Kitabı oku: «Der Duft der Bücher»
Jenny Schon
Der Duft der Bücher
Roman

© Dittrich Verlag ist ein Imprint
der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2020
Satz: Gaja Busch
Umschlaggestaltung: Helmi Schwarz-Seibt
Printed in Germany
ISBN 978-3-947373-40-6
eISBN 978-3-947373-51-2
www.dittrich-verlag.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Die Sonne vertreibt die Finsternis der Nacht, das Buch die Finsternis des Herzens
Joh. Gerardi Vossii
De philosophia et philosophorum sectis, 1658
Der »Duft der Bücher« ist wissenschaftlich erforscht und hat das Kürzel VOC (volatile organic compounds).
Die Träger des Dufts entstehen, wenn die Chemikalien in organischen Stoffen wie Papier, Tinte, Klebstoff und Fasern unter dem Einfluss von Wärme, Licht, Feuchtigkeit und Sauerstoff miteinander reagieren. Die meisten Gerüche, die wir wahrnehmen, bestehen aus VOCs. In der Bibliothek mischen sich die der Besucher, der Regale, des Parketts, der Ledersessel und sogar des lange erloschenen Kamins unter die des Papiers.
(Jessica Braun, Das Parfum der Bücher, in: Die Zeit Nr. 53, vom 20. Dezember 2017, Wissen S. 37)
Teil 1
Der Traum vom Duft der Bücher
Das Tagebuch eins
Der Verrat
Ein Tagebuch der besonderen Art
Konfirmation
Steuerberater
Aller Anfang ist schwer
Die englische Sprache ist eine Zier, love me tender
Mädchen mit Jeans gehören in den Sandkasten
Bleistiftzahlen
Sommerferien – Ein Duft von Büchern
Nach den Ferien
Das Tagebuch zwei
Im Ausland
Eine Jazzsession
Bonjour Tristesse
Jennifer tanzt
Feine Gesellschaft
Verkörperungen – in memoriam Albert Camus (1913–1960)
Der andere Weg
Die Entscheidung
Markus Küppers
Goldjüdin
Hagen Westermann
Karl Beyer, Buchhändler
Weihnachtsgeschäft
Der achtzehnte Geburtstag
Pharisäer, Lukas 18,9–14
Baustelle
Endlich Liebe
Von Pfarrern und verkleideten Möbeln
Gymnasium, abends
Pfänderspiele
Männerbesuch
Männerbesuch, numero zwo
Eine Sehnsucht bleibt eine Sehnsucht
Mauerbau in Berlin – 13. August 1961
Hannover – Eine neue Identität
Vierzehn Tage im Oktober 1961 – Die Mauer einreißen – West-Berlin – Kleist besuchen – Wannsee
Adé, Herr Beyer, hier stehe ich, ich kann nicht anders
Der Traum vom Duft der Bücher
Die Ratten lauerten überall, sprangen auf und huschten weg, als wir in den Trümmern von Brühl ankamen. Meine Mutter war schreckhafter als ich, sie kreischte, sobald sie eine Ratte erblickte.
Ich wachte schweißgebadet auf aus diesem Traum, noch lange Jahre danach.
Als Tante Änne aus Porta Westfalica zurückkehrte, wo sie die ersten Jahre nach dem Krieg als Kindermädchen gearbeitet hatte, brachte sie mir Der Rattenfänger von Hameln, gesetzt in großen Druckbuchstaben, mit. Ich begann zu buchstabieren: DER RATTEN … Nein, nein und noch mal nein, schrie meine Mutter. Die Ratten haben wir beseitigt. Schluss jetzt! Weg damit!
Es half nichts, das Buch blieb, es war mein erstes Buch, es war überhaupt das Allererste, was mir in Brühl geschenkt worden war, und es musste immer mit. Es spielt auch in dem Traum, der immer wieder kommen sollte, eine große Rolle.
Meine Mutter stellt sich beim Bankdirektor vor. Er klimpert mit dem Schlüssel in der Hosentasche. Er steht vor einem Schrank mit geschliffenen und geschwungenen Glasscheiben. Was ganz Kostbares …, das spürt sie, die neben ihm steht, sofort.
Ich sehe das Mädchen, das auf den gebohnerten, bei der kleinsten Bewegung knarrenden Dielen hockt. Es starrt auf die gewienerten, ebenfalls nach Bohnerwachs duftenden Schuhe dieses Mannes. Sie glänzen. Nie zuvor hat es so glänzende Schuhe gesehen.
Wenn es auf dem Mäuerchen hockt, bei der Oma vor der Berufsschule, wo viele Männerschuhe vorbeilaufen, sind manchmal auch Stiefel darunter. Die hat es überhaupt nicht gerne, die sind staubig und wirbeln Staub auf, das ist stinkender Staub, Straßenstaub. Das Mädchen hat Bilder vor Augen, auf denen Stiefel marschieren.
Auf dem Hof der Berufsschule – hier laufen viele Arbeiter herum –, riecht es so wie in den Trümmern von Dresden. Auch diesen Geruch wird das Mädchen nicht vergessen. Die Mutter erzählt manchmal davon, wie kaputt Dresden war, da wär’ doch Brühl noch ziemlich gut weggekommen im Vergleich. Das hören die Verwandten nicht gern, weil sie all die Arbeit sehen, die auf sie wartet, und all den Notstand, den der Krieg gebracht hat.
Dieser Mann hier aber hat eine unbeschädigte Wohnung und kostbare Möbel, und er riecht anders. So etwas hat das Mädchen noch nie gesehen und noch nie gerochen. Die Mutter wird sagen, das sei Parfüm.
Parfüm, wiederholt es für sich. Dieses Wort kennt das Mädchen noch nicht.
Die Mutter hat die Stelle bekommen, nachdem sie dem Direktor gezeigt hat, wie sie Staub wischt. Staub, der anders riecht, parfümierter Staub. Und dass das Kind mir gar nichts anfasst, donnert der Direktor. Das Mädchen zuckt zusammen.
Machen Sie den Schrank aber wieder fest zu, sagt er, als er ihn aufschließt, die Ratten fressen alles, auch alte Bücher, und seien Sie vorsichtig. In dem Moment, in dem die Glastür sich öffnet, fällt Duft, ein bisschen wie Heu, vermengt mit dem Geruch von Bohnerwachs, auf das Kind, das immer noch in der Ecke hockt. Es umhüllt es mit Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause
Es hat zwar jetzt auch ein Zuhause. Aber der Vater muss es am Wochenende, wenn er aus dem Ruhrpott nach Hause kommt, überall stopfen, ausbessern und reparieren. Da gibt es keine Bücher und nicht so schöne Möbel. Woher soll das Mädchen wissen, dass das, was es riecht, Bücherstaub ist und der Geruch nach altem Leder, in das die Bücher geschlagen sind, und Möbelpolitur.
Vielleicht haben Sie eine andere Möglichkeit für das Kind, wenn Sie hier arbeiten. Das klingt wie ein Befehl. Das Kind duckt sich sofort. Die Mutter nimmt jedes Buch vorsichtig in die Hand und reibt es mit einem weichen wollenen Tuch ab.
Ein Zuhause ohne Kriegsschäden – das scheint es tatsächlich zu geben, wie hier bei den Bankleuten. Das Mädchen hat viel Zeit darüber nachzudenken, während es in der Ecke hockt und der Mutter beim Staubwischen zusieht. Warum kann es bei mir daheim nicht auch so schön sein?, denkt es, und sieht sehnsüchtig nach der Puppe mit dem Porzellangesicht und dem weißen Batistkleidchen. Sie thront auf dem Sofa wie eine Königin. Auch wenn es dem Mädchen in den Fingern juckt, sie einmal, nur ein einziges Mal, zu drücken, bleibt das Mädchen in der Ecke sitzen und schaut der Mutter zu.
Die Mutter erfährt, dass sie ihr Kind in den Kindergarten bringen kann. Der Direktor möchte nicht, dass sie es zur Arbeit mitbringt.
Der Kindergarten ist in der Friedrichstraße gegenüber dem Städtischen Knabengymnasium, eins für Mädchen hat die Stadt nicht.
Die Mutter muss einen Henkelmann besorgen, damit das Kind darin sein Essen bekommt. Die Mühlen-Oma hat einen übrig. Damit de groß und stark wirst, sagt die Oma, die nur eine Nenn-Oma ist. Der Kindergarten ist in der Nähe der Mühle.
Und nach dem Kindergarten kannste bei mich vorbeikommen, ne, Mädsche. Die Mühlen-Oma streichelt das Kind. Jetzt biste ja schon jroß. Pfiffi knurrt eifersüchtig und will dem Kind, wie jeden, der die Wohnung verlässt, an die Beine. Pfui Pfiffi, schimpft die Oma. Du fiese Möpp, dat is doch ä Pänz und kein Einbrecher.
Die Nonnen schöpfen aus einem riesigen dampfenden Kessel mit großen Schöpfkellen das duftende Essen und geben es in die Henkelmänner der Kinder. Den Kindern wird ganz warm. Sie sitzen ganz still an den Tischen.
Wenn ich dieses Bild träume, werde ich hungrig und wache auf. Ich nehme das Foto, das ein Fotograf von uns machte, aus dem Bilderrahmen auf meinem Tischchen. Es ist das einzige Foto bis zur Schulzeit.
Am liebsten hatte ich die dicke Nudelsuppe mit Rindfleischstückchen darin, den Milchreis mit Backpflaumen mochte ich auch sehr gerne.
Und dann geht der Traum weiter, das Kind zittert aus Angst vor den vielen Kindern. Es sagt der Schwester, dass es auf die Toilette müsse. Die Toilette ist auf dem Hof. Es kommt nicht wieder bis zur Kindergartenschließung. Die Schwestern rufen: Berta, wo bist du?
Sie antwortet nicht. Erst als die Mutter ruft, macht sie die Klotür auf, und kommt heraus.
Berta, was ist denn?
So viele Kinder, sagt sie.
Die Mutter Oberin kommt angerannt. Das geht aber nicht, Frau Pütz, erziehen müssen Sie Ihr Kind schon selbst, wir haben uns um alle Kinder zu kümmern.
Berta, bittet ihre Mutter auf dem Heimweg, ich kann Dich nicht zum Bankdirektor mitnehmen, auch wenn Du die Bücher gerne hast, er will es nicht. Du bist fünf Jahre alt und musst das verstehen. Du bekommst hier Essen, da hab ich zu Haus einen Esser weniger. Das ist viel Geld für Vati und mich, wenn wir wochentags nicht für Dein Essen sorgen müssen, Du weißt doch, dass wir arm sind, wir haben alles verloren und müssen erst wieder was aufbauen, dazu müssen wir schwer arbeiten. Schwer arbeiten, hörst du. Am Sonntag essen wir dann zusammen.
Es hilft nichts, am nächsten Tag sperrt sich Berta nach dem Essen wieder auf der Toilette ein, und am dritten Tag auch, obwohl sie versprochen hat, es nicht zu tun.
Herr Direktor, spricht die Mutter den Herrn mit den funkelnden Lederschuhen an. Sehr geehrter Herr Direktor, um es noch höflicher zu sagen, das Kind hat Angst bei so vielen Kindern im Kindergarten. Darf es nicht hier in der Ecke sitzen, es fasst auch nichts an. Es guckt in sein Märchenbuch, das seine Tante von der Porta Westfalica mitgebracht hat. Die Mutter holt das Buch aus ihrer Tasche. Eigentlich hasst sie das Buch, wo sie sich doch so vor Ratten ekelt, aber als sie sah, dass die Ratten vernichtet werden, war sie einverstanden.
Seh’n Sie, sehr geehrter Herr Direktor, das ist unser Buch, unser einziges. Berta geht nicht an Ihre Bücher, wir haben ja selber eine Kostbarkeit.
Der Direktor guckt sie an und geht wortlos raus. Ihre Mutter fasst dies als Erlaubnis auf.
Am Monatsende, nach der Auszahlung des Lohns, sagt er, dass sie ihre Arbeit gut gemacht habe, aber nicht wieder zu kommen brauche.
Auf der Straße zerrt sie das Kind hinter sich her. Alles Deinetwegen, giftet sie, erst haste die Lebensmittelmarken zerrissen und jetzt hab ich Deinetwegen die Arbeit verloren! Hätte ich dich doch damals bei der Vertreibung im Graben ersaufen lassen!
Sie erschrickt, drückt das Kind fest an sich und Tränen tropfen auf seine Locken.
Auch mit diesem Traum muss ich leben. Mutti lässt mich im schmuddeligen Graben liegen. Reden darüber mit ihr, was das für ein Graben ist, kann ich nicht. Sie will nichts mehr von früher wissen. Wir sind jetzt hier, Schluss aus. Auch wenn Oma aus Bonn kommt und im Dialekt redet, schimpft sie. Du sollst nicht, Mama, so reden, wir sind schon Jahre im Rheinland, und lass endlich das Kopftuch zu Hause. Opa, sag du doch was, wendet sie sich an ihren Vater.
Ja, was soll ich sagen, Madla, wir sind alte Bäume, die verpflanzen sich schlecht.
Opa hat mir neulich den Stifter mitgebracht, Bergkristall, hab ich mit der Taschenlampe in einer Nacht leergelesen, das Buch mit seinen glitzernden klirrenden Worten, jedes einzelne hat mich angeschaut. So etwas hab ich noch nie erlebt, so ein Buch, das mich so mitnimmt auf eine Reise in die eisige Nacht in ein anderes Land, in eine andere Zeit. So etwas möchte ich auch schreiben können.
Das Tagebuch eins
Zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten habe ich zu meinen Märchenbüchern endlich auch Bücher für junge Mädchen geschenkt bekommen, Trotzkopf und Nesthäkchen.
Auf einem steht in Goldbuchstaben Tagebuch, von Tante Marie aus Bayern geschickt.
Ich frage Tante Änne, was das ist, ich kenne nur das Poesiealbum, worin die Schulfreundinnen sich Gedichte widmeten. Ich hab bei der Jutta mal reingeschrieben:
Gerede und Zank
machen krank.
Da hat mir niemand mehr in der Klasse ein Poesiealbum gezeigt.
Die Tante meint, ein Tagebuch ist doch gerade richtig für dich, wo du so oft Stubenarrest hast. Da kannst du alle deine Gedanken, Geschichten und Geheimnisse reinschreiben. Dafür brauchst du aber einen Künstlernamen.
Künstlername, warum?
Nun, es muss ja nicht jeder wissen, wer das schreibt. Die Tante überlegt. Der Dichter Novalis, der hat schöne Gedichte geschrieben, fällt mir ein, der war in Wirklichkeit ein Prinz, du hast es doch auch mit Prinzen und Prinzessinnen, die sich verstecken müssen, damit sie unerkannt bleiben.
Ich kenne Novalis nicht, aber Verstecken, denk ich, das will ich auch. Mein Bruder, mit dem ich das Zimmer teile, ist nämlich neugierig und petzt.
Ich muss dich also erst mal kennenlernen, liebes Tagebuch, weil ich ja nicht weiß, wie du bist. Also nenn mich Betty. Den Namen von früher musst du nicht kennen, von der, die nur Märchenbücher und kein Tagebuch hatte, wenngleich ich mich manchmal schon verschreiben werde, denn an einen neuen Namen gewöhnt man sich ja nicht so schnell.
Sonntagmorgen.
In der letzten Zeit habe ich immer Ärger mit meiner Schulfreundin Sonja.
Ich habe ihr den Trotzkopf ausgeliehen, den mir Tante Änne geschenkt hat. Eigentlich gefällt mir das Buch nicht, aber ins Internat, wie die Ilse Macket, möchte ich schon. Endlich weg von zu Hause, schon weil ich für jedes Bisschen Stubenarrest bekomme.
Zu Neujahr hat Vati zwar gesagt, jetzt kannste widder frei rumloofe, aber ich muss immer auf der Lauer sein, besonders vor meinem Bruder, weil der sofort alles Vati erzählt und wenn der sieht, dass ich schreibe, will der das lesen. Ich verstecke dich, liebes Tagebuch, am besten unter meinen Schlüpfern, da haben Männer nichts zu suchen. Bitte entschuldige.
Auch Mutti ist neugierig, zeig mal, und schwupp, hat sie es mir aus den Händen geraubt und liest. Ich will ja auch mal was schreiben, was nicht für andere bestimmt ist, meine Gedichte zum Beispiel. Da hat es auch immer Ärger gegeben in der Schule.
Der Verrat
Das Thema war: Was willst du mal werden?
Ich hab in Gedichtform geschrieben.
Voller Fehler, sagt die Lehrerin. Solche Wörter, die du erfindest, gibt es nicht. Der erste Satz hat schon mal kein Tuwort. Lies es vor.
Der Winter ein Schattenwurf.
Die Geworfenen, seine Kinder,
hinter den düsteren Bäumen im Grabennebel,
morgens, wenn ein Ahnen von Licht sich aufmachte
in den Tag.
Kleine Gespenster von lila,
ein wenig farbiger als das sie umgebende Grau.
Ich sah sie reiten mit dem Wind,
auf meinem Schulweg durch den Park,
ein lichtes Flattern der Äste
Das ist der Wind, mein Kind,
war das erste Gedicht, das ich auswendig lernte.
Wir besaßen keine Bücher,
nur eine Tafel, an die die Lehrerin den Erlkönig schrieb,
jede Stunde eine Strophe,
die sie in der nächsten Stunde abfragte,
bis es saß, bei allen!
Wir waren in der sechsten Klasse
und hatten das erste Mal in Deutsch Literatur.
Langsam vergaß ich die Schatten,
die meine Kindheit verfolgten.
Ich bettete sie in Märchen,
sie verloren ihren Schrecken.
Ich möchte Märchenerzählerin werden.
Gut, ich gebe zu, als Märchen ist es schön, dafür würde ich eine Eins geben, sagte Frau Schmitz, aber ansonsten ist nicht nur das Thema verfehlt, sondern auch die Form. Deshalb kann es als Aufsatz nicht bewertet werden. Schon was Thema verfehlt heißt, weißt du. Und was meint ihr? Die Lehrerin fragt die Klasse.
Ich musste die ganze Zeit vorne stehen und über das Gedicht sprechen, das heißt: verteidigen.
Ich muss am Sportplatz vorbei zur Schule, stammelte ich, da ist es morgens noch dunkel. Früher kamen die Jungs, die in die katholische Schule gehen, und verprügelten mich, evangelischer Rattenfänger, riefen sie, Pimock, Fusselumpzigarrenstump, da habe ich Angst. Ich habe Angst, zu spät in die Schule zu kommen, weil ich ja noch einen weiten Weg habe.
Und deshalb siehst du Gespenster? fragt die Lehrerin, die Schülerinnen gackern, besonders hässlich sind die hämischen Gesichter der dicken Töchter aus gutem Haus, die eine vom Eisen- und Elektrowaren-Kaufhaus, die durch den Schwarzen Markt reich wurden, und die von der Baufirma, die vom Bauen der Nachkriegsjahre reich wurden. Und ausgerechnet diese Schülerinnen, die schon eh Langeweile haben, sind vom Turnen befreit, weil sie was haben, was die anderen Mädchen noch nicht haben, wird getuschelt.
Ihr habt ja keine Heimat verloren, schreie ich sie an, ihr hattet zu essen, und seid zu faul zu turnen!
Da blieb ihnen das Lachen im Halse stecken, damit hatten sie nicht gerechnet, dass ich mich wehre.
Geld habt ihr, ja, das haben wir anderen Mädchen nicht, die wir flüchten mussten. Aber keinen Funken Fantasie habt ihr!
Nun kommt es! Statt mich zu unterstützen, sehe ich Sonja grinsen, und sie meldet sich und sagt, ich hab gesehen, wie sie das Gedicht abgeschrieben hat.
Das ist nicht wahr, Sonja, schreie ich. Nein, das ist nicht wahr, ich habe doch gar keine Bücher, das weißt du doch, Sonja, außer Grimms Märchen, und diese Märchen kennt ihr alle.
Nein, ich heule nicht, aber ich bin puterrot und darf mich wieder auf den Platz setzen.
Zu einem späteren Zeitpunkt wird Vati in die Schule geladen, der kann aber nicht, weil er in der Fabrik arbeitet und dafür keinen freien Tag kriegt, da müsste er sich Urlaub nehmen, aber das bin ich ihm nicht wert.
Frau Schmitz sagt, ich würde dir jetzt bei den Nachmeldungen doch noch mal eine Chance geben und eine Empfehlung für die höhere Schule schreiben.
Mutti geht zur Lehrerin.
Sie sind aber nicht erziehungsberechtigt, Frau Pütz.
Lassen Sie den Versuch, Frau Schmitz, sagt sie, mein Mann will es nicht, die Schule kostet Schulgeld, das haben wir nicht, und er ist der Meinung, dass ein Mädchen eh heiratet.
Ihre Tochter ist ja gut, aber in Deutsch bräuchte sie Nachhilfe und dann könnte sie auch weiterhin Englisch lernen, aber so geht es nicht, sie muss aus dem Englischunterricht raus. Sie kann ein wenig Latein, wie kommt das? Sind Sie katholisch?
Ja, ja, gewesen, stottert Mutti, aber nicht praktiziert, ich kann kein Latein. Wir hatten im Haus ein Mädchen, von einem schlesischen Beamten, verstehen Sie, die ging aufs Lyzeum, da hat Berta sie mit den Vokabeln abgehört.
Das ist ja erstaunlich, ein Volksschulmädchen hört eins vom Lyzeum ab?
Hat sie also doch die Begabung?
Nein, nein, Frau Schmitz, das Mädchen ist nach Köln gezogen, weit weg, die haben keinen Kontakt mehr. Meine Tochter wird das alles wieder vergessen, ereifert sich Mutti, und ich kann ihr ja sowieso nicht helfen, ich hab weder Latein noch Englisch gelernt, nur ein wenig Tschechisch, das zählt hier aber nicht.
Das ist wahr, Frau Pütz, dann kann ich Ihnen und Ihrer Tochter nicht helfen, da kommt sie nach der achten Klasse raus und wird in die Lehre gehen.
Ja, suchen wir dann für sie eine Lehrstelle, aber das ist ja noch ein Weilchen hin. Ich danke Ihnen, Frau Schmitz. Da kann ich ja meinen Mann beruhigen. Der hätte Krach geschlagen, wenn Sie eine Empfehlung für die höhere Schule ausgesprochen hätten, es sind ja selbst die Töchter der Reichen, ja sogar die vom Arzt ist letztes Jahr durch die Aufnahmeprüfung gefallen. Wie sollten wir einfachen Leute dem Kind helfen können?
Mutti nimmt mich an die Hand und wir gehen schweigend nach Hause.
Ich muss immer wieder an diesen Tag denken, was wäre wenn …?, ginge ich auf die Höhere Schule oder in ein Internat, könnte ich vielleicht wie die Ilse Macket in Trotzkopf mal einen Landratssohn heiraten, was immer das ist.
Sonja hat das Buch zurückgebracht, gefällt ihr nicht, sie würde keinen Landratssohn heiraten, sondern gleich einen Grafen.
Ein Tagebuch der besonderen Art
Ich bin ganz erschüttert. So was habe ich noch nie gehört und gelesen. Tante Marie hatte mir noch ein Buch geschickt. Ich habe jetzt erst drin gelesen: Anne Frank, Tagebuch.
Auch Anne hat ein Tagebuch geschenkt bekommen, so hat das Tante Marie also gemeint. Dass ich das so mache wie Anne. Sie schreibt an eine: liebe Kitty, die es aber gar nicht gibt. Sie leben in Amsterdam, versteckt, weil sie verfolgt werden, von den Nazis.
Ich habe Mutti gefragt, was ist denn das? Dass die Nazis in Holland die Juden verfolgen?
Das weiß ich nicht, wir waren ja damals in der Tschechoslowakischen Republik, das ist weit weg. Da haben sich keine Juden versteckt, bei uns in Trautenau gab es keine Juden. Die Leute waren bis auf wenige Evangelische alle katholisch.
Ich kann keinen fragen, was das bedeutet. Sonja nicht, die Karin nicht, mit der ich Fahrrad fahre, sie alle wissen das nicht. Schade, dass Linda nicht mehr da ist, die hat das vielleicht auf der höheren Schule gelernt, was die Nazis mit den Juden gemacht haben.
Vielleicht weiß es Onkel Franz oder Opa, aber ich komme jetzt nicht mehr nach Bonn. In der Schule traue ich mich nicht, so was zu fragen, und den Pfarrer im Konfirmandenunterricht auch nicht, bald ist die Prüfung, da werden wir nach dem Neuen Testament abgefragt, nach Jesus und der Bergpredigt.
Ja, ich habe Jesus lieb, weil er zu den Kindern lieb war, lasset alle Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Mein Vater ist doch auch konfirmiert, dass er das vergessen hat.
Meine Mutter als Katholische hatte ja so was nicht.
Ich kann gar nicht aufhören, Anne Frank zu lesen. Sie hat auch Probleme mit den Erwachsenen, mit ihrer zickigen Schwester, die stell ich mir wie Sonja vor, die Mutter von Anne ist auch komisch, der Vater ist ja in Ordnung, anders als bei mir.
Seit letztem Jahr haben wir den Kölner Stadt-Anzeiger abonniert, vorher hatten wir keine Zeitung, nur abends das Fernsehen mit den Nachrichten und das Radio.
In der Zeitung steht auch so einiges drin, was ich nicht wusste.
Geschimpft wird wegen der Jugend, diese Halbstarken untergraben die Moral, machen nur Krach und neigen zur Gewalt. Und diese engen Jeans … Man müsste jetzt schon bangen, wenn der Elvis-Presley-Film kommt. Dabei schrieb der Stadt-Anzeiger, erinnere ich mich, dass der Bill-Haley-Film ein Reinfall war, langweilig und noch nicht mal wie woanders Krawall. Ich konnte ihn ja nicht sehen, weil ich Stubenarrest hatte. Aber der Krawall ist nur die eine Seite, wir wollen unsere Musik machen und tanzen und Moped-Fahren, aber schwupp, schon ist die Polizei hinter uns her. Das ist doch deren Schuld. Die Alten hören doch auch ihre Musik, da holen wir doch auch nicht die Polizei, und dann gucken sie Kriegsfilme, Stalingrad und Schütze Arsch und was sie alles erzählen, die sind bestimmt schlimmer als Außer Rand und Band, wo letztes Jahr überall Polizei herumstand bei den Kinos.
Karin gibt mir heimlich die Bravo zu lesen. Die kriegt Taschengeld, davon kann ich nur von träumen. In meiner Sparbüchse ist das Geld, das meine Verwandten da reintun, wenn sie zu Besuch kommen, aber da muss ich dann zum Geburtstag von Mutti, Vati, Mattes, die beiden Omas und Opas und Tanten und Onkel. So eine große Verwandtschaft ist teuer, nein, für die Bravo reicht es nicht, die würde Vati mir auch um die Ohren hauen.
Die Sonja ist meine beste Freundin, seit die Linda nicht mehr im Haus wohnt. Aber ich bin sehr oft von ihr enttäuscht, weil sie mich verrät und mir wehtut, und auch eifersüchtig ist, weil ich mit den Jungs Moped gefahren bin. Sie darf ja nicht auf der Straße spielen, und da lernt sie auch nicht die Jungs kennen, die ich kenne. Das kann sie aber nicht leiden.
Ich werde mit Karin gehen, auch wenn die katholisch ist, die Eltern von ihr sind nicht so streng wie die bei uns in der Tiergartenstraße, wo die Strenggläubigen nicht mit mir spielen durften, früher.
Ich habe viel zu tun, deshalb kann ich auch nicht jeden Tag ins Tagebuch schreiben.
Ich schreibe heimlich Tagebuch, wenn ich allein bin, was selten vorkommt.
Ich bin jetzt öfter in der Kirche und bei der Gemeindeschwester, manchmal ist auch der Pfarrer dabei. Ich nehme das schon ernst mit Gott und mit Jesus und ich lese zu Hause auch im Testament, deshalb komme ich nicht dazu, Anne und ihre Kitty zu lesen.
Der Pfarrer hat mir eine Bibel geliehen.
Siehst du, hat meine Mutter gesagt, Fritz, aus dem Saulus ist Paulus geworden.
Wie kann dat Paulus sein, dat is doch nur ä Mädsche, spottet mein Vater.
Gib mich mal. Ich geb ihm die Bibel. Dat is doch keine Bibel, dat is doch das Neue Testament. Und der Pfarrer hät dich dat geliehen?
Ich nicke, die anderen Kinder haben eine eigene.
Wat vor der Konfirmation?
Ich nicke.
Siehste, der ahle Pfarrer Großer is nich meh, da geht allet drüvver und unger.
Ein paar Tage später, mein Vater ist schon zu Hause, als ich von der Schule komme, sagt er: Isch han ens drüvver noh jedacht, eigentlich wollt isch ät dich erst vor die Konfirmation jevven, ävver heh:
Er öffnet die Schublade, dat is for dich.
Und er hat Tränen in den Augen, als er mir das Buch in die Hand drückt:
Do hät die Pfarrer Großer 1934 singe Namen ringeschribben für meine Konfirmation, lur ens. Und dat de nit denkst, mir woren in de Partei, nix do, und meh han ooch nit Juden umgebracht, jetzt wo du dat von dem Judenmädsche liest, der Großer wor in der Opposition und ming Mam hät him im Haushalt jeholfen.
Da war ich platt. Auch ich hab Tränen in den Augen. Da gibt er mir sein einziges Buch mit so einer kostbaren Unterschrift, und ein ander Mal ist er so ekelig zu mir.
Ich hab der Anne Frank erzählt, dass meine Familie und unser Pastor nicht Schuld an ihrem Unglück sind. Mir ist es ganz leicht ums Herz.
Einige Tage später. Ich geh ja immer noch einmal die Woche in die Turnhalle, das bezahlt mein Vater, ich kann mir keine kranken Kinder leisten, meint er, und immer kalt und warm duschen hinterher, verstehste, dat ham mer bei de Armee ooch so gemäht.
Da komm ich dann am Knabengymnasium vorbei, wo die Jungen anders aussehen als meine Rock’n Roller vom Jahrmarkt oder aus dem Fischmarkt. Auch die von unserer Straße sind anders, schläppsch, sagt mein Vater. Damit meint er, wie die gehen und frech antworten.
Die Gymnasiasten reden hochdeutsch, tragen eine Aktentasche, die an ihren dünnen Ärmchen zieht, weil sie schwer ist vor lauter Wissen. Manchmal sehe ich auf dem Schulhof einen Jungen ganz alleine auf dem Mäuerchen sitzen und lesen. Er trägt eine Brille.
In der Schule ist eine Berufsberaterin angekündigt.
Konfirmation
Der Pfarrer Großer ist schon lange pensioniert, aber er war doch noch bei unserer Konfirmation als Gast. Er hat mir die Hand gegeben, und ich habe ihm das Neue Testament meines Vaters gezeigt und gedankt.
Dass dat die Bombenangriffe überlebt hat, sagt er. Ich weiß doch, dinge Oma war ausgebombt und musste in die Berufsschule in die Notunterkunft. Wo ist sie denn?
Zuhause, sie kann nicht mehr laufen, überall sind Treppen, sagt sie, das schafft sie nicht mehr.
Ja, das verstehe ich, grüß sie herzlich von mir.
Wir haben mit allen Verwandten, und alle von meiner Mutter sind ja katholisch, die von überall herkamen, zu Hause gefeiert. Dazu hat Vati die Betten auseinandergeschraubt und in die Mitte des Schlafzimmers einen großen Tisch für die vielen Gäste aufgestellt. Auch die Mühlen-Oma kam nicht mehr unsere Treppen hoch. Ich hab sie und die Brühler Oma am nächsten Tag besucht. Sie haben mir Geld geschenkt. Von den anderen Verwandten habe ich Bücher bekommen und vom Bonner Opa eine Kamera. Meine Eltern haben mir eine Armbanduhr geschenkt.
Sonja kam vorbei und schenkte mir eine kleine Schallplatte. Mozart, Kleine Nachtmusik. Da kann ich gar nichts mit anfangen, sie weiß doch, dass ich Elvis über alles liebe. Aber ich sage, danke. Ich bringe Dir in den nächsten Tagen mein Geschenk vorbei, sage ich, ich habe Geld bekommen, da kann ich was Schönes für dich kaufen.
Ich will nichts, sagt sie patzig, und geht.
Meine Mutter hat die Platte gehört. Mozart, sagt sie. Aus Wien, da haben wir Walzer getanzt in Trautenau, Vati und ich, wir warn so jung und sie kriegt einen seltsamen Glanz in die Augen. Vati und Mutti jung, darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Ich habe jetzt eine Menge Bücher, Vati, sag ich. Gib mir mal bitte deinen Bohrer, ich möchte ein Regal über meinem Bett, damit ich all die Bücher bei mir habe.
Nix da, in meiner Wohnung werden keine Löcher in die Wand gebohrt.
Meine Mutter hilft mir dann doch beim Regalanbringen, ich hab einfach in den Schrank zwei Löcher gebohrt und das Brett dran befestigt. Der Schrank steht jetzt quer zur Wand und mein Bett dahinter, so dass ich jetzt nicht mehr zu sehen bin, wenn die einfach so ohne Anklopfen in der Tür stehen.
Oh, meine Bücher, meine Anne Frank und die Ilse Macket, die Heidi, Rübezahl und die Märchenbücher. Und dann hat der Onkel Franz mir den Michael Kohlhaas geschenkt und gesagt: für die kleine Rebellin. Und der Onkel Josef die Räuber von Schiller und gesagt, zum Abgewöhnen, damit du keine Diebin wirst. Tante Änne hat mir Nesthäkchens Backfischzeit geschenkt und gesagt, für den Backfisch, jetzt biste ja flügge und dann hat sie mir noch einen in altes Seidenpapier gewickelten Gedichtband geschenkt, der war schon ziemlich gebraucht, und sie zeigte mir ein Gedicht darin von einem, der Novalis heißt. Und ich lese laut:
Getrost, das Leben schreitet
Zum ewgen Leben hin;
Von innrer Glut geweitet
Verklärt sich unser Sinn.
Die Sternwelt wird zerfließen
Zum goldnen Lebenswein,
Wir werden sie genießen
Und lichte Sterne seyn.
So schön kannst du lesen, sagte sie und ich zeigte ihr den Rattenfänger von Hameln.
Änä, dat de dat noch hast. Dat is ja noch von der Porta Westfalica, dat is jo auch schon hundert Johr her, dat isch do wor.
Ja, sagte ich, mein erstes Buch. Da war ich fünf Jahre alt.
Steuerberater
Die Berufsberaterin hatte kurzen Prozess mit mir gemacht, nachdem sie meine Noten betrachtet hatte. In Rechnen ne zwei, da hab ich ein Angebot vom Steuerberater. Also klingele ich am Haus, wo gegenüber Karin wohnt.
Mertens, Georg, Steuerberater, steht an der Klingel, Tür wird geöffnet, Qualm pafft mir entgegen. So, du willst also in die Lehre. Komm rein, er gibt mir die Hand. Die Stimme ist angenehm, aber er stinkt.
Setz dich. Eine Frau bringt mir Limonade.
Haste dein Zeugnis dabei?
Ich reiche ihm mein Zeugnis.
Ist das neue noch nicht fertig?
Nein, erst Ende des Monats.
Ist das auch so gut?
Ich denke schon, vielleicht besser.
Aber in Rechnen ein Gut, das bleibt?
Ja.
Und in evangelischer Religion eine Eins, auch?
Ja.
Stört dich das, dass wir katholisch sind?
Nein, meine Verwandten, bis auf meine Oma und meinen Vater und meine Tante hier in Brühl, sind alle katholisch, in Bonn bei meinen Verwandten geh ich manchmal auch in die katholische Kirche.
Die Frau kommt rein. Wir haben drei Kinder. Verstehst du dich mit kleinen Kindern?
Ich habe auch einen kleinen Bruder.
Es kann nämlich sein, dass du manchmal auf die Kleinen aufpassen musst, wenn ich mit meinem Mann zu den Kunden muss. Ist dir das recht?
Ich habe für die Kinder in unserem Haus Kasperle gespielt. Das macht mir nichts aus.
Herr und Frau Mertens sagen, einen Augenblick, bitte, und gehen raus.
Er kommt zurück und lächelt. Am 1. April kannste bei uns anfangen, bis dann, Tschüss.
Und er begleitet mich aus dem Haus, auch die Frau gibt mir die Hand.
Und am Abend gebe ich meinem Vater den Ausbildungsvertrag, den er unterschreiben muss. Und da noch Platz ist, setzt auch meine Mutter ihre Unterschrift darunter, obwohl das nicht nötig ist. Ich hab sie geboren, das ist doch auch was, oder?
Vati holt eine Flasche Bommerlunder aus dem Schrank und er gibt mir auch ein kleines Gläschen: Auf dich, prostet er, jetzt biste erwachsen! Und Hausarrest jibt ät nit meh, du musst jo arbeiten jonn!
Ich schüttele mich, das Zeug schmeckt schrecklich. Danziger Goldwasser ist viel leckerer, das nasche ich manchmal, aber ich sage einfach nur: danke.
Ich hab, als ich in Bonn war, im Kinderheim alle meine Spielsachen abgegeben. Ich bin ja jetzt erwachsen. In Brühl ist ein Waisenhaus geplant, aber noch nicht fertig.
Die Märchenbücher und die zwei Puppen und die Spiele, auch Trotzkopf, Nesthäkchen und Heidi, nur den Rattenfänger nicht, weil es mein erstes Buch war, und Rübezahl, mein zweites Buch, nicht. Das ist aber sowieso in Bonn bei den Großeltern. Keiner ist so arm auf der Welt wie die Waisenkinder, hatte Mutti gesagt.
Aber mein Bücherregal sieht jetzt geschrumpft aus. Ich hab ein Spitzentaschentuch drüber gelegt und einen Kerzenständer aus Silber, den ich auch zur Konfirmation geschenkt bekommen habe.
Ich habe dem Oskar von der Kinderseite des Kölner Stadt-Anzeigers mein Märchen Die goldene Forelle geschickt. Er hat es heute, am Samstag, veröffentlicht. Tatsächlich unter meinem Künstlernamen: Betty Pütz.
Auch in der Kirchenzeitung steht was von unserer Konfirmandin Berta Pütz Zum Geleit.
Ich bin richtig stolz auf mich. Vati hat gesagt: Kinderkram. Und Mutti, na ja, du mit deinen Märchen. Du bist jetzt erwachsen, Kind!
Heute, Samstag: das Zeugnis erhalten und Schulfeier. Alles gut, hab mich verbessert bis auf Rechtschreiben, befriedigend. Dabei habe ich so viel gelernt im letzten halben Jahr, ich hatte ja Stubenarrest, die Kommaregeln, daß mit »Eszet«, Groß- und Kleinschreibung, weil ich ja jetzt auch Englisch lerne mit den Schallplatten, da ist auch ein Grammatikbuch dabei, da wird mir vieles klarer.
Ein schöner Spruch steht vorne drauf auf dem Zeugnis, mit dem Wappen von Brühl, ganz feierlich:
Wer ist Lehrling? – Jedermann.
Wer ist Geselle? – Wer was kann.
Wer ist Meister? Der was ersann.
J.W. v. Goethe.
Seinen Erlkönig haben wir auswendig lernen müssen und von seinem Freund, dem Schiller, die Glocke. Und noch viele andere Gedichte und Balladen, aber im Theater waren wir nie und es hieß, für den Werther wären wir zu jung. Den werde ich mir aber kaufen, wenn ich erst mal Geld verdiene, das soll so eine schöne Liebe sein.
Zu jung. Immer ist man zu jung! Und die Alten sind zu alt! Und was ist dazwischen?
Zum Schulabschiedsfest haben einige eine Bierzeitung gemacht, über mich steht da drin:
Wer kennt nicht unsre Berta Pütz,
die hatt’ zu Haus ne fette Wutz.
Man nennt sie Miss Luftballon mit Ohren
und als schöne Helena ist sie auch auserkoren.
So ein Blödsinn. Am Nachmittag kommt Sonja vorbei.
Haste ja dein Fett abgekriegt, giftet sie.
Und bei dir steht, die Sonja hat nen Roller und dazu nen mächt’gen Koller, ist das besser, gifte ich zurück.
Ich habe mein schönes Kleid an. Es ist hellblausilberdurchwirkt, und ich kann es auch als Cocktailkleid anziehen. Das ist sehr schick und so was steht jetzt in allen Frauenzeitschriften.
Bis letztes Jahr, als meine Mutter noch nicht in der Fabrik gearbeitet hat, hat sie sich mit Sockengretchen Burda-Schnitte besorgt, und dann haben sie auf dem Tisch das Schnittmuster ausgeritzt mit einem Rädchen, auf den Stoff gelegt und ritschratsch, sich ein Kleid genäht. Gretchen hat einen anderen Stoff genommen, aber das Modell war das gleiche. Und bei den Schnitten war auch ein Cocktailkleid, und das hat Gretchen mir genäht und zur Konfirmation geschenkt. Obwohl sie ja katholisch ist. Die Firmungskleider für ihre Töchter Hedi und Biggi hat sie auch genäht, da war ich dabei.
Sonja ist eifersüchtig auf mein Kleid. Du siehst jetzt aus wie deine eigene Oma, hat sie gesagt und sie kneift mir in den Hintern.
Lass das, Sonja, habe ich gefleht.
Ich glaube, ich werde Sonja nicht mehr wiedersehen. Sie hat ab 1. April eine Lehrstelle als Verkäuferin in Wesseling.
Das letzte Wochenende als Schulmädchen, danach soll ich ein Backfisch sein, hat Tante Lena aus Endenich gesagt. So ein blödes Wort für ein junges Mädchen. Ich bin endlich wieder mal Fahrrad gefahren mit dem Kleid und Petticoat, das ich letztes Jahr auf der Kirmes trug, als ich mit Günter Rock’n Roll getanzt hab. Das flog im Wind. Hurra, ich bin erwachsen!
Aller Anfang ist schwer
Montag, 1.4. 1957, 8.30 Uhr
Ich klingele bei Mertens. Es dauert. Jemand kommt die Treppe runter. Eine junge Frau öffnet.
Guten Tag, ich bin der neue Lehrling.
Guten Morgen, komm hoch, der Chef telefoniert. Ich bin Fräulein Meier.
Ich stehe im 2. Stock im Flur und warte, bis der Chef zu Ende telefoniert hat.
So, du kommst also auch schon.
Guten Morgen, wieso, ich bin doch noch vor 9 Uhr hier.
Wie kommste denn da drauf?
Na, alle die im Büro arbeiten, fangen doch um 9 Uhr an.
Mir nit! Wann fangen wir an, Eva?
Fräulein Meier antwortet: Um 7.30 Uhr.
Und warum, fragt der Chef.
Weil wir Samstag frei haben, antwortet sie.
Dat kannste dir also ausrechnen, bei einer 45 Stunden-Woche, wie viel Stunden man am Tag arbeiten muss, wenn man nur 5 Tage arbeitet. Du bist doch gut im Rechnen, also rechne.
Neun Stunden, sage ich.
Und das ist von?
Von acht bis fünf, oder von neun bis sechs.
Ja, rechnen kannste! Aber da wir eine Pause machen müssen, hat die Gewerkschaft vorgeschrieben, fangen wir um 7.30 Uhr an, verstanden?
Du bist um 7.15 Uhr da, weil du den Ofen anmachen musst, bevor die Angestellten kommen. Unten im Keller sind die Klütten. Und wenn nicht geheizt wird, dann musste immerhin den Kaffee machen, den spendiert das Haus, so großzügig sind wir, nicht Eva? Und jeden Morgen staubwischen auf den Schreibtischen, und den Papierkorb runterbringen in den Keller musste auch. Hast du auch gemacht, Eva, nicht, und? Biste dran gestorben?
Nein.
Fräulein Meier war bis gestern Lehrling. Sie hat die Prüfung in Köln mit gut abgelegt, also halt dich an sie. Übrigens, eine Viertelstunde schenk ich dir, weil du die fürs Frühstück kriegst und mittags eine ¾ Stunde Mittagspause, wo du nach Hause gehen kannst, damit du an die frische Luft kommst. Aber Fahrradgefahren wird nit, Leute aus dem Büro fahren nit mit dem Fahrrad zum Dienst, verstehste? Dat dun nur Arbeita.
Hast du den Vertrag? Und das neue Zeugnis?
Ich gebe ihm beides.
Nun, das Zeugnis sieht ja noch besser aus als das letzte, alles Zweien, nur nicht in Rechtschreiben. Und Englisch haste nicht?
Ich hab privat einen Schallplattenkurs in Englisch, ich möchte auf jeden Fall Englisch lernen, das braucht man heute.
Ach, wie altklug dat is, nit Eva?
Sie nickt.
Eva zeig ihr, wie et die nächsten Monate die Zahlen, die in Bleistift sind, in Tinte schreiben soll, aber in Schönschrift.
Und noch wat, damit du meine Großzügigkeit siehst, das machen andere Steuerberater in Bröl nit! Du fährst einmal die Woche nach Köln in die Steuerfachschull, ich will, dat minge Lehrlinge ordentlich ausgebildet werden. Den Tag schenk ich dir, da brauchste nachmittags nicht hier zu arbeiten, kannste dich in Köln rumtreiben! Frag dat Eva nach der Adress, angemeldet biste schon.
Innerlich hüpfe ich vor Freude, einmal in der Woche nach Köln, ganz offiziell, da wird mein Vater sich aber wundern!
Ostern 1957
Wir sind nach Bonn gefahren, mit Opa und Onkel Franz war ich in der katholischen Kirche wie früher auch schon mal, wenn dort Feste sind.
Die sind ja viel feierlicher.
Onkel Franz hat mir tatsächlich die Leiden des jungen Werthers geschenkt, weil ich ihm bei der Konfirmation den schönen Spruch von Goethe gezeigt hatte.
Und jetzt kommt es, nachmittags bei Kaffee und Kuchen, alle sitzen am Tisch, Silentium, ruft er, Ruhe, wichtige Mitteilung: Der Ingenieur Franz Schwendner gedenkt zu heiraten, und zwar schon zu Pfingsten!
Da war ich ja platt.
Er will eine früh verwitwete Geschäftsfrau aus Siegburg heiraten, Pfingsten soll die kirchliche Hochzeit sein und er wird auch nach Siegburg ziehen und den Betrieb übernehmen, irgendwas mit speziellen Apparaten.
Da ist er fein raus. Er ist Ingenieur, hat ein eigenes Büro mit einem noch größeren Schreibtisch, als er eh schon hat, ein großes Auto und die Frau wird eine Firma, ein Haus und ein großes Grundstück mit in die Ehe bringen!
Eigentlich wollte er sie schon zu meiner Konfirmation mitbringen, hat er mir erzählt, aber ihr geht es schon eine Weile nicht gut. Sie lädt dich aber zur Hochzeit ein, das soll ich dir sagen.
Und meine Mutti meint, das ist am Anfang immer so, dass sei bei ihr auch so gewesen, und sie lächelt so komisch, wie ich es nicht mag, wie sie lächeln, ja fast grinsen, wenn sie zusammen waren, die Frauen bei uns, beim Schneidern und über andere Frauen erzählt haben und ich immer weggehört habe, weil so was für Schulmädchen ja nichts ist.
Jetzt bin ich aber kein Schulmädchen mehr, aber ich will auch gar nicht wissen, was bei Frauen am Anfang immer so ist.
Die englische Sprache ist eine Zier, love me tender
Ich komme kaum zum Schreiben, weil mein Bruder ja auch in dem Zimmer schläft, und ich es heimlich mit der Taschenlampe tun muss, nach dem er eingeschlafen ist.
Ich war endlich in dem Elvis-Film in Köln. Der Englische Titel ist viel schöner:
Liebe mich zärtlich, liebe mich süß, lass mich niemals gehen, du hast mein Leben bereichert und ich liebe dich so.
So was übersetzen die mit Pulverdampf und heiße Lieder, dabei sind es zärtliche Lieder und eine zärtliche Liebe, und er stirbt am Schluss, und ich habe geweint. Ich liebe Elvis!
Halbstarke waren keine da. Die scheint es nicht mehr zu geben? In Brühl habe ich auch kaum noch Kontakt, die scheinen alle in die Lehre zu gehen. Die Karin geht zur Handelsschule, die hat ja auch keinen Kontakt zu den Jungs. Und, obwohl ich gegenüber arbeite, sehe ich sie selten. Aber im Sommer wollen wir wieder mit dem Rad fahren.
Die Sonja habe ich nicht mehr gesehen, seit wir aus der Schule sind.
Bei schönem Wetter will ich mit dem Fahrrad zur Berufsschule fahren. Die ist allerdings in Mülheim, das ist auf der Schäl Sick und ganz schön weit weg von Brühl, aber ich werde es schaffen.
Ich könnte meinen Chef küssen, dass er mich in Köln zur Berufsschule gehen lässt.
Ja, mein Chef ist süß.
Mädchen mit Jeans gehören in den Sandkasten
Ich hab jetzt schon zweimal Lehrlingsgeld bekommen, davon darf ich 20 Mark behalten, jetzt hab ich schon 40 Mark. Das Fahrgeld und Essensgeld für Köln gibt mir Mutti extra, das ist ganz lieb von ihr. Sie ist mächtig stolz, dass ich in Köln zur Schule gehe. Ich sei richtig erwachsen geworden, meint sie. Auch mein Vater lässt mich in Ruhe. Ich komme ja später nach Hause als meine Eltern, nämlich erst nach 5 Uhr, bei schönem Wetter fahr ich dann Fahrrad, aber oft lese ich auch, denn ich muss ja für die Berufsschule lernen.
Steuerrecht, zum Beispiel:
Die Reichsabgabenordnung (RAO) wurde am 13. Dezember 1919 beschlossen. § 1 der Reichsabgabenordnung:
Steuern sind im Sinne der Reichsabgabenordnung einmalige oder laufende Geldleistungen, die nicht eine Gegenleistung für eine besondere Leistung darstellen und von einem rechtlich-öffentlichen Gemeinwesen zur Erzielung von Einkünften allen auferlegt werden, bei denen der Tatbestand zutrifft, an den das Gesetz die Leistungspflicht knüpft.
Das hab ich Mutti vorgelesen, stell dir mal vor, was ich lernen muss. Hör auf, sagte sie, ich krieg ja Ohrenschmerzen. Wenngleich, meinte sie dann, als sie in Trautenau bei der Post gearbeitet habe, da habe es auch so eine Verwaltungssprache gegeben, aber lang ist’s her. Wohl wahr, schon Ewigkeiten haben Mutti oder die in Bonn nicht mehr von damals in Trautenau geredet.
Ich brauche unbedingt ein Fremdwörterbuch, Mutti, diese vielen Fremdwörter, die ich lernen muss.
Ja, kauf dir eins in Köln, ich geb dir was dazu. Dann muss ich mich bei der Volkshochschule anmelden wegen einem Stenokurs und einem Schreibmaschinenkurs. Auch das wird bei der Prüfung geprüft, aber man muss es selber organisieren und bezahlen, hat die Berufsschullehrerin angekündigt. Sie hat schon mal das Heft genannt, das wir kaufen und danach üben sollen.
Mutti hat mir versprochen, im Herbst eine Schreibmaschine zu kaufen, dafür spart sie mein Lehrlingsgeld, das ich ihr jeden Monat gebe, nämlich 30 Mark von den 50 Mark, die ich monatlich verdiene.
Vati hatte gesagt, solang dat de Föß unger minge Tisch stellt und verdient, muss ät wat afgäbbe, da kenn ich nix!
Ich hab doch tatsächlich bei C&A in Köln eine Blue Jeans gekauft, eine blaue Hose, wie sie die Halbstarken tragen. Mutti hat geschimpft, aber ich habe gesagt, das ist doch besser auf dem Fahrrad, wenn ich die lange Strecke nach Köln fahre.
Was sie nicht weiß, dass ich mich bei Karin, als die Eltern weg waren, in die Badewanne gelegt habe, in heißes Wasser, damit die Hose einläuft, denn so sieht sie ja wie eine Klempnerhose aus.
Mutti gibt mir das Fahrgeld, falls ich unterwegs einen Platten habe oder ein Gewitter kommt. Pass schön auf, Kind, sagt sie, als ich in Allerherrgottsfrühe losradle.
Es ist ein so schöner Sonnentag. Ich hab auch schon eine Schülerin kennen gelernt, die ich gerne zur Freundin hätte. Theresa ist zwei Jahre älter, weil sie die Mittlere Reife hat. Ihr Vater ist Ingenieur bei der Alwegbahn. Wir wollten am Nachmittag an den Rhein gehen.
Eine Viertelstunde vor Schulbeginn bin ich da. Ich gehe auf die Toilette und mache mich frisch, weil ich ein wenig ins Schwitzen gekommen bin. Ich binde mein Nicky-Seidentüchlein um und streiche die Blue Jeans glatt, dann gehe ich in die Klasse und will mich an den Tisch setzen. Frau Dreyer, eine Diplom-Betriebswirtin, kommt rein. Sie unterrichtet Buchführung und Bilanz. Sie stellt ihre Tasche auf das Pult und donnert los.
Also, ich dachte, wir sind hier auf einer Schule, auf der reife Menschen sind, zumindest mit der Mittleren. Dass es hier auch welche gibt, die in der Spielhose aus dem Sandkasten kommen, wusste ich bisher nicht, und ist auch nach der Hausordnung nicht erlaubt. Also, weibliche Hosenträger: raus!
Das galt mir, ich war die einzige Hosenträgerin. Ich flüstere Theresa zu, bis später, nehme meine Aktentasche und gehe.
Ich radele in das Milchcafé in der Nähe vom Rhein, zum Glück habe ich das Geld von Mutti. Ich habe keinem Menschen was getan, und fliege aus der Schule. Dabei ist so eine Hose sittsam, sie zeigt keine nackten Beine!
Bleistiftzahlen
Ich hab mit meinem Chef einen Spaß gehabt, er ist wirklich süß. Ich fragte ihn nach dem §1 der R A O.
Oh, sagte er verdutzt, wenn de so anfängst. Meine Lehre war nach dem Krieg, und das ist jetzt 10 Jahre her. Ich frag dich auch was, §1 GG, und das ist jetzt, jeden Tag.
Ha, lache ich, GG ist Grundgesetz und §1 sagt, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind.
Da kriegt er einen Lachanfall. Das möchteste gerne, ist aber nicht, das weißte ja, dass zum Beispiel dein Vater den Lehrlingsvertrag unterschreiben musste und nicht deine Mutter, trotzdem hat deine Mutter sich drunter gedrängt, obwohl da steht »Erziehungsberechtigter«, das ist sie aber nicht. Das scheinste geerbt zu haben. Wie heißt denn nun der §1?
Ich denke, die Würde des Menschen ist, sie ist für alle da, oder?
Na, gut, so ähnlich, ich freue mich aber, dass du in der Schule gut aufpasst. Und daste auch Steuerrecht und so was machst, sehr gut. Machste die Arbeit gerne?
Ja, in der Schule gefällt es mir.
Und hier?
Hier auch.
Wenn deine Probezeit vorbei ist, hab ich vor, dich zu übernehmen. Ist dir das recht?
Ich nicke.
Bisher bin ich zufrieden mit dir. Dat dat so bleibt! Wir machen ja bald Betriebsferien, du musst ja hierbleiben, hat deine Mutter meiner Frau erzählt, weil du auf den Jung aufpassen sollst, deine Eltern fahren mit den Schmitz, mit dem bin ich zur Schull jegangen, zelten.
Ich gucke ihn verdutzt an, weil er mehr weiß als ich.
Und ich dachte, wenn du sowieso hier bist, dann kannste auch unseren Jackie zu dir nehmen, dann haste einen Aufpasser, wenn die Eltern weg sind.
Nun war ich noch mehr verdutzt. Jackie, der struppelige Hund und ich haben sofort Freundschaft geschlossen. Dass ich aber in den Ferien auf Bruder und Hund aufpassen soll, ist mir völlig neu. Ich wollte doch gerne im Tonweiher schwimmen gehen mit Karin und vielleicht auch mit den Jungs.
Abends erzähle ich meiner Mutter davon.
Nun ja, das war bis jetzt nicht so klar, aber wir werden fahren, wo wir letztes Jahr waren. Ich lass dir genug Geld da und der Kühlschrank wird voll sein. Ihr werdet schon nicht verhungern. Wir bleiben ja nur zehn Tage, mehr können die Schmitz nicht, die sind ja selbstständig.
Am nächsten Morgen geh ich in den Keller, unsere Papierkörbe leeren, was ja wie Staubwischen zu meinen Aufgaben als Lehrling gehört. Die Kellertür geht, ich höre Schritte. Klatsch, Klatsch, meine Wange schwillt an wie nach dem Klatsch Klatsch von meinem Vater.
Ich starre meinen Chef an und frage: warum?
Oben auf deinem Schreibtisch liegt das Corpus Delicti.
Ich renne hoch. Eva kommt gerade. Was ist denn los?
Er hat mich geschlagen.
Der Chef?
Ich nicke, da steht er schon in der Tür. Was ist denn das für ein Geschmiere hier?
Ich schaue auf das Journal. Ja, ich habe mich gestern mehrmals verschrieben und musste die Zahlen durchstreichen.
Du weißt, dass man Dokumente nicht verändern darf und ein Journal ist ein Dokument.
Ich hab gestern, ich war gestern …
Dinge Vatter soll kommen, noch ist Probezeit, so wat bleibt bei mir nicht in der Lehre.
Ich komme später nach Hause als sonst, weil ich Angst habe.
Als mein Vater kommt, sage ich, du sollst zum Chef kommen, ich hab mich verschrieben und er hat mich geschlagen.
Da platzt es aus meinem Vater raus. Der schlägt dich? Ist der denn doll?
Wenn einer schlägt, bin ich es. Ich hab die Erziehungsgewalt, nit der. Der kann wat hören.
Ich gehe erleichtert schlafen. Mein Vater hält zu mir. Das habe ich mir im schönsten Traum nicht vorgestellt.
Am nächsten Tag komm ich zittrig zur Arbeit. Mein Vater kommt heute Nachmittag, sage ich, dann schreibe ich weiter Bleistiftzahlen in Tinte, ganz vorsichtig. Es stinkt mir schon lange, so was Langweiliges. Ich komme oft in eigene Gedanken dabei, erfinde Geschichten, und merke dann, wie ich unvorsichtig werde.
Um 17.00 Uhr will ich die Bürotür schließen, da kommt der Chef. Kannste deinem Vater verdanken, dass de bleiben darfst. Und ich sehe es ja ein, dass Bleistiftzahlen in Tinte schreiben drei Monate lang zu langweilig ist für so ein intelligentes Mädchen wie dich. Nach den Ferien kriegste ne interessantere Arbeit, jetzt wo du schon den §1 RAO kennst und der heißt?
Und ich rassele runter: Steuern sind im Sinne der Reichsabgabenordnung einmalige oder laufende Geldleistungen, die nicht eine Gegenleistung für eine besondere Leistung darstellen und von einem rechtlich-öffentlichen Gemeinwesen zur Erzielung von Einkünften allen auferlegt werden.
Sommerferien – Ein Duft von Büchern
Ich hab Jackie zur Mühlenoma gebracht, Mattes ist bei Tante Änne.
Ich fahr mit Fahrrad nach Köln. Am Neumarkt sehe ich in die Fenster einer Buchhandlung. Was für wunderbare Bücher. Ich sehe auch Anne Frank. Ich traue mich rein, noch nie war ich in so einer Buchhandlung, wo die Bücher bis unter die Decke stehen. In einem Nebenraum, der kleiner ist, werde ich von dem Duft angezogen. Der Duft erinnert mich an etwas. Es sind alte Bücher, sie haben einen Lederrücken, ich gehe ganz nah heran und rieche den Staub an, der auf ihnen lagert. Das ist mir alles so vertraut, als wäre ich schon mal hier gewesen. Auf einem Absatz liegt ein dünner Band, Die Verwandlung, daneben liegt noch eins, beide haben einen gruseligen Käfer auf dem Titelbild. Eins nehme ich vorsichtig in die Hand und blättere, die Zeichnungen, die anders sind als in meinen Schulbüchern, die Zeichnungen, viel zarter, gefallen mir.
Gefällt dir? spricht mich ein älterer Herr an. Ich nicke verlegen und lege das Büchlein wieder zurück.
Haste dir auch das Beste ausgesucht, ist sehr selten, weil handgeschöpft.
Ich weiß nicht, wovon er redet, ich nicke und lächele ihn an.
Es muss wunderschön sein, hier zu arbeiten, sage ich.
Warum?
Der Duft, der Duft wie von gut geputzten Lederschuhen!
Der Mann lacht.
Gut geputzte Lederschuhe. Das hat ja noch nie jemand gesagt, du hast Fantasie. Willst du hier arbeiten, ich suche einen Lehrling.
Wie versteinert stehe ich da. Hier arbeiten? Als Lehrling? Weg von den Zahlen? Arbeiten mit Büchern? Ich kann es kaum fassen.
Ich wohne aber in Brühl, sage ich.
Das macht doch nichts. Die Bahn fährt alle halbe Stunde. Willst du?
Ich nicke.
In Brühl angekommen, renne ich durch den Park, Richtung nach Hause. Muss mit meiner Mutter reden, die ja übermorgen aus dem Urlaub kommt. Sie muss die Unterschrift fälschen, der Vati unterschreibt nie. Der Herr Beyer hat mir den Lehrvertrag mitgegeben, soll ich unterschrieben zurückschicken oder vorbeikommen. Am 1. September kann ich anfangen, ich bin ja noch in der Probezeit beim Mertens. Der hat mich geschlagen, das kann ich ihm nicht verzeihen, auch wenn er mir bessere Arbeit nach den Ferien geben will. Es ist langweilig, Zahlen, immer nur Zahlen. Hier die Lehre schmeißen und nach Köln gehen, ja, das wär was.
Yes, oh yes, jauchze ich und fliege mit meinem Kafka, den mir Herr Beyer geschenkt hat, durch die Luft. Es ist eine Taschenbuchausgabe wie das Tagebuch von Anne Frank. Ich stolpere, direkt in die Arme des Jungen, der auf dem Schulhof auf dem Mäuerchen saß und las, und mich neulich auf dem Markt vor dem Kino angelächelt und Guten Tag gesagt hat.
Er gibt mir meinen Kafka, der runtergefallen ist, zurück. Sie lesen ja interessante Bücher, Frollein, sagt er. Kafka hatten wir neulich auch in Deutsch. Gehen Sie aufs Ursulinenlyzeum?
Ich verneine.
Darf ich Sie ins Milchcafé einladen? Ich seh Sie manchmal dort sitzen, wenn ich aus der Schule komme. Ich zeige auf meinen Kafka. Meine Anne Frank hat ein Brüderchen bekommen, rufe ich. Ich muss nach Hause. Und laufe davon.
Nach den Ferien
Das Elend ist schlimmer als vorher. Als ich meiner Mutter erzähle, dass ich von Brühl nach Köln in die Lehre will, kriegt sie einen Tobsuchtsanfall und scheuert mir eine.
Wenn du das dem Vati antust, dann schmeißt er dich raus, du kommst in die Erziehungsanstalt wie die Nina und die Marianne. Nina hat mit 15 ein Kind gekriegt und Marianne hat sich mit Jungs im Park rumgetrieben. Man hat sie erwischt, wie sie … Eine Schweinerei, wurde getuschelt.
Erziehungsanstalt ist das Schlimmste, das einem Jugendlichen passieren kann, wo man jeden Tag geschlagen wird, nichts zu essen kriegt und man den ganzen Tag ganz schlimme Arbeit machen muss, wie Kloos scheuern in Krankenhäusern und Ähnliches. Sie sind bei den Nonnen, die am Rhein auch ein Krankenhaus haben, man höre nur Schreckliches, sagte Frau Lenz aus dem Haus, eine Verwandte, als ich sie mal fragte, wie es Marianne geht.
Als ich anderntags nach Hause komme, ist mein kleines Bücherregal heruntergerissen und die Bücher auf meinem Bett zerfleddert. Als ich die Küchentür aufreiße und schreie, was das soll, steht mein Vater hinter der Tür, wie so oft, und knallt mir eine.
Han isch nit bei dem Mertens für dich ein Wort eingelegt, dat de blieve kannst und jetzt so wat, du Luder. So än Schand, jetzt wegzijonn. Du küst in de Fabrik, do lernst de, wat Arbeiten ist!
Er hat Spucke im Mund, so aufgeregt ist er.
Ich gehe in mein Zimmer und heule. Dann nehme ich meine Bücher und glätte die Seiten und tu sie in den Karton unter meinem Bett. Arme Anne, armer Heinrich, armer Franz, ach ihr Armen, jetzt müsst ihr im Dunklen schlafen.
Nach der Schule in Köln fahre ich zu Herrn Beyer in die Buchhandlung und gebe ihm den Vertrag zurück. Ohne Worte, schaue ihn nur an.
Aha, es hat Ärger gegeben?
Ja, ich muss beim Steuerberater bleiben.
Na, gut, dann mach die Lehre dort zu Ende, danach sehen wir weiter. Du kannst aber jederzeit zu mir kommen und Bücher ausleihen, wenn du willst.
Nein, ich kann die Bücher nicht mit nach Hause nehmen, mein Vater macht sie … Ich stocke, Tränen kommen, ich kann sie nicht zurückhalten, mein Vater …
Na gut, dann sitzte hier und liest hier. Er zeigt in die Ecke, da in dem Sessel biste immer willkommen. Verstehste?
Er drückt mir die Hand. Ich bin so dankbar, endlich ein Erwachsener, der nicht herumschreit.
Das Probehalbjahr ist rum, ich kann jetzt nicht mehr weg, noch zweieinhalb Jahre muss ich aushalten, mich mit Zahlen rumschlagen, mit dem Steuerrecht, mit den schmutzigen Abschreibungen der Reichen unserer Stadt, die über den Marktplatz laufen, als seien sie die Könige. Nach einem halben Jahr habe ich schon einiges mitbekommen. Ich musste nämlich den Schweigeeid leisten, dat de von heh nix nach draußen verzällst, hat Herr Mertens gesagt, als er mir den endgültigen Vertrag in die Hand drückte, den ich meinem Vater abends zeigte.
Na siehste, ät jeht doch! meinte er stolz. Dun den Vertrag in de Mapp mit de Zeugnisse, so wat hät man für dat Leben!
Im Laufe des Oktobers kriege ich endlich eine Schreibmaschine und einen kleinen Tisch, damit ich darauf schreiben kann und für den Winter eine Heizspirale, damit ich auch im Winter üben kann, denn in der Küche geht das ja nicht. Da wird ja alles gemacht und vor allem, wenn Vati nach Hause kommt, muss erst mal Ruhe sein, weil er sich aufs Sofa legt. So was wie ein Wohnzimmer, wie bei Karin, haben wir nicht. Nur die Küche für alles, auch fürs Waschen morgens und abends. Ich muss aber aufpassen, dass mein Vater nicht in der Nähe ist. Dann kommt meine Mutter mit einem Badetuch angerannt.
Nach einiger Zeit gehe ich wieder mal bei Herrn Beyer vorbei und erzähle ihm von meiner Schreibmaschine und dass ich jetzt übe, und dass es eine Schreibmaschine sei mit einer Ledertasche, damit ich sie mitnehmen kann.
Wohin willst du sie denn mitnehmen?
Ja, wenn ich mal von zu Hause wegziehe. Vielleicht verreise ich auch mal, dann kann ich sie immer dabei haben.
Ach, du willst wie Hemingway werden, in die weite Welt damit? Eine Reiseschreibmaschine also? Und Whisky willste auch trinken?
Ich schüttele heftig den Kopf und er erzählt von Hemingway und seinem aufregenden Leben als Reiseschriftsteller.
Ja, das möchte ich auch werden, rufe ich begeistert.
Er nimmt aus dem Regal ein Buch. Schon ein bisschen abgegriffen, sagt er, daran siehst du, dass der Vorbesitzer es geliebt hat.
Oh, danke, sage ich.
Auch wenn es Der alte Mann heißt, es spielt auch ein netter Junge mit, der den alten Mann versorgt.
In drei Nächten habe ich den Alten Mann und das Meer verschlungen. Unter der Bettdecke mit dem Licht der Taschenlampe, immer in der Angst, mein Bruder würde wach und mich verpetzen.
In der nächsten Woche fahre ich wieder bei Herrn Beyer vorbei und will ihm das Buch wiedergeben. Er winkt ab.
Nein, nein, sage ich, ich habe doch kein Bücherregal. Mein Vater will keine Bücher sehen, ich muss sie unter dem Bett verstecken.
Er streicht über mein Haar. Armes Mädsche, sagt er.
Das Buch hat schon alt geduftet, sage ich, aber es ist ja noch nicht so alt.
Aber antiquarisch, erwidert Herr Beyer, auch Bücher ohne Lederrücken kommen in die Jahre und ziehen Staub an. Und wer weiß, wo es überall war. Er lächelt.
Und? Vom Inhalt?
Spannend, ich habe gehofft, der alte Mann schafft es.
Er hat es doch geschafft, er hat nicht aufgegeben, das ist das Wichtigste im Leben. Auch wenn zum Schluss der Fisch von den Haien aufgefressen wird: er hat nicht aufgegeben.
Ich habe lange darüber nachdenken müssen, auf dem Weg nach Hause mit der Bahn, die immer am späten Nachmittag sehr voll ist. Aber es ist mir im Kopf geblieben, trotz des Gedränges.
Er hat es geschafft, er hat nicht aufgegeben.
Nein, ich gebe auch nicht auf.
Das Tagebuch zwei
Es ist Winter, ich fahre nicht Fahrrad und bin viel zu Hause am Abend und tippe. Meine Mutter ist stolz auf mich. Sie lauscht an der Tür, wie die Maschine klick klick macht, denn ich habe sie mal erwischt, als ich schnell aufs Klo musste.
Ja, Kind, sagte sie, du machst das, was ich gerne auch gemacht hätte: Schreibmaschineschreiben.
Es hat bei mir im Krieg nur zum Morsen gereicht. Und sie tippt mit den Fingern auf den Tisch dit, doh, Schweigen.
Dit dit doh dit dit. Sie scheint ganz weit weg zu sein.
In der Berufsschule hat man mir gesagt, dass ich nicht auf die Tasten gucken soll. Ich soll einen Pappkarton darüber tun, damit ich die Tasten nicht sehe. Das ist sehr schwer, ich würde am liebsten lostippen und so schreiben wie Hemingway oder Anne Frank, denn man hat uns so blöde Bögen gegeben, nach denen wir tippen sollen, aber manchmal schreibe ich eben doch einfach drauf los.
Zum Tagebuchschreiben bin ich kaum noch gekommen, deshalb hab ich das Heft ganz vergessen zwischen meinen Schlüpfern.
Aber wieder steht eines Abends mein Vater hinter der Tür und klatscht mir das Heft um die Ohren.
Wat steht da drin. Datte weg willst, weil die Eltern so schrecklich sind!
Dat de geknutscht hast im Film in Köln.
Nein, schreie ich, nein. Du hast nichts in meinen Schlüpfern zu suchen. Und ich renne in mein Zimmer und packe meine Schlüpfer und stopf sie in die Waschmaschine und stelle die Maschine an auf Kochen!
Mein Vater sitzt grinsend auf seinem Stuhl beim Ofen, und macht sein abendliches Fußbad, als Mutti rein kommt.
Wieso ist denn die Waschmaschine an!
Dinge Tochter, sagt er, hät ne Waschtick.
Ich knalle die Tür, gehe in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett.
Als meine Mutter kommt, es ist ja nicht üblich bei uns, wie bei Karin, dass angeklopft wird, baut sie sich vor mir auf und sagt: Du spinnst ja, so was zu schreiben. Sie gibt mir mein Tagebuch zurück, der Vati hat die Wörter rot unterstrichen, die ihm nicht gefielen.
Nämlich, dass ich mit der Kölner Schulfreundin im James Dean Film war und so geweint habe, dass der Junge, der neben mir saß, mich gestreichelt hat, und ich in mein Tagebuch geschrieben hab, dass ich ihn gerne geküsst hätte, weil er so aussieht wie James Dean, aber der Junge leider nicht draußen gewartet hat, als der Film zu Ende war. Was für ein Glück, ich war ja auch verheult.
Was ist denn da dran schlimm?, frage ich meine Mutter.
Das nicht, aber dass du andere Eltern …, in ein Internat willst, um von zu Hause wegzukommen. Schuftet denn Vati nicht, damit wir ein warmes Zuhause haben?
Schufte ich nicht auch, schreie ich zurück, ich mache eine Lehre nach eurem Willen, wo ich in Köln so einen lieben Chef hätte, der mir Bücher schenkt und mich mag. Ja, die Bücher verdrehen dir den Kopf. Da hat der Vati Recht, dass er das Regal weggenommen hat, damit du nicht weiter Bücher kaufst von dem bisschen Taschengeld. Spar lieber auf die Aussteuer, damit du jemanden findest, wenn du ausgelernt hast! Dann kannste von zu Hause weg.
Zum Neujahr fahr ich mal wieder nach Bonn zu den Großeltern.
Ich komme am Theater vorbei und sehe das Plakat vom weißen Rößl.
Im weißen Rößl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür, hat Vati immer gesungen, wenn er gut gelaunt war, wenn die Bonner da waren und sie Schnäpschen getrunken haben. Dann hat er auch Auf in den Kampf, Torero gesungen, die Schwiegermutter kommt, und dann hat die Bonner Oma gesagt: Aber ich bin doch deine Schwiegermutter, Fritzerl, und dann hat er ihr ein Bützchen gegeben auf die Wange und die Oma hat gekichert, weil sie dann auch gut gelaunt war.
Ich erzähl das dem Opa vom weißen Rößl, oh, das kenn ich, sagt er, das ist in Österreich, vor dem Krieg waren wir auch in Österreich, und er gibt mir Geld. Dann gehok ins Theater, Madla.
Alleine?
Vielleicht kommt der Franzl mit.
Ach, der ist doch jetzt Vater geworden, Opa, der kommt bestimmt nicht mit.
Dann geh mit Deiner Freundin. Und tatsächlich, ich treffe Breuers Bärbel in der Uhlstraße und sage ihr, dass ich demnächst in Bonn ins Theater gehe.
Und ein paar Tage später sagt mein Vater, ich soll zum Breuers Pitter kommen, der will dich wat sagen.
Ich wundere mich, von der Wirtschaft der Pitter will mir was sagen. Und tatsächlich, er sagt, ich hab vom Bärbel gehört, dat du in Bonn ins Theater gehst bei dinge Großeltern. Ich will, dat dat Bärbel auch ins Theater geht, ich han angerufen und han für euch ein Abonnement bestellt, ist dir dat Recht?
Ich strahle, ja, sicher. Und eine Woche später sitze ich mit der Bärbel in Bonn im Theater, Breuers Pitter hat uns hingebracht, und er holt uns auch wieder ab. Bärbel und ich singen im Auto: Es muss was Wunderbares sein, von Dir ge– liiiebt zu werden. Es ist elf Uhr abends und Herr Breuer gibt uns in der Wirtschaft noch einen Piccolo zu trinken, weil wir so lustig sind.
Und meine Mutter steht wie immer, wenn ich später nach Hause komme, im Treppenhaus und sagt: So spät kommst du?
Ja, Breuers Pitter hat dem Bärbel und mir noch ein Piccolo spendiert, als wir aus dem Theater kamen.
Und am nächsten Tag ist mein Vater ganz stolz, dass ich mit dem Bärbel von der Wäätschaft ins Theater gehe, da hat er endlich was zu erzählen an der Theke beim Kölsch: Ming Doochter!
Im Ausland
Mit Breuers Bärbel war ich ein zweites Mal im Theater, zu Ostern. Ich arbeite jetzt schon ein Jahr für den Mertens. Er hat mir tatsächlich noch anderes beigebracht, als Bleistiftzahlen in Journalen in Tinte zu übertragen.
Weil ich ganz gut Schreibmaschineschreiben kann, da ich im Winter fast jeden Tag geübt habe, darf ich auch schon Briefe und Bilanzen abtippen.
Einmal war ich bei Herrn Beyer in Köln, da hat er mich in seine Privatgemächer mitgenommen.
Komm mal mit rauf, hat er gesagt, ich will dir was zeigen. Und tatsächlich, in seiner privaten Bibliothek oben, wo auch seine Büros sind und seine drei Angestellten arbeiten, roch es so wie bei dem Sparkassendirektor in Brühl, als die Schranktüren aufgingen und der Duft nach altem Staub und nach altem Bohnerwachs sich befreien durfte. Oh, wie schön, rief ich begeistert und gehe mit der Hand langsam über einige Lederrücken.
Ja, das sind teilweise Bücher von meinem Großvater, der wohnte in der Eifel. Wären sie in Köln gewesen, hätten sie den Krieg nicht überstanden. Unser hiesiges Haus ist total zerstört worden.
Ich sehe die Trümmer in Brühl vor mir, sehe die Ratten, und da steht das Haus von dem Bankdirektor als einziges unversehrt, und seine Bücher auch. Die Puppe seiner Tochter lächelt mich an und ich schaue weg, weil ich weiß, dass ich nie in meinem Leben mit ihr spielen darf und dass ich diese Bücher in dem Glasschrank nie berühren darf.
Aber bei Herrn Beyer streiche ich über den Lederrücken, als wären es meine Bücher und Herr Beyer schimpft nicht so, wie es der Bankdirektor getan hat. Dass das Kind da nicht dran geht, verstehn Sie, Frau Pütz?
Herr Beyer hat gefragt, ob ich nicht mal wieder ein Buch mitnehmen will?
Ich druckse rum.
Nun? Welches?
Sagan, Bonjour Tristesse.
Ach ne, wo hast du denn das gelesen?
Ich werde rot. In der Bravo.
In der Bra …?
Nein, nein widerspreche ich, im Kölner Stadt-Anzeiger. Wird empfohlen, weil die Schriftstellerin noch jung ist.
Ja, ich weiß, mit 17 hat sie es geschrieben.
Bist du denn schon 17?
Nein, 16, aber ich schreibe ja auch, seit ich eine Schreibmaschine habe.
Dann bring das doch mal mit!
Nein, das geht nicht, das ist ja nicht fertig, ich übe doch nur, und wollte mal sehen, wie die Sagan …
Nun gut, gehen wir runter, mal gucken, ob eine Taschenbuchausgabe da ist, sonst werde ich es dir bestellen.
Was ich Herrn Beyer nicht erzählt habe, meine Freundin vom letzten Jahr, die Karin, als ich noch mit ihr und den Halbstarken unterwegs war und viel Fahrrad gefahren bin, war Ostern bei mir und hat sich verabschiedet.
Ich geh nach Paris, hat sie gesagt, als Au pair, Kindermädchen, ich will Französisch lernen. Die Bravo gibt es jetzt nicht mehr.
Nach Paris? Mir blieb der Mund offen, nach Paris, wiederhole ich, ja, da möchte ich auch hin.
Die Bravo-Hefte, die sie mir dagelassen hat, haben berichtet, dass jetzt viele Mädchen nach Frankreich gehen, wegen Brigitte Bardot und ihrem wunderhübschen Pferdeschwanz, den Breuers Bärbel auch hat – da passt ja auch BB …
In Köln gehe ich nach der Schule manchmal mit Theresa an den Rhein ins Café. Auf einmal kommt ein junger Mann zu uns und umarmt sie.
Ich kann gar nicht mehr wegsehen, so hübsch ist er – wie James Dean. Theresa merkt, dass ich irritiert bin.
Das ist Benno, mein Bruder, ein Jazzer, er lebt in Amerika und spielt jetzt hier im Jazzkeller.
Benno gibt mir die Hand, du bist Betty, nicht? Theresa hat von dir erzählt. Ich könnte die Hand küssen, so zart hat er mich berührt.
Er setzt sich. Wenn ihr Lust habt, nächsten Samstag spiele ich, ich kann euch zwei Karten reservieren.
Abends? frage ich entgeistert.
Ja, nicht zum Kaffeeklatsch, er lacht.
Ne, abends lassen mich meine Eltern nicht raus.
Dann schläfste bei uns, unsere Eltern sind im Augenblick auch in Amerika, wir haben Platz, meint Theresa.
Wenn ihr meint, ich kann ja mal fragen, sage ich. Aber das gestatten die mir nie! Ich fahre nach Bonn zu den Großeltern, und bleibe über Pfingsten, ja, das wird gehen, die verpetzen mich nicht, wenn ich eine Nacht wegbleibe.
Eine Jazzsession
Ich fahre schon Freitagabend nach Bonn und esse mit den Großeltern zu Abend.
Der Zimmerherr, der in dem Kinderzimmer gewohnt hat, wo früher Nina wohnte, wenn sie den Zuständen in Pützchen entfliehen wollte, als der neue Mann ihrer Mutter auch ihr nachstellte, ist jetzt weg und das Zimmer ist frei.
Nina bekommt ein Kind und ist in der Erziehungsanstalt eingelocht wie Marianne aus dem Fischmarkt, weil sie mit einem Jungen im Park erwischt worden war. Der Junge von Marianne durfte zu Hause bleiben, das ist doch ungerecht, immer nur die Mädchen, die bestraft werden.
Aber das war alles letztes Jahr und es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein. Jetzt hat es nichts mehr mit meinem Leben zu tun. Jetzt werde ich in Köln in einem Jazzkeller sein, oh, wie ich mich freue.
Opa gebe ich ein Küsschen, und er sagt, pass schön uf, wenn du bei deinem Freund schläfst.
Aber nein, Opapa, bei einer Freundin von der Berufsschule, bei der wir ihren Geburtstag feiern. Und dann fährt keine Bahn mehr nach Duisdorf, verstehste Opapa. Dass sie in Köln wohnt, verschweige ich.
Theresa wohnt in Marienburg, einer ganz feinen Wohngegend in Köln.
Benno macht die Tür auf, ich kriege ganz weiche Knie, als er mir die Hand gibt.
Ich muss gleich abhauen, sagt er. Theresa, ruft er nach oben. Betty ist da.
Er flitzt nach hinten, seine Jeans sehen super aus. Ich stehe an der Treppe, und schaue ihm nach, als Theresa herunterkommt. Du hast es gut. Ich hab leider nur einen kleinen petzigen Bruder. Wir umarmen uns.
Leider ist Benno die meiste Zeit weg. Er lebt ja in den USA und hat da auch eine Frau. Das Wort Frau sticht. Ich habe auch zu dumme Gedanken, als wenn ich jemals so einen tollen Mann bekommen würde.
Benno ruft von oben: Kommt mal gucken. Wir gehen die Treppe rauf, aus seinem Zimmer donnert Musik, so laut hat er die Bässe eingestellt. Das ist Power, oder?
An der Wand lächelt uns James Dean entgegen.
Oh, wie toll, sage ich, und schäme mich, weil mir kein besseres Wort einfällt. James Dean, in welchem Film, das Foto kenn ich nicht. Ich spüre, dass ich nur Blödsinn sage.
Das hab ich mir gedacht, Benno lacht schallend, ihr Europäer. Das ist Chet Baker, er war 1955 auf seiner Europareise auch hier in Köln, da hab ich ihn kennengelernt.
Ich spiele heute Abend ein paar Stücke von ihm.
Was spielt er denn? Nun bin ich ganz entblößt mit meinem Unwissen.
Trompete. Benno holt seine aus dem Kasten. So eine ähnliche. Und er tutet ein paar Töne. Ich schäme mich so, weil ich noch nie eine Trompete so nahe gesehen habe und gar nicht weiß, wie das alles heißt, was da dran ist. Durch Brühl ist doch nur der Spielmannszug gezogen und Weihnachten waren manchmal auch ein paar Trompeten in der Kirche, die waren aber oben auf der Empore.
Nun sitze ich hier ganz nah vor einem Instrument und weiß nur zu sagen: schön.
Und was ist schön dran, fragt Benno. Ich werde rot. Na ja, nun ja, ich meine, sie hat so einen Schwung, das sieht schön aus.
O.K., grummelt er, lass ich durchgehen.
Das merke ich schon, mit Benno kann ich nicht so reden wie mit den anderen, die ich bisher kennengelernt habe, wie ich ja auch mit Herrn Beyer anders rede. Das sind alles ganz andere Menschen, mit denen muss man sich anders unterhalten.
Ich muss noch viel lernen, das ist mir klar. Und eigentlich kann ich nur Herrn Beyer fragen, jetzt, wo Onkel Franz, der Ingenieur, verheiratet ist und eine kleine Tochter hat, und keine Zeit mehr, seine Schwesterfamilie zu besuchen.
Aber letztes Jahr Weihnachten hat Mutti mir Geld gegeben, damit ich mir endlich ein Lexikon kaufen konnte. Herr Beyer hat sich gefreut, mir ein gescheites Buch verkaufen zu können. Und da das Geld nicht reichte, hat er mir 8 Mark geschenkt. Noch nachträglich zu deinem Geburtstag, hat er gesagt.
Da werde ich mal nachsehen, was über die Trompete der Jazzer steht.
Ein Trompetenstoß holt mich aus meinen Gedanken.
So, ich muss jetzt gehen. Benno packt seine Trompete in den Kasten, schließt ihn und klemmt ihn unter den Arm. Bis später, Mädsche, er küsst seine Schwester auf die Wange und mir streicht er übers Haar.
Theresa macht uns das Abendbrot. Schade, dass er schon weg ist, er hätte sich auch stärken müssen, sagt sie.
Ich fühle mich sehr wohl bei so viel geschwisterlicher Zuneigung und gehe zur Toilette, um meine Tränen zu unterdrücken. Traurig, dass das bei mir zu Hause so gar nicht harmonisch ist.
Meine Mutter ist wieder mal außer sich. Komm ich von der Arbeit heim, steht sie hinter der Tür und schreit.
Was treibst du dich in Köln herum und schläfst dort. Und uns erzählste, dass du bei den Bonnern bist, du verlogenes Luder. Wenn das der Vati rauskriegt.
Sie versucht, mir ein Briefkuvert um die Ohren zu hauen. Hier sieh, für dich, diese Schweinerei.
Du hast meinen Brief geöffnet, schreie ich zurück, und jaule wie ein Hund. Keinem kann man vertrauen auf dieser Welt, keinem. Ich reiße die Tür auf, sie schmeißt mir den Brief hinterher. Hier, deine Schweinerei. Ich hebe den Brief auf und werfe mich auf mein Bett. Er ist von Benno, aber da kann nur Theresa hinterstecken, denn den gleichen Brief hat sie schon mal vor einem Jahr geschickt und meine blöde Mutter merkt das nicht.
Sie schreibt: Liebe Betty, dass ich Dich liebe, hast du sicher, als du neulich bei uns geschlafen hast, gemerkt. Wie sehr ich dich liebe, begehre, deinen Körper in Gedanken an mich ziehe und mit 1000 Küssen bedecke, hast du sicher gespürt, wenn du nicht einschlafen kannst und meine Hand deine Schenkel streift, leise und zart deine Schamhaare entkringelt.
Mir wird ganz heiß. Und ich stelle mir Benno vor, und umarme mich und streichele mich – vor Sehnsucht nach ihm.
Ich lege den Brief auf das Tischchen. Ich verstehe Theresa nicht. Wir haben doch gar nicht über so etwas geredet. Wir waren so beseelt von der Musik ihres Bruders und seiner Band, dass wir zu Hause gleich ins Bett und eingeschlafen sind.
Ich stehe auf, ziehe mich an und öffne die Tür. Mutti steht im Flur. Willst du nichts essen? Wo gehst du hin?
Mir ist der Appetit vergangen. Ich renne die Treppe runter und renne bis zum Telefonhäuschen. Die Mutter von Theresa ist dran, bitte, kann ich Theresa sprechen? Sie kommt, was gibt’s?, fragt sie. Der Brief, sag ich, meine Mutter ist wütend, das kannst du dir doch denken.
Theresa lacht ihr klirrendes Lachen. Der ist doch abgeschrieben. Aber es wär doch schön, wenn Benno ihn geschrieben hätte, oder? Er ist wieder abgereist und lässt grüßen.
Ach, Theresa, Brühl ist nicht Köln.
Ich komme am Sonntag mal wieder vorbei, sagste das deiner Mutter, ja?
Und wieder ist meine Mutter begeistert von Theresa, und verzeiht ihr.
Na ja, es tut mir leid. Aber ich mach mir halt Sorgen, was du in Köln so treibst. Wenn Vati so was in die Hände kriegt, schickt er dich ins Erziehungsheim. Das ist sein Briefkasten, das weißt du.
Ja, ja, ich weiß, antworte ich, da steht Fritz Pütz drauf und alles, was da drinnen ist, gehört ihm und das darf er öffnen, oder du.
Als ich dann im Bett liege, träume ich mich nach Amerika zu Benno. Seine Frau muss ich irgendwie umbringen, vielleicht hilft mir Edgar Wallace weiter, denn ich lese gerade den Krimi Der Frosch mit der Maske, den mir meine Kollegin Eva gegeben hat und ein paar andere Bücher vom Bertelsmann Buchclub. Sie räumt nämlich ihr Zimmer auf, weil sie bald heiratet, und du bist eingeladen, hat sie gesagt. Sie hat in der Nähe vom Tonweiher gebaut, wo ich letztes Jahr noch mit Karin und den Jungens geschwommen bin und wir im Kofferradio Elvis gehört haben.
Wie mag es Karin in Paris gehen? Sie wollte mir eigentlich schreiben.
Bonjour Tristesse
In diesem Winter gibt es einige Feste. Theresa ist achtzehn geworden, Eva heiratet und ich habe wie jedes Jahr vor Weihnachten Geburtstag und war wieder mal mit Breuers Bärbel in Bonn im Theater.
Aber ganz einschneidend war, dass ich ja vor einiger Zeit den Roman von Françoise Sagan gelesen habe, der jetzt verfilmt wurde und ich konnte mit Theresa rein, die ja viel älter aussieht und sie hat mich geschminkt, da sah ich auch viel älter aus, denn der Film ist erst ab achtzehn Jahren, obwohl ihn eine Siebzehnjährige geschrieben hat.
Jedenfalls sind wir gleich am nächsten Tag zu Theresas Friseur, an einem Samstag. Er soll uns so eine Frisur schneiden, wie sie die Jean Seberg hat, die die Cécile spielt. Ganz toll, ganz leicht ist der Kopf und so frisch.
Jetzt laufen die Mädchen mit Pferdeschwanz herum wie Brigitte Bardot und Breuers Bärbel, da muss man aber blond sein. Theresa und ich sind aber nicht blond, und so haben wir jetzt einen Bubikopf.
Mein Vater spricht nicht mehr mit mir, isch han schon ne Jung, hat er gesagt, ich bruch kenne zwei davon!
Und Mutti, na ja, da sparste dir das Geld für die Dauerwelle, meinte sie, dabei hatte ich das letzte Mal zu meiner Konfirmation ne Dauerwelle.
Ich habe ja auch angefangen, einen Roman zu schreiben, aber so was Trauriges, wie die Cécile erlebt, möchte ich eigentlich nicht schreiben.
Aber es muss auch viel Liebe darin vorkommen. Und weil ich mich ja schon ein bisschen in Benno verliebt habe, spielt der Roman in Amerika, da bin ich ihm näher.
Ich hab leider bei Edgar Wallace keine Mordmöglichkeit für seine Frau gefunden, so muss ich sie in den Roman hineinarbeiten. Ich habe erst mal das Buch Am Tag, als der Regen kam genannt, weil es ja in New York viel regnet. Im Augenblick haben sie dort einen Schneesturm. Ein Glück, dass wir Fernsehen haben, so kann ich manchmal auch was aus Amerika sehen. Denn vorstellen kann ich es mir nicht. Die hohen Häuser und die vielen Menschen, wahrscheinlich so viele, wenn wir Karneval in Köln feiern, da kommt man auch nicht durch in den Straßen.
Jetzt können auch die Leute nicht sagen, ich mache Françoise nach, denn bei der spielt ja alles in Frankreich. Theresa kennt Frankreich ein bisschen, aber Französisch ist noch viel schwerer als Englisch. Und Englisch fällt mir schon nicht leicht. Ich mache immer noch den Schallplattenkurs, aber viel zu wenig, weil ich kaum Möglichkeit habe, in der Küche, wo der Plattenspieler steht, alleine zu lernen. Immer kommt jemand herein, außer samstags, aber dann muss ich manchmal die Wohnung saubermachen. Bei der Gelegenheit plappere ich einfach die englische Schallplattenstimme nach und wische den Staub von einer Ecke in die andere.
Im Neuen Jahr war ich mal wieder bei Herrn Beyer. Er sagte, hübsch siehst du aus, kleine Französin. Auch er hatte den Film gesehen, aber solche Sachen wie Cécile machste nicht, das ist alles zu negativ.
In den Weihnachtsferien war auch Karin aus Paris zu Besuch, auch sie hatte die kurzen Haare. Ansonsten freut sie sich, wenn die Zeit bald herum ist. Paris gefällt ihr nicht so gut, sie muss zu viel arbeiten, sagt sie.
In der letzten Bravo war auch ein Bericht darüber, wie Elvis in Bremerhaven ankommt, um in Deutschland zur Armee zu gehen.
Nee, sagte sie, dass ich mal für den geschwärmt hab! So in der Uniform gefällt er mir nicht.
Ich dachte bei mir, an den Benno reicht er nicht heran, da kann er noch so ein Weltstar sein.
Jennifer tanzt
Im Frühjahr, ich bin schon im dritten Lehrjahr, sagt der Chef, jetzt endlich amortisierst du dich. Im ersten Lehrjahr haste nur Geld gekost, im zweiten waren wir quitt und jetzt krieg ich richtig Geld für dich. Du bist ja schon bilanzsicher, dat hät ich nach ersten Reinfällen mit dir nie gedacht, dat de dat mal schaffst. Dat Eva is nämlich schwanger, und fällt bald us, und ich muss mich schon mal nach einem neuen Lehrling umsehn. Ich hoffe ja, dat de, so lang dat Eva ausfällt, bei mir bleibst.
Auf dem Heimweg ist mir nicht nach Stolz, denn es kommt mir in den Sinn, dass ich ja eigentlich all die furchtbare Zeit in seinem Büro durchgestanden habe, weil ich einmal die Woche nach Köln fahren durfte, und dann, wenn ich ausgelernt habe, ich zu Herrn Beyer gehe. Aber wir haben nie wieder darüber gesprochen und er hat auch einen Lehrling bekommen, einen Italiener aus Verona. Meine Mutter war letztes Jahr in Italien. Sie sagt, ja, sehr schön, als ich ihr erzähle, dass ich mit einem Italiener, der auf meiner Berufsschule ist, Kaffee trinken war. Das war gelogen. Pass aber auf, das sind Gigolos und dann gibt es Bambinos!
Und jetzt kommt der Hammer. Mein Vater, weil er es auf der Lunge hat von der schweren staubigen Arbeit, war in Kur. Und jetzt, liebes Tagesbuch, ich muss dich mal wieder hervorholen, hat er mir ein Buch mitgebracht.
Weißt du noch, liebes Tagebuch, wie er dich aus dem Schrank gestohlen und mir um die Ohren gehauen, die Bücher aus dem Regal gerissen hat? Die würden mir nur den Kopf verdrehn? Erinnerst du dich, Tagebuch?
Und jetzt bringt ausgerechnet er mir ein Buch aus der Kur mit.
Jennifer tanzt. Ein Mädchenbuch für Zwölfjährige. Ich schreibe Liebesromane und er bringt mir ein Mädchenbuch mit. Und soll ich noch etwas erzählen, liebes Tagesbuch. Es hat mir sogar gefallen, wie Jennifer nicht aufgibt, um Tänzerin zu werden. Und da fiel mir wieder Herr Beyer ein, der zu dem alten Mann in dem Hemingway Buch gesagt hat, er hat es ja geschafft, er hat nicht aufgegeben, das ist das Wichtigste im Leben.
Feine Gesellschaft
Breuers Bärbel habe ich mal mitgenommen nach Köln in den Jazzkeller, die hat sich gar nicht mehr eingekriegt, dass ich so interessante Leute in Köln kenne, und sie als Gastwirtstochter nicht. Wie häste denn dat geschafft?, war ihre doch recht einfältige Antwort, denn sie war eben Gastwirtstochter und ging auf die Berufsschule für Hausmädchen in Brühl, in die die Mädchen bis zum achtzehnten Lebensjahr müssen, die keinen Beruf erlernen, sondern im Haushalt, also für ihre späteren Ehemänner, arbeiten werden.
Mädchen sollen eine gute Partie machen, heißt es.
Die Geschäftsleute, für die das Büro Mertens die Steuer macht und von denen ich eine Menge Geheimnisse kenne, tun fürnehm, wie sie sagen, ihre Töchter müssten gesellschaftliche Aufgaben übernehmen, dazu müssten sie z.B. auch auf die Tanzschule, evver nit Rock’n Roll, schimpfte Breuers Pitter, der Vater. Bärbel, hürste de, Walzer.
Dafür würde mein Vater nie Geld ausgeben, würde ich auch nie hingehen, Breuers Bärbel aber. Da tanzen auch die Söhne der Geschäftsleute, da würde sich sicher was finden. Bärbel geht auch in den Französischkurs der Volkshochschule, denn die feinen Leute sprechen Französisch.
Und nun trifft sie in Köln im Jazzclub die Kölner feinen Leute, von denen Theresa einige kennt und mit ihnen tanzt, und mit mir auch und Bärbel auch.
Was war die platt, als wir im Morgengrauen in die KBE stiegen und nach Brühl fuhren. Dat glövt minge Vatter nie, dat ich mit einem getanzt hab, der wor ne Doktor.
Das erzähle ich Herrn Beyer. Ja, früher, antwortet er, waren diese Klassengegensätze noch sehr stark, und in Brühl ist ja alles noch von gestern.
Du bist die große Ausnahme, das habe ich gleich gespürt. Es wäre natürlich schön, sobald du den Englischkurs zu Ende hast, dass auch du Französisch lernst, denn es ist eine sehr schöne Sprache und Frankreich hat die Aufklärung und die Revolution hervorgebracht und viele Denker und Schriftsteller. Und er gibt mir Albert Camus. Lies, sagt er: »Der Mensch in der Revolte«. Du hast ja auch Kleists Michael Kohlhaas gelesen und den Jungen Werther und Schillers Räuber und Kafkas Verwandlung, dessen Metamorphose auch ein Protest gegen die Zustände in der Welt ist.
Und lass dir Zeit, das ist schwierig. Frankreich hat jetzt schwierige Zeiten mit dem Algerienkrieg und ich erzähl ihm von dem Mann meiner Tante, der im Algerienkrieg war und der sehr brutal ist. Und dass ich mich schäme, so einen in der Verwandtschaft zu haben und dass wir keinen Kontakt mehr haben, obwohl es die Schwester meiner Mutter ist, die nach dem Krieg in der Ostzone viel Schweres mitgemacht hat. Und der eigentlich das Leben egal war, sie wollte nur überleben.
Und Herr Beyer ist ganz begeistert über meine Unterscheidung von Leben und Überleben.
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