Kitabı oku: «Comedy Queen»

Yazı tipi:

Jenny Jägerfeld

COMEDY
QUEEN

Aus dem Schwedischen

von Birgitta Kicherer


Meiner geliebten Mama

und meinem geliebten Papa

INHALT

KOMISCHE KNOCHEN

WIE VON EINEM CLOWN ENTWORFEN

DIE KUNST, EIN KANINCHEN ZU STREICHELN

DIE LISTE

SKALPIERT VON EINER METALLIC-ROTEN WURST

UNFREIWILLIG EINMALIG

ICH + MÄRTA = HERZ

WASA SPORTKNÄCKE KRACHT AM LAUTESTEN

MAN WIRD SICH DOCH ÄNDERN KÖNNEN!

FRÖHLICH UND NORMAL

EIN GRAUES RECHTECK

EIN VERWICKELTES ENTWICKLUNGSGESPRÄCH

HARRY POTTER HAT SICH NICHT BESCHWERT

EIN KNUSPRIGES ERDKRUSTENBROT

AUF BESCHLAGENES GLAS GESCHRIEBEN

IN TIROLERHUT UND BADEHOSE SOLLTE MAN LIEBER NICHT FLIEGEN

ICH WERD DIR ZEIGEN, WEM ES HIER DEN SENDER RAUSHAUT

AUFHEBEN, WEGWERFEN, VERSCHENKEN

VIEL SCHWEINISCHER ALS DIE SCHWEINE IM PARK

SAUER UND UNNORMAL

FALSCH, FALSCH, FALSCH

SESSEN VOM DOIFI

EINE LIMETTE, SCHLAU IM BADEANZUG VERSTECKT

DIE TRÄNEN

EIN VERGESSENER DORN

DAS DUNKLE INNENLEBEN VON DARTH VADER

DON’T TELL ME TO SMILE

TAKE ME HOME

WELPENATTACKE DIREKT AUFS HERZ

TOFFEE

ICH LIEBE DICH ZUM MOND UND ZURÜCK

Nachwort

KOMISCHE KNOCHEN

Meine Mama hat mal gesagt, es gibt Menschen, die haben »funny bones«. Übersetzt heißt das ungefähr »komische Knochen«. Ich stelle mir das so vor: Das sind Leute, die sind irgendwie durch und durch komisch, bis ins Skelett – also sozusagen von Komik aufgebaut. Mama sagte, diese Leute seien schon komisch auf die Welt gekommen. So eine Person kann den miesesten Witz erzählen, und trotzdem lachen sich alle schlapp. Oder, es muss nicht einmal ein Witz sein. So jemand kann einfach sagen »Reichst du mir mal die Milch?«, und schon müssen alle loskichern, weil das so ulkig rüberkommt.

Dann ist da die andere Sorte, sagte Mama. Die können lernen, komisch zu sein. Sie sammeln Witze und lernen, wie ein Witz aufgebaut ist, und dann üben sie und üben und üben. Und durch das viele Üben merken sie, was die anderen zum Lachen bringt, und daraus machen sie dann etwas.

Schließlich gibt es eine dritte Sorte Menschen, die sind überhaupt nicht komisch, und wenn sie es noch so sehr versuchen. (Ich habe den Verdacht, meine Lehrerin Cecilia gehört in diese Kategorie.)

Ich hätte unheimlich gern komische Knochen. Ich möchte eine von denen sein, die witzig sind, ohne sich anzustrengen, eine, die sich einfach ins Klassenzimmer stellt und sagt: »Also, mein Papa ist gestern mit mir ins Kunstmuseum gegangen, und das war ungefähr so spannend wie Nasepopeln.«

Und Cecilia und die ganze Klasse: »AAAHAHAHAHAHAH!«

Sie brechen zusammen und halten sich den Bauch, weil sie vor Lachen Bauchweh kriegen. Zwischen den Lachanfällen stöhnen sie:

»Sasha, hör auf … wir können nicht mehr!«

Aber eigentlich wollen sie, dass ich weitermache, und das tu ich dann auch, ich mache weiter und werde von ihrem Lachen kein bisschen angesteckt, sondern sage nur mit unbewegter Miene: »Und da standen wir dann vor einem Bild, das sah aus, als hätte jemand eine Farbdose über die Leinwand geschüttet oder auf dem Weg zum Klo einen Farbeimer umgekickt! Aber mein Papa erklärt mit ernster Stimme: ›Was der Künstler uns hier mitteilen will, ist, wie sehr er mit dem Menschsein ringt.‹ Und ich dann: ›Ehrlich? Sieht mehr danach aus, als würde er damit ringen, KÜNSTLER zu sein.‹

Und BUUUMM!

Alle explodieren vor Lachen, sie fallen vom Stuhl, Cecilia auch, sie können nicht mehr reden, sie wälzen sich auf dem Boden und brüllen hysterisch.

Leider habe ich den Verdacht, dass meine Knochen nicht unbedingt superkomisch sind, dass ich also vermutlich nicht komisch auf die Welt gekommen bin. Positiv gesehen, gehöre ich auch nicht zur dritten Sorte, die kein bisschen komisch ist. Jedenfalls wird immer mal wieder über Sachen gelacht, die ich sage. (Ab jetzt werde ich notieren, worüber genau.) Wahrscheinlich gehöre ich zur zweiten Sorte. Die Sorte, die es trotz allem lernen kann.

Aber ich will UNBEDINGT funny bones haben. Und das WERDE ich auch schaffen. Das müsste doch klappen, obwohl ich nicht damit auf die Welt gekommen bin. Mein Plan ist, meine halb langweiligen Knochen gegen komische auszutauschen, einen nach dem anderen! Eins ist jedenfalls sicher – ich bin zielstrebig. Papa behauptet zwar, ich sei in die falsche Richtung zielstrebig. Dass ich also das falsche Ziel habe. Dass ich mehr Zeit in die Schule stecken sollte. Genau in diesem Augenblick wandert er beispielsweise in der Küche umher und grummelt etwas darüber, dass ich nicht genug über die Erdkruste und den innersten Kern der Erde lerne. Tut mir leid, aber das kommt mir nicht besonders wichtig vor. Ich kann mir jedenfalls keine Situation vorstellen, wo mein Leben absolut davon abhängt, dass ich etwas über die einzelnen Schichten der Erdkruste weiß. Und wenn, dann: Halloo?! Google!

Dagegen hängt mein Leben tatsächlich davon ab, dass es mir gelingt, funny bones zu bekommen. Das ist nicht mal übertrieben. Das ist wahr. Ohne werde ich nicht überleben.

WIE VON EINEM CLOWN ENTWORFEN

Cecilia steht vorne am Pult und redet über die Erdkruste. Ihre Stimme klingt, als wäre sie selbst total GESCHOCKT, weil das, worüber sie spricht, so irre interessant ist.

»Die Erdkruste ist zwischen 5 und 70 Kilometer dick!«

Auf der weißen Leinwand neben ihr leuchtet der Querschnitt einer Erdkugel. In der Mitte eine Art weißer Kern, dann ein paar leuchtende Schichten in Orange und Rot. Ganz oben die Erdkruste. Auf diesem Bild sieht die Erde ziemlich unseriös aus. Wie ein bunter Flummi. Ein bisschen gruselig, wenn man sich vorstellt, dass wir auf einem Planeten leben, der aussieht, als hätte irgendein Clown ihn entworfen. Ich versuche mir einen Witz auszudenken: »Hey, das würde jetzt schmecken – ein Glas Saft und dazu ein knuspriges Erdkrustenbrot mit Butter!«

Hm. Geht so. Etwas mit BLUTkruste wäre vielleicht witziger? Aber dann würden sie nur »Würg! Voll eklig!« sagen, und man will ja nicht unbedingt jemand sein, zu dem man »voll eklig« sagt.

Neben mir sitzt Märta und malt etwas auf den Zettel, den wir von Cecilia bekommen haben. Märta wird von allen außer mir »Metti« genannt. Sogar Cecilia nennt sie so. Aber für mich ist sie Märta, weil ich das schöner finde. Märta ist superlieb und hat das größte Herz von allen, die ich kenne. Ich beuge mich zu Märta rüber, weil ich sehen will, was sie malt, dabei kitzeln ihre blonden Locken mich an der Wange. Sie hat aus der Erdkugel ein Männlein mit Hut und Schnauzbart gemacht. Es hat einen Mantel an und eine dieser Brillen für Einäugige auf, die an einer dünnen Kette hängen. Wie heißt das noch mal? Molekül? Moloch? Monokel? Mein Onkel? So ähnlich ungefähr. Aus dem Mund des Männleins kommt eine Sprechblase: »Ich bin das Erdmännchen und hab meinen warmen Erdmantel an, weil es draußen so kalt ist.« Ich lächle Märta an, denn das ist ja ziemlich witzig. Sie kichert leise als Antwort. Wenn Märta kichert, klingt das, als würde ein kleines Kind gekitzelt. Total niedlich. Ich flüstere ihr zu:

»Mir ist eben was eingefallen!«

»Oh! Was denn?«, flüstert Märta zurück.

»Ich werd Komikerin! Stand-up-Komikerin!«

Bevor Märta antworten kann, steht Cecilia plötzlich vor uns.

»Ist euch das klar, Sasha Rein und Metti Sköld?«

Wir schauen zu ihr hoch. Sie legt eine Kunstpause ein.

»An manchen Stellen sind es demnach nur FÜNF KILOMETER zwischen unseren Füßen und dem, was man den Erdmantel nennt!«, sagt Cecilia und sieht uns mit großen runden Augen und offenem Mund an, wie die Moderatorin einer Kindersendung. »Wie viele Kilometer, Sasha und Metti?«

»Fünf Kilometer«, antworten wir brav im Chor.

An und für sich ist eine Lehrerin, die sich engagiert, ja echt gut. Bosse, den wir in der Vierten hatten, saß meistens nur da und fummelte an seinem Handy herum. Bosses Vorstellung von Unterricht war, einen Film über irgendein beliebiges Thema laufen zu lassen, dann aus dem Zimmer zu schleichen, um »ein paar Unterlagen zu holen«, und erst wieder aufzutauchen, wenn die Stunde um war. Letzten Herbst wurde Bosse krankgeschrieben, und dann bekamen wir Cecilia. Ich mag Cecilia. Manche in der Klasse (das heißt Tyra) stören sich daran, dass Cecilia immer die gleichen Klamotten anhat. Weißes oder graues T-Shirt. Blaue Jeans, die viel zu tight sind, wie manche (das heißt Tyra) finden. Ein typischer Tyra-Kommentar, geäußert, während sie mit offenem Mund Kaugummi kaut und zwanghaft an ihren langen braunen Haaren herumzwirbelt: »Also, ehrlich, Leute! Wie schwer kann es sein, eine Jeans in der richtigen Größe zu kaufen? Aber vielleicht findet sie es ja sexy, wenn der Speck über den Hosenbund quillt?«

Bitte, wen interessiert das schon, was für Jeans Cecilia anhat? Sie unterrichtet doch nicht mit dem Hintern?

Tyra ist meine Klassenkameradin, aber das ist ein idiotisches Wort, sie ist nämlich alles andere als meine Kameradin. Ich weiß, dass viele das gleiche Problem haben. Wie soll man es dann nennen? Klassenfeindin? Na ja, ein bisschen zu stark. Ein neutrales Wort wäre besser! Klassenmensch? Klassenwesen? Klassenperson? Tyra ist meine Klassenperson. Nicht gerade genial, muss aber genügen.

Jedenfalls. Papa meint, Cecilia sei »patent«. Und sie schafft es tatsächlich, für Ruhe zu sorgen. Das war nicht unbedingt Bosses Stärke, sagen wir mal so.

Jetzt klatscht Cecilia mit dem Stock an die weiße Leinwand, dass die ganze Erdkugel schwabbelt. Nisse zuckt zusammen.

»Wisst ihr, wie weit fünf Kilometer sind?«

Sie wartet nicht, bis jemand antwortet.

»Also, fünf Kilometer, FÜNFTAUSEND METER, das ist so weit wie von hier nach FRUÄNGEN ungefähr!«

Mir ist nicht ganz klar, wo Fruängen liegt, aber von mir aus. Meine Klassenkameraden, oder vielmehr Klassenpersonen, starren Cecilia wie hypnotisiert an. So eine Wirkung hat Cecilia auf manche Leute.

»Der Erdmantel ist VIELE TAUSEND Grad warm! Stellt euch das mal vor – hier, nur ein Stück unter unseren Füßen, gibt es eine viele tausend Grad heiße flüssige Masse!«

Cecilia stampft mit ihrem Croc auf den Boden, worauf wir alle wie gebannt auf den beigefarbenen Plastikboden starren.

»WIE viele Grad, Nisse?«

Sie richtet den Zeigestock auf Nisse. Dabei sieht sie aus wie ein Fechter, der einen Gegner zum Duell herausfordert. Nur dass Nisse keinen Degen hat. Und auch keine Antwort, wie es scheint.

»Äh … unheimlich viele?«, sagt er unsicher.

»Ja! Viele TAUSEND, ehrlich gesagt!«

Als Cecilia sich für einen kurzen Augenblick der Erdkugel zuwendet, schiebt Märta mir einen Zettel rüber, auf den sie ein lachendes Smiley gemalt hat. »Du wirst eine Superkomikerin!«, hat sie daruntergeschrieben.

Das freut mich. Und ich hoffe, sie hat recht.

Dann klinke ich mich aus. Gucke den Baum vor dem Fenster an. Kahle, dünne Äste, von einer leichten Schneeschicht bedeckt. Ich habe wichtigere Dinge, über die ich nachdenken muss, als irgendwelche albernen Erdkrusten. Wenn ich funny bones entwickeln will, muss ich mich konzentrieren. Hart und gezielt arbeiten. Zum Beispiel – die Frage, was ist eigentlich komisch? Eine Möglichkeit, Witze zu erfinden, könnte sein, verschiedene komische Themen aufzuschreiben, über die man dann frei herumgrübeln kann.

Ich starre auf das Papier mit dem Erdquerschnitt. Drehe es um. Schreibe:

KOMISCHE/NERVENDE SACHEN:

Zum Beispiel hat Märta mich einmal gefragt, warum manche Typen sich diese riesigen Hamsterbärte wachsen lassen. Ich so: »Häh? Was?«, und dann hat sich herausgestellt, dass sie HIPSTER-Bärte meinte.

Wenn die Kopfhörer sich verheddern.

Leute, die beim Filmgucken ununterbrochen labern: »Wer ist der da? Was macht die? Wohin gehen die jetzt?« Ich dann: »Oh Mann! Konzentrier dich auf den Film, dann wirst du’s schon checken!«

Alles, was alle Menschen in allen sozialen Medien machen. Wenn sie zum Beispiel supergeile Bilder von sich selbst posten und dazu schreiben, wie unmöglich sie darauf aussehen, nur um Komplimente zu angeln (Tyra). Oder wenn sie #total#unlogische#Sachen#hashtaggen. Oder wenn sie als deep status schreiben: »Bin so traurig. Niemand würde es verstehen … das hier garantiert nicht.« Und man antwortet: »Shit, was ist denn los?« Und dann kommt: »Nein, es ist nichts. Ich will nicht darüber reden.« AHA! DANN LASS ES DOCH BITTE!

(Darum hab ich mich bei SÄMTLICHEN sozialen Medien abgemeldet. Das heißt, bis auf Youtube. Ich muss immerhin Stand-up-Clips checken.)

Wenn Papa ins Zimmer kommt und irgendwas verkündet und man sagt: »Okay, okay, alles klar«, und wenn er dann rausgeht, macht er die Tür nicht zu und ich muss hinter ihm herschreien: »Mach die Tür zu!«, und dann kommt er zurück und SCHIEBT die Tür nur zu, ohne sie zuzumachen, und man kann bloß noch stöhnen: »OOOOH, Mann! Was hab ich gerade gesagt?«

Wenn Mama sauer ist –

Ich höre mitten im Satz auf. Nehme den Stift vom Papier. Ich hatte nämlich vorgehabt zu schreiben; »Wenn Mama sauer ist und will, dass ich mit ihr Deutsch spreche, und mir keine Antwort gibt, wenn ich das nicht mache.«

Das wollte ich schreiben. Aber ich tu es nicht. Weil mich das nicht mehr zu nerven braucht. Wie sehr wünschte ich, dass sie mich wieder damit nerven könnte. Das wünsche ich so sehr, dass mir das Herz fast bricht. Ich würde von früh bis spät Deutsch sprechen. Obwohl ich darin so eine Niete bin. Ich würde nie etwas anderes tun, wenn ich sie dadurch wiederbekäme. Ich würde immer Deutsch sprechen.

Für kurze Momente vergesse ich, dass sie tot ist. So wie jetzt. Die paar Sekunden, die es gebraucht hat, um »Wenn Mama sauer ist« zu schreiben.

Klar ist es gut, dass ich nicht andauernd an sie denke. Aber wenn es mir dann einfällt, öffnet sich das Dunkel in meiner Brust. Das Dunkel, das wie ein Loch ohne Boden ist und sich endlos in alle Richtungen ausdehnt. Es ist, als würden Stücke meines Herzens in das Loch fallen. Sie fallen runter und verschwinden. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiederfinden werde. Ob das Herz jemals wieder ganz werden kann. Ich radiere die Worte aus. Ich radiere »Wenn Mama sauer ist« aus. Radiere so fest, dass ein Loch im Papier entsteht.

DIE KUNST, EIN KANINCHEN ZU STREICHELN

Ich gehe durch den Aspudden-Park nach Hause. Sonst gehen Märta und ich immer zusammen, aber dienstags hat sie Banjo-Unterricht, believe it or not. Von allen Instrumenten im ganzen Universum wählt sie BANJO. Aber was weiß ich schon darüber? Einmal hat sie gesagt, sie liebt ihr Banjo mehr als ihren kleinen Bruder. Das glaube ich allerdings nicht so ganz. Das war nach dem BANJOTRAUMA, wie sie es nennt, als ihr Bruder das ganze Banjo mit Erdnussbutter vollgeschmiert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sie das ein bisschen beeinflusst hat. Seither nennt sie ihn nur noch den Banjoschänder.

Sie bewahrt ihr Banjo in einer glänzend schwarzen Hülle mit goldfarbenen Verschlüssen auf. Die Hülle ist innen mit grünem Samt gefüttert. Garantiert liegt nicht einmal die Krone des Königs in einer prächtigeren Hülle.

Die Luft ist kalt und klar, die Sonne steht so tief, dass die weißgelben Strahlen mich blenden. Vereinzelt liegen noch große Schneeflecken zwischen den kahlen Bäumen. Immer wenn ich Zeit habe, besuche ich die Kaninchen im Park und sage ihnen Hallo. Wenn ich Tiere streicheln und mit ihnen spielen kann, werde ich jedes Mal ganz froh und ruhig, und mein Herz wird irgendwie weich. Okay, nicht mit ALLEN Tieren. Wahrscheinlich würde ich weder froh noch ruhig werden, wenn ich einen Alligator oder einen Giftskorpion streicheln würde, aber ich denke, ihr checkt, was ich meine.

Die Kaninchen wohnen in vier kleinen Gehegen mit je vier Kaninchen. Eins der Kaninchen ist unglaublich niedlich und verschmust, ich nenne es Cookie Dough, obwohl es eigentlich Pistazie heißt. Pistazienkerne sind ja grün, also weiß ich nicht so recht, was man sich dabei gedacht hat. Cookie Dough ist nicht grün. Nein, sie sieht aus wie sahniges Vanille-Eis, mit vereinzelten braunen Teigstücken darin. Außerdem ist sie total süß, weil sie zur Hälfte ein Widderkaninchen ist und zur Hälfte was anderes, und darum hängt eines ihrer Ohren herunter, wie bei einem Widder, und das andere ragt kerzengerade in die Luft! Ich kann mich mit Cookie Dough identifizieren, weil ich auch zur Hälfte Widder bin, sozusagen. Ich bin am zwanzigsten März nachts um drei Minuten vor zwölf auf die Welt gekommen, genau an der Grenze zwischen den Sternzeichen Fisch und Widder. Aber zum Glück habe ich weder Hängeohren noch Ohren, die in die Luft ragen, sondern ziemlich normale Menschenohren, meiner Meinung nach.

Als ich jetzt beim Gehege ankomme, sehe ich Cookie Dough sofort. Sie hockt zusammengekauert da und mümmelt an einem Strohhalm herum. Ihre dicken weißen Kaninchenbacken bewegen sich heftig. Bestimmt hat sie keinen Papa, der sie ermahnt, immer SCHÖÖN LAANGSAAM zu essen, wie gewisse andere Personen. (Damit meine ich mich selbst.) »Hallo, Cookie Dough!«, sage ich, und da hört sie auf zu kauen und guckt zu mir hoch. Und vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber jedes Mal, wenn ich sie Cookie Dough nenne, scheint sie irgendwie dankbar auszusehen. Es ist, als wollte sie sagen: »Endlich! Endlich jemand, der kapiert, dass ich nicht GRÜN bin!«

Ich klettere über den Zaun und gehe ungefähr einen halben Meter von ihr entfernt in die Hocke. Die anderen Kaninchen hüpfen nervös davon, sie aber bleibt da und knabbert weiter an ihrem Halm. Zentimeter für Zentimeter verschwindet er in ihrem Mund. Dann rümpft sie ihr hellrosa Näschen, hebt es in die Luft und schnuppert. Ich ziehe einen Handschuh aus und halte ihr vorsichtig meine Hand hin. Cookie Dough riecht daran, als wäre sie ein Hund. Dann streiche ich ihr behutsam über das kuchenteigfleckige Fell. Sie ist unvorstellbar weich. Weicher als das Innere von Märtas Banjohülle. Viele Leute wissen nicht, wie man sich verhalten soll, wenn man Kaninchen streichelt. Meistens erschrecken die Kaninchen und hüpfen davon. Der Trick besteht darin, dass man keine hastigen Bewegungen macht, sondern die Hand sehr, sehr vorsichtig nähert. Obwohl die Kaninchen selbst sich total heftig bewegen, schätzen sie es nämlich überhaupt nicht, wenn andere das tun. Langsam strecke ich mich nach noch einem Halm aus und halte ihn dann Cookie Dough hin.

»Komm her, mein Häschen«, sage ich.

Mit zwei niedlichen kleinen Hopsern kommt sie angehüpft, dabei fährt das Wattebausch-Schwänzchen in die Luft. Dann hockt sie sich neben mein Bein. Ich stütze mich mit der Hand ab und setze mich ganz, ganz langsam in den Schneidersitz. Ich spüre den kalten Boden durch meine Jeans, spüre die Schneeflecken und weiß, dass ich durchnässt sein werde, aber das ist mir egal. Cookie Dough liegt direkt neben meiner Wade und wärmt sie mit ihrem dicken kleinen Kaninchenkörper. Sie ist meine Freundin. Ihr habe ich Sachen erzählt, die ich nicht einmal Märta gesagt habe. Auch für das, was eine beste Freundin verstehen kann, gibt es Grenzen. An und für sich ist es höchst ungewiss, wie viel Cookie Dough eigentlich versteht. Aber im Zuhören ist sie absolute Weltmeisterin. Vielleicht weil sie so große, lange Ohren hat? Ich streichle sie, immer wieder, immer wieder. Papa sagt, es müsse angenehm sein, ein Tier zu sein, weil die weder über Dinge grübeln, die früher mal passiert sind, noch sich wegen der Zukunft Sorgen machen. Entschuldigung, aber WOHER will er das wissen? Cookie Dough hat vielleicht Mega-Ängste, weil ihr Kaninchenkumpel Hasel in letzter Zeit mehr mit Cashew zusammensteckt, und überlegt jetzt VERZWEIFELT, mit wem sie am Nachmittag herumhüpfen soll.

Cookie Doughs Mama hat früher auch im Aspudden-Park gewohnt, das hat mir einer erzählt, der hier arbeitet. Aber vor zwei Jahren lag sie eines Morgens plötzlich da, einfach mausetot. Niemand weiß so genau, woran sie gestorben ist. Sie war kerngesund und auch nicht besonders alt. Aber vermutlich hat irgendetwas sie zu Tode erschreckt, vielleicht ein Fuchs oder so. Der Fuchs hat ihr nicht einmal etwas getan, sie war nämlich gar nicht verletzt. Sie hat es einfach gesehen und ist so erschrocken, dass ihr Herz stehen blieb. Manchmal denke ich, dass Mama auch zu Tode erschreckt wurde. Allerdings nicht unbedingt von einem Fuchs. Eher vom Leben.

Ich spüre Cookie Doughs kleines Herz durch das Fell, spüre, wie unglaublich schnell es schlägt. Ich will, dass ihr Herz für immer schlagen soll. Dann flüstere ich ihr in das Ohr, das in die Luft ragt: »Meine süße, süße kleine Cookie. Versprich mir, dass du weiterlebst, bis wir uns nächstes Mal wiedersehen. Bitte, versprich mir das!«

Doch da hoppelt sie plötzlich davon, rüber zum Holzhäuschen, wo die anderen Kaninchen kauern.

Heftig stehe ich auf, da werden die Kaninchen unruhig und hüpfen in dem Häuschen über- und durcheinander.

»Aber das MUSST du versprechen! Das musst du!«

Cookie schaut nicht mal zu mir her, sondern kehrt mir den Hintern mit dem kleinen flauschigen Schwanzstummel zu. Sie scheint nicht der Meinung zu sein, dass sie irgendwas versprechen muss.

Ich schreibe mit dem Zeigefinger in den Schnee:

IST

Dann wische ich es mit der flachen Hand weg. Der Schnee liegt wieder glatt da. Ich schreibe:

ES

Wische es wieder weg, schreibe:

MEINE

Wische, schreibe:

SCHULD?

Ich wische alles weg und stehe auf. Gehe davon und schaue mich nicht um.

DIE LISTE

Meine Strategie ist einfach. Mama ist mit ihrem Leben gescheitert. Und gestorben. Dafür gibt es eine Menge Gründe. Mein Leben soll gelingen, das habe ich mir vorgenommen. Eine Möglichkeit, damit es gelingt, muss sein, nicht dieselben Sachen wie Mama zu machen. Aus ihren Irrtümern zu lernen und das Gegenteil zu machen. Darum habe ich eine Liste mit sieben wichtigen Punkten zusammengestellt, Lösungen für meine Probleme. Die Punkte hab ich mit winzig kleinen Minibuchstaben auf ein Blatt Papier geschrieben. Die Liste liegt in meinem großen Darth-Vader-Wecker, gut versteckt im Batteriefach.

SACHEN, DIE ICH TUN MUSS, UM ZU ÜBERLEBEN

Alle nerven mich damit, dass Mama und ich uns so ähnlich sehen. Sahen. Sahen, meine ich. Glauben die, das würde mich FREUEN, oder was? Mein Gesicht ändern, das ist natürlich ziemlich schwierig. Papa wäre wohl nicht unbedingt damit einverstanden, dass ich mir das Gesicht operieren lasse. Aber. Sowohl ich als auch Mama haben lange, braune Haare. Oder, ja, ja, klar, sie hatte. (Oje. Hatte, hatte! Ist das denn so schwer?)

1. Haare abschneiden.

Mama hat versucht, sich um ein Kind (mich) zu kümmern. Das ging total schief.

2. Versuch gar nicht erst, dich um etwas Lebendiges zu kümmern.

Mama hat unglaublich viele Bücher gelesen. Im Wohnzimmer und neben ihrem Bett lagen immer Berge von Büchern. Ist sie dadurch glücklicher geworden? Nein. Sie hat sich in das Elend anderer Menschen vergraben. Von Menschen, die nicht einmal existieren!

3. Keine Bücher lesen.

Mama hat immer schwarze Sachen angehabt. Also, ehrlich – wird man davon etwa froh?

4. Immer nur bunte Outfits anziehen.

Mama hat viel zu viel gedacht. Sie bereute alles Mögliche, was sie gesagt und getan hatte. Dachte daran, wie es früher war. Dachte zu viel daran, was andere dachten.

5. Nicht zu viel denken (am besten überhaupt nicht).

Mama machte lange Waldspaziergänge. Sie lief oft stundenlang durch den Wald und dachte bloß nach.

6. Nicht mehr spazieren gehen. Den Wald meiden.

Aber das Wichtigste von allem. Mama hatte Depressionen und weinte mehr oder weniger ununterbrochen. Sie brachte Leute zum Weinen. Sie bringt immer noch Leute zum Weinen, obwohl sie gar nicht mehr lebt. Manchmal, wenn Papa in der Dusche ist, höre ich ihn weinen. Garantiert glaubt er, dass man das nicht hört. Aber das tut man. Darum werde ich nie weinen. Niemals. Und ich habe nicht vor, Leute zum Weinen zu bringen. Ich werde Leute zum Lachen bringen. Das ist meine Mission!

7. Comedy Queen werden!

SKALPIERT VON EINER METALLIC-ROTEN WURST

Um unsere Wohnungstür zu öffnen, muss man sie mit aller Kraft nach innen pressen und gleichzeitig den Türgriff nach oben drücken, während man den Schlüssel umdreht. Manchmal klappt das erst beim dritten Versuch. Heute bin ich so eifrig, dass ich viel zu hart mit der Hüfte dagegenknalle. Muss vor Schmerz stöhnen.

»Also echt, eure Tür …«, keucht Märta, die hinter mir die Treppe heraufkommt. Nach der Schule sind wir so schnell hergeradelt, dass wir beide ganz außer Puste sind.

»Ich weiiiiß«, sage ich und remple die Tür noch einmal mit der Hüfte an.

Endlich gelingt es mir, den Schlüssel umzudrehen und aufzumachen. Eines schönen Tages werde ich garantiert einen Trümmerschaden an der Hüfte davontragen. Nicht ganz einfach, den Rettungssanitätern dann zu erklären, wie es dazu gekommen ist: »Äh … hab bloß versucht, irgendwie eine Tür zu öffnen.«

In der Eingangsdiele hängen wir unsere Jacken in die Garderobe und lassen die Fahrradhelme auf den Boden fallen. Märta hat unterm Helm ihre Baseballkappe auf. Nie eine Mütze, obwohl es eisige Minusgrade hat. »OBEY« steht auf der Kappe, der Schirm hat ein Leopardenmuster. Die Kappe ist so tief in die Stirn gedrückt, dass Märtas Ohren abstehen. Die sind jetzt knallrot vor Kälte. Märta liebt ihre Kappe über alles. Wenn es nach ihr ginge, würde sie die Kappe nie ausziehen. Aber Cecilia zwingt sie dazu, die Mütze im Unterricht abzunehmen. Beinah jede Stunde beginnt damit, dass Cecilia sagt: »Und jetzt nimmt Metti ihre Kappe ab.«

Und jedes Mal macht Märta das gleiche bockige Gesicht. Aber die Kappe zieht sie trotzdem aus. Cecilia widerspricht man nicht. Früher, bei Bosse, durfte Märta die Kappe auflassen. Einer der wenigen Vorteile von Bosse. Man hätte in einer Ritterrüstung im Unterricht erscheinen können, ohne dass er es gemerkt hätte.

Ich klatsche in die Hände.

»Bist du bereit?«, frage ich.

»Ja! Und du?«, sagt Märta, obwohl es wie »Jaudu?« klingt, weil Märta immer so schnell und aufgeregt spricht.

»War noch nie so bereit wie jetzt!«

Ein Blick auf die Uhr. Noch zwei Stunden, bis Papa nach Hause kommt. Perfekt. Wir betreten unser enges Badezimmer, wo man zu zweit kaum Platz findet. Märta stößt gegen ein Zahnputzglas, es kippt um und die Zahnbürsten landen im Waschbecken.

Inzwischen nur zwei Zahnbürsten.

Das Zahnputzglas ist gar kein richtiges Glas, sondern ein wackliger orangeroter Plastikbecher, der fünf Mal täglich umfällt, darum sag ich, sie kann die Zahnbürsten ruhig liegen lassen. Dann suche ich im Schrank und den Schubfächern nach dem Trimmer und finde ihn schließlich in einem geflochtenen Korb unterm Waschbecken. Er ist metallic-rot und leicht angestaubt, im Kamm stecken noch kleine braune Härchen. Ich puste sie weg. Es ist eine Weile her, seit Papa sich zuletzt den Kopf rasiert hat.

Niemand kann ihm mehr mit dem Nacken helfen.

Es gibt drei verschiedene Kammlängen, außer glattrasiert. Circa drei Millimeter, circa ein Zentimeter und circa zweieinhalb Zentimeter.

»Ich denke, ich nehme doch lieber den längsten Kamm«, sage ich und stelle ihn auf zweieinhalb Zentimeter ein. Dann reiche ich Märta den Trimmer. Sie steckt den Stecker in die Steckdose überm Spiegel.

»Bist du dir ganz sicher?«, fragt Märta und sieht mich lange mit ihren lieben Augen an. Ihre Augen sind so blau wie der Abendhimmel. »Du hast doch so schöne Haare!«

Sie fährt mit den Fingern durch meine Haare, versucht es vielmehr, bleibt aber sofort hängen. Meine Haare sind dafür bekannt, unter Mützen und Helmen zu verfilzen.

»Ich schenk sie dir«, sag ich großzügig. Sie kichert. Ich notiere es im Kopf. Vielleicht lässt sich daraus irgendein Witz machen?

Ich hab nichts von der Liste erzählt. Weder ihr noch sonst jemandem. Hab nur gesagt, ich hätte meine Haare satt. Jetzt lasse ich mich auf den Toilettensitz sinken. Märta schaltet den Trimmer ein. Er summt und vibriert. Dann stellt sie sich vor mich und sagt: »Auf los geht’s los!«

Der Trimmer nähert sich meinem Gesicht, meiner Stirn, dann drückt Märta ihn leicht, aber entschlossen auf meine Kopfhaut und fährt mir damit nach hinten über den Kopf. Ich spüre, wie meine Haare in kleinen Büscheln herunterfallen, sanft, fast zärtlich streifen sie meine Wange, das Ohr, den Hals. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie eine lange dunkelbraune Strähne auf meiner Schulter landet. Mit konzentriertem Gesicht hebt Märta den Trimmer an und zieht ihn mir erneut über den Kopf, diesmal von der Schläfe schräg übers Ohr.

TSCHONG!

Märta schreit auf, und im selben Augenblick spüre ich einen brennenden Schmerz direkt überm Ohr, als würde mir jemand die Haare ausreißen.

»ER STECKT FEST!«, schreit Märta.

»GAAAAAH!«

Ich versuche, den Trimmer zu erwischen, der immer noch schnurrt, aber Märta schlägt automatisch meine Hand weg.

»WAS SOLL ICH MACHEN?«, schreit sie.

»SCHALT IHN AUS!«, brülle ich.

Als das Brummen aufhört, wird es still. Beängstigend still. Märta atmet angestrengt. Sie versucht meine Haare von der Maschine zu befreien, aber dadurch bleibt das Ding nur noch fester stecken. Es tut höllisch weh!

»Tut mir leid tut mir leid tut mir leid Sasha«

»Aber du kannst doch gar nichts dafür!«

»Trotzdem! Tut mir leid!«

Mit wachsender Verzweiflung zieht sie an verschiedenen Strähnen, es fühlt sich an, als würde sie mir die Haare mit der Wurzel ausreißen.

»Mensch, das klappt einfach nicht!«, stöhnt sie. »Ich weiß nicht, wie ich den Trimmer rauskriegen soll!«

»Lass mich mal sehen«, sage ich und stehe auf. Der Trimmer hängt mir baumelnd vom Kopf. Ich verziehe das Gesicht, weil es ordentlich wehtut, wenn er so an den Haaren baumelt.

Als ich mich im Spiegel sehe, stoße ich einen Schrei aus. Märta hat es geschafft, einen vier Zentimeter breiten Streifen von der Stirn bis zum Hinterkopf abzurasieren, auf dem die Haare zwei, drei Zentimeter lang sind. Dann hat sie von der Schläfe eine kürzere Strecke rasiert, bis ans Ohr, wo der Trimmer schließlich steckenblieb. Dort hängt er jetzt wie eine dicke rote Metallic-Wurst. Ich sehe echt wahnsinnig aus.

»NUR KEINE PANIK!«, schreit Märta voller Panik.

»WAAAH!«, brülle ich.

»Schön ruhig atmen wir kriegen das schon hin!«, sagt Märta in einem einzigen zusammengezogenen Satz, aber es klingt nicht so, als würde sie selbst daran glauben.

»WIE DENN? WIE DENN?!«

»KEINE AHNUNG! TUT MIR LEID!«

»HÖR AUF MIT DEM EWIGEN TUT MIR LEID!«, brülle ich.

»TUT MIR LEID! ICH HÖR JA SCHON AUF! TUT MIR LEID!«

Plötzlich ein Poltern, als würde jemand die Hüfte gegen die Wohnungstür pressen und gleichzeitig den Schlüssel im Schloss umdrehen! Ich sehe Märta an. Ihre Augen sind weit aufgerissen, wie bei einer Comicfigur. Sie schlägt die Hände vor den Mund.

»Jetzt sterbe ich«, flüstert sie.

»Hallo!«, ruft Papa aus der Diele und zieht gleichzeitig die Tür mit einem Knall hinter sich zu.

Märta und ich starren uns in wortlosem Entsetzen an. Dann höre ich, wie Papas Schritte sich nähern. Ohne lang zu überlegen mache ich einen Satz in die Badewanne und ziehe den Duschvorhang zu.

»Na, so was! Hallo, Metti!«, sagt Papa und streckt den Kopf zur Badezimmertür herein.

»Hallo, Abbe«, sagt Märta.

»Was macht ihr gerade?«, fragt Papa misstrauisch. Er sieht ihr natürlich an, dass hier etwas Verdächtiges im Gang ist. Märta antwortet nicht. Ich bemühe mich, so lautlos wie möglich zu atmen und halte dabei den Trimmer fest, damit er nicht so schmerzhaft an meinen Haaren zerrt.

»Spielt ihr Verstecken?«, fragt Papa und zieht plötzlich den Duschvorhang beiseite. Ich zucke zusammen.

»SASHA!«, schreit er, als er mich sieht. Er hat noch seine grüne Wolljacke an, und seine Backen sind von der Kälte gerötet.

»Hallo, hallo«, sage ich und winke ihm total idiotisch zu.

Sein Blick wandert von mir zu Märta, dann zu den Haarsträhnen auf dem Boden und zum Trimmer, der an meinem Kopf baumelt.

»Was MACHST du da? Warum hast du … meinen Trimmer? Was hast du GEMACHT?«

»Ich sollte wohl lieber dich fragen, was DU hier machst. Du wolltest doch erst um fünf nach Hause kommen!«, kontere ich mürrisch, dann richte ich mich auf und steige aus der Wanne – nicht gerade graziös, denn mit der einen Hand um den Trimmer stolpere ich voll über Märta. Der Trimmer knallt gegen ihren Kopf. Sie stöhnt auf.

»Was soll das heißen, um fünf? Das hab ich doch nie behauptet. Ich hab dir fünfzehn Uhr gesimst.«

Aha, fünfZEHN. Scheiße. Mit der Digitaluhr komme ich immer noch nicht klar.

»Aber das ist jetzt unwichtig!«, sagt Papa. »Was hast du mit deinen Haaren angestellt?«

»Ich wollte sie mir abschneiden, ist aber ein bisschen schiefgegangen. Dein Trimmer taugt echt überhaupt nichts.«

Papa nimmt die Brille ab, die beschlagen ist. Dann schließt er die Augen und kneift sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger um die Nasenwurzel.

»Sasha. Dies ist ein Apparat für kurze Haare!«

»Genau. Ich will ja kurze Haare HABEN!«

»Man muss aber schon kurze Haare haben, um ihn zu BENUTZEN!«

»Man muss also kurze Haare haben, um die Haare damit kurz schneiden zu können? Tut mir leid, aber so was Blödes hab ich noch nie gehört. Ist ja eine KRASS bescheuerte Erfindung. Ungefähr so wie … äh …«

Ich sehe mich um und entdecke die Zahnbürsten im Waschbecken, hole meine heraus, halte sie ihm vor die Nase und sage: »Hör mal, mit DIESER Zahnbürste kannst du dir echt nicht die Zähne putzen, um die zu benutzen muss man doch saubere Zähne haben! Oder … oder wie … Nein, dieser Nagellack funktioniert bloß, wenn du die Nägel schon LACKIERT hast, ist doch logisch? Dein Trimmer ist Schrott. Den solltest du zurückgeben.«

»Tja, das könnte inzwischen nicht ganz einfach werden«, bemerkt Papa erschöpft. »Nachdem du daran festhängst.«

Er nimmt mir die Zahnbürste aus der Hand und holt seine eigene und das Zahnputzglas aus dem Waschbecken. Plötzlich muss ich kichern. Und da kichert Märta ebenfalls. Und als ich Papas extrem missbilligendes Gesicht sehe, fange ich an zu lachen. Märta geht es genauso, obwohl sie es hinter der vorgehaltenen Hand zu verbergen versucht, aber ihre Backen färben sich rosa von unterdrücktem Lachen.

Papa sieht Märta an, dann mich, schließlich schüttelt er den Kopf und verschwindet in die Diele hinaus. Da explodieren Märta und ich gleichzeitig in einem wilden Lachanfall. Ich sinke auf den Klodeckel und lache so sehr, dass mein ganzer Körper bebt, ich nach Luft schnappe und der Trimmer mir oben auf dem Kopf herumhüpft. Märta muss sich vor Lachen vornüberbeugen und dann in die Hocke gehen. Wir lachen, und irgendwie bleibt die Zeit stehen, alles andere ist verschwunden, es gibt nur noch uns, und ich will, dass es für immer so bleibt.

Da höre ich plötzlich Papa draußen husten. Märta kichert weiter, aber ich höre sofort auf. Es ist, als hätte jemand die Aus-Taste gedrückt. Ich weiß, dass Papa manchmal raucht, wenn ich nicht dabei bin, und das gefällt mir überhaupt nicht. Es reicht, dass ein Elternteil gestorben ist. Wenn Papa sich jetzt auch noch Krebs holt, das packe ich nicht! Er öffnet wieder die Badezimmertür, hustet noch ein paar Mal und lächelt erschöpft. Aber ich erwidere das Lächeln nicht.

»Sasha, was machen wir nur mit dir? Warum stellst du solche Sachen an? Warum hast du mir nichts gesagt, dann wären wir doch zum Frisör gegangen?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Du hättest Nein gesagt. Das weiß ich. Und darum hab ich gedacht, das hier ist einfacher. Und genauso gut.«

Papa wirft Märta einen vielsagenden Blick zu. Sie sieht leicht schuldbewusst aus. Ihre blonden Locken sind ja immer noch sehr lang und vor allem: sehr gleichmäßig.

»Oh ja, ist wirklich gut geworden«, sagt er. »Auf jeden Fall.« Dann holt Papa eine Küchenschere und schneidet den Trimmer ab, was eine große Erleichterung ist. Schließlich seufzt er und verschwindet in die Küche. Im Spiegel begegne ich meinem eigenen Blick. Kurze kleine Zotteln stehen vom Kopf ab. Hinterm Ohr sind die Haare so kurz, dass die Haut darunter durchleuchtet. Und die ist inzwischen pinkfarben. Auf der anderen Seite hängen mir die Haare immer noch über die Schulter.

»Einmalige Frisur – immerhin!«, sagt Märta und versucht, aufmunternd zu klingen.

»Ja, total«, sage ich und starre mein Spiegelbild an. »Ich seh aus wie eine Irre.«

»Haare wachsen nach!«

»Ja.«

»Haare sind bloß Haare«, sagt Märta und sieht schuldbewusst aus.

»Ja.«

»Das Einzige, was deine Haarwurzeln für den Rest ihres Lebens tun wollen, ist, neue Haare für dich zu produzieren. Vergiss das nicht«, sagt Märta mit ernster Stimme.

»Mhmm.«

»Es hätte schlimmer sein können«, sagt Märta.

»WIE DENN? Wie könnte es schlimmer sein?«

»Äh … du hättest … äh … Donald Trumps Haare haben können?«

Darüber denke ich kurz nach, dabei entstehen in meinem Innern GRAUENHAFTE Bilder. Obwohl das Schlimmste an Trump nicht direkt seine Haare zu sein scheinen.

»Stimmt. Bringen wir es zu Ende?«, frage ich.

»Bist du übergeschnappt? Also, das trau ICH mich jedenfalls nicht! Dieser Trimmer hätte dich ja fast skalpiert!«

»Aber so kann ich doch nicht durch die Gegend laufen?! PAPA! PAPAAA!«

Papa öffnet die Tür zum Badezimmer. Inzwischen hat er seine Jacke ausgezogen, jetzt beißt er gerade herzhaft in einen grünen Apfel. Der Apfel ist so saftig, dass es nur so spritzt, als Papa schmatzend fragt:

»Willst du weiter so aussehen oder willst du lieber zum Frisör? Der Frisör ist gleich unten neben der Bibliothek. Er hat jetzt gerade Zeit.«

»Danke, lieber GOTT!«, seufze ich.

»Es reicht, wenn du mich Papa nennst«, sagt Papa. Eine echt komische Bemerkung, finde ich. Ob sich wohl ein Witz daraus machen lässt?


Später gehen Märta und ich den Hägerstensväg entlang und lutschen an je einem Lolli. Lollis sind eigentlich etwas für jüngere Kinder, aber ich sagte, von der Skalpierung sei ich schockgeschädigt und ich hätte gehört, nach einem Schädeltrauma sei Zucker heilsam. Der Wind bläst kalt um meinen halbkahlen Kopf, als wir vor einem Fotoladen stehen bleiben. Ich spiegle mich im Schaufenster. Der Frisör hat die Haare an den Schläfen abrasiert – es blieb ihm wohl nichts anderes übrig – aber oben auf dem Kopf sind sie ein klein bisschen länger. Das Ganze sieht okay aus. Ganz okay. Wenigstens versuche ich mir das einzureden. Vielleicht muss ich mir auch eine Baseballkappe zulegen.

»Kurze Haare stehen dir gut«, sagt Märta und fährt mir mit den Fingern durchs Haar, ohne in irgendwelchen verfilzten Knoten hängen zu bleiben.

»Danke«, sage ich. »Lange Haare stehen dir gut.«

Sie lächelt, wird aber plötzlich ernst.

»Ich muss mich entschuldigen«, flüstert Märta.

»Sag jetzt nicht schon WIEDER, dass dir das mit dem Trimmen leidtut! Das verbiete ich dir!«, sage ich.

»Nein, das ist es nicht … es ist nur, dass … vorhin hab ich gesagt … also, ich sagte: Jetzt sterbe ich. Als dein Papa kam.« Sie spricht stoßweise und so schnell, dass man kaum versteht, was sie sagt. Den roten Lolli hat sie aus dem Mund genommen, jetzt dreht sie ihn nervös zwischen den Fingern. Sie schaut mich unglücklich an. Ich runzle die Stirn. Kapiere nicht, was sie meint.

»Es tut mir leid, dass ich so was gesagt hab.«

Da geht mir ein Licht auf.

»Mensch, Märta. Klar musst du sagen dürfen: ›Jetzt sterbe ich.‹ Komm, wir gehen jetzt heim, was essen. Wer nichts isst, der stirbt! Stimmt doch, oder?«

Meine Stimme klingt erschreckend forsch. Punkt 1. Haare abschneiden. Check!

UNFREIWILLIG EINMALIG

Es ist der zwanzigste März, also habe ich heute Geburtstag! Ich werde zwölf. Ich gehe von elf, was die Atomnummer für das Element Natrium ist, zu zwölf, das ist die Atomnummer für das Element Magnesium. In der Schule nehmen wir zurzeit die Elemente durch. Oder die GRUNDELEMENTE, wie Cecilia übertrieben begeistert betont. Natrium finde ich gut, weil das so was wie Salz ist. Und ich liebe Salz. Wenn ich mich für den Rest meines Lebens zwischen süß oder salzig entscheiden müsste, würde ich auf jeden Fall salzig wählen. Fast alle in meiner Klasse würden süße Sachen wählen. Auf die Art bin ich einmalig. Leider bin ich auch auf andere Art einmalig. Unfreiwillig einmalig.

Papa ist siebenundvierzig, und das ist die Atomnummer für Silber, das gefällt mir.

Aber ich weiß nicht, was ich von Magnesium halten soll, weil ich noch nichts darüber weiß.

Ich liege unter der Bettdecke und stelle mich schlafend. Draußen in der Küche klappern Papa, Omi und Papas Bruder Onkel Ossi mit dem Geschirr und unterhalten sich flüsternd. Das Wort Onkel klingt irgendwie so alt, aber Ossi ist viel jünger als Papa, ungefähr neunundzwanzig oder dreißig, hab vergessen, wie alt genau, darum weiß ich nicht, welches Element er eigentlich ist.

Ein kleiner Spalt grauweißes Licht an der Seite des Rollos erhellt das Zimmer. Papa muss alles, was auf dem Boden herumlag, aufgesammelt haben, nachdem ich gestern eingeschlafen bin. Das macht mich immer wieder leicht verwirrt. Beim Einschlafen – schlimmstes Durcheinander. Beim Aufwachen – pedantische Ordnung.

Die Ziffern auf dem Darth-Vader-Wecker stehen bei 06.47. Und jetzt immer noch bei 06.47.

Und immer noch. Wie kann es so lange 06.47 Uhr sein? Unfassbar! Papa nennt solche langsamen Minuten S-Bahn-Minuten. Und zwar, weil, wenn wir S-Bahn fahren wollen, steht manchmal »3 Minuten« leuchtend rot auf der Anzeigentafel am Bahnsteig, und dann, drei Minuten später, steht IMMER NOCH »3 Minuten« auf der Tafel. S-Bahn-Minuten, das bedeutet die langsamsten Minuten der Weltgeschichte.

Immer noch 06.47. Haben sich die Ziffern vielleicht verhakt? Ich schüttle Darth, doch das hilft nichts, also stelle ich ihn wieder hin. Er guckt mich mit seinen schwarzen glänzenden Augen an.

»Auf geht’s, Darthy boy«, flüstere ich.

Und da endlich: 06.48.

Und plötzlich höre ich:

»Lang soll sie leben, lang soll sie leben, lang soll sie leben, Hunderte von Jahr!«

Ist doch echt krass, dass manche Sachen einen die ganze Zeit nur an das erinnern, woran man nicht denken will! Hundert Jahre leben. Ja, wenn Mama das hätte tun dürfen, das wäre schön gewesen. Hundert Jahre. Oder wenigstens fünfzig. Dann wäre ich bei ihrem Tod erwachsen. Das wäre doch einfacher? Oder? Es fällt mir schwer, nicht an meinen letzten Geburtstag zu denken, als ich elf wurde. Daran, wie Mama in mein Zimmer kam und sang. Und typisch nach Mama roch, wie immer, wenn sie gerade aufgewacht war. Immer, wenn sie mich dann in den Arm nahm, presste ich meinen Kopf an ihren Hals und schnupperte an ihren Nackenhaaren. Dort roch sie am meisten nach Mama. Da musste sie lachen, sagte, das würde kitzeln. Ich hab solche Angst, ich könnte ihren Duft irgendwann vergessen.

Mama blieb bei sechsunddreißig Jahren stehen. Ich werde immer älter werden, sie aber nicht. Sie wird immer sechsunddreißig bleiben. Sechsunddreißig ist die Atomnummer für Krypton. Krypton ist ein Edelgas, das in der Erdatmosphäre sehr selten ist. Genau wie Mama. Selten. Ich hätte gewünscht, Mama wäre wenigstens neunundsiebzig geworden. Neunundsiebzig ist die Atomnummer für Gold. Gold hält ewig.

Jetzt drängeln sich Papa, Omi und Ossi in der Türöffnung und singen, dass die Fensterscheiben nur so klirren. Papa steht ganz vorne und hält ein Tablett in den Händen. Gestern durfte ich mir mein Geburtstagsfrühstück wünschen: Heiße Schokolade mit Schlagsahne. Obstsalat und Joghurt. Eine Scheibe Toast mit Erdbeermarmelade. Auf dem Tablett sind außerdem noch: eine brennende Kerze, eine Serviette mit einem Leoparden drauf und ein lila Blümchen in einem Eierbecher. Das hat Papa garantiert vom Usambara-Veilchen in der Küche abgezwickt. Ich setze mich im Bett auf. Ossi drängt sich an Papa vorbei. Er hat die Ärmel an seinem geblümten Hemd hochgekrempelt, jetzt kann man seine vielen Tätowierungen sehen.

»Du hast gar nicht geschlafen! Gib’s zu!«, sagt Ossi und umarmt mich. Er riecht nach Zigarettenrauch, aber bei ihm regt mich das nicht so auf. Außerdem riecht er immer danach, und es hat ja keinen Sinn, sich immer aufzuregen. Vor allem nicht über Ossi.

»Ein bisschen schwierig zu schlafen, wenn gewisse Typen morgens um halb sieben laut an der Tür klingeln«, sage ich. »Er ist wirklich ein hoffnungsloser Fall!«, sagt Papa. »Ich hab ihm direkt davor gesimst: ›Leise reinschleichen! Die Tür ist offen!‹ Manchmal hab ich den Verdacht, dass du meine SMS gar nicht liest?«

Papa dreht sich zu Ossi um, und Ossi fährt sich mit der Hand durch das schwarze Elvis-Haar. Vielmehr fährt er sich nicht mit der Hand DURCH das Haar, sondern eher ÜBER das Haar. Irgendwie streichelt er es, ganz vorsichtig, so wie man ein Kaninchen streichelt. Vermutlich weil er so viel Wachs und Spray und Zeugs draufgetan hat. Draußen könnte der totale Orkan sein, Ossis Haare würden trotzdem absolut unverändert aussehen.

»Hey, natürlich LESE ich sie, aber dann … also, vielleicht vergesse ich sie manchmal. Du weißt schon … ADHS.«

Ossi hat ADHS und redet sich immer irgendwie damit heraus. Wenn er zu spät kommt: ADHS. Wenn er vergessen hat, etwas zu besorgen: ADHS. Wenn er nicht zuhört: ADHS. Also, natürlich glaube ich nicht, dass er lügt. Garantiert fällt ihm manches schwerer, weil er ADHS hat. Aber gleichzeitig kommt mir unwillkürlich der Gedanke, dass es unglaublich praktisch sein muss, immer für alles eine Ausrede zu haben!

Jetzt verwuschelt er mir die Haare.

»Ehrlich, ich fahr echt auf deine neue Frisur ab!«, sagt er.

»Und ich fahr auf deine alte Frisur ab!«, sage ich und grinse. Ossi macht Platz für Omi, die brav hinter ihm gewartet hat. Sie lässt sich schwer auf die Bettkante sinken. Das ganze Bett knarzt. Omi wiegt über hundert Kilo. Behauptet aber, sie würde achtundneunzig wiegen. Papa meint, in Sachen Gewicht sei es problematisch, wenn man in den dreistelligen Bereich rutscht, und darum würde sie ein bisschen flunkern. Sie legt mir ein großes weiches Paket auf den Schoß. Es ist in weißes Papier mit hellblauem Blümchenmuster eingepackt, wie alle Geschenke von Omi. Eigentlich ist das kein Geschenkpapier sondern Tapetenpapier. Alle Geschenke, die ich je von Omi bekommen habe, sind in diese Tapete verpackt. Irgendwann vor fünfzehn Jahren hat sie aus Versehen zwanzig Rollen Blümchentapete gekauft, dann aber festgestellt, dass ihr das Muster nicht gefällt, und da war es zu spät, die Tapete zurückzugeben.

Omi nimmt meine Hand und hält sie fest. Schaut mir lange in die Augen, so lange, dass es fast ein bisschen lästig wird, und sagt:

»Sasha, wie FÜHLST du dich jetzt? An deinem zwölften Geburtstag?«

Es ist, als würde sie eine sehr tiefsinnige Antwort erwarten. Eine Art Weisheit, das Leben sei ein Geschenk, oder was auch immer. Aber da habe ich gerade nichts Passendes auf Lager.

»Äh … ja, das ist wohl … das ist so, wie wenn man von Natrium zu Magnesium geht.«

Omi sieht mich fragend an.

»In der Schule nehmen sie gerade die Elemente durch«, erklärt Papa. »Das Element mit der Nummer Zwölf ist Magnesium.«

»Aha. Ehrlich gesagt, nehme ich Magnesium gegen saures Aufstoßen«, teilt Omi mit.

Na super. Danke für die Info, Omi. Jetzt weiß ich also auch über Magnesium Bescheid.

Papa stellt das Tablett auf den Boden und drückt mich ganz fest.

»Glückwunsch, mein Schatz!«

In seiner Schlafanzugshose und dem abgetragenen T-Shirt sieht er froh und entspannt aus. Keine Brille. Ohne Brille kommt mir sein Gesicht immer verändert vor, irgendwie schutzlos, oder vielleicht so, als wäre er gerade erst aufgewacht. Ungefähr wie ein Panda ohne die schwarzen Ringe um die Augen.

»Ossi, die Geschenke!«

»Ja! Genau!«

Ossi stürzt aus dem Zimmer und kommt fünf Sekunden später mit drei Paketen im Arm zurück, die er aufs Bett kippt. Eins ist eine kleine Schachtel mit einer roten Samtschleife, eins ist ein weicher Karton, vielleicht etwas zum Anziehen, und das Dritte ist ein bisschen größer und härter, in blaues Papier eingepackt, irgendwas Buchmäßiges. (Aber hoffentlich nicht. Vergiss nicht Punkt 3 auf der Liste: Keine Bücher lesen.)

»Was ist von wem?«

Ich schaue von Papa zu Ossi.

»Alle sind von mir«, sagt Papa.

Ossi macht ein verlegenes Gesicht.

»Hm, also, gestern hab ich es irgendwie nicht rechtzeitig geschafft, und dann … hm… heute morgen hatten sie nicht auf.«

»Bekanntlich gibt es nur wenige Läden, die um sechs Uhr früh offen sind«, sagt Papa.

»Aber ich weiß GENAU, was ich dir kaufen werde, du kriegst es in allernächster Zukunft!«

Papa rollt die Augen.

»Das macht nichts«, sage ich.

»ADHS«, sagt Ossi entschuldigend und zuckt die Schultern. Aus Omis Paket kommen eine weiße superweiche kuschlige Decke und ein weißes superweiches Kissen, die aussehen, als wären sie aus Kaninchenfell, und sich auch so anfühlen (sind sie aber nicht, zum Glück!). Gefallen mir sehr. Von Papa bekomme ich einen Atlas (perfekt – ein Buch, das man nicht lesen muss, sondern nur anzuschauen braucht) und eine coole tighte Jeans (dunkelblau, aber ich werde versuchen, sie in eine rote oder vielleicht gelbe umzutauschen). Die kleine Schachtel hebe ich bis zuletzt auf. Alle drei starren mich erwartungsvoll an. Es ist ziemlich offensichtlich, dass sie wissen, was in dieser Schachtel ist.

»Vielleicht eine Uhr? Oder eine Halskette?«, sage ich, aber als ich die Schachtel schüttle, fühlt sie sich ganz leicht an, und nichts rasselt. Fast aufreizend langsam ziehe ich am Band der Schleife.

Als ich den Deckel öffne, begreife ich zuerst null. In der Schachtel liegt ein Foto, sonst nichts. Ein Foto von einem Hund. Von einem Welpen. Ein Cockerspaniel, glaube ich, hellbraun wie ein Sahnebonbon. Er ist so süß, dass man einen Zuckerschock kriegt. Ich drehe das Foto um. Da steht: Gratuliere! In sechs Wochen gehöre ich dir!

»Versteh ich nicht?«, sage ich und sehe zu Papa hoch. Denn ich kapiere überhaupt nichts.

Papa strahlt vor Begeisterung.

»Du bekommst ihn!«, sagt er. »Den Hund! Ich hab so unglaublich viel über diese Sache nachgedacht, und ich glaube, das wird richtig, richtig gut. Für dich. Für uns. Nach … allem, was passiert ist.«

Langsam geht es mir auf. Ich bekomme einen jungen Hund. Einen Welpen! Watteweiche Wärme breitet sich in mir aus. Es fühlt sich an, als hätte man mir tatsächlich einen Welpen, so einen knuddeligen sahnebonbonbraunen Welpen direkt auf den Schoß gesetzt.

Ich starre Papa an.

Seit meinem ersten Lebensjahr habe ich um einen Hund gebettelt. Wauwau war mein drittes Wort. Zuerst »Mama«, dann »Lampe«, dann »Wauwau«. »Papa« kam erst an vierter Stelle. Mein armer Papa. Jetzt kommt er immerhin an erster Stelle. Mein Interesse für Lampen hat trotz allem erheblich abgenommen.

Papa sieht mich an. Seine Augen funkeln. Ich schiele zu Ossi rüber, der begeistert grinst und von einem Fuß auf den anderen tritt, hin und her, als würde er tanzen. Es fällt ihm schwer, stillzustehen. Omi sitzt, wo sie sitzt, auf meiner Bettkante. Schwer und unbeweglich, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ein Welpe, der nur mir gehören wird, nur mir. Ein kleiner Hundewelpe, mit dem ich schmusen und kuscheln darf und dem ich »Sitz« und »Bei Fuß« und Pfoten-high–five beibringen kann.

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