Kitabı oku: «SCHWARZE KITTEL - Katastrophen-Medizin»
Katastrophen-Medizin
Flug nach Haiti
Dr. Jasmin Wagner, 52, Anästhesistin des Städtischen Krankenhauses Lörrach, stand in Frankfurt in der großen Flughafenhalle von Terminal 1 und wartete am Lufthansa-Schalter darauf, an der Gepäckaufgabe von ihrem großen Trekking-Rucksack erlöst zu werden. Jasmin hatte bereits eine vierstündige Zugfahrt nach Frankfurt hinter sich und ihr graute vor dem sechzehnstündigen Flug nach Port-au-Prince. Die Reise war ein ganz spontaner Entschluss gewesen. Vor nicht mal zwei Tagen, am 12. Januar 2010, hatte ein Erdbeben der Stärke 7,2 große Teile von Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, wie auch unzählige andere Städte und Dörfer der Insel innerhalb einer Minute zerstört. In einem der ärmsten Länder der Erde wurde Hilfe von außen noch dringender benötigt als es in anderen Ländern bei ähnlichen Katastrophen der Fall war. Jasmin war schon mehrmals mit „Ärzte ohne Grenzen“ zu Einsätzen im Ausland unterwegs, wofür sie zwei Drittel ihres Jahresurlaubs einsetzte. Dieses Mal war sie auf eigene Faust unterwegs. Nachdem sie die ersten Berichte von dem Unglück gesehen hatte, war ihr klar, dass in Haiti ärztlicherseits für die Katastrophenmedizin schnellstmöglich Chirurgen, Anästhesisten und Notfallmediziner gebraucht wurden. Viele der Verschütteten brauchten intensivmedizinische Betreuung oder mussten operiert werden. Für große Eingriffe wie die leider nach Erdbeben häufig nötigen Amputationen von zerquetschten Gliedmaßen bei meist insgesamt instabilem Gesundheitsstatus erhöhte ein erfahrener Anästhesist die Überlebenschancen erheblich. Für Jasmin hatten gerade drei freie Wochen begonnen, ihr Resturlaub plus Überstundenausgleich für die Dienste an den Festtagen nach vier anstrengenden Wochen, die sie weitgehend durchgearbeitet hatte, da die meisten Kollegen mit Kindern Weihnachten oder anschließend Urlaub genommen hatten. Sie hatte kurz entschlossen auf eigene Kosten in der Krankenhausapotheke 100 Kanülen, 50 Infusionssysteme und 30 Beutel mit verschiedenen Infusionslösungen sowie zwei Liter Desinfektionslösung und allein für 800 € Breitbandantibiotika gekauft. Das schleppte sie alles in ihrem großen Rucksack auf dem Rücken, zusammen mit einer dicken Isomatte und einem Schlafsack, die an den Rucksack geschnallt waren. In dem kleineren schwarzen Handgepäck-Rucksack befanden sich vor allem ihre Toilettenartikel, eine Jeans und ein T-Shirt zum Wechseln, Unterwäsche, Stethoskop, Blutdruckmanschette und der weiße Kittel, der sie zusammen mit dem Ärzteausweis vor Ort legitimieren sollte. Sie hatte keine Ahnung, wo sie in Haiti hin wollte und was sie genau erwartete, aber sie war überzeugt, dass dort jede helfende Hand gebraucht wurde. Auch ihre Reisekosten trug Jasmin selbst. Aus ihrer Erfahrung wusste sie, dass es noch tagelang dauern würde, bis die Teams verschiedener Hilfsorganisationen zusammengestellt waren sowie das Briefing und die Formalitäten überstanden waren, wenn sie sich ganz regulär bei einer Organisation als Helferin anmeldete. Jasmin hasste die Verzögerungen durch die organisatorischen Probleme, fühlte sich eingeschränkt durch zig Vorschriften. Im Vergleich zu anderen Krisengebieten rechnete sie in Haiti auch nicht mit einer persönlichen Bedrohung, dass sie den Schutz von Polizei oder Soldaten für ihre Arbeit in Anspruch nehmen zu müssen glaubte. Sie hoffte, dass der schnelle Einsatz die Verantwortlichen am Zoll etc. mehr interessierte als irgendwelche Formulare über ihren gültigen Pass hinaus.
Endlich stand sie vorne am Check in-Schalter. Dreimal hatte sie zu Hause ihr Gepäck umpacken müssen, bis der große Rucksack gerade 400 g unter dem Gewichtslimit von 30 kg lag; Schwere, für Handgepäck erlaubte Dinge hatte Jasmin in den kleinen Rucksack gestopft, der jetzt auch stolze 11 kg wog. Sie tat sich immer noch schwer damit, dass sie Scheren, Messer, Flüssigkeiten wie ihre Infusionsbeutel nicht mehr direkt im Handgepäck mit sich führen durfte seit den verschärften Sicherheitsbestimmungen. Als Anästhesistin kam Jasmin sich ohne ihr „Handwerkszeug“ aufgeschmissen vor. Wer wusste schon, wann und ob überhaupt sie nach der Landung an ihre teuren Mitbringsel kam? Vielleicht fand ihr Reisegepäck auch schon beim Entladen des Frachtraums Abnehmer, die damit Familie und Freunde versorgen wollten. Sie hoffte, dass der altgediente Trekking-Rucksack mit Isomatte und Schlafsack trotz des enormen Gewichts eher als Studentengepäck mit Büchern denn als wertvolle Ladung betrachtet würde.
„Guten Morgen! Fenster oder Gang?“ Flugerfahrung in der Economy Class ließ Jasmin auf eine evtl. schöne Sicht vor der Landung in Port-au-Prince bei einem Fensterplatz verzichten. Sie wählte einen Gangplatz, auf dem man nicht stundenlang still sitzen musste, eingepfercht zwischen kühler Bordwand und einem Sitznachbarn, der manchmal durch Überbreite oder unbewusst im Schlaf auch noch einen Teil ihres Sitzes beanspruchte. Am Gang hatte sie weniger klaustrophobische Probleme, konnte ihre Beine strecken und auch mal ein paar Schritte gehen, ohne dass sie zuvor alle Mitreisenden ihrer Reihe stören musste. Die Angestellte fragte freundlich: „Möchten Sie einen Platz am Notausstieg? Dort ist auch immer etwas mehr Raum.“ Jasmin lehnte lächelnd ab: „Danke nein, lieber etwas weiter vorne, wenn das geht.“ Sie wusste, dass der „freie“ Raum am Notausstieg die Ausweichstelle war für alle, die im Gang nicht aneinander vorbei kamen. Dort bekam man gar keine Ruhe. Mit ihrer Bordkarte und dem Reisepass in der Hand brachte sie den Zollschalter hinter sich. Lange Schlangen beim Sicherheitscheck, da aus unerfindlichen Gründen nur zwei der fünf Abfertigungsplätze besetzt waren. Vorsorglich hatte Jasmin auf Kleidung mit Metallanteilen verzichtet, trotzdem kam sie nicht unbeanstandet durch, sondern musste auch noch ihre Trekking-Schuhe ausziehen und auf das Durchleuchtungsband legen. Am hinteren Ende konnte sie gar nicht so schnell alles an sich nehmen und wieder anziehen: Kapuzenpulli, Windjacke, Bauchbeutel, Tagesrucksack und dann im Stehen ihre Wanderschuhe wieder anziehen, sodass um sie herum Gedränge durch die Nachkommenden entstand. Jasmin war kräftig gebaut, kämpfte immer gegen das Übergewicht. In ihrer Jugend und noch im Studium hatte sie zig Sportarten betrieben, aber neben ihrem langen Arbeitstag und zig Nachtdiensten blieb einfach nicht genügend Zeit für ein ernsthaftes Hobby. Mit Nordic Walking und Trimmrad fahren hielt sie ihr Gewicht um die 70 kg. Ihre schwarzen Haare bekamen zwar zunehmend grau-weiße Strähnen, aber sie war nicht eitel. Färben kam für sie nicht in Frage. Der kurze Haarschnitt, den sie bevorzugte, weil er praktischer für die OP-Kappe war, ihre glatte Haut, ein lebhaftes Temperament und eine unglaubliche Energie ließen sie mindestens 5 Jahre jünger als ihr biologisches Alter erscheinen.
Noch ca. 40 min bis zum Boarding. Erschöpft sank Jasmin in einen der unbequemen Banksitze im Warteareal, etwas abseits, um ihre Ruhe zu haben. Sie hatte seit rund 32 h nicht geschlafen, da ihr Aufbruch recht überstürzt war und sie gestern noch viel zu erledigen hatte für ihre Reise. Im Zug nach Frankfurt hatte sie gedöst, aber ständig kreisten ihre Gedanken darum, ob sie etwas Wichtiges vergessen hatte. Erst jetzt entspannte sie ein wenig, da nun nichts mehr zu ändern oder zu regeln war. Während weitere Passagiere in die Wartezone kamen, einige an den großen Fenstern bei untergehender Sonne dem Starten und Landen der eisernen Vögel auf den von hier einsehbaren Landebahnen zusahen oder durch die Duty-Free-Shops zogen, nickte Jasmin ein. Sie verließ sich darauf, dass ihr Unterbewusstsein, trainiert durch jahrelange Sitzwachen und Nachtdienste, jede Änderung der Umgebungsgeräusche registrieren und sie alarmieren würde. Sobald sich die Geräuschkulisse verschob, weil die Reisenden zum Boarding Schalter strömten, schreckte sie hoch. Sie sah noch eine Weile zu, wie die Mitreisenden anstanden, entdeckte bei einigen Fluggästen alkoholische Flaschen aus den zollfreien Läden und wunderte sich. Erst vor zwei oder drei Wochen hatte sie im Fernsehen einen Bericht gesehen, wie einfach man mit allein 200-500 ml hochprozentigen Alkohols eine kleine Explosion oder ein Feuer an Bord auslösen konnte, aber noch immer durften diese Flüssigkeiten mit in die Passagierkabine genommen werden. Bei der langen Flugzeit wartete die 1,72 m große Ärztin möglichst lange, bis sie selbst an Bord der 747 ging. Die Gepäckfächer in ihrer Umgebung waren dann auch prompt bereits voll gestopft mit Taschen, Aktenkoffern und Jacken. Eine ungewöhnlich kleine Stewardess nahm ihren gerade noch in den erlaubten Maßen liegenden Handgepäck-Rucksack mit nach vorne, wo neben der Küchenkabine Stauraum für weiteres Gepäck war. Normalerweise hatte Jasmin ihre Tasche gerne bei sich, um zu lesen, Rätsel oder Sudokus zu lösen, aber dieses Mal wollte sie noch möglichst viel schlafen vor den bevorstehenden Strapazen und behielt nur den Bauchgurt mit Papieren, Geld und Kamera bei sich. Überrascht stellte sie fest, dass die Maschine ausgebucht war, obwohl vor knapp 20 h noch viele Plätze buchbar gewesen waren. Lauter Kurzentschlossene! Der weitaus größte Anteil der Flugpassagiere waren Männer im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Jasmin überlegte, ob es sich nur um Journalisten, Reporter und Kameraleute handelte oder ob auch schon Mitglieder von Hilfsorganisationen an Bord waren, was nur rund 40 h nach dem Erdbeben extrem schnell gewesen wäre. Noch während der Vorführungen zu den Notfallmaßnahmen und dem Ablegen von dem langen Flugsteg schloss Jasmin die Augen und versuchte ihre Umgebung auszublenden. Im Halbschlaf spürte sie den Start, hörte die Stewardessen später mit den üblichen Angeboten mehrmals an den Reihen vorbeigehen, aber Jasmins Körper nutzte die Entspannung, um Kraft zu tanken.
Jasmin setzte sich auf, als das Geklapper mit dem Essenswagen die Ausgabe der Abendmahlzeit begleitete. Sie hatte kein Mittagessen gehabt und war jetzt richtig hungrig. Wie oft passierte es ihr, dass es keine Menüwahl mehr gab, bis die Stewardessen bei Jasmin ankamen, dann verzichtete sie meist lieber, denn sie hasste Fisch. Heute hatte sie Glück und wählte Reis mit Putengeschnetzeltem, erfreulicherweise noch gut warm und lecker. Satt war Jasmin auch nach Dessert und zwei zusätzlichen Brötchen nicht, aber ihre Lebensgeister kehrten zurück. Nun erst warf sie ein paar neugierige Blicke auf die Sitznachbarn: Rechts vom Gang drei junge Männer, die offensichtlich als Fernsehteam unterwegs waren und bereits Pläne machten, wo sie überall drehen wollten. Links von ihr saß ein Mittvierziger, der nach der Mahlzeit die Ohrstöpsel seines MP3-Players in die Ohren stopfte und die Augen schloss. Leise hörte Jasmin klassische Musik herüber klingen, ein nicht so bekanntes Stück, aber sie hatte mit der Geige im Orchester Scriabins 1. Sinfonie gespielt und erkannte die fetzigen Melodien sofort wieder, allerdings war es ihr schleierhaft, wie man bei so mitreißenden Klängen schlafen konnte. Sie orientierte sich am nächstgelegenen Monitor, wie lang die voraussichtliche verbliebene Flugzeit war: Noch mehr als 12 h – inklusive Zwischenlandung, aber da sie nicht umsteigen musste, würde sie auf ihrem Platz bleiben. Jasmin versuchte eine bequeme Position einzunehmen, war froh, dass sie immer wieder ihre Beine mal in den Gang strecken konnte. Sie zog ihre Kapuze vom Fleece-Pulli runter bis über die Augen, da sie den Spielfilm an den Monitoren mit Jim Carrey bereits kannte und im Moment nicht in der Stimmung für Klamauk war.
Was erwartete sie alle wohl in Haiti? Es war nicht ihr erster Einsatz in einem Katastrophengebiet und sie hoffte, dass es weniger lebensbedrohlich für die Helfer war als bei Einsätzen in Kriegsgebieten. Das menschliche Leid bei einer solchen Naturkatastrophe, bei der Hunderttausende betroffen waren, hatte allein zahlenmäßig andere Dimensionen. Jasmin hatte noch keinen Plan, was sie genau auf Haiti tun wollte. Ob sie sich in Port-au-Prince beim von „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen Krankenhaus melden sollte und dort als Fachanästhesistin Narkosen bei den Operationen leiten würde? Intensivmedizinische Betreuung ergänzen würde und sich einem bestehenden Team anschließen sollte? Oder ob sie mit einem Notfallrucksack mit Bergungstruppen in der zerstörten Stadt Erstversorgung von Überlebenden auf Trümmern und auf der Straße leisten sollte? Es gab unzählige Möglichkeiten! Jasmin arbeitete gerne selbstverantwortlich und erwog auch, irgendwie weiter nach Südwesten in die Orte, die dichter am Epizentrum lagen, zu trampen, um dort zu helfen, wo organisierte Hilfe wahrscheinlich noch tagelang nicht ankam. Sie würde spontan entscheiden nach den lokalen Gegebenheiten. Jasmin holte die dünne Decke hervor, die in einer Plastikhülle eingeschweißt unter dem Sitz lag, und wickelte sich ein. Sie atmete bewusst tief ein und aus und dämmerte bald ein, blendete das Gerenne im Gang aus und setzte sich erst wieder auf, als sie nach mehreren Stunden zur Zwischenlandung ansetzten. Wechsel zwischen Schlafzeiten und Wachphasen mit Essen und einigen Szenen aus anderen Filmen, die an Bord gezeigt wurden, verkürzten die Flugzeit. Trotz prophylaktischer Heparin-Spritze zur Blutverdünnung sorgte sich die Anästhesistin wegen einer möglichen Beinvenenthrombose oder Lungenembolie. Die vielfältigen Gesundheitsrisiken bei solchen Flugreisen wurden allgemein unterschätzt. Als sie ihren Strahlenschutzkurs für die Intensivstation absolvierte, hatten sie mit dem Dozenten die Strahlendosen für verschiedene Flugdistanzen berechnet. Es war erschütternd, welche Strahlendosis man auf einem Langstreckenflug ab bekam! Da zeterten besorgte Patienten bei jedem Röntgenbild, das wäre krebserregend, setzten sich aber ahnungslos Strahlung auf ihrer Urlaubsreise aus! Der Flieger war nach dem ca. einstündigen Aufenthalt noch immer voll besetzt. Es fiel Jasmin auch kein Passagierwechsel auf. Das Mittagessen war leider wie so oft nur noch lauwarm, so ließ sie die Hälfte stehen und schlief erneut, bis 3 h später ein Snack gereicht wurde. Sie nahm sich mehrere der abgepackten Kuchenstücke – wer wusste schon, wann sie wieder etwas zu essen bekämen – steckte eine Dose Cola in die Vordertasche ihrer Jacke und trank viel Wasser, um sich auf den zu erwartenden Flüssigkeitsverlust vorzubereiten. Sie hatte Vorstellungen von hübschen farbigen Frauen mit Blumenkränzen, die die Touristen mit „Aloha“ begrüßten. Oder war das in Hawaii? Gestern hatte die Ärztin rasch eine halbe Stunde im Web Informationen zu Haiti gegoogelt: Haiti, eine mittelamerikanische Republik, die das westliche Drittel der bereits von Kolumbus 1492 entdeckten Antilleninsel Hispanola bedeckte, während die anderen zwei Drittel zur Dominikanischen Republik gehörten. Knapp 100 km bis Kuba, ca. 180 km nach Jamaika, ungefähr 7700 km entfernt von Frankfurt. Beliebter Stopp bei Karibik-Kreuzfahrten. Ende des 17. Jahrhunderts unter französische Herrschaft gekommen, rund 100 Jahre später unabhängig, mal vereint, mal getrennt mit dem spanischen Teil der Insel, 1915-34 unter dem Protektorat der USA, seit 1964 als Republik Haiti selbständig … Viel mehr als die geschichtlichen Daten hatte sie sich für das Leben auf Haiti interessiert. Da angeblich drei Viertel der Haitianer von der Landwirtschaft lebten, war zu hoffen, dass das Land sich rasch wieder selbst versorgen konnte. Bei einer Analphabeten- und Arbeitslosenquote von rund 50% lebten ein bis zwei Drittel der haitianischen Bevölkerung schon vor dem Erdbeben am Existenzminimum. Unterernährung, AIDS und Seuchen rafften viele Menschen hinweg. Junge, ausgebildete Haitianer verließen die Insel zu Hunderttausenden. Ohne deren Geldsendungen an die Familien und den Tourismus wäre Haiti finanziell ruiniert, wo sollte da eigenes Geld für den Wiederaufbau herkommen? Der Export von Textilien als weitere Wirtschaftsstütze würde wahrscheinlich auch einige Zeit brauchen, bis die Produktion wieder lief.
Durch das Fenster erhaschte sie einen Blick auf das weite Meer, das in der untergehenden Sonne wie eine glitzernde Folie da lag. Trotz so vieler Flüge bereitete das Fliegen über dem Wasser ihr noch immer leichtes Unbehagen, wider alle Ratio, denn bei einem Absturz hatte man bei Wasser vielleicht eher eine Chance, eine Notlandung zu überleben als irgendwo im Gebirge, trotzdem gab es ihr ein Gefühl der Sicherheit, wenn sie über Land flogen.
„Harald Wehnert, Journalist für GEO“, sprach sie der linke Sitznachbar an. „Für wen werden Sie auf Haiti tätig werden?“ Jasmin antwortete allgemein: „Ich bin Ärztin.“ „Mit welcher Organisation arbeiten Sie zusammen?“ Jasmin fand diese Fragerei lästig. „Ich bin allein unterwegs.“ Harald Wehnert musterte sie überrascht. „Waren Sie schon mal auf Haiti? Kennen Sie sich dort aus?“ „Nein.“ „Wo werden Sie arbeiten?“ „ Das weiß ich noch nicht.“ Pause. Jasmin drehte den Kopf nach rechts, um das unangenehme Gespräch zu beenden. Laut Anzeige noch gut 2 h Flug, also beschloss sie noch etwas zu dösen, fing Gesprächsfetzen um sich auf: Die anderen hatten Aufträge zu erfüllen; Sie selbst wusste nicht einmal, wo sie die erste Nacht verbringen sollte.
Suchtrupp
Ein Rettungsteam bestehend aus vier Männern und zwei Hunden begann am späteren Vormittag des 14.1.2010 mit der Suche von Verschütteten in den Trümmern der Stadt Léogâne. Die Retter trugen weite, dunkelblaue Overalls ohne Abzeichen, schwarze, unifarbene Baseball-Mützen und schwere, schwarze Militärstiefel. Die Gesichter der Männer verschwanden größtenteils hinter einfachen Gesichtsmasken aus Papier, die mit zwei Gummischlaufen um die Ohren befestigt waren. Alle trugen große, orangefarbene Rucksäcke auf dem Rücken, die ihnen den Nimbus von Rettern verliehen und ihnen ohne Widerspruch Zugang zu den eingestürzten Gebäuden verschafften. Zwei von ihnen wurden von offensichtlich ausgebildeten Suchhunden begleitet, einem kleinen weißen Terrier mit einigen orange-braunen Fellflecken und einem schwarz-weißen Border Collie mit einem weißen Kopf und schwarzen Ringen um die Augen sowie einem schwarzen Ohr, wodurch er lustig aussah und an einen Pierrot erinnerte. Ein Hundeführer rechts, einer links schickten sie die Rettungshunde auf die Trümmerberge, trieben sie immer wieder an. Der Größere der beiden rief dem noch weniger erfahrenen Terrier-Mix seine Aufforderung:„Such Mensch! Such Mensch!“ zu und zeigte mit ausgestrecktem Arm, wo der Hund suchen sollte, während die Border Collie-Hündin „Wonder“ weitgehend selbständig die zerstörten Gebäude absuchte und sich mit ruhigem Bellen meldete, wenn sie einen menschlichen Körper aufgespürt hatte. Die Männer des ausländischen Rettungsteams blieben in der Regel am Fuße der Stein-Holz-Haufen, suchten nach Hohlräumen, leuchteten mit großen Taschenlampen in Zwischenräume. Selbst für die Hunde war die Arbeit auf den unebenen Trümmern mühsam. Sie waren gut ausgebildet und achteten darauf, nicht auf loses Geröll oder wippende Holzplanken zu treten, aber für die Pfoten der Tiere waren spitze Steine, Scherben und Metallstücke gefährlich. Eine kleine Verletzung am Fußballen oder in den weicheren Teilen zwischen den Zehen würde den Ausfall des Suchhundes bedeuten. Wonder war bereits 8 Jahre alt und hatte schon verschiedenste Einsätze nach Lawinen oder Erdrutschen hinter sich. Sie suchte systematischer und mit ihrer trainierten Nase viel schneller als die fünfjährige „Trixie“, die erst ihren zweiten Ernstfall erlebte und durch die vielen Menschen, die auch in den Trümmern rumkletterten, den Lärm und die unterschiedlichen Gerüche sich leichter ablenken ließ. Ihr Herrchen blieb in ihrer Nähe, rief sie zu sich, um ihr nochmals ein Suchgebiet zuzuweisen, das sie vergessen zu haben schien, lobte sie mit Worten und Klopfen der Flanken. Der Hundeführer selbst war schon knapp 50 Jahre alt, dies war bereits sein dritter Suchhund, so glich seine Ruhe und Erfahrung die Schwächen der jungen Hündin z.T. aus. Er hatte einen guten Blick dafür, wo sich in den übereinander liegenden Stein-Metall-Holz-Bergen Hohlräume befinden konnten, wo Menschen eine kleine Überlebenschance hatten.
Wonder hatte bereits drei Verschüttete gefunden: Einen ca. fünfjährigen Knaben, der kaum verletzt von den Einheimischen ausgegraben werden konnte, und eine junge Mutter mit einem ungefähr zweijährigen Kind, das nur noch tot geborgen werden konnte. Die junge Frau ließ regungslos die Untersuchung von einem der blau Gekleideten über sich ergehen. Sie schien keine Frakturen aufzuweisen, aber der Schock des Verschüttetseins und/oder über den Tod ihres Kindes hatte sie in einen nahezu katatonen Zustand versetzt. Sie bräuchte psychische Hilfe, aber dazu war jetzt keine Zeit, wenn man noch ein paar Überlebende aus den Trümmern retten wollte. Wonder suchte eifrig Gebäude um Gebäude, Trümmerberg um Trümmerberg, Straße für Straße ab. Ein so riesiges Gebiet konnte man eigentlich nicht mit zwei Hunden absuchen, schon gar nicht gründlich wie im Kurs vermittelt, aber die Border Collie-Hündin suchte Schächte und Zwischenräume, schnüffelte nach menschlichem Geruch und gab Laut, wenn sie was roch. Sie fing weder an zu graben, noch versuchte sie sich in Hohlräume zu zwängen. Wonder hatte ihre Aufgabe perfekt begriffen und überließ den Helfern die Buddelarbeit, während sie schon weiter suchte. Die deutschen Männer ohne Hunde begutachteten die Geretteten kurz, dann suchten sie zügig weiter um die Schuttberge herum nach Anzeichen für Verschüttete. Die Zeit drängte, da die Opfer inzwischen seit ca. 40 h irgendwo abgeschottet von Essen und Trinken oder gar verletzt eingeklemmt harrten. 2-3 Tage ohne Flüssigkeit waren in der Regel die Grenze, wie lange Menschen ohne Nahrungsaufnahme überlebten. In 1-2 Tagen war nicht mehr damit zu rechnen, Opfer lebend zu bergen. Die Bewohner, die überlebt hatten, konnte man in zwei Gruppen unterteilen: Die, die noch unter Schock standen und apathisch zwischen ihren kaputten Hütten und Häusern auf dem Boden hockten, und die, die wild entschlossen waren, nach vermissten Angehörigen, Freunden und Nachbarn zu suchen und beim Rumklettern in den ungesicherten Ruinen ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Die Mauerreste eingestürzter Gebäude konnten durch Erschütterungen nachgeben, Steine ins Rutschen kommen und nur zum Teil eingebrochene Dächer zusammenfallen. Die Helfer riskierten nicht nur ihr Leben, sondern auch das anderer Helfer und eventuell Verschütteter, die durch weitere Gerölllawinen erdrückt würden. Mit Metallstangen klopfte man rhythmisch gegen vibrierende Teile und lauschte auf Antwort. In den ersten 24 h nach dem Erdbeben hatte man noch viele, oft nur zum Teil mit Trümmern bedeckte Bewohner gerettet, aber die Quote der Lebendrettungen sank immer weiter. Plötzlich hörte man aufgeregtes Gekläff. Fremde und einheimische Helfer eilten zu einem hohen Steinhaufen vor einem ehemals dreistöckigen Gebäude. Der Terrier stand Schwanz wedelnd im hinteren Bereich in ca. zwei Drittel Höhe des Trümmerberges und bellte noch immer freudig. Sein Herrchen suchte sich noch einen sicheren Weg zur Fundstelle, als bereits einige junge Männer quer über die Steine kraxelten und begannen, die oben liegenden Hindernisse nach hinten zu werfen. „Trixie, komm!“, rief der Rettungshundeführer von der rechten Seite. „Arrêtez! Danger! Non!“, versuchte er, die Haitianer zu bremsen, die keinen Blick für die Statik der Ruine aufwandten. Man hörte gedämpftes Schreien und wollte rasch helfen, dabei vernachlässigten die Laienhelfer die Eigensicherung, die professionellen Rettern mühsam antrainiert wird. „Non! Laissez! Attention les murs!“, warnte die ausländische Stimme. Vergeblich! Trixies Besitzer schnappte seine Hündin und trug sie eilends auf den Armen nach rechts zur Seite, tätschelte sie lobend und sah verzweifelt zu, wie die Einheimischen einen seitlichen Zugang in den Haufen freizulegen versuchten. Statt vorsichtig Stein für Stein zu entfernen und überlegt irgendwo abzulegen, wurden die Trümmer wahllos hinter den Schuttberg geworfen, da vorne an der Straße immer mehr Menschen sich versammelten und der Bergungsaktion zusahen. Fassungslos musste Trixies Herrchen mit ansehen, wie die Erschütterungen oder ein unglücklich geflogener Steinbrocken die hintere restliche Wand zum Einsturz brachten und wie beim Dominoeffekt innerhalb von Sekunden die rechte Stützmauer nach außen kippte, wodurch mit einem lauten Schlag die erhalten gebliebenen Decken- und Dachreste herunter krachten und die Helfer unter sich begruben. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Staubwolke die Sicht auf den nun fast doppelt so hohen Trümmerberg wieder freigab. Entsetzen bei den Umstehenden. Keiner glaubte, dass irgendjemand diesen Einsturz überlebt hatte, trotzdem begannen einzelne, die Trümmer zu erklimmen, suchten nach den Körpern der Verunglückten. Trixie versuchte aus den Armen des Besitzers frei zu kommen. Sie sah es offensichtlich als ihre Aufgabe an, mit zu suchen. Am liebsten hätte der Hundeführer sie nur an sich gedrückt, froh, dass sie beide dem Einsturz entgangen waren, doch die Hündin entwand sich dem Griff und machte sich eifrig an ihre Arbeit. Wahrscheinlich hätte sie auf einen scharfen Befehl gehorcht und wäre zurück gekommen, aber der Hundeführer riss sich zusammen. Das Gebäude war zerstört, von da drohte keine Gefahr mehr und vielleicht half Trixie bei dem Auffinden der unglücklichen Retter. Vorsichtig stieg er selbst von vorne, wo das Geröll größtenteils schon tagelang gelegen hatte und hoffentlich stabiler war, ein Stück die Schutthalde hinauf. Er war noch nicht weit gekommen, als das Gebell seines Hundes einen Fund meldete. Sobald die einheimischen Helfer begannen, den Verschütteten frei zu legen, schickte der Rettungshundeführer seine Terrier-Hündin wieder auf die Suche. Von den rund zwölf unter dem zweiten Einsturz Begrabenen spürte Trixie fünf auf, die von anderen Helfern zur Straße hinab transportiert wurden, wo inzwischen ein zweiter Helfer im Blaumann die leblosen Körper untersuchte. Ein Mann war schwerverletzt, aber das Herz schlug noch, obwohl er wahrscheinlich nicht nur zahlreiche Knochenbrüche, sondern auch innere Blutungen hatte. Er hatte kaum eine Überlebenschance, trotzdem bauten der Untersuchende und Trixies Hundeführer eine leichte Trage aus dem Gestänge an ihren Rucksäcken zusammen und trugen den Verletzten weg. Die Bewohner von Léogâne suchten noch bis zum Einbruch der Dunkelheit nach den Leichen, aber ohne schweres Gerät blieben sowohl die rufende Person, die mittags gerettet werden sollte, wie auch mindestens fünf der Hilfe leisten Wollenden unter der tonnenschweren Last begraben.
Wonder hatte insgesamt elfmal angeschlagen, eine Superleistung, denn es ist für die Hunde Schwerstarbeit, physisch und psychisch unter diesen Umständen so viele Stunden zu arbeiten. Jede Stunde bekam Wonder aus einer Trinkflasche frisches Wasser und eine Handvoll spezielles Trockenfutter mit raschen Energielieferanten. Vier Tote wurden bei der Suche aufgestöbert, aber die sieben Überlebenden, zum Teil in einem erfreulich guten Zustand, waren die eigentlichen Siege für den Besitzer des Border Collies. Der andere Kollege im Overall war Arzt und untersuchte die Gefundenen, gab Anweisungen und trug einige der Verwundeten mit rekrutierten Einheimischen zum Stadtrand, wo ein großer ehemaliger Militärhubschrauber auf das Suchteam wartete. Vier Schwerverletzte wurden so gut es ging versorgt, dann im Helikopter abtransportiert mit zwei der blau gekleideten Retter zur medizinischen Betreuung. Die beiden Hundeführer suchten sich in der Nähe des Landeplatzes ein Nachtlager im Freien, wo sie in Schlafsäcken neben ihre treuen Begleiter ausgestreckt schliefen und darauf warteten, am nächsten Morgen zu einem weiteren Einsatz in einem anderen Ort vom Hubschrauber abgeholt zu werden.
Flughafen Toussaint Louverture
Das Geräusch der Anschnall-Zeichen wegen des beginnenden Landeanflugs ließ die Passagiere hochschrecken. Inzwischen sah man durch die kleinen Fenster draußen nur noch in die Dunkelheit. An Bord herrschte eine auffällige Stille. Es war insgesamt ein ruhiger Flug gewesen, keine Turbulenzen und in der Kabine kein Lärm. Keine Familien mit Kindern an Bord. Keine lauten Teenies. Viele der Reisenden hatten lange Phasen des Flugs verschlafen, doch jetzt war die Anspannung deutlich zu spüren. Die meisten machten sich wohl Gedanken, was auf sie im Unglücksgebiet zu kam. Problemlose Landung, nur wenig Applaus, alle blieben noch ruhig auf den Sitzen, bis die Maschine endgültig zum Stillstand kam. Kein Gehetze und Gedränge beim Ausstieg, sondern zügiges, geordnetes Verlassen des Flugzeugs über die herangefahrene Gangway. Auch bei der spärlichen Beleuchtung erkannte man, dass die Flughafengebäude des Aéroport international Toussaint Louverture vom Erdbeben nicht verschont geblieben waren. Vor allem der Tower war schwer beschädigt.
Bei der Landung war es laut Monitoranzeige 20 Uhr 42 Ortszeit. Jasmin hatte ihre kleine Uhr, die innen am Bauchbeutel befestigt war, umgestellt. Trotz des faulen Tags war sie müde und sehnte sich eigentlich nur nach einem Bett. Die Reisenden standen bis auf wenige, die offensichtlich nur mit Handgepäck gereist waren und schon mit Auto oder Jeep abgeholt wurden, auf dem Rollfeld rum. Die meisten beobachteten, wie das Gepäck direkt aus dem Frachtraum runter geworfen wurde auf einen flachen Hänger, der dann von einem kleinen Jeep gezogen zu den Passagieren gebracht wurde. Während die Koffer und Rucksäcke vom Hänger an die Besitzer verteilt wurden, beluden weiter hinten Angestellte den nächsten Gepäckwagen. Der Vorteil dieser direkten Gepäckausgabe war zweifellos, dass Frachtstücke nicht ohne weiteres irgendwo verschwinden konnten. Da Jasmin so früh eingecheckt hatte, war ihr Rucksack bei den letzten Gepäckstücken. Hoffentlich hatten die Infusionsbeutel die mechanische Belastung im Frachtraum und beim Entladen heil überstanden! Das Rollfeld leerte sich erstaunlich schnell. Jasmin hielt vergeblich Ausschau nach einem Shuttle-Bus in die Hauptstadt, schließlich mussten ja alle irgendwie weiter kommen. Sie erkundigte sich bei zwei Flugbegleiterinnen, die die Gepäckabwicklung beaufsichtigten, nach einer Transfermöglichkeit oder einem Flughafenhotel, vergeblich. Das Flugpersonal war in einem zum Teil erhaltenen Seitenflügel des Flughafens untergebracht, aber für die Passagiere gab es hier keine Übernachtungsmöglichkeit. Schwer beladen mit ihren beiden Rucksäcken ging Jasmin um das Flughafengebäude, dessen Zugang gesperrt war. Sie passierte die Tore, bewacht von zwei Soldaten mit Maschinenpistolen. Vor dem Gebäude zerstreuten sich die Menschen rasch. Fast alle wurden abgeholt; Sie hatten offensichtlich ihre Ankunft besser vorbereitet als Jasmin die ihre. Zweimal bat sie vergeblich, ob man sie mitnehmen könnte, aber die Autos waren bereits besetzt. Hier gab es nicht mal Schutz, wo sie die Nacht auf ihrer Matte hätte verbringen können, Jasmin fühlte Frust und Ärger aufsteigen. Frust, dass nach der langen Anreise ihre Weiterreise schon am Flughafen behindert wurde. Ärger auf sich, dass sie diese Probleme nicht vorausgesehen hatte. Unentschlossen blieb sie in Sichtweite der Wächter stehen, vielleicht würden sie ja mal abgelöst und es ergäbe sich eine Mitfahrgelegenheit. Schließlich setzte sie sich an einen oben abgebrochenen Fahnenmasten gelehnt auf ihre Isomatte, legte den Kopf auf die Knie und versuchte sich einzureden, dass sie hier so weit außerhalb wahrscheinlich sicherer war, als wenn sie jetzt in der Nacht in der Innenstadt ohne Ziel herumirren würde. So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Sie wollte mit dem Shuttle in die City, dort zu einem Krankenhaus, hatte erwartet mit offenen Armen empfangen zu werden. Alle wären glücklich über Infusionen und Antibiotika. Man würde ihr ein Feldbett oder ein Zelt für ihre Matte zeigen und sie fragen, wo sie denn arbeiten möchte. Stattdessen war sie schon bei der Ankunft das erste Mal auf sich allein gestellt.
Nach einer Weile wurde es Jasmin am Mast zu unbequem. Sie suchte sich eine heil gebliebene Außenmauer des Flughafengebäudes, schnallte den Schlafsack ab, streckte sich darauf entlang der Steinmauer aus und legte den Rucksack wie einen Wall auf ihre andere Seite. Eine Weile lauschte sie auf jedes Geräusch, aber dann war sie wohl eingeschlafen und wurde erst wieder munter, als sie Motorengeräusch hörte. Sie schnappte ihre Sachen und eilte um die Mauerecke zu den Wächtern, die gerade in einen kleinen Jeep stiegen, während ihre Kollegen den Dienst antraten. Aufgescheucht durch die Geräusche, die Jasmin mit dem auf dem Boden schleifenden Schlafsack erzeugte, zielten die Soldaten mit den Waffen auf die sich nähernde Person. Jasmin blieb prompt stehen, stellte den nur rasch in die rechte Hand genommenen kleinen Rucksack neben sich auf den Boden und ließ Matte und Schlafsack links niedersinken, erhob die freien Hände auf Kopfhöhe und rief „Pas de danger! Pas de danger!“ Einer der abgelösten Soldaten stieg aus und kam zu ihr rüber. Er erinnerte sich an die Frau, die abends auf der Suche nach einem Bus gewesen war. „Que voulez-vous?“, fragte er knapp. Jasmin kam sich lächerlich vor mit den erhobenen Händen, als ob sie ein ertappter Verbrecher wäre, nahm sie langsam runter und faltete sie vor dem Bauch. Sie erklärte, dass sie als deutsche Ärztin gekommen war, um zu helfen, aber keine Möglichkeit gefunden hatte, zum Krankenhaus nach Port-au-Prince zu gelangen. Sie bat, dass man sie mitnähme. Der junge Mann rief etwas rüber zum Wagen, kurze Diskussion hin und her, dann machte er ihr ein Zeichen, zum Auto zu gehen. Er folgte ihr mit ein paar Schritten Abstand. Jasmin musste ihr Zeug allein schleppen, aber er stemmte die Rucksäcke hinten auf die kleine Ladefläche, ließ sie auf den Mittelplatz und setzte sich an die Tür. Jasmin wäre am liebsten wieder ausgestiegen. Sie hasste diese Enge und eingezwängt zwischen zwei fremde Militärangehörige zu sein, erschien ihr eher bedrohlich als beruhigend, doch wie sollte sie sonst an ihr Ziel kommen? Der Jeep startete. Jasmin versuchte trotz der Ruckelei auf unebener Straße möglichst wenig Körperkontakt zu ihren Nachbarn zu haben. Sie erinnerte sich an psychologisches Briefing für andere Einsätze, wo man auch mit Entführung und Vergewaltigung rechnen musste. „Bau eine persönliche Verbindung auf, lenke sie ab, gib ihnen keine Zeit auf dumme Gedanken zu kommen …“ Jasmin betonte, wie froh sie war, dass man sie in die Stadt bringe, dass sie als Notärztin den Schwerverletzten helfen wollte, dass sie als Anästhesistin bei schwierigen OPs gebraucht würde, dass Intensivmedizin Spezialisten brauchte, dass sie schon öfter mit „Ärzte ohne Grenzen“ in Krisengebieten war. Wie sollte sie eine Beziehung aufbauen, wenn sie doch fürchtete mit jeder Frage über die Situation in der Stadt oder die Familien Wunden bei den Männern aufzureißen? Sie prüfte jeden Satz, ob er unverfänglich war, versuchte insbesondere den Beifahrer ins Gespräch zu ziehen, wo denn seiner Meinung nach am dringendsten Hilfe benötigt wurde, was ausländische Helfer tun sollten, welche Hilfsgüter am wichtigsten seien … Plötzlich bog der Wagen unerwartet von der Straße nach links ab auf einen steinigen Feldweg. Jasmins Gedanken arbeiteten auf Hochtouren, was könnte sie tun, sobald der Wagen stehen blieb. Der Fahrer wandte sich ihr kurz zu: „…cassé …“. „Kaputt“, schnappte Jasmin nur auf. Wollte er ihr sagen, dass die Straße kaputt war und sie deswegen einen Umweg machten? Sie war viel zu angespannt, um noch ein Gespräch am Laufen zu halten. Auf der Uhr im Armaturenbrett sah sie, dass es morgens kurz nach ½ 5 war. Es wurde schon etwas heller. Sie entdeckte viele Fahrzeugspuren auf dem Nebenweg, was dafür sprach, dass die beiden sie nicht an einen einsamen Fleck entführen wollten. Langsam sank ihr Adrenalinspiegel wieder etwas ab. Jetzt spürte sie ihren Hunger und vor allem Durst. Sehnsüchtig dachte sie an ihre Dose Cola in der Jacke, aber wollte sie nicht vor ihren Nebenmännern raus holen und trinken, sondern begnügte sich mit dem Gedanken, dass sie in der Stadt angekommen zuerst den quälenden Durst löschen wollte.
Ankunft in Port-au-Prince
Trotz der Distanz von nur rund 30 km vom Flughafen zur Stadt, zog sich die Fahrt endlos hin. Die Haitianer waren stumm, wahrscheinlich müde von ihrem nächtlichen Dienst, aber sie schienen nicht gefährlich zu sein. Jasmin war heilfroh, als sie sich der Stadtgrenze von Port-au Prince näherten. Haitis Hauptstadt zählte laut Wikipedia ca. zwei Millionen Einwohner, wobei man allerdings in den zahlreichen Slums nie genau wusste, wie viele Menschen dort lebten. Es war gespenstisch, im Licht der aufgehenden Sonne an den Ruinen und Schuttbergen vorbei zu fahren. Der Jeep musste sich hier den Weg im Schritttempo über die kaum erkennbare Straße suchen, um Steinhaufen zirkeln, hupend Überlebende aus dem Weg treiben, um von dem größtenteils zerstörten Außenbereich ins Zentrum vorzudringen. Jasmins Augen konnten gar nicht so rasch die vielfältigen Eindrücke ans Gehirn melden. Natürlich erinnerte vieles an die zerstörten Häuser und Hotels 2006 nach dem Tsunami in Thailand, aber hier schienen die eingestürzten Gebäude kein Ende zu nehmen. Vereinzelt mal ein Haus oder eine Hütte, die zumindest teilweise erhalten geblieben waren, aber sie wirkten fremd wie sie zwischen den meterhohen Steinbergen herausragten. Jasmin kannte ähnliche Bilder von den bombenzerstörten Städten im 2. Weltkrieg, aber auf den Schwarz-Weiß-Fotos oder Wochenschau-Filmen hatte man nicht in Bunt die Möbel, Kleidung, Decken und persönlichen Sachen aus den Trümmern herausstechen sehen. Autos waren zerbeult oder verschüttet. Strom, Gas, Wasser abgeschaltet. Am Straßenrand, wenn man ihn noch als solchen bezeichnen konnte, hockten überall Menschen. Unzählige, kaum bekleidete Kinder sahen mit großen Augen auf, wenn sich der Wagen näherte. Stapel von „Lumpen“, die sie erst nach mehreren solchen Anhäufungen als Leichenhaufen erkannte, entlang des Wegs. Je weiter sie stadteinwärts gelangten, umso langsamer kam der Wagen voran, kam immer wieder zum Stillstand, bis sich das Straßengewühl teilte und einen schmalen Gang freigab. Schließlich hielt der Fahrer an einem kleinen Platz an, stellte den Motor ab und stieg nun selbst aus. Unsicher, was sie tun sollte, schaute Jasmin den Beifahrer an, der daraufhin ebenfalls ausstieg, ihr die Hand bot, um sie beim Aussteigen zu unterstützen, und dann ihr Gepäck annahm, das der Ältere von der Ladefläche herunterreichte. Jasmin breitete als erstes ihre Matte auf dem Boden aus, legte den eingestaubten Schlafsack darauf und rollte beides miteinander zusammen, befestigte ihre Schlafstatt unten an ihrem großen Rucksack und schlüpfte in die Trageriemen, als der junge Soldat ihn ihr hochhielt. Beinah wäre sie rücklings gestürzt, als die 30 kg plötzlich ihren Körperschwerpunkt verlagerten, nachdem der Soldat losgelassen hatte. Er griff rasch nach ihrer Hand und bewahrte sie vor einem Sturz. „Merci bien“, dankte Jasmin umgehend. Jetzt in der Morgensonne konnte sie gar nicht mehr verstehen, dass sie vor den beiden hilfsbereiten Soldaten eine derartige Angst gehabt hatte. Erleichtert, dass sie endlich am erhofften Ziel war, schnallte sie sich den schwarzen Rucksack mit ihren persönlichen Sachen vorne um und verabschiedete sich mit aneinander gelegten Händen und einer leichten Kopfbeugung, einer Abschiedsgeste aus Asien, die aber erfahrungsgemäß weltweit verstanden wurde. Der Fahrer zeigte mit ausgestrecktem Arm nach links und stieg wie sein Untergebener wieder ein. Sie bogen nach rechts ab. Mit den 11 kg des kleinen Rucksacks vor dem Bauch war es etwas leichter, das Gleichgewicht wieder zu finden. Jasmin machte die ersten Schritte in die angegebene Richtung.
Straßenambulanz in Port-au-Prince
Sie war so mit sich beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie sich ein Menschenauflauf um sie angesammelt hatte. Natürlich fiel sie hier als Weiße gleich auf, noch dazu mit ihrem Gepäck. Als der Wagen sich entfernte, schloss sich der dunkle Kreis dicht um sie. Alle Augen schienen auf sie gerichtet: Argwöhnische, neugierige, hungrige, traurige, ablehnende, fragende, wartende Augenpaare. Wieder hob Jasmin ihre Hände neben den Kopf, nutzte das Symbol der offenen Handflächen, um ihr friedfertiges Kommen zu signalisieren. Hatten die Erwachsenen noch ca. 1 m Abstand zu ihr gelassen, war das Innere des Kreises nun mit vielen kleinen Kindern ausgefüllt. Wieder arbeitete Jasmins Gehirn fieberhaft. Zwar waren die Menschen sicher nicht böse, aber vielleicht verzweifelt genug, um ihr die prall gefüllten Rucksäcke abzunehmen, in der Hoffnung irgendwas Brauchbares zu finden. Sie versuchte, einen Schritt in die angegebene Richtung zu machen, aber die Menschen wichen nicht zur Seite, sondern bildeten eine bunte, stumme Wand. „Verschaff dir Respekt! Biete ihnen deine Hilfe an! Verbünde dich mit ihnen gegen das Unglück“, ermunterte Jasmin sich selbst. Durch den Rucksack vor ihrem Bauch hatte sie ein stark eingeschränktes Gesichtsfeld nach vorne und unten, konnte sich deswegen nur unbeholfen bewegen. Kurz entschlossen schnallte sie ihn wieder ab, zeigte mit der rechten Hand auf sich:„Je suis docteur.“ Sie nahm eines der kleinen Kinder vor sich hoch auf den Arm, schaute dem verdutzten Mädchen in die Augen, indem sie die Augenlider etwas hochzog, streckte die rechte Hand mit dem Daumen nach oben zeigend vor und sagte besonders laut „ok“. Setzte das erste Kind, das inzwischen zu weinen begonnen hatte, vorsichtig wieder runter, entdeckte rechts von sich einen ca. sechsjährigen Jungen mit stark verkrusteten Blutstreifen auf dem linken Arm. Sie hielt mit ihrer linken Hand auf dem Schlüsselbein des Buben liegend die Schulter fest und bewegte vorsichtig den Arm des Kindes in jede Richtung. Freie Beweglichkeit in den Gelenken, also wie erwartet nur eine Weichteilwunde am Oberarm. Wieder machte sie die Faust mit nach oben gestrecktem Daumen, lächelte ihren Patienten an und sah sich scheinbar emsig nach weiteren Verletzten um. Sie registrierte, dass sie ein kleines bisschen mehr Spielraum zur Verfügung hatte. Die Stimmung entspannte sich, man nickte ihr zu, ließ Überlebende mit Verletzten durch die Reihen um sie rum nach innen. Was nur als deeskalierende Maßnahme gedacht war, begann sich zu einer Straßenambulanz zu entwickeln. Was konnte Jasmin hier ohne Hilfsmittel und im Straßendreck schon erreichen? Sie war jahrelang als Notärztin zu Unfällen gekommen und wusste, dass oft die Unverletzten ihren ärztlichen Beistand dringender benötigten als die Unfallopfer, um die man sich meist nach der Erstversorgung in Ruhe weiter medizinisch kümmern konnte, aber die Angehörigen gerieten in Panik, heulten hysterisch, kollabierten oder bekamen Herzanfälle, sie galt es zu beruhigen. Auch hier auf diesem gedrängten Platz sah Jasmin ihre Hauptaufgabe darin, den Familien und Freunden Hoffnung zu machen, dass es den Erdbebenopfern bald besser gehen würde. Nach dem fünften oder sechsten Patienten holte sie ihr Stethoskop aus dem Rucksack, mehr als Accessoire ihrer Autorität denn als medizinisch notwendiges Hilfsmittel. Was sollte es auch nützen, wenn sie jetzt trotz der Geräuschkulisse einen Herzfehler hörte oder Zeichen einer Lungenstörung wahrnahm? Sie spürte, wie sie nach jedem Untersuchten selbstbewusster wurde, fragte nach Wasser zum Reinigen von Wunden – natürlich vergeblich – schnitt mit ihrer Verbandsschere, die sie aus der Seitentasche ihres großen Rucksacks zog, Stücke von Kleidung der Opfer ab und machte daraus provisorische Verbände um ihre Wunden, damit nicht noch mehr Keime durch den überall präsenten Staub eindrangen. Sie schwitzte, obwohl sie Jacke und Fleece-Pulli schon bald ausgezogen und auf ihre Rucksäcke gelegt hatte. Ihr trockener Gaumen verlangte nach der Cola, die noch immer in der Jackentasche steckte, aber es war kein Gedanke daran, jetzt davon trinken zu können. Immer neue Verletzte wurden herbeigeschleppt. Bei einigen rechnete Jasmin damit, dass sie die nächsten 48 Stunden nicht überleben würden, trotzdem lächelte sie ihnen aufmunternd zu, streichelte ihnen über die Arme oder den Kopf. Mütter mit Kleinkindern umdrängten sie, manche hingen schon apathisch als Ausdruck der Austrocknung auf den Armen der Frauen. So positiv es wegen der fehlenden Unterkünfte war, dass im Januar auf Haiti keine Regenzeit ist, so hoffnungslos war es momentan wohl, auf trinkbares Wasser zu hoffen.
Jasmin wusste nicht, wie lange sie Notfall-„Sprechstunde“ gehalten hatte, als sie sich aus der vorherrschenden gebückten Position aufrichtete. Sie musste zum Krankenhaus finden, brauchte Unterstützung und Schutz, denn bei Anbruch der Dunkelheit wollte sie nicht mehr mit ihrem Gepäck allein hier unterwegs sein. „Où est l' hôpital?“, erkundigte sie sich, aber die Hilfesuchenden drängten prompt vehementer auf sie ein. Jasmin untersuchte weiter zahlreiche Wunden, manche von ihnen hätten genäht werden müssen, alle gehörten gesäubert und verbunden. Sie konnte hier nichts ausrichten. Die Menschen brauchten vor allem Wasser: Zum Trinken, zum Waschen, zum Desinfizieren, zum Entfernen des überall präsenten Staubs. Jasmin gestand sich ein, dass sie hier ihre Zeit aus medizinischer Sicht nutzlos vertat. Sie könnte mit ihrer Ausbildung Patienten, die eine intensivmedizinische Therapie brauchten, das Leben retten. Sie könnte bei großen Operationen über das Leben der Operierten wachen, stattdessen stand sie hier und betrieb eine Basismedizin, die jeder Sanitäter oder Ambulanzpfleger hätte durchführen können. Zwar tat es den Erdbebenopfern offensichtlich gut, dass mitten unter ihnen jemand nach ihnen sah, aber Jasmin wollte medizinisch etwas leisten und nicht vorwiegend Doktor spielen, um Ängste zu beruhigen. Sie meinte, einige Brüche ertastet zu haben, riet den Betroffenen ins Krankenhaus zu gehen, da sie hier nicht mal provisorische Materialien zum Schienen hatte. Um Probleme am Zoll zu vermeiden, hatte sie keine Opiate mitgenommen, mit denen sie die stärksten Schmerzen einiger Verletzter für einige Stunden hätte lindern können, doch so stand sie mit leeren Händen dem Leid gegenüber. Wieder versuchte sie dem Ansturm zu entkommen, aber als sie den Rucksack anhob, um ihn auf den Rücken zu ziehen, griffen zig Hände nach ihr. Sie hielt die rechte Hand hoch und zeigte mit ihren Fingern „encore 5“, suchte mit den Augen Patienten aus, die aus ärztlicher Sicht untersucht werden sollten. Es war die übliche Triage, die rasche Einteilung in drei Kategorien: Dieser Patient braucht keine ärztliche Hilfe, überlebt auch so; Dieser benötigt medizinische Betreuung, um zu überleben; Dieser hat kaum Chancen zu überleben, bekommt erst medizinische Hilfe, wenn die anderen mit besseren Überlebenschancen versorgt sind. Drei oder vier ihrer heutigen Patienten würden wohl kaum überleben. Die meisten der sie umgebenden Verletzten würden auch ohne Hilfe überleben, nun wollte sie noch welche rausfischen, die sich irgendwo für weitere ärztliche Hilfe vorstellen sollten. Es war erstaunlich ruhig, als die Ärztin die Wartenden musterte. Sie entdeckte ein junges Mädchen in der dritten oder vierten Reihe, dessen Gesicht rot-blau aufgeschwollen war, das rechte Auge verschlossen, die Nase schien nach links verschoben. Als Jasmin auf die junge Haitianerin zuging, öffneten sich die inneren Ringe ein wenig, um sie durch zu lassen. Mit bereits total verdreckten Einmalhandschuhen tastete die Medizinerin erst die Schädelkalotte, dann das Gesicht ab. Der rechte Jochbogen war mehrfach gebrochen, aber die Kieferknochen schienen intakt. Wenn man den Jochbogen operativ richtete, konnte man dem Mädchen sicher dauerhaft helfen. Sie zog ihren Rezeptblock, der ihre Mitteilung legitimieren sollte, zum sechsten Mal aus der hinteren Hosentasche, vermerkte „Multiple fractures of the right os zygomaticum“ und drückte den Zettel einer Frau, die das Mädchen jetzt umarmte, in die Hand. Jasmin erklärte den beiden, dass sie unbedingt zu einem Krankenhaus gehen sollten, um die Fraktur richten zu lassen. „Merci, merci bien!“, dankte die Ältere. Jasmin hoffte, dass das Mädchen tatsächlich einen Operateur fand.
Erst jetzt registrierte Jasmin mit Schrecken, dass sie sich von ihrem Gepäck ein ganzes Stück entfernt hatte, wusste nicht einmal mehr genau, wo sie vorher gestanden hatte, aber die Menschen machten ihr respektvoll Platz und zeigten ihr mit der sich bildenden Gasse wie sie zurück zu ihren Rucksäcken kam. Noch vier Fälle hatte sie der Menge versprochen. Langsam drehte Jasmin sich suchend um ihre eigene Achse, winkte einer Gruppe von Männern zu, die einen jungen Kerl auf einem Brett sitzend hielten, der nach Luft zu ringen schien. Sein linker Brustkorb war deformiert und bewegte sich kaum. Irgendetwas Schweres hatte ihm zahlreiche Rippen mehrfach gebrochen, dabei war die Lunge wahrscheinlich aufgespießt worden, er müsste dringend operiert und mit Druckluftbeatmung versorgt werden. Sie legte ihr Stethoskop auf dem Thorax auf. Links kein Atemgeräusch, die Lunge war kollabiert. Jetzt hätte sie gerne zumindest rasch ein Röntgenbild gemacht, um ihren Verdacht auf einen Pneumothorax zu bestätigen. Wenn Luft durch eine Verletzung von Lunge und Lungenfell zwischen Lungen- und Rippenfell gelangt, ist das Vakuum zwischen den beiden Pleurablättern zerstört, die Lunge folgt nicht mehr den Bewegungen des Brustkorbs, um Luft beim Einatmen anzusaugen. Gefährlich wird es, wenn die Luft durch einen Ventilmechanismus zwischen Lunge und Brustwand nicht mehr entweichen kann, dadurch der Innendruck weiter steigt und Herz und große Gefäße verschoben werden. Jasmin musste sich entscheiden. Ein Handgriff könnte dem Mann primär das Leben retten, falls ein Ventil-Pneumothorax vorlag, aber für einen Arzt, der gewohnt ist, möglichst steril zu arbeiten, war ein Eingriff auf offener Straße, bei all dem Schmutz, ein Horror. Die möglicherweise eindringenden Keime würden den Mann sekundär an Infektionen sterben lassen, wenn er nicht antibiotisch behandelt werden konnte. Jasmin bedeutete den Trägern, den jungen Mann auf den Boden zu legen, wies an, dass je einer der Umstehenden Beine und Arme fixierte, schob das Brett seitlich unter den linken Oberkörper. Ein Mann hockte sich und nahm den Kopf des Thoraxpatienten in den Schoß, hielt ihn mit den Händen seitlich fest. Jasmin holte die größte Kanüle, die sie im Gepäck hatte, aus ihrer Rucksackseitentasche, legte sie noch eingepackt dem Patienten auf den Bauch und umfasste den Brustkorb des Mannes mit beiden Händen. Die gespreizten Finger spürten links die Fragmente der gebrochenen Rippen. Mit sanftem Druck versuchte sie die Knochenteile in eine annähernd anatomische Position zu schieben. Auch in Deutschland hätte sie bei einer Rippenserienfraktur wenig mehr tun können. Ein Gips am Brustkorb war unmöglich und von dem früher üblichen Bandagieren war man wieder abgekommen, weil der Verband die Atmung auch auf der gesunden Seite einschränkte und weitere Komplikationen wie Lungenverklebungen oder Lungenentzündungen zur Folge hatte. Allerdings wäre ein Patient mit einem instabilen Rippenthorax unter anderen Bedingungen mit Druckbeatmung zur inneren Schienung und ausreichenden Belüftung therapiert worden. Sie tastete sorgfältig Rippe für Rippe im Seitenvergleich ab, schob die Bruchstücke in den Weichteilen in eine waagerechte Position. Anfangs versuchte der Thoraxpatient sich unter Schmerzgebrüll aus dem Griff der anderen Männer zu lösen, doch er hatte kaum noch Kraft und schnappte schon angestrengt nach Luft. Die Anästhesistin realisierte, dass das bisher erreichte Repositionsergebnis reichen musste, wenn sie ihn nicht unter ihren Händen sterben lassen wollte. Hastig zog sie die verschmierten Handschuhe aus, entnahm vorsichtig die sterile Kanüle, ertastete linkes Schlüsselbein und obere Rippen und stach die lange Nadel bis zum Plastikansatz in die linke Thoraxspitze. Die Kanüle steckte regungslos im Brustkorb. Trotz der angespannten Ruhe um sie herum, war es zu laut, als dass die Ärztin das typische Zischen bei erfolgreicher Punktion durch das Entweichen der gefangenen Luft hätte hören können. Der junge Schwarze begann tiefer zu atmen, öffnete die Augen wieder. Die Nadel begann sich leicht wippend zu bewegen. Die linke Lunge wurde wieder belüftet. Sie hatte es geschafft. Jasmin gab den Helfern ein Zeichen, den Mann frei zu geben und beobachtete wie er nach und nach ruhiger atmete. Der kaputte Brustkorb würde ihm noch wochenlang bei jedem Atemzug Schmerzen bereiten, aber er war stark und hatte eine reelle Chance zu überleben. Auf Französisch erklärte sie zwei der älteren Männern, die ihn gebracht hatten, dass er sich möglichst wenig für vier Wochen bewegen sollte, am besten sitzend schlafen sollte, um die Rippen wenig zu belasten. Geschient durch die Zwischenrippenmuskeln würden die costalen Fragmente hoffentlich wieder miteinander verwachsen. Sie sollten schauen, ob sie etwas gegen die Schmerzen für ihn auftreiben konnten. Zu Hause hätte man geduldig ausprobiert, welches Schmerzmittel in welcher Dosierung schmerzlindernd wirkte ohne eine Atemdepression zu verursachen, aber hier hoffte sie nur, dass der Jüngling es mit Glück schaffte, irgendwas gegen die erheblichen Thoraxschmerzen zu bekommen. Sie kniete noch immer neben ihrem letzten Fall, als sie eine deutsche Stimme wahrnahm: „Frau Doktor! Frau Doktor!“ Erfreut wand sie den Kopf und hielt Ausschau nach dem Rufer. Völlig unerwartet stand plötzlich ihr Flugnachbar neben ihr und half ihr auf die Füße. „Glückwunsch! Tolle Arbeit!“ Jasmin hatte sich zuvor so auf ihren Patienten konzentriert, dass sie alles andere ausgeblendet hatte. Jetzt erst entdeckte sie ein Fernsehteam, das sie im Fokus hatte, bemerkte, dass sich ein kleiner freier Platz um sie und den Thoraxverletzten gebildet hatte. Sie hatte den Umstehenden noch drei Fälle versprochen, aber sie war physisch und psychisch fix und fertig, hatte nur den einen Wunsch, hier weg zu kommen. Der Deutsche gab dem dreiköpfigen Fernsehteam ein Zeichen. Wie Bodyguards bahnten sie ihr einen Weg durch die Masse und schleppten ihre Rucksäcke mit. Ein kurzes Stück weiter bog der Trupp nach links in eine Seitenstraße ein, hier war es weniger belebt. Die drei Fremden verabschiedeten sich mit raschem Gruß, der Deutsche dankte ihnen auf Spanisch und schon verschwanden die Reporter auf der Suche nach neuen Bildern. Jasmin wäre am liebsten einfach nur auf einen der Steinhaufen gesunken, um endlich wieder zu sitzen, aber der Retter hatte sicher Recht sie anzutreiben: „Wir sollten sehen, dass wir noch ein ganzes Stück von Ihrer Straßenambulanz wegkommen, bevor neue Patienten behandelt werden wollen.“ Jasmin bückte sich, um den grünen Rucksack auf den Rücken zu ziehen, aber sie hatte keine Kraft mehr, die 30 kg auch nur anzuheben. „Nehmen Sie den kleinen“, wies der Landsmann sie an und schnallte sich die Tragriemen des großen länger, bevor er ihn mit Schwung auf seinen Rücken drehte. Dankbar zog Jasmin den schwarzen Rucksack mit einem Drittel des Gewichts auf ihren Rücken, doch sogar diese Last ließ sie fast zusammenbrechen. Tatsächlich hatte sich die Seitenstraße, die kaum noch eine freie Gasse zwischen den aufgetürmten Schutthügeln aufwies, in der Zwischenzeit mit Menschen gefüllt. Jasmin folgte dem Journalisten, der einen Weg über kleinere Stein- und Sandansammlungen suchte, was den Vorteil hatte, dass die Leute ihnen nicht so schnell folgen konnten wie auf dem ebenen Untergrund, aber es war sehr anstrengend. Jasmin befürchtete immer wieder, sich den Knöchel zu verstauchen, wenn Steine unter ihrem Tritt wegrollten oder ihr Fuß in Zwischenräumen von Holz, Steinen, Metall eingeklemmt zu werden drohte. Der GEO-Abgesandte bog mehrmals rechts und links ab, dann hielt er an und sah sich nach der Deutschen um, die ihm nur mit Mühe folgen konnte. Als sie neben ihm stand, wies er auf einen mehrstöckigen riesigen Steinkasten, dessen linke Hälfte zusammengestürzt war. „Das ehemalige UNO-Hauptquartier“, erläuterte er wie ein Touristenführer, „allein hier mindestens 100 Tote unterschiedlichster Nationalität“. An einer erhaltenen Hausecke lehnte Jasmin sich erschöpft an. Ihr fiel die Cola-Dose ein, die in der auf dem großen Rucksack oben festgeschnallten Jackentasche sein musste. Jetzt 300 ml kühle Koffeindroge war genau das Richtige! Schon als sie die Aludose in der Hand hielt, hätte sie stutzig werden müssen wegen der aufgetriebenen Form, aber Jasmin öffnete die Dose gierig und wurde von einer rausspritzenden schwarzen Fontäne erwischt, die Jasmins Polo-Shirt verdreckte. Damit waren ca. 100 ml des Getränks verloren, aber Jasmin setzte sofort an, um den Rest zu leeren, doch schon nach dem zweiten Schluck setzte sie ab. Die warme Zuckerbrühe ließ sie beinah würgen. Welch eine Enttäuschung! Ihre Durstgefühle hatte sie immer mit Gedanken an diese Reserve bekämpft, jetzt war ihre Reserve nahezu unbrauchbar und ihr Durst kam ihr noch quälender vor als zuvor. Hilflos sah sie Harald Soundso an. „Am besten ich bringe Sie jetzt zur Traumaklinik“, lenkte er sie ab und drehte sich zum Gehen. Unentschlossen hielt Jasmin die Getränkedose in der Hand. Trinken oder nicht trinken – das war hier die Frage! 100 ml Flüssigkeit waren besser als nichts, beschloss die inzwischen vom Aussehen eher an eine Obdachlose denn an eine Ärztin erinnernde Medizinerin und leerte angewidert die kleine Dose mit dem süßen Gesöff. Anfangs schleppte sie die leere Coladose noch eine Weile in der rechten Hand mit. Es widerstrebte ihr, Müll einfach so abzustellen, aber sie brauchte beide Hände, um immer wieder Halt zu suchen und ließ die Aludose schließlich in den Trümmern einer Hütte stehen. Sie musste sich derart auf die vor ihr liegenden Schritte konzentrieren, dass sie kaum etwas von den neugierigen Blicken der Haitianer mitbekam. Die Sonne brannte mit gefühlten 30 Grad herab. Der Staub, den sie bei jedem Schritt aufwirbelte, kroch in Nase, Mund und Augen. Der Gestank wurde mit zunehmender Hitze immer unerträglicher. Es mussten Hunderte von Leichen bereits im Verwesungsstadium sein. Zu Hause vor dem Fernseher hörte es sich immer so neutral an: „Es besteht Seuchengefahr!“, aber diese Zustände, wo sich die Behelfsunterkünfte neben den gestapelten Leichen befanden, der Todesgeruch allgegenwärtig war, das stellte sich keiner, der bequem im Sessel vor den Nachrichten Sitzenden, so vor. Wenn hier nicht rasch möglichst die Leichen beerdigt oder besser noch verbrannt wurden, würde es nach der ersten Welle der Erdbebentoten bald eine zweite der Seuchenopfer geben. Sauberes Wasser zum Trinken und Kochen war rar. Die hygienischen Verhältnisse erschienen der Ärztin katastrophal. Das menschliche Leid erschütterte die Deutsche zutiefst.
Jasmin konnte nicht mehr weiter und ließ sich einfach auf eine aus dem Schutt ein kleines Stück herausragende Holztür fallen. Sie zog den Ballast ab und ließ ihren Kopf nach vorne auf die angezogenen Knie sinken. Bei ihren anderen Hilfseinsätzen waren sie als internationale Helfer in Gruppen unterwegs gewesen, wurden zu den Einsatzorten gefahren, waren meist von mindestens zwei bewaffneten Blauhelm-Soldaten beschützt worden. Durch ihren kopflosen Aufbruch war sie hier auf sich allein gestellt und nach noch nicht mal 24 h auf Haiti am Rande der Dekompensation. Die Menschen um sie herum waren mit eigenen Problemen beschäftigt, warfen Blicke zu ihr rüber, aber man ließ sie in Ruhe. Sie wäre am liebsten eingedöst. Momentan war ihr alles egal, aber der Deutsche war zurückgekommen, packte sie am Arm und forderte sie auf: „Kommen Sie, noch ein kurzes Stück, dort können wir dann eine Pause machen!“ Er war ihr unangenehm aktiv. Ihm schien die Hitze nichts auszumachen. Nicht größer als Jasmin und kaum athletischer gebaut eilte er mit dem dreifachen Rucksackgewicht durch die zerstörte Stadt als ob es ein Wettrennen war. Ihr Körper brauchte Erholung, sonst kollabierte sie bald. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie weiter mussten. Noch siegte ihr Kopf. Sie richtete sich auf und war dankbar, dass der andere ihr den schwarzen Rucksack hochhob und in die Schulterriemen half. Aus Rücksicht auf sie schlug er ein langsameres Tempo an, führte sie noch eine subjektive Ewigkeit weiter, bis er vor den Ruinen der großen katholischen Kathedrale kurz anhielt, dann durch das zerstörte Portal einige Meter in die oben offene Kirche trat. Er hielt an und stellte den grünen Rucksack an einer z.T. erhaltenen Seitenmauer ab, anschließend half er Jasmin mit dem schwarzen. „Hier ist es kühler und sicher“, behauptete er mit ruhiger Stimme. Sie waren nicht allein. Ca. 30 Leute waren damit beschäftigt, die Kirchenbänke und die Mittelgasse von den eingestürzten Dachmassen zu befreien. Die Stufen zum zerbrochenen Altarbild waren frei geräumt und Gläubige knieten betend davor. Tatsächlich spendeten die dicken Steinmauern noch immer etwas kühlen Schutz. Eine Weile betrachteten beide vor den Rucksäcken sitzend die unwirkliche Szene: Das Blau des Himmels, das sich statt des Dachs über der Kathedrale spannte, bot einen kräftigen Kontrast zu den sandfarben-rötlichen Mauerresten, die in unterschiedlicher Höhe hinaufragten. Wenn man sich in diesem riesigen Bauwerk aus großen Steinen befand, bekam man ein Gefühl dafür, welch immense Energie in dem letzten Erdbeben steckte. Jasmin war sich der Gefahr von kleineren Nachbeben, die laut der Geologen in Internetartikeln noch zu erwarten waren, bewusst. Die Bevölkerung war darum ausdrücklich aufgefordert worden, noch nicht wieder in ihre festen Behausungen zurückzukehren. Langsam sammelten sich Jasmins Kräfte, zumindest mal die geistigen, wieder: „Woher kennen Sie sich hier so gut aus?“ „Ich habe im Rahmen einer Forschungsarbeit vier Monate auf Haiti gelebt, um die tektonischen Bewegungen der nördlichen Septentrional- und der südlichen Enriquillo-Platain-Garden-Verwerfung zu messen. Der größte Teil Haitis besteht aus Auffaltungsgebirgen. Jahrelang bin ich 1-2x pro Jahr zurückgekommen, um an diversen Messpunkten Daten zu sammeln. Die jährliche Drift beträgt zwar nur ca. 7 mm, aber die Platten sind in Bewegung. Von meinen Aufenthalten habe ich noch einige Freunde auf der Insel – hoffe ich zumindest. Ich werde in den nächsten Tagen rumreisen und schauen, wer das Beben überlebt hat. Als Reporter schreibe ich über das Unglück für die Menschen, aber als ehemaliger Wissenschaftler interessiert mich, was an den Messstellen jetzt für Veränderungen sind, ob man eine Prognose erstellen kann, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für weitere kleine Beben ist und ob man den älteren Vorschlägen mancher Geologen folgen sollte, die Hauptstadt nicht hier an so einem gefährdeten Punkt wieder aufzubauen, sondern eher im Norden. Da die Karibische und die Nordamerikanische Platte seit Jahrhunderten in Bewegung sind, gab es schon einige schwere Erdbeben auf Haiti, zuletzt vor rund 200 Jahren. Bereits 2008 wurde in einer Forschungsarbeit ein baldiges Erdbeben der Stärke 7,2 vorausgesagt, nachdem es ca. 40 Jahre an der Verwerfung auffallend ruhig war. Es ist typisch für eine voll geblockte Verwerfung, dass plötzlich eine enorme Energie freigesetzt wird wie seit dem 12. Januar. Rund 15 Nachbeben in den letzten drei Tagen, die Magnituden über 5,0 aufwiesen!“ Jasmin wunderte sich, wie der sonst so ruhige Mittvierziger durch den Eifer der Erklärungen 20 Jahre jünger wirkte. „Wie kommen Sie denn von hier weg? Eisenbahnlinien, Straßen, alles scheint zerstört!“ „Einer meiner Bekannten hat einen kleinen Hubschrauber, mit dem er zahlungskräftige Touristen bei Rundflügen transportiert hat. Er hat sich bereit erklärt, mich auf Kosten von GEO die 30 km nach Léogâne zu fliegen. Von dort werde ich mich irgendwie weiter durchschlagen. – Geht es wieder?“ „Wie weit ist es denn noch?“ „Ungefähr 2 km, aber ich habe keine Ahnung wie gut wir in die Richtung vorankommen.“ „War das Zufall, dass Sie an dem Platz aufgetaucht sind?“ „Nein! Eine Journalistin, die ich traf, erzählte, dass eine Weiße dort auf der Straße praktiziere. Ich dachte, dass ich Ihnen vielleicht behilflich sein kann. Unterwegs traf ich u.a. das spanische Kamerateam und bat sie mitzukommen, da die Lage wegen der Überfälle und Plünderungen sehr unübersichtlich ist, zumal mit großem Gepäck wie Sie es haben!“ „Das war ausgesprochen nett von Ihnen! Ich bin Ihnen sehr dankbar!“ „Nennen Sie mich Harry!“, bot der Jüngere an. „Jasmin!“, ging die Ältere auf das Duz-Angebot ein.
Trinité-Behelfs-Lazarett in Port-au-Prince
Die Erholungspause hatte Jasmin gut getan. Sie folgte Harry mit frischer Energie. Das Krankenhaus, das „Ärzte ohne Grenzen“ 2006 aufgebaut hatte, lag in großen Teilen zerstört vor ihnen. Im Innenhof einer gegenüber liegenden Apotheke wurde in den ersten Stunden notfallmäßig behandelt, dann war ganz in der Nähe ein Zeltlazarett entstanden mit langen Warteschlangen bis weit auf die Straße. Jasmin bedankte sich herzlich bei Harry und übernahm ihren großen Rucksack wieder selbst. „Was werden Sie denn nun machen?“ „Ich weiß noch nicht, ob ich hier bleibe oder in einer der anderen Städte arbeiten werde. Ich muss mir erst einmal einen Überblick verschaffen.“ „Wenn Sie wollen, können Sie morgen mit mir nach Léogâne reisen, es sind noch zwei Plätze im Hubschrauber frei! Überlegen Sie es sich! Ich komme morgen um 10 Uhr nochmals hier vorbei. Die ärztliche Versorgung ist außerhalb der Hauptstadt sicher um Vieles schlechter!“ Harry nickte ihr zu und wandte sich um. Nun wieder schwer beladen wandte Jasmin sich an den nächststehenden Soldaten, der eine Maschinenpistole quer vor der Brust in den Händen haltend den Zugang zur Zeltstadt bewachte. „Je suis Docteur Wagner de l' Allemagne et je cherche le responsable“, stellte Jasmin sich vor und ließ sich den Weg zum Hauptverantwortlichen erläutern. Wenig später fand sie das Zelt, das als Hauptbüro ausgewiesen war, leer vor. Also fragte Jasmin sich weiter durch, bis sie in einem Behandlungszelt dem ärztlichen Leiter gegenüberstand, sich auf Französisch vorstellte und ihre Hilfe anbot. Der Haitianer mit weißen Haaren empfing sie freundlich. Er bot ihr einen Becher Wasser an, den sie gierig leerte. Höflich erklärte er der jüngeren Kollegin, dass er keine Zeit habe und rief eine junge Mulattin herbei, die ihr das Notkrankenhaus zeigen sollte. Zuerst führte die junge Schwester, die sich mit „Hélène“ vorstellte, Jasmin zum Apotheken-Zelt, das von vier Soldaten bewacht wurde, da dort außer Medikamenten und medizinischen Geräten auch sonst alles Wertvolle und die persönlichen Dinge der Mitarbeiter aufbewahrt wurden. Erschöpft stellte die Ärztin ihre beiden Rucksäcke ab und behielt nur ihren Bauchgurt mit Geld und Papieren bei sich. Von 40 kg Last befreit konnte Jasmin wieder freier ausschreiten und mühelos der jungen Führerin folgen, die ihr bereitwillig auf Französisch alle Fragen beantwortete. Hélène stellte sie vielen Mitarbeitern als Ärztin aus Deutschland vor und nannte ihr Namen, Herkunftsland und Aufgabengebiet der zum Teil aus europäischen Ländern stammenden Kollegen.
Jasmin war beeindruckt, wie gut organisiert das Lazarett wirkte. Die Patienten lagen zwar größtenteils auf Decken am Boden, aber sie hatten saubere Verbände. Verschiedene Infusionen hingen von den Zeltquerstangen. Das medizinische Personal schien zu wissen, was es wo zu tun hatte. Es herrschte trotz der räumlichen Enge eine erstaunliche Ruhe – zumindest im hinteren Bereich, wo die stationären Patienten versorgt wurden. Ein größeres Zelt wurde als Intensiv-Einheit benutzt. Sechs Feldbetten, fünf davon belegt mit offensichtlich Schwerverletzten. Zwei Patienten hingen an Beatmungsgeräten, die das Zelt füllten mit dem Lärm der Pumpen, die die warme Luft in die Körper drückte. In den meisten Zelten waren der vordere und hintere Zeltbahnenanteil zur Seite geschlagen, um den Brutkasteneffekt zu mindern und die geringen Luftbewegungen durch die „Zimmer“ streichen zu lassen. Welch ein Kontrast zu den möglichst sterilen Beatmungszellen einer deutschen Intensivstation! Zwei EKG-Geräte stellten die Herzströme von Patienten dar. Jasmin fiel auf, dass die Elektrodenklemmen gewechselt wurden. Man erklärte ihr, dass alle paar Minuten umgesteckt wurde, um so je zwei oder drei Patienten mit den beiden einzigen vorhandenen Monitoren überwachen zu können. Ansonsten kreuzten verschiedenste Kabel und Infusionsschläuche über die Körper der Intensivpatienten wie es in einem normalen Krankenhaus auch nicht anders gewesen wäre. Zuletzt führte Hélène den Gast zu den beiden Ambulanzzelten, vor denen ebenfalls Soldaten postiert waren und für Ordnung bei dem riesigen Andrang an Hilfesuchenden sorgten. Was für ein anderes Arbeiten als ihre morgendliche Spontansprechstunde! Hélène verschwand. Jasmin sah längere Zeit mal in dem einen, mal in dem anderen Untersuchungszelt zu. Je drei Patienten befanden sich in jeder der Ambulanzen gleichzeitig. Die Arzthelferinnen oder Schwestern machten eine Kurzanamnese, füllten Formulare aus, entkleideten wenn nötig die Patienten, reinigten Wunden mit Braunol, einem bräunlichen Wunddesinfektionsmittel. Sie versorgten kleinere Blessuren mit Salben und Verbänden, wenn der diensthabende Ambulanzarzt mit seiner Untersuchung fertig war und entsprechende Anweisungen mit für Jasmin unverständlichen Lauten gab. Alles lief bewundernswert reibungslos. Wer weitere medizinische Hilfe benötigte, z.B. eine Infusion, chirurgische Intervention oder fachärztliche Untersuchungen wurde von Helfern in dahinter liegende weitere Zelte gebracht. Auf diese Art hatten die Ambulanzzelte einen immensen Durchlauf, um den manche deutsche Praxis sie beneidet hätte.
Nach einer Weile als Zuschauerin hätte Jasmin gerne selbst etwas Sinnvolles gemacht statt wie eine junge Hospitantin nur daneben zu stehen, aber da beide Ambulanzärzte ihr Angebot, ihnen Arbeit abzunehmen, dankend ablehnten, machte sie sich allein auf einen Erkundungsgang. Man könnte meinen, man befände sich in einem Kriegslazarett, so viel Militärpräsenz zeigte sich in dem Behelfshospital. Die deutsche Ärztin fragte nach einer Kantine, da sie seit dem mageren Abendessen im Flugzeug seit 21 h nichts mehr gegessen hatte. Ohne Badge oder Ausweis wurde ihr der Zugang zum Essenszelt verwehrt, so blieb ihr nichts anderes übrig, als wieder den Ärztlichen Leiter zu suchen. Die Zelte standen eng nebeneinander in einer Anzahl, dass sie sich mehrfach verirrte, bis sie zumindest das „Apotheken-Zelt“ entdeckte, aber auch hier wurde sie ohne Legitimation nicht rein gelassen. Niemand der Mitarbeiter kümmerte sich um sie. Alle waren beschäftigt. Jasmin kam sich überflüssig, ja sogar störend, vor. Sie fragte sich durch zum OP-Zelt und durfte nach einigen Erklärungen, warum sie da war, von einer Zeltwand aus zusehen. Einem älteren verschütteten Mann wurde die rechte Niere entfernt, kein kleiner Eingriff. Sie konnte den Anästhesisten, verdeckt durch Tücher und Beatmungsgerät, kaum hinter dem Kopfende sehen. Das Zelt hatte eine Art Linoleum-Boden, einen OP-Tisch, Monitore und Geräte, sogar mehrere OP-Lampen, die das OP-Gebiet in gleißendes Licht tauchten. Neben dem Zelt arbeitete unüberhörbar ein Generator, der den nötigen Strom erzeugte. Jasmin bewunderte, was hier in wenigen Tagen behelfsmäßig aufgebaut worden war, um den Krankenhausbetrieb fortzusetzen. Nach der Nephrektomie nutzte Jasmin die Zeit bis zur nächsten OP, um mit dem einheimischen Narkosearzt zu reden. Sie erfuhr, dass zum Glück das Lager und die Apotheke des Krankenhauses weitgehend verschont geblieben waren, so dass sie am Morgen nach dem Erdbeben direkt ärztlich tätig werden konnten, hingegen waren die Trakte mit den Patientenzimmern, Operations- und Untersuchungsräumen, Archiv und Verwaltung unzugänglich. Die Hauptstadt besaß vor der Zerstörung mehrere Hospitäler und mobile Kliniken, also gab es trotz einiger Toter auch unter den Kollegen noch viele Ärzte, Krankenschwestern, medizinisches Hilfspersonal, die den Tausenden von Verletzten Rat und Tat zukommen ließen. Laut Frederic, dem haitianischen Anästhesisten, gab es mehrere Lazarette über die Stadt verteilt und täglich wurden neue Zelte der amerikanischen Armee errichtet, um den Obdachlosen in Provisorien Unterschlupf zu bieten. Tagelang hätten Hunderttausende Erdbebenopfer auf den Straßen gelebt, da weitere Beben erwartet wurden, die erfreulicherweise genauso wenig bisher stattgefunden hatten wie der primär angekündigte Tsunami, der wahrscheinlich allein auf den Halbinseln die Zahl der Toten noch um ein Vielfaches erhöht hätte. Während der Unterhaltung wurde die nächste Operation vorbereitet, eine Amputation des rechten Arms bei einem zehnjährigen Mädchen, das mehrere Stunden mit eingeklemmtem Arm unter Trümmern gelegen hatte. Die Ärzte hatten sie vor zwei Tagen aufgenommen und nach einer Versorgung der oberflächlichen Wunden gehofft, dass der Arm zu retten wäre, doch zu viele Gefäße waren zu lange abgedrückt oder zerrissen. Wenn man ihn nicht vom Körper abtrennte, würden die Giftstoffe der absterbenden Extremität in weiteren 2-3 Tagen das Kind umbringen. Wieder bot Jasmin ihre medizinische Hilfe an, aber auch dieser Kollege lehnte freundlich ab, sondern bot ihr seinen Badge an, damit sie etwas Essen gehen konnte.
Als Jasmin vor einem Teller Reis mit einer scharfen Sauce saß, ließ sie den Tag Revue passieren. Die letzten 24 h waren voller unterschiedlichster Eindrücke. Wie sollte es die nächsten zwei Wochen weiter gehen? Während sie noch Vor- und Nachteile abwog, in Port-au-Prince zu bleiben oder Harrys Angebot ins Ungewisse anzunehmen, erschien der haitianische Chefchirurg, der die allgemeine Leitung inne hatte, neben ihrem Tisch und bot ihr an, sie könnte heute bei ihm und seiner Familie übernachten. Dankbar folgte sie dem Ärztlichen Leiter zum „Apotheken-Zelt“, holte nur ihren kleinen Rucksack mit ihren persönlichen Sachen und ihre Jacke, bevor sie dem Arzt, der sich inzwischen umgezogen hatte, zu seinem Wagen hinterher eilte. Überrascht stellte Jasmin fest, dass manche Straßen recht gut zu befahren waren. Der Einheimische wies sie auf Französisch auf den zerstörten Präsidentenpalast hin, dessen erhaltene Kuppeln auf den eingestürzten Mauern wie Hüte aufsaßen. Er zeigte auf ein ebenfalls zerstörtes Hospital. Andere Gebäude sahen nahezu unversehrt aus. In der Dunkelheit sah Jasmin im Scheinwerferlicht auftauchende provisorische Hütten. Viele Haitianer hausten mit ihren geretteten Sachen am Straßenrand, oft bis auf die Fahrbahn reichend. Trotz der späten Stunde waren überall noch Menschen unterwegs. Kinder hockten und spielten auf der Straße. Polizei und Militär patrouillierten ständig mit schussbereiter Waffe. Jasmin erfuhr, dass es schon zu einigen Toten durch Auseinandersetzungen bei Plünderungen gekommen war. Im Krankenhaus waren aus den Trümmern Medikamente gestohlen worden. Als ein Pfleger mutig die Täter aufhalten wollte, wurde er niedergestochen und verblutete ehe man ihn zum OP-Zelt tragen konnte. Ohne die Tausende Soldaten, die aus den USA entsandt waren, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, hätte das Recht des Stärkeren oder Skrupelloseren längst die Oberhand gewonnen. Ihr Gastgeber berichtete von den angelaufenen Hilfen, die vor allem von der Dominikanischen Republik aus erfolgte, die weitgehend vom Erdbeben verschont geblieben war. Sie nahmen zahlreiche Verletzte in ihren Gesundheitseinrichtungen entlang der Grenze auf, entsandten schon am 13.1. Hilfslieferungen mit Nahrung, Wasser, Matratzen und Decken sowie mobile Kliniken und Küchen. Das schwere Gerät wie Baumaschinen, Bagger, Planierraupen brauchte einen Tag länger für die Anfahrt. Wegen der Insellage gestaltete die externe Versorgung sich schwieriger als bei anderen Ländern. Auf Haiti waren Flughäfen und Transportwege momentan kaum benutzbar. Die Transportwelle an Hilfsgütern musste nun auf diversen Wegen über kleinere Flughäfen, mittels Fallschirmen, mühsam über Land, über die Berge oder wegen des ebenfalls zerstörten Hafens mit kleineren Booten über Wasser aufgeteilt nach Haiti gebracht werden. Die Hauptstadt und kleinere Städte an der Küste wurden von extern täglich besser versorgt, aber die Lage in den entfernteren Orten sei noch ziemlich unklar. Man wisse nur wenig darüber, wie es im Hinterland aussehe, wie die medizinische Versorgung und die Ernährungslage sei …... Der Chefarzt war auch politisch aktiv, gehörte zur Opposition und machte der – wenn auch durch Opfer dezimierten – Regierung bittere Vorwürfe, dass es an Entschlossenheit und Autorität fehlte. Quer durch alle Berufe und Schichten gab es Tote oder Vermisste. Führende Persönlichkeiten der Kirchen, Banken, Schulen, Ämter fielen aus. Oft war unklar, wer kommissarisch die Leitung übernehmen sollte. Die finanzielle Lage der meisten war unklar. Was machte ein Bankangestellter, dessen Arbeitsort in Schutt lag? Welchen Sinn machte die Arbeit eines Finanzbeamten unter solchen Umständen, bei denen viele Akten verschüttet wurden?
Inzwischen fuhren sie durch ein Viertel, wo der Erdbebenschaden anscheinend weitaus geringer ausgefallen war. Ihr Fahrer hielt vor einer Villa mit Säulen, die Jasmin gerade noch im Licht der Scheinwerfer bemerkte, bevor der Motor ausgeschaltet wurde. „Wir hatten Glück! Das Haus ist anscheinend mit einigen kleineren Rissen davon gekommen.“ Die Gastgeberin begrüßte Jasmin sehr nett und zeigte ihr das Gästezimmer, entschuldigte sich, dass sie leider nicht duschen könnte, aber sie stellte ihr eine Schüssel mit Wasser hin, damit Jasmin sich waschen konnte. Es war inzwischen weit nach 23 Uhr. Die Fahrt hatte sich durch Unebenheiten, Hindernisse und Umwege fast 1 h hingezogen. Jasmin bat erschöpft, sich direkt zurückziehen zu dürfen. Schon wieder quälte sie der Durst, zumal die Sauce so scharf gewesen war, aber Jasmin bezweifelte, dass das Wasser in der Schüssel auch zum Trinken geeignet war. Sie genoss es, zumindest einen Teil der Schweiß-Schmutz-Schicht abwaschen zu können. Wenig später schlüpfte Jasmin froh über ein richtiges Bett im langen T-Shirt unter das Laken und fiel in wenigen Minuten in tiefen, traumlosen Schlaf.
Viel zu früh nach Jasmins Geschmack weckte sie die Dame des Hauses um kurz vor ½ 6. Das Wasser erschien Jasmin jetzt zu dreckig, um sich nochmals damit zu waschen. Sie bürstete ihre Zähne rasch trocken und begab sich nach unten in ein geräumiges Wohnzimmer. Jasmin folgte dem Beispiel ihres Kollegen, trank Kaffee aus einem Schüsselchen und stippte Brot hinein. Erstaunlich erholt hatte Jasmin beim Packen ihres Rucksacks beschlossen Port-au-Prince heute mit Harry zu verlassen. Als sie kurz nach 6 Uhr mit dem Wagen unterwegs waren, erzählte sie von ihrer Absicht. Der Haitianer dankte ihr sogar, dass ausländische Helfer dort hingingen, wo es kaum einheimische Hilfe gab, weil man in seinem eigenen Umfeld Aufgaben genug zu bewältigen hatte. Auf der Fahrt durch die noch halbdunklen Straßen brannten sich ihr die Bilder des Elends ins Gehirn. Der Leichengestank war heute Morgen weniger penetrant als noch gestern – oder begann sich ihre Nase bereits daran zu gewöhnen? Um diese riesige Anzahl an Obdachlosen zu versorgen, brauchte es im wahrsten Sinne des Wortes eine Armee. Streunende Hunde und Katzen an allen Ecken und Enden. Unmengen an Kindern lungerten herum, kaum bekleidet, manche mit eingefallenen Gesichtern. Ihr fiel die Statistik ein, die sie im Internet gelesen hatte: Im Schnitt vier Kinder pro Frau. Hier schien es von Kindern nur so zu wimmeln, während relativ wenige Erwachsene zu dieser frühen Stunde zu sehen waren. Wer kümmerte sich um die vielen Kinder, von denen viele Halbwaisen oder Waisen geworden waren?
Jasmins Entschluss lieber in einem dörflichen Umfeld zu arbeiten, wo man wenigstens das Gefühl haben konnte, gegen das Leid anzukämpfen, wurde immer fester. Die immensen Ausmaße der Zerstörung, die hoffnungslose Situation der Menschen in einem Land, wo es schon vor dem Erdbeben für viele kaum das Nötigste gegeben hatte, die traurigen Augen der Kinder, die überall zu sein schienen – das alles lähmte Jasmins Eifer. Was konnte sie schon erreichen? Die Überlebenden brauchten jetzt erst einmal Nahrung, Wasser, Behelfsunterkünfte und andere materielle Hilfe, die sie ihnen nicht geben konnte. So furchtbar es für die Angehörigen sein musste, dass die Toten ohne jeweilige religiöse Beerdigung in Massengräbern entsorgt wurden, so wichtig war die rasche Beseitigung der faulenden Kadaver. Sie hatte großen Respekt vor denen, die die Toten zu bergen halfen, DNA sicherten, um evtl. nachzuweisen, wer unter den Gestorbenen war. Das Rote Kreuz versuchte mit großem Aufwand mit Fotos und Listen, Tote zu registrieren, Vermisste zu suchen und Familien zusammenzubringen.
Viertel vor 7 parkte der Ärztliche Leiter und verabschiedete sich freundlich von Jasmin, falls er sie später nicht mehr treffen sollte. Jasmin zog ihren Rucksack an und sah sich um. Wieder Menschenmassen, die sich vor dem Eingang drängelten, um von den Wächtern in geordnete Reihen gezwungen zu werden. Manche Patienten wurden auf Tragen aus kaputten Möbeln oder selbstgebauten Karren gebracht. Jasmin überlegte, was sie mit den drei verbleibenden Stunden anfangen sollte. Sie hatten nicht einmal einen Treffpunkt vereinbart. Was wenn Harry sie nicht fand? Am besten würde sie ab ½ 10 vor dem Hauptzugang zum Lazarett warten. Ihr fiel ein, dass sie vergessen hatte, den Chefarzt um Verbandsmaterialien für ihre weitere Tätigkeit zu bitten. Ob auch einer der Ambulanzärzte befugt war, ihr etwas mitzugeben? Sie steuerte auf den Eingang zu, wurde aber von einem Soldaten, der ihr den Zugang verwehrte, aufgehalten. Sie redete auf ihn ein, erst auf Französisch, dann auf Englisch, aber er schüttelte ablehnend den Kopf. Sie musste nochmals ins Zelthospital, um ihren großen Rucksack zu holen. Gestern hatte man sie doch auch ins Lager gelassen, aber dieser Soldat stellte sich stur. Jasmin zerbrach sich den Kopf, wie die Ärzte hießen, bei denen sie gestern zugesehen hatte, aber ihr fiel kein einziger der vielen Namen mehr ein. Da kam ihr das Namensschild, das ihr der haitianische Anästhesist gestern geliehen hatte, in den Sinn. Sie kramte in ihrer Jackentasche, steckte sich das Plastikschildchen ans T-Shirt und ging selbstbewusst auf einen anderen Wachsoldaten zu, der nur einen kurzen Blick auf das Hospital-Logo über dem Namen warf, dann konnte sie passieren. Nun hatte sie noch 2 h Zeit, machte sich auf die Suche nach dem OP-Zelt in der Hoffnung, dass sie Dr. Meunier seinen Badge zurückgeben könnte und er ihr eine Art Rezept für die Apotheke ausstellen könnte. Jetzt herrschte viel größeres Gedränge zwischen den Zelten als am Vorabend. Jasmin kam nur langsam voran.
9 Uhr 27 hatte sie alles erledigt: Badge-Rückgabe, nochmals im OP zugesehen, dank eines Zettels des Kollegen zwei Rollen Verbandsmull in ihren kleinen Rucksack gestopft, nicht viel, aber mehr hätte sie eh nicht noch transportieren können. Nun wartete sie ein ganzes Stück vor dem umdrängten Zugang an der Straße und hoffte, Harry nicht im Gewühl zu übersehen. Sie stand mit beiden Rucksäcken am Körper aus Angst, man könnte ihr einen entreißen, und wartete sehnlichst auf Harry. Bereits 10 vor 10 entdeckte sie ihn am offenen Fenster eines Autos, das in ihrer Nähe hielt. Harry stieg vom Beifahrersitz, kam zu ihr rüber und nahm ihr ganz Gentleman wieder den schwereren der beiden Rucksäcke ab, verstaute beide im Kofferraum und ließ sie auf die Rückbank steigen. „Mon ami, Paul („Pol“)“ stellte Harry den Freund vor. Jasmin stellte sich deshalb auch mit Vornamen vor und dankte ihm gleich, dass er sie mitnahm. Die Männer unterhielten sich vorne lebhaft, aber Jasmin bekam hinten kaum etwas mit. Sie sah auf einem Platz Militärlaster, von denen aus Soldaten Wasserflaschen an die Bevölkerung ausgaben, Pick-ups, auf die Tote geladen wurden, Kinder, die mit einem Stein Fußball spielten, Frauen mit Kindern auf dem Arm…. Bald fuhren sie stadtauswärts. Man sah auch mal Grün, weniger Menschen saßen und lagen an der Straße. Der kleine Hubschrauber stand auf einer steinigen Fläche nahe einem Wäldchen, das sich den Hügel rauf zog. Der Fahrer hielt, ließ die beiden Deutschen samt Gepäck aussteigen und fuhr auf den Wald zu. Der Besitzer versteckte sein Auto nur wenige Meter hinter der Waldgrenze zwischen den Bäumen und kehrte zu Fuß zu seinen Fluggästen zurück. Er öffnete seine Maschine, half Jasmin beim Einsteigen und verstaute mit Harry die drei Rucksäcke. Der Pilot flog vom Norden von Port-au-Prince an der Küste entlang nach Südwesten, so bekamen die Europäer die Zerstörungen des Hafens und der Küstengebiete aus der Luft zu sehen. Zutiefst erschüttert war Jasmin vom Anblick des Elendsviertels mit dem schönen Namen Cité Soleil (= „Sonnenstadt“). Von oben sah es aus, als bewegten sich die vielen Menschen, die man gerade noch erkennen konnte, auf einer Mülldeponie. Die durch jahrzehntelange Abholzung der Erosion ausgesetzten Hänge waren größtenteils durch die Beben abgerutscht. Man erkannte keine Straßen, Häuser oder Ähnliches. Welch ein Kontrast dazu das blaugrüne Meer und südlich der Hauptstadt die hellen Sandstrände, die Lust zum Baden machten!
Ankunft in Léogâne
Keine 20 min nach dem Abflug landeten Jasmin und Harry dicht bei der Stadt Léogâne. Harrys Freund ließ den Motor laufen, während Jasmin und Harry geduckt ausstiegen und sich mit dem Gepäck entfernten, bevor der Hubschrauber wieder abhob und entschwand. Harry bot seiner Begleiterin an, ihr wieder den dunkelgrünen Rucksack abzunehmen, obwohl sie ihn heute zum ersten Mal selbst mit einem großen grau-schwarzen Rucksack beladen sah. „Danke nein, vielleicht später!“ Harry drehte sich um und schritt flott aus. Jasmin hatte Mühe ihm zu folgen. Es verging keine Viertelstunde, dann konnte Jasmin nicht weiter. Ohne Worte holte Harry seinen Rucksack von seinem Rücken, schnallte ihn nach vorne und schwang sich Jasmins auf seinen Rücken. Jasmin hatte noch nicht einmal die Riemen wieder auf ihre Länge eingestellt gehabt. Selbst mit dem geringeren Gewicht gelang es Jasmin nicht, Schritt zu halten, so musste Harry immer wieder auf sie warten. Anfangs waren sie querfeldein gegangen, dann auf ausgefahrenen Feldwegen. Als sie an eine quer verlaufende Straße kamen, schlug Jasmins Vordermann vor, dass sie an dieser Stelle mit dem Gepäck warten sollte, er würde in die Stadt gehen und ein Auto organisieren. Auch wenn Jasmin nicht ganz wohl bei der Idee war, allein hier stehen zu bleiben, wo immer mal Fahrzeuge vorbeikamen, aber niemand von ihnen Notiz zu nehmen schien, war die Aussicht auf einen noch langen Fußmarsch noch unangenehmer. Sie legten die Rucksäcke in einen ausgetrockneten kleinen Graben, in den Jasmin sich ebenfalls hockte, sobald Harry aufgebrochen war. Die Hitze und der Durst machten ihr zu schaffen. Sie hätte sich am liebsten ausgestreckt und geschlafen, aber so wehrlos am Straßenrand traute sie es sich nicht, sondern versuchte, sich die Zeit mit Planungen und Sortieren der Eindrücke zu vertreiben. Irgendwann war sie doch mit dem Kopf auf den Knien eingenickt, als das Geräusch eines haltenden Wagens sie aufschreckte. Nicht Harry, sondern zwei junge Schwarze stiegen aus und näherten sich. Jasmin richtete sich auf, begrüßte die beiden forsch, sie warte auf ihren Mann, der gleich zurückkäme, lehnte das Angebot sie mitzunehmen entschieden ab, zumal der Wagen stadtauswärts unterwegs war. Zögernd, aber friedlich stiegen die Fremden wieder ein und fuhren weiter. Erleichtert setzte Jasmin sich wieder in die leichte Vertiefung. Sie kramte nach einem Kaugummi, der ihr im Kampf gegen Hunger und Durst half. Es schien endlos zu dauern, bis Harry tatsächlich selbst am Steuer einer alten Karre neben ihr hielt. Sie verstauten das Reisegepäck. Harry setzte ein Stück auf den Feldweg zurück, um zu drehen, und fuhr gemütlich nach Léogâne. Einzelne Straßen der Stadt waren relativ eben, aber häufig mussten sie abbiegen oder umkehren, weil breite Risse oder Löcher in der Straße die Weiterfahrt unmöglich machten oder Trümmerreste die Durchfahrt versperrten. In dieser Stadt schien nichts heil geblieben zu sein. Ansonsten die gleichen Bilder von Obdachlosen, die überall ihr Lager aufzuschlagen schienen. Kinder kletterten auf den Steinhügeln rum, saßen, lagen oder spielten auf jedem kleinen freien Fleck. Jetzt in der Mittagshitze war der faulig-süßliche Geruch der Verwesung kaum auszuhalten. Jasmin zog ein Papiertaschentuch aus ihrer rechten Hosentasche und ließ einige Tropfen des kleinen 4711-Fläschchens, das sie morgens in ihre linke Hosentasche gesteckt hatte, auf das Tuch fallen, das sie sich anschließend locker vor Nase und Mund hielt. „Bestens vorbereitet“, nickte Harry ihr zu. Sie bot an, ihm auch eines zu machen, doch er musste ja fahren, so hielt sie ihm zweimal zwischendurch ihr Tuch vor seine Nase, bis er den Kopf schüttelte: „Danach ist es nur noch schlimmer!“ Damit hatte er leider Recht. Der starke Geruch des Kölnisch Wassers verflog relativ rasch, und der Kontrast zu dem Ekel erregenden Leichengestank ließ sie würgen. Am liebsten hätte sie die Stadt sofort wieder verlassen, aber Harry schien ein Ziel zu haben, auf das er trotz aller Umwege zuhielt und schließlich in einer Gasse anhielt, die genauso kaputt aussah wie alle anderen. „Wir können die Sachen nicht im Auto lassen“, also zogen sie die Rucksäcke auf. Jasmin nahm ihre beiden selbst und hoffte, dass es nicht mehr weit zu laufen war. Tatsächlich stiegen sie über zwei Schutthaufen, bogen rechts ab in eine schmale Straße, nach ca. 70 m erneut nach rechts und hielten in einer noch engeren Gasse, in der es durch die eng stehenden Mauerreste etwas geschützt und geringfügig kühler war. Ein älterer Mulatte erhob sich und kam hinkend ein paar Schritte auf sie zu. Jasmin verstand seinen Namen nicht, aber begrüßte ihn mit Wangenkuss rechts und links nach französischer Art. Er bot ihr mit der Hand eine Art Sitzplatz auf ein paar gestapelten Holzlatten an, dann unterhielt er sich mit Harry auf Kreolisch. Jasmin war überrascht, dass der Deutsche auch diesen Dialekt offensichtlich mühelos verstand und sogar sprach, während sie nur einzelne Worte aufschnappte, aber dem Gespräch nicht folgen konnte. Bald wandte Harry sich ihr zu: „Ich gehe los, um zu schauen, ob der Messpunkt von Léogâne zugänglich ist, damit ich meine Daten bekomme. Was hast du vor?“ Jasmin zögerte. Sollte sie ihn begleiten? Sie befürchtete, ihm lästig zu werden. Alleine loszuziehen traute sie sich nach den bisherigen Eindrücken auch nicht. „Ich werde hier bleiben. Vielleicht kann ich was helfen.“ Harry brach umgehend ohne Rucksack auf, begleitet vom einheimischen Freund.
Straßenambulanz in Léogâne
Jasmin wandte sich an eine Frau, die seitlich des Holzstapels hockte und deren linker Arm unnatürlich verdreht herab hing. Jasmin sprach sie in langsamem Französisch an: „Ich bin Ärztin, kann ich mir Ihren Arm mal ansehen?“ Die Frau reagierte kaum. Jasmin hockte sich trotzdem vor die Verletzte, bewegte mit ihrer rechten Hand vorsichtig den Arm, während die linke Hand auf der Schulter tastete. Wie erwartet war die Schulterpfanne leer. Der Arm war nach vorne ausgekugelt. Jasmin stellte ihr rechtes Bein angewinkelt neben die Frau, zog eine kurze Latte aus dem Stapel, die sie unter die linke Achsel der Patientin schob, um dann mit einer raschen Zug-Drehbewegung den Oberarmkopf zurück in die Gelenkpfanne zu bringen. Die Frau hatte kurz aufgejammert, aber als Jasmin den Arm erneut auf seine Beweglichkeit prüfte, schien sie keine größeren Schmerzen mehr zu haben. Die Ärztin holte zwei Paar Einmalhandschuhe, eine Packung Verbandsmull, Schere und Desinfektionsmittel sowie ihr Stethoskop aus dem großen Rucksack und packte alles zum Schutz gegen den Staub in eine Jutetasche. Sie schob die Rucksäcke hinter den Holzstapel und zog zwei Latten schräg darüber, um sie ein wenig zu verstecken. Anschließend begab sie sich vorne auf die breitere Gasse, ging noch ca. 50 m zurück Richtung Auto und suchte sich einen ebenen Platz für ihre zweite Straßenambulanz. Sie sah sich um, hängte sich demonstrativ ihr Stethoskop um den Hals und machte mit weit ausgestreckten Armen eine einladende Geste. Es wimmelte nur so von Kindern, die sie neugierig beäugten, aber nicht näher kamen. Die Erwachsenen ignorierten Jasmin, beschäftigt mit der Suche nach Verwendbarem in den Haufen aus zerstörten Gebäuden oder an kleinen Feuern, über denen in Töpfen etwas zu essen köchelte. Manche Mütter hielten kleine Kinder im Arm, die apathisch bei der Hitze vor sich hindösten. Wieder frustrierte Jasmin ihre Ohnmacht. Mit Wasser, Suppe und Infusionen könnten viele dieser exsikkierten, ausgetrockneten, Menschen gerettet werden, aber bis die externe Hilfe auch in die letzten Gassen käme, würde es für viele zu spät sein. Die Ärztin lehnte sich abwartend an einen Stapel Trümmer. Sie überlegte, ob sie von ihren Kaugummis an die Kinder verteilen sollte. Es würde vielleicht die Hemmschwelle senken, aber sie hätte kaum für alle Kinder auch nur ein Kaugummi, es könnte Streitereien auslösen, es würde das Anbetteln von Ausländern fördern – Jasmin entschied sich Stücke eines Kaugummistreifens als Belohnung nach einer Untersuchung einzusetzen. Einige Meter weiter lag ein ca. 16-jähriges Mädchen regungslos am Straßenrand. Anfangs dachte Jasmin, sie schliefe, aber fand es doch ungewöhnlich für das jugendliche Alter. Sie ergriff ihre Tasche und ging auf den Teenager zu, der auch auf ihre Ansprache nicht reagierte. Die Ärztin streichelte ihr über den Kopf, über die Wangen. Das Mädchen glühte. Jasmin überlegte, ob nur von der Hitze, da sie ungeschützt in der Sonne lag oder ob sie hohes Fieber hatte. Sie zog am Rücken das Shirt-Oberteil des Mädchens hoch, um die Lunge abzuhören. Bei eingeschränkter Beurteilbarkeit durch die Seitenlage und fehlende tiefe Inspiration konnte sie das abgeschwächte Atemgeräusch nicht eindeutig als Ausdruck einer Lungenentzündung werten, aber der rasche Puls und die blasse Mundschleimhaut zeigten einen schockähnlichen Zustand. Sie musste aus der Sonne, brauchte Flüssigkeit und ein Antibiotikum. Entschlossen ging sie auf ein paar Männer, die auf einem Schuttberg rumkletterten, zu. Sie zeigte auf das Mädchen, fragte nach den Eltern, nur Schulterzucken und Kopfschütteln. Jasmin erkundigte sich, wo das nächste Krankenhaus sei. „Cassé“, kaputt, wie fast alles in der Stadt. Sie fragte vergeblich nach einem Zeltlazarett oder Ähnlichem, aber die Männer schienen sich nur um ihre Probleme hier in der Gasse zu kümmern und konnten ihr keinen Tipp geben. Vielleicht hätte Harry auf Kreolisch mehr herausgefunden oder das arme Mädchen zu einem Hospital fahren können, doch war völlig ungewiss, wann er zurückkäme. Sie zeigte auf zwei kräftige Männer und zeigte pantomimisch wie das Mädchen weggetragen werden sollte. Einer stieg zu ihr herunter, der andere schüttelte abweisend den Kopf. Wahrscheinlich hatten sie das Mädchen bereits aufgegeben. Als Jasmin selbst mit tragen helfen wollte, kam ein älterer Mann rüber und nahm ihr die Beine ab. Sie ging voran in die enge Gasse, ließ das Mädchen an einem kleinen freien Streifen ca. 10 m entfernt von dem engen Durchgang mit dem Holzstapel ablegen und dankte den Männern, die an ihre Arbeit zurückkehrten. Jasmin hörte jetzt in Rückenlage Herz- und Atemgeräusche am vorderen Thorax ab. Es eilte. Sie zerrte ihren Notfallrucksack vor, kramte Kanüle, Infusionsbesteck und Infusionsbeutel heraus und versorgte die junge Haitianerin mit einem venösen Zugang. Die ältere Frau, der sie den Arm eingekugelt hatte, kam zögernd näher. Jasmin drückte ihr den Beutel in die Hand und schloss die Infusion an, drehte sie fast voll auf. Mit der Armrepositionslatte baute sie einen provisorischen Infusionsständer und horchte das Mädchen immer wieder ab. Als die Kochsalzlösung nach ca. 20 min fast leer war, suchte Jasmin eine Zuckerlösung aus ihrem Vorrat und ließ diese langsamer eintropfen. Der Puls war jetzt immerhin schon unter 100/min gesunken, noch immer zu schnell. Wenn sie jetzt etwas Flüssiges hätte, um der Patientin Medikamente einflößen zu können! Ihr Blick fiel auf den leeren Infusionsbeutel, in dem sich noch der übliche kleine Rest befand. Jasmin kam eine Idee. Sie zerdrückte mit einem Stein ein Antibiotikum und eine fiebersenkende Tablette in einem ungebrauchten Einmalhandschuh, legte ihn der Patientin auf den Bauch, schnitt den Infusionsbeutel mit einem breiten Schlitz auf und schüttete das Tablettenpulver hinein. Mit einer 10 ml Spritze – ohne Nadel – rührte sie, bis sich das Pulver in der Flüssigkeit gelöst hatte, zog die angereicherte Kochsalzlösung in die Spritze und drückte die Medizin langsam in die am Handrücken befestigte Kanüle. Not macht erfinderisch! Jasmin rollte die Isomatte aus und zog sie unter die junge Patientin, dann setzte sie sich vor die Kranke. Erst jetzt überlegte sie, welcher Erreger für den schlechten Zustand des Teenagers verantwortlich sein könnte, mögliche Verursacher gab es viele. Ohne Labor gab es nur statistische Wahrscheinlichkeiten. Für Gesunde sind die meisten dieser Erreger harmlos, aber hier, wo alle geschwächt waren …! Jasmin überlegte, ob sie richtig gehandelt hatte oder ob der Abstand der anderen Bewohner der Gasse die vernünftigere Lösung war. Wäre das Mädchen in den nächsten Stunden gestorben, hätte sich das Problem mit der Lungenentzündung erledigt gehabt, aber jetzt hatte sie ein höchstwahrscheinlich infektiöses Kind anbehandelt, das ohne weitere Therapie nur einige Tage später sterben würde. Wie hoch war für sie selbst die Ansteckungsgefahr? Sie hatte bei allen Einsätzen die Verwendung von Mundschutz für sich abgelehnt. Er schuf eine Distanz zum Patienten, der das Gesicht nur teilweise sehen konnte, und es signalisierte eine Ansteckungsgefahr, die für all die, die sich nicht schützen konnten, dadurch noch bedrohlicher erschien. Sie sah auf ihre Gummihandschuhe herab, nur ein minimaler Schutz. Im Schatten der engen Gasse nahm sie weiter hinten viele obdachlos gewordene Menschen wahr, die größtenteils teilnahmslos vor sich hinstarrten oder gekrümmt in Nischen dösten. Die Kinder sammelten sich offensichtlich in der helleren Gasse. Jasmin stand auf und ging erneut mit ihrer Verbandstasche zur Quergasse. Sie beobachtete das Treiben. Vier oder fünf Kinder spielten mit einem ausgezehrten terriergroßen Hund. Größere Kinder suchten aus den Schuttbergen Steine heraus. Manche der Kinder, die auf der Straße saßen, waren offensichtlich krank. Einige hatten dreckverschmierte Wunden. Freiwillig würden sie wohl kaum zu ihr kommen. Wenn sie Waisen waren, würden sich auch keine Eltern um sie kümmern. Also ging Jasmin langsam auf einen ca. Dreijährigen zu, der mit ausgestreckten Beinen da saß. Jasmin streichelte ihm über die schwarzen Haare, über die Backen und hockte sich vor ihn. Sie hob den Kleinen unter den Achseln an und wollte ihn auf die Beine stellen, aber er weinte laut auf und belastete nur das linke Bein. Sie setzte ihn vorsichtig wieder hin und tastete erst das gesunde Bein spielerisch ab, lächelte den Bub an, dann mit leichter Berührung das schmerzende Bein. Jasmin vermutete einen Bruch der Unterschenkelknochen. Da sie keine offene Wunde entdecken konnte, hatte der Junge gute Heilungschancen, wenn man die Knochen für ca. 3-4 Wochen ruhig stellte. Sie richtete sich auf, suchte kurz in den umliegenden Haufen nach hölzernen Trümmern und bastelte aus vier Lattenstücken mit einem Wickelverband eine Schiene, die über das Knie hinaus bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Sie hob den Kleinen hoch und stellte ihn vorsichtig auf seine Beine. Er stand und sah sie überrascht an. Sie steckte ihm ein Drittel eines Kaugummistreifens für seine Tapferkeit in den Mund und suchte weitere Holzreste als Krückenersatz. Damit war der Bann gebrochen. Mehr und mehr Eltern brachten ihre Kinder oder zeigten ihr entzündete Wunden. Jasmin desinfizierte, verband, horchte ab, bis Harry neben ihr auftauchte und ihr eine 0,5 l-Flasche Wasser in die Hand drückte. Dankbar trank sie und ging mit ihm zur Schattengasse. Niemand folgte ihnen. Die meisten suchten sich Sitzplätze und verfielen wieder in die trostlose Stimmung. Jasmin sah nach dem Mädchen, dessen Herzaktion langsamer und regelmäßig war. Die Zunge war noch immer trocken, aber nicht mehr ganz so farblos. Inzwischen war auch die Zuckerlösung fast eingelaufen, mehr konnte Jasmin momentan nicht für die Kranke tun. Harry wusste auch nicht, wo man sie hätte hinbringen können, fragte seinen Freund. „Das Mädchen lebte vorher schon auf der Straße. Ich habe sie immer wieder im Viertel gesehen.“
Jasmin ging mit den Männern rüber zu dem Holzstapel, wo die Frau mit der verletzten Schulter sich als die Ehefrau von Harrys Freund entpuppte. Sie hatte inzwischen etwas Reis gekocht und bot den deutschen Gästen an, zuerst aus dem Topf zu essen. Beide aßen anstandshalber nur wenig, obwohl es gut schmeckte und sie richtigen Hunger verspürten. Jasmin unterhielt sich mit Harry über seine Messergebnisse, fragte nach den weiteren Plänen. Harry wechselte zwischen Kreolisch mit seinen Freunden und Deutsch locker hin und her: „Wir übernachten hier, diese Gassen gelten als sicher vor nächtlichen Überfällen. Morgen früh fährt Henrie uns ca. 12 km nach Osten, von dort sind es immer nur wenige Kilometer zu den in den Bergen verteilten Dörfern, ich muss u.a. bis zum Gipfel Morne de la Selle, immerhin 2680 m hoch, dort gibt es wichtige Vergleichsmessungen. Und du? Bleibst du oder willst du noch immer in die Dörfer?“ „Ich komme noch ein Stück mit, wenn das geht. Ich muss raus aus dem Elend und Dreck der Städte.“ Jasmin nahm zwei Schlucke aus der Wasserflasche, die sie am liebsten in einem Zug geleert hätte. Sie sah, dass Harry und sein Freund noch drei weitere kleine Plastikflaschen aus dem Zentrum mitgebracht hatten, also 500 ml für jeden von ihnen – ein Bruchteil des Tagesbedarfs. Aus einem Laden oder einer Verteilung? Ob sie hier mit ihrem Geld Wasser und was zu essen kaufen konnte? Harry antwortete ihr, dass es zwar kleine Märkte gab, wo alles gehandelt wurde: Gemüse, Reis, Textilien, Elektroteile und was so aus den Trümmern gerettet wurde, aber Wasser bot momentan niemand an, dafür musste man lange bei den Ausgabestellen anstehen. Henrie und Harry hatten nach knapp 1 h Warterei jeder zwei Flaschen für sich erhalten und teilten nun mit den Frauen. Jasmin fiel ihre fiebrige Patientin ein. Sie stand auf und legte die kurze Distanz zu ihrem Krankenlager zurück. Das Gesicht der jungen Mulattin war ziemlich eingefallen, mit tiefliegenden Augen, vorspringenden Wangenknochen und spitz zulaufendem Kinn. Die Temperatur schien etwas gesunken, die Augen waren klarer. Die Patientin schien ansprechbar. Als sie auf Französisch fragte, ob das Mädchen sie höre, öffnete es die Augen. Jasmin prüfte den Puls, zog die Kanüle, da die zweite Infusion leer war. „Ton nom? Nome? Name?“ „Julie“, antwortete die Haitianerin erstaunlich klar, aber Jasmins weitere Fragen auf Französisch verstand sie nicht, richtete sich jedoch halb auf. Die Ärztin gab ihr zwei der mitgebrachten Tabletten in den Mund und reichte ihr die noch halbvolle Wasserflasche. Julie verschluckte sich zwei- oder dreimal, aber leerte die Flasche gierig. Jasmin setzte sich neben den Teenager auf ihre Isomatte, blieb ca. ¼ h dort sitzen. Es wurde dunkel. Die wenigen Menschen in der schmalen Gasse richteten sich zum Schlafen. Die Deutsche legte der Einheimischen die Hand auf die Schulter und bedeutete ihr, sich wieder hinzulegen, bevor sie selbst zu Harry zurückkehrte.
Das ältere Ehepaar betete ungefähr stündlich vor dem Holzstapel niederkniend für ein paar Minuten. Harry erläuterte: „Sie machen sich Sorgen um ihren jüngsten Sohn. Er war unverletzt, half dann Verletzte zu bergen und wurde selbst verschüttet, lag in einer eingestürzten Hütte für viele Stunden. Vor drei Tagen war bereits ein ausländisches Hilfsteam da mit zwei Suchhunden, die mehrere Überlebende aufspürten. Sie nahmen vier Schwerverletzte in einem großen Hubschrauber mit zur weiteren Versorgung.“ Die Deutschen dachten beide, dass er wahrscheinlich in der Hauptstadt in einem Lazarett lag und hoffentlich bald zurückkommen könnte. In dem schmalen Durchgang von nicht mal 2 m hatten sie keinen Platz sich alle auszustrecken. Das ältere Ehepaar behauptete, es würde sowieso im Sitzen schlafen. Nun versuchten die Ausländer eine erträgliche Schlafposition zu finden. Jasmin polsterte ein wenig mit Schlafsack und Jacke, trotzdem war es eine der unbequemsten Nächte, zumal sie bei jeder Bewegung der anderen aufwachte und aufgrund der vielen ungewohnten Geräusche in ständiger Alarmbereitschaft war.
Noch bevor es hell wurde, stand Jasmin leise auf, ging um die Ecke in die Seitengasse und reckte ihre schmerzenden Glieder. Die meisten anderen Obdachlosen lagen oder saßen noch, in der Dämmerung nur als Kleiderhaufen zu erkennen. Henrie war Schreiner. Er hatte weiter im Zentrum ein Haus mit Werkstatt gehabt, alles eingestürzt. Wegen der Gewalttaten hatte er mit seiner Frau ein ruhiges Eck gesucht. Als Jasmin Henries Bein untersuchen wollte, hatte Harry erzählt, dass Henrie schon seit Jahrzehnten hinke, weil er sich als junger Mann beim Fällen eines Baumes in den rechten Unterschenkel gehackt habe. Julie lag schlafend ausgestreckt auf der Matte. Noch immer müde hockte Jasmin sich vor ihre Patientin und döste. Nach und nach entstand Trubel um sie rum. Vereinzelt wurden kleine Feuer gemacht, um irgendetwas zu kochen. Kinder wimmelten überall in der breiteren Straße. Was hatten diese Kleinen für eine Lebensperspektive? Angeblich war ein Großteil von ihnen nun allein. Welch ein Horror, mit 3 oder 4 Jahren sich selbst überlassen zu sein! Die verwaisten Säuglinge und Kleinkinder schienen von den überlebenden Erwachsenen aufgenommen worden zu sein. Oder waren sie in den letzten Tagen ohne fremde Hilfe einfach gestorben? Diesen kleinen Erdbebenopfern stand ein Leben auf der Straße bevor, wenn sie nicht irgendwo in einem Waisenhaus unterkamen, wo zumindest für das Nötigste gesorgt werden könnte. Sie brauchten Zuneigung, Erziehung, Bildung, eine Aufgabe. Wer sollte das leisten bei wahrscheinlich Tausenden von Waisenkindern? Sie kannte die Adoptionsdiskussion aus Flüchtlingsdörfern, wo Kriegswaisen in „reichen“ Ländern eine neue Heimat geboten wurde. Wenn man zu Hause bequem auf dem Sofa sitzt, kann man sich leicht darüber aufregen, dass diesen Kindern ihre Heimat, ihre Kultur, ihre Mitmenschen genommen werden, wenn man sie in ein fremdes Land fliegt, aber wenn man das Elend der auf sich gestellten Minderjährigen vor Ort sieht, dann wischen Mitleid und der Wunsch zu helfen alle Argumente weg. Was soll aus all diesen Kindern ohne Fürsorge werden? Wie soll ausreichend Geld ins Land kommen, diese jungen Opfer die nächsten 10 Jahre zu versorgen und auszubilden? Bei den Kriegskindern konnte man von „Heimat“ als Land, wo man aufgewachsen ist und sich wohl fühlte eh kaum sprechen. Wie viele waren ihr Leben lang auf der Flucht oder in Lagern? Hatten sie nicht sogar ein Recht auf eine Adoption? Die Menschenrechte wollten allen Kindern Nahrung und Bildung garantieren - selbst wenn das finanziell möglich wäre, haben Heranwachsende doch auch ein Anrecht auf persönliche Zuwendung, die in Heimen viel weniger möglich ist. Jasmin kannte in Deutschland mehrere Familien, die Kinder aus Notsituationen, auch wenn es sich um deutsche Kinder aus Drogenmilieu etc. handelte, adoptiert hatten. Zumindest die aus ihrem Bekanntenkreis hatten wirklich Glück gehabt, in Familien aufzuwachsen, die für alles sorgen konnten. Wie viele ungewollt kinderlose Paare nahmen große gesundheitliche Risiken mit künstlichen Befruchtungen auf sich, gaben ein Vermögen für diese Versuche aus. Von dem Geld hätten viele Kinder jahrelang unterstützt werden können! Jasmin hatte selbst keine Kinder, aber das Leid der Kleinen, die oft gar nicht verstanden, was passierte, lag ihr immer besonders am Herzen. In Deutschland engagierte sie sich für missbrauchte oder vernachlässigte Kinder, häufig von den eigenen Eltern misshandelt. Dort entschieden die Familienrichter sehr häufig für einen Verbleib der Kinder in problematischen Familien, da die Eltern meist trotz allem von den Kindern geliebt wurden. Adoptionswilligen wurden hingegen so viele Vorgaben und Schwierigkeiten gemacht, um Kinder vor einem möglichen Schaden zu bewahren, dass viele mögliche Stellen für Kinder und viel Zeit verschwendet wurden. Jasmin erschütterte das Bild dieser haitianischen Kinder, die irgendwie selbst für ihren Unterhalt sorgen mussten. Wovon lebten die eigentlich seit Tagen? Sie schämte sich ihres Hungers, hatte sie doch noch gestern Morgen Brot und abends Reis gegessen, aber dieses Heer an Kindern konnten die Überlebenden nicht mit versorgen. Jasmin spürte wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie wandte sich um zu Julie, wollte wenigstens ihr das Leben retten.
Es war inzwischen hell geworden. Jasmin holte aus ihrem Rucksack eine Tablette des Breitbandantibiotikums, weckte Julie und ließ sie das Medikament trocken schlucken. Mit je einem halben Kaugummistreifen regten die beiden den Speichelfluss an. Jasmin war mit ihren Untersuchungsergebnissen der Verletzten zufrieden und versuchte erneut vergeblich auf Französisch oder Englisch ein paar Informationen von Julie zu bekommen, als Harry zu ihnen trat und auf Kreolisch übersetzte. Das Mädchen war schon lange Vollwaise, wie lange konnte sie an nichts fest machen. Sie besuchte keine Schule, sondern lebte auf der Straße, half auf dem Markt und bekam dafür was zu essen. Jasmin machte sich Gedanken, was jetzt aus dem geschwächten Mädchen würde. Sie brauchte noch Ruhe, aber auch Nahrung und Flüssigkeit. Das Ehepaar betete erneut murmelnd für seine Kinder. Die beiden Deutschen falteten die Hände und senkten die Köpfe. Harry wusste, dass der mittlere Sohn in den USA arbeitete und in Sicherheit war. Das älteste Kind, eine Tochter, lebte weiter im Westen in der Küstenstadt Jérémie. Nach den großen Verwüstungen durch die Wirbelstürme im Spätsommer 2008 waren sie umgezogen, weil ihr Ehemann als Maurer dort Arbeit fand. Auch von ihnen hatten die Eltern noch keine Nachricht.
Harry und Jasmin aßen wieder nur wenig von dem angebotenen Reis, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, von dem Wenigen des Ehepaares auch noch zu essen. Andererseits durften sie die beiden auch nicht vor den Kopf stoßen. Jasmin schnallte Schlafsack und Jacke auf ihren großen Rucksack, holte ihre Isomatte und wollte sich von Julie verabschieden. Das Mädchen sah sie entsetzt an, streckte ihr bettelnd die Hände entgegen und wollte mitkommen. Jasmin hatte sich mit ihrer Hilfsaktion in ein arges Dilemma gebracht. Hilflos hob sie die Schultern, umarmte Julie und ging zu Harry, der sich bereits lebhaft gestikulierend verabschiedete. Jasmin dankte mit Worten und Gesten. Die Frau zeigte auf ihre Schulter und dankte, konnte ihren Arm wieder gut bewegen. Als sie hintereinander zu Henries Auto gingen, folgte Julie ihnen. Sie zog Jasmin am Arm, sah sie flehentlich an, murmelte was Unverständliches. Zwar gab es noch einen freien Sitzplatz, aber Harry wehrte ab, bis Jasmin sich einen Ruck gab: „Kann sie nicht mitkommen? Sie muss eh noch überwacht werden und braucht noch vier Tage lang je drei Antibiotika-Tabletten. - Hier hat sie doch kaum eine Überlebenschance!“ „Wie du meinst!“ Harry öffnete für Jasmin und Julie die Beifahrertür, klappte den Sitz vor, damit sie einsteigen konnten, während Henrie das Gepäck verstaute. Der Geruch von Aas wurde wieder stärker, als sie stadteinwärts fuhren. Sie brauchten lange, um durch die Ausläufer der Stadt gen Osten zu kommen, immer wieder mussten sie Umwege machen, zweimal auf der Landstraße ein Stück umkehren, weil die Straße unpassierbar war.
Henrie brachte sie bis ins Zentrum eines kleinen Dorfes. Im Vergleich zu den enormen Zerstörungen in den Städten sah es hier erfreulicher aus. Hier stand noch etwa die Hälfte der Gebäude, die Straßen waren nicht von Obdachlosen belagert und der Anblick einer erhalten gebliebenen Kapelle gab Hoffnung. Harry lud das Gepäck aus, Jasmin half Julie aus dem Wagen, die sich kaum auf den Beinen halten konnte. Harry drückte Henrie 30 $ in die Hand: „Fürs Fahren!“ Er konnte dem Freund nichts für die Gastfreundschaft anbieten, ohne ihn zu verletzen, aber die 30$ reichten normalerweise für einen Monat zum Überleben. Bises-Küsse und gute Wünsche zum Abschied, dann kehrte Henrie zurück nach Léogâne.
Inzwischen hatten sich nicht nur neugierige Kinder, sondern auch einige Erwachsene eingefunden. Ein ankommendes Auto fiel wieder auf. Harry fragte nach dem Dorfältesten. Man geleitete sie zu einer Steinhütte. Ein Schwarzer mit fast weißen Haaren trat auf das Getümmel vor seinem Heim aus der Tür. Harry grüßte respektvoll, erklärte ihre Anwesenheit und bat um Rat. Jasmin saß mit Julie, die zu kollabieren drohte, ein Stück abseits. Die Ärztin machte sich Vorwürfe: Die Belastungen waren für das Mädchen noch zu groß, aber hätte sie Julie einfach ihrem Schicksal überlassen, hätte sie sich ständig gefragt, was aus ihr geworden wäre. Jasmin glaubte an die Ansichten vieler Kulturen, dass man, wenn man jemandem das Leben gerettet hatte, für ihn verantwortlich war. Normalerweise war es unmöglich, sich weiter um Patienten zu kümmern und erübrigte sich auch, aber für Julie empfand Jasmin anders als für die übrigen Patienten der letzten Tage. Eine Dorfbewohnerin brachte eine kleine Schüssel mit Wasser, die sie den Ankömmlingen reichte. Jasmin drückte rasch die Mittagstablette aus dem Blister, steckte sie Julie in den Mund und bedeutete ihr, dass sie das Gefäß allein leer trinken durfte. Sie legte den Arm um den Teenager, damit Julie sich an sie lehnen konnte. Welch eine andere Atmosphäre hier in dem kleinen Ort! Jasmin nahm keinen Leichengeruch wahr. Was sie hier wohl mit ihren Toten gemacht hatten? Als Harry zu ihnen kam, gab er die Informationen weiter: 8 km gen Südosten gab es ein Dorf mit einer Krankenstation, man könnte die beiden Frauen hinfahren. Harry wollte sich heute noch zu Fuß ein bis zwei Orte weiter nach Osten aufmachen, also war der Zeitpunkt der Trennung gekommen. Jasmin bedauerte es sehr. Er war ein hilfsbereiter Begleiter gewesen, der die Landessprache beherrschte, sich etwas auskannte und ohne viele Worte Probleme anging. Sie tauschten Visitenkarten und versprachen, einander in Deutschland wieder zu kontaktieren. Nach ein paar aufmunternden Worten an Julie schwang Harry seinen Rucksack auf den Rücken und marschierte flotten Schrittes los. Jasmin sah ihm nach, winkte ihm zu, als er sich noch einmal umdrehte und kam sich verlassen vor. Es kostete sie ihren ganzen Willen, aufzustehen und laut „Docteur, docteur“ zu rufen, während sie auf sich zeigte und ihr Stethoskop hervor holte. Die Kinder standen im Halbkreis rum, keines näherte sich. Sie holte ein paar Kaugummistreifen aus ihrer Hose, teilte einen in drei Stücke und hielt eines hoch. Am nächsten stand ein ca. fünfjähriges Mädchen, das den Kopf schief legte und zu ihrer erhoben Hand hinaufsah. Wahrscheinlich kannten diese Kinder die Süßigkeit nicht. Jasmin steckte ihr Stethoskop in die Ohren, entrollte ihre Isomatte und hockte sich auf ihren „Behandlungsplatz“. Eine Mutter mit einem Säugling war die Erste, die zur Ärztin kam. Der Junge hatte einen aufgetriebenen Bauch, war unterernährt und brauchte dringend Hilfe. Mit französischen, spanischen und englischen Worten erklärte Jasmin der Mutter, dass sie mit zum Hospital kommen müsse. Die Frau schüttelte den Kopf und verschwand. Ein hübscher Junge im Grundschulalter kam zögernd näher. Seinen Unterarmbruch versorgte Jasmin mit einer Schlinge aus Verbandsmull, eigentlich war das Material für eine Schlinge, die man aus jedem anderen Textilstück hätte schneiden können, zu schade, aber der Verletzte lief mit seiner hellweißen Schlaufe quasi Werbung für die neu eröffnete Praxis. Er kaute eifrig auf seinem Kaugummi und löste dadurch wahrscheinlich den anschließenden Run auf die Kindersprechstunde aus. Stundenlang untersuchte, säuberte, behandelte Jasmin vorwiegend Kinder mit unterschiedlichsten Verletzungen, auch viele ohne körperliche Folgen des Erdbebens, die sie ebenfalls ernsthaft untersuchte und mit Kaugummi belohnte. Dankbar tranken Jasmin und Julie, die sich die ganze Zeit im Hintergrund hielt, je eine Schüssel Wasser, die ihnen von Dorfbewohnern gebracht wurden. Als es dunkel zu werden begann, hielt Jasmin wieder ihre Hand hoch und zeigte ihre fünf Finger. Die Dorfbewohner und vor allem viele Kinder saßen im Kreis um sie herum und sahen ihr zu wie in einem Theater, ruhig und interessiert. Nach den letzten fünf Fällen stand Jasmin auf, rollte ihre Isomatte zusammen, steckte das Stethoskop in ihren Rucksack und zog beide Gepäckstücke an. Sie formte mit den Händen ein Kreuz, wollte dort die Nacht verbringen und sah sich nach ihrem Schützling um. Julie hatte sie beobachtet. Ihre Augen strahlten auf, als Jasmin ihr winkte, mit zu kommen. Wie bei einer Prozession zogen die Gäste gefolgt von vielen Einheimischen Richtung Kirche. Jasmin war erschöpft, aber zufrieden. Sie hatte heute keine medizinischen Wunder vollbracht, aber sie hatte vielen Menschen das Gefühl gegeben, dass sie nicht vergessen waren mit ihrem Leid. Mehrere Familien brachten ihnen Schüsseln mit etwas Suppe oder Reis oder Wasser, die Jasmin mit schlechtem Gewissen wegen der anderen Hungernden nicht wirklich genießen konnte, aber sie versuchte sich zu beruhigen, dass sie niemandem helfen konnte, wenn sie in zwei Tagen zusammenbräche. Jasmin kniete spontan vor den Altar und betete. Zwar war sie evangelisch-lutherisch aufgewachsen und dies eine katholische Kirche, aber für die Bewahrung in den Gefahren der letzten Tage zu danken und um Schutz und Hilfe für sich und die Erdbebenopfer zu bitten, brauchte es eigentlich kein Gebäude. Jasmin bemerkte, dass die Kinder und Obdachlosen nicht ins Gebäude gefolgt waren, sondern sich draußen verteilten. Um nicht unabsichtlich Gefühle der Dorfbewohner zu verletzen, dass sie die Kirche als Nachtquartier entweihten, legten sich Jasmin und Julie wie zum Spalier entlang des Eingangs auf Isomatte bzw. Schlafsack.
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