Kitabı oku: «Zu den Klippen von Vanikoro»
Jean-François de Lapérouse
(1741–1788), geb. im südwestfranzösischen La Gua bei Albi, entstammte einer Patrizierfamilie. Bereits mit 15 Jahren ging er zur französischen Marine und segelte, inspiriert von den Fahrten Bougainvilles, von 1772–1776 zur Erweiterung seiner geografischen Kenntnisse zu den französisch beherrschten Kolonien im Indischen Ozean. 1785 wurde er von Ludwig XVI. beauftragt, die Geografie und Handelsmöglichkeiten im Pazifischen Raum zu erforschen. Lapérouse gilt seit 1788 als verschollen.
Der Herausgeber und Übersetzer
Klaus Fischer, geb. in Worms am Rhein, hat in Heidelberg, München und Paris Soziologie und Geschichte studiert und lebt als freier Schriftsteller in Baden-Baden. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, insbesondere zur französischen Literatur.
Zum Buch
»Hat man Nachrichten von Lapérouse? – Nein, Majestät.«
LUDWIG XVI.
Noch am Vorabend seiner Hinrichtung 1793 erkundigt sich König Ludwig XVI. nach dem Schicksal des Weltumseglers Jean-François Lapérouse. Denn der war seit 1788 verschollen …
Lapérouse sticht ursprünglich, begleitet von einer Reihe angesehener Wissenschaftler, am 1. August 1785 in See, um die amerikanische Westküste und die nahezu unbekannte Region zwischen Korea, Japan und Ostsibirien zu erforschen. Die neuen Entdeckungen und Erkenntnisse sollen Frankreichs weltweites Ansehen mehren. Drei Jahre später gelangen durch einen Kurier erste Aufzeichnungen der Weltreise nach Paris, wenig später schickt Lapérouse selbst weitere Berichte in die Heimat. Aber dann verliert sich seine Spur …
Jean-François Lapérouse begeistert sich bereits in jungen Jahren für Expeditionen auf dem Seeweg und meldet sich bei der Marine. Ausgerüstet mit einem Team aus hochkarätigen Forschern soll er schließlich ab 1785 im Auftrag König Ludwigs XVI. den Pazifik auf Geografie und Handelsrouten erforschen. Es soll die prestigeträchtige Weltumseglung Frankreichs werden. Doch nachdem 1787 der zweite Kapitän auf Samoa von Einheimischen getötet wurde, war das Glück der Expedition nicht mehr hold. Nur noch ein Jahr erhält man in Frankreich Nachrichten von Lapérouse. Dann bricht die Verbindung zu den Weltumseglern ab. Vermutlich wurden beide Schiffe in der flachen Lagune von Vanikoro Opfer eines Tropensturms. Suchaktionen nach der Besatzung der verschollenen Schiffe erschweren die napoleonischen Kriege. Erst 1828 findet der Seefahrer Jules Dumont d’Urville in melanesischen Gewässern Überreste der Fregatten seines Vorgängers und entschlüsselt Lapérouses tragisches Ende.
DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Jean-François de Lapérouse 1741–1788
Jean-François de Lapérouse
Zu den Klippen
von Vanikoro
Weltreise im Auftrag Ludwig XVI.
1785 – 1788
Nach Lapérouses Tagebüchern
aufgezeichnet von M. L.-A. Milet-Mureau,
übersetzt, bearbeitet und herausgegeben
von Klaus Fischer
Mit 30 zeitgenössischen
Abbildungen und 4 Karten

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Der Text wurde behutsam revidiert
nach der Ausgabe Edition Erdmann Stuttgart und Wien, 1987
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
nach der Gestaltung von Nele Schutz Design, Munchen
Bildnachweis: Gaspard Duche de Vancy, Inselbewohner und Monumente der
Osterinsel (Insulaires et monumens de l’ile de paque),
mauritius images GmbH, Mittenwald
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0420-2
www.marixverlag.de
INHALT
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Nachtrag zur Reise des Kapitäns Lapérouse
Glossar
Karten
Bibliographie
Bildnachweis
ERSTES KAPITEL
Die ehedem verbreitete Entdeckungslust schien ganz erloschen zu sein. Die Reise, die Ellis im Jahr 1747 zur Hudson Bay unternommen hatte, hatte die Erwartungen derer nicht erfüllt, die zu diesem Unternehmen Geld vorgeschossen hatten. Am 1. Januar 1739 glaubte Kapitän Bouvet, unter dem 54. Grad gegen Süden Land wahrgenommen zu haben. Heute vermutet man, dass das, was er als Land ansah, nur eine Eisbank war. Durch diesen Irrtum wurde der Fortschritt in der Geographie merklich gehemmt.
Im Jahr 1764 unternahmen die Engländer unter dem Kommando von Kommodore Byron eine neue Expedition. Die Berichte von dieser Reise, wie die von den Seefahrern Wallis, Carteret und Cook, sind allgemein bekannt.
Im Monat November 1766 stach Herr de Bougainville, von Nantes aus, mit der Fregatte La Boudeuse und dem Fleutschiff L’Étoile in See. Er schlug fast denselben Weg ein wie die vorgenannten englischen Seefahrer, und es gelang ihm, mehrere Inseln zu entdecken. Seine fesselnde Beschreibung dieser Reise trug nicht wenig dazu bei, den Franzosen jenen Geschmack an Entdeckungen beizubringen, der sich in England so energisch äußerte.
Im Jahr 1771 erhielt Herr de Kerguelen den Auftrag zu einer Reise nach dem Südkontinent. Die Existenz eines solchen Kontinents wurde zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr von Geographen bezweifelt. Im Dezember dieses Jahres entdeckte er eine Insel, die er jedoch des schlechten Wetters wegen nicht betreten konnte. Da ihm die Ideen aller europäischen Wissenschaftler in Fleisch und Blut übergegangen waren, nahm er fest an, ein Vorgebirge des Südkontinents vor sich zu sehen. Er hatte es so eilig, diese Neuigkeit zu Hause bekanntzumachen, dass er sogleich umkehrte. In Frankreich wurde er wie ein neuer Christoph Columbus empfangen.
Herr de Kerguelen erhielt den Auftrag, sich abermals einzuschiffen, um den Kontinent, den er angeblich gesehen hatte, zu vermessen. Bekanntlich blieb diese zweite Reise erfolglos. Selbst ein Kapitän Cook, der erfahrenste und geschickteste aller Seefahrer, wäre mit einem Kriegsschiff mit vierundsechzig Kanonen, einer Fregatte mit zweiunddreißig Kanonen und siebenhundert Mann Besatzung bei diesem Unternehmen gescheitert; er hätte entweder das Kommando abgelehnt oder sich für eine vernünftigere Ausrüstung entschieden. Kurz, Herr de Kerguelen kam so ununterrichtet wie das erste Mal nach Frankreich zurück. Von nun an sah man in Frankreich von Entdeckungsreisen ab. Der Krieg von 17781 hatte zur Folge, dass man an ganz andere Dinge dachte. Man vergaß bei uns allerdings nicht, dass der Kriegsgegner die Discovery und die Resolution in See geschickt hatte. Da Kapitän Cook daran arbeitete, im Interesse aller die Kenntnisse der zivilisierten Welt zu vertiefen, betrachteten ihn alle Nationen Europas als ihren Freund.
Die Reisen der verschiedenen englischen Seefahrer trugen unstreitig viel dazu bei, unser geographisches Wissen zu erweitern. Den Entdeckern galt die Bewunderung der ganzen Welt. Allen voran zollte man Kapitän Cook, seinem seltenen Talent und großen Charakter, Anerkennung. Aber auf einem so weitläufigen Feld wie dem der Wissenschaft, von der wir heute wissen, dass sie die Sitten mildert und vielleicht mehr noch als gute Gesetze zum Glück der Menschheit beiträgt, vermag ein Einzelner nicht alles. Noch auf Jahrhunderte hinaus wird es ihr nicht an Aufgaben fehlen; noch sind neue Kenntnisse zu erwerben, Küsten zu vermessen, Pflanzen, Bäume, Fische und Vögel zu beschreiben, Mineralien und Vulkane zu beobachten, fremde Völker zu studieren und deren Glück zu mehren. Eine mehlhaltige Pflanze oder eine neue Obstart sind für die Bewohner der Südseeinseln unschätzbare Wohltaten.
Diese und ähnliche Überlegungen führten dazu, dass man in Frankreich nach dem Frieden von 1783 wieder eine Weltreise ins Auge fasste. Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen sollten an dieser Expedition teilnehmen. Herr Dagelet von der Académie des sciences und Herr Monge, beide Dozenten für Mathematik an der École militaire, wurden als Astronomen verpflichtet; Herr Dagelet ging an Bord der Boussole, Herr Monge an Bord der Astrolabe. Herr de Lamanon, Mitglied der Akademie von Turin und Korrespondent der Pariser Académie des sciences, erhielt den Auftrag, den Teil der Naturgeschichte zu bearbeiten, der von der Beschaffenheit der Erde und der Atmosphäre handelt, also die sogenannte Geologie. Abbé Mongès, Stiftsherr der Sainte-Géneviève-Kirche in Paris und Herausgeber des »Journal de physique«, sollte die Mineralien analysieren und auf diese Weise zum Fortschritt der Physik beitragen. Herr de La Martinière von der medizinischen Fakultät der Universität Montpellier begleitete uns als Botaniker. Ihm wurde ein Gärtner der Königlichen Gärten beigegeben, der sich um die Pflanzen und Samen kümmern sollte, die wir nach Europa mitbringen wollten; die Wahl fiel auf Herrn Collignon. Die Herren Prévost, Onkel und Neffe, gingen als naturwissenschaftliche Zeichner an Bord. Der bedeutende Naturforscher Herr Dufresne, der so geschickt Pflanzen und Tiere zu klassifizieren versteht, wurde uns gleichfalls als Reisegefährte zugesellt. Endlich erhielt auch noch Herr Duché de Vancy die Order, sich mit uns einzuschiffen, um mit dem Pinsel alles das einzufangen, was sich nicht anschaulich beschreiben lässt, wie etwa Trachten oder Landschaften.
Die Académie des sciences und die Société de médecine übermittelten Marineminister Marschall de Castries jeweils eine Denkschrift über die wichtigsten Beobachtungen, die wir auf unserer Reise anstellen sollten. Abbé Tessier von der Académie des sciences schlug ein Mittel vor, um das an Bord befindliche Trinkwasser vor Fäulnis zu bewahren. Herr Le Dru bat uns, Forschungen über den Erdmagnetismus in verschiedenen Gegenden des Globus anzustellen und übergab uns einen von ihm gebauten Inklinationskompass. Wir sollten seine Ergebnisse mit denen der beiden Inklinationskompasse vergleichen, die uns die Kommissare des Büros für Längenmessungen in London geliehen hatten. Hier ist der Ort, Ritter Banks2 meinen Dank abzustatten. Als er hörte, dass sich Herr de Monneron in London vergebens nach einem Inklinationskompass umgeschaut hatte, war er sogleich bereit, uns die beiden zur Verfügung zu stellen, die einst Kapitän Cook benutzt hatte. Mit wahrer Ehrfurcht nahm ich die Instrumente entgegen.
Herr de Monneron, Hauptmann im Pionierkorps, hatte mich ehedem auf meiner Fahrt zur Hudson Bay begleitet. Er nahm als Chefingenieur an unserer Fahrt teil; um diese Stelle bewarb er sich gleichermaßen aus Freundschaft für mich und aus Reiselust. Seine Aufgabe war, Karten anzufertigen und unsere Position zu bestimmen. Als sein Stellvertreter ging der Geometer Herr Bernizet an Bord. Herr de Fleurieu, der Direktor aller französischen Häfen und Arsenale, ließ es sich nicht nehmen, mit eigener Hand die Karten zu zeichnen, denen wir auf unserer Reise folgten, und er lieh mir einen Band mit gelehrten Anmerkungen über die Reiserouten berühmter Seefahrer von Christoph Columbus bis heute. Ich möchte ihm hier meine Erkenntlichkeit bezeigen, sowohl wegen der Einsichten, die ich ihm verdanke, als auch der Freundschaft, für die er mir so viele Beweise gegeben hat.
Marineminister Marschall de Castries, auf dessen Empfehlung hin König Ludwig XVI. mir das Kommando über die Expedition anvertraute, hatte bereits allen Häfen die strenge Anweisung erteilt, uns mit allem zu unterstützen, was wir für unsere Reise benötigten.
Bei der Auswahl der Offiziere hatte ich freie Hand. Ich ernannte Kapitän de Langle zum Kommandanten der Astrolabe. Herr de Langle hatte auf meiner Fahrt zur Hudson Bay die Astrée befehligt und mir bei dieser Gelegenheit die überzeugendsten Beweise seines Könnens und seines Charakters gegeben. Ich selbst übernahm das Kommando über die Boussole. Hundert Marineoffiziere bewarben sich bei Herrn de Langle und mir um die Teilnahme an der Expedition.
Am 1. Juli 1785 fuhr ich nach Brest ab, wo ich am 4. eintraf. Die Ausrüstung der beiden Fregatten war schon sehr weit gediehen. Wir hatten an Bord der Boussole ein zerlegtes Boot von ungefähr 20 Tonnen, zwei sogenannte Biskaya-Schaluppen, einen großen Mast, ein Ersatzsteuerruder und ein Schiffsspill; die Fregatte war total überladen. Mein zweiter Offizier, Herr de Clonard, hatte alle diese Gegenstände mit dem Diensteifer und Scharfsinn, die ihm schon so oft meine Anerkennung eingetragen hatten, verstaut und vertäut.
Am 11. Juli waren die beiden Schiffe zur Ausfahrt bereit, am 12. Juli hielten wir Musterung. An diesem Tag kamen auch die astronomischen Uhren an Bord, mit denen wir bei Landgängen den Gang unserer Schiffsuhren überprüfen wollten. Die Herren Dagelet und Monge sowie die anderen Wissenschaftler und Künstler waren schon vor mir in Brest eingetroffen.
Ein Westwind hielt uns bis zum 1. August im Hafen zurück. Während dieser Zeit hatten wir häufig Nebel und Regen. Ich befürchtete negative Auswirkungen der anhaltenden Feuchtigkeit auf die Besatzung, doch ging in diesen neunzehn Tagen nur ein einziger Mann mit Fieber von Bord. Dafür stellte sich heraus, dass sechs Matrosen und ein Marinesoldat an Geschlechtskrankheiten litten. Sie hatten Mittel und Wege gefunden, sich der ärztlichen Kontrolle zu entziehen.
Am 1. August gingen wir von Brest aus unter Segel. Auf der Fahrt nach Madeira fiel nichts Besonderes vor. Am 13. warfen wir dort Anker. Die ganze Zeit über hatten wir günstigen Wind, ein Umstand, der uns sehr zustattenkam, da die beiden Fregatten vorn zu stark beladen und daher schwer zu steuern waren. Wir genossen die klaren Nächte. Sie boten Herrn de Lamanon Gelegenheit, die leuchtenden Punkte im Meer zu studieren, die meiner Meinung nach daher rühren, dass sich im Wasser bestimmte Substanzen auflösen. Wären diese leuchtenden Punkte, wie einige Naturforscher behaupten, das Werk von Insekten, dann würde man sie wohl nicht überall zwischen Pol und Äquator gleich häufig antreffen, sondern nur in einigen von ihnen bevorzugten Klimazonen.
Unsere Fahrt von Madeira nach Teneriffa dauerte nur drei Tage; wir warfen dort am 19. August nachmittags um drei Uhr Anker. Sofort nach unserer Ankunft machte ich einen Platz für ein Observatorium ausfindig. Am 22. August ließ ich dort unsere Instrumente aufstellen und den Gang unserer astronomischen Uhren nach dem Stand der Sonne und der Gestirne bestimmen. Danach korrigierten wir den Gang der auf den beiden Fregatten befindlichen Schiffsuhren.
Am 30. August verließen wir den Hafen von Santa Cruz. Wir hatten für beide Schiffe jeweils sechzig Pipen Wein eingekauft; um die leeren Fässer an Deck hieven zu können, war es nötig, die halbe Ladung im Schiffsraum umzuräumen. Mit dieser Arbeit brachten wir volle zehn Tage zu. Um die Wahrheit zu sagen: Schuld an dieser Verzögerung war vor allem die Saumseligkeit unserer Lieferanten. Der Wein wurde von Orotava herbeigeschafft, einem Städtchen auf der anderen Seite der Insel. Erst am 30. August nachmittags um drei Uhr konnten wir unsere Fahrt fortsetzen. Wir waren jetzt noch stärker beladen als bei der Abfahrt in Brest, jedoch beruhigte uns der Gedanke, dass das Gewicht unserer beiden Schiffe von nun an täglich abnehmen würde, hatten wir doch bis zu unserer Ankunft in der Südsee nur noch Wasser und Holz an Bord zu nehmen. Mit beidem wollte ich mich erst auf Trinidad versorgen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht an den Kapverdischen Inseln anzulegen, deren Klima im Sommer äußerst ungesund ist, weil ich vor allen Dingen darauf achten musste, die Mannschaft vor Krankheiten zu bewahren. In der Absicht, sie bei guter Gesundheit zu halten, ließ ich die Verdecke häufig räuchern, auch gab ich Weisung, die Hängematten täglich von acht Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang zu lüften. Damit jedermann hinlänglich Schlaf fand, teilte ich das gesamte Schiffsvolk in drei Schichten ein, dergestalt, dass alle nach vier Stunden Dienst Anspruch auf acht Stunden Erholung hatten. Da ich nur die strikt notwendige Zahl von Matrosen an Bord hatte, konnte ich diese Einteilung nur so lange aufrechterhalten, als wir ruhige Gewässer durchschifften; sobald wir in stürmischere Zonen kamen, griffen wir auf die herkömmliche Regelung zurück.
Am 29. September schnitten wir den Äquator bei 18 Grad westlicher Länge. Meiner Instruktion zufolge hätte ich ihn sehr viel weiter westlich passieren müssen, aber glücklicherweise trieb uns der Wind stets gegen Osten. Wäre dies nicht so gewesen, so hätte ich die Insel Trinidad wohl kaum zu Gesicht bekommen. Ich behielt immer dieselbe Richtung bei und kam so zu der Untiefe, auf die das Schiff Le Prince im Jahr 1747 beinahe aufgelaufen wäre. Noch immer bemerkten wir kein Anzeichen von Land, nur einige Fregattvögel, die uns vom 8. Grad nördlicher bis zum 3. Grad südlicher Breite begleiteten. Während dieser ganzen Zeit kreiste eine Menge Thunfische um die Schiffe. Wir konnten nur wenige von ihnen fangen, weil sie so schwer waren, dass sie unsere Angelschnüre zerrissen. Keinen zogen wir an Bord, der nicht wenigstens volle sechzig Pfund wog.
Wenige Tage nach unserer Abfahrt von Teneriffa verlor der Himmel jenes herrliche Aussehen, das man nur in subtropischen Breiten findet. Stattdessen war er beständig mit einer matten Blässe überzogen, die weder ganz Nebel noch Gewölk war. Die Sichtweite betrug keine drei Meilen. Gleich nach Sonnenuntergang lösten sich die Dünste auf, und die Nächte waren durchweg heiter und freundlich.
Am 11. Oktober stellten wir eine große Zahl von Beobachtungen über den Abstand des Mondes von der Sonne an, um danach die Länge zu bestimmen und unsere Schiffsuhren zu richten. Nachdem wir mithilfe von Zirkel und Sextant zehn verschiedene Beobachtungen gemacht und die Mittelwerte errechnet hatten, stellten wir fest, dass wir uns unter 25 Grad 15 Minuten westlicher Länge befanden. Am 16. Oktober sah ich bei Sonnenuntergang die Insel Trinidad3, die im Westen 8 Grad nördlich vor uns lag. Um zehn Uhr vormittags waren wir von ihrer Südostspitze noch zweieinhalb Meilen entfernt. Im Hintergrund der von dieser Spitze gebildeten Bucht nahm ich die portugiesische Flagge wahr. Sie flatterte auf einem kleinen Fort, das fünf oder sechs Holzhütten umgaben. Der Anblick der Flagge machte mich neugierig; ich schickte ein Boot an Land, um herauszubringen, ob die Engländer das Eiland verlassen oder aufgegeben hatten. Mir schwante bereits, dass ich auf Trinidad weder das Wasser noch das Holz finden würde, das ich benötigte; nur auf den Gipfeln der Hügel waren einige Bäume sichtbar. Die See schlug überall mit solchem Ungestüm an, dass es nicht ratsam war, unsere Schaluppe auszusetzen. Ich entschied mich dafür, den ganzen Tag in Küstennähe zu lavieren, um am nächsten Morgen in aller Frühe entweder vor Anker zu gehen oder wenigstens ein Boot an Land zu schicken. Gegen Abend rief ich dies der Astrolabe durchs Sprachrohr zu. Als die Astrolabe am nächsten Morgen, am 18. Oktober, nur noch eine halbe Meile vom Land war, schickte Herr de Langle sein Langboot ab, das Herr de Vaujuas befehligte. Herr de La Martinière und Pater Receveur, ein unermüdlicher Naturforscher, begleiteten ihn. Sie fuhren zwischen zwei Felsen auf die Bucht zu. Die Brandung war so heftig, dass das Fahrzeug mit seiner Besatzung unweigerlich gekentert wäre, wären ihm die Portugiesen nicht eiligst zu Hilfe gekommen. Sie zogen das Boot an den Strand, um es vor der Wut der Wogen in Sicherheit zu bringen, und retteten alles, was sich auf ihm befand, mit Ausnahme des Bootsankers, der verlorenging. Nach Schätzung von Herrn de Vaujuas war der portugiesische Posten mit etwa zweihundert Mann besetzt, wovon aber nur fünfzehn Uniform trugen. Die anderen gingen im bloßen Hemd einher. Der Kommandant der Niederlassung, der man den Namen Kolonie nicht geben kann, da kein Feldbau betrieben wird, erzählte, der Gouverneur von Rio de Janeiro habe die Insel vor ungefähr einem Jahr in Besitz genommen. Entweder wusste er nicht, dass sie ehedem den Engländern gehörte, oder er stellte sich so, als sei ihm dies unbekannt. Der Kommandant fühlte sich verpflichtet, uns allerlei Märchen zu erzählen. Er behauptete, sein Fort sei mit vierhundert Mann und zwanzig Kanonen bestückt, während doch rings um die Niederlassung nicht eine einzige Batterie zu sehen war. Seine Furcht vor der Wahrheit war so groß, dass er Herrn de La Martinière und Pater Receveur nicht einmal gestattete, das Ufer zu verlassen, um Pflanzen zu sammeln. Nachdem er Herrn de Vaujuas allerlei Beweise seiner anständigen Gesinnung und seines Wohlwollens gegeben hatte, zumindest dem Anschein nach, zwang er ihn, sich wieder einzuschiffen, mit dem Bemerken, er sei leider nicht imstande, uns Wasser oder Proviant abzugeben.
Gleichfalls am frühen Morgen hatte ich ein zweites Boot unter dem Befehl von Schiffsleutnant Boutin an Land geschickt, mit der Weisung, den Strand nicht zu betreten, wenn das Langboot der Astrolabe schon vor ihm angekommen sei; in diesem Fall solle er es dabei bewenden lassen, vor der Reede Sondierungen vorzunehmen und sie in aller Eile abzuzeichnen. Herr Boutin näherte sich infolgedessen der Insel nur bis auf einen Büchsenschuss. Die Prüfung des Ankergrundes ergab, dass er aus mit einigem Sand vermischten Felsen bestand. Herr de Monneron zeichnete das Fort so gut, als habe er sich an Land befunden, und Herr de Lamanon stellte fest, dass die Felsen aus Basalt und geschmolzenem Gestein bestanden, das wohl von einigen ausgebrannten Vulkanen herrührte. Diese Vermutung fand ihre Bestätigung darin, dass Pater Receveur eine Menge Steine an Bord brachte, die durchaus vulkanischen Ursprungs waren und keine weitere Beimischung aufwiesen als Stücke von zertrümmerten Schalentieren und Korallenzinken.
Aus den von Herrn de Vaujuas und Herrn Boutin erstatteten Berichten ersahen wir deutlich genug, dass wir auf der Insel Trinidad weder das benötigte Holz noch Wasser bekommen würden. Ich entschied mich daher, sofort nach der Insel Santa Catarina vor der Küste Brasiliens zu steuern. Santa Catarina ist der Ort, an der sich von alters her die Seefahrer auf dem Weg in die Südsee verproviantieren.
Indem ich nun Kurs auf Santa Catarina nahm, hatte ich zugleich die Absicht, mich von dem Dasein der Insel Ascençaon zu überzeugen, die nach der Angabe des Herrn Daprès hundert Meilen westwärts von Trinidad, und zwar nur 15 Grad weiter nach Süden, liegen soll. Zufolge des von Herrn Poncel de la Haye, eines ehemaligen Kommandanten der Fregatte La Renommée, geführten Tagebuchs war ich allerdings davon überzeugt, dass verschiedene Seefahrer, unter ihnen auch Frézier, dem Irrtum verfallen waren, sie seien auf Ascençaon gelandet, während sie doch in Wahrheit bei Trinidad vor Anker gelegen hatten. Hier schien mir, bei allem Respekt vor Herrn Poncel de la Haye, eine Korrektur der bisherigen Erdbeschreibungen angebracht.
Die zwei Tage, welche wir auf der südlichen Seite der Insel zubrachten, verschafften uns hinlängliche Muße, Messungen vorzunehmen, die Herr de Bernizet dann der von ihm gezeichneten Karte der Insel zugrunde legte. Sie weicht nur geringfügig von der Karte ab, die Dr. Halley angefertigt hat und die mir Herr de Fleurieu in Brest übergab. Die von Herrn Duché de Vancy gezeichnete Ansicht besitzt eine so frappierende Ähnlichkeit, dass sie Seefahrer, die vor der Südhälfte von Trinidad vor Anker gehen, vor jedem Irrtum bewahrt. Die Natur hat diesen Felsen gewiss nicht dazu bestimmt, jemals bewohnt zu werden, da weder Menschen noch Tiere hier ihr Auskommen finden. Da aber die Portugiesen fürchteten, irgendeine europäische Nation könne sich des Eilands bemächtigen, um von dort aus Schleichhandel mit Brasilien zu treiben, beeilten sie sich, es zu besetzen, so sehr es ihnen auch zur Last fällt.
Am 18. Oktober um die Mittagszeit nahm ich Kurs auf die Insel Ascençaon. Wir segelten bis zum 24. abends stets nach Westen und blieben stets in derselben Richtung, bis ich alle weiteren Nachforschungen aufgab. Bis dahin hatte ich gegen Westen eine Strecke von einhundertfünfzehn Meilen zurückgelegt und immer so klares Wetter gehabt, dass ich im Umkreis von zehn Meilen Land sehen konnte. Ich kann also guten Gewissens behaupten, dass die Insel Ascençaon bis ungefähr zum 7. Grad westlicher Länge unter der Meridianhöhe von Trinidad und unter der südlichen Breite bis in die Gegend, die zwischen 20 Grad 10 Minuten und 20 Grad 50 Minuten liegt, nicht vorhanden ist, da ich diese ganze Fläche sehr deutlich übersehen konnte.
Am 25. Oktober wurden wir von einem sehr heftigen Gewitter überfallen. Gegen acht Uhr abends schien der Himmel rings um uns her in Feuer zu stehen; wo wir nur hinsahen, schossen Blitze herab, und auf der Spitze unseres Blitzableiters zeigte sich das Sankt-Elms-Feuer. Diese Naturerscheinung wurde nicht nur uns zuteil; wir bemerkten dieses gleiche Sankt-Elms-Feuer auch auf der Mastspitze der Astrolabe, die über keinen Blitzableiter verfügt. Von diesem Tag an hatten wir beständig schlechtes Wetter bis zu unserer Ankunft auf Santa Catarina. Tag für Tag umgab uns ein dichterer Dunst, als er mitten im Winter die Küste der Bretagne umhüllt. Am 6. November gingen wir zwischen der Insel Santa Catarina und dem Festland vor Anker. Die See war hier sieben Klafter tief, und der Grund bestand aus schlammigem Sand.
Nach sechsundneunzigtätiger Fahrt hatten wir nicht einen einzigen Kranken. Weder der Wechsel des Klimas noch Regen und Nebel hatten die Gesundheit unserer Leute erschüttert, da wir stets Nahrungsmittel von bester Qualität ausgaben. Ich vernachlässigte keine der Vorsichtsmaßregeln, die Erfahrung und Klugheit vorschrieben. So sorgten wir unter anderem dafür, das Schiffsvolk stets bei guter Laune zu halten. Wenn es die Witterung irgend erlaubte, ließ ich die Mannschaft jeden Abend von acht bis zehn Uhr auf dem Deck tanzen.
1Der Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten, der 1783 mit dem Frieden von Versailles zu Ende ging.
2Sir Joseph Banks, der Präsident der Royal Geographic Society in England. Er überließ Lapérouse den von den beiden Engländern Rust und Eyre geschaffenen kardanisch aufgehängten Inklinations- bzw. Azimut-Kompass, der weit genauere Messungen als die anderen Kompasse der Zeit ermöglichte.
3800 km östlich der brasilianischen Provinz Espírito Santo. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Antilleninsel.
ZWEITES KAPITEL
Die Insel Santa Catarina erstreckt sich von 27 Grad 19 Minuten bis 27 Grad 49 Minuten südlicher Breite; ihr Durchmesser von Osten nach Westen beträgt nur zwei französische Meilen. Vom Festland ist sie an der schmalsten Stelle durch einen Kanal von nur zweihundert Klafter Breite getrennt. Am Eingang dieser Wasserstraße liegt Nostra Senhora del Destero, der Hauptort der Statthalterschaft, in dem auch der Gouverneur residiert; die Stadt zählt höchstens dreitausend Seelen in ungefähr vierhundert Häusern und bietet einen recht hübschen Anblick. Nach dem Bericht Fréziers diente diese Insel im Jahr 1712 vielen Vagabunden, die sich aus allen Teilen Brasiliens hierher geflüchtet hatten, als Aufenthaltsort; sie waren Portugal nur dem Namen nach unterworfen und erkannten überhaupt keine Obrigkeit an. Da der Boden der Insel sehr fruchtbar ist, fanden sie daselbst leicht ihren Unterhalt, waren aber so arm, dass der Generalgouverneur von Brasilien nicht darauf erpicht war, sich mit ihnen anzulegen oder sie gewaltsam unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Alle Schiffe, die Santa Catarina anliefen, gaben ihnen im Austausch gegen Lebensmittel nur Kleidungsstücke und Hemden, denn daran fehlte es ihnen an meisten. Erst gegen 1740 errichtete der Hof in Lissabon auf Santa Catarina eine feste Statthalterschaft, die auch für die benachbarten Gebiete auf dem Kontinent zuständig war. Dieses Kapitanat erstreckte sich sechzig Meilen weit von Norden gegen Süden, und zwar vom São-Francisco-Fluss bis zum Rio Grande. Die Bevölkerung dieses Gebiets beläuft sich auf zwanzigtausend Seelen. Ich sah aber in den meisten Familien eine so große Anzahl von Kindern, dass man eine rasche Zunahme der Einwohnerschaft voraussehen kann. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar; Obst, Gemüse und Getreide wachsen fast von selbst. Es gibt hier Wälder, die das ganze Jahr über grün bleiben, aber dergestalt von Dornen und Strauchwerk durchsetzt sind, dass man, um sich hindurchzuarbeiten, ein Beil zur Hand nehmen muss. Überdies begegnet man in diesen Wäldern einer Menge Giftschlangen.
Die Ortschaften, die die Bewohner von Santa Catarina und dem nahen Festland angelegt haben, liegen alle am Meer. Die Wälder würzen die Luft mit den köstlichsten Gerüchen, da sie eine große Zahl von Orangenbäumen und anderen aromatischen Pflanzen enthalten. Ungeachtet dieser Vorzüge ist das Land so arm und so gänzlich von Manufakturwaren entblößt, dass man die dortigen Bauern nur fast nackt oder in Lumpen gehüllt einhergehen sieht. Die Ländereien, die sich am besten für Zuckerplantagen eignen, bleiben unbebaut, weil es den Eigentümern an Sklaven fehlt und sie nicht genug Geld haben, um sich welche zu kaufen. Der Walfang um Santa Catarina ist zwar sehr einträglich, aber ein Vorrecht der Krone, die die Konzession an eine Lissaboner Handelsgesellschaft vergeben hat. Diese Gesellschaft besitzt an der Küste drei große Niederlassungen, in denen jährlich etwa viertausend Wale gefangen und verarbeitet werden. Der ganze Ertrag an Tran und Walsperma geht über Rio de Janeiro nach Lissabon. Die Einwohner von Santa Catarina sind die müßigen Zuschauer dieses Handels, von dem sie nicht profitieren. Wenn die Regierung ihnen nicht unter die Arme greift und ihnen Zollerleichterungen oder Vergünstigungen bewilligt, die dem Handel förderlich sind, wird dieser Landstrich, einer der schönsten auf der Welt, in immerwährender Armut schmachten und dem Mutterland nicht den geringsten Nutzen verschaffen.
Unsere Ankunft verbreitete im Land große Unruhe. Verschiedene Forts gaben Kanonenschüsse ab; ich hielt es daher für ratsam, sogleich vor Anker zu gehen und einen Offizier mit der Erklärung an Land zu senden, dass wir nur friedliche Absichten hegten und uns mit Wasser, Holz und einigen Erfrischungen zu verproviantieren wünschten.


Santa Catarina
Herr de Pierrevert, dem ich diesen Auftrag erteilt hatte, traf die kleine Garnison der Zitadelle unter Waffen an; sie bestand aus vierzig Soldaten und einem Hauptmann, der einen Eilboten in die Stadt schickte, um den Gouverneur, Infanterie-Brigadier Don Francisco de Baros, zu informieren. Er gab sofort die Anordnung, uns alles, was wir brauchten, zum billigsten Preis zu verkaufen. Jeder der beiden Fregatten wurde ein portugiesischer Offizier zugeteilt, die unseren Proviantmeister zu den Einwohnern begleiteten, um den Einkauf der Lebensmittel zu überwachen.
Don Francisco de Barros, der Gouverneur der Statthalterei, sprach fließend Französisch; seine ausgedehnten Kenntnisse trugen ihm unser Vertrauen ein. Er lud uns Franzosen an seinen Mittagstisch und bestätigte uns während des Essens, dass die Insel Ascençaon nicht existiere. Zum Beweis hierfür erzählte er uns, der Generalgouverneur von Brasilien habe im vergangenen Jahr ein Schiff auslaufen lassen, um die Gegend, in der die Insel liegen solle, genau zu untersuchen. Das Fahrzeug sei unverrichteter Dinge wieder zurückgekommen, und man habe Ascençaon aus den Seekarten ausgestrichen, damit sich der Irrtum nicht ewig fortpflanze. Er setzte hinzu, die Insel Trinidad habe stets den Portugiesen gehört und sei von den Engländern, als die Königin von Portugal dies verlangt habe, sofort geräumt worden.
Am folgenden Tag um elf Uhr kamen die zur Astrolabe und zur Boussole gehörenden Boote wieder an Bord zurück. Man benachrichtigte mich von dem unmittelbar bevorstehenden Besuch von Generalmajor Dom António da Gama; er kam aber erst am 13. und überbrachte mir ein sehr verbindliches Schreiben des ranghöchsten Offiziers der Kolonie.
Da nun die Jahreszeit ziemlich weit fortgeschritten war, hatte ich allen Anlass, unsere Abfahrt zu beschleunigen, dies umso mehr, als unsere Leute so gesund und munter waren, wie man es sich nur wünschen konnte. Bei unserer Ankunft hatte ich mir geschmeichelt, innerhalb von fünf oder sechs Tagen wieder in See stechen zu können, allein die Südwinde waren so stürmisch und die Meeresströmung so stark, dass wir oft nicht an Land gehen konnten, was unsere Abfahrt hinauszögerte.
Am 16. abends, nachdem bereits alles eingeschifft war, ließ ich dem Gouverneur meine Briefschaften zustellen, da er sich auf sehr höfliche Weise erboten hatte, sie nach Lissabon weiterzuleiten. Alle Mannschaftsangehörigen erhielten die Erlaubnis, ihren Verwandten und Freunden zu schreiben. Wir hofften, am nächsten Tag die Segel hissen zu können, doch hielten uns die Nordwinde, die uns auf offener See äußerst günstig gewesen wären, bis zum 19. November in der Bucht zurück. An diesem Tag machten wir uns in aller Frühe segelfertig, da aber plötzlich Windstille eintrat, sah ich mich gezwungen, wieder für einige Stunden vor Anker zu gehen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit konnten wir uns durch die von vielen Inseln gesäumte enge Fahrrinne hindurchwinden.
Wir hatten auf Santa Catarina eine solche Menge Ochsen, Schweine und Federvieh gekauft, dass unsere Mannschaft länger als einen Monat davon zehrte. Auch hatten wie unsere dendrologische Sammlung um Orangen- und Zitronenbäume bereichert. Unser Gärtner legte Vorräte an Orangen- und Zitronenkernen, von Mais, Reis und Samenkörnern der Baumwollstaude an, die wir den Bewohnern der Südseeinseln zu überlassen gedachten, da es ihnen daran, nach den einstimmigen Berichten der Seefahrer, fehlt.
Am Tag unserer Weiterfahrt gab ich Herrn de Langle, dem Kommandanten der Astrolabe, neue und genauere Verhaltensmaßregeln, da wir nunmehr in Gewässer kamen, die immer mit Nebel bedeckt sind und von Stürmen heimgesucht werden. Für den Fall, dass uns ein Unwetter trennen sollte, vereinbarten wir, dass der Hafen Bon Succès an der Le-Maire-Straße zwischen Feuerland und der De-los-Estados-Insel unser erster Treffpunkt sein sollte, vorausgesetzt, wir hätten bis zum 1. Januar nicht diese Breite hinter uns gelassen. Zum zweiten Sammelpunkt bestimmte ich die Venus-Landspitze auf der Insel Tahiti. Ich unterrichtete Herrn de Langle davon, dass ich meine Nachforschungen im Atlantik nicht weiter auszudehnen gedächte als bis zur Insel Grande de la Roche4, weil ich mich wegen der Kürze der Zeit unmöglich darauf einlassen könne, eine Durchfahrt auf der Südseite der Sandwich-Inseln zu suchen. So leid es mir tat, nicht weiter östlich auf Entdeckungen ausgehen zu können, so wenig konnte ich mir doch erlauben, den in Frankreich erhaltenen Weisungen diametral entgegenzuhandeln. Hätte ich es getan, so hätte ich mich ja auch der Gelegenheit beraubt, Briefe in Empfang zu nehmen, die ich vom Minister erwartete und die vielleicht wichtige Befehle enthielten.
Bis zum 28. hatten wir ungemein schönes Wetter, dann aber wurden wir von einer sehr heftigen Windböe überfallen, die aus Osten kam. Es war der erste Zwischenfall dieser Art seit unserer Abreise aus Frankreich. Zu meiner Genugtuung machte ich bei dieser Gelegenheit die Beobachtung, dass unsere Schiffe, obschon sie schlechte Segler waren, sich während des Sturms gut hielten und folglich imstande waren, den ungestümen Fluten, die wir von nun an durchschiffen mussten, Widerstand zu leisten. Am 7. Dezember befand ich mich auf dem angeblichen Parallelkreis der Insel Grande, also aufgrund unserer Distanzberechnungen unter 44 Grad 38 Minuten südlicher Breite und 34 Grad westlicher Länge. Wir sahen eine Menge Seegras vorübertreiben, und schon seit einigen Tagen sammelten sich um unsere Schiffe Seevögel von der Gattung der Albatrosse und Sturmvögel, die sich nur in der Brutzeit dem Land nähern. Bis zum 24. Dezember segelte ich zwischen dem 44. und dem 45. Breitengrad und durchlief diesen Parallelkreis bis auf 15 Grad Länge. Am 27. Dezember gab ich meine Nachforschungen auf, weil ich jetzt davon überzeugt war, dass es die Insel Grande gar nicht gab. Ich hatte gelernt, dass Seegras und Sturmvögel kein Beweis für die Nähe von Land sind. De la Roches Behauptung, er habe auf der Insel, die seinen Namen trägt, hohe Bäume gesehen, hat nicht die mindeste Wahrscheinlichkeit für sich. Man darf als sicher annehmen, dass auf einer Insel, die unter dem 45. Grad mitten im südlichen Weltmeer liegt, nur die allerdürftigste Vegetation herrscht.
Am 25. Dezember drehte der Wind nach Südwest und hielt nun mehrere Tage denselben Strich. Hierdurch sah ich mich genötigt, meinen Lauf nordwestwärts zu wenden und den Parallelkreis, in dessen Bereich ich zwanzig Tage lang geblieben war, hinter mir zu lassen. Da ich nun die Stelle, an der die Insel Grande der allgemeinen Angabe nach liegen soll, nicht weiter im Auge behielt und geradewegs nach Westen steuerte, kamen mir doch Bedenken, denn es stand zu befürchten, dass wir gerade in der schlimmsten Jahreszeit Kap Hoorn umschiffen müssten. Allein die Witterung war so günstig, dass sie alle unsere Erwartungen übertraf. Im Dezember hatten wir keine Windstöße mehr auszustehen, und der Januar war beinahe so milde, wie es in Europa der Juli ist. Mitunter hatten wir Tage, an denen sich kein Lüftchen regte und die See völlig ruhig war. An solchen Tagen belustigten sich die Offiziere beider Fregatten damit, dass sie sich in Booten herumfahren ließen und Jagd auf die Vögel machten, die unseren Schiffen nachflogen. Diese Jagdpartien waren meist sehr ergiebig und verhalfen unserer Mannschaft zu Frischfleisch. Nicht selten wurden so viele Vögel erlegt, dass jeder eine Portion bekam. Unsere Matrosen fanden an diesen Vögeln weit mehr Geschmack als an dem üblichen Pökelfleisch. Die bei diesen Streifzügen geschossenen Vögel gehörten allesamt zur Gattung der großen und der kleinen Albatrosse und zu vier verschiedenen Spielarten von Sturmvögeln. Wenn man ihnen die Haut abstreifte und sie mit einer säuerlichen Sauce aß, schmeckten sie fast ebenso gut wie die kleinen See-Enten, die man in Europa zu verspeisen pflegt.
Am 14. Januar sahen wir uns endlich imstande, vor der Küste Patagoniens in der südlichen Breite von 47 Grad 50 Minuten und in der westlichen Länge von 64 Grad 37 Minuten Sondierungen vornehmen zu können. Dies ergab sich aus unseren neuesten Distanzberechnungen, dergleichen wir bei jeder Gelegenheit, wenn es die Witterung nur einigermaßen zuließ, zu veranstalten pflegten. Meine Offiziere hatten darin eine solche Fertigkeit erlangt und sie verstanden sich so trefflich darauf, Herrn Dagelet zur Hand zu gehen, dass die größte Abweichung, die uns etwa bei der Bestimmung der Breite unterlief, nicht mehr als einen halben Grad betragen haben dürfte.
Am 21. Januar erblickten wir das Kap Beau Temps (Buen Tiempo) und die Küste nördlich der Mündung des Río Gallegos. Etwa drei Meilen vom Festland entfernt, fanden wir einen einundvierzig Klafter tiefen Ankergrund aus Kiessand und kleinen, tonartigen Steinchen, nicht viel größer als Erbsen. In der Mittagsstunde maßen wir die Länge; sie war von der auf der Karte von Cooks zweiter Reise angegebenen nur insofern verschieden, als wir uns 15 Minuten weiter westlich befanden. Jetzt fuhren wir in einer Entfernung von drei bis fünf Meilen längs der Küste von Patagonien hin.
Da der Wind ziemlich stark aus Norden wehte, sah ich mich dadurch in die Lage gesetzt, wieder nach der Küste von Feuerland zu steuern, an welcher ich in der geringen Entfernung von kaum einer halben Meile entlangfuhr. Als ich bemerkte, dass uns der Wind weiterhin günstig blieb, gab ich meinen früheren Vorsatz auf, in der Bucht von Bon Succès anzulegen, und setzte meinen Weg schnurgerade fort. Meine Absicht war nun, das Kap Hoorn möglichst ohne Zeitverlust zu umsegeln. Als wir durch die Le-Maire-Straße fuhren, zündeten die Wilden, ihrer Gewohnheit nach, große Feuer an, um uns dadurch einzuladen, an ihrer Küste zu ankern. Eins dieser Feuer sahen wir an der Nordspitze der Bucht von Bon Succès, ein anderes an der Nordspitze der Valentinsbucht. Mit Kapitän Cook bin ich der Meinung, dass es ziemlich einerlei ist, ob man in dieser oder jener Bucht Anker wirft, denn man erhält daselbst überall Holz und Wasser, wahrscheinlich aber weniger Jagdbeute als in Weihnachtshafen, wo sich die Wilden einen großen Teil des Jahres aufhalten.
Während wir nun so durch die Meerenge schifften und nicht mehr als eine halbe Meile von Feuerland entfernt waren, tauchten rings um uns mehrere Wale auf. Man merkte wohl, dass ihnen hier noch niemand nach dem Leben trachtete, denn anstatt vor unseren Schiffen zu fliehen, schwammen sie majestätisch einher und näherten sich uns auf Pistolenschussweite. Unfehlbar werden sie in den dortigen Gewässern nur so lange ihre Herrschaft behaupten, bis die Walfänger, wie an der Küste von Grönland und Spitzbergen, Jagd auf sie machen.
Am 22. umsegelten wir das Jungfrauenkap in einer Entfernung von vier Meilen gegen Westen. Es hat eine sehr niedrige Lage und ist ohne Vegetation. Die Abbildung des Kaps in Ansons Reise5 schien mir sehr richtig zu sein; auch fand ich, dass die Lage dieses Vorgebirges auf der Karte von Cooks zweiter Reise genau angegeben ist. Sooft wir sondierten, fanden wir immer, bis an dieses Vorgebirge, dass der Grund entweder aus Sand oder aus kleinen, mit Sand vermischten Kieseln bestand, dergleichen man gewöhnlich an Flussmündungen findet; als wir uns aber der Küste von Feuerland näherten, trafen wir fast überall, und zwar in einer Tiefe von vierundzwanzig bis dreißig Klaftern, einen harten Felsengrund, wiewohl wir uns nicht über drei Meilen vom Land entfernt hielten. Hieraus folgerte ich, dass diese Küste für den Seefahrer bei Weitem weniger sicher als die patagonische ist.
Am 25., um zwei Uhr, umschiffte ich, und zwar eine Meile südwärts, das Vorgebirge San Diego, das die Westspitze der Le-Maire-Straße bildet. In ebendieser Entfernung war ich schon vom frühen Morgen an längs dieses Erdstrichs hingesegelt und hatte dabei immer die Augen auf die Karte des Kapitäns Cook gerichtet, um die Bucht zu finden, in der sich Herr Banks, um Pflanzen zu sammeln, dann an Land setzen ließ, indes die Resolution so lange unter Segel blieb, bis er wieder an Bord kam. Uns war die Witterung so ungemein günstig, dass ich es nicht über das Herz brachte, unseren Naturforschern nicht eine ähnliche Gefälligkeit zu erweisen. Um drei Uhr lief ich in den Meerbusen ein, nachdem ich zuvor bis auf drei Viertelmeilen um Kap San Diego herumgefahren war, wo es mehrere Klippen gibt, die sich aber, wie es mir vorkam, nicht über eine Meile weit erstrecken. Da ich jedoch wahrnahm, dass die Wogen vor mir mit großem Ungestüm in die See schlugen, steuerte ich gegen Südosten, um davon abzukommen. Gleich darauf machte ich die Entdeckung, dass jene Wasserwogen von Flüssen herrühren und dass die Klippen am Kap San Diego schon weit hinter mir lagen.
Die Umschiffung von Kap Hoorn war viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte, und ich weiß nun aus Erfahrung, dass die Schifffahrt in den dortigen Gewässern nicht problematischer ist als die unter einem hohen Breitengrad überhaupt. Die Schwierigkeiten, die man daselbst anzutreffen fürchtet, gründen sich auf ein verjährtes Vorurteil, das verschwinden muss. Die Reisebeschreibung von Admiral Anson hat zum unverdient schlechten Ruf von Kap Hoorn nicht wenig beigetragen.
Noch ein zweiter, triftiger Grund hatte mich bewogen, nicht in der Bucht von Bon Succès Anker zu werfen. Ich hatte mir nämlich schon seit geraumer Zeit einen neuen Reiseplan ausgedacht, über den ich aber erst mit mir selbst einig werden konnte, wenn ich Kap Hoorn hinter mir gelassen hatte.
Dieser Plan zielte auf nichts Geringeres ab, als im Lauf des Jahres an der Nordwestküste Amerikas zu landen. Man hatte mir diese Landung nicht ausdrücklich befohlen, weil man annahm, ich würde schwerlich imstande sein, eine so langwierige Strecke in weniger als einem Jahr zurückzulegen. Die Vorteile meines neuen Plans lagen auf der Hand. Erstens konnte ich einen noch unbekannten Weg einschlagen und Parallelkreise durchlaufen, in deren Bereich vielleicht noch unentdeckte Inseln lagen. Zweitens hatte ich, wenn ich je zwei Jahre in der nördlichen und in der südlichen Hemisphäre verbrachte, mehr Zeit, die Inseln, deren Untersuchung mir anbefohlen war, in genauen Augenschein zu nehmen. Da meine Instruktionen die ausdrückliche Weisung enthielten, ich solle die Befehle des Königs so ausführen, dass der Erfolg meiner Reise gewährleistet sei, wartete ich somit nur noch den Zeitpunkt ab, an dem das Südmeer6 vor mir lag, um zur Tat zu schreiten. Am 9. Februar lief ich, nachdem ich bei Kap Deseado die Magellan-Straße gekreuzt hatte, in das Südmeer ein und nahm Kurs auf die Juan-Fernández-Insel. Allem Vermuten nach war ich über die Gegend hinaus, in der das angebliche Drake-Land liegen soll. Ich hatte mich aber wenig darum gekümmert, weil ich schon im Voraus überzeugt war, dass es nicht existiere. Seitdem ich Europa verlassen hatte, war meine ganze Aufmerksamkeit nur auf die Reiserouten der älteren Seefahrer gerichtet. Ihre Tagebücher sind so schlecht abgefasst, dass man ihren Inhalt gleichsam erraten muss. Diejenigen Geographen aber, die selber keine Seeleute sind, legen eine solche Unkenntnis der Hydrographie an den Tag, dass sie dergleichen Tagebücher, die doch so manche Berichtigung nötig haben, keiner vernünftigen Kritik zu unterziehen vermögen. So kommt es, dass sie oft Inseln in die Seekarten einzeichnen, die nirgends vorhanden sind und die sich, wenn man gründlicher nachforscht, wie Phantome in Luft auflösen.
Da der Wind jetzt aus Westsüdwest wehte und mir bei der Fahrt nach Norden ungemein günstig war, hielt ich mich nicht damit auf, die vermeintliche Drake-Insel ausfindig zu machen, die vermutlich mit Feuerland identisch ist, sondern setzte meinen Weg nach Juan Fernández fort. Als ich jedoch den an Bord befindlichen Proviant untersuchte, stellte sich heraus, dass nur noch wenig Mehl und Brot vorhanden waren; sowohl ich als auch Kapitän de Langle hatten beiderseits an hundert Zentner davon in Brest zurücklassen müssen, weil es uns an Raum fehlte, sie unterzubringen. Auch hatten sich die Würmer in unserem Schiffszwieback eingenistet. Dies bewog mich, als nächsten Landungsort anstelle von Juan Fernández La Concepción an der Küste von Chile zu wählen, da ich wusste, dass in diesem Teil der Neuen Welt sehr viel Getreide wächst und billiger zu haben ist als auf jedem Markt in Europa und dass man hier auch alle anderen Lebensmittel findet. Demzufolge richtete ich nunmehr meinen Kurs etwas weiter nach Osten. Am 22. Februar bekam ich die Insel Mocha zu Gesicht, die etwa fünfzig Meilen weit von La Concepción, und zwar gegen Süden, entfernt ist. Da ich befürchten musste, von der Strömung nach Norden getrieben zu werden, so steuerte ich immer in Richtung Land. Hat man Mocha hinter sich gebracht, so kann man getrost längs der Küste hinsegeln, denn von nun an ragen alle Klippen aus dem Meer heraus und sind auch vom Gestade nicht weit entfernt. Jetzt erblickt man die Mamelles de Bío Bío, zwei mäßig hohe Berge, deren Gestalt ihr Name Mamelles (Brüste) charakterisiert. Von hier aus muss man noch ein wenig nordwärts bis zur Landspitze von Dorf Talcahuana steuern. Diese Spitze bildet die westliche Einfahrt in die Bucht von La Concepción, die in westöstlicher Richtung einen Durchmesser von ungefähr drei Meilen hat und sich ebenso weit von Norden nach Süden erstreckt. Die Einfahrt wird jedoch durch die in ihrer Mitte liegende Insel Quiquirine verengt, die man auf zwei Wegen umschiffen kann; der gegen Osten ist der sicherste und der einzige, den die Seefahrer benutzen. Die Wasserstraße zwischen der Insel Quiquirine und der Landspitze von Talcahuana ist kaum eine Viertelmeile breit und so mit Klippen übersät, dass man sie ohne die Hilfe eines guten Lotsen unmöglich befahren kann.
Nachmittags um zwei Uhr umschifften wir die Spitze der Insel Quiquirine. Wir griffen nun zu unseren Ferngläsern und hielten nach der Stadt La Concepción Ausschau, die, wie wir der von Frézier gezeichneten Karte entnahmen, im Hintergrund der Bucht, und zwar in südöstlicher Richtung, liegen sollte; wir suchten sie aber vergebens. Abends um fünf Uhr kamen Lotsen an Bord, von denen wir erfuhren, dass die Stadt im Jahr 1751 durch ein Erdbeben zerstört wurde und nicht mehr das Geringste von ihr übrig war, dass man aber, drei Meilen von der Meeresküste entfernt, am Ufer des Bío Bío eine neue Stadt erbaut habe. Wir hörten auch von den Lotsen, dass man uns in La Concepción bereits erwartete, da Briefe vom spanischen Minister eingetroffen waren, die unseren Besuch ankündigten. Wir lavierten nun weiterhin, um tiefer in die Bucht zu kommen, und warfen abends um neun Uhr die Anker in neun Klafter Tiefe. Gegen zehn Uhr meldete sich als Abgesandter des Kommandanten von La Concepción Herr Postigo, Fregattenkapitän der spanischen Marine, bei mir. Ich behielt ihn über Nacht an Bord, aber gleich bei Tagesanbruch ging er wieder ab, um seinem Vorgesetzten Bericht zu erstatten. Zuvor zeigte er dem Lotsen den Platz, wo wir am bequemsten vor Anker liegen konnten, und bevor er sich zu Pferde setzte, schickte er uns eine so riesige Menge von Frischfleisch, Obst und Gemüse, dass unsere Mannschaft gar nicht alles aufessen konnte. Über den guten Gesundheitszustand der Matrosen schien er sich sehr zu wundern. Wahrscheinlich hatte noch kein Segler Kap Hoorn umschifft und Chile erreicht, ohne Kranke an Bord zu haben, während auf unseren beiden Fregatten kein einziger zu finden war.
4Die nicht existierende Insel Grande de la Roche vermutete Lapérouse zwischen den Malwinen und Südgeorgien.
5Admiral Anson, 1697–1762. Seine Weltreise fand von 1740 bis 1745 statt. Der Bericht über sie wurde im Jahr 1749 veröffentlicht.
6Der Pazifik.
DRITTES KAPITEL
Die Bucht von La Concepción ist eine der bequemsten, die man in irgendeinem Teil der bekannten Welt antrifft. Das Meer ist hier meistens sehr ruhig, und man hat wenig von der Brandung zu fürchten, obgleich die Flut sechs Fuß und drei Zoll hoch steigt. Zur Zeit des Vollmonds erreicht sie um Viertel vor zwei Uhr ihre stärkste Höhe. Der einzige Wind, gegen den die Bucht keine Sicherheit gewährt, ist der Nordwind, doch weht er unter diesem Himmelsstrich nur von Ende Mai bis in den Oktober. Dies ist die Regenzeit. Sobald der Monsun sich legt, stellen sich Südwinde ein, die das ganze Jahr über anhalten und das schönste Wetter mit sich bringen. Der einzige Ankerplatz, an dem man während des Winters gegen die Nordostwinde geschützt ist, befindet sich vor dem Dorf Talcahuana an der südwestlichen Küste. Dieses Dorf ist die einzige Niederlassung, die die Spanier derzeit in der Bucht besitzen, seitdem die Stadt La Concepción, wie ich bereits gesagt habe, im Jahr 1751 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Nach dem Untergang von La Concepción, das nicht durch die Stöße des Erdbebens zugrunde gerichtet, sondern vom Meer verschlungen wurde, zerstreuten sich die Bewohner und kampierten auf den umliegenden Anhöhen. Erst im Jahr 1763 kamen sie auf den Gedanken, sich einen neuen Wohnort auszusuchen, der eine Viertelmeile vom Río Bío Bío und drei Meilen von der ehemaligen Stadt entfernt ist. Hier legten sie eine Siedlung an, in der sich dann der Bischof, das Domkapitel und andere geistliche Stiftungen niederließen. Die neue Stadt hat einen ungewöhnlich großen Umfang, weil die Häuser durchgehend nur ein Stockwerk hoch sind, damit sie weniger unter den Erderschütterungen leiden, die fast jährlich wiederkehren.
Die neue Stadt La Concepción zählt ungefähr zehntausend Einwohner und ist der gewöhnliche Aufenthaltsort des Bischofs und des Militärgouverneurs. Gegen Norden grenzt das Erzbistum an das Bistum von Santiago; Santiago ist die Hauptstadt von Chile und Sitz des Generalgouverneurs. Gegen Osten stößt es an die Kordilleren, und gegen Süden erstreckt es sich bis zur Magellan-Straße. Seine wahre Grenze ist indessen der eine Viertelmeile von der Stadt entfernte Río Bío Bío. Das ganze Land südlich des Bío-Bío-Flusses gehört Indianern, mit Ausnahme der Insel Chiloé und eines kleinen Bezirks um Valdivia. Man kann diese Völkerschaften kaum Untertanen des Königs von Spanien nennen, weil sie fast immer Krieg mit ihm führen. Eben daher kommt es, dass das Amt des Militärkommandanten von äußerster Wichtigkeit ist. Dieser Offizier befehligt sowohl die regulären Truppen wie die Milizen, und dieser Umstand verschafft ihm ein erhebliches Übergewicht über alle anderen Bürger, wiewohl diese eigentlich dem Befehl eines Corregidor unterstehen. Der Militärbefehlshaber hat allein die Aufgabe, das Land zu verteidigen, und muss daher ohne Unterlass kämpfen oder verhandeln. Zurzeit zieht man in Erwägung, die bisherigen Kompetenzen neu aufzuteilen, und zwar so, wie es in unseren Kolonien üblich ist: Kommandant und Intendant sollen sich den Oberbefehl teilen. Indes ist die Bemerkung angebracht, dass es in den spanischen Kolonien keinen souveränen Obersten Rat gibt; diejenigen, denen der König die oberste Gewalt verliehen hat, sind zugleich auch Richter in Zivilsachen. Sie bedienen sich bei Prozessen zwar der Hilfe rechtskundiger Assessoren, allein da die Männer, die als Richter tätig sind, einander an Rang und Würden nicht gleich sind, kann man fast mit Gewissheit annehmen, dass die rangniedrigeren Richter sich das Urteil ihres Vorgesetzten zu eigen machen. Daraus folgt, dass die Rechtsprechung der Willkür eines Einzelnen unterliegt, und dieser Einzelne müsste nicht nur frei sein von Vorurteilen und Leidenschaften, sondern auch die ausgedehntesten Kenntnisse und Einsichten haben, wenn sich hieraus nicht nachteilige Konsequenzen ergeben sollen.
Dieser Teil Chiles ist fruchtbarer als jeder andere auf der Welt. Die Getreidesaat erbringt sechzigfachen Ertrag (ein ausgesätes Korn erbringt sechzig Körner, d. Hrsg.); ebenso ergiebig sind die Weinberge; auf den Feldern weiden riesige Herden, das Vieh vermehrt sich über alle Maßen, ohne dass man sich darum kümmern muss. Die einzige Arbeit der Herdenbesitzer besteht darin, die Tiere in abgezäunte Pferche zu treiben, wo Ochsen, Pferde, Maultiere und Schafe dann beieinanderbleiben. Ein feister Ochse kostet gewöhnlich acht Piaster, einen Hammel bekommt man für dreiviertel Piaster. Trotz dieser niedrigen Preise findet man keine Käufer. Die Einwohner schlachten jährlich eine große Anzahl Ochsen nur der Häute und des Talgs wegen; diese beiden Produkte werden nach Lima gebracht. Man räuchert auch etwas Fleisch. Es dient dem Verbrauch durch die Seeleute, die mit kleinen Schiffen einige Häfen der Südsee anlaufen.
In diesem Land tritt keine einzige Krankheit auf, die daselbst heimisch wäre. Eine trifft man dort häufig an; ich möchte ihren Namen nicht nennen. Diejenigen, die das Glück haben, ihr zu entgehen, erreichen ein sehr hohes Alter. Es leben in La Concepción mehrere Hundertjährige.
Trotz der günstigen Verhältnisse macht das Land infolge des dort in krasser Form praktizierten Prohibitivsystems nicht die geringsten wirtschaftlichen Fortschritte. Chile, dessen Erzeugnisse halb Europa ernähren, das mit seiner Wolle allen Fabriken Frankreichs und Englands die benötigten Rohstoffe liefern und das ungeheure Mengen Pökelfleisch exportieren könnte, treibt so gut wie keinen Handel. Vier oder fünf kleine Schiffe, die aus Lima kommen, führen Jahr für Jahr etwas Zucker, Tabak und einige europäische Fabrikwaren ein, die die bedauernswerten Einwohner somit nur aus zweiter oder dritter Hand beziehen und auf denen die in Cádiz, Lima und endlich auch in Chile erhobenen Abgaben lasten. Sie können im Austausch nichts liefern außer Getreide, dessen Preis so elend niedrig ist, dass der Bauer gar nicht daran interessiert ist, mehr zu ernten, ferner Talg, Häute und Holzbretter. Demzufolge ist die chilenische Handelsbilanz stets negativ. Mit dem Gold, das hier gefunden wird, und einigen geringfügigen Tauschobjekten lassen sich die eingeführten Waren, der Zucker, der Mate-Tee, der Tabak, Wollstoffe, Leinen und Batist sowie die im täglichen Leben unentbehrlichen Eisen- und Kurzwaren schlechterdings nicht bezahlen.
Aus dieser sehr kurzen Darstellung geht deutlich hervor, dass das Königreich Chile nie denjenigen Wohlstand erreicht, den es aufgrund seiner Lage erwarten könnte, wenn Spanien sein bisheriges Wirtschaftssystem nicht abändert und die Einfuhrzölle auf ausländische Waren senkt. Ein geringer Zoll auf Konsumgüter bringt dem Fiskus größeren Profit als ein zu hoher Zoll, der den Konsum auf null reduziert.
Unglücklicherweise bringt dieses Land etwas Gold hervor. Fast alle Bergbäche enthalten ein wenig von diesem Metall, und würden die Einwohner die Mühe nicht scheuen, es auszuwaschen, so könnten sie täglich einen halben Piaster verdienen. Da es hier jedoch Lebensmittel im Überfluss gibt, fehlt der Anreiz zur Arbeit, und da die Chilenen nicht den geringsten Umgang mit Ausländern haben, lernen sie weder Kunst noch Luxus kennen und verspüren nicht den Antrieb, ihre Untätigkeit zu überwinden. Sie lassen ihre Ländereien unangebaut, und diejenigen unter ihnen sind noch die tätigsten, die mitunter einige Stunden auf Goldsuche gehen. Einen Beruf zu erlernen ist ihnen in den meisten Fällen zu anstrengend. So kommt es, dass selbst die Wohnungen der reichsten Leute keine Möbel enthalten. Die in La Concepción tätigen Arbeiter sind allesamt Ausländer.
Die Frauen tragen einen Faltenrock aus altmodischem Gold- oder Silberstoff, wie man ihn ehemals in Lyon herstellte. Diese Röcke, die man nur bei Feierlichkeiten trägt, werden in den Familien wie Juwelen vererbt und gelangen so aus dem Besitz der Großmütter in den der Enkelinnen. Die Zahl der Bürgerinnen, die derlei Prachtkleider ihr eigen nennen, ist beschränkt; alle anderen Frauen sind kaum imstande, ihre Blöße zu bedecken.
Die Faulheit ist, mehr noch als Bigotterie und Aberglauben, daran schuld, dass es in diesem Land eine ungeheure Menge von Mönchen und Nonnen gibt. Erstere genießen weit mehr Freiheiten als anderswo. Da sie nichts zu tun haben und ohne Familienanhang in ehelosem Stand leben, ohne aber der Welt entsagt und sich in eine Zelle zurückgezogen zu haben, gehören sie zu den verdorbensten Menschen in ganz Amerika. Ihr freches Betragen lässt sich mit Worten schlechterdings nicht beschreiben. Ich sah mit eigenen Augen mehrere Mönche, die bis Mitternacht einen Ball besuchten; sie saßen allerdings, von der guten Gesellschaft weit entfernt, bei den Lakaien. Statt die jungen Männer vom Betreten schlechter Häuser abzuhalten, teilen sie ihnen deren genaue Adresse mit. Die einfachen Leute in La Concepción besitzen einen starken Hang zum Stehlen, und die Weiber sind äußerst willfährig. Sie gehören einer degenerierten, mit Indianern vermischten Rasse an. Die Angehörigen der Oberschicht hingegen sind reinblütige Spanier und ungemein höflich und artig. Ich schildere ihr Benehmen am besten, indem ich wiedergebe, was wir in La Concepción erlebt haben.


Kleidung der Einwohner von La Concepción
Kaum hatten wir vor dem Dorf Talcahuana Anker geworfen, als mir auch schon ein Dragoner ein Schreiben des stellvertretenden Kommandanten, Herrn Quexada, überbrachte. Er teilte mir mit, man würde uns empfangen, als ob wir Spanier, also Landsleute, seien. Besonders liebenswürdig war der Zusatz, er sei glücklich darüber, dass sich die Befehle, die er erhalten habe, mit seinen Gefühlen wie auch mit der Gesinnung aller Bewohner von La Concepción deckten. Im Ort selbst stiegen wir beim Platzmajor ab, Herrn Sabatero, der uns auch zu einem sehr guten Abendessen einlud. Spätabends fand uns zu Ehren ein großer Ball statt, an dem die vornehmsten Damen der Stadt teilnahmen.
Herr Duché de Vancy zeichnete die Kleidung dieser Damen, die sich von der in Frankreich üblichen stark unterscheidet. Der Faltenrock enthüllt das halbe Bein und wird von einem weit unterhalb der Taille angebrachten Gürtel zusammengehalten. Dazu tragen die Chileninnen Strümpfe mit roten, blauen und weißen Streifen und Schuhe, die so knapp bemessen sind, dass man nur mit gekrümmten Zehen in sie hineinschlüpfen kann. Die Füße wirken auf diese Weise fast kreisförmig! Sie pudern ihr Haar nicht und flechten es am Hinterkopf in schmale Zöpfe, die auf die Schultern herabfallen. Den Oberkörper bedeckt ein Mieder aus Gold- oder Silberstoff. Darüber schlingt man zwei Mantillen, die eine aus Musselin, die andere aus gefärbter gelber, blauer oder rosa Wolle. Die Wollmantille dient den Frauen von La Concepción als Kopfbedeckung, wenn sie bei kühlem Wetter über die Straße gehen; bei sich zu Hause legen sie sie auf den Schoß. Mit der Mantille aus Musselin wird gespielt, sie wird unablässig hin und her geschoben; bei diesem Spiel zeigen die Damen von La Concepción eine ganz besondere Anmut. Auch sind sie im Allgemeinen hübsch und ausnehmend höflich. In Europa dürfte es keine Hafenstadt geben, in der der Fremde so freundlich aufgenommen wird wie hier.
Kurz vor dem Abendessen hatten wir den Honoratioren von La Concepción sowie dem Bischof unseren Besuch abgestattet. In der Person dieses Letzteren lernten wir einen Mann kennen, der ungemein viel Geist, die Gabe einer angenehmen Unterhaltung und dazu jene Milde des Charakters besitzt, die man an spanischen Bischöfen nicht selten beobachtet. Er ist ein Kreole aus Peru, war nie in Europa und verdankt seine hohe Würde allein seinen Tugenden. Er versicherte uns unter anderem, dass es dem Gouverneur, Don Antonio O’Higgins, sehr leidtue, uns nicht begrüßen zu können, da er sich derzeit noch zu wichtigen Verhandlungen mit den Indianern im Grenzgebiet aufhalte.
Die Indianer Chiles sind nicht mehr die Amerikaner von ehedem, denen die Waffen der Europäer Furcht und Schrecken einjagten. Die Pferde haben sich in der unermesslichen Wildnis des inneren Amerika ebenso rapide wie die Rinder und die Schafe vermehrt; mit der Folge, dass sich jene Völkerschaften in wahre Beduinen verwandelt haben, die man in allem denen vergleichen kann, die in den Wüsten Arabiens zu Hause sind. Da sie fast immer zu Pferd sitzen, sind Streifzüge von zweihundert und mehr Meilen für sie kaum mehr als Spazierritte. Mit ihren Herden ziehen sie von einem Ort zum anderen; sie nähren sich vom Fleisch dieser Tiere, von der Milch und bisweilen von deren Blut, auch kleiden sie sich in deren Häute, aus denen sie Helme, Brustharnische und Schilde verfertigen. So hat die Einführung europäischer Haustierrassen auf die Stämme zwischen Santiago und der Magellan-Straße den nachhaltigsten Einfluss ausgeübt. Sie haben ihre alten Bräuche aufgegeben, nähren und kleiden sich anders, kurz, haben heute mehr Ähnlichkeit mit den Tataren oder den Anrainern des Roten Meeres als mit ihren eigenen Vorfahren von vor zweihundert Jahren.
Es ist leicht einzusehen, dass die Spanier alle Ursache haben, diese Leute zu fürchten. Sie können ihnen nach einem Überfall über so riesige Distanzen nicht nachsetzen. Und ebenso wenig ist es ihnen möglich, die einzelnen Stämme, die vierhundert Meilen weit auseinanderwohnen, daran zu hindern, sich zusammenzurotten und ein Heer von dreißigtausend Mann aufzustellen.
Herrn O’Higgins ist es jedoch gelungen, sich die Zuneigung dieser Stämme zu erwerben und dadurch der Nation, die ihn aufgenommen hat, einen sehr wesentlichen Dienst zu erweisen. Dazu muss man wissen, dass er irischer Herkunft ist und aus einer Familie stammt, die wegen ihres Glaubens und ihrer Anhänglichkeit an das Haus Stuart verfolgt wurde. Ich muss gestehen, dass ich einen unwiderstehlichen Trieb in mir fühlte, diesen loyalen Kriegsmann, von dem alle nur Gutes erzählten, kennenzulernen. Schon nach einer Stunde Unterhaltung schenkte ich ihm, gleich den Indianern, mein Vertrauen. Seine Rückkehr nach La Concepción erfolgte kurz, nachdem ich den Brief erhalten hatte, der mir von ihr Mitteilung machte; ein Kavalleriebefehlshaber kommt schneller voran als ein französischer Seefahrer. Seine Höflichkeitsbezeigungen gingen noch weiter als die des Herrn Quexada und waren so aufrichtig und herzlich, dass wir Franzosen kaum Worte fanden, ihm unsere Dankbarkeit zu bekunden. Da wir allen Bewohnern Dank schuldeten, beschlossen wir, noch vor unserer Abreise ein Fest zu veranstalten und alle Damen von La Concepción dazu einzuladen. Dazu schlugen wir am Meeresufer ein großes Zelt auf, in dem ein Essen stattfand, an dem einhundertfünfzig Personen männlichen und weiblichen Geschlechts teilnahmen. Nach dem Essen veranstalteten wir einen Ball, dann brannten wir ein kleines Feuerwerk ab, und zu guter Letzt ließen wir einen Luftballon aufsteigen, der zwar nur aus Papier war, aber doch groß genug, um Aufsehen zu erregen.
Tags darauf benutzten wir dasselbe Zelt für ein Festessen, zu dem die Besatzung der beiden Fregatten geladen wurde. Wir speisten alle an einem Tisch; oben saßen Herr de Langle und ich, dann folgten sämtliche Offiziere bis herab zum letzten Matrosen; als Tafelgeschirr dienten hölzerne Schüsseln. Unsere Seeleute waren so vergnügt, dass man ihnen die Freude an den Augen ansah. Sie schienen insgesamt gesünder und tausendmal glücklicher als am Tag unserer Abfahrt in Brest.
Da nun der Gouverneur geäußert hatte, dass er uns zu Ehren ebenfalls eine Lustbarkeit zu geben gedächte, verfügten wir uns alle mit Ausnahme der diensttuenden Offiziere nach La Concepción. Herr O’Higgins kam uns entgegengeritten und begleitete uns in seine Residenz, wo uns eine Tafel mit hundert Gedecken erwartete, an der alle Offiziere und die vornehmsten Einwohner der Stadt sowie mehrere Damen Platz nahmen. Vor jedem Gang, der serviert wurde, deklamierte ein Franziskaner aus dem Stegreif Verse, die das Bündnis zwischen Spanien und Frankreich feierten. In der nächstfolgenden Nacht war wiederum großer Ball, zu dem die Damen in ihren schönsten Kleidern erschienen und auf dem einige maskierte Offiziere ein Ballett tanzten.
Alle diese Vergnügungen und der überschwängliche Empfang, der uns zuteilwurde, hielten mich nicht davon ab, meine Aufgaben im Auge zu behalten. Am Tag unserer Ankunft hatte ich bekanntgegeben, dass ich am 15. März wieder in See stechen würde. Der Mannschaft gab ich die Erlaubnis, sich an Land nach Belieben zu vergnügen, sobald die Schiffe ausgebessert und Lebensmittel, Holz und Wasser an Bord geschafft seien. Diese Anordnung wirkte Wunder: Rascher wurden zwei Fregatten noch nie instand gesetzt und beladen. Vor den Folgen meines Versprechens war mir ein wenig bange, da es gar zu sehr den Wünschen der Matrosen entsprach und der Wein in Chile sehr billig ist; jedes Haus in Dorf Talcahuana ist eine Schenke, und die Frauen aus dem Volk sind fast ebenso willig wie die auf Tahiti. Indessen kam es nicht zu Unmäßigkeiten, und unser Schiffschirurg musste mir nicht mitteilen, dass die Vergünstigung nachteilige Auswirkungen gehabt habe.
Am 15. gab ich bei Tagesanbruch das Signal, die Anker zu lichten; in ebendiesem Augenblick sprang der Wind nach Nord. Von dorther stürmte es sehr heftig, auch setzte in der Nacht vom 15. auf den 16. starker Regen ein. Am 17., gegen Mittag, erhob sich ein gelinder Südwestwind, mit dem ich unter Segel ging; er war aber so schwach, dass er uns nur zwei Meilen aus der Bucht führte, dann kamen wir, da völlige Windstille eintrat, nicht mehr von der Stelle. Die ganze Nacht tummelten sich rings um uns her mehrere Wale, die unseren Fregatten bisweilen so nahe kamen, dass sie das Wasser aus ihren Nasenlöchern über Bord spritzten.
Am 19. gelang es mir mithilfe des Südwindes, mich von der Küste zu entfernen. Ich nahm Kurs auf die Juan-Fernández-Insel7, an der wir östlich vorbeisegelten. Am 3. April, als wir uns unter der südlichen Breite von 27 Grad 5 Minuten und unter der westlichen Länge von 101 Grad befanden, bekamen wir Wind, der von Nordost nach Nordwest drehte. Wir sahen jetzt einige Vögel, und zwar die ersten, die uns begegneten, seitdem wir Juan Fernández hinter uns gelassen hatten. Ich zähle nicht eine oder zwei Seemöwen, die uns auf einer Fahrt von sechshundert Meilen kurze Zeit begleitet hatten. Windwechsel ist das sicherste Zeichen für nahes Land; aber die Naturforscher werden vielleicht einige Mühe haben, zu erklären, wie es zugeht, dass sich der Einfluss einer kleinen Insel mitten im unermesslichen Ozean auf hundert Meilen im Umkreis bemerkbar macht. Überdies genügt es nicht, dass ein Seefahrer den Abstand zu einer Insel richtig schätzt; er muss auch die Windverhältnisse in ihrem Bereich erraten. Der Flug der Vögel nach Sonnenuntergang sagt über Windverhältnisse nichts aus, ihre Beobachtung war mir nie hilfreich. Ich bin davon überzeugt, dass die Flugrichtung der Vögel stets nur von dem Appetit auf Beute bestimmt wird. Oft sah ich Seevögel bei Einbruch der Nacht so häufig die Richtung wechseln, dass auch der enthusiastischste Augur nicht imstande gewesen wäre, hieraus bestimmte Folgerungen zu ziehen.
Am 4. April war ich nur noch sechzig Meilen von der Osterinsel entfernt; es kamen mir keine Vögel zu Gesicht, der Wind blies aus Nordnordwest, und wenn mir die Lage der Insel nicht so genau bekannt gewesen wäre, hätte ich höchstwahrscheinlich in der sicheren Annahme, sie verfehlt zu haben, einen anderen Kurs eingeschlagen. Dies waren meine Gedanken an Ort und Stelle. Ich sehe mich gezwungen zuzugeben, dass die Entdeckung von Inseln bloß auf Zufall beruht. Sehr häufig steuern die Seefahrer gerade aufgrund scharfsinniger Berechnungen an ihnen vorbei.
In der Nacht vom 8. auf den 9. April segelten wir an der Küste der Osterinsel in einer Entfernung von drei Meilen vorüber. Es herrschte klares Wetter, und der Wind hatte in weniger als drei Stunden von Nord auf Südost gedreht. Als es Tag wurde, steuerte ich auf die Cook Bay zu; von allen Buchten der Insel bietet sie den meisten Schutz gegen Winde aus Nord, Ost und Süd, nur der Westwind hat Zugang. Das Wetter war so schön, dass ich annahm, dieser Wind werde vielleicht mehrere Tage nicht wehen. Gegen elf Uhr morgens befand ich mich nur noch eine Meile vom Ankerplatz; die Astrolabe hatte bereits ihren Anker geworfen, und ich legte mich dicht neben sie; die Meeresströmung war aber so stark, dass die Anker beider Schiffe keinen Grund fanden und wir genötigt waren, sie wieder zu lichten und unsere Fahrzeuge zwei Mal zu wenden, bevor wir einen günstigeren Platz fanden.
Diese Widrigkeiten schreckten die Indianer nicht davon ab, uns ihren Besuch abzustatten. Sie schwammen uns wohl eine Meile in die offene See nach, kletterten zu uns an Bord, lachten und zeigten so viel Selbstbewusstsein, dass sie mir eine sehr vorteilhafte Meinung von ihrem Charakter beibrachten. Wären sie argwöhnisch gewesen, so würden sie, als wir wieder unter Segel gehen mussten, unfehlbar befürchtet haben, dass wir sie vielleicht entführen und aus ihrem Vaterland fortschleppen wollten. Allein die Idee einer solchen Perfidie lag ihnen gänzlich fern. Sie kamen nackt und ohne Waffen zu uns, ohne mehr auf dem Leib zu haben als eine um die Lenden gebundene Schnur, an welcher sie ein Büschel Kräuter befestigt hatten, um ihre Blöße zu verhüllen.
Der Maler Hodges, der Kapitän Cook auf seiner zweiten Reise begleitet hat, hat die Physiognomie der Insulaner ganz falsch wiedergegeben. Sie ist durchweg angenehm, aber verschiedenartig. Sie bilden keine Rasse mit charakteristischen Merkmalen wie die Malaien, die Chinesen oder die Chilenen.
Ich beschenkte diese Indianer mit allerlei Dingen. Kleine Stückchen bunter Leinwand, die ungefähr eine halbe Elle lang waren, schienen ihnen lieber zu sein als Nägel, Messer und Glasperlen. Noch weit begieriger waren sie nach Hüten, von denen wir leider eine zu geringe Anzahl an Bord hatten, als dass wir viele davon hätten abgeben können. Abends um acht Uhr nahm ich von meinen neuen Gästen Abschied, indem ich ihnen durch allerlei Zeichen zu verstehen gab, dass ich am folgenden Morgen in aller Frühe an Land kommen würde. Unter Hüpfen und Tanzen stiegen sie darauf wieder in ihr Kanu und setzten ab. Als sie noch etwa zwei Büchsenschuss vom Ufer entfernt waren, an welches die Brandung mit dem größten Ungestüm anschlug, sprangen sie in die See. Vorher hatten sie vorsichtigerweise aus meinen Geschenken kleine Bündel gemacht und sich auf den Kopf gebunden, damit sie nicht nass würden.
7Heute Isla Robinson Crusoe.
VIERTES KAPITEL
Die Cook Bay auf der Osterinsel liegt unter 27 Grad 11 Minuten südlicher Breite und 111 Grad 55 Minuten 30 Sekunden westlicher Länge. Gleich mit Anbruch des Tages ließ ich alles für unsere Landung vorbereiten. Ich durfte hoffen, auf der Insel Freunde zu finden, weil ich alle diejenigen, die tags zuvor an Bord gekommen waren, reichlich beschenkt hatte. Indes war mir aus den Berichten anderer Seefahrer sattsam bekannt, dass man diese Indianer als große Kinder ansehen muss, in denen beim Anblick europäischer Gerätschaften so heftige Begierden entstehen, dass sie sich alles Mögliche einfallen lassen, um ihrer habhaft zu werden. Ich hielt es daher für ratsam, mir rechtzeitig bei ihnen Respekt zu verschaffen, und traf deshalb die Anordnung, unsere Landung mit kriegerischem Pomp zu inszenieren. Diese Wirkung erreichten wir dadurch, dass wir mit vier Booten unter einer Bedeckung von zwölf bewaffneten Soldaten an Land gingen. Herr de Langle und ich hatten ein Gefolge von ungefähr siebzig Personen: Es begleiteten uns alle an Bord befindlichen Wissenschaftler, alle Offiziere außer den diensttuenden sowie die Mannschaften unserer Ruderboote. Am Ufer erwarteten uns vierhundert oder fünfhundert Indianer; sie waren unbewaffnet, einige hatten sich mit einzelnen Stücken gelben oder weißen Stoffs geschmückt, die meisten aber waren vollständig nackt. Mehrere dieser Leute trugen Tätowierungen und hatten ihre Gesichter mit roter Farbe bemalt. Ihr Geschrei und ihr Mienenspiel bekundeten Freude. Sie kamen uns bis ins Wasser entgegen und reichten uns die Hand, um uns beim Aussteigen aus den Booten zu helfen.
Die Höhe der Insel beträgt in dieser Gegend ungefähr zwanzig Fuß; die Berge liegen sieben- bis achthundert Klafter landeinwärts; vom Fuß dieser Berge an fällt das Land sanft zum Meer ab. Diese Fläche ist von einer Grasart bedeckt, die, wie ich glaube, ein gutes Rinderfutter abgäbe. Im Gras liegen obenauf große Wackersteine, die mit denjenigen absolut identisch sind, die man auf Île-de-France8 Giraumons oder Flaschenkürbisse nennt, weil sie in Form und Umfang an diese erinnern. Diese Steine hinderten uns zwar am Gehen, sind aber eine Wohltat der Natur; sie erhalten nämlich den Boden immer feucht und kühl und ersetzen auf diese Weise erquickenden Schatten der Bäume, die die Inselbewohner unbedachterweise schon vor undenklichen Zeiten gefällt haben, mit dem Resultat, dass ihr Land von der heißen Sonne ausgedörrt wird und sie ohne Wassergräben, Bäche und Quellen auskommen müssen. Diese unwissenden Leute hatten nicht herausgefunden, dass es auf kleinen, in einem unermesslichen Ozean liegenden Inseln die Vegetation ist, die die Wolken anzieht und in bergigen Gegenden jene starken Regenfälle hervorruft, die dann in der Form von Quellen und Bächen ein ganzes Eiland bewässern. Darum herrscht auf Inseln ohne hohe, schattenspendende Bäume eine fürchterliche Dürre. Herr de Langle war ganz meiner Meinung, dass dieses Volk seine jetzige traurige Lage bloß der Unwissenheit seiner Vorfahren zuzumessen hat. Auch ist es sehr wahrscheinlich, dass es anderen Südseeinseln nur darum nicht an Wasser gebricht, weil sie glücklicherweise sehr hohe und unzugängliche Gebirge besitzen, in denen es schlechterdings nicht möglich war, alle Bäume abzuholzen. Während meines langen Aufenthalts auf Île-de-France, einer Insel, die mit der Osterinsel eine auffällige Ähnlichkeit aufweist, konnte ich beobachten, dass Bäume, die nicht durch andere Bäume oder durch steinerne Mauern gegen die Seewinde geschützt sind, nicht wachsen können; diese Erfahrung gilt auch für die Osterinsel und erklärt deren Verwüstung. Die Bewohner der Insel sollten sich, statt über ihre längst erloschenen Vulkane, über ihren unklugen Umgang mit der Natur beklagen. Da sich der Mensch aber besser als jedes andere Lebewesen den einmal gegebenen Umständen anpasst, kamen mir diese Insulaner bei Weitem nicht so unglücklich vor, wie Kapitän Cook und der Deutsche Förster sie geschildert haben. Diese kamen freilich nach einer langen, mühseligen Reise hier an, litten Mangel an allem und waren skorbutkrank; sie konnten weder Wasser noch Holz oder Schweine bekommen, einige wenige Hühner, Bananen und Süßkartoffeln halfen ihnen auch nicht viel weiter. So spiegeln ihre Reiseberichte im Grunde nur ihre schlimme Lage. Die unsrige war weitaus günstiger. Die Mannschaft beider Schiffe war kerngesund, wir hatten uns in Chile auf mehrere Monate mit allen nur erdenklichen Vorräten versehen und begehrten von den Bewohnern der Osterinsel weiter nichts als die Erlaubnis, ihnen Wohltaten erweisen zu dürfen. Wir überbrachten diesem Völkchen Schafe, Ziegen und Schweine sowie die Samen von Orangen- und Zitronenbäumen, Baumwolle, Mais und anderen Pflanzenarten, die im dortigen Klima gedeihen konnten.

Karte und Ansichten der Osterinsel – aufgenommen im April 1786 an Bord der französischen Fregatten La Boussole und L’Astrolabe
Nachdem wir uns ausgeschifft hatten, stellten sich die mich begleitenden bewaffneten Soldaten auf mein Geheiß in einem weiten Kreis auf. Wir gaben den Inselbewohnern zu verstehen, dass sie die Kreisfläche nicht betreten dürften. Hier schlugen wir ein Zelt auf. Als dies geschehen war, ließ ich die für sie bestimmten Geschenke an Land schaffen. Da ich ausdrücklich befohlen hatte, dass keiner von unseren Leuten Schüsse abgeben, ja selbst die zudringlichsten Indianer nicht mit dem Flintenkolben zurückstoßen solle, kamen wir rasch in arge Verlegenheit. Das Gedränge wuchs, es kam zu Rangeleien, denn die Begierde der Insulaner ließ sich kaum mehr eindämmen. Zuletzt umringten uns mindestens achthundert Personen, darunter bestimmt hundertfünfzig Weiber. Viele von ihnen waren hübsch und äußerst entgegenkommend, sie boten ihre Gunst jedem an, der ihnen etwas dafür geben wollte. Die Indianer bedeuteten uns, dass wir uns dieser Frauen und Mädchen bedienen sollten. Einige von ihnen boten uns sogar eine Demonstration der Vergnügen, die uns erwarteten; von den Gaffern, die uns bedrängten, waren diese Paare nur durch eine einfache Decke aus einheimischem Stoff getrennt. Während uns die Weiber mit ihren Liebkosungen heimsuchten, wurden uns die Hüte von den Köpfen und die Schnupftücher aus den Taschen gestohlen. Dass diese Diebstähle verabredet und alle Komplizen waren, konnte man daraus ersehen, dass alle nach vollbrachter Tat im selben Augenblick die Flucht ergriffen und wie ein Vogelschwarm aufflogen. Als sie sahen, dass wir von unseren Gewehren keinen Gebrauch machten, kamen sie nach einigen Minuten wieder zurück. Die Weiber fingen erneut an, mit uns zu schmusen, die Männer passten einen günstigen Augenblick ab, um wieder etwas zu stibitzen. Dieses Spiel wiederholte sich den ganzen Vormittag über.
Da wir uns vorgenommen hatten, in der Nacht wieder abzureisen und folglich die Zeit viel zu kurz war, als dass wir uns hätten darauf einlassen können, den Insulanern ihre Unarten abzugewöhnen, hielten wir es für das Beste, uns an ihren Diebereien zu belustigen. Um aber jedem Akt der Gewalttätigkeit vorzubeugen, der schlimme Folgen hätte haben können, ließ ich den Soldaten und Matrosen mitteilen, dass ich ihnen die gestohlenen Hüte und Mützen ersetzen würde. Fast alle Indianer waren unbewaffnet; drei oder vier von ihnen trugen eine Art Streitkolben, die aber einen nicht eben sehr gefährlichen Eindruck machten. Einige Inselbewohner schienen über die anderen eine gewisse, wiewohl wenig ins Gewicht fallende, Autorität auszuüben. Ich hielt sie für die Häuptlinge und verteilte unter sie Medaillen, die ich ihnen mit einer Kette um den Hals hängte. Bald allerdings merkte ich, dass just sie die abgefeimtesten Spitzbuben waren. Sie stellten sich zwar, als ob sie denen, die uns die Schnupftücher entwendet hatten, nachjagen wollten, doch konnte man ihnen leicht ansehen, dass sie dies mit dem festen Vorsatz taten, die Übeltäter nicht einzuholen.
Da wir nur acht bis zehn Stunden auf der Insel bleiben konnten, mussten wir jeden Augenblick zu nutzen suchen, ich vertraute daher meinem Ersten Schiffsleutnant, Herrn d’Escures, die Bewachung unseres Zeltes und aller mitgeführten Gegenstände an und übertrug ihm zugleich das Kommando über die gelandeten Matrosen und Schiffssoldaten. Als dies geschehen war, teilten wir uns in zwei Haufen. Der eine, unter dem Befehl des Kapitäns de Langle, erhielt den Auftrag, so weit wie möglich in das Innere der Insel vorzustoßen und an jedem dazu geeigneten Ort einige Samenkörner zu pflanzen; auch sollte er den Boden, die Pflanzen, die Gärten der Wilden, sie selbst sowie die berühmten Denkmäler der Osterinsel untersuchen. Zu diesem Haufen gesellten sich alle diejenigen, die sich zutrauten, eine große Strecke zu gehen. Er bestand unter anderem aus Herrn Dagelet, Herrn de Lamanon, Herrn Duché de Vancy, Herrn de La Martinière, Pater Receveur, Abbé Mongès und dem Gärtner. Der zweite Haufen, an den ich mich hielt, begnügte sich damit, die Denkmäler, ihre Sockel, die Häuser und die Pflanzungen in einer Gehstunde Entfernung von unserem Zelt in Augenschein zu nehmen. Die Ansichten der Denkmäler9, die Herr Hodges für Cooks Reisen gezeichnet hat, geben den Gesamteindruck nur unvollkommen wieder. Herr Förster vermutet, sie seien von einem Volk verfertigt worden, das ehedem viel zahlreicher war als heute; ich kann nicht einsehen, worauf sich diese Meinung gründet. Die größte dieser plump gearbeiteten Statuen, die wir auf den steinernen Plattformen aufgestellt sahen, war nur vierzehn Fuß und sechs Zoll hoch. Quer über die Schulter betrug ihre Breite sieben Fuß und sechs Zoll; am Unterleib war sie drei Fuß dick, ganz zuunterst aber fünf Fuß dick und sechs Fuß breit. Diese Statuen können, möchte ich behaupten, von der jetzigen Generation verfertigt worden sein, die sich ohne Übertreibung auf zweitausend Seelen beläuft. Die Zahl der Frauen auf der Insel scheint mit der der Mannsleute so ziemlich gleich zu sein; auch sah ich nirgendwo mehr Kinder herumstrolchen. Und wiewohl ich unter den beinahe zwölftausend Inselbewohnern, die unsere Landung an der Bay angelockt hatte, nicht mehr als höchstens dreihundert Weiber wahrnahm, so konnte ich daraus doch nichts anderes folgern, als dass die übrigen Weiber zu Hause geblieben waren – weil sie mehr Zurückhaltung übten oder weil sie mit ihrem Haushalt und ihren Kindern beschäftigt waren –, sodass wir nur diejenigen sahen, die unweit der Bucht wohnten. Diese Vermutung konnte Herr de Langle bestätigten, er berichtete, dass er im Inneren der Insel eine große Anzahl Frauen und Kinder angetroffen habe. Auch begaben wir uns allesamt zu den Höhlen, wo sich die Weibspersonen, wie Herr Förster und einige von Cooks Offizieren anfänglich glaubten, vor ihnen versteckt hatten. Diese Höhlen sind unterirdische Wohnungen; sie sind nicht anders geformt als diejenigen, die ich sogleich beschreiben werde und in denen wir kleine Bündel Reisigholz fanden. Der größte Wohnplatz war nur fünf Fuß lang und hatte einen Durchmesser von knapp sechs Zoll. Warum die Inselbewohner ihre Frauen und Kinder hier verbargen, als Kapitän Cook sie im Jahre 1772 besuchte, kann ich nicht erklären. Ich habe alle Ursache zu vermuten, dass das Vertrauen, das uns die Inselbewohner entgegenbrachten und das uns gestattete, sie gründlicher zu studieren, das Resultat von Cooks Diplomatie und Großzügigkeit war.


Die Osterinsel: Bewohner und Denkmäler
Man nimmt an, dass alle Denkmäler auf der Insel aus uralten Zeiten stammen. Herr Duché de Vancy hat sie sehr genau gezeichnet. Sie stehen im Freien, und man findet in ihrer Nähe eine große Menge Knochen, was darauf hindeutet, dass sie Begräbnisstätten waren. Heutigentags errichtet man statt dieser Kolosse kleine, pyramidenförmige Steinhaufen, deren Spitze mit Kalkwasser angestrichen wird. Diese Mausoleen, die ein einzelner Mann in einer Stunde auftürmen kann, trifft man besonders häufig in Ufernähe an. Ein Indianer legte sich auf den Boden, um uns dadurch zu verstehen zu geben, dass diese Steine ein Grab seien; dann hob er beide Hände gen Himmel, um anzuzeigen, dass er an ein künftiges Leben glaube. Anfangs wollte mir diese Deutung nicht einleuchten, und ich muss zugeben, dass ich den Inselbewohnern eine Vorstellung dieser Art nicht zutraute. Als ich aber nachher mehrere von ihnen dieses Zeichen wiederholen sah, und als mir Herr de Langle erzählte, dass er auf seinem Streifzug durch das Innere der Insel dieselbe Beobachtung gemacht habe, blieb mir diesbezüglich kein Zweifel mehr übrig. Im Übrigen nahmen wir auf der Insel keine Spur von Gottesdienst wahr; ich glaube, niemand wird die bereits erwähnten Statuen für Götzenbilder halten, obschon die Indianer für sie eine gewisse Ehrerbietung zeigen. Die kolossalen Bildsäulen, deren Dimensionen ich bereits angegeben habe, bestehen aus eisenhaltigem Tuff, einer vulkanischen Steinart, die den Naturforschern unter der Benennung Lapillo bekannt ist. Der Stein ist so fein und leicht, dass einige von Cooks Offiziere auf den Einfall kamen, ihn für ein Kunstprodukt zu halten, das aus einer Art von Mörtel hergestellt und dann unter der Einwirkung der Luft hart wird. Noch hat man keine Erklärung dafür, wie eine so schwere Last ohne die dazu erforderlichen Richtkeile aufgerichtet werden konnte. Wir sind aber, wie gesagt, davon überzeugt, dass die Bildsäulen aus sehr leichtem Vulkanstein bestehen. Schon Kapitän Cook hat sehr gut erklärt, dass man mit fünf bis sechs Ruten langen Hebeln, wenn man nur Steine unter sie schiebt, noch weit schwerere Lasten stemmen kann; eine Arbeit, die hundert Männer bequem verrichten können. Bei einer größeren Anzahl würde nur einer dem anderen im Weg stehen. Demzufolge fällt alles Wunderbare gänzlich weg, erklärt man den Lapillo nur für ein Naturprodukt. Auch hat man allen Grund anzunehmen, dass es auf dieser Insel nur darum keine neuen Denkmäler gibt, weil hier alle Stände einander gleich sind und weil es niemandem einfällt, sich zum König eines Volkes aufzuwerfen, das beinahe ganz nackt einhergeht und sich von nichts als Süßkartoffeln und Jamswurzeln nährt. In Ermangelung benachbarter Volksstämme, die sie in Kriege verwickeln könnten, haben die Bewohner der Osterinsel es nicht nötig, sich einem Anführer mit beträchtlicher Autorität zu unterwerfen.
Über die Sitten und Bräuche dieses Volkes, dessen Sprache mir ganz unbekannt war und das ich nur einen einzigen Tag vor Augen hatte, darf ich weiter nichts als bloße Vermutungen wagen; doch konnte ich die Erfahrungen anderer Reisender verwerten, die schon früher dagewesen waren und deren Berichte ich genau studiert hatte. Ich bin also in der Lage, ihre Beobachtungen durch eigene Überlegungen zu ergänzen.
Auf der Insel wird kaum der zehnte Teil des Bodens bearbeitet. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Indianer nur drei Tage zu arbeiten braucht, um sich alles das zu verschaffen, was er das ganze Jahr hindurch für seinen Lebensunterhalt nötig hat. Die Leichtigkeit, mit der hier jeder seine Bedürfnisse befriedigen kann, lässt mich vermuten, dass die Insulaner die Produkte der Erde unter sich aufteilen, wie ich auch fast mit Gewissheit annehme, dass sie – mindestens in ihrem Dorf oder ihrem Distrikt – in Gemeinschaftshäusern leben. Ich maß eins dieser Häuser aus. Es stand nicht weit von der Stelle entfernt, an der wir Posten gefasst hatten, war dreihundertzehn Fuß lang, zehn Fuß breit und in der Mitte zehn Fuß hoch. Im Aussehen glich es einer umgestülpten Piroge. Es besaß nur zwei Türen, die gerade zwei Fuß hoch waren, sodass man auf Händen und Füßen hineinkriechen musste, aber das Ganze konnte mehr als zweihundert Personen fassen. Dem Oberhaupt dieses Volks konnte das Haus nicht als Aufenthaltsort dienen, denn es enthielt keinerlei Gerätschaften, auch hätte ihm seine riesige Ausdehnung keinen Vorteil gebracht. Es bildete vielmehr mit zwei benachbarten kleineren Hütten ein eigenes Dorf.
Wahrscheinlich verfügt jeder Distrikt auf der Osterinsel über einen eigenen Häuptling, dem die Aufsicht über die Pflanzungen anvertraut ist. Kapitän Cook glaubte, dieser Häuptling sei der Eigentümer. Wenn es aber den berühmten Seefahrer einige Mühe kostete, sich mit einer hinlänglichen Menge Süßkartoffeln und Jamswurzeln zu versorgen, so war dieser Umstand durchaus nicht auf Lebensmittelmangel zurückzuführen, sondern er rührte daher, dass diese Naturprodukte nur mit Zustimmung nahezu aller an Fremde verkauft werden dürfen.
Was die Frauen angeht, so getraue ich mich nicht zu entscheiden, ob sich die Einwohner eines Bezirks derselben gemeinschaftlich bedienen und ob ihre Kinder der Gemeinschaft gehören. So viel ist richtig, dass es ganz so aussah, als ob kein einziger Indianer über irgendeine Frau die Autorität des Ehemanns ausüben dürfe. Sollten die Inselbewohner aber ihre Ehehälften als ihr Privateigentum betrachten, dann gehen sie auf jeden Fall sehr verschwenderisch mit ihm um.
Man findet auf der Insel, wie ich schon gesagt habe, einige unterirdische Wohnungen; andere sind aus Binsen verfertigt, was beweist, dass es im Inneren der Insel sumpfige Gegenden gibt. Diese Binsen sind auf eine sehr künstlerische Art ineinandergeflochten und bieten einen vollkommenen Schutz gegen Regen. Die Binsenhütten ruhen auf einem Sockel von Hausteinen von achtzehn Fuß Dicke, in den man in regelmäßigen Abständen Löcher gebohrt hat. In den Löchern stecken Stangen, die, bogenförmig gekrümmt, das Dach tragen. Es besteht, wie die Seitenwände, aus Binsenmatten.
An der Verwandtschaft der Bewohner der Osterinsel mit den Bewohnern anderer Südseeinseln kann man, wie schon Kapitän Cook festgestellt hat, nicht zweifeln. Sie sprechen dieselbe Sprache und gleichen einander im Aussehen. Ihre Stoffe verfertigen sie aus der Rinde des Maulbeerbaums. Auf der Osterinsel sind diese Bäume sehr selten, weil sie zumeist der Dürre zum Opfer gefallen sind. Diejenigen, die man noch antrifft, sind nie über drei Fuß hoch, und man muss Mauern aufführen, um sie gegen den Wind zu schützen. Merkwürdig ist es, dass die Maulbeerbäume nie höher werden als die Mauern, die ihnen als Schutzwehr dienen.
In älteren Zeiten dürften sich die Insulaner derselben Landesprodukte erfreut haben wie die Bewohner der Gesellschaftsinseln. Die Obstbäume sind infolge der Trockenheit zugrunde gegangen, der auch die Schweine und die Hunde erlagen; diese Tiere können sich ohne viel Wasser schlechterdings nicht behelfen. Der Mensch aber, der in der Hudson Bay Waltran zu sich nimmt, gewöhnt sich an alles. Ich habe auf der Osterinsel Einheimische beobachtet, die, gleich den Albatrossen von Kap Hoorn, Meerwasser tranken. Wir kamen in der feuchten Jahreszeit an; in den Löchern und Vertiefungen am Strand gab es ein wenig Brackwasser, das die Indianer in Kalebassen füllten und uns zum Trinken anboten; aber selbst den Durstigen unter unseren Leuten ekelte davor. Ich bezweifle daher, dass die Schweine, die ich den Insulanern zum Geschenk machte, sich hier fortpflanzen werden, aber ich hoffe, dass die Schafe und die Ziegen gedeihen, die wenig Flüssigkeit zu sich nehmen und gern Salz lecken.
Nachmittags um ein Uhr ging ich wieder zu unserem Zelt zurück, in der Absicht, mich an Bord zu begeben, damit mein Zweiter Schiffsleutnant, Herr de Clonard, auch einmal Landluft schnuppern könne. Bei meiner Rückkehr stellte sich heraus, dass fast alle unsere Leute keine Hüte und keine Schnupftücher mehr besaßen. Unsere Nachsicht hatte die Diebe immer dreister gemacht, die auch mir eins auswischten. Ein Indianer, der mir geholfen hatte, von einer Plattform herabzusteigen, riss mir den Hut vom Kopf und lief aus Leibeskräften davon; der ganze Haufen rannte ihm, wie üblich, nach. Ich ließ ihn entwischen, weil ich nicht als Einziger das Vorrecht haben wollte, mich gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, gingen mittlerweile doch alle unsere Leute mit unbedecktem Haupt herum. Stattdessen widmete ich meine Aufmerksamkeit erneut besagter steinerner Erhöhung, um sie noch genauer zu untersuchen. Ich muss gestehen, da mir dieses Monument eine sehr hohe Meinung von der Begabung beigebracht hat, die dieses Volk in älterer Zeit für Bauarbeiten besessen hat. Das pompöse Wort Baukunst wäre hier fehl am Platz. Man ersieht aus allem, dass dieses Volk nie einen Begriff von irgendeiner Art Mörtel hatte, sich aber sehr wohl darauf verstand, Steine nach allen Regeln der Kunst zu spalten, zuzuhauen und aneinanderzufügen.
Um zwei Uhr ging ich an Bord, und Herr de Clonard begab sich an Land. Bald darauf wurde mir von zwei Offizieren der Astrolabe die Nachricht überbracht, die Indianer hätten abermals einen Diebstahl verübt und seien dabei mit der Mannschaft heftiger als bisher aneinandergeraten. Einige Taucher hatten vom Boot, das zur Astrolabe gehört, unterhalb der Wasserfläche das Tau durchgeschnitten und den daranhängenden Anker gestohlen. Man bemerkte es nicht eher als zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Diebe schon weit landeinwärts befanden. Da wir diesen Anker nicht entbehren konnten, verfolgten zwei Offiziere und mehrere Soldaten die Übeltäter. Sie wurden von den Indianern mit einem Steinregen empfangen. Ein Gewehrschuss in die Luft blieb ohne Erfolg. Das Kommando sah sich gezwungen, mit Schrot zu feuern; einige Schrotkörner trafen wohl einen der Insulaner, denn die Steinwürfe hörten auf. Unsere Offiziere erreichten unbehelligt unser Zelt. Die Diebe waren nicht mehr einzuholen, und sie werden sich nicht wenig darüber gewundert haben, dass wir sie im ungestörten Besitz ihres Raubes ließen.
Bald darauf näherten sie sich wieder unseren Posten und boten ihnen ihre Frauen an; wir waren also wieder gut Freund wie bei unserer ersten Begegnung. Abends um sechs Uhr war endlich wieder alles eingeschifft, und nachdem man unsere Boote an Bord gehievt hatte, gab ich das Signal zur Vorbereitung der Abfahrt. Bevor wir unter Segel gingen, erstattete mir Herr de Langle einen ausführlichen Bericht über seinen Streifzug durch das Innere der Insel. Er hatte auf seinem ganzen Weg Samen gepflanzt und den Insulanern zahlreiche Beweise seines Wohlwollens gegeben. Nur um das Charakterbild der Inselbewohner abzurunden, sei erwähnt, dass ein Häuptling, den Herr de Langle mit einem Bock und einer Ziege beschenkte, dieses Präsent mit der einen Hand annahm und ihm mit der anderen sein Schnupftuch stahl.
Gewiss ist, dass diese Völkerschaften zum Stehlen eine ganz andere Einstellung haben als wir. Sehr wahrscheinlich finden sie es nicht entehrend, einem anderen etwas wegzunehmen, jedoch wissen sie ganz genau, dass sie Unrecht begehen, da sie ja allemal gleich nach verübter Tat die Flucht ergreifen. Dies deutet darauf hin, dass sie eine Bestrafung fürchten. Diese Strafe, in einem angemessenen Verhältnis zum Vergehen, wäre auch ihnen zuteilgeworden, wenn wir uns noch längere Zeit auf der Insel aufgehalten hätten, denn unsere allzu große Nachsicht trug uns ersichtlich nur Ärger ein.
Keiner, der neuere Reiseberichte gelesen hat, wird die Bewohner der Südseeinseln für Wilde halten. Sie haben ganz im Gegenteil in der Zivilisation große Fortschritte gemacht; ich halte sie für so verdorben, wie sie in Anbetracht ihrer Lebensumstände nur sein können. Mein Urteil gründet sich nicht darauf, dass sie uns zu wiederholten Malen bestahlen, sondern auf die Art und Weise, wie sie sich bei diesen Diebstählen verhielten. Die abgefeimtesten Gauner bei uns in Europa sind keine so argen Heuchler wie die Bewohner der Osterinsel. Alle ihre Schmeicheleien und Zärtlichkeiten waren Verstellung. Ihr Mienenspiel drückte kein einziges Mal echtes Gefühl aus, und unter allen Indianern durften wir denen am wenigsten trauen, die wir gerade beschenkt hatten und die mit Feuereifer taten, als wollten sie sich mit tausend kleinen Gefälligkeiten revanchieren.
Sie packten Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren und schleppten sie, in der Hoffnung auf einen guten Lohn, bis zu uns. Die jungen Indianerinnen sträubten sich so sehr, dass deutlich genug zu sehen war, wie hier das Gesetz des Landes verletzt wurde. Übrigens machte kein Franzose von dem barbarischen Recht, das man ihm nahelegte, Gebrauch. Wenn die natürlichen Triebe gestillt wurden, dann nur mit dem Einverständnis der einheimischen Frauen, und stets taten die den ersten Schritt.
Die Meeresküste um die Insel scheint nicht besonders reich an Fischen zu sein. Ich glaube, die Bewohner der Osterinsel nähren sich fast alle von pflanzlicher Kost. Sie leben von Süßkartoffeln, Jamswurzeln, Bananen, Zuckerrohr und von einer kleinen Frucht, die unweit der Küste auf den Felsen wächst und mit den Trauben Ähnlichkeit hat, die man am Ufer des Atlantik auf der Höhe des Wendekreises sieht. Hühner sind sehr selten und als Nahrungsmittel allenfalls eine Zutat. Die Mitglieder unserer Expedition erblickten keinen einzigen Landvogel, und auch die Seevögel waren nicht zahlreich vertreten. Der Feldbau wird mit viel Einsicht betrieben. Die Insulaner rupfen Gras aus, zerstückeln und verbrennen es und düngen mit der Asche ihre Felder. Ihre Bananenbäume pflanzen sie nach der Schnur. Sie bauen auch Solanum an; zu welchem Zweck, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Hätte ich feuerfeste Gefäße bei ihnen bemerkt, so würde ich annehmen, dass sie es, wie die Bewohner von Madagaskar und Île-de-France, anstelle von Spinat kochen. Zurzeit scheint ihnen jedoch noch keine andere Art bekannt zu sein, Speisen zuzubereiten, als die, der man auch auf den Gesellschaftsinseln begegnet: Sie graben ein Loch in die Erde, tun Süßkartoffeln oder Jamswurzeln hinein, decken das Loch mit glühenden Steinen oder mit Kohle zu, unter die sie Erde gemischt haben. So kommen alle ihre Gerichte weich und gar wie aus einem Backofen.
Mein Schiff maßen sie mit der äußersten Sorgfalt aus. Dies bewies mir, dass sie nicht als unvernünftige Geschöpfe an die Erzeugnisse unseres Kunstfleißes herangehen. Sie prüften unser Tauwerk, unsere Anker, unseren Kompass, unser Steuerrad. Tags darauf kamen sie wieder und brachten eine Schnur mit, um alles noch einmal gehörig auszumessen. Offenbar hatten sie an Land über unser technisches Gerät diskutiert, und es waren ihnen einige Zweifel gekommen. Sie verloren meine Sympathie gerade darum, weil sie mir des Nachdenkens fähig scheinen. Ich bot ihnen Gelegenheit, eine Betrachtung anzustellen, die sie sich vielleicht erspart haben; die Betrachtung nämlich, dass wir uns ihnen gegenüber unserer weit überlegenen Kräfte kein einziges Mal bedient haben. Dass sie sich unserer Überlegenheit bewusst waren, konnte man daraus ersehen, dass sie auf der Stelle davonrannten, wenn einer von uns seine Flinte auf sie anlegte. Wir gingen bloß deswegen vor ihrer Insel vor Anker, weil wir ihnen Gutes erweisen wollten. Wir beschenkten sie reichlich und behandelten geradezu zärtlich alle schwachen und hilflosen Inselbewohner, besonders die kleinen Kinder, die von ihren Müttern noch gestillt wurden. Wir pflanzten auf ihren Feldern die verschiedenartigsten Nutzpflanzen und ließen in ihren Hütten Schweine, Ziegen und Lämmer zurück, die sich wahrscheinlich bald vermehren werden, wir verlangten für all dies keine Gegenleistung. Dennoch bewarfen sie uns mit Steinen und stahlen alles, was sie nur fortschleppen konnten.
8Die Insel Mauritius im Indischen Ozean, die bis 1814 in französischem Besitz war.
9Die viel untersuchten steinernen Moais.
FÜNFTES KAPITEL
Nachdem ich die Cook Bay auf der Osterinsel am 10. April gegen Abend verlassen hatte, richtete ich meinen Kurs gen Norden, doch so, dass ich immer längs der Küste der Insel hinsteuerte, die wir die ganze Nacht hindurch bei hellem Mondschein ungefähr eine Meile weit von uns liegen sahen. Wir verloren sie erst am anderen Nachmittag gegen zwei Uhr, nachdem wir uns zwanzig Meilen weit von ihr entfernt hatten, aus den Augen. Bis zum 17. wehte der Wind anhaltend aus Südosten. Während dieser Zeit war fast kein Wölkchen am Himmel zu sehen, auch trübte er sich erst, als der Wind nordostwärts drehte. Wir fingen zahlreiche Bonitos, die unseren Fregatten bis zu den Sandwich-Inseln10 unaufhörlich nachschwammen und uns während eines Zeitraums von eineinhalb Monaten täglich eine vollständige und köstliche Mahlzeit boten. Die Fischkost trug nicht wenig dazu bei, dass wir allesamt in bester körperlicher Verfassung waren. Auf einer nun schon zehn Monate dauernden Fahrt mit nicht mehr als fünfundzwanzig Rasttagen war nur ein einziger Mann krank geworden. Dieser Umstand ist umso bemerkenswerter, als wir unbekannte Gewässer durchsegelten. Unser Weg verlief nahezu parallel zu dem, den Kapitän Cook im Jahr 1777 einschlug, als er von den Gesellschaftsinseln aus die Nordwestküste Amerikas ansteuerte, nur hielten wir uns annähernd achthundert Meilen weiter gegen Ost. Ich hoffte, dass es mir auf einer Strecke von beinahe zweitausend Meilen gelingen würde, einige Entdeckungen zu machen. Unsere Mastkörbe waren rund um die Uhr besetzt, und ich hatte für den Matrosen, der als Erster Land sichten würde, eine Belohnung ausgesetzt.
[Es folgen einige Bemerkungen über die von Herrn Dagelet täglich vorgenommenen Standortmessungen und die auf alten spanischen Seekarten verzeichneten Insel La Mesa, Los Majos und La Disgraciada, die von dem französischen Geschwader an der Stelle, an der sie liegen sollen, nicht aufgefunden werden.]
Am 7. Mai, als wir unter dem 8. Grad nördlicher Breite segelten, sahen wir eine große Anzahl von Vögeln, hauptsächlich Sturm-, aber auch Fregatt- und Tropikvögel. Die beiden letzteren Gattungen sollen sich, sagt man, nie weit vom Land entfernen. Auch schwammen sehr viele Schildkröten um und neben unseren Schiffen. Zwei derselben wurden von den Matrosen der Astrolabe gefangen. Die Vögel und die Schildkröten zeigten sich noch, als wir schon 14 Grad zurückgelegt hatten. Ich war daher ganz sicher, dass irgendeine unbewohnte Insel ganz in der Nähe lag, denn diese Tiere suchen sich lieber eine Klippe mitten im Meer zum Aufenthalt aus als eine Gegend, wo Menschen wohnen. Am 18. Mai befand ich mich unter dem 20. Grad nördlicher Breite und unter dem 139. Grad westlicher Länge gerade an der Stelle, an der, den Spaniern zufolge, die Insel La Disgraciada liegen sollte, ohne dass wir sie sahen. Am 20. hatte ich das ganze Gebiet von Los Majos durchschnitten, ohne dass uns auch nur die Spur von einer Insel zu Gesicht gekommen wäre. Ich fuhr fort, auf diesem Parallelkreis gen Westen zu steuern. Im Morgengrauen des 28. erblickte ich die schneebedeckten Berge der Insel Owyhee11 und bald darauf die weniger hohen der Insel Mowée12. Ich ließ noch weitere Segel setzen, um schneller an Land zu kommen, war aber dennoch bei Einbruch der Nacht noch sieben bis acht Meilen von der Küste entfernt. Ich brachte die Nacht mit Lavieren zu und wartete, bis der Tag anbrechen würde, weil ich mir vorgenommen hatte, in den zwischen den beiden Inseln liegenden Kanal einzulaufen, um bei der Insel Morokinne13 zu ankern. Unsere Längenmessungen stimmten ganz mit denen des Kapitäns Cook überein. Die sorgfältigsten Vergleiche ergaben nur eine Differenz von 10 Minuten, die wir uns weiter gegen Osten befanden.
Um neun Uhr des Morgens umsegelte ich die Westspitze von Mowée, und zwar 15 Grad nördlich. Im Westen, 22 Grad nördlich, nahm ich ein kleines Eiland wahr, das von den Engländern nicht bemerkt wurde und auf ihrer Karte nicht zu finden ist. Der Anblick von Mowée war zum Entzücken schön. Wir segelten in einer Entfernung von einer Meile die Küste entlang. Da sahen wir denn, wie das Wasser in Kaskaden von den Gipfeln der Berge herabschoss, sich zwischen den Niederlassungen der Indianer hindurchschlängelte und dann dem Meer zuströmte. Die Dörfer lagen so nahe beieinander, dass man sie für eine einzige Ansiedlung von drei oder vier Meilen Länge halten konnte. Alle diese Hütten stehen dicht am Ufer, und die hinter ihnen liegenden Berge sind so nahe, dass der Umfang der bewohnten Uferzone eine halbe Meile nicht übersteigen dürfte. Nur ein Seemann, der sich an einem glühendheißen Tag mit einer einzigen Flasche Wasser begnügen muss, um seinen Durst zu stillen, ermisst, was wir beim Anblick der Küste von Mowée empfanden. Die Baumgruppen auf den vor uns liegenden Bergen, das frische Grün, die Bananenbäume, die die Indianer um ihre Hütten gepflanzt hatten, dies alles wirkte mit unbeschreiblichem Zauber auf unsere Sinne. Leider brandete das Meer an der Küste so heftig, dass wir, neue Tantalusse, zunächst nur das, was sich uns entzog, mit gierigen Blicken verschlangen.
Mittlerweile nahm der Wind zu, und wir legten in einer Stunde zwei Meilen zurück. Ich bestand darauf, noch vor Einbruch der Dunkelheit die ganze Küste bis hin zur Insel Morokinne abzufahren; vor Morokinne hoffte ich einen Ankerplatz zu finden, der unsere Schiffe vor den Landwinden schützte. Diesem Plan zufolge war es mir nicht möglich, einige Segel zu reffen und auf die ungefähr hundertfünfzig Pirogen zu warten, die sich uns von Mowée aus näherten. Sie waren sämtlich mit Obst und Schweinen beladen. Die Indianer führten uns die Waren zu, um sie gegen Eisen einzutauschen.
Fast alle Pirogen kamen uns so nahe, dass sie an eine der beiden Fregatten anlegten. Da wir aber auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz rasch davonsegelten, gerieten sie in hohen Wellenschlag und füllten sich mit Wasser. Die paddelnden Indianer sahen sich genötigt, das Schiffsseil, das wir ihnen zugeworfen hatten, wieder fahren zu lassen. Sie schwammen ans Ufer zurück, liefen ihren jungen Schweinen nach, brachten sie zurück, drehten mit den Schultern die gekenterten Pirogen wieder um, schöpften das Wasser aus den Booten, sprangen vergnügt und munter wieder hinein und paddelten aus Leibeskräften auf uns zu, um den Platz wieder einzunehmen, an dem anderen Händlern just das gleiche Schicksal widerfuhr. Auf diese Art sahen wir hintereinander mehr als vierzig Pirogen umschlagen. Wiewohl nun der Handel mit diesen gutmütigen Indianern sie und uns ganz ausnehmend zufriedenstellte, kam dabei doch nicht allzu viel heraus; es gelang uns nicht, mehr als fünfzehn Schweine und einige Früchte einzutauschen.
Die soeben erwähnten Pirogen besitzen einen Ausleger und fassen dabei bis fünf Mann. Die von mittlerer Größe sind zwar vierundzwanzig Fuß lang, aber nur einen Fuß breit und tief. Wir wogen eine Piroge, die diese Maße hatte, und fanden, dass sie nicht über fünfzig Pfund schwer war. Dessen ungeachtet wagen sich die Bewohner dieser Inseln mit so schwachen Fahrzeugen bis zu sechzig Meilen in die offene See und setzen damit über Wasserstraßen, die, wie der Kanal zwischen Atooi und Wohaoo14, zwanzig Meilen breit sind und wo es überdies noch heftig stürmt. Sie sind allerdings so gute Schwimmer, dass sie es in dieser Hinsicht mit Robben und Meerwölfen aufnehmen.
Je weiter wir vorankamen, desto mehr hatten wir den Eindruck, dass sich die Berge immer tiefer ins Innere der Insel zurückzögen, die nun in der Gestalt eines ziemlich ausgedehnten, gelbgrün schimmernden Halbrunds vor uns lag. Die Wasserfälle verschwanden; die Bäume in der Ebene schienen nicht mehr so dicht beieinanderzustehen wie bisher; die Dörfer bestanden nur noch aus zehn bis zwölf elenden Hütten, die ziemlich weit auseinanderlagen. Nachdem ich Kurs gegen Südwest genommen hatte und bis zur Südwestspitze von Mowée gekommen war, wendete ich mich nach West, dann allmählich nach Nordwest und kam an den Ort, wo die Astrolabe in dreiundzwanzig Klaftern Tiefe, ungefähr eine Drittelmeile vom Land, vor Anker lag. Hier waren wir gegen die Winde, die von der offenen See kamen, durch eine himmelhohe, von Wolken umgebene Felswand gedeckt, aus der von Zeit zu Zeit heftige Windstöße herabfuhren. Mit jedem Augenblick nahm der Wind eine andere Richtung an, sodass wir unaufhörlich an unseren Ankern hin und her trieben. Wir waren an dieser Stelle übel dran, weil wir uns, der heftigen Strömung wegen, nicht eher gegen den Wind legen konnten, als bis uns die oben erwähnten Windstöße dazu Gelegenheit boten. Sie wühlten das Meer dermaßen auf, dass man es mit unseren Booten fast nicht befahren konnte. Dem ungeachtet ließ ich eins derselben sofort aussetzen und in der Bucht das Senkblei auswerfen. Der Offizier, dem ich dies aufgetragen hatte, berichtete mir, dass der Ankergrund bis nahe ans Ufer überall von gleicher Beschaffenheit sei, dass er zwar allmählich seichter werde, jedoch zwei Kabeltaue vom Gestade noch immer eine Tiefe von sieben Klaftern habe. Als ich die Anker lichten ließ, sah ich, dass die Ankertaue stark zerscheuert und zerrieben waren. Folglich gab es um uns herum viele verborgene Klippen, die nur mit einer ganz dünnen Schicht Sand bedeckt waren.
Mittlerweile gaben sich die Bewohner der zunächst liegenden Dörfer alle Mühe, um an Bord zu gelangen. Sie führten uns auf ihren Pirogen allerlei Tauschwaren zu: einige Schweine, Süßkartoffeln, Bananen, Aronwurzeln, die sie Taro nennen, selbstgewebte Stoffe und allerlei Krimskrams, der zu ihrer Tracht gehört. Ich wollte nicht, dass sie an Bord kamen, bevor die Fregatte vor Anker gegangen war und ihre Segel gerefft hatte, und erklärte ihnen daher, das Schiff sei für sie tabu. Das Wort, dessen Bedeutung ich von den Berichten englischer Seefahrer her kannte, tat wie erwartet seine Wirkung; Herr de Langle, der nicht zur gleichen Vorsichtsmaßnahme gegriffen hatte, sah das Deck seines Schiffs in wenigen Augenblick von einer solchen Menge Indianer überschwemmt, dass er in arge Verlegenheit geriet. Sie waren jedoch so folgsam und hatten so große Furcht, uns zur Last zu fallen, dass es nicht der geringsten Anstrengung bedurfte, sie zur Rückkehr auf die Pirogen zu bewegen. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass diese Leute so sanft und artig wären. Auch als ihnen gestattet worden war, auf meine Fregatte zu kommen, setzten sie ohne Erlaubnis keinen Fuß von der Stelle. Man sah es ihnen an, dass sie beständig die Furcht hatten, unser Missfallen zu erregen. Ihre Tauschgeschäfte betrieben sie mit der größten Redlichkeit. Die eisernen Spitzen unserer alten Zirkel weckten ihr ganzes Verlangen, aber anstatt sie zu entwenden, boten sie ihre ganze Geschicklichkeit auf, um sie uns abzukaufen. Keiner von diesen Händlern war bereit, uns einen größeren Posten Stoff oder mehrere Schweine auf einmal zu verkaufen. Sie wussten sehr genau, dass sie mehr dabei gewannen, wenn wir ihnen jedes Stück einzeln abhandelten.
Ihre Gewandtheit im Feilschen und ihre Kenntnis des Eisens, die sie nach eigenem Bekunden nicht dem Umgang mit Engländern verdankten, bestärkten mich in der Annahme, dass die Sandwich-Inseln in älterer Zeit schon von spanischen Schiffen angelaufen worden waren. Die spanische Nation hatte triftige Gründe, die Existenz dieser Inselgruppe ihren Nachbarn zu verheimlichen. Es strotzte in den Gewässern westlich von Amerika nur so von Seeräubern. Hätten sie von diesen Inseln Kenntnis gehabt, so hätten sie sich auf ihnen auch mit Lebensmitteln versorgt. Da dies aber nicht der Fall war, mussten sie, wenn es ihnen an Proviant, Holz und Wasser gebrach, entweder gen Westen bis in das Indische Meer segeln oder aber über Kap Hoorn in den Atlantik zurückkehren. Als dann die Schifffahrt der Spanier so sehr in Verfall geriet, dass nur noch einmal im Jahr ein einziges Galionsschiff nach Manila fuhr, dieses Galionsschiff aber stets eine so wertvolle Ladung an Bord hatte, dass seine Eigentümer sich um seine Erhaltung die größten Sorgen machten, da schrieb man ihm sehr wahrscheinlich ganz genau seinen Weg vor – einen Weg, der vergleichsweise ungefährlich war und von dem es unter keinen Umständen abweichen durfte. So gerieten dann jene Inseln, die Cook zum Verhängnis wurden, bei den Spaniern immer mehr in Vergessenheit.


Ankerplatz der Franzosen vor der Insel Mowée
Einige Windstöße abgerechnet, die aber nicht länger dauerten als zwei Minuten, war die Nacht ruhig und still. Als es tagte, ließ ich sogleich das große Boot der Astrolabe aussetzen, das die Herren de Vaujuas, Boutin und Bernizet an Bord nahm. Sie hatten den Auftrag, eine sehr geräumige Bucht nordwestlich von uns zu untersuchen. Ich hoffte, hier einen besseren Ankerplatz zu finden. Die Offiziere meldeten, der in Aussicht genommene Ankerplatz sei leicht zu erreichen, aber nicht besser als die Stelle, an der wir uns befänden. Dieser Teil der Insel Mowée, so lautete ihr Bericht, werde zu Recht von den Seefahrern gemieden. Es fehle hier sowohl an Holz wie auch an Wasser, und die Reeden seien schlecht.
Um acht Uhr morgens waren vier zu unseren Fregatten gehörende Boote zur Abfahrt bereit. In den ersten befanden sich zwanzig bewaffnete Soldaten unter dem Kommando von Schiffsleutnant de Pierrevert. In die beiden anderen setzten sich Herr de Langle und ich mit allen Passagieren und Offizieren außer denjenigen, die Dienstgeschäfte halber an Bord blieben. Am Ufer erwarteten uns ungefähr hundertzwanzig Personen, teils Männer, teils Frauen. Die Seesoldaten und ihre Offiziere landeten als Erste und bestimmten den Bezirk, den wir uns vorbehielten. Die Soldaten hatten ihre Bajonette aufgepflanzt und marschierten so akkurat, als ob sie vor dem Feind stünden. Das militärische Schauspiel machte auf die Inselbewohner keinerlei Eindruck; ihre Weiber gaben uns durch die ausdrucksvollsten Gebärden zu verstehen, dass sie uns in aller und jeder Hinsicht zur Verfügung ständen; die Männer aber suchten in ehrerbietiger Haltung die eigentlichen Beweggründe unseres Besuchs zu erforschen, um unsere Wünsche auf den ersten Blick erfüllen zu können. Zwei Indianer, die einige Autorität über ihre Landsleute zu besitzen schienen, kamen gerade auf mich zu und hielten mit viel Würde eine ziemlich lange Ansprache, von der ich kein einziges Wort verstand; am Ende derselben machte jeder von ihnen mir ein Schwein zum Geschenk. Ich nahm die Gaben an und verehrte ihnen meinerseits Medaillen mit dem Bild des Königs, Beile und andere Gegenstände aus Eisen, die für sie von unschätzbarem Wert waren.
Meine Freigebigkeit machte auf alle den lebhaftesten Eindruck. Die Frauen waren doppelt so liebenswürdig zu uns. Sehr verführerisch waren diese Insulanerinnen nicht; sie hatten grobe Gesichtszüge, und unter den Tüchern, die sie um sich geschlungen hatten, zeigten sich die deutlichsten Spuren jener Verheerungen, die von der Lustseuche herrühren. Da in den Pirogen keine einzige Weibsperson zu uns an Bord gekommen war, war zu vermuten, dass sie in den Europäern die Urheber der Krankheit sahen, deren Merkmale sie an sich trugen; bald aber stellte ich fest, dass diese Erinnerung in ihrem Gemüt kein Ressentiment zurückgelassen hatte.
Es sei mir erlaubt, der Frage nachzugehen, ob die Syphilis von den Seefahrern unserer Zeit in der Südsee eingeschleppt wurde. Bekanntlich erheben die Verfasser mehrerer zeitgenössischer Reiseberichte diesen Vorwurf. Geschwaderarzt Dr. Rollin untersuchte auf Mowée mehrere Kranke. Er stellte an ihnen Symptome fest, die sich in Europa bei Geschlechtskranken erst nach zwölf bis fünfzehn Jahren zeigen. Er sah auch Kinder von sieben bis acht Jahren, die an der Lustseuche litten, die sie sich wohl schon im Schoß der Mütter zugezogen hatten. Die Mannschaft Kapitän Cooks kann somit nicht für die weitere Verbreitung dieser Krankheit auf Mowée verantwortlich gemacht werden; Kapitän Cook selbst notierte, fast alle Bewohner dieser Insel, die zu ihm an Bord kamen, seien geschlechtskrank gewesen. Diese Geißel der Menschheit sucht Hawaii schon seit längerer Zeit heim. Die Krankheit ist ein zusätzlicher Beweis, dass schon vor Cook Europäer auf der Insel gewesen sind.
Nachdem ich das nächstliegende Dorf in Augenschein genommen hatte, befahl ich sechs Soldaten und einem Unteroffizier, uns auf einem Ausflug ins Landesinnere zu begleiten. Die anderen blieben unter dem Befehl des Herrn de Pierrevert am Ufer zurück, um unsere Boote zu behüten.
Obwohl die Franzosen in jüngster Zeit als Erste auf der Insel Mowée an Land gingen, sah ich doch davon ab, sie im Namen des Königs in Besitz zu nehmen. Die Gepflogenheiten der Europäer sind in dieser Hinsicht mehr als abgeschmackt. Unsere Intellektuellen stöhnen, wenn sie hören, dass Landsleute von ihnen, deren einziger Vorzug darin besteht, dass sie über Kanonen und Bajonette verfügen, sechzigtausend Indianern ihren Willen aufzwingen und sich um deren heiligste Rechte keinen Deut scheren. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der man unter dem Deckmantel der Religion Gewalt und Raublust freien Lauf ließ. Die modernen Seefahrer verfolgen, wenn sie die Sitten neu entdeckter Völker beschreiben, nur die eine Absicht: die Kenntnis der Menschheit und ihrer Geschichte zu vervollständigen. Ihre Weltreisen dienen dem Zweck, den Erdball vollends zu erforschen, und die Kenntnisse, die sie verbreiten, zielen einzig und allein darauf ab, die Bewohner der von ihnen besuchten Inseln glücklicher zu machen und ihnen ihren Lebensunterhalt zu erleichtern.
Nach diesem Grundsatz schaffen sie Stiere, Kühe, Ziegen, Schafe und Widder nach jenen Inseln, pflanzen sie Bäume, säen sie Samen aus aller Herren Länder und verschenken sie die Werkzeuge, mit denen sich die wirtschaftliche Fortentwicklung beschleunigen lässt. Was uns betrifft, so wären wir für die unsäglichen Strapazen, die wir auf unserer Entdeckungsreise auf uns nahmen, vollauf entschädigt, wenn es uns gelänge, dem in der Südsee offenbar weitverbreiteten Brauch der Menschenopfer Einhalt zu gebieten. Im Gegensatz zu Herrn Anderson und Kapitän Cook teile ich die Ansicht des Kapitäns King über die Bewohner der Sandwich-Inseln: Er nennt dieses Volk zu gutmütig, zu sanft und zu gastfrei, als dass es sich der Menschenfresserei ergeben könnte. Milde Sitten vertragen sich nicht mit düsteren religiösen Kulten. In seinem Reisebericht bezeichnet Kapitän King die Priester von Owyhee als seine besten Freunde; ich ziehe daraus die Folgerung, dass sich in der Kaste, der die Menschenopfer obliegen, allmählich Sanftmut und Gesittung verbreiten. Sind die Priester einer Insel nicht mehr auf Menschenopfer wild, dann sind es die übrigen Bewohner noch weniger. Hieraus erhellt, dass die Owyheer von Kannibalismus abgekommen sind; sehr wahrscheinlich liegt dies aber noch nicht lange zurück.
Der Boden der Insel Mowée besteht aus verwitterter Lava und anderen vulkanischen Stoffen. Die Einwohner haben nichts anderes zu trinken als Brackwasser; ihre Brunnen sind so wenig tief und so unergiebig, dass jeder Insulaner mit einer halben Barrique Wasser im Tag auskommen muss. Wir bekamen auf unserem Streifzug vier Dörfer zu sehen, deren jedes aus zehn bis zwölf Hütten bestand. Diese Hütten waren aus Stroh geflochten und auch mit Stroh bedeckt. Im Aussehen gleichen sie denen unserer ärmsten Bauern. Die Dächer fallen nach zwei Seiten ab, die Türen sind am Giebel angebracht und nur dreieinhalb Fuß hoch, sodass man sich bücken muss, wenn man eintreten will. Als Türen dienen Hürden, die jeder beiseiteschieben kann. Das ganze Hausgerät der Inselbewohner umfasst bloß Bastmatten, die, wie unsere Teppiche, ein äußerst sauberer Bodenbelag sind und auf denen sie schlafen. Ihr Küchengeschirr besteht aus großen Kürbissen, denen sie, wenn sie noch grün sind, die von ihnen gewünschte Form geben. Sie lackieren sie und malen mit schwarzer Farbe allerlei Dinge darauf. Mir kamen auch Kalebassen vor Augen, die aus mehreren Kürbissen zusammengeleimt waren und wie sehr große Vasen aussahen. Der von ihnen verwendete Leim widersteht der Feuchtigkeit; ich hätte gern seine Zusammensetzung erfahren. Ihre Stoffe, von denen sie eine beträchtliche Menge besitzen, verfertigen sie, wie andere Südseeinsulaner, aus dem Papiermaulbeerbaum. Diese Stoffe haben eine Vielzahl von Dessins, scheinen mir aber nicht die Qualität der Stoffe auf anderen Inseln zu haben. Bei der Rückkehr von dem Ausflug ins Landesinnere hielten mich Frauen an, die sich unter einigen Bäumen versammelt und auf mich gewartet hatten. Sie schenkten mir mehrere Stücke Stoff, wofür ich mich mit Beilen und Nägeln bedankte.
Der Leser erwarte nicht, dass ich hier eine ausführliche Beschreibung der Bewohner von Mowée gebe, die uns ja dank den Schilderungen der englischen Seefahrer hinlänglich bekannt sind. Diese brachten auf der Insel vier Monate zu, während wir nur wenige Stunden dort verweilten. Überdies hatten die Engländer den Vorteil, dass sie die Landessprache verstanden. Wir beschränken uns aus diesem Grund darauf, nur zu erzählen, was uns dort persönlich widerfahren ist.
Um elf Uhr schifften wir uns wieder ein, in bester Ordnung, ohne Hast und Verwirrung und ohne dass wir Veranlassung hatten, uns über irgendjemanden zu beschweren. Um zwölf Uhr waren wir allesamt wieder an Bord. Herr de Clonard hatte von einem Indianerhäuptling auf dem Tauschweg einen Mantel und einen mit roten Federn geschmückten Kopfputz erworben. Auch hatte er mehr als hundert Schweine gekauft, Bananen, Süßkartoffeln, Taro, eine Menge Stoffe und Matten, ein Auslegerboot und allerlei Gegenstände aus Federn und Muscheln.
Abends um fünf Uhr gelang es uns endlich, den Anker zu lichten. Es war zu spät, als dass ich mein Vorhaben hätte ausführen können, zur Insel Ranai und zur Westseite von Mowée zu steuern. Gern hätte ich die dortige Wasserstraße untersucht, aber es wäre unvorsichtig gewesen, so etwas zur Nachtzeit zu wagen. Als es tagte, lief ich an der Südwestspitze der Insel Morotoi vorbei, hielt mich immer in der Entfernung von einer Dreiviertelmeile an die Küste und kam sodann, wie die Engländer, durch den Kanal, der die Inseln Oahu und Morotoi voneinander trennt, wieder in die offene See. Die letztgenannte Insel scheint mir auf der Seite, die wir umschifften, nicht bewohnt zu werden, während sie, wie die Engländer versichern, auf der entgegengesetzten stark bevölkert ist. Bemerkenswert ist, dass die fruchtbarsten, gesündesten und folglich am dichtesten besiedelten tropischen Inselregionen stets unter dem Wind liegen. Das gilt für die Sandwich-Inseln ebenso wie für unsere Besitzungen Guadeloupe, Martinique und andere. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Inselgruppen ist übrigens so frappierend, dass mir hier, mindestens in Bezug auf die Schifffahrt, alles absolut gleich vorkam.
Am ersten Juni um sechs Uhr abends waren wir über alle Inseln hinaus. Wir hatten nicht mehr als vierundzwanzig Stunden darauf verwendet, sie zu erforschen. Knapp fünfzehn Tage hatte uns die Aufgabe gekostet herauszufinden, ob die auf den alten spanischen Seekarten verzeichneten Inseln La Mesa, Los Majos, La Disgraciada usw. überhaupt existieren. Dank unserer Nachforschungen kann man sie nun von den Karten streichen.
Sonderbar genug war, dass ein und derselbe Schwarm Fische unseren Fregatten eineinhalbtausend Meilen weit folgte. Mehrere Bonitos trugen auf ihren Rücken Wunden, die wir ihnen mit unseren dreizackigen Wurfspießen zugefügt hatten, und sie waren daran immer wiederzuerkennen. Ich zweifle nicht daran, dass diese Fische, hätten wir uns nicht bei den Sandwich-Inseln aufgehalten, uns noch weitere zwei- oder dreihundert Meilen nachgeschwommen wären, bis wir Gewässer erreicht hätten, die für sie zu kalt sind.
10Die Hawaii-Inseln.
11Die Hauptinsel Hawaii.
12Heute Maui.
13Heute Molokai.
14Heute Straße von Oahu.
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