Kitabı oku: «Kein Drummer zum Küssen»
Katinka Uhlenbrock
Lilly An Parker
Jennifer Schreiner
(K)ein Drummer zum Küssen
– eine Office-Escort-Novelle –

www.Elysion-Books.com
Lilly An Parker
ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die sich bisher hauptsächlich im Liebesromanbereich einen (anderen) Namen gemacht hat. Neben Wollmäusen und Staubratten züchtet sie seltene Pflanzen wie die Wollustlilie oder die Aphrodisiaka.
2010 »Heiß«
2011 »Office Escort – Das Sekretärinnenspiel«
2014 »Merry XXX-Mas – Der Weihnachtsdeal« (»Office Escort«- Reihe) und »Office Escort – Schlagzart« (im Buch »Lila – der letzte Versuch«).
2016 sind die Office-Escort-Novellen »Schlagfertig« (im Buch mit »Singapore Nights«) und »Ein Escort zu Weihnachten« erschienen.
Jennifer Schreiner
gründete Elysion-Books 2010 und betreut dort zurzeit 40 Autoren, 85 fertiggestellte Projekte und die Planung für die kommenden drei Jahre.
Die Romane »Zwillingsblut« und »Honigblut« sind in überarbeiteter Auflage dort erschienen, ebenso der Abschluss der Vampirtrilogie »Venusblut«.
Weiter sind von ihr erhältlich: »Satanskuss« (Erotic Fantasy) und »ErosÄrger« (Urban Fantasy). Sie schreibt an den Serien »Office Escort« und »Catch and Kiss« mit.
2016 ist im Pro-Talk-Verlag ihr erster Chick-lit erschienen: »Ich bin dann mal ganz anders«.
Für 2017 ist ein erotischer Roman »Fick mich – wenn du kannst« bei Elysion-Books geplant.
Katinka Uhlenbrock
Jahrgang 1990, studierte Katinka Uhlenbrock Anglistik und vergleichende Religionswissenschaften in den USA, wo sie seit ihrem 20ten Lebensjahr lebt. Nach einigen englischsprachigen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften erschien 2014 ihr erstes Buch »Männerbacken« bei Elysion-Books.
2017 wird »Mehr Lust auf Höhepunkte« erscheinen.
2017 wird »Porn Noir« erscheinen.
Die drei Autorinnen gestalten neben der Office-Escort-Reihe auch die »Catch & Kiss«-Serie, in der sie die unterschiedlichen Varianten von »der Widerspenstigen Zähmung« aufwerfen. Diese Zähmungen variieren von hart zu zart und sind nur bedingt politisch und moralisch korrekt; -)
Katinka Uhlenbrock
Lilly An Parker
Jennifer Schreiner
(K)ein Drummer
zum Küssen
– eine Office-Escort Novelle –

www.Elysion-Books.com
ELYSION-BOOKS
1. Auflage: Februar 2017
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2016 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de FOTO: © Bigstockphoto/prometeus © Bigstockphoto/Photocreo Michael Bednarek LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de LEKTORAT: Inka-Gabriela Schmidt www.inwisch.de
ISBN 978-3-945163-70-2
www.Elysion-Books.com

Inhalt
Office-Escort-Vorwort
Prolog
1 – Arbeitsbedingungen
2 – Aufgeflogen
3 – Ehrlichkeit
4 – Der Job
5 – Der Deal
6 – Das Spiel
7 – Klammerspiele
8 – Eine Wachsstatue
9 – Me e/h r Musik
10 – Kerzenfesseln
11 – Bondage
12 – Vergangenes
13 – Abschiedsessen

Office-Escort-Vorwort
Ich muss mich bei Elysion-Books bedanken, dass mein Escort-Service in diesem tollen Verlag ein Zuhause bekommen hat.
Als ich anfing, eine SM-Begleitagentur zu entwerfen, die sich auf Business-Service spezialisiert hat, war der Office-Escort ein Novum. Nicht nur auf dem deutschsprachigen Markt, sondern auch weltweit. Generell als Begleitagentur, aber erst recht als eine Agentur für dominante Damen, die sich Männern widmet, die alles haben und mit Geld kaufen können.
Der Slogan ist so einfach wie simpel: Grenzenlose Erregung, unvorstellbare Gier, sich immer weiter steigerndes Verlangen. Es ist ein Spiel um Dominanz, Lust und Leidenschaft für diejenigen, die ansonsten alles haben oder haben können: unmoralisch, sexy, der ultimative Kick. Aber wie lange will Mann widerstehen?
Inzwischen ist die Agentur ein wenig flexibler geworden, die Escorts bedienen auch Frauen und die Angestellten sind in allen Spielarten des BDSM bewandert, so dass für wirklich jeden Geschmack etwas dabei ist:
Ich wünsche Euch viel Spaß mit diesem Buch und auch den anderen Texten aus meinem Escort-Service,
Eure Lilly An
Buch
»Office-Escort: Das Sekretärinnenspiel«, 2011
geplant:
»Office-Escort: Strictly Business«, 2017
»Office-Escort: Business as usual«, 2017
»Office-Escort: Die Chefsache«, 2018
»Office-Escort: n.n.« im Match-Books-Verlag, 2018
Novelle
»Office-Escort Novelle: Merry X-Mas«, 2014
»Office-Escort Novelle: SchlagZart«, 2015
»Office-Escort Novelle: SchlagFertig«, 2016 / Ein Rockstar zum Küssen
»Office-Escort Novelle: Ein Escort zu Weihnachten«, 2016
»Office-Escort-Novelle: (K)ein Rockstar zum Küssen«, 2017
»Office-Escort-Novelle: (K)ein Drummer zum Küssen«, 2017
geplant:
»Office-Escort Novelle: (K)ein Anwalt zum Küssen«, 2017
»Office-Escort Novelle: (K)ein Gitarrist zum Küssen«, 2017
»Office-Escort Novelle: (K)eine Keyboarderin zum Küssen«, 2017
»Office-Escort Novelle: (K)ein Hollywoodstar zum Küssen«, 2017
»Office-Escort Novelle: (K)ein Serienstar zum Küssen«, 2017
»Office-Escort Novelle: (K)ein Künstler zum Küssen«, 2017

Prolog
Ich starrte meinen Chef an, während seine Worte nur langsam in meinen Verstand tröpfelten und noch langsamer einen Sinn ergaben. Dafür wurde ich umso schneller empört: »Das mache ich nicht!«
»Es ist nur dieses eine Mal«, beschwichtigte mich Ruben, wirkte aber nicht sonderlich überrascht von meiner Reaktion.
»Keine Paare und keine Berühmtheiten«, erinnerte ich ihn nichtsdestotrotz.
Im Gegensatz zu den meisten weiblichen Angestellten des SM-Begleitservices sonnte ich mich ungerne im Glanz irgendeines Stars. Hatte ich schon privat gehabt – war schrecklich schiefgegangen. Zum Glück hatte es aber nichts mit meinem Job als Escort zu tun gehabt, den hatte ich erst vor einigen Wochen angetreten. Hauptsächlich um meinem Sinn für Ästhetik Befriedigung zu verschaffen – und natürlich meiner Lust nach SM-Spielen … von dem guten Geld einmal ganz zu schweigen, schließlich musste Frau ihrer Mutter helfen, wenn die sich selbst mit Hilfe eines vermeintlich reichen Lovers in eine finanzielle Bredouille geritten hatte. Mal wieder.
»Liest du es dir wenigstens durch, bevor du ‚nein‘ sagst?«, drängte Ruben und legte die Akte auf meinen Tisch, um sie anschließend in meine Richtung zu schieben, während er sich mit der anderen Hand durch die Haare fuhr und einen Großteil seiner sorgfältig gekämmten dunklen Lockenpracht zerstörte.
Ich seufzte schwer, öffnete aber die erste Seite und starrte das Foto an, das einen attraktiven, jungen Mann zeigte, bei dem es mir beinahe instinktiv in den Fingern juckte. Sicher würde er sich sehr gut in meiner Sammlung erlesener Männer machen – so von Künstler zu Künstler. Allerdings wusste ich, dass das harmlose und beinahe jugendhaft-natürliche Foto log, denn andere Bilder von ihm zierten nahezu täglich die Klatschpresse. Und auf denen wirkte er eher gefährlich und wie ein außer Kontrolle geratener Rockstar der dringend Dusche, Haarschnitt und Rasur brauchte – von Schlaf und gesunder Ernährung ohne Drogen einmal ganz abgesehen.
»Ernsthaft?«, meinte ich, als ich Ruben tadelnd ansah. »Das Tier? Jacob Demson, den Schlagzeuger von ‚Bad, Bed, Music‘ soll ich begleiten?«
»Nein!« Ruben schüttelte den Kopf. »Du sollst ihn nicht begleiten und eigentlich ist er auch nicht auf der Suche nach sanfter Dominanz.«
Ich starrte meinen Chef über die Akte hinweg an und wusste nicht, ob ich lachen oder nach meiner Kündigung fragen sollte – oder nach einem Hörgerät, denn irgendetwas an Rubens Aussage konnte nicht stimmen.
»Die Jobbeschreibung wäre im Grunde: Eine sehr dominante Escort-Dame mit Hand zu ästhetischen Aufgaben, die ihn sieben Tage lang sinnvoll beschäftigt, während er in der Stadt ist.«
»Ah«, machte ich. Hauptsächlich, weil mir nichts Besseres einfiel. Erst nach dem dritten Anlauf gelang es mir einen vernünftigen Einwand zu formulieren: »Das Problem ist doch schon das zweite Wort.«
Ich schenkte meinem Boss ein Lächeln, um nicht allzu verschnupft zu klingen: »Falls es dir nämlich noch nicht aufgefallen ist, ich bin nicht sonderlich dominant!«
»Aber den Rest würdest du hinbekommen?!«, ließ Ruben nicht locker und fuhr sich mit der Hand durch seine kurzen Locken, um auch noch den Rest seiner Frisur zu zerstören. Doch aus irgendeinem magischen Grund hatte es genau den gegenteiligen Effekt und ließ ihn jünger wirken, gewollt ungestylt. Ein Mann sollte einfach nicht so perfekt unperfekt wirken dürfen, aber Ruben war und blieb einfach der Inbegriff eines Traummannes, ohne sich dafür auch nur im Geringsten anstrengen zu müssen.
»Ich glaube, dass ‚das Tier‘ eine wirklich strenge Führung braucht, jemanden, der ihn sofort einfängt …« Ich verstummte und seufzte abermals. »Und das kann ich einfach nicht.«
Ruben musterte mich einen Moment lang, als sei er von meinen Einwänden immer noch nicht gänzlich überzeugt, weswegen ich mich wieder der Akte widmete. Großteils, um meinen guten Willen zu demonstrieren.
Ich überflog die persönlichen Angaben und Jacobs Erfahrungen mit unserem Service und blieb bei der ersten Buchung hängen. »Ist das nicht …?«
»Trish, die Frau des Leadsängers?« Ruben verzog seine Lippen zu einem bitteren Lächeln und seine nächsten Worte erklärten auch diese Reaktion. »Ja, jetzt schon.«
»Du meinst ‚The sexiest Man alive‘ Alex Roth hat sich deine Escort-Dame geangelt, als sie einen Job bei seinem Drummer Jacob hatte?«, hakte ich belustigt nach, verschwieg aber, dass ich Trish nicht vom Office Escort kannte, sondern von einer Performance für einen gemeinsamen Freund, den Künstler Hagen Taylor.
Ruben knurrte etwas, was verdächtig nach: »Und meine Frau Joanna hat sie unterstützt« klang, bevor er mich ernst ansah. »Genaugenommen haben mir Alex, Joanna und Trish diese Situation eingebrockt, denn Jacob sucht immer noch einen Ersatz für Trish.«
Ich runzelte die Stirn, da ich Trish nie als sonderlich dominant wahrgenommen hatte, eher als verspielt. »Kann ich sie anrufen?«
»Versuch dein Glück«, meinte Ruben und reichte mir den Telefonhörer. »Falls Alex sie nicht inzwischen in einer dunklen Folterkammer gefangen hält.«
Wieder runzelte ich die Stirn, nutzte aber die Zeit, während es am anderen Ende der Leitung bimmelte und las mir Trishs damaligen Auftrag durch. Dabei wunderte ich mich über Rubens Worte, denn der erste von Jacobs Aufträgen passte zu meiner Einschätzung und las sich so, als sei Trish dominant und nicht der Typ Frau, der sich gerne in einer Folterkammer einsperren ließ. Aber was wusste ich schon über die Gefühle von dominanten Menschen und ihren Wunsch, auch einmal dominiert zu werden?

Nach dem Gespräch mit Trish war ich mir sicher, dass Jacob der Falsche war. Er mochte harte Dominanzspielchen, Spiele, die selbst einem deutlich härteren Profi wie Trish zu hart gewesen waren – also müsste er bei jedem anderen als bei mir gut aufgehoben sein.
»Was ist mit Niobe?«, erkundigte ich mich. Wenn es zurzeit in NY eine dominante Begleiterin gab, die hübsch genug war, um auch einem Rockstar zu gefallen, dann war es die exotische Schönheit.
»Niobe ist nur dominant, hat aber keinen Draht zu den Feinheiten, die hier erwünscht sind.«
»Ich lese nichts von Feinheiten«, meinte ich und drehte den aktuellen Auftragszettel in meinen Händen, als könne ich irgendwo eine Notiz übersehen haben. Dabei hatte ich den Text inzwischen dreimal gelesen und wunderte mich, warum Ruben immer noch nicht aufgegeben und Niobe angerufen hatte.
Als mein Telefon schrillte, war ich beinahe erleichtert, da es mir eine Ablenkung erlaubte – und vielleicht eine Ausrede bot, um Ruben und den Auftrag endgültig abzuwimmeln. Ich war definitiv die Falsche!
»Hei, Ava, Trish nochmal.« Ich atmete ein und starrte Ruben an, der gerade »Trish?« auf den zusammengefalteten Zettel geschrieben hatte, den er schon die ganze Zeit in der Hand hielt. Angespannt nickte ich.
»Wieso hat das so lange gedauert?«, erkundigte sich Ruben in Richtung Telefon.
»Weil ich mir erst einmal Gedanken zu dem Auftrag machen musste«, erklärte Trish, die die Worte ihres ehemaligen Chefs gehört hatte, schwieg dann aber. »Ich glaube auch, dass du und deine ästhetischen Fähigkeiten sehr gut zu Jacob passen würden.«
»Er heißt ‚das Tier‘«, erinnerte ich. Wie ästhetisch und künstlerisch konnte er da schon sein? Außerdem erinnerte ich mich spontan an das letzte Foto, das ich in einem Hochglanzmagazin gesehen hatte: ein langhaariger, bärtiger Zausel, der sich auf irgendeiner Party daneben benahm. Für den jungen, attraktiven Mann auf dem Foto in unserer Akte hätte ich sicherlich eine schmückende Verwendung finden können … aber für einen Zausel, der außer Rand und Band war?
»Und deswegen wird Niobe mitspielen und euch beide dominieren«, lenkte mich Trishs Stimme zurück auf das Telefonat und fort von dem gut aussehenden Mann auf dem Bild. »Du machst deine Performance doch sowieso immer mit jemandem zusammen?«
Ruben wirkte erleichtert und reichte mir den gefalteten Zettel. Dort stand fast wortwörtlich derselbe Vorschlag, den mir Trish gemacht hatte. Verwirrt starrte ich meinen Chef an. Trotzdem gelang mir ein ungläubiges: »Ich soll mich also von Niobe dominieren lassen?«
Ruben nickte mit geröteten Wangen und auch Trish meinte: »Ja, ich glaube, das wird bombastisch!«
Nun ja, dachte ich und legte mit einem halbwegs dankbaren Gruß auf. Immerhin zwei von dreien sind hellauf begeistert.
Ich selbst war mir da eher unsicher. Niobe war eine Augenweide, aber sie und ich befanden uns nicht gerade auf einer Wellenlänge, was unsere Sexualität anbelangte. Menschlich war sie ganz okay, aber mir persönlich zu herrschsüchtig und … naja, eben zu dominant. Außerdem stand ich auf eben genannte Feinheiten und war ein sehr visueller Mensch mit einem großen Hang zur Ästhetik. Oder mit anderen Worten: Wo ich ein Präzisionswerkzeug war, war Niobe der Durchschlaghammer.
Ich wog meine Chancen gegeneinander ab, aber so wie ich Ruben einschätzte, würde er ohnehin nicht locker lassen, bis ich zumindest irgendeinen Vorschlag machte. Blieb nur zu hoffen, dass er oder dieses »Tier« ihn ablehnten.
»Die Rollenverteilung ist dann also: Niobe ist die Dominante, ich spiele die Devote und Jacob? Du weißt, dass ich nicht auf Frauen stehe …« Ich ließ den Satz ins Leere laufen, denn eigentlich war ich auch nicht die Devote, sondern die, die die beiden anderen zum Spielen anleitete.
»Jacob wird zwischen Niobe und dir stehen und mit dir spielen dürfen.«
Ich trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch. Das fehlte mir zu meinem Glück gerade noch. Ein devoter Rockmusiker, der als unbeherrschtes »Tier« verschrien war, durfte an mir versuchen, ob er Spaß an Dominanz hatte – und das unter Anleitung von Niobe.
Seufzend dachte ich daran, wie gut dieser Jacob früher ausgesehen hatte und wie schick er sich in meiner Sammlung machen würde. Scheiße, ich stand auf gut aussehend! Außerdem fielen mir auf Anhieb Spiele ein, die ich diesen Jacob gerne spielen lassen würde!
»Ich bestimme die Grenzen und die Spiele«, verlangte ich.
Ruben nickte. Auch damit schien er gerechnet zu haben.
»Sieben Tage, sieben ästhetische Spiele und Niobes Job ist es lediglich, als Boss aufzutreten, uns heiß zu machen und nicht kommen zu lassen – nicht mehr und nicht weniger! Das letzte Wort habe immer ich«, fixierte ich meine Bedingungen, ohne den Blickkontakt zu meinem Chef zu unterbrechen und mit fester Stimme.
Wieder nickte Ruben, schien aber immerhin für einen Moment überrascht. Sekundenlang wirkte er, als müsste er gegen ein Lachen ankämpfen, dem er schließlich doch nachgab und mich musterte, als sähe er mich zum ersten Mal wirklich. Endlich meinte er, immer noch mit einem leichten, amüsierten Unterton: »Weißt du … für eine semi-devote Escort bist du verdammt dominant!«

1 – Arbeitsbedingungen
Seltsamerweise war ich aufgeregt. Nicht so sehr auf das Treffen mit einem waschechten Rockstar, sondern auf das mit meiner Kollegin Niobe. Was aber auch daran liegen konnte, dass besagtes Treffen kurz vor dem Date mit dem Star stattfand, damit wir uns bereits in der VIP-Lounge des Flughafens auf eine vernünftige Linie einigen konnten.
Wenn ich schon mit einer hyper-dominanten Diva zusammenarbeiten musste, wollte ich sie vorher dahingehend einnorden, dass es bei den Sessions um Schönheit ging und nicht so sehr um Schmerz. Ich wollte Jacob zur Hingabe an die Kunst bewegen, nicht mich selbst in einem Strudel von Lust und sinnlichen Versuchungen wiederfinden.
Schließlich war ich nicht von Walt Disney großgezogen worden und kannte Niobes Schwachpunkte beinahe so gut wie meine eigenen. Sie konnte einer Herausforderung nicht widerstehen, und ich wurde schwach, wenn jemand kreativ war und meinen Sinn für Vollkommenheit teilte.
Vielleicht war auch das der Grund, warum mich Niobes Anblick, als sie in die beinahe leere kleine Aufenthaltshalle schwebte, wie immer ein wenig aus der Fassung brachte. Ihre langen, schwarzglänzenden Haare, ihre Haut, die an einen guten Milchkaffee denken ließ, und ihr perfektes Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den mandelförmigen Augen genau wie ihre hervorragende Figur, ließen mich jedes Mal an die junge Naomi Campbell denken – abgesehen natürlich von der Hautfarbe. Genau wie ihr stolzes Auftreten, das sie wie eine ägyptische Göttin aus vergangenen Zeiten wirken ließ. Wenn man auch nur ein winziges bisschen devot war, war man verloren. Man wollte vor ihr niederknien und ihre Füße küssen – wahlweise auch ihre Schuhe, auch wenn ich lieber Haut unter meinen Lippen spürte.
Selbst jetzt fühlte ich den Drang vor ihr zu knien, obwohl ich doch der Boss des Auftrags war.
»Hallo, Kleine!« Niobes Lächeln, mit dem sie ihren Koffer abstellte, war echt. Sekunden später küsste sie mich auf den Mund. »Ich freue mich, dass wir zusammen spielen.«
»Du weißt, dass ich nicht auf Frauen stehe?«, erkundigte ich mich, ein wenig perplex ob dieser Begrüßung.
Zum Glück schien Niobe kein Problem mit dieser Abfuhr zu haben, sondern meinte belustigt: »An was hast du denn sonst so gedacht?«
Ich reichte ihr den Zettel, auf dem ich kurz zuvor meinen extra für die Woche gebuchten Lieblingsort und einige meiner Lieblingsspiele skizziert hatte – und die, die ich schon immer hatte ausprobieren wollen.
Die glutäugige Schönheit überflog die Notizen und nickte schließlich anerkennend. »Ich hoffe, ich bekomme das hin!«
Ihr Tonfall war so besorgt, dass er mich wider besseren Wissens rührte. Anscheinend passten wir doch ganz gut zusammen und konnten uns gegenseitig unterstützen und vor Fehlern oder Versäumnissen bewahren. Etwas, was allerdings ohne Wissen des Kunden stattfinden musste, um unsere Autorität nicht zu untergraben oder den Fluss des Spieles zu gefährden.
»Kannst du noch Gebärdensprache?«, fragte ich, ohne Worte zu benutzen. Eine der wenigen Leidenschaften, die wir beide miteinander teilten: Ich, weil mich diese Möglichkeit der Kommunikation schon immer fasziniert hatte, und Niobe, weil ihre Mutter gehörlos war.
»Ja«, antwortete Niobe nach einer kurzen Pause, in der man ihr ihre Überraschung ansehen konnte.
»Dann werden wir uns so verständigen«, beschloss ich. Die Chancen, dass ein Rockmusiker mehrere Sprachen konnte, war deutlich höher, als die Wahrscheinlichkeit, durch haptische Zeichen aufzufallen.
Niobe starrte mich an. Sie schien immer noch verwirrt zu sein, weswegen ich mich genötigt sah, sie vollständig in meinen Plan einzuweihen. Und je mehr ich sprach, desto deutlicher konnte ich sehen, wie ihre Unsicherheit verflog. Schließlich zog sie mich in eine Umarmung und drückte mich kurz aber herzhaft. »Danke.«
»Wofür?«
»Ich hatte ein wenig Sorge, ob es klappt, weil ich mehr das Mädchen fürs Grobe bin und normalerweise nur extrem devote Männer übernehme, die wissen, auf was sie sich bei mir einlassen.« Sie strich mir über die Wange. »Aber so bleibst du die kleine, devote Unschuld, obwohl du mich leitest.«
Jetzt war ich diejenige, die starrte. Wer hätte gedacht, dass auch so eine wunderschöne, dominante Frau wie Niobe so etwas wie Selbstzweifel kannte und sich selbst hinterfragte? Unwillkürlich musste ich grinsen und ertappte mich bei dem Gedanken, dass dieses Experiment vielleicht doch interessant und ein klitzekleines bisschen erfreulich werden konnte. Zumindest dachte ich das, bis ich »das Tier« auf uns zuschlendern sah. Seine struppigen Haare waren zu lang, sein Bart zu voll und seine zerrissene, graue Kleidung schien noch nie eine Waschmaschine gesehen zu haben. Trotzdem wirkte er lässig und gefährlich und kein bisschen erfreut.

Meine ohnehin schlechte Laune sank ins Grenzenlose, während ich auf die beiden wartenden Frauen zuging, die ganz offensichtlich vom Escort-Service kamen. Entweder das, oder sie waren »Golddigger«, High-Class-Groupies, die für Aufmerksamkeit und die Aussicht auf eine feste Bindung mit einem Star alles tun würden.
Einschließlich sich von einem Escort-Service anheuern zu lassen, dachte eine fiese Stimme in meinem Inneren.
In letzter Zeit war ich immer häufiger dieser Sorte Frau begegnet und mal abgesehen davon, dass ich ohnehin die Nase voll hatte von Vertrauen und Kontrolle und eher lästigen SM-Spielchen, bei denen ich mich nicht wirklich fallenlassen konnte, hatte ich auch jetzt keine große Lust, mich auf neue Bekanntschaften einzulassen.
Stumm verfluchte ich meinen besten Freund Alex Roth, seines Zeichens Sänger, weil er mich überredet hatte, es noch einmal mit dem Office-Escort zu versuchen. Nicht weil er Recht hatte und auch die bezaubernde Trish, die er mir vor der Nase weggeschnappt hatte, eine von diesen SM-Profis war, sondern weil die eine wirkte wie eine Domina-out-of-Hell und die andere wie eine blutige Anfängerin, beziehungsweise in diesem Zusammenhang wie eine bunt gekleidete, softe Prinzessin. Eine Regenbogen-Barbie.
Ich setzte ein Lächeln auf, obwohl ich überlegte, die beiden sofort in die Wüste zu schicken, um Alex zu ärgern. Schließlich hatte ich auch nur eine Begleiterin gewollt, nicht zwei und … mir kam ein Gedanke, der mich fast dazu gebracht hätte, mir mit der flachen Hand vor die Stirn zu schlagen: Trish! Natürlich! Sie musste sich eingemischt und irgendetwas arrangiert haben.
Mein Blick glitt von der Blonden zur Dunkelhaarigen und ich schwankte zwischen Belustigung und Verärgerung. Hatte ich es so nötig? Wirkte ich wie jemand, der auf Teufel komm raus gerettet werden musste?
Fast hätte ich abfällig geschnaubt. Keine der beiden wirkte wie jemand, der meine Träume erfüllen konnte oder überhaupt bereit war, es zu versuchen. Trotzdem gelang es mir, ein tiefes Seufzen zu unterdrücken, als ich zu ihnen trat und mich vorstellte.
»Das ist Ava Courtney«, stellte die ägyptische Schönheit ihre Kollegin vor, bevor sie mir ihre Hand reichte. »Ich bin Niobe.«
Ihr Händedruck war warm und nur ein wenig zu fest. So als bemühte sie sich, nicht noch dominanter zu wirken, als es ohnehin der Fall war. Sie war unbestreitbar schön, aber es war die Makellosigkeit der anderen, die mich ärgerte.
»Sie sieht aus wie Barbie«, urteilte ich über den Kopf der Blonden hinweg und in Richtung der Ägypterin.
»Sie ist taub«, zischte die Dunkelhaarige empört und tatsächlich musste ich mich zusammenreißen, um nicht zusammenzuzucken. Eine perfekte, blonde Model-Maus zu beleidigen war eine Sache, aber jemanden, der taub war … das war sogar unter meinem derzeitigen Niveau.
»Wie hast du dir die sieben Tage vorgestellt?«, lenkte Niobe ein, die meine Reaktion anscheinend richtig interpretiert hatte. »Der Auftrag war ja relativ offen und hat uns einiges an Freiraum gegeben.«
»Wir fahren in meine Suite und vertreiben uns die Zeit außerhalb der Sessions mit Events, Restaurants und Partys«, schlug ich vor. Hauptsächlich, weil ich den beiden Frauen dann zum größten Teil aus dem Weg gehen und mein Leben weiterleben konnte. »Die Sessions finden alle in der Suite statt«, ergänzte ich deswegen mit einem Blick auf die zwei gepackten Koffer. Immerhin waren die beiden vorbereitet!
Die Blonde schüttelte den Kopf und gestikulierte: »Nein, no way! Wir haben einen ruhigen Ort, ungestört und … schön.«
Und nur weil ich meine Hände gerade in meinen Hosentaschen hatte, gelang es Niobe zu übersetzen, bevor ich antworten konnte. Gebärdensprache? Das konnte vielleicht doch interessant werden!
Wieder glitt mein Blick von der einen zur anderen, bevor sich ein fieses Grinsen auf mein Gesicht schlich. Aber der Gedanke war genial und er würde genau die richtige Person – oder die richtigen Personen – ärgern. Selbst schuld, wenn ich immer noch den Schlüssel für Alex’ kleines Refugium hatte.
»Ruhig, ungestört und schön?«, wiederholte ich noch einmal, hauptsächlich um mich zu vergewissern und den Frauen eine Ausrede unmöglich zu machen.
Zum Glück nickte Niobe, auch wenn Barbie nicht allzu happy über diese Geste zu sein schien. Offensichtlich war sie die klügere von beiden – oder die misstrauischere.
»Dann habe ich etwas Unschlagbares!« Ich deutete auf die Koffer. »Und Sachen habt ihr ja anscheinend schon dabei!«
Ohne den Zweien die Chance auf Argumente zu geben, setzte ich mich in Bewegung. Entweder würden sie mir folgen oder ihren Auftrag verlieren.

Fünf Minuten!, dachte ich. Genau fünf Minuten hatte »das Tier« gebraucht, um mich wütend zu machen und jede schlechte Meinung zu bestätigen, die ich je von einem Rockstar gehabt hatte.
Trotzdem folgte ich ihm brav, was hauptsächlich Niobe zuzuschreiben war und dem geschickten Angebot, das Jacob uns zugespielt hatte. Wir konnten gar keinen Rückzieher machen!
Dabei hatte er von unserem Vorschlag alles andere als begeistert gewirkt. Wahrscheinlich mochte man als Tier eher laute Musik, Groupies und Partys, statt mit zwei Escorts in der Einsamkeit abzuhängen.
Als wir durch eine Passkontrolle gingen, wurde ich neugierig. Was hatte Jacob vor und warum? Doch egal wie sehr ich die Ohren spitzte, ich konnte nichts hören. Trotzdem wurde ich erst ernsthaft stutzig, als wir auf einen Hubschrauber zugingen. Ich griff nach Niobes Arm und meine Finger überschlugen sich fast.
»Du hast einen Flugschein für Hubschrauber?«, erkundigte sich meine dominante Helferin beinahe wortwörtlich bei dem Drummer.
»Offensichtlich«, gab er einsilbig zurück, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Seine Augen waren fest auf die wunderschöne Flugmaschine gerichtet.

»Ich bin angenehm überrascht«, schwindelte die Ägypterin, während Barbie nicht so aussah, als wäre ihr die Überraschung angenehm. Immerhin gab sie sich keine Mühe, diesen Umstand zu überspielen, sondern warf mir und ihrer Freundin einen bösen Blick zu. Dabei fiel der leicht grünliche Ton um ihre Nase besonders ins Auge.
»Schon mal geflogen?«, erkundigte ich mich, plötzlich ein wenig besser gelaunt.
Sie schüttelte den Kopf und gestikulierte etwas, was Niobe nahezu simultan übersetzte: »Nicht im Hubschrauber.«
»Magst du Fliegen?«
Die Blonde schüttelte den Kopf. »Nein, obwohl … wenn man aufschlägt, ist man immerhin ein interessanter Rorschach-Test, in dessen Kleckse man dann eine Menge hineindeuten kann.«
Ich starrte sie einen Moment fassungslos an, dann musste ich mich abwenden und einsteigen, um nicht vor ihr in lautes Lachen auszubrechen. Für eine Barbie war sie verdammt schlagfertig und frech und … ich starrte auf das Instrumentenpult, während mir ein böser Verdacht kam.

Ich schloss schicksalsergeben die Augen und prüfte noch einmal den Halt meiner Sitzgurte. Der schöne Ort in der Einsamkeit war ja irgendwie meine blöde Idee gewesen, also musste ich jetzt auch mit Jacobs Vorschlag und diesem Flug leben. Blieb nur zu hoffen, dass der Typ nur nach Drogen aussah und keine nahm. Er hatte klar geklungen und auch an seinen Augen hatte ich nichts ablesen können.
Trotzdem betete ich leise darum, nicht als spannender Blutklecks in der Landschaft zu enden. Immerhin hatte Jacob ja einen Co-Piloten. Wo auch immer er den so schnell her hatte. Und auch den Hubschrauber …
Sekunden später wurde es laut und das Gefühl in einer startenden Kiste mit plötzlich viel zu vielen Fenstern zu sitzen, war gelinde gesagt so gruselig, dass ich an nichts anderes denken konnte.
»Wohin fliegen wir?« Niobes Stimme über Kopfhörer riss mich aus meinen Gedanken.
»Nova Scotia«, antwortete unser Klient von vorne, nicht ohne einen gewissen Triumph aus den zwei Worten klingen zu lassen.
Nova Scotia? Kanada?
Ich konnte sehen, wie Niobe blass wurde. Ging mir ähnlich. Als ich »ruhig« und »schön« vorgeschlagen hatte, hatte ich nicht an »verschollen« gedacht.

2 – Aufgeflogen
Das Haus, vor dem der Hubschrauber landete, wurde von einer unzähligen Solarstrahlern beleuchtet, genau wie der kleine Landeplatz, den man trotz der Dunkelheit perfekt ausmachen konnte. Es war wunderschön, wie ein kleines Juwel in der Finsternis der kanadischen Wälder.
Neugierig folgte ich Jacob und Niobe in Richtung des Holzhauses und staunte. Das, was den Charme einer kleinen Jagdhütte hatte, schien sich einiges vorgenommen und als großes Vorbild ein Schloss zu haben.
Jacob öffnete die Eingangstür und meinte, nachdem er zahlreiche mysteriöse Schalter am Eingangspanel umgelegt hatte: »Ich denke, ich führe euch erst herum!«
Wie selbstverständlich übernahm er die Leitung und selbst Niobe folgte ihm, ohne ihn in Frage zu stellen. Der Typ sollte devot sein? Interessant!
Auf einmal war ich sehr dankbar für die Anwesenheit der erfahrenen Escort-Dame, denn in meinem Geiste tummelten sich plötzlich ein Haufen fast genauso fantastischer neuer Ideen, streckten ihre schwarzen Fühler aus und brachten die Schmetterlinge in meinem Unterleib zum Fliegen. Aber das war natürlich naiver Blödsinn!
»Wieso sind wir ausgerechnet hier?«, erkundigte sich Niobe, ganz ohne meine Hilfe.
»Weil es den Besitzer ärgert«, erklärte Jacob, im Wohnzimmer angekommen.
»Wer ist der Besitzer?«
»Alex Roth«, gestikulierte ich, aber Jacob kam mir mit der Antwort zuvor und wirkte dabei so selbstgefällig, dass ich mich fragte, ob ich nicht doch etwas bei dem Escort-Auftrag oder dem Telefonat mit Trish übersehen hatte.
»Dann verratet mir mal, an welche Spiele ihr so gedacht habt«, forderte Jacob, während er uns ungefragt einen Whiskey einschenkte – und sich auch.
Ich schüttelte den Kopf und der Bärtige zog eine Augenbraue hoch und musterte mich, als hätte ich ein Rad ab. Ein Eindruck, der sich noch verstärkte, als Niobe meinte: »Wir haben uns hauptsächlich ästhetische Spiele ausgedacht, optische Leckerbissen und deswegen würden wir mit einer visuellen Aufbereitung anfangen.«
»Ihr meint, ihr wollt mich rasieren und mir die Haare schneiden?«, übersetzte Jacob. Er klang amüsiert, zumindest einen Moment lang. Ich atmete erleichtert ein. Er war also nicht dumm und schien auch Humor zu haben.
Leider verschwand zumindest der letzte Eindruck, als sich sein Blick umwölkte und er energisch den Kopf schüttelte. »Ich bin ganz zufällig glücklich mit meinem Aussehen.«
»Weil es Alex Roth ärgert?«, gestikulierte ich und Niobe wiederholte meine Frage laut, während »das Tier« erst ihr ein Glas in die Hand drückte und dann zu mir trat.
»Ja, Kleines«, meinte er und nutzte seine Größe, indem er demonstrativ auf mich herabblickte. »Weil es Alex ärgert.«
Jacob roch nach Vanille und süßlichem Rauch – und das ließ mich deutlich wissen, dass mir der Rockstar zu nahe war. Viel zu nahe. Und er wusste es genau, wusste, wie man jemanden einschüchterte!
Unwillkürlich musste ich daran denken, dass keine Sau wusste, wo Niobe und ich waren: Irgendwo im Nirgendwo.
Niobe fing sich schneller als ich und meinte entschieden: »Ohne visuelle Aufbereitung sind wir raus!«
Jacob verharrte in der Bewegung und sah Niobe genauso ungläubig an wie ich. Doch im Gegensatz zu mir fing er an zu lachen. »Weil ich nicht bereit bin, mich zu verändern?«
Ich sah Niobe strafend an, doch sie schien es ebenso wenig zu merken, wie die Tatsache, dass sie eben weit über jedes Ziel hinausgeschossen war. Unter meiner wütenden Beobachtung setzte sie sogar noch einen drauf: »Der Bart macht es meiner Partnerin beinahe unmöglich dich zu verstehen, weil sie aufs Lippenlesen angewiesen ist.«
Jacobs Blick irrte zu mir und ich nickte innerlich. Niobe hatte tatsächlich ein gutes Argument gebracht. Der Drummer wischte es mit einer Handbewegung zur Seite. »Dafür bist du da.«
Jacob sah auf meine Gesten, die Niobe ignorierte. Im Moment war ich förmlich versucht, sie anzufallen. Etwas, was Jacob zu spüren schien, sie aber nicht, denn er wandte sich zu mir und entließ mich betont langsam und deutlich in eine schöne und entspannte Nacht, ohne seine schlechte Laune, die überraschenderweise mir persönlich zu gelten schien, zu verbergen.

Verwirrt und ein wenig gekränkt machte ich mich allein auf, das Haus zu erkundigen. Ich fand die Küche, machte mir eine dieser eher schrecklichen fünf Minuten Suppentöpfchen und schenkte mir ein Wasser ein, rollte meinen Koffer auf eines der Zimmer, räumte die Kleidung in den Schrank und liebäugelte einen Augenblick mit dem Fernseher, bevor mir einfiel, dass ich ja taub war. Ich sah mich in dem kleinen, aber fein eingerichteten Raum um: Bett, Nachttisch, Kleiderschrank, Badezimmer. Auf dem Nachttisch das obligatorische Telefon. Mein Blick glitt zurück zum Fernseher. Neben dem Gerät lag ein Bademantel, ein Saunatuch und weiße Badeschluffen. Es gab also eine Sauna und mindestens einen Whirlpool. Irgendwo auf der anderen Seite des Hauses diskutierten Niobe und Jacob inzwischen lautstark miteinander. Ich konnte zwar kein einziges Wort erkennen, jedoch würde ich mich hüten, in Niobes Nähe zu kommen. Aber wie sollte ich in dieser Stimmung schlafen?
Wieder fielen mir die weißen, flauschigen Wellnesssachen ins Auge.

Ich blieb in der Tür stehen und starrte die Frau an, die meine Lieblingsbank besetzt hatte. Hatte ich sie nicht fortgeschickt?
Aber nein, dort saß Miss-Perfekt-Barbie, sittsam in ihr Saunatuch gewickelt und genoss die wohlige Wärmekabine, die ich bereits bei unserer Ankunft vorgeheizt hatte. Als sie die Augen aufschlug, wurde mir klar, dass sie genauso wenig über meine Anwesenheit erfreut war, wie ich über ihre.
»Du bist nur taub, nicht stumm, oder?« Ich musterte sie und gab mir Mühe nicht herablassend zu klingen, während ich mich neben sie setzte. Rache wurde am besten ohne Vorwarnung serviert!
Sie nickte huldvoll und allein diese Geste reicht, um jeden Gedanken daran, dass sie vielleicht etwas anderes als böse Absichten hatte, verfliegen zu lassen. »Sag mal was?!«
»Wieso, scheint doch vergebliche Liebesmühe zu sein«, behauptete sie herausfordernd.
Ihr Blick hing wie gebannt an mir und meinen Lippen und nur zu gerne hätte ich gewusst, was sie über mich dachte. Stattdessen begnügte ich mich mit einer weiteren Frage: »Du hättest deiner Kollegin vorhin am liebsten den Kopf abgerissen, oder?«
Sie sah mich mit gerunzelter Stirn an und ich wiederholte meine Frage langsam und deutlich – ganz ohne ihr den hübschen Hals umzudrehen.
»Ja«, gab sie zu.
»Wieso hast du sie nicht unterbrochen?«
Blondie zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht, oder es war ihr egal. Ihre Worte ließen auf Letzteres schließen: »Wieso ist dir das wichtig?«
»Ich will wissen, ob ich dich in meiner Nähe ertragen kann.«
Obwohl sie mich immer noch anstarrte, gab sie mir durch eine Geste zu verstehen, dass ich den Satz wiederholen sollte. Ich seufzte leise und setzte mich neben sie. Wie konnte jemand so hübsches nur so … daneben sein?
Unwillkürlich begannen meine Finger einen kleinen, nervösen Rhythmus zu klopfen.

Natürlich wiederholte Jacob seinen Satz nicht. Stattdessen trommelte er auf der Sitzbank herum und streifte dabei meine Finger. Ich zog meine Hand fort und verfluchte ihn im Stillen, weil er mir schon wieder zu nahe war. Durch seine Nähe wurde mir nervtötend intensiv bewusst, dass er halbnackt war – und ich auch.
»Es würde vielleicht helfen, wenn du die Ohropax rausnimmst«, gestikulierte er plötzlich und ich starrte blinzelnd auf seine Hände. Hatte er eben …?
In der nächsten Sekunde wurden meine langen Haare nach hinten gestrichen und Jacob musterte mich wie etwas besonders Ekeliges, das sich in seine Sauna verirrt hatte.
»Erklärung«, verlangte er nonverbal.
»Das gehörte zu dem Spiel, das wir für dich aufbauen wollten – um dich nicht abzulenken.«
»Es ist eine verdammte Lüge!«, meinte er und seine Stimme war bar jeder Freundlichkeit.
»Bei einem Office-Escort-Spiel geht es um Fantasie und darum, Wünsche zu erfüllen. Man muss sich darauf einlassen«, erklärte ich erzwungen geduldig, aber seriös.
Jacob starrte mich an, seine Augen dunkel und unergründlich. Dann entfernte er kommentarlos und ohne mich zu fragen die weichen Stöpsel, die ich trug, um halbwegs glaubwürdig taub spielen zu können, aus meinen Ohren.
»Dann war das Spiel Scheiße!«, meinte er. Er klang überheblich und genau wie ich mir einen Rockstar immer vorgestellt hatte. Korrektur: Genau wie ich wusste, dass Rockstars waren.
»Vielleicht wäre es okay gewesen, wenn ich nicht ganz zufällig eine taubstumme Mutter hätte«, meinte Jacob einlenkend. Offenbar erwartete er keine Entschuldigung oder eine Antwort, denn er stellte sofort eine weitere Frage: »Wieso also habe ich zwei Mädchen bekommen, wenn ich eigentlich eines wollte?« Er sah mich an und zum ersten Mal fiel mir auf, dass er schöne Augen hatte. Doch es war seine Warnung, die mich nachdenklich werden ließ: »Zu einem Spiel mit mir gehört Ehrlichkeit!«
Ich dachte kurz über seine Worte nach und entschied mich wirklich für die Wahrheit: »Es hieß, es würde jemand für ästhetische Aufgaben gesucht, aber auch jemand, der sehr dominant ist. Da es zurzeit keine Escort-Dame gibt, die beides kann und ich für meine Lieblingsaufgaben gerne auf Hilfe und ein menschliches ‚Stoppschild‘ zurückgreife, bot es sich an.«
»Du bist also die mit dem ästhetischen Gespür?«, erkundigte sich Jacob und musterte mich, als hoffte er, mich so einer Lüge zu überführen.
Ich nickte, obwohl ich mir nicht sicher war, dass das besonders klug war.
»Du bleibst hier. Niobe fliegt heim!«, beschloss er. Sein Tonfall ließ keinen Spielraum für einen Widerspruch.
Ich tippte mir trotzdem an die Stirn. Eine universelle Geste, die meinem Gegenüber klar machte, was ich von der Idee hielt. »Ich denke, wir zwei sind nicht kompatibel.«

»Und ich denke, das interessiert mich nicht.« Ich schenkte Barbie ein böses Lächeln. Sie hatte sich die Suppe eingebrockt, jetzt konnte sie diese auch alleine auslöffeln! Selbst schuld, wenn sie gemeinsame Sache mit Trish und Alex machte!
»Sie bleibt oder wir gehen beide«, verhandelte die widerspenstige Escort-Dame und ihre Wut klang wie Musik in meinen Ohren.
»Ich befürchte, diese Entscheidung liegt nicht bei dir.«
Das Timing des startenden Hubschraubers hätte nicht besser sein können, denn genau in diesem Moment drang der Lärm der Rotoren bis in die Sauna.
Barbie starrte mich einen Augenblick mit großen, blauen Augen an, dann sprang sie auf. Auf dem Weg zur Tür bemerkte sie, dass sie niemals schnell genug sein würde, denn sie hielt an und wandte sich zu mir. »Bist du irre?«
»Nein, ich weiß nur, was ich will.« Ich stand auf und trat zu ihr. So nahe, dass sie zu mir aufsehen musste, und ich genoss, dass sie klein war und wirklich exquisit. Jemand wie sie war vermutlich noch nie mit jemandem wie mir konfrontiert worden. Und ich war wirklich sauer auf sie, wegen der Lüge, weil sie irgendwas mit Alex zu schaffen hatte und weil sie niemals meinen Sinn von Ästhetik treffen konnte.
»Du kannst nicht einfach mittendrin alles ändern«, protestierte sie. »Es gibt Regeln und der Vertrag …«
»Genau das Stichwort, meine Schöne.« Ich schob mich näher zu ihr, drohender.
»Versuchst du mich einzuschüchtern?« Sie verschränkte unwillig die Arme vor der Brust und sah genervt zu mir auf. »Ich dachte, du bist devot?«
»Devot ist aber nicht gleichbedeutend mit blöd«, spottete ich.
»Und wieso sollte ich darauf eingehen?« Immer noch wich sie nicht zurück und ließ sich auch nicht anmerken, ob ich sie tatsächlich einschüchterte.
»Weil du das Geld brauchst, um deiner Mutter zu helfen?!«, schlug ich vor, um anschließend zu genießen, wie ihr Gesicht entgleiste. Völlig. Erst als sie sich wieder unter Kontrolle hatte, ergänzte ich: »Als mir klar wurde, dass du nicht taub bist, habe ich Erkundigungen eingeholt. Ich lasse mich ungerne verarschen.«
»Und ich arbeite nicht für einen erpresserischen Entführer«, zischte sie böse.
»Du hast einen Arbeitsvertrag unterschrieben«, erinnerte ich sie, »halte ihn ein!«
»Leck mich!« Ich konnte sehen, dass sie ihre Hände unwillkürlich zu Fäusten geballt hatte – so als würde sie sich nur zu gerne auf mich stürzen. Etwas, was mich Grinsen ließ, genau wie mein Konter: »Wenn du es befiehlst gerne!«

Inzwischen war ich richtig wütend. Was zum Geier dachte sich dieser bescheuerte Rockmusiker? Dass er mich entführen oder einsperren konnte und ich mit ihm ins Bett ging? Ich würde nicht einmal meinen Job machen!
Verärgert stampfte ich aus der Sauna und griff nach meinem Handy, das ich draußen zusammen mit dem flauschigen Bademantel platziert hatte. Kein Empfang. Verwirrt starrte ich das Display an, dann Jacob, der mir gefolgt war, nur um einen Wimpernschlag später in Richtung meines Zimmers zu gehen.
»Die Telefone funktionieren nur mit Code«, erklärte Jacob. Seine Worte brachten mich zum Anhalten. Langsam drehte ich mich zu ihm um. Hatte ich vorher gedacht, ich wäre wütend, so war ich inzwischen beinahe rasend.
»Was hältst du davon, wenn du dich erst einmal beruhigst?«, meinte er mit einer Mischung aus Arroganz, Amüsement und Herablassung.
»Gib mir einen Autoschlüssel«, verlangte ich, obwohl ich mit keiner positiven Antwort rechnete.
»In dieser Phase werde ich dir ganz sicher keinen Autoschlüssel geben!«, meinte Jacob und schlug vor: »Du beruhigst dich und wir reden morgen beim Frühstück?«
»Was zum Teufel ist dein Problem?« Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wieso sollte ich ein Problem haben?«, fragte er lässig.
»Du bist echt ein typisches Rockstar-Arschloch. Du bist reich, siehst gut aus, bist charmant, die Welt und die Frauen liegen dir zu Füßen, und obwohl die Presse auf jeden Fehler von dir lauert, verzeiht sie ihn dir und liebt dich dafür, dass du ein Comeback versuchst, einen Drogenentzug machst oder dich in die nächste Beziehung stürzt. Sie lieben dich sogar dafür, dass du dich gehen lässt und dich wie ein Vollpfosten benimmst. Whatever.«
Die letzten Worte hatte ich Jacob beinahe ins Gesicht gebrüllt. Dementsprechend perplex war auch sein Blick. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass eine Frau nicht sofort vor ihm niederkniete und ihn anbetete, wenn er danach verlangte.
»Wir reden morgen beim Frühstück«, meinte er schließlich überraschend sanft, drehte sich um, ging aus dem Wellnessbereich und ließ mich einfach stehen. Scheiße!

3 – Ehrlichkeit
Ich hatte so gut wie gar nicht geschlafen. Dafür hatte ich in jeder erdenklichen Ecke und mit jeder möglichen Verrenkung versucht, mit meinem Handy Empfang zu bekommen. Danach hatte ich stundenlang jeden potentiellen Code im Telefon eingegeben und war jetzt früh auf den Beinen, um notfalls zu Fuß zu fliehen, bevor Jacob wach wurde.
Angespannt schlich ich aus dem Zimmer, aber der Kaffeegeruch belehrte mich sofort eines Besseren. Egal wie früh ich auf war – Jacob war ebenfalls wach!
Ich seufzte schwer. Dann eben Plan B! Der Drummer war devot, wäre doch gelacht, wenn ich ihn nicht dazu bekommen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen!
»Guten Morgen!«, meinte er, als ich in die Küche trat, ohne auch nur in meine Richtung zu sehen. »Schnapp dir die zwei Kannen und folge mir unauffällig.«
Ich starrte Jacobs Rücken an und suchte noch nach einer patzigen Bemerkung, als mir klar wurde, dass er losgegangen war und wirklich mit meiner Folgsamkeit rechnete. Schicksalsergeben – und weil ich ein klitzekleines bisschen neugierig war – nahm ich die zwei Kannen und folgte ihm ins Freie. Ärgerlicherweise war er schon fast am Waldrand und ging einen kleinen Pfad entlang, der nach oben führte, durch den Nadelwald. Rasch folgte ich ihm, ärgerte mich aber mit jedem Schritt mehr über mich selbst. Wieso musste ich so neugierig sein?
Ich hatte ja nicht einmal eine verdammte Jacke an und es war arschkalt – und nebelig!
Als der Waldweg auf einer Lichtung endete, hielt Jacob an und gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich vorangehen sollte, durch den letzten Ring der Bäume. Missmutig zögerte ich, machte dann aber doch unter seinem amüsiert wirkenden Blick die letzten zwei Schritte, bis ich sehen konnte, was sich auf der freien Fläche befand.
Der Ausblick auf den Wasserfall war gigantisch! Aber das war es nicht, was mich verwirrt stehenbleiben ließ, sondern das vorbereitete Picknick. Wie lange war Jacob schon wach?
Eine riesige Iso-Decke lag in der Nähe des Abhangs, umrahmt von vier Feuerstellen und etlichen bunten Windlichtern und Kerzen. Die Speisen waren noch zugedeckt, aber auch hier war ein gelungenes Arrangement zu erkennen. Das Ganze war wild romantisch und ging vom Stil in die Richtung: Wär das mein Freund und würde er mich fragen, ob ich ihn heirate, wäre das ein ziemlich idealer Augenblick.
Zum Glück war alles, was Jacob sagte: »Setz dich, das Rührei wird sonst kalt.«
Ich war immer noch zu fassungslos, um zu widersprechen und tat tatsächlich, wie mir geheißen und ging voraus zum Picknickplatz. Schon inmitten der Feuer war mir schlagartig wärmer. Trotzdem war ich dankbar, dass mir Jacob eine farblich zur restlichen Szenerie passende Decke umlegte.
»Tee oder Kaffee?«, erkundigte er sich und mein Verwirrungslevel nahm noch zu. Der Drummer deutete auf die zwei Kannen. Ein wenig unwillig, als sei es ihm peinlich so einen Aufwand betrieben zu haben. »Ich wusste nicht, was du morgens trinkst, also habe ich beides gemacht.«

Mein makelloses Gegenüber mit dem wunderschönen, regenbogenbunten Oberteil blinzelte verwirrt und zeigte auch sonst nicht das Verhalten, auf das ich gehofft hatte.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte ich mich.
»Nichts ist in Ordnung!«, meinte sie nachdrücklich und wirkte deutlich angepisst. Etwas, was ich mit diesem Frühstück hatte verhindern wollen.
»Es ist nicht vergiftet.« Ich schenkte ihr ein unsicheres Lächeln. Immer noch war ich mir nicht sicher, ob ich ziemliche Scheiße gebaut hatte oder ich nicht jeden Grund hatte sauer zu sein – aber immerhin zog ich Option Eins nicht nur in Betracht, sondern tendierte sogar ganz stark in diese Richtung.
Barbie reagierte nicht, sondern starrte mich nur böse an. »Was ist es dann? Bestechung?«
»Ich versuche mich gerade zu entschuldigen.« Glaubte ich zumindest. Nervös trommelte ich mit den Fingern einen kleinen Rhythmus, der mir schon seit gestern nicht mehr aus dem Kopf ging, sich aber immer noch nicht perfekt anfühlte. Schließlich, meinte ich, weil sie nichts sagte: »Du hast nicht vor, mir das leicht zu machen, oder?«
»Du hast versucht mich zu erpressen. Und ich arbeite nicht für einen Erpresser.« Sie presste ihre Lippen fest zusammen und schien sich wieder im Kampf-Modus zu befinden. Wie gestern nach der Sauna. Ihre Reaktion schien authentisch zu sein und irritierte mich.
»Ich habe nicht vor, dich zu erpressen, Mädchen«, erklärte ich deswegen und fügte sanfter hinzu: »Ich versuche lediglich, mich nicht selbst in Gefahr zu bringen.«
Ich schwieg und war versucht, mir selbst in den Arsch zu treten. Ich versuche lediglich, mich nicht selbst in Gefahr zu bringen? Ach bitte! Wer war ich? Ein verkappter Poet auf Wahrheitsdroge?
Barbie starrte mich an und versuchte wohl zu verdauen, was ich gerade angedeutet hatte. Es schien ihr nicht zu gelingen.
»Erklärung!«, forderte sie schließlich. Im selben Tonfall, den ich gestern in der Sauna benutzt hatte.
»Würdest du mir den Gefallen tun, und wenigstens etwas essen?« Ich wartete und sprang über meinen Schatten. »Ich verspreche dir, wenn du nach diesem Gespräch nicht mehr spielen willst – fliege ich dich zurück.«
Mein farbenprächtig gekleidetes Gegenüber beäugte mich misstrauisch, schaufelte sich dann aber Rührei auf den Teller und bestrich ein Brötchen mit gesalzener Butter, bevor sie sich Kaffee einschenkte und mit Milch und Zucker versah.
»Ich hatte eine Frau gebucht, da standen zwei. Eure Erklärung war dürftig, genau wie eure Spielausführung. Also wollte ich euch mit Kanada ärgern«, begann ich unter ihrem aufmerksamen Blick, mit dem sie wohl versuchte meine Redlichkeit einzuschätzen. Immerhin schien ich sie soweit überzeugt zu haben, denn sie biss nach diesem Geständnis ins Brötchen.

Ich nickte stumm und biss in das verlockend riechende Brötchen. Natürlich konnte Jacob immer noch ein erpresserischer Psycho-Star sein, aber immerhin war er ein ehrlicher und außerdem war ich ja doch durchaus bestechlich. Zumindest mit gutem Essen und … verdammt! Waren diese Brötchen etwa selbstgebacken?
Ich starrte den Drummer an und war versucht, mir genießerisch die Lippen zu lecken oder zumindest irgendein glückliches Geräusch von mir zu geben. Der Mann hatte verborgene Qualitäten!
Jacob schien meine Reaktion falsch zu deuten, denn er sah zu Boden, als schämte er sich für sein Geständnis, redete aber weiter: »Ich war überzeugt, dass Alex und Trish dahinterstecken, also habe ich bei euch beiden sehr genau hingesehen. Ich habe schon am Flughafen bemerkt, dass du mich hören kannst.« Ich musste ein ungläubiges Schnauben von mir gegeben haben, denn er erklärte: »Niobe hat manchmal etwas anderes übersetzt, als ich gesagt hatte und du hast trotzdem richtig geantwortet.«
Hatte sie? Verdammt! Aber wer hätte schon damit rechnen können, dass ein Musiker Gebärdensprache beherrschte?
Der Drummer sah auf und sein Blick war absolut aufrichtig. »Wie gesagt, ich lasse mich nicht gerne verarschen, also habe ich dich überprüfen lassen, während des Flugs.«
Ich biss mir auf die Unterlippe und fühlte mich schuldig, obwohl ich mir nichts hatte zuschulden kommen lassen. Außerdem hatte er ja nicht viel entdeckt. »Du hast das mit meiner Mutter herausgefunden?!«
»Und dass du erst seit drei Wochen für den Escort-Service arbeitest.« Er sah mich an, als erwartete er eine Erklärung.
Als ich schwieg, hakte er nach: »Wieso arbeitest du als Escort? Wieso erst seit drei Wochen? Und wieso kriegst du nach drei Wochen schon so einen Auftrag?«
»Du hältst mich für ein Groupie?«, lachte ich amüsiert. Viel falscher konnte man wahrlich nicht liegen.
»Ist mir in den Sinn gekommen, ja.«
Ich starrte ihn ungläubig an, musste dann aber wieder lachen. »Und trotzdem hast du ein schlechtes Gewissen?«
Jacob nickte, trommelte aber wieder auf der Decke, was er gar nicht zu bemerken schien. »Dein Ausbruch gestern. Das war persönlich – du würdest dir vermutlich lieber die Hände abhacken, als dich privat mit einem Rockstar einzulassen.«
Ich zuckte mit den Schultern und sortierte mein Ei, das bei meinem Lachen auf den Teller gefallen war, zurück aufs Brötchen.
»Was mich aber wieder zu der Frage zurückbringt, warum du überhaupt hier bist«, meinte Jacob leise.
Ich sah ihn an, aber er wirkte nicht misstrauisch, sondern ernst und neugierig. Seltsam. Genauso seltsam, wie seine Gedankengänge, die wiederum mich neugierig machten. »Wieso glaubst du, dass Trish und Alex dahinterstecken und wieso bist du deswegen böse?«
»Bekomme ich dann meine Antwort?«, fragte er neckend.
»Meinetwegen«, meinte ich gönnerhaft. Ich hatte ja nichts zu verbergen.
»Eine Antwort für eine Antwort?« vergewisserte sich der Drummer und behielt mich genau im Auge.
»Deal.« Ich hielt ihm die Hand hin und nach einem kurzen Zögern der Überraschung schlug er ein, um sofort eine Frage zu stellen: »Du arbeitest erst seit drei Wochen für den Office-Escort?«
»Das ist deine erste Frage?«, erkundigte ich mich ungläubig und antwortete erst nach seinem Nicken: »Ja.«
»Und du bist wirklich kein Groupie oder ein Golddigger?«
»Nein.« Ich hob zwei Finger, um die Zahl seiner Fragen mitzuzählen.
»Wieso hält man dich für qualifiziert genug, um als ästhetische Koryphäe vor mir zu bestehen?«
Ich hob einen dritten Finger, überlegte aber, wie weit ich ausholen sollte, um zu antworten. Schließlich entschied ich mich für eine Gegenfrage. »Wieso glaubst du, dass Alex und Trish etwas Böses im Schilde führen?«
»Tue ich gar nicht. Ich glaube sogar, dass ihre Absichten gut sind.«
»Wieso bist du dann so wütend?« Ich nahm den letzten Bissen Brötchen und schnappte mir anschließend ein Schokocroissant, das ebenfalls selbstgemacht wirkte.
»Weil sie sich in mein Leben mischen, sich umsonst Sorgen machen und mir andauernd – wirklich andauernd – irgendwelche Dominas anschleppen.«
Ich prustete los. »Das hängt vielleicht mit deinem Imagewechsel und der damit verbundenen Optik zusammen?«, schlug ich vor und gönnte mir endlich die Schoko.
»Ist das deine dritte Frage?«, erkundigte er sich lauernd. Begeistert von dem Geschmackserlebnis tat ich ihm den Gefallen und nickte.
»Vermutlich«, gab er zu und sah mich auffordernd an. Anscheinend erinnerte er sich genau wie ich daran, dass ich ihm eine Antwort schuldig war.

Barbie kramte ihr Handy aus ihrer Tasche und einen Moment lang befürchtete ich, sie würde ein Bild von mir machen. Stattdessen schien sie etwas zu suchen, bevor sie aufsah und befahl: »Rutsch!«
Bevor ich reagieren konnte, hatte sie schon einige der Lebensmittel zur Seite geräumt und sich neben mich geschoben. Damit überrumpelte sie mich vollkommen und setzte gleich noch einen drauf, indem sie mir vertrauensvoll ihr Handy in die Hand drückte.
Meine Verwirrung über ihre Nähe und steigerte sie allerdings durch etwas anderes. Sie sah mich verwirrt an, dann schnupperte sie – wenig unauffällig – an mir, meinen Haaren und meinem Hals.
»Was tust du da?«, krächzte ich irritiert.
»Wonach riechst du?« Sie runzelte die Stirn. »Vanille, süßer Rauch? Geruchgewordene, bunte Musik?«
Ich konnte spüren, wie ein Lächeln um meine Mundwinkel zuckte. Anscheinend war ich nicht der einzig durchgeknallte Poet auf dieser Lichtung. »Gefällt es dir?«
»Ja«, meinte sie und wurde rot. Ein ziemlich süßer Effekt, als fiele ihr erst jetzt auf, was sie gerade getan hatte.
»Ist ein Geheimnis!«, behauptete ich. Wenn mein neu entworfenes Parfüm diesen Effekt auf so attraktive Frauen hatte, sollte ich es nicht auf den Markt bringen, sondern für mich behalten!
Doch statt ihr diese Erkenntnis auf die Nase zu binden, oder im Gegenzug an ihr zu riechen, wandte ich mich den Bildern zu. Sie zeigten eine Bondageshow, in der ein überirdisch scheinender Engel zu sehen war. Sie trug eine weiße Maske, ein helles Spitzenoberteil und passendes Höschen, die nahezu in ihre helle Haut übergingen – genau wie die Fesseln. Der kleine Film zeigte etwas anderes, die Kunstfertigkeit, mit der eine Gotteskreatur fiel, auf dem Boden, schwebend. Es musste die Gefesselte unglaubliche Kraft gekostet haben, die Figuren aufrecht zu halten – und ihren Partner, die Fesselungen live zu ändern und beim Fallen die Fesselfarben an dem beweglichen Gestell, das dreidimensionale Bewegungen der Hängenden ermöglichte, zu ändern.

Jacob starrte die Bilder an und wirkte fasziniert. Ich konnte förmlich spüren, dass sie ihm gefielen, denn gerade die Verbindung mit Feuer, Wasser, Sound und Lichteffekten war neu.
Als er zu den Bildern der nächsten Ausstellung kam, wollte ich ihn am Weiterblättern hindern, brachte es aber angesichts seiner plötzlichen Anspannung nicht über mich.
»Das sieht aus wie …« Er sah mich misstrauisch an. »Hast du so was auch für Alex und Trish gemacht?«
Ich nickte. Jacob lachte leise und mir fiel auf, dass ich dieses Geräusch mochte – genau wie seine Stimme – aber beides würde ich für mich behalten, fehlte noch, dass der selbstbewusste Rockstar noch einen Höhenflug bekam!
»Du hast auch mit Hagen Taylor zusammengearbeitet?« Obwohl sich der Drummer ziemlich sicher zu sein schien, machte er eine Frage daraus und sah mich prüfend an. »Du bist Rainbow, oder?«, fragte er schließlich leise, fast ehrfürchtig.
Ich war versucht, mir resigniert durch die Haare zu fahren!
»Du hättest dich auf das geplante Spiel einlassen sollen«, tadelte ich. Jetzt würde er mir sein Vertrauen ja nur noch schenken, weil er meinen Ruf kannte. Etwas, was ich tunlichst vermied. Vor allem, weil er nicht mehr gerechtfertigt war.
»Tut mir leid, dass ich so misstrauisch bin.« Unvermittelt drückte mir Jacob mein Handy wieder in die Hand und stand auf. »Man begegnet einem Haufen schräger Leute, wenn man im Rampenlicht steht.« Er reichte mir die Hand und zog mich auf die Füße, bevor ich begriff, was er vorhatte. »Komm, ich flieg dich zurück.«
Für einen Moment wirkte er schuldbewusst. Wie ein kleiner Junge, dem man ein tolles Geschenk vor der Nase wegnahm, weil er Blödsinn gemacht hatte.
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