Kitabı oku: «La Fontaines Fabeln»

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La Fontaines Fabeln

Jean de La Fontaine

Inhaltsverzeichnis

La Fontaines Fabeln

Einleitung

Erstes Buch

1. Die Grille und die Ameise

2. Der Rabe und der Fuchs

3. Der Frosch, der dem Stier an Größe gleichen wollte

4. Die beiden Esel

5. Der Wolf und der Hund

6. Kalb, Ziege, Schaf und Leu, Als Handelscumpanei

7. Der Quersack

8. Die Schwalbe und die kleinen Vögel

9. Stadtratte und Landratte

10. Der Wolf und das Lamm

11. Der Mensch und sein Ebenbild

12. Der vielköpfige und der vielschwänzige Drache

13. Die Diebe und der Esel

14. Wie Simonides von den Göttern beschützt ward

15. Der Tod und der Unglückliche

16. Der Tod und der Holzschläger

17. Der Mann zwischen zwei Lebensaltern und zwei Lebensgefährtinnen

18. Der Fuchs und der Storch

19. Das Kind und der Schulmeister

20. Das Huhn und die Perle

21. Die Hornissen und die Bienen

22. Die Eiche und das Schilfrohr

Zweites Buch

1. Gegen die Krittler

2. Der Rat der Ratten

3. Der Affe als Richter zwischen Wolf und Fuchs

4. Die beiden Stiere und der Frosch

5. Die Fledermaus und die zwei Wiesel

6. Der durch einen Pfeil verwundete Vogel

7. Die Hündin und ihre gute Freundin

8. Der Adler und der Käfer

9. Der Löwe und die Mücke

10. Der mit Schwämmen und der mit Salz beladene Esel

11. Der Löwe und die Ratte

12. Die Taube und die Ameise

13. Vom Sterngucker, der in einen Brunnen fiel

14. Der Hase und die Frösche

15. Der Hahn und der Fuchs

16. Vom Raben, der's dem Adler nachtun wollte

17. Vom Pfau, der sich bei Juno beklagte

18. Die in ein Weib verwandelte Katze

19. Löwe und Esel auf der Jagd

20. Äsop als Testament-Ausleger

Drittes Buch

1. Der Müller, sein Sohn und der Esel

2. Die Glieder und der Magen

3. Der Wolf als Hirt

4. Die Frösche, die einen König haben wollen

5. Der Fuchs und der Ziegenbock

6. Der Adler, die wilde Sau und die Katze

7. Der Trunkenbold und sein Weib

8. Die Gicht und die Spinne

9. Der Wolf und der Storch

10. Der vom Menschen niedergeworfene Löwe

11. Der Fuchs und die Trauben

12. Der Schwan und der Koch

13. Die Wölfe und die Schafe

14. Der altgewordene Löwe

15. Philomele und Prokne

16. Die ertrunkene Frau

17. Das Wiesel im Kornspeicher

18. Der Kater und die alte Ratte

Viertes Buch

1. Der verliebte Löwe

2. Der Schäfer und das Meer

3. Die Fliege und die Ameise

4. Der Gärtner und sein gnädiger Herr

5. Der Esel und das Hündchen

6. Der Kampf der Ratten und der Wiesel

7. Der Affe und der Delphin

8. Der Mann und das hölzerne Götzenbild

9. Vom Häher, der sich mit Pfauenfedern geschmückt

10. Der Dromedar und das Floßholz

11. Der Frosch und die Ratte

12. Wie die Tiere dem Alexander Tribut schickten

13. Das Pferd, das sich an dem Hirsch rächen wollte

14. Der Fuchs und die Büste

15. Der Wolf, die Ziege und das Zicklein

16. Der Wolf, die Mutter und das Kind

17. Ein Wort des Sokrates

18. Der Greis und seine Kinder

19. Das Orakel und der Gottlose

20. Der Geizige, der seinen Schatz verlor

21. Das Auge des Herrn

22. Die Lerche mit ihren Jungen und der Gutsbesitzer

Fünftes Buch

1. Der Holzhauer und Merkur

2. Der irdene und der eiserne Topf

3. Der kleine Fisch und der Fischer

4. Die Ohren des Hasen

5. Der Fuchs mit dem gestutzten Schwanz

6. Die Alte und die beiden Mägde

7. Der Satyr und der Wandrer

8. Das Pferd und der Wolf

9. Der Bauer und seine Kinder

10. Der kreißende Berg

11. Das Glück und das kleine Kind

12. Die Ärzte

13. Die Henne mit den goldnen Eiern

14. Der Esel mit den Reliquien

15. Der Hirsch und der Weinstock

16. Die Schlange und die Feile

17. Der Hase und das Rebhuhn

18. Der Adler und die Eule

19. Der zum Kriege rüstende Löwe

20. Der Bär und die zwei Burschen

21. Der Esel in der Löwenhaut

Sechstes Buch

1. Der Hirt und der Löwe

2. Der Löwe und der Jäger

3. Phöbus und Boreas

4. Jupiter und der Pächter

5. Der Hahn, die Katze und das Mäuschen

6. Der Fuchs, der Affe und die Tiere

7. Das Maultier, das sich seiner Abstammung rühmt

8. Der Greis und der Esel

9. Der Hirsch, der sich im Wasser spiegelt

10 Der Hase und die Schildkröte

11. Der Esel und seine Herren

12. Die Sonne und die Frösche

13. Der Landmann und die Schlange

14. Der kranke Löwe und der Fuchs

15. Der Vogelsteller, der Habicht und die Lerche

16. Das Pferd und der Esel

17. Der Hund, der seinen Raub um ein Schattenbild fahren läßt

18. Der Kärrner, der sich festgefahren

19. Der Marktschreier

20. Die Zwietracht

21. Die junge Witwe

Nachwort zu den sechs ersten Büchern

Siebentes Buch.

1. Die pestkranken Tiere

2. Der unglücklich Vermählte

3. Die Ratte, die sich von der Welt zurückgezogen

4. Der Reiher

5. Das Mädchen

6. Die Wünsche

7. Der Hof des Löwen

8. Der Geier und die Tauben

9. Die Landkutsche und die Fliege

10. Das Milchweib und der Milchtopf

11. Der Pfarrer und der Tote

12. Der Mensch, der dem Glück nachläuft, und der, welcher es in seinem Bett erwartet

13. Die beiden Hähne

14. Die Undankbarkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gegen das Schicksal

15. Die Wahrsagerinnen

16. Die Katze, das Wiesel und das Kaninchen

17. Schlangenkopf und Schlangenschwanz

18. Ein Tier im Monde

Achtes Buch

1. Der Tod und der Sterbende

2. Der Schuhflicker und der Reiche

3. Der Löwe, der Wolf und der Fuchs

4. Die Macht der Fabel

5. Der Mensch und der Floh

6. Die Weiber und das Geheimnis

7. Der Hund, der seines Herrn Mittagbrot am Halse trug

8. Der Spötter und die Fische

9. Die Ratte und die Auster

10. Der Bär und der Gartenfreund

11. Die zwei Freunde

12. Das Schwein, die Ziege und der Hammel

13. Tircis und Amarant

14. Das Leichenbegängnis der Löwin

15. Die Ratte und der Elefant

16. Das Horoskop

17. Der Esel und der Hund

18. Der Pascha und der Kaufmann

19. Der Vorzug der Wissenschaft

20. Jupiter und die Donnerwetter

21. Der Falk und der Kapaun

22. Die Katze und die Ratte

23. Der Bergstrom und der Fluß

24. Die Erziehung

25. Die beiden Hunde und der tote Esel

26. Demokrit und die Abderiten

27. Der Wolf und der Jäger

Neuntes Buch

1. Der ungetreue Verwalter

2. Die beiden Tauben

3. Der Affe und der Leopard

4. Die Eichel und der Kürbis

5. Der Schüler, der Schulfuchs und der Gartenbesitzer

6. Der Bildhauer und die Bildsäule des Jupiter

7. Die in ein Mädchen verwandelte Maus

8. Der Narr, der die Weisheit verkauft

9. Die Auster und die Streitsüchtigen

10. Der Wolf und der magere Hund

11. Nur nicht zu viel!

12. Die Wachskerze

13. Jupiter und der Reisende

14. Die Katze und der Fuchs

15. Der Ehemann, die Frau und der Dieb

16. Der Schatz und die beiden Männer

17. Der Affe und die Katze

18. Der Geier und die Nachtigall

19. Der Schäfer und seine Herde

Zehntes Buch

1. Die beiden Ratten, der Fuchs und das Ei

2. Der Mensch und die Natter

3. Die Schildkröte und die beiden Enten

4. Die Fische und der Seerabe

5. Der Mann, der seinen Schatz vergräbt, und sein Gevatter

6. Der Wolf und die Hirten

7. Die Spinne und die Schwalbe

8. Das Rebhuhn und die Hähne

9. Der Hund mit den verschnittenen Ohren

10. Der Schäfer und der König

11. Die Fische und der flötende Schäfer

12. Die beiden Papageien, der König und sein Sohn

13. Die Löwin und die Bärin

14. Die beiden Glücksritter und der Talisman

15. Die Kaninchen

16. Der Kaufmann, der Edelmann, der Hirt und der Königssohn

Elftes Buch

1. Der Löwe

2. Die Götter, die einen Sohn Jupiters unterrichten wollten

3. Der Pächter, der Hund und der Fuchs

4. Des Moguls Traum

5. Der Löwe, der Affe und die beiden Esel

6. Der Wolf und der Fuchs

7. Der Mann vom Lande am Donaustrande

8. Der Greis und die drei Jünglinge

9. Die Mäuse und die Eule

Nachwort

Zwölftes Buch

1. Die Gefährten des Ulysses

2. Die Katze und die beiden Sperlinge

3. Der Schätzesammler und der Affe

4. Die beiden Ziegen

An den Herrn Herzog von Burgund

5. Die alte Katze und die junge Maus

6. Der kranke Hirsch

7. Die Fledermaus, der Busch und die Ente

8. Der Streit der Hunde und Katzen, und der der Katzen und Mäuse

9. Der Wolf und der Fuchs

10. Der Krebs und sein Junges

11. Der Adler und die Elster

12. Der Weih', der König und der Jäger

13. Der Fuchs, die Fliegen und der Igel

14. Amor und die Torheit

15. Der Rabe, die Gazelle, die Schildkröte und die Ratte

16. Der Wald und der Holzhauer

17. Der Fuchs, der Wolf und das Pferd

18. Der Fuchs und die Truthähne

19. Der Affe

20. Der scythische Philosoph

21. Der Elefant und der Affe Jupiters

22. Ein Narr und ein Weiser

23. Der englische Fuchs

24. Die Sonne und die Frösche

25. Der Bund der Ratten

26. Daphnis und Alcimadura

27. Der Richter, der Krankenpfleger und der Einsiedler

Impressum

Einleitung

Ernst Dohm, geboren am 24. Mai 1819 zu Breslau, hat »Philosophie und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn« und zwölfmal von der Kanzel herab die Gläubigen in der Umgegend von Halle durch fromme Predigten erbaut. Daß das nicht eigentlich sein Beruf war, muß er schon frühzeitig bemerkt haben. Im Jahre 1848 trat er als Mitbegründer in die Redaktion des »Kladderadatsch« ein, und diesem Blatte hat er den größten Teil seiner schriftstellerischen Tätigkeit gewidmet.

»Dohm hat sich seine geistige und körperliche Frische in seltener Weise bewahrt. Seine Unempfänglichkeit gegen den Witterungswechsel erregt die staunende Bewunderung aller seiner Bekannten. Man sieht ihn im härtesten Winter mit demselben leichten Röckchen fröhlich daherwandeln, wie in den heißesten Tagen des Hochsommers, in der Hand immer dasselbe kleine Stöckchen, das das Jubiläum des ›Kladderadatsch‹ mitgefeiert hat und hoffentlich noch fernere Freudentage mitfeiern wird.

Dohm hat ein volles Anrecht auf einen Ehrenplatz unter den besten zeitgenössischen Dichtern. Mag er von dem einen oder andern in diesem oder jenem überflügelt werden, in bezug auf den Geschmack und die formale Vollendung steht keiner über ihm.«

Mit diesen Worten schloß ich einen Aufsatz über »Ernst Dohm und der Kladderadatsch«, den ich im Januar 1879 in »Nord und Süd« veröffentlichte.

Mein frommer Wunsch, daß dieser prächtige Mensch, der feinsinnige Dichter und bestrickend liebenswürdige Gesellschafter, uns noch lange erhalten bleibe, sollte leider nicht erfüllt werden. Im Winter 1882 auf 83 fühlte er sich zum erstenmal in seinem Leben von Nässe und Frost belästigt und schaffte sich den ersten Überzieher an. Um dieselbe Zeit kam ihm sein Stöckchen abhanden, das ihn dreißig Jahre auf Steg und Weg begleitet hatte, das er auch am Kneiptisch zwischen die Kniee klemmte, und auf dessen lederbesponnenen Bleiknopf er sich stützte und einnickte, wenn ihm die Unterhaltung seiner Nachbarn zu langweilig wurde. Das waren böse Vorboten. Bald darauf starb er, im Sommer 1883.

So geist- und geschmackvoll seine Dichtungen, in denen er die Ereignisse des Tages glossierte, auch waren, so hoch die von ihm als Satiriker geleistete Kulturarbeit auch eingeschätzt werden muß – sein größtes schriftstellerisches Können hat er doch als Nachdichter gezeigt, als virtuoser Meister der Übersetzungskunst. Und unter diesen Kunstwerken steht seine Übertragung der Lafontaineschen Fabeln obenan.

Über diese wahrhaft bewundernswerte Leistung, an der die Kritik, wie ich glaube, zu achtlos vorübergegangen ist, habe ich seiner Zeit – Januar 1877, gleich nach dem Erscheinen des Werkes – in der »Gegenwart« ausführlich gesprochen. Jetzt, da ich von befreundeter Seite aufgefordert werde, zur selben Sache noch einmal das Wort zu ergreifen – und ich folge dieser Einladung mit herzlicher Freude – kann ich heute, nach beinahe 37 Jahren nur wiederholen, was ich damals als Siebenunddreißiger gesagt habe:

Die Lafontaineschen Fabeln, die die kleinen Kinder in Frankreich schon auswendig lernen, wenn es mit dem Sprechen noch nicht recht gehen will, können nach ihrem vollen Werte erst von dem gereiften Mannesalter gewürdigt werden. Den behäbigen und gemütlichen Humor, die reizende Schalkhaftigkeit, den feinen Spott, die kecke Satire, die anständige und ehrliche Gesinnung, die tief poetische Anschauung, die wunderbare Leichtigkeit in der Form, das kühne Spiel mit den sprachlichen Schwierigkeiten, – alles mit einem Worte, was die Größe Lafontaines ausmacht und die Nachwelt dazu bestimmt hat, dem Dichter trotz der Bescheidenheit seiner Aufgabe eine erste Stelle einzuräumen, – alles das kann erst der gereifte Mann recht verstehen und wahrhaft bewundern.

Die Zeitgenossen des Fabeldichters nahmen noch Anstand, den gemütlichen und liebenswürdigen Herrn, – den » bonhomme«, wie sie ihn nannten, und wie er noch jetzt genannt wird – in einem Atem mit Molière, Racine und Boileau zu nennen, mit jenen Dichtern, die sich an die höchste Aufgabe ihrer Kunst gewagt, weil Lafontaine ja nur einem unansehnlichen Genre seine liebevolle Pflege zugewandt habe; die späteren Geschlechter aber haben diese Unterscheidung nicht mehr gelten lassen wollen, und der kühnste und scharfsinnigste der französischen Kritiker unserer Zeit, Sainte Beuve, hat das vermessene Wort ausgesprochen: »Unser wirklicher Homer, der Homer der Franzosen, wer sollte es glauben, ist wahr und wahrhaftig Lafontaine! Causeries du Lundi, 7. Band, III. Aufl., S.519.« Lafontaine ist für ihn der letzte und größte der alten französischen Dichter.

Viele der Lafontaineschen Fabeln, die, wie man weiß, selbst ihrer großen Mehrzahl nach freie Nachdichtungen der Fabeln des Äsop und des Phädrus sind, sind schon seit langen Jahren ins Deutsche übersetzt und im Deutschen nachgeahmt worden; Gellert, Gleim, Lichtwer, Pfeffel, sogar Heinrich von Kleist, und viele andere haben einige der wirksamsten dieser Fabeln herausgegriffen und mehr oder minder frei nachzubilden gesucht. Einige davon, wie »Johann, der muntre Seifensieder«, »Eine kleine Grille sang einen ganzen Sommer lang« haben es auch bei uns zu einer großen Popularität gebracht; aber gerade diese haben durch den Übergang aus dem Französischen ins Deutsche den Charakter des Originals nahezu vollständig eingebüßt; es sind deutsche Gedichte geworden, zu denen Lafontaine nur die Anregung und einige glückliche Wendungen gegeben hat. Ernst Dohm hat den Versuch gemacht, von den sämtlichen Lafontaineschen Fabeln eine gewissenhafte literarische Übersetzung zu geben; und dieses kühne Unternehmen ist trotz der unglaublichen Schwierigkeiten, die es zu bewältigen galt, in geradezu unübertrefflicher Weise gelungen.

Ernst Dohm zeigt sich hier als ein Sprach- und Verskünstler ersten Ranges. Da er von dem sehr richtigen Standpunkt ausgeht, daß bei Lafontaine die Form das Wesentliche ist, so hat er sich bemüht, in seiner Übertragung diese Form in der vollsten Strenge zu erhalten, und zwar so peinlich, daß sogar jede Verszeile der Übersetzung genau so viel Silben zählt wie die korrespondierende Verszeile des Originals; daß die Reime ihrer Stellung und ihrem Charakter nach, als männliche oder weibliche, in der Übertragung den Reimen des Originals durchaus entsprechen; daß alle Eigentümlichkeiten des Rhythmus sich in der Übersetzung da einstellen, wo sie in der Originaldichtung hervortreten; ja, daß sogar gewisse Willkürlichkeiten und Freiheiten in der Sprache des Originals den anklingenden Ausdruck in der Übersetzung gefunden haben. Wenn Lafontaine z. B. sich mit einem schwachen Reim behilft, so hat Dohm ebenfalls sorglos gereimt; ist bei Lafontaine die Form aber gewählt und streng, so weist auch die Übersetzung diesen Charakter auf.

Um die Feinheiten und die außerordentliche Sorgfalt dieser Arbeit ins rechte Licht zu setzen, müssen wir einige Stellen aus dem Originale und aus der Dohmschen Übertragung hier wiedergeben. Wir wollen gerade diejenigen nehmen, welche Laharpe, der in Lafontaine den unübertroffenen Meister der französischen Sprache bewundert, als Muster anführt Cours de littérature, Bd. 8.. Kein französischer Dichter hat in der Tat den Vers mit einer solchen Leichtigkeit behandelt, wie Lafontaine. »Die Eintönigkeit, die man unserer Dichtung vorwirft,« sagt Laharpe, »verschwindet bei ihm ganz und gar. Nur am Wohlklange, nur an der reizvollen Harmonie, die mit dem Empfinden und dem Gedanken stets im Einklange ist, merkt man, daß er Verse schreibt. Er schaltet und waltet mit einer solchen Freiheit in den Reimen, daß die Wiederkehr nur ein Schmuck zu sein scheint, aber keine Notwendigkeit. Niemand hat wie er es verstanden, den Versen einen eigentümlichen Rhythmus zu geben; keiner hat mit der Cäsur eine solche Wirkung erzielt wie er. Die reizvollste Willkür herrscht in seiner ganzen Versifikation. Bei diesem Manne, der die Wahrheit über alles liebte und die Lüge über alles haßte, haben alle Empfindungen, alle Ideen den Akzent, der ihnen gebührt. Man darf sich auch nicht darüber wundern, daß ein Schriftsteller wie er, für den die Dichtung ein so gefügiges Werkzeug war, zu gleicher Zeit ein großer Maler sein mußte. Er versteht es, wahr und wahrhaftig mit dem Worte zu malen.« Hier ein Beispiel: Der Kampf zwischen der Mücke und dem Löwen.

Le quadrupède écume, et son œil étincelle;

Il rugit: on se cache, on tremble à l'environ,

Et cette alarme universelle

Est l'ouvrage d'un moucheron.

Un avorton de mouche en cent lieux le harcelle;

Tantôt pique l'échine, et tantôt le museau,

Tantôt entre au fond du naseau.

La rage alors se trouve à son faîte montée.

L'invisible ennemi triomphe et rit de voir,

Qu'il n'est griffe ni dent en la bête irritée

Qui de la mettre en sang ne fasse son devoir.

Le malheureux lion se déchire lui-même,

Fait résonner sa queue à la l'entour de ses flancs,

Bat l'air qui n'en peut mais; et sa fureur extrême

Le fatigue, l'abat: le voilà sur les dents.

Die Übersetzung von Ernst Dohm lautet:

Er schäumt, und Funken sprüht das Aug' des wilden Recken:

Er brüllt, und rings umher erzittert Tal und Berg; Und dieser allgemeine Schrecken

Ist einer kleinen Mücke Werk.

An hundert Stellen sucht das Mücklein ihn zu necken:

Bald sticht's am Rücken ihn, bald macht's am Maul ihm Pein,

Bald kriecht's ihm in die Nas' hinein.

Nun hat des Löwen Wut erreicht den höchsten Gipfel;

Der unsichtbare Feind, wie triumphiert er jetzt,

Da Klaue nicht noch Zahn, kurz, nicht der kleinste Zipfel

Des schmerzgequälten Tiers mehr heil und unverletzt!

Der arme Leu zerfleischt sich selber, an die Weichen

Schlägt er den mächt'gen Schweif, er schlägt in kind'schem Sinn

Selbst die unschuld'ge Luft. Dies Wüten ohnegleichen

Erschöpft ihn, macht ihn matt, und bald ist er ganz hin!

Man vergleiche aufmerksam diese Übersetzung mit dem Original, und man wird schon hier die Bestätigung des vorher Gesagten finden: wie tatsächlich Silbe für Silbe übersetzt ist, ohne daß dadurch der Sprache der Übersetzung irgendwie Gewalt angetan wäre. Ein anderes, ein anmutigeres Bild:

Pérette, sur sa tête ayant un pot au lait,

Bien posé sur un coussinet,

Prétendait arriver sans encombre à la ville.

Légère et court vêtue, elle allait à grands pas,

Ayant mis ce jour-là, pour être plus agile,

Cotillon simple et souliers plats.

Diese Fabel gehört zu denen, die Gleim übersetzt, oder vielmehr, so gut er es vermocht, nachzudichten versucht hat. Bei ihm fängt die Geschichte so an:

Auf leichten Füßen lief ein artig Bauernweib,

Geliebt von ihrem Mann, gesund an Seel' und Leib,

Frühmorgens nach der Stadt und trug auf ihrem Kopfe

Vier Stübchen süße Milch in einem großen Topfe.

So geht's weiter; immer dieselbe biedere Schwatzhaftigkeit, dieselbe hausbackene Reimschmiederei. Bei Dohm heißt es:

Vorsichtig trug Perette 'nen milchgefüllten Topf

Auf einem Kissen auf dem Kopf;

Sie hofft ohn' Hindernis glücklich zur Stadt zu eilen.

Ganz leicht und kurz geschürzt, geht schnellen Schritts sie zu.

An Kleidung trug sie heut, um sich nicht zu verweilen,

Nur einen Rock und flache Schuh.

Auch hier hat Dohm streng am Original festgehalten und den Charakter des Urtextes mit merkwürdiger Treue in seiner deutschen Nachbildung zu erhalten verstanden. Es ist dieselbe Korrektheit und Knappheit im Ausdruck, die nämliche Bequemlichkeit im Reimen; es ist kein Flickwort da, kein überflüssiges Detail, das lediglich dem Bedürfnis, zu einem vorhandenen Worte ein anklingendes Wort zu finden, sein Dasein verdankt. Aus diesem Reimbedürfnis beschenkt Gleim die Milchfrau mit den schönsten Gaben, mit dem Familienglück und der Gesundheit »an Seele und Leib«, – was sicherlich für die Geschichte vom Milchtopf, der durch einen unvorsichtigen Sprung der jungen Frau vom Kopfe gleitet und zerbricht, von äußerstem Belang ist. Und wie mühsam schleppt sich der langweilige Alexandriner bei Gleim dahin, wie leichtfüßig hüpft er bei Dohm daher!

Wenn Lafontaine in seinen Versen dieses Mühselige und Schwerfällige beabsichtigt, so weiß Dohm dies mit derselben Gewandtheit unserer Sprache wiederzugeben. Da ist z. B. die Fabel von der Kutsche und der Fliege, die in langsamen, trägen Versen im Original also anhebt:

Dans un chemin montant, sablonneux, malaisé,

Et de tous les côtés au soleil exposé,

Six forts chevaux tiraient un coche.

Femme, moine, vieillard, tout était descendu;

L'equipage suait, soufflait, était rendu.

Ebenso saumselig und ermattet lauten die Verse in der Dohmschen Übersetzung:

Auf steilem Weg, bergan, zogen durch tiefen Sand

Sechs starke Gäule bei der Sonne glüh'ndem Brand

'ne Landkutsche mit viel Beschwerden.

Weib, Mönch und Greis stieg aus an diesem schwier'gen Ort.

Das schwitzende Gespann kam keuchend kaum noch fort.

Lafontaine hat, wie man bemerkt haben wird, sich in seinen Versen in diskreter Weise der Klangmalerei bedient und mit den Hauptverben » suait, soufflait« die Alliteration angewandt. Der Sorgsamkeit des Übersetzers ist diese Einzelheit nicht entgangen, und wie Lafontaine, so alliteriert auch er in der Übersetzung: »schwier'ge«, »schwitzende«; »kam, keuchend kaum«. Man halte das nicht für einen Zufall, es ist eine wohlbeabsichtigte künstlerische Intention des Übersetzers, der selbst für die geringfügigen Äußerlichkeiten der französischen Dichtung bei seiner deutschen Umdichtung immer nach einem Ersatze gesucht – und ihn auch gefunden hat.

Am bewundernswertesten ist die Kunst, mit der Dohm den steifbeinigen Alexandriner behandelt. Dieser hartmäulige Gaul, der alle sechs Schritt vor der Cäsur stehen bleibt und bockt, galoppiert und trabt hier fröhlich daher, ganz nach dem Gefallen des kundigen Reiters. Gerade wie Lafontaine versteht es der Übersetzer die metrische Cäsur durch das Sinnliche zu verdecken, und in den Vers einen ganz unerwarteten Rhythmus, eine lebhafte Bewegung hineinzubringen. Die Moral der Fabel vom Müller, seinem Sohn und dem Esel heißt bei Lafontaine:

Quant à vous, suivez Mars, ou l'Amour, ou le prince,

Allez, venez, courez, demeurez en province:

Prenez femme, abbaye, emploi, gouvernement:

Les gens en parleront, n'en doutez nullement.

Dohm übersetzt:

Du – geh' zu Hofe, schwör' zu Mars', zu Amors Fahnen,

Steh, lauf, bleib hier, zieh' dich zurück ins Schloß der Ahnen,

Werd' Geistlicher, Soldat, Rat, nimm ein Weib, nimm keins:

Dem Klatsch der Welt verfällst du doch – 's ist alles eins!

Wenn man diese Verse laut liest, wird man kaum gewahr, daß es Alexandriner sind, so geschickt hat Dohm die langweilige Cäsur durch den Sinn zu beseitigen verstanden.

Diese Beispiele – es sind im Verhältnis zu dem großen und umfangreichen Werke nur sehr wenige – müssen uns zur Charakterisierung der Dohmschen Übersetzung genügen. Sie sind aber auch wohl ausreichend, um das Verdienstliche dieser zwar sehr beschwerlichen, aber auch sehr lohnenden Arbeit zu zeigen. Überall, wo wir die Probe gemacht, haben wir den Übersetzer als sprachkundigen, einsichtigen, feinfühligen und mit einer seltenen Formgewandtheit ausgestatteten Dichter bewährt gefunden, der jedesmal mit dem ersten Schlage sicher den Nagel auf den Kopf trifft. Für die ruhige, gemessene Schilderung, wie für die dramatische Lebendigkeit des Dialogs, für den harmlosen Scherz, der bisweilen bis zur Posse sich herabläßt, wie für den ergreifenden Ernst, der sich unter Umständen zur Großartigkeit zu erheben weiß, – für alle Töne, die der französische Dichter anschlägt, hat Dohm die entsprechenden Laute, oder zum mindesten die Anklänge in unserer Muttersprache gefunden. Zu den Meistern der deutschen Übersetzungskunst, zu unseren Schlegel und Tieck, Rückert, Freiligrath, Geibel und Baudissin, Heyse, Gildemeister, Bodenstedt und Wilbrandt ist ein neuer hinzugetreten: Ernst Dohm, der mit dieser schönen Arbeit in die Reihen jener hochverdienten Männer gerückt ist, die den Ruhm beanspruchen dürfen, durch ihre vollgültigen Übersetzungen große Dichter der Fremde bei uns heimisch gemacht zu haben. Lafontaine sollte trotz seines spezifischen Franzosentums uns jetzt kein Fremder mehr sein. Dohm hat ihm das Ehrenbürgerrecht in Deutschland erwirkt.

Das war der Schlußsatz meiner Besprechung in der »Gegenwart«, Januar 1877.

Es mag wundersam berühren, fast unerklärlich erscheinen, daß erst nach nahezu vier Jahrzehnten dem ersten Erscheinen des Werkes diese neue Ausgabe folgt. Und doch läßt es sich erklären. Die erste Ausgabe im Verlage der Möserschen Hofbuchhandlung (vom Jahre 1877) war ein Prachtband in Groß-Folio Die Prachtausgabe ist im Buchhandel noch zu haben. Mit freundlicher Erlaubnis der Firma W. Möser, der auch hier gedankt sei, erscheint jetzt diese Volksausgabe. mit massenhaften riesigen Zeichnungen von Gustave Doré, eines jener Bücher für den Prunktisch im Salon, die manchmal besehen und eigentlich nie gelesen werden. Die Illustrationen von Doré waren eben die Hauptsache und Lafontaines Fabeln zum verbindenden Text herabgedrückt, den man als unvermeidliche Beilage mit in den Kauf nehmen mußte. Schon rein äußerlich – durch die opulente Ausstattung in Druck, Papier und Einband – verriet es seine löbliche Bestimmung: als Festgeschenk.

Danach mußte natürlich auch der Preis bemessen werden, der für die Hausbibliothek, für das größere lesende Publikum viel zu hoch war. Unter diesem Glanz des Äußerlichen vermutete man nicht ein Werk von innerem literarischen Wert, nicht diese entzückend schlichte Dichtung. So darf man denn getrost behaupten, daß die Dohmsche Übersetzung der Fabeln Lafontaines bis zur Stunde eigentlich noch gar nicht erschienen und deshalb in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben ist.

Nun erst, ihres prunkhaften Aufputzes entkleidet, bietet sie sich uns dar als das, was sie ist: in ihrer natürlichen Einfachheit und anspruchslosen Anmut. Da können wir zwanglos mit ihr verkehren, sie näher kennen lernen und liebgewinnen.

Sollte es gelingen, dem deutschen Nachdichter – und mit ihm auch dem französischen Dichter – bei uns zu ihrem Rechte zu verhelfen, so käme diese von den Töchtern Ernst Dohms veranstaltete Volksausgabe, wenn auch spät, doch nicht zu spät.

Im Hochsommer 1913

Paul Lindau

Erstes Buch
1. Die Grille und die Ameise

Grillchen, das den Sommer lang

Zirpt' und sang,

Litt, da nun der Winter droht,

Harte Zeit und bittre Not:

Nicht das kleinste Würmchen nur,

Und von Fliegen keine Spur!

Und vor Hunger weinend leise

Schlich's zur Nachbarin Ameise;

Fleht sie an, in ihrer Not

Ihr zu leih'n ein Körnlein Brot,

Bis der Sommer wiederkehre.

»Glaub' mir« sprach's »auf Grillen-Ehre,

Vor dem Erntemond noch zahl'

Zins ich dir und Kapital.«

Ämschen, die, wie manche lieben

Leute, das Verleihen haßt,

Fragt die Borgerin: »Was hast

Du im Sommer denn getrieben?«

»»Tag und Nacht hab' ich ergötzt

Durch mein Singen alle Leut'.««

»Durch dein Singen? Sehr erfreut!

Weißt du was? Dann – tanze jetzt!«

2. Der Rabe und der Fuchs

Im Schnabel einen Käse haltend, hockt

Auf einem Baumast Meister Rabe.

Von dieses Käses Duft herbeigelockt,

Spricht Meister Fuchs, der schlaue Knabe:

»Ah! Herr von Rabe, guten Tag!

Wie nett Ihr seid und von wie feinem Schlag!

Entspricht dem glänzenden Gefieder

Nun auch der Wohlklang Eurer Lieder,

Dann seid der Phönix Ihr in diesem Waldrevier.«

Dem Raben hüpft das Herz vor Lust. Der Stimme Zier

Zu künden, tut mit stolzem Sinn

Er weit den Schnabel auf; da – fällt der Käse hin.

Der Fuchs nimmt ihn und spricht: »Mein Freundchen, denkt an mich!

Ein jeder Schmeichler mästet sich

Vom Fette des, der willig auf ihn hört.

Die Lehr' ist zweifellos wohl – einen Käse wert!«

Der Rabe, scham- und reuevoll,

Schwört – etwas spät – daß ihn niemand mehr fangen soll.

3. Der Frosch, der dem Stier an Größe gleichen wollte

Ein Frosch sah einstmals einen Stier,

Des Wuchs ihm ungemein gefallen.

Kaum größer als ein Ei, war doch voll Neid das Tier;

Er reckt und bläht sich auf mit seinen Kräften allen,

Dem feisten Rind an Größe gleich zu sein.

Drauf spricht er: »Schau, mein Brüderlein,

Ist's nun genug? Bin ich so groß wie du?« »»O nein!««

»Jetzt aber?« »›Nein!‹« »Doch nun?« »›Wie du dich auch abmatt'st,

Du wirst mir nimmer gleich!‹« Das arme kleine Vieh

Bläht sich, und bläht sich, bis es – platzt.

Wie viele gibt's, die nur nach eitler Größe dürsten!

Der Bürgersmann tät's gern dem hohen Adel gleich,

Das kleinste Fürstentum spielt Königreich,

Und jedes Gräflein spielt den Fürsten.

4. Die beiden Esel

Zwei Esel gehn des Wegs; nur Hafer schleppte der,

Doch jener trug viel Geld zum Amt der Steuern,

Und stolz sich brüstend ob der goldnen Last, der teuern,

Gäb' er um keinen Preis die blanke Bürde her.

Er trabt gewicht'gen Schritts einher,

Hell läßt er tönen sein Geläute.

Da plötzlich naht des Feindes Heer

Und da nach Gold nur ihr Begehr,

Wirft auf das Steuer-Lasttier sich die ganze Meute

Und nimmt es mit als gute Beute.

Freund Langohr leistet Gegenwehr;

Doch schwer verwundet sinkt er hin und seufzt im Sterben:

»Das also ist mein Lohn? O gleißnerische Pracht!

Der schlechten Hafer trug entrinnt jetzt dem Verderben

Und ich, ich sink' in Todes Nacht!«

Da spricht zu ihm sein Freund, der gute:

»Nicht stets sind Würd' und Amt ein Glück, das glaube mir!

Freund, wärest du, wie ich, ein armes Müllertier,

Lägst du nicht hier in deinem Blute.«

5. Der Wolf und der Hund

Ein Wolf, der nichts als Knochen war und Haut –

Dank guter Wacht der Schäferhunde –

Traf eine Dogge einst, die, stark und wohlgebaut,

Glänzenden Fells und feist, just jagte in der Runde.

»Ha!« dachte Meister Isegrimm

» Die so zum Frühstück, wär' nicht schlimm!«

Doch stand bevor ein Kampf, ein heißer,

Und unser Hofhund hatte Beißer,

Gemacht zu harter Gegenwehr.

Drum kommt der Wolf ganz freundlich her

Und spricht ihn an, so ganz von ungefähr,

Bewundernd seines Leibes Fülle.

» Die, lieber Herr, ist's Euer Wille«

Erwiderte der Hund »blüht Euch so gut wie mir!

Verlaßt dies wilde Waldrevier;

Seht Eure Vettern, ohne Zweifel

Nur dürft'ge Schlucker, arme Teufel,

Sie lungern hier umher, verhungert, nackt und bloß!

Hier füttert keiner Euch, Ihr lebt nur – mit Verlaub –

Vom schlechtesten Geschäft, dem Raub.

Drum folgt mir, und Euch winkt – glaubt nur – ein besser Los.«

»»Was«« sprach der Wolf »»hab' ich dafür zu leisten?««

»Fast nichts!« so sagt der Hund. »Man überläßt die Jagd

Den Menschen, denen sie behagt,

Schmeichelt der Dienerschaft, doch seinem Herrn am meisten.

Dafür erhält die nicht verspeisten

Tischreste man zum Lohn, oft Bissen leckrer Art

Hühner- und Taubenknöchlein zart,

Manch andrer Wohltat zu geschweigen!«

Schon träumt der Wolf gerührt vom Glück der Zukunft, und

Ein Tränlein will dem Aug' entsteigen;

Da plötzlich sieht er, daß am Halse kahl der Hund.

»»Was ist das?«« fragt er. »Nichts!« »»Wie? Nichts?«« »Hat nichts zu sagen!«

»»Und doch?«« »Es drückte wohl das Halsband hier mich wund,

Woran die Kette hängt, die wir mitunter tragen.«

»»Die Kette?«« fragt der Wolf. »»Also bist du nicht frei?««

»Nicht immer; doch was ist daran gelegen?«

»»So viel, daß ich dein Glück, all' deine Schwelgerei

Verachte! Bötst du meinetwegen

Um den Preis mir 'nen Schatz, sieh, ich verschmäht' ihn doch!««

Sprach's, lief zum Wald zurück flugs und – läuft heute noch.

6. Kalb, Ziege, Schaf und Leu,
Als Handelscumpanei

Kalb, Zieg' und Schaf im Bund mit einem stolzen Leu'n,

Als Gründer bildeten in grauer Vorzeit Tagen

Genossenschaftlich sie einen Konsum-Verein,

Gewinn sowie Verlust zu gleichem Teil zu tragen.

Auf dem Gebiet der Geiß fing einst ein Hirsch sich ein.

Zu den Genossen schickt die biedre Zieg' in Eile;

Sie kommen, und der Leu, indem er um sich blickt,

Spricht: »Wir sind vier, drum geht die Beut' auch in vier Teile.«

Zerlegend drauf den Hirsch nach Jägerart geschickt,

Nimmt er das erste Stück für sich, und mit Behagen

Spricht er: »Das kommt mir zu, weil ich, euch zum Gewinn,

Als Leu der Tiere König bin;

Dagegen ist wohl nichts zu sagen!

Von Rechtes wegen fällt mir zu das zweite Stück;

Dies Recht, des Stärkern Recht heißt's in der Politik.

Als Tapferstem wird mir das dritte wohl gebühren!

Wagt einer jetzt von euch das vierte zu berühren,

So würg' ich ihn im Augenblick.«

7. Der Quersack

Einst sprach der Vater Zeus: »An meines Thrones Stufen

Erscheine, was da lebt; und wer sich an Gestalt

Und Wesen zu Beschwer berechtigt und berufen

Vermeint, der red' ohn' Hinterhalt!

Wo's geht, bin ich zu helfen willig.

Du, Affe, sprich zuerst! Schau dir, wie recht und billig,

Die Tiere alle an, vergleich' ihr Angesicht

Und ihre Formen mit den deinen.

Bist du zufrieden?« »»Ich?«« sprach er »»Warum denn nicht?

Ich hab' vier Füße doch wie jene, sollt' ich meinen!

Und mit Vergnügen stets hab' ich mein Bild beschaut.

Allein mein Bruder Bär ist gar zu plump gebaut,

Und keinem Maler sollt' er je zu sitzen wagen!««

Der Bär tritt vor – man glaubt, er wolle sich beklagen;

Doch weit gefehlt! Hört nur, wie seinen Wuchs er rühmt!

Jedoch der Elefant – so schmäht er unverblümt –

Hätt' das am Ohr zu viel, was ihm am Schwanze fehlte;

Unförmlich, massenhaft, sei er der Schönheit bar!

Der Elefant, der sonst sogar

Ein kluges Tier, erschien doch heut als Tor und schmälte,

Daß für sein Maul, das nicht gering,

Der Walfisch sich zu dick erwiese!

Der Ameis' schien die Milb' ein gar zu winzig Ding,

Dagegen wär sie selbst ein Riese!

Zeus schickt sie alle heim, die sich so mild und lind

Selbstlobend kritisiert. Wir Menschen aber sind

Der Toren törichtste, da alle wir im Leben,

Luxscharf für andre, nur für uns stets maulwurfblind,

Uns selber alles, doch dem Nächsten nichts vergeben.

Nie gleichen Blicks hast dein du wie des Andern acht.

Es schuf des höchsten Schöpfers Macht

Als Lumpenvolk uns all', heut wie in frühern Tagen:

Quer auf die Schulter legt' er uns den Bettelsack,

Drin unsrer Sünden Last wir auf dem Rücken tragen,

Doch vorn, uns sichtbar stets, der fremden Fehler Pack.

8. Die Schwalbe und die kleinen Vögel

War einst 'ne Schwalbe, die auf Reisen

Gar viel gelernt. Wer viel und mancherlei gesehn,

Wird auch so manches wohl verstehn.

Sie sah von ferne schon die leichtste Brise kreisen,

Und eh' zum Sturmwind die erwuchs,

Verkündet sie's den Schiffern flugs.

Da nun die Jahreszeit kam, wo der Hanf gesät wird,

Sah einen Landmann sie, der ihn in Furchen streut.

»Das mißfällt mir!« sprach sie. »Ihr Vöglein, seid gescheut!

Ihr dauert mich; denn ich, ich geh', bevor's zu spät wird,

Weit fort und berge mich da, wo ich sicher bin.

Doch ihr – seht ihr die Hand dort hin und her ihn schwingen?

Glaubt mir: 's ist nicht mehr lange hin,

Dann wird, was jetzt sie streut, euch, ach! Verderben bringen.

Da wird zu eurem Fang manch Netz gar meisterlich

Gelegt und mancher Dohnenstrich;

Man stellt euch nach, man legt euch Schlingen.

Dann kommt die Zeit der schweren Not,

Wo euch Gefängnis oder Tod,

Der Käfig oder Bratspieß droht.

Drum rat' ich euch, jetzt wegzufressen

Den Samen. Folgt mir und seid klug!«

Die Vöglein höhnten sie vermessen,

Sie hatten Futters ja genug!

Man sah das Hanffeld grün sich färben.

Da sprach die Schwalbe: »Schnell! Reißt, Halm für Halm, jetzt ab

Das Gras, das jener Same gab;

Sonst bringt es sicher euch Verderben.«

»»Unglücksprophet!«« schrien sie »»Geschwätz'ger Phrasenheld!

Ein schöner Rat, um uns zu retten!

Da tausend Mann wir nötig hätten,

Jetzt kahl zu mäh'n dies ganze Feld!««

Als nun der Hanf in Samen schoß,

Da rief die Schwalb': »O weh!« und schüttelte das Haupt.

»Das böse Kraut! Wie schnell es sproß!

Doch ihr, die ihr bisher noch nimmer mir geglaubt,

Merkt jetzt euch dies: Seht ihr die Fluren

Voll Stoppeln, hat der Mensch sein Feld

Fertig für dieses Jahr bestellt

Und folgt als Feind er euren Spuren,

Stellt Fallen er und Netze fein

Den armen kleinen Vögelein,

Dann hütet euch umherzufliegen!

Dann bleibt zu Haus, vielmehr verlaßt dann diesen Ort,

Wie Kranich, Schnepf' und Storch auf ihren Wanderzügen.

Ach! leider könnt ihr ja nicht fort.

Nicht über Land und Meer, wie wir, zum Flug euch rüsten

Nach fremden Weltteils fernen Küsten!

Drum, glaubt mir, ist für euch die einz'ge Rettung noch,

Euch still zu bergen in ein sichres Mauerloch.«

Die Vöglein, statt der weisen Kunde

Zu lauschen, fingen an zu schwatzen, O und Ach,

Wie der Trojaner Volk, als mit Prophetenmunde

Kassandra einst zu ihnen sprach.

Wie jenen dort, ging's jetzt den Kleinen:

Manch Vöglein seufzte, das in Sklaverei geriet.

Wir glauben immer nur an unser eignes Meinen,

Und sehn den Schaden erst, wenn er uns selbst geschieht.

9. Stadtratte und Landratte

Stadträttlein lud einst zum Feste

Und zu Tisch, auf hoch und fein

Fette Ortolanenreste,

Landrättlein gar höflich ein.

Auf dem türk'schen fein gewebten

Teppich stand das Mahl bereit,

Und die beiden Freunde lebten

Lustig und in Herrlichkeit.

Man genoß in vollen Zügen,

Köstlich mundete der Schmaus;

Plötzlich mitten im Vergnügen

Wurden sie gestört – O Graus!

Klang es nicht, als ob was krachte?

Hei! wie Stadträttlein in Hast

Gleich sich aus dem Staube machte!

Schleunigst folgt ihm nach der Gast.

Blinder Lärm nur war's. Es wandern

Beide wieder in den Saal,

Und Stadträttlein spricht zum andern:

»Setzen jetzt wir fort das Mahl!«

»»Danke sehr!«« spricht jenes »»Morgen

Komm zu mir aufs Land hinaus.

Kann dir freilich nicht besorgen

Dort so königlichen Schmaus.

Einfach nur, doch unbeneidet,

Voller Sicherheit bewußt,

Speis' ich dort. Pfui solcher Lust,

Die durch Furcht mir wird verleidet!««

10. Der Wolf und das Lamm

Des Stärkern Recht ist stets das beste Recht gewesen –

Ihr sollt's in dieser Fabel lesen.

Ein Lamm löscht einst an Baches Rand

Den Durst in dessen klarer Welle;

Ein Wolf, ganz nüchtern noch, kommt an dieselbe Stelle,

Des gier'ger Sinn nach guter Beute stand.

»Wie kannst du meinen Trank zu trüben dich erfrechen?«

Begann der Wüterich zu sprechen –

»Die Unverschämtheit sollst du büßen, und sogleich!«

»»Eu'r Hoheit brauchte«« sagt das Lamm vor Schrecken bleich

»»Darum sich so nicht aufzuregen!

Wollt doch nur gütigst überlegen,

Daß an dem Platz, den ich erwählt,

Von Euch gezählt,

Ich zwanzig Schritt stromabwärts stehe;

Daß folglich Euren Trank – seht Euch den Ort nur an –

Ich ganz unmöglich trüben kann.««

»Du trübst ihn dennoch!« spricht der Wilde. »Wie ich sehe,

Bist du's auch, der auf mich geschimpft im vor'gen Jahr!«

»»Wie? Ich, geschimpft, da ich noch nicht geboren war?

Noch säugt die Mutter mich, fragt nach im Stalle.««

»Dein Bruder war's in diesem Falle!«

»»Den hab' ich nicht.«« »Dann war's dein Vetter! Und

Ihr hetzt mich und verfolgt mich alle,

Ihr, euer Hirt und euer Hund.

Ja, rächen muß ich mich, wie alle sagen!«

Er packt's, zum Walde schleppt er's drauf,

Und ohne nach dem Recht zu fragen,

Frißt er das arme Lämmlein auf.

11. Der Mensch und sein Ebenbild

Für den Herzog de la Rochefoucauld

Es war einmal ein Mann, der, in sich selbst verliebt,

Sich für den schönsten hielt, den alle Lande trügen;

Den Spiegel scheltend, daß entstellt sein Bild er gibt,

Fand er sein Glück darin, sich selber zu belügen.

Um ihn zu heilen, sorgt ein günstiges Geschick,

Daß stets er, wo auch weilt sein Blick,

Der Damen stummen und geheimen Rat muß schauen:

Spiegel in Stub' und Saal, Spiegel ob nah ob fern,

Spiegel in Taschen feiner Herrn,

Spiegel im Gürtel schöner Frauen.

Was tut unser Narziß? Er tut sich selbst in Bann

Und birgt am stillsten Ort sich, den er finden kann,

Wohin kein Spiegel wirft sein trügerisch Gebilde.

Doch durch der Einsamkeit verlassenstes Gefilde

Rieselt ein klarer Silberbach.

Er schaut sich selbst darin, und zürnend ruft er: »Ach,

Ein eitel Trugbild ist's, das mir den Ort verleidet!«

Er gibt sich alle Müh', ihm aus dem Weg zu gehn;

Allein der Bach ist gar so schön,

Daß er nur ungern von ihm scheidet.

Was die Moral der Fabel sei?

Zu allen red' ich; das Sichselbstbetrügen,

Ein Übel ist's, von dem kein Sterblicher ganz frei:

Dein Herz, es ist der Narr, geneigt sich zu belügen;

Der Spiegel, den als falsch zu schelten wir geneigt,

Des Nächsten Torheit ist's, die wir an uns vermissen.

Der Bach, der unser Bild uns zeigt,

Du kennst ihn wohl, man nennt ihn – das Gewissen.

12. Der vielköpfige und der vielschwänzige Drache

Einst pries vor der Höflinge Schar

Frankreichs Gesandter, der in Wien beglaubigt war,

Des eignen Landes Macht vor der des Deutschen Reiches

Ein Deutscher sprach: »Trotz des Vergleiches

Wißt: unsres Kaiser Banner trug

Schon mancher Mann, selbst stark genug,

Tät's not, auf eigne Hand ein Heer zum Kampf zu rüsten.«

Drauf Frankreichs Pascha, fein und klug,

Erwidert: »Als ob wir nicht wüßten,

Was jeder Kurfürst an Soldaten stellen kann!

Das mahnt mich unwillkürlich an

Etwas, das ich erlebt, mag's wunderbar auch klingen.

Ich stand an sichrem Ort, da sah durch einen Hag

Die hundert Häupter ich der Hydra plötzlich dringen.

Mein Blut erstarrt – so etwas mag

Zur Furcht den Tapfersten wohl bringen!

Doch blind war meine Furcht; denn ob der Köpfe Zahl

Drang durch die Hecke nicht einmal,

Geschweige bis zu mir der Leib des Ungeheuers.

Noch dacht' ich dieses Abenteuers,

Da seh' ein zweites Tier, ein vielgeschweiftes, ich,

Das bohrt sein Drachenhaupt, sein einz'ges, durch die Hecken;

Zum zweiten Male fühlt' ich mich

Von Angst erfaßt und starrem Schrecken.

Haupt, Leib und jeder Schweif – Eins brach dem andern Bahn,

So ward der Fortschritt leicht dem Tier, dem ungeheuren.

Seht, ganz so scheint's mir angetan

Mit unsrem Reich und mit dem Euren.«

13. Die Diebe und der Esel

Zwei Diebe prügelten um einen Esel sich,

Den sie geraubt; der wollt' behalten ihn, verkaufen

Wollt' ihn der andre. Jämmerlich

Zerbläut das edle Paar sich drum in blut'gem Raufen.

Ein dritter Spitzbub kommt zum Ort,

Der führt den Meister Langohr fort.

Manch armes Land ist wohl dem Esel zu vergleichen,

Und mancher Fürst aus fernen Reichen,

Wie aus der Walachei, Ungarn und der Türkei,

Den Dieben. Statt der zwei sind's manchmal drei –

Zu häufig nur ist diese Sorte heute!

Doch von dem Kleeblatt fällt oft keinem zu die Beute;

Ein vierter Räuber kommt, ganz jener wert, und – schnapp!

Jagt er das Langohr ihnen ab.

14. Wie Simonides von den Göttern beschützt ward

Drei Dinge gibt's, die nie man hoch genug kann preisen:

Gott, die Geliebt' und seinen Herrn.

Malherbe sagt's einmal, und ich bekenn' mich gern

Zu diesem Ausspruch unsres Weisen.

Wohl kitzelt feines Lob und nimmt die Herzen ein,

Oft ist der Schönen Gunst der Preis für Schmeichelein.

Hört, welch ein Preis dafür von Göttern zu gewinnen.

Simonides fiel's einstmals ein,

'nes Fechters Lob im Lied zu singen. Beim Beginnen

Fand er zu trocken gleich, zu arm den Gegenstand;

Des Ringers Sippe war fast gänzlich unbekannt,

Ein dunkler Ehrenmann sein Vater, erein schlichter

Und dürft'ger Stoff für einen Dichter.

Anfangs sprach der Poet von einem Helden zwar

Und lobte, was an ihm nur irgend war zu loben;

Bald aber schweift' er ab, und zu dem Zwillingspaar

Kastor und Pollux hat er schwungvoll sich erhoben.

Er preist die beiden als der Ringer Ruhm und Hort,

Zählt ihre Kämpfe auf, bezeichnet jeden Ort,

Wo jemals sie gestrahlt im Glanze hellsten Lichtes.

Der beiden Lob – mit einem Wort,

Zwei Drittel füllt es des Gedichtes.

Bedungen hatten ein Talent als Preis die zwei;

Jetzt kommt der Biedermann herbei,

Zahlt ihm ein Drittel nur und sagt ihm frank und frei,

Es würden ihm den Rest Kastor und Pollux zahlen.

»Halt' dich nur an die zwei, die hell am Himmel strahlen!

Allein, daß du nicht meinst, ich sei

Dir gram – besuche mich zu Tisch. Gut sollst du speisen;

Auch die Gesellschaft ist nicht schlecht,

s' ist meine Sippe – ist dir's recht,

So wolle mir die Ehr erweisen.«

Simonides sagt zu; vielleicht befürchtet er,

Außer dem Geld auch noch die Ehre dranzugeben.

Er kommt; man speist, man läßt ihn leben,

Und froh und munter geht es her.

Da meldet ihm ein Sklav', es hätten an der Pforte

Zwei Männer augenblicks zu sprechen ihn begehrt;

Er eilt hinaus, doch bleibt am Orte

Die Sippe schmausend ungestört.

Das Götterzwillingspaar, die er im Lied gepriesen,

Sie sind's, sie bringen ihm die Mahnung jetzt als Lohn:

Forteilen mög' er schnell aus diesen

Unsel'gen Hallen, die mit nahem Einsturz drohn.

Bald war erfüllt die Schreckenskunde:

Ein Pfeiler wankt, einstürzt das Dach,

Das ungestützte, schlägt zugrunde

All Eß- und Trinkgerät und mit furchtbarem Krach

Die Schenken selbst im Festgemach.

Noch mehr: als Rache für die Götter, die geschmähten,

Und den betrogenen Poeten

Zerschmettert beide Bein' ein Balken dem Athleten.

Teils wund, teils arg verstümmelt gar

Kehrt heim der Gäste ganze Schar.

Fama verbreitete die Mär auf ihren Reisen;

Nun doppelt alle Welt, ihm Achtung zu beweisen,

Den Sold des Dichters, der der Götter Liebling war,

Und jedermann aus höhern Kreisen

Ließ jetzt durch ihn für Honorar

In Versen seine Ahnen preisen.

Was lehrt die Fabel uns? Zuerst, mein' ich, daß man

Das Lob der Himmlischen zu weit nie treiben kann;

Ferner, daß mit dem Schmerz und ähnlich ernsten Sachen

Melpomene versteht manch gut Geschäft zu machen;

Endlich, daß unsre Kunst man schätz' ohn' Unterlaß.

Die Großen ehren sich, wenn uns sie Gunst erweisen;

Einst hört' als Freund' und Brüder preisen

Man den Olymp und den Parnaß.

15. Der Tod und der Unglückliche

Stets rief in seiner Not ein armer Mann

Den Tod als Retter an.

»Tod!« rief er »wie so schön erscheinst du dem Elenden!

Komm, eilig komm herbei, mein grausam Los zu enden!«

Der Tod vernimmt's und ist dienstfertig gleich am Ort,

Klopft an die Tür, tritt ein, und, kaum läßt er sich schauen

»Was seh' ich?« ruft der Mann. »Bringt dieses Scheusal fort!

Wie gräßlich ist er! Angst und Grauen

Macht mir sein Anblick! Höre mich,

Komm näher nicht, o Tod! O Tod, entferne dich!«

Mäcenas war ein Mann von Ehre,

Und dieser sagte einst: »Nehmt meine Mannheit ihr,

Ja, wenn ein Krüppel ich ohn' Arm' und Beine wäre,

Nur leben will ich ja! Laßt nur das Leben mir!«

Komm nimmermehr, o Tod! so fleht man stets zu dir.

16. Der Tod und der Holzschläger

Ein armer Arbeitsmann, mit Reisig schwer belastet,

Von seines Bündels und der Jahre Last gedrückt,

Geht schwanken Schritts fürbaß, tief seufzend und gebückt;

Sein Hüttlein hätt' er gern erreicht, bevor er rastet.

Jetzt kann er nicht mehr fort, und tränenfeuchten Blicks,

Die Bürd' ablegend, denkt er seines Mißgeschicks.

Was bot an Freuden ihm bisher sein ganzes Leben?

Kann's einen Ärmern wohl als ihn auf Erden geben?

Oft keinen Bissen Brot und nimmer Ruh noch Rast,

Weib, Kind, der Steuern und der Einquartierung Last,

Frondienst und Gläub'ger ohn' Erbarmen –

des Jammers vollstes Bild zeigt alles dies dem Armen.

Er ruft den Tod herbei; der ist auch gleich zur Stell'

Und fragt, womit er dienen sollte.

»Ach, bitte« spricht er »hilf mir schnell

Dies Holz aufladen! Das ist alles, was ich wollte!«

Tod heilt alle Erdennot;

Aber Leben ist nicht minder

Schön, und: »Besser Not als Tod«

Denken alle Menschenkinder.

17. Der Mann zwischen zwei Lebensaltern und zwei Lebensgefährtinnen

Einer in dem unbequemen

Alter, wo vom Lebensherbst,

Dunkles Haupt, du grau dich färbst,

Dachte dran, ein Weib zu nehmen.

Sein Geldsack war sehr schwer,

Und daher

Auch manche Frau bemüht, ihm zu gefallen;

Doch just darum beeilt sich unser Freund nicht sehr –

Gut wählen ist das Wichtigste von allen.

Zwei Witwen freuten sich am meisten seiner Gunst,

'ne Junge und 'ne etwas mehr Betagte,

Doch die verbesserte, durch Kunst,

Was schon der Zahn der Zeit benagte.

Es schwatzt und lacht das Witwenpaar,

Ist stets bemüht ihn zu ergötzen;

Sie kämmen manchmal ihn sogar,

Um ihm den Kopf zurechtzusetzen.

Die Ältre raubt dann stets ihm etwas dunkles Haar,

Soviel davon noch übrig war –

Viel gleicher dünkt sie sich dadurch dem alten Schatze.

Die Junge zieht mit Fleiß ihm aus das weiße Haar;

Und beide treiben's so, daß unsres Graukopfs Glatze

Bald gänzlich kahl – da wird ihm erst sein Standpunkt klar.

»Viel Dank, ihr Schönen, euch!« spricht er. »Wie gut auch immer

Ich von euch geschoren bin,

Hab' ich doch davon Gewinn;

Denn an Heirat denk' ich nimmer.

Welche ich nähm', stets ging's, wollt' ich nicht ew'gen Zank,

Nach ihrem, nicht nach meinem Kopfe.

'nen Kahlkopf nimmt man nicht beim Schopfe!

Für diese Lehre nehmt, ihr Schönen, meinen Dank.«

18. Der Fuchs und der Storch

Gevatter Fuchs hat einst in Kosten sich gestürzt

Und den Gevatter Storch zum Mittagbrot gebeten.

Nicht allzu üppig war das Mahl und reich gewürzt;

Denn statt der Austern und Lampreten

Gab's klare Brühe nur – viel ging bei ihm nicht drauf.

In flacher Schüssel ward die Brühe aufgetragen;

Indes Langschnabel Storch kein Bißchen in den Magen

Bekam, schleckt Reineke, der Schelm, das Ganze auf.

Doch etwas später lädt der Storch, aus Rache

Für diesen Streich, den Fuchs zum Mahl auf seinem Dache.

»Gern!« spricht Herr Reineke »da ich nach gutem Brauch

Mit Freunden nie Umstände mache.«

Die Stunde kommt; es eilt der list'ge Gauch

Nach seines Gastfreunds hohem Neste,

Lobt seine Höflichkeit aufs beste,

Findet das Mahl auch schon bereit,

Hat Hunger – diesen hat ein Fuchs zu jeder Zeit –

Und schnüffelnd atmet er des Bratens Wohlgerüche,

Des leckern, die so süß ihm duften aus der Küche.

Man trägt ihn auf, doch – welche Pein!

In Krügen eingepreßt, langhalsigen und engen;

Leicht durch die Mündung geht des Storches Schnabel ein,

Umsonst sucht Reineke die Schnauze durchzuzwängen.

Hungrig geht er nach Haus und mit gesenktem Haupt,

Klemmt ein den Schwanz, als hätt' ein Huhn den Fuchs geraubt,

Und läßt vor Scham sich lang' nicht sehen.

Ihr Schelme, merkt euch das und glaubt:

Ganz ebenso wird's euch ergehen.

19. Das Kind und der Schulmeister

Die Fabel hier und ihre Spitze zielt

Auf jene Narren, die stets Reden halten.

Ein Knäblein, das am Seine-Ufer spielt,

Fiel in den Fluß. Des Himmels gnädig Walten

Fügt, daß ein alter Weidenbaum, der hart

Am Ufer stand, des Kindes Rettung ward.

Indes das Kind den Weidenzweig mit Bangen

Erfaßt, kommt ein Schulmeisterlein gegangen.

Das Kind schreit: »Hilfe! Hilf! Ich muß vergehn!«

Auf sein Geschrei bleibt der Magister stehn,

Und mit dem Pathos eines Advokaten

Schilt er den Kleinen: »Seht den Fratzen doch,

Wohin durch seine Dummheit er geraten!

Um solchen Schelm soll man sich kümmern noch!

Die armen Eltern, deren Pflicht im Leben,

Auf solch Gesindel immer acht zu geben!

Sie haben wahrlich einen schweren Stand!«

Sprach's, und drauf setzt den Kleinen er ans Land.

Viel gibt's der Art, wenn auch mit andrem Namen:

Der Schwätzer, Splitterrichter, der Pedant,

Die wohl ihr Bild erkannt in diesem Rahmen –

Unzählbar sind sie wie des Meeres Sand,

Gesegnet hat der Schöpfer ihren Samen.

Die Sorte denkt nur stets zuerst daran,

Der Rede Künste zu entfalten.

Erst rette, Freund, mich aus der Not, und dann,

Dann magst du deine Rede halten!

20. Das Huhn und die Perle

Hühnchen fand an einem Ort

Eine Perl' und trug sofort

Sie zum Juwelier hinüber:

»Glaube, sie hat hohen Preis,

Doch das kleinste Körnchen Mais

Wäre mir bei weitem lieber.«

Eine Handschrift inhaltreich

Erbt' ein Dummkopf, bringt sogleich

Sie zum Antiquar hinüber:

»Wertvoll, hör' ich, soll sie sein,

Doch der kleinste Talerschein

Wäre mir bei weitem lieber.«

21. Die Hornissen und die Bienen

Am Werk erkennt den Meister man.

Ein Honigzellchen war einst herrenlos; Hornissen

Hatten es an sich gerissen,

Bienen machten Anspruch dran.

Vor eine Wespe kam der Streit, die sollt' ihn schlichten;

Allein es ward ihr schwer, nach Fug und Recht zu richten.

Die Zeugen sagten, daß sie um die Zelle her

Geflügeltes Getier, das braun und länglich wär'

Und summte, oft bemerkt. Das sprach wohl für die Bienen;

Allein was half's, da die Kennzeichen ungefähr

Auch den Hornissen günstig schienen?

Die Wespe wußte nun erst recht nicht hin und her,

Und sie beschloß, aufs Neu' die Sache aufzuklären,

'ne Schar Ameisen noch zu hören.

Umsonst! Denn alles blieb, wie's war.

»Auf diese Art wird's nimmer klar!«

Sprach eine Biene, eine weise

»Sechs Monde schleppt sich schon der Streit im alten Gleise,

Und wir sind weiter um kein Haar.

Will sich der Richter nicht beeilen –

's ist höchste Zeit! – verdirbt der Honig uns einstweilen;

Am Ende frißt der Bär ihn gar!

Erproben drum wir jetzt, ohn' Advokatenpfiffe

Und Krimskrams der Juristenkniffe,

Nur durch die Arbeit unsre Kraft!

Dann wird sich's zeigen, wer von uns den süßen Saft

In schöne Zellen weiß zu legen.«

Durch der Hornissen Weig'rung war

Gar bald ihr Unrecht sonnenklar;

Der Bienen Schar gewann den Streit von Rechtes wegen.

O würde jeder Streit doch nur auf diese Art

Entschieden und, wie man im Morgenlande richtet,

Nach dem Buchstaben nicht, nein, nach Vernunft geschlichtet!

Was würd' an Kosten dann gespart,

Statt daß mit endlosen Prozessen

Man jetzt uns zur Verzweiflung treibt!

Wozu? Die Auster wird vom Richter aufgegessen,

Indes für uns die Schale bleibt.

22. Die Eiche und das Schilfrohr

Die Eiche sprach zum Schilf: »Du hast,

So scheint mir, guten Grund, mit der Natur zu grollen:

Zaunköniglein ist dir schon eine schwere Last;

Der Windhauch, der in leisem Schmollen

Des Baches Stirn unmerklich fast

Kräuselt, zwingt dich den Kopf zu neigen,

Indes mein Scheitel trotzt der heißen Sonne Glut,

Gleich hoher Alpenfirn, und nicht des Sturmes Wut

Vermag mein stolzes Haupt zu beugen.

Was dir schon rauher Nord, scheint linder Zephir mir.

Ja, ständst du wenigstens, gedeckt von meinem Laube,

In meiner Nachbarschaft! Dann, glaube,

Gern meinen Schutz gewährt' ich dir,

Du würdest nicht dem Sturm zum Raube.

So aber stehst am feuchten Saum

Des Reichs der Winde du in preisgegebnem Raum.

Sehr ungerecht an dir hat die Natur gehandelt!«

»»Das Mitleid«« sagt das Rohr »»das plötzlich dich anwandelt,

Von gutem Herzen zeugt's; doch sorge nicht um mich!

Glaub', minder drohet mir als dir der Winde Toben;

Ich bieg', ich breche nicht. Bis heut zwar hieltst du dich

Und standst, wie furchtbar sie auch schnoben,

Fest, ungebeugt an deinem Ort.

Doch warten wir es ab!«« Kaum sprach sie dieses Wort,

Da, sieh, am Horizont in schwarzer Wolke zeigt sich

Und rast heran, ein Sturmesaar,

Der Schrecken schrecklichster, den je der Nord gebar.

Fest steht der Baum, das Schilfrohr neigt sich.

Der Sturm verdoppelt seine Wut

Und tobt, bis er entwurzelt fällte

Den, dessen stolzes Haupt dem Himmel sich gesellte,

Und dessen Fuß ganz nah' dem Reich der Toten ruht.

Zweites Buch
1. Gegen die Krittler

Gefiel's Kalliope, mir die Gaben zu verleihen,

Die ihren Freunden sonst sie zur Verfügung stellt,

Den Lügen des Äsop wollt' mein Talent ich weihen;

Denn Lüg' und Poesie sind freundlich stets gesellt.

Mich wollte der Parnaß mit solcher Gunst nicht schmücken,

Die diesen Dichtungen verliehe höhern Glanz.

Kühn zwar ist das Bemühn, doch nicht unmöglich ganz –

Ich wage den Versuch, mag's Bessern besser glücken.

Ausstattete bisher gar neu und wundersam

Mit Red' und Gegenred' ich kühnlich Wolf und Lamm;

Noch mehr: es wandelten bei mir, wie ihr gelesen,

Sich Bäum' und Pflanzen um in sprachbegabte Wesen.

Wer, frag' ich, leugnete hier eines Zaubers Spur?

»Ja« hör' ich unsre Krittler sagen

»Wes du dich rühmest als Bravour,

Sind ein paar Kindermärchen nur!«

So wollt Geschichtliches ihr aus der Vorzeit Tagen,

Und zwar in höherm Stil? Hört zu: »Der Troer Heer

Hatt' in zehnjähr'gem Kampf um ihrer Festung Türme

Die Griechen mürb' gemacht, die trotz der tapfern Wehr,

Trotz aller Schlachten, aller Stürme

Noch immer nicht zerstört die Stadt voll Glanz und Pracht;

Da barg ein hölzern Roß – Minerva hat's erdacht –

Ein seltnes Kunstwerk ohnegleichen,

Den listigen Ulyß in seinen breiten Weichen,

Den tapfern Diomed, des Ajax stürm'sche Kraft,

Nebst ihrer ganzen Ritterschaft,

Die heimlich der Koloß nach Troja führt, die Blüten

Der Stadt preisgebend samt den Göttern ihrem Wüten –

'ne Kriegslist, unerhört und wirkungsreich genug,

Um der Erfinder Müh' zu lohnen«

»»Halt ein! Halt ein!«« so ruft jetzt ein Herr Superklug

»»Der Satz ist gar zu lang, man muß den Atem schonen!

Und dann, dein hölzern Roß zumeist

Und deine »Helden lobebären«

Sind doch noch weit seltsamre Mären,

Als wenn ob seiner Stimm' ein Fuchs den Raben preist.

Auch will der hohe Stil dir nicht besonders kleiden.««

Gut! Stimmen wir den Ton herab: »In Liebesleiden

Denkt Amaryllis an Alcipp, und ihre Pein

Säh'n ihre Schäflein, wähnt sie, und ihr Hund allein.

Tircis, die sie erschaut, bleibt hinterm Busche stehen

Und hört die Schäferin zum linden Zephir flehen,

Daß ihre Liebesklagen hold

Er hin zum Liebsten tragen sollt'« – – –

»»Halt! Diesen Reim laß ich nicht gelten!««

Ruft plötzlich mein Herr Mäkelbold

»»Verfehlt muß seine Form ich schelten

Und etwas dürftig an Gehalt.

Die beiden Verse nimm zurück, sie umzugießen!««

Verdammter Krittler! Schweigst du bald?

Soll meine Fabel ich nicht schließen?

Schlimm wär' es, wollt' so peinlichen

Urteilen sich ein Dichter fügen.

Unselig sind die Kleinlichen:

Sie finden nirgend ein Genügen.

2. Der Rat der Ratten

Ein Kater Namens Rodilard

Wütet so grimmig unterm Volk der Ratten,

Daß keine fast gesehn mehr ward,

So viele sandt' hinab er in das Reich der Schatten.

Der kleine Rest wagt sich, von Angst und Schrecken matt,

Nicht aus dem Loch und ißt sich kaum zur Hälfte satt.

Als einstmals nun der Held auf fernem Dache war,

Galantem Liebesdienst zu frönen,

Da, während er sich baß ergötzt mit seiner Schönen,

Versammelt heimlich sich zum Rat der Ratten Schar,

Was in der Not man wohl beginne!

Der Obmann rät sogleich, begabt mit klugem Sinne,

Daß eine Schelle man befest'ge jedenfalls,

Und zwar in größter Eil', an Rodilardus' Hals,

So daß, wollt' auf die Jagd er ziehen,

Man schon von fern ihn hört und Zeit hat zu entfliehen.

Daß dies das einz'ge Mittel sei,

Darin trat jedermann des Obmanns Meinung bei;

'nen bessern Weg zum Heil wußt' keiner anzusagen.

Allein wie bindet man die Schell' ihm um?

Der spricht: »Ich sollt' es tun? Nein, ich bin nicht so dumm!«

Ein andrer: »Ich kann's nicht!« Ohn' eine Tat zu wagen,

Trennt man sich. Der Versammlungen gar viel

Sah ich, wie diese, ohne Zweck und Ziel,

Nicht nur von Ratten, nein, von weisen Magistraten,

Selbst von geschulten Diplomaten.

Handelt sich's nur um weisen Rat?

An Ratsherrn wird es nie gebrechen.

Doch gilt's entschloßner frischer Tat –

Ja, Freund, dann ist kein Mensch zu sprechen!

3. Der Affe als Richter zwischen Wolf und Fuchs

Einst klagt' ein Wolf, man habe ihn beraubt;

Den Nachbar Fuchs, 'nen Herrn von schlechtem Lebenswandel,

Klagt er des Diebstahls an, an den er selbst nicht glaubt.

Es führten vor des Affen Haupt

In eigener Person die zwei Partein den Handel.

Seit Affendenken saß noch nicht

In so verzwicktem Fall Frau Themis zu Gericht.

Der arme Schiedsmann schwitzt auf seinem Richterstuhle;

Doch durch ihr Schreien hin und her

Mit Schwur und Gegenschwur sah er

Daß alle beid' aus guter Schule.

Er sprach: »Ich kenn' euch zwei viel besser als ihr glaubt,

Und straf' euch beide unverhohlen;

Du, Wölflein, klagst, obgleich dir niemand was geraubt,

Du aber, Füchslein, hast trotz alledem gestohlen.«

Der Richter dachte sich: Wenn aufs Geratewohl

Man einen Schurken straft, so tut man immer wohl.

4. Die beiden Stiere und der Frosch

Zwei Stiere stritten einst um eine junge Kuh

Und auch der Oberherrschaft wegen.

Ein armes Fröschlein seufzt dazu.

»Was geht's dich an?« hat der Kollegen

Ihn einer fragend angequakt.

»»Siehst du«« sprach jener drauf behende –

»»Denn nicht des leid'gen Streites Ende?

Der eine muß hier fort. Vom anderen verjagt,

Beraubt der Herrschaft und des Eigentums an diesen

Ob ihrer fetten Weid' ihm werten blühnden Wiesen,

Wird er nach unsrem Schilf sein Reich verlegen und

Jagt dann mit plumpem Tritt uns in des Wassers Grund,

Erst den, dann den! Der Streit, der zwischen jenen beiden

Um die Frau Kuh entbrannt – wir müssen drunter leiden!««

Er hatte recht: der eine Stier

Barg sich in ihres Schilfes Grunde,

Zu ihrem Leid; das plumpe Tier

Zertrat an zwanzig jede Stunde.

Ja, ja! Man sieht es allezeit:

Der Großen Torheit bringt den Kleinen bittres Leid.

5. Die Fledermaus und die zwei Wiesel

Einst kam 'ne Fledermaus höchst unvorsicht'ger Weise

In eines Wiesels Nest; kaum hat sie Zeit zu ruhn,

Als jenes, das schon längst ergrimmt war auf die Mäuse,

Herbeieilt, um sie abzutun.

»Wie?« sprach's zu ihr »Du wagst vor mir hier zu erscheinen,

Du, deren ganz Geschlecht nur Schaden tut dem meinen!

Bist du nicht eine Maus? Wohl hab' ich dich erkannt;

Verleugn' es nicht, du bist's! Daß ich kein Wiesel wäre!«

»»Verzeiht!«« sprach zitternd die »»Auf Ehre,

Das ist wahrhaftig nicht mein Stand.

Ich, eine Maus? Das kann nur ein Verleumder sagen!

Ein Vogel bin ich unbedingt.

Sieh nur die Flügel, die mich tragen –

Hoch leb', was in die Luft sich schwingt!««

Sie sprach so gut, daß man ihr glaubte,

Und daß das Wiesel ihr erlaubte,

Frei fortzuflattern aus dem Nest.

Nicht lang', und Jungfer Leichtsinn klebte

Bei einem andern Wiesel fest,

Das mit den Vögeln just in Fehd' und Feindschaft lebte,

So daß zum zweitenmal nun in Gefahr sie schwebte.

Die lange Schnauze streckt der Hausherr lüstern vor,

Der, als 'nen Vogel, sie zu leckrem Fraß erkor;

Doch sie verteidigt sich und spricht gar treu und bieder:

»Ein Vogel, ich? Seht her! Nein, das ist nicht mein Fall!

Was macht den Vogel? Das Gefieder!

Maus bin ich. Hoch die Ratzen all'!

Der Teufel hol' die Katzen all'!«

So hat durch schlaues Antwortgeben

Zweimal gerettet sie ihr Leben.

Manch Kluger macht's wie sie: wenn die Gefahr ihm nah,

Schlägt er ein Schnippchen ihr, wechselt die Farb' ein wenig,

Und, je nachdem, ruft er: Hurra

Der Republik! Hurra dem König!

6. Der durch einen Pfeil verwundete Vogel

Tödlich getroffen lag, den Federpfeil im Herzen,

Ein Vogel da; er klagt im Übermaß der Schmerzen

Sein traurig Los: »Ist's nicht ein harter Schicksalsschluß,

Daß man zum eignen Leid die Waffen liefern muß?

Grausamer Mensch! Du nimmst aus unsren Schwingen

Die Federn, die zum Flug die Mordgeschosse bringen!

Doch spotte nicht, du Volk, herzlos und ungerecht;

Denn für ein ähnlich Los wie wir bist du geschaffen:

Die eine Hälfte von Japetos' Geschlecht

Versorgt die andre stets mit Waffen.«

7. Die Hündin und ihre gute Freundin

Frau Hündin, nah' dem Muttersegen

Und ob der süßen Last in großer Wohnungsnot,

Fleht eine Freundin an, die schließlich sich erbot,

Die Hütte ihr zu leihn, die Last drin abzulegen.

Die gute Freundin kehrt nach ein'ger Zeit zurück;

Die Hündin bittet sie um nur noch vierzehn Tage –

Die Kleinen machten grad' ihr mit dem Laufen Plage –

Und sie erhält's im Augenblick.

Auch diese Frist verstreicht; die Freundin kommt vom Lande,

Zurückzufordern Bett und Haus.

Die Hündin aber zeigt die Zähn' ihr und ruft aus:

»Ich ging, wenn du den Mut, mich und die ganze Bande

Gleich an die Luft zu setzen, hättst!«

Die Kleinen waren Riesen jetzt.

Was du 'nem Schurken gibst, du wirst es stets bedauern.

Leihst du ihm was, kannst lange lauern,

Kaum kriegst du's wieder mit Gewalt;

Er wird sich erst verklagen lassen.

Gib einen Finger ihm, und bald

Wird deine ganze Hand er fassen.

8. Der Adler und der Käfer

Der Adler machte Jagd auf Meister Seidenhas',

Der schnell auf eil'ger Flucht in seinen Bau sich rettet.

Als Nachbar neben ihm im Loch ein Käfer saß.

Ob er dort sicher war gebettet?

Weiß nicht? Genug, es duckt Herr Lampe sich hinein.

Doch auf die Freistatt schießt der Adler flugs hernieder;

Der Käfer legte Fürsprach' ein:

»O Fürst der Vögel du mit mächtigem Gefieder,

Ich weiß, ein leichtes ist dir Meister Lampes Mord;

Doch tu mir das nicht an! Willst du Gehör mir geben,

Sieh den Unglücklichen, er bettelt um sein Leben –

Schenk's gnädig ihm! Wo nicht, so töt' auch mich sofort.

Er ist mir Nachbar, Freund gewesen!«

Der Vogel Jupiters erwidert ihm kein Wort;

Er stößt ihn mit dem Flügel fort,

Betäubt ihn, und ohn' Federlesen

Schleppt Meister Lamp' er weg. Der Käfer, wutempört,

Fliegt zu des Adlers Nest; da er ihn nicht getroffen,

Pickt dessen Eier er entzwei, sein liebstes Hoffen –

Kein einziges blieb unzerstört.

Bei seiner Rückkehr schaut der Adler die Zerstörung;

Zum Himmel schreit er laut, wahnsinnig vor Empörung,

Ahnt er doch nicht, an wem er rächen soll die Schmach!

Er stöhnt – die leere Luft hallt seine Klagen nach.

Ganz kinderlos lebt er dies Jahr in Gram und Reue;

Im nächsten baut sein Nest er höher, doch es gab

Der Käfer acht: er kommt und wirft die Brut hinab,

Und Meister Lampes Tod ward so gerächt aufs neue.

Die zweite Trauer war so groß, daß durch den Wald

Sechs Mond' hindurch ihr Echo schallt.

Der einst den Ganymed getragen,

Dem Herrn der Götter naht mit Bitten er und Klagen,

Und in den Schoß des Zeus legt er die Eier jetzt:

Hier sind sie sicher nicht dem Angriff ausgesetzt!

Nun schützt sie Jupiter gewiß schon seinetwegen –

Wer wagt' hier Hand an sie zu legen?

Das kam auch keinem in den Sinn.

Der Feind ersann ein andres Mittel:

Er spritzte etwas Kot auf Jovis neuen Kittel;

Abschütteln will's der Gott und – wirft die Eier hin.

Kaum hat das Unglück er erfahren,

Da droht der Aar dem Zeus, sogleich

Woll' in die Wüst' er gehn, verlassen Hof und Reich

Und der Abhängigkeit Gefahren –

Und was noch mehr der Reden waren.

Stumm hört der arme Zeus ihn an.

Vor seinem Richterstuhl erschien der Käfer dann

Und gab Bericht mit klugem Sinne.

Sein Unrecht machte man dem Adler schließlich klar;

Doch da der beiden Haß ganz unversöhnlich war,

Beschloß der Götterfürst: Es sei die Frist der Minne

Für Adler künftighin, weil's so am besten frommt,

Verlegt auf andre Zeit, wo all das Volk der Käfer,

Dem Murmeltiere gleich, als feste Winterschläfer

Sich birgt und nie zu Tage kommt.

9. Der Löwe und die Mücke

»Elend Insekt, der Erd' Auswurf, willst gleich dich scheren!«

Dies Wort rief einst der Löw' in Wut

Der Mücke zu. Die hatte Mut,

Sofort den Krieg ihm zu erklären.

»Meinst du« sprach sie zu ihm »daß du der König bist,

Soll mich mit Sorg' und Angst erfüllen?

Der Ochs, der noch weit stärker ist,

Ich lenk' ihn doch nach meinem Willen!«

Dem Worte folgt sogleich die Tat:

Zum Angriff gibt sie selbst das Zeichen,

Zugleich Trompeter und Soldat.

Erst sucht sie schlau ihm auszuweichen;

Doch flink um seinen Hals dann schwirrt

Sie, daß der Leu fast rasend wird.

Er schäumt, und Funken sprüht das Aug' des wilden Recken;

Er brüllt, und rings umher erzittert Tal und Berg;

Und dieser allgemeine Schrecken

Ist einer kleinen Mücke Werk.

An hundert Stellen sucht das Mücklein ihn zu necken:

Bald sticht's am Rücken ihn, bald macht's am Maul ihm Pein,

Bald kriecht's ihm in die Nas' hinein.

Nun hat des Löwen Wut erreicht den höchsten Gipfel;

Der unsichtbare Feind, wie triumphiert er jetzt,

Da Klaue nicht noch Zahn, kurz, nicht der kleinste Zipfel

Des schmerzgequälten Tiers mehr heil und unverletzt!

Der arme Leu zerfleischt sich selber, an die Weichen

Schlägt er den mächt'gen Schweif, er schlägt in kind'schem Sinn

Selbst die unschuld'ge Luft. Dies Wüten ohnegleichen

Erschöpft ihn, macht ihn matt, und bald ist er ganz hin.

Ruhmreich kehrt das Insekt zurück aus diesem Kriege,

Und wie zum Angriff erst, so bläst es jetzt zum Siege,

Ihn kündend überall. Da findet's einen Ort,

Wo heimlich lauert eine Spinne;

Es findet auch sein Ende dort.

Was uns die Fabel lehrt, fragst du mit klugem Sinne?

Daß von den Feinden – dies merk' dir zuerst, mein Kind –

Die kleinsten grade oft die allerschlimmsten sind;

Und daß, die mit Erfolg große Gefahr bestehen,

An Kleinem oft zu Grunde gehen.

10. Der mit Schwämmen und der mit Salz beladene Esel

Ein Eseltreiber trieb durchs Land,

Den Führerstab in stolzer Hand,

Ein Rennerpaar mit langen Ohren.

Der eine – Schwämme trug er – lief wie ein Kurier,

Dagegen schlich das andre Tier,

Als wär als Schnecke es geboren;

Beladen war's mit Salz. Das Wanderkleeblatt lief

Durch Berg und Tal, durch Hoch und Tief,

Bis an ein Wasser sie und eine Furt geraten,

Die etwas schwierig zu durchwaten.

Der Treiber, der die Furt oft zu durchreiten pflegt,

Besteigt den, der die Schwämme trägt,

Und läßt voraus den andern wandeln.

Der will nach eignem Kopfe handeln,

Stürzt in ein Loch, doch kommt heraus

Er wieder bald und – reißt dann aus;

Denn kaum war er fünf Schritt geschwommen,

Da war das Salz ganz pitschenaß,

Es schmolz, und Langohr freut sich, daß

Die ganze Last ihm abgenommen.

Kamrad Schwammträger tut's ihm nach im Augenblick,

Wie dem Leithammel folgt die Herde, Stück für Stück:

Ins Wasser taucht, daß ihn die Last nicht weiter hemme,

Er sich, den Reiter und die Schwämme.

Sie tranken alle drei, und um die Wette schier

Trank mit den Schwämmen Mann und Tier.

Bald waren die gefüllten Schwämme

So schwer, daß mitten in dem Fluß,

Erdrückt von ihrer Last, das Tier versinken muß.

Der Treiber gibt in Todesklemme

Dem Esel schon den Abschiedskuß.

Da naht der Retter. Wer? Das tut hier nichts zur Sache;

Genug, wenn man erkennt: es taugt nichts, daß durchaus

Es einer wie der andre mache.

Eben darauf wollt' ich hinaus.

11. Der Löwe und die Ratte

Man soll, so viel man kann, sich alle Welt verpflichten;

Des Kleinern Beistand ist uns oft von großem Wert.

Für diese Wahrheit, durch zwei Fabeln wohl bewährt,

Fehlt's an Beweisen uns mit nichten.

Zwischen des Löwen Tatzenpaar

Lief eine Ratte einst – sie war ein Wildfang eben.

Der Tiere König zeigt als das sich, was er war:

In seiner Großmut schenkt der Kleinen er das Leben.

Die edle Tat bracht' ihm Gewinn.

Wem käm' es jemals in den Sinn,

'ne Ratte konnt' 'nem Löwen nützen?

Doch widerfuhr's ihm einst, da aus dem Wald er ging,

Daß er in einem Netz sich fing –

Kein Brüllen könnt' ihn jetzt befreien noch ihn schützen.

Frau Ratte eilt herbei, zernagt mit Emsigkeit

Die Maschen und ruht nicht, bis sie das Netz vernichtet.

Viel mehr hat stets Geduld und Zeit

Als roher Eifer ausgerichtet.

12. Die Taube und die Ameise

Ein ander Beispiel spricht von etwas kleinrem Vieh.

An Baches Rande saß 'ne Taube, um zu trinken.

'ne Ämse fiel hinein – schon wollte sie versinken

In diesem Ozean; umsonst, ach, sah man sie

Verzweifelten Versuch zu ihrer Rettung machen.

In unsrer Taube ward sofort das Mitleid wach:

Sie brach ein Blättlein ab und warf es in den Bach,

Und der Ameise ward dies Blatt zum Rettungsnachen.

Sie schwimmt ans Ufer. Bald nachher

Kommt ein barfüß'ger Kerl so ganz von ungefähr,

Der eine Armbrust trägt, des Wegs. Es scheint dem Tropfe

Das Täublein leichte Beut', und er

Meint gar, er hätt's daheim gebraten schon im Topfe.

Schon hat die Armbrust er gespannt, hält sie am Kopfe,

Da sticht die Ämsi ihn in den Fuß.

Der Kerl zuckt, wackelt mit dem Schopfe;

Das Täublein merkt's und – weit davon ist gut vorm Schuß –

Der Braten fliegt davon, und er, er muß dran glauben:

So wohlfeil kriegt man keine Tauben!

13. Vom Sterngucker, der in einen Brunnen fiel

Ein Astrolog fiel in den Brunnen einst.

Da sagten sie zu ihm: »Du armes Wesen,

Siehst nicht, was dir zu Füßen ist, und meinst,

Du könntest droben hoch am Himmel lesen!«

Wohl scheint der Fall, an sich betrachtet, angetan,

Ein lehrreich Beispiel für die meisten abzugeben;

Denn unter denen, die auf dieser Erde leben,

Gibt's wen'ge, die nicht schon den Wahn

Gehegt mit sträflichem Behagen,

Das Buch des Schicksals sei dem Menschen aufgeschlagen.

Dies Buch – Homer schon sang des heil'gen Fatums Ruhm –

Soll man es »Zufall«, wie das graue Altertum,

Oder, wie wir, »Vorsehung« nennen?

Nun, »Zufall« heißt, des Grund wir nicht erkennen;

Denn, kennten wir ihn, nimmermehr

Spräch man von Zufall dann, Glück, blindem Ungefähr

Und mehr so zweifelhaften Dingen.

Doch dessen Willen zu durchdringen,

Der alles schuf und stets mit Weisheit alles tat,

Wer vermag's? Er allein. Wer sitzt in seinem Rat?

Schrieb er mit Flammenschrift am Firmament der Sterne,

Was grauer Zeiten Nacht verhüllt in Nebelferne?

Wozu? Als Übung für den Scharfsinn solcher, die

Geschrieben über Erd- und Sphärenharmonie?

Daß unentrinnbarem Verhängnis wir entrönnen?

Um uns das Wohlgefühl des Glückes zu mißgönnen?

Vielleicht, daß durch vorweggenommenen Genuß

Die Freude selbst sich kehr' in eklen Überdruß?

Dies glauben – Irrtum wär's, nein, Frevel sondergleichen!

In ew'ger Ordnung gehn die Sterne ihren Lauf,

Die Sonne geht uns täglich auf,

Allnächtlich muß ihr Licht den dunklen Schatten weichen;

Doch folgt aus alledem für uns kein andrer Schluß,

Als daß das Licht uns strahlt, weil – es uns strahlen muß.

Der Ernte Reifen, wie der Gang der Jahreszeiten,

Sie all' erscheinen uns nur als Notwendigkeiten.

Wie reimt der Zufall, der in ew'gem Wechsel treibt,

Sich mit des Weltalls Lauf, der ewig gleich sich bleibt?

Vermeßne Schwindler, Astrologen,

Die ihr Europas Fürsten oft betrogen,

Hebt euch hinweg samt den Propheten dieser Zeit!

Betrüger sind sie all', wie ihr Betrüger seid.

Doch was ereifr' ich mich? Zu unserm Sternengucker

Kehr' lieber ich zurück, dem armen Wasserschlucker.

Ganz abgesehen von der Torheit seiner Kunst,

Gleicht jenen er, die, wenn sie von Gefahr bedroht sind,

Nachjagen einem blauen Dunst,

Nicht ahnend, daß sie selbst in Not sind.

14. Der Hase und die Frösche

Ein Häslein ruht in wachem Traum –

Was tut man, wenn man ruht? Man träumt in halbem Schlummer –

Vor Langerweile wußt' er sich zu retten kaum;

Er ist ein armes Tier, und ew'ge Furcht sein Kummer.

»So'n furchtsam Wesen« hub er an

»Ist wahrlich doch recht übel dran!

Kaum wagt zu essen man mit Lust 'nen guten Bissen!

Kein reines Glück! Fürwahr, das Schicksal, das mich traf,

Ist hart: von ew'ger Angst gehetzt und fortgerissen,

Gönn' nur mit offnem Aug' ich mir das bißchen Schlaf!

Sei nicht so dumm! ruft mir ein weises Haupt entgegen.

Ja, kann man denn die Furcht ablegen?

Die Menschen haben sicherlich,

Ich glaub's, auch Furcht just so wie ich.«

So sprach der Has' und spähte eben

Nach allen Seiten wachsam hin;

Es war so ängstlich ihm zu Sinn:

Ein Lüftchen macht' ihn, ja, ein Schatten ihn erbeben.

Da, während durch sein trübes Haupt

So düstere Gedanken ziehen,

Hört er ein leis' Geräusch, und schneller als man glaubt,

Sieht man dem Lager ihn entfliehen.

An eines Teiches Rand kommt er auf flücht'gem Pfad;

Gleich stürzt der Frösche Schar vor ihm sich in die Wellen,

Sie bergen sich mit Hast vor ihm an sichren Stellen.

»Schau!« spricht er »wie man mir sonst tat,

Tu ich jetzt andern! Ha, ich merke,

Man fürchtet sich vor mir! Sie fliehn, weil ich genaht!

Woher nur kommt mir diese Stärke?

Wie? Tiere gibt's, für die mein Nahn ein Schreckensgruß?

Jetzt hoff ich noch ein Held zu werden!

Der größte Hasenfuß – das seh' ich nun – auf Erden,

Er findet immer noch 'nen größern Hasenfuß.«

15. Der Hahn und der Fuchs

Auf einem Aste saß, die Hühner zu bewachen,

Ein alter sehr gewitzter Hahn.

»Brüderchen« sprach der Fuchs, mit Sanftmut angetan

»Laß heut uns endlich Frieden machen,

Kein Streit sei zwischen uns fortan!

Ich bring' die Botschaft dir. Komm 'runter, laß dich küssen,

Doch, bitte, schnell; denn du mußt wissen,

An zwanzig Meldungen hab' ich heut noch zu tun.

Ihr Hühnervolk könnt sorglos nun

Nachgehen wieder den Geschäften;

Wollt ihr's, wir helfen euch nach Kräften.

So soll es sein von heute ab;

Du aber komm' jetzt schnell herab,

Daß wir den Bruderkuß uns geben.«

»»Freund«« sagte drauf der Hahn »»mit größerem Genuß

hab' eine Botschaft ich noch nie gehört im Leben,

Als eben

Den Friedensschluß;

Und daß sie grad' aus deinem Munde

Mir kommt, freut doppelt mich. Wie eben ich erblickt,

Nahn, auch als Boten abgeschickt

Zu gleichem Zwecke, dort zwei Hunde,

Windspiele sind's – wart nur, sie sind gleich hier am Ort,

Ich komm' herunter, und wir küssen uns sofort.««

»So?« sprach der Fuchs »Leb' wohl! Noch weiten Weg zu machen

Hab' ich. Auf Wiedersehn! Und, Freund, von unsern Sachen

Ein ander Mal!« Und, hast du nicht gesehn,

Reißt aus der Strolch – er möcht' vergehn

Vor Wut, daß seine List mißlungen

Mit unsrem Hahn, dem alten Jungen.

Der aber lachte höchst vergnügt:

's macht doppelt Spaß, wenn den Betrüger man betrügt.

16. Vom Raben, der's dem Adler nachtun wollte

Der Vogel Jupiters hatt' einst ein Lamm geraubt.

Ein Rabe, der's mit angesehen,

Zwar schwächer als der Aar, doch gleich gefräßig, glaubt:

»Das kann ich auch! Es wird schon gehen.«

Und wie die Herde er umkreist,

Hat unter Hunderten er eins, recht drall und feist,

Ein Opferlamm, sich auserkoren –

Es war zur Speise für die Götter schon bestimmt.

Der Rabe spricht, indem er fest aufs Korn es nimmt:

»Zwar weiß ich nicht, wer dich geboren;

Allein dein Körper scheint gar sehr begehrlich mir,

Du sollst ein leckres Mahl mir geben!«

Und plötzlich schießt herab er auf das blökende Tier.

Zum Unglück wog das Schaf nun eben

Mehr als ein Käse wiegt; sein Fell war außerdem

Von einer ganz besondern Dichte,

Fast so gekräuselt wie der Bart; den Polyphem

Einst trug im Riesenangesichte.

Der Rabe sitzt darin mit seinen Krallen fest,

Und dem Spitzbuben wird die Flucht dermaßen sauer,

Daß, als der Hirt nun kommt, er leicht sich fangen läßt –

Des Schäfers Kindern dient als Spielzeug er im Bauer.

Merkt: wer sich überschätzt, kommt leicht in Not und Trauer.

Manch kleiner Dieb wär' wohl ein großer Räuber gern,

Doch ist gefährlich solch Verlangen:

Die Menschenfresser sind nicht immer große Herrn;

Wo sich die Wespe Bahn bricht, bleibt das Mücklein hangen.

17. Vom Pfau, der sich bei Juno beklagte

Zu Juno klagte einst der Pfau.

»Nicht ohne Grund« sprach er »du hehre Götterfrau,

Ist wohl mein Murren und mein Klagen!

Mein Sang, ich weiß es ganz genau,

Will keinem in der Welt behagen,

Indes der Nachtigall um ihr entzückend Schlagen

Man nachrühmt, diesem jämmerlichen Tier,

Sie sei des Lenzes Wonn' und Zier.«

Die Göttin drauf mit Zornesgrollen:

»Neidvogel du! Du hättst doch schweigen sollen!

Darfst du die Nachtigall beneiden weil sie schlägt?

Du, der um seinen Hals den Regenbogen trägt

In buntem Farbenglanz und seidengleich gestaltet,

Der, wenn er stolz sein Rad entfaltet,

Ein reich Gefieder zeigt von solcher Strahlenpracht,

Als wären's tausend Edelsteine?

Wes Vogels Anblick ist gemacht

So zu gefallen wie der deine?

Nicht jegliches Geschöpf hat jeden Vorzug; nein,

Wir teilten unter euch die Gaben weise ein:

Den einen wurde Größ' und mächt'ge Kraft zuteile,

Der Aar ist mutig, schnell der Falk gleich einem Pfeile,

Der Rabe kündet, was zum Heile,

Die Kräh' uns Unglück an; und alle, glaube mir,

Begnügen sich mit ihrem Teile.

Drum klage fürder nicht, sonst nehm' zur Straf' ich dir

Auch der Federn Schmuck in Eile!«

18. Die in ein Weib verwandelte Katze

Vor Liebe war ein Mann vernarrt einst in sein Kätzchen,

Er fand sie niedlich, schön, nannt' sie sein zartes Schätzchen –

Sie miaute, ach, so wundervoll!

Kurz, er war toller noch als toll.

Und dieser Mann – durch Tränen und Gebete,

In denen er zum Himmel flehte,

Durch Zauberei und Hexenkunst

Setzt durch er's bei der Götter Gunst,

Und in ein Mädel ward sein Kätzchen

Verwandelt; und der närr'sche Tor

Liebt sie nun als sein wirklich Schätzchen

Noch rasender denn je zuvor.

Nie hat das zärtlichste der Täubchen

Den Lieblingstauber so gehegt,

Wie dieses neugebackne Weibchen

Ihren verschrobnen Gatten pflegt.

Wie er sie kost! Wie sie ihm schmeichelt!

Wie er ihr Wang' und Busen streichelt!

So daß zuletzt er ganz und gar

Vergißt, das sie – 'ne Katze war.

Da hat ein Mäuschen der Vermählten nur erheuchelt

Und flüchtig Liebesglück auf einmal, ach! gestört.

Die Gattin, wie sie's nagen hört,

Springt auf, doch konnt sie nichts erwischen.

Die Maus ist wieder da, das Weibchen stellt vom Frischen

Sich auf die Lauer – husch! nun gilt's den Fang!

Doch weil verwandelt sie inzwischen,

Macht sie dem Mäuschen gar nicht bang.

Die Jagdlust blieb ihr immer eigen.

Stets wird Natur so stark sich zeigen!

In reifern Jahren trotzt sie jeglichem Versuch:

Ist erst der Ton durchtränkt, hat Falten erst ein Tuch,

Dann, glaubt, ist jede Müh' vergebens

Der Umgestaltung ganz und gar;

Trotz aller Arbeit, allen Strebens

Wird's immer wieder, wie es war.

Such' sie mit Prügeln auszutreiben,

Wird die Natur doch immer bleiben,

Wie sie 'mal ist; und nähmest du

Den größten Stock – 's wird nicht gelingen.

Schlag' vor der Nas' die Tür ihr zu,

Sie wird zurück durchs Fenster dringen.

19. Löwe und Esel auf der Jagd

An seinem Wiegenfest bekam der Fürst der Tiere

Einst Lust zu pirschen in dem Waldreviere.

Des Löwen Wildpret sind nicht Spatzen just, o nein,

Das muß 'ne fette Sau, ein feistes Damwild sein.

Um möglichst bald zum Ziel zu kommen,

Hat er den Esel mitgenommen,

Des Stentor-Stimme, laut und voll,

Der Majestät anstatt des Waldhorns dienen soll.

Der Löwe stellt ihn an, verdeckt von Busch und Blättern:

»Nun los mit dem Y-a!« Er weiß es ganz genau:

Das scheucht die Mutigsten heraus aus ihrem Bau;

Denn ungewohnt dem Wild ist dieser Stimme Schmettern,

Ihr ohr- und herzzerreißender Laut.

Die Luft erdröhnte von dem fürchterlichen Schalle,

Vor dessen Ungestüm des Walds Bewohnern graut;

Sie fliehn, und rettungslos gehn alle in die Falle,

Wo seines Fangs der Löwe lacht.

»Heut hab' ich doch gewiß mein Meisterstück gemacht?«

Spricht Langohr, als wär' er der Held der Jagd gewesen.

»Ja« sagt der Löwe drauf »geschrien hast du hübsch laut;

Und kennt' ich dich nicht nach Geschlecht, Gestalt und Wesen

Mir selber hätt' vor dir gegraut!«

Der Esel, wagt' er's nur, möcht schier vor Zorn erbeben,

Da man den Prahlhans mit verdientem Spotte zahlt.

Ja, unerträglich ist ein Esel, der da prahlt;

Das ist ihm nun 'mal nicht gegeben.

20. Äsop als Testament-Ausleger

Äsop, wenn nicht die Sage lügt,

War das Orakel aller Griechen;

Vor seiner Weisheit mußt' verkriechen

Sich selbst der hohe Rat. Und als Beweis genügt

Vielleicht ein hübsches Anekdötchen,

Das euch zum Spaß erzählt hier sei.

Ein Vater hatte einst drei Mädchen,

Ganz grundverschieden alle drei:

Die liebt den Trunk, von leichter Sitte

War jen', ein Geizhals war die dritte.

Durch Testament nun macht genau

Zu gleichem Teil, nach dem Gesetze,

Der Vater alle drei zu Erben seiner Schätze,

Und gleich viel schenkt er seiner Frau,

Doch zahlbar erst, wenn jede nimmer

Besitzen würde das ihr zugefallne Teil.

Der Vater stirbt; die Frauenzimmer

Öffnen das Testament in allergrößter Eil'.

Man liest es, man beginnt zu fragen,

Was der Verstorbene gewollt.

Umsonst – kein Mensch vermag zu sagen,

Wie's jede Tochter machen sollt',

Daß, wenn ihr Erbteil sie nicht mehr ihr eigen nennte,

Sie ihre Mutter zahlen könnte?

Denn jeder weiß: 's ist ziemlich schwer,

Zu zahlen, wenn der Beutel leer.

Wie soll der Worte Sinn man deuten?

Die Sache kommt zum Spruch. Die Rechtsgelehrten all'

Erörtern diesen schwier'gen Fall

Und drehen ihn nach allen Seiten;

Zuletzt gestehn sie, daß zu Ende ihr Latein,

Und raten, ohne weitres Streiten

Das Gut zu teilen und – der Rest sollt' Schweigen sein.

»Und in betreff des Witwengutes

Erkennet das Gericht, kund und zu wissen tut es:

Ein Drittel soll als Pflicht für jede von den drei'n,

Doch nach Belieben zahlbar sein,

Falls eine Rente nicht der Mutter mehr zu Sinne,

Die mit des Sel'gen Tod beginne.«

Gesagt, getan. Man macht drei Teil', an Wert ganz gleich:

Der erst' enthält die Flaschenkeller

Mit Malvasier und Muskateller,

Trinkgeschirr von Kristall, mit Gold und Silber reich

Geschmückt, kunstvoll verzierte Schänken,

Becher und Kannen – kurz, was nur in dem Bereich

Der Schlemmerei man mag erdenken;

Der zweite alles das, worauf den Sinn zu lenken

Ein eitles Weibsbild pflegt, ein Haus voll Glanz und Pracht

Mit Sklaven beiderlei Geschlechtes,

Und nur ganz Echtes

An Schmuck und üpp'ger Kleidertracht;

Der dritte Wirtschaftsgut, Landhäuser, Feld und Heide,

Die Herden all' nebst Trift und Weide

Und Mensch und Vieh im Arbeitsjoch.

Und nun – damit sich's nicht zufällig treffen sollte,

Daß keine von den Schwestern doch

Bekäm', was sie gern haben wollte –

Nahm eine jede sich, was ihren Sinn ergötzt,

Nachdem's der Richter abgeschätzt.

Dies also hat sich zugetragen

Einst in Athen; und groß und klein,

Sie stimmten alle überein,

Teilung und Wahl sei recht und gut. Äsop allein

Fand, trotz der Zeit und Müh' und Plagen

Enthielte des Gerichts Sentenz

Das Gegenteil des Testaments.

»Wenn der Verstorbne noch« sprach er »am Leben wäre,

Wie würd' ihn tadeln alle Welt!

Und dieses Volk, das sich der Ehre

Vermißt und selber sich für das gescheitste hält,

Konnt' also mißverstehn des Sel'gen letzten Willen!«

Sprach's, und begann die Teilung noch einmal,

Und gab nun jeder, zu erfüllen

Des Toten Wunsch, 'nen Teil just gegen ihre Wahl.

Nichts teilt' er von den Gütern allen

Der Schwester zu, der's mocht' gefallen:

Das närrisch eitle Ding bekam,

Was Schlemmern nur kann Freude machen;

Die Schwelgerin den Wirtschaftskram,

Der Geizhals all' die prächt'gen Sachen.

Dem weisen Phrygier leuchtet's ein:

Damit die saubern Jungfräulein

Sich ihres Erbteils schnell entled'gen,

Möcht' dies das beste Mittel sein.

Hätten sie nur erst Geld, dann würde sie entschäd'gen

Gar bald ein braver Ehgemahl;

Die Mutter kriegt' ihr Kapital,

Und keine hätte, was der Vater hinterlassen –

Ganz, wie's das Testament befahl.

Das Volk vernahm den Spruch und mochte kaum es fassen,

Daß oft ein einz'ger mehr versteht

Als selber die Majorität.

Drittes Buch
1. Der Müller, sein Sohn und der Esel

An Herrn von Maucroix

Zwar ist, wie alle Kunst, der Fabeldichtung Blume

Im ersten Keim entsproßt dem griech'schen Altertume;

Allein so wenig noch ist abgemäht dies Feld,

Daß gern auch unsereins hier Ährenlese hält.

Die Dichtung ist ein Land voll unbebauter Strecken,

Wo täglich unser Aug' noch Neues mag entdecken.

Des zum Beweis hab' ich ein Stück dir auserwählt,

Das seinem Freund Racan, Malherbe einst hat erzählt.

Die zwei Poeten, beid' horazisch feine Geister,

Die Jünger des Apoll und, mehr noch, unsre Meister,

Begegneten sich einst, fern von der Welt Gebraus,

Und tauschten Lust und Leid und all ihr Denken aus.

Racan begann also: »Willst du 'nen Rat mir geben?

Du kannst es, wenn du willst; denn, Freund, du kennst das Leben,

Die Altersstufen hast du alle durchgemacht

Und stehst in Jahren, wo man jeder Furcht nur lacht.

Was soll ich tun? Zeit wär's, daß in Betracht wir's zögen –

Du kennst mein Haus wie mein Talent und mein Vermögen:

Zieh' ich in die Provinz, aufs Land mich still zurück?

Nehm' ich im Heere Dienst? Such' ich bei Hof mein Glück?

Alles ist in der Welt gemischt aus Wohl und Wehe:

Der Krieg hat seine Lust, ihr lästig Leid die Ehe.

Folgt' ich nur meinem Wunsch, wüßt' ich wohl, was ich möcht';

Doch wie mach' ich's dem Hof, dem Volk, den Meinen recht?«

Malherbe drauf: »Es recht zu machen allen Leuten!

Hör' ein Geschichtchen, die Moral ist leicht zu deuten.

Von einem Müller las ich 'mal und seinem Sohn:

Jener ein Greis, und der ein Jung', halbwachsen schon,

Von fünfzehn Jahren. Einst sah man die beiden laufen;

Sie gingen hin zu Markt, 'nen Esel zu verkaufen.

Damit das Tier hübsch frisch und recht preiswürdig sei,

Banden sie ihm die Bein' und trugen ihn ganz frei

An einem Stock, wie man Kronleuchter pflegt zu tragen –

Das dumme arme Volk, gewohnt, sich stets zu plagen!

Der erste, der sie sieht, bleibt staunend stehn und lacht:

»Nein, was dies Bauernvolk für dummes Zeug doch macht!

Wen von den drei'n soll man den größten Esel nennen?«

Der Müller mochte wohl die Torheit jetzt erkennen,

Schnürt los das Tier und läßt's auf eignen Füßen gehn.

Laut schreit der Esel auf, er schien's nicht gern zu sehn;

Der Müller hört nicht drauf, er läßt den Jungen reiten

Und geht beiher. So von drei biedern Handelsleuten

Wird unser Paar gesehn; die ärgern sich darob,

Und ihrer einer ruft dem Jungen zu ganz grob:

»Holla! Steig' ab! Ein Bursch mit jugendlichen Mienen

Läßt sich von einem Greis mit grauem Bart bedienen!

Der sollte reiten, und du mußt zu Fuße gehn!«

Der Müller spricht: »Ihr Herrn, eu'r Wille soll geschehn.«

Absitzt der Knab', und nun besteigt der Greis den Grauen.

Drei Mädchen kommen. »Ist das nicht 'ne Schmach, zu schauen –

Sagt eine »wie zu Fuß der arme Junge schwitzt,

Indes der alte Tropf stolz wie ein Bischof sitzt,

Sich reckt und räkelt, just als ob ein Kalb er wäre?«

»»In meinem Alter«« sagt der Müller »»ist, auf Ehre,

Man sicherlich kein Kalb! Geht eures Wegs nur fort!««

Nachdem noch hin und her geschimpft manch grobes Wort,

Gibt nach der Greis und läßt auch noch den Jungen reiten.

Kaum dreißig Schritt, da kommt ein dritter Trupp von Leuten,

Die spotten ihrer laut: »Seht nur die Narren dort!

Das Langohr kann nicht mehr; ich glaub', es stirbt sofort!

Ist das 'ne Last für solch 'ne abgetriebne Mähre!

Glaubt ihr, daß bei dem Volk Mitleid zu finden wäre?

Die bringen ganz gewiß zu Markte nur das Fell!«

Der Müller sagt: »Potz Blitz! Jetzt seh' ich's klar und hell:

Nur ein Verrückter denkt es jedem recht zu machen.

Indes versuchen wir's – es ist zwar nur zum Lachen –

Laß sehn, ob's uns gelingt!« Sie steigen beide ab,

Leer geht der Esel nun voraus in stolzem Trab.

Kommt wieder einer: »Ah! Bravo! Das muß ich sagen!

Spazieren geht Langohr, der Müller muß sich plagen!

Wer ist, er oder Ihr, geschaffen für die Last?

Ich rat' Euch, Lieber, daß Ihr gleich in Gold ihn faßt!

Zerreißen ihre Schuh' und schonen ihren Grauen!

Der umgekehrte Klaus, der, um sein Lieb zu schauen,

Sein Grautier stets bestieg, woher das Liedchen stammt

Vom Esel-Kleeblatt!« Drauf der Müller: »Ha, verdammt!

Ich bin ein Esel, ja, ich will es nur gestehen!

Allein von jetzt ab wird das anders – Ihr sollt sehen:

Wie auch die Welt von mir dann red', ob gut, ob schlecht,

Ich tu' nach meinem Kopf!« Er tat's, und er tat recht.

Du – geh' zu Hofe, schwör' zu Mars', zu Amors Fahnen,

Steh', lauf', bleib' hier, zieh' dich zurück ins Schloß der Ahnen,

Werd' Geistlicher, Soldat, Rat, nimm ein Weib, nimm keins:

Dem Klatsch der Welt verfällst du doch – 's ist alles eins.

2. Die Glieder und der Magen

Dies Märchen sollte zum Beginn

Etwas vom Königtume sagen;

Denn wohl ist in gewissem Sinn

Sein Ebenbild Durchlaucht von Magen:

Fehlt dem etwas, dann fühlt's sogleich der ganze Leib.

Den Gliedern macht' es einst nicht länger Zeitvertreib,

Für ihn zu schaffen; als Baron wollt' jedes leben.

Sein eigen Beispiel ist's, auf das man sich beruft:

»Ohn' uns« so sprachen sie »lebt' er wohl nur von Luft!

Wir sollen Schweiß und Müh', Packeseln gleich, hingeben,

Für wen? Für ihn allein! Wir werden nimmer satt,

Wir sorgen nur dafür, daß er zu essen hat.

Drum laßt uns striken! Er treibt dies Geschäft ohn' Ende

Ja selbst!« Gesagt, getan: nichts fassen mehr die Hände,

Schlaff hängt der Arm, der Fuß will nicht mehr gehn;

Jedes sagt ihm, er möcht nach andern sich umsehn.

Das war ein Irrtum, den sie reuevoll empfanden:

Bald fiel das arme Volk in Ohnmacht und ward schwach,

Im Herzen bildete kein frisches Blut sich nach;

Es litt ein jedes Glied, und alle Kräfte schwanden.

Nicht lang', und die Rebellen fanden,

Daß der, den sie für faul und müßig hielten, grad'

Fürs allgemeine Wohl mehr als sie alle tat.

Dies Bild ist auf die Macht der Kön'ge anzuwenden:

Sie gibt und sie empfängt mit völlig gleichen Händen.

Ein jeder wirkt und schafft für sie, und umgekehrt

Ist sie's, die alle schützt und nährt.

Dem Handwerksmann schafft sie, daß seine Arbeit lohne,

Dem Kaufmann Reichtum, sie zahlt Obrigkeit und Rat,

Der Bauer findet Schutz bei ihr, Sold der Soldat,

Geschenk' und Gnaden teilt hundertfach aus die Krone,

Sie hält allein den ganzen Staat.

Gut wußt's Menenius anzuwenden,

Als einst zu Rom das Volk sich lossagt vom Senat.

Es sei die ganze Macht – so klagt's – in dessen Händen,

Würden und Ehr' und Geld und der Befehl im Heer,

Indes das Schlimme all' dem Volk geblieben wär',

Abgab' und Steuern und des Krieges schwere Lasten.

Schon lagen außerhalb der Mauern sie umher,

Da der Auswanderung gewagten Plan sie faßten –

Da kommt Menenius und spricht,

Den Gliedern wären sie vergleichbar,

Und führt durch dieses Bild, als Fabel unerreichbar,

Sie bald zurück zu ihrer Pflicht.

3. Der Wolf als Hirt

Ein Wolf, dessen Geschäft in Schafen etwas flau

Nachgrade ging, mochte wohl meinen,

Gut wär's, in anderer Gestalt, wie'n Füchslein schlau,

Und nur vermummt noch zu erscheinen.

Er kleidet sich als Hirt, zieht einen Kittel an,

Als Stab hat er 'nen Knittel, dann

Auch noch den Dudelsack mitgenommen.

Und um die Täuschung ganz vollkommen

Zu machen, schrieb' er gern an seinen Schäferhut:

»Guillot bin ich, der Hirt, in dessen treuer Hut

Die Herde steht.« In diesem Kleide

Schlich, auf den Stab gestützt die Vorderfüße beide,

Der falsche Guillot leis' herbei und unentdeckt.

Guillot, der wahre Hirt, lag da, auf grüner Heide

In festem Schlummer ausgestreckt.

Sein Hund schlief ebenfalls und, satt von fetter Weide,

Die meisten Schafe auch, da nichts sie weckt und schreckt.

Fein, mit der List des Diplomaten

Hätt' gern der Schelm gelockt die Schaf' in seinen Bau,

Und zur Verkleidung fügt' er noch das Wort höchst schlau;

Denn also schien es ihm geraten.

Das war die dummste seiner Taten;

Denn da des Hirten Ton zu treffen ihm mißlang,

War, wie nur sein Geheul im Walde widerklang,

Sein ganz Geheimnis bald verraten.

Vor Schreck ob dieser Stimme wird

Gleich alles wach, Schaf, Hund und Hirt.

Der arme Wolf in Angst und Bangen

Kann sich, durch seinen Rock beirrt,

Nicht wehren noch zur Flucht gelangen.

Auf irgendeine Art läßt jeder Schelm sich fangen.

Wer Wolf ist, laß' als Wolf sich sehn,

So wird er meistens sicher gehn.

4. Die Frösche, die einen König haben wollen

Müde der Demokratie,

Schrien die Frösche tausendtönig,

Und nicht eher ruhten die

Schreier, bis einem Herrn sie Zeus macht' untertänig.

Vom Himmel fiel herab ein höchst friedfert'ger König;

Doch macht sein heft'ger Fall solch einen Lärm, daß sie,

Dieses Volk der sumpf'gen Strecken,

Dumm wie's ist, und leicht zu schrecken,

Schnell im Wasser sich verlor,

Unterm Schilf, im Binsenrohr,

In den Löchern des Morastes,

Und lang' sich nicht getraut ins Angesicht des Gastes

Zu schaun; denn ihnen kam er wie ein Riese vor.

Nur ein Klotz lag da im Moor;

Doch seine stumme Würd' erregte Furcht und Grauen

Dem ersten, der sich vorgewagt

Aus seiner Höhl', ihn anzuschauen.

Er naht sich ihm, doch sehr verzagt;

Ein zweiter, dritter folgt, bald kommt herbeigejagt

Ein heller Hauf', und diese Schlauen

Sind endlich ganz voll Mut und springen voll Vertrauen

Auf ihres Königs Schulter dreist herum.

Der gute Herr läßt sich's gefallen und bleibt stumm.

Bald macht das dumme Volk dem Zeus viel Kopfzerbrechen:

»Gib uns 'nen König, der sich regen kann und sprechen!«

'nen Kranich sendet nun der Götterfürst den Frechen;

Der beginnt sie abzustechen

Und zu speisen nach Begier.

Wie die Frösche Klag' erheben,

Spricht Zeus: »Potz Blitz! Was wollt ihr? Sollen etwa wir

Nur euren Launen stets nachgeben?

Zunächst war's wohl der klügste Rat,

Zu wahren euren alten Staat.

Da dies nun nicht geschehn, so mußt' es euch genügen,

Daß euer erster Fürst voll Mild und Sanftmut war.

Den hier behaltet, um nicht gar

Vielleicht 'nen Schlimmern noch zu kriegen!«

5. Der Fuchs und der Ziegenbock

Altmeister Reineke ging einstmals zum Vergnügen

Mit seinem Freunde Bock, der hohe Hörner trug,

Sonst aber eben nicht weitsichtig war und klug,

Indes der erst' ein Schelm und Meister im Betrügen.

Vor Durst stieg man in einen Brunnen flugs,

Dort tranken sie sich satt und satter;

Und als sie nun genug getrunken, sprach der Fuchs

Zu seinem Freunde Bock: »Was tun wir nun, Gevatter?

Der Trunk war gut, allein wie kommt man aus dem Loch?

Heb' deine Vorderbein' und auch die Hörner noch,

Stemm' an die Mauer fest sie an; auf deinem Rücken

Erst in die Höhe klettre ich,

Schwing' dann auf deine Hörner mich;

Auf diese Art wird's mir schon glücken

Herauszukommen allgemach,

Und später dann zieh' ich dich nach.«

»»Trefflich, bei meinem Bart!«« spricht jener »und ich lobe

So kluge Leute immer sehr;

Ich für mein Teil wär nimmermehr

Darauf gekommen, nicht die Probe!««

Das Füchslein springt heraus, läßt den Kam'raden drin

Und hält dann noch mit weisem Sinn

'ne Red', um ihm Geduld zu pred'gen:

»Hätten« so fängt er an »die Götter dir, die gnäd'gen,

So viel Verstand im Hirn verliehn wie Bart am Kinn,

Dann wärest du nicht so leichtsinnig

Hinabgestiegen. Nun leb' wohl! Ich bin heraus;

Sieh, wie du nachkommst! Gib dir Müh' und harre aus!

Ich hab zu tun, und darum bin ich

Verhindert, länger noch jetzt hier bei dir zu stehn.«

Bei jedem Dinge muß man auf das Ende sehn.

6. Der Adler, die wilde Sau und die Katze

Hoch nistete der Aar auf einem hohlen Baum,

Unten die Sau, die Katz' im mittlern Raum;

So ging's, daß ganz bequem, indem den Platz sie teilten,

Mütter und Säuglinge in buntem Mischmasch weilten.

Der Katze Falschheit hat die Eintracht schwer bedroht;

Zum Adler klettert sie und sagt ihm: »Unser Tod

(Sicher der Kinder Tod, das Schlimmre fast von beiden)

Scheint nächstens kaum noch zu vermeiden.

Siehst du dort unten nicht, wie die verdammte Sau

Fortwährend wühlt und gräbt? Entwurzeln will beizeiten

Sie diesen Eichbaum, ich seh' es ganz genau,

Und unsren Säuglingen den Untergang bereiten.

Fällt erst der Baum, frißt sie sie alle auf;

Ich geb' euch Brief und Siegel drauf.

Ach, bliebe mir nur eins, ich würde minder klagen!«

Nachdem die Falsche hier verbreitet Furcht und Zagen,

Schleicht sie sogleich hinab zur Bucht,

Wo sie besucht

Die Sau, die grade lag in Wochen.

Zu der hat leise sie gesprochen:

»Ach, liebste Nachbarin, glaubt mir, ich rat euch gut;

Geht ja nicht fort, sonst stürzt der Aar auf eure Brut!

Doch ihr versprecht mir, nicht zu schwatzen,

Sonst fiel' auf mich sein ganzer Groll.«

Nachdem auch dieses Haus von Angst und Schrecken voll,

Kehrt sie zurück zu ihren Katzen.

Der Aar traut sich nicht fort, schafft seiner Brut kein Brot;

Die arme Sau litt fast noch größre Not –

Die Toren! Nicht zu sehn, das wichtigste Gebot

Sei dies, daß man zunächst dem Hungertod ausweiche!

Sie saßen beide fest in ihres Bau's Bereiche,

Den Ihren beizustehen im Fall der Not sofort:

Der Adler bei dem Sturz der Eiche,

Die Sau bei Überfall und Mord.

Der Hunger tötete sie alle, keiner war es

Von all den Frischlingen und von der Brut des Aares,

Der nicht den Tod erleiden mußt',

Dem Katzenvolk zu großer Lust.

Welch Unheil ist nicht schon der Bosheit falscher Zungen

Und schlauer Niedertracht entsprungen!

Von dem Übel mancherlei,

Das Pandorens Büchs' entstammte,

Ist das mit vollstem Recht von aller Welt verdammte,

Wie mir scheint, die Schurkerei.

7. Der Trunkenbold und sein Weib

Ein Fehler klebt gewiß unheilbar jedem an,

Nicht Scham noch Furcht hilft ihm dagegen.

Da fällt mir ein Geschichtchen ein, das kann

Als Beispiel diesen Satz belegen –

So halt' ich's stets. Ein echter Bacchussohn

Ward an Gesundheit schwach, an Geist und Beutel. Schade!

Gewöhnlich ist die Art auf halbem Lebenspfade

Mit ihrem Geld zu Ende schon.

Einst hatte dieser Mann, ganz voll vom Saft der Reben,

Den letzten Rest Verstand der Flasche preisgegeben;

Da sperrte seine Frau in eine Gruft ihn ein.

Hier gährt im Hirn der junge Wein

Ihm weiter fort. Als er erwacht mit leisem Schauer,

Sieht er rings um sich her des Todes ernst Geleit,

Die Kerzen und das Sterbekleid.

»Ha!« ruft er »was ist das? Trägt mein Weib Witwentrauer?«

Da kommt die Frau; man sieht, als Furie angetan

An Stimm' und Kleid, sie dem vermeintlich Toten nah'n

Mit Bier, so glühend heiß, als wär' es für den Teufel

Gekocht, das sie ganz dicht ihm vor die Nase hält.

Der arme Mann! Nun glaubt er ohne allen Zweifel,

Er sei schon in der Unterwelt.

»Wer bist du?« fragt er die Erscheinung sondergleichen.

»Bin Kellnerin in Satans Reichen«

Spricht sie »und Speise trag' ich allen denen zu,

Die in des Grabes Nacht versinken.«

Sogleich versetzt der Gatte: »Du,

Sag', bringst du ihnen nichts zu trinken?«

8. Die Gicht und die Spinne

Die Hölle schuf die Gicht und schuf zugleich die Spinne.

»Ihr, meine Töchter, könnt euch rühmen insgemein«

So sprach sie »für der Menschen Sinne

Gleich furchtbar und verhaßt zu sein.

Denkt nach jetzt: wo quartiert ihr euch am besten ein?

Seht hier die niedrig engen Hütten,

Dort die Paläste, schön mit Gold geziert und groß;

Ihr sollt drin wohnen – 's wird kein Widerspruch gelitten.

Hier sind zwei Hölzchen – darf ich bitten?

Wählt eines oder zieht das Los.«

Die Spinne meint: »Nie könnt' solch Hüttchen mir behagen!«

Die Gicht, im Gegenteil, sieht die Paläste, voll

Vom Volk der Ärzt', und denkt: »Wie soll

In Ruh' und Frieden nur ich hier zu hausen wagen!«

Sie wählt das andre Teil, schlägt dort ihr Lager auf,

Setzt sich und macht sich breit auf eines Armen Zehen

Und spricht: »Ich fürchte just nicht müßig hier zu stehen,

Noch treibt Hippokrates von hier, ich wette drauf,

Hinweg mich oder heißt mich gehen.«

Die Spinne setzt sich auf ein Wandgetäfel hin,

So fest, als hätt' sie hier gemietet gleich fürs Leben,

Und spinnt drauf los – seht, seht ihr feines Netz sie weben!

Seht, Fliegen schon als Beute drin!

Da kommt die Magd und fegt es fort mit einem Schlage;

Ein neu Geweb', und gleich ein neuer Besenstrich.

Das arme Tierchen muß ausziehn fast alle Tage –

Umsonst! Zuletzt entschließt sie sich

Und geht zur Gicht ins Haus; doch die war nicht darinnen,

Sie, tausendmal noch schlimmer dran

Als die unglücklichste der Spinnen.

Bald führt Holz hacken sie ihr Wirt, der arme Mann,

Bald graben, roden bald; die Gicht recht abzuhetzen,

Heißt halb schon an die Luft sie setzen.

»Ach, länger halt' ich's hier nicht aus!« ruft sie empört

»Komm, Schwester, tauschen wir!« Wie das die andre hört,

Nimmt sie sie gleich beim Wort und kriecht ins niedre Zimmer,

Wo sie bei ihrem Werk kein rauher Besen stört.

Die Gicht dagegen zieht, des Bessern jetzt belehrt,

Zu einem Bischof, dem für immer

Das Bett zu meiden sie verwehrt.

Umschläg' und Salben nun – helf' Gott! – Ein jedes Leiden,

Der Menschen Torheit macht's nur schlimmer, glaubet mir.

Ganz ihre Rechnung fand so jede von den beiden;

Sie taten klug daran, zu tauschen ihr Quartier.

9. Der Wolf und der Storch

Stets frißt der Wolf mit gier'ger Hast.

Ein Wolf hat sich so übernommen

Bei einem Picknick, daß er fast

Dabei ums Leben wär' gekommen:

In seiner Kehle steckt ihm fest ein Knochenstück,

Er konnte nicht mehr schrein; da kommt zu seinem Glück

Ein Storch des Weges just zu gehen.

Er winkt; der naht – ein Weilchen nur,

Und schon kann man als Arzt ihn bei der Arbeit sehen:

Er zieht den Knochen aus. Drauf für gelungne Kur

Sein Honorar gefordert hat er.

»Was? Honorar?« versetzt zur Stund'

Der Wolf »Du spaßest wohl, Gevatter?

Ist's nicht schon viel, daß du gesund

Und heil gerettet hast den Hals aus meinem Schlund?

Geh', Undankbarer, deiner Wege!

Komm nie mir wieder ins Gehege!

10. Der vom Menschen niedergeworfene Löwe

Man sah auf eines Malers Werke,

Das öffentlich er ausgestellt,

'nen Leu'n von ungeheurer Stärke,

Durch einen einz'gen Mann gefällt.

Laut rühmt das Publikum sich dessen.

Ein Löwe, der es hört, setzt dem Geschwätz ein Ziel:

»Wohl seh' ich« spricht er »euch gefiel,

Daß euch der Sieg hier zugemessen.

Doch hat der Mann euch angeführt:

Wohl mocht' mit eitlem Sieg er prahlen!

Mit größrem Recht hätt' uns die Oberhand gebührt,

Könnt' unsereins nur etwas malen.«

11. Der Fuchs und die Trauben

Dem Hungertode nah, sah ein Gascogner Fuchs,

Ein feiner Schalk, ganz hoch am Dache grüner Lauben

In roter Beeren üpp'gem Wuchs,

Fast überreif, die schönsten Trauben.

Das wär' ein Mahl, recht nach des armen Schelms Geschmack!

Doch da er sie nicht konnt' erjagen,

Sprach er: »Sie sind zu grün, nur gut für Lumpenpack!«

Tat er nicht besser als zu klagen?

12. Der Schwan und der Koch

Schwan und Gänschen lebten einsam

Auf 'nem Hofe, doch gemeinsam

Mit viel andrem Federvieh;

Für des Gebieters Aug' war jener ausersehen,

Für seinen Gaumen dies; im Park umherzugehen,

War er nicht wenig stolz, just wie im Hause sie.

Der beiden Tummelplatz waren des Schlosses Gräben;

Bald schwammen, Seit' an Seit', sie friedlich auf und ab,

Bald um die Wette schnell, bald tauchten sie hinab,

Doch nimmer mochte sich ihr Neid zufrieden geben.

Einst griff der Koch – er war betrunken jedenfalls –

Anstatt der Gans den Schwan; er packt ihn fest am Hals

Und würgt ihn, um als Supp' ihn auf den Tisch zu bringen.

Halb tot beginnt der Schwan sein Klagelied zu singen;

Da wird der Koch vor Schrecken bleich,

Und seinen Mißgriff merkt er gleich:

»Wie? Solch ein Sänger! Und der sollt 'ne Suppe geben?

Nein, nimmermehr – ich schwör's – raubt meine Hand das Leben

'ner Kehle, die so hold erklingt!«

Man sieht, daß, wenn Gefahr und Not uns auch umschweben,

Ein sanftes Wort nie Schaden bringt.

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