Kitabı oku: «kontrolliert & korrumpiert»

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kontrolliert & korrumpiert

kontrolliert & korrumpiert

Copyright © 2020 von Jessa James

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch, digital oder mechanisch, reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder durch irgendeine Art von Datenspeicherungs- und Datenabfragesystem ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung des Autors.

Veröffentlich von Jessa James

James, Jessa

kontrolliert & korrumpiert

Cover design copyright 2020 by Jessa James, Author

Images/Photo Credit: Yafimik; SSilver

Hinweis des Herausgebers:

Dieses Buch wurde für ein erwachsenes Publikum geschrieben. Das Buch kann explizite sexuelle Inhalte enthalten. Sexuelle Aktivitäten, die in diesem Buch enthalten sind, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind, und jegliche Aktivitäten oder Risiken, die von fiktiven Personen innerhalb der Geschichte übernommen werden, werden vom Autor oder Herausgeber weder befürwortet noch gefördert.

Inhalt

1. Katherine

2. Katherine

3. Arsen

4. Katherine

5. Katherine

6. Katherine

7. Katherine

8. Arsen

9. Katherine

10. Katherine

11. Arsen

12. Arsen

13. Katherine

14. Katherine

15. Katherine

16. Katherine

17. Katherine

18. Katherine

19. Arsen

20. Katherine

21. Arsen

Bücher von Jessa James

Also By Jessa James (English)

Über die Autorin

1

Katherine

Ich renne so schnell ich kann vor den Cops weg, die mich verfolgen. Zu was ich renne, weiß ich nicht. Ich renne auf die zwei verlotterten Lagerhäuser zu, die nebeneinanderstehen.

Mein Herzschlag klingt donnernd in meinen Ohren.

Ka-bumm.

Meine Muskeln bewegen mich vorwärts, aber meine Arme und Beine protestieren bei jedem Schritt.

Ka-bumm.

Meine Gedanken rasen und versuchen, ein Puzzle zusammenzusetzen, für das ich nicht alle Teile habe. Ich kann kaum kohärente Gedanken fassen, sondern handle nur auf Grundlage reiner Instinkte.

Ka-bumm.

Ich erreiche die Engstelle, an der mich die zwei Lagerhäuser in Schatten hüllen. Meine Bewegungen werden vor jedem hinter mir verborgen. Ich renne durch die schmale Lücke und halte mich weiterhin rechts. Nur zwanzig Meter vor mir sehe ich eine halb geöffnete Tür. Meine Lungen brüllen mich an, sofort anzuhalten, weshalb ich zu der Tür sprinte und hindurch schlüpfe.

Sobald ich durch die Tür trete, vermisse ich das dämmrige Licht. Hier drinnen ist es dunkel und nasskalt und schimmlig und meine Augen brauchen einen Moment, um sich an die veränderten Lichtbedingungen anzupassen. Das Lagerhaus ist voller alter Kisten und Schachteln, die viermal so hoch gestapelt sind, wie ich groß bin.

Ich muss in Bewegung bleiben. Wenn ich so herumstehe, bin ich leichte Beute. Drei Wege sind zwischen den Kartons zu sehen, wodurch ich gezwungen bin, mich für einen zu entscheiden. Ich wähle den linken und bewege mich so rasch und leise wie möglich durch die Reihe der Kartons, die über meinem Kopf aufragen.

Zwischen den Schachteln gibt es hier und dort weitere Gänge, wo ein Stapel einfach endet und eine Lücke entsteht, ehe der nächste beginnt. Ich sehe bald, dass es nicht nur die drei Wege gibt, sondern tatsächlich ein ganzes Netzwerk aus begleitenden Pfaden.

Indem ich nach rechts und vom Hauptweg abbiege, arbeite ich mich durch das Labyrinth. Beim Gehen muss ich mein Tempo reduzieren, denn die Pfade, auf denen ich mich bewege, werden immer kleiner, sodass ich fast zwischen den hoch aufragenden Kartons gefangen bin.

Dasselbe klaustrophobische Gefühl, das ich vorhin im SUV aufsteigen gespürt hatte, überkommt mich auch jetzt. Wenn ich hier drinnen sterbe, könnten die Cops meinen Körper einfach zwischen den Kartons liegen lassen und es würde vermutlich niemand bemerken.

Vorausgesetzt, dass überhaupt irgendjemand nach mir suchen würde.

Aufgrund der Tatsache, dass der Bruder, der mir am nächsten stand, Tony, mich gerade einfach an die Cops verkauft hat, die mich jetzt verfolgen, hege ich daran ernste Zweifel.

Ich greife mir an die Brust und kämpfe dagegen an, dass diese Gedanken in meinem Gehirn Wurzeln schlagen. Nicht, wenn so viel anderes auf dem Spiel steht.

Ich erreiche den Ort, der scheinbar das Zentrum des Labyrinths ist, und erkenne das Hauptproblem, wenn man sich zwischen Kartons aufhält. Es gibt hier keinerlei Versteckmöglichkeiten.

Ich stoppe, betrachte den dicken Karton zu meiner Rechten und untersuche ihn nach einer Möglichkeit, hineinzugelangen. Ich finde eine Schnittstelle und folge ihr mit meinen Fingern um den Karton herum. Aber ich müsste den Karton einreißen, um hineinzugelangen.

Ich sehe an dem hohen Kartonstapel darüber hoch und beiße mir auf die Lippe. Es ist unmöglich zu sagen, ob die unterste Schachtel des Stapels nicht zusammenbrechen und mich in ihrem Inneren begraben würde. Und das auch nur, wenn es mir gelingt, hineinzugelangen ohne die Hilfe irgendwelcher Werkzeuge.

„Hey, hier drinnen!“, erklingt die Stimme eines Mannes. Obwohl die Stimme noch leicht entfernt ist, erkenne ich sie, denn sie gehört einem der Cops. „Sie könnte durch diese offene Tür gerannt sein.“

Scheiße. Sie kommen in meine Richtung, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Ich sehe mich panisch um. Ich muss mich in Bewegung setzen, so viel ist sicher.

Ich beschließe weiter in den hinteren Teil des Lagerhauses vorzudringen, da ich denke, dass sich dort vielleicht ein Ausgang oder wenigstens ein Fleckchen befinden könnte, an dem ich mich verstecken kann. Ich meiner Eile, mich schnell zu bewegen, stoße ich mit meiner Schulter so fest gegen einen der Kartonstapel, dass er tatsächlich eine Sekunde lang vor und zurück schwankt.

Zurückschreckend, husche ich von den Kartons weg und bete, dass sie nicht umfallen. Diese Möglichkeit hatte ich noch gar nicht bedacht, aber ich möchte die Cops nicht darauf hinweisen, dass ich im Inneren dieses speziellen Lagerhauses bin. Einige dieser riesigen Schachteln umzustoßen, wird allermindestens das erreichen.

Weit hinter mir höre ich einen der Cops fluchen und ich vermute, dass er gerade ebenfalls herausgefunden hat, dass sich die Schachteln bewegen lassen.

Als ich weiterlaufe, öffnet sich der Pfad langsam. Ich eile durch den breiter werdenden Korridor und versuche, zu erkennen, was am anderen Ende liegt. Meine Atmung klingt in meinen Ohren abgehackt und scharf.

Ich bete stumm, dass niemand sonst meine Atemzüge hören kann. Ich laufe weiter, bewege mich nur noch angetrieben von reiner Willenskraft und dann renne ich plötzlich aus dem Labyrinth.

Ich schaue nach links und rechts. Auf der linken Seite, ganz am Ende scheint eine Flügeltür zu sein. Vor mir befindet sich ein zweites Stockwerk mit, wie es scheint, Büros. Ganz zu meiner Rechten ist eine Treppe, die hinauf zu dem zweiten Stock führt.

Ich rase zu dem Ausgang, wobei ich eine Ratte ignoriere, die vor mir über den Weg saust. Ich hole die letzten Kraftreserven aus meinen Armen und Beinen, während ich volle Pulle zu den Türen sprinte. An den Wänden hier ist Graffiti, ganz in rot und schwarz, der Künstler hat sein Zeichen praktisch immer und immer wieder gesprüht.

„Skinx“, steht dort. „Skinx. Skinx. Skinx. Skinx. Skinx.“

Ich kann die Cops einander zubrüllen hören, während sie sich durch das Labyrinth kämpfen. Ich kann nicht ausmachen, was sie sagen, weil ihre Stimmen von all dem Karton gedämpft werden, aber ich weiß, dass sie mir immer noch auf den Fersen sind.

Ich schaffe es zu den Flügeltüren, nur um festzustellen, dass sie mit einem Vorhängeschloss verriegelt sind, eine abgesperrte Kette ist zwischen ihren individuellen Türgriffen durchgezogen worden. Ich drücke trotzdem gegen eine der Türen, denn ich spüre, wie die Panik wieder in mir aufsteigt. Sie öffnet sich einen halben Zentimeter, bevor sich die Kette strafft.

Scheiße! Ich klatsche mit der Hand gegen die Tür, nur um gleich danach wegen des Lärms zusammenzuzucken. Ich brauche einen anderen Fluchtweg oder zumindest ein Versteck.

Ich blicke hinter mich, dann zu meiner Rechten. Ich will hier nicht eingesperrt sein, aber es sieht so aus, als bliebe mir keine andere Wahl. Ich beginne, zum anderen Ende zu rennen und richte all meine Energie auf die wacklig aussehende Metalltreppe, die hinauf zum zweiten Stock führt.

Meine Lungen brennen, als ich sie erreiche. Ich kraxle die ersten paar Stufen hinauf, ehe ich registriere, wie laut ich bin. Während ich einen Blick in den Wald aus Kartons werfe, reduziere ich mein Tempo und hoffe, dass ich meinen Standort nicht bereits verraten habe.

Jeder langsame Schritt dreht mir den Magen um. Ich schleiche auf leisen Sohlen die Treppe hinauf und rase in dem Moment los, als ich die oberste Stufe erreiche. Eines der Büros befindet sich direkt vor mir. Die Tür steht achtlos offen und ich husche hinein. Ich schließe die Tür hinter mir, doch sie schwingt nur drei Viertel des Weges zu.

Ich sehe mich um und versuche, mich zu orientieren. Rechts hinter mir ist ein großes Glasfenster, das einen Teil der Bürowand ausmacht. Das ist mir jedoch schnuppe. Wenigstens bin ich hier nicht so schrecklich ungeschützt, wie ich es auf der Treppe war. Ich sehe mich in dem Büro um, das mit dutzenden Stapeln kleinerer Schachteln gefüllt ist. Hinter all den Schachteln erspähe ich einen Schreibtisch.

Bingo. Dort kann ich mich verstecken.

Ich gehe tief in die Hocke, damit ich nicht gesehen werde, und watschle so zwischen den Stapeln hindurch, bis ich den Schreibtisch ganz hinten in der rechten Ecke finde. Er ist aus muffigem altem Holz gemacht und biegt sich unter dem Gewicht der Schachteln, die auf ihm gestapelt sind, fürchterlich durch. Es sieht aus, als könne er jeden Moment zusammenbrechen, aber das spielt jetzt keine Rolle für mich.

Ich gehe gerne auf meine Knie und krabble darunter, dankbar für den Schutz, den er mir bietet. Ich bekomme einen Krampf in meinem Schenkel, sowie ich meine Bewegungen einstelle. Urplötzlich protestiert mein Körper gegen die Aktivitäten der letzten Stunde.

Ich massiere mein Bein, so gut ich kann, während ich dort sitze und die Ohren spitze, um nach Geräuschen der Cops zu lauschen. Ich versuche so regelmäßig wie möglich zu atmen, während meine Gedanken verzweifelt durcheinanderwirbeln.

Ist es möglich, dass sie einfach aufgeben werden in der Annahme, dass sie vielleicht das falsche Lagerhaus erwischt haben? Kann ich bitte, bitt eine einzige Pause an diesem Schreckenstag bekommen?

Als ich das schwache Klacken von Stiefelschritten auf der Treppe höre, schlucke ich. Ich hätte wissen sollen, dass ich kein solches Glück haben würde. Ich kneife meine Augen eine Sekunde zu und dränge die Tränen zurück, die in meinen Augen brennen.

Jetzt ist keine Zeit für Tränen. Ich schlage eine Hand über meinen Mund aus lauter Furcht, dass sie wissen werden, wo sie mich finden können, wenn ich einen Laut von mir gebe.

Klonk, klonk, klonk…

Ich lausche dem Geräusch der schweren Stiefel, die die Metallstufen hinter sich lassen und in meine Richtung marschieren. Schauder beginnen meinen Körper zu schütteln, während der Lärm immer näher kommt.

„Hier drin, Hunt“, sagt einer direkt vor dem Büro. „Schau, der Staub wurde hier und hier aufgewirbelt.“

„Könnte derjenige gewesen sein, der unten sein Graffiti verteilt hat.“

„Hast du jemals einen Sprayer gesehen, der eine Gegend erkundet hat, ohne sein Zeichen zu hinterlassen?“, gluckst der Cop.

Ein langes, trauriges, seufzendes Knarzen ist zu hören, als die Bürotür geöffnet wird.

„Du solltest jetzt sofort rauskommen!“, ruft mir der Cop zu. „Wir werden dir nicht wehtun, wenn wir es nicht müssen.“

Nein, ihr werdet mich einfach an irgendeine verrückte Person verkaufen. Eine Person, die denkt, dass sie Menschen besitzen kann und sollte.

Ich klappe den Mund zu und versuche, die bitteren Tränen, die mich zu überwältigen drohen, zu unterdrücken. Unter dem Tisch kauernd, bete ich zu Gott, obwohl ich nicht an ihn glaube.

Bitte. Bitte, wenn du zuhörst… rette mich. Bitte!

Ich zucke zusammen, als die Cops einen der Schachtelstapel umwerfen.

„Komm schon!“, ruft die gleiche Stimme. „Zwing mich nicht, nach dir zu jagen! Komm einfach raus!“

„Sie ist nicht hier drinnen“, sagt der andere Cop mit gelangweilter Stimme.

„Doch, das ist sie.“ Die Stimme kommt näher. „Und sie kommt jetzt besser raus, wenn sie weiß, was gut für sie ist.“

Ich kann mich nicht rühren. Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht denken.

Das Einzige, das ich höre, sind die Schritte, die sich im Kreis bewegen, bereit, beim kleinsten Anzeichen von Leben zuzuschlagen.

„Lass uns ein paar der anderen Räume hier oben überprüfen, Mann.“ Der Cop klingt ungeduldig. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, um das Mädel abzuliefern. Ich habe ein Haufen Zeug zu tun.“

Es entsteht eine lange Pause. Ich sitze verängstigt dort, während der Cop versucht, eine Entscheidung zu treffen. Dann ein unzufriedenes männliches Seufzen.

„Ja, okay.“

Die Schritte beginnen zu weichen. Ich bin so erleichtert, dass ich beinahe laut ausatme. Ich lehne mich leicht nach links und der Schreibtisch knarzt laut.

Die Schritte halten inne. Es ist ein leiser Fluch zu hören.

„Ich hab‘s dir doch gesagt, dass sie hier drin ist, verflucht nochmal“, schimpft der Cop. „Ich hab’s dir doch gesagt!“

Ihre Schritte hasten in meine Richtung. Ich schließe die Augen und zittere am ganzen Leib, unfähig, den Cops auf der Suche nach mir zuzuschauen. Er packt meine Arme und zerrt mich unter dem Schreibtisch hervor. Meine Augen klappen auf, als er mich nach oben reißt.

„Du verdammtes dämliches Miststück“, zischt er triumphierend. „Du wirst es bereuen, dass du uns weggerannt bist. Wir werden dafür sorgen, dass du an jemanden verkauft wirst, der dich dazu bringt, um den Tod zu betteln.“

Ich sehe, wie sich der andere Cop mit einer Spritze in der Hand nähert. Ich öffne den Mund, um zu antworten, aber was soll ich schon sagen? Stattdessen beginne ich einfach nur zu heulen und gebe unverständliche Laute von mir.

„Spritz sie direkt hier, in den Arm“, befiehlt der erste Cop und streckt meinen Arm aus.

Der Officer piekst mich in den Arm, ein kurzer nadelstichartiger Schmerz. Alles beginnt zu verschwimmen, die ganze Welt um mich herum verliert ihre Form.

„Das sollte sie direkt ins Traumland befördern“, murmelt einer von ihnen.

Und dann wird alles schwarz.

2

Katherine

Ich wache langsam auf und realisiere, dass ich mit dem Gesicht nach unten liege und auf etwas Hartem ruhe. Ich stemme mich mit zittrigen Armen hoch und sehe mich in dem Raum um, in dem ich mich befinde. Ich liege auf dem Boden des Raumes, meine Körperhitze wird von dem kühlen Beton aufgesaugt. Ich versuche, mich zu konzentrieren.

Ich bin in einer Art kleinem Schlafzimmer mit einem Feldbett, einer kratzigen grauen Wolldecke und einem Eimer. Alles ist trostlos und grau, die gleiche Farbe wie die Betonsteinwände. Es gibt im ganzen Raum, der nicht größer als zweieinhalb mal zweieinhalb Meter sein kann, keine Fenster.

Es ist eine Gefängniszelle, wird mir bewusst. Ich bin in einem Gefängnis und niemand weiß oder schert sich darum, dass ich hier bin.

Dieser Gedanke wirbelt durch meinen Kopf, aber ich kann ihn nicht festhalten. Ich kann gar nichts für allzu lange Zeit festhalten, was momentan in Ordnung für mich ist.

Die Welt ist immer noch verschwommen, was ich auf das Mittel schiebe, das mir die Cops verabreicht haben. Was auch immer sie mir gespritzt haben, hat einen bitteren Geschmack in meinem Mund hinterlassen und sorgt dafür, dass sich sogar meine Knochen schwach anfühlen. Ich setze mich aufrecht hin, als ich bemerke, dass mein hellrosa Kleid fort und mit einem steifen grauen Etuikleid ersetzt worden ist, dessen Stoff an meiner nackten Haut kratzt.

Mein BH ist ebenfalls fort, was bedeutet, dass mich jemand splitternackt gesehen hat, als derjenige mich umgezogen hat. Ich schaue nach einem Slip und bin erleichtert, dass ich noch immer den gleichen weißen Satinslip wie zuvor trage.

Wenigstens der ist noch da.

Ich komme langsam auf meine Füße, denn mein ganzer Körper schmerzt von gestern, als ich um mein Leben rannte. Meine nackten Füße protestieren am meisten. Ich kann frische Blasen spüren, die überall dort, wo meine Zehen Kontakt mit meinen Schuhen hatten, und an meinen Fußballen entstanden sind.

Ich humple zu der gefängnisartigen Tür und presse meine Hände an das flache Metall. Auf halber Höhe befindet sich ein Schlitz in der Tür, gerade mal fünfzehn mal sieben Zentimeter groß. Ich bücke mich, um hindurch zu spähen, wobei mein Körper protestiert. Auf der anderen Seite, so weit ich sehen kann, befindet sich nur ein Stück kahler Wand.

„Hallo?“, rufe ich. „Hallo? Irgendjemand?“

Stille ist die einzige Antwort und sie ist ohrenbetäubend. Ich drehe mich um und blicke in meine winzige Zelle. Mein Gehirn ist immer noch Brei, was mich davon abhält, die schlimmsten Teile meiner Situation zu überdenken.

Tonys Gesichtsausdruck, kurz bevor mich die Cops wegschleiften. Schuld, Besorgnis und vielleicht ein bisschen Selbstgefälligkeit.

Mein Vater, der mich anscheinend an einen unbekannten Käufer verkauft hat. Diese Gefühle kann ich nicht mal entwirren, ohne zornig zu werden, weshalb es besser ist, sie einfach in Ruhe zu lassen.

Die Zukunft ist geheimnisumwoben.

Wo werde ich hingehen?

Wen werde ich dort treffen?

Werde ich überhaupt lange überleben?

Das College wirkt jetzt wie ein weit entfernter Traum.

Stattdessen verbringe ich die nächsten paar Stunden damit, jeden Zentimeter meiner Zelle kennenzulernen. Ich fahre die Fugen zwischen den Betonblöcken nach. Ich ziehe das Feldbett von der Wand weg, wodurch ich eine Stelle in der Ecke entdecke, wo jemand mit irgendeinem Werkzeug ein kleines Loch in den Boden gehämmert hat. Ich falte und entfalte die Decke, durchsuche sie auf versteckte Rätsel.

Ungefähr zwei Stunden später bemerke ich, dass ich pinkeln muss. Und zwar wirklich, wirklich dringend. Ich rufe eine Weile durch den Türschlitz, doch niemand antwortet.

Da niemand zu meiner Hilfe eilt und meine Blase kurz vorm Platzen steht, bin ich gezwungen, den Eimer zu benutzen. Ich gehe darüber in die Hocke und erleichtere mich. Es gibt kein Toilettenpapier oder ähnliches, weshalb ich gezwungen bin, mich trocken tropfen zu lassen.

Dann lege ich mich auf das Feldbett, zitternd und verängstigt. Irgendwann weicht die benebelnde Wirkung der Droge aus meinem Körper. Bebend ziehe ich die Wolldecke um meinen Körper. Doch die Wolle hält nur die kühle Luft von mir fern. Sie kann nicht die Gedanken abwehren, die mich zu überwältigen drohen.

Die mysteriöse Zukunft. Tony. Mein Vater und der Rest meiner Familie. Wird überhaupt irgendjemand wissen, dass ich entführt worden bin?

Diese Gedanken und Varianten davon wiederholen und wiederholen sich, bis ich ein schluchzendes, durchgeknalltes Häufchen Elend bin. Dann weine ich, bis ich keine Tränen mehr habe. Ich schlafe eine Weile. Ich wache auf und erinnere mich daran, wo ich bin. Der Kreis beginnt von vorne.

Stress. Weinen. Schlafen.

Ein ganzer Tag vergeht ohne irgendein Lebenszeichen jenseits meiner Tür. An irgendeinem Punkt setze ich mich neben die Tür und brülle, dass jemand herkommen soll, doch niemand tut es. Nicht einmal, als sich mein Magen vor Hunger zu verkrampfen beginnt.

Erst zu Beginn des dritten Tages höre ich schwere Stiefel durch den Gang auf meine Zelle zukommen.

Ich krabble eilig von dem Feldbett und halte die Wolldecke dicht an mich gepresst.

„Hallo?“, sage ich und halte mein Auge an den Schlitz.

Als ich mich anstrenge, in den Flur zu spähen, kann ich die Gestalt eines großen Mannes, der ganz in schwarz gekleidet ist, auf mich zukommen sehen. Ich starre ihn an, auf seine Glatze, seine Knopfaugen und den grimmen Zug um seinen Mund, auf das steife, starre Paar Schultern. Wenn ich ihn auf der Straße sehen würde, würde ich auf die andere Seite wechseln, um ihm aus dem Weg zu gehen. Doch er ist eine Person und ich habe seit drei Tagen keine Person mehr gesehen.

Als er sich meiner Tür nähert, weiß ich nicht, ob ich eher begeistert oder verängstigt sein soll. Er sagt nichts, während er meine Tür entriegelt und sie aufzieht.

„Komm“, sagt er nur und bedeutet mir, die Zelle zu verlassen. Ich registriere allein an seiner Sprechweise, dass er Russe oder vielleicht Pole oder Ukrainer ist.

„Wo sind wir?“, verlange ich zu wissen, während ich aus einer Mischung aus Kälte und Angst zittere.

„Du nicht sprechen“, befiehlt er und bewegt sich auf mich zu. „Geh raus einfach.“

Ich mustere ihn eine Sekunde und frage mich, ob ich Widerstand leisten soll. Andererseits was genau soll ich hier widerstehen? Ich habe keinen blassen Schimmer, wo ich jetzt bin oder wo er mich hinführen soll.

„Sag mir einfach, wo ich bin –“, flehe ich.

Er unterbricht mich, indem er mich an der Schulter packt. Dort presst er seinen Daumen ins Fleisch, bohrt ihn schmerzhaft in meine Haut, bis ich aufschreie und vor seiner Berührung zurückzuweichen beginne. Ich greife nach ihm und meine Fingernägel finden Halt in seinem fleischigen Unterarm, doch er blinzelt nicht einmal in Reaktion darauf.

„Beweg dich!“, brüllt er und schüttelt mich.

Er reißt die Wolldecke mit seiner freien Hand weg und schiebt mich aus meiner Zelle und in den langen, sterilen Gang. Der Gang ist schockierend weiß und wird nur hier und da von den Türen zu anderen Zellen unterbrochen.

Er beginnt mich nach vorne durch den Gang zu treiben. Die weißen Fliesen unter meinen Füßen sind so kalt wie der Betonboden und zeigen einige Altersspuren wie angeschlagene und gesprungene Fliesen.

Was ist das für ein Ort? Wie viele Leute wurden hier schon gefangen gehalten? Ich zähle mindestens sechs weitere Zellen, während ich an ihnen vorbeigeschleppt werde, doch sie sind alle leer.

Am Ende des Ganges führt mich meine Wache zu einem weiß gestrichenen Treppengang. Ich werde die Stufen halb hinuntergeschleift, Stockwerk um Stockwerk. Jedes Stockwerk sieht genauso aus wie der Gang, den ich gerade hinter mir gelassen habe. Sechs Stockwerke oder sieben… ich verliere rasch den Überblick.

„Wohin bringst du mich?“, frage ich erneut, doch meine Wache starrt mich nur finster an.

Als wir das Erdgeschoss erreichen, öffnet er die Tür und schiebt mich hindurch. Ich stehe vor einem weiteren langen Gang mit Zellen, aber dieser ist anders.

Obwohl ich niemanden sehen kann, weiß ich, dass diese Zellen voller Leute sind. Frauenstimmen. Manche rufen um Hilfe, manche weinen und manche murmeln einfach nur leise.

„Du gehen“, sagt meine Wache und stößt mich nach vorne. „Dritte rechts, das ist deine.“

Ich schlurfe langsam vorwärts und versuche, durch die winzigen Schlitze in den grauen Türen zu sehen, doch ich kann lediglich einige Augenpaare ausmachen. Meine Wache hat kein Interesse an dem Stöhnen und Flehen, das aus den Zellen dringt. Es ist beinahe so, als wäre er immun dagegen. Er scheucht mich vorwärts und zieht die Tür zu meiner Zelle auf.

„Geh rein“, befiehlt er. „Mach dich nackig.“

„Bitte –“, versuche ich es, nur damit sich seine Hand abermals auf meine Schulter legt. Als er dieses Mal seinen Daumen in mein Fleisch bohrt, verursacht er ernsthafte Schäden.

Ich schreie auf und falle auf die Knie, während mir Tränen in die Augen treten. Während ich verblüfft dahocke, geht er und knallt die Tür hinter sich zu.

„Warte!“, rufe ich ihm hinterher. „Bitte warte!“

Doch er ist fort. Ich krabble auf meinen Händen und Knien zur Tür und spähe aus dem Schlitz. Wie zuvor ist er so gemacht, dass ich nur weiße Wände sehen kann. Ich kann eine Menge hören, aber nichts sticht so richtig heraus.

„Hallo?“, rufe ich. „Kann mich irgendjemand hören?“

Falls mich die anderen Frauen hören können, so antwortet mir jedoch niemand. Ich sinke mutlos zu Boden.

Hauptsächlich frage ich mich: was jetzt? Warum bin ich hier? Was wird gleich passieren?

Nicht allzu lange, nachdem meine Wache gegangen ist, öffnet eine winzige alte Asiatin meine Tür. Sie funkelt mich böse an und hält in einer Hand ein schickes weißes Kleid an einem Bügel hoch und ein kleines Täschchen mit Reißverschluss in der anderen.

Ich setze mich aufrecht hin und mustere ihr Gesicht. „Können Sie mir sagen, wo wir sind?“

Falls sie Englisch spricht, so macht sie sich keine Mühe, zu antworten. Stattdessen bedeutet sie mir nur, das Kleid, das ich anhabe, auszuziehen. „Aus!“

„Bitte, wo sind wir?“, sage ich flehend.

Die Frau wirkt perplex und stellt die kleine Tasche ab.

„Aus jetzt!“, sagt sie mit lauter werdender Stimme.

„Nein!“, protestiere ich.

Ein Taser taucht aus den voluminösen Röcken der Frau auf. Sie schwingt ihn ungeduldig vor mir herum. „Aus!“

Ich beiße mir auf die Lippe und schätze die Entfernung zwischen mir, ihr und der Tür ab. Sie ertappt mich beim Schauen und schiebt sich ganz zwischen mich und die Tür. Sie klappert mit dem Bügel.

Ich hätte es nirgendwohin geschafft, selbst wenn ich es versucht hätte. Das weiß ich.

„Aus!“, wiederholt sie, wobei ihre Stimme panischer wird. Sie blickt über ihre Schulter. Mir wird bewusst, dass sie vielleicht auch nicht aus freien Stücken hier ist.

Ich kehre ihr meinen Rücken zu und ziehe das Kleid über meinen Kopf. Die Frau schnalzt mit der Zunge und dreht mich um. Ich erschaudere und versuche, meine Scham mit meinen Händen zu verdecken. Ich bin zutiefst beschämt, doch meine roten Wangen lassen die Frau keineswegs innehalten.

Sie steckt den Taser einfach wieder in ihre Röcke und bedeutet mir, meine Hände über meinen Kopf zu strecken. Ich hebe meine Hände nach oben und sie zieht das Kleid vom Bügel und zwingt es über meinen Kopf nach unten.

Ich helfe ihr dabei, das weiße Tüllkleid über meinen Körper nach unten zu schieben, sodass der weite Rock zu Boden fallen kann. Es ist ein atemberaubendes Kleid. Ich fühle mich dumm, dass ich es trage, weil ich mich seit drei Tagen weder geduscht noch rasiert habe.

Ich will sie fragen, wofür ich so ausstaffiert werde, aber je mehr Zeit ich mit dieser Frau verbringe, desto weniger überzeugt bin ich, dass sie überhaupt irgendetwas weiß.

Die Frau greift sich die kleine Tasche, die sie auf den Boden hat fallen lassen, und zieht den Reißverschluss auf, um ein einfaches Makeup-Kit zu enthüllen. Sie sagt etwas in ihrer Muttersprache und bedeutet mir, mich nicht zu bewegen. Ich schließe die Augen, während sie mit ihren Fingern etwas silbernes Augenmakeup auf meinem Gesicht verteilt und dann eine Menge knallpinkes Rouge mit einem langen Pinsel aufträgt.

Als sie fertig ist, schaut sie mich an und taxiert mich abschätzend. Sie nickt entschlossen und wendet sich dann zum Gehen.

„Warte –“, sage ich, aber sie tut es nicht und schließt die Tür hinter sich.

Stattdessen taucht erneut meine Wache mit einer Spritze in der Hand auf. Meine Augen weiten sich, als ich realisiere, dass ich gleich wieder unter Drogen gesetzt werden werde und ich wehre mich, als er mich packt.

„Nein! Nein, ich will das nicht!“, kreische ich. „Nein, bitte –“

Er injiziert sie mir in den Oberarm, wobei er meine Gegenwehr einfach ignoriert. Doch anstatt, dass alles schwarz wird, scheint die Welt einfach nur weicher zu werden. Das Licht nimmt einen goldenen Schimmer an und mein Interesse daran, Widerstand zu leisten…

Was auch immer das war, es ist jetzt verschwunden.

Meine Wache führt mich am Arm aus der Zelle und ich gehe mit, vollkommen gefügig.

3

Arsen

Während zwei meiner Vollstrecker auf den Vordersitzen fahren, sitze ich auf der Rückbank des SUVs, meine Finger zu einer Pyramide geneigt. Ich starre nachdenklich aus dem Fenster. Nach drei wilden Tagen, in denen ich beinahe nonstop verhandelte und drohte, ist es mir endlich gelungen, sie zu finden.

Katherine Carolla, die elende Tochter von Sal Carolla.

Du musst verstehen, Sal gab den Aufenthaltsort seiner Tochter einfach nicht preis, nicht einmal als mein Fuß samt Stiefel auf seinem Hals stand und meine Pistole auf seine Schläfe zielte. Ich gestehe, ich bewunderte ihn ein wenig, diese Art sturen Beschützerwillens. Natürlich tötete ich ihn trotzdem, aber ich bewunderte es dennoch.

Dann fand ich heraus, dass der wahre Grund, warum der alte Sal das Versteck der hübschen kleinen Katherine nicht verraten hatte, darin bestand, dass er sie an einen sehr exklusiven privaten Auktionator verkauft hatte.

Er hatte sie verkauft.

Als wäre sie nicht seine Tochter. Als wäre sie nur eine Investition für ihn und er würde nur den rechten Augenblick abwarten und sie verstecken, bis er von ihrer Enthüllung profitieren konnte.

Als ich davon erfuhr, war ich so überrascht, dass ich tatsächlich laut lachte.

Wie sich herausstellte, wurde die kleine Katherine doch nicht von ihrem Daddy beschützt. Ihr Daddy beschützte jemanden, von dem Sal wusste, dass er seine Tochter auftakeln und an den höchsten Bieter verkaufen würde. Eine Person, die, wie ich vermutete, sie tausende Male vergewaltigen würde. Oder sie vielleicht unter seinen Freunden herumreichen würde.

Oder sie einfach töten würde.

Wenn ich dazu in der Lage wäre, so etwas zu empfinden, dann hätte ich beinahe Mitleid mit Katherine.

Beinahe.

Zu blöd, dass sie eine Carolla war. Sie würde bezahlen müssen, so wie Anna bezahlt hatte. Mit der Ausnahme, dass ich größere Pläne für Katherine hatte…

Pläne, die sich darum drehten, sie zu brechen, Körper und Seele. Ich würde eine spezielle Mischung aus körperlicher Arbeit, Folter und Sex benutzen, um sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Ich würde sie foltern, bis sie glaubte, was auch immer ich sie glauben machen wollte.

Sie hat mich noch nie gesehen, aber ihr Körper und Geist gehören mir.

Dann kann ich sie in strategischen Intervallen allen vorführen, und zwar um meinen Rivalen eine Scheißangst einzujagen. Mein perfektes kleines Haustier, ganz düster und verdorben. Ich werde direkt hier im Auto leicht steif allein bei dem Gedanken daran, ihren Körper zu schänden und ihren Geist zu zerstören.

Mein Vollstrecker Denis fährt in einen abgezäunten Bereich, der etwas umringt, das wie ein beiger Flugzeughangar aussieht und auf allen vier Seiten abgeschlossen ist. Das Gebäude ist von allem anderen isoliert, es ist nicht einmal ein anderes Gebäude in der Nähe. Denis fährt zu einem Sicherheitscheckpunkt und präsentiert der bewaffneten Wache meine Einladung für die Auktion.

Eine Einladung, für die ich mehrere Gefallen einfordern musste.

Die Wache schaut zu mir, schaut zu Denis und Roget und winkt uns dann durch. Ein Valet weist uns an, vor eine unmarkierte Tür zu fahren. Ich steige aus dem Wagen und strecke mich leicht. Ich schaue zu meinen zwei Vollstreckern, die den gesamten Parkplatz und den Eingang nach Bedrohungen scannen.

Ich betrachte mich als hochgewachsen und breit, ein bisschen über einen Meter achtzig. Denis und Roget sind jedoch verdammt gigantisch, jeder an die zwei Meter groß und gebaut wie Holzfäller.

Nun, das heißt, wenn sich Holzfäller in Trenchcoats kleiden und bis an die Zähne bewaffnen würden.

„Hier lang, Gentlemen, wenn Sie mir bitte folgen würden?“, sagt ein Mann, der sich verbeugt, während er die Tür öffnet.

Ich führe den Weg nach drinnen an und blinzle in der Dunkelheit. Wir treten in einen kleinen Raum, der nur von einer hochleistungsfähigen Taschenlampe beleuchtet wird.

„Gentlemen, wenn Sie sich bitte eine Maske nehmen würden?“, sagt der Mann und deutet zu einem Tisch voller identischer schwarzer Gesichtsmasken.

Roget schnappt sich drei Masken und ich nehme meine von ihm. Nachdem er und Denis ihre Masken übergezogen haben, lege ich meine ebenfalls an. Wir sehen einander an, auf die fast schon komische Auslöschung unserer charakteristischsten Züge.

„Düster“, meint Denis. Roget grunzt nur und richtet seine schwere Jacke.

„Genau hier lang“, sagte der Mann, stößt eine Tür auf und bedeutet uns, hineinzugehen. „Sie gehören zu den letzten Ankömmlingen. Ich fürchte, wir werden Sie weiter hinten platzieren müssen.“

Das war keine Fehleinschätzung meinerseits; ich möchte hinten sein, in Schatten gehüllt. Der Mann eilt vor mich. Seine Schritte sind auf dem nackten Beton kaum zu hören. Er führt den Weg in den Hauptraum an, wobei er versucht, Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Show bereits begonnen hat.

Ungefähr fünfzehn Männer stehen in kleinen Grüppchen beisammen, ihre Aufmerksamkeit ist auf das Mädchen gerichtet, dass von einem maskierten Mann in schwarz auf die Bühne geführt wird. Das Mädchen sieht erbärmlich aus. Ihre Haut ist fahl und ihre Knochen stechen beinahe durch das Kleid. Sie ist auch vollkommen zugedröhnt, ihre Augen riesig und glasig, ihr Mund so trocken, dass er an einigen Stellen aufgesprungen ist.

„Das ist Selina… Sie beginnt bei 10.000$...“, verkündet der Mann in einer hohen Stimme.

Sofort schießen zwei Hände nach oben.

„In Ordnung, ich habe zwölftausend…“, sagt der Mann.

Mehr Hände heben sich.

Ich entspanne mich ein wenig und rolle mit den Schultern. Ich bin nicht wegen irgendeinem Mädchen hier, weshalb ich den Bieterkrieg ausblenden kann. Das Einzige, das ich tun muss, ist geduldig zu bleiben und mit niemandem die Beherrschung zu verlieren, bevor Katherine Carolla aufgerufen wird.

Das scheint recht einfach zu sein, solange die anderen Männer auf Distanz bleiben.

Während ich warte, verbringe ich die Zeit damit, über das Mädchen nachzudenken.

Katherine.

Ich hasse diesen Namen. Eines der ersten Dinge, die ich tun werde, ist, sie dazu zu zwingen, meine Ketten zu tragen…

Und das Zweite ist, ihr einen neuen Namen zu geben. Irgendetwas, das besser zu ihrer neuen Situation passt.

Wie Sklavin. Oder Dienerin.

Meine Lippen biegen sich zu dem grausamsten verstohlenen Lächeln nach oben.

Ich werde sie auf mein Anwesen bringen, weit weg von hier. Dort kann ich tun, was immer ich möchte, wann immer ich möchte. Ich bin so etwas wie der König auf meinem Anwesen.

Dann werde ich es genießen, langsam ihre Knochen zu brechen und ihren Verstand geschickt zu zerschmettern. Ich werde ihr mitteilen, dass ich ihre Familie getötet habe; ich werde ihr mitteilen, dass niemand zu ihrer Rettung kommen wird. Wenn sie um ihren Vater und Brüder weint, werde ich sie auspeitschen, weil sie um deren Existenz trauert.

Ich balle meine Fäuste. Es ist ihre Schuld, dass sie als Carolla geboren wurde. Ihre Schuld, dass sie alle dreckige, verdorbene, verdammte Loser sind.

Streich das… Loser waren. Ich habe so ziemlich jeden von ihnen von meiner Liste an Leuten, die es zu töten gilt, gestrichen. Ich vernichtete jeden Einzelnen der Drecksäcke dort in dem Lagerhaus, und zwar mit einem Lächeln im Gesicht.

Ihre toten Augen starrten mich an, während ich lachte. Sie alle lernten, dass man sich nicht an dem vergreift, was ich als mein bezeichne…

Ich sehe Anna vor mir, den Mund zu einem surrealen Bild der Überraschung geöffnet. Auch wenn sie nur irgendeine Hure war, war sie trotzdem meine Hure. Mein Besitz. Mein.

Ich dränge die Erinnerung beiseite. Es gibt andere Dinge, auf die ich mich konzentrieren kann wie beispielsweise, wie es sich anhören wird, wenn ich die Handschellen um Katherines Handgelenke zuschnappen lasse. Ich konzentriere mich darauf und blende die Gebote auf das nächste Mädchen und das danach aus.

Natürlich werde ich Katherine kaufen müssen. Für eine Menge Geld, wenn diese traurig aussehenden Mädchen irgendein Hinweis sind.

Und weil sie es mir so sehr erschwert hat, sie zu finden, wird sie wirklich leiden. Sehr viel mehr, als wenn sie einfach an dem Tag gegenwärtig gewesen wäre, an dem ich ihre Familie ermordete.

Ein Gedanke kommt mir in den Sinn.

Ein Geständnis. Ich könnte sie dazu zwingen, ein Geständnis zu unterschreiben, aus freien Stücken heraus. In diesem würde sie ihre Schuld an allem, mit dem ihre Familie mich verärgert hat, einschließlich Annas Tod, gestehen.

Das wäre ein Spaß.

Nachdem ich ihr ihren Lebenswillen genommen habe, wird sie mich um die Erlösung anflehen, die der Tod nach sich zieht. Genauso wie alle anderen.

Und dann werde ich sie erwürgen, langsam. Ich werde derjenige sein, der dabei zusieht, wie das Licht in ihren Augen erlischt. Ich werde sehen, wie ihr gesamtes Wesen zu existieren aufhört.

Dieser Moment… dieser Moment wird so, so genial sein.

Auf der anderen Seite des Raumes bricht die langweilige brünette Sklavin, die gerade versteigert wird, zusammen. Niemand reagiert großartig, was irgendwie merkwürdig ist. Der Auktionator ruft lediglich den letzten Bieter als Gewinner aus, während ein anderer muskulöser Mann in einer Maske kommt, das Mädchen hochhebt und sie beinahe achtlos über seine Schulter wirft.

„Katherine ist unser nächstes Mädchen“, verkündet der Auktionator. „Bringt Katherine raus.“

Ich setze mich etwas aufrechter hin. Eine zierliche Blondine wird hinaus auf die Bühne geführt. Ihre zarten Züge werden von ihrem weißen Kleid betont. Sie neigt ihren Kopf nach hinten, um sich umzusehen, wobei ihr Kopf hin und her wackelt.

Das ist sie.

Sie ist hübsch, auf eine empfindliche Art und Weise. Große ausdrucksstarke Augen, ein voller Mund, hohe Wangenknochen. Was für mich so verblüffend ist, ist, dass sie wie Anna aussieht, meine Lieblingshure in New Orleans. Da ist eine gewisse Ähnlichkeit um die Augen herum und eine Art Weisheit, die nicht zu jemandem ihres Alters zu passen scheint.

Das wirft die Frage auf, was Katherine wohl gesehen hat. Das wirft auch die Frage auf, was Anna in ihren kurzen Jahren auf diesem Planeten sah. Dieser Gedanke sorgt dafür, dass ich mich verspanne und mit den Zähnen knirsche. Ich spüre, wie sich meine Nägel in meine Handballen graben, als ich meine Fäuste balle. Denis nickt mit einem fragenden Blick zu ihr und ich erwidere sein Nicken.

Das ist das Mädchen, wegen dem wir hierhergekommen sind. Das ist das Mädchen, mit dem wir gehen werden, komme, was da wolle.

Sie ist sehr jung. Ich begutachte sie. Ihre zerbrechlichen Arme, ihre kleinen Titten. Ihr Gesicht, ein wenig elfenartig, mit großen blauen Augen, eine nach oben gerichtete Nase, volle breite Lippen.

Oh, die Dinge, die ich mit diesen Lippen vorhabe. Sie mustert den Raum mit ihren blauen Augen, doch ihr Gesicht gibt nichts preis.

Ich realisiere schockiert, dass sie nicht schlecht aussieht, nicht einmal während sie in diesem gebrauchten Kleid mitten auf der Bühne steht. Das spielt für mich keine Rolle, aber es schadet auch nicht.

Fuck, ich bin immerhin ein Mann.

Der Mann, der sie aufrecht hält, leistet beschissene Arbeit und lässt sie halb nach vorne fallen. Sie steht eindeutig unter dem Einfluss irgendeiner Droge wie der Rest der Mädchen. Sie sollte besser nicht ohnmächtig werden, nicht ehe ich sie kaufe.

Ich will, dass sie sich an das Gefühl, wie ein Objekt behandelt zu werden, erinnert.

„Die junge Katherine ist noch Jungfrau“, ruft der Auktionator. Seine Worte hauen mich vollkommen um. Eine Jungfrau? Das wird ihren Preis vermutlich verdoppeln. „Sie gehörte zu Sal Carolla. Jetzt kann sie einem von Ihnen gehören.“

Mehrere Männer jubeln, bereit, ihren Preis für sich zu beanspruchen. Doch diese Männer wissen nicht, dass ich im Publikum sitze oder dass ich bin, wer ich bin, oder dass ich wegen ihr hier bin.

Ich beginne, mich nach vorne zu bewegen und lege meine Hände um meinen Mund. „Eine Million. Eine Million und wir sind hier fertig.“

Alle drehen sich um und schauen zu mir, manche wirken überrascht.

„Eine Million von diesem Gentleman“, sagt der Auktionator. „Höre ich –“

„Eine Million und ein Viertel“, ruft ein Mann gegenüber von mir. Er grinst mich spöttisch an.

„Eine Million und eine halbe“, erwidere ich.

„Zwei Millionen!“, verkündet der Mann. „Zwei Millionen Dollar.“

„Drei“, knurre ich.

Der Mann zögert und schaut zu den zwei Männern, die ihn begleiten. Einer von ihnen nickt ihm zu und er grinst. „Drei Komma fünf.“

„Vier Millionen“, rufe ich, obwohl es eine schockierende Geldsumme ist.

Geld spielt keine Rolle, nicht heute.

Der andere Mann zieht seine Pistole, was er damit vorhat, weiß ich jedoch nicht. Er begeht den tödlichen Fehler, so auszusehen, als wolle er auf mich zielen, und ehe ich mich versehe, habe ich meine Pistole gezogen.

Die Instinkte übernehmen die Kontrolle und alles verlangsamt sich. Alle gehen in Deckung. Kurz darauf befindet sich ein Einschussloch direkt zwischen seinen Augen. Meine Pistole qualmt nur ein bisschen.

Alle anderen setzen sich in Bewegung. Das Geräusch von dutzenden Pistolen, die entsichert werden, hallt laut durch die stille Luft. Denis und Roget sind an meiner Seite, obgleich ich sie offenkundig nicht brauche.

„Rufen Sie den Sieger aus“, befehle ich dem Auktionator. „Rufen Sie ihn jetzt aus und wir können gehen.“

Der Auktionator hebt die Hände, obwohl ich nicht mit der Pistole auf ihn ziele. „Verkauft?“, quiekt er unschlüssig.

Der maskierte Mann, der Katherine aufrecht hält, zieht sie von der Bühne und läuft zu einem Hinterzimmer, wobei sie schlaff hinterherstolpert. Ich bedeute Denis, sie zu holen. Aufregung schwillt in meiner Brust an.

Alle sind bis in die Haarspitzen angespannt, beobachten jede meiner Bewegungen, die Pistolen gezückt. Aber ich mache mir wegen keinem von ihnen Sorgen.

Nein, ich mache mir Sorgen um meine Neuanschaffung, die Denis gerade von der Wache wegreißt. Während er sie zu mir führt, realisiere ich, wie klein sie neben meinem Vollstrecker aussieht. Sie kann nicht viel größer als ein Meter fünfzig sein.

Sie erreichen die Stelle, wo ich stehe, und ich betrachte ihre großen, verzweifelten Augen, ihre blonden Haare, ihre Hände, die sie in ihr weißes Kleid verknotet hat. Das ist alles so viel mehr, als ich zu träumen gewagt hatte. Echter, lebhafter.

Ich lege den Kopf zur Seite und bedenke sie mit einem nachdenklichen Blick. „Du gehörst zu mir. Ich bin jetzt dein Herr.“

In diesen großen blauen Augen leuchtet kurz ein weitentferntes Echo von Entsetzen auf, doch die Droge, welche auch immer man ihr gegeben hat, hindert ihre Angst daran, an die Oberfläche zu steigen.

Allerdings nicht lange. Wenn ich sie zu meinem Anwesen gebracht habe, wird es keine Substanzen, nichts mehr zwischen uns geben. Nichts wird sie davor bewahren, die Art von Schrecken zu fühlen, die Anna während ihrer letzten Stunden durchleiden musste.

Ich habe das Gefühl, als sollte ich sie warnen und ihr mitteilen, was für eine Sorte Herr ich sein werde. Ich wühle in meiner Hosentasche nach meinem Springmesser und klappe dessen glänzende Klinge auf.

Ihre Augen füllen sich mit einem deutlichen Hauch von Angst, als ich vor ihr damit herumfuchtle und näher zu ihr trete. Ich packe sie an der Schulter und genieße ihre jämmerlichen Versuche, sich zu wehren. Denis tritt nach vorne, packt ihre beiden Hände und zieht sie hinter ihren Rücken.

Ich schaue ihr direkt in die Augen, während ich langsam den Buchstaben A in ihr Schlüsselbein ritze, ungefähr zwei mal ein Zentimeter groß. Ich werde hart, als sie ein wehleidiges Jammern ausstößt. Meine Fingern zittern vor angestauter Aufregung, als ihr Blut über mein Messer tröpfelt.

Nichts hat sich jemals so gut angefühlt, das schwöre ich.

„Das soll dich daran erinnern, dass du mir gehörst“, informiere ich sie, während ich das Blut von meiner Klinge an ihrem blütenweißen Kleid abwische, direkt über ihrem rechten Busen. Das Blut verteilt sich und durchdringt den Stoff sofort, was sehr befriedigend ist.

Ich mache auf dem Absatz kehrt, denn jetzt bin ich bereit zum Gehen. Ich schaue zu Denis. „Alles klar. Stülpe die Tüte über ihren Kopf und dann können wir los. Wir haben eine lange Reise vor uns.“

Anschließend suche ich mir einen Weg aus dem Flugzeughangar, reiße mir die Maske vom Gesicht und schleudere sie zu Boden.

4

Katherine

Ich habe eine vage Erinnerung daran, ein paar Mal ein Beruhigungsmittel injiziert bekommen zu haben. Ich erinnere mich daran, wach genug gewesen zu sein, um ein Flugzeug und ein Auto zu erkennen. Ich weiß, dass der Mann, der mich verspottete, nachdem er mich gekauft hatte, die ganze Zeit in meiner Nähe war.

Ich sehe ihn in meinem Kopf. Seine fremden grauen Augen und seine dunklen Augenbrauen, seine große Gestalt und schwarzen Klamotten, die dunklen Stoppeln auf seinen Wangen. Seine Haut hatte nicht den gleichen Teint wie meine… sie war eher olivfarben. Als er sprach, hatte sein Englisch einen Akzent…

Doch ich war zu benebelt von den Drogen, um mehr als das feststellen zu können.

Ich wache wieder auf, erlange das vollständige Bewusstsein und schaue hinauf zu einer königsblauen Decke. Ich ächze vor mich hin und hebe meinen Oberkörper, um an meinem Körper hinabzusehen. Das Kleid, das ich auf der Versteigerung trug, ist fort. An seiner Stelle befindet sich ein blutrotes, ärmelloses Etuikleid.

Meine Fingerspitzen streifen ausversehen eine Stelle an meinem Schlüsselbein und selbst diese leichte Berührung brennt. Vorsichtig ziehe ich mein Kleid von meiner Haut weg und spähe hinab auf eine ordentlich bandagierte Stelle von ungefähr zwei mal zwei Zentimetern. In dem Moment erinnere ich mich an seinen Gesichtsausdruck, als er sein Messer in mein Fleisch bohrte, die Freude, die ich in seinen Augen sah, als er mich für immer markierte.

Obwohl ich darauf achte, die Stelle nicht weiter zu berühren, muss ich gegen die Tränen ankämpfen, die in meinen Augen brennen. Welche Art von Monster verstümmelt einfach einen anderen Menschen?

Zu meiner absoluten Beschämung sind auch mein Slip und BH verschwunden. Ich fühle mich nackt wegen des Wissens, dass jemand meinen komplett entblößten Körper betrachtet hat, während ich bewusstlos war.

Meine Schulter pocht und erinnert mich an diesen Moment bei der Versteigerung, als er mir zeigte, dass er etwas in meine Haut ritzte. Ich hebe meine Hand, um die Stelle zu berühren, die er mit seinem Messer verunstaltet hat. Ein leises Klirren lenkt meine Aufmerksamkeit auf mein Handgelenk, an dem ich eine kunstvoll gefertigte Handschelle vorfinde, die mit einer feingliedrig aussehenden Goldkette verbunden ist.

Ich ziehe an der Kette und stelle fest, dass ich an irgendeiner Stelle hinter dem Bett befestigt bin. Die Kette ist lang genug, dass ich mich in dem Raum bewegen kann, aber nicht so lang, dass ich außerhalb des Raumes gehen könnte.

Das ist… bizarr. Wo genau bin ich? Ich weiß, dass es Tag ist, aber andere Hinweise habe ich nicht.

Dann denke ich darüber nach, wo meine Familie ist und es prasselt irgendwie alles auf einmal auf mich ein.

Fort, das ist es, wo meine Familie ist. Sie haben mich zurückgelassen, absichtlich. Ich bin nicht das Kind aus Kevin – Allein zu Haus, ich bin nicht Liam Neesons Tochter in dem Film 96 Hours.

Schlimmer, ich bin verkauft worden.

Doch was genau soll ich mit dieser Information anfangen? Während mir Tränen in die Augen treten, komme ich nicht umhin, die Ereignisse der letzten paar Tage in meinem Kopf abzuspielen.

Tonys Gesichtsausdruck, als er mich an die Cops verriet.

Das Gesicht des Cops, als er mich unter dem Schreibtisch hervorzerrte.

Das schreckliche Elend, mit dem ich konfrontiert wurde, als ich in meiner Zelle im Auktionshaus aufwachte.

Und er. Der Mann, der mich kaufte. Seine Augen… die Grausamkeit und Hohn, die ich darin sah, jagten mir Schauer über den Rücken.

Ich rolle mich auf die Seite und meine Tränen entfliehen auf den grauen Stoff unter meinem Körper. Was hatte ich nur getan, das meine Familie dazu veranlasst hatte, mich zu verkaufen? Schluchzend denke ich an Tonys Warnung.

Hat mich Dad wirklich verkauft, weil ihm das Geld ausging? Bedeutete ich ihnen wirklich so wenig?

Lieben sie mich nicht?

Rotz läuft aus meiner Nase und ich wische sie mit einem Zipfel meines Etuikleides ab. Ich lasse mich eine Weile von meinen Tränen überwältigen und weine, bis ich mich innerlich ganz hohl fühle.

Niemand kommt bei dem Geräusch meiner Tränen an die dunkle Holztür. Hier ist niemand, der ein großes Interesse daran hat, ob ich mich wohlfühle oder nicht, das weiß ich mit Sicherheit.

Ich blinzle einige Male und betrachte das große Bett, in dem ich liege. Es gibt weder ein Leintuch noch Decken, nur ein weicher grauer Überzug liegt über dem ganzen Teil. Der Raum selbst ist ziemlich groß ohne Dekoration mit Ausnahme eines Fenstersitzes, der in ein Erkerfenster gebaut wurde. Es gibt kein Kissen und das Fenster hat keine Vorhänge oder Jalousien.

Ich rutsche von dem Bett und stelle mich auf meine wackligen Beine. Der Boden besteht aus dunklem Holz, ist glatt und kühl unter meinen nackten Fußsohlen. Zuerst gehe ich zur Tür, die ich jedoch abgeschlossen vorfinde.

Keine Überraschung, schätze ich. Immerhin bin ich angekettet. Es ist ja nicht so, als könnte ich gehen, würde ich eine offene Tür finden.

Als Nächstes erkunde ich die andere Seite des Zimmers und gehe zu dem Fensterplatz. Das Fenster besteht aus dickem Doppelglas und lässt sich nicht öffnen. Außerhalb des Fensters ist die Welt schockierend malerisch. Ich bin hoch oben und überblicke einen kleinen Obstgarten, der in voller Blüte steht. Dahinter ist eine bröckelnde Backsteinmauer mit üppiger Vegetation und bergigem Terrain. Alles, das ich in der Ferne sehen kann, sind Hügel um Hügel, Dschungel über Dschungel.

Wo auch immer ich bin, ich bin definitiv nicht mehr in New Orleans.

Das löst eine weitere Heulattacke aus, obwohl ich mich nach wie vor leer von vorhin fühle. Diese ist jedoch nicht ganz so energisch, eher ein leises Schluchzen, während ich aus dem Fenster starre.

Obwohl ich verzweifelt bin, bemerke ich, dass ich Hunger habe. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, was ich deswegen unternehmen soll. Ich versuche, mich an meine letzte richtige Mahlzeit zu erinnern und kann nur an den Morgen denken, an dem mich Tony verkaufte. An jenem Morgen stoppten wir bei McDonald’s, wo wir durch den Drive-through fuhren.

Ich aß einen halben Egg McMuffin und warf den Rest in den Müll. Ich denke an diese andere Hälfte und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Wie verschwenderisch ich doch war, als ich noch wusste, woher ich meine nächste Mahlzeit bekommen würde.

Ich verbringe ein paar Stunden damit, mein Zimmer in größtem Detail zu untersuchen. Ich betrachte alle Wände, erforsche alle Fußleisten. Unter meinem Bett finde ich eine große goldene Box, die vielleicht einen Meter fünfzig mal ein Meter misst und einen halben Meter dick ist. Sie ist sehr schwer und sie rauszuziehen und zurückzuschieben ist beinahe zu viel verlangt für meinen ausgehungerten Körper.

Ich schaue in das Badezimmer, das an mein Zimmer angeschlossen ist, eine recht schlichte Angelegenheit. Eine Toilette, eine Klauenfußwanne. Alles in Weiß gehalten, bis hin zu den Bodenfliesen. Ich stelle fest, dass die Kette gerade lang genug ist, um aufs Klo zu gehen, aber nicht lang genug, um die Badewanne zu erreichen.

Ich kehre zum Bett zurück, als meine Neugier befriedigt ist, und setze mich zum Denken hin. Nach einiger Zeit kehren meine verworrenen Gedanken wieder zu dem Mann zurück, der mich hier gefangen hält. Ich habe so viele Fragen zu ihm.

Wer ist er? Was will er von mir? Wohin hat er mich gebracht?

Und viel wichtiger, wird er mich gehen lassen?

Ich lege mich abermals auf das Bett, da ich müde werde. Meine Augenlider sind schwer, weshalb ich sie schließe.

Als ich wieder aufwache, sitzt er direkt neben mir und seine grauen Augen bohren sich in mich. Er blickt auf mich hinab, als wäre ich eine verwöhnte Geliebte und er der ältere Liebhaber, der mich gerne verhätschelt.

Ich setze mich auf und weiche vor ihm zurück. Als ich ihn misstrauisch anstarre, biegen sich seine Lippen zu dem Hauch eines Lächelns nach oben.

Das Lächeln erreicht das kühle Grau seiner Augen jedoch nicht und diese Tatsache jagt mir Schauder über den Rücken. Er ist jünger, als ich dachte, vermutlich Mitte Dreißig. Und sein Körper ist gut bemuskelt, feingeschliffen. Von was, weiß ich nicht.

Noch ein Rätsel, das ihn umhüllt.

„Du bist wach“, stellt er fest, so nüchtern, als wäre ich eine Freundin und nicht eine verflixte Gefangene.

Ich kann seine Augen auf mir spüren, überall auf meiner Haut. Ich versuche, normal zu atmen, aber mein Herz rast eine Million Meilen pro Stunde. Er wirkt nachdenklich.

„Du bist hübscher, als ich es erwartet hatte.“ Er beugt sich näher zu mir und ich zucke zusammen. Er legt seine Hand auf meinen nackten Schenkel und gluckst, als ich versuche, von ihm weg zu krabbeln.

Er packt einfach die Kette, die mit meinem Handgelenk verbunden ist und wickelt sie sich in einer fließenden Bewegung um die Hand. Er ruckt daran und ich gerate aus dem Gleichgewicht. Ich taumle zurück zum Bett.

„Das ist erst mal genug“, sagt er milde. Er neigt den Kopf zur Seite. „Ich brauche einen neuen Namen für dich. Katherine Carolla ist tot. Also brauche ich etwas Weibliches und… etwas Kleines, wie du es bist.“

„Ich bin nicht tot“, protestiere ich mit zitternder Stimme. Ich zerre an der Kette, aber er zuckt nicht einmal.

„Das bist du nicht, nein. Aber du bist auch nicht mehr Katherine. Ich tötete sie, als ich sie auf der Sklavenversteigerung kaufte. Oder hast du es nicht bemerkt?“

Ich verziehe das Gesicht bei dem Wort Sklavenversteigerung. „Also gibst du zu, dass du die Sorte Mann bist, die sich bei Sklavenversteigerungen herumtreibt?“

Meine Worte kommen beißender heraus, als ich es beabsichtigt hatte, aber er scheint sich nicht daran zu stören. Er scheint mich gar nicht zu hören. Er verengt seinen Blick auf mein Gesicht.

„Fiore“, sagt er. „Das bedeutet Blume auf Italienisch. Ich denke, das wird dein neuer Name, Mädchen.“

„Mein Name ist Katherine“, sage ich widerspenstig.

„Du wirst schon bald lernen, wie sehr du dich irrst. Du wirst bald eine ganze Menge lernen.“

Sein grauer Blick ruht schwer auf meinem Gesicht, meinen Brüsten, dem Scheitelpunkt meiner Schenkel. Ich bekomme Gänsehaut davon.

Er ist verrückt, so viel ist offensichtlich. Ich muss ihm so viele Informationen wie möglich entlocken und dann kann ich sie durchgehen, wenn ich wieder allein bin.

„Wo sind wir?“, sage ich, um das Thema zu wechseln.

Er zieht eine Braue hoch. „Kolumbien. Wir sind auf meinem Anwesen, allein bis auf das Personal, das für einen reibungslosen Ablauf sorgt. Niemand wird dir helfen.“ Er hält einen Moment inne. „Niemand wird dich suchen kommen. Das weißt du, oder?“

Ich recke mein Kinn, obgleich Tränen in meinen Augen brennen. „Das weißt du nicht.“

Er zieht an der Kette und bringt mich näher zu sich. „Aber das tue ich, Fiore. Ich weiß das. Dein Vater hat dich verraten, deine Brüder ebenfalls. Sonst gibt es niemanden, oder?“

Ich unterdrücke meine Emotionen, auch wenn ich die Tränen nicht daran hindern kann, über meine Wangen zu strömen.

„Du bist ein Monster“, werfe ich ihm an den Kopf, während ich die Tränen auf meinen Lippen schmecke. „Du weißt überhaupt nichts über mich.“

„Nein?“, sagt er und etwas glitzert in diesen tödlichen grauen Augen.

Er steht auf, wobei er die Kette dazu benutzt, mich über die Bettkante und in die Knie zu zwingen. Ich kann sehen, dass die Kette in seine Hand schneidet, doch ihn scheint das nicht zu stören. Er stellt sich zwischen meine Knie und hält die Kette so hoch, dass ich mich nicht auf meine Fersen setzen kann.

Er gleitet mit einer Hand meinen Innenschenkel hinauf, was mich zusammenfahren lässt. Seine Hand wandert höher… bis er die kleine Ansammlung Locken zwischen meinen Schenkeln findet. Seine Finger erforschen meine unteren Lippen.

„Nein!“, protestiere ich. Als er einen Finger beiläufig in mich schiebt, kein bisschen auf meine Gefühle bedacht, brülle ich ihm ins Gesicht: „Nein! Ich sagte Nein! Stopp!“

Sein Finger in meinem Körper ist ein absoluter, unbestreitbarer Verstoß. Ich versuche, mich zu bewegen, meine Knie zu schließen, doch er hebt nur meine Handschelle schmerzhaft hoch.

Das Eindringen seiner groben Berührung ist alles, von dem mir mein ganzes Leben lang erzählt wurde, dass ich es fürchten sollte. Also fürchte ich es.

Ich fürchte ihn.

Er neigt sich näher zu mir, sodass sein Gesicht beinahe meines berührt. „Du gehörst jetzt mir, Fiore. Ich besitze dich. Ich kann mit dir tun, was auch immer ich möchte, wann auch immer ich möchte. Und du wirst tun, was ich sage, oder ich werde dich töten. So einfach ist das.“

„Monster“, wispere ich und schließe die Augen. Als könnte ihn das aussperren. „Was willst du überhaupt von mir?“

Er zieht seinen Finger aus mir und beugt sich nach unten, bis er direkt neben meinem Ohr ist.

„Alles“, sagt er, wobei sein Atem mein Ohr kitzelt und Gänsehaut auf meinen Armen und Beinen entstehen lässt. Ein plötzliches Angstgefühl überkommt mich.

Und dann gibt er meine Kette frei und läuft aus dem Raum, als hätte er etwas Besseres zu tun. Als würde ich nicht zittern und Angst haben. Als hätte nicht er dafür gesorgt, dass ich so empfand.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

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Litres'teki yayın tarihi:
07 kasım 2025
Hacim:
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ISBN:
9783969536728
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