Kitabı oku: «Fleshly Transmission»
Jek Hyde
Fleshly Transmission
Eine Novellensammlung
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
Fleshly Transmission
„Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in dieser Welt.“
Jean Amery
1. Ein Kreuz auf dem Feldweg
Eine blutrote Sonne ging am Rande des Feldes auf.
Als die Sonne aufging, wusste er, dass er es überstanden hatte, denn genau wie die Sonne war auch er nun über den Berg.
All die gelben Stoppeln und Halme auf dem Feld, bekamen rote Gesellschaft und lange, schwarze Schatten. Es sah aus wie ein Meer aus Flammen. Das Fegefeuer, so musste es sein.
Die rote Sonne blendete Turel Nazaret.
Nach der dunklen, angenehm kühlen Nacht fühlte er die Wärme der Sonne über seinen nackten, geschundenen Körper kriechen, wie er da am Kreuz hing.
In der Nacht war eine Sternschnuppe über ihn hinweggeflogen. Er konnte sie sehen, zumindest als er das getrocknete Blut aus den Augen geblinzelt hatte. Die Erinnerung, wie die Klinge des Klappmessers durch seine Haut fuhr, war noch frisch. Und das sollte nur der Anfang gewesen sein. Zwei Messerschnitte quer durchs Gesicht. Sie verliefen über die Augen und kreuzten sich auf den Lippen. Die Nacht war kühl gewesen, doch anstatt zu frieren, hatte Turel es als ernsthaft angenehm empfunden. Wie Schnee, der seine Wunden kühlte.
Sein ganzes Gesicht war voller getrocknetem Blut. Kupfergeschmack auf der Zunge, die nach den fehlenden Zähnen tastete. Das ungewohnte Gefühl, dass Etwas fehlte, als er mit der Zungenspitze über die vielen Lücken in seinem Mund fuhr, wo früher Zähne gesessen hatten.
Der starke Kupfergeschmack auf der Zunge, auch wenn er instinktiv wusste, dass es lange nicht so viele gewesen waren, so hatte er doch das Gefühl, dass jeder zweite Zahn jetzt fehlte und stattdessen eine empfindliche Lücke im weichen Zahnfleisch saß. Er hatte sich die Zange lieber erst gar nicht angesehen, sondern sich darauf konzentriert, die Prozedur zu überleben. Was blieb ihm auch anders übrig?
Ein dürrer Springinsfeld. Mandelförmige Augen, blondes, kurzes Haar. Es wirkte unnatürlich und trotzdem passte es zu seiner Erscheinung. Dazu eine bei Asiaten scheinbar recht beliebte Kinn-Schnurrbart-Kombination. Er war auch der Idiot gewesen, der mit der Zange herumalbert hatte. Jeweils ein Ende in einer Hand und die Zange klappern lassen wie ein Gebiss. Zum Glück waren Turels Augen voller Blut gewesen und so konnte er kaum was erkennen.
Der andere, ein große Kerl mit Vollbart, einer Glatze und irgendetwas Traurigem in seinen Augen, war das genaue Gegenteil des Asiaten.
Große, lange Nägel steckten in Turels Händen und in den Füßen. Jesusgleich hing er am Kreuz, dass die Beiden erst vor Ort zusammengezimmert hatten, als Turel blutend im Kies des Weges lag, während die Beiden aus ihrem Kastenwagen die zwei Hölzer geholt hatten.
Turels Fingerspitzen waren blutig und taub. Die Beiden hatten ihm die Fingernägel herausgerissen.
Sein ganzer Körper war mit lauter kleinen Wunden bedeckt. Der Große hatte Turel zum Kastenwagen geschliffen und neben die Balken hineingeworfen.
Alles war recht verschwommen, lief ineinander über und Turel konnte sich erst wieder erinnern, als die Beiden ihn in der Dämmerung aus dem Auto warfen, ihn mit einem widerlich gelben Abschleppseil ans Auto ketteten und ihn über den steinigen Feldweg schleiften, bis zu der Stelle, wo er nun schon die ganze Nacht gehangen hatte. Es fühlte sich an, als hätte er sich gar nicht von der Stelle bewegt. So, als wäre eine riesige Rolle an grobem Schleifpapier unter ihm ins Rollen gekommen.
Er wusste nicht, wer von Beiden auf die Idee kam, Turel seiner Qualen zu entledigen und statt ihn zu kreuzigen, ihn einfach an einen der krüppeligen und verdrehten Kirschbäume aufzuhängen, die den Feldweg stückweise säumten. Recht schnell war ein weiteres Seil über den Ast geworfen, der Bärtige hatte eine Dreizehn gedreht und diese um Turels Hals festgezogen.
Doch der Tod am Strang war weder von Turel erwünscht noch von höheren Mächten erlaubt. So brach der runzelige, alte, trockne Ast, als der Bärtige Turel mit einem Ruck hinaufzog. Wie die Beute eines Greifvogels wurde Turel hinaufgerissen, das Seil schnitt ihm scharf in den Hals und mit dem Geräusch eines brechenden Knochens brach der Ast ab und Turel stürzte als menschliches Fallobst zu Boden, wo er auf dem Arsch aufkam und sich die Hüfte brach.
Der Bruch der Hüfte löste einen anderen Schmerz fast gänzlich ab. Die Erinnerung schoss durch seinen Kopf, wie er blutend auf dem staubigen Fliesenboden gelegen hatte. Umringt von gezogenen Zähnen und herausgerissenen Fingernägeln. Der Große hatte seine Füße gepackt und der Asiat ihn unter den Achseln und beide hatten ihn in eine alte Wanne gewuchtet, gleich einem alten Mehlsack.
Der grelle Schmerz, als sie mit einem Schnitt ihn seiner Hoden entledigten, unterbrach Turels Mantra, das er seit dem Anfang der Folter durch seinen Kopf kreisen ließ. Für andere Gedanken war kein Platz. Nur das eine Mantra, das sich immer wieder und wieder drehte.
Er nahm es wieder auf. Musste es wieder aufnehmen, was blieb ihm sonst übrig? Es drehte die Gebetsmühle weiter.
Das Geräusch des Panzertapes riss ihn aus der kurzen Ohnmacht. Das erste, was Turel wieder in den Sinn kam, als er da so auf dem Kreuz lag, war sein Mantra. Sogleich nahm er es wieder auf, als der Asiat ihn praktischerweise mit Panzertape an das Kreuz band. Um den Brustkorb, um die Handgelenke und um die Beine.
Der Bärtige war es, der schließlich die langen Nägel auf die Hände setzte und jeden mit einem schweren Schlag durch Turels Handflächen hindurch, an zwei Speichen vorbei, ins Holz trieb. Turel nahm sich die Zeit zu schreien. Warum auch nicht? Solange das Mantra im Kopf lief, konnte er machen, was er wollte. Nur das Mantra, das durfte er keinesfalls vernachlässigen.
Turels Welt hob sich, als der Bärtige mit lustloser Hilfe des Asiaten das Kreuz in das vorgegrabene Loch rutschen ließ. Der Ruck und der Schmerz, den dies wieder freisetzte, an all den verwundeten Enden von Turel, ließ ihn erneut der Welt entgleiten und erst das Röhren des Kastenwagens, der in der fast untergegangenen Sonne über den Kiesweg davon rumpelte und eine Staubwolke hinter sich her zog, ließ ihn sich wiederfinden.
Allein am Kreuz hängend, während die Sonne in seinem Rücken unterging, streckte sich sein langer Schatten über das Stoppelfeld und über seinem Kopf, der nur ein Mantra enthielt, begann ein riesige Zelt von Sternen zu glühen.
Die Kühle der Nacht strich über den einsamen Turel. Trocknete dessen Blut. Er fühlte sich schwer, wie er da am Kreuz hing, als einzige Hilfe hielt ihn das Panzertape, was sich trotzdem in ihn schnitt. Hände und Füße taub, Hüfte pumpte klopfenden Schmerz durch seine Gedärme. Turels Hals war fürchterlich trocken und sicher hätte er den Tod jetzt an sich ranlassen können. Die meisten hätten das wohl schon eher getan, aber Turel hatte beschlossen, dass er weiterleben würde.
Turel nahm an, dass entweder sein Mantra funktionierte oder der Schock, denn nachdem er noch etwas vor sich hin geschrien hatte und der Himmel ganz dunkel und kalt geworden war, fand er sich plötzlich klaren Verstandes am Kreuz wieder.
Nicht in der Lage sich zu bewegen. Nur das Stoppelfeld und die Tiere, die sich durch die Dunkelheit wie Schatten stahlen.
Wieder eine Chance einfach abzutreten, aber das wollte Turel nicht. Wozu hatte er das Ganze denn durchgestanden?
Und dann der einzig wichtige Gedanke:
Scheiße, ich hab’s überstanden. Es ist vorbei. Und jetzt?
Nichts war. Jetzt hing er eben nachts am Kreuz. Und Turel wurde klar, dass er bestimmt mehr gelitten hatte als Jesus. Er lachte und schrie noch ein wenig. Tat der Welt kund, dass er besser war als Jesus. Er hatte eben schließlich Jesus in seiner eigenen Königsdisziplin geschlagen: im Leiden.
Wenn es eines gab, was Jesus besonders gut konnte, dann war das Leiden. Und Turel hatte wohl auch für Hunderte von Jahren genug gelitten. Genau aus diesem Grund wollte er nicht sterben und würde es demnach auch nicht tun. Er musste ja noch allen vorhalten, was er alles aushalten konnte. Dass er einfach der Härteste von allen war.
Als er da so am Kreuz hing und fast so was Ähnliches wie Langeweile aufkam, die Schmerzen waren teilweise dumpf und bohrend geworden, der Hals machte das Schreien nicht mehr so richtig mit und zu krächzen war irgendwie unbefriedigend, kam ihm der Gedanke, dass möglicherweise nicht mehr alles so wie früher sein würde.
Sollte auch er, Turel, der Leidende, zu einem solchen, hilflosen Trauerkloß verkommen wie all die andern Überlebenden von bestialischen Folter-Qualen? Würde auch er bei jedem lauten Geräusch aufschrecken?
Als ein Waschbär am blutigen Ansatz seines Kreuzes herumschnüffelte, wurde Turel eines klar:
Er wollte nicht sterben, also starb er nicht. Er will keine psychisch zerstörtes Häuflein Elend werden, also wurde er es auch nicht! Er war besser als Jesus, sein Wille war Gesetz.
Der Waschbär, der unter seinem Kreuz herumschnüffelte, war schließlich auch ein Migrant in diesem Land und sogar ein geächteter. Wer mochte schon diese Eierdiebe, die sich wie die Karnickel vermehrten? Aber er überlebte und das sogar prächtig. Warum sollte also Turel total am Ende sein? Nur weil es all die andern waren? Gab es irgendein dickes Buch voller Richtlinien, wie sich ein Opfer zu verhalten hatte?
Turel war eben Turel.
Und Turel wusste, dass Turel besser war als alle anderen.
Ach, er könnte jetzt um all seine Verluste weinen, aber was brachte das schon? Turel hatte schon vor langer Zeit gelernt, das Verlieren zu genießen.
War es der Schock? War es der hohe Blutverlust? Was auch immer es war, Turel fand sich plötzlich in einem erlösenden Hochgefühl wieder und er lachte ein wenig wahnsinnig vor sich hin. Möglicherweise hätte Turel Nazaret jetzt auf den Gedanken kommen können, dass seine Psyche schon von Anfang an nicht ganz normal war. Aber um auf diesen Trichter zu kommen, war Turel einfach zu erschöpft. Fast schlief er an seinem Kreuz ein, oder vielleicht wurde er auch von der Ohnmacht übermannt. Alles in allen weckte ihn bloß das kratzende Geräusch von Schritten auf dem staubigen Kiesweg.
Als Turel die schweren Augen wie mit Wagenhebern aufstemmte, stand dort unten ein alter Mann am Kreuz, in dunkler Jacke und mit Schiebemütze auf dem weißhaarigen Kopf, der bedauernd, traurig und unfähig entsetzt zu sein, zu ihm aufsah. In diesem alten Kerl erkannte Turel Otto Feininger, seinen alten Freund. Turel lächelte leicht und konnte sich nun entspannt der schwarzen Braut Ohnmacht hingeben. Otto würde sich schon um alles kümmern.
2. Wieder daheim
Wenn man so viele Zähne auf so schmerzhafte Weise eingebüßt hat wie Turel, dann bekommt man ein anderes Verhältnis zum Zähneputzen.
Es wurde plötzlich etwas Sakrales. Putzi als Götze. Dr. Best wurde zu Turels Imam. Rund ein Drittel von Turel Zähnen war durch Goldzähne ersetzt worden. Wenn schon, denn schon. Es ging Turel nicht darum, seine Verletzungen zu verbergen. Vielmehr sie zu etwas Besonderem zu machen. Narben wurden zu Orden. Löcher in Händen zu Freitickets. Er hatte seine eigene Technik fürs Zähneputzen herausgearbeitet. Dabei wurde der Mund in sechs Segmente unterteilt: linke Backenzähne unten, rechte Backenzähne unten, Schneidezähne unten, Schneidezähne oben, linke Backenzähne oben, rechte Backenzähne oben. Jedes der Segmente putzte er von hinten, von vorn und obendrauf.
Als bete er einen Rosenkranz herunter.
Die Zahnpasta schäumte aus beiden Mundwinkeln und tropfte von seinem Kinn ins Waschbecken, das voller Haare lag. Er spie die ganze schaumige Masse aus. Gurgelte nach und spie auch das Wasser ins Becken, das einen erheblichen Teil der Haare, die darin klebten, mit sich riss. Turel wischte den Rest mit einem Taschentuch vom Mund und betrachtete einen Moment seine Zähne. Zog die Lippen zurück, die in der Mitte des Mundes von den Narben regelrecht gespalten wurden. Betrachtete die glänzenden weißen Zähne und die glänzenden Goldzähne.
Noch einmal drehte er den alten Wasserhahn auf und ließ das Wasser die restlichen Haare mit sich reißen. Half dabei mit den Händen nach. Die haarige Flut strudelte ab und Turel sah wieder auf in den alten Spiegelschrank, der direkt über dem Waschbecken hing.
Die Narben waren weitgehend verheilt und zu tiefen Schluchten geworden. Ungleichmäßig und hässlich. Zwei schmale Canyons, die über seine Augen verliefen und sich auf den Lippen kreuzten, um am Kinn wieder auseinander zu laufen.
Er hatte sich das dunkelbraune Haar abrasiert. Wenn er schon ein Opfer war, dann sollte es auch jeder auf den ersten Blick sehen, was für ein schweres Los Turel trug. Vom KZ-Häftling über den buddhistischen Mönch, der unter schweren Entsagungen meditierte, bis zum modernen Messias, der alle Sünden und Leiden auf sich nahm, trugen alle eine Glatze. Warum also Turel nicht auch? Der kleine Goldohrring in seinem Ohr glänzte vom gleichen Gold wie seine Zähne. Ein mystischer goldener Schimmer im kalten Licht des winzigen Badezimmers.
Er knipste das Licht aus und ging in sein kleines Zimmer zurück.
Ein kleiner Raum mit Turels Bett an der Wand, davor der große Teppich mit dem verworrenen, arabischen Muster, davor die Tür zu dem winzigen Balkon. Turel hatte verschiedene bunte Glühbirnen angemacht und so schimmerte das Zimmer in einer Mischung aus warmem Gelb und abgefahrenem Pink-Rot. Auf der Bettkante saß Laura und sah ihn an.
Die gute alte Laura mit ihrer kurzen, blonden Jungenfrisur und dem Lächeln auf ihrem recht runden Gesicht. Sie trug irgendein graues, kurzes Kleid mit schwarzem Gürtel um die Taille, was sich um ihren durchschnittlichen Körper schlang.
„Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?“, fragte sie.
„Ich bin ein Opfer“, grinste Turel. Seine Goldzähne wirkten in den Lichtverhältnissen fast schwarz, mit einem leichten Schimmer. „So tragen Opfer ihre Haare nun mal“, meinte er und stand in den dunkelroten Shorts vor der Tür zum Bad.
„Jetzt erkennt dich niemand mehr auf deinem Ausweis“, meinte sie in einer Mischung aus Verspieltheit und Ernst.
Turel trat weiter ins Zimmer. Sah zu den beiden Löchern in seinen Füßen, darunter der arabische, rote Teppich. „Wie lange war ich eigentlich nicht mehr hier? … Es muss fast ein Jahr gewesen sein“, meinte er.
„Kein Wunder. Deine Hüfte war gebrochen. Das dauert“, meinte Laura. „Ich habe hier übrigens gewohnt. Ich konnte meine alte Wohnung nicht bezahlen und die hier erhalten. Und ich mag den Ausblick hier. Da dachte ich, scheiß auf die Wohnung. Und da habe ich halt hier gewohnt. War ein komisches Gefühl hier zu wohnen, ohne dass du da warst. Ich habe aber versucht, nichts zu ändern. Ist ja deine Wohnung.“
„Danke“, Turel sah sich um. „Mir kommt es vor, als wäre ich länger nicht mehr hier gewesen. Fast, als wäre die Zeit stehengeblieben in dieser Wohnung“, er entdeckte die leere Packung Raffaelo, die neben dem Schränkchen stand. Turel musste lächeln: „Hey, aus der Packung da habe ich den letzten gegessen, bevor ich los bin und die beiden Irren mich gefoltert haben. Die leere Packung hat hier auf mich gewartet. Genauso wie du“, er sah zu Laura hinüber.
„Als Otto mir davon erzählte, wusste ich echt nicht, was ich denken sollte“, sie sah zu Boden. „Ich meine, du hingst eine ganze Nacht am Kreuz. Da draußen auf den Feldweg. Das muss schrecklich gewesen sein.“
„Na ja … ich habe ein paar Sternschnuppen und einen Waschbären gesehen, das ist doch auch schon was, oder?“, meinte Turel.
Laura sah ihn starr und ernst an. „Du musst mir unbedingt erzählen, wie du das machst.“
„Sternschnuppen und Waschbären sehen?“, fragte Turel.
„Nein. Da draußen auf dem Feld an einem Kreuz hängen und darüber Witze machen. Sie haben dir das Gesicht zerschnitten. Dir die Hüfte gebrochen. Dir Zähne und Fingernägel herausgerissen“, meinte sie schon energischer, „ … dir die …“, sie sprach es nicht aus.
„Sprich es aus!“, forderte Turel. „Verschwiegenheit macht es nicht ungeschehen, also sprich es aus.“
„ … dir die Eier abgeschnitten“, sie sah ihn an. „Wie kannst du jetzt einfach dort stehen als wäre nichts geschehen? Als wärst du irgend so eine Actionheld aus ’nem Film, der einfach alles wegsteckt.“
„Ich bin ein Actionheld aus ’nem Film“, grinste Turel.
Laura erinnerte sich, als sie Kinder waren und sie noch langes Haar hatte, wie Turel eines Tages meinte: „Hey, Laura, komm mal mit, ich muss dir unbedingt was zeigen.“
Er hatte eine Kerze angezündet. Es hatte einige Versuche gebraucht, bis er das Rädchen am Feuerzeug richtig gedreht hatte.
„Mach das nicht, das ist gefährlich!“, hatte Laura gerufen.
Doch Turel war das egal gewesen und er zündete den Docht der Kerze auf dem Tisch an, ballte die Faust, hatte die Hand direkt über die Flamme gehalten. Die kleine, orange Speerspitze hatte wie eine Zunge mit der Handkante gespielt. „Ich wette, das kannst du nicht!“, hatte Turel gerufen. Da hatte Laura Angst gekriegt. Auch sie hatte sich früher mal an einem heißen Ofen verbrannt und schrecklich geweint.
„Hör auf, Turel! Du tust dir noch weh!“
„Nö, tue ich nicht“, meinte er konzentriert.
„Hör auf damit, Turel“, hatte Laura gerufen, die Hände angespannt in ihre Kleidung gekrallt. „Hör auf, Turel! Sonst sag ich, dass du dir wehtust!“ –
„Du wolltest schon immer allen beweisen, dass du stärker als jeder andere bist, was?“, fragte Laura nostalgisch lächelnd.
„Ich musste das nicht beweisen“, meinte Turel. „Ich kann alles ertragen. Dass müsste doch jetzt klar sein, oder?“, er ging zum Schrank und zog eine der drei großen Schubladen auf. Suchte nach seinen Sachen.
„Weißt du, irgendwie warst du trotzdem hier. Auch wenn ich wusste, dass du noch im Krankenhaus liegst, war es, als wärst du trotzdem hier. Oder als würdest du jeden Moment zurückkommen. Oder als wärst du nur mal kurz einkaufen oder beim Zahnarzt. Das war deine Wohnung.“
„Ich war beim Zahnarzt“, meinte Turel und zog sich an.
Sie ließ sich aufs Bett sinken. „Manchmal lag ich hier und habe einfach die Decke angestarrt und versucht mir vorzustellen, was du durchleiden musstest.“
„Und?“, fragte Turel, „ist es dir gelungen?“, und zog eine weinrote Hose aus Leder hervor. Suchte die dazugehörige Jacke.
„Nein. Wie auch? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Es ist einfach unvorstellbar“, Laura verschränkte die Hände unterm Kopf, wendete den Kopf zur Seite und ließ erneut den Blick über all die Dinge in seiner Wohnung schweifen. Über die fast überquellenden Regale voller Dinge, den alten, großen Röhrenfernseher in der Ecke. Einige Dinge schlummerten einfach in gestapelten Umzugskartons, die Turel nie ausgepackt hatte. Wenn er etwas daraus brauchte, kramte er es hervor und steckte es danach wieder zurück.
„Weißt du, dass dein alter Röhrenfernseher, wenn er in der Nacht auf Standby steht, geisterhaft glüht? Ich musste den Stecker herausziehen, weil ich Angst hatte, dass er in der Nacht plötzlich irgendwelche Gesichter oder so was zeigt.“
Turel breitete die Arme aus, er meinte: „Wie sehe ich aus?“
Laura stützte sich auf die Tagesdecke des Bettes und sah Turel an. Er trug ein leichtes, dunkles Hemd und dazu diese weinrote Hose aus Krokodilleder, mit dieser merkwürdigen, vernarbten Musterung. Die Schuppen eines Reptils.
„Wie ein anderer Mensch“, lächelte Laura.
„Passt, oder?“, er ging zum offenen Balkon. Es war ein winziger, alter Balkon aus Stein. Turels Wohnung saß ganz oben in der Ecke eines Hauses. Das schwarze, spitze Geländer, das langsam rostete, stammte von einem alten Friedhof. Früher einmal hatte es ein paar Gräber umschlossen. Jetzt hielt es Turel vorm Abstürzen ab. Unten verlief schräg die Straße. Das Haus stand genau in einer Ecke. An der langen Seite links von ihm befanden sich einige Läden: Cafés, Dönerbuden, ein Elektrogeschäft.
„Was willst du jetzt eigentlich machen?“, hörte er Laura hinter sich fragen.
„Ich finde, dass ich genug gelitten habe. Ich habe jetzt nur noch das Beste verdient, findest du nicht?“, spähte Turel über seine Schulter zu Laura, die noch immer auf dem Bett saß.
3. Fegefeuer
Die enge und verwinkelte Treppe hinauf, immer Otto Feininger nach.
Durch die Tür in das niedrige Wohnzimmer.
Auch hier schien sich nichts verändert zu haben.
Eine niedrige DDR-Wohnung, die die DDR um Jahre überlebt hatte. Eine helle, gemusterte Tapete, die ebenfalls inzwischen fast zu alt schien. Ein runder Tisch mit einer kleinen Gruppe Stühle und einer weißen Spitzentischdecke. Rechts ein altes, grünes Sofa mit Sessel und dunklem, runden Holztisch. Selbstverständlich nicht ohne Tischdecke. Gegenüber eine recht ausfüllende Schrankwand. Schmucklos und zierlos aus glattem, beschichtetem Holz mit schmalen Griffen. Darin ein unpassender Flachbildschirm – wie auch immer der da hingekommen war? In der Ecke neben dem Sofa stand noch immer eine alte mit Stoff bespannte Stehlampe und von der Decke hing ein für damalige Verhältnisse futuristischer Kronleuchter, der seine fünf Lampen nach außen bog.
Otto, mit seinem leidgeprüften Gesicht und dem weißen Haar, betrachtete Turel einen Moment.
„Dieses Jahr ist verdammt leidhaft. Ich traue mich kaum zu fragen, wie’s dir geht“, meinte er und ließ sich in den grünen Sessel nieder.
„Es wird dich überraschen“, meinte Turel, „aber mir geht’s gut“, er zog die rote, zur Hose passende Lederjacke aus und warf sie aufs Sofa. Schob sich an dem Tisch vorbei und ließ sich nieder.
Otto sah ihn einen Moment an. „Das verstehe ich nicht“, meinte er. Schaute in Turels vernarbtes Gesicht. „Wie kann es dir auch nur ansatzweise gut gehen?“, das Bild von dem fürchterlich blutverkrusteten Turel, der dort so geschunden und zerstört vom Kreuz hing, flackerte durch Ottos Gehirn. „Als ich dich da sah, dachte ich, dass du nie wieder werden würdest“, meinte er. „Du weißt, ich habe eine Menge hässlicher Dinge gesehen und erlebt. Auf einem Morgenspaziergang rechnet man nicht damit, einen Freund gefoltert am Kreuz vorzufinden.“
„Ich bin froh, dass du mich gefunden hast“, begann Turel. „Ich meine, du hast schon so einiges gesehen. Du kannst das ab. Weißt du, als ich da am Kreuz hing und eigentlich kaum noch da war, hörte ich nur das Geräusch von Schritten im Kies. Ich stemmte meine Augen auf und da warst du. Ab diesem Moment war mir klar, dass ich mich fallen lassen konnte. Dass du dich um alles kümmerst. Ich habe mich drauf verlassen und wurde nicht enttäuscht. Eh ich mich versah, war der Krankenwagen da.“
Turel erinnerte sich an diese letzten quälenden Momente. Das Gekreische der Sirenen, die über den Kiesweg herbeieilten. Wie jemand ihn abtastete. Abhorchte. Seinen Puls fühlte.
Die tonnenschweren Lider hatte Turel aufgestemmt, die Sonne stand schräg und blendete ihn. Der Himmel war blau und wolkenlos. Einige Feuerwehrleute versuchten das Kreuz zu stützen, in ihrer schwarz-blauen Kleidung, den Neonstreifen und den Helmen. Andere gruben Turels Kreuz aus. Er konnte den Kopf kaum weit genug senken, um sie zu beobachten. Jedes Rütteln und Schütteln am Kreuz ließ seine Hüfte furchtbar schmerzen, genauso wie es an seinen Händen und Füßen zog. Doch Turel hatte nicht mehr die Kraft gehabt zu schreien und so musste er es eben stumm ertrag. Das Kreuz hob und senkte sich. Hob sich erneut und wurde langsam auf den Boden gelegt. Turel, den ebenfalls tonnenschweren Kopf auf der Schulter ruhend, hatte die Feuerwehrmänner angesehen, und Otto, der traurig und fad an der Seite stand und nichts tun konnte, als am verkrüppelten Kirschbaum zu stehen, beobachtete ihn.
Turels Welt legte sich flach auf den Kiesweg, wo die Feuerwehrmänner ihn hingetragen hatten, und nun machten sie sich bereit, mit einfachen Zangen die Nägel zu ziehen. Womit auch sonst?
Nach Turels Erinnerung waren das die schmerzhaftesten Momente am Kreuz. Wie der Feuerwehrmann, einen schweren Fuß auf der Erde, den anderen neben Turels Arm auf den Kreuzbalken gestemmt, beide Hände um die Zange legte und zog. Mit einem langsamen, quietschenden Ruck zog er den Nagel ein Stück hinaus. Das Metall schrammte an Turel Wunde entlang. Der Schorf, der sich bereits um den Nagel gebildet hatte, bereit, das Stück Metall zu absorbieren und einzukapseln, wurde erneut aufgerissen. Eine frische Kaskade an Schmerz in der Hand. Ein weiterer Ruck, der spitze, große Nagel war draußen.
Er brachte die Kraft auf, einmal gequält aufzustöhnen, bevor er den Kopf wieder in den Nacken sinken ließ. Der Nagel fiel in den Kies und der Feuerwehrmann sagte irgendwas, was Turel nicht verstand, tätschelte seine Schulter mit der behandschuhten Hand und trat hinüber zum rechten Arm, während ein anderer Feuerwehrmann sich daran machte, das schwarze Panzertape vom Kreuz zu schneiden.
Ein erneuter Ruck riss die Wunde an der Rechten wieder auf. Noch ein Ruck und fast schon routiniert hatte der Feuerwehrmann den Nagel draußen, der nun ebenfalls zu Boden fiel. Der andere Feuerwehrmann machte sich nun daran, Turels rechten Arm loszuschneiden, während der linke entspannt vom Kreuzbalken rutschte. Der Feuerwehrmann griff mit der groben Zange den Nagel in Turels Füßen und riss daran. Wunden platzen wieder auf. Blut und Eiter floss über Turels Füße. Der rechte Arm rutschte vom Kreuz. Turel, den Kopf im Nacken und die Augen geschlossen, lag auf dem Kreuz, während die Sanitäter um ihn herumwuselten. Mit einem schweren Ruck war der Nagel aus dem Holz, aber noch lange nicht aus den Füßen. So stemmte der Feuerwehrmann sich auf Turels Beine. Seine Hüfte schmerzte fürchterlich. Der Schmerz des gebrochenen Beckens und der abgeschnittenen Hoden kämpfte um Turels Aufmerksamkeit. Mit einem langsamen, äußerst schmerzhaften Zug war der Nagel aus den Füßen und die Sanitäter klappten ihre Liege aus. Hoben Turel vom Kreuz, das abgeschnittene Panzertape klebte noch an ihm, die Hüfte verschob sich und Turel verlor das Bewusstsein. Seine Hüfte riss ihn wie ein Stein aus purem Schmerz in die tiefe Dunkelheit.
Otto hatte zwei Gläser und Apfelbrand geholt. Füllte die klare Flüssigkeit in die beiden Gläser mit den dicken Böden.
„Hier, hast du dir verdient“, meinte Otto.
„Du sagtest, dieses Jahr wäre so leidhaft, wie meinst du das?“, fragte Turel und trank einen Schluck.
„Mathilda ist gestorben“, meinte Otto. Nahm ebenfalls einen Schluck. „Während du im Krankenhaus warst. Eines Tages ist sie einfach zusammengebrochen. Ich habe es nur gehört, weil sie die Auflaufform hat fallen lassen. Du weißt doch, welche ich meine? Diese alte Auflaufform aus diesem braunen Keramik.“
Die plötzliche Erkenntnis über Mathildas Tod gab Turel einen Stoß. „Tut mir leid“, meinte er und trank sein Glas aus.
„Wir haben am Morgen noch Scherze gemacht“, meinte Otto. „Und dann ist sie einfach umgefallen und war tot. Die Ärzte konnten nicht genau sagen, was es war. Ich hab’s nicht kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war sie weg. Seit damals in Auschwitz kannten wir uns. Haben uns im KZ lieben gelernt. Zusammen konnten wir nach der Befreiung uns therapieren, weißt du? Wenn wir miteinander geschlafen haben, war kein Lager mehr um uns. Wir haben uns einfach eine Ecke gesucht, wo gerade keiner war. Merkwürdig oder?“, er trank sein Glas leer. „Als ich letztes Jahr mit Mathilda auf dieser Feier war, fragte uns ein junges Pärchen, wo wir uns kennengelernt hatten. Mathilda erzählte ihnen, wo und unter welchen Umständen“, Otto musste lachen. „Die beiden wurden plötzlich kreidebleich und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten. Mathilda hat mir sehr geholfen. Was ist mit dir?“, er sah mit seinen freundlichen Altmänneraugen zu Turel hinüber. „Hast du jemanden, mit dem du alles aufarbeiten kannst?“
„Ich brauche es nicht aufarbeiten“, meinte Turel und schenkte sich selbstständig nach. „Ich habe es überstanden. Du kennst mich doch?“
Otto sah Turel einen Moment prüfend an, dann schenkte er sich selbst nach und meinte: „Turel“, in einem Ton, der Turel wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen sollte, ein Ton, der Turel aufforderte, Vernunft anzunehmen.
„Höre auf mit solchem Blödsinn“, setzte Otto fort. „Du wurdest gefoltert. Das ist keine Schande, traumatisiert zu sein. Vergiss nicht, ich hatte das Gleiche erlebt.“
„Nicht genau das Gleiche. Du hast deine Hoden noch“, versuchte Turel die Stimmung aufzulockern.
Otto lächelte, die Falten in seinem Gesicht verzogen sich: „Ja und sie sind inzwischen genauso nützlich wie deine. Aber wir wurden beide gefoltert. Jeder auf seine Art.“
Turel kippte den Apfelbrand hinter, der sich seine Kehle hinunter brannte, sogar die sichelförmige Narbe an seinem Hals begann zu prickeln. „Du wurdest viel länger gefoltert. Über Monate hinweg. Bei mir war es nur eine einzige Nacht.“
„Spiel es nicht runter. Ich hatte Mathilda. Sie hat mich damals geküsst, als ich nicht mal mehr wusste, wie das ging“, lachte er leicht und nostalgisch. „Die Welt ist einfach nicht mehr sicher, wenn du einmal so was durchgemacht hast. Die Folter, nicht den Kuss natürlich.“
„Natürlich“, stimmte Turel zu.
Otto betrachtete Turel. „Ich versteh dich nicht. Wie lange lagst du im Krankenhaus? Ein Jahr?“
„Genau ein Jahr, ja.“
„Und jetzt sitzt du hier und tust so, als wärst du der Alte.“
„Ich bin der Alte. Ich habe überlebt. Meine Sünden quasi abgebüßt.“
Otto mochte Turel, aber manchmal konnte er sich nur über diesen Kerl ärgern. Das Schlimmste daran war, dass Turel kein Grünschnabel mehr war. Früher hatte er gewusst, Turel redete eben Stuss und wusste nicht, was für welchen. Aber er war übel gefoltert worden und redete noch den gleichen Stuss. Es brachte Otto auf den Gedanken, dass Turel damals vielleicht doch keinen Blödsinn gequakt hatte. Sie waren beide gebrandmarkte Männer. Er mit seiner Nummer und Turel voller Narben.
„Welche Sünden denn?“, fragte Otto erschöpft.
„Aus dem letzten Leben vielleicht. Oder welche, die ich erst noch begehe“, er beugte sich vor, stützte sich auf den Tisch auf: „Weißt du, was ich schon immer komisch fand? Jesus ist doch angeblich für all unsere Sünden am Kreuz gestorben. Das bedeutet, er krepierte und alle unserer Sünden sind weg. Damit müsste doch die Erbsünde sich erledigt haben, oder? Eva hat Mist gebaut, Jesus hat die Sache wieder gerichtet. Wir können demnach doch quasi keine Sünden mehr begehen. Ich meine, praktisch schon, aber im Prinzip sind die doch von Jesus schon gesühnt worden. Wir können sündigen, soviel wir wollen. Jesus hat es gerichtet. Und der Witz an der Sache ist, ich habe mehr gelitten als der Kerl.“
Otto wollte gerade einen Schluck trinken, als er plötzlich lachen und husten musste. Er hustete und räusperte sich, hielt Turel die Hand vor, stellte sein Glas fest auf den Tisch und bekam sich schließlich wieder ein.
„Du lehnst dich verdammt weit aus dem Fenster … aber du hast recht. Wahrscheinlich hast du tatsächlich mehr gelitten als Jesus“, er schüttelte den Kopf. „Und gerade deshalb verstehe ich dich nicht. Warum sagst du, es geht dir gut? Wie kann es dir so kurzfristig nach solch einem, ich nenne es mal Horror, gut gehen? Erkläre mir das. Ich versteh dich wirklich nicht. Erkläre einem alten, gefolterten Sack wie mir, warum du nicht total am Ende bist? Ich meine, es ist schön, dass du die Sache so einfach weggesteckt hast, aber wie?“
„Immer an morgen denken“, war Turels einfache Antwort.
Otto lehnte sich in seinem alten, fusseligen, grünen Sessel zurück. „Ich verstehe dich immer noch nicht. Wie kann es ein Morgen geben nach so was? Als ich aus dem Lager raus war, war ich so erschöpft, dass mir fast alles egal war, solange Mathilda bei mir blieb. Die Welt da draußen war nach dem Lager einfach nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie hatte sich verändert.“
Turel sah auf seine vernarbten Finger. Nur an den Spitzen, rund um die Fingernägel, lauter kleine Narben. Turels Fingernägel waren recht lang, ein weißer Streifen stand über.
„Meine Nägel sind nachgewachsen. Das Herausreißen hat den Pennern nichts gebracht. Ich trau mich jetzt bloß nicht mehr so recht, sie zu schneiden“, lächelte Turel verträumt und schaute seine Fingernägel an. „Aber ich muss wohl irgendwann, weil sie sonst zu lang werden, abbrechen“, er zog die Lippen zurück, sodass Otto seine Goldzähne sehen konnte. Turel fuhr von der Innenseite mit der Zunge darüber. Sie fühlten sich ganz natürlich an, als wären seine alten Zähne wie seine Fingernägel nachgewachsen. „Ich habe wieder ein volles Gebiss“, grinste er. „Du kennst dich doch mit der christlichen Mythologie aus. Mathilda war schließlich überzeugte Christin“, meinte Turel.
„Ja?“, meinte Otto gespannt auf Turels Ausführung.
„Dann kennst du das Fegefeuer?“
„Ja.“
„Was ist das Fegefeuer?“
„Das Fegefeuer ist ein Ort der Reinigung. Wenn du nicht gut genug für den Himmel bist, kannst du dort deine Sünden ableiden. So was wie die Wiederholung der Aufnahmeprüfung. So habe ich das zumindest verstanden, als Mathilda mir das mal erklärte.“
„Ja. Man leidet im Fegefeuer seine Sünden ab. Danach darf man ins Paradies. Die Folter war mein Fegefeuer. Ich bin sauber, für immer“, meinte Turel etwas nervös. „Scheißegal was ich tue, der Himmel steht mir weit offen. Ich habe also das Fegefeuer mit Bravour bestanden und jetzt will ich meinen verdammten Himmel haben“, meinte er. Trank seinen Brand mit einem Schluck aus. „Und glaube mir, ich bekomme meinen Himmel auf Erden noch“, sagte Turel, während er sich das schimmernde Glas im Licht der Lampen besah. Wie sie glänzten und sich darin spiegelten.
4. Testosteron-Tango
An diesem ersten Abend saß Laura wie an diesem ersten Morgen auf dem Bett und sah Turel an.
Dieser warf die weinrote Krokodillederjacke, die ihm bis in die Kniekehlen hing, über den weißen Stuhl, dessen Sitzfläche und Rückenfläche nur aus einer Bahn Leder bestand, in den man so herrlich einsank.
In den Händen hielt Laura die Brieftaschen und sah sie durch. Diesmal drei an der Zahl. Lukrativ.
„Und? Wie sieht die Beute aus?“, fragte Turel und ließ die Hose herunter, warf sie ebenfalls zur Jacke über den Stuhl.
Laura zog die raschelnden Scheine hervor und sah diese durch. Ließ die Brieftaschen zwischen ihre Füße fallen. Sie trug immer noch das mausgraue Kleid.
„Sieht ganz gut aus“, meinte sie. „Zwanzig – vierzig – sechzig – achtzig“, die Zwanziger gingen durch ihre Finger. „Neunzig – hundert – fünf – zehn – fünfzehn – zwanzig“, sie sah zu Turel auf. „Durchschnittlich. Hatte schon mal mehr … allerdings auch schon mal weniger. Was hast du heute gemacht?“
„Nicht viel. Otto getroffen“, meinte Turel und ging, nur sein riffliges, dunkles Hemd an, zum Schrank hinüber und legte sich seine Utensilien zurecht.
Eingeschweißte Spritze. Eingeschweißte Nadeln. Ampullen.
„Was machst du da?“, fragte Laura. Sie sah zu Turels Beinen, wo nun sein Schwanz vor nichts hing.
„Ich mach mich startklar“, meinte er und entriss die Nadel der Verpackung, schraubte sie auf die kleine Plastikspritze, die er eben der Verpackung entrissen hatte. Legte sie ordentlich beiseite.
„Das Zeug hier hat mir Dr. Ruben mitgegeben. Ist ein toller Kerl, weißt du. Total verrückt.“
Ein wenig machte sich Laura Sorgen um ihn. „Nein, ehrlich, was machst du da? ‚Startklar‘, was soll das bedeuten?“
„Testosteron“, meinte Turel. „Ich habe keine Hoden mehr … irgendwo muss der Antrieb ja herkommen, oder?“, er hielt die kleine Ampulle einen Moment in der Faust und schüttelte sie ein wenig.
„Du setzt dir eine Testosteronspritze?“, fragte Laura.
„Ja“, Turel nahm ein kleines, silbernes Metallstück. Es ähnelte einem Miniaturbrotmesser mit kleinen Zacken. Damit sägte Turel den Hals der Ampulle durch. „Normalerweise macht es der Arzt, aber Dr. Ruben schien kurz angebunden zu sein. Er meinte, es sei besser als Salbe, weil ich von der Pickel kriegen würde, keine Ahnung, ob das ernst gemeint war“, Turel steckte die Nadel in die klare, ölige Flüssigkeit und zog etwas davon in die Spritze. Er tastete mit der Linken an seiner linken Arschbacke herum. Setzte sich dort schließlich die Spritze. Die ölige Flüssigkeit schmerzte ein wenig. Als er die Spritze aus seinem Fleisch zog, markierte ein kleiner, öliger Tropfen die Einstichstelle. Turel wischte ihn mit der Hand flüchtig weg.
Für Laura wirkte es befremdlich. Turel spritzte sich Testosteron. „Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob du noch der Alte bist“, meinte sie.
„Zwischen dem alten und dem neuen Turel liegen nur ein übler Tag und ein zugedröhntes Jahr im Krankenhaus. Ich habe mich nur äußerlich verändert“, meinte er.
„Dir kam es vielleicht nicht so lange vor, aber mir schon. Du lagst eben im Krankenhaus unter irgendwelchem Zeug, aber ich habe hier in deinem Bett geschlafen. Habe in deiner Wohnung gelebt. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, die du weg warst.“
„Es fühlt sich irreal an, weißt du“, begann Turel und ging zu ihr hinüber er. „Als ob die Nacht auf dem Feldweg das letzte Reale gewesen wäre. Ich weiß, dass ich wieder Zuhause bin, das ist mir klar. Ich weiß, dass hier eine wunderbare Laura vor mir sitzt“, dabei musste sie lächeln. „Aber ich bin noch nicht richtig angekommen. Ich nehme es hin, aber richtig bewusst ist es mir nicht“, er sah sie einen Moment in diesem rosaroten Lichtschein der bunten Birnen an, der über ihre Haut strich. Den grauen Stoff ihres engen Kleides entlang. Das Geld wirkte rosa in ihren Händen. Es beschien ihre leichten Rundungen. Ihr Gesicht.
„Andererseits brauchen wir nie wieder ein Kondom zu benutzen“, meinte Turel spontan.
Laura wusste nicht, ob es ein Witz sein sollte. „Warum? Können wir denn noch Sex haben, du hast schließlich keine …“
„Ja“, fuhr ihr Turel dazwischen. „Die produzieren aber nur Samen. Den Rest macht die Prostata. Der Schwellkörper ist in Ordnung und arbeitswillig“, er hob seinen Schwanz kurz an, was die Leere zwischen seinen Beinen noch unterstrich, und ließ ihn wieder fallen. „Was denkst du, wozu ich mir Testosteron spritze?“, meinte er und stützte sich kurz auf seine Knie.
Eine leichte Traurigkeit ergriff von ihrem runden Gesicht Besitz: „Das muss schlimm gewesen sein“, meinte sie.
„Der Schock kümmert sich schon drum“, meinte Turel. Setzte sich neben sie aufs Bett. „Weißt du was? Ich könnte den Schmerz nicht mehr beschreiben. Nicht, weil er unbeschreiblich wäre, sondern weil ich mich nicht mehr erinnere. Es ist wie bei Schwangeren. Man vergisst den Schmerz, sonst würde man ja durchdrehen. Guck dir zum Beispiel eine dieser fetten Frauen da draußen an. Zum Beispiel die Hildrichen, du weißt, welche ich meine? Deine frühere Nachbarin. Die hat … wie viel? Fünf Kinder? Jedes ein Souvenir von einer früheren Beziehung. Denkst du, die hätte auch nur ein zweites rausgequetscht, wenn sie sich genau noch an die Schmerzen erinnern könnte? Weißt du, die übelsten Schmerzen von allen, an die ich mich noch erinnere, waren die, als die Nägel aus meinen Händen und Füßen gezogen wurden“, meinte Turel und hob demonstrativ beide Hände mit den runden Löchern zwischen den Speichen des Ring- und Mittelfingers.
„Ich kann mich nicht erinnern, außer an das Gefühl der Kälte und dass was fehlte. Gesehen habe ich auch nicht, wie sie mir die Eier abtrennten. Ich hatte Blut in den Augen. Konnte kaum was sehen. Unnützes Fleisch muss weg, was?“, scherzte Turel.
„Ich finde das echt nicht witzig“, meinte Laura. „Die haben dir die Eier abgeschnitten … das ist wie … als hätten sie einer Frau die Brüste …“, sie wollte sich das lieber nicht vorstellen.
Turel sprang auf: „Quatsch! Was soll ich denn machen? Rumheulen, weil ich meine Hoden los bin?!“, fragte er. „Ich kriege sie ja eh nicht wieder“, meinte er und stand ganz plötzlich nutzlos mit hängenden Armen da, nur mit dem Hemd bekleidet, im Raum. Die gelochten Füße auf dem arabischen Teppich. Das Testosteron gluckerte in ihm herum. Laura hatte all ihre Anziehungskraft, die mit seinen Hoden gegangen war, wieder. Nicht dass er sie zwischenzeitlich unansehnlich gefunden hätte. Sie war immer noch schön, aber eher wie eine Statuette, wie ein Kunstwerk. Nun übten ihre Waden wieder die starke Anziehungskraft auf ihn aus, wie sie da so brav zusammen standen. Er erinnerte sich an das Gefühl, ihre Brüste zu kneten. An ihren Geruch und ihre Geräusche, wenn sie stoßweise ausatmete.
„Vielleicht kannst du mich ja trösten“, meinte Turel.
Laura verstand nicht recht.
Turel ging auf sie zu. Lächelte: „Leg schon das Geld zur Seite“, dabei kickte er eins der Portemonnaies weg.
Schließlich sah Laura schon, was los war, vergaß ihre Bedenken, warf sich zurück und stopfte das Geld in die Schublade des Nachtschränkchens. Für Turel hatte das Geld vorläufig seinen Wert verloren, er griff sie an den Knöcheln und zog die kichernde Laura zu sich zurück, wobei ihr Kleid bis zu dem Gürtel hochrutschte: „Nicht wegkrabbeln“, meinte er und machte sich sogleich an die Arbeit.
Ein kleiner Bannzauber gegen alles, was geschehen war. Das Testosteron arbeitete und hängte ihm imaginäre Hoden an. Turel machte sich nicht die Mühe, den Gürtel zu lösen, sondern zog das Kleid einfach von ihren kleinen, weichen Brüsten. Ein kleines Spektakel und Gerangel im Garten irdischer Genüsse. Das rosa Licht hüllte alles ein, Laura schlang ihre Beine um ihn. Zog seinen ungewohnt kahlen Kopf näher zu sich heran. Seine vernarbten Finger gruben sich in ihr Fleisch. Ein Gegengift in Form von elektrischen Signalen gegen den Schmerz der herausgerissenen Nägel, die schon lange wieder nachgewachsen waren.
Turel wie auch Laura spürten, dass sich an dem Vorgang und den freigesetzten Stoffen nichts merklich verändert hatte. Erst nachdem Turel sie zurücksinken ließ und sich aufsetzte, spürte er den fehlenden Widerstand zwischen seinen Beinen. Aber mehr auch nicht.
„Du hast recht“, meinte Laura. „Es hat sich nichts verändert“, meinte sie mit hochgeschobenen Kleid und heraushängenden Brüsten im rosa Schein des Lichtes.
Turel wurde etwas Bestimmtes klar und er rollte sich zur Seite neben sie. „Wir haben gerade die Natur beschissen“, meinte er lächelnd, die Hände hinter dem Glatzkopf verschränkt.
„Wie meinst du das jetzt wieder?“
„Hast du dich je gefragt, warum alle so verrückt nach Sex sind?“, stellte Turel seine Gegenfrage.
„Weil’s geil ist.“
„Und warum ist es so geil?“, fragte er und sah zu ihr hinüber.
„Warum?“, fragte Laura. Spielte einfach mit.
„Weil die Natur will, dass wir uns fortpflanzen. Warum sollte uns Sex sonst gefallen? Wir sollen unsere Art erhalten.
Doch jetzt können wir das Ganze haben, ohne die geringste Gefahr. Meine Hoden sind dahin. So bleibt für mich nur noch das Gefühl übrig. Wie ich schon sagte, wir bescheißen die Natur. Sieht fast so aus, als hättest du damals recht gehabt.“
„Womit denn?“
„Weißt du nicht mehr, was du damals meintest, als die Frage aufkam, ob wir nun ein Paar sind oder nicht?“
„Nein, was habe ich denn gesagt?“, fragte Laura.
„Du meintest, wir wären einfach zwei verlorene Seelen, die den Weg gemeinsam beschreiten. Das gefiel mir schon immer, wie du das so gesagt hast“, meinte er.
Laura drehte sich auf die Seite: „Daran kann ich mich nicht mal mehr erinnern. Soll ich das wirklich gesagt haben?“
„Ja. Hat sich denn was an der Aussage geändert?“
„Nein, ich glaube nicht“, meinte Laura lächelnd. „Wir sind wohl immer noch verlorene Seelen. Mehr denn je.“
5. Fingernägel
Turel stand in dem kleinen Bad und betrachtete seine Fingernägel.
Die Badewanne direkt vor ihm, die Tür im Rücken. Es schien helles Tageslicht durch das kleine, hohe Fenster zum Fuß der Wanne hinein. Eigentlich wollte Turel bereits unterwegs sein, doch es gab noch etwas, was erledigt werden musste, und das fiel ihm sichtlich schwer.
Er hielt eine kleine, silberne Fingernagelschere aus Metall in der Rechten, während er die Fingerspitzen der Linken betrachtete. Die kleinen dünnen Narben rund um den Fingernagelansatz. Inzwischen waren seine Nägel sehr gut nachgewachsen und so lang, dass sie ihn störten. Trotzdem konnte es Turel nicht.
Er stand einfach vor der Wanne, schon angezogen und bereit loszumarschieren in seiner weinroten Krokodillederjacke und der dazu passenden Hose aus dem gleichen Material, doch er konnte einfach nicht.
Stand konzentriert da und schwitzte.
Nicht der Schmerz, sondern das Gefühl des Fehlenden, dass der Finger plötzlich weniger stabil sein könnte. Die rote von Fleisch durchsetzte Haut, die ihrer Motorhaube aus Horn beraubt worden war. Die Verletzlichkeit. Nackt und schutzlos. Aber das konnte Turel ja nicht an sich heranlassen. Er hatte schließlich nicht grundlos gelitten.
Ihm ging es gut.
Ihm ging es gut.
Ihm ging es gut.
So, jetzt, wo das geklärt ist, können wir ja anfangen.
Wieder starrte Turel einen Moment seine Fingernägel an. Er entschloss, dass ihn die Jacke störte, also ließ er sie von seinen Armen rutschen und auf die weißen, klinischen Fliesen fallen. Ganz anders als die staubigen, dreckigen, auf denen er gefoltert worden war.
Die Schere wechselte in die Linke.
Wenn, dann fange ich mit dem Schwierigsten an.
Vorsichtig setzte Turel die kleine Schere am rechten Zeigefinger an. Schnitt vorsichtig. Die Nägel durften ihn nicht behindern, aber sie durften keinesfalls zu kurz sein. Ein weißer Rand musste überstehen, ganz einfach, damit der Fingernagel nicht direkt in das weiche Fleisch schnitt. Die ersten Hornspäne fielen in die Wanne. Turel spürte, wie Schweiß seine Schläfen entlang kroch, wie eine schwere, rote Nacktschnecke, die ihre Schleimspur über seine Schläfe zog.
Die rechte Hand war fertig, das Schwerste getan. Die Schere wechselte die Hand. Das gleiche Spiel bei der Linken. Es wurde mit jedem Finger einfacher. Waren ja bloß Nägel, mehr nicht. Nur Fingernägel. Niemand würde sie ihm noch mal herausreißen können. Er hatte alles überstanden, alles in bester Ordnung.
Als er fertig war, drehte er den Wasserhahn auf, der aus der Wand ragte. Das klare Wasser spülte die Hornreste wie kleine Segelboote den Abfluss hinunter. Turel drehte ihn wieder zu und wandte sich um.
Fast kam es ihm vor, als schiebe er mit den Schuhen, während er sich drehte, den dicken Staub vom Boden, der mit seinem Blut zu einer dicken, rot-grauen Paste geworden war, an ihm haftete wie Semmelmehl mit Blut statt Ei.
Zähne und Fingernägel, die um ihn herumlagen.
Es kostete Turel unheimliche Kraft zu lächeln. Die beiden Mundwinkel nach oben zu ziehen, wobei sich sein vernarbtes Gesicht verzog. Er musste krampfhaft lachen, weil er gewonnen hatte. Er hatte alles gewonnen. Dafür hatte er bloß richtig üble Stunden bezahlt, Zähne, die längst ersetzt worden und Fingernägel, die schon wieder nachgewachsen waren. Er legte die kleine Schere auf den Rand des Waschbeckens neben die schmierige, blaue Seife und betrachtete seine Fingernägel. Bei jedem ein weißer Streifen über. Fantastisch.
Und nun fragte er sich, warum er hier so herumtrödelte, schließlich musste er doch los. Schnell hob Turel seine Jacke auf und ging durch die Räume, die fast spiralisch um das Zimmer mit seinem Bett und dem Balkon angeordnet waren.
Laura war bereits ausgeflogen, um irgendwelche Leute zu beklauen. Als er durch die Küche in den schmalen Raum hinter seinem Bett kam, wo Kartons und ein kleiner, alter Schrank mit gewunden Verzierungen und einem Spiegel standen, den der Vorbesitzer hiergelassen hatte, streifte sich Turel die Jacke über. Schaute in den Spiegel, den Kerl an, der bereits alle Sünden der Welt abgelitten hatte. Das Schlimmste war überstanden, er war über den Berg.
Da klopfte es plötzlich an der Tür und Turel fuhr herum. Er öffnete sie und da stand ein Mann im Anzug vor ihm, der ihm einen Briefumschlag reichte. Alles ging so schnell, dass Turel kaum Zeit hatte, den Mann zu erkennen. Er nahm einfach den Umschlag entgegen und betrachtete ihn.
„Guten Tag, Herr Nazaret“, sagte der Mann. „Herr Flitzwitz möchte sich gern bei Ihnen entschuldigen für all die Unannehmlichkeiten. Die Einladung ist im Umschlag. Einen schönen Tag noch.“ Als Turel daraufhin vom Umschlag aufsah, sah er nur noch den Rücken des Mannes, der die Treppe hinunterging.
6. Der hypothetische Lee
Hellstes Licht erfüllte den weiten Raum.
Alles war hell und schön. Fenster reichten über die ganze Wand. Nur Vorhänge konnten davorgezogen werden. Der Schreibtisch an der Wand glänzte wie poliert. Er war schlicht und doch so prächtig. An der Wand dahinter ein paar Bilder. Teilweise Kritzelmännchen, die von Kindern und/oder Patienten gezeichnet worden waren.
Er war aufgestanden und zu Turel gegangen. Hielt ihm freundlich die große, schwarze Hand hin.
„Guten Tag, wie geht’s Ihnen?“, meinte er mit einem breiten, dicklippigen Lächeln.
Turel schüttelte die schwere, schwarze Hand. „Gut … mir geht’s gut“, meinte Turel ein wenig angespannt.
Dr. Klember war ein großer, schwarzer Mann. Nicht nur groß, sondern auch breit. Keinesfalls dick oder muskulös. Aber er war wie eine menschliche Mauer aus Fleisch und schwarzer Haut, erfüllt von strahlender Güte. Sein fast birnenförmiger Kopf schien recht übergangslos auf dem Rumpf zu sitzen. Dr. Klember hätte sicherlich ein Fußballtor blockieren können. Trotzdem war der Koloss in dem graugestreiften Anzug alles andere als gefährlich.
Ein sanfter Riese, der Turel zur Liege wies, die recht mittig im Raum stand: „Setzen Sie sich doch“, meinte Dr. Klember und ließ Turel vorgehen. „Ich nehme Ihre Jacke, wenn Sie möchten“, er half Turel aus der Jacke, trug sie hinfort und hängte sie mit seinen riesigen Fingern an die Wand.
Es war kein altes Sofa, sondern eine Liege auf dünnen, geschmeidigen Metallbeinen. Schwarzes Lederpolster. Flach und leicht gebogen wie ein Liegestuhl. Turel setzte sich erst einmal seitlich darauf und beobachtete den Koloss, wie er sich seinen Chefsessel heranzog und darauf Platz nahm. Sofort senkte sich der Stuhl fast zur Hälfte und Dr. Klember strahlte Turel an. Die perfekte Zahnarztwerbung. Ein Koloss, der nicht schwärzer hätte sein können, mit einem breiten weißen Lächeln. Seine Zähne waren so gleichmäßig, dass Turel ihm auch abnehmen würde, dass es keine Zähne, sondern Auswüchse der Kieferknochen waren, gleich einem Dunkleosteus.
„Turel Nazaret. Das ist ein interessanter Name“, begann er. „Sagen Sie, woher kommt der?“
„Keine Ahnung“, meinte Turel.
„Ich wusste nicht, dass es Turel auch als Vornamen gibt.“
„Gibt so einiges, was?“
„Da haben Sie recht“, meinte Dr. Klember. „Sie können sich ruhig hinlegen, wenn Sie wollen. Sie können aber auch gern so sitzenbleiben, wenn es Ihnen gefällt. Erstmal, wie geht es Ihnen?“, fragte er und lehnte sich zurück. Turel blieb seitlich sitzen.
„Gut“, meinte Turel. „Mir geht’s gut.“
„Das ist schön. Sie müssen sehr stark sein, wenn es Ihnen nach alle dem gut geht. Aber schließlich haben Sie es sich ja auch verdient oder?“
So sieht es aus.
„Wissen Sie …“, er brach ab. „Wollen Sie ein Glas Wasser haben?“, fragte er und deutete zum Schreibtisch, wo zwei neutrale Gläser mit Wasser standen.
„Nein, nein. Schon okay.“
Er wandte sich wieder Turel zu: „Als ich Sie letztens im Krankenhaus besucht habe, hatten Sie noch Haare, was ist denn passiert? Ein Neuanfang?“
„Nein, ich führe was fort“, meinte Turel. „Ich dachte, wenn ich ordentlich gelitten habe, dann kann ich auch so aussehen.“
„Wie meinen Sie das denn?“, fragte Dr. Klember.
„Na ja, so Tibet-Mönch-Stil. Macht des Geistes über den Körper. Der Geist ist stärker als der Körper und so.“
„Das ist ein guter Ansatz. Die wenigsten Menschen, die so etwas erlebt haben, können so gelassen in die Zukunft blicken. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?“
„Warum fragen Sie das denn?“
„Na ja“, lächelte er. „Sie scheinen ja gut klarzukommen. Ich bin Psychologe. Wenn es Ihnen gut geht, dann brauchen Sie mich nicht. Die Krankenkasse hat ein paar Sitzungen bezahlt, also warum sie verschwenden. Unterhalten wir uns.“
„Was war die Frage noch mal?“
„Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?“
„Ich denke, ich werde das Leben genießen“, meinte Turel. Dabei kam ihm eine Idee. Er schwang sich auf die Liege und verschränkte die Hände hinterm Kopf, die Füße gekreuzt. „Wie Sie sagten, ich hab’s verdient nach all dem. Ich habe ja schließlich genug gelitten. Das ist vermutlich der Punkt. Sag mal“, meinte Turel, „um ein Trauma wie Folter überwinden zu können, muss man es doch erst mal anerkennen, oder?“
„Da haben Sie recht“, pflichtete Dr. Klember bei.
„Das habe ich. Schon im Moment, als es passiert ist. Ich habe eben gelitten. Weißt du, woran ich in letzter Zeit gedacht habe, während ich da so im Krankenhaus lag?“, fragte Turel und spähte kurz zu Dr. Klember hinüber.
„Nein. Erzählen Sie’s mir“, meinte er lächelnd.
„Ich dachte an all die Opfer von Katastrophen, oder die damals in Hiroschima. Ich meine, die wurden aus ihrem Leben gerissen. So wie ich. Von einem Moment an war nichts mehr dasselbe. Alles zerstört. Menschen mit geschmolzenen Gesichtern und so. Leichenteile, die vom Himmel regnen. Was weiß ich, eben hattest du noch jemanden an der Hand und plötzlich ist nur noch der Arm da. Die haben eine sehr anschauliche Darstellung der Hölle bekommen, oder? Überall verdammte Seelen, die auf ihrem nackten, verschmorten Fleisch herumkriechen und um Wasser und Linderung betteln. Stellen wir uns einen Typ in Hiroschima vor … äh … wie heißt man in Hiroschima? Lee.“
„Lee ist, glaube ich, chinesisch, aber das macht nichts“, meinte Dr. Klember. „Also, wir sind Lee in Hiroschima.“
„Ja. Wir gehen durch die zerstörten Straßen. Sehen all den Horror, der da stattfindet. Alles ist zerstört. Schatten in den nackten Stein gebrannt. Der totale Horror eben. Nehmen wir mal an, Lee ist weitgehend gut davongekommen. Vielleicht in ’nem Keller oder so, weit genug weg, dass er nicht bei lebendigem Leibe gebraten wurde. Und jetzt sind wir aus unserem Loch gekrochen und laufen durch die Straßen. Vielleicht helfen wir, wo wir können?“
„Ich bin sicher, dass wir tun, was wir tun können“, pflichtete Dr. Klember bei.
„Ja. Wir helfen, wo wir können. Und was passiert? Plötzlich ist unser hypothetischer Lee total verstrahlt. Ich meine, jetzt so richtig. Ihm fallen die Haare aus und so. Vielleicht bindet er sich ein Kopftuch um und hilft weiter. Tut so, als ob nichts wäre. Denn er weiß, wenn er nicht hilft, wird er ebenfalls siechen und verwelken. Nehmen wir an, alles klappt. Lee überlebt. Die Stadt wird neu aufgebaut. Die Leute finden langsam aber sicher in die Normalität zurück. Lees Haare wachsen wieder. Und dann …“
„Und dann …?“, fragte Dr. Klember.
„Und dann nimmt Lee seinen alten Job wieder auf. Er darf wieder Klos putzen und seinen Hungerlohn kassieren, wovon das meiste für die Miete in irgendeinem Drecksloch weggeht. Sicher, er hat überlebt und halb Hiroschima wieder aufgebaut, und keiner wird ihm danken. Jeder hat eben mit sich selbst zu tun und glaubt daran, dass es selbstverständlich ist, dass einer sein Leben riskiert, nur um einen Unbekannten zu retten. Wofür hat Lee denn dann überlebt? Nichts ist besser geworden. Eine Katastrophe war passiert. Er hat Übermenschliches geleistet und jetzt ist er zurück im alten Leben. Wofür? Weißt du, wie ich das finde?“
„Nicht sonderlich gut, entnehme ich Ihrer Erzählung.“
„Ganz und gar nicht. Da hast du recht. Ich finde das zum Kotzen. Also wozu überlebt man das, wenn nichts besser wird? Wozu? Ich habe überlebt und werde mein Leben genießen“, er sah wieder lächelnd mit seinem vernarbten Gesicht zu Dr. Klember auf.
„Ich meine, ich bin der hypothetische Lee! Die Welt hat jetzt gefälligst die Ampeln für mich grün zu stellen. Ständig sollen wir doch alles für Flüchtlinge tun, weil die eben aus dem Horror kommen. Jetzt bin ich auch Flüchtling. Die Gutmenschen haben mich in ihre Wohnungen und aus ihrem Topf essen zu lassen. Weil ich gelitten habe. Wenn die wirklich so gut und so sozialverantwortlich sind, dann haben die Kerle mir die Wanne vorzuheizen und dann haben die Frauen gefälligst ihre Beine breitzumachen, wenn ich komme. Ich bin sogar freundlich und sage danach: ‚Danke, danke, ihr guten, ihr herzensguten Menschen.‘ Es sei denn, sie sind alle gar nicht solche herzensguten Menschen, die alles tun würden, nur damit es mir wieder besser geht.“
Turel lag noch immer lächelnd, trotz der harten Worte, mit verschränken Armen hinterm Kopf und überschlagenen Beinen auf der Liege. „Deswegen geht’s mir gut“, meinte er selbstzufrieden. „Das Prinzip kannst du gern den andern Opfern verraten. Ich bin vielleicht ein Opfer“, er sah in das helle Licht, das den Raum so glorreich wie das Paradies flutete. „Aber ich bin keiner dieser zitternden, zuckenden Verlierer. Ich bin ein Gewinner, gerade weil ich diese Torturen überstanden habe. Ich meine, ich habe keine Eier mehr“, er sah zu Dr. Klember auf. „Das ist schon übel, oder?“, Dr. Klember sah zurück in dieses zerschlitzte Hundegesicht mit den vielen Goldzähnen. Er wusste nicht genau, was er davon halten sollte.
So was war ihm bisher noch nicht untergekommen.
7. Ein schneller Kaffee
Es war ein nettes, kleines Kaffeehaus mit großen Fenstern zur Straße hin, an denen man sitzen und Kaffee trinkend hinausstieren konnte, und einigen dunklen, runden Tischen mit Sofas und Stühlen, selbstredend im braun-schwarzen Kaffeehausstil.
Es war so gut wie leer und rein offiziell war es auch gerade geschlossen. Das musste Herr Flitzwitz angeordnet haben.
Turel sah ihn gleich, Herrn Flitzwitz, wie er dort auf dem Stuhl saß. Ein schmaler, bürokratischer Kerl mit Brille und sauberer Frisur. Er steckte wie immer in einem beigen Anzug. Überhaupt war alles an ihm irgendwie beige und fade. Und wer saß da auf dem roten, eleganten Sofa mit den dünnen, schwarzen Holzbeinen? Der blonde Asiat mit der Kinn-Schnurrbart-Kombination, der über die Lehne zu Turel schaute. Er winkte Turel heran.
Als Turel um das Sofa herankam, klopfte der Asiat neben sich auf das Polster: „Mein rechter, rechter Platz ist leer“, grinste er.
„Setz dich“, meinte Herr Flitzwitz von seinem Stuhl aus und deutete mit der flachen Hand auf das Sofa. Ein verschwommenes, blutiges Bild vom grinsenden Asiaten, der mit der Zange spielt, flackerte über Turels Sehrinde hinweg. Er setzte sich neben den Asiaten.
„Willst du einen Kaffee?“, fragte Herr Flitzwitz.
„Ja“, sagte Turel. Der Asiat saß neben ihm, einen Arm auf der Lehne, und grinste ihn breit an, was dessen Augen noch schmaler machte, während Herr Flitzwitz sich umdrehte und zur Tante an der Glastheke mit den vielen Kuchen hinüberrief: „Bringen Sie unserem Freund einen Kaffee bitte“, dann wandte er sich wieder Turel zu. Das Gesicht nichtssagend und ausdruckslos.
Bürokraten-Pokerface.
Er hakte die Finger ineinander. Auf dem Tisch standen bereits sein Kaffee und der des Asiaten.
„Es tut mir sehr leid, das musst du wissen, Turel“, meinte Herr Flitzwitz. Sah kurz darauf den Asiaten an und meinte: „Mingzi … bitte …“, worauf Mingzi sich normal neben Turel setzte und zu grinsen aufhörte.
„Du musst wissen, es war alles nicht so geplant. Mingzi hier, muss meinen Befehl fürchterlich falsch gedeutet haben“, meinte Herr Flitzwitz. Seine Augen hinter den Brillengläsern fuhren die tiefen Narben in Turels Gesicht nach. „Du hast dich sehr verändert“, meinte er schließlich.
Darauf musste Turel lachen. Seine Goldzähne wurden dabei sichtbar. „Ach was? Wirklich?“, fragte Turel.
Die Kaffeetante brachte den Kaffee und verschwand wieder. Turel zog seine Tasse zu sich hin, stupste den Zuckerwürfel hinein, der daneben auf der Untertasse lag, und riss das Päckchen Milch auf, um es hineinzugießen. Eine weiße Spirale mischte sich ins Schwarz und Turel rührte mit dem Löffel drin herum.
„Ich kann verstehen, dass du wütend sein musst“, begann Herr Flitzwitz von Neuem. „Aber du musst das auch mal von meiner Seite aus sehen. Du hast fürchterlich hohe Schulden. Ich meine, ich gewähre gern Freunden einen Vorschuss und wenn gute Freunde ein Problem haben, können sie immer zu mir kommen und dann werde ich mich um die Probleme kümmern, aber dann muss man auch seine Schulden bezahlen können. Wir müssen alle zahlen, Turel“, meinte er mit besorgter Miene.
Turel rührte die Schwärze um. Sah kurz zur Mingzis Tasse hinüber. Alle drei Kaffeetassen weiß und klinisch. Neben Mingzis Tasse stand die kleine Milch, unangetastet.
„Gib mir mal die Milch“, meine Turel zu Mingzi hinüberschielend. Der schob sie mit einem langen Finger mit schwarz lackiertem Nagel hinüber.
Turel goss eine weitere weiße Spirale ins Dunkle, das sich ganz langsam klärte. Licht trat in die Finsternis. Er hatte alles überstanden. Die Nägel waren nachgewachsen. Das zeigten die Narben, dass alles vorbei war.
Nach diesem kurzen Schweigen sah Turel auf: „Was hast du Mingzi denn befohlen, was er so furchtbar falsch verstehen konnte?“, Turel sah zu ihm hinüber: „Vielleicht solltest du erst mal richtig Deutsch lernen?“
„Ich bin Deutscher, du Penner!“, mokierte sich Mingzi.
„Sssch“, meinte Herr Flitzwitz mit einer beschwichtigenden Handbewegung.
„Deine Augen sagen mir was anderes, Lee Mingzi“, grinste Turel mit seinem golddurchsetzten Gebiss zurück.
„Ich heiße Louis, du Arschloch, ich bin in Dresden geboren!“, mokierte er sich weiter.
Turel nippte an seinem Kaffee. Wandte sich Herrn Flitzwitz zu und ignorierte Louis. „Ganz ehrlich, mich wundert, dass du mich zum Kaffee eingeladen hast. Warum sind wir nicht Sushi essen gegangen?“, fragte Turel ganz unschuldig.
„Sushi ist japanisch, meine Mutter ist Chinesin!“
„Ist ja Wahnsinn, da wäre ich nie drauf gekommen“, konterte Turel und Louis zog sich griesgrämig in seine Ecke zurück. „Also“, meinte Turel zu Herr Flitzwitz. „Was für ein Befehl war es denn, den Louis Ich-bin-Deutscher-Mingzi da falsch verstanden hat?“, er deutete mit einer Daumenbewegung zu Louis hinüber.
„Du musst wissen, ich war mit den Nerven am Ende“, verteidigte sich Herr Flitzwitz vom Stuhl aus. „Ich bin Geschäftsmann, kein Gangster. Ich habe dir nicht nur diese Typen vom Leib gehalten, sondern dir auch mächtig viel Geld geliehen. Es ist mein Geld, was ich dir geliehen habe. Und du bist ja nicht der einzige, Turel. Ich leihe auch anderen Leuten Geld. Es ist mein Geld, was ich verleihe, und normalerweise zahlt jeder es zurück. Okay, es gibt so ein paar Leute, bei denen muss man halt zweimal fragen, aber ich verstehe das. Ich habe Verständnis dafür. Manche haben halt viel um die Ohren. Da passiert so was schon mal. Aber sie zahlen. Sie zahlen alle. Außer dir, Turel. Du leihst dir Geld und zahlst es nicht zurück. Und dann leihst du dir noch mal Geld. Und noch mal. Und außerdem schuldest du mir noch eine Menge wegen der zwielichtigen Gestalten, denen du sicher auch was schuldest, sonst wären die nicht hinter dir her gewesen. Das ist Diebstahl. Du stiehlst mir mein Geld.“
„Warum hast du mir dann immer wieder was geliehen?“, fragte Turel und trank Kaffee.
„Weil ich Menschen nun mal gern helfe. Es waren noch einige Rechnungen offen. Und du hast einfach nicht gezahlt“, er runzelte die Stirn. „Außerdem ging es meinem Vater damals schlecht. Ich habe das Unternehmen führen müssen. Allein, ohne seinen Beistand. Und privat hast du mir auch noch was geschuldet. Was sollte ich denn machen? Was hättest du getan? Ich habe dir eine Frist gesetzt und du hast dich nicht dran gehalten. Da habe ich eben zu Mingzi gesagt“, er sah zu Louis hinüber, „‚Mingzi‘, habe ich gesagt, ‚geh zum Herrn Nazaret und hol mir mein Geld zurück.‘ Stimmt’s, genau das habe ich gesagt?“
Louis nickte.
„Und was hast du dann gesagt?“, fragte er Louis.
„Ich habe gefragt: ‚Was ist, wenn er das Geld nicht hat?‘“
„Ja. Das ist ein schlauer Gedanke“, meinte Herr Flitzwitz. „Was ist, wenn er das Geld nicht hat? Das wäre sehr unverschämt, findest du nicht, Turel? Nach mehrmaliger Mahnung. Und dann nicht mal das Geld da. Aber eine berechtigte Frage, wie sich herausstellte. Mingzi ist ein schlauer Junge, deswegen arbeitet er ja für mich“, meinte Herr Fitzwitz.
Louis grinste Turel an. Turel lächelte gespielt zurück. „Schlauer Junge“, sagte Turel und deutete Applaus an. Louis lächelte und nickte.
„Ich hatte viel um die Ohren“, führte Herr Flitzwitz genauer aus. „Und Mingzi hat gefragt, was wäre, wenn du mein Geld nicht hast. Und du hast ja nichts, was sich lohnt zu pfänden. Da habe ich eben gesagt …“, er wischte sich mit der Serviette den Schweiß von der Stirn. „Da habe ich gesagt …“
„Was?“, fragte Turel „Was hast du Mingzi gesagt?“, fragte er wütend, ungeduldig und wie eine Felsskulptur darauf wartend, dass Herr Flitzwitz es ausspuckte.
Herr Flitzwitz sah ihn durch seine Brille um Vergebung flehend an: „Da habe ich Mingzi gesagt: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘ Das war alles, was ich gesagt habe, nur: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘“
„Dann machst du ihn eben fertig?“, fragte Turel.
„Ja“, bestätigte Herr Flitzwitz und nippte am dunklen Kaffee.
„Du hast nicht gesagt: ‚Reiß ihm die Fingernägel raus, zieh ihm die Zähne, versuch ihn aufzuhängen, zerschlitz ihm das Gesicht, brich ihm die Hüfte, schneide ihm die Eier ab und kreuzige ihn am Feldweg‘?“, fragte Turel wütend.
„Ich habe nur gesagt: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘ Das war wirklich alles“, meinte Herr Flitzwitz.
Turels Mundwinkel richteten sich nach oben.
Dann machst du ihn eben fertig … so einfach …
Turel lachte schließlich los. Louis stieg gleich mit ein. Nur Herr Flitzwitz hockte auf seinem Stuhl und starrte Turel besorgt aus seiner Brille heraus an.
Turel kriegte sich wieder ein. „Dann machst du ihn eben fertig“, wiederholte er. „Ja, das hat er. Allerdings. Der hat mich fertiggemacht, und wie … WIE KOMMST DU PIMMELKOPF DARAUF, MICH ZU FOLTERN!!!?“, brüllte Turel Louis mit einem Mal an, dass der fast vom Sofa fiel und sich an der gewölbten Lehne festkrallte.
„WIE KOMMST DU DARAUF, MIR DIE EIER AB-ZUSCHNEIDEN UND MEINE FINGERNÄGEL RAUSZUREIßEN!? ANTWORTE! WAS LÄUFT DA OBEN FALSCH BEI DIR?!“, inzwischen stand Turel und Louis klammerte sich an der Lehne fest. „Er hat gesagt: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘“, versuchte Louis sich zu verteidigen.
„Ich weiß, dass er gesagt hat: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘ Das wurde inzwischen ja auch oft genug erwähnt. Also? Wie kommst du auf so was? Hat dir irgendeiner ins Hirn geschissen, oder was?!“
„Ganz ruhig, ganz ruhig“, schaltete sich Herr Flitzwitz wieder ein. Er sah zur Kaffeetante hinüber, die hinter der durchsichtigen Theke voller Kuchen in Deckung gegangen war.
„Machen Sie sich keine Sorgen, unser Freund hier ist etwas aufgebracht“, meinte Herr Flitzwitz und wandte sich wieder an Turel. „Setz dich. Okay, setz dich wieder hin. Lass uns reden.“
Turel setzte sich. Louis schien sich noch etwas von Turel fernhalten zu wollen und rutschte ganz zum Rand des Sofas.
„Ich kann es nicht rückgängig machen“, meinte Herr Flitzwitz. „Mingzi hat mich einfach falsch verstanden.“
„Der Idiot hat mich gekreuzigt!“, rief Turel und hielt Herrn Flitzwitz den Handrücken hin, in dem in der Mitte ein rundes Loch prangte, durch das er hindurchsehen konnte. Turel lehnte sich wieder zurück. Versuchte sich zu beruhigen. Was für eine dämliche Scheiße. „Dann machst du ihn eben fertig.“
„Was sollte das bedeuten? ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘? Was heißt ‚fertigmachen‘?“, fragte Turel. „Zusammenschlagen, oder?“
Herr Flitzwitz sagte nichts.
Turel sah zu Louis hinüber: „Mach ihn fertig heißt soviel wie: Klopf ihn ein bisschen durch, und nicht: Foltere ihn!“, er wandte sich wieder Herrn Flitzwitz zu. „Wie sieht das jetzt eigentlich aus. Ist dein alter Herr wieder am Drücker, oder ist er immer noch krank?“
„Mein Vater ist letztes Jahr gestorben, während du noch im Krankenhaus lagst. Ich muss jetzt alles allein leiten“, meinte Herr Flitzwitz.
Sein Vater war also tot. Dieser zornige Glatzkopf hätte Turel einfach beseitigen lassen und gut, aber nicht so Herrder-halben-Sachen Flitzwitz-Junior.
Turel trank noch einen Schluck Kaffee. „Wenigstens habe ich meine scheiß Schulden abgelitten.“
Herr Flitzwitz hakte wieder die Finger ineinander: „Äh … nun … mein Geld habe ich immer noch nicht wieder.“
„Das gibt’s auch nicht mehr. Geld oder Fertigmachen. Ich wurde fertiggemacht und so fertig, wie ich gemacht wurde, müsstest du mir eigentlich noch eine Stange draufzahlen“, meinte Turel.
„Es war mein Geld. Aber hör zu, ich bin kein nachtragender Mensch.“
„Ich schon“, meinte Turel.
„Ich aber nicht. Ich weiß, du hast das Geld nicht und du hast gelitten, aber ich habe mein Geld auch nicht und das geht nicht an. Kennst du die Schrotthalde mit Werkstatt unten am Rand der Stadt? Martin’s Werkstatt nennt die sich.“
„Schon mal gehört, ja.“
„Ich habe dir einen Job besorgt. Du fängst Montag um acht dort an. Das Geld geht an mich, bis du deine Schulden abgearbeitet hast. Man muss Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Das nimmt sonst kein gutes Ende mit dir, Turel.“
„Wann übernimmt Mingzi Verantwortung für seine Folter?“, fragte Turel. „Und was ist mit meinem Auto passiert? Das habt ihr gepfändet, schätze ich? Wie soll ich runter zur Schrotthalde kommen? Wovon soll ich leben, wenn ich als Leibeigener da unten werkle?“, fragte Turel.
„Also gut, ja, wir mussten deinen Wagen pfänden, aber der war kaum was wert. Wie konntest du mit dem Ding überhaupt noch fahren? Das war eine Verletzung der Verkehrsordnung auf vier Rädern“, er zog sein altes Portemonnaie hinaus. „Aber du musst deine Schulden bezahlen“, er zog ein paar Fünfziger hinaus und hielt sie Turel hin: „Das muss zum Leben reichen.“
Turel legte die Finger an die Fünfziger und sah zu Herr Flitzwitz hinüber, der so unsicher und klein wirkte: „Guck deinen Angestellten besser auf die Finger“, dann zog er die Scheine weg, sah sie durch, knickte sie in der Mitte und steckte sie in seine Innentasche der roten Krokodillederjacke.
„Die Jacke bringt bestimmt auch was“, schaltete sich Louis wieder ein.
„Nein, lass dem Mann die Jacke“, meinte Herr Flitzwitz. „Er wird seine Schulden abarbeiten.“
Turel trank den restlichen, inzwischen fast kalten Kaffee mit einem Schluck aus, stellte die Tasse hart auf den Tisch und stand auf. Warf Herr Flitzwitz einen verächtlichen Blick zu, wandte sich an Louis: „He, Reisfresser“, sagte er. „Deine Mutter lässt sich von ranzigen Kötern im Tierheim ficken. Das weiß ich, weil ich deinen Vater dort abgegeben habe. Der war einfach nicht stubenrein“, dann ging er einfach und ließ die beiden verdutzt zurück.
8. Martin und seine Werkstatt
Turel war in der nebligen, kalten Früh zur Werkstatt heruntergegangen.
Vorbei an verkrüppelten Linden, bis auf den Stamm zurückgeschnitten und mit einer Krone aus lauter dünnen, langen Fingern, die sie gen trüben Himmel streckten. Die Straßen mit schwarzem Teer geflickt. Über den Fußweg, rissig und vernarbt, kam Turel nun in seiner roten Krokodillederjacke bei Martins Werkstatt an. Ein großer Kasten, weiß gestrichen, mit einem nichtssagenden Schild auf dem:
Martin’s Werkstatt
drauf stand. Ein großes Tor mit Plastikscheiben, das wie die Alutür rollladenähnlich aufzurollen war. Drinnen brannte Licht. Neben der Werkstatt befand sich ein hoher Maschendrahtzaun, an dem sich eine einzelne Dornenranke entlang wand. Dahinter nur Schrott und gestapelte Autos. Ein Fest für einen Magneten.
Turel ging zur Tür hin und klinkte sie auf. Das Innere der Werkstatt wurde von Neonröhren klinisch beleuchtet. Tische mit eisernen Schraubzwingen. Blau gestrichene Metallregale voller Werkzeuge. Ein großer blauer Wagenheber recht nah dem Eingang. Ganz am Rand führte eine Treppe zu einem kleinen Bürohäuschen hoch.
Ein Kerl voller Ölflecken in blauer Latzhose feilte an einem Stück Metall herum, das zwischen den festen, zahnlosen Kiefern einer Schraubzwinge klemmte, deren blaue Farbe bereits abblätterte. Er bemerkte Turel nicht mal. Der ging auf den Kerl zu und meinte: „Sind Sie Martin?“
Der Arbeiter hielt inne, wandte sich um und schien fast vor Turels Anblick erschrocken.
„Nein. Martin ist oben in seinem Büro“, er deutete mit der schwarzverschmierten Hand voller Metallspäne hinauf zum Bürohäuschen. Also schickte sich Turel eben an, dort hinauf zu steigen. Oben angekommen klopfte er an die Tür und Martin rief: „Herein.“
Turel schob die Tür auf und spähte in das kleine Büro mit mausgrauem Teppichboden. An einem einfachen Bürotisch saß auf einem einfachen Drehstuhl ein einfacher Mann mit vergleichsweise dickem Brauch und einen Haufen Papierkram vor sich und einem Flachbildschirm, der allerdings veraltet und grau wirkte. Die Neonröhren an der Decke tauchten ihn in künstliches Licht und beleuchteten sein schütteres Haar.
Er sah Turel fragend an: „Sind Sie Herr Nazaret?“
„So sieht es aus“, meinte Turel.
„Wunderbar“, meinte Martin und stand auf. Ging zu Turel hinüber und reichte ihm die Hand. Turel nahm an. Ein fester Händedruck, bei dem Martin wohl nicht mal das Loch in Turels Rechter bemerkte. Martin lächelte breit: „Herr Flitzwitz sagte, Sie seien ein Mann, der richtig mit anpacken könne.“
„Bin ich nicht“, sagte Turel kalt.
Martin schien irritiert von diesem seltsamen Vogel: „Na ja, ich kann trotzdem immer Leute gebrauchen. Zurzeit geht eine Grippewelle um. Die meisten Arbeiter sind krank, da …“
„Ich habe nicht vor, für Sie zu arbeiten, nur weil Flitzwitz das sagt“, stellte Turel klar. Ein Moment Ruhe und progressiv, wie Turel nun mal war, hob er die Hand und Martin erkannte zum ersten Mal verdutzt das Loch in der Mitte, durch das Turel hindurchspähte: „Sehen Sie doch nur, was mir angetan wurde“, er hob noch die andere Hand daneben. „Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, eine ganze Nacht am Kreuz zu hängen?“
Er ließ es erst mal wirken.
„Ich bin nur hier, um Ihnen mitzuteilen, dass daraus nichts wird. Ich will ungern Leute warten lassen, die es nicht verdient haben, in etwas reinzugeraten, wo sie nicht reingehören.“
Immer noch irritiert fragte Martin: „Das in Ihrem Gesicht … war das auch …?“
„Ja. Und das war nicht das Einzige“, meinte Turel. „Flitzwitz ist kein freundlicher Mensch, müssen Sie wissen“, erzählte Turel. „Hat Flitzwitz Ihnen zufällig einen Wagen zum Ausschlachten überlassen?“
„Eine alte Rostlaube, ja … sagen Sie bloß, der gehörte Ihnen?“
„So ist es. Haben Sie das Ding hier noch rumliegen?“
Martin schien sichtlich durcheinander. „Tut mir fürchterlich leid, aber wir haben ihn bereits ausgeschlachtet und den Rest verschrottet.“
„Wie darf ich mir das vorstellen?“
„Äh … kommen Sie einfach mit“, meinte er und griff sich die Jacke von der Stuhllehne und ging mit Turel die Treppe hinunter, am Feilenden vorbei zum Hinterausgang. Nun standen sie in Bergen von Schrott auf rissigem, fest gepresstem Erdboden. Überall Autowracks, die sich in die Höhe stapelten und wie gefrorene Fische aufeinander lagen. Türme von Rädern. Stoßstangen. Einzelteile. Im hinteren Bereich, vom weißen Neben verhüllt, eine gigantische Schrottpresse. Martin ging mit sichtbaren weißen Wölkchen vom Atem voran und Turel folgte ihm. Den Kragen hochgeklappt und mit der Faust zusammengerafft. Fast erinnerte ihn die Kälte an die kühle Nachtluft und die kalte Taubheit, die von seinen Gliedmaßen am Kreuz Besitz ergriffen hatten. Die Schwere, die an seinem Körper gezogen hatte. Das Panzertape, das in ihn geschnitten hatte. Ans Kreuz geheftet.
Martin blieb vor der Schrottpresse stehen. Ebenfalls ein metallischer Würfel mit abblätternder, blauer Farbe. Daneben lag noch ein einziger Schrottwürfel von ein mal ein Meter Umfang. Davor blieben sie stehen.
„Das ist er, richtig?“, fragte Turel.
„Ja … tut mir leid, ich wusste nicht …“, meinte Martin. „Wenn Sie Flitzwitz verklagen, kann ich für Sie aussagen.“
Er sah sich den kleinen silbernen Würfel an. Mehr war von seinem Wagen nicht übrig. Reifen und alles Sinnvolle bis zu den Münzen in der Ablage war sicher herausgeholt und nur das Skelett hier zu handlicher Form zusammengepresst worden. Aber es gab nichts dran zu ändern und Martins Vorschlag gefiel Turel. Nur dass es jetzt noch nicht so weit war.
„Schon okay“, grinste Turel Martin mit seinen Goldzähnen an, die dunkel in dem weißen Nebel glänzten und fremdartig schienen. Er klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter: „Sie sind ein guter Mann. Wenn ich wirklich mal in diese Lage komme, kann ich Ihre Aussage sicher gebrauchen. Aber würden Sie mir, einem Gestrauchelten, noch einen Gefallen tun?“
„Welchen denn?“, fragte Martin und stieß ein weißes Wölkchen aus.
„Können Sie mich und meinen Wagen hier zu mir nachhause fahren?“
„Äh … ich denke schon“, meinte Martin verwirrt.
9. Gräuel der Moderne.blogspot.com
Die Nacht hatte sich über die Stadt gesenkt, wie ein Tuch über einen Leichnam.
Die Straßen leuchteten aus jedem Schaufenster. Die Laternen taten ihr Übriges und die Nachtschwärmer glitten in Autos oder zu Fuß durch die Straßen. Die verkrüppelten Linden verschwanden im Dunkel. Ebenso wurden die Flicken und Risse in Straßen und Fußwegen zu einer schwarzen, glänzenden Einheit, gleich einer rauen Tanzfläche.
Der Glatzkopf mit dem eingekerbten Kinn und dem dicken, muskulösen Hals, der in seinen Glatzkopf überging, ragte wie ein Koloss vor Turel auf. Die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn so weit erhoben, dass er auf alles und jeden herablassend schauen musste. Vor ihm und fast einen Kopf kleiner stand Turel mit seinem vernarbten Gesicht und in der roten Krokodillederjacke, die ihm bis in die Kniekehlen hing.
„Hier du nicht“, meinte der Türsteher und winkte einen Kerl mit Schildmütze an Turel vorbei.
„Weil …?“, fragte Turel und sah grinsend zu dem Türsteher auf. Im schwachen Licht glänzten Turels Goldzähne.
„Weil du nach Ärger aussiehst, Freundchen“, meinte der Türsteher.
„Zwei Typen haben mir das Gesicht zerschnitten. Ich will mich nur ein wenig amüsieren und Sie lassen mich nicht rein?“
„Nein, ich lasse Sie nicht rein“, er sah über Turel hinweg, „Sie da, rein mit Ihnen“, eine Frau drängte sich vorbei in Begleitung eines anderen Typen.
Turel sah einen Moment zu Boden. Jetzt wurde er schon nicht mehr in eine Disko gelassen. Er sah wieder auf. Diesmal ernst: „Okay, von Glatzkopf zu Glatzkopf: Lass mich rein.“
„Nein“, sagte der Türsteher. „Jetzt geh zur Seite, hier wollen noch andere rein.“
„Sie haben die ganze Zeit Leute vorbeigelassen.“
„Ja, weil Sie im Weg stehen. Und jetzt gehen Sie zur Seite.“
So hoch, wie der sein Kinn hob, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein pfiffiges Bürschlein ihm mit der Handkante den Kehlkopf zertrümmerte. Turel überlegte, ob er dieses pfiffige Bürschlein sein sollte?
„Guck nicht so. Jetzt geh zur Seite“, meinte der Türsteher.
Eine Frau mit katzenhaftem Gesicht schob sich aus der Masse. Schwarze Locken umhüllten ihr weitgehend schmales Gesicht, was wohl durch die Wangenknochen betont wurde, und ihre wachen blauen Augen schienen die Situation bis auf die Blaupause zu durchschauen. Sie war durchschnittlich gekleidet, fast so, als könnte sie jederzeit ein Teil der Masse werden. Darin verschwinden und wieder auftauchen, wie es ihr beliebte.
Der Türsteher winkte sie herbei: „Sie kommen rein“, meinte er.
„Will ich nicht“, meinte sie kurz und knapp und wandte sich Turel zu. „Sie sind dieser Typ, der gekreuzigt wurde, richtig?“
„Gekreuzigt?“, mischte sich der Türsteher ein.
„Das geht Sie nichts an“, meinte die Frau, wandte sich wieder Turel zu. „Kommen Sie, wir suchen uns einen ruhigeren Ort, was?“, Turel ließ sich von ihr aus der Schlange vor der Disko schieben und schließlich standen sie vor einem Schaufenster, dessen gedämpftes, weißes Licht beide beleuchtete.
„Nazaret, richtig?“, fragte sie.
„Richtig“, meinte Turel. „Woher wissen Sie das alles?“
„Ich habe meine Fühler ausgestreckt“, sie reichte ihm die schmale Hand: „Kim Gösel. Blogerin. ‚Gräuel der Moderne‘, das ist mein Blog. Ich erfuhr von Ihrem Schicksal durch meine Verbindungsleute im Krankenhaus.“
„Und ich bin so ein Gräuel der Moderne?“, fragte Turel schnippisch.
„Ein Gräuel ist, was Ihnen angetan wurde. Ich würde gern über Sie schreiben. Wie wäre es, wenn wir uns einen ruhigen Ort suchen, das heißt, wenn Sie über das sprechen möchten, was Ihnen angetan wurde?“
Turel ließ den Blick über die Straße gleiten. „Gut, suchen wir uns ein Nachtcafé“, er ging voran und Kim ging ihm nach.
„Also ist es in Ordnung, wenn ich über Sie schreibe?“
„Ja“, meinte Turel. „Wie wäre es mit dem da drüben“, er deutete zu einem Café, das tatsächlich noch geöffnet hatte, ein paar kleine Tische standen draußen, je umringt von Korbstühlen.
Also gingen sie hinüber. Das Café war nicht sehr gut besucht. Vereinzelt saßen Leute drinnen, was wohl daran lag, dass es draußen noch zu kalt war. Kim und Turel gingen schließlich hinein und setzten sich nahe dem großen Fenster, aus dem man hinaus in die nächtliche Stadt schauen konnte. Drinnen standen die gleichen runden Plastiktische mit den Korbstühlen. Das Café war vergleichsweise hell, von einigen kleinen Lämpchen in der Decke beleuchtet. Der Rest in billige Holztöne gehüllt. Eine Kellnerin kam sofort zu beiden.
„Ich nehme einen Kaffee“, meinte Turel.
„Ebenfalls“, kommentierte Kim.
Die Kellnerin schwirrte wieder ab.
„Sie schreiben also über moderne Gräuel?“, fragte Turel mit einem geschwungenen Lächeln, dass die Narben in seinem Gesicht verzogen.
„Ja. Ich darf doch sicher Fotos machen?“, fragte sie mit dem Blick auf Turels durchlöcherte Hände.
„Klar. Jesus würde sich sicher auch ablichten lassen, um seine Auferstehung glaubwürdig zu gestalten.“
„Darf ich das Gespräch aufnehmen?“, sie sah mit ihren spähenden Augen zu Turel hinüber, die zielgenau die Schluchten in seinem Gesicht durchfuhren.
„Nur wenn Sie nicht alles daraus verwenden.“
„Das versteht sich von selbst“, meinte Kim und zog ihr Handy hervor und aktivierte die Tonaufnahme: „Sie haben viel ertragen müssen, Herr Nazaret, wie geht es Ihnen insgesamt?“
„Ich habe es mir anders überlegt“, meinte Turel. „Reden wir erst mal so.“
Einen Moment sah sie ihn an, um herauszufinden, ob Turel das ehrlich meinte. Schließlich deaktivierte sie die Aufnahme und nahm ihr Handy wieder an sich.
„Wie haben Sie von mir erfahren?“, fragte Turel interessiert.
„Wie gesagt, ich habe meine Verbindungen, außerdem, wenn jemand eine ganze Nacht schwer zugerichtet an einem Kreuz auf einem Feldweg hängt, dann bleibt das nicht unbemerkt.“
„Ich glaube, ich habe Sie irgendwo schon mal gesehen“, meinte Turel. „Sie waren doch nicht zufällig im Krankenhaus?“
„Doch, aber Sie schliefen noch.“
Er sah sie einen Moment an. „Sie sind verwirrt, oder?“
„Ja. Ich habe etwas anderes erwartet.“
„Was denn?“
„Ich weiß nicht. Menschen, die so was durchgemacht haben wie Sie, sind meistens weniger selbstbewusst. Die meisten möchten nicht über das, was Ihnen geschah; reden. Sie sind da ganz anders, was?“
Die Kellnerin brachte beide Kaffees und verschwand wieder. Turel riss das Tütchen Zucker auf und kippte ihn in seine Tasse. „Ja. Ich habe nicht vor, zu einem zitternden, schlotternden Opfer zu werden. Außerdem kommen Sie mir gerade recht“, er riss das kleine Päckchen Milch auf und goss es in seine Tasse. Rührte mit dem Löffel darin herum. „Ich will, dass Sie über mich schreiben. Alle sollen wissen, was mir zugestoßen ist. Sie können gern übertreiben, das dürfte Ihnen doch recht sein, oder?“
Kim sagte nichts.
Turel trank einen Schluck Kaffee.
„Ja. Das ist mir außerordentlich recht.“
„Wo fangen wir an?“, überlegte Turel. „Es waren zwei Kerle, die mich gefoltert und ans Kreuz genagelt haben. Einer war ein blonder Chinese. Louis Mingzi. Der andere ein Kahlkopf mit Bart. Vielleicht ein russischer Rocker. Keine Ahnung, wer er ist.“
„Dafür ich“, meinte Kim. „Ich habe schon etwas recherchiert. Von Mingzi und Flitzwitz, bei dem Sie enorme Schulden haben, weiß ich. Mit dem Rocker liegen Sie fast richtig. Er war in der Tat für Rocker tätig, aber auch für einige andere Gestalten. Meistens als Folterknecht. Um Geständnisse herauszuprügeln. Ist ein merkwürdiger, zurückgezogener Kerl. Dennis Dorl.“
„Dorl“, wiederholte Turel nachdenklich.
„Ja.“
Er trank seinen Kaffee auf ex, stellte die Tasse, auf die Untertasse zurück: „Also gut. Ich mache dir folgenden Vorschlag, Kim Gösel. Gehen wir zu dir oder zu mir? Du kannst von jeder Narbe Fotos machen und ich kommentiere.“
„Gehen wir zu dir“, sagte Kim wie aus der Pistole geschossen und trank ebenfalls ihren Kaffee.
„Du bist aber mutig. Woher weißt du, dass ich durch das Erlittene kein Psycho geworden bin, der dich nur in seine Falle locken will?“
„Weibliche Intuition.“
„Wunderbar. Du zahlst. Bin knapp bei Kasse“, sagte Turel und lächelte zu Kim hinüber.
Schließlich standen sie im schrägen Badezimmer von Turels Wohnung. Das helle Licht war angeschaltet und Turel hatte die Jacke ausgezogen, die noch auf seinem Bett lag. Die Ärmel des geriffelten, dunklen Hemdes hochgekrempelt und die Hände über den Fliesenboden gehalten, sodass Kim ein paar Fotos mit ihrem Android schießen konnte.
„Ich bin froh, dass sie mir die scheiß Nägel durch die Hände schlugen und nicht durch die Handgelenke, wie es eigentlich gemacht wurde“, meinte Turel. „Dann wären meine Hände nämlich hinüber.“
„Sie haben keine Schmerzen?“
„Nicht im herkömmlichen Sinne“, meinte Turel. „Wenn ich meine Finger bewege, zieht es manchmal ein wenig. Das macht alles irgendwie realer. Sonst wäre es so unwirklich.“ Er sah direkt zu Kim hinüber in das kleine gläserne Auge der Kamera. Sie machte ein paar Bilder von seinem Gesicht. „Das hat Dorl mir mit einem Klappmesser zerschnitten. Das Blut lief mir in die Augen, ich konnte kaum was sehen.“
„Sie haben Ihnen auch die Fingernägel gezogen, richtig?“, fragte Kim hinter dem Handy hervor.
„Ja.“
„Man sieht es an den kleinen Narben an ihren Fingern.“
„Das war allerdings Mingzi, genauso wie meine Zähne. Nicht Dorl“, Turel zog die Lippen so weit zurück, wie es ihm möglich war, und legte den Kopf leicht in den Nacken, sodass mehr Licht auf die Goldzähne fiel. „Sie sind zu spät. Wäre vielleicht besser, wenn Sie Bilder von mir am Kreuz hätten?“, meinte Turel.
„Die habe ich. Ich habe Zugang zu Polizeiarchiven. Es sind einige Fotos gemacht worden“, meinte sie und fotografierte die sichelförmige Narbe an Turels Kehle.
„Die beiden haben versucht, mich aufzuhängen. Hat aber nicht geklappt“, kommentierte Turel und machte sich daran, das Hemd aufzuknöpfen. „Sie habe mich auch über den Feldweg geschleift“, er warf das Hemd über den Wannenrand und ließ Kim einige der kleinen Narben fotografieren, die kreuz und quer auf seinem Rücken und teilweise auf Bauch und Brust waren.
„Und die Eier haben die beiden mir auch abgeschnitten. Wollen Sie die Narbe auch fotografieren?“
Das überraschte Kim. Normalerweise bereitete es ihr größte Problem und wochenlange Aufdringlichkeit, bis sie zu einem Punkt gelangte, an dem Opfer sich so detailliert fotografieren ließen, und Turel war jetzt schon bereit, die Hosen runterzulassen. Es verwirrte sie enorm. Er verhielt sich nicht wie ein Opfer. Sicher, sie hatte auch schon einige Opfer von Gräueltaten erlebt, die recht offen damit umgingen, aber noch nie so. Er redete darüber, als wäre es nur eine Filmrolle gewesen. Ihr schneller Erfolg machte sie fast trunken. „Ja, natürlich“, meinte Kim gierig.
Turel löste den Gürtel, die rote Hose aus Krokodilleder rutschte in seine Kniekehlen, er stieg hinaus.
„Sie gehen überaus offen damit um. Darf ich fragen, wie es dazu kommt?“
„Warum dagegen kämpfen?“, meinte Turel. „Man muss die Sachen annehmen, wie sie kommen, sonst wird man nur verrückt. Ich habe genug gelitten. Und ich hatte genug Zeit, meine Wunden zu lecken“, er stellte sich breitbeinig hin, hob den Schwanz leicht an, damit Kim sich vor ihn knien und die Stelle zwischen seinen Beinen fotografieren konnte. Sie machte ein paar Fotos, dann trat sie zurück.
Turel konnte noch immer spüren, wie das Testosteron in ihm herumschwamm und ihm gefiel Kims Form. Ihre Brüste und ihr Hintern. Die schwarze, glänzende Flut an Haaren. Es war viel deutlicher, als er nun nackt vor ihr im Bad stand.
„Du hast keinerlei Problem mit Narben und anderen Hässlichkeiten, was?“, fragte Turel Kim, die die Fotos auf ihrem Handy durchsah.
„Mein Blog heißt: ‚Gräuel der Moderne‘. Da sehe ich genug von dem Zeug.“
„Zerstörung und die Auswirkung destruktiver Kräfte ziehen dich an, oder?“
„In gewisser Weise“, meinte Kim, die sich irgendwie bedrängt fühlte.
„Du solltest die Löcher in meinen Füßen fotografieren“, meinte er und deutete hinunter.
Wie auf Befehl hockte sie sich hin vor ihn und fotografierte. „Hast du Lust auf Sex? Dann sind wir wenigstens intim genug, dass du dieses ‚Sie‘ sein lässt“, meinte Turel. Kim, noch immer vor ihm hockend, sah den nackten, vernarbten Turel hinauf. Unsicher und überrumpelt. All die Informationen rasten durch ihren Schädel. Sie erinnerte sich an ein paar hochhackige Schuhe, die in Turels Wohnung herumlagen. „Was ist mit deiner Freundin?“
„Welcher Freundin?“, fragte Turel.
Kim entfernte sich etwas von ihm und stand auf. „Da liegen Frauenschuhe in deiner Wohnung.“
„Laura ist meine Mitbewohnerin. Keine Angst, die wird uns nicht stören. Die ist noch in der Disko und hat sicher bis morgen zu tun. In den Morgenstunden sind alle besoffen. Dann beginnt ihre Hauptjagdzeit“, sagte er. „Wie wäre es? Wir gehen rüber ins Bett und amüsieren uns. Dafür bekommst du meine Nummer und darfst mich als richtig armes Opfer darstellen. Mein Leiden bis ins kleinste Detail schildern. Erzählen, wie stark ich doch bin, dass ich mit so extremen Schmerzen noch klar im Kopf bleibe. Du kannst den Leuten erzählen, wie schwerwiegend die Narben auf meinem Leib und meiner Seele sind. Das willst du doch, oder? Ich gebe dir eine Geschichte, die alles Bisherige in deinem skandalgeilen Blog übertrifft“, er breitete die Arme aus: „Ich habe mehr gelitten als Jesus!“, rief Turel. Einen leichten Schwindel im Kopf.
Kim sondierte alle Informationen, die auf sie einhagelten. Er hatte recht. Genau das wollte sie. Am besten noch die ganze Sache im Gericht. Der Skandal und das Ekelhafte machten sie sowieso an. Das Deformierte und Grauenerregende. Turel war eine Goldgrube. Die Entdeckung von El Dorado für sie. Sie wäre eine Idiotin, wenn sie es ablehnen würde. Kim schob das ungute Gefühl und die Vorsicht beiseite. Sie wusste ganz genau und genauso gut wie Turel, dass, wenn sie ablehnte, sie sich spätestens morgen früh aus Gram über die vertane Chance vor einen Laster stürzen müsste. Ein schmales Lächeln huschte über Kims spitze Lippen. „Gut“, meinte sie.
„Großartig“, lachte Turel mit seinen Goldzähnen, legte seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie aus dem Badezimmer zum Bett, wollte gerade zur Sache kommen und ließ noch einmal seinen Blick über ihre Rundungen wandern und sah noch einmal in ihre alles durchschauenden, blauen Augen.
„Eine Frage noch“, meinte Kim. Das pinke Licht schien sie nun bis auf Hals und Gesicht in völliges Schwarz zu tauchen, wie eine ordentliche, moderne Vampirin, die sie auch war. „Du nimmst auch jede mit, oder?“, fragte sie provokant. Hoffte zumindest, dass es provokant wirkte.
Die Narben in Turels Gesicht, die sich auf seinen Lippen kreuzte, verzogen sich. „Ich habe genug hässliche Seiten des Lebens gesehen, jetzt will ich keine der schönen Seiten auslassen“, Turel zog sie nicht nur mit seinen Blicken aus.
10. Nach Mitternacht
Als Laura kam, ging Kim gerade und ihre Wege schnitten sich an der Tür, wo Kim ihr flüchtig zunickte, um dann an ihr vorbei die Treppe hinunter zu verschwinden. Mit all den neuen Informationen im Schädel, die sie unbedingt ordnen musste. Laura hingegen sah ihr nur fragend und leicht überrascht nach. Sie schloss die Tür und ging durch die Küche in Turels Schlafzimmer, der dort nackt und vernarbt auf dem Fußende des Bettes saß und zu ihr hinüberschaute.
Laura, mit schwarzen, kurzen Rock, dem kleinen Jäckchen und ihrer Tasche, die vermutlich voller Brieftaschen war, fragte: „Wie viel hat die denn gekostet?“, es lag etwas Missbilligendes in ihrer Stimme, auch wenn sie Amüsiertheit vortäuschte. Turel konnte es hören.
„Das war eine Blogerin“, meinte Turel. „Die wird über mich schreiben.“
Eigentlich wollte Laura ihm nicht böse sein. Er hatte verdammt viel durchgemacht und schon allein deshalb sollte sie ihn machen lassen. Es war ja auch nicht so, dass sie selbst, während er noch im Krankenhaus lag, nicht den einen oder anderen Freund mit hierher gebracht hatte, wobei sie höllisch darauf aufgepasst hatte, dass niemand was mitgehen ließ – merkwürdig, wie eine Diebin auf den eigenen Besitz so achtsam sein konnte –. Doch trotzdem behagte es ihr nicht.
„Reiche ich nicht mehr?“, fragte sie gespielt lächelnd, eine Hand in die Hüfte gestemmt.
„Ich dachte, wir wären nur zwei verlorene Seelen, die gemeinsam den Weg beschreiten?“, fragte Turel zu ihr aufsehend.
„Ja“, antwortete Laura darauf. „Nur zwei verlorene Seelen, die gemeinsam den Weg beschreiten. Nur zwei verlorene Seelen“, mit einer flachen, berechnenden Traurigkeit in der Stimme.
Plötzlich war Turel wieder wach und es war, als könnte er ganz plötzlich nicht genug Luft in seine Lungen bekommen.
Heftig saugte er stoßweise Luft ein. Keuchend. Es war, als würde das Seil plötzlich wieder seine Kehle zuschnüren. Wie die Fasern an seinem Hals gerieben hatten, bis es dampfte. Seine Kehle brannte und wie eine geisterhafte Erscheinung schien der alte, runzlige, graue Kirschbaum vom Kopfende seines Bettes aufzuragen. Das laute Knacken, als der trockene Ast brach. Kurz erwartete er den Schmerz der gebrochenen Hüfte, doch die war wieder in Ordnung. Sein Bett fühlte sich zu heiß an, als hätte es ihn aufgerieben, wie, als er über den Feldweg geschleift wurde.
Es war, als ob nicht genug Luft da war. Er sog sie heftig ein, bis weiße Sterne vor seinen Augen in der Finsternis aufblitzten und wieder erloschen. Als seine Lungen sich endlich mit der Luft, die da war, zufrieden gaben, brauchte Turel sich nicht länger ins Bettzeug zu krallen und ließ sich erschöpft aber wach aufs Bett zurücksinken.
Es musste irgendwann nach Mitternacht sein.
Denn fast punktgenau Mitternacht musste er sich Kim vorgenommen haben. Vermutlich hatte er nicht mehr als eine Stunde geschlafen. Vielleicht weniger. Gerade genug, um von seiner Strangulation zu träumen. Dabei war die Entfremdung der Traumwelt tätig gewesen. Mingzi und Dennis schienen pechschwarz und dampfend, wie aus Teer gegossen. Leicht glänzend. Und Kim war da gewesen, nackt, bis auf einen altmodischen, klobigen Fotoapparat, mit dem sie Bilder von Turel schoss. Das Licht der untergehenden Sonne hatte sacht ihre Brüste beschienen.
Turel war schwindlig. Kopfschmerzen. Es war, als wäre sein Hirn in Dornenranken gewickelt, die die weichen Windungen einschnürten. Nun, da er wieder waagerecht lag, beruhigte es sich langsam. Er wandte den Kopf hinüber, wo Laura von ihm abgewandt schlief. Zusammengekrümmt und ihm den nackten Rücken zugewandt. Die Decke vor sich zerknüllt. Das kurze, blonde Haar schien in der Dunkelheit fast farblos.
So langsam schienen sich die Dornenranken in seinem Kopf wieder zu lockern.
Seine Fingerspitzen brannten leicht. Wenn er es nicht besser wüste, fühlte er sich fast, als wäre er gerade erst vom Kreuz genommen worden. Wobei er instinktiv wusste, dass er Schmerzen gehabt hatte, an die er sich kaum erinnern konnte.
Laura gab irgendeinen schlafenden Laut von sich. Turel befreite sich schließlich aus der Überdecke und ging an dem Schrottwürfel vorbei, der wie ein Kunstgegenstand neben dem Teppich stand. Direkt gegenüber zum Balkonfenster, wo das leichte Licht ins Zimmer fiel, mit seiner Künstlichkeit der Stadt. Turel schob die Vorhänge noch ein Stück weiter beiseite und öffnete die Glastür. Trat hinaus auf den winzigen Balkon mit dem spitzen Friedhofsgeländer. Die kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Er fühlte, wie Kälte durch die Löcher in Händen und Füßen schneller von ihnen Besitz ergriff und bei der Ausbreitung half.
Turel sah hinunter zu den gelben Lichtern der Straße. Kaum etwas hatte hier noch auf. Der Döner hatte zu. Einige andere Geschäfte auch, deren Schaufenster leicht und schwach leuchteten. Ab und an fuhr ein Auto vorbei. Die Straße glänzte nass, es musste wohl geregnet haben.
Die Kälte der Nacht mit ihrem leichten Geruch von Abgas, Regen und der Frische kroch an Turel vorbei ins Zimmer und ließ Laura schließlich aufwachen, die sich nach einem Moment zögerlich umwandte und keinen Turel neben sich sah. Sich leicht aufrichtete und ihn schließlich am Balkon stehen sah. Die kalte Luft hatte sie erwachen lassen und nun fühlte sie sich tatsächlich wach. Rieb sich die Augen und stand auf, schwang die Überdecke um ihre Schultern und zog diese wie einen überlangen Umhang hinter sich her.
„Turel …? Was machst du da?“, fragte sie und stand nun hinter ihm an der Balkontür.
„Ich schaue mir die Stadt an. Kann nicht schlafen.“
Er fühlte jede seiner Narben. Fühlte die Kälte in die unsauberen Furchen in seinem Gesicht kriechen. Spürte die Narbe an der Kehle. Fühlte die kalten Fingerspitzen, die Löcher in Händen und Füßen. Fühlte das Fehlen seiner Hoden, die Leere hinter seinem Schwanz, als hätten seine Eier sich einfach davongestohlen. Er fühlte jede einzelne kleine Narbe, die der Feldweg ihm zugefügt hatte. Es hatte etwas Belebendes, und trotzdem fühlte er sich schwer. Fühlte das Ziehen der Sehnen, die verschoben worden waren. Er fühlte sich, als hätte er fast zu viel mitgemacht. Er fuhr mit der Zunge an seinen Zähne entlang und versuchte festzustellen, welcher echt war. Es gelang ihm nicht.
„Und? Was tut die Stadt so?“, fragte Laura unsicher.
„Sie liegt leuchtend da. Ich weiß nicht mal, ob sie schläft oder nicht“, er sah in die Ferne zu den glänzenden Häusern. Den Glasfassaden, die von innen her beleuchtet wurden wie riesige Mückenlampen.
Laura würde gern irgendwas sagen, aber sie wusste einfach nicht, was. Ihr fielen nur leere Phrasen ein wie: Alles in Ordnung, oder was ist los? Nichts, was Substanz hätte. Doch wenn sie da so an dem Geländer standen, wurde ihr umso bewusster, wie richtig sie gelegen hatte. Nur zwei verlorene Seelen, genauso kam sie sich vor.
Das alte Geländer, was hier und da rostete, teilweise kleine, grüne Moosflechten enthielt, direkt vom Friedhof in die luftige Höhe des Hauses.
„Wie ist dein Raubzug eigentlich gelaufen? Ich hatte dich noch gar nicht gefragt“, meinte er in die Nacht hinaussehend.
„Ganz gut. Wo warst du eigentlich? Ich habe eine Weile auf dich gewartet.“
„Der Türsteher hat mich nicht reingelassen. Er meinte, ich sehe nach Ärger aus“, meinte Turel, sich am Geländer festhaltend. „Dann habe ich Kim getroffen.“
„Kim ist die Blogerin?“, hakte Laura nach, glücklich, dass es etwas gab, worüber sie reden konnten.
„Ja“, meinte Turel, lehnte sich leicht über das Geländer und sah in die schwindlige Tiefe hinab, und der nass glänzende Boden sah ganz so aus, als würde sich eine Dornenranke aus dem wuchtigen Abflussgitter des Bordsteins winden. „Sie schreibt hauptsächlich über Gräueltaten und Elend der Moderne. Da passt wohl ganz gut rein, was ich so erlebt habe. Bist du sauer, dass ich sie gefickt habe?“, fragte er schließlich.
„Ich denke nicht“, meinte Laura. „Bei dir weiß ich wenigstens, dass es dir um den Genuss geht. Magst du wieder mit mir ins Bett kommen? Es ist verdammt kalt hier draußen.“
„Ich finde es belebend. Konnte nicht mehr schlafen.“
„Es ist irgendwann zwischen zwei und drei, willst du wirklich nicht mehr schlafen?“, hakte Laura nach.
Turel sah hinaus in die weite Nacht. Es waren keine Sterne am Himmel. Nur die künstlichen Lichter der Stadt, die noch strahlten. „Ist es nicht merkwürdig?“, begann Turel. „Die Sterne sind doch weit entfernte Sonnen, die schon lange gestorben sind, bevor ihr Licht uns je erreicht. Und jetzt sieh dir mal unsere eigenen Sterne an. Die Lichter der Stadt. Sie leuchten bunter und immerzu. Doch auch sie sind nicht lebendig, sondern nur elektrische Geräte. Überall in der Stadt leuchten sie.“
Laura nahm seine Hand, glitt mit ihren kleinen Finger durch das Loch darin. Fand so besseren Halt. „Komm, wir gehen wieder ins Bett. Es ist kalt hier draußen. Im Bett wird es warm sein“, sie zog leicht an ihm und Turel folgte ihr in die Wohnung. Laura ließ seine Hand wieder los und ihren Finger aus seiner Hand rutschen. Turel schloss die Balkontür und ging wieder ins Bett. Laura breitete die Überdecke aus und kroch zu Turel. Sie schlang ihre Arme um ihn und zog seinen Kopf an ihre Brust, als wollte sie ein Kind trösten. Turel schlang seine Arme um sie und ließ sich von ihr im Arm halten.
Er sog ihren vertrauten Geruch und die Wärme in sein kaltes Inneres auf. „Als ich vorhin aufgewacht bin, konnte ich plötzlich kaum noch atmen. Es war, als wäre einfach nicht mehr genug Luft da. Ich habe von diesem einen Tag geträumt“, meinte er. „Auf dem Feld mit den Stoppeln wanden sich lauter Körper. Sie hatten etwas Verformtes. Lagen wie Schnecken unnatürlich da und krümmten sich.“
Laura hielt ihn fester in den Armen.
„Weißt du noch, als wir Kinder waren? Du meintest, man könnte alles ertragen, wenn man nur stark genug wäre. Du hast es ertragen, Turel“, sagte Laura fürsorglich. „Du bist ein harter Junge, ein ganz harter Jungen“, lächelte sie sanft.
Langsam wich die Kälte aus ihm. Er inhalierte diesen sauberen Babygeruch, der von Laura ausging. Schloss die Arme fester um ihr weiches Fleisch. „Ich habe es überstanden“, meinte er gedämpft von ihren weichen Brüsten.
„Das hast du“, bestätigte Laura. Legte die Wange auf seinen Kopf. „Du bist der Stärkste von allen“, meinte sie und strich sanft über seinen Rücken.
11. Die Dönerbude des Schicksals
Aus dem wuchtigen, groben Abflussgitter am Fußweg vor Turels Haus ragte eine dünne Dornenranke, die auf das Haus zu kroch.
Die Sonne schien über die Gebäude hinweg und erfasste das Haus, in dem Turel wohnte, nur zur Hälfte. Genauso wie die Straße im Schatten lag, über die er ging. Durch die Glastür in die kleine Dönerbude. Es war wirklich nur ein kleiner Laden in einer Reihe von Häusern. Glastür und große Fenster. Linkerhand eine Vitrine mit all den Salaten und Kräutern, derer man nun mal außer Fleisch bedarf, um einen Döner ordnungsgemäß zu stopfen. Dahinter drehte sich hypnotisch der Dönerspieß. Rechts befand sich eine Art langer Tisch, der sich die Wand entlang wand und mit seinen Barstühlen wirklich wie eine Art Bar wirkte.
Turel fühlte sich nach dem wenigen Schlaf gestern Nacht merkwürdig überwach und doch verträumt. Er hatte das Gefühl, als wären alle Kanten, jede Struktur und jede Textur extrem hochgeschraubt. Fast so scharf, dass sie jeglichen Sinns beraubt schienen. Er bestellte seinen üblichen Döner und beobachtete, wie der Dönermann die schmalen Stückchen von dem Dönerspieß schabte. Wie ein Tischler, der an einem Werkstück hobelt, und die fleischigen Hobelspäne fielen auf das silberne Blechgehäuse um den Spieß.
Stück für Stück wurde von dem Spieß abgetragen. Über die Stunden und Tage hinweg. Irgendwann war er einfach alle.
Doch Turel war sich nicht sicher, was es für ihn im übertragenen Sinne bedeutete. Es war nichts Bewusstes, nur ein ganz leichter Blick über die Schulter, um sich seiner Umgebung sicher zu sein, als er ihn sah.
Dennis Dorl saß dort, mit dem Rücken zu Turel, und war im Begriff, einen Döner zu essen. Turel erkannte den kurzgeschorenen Kopf und den flauschigen Bart sofort. Vermutlich war Turel ihm nicht mal aufgefallen, was bei einem merkwürdigen Kerl wie Turel schon von völliger Abwesenheit zeugen musste.
„Mit allem?“
„Allem“, meinte Turel die schwarze Lederjacke anstarrend, die Dennis breiter Rücken spannte.
Der Staub und das verkrustete Blut, als er auf dem Feldweg gelegen hatte, flammten vor Turels Augen auf, während der Dönermann den Döner füllte. Wie Dennis mit schweren Schritten über den Feldweg auf Turel zugekommen war, ihn zu sich gezogen hatte und die Schlinge um seinen Hals gelegt. Das getrocknete Blut, das von Turels Augenlidern gebröckelt war. Der Ruck, mit dem er in die Luft gerissen worden, der Fall, und der Schmerz, der wie ein elektrischer Impuls vom Becken in Turels Wirbelsäule gezuckt war. Seine Organe sich hat schmerzhaft verkrampfen lassen. Und Turel sah auch, wie Dennis den Hammer geschwungen hatte. Die Wucht, die das Holzkreuz hat erzittern lassen. Das spitze Metall, das Turels Hand durchdrungen hatte, die Speiche des Mittelfingers weiter zur Seite geschoben.
Turel hob eine zitternde Hand an seinen Kopf. Ein merkwürdiges Unbehagen nistete sich wie Maden in seinen Gedärmen ein. Die Hand vor dem Gesicht öffnete er langsam die Augen und schloss das linke. Spähte durch das Loch in seiner Hand hindurch, direkt zu Dennis.
Ein breites Lächeln ergriff von Turel Besitz. Der Dönermann schubste ihn an, da er auf nichts reagiert hatte. Rasch wandte Turel sich um, nahm den Beutel mit dem eingepackten Döner entgegen und wollte gerade das Geld hervorholen, da hob der Dönermann seine Hand und meinte: „Du hast schon genug gezahlt.“
Turel nahm das hin und ging auf Dennis zu und meinte: „Hey, Kumpel, kennst du den schon? Jesus Christus kommt in ein Hotel. Er drückt dem Portier drei Nägel in die Hand und fragt ihn: ‚Kannst du mich irgendwo festnageln?‘“, dabei stand Turel nun neben Dennis und hielt ihm die Linke vors Gesicht.
Einen Moment starrte dieser das Loch in der Hand an und die Narben um die Fingernägel.
Dann sah er Turel hinauf, der ihn mit seinen Goldzähnen angrinste. Äußerlich ruhig, doch innerlich stand Dennis unter Strom.
„Lange nicht gesehen, was? Muss ungefähr ein Jahr her sein. Hach, wie die Zeit vergeht“, meinte Turel gespielt und setzte sich neben Dennis.
„Und wie geht’s so? Lange keinen mehr genagelt, oder?“, grinste Turel ihn an und Dennis drehte den Kopf weg. Murmelte irgendetwas in seinen Bart.
„Was?“, reagierte Turel darauf. „Irgendwie kann ich dich nicht verstehen.“
„Tut mir leid“, sagte Dennis nun.
Stille, in der deutlich zu hören war, wie irgendein Mädchen hinter ihnen Falafel bestellte. „Es tut dir leid?“, fragte Turel.
„Ja“, meinte er auf seinen Teller starrend. Die letzte Ecke des Döners lag noch darauf. Dennis fühlte sich ertappt und zutiefst schuldig. Er wollte nicht mal das vernarbte Gesicht des Mannes neben sich betrachten. Konnte seine eigene Handschrift nicht mehr sehen.
„Lass das lieber mit den Witzen“, meinte Turel. „Du bist einfach nicht gut darin.“
„Das war kein Witz“, erwiderte Dennis. „Es tut mir wirklich leid“, meinte er gedämpft.
„Ach? Wie kommt das denn?“, Turel saß seitlich auf dem Barstuhl, Dennis zugewandt und ein Arm auf der weißen, fleckigen Tischkante.
„Hör zu, es tut mir wirklich leid. Ich habe das schon viel zu lange gemacht. Das mit dir war nichts Persönliches. Mingzi hat mich bezahlt und ich habe nur meine Arbeit gemacht“, noch immer wollte er Turel nicht ansehen. Prägte sich den kläglichen Rest des Döners ein, der da vor ihm lag.
„Du weißt also gar nicht, warum?“
„Nein“, bestätigte er traurig.
„Du weißt nicht, ob ich die Freundin von Flitzwitz flachgelegt habe oder einfach nur ein kleiner Eierdieb bin? Du weißt nicht mal, ob ich’s verdient habe oder einfach nur aus Spaß gefoltert wurde?“, fragte Turel nach.
„Ja“, bestätigte er wieder. „Ich weiß nicht, warum. Ich habe nur meine Arbeit gemacht.“
Dennis konnte fast ein Messer spüren, dass sich in seinen Nacken bohrte und er wusste, dass er es auch verdient hätte, doch Turel boxte ihn nur freundschaftlich in die Schulter und brach in schallendes Gelächter aus, sodass Dennis ihn einfach ansehen musste. Die Goldzähne glänzten deutlich in Turels weit aufgerissenem Mund. Die Narben in seinem Gesicht waren voller Schatten und Tiefe und Dennis konnte ihn einfach nur ansehen.
Langsam beruhigte Turel sich wieder. Wischte sich die Tränen aus den Augen, trotzdem glänzten die Schluchten darunter feucht. „Du bist wie dieser KZ-Typ, der halt einfach nur seine Arbeit gemacht hat“, Turels Stimme wurde nun ernster: „Ein guter und fleißiger Arbeiter. Dummerweise bestand seine Arbeit darin, die Vernichtung von Juden zu planen. Ist es nicht so?“
Dennis nickte bitter.
„Man, man, man“, meinte Turel heiter. „Als ich dich hier sitzen sah, dachte ich schon, du würdest angreifen wie ein ordentlicher Biker oder so. Siehst ja auch so aus. Bart und Lederjacke. Ich dachte, das würde übel werden, aber du sitzt einfach nur da wie ein Trauerkloß und alles tut dir leid? Auf irgendeine Weise ist das wirklich enttäuschend.“
„Wenn du dich rächen willst, dann mach es einfach und labere nicht um den heißen Brei herum, das ist ja fast wie …“, fuhr es scharf aus Dennis, und brach kurz vor Ende ab.
„Wie …?“, fragte Turel. „Wie Folter vielleicht?“, grinste er breit. „Keine Sorge, ich stoße dir schon kein Klappmesser in die Seite“, meinte Turel und tätschelte vorsichtig Dennis’ kurz geschorenen Kopf. „Ich räche mich, aber nicht so plump und ganz sicher nicht heute“, er ließ von Dennis. „Wenn wir schon mal hier sind, lass uns reden. Du sagtest, du willst das nicht mehr tun? Bedeutet das, ich war der Letzte?“
„Du warst nicht der Letzte, aber ich höre trotzdem damit auf.“
„Warum?“, fragte Turel „Also, so wie ich das beurteilen kann, bist du doch ganz gut darin. Was ist denn los? Sag nicht, dass du langsam zu alt für so was wirst.“
Dennis schwieg.
Er schluckte bitter und fragte schließlich leise: „Darf ich ehrlich sein?“
„Ich bitte darum“, meinte Turel.
Dennis sah mit seinen müden von Tränensäcken und Falten unterlegten Augen zu Turel hinüber. Die Traurigkeit ergriff Besitz von dem ganzen, scharfkantigen Gesicht. „Ich habe Angst um meine Seele“, meinte er traurig.
Turel sah ihn schweigend an. Dann musste Turel kichern. Legte seinen Kopf auf die Arme und lachte. Dennis stand schwerfällig auf und beschloss, die Dönerbude ihrem Schicksal zu überlassen und ging. Turel rappelte sich auf und lief ihm kichernd nach. Versuchte sich zu beruhigen: „Man, jetzt lauf doch nicht weg. Bleib hier“, er ging Dennis nach, der nicht sonderlich energisch versuchte zu fliehen, aber auch nicht stehenblieb, um Turel ausgeliefert zu sein.
„Scheiße, das kann man ja niemandem erzählen. Was ist los mit dir?“, fragte Turel, der nun neben ihm herging. „Also, wenn ich das richtig verstanden habe, bist du so ein Typ, den man anruft, wenn man jemanden hat, den man nach allen Regeln der Kunst foltern lassen will, richtig? Du stellst keine Fragen, machst deinen Job und das war’s für dich? Und jetzt hast du plötzlich Angst um deine Seele? Wie kommt das denn?“
„Das verstehst du nicht“, konterte Dennis.
„Klar verstehe ich das nicht. Wie auch, wenn du es mir nicht erklären willst.“
Dennis blieb ein Stück weiter stehen und lehnte sich gegen ein gerade geschlossenes Elektrowarengeschäft. „Ich“, begann Dennis, „ich habe Menschen schlimme Sachen angetan. Sachen, die niemand jemand anderem antun sollte. Irgendwann … wenn ich ehrlich sein soll, war das bei dir. Nachdem wir, das heißt ich und dieser Chinese, mit dir fertig waren, sind wir über den Feldweg zurückgefahren. Er gab mir mein Geld und ich ging nachhause. Dann habe ich angefangen nachzudenken. Ich habe eine ganze Weile nachgedacht. Ich habe mich einiges gefragt.“
„Was denn zum Beispiel?“, fragte Turel.
„Was mit mir schiefgelaufen ist. Warum ich so was tue. Warum es überhaupt solche Menschen wie mich geben muss, die so was anderen antun. Ich habe über eine ganze Menge nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich was ändern muss. Dass ich damit aufhören muss“, wehleidig und den Tränen nahe sah er Turel an. Musterte, was das Ergebnis seiner Arbeit war. Die tiefen Narben, die er geschnitten hatte. Die goldenen Zähne. Die Narbe an Turels Hals.
„Ich bin kein Soziopath“, meinte er. „Ich weiß, was ich Menschen antue. Ich kann versuchen, es mir vorzustellen, was diese Menschen fühlen müssen“, er griff in seine Tasche, hielt Turel das silberne Klappmesser mit den runden, stilistischen Löchern im Griff hin: „Hier.“
Turel nahm es. Sah es überrascht an. „Was soll ich denn damit machen?“, fragte er erstaunt.
„Was immer du willst. Es gehört dir. Aber pass gut darauf auf, das Ding ist nicht unbedingt legal. Und es ist wirklich gut. Höllisch scharf … aber dass weißt du ja.“
Turel steckte es ohne den Blick von Dennis zu nehmen in die Tasche seiner roten Krokodillederjacke.
„Irgendwie ist es beruhigend“, meinte Dennis mit einem sanften Lächeln unter seinem Bart.
„Was denn?“
„Dass du seelisch nicht kaputtgegangen bist“, er überlegte, ob er es sagen sollte, entschloss sich, dass Turel die Wahrheit verdiente, nach allem, was er ihm angetan hatte. „Ich habe dafür gebetet, dass du es überstehen würdest.“
Turel musste lächeln. Das war einfach so derart surreal. Dazu kam, dass er immer noch alles so scharf und hyperrealistisch wahrnahm. Eine gesteigerte Wahrnehmung.
„Zu welchem Gott denn?“
„Zu dem, der gerade zuhören wollte“, sagte Dennis irgendwie erleichtert.
„Turel?“, hörte er von Weitem. Sah an dem noch immer an der Hauswand des geschlossenen Elektrowarengeschäftes lehnenden Dennis Dorl vorbei und einige Meter entfernt Lauras blonden Schopf auftauchen.
Turel wandte sich Dennis zu. Wusste nicht, was er sagen sollte. Was Nettes wollte er nicht sagen und was Fieses fiel ihm gerade nicht ein, als er zum Naheliegendsten griff: Er wedeltet ein paar Mal mit dem Zeigefinger vor Dennis herum und meinte schließlich: „Deine Mutter, deine Mutter …“, und zog verwirrt von dannen, mit dem weißen Beutel in der Hand und dem in Alufolie eingewickelten Döner, der inzwischen kalt geworden war.
12. Neon-Jesus
Turel saß mit Kim und Laura im Club Blue Monday, in einer Ecke recht weit entfernt von der kleinen Bühne, auf der gerade der Tanz einer Einbeinigen in einem flimmernden, glänzenden Kleid in den Strip einer Frau mit Schwanz überging, die auf Turel unsicher in ihrer Cowgirl-Montur wirkte.
Blaues und rosarotes Licht schwappte über all die tanzenden und trinkenden und feiernden Menschen hinweg. Trotz der ravigen Version von „This must be the Place“ konnten sie sich noch recht gut verstehen. In dem blaurosa Licht wirkte Kim wieder so in Dunkelheit gehüllt. Sie streckte lächelnd den Arm aus: „Das ist Loman, er ist Anwalt.“
Loman war ein älterer Mann mit einer kleinen Brille, schmalen Augen, einem grauen Schnauzbart und bis auf das Kinn schien er über keinen Hals zu verfügen. Wie es sich für einen ordentlichen Anwalt gehörte, steckte er in einem ordentlichen Anzug, dessen Farbe in diesen Lichtverhältnissen einfach nicht zu identifizieren war.
Er schüttelte Turel die Hand und setzte sich: „Kim hat mich bereits über die Lage informiert und ich muss sagen, dass ich außerordentlich zuversichtlich über Ihre Chancen vor Gericht bin. Was Ihnen angetan wurde, war eine Scheußlichkeit und ich will Ihnen versichern, dass ich alles in meiner Macht Stehende unternehmen werde, um den Hund festzunageln, der Ihnen das angetan hat“, er wiegte den Kopf nachdenklich. „Möglicherweise kann ich es durchbringen, dass Sie aufgrund der schweren Schäden, die Ihnen dieses Ereignis zugefügt hat, keinen Finger mehr krumm machen müssen. Wie ich schon erwähnte, hat Kim mich so gut informiert, dass ich eigentlich schon vor Gericht ziehen könnte, aber ich wollte mich unbedingt vorher mal mit Ihnen unterhalten haben. Wie geht es Ihnen?“
„Ich komme klar“, meinte Turel.
„Sehr gut“, meinte Loman. „Wissen Sie, der Vater dieses Flitzwitz-Typen hat schon eine ganze Menge Dreck am Stecken gehabt, den unser Flitzwitz gleich mit der gesamten Firma übernommen hat. Ich kenne genug Leute, die einen persönlichen Groll gegen ihn hegen. Die meisten davon habe ich bereits in die Jury integriert. Die Fotos, die Kim gemacht hat“, er klopfte ihr leicht auf die Schulter, „sind gut genug, um als Beweise angeführt zu werden. Ich schlage Folgendes vor“, meinte er und beugte sich über den ovalen Tisch, auf dem ihre Getränke standen, zu Turel hinüber, dessen rote Krokodillederjacke in dem Licht schwarz und glänzend schimmerte wie ein echtes Krokodil. „Sie sagen besser nichts. Sollte die Presse an Sie herantreten, mit der Bitte nach einem Interview – und ich kann Ihnen versprechen, dass sie das tun werden –, dann wird es besser sein, wenn nichts über Ihre Lippen kommt, außer: Wie schlecht es Ihnen geht, welch starke Schmerzen Sie haben und wie Sie psychisch unter der Tortur leiden“, er ließ eine kleine Pause, damit Turel es verstehen konnte. „Vor Gericht machen Sie das Gleiche. Allerdings sollten Sie das Reden hauptsächlich mir überlassen, dann kann nichts schiefgehen. Das bezieht sich allerdings nur auf offizielle Dinge. Im Privaten können Sie es sich gern gut gehen lassen, Gott weiß, Sie haben’s sich verdient. Falls doch irgend so ein Kerl von der Presse Sie beim ausgelassenen Feiern erwischen sollte, können Sie immer noch darauf zurückgreifen, dass Sie das Erlittene durch Alkohol zu verdrängen versuchen. Das kommt immer gut“, nebenbei spähte er auf seine Armbanduhr mit Lederband. „Oh, wie ich gerade sehe, muss ich schon wieder los“, er sah lächelnd zu Turel hinüber: „Ich hoffe, dass Sie mit meiner Strategie einverstanden sind?“
„Na klar“, meinte Turel leicht irritiert.
Er schüttelte Turel erneut die Hand: „Schön, dass ich Sie noch mal treffen konnte“, und verabschiedete sich. Als er weit genug weg war, nahm Laura den Blick von ihm: „Was war das denn?“
„Mach dir keine Sorgen, Loman ist der Beste in dem, was er tut“, bestätigte Kim und wandte sich an Turel: „Warst du inzwischen auf meiner Blogseite?“
„Leider nein“, meinte er und sah, wie sich der Zwitter, sichtbar erleichtert und bis auf die Cowboystiefel und dem dazu passenden Cowboyhut entblößt, verabschiedete.
„Wann soll diese Gerichtsverhandlung überhaupt sein?“, fragte er Kim schließlich.
„Loman wird sich mit dir in Verbindung setzen. Bis dahin gehst du offiziell einfach so vor, wie er gesagt hat. Dann kann eigentlich kaum was schiefgehen.“
Laura trank ihren Drink aus und stand auf: „Also ich misch mich unter die Leute“, beugte sich zu Turel vor, „mal sehen, was ich so abgreifen kann“, lächelte sie tatfreudig und verschwand in der Menge.
„Die Leute sind verrückt nach Menschen, die leiden“, meinte Kim. „Warum kommt wohl Batman so gut an? Weil er einfach ein Mensch ist und mit seinem Trauma zu kämpfen hat. Er bekämpft die wahnsinnigen Verbrecher, um nicht selbst zu einem solchen Irren zu werden. Oder Jesus. Der christliche Superstar. Ich sag dir was: Es gibt keine Religion, die sich endgültig durchsetzen wird, wenn sie keinen persönlichen Jesus hat. Gott ist nicht greifbar und so, man soll sich das Paradies nicht vorstellen, bla-bla-bla“, meinte sie sichtlich angetrunken und heiter. Trotzdem verloren ihre weit offenen Augen nicht das Geringste an Eindringlichkeit in ihrem katzenhaften Gesicht. „Jesus ist greifbar und menschlich. Er hat gelitten. Deshalb lieben ihn alle“, sie ließ sich auf die Bank zurücksinken. Schaute in die blauen und rosaroten Blitze, die über die Tanzenden zuckten. Nur unterbrochen von einigen bunten Knicklichtern, mit denen sich die Tanzenden behangen hatten. Einige ihrer Gesichter waren sogar mit phosphoreszierender bunter Farbe verschmiert. Neon-Geister, die in der Disko tanzten.
In dem Blau, das über Turel glitt, wirkten seine unregelmäßigen Narben, die sein Gesicht kreuzten, wie tiefe, schwarze Abgründe. Ebenso trat die sichelförmige Narbe an seinem Hals viel deutlicher hervor. Auch die Löcher in seinen Händen schienen prägnanter und offensichtlicher zu sein. Seine goldenen Zähne waren fast unsichtbar und schwarz im Licht.
„Komm, wir gehen tanzen“, meinte Turel. „Ich will nicht ewig hier herumsitzen.“
„Ach, ich weiß nicht“, meinte Kim. „Ich sitze eigentlich lieber wie ein Raubtier im Gebüsch und warte, anstatt bei den Gazellen zu tanzen.“
„Bist halt kein Partylöwe“, meinte Turel und schaute zur leeren Bühne hinüber. „Ich mische mich trotzdem mal unter die Leute“, er stand auf und tat das.
Die Musik hämmerte und er konnte kein genaues Lied aus den Geräuschen herausdestillieren. Es war eine hämmernde, rhythmische Masse. Rund um ihn ruckelten und zuckelten größtenteils junge Leute, die an diesen Montagabend nichts Besseres zu tun hatten.
Einer, der voller bunter Knicklichter hing, tanzte an Turel vorbei, in beiden Händen hielt er Ringe in verschiedenerlei leuchtenden Farben.
Blau, rot, grün, gelb, violett.
„Hey!“, rief Turel und der junge Kerl hielt inne und musterte Turel.
„Gib mal was von den leuchtenden Dingern her“, lächelte Turel zu ihm hinüber. Der junge Mann hob eine Hand voller Lichter und schaute fragend zu Turel. Der lächelte und nickte, da reichte der Kerl ihm einfach einige und tanzte davon. Turel drehte die biegsamen Lichter zu einem leuchtenden, bunten Kranz zusammen.
„Seht her!“, rief er und die meisten schienen diesem Befehl zu folgen.
„Ich bin der Neon-Jesus“, rief er und krönte sich selbst mit dieser zusammengedrehten „Dornenkrone“ aus Knicklichtern. Hielt die Hände mit den Löchern hoch und hüpfte herum. Ab und zu fielen durch sie rote und blaue Lichtstrahlen auf Tanzende, die sich wie ein Strudel um ihn bildeten.
„Ich bin ein verdammter Heiliger!“, rief er und breitete beim Herumspringen die Arme aus. Der bunte Heiligenschein aus Knicklichtern überzog sein vernarbtes Gesicht mit bunten Lichtstrahlen und die Leute freuten sich, berauscht von Turels Präsens, während Laura unauffällig durch die Gruppe schwamm und aus den Taschen zog, was sie gerade fand.
13. Drei Studien einer Kreuzigung
Turel träumte.
Er befand sich in einem zylindrischen Raum mit einem ebenen, orangenen Fußboden und roten Wänden mit Fenstern in den Rundungen, vor denen jeweils ein schwarzer Stoffrollladen hinuntergezogen war. Es gab keine offensichtliche Lichtquelle und trotzdem war es hell.
Er stand an einem roten Tisch, auf dem zwei Rindehälften lagen, oder waren es Schweinehälften? Turel konnte es nicht so recht erkennen. Die weißen Rippen schimmerten aus dem feucht glänzenden Rot.
Er ging vorbei an einem pritschenähnlichen, ovalen Bett, dessen blauweiß gestreiftes Bettzeug unter der Last leicht durchhing. Turel ging direkt vorbei. Er wagte nicht, das Ding auf dem Bett länger anzusehen. Wie ein gekrümmter Mann, die Beine an die Brust gezogen, das Laken und die Decke blutbefleckt, feucht glänzend. Der Mann, oder das Ding darauf, voller blauer Flecke und Gedärm. Der Kopf schien nach vorn unnatürlich lang, affenähnlich, mit bloßliegenden Zähnen. In den oberen Schneidezähnen fehlte einer.
Es erinnerte Turel aber einfach zu sehr an sich selbst, als dass er lange an diesem scheußlichen Ding stehen bleiben wollte.
Er ging auf das Ding in der Mitte des Raumes zu. Von einem roten, flachen Monolithen hing etwas, was einer dieser Schweinehälften nicht ganz unähnlich war. Aus seinem aufgeschnittenen Inneren schimmerten die weißen Rippen wie kostbares Elfenbein hervor. Das feuchte, glänzende Rot. Es schien kopfüber zu hängen. Der Kopf – oder das aufgequollene, rot schimmernde Organ, was er dafür hielt – besaß einen offenstehenden Mund mit spitzen Katzenzähnen. Unterhalb dieses „Kopfes“ ergoss sich ein Schwall aus Gedärmen.
Turel stand davor und wusste nicht, was er tun sollte, außer dieses grässliche Ding anzustarren. Seine morbide Schönheit zu bewundern. Wie es leicht den Mund öffnete und ihn sanft wieder schloss, wie eine im Schlaf atmende Person.
Turel fühlte sich verloren. Fast wie als er am Kreuz hing. Es mussten die fast gleichen Gefühle sein. Er betrachtete das ausgeweidete, atmende Ding, was von dem roten Monolithen hing. Es wirkte auf ihn ruhig, nicht als ob es Schmerzen hätte. Er konnte im Innern die Rippen und die weiße Wirbelsäule bewundern und doch atmete es noch. Lebte es noch.
Wie auch er hatte es alles überstanden.
Unverwandt schaute Turel an sich hinab und sah, wie eine Dornenranke sich sein rechtes Bein hinaufschlängelte.
14. Hormone
Turel kam von einem Gespräch mit Dr. Klember, das eher einem freundschaftlichen Plausch geglichen hatte, als einem Gespräch zwischen Psychologen und Patienten.
Obwohl der Himmel blau war und die Sonne schien, so konnte sie doch nicht die Straße erreichen, durch die Turel nun ging. Den vernarbten Asphalt und den rissigen Fußweg betrachtend. Zu seinem Spiegelbild sehend, das die Scheiben der Läden reflektierte. Er dachte über irgendwas nach. Wälzte auf eine merkwürdig gefühllose Art seine Situation. Die Hände in den Taschen seiner weinroten Krokodillederjacke. Darin spielte er mit dem zugeklappten Messer, das Dennis ihm gegeben hatte. Er fühlte sich absolut antriebslos. Merkwürdig gedämpft. Ab und zu verging ein Tag in fast völliger Ereignislosigkeit. Was würde wohl der hypothetische Lee tun, wenn alles wieder aufgebaut war?
Ab und an gab es diese antriebslosen Momente, in denen Turel nichts mit sich anzufangen wusste. Oft lagen sie unmittelbar vor irgendwelchen Partys, oder Diskobesuchen, oder ganz einfach an einem Tag, an dem einfach nichts Richtiges geschah. Es waren rund 30 Tage um. Kein Wunder, dass er sich antriebslos fühlte.
Als Turel im Gehen, fast an seinem Haus, aufsah, stand dort wieder ein unliebsamer Bekannter, direkt an dem Elektrowarengeschäft, an dem er sich mit Dennis unterhalten hatte.
Es war der blonde Mingzi in irgendeiner belanglosen Strickjacke. Vermutlich versuchte er unauffällig zu sein. Er rauchte eine Zigarette und sah verstohlen zu Turel hinüber. Ein breites, dämliches Grinsen nahm in seinem Gesicht Gestalt an.
„Hi“, grinste er. Turel blieb stehen: „Was willst du hier?“
„Mit dir reden“, meinte Mingzi.
Turel hätte das Messer in seiner Tasche aufklappen und den Freak einfach hier und jetzt vor dem Elektrowarengeschäft abstechen können, aber er fühlte sich nicht danach. Ihm war nicht nach Rache. Vielleicht war Mingzi nach Rache?
„Keine Sorge, keine Sorge“, meinte Mingzi mit gehobenen Händen. „Ich nehme dir das von neulich nicht übel. Ganz ehrlich, ich kann’s verstehen. Ich meine, ich habe nur einen Befehl befolgt. Flitzwitz hat eben gesagt: ‚Dann machst du ihn eben fertig.‘ Ich konnte ja nicht wissen, dass Flitzwitz keine Eier in der Hose hat“, lachte er. Sog kräftig an der Kippe, die bis auf den Filter nur aus einer Aschebahn bestand. Er schnippte sie weg. „Hör zu, ich bin hier, weil du ein richtig harter Typ zu sein scheinst. Und so was können wir gebrauchen.“
„Wer ist ‚Wir‘?“
„Flitzwitz und ich. Hör zu, du brauchst doch Geld, oder?“
„Flitzwitz und du?“
„Na gut“, gab Mingzi zu. „Diesmal nur ich. Mit Flitzwitz ist nichts los, der ist nicht so wie sein alter Herr. Der Kerl ist eben einfach eine Flasche. Aber du nicht. Nein, du hast das alles weggesteckt und ich bin sicher, dass du Geld vertragen kannst.“
„Komm schon zu Sache“, meinte Turel lächelnd.
„Also gut“, sprach Mingzi nun etwas gedämpfter. „Das ist ein ganz einfaches krummes Ding. Ich habe alles organisiert, ich brauche nur noch jemanden, dem man vertrauen kann. Masken und Waffen, alles ist bereit. Das wird eine ganz einfache Nummer, wir gehen rein, holen uns was und gehen wieder raus. Ganz einfach.“
„Warum rufst du nicht Dorl an?“, fragte Turel. Mingzi war jemand ganz Gewöhnliches geworden. Es war, als wäre er einfach bloß irgendein Idiot. Kein blutverschwommenes Bild von Mingzi, der mit der Zange klapperte oder mit der Schere, um ihm die Eier abzuschneiden. Nur Mingzi, das blonde Schlitzauge, das da vor ihm stand und sagte: „Dorl geht irgendwie nicht an sein Handy, wer weiß? Aber das ist doch eine prima Sache, oder? Kein Flitzwitz. Nur wir beide. Und weißt du, irgendwie tut mir das Ganze ja auch leid. Ich bin nämlich nicht so ein schlimmer Finger, wie du vielleicht von mir denkst. Ich habe einfach einen Befehl falsch verstanden und dachte, ich tue nur, wie mir aufgetragen wurde. Wenn überhaupt jemanden eine Schuld trifft“, meinte er im Versuch, seine Hände reinzuwaschen, „ … dann Flitzwitz, der sich einfach nicht klar ausdrücken kann. Verstehst du? ‚Dann machst du ihn eben fertig, dann machst du ihn eben fertig.‘ Was soll das auch heißen!? Weißt du, ich dachte, dann mach ich ihn eben fertig … na ja, jedenfalls kann da eine ganze Menge für dich rausspringen. Ich erkläre dir alles dann im Detail. Du musst dir auch gar keine Kreuze im Kalender machen oder so. Freitag. Also morgen. Wie wäre es? Ich werde morgen um zwölf hier stehen. Du musst einfach nur aus deinem Haus rauskommen und dann werden wir das Ding schon schaukeln. Und ich habe sogar noch was“, meinte er und griff in seine Hosentasche. „Hier!“, Mingzi hielt ihm ein paar Scheine hin, die, einmal gefaltet, von einer flachen, silbernen Geldklammer zusammengehalten wurden.
„Ich zahl dir sogar Dreitausendfünfhundert im Voraus. Was hältst du davon? Kann ich auf dich zählen?“, noch immer das Geld in der Klammer vor Turels Nase haltend.
Turel überlegte kurz hin und her, schließlich griff er es sich mit den vernarbten Fingerspitzen und den Fingernägeln mit ihrem weißen Rand.
„Ich wusste doch, dass ich auf dich zählen kann!“, freute sich Mingzi. „Die Geldklammer kannst du behalten, ich dachte nur, ich mache das stilvoll, weißt du?“, er spähte kurz verschwörerisch hin und her. „Also gut, man“, er klopfte Turel auf die Schulter. „Wir sehen uns dann morgen. Ich sag’s dir, das wird ein verdammtes Kinderspiel. Ganz einfach. Rein und wieder raus. Danach sind wir gemachte Männer“, grinste er breit, was seine mandelförmigen Augen noch mehr verengte, und schließlich zog er von dannen.
Turel sah ihm einen Moment nach, dann schaute er das Geld in der Klammer an. Damit könnte er sicher was Lustiges anfangen. Mal sehen, was sich bot.
Das rosa Licht in seinem Zimmer war noch aus. Die Sonne schien fast zum Balkon herein und Turel traf eine recht zufriedene Laura an.
„Hi Turel, schau mal, was ich heute erbeutet habe“, sie deutete auf einen großen Karton, der in der Mitte des Teppichs stand. Sie klopfte auf den Karton: „Ein Ultra-HD-Fernseher. Toll, oder? Ich habe einen Kassenzettel gefunden und wollte eigentlich das Geld holen, also gehe ich rein, suche den richtigen Fernseher raus und gehe mit dem Ding zur Kasse – und Kassenzettel versteht sich – und will mein Geld zurück. Die begriffsstutzige Kassiererin fragt, wieso. Scheiße, wer fragt schon, wieso? Also musste ich mir schnell was ausdenken. Da habe ich gesagt, das Ding geht nicht und ich will mein Geld wiederhaben. Da holt die dumme Kuh noch einen Mitarbeiter und ich denke schon, dass die Beiden mich in die Zange nehmen“, sie lief aufgeregt durchs Zimmer: „Doch der Typ glaubt sogar, mich wiederzuerkennen und gibt mir statt des Geldes einfach ein neues Gerät. Da dachte ich mir, das ist ein Wink des Schicksals und nahm den Fernseher“, lächelte sie. Turel nun angesteckt von ihrer guten Laune stieg mit ein.
„Meine Meisterdiebin“, lachte er mit seinen Goldzähnen.
„Ja, oder?“, bestätigte Laura ihm. „Jetzt hast du hier wenigstens einen ordentlichen Fernseher stehen“, meinte sie und deutete zu dem kleinen Röhrenfernseher hinüber, der neben dem Balkon stand. „Außerdem soll ich dich von Otto grüßen, ich habe ihn heute getroffen. Wie war’s bei Dr. Klember?“, fragte sie und ließ sich auf dem Bett nieder.
„Das Übliche halt. Mir geht’s gut, also haben wir uns einfach nur unterhalten. Zahlt momentan eh die Krankenkasse“, meinte Turel.
„Hey, wollen wir ficken?“, fragte sie schließlich.
Turel ergründete die Tiefen seiner Gefühle und musste feststellen, dass ihm nicht danach war. „Weiß nicht. Mir ist eigentlich nicht danach.“
„Warum denn schon wieder nicht?“, fragte Laura ein wenig maulend.
„Die 30 Tage sind fast rum. Mein Testosteron ist alle“, zuckte er mit den Schultern.
„Dann jag dir eben noch welches in den Hintern“, schlug Laura vor.
„Bist du irre?“
„Irre hast du mich letztens schon genannt, aber in einem anderen Zusammenhang. Und wieso nicht?“
„Weil Testosteron ein Hormon ist. Wenn man ein Hormon falsch einsetzt, kann man sein ganzes Protoplasma damit versauen. Weißt du zum Beispiel nicht, warum so viele schwule Kerle da draußen rumrennen?“
„Sag bloß, die nehmen alle Hormone?“, fragte Laura.
Turel warf seine Jacke und einige andere Sachen über den Stuhl und ging ins Bad. Redete weiter: „Nicht ganz freiwillig.“
Laura stand auf und folgte ihm. „Du meinst, jemand verabreicht Schwulen unfreiwillig irgendwelches Hormonzeug?“
„So ähnlich“, meinte Turel und drehte das Wasser in der Wanne auf, nachdem er den Stöpsel reingesteckt hatte.
„Und wer bitte?“, fragte Laura halb amüsiert.
„Ihr“, deutete Turel auf sie, nahm das Schaumbad und schraubte es auf.
„Wir?!“, fragte Laura überrascht auf sich deutend. „Also ich weiß nichts davon, dass ich Schwulen irgendwelche Hormone einflöße.“
„Nimmst du noch die Pille?“, fragte er und goss einen Deckel voller grünem Schleim in das warme Wasser, was daraufhin zu schäumen anfing.
„Nö. Warum auch? Du kannst mich ja schwerlich ohne Eier schwängern, oder?“
„Na gut, dann du nicht mehr. Aber …“, meinte Turel, stellte das Schaumbad weg und begann das Hemd aufzuknöpfen, „ … einige Hormone bleiben in eurem Urin haften und die schickt ihr in die Kanalisation“, er reichte Laura das Hemd, was er locker zusammengefaltet hatte. „Und davon wiederum gibt es die einen oder anderen Hormone, die die Kläranlagen nicht herausbekommen und das Zeug wandert halt scheinbar gereinigt ins Trinkwasser zurück.“
„Du meinst, die werden schwul, weil Hormone im Wasser sind?“
„Na ja, nicht alle, aber manche, die vielleicht eine Veranlagung haben?“, er faltete die Hose zusammen und reichte auch sie an Laura weiter. Zog sich weiter aus: „Ich habe das mal irgendwo aufgeschnappt, klang glaubwürdig“, meinte Turel.
„Du meinst, du wirst schwul, wenn du dir das Testosteron zu früh spritzt?“, fragte sie ungläubig. „Ehrlich gesagt würde ich mir das gern mal anschauen“, lächelte sie verspielt.
„Keine Chance“, meinte Turel und stieg in das Wasser, was durch die Löcher seiner Füße sickerte. Ein kurzer Flashback zischte durch ihn hindurch: Wie Dennis ihn blutend und zerschunden in eine leere, staubige Wanne hob.
„Aber ich will jedenfalls keinen Blödsinn mit Hormonen treiben, weißt du“, über sprach er den Flashback. „Also, was sagt dir das?“, fragte er, sich noch immer darauf konzentrierend, die Eindrücke los zu werden. Das warme Wasser half dabei, ihn ins Jetzt zurückzubeordern.
„Dass – wenn deine Eier nachgewachsen sind – ich mir keine Pillen mehr zu kaufen brauche, sondern bloß ein Glas Leitungswasser hinterkippen muss. Verhütung aus der Leitung“, meinte sie.
Turel ließ sich weiter ins heiße Wasser sinken und drehte den Hahn zu. Noch immer schien ihm das schaumige Wasser rot zu sein, also fand er sich damit ab.
Laura legte den Stapel Kleidung beiseite: „Vorschlag“, meinte sie.
Turel sah von der Wanne, die in der Schräge stand, zu ihr hinüber. Spätnachmittagslicht fiel durch das kleine Fenster an der Dachschräge hinein.
„Du jagst dir das Testosteron nach Mitternacht rein. Dann ist das quasi morgen.“
„Sagen wir zwei Uhr und ich bin dabei.“
Worauf Laura meinte: „Deal. Als tun wir’s nach zwei Uhr?“
„Ja“, meinte Turel und tauchte einen Lappen ins heiße, dampfende Wasser der Wanne ein, legte den Kopf zurück und den Lappen über seine geschlossenen Augen. „Ja, nach zwei Uhr mach ich dich fertig.“
„Was dagegen, wenn ich mir reinkomme?“, fragte Laura, nun durch den Lappen außerhalb von Turels Sichtfeld.
„Tu nur“, sagte er.
15. Hedonismus als Lebensphilosophie
Ein durchdringendes Rot erfüllte den ganzen Raum.
An den ebenfalls roten Wänden waren lauter schwarze Schlingen von Dornenranken abgebildet. Merkwürdige Tapete. Das große Bett stand in der Mitte des Raumes und Turel lag erschöpft darauf, auf ihm saß Sandy, deren langes, blondes Haar ebenfalls rot schimmerte. Kurvig und kurz davor, als etwas „dick“ zu gelten, saß sie auf Turels Schoß. Neben ihm auf dem Bett saß Betti, ihr schwarzes Haar – das im roten Licht nur umso schwärzer schien – auf dem Kopf zu einem Zopf gebunden, trotzdem fiel es lang und in Strähnen über ihre Schultern. Sie kompensierte ihre durchschnittlich großen Brüste, indem sie sich in ein schwarzes Korsett geschnürt hatte, das ihre Brüste beträchtlich hob. Auf der anderen Seite saß Vanessa, deren braunes Haar fast ebenso schwarz in dem roten Licht wirkte. Sie musste neu sein, denn sie machte auf Turel einen unsicheren Eindruck. Vielleicht schüchterten sie aber auch nur Turels zahlreiche Narben ein.
Gleich gefallenem Laub lagen lauter Scheine herum, auf denen sie teilweise saßen oder lagen. Einige lagen auch auf den Boden.
„Ich wusste gar nicht, dass man ohne Eier noch ficken kann“, meinte Sandy, noch immer auf ihm thronend. Er hatte das Gefühl, dass das Rotlicht Narben eher hervorhob, statt sie zu verschleiern. Er konnte die winzigen Narben um seine Fingerspitzen sehen und die schmalen Narben unter Sandys Brustimplantaten.
„Wusstest du nicht?“, fragte Betti und zog ihre schmalen Augenbrauen hoch.
„Der Schwellkörper funktioniert noch“, meinte Turel. „Die Hoden produzieren nur die Samen, die Flüssigkeit stammt größtenteils aus der Prostata … ich habe das Gefühl, dass ich mich wiederhole“, meinte er mit ausgebreiteten Armen entspannt unter Sandy liegend, die ihn auf angenehme Art beschwerte.
Flüchtig sah Sandy zur Uhr hinüber, die links vom Bett an der Dornenrankentapete hing. Langgezogene, schmale Ziffern. Dünne Zeiger. „Du hast noch Zeit“, meinte sie und strich sich eine Strähne zur Seite. Betti ließ sich lasziv neben Turel nieder, legte einen seiner Arme um ihren Nacken und hielt seine Hand mit ihren Händen fest: „Können wir vielleicht noch irgendwas für dich tun?“
„Vielleicht möchte er auch einfach was loswerden?“, meinte plötzlich Mai, eine lange, geradezu hohe Asiatin mit einem eleganten Schwanenhals, deren schwarzes, glänzendes Haar gerade mal bis zu den Wangenknochen reichte. Turels Kopf lag auf ihren Oberschenkeln und an ihren Füßen hingen schwarze Schuhe mit Absätzen, die als Mordwaffe hervorragend geeignet wären. Bisher hatte sie kaum was getan, außer, dass sie mit ihren langen Beinen als Kissen herhielt, Turels Kopf tätschelte oder Sandy küsste.
„Vielleicht, was mit ihm passiert ist?“, fragte Betti und steckte einen Finger mit langem, lackiertem Nagel durch das Loch in Turels Hand und zog ihn langsam wieder hinaus. Einen Moment hatte sie tatsächlich Angst festzustecken.
„Tja, ich wurde genagelt“, meinte Turel und versuchte, nicht das harte Holzkreuz in seinem verwundeten Rücken zu spüren, wobei die vielen kleinen Wunden schon verheilt waren und er auf einem weichen Bett und Geldscheinen lag. Noch immer in Sandy steckend, wenn auch vorübergehend erschlafft.
„Erzähl uns doch, wer dir so was angetan hat“, meinte Sandy lasziv und fuhr mit dem Zeigefingern die Narben in Turels Gesicht nach. Als ihre Finger mit den langen Fingernägeln über seine Augen fuhren, die er rechtzeitig geschlossen hatte, versuchte er sich klar zu machen, dass es zwei weiche Finger waren und keine scharfen Klingen aus Metall.
„Sagt mal“, begann Turel, „ich habe euch doch bestimmt genug Geld gegeben, dass ihr ehrlich zu mir sein könnt. Meine Narben erzählen auch weit mehr darüber, was mir passiert ist, als alle Worte. Also, sagt mir: Findet ihr nicht auch, dass ich nach all dem Leiden mehr verdiene? Würdet ihr nach so etwas euch jeden Tag zur Arbeit schleppen wollen? Wenn der deutsche Steuerzahler auch nur einen Dreck darauf gibt, dass es Flüchtlingen oder KZ-Opfern gut geht, wenn der Charakter völlig uninteressant ist und es des Menschen Pflicht ist, den Gepeinigten und Zerschundenen zu helfen, wenn sie Jesus verehren, weil er für uns litt, dann können sie alle doch auch für mich aufkommen, oder etwa nicht?“
Schweigen. Keine sagte etwas. Alle schienen sie unschlüssig darüber, ob sie auf so etwas Heikles antworten sollten. Ob es nun das Geld war oder ihre Meinung. Betti ergriff als Erste das Wort: „Natürlich hast du es dir verdient, etwas ‚Besseres‘ zu sein.“
„Äh … ja. Sehe ich auch so“, meinte Sandy, wobei Turel sich recht klar darüber war, dass sie nicht mal die Frage verstanden hatte.
Turel legte den Kopf in den Nacken und sah zur hohen Mai auf. „Was ist mit dir? Was denkst du darüber? Habe ich alles Gute verdient, oder sollte ich wieder arbeiten müssen wie alle andern?“
Sie sah aus ihren schmalen Augen, mit dem ebenso schmalen, dunklen Lidschatten, auf Turel hinüber. Er konnte nichts in ihren Augen lesen, wobei sie ihn doch genau musterte. „Du hast Erlösung verdient“, meinte sie schließlich und streichelte seinen Schädel.
„Gott kann grausam sein“, meinte Betti. „Doch manchmal gewährt er auch Erlösung.“
Turel lachte erschöpft. „Erlösung ist ein gutes Stichwort. Genau das ist es, was ich will. Erlösung von den Pflichten. Ich habe genug gelitten für Tausend Jahre. Du erfährst Erlösung in jedem Stück Schokolade, in jedem Getränk, im Spiel, in der Kunst, im Sex, wo auch immer. Aber von Gott wirst du sicher keine bekommen“, meinte Turel. „Ich meine, Flüchtlingen wird zumindest offiziell Erlösung gewährt aufgrund ihres Schicksals. KZ-Opfern wird gedacht. Wenn all diese Gutmenschen also keine Heuchler sind, dann werden sie auch mir die gleiche Erlösung gewähren“, meinte Turel, und obwohl er inzwischen wund war, glaubte er, dass er für einen letzten Ritt für heute breit war.
„Was sagt die Zeit?“, fragte er schließlich.
„Ist noch immer welche da“, meinte diesmal Mai.
„Dann runter von mir, Sandy, Betti ist jetzt dran.“
Der Hedonismus hat endgültig alles mutiert. Essen ist nicht länger dazu da, den Körper mit Energie zu versorgen. Trinken füllt nicht mehr die Vakuolen auf. Schlaf ist nur noch ein Zeitvertreib. Sex nicht mehr zur Zeugung. Alles diente nur noch dem Vergnügen. Hedonismus als Lebensphilosophie.
16. Die Wahrheit über Schulden
Turel saß auf dem Stuhl in seiner Wohnung herum und schaute auf den offenen Balkon hinaus, vor dem das schönste Wetter herrschte. Alles leuchtete irgendwie sandfarben, von der Sonne beschienen, blauer, durchgehender Himmel. Er überlegte, ob er hinausgehen sollte? Einen Spaziergang machen. Irgendwohin, denn gerade war eines dieser Löcher, in denen nichts los war.
Das Klingeln an der Wohnungstür nahm ihm die Entscheidung ab. Turel stand auf, vollständig angezogen in seiner Krokodillederkleidung, um hinauszugehen; doch eben war er sich noch unsicher gewesen. Nun ging er zur Tür, öffnete gerade heraus und vor ihm stand plötzlich ein vergleichsweise wütend wirkender Louis Mingzi in einer schwarzen Lederjacke.
„Was sollte die Scheiße! Warum warst du gestern nicht da?!“, rief er Turel wütend entgegen.
Turel ließ einen Moment verstreichen, bevor er sich entschloss, etwas zu sagen: „Ach, komm schon. Die Scheiße stank doch nach einer Falle“, meinte er gleichgültig.
„Das war keine beschissene Falle! Das war ein scheiß geplanter Überfall und du warst nicht da! Ich habe mir gestern die Beine in den Bauch gestanden. Zwei geschlagene Stunden stand ich da draußen. Wo verdammt bist du gewesen?“
„Ich glaube, da war ich gerade in einem Bordell.“
„Was?!“
„Du kennst doch diesen Laden mit der dicken Puffmutter. Ist wirklich toll dort. Ich kenne sie von früher und …“
Mingzi konnte es nicht fassen. Er hatte sich wirklich vollständig auf Turel verlassen und der war, statt ihm bei dem Überfall zu helfen, für den er ihn obendrein bereits bezahlt hatte, lieber in irgendeinen Puff gegangen.
„Scheiße!“, schrie Mingzi, sprang sogar ein wenig auf, da er nicht gerade der Größte war. „Ich habe mich auf dich verlassen! Ich habe dir einen Haufen Geld im Voraus gegeben, was hast du damit angestellt?“
„Ich sag doch, ich war im Puff.“
„Was?! Scheiße, warum machst du das?! Warum?! Man, ich habe mich voll und ganz auf dich verlassen! Das hätte alles super geklappt, aber du …“, er wusste plötzlich vor lauter Rage nicht, was er sagen wollte, außer einfach irgendwas möglichst wütend und enttäuscht rauszuballern.
„Was?“, fragte Turel kalt. „Du hast mir die Fingernägel rausgerissen. Mir die Hoden abgeschnitten. Da denkst du, dass ich dir helfe?“
„Ich habe dir einen Haufen Geld dafür gegeben!“
„Damit wächst mein Hoden nicht wieder an“, meinte Turel, die Rechte in der Tasche, in der er mit dem zugeklappten Messer spielte. „Ist das alles, was du willst? Ich bin nämlich nicht in Stimmung, mich von dir anschreien zu lassen. Außerdem tut mein Penis weh, also wenn du die Güte hättest wieder Leine zu ziehen?“
Turels ruhige Abgeklärtheit brachte Mingzi wieder runter. Er kratzte sich im Nacken: „Ich bin eigentlich hier, weil Flitzwitz dich sprechen will.“
Es kam Turel so vor, als bemerke er das erste Mal die zwei goldenen Ringe, die am Rande von Mingzis Augenbraue saßen. Hatte er die Piercings damals schon? Vermutlich.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja. Flitzwitz will wieder irgendwas.“
„Also wenn du die Güte hättest mitzukommen, damit dieser Mist endlich mal geklärt wird?“
Turel wog ab. „Also gut, wenn ihr dann Ruhe gebt“, er trat zu Mingzi hinaus, schloss die Tür ab und steckte den Schlüssel ein. Folgte Mingzi die dunkle Treppe hinunter: „Ach so, kann das sein, dass du mit einer Mai verwandt bist?“, fragte Turel im Hinuntergehen.
„Ja, warum?“
„Wusstest du schon, dass die im Puff arbeitet?“
„Ja, das habe ich schon mal gehört“, meinte Mingzi seine Wut unterdrückend.
„Die war verdammt gut, wirklich. Muss die nettere von euch beiden sein. Deine große Schwester, oder? Die kommt mir irgendwie älter vor als du.“
„Das kann schon sein.“
Mingzi hob die groben Lamellen aus durchsichtigem Gummi ein wenig, damit Turel eintreten konnte. Die weißen Neonröhren warfen ihr bleiches, kaltes Licht auf den ausgeflippten Raum, in dem an einzelnen Haken Schweinehälften hingen, groß und schwer und rot. Ganz weit hinten, halb von einer einzelnen Hälfte verdeckt, konnte er die aus dem Traum sehen. Die, aus der die rosaroten Gedärme hingen, mit dem unförmigen Kopf und dem Maul voller Katzenzähne, die, die ruhig vor sich hin atmete.
Ihn erwarteten zwei Figuren. Einmal stand da ein extrem ärgerlich aussehender Herr Flitzwitz, wie immer im beigen Anzug und mit Brille. Nervös stand er da, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem Fuß auf den Boden klopfend. Als Turel eintrat, hörte er damit auf. Und dann sah Turel noch Dennis Dorl mit seinem kahlrasierten Kopf, dem kantigen Gesicht und dem wuscheligen Vollbart. Er trug eine alte, lederne Fleischerschürze und schwarze Gummihandschuhe, die bis zu den Ellenbogen reichten. In der Rechten hielt er eine große Gerber-Machete, deren Spitze zu einem merkwürdigen Haken geformt war. Er stand mit schlaff herunterhängenden Armen da. Ein kleiner Rollwagen stand daneben, auf dem ein Schweinekopf lag, mit einem kleinen Loch eines Schlachtschussapparats in der Stirn. Er schaute Turel recht mild an.
Turel warf einen Blick über die Schulter, wo Mingzi nun breitbeinig und mit vor dem Schritt verschränkten Armen stand. Das Lammellentor blockierend, den Kopf in den Nacken gelegt, grinste ihn der blonde Chinese breit an. Turel, beide Hände in den Taschen, die Rechte bereits wieder mit dem zugeklappten Messer spielend, trat einen Schritt vor.
„Also, du bist hergekommen, ich nehme an, du weißt, was ich von dir erwarte, Turel?“, fragte Herr Flitzwitz nun ernst.
„Ich habe nicht den blassesten Schimmer“, meinte Turel provokativ ernst.
„Du hast nicht den blassesten Schimmer?“, fragte Herr Flitzwitz, die Stirn gerunzelt. „Meinst du das jetzt wirklich ernst?“
„Ganz recht“, bestätigte Turel.
Herr Flitzwitz lachte, ging rasch zu Dennis hinüber: „Hast du das gehört? Herr Nazaret hat nicht den blassesten Schimmer, was ich hier von ihm will. Ist das zu fassen?“ Dennis bedachte dies nun mit einem traurigen Blick. Herr Flitzwitz kehrte zu Turel zurück: „Ich wollte dich schon immer mal was fragen.“
„Schieß los“, meinte Turel.
„Was zur Hölle glaubst du eigentlich, wer du bist, hm?!“, rief Herr Flitzwitz wütend. „Was soll das? Was geht da in deinem verdammten, vernarbten Kopf vor?! Du hast riesige Schulden, Turel, weißt du das überhaupt?“, sein Atem stieß in kleinen Wolken hervor, während er drohend auf Turel deutete. „Du musst es einfach wissen, so dämlich kannst du nicht sein. Ganz gleich, wie dreist du dämlicher Penner bist“, er lief noch einmal im Kreis unter den kalt glühenden, ab und an knackenden Neonröhren.
„Du hast bei meinem Vater Schulden und zahlst sie einfach nicht zurück. Du hast bei anderen Kerlen Schulden und zahlst sie ebenso wenig. Mein Vater wurde krank und starb, das heißt, die Schulden, die du bei ihm hattest, sind keinesfalls mit ihm gestorben.“
„Bist du sicher, dass wir sie nicht wie deinen Vater ruhen lassen sollten?“, fragte Turel.
„Halt’s Maul!“, schrie Herr Flitzwitz, wohl das erste Mal in seinem gesamten Leben. „Nett wie ich bin, lasse ich dich sogar schützen, aber du zahlst immer noch nicht. Ich schicke Mingzi los, und ja, es war ein ganz, ganz bedauerliches Missverständnis, aber deine Schulden sind immer noch da, verdammt! Ich besorge dir sogar einen Job, gebe dir Geld im Voraus und was muss ich erfahren? Du gehst zwar hin, aber nur, um dich abzumelden? Du behältst meinen Vorschuss einfach. Mingzi bietet dir Wiedergutmachung an. Du hättest ihm bloß bei einem todsicheren Job zu helfen brauchen, und nein, der scheiß Job war keine Falle!!“, brüllte er. „Mingzi gibt dir sogar eine ganze Menge Geld im Voraus und was machst du? Du kommt nicht aus deinem scheiß Haus raus!“
„Er war im Puff, hat er mir erzählt“, meinte Mingzi hinter Turels Rücken, der ihm nun einen misstrauischen Blick zuwarf. Mingzi lächelte weiter breit.
„Du warst im Puff? Was denkst du dir eigentlich dabei?!“, rief Herr Flitzwitz. „Und jetzt kommt ja noch das Größte. Jeder, egal wer, hätte dich längst umbringen lassen, aber nicht ich, nicht ich. Ich gebe dir immer und immer wieder eine weitere Chance. Ich entschuldige mich sogar für Missverständnisse, an denen ich höchstens eine Teilschuld habe. Weißt du, was mein Vater von mir halten würde, wenn er das alles wüsste? Und nun verklagst du mich auch noch. Und du hältst es nicht mal für notwendig, vor Gericht zu erscheinen!“, er drohte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger. „Ich wurde einfach verhaftet und finde erst im Gericht heraus, was eigentlich los ist. Weißt du, was das mit meiner gesellschaftlichen Stellung macht? Ich habe es selbst vor Gericht angesprochen: ‚Warum ist Herr Nazaret nicht hier? Warum kann er mich nicht selbst anklagen, sondern nur sein Anwalt?‘ Was denkst du, wer du bist, Turel Nazaret? Ich ärgere mich nur noch mit dem verdammten Gericht herum, mein Geld wird knapp, weil du deine scheiß Schulden nicht bezahlst. Der Rest geht in den Prozess, den ich auch noch langsam, aber sicher verliere. Ich meine, ich habe damit gerechnet, dass du auch jetzt wegbleibst. Dass du gar nicht erst erscheinst und Mingzi dich aus irgendeinem Loch ziehen muss, aber du kommst. Nicht betrübt und auf Knien um Gnade flehend wie jeder anständige Mensch. Oder auch nur mit einem winzigen Anteil deiner Schulden. Du stehst einfach hier, vor mir, in deiner scheiß roten Lederjacke und behauptest, du hättest keinen ‚blassen Schimmer‘, was ich von dir will?!“
„Ich wusste bis eben nicht mal, dass schon ein Prozess läuft“, meinte Turel neutral.
Herr Flitzwitz starrte ihn entsetzt an. „Du wusstest es nicht mal?!“, Herr Flitzwitz lief ein Stück mit gesenktem Kopf. Überlegte. Dann kam er zurück. „Hör zu, Turel, du weißt ganz sicher, was hier los ist. Und trotzdem besitzt du die Frechheit, hier zu erscheinen. Hältst du mich eigentlich für einen schnellen Witz, oder was? Für jemanden, den man einfach so konsequent verarschen kann? Wir alle müssen zahlen. Und du weißt, dass du nirgendwohin gehen wirst. Du wirst heute hier und jetzt, so oder so, bezahlen, das weißt du doch hoffentlich?“
Turel ließ den Blick durch die Umgebung schweifen. Die rot glänzenden Schweinehälften. Die matte, tote Haut, die an ihren Rückseiten hing. Das weiße Schimmern der Rippen. Die Fleischerhaken, von denen sie baumelten. Dennis mit der Schürze und der Gerber-Machete. Der Schweinekopf mit dem kleinen, runden, blutlosen Loch im Stirnchakra. Das runde Abflussloch im Boden. Es erinnerte Turel ebenfalls an ein Chakra.
„Bist du fertig? Ich habe nicht ewig Zeit“, meinte Turel.
„Begreifst du Idiot denn nicht, dass du sterben wirst? Diesen Raum wirst du nie mehr verlassen. Ich habe die Nase voll. Du hattest mehr als genug Chancen. Das jetzt ist deine letzte Chance. Wenn du jetzt das Geld zahlst, dann …“, sagte Herr Flitzwitz eindringlich.
„Wie denn, ich habe mein Portemonnaie nicht mit“, meinte Turel. „Außerdem, um Schulden bei dir zu haben, müsste ich diese Schulden erst mal anerkennen.“
„Was?“, fragte Herr Flitzwitz und wusste nicht, ob er das glauben sollte. „Turel“, meinte er wieder eindringlich und sein Gesicht, schräg gelegt, kam Turels sehr, sehr nahe: „Du hast Schulden. Nur weil du sie nicht anerkennst, verschwinden sie nicht. Schulden sind etwas Reelles. Du kannst nicht einfach sagen, du hast keine und weg sind sie. Du hast Schulden, ob du sie anerkennst oder nicht.“
„Fick dich. Ich habe keine. Nicht mehr. Ich habe bereits bezahlt. Du hast mich foltern lassen. Das war’s. Ich habe keinerlei Schulden mehr“, meinte Turel stürmisch. „Ich kann es dir zeigen, dafür brauche ich bloß einen Geldschein“, lächelte Turel und seine Goldzähne glänzten.
Und tatsächlich zog Herr Flitzwitz einen alten Zehn-Euro-Schein aus seiner Brieftasche und reichte ihn Turel. Turel nahm den Schein, hielt ihn mit zwei spitzen Fingern wie eine Gebetsfahne zwischen zwei Gipfeln: „Zehn Euro“, dann stopfte er sich vor den ungläubigen Augen von Flitzwitz den Schein ins Maul, kaute das trockene Papier durch. Sein Speichel durchweichte die Künstlichkeit und Turel kaute ihn schleunigst zu einem matschigen Klumpen und schluckte ihn hinter: „Das ist einfach nur Papier. Mehr nicht. Wenn ich es nicht als Geld anerkenne, kannst du bei mir nichts kaufen. Ich muss das Geld als solches anerkennen, sonst ist es wertlos. Es ist eine abstrakte Größe. Zehn Euro oder einfach nur ein Streifen Papier.“
Herr Flitzwitz starrte Turel ungläubig an. Massierte schließlich seine Nasenwurzel unter der Brille und sah zu Dennis hinüber: „Herr Dorl, würden Sie so freundlich sein und mir meine zehn Euro wiederholen?“
Dennis trat vor und Herr Flitzwitz zurück. Stand nun in seiner Fleischerschürze vor Turel: „Warum zahlst du einfach nicht?“, fragte er traurig und leise. „Es ist wirklich nichts Persönliches, aber ich muss das tun“, sagte er und hob die Gerber-Machete mit dem brutalen, schnabelförmigen Haken.
Turel sah hinauf zu Dennis traurige, in dunklen Falten liegende Augen. Die schweren Tränensäcke, die an den faltigen Augenlidern zogen. Er hatte eindeutig genug gesehen. Turel erkannte sofort, dass es nicht der Dennis war, der ihn ans Kreuz geschlagen hatte. Es war der Dennis aus der Dönerbude.
„Na los“, meinte Turel, „mach schon“, er packte die Lederkragen mit den durchlochten Fäusten und zog sie beiseite. Bot Dennis seine stolzgeschwellte Brust unter dem geriffelten, dunkelgrauen Hemd dar. „Wenn es einen Gott gibt, wird der deiner Seele das schon verzeihen. Ich meine, egal wie viel Dreck du am Stecken hast und was du für Dinge getan hat, er hat schlimmere getan.“
Ein Bild glitt hinter Dennis Augen, wie er einen herausgeschnittenen Säugling vor die Augen eines zerstörten Mannes hielt.
„Aber um Gott geht es hier nicht, oder?“, meinte Turel und ließ seine Jacke wieder zurückrutschen. „Ob Gott dir verzeiht, ist dir gleich. Weil du deiner Seele nicht mehr verzeihen kannst, oder?“
Dennis ließ den schweren, bleiernen Arm mit der Machete sinken. Legte sie zu dem Schweinekopf. Schloss die schweren Augen mit den bleischweren Lidern und versuchte, die Tränen zu unterdrücken.
„Was soll das? Herr Dorl!“, rief Flitzwitz wütend.
Dorl sah Flitzwitz nicht mal an. Er zog einfach die alte Lederschürze aus und ließ sie zu Boden fallen. Er streifte sich die Handschuhe ab und dann ging er einfach durch die hintere Notfalltür hinaus. Vorbei an den Schweinehälften.
„Was … was … was … bedeutet das?!“, fragte Herr Flitzwitz plötzlich desorientiert.
„Du bist eine Flasche, Flitzwitz“, meinte Turel. „Dein Vater hätte es selber gemacht, aber dafür braucht man halt Eier. Ich habe mehr Eier als du“, sagte er und ging auf den ebenfalls verunsicherten Mingzi zu. Rempelte ihn mit der Schulter einfach zur Seite: „Verpiss dich“, meinte er, strich die Gummilamellen zur Seite und ging durch die Dunkelheit in das helle Sonnenlicht zurück.
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