Kitabı oku: «Ayahuasca und Tabak»
Jeremy Narby Rafael Chanchan Pizuri
Ayahuasca und Tabak
Meisterpflanzen vom Amazonas

E-Book-Ausgabe
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Herstellung: Bookwire GmbH Kaiserstraße 56 60329 Frankfurt am Main Deutschland
Verlag: Nachtschatten Verlag AG Kronengasse 11 4500 Solothurn Schweiz
Jeremy Narby, Rafael Chanchari Pizuri
Ayahuasca und Tabak: Meisterpflanzen vom Amazonas
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Titel der Originalausgabe: Deux Plantes enseignantes – Le Tabac & l’Ayahuasca; erschienen 2021 im Verlag Mama Éditions, Paris
Übersetzung: Chris Heidrich, Solothurn
Fachlektorat: Markus Berger, Felsberg Lektorat: Inez Ulrich, Ortenburg
Korrektorat: Jutta Berger, Felsberg; Caro Lynn von Ow, Dublin
Umschlaggestaltung: Nina Seiler, Zürich
Layout: Nina Seiler, Zürich, Mitarbeit: Silvia Aeschbach, Bern
ISBN: 978-3-03788-473-7
eISBN: 978-3-03788-492-8
Alle Rechte der Verbreitung durch Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische digitale Medien und auszugsweiser Nachdruck sind nur mit Genehmigung des Verlags erlaubt.
Inhalt
Einleitung
Kapitel 1
Medizin und Bosheit
Kapitel 2
Heilmittel und Gift
Kapitel 3
Reinigung mit zwei Seiten
Kapitel 4
Verwirrender therapeutischer Cocktail
Epilog
Anhang
Vape, Schnupftabak, Rapé und Snus
Dank
Bibliographie
Über die Autoren
Bildnachweis
Index

Einleitung
Jeremy Narby
Meine erste Begegnung mit Tabak fand 1985 statt, als ich in einer Gemeinschaft der Asháninka im peruanischen Amazonasgebiet lebte. Diese Menschen glaubten, dass Pflanzen wie Tabak und Ayahuasca denjenigen, die sie konsumierten, Wissen vermitteln können; und in ihren Augen war Tabak die Nummer eins unter den Meisterpflanzen. Wenn die Asháninka ein Problem oder eine Krankheit hatten, wandten sie sich an den seripiari, was in ihrer Sprache »Tabakschamane« bedeutet.
Ich für meinen Teil hatte keine besondere Affinität zu Zigaretten oder Zigarren, auch glaubte ich nicht, dass man durch das Rauchen von Zigaretten viel lernen könne. Ich wuchs mit einem Vater auf, der als ehemaliger Kettenraucher zum eifrigen Antiraucher wurde, und mit einer Mutter, die nur im Freien rauchte, als würde sie sich verstecken, sodass ich das Rauchen von Tabak als eine ungesunde Zeitverschwendung ansah. Als junger Anthropologe war ich daran interessiert, die Ansichten der indigenen Amazonasvölker zu verstehen. Und um ehrlich zu sein, ich kam frisch von der Universität.
Im Laufe der Monate in dieser indigenen Gemeinschaft wurde ein Mann namens Carlos Perez Shuma zu meinem wichtigsten Gesprächspartner. Er war 45 Jahre alt und – wie es der Zufall wollte – Tabakschamane. Wir unterhielten uns stundenlang auf Spanisch, und er erzählte Geschichten aus seinem Leben, von denen viele mit Tabak zu tun hatten: wie sein Onkel ihm den Tabakgebrauch beigebracht hatte, als er noch klein war; wie der Tabak ihn vor Gefahren und Feinden aller Art schützte und wie er die maninkari anlockte, unsichtbare Geister, die alle Lebewesen belebten. Eines Tages wurde ich Zeuge, wie Carlos Perez Tabakrauch über einen kranken Säugling blies, den jemand zu einer Heilbehandlung mitgebracht hatte. Ich fragte ihn, wie Tabak in solchen Fällen helfen könne.
Er antwortete: »Ich sage immer, Tabak hat die Eigenschaft, dass er mir die Realität der Dinge zeigt. Ich kann die Dinge sehen, wie sie sind. Und er vertreibt alle Schmerzen.«
Einige der Geschichten, die Carlos Perez über Tabak erzählte, widersprachen meinem Verständnis von Realität – aber ich dachte mir, dass es in meiner Arbeit als Anthropologe darum ginge, keine Skepsis zu äußern, sondern die Sichtweise der jeweiligen Person in ihren eigenen Worten wiederzugeben und Fragen zu stellen, wenn ich etwas nicht verstand. Bei einer Gelegenheit begann er mir vom Ableben seines Schwiegervaters zu erzählen, der ein bekannter Tabakschamane gewesen war: »Er pflegte seinen Tabak zu trinken, als sei er Wasser; er nahm ihn in die Hand und trank ihn so, als sei es nichts. Und dann konnte er machen, was er wollte, ja, er verwandelte sich sogar vor den Augen aller in einen Jaguar.«
»Wirklich?«, fragte ich.
»Deshalb haben sie ihn umgebracht, weil er sich oft in einen Jaguar verwandelte und Rinder angriff«, fuhr er fort.
»Er griff Rinder an?«, fragte ich, unsicher, ob ich richtig verstanden hatte.
»Er griff Rinder an«, wiederholte er.
»Wessen Rinder?«
»Die der Kolonisten.«
»Warum griff er ihre Rinder an?«
»Weil er mit ihnen bumsen wollte. Also töteten sie den Jaguar, nahmen ihm das Herz heraus und kochten es mit Asche, Harz und scharfem Paprika; und als seine Seele aus ihm herausgetreten war, bekam er einen Schock, deshalb starb er. Er starb nicht, weil er krank war, sondern er starb um seiner Seele willen.«
»Die Kolonisten haben ihn also umgebracht?«
»Nein, den Kolonisten gehörten die Rinder, aber sie heuerten einige Asháninka an, um den Jaguar zu töten. Denn wenn dort ein echter Jaguar Rinder angreift, kann man ihn erschießen und töten. Trägt er aber die Seele eines Tabakschamanen in sich, kann man ihn aus nächster Nähe erschießen, und er kann trotzdem noch springen; sogar, wenn man von dort drüben auf ihn schießt, kann man ihn nicht töten, weil er ein Mensch ist (porque es gente).«
»Und wie haben sie es geschafft, die Seele deines Schwiegervaters zu töten?«
»Sie haben ihn verraten. Er selbst erzählte uns, als es passierte, sei er dreimal entflohen, und meinte: ›Ich weiss nicht, wie ich sterben werde, denn viele Leute wollen mich töten, aber sie werden es nicht schaffen.‹ Vielleicht kam der Zeitpunkt, in dem er nicht länger ausweichen konnte, vielleicht benutzten sie etwas Geheimes, er gab seinen Körper auf, und sie saugten seine Seele aus. So ist er gestorben. Denn er starb rund und gesund.«
»Gesund?«, fragte ich.
»Gesund. Und im Moment seines Todes gab es einen brennenden Geruch nach Schießpulver. Deshalb sagte er: ›Jetzt haben sie mich gefickt. Also kann ich nicht weiterleben, weil sie in Wahrheit mein Herz gekocht haben, sodass kein Leben mehr in mir ist.‹ Denn bei seinem Tod tropfte er, als hätten sie ihn mit Wasser getränkt, ihm floss der Schweiß, weil sie sein Herz ins Feuer gelegt hatten. Deshalb verbrannte er. Und so war es dann auch.«
Als Carlos Perez mir diese Geschichte erzählte, merkte ich, dass ich die Ereignisse, von denen er erzählte, nicht für möglich hielt. Als Kind des Rationalismus und Materialismus glaubte ich nicht, dass die Seele eines Menschen, angetrieben durch eine starke Dosis Tabak, aus dem Körper fliegen, sich in einem lebendigen Jaguar einnisten und dort so lange festsitzen kann, bis sie dann den Tod des Menschen verursacht, nachdem das Herz des physischen Jaguars herausgeschnitten und in Chilischoten gekocht worden war. Ich wusste auch nicht wirklich, was ich mit einer solchen Geschichte anfangen sollte.
Nachdem ich ein Jahr lang in dieser Asháninka-Gemeinschaft gelebt hatte, begleitete ich Carlos Perez zu einem Besuch bei seinem alten Tabakschamanenlehrer, der oben in den Hügeln lebte, etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt. Der Mann schien mindestens 80 Jahre alt zu sein, denn er war von Falten übersät. Carlos Perez erzählte mir, dass niemand sein genaues Alter kannte, da er geboren wurde, bevor die Asháninka anfingen, die Jahre zu zählen. Er saß auf einer Matte, trug ein Baumwollhemd und aß Tabakpaste von einem kleinen Stab, der in einem Kürbis steckte. Als ich ihm vorgestellt wurde, sah er mich mit spitzbübisch blitzenden Augen an und fragte, ob ich sein Schwiegervater sei.
Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Drittel so alt wie er, also war das eindeutig ein Scherz. Ich beschloss, mitzuspielen, und bejahte die Frage. Er lachte und fragte mich erneut: »Konki?« (Schwiegervater?). »Ja«, antwortete ich. Er stellte mir die gleiche Frage ungefähr zwanzig Mal hintereinander, und jedes Mal, wenn ich mit »Ja« antwortete, wurde sein Lachen noch ein bisschen breiter. (Später an diesem Tag erfuhr ich von Carlos Perez, dass die Frage auch bedeutete: »Kann ich mit deinen Töchtern schlafen?« – der Witz ging also auf meine Kosten.) Ich beendete unseren Austausch und fragte, ob ich etwas von seiner Tabakpaste probieren dürfe. Er reichte mir den Kürbis, ich schob mir eine beträchtliche Menge zwischen die Lippen und setzte mich dann etwas abseits, damit die beiden Männer ihre Geschäfte besprechen konnten. Nach einer kurzen Weile, in der ich so dasaß, ohne über etwas Bestimmtes nachzudenken, fuhr ich mit meiner Zunge die Unterseite meiner Vorderzähne entlang, und sie schienen überaus lang und scharf zu sein. Außerdem schienen Katzenschnurrhaare seitlich aus meinem Gesicht zu wachsen, mit denen ich meine Umgebung noch schärfer wahrnehmen konnte. Mein Mund schmeckte nach Blut, und obwohl ich Veganer war, genoss ich den Geschmack. Meine Sinne sagten mir, dass ich mich in eine Katze verwandelte. So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten, aber es fühlte sich echt an. Dieses katzenartige Gefühl machte, dass ich mich warm, kraftvoll und weise fühlte. Ich beäugte ein paar Hühner, die in der Nähe herumgackerten, und entschied wie ein wohlwollender Jaguar, mich nicht auf sie zu stürzen. Ich erinnere mich noch, dass ich mir sagte: »Du weißt, dass die Tabakpaste wirklich stark ist, wenn der Anthropologe anfängt, Hühner anzugreifen!«
Dieser katzenartige und raubtierhafte Eindruck war so lebendig, dass er mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Aber es dauerte lange, bis ich mich in der Lage fühlte, öffentlich darüber zu sprechen.
Die Jahre nach diesem Erlebnis vergingen, und ich hielt mich weiterhin von Tabak fern. Er war keine Pflanze, die mich rief – zum Glück, denn ich wusste, dass ihr regelmäßiger Gebrauch der Gesundheit schaden konnte.
Trotzdem respektierte ich die Pflanze, weil die indigenen Amazonasvölker auf ihrer zentralen Rolle beharrten und weil ich meine kurze Begegnung mit ihr schätzte. Mit meinem Körper zu spüren, wie es sich anfühlen könnte, ein Jaguar zu sein, war eine Erfahrung, für die ich dankbar war – aber keine, die ich unbedingt wiederholen wollte.
Ich glaubte nicht, dass ich mich wirklich in einer messbaren Weise in einen Jaguar verwandelt hatte. Vielmehr hatte ich eine intensive körpereigene Erinnerung an den Eindruck, eine Katze zu sein, die ich willentlich anzapfen und als Quelle der Kraft und des Mutes nutzen konnte.
Aber ich lernte, mit Menschen aus dem Westen nicht darüber zu sprechen, denn bei dem Thema schienen sich die Leute unwohl zu fühlen. Selbst eine einfache Diskussion über die Sichtweise der Amazonasvölker zu Tabak rief eher Unverständnis hervor. Die Leute erinnerten mich daran, dass der Tabakkonsum jedes Jahr bei Millionen von Rauchern zum frühzeitigen Tod führte und internationale Gesundheitsbehörden ihn als »die heute vermeidbarste Todesursache der Welt« bezeichneten – wie konnte also jemand die Pflanze als Quelle des Wissens und der Heilung ansehen?
Es schien mir klar zu sein, dass diese Ansicht auf dem Verständnis der Wirkungen vorgefertigter Zigaretten beruhte, die eine verfälschte Version der Pflanze anboten und meistens mit industriellen Chemikalien versetzt waren. Es schien auch klar zu sein, dass die indigenen Amazonasvölker über ein Wissen über Tabak verfügten, das vielleicht für die Raucher in der ganzen Welt und für Menschen, die diese mächtige Pflanze verstehen wollen, nützlich sein könnte. Aber zwischen diesen beiden Welten lag eine Kluft, die schwer zu überbrücken blieb.
Die Jahre zogen ins Land. Im Jahr 2010 starb Carlos Perez Shuma. Eine ganze Zeit lang danach konnte ich die Abschriften der Interviews, die ich mit ihm geführt hatte, kaum ansehen. Er war ein kluger Mensch und ein meisterhafter Geschichtenerzähler, und ich vermisste ihn sehr.
33 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Amazonastabak spürte ich einen Ruf, wieder zu diesem Thema zurückzukehren. Es war kein bestimmtes Ereignis, das dies auslöste; es war eher wie bei einer reifen Frucht, die vom Baum fällt. Plötzlich wusste ich, dass ich mich mit der Sichtweise der indigenen Völker des Amazonas auf den Tabak beschäftigen wollte.
Ich kontaktierte Rafael Chanchari Pizuri, einen indigenen Experten auf diesem Gebiet und Ältesten des Shawi-Volkes. Er arbeitet in der Nähe von Iquitos im peruanischen Amazonasgebiet, wo er junge, angehende indigene Lehrer unterrichtet. Er bezeichnet sich selbst auch als médico, ein spanischer Begriff, der dort für Spezialisten verwendet wird, die Menschen mit Volksmedizin heilen. Tabak spielt in seiner Praxis eine wichtige Rolle.
Ich erzählte Rafael Chanchari, dass ich daran interessiert war, die richtige Art und Weise der Annäherung an diesen mächtigen Pflanzenlehrer darzustellen. Ich hatte ihn schon mehrere Male interviewt, und er erklärte sich bereit, sein Wissen zu teilen: »Tabak ist eine wichtige Heilpflanze, und seine tiefere Bedeutung hängt davon ab, wie man ihn verwendet.«
Wir trafen uns in Iquitos, und unser anschließendes Gespräch über Tabak ist das Thema des ersten Kapitels.
Einige Monate später begann ich mich mit der neueren Forschung zu Tabak auseinanderzusetzen. Die Wissenschaft in die Diskussion einzubringen, sollte nicht das Wissen der Amazonasbewohner bestätigen oder entkräften, sondern die beiden Sichtweisen einander gegenüberstellen. Ich wollte sehen, wie sie im direkten Vergleich abschnitten. Ich begann die wissenschaftliche Literatur zu den verschiedenen von Rafael Chanchari genannten Punkten zu untersuchen – und fand zu meinem Erstaunen beachtliche Übereinstimmungen zwischen dem indigenen Wissen und der zeitgenössischen Wissenschaft. Dies ist das Thema des zweiten Kapitels.
An diesem Punkt wurde mir klar, dass Rafael Chanchari und ich es mit einem im Entstehen begriffenen Forschungsprojekt zu tun hatten, das zwei Arten des Wissens miteinander verband und ein umfassenderes Verständnis einer mächtigen und oft gefährlichen Pflanze ermöglichte. Ich schlug vor, dass wir die gleiche Vorgehensweise anwenden und uns auch einer anderen psychoaktiven Pflanze aus Südamerika zuwenden sollten, der Ayahuasca-Liane. Diese Pflanze hatte erst kürzlich allgemeine Bekanntheit erlangt, im guten wie im schlechten Sinne. Sie bildet die Grundlage eines Pflanzengebräus, das ihren Namen trägt und das von einigen als potentes Heilmittel bei Depression, Trauma, Angst und Suchtverhalten sowie als Werkzeug der Selbsterforschung und des inneren Wachstums angesehen wird – und das wiederum andere als gefährliches Halluzinogen betrachten.
Rafael Chanchari verfügt über reichlich Erfahrung im Umgang mit Ayahuasca, das er neben Tabak in seiner Praxis als médico einsetzt. Fast ein Jahr nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns erneut, und dieses Mal wollten wir über Ayahuasca sprechen. Unser Austausch ist das Thema des dritten Kapitels.
Nach diesen Gesprächen über Tabak und Ayahuasca kamen Rafael Chanchari und ich überein, gemeinsam ein kleines Buch herauszugeben, das sowohl den indigenen als auch den wissenschaftlichen Blickwinkel auf die beiden Pflanzen aufzeigen sollte.
Noch einmal erforschte ich, Rafael Chancharis Behauptungen folgend, die jüngste wissenschaftliche Literatur zu Ayahuasca und fand heraus, dass die Sichtweise der Amazonas-Völker dabei half, einem neuen Bereich der wissenschaftlichen Forschung Sinn zu geben. Darum geht es im vierten Kapitel.
Als Co-Autoren sind wir beide der Meinung, dass sich Wissenschaft und indigenes Wissen ergänzen, obwohl es gewisse Unterschiede gibt. Indem wir sie zusammenbringen, ist unser erstes Ziel, sie nebeneinander bestehen zu lassen. Auf diese Weise können die Leser beide betrachten und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Dieses Buch hat zwei Autoren, es handelt von zwei Pflanzen und bringt zwei Wissenssysteme zusammen. Wir hoffen, dass es Ihnen gefällt.



Kapitel 1
Medizin und Bosheit
Eines späten Morgens trafen Rafael Chanchari und ich uns in der Schule, in der er unterrichtet. Er ist ein relativ kleiner Mann mit einer freundlichen Ausstrahlung. Wir saßen in einem ruhigen Raum, und ich schaltete das Aufnahmegerät ein.
Die Menschen im Amazonasgebiet sprechen oft von der »Besitzerin« oder »Mutter« einer Pflanze oder eines Tieres – so etwas wie eine Persönlichkeit, die einer Spezies zu eigen ist – und so begann ich das Gespräch, indem ich Rafael Chanchari fragte, ob das Volk der Shawi von einer »Besitzerin« des Tabaks spricht.
»Ja, wir Shawi-Leute sagen pinshi wa’yan, das ist die Seele oder der Geist des Tabaks, und pinshi a’shin, das ist die Mutter des Tabaks, diejenige, die ihn entdeckt oder erfunden hat, die ihn zum ersten Mal gesät hat. Das ist der Raupenmann, kuntan, wie wir sagen. Diese Raupe hat einen wissenschaftlichen Namen, das habe ich im Internet gesehen. Also das ist die Mutter, gemäß unserer Kultur.«
Er sprach mit sanfter Stimme und sprach jedes Wort deutlich aus. »Die Mutter ist ein Mann?«, fragte ich.
»Ein Mann«, antwortete er zustimmend. »Aber verwandelt. Es ist eine ganze Geschichte. Der Tabak hat eine Seele, er hat einen Geist, der von zweierlei Art ist, Medizin und Bosheit (maldad), oder was wir auf Spanisch Zauberei (brujería) nennen. Er hat zwei Geister.«
»Haben alle Pflanzen zwei Geister, oder nur der Tabak?«
»Vor allem die Pflanzen, die Macht haben, mit anderen Worten die Meisterpflanzen, Ayahuasca, Tabak, toé, catahua, die Chambira-Palme … alle Pflanzen, die machtvoll sind, haben zwei Geister oder Seelen. Die Person, die mit diesen Pflanzen arbeitet, muss sich also entscheiden, ob sie Medizin oder Bosheit lernen will. Und die Geister dieser Pflanzen bieten dir das an, denn sie sind nicht kleinlich. Manchmal wollen sie dich beides lehren. Doch es ist die Person, die wählt.«
Um ein besseres Verständnis für die »Mutter« des Tabaks zu bekommen, fragte ich Rafael Chanchari, ob er diese Wesenheit während seiner Arbeit mit den Meisterpflanzen jemals gesehen habe.
»Ja«, gab er zurück, »aber ich habe nicht die Mutter gesehen, sondern ihre Seele.«
»Aber was ist der Unterschied zwischen der Seele, dem Geist und der Mutter einer Pflanze?«, fragte ich.
»In der Sprache der Shawi haben alle Wesen wie Bäume, Fische, Vögel, Säugetiere und Reptilien eine Seele oder Mutter. Aber im Spanischen gibt es einen Unterschied zwischen ›Seele‹ (alma) und ›Geist‹ (espíritu). Sie sagen, dass Menschen Seelen haben, während Pflanzen und Tiere Geister haben. Darum verwende ich manchmal das Wort ›Geist‹, wenn ich mich auf die Seelen der Pflanzen beziehe. Die Seele oder der Geist einer Pflanze ist eine für die jeweilige Pflanze spezifische Wesenheit, während die Mutter einer Pflanze spezifisch für ihre Art ist.«
Als zweisprachiger Mensch dachte Rafael Chanchari in seiner Muttersprache Shawi über die Welt nach, und wenn er sich in seiner zweiten Sprache, Spanisch, ausdrückte, nahm er sich bei ihr gewisse Freiheiten heraus. Obwohl er wusste, dass im Spanischen das Wort Seele nur für Menschen vorgesehen ist, benutzte er es trotzdem, um sich auf Pflanzen und Tiere zu beziehen, weil er keinen grundlegenden Unterschied zwischen den Seelen der Menschen und denen anderer Arten sah. Er war das, was Anthropologen einen Animisten nennen.
Er fuhr fort und erklärte, dass es zwei Haupttypen des Tabaks gab, einen mit dicken, doppelten Blättern, den anderen mit kleinen, dünnen Blättern; und man konnte beide verwenden, um mapachooder Schamanentabak herzustellen. »Der stärkste ist der mit den doppelten Blättern. Man nimmt an, dass er eine größere Menge natürlicher chemischer Substanz zum Sehen von Visionen enthält.«
Das veranlasste mich zu der Frage, ob es seiner Meinung nach eine Verbindung zwischen Nikotin und der Mutter des Tabaks gebe.
»Offensichtlich ist es das Nikotin, das unsere Neuronen in einer Weise aktiviert, die es uns erlaubt, das Unwahrnehmbare in unseren Visionen und Träumen wahrzunehmen«, antwortete er. »So können wir erkennen, dass Pflanzen einen Geist haben. Der Geist ist das Abbild der Pflanze in der Welt der Visionen. Die Mutter ist ein Wesen, das sowohl physisch als auch geistig ist. Raupen sind die Mutter des Tabaks, und sie haben einen Geist, der dich lehren kann.«
Rafael Chanchari sah keinen Widerspruch zwischen Pflanzenmüttern und Pflanzengeistern auf der einen Seite und Neuronen und Molekülen auf der anderen. Um die Mutter des Tabaks wahrzunehmen, brauchte man seiner Meinung nach Nikotin und Neuronen. Sein Ansatz schloss die Wissenschaft mit ein, was unseren Dialog begünstigte.
Nicotiana-rustica-Blütenknospe
»Und arbeitest du mit Tabak?«, fragte ich.
»Ja, ich rauche.«
»Wenn du also die Seele dieser Pflanze siehst, wie sieht sie aus?«
»Schau, diese beiden Tabaksorten, von denen ich dir erzählt habe – wenn du sie zubereitest, indem du eine gewisse Menge an Zutaten anderer Kraftpflanzen des Waldes hinzufügst, wird der Tabak machtvoll, und er lehrt dich Medizin, oder er lehrt dich Zauberei. Und zu seiner Seele – ich habe sie gesehen, sie ist gigantisch und männlich, ein großer brauner Mann in der Farbe des Tabaks. Das ist die Seele des Tabaks, die dich lehrt.«
»Und wenn du diesen großen braunen Mann siehst, macht dir diese Wesenheit Angst? Oder ist sie angenehm oder verzaubert sie dich? Wie ist die Persönlichkeit des Tabaks?«
»Als Wesen vermittelt er kein Gefühl der Angst, man kann in seiner Gegenwart sein. Er macht nur Angst, weil er Bosheit lehrt, das ist seine Ausrichtung, das ist die Ausrichtung des präparierten Tabaks.«
Dann erklärte er, wie man »präparierten Tabak« herstellt. Zunächst muss man die junge Tabakpflanze vor der grünen Raupe schützen, die sie als Nahrung aussucht.
»Ist das die gleiche Raupe wie die Mutter der Pflanze?«, fragte ich.
»Ja, und wenn man sie lässt und sich nicht um seine Pflanze kümmert, frisst die Raupe alles auf. Das ist eine echte Schande, aber der Tabak ist die Nahrung der Raupe.«
Sobald die gesunden Tabakblätter gelb werden, erläuterte er, erntet und trocknet man sie. Das sei die einfachste Form des mapacho. Aber um »präparierten Tabak« herzustellen, musste man zuerst eine Paste herstellen, indem man die Hauptadern der getrockneten Blätter mit verschiedenen Pflanzen aufkochte, darunter Ingwer, Zimt, Vanille, die Riesenliane clavo huasca und die aromatische Liane sacha camote. Man kochte diese Mischung zu einer Paste ein, ließ sie abkühlen und strich sie auf die getrockneten mapacho-Blätter, die man zusammenrollte und erneut trocknete.
»Und das ist der präparierte Tabak, der dich Zauberei lehrt. Früher hat mein Volk ihn so zubereitet – jetzt machen sie es immer seltener – sie haben ihn haltbar gemacht und dann geraucht; sie haben sich dem ganz hingegeben und es so praktiziert. Zu deiner Frage von vorhin, wer diese Person ist – nun, sie macht dir keine Angst, aber letztendlich will sie dich Bosheit lehren. Mit anderen Worten, in der geistigen Welt, im Wald, im Wasser gibt es mächtige Geister, die dir Schaden zufügen können; und das will dich dieser Tabak lehren.«
»Warum will er das deiner Meinung nach lehren?«
»Sagen wir, für die Geister der Pflanzen ist es eine Tätigkeit – genauso wie Medizin eine Tätigkeit ist, es ist befriedigend, zu pflegen und zu heilen. Für sie ist es dasselbe: Die Bosheit ist eine Tätigkeit, die sie zu ihrer eigenen Befriedigung ausüben. Aber für die Menschen ist das schmerzhaft, schädlich und schwierig. Die Macht dieser Pflanzen kann dem Menschen Schaden zufügen. Es ist ihre Bestimmung, uns beizubringen, wie man nach ihren Regeln vorgeht, um Schaden anzurichten. Den menschlichen Körper auf eine Weise zu verletzen, die den Tod bewirkt, ist für sie eine Tätigkeit. Und umgekehrt ist Medizin auch eine Tätigkeit, die wir entwickeln, um zu heilen, Leben zu geben und Leben zu verlängern. Und der Tabak selbst verlängert tatsächlich das Leben, weil er heilt. Einfacher mapacho-Tabak, wie er auf dem Markt in Belen verkauft wird, kann als Medizin verwendet werden, und man kann ihn einfach so rauchen.«
»Wenn Tabak Medizin ist, welche Krankheiten heilt er?«, fragte ich.
»Tabak nimmt die Schläfrigkeit, und er heilt Unfähigkeit und Faulheit bei Menschen und bei Hunden. Hier in der Gegend sprechen wir von Menschen, die ›es sich leicht machen‹ – Menschen, die sich nicht darum bemühen, die notwendigen Fähigkeiten zur Herstellung der Nahrung zu erlernen, die sie essen, um am Leben zu bleiben. Das kann Tabak heilen. Er kann auch Menschen heilen, die aus reiner Faulheit nicht wissen, wie man Dinge tut. Allgemeiner gesagt, dient er dazu, Kraft, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu übertragen, aber es sind icaros (Heilgesänge) nötig, damit die Lehren wirken können. Tabak hilft auch, Schlangen- und Ameisenbisse zu heilen. Er stärkt auch die männlichen und weiblichen Hormone. Und wenn er mit anderen krebsheilenden Pflanzen kombiniert wird, potenziert er diese.«
Konsumfertige Tabakblätter
»Warum gibt es dann bei Zigarettenrauchern Krebs?«
»Traditionelle Tabakkonsumenten leiden nicht an Lungenkrebs oder Mundkrebs. Aber Konsumenten ›edler‹ Zigaretten bekommen Krebs, weil sie im Übermaß und ohne Richtlinien konsumieren. Im Leben sind alle Dinge schädlich, die im Übermaß konsumiert werden. Rauch ist für den menschlichen Verzehr nicht geeignet. In kleinen Dosierungen ist Tabak heilsam, aber im Übermaß zerstört er die Zellen und verschlechtert den Organismus.«
Wir saßen einen Moment lang schweigend da. Rafael Chancharis Worte schienen präzise und schlüssig zu sein.
Bevor ich eine weitere Frage formulieren konnte, kam er auf die Anwendungsmöglichkeiten des Tabaks zurück: »Mit Tabakrauch kann man einen Schrecken heilen. Und er dient dazu, Schlangen abzuschrecken und sie auf Abstand zu halten. Er hält auch Flussdelfine fern. Das Gleiche macht er auch mit bösen Geistern bei Ayahuasca-Sitzungen. Für all diese Dinge kann man Tabak verwenden, ebenso für die Heilung von Menschen, die nicht mehr wissen, wie man jagt und fischt. Tabak erlaubt es ihnen, sich mit sacharuna (›Waldwesen‹ oder ›Waldvolk‹ auf Quechua) auszutauschen. Will man mit ihm in Kontakt treten, weil man möchte, dass er seine Vögel und Tiere zur Verfügung stellt, so legt man eine mapacho-Zigarette auf einen großen Ast eines lupuna-Baums, weil das sein Zuhause ist.«
Mapacho-Tabak
Einigen von Rafael Chancharis Aussagen könnte man sich wissenschaftlich nähern – zum Beispiel, indem man die wissenschaftliche Literatur zu den Auswirkungen des Tabakkonsums auf die Sexualhormone zurate zieht. Andere, wie etwa die Existenz des unsichtbaren Waldwesens sacharuna, sind nicht belegbar, zumindest vorerst. Aber ich wollte nicht, dass dies zu einem Hindernis in unserem Gespräch würde. In einem kulturübergreifenden Dialog wie dem unsrigen bestand die grundlegende Höflichkeit darin, die Sichtweise der anderen Person gelten zu lassen. Wenn Rafael Chanchari sich dabei wohl fühlte, über Nikotin und Neuronen zu sprechen, so sollte auch ich mich dabei wohl fühlen, über die »Mutter des Tabaks« und den Waldmenschen sacharuna zu sprechen.
Die Menschen im westlichen Amazonasgebiet betrachten sacharuna weithin als »Chef des Waldes«. Aber Anthropologen haben festgestellt, dass Diskussionen über diese Wesenheit oft schwer fassbar waren. Wie Peter Gow es ausdrückte: »Es ist nie ganz klar, ob sacharuna ein Geist für den ganzen Wald ist oder viele Geister, von denen jeder ein bestimmtes Gebiet hat«1. Ich fand es faszinierend, dass eine zweideutige und unsichtbare Wesenheit wie sacharuna Tabak schätzen sollte. Doch ich ließ die Sache auf sich beruhen, denn ich hatte einige praktische Fragen, die ich Rafael Chanchari stellen wollte.
Da er sagte, dass viele Menschen auf der Welt Zigaretten rauchen, die eine schwache Form von Tabak enthalten, die sich vom Amazonastabak stark unterscheidet, fragte ich ihn, ob er einen Rat für diese Menschen habe.
»Ja, schau, mein Rat würde allen Menschen gelten. Es ist normal, dass sie einfachen Tabak konsumieren, zusammengerollte Tabakblätter. Sogar den stärkeren Tabak. Den können wir verwenden, aber abends vor dem Schlafengehen, denn er lehrt dich, schöne Dinge zu träumen. Also abends, nach dem Essen, zwei oder drei selbstgedrehte Zigaretten zum Schlafen. Das wäre mein Rat: zwei oder drei selbstgedrehte Zigaretten vor dem Zubettgehen nach dem Abendessen – aber nicht tagsüber, nein. Zuviel Rauch hat auch Folgen, wie etwa Blutarmut, denn das Einatmen von Rauch ist nicht so gut für die Gesundheit; es ist nicht so nährend für den menschlichen Körper. Aber abends, ja, da ist es gut zum Schlafen, zum Träumen. Tagsüber arbeitet man, und dann kann man nicht von irgendetwas träumen. Und die Vision des Tabaks ist es, dich zu lehren.«
Rauchende Schamanin
»Und rauchst du manchmal diese Zigaretten aus der Packung?«, fragte ich.
»Nein, die rauche ich nicht. Denn einmal hatte ich keinen mapacho und kein Geld, um mir welchen zu kaufen; ich ging zu einer Ayahuasca-Zeremonie in der Nähe von Nauta, um dort Ayahuasca zu trinken, und auch dort hatte niemand welchen. Meine Freunde meinten, ‹Hier sind ein paar Caribe-Zigaretten, lass uns Caribe rauchen.› Also rauchte ich Caribe, und das Ayahuasca sagte zu mir: ›Diese Zigarette tut nicht gut, wenn man Ayahuasca trinkt, sie ist nicht gut für den Menschen, denn sie ist Müll.› Es meinte zu mir, ›sie ist Müll, einfach Müll. Tabak ist eine Ergänzung zur Medizin. Tabak ist Medizin‹.«
»Das Ayahuasca hat dir gesagt, dass die Zigarette Müll ist?«, fragte ich nach, weil ich sicher sein wollte, dass ich richtig verstanden hatte.
»Ja, das Ayahuasca sagte, dass der Tabak in den industriellen Päckchen Müll ist. ›Was du da rauchst, ist Müll.‹ Deshalb hat es mich bestraft, weil ich geraucht hatte …«
»Wie hat es dich bestraft?«, fragte ich und unterbrach ihn.
»Indem es mir eine sehr starke Vision schickte, ein Gefühl des Todes, in diesem Sinne hat es mich bestraft. Es sagte mir also, dass dies Müll sei, dass es sich nicht lohne. Wenn man Ayahuasca trinkt, braucht man mapacho, um die Medizin zu ergänzen.«
Ich merkte an, dass die meisten regelmäßigen Tabakraucher weltweit Zigaretten rauchen, die er wahrscheinlich für »Müll« hielt. Dann fragte ich ihn noch einmal, ob er einen Rat für Leute habe, die den Tabak besser kennenlernen möchten.
»Ich würde raten, dass man sich besser einfachen, normalen Tabak besorgt, bevor man irgendeine industriell gefertigte Zigarette raucht. Es braucht nicht der starke, präparierte Tabak zu sein. Und davon kann man langsam bis zu drei Stück am Abend rauchen, wenn man schlafen gehen will. Das hilft auch, sich zu stabilisieren, wenn man aufgeregt ist, wenn man zu emotional ist. Manchmal kommen Depressionen oder Wut, da hilft der Tabak auch, diese zu minimieren, sich zu kontrollieren.«
»Und wenn die Leute einfachen Tabak rauchen wollen, wie sollen sie rauchen? Sollten sie aufstehen oder sich hinsetzen? Sollten sie allein rauchen? Hast du dazu eine Meinung?«, fragte ich.
»Ja. Es ist wichtig, einen bestimmten Ort dafür zu haben, denn nicht jeder kann Tabakrauch einatmen; die Nasen der Menschen sind darauf nicht vorbereitet, manche sind allergisch, andere haben Schnupfen; es ist wichtig, die Gesundheit anderer Menschen zu respektieren. Also muss man sich einen Raum suchen, in dem man andere Leute nicht verschreckt, wo drei oder vier Leute rauchen können, sitzend und konzentriert. Man sollte auch nicht fernsehen, denn diese Tätigkeit legt einen Zauber über einen. Also, rauchen und sich konzentrieren, darüber nachdenken, was man tut. Das wäre der Rat: ein Raum für diejenigen, die rauchen möchten, wo keine Leute sind, die nicht rauchen, weil das deren Nasen beeinträchtigen würde. Und damit aufhören, anderen Tätigkeiten nachzugehen, um sich ganz dem Rauchen des mapachozu widmen. Denn wir haben es mit einer Pflanze zu tun, die Macht hat, einer Pflanze, die einen Geist oder eine Seele hat, also ist es wichtig, das zu respektieren. Es ist nicht einfach eine gewöhnliche Sache, die man raucht. Das wäre der Rat, den ich geben würde.«
Fußnote
1Gow 1991, S. 80.



KAPITEL 2
Heilmittel und Gift
Wissenschaftler haben den Tabak gründlicher erforscht als jede andere Pflanze in der Geschichte der Wissenschaft. Das liegt an seiner natürlichen chemischen Komplexität. Die Tabakpflanze produziert etwa 4000 verschiedene organische Substanzen – nicht zu verwechseln mit den Hunderten von industriellen Chemikalien, die Zigarettenhersteller ihren Produkten beigeben.1
Tabak produziert insbesondere eine Reihe von Substanzen, die man Alkaloide nennt und die Stickstoff enthalten und starke körperliche Wirkungen auf Tiere und Menschen haben. Nikotin ist das bei weitem wichtigste Alkaloid, das in den meisten Tabaksorten enthalten ist, einschließlich der beiden im Amazonasgebiet gebräuchlichen Arten Nicotiana tabacum und Nicotiana rustica. Es ist eine der giftigsten botanischen Substanzen in der Natur, da ein oder zwei Tropfen reines Nikotin, auf der Zunge oder der Haut aufgetragen, einen erwachsenen Menschen töten können.2
Aus der Sicht der Pflanze dient das Nikotin vor allem der Abwehr räuberischer Insekten. Diese Rolle ist so effizient, dass die Menschen Nikotin seit Jahrhunderten als starkes Insektizid einsetzen.3
Bei einigen Sorten von Nicotiana rustica erreicht der Nikotingehalt in den Blättern bis zu zwanzig Prozent – während der blonde Tabak, der in Industriezigaretten verwendet wird, zwischen ein und zwei Prozent Nikotin aufweist. Da ein paar Tropfen reines Nikotin eine tödliche Dosis darstellen, kann der Konsum des starken schwarzen Tabaks ein riskantes Unterfangen sein.4
Die Toxizität des Nikotins hängt davon ab, wie es in den Körper gelangt. Wenn es über die Haut aufgenommen wird, wirkt es etwa hundertmal stärker, als wenn es gegessen oder geraucht wird. Die Magensäuren bauen das Nikotinmolekül bis zu einem gewissen Grad ab. Und wenn man Tabak raucht, verwandeln die hohen Temperaturen der Verbrennung einen großen Teil des Nikotins in weniger tödliche Produkte. Die Chemiker Penny Cameron Le Couteur und Jay Burreson merken an: »Das bedeutet nicht, dass Tabakrauchen harmlos ist, sondern nur, dass schon das Rauchen weniger Zigaretten tödlich wäre, würde diese Oxidation des größten Teils des Nikotins und anderer Tabakalkaloide nicht stattfinden«.5
Die Tatsache, dass Industriezigaretten Hunderte von chemischen Zusatzstoffen enthalten, die sich beim Verbrennen in neue und wesentlich giftigere Substanzen verwandeln, ist etwas anderes. Die Verbrennung ist nur insofern eine gute Nachricht für Raucher, als sie die Tödlichkeit des im Tabak enthaltenen Nikotins reduziert.6
Rauchen ist ein schneller Weg, um Nikotin ins Blut und ins Gehirn zu bekommen, bei relativ geringem Risiko einer Überdosierung – das übermäßige Rauchen von zu starkem Tabak erzeugt bei Menschen eher Übelkeit oder sogar Bewusstlosigkeit. Sie hören also meistens mit dem Rauchen auf, bevor sie den tödlichen Grad einer Nikotinvergiftung erreichen. Es hat sich herausgestellt, dass das Rauchen bei weitem die häufigste Art des Tabakkonsums bei Amazonas-Schamanen ist – obwohl sie ihn auch kauen, trinken, lecken und schnupfen sowie, in seltenen Fällen, durch rektale Aufnahme konsumieren.7
Der Ethnobotaniker Dale Pendell meint zu den Gefahren der Tabakeinnahme in flüssiger Form oder durch das Rektum: »Das Trinken kann, falls der Eingeweihte den Tabak nicht ausspuckt, nachdem er das Bewusstsein verloren hat, zum Tod oder zu dauerhafter Schädigung führen. Die gefährlichste Technik der Tabakaufnahme ist die rektale Injektion, bei der die Gefahr der Überdosierung extrem ist«.8

Um die ganze Macht des Tabaks zu begreifen, hilft es, die Funktionsweise von Nikotin im menschlichen Körper zu verstehen.
Nikotin hat eine tiefgreifende Wirkung auf den Menschen, weil das Nikotinmolekül einem wichtigen chemischen Stoff ähnelt, der von unserem Körper und unserem Gehirn produziert wird, dem Acetylcholin. Dieses ermöglicht es dem Nikotin, sich an die für diese Substanz vorgesehenen Rezeptoren auf der Oberfläche der Neuronen und vieler anderer Zellen im Körper anzupassen. Diese Rezeptoren sind allgemein als »Nikotinrezeptoren« bekannt, weil sie im frühen 20. Jahrhundert von Wissenschaftlern entdeckt wurden, die verstehen wollten, wie Nikotin im Körper funktioniert. Wenn sich Nikotin an unsere Neuronen bindet, veranlasst es diese, eine Flut chemischer Stoffe im Gehirn freizusetzen, wie zum Beispiel Dopamin, Glutamat und Noradrenalin, Acetylcholin selbst und Endorphine. Diese Substanzen entfalten eine breite Palette an Wirkungen.9
Strukturformeln von Nikotin (oben) und Acetylcholin (unten)
Zum Beispiel verstärkt erhöhtes Glutamat die Verbindungen zwischen den Neuronen, was das Lernen und Erinnern erleichtert; erhöhtes Acetylcholin gibt den Menschen das Gefühl, wach und energiegeladen zu sein; erhöhtes Dopamin aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, wodurch Menschen sich zufrieden fühlen und zudem den Wunsch hegen, die Erfahrung zu wiederholen – daher das Suchtpotenzial des Nikotins. Erhöhte Werte bei den Endorphinen – kleinen, als Schmerzmittel fungierenden Proteinen – können zu Gefühlen der Euphorie führen. Nikotin kann durch seine Wirkung auf die für Acetylcholin ausgelegten Rezeptoren im Gehirn alle diese Effekte gleichzeitig auslösen.10
Aber Acetylcholin ist nicht bloß ein chemischer Stoff im Gehirn. Es wird von vielen gehirnlosen Organismen in der gesamten Natur produziert, darunter Bakterien, Einzeller, Moose, Algen und primitive Pflanzen. Das deutet darauf hin, dass es sehr früh im Evolutionsprozess auftrat. Acetylcholin ist ein ausgesprochen »altes« Molekül, das an der Regulation grundlegender Zellfunktionen wie Genexpression, Zellproliferation und -differenzierung, Zell-Zell-Kontakten, Immunfunktionen, elektrischer Aktivität, Fortbewegung, Ausscheidung und Absorption beteiligt ist.
Die große Mehrheit der menschlichen Zellen produziert Acetylcholin und hat auf ihrer Oberfläche die entsprechenden Rezeptoren. Es gibt Nikotinrezeptoren auf den Zellen der Muskeln, der Haut, der Bauchspeicheldrüse, der Lungen, der Hypophyse, der Nebennieren, des Immunsystems, des Verdauungssystems, des Blutes, der Eierstöcke und der Hoden. Dadurch kann Nikotin im ganzen Körper wirken, einschließlich des Herzkreislauf-, Atmungs-, Nieren- und Fortpflanzungssystems.11
Gewisse Wirkungen des Nikotins werden von Menschen, die Tabak konsumieren, wahrgenommen. Wenn Nikotin beispielsweise die Nebennieren zur Ausschüttung von Adrenalin anregt, einem Hormon, das die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöht, können Konsumenten einen »Rush« verspüren. Doch Nikotin hat zahlreiche subtile Wirkungen auf den Körper, die dem Bewusstsein der Tabakkonsumenten entgehen. Es fördert beispielsweise das Wachstum neuer Blutgefäße, und es beruhigt Entzündungen, wenn das Immunsystem überreagiert.12
Gemäß dem Kardiologen John P. Cooke ist Nikotin »ähnlich wie Feuer – es kann sehr schädlich sein, und doch kann es nützlich sein, wenn man weiß, wie man es kontrollieren kann«. Zum Beispiel lässt die Förderung des Wachstums neuer Blutgefäße Tumore schneller wachsen, und deshalb ist der Konsum von Nikotin keine gute Idee, wenn man Krebs hat; wenn man aber Diabetes hat und die Extremitäten unter schlechter Blutzirkulation leiden, kann die lokale Anwendung eines Nikotingels helfen, diese Tendenz umzukehren.13
Die regelmäßige Einnahme von Nikotin schwächt das Immunsystem – was teilweise erklärt, warum Zigarettenraucher häufiger erkranken als Nichtraucher –, aber wenn das Immunsystem überreagiert, wie zum Beispiel in schweren Fällen von Covid-19, scheint Nikotin eine schützende Wirkung zu haben. Anfängliche Berichte – die inzwischen Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen sind –, dass Zigarettenraucher weniger schwere Formen dieser Viruserkrankung zu entwickeln schienen, ließen ein Forscherteam vermuten, dass Covid-19 Nikotinrezeptoren beeinträchtigen könnte. Sie identifizierten daraufhin eine toxinähnliche Aminosäuresequenz in einem der Virusproteine, die einer Sequenz ähnelt, die in Schlangengiftproteinen zu finden ist, welche die Nikotinrezeptoren blockiert und die Wirkung von Acetylcholin verhindert.
Eine der vielen Rollen, die Acetylcholin spielt, ist die eines entzündungshemmenden Moleküls, insbesondere in Fällen, in denen das Immunsystem überreagiert und den Körper mit entzündungsfördernden Molekülen überschwemmt. Normalerweise neutralisiert Acetylcholin in solchen Fällen diese pro-inflammatorischen Moleküle. Sind die Nikotinrezeptoren jedoch blockiert, wird kein Acetylcholin freigesetzt, und die entzündungsfördernden Moleküle greifen weiterhin gesunde Zellen im ganzen Körper an. Das führt schließlich dazu, dass sich die Lunge mit Flüssigkeit füllt und die Organe versagen. Die Patienten sterben am Ende also an ihrer Immunantwort auf das Virus und nicht an dem Virus selbst.
Obwohl die Beweise noch umstritten und nicht schlüssig sind, ist es möglich, dass Covid-19 in seiner schwersten Form eine Erkrankung des Nikotinsystems und insbesondere des auf Acetylcholin basierenden entzündungshemmenden Systems ist; und Nikotin könnte die Funktion dieses Systems wiederherstellen, indem es Acetylcholin erlaubt, die Überreaktion des Immunsystems zu unterdrücken.14
Die mit der Untersuchung dieser These beschäftigten Wissenschaftler arbeiten mit »medizinischem Nikotin« in Form von Nikotinpflastern oder Nikotinkaugummi und warnen einhellig, dass das Rauchen von Zigaretten oder das Dampfen von Nikotinprodukten keinen Schutz gegen diese aggressive Viruserkrankung gewährleisten.15
Nikotinrezeptoren spielen auch eine Rolle beim Entstehen der Parkinson-Erkrankung, der Alzheimer-Erkrankung, der Schizophrenie und der Epilepsie. Die vorliegenden Daten lassen vermuten, dass Nikotin bei Parkinson, einer Krankheit, bei der die Dopamin produzierenden Neuronen abgetötet werden, von therapeutischem Wert sein könnte, weil Nikotin die Dopaminproduktion im Gehirn anregt.
Nikotin hilft auch bei Alzheimer, einer Krankheit, bei der es zu Plaque-Ablagerungen zwischen den Neuronen kommt, weil Nikotin die Proteine, die diese Ablagerungen bilden, daran hindert, sich miteinander zu verbinden. Nikotin kann auch Menschen helfen, die an Schizophrenie leiden, doch der genaue Mechanismus bleibt in diesem Fall unklar. Schließlich sollten Menschen, die an Epilepsie leiden, den Konsum von Nikotin vermeiden, weil es Anfälle auslösen kann.16

Es gibt weitreichende Beweise, dass Tabak schmerzlindernd wirken kann und, wie Rafael Chanchari sagt, bei der Linderung von Schlangenbissen und Bissen von stechenden Ameisen hilft. Die Menschen im Amazonasgebiet behandeln seit langem kranke und schmerzende Körperteile mit feuchten Tabakblättern oder Tabakpulverpflastern, die wie organische Nikotinpflaster funktionieren.
Wissenschaftler haben erkannt, dass Nikotin Schmerzen lindert, indem es auf die Nikotinrezeptoren der Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark wirkt. Morphium selbst wirkt, zumindest teilweise, durch die Ausschüttung von Acetylcholin, das auf dieselben Rezeptoren wirkt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass geringe Dosierungen von Nikotin, die Nichtrauchern in Form von Pflastern oder Nasenspray verabreicht werden, deren Bedarf an Morphium nach einem chirurgischen Eingriff verringern. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Menschen, die regelmäßig Tabak rauchen oder Nikotin konsumieren, ihre Nikotinrezeptoren desensibilisieren und eine Toleranz gegenüber der Wirkung von Nikotin entwickeln; aus diesem Grund profitieren sie nicht so stark wie unregelmäßige Konsumenten von der schmerzstillenden Wirkung.17
Es gibt außerdem handfeste Beweise dafür, dass Tabak, wie Rafael Chanchari bemerkte, Menschen beim Lernen helfen kann. Wissenschaftler bestätigen, dass Nikotin die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis verbessern kann. Es erhöht die Hirndurchblutung; es setzt Glutamat frei, das die Verbindungen zwischen den Neuronen stärkt; es setzt xNoradrenalin frei, das die Aufmerksamkeit fokussiert; und es aktiviert Bereiche im Vorderhirn, von denen angenommen wird, dass sie der Kognition zugrunde liegen. Gemäß den Worten des Psychologen Marcello Spinella: »Nikotin, das wichtigste psychoaktive Alkaloid im Tabak, hat kognitionssteigernde Effekte.«18
Die Forschung bestätigt auch die Behauptung von Rafael Chanchari, dass Tabak »die männlichen und weiblichen Hormone stärkt« – allerdings hängt dieser Effekt davon ab, wie man die Pflanze verwendet.
Der Urologe Wei Wang und sein Team untersuchten eine große Gruppe von Männern und fanden heraus, dass Raucher mehr Gesamttestosteron und freies Testosteron haben als Nichtraucher. Sie fanden zudem heraus, dass die Art des Effekts von der Regelmäßigkeit des Konsums abhängt: »Rauchen kann zu einem akuten Anstieg des Testosteronspiegels führen, der jedoch bei chronischer Belastung durch Tabak durch Langzeitrauchen abnehmen kann. Daher hängen die Auswirkungen des Rauchens auf den Testosteronspiegel von der persönlichen Rauchgeschichte ab.« Eine andere Studie fand höhere Testosteron- und Östrogenspiegel bei Männern, die rauchen, im Vergleich zu denen, die nicht rauchen.19
Die Epidemiologin Judith S. Brand und ihrTeam untersuchten eine große Gruppe postmenopausaler Frauen und fanden heraus, dass Zigarettenrauchen sowohl deren Östrogenspiegel und auch Testosteronspiegel erhöhte, »wobei die höchsten Werte bei denjenigen beobachtet wurden, die die meisten Zigaretten rauchten«.20 Sie stellten jedoch fest, dass die Östrogenspiegel bei starken Raucherinnen am höchsten waren, aber Frauen, die weniger als zehn Zigaretten pro Tag rauchten, niedrigere Östrogenspiegel aufwiesen als Nichtraucherinnen.
Die Forschung zeigt, dass Frauen größere Schwierigkeiten haben, mit dem Rauchen aufzuhören als Männer und ein intensiveres Verlangen verspüren; sie reagieren auch empfindlicher als Männer auf die belohnende Wirkung von Nikotin.
2017 schrieben die Neurobiologin Sara Cross und ihr Team: »Die präklinische Forschung hat sich überwiegend auf erwachsene Männer konzentriert […]. Daher werden die genauen Mechanismen, die der einzigartigen Empfindlichkeit von Frauen gegenüber der Wirkung von Nikotin zugrunde liegen, kaum verstanden.« Sie schlagen jedoch eine mögliche Erklärung vor: »Es gibt einige Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen zirkulierenden Hormonen oder der Phase des Menstruationszyklus mit dem Rauchverhalten und dem Erfolg der Raucherentwöhnung. Bei Frauen scheint Östrogen das Rauchverhalten zu fördern.«21 Konkret neigen Frauen dazu, zu Beginn ihres Menstruationszyklus mehr zu rauchen als am Ende.
Es sind weitere Forschungen über die einzigartige Empfindlichkeit von Frauen gegenüber der Wirkung von Nikotin erforderlich.

Rafael Chanchari spricht davon, dass Tabak eine »natürliche chemische Substanz zum Sehen von Visionen« enthält. Bis vor kurzem hielten Wissenschaftler Nikotin oder Tabak nicht für ein Halluzinogen. Aber diejenigen, die sich mit den hohen Dosen von starkem, dunklem Tabak auskennen, die von Schamanen im Amazonasgebiet konsumiert werden, erkennen das Potenzial der Pflanze, Halluzinationen oder Visionen zu erzeugen. Wie der Anthropologe Johannes Wilbert es ausdrückte: »Es besteht kein Zweifel daran, dass Nikotin durch seine Wirkung auf das zentrale Nervensystem in der Lage ist, halluzinatorische eschatologische Szenarien kosmischen Ausmaßes zu erzeugen, und es bleibt die Frage, ob diese Wirkungen durch das Nikotinalkaloid direkt und/oder indirekt durch die Interaktion mit anderen Neurotransmittern als Acetylcholin verursacht werden.«22
Nikotin könnte durch seine Fähigkeit, chemische Stoffe im Gehirn wie Noradrenalin und Serotonin freizusetzen, die beide chemisch mit Halluzinogenen (Meskalin beziehungsweise Psilocybin) verwandt sind, einige der halluzinatorischen Wirkungen des Tabaks verursachen.
Außerdem wurden in mehreren Studien geringe Mengen der Alkaloide Harman und Norharman im Tabakrauch, aber nicht im Tabak selbst gefunden, was darauf hindeutet, dass diese Verbindungen bei der Verbrennung entstehen. Da beide eng mit den halluzinogenen Harmala-Alkaloiden verwandt sind, die in der Ayahuasca-Liane vorkommen, könnten sie zu den halluzinatorischen Wirkungen des Tabaks beitragen. Dennoch bleiben die neurologischen Mechanismen, die an der Fähigkeit des Schamanentabaks zur Erzeugung von Halluzinationen beteiligt sind, unklar. Derzeit betrachten die meisten Wissenschaftler, die mit dem Thema vertraut sind, Nikotin als die Verbindung, die Tabakvisionen auslöst.23
Gemäß den Worten des Anthropologen Christian Rätsch: »Die Wirkungen des Tabaks sind in erster Linie das Ergebnis des Nikotins. Niedrige Dosierungen des Tabaks erzeugen belebende und anregende Effekte, die das Hungergefühl unterdrücken. Bei mäßiger Dosierung kann es leicht zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Blutarmut und Schwindelgefühlen kommen. Hohe Dosierungen können zum Delirium mit Halluzinationen (vgl. Nicotiana rustica) und zum Tod durch Atemlähmung führen.«24
Der Anthropologe Martin Fortier kategorisierte kürzlich Halluzinogene, die im rituellen Kontext verwendet werden, nach den Gehirnrezeptoren, die sie beeinflussen. In die erste Kategorie ordnete er Psilocybin-Pilze, Ayahuasca, Peyote und den San-Pedro-Kaktus ein, welche die Serotonin-Rezeptoren stimulieren. In einer zweiten Kategorie platzierte er Datura, Tollkirsche, Alraune und Brugmansia, die Nikotinrezeptoren blockieren und dadurch Delirien und intensive Halluzinationen verursachen. Einer dritten Kategorie ordnete er den Tabak zu: »Mehrere Klassen von Substanzen sind sowohl atypisch als auch schwach halluzinogen (d. h. nur in sehr hohen Dosen halluzinogen). Die wichtigste dieser Substanzen ist der Tabak, der seine halluzinogenen Wirkungen durch die Stimulierung von Nikotin-Acetylcholin-Rezeptoren erhält. Verschiedene Arten von Nicotiana, die besonders viel Nikotin enthalten – und deshalb Visionen hervorrufen –, haben in den indigenen amerikanischen Kulturen einen zentralen Platz eingenommen.«25
Die Forscher sind sich zunehmend einig, dass starker dunkler Tabak als Halluzinogen wirken und bei denjenigen, die ihn konsumieren, Visionen hervorrufen kann.

Wie Rafael Chanchari neigen auch die Menschen im Amazonasgebiet dazu, Tabak als Medizin zu betrachten. Die anthropologische Literatur ist voll von Aussagen in diesem Sinne.
Für die Huni Kuin in Brasilien ist Tabak »die heilende Substanz überhaupt«. Für die Matsigenka in Peru ist »Tabak eine Medizin im wahrsten Sinne des Wortes«. Ganz allgemein gesprochen ist Tabak »die schamanische Pflanze schlechthin in Südamerika […], ohne die keine schamanische Aktivität stattfinden kann«. Das Anblasen eines Patienten mit Tabakrauch oder das Auftragen von Tabaksaft auf den Körperteil, der zu leiden scheint, ist »die häufigste und am weitesten verbreitete Heilpraxis im gesamten Amazonasgebiet«.26
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Menschen im Amazonasgebiet dazu neigen, nicht radikal zwischen »Medizin« und »Gift« zu unterscheiden. Einige Sprachen im Amazonasgebiet verwenden ein und dasselbe Wort, um sich auf beide Konzepte zu beziehen. Die Menschen dort suchen üblicherweise nach bitteren, scharfen oder giftigen Pflanzen, um sie als Medizin zu verwenden. Aus ihrer Sicht ist der Tabak sowohl Gift- als auch Heilpflanze; wie Rafael Chanchari sagt, hat Tabak zwei Seelen, eine für die Medizin, die andere für die Bosheit.27
Dies deckt sich mit der Zweideutigkeit der ersten bekannten Verwendungen des Begriffs pharmakon, von dem wir die Wörter Pharmazie, Pharmazeutik und Pharmakologie ableiten.
Im Altgriechischen kann pharmakon gleichzeitig ein Heilmittel und ein Gift sein. Paracelsus machte dies später berühmt, indem er Gift und Heilmittel durch die Dosis unterschied. »Die Dosis macht das Gift«, so das Sprichwort.28
Die aktuelle wissenschaftliche Forschung bestätigt diese Ambivalenz und zeigt, dass Tabak und Nikotin Heilungspotenzial besitzen, aber auch Schaden und Tod verursachen können. Sie sind Medizin/Gift.

Viele von Rafael Chancharis Behauptungen über Tabak sind wissenschaftlich untermauert. Aber einige davon scheinen einer wissenschaftlichen Lesart weniger zugänglich zu sein, zumindest auf den ersten Blick.
Betrachten wir zum Beispiel das Konzept der Meisterpflanzen. Der Anthropologe Luis Eduardo Luna machte erstmals 1984 in seiner Studie über Mestizen-Schamanen im peruanischen Amazonasgebiet auf diesen Begriff aufmerksam und schrieb: »Unter ihnen gibt es diejenigen, die vegetalistas oder Pflanzenspezialisten genannt werden und die eine Reihe von Pflanzen verwenden, die Ärzte- oder Meisterpflanzen genannt werden. Sie sind der Überzeugung, dass – wenn sie bestimmte Bedingungen der Isolation erfüllen und einer vorgeschriebenen Diät folgen – diese Pflanzen ›lehren‹ können, wie man Krankheiten diagnostiziert und heilt, wie man andere schamanische Aufgaben ausführt, gewöhnlich durch magische Melodien oder icaros, und wie man medizinische Pflanzen benutzt«.29
Meisterpflanzen sind jene, die den Menschen, die sie verzehren, Wissen übermitteln. Im Jahr 2011 identifizierte ein internationales Team von Wissenschaftlern 55 Arten, die als »Meisterpflanzen« und bei schamanischen Initiationen im peruanischen Amazonas verwendet wurden, darunter Tabak, Ayahuasca, Brugmansia, Stechapfel und Coca sowie mehrere nicht-psychotrope Pflanzenarten mit abführenden, stärkenden oder schützenden Eigenschaften.30
Viele Wissenschaftler schätzen das Konzept der »Meisterpflanzen« als zu radikal ein, wegen seiner »impliziten animistischen Wurzeln«, welche »die Grenzen der akademischen Orthodoxie verschieben«.31 Aber im Falle des Tabaks genügt es, die kognitionsfördernden Wirkungen des Nikotins zu betrachten, um diese Ansicht zu überdenken. Angesichts der Tatsache, dass Nikotin den Menschen hilft, sich zu konzentrieren, sich zu erinnern und zu lernen, rückt die Idee, dass stark nikotinhaltiger Tabak als »Meisterpflanze« agieren kann, in den Fokus. Das Konzept mag immer noch eine Metapher sein, aber es beschreibt zuverlässig, was in unseren Köpfen vor sich geht, wenn wir die Pflanze konsumieren.
Während man sich zwischen dem Wissen des Amazonas und der Wissenschaft hin- und herbewegt, gibt es Momente, in denen man feststellt, dass korrepondierende Begriffe fehlen. Zum Beispiel spricht Rafael Chanchari von »Seelen« und »Geistern«, während die Wissenschaft keinen Platz für solche Begriffe hat. Doch wenn die Menschen im Amazonasgebiet von »Seelen« und »Geistern« sprechen, haben diese Wörter nicht genau die gleiche Bedeutung wie im Westen. Beide Begriffe sind westliche Konzepte, die auf einem fundamentalen Gegensatz zwischen Körper und Seele und zwischen Materie und Geist beruhen. Aber auch wenn die Menschen im Amazonasgebiet die unsichtbaren Entitäten, welche die lebenden Wesen beseelen, als »Geister« bezeichnen, betrachten sie diese nicht als grundlegend immateriell. Im Gegenteil, sie sind wesentlich für den Organismus, den sie beseelen, und wenn sie diesen verlassen, stirbt er. In der amazonischen Sichtweise ist das, was diese Wesenheiten ausmacht, nicht ihre Immaterialität, sondern ihre Unsichtbarkeit.32
Blüten von Nicotiana rustica
Als er gebeten wurde, dies zu kommentieren, antwortete Never Tuesta Cerrón, der Awajún-Leiter des Lehrerausbildungsprogramms, bei dem Rafael Chanchari angestellt ist: »Seit vielen Jahren denke ich darüber nach, wie ich die Vorstellungen, die wir Indigenen über die Seele oder den Geist der Pflanzen und Tiere haben, die in der Vergangenheit Personen waren, ins Spanische übersetzen kann. Wenn wir als Awajún-Volk den Mestizen unsere Vorstellungen erklären wollen, benutzen wir spanische Begriffe wie alma (Seele) oder espíritu (Geist). Auf Awajún sagen wir wakani. Wenn wir zum Beispiel erklären, dass es sich bei dem Foto um ein Bild von Dora handelt, sagen wir Dora wakani. Wenn wir davon sprechen, dass Doras Schatten von der Sonne erzeugt wurde, sagen wir Dora wakani. Um zu erklären, dass wir die Seele der vor einiger Zeit gestorbenen Dora gesehen haben, sagen wir Dora wakani. Ebenso verwenden wir den Begriff wakani, wenn wir uns auf die Meisterpflanzen beziehen, die in der Vergangenheit Menschen waren, zum Beispiel datema wakani, was die Seele oder den Geist der Ayahuasca-Pflanze meint. Für mich liegt das Problem darin, dass unsere Gesprächspartner Seele oder Geist im religiösen Sinn verstehen. Für uns Awajún ist klar, dass eine Pflanze oder ein Tier, die in der Vergangenheit Menschen waren, wakani haben.«
Blüte von Nicotiana tabacum
Als Antwort auf diese Aussage meinte Rafael Chanchari: »Für uns Shawi ist es genauso, nur dass wir wa’yan sagen statt wakani.«
Die Anthropologen Lewis Daly und Glenn H. Shepard diskutierten kürzlich das Konzept der »Seele« der Matsingenka-Ethnie in Peru mit folgenden Worten: »Das Matsingenka-Wort für Geist oder Seele, suretsi, bezieht sich auch auf das Kernholz oder Mark einer Pflanze […]. Suretsi kann sich auf die pharmakologischen Prinzipien von medizinischen und giftigen Pflanzen beziehen. Wenn eine Pflanze in Wasser erhitzt wird, ›verunreinigt‹ oder ›infundiert‹ ihre Seele den Sud. Wenn eine Person den Sud trinkt, ›infundiert‹ die Seele der Pflanze, die sich in ihrem Geschmack, ihrem Geruch und ihrer Färbung manifestiert, den Körper mit dieser ganzheitlichen Substanz/Seele.«33
Wenn die Menschen im Amazonasgebiet Seele und Substanz als Synonyme betrachten, während Wissenschaftler eine absolute Unterscheidung zwischen den beiden machen, kann es schwierig werden, zwischen Wissenschaft und indigenem Wissen hin und her zu wechseln.34
Wie viele Menschen im Amazonasgebiet bezieht sich Rafael Chanchari auf die Mütter oder Besitzerinnen der Pflanzen – unsichtbare Wesenheiten, die für jede Art spezifisch sind und wie eine Persönlichkeit wirken. Wissenschaftler haben wenig Zeit für diese Art der Personifizierung, da ihre Hauptmethode darin besteht, das Gegenteil zu tun und zu objektivieren, was sie untersuchen. Für die Wissenschaft heißt »zu wissen, zu entsubjektivieren«35, wie es der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro ausdrückte. Das bedeutet, dass eine wissenschaftliche Perspektive auf die »Mutter des Tabaks« wahrscheinlich nicht so bald verfügbar sein wird.
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