Kitabı oku: «Liebe mich nicht-Hasse mich nicht Duett»
Liebe mich nicht/Hasse mich nicht Duett
Inhalt
Liebe mich nicht
Prolog
Prolog 2
Prolog 3
1. Jameson
2. Emma
3. Jameson
4. Emma
5. Jameson
6. Jameson
7. Emma
8. Jameson
9. Emma
10. Emma
11. Jameson
12. Jameson
13. Emma
14. Emma
15. Emma
16. Jameson
17. Emma
18. Jameson
19. Emma
20. Jameson
21. Jameson
22. Emma
23. Jameson
24. Emma
Hasse mich nicht
1. Emma
2. Jameson
3. Emma
4. Jameson
5. Emma
6. Emma
7. Jameson
8. Emma
9. Emma
10. Jameson
11. Jameson
12. Emma
13. Jameson
14. Emma
15. Jameson
16. Emma
17. Jameson
18. Emma
19. Jameson
20. Emma
21. Jameson
22. Jameson
23. Emma
24. Emma
25. Emma
26. Jameson
Bücher von Jessa James
Also By Jessa James (English)
Über die Autorin

Liebe mich nicht: Copyright © 2020 von Jessa James
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch, digital oder mechanisch, reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder durch irgendeine Art von Datenspeicherungs- und Datenabfragesystem ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung des Autors.
Veröffentlich von Jessa James
James, Jessa
Liebe mich nicht
Cover design copyright 2020 by Jessa James, Author
Images/Photo Credit: BookCoverForYou
Hinweis des Herausgebers:
Dieses Buch wurde für ein erwachsenes Publikum geschrieben. Das Buch kann explizite sexuelle Inhalte enthalten. Sexuelle Aktivitäten, die in diesem Buch enthalten sind, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind, und jegliche Aktivitäten oder Risiken, die von fiktiven Personen innerhalb der Geschichte übernommen werden, werden vom Autor oder Herausgeber weder befürwortet noch gefördert.
Prolog
1997, Redemption Beach High School
Ich laufe den überdachten Zementweg zwischen den Klassenräumen entlang, wobei ich die Abnutzungsspuren auf meinen uralten schwarzen Converse betrachte und meinem Freund Asher zuhöre, der wie ein Wasserfall plappert.
„Die Sache mit meinen Eltern ist die, dass sie eine Menge Geld haben, aber auch solche Geizkrägen sind!“, regt sich Asher auf. „Sie lassen mich nicht einmal auf diesen Debattier-Ausflug gehen, weil sie meinen, das wäre keine sinnvolle Investition.“
Er verdreht die Augen. Ich nicke nur. Ich habe diese Geschichte schonmal gehört, verspüre jedoch nicht das Bedürfnis, ihn zu stoppen oder es ihm zu sagen. Außerdem sind wir nur noch wenige Minuten von Ms. Harpers Mathematikklassenraum entfernt.
Asher beschwert sich ständig über seine Eltern, was Sinn macht, nehme ich mal an. Ich meine, es ist schwer zu ertragen, sich das dauernd anzuhören, da meine Eltern mich und meine zwei kleinen Brüder vor Jahren einfach haben sitzen lassen. Jetzt leben wir bei meiner Grandma Jane. Sie ist nett und meint es gut, aber sie ist auch wirklich alt.
Vor drei Jahren versuchte ich, zum ersten Mal bei Asher zu übernachten. Asher und ich waren erst elf, praktisch noch Babys.
Ashers Eltern warfen einen Blick auf mich und beschlossen, dass ich ein schlechter Einfluss wäre. Ganz gleich, wie sehr Asher mit ihnen stritt und sie anflehte, sie änderten ihre Meinung nicht. Sie sagten die Übernachtung ab und bemühten sich, uns so oft sie konnten davon abzuhalten, miteinander abzuhängen.
Es fällt mir sehr schwer, sie dafür nicht zu hassen.
Ich blicke zu Asher. Mit seinem sorgfältig gebügelten blauen Hemd und Chinos ist er so ziemlich das komplette Gegenteil von mir. Ich trage ausgebeulte Jeans und ein löchriges Nirvana T-Shirt.
Wir sehen auch unterschiedlich aus. Asher hat blonde Haare, die er nach hinten gegelt hat. Ich habe dunkle Haare, die ich in Spitzen nach oben frisiert habe. Ich sah schon immer wie ein Rebell aus, Asher hingegen wie ein Chorknabe.
So sind wir, ehrlich gesagt, auch Freunde geworden. Asher war der Neue auf der Schule und ein erstklassiges Opfer für die Spielplatz-Bullies. Ich sah düster und gefährlich aus. Das reichte bei den meisten Kids auf der Schule schon. Sie wollten sich nicht mit mir anlegen.
Ich mischte mich ein und bewahrte ihn davor, mit dem Kopf in die Kloschüssel getaucht zu werden. Seitdem sind wir Freunde.
Asher rempelt mich mit dem Ellbogen in die Seite. „Meinst du nicht?“
„Ähh… yeah. Absolut“, sage ich, obwohl ich keinen blassen Schimmer habe, wovon er spricht. Ich bin gedanklichen einen Moment abgedriftet, weit weg.
„Ich sage dir, Zoe Waters hat über die Sommerferien mega Möpse bekommen“, sagt Asher.
Ich rolle mit den Augen. Das Einzige, das Zoe Waters getan hat, ist, anzufangen, einen BH zu tragen. Ansonsten ist sie genauso flachbrüstig wie der Rest unserer neunten Klasse. Glaub mir, ich habe nachgeschaut.
Wir erreichen das nächste Gebäude. Dessen durchsichtige Glastür kann der Tatsache, dass das hässliche braune Backsteingebäude praktisch jegliches Sonnenlicht verschluckt, kaum entgegenwirken. Ich schwinge die Tür auf und halte sie für Asher. Asher läuft hindurch und bleibt genau im Türrahmen stehen.
„Uff“, sage ich, als ich gegen ihn laufe. „Pass doch auf, Mann.“
Doch Asher gestikuliert nur den langen Flur hinab, der zu beiden Seiten mit Spinden und Klassenzimmertüren gesäumt ist. Vom anderen Ende laufen Mr. Smith und Ms. Song, der Direktor und die Schulpsychologin, direkt auf uns zu.
Ich sehe mich um und frage mich, wer wohl in Schwierigkeiten steckt. Ich werde nervös, obwohl ich nicht glaube, dass ich kürzlich irgendetwas getan habe, weswegen ich mir Sorgen machen müsste.
„Hey, wir machen uns besser vom Acker“, flüstere ich Asher zu. „Komm schon. Ms. Harper wird uns bestimmt als abwesend eintragen.“
Wir laufen den Gang hinab, doch Mr. Smith entdeckt uns. Er ist ein hagerer, älterer Mann in schwarzen Hosen sowie einem rosa und grau gestreiften Hemd und betrachtet mich mit ernstem Gesicht. Ms. Song ist eine winzige, hübsche Blondine. Sie verschränkt die Hände ineinander, als wir näher kommen.
Das kann kein gutes Zeichen sein.
Ich riskiere einen Blick zu Asher und sehe, dass er die gleiche Miene zur Schau stellt wie ich. Er versucht, herauszufinden, wer von uns beiden beim Direktor in Ungnade gefallen ist.
„Mr. Hart?“, sagt Ms. Song, deren Stimme piepsig ist und einem Chipmunk ähnelt. „Können Sie bitte mit mir kommen? Ich möchte mit Ihnen sprechen.“
Mir rutscht der Magen in die Kniekehlen. Was habe ich dieses Mal falsch gemacht? Ich zerbreche mir den Kopf, aber mir fällt beim besten Willen nichts ein.
Asher schaut zu mir, hin und her gerissen. Er wischt sich vermutlich mental gerade den Schweiß von der Stirn, denn es hätte jeder von uns beiden sein können, der in Schwierigkeiten steckte.
„Ich schätze, ich sollte in den Unterricht gehen“, sagt Asher.
„Yeah. Ich komme nach.“ Ich verlagere den Rucksack auf meiner Schulter, während Asher seitlich an Mr. Smith und Ms. Song vorbeihuscht.
„Dann wollen wir mal“, sagt Ms. Song. Ich meine, eine Spur von Traurigkeit in ihrer Stimme zu hören, aber ich bin mir nicht sicher. „Kommen Sie bitte in mein Büro.“
Sie dreht sich um und führt den Weg an, wobei ihre Absätze bei jedem Schritt über den Fliesenboden klackern. Ich versuche, mir darüber klarzuwerden, worum es hierbei gehen könnte. Ich bin schon viele Male ins Büro des Direktors geschleift worden, aber noch nie in Ms. Songs Büro.
Als wir ihr Büro erreichen, das kaum größer als ein Wandschrank ist, bedeutet sie mir, mich auf einen der orangenen Plastikstühle vor ihrem Schreibtisch zu setzen.
Mr. Smith schließt die Tür hinter uns und klopft mir anschließend doch tatsächlich auf die Schulter, was mich zusammenzucken lässt. Ich schaue erschrocken zu ihm hoch.
„Wir haben schlimme Nachrichten für dich, Sohn“, sagt er und blickt traurig drein. „Deine Großmutter ist dahingeschieden. Sie weilt nicht länger unter uns.“
Mein Mund klappt auf. Ich fühle mich… seltsam. Hauptsächlich denke ich: von allen Dingen, die er hätte sagen können, habe ich damit nicht gerechnet.
„Sie meinen… sie ist tot?“, bringe ich irgendwie hervor.
Mr. Smith wirft Ms. Song einen Blick zu, dann nickt er. „Ich fürchte, so ist es, ja. Einer eurer Nachbarn hat sie gefunden. Sieht nach einem Herzinfarkt aus.“
Ich sacke leicht zusammen. „Was… was bedeutet das für uns? Mich und meine kleinen Brüder, meine ich. Warum… ich meine… wohin werde ich nach der Schule gehen?“
Meine Stimme bricht beim letzten Wort. Das Einzige, das ich vor Augen habe, ist, dass ich durch die Tür zu Grandma Janes Haus laufen werde und sie nicht dort sein wird.
Fuck.
„Nun, wir haben das Kinder- und Jugendamt kontaktiert“, sagt Ms. Song, die zu mir kommt, um mir ihre Hand auf die Schulter zu legen.
„Was? Warum?“, frage ich benommen.
„Sie werden einen guten Platz für dich finden, wo du heute Nacht bleiben kannst. Und dann werden sie dir helfen, herauszufinden, wie die nächsten Schritte aussehen werden“, erklärt Mr. Smith.
Ich schaue zu ihm, während meine Augen feucht zu werden beginnen. „Sind das die Pflegefamilien-Leute?“
Ich weiß alles über Pflegefamilien. Damals, als meine Mom uns verließ und bis meine Grandma kam, waren wir drei einige Wochen bei Pflegefamilien untergebracht. Jeder von uns in einer anderen Familie.
„Ja, genau“, bestätigt Mr. Smith.
„Mit denen gehe ich nicht mit“, widerspreche ich und werde wütend. Meine Tränen laufen über und rinnen langsam über mein Gesicht. „Sie werden mich bestimmt nicht mit meinen Brüdern zusammentun.“
„Wir sollten uns einfach mal anhören, was sie sagen“, mischt sich Ms. Song ein. „Sie wissen, was das Beste ist, da bin ich mir sicher.“
Ich kann meine Brüder jetzt vor mir sehen. Ich kann Forest sehen, wie ihm von Grandma Jane erzählt wird. Gunnar, dem erklärt wird, dass wir in unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht werden.
Gunnar ist so jung, er wird sich nicht einmal an mich erinnern und Forest nach ein paar Monaten auch nicht mehr.
Ich balle die Fäuste und stehe so plötzlich auf, dass mein Stuhl nach hinten kippt.
„Oh, Jameson –“, sagt Ms. Song.
„Immer mit der Ruhe, Sohn.“ Mr. Smith packt mich am Arm. „Du wirst hier noch eine Weile warten müssen. Die Leute von der Behörde sollten bald hier sein.“
Tränen strömen mir jetzt übers Gesicht, Rotz blubbert aus meiner Nase. „Nein, Sie verstehen nicht! Ich kann nicht in eine Pflegefamilie gehen! Meine Brüder müssen bei mir bleiben!“
„Sohn –
„Verdammte Scheiße! Nennen Sie mich nicht so!“, brülle ich. Trotz seines Alters ist Mr. Smith immer noch stärker als ich. Es gelingt ihm, seine Arme um mich zu schlingen und mich tiefer in das Büro zu zerren.
„Es ist okay“, sagt er.
„Nein, das ist es nicht! Sie haben mir gerade verdammt nochmal gesagt, dass meine Grandma gestorben ist!“
Ich bin hysterisch, kratze nach ihm, kralle meine Hände in sein rosa und graues Hemd, aber er lässt nicht los. Stattdessen sagt er mir immer wieder, dass alles okay ist.
Aber ich weiß, dass es das nicht ist.
Nichts ist okay.
Meine Grandma ist tot. Meine kleinen Brüder wissen es wahrscheinlich noch nicht einmal, aber ihr Tod markiert einen Wendepunkt in unserem Leben. Ich weiß, dass das Kinder- und Jugendamt vermutlich versuchen wird, meine Brüder und mich in getrennte Pflegefamilien zu zwingen.
Ich mache mir jetzt schon Gedanken über die Einzelheiten einer Flucht und wie ich mich durchschlagen kann. Nicht nur ich, sondern mit meinen zwei kleinen Brüdern. Das Leben hat uns schon genug genommen, ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass uns irgendjemand trennt.
Also nein, nichts ist okay. Und ich weiß nicht, ob es das jemals wieder sein wird.
Prolog 2
Vor einem Jahr – Ashers Verlobungsfeier
„Und deswegen spreche ich hier auf der Verlobungsfeier einen Toast aus. Auf das glückliche Paar!“, brüllt Gunnar der versammelten Menge zu, die an der Bar steht. Ich stehe den Arm um meine Verlobte Jenna gelegt da und lächle. Mein Lächeln ist nicht aufgesetzt, aber angestrengt. Es ist immer ein bisschen komisch, derjenige zu sein, auf den getrunken wird. „Auf das ihr zwei ein langes und glückliches Leben führen werdet.“
Alle sagen „hört, hört!“ oder „Cheers!“ und heben ihre Gläser. Ich hebe mein Champagnerglas und stelle Augenkontakt mit Jameson her, der in der Ecke schmollt. Er sieht in seinen dunklen Jeans und Lederjacke groß und düster aus, was irgendwie sein Ding ist.
Cece, Jamesons schäbige Surferflamme der Woche, leert ihr gesamtes Champagnerglas in einem Zug. Ich persönlich kann dem Typ Wasserstoffblondine, muss-ich-hier-Schuhe-anziehen nichts abgewinnen, aber jedem das Seine, schätze ich.
Er neigt den Kopf in meine Richtung und nippt an seinem Glas. Jameson hat sich wegen meiner Verlobung mit Jenna wie ein richtiger Scheißkerl aufgeführt. Daher ist die Tatsache, dass er heute Abend überhaupt eingeladen wurde, ein Geschenk von mir an ihn.
Ich nippe an meinem Champagner und wende mich von ihm ab. Mir ist unwohl dabei, diese Gefühle bezüglich Jameson zu hegen, der seit unserer Kindheit mein bester Freund ist.
„Schatz“, sagt Jenna, die mir ihr Champagnerglas reicht. Sie zupft einen kleinen unsichtbaren Fussel von meinem weißen Hemd und lächelt. „Kannst du mir noch ein Glas holen?“
„Klar. Ich könnte sowieso etwas Stärkeres vertragen.“
„Achte nur darauf, dass du dich nicht betrinkst.“ Sie streicht ihr schwarzes Minikleid glatt und wirft ihre blonden Haare nach hinten. „Ich möchte schließlich nicht, dass die Leute einen falschen Eindruck von dir bekommen.“
„Gott bewahre“, sage ich und verdrehe die Augen.
„Ich meine es ernst! Es sind heute Abend eine Menge Leute hier, nicht nur deine schmuddeligen Freunde.“
Ich fühle mich leicht angegriffen, aber nach einem Blick zu Jameson und seiner Freundin kann ich schwer etwas Gegenteiliges sagen. Sie machen jetzt miteinander rum, wobei Cece ihre Faust in seine Lederjacke gekrallt hat und ihn zu sich nach unten zieht. Schon bald werden sie eine Weile von der Party verschwinden, wahrscheinlich um in irgendeinem Wandschrank eine Nummer zu schieben.
Ich blicke zu Jenna, die sich abgewandt hat. Diesbezüglich bin ich beinahe neidisch auf Jameson. Jenna ist an ihren besten Tagen eine Eisprinzessin. Aber sie stammt zufälligerweise auch aus einer Familie, die noch wohlhabender ist als meine, und meine Familie hat Geld.
Die Tatsache, dass ich Jenna erbeutet habe, und das ohne ihre Hilfe, lässt meine Mutter und Vater nachts vermutlich keinen Schlaf finden. Das allein ist, meiner Meinung nach, schon zehn Ceces wert.
Ich drehe mich um und gehe zur Bar. Der Barkeeper geht, um meine Drinks zu holen, und ich bin beeindruckt davon, wie effizient er sich bewegt. Natürlich tut er das, denke ich. Jameson hat diesen Laden ausgesucht. Abgesehen vom Surfen ist die Arbeit als Barkeeper wahrscheinlich die einzige Leidenschaft, die Jameson hat.
Nun, das und schäbige ehemalige Stripperinnen.
Dennoch, als ich die ordentlich aufgereihten Alkoholflaschen betrachte und die Barkeeper, die ihrem Job geflissentlich nachgehen, stelle ich fest, dass ich neidisch bin. Wenn ich irgendetwas über Alkohol wüsste, würde ich in Nullkommanichts eine Bar eröffnen.
Ich habe sogar einen Treuhandfonds, den meine Großeltern für mich eingerichtet haben. Ich habe ihn nie angerührt, hatte Angst, auch nur einen Cent dieses Geldes auszugeben.
Ich seufze und schaue nach rechts. Meine kleine Schwester Emma sitzt auf einem Barhocker am Ende der Bar und starrt ins Leere. Ich schaue in die ungefähre Richtung, in die sie starrt, aber ich sehe nur Jameson und Cece, die miteinander rummachen.
Meine Augen bleiben länger auf Jameson liegen und ich erinnere mich an meinen sehnsuchtsvollen Moment. Ich habe eine Art Geistesblitz, mehr oder weniger. Ein Energiestrahl fegt durch mich hindurch und setzt meine Gedanken in Flammen.
Ich könnte eine Bar wie diese haben. Zum Teufel, mit Jamesons Wissen und meinem Geschäftssinn habe ich das Gefühl, dass wir wirklich etwas Großartiges aufziehen könnten.
Ich zögere, weil Jameson wegen Jenna in letzter Zeit wirklich nervtötend war. Er war schlechtgelaunt und geradezu feindselig ihr gegenüber, was zu eisiger Stille und Schmollen ihrerseits führte.
Aber die Idee, eine Bar mit Jameson zu führen, ist so fantastisch; er zapft meisterlich das perfekte Bier, ich kümmere mich um die alltäglichen Sorgen und das Geld.
Die Idee ist einfach zu verlockend, um sie zu verwerfen. Ich muss ihm zumindest davon erzählen.
Ich bewege mich schnell, denn ich habe meine Entscheidung getroffen. Natürlich werde ich von ein paar von Jennas Freunden aufgehalten, ehe ich mit ihm reden kann. Aber irgendwann erwische ich ihn, bevor er mit Cece einen Abgang machen kann.
„Hey. Hast du eine Minute?“, frage ich.
Er lässt den Whisky in seinem Glas kreisen und schaut mich amüsiert an. „Diese ganze Party ist für dich. Natürlich habe ich eine Minute.“
„Möchtest du rausgehen?“, erkundige ich mich.
Jameson nickt und sagt Cece, dass er gleich zurückkommt. Ich führe den Weg zur Tür an und stoße sie auf. Ich trete aus der klimatisierten Luft und tausche sie gegen die frühabendliche Brise ein, die vom Meer hereinweht. Wir befinden uns nur wenige Blöcke vom Ozean entfernt, wovon der Salzgeruch in der Luft zeugt.
Ich lehne mich an die raue Holzwand der Bar und Jameson tut es mir gleich. Wir blicken beide hinaus auf die Straße, während ich meine Gedanken sammle.
Zu meiner Überraschung erhebt Jameson zuerst das Wort.
„Geht es hier um Jenna?“, will er wissen.
Ich schaue zu ihm. Er zeigt keinerlei Emotionen, aber innerlich muss er bis zum Zerreißen gespannt sein, wenn er denkt, dass ich ihn wegen eines Showdowns hierhergebeten habe.
„Nein.“ Ich spreche das Wort schnell und vehement aus, damit er weiß, dass ich es ernst meine. „Ich meine, halt dich bei Jenna einfach zurück. Aber nein, das ist etwas anderes.“
Seine Brauen ziehen sich zusammen, während er versucht, dahinterzukommen, was ich meine. Er sagt allerdings nichts, weshalb ich weiterspreche.
„Ich denke, wir sollten eine Bar eröffnen.“
Sein verwirrter Gesichtsausdruck ist zum Schießen. „Du… was?“
„Eine Bar. Du stellst eine Karte zusammen, ich kümmere mich um das Geld. Wir haben beide ein Stimmrecht in Bezug auf die Atmosphäre. Zum Teufel, ich denke, deine Brüder können sogar dabei helfen, den Laden zu führen.“
„Wovon zum Henker redest du?“ Er dreht sich zu mir, nach wie vor an die Wand gelehnt.
„Ich hatte nur diesen Moment, diesen irgendwie inspirierenden Augenblick. Ich nippte drinnen an einem Drink und ich dachte… wir könnten das besser. Ich dachte ‚Jameson und ich könnten es wirklich krachen lassen, wenn wir eine Bar hätten‘.“
Jameson sieht mich an, als hätte ich eine Kopfverletzung erlitten.
„Du willst also sagen… du standst an der Bar, hast, wie ich annehme, einen weniger als erstklassigen Drink getrunken… und das hat dich auf den Gedanken gebracht, dass wir unseren eigenen Laden schmeißen sollten?“ Er sieht völlig baff aus.
„Ja, Mann. Ich habe das Geld. Du hast die Fähigkeiten…“
Er reibt sich mit einer Hand über sein Gesicht. „Ich habe endlich einen Job, in dem ich länger als ein Jahr arbeite.“
„Du arbeitest dort schon seit vier Jahren.“
„Yeah, und ich kann mich nur an zwei davon erinnern. Die ersten zwei waren ein einziger Rausch aus Whisky und Kokain. Selbst jetzt kann ich den Wunsch, jedes heiße Mädel zu ficken, das durch die Tür läuft, nicht unterdrücken.“
Ich grinse. „Ja, ja. Überzeug mich nur, dass du nicht der perfekte Kerl bist, um eine Bar zu eröffnen. Und was ist mit Cece?“
Er runzelt die Stirn. „Was ist mit ihr?“
„Ich dachte, sie sei… nett. Und dass ihr zwei eine Verbindung hättet oder was auch immer.“ Meine fehlende Aufrichtigkeit ist offensichtlich und er verdreht die Augen.
„Was ist mit dir?“, fragt Jameson. „Du hast noch nie irgendetwas Komplizierteres als einen Rum-Cola gemacht. Du hast noch nie in der Gastronomie gearbeitet. Du hast noch nie jemanden gemanagt…“
„Das stimmt nicht!“, protestiere ich. „Was ist mit –“
„Wenn du mir jetzt mit dem Sommer vor der achten Klasse kommst, ich schwöre, dann gehe ich“, droht er. Er kennt mich zu gut.
„Überleg doch nur, wie unsere Bar sein würde“, sage ich, um das Thema zu wechseln. „Wir würden einen Laden am Strand suchen. Du könntest das Zeug in den schicken Gläsern servieren, über die du immer redest –“
„Nicht alles, muss in einem Tumbler serviert werden“, murrt er.
„Du könntest gute Musik auflegen, die Lichter dimmen und dich mit nur einem Satz in das Herz jeden Mädchens dort schleichen.“ Ich wackle mit den Augenbrauen als witzigen Effekt. „Du musst lediglich sagen, dass du der Eigentümer bist.“
Das lässt ihn scheinbar innehalten. Er reibt sich über den Nacken, aber blickt weiterhin finster drein. Ich bin jedoch an diese Miene gewöhnt.
„Ich weiß nicht“, sagt er schließlich. „Es scheint eine wirklich schlechte Idee zu sein.“
„Aber…?“
„Das ist es.“
„Weißt du, ich werde es einfach wagen. Ich glaube, du bist begeisterter von der ganzen Sache, als du zugeben willst.“
Er blickt mich stumm aus zusammengekniffen Augen an. Ich strecke die Hand aus und klopfe ihm auf die Schulter.
„Warte du nur“, verspreche ich. „Es wird genial werden.“
Jameson schüttelt nur den Kopf. „Kann ich dir wenigstens einen Drink kaufen?“
„Das kannst du tun, Mann. Das kannst du tun.“
Dem schwülen Abend den Rücken zukehrend gehe ich wieder nach drinnen.
Prolog 3
Vor vier Monaten – CURE Bar
„Hey Emma, was denkst du?“, fragt Jameson, während er sich über die stoppelige Wange kratzt.
Die Wand hinter der Bar wird von einer glühenden Neon-Lichterkette beleuchtet und präsentiert die hundert Alkoholsorten, auf die Jameson bestanden hat. Er tritt einen Schritt zurück und bewundert seine Arbeit. Ich finde es absolut fantastisch, aber andererseits finde ich fast alles, das Jameson anfasst, fantastisch.
„Ohhh, es sieht klasse aus“, sage ich von meinem Platz an der Bar. Ich habe den ganzen Platz für mich beschlagnahmt, indem ich all meine Jurabücher verteilt habe, aber momentan studiere ich nicht das Gesetz. Stattdessen studiere ich Jameson. „Vielleicht solltest du dort drüben rechts noch eine Flasche hinstellen?“
Ich deute auf eine Stelle. Er schaut da hin, wohin ich deute, und nickt langsam. „Gutes Auge. An der Stelle sieht es ganz nackt aus.“
Er schnappt sich eine weitere Flasche und hebt sie hoch, um sie an der kahlen Stelle zu platzieren. Ich beiße auf meine Lippe. Jameson sieht gerade wahnsinnig gut aus, nur in dunklen Jeans, die sich perfekt an seinen Hintern schmiegen, einem schwarzen NIN-T-Shirt und blutroten Chucks.
„Es sieht gut aus“, lobe ich und noch während ich das sage, werden meine Wangen rot. Mit ‚es‘ meine ich jeden Zentimeter von ihm… und mit gut meine ich appetitlich, verlockend und über alle Maßen verführerisch.
Ich seufze. Forest tritt aus dem Hinterzimmer und sieht wie immer weltmännisch aus in seinem grünen Pullover und Jeans. Seine dunklen Haare und Bart sehen ziemlich attraktiv aus. Wenn ich nicht schon bis über beide Ohren in Jameson verknallt wäre, würde ich vermutlich für Forest schwärmen.
Er zieht seine Verlobte Addison am Handgelenk hinter sich her. Sie sagt nichts, sondern sieht in ihrem blütenweißen Kleid und kunstvoll hochgestecktem Haar einfach nur gut aus.
„Hey Leute“, sagt Forest.
„Fertig mit der Erkundung der Alkohol-Höhle, die ich oben gebaut habe?“, fragt Jameson Forest.
„Yeah. Es ist irgendwie schräg, mehrere tausend Dollar an Alkohol an einem Ort zu sehen. Aber es sieht aus, als wäre alles bereit für die Eröffnung morgen.“
„Genau rechtzeitig. Um wie viel Uhr kommst du morgen her?“
Forest blickt zu Addison. „Was denkst du, um wie viel Uhr werden wir mit dem Brunch mit deinen Eltern fertig sein? Gegen vier?“
Sie neigt den Kopf nur minimal, womit sie, wie ich vermute, ihre Zustimmung ausdrückt. Ich frage mich, was ihr Problem ist. Es sind nicht unbedingt Eis-Schwingungen, die ich von ihr empfange, wie es bei Ashers Verlobter Jenna der Fall ist. Ich empfange einfach gar nichts von Addison.
Es ist sehr merkwürdig.
Ich drehe meinen Kopf, als Gunnar durch die Eingangstür platzt, drei hübsche Blondinen, die bis zum Gehtnichtmehr aufgetakelt sind, im Schlepptau. Gunnar seinerseits sieht aus, als hätte er gerade erst eine Disko verlassen, da er ein schwarz kariertes Hemd trägt, das teilweise aufgeknöpft ist, sowie ein Paar schwarzer Jeans.
Er hat offenkundig gerade erst etwas Witziges gesagt, denn sie lachen alle.
„Ladies, setzt euch bitte einfach dort drüben hin“, sagt er und deutet zu einer der Tischnischen. Er zwinkert ihnen zu. „Ich muss hier nur eine Minute was regeln und dann können wir zurück in meine Wohnung gehen.“
Meine Augenbrauen klettern in die Höhe, aber die Mädchen kichern nur. Gunnar richtet seine Aufmerksamkeit auf mich und läuft zur Bar. „Emma. Siehst gut aus, wie üblich.“
Ich winde mich ein wenig unter seinem Blick. Gunnar hat ein gigantisches Ego, aber verdammt, er sieht auch gut genug aus, um damit durchzukommen.
„Äh, danke“, bringe ich heraus.
„Hey“, mischt sich Jameson ein, der wütend aussieht. „Du kennst die Regeln. Kein Flirten mit Emma. Die gleichen Regeln für alle.“
Ich laufe tomatenrot an und wünsche mir, ich könnte in meinem Stuhl versinken. Asher hat die gleiche Regel immer und immer wieder aufgestellt, seit ich alt genug war, um einen Sport-BH anzuziehen. Es ist super peinlich.
„Ich habe lediglich eine Feststellung gemacht“, sagt Gunnar achselzuckend. Er bemerkt Forest und Addison. „Was läuft?“
Forest verschränkt die Arme. „Wir wollten uns eigentlich vor einer Stunde hier treffen. Asher war bereits hier und ist wieder gegangen.“
Gunnar rollte mit den Augen. „Ich bin hier. Mir war nicht klar, dass ihr so eine große Sache daraus machen würdet.“
„Es ist eine große Sache“, mischt sich Jameson ein und korrigiert ihn. „Wie können wir von unseren Mitarbeitern erwarten, pünktlich zu kommen, wenn wir selbst kommen, wie es uns gerade passt?“
„Mea culpa“, sagt Gunnar, aber er sieht nicht wirklich aus, als täte es ihm sonderlich leid. „Was soll ich hier eigentlich tun?“
Jamesons Kiefer zucken. Forest springt für ihn ein. „Kannst du einfach nach oben gehen und alles überprüfen? Dich vergewissern, dass all der Rum und Tequila und Mezcal und Pisco, nach denen du verlangt hast, vorrätig sind.“
„Aye, aye“, sagt Gunnar. Er verschwindet im Hinterzimmer.
„Jedes Mal, wenn er anfängt, mir zu sagen, dass ich zu überspannt bin, bin ich so kurz davor, ihm seine verfluchte Fresse zu polieren“, verkündet Jameson, während er sich wieder zur Bar umdreht.
Die Eingangstür öffnet sich abermals und eine umwerfende junge Asiatin mit langen Haaren und makelloser Haut streckt ihren Kopf in den Laden. Als sie Forest und Jameson entdeckt, hellt sich ihr Gesicht auf und sie tritt ein. Ich betrachte ihre kurzen Jeansshorts und übergroßes Top sehnsüchtig.
Wenn meine Eltern mich in so einem Outfit draußen herumlaufen sehen würden, würden sie ausrasten. Zum Geier, ich denke, Asher würde mich sogar nach Hause eskortieren, damit ich mich umziehe, wenn er mich in dieser Kleidung sehen würde… und er sollte eigentlich der junge, coole Rebell unserer steifen Familie sein.
„Hi“, grüßt sie und wedelt mit einem Stapel Blätter. Zu meiner Überraschung hat sie einen vornehmen britischen Akzent. „Ich bringe nur schnell den Rest meiner Dokumente vorbei. Ich hoffe, ich unterbreche nichts?“
Ich schaue zu Forest, dessen Mund mehr oder weniger offensteht. Er checkt diese Frau unverhohlen ab, anstatt sich zu beeilen, ihr die Dokumente abzunehmen. Addison blickt einfach weiter geradeaus; was auch immer sie empfindet, äußerlich ist es nicht sichtbar.
„Maia, hey“, ruft Jameson, der hinter der Bar hervortritt. „Ich nehme, was auch immer du dabei hast.“
Maia reicht ihm die Papiere und lächelt mich an. Sie streckt mir ihre Hand entgegen. „Ich glaube nicht, dass wir uns schon kennengelernt haben. Ich bin Maia Yu. Ich werde hier kellnern.“
Ich nehme ihre Hand. „Emma Alderisi. Ich arbeite hier nicht, ich hänge hier nur rum.“
„Es freut mich, dich kennenzulernen. Und ich glaube, wir haben uns auch noch nicht kennengelernt?“, sagt sie und wendet sich an Addison.
„Addison Raven“, erwidert sie und verschränkt die Arme. „Ich werde Forest heiraten.“
Maia schaut zu Forest, der seinen Mund geschlossen hat, aber sie weiterhin mit etwas ähnlichem wie Ehrfurcht betrachtet.
Jameson räuspert sich. „Forest wollte gerade gehen. Stimmt’s?“
Forests wütender Blick zu Jameson ist eindeutig. „Yeah. Wir sehen uns später, Leute.“
Er führt seine hübsche zukünftige Frau aus der Bar. Maia dreht sich um und wirft einen Blick auf die blonden Mädchen, die an einem der Tische sitzen und in ihre Handys vertieft sind.
„Sucht ihr immer noch nach Leuten?“, fragt Maia verwirrt. Ich schnaube.
„Meine Güte, nein“, entgegnet Jameson. „Sie warten auf meinen anderen Bruder…“
„Was ist jetzt schon wieder?“, fragt Gunnar, der aus dem Hinterzimmer kommt. Er wirft einen Blick auf Maia und dreht seinen Charme auf die höchste Stufe. „Hey. Wir sind uns noch nicht begegnet. Ich bin Gunnar.“
„Maia.“ Sie gibt ihm die Hand. Er hält sie eine Sekunde zu lange fest, doch sie hat zu viel Klasse, um so zu tun, als würde es sie stören. Sie wirft ihre Haare nach hinten, unbeeindruckt. „Wenn das alles ist, werde ich gehen. Du brauchst uns hier morgen um drei, richtig?“
„Ja“, sagen Jamson und Gunnar gleichzeitig. Jameson bedenkt Gunnar mit einem verärgerten Blick. Gunnar grinst lediglich zurück, unerschrocken.
„Bis morgen“, verabschiedet sich Jameson.
„Wir sollten auch gehen, Mädels“, sagt Gunnar, während er zu ihnen läuft. „Maia, wir gehen alle auf einen Drink in meine Wohnung…“
„Lass sie in Ruhe, Gunnar“, knurrt Jameson. „Maia, bis später.“
„Bis dann.“ Maia wackelt mit den Fingern und geht. Gunnar macht Anstalten, hinter ihr herzulaufen, obgleich ich bezweifle, dass er weiß, was er tun soll, wenn er sie einholt.
„Gunnar“, sagt Jameson drohend. Gunnar wird langsamer und schaut dann zu den drei Blondinen, wobei seine Schultern leicht nach unten sacken.
„Kommt, gehen wir“, sagt er und wartet darauf, dass die drei Mädchen aufstehen und sich auf den Weg zur Tür machen. Er schaut zurück. „Bye, Emma.“
Ich winke, während meine Wangen abermals rot anlaufen. Gunnar ist definitiv nicht mein Typ, aber er ist irrsinnig gut aussehend. Nicht zu vergessen ein wahnsinniger Schmeichler.
Jameson legt die Blätter auf die Theke und betrachtet dann wieder die Rückwand. „Weißt du, was das hier braucht?“
Ich lege den Kopf schief. „Nein, was?“
„Ein paar Blumen“, verkündet er und blickt mit zusammengekniffenen Augen zum obersten Regal hoch. „Einige von diesen getrockneten Blumen, die der Inneneinrichter gebracht hat, in Alkoholflaschen.“
Er geht zurück ins Hinterzimmer und taucht mit ein paar aufeinandergestapelten Kartons auf. Er kommt zur Bar rüber. „Was dagegen?“
Ich nehme meine Jurabücher, die ich überall verteilt habe, und schiebe sie auf eine Seite. „Ne. Ich arbeite sowieso nicht wirklich.“
Jameson gluckst, während er einen der Kartons öffnet. Der erste Karton enthält leere Alkoholflaschen, deren Etikette zum Teil so alt sind, dass sie sich an den Rändern lösen. Der zweite Karton ist voller getrockneter Blumen, hauptsächlich Lavendel und Schleierkraut.
„Ooooh, die sehen spitze aus“, sage ich, als er anfängt, sie auf dem Tresen auszubreiten. „Darf ich helfen?“
„Klar. Danke“, erwidert er irgendwie brummig, aber es treibt mir dennoch die Hitze ins Gesicht.
Ich nehme einige Stängel von beiden Blumensorten und stecke sie in den Hals der ersten Flasche. Ich schaue zu ihm. „So?“
Er blickt nachdenklich drein und nimmt noch etwas Schleierkraut. „Vielleicht nur noch ein paar mehr…“
Er beugt sich nach vorne und greift über mich, um die Blumen in die Flasche zu stecken. Plötzlich ist er mir wirklich nah, so nah, dass ich den Duft von Shampoo und Leder an ihm riechen kann. Gänsehaut entsteht schlagartig auf meinen Armen, obwohl er mich nicht berührt.
Ich bemerke ein paar schwarze Linien, die unter dem Ausschnitt seines Shirts hervorlugen und nach unten führen zu… etwas. Ich wusste nicht, dass Jameson Tattoos hat, aber es macht selbstverständlich Sinn. Es passt zu seiner düsteren Bad Boy Persona, wenn man mich fragt.
„Sieht das gut aus?“, erkundigt er sich, während er die Stängel arrangiert.
„Was?“, frage ich abwesend. Es kostet mich einige Mühe, meine Augen von seinem muskulösen Körper loszueisen. „Oh, äh. Ja, absolut.“
Er wirft mir einen Blick zu, sagt aber nichts. „Wenn du ein einige Flaschen herrichten möchtest, werde ich sie nachher oben an der Rückwand aufstellen.“
Ich beiße auf meine Lippe und nicke. Ich beginne, ein weiteres Bündel zusammen zu stellen, und greife nach einer leeren Flasche. Er nimmt sich die eine, die er fertiggemacht hat, und fängt an, verschiedene Plätze zwischen den vollen Alkoholflaschen an der Wand auszuprobieren.
„Das ist eine wirklich schlaue Idee“, sage ich ihm.
„Es ist witzig, dass du das sagst, wenn man bedenkt, dass du Jura studierst“, meint er.
Ich runzle die Stirn, halte inne. „Das heißt nicht, dass du keinen Geistesblitz haben kannst.“
Jameson blickt eine Sekunde wieder zu mir und schüttelt leicht den Kopf.
„Meinst du das ernst? Ich habe erst letzte Woche einem Mädel den Laufpass gegeben, weil sie mir gesagt hat, dass ich nicht sonderlich hell im Kopf wäre.“ Er legt die Stirn konzentriert in Falten und tauscht eine der Flaschen unten links aus. „Was hältst du davon? Wir könnten vielleicht sechs oder sieben Flaschen so arrangieren?“
„Warte, was? Ein Mädchen, hat dir gesagt, dass du nicht ganz hell im Kopf bist?“, frage ich schockiert.
„Yeah. Ich meine… ich habe ihr erzählt, dass ich die High School nach meinem ersten Jahr hingeschmissen habe, um mich um Forest und Gunnar zu kümmern und sie meinte nur, ‚Das ergibt Sinn. Es ist okay, ich date dich nicht wegen deines Verstandes.“
Mir klappt der Mund auf. „Das ist nicht fair!“
Er dreht sich und schaut zu mir. „Das ist nichts, über das man sich aufregen müsste.“
„Das ist es! Sie klingt wie ein Miststück.“ Ich mache einen übertriebenen Schmollmund.
Humor tanzt in seinen Augen. „Du bist niedlich, wenn du dich so aufregst.“
Ich werde zum ungefähr tausendsten Mal heute knallrot. „Ich verkünde hier lediglich Fakten“, murmle ich peinlich berührt. Zum Glück geht der Moment vorüber und ich widme mich wieder meiner Aufgabe, die Blumen in ihren Vasen zu arrangieren.
Jameson stellt noch ein paar Flaschen auf, macht dann eine Pause und streicht sich über sein stoppeliges Kinn. „Ich glaube nicht, dass ich noch höher greifen kann. Wie stehst du dazu, da hochzuklettern und dich auf das Regal hier zu stellen?“
Ich ziehe meine Augenbrauen hoch. „Ähmmm…“
Er tätschelt das hintere Regal. „Ich meine, ich würde dir beim Hoch- und Runterklettern helfen. Ich verspreche, nicht unter dein Kleid zu schauen oder so.“
Ich stelle mir die Art von Hilfe vor, die er meint, die vermutlich eine Menge engen Körperkontakt beinhalten würde. Ich stemme mich von meinem Stuhl.
„Klar.“
„In Ordnung, dann komm her“, weist er mich an, wobei er zur Wand schaut. „Ich werde dich nach oben heben.“
Ich tue wie geheißen und ergreife seine Hände. Ich fühle mich seltsam dabei, mich in meinem winzigen hellgrünen Sommerkleid körperlich anzustrengen. Ich erröte erneut. Das Gefühl seiner Hände auf meinem Körper ist absolut sündhaft, auch wenn an dem, was wir tun, rein gar nichts Sündhaftes ist.
Jameson ist von Natur aus so viel wärmer als ich. Ich hole tief Luft und atme seinen sauberen Geruch ein. Er packt mich an der Taille und stemmt mich nach oben, bis ich auf dem Regal stehen kann.
An irgendeinem Punkt dieser Unternehmung drückt er tatsächlich meinen Po mit einer Hand nach oben. Ich kann das nervöse Lachen, das aus mir hervorbricht, nicht zurückhalten.
„Stehst du gut?“, fragt er.
„Ich denke schon –“, antworte ich. Dann quieke ich, als ich rückwärts falle.
Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße – ich rechne definitiv damit, auf dem Boden aufzuschlagen, hart.
Doch dann lande ich in Jamesons Armen, so perfekt, wie ich es mir nur hätte erträumen können. Unsere Gesichter sind sich in dem Moment so nah, seine Augen auf mein Gesicht gerichtet. Ich kann nur daran denken, dass ich bestimmt in seinem dunklen Blick ertrinken werde.
Seine Augen sinken auf meinen Mund. Ich schwöre, die ganze Welt um uns herum, wird langsamer. Ich lecke über meine Unterlippe, denn ich bin mir plötzlich zu einhundert Prozent sicher, dass er mich gleich küssen wird.
Ja. Es passiert. Meine Augenlider beginnen, sich in Vorbereitung darauf flatternd zu schließen.
„Whoa!“ Ashers Stimme reißt mich aus meiner Wunschvorstellung. Ich öffne meine Augen und sehe, wie er durch die Eingangstür tritt. Jameson stellt mich hastig auf die Füße und tritt eilig von mir weg. „Was ist hier los?“
„Ich bin runtergefallen!“, platzt es aus mir heraus, weil ich nicht möchte, dass Jameson Probleme mit Asher bekommt. „Ich habe versucht, nach etwas zu greifen. Jameson hat mich aufgefangen, das ist alles.“
„Entspann dich“, sagt Asher, der hinter die Bar läuft. „Jameson kennt die Regel. Nicht wahr, Jay?“
Jameson ist leicht rot im Gesicht. „Jepp. Emma ist tabu.“
Auf seine Worte hin verziehe ich das Gesicht. Ja, ja, seit ich dreizehn wurde, wiederholen sie das genau Gleiche immer wieder.
„Das stimmt“, bestätigt Asher und klopft ihm auf den Rücken.
Jameson sieht so schuldbewusst aus, dass ich beinahe Mitleid mit ihm habe. Das heißt, bis er den Mund aufmacht.
„Ich würde dir das niemals antun“, sagt er zu Asher. Dann sieht er mir direkt in die Augen. „Niemals.“
Meine Wangen fangen an, zu brennen, und ich presse meine Kiefer zusammen. „Ich bin kein kleines Mädchen, Asher. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen.“
Asher und J sehen mich beide an. Asher schnaubt. „Nein, bei meinen Freunden kannst du das nicht. Ist es nicht so, J?“
Einige Sekunden ist es ganz still. Ich schaue zu J, auf seinen hin und hergerissenen Gesichtsausdruck. Ich beginne, einen winzigen Hoffnungsschimmer zu verspüren. Wird er sich gleich für mich einsetzen?
Gott, wird er Asher gleich sagen, dass er Gefühle für mich hegt? Mein Herz setzt einen Schlag aus.
Aber natürlich macht er das nicht. Er empfindet vermutlich nicht einmal etwas für mich, denn seine nächsten Worte treffen mich ziemlich hart.
„Deine Freunde sind nicht grundlos tabu“, sagt J zu Asher, wobei er seinen Blick zu Boden richtet. „Außerdem würde ich niemals irgendetwas mit Emma anfangen. Sie ist so… jung.“
Oh, nein, das hat er nicht gemacht. J hat gerade definitiv mit Asher über mich gesprochen, als wäre ich gar nicht hier. Ich knirsche mit den Zähnen.
„Ich bin direkt hier!“, verkünde ich wütend und fuchtle mit der Hand herum. „Ich mag es nicht, wenn man über mich redet, als wäre ich nicht im Raum.“
J weicht weiterhin meinem Blick aus, als hätte ich nie existiert. Ich könnte ihn schlagen, so wütend bin ich.
Asher betrachtet mich mit ungeduldiger Miene. „Du bist hier und du bist zickig. Hurra für uns.“
„Leck mich“, sage ich mit knirschenden Zähnen. Jetzt bin ich so richtig beschämt und es ist definitiv ihre Schuld. „Ihr beide könnt zur Hölle fahren.“
„Emma –“, sagt Asher und verdreht die Augen.
Das reicht. Ashers Augenverdrehen ist der Tropfen, der das Fass für mich zum Überlaufen bringt. In diesem Moment hasse ich sie beide.
„Ich gehe nach Hause. Wenigstens weiß mich Evie als Mitbewohnerin… und als Erwachsene zu schätzen“, zische ich. Ich marschiere um die Bar, wobei ich das Gefühl habe, als hätten sie mich dazu gebracht, mich so kindisch zu benehmen. Ich ramme meine Bücher in meine Tasche, kochend vor Zorn.
Ich bin wütend auf Asher, ja. Er muss mich Erwachsen werden lassen.
Aber noch mehr als das bin ich wütend auf J. Ich habe das Gefühl, als hätte er mir nur in die Augen gesehen und diese Dinge gesagt, um mir wehzutun. Das macht ihn zu einem Arschloch, ganz egal, wie man es dreht und wendet.
„Emma, sei doch nicht so“, sagt Jameson, als ich meine Tasche schultere. Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu.
„Verpiss dich“, sage ich und stürme zur Tür.
Ich lasse sie hinter der Bar zurück, wo sie stehen und ihre Köpfe schütteln. Nachdem ich die Tür aufgestoßen habe, trete ich hinaus in das helle Nachmittagslicht. Ich bin stinksauer auf beide, zittere sogar ein bisschen.
Asher kann sich diesen Mist von wegen, ich sei seine kleine Schwester, dahin stecken, wo die Sonne nicht scheint. Und Jameson?
Jameson wirkt so männlich und erwachsen, außer wenn es um Asher geht. Er muss Erwachsen werden und sich Eier wachsen lassen. Ganz gleich, wie attraktiv Jameson auch sein mag, ich habe keine Zeit für jemanden, der mich nicht will.
Daran muss ich mich einfach immer wieder erinnern… für immer.
Eine Grimasse schneidend mache ich mich auf den Weg nach Hause.
1
Jameson
Im Hinterzimmer des Cure dabei erwischt zu werden, wie ich die Zukünftige meines besten Freundes auf der Afterparty ihres Hochzeitsprobedinners küsse… lasst mich einfach sagen, das war nicht Teil meines Plans.
Die Nacht beginnt mit dem Knallen von Sektkorken, die hinter der Bar durch die Gegend fliegen. Die Lichter sind ganz nach unten gedreht und eine Playlist von Purity Ring Remixes dringt laut aus den Lautsprechern. Die Türen nach draußen sind weit geöffnet, um die salzige Luft und das Rauschen der Ozeanwellen, die in der Ferne an den Redemption Beach krachen, hereinzulassen.
Leute trinken auf das glückliche Paar. Das ist etwas verfrüht, wenn man mich fragt, aber niemand hat das getan. Also halte ich einfach meine Klappe und arbeite hinter der Bar. Hinter der Bar bin ich immer noch der Barkeeper, der Herr meines kleinen Reiches.
Im Restaurantbereich müsste ich mit Hedgefondmanagern und CEOs und Instagrammodels verkehren. Der Sorte Leute, die auf teure Privatcolleges gegangen sind und sich darüber unterhalten, wo sie den Sommer verbringen. Nicht meine Welt.
Sie sind alle wegen Asher und seiner vermögenden Verlobten Jenna hier. Und ich bin auch hier, ich und die anderen Hart Brüder. Wir springen für Ashers Familie ein, denn sie interessieren sich nicht wirklich für ihn und wir schon.
Der heutige Abend ist nur für Asher. Das muss ich mir einfach immer wieder in Erinnerung rufen.
Wirklich, es ist okay, mich in der Gegenwart von Youtube-Starlets und Tennisprofis aufzuhalten, denn die meisten von ihnen halten mich ohnehin nur für die Aushilfe. Sie wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass diese Bar Asher und mir gemeinsam gehört.
Was für mich mehr als in Ordnung ist.
Nicht zum ersten Mal heute Abend wünsche ich mir, ich wäre am Strand und würde mit einem Surfbrett unter dem Arm auf das Wasser zu rennen. Tatsächlich sehne ich mich danach, in diesem Moment überall zu sein, nur nicht hier.
Aber das bin ich nicht. Ich bin hier. Ich muss mich nützlich machen, Bestellungen entgegennehmen und Drinks mixen. Ansonsten werde ich zu einem schmollenden, wütenden Mann-Kind. Niemand will das, vor allem nicht heute Abend.
Ich stehe hinter der Bar, ein Geschirrtuch über meine Schulter geworfen und starre mit leicht säuerlicher Miene hinunter auf die Schar der Hochzeitsgäste. Ich überlege, ob ich für die Gruppe Wassergläser an der Bar aufreihen sollte oder nicht. Die Party ist definitiv ein Erfolg, was bedeutet, dass mittlerweile fast jeder leicht betrunken ist.
Ich habe sogar auf die teuren Bourbons zurückgegriffen, etwas, das ich bei den anderen Barkeepern missbillige. Aber heute Abend ist eine Party, eine Feier im gewissen Sinne. Auch wenn mir nicht gefällt, was die Leute feiern, muss ich trotzdem hier sein.
Maia, eine süße Asiatin, die einen spitzen Sazerac macht, lässt ihr Tablett auf die Theke fallen. Sie zieht ihr hautenges schwarzes Cocktailkleid ein Stück nach unten.
„Jameson! Öffne bitte eine von den Flaschen mit Rosé Schampus“, bittet sie, wobei ihr britischer Uperclass-Akzent sogar das Wort Schampus kultiviert klingen lässt.
Ich ziehe fragend eine Augenbraue hoch. „Warum?“
„Die Braut möchte ‚etwas Pinkes mit Bläschen‘“, antwortet sie achselzuckend. „Ich bin eine Kellnerin. Sie gibt mir eine Bestellung, ich komme und bitte darum. Du schenkst die Getränke ein. So funktioniert es normalerweise.“
Sie wirft mir einen Blick zu, als wüsste sie genau, was ich gerade gedacht habe, und dass sie es nicht gutheißt.
„Mmmpf“, erwidere ich missmutig. Sekt Rosé steht heute Abend eigentlich nicht auf der Karte, aber ich tue, was verlangt wird. Es ist immerhin für Asher.
„Hättest du was dagegen, mir einige Sektgläser runterzuholen, wenn du schon dabei bist, Boss?“, fragt sie und schenkt mir ein liebenswürdiges Lächeln. „Du bist eine Million Meilen größer als ich.“
„Ich bin eins neunzig“, korrigiere ich sie. „Du bist einfach nur wirklich klein.“
Sie streckt mir die Zunge raus und ich gluckse. Ich ziehe eine Lage der Gläser, die sie will, aus dem Regal an der Wand und stelle sie auf die Theke.
Ich drehe mich zu der hochaufragenden, neon-beleuchteten Wand mit verschiedenen Alkoholsorten. Sie sind alle nach Art gruppiert: Whiskys und Bourbons zusammen, Wodkas und Gins und Aquavits, Rums und Tequilas und Mezcals, Piscos und Brandies und einige Dutzend Weinflaschen.
Wir befinden uns im Cure, der Bar, die mir zusammen mit meinem besten Freund Asher und meinen zwei Brüdern, Gunnar und Forest, gehört. Momentan ist das Cure wegen Ashers Hochzeitsfeier für die Öffentlichkeit geschlossen. Ungefähr vierzig beschwipste Hochzeitsgäste sind am Vorabend der Hochzeit alle hier versammelt.
Es ergibt Sinn, soweit es um Veranstaltungsorte geht.
Das Cure war immerhin Ashers Idee. Er wird der Erste von uns vieren sein, der heiratet. Ich sollte mich für ihn freuen, doch das tue ich nicht. Ich hasse seine Verlobte Jenna und ich denke, er könnte jemand viel Besseren als sie finden.
Aber ich schlucke meine Worte hinunter. Die Zeit, all meine Gedanken und Meinungen über Jenna und die Hochzeit auszudrücken, war gekommen und gegangen. Ich sagte meinen Teil. Asher nannte mich einen Arsch.
Und das bin ich, ohne jeden Zweifel. Ein Versager, ein Menschenhasser, ein antisozialer Grübler, für den es ein völliger Schuss ins Blaue war, diese Bar zu eröffnen. Diese Bar, das Großziehen meiner kleinen Brüder und meine Freundschaft mit Asher sind wirklich die einzigen guten Dinge, die ich jemals getan habe.
Gott weiß, wenn es eine kosmische Gleichung meines ganzen Lebens gäbe, gäbe es reichlich schlimme Dinge in meiner Vergangenheit, die die Waage in die Richtung neigen würden, dass ich ein richtiges Stück Scheiße bin. Da gäbe es beispielsweise jung die Schule abzubrechen, eine endlose Reihe Surfermädels und hübscher Bargäste zu daten, ständig Party zu machen und in meinen Zwanzigern nicht nur eines, sondern gleich zwei Motorräder zu schrotten.
Ich weiß, dass mich meine Vergangenheit und meine Tendenz zu Schwermut nicht gerade liebenswert machen. Ich arbeite an Widergutmachung, langsam.
Ich tauche unter die Bar zu den Lowboy-Kühltruhen, in denen die Flaschen mit Weißwein und Sekt aufbewahrt werden. Ich suche eine Sekunde, dann finde ich die richtige Flasche. Der Rest ist Muskelgedächtnis, die Folie abziehen und das Metallgestell aufbiegen. Ich lasse den Korken mit so wenig Tamtam wie möglich knallen und beäuge meinen Bruder Gunnar, während ich den Schampus in die Sektgläser gieße, die ich auf der Theke bereitgestellt habe.
Gunnar steht neben mir an der Bar und schüttet Wodka und etwas Zimtlikör in einen Cocktailshaker. Eine ganze Schlange hübscher Mädchen wartet auf die Shots, die er mixt. Ich räuspere mich und werfe ihm einen Blick zu.
Gib den Mädels nicht noch mehr Wodka, sagt der Blick. Im Ernst.
Er grinst und zwinkert mir zu, dann ruft er den Mädels zu, sie sollen sich rückwärts über die Marmoroberfläche der Bar beugen, damit er ihnen ihre Shots geben kann. Natürlich tun sie das, kichernd.
Ich kann meine Augen nicht stark genug verdrehen. Ich stelle die Sektgläser auf das Tablett, das Maia vorbeigebracht hat. Sie nimmt es mit einem fake Lächeln entgegen und trägt es zur Braut davon.
Sie mag Jenna auch nicht. Asher ist der Einzige des Personals, zu dem Jenna nett ist. Der Rest von uns wird für unter ihrer Würde erachtet.
Ich schaue quer durch die Bar zu dem Tisch, an dem Jenna von ihrer ganzen reichen, versnobten Clique umringt ist. Ich beobachte, wie Maia den Sekt an Jennas Tisch bringt, wo die hübsche Eiskönigin Jenna gerade eine Geschichte erzählt.
Ich sehe, dass Jenna ihr leeres Glas gedankenlos zu Maia schiebt. Die Musik hier drin ist zu laut, um hören zu können, was Jenna sagt, aber ein Blick auf ihre geröteten Wangen und ihre übertriebene Mimik, während sie mit den Leuten spricht, die um sie versammelt sind…
Yeah, sie ist betrunken. Nicht nur betrunken, sondern auch fordernd. Sie leert das Sektglas mit zwei Schlucken und streckt das Glas dann Maia hin, damit sie ihr nachschenkt.
Abermals stellt sie keinen Augenkontakt her. Jenna ist zu beschäftigt damit, ihre Geschichte laut zu erzählen. Alle am Tisch lachen gleichzeitig los und sie scheint sich pudelwohl zu fühlen, während sie in deren Schmeicheleien badet.
Maia nimmt das Sektglas und läuft zu einem anderen Tisch, um nachzusehen, ob die Leute dort irgendetwas brauchen.
Ich knirsche mit den Zähnen. Man würde meinen, dass Maia nur irgendein unbekanntes Gesicht sei, eine Bedienung in irgendeinem Restaurant… aber in Wahrheit sind Asher und Jenna zusammen, seit dieser Laden aufgemacht hat. Maia war unsere zweite Angestellte.
Einfach gesagt, sie kennen einander.
Wir hätten für diese Party Catering-Personal anheuern sollen, denke ich. Auf diese Weise hätten alle bei der Party mitfeiern können. Und das Personal hätte einen Bogen um Jennas Tisch machen können…
Ich wende mich ab und beiße mir auf die Zunge. Als Maia zurückkommt, sage ich ihr, dass sie Jenna nicht mehr bedienen muss. Ich werde das übernehmen.
Die Lage zwischen Asher und mir war während der letzten paar Wochen mehr als ein wenig anspannt, seit ich ihm erzählt habe, wie ich empfinde. Obwohl wir seit fast zwanzig Jahren beste Freunde sind, wurde es verdammt unangenehm, sobald die Worte meinen Mund verlassen hatten.
Jetzt sind wir hier. Asher schmiert Jennas Eltern drüben bei der Tür zur Terrasse Honig ums Maul, wobei er so golden aussieht wie ich dunkel bin. In seinem karierten Hemd und Khakis verkörpert er genau den Mann, von dem du dir wünschst, dass ihn deine Prinzessin-Tochter heiratet.
Ich schwöre bei Gott, ich kann seine Zähne sogar durch den verdammten Raum jedes Mal funkeln sehen, wenn er lacht. Asher ist fast ein gottverdammter Disney Prinz, mein komplettes Gegenteil.
Mir fällt wieder ein, dass ich diese Party für ihn schmeißen soll und behalte meine Gedanken über Jenna für mich.
„Hey“, sagt eine Stimme. Ich wende mich von Asher ab und entdecke seine kleine Schwester Emma, die sich auf einen Hocker an der Bar schiebt.
Emma ist vierundzwanzig, hat rabenschwarze Haare, die sie auf edle Weise hochgesteckt hat, und sie trägt ein hellrosa Bodycon-Kleid, als sei es ihr Job.
Ich bin allerdings nicht so dumm, so zu tun, als wüsste ich es. Während der letzten sechs Jahre war ich sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu bemerken. Sie ist die reiche Prinzessin, der es an nichts fehlt. Ich mag ja eine Menge Dinge sein, aber ich bin definitiv nicht ihre Kragenweite und sie nicht meine. Es gibt zahllose Gründe, warum ein Kerl wie ich jemanden wie sie nicht einmal anschauen sollte.
Zum einen ist Emma viel jünger als ich. Zum anderen ist sie das, was man als lebhaft beschreiben würde. Als der Einzelgänger, der hinter der Bar steht und grübelt, stehe ich definitiv nicht auf ihre muntere Art.
Dann ist da noch nie Tatsache, dass sie Jura studiert, wohingegen ich die High School abgebrochen habe. In dieser Hinsicht trennen uns Welten.
Außerdem, wenn Asher herausfände, dass ich auch nur einen unanständigen Gedanken über seine kleine Schwester hege, würde er einen verdammten Schlaganfall erleiden. Und dann würde er mich umbringen.
Das wäre eine traurige Art zu sterben.
Ich funkle Emma finster an. „Solltest du dich nicht unters Volk mischen? Du weißt schon, deine hochnäsige Familie repräsentieren in Anbetracht dessen, dass sie sich nicht dazu herabgelassen haben, ihr Gesicht hier zu zeigen?“
Emma grinst mich an, ihre grünen Augen glitzern vor Freude. Das ist genau das, was ich mit lebhaft meine. Ich weigere mich, meine Augen tiefer wandern zu lassen, um ihre Titten abzuchecken… aber ich bin mir sicher, sie sind spitze.
„Meine Eltern sind absolut entsetzt, dass Asher eine Freundin gefunden hat, die keine soziale Außenseiterin ist. Sie kochen geradezu, dass er ohne irgendwelche Hilfe von ihnen so eine gute Partie gemacht hat. Also, nein, ich repräsentiere sie nicht.“ Sie beugt sich näher zu mir und beißt sich anzüglich auf die Lippe. „Was hast du da hinten, das kein Wein ist?“
Schau nicht auf ihre Titten. Schau nicht auf ihre Titten, bläue ich mir ein. Dann schaue ich trotzdem auf ihre Titten, klein, aber perfekt, von ihrem Kleid nach oben gepusht.
Ich löse meine Augen von ihr, sowie mir bewusst wird, was ich da tue. Verdammte Scheiße. Das Letzte, das ich brauche, ist, dass Emma mich für einen beschissenen Perversen hält.
Ich stelle Augenkontakt mit ihr her und zögere. Es gibt jede Menge Flirtsprüche, die mir in den Sinn kommen, aber ich ignoriere sie.
„Welche Sorte Alkohol möchtest du?“, frage ich, drehe mich um und nehme einen metallenen Cocktailshaker in die Hand.
„Mmm…“, sagt sie, während sie eine Locke ihres dunklen Haares um einen Finger wickelt. „Wodka? Ich möchte etwas, das nicht nach Alkohol schmeckt.“
Ich mache ein missbilligendes Geräusch. Emma legt den Kopf schief.
„Du hast gefragt, was ich will!“, protestiert sie. „Ich will etwas Süßes.“
Ich schüttle den Kopf, schnappe mir den Wodka und schütte ihn in den Cocktailshaker. „Magst du Limonade?“
„Wer mag die nicht?“, fragt sie.
Ich gieße frischgepressten Zitronensaft und etwas selbstgemachten Sirup in den Behälter, füge eine Handvoll Eiswürfel hinzu und dann schüttle ich. Ich gieße alles in ein Cocktailglas und toppe das Ganze mit einem Spritzer frischen Himbeerpüree. Anschließend stecke ich einen Strohhalm in das Glas, ziehe etwas von der Mischung in den Strohhalm und diesen heraus, um zu probieren.
Zitrone und Zucker treffen lange vor dem Wodka auf meine Geschmacksnerven. Ich rümpfe meine Nase wegen der Süße. Allerdings ist es perfekt für sie. Als ich es ihr mit einem neuen Strohhalm serviere, leuchten ihre Augen auf.
„Ooooh“, sagt sie. „Er ist hübsch.“
„Jepp“, erwidere ich und mache mich daran, meinen Shaker auszuwaschen.
Emma nippt an dem Cocktail, die Ellbogen auf den Tresen gestützt. „Das ist fantastisch! Wie nennt man den?“
Ich mustere sie. „Schulmädchen Spezial“, antworte ich trocken.
Sie errötet, ihre Wangen werden eine Spur dunkler als ihr rosa Kleid. „Du bist der absolut Schlimmste.“
Das bringt mich zum Grinsen. „Du würdest gut daran tun, dir das zu merken.“
Ich zwinkere ihr zu und sie rollt mit den Augen. „Danke für den Drink.“
Sie nimmt ihren Cocktail und läuft mit schwingenden Hüften davon. Ich beobachte sie einige Sekunden beim Weglaufen, mein Mund wird leicht trocken.
„Ernsthaft?“, sagt mein Bruder Forest, der hinter der Bar neben mich tritt. Forest ist mein mittlerer Bruder. Er ist so herausgeputzt, wie ich leger gekleidet bin, denn er trägt eine dunkle Anzughose und ein weißes Hemd. Seine dunklen Haare sind kurz geschnitten, nicht fast-zu-lang und zerzaust wie meine.
Ich reiße meinen Blick von ihr los und schaue stattdessen hinab auf mein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans. Forest ist allerdings noch nicht fertig. „Hier sind so viele heiße Mädels und du starrst Emma hinterher? Was stimmt nur nicht mit dir?“
Er hat recht. Mit dreiunddreißig sollte ich definitiv niemandem hinterherschauen, der beinahe ein Jahrzehnt jünger ist als ich. Ich räuspere mich und schüttle den Kopf.
„Weil ich ein verdorbener alter Mann bin. Wo wir gerade von Leuten sprechen, die zu jung für uns sind, wo ist Addison heute Abend?“, frage ich, um das Thema zu wechseln.
Er runzelt die Stirn und dreht sich leicht, um mich auf seine Verlobte aufmerksam zu machen. Sie ist eine sehr dünne Rothaarige in einem roten Seidenkleid und steht mit einer kleinen Gruppe von Frauen neben der Eingangstür.
„Genau dort. Und sie ist nicht zu jung für mich. Sie ist sehr erwachsen für ihr Alter.“ Er greift in eine der Kühltruhen unter der Bar und holt sich ein Bier, dessen Kronkorken er wegschnipst.
„Aha“, sage ich. Ich lehne mich nach hinten gegen die Bar. „Ich meine mich daran zu erinnern, letzten Monat zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag eingeladen gewesen zu sein.“
„Ach, halt den Rand“, schimpft Forest und verzieht das Gesicht. Er trinkt einen Schluck von seinem Bier. „Du bist nur eifersüchtig.“
„Auf Addison? Sie ist so kontrollierend, Alter. Darauf stehst du, nicht ich.“
Jetzt blickt er mich wirklich wütend and. „Und nochmal, halt den Rand. Asher hat mich auch gebeten, dich daran zu erinnern, allen reichlich Wasser auszuschenken. Niemand will morgen sehen, wie sich Jenna während der Trauung von ihrem Mageninhalt verabschiedet.“
Ich werfe einen Blick auf Jenna und sehe, dass sie pantomimisch etwas darstellt, das schreckliche Ähnlichkeit mit dem Blasen eines riesigen Schwanzes hat. Alle um sie herum lachen und sie kippt sich ein weiteres Glas pinken Schampus hinter die Binde.
Abscheu steigt in mir hoch. Wirklich, Asher?, denke ich. An die willst du dich für den Rest deines Lebens binden?
Forest lacht über meinen Gesichtsausdruck und schlägt mir auf die Schulter. „Du musst lernen, deine Gedanken besser zu verbergen, J.“
„Ich verstehe einfach nicht, was Asher an ihr findet“, lamentiere ich.
„Und trotzdem bist du hier und veranstaltest die Party nach ihrem Probedinner“, sagt Forest. Ich sehe, wie Addison ihren Kopf dreht und nach Forest sucht. Er bemerkt es auch und seufzt. „Okay. Ich muss zu dem Gespräch zurück. Vergiss aber nicht das Wasser.“
„Yeah“, antworte ich seinem Rücken, da er bereits auf dem Weg an die Seite seiner Verlobten ist. „Klar.“
Ich denk an die Kästen mit Wasserflaschen, die wir haben. Ich müsste nach oben gehen, um sie zu holen, die knarzige, vermaledeite Treppe hoch und in den staubigen kleinen Lagerraum, aber dann könnten sich die Leute das Wasser einfach mitnehmen. Ich laufe in das private Hinterzimmer, das zugleich als Büro fungiert, und dann die Treppe hoch.
Dort schnappe ich mir zwei Kästen Wasser und gehe wieder nach unten. Doch als ich dieses Mal das Büro betrete, bin ich nicht allein.
Jenna ist dort, gekleidet in ein weißes Seidenkleid und sie ist sternhagelvoll. „Heyyyyy, da bist du ja“, säuselt sie.
Ich ziehe meine Brauen hoch. „Du hast nach mir gesucht?“
„Ja“, sagt sie und kommt näher. Ich kann den Wein in ihrem Atem riechen, was schon was heißen will, da Wein eigentlich keinen sonderlich starken Geruch hat. Sie schwankt leicht. „Ich möchte, dass du mir mit meinem Kleid hilfst.“
„Okay, warte kurz“, sage ich und stelle das Wasser auf den Schreibtisch. „Willst du nicht lieber, dass Asher dir hilft?“
„Nein!“, schreit sie und wirbelt herum. Meine Güte, sie ist wirklich betrunken. Sie schiebt ihre blonden Haare über ihre Schulter. Ich betrachte ihren Rücken und kann sehen, dass das Kleid an ein paar Stellen entlang des Reißverschlusses aufgeplatzt ist. „So darf er mich nicht sehen!“
„Okay…“, sage ich und runzle die Stirn. „Ich weiß allerdings nicht, ob ich das in Ordnung bringen kann.“
Sie beginnt, den Reißverschluss des Kleides zu öffnen, wobei sie über ihre eigenen Füße stolpert. „Zieh es mir aus!“
„Warte nur eine Sekunde –“, setze ich an. Sie stolpert erneut und ist im Begriff, hinzufallen.
„Wa –“, beginnt sie zu kreischen.
Hass hin oder her, ich mache einen Schritt nach vorne und versuche, sie aufzufangen. Diese Reaktion ist einfach so tief in mir verwurzelt, wie eine Art Muskelgedächtnis. Ich packe sie und drehe sie um.
Jenna, betrunken wie sie ist, fängt zu lachen an, wobei sie mir ihren Weinatem ins Gesicht pustet. Ihr Lippenstift ist knallrot und an ihrer Oberlippe leicht verschmiert. „Du hast mich aufgefangen!“
„Yeah, alles klar –“, sage ich und versuche, sie dazu zu bringen, zu stehen. „Ernsthaft, Jenna…“
Ich sehe, dass ihre braunen Augen nach unten zu meinem Mund huschen. Eine halbe Sekunde, bevor sie mich küsst, realisiere ich, was sie gleich tun wird. Ihr Gesicht kommt meinem immer näher, ihre Augen sind halb geschlossen.
„Jenna, was zum Henker treibst du da?“, frage ich, aufrichtig verwirrt.
Es gelingt mir sie bei den Schultern zu packen und zurückzuschieben, aber das bringt sie nur dazu heftig zu lachen.
„Denkst du, ich habe nicht gesehen, wie du mich anschaust?“, sagt sie. „Ich weiß, dass du mich beobachtet hast. Das habt ihr alle.“
„Was? Ich –“
Sie packt meinen Schwanz durch meine Jeans, wodurch ich mich automatisch nach vorne krümme. „Lass mich verdammt nochmal los!“
Dann setzt sie zum Todesstoß an, während ich völlig aus dem Konzept bin. Sie küsst mich und stöhnt dabei obszön.
Was der perfekte Moment für Asher ist, um in den Raum zu laufen.
„Was zum Donnerwetter?“, sagt er entsetzt. „Jenna? Jameson? Was zum Teufel!“
Ich schaffe es, Jenna von mir zu stoßen und wische mir über den Mund. Ich drehe mich zu Asher. „Sie hat mich angefallen.“
Wumm! Ich sehe seinen Schlag fast nicht kommen. Er hat allerdings seine ganze Kraft hineingelegt. Asher hat fast meine Größe und ist muskulöser als ich. Sein Schlag trifft meine Unterlippe, was überraschender als alles andere ist.
Die Wucht lässt mich einige Schritte nach hinten taumeln. Ich bin schockiert. Ich spüre Blut aus meinem Mund tröpfeln. „Was zum Henker?“, frage ich und fasse mir an die Lippe.
„Du verdammtes Arschloch!“, brüllt er.
„Ich bin nicht derjenige, den du anschreien solltest, Alter!“ Ich deute auf Jenna, die angefangen hat, unkontrolliert zu lachen.
„Ihr seid beide solche Scheißkerle!“, verkündet sie. „Ihr könnt mich beide mal kreuzweise.“
Asher läuft tief rot an. Damit hat er nicht gerechnet, schätze ich. Er dreht sich um und stürmt aus dem Hinterzimmer.
Ich bin ihm direkt auf den Fersen. Er stößt einen Schrei aus, als er die Bar erreicht, und fegt ein Tablett mit Sektgläsern vom Tresen auf den Boden. Die ganze Party kommt zu einem abrupten Halt, auch wenn die Musik weiterläuft.
„Die Hochzeit ist abgesagt!“, schreit Asher und läuft schnurstracks zur Eingangstür.
„Asher –“, probiere ich, doch er stößt nur die Tür auf und verschwindet.
Ich hole Luft und mir wird bewusst, dass mich jede einzelne Person in der Bar anstarrt. Da sie niemand ist, der sich die Show stehlen lässt, taumelt Jenna aus dem Hinterzimmer und übergibt sich prompt auf alles in ihrer Nähe. Ihr Kleid ist im Rücken entzweigerissen und bedeckt geradeso das Nötigste, was sie nur noch erbärmlicher wirken lässt.
Laut ist sie auch noch. Ich schaue zu ihr zurück und fühle rein gar nichts. Keinen Hass, keine Wut… nur ein emotionales Vakuum.
Tja, wenigstens starren die ehemaligen Hochzeitsgäste nicht mehr mich an.
Mehrere Leute eilen zu Jenna und ich mache mehr als gerne Platz für sie. Forest kommt zu mir und sieht angepisst aus.
„Was zum Teufel?“, sagt er. „Meine Güte, du blutest.“
„Jenna ist ins Hinterzimmer gekommen und hat sich an mich rangeschmissen“, erkläre ich so laut, dass einige der Leute, die Jenna helfen, ihre Köpfe drehen und mich böse anschauen. „Asher ist natürlich im falschen Moment reingekommen.“
„Komm“, sagt Forest, der mich hinter der Bar hervorzieht. „Lass uns dein Gesicht waschen, Mann.“
Er schleift mich zum Bad mit der Absicht, mir das Blut vom Gesicht zu waschen. Als wir wieder rauskommen, hat sich die Bar geleert. Das ist eine Erleichterung.
Ich sitze an der Bar, während Forest loszieht, um seine Verlobte zu finden. Gunnar und Maia stapeln mit düsteren Gesichtern Sektgläser auf der Theke. Ich lege meinen Kopf auf die Bar, spüre die Kälte der Marmorplatte.
Ich habe nicht einmal etwas getan, aber ich habe das Gefühl, als hätte ich irgendwie Ashers Hochzeit ruiniert. Ich wette, Asher empfindet genauso.
Ich höre ein Klirren und hebe meinen Kopf, um Emma auf der anderen Seite der Bar vorzufinden, die eine Flasche Bulleit Bourbon neben meinen Kopf stellt. Sie hält zwei extragroße Brandygläser in einer Hand, während sie um die Bar läuft und neben mir Platz nimmt.
Ich bemühe mich, ihre Kurven nicht zu bemerken, aber es ist nicht zu leugnen, dass sie in diesem verflucht sexy Kleid stecken. Und ihre Augen sehen in diesem Moment auch wundervoll aus, wie zwei perfekte Smaragde.
Stopp, sage ich mir. Du benimmst dich wie ein gruseliger alter Mann.
„Ich habe so das Gefühl, dass du das hier brauchen kannst“, sagt sie und legt ihren Kopf zur Seite. Sie stellt die Brandygläser ab und öffnet den Bourbon, ehe sie sich ein wenig einschenkt und mir eine ganze Menge.
Ich schneide eine Grimasse. „Yeah, das tue ich wahrscheinlich.“
Ich nehme das Glas, das sie mir reicht, und stoße mit ihr an.
„Cheers“, sagt Emma. Wir nehmen beide gleichzeitig einen Schluck. Ich seufze, als sich das flüssige Feuer einen Weg meine Kehle hinabbrennt. Emma schluckt und verzieht das Gesicht.
„Widerlich“, stellt sie fest und erschaudert. „Wie kannst du das Zeug nur trinken?“
Ich nehme Augenkontakt mit ihr auf, während ich mein Glas nach hinten neige und es mit wenigen Schlucken leere. Sie grinst und schüttelt den Kopf.
„Ich nehme an, du wirst mir erzählen, was mit Jenna passiert ist?“, fragt sie.
Ich schaue zu ihr. Ich kann ihre Augen auf mir fühlen, die einmal abschätzend über meinen ganzen Körper schweifen. Was sieht sie? Einen Mann Mitte dreißig, der nichts anderes tut, als hinter einer Bar zu arbeiten und zu surfen? Den ältesten Sohn zweier Süchtiger, die ihre Kinder verlassen und mir mit vierzehn das Kommando überlassen haben?
Es gibt nichts Gutes, das sie sehen könnte, so viel steht fest.
Obgleich ich unglaublich gerne wissen würde, was sie gerade denkt, widerstehe ich. Stattdessen greife ich nach der Flasche Bourbon.
„Ich werde viel mehr hiervon brauchen. Dann werde ich es dir vielleicht erzählen.“ Ich kann mir den Blick, mit dem ich sie bedenke, den flirtenden, einfach nicht verkneifen. „Wenn du brav bist.“
Emmas Wangen röten sich auf hübsche Weise. Ich gieße mir mehr Whisky ein und ignoriere die Stimme in meinem Hinterkopf, die mir sagt, dass das eine schlechte Idee ist.
Ich halte mein Glas hoch. „Hoch die Tassen.“
2
Emma
Ich drehe mich in meinem Bett um und runzle die Stirn, als ich etwas Hartes und Spitzes berühre. Meine Augen öffnen sich einen Spaltbreit und ich sehe einen oberkörperfreien Jameson nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich bin anscheinend gegen seinen Ellbogen gestoßen.
Oh, Scheiße.
Mein Mund wird trocken, als ich ihn mustere. Seine zerzausten dunklen Haare, seine breite Stirn und stolze Nase. Seine Augen sind geschlossen, aber ich nehme mir die Zeit, seine dunklen Wimpern zu bewundern, die auf seinen Wangen ruhen. Und seine Wangenknochen… ich wusste nie, dass Männer Wangenknochen haben, die so… beneidenswert sind. Selbst mit Bartstoppeln bedeckt sind sie ein verflixter Traum.
Seit ich sie in Jamesons Gesicht bemerkt habe, war ich nicht mehr in der Lage, sie nicht zu bemerken. Ich schlucke hart. Er ist einfach so… groß. Und so…
Unf. Diesen Laut höre ich jedes Mal in meinem Kopf, wenn er eine schwere Schachtel aus dem Regal runterholt. Einfach nur… unf.
Ich schaue weiter nach unten zu seinen kräftigen Schultern, seinen unglaublichen Armen, seinen Brust- und Bauchmuskeln. Es ist wirklich schade, dass er die Decke um seine Mitte festgesteckt hat. Andererseits ist es das auch nicht, denn ich denke nicht, dass ich meine Hände momentan bei mir behalten könnte, wenn er völlig nackt daliegen würde.
Es fiel mir schon gestern Nacht schwer genug, als ich einen sehr betrunkenen Jameson zurück in mein Apartment brachte. Er hatte vor in der Bar zu schlafen, weil er nicht zurück in das Haus gehen wollte, das er sich mit Asher teilt.
Als die Heldin, die ich nun mal bin, bot ich ihm an, ihn mit in meine Wohnung zu nehmen… zum Schlafen. Und ich wurde mit dem seltenen Anblick eines betrunkenen Jameson belohnt, der alles raushängen ließ. Und damit meine ich, dass sich sein Glied stolz hoch zu seinem Bauch bog, während er sich auf mich konzentrierte.
Dann schwankte er auf mich zu. Ich blieb stehen, zur Salzsäule erstarrt, und fragte mich, ob all meine Teenagerträume Realität werden würden. Ich stand einfach nur da, blinzelte zu ihm hoch, den Mund leicht geöffnet. Er packte mich im Nacken und beugte sich zu mir hinab, sein Mund legte sich auf meinen.
Es gab keine Zeit zum Denken oder Protestieren. Seine Lippen waren heiß und feucht auf meinen. Ich öffnete meinen Mund für ihn und er nahm sich, was ich ihm anbot, glitt mit seiner Zunge über meine. Ich schloss meine Augen, schmeckte karamellisierten Zucker und Whisky in seinem Atem.
Er knurrte aus einer Art männlicher Befriedigung heraus und wegen dem Laut krümmten sich meine Zehen. Dann ließ er mich los.
„Fuck, ich bin betrunken“, brummelte er.
Und dann kippte er in mein Bett und schlief sofort ein.
All das passierte direkt vor mir wegen dem, wer ich bin. Ich bin Emma Alderisi, Ashers kleine Schwester und das Goldkind meiner reichen Eltern. Meine Mutter und Vater hatten hervorragende Arbeit geleistet, mich dazu zu erziehen, unmögliche Standards für Männer und die Welt im Allgemeinen zu haben, sodass ich mit vierundzwanzig noch immer Jungfrau bin.
Mein Blick schweift zu Jameson und ich beiße mir auf die Lippe. Er weiß davon natürlich nichts. Genauso wie er nicht weiß, dass ich, seit ich fünfzehn war, einen Plan habe.
Den Plan, dass Jameson mein Erster sein wird.
Unglücklicherweise weiß Jameson, trotz all meiner Flirtversuche, praktisch nicht, dass ich überhaupt existiere. Für ihn bin ich einfach nur Ashers unschuldige kleine Schwester.
Wenn er nur ansatzweise von dem wüsste, was in meinem Kopf vor sich geht…
Ja, ich weiß, dass Jameson so schwarz ist, wie ich weiß bin. Ich weiß, dass er die High School nie beendet hat. Ich weiß, dass er bis vor ein paar Jahren hinter einer Bar gearbeitet und gesurft hat und auf nichts anderes als das aus war.
Ich weiß, dass er fast ein Jahrzehnt älter ist als ich. Das weiß ich wirklich, wirklich.
Aber diese Fakten ändern nicht, wie ich für ihn empfinde. Wenn überhaupt lassen sie den verworrenen Knoten an Emotionen, den ich jedes Mal spüre, wenn Jameson auch nur in meine Richtung blickt, größer werden.
Mir gegenüber regt sich Jameson. Er ächzt und sein ganzes Gesicht zieht sich schmerzlich zusammen, ehe er auch nur seine umwerfenden braun-schwarzen Augen öffnet.
„Ffffffffuckkkkk“, flüstert er.
Dann öffnet er seine Augen. Er braucht eine Sekunde, um mich anzuschauen, doch als er es tut, weiten sich seine dunklen Augen. „Heilige Scheiße. Was zum Henker machst du in meinem Bett?“
Ich unterdrücke ein Grinsen. „Sieh dich um. Das ist eindeutig mein Bett.“
Er sieht sich um und flucht erneut.
„Was zur Hölle mache ich hier?“ Dann scheint sich seine Panik zu verdoppeln. „Oh Gott, wir haben nicht –“
Er spät unter die Decke, in die er gewickelt ist, und erbleicht. Darüber muss ich einfach kichern.
„Nein, wir haben nichts gemacht.“ Ich verdrehe die Augen. „Erstens warst du viel zu betrunken dafür. Und damit meine ich… richtig, richtig betrunken. Und zweitens würdest du dich daran erinnern, wenn wir Sex gehabt hätten.“
Der letzten Aussage füge ich ein kleines Grinsen hinzu. Die Erleichterung, die über sein Gesicht huscht, ist irgendwie witzig. Und auch irgendwie schmerzhaft, aber hauptsächlich lustig. Jameson stöhnt einfach nur und zieht sich das Kissen übers Gesicht.
„Ich bin vielleicht noch immer betrunken“, brummelt er, gedämpft von dem Kissen. „Meine Fresse, wenn Ash wüsste, dass ich gerade hier bin, würde er mich umbringen. Und wenn er dächte, ich hätte dich tatsächlich gevögelt? Er würde die Bar niederbrennen und dann unser Haus und dann würde er mich ermorden.“
Ich seufze. „Ja, ja. Ich kapier’s. Ich werde Asher nicht verraten, wo du übernachtet hast. Du sahst nur so aus, als bräuchtest du einen Ort zum Schlafen, der nicht das Cure war.“
Jameson zieht das Kissen von seinem Gesicht und blinzelt in das helle Sonnenlicht, das durch mein Schlafzimmerfenster scheint. „Das wäre nicht das erste Mal und es wird auch nicht das letzte Mal sein.“
„Hmm“, mache ich nichtssagend. „Nun, ich muss zur Jurabücherei. Ich kann dich hier liegen lassen, damit du weiterschlafen kannst…“
„Ne, ne“, wehrt er ab und stemmt sich mühsam nach oben. „Ich muss in die Gänge kommen. Ansonsten werde ich für immer in deinem Bett liegen bleiben. Das willst du nicht.“
Ich möchte sagen, Versprochen?, aber ich tue es nicht.
„Da du wach bist, wie wäre es mit Kaffee?“, frage ich. Ich muss mich sehr anstrengen, nicht meine Zunge zu verschlucken, als er aufsteht und mir einen langen Blick auf seinen muskulösen Hintern gewährt.
Bis zu genau diesem Moment hätte ich nie gedacht, dass ich mir überhaupt etwas aus Hintern mache. Es ist eine Offenbarung. Ich kann die leichte Bräunungslinie ausmachen, die er bekommt, weil er seinen Neoprenanzug häufig nur zur Hälfte anhat.
Nur allzu bald findet er seine Jeans und zieht sie über seine langen Beine. Keine Unterwäsche. Das ist ein anderer Fakt, den ich nicht so schnell vergessen werde.
Natürlich trägt er keine Unterwäsche. Wie unglaublich Jameson von ihm.
„Kaffee wäre super“, gähnt er und dreht sich um. „Hast du mein Shirt gesehen?“
Ich deute zur Lampe, wo sein Shirt gestern Nacht gelandet ist, als er sich ausgezogen hat. Er wendet sich ab, um es zu holen.
Ich stehe auf, da mir bewusst wird, dass ich vermutlich mehr als das übergroße T-Shirt und winzigen Schlafshorts, die ich anhabe, anziehen sollte. Zum Glück fragt Jameson als Nächstes nach dem Badezimmer.
„Den Flur runter auf der rechten Seite“, sage ich. Ich lasse einen leisen erleichterten Seufzer entweichen. Ich möchte Jameson verführen, aber ich will mich nicht einfach nackt vor ihm ausziehen. Das wäre merkwürdig.
Ich schlüpfe schnell in einen frischen BH und Slip und ein hellblaues Blümchenkleid. Als Jameson zurückkommt, binde ich meine Haare gerade zu einem unordentlichen seitlichen Zopf und schlüpfe in ein Paar Heels.
„Kaffee?“, fragt er und spät in den Raum.
„Geh in die Küche“, erwidere ich und scheuche ihn dorthin. „Nach links.“
Ich schnappe mir meine schwere Tasche mit den Büchern sowie mein Handy und folge ihm anschließend in die Küche. Die Küche ist winzig, die ganzen Gerätschaften haben nur die halbe Größe. Jameson sieht in meiner Miniaturküche urkomisch aus, wie ein Riese, der sich verirrt hat.
„Setz dich“, befehle ich und deute auf den einsamen Stuhl. Ich lasse meine Tasche von der Schulter gleiten und sie trifft mit einem dumpfen Rumms auf den Boden.
„Meine Fresse, was hast du da drin?“, will er wissen, während er Platz nimmt.
„Runen, Beschwörungsformeln. Du weißt schon, alles, das ich brauche, um meinen Hexenzirkel am Laufen zu halten“, antworte ich. Er lächelt für den Bruchteil einer Sekunde darüber, bevor er eine finstere Miene aufsetzt. Ich setze das Wasser auf und hole die French Press aus dem hohen Küchenschrank runter.
Nach meinem Morgen voller Lust und Nervosität fühlt sich das Ritual des Kaffeemachens beruhigend an. Ich messe die Bohnen ab und mahle sie, dann schütte ich sie mit dem heißen Wasser in die French Press.
Meine Mitbewohnerin Evie kommt in die Küche und bleibt abrupt stehen, als sie Jameson entdeckt. Evie ist ein umwerfendes Treuhandfondsmädel mit milchkaffeefarbener Haut, das manchmal Schichten im Cure übernimmt. Sie trägt nach wie vor das petrolfarbene Cocktailkleid, in dem ich sie gestern Abend gesehen habe und ihre Haare sind ein einziges Chaos.
„Uhhh…“, sagt sie und schaut von Jameson zu mir.
„Hey Evie“, begrüße ich sie beiläufig. Ich ignoriere einfach die Tatsache, dass es etwas merkwürdig ist, dass Jameson hier ist… und die Tatsache, dass Evie eindeutig die ganze Nacht fort war. „Ich mache Jameson gerade einen Kaffee. Willst du auch welchen?“
Ich fülle eine Tasse und reiche sie Jameson. Der Duft ist wundervoll und füllt den winzigen Raum, in dem wir uns befinden. Evie scheint etwas länger zu brauchen, um meine Worte zu verarbeiten. Sie schüttelt den Kopf, während ihr Blick nach wie vor von mir zu Jameson huscht.
„Ne“, sagt sie und rümpft leicht die Nase. „Ich ähm… werde ins Bett gehen.“
„Okay“, erwidere ich und werfe ihr einen leicht besorgten Blick zu. „Ist bei dir alles in Ordnung?“
Evie läuft knallrot an. „Ja. Nur… ich rede später mit dir. Und Jameson, dich sehe ich später diese Woche.“
„Klar“, murmelt er, völlig in seine Kaffeetasse versunken. Es gelingt ihm fast die ganze Tasse in einem Zug auszutrinken, obwohl ich ihm noch keine Milch oder Zucker angeboten habe.
Evie schlüpft aus der Küche. Ich schenke mir selbst eine Tasse Kaffee ein. Gerade als ich den Duft dankbar einatme, erhebt sich Jameson und stellt seine Tasse ins Waschbecken.
„Ich sollte gehen“, sagt er. „Danke für… du weißt schon.“
„Ich halte mich für deine Retterin“, erwidere ich neckend. „Ohne mich, würdest du jetzt mit aaaallen möglichen körperlichen Schmerzen aufwachen.“
Einer von Jamesons Mundwinkeln hebt sich. „Wenn du doch nur etwas wegen Asher unternehmen könntest.“
„Das ist zu viel verlangt, sogar von mir.“ Ich scherze, aber nur teilweise.
Er schüttelte den Kopf und blickt zu Boden. Grüblerisch, wie immer. Er sieht so verdammt gut aus, dass es wirklich anstrengend ist, ihn zu beobachten.
„Ich sehe dich dann später“, verabschiedet er sich. Und dann ist er fort und findet selbst den Weg aus meinem Apartment.
Ich nippe an meinem Kaffee, der ein wenig in meinem Mund brennt. Der bittere Geschmack veranlasst mich dazu, das Gesicht zu verziehen, und ich stelle meinen Kaffee auf die Arbeitsplatte. Ich ziehe gerade eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank, als Evie zurückkommt.
Sie hat ihr petrolfarbenes Kleid ausgezogen, aber ihre Haare sehen immer noch wie ein Vogelnest aus. Ich werfe ihr einen Blick zu.
„Hast du deine Meinung wegen des Kaffees geändert?“, frage ich.
„Nope“, antwortet sie kopfschüttelnd. „Ich hab ihn gehen gehört. Jetzt will ich die Details! Was zur Hölle ist passiert?“
Ich war vielleicht ein paar Mal, seit wir zusammen wohnen, betrunken und habe ihr meine Liebe für Jameson gestanden.
„Mit Jameson?“, frage ich. Ich seufze dramatisch. „Nichts. Er war betrunken. Er konnte nicht nach Hause gehen. Ich habe ihn davor bewahrt, eine Nacht auf einer der Bänke in der Bar zu schlafen, das ist alles.“
Sie zieht ihre Brauen hoch, ein Bild purer Ungläubigkeit. An der Miene koketter Skepsis erkenne ich, dass sie in eine reiche Familie geboren wurde. Meine Mutter und ihre Freundinnen haben dieses Gesicht früher die ganze Zeit gemacht.
„Das ist alles?“, hakt Evie nach.
„Das ist alles“, bestätige ich. Ich halte meine rechte Hand hoch, wobei ich zwei Finger nach oben halte. „Pfadfinderehrenwort.“
„Mmmhmm.“ Sie sieht alles andere als überzeugt aus. Evie öffnet den Kühlschrank und zieht eine Packung Babykarotten heraus.
„Soll ich überhaupt fragen, wo du warst?“
Sie errötet. „Ich? Ich war eigentlich nirgendwo.“
„Das ist aber nicht das, was mir deine Sex-Haare im Moment erzählen“, erwidere ich und deute auf die Haare, die sie erfolglos nach oben zu stecken versucht hat.
Evie knabbert an einer Karotte. „Ich verweigere die Aussage. Wie auch immer, ich muss pennen. Ich brauche unbedingt Schlaf.“
„Mmhmmm“, sage ich zu ihrem Rücken. Sie winkt mit ihrer Karotte durch die Luft, während sie aus der Küche verschwindet.
Ich schaue auf meinem Handy nach der Uhrzeit und trinke dann eilig meinen Kaffee. Ich muss bald zu einer Verfassungsrecht-Lerngruppe.
Ich eile zur Jurabücherei zehn Blöcke von meiner Wohnung entfernt, aber muss feststellen, dass es mir unmöglich ist, mich zu konzentrieren. Ich gebe, ehrlich gesagt, dem Stoff die Schuld dafür.
Warum soll ich lernen, was John Locke über das Gesetz gesagt hat, wenn ich mich doch auf viel spannendere Dinge konzentrieren könnte? Wie beispielsweise Jamesons nackte Vorderseite gestern Abend in meinem Schlafzimmer.
Ich mag zwar nicht gerade viel über Penisse wissen, aber seiner war… definitiv faszinierend, um es mal vorsichtig auszudrücken. Lang und dick, aber auch zart rosa.
Wie mit dem Mann selbst würde ich nicht einmal wissen, was ich damit tun sollte, sollte ich ihn jemals in die Finger kriegen. Das hält mich aber nicht davon ab, Tagträumen darüber nachzuhängen, nicht wahr?
Der Tag vergeht auf diese Weise recht schnell und ehe ich mich versehe, ist es schon Nachmittag. Als ich schließlich mit dem nicht-richtigen-Lernen in der Jurabücherei fertig bin, packe ich meine Bücher wieder ein und gehe zum Cure.
Ich komme dort an, als Jameson gerade die Türen aufschließt. Er sieht so umwerfend aus wie eh und je in seinem dunkelblauen Shirt mit V-Ausschnitt, einem Paar dunkler Jeans und seinen schwarzen Converse. Er hat auch einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken, was mich innehalten lässt. Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals mit einem gesehen habe, seit wir Kinder waren.
Obwohl ich ihn buchstäblich erst vor Stunden gesehen habe, sabbere ich ein bisschen und mein Puls schnellt in die Höhe. Er dreht sich um und entdeckt mich, als er mit der Schulter die Tür aufstößt.
„Hey“, grüßt er. Ich erschaudere und laufe rot an, als ich seine Augen auf meiner Brust, meinen nackten Beinen spüre. „Lange nicht gesehen.“
„Ha“, sage ich. Ich wünschte, mir würde noch etwas anderes einfallen, aber das tut es nicht.
Zu meiner Überraschung hält er mir die Tür auf. Ich trete hinein in die dunkle Bar und an ihm vorbei.
„Hilfst du mir bitte, die Jalousien hochzuziehen?“
Jameson ist jetzt ganz geschäftig, sein Kopf stellt offenbar gerade eine Liste an Dingen zusammen, die erledigt werden müssen. Ich bin per se keine Eigentümerin, aber als Ashers Schwester bekomme ich Getränke und Essen im Austausch für gelegentliche Hilfe umsonst.
Ich stelle meine schwere Tasche auf die Bar und mache mich dann daran, die Jalousien hochzuziehen und das Nachmittagslicht hereinzulassen. Jameson verschwindet nach hinten, vermutlich um Geld zu zählen oder so was. Als ich fertig bin, gehe ich zu dem iPad, das sie als Kasse benutzen, und lasse Sade über die Stereoanlage spielen.
Als die aufreizende Musik durch die Bar zu schweben beginnt, lasse ich mich vor der Bar auf einen Hocker sinken. Jamesons Rucksack liegt genau dort und ist leicht geöffnet. Auf meine Lippe beißend schaue ich hoch und vergewissere mich, dass er nicht gleich zurückkommt.
Dann hake ich einen Finger in den aufstehenden Reißverschluss und werfe einen Blick hinein. Oben auf allem liegt ein Buch. Das letzte Buch, das ich jemals in Jamesons Rucksack zu finden erwartet hätte, um ehrlich zu sein.
Es ist ein GED-Mathebuch. Ich schiebe es mit einem Finger zur Seite und entdeckte, dass er auch Bücher über Naturwissenschaften und Gemeinschaftskunde mit sich herumschleppt.
Ich weiß, dass Jameson die Schule jung abgebrochen hat. Als seine Oma starb, ist er in der neunten Klasse abgegangen, um Arbeiten zu gehen und sich um seine jüngeren Brüder zu kümmern. Mir war nicht bewusst, dass es ihn stört, keinen Abschluss zu haben, oder dass er für den GED lernt, dem Diplom für die allgemeine Hochschulreife.
„Hey, hast du –“
Ich schaue auf, erschrocken und schuldbewusst, als Jameson aus dem Hinterzimmer kommt. Ich reiße meine Hand zurück, aber es ist zu spät, um jetzt plötzlich einen auf heimlich zu machen. Er sieht, was ich mir anschaue, und wird leicht rot.
Oh mein Gott, das könnte sehr gut das erste Mal sein, dass ich ihn erröten sehe. Ich wusste bis jetzt nicht einmal, dass es überhaupt etwas gibt, das ihm peinlich ist. Er ist immer so selbstsicher und selbstbewusst.
Manchmal sogar geradezu arrogant. Herauszufinden, dass meine Wahrnehmung von ihm verzerrt ist… ist ein Schock.
„Sorry!“, platzt es aus mir heraus. „Ich bin nur… unglaublich neugierig.“
Er läuft zur Bar und greift sich seinen Rucksack. „Es ist nichts. Nur etwas, worüber ich nachdenke.“
„Es ist nicht nichts“, widerspreche ich.
Ich weiß sofort, dass ich das Falsche gesagt habe, denn seine Miene verschließt sich.
„Nicht jeder hat eine reiche Familie, die einem das Jurastudium finanzieren kann“, knurrt Jameson, der zurück ins Hinterzimmer läuft.
„Oh, Jameson –“, sage ich, doch er verschwindet aus meinem Blickfeld. Ich springe auf meine Füße und eile um die Bar. Als ich das Büro betrete, finde ich ihn, wie er das Geld in der Kasse zählt.
Ich warte, bis er fertig ist, und lehne mich an die Wand. Er wirft mir immer wieder Blicke zu, ist sich meiner Anwesenheit bewusst, aber unterbricht nicht, was er gerade macht.
Als er auch den letzten Geldschein gezählt hat, hole ich tief Luft.
„Das kam falsch raus“, erkläre ich. „Was ich meinte, war, dass ich denke, dass du den GED machen solltest, wenn du daran interessiert bist.“
„Danke für deine Erlaubnis“, sagt er emotionslos. Aber immerhin knurrt er mich nicht mehr an. Er schiebt sich an mir vorbei, geht wieder nach vorne zur Bar und ich folge ihm.
„Mir war nur nie klar, dass du Interesse daran hast. Ehrlich, wegen dem Surfen und deiner Arbeit hier hatte ich irgendwie angenommen, dass du das hinter dir gelassen hast.“
Jameson antwortet nicht. Ich mache mir Sorgen, dass ich mir ein immer tieferes Grab schaufle. Was kann ich sagen, was das hier besser macht? Er beginnt, Obst aus den Kühltruhen zu holen, Zitronen und Limetten und Orangen.
„Hey“, sage ich, greife nach Strohhalmen. „Wie viel weißt du über Algebra?“
Er blickt zu mir hoch, während er sich ein Schneidebrett greift. „Nicht gerade viel, wie du dir vorstellen kannst.“
„Aber ich wette, du weißt so ziemlich alles übers Surfen, stimmt’s?“
Irgendwo hinter der Bar kramt er ein Messer hervor und fängt an, die Zitronen und Limetten in Scheiben und Spalten zu schneiden. „Ich denke schon.“
„Wie wäre es dann mit einem Handel? Ich bereite dich auf den GED vor, denn ich habe eine Wagenladung Zusatzwissen. Und du bringst mir das Surfen bei, denn ich habe nie auch nur ein Board angefasst.“
Er hält inne, sein Messer schwebt in der Luft. „Nie?“
„Nicht ein einziges Mal. Mutter meinte, das schickt sich nicht.“ Ich rolle mit den Augen.
„Ich weiß nicht“, sagt er stirnrunzelnd. Er macht sich wieder daran, Zitronen und Limetten zu schneiden. „Ich glaube nicht, dass das Asher gefallen würde.“
„Komm schon. Asher redet doch nicht einmal mehr mit dir!“ Ich verschränke die Arme. „Und ich meine es ernst! Ich möchte lernen, wie man surft.“
Und vielleicht möchte ich auch etwas mehr Zeit mit dir verbringen, in weniger Klamotten, denke ich.
Er schüttelt nur minimal den Kopf. „Unh uh.“
„Was ist der Winkel einer Geraden?“, frage ich. „Wie lautet die Quadratformel? Oder der Satz des Pythagoras?“
Seine Ohrenspitzen färben sich rot. „Ich weiß es nicht.“
„Deswegen ist mein Vorschlag perfekt!“, verkünde ich. „Im Ernst, du könntest wahrscheinlich in einem Monat bereit sein. Und ich könnte das Vitamin D gebrauchen, das ich am Strand bekommen würde. Das hebt die Stimmung. Es wird für uns beide gut sein!“
Ich halte den Atem an, warte. Jameson zögert.
„Dein Bruder darf nichts davon wissen“, sagt er. „Er hält mich bereits für einen Versager. Selbst als ich noch nicht seine Hochzeit ruiniert habe, wofür er mir definitiv die Schuld gibt.“
Ich kann mein Grinsen nicht unterdrücken. „Ja! Du wirst das nicht bereuen. Ich verspreche es.“
Als hätten wir ihn heraufbeschworen, zieht Asher in diesem Moment die Tür auf. Er macht nicht dieses Ich-habe-gerade-in-eine-Zitrone-gebissen Gesicht, das ich von ihm erwartet habe, aber er sieht auch nicht glücklich aus.
Um ehrlich zu sein, bin ich schockiert, ihn so bald schon wieder zu sehen. Ich hatte angenommen, dass er sich eine Woche lang einigeln und seine Wunden lecken würde.
„Was?“, schnauzt er mich an. „Such dir einen anderen Ort zum Lernen. Es ist Samstag. Wir werden heute Abend viel zu tun haben.“
Er stürmt an Jameson vorbei, mit dem er nicht einmal Blickkontakt herstellt. Ich schaue zu Jameson, aber er nickt nur sanft.
„Er hat recht“, sagt Jameson.
Ich verdrehe die Augen, dann halte ich mein Handy hoch. Ich forme mit dem Mund die Worte, ich schreibe dir.
Er wirft einen Blick zum hinteren Teil des Ladens, wohin Asher verschwunden ist. Er sagt nichts weiter, weshalb ich meine Tasche schnappe und zur Tür laufe.
Ich gehe den Block hinunter zum Strand, wobei ich mir die Hand über die Augen halte, um sie vor der Helligkeit der Nachmittagssonne zu schützen. Der Ozean ist dort, die Wellen rollen an den Strand. Ich werde Jameson unterrichten. Und er wird mich unterrichten.
Hoffentlich, wenn es nach mir geht, wird er mir viel mehr beibringen, als wie man eine Welle reitet. Vor mich hinlächelnd schlendere ich den Strand hinab.
3
Jameson
Am nächsten Arbeitstag bin ich erleichtert, dass ich nicht für eine Schicht mit Asher eingeteilt bin. Stattdessen sind es Gunnar und ich, die den Laden aufmachen, und Alice und Maia, die etwas später kommen.
Ich bereite meine Bar schweigend vor, während ich darüber nachdenke, wie beschissen der gestrige Abend war. Es war die Hölle los und Asher tat so, als würde ich nicht existieren. Zu sagen, dass der gestrige Abend hart war, wäre eine Untertreibung.
Ich wünschte, ich könnte jetzt toben und mich darüber auslassen, wie verkorkst alles ist, und dass ich nichts davon habe kommen sehen. Doch das Problem ist, dass ich es mir irgendwie gedacht habe.
Ich liebe Asher. Ich liebe ihn, schlicht und ergreifend. Er ist mir genauso ein Bruder wie Forest oder Gunnar. Ich würde mit ihm durch die Hölle gehen, sollte das nötig sein. Als wir uns auf seiner Verlobungsfeier betranken und er sagte, er hätte einen Plan für das Cure, habe ich ihn unterstützt, obwohl ich keinen blassen Schimmer hatte, wovon er redete.
Das Problem ist seine Verlobte. Oder Ex-Verlobte, schätze ich mal. Jenna war immer wahnsinnig eifersüchtig auf Ashers Zeit. Sie hatte gegen jedes bisschen Zeit, das er im Cure verbringen musste, etwas einzuwenden, rastet mindestens einmal in der Woche aus.
Dann ist da noch die Tatsache, dass sie jeden wie Dreck behandelt. Nur ist das noch nicht einmal der schlimme Teil. Wie sie über die Zukunft spricht, ist das, was mich vor allem dazu bringt, sie zu hassen.
Sie ist sich immer so sicher, dass Asher der Bar irgendwann überdrüssig werden wird, dass er irgendwann Erwachsen werden wird und plötzlich ihre Freunde mehr mag als uns. Ihre Meinung zu diesem Thema hat sie mehrere Male klar und deutlich verkündet.
Deswegen war ich gestern so von den Socken, als sie sich an mich rangemacht und versucht hat, meinen Schwanz zu packen und mich zu küssen. Es schien einfach aus heiterem Himmel zu kommen, aber vielleicht ist das auch nur irgendein reiche Leute Scheiß, den ich nicht verstehe.
Der Teil, bei dem es zu meinem Problem wurde, ist der Teil, bei dem ich beschloss, Asher damit zu konfrontieren. Doch anstatt sich anzuhören, was ich sagte, und es sich zumindest durch den Kopf gehen zu lassen, flippte er völlig aus. Dann schlug er um sich.
Die Lage ist nun schon seit gut zwei Monaten angespannt, aber ich hatte nichts Derartiges erwartet wie das, was vorgestern Abend passiert ist. Asher, der zufällig in diese Situation platzt, und annimmt, dass ich etwas Falsches getan habe…
Es war ziemlich brutal.
Als die Kunden in den Laden zu strömen beginnen, kümmere ich mich darum, die Cocktailbestellungen der Tische zu mixen, da ich keine Lust habe, herumzustehen und mit den Gästen zu plaudern. An Tagen wie heute mache ich diese Arbeit sehr gerne, denn dadurch habe ich so gut wie keine Zeit zum Nachdenken.
Maia und Alice bringen die Bestellungen vorbei und ich muss die Getränke zubereiten. Den Großteil der Cocktailrezepte kann ich auswendig. Es ist beinahe wie am Fließband, verschiedene Varianten der gleichen sechs oder sieben Drinks.
Ich mache das fast vier Stunden lang, wobei ich die Zeit zwischen den Bestellungen nutze, um die Geschirrspülmaschine unter der Theke laufen zu lassen und den Alkohol in den Regalen aufzufüllen.
Erst als Gunnar hinter mich tritt und mir auf beide Schultern klopft, halte ich inne, um mich umzusehen. Die Bar ist ruhig, was für einen Sonntagabend ziemlich normal ist.
„Du kannst gehen“, meint er. „Ich werde auch gleich eines der Mädels nach Hause schicken. Ich weiß, der Laden war gestern Abend proppenvoll. Du hast wahrscheinlich nicht viel Schlaf bekommen, hm?“
„Mir geht’s gut.“ Doch selbst als ich das sage, verspüre ich den starken Wunsch zu gehen. „Eigentlich… yeah. Ich möchte heute früher von hier verschwinden.“
„Ich wusste es“, sagt Gunnar. „Ich bin Hellseher.“
„Bist du dir sicher, dass du klarkommst?“, frage ich, während ich mir über den Hinterkopf reibe.
„Yeah“, bestätigt Gunnar fröhlich. „Ich habe alles unter Kontrolle.“
Ich klopfe ihm auf die Schulter und laufe zum Hinterzimmer. Ich tausche meine Barkeeperschürze gegen meinen Hoodie aus, schnappe mir meinen Rucksack und gehe dann zur Eingangstür.
Inzwischen ist es offiziell dunkel. Ich laufe zum Strand, der nur einen Block entfernt liegt. Auch wenn ich nicht viel vom Ozean sehen kann, bewirken die salzhaltige Luft und das Geräusch der Wellen wahre Wunder. Ich mache einen tiefen, beruhigenden Atemzug.
Auf einem kleinen Pfad laufe ich zum Strand hinab, während ich meinen Gedanken nachhänge. Ich spüre mein Handy in meiner Tasche vibrieren. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass ich es spüre.
Ich ziehe es heraus und bemerke, dass ich einige SMS von Emma verpasst habe.
Hey! Was machst du gerade?
Willst du lernen?
Schlüpfe gleich in meinen Pyjama, wenn du mir nicht zurückschreibst…
Die letzte Nachricht ist erst eine Minute alt. Ich sehe ein Bild von ihr in ihrem Pyjama vor meinem inneren Auge, das mir von Anfang dieser Woche ins Gedächtnis gebrannt ist.
Ich weiß, ich darf meine Gedanken nicht in diese Richtung wandern lassen, aber ich komme einfach nicht dagegen an. Ich lächle leicht vor mich hin, während ich ihr texte.
Ich bin hier. Komme gerade von der Arbeit. Es ist noch nicht zu spät zum Lernen, oder?
Einige Sekunden später erhalte ich meine Antwort.
Nö. Willst du herkommen?
Das möchte ich wirklich, wirklich gerne tun. Aber ich schreibe nur zurück: Okay. Bin in 5 Minuten da.
Ich laufe zu ihrem Haus, das nur eine Handvoll Blocks vom Strand entfernt liegt. Es ist ein winzig kleines Haus, das in Babyblau gestrichen ist, und kaum genug Platz für zwei Schlafzimmer bietet. Kein nennenswerter Garten, nur Sand umgeben von einem weißen Lattenzaun.
Als ich mich dem Haus nähere, sitzt Emma auf der Veranda und liest in einem riesigen Buch. Ihre dunklen Haare sind wie eine Krone um ihren Kopf geflochten und ihre langen Beine sehen in ihren kleinen, kurzen Shorts hübsch gebräunt aus. Sie hat ein zu großes pinkes Shirt an, aber keine Schuhe, und sie hat es sich auf einem großen grauen Papasansessel gemütlich gemacht.
Das ist wirklich eine fürchterliche Idee, sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Nur ein Blick auf sie und ich fühle mich bereits verdammt schuldig. Aber ich schiebe die Stimme beiseite und trete durch das quietschende Tor des weißen Lattenzauns.
Emma schaut auf und lächelt, ihre blauen Augen blicken mich warm an.
„Hey“, begrüßt sie mich.
„Unterbreche ich etwas?“, frage ich und nicke zu ihrem Buch.
Sie klappt es zu und schüttelt den Kopf. „Ganz und gar nicht. Ich habe ohnehin nach irgendeinem Grund gesucht, kein Grundstücksrecht mehr lernen zu müssen.“
„Mmm“, mache ich. Ich schaue auf den leeren Stuhl neben ihr, auf dem sich einige weitere Bücher stapeln. „Kann ich mich setzen?“
„Jepp.“ Sie zieht alles von dem Stuhl und stapelt die Bücher ordentlich auf dem Boden. „Mach es dir bequem. Möchtest du etwas trinken?“
Ich setze mich und bin mir meiner selbst plötzlich ziemlich bewusst. Bei dem Stuhl handelt es sich um einen einfachen Holzstuhl und er ist zu klein für meinen großen Körper. Ich nehme meinen Rucksack von meiner Schulter und stelle ihn auf den Boden. „Oh… ne.“
„Ich habe Wein“, sagt sie mit nachdenklicher Miene. „Ein paar Flaschen, die Asher vorbeigebracht hat. Pinot noirs, glaube ich.“
„Nein danke. Ich bin immer noch damit beschäftigt, das Komasaufen vom Freitagabend vollständig hinter mir zu lassen“, erwidere ich und schneide eine Grimasse. „Du kannst aber gerne etwas trinken, wenn du möchtest.“
Sie winkt mit der Hand ab. „Nicht nötig. Hast du deine Bücher mitgebracht?“
„Jepp.“ Ich ziehe den Reißverschluss meines Rucksacks auf und die Naturwissenschafts- und Mathevorbereitungsbücher für den GED heraus. „Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll.“
„Hast du einen Lernplan? Dass du an bestimmten Tagen in der Woche bestimmte Fächer lernst? Oder…“
Mein verlorener Gesichtsausdruck reicht, um ihren Wortschwall zu stoppen. Ich schüttle den Kopf. Diesbezüglich bin ich völlig ahnungslos. Das ist kein angenehmes Gefühl.
„Okay“, sagt sie. „Das ist keine große Sache. Ich denke allerdings, es wäre das Beste, wenn wir ein Lernsystem aufstellen.“
Ich neige meinen Kopf. „Wenn du das meinst.“
Emma lächelt mich an. „Das meine ich. Lass mal sehen… wie viele Tage stehen dir zum Lernen zur Verfügung und für wie lange?“
Sie streckte ihre Hand aus und nimmt mir das Mathebuch ab. Dabei streift ihre Hand meine. Ich schlucke und bemühe mich, mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich kein Middle School Schüler mehr bin und dass das hier keine Seifenoper ist. Hier läuft kein scharf-auf-den-Tutor Ding.
Ich rutsche auf meinem Stuhl herum und zwinge meinen Körper dazu, den Wünschen meines Gehirns zu gehorchen.
„Vermutlich zwei Abende pro Woche, ein oder zwei Stunden?“, antworte ich.
Sie sieht von meinem Buch auf und beißt sich auf die Lippe. „Gibt es irgendeine Möglichkeit, dass du drei Tage schaffst? Und zwei Stunden machst? Das wäre wirklich ideal.“
Ich zögere, dann schüttle ich den Kopf. „Ich glaube nicht. Zumindest in Bezug auf die Anzahl der Tage. Ich muss das Cure schmeißen und ich muss mindestens ein paar Mal pro Woche surfen gehen. Ansonsten springe ich wirklich schnell jemandem an die Gurgel.“
Sie sieht leicht verblüfft aus, aber zuckt nur mit den Achseln.
„Okay. Dann dauert es wahrscheinlich… eineinhalb oder zwei Monate“, meint sie, wobei sie durch das Buch blättert. „Ich hoffe, du kannst eine Menge Stoff in dein Gehirn stopfen.“
„Nun, es hilft, dass die Prüfungen in Fächer unterteilt sind. Den Englisch- und Gemeinschaftskundeteil habe ich bereits gemacht.“
Emmas Gesicht hellt sich auf. „Wirklich? Das hast du gemacht?“
Ich nicke.
„Ich kann nicht fassen, dass du das niemandem erzählt hast!“, sagt sie und boxt mich leicht auf den Arm. Sie kräuselt die Nase. „Meine Güte, es ist, als würde ich auf einen Stein oder so was schlagen.“
Darüber lache ich. „Soll ich meine Muskeln für dich spielen lassen?“
Sie grinst. „Vielleicht später. Wo bist du gerade bei diesem Buch?“
Ich zucke mit den Schultern und fühle mich wieder unwohler. „Mmh, ungefähr ein Viertel hab ich durch. Aber um ehrlich zu sein, bin ich mir bei gar nichts davon sicher.“
Sie schürzt die Lippen, denkt nach.
„In Ordnung. Lass uns damit anfangen, den ersten Übungstest in dem Buch zu machen. Dann kann ich sehen, wo du stehst und von dort können wir weitermachen.“
„Okay.“ Ich rücke etwas näher zu ihr, um in das Buch zu schauen.
Sie lächelt mich an und klemmt eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Als sie wieder nach unten auf das Mathebuch in ihrem Schoß blickt, bemerke ich die schlanke Säule ihres blassen Halses, der hier und dort mit winzigen Sommersprossen gesprenkelt ist.
Sie blättert durch das Buch und entdeckt den ersten Test. „Das hätten wir. Bist du bereit?“
Ich nicke. Emma stellt mir die ersten paar Fragen. Sie sind recht einfach und die mathematischen Aufgaben sind leicht zu lösen. Dann muss ich für die nächsten Fragen einen Notizblock und Stift herausholen.
„Es sieht so aus, als hättest du das meiste von diesen Sachen drauf, kein Problem“, stellt sie fest, als ich den Test beendet habe.
„Yeah. Es ist eher… die Formel, von der du gestern geredet hast. Oder das Ding, das einem sagt, wann man multiplizieren und subtrahieren muss… wie nennt man das nochmal?“
„Die Operatorrangfolge?“ Sie winkt mit der Hand ab. „Solche Dinge sind relativ einfach. Da kommt es wirklich nur darauf an, die Sachen auswendig zu lernen. Ich kann dir bis zum nächsten Mal, wenn wir uns treffen, einige Lernkärtchen machen.“
„Klingt gut“, sage ich mit einem weiteren Achselzucken. „Jetzt das Naturwissenschaftszeug… das ist eine andere Sache. Da kommt man nicht so leicht dahinter wie bei Mathe. Mathe ist irgendwie… konkreter, schätze ich.“
Sie runzelt die Stirn. „Versuchst du etwa, mir zu sagen, dass du kein Astrophysiker werden wirst?“
„Nicht in naher Zukunft.“ Ich schaue nach unten und registriere, dass ich aus reiner nervöser Unruhe meine Fäuste balle und öffne. Emma ist so verdammt gebildet und ich kapiere kaum das Mathe für Dummies Zeug, mit dem sie mir zu helfen versucht.
Ich habe so verdammt wenig Ahnung, dass es schon nicht mal mehr lustig ist. Zum Glück bemerkt sie nicht, dass ich mich so unwohl fühle… oder zumindest sagt sie nichts.
„In Ordnung, dann lass mich mal einen Blick in dein Naturwissenschaftsbuch werfen.“ Sie streckt die Hand aus und ich lasse das schwere Buch hineinfallen. „Meine Güte. Anscheinend muss man eine Menge Naturwissenschaften können, um den High School Abschluss zu machen.“
Ich nicke schweigend und sie blättert durch das Buch. „Oh, das ist super. Es sieht so aus, als hättest du hier mehr Spielraum. Du kannst vermutlich jede zweite Frage erraten, indem du einfach gründlich liest und logisch denkst. Das ist wahrscheinlich ein Kinderspiel für dich.“
Ich zucke mit den Schultern. „Wenn du es sagst. Ich habe von dem Naturwissenschaftszeug noch nicht wirklich viel gelernt, weil es so unmöglich aussieht.“
Emma schaut zu mir hoch, ihre Stirn legt sich in Falten. „Jameson, du bist einer der klügsten Menschen, die ich kenne. Ernsthaft, deswegen hat es mich auch so umgehauen, dass du den GED überhaupt machen willst. Wenn du bereit bist, wird dieser Test ein Zuckerschlecken für dich.“
Ich spüre, dass meine Ohren leicht warm werden. Dass ich von jemandem, der zehn Jahre jünger ist als ich, zu etwas motiviert werde, dass so poplig ist…. ist ein ziemlicher Egokiller. „Ich werde beim ersten Mal definitiv durchfallen, mit Pauken und Trompeten.“
„Auf keinen Fall“, protestiert sie und schüttelt den Kopf. „Deswegen lernen wir doch überhaupt zusammen. Wenn wir fertig sind, wirst du die Tests mit Bestnote bestehen. Aller guten Dinge sind eins.“
Ich verdrehe die Augen. „Du scheinst dir ja ziemlich sicher wegen des Ergebnisses zu sein.“
Sie wirkt nachdenklich. „Du brauchst eine Motivation. Etwas Großes, wenn du die Prüfung abgelegt hast. Eine Belohnung für deine Mühen.“
„Was zum Beispiel?“, hake ich nach und werfe ihr einen skeptischen Blick zu.
„Hmm. Ich weiß nicht. Ich werde darüber nachdenken müssen. Hast du dieses Jahr irgendwelche größeren Anschaffungen geplant?“
„Nicht wirklich. Ich habe mehrere Surfbretter. Ich habe ein Auto. Ich habe mein Motorrad. Ich habe die Bar. Die einzigen Dinge, die ich möchte, habe ich alle schon.“ Und das stimmt auch größtenteils. Ich habe fast alles, das ich will.
Nun, mit Ausnahme einer Freundin, aber das ist kompliziert. Ich habe vor ein paar Monaten mit meiner letzten Freundin Schluss gemacht. Und wegen dem GED und der Arbeit im Cure habe ich seitdem nicht einmal mehr ans Daten gedacht.
Nicht, dass ich irgendetwas davon Emma anvertrauen würde. Ich räuspere mich und rutsche leicht auf dem Stuhl herum, um einen zusätzlichen Zentimeter Raum zwischen uns zu schaffen.
„Tja, denk darüber nach. Das hier war eher eine Informations-Sammel-Session. Das wird mir helfen einen Angriffsplan zu erstellen.“
„Nur… leg die Messlatte nicht zu hoch.“ Ich reibe mir über den Nacken. „Denk dran, ich werde vermutlich durchfallen. Ich bin nicht ohne Grund von der neunten Klasse abgegangen.“
Emma sieht sofort zornig aus.
„Ja, du bist abgegangen, um dafür zu sorgen, dass Forest und Gunnar einen Ort zum Wohnen hatten. Ich –“ Sie stoppt sich, dann legt sie ihre Hand auf mein Knie. Sie fühlt sich durch meine Jeans warm an. „Ich hoffe, dir ist klar, dass es dich nicht zu einem dummen Menschen macht, dass du früh von der Schule abgegangen bist.“
Ich werde zappelig, weil ich sie diese Dinge sagen höre, und stehe auf. Ich weiß, dass es unhöflich ist, aber so ist es besser. „Yeah, alles klar. Sind wir für heute Abend fertig?“
Falls sie von meiner Reaktion überrascht ist, so kann ich es nicht erkennen.
„Ja. Natürlich.“ Sie stapelt meine Bücher aufeinander und reicht sie mir. Ich nehme sie, hole meinen Rucksack und stopfe sie hinein. „Hey, wann bringst du mir das Surfen bei?“
Ich zucke mit den Achseln. „Wann immer du willst. Morgen nicht, aber vielleicht… am Tag darauf?“
Ihr sonniges Lächeln kehrt zurück. „Das fände ich toll!“
„Ich schreibe dir.“ Ich schultere meinen Rucksack, bereit zum Gehen. Ich halte inne. „Und Emma? Danke.“
Sie errötet. „Keine Ursache. Nächstes Mal, wenn wir uns zum Lernen treffen, werde ich besser vorbereitet sein. Ich denke, ich werde eine Packung Lernkärtchen besorgen.“
Fuck, sie nimmt diesen Scheiß wirklich ernst. Das Ganze wird vermutlich nicht so enden, wie sie denkt, dass es enden wird.
Ich neige nur den Kopf und laufe von der Veranda und durch ihren sandigen Vorgarten. Ich werfe noch einen letzten Blick nach hinten und sehe, dass sie mich beobachtet. Ihre strahlend blauen Augen sehen alles.
Das war keine gute Idee, denke ich, während ich nach Hause gehe.
4
Emma
Ich werfe zum ungefähr fünftausendsten Mal einen Blick auf mein Handy, obwohl ich nicht damit rechne, dass irgendetwas Neues auf dem Bildschirm aufleuchten wird. Alles Aufregende ist bereits passiert. Ich erhielt die lang ersehnte SMS von Jameson, in der er die Details dieses Nachmittags mit mir vereinbarte.
Surfstunden heute?
Absolut! Wo und wann?
Dann entstand eine Pause, in der nur diese drei Punkte sichtbar waren, die darauf hinwiesen, dass er am Schreiben war. Ich hasse diese verflixten Punkte. Dann antwortete er mir endlich.
Treffen bei Joe’s Surf? Sagen wir gegen 14Uhr?
Definitiv!, schrieb ich sofort zurück.
Das war zur Mittagszeit. Jetzt ist es ein Uhr fünfzehn und ich quetsche mich in meinen allerwinzigsten Bikini. Ich schaue in meinem chaotischen Schlafzimmer in den Spiegel und betrachte das hellrosa Triangel-Oberteil auf meiner sonnengebräunten Haut.
Ich drehe mich um und werfe einen unentschlossenen Blick auf meinen Po. Ich blicke zu dem Haufen der anderen Schwimmsachen, die ich besitze, und sauge meine Unterlippe zwischen die Zähne. Ich trage zwar den kleinsten Bikini, aber er ist irgendwie ziemlich unpraktisch für alles andere als Sonnenbaden. Eine unerwartete Welle und das Oberteil wird nichts weiter als eine Erinnerung sein.
Ich seufze tief, gerade als Evie an der offenen Tür zu meinem Schlafzimmer klopft. Sie ist angezogen, als würde sie gleich zur Arbeit gehen, in einem kleinen schwarzen Kleid und Heels. Ihre milchkaffeefarbene Haut leuchtet förmlich und ihre dunklen Haare sind halblang und fallen in natürlichen Wellen. Sie sieht aus wie ein Jackpot, was gut ist, da ihr Kleid und Schuhe, so wie ich Evie kenne, vermutlich so viel wie ihr Auto gekostet haben.
Sie betrachtet mich von Kopf bis Fuß. „Wen möchtest du verführen? Ist es Jameson?“
Ich verziehe das Gesicht. „Ist es so offensichtlich?“
„Ja. Ich meine, wenn dieses Bikinioberteil nur noch etwas kleiner wäre, würde es zu existieren aufhören.“ Sie wirkt leicht amüsiert. „Er ist aber wirklich wahnsinnig heiß.“
Ich lasse mich auf mein Bett fallen. „Ich weiß. Aber Asher hat mich zu einem Tabu für ihn erklärt, aus welchem Grund auch immer. Ich meine… wen interessiert das schon?“
Evie rümpft die Nase. „Stehst du wirklich auf Jameson? Ich dachte, du würdest ihn nur heiß finden.“
„Das tue ich“, versichere ich ihr. „Ich hätte nur gerne die Option, mit Jameson zu schlafen, wenn es das ist, was ich tun möchte.“
„Dann trag eben einen etwas normaleren Bikini für das Treffen mit ihm am Strand“, rät Evie. Anschließend runzelt sie die Stirn und hält sich eine Hand vor den Mund. „Mann, ich muss irgendetwas gegessen haben, mit dem mein Magen nicht einverstanden ist.“
„Geht’s dir gut?“, frage ich und setze mich auf.
„Ja. Mir ist nur schlecht. Jedenfalls muss ich jetzt los. Ich muss mein Auto in die Werkstatt bringen.“ Sie lächelt mich an. „Viel Glück mit der Verführung, denke ich?“
Ich stoße geräuschvoll Luft aus und nicke. „Danke. Bis später.“
Sie nickt, in Gedanken offensichtlich schon ganz woanders. Ich wühle mich durch den Haufen Bikinis und entscheide mich letztendlich für einen weißen Bikini mit einem Hauch mehr Stoff. Dann schlüpfe ich in ein Paar vorteilhafter Jeansshorts und ein schwarzes Trägertop.
Nach einer Minute des Abwägens beschließe ich, Converse anzuziehen. Ich schnappe mir einen grau gestreiften Strandbeutel, in dem sich mein Geldbeutel, Handy und Sonnenbrille befinden, und laufe aus der Tür. Jameson wartet vor dem schäbig aussehenden Laden. Er lehnt neben der Eingangstür in seinen dunklen Jeans und einem schwarzen T-Shirt.
Als er mich sieht, wirkt er leicht verärgert. Oh, oh… was habe ich angestellt?
„Ich dachte, du würdest mich versetzen“, sagt er flach und verschränkt die Arme.
„Es ist erst… 14:10Uhr“, sage ich, nachdem ich auf mein Handy geschaut habe. „Du hast gesagt, wir würden uns gegen zwei treffen.“
Er blickt finster auf mich hinab, während ich in das helle Sonnenlicht blinzle. „Ich mag Leute, die pünktlich sind.“
„Jetzt hab dich nicht so“, sage ich und verdrehe die Augen.
„Weißt du, vielleicht war das hier eine schlechte Idee.“ Er stößt sich von dem Gebäude ab und läuft Richtung Parkplatz. Er scheint es ziemlich ernst zu meinen.
„Warte!“, rufe ich und stürze nach vorne, um seinen Arm mit meinen Händen zu erwischen. Sein Arm fühlt sich in meinem Griff so muskulös an, dass ich fast zudrücke, um mich zu vergewissern, dass ich nicht verrückt bin. Die Berührung lässt ihn schlagartig innehalten. Er blickt mir direkt in die Augen, sein Blick fixiert mich an Ort und Stelle. „Es… es tut mir leid, okay?“
Ein langer Moment dehnt sich zwischen uns aus, bis Js Miene allmählich weicher wird.
„Sei ab jetzt einfach pünktlich“, grummelt er.
„Ja. Definitiv.“
Er schüttelt leicht den Kopf und atmet laut aus. Dann tritt er vorsichtig aus meinem Griff und räuspert sich. „Lass uns reingehen.“
Er stößt die Eingangstür auf, die leicht klingelt, als ich hindurchlaufe. Innen ist der Laden überraschend modern mit viel glattem Beton, poliertem Zedernholz und einigen Chromkleiderständern. An der hinteren Wand lehnen eine ganze Reihe fertige Bretter und drei halbfertige Surfbretter. Dort ist auch eine Frau, die verbissen eines der Bretter abschmirgelt.
Das Lied, das leise im Hintergrund läuft, endet und die Frau steht auf und zieht sich eine Atemschutzmaske aus Papier vom Gesicht. Sie ist wirklich hübsch, blond und dünn und trägt abgeschnittene Shorts und ein gelbes Crop-Top. Sie betrachtet Jameson allerdings, als wäre er Dreck unter ihrem Schuh.
„Jameson.“ Sie verschränkt die Arme. Ich würde darauf tippen, dass sie ihren Zeh in Js Pool getaucht hat und das Ergebnis nicht mochte.
„Maria“, grüßt er sie und zieht den Kopf ein. „Ist eine Weile her.“
Sie bedenkt ihn mit einem bösen Blick und wendet sich dann an mich. „Wenn du darüber nachdenkst, ihn zu daten, dann tu dir selbst einen Gefallen. Kauf dir einen netten Vibrator und spar dir eine Menge Zeit.“
Meine Wangen werden rot. „Oh, wir sind nicht –“
„Das ist nicht, was –“, versucht er, zu erklären.
Ich schaue zu Jameson und er schaut zu mir.
„Egal“, sagt Maria. „Was willst du?“
„Wir wollen uns nur umsehen“, erklärt Jameson. „Sie stand noch nie auf einem Board.“
Maria könnte ihre Augen nicht dramatischer verdrehen, würde sie es versuchen. Ihre Worte sind missmutig und sarkastisch. „Klasse. Dann habt ihr sicher nichts dagegen, oder?“
Sie zieht sich die Atemschutzmaske wieder über Mund und Nase, kehrt uns den Rücken zu und macht sich wieder ans Schmirgeln.
„Eieiei“, sage ich mit leiser Stimme. „Was hast du ihr angetan?“
Er rollt bloß mit den Augen. „Komm mit. Schau dir ihre Boards an.“
Er geht zu dem Stapel fertiggestellter Surfbretter, die aneinander lehnen. Er berührt sachte das erste Board und hebt es fast schon ehrfürchtig hoch. Es ist minzgrün und einige Zentimeter größer als Jameson.
„Also es gibt eine Million unterschiedliche Surfbretter“, erklärt er, während er das Brett umdreht. „Es gibt Longboards und Shortboards. Die obere Seite, auf der du stehst, ist das Deck. Die Unterseite ist gewöhnlich konkav und hat einen so genannten Fin.“
Er dreht das Board abermals um und zeigt mir den Fin unten am Brett.
„Mmh okay“, sage ich und kneife die Augen zusammen.
„Die meisten Bretter haben Leinen und eine kleine Manschette, die diese an deinem Bein befestigt.“ Er dreht das Brett nochmal um und zeigt sie mir. „Die Nase des Bretts kann abgerundet oder geneigt sein, je nach dem.“
„Woraus ist es gemacht?“, frage ich.
„Normalerweise Polyurethan. Hier, in diesem Stapel gibt es einige unterschiedliche Flossen und Nasen Setups. Hier ist dieses… und das hier…“
Er zeigt mir einige Beispiele.
„Die sehen alle so ziemlich gleich aus“, stelle ich mit einem Achselzucken fest.
„Ich erzähle dir das nur, damit du die Information hast. Du von allen, die ich kenne, solltest den Wert dessen zu schätzen wissen.“ Er schaut beinahe oberlehrerhaft auf mich hinab, weshalb ich mir ein Lächeln verkneifen muss.
„Sicher“, stimme ich zu. Ich sauge meine Unterlippe zwischen die Zähne und bemühe mich, ihn nicht anzuschauen, als wollte ich ihm am liebsten in die Arme springen.
Was ich in diesem Moment wirklich, wirklich tun möchte.
„Okay. Lass uns die anderen Sachen anschauen, die sie hier haben.“ Er stellt das Board ab. „Hier, schau dir mal diese Neoprenanzüge an.“
Jameson deutet auf einen Ständer mit Neoprenanzügen in praktisch jeder Form und Größe. Ich schlendere zu ihm und befühle die gummiartige Textur mit zwei Fingern.
„Du wirst vermutlich einen Neoprenanzug wollen. Es ist eine persönliche Entscheidung, aber der Ozean ist arschkalt.“ Er hält einen hoch, der ungefähr meine Größe hat. „Du solltest vielleicht den hier anprobieren.“
Ich schnappe ihn mir. „Es ist ein Neoprenanzug. Wie schlecht kann der Schnitt schon sitzen?“
Er zuckt mit den Achseln. „Ziemlich schlecht.“
Ich verdrehe die Augen. „Ja, klar. Ich probiere ihn in einer Minute an. „Was noch?“
„Nun, dann möchtest du wahrscheinlich noch etwas Surfwachs… und etwas Sonnenschutz…“
Ich folge Jameson durch den Laden und bemühe mich, nicht auf die Größe seiner Hände und Füße zu achten oder seinen Hintern abzuchecken. Ich fühle mich, als wäre ich ein Kerl; wenn ich in seiner Nähe bin, denke ich ständig nur an Sex.
Aber nur bei ihm. Kein anderer Mann hat meinen Kopf jemals dermaßen verdreht, wie er das tut. Ich seufze leise, während er mich durch den Laden führt.
Wird er mich jemals bemerken? Werde ich für immer Jungfrau bleiben?
Ich passe nicht groß auf, während die Tour durch den Laden weitergeht, und laufe direkt in ihn rein. Mein Gesicht fällt nach vorne zu seinem und er streckt die Hand aus, um mir dabei zu helfen, die Balance zu wahren. Wir sind uns eine Sekunde richtig nah, unsere Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt.
„Oh, sorry!“, sage ich und erröte leicht. Meine Haare hängen wirr um mein Gesicht, ein ewiges Ärgernis.
Er stützt mich und betrachtet mich eine Sekunde. Er hebt seine Hand und streicht mir eine verirrte Haarsträhne aus den Augen. „Du riechst gut. Nach… Zitrone, glaube ich.“
Er mag, wie ich rieche. Mir stockt der Atem und ich schaue hinab auf seinen Mund. Wird er mich küssen?
Doch nein. Er realisiert nur allzu bald, dass er mir für seinen Geschmack viel zu nah ist, und tritt eiligst zurück.
„Richtig“, sagt er. „Wie auch immer, ich dachte, du könntest dir nächste Woche eines meiner Boards ausleihen…“
„Nächste Woche?“, echoe ich.
Er wirft mir einen Blick zu. „Yeah, ich habe gerade erst gesagt, dass wir nächste Woche zum Strand raus gehen sollten, um deine Fähigkeiten zu testen. Ich werde Sonnenschutz und das Wachs und die Boards mitbringen, du muss nur einen Neoprenanzug mitbringen.“
Er blickt bedeutungsvoll auf den Anzug in meinen Armen.
„Stimmt! Ja. Ich schätze, dann sollte ich diesen Neoprenanzug mal anprobieren.“
Jameson blickt auf seine Uhr. „Es ist erst 14:40Uhr… wenn ich mich beeile, kann ich noch ein paar Wellen reiten, bevor ich die Nachtschicht im Cure antreten muss. Du hast doch nichts dagegen, oder?“
Ich sacke leicht zusammen. Ich nehme an, es hat keine Rolle gespielt, welche Farbe mein Bikini heute hatte, denn er wird gehen, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben.
„Äh, ne, kein Problem“, sage ich.
„In Ordnung. Ich seh dich zweifellos bald wieder.“
Für eine Sekunde entsteht ein eigenartiger Moment, in dem er mich anstarrt. Vielleicht versucht er zu entscheiden, ob er mich umarmen soll oder nicht. Dann scheint er sich selbst einen Ruck zu geben.
„Bis später.“ Er dreht sich um und marschiert aus dem Laden, in dem er mich allein zurücklässt.
Ich gebe einen frustrierten Laut von mir und laufe nach hinten, um die Frau, die hier arbeitet, zu fragen, wo ich den Anzug anprobieren kann.
5
Jameson
1999
„Wohin gehen wir, Jameson?“, fragt Gunnar, der zu mir hochblinzelt. Er sieht in seinem riesigen grünen Hoodie und zu großer Jeans ziemlich schäbig aus. Beides sind abgelegte Kleider von Asher.
„Wir gehen zu Ashers Haus“, erinnere ich ihn. Meine Stimme bricht beim letzten Wort und Gunnar kichert. „Er meinte, wir sollen vor der Schule vorbeischauen.“
Er ist erst elf und mit meinen sechzehn Jahren fühle ich mich neben ihm wie ein Riese. Ich schaue hinter mich, während wir die 8th Ave entlanglaufen, um zu überprüfen, ob Forest nach wie vor hinter mir trottet. Er ist dreizehn und hat sich so gut wie man nur kann von der Welt abgeschottet; er hat seine Kopfhörer aufgesetzt und die Musik auf volle Lautstärke gedreht.
Ich verstehe, in welchem mentalen Zustand sich Forest befindet. Normalerweise würde ein Kind mit dreizehn Jahren gegen ein Elternteil oder eine andere Autoritätsperson rebellieren. Doch Forests Eltern sind tot oder fort, mit Ausnahme von mir. Ich habe zwei Vollzeitjobs, bei denen ich nur den Mindestlohn verdiene.
Ich habe schlicht und ergreifend nicht die Zeit oder Energie, um mich mit Forests Scheiß auseinanderzusetzen.
Also hat sich Forest aus der Welt zurückgezogen und zieht es vor, Musik zu hören oder in sein Journal zu schreiben. Ich wünschte, ich hätte diesen Luxus, aber das ist nicht meine Realität. Gunnar zupft an meiner Hand.
„Können wir heute Abend wieder Tacos von dem Tacostand holen?“, fragt er.
„Vielleicht“, antworte ich stirnrunzelnd. Ich rechne ganz schnell nach… die Miete unseres Studioapartments, die wöchentlich bezahlt wird, ist in ein paar Tagen fällig. Ich kann nicht die Miete bezahlen, Lebensmittel für diese Woche kaufen und es mir dann noch leisten, in der billigsten Taqueria Essen zu gehen. Ich schneide eine Grimasse. „Vielleicht werden wir einfach nochmal Ravioli aus der Dose essen.“
Gunnar zuckt nicht mal mit der Wimper. „Okay.“
Ich danke Gott, dass Gunnar kein mäkliger Esser ist. Dankbar dafür unterdrücke ich ein Gähnen. Ich verbrauche eine meiner wertvollen Stunden an Schlaf, um hierherzukommen, weil Asher mir etwas Gutes versprochen hat. Darüber hinaus weiß ich nicht, warum zum Teufel ich hier bin. Ich gähne.
„Hey, du hast diese Formulare abgegeben, die ich dir für die neue Schule mitgegeben habe, oder?“
Gunnar kräuselt die Nase. „Yeah. Die Frau hat eine Menge Fragen gestellt, aber ich glaube, sie hat es geschluckt.“
Ich drehe mich um, um zu Forest zu schauen, und bedeute ihm, seine Kopfhörer abzunehmen. Er verdreht die Augen, aber nimmt sie ab.
„Was?“, fragt er.
„Gunnar sagt, die Frau, mit der du in deiner neuen Schule geredet hast, hatte eine Menge Fragen.“
Forest verdreht abermals die Augen. „Ich meine, sie hat alle möglichen Dinge gefragt. Aber ich habe mich an den Plan gehalten und hab sie ihren Teil denken lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie hält uns für illegale Immigranten oder so was.“
„Hat sonst irgendjemand Fragen gestellt?“ Ich fühle mich paranoid, aber das ist der dritte Schulbezirk, den sie in eben so vielen Jahren besuchen. Jedes Mal, wenn wir zu viel Aufmerksamkeit erregen, wird das Jugendamt gerufen. Und ehe wir uns versehen, brechen Forest und ich mitten in der Nacht ein und holen Gunnar aus dem Haus einer neuen Pflegefamilie.
Auf keinen Fall werde ich das nochmal zulassen, wenn ich es verhindern kann.
„Wenn du mit irgendjemandem länger als ein paar Sekunden redest, möchte ich davon erfahren.“
Er nickt nur und setzt seine Kopfhörer wieder auf. Ich gebe ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Ich meine es ernst.“
„Yeah, alles klar“, entgegnet er. Dann dreht der die Musik absichtlich so laut, dass ich sie hören kann und sperrt mich aus.
Ich schüttle leicht den Kopf und beeile mich, Gunnar einzuholen.
„Alles okay?“, erkundige ich mich.
Er wirft mir einen verwirrten Blick zu, als wolle er sagen, warum nicht alles okay sein sollte? Ich zerzause ihm die Haare etwas.
Wir biegen nach rechts ab und die Nachbarschaft verändert sich schlagartig. Sie wird wohlhabender mit gigantischen Häusern auf fantastischen Grundstücken. Die Gehwege sind hier viel ebener und überall stehen eine Menge Palmen. Ich weiß nicht, wie es den reichen Leuten so nah am Ozean überhaupt gelingt, einen Garten am Leben zu halten.
Zwei Frauen in Laufoutfits joggen an uns vorbei und bedenken uns mit einem bösen Blick. Sie fragen sich zweifelsohne, warum drei Kinder aus offensichtlich armen Verhältnissen hier herumlaufen.
„Dieses Viertel ist dämlich“, murre ich „Hier, lasst uns die Straße überqueren. Ashers Familie wohnt beim nächsten Block.“
Besitzt den nächsten Block, ist näher an der Wahrheit dran. Ein hoher Zaun ragt vor uns in den Himmel und blockiert meine Sicht. Das Einzige, das ich sehen kann, sind Palmen. Wir laufen an der Einfahrt vorbei, wo uns das Tor einen Blick auf das Haus erlaubt. Es ist definitiv ein richtig schickes Teil aus hellen Steinen, das sich dramatisch in alle Richtungen ausdehnt.
Wir laufen, entsprechend Ashers Anweisungen, weiter. Der Zaun wird wieder höher und ich gehe daran entlang. Irgendwann erreichen wir die Ecke des Zauns, wo zwischen dem Zaun und einer Ansammlung Palmen eine Art Nische ist.
Dort in dieser Nische sitzt Asher, der aussieht, als würde er sich sauwohl fühlen. Er sieht von einem Buch auf, das er gerade gelesen hat. „Hey.“
„Hey“, sage ich.
„Hey!“, schreit Gunnar. Dann blickt er finster drein. „Du hast nicht gesagt, dass Asher hier sein würde.“
Ich sehe ihn von der Seite an. „Yeah, das habe ich definitiv erzählt. Egal, Asher… was ist die große Überraschung?“
Asher grinst und fährt sich mit einer Hand durch seine kurzen blonden Haare. Er steht auf und führt mich dann einige Schritte von meinen Brüdern weg.
„Du wirst das lieben.“ Er wühlt in seiner Tasche und kramt einen Schlüssel hervor. „Ich habe einen Ort, wo ihr Jungs einige Monate wohnen könnt. Es ist viel hübscher als die meisten Plätze, in denen ihr in letzter Zeit gewohnt habt.“
Ich bin sofort misstrauisch. „Wo ist es?“
„Es ist direkt ums Eck, in meinem Gästehaus. Mein Vater ist die nächsten drei Monate nicht in der Stadt und ich glaube nicht, dass meine Mom auch nur einen Fuß in das Gästehaus gesetzt hat, seit ich ein Kind war. Lange Rede kurzer Sinn, ich hab sie gefragt, ob ich meine Bandsachen dort aufbauen kann und sie hat Ja gesagt.“ Er sieht extrem zufrieden mit sich aus.
Ich bin mir sicher, dass ich ihn falsch verstanden habe. Das Leben hat es bisher nicht gerade gut mit mir gemeint.
„Ich… was?“, frage ich.
Asher streckt die Hand aus und klopft mir auf die Schulter. „Alter, ich sage dir, dass ihr einen Platz zum Wohnen habt. Allermindestens, bis mein Vater zurückkommt. Es ist ein Palast im Vergleich zu der Bude, in der ihr im Moment wohnt.“
Eine Sekunde blinzle ich ihn nur an. Ich rechne damit, dass er zu lachen anfangen wird und sagt, dass das alles nur irgendein Witz ist, auch wenn Asher eigentlich nicht so ist. Ich starre ihn nieder, bis es ihm unangenehm wird.
„Willst du dir den Bungalow anschauen oder nicht?“, fragt er.
„Bist du dir sicher, dass du das ernst meinst?“ Wenn er das tut, würde das bedeuten, dass ich das Geld für die Miete diesen Monat für Essen und Schulzubehör ausgeben könnte. Zum Teufel, wenn eine kleine Weile manche Ausgaben wegfallen, könnte ich sogar genug für ein echtes Apartment ansparen. Meine Augen beginnen zu brennen.
„Todernst. Komm schon“, sagt Asher, der sich zu der Nische zwischen dem Zaun den Palmen dreht. „Es gibt eine Abkürzung, die genau hier durchführt.“
Ich blicke zu Gunnar und Forest und bedeute ihnen, dass sie mir folgen sollen. Ich bemühe mich, mein Lächeln nicht zu zeigen, aber ich kann spüren, wie es sich auf meinem Gesicht ausbreitet.
Wir haben gerade einen Ort gefunden, wo wir eine Weile bleiben können.
6
Jameson
Heute
Ich bin tief in Gedanken versunken, während ich die Böden des Cure wische und die Zeit reflektiere, die wir in Ashers Gästehaus verbracht haben. Wir konnten die Geschichte fast eineinhalb Jahr laufen lassen, indem wir uns vorsichtig rein und rausschlichen und den Alderisis aus dem Weg gingen.
Als uns Mr. Alderisi irgendwann erwischte und rauswarf, hatte ich eine recht ansehnliche Summe angespart. Ich war in der Lage, die Anzahlung für einen Bungalow mit einem Schlafzimmer zu bezahlen. Ich hätte es niemals geschafft, arbeiten zu gehen und auf meine Brüder aufzupassen und dann noch etwas Geld übrig zu haben… nicht ohne Asher.
Und das ist auch der Grund dafür, warum ich mich immer wieder daran erinnern muss, dass Asher, bis zu der ganzen Sache mit Jenna, ein bemerkenswerter Freund war. Ich bin nicht vielen Dingen oder Menschen gegenüber loyal, aber Asher…
Asher ist gut, bis ins Knochenmark. Deswegen kann ich es auch nicht ertragen, ihn mit jemandem zu sehen, der ihn nur ausnutzt. Und deswegen kann ich ihn auch nicht verraten, kann nicht hinter seinem Rücken mit Emma rummachen.
Niemals.
Ganz gleich, wie sehr ich versucht bin, es zu tun. Ganz gleich, wie meine Gefühle aussehen.
Ganz gleich, wie fantastisch sie gestern in diesen irrsinnig kurzen Shorts aussah. Jedes Mal, wenn sie nicht schaute, ließ ich meinen Blick über sie wandern…
Aber das ist alles, bläue ich mir ein.
Das ist auch der Grund, warum ich nichts unversucht gelassen habe, um mich für das Missverständnis der letzten Woche zu entschuldigen. Ich habe zu Hause auf ihn gewartet, aber er war die ganze Woche nicht dort. Ich habe versucht hier in der Bar mit ihm zu reden, aber er hat mich einfach abblitzen lassen.
Ich verstehe ja, dass er Zeit braucht, um zu schmollen und seine Wunden zu lecken, aber er wird mir irgendwann vergeben müssen… vor allem da ich tatsächlich nichts Falsches gemacht habe.
Ich werfe einen Blick auf meine Uhr und verstärke meine Bemühungen, die Böden zu reinigen, damit ich fertig bin, bis Alice und Gunnar herkommen, um ihre Schichten zu beginnen. Ich beende das Wischen und laufe anschließend zum Bad, um den Mopp zu verstauen. Ich höre die Tür bimmeln und nehme an, dass einer der anderen Mitarbeiter gekommen ist.
Als ich jedoch aus dem Bad trete, blickt Emma von der Bar zu mir hoch. Sie hat einen Stapel Bücher bei sich und ein Notizbuch.
Sie sieht auch verflucht heiß aus, in ihrem schwarzen Minirock und einem dunkelblau gestreiften Tanktop. Ich bemerke, dass sie Lippenstift aufgetragen hat, was normalerweise nichts ist, das ich auch nur wahrnehme.
Was zum Teufel stimmt nur nicht mit mir?
„Hey“, sagt sie und lächelt leicht. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Laden hier auch ein guter Ort zum Lernen ist. Du hast doch nichts dagegen, dass ich hier bin, oder?“
Ich verdränge sämtliche Gefühle, die in mir hochkochen, und zucke mit den Achseln. „Ne, stört mich nicht.“
Ihr Lächeln verblasst langsam. „Okay.“
Ich laufe hinter die Bar, wo ich Zitronen, Limetten und Orangen schneide. Beim Arbeiten werfe ich immer wieder kurze Blicke auf Emma. Ich kann schauen, ich kann nur nichts anfassen. Oder auch nur darüber fantasieren, sie anzufassen.
Ihre dunklen Haare sind zu einem unordentlichen Dutt zusammengefasst. Während sie nach unten auf ihr Buch schaut, knabbert sie am Ende des Stifts und eine kleine Falte formt sich auf ihrer Stirn. Hin und wieder zieht sie den Stift zwischen ihren Lippen hervor und macht sich zu irgendetwas eine Notiz.
„Möchtest du etwas zu trinken?“, erkundige ich mich, weil ich mich wie ein gruseliger alter Mann fühle.
Sie schürzt die Lippen. „Vielleicht nur ein Wasser? Wenn ich fertig bin, werde ich mit einem Drink feiern.“
Ich hole ihr eine Flasche Wasser. Ich bemühe mich, sie nicht anzustarren, während sie die Hälfte davon auf einmal trinkt, wobei sich ihre Kehle leicht bewegt.
Ich versuche, nicht hinzuschauen, das versuche ich wirklich. Als Gunnar und Alice kommen, sorge ich dafür, dass ich stets beschäftigt bin. Ich arbeite an der Bar, bereite Getränke für die Tische zu und überlasse es Gunnar seine Gäste an der Bar zu umschmeicheln.
Während es an der Bar immer geschäftiger zugeht, falle ich in den Rhythmus des Cocktailmixens und Bierflaschenöffnens. Hinter der Bar kann ich in einen ziemlich Zen-artigen Zustand geraten, wobei ich mit niemandem rede. Ich bin einfach nur an meinem Ende der Bar, meinem Platz, den ich so eingerichtet habe, wie ich es mag.
Die Drinks sind für einen ziemlich automatisierten Mix-Prozess ausgerichtet. Zuerst schütte ich den Alkohol in den Shaker. Dann den Fruchtsaft oder Likör. Daraufhin füge ich dem Ganzen Eis hinzu und schüttle oder rühre den Drink um. Schließlich gieße ich ihn in ein Glas, ergänze für gewöhnlich noch etwas Eis… und beende mein Werk mit einer Garnierung.
Die Musik ist laut, irgendein BritPop Remix Album, das Alice aufgelegt hat. Ich bewege meinen Kopf zum Beat der Songs und verfalle in meinen eigenen Rhythmus. Gelegentlich nippe ich an einem Bier, das ich in einem Kübel Eis aufbewahre, aber ansonsten arbeite ich einfach.
Emma ist definitiv ruhig, während sie an der Bar sitzt und nach wie vor an diesem Stift nuckelt, aber ich gebe mein Bestes, sie zu ignorieren.
Der Ansturm beginnt, Leute strömen durch die Eingangstür. Eines der großartigen Dinge an unserem Standort ist, dass gerade auf der anderen Straßenseite die Strandpromenade verläuft. Die Leute, die vorbeispazieren, sehen das Cure, bemerken, wie viel bei uns los ist, und kommen in Scharen.
Es wird laut, die Leute rufen einander zu und die Musik ist nur eine Spur lauter als das. Ich dimme die Lichter, um die Stimmung für den Abend einzuläuten. Ich mag es dunkel und anrüchig, was meine bevorzugte Lichteinstellung in den meisten Bars ist.
Irgendwann lichtet sich das Gedränge und ich kann einen Gang runterfahren. Ich schaue auf und stelle fest, dass Emma auf einen Stuhl gegenüber von der Stelle, an der ich hinter der Bar stehe, rutscht.
„Hey“, sagt sie und lächelt leicht. Ihre Stimme besitzt genau die richtige Menge Heiserkeit. „Wie wäre es jetzt mit diesem Drink? Ich glaube, ich war heute Abend ein sehr braves Mädchen.“
Sie zwinkert mir doch tatsächlich zu, als sie das sagt. Ich kann nichts dagegen tun, dass ich sofort halbsteif werde; ich bin nur froh, dass die schwere lederne Barkeeperschürze, die ich trage, die Vielzahl meiner Sünden verbirgt.
Ich gebe mich gelassen, als hätten ihre Worte keinerlei Auswirkung auf mich. „Was hättest du denn gerne?“
Sie dreht ihre dunklen Haare um einen Finger und saugt an ihrer Unterlippe. „Mmmm… überrasch mich. Dealers Choice.“
Ich weiß nicht so genau, was das bedeutet, aber ich erinnere mich daran, dass sie Cocktails mit einer ganzen Menge Früchte mag. Ich beschließe, einen Moscow Mule zu machen, Wodka und Gingerbeer und Limetten. Ich gieße ihn in einen Kupferbecher und garniere den Drink mit einer Limette.
Anschließend, stelle ich ihn vor sie. „Hier. Dem Dealer war danach, dir einen Moscow Mule zu machen.“
Emmas Brauen heben sich leicht, aber sie beugt sich nach vorne und trinkt einen Schluck durch den Strohhalm. „Mmm! Das ist so gut.“
„Nun, ich mixe ja auch beruflich Cocktails.“ Ich trete zurück und wische mir die Hände an einem Geschirrtuch ab.
Sie lacht. „Ich weiß. Ich meinte nur… ich dachte, dass du mir irgendetwas mit Whisky servieren würdest. Ich habe mich auf das Schlimmste gefasst gemacht.“
Ich grinse. „Du hast noch nie meine Lynchburg Limonade probiert. Das ist Bourbon und Limonade, und selbst das mädchenhafteste Mädchen schluckt die, als gäbe es keinen Morgen.“
Ein Moment vergeht zwischen uns, in dem ich realisiere, dass das, was ich gerade gesagt habe, vage sexuell klingt. Sie registriert das auch, ich kann es an ihrem Gesicht ablesen. Eine Sekunde bin ich mir nicht sicher, wie oder ob ich möchte, dass sie darauf antwortet.
Dann ist der Moment vorüber. Sie macht es mir leicht, rettet mich.
„Würde ich den probieren wollen?“, fragt sie und kräuselt die Nase.
„Der nächste Drink, den ich dir mache, wird Whisky enthalten“, warne ich sie. „Das ist beschlossene Sache.“
Sie grinst. „Wenn du ihn machst, werde ich ihn probieren.“
Alice bringt eine Weinbestellung für einen Tisch vorbei. Ich schnappe sie mir, aber Gunnar kommt zu mir. „Die übernehme ich. Du solltest die Biege machen.“
Ich reiche ihm die Bestellung und ziehe eine Braue hoch. „Sind diese Weingläser zufällig für den Mädelstisch drüben in der Ecke?“
Gunnar verkneift sich ein Grinsen und zuckt mit den Schultern. „Vielleicht.“
Ich verdrehe die Augen und beginne, meine Schürze aufzuknoten. „Hab Spaß damit.“
Ich laufe ins Hinterzimmer, wo ich meine Schürze aufhänge und meine Lederjacke, Motorradhelm und Handy hole. Als ich wieder nach draußen in die Bar trete, steht Emma in der Lücke zwischen den Tresen, ihren Beutel über eine Schulter geschlungen. Sie sieht zu mir und wirkt leicht nervös.
„Möchtest du mich fahren?“, fragt sie, während sie sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr streicht. Ihr Gesicht läuft rot an. „Mit deinem Motorrad, meine ich. Es ist irgendwie schon recht spät, um noch allein nach Hause zu laufen.“
Möchte ich das jemals, ist meine erste Reaktion. Aber ich neige lediglich den Kopf zur Seite. Sie ist den Weg nach Hause schon dutzende Male allein gegangen, doch das kann ich ihr nicht sagen. Asher würde mir niemals vergeben, wenn seiner geliebten kleinen Schwester irgendetwas passieren würde.
Daran muss ich mich nur immer wieder erinnern.
„Yeah, okay“, sage ich, wobei ich eine neutrale Miene aufsetze. „Es ist weniger als eine Meile.“
Sie lächelt. „Jepp. Ich bin nur… wirklich müde?“
Sie wandelt ihre Aussage in eine Frage, was mich zu der Überzeugung bringt, dass sie gewaltigen Mist verzapft. Doch ich laufe einfach aus dem Cure in der Erwartung, dass sie mir folgt. Sie liebt es zu flirten, hat mich die ganze verdammte Nacht lang geneckt.
Ich werde froh sein, nur noch ihren Rücken zu sehen, wenn ich wieder wegfahre, sage ich mir. Aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit und ich weiß das.
Ich laufe um das Cure zur Rückseite, wo meine schwarze Triumph lehnt und auf mich wartet.
Ich schicke mich an, meine Lederjacke anzuziehen, halte dann aber inne. Ein Blick auf Emma verrät mir, dass ich sie stattdessen ihr anbieten muss. Sollte es uns auf die Straße legen, hat sie um einiges mehr freie Haut zu schützen als ich.
„Hier“, sage ich und halte ihr die Jacke hin. Es ist besser, das Ganze als Befehl zu verpacken anstatt als Angebot. „Zieh die an.“
Sie wird rot, aber zieht die Jacke gewissenhaft an. „Danke.“
Ich öffne das Gepäckfach des Motorrads und hole den zweiten Helm heraus, den ich dort für Gäste aufbewahre. Ich reiche ihr den Helm und ziehe dann meinen eigenen an. Ich steige als erster auf, lasse das Bike an und den Motor ein paar Mal kommen.
Ich schaue hinter mich zu der Stelle, wo Emma steht. Sie versinkt in der Motorradjacke, aber sie sieht trotzdem ziemlich gut darin aus. Man kann kaum erkennen, dass sie unter der Jacke noch einen Rock trägt und für eine Sekunde erlaube ich mir, es mir vorzustellen.
Emma, splitterfasernackt bis auf meine Lederjacke?
Fuck ja. Ich packe die Lenker etwas fester… und bekomme noch eine beschissene halbe Erektion.
Klasse. Das habe ich nun davon, dass ich meiner Vorstellungskraft freien Lauf gelassen habe.
„Komm“, sage ich, obwohl ich weiß, dass meine Stimme von dem Helm gedämpft wird. „Steig auf.“
Sie betrachtet mich eine Minute mit nervösem Blick, aber legt dann eine Hand auf meine Schulter. Sie schwingt ihr Bein über das Motorrad, wodurch sie vollen Körperkontakt mit mir herstellt.
Mein Schwanz steht noch in der Sekunde stramm, in der wir uns berühren. Ich kann ihre weichen Kurven an meinem harten Körper fühlen. Ich schließe kurz die Augen und rufe mir ins Gedächtnis, das sie definitiv tabu ist.
Nachdem ich ein paarmal tief die salzige Luft eingeatmet habe, greife ich nach hinten und ziehe ihre Arme um meine Taille. Sie lehnt sich sogleich nach vorne und presst ihre Titten an meinen Rücken.
Fuck, denke ich und knirsche mit den Zähnen. Ich muss sie nach Hause bringen, das ist die einzige Möglichkeit, diese Folter zu beenden.
Ich lasse den Motor aufheulen und fahre dann auf die Straße. Es ist nach einundzwanzig Uhr und kaum noch jemand auf der Straße unterwegs. Ich halte mich auf dem Weg zu ihrem Haus an die Verkehrsregeln und bleibe sogar unter dem Tempolimit.
Eine Meile kam mir noch nie so lange vor.
Als ich endlich ihr Haus erreiche, halte ich vor dem Gartentor. Sie rutscht vom Motorrad und macht Anstalten, den Helm abzunehmen.
In dem Versuch, nicht zu viel darüber nachzudenken, fahre ich vom Randstein weg und rase davon. Sie kann mir den Helm ein anderes Mal zurückgeben.
Gerade jetzt brauche ich eine kalte Dusche und etwas Schlaf.
7
Emma
Ich trommle ungeduldig mit den Fingerspitzen auf dem kalten Granittisch des Coffee-Shops, in dem ich mich befinde. Jameson ist spät dran, obwohl wir den Plan, noch etwas zu lernen, erst vor einer Stunde gemacht haben. Nach seiner Ansprache vor Joe’s Surf neulich, finde ich das nicht witzig.
Ich schaue nach unten auf das Buch, das ich mitgebracht habe, aber schiebe es letztendlich über den Tisch von mir weg. Die Prüfungen stehen bald an, eine Tatsache, die mir schwer im Magen liegt. Es fühlt sich an, als würden mir die Stunden zum Lernen ausgehen. Das oder mir ist allmählich schnuppe, ob ich meine Kurse bestehe oder nicht. Ich habe ein ganzes Semester alles getan, das ich konnte; jetzt ist mir irgendwie der Dampf ausgegangen.
Ich überlege eine Minute ernsthaft, ob ich die Kurse ohne die Abschlussprüfungen bestehen könnte. Natürlich ist das nur ein Hirngespinst, die abschließenden Kursprüfungen nicht zu machen, aber es ist schön, sich das eine kleine Weile vorzustellen.
Die Tür klingelt und ich schaue auf, wodurch ich Jameson reinkommen sehe, der gestresst wirkt. Obwohl sein Gesicht beinahe einer Grimasse gleicht, sieht der Rest von ihm immer noch gut aus. Seine dunklen Haare sehen windzerzaust aus und er einfach nur lecker in seinen dunklen Jeans und kurzärmligem, schwarzem Muse T-Shirt, mit den gewölbten Muskeln und den hervortretenden Adern. Er trägt seinen Bücherrucksack über eine Schulter geworfen.
Er könnte ohne Weiteres den rebellischen Bad Boy in jeder Fernsehserie oder Film spielen. Aber wenn er der Bad Boy ist, zu was macht das dann mich? Das brave Mädchen? Die Eisprinzessin?
Ich mag keine von beiden Optionen. Was, wenn ich nur dieses eine Mal die Rebellin spielen möchte?
Jameson sieht sich um und ich hebe meine Hand, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Jameson! Hier drüben.“
Er sieht mich und kommt zu mir, wobei er sich zwischen den Tischen hindurchschlängelt, die überall im Café verteilt sind. „Ich bin zu spät und es tut mir leid. Dieses Arschloch in einem Mercedes hat auf der Longview Ave mein Motorrad gestreift und dann darauf bestanden, dass wir warten, bis ein Cop kommt. Meinem Handy ist auch noch der Saft ausgegangen, weshalb ich dich nicht anrufen konnte.“
Jameson zieht einen der Stühle raus und lässt seinen Rucksack auf den Tisch fallen. Ausnahmsweise gebe ich mich mal cool und mustere ihn skeptisch.
„Ist schon okay“, sage ich, wobei ich einen neutralen Gesichtsausdruck beibehalte.
Er setzt sich mir gegenüber und betrachtet mich eindringlich. „Du bist sauer.“
Ich ziehe mein Buch zu mir und klappe es zu. „Ich bin nicht sauer. Ich denke nur an die Rede, die du mir vor ein paar Tagen gehalten hast.“
Er schüttelt den Kopf. „Ich wurde schon bestraft, ich schwöre. Du hättest sehen sollen, was für ein Arsch der Kerl war, der mich gerammt hat. Er war wirklich angepisst, als die Cops kamen und ihm sagten, dass es seine Schuld war.“
Ich verdrehe die Augen. „Okay. Lass uns einfach arbeiten. Was hast du heute für Mathe dabei?“
„Hauptsächlich Formeln. Die Quadratformel, die Formel für eine Gerade und… irgendetwas mit bi? Binomik oder so was. Ich verstehe das nur sehr, sehr vage.“
„Die sind schwer“, sage ich achselzuckend. „So ziemlich der schwierigste Teil des High School Mathe. Was hast du für Naturwissenschaften dabei?“
„Ähhh…“ Er öffnet den Reißverschluss seines Rucksacks und zieht sein Naturwissenschaftsbuch heraus. Er blättert zu einem Abschnitt, der bereits markiert ist. „Es sieht so aus, als hätten wir heute Umweltschutz, Transformation und Energiefluss. Und Arbeit, Bewegung und Kraft.“
Ich schaue auf meinem Handy nach der Uhrzeit. „Okay. Dann lass uns die Zeit gleichmäßig aufteilen, eine halbe Stunde Mathe und eine halbe Stunde Naturwissenschaften. Dann schauen wir, wo wir stehen, okay?“
Jameson nickt bloß. „Naturwissenschaften zuerst?“
„Jepp. Lass uns einfach durchgehen, was im Buch steht…“
Die nächste Stunde wechseln wir uns damit ab, laut aus Js Büchern vorzulesen. Ich stoppe an verschiedenen Stellen, um ihm etwas zu erklären oder schnell eine Zeichnung eines Konzepts auf ein leeres Blatt Papier zu kritzeln. Jameson seinerseits ist beinahe stumm, während ich erkläre, und seine Stirn ist die ganze Zeit über in Falten gelegt.
Er fragt an einigen Stellen nach und macht sich in seinem Notizheft Notizen. Nach ungefähr einer Stunde bemerke ich, dass Jameson unruhig und missmutig wird. Er fängt ebenfalls an, ins Leere zu starren.
„Lass uns für heute Schluss machen“, schlage ich vor und schließe sein Mathebuch. „Ich kann sehen, dass ich dein Zeitlimit fürs Lernen überschritten habe.“
Er lehnt sich zurück und streckt sich. „Sorry. Es ist nur… ich schätze, ich musste nie wegen irgendetwas so lange ruhig sitzen.“
Ich lächle und spreche in lockerem Ton. „Das ist keine große Sache.“
„Nun, das ist es schon irgendwie. Ich meine, du nimmst dir extra die Zeit für mich. Also, äh… Danke.“ Er fängt an, seine Sachen einzupacken. „Hast du Hunger?“
„Ich?“ Ich schaue nach der Zeit. „Ich könnte was zu essen vertragen.“
Er sieht aus, als würde er sich leicht unwohl fühlen, und reibt sich mit der Hand über den Nacken. „Es gibt da diese Pizzeria einen Block von hier, die ich schon lange mal ausprobieren wollte. Willst du mitkommen? Ich bezahle natürlich.“
Ich unterdrücke ein Lächeln. „Jameson, bittest du mich um ein Date?“
„Was?“, fragt er, defensiv. „Nein. Definitiv nicht.“
„Ich wollte nur nachfragen. Dir schien es schrecklich ernst damit zu sein, dass du nicht einmal auf diese Weise an mich denkst“, necke ich ihn. Ich will eine Reaktion aus ihm herauskitzeln und ich erhalte eine. Er springt auf seine Füße.
„Vergiss, dass ich gefragt hab.“
„Warte!“, sage ich und packe seinen Unterarm. „Ich hab nur Witze gemacht. Sei doch nicht immer so ernst.“
Seine Miene ist so düster wie eine Gewitterwolke. Er befreit sich behutsam aus meinem Griff. „Wenn ich ernst bin, dann weil mich das Leben so gemacht hat. Irgendjemand muss hier schließlich der Verantwortungsbewusste sein.“
Oooh. Ich hatte nicht erwartet, dass er so empfindlich darauf reagieren würde.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass du der große Bruder bist. Du fühlst dich für Forest und Gunnar verantwortlich. Ich kapier’s.“
Js Gesichtsausdruck ist skeptisch. „Das bezweifle ich doch schwer, Prinzessin.“
Für diese Bemerkung habe ich keine schnippische Entgegnung auf Lager, weshalb ich ihm einfach nur die Zunge rausstrecke. Er hält inne und schenkt mir dann den Hauch eines Lächelns. Ich nehme an, mir wurde vergeben.
„Gehen wir jetzt essen oder was?“, frage ich.
„Yeah, yeah“, sagt er. „Pack deine Sachen ein.“
Ich schnappe meine Tasche und stopfe meine Bücher hinein. Nachdem ich mir meinen Beutel über die Schulter geschlungen habe, beeile ich mich, Jameson zu folgen.
„Deine Beine sind doppelt so lang wie meine“, beschwere ich mich, da ich Probleme habe, mit ihm Schritt zu halten. Er blickt zu mir, lässt ein halbes Lächeln aufblitzen und drosselt seine Geschwindigkeit.
Er führt mich um einen langweiligen Stadtblock und läuft auf ein unscheinbares Restaurant zu. Gäbe es nicht das winzige Neonschild vor dem Laden, auf dem einfach nur P I Z Z A steht, dann hätte ich nicht einmal erkannt, dass es sich um ein Restaurant handelt. Als er die Tür aufstößt, wobei er sie weit für mich geöffnet hält, weiß ich nicht, womit ich rechnen muss.
Aber natürlich ist es in echt ein netter Laden mit weißen Tischdecken und einigen Leuten, die bereits essen, obwohl gerade mal früher Nachmittag ist. Eine beeindruckend aussehende Blondine steht am Empfangstisch.
„Hi! Haben Sie eine Reservierung?“, fragt die Hostess.
„Wir sind Freunde von David Gage“, erwidert Jameson.
Die Augen der Hostess weiten sich leicht. „Natürlich! Bitte hier entlang…“
Ich schaue fragend zu Jameson, während sie uns direkt zu einem Tisch neben dem winzigen Fenster an der Vorderseite des Ladens führt. Er zieht zur Antwort lediglich eine Braue hoch. Die Hostess setzt uns an einen runden Tisch, gibt uns einige Speisekarten und verspricht, dass gleich jemand bei uns sein wird. Dann eilt sie in Richtung Küche davon.
„Wer ist David Gage?“, flüstere ich.
„Er ist der Koch.“ Jameson nimmt die Weinkarte in die Hand und liest sie mit zusammengekniffenen Augen.
„Die Hostess schien das merkwürdig zu finden.“
„Was?“, fragt er und tauscht die Getränkekarte gegen die Speisekarte aus.
„Dass du ein Freund des Kochs bist.“ Ich nehme meine Speisekarte in die Hand und schaue mir die Salate an.
„Oh… David ist irgendwie…“ Er denkt eine Sekunde nach. „Er hat noch nie einen Gedanken für sich behalten. Er sagt einfach alles, was er denkt, so eine Art radikaler Ehrlichkeits-Bullshit. Und er ist ziemlich kritisch. Ich schätze, dass der Großteil seines Personals Angst vor ihm hat.“
Ich spähe über meine Karte zu Jameson. „Aber du bist mit ihm befreundet?“
„Yeah. Der Kerl ist ein Genie und auch ein Rebell.“
Ein Kellner kommt, um unsere Getränkebestellung aufzunehmen und erzählt uns vom heutigen Tagesgericht. Jameson schaut zu mir.
„Gibt es irgendetwas, das du auf einer Pizza nicht magst?“
„Ich bin Vegetarierin“, antworte ich. „Also… Fleisch.“
Er faltet seine Karte und sieht zum Kellner. „Können Sie David bitten, uns eine vegetarische Pizza zu machen? Nach Empfehlung des Kochs.“
„Selbstverständlich“, sagt der Kellner und nickt. „Ich werde die Bestellung für Sie weitergeben.“
„Und eine Flasche von dem Wein, den er dazu empfiehlt“, sagt Jameson, der dem Kellner die Speisekarte reicht. „Danke.“
Ich gebe meine Karte ebenfalls ab und bedanke mich bei dem Kellner. Der Kellner verschwindet und Jameson und ich sind wieder allein.
„Also…“, sage ich, während ich versuche, mir etwas einfallen zu lassen, worüber wir reden können. „Haben du und Asher schon geredet?“
Jameson verzieht das Gesicht. „Nein, nicht wirklich. Dein Bruder ist ein sturer Mistkerl. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, ist er nicht dort. Und wenn ich ihn auf der Arbeit sehe, ist er sehr…“
„Brüsk?“, schlage ich vor.
Er blickt mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich wollte ungesprächig sagen. Ist das ein Wort?“
Ich zucke mit einer Schulter. „Es verdeutlicht auf jeden Fall, was du sagen willst.“
Der Kellner kehrt mit einer Weinflasche und zwei Gläsern zurück. Dann spielt sich zwischen Jameson und dem Kellner diese ganze Charade ab, bei der der Kellner den Wein eingießt und wartet, bis Jameson daran gerochen und davon gekostet hat. Der Kellner lässt sogar den Korken auf dem Tisch liegen, was etwas ist, dass ich vom Essen in den edlen Restaurants kenne, die meine Eltern frequentieren.
Ich bekomme schließlich auch etwas von dem Wein, der rot ist. Ich drehe das Etikett zu mir und lese es.
„Garnacha. Klingt edel.“
„Mmm“, macht Jameson und nippt an seinem Wein. „Dein Bruder würde den vermutlich mehr zu schätzen wissen als ich.“
Ich koste von dem Wein und stelle fest, dass er etwas bitterer ist, als ich erwartet hatte. Ich verziehe das Gesicht und Jameson gluckst über meine Miene.
„So gut, hm?“, fragt er.
„Der einzige Wein, von dem ich jemals viel getrunken habe, ist der Chardonnay meiner Mutter.“ Ich lehne mich mit einem Seufzen zurück.
„Du hast mit mir gelernt“, sagt er und schiebt seinen Stuhl näher zu meinem. Ich komme nicht umhin, wegen seiner Nähe ein leichtes Flattern in meinem Bauch zu verspüren. „Lass mich dir beibringen, wie man Wein verkostet. Auf diese Weise wirst du aussehen, als wüsstest du Bescheid, wenn du ihn probierst, auch wenn du ihn nicht magst.“
Ich lache. „Okay…“
„Okay. Zuerst willst du das Glas nehmen und am Stiel halten. Das ist anscheinend wichtig, damit sich die Wärme deiner Hand nicht auf den Wein überträgt.“
Er zeigt mir, wie ich das Glas halten soll, und ich ahme ihn nach.
„Okay.“
„Als nächstes solltest du den Wein im Uhrzeigersinn schwenken. Dadurch erhältst du einen guten Eindruck von der Farbe des Weins und dann steckst du deine Nase in das Glas.“ Er tut genau das und atmet tief ein.
Ich mache das Gleiche. „Ich bin mir nicht sicher, was ich riechen soll. Für mich riecht es einfach wie Wein.“
Sein Mund verzieht sich zu einem schiefen Lächeln. „Ich rieche nur die Himbeer- und Kirschnote. Egal, danach probieren wir… nimm nur einen kleinen Schluck und roll den Wein in deinem Mund herum.“
Nachdem ich vom Wein genippt habe, wirble ich ihn etwas in meinem Mund herum und schlucke anschließend.
Seine Mundwinkel heben sich. „Du hast da etwas…“
Er streckt die Hand aus und berührt meinen Mundwinkel mit seinem Daumen. Unsere Blicke treffen sich und ich schlucke. Ich beobachte, wie seine Augen auf meinen Mund sinken.
Vielleicht fragt er sich gerade, wie ich schmecke?
Dann schüttelt er sich sichtbar. „Sorry. Ähm… was hast du geschmeckt? Im Wein, meine ich.“
„Er schmeckt wie Wein.“
Er verdreht leicht die Augen. „Alles klar. Ich schmecke vielleicht… Kirsche, Zimt, schwarzer Pfeffer… aber alles in allem ist er sehr fruchtig und vollmundig.“
Ich grinse ihn an. „Du klingst sehr vornehm. Ein wohl erzogener junger Mann.“
Er gluckst. „Ich schätze, es gibt für alles ein erstes Mal. Und es ist ein bisschen merkwürdig, zu hören, dass du mich als einen jungen Mann bezeichnest.“
Ich gebe einen verärgerten Laut von mir. „Ich bin nicht so viel jünger als du.“
„Zehn Jahre“, erinnert er mich.
„Fast zehn Jahre. Wir sind nicht so unterschiedlich, weißt du. Das ist alles nur in deinem Kopf.“ Ich trinke einen Schluck von dem Wein, um meine Aussage zu unterstreichen.
Er stellt sein Glas ab und wird ernst.
„Wir könnten nicht unterschiedlicher sein, würden wir es versuchen.“
Ich neige den Kopf. „Findest du?“
„Das finde ich. Erstens habe ich praktisch die Middle School geschmissen, während du nach dem College einen Universitätsabschluss machst.“
Ich bedenke ihn mit einem harten Blick. „Du bist von der High School abgegangen.“
„Yeah, aber das war am Anfang der neunten Klasse. Jedenfalls war unsere Kindheit… sehr unterschiedlich. Du warst immer in diese Schutzhülle gewickelt, während mich die Welt einfach immer wieder über die Felsen geschleift hat.“
Dem konnte ich nicht wirklich widersprechen. „Ich kann genauso wenig etwas dafür, reich geboren worden zu sein, wie du nichts dafür kannst… nicht reich geboren worden zu sein.“
Ich erröte leicht. Er legt die Stirn in Falten.
„Stimmt. Es gibt aber auch noch andere Gründe, warum wir nicht miteinander rumhängen sollten. Wie beispielsweise, dass mich dein großer Bruder zu Brei schlagen wird, wenn er herausfindet, dass wir heute Abend zusammen gegessen haben, kein Scherz. Und ich schulde Asher eine Menge. Ich würde nichts tun, um unsere Freundschaft zu ruinieren.“
„Ich hasse es ja, dir das klarmachen zu müssen, aber ich denke, Asher ist bereits der Meinung, dass eure Freundschaft kaputt ist.“
Jameson zieht ein Gesicht. „Yeah, aber ich habe nichts getan, was daran schuld ist. Das ist genau mein Punkt.“
„Und dennoch bist du hier und gibst dich mit mir ab“, sage ich und nippe an meinem Wein. „Kostest von der verbotenen Frucht.“
Er läuft leicht rosa an. Ich finde allmählich Gefallen daran, dass ich jemanden, der so viel größer ist als ich, in solche Verlegenheit bringen kann. „Ich wusste, dass das hier eine schlechte Idee war.“
„Entspann dich. Ich foppe dich doch nur.“
Er seufzt. „Das Argument bleibt das Gleiche. Ich bin irgendein Niemand aus ärmlichen Verhältnissen, während du einfach… du bist wie eine Prinzessin, die in ihrem Turm voller Bücher eingesperrt ist. Du schaust nur hinab auf den Rest von uns und urteilst.“
Er fuchtelt mit der Hand. Ich bin empört.
„Das bin ich nicht!“, protestiere ich und schlage ihm auf die Schulter. „Das ist nicht fair.“
„Es muss nicht fair sein“, entgegnet er und durchbohrt mich mit seinem dunklen Schokoladenblick. „Es ist einfach, wie es ist.“
„Was, wenn ich nicht mag, wie es ist?“, will ich wissen. Ich lehne mich näher zu ihm. „Was, wenn ich das Paradigma zerquetschen will? Was, wenn ich ein wenig rebellieren will?“
Er verdreht die Augen. „Yeah… ich bin gerade nicht für irgendwelche Rebellen zu haben.“
Der Kellner kommt zurück, beladen mit einer frisch zubereiteten Gemüsepizza und zwei Tellern. Er stellt alles auf den Tisch. „Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?“
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