Kitabı oku: «Alle hören auf »Daffy«, nur Daffy nicht»

Yazı tipi:

Jennifer Mai

ALLE HÖREN AUF „DAFFY“,

NUR DAFFY NICHT

Abenteuer Blindenführhündin

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Versuch macht klug

Das Kennenlernen

Beginn der Einarbeitung

Die kleinen und großen Veränderungen

Der Wall

Wenigstens sie liebt mich

Unverhofft kommt oft

Für immer

Ein Ende mit Schrecken

On tour

An die Klugscheißer dieser Welt

Erste Gehversuche

Beleidigt

Mein Kind

Wenn ich das Sagen hätte

Der Fresserei ein Ende sei

Willkommen zu Hause

Neues Jahr, und dann?

Schnee

Produktgruppe 99

Meine Männer

Ausgeklinkt

Meine Sichtweise

Der natürliche Typ

Meine Chefsekretärin

Was ich dir schon immer mal sagen wollte

Vorwort

Ich stehe am Rand eines Feldes und rufe Daffy. Neo, Hanker und Gomez kommen folgsam angerannt und stehen erwartungsvoll um mich herum. Nur die eigentlich Gerufene kümmert es nicht die Bohne.

„Alle hören auf ‚Daffy‘, nur Daffy nicht!“ Verzweifelt stampfe ich mit dem Fuß auf. Im selben Moment halte ich inne.

„Das ist ein geiler Buchtitel, oder?“

Antoine ist verwirrt. „Was denn für ein Buch?“ Ich erkläre es ihm. Ich will darüber schreiben, wie das Leben mit einem Blindenführhund ist. Was er so macht und kann, und vor allem, dass er letztlich auch nur ein ganz normaler Hund ist – ein Hund mit einem Job.

Daffy ist meine lackschwarze, neugierige, verfressene, verspielte, kinderliebe, gut genährte, faule, plüschig weiche, nicht stinkende Blindenführhündin. Sie verabscheut es, offensichtliche Kommandos zu befolgen, und erinnert mich durch konsequentes Verweigern von Treppen oder Ampeln gerne daran, ihr doch bitte etwas mehr zuzutrauen.

Darf ein Blindenführhund so etwas? Ist er etwa schlecht ausgebildet?

Nein, ist er nicht. Daffy hatte meinem Empfinden nach den besten Trainer, den sie hätte haben können, aber der ist nicht dafür da, den Charakter meiner dickköpfigen Hundedame zu brechen. Auch wenn sie mich an der Rollleine über Stock und Stein schleift, schnuppert, andere Hunde anwedelt oder sich lustlos hinterherziehen lässt, ist sie nicht schlecht ausgebildet. Sie trägt dann nur die Kenndecke oder das Halstuch, auf dem zu lesen ist, dass ihr Job der einer Blindenführhündin ist. Und die hat gerade frei. Ich empfehle jedem Führhundhalter, sich die Kenndecke mit der Aufschrift „Blindenführhund in Freizeit“ zuzulegen. Dann hat man zwar wahrscheinlich immer noch keine Ruhe vor Menschen, die einem erklären wollen, wie der Hund zu sein hat, aber es hilft ein wenig. Theoretisch wird ein solcher Hund nämlich auch dann als wohlerzogen und gesellschaftstauglich angesehen und sollte deshalb in Supermärkten, Lokalen, einfach überall mit offenen Armen begrüßt werden.

Wenn Daffy im Dienst ist, trägt sie das weiße Führgeschirr mit Bügel und mir als Besitzerin daran. In diesem Fall ist es mit den Zutrittsrechten zu Restaurants, Museen, Geschäften im Grunde keine Frage, denn dann wird der Hund, zumindest laut Gesetz, zum Hilfsmittel, und das darf überall mit hin.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. In manchen Supermarktfilialen oder Arztpraxen hat man das mit den Führhunden zum Beispiel immer noch nicht verstanden. Des Öfteren ist zu hören, dass ein Führhundhalter mit seinem Hund vor der Tür stehen gelassen wird, weil dieser angeblich gegen die Hygienevorschriften verstößt. Es folgen Anrufe bei der Zentrale, die Verantwortlichen haben sich zu entschuldigen, und am Ende gibt es keine Diskussion: Der Hund darf mit.

Sobald ein Blindenführhund das weiße Führgeschirr trägt, ist es für Außenstehende verboten, den Hund zu streicheln, ihn anzuflirten oder durch sonstige Bemerkungen und Bemühungen abzulenken, denn das könnte unter Umständen lebensgefährlich für den Führhundhalter sein. Der Hund ist im Dienst und muss den Job, seinen Halter möglichst sicher überall hinzuführen, ausüben. Doch er ist eben auch nur ein Tier, das sich gern mal ablenken lässt – zum Beispiel durch andere Hunde. Für Daffy gilt das ebenso. Bitte ich in einem solchen Fall andere Hundehalter, ihren Hund zurückzuhalten oder Daffy bitte nicht zu streicheln, da sie im Dienst ist, reagieren die meisten unfreundlich, aggressiv oder tun es erst recht. Ich muss mich dann sehr zusammenreißen, um freundlich zu bleiben. Am liebsten würde ich nämlich platzen.

Zwei Jahre ist es nun her, dass Daffy in mein Leben getreten ist. Seitdem hat sich für mich einiges geändert. Mein Denken, mein Handeln, einfach mein ganzes Leben wurde durch meine Bindung zu Daffy auf den Kopf gestellt, und auch davon möchte ich erzählen. Ich musste zum Beispiel nicht nur lernen, wie Außenstehende auf Daffy reagieren, sondern auch, wie es speziell in der Szene der Führhundschulen und Führhundhalter zugeht. Wie weit beispielsweise die Meinungen innerhalb der Szene auseinandergehen, sobald es um die Erziehung eines Führhundes geht.

Ich habe die Namen der Menschen geändert, von denen ich erzähle, nur die der Hunde sind geblieben.

Versuch macht klug

Daffy war nicht mein erster Versuch mit einem Führhund. Während meines ersten Studiums der Kindheitspädagogik in Hamburg wollte ich schon einmal einem Vierbeiner mein Leben anvertrauen. Zu der Zeit regte es mich fürchterlich auf, dass mir unachtsame Leute auf dem Hamburger Hauptbahnhof innerhalb eines halben Jahres drei Blindenstöcke verbogen hatten. Einfach weil sie nicht aufmerksam ihrer Umwelt gegenüber waren, sondern ihnen das Smartphone oder der Hintern einer vorbeigehenden Dame viel interessanter erschien. Dieser erste Versuch scheiterte grandios – nach gerade mal vier Tagen.

Es war Anfang 2011. Ich machte mir zum ersten Mal Gedanken über einen Führhund. Warum gerade ein Hund? Eigentlich mag ich Katzen viel lieber … Wieso können Katzen nicht führen? Würde ich unseren Herrn Kater bitten, sich doch in Zukunft als mein Führkater bereitzuhalten, würde dieser mich voller Verachtung anfauchen, mir seine Krallen präsentieren und mich gnadenlos im Stich lassen. Niemals würde er seine Bedürfnisse den meinen unterordnen und sich an irgendwelche Regeln halten. Wir würden Mäuse und Vögel im Geschirr jagen und ich bekäme nichts davon ab. Außerdem würde er sich nach jeder Pfütze, durch die er mich führt, erst einmal ausgiebig putzen und ich würde jeden Termin, jede Bahn und jeden Bus verpassen.

Nun ja, was nicht ist, ist einfach nicht. Ich hörte mich um und stellte mich bei drei Schulen vor. Die erste war in Hamburg. Super, das passte! Einen Ansprechpartner in der Stadt zu haben, in der ich wohnte, das gefiel mir.

Eines Nachmittags trudelte die Trainerin mit zwei Labradoren und einem Pudel bei mir in Bergedorf ein. Nachdem sie die Hunde von der Leine gelassen hatte, begannen diese, wie wild in meinem Zimmer herumzutoben. Sie hüpften über mein Sofa und hatten einen Höllenspaß.

„Oh, das ist mir aber unangenehm“, sagte die Trainerin und schubste das Pudelmädchen von meiner Couch. „Eigentlich war ich extra mit denen auf dem Feld, damit die etwas ausgepowert sind.“

„Alles klar“, erwiderte ich breit grinsend.

Wir unterhielten uns eine Weile über ihre Trainingsmethoden und die einzelnen Hunde. Die Trainerin belohnte alles, was der Hund anzeigte, mit Futter. „Sie arbeiten ja auch nicht ohne Bezahlung“, erklärte sie mir.

„Ja, schon“, sagte ich und überlegte. „Aber ich möchte gern entscheiden, wann und warum ich den Hund belohne.“

„So arbeite ich eben“, entgegnete die Trainerin knapp.

Ich erfuhr, dass sie eine wahnsinnig lange Warteliste hatte. Allerdings, so versicherte sie mir, könne sie mir guten Gewissens die Deutsche Stiftung für Blindenführhunde in Berlin empfehlen. Das gefiel mir nicht, denn alle redeten von dieser Stiftung, weshalb ich schon aus Prinzip nicht dorthin wollte. Alles das, was alle anderen toll finden, mag ich erst mal nicht.

Die zweite Schule befand sich in Berlin. Eine Freundin hatte mich dorthin mitgeschleppt, um sich selbst dort umzusehen und um mir noch einen Blick auf andere Schulen zu ermöglichen. Jede von uns lief mit drei unterschiedlichen Labradoren durch eine sehr ruhige Gegend Berlins. Ob dies überhaupt noch zu Berlin zählte, war mir nicht ganz klar. Doch mich störte, dass die Hunde nicht im Haus lebten, sondern separat untergebracht waren. Mit der Trainerin verstand ich mich super, zum Chef und Trainer war mein Bauchgefühl eher verhalten. Ich weiß sehr wohl, dass Sympathie nicht ausschlaggebend sein sollte, doch ich würde mit dem Trainer ein ganzes Hundeleben lang zusammenarbeiten müssen, und manchmal muss man auch sich selbst der Nächste sein.

Im Oktober entschied ich mich für die Schule einer netten, etwas aufgedrehten Frau irgendwo im Sauerland. Als wir uns kennenlernten, erläuterte sie mir die Vor- und Nachteile der zur Ausbildung in Frage kommenden Hunderassen. Mir gefiel, wie sie mit mir sprach und dass sie sich so viel Zeit für mich nahm.

Natürlich hätte ich gerne etwas Ausgefallenes gehabt, einen Königspudel zum Beispiel oder einen plüschigen, treuen weißen Schäferhund. Auf keinen Fall wollte ich einen undankbaren, verfressenen Labrador, dem es wie einer Katze völlig egal ist, von wem er das Fressen bekommt, Hauptsache, es ist verfügbar.

Ich lernte einige Hunde kennen, die in dem Rudel lebten, und sagte der Frau, was ich über die Tiere im Einzelnen dachte.

Zwei Tage später, nachdem ich ihr meine Entscheidung mitgeteilt hatte, es mit einem Führhund zu versuchen, erklärte sie mir, dass die Hündin „Gin Tonic“ gut zu mir passen würde, allein schon der Statur wegen. „Sie sind ja auch so eine Zarte.“

Also doch ein Labrador. Hm, ich war skeptisch. Reichte die Statur wirklich als Kriterium aus? Andererseits war es nicht der erste Hund, den die Frau vermittelte. Ich beschloss daher, ihr zu vertrauen.

An diesem Abend ging ich mit meiner Mitbewohnerin Greta in unser Lieblingsrestaurant. Dort wollte ich zur Feier des Tages Gin Tonic probieren. Greta warnte mich: „Gin Tonic? Ich hasse dieses Gesöff! Pass bloß auf, am Ende ist dieser Köter noch genauso ekelhaft wie das Zeug!“

Als das Glas vor mir stand, hob ich es an meine Lippen und nahm neugierig einen ersten Schluck. Was ich dann auf meiner Zunge schmeckte, war so ziemlich das Abartigste, was ich je zu mir genommen habe. Greta erstickte fast vor Lachen.

Der restliche Abend war eine Qual, denn ich bestellte mir Muscheln in Tomatensoße, auch diese zum ersten Mal, da sie nur in den Monaten mit „r“ angeboten werden. Ich konnte es kaum abwarten, sie zu probieren, doch ich wurde bitter enttäuscht. Ich hatte angenommen, die Muscheln wären bereits geschält. Stattdessen saß ich dort mit meinem Glas, das mir Schauer des Ekels durch den Körper jagte, und meinen blöden Muscheln, die ich aus der Schale pulen musste, und das in aller Öffentlichkeit. Ob all dies, wie Greta schon angedeutet hatte, ein Omen war?

Im Januar, so hieß es, sollte Gin gedeckt werden. Im März kämen dann die Welpen, anschließend sei die Kastration geplant. Im Juli könnten wir mit der Einarbeitung beginnen. Im Juli? Klasse!

Eigentlich hätte ich damals schon stutzig werden müssen. So ein hormoneller und emotionaler Stress für das arme Tier! Wenn man in dieser Branche das Wort „normalerweise“ benutzen darf, würde ein potenzieller Blindenführhund nicht vor der Einarbeitung noch gedeckt werden. Entweder wird das Tier zur Zucht eingesetzt oder als Führhund. Das ist zumindest meine Meinung.

Meine Entscheidung wurde noch bestärkt, als ich mit Luisa zusammentraf.

Luisa – da muss ich jetzt etwas ausholen:

Ich bin mit meinem früheren Grundschullehrer gut befreundet. Oft höre ich längere Zeit nichts von ihm, doch dann taucht er zu den unmöglichsten Zeiten völlig unerwartet auf. Zum Beispiel im Krankenhaus nach meiner Augen-OP, oder einmal beim Grillen an meinem Geburtstag. So war es auch dieses Mal. Er kam unangemeldet zu mir nach Hamburg, wir quatschten über dies und das, und dann erzählte er mir von einer Integrationsschülerin namens Luisa, die, wie er sagte, einen „schrecklichen“ Pudel als Führhund hatte. „Bali heißt der.“

Als ich Näheres erfahren hatte, musste ich lachen. „Ah, krass, ich bekomme meinen Hund von der gleichen Schule und kenne Bali. Warum ist der schrecklich?“

„Sind nicht alle Pudel schrecklich?“, fragte mein Grundschullehrer. „Und eingebildet obendrein?“ Er lachte ebenfalls. „Und dann diese Frisur!“

„Ich werde es herausfinden“, sagte ich.

So kam eins zum anderen. Ich verabredete mich mit Luisa in Stade, wo sie zu der Zeit arbeitete. Bali führte uns durch die Stadt. Richtig – uns. Natürlich schützte ich mich mit dem Stock, aber dieses schöne, stolze, kluge Tier führte Luisa und mich so sicher durch die Gässchen Stades, als hätte es das schon immer getan. Wahnsinn!

„Luisa, das ist einfach unfassbar!“, schwärmte ich. „Ich bin auf unserem ganzen Weg nicht einmal irgendwo hängen geblieben.“

Als meine Mutter mich wenig später in Hamburg besuchte, bummelten wir zusammen mit Luisa durch die Innenstadt. Auch sie verliebte sich in den Pudel, obwohl sie die üblichen Vorurteile gehabt hatte.

In den nächsten Monaten besuchte ich Gin zwei Mal. Der große Tag rückte näher und ich war voller Vorfreude. Zwischenzeitlich war ich ins Studentenwohnheim gezogen, weil Greta spontan eine Hundeangst entwickelt hatte, obwohl ich ihr noch vor unserer ersten gemeinsamen Wohnungsbesichtigung gesagt hatte, dass ich in Zukunft definitiv mit einem Hund leben würde. Dies war nun schon mein dritter Umzug innerhalb Hamburgs. Aus Bergedorf war ich ausgezogen, weil ich mit zwei ehemaligen Mitschülern in einer WG wohnte, diese mich aber als unbezahlte Putzfrau betrachteten, bis morgens um fünf Uhr soffen und grölten, ohne Rücksicht auf Verluste und morgendliche Termine.

Am Montag, dem 16. Juli 2012, zog Gin Tonic zu mir. Ich war schrecklich aufgeregt und konnte es kaum erwarten, bis es richtig losging. Die Trainerin reiste am selben Abend an. Eigentlich hatten wir vereinbart, dass sie gegen Mittag kommen sollte, doch aus privaten Gründen verschob sich ihre Ankunft. Mir stiegen immer wieder die Tränen in die Augen – vor Freude. Die Trainerin lachte mich aus und wiederholte jedes Mal, dass ich verrückt sei. Aber was sollte ich tun? Ich freute mich eben so sehr auf meine neue Begleiterin.

Am Dienstag begannen wir mit dem Training. Wir übten den Freilauf und den Gehorsam, und nachmittags liefen wir schon eine kleine Runde im Geschirr über die wuselige Grindelallee. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nur gut ein halbes Jahr, nachdem ich mich bei dieser Schule vorgestellt hatte, war nun ein Hund an meiner Seite. Doch manches gefiel mir überhaupt nicht. So musste ich nach gefühlten fünfzig Metern, in denen wir im Geschirr liefen, ständig Futter verwenden, um Gin zum Weitergehen zu motivieren. Wie bei einer Dampflok, die mit Kohle befeuert wird.

Die erste Nacht schlief ich sehr unruhig. Gin schlug bei dem kleinsten Geräusch an. In einem Studentenwohnheim ist es allerdings leider selten ganz still. Kein Vergleich zu dem Dörfchen, in welchem sie ihre Ausbildung genossen hatte.

Der Mittwoch verlief wie der Dienstag. Allerdings stieß mir die Art und Weise auf, wie die Trainerin Fehlverhalten korrigierte. Kam Gin zu mir, stellte sich aber nicht korrekt an meine linke Seite, sollte ich ihr in die Flanke kneifen. Verweigerte sie einmal das Anzeigen einer Treppe, riss die Trainerin sie im Geschirr hoch und ich hörte den Hund quietschen. Ich möchte hier keine schmutzige Wäsche waschen, sondern gebe nur ungeschönte Tatsachen wieder. Nach der zweiten Nacht war ich so kaputt, dass ich das Gefühl hatte, ein Jahr lang schlafen zu müssen. Gin bellte viel und war nur dann völlig entspannt, wenn die Trainerin bei uns war.

Donnerstagmorgen eskalierte die Situation. Meine Nachbarin Olga begrüßte Gin, nahm ihren Kopf in beide Hände, kraulte ihre Schnauze, blickte ihr in die Augen und fragte, ob sie denn gut geschlafen hätte. Gin fing an zu knurren. Sie hörte gar nicht mehr auf damit. Ich war schockiert. Was zur Hölle war mit Gin los? Ich versuchte, ihr gut zuzureden, aber vergebens. Da ich das Verhalten des Hundes nicht einschätzen konnte, bat ich Olga, mein Zimmer zu verlassen, bevor noch etwas Schlimmes passierte. Sie ging, und Gin hörte mit dem Theater auf.

Vollkommen fertig berichtete ich der Trainerin von diesem Vorfall. Ihre Antwort darauf war: „Du musst ihr das Gefühl geben, dass alles in Ordnung ist und es keinen Grund zum Knurren gibt.“ Großartig! Wie sollte ich einem völlig fremden Hund, der aus heiterem Himmel Leute anknurrte, nur weil man ihn falsch angeschaut hatte, ein Gefühl von Sicherheit geben, wenn ich doch selbst total verunsichert war?

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt wenig Erfahrung mit Hunden. Eine wichtige Begegnung aber werde ich nicht vergessen: Der Hund des damaligen Freundes meiner Mutter hatte anfangs fürchterliche Angst vor mir, weil er nicht damit umgehen konnte, dass ich mich komisch bewegte oder ihn nicht direkt ansah. Bei jeder Gelegenheit bellte und knurrte er mich an. Aus Angst, ihn zu verärgern, überlegte ich mir nachts dreimal, ob die Blase wirklich doll genug drückte und ich mich aus meinem Zimmer trauen sollte. Aber nach einer Weile lagen wir beide vor dem Kamin, der Hund mit dem Kopf in meinem Schoß. Ich weiß nicht, wie es geschehen war, irgendwie hatten wir zueinandergefunden. Ich war kein Profi, was Hunde anging. Zu wenig wusste ich über den Umgang mit ihnen. Und ich hatte großen Respekt vor ihnen, vor allem vor den knurrenden. Weil die Trainerin das wusste, fühlte ich mich mit ihrem Rat ziemlich alleingelassen. Sie schien meine Bedenken, Gin nicht in den Griff zu bekommen, nicht wirklich ernst zu nehmen.

Gin, die Trainerin und ich bummelten durch meine Lieblingspassage und aßen eine Kleinigkeit. Wir saßen da, waren ganz entspannt, und ich dachte schon: „Na also, es klappt ja doch!“ Aber dann kam ein Kind, das Gin zu lange in die Augen schaute, und schon fing sie an zu knurren und zu bellen. Ich hätte auf der Stelle heulen können.

Am Nachmittag rief mich meine Mutter an und fragte begeistert nach den Fortschritten. Jetzt heulte ich wirklich.

„Ich schaff das nicht. Gin bellt ständig, wenn andere Leute etwas tun, was ihr nicht passt, und ich weiß einfach nicht wieso. Ich glaube, wir passen nicht zueinander!“

Meine Mutter versuchte erst, mich zu trösten, und redete mir gut zu, aber je mehr ich ihr mein Leid klagte, desto besser verstand sie, was wirklich los war. „Hör auf dein Bauchgefühl“, sagte sie. „Erzwingen kannst du nichts!“ Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich mich längst entschieden. Die vielen Gassirunden im Dunkeln, in denen Gin unschuldige Passanten anknurrte, dieses ständige Gebell, sobald sich jemand erdreistete, sein Zimmer zu verlassen, die scheinbare Lustlosigkeit, mit der Gin mit mir arbeiten wollte …

Da ich die Anweisungen hatte, Gin nicht allein zu lassen, damit die Bindung sich festigte, nahm ich sie am Abend umständlich mit in den Wäschekeller. Mittlerweile hatte ich Angst vor lauten Geräuschen, denn ich wollte um jeden Preis ihr Bellen vermeiden. Bis zur Waschmaschine ging alles gut. Es lag nur noch der Rückweg vor uns. Während wir auf den Fahrstuhl warteten, kam ein Bewohner des Wohnheims über die Treppe zu uns in den Keller. Er bog um die Ecke und ich grüßte ihn. Gin auch – auf ihre Art. Sie bellte und knurrte, als wolle sie ihn zerfleischen. Zum Glück kam in dem Moment der Fahrstuhl. Ich konnte sie hineinziehen und dem armen Mann nur noch ein „Es tut mir wirklich leid!“ hinterherrufen. Vor lauter Hektik drückte ich irgendeinen der Knöpfe. Zu meinem Glück war es nicht der Alarm, doch wir stiegen im falschen Stockwerk aus. Ich erkannte es am Geruch im Flur und daran, dass ich mir fast das Genick brach, als ich über einen geparkten Rollstuhl vor einem der Zimmer stolperte. Nicht auch das noch! Nicht noch mehr potenzielle Opfer!

Irgendwie schafften wir es ohne weitere Zwischenfälle in mein Zimmer. Der Tag mit Gin war schlimm genug gewesen und ich hatte mich entschieden, mich von ihr zu trennen. Und wie es kommen musste, tat sie alles, um diesen Entschluss zu festigen. Was hatte ich nur falsch gemacht? Weinend brach ich auf meinem Bett zusammen. Was zu viel war, war zu viel!

Wenn schon niemand meine Sangeskünste entdeckte, ich nicht auf große Welttournee gehen konnte, wollte ich mit Kindern arbeiten. Wie aber sollte mein Alltag aussehen, wenn ich einen so launischen und unberechenbaren Hund an meiner Seite hatte?

Wir taten beide kein Auge zu. Gin fühlte sich offenbar genauso unwohl in meiner Gesellschaft wie ich mich in ihrer. Wir verunsicherten einander und alles würde sich nur noch weiter aufschaukeln, statt besser zu werden. Mein Entschluss, Gin zurückzugeben, war richtig, das wusste ich nun ganz sicher, auch wenn es wehtat. Die Ärmste konnte ja nicht wirklich etwas dafür.

Am Freitagmorgen teilte ich der Trainerin meine Entscheidung mit: „Wir passen wohl doch nicht zueinander. Oder ich bin noch nicht so weit. Oder es ist etwas ganz anderes, keine Ahnung. Jedenfalls kann Gin nicht hierbleiben.“

Sie nickte und meinte, ich wäre wohl zu unsicher gewesen und sie würde es gern in drei Jahren noch einmal mit mir probieren. Frustriert schleppte ich Gins Bett zum Auto. Zum Abschied bellte sie mich noch einmal aus dem Auto heraus an. Die Trainerin lachte nur und sagte: „Jetzt bellt sie ja wieder.“

Ich war am Boden zerstört. Alles hätte so schön sein können. Musste ich wirklich drei Jahre lang warten, bis ich einen erneuten Versuch starten konnte? Würde ich überhaupt jemals so weit sein und den richtigen Hund finden?

Wie sollte es nun weitergehen? Ich durchsuchte das Internet nach Führhundschulen. Davon gibt es gefühlt tausend in Deutschland. Das Problem bei dieser Art von Dienstleistung ist, dass jeder, der möchte, eine solche Schule aufmachen kann und dass es nur sehr wenig Statuten und kaum einheitliche Richtlinien gibt. Jede Schule kocht ihr eigenes Süppchen und wir Interessenten können nichts anderes tun, als die Spreu vom Weizen zu trennen. Wahrscheinlich sind von einhundert Schulen sechsundneunzig ein Griff ins Klo.

Die Suche nach der perfekten Schule stellte sich als genauso schwierig heraus wie die Suche nach dem Mann fürs Leben oder einem geeigneten Katzenstreu. Zusammen mit meiner Mutter besuchte ich im August eine weitere Schule in der Nähe unseres Wohnortes in Niedersachsen. Alles klang toll und wieder einmal sehr vielversprechend. Ich betonte, dass ich den Welpen, der für mich in Frage kam, gern schon kennenlernen würde, um später nicht einem völlig fremden Hund ausgeliefert zu sein. Die Idee fand Anklang, ebenso wie mein Wunsch nach einem weißen Königspudel. Im Nachhinein entpuppten sich meine Wünsche als äußerst dämlich. Was, wenn der heute so süße Welpe sich aus irgendeinem Grund nicht zur Ausbildung eignete?

Ich war mir nicht sicher, was ich tun sollte, klang doch alles fast schon zu perfekt. Zu Hause googelte ich den Namen des Trainers, und was ich herausfand, war ernüchternd. Er hatte in der Vergangenheit Polizeihunde ausgebildet. Ich las mehrere Erfahrungsberichte von Hundehaltern, die mit dem Trainer dieser Schule in anderen Kontexten zusammenarbeiteten, und immer wieder tauchten die Worte „Unterwerfung“, „Gewalt“ und „Angst“ auf. Von ihm ausgebildete Führhunde hatten wieder aus dem Dienst genommen werden müssen, da sie erhebliche Mängel in der Führarbeit, im Verhalten oder in anderen Eigenschaften aufwiesen.

Nun ging das Theater los! Ich wurde von der Schule des Trainers mit Anrufen bombardiert, sodass ich bei meinem Mobilfunkanbieter anrief, um mir eine neue Nummer geben zu lassen. Unerklärlicherweise erhielt ich daraufhin Mails von der Schule, obwohl diese nicht im Besitz meiner E-Mail-Adresse sein konnte. Eine entfernte Freundin, die wir von den Heimspielen des VfL Wolfsburg her kennen, rief meine Mutter an und teilte ihr aufgeregt mit, dass sich eine Blindenführhundschule bei ihr gemeldet und nach meiner Telefonnummer gefragt habe. Voll der Psychoterror!

Ich beschloss, mir noch eine einzige verdammte Schule anzusehen, und zwar – welche auch sonst? – die Stiftung aus Berlin. Nun also doch! Blöde Stiftung! Aber was soll ich sagen … Ich hatte mich auch mehrere Jahre lang gegen die Känguru-Chroniken oder gegen Game of Thrones gewehrt und war am Ende vollkommen hin und weg gewesen.

Am 2. November 2012 kam ich am Berliner Hauptbahnhof an und wurde von einer Trainerin und ihrem Auszubildenden begrüßt. „Hallo, ich bin Antoine“, sprach es aus der Nähe meines Bauchnabels zu mir. Mein Gott! Haben wir Deutschen auch so schrecklich typische Namen?

Auf dem Weg zur Schule, der sich etwas verlängerte, da das Berliner S-Bahnnetz wohl auch für Einheimische eine gewisse Herausforderung darstellte, gurkten wir, während ich mit der Trainerin über den Besuch von Martin Rütter plauderte, erst einmal eine halbe Stunde in die entgegengesetzte Richtung, bis einem meiner beiden Begleiter der Irrtum auffiel. Ich konnte mir Kommentare über die Mobilität und ihren Orientierungssinn nicht verkneifen. Als wir endlich ankamen, setzten wir uns bei Kaffee und Keksen zu sechs oder sieben Trainern an den Tisch und ich erzählte von meinen Abenteuern mit den bisher kennengelernten Schulen. Sie hörten aufmerksam zu und schienen keineswegs überrascht.

Die Schule verfügte über eine eigene Zucht, womit die Herkunft der Hunde von Anfang an klar war. Sobald der passende Hund für mich gefunden worden sei, sollte ich für drei Tage in die Schule kommen, damit wir einander kennenlernen. Der erste Teil der Einarbeitung würde in Berlin stattfinden, damit die gewohnten Wege des Hundes dazu genutzt werden konnten, dass ich mich dessen Führung anvertrauen sollte. Das klang gut. Ich erinnerte mich an die Einarbeitung mit Gin, die mich fürchterlich gestresst hatte, weil auf einmal Hund und Haushalt gleichzeitig zu führen waren. Die Warteliste, so hieß es, sei allerdings derart lang, dass es gut und gerne zwei Jahre dauern würde, bis ich einen Hund bekäme. Auch dies sprach in meinen Augen für die Qualität dieser Schule. Es folgte ein Gang durch das Haus mit seinen Gästezimmern, den drei Wurfräumen für Mutter und Welpen, dem paradiesischen Garten, in welchem es so viel Spannendes für kleine Hunde zu entdecken gab, dass ich selbst gerne mit den Welpen ins Bällebad gehüpft wäre, den wackelnden Halbkreis zur Förderung der Balance ausprobiert hätte, über Baumstämme und Sandhaufen gekugelt wäre und vieles mehr. Zu meinem Glück waren gerade Welpen da, von denen mir einer zur Begrüßung voller Inbrunst in die Nase biss. Herr Geiger, der Chef der Schule, grinste und erklärte: „Wir machen Taschenkontrolle, bevor Sie gehen.“ So ein Mist! Konnte der Kerl Gedanken lesen?

Das Kennenlernen

An einem Montagmorgen im November 2014 nimmt also das Übel seinen Lauf. Nach dem Desaster mit Gin und der anderen Schule habe ich überhaupt nicht mehr an einen Hund gedacht. Nach meinem Bachelorabschluss bin ich nach Göttingen gezogen, um dort Psychologie dranzuhängen. Ein wahrer Kulturschock – vom bezaubernden großen Hamburg ins kleine überfüllte Göttingen.

Ich müsste bereits in der Uni sein, werde aber durch einen Telefonanruf aus dem Schlaf gerissen. „Wer wagt es …“, grummele ich. Als ich dann mitkriege, wer mich da anruft, bin ich hellwach und überlege, ob ich das Gespräch annehmen soll. Es ist die Stiftung aus Berlin. Mit rasendem Herzklopfen gehe ich ran. „Hallo, Frau Mai, hier ist die Stiftung. Wir hätten einen Hund für Sie. Wann könnten Sie denn zum Kennenlernen kommen?“, sprudelt es mir entgegen. Voller Tatendrang und guter Laune, und das am frühen Morgen.

„Ach du Scheiße!“, rutscht es mir heraus, noch bevor ich es verhindern kann. Ich schiebe das Problem erst mal weg, indem ich darum bitte, in einer Stunde zurückrufen zu dürfen. Oh Gott, Ein Hund? Jetzt?

Dann gehe ich in mich. Bin ich tatsächlich bereit, das ganze Theater noch einmal mitzumachen? Ich brauche eine ganze Weile, bis ich zu einem Ergebnis komme. Und mir ist klar: Wenn ich jetzt zu Hause anrufe und die Neuigkeit verkünde, komme ich da eh nicht mehr raus.

Und so ist es auch. Meine Mutter rastet aus vor Freude. „Natürlich nimmst du den Hund, das ist doch überhaupt keine Frage!“

„Aber ich bin doch gerade erst nach Göttingen gezogen“, gebe ich zu bedenken. „Alles ist so neu für mich. Und überhaupt …“

„Stell dich nicht so an!“, kontert meine Mutter.

Nach einer Stunde rufe ich zurück. „Okay, ich komme. Wann muss ich mit der Einarbeitung rechnen?“, frage ich. Hier geht es um drei Wochen am Stück.

„Anfang Januar.“

„Nein, stopp! Das geht nicht … Ich habe gerade mit Psychologie angefangen und muss in diesem Semester sieben Klausuren schreiben. Weil die alle im Februar sind, kann ich vorher keinen Hund gebrauchen. Ab März habe ich Semesterferien, vorher geht nichts.“

Betretenes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann die Antwort: „Ich bespreche das mit dem Chef und melde mich in den nächsten Tagen bei Ihnen.“

Ich bin mir schon fast sicher, dass sich das Projekt „Hund“ noch etwas hinauszögern wird. Schließlich gibt es genügend Interessenten, wieso sollten sie denn gerade auf mich warten? Doch ein kleiner Teil von mir ist schon irgendwie traurig.

Sie warten! Sie warten! Sie warten! Ich kann mein Glück kaum fassen. Die Vorstellung beängstigt mich zwar sehr, zumal ich mein eigenes Leben gerade mal halbwegs auf die Reihe bekomme. Kann ich einem Hund gerecht werden? Wie werden meine Mitbewohner Martijn und Uwe das finden? Ich habe zwar beim Einzug angekündigt, dass eventuell irgendwann ein Hund an meiner Seite sein könnte, dass dies aber bestimmt noch ein Jahr dauern wird. Ich erzähle den beiden mit einem dumpfen Bauchgefühl, dass eventuell ab März ein vierter Mitbewohner bei uns leben wird. Beide reagieren verhalten, denn auch sie haben kaum Erfahrung mit Hunden. Also beschließe ich: Erst mal hinfahren und gucken.

Gesagt, getan.

Am 4. Dezember 2014 komme ich in Berlin an. Ich stehe am Busbahnhof und nichts passiert. Es ist schweinekalt und ich habe keine Telefonnummer von wem auch immer. Nach zehn Minuten rufe ich in der Schule direkt an, doch niemand nimmt ab. Nach zwanzig Minuten bin ich so wütend, dass ich am liebsten in den nächsten Bus zurück nach Göttingen steigen möchte. Ganz tolle hochgelobte Stiftung! Was soll das eigentlich? Nach einer halben Stunde in der Eiseskälte ist sie endlich da: Daffy! Natürlich ist sie nicht allein.

„Sie sind Frau Mai, oder?“

Das war doch die Stimme von Antoine! Nicht im Ernst … Jetzt krieg ich den Auszubildenden von damals? Diesen Anfänger? Warum denn ich? „Sieht wohl so aus, oder?“, antworte ich wütend.

„Das ist ja so unübersichtlich hier“, höre ich den jungen Mann sagen. „Ich habe schon eine andere Frau angesprochen, die etwas Langes in der Hand hatte, doch dann habe ich gesehen, dass es ein Besen war.“

Oh nein, was für ein Idiot!

Wer hätte zu dem Zeitpunkt gedacht, dass dieser inzwischen vollständig ausgebildete Trainer meine große Liebe werden und mich mehr Nerven, schlaflose Nächte und Tränen kosten würde, als Daffy es mit ihrer Dickköpfigkeit je könnte. Mein erster Gedanke, als Daffy mich an der Hand stupst: Oh, ist die flauschig! Ganz untypisch für einen Labrador. Normalerweise haben die ja dieses kurze Fell, das mich immer ein bisschen an Nadeln erinnert.

Wir fahren zum Standort der Schule, wo ich für zwei Nächte in einem Gästezimmer untergebracht werden soll. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass ich quasi die letzte Chance für Daffy bin, denn sie war ursprünglich für jemand anderen bestimmt, bei dem sie auf keinen Fall bleiben wollte. Dies verdeutlichte sie durch puren Ungehorsam, Weinen, sobald Antoine das Haus verließ, Zerfetzen von Kopfkissen und vieles mehr.

Mir ist mulmig. „Na toll! Ich krieg euren Sondermüll?“, rufe ich entsetzt aus.

Antoine fängt lauthals an zu lachen und versichert mir – ganz Geschäftsmann –, dass Daffy der tollste und schönste Hund aus der gesamten Zucht sei und wie schwer es ihm falle, sein „Baby“ wieder abzugeben.

Na klar sagt der das, der Hund muss ja vermittelt werden, überlege ich bitter.

Wir plaudern während der ganzen Fahrt, und schon bald ist mein anfänglicher Ärger wie weggeblasen. Ich beziehe mein Zimmer mit eigenem Bad und anschließend machen wir einen kleinen Spaziergang. Als wir in die Residenz der Stiftung zurückgekehrt sind, setzen wir uns zusammen. Sowohl Antoine als auch seinem Chef, Herrn Geiger, fällt auf, dass Daffy von sich aus direkt neben meinem Stuhl liegt und nicht bei einem von ihnen. Natürlich freue ich mich sehr darüber, und trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob dies nicht einfach nur schöne Worte sind, die ich gerne hören möchte.

Ich stelle alles auf den Kopf. Angefangen mit der Frage, ob ich bitte eine vernünftige Kaffeetasse kriegen könne, denn diese kleinen Dinger seien so schrecklich vornehm und nach zwei Schlucken doch schon leer. „Ich weiß, ich bin zwar nicht in der Position, aber können wir nicht einfach Du sagen?“, frage ich die Anwesenden.

Die erste Nacht ist sehr unruhig. Daffy kommt immer wieder an mein Bett und leckt mir über die Hand, als ob sie überprüfen möchte, ob ich noch da bin. Für uns beide gibt es hier viele fremde Geräusche. Ich bin sehr unsicher, habe ich doch noch die geräuschempfindliche Gin im Ohr. Doch Daffy ist einfach nur eine coole Socke. Es poltert und bellt von unten, denn es sind gerade acht Wochen alte Welpen da, doch das stört sie in keiner Weise.

Am nächsten Morgen geht es mit einer Gassirunde und der Arbeit im Geschirr los. Ich stelle fest, dass Daffy sich ungern die Kenndecke für den Freilauf oder das Geschirr anziehen lässt. „Was ist denn nur los? Hat sie Angst vorm Arbeiten?“, frage ich alarmiert.

„Nein!“, bekomme ich zur Antwort. „Wir können nur mutmaßen. Wahrscheinlich hat sie irgendwann einmal die Kenndecke ins Auge oder das Geschirr ins Gesicht bekommen. Natürlich unbeabsichtigt, aber Madame muss es sich gemerkt haben.“

Wir fahren nach Friedrichshagen und laufen ein paar Sträßchen entlang. Es ist ein tolles Gefühl, wieder mit einem Hund zu gehen. Man bleibt nirgends mit dem Stock hängen, alles fliegt an einem vorbei. Daffy läuft ziemlich schnell und ich kriege Wadenkrämpfe.

Antoine freut sich. „Ich hab sie extra wieder schneller trainiert, damit du immer rechtzeitig zur Uni kommst.“

„Schönen Dank auch“, erwidere ich grimmig und massiere mir die brennende rechte Wade. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich überhaupt in der Lage bin, mich artgerecht um Daffy kümmern zu können. Antoine spricht immer von „Das kannst du dann später so handhaben, wie du willst, welche Bordsteinkanten sie dir anzeigen soll und welche nicht.“

In meinem Bauch zieht es sich mehr und mehr zusammen. Gibt es ein Später? Will ich das nach Gin wirklich noch einmal riskieren? Daffy macht ihre Sache super. Ampeln und überhaupt fast alles belohne ich mit Leckerlis, aber nicht, weil Antoine das von mir erwartet, sondern weil ich es möchte.

Nach getaner Arbeit gehen wir in den Park und lassen Daffy laufen. Es ist eine wahre Freude, ihr beim Rennen und Toben zuzusehen! Sie schlägt Purzelbäume und angelt sich die dicksten Stöcke. Antoine merkt allerdings, dass mich etwas bedrückt. „Was ist los?“, fragt er.

„Also … ich weiß auch nicht … Daffy ist zuckersüß und toll … Aber ich habe das Gefühl – oder ist es eher Angst? –, dass ich ihr nicht gerecht werden kann.“

„Mach dir keine Sorgen. Mit der Zeit werdet ihr euch aufeinander einstellen. Jeder wird merken, wie der andere tickt. Und du wirst spüren, wenn es ihr nicht gut geht.“

Nachmittags allerdings werden die Zweifel stärker. Ob ich diesem lieben Hund während meines Uni-Alltags überhaupt gerecht werden kann. Vergangenes Semester ging mein Montag von zehn bis neunzehn Uhr dreißig, mit zwei Stunden Pause dazwischen, von denen ich schon zwanzig Minuten je Strecke nach Hause brauchte. Zudem bin ich megafaul und gammele bis zum Mittag im Bett rum, wenn nichts anderes anliegt. Wie passt da ein Hund in mein Leben? Ich heule und heule und heule, während Daffy neben meinem Bett schläft. Dann wird mir klar: Der Rat meiner Mama muss her!

Eine halbe Stunde lang redet sie mir am Telefon gut zu. Sie sagt, dass es Daffy letztendlich egal ist, was gemacht wird, die Hauptsache ist, dass sie es mit mir zusammen machen kann. „Du wirst schon im Gefühl haben, was sie braucht und was nicht. Alles wird gut.“ Als ich ihr erzähle, dass Madame es sich heute Morgen in meinem Bett gemütlich gemacht hat, während ich kurz zur Toilette war, ist die Sache für sie sowieso klar. „Siehst du, die mag dich und wollte bei dir sein.“ Das bezweifle ich zwar, doch wahrscheinlich hat sie recht. Langsam beruhige ich mich.

Nach dem Telefonat wecke ich Daffy, kraule ihre Ohren und rede leise mit ihr. Ich frage sie, ob sie Lust hat, ihr ganzes Leben mit mir zu verbringen. Und was tut sie? Sie setzt sich auf und schleckt mir einmal quer durchs Gesicht. Ich lache und weine gleichzeitig und stelle fest, dass nun auch mein Bauch eine Entscheidung getroffen hat.

Antoine bemerkt sofort, dass sich etwas gravierend verändert hat. „Alles klar bei euch?“, fragt er vorsichtig.

„Ja, super klar!“, sage ich und strahle ihn an. Für einen kurzen Moment ist die Professionalität vergessen und er erdrückt mich fast. „Was geht denn bei dir ab?“, frage ich und ringe nach Luft.

„Ich war mir nicht sicher, wie du dich entscheiden würdest. Du warst so unsicher heute Morgen und ich möchte Daffy nur an jemanden geben, der ihr erstens gewachsen ist, denn vergiss nicht, sie ist nicht immer so kuschelig wie jetzt, und zweitens … Sie ist doch mein Baby – das erste Mädchen, das ich trainiert habe!“

Weichei, denke ich, schmelze jedoch innerlich immer mehr dahin … Kaum kommen wir in der Stiftung an, trompetet Antoine gleich los: „Sie will sie! Sie will sie!“

Ich muss lachen.

„Darüber sprechen wir morgen! Am Ende kriegt Daffy diese Nacht noch Durchfall und du bist total entnervt.“ Herr Geiger grinst mich an.

Und schon ist der Samstag da. Wir sitzen alle zusammen und ich bekomme die Frage der Fragen gestellt: „Wie sieht’s aus, Jenny, was meinst du?“

Aus voller Überzeugung antworte ich: „Ja! Ich will diesen Hund oder keinen!“

Alle strahlen. Nur die Frage nach meinen Wohnverhältnissen trübt die Stimmung. Eigentlich bevorzugt es die Schule, wenn die Führhundhalter im Erdgeschoss, maximal im ersten Stock oder in einer Wohnung mit Fahrstuhl wohnen. Tja, ich wohne im dritten Stock ohne Fahrstuhl.

Ich bin genervt. „Leute, ich bin im Oktober da eingezogen, zwei Monate später kommt ihr mit dem Hund, und jetzt soll ich auf einmal alles umkrempeln?“

Schnell werde ich beruhigt und sie versichern mir, dass ich zunächst dort wohnen bleiben könne, allerdings nicht länger als drei Jahre, da das tägliche Trepperunterlaufen die Gelenke des Hundes zu stark belastet. Mit dieser Aussage kann ich erst mal leben.

Zum Schluss gehen wir noch in ein Kaufhaus, in dem sich Daffy fünf Minuten lang weigert, eine Treppe aus Glas hinabzusteigen. Die erste Geduldsprobe. Mir wird immer heißer und heißer in diesem überhitzten Kaufhaus mit meiner dicken Jacke und diesem Hund, der nicht möchte. Als wir endlich unten angekommen sind, geht die Party richtig los und ich drücke Daffy und knutsche sie ab. Wir kommen am Busbahnhof an und ich möchte gar nicht gehen. Ganz tief in mir drin weiß ich, dass dies nicht nur an Daffy liegt.

Vollkommen verwirrt komme ich wieder nach Hause. Alle fragen mich, wie Daffy denn so ist? Ob sie Ähnlichkeiten mit Gin hat und so weiter.

Abends sitze ich in meinem Zimmer und muss feststellen, dass ich sie jetzt schon vermisse. Das ist bescheuert, habe ich sie doch nur zwei Tage bei mir gehabt, aber ich kann nichts dagegen tun. Gerne möchte ich ihr ein Weihnachtspäckchen schicken. Ich kaufe ein Quietschesteak, Leckerli und brenne eine CD für Antoine. Wieso tue ich das? Er hat eine Freundin. Ich will keinen Stress machen, denke nur, dass er sich über die Weihnachts-CD von „Sing meinen Song“ freut, denn wir beide haben festgestellt, dass wir die Serie extrem toll finden. Doch insgeheim möchte ich, dass er mich nicht vergisst. Warum nur?

Ich erzähle meiner langjährigen Schulfreundin Tina von Antoine. Dass ich weiß, wie sinnlos das ist, was ich fühle, aber er hat mich einfach eiskalt erwischt. Sie sagt, dass niemand etwas für seine Gefühle kann und dass mir wohl nichts anderes übrig bleibt, als die Zeit, die ich mit ihm habe, zu genießen.

Doch eine Hürde steht mir noch bevor. Nachdem ich Martijn und Uwe schonend beigebracht habe, dass Daffy der tollste Hund der Welt ist und sie gar nicht anders können, als sich auf sie zu freuen, muss ich meinem Vermieter Bescheid geben. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben getroffen. Beim Einzug lief alles über Martijn. Zwei Wochen lang versuche ich ihn mit heftigen Bauchschmerzen anzurufen, doch es meldet sich immer nur der Anrufbeantworter. Ich weiß ja, dass mein Vermieter mir den Hund nicht verbieten darf, doch ich möchte ihn trotzdem gefragt haben, bevor Daffy zu mir kommt. Drei Tage vor Weihnachten erreiche ich ihn endlich. „Guten Tag Herr Drosselbarth, hier ist Jennifer Mai. Also … Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, dass ich blind bin. Aber ich bekomme im März einen Blindenführhund und wollte fragen, ob das okay ist.“

„Nein, das wusste ich nicht!“, erklärt mir Herr Drosselbarth. „Aber ganz ehrlich: Der Hund ist überlebenswichtig für Sie, wie könnte ich da Nein sagen?“

Ich muss lachen. „Nun ja, atmen kann ich auch ohne Daffy, aber es ist unwahrscheinlich nett, dass Sie das so locker sehen! Vielen Dank! Ich hatte schon richtige Bauchschmerzen vor lauter Angst, dass Sie mich auf die Straße setzen.“

Im Januar sagt Tina, dass sie Daffy unbedingt sehen will, bevor sie bei mir einzieht. Das ist verdammt nochmal ihr Recht, haben wir doch damals im selben Studentenwohnheim gelebt, und selbst nach mehreren Treffen wurde sie von Gin zur Begrüßung unbegründet angeknurrt.

Ich schreibe Antoine und frage ihn, ob wir uns treffen können.

Kurz darauf kommen wir zusammen und Tina ist einverstanden mit meiner neuen Begleiterin. „Weißt du, Gin hat erst mal in allem das Schlechte gesehen und war vorsichtig. Daffy sieht in allem das Positive und ist so sonnig von innen.“ Ich freue mich sehr darüber.

In den nächsten Monaten dreht sich alles nur noch um Daffy. Daffy hier, Daffy da. Ich könnte das kaufen und jenes … Ich wette, alle meine Freunde sind fürchterlich genervt und verfluchen sie schon jetzt. Den Klausurenmarathon stehe ich nur durch, weil ich immer daran denke, dass ich das jetzt alles schaffen muss, damit ich im März ganz viel Zeit für die Kleine habe.

Beginn der Einarbeitung

Es ist so weit. Es ist der 2. März und die Einarbeitung geht los. Ich überlege, wie ich dem Projekt noch entkommen könnte. Diese Verantwortung, die Einschränkungen … Ich habe das Gefühl, mein Leben ist vorbei. Doch mir fällt nichts ein, womit sich das Kommende aufhalten lässt.

Antoine holt mich bei Tina ab, die in Berlin wohnt. Wir haben unseren letzten Abend in Freiheit gefeiert, denn Tinas Mann wird in vier Tagen aus Palästina zu ihr ziehen. Mit zitternden Knien trete ich vor die Tür, doch als Antoine mit Daffy neben mir steht, mich umarmt und begrüßt, ist der Knoten in Brust und Bauch, der mir bis vor zwei Sekunden das Atmen fast unmöglich gemacht hat, völlig weg. Ich bin einfach glücklich.

Vollkommen entspannt fahren wir ins Hotel Müggelsee. Ich beziehe mein Zimmer und werde mit einer Flut an Hundekram bombardiert. Da ist ein Rucksack zum Umhängen, in dem man wunderbar alles verstauen kann, was man so auf die Schnelle braucht, wie beispielsweise eine Pfeife, den Dummy, die Glocke für den Freilauf. Ich finde sogar einen Würfel darin. Verwirrt ziehe ich ihn heraus. „Den haben wohl deine Kinder hier drin gelassen“, sage ich zu Antoine.

„Nein, nein!“ Er lacht. „Das ist dein Glückswürfel.“

Ich bin gerührt. Ein riesiger Sack Futter, diverse Leinen und Bürsten, die Näpfe, ein Handtuch und das Geschirr werden irgendwie verstaut. Anschließend gehen wir spazieren. Ich freue mich so über alles und bin kein bisschen mehr aufgeregt.

Viel zu schnell geht der Tag vorbei und Daffy und ich gehen allein zum Abendessen. Dort fühle ich mich fehl am Platz mit dem Hund und meinen dreckigen Schuhen. Alles wirkt sehr vornehm – klassische Musik und dann noch diese Speisekarte … Ich entscheide mich für Lachs auf Kartoffelplätzchen an Apfelsauce. Das ist natürlich viel, viel toller und edler beschrieben, aber letztendlich finde ich genau das wenig später auf meinem Teller. Es ist fürchterlich lecker!

Nach dem abendlichen Gassigang fallen Daffy und ich todmüde ins Bett.

Ein neuer Morgen bricht an. Ich fühle mich wie gerädert, denn ich habe schlecht geschlafen, bin klitschnass geschwitzt und mein Bauchgrummeln ist auch wieder da. Die morgendliche Gassirunde um Punkt sieben Uhr dreißig macht Herr Geiger höchstpersönlich. Er begleitet mich zum Frühstück und wir plaudern gemütlich.

Frühstücken ist sonst nicht meine Sache, aber ich kann Rührei einfach nicht widerstehen. Natürlich ist mir fürchterlich schlecht vor Aufregung, was das Magengrummeln nicht gerade verringert.

Um zehn Uhr kommt Antoine und wider Erwarten ist der Tumult in meinem Bauch wie weggeblasen. Habe ich vorher oben in meinem Zimmer noch das dringende Gefühl verspürt, mich nach Rührei, Brötchen, Kaffee und Orangensaft übergeben zu müssen, fühle ich mich, sobald wir aus dem Fahrstuhl treten, vollkommen leicht und unbeschwert.

Wieder wandern wir durch Friedrichshagen, dann durch Köpenick und andere Teile Ostberlins. Antoine, der Esel, schleppt alles, was ich ihm zum Tragen gebe. Schon nach fünf Minuten muss ich um jeden Preis meine dicke Jacke loswerden, weil mir ganze Schweißbäche den Körper hinunterlaufen. Es juckt mir in den Fingern, in Zukunft jedes Mal meinen Koffer und den Rucksack mitzunehmen, nur damit Antoine etwas zu tragen hat.

Daffy arbeitet toll, hat nur keine Lust, Straßen gerade zu überqueren. Sie weiß, wo es hingehen soll, und kürzt gerne beim Überqueren ab. Das ist nervig, aber auch irgendwie witzig. Herrlich faul und gleichzeitig clever. Nach mehreren Anläufen überqueren wir einigermaßen gerade eine Straße. Da ich fürchterlich ungeduldig bin, schnell alles auf mich beziehe und sehr emotional werde, muss ich erst mal etwas beruhigt werden. Mir wird klar, dass ich mit diesem Hundekind sehr viel geduldiger sein muss, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Mittags sind wir wieder im Hotel, doch ich bin so erschöpft, dass ich die Zeit, bis es nachmittags weitergeht, lieber im Bett verbringe, als zum Mittagessen zu gehen.

Zwei Tage später allerdings komme ich zur Vernunft und lasse keine einzige Mahlzeit in diesem hammergeilen Restaurant mehr aus.

Die Abende sind das Schlimmste. Es gibt kein Internet, außer man bezahlt dafür, und es ist generell etwas einsam und eintönig. Wie gerne hätte ich einfach zusammen mit Antoine gechillt, aber nun ja, mein Problem.

Die Tage vergehen wie im Fluge. Immer mehr wird mir Daffys Charakterstärke vor Augen geführt. Sie ist im Freilauf, und auf einmal ist sie verschwunden. Rufen und Pfeifen helfen nicht. Nach fünf Minuten kommt sie im Schweinsgalopp zurück und leckt sich die Schnauze. Muss wohl was Leckeres gefunden haben. Ich bin ernüchtert. Sie steht vor mir und ich soll sie Platz machen lassen. Satte zehn Minuten liegt sie vor mir und hechelt. Dann lassen wir sie bei Fuß zurücklaufen. Sie rührt sich keinen Millimeter mehr von mir weg.

Nach diesem Erlebnis ist mir etwas mulmig zumute, und wieder kommen Zweifel hoch, doch ich ignoriere sie. Was habe ich denn erwartet?

Einige Male kommt eine andere Trainerin mit, um eventuelle Angewohnheiten des Hundes im Geschirr und die Zusammenarbeit zwischen mir und Daffy objektiv zu überprüfen. Beim ersten Mal bin ich völlig genervt. Ich bin dankbar, dass ich ansonsten mit einem Mann trainieren darf. Das hat nichts mit dieser Trainerin persönlich zu tun, aber belehrende Frauen können doch sehr, sehr anstrengend sein. Liegt das vielleicht an meiner großartigen, aber doch sehr autoritären Frau Mutter?

Ich soll das Wort „Nein“ richtig betonen lernen. Nach fünf Minuten bin ich so genervt, dass ich am liebsten gehen möchte. Ständig werde ich aufgefordert, Daffy zu loben. Da wir im Affenzahn vor Antoine und der Trainerin herlaufen, hört sie nicht, dass ich sie ständig lobe.

Die nächsten Male bemühe ich mich, meine Antihaltung abzulegen, und berücksichtige die Tipps der Trainerin. Am Ende bedanke ich mich bei ihr und meine es von ganzem Herzen ehrlich.

Jeden Nachmittag freue ich mich auf die Dame vom Housekeeping. Sie hat eine waschechte Berliner Schnauze und ist einfach ein Unikat. „Wissen Sie eigentlich, wer ab Mittwoch bei Ihnen direkt nebenan einzieht?“, fragt sie mich eines Tages flüsternd.

„Nö, wer denn? Jemand Spannendes?“

„Der Patrick Lindner! Aber pst, dit is jeheim!“, sagt sie übertrieben laut.

Ich zucke zusammen und weise sie dezent darauf hin, dass die Tür noch offen ist.

Natürlich kann ich diese Neuigkeit nicht geheim halten. Herr Geiger setzt mich sofort darauf an, ihn als Sponsor zu gewinnen.

„Wie soll ich das bitte machen? Ich würde den nicht mal erkennen, wenn er singend vor mir steht“, maule ich.

„Dit machste schon“, sagt er grinsend.

Natürlich habe ich nichts gemacht.

„Wir müssen noch das Kinderzimmer einrichten, Schatz“, sage ich eines Morgens mit einem Augenzwinkern zu Antoine.

Er zögert, schluckt, und ich würde alles geben, um sein dämliches Gesicht zu sehen. Dann kapiert er und prustet los. „Klar Schatz, machen wir.“

Nun stehen wir also im Futterhaus und ich bin restlos überfordert. Eine halbe Stunde brauche ich, um das passende Bett für Püppi zu finden. Das eine ist mir zu rau, das andere zu hart, das eine zu klein, das andere zu teuer. Am Ende treffe ich eine Entscheidung und erstehe ein Bett, zwei Näpfe, einen Dummy, Spielzeug und eine Bürste. Schnell bin ich einhundertzwanzig Euro ärmer, und es gibt nicht mal ’ne Tüte für den ganzen Kram. Wenn ich eine haben will, soll ich sie auch noch bezahlen. „Nein danke, ich verzichte“, sage ich zu der Kassiererin. Mir ist bewusst, dass man Plastiktüten bezahlen muss, aber wenn ich doch schon für so viel Geld eingekauft habe und keinen Rabatt kriege, hätte ich wenigstens gedacht, dass eine bescheuerte Tüte im Preis enthalten ist.

Hätte ich übrigens damals gewusst, was für einen Schweinehund ich bekomme, hätte ich gleich ein Kunstlederbett statt eines aus Stoff gekauft, denn dieses wäre abwischbar gewesen.

Bald werden die zwei Wochen im Hotel vorbei sein. Es gefällt mir hier wirklich gut. Das Personal ist einmalig nett und das Essen der Hit, obwohl es mich mehr und mehr überfordert, mich jedes Mal neu zu entscheiden, was ich von dem vielfältigen Angebot des Hotelbuffets wähle. Zu Hause bestimmt der Inhalt meines Kühlschranks, was ich esse und was nicht.

Ich mag nicht gern zweimal am Tag warm essen, deswegen frage ich meinen Lieblingskellner, ob ich nicht einfach abends Brot essen dürfe.

Er stutzt. „Wie? Wir haben hier das leckerste Buffet von allen, und Sie wollen Brot?“

„Ja, bitte!“

Eines Tages klage ich Antoine von meinem Luxusproblem. Er packt mich in sein Auto und wir fahren los. „Wohin bringst du mich eigentlich?“

„Das wirst du gleich riechen.“

Wir steigen aus und stehen vor einer Frittenbude. Mein Herz hüpft und das Zeug schmeckt so herrlich ungesund und gut!

Aber nichts geht über den Kakao, den es im Hotel gibt. Auf unserer selbst erstellten Bewertungsskala für Kakaos, die wir während der gesamten Einarbeitung probiert haben, bekommt dieser zehn von zehn möglichen Punkten. Jeder andere kann eigentlich nur verlieren. Nur einer bekommt während der ganzen Zeit mit viel Wohlwollen und Überzeugungskraft Antoines noch eine Acht.

Dieser konstante Kontrollverlust, den man zwangsläufig hat, wenn man unbekannte Wege geht, macht mir auf die Dauer zu schaffen. Ständig auf die Anweisungen des Trainers angewiesen zu sein, nervt mich ungemein.

Am Donnerstagabend mache ich den letzten Spaziergang mit der guten Seele der Stiftung, Carolina. Anschließend muss ich einen Haufen Papiere unterschreiben. Unter anderem steht da, dass ich mein Hilfsmittel mit Seele nicht zu misshandeln habe.

„Das ist doch ein Witz! Muss das Hilfsmittel ohne Seele auch was unterschreiben, dass es seinen Besitzer ebenfalls nicht verletzt?“, rufe ich und zeige Carolina meine Unterarme. Schon seit Beginn der Einarbeitung haben Daffy und ich exzessiv getobt und gerauft. Sie knurrt dabei zwar, als würde sie mir am liebsten das Fleisch von den Knochen reißen, sie tut es aber nicht, solange sie ein Seil zum Zerren oder meinen Unterarm in der Schnauze hat. Antoine hat mir verboten, irgendjemandem meine Unterarme zu zeigen, denn sie sind grün, blau und gelb gefleckt vom Spielen.

„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“, ruft Carolina.

Am Freitag, dem 13. März 2015, schleppen wir also alles, was nach Hund aussieht, in den Bus der Stiftung. Ich muss lächeln bei dem Gedanken, dass der Hund viel mehr Krempel besitzt als ich mit meinem kleinen Köfferchen und meinem Rucksack. Drei Mal müssen wir ins Hotel zurück, um alles zu holen. Ich schleife das riesige Hundebett nach unten. Mit Sicherheit hinterlassen wir in dem feinen Hotel eine wunderbare Spur aus schwarzen Haaren.

Antoine hat Gomez mitgebracht, einen weiteren Hund, den er gerade in der Ausbildung hat und dessen Bruder mir damals in die Nase gebissen hatte. Die beiden Hunde toben und toben und toben. Mir steigen fast die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke, dass sie sich wahrscheinlich nie wiedersehen werden. Doch sie ahnen nichts von diesem Unglück und tollen unbeschwert durch den Wald.

Wir laden Hundebett und Gomez bei Antoine zu Hause ab und treten den Weg nach Göttingen an. Der Stau verdoppelt die sonst dreistündige Fahrtzeit. Doch das stört mich nur wenig. Je mehr Zeit ich mit Antoine verbringen darf, desto besser.

Gegen sechs Uhr abends sind wir endlich in Göttingen angekommen. Wir machen eine kurze Gassirunde und tragen Daffys neu gekaufte Sachen nach oben – nun ja, Antoine trägt und ich feuere ihn an. Wenig später verabschiedet sich Antoine und ich fühle mich, als hätte mich jemand ins kalte Wasser geworfen. Hätte er nicht eine Nacht bleiben können? Es dauert so lange, bis er wiederkommt.

Es wird Abend und das Göttinger Nachtleben erwacht. Was für eine dämliche Idee, am Wochenende hierherzukommen. In meiner Straße direkt in der Innenstadt gibt es eine Kneipe und eine Diskothek. Selbst mit geschlossenen Fenstern ist es also ganz schön laut. Ich muss an Gin denken. Und was macht Daffy? Nichts. Sie liegt da wie tot und pennt.

Die nächsten fünf Tage zeige ich Daffy Göttingen. Wir gehen die Wege ab, die ich täglich gehen muss. Dabei begegnen wir vielen anderen Hunden, aber ich soll Daffy vorerst noch nicht von der Leine lassen, da die Bindung zwischen uns nicht stark genug ist. Auch wieder total anders als bei Gin. Die sollte ich bei jeder Gelegenheit frei laufen lassen, egal ob mit oder ohne Trainerin.

Natürlich rutscht Daffy mir bei unserer ersten Begegnung mit Oskar, einem Labrador, aus dem Halsband, weil beide so gerne spielen wollen. Mir bleibt fast das Herz stehen …

Endlich sind die fünf Tage vorbei und es geht richtig los. Ich freue mich, dass Antoine wieder da ist. Nun ist meine Welt wieder in Ordnung.

Die nächsten Tage sind eine Achterbahnfahrt aus Freude, Frust, Verwirrung, Selbstzweifeln und Verliebtheit. Ich lerne meine Stadt – naja, die Stadt, in der ich gerade lebe – besser kennen. Habe ich sie mir doch vorher nur über die Karten-App vom iPhone zugänglich gemacht.

Ich fühle mich jedes Mal schlecht, wenn Antoine fragt: „Und welchen Weg machen wir heute?“ Nachdem er mich das dritte Mal gefragt hat, platzt mir der Kragen: „Wieso fragst du das denn immer? Ich bin hier nicht zu Hause. Ich gehe in die Uni, zum Einkaufen, zum Bahnhof und Gras holen. Mehr Wege werden es nun einmal nicht.“ Gleich darauf tut es mir leid. Es ist nicht seine Schuld, dass ich mich in dieser Stadt nicht wohlfühle und hier keine Freunde habe.

Wir erkunden Wälder, Parks und die Uni. Gerade sind wir das erste Mal durch deren Eingangstür getreten, als ein Hausmeister auf uns zugestürzt kommt. „Hier dürfen keine Hunde rein, sonst würde ja jeder seinen Köter mitnehmen. Sofort raus hier!“

„Moment mal bitte“, sage ich ganz ruhig. „Erstens zahle ich Geld dafür, dass ich hier studiere, weshalb Sie nicht so unfreundlich zu sein brauchen. Zweitens ist das kein Köter, sondern Daffy, meine Blindenführhündin, die zu hundert Prozent mit in die Uni darf, denn sie ist mein Hilfsmittel. Oder nehmen Sie Rollstuhlfahrern am Eingang den Rollstuhl weg?“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
160 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783960088288
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