf dich auf, hörst du? Ich werde dafür beten, dass die Riesenkraken euch verschonen. Und wenn du eine Meerjungfrau siehst, denk immer daran, sie will dich nur hereinlegen. Das sind menschenfressende Monster.«
Alexander drückte sie an sich. »Danke, Amy.«
»Komm nur wieder heil zurück, ja?«
»Mache ich.« Er löste sich von ihr und betrachtete eingehend ihr Gesicht. Den sanften Schwung ihrer Augenbrauen, die kleinen Falten neben ihrem Mund und die weiße Narbe, sie sich auf der linken Seite an ihrem Kiefer entlang zog. Das Überbleibsel von einem Tauchunfall vor der Küste.
Ein Gefühl fraß sich in den schönen Augenblick hinein wie ein Parasit. Das Gefühl, dass Amy und er nicht zusammenpassten. Dieses Gerede von Monstern und vom Beten. Ihre Ansichten über die Welt. Er glaubte nicht daran und es ärgerte ihn, dass sie es tat. Noch tolerierte er es, aber es vergiftete ihre Beziehung bereits jetzt, das konnte er fühlen. Angestrengt schluckte er und versuchte, sein Lächeln aufrechtzuerhalten. Passten sie vielleicht einfach nicht zusammen? Hatte er sich so sehr nach einem normalen Leben gesehnt, dass er mit Amy nur zusammen war, weil sie eben da war?
»Amy? Tut mir leid, wenn ich störe, aber Doktor Bridges sucht nach dir. Der Patientin von vorhin geht es schlechter. Sie hustet Blut.«
Eine Schwester stand in der Tür. Sie hatte ein hageres Gesicht und mochte Mitte dreißig sein, wirkte jedoch älter. Ihre herabgezogenen Mundwinkel verrieten, dass sie ihren Beruf nicht mit Begeisterung ausübte. Ihre blonden Haare hatte sie hochgesteckt und unter ihre Schwesternhaube geschoben.
»Danke Jane, ich komme sofort.« Amys Miene war ernst, als sie sich wieder Alexander zuwandte. »Alex, ich muss los. Sei bitte vorsichtig. Ich liebe dich.« Sie drückte seine Hände und verschwand gemeinsam mit der anderen Schwester aus dem Raum.
Alexander sah herab auf seine Finger. Es war sein Glück, dass Amy so schnell fortmusste. Er wusste nämlich nicht, ob er ihr Liebesgeständnis hätte erwidern können. Bohrende Zweifel in ihm ließen ihn glauben, dass die Antwort »Nein« gewesen wäre.
Er erreichte den Hafen völlig außer Atem und lief hinüber zur Edward Teach. Das Schiff lag ruhig im Wasser und war noch vertäut. Er überquerte die Planke und stand an Bord des größten Schiffs, das Roatán zu bieten hatte. Der hölzerne Rumpf war mit langen Metallstreben verstärkt, die im Licht der Sonne golden glänzten. Über einen Teil des Decks spannte sich ein Aufbau aus Bronze, auf dem das Steuerrad thronte. Die drei Masten knarrten in der leichten Brise, die über den Hafen wehte. Abgesehen von den Segeln besaß das Schiff zwei metallische Schaufelräder an den Seiten. Die Kombination aus der Windkraft und der Dampfmaschine machte die Edward Teach zum schnellsten Schiff, das im Hafen anlegte.
»Ah, Alexander, da bist du ja.«
Alexander drehte sich um und sah Jimmy mit einem breiten Lächeln auf sich zukommen. »Wir haben schon auf dich gewartet.«
»Aber ich bin doch pünktlich.« Alexander zog seine Taschenuhr heraus und warf einen prüfenden Blick darauf. »Ich habe sogar noch zehn Minuten.«
Jimmy winkte ab. »Ja, es ist alles in Ordnung. Wir sind nur bereit, jetzt auszulaufen. Du warst das letzte Mitglied der Crew, was noch gefehlt hat.«
Orientierungslos sah Alexander sich auf dem Deck um. Er erkannte viele der Seeleute, die bereits mit den Segeln und den vielen Seilen an Bord hantierten. Unter Deck musste es Freibeuter geben, die damit beschäftigt waren, den Ofen für die Dampfmaschine zu befeuern. »Soll ich helfen?«
Jimmy lachte. »Wie wäre es, wenn du erstmal deine Sachen in deine Kabine bringst, und dann zu mir in die Kapitäns-Kajüte kommst? Dann kann ich dir alles erklären.«
»Oh … ja, gerne.«
Etwas an dem Angebot machte Alexander misstrauisch. Jimmy wollte ihm persönlich alles erklären? Sie war die Kapitänin, die wichtigste Person an Bord. Sollte sie diese Aufgabe nicht einem ihrer Männer überlassen?
»Es kann losgehen.« Jimmys Ruf schallte über das Schiff und gleich darauf setzte eine Geräuschkulisse ein, die Alexander schon oft genug gehört hatte, um sie zu erkennen. Die Schaufelräder begannen sich zu drehen, ein stetiges Schnaufen erklang. Das Schiff legte ab. Und er befand sich darauf. Das war es, ein Zurück gab es nun nicht mehr.
»Komm mit.« Jimmy führte ihn zu einer Tür. Dahinter verschwand eine Treppe unter Deck. »Ich bringe dich zu deiner Kabine. Versteh mich nicht falsch, es ist eher eine Abstellkammer als eine Kabine, aber sei froh, dass du eine für dich allein hast. Es könnte schlechter sein.«
»Ist schon in Ordnung. Ich habe keine hohen Erwartungen.« Alexander stützte sich mit einer Hand an der Wand neben der Treppe ab. Die Stufen waren gefährlich glatt vom jahrelangen Gebrauch.
»Wann fange ich denn mit der Arbeit an? Werde ich einfach direkt mithelfen oder leitet mich jemand an?«
»Hier ist deine Kabine.« Jimmy deutete auf eine niedrige Tür mit einem Knauf.
Hinter der Tür befand sich ein winziges Zimmer, kaum mehr als ein Regal und ein Schemel, auf dem eine Schüssel stand.
»Wo ist denn das Bett?« Nirgendwo war eine Schlafgelegenheit zu erkennen.
»Ah, Moment.« Jimmy drückte einen Knopf an der Wand und ein Knirschen und Schleifen erklang. Schlitze wurden sichtbar und ein Bett klappte heraus. »Spart Platz.«
Alexander legte sein Gepäck auf das Bett und eine große Staubwolke stob davon auf.
»Die Kabine ist lange nicht benutzt worden«, sagte Jimmy entschuldigend. »Und jetzt komm bitte mit.«
Neugierig folgte Alexander ihr weiter den Gang hinunter. Am Ende, direkt dort, wo die Galionsfigur des Schiffes von außen prangen musste, befand sich die Kapitäns-Kajüte. Sie war bestimmt zehnmal so groß wie sein winziges Zimmer und erstaunlich geschmackvoll eingerichtet. Ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem ein Chaos aus Karten, Listen und Navigationsgeräten lag. Dazu ein gemütliches Sofa in hellem Rot, einige Schränke, ein großer Globus. Licht kam von einer elektrischen Lampe, die in der Mitte des Zimmers herabhing. Da es auf dem Schiff eine Dampfmaschine gab, waren die Kabinen offenbar mit Strom versorgt.
Lässig ließ Jimmy sich auf das Sofa fallen, das die Länge der kompletten Wand einnahm. Sie klopft mit der Hand neben sich auf das Polster.
»Setz dich, ich beiße nicht.«
Was genau erwartete sie von ihm? Es fiel ihm schwer, Jimmy einzuschätzen. Vorsichtig setzte Alexander sich auf die Kante des Sofas, möglichst weit entfernt von Jimmy, die soeben ihre Jacke auszog, unter der sie nur eine kurze weiße Bluse trug, die eigentlich mehr sehen ließ, als sie verdeckte. Zumindest wusste Alexander jetzt, dass sie nichts anderes mehr darunter trug. Eine Information, auf die er lieber verzichtet hätte.
»Alexander«, begann Jimmy und betonte jede einzelne Silbe. »Ich bin froh, dass du dich doch noch dazu entschieden hast, mich zu begleiten. Eine gute Entscheidung.« Sie lächelte ihn an. Ihre Zähne schimmerten weiß in ihrem gebräunten Gesicht.
»Ich bin schon sehr gespannt auf meine Aufgaben an Bord«, erwiderte Alexander, weil er nicht genau wusste, welche Reaktion Jimmy von ihm erwartete.
»Da wird es einige geben. Aber eigentlich wollte ich dich für etwas anderes. Eine ganz besondere Aufgabe.« Sie lehnte sich in den Kissen zurück und betrachtete ihn eingehend.
Oh, oh. Alexander gefiel gar nicht, in welche Richtung sich dieses Gespräch bewegte. Diese Stelle anzunehmen, war ein Fehler gewesen, ein riesengroßer Fehler! Jimmy wollte gar nicht, dass er auf dem Schiff arbeitete, sie wollte …
»Es gibt eine Aufgabe, die ich niemandem sonst anvertrauen kann. Dazu sind meine Männer und Frauen zu gierig, zu gradlinig, zu sehr Freibeuter, als dass sie sie zufriedenstellend ausführen würden.«
Das ging wirklich in eine seltsame Richtung.
»Was …«, versuchte er zu fragen, doch Jimmy schnitt ihm das Wort ab.
»Ich möchte, dass du etwas tust, das ich noch nie getan habe, und von dem ich auch nicht weiß, ob es richtig ist.«
Das wurde ja immer besser. Alexander schluckte und versuchte, seinen Mut zusammenzukratzen.
»Ich kann nicht …«
»Ich möchte, dass du der persönliche Begleiter eines Gastes auf diesem Schiff wirst.«
»Was?«
Jimmy schlug die Beine übereinander. »Ich habe zugestimmt, eine Person mit auf unsere Reise zu nehmen, die mich darum gebeten hat. Sie hat mir versichert, dass sie sich selbst versorgt, was Essen und Wasser angeht, und dass sie keine Scherereien machen wird.«
»Warum soll ich ihr persönlicher Begleiter sein?«
»Weil sie kein Freibeuter ist. Ihren Angaben nach ist sie eine Forscherin. Eine Position und eine Einstellung, die man, wie ich finde, unterstützen sollte. Gerade, wenn es sich dabei um eine Frau handelt.«
Oh, nein, das kann unmöglich wahr sein.
»Ihr Name ist Nic. Soweit ich weiß, ist sie neu auf der Insel. Ich weiß nicht, ob …«
»Wir kennen uns.«
Die Stimme hätte Alexander überall wiedererkannt. Er sprang vom Sofa auf und starrte Nic an, die mit einem schiefen Lächeln im Türrahmen stand und ganz offensichtlich nicht wusste, ob sie eintreten durfte.
»Ah, komm rein, Nic. Na, wenn ihr euch kennt, umso besser.« Jimmy stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch. Mit einer Hand zog sie den Korken aus einer Flasche mit brauner Flüssigkeit und goss einen Schluck davon in ein Glas.
»Auf euch und darauf, dass diese Reise erfolgreich sein wird, so Gott es will.«
Sie prostete ihnen zu und kippte die braune Flüssigkeit hinunter.
»Was genau wird meine Aufgabe sein?« Alexander stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor dem Schreibtisch. Er musste sich verhört haben. Schlimm genug, dass Nic ebenfalls hier war, aber er konnte unmöglich ihren Aufpasser spielen.
»Nun.« Jimmy räusperte sich. »Sobald wir unser Ziel erreichen, werden die Freibeuter das Schiff verlassen, um nach Material zu suchen. Ihr zwei werdet ebenfalls das Schiff verlassen. Allerdings beschützt du Nic dabei, wenn sie Proben einsammelt oder Affen zeichnet, oder was weiß ich, was sie so vorhat. Du kannst dabei auch Material sammeln, aber verlier sie niemals aus den Augen, verstanden? Ihre Sicherheit hat Priorität.«
»Warum?« Es wollte Alexander nicht einleuchten, warum die Kapitänin eines so großen Schiffes so viel Wert auf die Sicherheit einer Forscherin legte. Einer Forscherin, die ihr keinen Profit einbringen würde.
»Weil ich es sage, hast du mich verstanden?« Jimmy stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch. Ihre Stimme war ein aggressives Knurren geworden, auf der Stirn zeichnete sich deutlich eine Ader ab. »Du tust, was ich sage. Ich bin dein Kapitän, du hast zugestimmt.«
So ganz richtig war das nicht. Er hatte zugestimmt, ein Freibeuter zu sein, kein persönlicher Beschützer. Und noch dazu für Nic. Hätte er das vorher gewusst, hätte er doch niemals Ja gesagt. Nun würde er für Tage oder sogar Wochen mit ihr auf diesem Schiff eingesperrt sein. Wie sollte das funktionieren?
»Ich will hören, ob du mich verstanden hast!« Nun schrie Jimmy und Alexander wich zurück. Dann drückte er den Rücken durch und antwortete: »Ich habe verstanden.«
»Sehr gut. Dann könnt ihr beide jetzt gehen. Alexander, du kannst den anderen helfen. Frag einfach, wo sie Hilfe brauchen. Sobald wir am Ziel ankommen, erhältst du deine Waffe. Wie ich gehört habe, kannst du ja damit umgehen. Das ist der eigentliche Grund, warum ich dich dabeihaben wollte. Und du Nic … Versteh mich nicht falsch, aber du wirkst nicht so, als wärst du meinen Männern eine große Hilfe. Vermutlich würdest du sie nur ablenken. Vielleicht bleibst du unter Deck und liest?«
Was sie sagte, klang gleichzeitlich herablassend und besorgt, eine seltsame Mischung, aus der Alexander nicht schlau wurde. Warum war Nic hier? Warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet auf der Edward Teach? Es gab so viele andere Schiffe, die Coxen Hole anliefen, musste es ausgerechnet das sein, auf dem er gerade angeheuert hatte? Warum konnte in seinem Leben nicht einmal etwas nach Plan laufen, warum gab es immer wieder diese unliebsamen Überraschungen? Nie lief etwas wirklich glatt. Er würde nicht vermeiden können, Nic zu sehen, und das vermutlich mehrere Tage lang. Das war ein Alptraum.
Nic und er verließen die Kapitäns-Kajüte gleichzeitig. Alexander wollte sich schon verabschieden, doch Nic schlug den gleichen Weg ein wie er.
»Ich wusste nicht, dass du auch hier sein würdest«, begann Nic auf halbem Weg zu seiner Kabine. »Als Jimmy gesagt hat, sie würde einen Beschützer für mich finden, dachte ich an einen aus ihrer Crew oder sogar einen Golem, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob die hier so etwas überhaupt kennen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie dich dafür rekrutieren würde.«
»Nic.« Alexander blieb stehen und sah ihr zum ersten Mal, seitdem sie ins Zimmer gekommen war, wirklich ins Gesicht. »Was machst du hier?«
»Was meinst du?«
»Dieses Schiff … Was machst du hier?« Ihr konnte doch unmöglich eines Tages eingefallen sein, dass sie gern zur See fahren würde. Warum verschwand sie nicht wieder zurück nach Biota? Dahin, wo sie hingehörte?
»Achso. Mir fehlen Pflanzen für meine Arbeit. Die Vegetation auf Roatán ist, gelinde gesagt, beschränkt. Wenn ich andere Pflanzen mitbringe, kann ich sie kreuzen oder direkt anbauen. Vielleicht erschließt sich dadurch eine neue Nahrungsquelle. Außerdem ist es um Heilkräuter auf der Insel auch nicht gerade gut bestellt. Ich habe dem Hospital versprochen, Ausschau für sie zu halten. Sie brauchen Narkosemittel, Schmerzmittel, Blutstiller und so viel mehr. Es fehlt an allen Ecken und Enden.«
Konnte das ihr Ernst sein? Begab sie sich auf diese Reise, um ein paar Pflanzen zu suchen? Soweit er wusste, konnte es sehr gefährlich werden. Stürme, Felsen, andere Schiffe. Er konnte nur darauf vertrauen, dass die anderen wussten, was sie taten.
»Warum hat Jimmy zugestimmt, dich mitzunehmen?«
»Das Hospital kommt zum Teil dafür auf. Und ich habe mein eigenes Essen dabei, eigentlich störe ich also kaum.«
In dem Punkt waren Nic und er wohl nicht einer Meinung. Ihn störte sie. Er fühlte sich verfolgt. Da hatte er einmal etwas für sich tun wollen, und schon war sie wieder da. Noch dazu sah sie ihm nicht mehr in die Augen. Irgendetwas stimmte nicht. Nic hatte ihn schon mal belogen und auch damals hatte er es gemerkt.
»Und warum bist du hier?« Nic legte den Kopf leicht schief. Ihre grünen Augen schimmerten in Halbunkel und ihm fiel auf, dass sie bleich war und Schweißperlen auf ihrer Oberlippe standen.
»Ich habe im Hafen gearbeitet und Jimmy …« Ihm fiel ein, dass sie ihn ja nur gefragt hatte, weil sie einen Beschützer für Nic brauchte, nicht weil sie ihn für qualifiziert als Seemann hielt. »… Jimmy hat mir einen Posten auf ihrem Schiff angeboten. Inzwischen weiß ich ja auch, welchen.« Klang er verbittert? Egal, Nic sollte ruhig spüren, dass ihm die Situation nicht behagte.
»Aber warum hast du dich für diese Arbeit entschieden? Ich meine, es ist gefährlich und du bist so lange fort.«
»Ja, aber es ist auch aufregend. Ich möchte etwas von der Welt sehen. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass die Freiheit das Risiko wert ist.«
»Kann ich verstehen. Ich hätte vermutlich auch jemand anderes schicken können, aber ich wollte selbst gehen. Ich wollte weg von der Insel und andere Gebiete erkunden.«
Alexander lächelte sie an. Für eine Sekunde fühlte er sich ihr so nah wie in der Zeit, bevor er den Brief gelesen hatte, doch das Gefühl verflog so schnell, wie es gekommen war.
»Hör mal: Ich möchte hier arbeiten, auch wenn du beim nächsten Mal keinen Beschützer mehr brauchst. Ich möchte, dass die anderen mich respektieren. Das funktioniert aber nicht, wenn alle denken, ich hätte den Posten auf dem Schiff nicht verdient. Könnten wir also Abstand voneinander halten? Damit die anderen sich an mich gewöhnen können und mich als Mitglied der Crew akzeptieren?«
Er hörte Nic Luft holen. »Ich werde dir nicht in die Quere kommen. Ich werde es machen, wie Jimmy gesagt hat: Ich bleibe in meiner Kabine und lese. Ich fühle mich ohnehin nicht besonders.«
Schuldgefühle stiegen in Alexander auf, doch er verdrängte sie. Das war doch genau das, was Nic gewollt hatte. Allein sein, die Wissenschaft über alles stellen. Das konnte sie nun haben.
Als er den Knauf seiner Kabinentür bereits in der Hand hielt, fiel ihm noch etwas ein. »Sag mal, hast du den Brief eigentlich verbrannt?«
»Ja, habe ich. Gleich als ich von euch nach Hause gekommen bin.«
»Sehr gut. Man kann ja nie wissen.« Er betrat seine Kabine. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und endlich war er allein. Sorgfältig räumte er seine Kleidung in das kleine Regal und legte die Seife neben die Wasserschale. Das Essen verstaute er unter seinem Bett. Er konzentrierte sich auf jeden Handgriff. Auf keinen Fall wollte er weiter über Nic nachdenken. Über ihre Anwesenheit an Bord der Edward Teach und was diese bedeutete.
Irgendwo auf Roatán
Ihr Atem ging keuchend. Sie verbarg den kleinen Gegenstand in ihrer Hand. Nie zuvor hatte sie gestohlen. Es war nervenaufreibender, als sie gedacht hatte. Eigentlich hätte es einfach sein sollen, nur eine Tür öffnen, das, was sie begehrte, nehmen und wieder gehen.
Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass jemand vorbeikommen könnte. Es war knapp gewesen, mehr als knapp.
Und jetzt musste sie sich beeilen. Er wartete auf sie.

Kapitel 3
Das Leben als Seemann war weniger aufregend, als er gedacht hatte. Seit acht Tagen befand er sich nun an Bord der Edward Teach und starrte die meiste Zeit des Tages hinaus aufs Wasser, wo es nur Blau und ab und zu ein paar Vögel zu sehen gab. Gestern hatte ein toter Fisch an der Wasseroberfläche getrieben, das war das Aufregendste gewesen, was bisher geschehen war. Bis Nic den Fisch herausgefischt und seziert hatte. Das wiederum war ekelhaft gewesen. Und an Bord hatte es sie auch nicht gerade beliebter gemacht.
Irgendwie hatte er mehr erwartet. Mehr Aufregung, mehr Arbeit, mehr irgendwas. Vielleicht sollte er sich eines von Nics Büchern ausleihen, dann wäre die Zeit nicht so sinnlos mit Umherstarren vergeudet.
Nic wirkte mittlerweile nicht mehr kränklich und sie hatte sich tatsächlich an ihr Versprechen gehalten. Sie hatte sich zurückgezogen und ihn seine Arbeit machen lassen. Die anderen Seemänner und -frauen – an Bord gab es sechzehn andere Männer und fünf Frauen, Nic nicht mitgerechnet – hatten ihn nicht geschont und ihn, so gut es ging, eingewiesen. Viele von ihnen waren nicht sehr geduldig, doch er hatte das Gefühl, dass er sich gut machte. Er freute sich über die Arbeit, wenn es denn welche gab. Inzwischen war er sogar schon so weit, dass er sich freiwillig für das Kochen und Tischabräumen meldete. Mittlerweile hatte er den großen Nachteil eines Schiffes erkannt: Man konnte nirgendwohin. Es war wie ein schwimmendes Gefängnis. Alle an Bord waren gereizt. Ob durch die Langeweile oder die drückenden Temperaturen konnte Alexander nicht sagen, aber es war besser, niemanden anzusprechen, wenn es nicht wichtig war. Die Gesprächsthemen hatten sich schon nach drei Tagen erschöpft und seitdem hatte niemand etwas Neues gefunden, das er erzählen konnte.
»Land!«
Hektik belebte das ganze Schiff. Auch Alexander rappelte sich von seinem Platz unter der Reling auf, wo er im Schatten vor sich hin gedöst hatte, und stellte sich neben die anderen. Dort, ganz am Ende des Horizonts, von flirrender Luft verzerrt, war etwas Braunes zu sehen. Braun inmitten des ganzen Blaus, das sie für eine Woche umgeben hatte. Alexanders Herz machte einen Satz, er konnte kaum noch atmen. Das war es, das war ihr Ziel.
Er konnte die Augen nicht von dem braunen Fleck lassen, der kontinuierlich größer wurde. So merkte er kaum, dass Nic sich neben ihn stellte. Mit einer Hand hielt sie sich an der Reling fest, mit der anderen schirmte sie ihre Augen ab und starrte ebenfalls in die Ferne.
»Kaum zu glauben, oder?«
»Was?« Alexander riss sich von dem Anblick jenseits des Meeres los und blickte sie an.
»Dass wir endlich da sind. Dass es dieses Stück Land wirklich gibt. Und dass wir noch leben.«
»Warum sollten wir nicht mehr leben?«
»Es gibt so viele Gefahren auf See. Vor unserer Abfahrt habe ich darüber gelesen. Und dann gibt es natürlich auch noch Karl Frisch. Er war in Theben. Was, wenn er die Siedlungen auf Roátan aufspürt? Oder die Schiffe, die von dort lossegeln?«
»Du meinst, er könnte uns vielleicht erwischen? Und dann?«
Nic zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Das Schiff versenken? Uns heimlich bis zur Stadt verfolgen? Ich weiß es auch nicht, aber dieser Gedanke ist die ganze Zeit in meinem Kopf umhergespukt, albern, ich weiß.« Sie lehnte sich weit über die Reling und reflexartig griff Alexander nach ihrem Arm, damit sie nicht ins Wasser stürzte. Nic lachte und atmete tief ein. »Ich glaube, ich kann das Land schon riechen.«
Alexander schüttelte den Kopf und lächelte. So ausgelassen hatte er Nic ja noch nie gesehen.
»Komm da runter, sonst erlebst du unseren Landgang nicht mehr.«
»Zwing mich doch, du bist doch jetzt mein Beschützer.« Sie lachte laut und beugte sich noch ein Stück weiter vor.
Na gut, wenn sie es so wollte. Alexander griff nach der weiten Bluse, die sie über ihrer Korsage trug, und zog daran. Nic wedelte mit den Armen und fiel mit einem leisen Schrei rückwärts. Alexander fing sie auf. Als sie in seinen Armen lag, sah Nic ihn mit geweiteten Augen an und begann dann zu lachen.
Ihre Haut war warm unter seinen Händen und sie sah so glücklich aus. Alexander beugte sich vor und sah ihr in die Augen.
»Hm, hm.« Hinter ihnen räusperte sich jemand. Es war Jimmy. Rasch setzte Alexander Nic wieder auf dem Boden ab und stellte sich in eine Reihe mit den anderen Seemännern. Sein Herz flatterte, und diesmal war es weder der Seegang noch der Anblick des nicht mehr so fernen Festlandes.
Schweigend sahen sie alle dabei zu, wie das Land näher und näher kam. Bald konnte Alexander die hohen Bäume sehen, die es bedeckten. Davor erstreckte sich ein weitläufiger Strand in beide Richtungen.
Sie konnten sich dem Strand nicht weiter nähern als hundert, hundertfünfzig Meter, dann wurde das Wasser zu flach. Dort ließ Jimmy ankern.
»In die Boote, los, los!«
Rufe wurden laut, als die Beiboote zu Wasser gelassen wurden. Jedes wurde mit zehn Personen besetzt. Nic und Alexander stiegen in das zweite ein, das herabgelassen wurde.
Alexanders Hände zitterten, als er nach den Rudern griff. Nic saß hinter ihm an letzter Position des Bootes.
Im Gleichtakt mit den anderen zog Alexander an den Rudern und schob sie wieder nach vorn. Das Boot setzte sich in Bewegung und glitt auf den Strand zu. Alexander wünschte sich, an erster Position zu sitzen. Von seinem Platz aus konnte er nur den Rücken des Mannes vor ihm sehen. Dabei hätte er so gern den Anblick des näherkommenden Strandes genossen.
Unter dem Boot erklang ein Knirschen und sie wurden langsamer. Schließlich blieben sie mit einem Ruck stehen.
»Denkt dran, ihr habt zwei Tage! Wer dann nicht wieder zurück ist, bleibt hier!« Jimmy zog eine Pistole und einen Säbel. Die Pistole drückte sie Alexander in die Hand. »Deine. Ich hoffe, du weißt, was du damit anzufangen hast.«
Die ersten sprangen bereits aus dem Boot. Alexander verstaute die Pistole im Hosenbund und stieg ebenfalls aus. Er reichte Nic seine Hand, um ihr herauszuhelfen. Sie ergriff sie, und schaffte es mit deutlich mehr Eleganz aus dem Boot als er.
Seine Stiefel versanken im Sand, als er den anderen dabei half, das Boot weiter den Strand hinaufzuziehen, damit es vom Wasser nicht fortgespült wurde. Endlich richtete er sich wieder auf und konnte seine Umgebung zum ersten Mal genauer betrachten. Sie standen auf einem langen Sandstrand, der sich bis zum Ende dessen erstreckte, was sie sehen konnten.
»Schön, oder?« Nic hatte sich neben ihn gestellt und sah sich ebenfalls um.
»Ja.«
Nun war es ja nicht so, als ob es auf Roatán keine Küsten gab. Nur waren sie felsig und rau, ganz anders als dieser lange Strand mit seinem feinen Sand. Dieser hier glich eher dem, der in Biota auf den Wegen im Wald gelegen hatte. Oder vor den Fenstern auf dem Meeresboden.
»Wollen wir dann los?«
Nics Stimme holte ihn wieder zurück in die Gegenwart. Alle anderen Freibeuter waren längst gegangen, zwei von ihnen liefen den Strand entlang, die anderen waren wohl schon im dichten Wald verschwunden, der sich an den Strand anschloss.
»Wohin willst du gehen?« Wie Jimmy ihm deutlich gemacht hatte, war es seine Hauptaufgabe, hinter Nic herzulaufen und sie vor Gefahren zu beschützen. Alexander tastete nach der Pistole, die Jimmy ihm gegeben hatte. Sie steckte sicher in seinem Hosenbund, leicht erreichbar, wenn er sie brauchte.
»Vielleicht da lang?« Nic deutete auf eine kleine Schneise im Waldrand. »Es sieht aus, als könnten wir da durch.«
»Gut, dann lass uns gehen.«
Es war anstrengend, den Strand zu überqueren, immer wieder sanken sie tief in den weichen Sand ein. Als sie endlich am Waldrand ankamen, liefen große Schweißtropfen über Alexanders Gesicht. Hoffentlich war es im Wald kühler als am Strand, wo die Sonne gnadenlos auf sie herabbrannte.
Sie tauchten zwischen den Bäumen ein und die Temperatur sank um einige Grad. Gleichzeitig nahm die Luftfeuchtigkeit jedoch stark zu und Alexander hatte das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen.
Nic ging vor und bahnte sich einen Weg durch das dichte Unterholz. Sie schwang die Machete, die Jimmy ihr in die Hand gedrückt hatte, weil sie der Meinung gewesen war, dass Nic sie brauchen würde.
Das hackende Geräusch der Machete und das Rascheln der Blätter hallten laut durch den Wald und Alexanders Anspannung nahm zu. Jeder, der sich in ihrer Nähe befand, würde sie hören. Im Schutz des Waldes könnte sich sonst etwas an sie heranschleichen und sie würden es erst bemerken, wenn es zu spät war.
Ob es hier wilde Tiere gab?
Zu ihren eigenen Geräuschen gesellte sich das Summen von Insekten. Immer häufiger schlug Alexander nach Tieren, die sich auf seiner Haut niederließen und ihn stachen. Dazu kam das Rascheln abseits des kleinen Pfades, irgendwo unten auf dem Boden. Alexander wusste gar nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Auf alle Gefahren gleichzeitig zu achten – wobei er ja nicht einmal wusste, welche tatsächlich drohten –, war ermüdend. Er sah von hier nach dort und sah doch nicht wirklich etwas. Am liebsten wollte er in Ruhe seine Umgebung betrachten und all das Neue in sich aufsaugen. Doch dafür war erst recht keine Zeit.
»Stopp.« Nic blieb stehen und bückte sich. Sie holte ein Messer und eine kleine Schaufel aus ihrer überdimensionalen Umhängetasche. Sie grub eine winzige Pflanze mit breiten Blättern aus und legte sie vorsichtig in die Tasche. Dann schnitt sie von den größeren Pflanzen in der Umgebung Blätter und Samen ab. An einer Pflanze hing eine orange runde Frucht. Nic streifte Handschuhe über, pflückte sie und steckte sie ebenfalls in ihre Tasche.
»Kann weitergehen.«
»Was hast du da gefunden?«
»Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht genau«, erwiderte Nic. »Aber eine der Pflanzen ähnelt Plantago lanceolata, die wirkt gegen Entzündungen und Husten. Und auch gegen Insektenstiche.« Sie deutete auf seine zerstochenen Arme, auf denen sich erste rote Beulen zeigten. »Die anderen kenne ich nicht. Wenn wir wieder auf dem Schiff sind, werde ich sie genauer untersuchen und sie mit den Zeichnungen in meinen Büchern vergleichen.«
»Du weißt gar nicht, was du da tust?« Er lief ihr also quer durch den Wald hinterher, obwohl sie keine Ahnung hatte, wonach sie suchte? Da hätte er die Pflanzen ja gleich selbst sammeln können …
»So ganz stimmt das nicht. Ich habe viele Bücher über die Flora in diesen Regionen gelesen und in Biota hatten wir auch unzählige Exemplare aus den Tropen. Wie du dich vielleicht erinnerst, war ich die Aufseherin für den tropischen Abschnitt der Biosphäre.«
Die Biosphäre war eine weitläufige Kuppel in Biota, in der sämtliche Klimazonen der Erde versammelt waren. Für jede der Zonen war ein Biologe zuständig, der für den Fortbestand des Ökosystems und seine eigenen Forschungen verantwortlich war.
»Es ist nur so … Entweder haben diejenigen, die damals die Pflanzen gesammelt und nach Biota gebracht haben, nicht mit aller Sorgfalt gearbeitet, oder die Vegetation hier hat sich verändert.« Sie zuckte mit den Schultern. »Auf jeden Fall gibt es viele Pflanzen, die mir bekannten ähneln, aber nicht völlig gleichen.«
»Aber du meinst, dass sie die gleiche Wirkung haben oder dass man sie essen kann?«
»Ich weiß es nicht. Das werde ich testen müssen. Anders geht es nicht. Die Pflanzen gibt es auf Roatán nicht. Glaub mir … Ich habe inzwischen jeden Zentimeter der Insel abgesucht. Alles, was ich dort gefunden habe, habe ich katalogisiert und auf seine Wirksamkeit und Essbarkeit getestet. Dir würde der Garten gefallen, den ich angelegt habe.«
Alexander nickte. Eine peinliche Stille entstand. Nic blickte betreten zu Boden. Für einen Moment hatte sie scheinbar vergessen, dass er den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte. Und das nicht ohne Grund. Ihre letzten Worte hatten aber eher danach geklungen, als hätte er noch nicht die Zeit gefunden, bei ihr vorbeizuschauen.
Er beschloss, darüber hinwegzusehen. Es war schließlich noch eine lange Zeit, die sie miteinander auskommen mussten.
»Du hast also einen Garten?«
Nic sah auf und ein Strahlen erhellte ihr Gesicht.
»Ja, mit Obst und Gemüse und Kräutern …«
»Hast du auch Tiere?«
»Nein, bisher nicht. Ich habe mich erstmal auf Pflanzen konzentriert. Die sind ja schließlich mein Spezialgebiet.«
»Was ist mit einem Labor?« Hatte sie nicht so etwas erwähnt?
»Na ja, es ist weniger ein Labor als ein kleiner Raum in meinem Haus. Ich habe versucht, ein Mikroskop nachzubauen. Und es ist durchaus funktionsfähig.«
»Klingt spannend.«
»Ja, das ist es.« Nics Strahlen verblasste. »Nur bin ich mir inzwischen nicht mehr ganz so sicher, ob es das wert war.«
Alexander senkte die Pistole, mit der er in den Wald gezielt hatte.
»Ich habe den Oberen die Tests vorgeschlagen, ja. Erst wollte ich Biota ändern, den Menschen die Augen öffnen. Dann wollte ich nur noch raus, zumindest für kurze Zeit. Aber ich …« Sie rang um Worte. »Ich habe dich verletzt. Und das tut mir leid.«
Musste sie jetzt damit anfangen?
»Lassen wir das.« Alexander sah an ihr vorbei. »Wir sollten weitergehen.«
»Nein, warte, ich will es dir endlich erklären.« Nic griff nach seinem Arm und hielt ihn fest. »Ich habe eine Chance gesehen, die Konditionierung zu erforschen und zu erfahren, wie man sie brechen kann. Dafür habe ich dich benutzt, nicht eine Sekunde lang habe ich darüber nachgedacht, was mit dir geschehen würde.«
»Na endlich«, murmelte Alexander. Endlich gab sie alles zu. Auch wenn es nicht gerade angenehm war, die Worte aus ihrem Mund zu hören.
»Aber ich habe es nicht für mich getan, nicht nur. Ich wollte den Menschen in Biota die Augen öffnen, dafür sorgen, dass sie frei sind.«
»Das hat ja wunderbar geklappt«, erwiderte Alexander ironisch. Er konnte das, was sie sagte, nicht gutheißen, viel zu sehr hatte sie ihn mit ihrem Verrat verletzt.
»Ja, das hat es nicht, das ist mir auch klar.« Nic ließ seinen Arm los. »Als ich gemerkt habe, dass es nichts bringt, habe ich eine andere Chance gesehen: Biota zu verlassen, mehr von der Welt zu sehen, die ich im Kleinen mein Leben lang studiert habe.«
»Und dafür hast du mich benutzt.«
»Du hast mich doch auch benutzt«, entgegnete Nic nun deutlich aggressiver. »Du hast meine Hilfe gebraucht, ich war für dich auch nicht mehr als eine Stütze. Jemand, der die Entscheidungen für dich trifft!«
Alexander schüttelte den Kopf. Ihre Worte rührten an einem Punkt, den er nicht genauer betrachten wollte. Er war nicht wie sie. »Ich hatte Angst um mein Leben, deinetwegen!«
»Wir haben die Entscheidungen gemeinsam getroffen. Du hast dich dafür entschieden, die Mordfälle zu verfolgen.«
»Ich habe es getan, weil du da warst! Weil du mir das Gefühl gegeben hast, ich würde das Richtige tun!«
»Du wolltest es tun, gib nicht mir die ganze Schuld.« Nic schüttelte den Kopf.
Alexander schnaubte wütend. Sollte sie doch sagen, was sie wollte. Sie hatte ihn betrogen, nicht umgekehrt. Er würde diesen Auftrag für Jimmy zuende bringen und danach wieder Abstand zwischen sich und Nic bringen. Dann brauchte er sich das, was sie zu sagen hatte, nie wieder anzuhören. »Bist du fertig?« Er deutete auf ihren Beutel.
»Sicher.« Nach kurzem Zögern hob Nic ihre Tasche auf und nahm die Werkzeuge in die Hand. »Ich bin so weit.« Offenbar hatte sie verstanden, dass er nicht weiter darüber reden wollte.
»Dann geh bitte vor.«
Nic folgte dem schmalen Pfad tiefer in den Urwald hinein. Die Blätter waren inzwischen so dicht, dass kaum noch Licht den Boden erreichte.
»Sollten wir wirklich hier entlang gehen?«, fragte Alexander nach wenigen Minuten, in denen er mehrmals über Wurzeln gestolpert war, die sich über den Weg zogen.
»Was meinst du?«
»Na ja … Das hier ist ein Pfad, oder?«
»Ja, ich denke schon.«
»Und wenn das ein Pfad ist, dann muss es auch jemanden geben, der ihn benutzt, sonst wäre er längst nicht mehr zu sehen.«
»Da hast du recht.«
»Beunruhigt dich das gar nicht?« Es wunderte ihn, dass Nic so ruhig blieb.
»Was glaubst du denn, warum ich hier entlang wollte?«
»Wie meinst du das?«
»Es besteht die Möglichkeit, dass Menschen diese Schneise hier verursacht haben. Und wenn es hier Menschen gibt, können sie uns vielleicht helfen.«
»Bist du verrückt? Hältst du es nicht für viel wahrscheinlicher, dass sie uns umbringen, ohne Fragen zu stellen? Dass sie schießen, bevor wir auch nur ‚Hallo‘ sagen können?« Er bemühte sich, seine Stimme ruhig zu halten, doch sie machte ihn wahnsinnig. War ihr nicht klar, dass sie damit ihr Leben auf Spiel setzte? Und auch seins? Schon wieder?
»Ich will sie doch nur beobachten. Vielleicht sehen, wie sie leben. Und ist es nicht auch möglich, dass es friedliche Menschen sind? Dir erscheint es vielleicht inzwischen unwahrscheinlich, aber es gibt auch Menschen, die nicht jeden ermorden wollen.«
»Ich will da nicht hin, das ist verrückt.« Alexander blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er lauschte aufmerksam auf Geräusche aus dem Wald.
»Hör mir zu.« Nic baute sich breitbeinig vor ihm auf und lächelte grimmig. Sie reichte ihm nur bis zum Kinn, trotzdem strahlte sie eine beängstigende Autorität aus. »Es war Jimmys Befehl, mir zu folgen und mich zu beschützen. Du sollst tun, was ich dir sage. Und ich sage, wir gehen hier entlang und schauen, wohin der Weg uns führt.« Sie atmete deutlich hörbar ein und aus.
»Verdammt!«
Nic zuckte zusammen. Alexander schloss die Augen. »Warum tust du das?«, fragte er leise. Noch vor wenigen Stunden hatte er gedacht, dass sie sich wieder näherkamen. Doch das war Einbildung gewesen. In Wirklichkeit war er für Nic nichts weiter als ein dämlicher Helfer, nur dazu da, ihr zu dienen. So war es doch immer gewesen!
»Gut, dann geh bitte voran, Botania.« Er legte all seine Verachtung in das letzte Wort und sah, dass es seine Wirkung nicht verfehlte.
Sie wandte sich so schnell um, dass ihre Haare in hohem Bogen durch die Luft flogen, dann stapfte sie mit großen Schritten durch den Wald. Alexander verzichtete darauf, ihr zu sagen, sie solle leise sein. Sie wusste ganz genau, dass sie besser niemand hören sollte. Aber sie wollte ihn bestrafen. Sollte sie doch.
Sie hastete vor ihm her und Alexander hatte Mühe, ihr zu folgen, vor allem hatte er keine Zeit und keinen Blick mehr für die Umgebung. Er achtete auf Nics Rücken und alle paar Schritte auch auf den Weg, um nicht zu stolpern. Ein Schritt mehr - und Nic war verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere war sie nicht mehr da!
Ein schriller Schrei erklang und Alexander rannte zu der Stelle, an der Nic verschwunden war. Ein steiler Abhang führte dort in die Tiefe, vielleicht vier bis fünf Meter tief. Nic lag am Grund des Abhangs, der den Weg zu einer breiten Schlucht öffnete, in der viel weniger Bäume wuchsen als im Teil des Waldes, den sie bereits durchquert hatten.
»Alex!« Nics Stimme hallte von den Wänden der Schlucht wider. Ein Schluchzen erklang. »Alex!« Sie klang so verletzlich und Alexander vergaß auf einen Schlag all die schlimmen Dinge, die er von ihr gedacht hatte. Hatte sie sich verletzt?
»Nic! Geht es dir gut?« Die einzige Antwort war ein Stöhnen. »Sag doch bitte was.«
»Jaja! Ich glaube, es ist alles in Ordnung.«
»Warte, ich komme zu dir.« Alexander sah sich suchend nach einem Zugang zur Schlucht um, doch die vielen Bäume nahmen ihm die Sicht. Er steckte die Waffe zurück in den Hosenbund und ging in die Hocke. Dann tastete er die Kante des Abhangs ab. Die müsste ihn eigentlich tragen.
»Nein, Alex. Hol mich hier einfach raus.«
»Das wird wohl nicht so einfach. Ich komme zu dir runter, mach mal ein wenig Platz, wenn es geht.« Er wollte nicht versehentlich auf ihr landen. Auf Knien rutschte er rückwärts und legte seine Hände auf die Felskante, die mit lockerer Erde bedeckt war. »Ganz ruhig«, murmelte er leise. Er holte einmal tief Luft und schob die Beine über die Kante. Ein Ruck ging durch seine Arme und seine Finger gruben sich schmerzhaft in den Felsen. Scharfe Steine schnitten ihm in die Handflächen und Finger. Innerlich zählte er bis drei. Dann ließ er los.
Ein heftiger Stoß ging durch seine Beine und ließ seine Zähne zusammenschlagen. Er fiel auf den Rücken, rappelte sich aber schnell wieder auf.
»Nic!« Er kroch zu ihr hinüber. Die Botania war bleich und hatte sich mit dem Rücken an die Felswand gelehnt. »Ist dir was passiert?« Er griff nach ihren Armen, um sie auf Verletzungen zu untersuchen. Da sah er den langen Kratzer in ihrem Gesicht, der sich quer über die linke Schläfe zog. Ein Blutstropfen rann träge an ihrem Auge vorbei.
»Au!« Nic versuchte, ihren Arm aus seinem Griff zu entwinden. Da sah Alexander auch die großen Kratzer und Schürfwunden, die ihren Ober- und Unterarm überzogen.
»Das muss doch wehtun!«
»Es geht schon. Nur wenn du daran ziehst, tut es weh.« Nic zog eine Grimasse und Alexander gab ihren Arm frei.
»Tut mir leid.« Er betrachtete sie noch einmal aufmerksam. »Gibt es sonst noch Stellen, an denen du dir wehgetan hast?«
»Nein, ich habe es geschafft, auf den Füßen zu landen. Aber als ich durch die Luft geflogen bin, muss ich mit dem Arm gegen den Felsen gestoßen sein.«
Alexander sah sich um. Der Boden war von abgebrochenen Ästen und Blättern übersät. Dazwischen ragten immer wieder kleine und größere Steine auf.
»Kannst du gehen?«
Nic stützte sich an der Felswand ab und kam auf die Beine. Sie verzog das Gesicht und stöhnte. »Geht schon. Es ist nichts gebrochen. Aber die Kratzer tun auch ziemlich weh.«
Mit einem Schritt war Alexander an ihrer Seite. »Leg deinen Arm um mich«, kommandierte er und zu seinem Erstaunen gehorchte Nic ohne Widerspruch. Alexander zog seine Pistole und sah sich um.
»Was meinst du, wohin sollen wir gehen? Willst du zurück zum Schiff?« In beide Richtungen war nur die Schlucht zu erkennen, die einen Durchmesser von zehn, fünfzehn Metern hatte. Darin lagen Felsbrocken und hier und da wuchsen kleinere Bäume. Da das dichte Blätterdach sie hier nicht vor der Sonne schützte, brannten die Strahlen unbarmherzig auf ihre Köpfe. Ein Glück, dass Nic in ihre Tasche nicht nur ihren Wissenschaftskram gepackt hatte, sondern auch Wasser und etwas zu essen. Jimmy hatte gesagt, sie hatten zwei Tage. Das hieß einmal übernachten im Wald, wenn sie nicht frühzeitig zum Schiff zurückkehren wollten.
»Keine Ahnung. Aber nicht zurück zum Schiff. Noch nicht.« Auch Nic sah sich um. »Wenn mich nicht alles täuscht, ist das hier irgendwann mal der Lauf eines Flusses gewesen. Und das bedeutet, dass dieser Lauf letztendlich ins Meer führt. Ich schlage vor, wir gehen dort entlang.« Die Richtung, in die Nic deutete, unterschied sich nicht im Geringsten von der anderen. »Ich vermute, dort geht es ins Innere des Landes. Falls ich falsch liege, kommen wir am Strand heraus und können dann immer noch umdrehen. Wenn ich richtig liege, geht es dort tiefer in den Wald, und wir wissen auch direkt, wie wir wieder zum Strand kommen.«
Das klang vernünftig. Eine große Ruhe überkam Alexander. Wann immer Nic bei ihm war, konnte alles nur gut ausgehen. Es lief furchtbar - ja, aber es ging immer gut aus. Sie wusste, was zu tun war. Auf ihren Verstand konnte er sich verlassen.
»Dann mal los.«
Nics Arm lag schwer um seinen Hals. Sie stützte sich doch mehr auf ihn, als er erwartet hatte. Ihre Haut war erhitzt und drückte sich schweißnass gegen seine eigene.
Der Weg war holprig, uneben und schwer einzuschätzen. Mehr als einmal strauchelte Alexander und konnte sich und Nic nur knapp vor einem weiteren Sturz bewahren. Die Pistole zeigte inzwischen zum Boden. Vor lauter Anstrengung dachte er nicht einmal mehr daran, sie hochzuhalten.
»Kurze Pause«, keuchte Nic irgendwann und ließ sich auf einen flachen Felsen sinken, der im Schatten lag. Sie legte ihre Tasche auf den Schoß und wühlte darin herum. Schließlich förderte sie einen dunkelbraunen Lederbeutel zu Tage. Sie schraubte ihn auf und nahm einen tiefen Schluck.
»Ah, das tut gut. Möchtest du auch?«
Dankbar griff er nach dem Getränk und nahm erst einen bescheidenen, kleinen Schluck. Das kühle Nass fühlte sich jedoch so gut in seiner ausgedörrten Kehle an, dass er noch zwei große Schlucke nahm.
»Hey, hey, nicht so schnell.« In Nics Stimme klang neben Tadel auch ein kleines Lachen mit. Sie nahm ihm den Lederbeutel aus der Hand und schraubte ihn wieder zu. »Reiß dich ein wenig zusammen, wir haben noch ein paar Meter vor uns.« Sie zwinkerte ihm zu.
»Tut mir leid, du hast recht.« Alexander sah sich kurz um. »Es ist aber doch gut möglich, dass es hier einen Fluss gibt, oder? Vielleicht auch eine Quelle?« Flüsse gab es doch auf dem Festland, richtig? Er erinnerte sich dunkel an die Karten von vor dem Krieg. Blaue Linien waren das Zeichen für Flüsse gewesen.
Nic befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze. Dann sah sie sich um. »So wie ich das sehe, stehen wir in einem ausgetrockneten Fluss. Er muss groß gewesen sein. Ebenso gut möglich ist es allerdings, dass dieser Fluss nur zur Regenzeit entsteht, wenn große Massen an Wasser vom Himmel herabfallen und dieses Flussbett in einen reißenden Fluss verwandeln. Abseits davon wird es aber mit ziemlicher Sicherheit noch kleinere Flüsse geben. Ganz abgesehen davon, dass es auch hier vermutlich einmal am Tag regnet.« Sie deutete hinauf zum Himmel, an dem dunkle Wolken aufzogen. Noch verdeckten sie die Sonne nicht, doch es war nur eine Frage der Zeit.
»Gut.« Er war erleichtert. Wasser würde also vermutlich kein Problem werden. Ihn beunruhigte allerdings die Aussicht, dass sie zu spät zum Schiff zurückkehren würden. Er malte sich schon einen verlassenen Strand aus, dort, wo eigentlich das Schiff hätte sein sollen. Was dann?
»Wollen wir weitergehen?« Nic stand vom Felsen auf und machte ein paar unsichere Schritte. Dann streckte sie sich, stöhnte und ließ die Arme wieder fallen.
»Ich glaube, ich kann jetzt wieder allein gehen. War vermutlich nur der Schock, der macht wackelige Knie.« Sie lächelte und deutete in die eingeschlagene Richtung. Schnurgerade zog sich die Schlucht dahin, auf beiden Seiten gesäumt von riesenhaften Bäumen und dicht an dicht stehenden Büschen. Direkt vor ihnen, in weiter Ferne und von dichtem Nebel umgeben, entdeckte Alexander einen Berggipfel.
»Gut, aber bitte geh vor. Ich fühle mich besser, wenn ich sehen kann, wie es dir geht.«
Nic setzte sich in Bewegung und ging die Schlucht weiter entlang. Endlich hatte Alexander wieder Zeit, ein wenig durchzuschnaufen und seine Aufmerksamkeit ihrer Umgebung zu widmen. Die Pistole hielt er nun erhoben, ganz so, wie er es in Narau gelernt hatte. Immer wieder warf er Nic einen Blick zu. Ging es ihr wirklich gut? Konnte sie noch weitergehen? Seine Sorgen schienen unbegründet zu sein. Ihre Schritte waren sicher und gleichmäßig, keine Spur mehr von ihrem Sturz.
Sein Blick glitt über die Ränder der Schlucht. Geduckte Büsche, hoch aufragende Bäume, die nur in der Krone Blätter trugen und so ein ungewöhnliches Bild abgaben. Die Luft war erfüllt von einem Schwirren und Brummen, hin und wieder wurde die Geräuschkulisse von Schreien unterbrochen. Nicht menschlich, dafür klangen sie zu fremd.
»Was ist das?«, fragte Alexander irgendwann, als die Schreie gerade wieder erklangen.
»Hm?« Nic schien tief in Gedanken gewesen zu sein.
»Woher stammen diese Schreie?«
Sie blieb stehen und lauschte. »Ich bin auf dem Gebiet kein Experte, aber ich würde vermuten, von Affen. Genauer gesagt, Brüllaffen.«
»Brüllaffen?« War das eine echte Tierart oder nahm sie ihn nur auf den Arm?
»Wo wir gerade schon anhalten …« Nic ließ ihre Tasche von der Schulter gleiten und kniete sich hin. Mit Werkzeugen bewaffnet machte sie sich daran, so kleine Triebe aus dem Boden auszugraben, dass Alexander sie glatt übersehen hätte. Sorgfältig wickelte sie sie in kleine Stofffetzen ein und bette sie in ihre Tasche.
»Und das überstehen die Dinger?« Wurden die Pflanzen nicht komplett zerdrückt, wenn sie sie so in die Tasche legte?
»Pflanzen sind robuster, als man denkt, außerdem passe ich auf.« Sie stand wieder auf. »Ehrlich gesagt, wären mir Samen auch lieber. Die halten länger und daraus kann ich vermutlich viel leichter eine Pflanze in meinem Garten ziehen. Aber solange wir keine Samen finden, muss ich hiermit Vorlieb nehmen.« Sie hielt ihre Tasche hoch. Ein Streifen Schmutz zog sich über ihr Kinn. Alexander hätte sie am liebsten an sich gezogen und ihn ihr mit dem Finger fortgewischt. Er schluckte und kämpfte gegen den Impuls an.
»In Ordnung, wir können weitergehen.« Nic schulterte ihre Tasche und lief los.
»Irgendwann müssen wir hier doch mal wieder rauskommen, oder?« Sie waren gerade einmal ein paar Stunden unterwegs und Alexanders Begeisterung für diesen Ausflug schrumpfte von Minute zu Minute. Das hier war ein langweiliger Wald, was genau sollten sie hier finden? Was sollte er hier finden? Als Freibeuter hatte er sich gemeldet, nicht als Wachhund für eine Botania, die selbst nicht so genau wusste, was sie da eigentlich tat. Die Demütigung würde groß sein, wenn sie zum Schiff zurückkehrten. Alle anderen würden Schätze gefunden haben, Baumaterialien, Nahrung. Und er? Er würde Nic haben. Und die wiederum nur ein paar mickrige Pflänzchen in ihrer Tasche. Die anderen würden ihn die ganze Rückfahrt damit aufziehen und ein zweites Mal würde er sich wohl nicht für die Arbeit als Freibeuter melden. Ganz zu schweigen davon, dass er in diesen zwei Wochen nichts verdient haben würde. Der Lohn der Seemänner war ein Teil dessen, was sie fanden. Hieß das, sein Lohn wäre ein Blatt von einer von Nics Pflanzen? Eine eisige Hand schien nach seinem Herz zu greifen. Amy verließ sich auf ihn. Er hatte ihr erzählt, diese Arbeit würde viel mehr einbringen als die Arbeit im Hafen. Wie enttäuscht würde sie sein, wenn er mit leeren Händen zurückkam? Und wenn sie dann auch noch erfuhr, dass er die ganze Zeit mit Nic verbracht hatte …
Er bemühte sich, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken und erwischte sich dabei, wie er Nic beobachtete. Nein, das war auch nicht besser. Also starrte er stur die Schlucht entlang und zählte dabei seine Schritte.
Vierhundert, vierhundertundeins … Was war das?
»Nic?«
»Ja?«
»Siehst du das da vorne auch?«
»Was? Wo?«
»Ganz da hinten. Es sieht aus wie ein Strich.«
Nic blieb stehen und er schloss zu ihr auf. Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
»Ja«, sagte sie langsam. »Da ist irgendetwas über der Schlucht.«
»Lass uns hingehen«, beschloss Alexander. Vielleicht war das endlich ihre Möglichkeit, dieses ausgetrocknete Flussbett hinter sich zu lassen und der Sonne zu entkommen, die ihn mittlerweile schon fast knusprig gebraten hatte.
Seite an Seite liefen sie auf das Etwas zu, die Augen fest auf den Strich gerichtet. Als sie näherkamen, stellten sie fest, dass es sich um eine Brücke handelte. Gebaut aus rohen Holzstämmen zog sie sich quer über die Schlucht. Ein hüfthohes Geländer umschloss sie.
»Sieh mal!« Aufgeregt deutete Nic auf die Seite der Schlucht, gleich unterhalb der Brücke. »Eine Treppe.«
Direkt in den Stein gehauen, führten Stufen empor.
»Sehr gut.« Alexander seufzte. Endlich ein Weg hier raus.
Nic griff nach seinem Arm. »Du weißt aber schon, was das heißt, oder?«
»Was meinst du? Wir kommen hier raus, das heißt das.«
»Die Brücke ist zwar nicht neu, aber sie ist in gutem Zustand. Und sieh dir mal an, wie abgenutzt die Balken und die Treppenstufen sind.«
In der Tat waren die Stufen an den Kanten abgerundet und glänzten im Sonnenlicht, als wären bereits unzählige Füße über sie hinweggeschritten.
»Und?« Er wurde ungeduldig. Wie lange musste er denn noch darauf warten, diese Grube zu verlassen?
»Wirklich, Alexander? Denk doch mal nach. Hier müssen Menschen leben. Irgendjemand benutzt diese Brücke und hält sie instand.«
»Gut, dann leben hier also Menschen. War es nicht das, was du wolltest? Menschen finden und mit ihnen über Pflanzen reden?« Er konnte nicht verhindern, dass seine Worte spöttisch klangen. Auch wenn er Nics Bemühungen um Arzneien gut fand, so war er doch auch von der Sinnlosigkeit ihrer Mission überzeugt.
»Was ich meine, ist ja nur, dass wir vorsichtig sein sollten. Wir sollten uns nicht wie die größten Trampeltiere durch den Wald bewegen und Gespräche vielleicht für eine Weile einstellen. Nur, bis wir wissen, wo genau diese Menschen sich aufhalten und ob sie gefährlich sind.« Herausfordernd reckte sie ihr Kinn vor. Ihre Augen funkelten.
Sie war genervt, aber das war er auch. Er fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Mund und deutete mit einer übertriebenen Verbeugung auf die Treppe.
Nic verdrehte die Augen, doch stieg hinauf, wobei sie den Kopf hektisch von einer auf die andere Seite drehte.
»Niemand zu sehen. Komm hoch.«
Alexander schluckte die Bemerkung, die ihm auf den Lippen lag, herunter und setzte einen Fuß auf die erste Treppenstufe. Er wechselte die Pistole von der rechten in die linke Hand und stützte sich dann mit der rechten am Rand der Treppe ab. Oben blickte auch er sich rasch um. Bäume weit und breit, nichts Besonderes, alles wie zuvor.
»Da.«
Er wandte sich zu Nic um. Sie deutete in den Wald hinein. Was meinte sie?
»Siehst du das nicht? Da ist ein Weg.«
Und tatsächlich: Ein schmaler Pfad schlängelte sich zwischen zwei großen Bäumen durch das dichte Unterholz. Das konnte unmöglich ein Zufall sein.
»Ist das wirklich eine gute Idee?«, flüsterte Alexander, als Nic bereits erste Schritte in Richtung des Pfads machte.
»Hast du eine bessere?«
»Eigentlich mehrere«, gab Alexander zurück. »Wir könnten über die Brücke in die andere Richtung oder weiter am Waldrand entlanggehen, oder wir gehen einfach zum Strand zurück.«
»Also nicht«, erwiderte Nic und überging damit jeden seiner Vorschläge. Alexander kniff die Lippen zusammen. Zu gerne hätte er etwas zurückgegeben, doch er hatte keine Lust auf Streit. Das würde sie auch nicht weiterbringen. Er würde tun, was Jimmy ihm aufgetragen hatte. Er beschützte Nic und morgen um diese Zeit wäre er wieder zurück auf dem Schiff. Wenn sie es früher zurückschafften als die anderen, könnte er vielleicht sogar noch etwas sammeln gehen und müsste nicht mit leeren Händen nach Roatán zurückkehren.
Nic schritt in Richtung des Pfades, die Arme schwangen locker neben ihren Hüften. Auf Alexander wirkte sie, als machte sie einen gemütlichen Spaziergang, nicht, als marschierte sie geradewegs in möglicherweise gefährliches Terrain hinein.
Mit einem tiefen Seufzen folgte er ihr, die Pistole vor seine Brust erhoben. Er war bereit.
Direkt vor seinen Augen tauchte Nic zwischen den zwei Bäumen ein und Alexanders Herz schlug schneller. Die Botania war nicht mehr zu sehen.
»Nic? Warte bitte kurz.« Er beschleunigte seine Schritte und rannte förmlich auf den Waldrand zu. Nur noch fünf Meter, zwei …
»Nic?«
Dunkelheit senkte sich über ihn und für ein paar Augenblicke war er praktisch blind. »Nic? Das ist nicht lustig.« Er drehte sich im Kreis. Endlich schälten sich Umrisse von Büschen und Lianen aus dem Zwielicht. Wo war sie? Wo war Nic?
»Suchst du mich?«
Alexander wirbelte herum, den Finger am Abzug der Pistole. Dann ließ er sie sinken. Seine Hände zitterten. »Mach das nie wieder«, knurrte er. Nic stand lässig an einen Baum gelehnt direkt neben dem Pfad und lächelte ihn an, als wäre nichts geschehen.
»Ganz ruhig, ist doch nichts passiert.«
»Ich hätte dich erschießen können, das weißt du, oder?« Er schloss die Augen und zählte bis fünf. Als er sie wieder öffnete, stieß sich Nic vom Baum ab.
»Wollen wir dann weiter?«
Alexander zeigte mit der freien Hand den Weg entlang. »Bitte.«
Eine ganze Weile gingen sie schweigend hintereinander.
Zweige knackten unter seinen Stiefeln und abgestorbene Blätter raschelten. In weiter Entfernung schrie ein Vogel.
»Hörst du das?« Alexander blieb stehen und lauschte.
»Was denn?« Nic drehte sich zu ihm um.
»Ein Rauschen.«
»Ein Rauschen? Ich höre nichts.«
Alexander lauschte angestrengt. Er war sich ganz sicher. »Doch, es kommt aus dieser Richtung.« Er deutete nach rechts in den Wald.
»Willst du dafür den Pfad verlassen?«, fragte Nic und spähte durch die Bäume.
»Ich weiß nicht, was meinst du? Wir brauchen doch Wasser, oder nicht?«
»Ja, brauchen wir. Aber vielleicht ist es sicherer, wenn wir auf dem Pfad bleiben. Gut möglich, dass er an dem Wasser vorbeiführt, das du zu hören glaubst.«
Das er zu hören glaubte. Aha. Sie traute ihm wohl nicht zu, tatsächlich Wasser zu finden. Tja, da täuschte sie sich. Je länger er das Geräusch hörte, desto sicherer was er sich, dass es das Geräusch fließenden Wassers war.
»Ich finde, wir sollten dem nachgehen«, verkündete Alexander und beobachtete Nic.
Sie zuckte mit den Schultern. »Gut, in Ordnung, wie du meinst.« Mit einer raschen Bewegung rückte sie die Tasche auf ihrer Schulter zurecht. »Dann lass uns gehen. Je eher wir das erledigt haben, desto eher kann ich wieder zu meiner Mission zurückkehren.«
Alexander bog die Sträucher auseinander, die den Weg vom Pfad hinab in den Wald versperrten. »Los«, sagte er zu Nic und schob sie an sich vorbei in den Wald. »Geh voraus.«
Es war ein Kampf, sich durch den Wald abseits des Pfades zu bewegen. Die Büsche standen nicht mehr dicht an dicht, doch der gesamte Boden war mit faulenden Blättern, Ästen und Früchten bedeckt, die nicht nur einen unglaublichen Gestank verbreiteten, sondern zum darauf Laufen auch denkbar ungeeignet waren. Mehr als einmal geriet Alexander ins Straucheln und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Nic erging es nicht anders. Bei jedem Schritt versank man ein Stück weit im Boden. Es war beinahe wieder, wie im Sand am Strand umher zu waten.
Doch das Rauschen, das Alexander aus weiter Entfernung vernommen hatte, wurde stetig lauter. Zumindest waren sie auf dem richtigen Weg.
»Glaubst du mir jetzt, dass ich etwas gehört habe?«, fragte er Nic.
»Jaja«, murmelte sie und musste sich mit beiden Händen an einem dicken Baum festklammern, als sie auf einer verfaulten Frucht ausrutschte, die mit einem widerlichen Geräusch zerplatzte. Sobald sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, bückte Nic sich und wühlte in den Überresten der Frucht herum. Angewidert sah Alexander dabei zu, wie kleine schwarze Kerne in ihre Tasche wanderten. Dann richtete sie sich wieder auf.
Das Rauschen war nun sehr laut und Alexander hielt Ausschau nach der Quelle.
»Da vorn«, rief Nic ihm zu, um das Geräusch zu übertönen. Sie wedelte mit den Händen und deutete ein paar Meter weiter vorne nach links. Alexander ging weiter und als er durch die Bäume trat, öffnete sich ein schier unglaublicher Anblick vor ihm. Sie standen an einem Fluss. Aber es war nicht einfach nur ein Fluss, davon hatte es in Biota auch ein paar gegeben. Nein, dieser Fluss stürzte von einer Felskante in fünfzehn, zwanzig Meter Höhe und klatschte mit einem donnernden Geräusch in ein Wasserbecken. Ein Wasserfall. Alexander hatte davon gelesen, doch noch nie einen mit eigenen Augen gesehen.
»Wie schön.« Nics Stimme war über das ohrenbetäubende Rauschen kaum zu hören, doch Alexander wusste auch so, was sie sagte. So etwas Beeindruckendes. Und dabei völlig natürlich. Hier hatte kein Wissenschaftler eingegriffen, um dieses Kunstwerk zu erschaffen.
Sie standen am Fuß des Wasserfalls und das herabfallende Wasser zerstob auf seinem Fall in unzählige winzig kleine Tropfen, die als Nebel über ihren Köpfen hingen und sich als feiner Staub auf ihre Haare und ihre Kleidung niederließen. Es herrschte eine angenehme Kühle. Alexander erwischte sich dabei, wie er die Augen schloss und das Gesicht in Richtung der herabsinkenden Tröpfchen hielt. Er atmete tief ein. Wie schön das war, wie angenehm …
»Wir sollten unser Wasser holen. Deswegen sind wir schließlich hergekommen.« Nics Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
»Gib mir den Beutel, ich werde das machen.« Alexander tauchte den Beutel unter Wasser und sah dabei zu, wie das Wasser hineinströmte und gluckernd silberne Luftblasen herausquollen.
Eine Bewegung zu seiner Linken lenkte ihn ab. Etwas glitt durch das Wasser auf ihn zu. Erschrocken riss er seine Hände mit dem Beutel zurück und sprang einen Schritt rückwärts. Gerade noch rechtzeitig, denn wenige Sekunden später tauchte eine grüne Schlange an der Stelle im Wasser auf, an der er gerade noch gestanden hatte. Sie blieb unter Wasser, doch Alexander konnte erkennen, dass sie ihre Zunge aus dem Maul fahren ließ und den Kopf sanft hin und her bewegte. Sie suchte ihn, sie konnte ihn noch wittern, da war er sich sicher. Er schluckte und schraubte den Beutel wieder zu. Fürs Erste hatten sie genug Wasser. Denn auf keinen Fall würde er jetzt noch mal in diesen See fassen.
Er drehte sich um, die Augen noch auf den Beutel geheftet. »Nic, ich denke …« Weiter kam er nicht, ein heftiger Schlag auf den Kopf schnitt ihm die Worte ab. Er stolperte und fiel. Sein Gesicht lag auf dem Boden. Der faulig-erdige Geruch des Waldbodens drang in seine Nase. Er blinzelte. Blätter lagen direkt vor seinen Augen. Er konnte den Kopf nicht heben. Die Schmerzen waren zu groß. Glühend weiß explodierten sie in seinem Hinterkopf.
»Nic.« Wo war sie? Seine Stimme war schwach, krächzend. Wenn er nicht gewusst hätte, dass er das Geräusch gemacht hatte, hätte er sie nicht wiedererkannt.
Ein unterdrückter Schrei. Irgendwo links. Ein Rascheln. Sie hatten Nic, da war er sich nun sicher. Aber wer waren sie? Er versuchte, sich zu bewegen, doch Schnüre schnitten in seine Handgelenke. Jetzt hörte er sie. Sie unterhielten sich mit gurrenden, kehligen Lauten, aus denen er keine ihm bekannte Sprache erkennen konnte.
»Hey«, murmelte er und versuchte, sie auf sich aufmerksam zu machen. »Hey!«
Den Geräuschen nach zu urteilen, versetzten seine Worte sie in Bewegung.
Grob wurde er an den Oberarmen gepackt und herumgedreht. Er blinzelte. Vor ihm standen drei kleingewachsene Männer, allesamt halb nackt. Nur um die Hüfte trugen sie das Fell eines gepunkteten Tiers. Eines Jaguars? Zwei von ihnen hielten Speere in der Hand, der dritte ein kurzes Messer, das er Alexander auch prompt an die Kehle drückte.
Er sagte etwas in seiner eigentümlichen Sprache und Alexander bemühte sich nach Kräften, etwas davon zu verstehen. Doch es war vergebens. Noch nie in seinem Leben hatte er diese Sprache gehört. Oder auch nur eine, die so ähnlich klang.
Ihm fiel Nic wieder ein. Ging es ihr gut? War sie am Leben? Er verrenkte sich den Hals, als er dem Messer auswich und sich nach ihr umsah. Wo war sie bloß?
Da!
Sie lag ein paar Meter weiter, den Kopf von ihm abgewandt. Eine Wunde auf ihrem Hinterkopf tränkte ihre dunkelblonden Haare mit Blut. Oh bitte … War sie noch am Leben?
»Nic?« Seine Stimme war rau und sein Kopf schmerzte bei jeder Bewegung. »Nic!«
Etwas wurde ihm in die Seite gestoßen. Worte in der fremdartigen Sprache wurden gesprochen. Ganz offenbar galten sie ihm, zwei der Männer starrten ihn direkt an, die Stirn in Falten gelegt. Doch er verstand kein Wort. Und was hatten sie mit Nic gemacht?
»Nic?« Er drehte den Kopf wieder nach hinten, um einen Blick auf sie zu werfen. Am liebsten wäre er zu ihr hinübergelaufen. Vielleicht hätte er ihr helfen können. Zumindest wüsste er dann, ob sie noch am Leben war.
Da! Eine Bewegung. Sie atmete. Alexander blickte gebannt auf ihren Brustkorb. Er hob sich erneut. Sie atmete, kein Zweifel. Alexander seufzte und schloss für einen Moment die Augen.
Brutal wurde er vom Boden gerissen. Seine Füße schleiften über den Waldboden, als die Männer ihn mit sich zogen. Halb hing er mit auf dem Rücken gefesselten Händen von einem von ihnen, halb schleifte er über die Erde hinter ihnen her. Ein anderer Mann trug Nic, ihre Arme hingen schlaff herab und pendelten im Takt seiner Schritte hin und her. Ihr Nacken war gebogen und ihr Kopf hing in einem seltsamen Winkel herab.
»Tun Sie uns nichts, bitte.« Keine Reaktion. Er kam sich albern vor, aber er musste es weiter versuchen. Sie sprachen seine Sprache nicht, aber vielleicht würden sie etwas aus seinem Tonfall heraushören. »Lassen Sie uns gehen, wir haben ihnen doch nichts getan.« Doch es war, als wären die Männer taub. Sie schienen seine Worte nicht einmal wahrzunehmen. »Bitte …« Der Mann, der Nic auf dem Arm trug, unterbrach ihn. Eine rasche Folge von Lauten kam aus seinem Mund. Er sah Alexander direkt an. Er sprach mit ihm, doch er konnte den Mann nicht verstehen! Alexanders Mund wurde trocken. Was jetzt, was jetzt? Wenn Nic doch bloß wach wäre. Ihre Ausbildung in Biota hatte aus so viel mehr bestanden als seine eigene. Vielleicht kannte sie die Sprache oder zumindest eine, die ihr ähnlich war. Vielleicht könnte sie sich auf andere Art mit den Männern verständigen.
Der Mann schien zu bemerken, dass es vergebens war, mit Alexander zu sprechen. Sein Blick wanderte wieder nach vorn und Schweigen legte sich erneut über die kleine Gruppe. Alexanders Arme schmerzten, der Zug, der darauf lastete, wurde von Sekunde zu Sekunde unangenehmer, doch erbarmungslos schleiften ihn die Männer durch den Dschungel. Er verbot sich jeden Gedanken daran, was die Männer mit ihnen anstellen wollten, wenn sie erst einmal an ihrem Ziel angekommen waren. Alexander schloss erschöpft und entmutigt die Augen.
Als er sie wieder öffnete, hatte der Wald sich verändert. Hier wuchsen nur noch kleine Bäume, gerade einmal vier bis fünf Meter hoch. Ein großer Teil des Geländes, das Alexander einsehen konnte, war baumlos. Dort wuchsen kleinere, bis zu einem Meter hohe Pflanzen, die sich unter der Last dicker Schoten bogen.
Auf seiner linken Seite tauchten Bäume auf, die in Reih und Glied standen. Jeder von ihnen trug bunte Früchte. Gelb, rot, orange. Dann sah er die ersten Hütten. Sie bestanden aus Baumstämmen und Pflanzenfasern und standen in einer ordentlichen Reihe am Rand dessen, was eine Straße sein musste. Sie war aus festgetretener, rötlicher Erde und führte schnurgerade an den Häusern vorbei. Als sie vorbeiliefen, traten Menschen aus den Türöffnungen. Sie waren ähnlich gekleidet wie ihre Entführer, die meisten hatten Tierfelle um ihre Hüften geschlungen. An ihren Füßen trugen sie Sandalen aus Holz. Einige der Frauen hatten ein Kleinkind auf den Hüften. Sie alle beobachteten die kleine Prozession, die an ihren Häusern vorbeizog und auf ihren Gesichtern spiegelte sich eine Mischung aus Faszination und Angst. Machten Nic und er ihnen Angst?
Sie hielten an. Ohne Vorwarnung ließ der Mann, der ihn getragen hatte, seine Hände los und Alexander stürzte ungebremst zu Boden und schlug hart mit dem Kopf auf. Als er ihn wieder hob, hatte sich ein roter Fleck auf der Erde ausgebreitet. Es tat nicht allzu weh, doch seine Augenbraue musste beim Aufprall aufgeplatzt sein. Er rollte sich auf den Rücken und das Blut lief an seiner Schläfe hinab bis zu seinem Ohr.
Für einen Moment sah er in den Himmel, an dem inzwischen Wolken die Sonne verdeckten. Dann richtete er sich ein wenig auf und sah sich um. Wo waren sie? Direkt vor ihm ragte ein gigantisches Gebäude in die Luft, neben dem die Hütten der Dorfbewohner erbärmlich winzig wirkten. Es musste fast fünfzig Meter hoch sein und es war aus einem Stein mit einem faszinierenden Grünstich gebaut. Treppenstufen führten auf einer Seite hinauf. Nach oben hin verjüngte sich das Gebäude und endete in einem Quadrat, in das eine Tür eingelassen war.
Die Männer sagten etwas und deuteten auf ihn. Erwarteten sie etwas von ihm? Sollte er etwas tun? Alexander war ratlos und starrte stumm zurück. Was wollten sie von ihm?
Ein Mann kam näher, deutete auf Alexander und dann auf die Treppen. Als Alexander noch immer nicht begriff, deutete er wieder auf Alexander und ging dann zur Treppe. Mit übertriebenen Bewegungen nahm er zwei Stufen und kam dann wieder zurück.
Alexander richtete sich auf. Sie wollten, dass er die Treppe hinaufging? Unsicher sah er zu der Gruppe von Männern. Dann stand er auf und hielt die gefesselten Hände vor seine Brust. Er ging zu den Stufen und warf einen Blick zurück. Die Männer nickten ihm zu. Ein letztes Mal holte er tief Luft, dann stieg er die Stufen hinauf, eine nach der anderen. Obwohl sie von unten perfekt und eben gewirkt hatten, waren sie es nicht. Keine Stufe ähnelte der anderen. Sie waren unterschiedlich hoch, unterschiedlich breit, manche hatten große Kerben, andere waren glatt wie ein Spiegel. Hinaufzusteigen, und das auch noch ohne ein Geländer, an dem man sich abstützen konnte, war glatter Wahnsinn. Alexander beugte sich nach vorn, um der Schwerkraft entgegenzuwirken, doch sein Herz pochte schnell bei dem Gedanken, hinabzustürzen. Er hörte, dass die Männer ihm folgten, vermutlich mit Nic auf ihren Armen. Bitte lasst sie nicht fallen, bitte lasst sie nicht fallen. Bitte lass mich nicht stürzen. Die Worte wiederholte er in seinem Kopf wieder und wieder. Er hatte kaum noch Kraft und das Ende der Treppenstufen war noch lange nicht erreicht. Er keuchte und schnappte nach Luft. Nur nicht anhalten, nicht nach unten sehen. Ruhig ein- und ausatmen, ein Schritt nach dem anderen. Mechanisch, beinahe wie ein Golem, setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er endlich das Ende der Stufen sehen konnte. Noch fünf, vier, drei, zwei … Er erreichte die letzte Stufe und sank auf dem Boden zusammen. Er atmete hastig und versuchte, sich zu beruhigen. Erst dann hatte er die Kraft, sich anzusehen, wo er überhaupt gelandet war.
Er stand auf einer schmalen Plattform, von der aus man einen atemberaubenden Blick über den umgebenden Wald hatte. Sogar den Strand konnte man von hier aus sehen. Auf der Plattform befand sich ein quadratisches Haus - in Ermangelung eines besseren Wortes, beschloss Alexander, es Haus zu nennen -, das eine Öffnung, aber keine Tür hatte und in dem es dunkel war.
Die anderen kamen ebenfalls die Treppe hinauf. Derjenige, der Nic auf seinem Arm trug, war deutlich sichtbar außer Atem, die anderen wirkten so frisch, als hätten sie ein Nickerchen gemacht und wären nicht gerade eine riesige Pyramide hinaufgestiegen.
Der Mann ließ Nic zu Boden sinken. Noch immer rührte sie sich nicht. Alexander betrachtete ihr Gesicht. Zu gerne wäre er zu ihr gegangen, doch er traute sich nicht. Er wusste nicht, was die Männer mit ihnen vorhatten und ob sie ihn angreifen würden, wenn er sich ihr näherte. Nach wie vor hatten zwei von ihnen ihre Speere auf ihn gerichtet und er wollte ihnen keinen Grund geben, sie zu benutzen.
Die Männer wandten sich ab. In einer geraden Reihe stellten sie sich nebeneinander vor der dunklen Öffnung auf.
Sie wandten ihm den Rücken zu!
Kurz entschlossen kroch Alexander zu Nic hinüber und griff nach ihrer Hand. Sie war warm, doch sie hing schlaff in seiner.
»Nic«, murmelte er leise, um die Männer nicht auf sich aufmerksam zu machen. »Nic.« Er stieß sie leicht an der Schulter an. Sie stöhnte. Flatternd hoben sich ihre Lider. Alexander Herz fühlte sich plötzlich federleicht an und er lächelte. »Auch wieder wach?«, begrüßte er sie mit gesenkter Stimme und mit einem kurzen Blick auf die Männer. Jeder von ihnen hatte sein Kinn auf die Brust gelegt und sie alle schienen völlig versunken auf etwas zu warten.
»Wo sind wir?« Nics Stimme war schwach, beinahe wie die eines kleinen Mädchens.
»Ich weiß es nicht. Wir sind anscheinend in ihrem Dorf.« Er deutete auf die Männer. Nics Augen wanderten zu ihnen hinüber und verharrten dort einige Augenblicke.
»Wer sind sie?«
Auch diese Frage konnte er nicht beantworten. »Vielleicht haben sie es mir erklärt, keine Ahnung. Ich konnte sie nicht verstehen.«
Nic bewegte sich vorsichtig und setzte sich auf. Sie stöhnte und hielt sich ihren Kopf. »Das tut vielleicht weh.«
»Ja, sie haben dir eine ziemlich üble Wunde verpasst.«
»Dir aber auch.« Sie betrachtete seine Augenbraue, streckte die Hände aus und fuhr ihm sanft über die Wange.
»Halb so schlimm.« Es tat eigentlich kaum noch weh.
Nic sah sich um und erstarrte. »Wo sind wir hier?«, flüsterte sie. Ihre Augen waren groß und blickten von einer Seite auf die andere. »Das hier ist ziemlich hoch.«
»Ich weiß nicht genau was es ist, die vier haben uns hierhergeschleppt.«
»Wo sind meine Proben?« Hektisch sah Nic sich zu allen Seiten um.
»Keine Ahnung. Nicht hier.«
»Oh nein.« Nich schloss die Augen. »Das ist eine Katastrophe.«
»Das ist eine Katastrophe? Nicht die Kerle da, die uns gefangengenommen haben?« Er deutete auf die Wächter, die neben ihnen auf der Pyramide standen.
»Sie bewegen sich nicht«, stellte Nic fest und betrachtete intensiv die vier Männer.
»Nicht, seitdem wir hier oben angekommen sind«, bestätigte Alexander.
»Sie scheinen auf etwas zu warten.«
»Ja, vielleicht, aber auf was?«
Ihr Gespräch wurde von einem lauten Klingeln und anschließendem tiefen Dröhnen unterbrochen. Einem Reflex folgend, hielt Alexander sich die Ohren zu. Der Ton drang in seinen Körper und brachte ihn zum Zittern.
Nics Gesicht war schmerzverzerrt. Sie saß auf dem Boden, die Hände über den Ohren, und hatte die Augen fest geschlossen.
Noch immer rührten die vier Männer sich nicht.
Doch Alexander erkannte eine Bewegung im Inneren der dunklen Türöffnung. Etwas kam auf sie zu und trat ins Licht. Alexander ließ die Hände sinken. Der Lärm verstummte. Was war das?
Es reichte Alexander bis zur Brust. Eine Maske versperrte den Blick auf das Gesicht, aber es musste ein Mensch sein. Es lief auf zwei Beinen und nun begann es, mit kehligen Lauten auf die Männer einzureden. Der Stimmtiefe nach musste es ein Mann sein. Alexander starrte ihn an. Diese Maske … Sie bestand aus Federn, Knochen und Fellen und bildete einen bunten Totenschädel. Sie bedeckte das ganze Gesicht, selbst die Augen waren dahinter nicht auszumachen. Der Brustkorb des Mannes war nackt, doch bedeckt mit wulstigen Narben und frischen Wunden. Er trug wie die Männer, die sie entführt hatten, nur einen Lendenschurz aus Fell, seiner jedoch war pechschwarz. Seine Beine und Füße waren nackt. Aber das war es nicht, was Alexander innerlich erzittern ließ.
Sein linker Arm war silbern. Mechanisch. Er klickte bei jeder Bewegung, während der Mann mit den anderen Männern sprach. Diese Technologie … Wie vielen war sie bekannt? Wie viele Menschen auf der Welt wussten, wie man diese mechanischen Transplantate herstellte und anwendete? Woher konnte ein Mann, der mitten im Dschungel wohnte, ein so hochtechnologisches und furchtbar teures Implantat haben? Noch dazu war die Arbeit herausragend, um das zu erkennen, musste man kein Experte sein. Die Bewegungen waren weich und lebensecht, der einzige Unterschied zu einem normalen Arm und einer normalen Hand waren Farbe und Geräusche.
»Wie ist das möglich?« Nic war aufgestanden und trat nun an seine Seite. »Das.« Sie deutete auf den Arm des Mannes. »Wie ist das möglich?« Sie sprach laut. Zu laut. Der Mann mit der Maske unterbrach sein Gespräch und wandte sich ihnen zu. Er schien sie zu mustern. Es vergingen viele Sekunden, ohne dass der Mann sich wieder bewegte. Dann jedoch hob er den silbernen Arm, und der Zeigefinger deutete auf Alexander. Die Maske verzerrte seine Worte, ließ sie dumpf klingen, als kämen sie vom Grund eines tiefen Schachts. Auch die Männer mit den Speeren und dem Messer blickten sie an. Ihre Mienen waren von erwartungsvoller Vorfreude erhellt. Der Mann mit der Maske kam auf Alexander zu und griff nach seinem Arm. Instinktiv wehrte Alexander sich, doch der Mann schob die Ärmel seines Hemdes nach oben und zerrte an dem Band, das seine Tätowierung verbarg. Als es sich löste, stieß er einen triumphierenden Laut aus und ließ Alexander wieder los.
Alexander wich zurück, so weit, wie er sich an die Kante herantraute.
»Hören Sie mir zu«, begann nun Nic zu sprechen. Ihre Stimme war laut und ruhig. »Ich weiß nicht, was sie von uns wollen, doch ich kann Ihnen versichern, dass wir Ihnen nichts tun werden. Lassen sie uns gehen und sie werden uns nie wiedersehen.«
Alexander schluckte. Die Gesichter der Männer drückten Unverständnis aus. Wie sollte es auch anders sein? Sie verstanden sie nicht, so wie auch Alexander ihre fremdartige Sprache nicht verstand.
»Ihr … nicht … gehen.«
Nic keuchte und Alexander hatte das Gefühl, dass sein Herz für einen Schlag aussetzte. Es war der Mann mit der Maske, der zu ihnen gesprochen hatte.
Er nahm all seinen Mut zusammen. »Warum dürfen wir nicht gehen?« Es musste doch etwas geben, was diese Menschen von ihnen wollten. Vielleicht Gold? Vielleicht anderes Metall? Vielleicht den Weg nach Biota? Oder die Koordinaten von Roatán? Alles schien möglich.
»Vorherbestimmt.«
»Vorherbestimmt? Sie meinen, unsere Gefangennahme ist vorherbestimmt?« Nic klang entrüstet. Alexander hoffte inständig, dass sie vernünftig blieb. In dieser Situation waren sie die Unterlegenen, nicht diejenigen, die das Sagen hatten.
»Nein, nicht gefangen.« Eine Pause entstand. Der Mann mit der Maske schien nach Worten zu suchen. »Rettung.«
Alexander kniff die Augen zusammen. Rettung? Was sollte das bedeuten?
»Ihr seid unsere Rettung?« Nic sah den Mann ungläubig an. »Wie?«
»Nein.« Wieder eine Pause. »Unsere.«
»Wir sind also Ihre Rettung?« Nic lachte kurz und freudlos auf. »Und deswegen bringen Sie uns hierher?«
»Hier … heilig.« Der Mann deutete auf die Pyramide und das dunkle Quadrat hinter sich. »Gehen.« Mit dem Wink seiner mechanischen Hand setzten die Männer sich in Bewegung und griffen abermals nach Alexanders Armen. Er war zu überrascht und zu verwirrt, um sich zu wehren, doch das galt nicht für Nic.
»Nein, halt! Das ist keine Erklärung. Stopp!« Sie brüllte und trat um sich, Alexander hörte das Klatschen eines Schlags, dann wieder Nics Schreie. »Das können Sie nicht tun! Man wird uns suchen, verstehen Sie?«
Ein Murmeln und Nic verstummte. Die beiden Männer, die Alexander festhielten, zogen ihn mit sich fort, hinein in das Dunkel des Quadrats. Der Mann mit der Maske wandte sich um und sah ihnen schweigend nach.
Im Inneren des Hauses roch es seltsam. Eine perverse Mischung aus ekelhaft und angenehm. Wie verdorbenes Fleisch und edle Öle. Blut und Parfum. Es war gar nicht so dunkel, wie Alexander gedacht hatte. Es waren mehrere Räume, der erste, in dem sie nun standen, war offenbar zum Aufenthalt gedacht. Breite Bänke, gepolstert mit dicken Kissen, an den Wänden luden zum Sitzen ein. Ein großer Tisch mit Stühlen diente wohl zum Essen und Regale an den Wänden beherbergten allerlei Krimskrams, der jedoch weitestgehend in der Dunkelheit versank. Die Männer stießen Alexander und Nic hinein. Ihr Blick war wild und wütend. Sogleich wirbelte sie herum. »Hey! Ich wünsche eine Erklärung. Was habt ihr mit uns vor?« Doch die Männer schwiegen. Schlimmer noch: Sie drehten ihnen den Rücken zu und versperrten mit ihren Körpern den Ausgang.
»Das gibt es doch wohl nicht.« Nics Stimme wurde leiser. Ihre Arme hingen schlaff an den Seiten herab. »Ist das deren Ernst?« Sie wandte sich an Alexander.
Er zuckte die Achseln. »Was hast du erwartet? Dass sie einfach sagen ‚Tut uns leid, war ein Versehen, ihr dürft wieder gehen‘?«
Nic schnaubte. »Nein, natürlich nicht. Aber was haben sie bitte mit uns vor? Es muss doch eine Erklärung für diesen Irrsinn geben. Niemand nimmt Gefangene und will dann nichts von ihnen. Und was ist das hier für ein seltsamer Ort?« Zum ersten Mal blickte sie sich in dem Haus um. »Das sieht aus …«
»Wie ein normales Haus? Ja, ist mir auch schon aufgefallen.«
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