Kitabı oku: «Evolution ohne uns»
JAY TUCK
EVOLUTION
OHNE UNS
Wird Künstliche Intelligenz uns töten?

Copyright der deutschen Ausgabe 2016:
© Börsenmedien AG, Kulmbach
Copyright der deutschen Taschenbuchausgabe 2021:
© Börsenmedien AG, Kulmbach
Covergestaltung: Johanna Wack
Gestaltung und Satz: Bernd Sabat, VBS-Verlagsservice
Herstellung: Daniela Freitag
Lektorat: Hildegard Brendel
Korrektorat: Egbert Neumüller
eISBN 978-3-86470-729-2
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Ein solches Buch ist nie allein eine Eigenleistung. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Mitautor, dem Berliner Journalisten Armin Fuhrer, herzlichst bedanken. Ohne seine hilfreichen Texte und Entwürfe, Anregungen und Korrekturen, vor allem ohne seine Motivation, wäre das Buch nie so gut geworden. Mein Dank gilt außerdem Hildegard Brendel mit ihrer unvernichtbaren Geduld und guten Laune sowie meiner geliebten Ehefrau Heidi, die mir mit unermüdlicher Kraft, geduldigem Durchhaltevermögen und professionellem Schreibgefühl von Anfang bis Ende beigestanden hat.
Jay Tuck
„Künstliche Intelligenz kann die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden. Bedauerlicherweise kann sie auch die letzte sein.“
Stephen Hawking, Astrophysiker
„Künstliche Intelligenz ist die größte existenzielle Bedrohung für die Menschheit. Wir beschwören den Teufel.“
Elon Musk, Tesla
„Künstliche Intelligenz kann für die Menschheit gefährlicher werden als Atomwaffen. Sie ist das größte Risiko dieses Jahrhunderts.“
Shane Legg, DeepMind
„In wenigen Jahrzehnten wird sie uns überholen. Haben wir sie bis dahin nicht im Griff, wird unsere Zukunft sehr aufregend. Und sehr kurz.“
Eric Drexler, Pionier der Nanotechnologie
„Die Zukunft ist sehr beängstigend und für die Menschheit schlecht.“
Steve Wozniak, Apple-Gründer
„Eine starke KI wäre wie eine Invasion Außerirdischer. Wir würden sie nicht fragen, ob sie uns mit der Wirtschaft hilft. Wir würden sie fragen, ob sie uns umbringt.“1
Peter Thiel, Mitbegründer von Paypal
„Am Ende wird sich die Robotik durchsetzen. Es ist ganz klar, dass die Menschheit aussterben wird.“
Hans Moravic, Carnegie Mellon University
„Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Menschen beunruhigt sind.“
Bill Gates, Microsoft-Gründer
Inhalt
EINLEITUNG
GEDÄCHTNIS – Die Speicher-Explosion
Chelsea
Edward
Big Data, Big Danger
Schmelztiegel für Daten
Das Werkzeug der Wächter
Vorsicht, Kamera!
Mossad-Mord im Fernsehen
BEWAFFNUNG – Das Arsenal der Killermaschinen
Augen über Afghanistan
Playstation-Piloten
Die Geister von Groom Lake
Militärmücken und Mikrowaffen
Atombomben und Tennisbälle
Zeitalter des Cyberkriegs
KI, übernehmen Sie!
INVENTAR – Von der Wiege bis zum Grabe
Kinderkram
Das Sexleben von Minderjährigen
Kartentricks
Horchposten in der Hosentasche
Social-Spionage-Medien
Die Straßen-Spione
Kinder und Container
Augen im Aufzug
Versunken im Datenmeer
Schmelztiegel Speicherplatz
Obamas Machtmaschine
Die neue Klassengesellschaft
ABWEHR – David gegen Googliath
David gegen Googliath
Richtlinien von Richtern
Die Angst-Industrie
Der Gangster und die Menschenrechte
INTELLIGENZ – Wenn Maschinen uns überholen
Die letzte Errungenschaft
Die Geburt des Google-Gehirns
Der Guru von Google
Das ewige Leben
Die verlorene Generation
Außer Kontrolle
Der Untergang
SCHUTZ … bevor es zu spät ist
Die nationale Lösung
Auf Ebene der EU
Hoffnung am East River
Das Gleichgewicht des Schreckens
Gewissen in der Grundforschung
Freund und Helfer NSA?
Wir als Waffe
KI im Kampf gegen COVID-19
ANHANG – Fußnoten
EINLEITUNG

„Künstliche Intelligenz kann die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden. Bedauerlicherweise kann sie auch die letzte sein.“
Stephen Hawking, Astrophysiker
Wir sind zu doof dafür.
Und deswegen werden wir die Bedrohung durch Künstliche Intelligenz wahrscheinlich erst erkennen, wenn es zu spät ist. Künstliche Intelligenz wächst nämlich mit exponentieller Geschwindigkeit. Ein menschliches Hirn kann exponentielles Wachstum nicht begreifen. Nicht wirklich. Lineares Wachstum, also x Prozent im Jahr, können wir nachvollziehen. Aber Größen, die sich ständig vervielfachen, sind schnell jenseits unserer kognitiven Vorstellungskraft.
Exponentielles Wachstum kennt man in der Mathematik. So wollte Sissa ibn Dahir, Erfinder des Schachspiels, wissen, wie viel Reis auf ein Schachbrett passt, wenn man die Zahl der Körner mit jedem Feld verdoppelt. Auf das erste Feld sollte ein Korn gelegt werden, auf das zweite Feld zwei Körner, dann vier, dann acht und bis zum 64. Feld immer wieder das Doppelte.
Auf dem letzten Feld, so sein Rechenexempel, würden 9,22 x 1018 Körner liegen – mehr als 9 Trillionen Körner (9.220.000.000.000.000.000) mit einem Gesamtgewicht von 270 Millionen Tonnen. Diese Reismenge würde ganz Deutschland in einer Höhe von 2 cm abdecken.
Es erzeugt Größenordnungen, die für den Intellekt eines normalen Menschen kaum begreiflich sind. Deswegen verstanden wir es nicht, als sich die IT-Industrie mit exponentieller Geschwindigkeit entwickelte. Die Tragweite solchen Wachstums sprengt unsere Vorstellungskraft. Unbemerkt ist der weltweit verfügbare Speicherplatz der Menschheit faktisch ins Unermessliche gewachsen.
Mit jedem Schritt hat sich die Speicherkapazität von Heimcomputern vertausendfacht – von Kilobyte-Floppy auf Megabyte-Diskette, von Gigabyte-Speicherkarte auf Terabyte-Festplatte. Heute wird sie in den Serverparks von Nachrichtendiensten und Wirtschaftsunternehmen schon in Petabytes gemessen. Die mathematischen Fachbegriffe, die auf uns noch zukommen, stellen weitere Quantensprünge um das Tausendfache dar: Exobytes, Zettabytes, Yottabytes, Brontobytes und Geopbytes – Größenordnungen, die unser Gehirn nicht erfassen kann.
Big Data kann man sich vorstellen als die Möglichkeit, unbegrenzt menschliche Informationen aller Art zu speichern. Wir haben sie nicht kommen sehen und die Folgen für unsere Demokratie nicht erkannt. Erst Medienberichte über Julian Assange und Edward Snowden machten uns klar, dass staatliche Überwachung allgegenwärtig ist, dass unsere Telefonate, E-Mails und SMS-Texte flächendeckend mitgeschnitten und für ewige Zeiten festgehalten werden. Unser demokratischer Staat wurde von den Folgen von Big Data überrumpelt. Datenschutz wird ignoriert, Grundrechte außer Kraft gesetzt, Völkerrecht umgangen.
Überwachung ist aber keineswegs auf Geheimdienste beschränkt; das Ausmaß ist erst in der Privatwirtschaft erkennbar. Facebook sammelt unsere Gesichter, Apple unsere Fingerabdrücke, Amazon unsere Vorlieben. Und Google eigentlich alles. Überwachung ist Alltag. Und wächst auch exponentiell.
Zwischen der Entstehung des Homo sapiens vor zwei Millionen Jahren und dem Jahr 2020 hat die gesamte Menschheit geschätzte 295 Exobytes an Information produziert. Heute wird diese Datenmenge alle zwei Jahre erzeugt.
Das sind Massen, die nur durch Maschinen beherrschbar sind. Eine Erfassung, Verwaltung oder Auswertung durch die kognitiven Fähigkeiten von Menschen ist undenkbar. Auch die Software, die Menschen schreiben, kann dies nicht bewältigen. Supercomputer mit autarker Supersoftware sind die einzige Lösung. Sie müssen lernfähig sein, ihre Updates und Erweiterungen selbst schreiben. Um die Künstliche Intelligenz sinnvoll zu nutzen, müssen wir umdenken.
Die Definition von Bildung zum Beispiel hat sich durch zwei Worte verändert: „Googel es!“ Das Wissen ist da. Wir müssen es uns nicht im Rahmen eines langwierigen Bildungsweges mühsam aneignen. Wir müssen nur den Zugang schaffen. Das gesamte Wissen der Menschheit steht – mit wenigen Ausnahmen – jedermann zur Verfügung. Wir müssen es nur finden und analysieren können. Ein modernes Bildungssystem muss sich als Wegweiser durch die Datenmassen verstehen.
In ihrer Geschichte haben es die Menschen immer verstanden, Maschinen für die schweren Aufgaben einzusetzen – um die komfortable Reisekutsche durch die Gegend zu ziehen oder den schweren Dachbalken beim Bau zu heben. Mit den raffinierteren Erfindungen von heute können wir Milliarden Lichtjahre ins Weltall oder tief in die Bruchteile einer atomaren Mikrowelt schauen.
Big Data rollt heute wie ein Tsunami auf uns zu. Die Datenmenge wächst exponentiell. Künstliche Intelligenz wird helfen, sie zu bewältigen. Täglich wird sie unabhängiger und unübersichtlicher. Sie ist autark. Sie entwickelt sich ohne uns immer weiter. Mit rasender Geschwindigkeit.
Wir sind nicht nur zu doof, um sie zu begreifen.
Wir sind zu langsam.
Beim Lesen der folgenden Kapitel bedenken Sie bitte, dass wir erst am Anfang dieser umwälzenden Entwicklung stehen. In den folgenden Kapiteln werden nur die ersten Babyschritte von Künstlicher Intelligenz beschrieben. Technologie entwickelt sich schnell.
Und wird immer schneller.
Als Johannes Gutenberg die Druckerpresse im Jahr 1440 erfand, hatte die Gesellschaft Hunderte von Jahren Zeit, um die Folgen der Massenmedien zu begreifen. Als James Watt die Dampfmaschine im Jahr 1769 erfand, dauerte es gut 80 Jahre, bis Textilarbeiter begriffen, dass ihre Arbeitsplätze dadurch gefährdet waren.
Bis 50 Millionen Anwender erreicht wurden, dauerte es beim Automobil 62 Jahre, beim Handy 12 Jahre, bei Pokémon Go ganze 19 Tage. Die Gesellschaft hat immer weniger Zeit, Neuentwicklungen zu verdauen, Konsequenzen zu erkennen und Regelungen – soweit erforderlich – zu beschließen.
Stein um Stein kreieren wir die Bauteile eines neuen Wesens. Auf den Servern von Big Data ist ein Gedächtnis entstanden, so groß wie das menschliche Wissen. Mit der internationalen Vernetzung von Überwachungskameras haben wir Augen kreiert, die alles sehen. Armbanduhren und Automobile, Barbiepuppen und Baumaschinen, Smartphones und Sensoren lassen wir mit Künstlicher Intelligenz genauso ausstatten wie die Smartwaffen der Supermächte.
Die Künstliche Intelligenz, die diese Systeme steuert, ist stark, autark und noch aufgeteilt in viele kleine Systeme. Heute sind sie einzelne Inseln. Sie wachsen aber täglich enger zusammen. Die Keime von Künstlicher Intelligenz werden wie Quecksilbertropfen zueinanderfinden. Die KI wird eine Superintelligenz bilden, die unserer um ein Tausendfaches überlegen ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir heute erst am Anfang dieses Zeitalters stehen.
Wir haben wenig Spielraum, diese Entwicklung in den Griff zu bekommen. Die größten Denker von Silicon Valley sind überzeugt: Die Menschheit befindet sich in einem Endspiel.
„Künstliche Intelligenz ist die größte existenzielle Bedrohung für die Menschheit. Wir beschwören den Teufel.“
Elon Musk, Tesla
Heute erleichtert die Künstliche Intelligenz unser Leben. Lernfähige Software, die eigene Updates schreibt, existiert im Ansatz schon in Autos und Armbanduhren, in der Pharmaforschung und im Versicherungswesen, in Smart Homes und Smart Cities. Sie fliegt den Airbus und sortiert Amazon-Bestellungen, analysiert Vorlieben und Vorhaben bei Facebook und sortiert Menschen für Google und Geheimdienste. Auf den Finanzmärkten der Welt wickelt sie Milliardengeschäfte ab. In Operationssälen führt sie schon Skalpelle.
In den Wochen, in denen diese Aktualisierung geschrieben wird, wird die Menschheit daran erinnert, wie verwundbar sie ist. Im letzten Kapitel des Buches wird die Rolle der Künstlichen Intelligenz im globalen Kampf gegen COVID-19 detailliert beschrieben. Es ist ein Beispiel, wie KI heute in der Lage ist, viele hochkomplexe Aufgaben, die früher Spitzenpersonal anvertraut waren, zu übernehmen. Mit jedem Tag übernimmt sie immer mehr Verantwortung in unserer Gesellschaft.
„Sie wird anders als ein Mensch sein. Sie wird sich mit einer Geschwindigkeit entwickeln, die für einen Menschen nicht begreiflich ist.“
Robert Finkelstein, CEO Robotic Technology
Wir kreieren etwas, was wir nicht verstehen, ein Wesen, das uns in vielfacher Hinsicht überlegen ist. Es vollzieht schon heute Dinge, die wir nicht nachvollziehen können.
Ist es ein Frankenstein-Monster, das hier entsteht – von der Wissenschaft ins Leben gerufen, aber demnächst jenseits unserer Kontrolle? Wird Künstliche Intelligenz bald eigene unerklärliche Ziele verfolgen? Und könnte Künstliche Intelligenz – im Gegensatz zum Filmmonster – leicht die Oberhand gewinnen, wie der britische Astrophysiker Stephen Hawking warnt?
„Künstliche Intelligenz könnte die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden. Bedauerlicherweise könnte sie auch die letzte sein.“
Stephen Hawking, Astrophysiker
Dabei sind die Programme, die von Künstlicher Intelligenz in Mikrosekunden hergestellt werden, häufig für die eigentlichen Erfinder nicht ganz nachvollziehbar, womöglich auch nicht ganz kontrollierbar. Eines nicht so fernen Tages werden wir es mit einem Wesen zu tun haben, dass das Wissen der gesamten Menschheit speichern kann und über die Intelligenz verfügt, es blitzschnell auszuwerten.
Die klügsten Köpfe von Silicon Valley schlagen Alarm. Visionäre wie Elon Musk und Bill Gates, Steve Wozniak und Stephen Hawking, sowie Tausende andere IT-Forscher weltweit sind überzeugt, Künstliche Intelligenz wird uns bald überholen und beherrschen.
Viele glauben, sie könnte uns töten.
Einige sind überzeugt, sie wird uns töten.
JAY TUCK
ARMIN FUHRER
„Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Menschen beunruhigt sind.“
Bill Gates, Microsoft-Gründer
GEDÄCHTNIS

Die Speicher-Explosion
Chelsea
Die weltweite Panik um Big Data haben zwei Amerikaner ausgelöst. Einer von ihnen war Chelsea.
Sie sieht nicht aus wie ein Weltverbesserer. Sie ist blass und blond, schüchtern und verstört. Sie spricht leise mit wenig Augenkontakt, achselzuckend und unsicher. Aber sie hat Geschichte gemacht, daran besteht kein Zweifel. Sie brachte die Spione einer Supermacht zum Zittern.
Chelsea bürstet das blonde Haar zurück. Ihre Akne-Narben hat sie ganz gut mit dem Abdeckstift kaschiert, der Lidstrich betont ihre Augen. Mit Lidschatten wäre das Ergebnis besser geworden. Das wurde ihr aber nicht gestattet.
Chelsea sitzt nämlich in einem Männergefängnis – im US-Militärgefängnis Fort Leavenworth, um genau zu sein. Der Knast ist für sie ein täglicher Spießrutenlauf zwischen Schwerstkriminellen, Männern ohne Manieren. Sie pfeifen und pöbeln, brüllen und beleidigen. Ihre Häme kann erbarmungslos sein. Aber Häme ist Chelsea immerhin lieber als Härte. Sie sehnt sich nach Weiblichkeit.
Held oder Hassfigur?
Verurteilt wurde Chelsea noch als Mann, Private First Class Bradley Manning, Geheimnisträger der US-Armee. Unter dem Namen war er noch bei der Einweisung registriert, als Gefangener Nr. 89289. Manning ist der prominenteste Gefangene in Leavenworth, ein Held für viele Kriegsgegner, ein Hassobjekt für viele Militärs. Nach dem Gesetz ist er ein verurteilter Straftäter, schuldig in zwanzig Anklagepunkten, inklusive Spionage gegen die USA. Voraussichtlich wird Leavenworth sein Aufenthaltsort für die kommenden 35 Jahren bleiben.
Seine Tat: der Diebstahl von Hunderttausenden von Geheimdokumenten der US-Army, die er in enger Zusammenarbeit mit Julian Assange in dem Untergrund-Enthüllungsblog WikiLeaks veröffentlichte.
Einige Dokumente waren hochbrisant, wie zum Bespiel das Bordvideo eines B-1-Bombers. Es zeigte einen US-Angriff auf das afghanische Dorf Granai, bei dem über einhundert Zivilisten ums Leben kamen, darunter Frauen und Kinder.2 Die Aufzeichnungen lösten große Diskussionen über mögliche amerikanische Kriegsverbrechen in Afghanistan aus.
Undiplomatische Depeschen
Andere Dokumente belegten geheime Vorgänge im Krieg, die offiziell abgestritten wurden. Noch andere zitierten aus vertraulichen Depeschen, wo Politiker und Diplomaten im vermeintlich vertraulichen Austausch ihre – oft wenig schmeichelhaften – Einschätzungen und Kommentare über die Führungsspitze anderer Länder austauschten. In vielen Fällen hatte die Veröffentlichung peinliche Folgen für die US-Außenpolitik.
Die Massendaten von Manning bildeten den Kern für die Enthüllungen von Julian Assange – und für das Renommee seiner Enthüllungsplattform WikiLeaks.
Dass ein einfacher Soldat unbemerkt an derartig viele Geheimdokumente herankommen konnte, lag nicht nur an der Arglosigkeit der Sicherheitsbehörden. Die Zeiten hatten sich geändert. Die Digitalisierung von diplomatischen Depeschen war in vollem Gang. Big Data hatte hohe Priorität. Für die Führung des Pentagons hatte sie viele Vorteile. Große Mengen an Informationen könnte man schnell speichern, sortieren und in kürzester Zeit auswerten. Katalogisierung war automatisch, Zugriff blitzschnell.
Aber Big Data war auch Neuland. Es änderte die Spielregeln der Spionage. In früheren Zeiten brauchte ein Spion für eine solche Aufgabe eine Sonderausrüstung – Minikamera, Fotolabor für die Filmentwicklung und ein gutes Versteck für die Mikrofiche-Aufnahmen, vielleicht unter einer Briefmarke. Längst vorbei waren die Zeiten, als man einzelne Dokumente ablichten musste. Mit einem kleinen USB-Stick konnte ein Spion jetzt im Handumdrehen Hunderttausende von Geheimdaten stehlen. Für Bradley Manning war das ein leichtes Spiel.
Er war Pionier. Und er führte den Mächtigen die neue Verwundbarkeit ihrer Geheimnisse vor. Sie würden lernen müssen, dass sich die Welt der Hochleistungscomputer verändert hatte.
Bradley Edward Manning hatte eine schwierige Kindheit. Er wurde am 17. Dezember 1987 in Crescent im US-Bundesstaat Oklahoma geboren. Sein Vater, damals Analytiker beim Militärischen Abschirmdienst, war ein sehr dominanter Mann, ein Trinker. Seine Mutter trank auch. In den Akten steht ein Selbstmordversuch. Für Freunde und Nachbarn war unübersehbar, dass die Familie gestört war.
Alkoholprobleme hatte Manning schon vor der Geburt. Wie spätere Untersuchungen zeigten, hat er bereits als Embryo Schäden aus der Sucht seiner Mutter mitbekommen.
In seiner frühen Kindheit ließen sich seine Eltern scheiden. Danach wurde er zwischen Elternteilen und Stiefeltern, Nachbarn und Verwandten hin und her geschoben. Als durch die Zweitheirat seines Vaters eine neue Halbschwester in sein Leben kam, klagte er: „Jetzt bin ich ein Niemand!“
Danach bedrohte er im Streit seine neue Stiefmutter mit einem Messer. Die Polizei kam.
Mit 13 Jahren erzählte er erstmals Freunden von seiner Homosexualität.
Nach einem kurzen Job als Software-Entwickler meldete sich Manning freiwillig zur Armee. Es war September 2007. Er hoffte, dort sein Studium zu finanzieren. Er hoffte auch, dass ein männliches Umfeld ihm womöglich mit seiner Geschlechtsidentität helfen könnte.
Doch es kam anders.
Er wurde Prügelknabe. „Er war kleinwüchsig. Er war schwul. Er hat’s von allen Seiten bekommen“, erinnert sich ein Kumpel aus seiner Armee-Zeit. „Nirgendwo hatte er Freunde.“
Manning war ein schwieriger Kandidat. Wenn er – wie bei der Militärausbildung üblich – aus nächster Nähe von seinem Sergeant angeschrien wurde, brüllte er zurück. Er wurde mehrfach dafür diszipliniert. Vorgesetzte nannten ihn spöttisch „General Manning“.
Nach sechs Wochen war bereits absehbar, dass er sich schlecht an die Militärdisziplin gewöhnen konnte. Es kam die Empfehlung, ihn aus der Armee zu entlassen. Es war aber die Zeit der Digitalisierung. Seine Einheit war überlastet. Manning war Software-Fachmann und Geheimnisträger (Top Secret/Sensitive Compartmented Information). Der Militärische Abschirmdienst brauchte ihn.
Manning durfte bleiben.
Er war aber immer noch ein schwieriger Soldat.
Bei einem Beratungsgespräch im Dezember 2009 flippte er aus. Er schrie seine Vorgesetzten an und schmiss ihre Schreibtische samt Computer auf den Boden. Ein Militärpolizist musste eingreifen. Manning wurde entwaffnet und im Würgegriff aus dem Raum geschleppt.
Wenige Monate später wurde er von einem Offizier auf dem Fußboden einer Vorratskammer entdeckt, gekrümmt in Embryoposition liegend. Neben ihm lag ein Messer. In einen Stuhl hatte er die Worte „Ich will“ (I want) eingeritzt. Einige Stunden danach schlug er grundlos auf eine Soldatin ein. Der diensthabende Psychiater empfahl die Entlassung aus der Armee. Manning wurde degradiert.
Aber nicht entlassen.
Drei Tage später wurde er von der Military Police verhaftet.
Wegen Spionage.
Die Spur zurück
Die Dokumente, die er zu Hunderttausenden kopiert und an Julian Assange weitergeleitet hatte, enthielten Hinweise, die bis an die Quelle zurückverfolgt werden konnten. Die Spur führte zu Manning. Er wurde identifiziert, verhaftet und verurteilt.
Seitdem sitzt er in Haft.
Begonnen hat Manning mit dem Diebstahl im Januar 2010, zunächst mit 400.000 Geheimdokumenten. Die wurden später als die „Iraq War Logs“ weltweit in der Presse bekannt.
Es war der erste große Datenklau im Zeitalter von Big Data – erleichtert durch schnelle, kleine und leicht zu bedienende Speichertechnik. Der Datenklau wurde auch durch den sorglosen Umgang mit elektronischen Geheimdaten begünstigt.
Im Jahr 2010 befand sich das US-Militär in der Anfangszeit von Big Data. Es besaß große Mengen von diplomatischen Depeschen und Geheimdienstberichten, die noch nicht in digitaler Form waren. Die Digitalisierung war Eilsache, denn erst elektronische Files können schnell gespeichert, detailliert analysiert und über große Netzwerke verschickt werden. Verschlüsselte Dateien seien auch sicherer.
Dachte die Army.
Tatsächlich eröffnete die magische Welt der Massendaten Hackern und Dieben Tür und Tor. Mit einem kleinen Speicherstift konnte ein einfacher Soldat seine umfangreiche Beute unauffällig, schnell und vollständig sichern.
Manning hatte die neue Technologie auf seiner Seite. Nur drei Tage nach seinem Irak-Download machte er sich wieder an die Arbeit. Diesmal schnappte er sich 91.000 vertrauliche Depeschen aus Afghanistan. Technisch – berichtete er später – war es ein Kinderspiel. An seinem Arbeitsplatz gab es so gut wie keine Aufsicht.
Manning kam mit einem USB-Stick aus. Mit einem paar Mausklicks konnte er ganze Archive kopieren. In der Hosentasche konnte er sie unbemerkt von seinem Arbeitsplatz beim Geheimdienst herausschmuggeln. Zurück in der Kaserne brannte er seine Beute auf CD und beschriftete sie als „Lady Gaga Songs“. Niemand wurde misstrauisch. Als er später die Heimreise nach Amerika antreten sollte, übertrug er die hochbrisanten Daten auf einen winzigen SD-Chip und steckte ihn in seinen Fotoapparat.
Es war so einfach.
Niemandem fiel das auf.
Bis die ersten Dokumente in WikiLeaks erschienen.
Die Veröffentlichungen – Tausende von internen Militärberichten und vertraulichen Depeschen von Diplomaten – lösten eine weltweite Welle von Presseberichten aus. Die Schockwellen reichten bis tief ins US-Außenministerium und in die obersten Ebenen der Nachrichtendienste. Hektisch begann die Spionageabwehr mit Nachforschungen. Mithilfe der vielzähligen Details in den Depeschen konnte die Quelle schnell ausgemacht werden.
Prozess
Der Prozess fand am 3. Juni 2013 vor einem Militärgericht in Quantico statt.
Seine Verteidiger wollten Manning als „Gewissenstäter“ darstellen. Doch sein Status als Soldat, dazu als vereidigter Geheimnisträger der US-Streitkräfte, erschwerte diese Strategie. Anzuwenden waren Militärgesetze. Er stand vor einem Militärgericht und die Richter zeigten wenig Neigung, mildernde Umstände anzuerkennen oder Nachahmer durch eine leichte Strafe zu ermutigen.
Von dem schwersten Vorwurf wurde der junge Soldat freigesprochen. Landesverrat habe er nicht begangen, denn die Geheimunterlagen wurden nicht an Feinde verraten. Empfänger war die Weltöffentlichkeit.
Doch seine Handlung galt durchaus als Verrat von Militärgeheimnissen, keine Kleinigkeit für einen Mann in Uniform. Manning erfüllte damit den Tatbestand der Spionage.
Am 21. August 2013 wurde Bradley Edward Manning zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt, schuldig in insgesamt 20 Anklagepunkten. Am Tag nach der Urteilsverkündung trat sein Verteidiger in der beliebten US-Talkshow mit David Letterman auf. Sein Mandant, erklärte er dem TV-Publikum, möchte nun als Frau gesehen werden. Ein halbes Jahr später wurde die Namensänderung anerkannt.
Aber im Knast wird Chelsea nach wie vor als Mann behandelt. Ein Antrag auf Verlegung in ein Frauengefängnis wurde ebenso abgelehnt wie der Wunsch auf eine Hormonbehandlung und eine Geschlechtsoperation. Er darf lediglich Frauenunterwäsche tragen.
Auf der Flucht
Am Ende konnte Julian Assange seinen Informanten nicht schützen. Er hatte keine Erfahrung mit dem Schutz von Quellen. Er selbst war kein Journalist. Außerdem hatte er eigene Probleme.
Er verfolgte das Verfahren und die Verurteilung seines Informanten aus der Botschaft Ecuadors in London. Dort hält er sich seit dem 20. Juni 2012 als Flüchtling auf.
Schweden sucht den WikiLeaks-Gründer mit Haftbefehl wegen sexueller Nötigung. Nur auf dem exterritorialen Boden der Botschaft kann er unbehelligt bleiben. Vor der Tür warten ein britischer Bobby, seine sichere Verhaftung und die Auslieferung nach Schweden. Von dort – so fürchtet Assange – könnte er womöglich in die USA ausgeliefert werden.
Ursprünglich wollte Julian Assange sechs bis zwölf Monate unter dem diplomatischen Schutz Ecuadors ausharren. Daraus sind mehrere Jahre geworden. „Ich sehe weniger Sonnenlicht als Gefängnisinsassen“, klagt er.
Hin und wieder empfängt er Journalisten und spricht Kommentare in die Kameras. Häufig lässt er durchblicken, dass er – nach nunmehr fast drei Jahren auf der Flucht – gern nach Hause reisen würde.
Julian Assange weiß jedoch: So schnell wird das nicht passieren.
Star oder Staatsfeind
Ob als Star gefeiert oder als Staatsfeind verflucht, Bradley Manning ist sein Platz in der Geschichte der Informationsgesellschaft sicher. Durch seine Enthüllungen wurde deutlich, dass im Zeitalter von Big Data auch die Spionagedienste der Supermächte verwundbar sind. Mit relativ schlichten technischen Mitteln können sich Einzelpersonen wie Manning oder Assange Hunderttausende von geheimen Dokumenten unter den Nagel reißen und in die Weltöffentlichkeit zerren.
Sie brauchen dazu nicht – wie früher – die Mitwirkung einer großen Zeitung.
Das geht auch so.
Über das Internet.
Manning hat der Weltöffentlichkeit gezeigt, wie das geht.
Er war aber nicht der Einzige.
Edward
Es geht um die NATIONALE SICHERHEIT!“, empört sich der junge Blogger und hämmert seinen Text mit Versalien und Ausrufungszeichen in die Tastatur.
„So einen Mist schreibt man nicht in der Zeitung!!“
Gemeint waren Enthüllungen der New York Times, dass US-Geheimdienste das Atomprogramm Irans heimlich sabotieren wollten. Die Veröffentlichung war – aus der Sicht des Bloggers – ein Riesenskandal.
„Oder soll die New York Times in Zukunft unsere Außenpolitik bestimmen“, resümierte der Blogger, der im Chat unter dem Namen TheTrueHoohah auftrat.
„Ich hoffe, sie gehen bald pleite.“3
Das war im Januar 2009.
Wenige Jahre später würde der junge Mann, der sich so empörte, selber US-Geheimdokumente an die New York Times leiten – und zwar tausendfach. Ein Regierungssprecher würde seine Person später als „Desaster für die nationale Sicherheit“ beschimpfen, die National Security Agency NSA seine Taten als „zweites Pearl Harbor“ werten.
Genauso wie bei Bradley „Chelsea“ Manning würde er mit den Mitteln von Big Data gegen die Mächtigen im Staat vorgehen. Und die Weltöffentlichkeit erschrecken. Bei ihm war der Schock erheblich größer. Seine Taten machten klar, dass Big Data zu einer Bedrohung für die freie Gesellschaft geworden war.
Sein Name war Edward Snowden.
Kind der Küstenwache
Geboren wurde Snowden am 21. Juni 1983 in einer Kleinstadt an der Küste von North Carolina. Sein Vater war Marineoffizier bei der Küstenwache, seine Mutter Gerichtsdienerin. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Edward noch ein Kind war. In der Schule hatte er Probleme. Unter anderem fehlte er häufig wegen Krankheit. Den regulären High-School-Abschluss schaffte er nicht.
Mit achtzehn verließ er die Schule – ohne Abitur, ohne Studienplatz, ohne Job. Der schlaksige Teenager mit dem aschblonden Haar hatte aber ehrgeizige Pläne. Er wollte etwas Besonderes werden. In Fernkursen schaffte er einen Ersatzabschluss, der ihn für Seminare an der Universität von Liverpool qualifizierte. Die Kurse, die er belegte, beendete er jedoch nicht.
Genauso verlief sein Militärdienst.
Der Schulabbrecher träumte von einer Karriere bei der US-Elitetruppe Special Forces. Er lernte Kung-Fu, meldete sich 2004 bei der Army und hoffte, bald das prestigeträchtige Green Beret zu tragen.
Doch kaum hatte er die Grundausbildung angefangen, musste er sie abbrechen. Er selbst erklärt seinen frühzeitigen Ausstieg mit einem „Trainingsunfall“, bei dem er sich beide Beine brach. Journalistische Recherchen konnten den Vorfall nie bestätigen. Die Pressestelle des Pentagon beschränkt sich auf die Aussage, dass Snowden beim Militär keine Ausbildung abgeschlossen und keine Auszeichnungen erhalten habe.
Auch wenn aus seinen Plänen, als Elitekämpfer für die Streitkräfte zu wirken, nichts wurde, bewahrte sich Snowden seinen Sinn für Dramatik. Gern ließ er sich von seiner damaligen Freundin, einer Erotik-Tänzerin namens Lindsay Mills, als „Man of Mystery“ betiteln. Er hegte immer noch den Wunsch, eines Tages zur Elite zu gehören.
Nach einer Zwischenstation als Wachmann an der University of Maryland begann Edward Snowden im Jahr 2009 eine Ausbildung bei der CIA. Er wurde als IT-Techniker der US-Mission in Genf zugeteilt. Er hatte einen Job mit verschiedenen Aufgaben: Einerseits war er für die Computersicherheit zuständig, andererseits aber auch für die Wartung der Klimaanlage.
Frust in Fernost
In dieser Zeit war er fleißig.
Er war verlässlich.
Er war ein Patriot.
Er war allerdings nicht beliebt. Edward Snowden hatte häufiger mit Vorgesetzten Ärger. Er entdeckte vermeintliche Sicherheitslücken im IT-System, niemand teilte jedoch seine Bedenken. Er beantragte eine Gehaltserhöhung, die aber abgelehnt wurde. Er beschwerte sich über Arbeitskollegen, was zur Folge hatte, dass ein unvorteilhafter Vermerk in seiner eigenen Personalakte notiert wurde.
Snowden ärgerte sich. Er sah sich in einem Umfeld wachsender Ablehnung. In Genf blieb er weniger als ein Jahr. Schon im Februar schied er aus der CIA aus.
Er bewarb sich bei Dell Inc. Das US-Computerunternehmen war seinerzeit Auftragsfirma für ein geheimes NSA-Outpost in der Nähe von Tokio. Snowden wollte nach Japan. Er wollte nun Cyberkrieg-Spezialist werden.
In späteren Presseberichten über den Whistleblower wurden die IT-Qualifikationen von Edward Snowden hochstilisiert. Vor allem Glen Greenwald, der seine journalistische Karriere an das Schicksal von Snowden band, beschrieb ihn als „Top-Experte für Cybersicherheit.“
Das war sicherlich übertrieben.
Sein Gehalt war für Geheimdienstverhältnisse eher bescheiden. Mit einem Jahresgehalt von 55.000 Euro (bei der CIA) und 95.000 Euro (bei Booz Allen Hamilton)4 zählte er kaum zu den Spitzenverdienern. Als Geheimnisträger befand er sich auch nicht auf Eliteebene. Etwa 400.000 andere US-Staatsbedienstete besaßen eine gleichrangige Freigabe für Top-Secret-Regierungsdokumente.5
Er war aber mitten im Geschehen. Als Geheimnisträger von NSA und CIA gehörte er zum inneren Kreis der Sicherheitswächter. Als Systemadministrator erhielt er Zugang bis hinein in alle Ecken der Systeme, über die er wachte. Zusätzlich verfügte er über eine Genehmigung als sogenannter „Ghost-User“. Das heißt, er konnte die Geheimdienst-Netzwerke kreuz und quer durchforschen – ohne Spuren zu hinterlassen.
Weniger bekannt ist der Schwerpunkt von Snowdens NSA-Arbeit, der Schutz strategischer Rechensysteme vor chinesischen Hackerangriffen. Wie kaum ein anderer war Snowden mit der geheimdienstlichen Struktur der Chinesen vertraut. Er kannte die Methodik und die Häufigkeit, die Verbreitung und vor allem die Gefahr, die von solchen Attacken ausgeht.
Chinesische Cyber-Krieger
Snowden war außerdem Spezialist für die Cyberkrieg-Strategien des chinesischen Militärs, mit denen unsere Stromnetze, Flugverkehr, Wasserversorgung und Mobiltelefone lahmgelegt werden können. Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Yokota nahe Tokio instruierte er japanische Sicherheitsstellen und Militär in Cyber-Abwehr gegen China.
Die Bedeutung von Edward Snowdens Spezialgebiet muss man im Zusammenhang sehen. Im Juni 2014 warnte James Clapper, Nationaler Geheimdienstdirektor der USA und Snowdens Boss*, dass Terrorismus nicht mehr die größte Gefahr für den Westen darstelle. In allen seinen Facetten sei der Cyberkrieg erheblich bedrohlicher.
An oberster Stelle nannte Clapper die Chinesen.
Flucht
Snowden war auf Hawaii, als er den Entschluss fasste, die Geheimoperationen seines Arbeitgebers dutzendfach zu enttarnen und US-Geheimdokumente millionenfach zu entwenden. Seinen Coup hatte er monatelang im Verborgenen vorbereitet. Das Werkzeug seiner Wahl waren – wie bei Bradley Manning – externe Datenspeicher.
Doch Snowdens Daten passten keineswegs auf einen gewöhnlichen USB-Stick, auch nicht auf Dutzende von Sticks. Sie füllten Terabyte-Platten.
Als Edward Snowden seine voll beladenen Harddisks in den Koffer packte, wollte er für eine bessere Welt kämpfen, sagt er. Er wollte geheimdienstliche Aktivitäten aufdecken, mit denen er nicht einverstanden war. Edward Snowden wollte eine moralische Instanz werden.
Seltsam, dass er dabei ausgerechnet China als Reiseziel wählte.
Am 20. Mai 2013 war Abreise.
Hinter chinesischen Mauern
Snowden hätte Holland, Skandinavien oder ein liberales Land anderswo wählen können, wo er Verständnis für seine Protestaktion erwarten konnte. Er hätte ein Land wählen können, dessen Politik für ein freies Internet steht. Er hätte jedes freies Land der Welt anfliegen können.
Er wählte China.
Seine erste Station war Hongkong, eine Stadt, die bekannt ist für die Verfolgung der freien Presse und die brutale Unterdrückung von Demonstranten. Für die Überwachung des Internets hat China eines der aufwendigsten technischen Systeme der Welt. Seine Zensur ist weltbekannt. Blogger mit unliebsamen politischen Texten werden verhaftet, vorgeführt und im Schnellverfahren verurteilt.
SMS-Texte, Chats, auch Fotos werden von einem staatlichen „Büro für Internetinformationen“ in Peking genau überwacht. Strafbar sind politische Texte und Meinungen, die ohne Genehmigung verbreitet werden. Bei Verstoß ist in China mit drakonischen Strafen zu rechnen – von Geldstrafen und Gefängnis bis hin zur Internierung in einem sogenannten „Reha-Camp für Internet-Süchtige“. So heißen die Zwangslager für unliebsame Anwender in China, die in Chatrooms und Foren über demokratischen Protest diskutieren.
Die feindselige Haltung der chinesischen Regierung gegenüber dem Internet dürfte Edward Snowden nicht verborgen geblieben sein. Chinesische Geheimdienste standen im Mittelpunkt seiner beruflichen Arbeit bei der NSA. Sein Job war es, westliche Banken, das Militär und japanische Regierungsstellen vor deren Hacker-Attacken zu schützen.
Das Pekinger Ministerium für Staatssicherheit GUOJIA ANQUAN BU
und der militärische Nachrichtendienst ZHONG CHAN ER BU
standen jahrelang im Brennpunkt der nachrichtendienstlichen Arbeit der NSA.
Snowden kannte sie gut. Es ist zudem auch davon auszugehen, dass sie ihn ebenfalls gut kannten.
Und dass sie sehr neugierig waren auf die geheimen NSA-Daten, die auf den Terabyte-Disks in seinem Reisekoffer gespeichert waren.6 Vier Stück trug er bei sich. Zum Vergleich: alle bislang veröffentlichen Daten von Edward Snowden entsprechen nur wenigen Gigabyte.
Welche sensiblen Daten der Amerikaner tatsächlich an den chinesischen Geheimdienst verraten hat, ist nicht bekannt. Wir wissen, dass Edward Snowden über chinesische Cyber-Aktivitäten so viel wusste wie kaum ein anderer. Seltsamerweise hat er darüber nie berichtet.
Es hätte seine Pekinger Gastgeber womöglich verärgert.
Flüchtling in Transit
Sein Aufenthalt in China dauerte knapp einen Monat. Peking genehmigte keinen längeren Aufenthalt. Snowden musste weiter. In Hongkong traf er mit russischen Regierungsvertretern zusammen, die ihm halfen, seine Weiterreise zu organisieren.7
Als zweites Fluchtziel wählte Snowden Putins Russland – ein Land, das ebenso wenig wie China für seine freiheitliche Informationspolitik bekannt ist. Er landete am 23. Juni 2013 in Moskau. Danach wollte er offenbar weiterfliegen.
Es gab dabei aber ein Problem.
Das US-Außenministerium hatte dem flüchtigen Spion den Reisepass entzogen. Ohne Papiere war seine einzige Reiseoption die Heimreise nach Amerika, wo eine sichere Festnahme und langjährige Haftstrafe auf ihn warteten – bei einer Verurteilung wegen Landesverrat womöglich sogar die Todesstrafe.
Ohne Papiere war ein Weiterflug in ein Drittland auch nicht möglich. Von den Russen hatte er weder Einreiseerlaubnis noch Aufenthaltsgenehmigung. So saß Snowden im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo fest – faktisch staatenlos, gejagt von einer Meute von Pressevertretern.
Er war in einem diplomatischen Schwebezustand. Die Putin-Regierung ließ ihn über einen Monat lang schmoren. Bis heute ist nicht genau bekannt, wo oder wie er diese Wochen verbracht hat. Man kann nur annehmen, dass er heilfroh war, als die Russen ihn endlich ins Land ließen.
Sicherlich wusste Edward Snowden, dass jede Bewegung von den unermüdlichen Augen des russischen Nachrichtendienstes FSB verfolgt wird. Der flüchtige Amerikaner war auf den guten Willen des Kremls angewiesen.
Den hatte er.
Spione unter sich
Für Wladimir Wladimirowitsch Putin war Edward Snowden ganz großes Kino. Das hat der Präsident der Russischen Föderation sofort erkannt. Snowden war amerikanischer Spion mit Unmengen an hochrangigen Cyberkrieg-Geheimnissen im Gepäck – eine wahre Fundgrube für die russischen Dienste. Snowden war außerdem ein wertvolles PR-Instrument. Mit ihm konnte Putin weltweites Misstrauen gegen die US-Supermacht säen.
Und seinen Erzfeind Barack Obama maßlos ärgern.
Eine solche Trophäe wollte Putin nicht unbeachtet in eine Vitrine schließen. Die Welt sollte ihn sehen. Journalisten, Fotografen und Kamerateams aus aller Welt durften ihn in Moskau aufsuchen. Ebenso hatte der deutsche Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele dort seinen fernsehträchtigen Auftritt. Die konspirativen Umstände machten die Berichterstattung nur noch spannender. Damit es sich für sie lohnt, versuchte Snowden seine Enthüllungen zu portionieren. Jeder Reporter sollte seine eigene Exklusivgeschichte mit nach Hause nehmen.
Putin wollte auch persönlich von Snowdens Scheinwerferglanz profitieren. So kam es zu einem seltsamen Auftritt des Amerikaners bei der jährlichen Pressekonferenz des russischen Staatschefs. Snowden, der von einem geheimen Ort zugeschaltet war, war als „Special Guest“ eingeladen. Es störte Putin wohl wenig, dass er kein Journalist war.8
Die beiden Männer hatten eine andere Ebene.
Von Geheimdienstler zu Geheimdienstler.
SNOWDEN: Glauben Sie, dass es angemessen ist, statt nur Einzelpersonen eine ganze Gesellschaft unter Beobachtung zu stellen?
PUTIN: Mr. Snowden, Sie sind ehemaliger Agent und Spion. Ich habe früher auch für einen Geheimdienst gearbeitet. Wir sprechen dieselbe Sprache. Zunächst unterliegen nachrichtendienstliche Methoden in Russland einer strengen gesetzlichen Regelung. Unsere Dienste dürfen Überwachungstechniken für Telefon oder Online-Aktivitäten nur anwenden, wenn eine richterliche Anordnung vorliegt. Ein Programm zur Massenüberwachung haben wir nicht.9
Unter wachsamen Augen
Die Enthüllungen, die die Welt schockierten, wurden alle aus seinem Moskauer Versteck gesteuert, einem konspirativem Safe House, das von Geheimdienst-Gorillas des FSB überwacht wird. Auswärtige Besuche fanden immer unter ihren wachsamen Augen statt. Koordiniert wurden sie von einem Mann, den Snowden „mein Anwalt“ nennt.
Die Rede ist von Anatoli Kutscherena, profilierter Putin-Freund und Mitglied im Aufsichtsorgan des russischen Geheimdienstes FSB. Ohne seinen Segen, so berichten Besucher, läuft mit Snowden nichts.
In seiner Flüchtlingszeit bewies Snowden immer wieder einen ausgeprägten Sinn für Dramatik. Wenn er am Laptop tippte, zog er eine rote Kapuze über den Kopf, damit Überwachungskameras seine Passwörter nicht erfassen, wie er erklärte. Unter die Tür schob er ein Kissen, um Abhörmaßnahmen zu blockieren. Die Mobiltelefone von Besuchern packte er in den Kühlschrank, damit sie keine Signale abstrahlten.
Sicherheitsmaßnahmen waren auf jeden Fall erforderlich.
Der flüchtige amerikanische Spion war in akuter Gefahr.
Die Jagd nach Edward
Die US-Regierung wollte ihn haben.
Daran besteht kein Zweifel.
„Snowden hat mehr Schaden angerichtet als jeder andere Spion in der Geschichte unseres Landes“, so die Einschätzung des damaligen NSA-Chefs Keith Alexander. „Das wird unsere Arbeit die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre beeinträchtigen.“10/11
Ein solcher Täter darf nicht unbehelligt davonkommen. Nicht aus Sicht der US-Dienste, die ihn im Verborgenen verfolgen. Und bereit sind, erhebliche Risiken einzugehen. Deutlich wurde das am 2. Juli 2013, als eine gewagte CIA-Operation fehlschlug.
An diesem Tag war Boliviens Präsident Evo Morales zu einem Staatsbesuch in Moskau. Es gab einen Geheimtipp: Snowden sollte an Bord des Präsidialjets heimlich aus dem Land geschmuggelt werden. So die Informationen. Daraufhin verweigerten mehrere EU-Länder den Überflug. Das Flugzeug des Präsidenten wurde zur unplanmäßigen Landung in Wien gezwungen.
Der Tipp entpuppte sich als Ente, die Aktion als Flop. Snowden war nicht an Bord. Diplomatisch war es ein Desaster. Aus ganz Europa folgte Kritik. Der österreichische Außenminister sah sich gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen.12
Für die ganze Welt wurde sichtbar, wie weit die Amerikaner gehen würden, um den abtrünnigen NSA-Spion zu schnappen.
Snowdens Schockwellen
Die Enthüllungen von Edward Snowden machten Schlagzeilen.
Rund um die Welt.
Monatelang.
Mit dramatischen Folgen.
Bürger waren schockiert, Politiker empört, Nachrichtendienste verunsichert. Die Washingtoner Regierung wollte Snowden schnellstmöglich ins Gefängnis befördern. Deutsche Datenschützer feierten ihn als Helden. Einige wollten ihm Asyl gewähren, andere sogar für den Friedensnobelpreis nominieren.
Wie auch immer man die Taten von Edward Snowden wertet, eines steht fest: Seine Veröffentlichungen haben für große Verunsicherung in der Bevölkerung gesorgt. Der Umfang der gespeicherten Informationen, das merkten alle, hat unsere Gesellschaft unwiderruflich verändert.
Die Debatte um Big Data hat begonnen.
Und da Big Data nur von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden kann, wird die Debatte um Künstliche Intelligenz sehr bald folgen.
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*Als Director of National Intelligence beaufsichtigt James Clapper u. a. Central Intelligence Agency (CIA), Defense Intelligence Agency (DIA), Federal Bureau of Investigation (FBI), National Geospacial-Intelligence Agency (NGA), National Reconnaissance Office (NRO), National Security Agency (NSA), Drug Enforcement Agency (DEA), Department of Energy (DOE) und das Department of Homeland Security (DHS).
Big Data, Big Danger
Big Data haben wir nicht kommen sehen. Mit einem Schlag war sie da, eine fast grenzenlose Speicherkapazität, fast grenzenlose Datenbestände, fast grenzenloses Überwachungspotenzial. Big Data ist das Ergebnis eines exponentiellen Wachstums in der Hardware-Industrie.
Wir sind heute erst dabei, die Konsequenzen zu verstehen.
Und das Wachstum setzt sich unaufhörlich fort.
Exponentiell.
Nach den Veröffentlichungen von Bradley „Chelsea“ Manning bei WikiLeaks und Edward Snowden in der Weltpresse wurde klar, dass die Menschheit am Ufer eines gigantischen Datenmeers steht. Wir schauen in die Ferne, können aber weder Weite noch Tiefe begreifen. Wir haben keine Übersicht, geschweige denn Kontrolle.
Der Speicherplatz, der hier entsteht, ist das Gedächtnis eines neuen Wesens, das der Menschheit bei Weitem überlegen sein wird. Das Gehirn kommt noch.
Solche Datenmassen sind nur durch Maschinen beherrschbar. Eine Erfassung, Verwaltung oder Auswertung durch Menschen ist undenkbar. Auch die Software, die Menschen schreiben, kann es nicht schaffen. Supercomputer mit Supersoftware sind die einzige Lösung. Big Data wird eines Tages das Gedächtnis einer neuen weltumspannenden Künstlichen Intelligenz (KI) werden.
Big Data hat das Potenzial, das Wissen der gesamten Menschheit zu erfassen, Informationsmassen, die unsere Vorstellungskraft sprengen. Es könnte Bücher, Brockhaus-Enzyklopädien und sogar sämtliche Bibliotheken der Welt zur Makulatur machen.
In den ersten vierzehn Jahren seiner Existenz ist der Datenumfang von Wikipedia allein in englischer Sprache auf über fünf Millionen Beiträge gewachsen. Weltweit enthält das Werk heute 28 Milliarden Wörter in 52 Millionen Artikeln in 309 Sprachen. Zwischen dem Schreiben dieses Manuskripts und der Veröffentlichung als Buch ist davon auszugehen, dass Wikipedia sich schon wieder verdoppeln wird.
Manning und Snowden haben geholfen, die Folgen von Big Data für die Weltöffentlichkeit anschaulich zu machen. Schockierende Schlagzeilen, düstere Leitartikel und polemisierende Politiker taten den Rest.
Die öffentliche Beunruhigung richtet sich fast ausschließlich auf staatliche Daten, insbesondere auf die US-Abhörbehörde National Security Agency, NSA. Sie ist keineswegs der einzige Datensammler, der unsere Intimsphäre verletzt, vielleicht auch nicht der gefährlichste.
Interessanterweise waren einige der sogenannten Enthüllungen von Edward Snowden inhaltlich nicht neu. Einige Presseberichte wurden aufgebauscht, einiges an Empörung geheuchelt.
Aber die Bevölkerung hat eines verstanden:
Big Data bedeutet Big Danger.
Mutti abgehört
Es war vor allem das Abhören des Handys von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Deutschland wachgerüttelt hat. Es war eine persönliche Attacke gegen seine Bundeskanzlerin. Wenn die Privatsphäre von „Mutti“ Merkel für die alliierten Freunde in Amerika nicht heilig ist, wie steht es mit dir und mir? Bundesbürger begannen zu begreifen, was Big Data in der Spionagewelt von heute bedeutet: Die Öffentlichkeit wird komplett beobachtet.
Seinerzeit war die Öffentlichkeit erschüttert.
Das Vertrauen in den transatlantischen Bündnispartner ebenso.
„Einen Angriff auf die Souveränität eines demokratischen Staates“ nannte das Thomas Oppermann (SPD), Vorsitzender der Parlamentarischen Kontrollkommission im deutschen Bundestag. „Wer so dreist ist, der hat auch keine Hemmung, die Mobiltelefone der Bürger abzuhören und ihre E-Mails zu lesen.“
Über „einen schweren Vertrauensbruch“ beschwerte sich der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). „Nicht hinnehmbar“, schimpfte Belgiens Regierungschef Elio Di Rupo. Der damalige EU-Kommissionschef José Manuel Barroso warnte gar vor „Totalitarismus“. In der Presse gab es zahlreiche Vergleiche mit den Abhörpraktiken der DDR-Staatssicherheit.
Das persönliche Mobiltelefon der Bundeskanzlerin anzapfen, fragten viele, wie geht das technisch?
In der Presse kursierten die schrillsten Erklärungen. Stern-TV machte „den Abhörtest“13. In einer Sendung vom 30. Oktober 2013 stellten sich Redakteure auf dem Rasen vor dem Reichstag auf die Lauer. Aus einem geparkten Minibus demonstrierten sie, wie man mithilfe eines sogenannten IMSI-Catchers in der Nähe befindliche Mobiltelefone orten und identifizieren, abhören und die Daten abspeichern kann.
Witzbuch-Autor und „IT-Sicherheitsexperte“ Tobias Schrödel ergänzte: „Eine räumliche Nähe zu dem Abhörobjekt macht deswegen Sinn, weil ich mit entsprechenden Richtfunk-Antennen Daten abfangen und dann mit einem Rechner entschlüsseln könnte.“
Das Publikum war beeindruckt.
Beifall.
Absurdistan.
Tatsächlich ist ein IMSI-Catcher ein recht simples Gerät, das Amateur-Hacker für rund 150 Euro im Versandhandel erwerben können. Die Abhörmethodik, die Stern-TV als NSA-Enthüllung präsentierte, ist in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Wald-und-Wiesen-Trick für eine Dorf-Detektei. Die Vorstellung, dass amerikanische Hightech-Spezialisten in einem Kastenwagen vor dem Kanzleramt parken und Frau Merkel belauschen, ist abstrus. Westliche Geheimdienste – und zwar nicht nur die NSA – greifen ihre Daten von Unterwasserkabeln, Satellitenstationen, Mobilfunkmasten und zentralen Knotenpunkten ab. Lauernde Lauscher mit Kopfhörer im Kastenwagen oder Trenchcoat-Täter in dunklen Gassen gehören in die Geschichtsbücher des Kalten Krieges oder in Kinofilme über die DDR („Das Leben der Anderen“).
Der moderne Spion arbeitet mit Großrechnern.
Andere Redaktionen schickten Reporter zur US-Botschaft am Brandenburger Tor. Der Standort liegt knapp 800 Meter vom Bundeskanzleramt entfernt. Fotografen knipsten Infrarot-Bilder von dem Gebäude. Heiße Stellen unter dem Dach des Diplomaten-Hauses sollten als Beweis für die Abstrahlung von Abhöranlagen herhalten. Tatsächlich verfügt jede größere Botschaft in Berlin über Sendemasten und Satellitenschüsseln für diplomatische Depeschen. Bei der US-Botschaft stehen diese unter dem Dach. Sie strahlen Wärme ab.
Viele Enthüllungen von Edward Snowden, die in der deutschen Presse ein großes Echo auslösten, werden niemanden in deutschen Sicherheitskreisen wirklich schockiert haben. Unter informierten Politikern und sachkundigen Journalisten waren sie längst bekannt. Der Datenaustausch zwischen NSA und BND ist alltäglich. Und eng, sehr eng. Gemeinsam mit anderen befreundeten Diensten werten BND und NSA Lauschangriffe zusammen aus – Namen und Nummern, Staatsangehörigkeit und SMS-Texte, Mails und Mitschnitte.
Sie werden durchsucht und gefiltert, identifiziert und ausgewertet. Technisch geht das mit der Stimmerkennung. Die Stimmbänder eines jeden Menschen besitzen Merkmale, die genauso einmalig sind wie ein Fingerabdruck. Hinzu kommen Aussprache und Dialekt, Redewendungen und Rhythmus. Abhörspezialisten können daraus das Sprachprofil einer verdächtigen Person erstellen und es wieder in die Datenbestände einfüttern.
Diese riesigen Datenmassen bilden den Heuhaufen.
Sicherheitsbehörden suchen die Nadel.
Und manchmal finden sie die.
NSA auf dem Kanzlerschreibtisch
Das Ergebnis dieser Lauschangriffe wird an höchste Regierungsstellen weitergeleitet. Auf den Schreibtisch der Kanzlerin zum Beispiel werden jeden Morgen Geheimberichte gelegt, die Infos aus den weltweiten Abhöranlagen der NSA enthalten. Die Kooperation zwischen CIA und BND, FBI und Verfassungsschutz, NSA und dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr (MAD) ist selbstverständlich und – wie BND-Mitarbeiter unter der Hand berichten – unverzichtbar.
Dass ein Mobiltelefon der Kanzlerin darunterfällt, durfte niemanden sonderlich überraschen. Handy-Gespräche in der Bundesrepublik – wie anderswo in Europa auch – werden flächendeckend und lückenlos angezapft. Faktisch muss man davon ausgehen, dass alles, was dort gesprochen, getextet oder gesurft wird, von NSA-Lauschern in Fort Meade verfolgt werden kann.
Nach der großen Empörungswelle in der deutschen Öffentlichkeit sah sich US-Präsident Barack Obama genötigt, öffentlich zu versprechen, dass Angela Merkels Handy nicht mehr belauscht wird. Dies signalisierte allerdings keine grundlegende Veränderung der Abhörtaktik der USA. Das wissen Eingeweihte, auch im Kanzleramt. Die US-Lauschbehörde verfügt nach wie vor über die nötige Technologie. Sie kann jederzeit per Knopfdruck aktiviert werden. Es ist nur eine Frage von Zeit und Zweckmäßigkeit.
Das Versprechen aus dem Weißen Haus, das Gerät der Kanzlerin nicht mehr anzuzapfen, war eine diplomatische Geste. Wogen sollten geglättet, lädierte Beziehungen gekittet werden.
Die öffentlichen Wogen wurden aber nicht gleich geglättet, die lädierten Beziehungen nicht gekittet.
Kurz darauf platzte die nächste Bombe.
Diesmal kam die Enthüllung nicht von Edward Snowden. Sie wurde von der deutschen Spionageabwehr aufgedeckt. Am 2. Juli 2014 marschierten Beamte des Bundeskriminalamts in die neue Nachrichtendienstzentrale des BND in Berlin und verhafteten einen Mitarbeiter. Der 31-jährige Markus R. war Analytiker aus dem Stab EA („Einsatzgebiete/Auslandsbeziehungen“), zuständig für technische Unterstützung. Er war auch – wie er kurz nach der Verhaftung gestand – Spion für die CIA. Der nächste Skandal um amerikanische Geheimdienste in Deutschland war perfekt.
Der BND-Techniker hatte seine Dienste der US-Botschaft in Berlin per E-Mail angeboten und über einen Zeitraum von zwei Jahren Geheimpapiere an die Amerikaner geliefert. Für seine Dienste zahlten sie ihm rund 25.000 Euro.
Die Vorwürfe waren brisant.
Das Timing hätte nicht schlechter sein können.
Empörung kam aus ganz Europa.
Alliierte abhören
„Befreundete Länder kann man nicht einfach abhören, Daten absaugen, verarbeiten,“ ärgerte sich Österreichs Vizekanzler Michael Spindelegger. Er war eine von vielen Stimmen im In- und Ausland.
Dabei ist es die Aufgabe von Nachrichtendiensten, Politiker in befreundeten Ländern auszukundschaften. Das gilt für Skeptiker der US-Allianz wie auch für begeisterte US-Freunde wie Angela Merkel.
Für die USA ist die Bundesrepublik ein Partnerland, das Wirtschaftsbeziehungen zur aufstrebenden Atommacht Iran pflegt, enge Kontakte zu Russland unterhält und einen Ex-Kanzler hat, der auf der Gehaltsliste von Wladimir Putins Gazprom steht.
„Es gibt zwischen Staaten keine Freundschaften“, erklärte mir ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes am Rande einer Sicherheitskonferenz. „Es gibt nur Interessen.“14
Da kann es niemanden ernsthaft überraschen, dass NSA und CIA ihre langen Ohren in Richtung Berlin ausstrecken. Spioniert wird überall und immer, auch unter Freunden. Das ist bekannt. Und wird abgestritten. Es ist der Beruf des Geheimdienstlers – lauschen, leugnen und – wenn es sein muss – lügen.
Die Empörung war scheinheilig.
Deutsche Dienste spionieren fleißig mit – auch gegen Freunde, auch gegen Amerika. Knapp einen Monat nach der Verhaftung des US-Spions flatterten Belege in die Redaktionen deutscher Zeitungen. Aufgetaucht – wahrscheinlich nicht zufällig – war das BND-Protokoll eines abgehörten Telefonats mit US-Außenministerin Hillary Clinton. Im Oktober 2011 hatte sie mit ihrem Handy aus einer amerikanischen Militärmaschine telefoniert. Dem BND liegt ein vollständiges Protokoll im Wortlaut vor.
Die Pressestellen der Regierung hatten gerade angefangen, die Dementi-Maschinen anzuwerfen, als kurz darauf ein weiteres Abhörprotokoll auftauchte. Clintons Nachfolger im Amt, John Kerry, wurde bei einem vertraulichen Nahost-Gespräch mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan belauscht.
Wie die Mitschnitte auf Festplatten des BND landeten, wurde nie geklärt. Der Regierungssprecher erklärte kleinlaut, es habe keine gezielten Abhörmaßnahmen gegen die amerikanischen Amtsträger gegeben. Die vertraulichen Mitschnitte waren im Rahmen anderer Operationen entstanden. „Beifang“ nannte man das beim BND.
„Idiotisch“ nannte es ein Regierungsbeamter. Eigentlich hätten alle Aufnahmen mit US-Politikern sofort gelöscht werden müssen. Sagte er. Dabei ist eines klar:
BND und CIA hatten beide die goldene Regel der Spionage gebrochen:
„Lass dich niemals erwischen.“15
Kurz nachdem die BND-Abhörprotokolle von Clinton und Kerry an die Öffentlichkeit gelangt waren, folgten Belege, dass die Bundesrepublik Deutschland auch andere NATO-Freunde belauscht. Ganz offiziell gehörte der NATO-Partner Türkei zu den erklärten Zielen der BND-Spionage. Seit vielen Jahren.
In einem geheimdienstlichen Grundsatzpapier aus dem Jahr 2009 wurde der Türkei eine hohe Priorität für den BND eingeräumt. Einige Tage später folgte die Enthüllung, dass der NATO-Partner Albanien ebenfalls langjähriges Spionageziel des BND war. Auch Maßnahmen gegen befreundete Länder wie Frankreich und Italien wurden ausdrücklich erwähnt.
Ja, Freunde spioniert man aus.
Das ist einfach so.
Enthüllungen, die keine waren
Edward Snowden hat seine Dokumente nicht gleichzeitig veröffentlicht. Wie ein guter PR-Manager wusste er, dass die Wirkung damit verpufft wäre. Er hat seine Pressemitteilungen in Paketen portioniert. Jeder Journalist sollte eine eigene Enthüllungsgeschichte bekommen – exklusiv für sein Heimatland, maßgeschneidert für seine Leserschaft. Die Veröffentlichungen erfolgten nach strengem strategischen Zeitplan, den Snowden mit seinem vertrauten Journalistenkumpel Glen Greenwald ausgearbeitet hat – mit Unterstützung der Wiki-Leaks-Anwältin Jesselyn Radack. Ungeklärt ist die Mitwirkung von russischen Ratgebern.
Auf jeden Fall hat Radack gern NSA-kritische Kommentare der russischen Presse angeboten. In einem Interview für Voice of Russia kritisierte sie massiv die Arbeit der US-Dienste. Russische Spionage erwähnte sie nicht.
Viele Dokumente, die Snowden groß ankündigte, waren kaum Enthüllungen. Aber Dokumente mit der Aufschrift „Top Secret“ kommen bei Journalisten immer gut an. Ihnen wird ein prominenter Platz und eine fette Schlagzeile eingeräumt. Dazu zählten PowerPoint-Präsentationen zur Orientierung von neuen Mitarbeitern. Sie trugen zwar die Überschrift Top Secret/NoForn (Geheim/für Ausländer gesperrt), beschrieben aber NSA-Programme nur in groben Zügen – ohne vertrauliche Namen, Gesprächsinhalte oder sensible Quellen.
Sie hatten die Brisanz eines Organogramms.
Mehrere Programme waren längst eingestellt.
Mauscheleien am Meeresboden
Für viele Bundesbürger waren die groß angelegten Lauschangriffe der NSA auf Unterseekabel schockierend. Für Eingeweihte nicht. Seit Jahrzehnten stehen sie in der Presse. Im Parlament und in der Politik hat man ausgiebig, langjährig und in aller Öffentlichkeit über die enge Zusammenarbeit zwischen NSA und der britischen Lauschbehörde Government Communications Headquarters (GCHQ) debattiert.
Bereits 1992 wurden Details der gemeinsamen Lauschangriffe in Anhörungen des US-Senats öffentlich. Seitdem ist bekannt, dass die gesamte Telekommunikation zwischen Nordamerika und Europa auf dem riesigen NSA-Stützpunkt Manwith Hill in North Yorkshire routinemäßig mitgeschnitten wird. Die Ergebnisse werten London und Washington gemeinsam aus. Supercomputer der NSA durchsuchen alle Gespräche nach Anschlüssen und Identitäten, Schlüsselwörtern und Stimmabdrücken, die aus Sicht der Spionagebehörde interessant sind.
Inzwischen sollen NSA und GCHQ über uneingeschränkten Zugang zu über 200 Unterseekabeln weltweit verfügen. Allein das NSA-Teilprogramm Tempora verdaut rund 21 Millionen Gigabyte am Tag. Rund 550 Analytiker von NSA und GCHQ sind mit der Auswertung beschäftigt.
Die größte Leistung bringt dabei Kollege Computer, der mit Künstlicher Intelligenz ihre Such- und Sortiersysteme immer weiter verfeinert.
Auch in deutschen Medien sind die groß angelegten Lauschprogramme der NSA seit Langem Thema. Im Jahr 2000 veröffentlichte zum Beispiel Der Spiegel geheime Details über das NSA-Programm Echelon:
„Dass die Vereinigten Staaten und Großbritannien mit ihrem Abhörsystem Echelon die eigenen Verbündeten ausschnüffeln, war ein offenes Geheimnis. Jetzt ist es keines mehr.“16
Lauschen in der UNO
Für große Empörung sorgte auch die Snowden-Enthüllung, dass die NSA geheime Beratungen der UNO in New York belauscht. Dabei gehören Abhöraktionen in den Vereinten Nationen seit eh und je zum Alltag. Mit dem Bau des Gebäudes begannen Spione aller Couleur, mit Schleifgerät und Bohrmaschine die Wände zu durchsieben. Im Jahr 1960 präsentierte der US-Botschafter Henry Cabet Lodge einen Holzschnitt des US-Staatswappens, das ihm von einer russischen Schulklasse geschenkt wurde. Versteckt im hübschen Wandschmuck war eine Wanze des russischen Geheimdienstes KGB.
Manche Diplomaten witzeln darüber, dass es an ein Wunder grenzt, dass das UN-Hochhaus an der New Yorker First Avenue noch steht. Eigentlich müsste die Statik durch Wanzenlöcher längst zusammengebrochen sein.
Diplomaten-Treffs bieten eine einmalige Gelegenheit, an die Verhandlungstaktik fremder Staaten heranzukommen. So überrascht es nicht, dass Snowdens Dokumente Abhöraktivitäten von NSA und GCHQ beim G20-Treffen 2009 in London belegten. Angezapft wurden – so Snowden – Mobiltelefone, E-Mails und Laptops. Mit Keyloggern wurden alle Tastatureingaben festgehalten.17
Die Beobachtung solcher Gipfel ist keine Einbahnstraße. Auch für den ehemaligen Geheimdienstler Wladimir Putin sind sie interessant. Als sich die Staatschefs am 5. September 2013 in St. Petersburg versammelten, war das für seine Dienste ein Heimspiel. Unter den Giveaway-Geschenken, die Besucher vom Gastgeber erhielten, war ein hübscher USB-Stick mit buntem G20-Logo. Darauf – wie der BND später in Brüssel entdeckte – war ein Trojaner, der Laptops und heimische PCs für die Russen ausspionieren sollte.
Es ist eigentlich selbstverständlich für Spione.
Ausspähen ist ihr Beruf.
Der bessere BND
Im August 2014 wurde ein hochgeheimes Strategiepapier des Bundesinnenministeriums im Bundeskanzleramt vorgelegt. Spezialisten sollten die elektronischen Fähigkeiten der deutschen Dienste kritisch unter die Lupe nehmen und Schwachstellen ausloten. Trauriges Resümee: Elektronisch sind die deutschen Dienste so gut wie blind und taub.
Lange war der BND für seine exzellenten Agenten-Quellen im Bereich HUMINT („Human Intelligence“) bekannt. Traditionsgemäß verfügte er über verlässliche Informanten-Netzwerke im ehemaligen Ostblock, im Iran und in der arabischen Welt. Technisch waren seine Horchposten in Pakistan und – versteckt auf Containerschiffen – im arabischen Raum sehr ergiebig.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Im elektronischen Bereich (SIGINT) hatte der BND – so die Studie – den Anschluss ans Zeitalter von Big Data verschlafen. Ursache war vor allem, dass viele deutsche Technologiefirmen ihre globale Spitzenposition verloren hatten. Ohne Unterstützung der US-Partnerdienste sei der BND – nach eigener Einschätzung – nicht voll handlungsfähig. Kurz- und mittelfristig seien deutschen Spione auf das Wohlwollen der Amerikaner angewiesen.
Der Bundesnachrichtendienst – so das Strategiepaper weiter – besitzt weder die Technik noch das Personal, um globale Datennetze umfassend anzuzapfen oder sinnvoll auszuwerten. Hacker-Angriffe ausländischer Mächte könne er orten, aber nicht verhindern.
Ein BND-Insider zog den Vergleich: „Wir sitzen auf dem Berg und zählen die Blitze“.18
„Ohne US-Hilfe“, lamentiert ein anderer, „würden wir von hundert Dschihadisten in Deutschland maximal fünf selber finden.“
Ähnlich sieht es bei der Verschlüsselung von Daten und deren sicherer Aufbewahrung aus. Die stärksten Unternehmen befinden sich im Silicon Valley*. Dort ist seit Langem bekannt, dass internationale Verschlüsselungsfirmen vertragliche Beziehungen zur NSA unterhalten. Sie sollen dafür sorgen, dass die Exportversionen ihrer Produkte leichter zu knacken sind.
Die NSA ist auch durch Strohmänner an den entscheidenden Gremien beteiligt, die technische Standards für die internationale Übertragung von Daten festlegen. Zusammen mit ihrem britischen Partner GCHQ hat sie Vereinbarungen mit den Betreibern von Unterseekabeln, die Abhörpraktiken ausdrücklich erleichtern.
Geheimnisse im Kabinett
Trotz enger Zusammenarbeit zwischen den Nachrichtendiensten hat jede Regierung Geheimnisse, die geheim bleiben sollen. Aus Sicherheitsgründen lagert der BND einige empfindliche Daten auf israelischen Servern in der Negev-Wüste. Von der Parlamentarischen Kontrollkommission des Bundestags wurde ein Panzerschrank für die Mobiltelefone der Parlamentarier angeschafft.
Besonders sensibel sind die Tagungen des Bundeskabinetts. Wenn die Kanzlerin im abhörsicheren Kabinettsaal mit gusseiserner Glocke die Sitzung einläutet, sollen sich die Teilnehmer sicher fühlen. Minister wollen ungestört Meinungen und Maßnahmen austauschen. Geheimhaltung ist zwingend.
Deswegen wird hier das Protokoll in Steno angefertigt.
Mit Bleistift.
Auf Papier.
Ganz ohne Elektronik.
Zur Sicherung des Protokolls wird auf eine Technologie aus dem 19. Jahrhundert zurückgegriffen, die gute alte Rohrpost. Die sensiblen Papierprotokolle werden in kleinen, zylindrischen Behältern in den Keller des Kanzleramts befördert und dort in einem Panzerraum gelagert. Das System ist nicht gerade Hightech.
Es ist aber abhörsicher.19
Nach dem Snowden-Sturm
Auch wenn einige Enthüllungen von Edward Snowden im Einzelfall nicht wirklich neu sind, in der Wirkung lösten sie einen großen Schock aus. Menschen in der ganzen Welt wurde bewusst, wie viel Informationen Geheimdienste sammeln. Sie überlegten, was sie dagegen machen könnten. Gegenmaßnahmen werden in einem späteren Kapitel abgehandelt.
Viele bedrohliche Aspekte von Big Data wurden von Manning und Snowden nicht thematisiert.
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*Eine Ausnahme ist Kaspersky, ein Moskauer Unternehmen mit engen Verbindungen in den Kreml.
Schmelztiegel für Daten
Kurz nach der Jahrtausendwende hat der Hardware-Hersteller Seagate die erste Terabyte-Harddrive auf den Markt gebracht – eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen. Speicherkapazität hatte damit Preise und Größen erreicht, die kaum einen Kostenfaktor darstellten. Die alte Prognose, „niemand braucht mehr als 640 kB RAM“20, wurde zu Makulatur. Explodierende Speicherkapazität hat die Welt endgültig verändert. Wenn es früher sinnvoll war, Informationen erst zu filtern, dann zu speichern, war es nunmehr sinnvoll, alles erst einmal zu speichern. Filtern kann man später, wenn die Technologie dazu erfunden wird.
2001 war auch das Jahr der Geheimdienste. Am 11. September wurden die US-Städte New York und Washington von einem kriegerischen Überraschungsangriff heimgesucht. Einer kleinen Gruppe fanatischer Islamisten war es gelungen, knapp 3.000 Amerikaner in ihrem eigenen Land zu ermorden.
Ohne Sprengstoff.
Ohne Schusswaffen.
Und ohne Vorwarnung.
Die Spionagedienste der Supermacht waren ahnungslos. Die Tätergruppe Al Kaida war ihnen bekannt, auch Anführer Osama Bin Laden. Aber niemand hatte ihnen eine derartige Aktion zugetraut. Die Attentäter waren unerkannt ins Land gereist und mit Teppichmessern und Tränengas an Bord gestiegen.
Das Frühwarnsystem hatte versagt, für die Spionagedienste Totalschaden. Man stellte fest, dass menschliche Quellen (HUMINT, „human intelligence“) unzureichend waren. Künftig wollte man mehr Gewicht auf elektronische Ausspähung (SIGINT, „signal intelligence“) legen. Rückblickend hätte man dort verdächtige Personen aufspüren können. Nötig waren eine vollkommene Renovierung und ein Relaunch. Man brauchte Systeme, die Flugbewegungen, Grenzübertritte, Ferngespräche und Internetkommunikation wirksam überwachen.
Man wollte wissen, wer ins Land reist. Und weshalb. Jedes Detail.
Gefragt war Big Data.
Die National Security Agency NSA sollte ihre Datenmassen und die Erkenntnisse daraus in einem lückenlosen Informationsaustausch mit anderen Nachrichtendiensten teilen. Und auch mit der Polizei.
Eine weitere Priorität war die Grenzüberwachung, in den USA eine ziemlich lange Strecke. Die Landgrenzen zu Kanada und Mexiko, kombiniert mit Küstenstreifen entlang zweier Ozeane, addieren sich zu einem knapp 32.000 Kilometer langen Kontrollbereich. Mit Grenzbeamten und Küstenwache ist das kaum zu bewältigen. Menschliche Kontrollen sollten durch vollautomatische maschinelle Überwachung ergänzt beziehungsweise gänzlich ersetzt werden.
Die heutige Grenzsicherung beginnt mit der Reisebuchung. Wer ins Land will, wird schon lange vor dem Abflug erfasst. Über Personenmerkmale, die in umfangreichen Fragebögen abgefragt werden: Ehestatus und Einreisetermin, Bankauskunft und Berufsausbildung, Krankengeschichte und Kreditkarten, Finanzverhältnisse und Führungszeugnis gehören alle dazu. Alle Angaben werden mit Vergleichsinformationen aus einer Vielzahl anderer Quellen abgeglichen. Auf Amerikas Gäste, die es ins Land schaffen, wartet ein biometrisches Vollprogramm.
„Smile!“ Das Gesicht wird fotografiert, Fingerabdrücke eingelesen, Augen gescannt. Womöglich wird auch der Unterleib mit den Röntgenaugen eines Ganzkörper-Scanners kurz unter die Lupe genommen.
Bei Letzterem gab es Ärger. Passagiere empörten sich über die Verletzung ihrer Intimsphäre. Aktivisten schrieben Proteste in Metallic-Farbe auf Intimstellen, damit sie bei der Durchleuchtung deutlich zu lesen waren. Außerdem stellten diverse Studien die Leistungsfähigkeit der Ganzkörper-Scanner infrage. Auf vielen Flughäfen wurden sie wieder abgebaut.
Die Daten von Anreisenden haben natürlich nur einen Sinn, wenn sie mit den Speichern der Spionagedienste verglichen werden. Das werden sie. Jede Antwort auf jedem Fragebogen von jedem Besucher, jedes freundlich lächelnde Touristengesicht, kommt hinzu.
Big Data wächst täglich weiter.
Grenzfälle
Bei der bisherigen Debatte in Deutschland konzentrierte sich die Kritik auf mitgeschnittene Telefongespräche und E-Mail-Texte. Faktisch ist dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Repertoire der Geheimdienste. Personenmerkmale sind vielfältig. Erkennungswissenschaftliche Technologien zu deren Erfassung auch.
Jeder Mensch wurde von der Natur anders erschaffen. Er besitzt Eigenschaften, die genauso einmalig für seine Person sind wie der Fingerabdruck. Einige liegen auf der Hand.
Nicht nur Fingerkuppen haben Papillarleisten und Minutien, die ringförmige Abdrücke hinterlassen können. Auch die Fläche der Hand, der Hacken am Fuß oder sogar das Ohr kann von Kriminalisten zur Personenidentifizierung herangezogen werden. Nachrichtendienste entwerfen sogar Profile für die Geometrie von Fingern oder die Venen am Handrücken.
Die Firma Palm Secure zum Beispiel vermarktet einen Sensor, der eine Handfläche mittels Nah-Infrarot-Kamera abtastet. Weil das sauerstoffreduzierte Blut in Venen die Infrarotstrahlung absorbiert, wird ein detailliertes Muster der Venenstruktur mit fünf Millionen Punkten sichtbar. Nach Herstellerangaben kann das System einen Menschen mit einer Fehlerquote von eins zu zehn Millionen identifizieren.21
In der Akustik ist der Stimmabdruck einer Person ein wichtiges Merkmal. Es besteht zum einen aus den biometrischen Schwankungen der Stimmbänder, zum anderen aus dem unverwechselbaren Rhythmus der gesprochenen Wörter. Wenn nötig, können Sprachwissenschaftler mit weitergehenden Untersuchungen Dialekt, Betonung und Wortwahl identifizieren. Früher war diese Technologie ein Monopol des Staates, ein Werkzeug von Polizei und Nachrichtendiensten. Heute kann das jedes Smartphone.
Das Gesicht ist ein vertrautes Merkmal von Menschen. Jedes ist anders. Wir erkennen das meistens. Maschinen erkennen das immer. Die Entfernungen zwischen Nase und Oberlippe, Augenbraue und Haaransatz, Ohrläppchen und Kragenweite sind zu einer fein getunten Wissenschaft verfeinert worden. Die Software dazu heißt Gesichtserkennung. Für sie wird das biometrische Passbild angefertigt – Mund zu, Augen auf, Kopf gerade. Man kennt das.
Die Software hat Tücken. Bei Frauen und Personen dunkler Hautfarbe macht sie Fehler. Deswegen wurde der polizeiliche Einsatz vielerorts verboten.
Dennoch ist heute die Biometrik überall. Wir gewöhnen uns an die kleinen Webcams, die bei Passkontrolle, Hotelempfang oder Autovermietung auf uns warten.
Weltweit füllen wir die Datenbanken mit unserer Abbildung.
Mit Fingerabdrücken von uns.
Mit Iris-Scans von uns.
Die Überwachung ist allgegenwärtig. Und ziemlich unheimlich.
Wer in die Vereinigten Arabischen Emirate einreist, wird gleich am Flughafen mit der Technik konfrontiert. Bei der Passkontrolle warten die üblichen Webcams und Lesegeräte für Fingerabdrücke. Wer aber denkt, dass die Personenidentifizierung hier beginnt, täuscht sich.
Auf dem Weg vom Flugzeug zur Passkontrolle laufen Fluggäste an acht bis zehn weiteren Kameras vorbei. Durch die Gesichtserkennung werden Identität und Klassifizierung automatisch ermittelt und an die Passkontrolle weitergeleitet. Foto und Fingerabdruck an der Theke sind Formalitäten. Die Einreisebehörden wissen längst, wen sie vor sich haben.
Je wichtiger eine Zielperson ist, umso aufwendiger die Verfahren, die angewandt werden, um sie zu finden. Je größer die Datenbanken mit Personenmerkmalen, umso besser die Chancen.
Die Technologie der Gesichtserkennung ist nur ein Teil einer globalen Vernetzung, die uns mit Webcams, CCTV-Video und versteckten Kameras ständig observiert. Nationale Nachrichtendienste, Polizei und Privatfirmen arbeiten dabei oft Hand in Hand.
Mit der Hochleistungs-Gesichtserkennung kann man sogar Einzelpersonen auf einer Großdemonstration identifizieren, oder den Verdächtigen in der Menschenmenge einer Bahnhofshalle. Man kann sogar die Personen auf ihrem Weg durch das Gedränge weiterverfolgen. Einzelne Kameras können miteinander synchronisiert werden und eine Zielperson von Kamera zu Kamera über mehrere CCTV-Systeme hinweg verfolgen. Mit sogenannter Fusion-Software kann eine Video-Überwachung sogar medienübergreifend mit anderen Systemen wie Auto-GPS oder Smartphone-Ortung synchronisiert werden.
Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn unsere Gesellschaft nur die Folgen einzelner Überwachungsprogramme betrachten würde. In der Vernetzung liegt die Gefahr.
Wenn wir die gesellschaftlichen Folgen einer bevorstehenden Überwachungsgesellschaft betrachten, wäre es ein grober Fehler, jede Maßnahme einzeln zu betrachten. Es ist nicht die einzelne Kamera am Straßenrand, der Sensor in einem RFID-Chip oder die Abhöranlagen in einer Barbie-Puppe, die eine Bedrohung darstellen. Es ist die geballte Kraft eines neuen Wesens, das alles überwachen – und kontrollieren – kann. Solange die Systeme getrennt bleiben, sind sie halb so gefährlich.
Die Entstehung gigantischer Datenmassen, die Geburt von Big Data, war eine gewaltige Entwicklung. Bis heute haben wir sie nicht verdaut. Und dennoch ist sie nur ein erster Schritt in der Entstehung eines gefährlichen neues Wesens, das uns vollkommen überlegen sein wird.
Sensorik und Software
Mit dem rasanten technologischen Ausbau der Grenzüberwachung sind ganze Wissenschaftszweige neu entstanden. Die Biometrik, die mit Stimmabdruck und Gesichtserkennung begann, ist heute ein vielseitiges Forschungsfeld.
Und ein lukratives.
Der Staat, so scheint es, kann nicht genug speichern. Täglich werden neue Eigenschaften des menschlichen Körpers entdeckt und katalogisiert – Körperbau und Kopfhaltung, Muttermal und Muskelbau, hübsche Tattoos und hässliche Narben. Alles wird protokolliert und in Big Data eingefüttert. Es gibt sogar orthopädische Fachleute, die die Gangart studieren und Personen an einem hinkenden Bein oder einer hängenden Schulter erkennen können. Es ist ein neues Fach in der Verhaltensforschung („gait recognition“) und gilt als ziemlich sichere Methode, um Personen zu identifizieren. Andere Forschungsbereiche vergleichen Proben von Körpergeruch, Mundgeruch und Fußschweiß.
Psychologen suchen Hinweise im Verhalten, bei Hobbys etwa, oder im Lebensstil. Ist man Schlipsträger oder Sportfan, Fernfahrer oder Frauenheld, Linkshänder oder Langstreckenläufer?
Es geht aber auch genauer.
Menschen haben ziemlich eindeutige Merkmale, von denen sie meist überhaupt nichts wissen. Ob man mit Zehn-Finger-System in eine Tastatur tippt oder mit Zwei-Daumen-Methodik in ein Smartphone, jeder hat seinen eigenen Stil. Und seinen eigenen Rhythmus. Experten können das heraushören. Und zuordnen. Die US-Firma Apple hat entdeckt, dass sie ihre User am Tipp-Rhythmus und an der Handhabung ihres iPhones erkennen kann.
Verhaltensbedingte Identifizierung ist ein weiteres Neugebiet in der Wissenschaft. Forscher nennen es „Behaviometrics“.
Profile, die früher mit dem Eintrag in das Notizbuch eines Kripobeamten begannen – und meistens auch endeten –, werden heute in den endlosen Annalen von Big Data verewigt.
Augen und Ohren der Künstlichen Intelligenz
Automatische Sensoren sind heute die Augen und Ohren der modernen Überwachung. Sie sind erheblich leistungsfähiger als ihr menschlicher Gegenpart. Sensoren können weiter und besser sehen als Augen, auch bei Nacht. Sie können Infrarot und Radioaktivität erkennen, leiseste Geräusche hören und chemische Substanzen riechen.
Biometrik zieht Großunternehmen an. Damit ist viel Geld zu verdienen. Der Staat ist bereit, große Teile davon gern outzusourcen, zum Beispiel bei der Überwachung von Staatsgrenzen.
Heute ist sie hauptsächlich eine Sache der modernen Sensorik. Zunehmend wird sie vom Staat in die Hände von Privatunternehmen gegeben. IBM, spezialisiert auf Biometrik, Personenerkennung und Datenverwaltung, ist enger Partner des Department of Homeland Security, DHS. Die Firma Accenture leitet die Smart Border Alliance in den USA, einen Zusammenschluss diverser Spezialfirmen.
Fachgebiet: die Sammlung und Auswertung von Daten.
Gesamtetat: knapp 10 Milliarden Dollar.
In solchen Kreisen sind Daten nicht nur ein Thema für Fachsimpelei. Sie sind Ware. Es wird damit gehandelt, fleißig gehandelt – mal im Tausch, mal gegen Bares. Besonders wertvoll sind sie, wenn sie miteinander verschmelzen.
Eine der Lehren aus dem Attentat vom 11. September war die mangelnde Kooperation zwischen den US-Nachrichtendiensten. Viele Informationen, die zu einer Früherkennung der Attentäter und ihrer Absichten hätten führen können, lagerten in den Karteien einzelner Behörden – abgeschirmt, abgelegt, unzugänglich. Nicht mal der Auslandsdienst CIA war mit dem Inlandsdienst FBI datentechnisch vernetzt. Niemand hatte Zugang zu allen nötigen Informationen. Niemand war in der Lage, „The Big Picture“ zu sehen, den wachsenden Zusammenhang, das bedrohliche Gesamtbild.
Datenbestände aus den diversen Bundesbehörden wurden zu diesem Zweck schleunigst zusammengelegt, damit sie – soweit es die Geheimhaltung zulässt – gemeinsam genutzt werden können. Der Inlandsdienst FBI, der Auslandsdienst CIA, der militärische Nachrichtendienst DIA und andere relevante Bundesbehörden sollten teilen lernen.
Schmelztiegel für Spione
Fusion Centers wurden eingerichtet, wo vertrauliche Daten zusammenliefen. Unter dem umstrittenen „Freedom of Information Act“ wurde ein undurchsichtiges Gebilde von Vollmachten und Sondergenehmigungen errichtet. Dazu zählen die berüchtigten „National Security Letters“, die dem FBI Festnahmen und Durchsuchungen erlauben – ohne Haftbefehl, ohne Durchsuchungsbefehl, ohne Richter.
Bürgerrechtsorganisationen waren über die neuen Vollmachten für Strafverfolgungsbehörden entsetzt. Sie warnten vor der Vielzahl von neuen Behörden, die sich mit dem Kampf gegen Terror befassten. Allein im Bundesstaat Illinois waren es 91. Und sie warnten vor dem, was sie „Kriegsrecht in einem nicht erklärten Krieg“ nannten.
Noch wichtiger – und bedenklicher – war das Verschmelzen staatlicher Datenbanken. Ein Informations-Smörgåsbord wurde aufgetischt. Alle Dienste wurden zum Festessen eingeladen.
Es waren aber keineswegs nur die großen Spionagebehörden, die von den neuen Anti-Terror-Gesetzen profitierten. Auch viele Dienststellen in der Provinz genossen neue Privilegien.
Im Bundesstaat Illinois erreichte die Zahl der Landesdienststellen, die sich mit Anti-Terror-Aufgaben befassten, eine Rekordhöhe. Und manch ein US-Dorfpolizist freute sich plötzlich über Hightech-Wunderwaffen, die sonst ausschließlich in den Arsenalen von CIA und NSA zu finden waren.
NSA-Technologie für die Dorfpolizei
Kleinstadt-Cops wurden plötzlich in der Lage versetzt, mit raffinierten Infrarotkameras die Marihuana-Farmen in Großstadtsiedlungen aufzuspüren, mit leistungsstarken Lauschgeräten die Handy-Gespräche von Kleinkriminellen mitzuschneiden und die Strafregister von Millionen von Menschen mühelos zu durchforsten.
Das bietet viele Vorteile in der Kriminalitätsbekämpfung.
Und verbirgt viele Gefahren für Bürgerrechte.
Es folgen ein paar Beispiele aus der Praxis.
Das Werkzeug der Wächter
WatchHound
Zu den neuen polizeilichen Wunderwaffen von heute zählt der kleine WatchHound („Wachhund“) von Berkeley Veritronics in New Jersey. Als Funkempfänger im Taschenformat, der als Buch oder Wasserflasche getarnt werden kann, entdeckt das Gerät verbotene Funksignale jeder Art. Ob bei einer Klausurarbeit an der Uni oder dem Konzert eines Rockstars, im Gefängnis oder im Gerichtssaal, der kleine Hund spürt jede drahtlose Aktivität in Echtzeit auf. Er ortet Stimme, SMS-Text, sogar Handys im Standby-Modus. Er erfasst eingehende sowie ausgehende Kommunikation und protokolliert alles samt Mobil-Nummer und Uhrzeit.
Während der WatchHound für legitime Überwachungsaufgaben entwickelt wurde, könnte er auch für die Verfolgung von demokratischen Demonstranten und Dissidenten eingesetzt werden.
Stingray
Etwas ominöser ist der IMSI-Catcher Stingray der Harris Corporation. Seine Aufgabe ist es, einen Sendemast zu simulieren. Damit kann er alle Handys in der Umgebung zum Andocken locken, ihre Gespräche mitschneiden, ihre SMS-Texte speichern und womöglich den gesamten Speicherinhalt eines Smartphones ohne Wissen des Inhabers downloaden. Das Gerät kann Tausende von Mobilphones gleichzeitig anzapfen.
„Mit dem Gerät kann der Staat“, so die Bürgerrechtsorganisation ACLU, „Signale durch Wände und Kleidungsstücke empfangen, um vielfältige Informationen über unbescholtene Menschen zu sammeln.“
In Florida hat eine Polizeidienststelle den Stingray über zweihundert Mal innerhalb eines Jahres eingesetzt – ohne einen einzigen Gerichtsbeschluss.
Bei der Suche nach einem entführten Mädchen hat die Polizei in Colorado die Daten von mehreren Tausend Männern angezapft. Fünfhundert von ihnen wurden zu DNA-Proben aufgefordert.22
Mit einem Stingray sammelte ein Sheriff in South Carolina sämtliche Daten aus vier mobilen Sendemasten. Es ging um die Aufklärung einer Serie von Autodiebstählen. „Wir brauchten so viele Informationen wie möglich“, erklärte der Sheriff.
In Miami begründete die Polizei den Kauf eines Stingrays damit, dass sie Demonstranten beim Welthandelstag überwachen wollte.23
Cellebrite
Cellebrite ist ein Gerät zur Sicherstellung von forensischen Beweismitteln. Der gesamte Inhalt eines Smartphones kann damit innerhalb von zwei Minuten kopiert werden. Die Profi-Version kann auch gelöschte, verschlüsselte und versteckte Daten lesen. Sie wird von Militär, Strafverfolgung und Nachrichtendiensten in über sechzig Ländern verwendet.
Cellebrite funktioniert so:
Gerät infiltrieren,
Sperre umgehen,
Code starten, um Flash zu lesen,
Datentransfer zu USB aktivieren,
Keine Spuren hinterlassen.
FinFischer/FinSpy
Überwachungssoftware der Trojaner-Produktfamilie FinFischer/FinSpy aus dem Hause Gamma wird häufig von staatlichen Institutionen verwendet. Sie ist ein offensives Spionage-System, vom Bundeskriminalamt getestet, und wird unter anderem gegen „Schurkenstaaten“ wie Iran und Nordkorea eingesetzt. Billig ist es nicht. Allein die Remote-Monitoring-Lösung von FinSpy kostet um die 1,5 Millionen Euro. Dafür kann sie Gespräche abhören, Kontakte kopieren, Mikrofone aktivieren, Standorte verfolgen und sicherlich vieles mehr, was die Hersteller nicht öffentlich erzählen.
Natürlich werden solche Geräte in der Privatwirtschaft eingesetzt, sogar bei der katholischen Kirche. In Neapel war Priester Don Michele Madonna vom Texten und Telefonieren während des Gottesdienstes mächtig genervt. Mehrfach hatte er die Gemeinde aufgefordert, den Gebrauch von Handys in der Kirche zu unterlassen. Auf der Suche nach himmlischer Ruhe hat der genervte Geistliche in der Kirche einen Störsender installiert. Es funktionierte. Allerdings beschwerten sich Ladenbesitzer aus der Nachbarschaft, dass auch bei ihnen Laptops, Smartphones und Tablets gestört wurden.24 25
Google für Geheimdienstler
Das US-Unternehmen Raytheon ist für exotische Rüstungsgüter bekannt. Neben Sensorpaketen für Killerdrohnen, Exoskeletten für US-Infanteristen und Überwachungszeppelinen für die US-Marine hat Raytheon für die NSA eine besondere Software im Angebot – eine Suchmaschine für Spione. Das Programm heißt RIOT („Rapid Information Overlay Technology“) und wird ausschließlich an Militärs, Nachrichtendienste und andere Sicherheitsbehörden verkauft. Die Leistung stellt Google in den Schatten.
Die Algorithmen sind für ihre enormen Informationsmassen ausgelegt – in der Fachsprache „Extreme-Scale Analytics“. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend.26
Tippt man den Namen einer Zielperson ein, spuckt die Software sofort eine vollständige Liste aller Telefonate – komplett mit gelben Landkarten-Pins – aus. In Sekundenschnelle werden alle Orte mit Datum und Uhrzeit angezeigt, an denen die Zielperson telefonisch eingeloggt war – komplett. Jedes Mal, wenn dieser Teilnehmer sein Telefon aktiviert, legt er eine Spur auf der Landkarte. Wie Brotkrümel im Märchenwald kann ein Nachrichtendienstler den Weg einer Zielperson nachverfolgen – nicht nur aktuell, sondern auch für Jahre, oder Jahrzehnte, rekonstruieren.
Die RIOT-Software kann mehr, viel mehr, wie zum Beispiel komplexe Eventketten. Geht Person A in das Café mit Person B, die sich mit Person C im Chat austauscht, die Bargeld an Person D übergibt, können die Menschen und ihre Verbindungen zueinander schnell erkannt werden. Alle Standorte werden mit Gesichtserkennung verknüpft.
Besucht eine dieser Personen ein Sportstudio, werden alle Besucher erfasst, die zeitgleich da waren – mit Tag und Uhrzeit in Kuchengrafiken.27
Alle obigen Beispiele hat Brian Urch, investigativer Reporter bei The Guardian, in einer konspirativen Demonstration der RIOT-Software persönlich erlebt und in einem YouTube-Video dokumentiert.28
Es sind also keineswegs nur mitgeschnittene Telefonate und SMS-Texte, die in den ewigen Archiven von Nachrichtendiensten landen.
Es ist viel mehr.
Und überall wacht eine Künstliche Intelligenz.
Vorsicht, Kamera!
Überwachung ist überall.
Es wird immer schwieriger, sich unbeobachtet in der Öffentlichkeit zu bewegen. Private Kameras sind überall installiert und erfassen jeden, der vorbeiläuft. Bis heute haben die Briten um die 6 Millionen sogenannte Closed-Circuit-Television-Kameras (CCTV) eingeschaltet. An einem durchschnittlichen Tag muss ein durchschnittlicher Bürger damit rechnen, dass er von über 300 Kameras aufgenommen wird.
Nach dem 11. September 2001 hat die Stadt New York viel von ihrer historischen Liberalität verloren. Die Sehnsucht nach Sicherheit war so groß, dass viele Vorbehalte gegen Überwachung verschwanden. Die Bürger vertrauten ihrem republikanischen Bürgermeister Rudolph Giuliani, der sie durch die schwere Krise begleitet hatte, und akzeptierten neue Maßnahmen, die er unterstützte.
Inzwischen hat die Stadt über 18.000 CCTV-Kameras in einem gigantischen Überwachungs- und Identifizierungssystem installiert. Alle sind miteinander vernetzt. So kann das System einen einzelnen Fußgänger auf seinem Weg durch die Stadt von Standort zu Standort nahtlos verfolgen. Über Gesichtserkennung wird seine Identität festgestellt und aus dem Archiv wird – soweit vorhanden – sein Strafregister abgerufen.
Neueste Überwachungskameras können Größe und Form eines verdächtigen Pakets identifizieren oder sekundenschnell Menschen in der Menge orten, die „ein rotes Hemd tragen“.
Man darf nie vergessen: Objekt der Beobachtung ist der Mensch.
Nicht das Telefonat. Nicht die E-Mail. Nicht das Auto. Nicht der Flug. Oder das Bankkonto.
Sondern die Person.
Du bist einmalig
Deine biometrischen Daten auch.
Deswegen möchten die Geheimdienste – und auch die privaten Datensammler – alle Informationen über eine Person mit ihren physischen Charakteristika verlinken.
Wenn der Link zur Identität einige einmalige Eigenschaften des Individuums hat, z. B. digitaler Fingerabdruck, Iris-Scan, Handscan, Gesichtstopografie, Gangart oder Stimmabdruck, dann sind das nur ein paar von den Merkmalen, die leicht biometrisch messbar sind. Hinzu kommen soziale Gewohnheiten wie Rauchen, Trinken, Zocken, Drogen.
Wissenschaftliche Merkmale des Individuums gehen viel weiter. Sie schließen Gangart („gait recognition“) und Mimik, Emotionserkennung und Handvenenstruktur ein, um nur ein paar zu nennen. Biometrische Daten haben den Vorteil, dass sie einen Schlüssel zu einer Identität bilden – Verbindungsglied zwischen Datenbank-Infos und körperlicher Identität.
PINs und Passwörter können geändert werden.
Physikalische Merkmale bleiben.
Die Persönlichkeit des Passbilds
Die Erkennungstechnik der Privatwirtschaft ist manchmal mangelhaft. Die Wissenschaft ist erst im Entstehen. So will das US-Start-up CreepShield unliebsame Menschen mittels Bilderkennung aussortieren. Ihre App, zunächst nur in Amerika verfügbar, gleicht Fotos von Internet-Bekanntschaften mit öffentlich zugänglichen Datenbanken von Sexualstraftätern ab, die von den US-Behörden auf Bundes- und Staatenebene vorgehalten werden.
Die Bedienung ist einfach: Ein Nutzer muss nur den Link eines Bilds in ein Suchfeld bei Dating-Portalen wie Match.com, eHarmony, PlentyOfFish oder OkCupid einfügen. Dann wird es mit den Fotos von rund 475.000 aktenkundigen Sex-Tätern verglichen. Alternativ kann man sich außerdem eine Browser-Erweiterung installieren, die es unter anderem für den Google-Browser Chrome zum Download gibt – dafür will das Plug-in vollen Zugriff auf besuchte Websites haben und die geöffneten Browser-Tabs einsehen.
Allerdings funktioniert der Dienst sowieso bislang mehr schlecht als recht. So ergab ein Kurztest der US-Tageszeitung New York Times, dass die Software oft reichliche Fehltritte liefert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Wahl zutrifft, bezifferte die Software dabei auf 49 Prozent.
Foto-Fundus für die Fahndung
Staatliche Systeme funktionieren besser. Sie greifen dabei auf fast grenzenlose Bestände an Videos und Fotomaterial zurück. Neben den Aufnahmen des Staates werden oft die unzähligen Daten von Privathandys mit ausgewertet. Jeder Hollywood-Star weiß, wie schwer es ist, ihnen zu entkommen.
Das gilt auch für Attentäter.
15. April 2013. Zwei Bomben explodierten an der Ziellinie des Boston Marathons. Es war eine chaotische Szene. Rettungskräfte und TV-Journalisten, Polizisten und panische Zuschauer liefen kreuz und quer durcheinander. In dem Getümmel sammelte die Polizei private Smartphones ein. Innerhalb von Stunden verfügte sie über große Mengen an Bildmaterial vom Tatort. Hunderte von FBI-Forensikern und Kripo-Spezialisten durchforsteten die Aufnahmen auf der Suche nach Personen, „die etwas anders tun als andere Menschen“, wie der Bostoner Polizeichef Edward Davis es formulierte.
Die Arbeit war mühsam. Ein Agent hatte eine einzige Bildsequenz über 400-mal anschauen müssen. Aber alles war da. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Täter über Gesichtserkennung identifiziert und ihre Fahndungsbilder auf Fernsehschirmen rund um die Welt geblitzt werden konnten.
Bei dem Terrorangriff wurde Datenschutz hintangestellt. Und eine bedenkliche Präzedenz geschaffen. In den Hunderten von eingesammelten Smartphones wurden Speicherkarten mit vielen Tausenden von Privatbildern beschlagnahmt – ohne Gerichtsbeschluss, ohne richterliche Anordnung, ohne gesetzliche Grundlage. Jedes Privatfoto wurde Teil der Ermittlungsakte.
Es war natürlich nicht nur Technologie, die der Fahndung zum Erfolg verhalf. Es waren auch engagierte Augenzeugen mit hilfreichen Hinweisen. Aber der Boston Marathon ist definitiv ein gutes Beispiel dafür, dass nicht nur die Überwachungskameras leistungsfähiger werden, sondern auch die forensische Auswertung. Mithilfe hochwertiger Software für Gesichtserkennung, zum Teil vollautomatisch, war sie in der Lage, relevante Bilder schnell und zielsicher zu ordnen. Innerhalb weniger Stunden wurde nach den Tätern mit Bild und Profil öffentlich gefahndet.
Big Brother is watching you.
Nicht nur zu Hause.
Und nicht nur mit Kameras.
Urlaub unter Überwachung
Wenn Sie verreisen, wissen Sie sicherlich, dass die Urlaubsrecherchen auf Ihrem privaten PC von dem Hersteller Ihres Suchsystems gespeichert werden, wie auch Ihre endgültigen Flug- und Hotel-Buchungen. Die wenigsten Menschen ahnen jedoch, welch breite Spur an Folgedaten sie im Netz hinterlassen.
Beim Einchecken in einem ausländischen Hotel wird meist der Reisepass gespeichert, auch wenn die örtlichen Behörden dies nicht verlangen. Die Rezeption im Hotel hält fest, ob Sie Raucher oder Nichtraucher sind. Sie werden ermutigt, dem Bonusplan der Hotelkette beizutreten, wo weitere persönlichen Daten abgefragt werden. Diese Daten, womöglich mit Kreditkarten-Infos gekoppelt, werden auf dem Magnetstreifen des Zimmerschlüssels gespeichert. Ihr Gang durch Fahrstuhl und Flur wird von Überwachungskameras festgehalten. Während des Aufenthalts wird jede Türöffnung mit Datum und Uhrzeit im zentralen Schlüsselsystem gespeichert. So kann ihr vollständiger Aufenthalt im Ausland Schritt für Schritt nachvollzogen werden.
Der Prozess ist aufwendig.
Aber er ist machbar.
Für Geheimdienste ein Kinderspiel.
Für eine Künstliche Intelligenz ist er eine Frage von Mikrosekunden.
CSI Dubai
Ein ganz besonderes Beispiel für die forensische Auswertung solcher Daten lieferte der Wüstenstaat Dubai. Wer denkt, dass die Technik in einem solchen Land unbeholfen und veraltet sei, macht einen schweren Fehler …
… einen schweren Fehler, den auch der israelische Geheimdienst Mossad gemacht hat.
Mit einem 27-köpfigen Killerteam waren die Israelis ausgerückt, um einen Top-Terroristen der Hamas zu töten. Der Anschlag sollte in einem Hotel in Dubai stattfinden. Der Plan war komplex, die Aufgaben verteilt, die Beteiligten allesamt geschulte Profikiller.
Aber auf verhängnisvolle Weise unterschätzten die Profi-Attentäter das Ermittlungstalent der Einheimischen.
Mossad-Mord im Fernsehen
Die Geschichte beginnt mit einem Zimmermädchen im zweiten Stock des Hotels Al Bustan Rotana in Dubai. Sie ist etwas ungeduldig. Der Gast in Zimmer 230 antwortet nicht auf ihre Klopfzeichen. Check-out war schon um zwölf. Es ist schon 13 Uhr. Sie will sauber machen.
Der Tag ist der 19. Januar 2010, der Gast ein gewisser Mahmoud Abdul Raouf Mohammed Hassan. Er antwortet auch nicht, als der Duty-Manager im Zimmer anruft.
Um 13:30 Uhr lässt das Management die Tür aufmachen.
Auf dem Bett liegt ein Toter.
Äußere Anzeichen von Gewalt sind nicht erkennbar. Die Tür ist mit Kette und Riegel von innen verschlossen. Wertsachen fehlen nicht. Alles spricht für einen natürlichen Tod. So steht es auch im vorläufigen Bericht des Krankenhauses Dubai, Tod durch übermäßigen Blutdruck im Gehirn, ein Routinefall.
Bis die Polizei die Identität des Toten überprüft. Sein wirklicher Name lässt Alarmglocken läuten. Mahmoud Abdul Raouf Mohammed Hassan, alias Mahmoud Al-Mabhouh, ein hochrangiger Palästinenser, Gründer der Izz ad-Din Qassam Brigaden. Er ist auch verantwortlich für die Entführung und Ermordung von zwei israelischen Soldaten, wie er selbst in einem Bekenner-Video erklärte. Seit Jahren steht er auf der Todesliste des Mossad ganz oben. Mehrmals hat man versucht, ihn umzulegen.
Jetzt ist es offenbar gelungen.
Ein israelischer Mord auf dem Boden der Vereinigten Arabischen Emirate? Die Staatssicherheitspolizei von Dubai setzt gleich mehrere Ermittlungsteams auf den Fall an.
Sie kommen schnell zu dem Schluss: Das Attentat war langfristig geplant, großflächig angelegt und professionell ausgeführt. Mabhouh war, wie die Polizei nach ersten Ermittlungen schnell mitteilte, „in seinem Hotelzimmer mit einem Elektroschocker betäubt und danach wohl mit einem Kissen erstickt“ worden. Offenbar sollte es wie ein natürlicher Tod aussehen.
Bemerkenswert an dem Vorfall – vor allem für die Attentäter aus Israel – war die schnelle Aufklärung. Innerhalb kürzester Zeit hatten die Ermittler umfangreiches Videomaterial aus den unzähligen Überwachungskameras der Stadt gesichert, gesichtet und ausgewertet. In mühsamer Kleinarbeit hatten sie die Puzzlestücke aneinandergereiht: Einreise-Stempel, Hotelanmeldungen, Passkopien, Mietwagen-Verträge und Kreditkarten.
Leicht zu verfolgen waren die Profikiller nicht. Das israelische Elite-Team hatte im Stillen gearbeitet und war spurlos abgereist. Fingerabdrücke oder DNA hatten sie nicht hinterlassen. In einer undurchsichtigen Choreografie standen sie in Foyer und Fluren, tauschten Zimmerschlüssel und schwere Taschen. Sie wechselten Tarnnamen und Taxifahrten, gefälschte Pässe und gefärbte Perücken. Sie wechselten Anzüge und Aufgaben, Koffer und Kostüme sowie ihre Rollen untereinander. Die Täter erschienen mal als coole Geschäftsfrau, mal als übergewichtiger Tennisspieler.
Niemand in Dubai hatte gewusst, dass sie kommen, niemand ihr Kommen und Gehen beobachtet. Ihre Autos wurden nicht verfolgt, ihre Gespräche nicht abgehört. Erst durch den Toten in Zimmer 230 hatten die Behörden die Brisanz des Falles realisiert. Erst dann begannen die Ermittlungen. Als die Täter längst über alle Berge waren. Die Operation musste nachträglich zusammengepuzzelt werden – Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen. Es war die kriminalistische Rekonstruktion eines Tathergangs von unvorstellbarer Dimension.
Die Fahnder ermittelten im Stillen. Sie verfolgten die Machenschaften des Mossad-Teams auf Dutzenden von Bildschirmen. In minutiöser Kleinarbeit mussten sie die Szenen Standort für Standort aneinanderreihen – Täter in Großaufnahme und Totale, im Fahrstuhl und im Flur, beim Einchecken im Hotel, beim Einkauf in der Shopping-Mall. Sie überprüften Hüte und Umhängetaschen, Sportgerät und Spezial-Telefone für die Kommunikation mit Vorgesetzten in einer konspirativen Wiener Einsatzzentrale.
Am Ende stand eine eindrucksvolle Fernseh-Dokumentation, produziert ausschließlich aus authentischen Überwachungsbildern. Der Film ist ein öffentliches Dokument über die Arbeit von professionellen Killern im geheimdienstlichen Milieu. Stolz stellten die Emirati-Ermittler ihr Werk auf YouTube.29
Eine unglaubliche Leistung, was die arabischen Kriminalisten in diesem Mordfall vollbracht haben. Damit haben sie auf exemplarische Weise demonstriert, wozu Big Data – in Kombination mit flächendeckenden CCTV-Aufnahmen – fähig ist.
Der forensische Erfolg war nur möglich, weil die Überwachungstechnik im Lande fehlerfrei und flächendeckend funktioniert. Die Überwachung war automatisch. Die Arbeit von Maschinen. Ohne Menschenhand.
Noch haben Menschen die Forensik vollbracht, nämlich die Kriminalisten von Dubai. In Zukunft werden solche Analysen mithilfe von Hochleistungssoftware immer mehr von Maschinen erledigt.
Von lernfähigen Maschinen.
Mit Künstlicher Intelligenz.
Das ist eine Zukunft, die bei westlichen Geheimdiensten mit Nachdruck gefördert wird.
Beim Militär sowieso.
BEWAFFNUNG

Das Arsenal der Killermaschinen
Der moderne Spion ist ein Großrechner. Sein Auftrag ist, Feinde in einem Meer von Millionen von Menschen ausfindig zu machen. Er sucht die bedrohliche Nadel in einem Heuhaufen der Harmlosen. Geholfen wird ihm von lernfähigen Programmen mit Künstlicher Intelligenz.
Die Spionage sucht die Ziele.
Das Militär jagt sie.
Die ersten intelligenten Waffensysteme hatten mit Künstlicher Intelligenz nichts zu tun. Es waren computergesteuerte Lenkwaffen und Cruise Missiles. Sie wurden Anfang der Neunzigerjahre im ersten Golfkrieg eingesetzt. Von U-Booten abgeschossen konnten sie die Küste orten und die Konturen der Landschaft erkennen. Mit Infrarot-Navigation (look-down/shoot-down) konnten sie Ziele in großer Entfernung finden und vernichten. Sie waren aber sehr teuer.
Als ich 2003 im zweiten Golfkrieg auf der USS Truman als „embedded Journalist“ unterwegs war, priesen die Piloten die neuen Joint Direct Attack Munition oder JDAMs. Im Grunde handelte es sich dabei um einen Nachrüstsatz für ungelenkte Fallbomben. Mit JDAMs konnten sie mit Radar- beziehungsweise Lasersteuerung präzise in Einzelziele gelenkt werden – für einen Bruchteil der Kosten. Wie die Cruise Missiles gehörten sie damit zur Kategorie der sogenannten „chirurgischen Waffen.“ Im Gegensatz zu den mörderischen Bombenteppichen im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam, die ganze Landstriche auslöschten, konnten diese Waffen gezielt an Wohngegenden vorbei in militärische Ziele gelenkt werden.
Die Waffen waren in der Tat intelligent. Aber sie waren nicht lernfähig. Sie spulten ihre Programme ab und trafen keine Entscheidungen. Sie werden niemals zum Arsenal einer Künstlichen Intelligenz gehören.
Mit Drohnen ist es anders. Sie haben die Strategie der modernen Kriegsführung auf den Kopf gestellt. Genauso wie Big Data in der Spionage den Feind als Einzelperson definieren kann, können Kampfdrohnen den Feind als Einzelperson ausschalten.
Sie sind Teil der neuen, lernfähigen Waffengeneration. Sie können im Schwarm töten und gehören zu einem weithin unbekannten Arsenal an Computerwaffen, die unbemerkt und überall zuschlagen können.
Drohnen älterer Bauart wie die MQ-1 Predator oder die MQ-9 Reaper werden noch von Menschen gesteuert, jedenfalls größtenteils. Ich recherchierte auf Stützpunkten der Drohnen in Deutschland und in den USA und sprach dabei mit den Piloten über Arbeit und Einsatz, unter anderem über den Luftwaffen-Einsatz in Afghanistan.
Augen über Afghanistan
Oberleutnant Fabrice Bachmann* streckt die Beine in die kühle Abenddämmerung. Es ist Winter im Norden Afghanistans, die ruhige Jahreszeit, und seine Schicht wird in Kürze beginnen. Der junge Luftwaffen-Pilot kennt die Routine hier. Er erwartet nichts Besonderes von dem Briefing, das gleich beginnen wird.
Doch es kommt anders.
Die Spannung merkt er gleich, als er den Einsatzraum der deutschen Luftwaffe auf dem Stützpunkt Mazar-e Sharif betritt. „Die Box“ nennen ihn die Piloten, ein fensterloser Raum voller Technik. Von Arbeitsplätzen hier werden die deutschen Drohnen gesteuert, die über Bodentruppen, Bundeswehr-Konvois und die alliierten Stützpunkte der ISAF wachen. Sie schauen hinter den Horizont, entdecken Heckenschützen, warnen vor Sprengfallen. Deutsche Drohnen verfolgen auch Einzelpersonen.
Moderne Militäraktionen richten sich immer weniger gegen fremde Länder, ihre Armeen oder ganze Völker. Immer häufiger werden sie gegen Einzelpersonen gerichtet – identifiziert mit Big Data, geortet mit lernfähigen Sensoren und am Himmel verfolgt von Drohnen.
Aufklärung aus der Vogelperspektive, das ist der Bundeswehr-Auftrag. Im Gegensatz zu den Kampfdrohnen der US-Streitkräfte tragen deutsche Drohnen keine scharfen Waffen.
Noch nicht.**
Seine Maschine – so erfährt Bachmann im Briefing – ist bereits seit acht Stunden unterwegs. Er übernimmt die Kontrollen von seinem Vorgänger. Seine Drohne nähert sich ihrem Zielgebiet im Norden von Afghanistan. In den nächsten Stunden soll es losgehen. Während Bachmanns Schicht. Ein Zugriff, der erste in seiner Militärkarriere.
Als Drohnenpilot ist Bachmann Teil der riesigen Überwachungsmaschinerie der Alliierten. Horchposten und Abhörknoten sind die Ohren, Satellitensensoren und ferngesteuerte Drohnen die Augen. Aus der Höhe schauen sie hinab, beobachten Bewegungen, kategorisieren Menschen und Maschinen, identifizieren Ziele und verfolgen sie. Bis die bewaffneten Predators und Reapers der Amerikaner kommen. Mit ihren Hellfire-Raketen.
Dann wird geschossen.
Auf dem Bildschirm verfolgt Bachmann die Landschaft mit dem Weitwinkel-Blick der Leitwerkkamera – keine HD-Qualität, aber eine brauchbare Perspektive fürs Fliegen.
„Ziel-Identifizierung ist die härteste Aufgabe für uns“, sagt der deutsche Pilot. „Sie bedeutet schließlich die Unterscheidung zwischen Freund und Feind, und damit zwischen Leben und Tod.“
Der 25-jährige Oberleutnant ist relativ frisch in diesem Beruf. Wie die meisten Drohnenpiloten hat er früher den Kampfjet Tornado gesteuert. „Sesselpupser“, haben die Kameraden gehänselt, als er zu den pilotlosen Kleinflugzeugen wechselte.
Die Umstellung war nicht leicht, gibt Bachmann zu. Er ist jung, durchtrainiert, und gibt die Optik eines gut aussehenden Bilderbuch-Piloten ab. Früher flog er einen schnittigen Tiefflieger, den Tornado. „Unten im Unkraut“, wie er es nannte, wenn sein Kampfjet in die Täler abtauchte. Adrenalin pur, wenn die Bergspitzen über seinem Kopf vorbeirauschten.
„Es war schon cool“, sagt er, „mit einer Rakete unterm Hintern durch die Gegend zu huschen.“
Jetzt sitzt er im Lehnstuhl und hantiert mit Tastatur und Maus. Es ist ein neuer Beruf in einer veränderten Luftwaffe. Obwohl sein Sitz nicht mehr vibriert und keine G-Kräfte mehr an seinem Gesicht zerren, versteht er sich immer noch als Pilot.
In Fliegerkombi am Schreibtisch
Bei der Arbeit trägt er Fliegerkombi.
Wie früher im Cockpit.
Für Bachmann ein Statement.
„Wir lassen nur voll ausgebildete Piloten ans Steuer“, erklärt sein damaliger Vorgesetzter, Oberst Hans-Jürgen Knittlmeier, Kommodore des Aufklärungsgeschwaders 51 Immelmann, Heimat der deutschen Drohnen. „Nur Piloten haben das richtige Gefühl für das dreidimensionale Geschehen in der Luft.“ Das ist Vorschrift des Verteidigungsministeriums. Bei der deutschen Luftwaffe muss jeder Drohnenpilot eine gültige Pilotenlizenz haben.
Bachmann blickt auf seine Instrumente. Es ist Quasi-Fliegen, was er hier tut. Vor ihm auf dem Schirm ist die Abbildung eines Cockpits: Flugbenzin und GPS-Koordinaten, Öldruck und Temperaturanzeige. Er geht die Checkliste durch. Variometer und Wendezeiger. Check. Höhenmesser und Horizont. Check. Über Headset nimmt er Kontakt mit der Flugkontrolle auf. Sein Flugplan muss mit anderen Maschinen abgestimmt werden – zivil wie militärisch.
Wer bei Drohnen an Modellflugzeuge denkt, liegt daneben. Die Heron der Luftwaffe hat eine Spannweite von 16 Metern, der Eurohawk RQ-4E der Amerikaner sogar von 40 Metern. Das ist breiter als ein Airbus 320.
Der Heimatflughafen von Oberleutnant Fabrice Bachmann liegt in den Weiten der norddeutschen Tiefebene, der unscheinbare Fliegerhorst Jagel. Ein paar Tornados brettern noch im Tiefflug über die Schafherden der Nachbarschaft, Relikte aus vergangenen Zeiten.
Jagel wird umgerüstet. In den ehemaligen Hangars der Tornados wird Platz für die kommende Generation von Drohnen gemacht – Kampfdrohnen, die das deutsche Verteidigungsministerium in Amerika kaufen will. Die Landebahn wurde bereits verlängert, Fernsteuerungsanlagen installiert. Ein Antennenpark für Satelliten kommt bald hinzu. Die deutschen Drohnen in fernen Ländern sollen direkt aus Schleswig-Holstein per Satellit gelenkt werden.
Die unbewaffnete Kriegsbeteiligung
Noch sind sie unbewaffnet. Darauf legen die Politiker in Berlin großen Wert. Es wird penibel zwischen Aufklärungsdrohnen und Killerdrohnen unterschieden. Aber die Differenzierung ist dünn. Bachmanns Einsatz heute ist ein „Zugriff“, Militärjargon für einen bewaffneten Angriff. Auch wenn keine Raketen unter den Flügeln seiner Drohne hängen, ist er Teil davon.
Die Kameras und Sensoren im Bauch des Fliegers sind militärisches Hightech-Gut vom Feinsten. Gebaut werden sie von der EADS-Tochter Cassidian in Unterschleißheim. Aus zehn Kilometern Höhe sind sie in der Lage, einen einzelnen Kämpfer zu orten, seine Spuren im Sand zu verfolgen oder mit Radar sogar durch die Dächer von Häusern zu schauen. Auf Straßen ist die Software in der Lage, Fahrzeuge nach Typ und Baujahr zu identifizieren oder Unebenheiten zu erkennen, die auf Sprengfallen deuten könnten. Die Kameras funktionieren bei Tag und bei Nacht. In Echtzeit werden ihre Bilder mit GPS-Koordinaten und Satellitenkarten automatisch abgeglichen. Bei Bedarf werden Bilder in Echtzeit an die ISAF-Truppen am Boden durchgeschaltet.
Heute ist Bedarf.
Bachmann verfolgt heute eine „Person von Interesse“ aus zehn Kilometern Höhe. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, ein stilles, ein tödliches. Ferngesteuerte Kriegswaffen sind nichts Neues. Aber das ferngesteuerte Töten in einem fernen Land hat eine ethische Dimension, die neu ist. „Es ist abstrakt, wie ein Videospiel“, schimpfen Kritiker, „und fördert eine Playstation-Mentalität des Tötens.“30
Oberst Hans-Jürgen Knittlmeier sieht das anders. Der Drohnenpilot erlebt die Folgen seines Handelns viel intensiver als etwa der Jetpilot, der mit Überschallgeschwindigkeit seine Bomben abwirft und abdreht. Der Drohnenpilot ist hautnah dabei, über Tage, manchmal über Wochen. Er verfolgt die tägliche Routine eines Menschen, wie er Freunde begrüßt, den Hund streichelt und sich von seiner Familie verabschiedet.
„Es sind sehr menschennahe Situationen“, berichtet ein Pilot. „Manchmal werden wir sogar zur Beerdigung des Opfers hingeschickt. Abstrakt ist das nicht.“
Noch eine Stunde, schätzt Bachmann. Auf dem Boden sind die Bewegungen der alliierten ISAF-Truppen erkennbar, ein bunter Mix verschiedener Nationalitäten. Bachmann lässt die Heron am Himmel Kreise ziehen.
Hinterher möchte ich wissen, wie der Zugriff gelaufen ist. Bachmann blickt verunsichert zu seinem Presseoffizier. Das darf er nicht kommentieren.
Aber er war erfolgreich.
So viel kann er sagen.
Ich frage ihn, warum er den Schreibtisch dem Cockpit vorzieht, den Sessel dem Schleudersitz?
Er antwortet mit einem Wort:
„Zukunft.“
Und meint die Zukunft des Pilotenberufs schlechthin.
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*Name geändert.
**Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren deutsche Drohnen unbewaffnet.
Playstation-Piloten
Der deutsche Oberleutnant hat recht.
Drohnen sind die Zukunft.
Aber womöglich ohne Fernbedienung.
Womöglich gänzlich ohne Menschen.
Größtenteils können sie das jetzt schon – Anflug und Angriff, Rückkehr und Landung. Für viele in der Rüstungsindustrie ist heute schon klar, dass die Drohnen der Zukunft völlig autark fliegen werden. Aber daran müssen sich die Militärs erst gewöhnen.
Schon der Wechsel von herkömmlichen Kampfjets zu ferngesteuerten Flugrobotern ging bei der US-Luftwaffe nicht konfliktfrei ab. Altgediente Generäle meinten, man brauche noch die Reichweite, Schnelligkeit und Tragkraft konventioneller Kampfjets und Fernbomber.
Widerstand gab es auch bei den Kampfjet-Jocks. Piloten aus der „Kick-the-Tire/Light-the-Fire“-Generation sahen ihren Status als Top-Gun-Stars gefährdet. Und waren sauer, dass Computer-Kids in den Containern die begehrten Wings auf ihre Luftwaffen-Uniform pinnen durften. Wings waren früher die Auszeichnung für Piloten, die ihr Leben im tiefen Blau des hohen Himmels riskierten.
Aber der Einsatz von Kampfdrohnen hat sich als mehr als sinnvoll erwiesen. In der asymmetrischen Kriegsführung, wo Supermacht-Soldat gegen Wüstenkämpfer antritt, kann die Kampfdrohne gezielt und ohne Lebengefahr für Piloten eingesetzt werden.
Eine Zeit lang hofften altgediente Militärplaner, dass der Drohnenkrieg eine Trenderscheinung sei. „Die Drohnen-Flotte, die ich aufgebaut habe und weiterhin aufbauen soll“, meinte vor einigen Jahren General Mike Hostage vom Global Strike Command, „ist nicht relevant in der heutigen Zeit. Das menschliche Gehirn ist noch der beste Computer, den ich kenne, die menschlichen Augen die besten Sensoren.“31
Veraltetes Denken.
Computer und Sensorik haben sich in rasendem Tempo entwickelt. Mit exponentieller Geschwindigkeit. Den Glauben an die Überlegenheit menschlicher Piloten hat die Technik längst hinter sich gelassem.
Moderne Krieger müssen nicht in den Krieg ziehen. Die Männer, die Killerdrohnen steuern, sind unweit von Las Vegas in den Sandwüsten des US-Westens stationiert. Ihr Arbeitsplatz ist ein unscheinbarer Container mit Wüstentarnung und Spaghetti-Antennen. Standort ist der US-Stützpunkt Creech, gut 12.000 Kilometer von den Schlachtfeldern entfernt, wo die Bomben fallen. Die Drohnen werden gewartet und gestartet von Lokalmannschaften am Einsatzort. Geflogen werden sie von den Männern und Frauen im US-Westen.
An einem typischen Arbeitstag frühstücken die Piloten im Pancake House am Highway 95, töten tagsüber Taliban vom Container aus und helfen ihren Kindern abends bei den Schularbeiten.
Die Piloten, mit denen ich auf dem US-Stützpunkt gesprochen habe, sind stolz auf ihre Tätigkeit. Die Drohnenangriffe in fernen Ländern sehen sie als wichtigen Beitrag zur Sicherheit der USA. Bei Abschüssen bitten sie die Lokalmannschaften, kleine Bomben auf die Tragflächen zu pinseln. Kriegsbemalung.
Wie Kerben an einem Colt.
Von einem PR-Offizier werde ich belehrt, dass der Begriff „Killer-Drohnen“ nicht sachgemäß sei. Dabei ist das erste Wort weniger problematisch. Sie sollen ja killen. Eine „Drohne“, so sagt man mir, ist ein Terminus technicus für ein selbstständig fliegendes Flugzeug. Predator und Reaper der US-Luftwaffe werden aber von einem Piloten gelenkt. Deswegen müssten sie eigentlich Remotely-Piloted-Vehicles oder RPVs („ferngesteuerte Flugzeuge“) genannt werden.
Dabei ist „Drohne“ in vielen Sprachen der Welt ein fester Begriff, auch im deutschen Duden. Er steht sogar auf T-Shirts in den Air-Force-Souvenir-Shops. Die Piloten sind stolz darauf.
Das langweilige Leben der Drohnenpiloten
Mary „Missy“ Cummings ist Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ehemalige Kampfjetpilotin. Sie wurde vom Pentagon beauftragt, die Arbeitsabläufe von Drohnenpiloten zu untersuchen. Sie sollte die Software vereinfachen und den Stress der jungen Männer und Frauen reduzieren.
Als Cummings die Container der Drohnenpiloten auf dem Stützpunkt Creech betrat, war sie innerlich angespannt. Sie wusste von den langen Arbeitszeiten, von der komplizierten Technik, von der bedrückenden Verantwortung der Piloten.
Sie erwartete Stress.
Und fand Langeweile.
Die Abläufe in den acht- bis zehnstündigen Schichten sind weitgehend automatisiert. Die ferngesteuerten Flugzeuge finden ihren Weg ins Zielgebiet selbstständig, verfolgen automatisch Mensch oder Fahrzeug und können über einem Zielgebiet stundenlang und ohne menschliche Beteiligung kreisen. Adrenalin-Momente sind selten und kurzlebig, dafür intensiv. Wenn eine Zielperson aus dem Schatten tritt, oder ein Geländewagen sich einem alliierten Stützpunkt nähert, müssen in Windeseile Entscheidungen gefällt werden. Unter Hochspannung. Es sind Entscheidungen über Leben und Tod.
„Missy“ Cummings protokollierte den typischen Arbeitstag: in Sesseln lümmeln, an Erdnüssen knabbern, in Comics blättern. Cummings kennt Stressberufe mit Leerlauf, zum Beispiel bei der Feuerwehr. Auch die Piloten von Liniengesellschaften starren nicht ununterbrochen auf Himmel und Horizont. Sie entspannen sich, lassen den Autopiloten arbeiten, verlassen sich auf die Intelligenz ihrer Bordelektronik.
„Solche Situationen erleben wir häufig, wenn Menschen als Babysitter für voll automatisierte Systeme eingesetzt werden“, sagt sie.32
Die lernfähige Software wird immer schlauer, die Arbeitsbelastung von Menschen immer geringer, ihre Verantwortung auch. Künstliche Intelligenz fliegt die Drohne, beobachtet die Landschaft, hält Ausschau nach verdächtigen Bewegungen. Bei Bedarf lässt sie ein Warnsignal ertönen und Menschen einschalten.
Immer mehr Aufgaben werden von der Automatik übernommen. Die Piloten werden mit immer mehr Leerlauf klarkommen müssen. Nach Berechnungen der US-Luftwaffe ist der typische Drohnenpilot heute schon in 95 Prozent seiner Arbeitszeit untätig. In dieser Zeit ist Künstliche Intelligenz am Steuer. Die Schere wird sich weiter öffnen.
Und die nächste Generation von Drohnen ist bereits in der Luft. Bei ihnen wird kein PR-Offizier auf dem Begriff RPV bestehen. Sie werden nicht ferngesteuert. Sie fliegen allein, ohne menschliche Piloten.
Künstliche Intelligenz trifft die Flugentscheidungen.
Ungesehen, unbemerkt, unbeachtet
Eine solche Drohne ist die geheimnisumwitterte X-47b Pegasus. Der Deltaflügler hat das Aussehen eines UFOs, die Geschwindigkeit eines Passagierjets und die Reichweite eines Fernbombers. Im Gegensatz zu bisherigen Drohnen kann die X-47b schwere Waffen tragen. Ihre Waffenlast wird auf über 2.000 Kilo beziffert.
Die US-Navy hat sie entwickelt. Sie soll ein Hauptproblem ferngesteuerter Drohnen umschiffen: die mühsame Suche nach einem Landeplatz in fremden Ländern. Man braucht eine freundliche Regierung, einen geheimen Standort und die Nähe zum Kampfgeschehen – keine leichten Kriterien. Darum muss sich Pegasus nicht kümmern. Sie hat ihren eigenen Landeplatz immer dabei.
Sie startet vom Flugzeugträger.
Die neue Killerdrohne operiert praktisch ohne Menschen. Gesteuert von Künstlicher Intelligenz fliegt Pegasus ganze Operationen völlig frei von menschlicher Intervention. Bei jedem Flug lernt sie dazu. Sogar die trickreiche Landung auf einem fahrenden Flugzeugträger meistert sie fehlerfrei.
Außerdem ist sie unsichtbar.
Unsichtbar?
Die Geister von Groom Lake
Es gab nur Dunst, wo das Flugzeug hätte sein müssen. Es war unglaublich. Als würde man den Himmel durch das Flugzeug sehen.
UFO-Beobachter „Dee“ in einem Blog-Posting
Was „Dee“ in Südkalifornien im Jahr 1998 beobachtet hat, war keine Fata Morgana – auch wenn die Erscheinung zunächst nur in UFO-Kreisen vermerkt wurde. Hinter der Dunstwolke am Himmel flog eines der bestgehüteten Militärgeheimnisse der 90er-Jahre, ein experimentelles Flugzeug mit der modernsten Tarn-Technologie der Welt.
Zu sehen war deshalb nur die Dunstwolke.
Das Flugzeug war unsichtbar.
Der Traum von der Tarnkappe
Der Traum von unsichtbaren Kriegern ist so alt wie der Krieg. Schon in der griechischen Mythologie besaß der Gott der Unterwelt Hades einen Tarnhelm, die sogenannte Hadeskappe. Der Soldat, der sie aufsetzte, wurde unsichtbar. Diese Tarnkappe trug Athene im Trojanischen Krieg – so die Sage –, um ihre Teilnahme für die Griechen zu verbergen.
Eine wirkungsvolle Waffe, zweifelsohne.
Über die Jahrhunderte aber nur der Stoff von Mythen und Mären.
Erste Ansätze zu ihrer Realisierung entstanden im Zweiten Weltkrieg. Anfang der 40er-Jahre bekämpfte die US-Marine deutsche U-Boote mit Bombern des Typs TBM-3D Avenger. Sie hatten aber Schwächen. Schon im Anflug konnten die Deutschen die langsamen Propellermaschinen an ihren dunklen Flügel- und Motorenprofilen erkennen.
Marine-Forscher der US-Navy entwickelten ein Tarnprogramm namens Yehudi. Um das Motorengehäuse und entlang den Flügeln ihrer U-Boot-Jäger wurden Lichterketten gelegt. Über einen Regler konnte der Pilot ihre Helligkeit an das natürliche Hintergrundlicht anpassen. Vor dem Himmel waren die Flugzeug-Silhouetten kaum erkennbar. Das Prinzip nennt man Isoluminosität, die Wahrnehmung, dass unterschiedliche Objekte mit gleicher Helligkeit mit dem menschlichen Auge kaum voneinander zu unterscheiden sind.
Das Programm funktionierte gut.33
Bis Ende 1942.
Dann wurde Radar eingeführt. Und die Marine konnte feindliche U-Boote weit hinter dem Horizont erkennen und angreifen.
Eine optische Tarnung war nicht mehr hilfreich.
Yehudi wurde eingestellt.
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