Kitabı oku: «Love me snowly»

Yazı tipi:

Love me snowly
JESSICA WISMAR

Copyright © 2022 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Mira Manger – Herzgestein Lektorat

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout Ebook: Stephan Bellem

Umschlagdesign: Schattmaier Design

Bildmaterial: Shutterstock

Charakterillustrationen: Ann-Marie Rechter

ISBN: 978-3-95991-724-7

Alle Rechte vorbehalten

Erstellt mit Vellum

Inhalt

Triggerwarnung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Epilog

Nachwort

Drachenpost

Triggerwarnung

In diesem Buch sind Szenen mit Drogenkonsum (Cannabis) vorhanden. Weiterhin enthält dieses Buch Szenen zum Thema Belästigung. Dabei hat die Protagonistin anfangs teils relativierende Gedanken, die übergriffiges Verhalten verharmlosen. Im Laufe der Geschichte kommt es zu einer konkreten Belästigungsszene, die Trigger für betroffene Personen enthalten kann. In der anschließenden Aufarbeitung werden Victim Blaming und Female Empowerment thematisiert. Der beschriebene Umgang damit möchte ein realistisches Bild schaffen und dient nicht als idealisierter Ratschlag, wie man im Fall einer Belästigung richtig handelt oder denkt. Elinas Handeln sowie ihre Gedanken basieren dabei auf Berichten betroffener Personen.

Ich widme dieses Buch meiner großen Kleinen, weil ich ohne dich diesen Traum jetzt nicht leben könnte.

Einen Menschen nicht trotz, sondern wegen seiner Ecken und Kanten zu achten, bedeutet grenzenlos zu lieben.

- Jessica Wismar

Kapitel 1
– 09.12. –

»Darling!«

Der Ruf schallte durch das Treppenhaus bis hinauf in mein Zimmer unter dem Dach. Augenrollend sah ich über meine Schulter zur offenen Tür.

»Das macht sie echt jedes Mal, oder?« Lisa klang amüsiert.

Ich drehte mich wieder zu dem kleinen Laptop auf meinem Schreibtisch um und grinste entschuldigend in die Kamera. »Da schlagen eben ihre britischen Wurzeln durch.«

»Ach, komm schon, das ist komplett lächerlich. Sie klingt, als wäre sie sechzig. Ben ist auch Brite, und der sagt nie …«

Das Bild fror ein. Lisas Gesicht starrte mich regungslos vom Bildschirm an. Eine Augenbraue gehoben, ihr Mundwinkel abwertend heruntergezogen. Ich brauchte keine Worte, um ihre Meinung zu meiner Mutter herauszufinden. Schlimm genug, dass ich dieser Lästertante anvertraut hatte, dass Marion meine Stiefmutter war. Ich liebte sie wie meine leibliche Mutter.

Ein vernehmliches Räuspern aus Richtung meiner Couch ließ mich innerlich aufseufzen. »Du solltest wirklich schon rübergehen. Ich komme nach, sobald ich mit Lisa fertig bin«, schlug ich Rivera zum gefühlt hundertsten Mal vor.

»Nein, nein. Ich warte.« Meine Schwester blätterte in einem dieser dicken Hochzeitsmagazine. Sie würdigte mich keines Blickes, als sie ihre Beine überschlug und einmal theatralisch seufzte.

»Hallo? Antwortest du auch mal?«, beschwerte sich meine Studienkollegin, als die Übertragung wieder einsetzte.

»Entschuldige, du hast gehangen.«

»Du meinst wohl, du hast gehangen!«, korrigierte Lisa mit eingeschnapptem Unterton. Ich sparte es mir, ihr zu sagen, dass man das bei einem Zweierstream nicht beurteilen konnte. In Gruppen war das leicht. Wenn alle Bilder hingen, war man es selbst, ansonsten der andere.

»Jedenfalls sollten wir die PowerPoint noch dieses Wochenende fertig machen«, wechselte ich das Thema. »Am Ende hat die Frau mit ihrer Planung mal wieder den Flip, sie könnte das Referat doch vorziehen, und dann sind wir diese statt nächste Woche dran.« Ich musste nicht unbedingt wissen, wie Lisa in der Zeit der Übertragungslücke über meine Mutter vom Leder gezogen hatte. Ich mochte Marion. Ich hätte Lisa meine Lebensgeschichte nie so offen erzählen sollen. Seither hatte sie zu wirklich allem etwas zu sagen, Raphael fand sie grob, Sophia kindisch und Rivera eingebildet. Ich wurde es nie müde, meine Geschwister zu verteidigen, auch wenn sie mit Raphael und Rivera durchaus einen Punkt hatte. Aber Sophia war erst neun, die durfte kindisch sein.

»Pff. Ist doch nicht unser Problem, wenn die Schreckschraube von Anatomiedozentin keine Organisationskompetenzen hat«, hielt Lisa dagegen. »Außerdem habe ich morgen ein Hockeyturnier.«

»Jetzt noch? Ist das nicht viel zu kalt?«

»Doch nicht draußen, du Dummerchen! In der Halle. Ist so ein Benefizding für irgendeine Kinderkrebsstiftung.«

Ich schürzte meine Lippen. Das war natürlich ein guter Grund. Nur hasste ich es, unvorbereitet zu sein und meine Aufgaben auf den letzten Drücker zu erledigen. Nicht dass ich das nicht quasi immer tun würde. Aber es machte mein Leben so viel schwerer, alles bis zum letzten Moment aufzuschieben; deshalb hatte ich mir fest vorgenommen, das zu ändern.

»Vorschlag: Ich mache eine erste Version morgen und du schaust Montag drüber. Dann haben wir notfalls für Dienstag etwas vorzuweisen.«

Lisa runzelte die Stirn. »Wie willst du denn die Folien zu meinem Teil machen?«

Nichtssagend zuckte ich mit den Schultern. Ich war kein Fan von Arbeitsteilung. Am Ende musste ich sowieso auch Fragen zu Lisas Teil beantworten können, daher würde ich die Inhalte so oder so lesen. »Nur ein paar Stichworte. Ein bisschen was hatten wir ja schon in der Vorlesung.«

»Na, wenn du dir unbedingt unnötig Arbeit machen willst.«

Ich sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie sich ins Fäustchen lachte, dass ich ihre Arbeit auch noch freiwillig übernahm. Die Wahrheit war, ich hasste Gruppenarbeiten mit zugeteilten Partnern. Da machte ich die ganze Arbeit lieber selbst, dann wusste ich wenigstens, dass es gut war und erledigt wurde.

»In Ordnung, dann machen wir das so. Ich muss jetzt. Tschüssi.« Noch bevor ich geantwortet hatte, verließ Lisa die Facetime-Übertragung. Ich starrte auf den Bildschirm, auf dem mich jetzt nur noch mein eigenes Gesicht anblickte. Wundervoll.

»Da hast du dich ja mal wieder sauber ausnutzen lassen.«

Ich holte tief und beruhigend Luft. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. »Wieso ausnutzen? Mir ist es so doch lieber.«

»Wenn du dir immer noch mehr Arbeit freiwillig selbst auflädst, kommen wir nie dazu, meine Hochzeit zu planen!«

»Das ist keine Zusatzarbeit, die hätte ich sowieso machen müssen. Das Referat macht fünfzig Prozent der Note für das Anatomiemodul. Das muss perfekt werden.« Ich gab mir die größte Mühe, ihr zu erklären, wie es an der Uni lief. Rivera hatte sich von Anfang an gegen das Studieren entschieden, sie konnte nicht wissen, was ich fachlich alles in mich reintrichtern musste.

»Ich habe noch nie verstanden, warum du in der Uni immer alles perfekt machen musst. Hier zu Hause bist du die größte Faulenzerin.«

»Bin ich doch gar nicht.«

»Klar. Du lässt dich bekochen, wohnst kostenlos hier und diese Frau wäscht sogar deine Wäsche.«

Das alles traf auch auf sie zu, nur das mit der Wäsche nicht. Aber nicht weil Rivera bemüht wäre, sie selbst zu waschen, sondern weil sie Marion so sehr hasste, dass sie unsere Mutter nicht an ihre Wäsche heranließ.

»Außerdem dachte ich, du studierst Chemie. Wieso hast du überhaupt Anatomie?«, beschwerte meine Schwester sich weiter.

»Ich studiere Biomedizinische Chemie. Da haben wir natürlich auch Biomodule.«

Rivera winkte ab. »Chemie, Biodingsda, das macht doch keinen Unterschied. Du warst doch mal so interessiert an Philosophie, das solltest du studieren.«

Ich seufzte innerlich auf. Natürlich hätte ich gern studiert, wofür ich am meisten brannte. Den Mut wie Rivera, ihrer Leidenschaft zu folgen und einen Weg einzuschlagen, mit dem ich am Ende vielleicht niemals meine Miete würde zahlen können, hatte ich allerdings nicht.

»Elina!«, klang es keuchend hinter mir und ersparte mir die müßige Diskussion über Jobchancen und die Notwendigkeit finanzieller Sicherheit. Ich wirbelte herum und sah meine schwer schnaufende Mutter im Türrahmen stehen, José auf ihrer Hüfte balancierend. »Süße, hast du mich nicht gehört?«, fragte sie sanft.

Entsetzt riss ich meine Augen auf. »Entschuldige, Marion.« Ich hatte ihr einfach nicht geantwortet, ich Esel. Jetzt war sie die kompletten drei Stockwerke zu mir hochgestiefelt.

»Es gibt Essen«, informierte sie mich und wuchtete den kleinen Faulpelz auf die andere Seite ihrer Hüfte. José hielt seine Trinkflasche in der Hand und kaute auf dem Sauger herum. Den anderen Arm hatte er um seine Mutter geschlungen. »Mach bitte Schluss für heute und komm dann runter. Du auch, Rivera.«

»Ja, klar. Wir kommen.« Mit einem durch und durch schlechten Gewissen steckte ich noch schnell das Ladekabel ein, damit mein Laptop nicht ausging, immerhin lud ich seit gefühlt einer halben Ewigkeit das neueste Add-on für PowerPoint herunter. Dann wollte ich Marion hinterhereilen, doch sie stand noch im Türrahmen und machte eine nachdenkliche Miene.

»Es war keine Absicht, meine Studienkollegin hat mich abgelenkt«, versprach ich mit eingezogenem Kopf.

Rivera schnaubte. »War es bestimmt nicht. Bloß taucht die kleine Streberin komplett ab, wenn es um ihr komisches Studium geht. Mich lässt sie auch schon ewig warten.«

Ich zuckte zusammen, überging Riveras sicher nicht so harsch gemeinte Spitze und sah Marion entschuldigend an. Sie war ganz umsonst die vielen Stufen hinaufgekommen. Alles nur, weil ich nicht das kleine Wörtchen Ja herausgebracht hatte. Dabei hatte ich sie wirklich lieb.

»Das weiß ich doch, Darling«, versicherte sie mir. Ihr Blick huschte zu meiner Schwester. »Rivera, Schatz, sei so gut und bring José schon mal runter.« Damit lud sie den kleinen Wonneproppen auf den Arm meiner Schwester, die das Magazin gerade noch rechtzeitig auf meinen Schreibtisch warf und nach einem vernichtenden Blick in Marions Richtung mit unserem Halbbruder hinausging. Marion wartete, bis Rivera mein Zimmer verlassen hatte, ehe sie sich mir wieder zuwandte. »Ich habe mir gedacht, vielleicht solltest du doch auf diese Freizeit gehen.«

Ich presste die Lippen zusammen. Langsam wusste ich nicht mehr, wie ich dieses Thema freundlich beenden sollte. Ich war es leid, immer und immer wieder Nein zu sagen. Und wieso hatte sie dafür bitte Rivera subtil hinausgeworfen?

»Ich wäre Weihnachten nicht da«, brachte ich das zwingendste Argument, das einer familienliebenden Mutter wie ihr den Wind aus den Segeln nehmen sollte.

»Ich weiß, mein Schatz. Ich dachte nur, du könntest Abstand gebrauchen. Es wird sowieso schon so voll. Raphael kommt ja dieses Jahr mit Neele und ihrem kleinen Raoul. Und Rivera hat vorhin erzählt, dass Sam auch da sein wird.«

Sie wusste es! Irgendwoher wusste sie es. Ich sah es in ihren Augen. Dieser traurige, mitleidige Blick, der mich durchbohrte und mir gerade durch die Blume sagte, dass ich sicher nicht dabei sein wollte. Und sie hatte recht.

»Ich überleg es mir noch mal«, lenkte ich ein und ebnete den Weg für meine Flucht. Nun gut, dann würde ich dieses Jahr Weihnachten eben nicht im Kreis der Familie verbringen. Wer wollte das auch schon?

Ich schluckte die bittere Galle hinunter, zog noch eine weitere schützende Mauer um mein Herz hoch und legte das perfekte Lächeln der letzten Wochen auf mein Gesicht.

»Mach das, mein Schatz. Isabelle wird sich sicher freuen. Ihre Mutter hat mich immer wieder gefragt, ob du nicht doch fahren willst.«

Kapitel 2
– 21.12.–

Isabelle freute sich überhaupt nicht. Die gesamte Zugfahrt von Stuttgart nach Lindau nörgelte sie mir die Ohren voll. Ich nahm mir vor, mich in der Bimmelbahn von Lindau ins Montafon bis nach Schruns weit weg von dieser Ziege zu setzen.

»… und überhaupt, was willst du hier? Du bist doch sonst nie auf Party aus«, schnaubte die Zimtzicke mir gegenüber. Isabelle war eines der schönsten Mädchen, das ich je gesehen hatte. Ihre blonden Haare fielen in Wellen über ihre Schultern und ihren Rücken, sie sahen aus wie fließendes Gold. Ihr Körper war schlank und wohlproportioniert. Ihre Beine waren verboten lang und ihr Hintern war der einzige, den ich kannte, der sogar in einem engen Kleid perfekt aussah. Dort wackelte nichts, und dennoch war er rund und weiblich. Ich seufzte innerlich jedes Mal sehnsüchtig auf, wenn ich sie musterte. Ach, und ihr Gesicht war schlicht engelsgleich. Sie war einfach perfekt … äußerlich.

»Hallo? Erde an Trotteline! Was willst du hier?«, fragte sie giftig. »Du versaust mir meinen ganzen Spaß.« Mürrisch verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust. »Dass ich dein Händchen halte und dir alles zeige, kannst du vergessen. Am besten, du redest gar nicht mit mir. Wenn die Jungs denken, wir kennen uns, kann ich gleich wieder einpacken. Keiner will mit einer Betrügerin befreundet sein.«

Okay, das war jetzt unfair. Ich war keine Betrügerin. Ich schlief nicht einmal mit vielen Kerlen, und niemals mit vergebenen. Außerdem war das ja wohl meine Sache. Und der Partymuffel, das war Vergangenheit. Dennoch, ich war verletzt … und wütend. Aus dem Fenster sehend zog ich meine Augenbrauen hoch und zickte zurück: »Prima. Dann rede am besten gar nicht mehr mit mir, ich werd’s genauso machen.«

Pah, perfekte Diva! Ich verkniff mir nur gerade so ein Siegesgrinsen. Diese blöde Schnepfe. Den restlichen Weg bis nach Schruns herrschte eisiges Schweigen zwischen uns.


Schnaufend stellte ich meinen Koffer zwischen meinen Beinen ab, wobei ich darauf achtete, dass der Schnee am oberen Rand meiner Socken nicht den Stoff des Koffers berührte. Schlimm genug, dass meine Füße pitschnass und eisig kalt waren.

Mein Rücken ächzte, als ich mich aufrichtete. Dieses alte Gepäckstück die fünfhundert Meter von der Mittelstation bis hier hinauf zum Haus Sarazena zu schleppen, ließ meine Rückenmuskeln immer noch brennen. Warum noch mal hatte ich mich nicht dazu durchringen können, Rivera um ihren Koffer mit Rollen zu bitten? Tja, mein Stolz bescherte mir jetzt mindestens drei verkantete Wirbel und höllische Rückenschmerzen. Wenn ich erst in meinem Zimmer war, würde ich dafür sorgen, dass alle Wirbel wieder richtig saßen. Das laute Knacken hatte schon häufig für seltsame Reaktionen gesorgt, und ich hatte wenig Lust, dass das mein erster Eindruck in dieser Gruppe sein würde.

Statt etwas gegen meinen zwickenden Rücken zu tun, ließ ich meinen Blick durch den urigen Raum schweifen. Es war nur der Flur mit einem großzügigen Treppenhaus, doch alles hier schrie nach Skihütte. Die Garderobe, die ein Hängegestell für Skischuhe beinhaltete, der Fliesenboden, der angenehm warm unter meinen Socken war, die Balken mitten im Raum und unter der Decke und natürlich der wundervolle Geruch nach Bergluft und Holz. Ich liebte diesen Ort jetzt schon.

Fünf junge Männer und Frauen standen hier im Halbkreis vor den beiden Skilehrern, alle etwa Anfang zwanzig, soweit ich das in der E-Mail, die ich von Isabells Mutter weitergeleitet bekommen hatte, richtig verstanden hatte. Die beiden vor uns mussten die erwähnte Betreuerin und der Skilehrer für die kommenden drei Wochen sein. Der Mann, Daniel, wenn die Mail stimmte, ließ gerade seinem Frust freien Lauf: »Ich weiß gar nicht, warum ich mir das hier antue. Drei Monate im Verleih sind besser, als hier drei Wochen Babysitter für euch zu spielen. Also reißt euch zusammen. Die Regeln sind klar: kein Alkohol, Musik nicht zu laut, um Mitternacht zu Hause sein. Ich schließe um eine Minute nach zwölf ab, wer dann nicht drin ist, hat Pech gehabt, und ich bin sicher, Herr Minnard setzt euch sofort in den nächsten Zug nach Hause. Morgen gehen wir gemeinsam auf die Piste und ich werde euch kategorisieren. Falls ihr alle fahren könnt, dürft ihr in kleineren Gruppen, mindestens zu dritt, die Pisten selbstständig unsicher machen. Sollte einer verloren gehen, werdet ihr alle dafür zur Rechenschaft gezogen, egal ob derjenige Teil eurer Gruppe war oder nicht. Ihr seid von heute an eine Einheit. Ihr esst, schlaft und fahrt zusammen Ski.«

Dafür, dass der Typ eigentlich kaum älter wirkte als ich und ich bei einem Skilehrer irgendwie automatisch eine coole Socke erwartet hatte, war er ganz schön … bieder. Und überhaupt, was hatte er für ein Problem? Wir waren hier auf Freizeit und nicht in irgendeinem Trainingslager!

Die große Frau an seiner Seite mit den beiden geflochtenen Zöpfen und dem Dauergrinsen wirkte in ihrer sportlichen Skihose mehr nach meinem Geschmack, schwieg allerdings bei dieser Begrüßungsrede. Sie verlor nur ihr Lächeln.

»Dann kommen wir jetzt zur Zimmereinteilung. Es sind fünf Mädchen und fünf Jungs hier. Die Zimmer sind Dreierzimmer und ihr könnt selbst zählen, es wird also zwei Mädchen- und zwei Jungenzimmer geben. Denkt gar nicht erst daran zu mischen«, knurrte er.

Das würde er kaum verhindern können, wenn er nicht die ganze Nacht Wache hielt.

»Äh, Daniel? Könnte ich bitte in ein anderes Zimmer als Elina kommen?«, fragte Isabelle zuckersüß lächelnd. Na, danke.

Ein Raunen ging durch die Gruppe und alle Blicke schwenkten zu mir, manche auffälliger als andere.

»Und du bist?«

»Isabelle, aber man nennt mich Belle«, säuselte sie. Ich konnte mir ein Schnauben nicht verkneifen.

Daniel zog eine Augenbraue hoch, ehe er auf seine Notizen sah. »Ihr seid sowieso in zwei verschiedene Zimmer eingeteilt. Hättest du gewartet, bis ich die Einteilung vorgelesen habe, wäre deine Bitte unnötig gewesen.«

Das wiederum ließ mich doch noch mit ihm sympathisieren.

Schadenfroh blickte ich die blonde Zimtzicke an. Belles verschlagener Gesichtsausdruck überraschte mich allerdings. Sie nahm sich die Rüge kein bisschen zu Herzen. Dieses Biest hatte es nur darauf angelegt, mich vor der Gruppe zu demütigen!

»Also, Dina und Isabelle sind in Zimmer eins, Elina, Nell und Ann-Josefine in Zimmer vier. Noah und Kai in Zimmer drei und Felix, Alexander und Lysander in Zimmer zwei. Bezieht eure Betten, packt aus und macht euch fertig. Um sieben Uhr gibt es Abendessen, wie jeden Abend. Danach werden Alice und ich euch alles zeigen und erklären.« Kaum, dass er seine Predigt runtergerattert hatte, wandte er sich ab und marschierte mit dem Klemmbrett unterm Arm davon, Alice folgte ihm nach einem unsicheren Blick zu uns. Na, das konnte ja heiter werden.

Sofort setzten die Gespräche ein, während wir unser Gepäck nahmen und uns auf den Weg zu unseren Zimmern machten. Irgendwie verpasste ich den Moment, jemanden zu fragen, wo Zimmer vier lag. Isabelle und ein weiteres Mädchen waren bereits dabei, den Flur entlangzugehen und dort hinten nach links in ein Zimmer abzubiegen. Die anderen beiden Mädchen unterhielten sich angeregt mit zwei der Jungs. Da zu unterbrechen war irgendwie unangebracht.

Kurz entschlossen wuchtete ich meinen Koffer die Treppen hinauf. Wenn Zimmer eins hier im Erdgeschoss lag, wäre es doch logisch, dass Zimmer vier weiter oben zu finden war. Bevor ich vollkommen allein und hilflos auf diesem Flur stehen blieb, lief ich lieber ein paar Meter umsonst.

Im ersten Stock lag der identische Flur wie unten, nur anstelle der ausladenden Garderobe stand hier ein riesiger Weinkühlschrank. Sofort musste ich an reiche Pinkel denken, die hier abends am Kaminfeuer ihren Wein schlürften.

Schmunzelnd richtete ich mich zuerst nach rechts. Doch ich kam kaum zwei Schritte weit.

»Wo willst du denn hin?«, erklang eine amüsierte Stimme hinter mir.

Ich wirbelte herum und sah eines der Mädchen auf dem Treppenabsatz hinter mir stehen. Sie war eher klein und etwas stämmiger. Ihr rundes Gesicht wirkte unfassbar freundlich und hübsch.

»Ich suche mein Zimmer«, gestand ich.

»Sicher nicht auf dieser Etage. Das ist das Männerreich.« Sie deutete die Stufen hinauf. »Komm mit.«

Die hölzernen Stufen knarzten bei jedem ihrer Schritte eine Etage weiter hinauf ins Dachgeschoss. Mit beiden Händen umfasste ich den Griff meines schweren Koffers und folgte ihr. Der Duft nach altem Holz stieg mir erneut in die Nase. Sofort fühlte ich mich wohl.

Hinter uns kam ein weiteres Mädchen die Treppe hinauf. Sie trug statt eines Koffers zwei Taschen, einen Rucksack und ihr Handy an einer Wollkordel wie eine Schärpe über ihrer Brust. Das gesamte Set war schwarz-weiß gemustert und perfekt aufeinander abgestimmt, sogar die Handyhülle.

Das Mädchen vor mir meinte über ihre Schulter: »Ich bin Nell und das da ist AJ.«

Ich sah über meine eigene Schulter in ein lächelndes Gesicht. »Hi.«

»Hi, ich bin Elina.«

»Wissen wir«, entgegnete AJ schmunzelnd.

Klar, Isabelle hatte dafür gesorgt, dass das jetzt jeder hier wusste. Mürrisch stapfte ich weiter hinauf und schnaufte angestrengt. Nur noch vier Stufen, dann konnte ich dieses Mistding von Koffer endlich abstellen.

Oben mündete die Treppe in einen vergleichsweise kleinen Flur. Nell zog gerade ihre Skijacke aus und hängte sie an einen der drei schwarzen Haken, die links an der Wand in verspielten Schnörkeln angebracht waren. Dann drückte sie die Türklinke herunter und gab den Blick auf ein absolut cooles Zimmer frei. Vollkommen abgelenkt blieb ich, kaum angekommen, einfach auf dem Treppenabsatz stehen. AJ rannte prompt in mich hinein. Ich stolperte nach vorn und hörte gleichzeitig so einiges hinter mir die Treppe hinunterfallen.

»O Gott, entschuldige!« Ich wirbelte herum und eilte AJ hinterher, um ihre Taschen aufzusammeln. Sie selbst hatte sich wohl gerade noch so am Geländer festhalten können. Ihr erst sehr wütender Gesichtsausdruck wurde sofort sanfter.

»Schon gut. Ich bin ja in dich hineingelaufen. Wieso bist du stehen geblieben?«

»Ich war so abgelenkt von dem Zimmer.«

AJs Mundwinkel verzogen sich zu einem amüsierten Schmunzeln. »Kann ich verstehen. Das erste Mal, als ich es gesehen habe, kam ich auch aus dem Staunen nicht mehr heraus.«

Erleichtert lächelte ich sie an und reichte ihr ihre Taschen. Gemeinsam erklommen wir die letzten Stufen und betraten dann unser Zimmer.

Kapitel 3

Kaum über der Schwelle, erkannte ich, dass das Zimmer noch viel größer war, als mein erster Blick offenbart hatte. Es nahm beinahe das komplette Dachgeschoss ein. Nell lief gerade in die hintere rechte Ecke, wo ein wirklich bequem aussehendes Einzelbett unter einer Regalwand voller Bücher stand. »Badezimmer«, sie zeigte auf eine offen stehende Holztür rechts von sich, »begehbarer Kleiderschrank«, kurzer Wink nach links, »und dahinten die Küchenzeile mit Minibar.«

Mir klappte sprichwörtlich die Kinnlade herunter.

»Richtig nice, oder?« AJ grinste mich an, als sie an mir vorbeiging und geradeaus auf das riesige Doppelbett zusteuerte. Damit hatten die Mädels dann auch entschieden, wer wo schlafen würde. Da es mir komplett egal war, zuckte ich mit den Schultern und lief AJ hinterher. Wobei ich mich wunderte, dass die beiden sich nicht das Doppelbett teilten. Sowohl AJ als auch Nell wirkten, als wären sie nicht zum ersten Mal hier.

AJ ließ ihre Taschen vor dem Schrank auf ihrer Bettseite auf den Boden plumpsen und band ihre schwarzen Haare mit geübten Griffen zu einem lockeren Dutt zusammen. Sie schälte sich aus der schwarzen Lederjacke, stemmte tatkräftig ihre Hände in die Seiten und hob dann den Blick. »Auspacken oder erst einkaufen?«

»Erst auspacken«, entschied Nell und wuchtete ihren Koffer auf ihr Bett. Sie öffnete den Reißverschluss ihres Rollis und begann, ihre Kleidung in die Kommode neben dem Bett einzuräumen. Was für mich die Frage aufwarf, wozu es einen begehbaren Kleiderschrank gab.

»Was hast du Belle denn getan?«, fragte AJ und hielt ihr Handy für ein Selfie vor sich hoch. Sie bewegte ihren Kopf zur Seite und zwinkerte in die Kamera, vermutlich machte sie ein Boomerang für Instagram. Ich war gerade in die Hocke gegangen, um meinen eigenen Koffer zu öffnen. Nun verharrte ich mitten in der Bewegung und sah zu AJ hinauf, die mich über das Bett hinweg aus ihrem sonnengeküssten Gesicht feixend anstrahlte.

Ihre Formulierung wunderte mich etwas, und so stellte ich intuitiv die Gegenfrage. »Kennst du sie?« Ich war eine Fettnäpfchenqueen und witterte eine neue Falle.

»Klar. Wir vier anderen Mädchen waren letztes Jahr schon zusammen hier.«

Na, das erklärte, warum sich alle hier so gut auskannten. Alle außer mir.

»Isabelle hat uns von dir erzählt. Sie sagte, ihre Mutter habe dich aufgetrieben. Uns sind zwei Mädels abgesprungen und es dürfen nur ebenso viele Männer wie Frauen mit, deshalb brauchten wir dringend Ersatz«, offenbarte AJ.

Oh, na super. Ernsthaft? Ich kam hier in eine eingeschworene Clique und alle liebten meine Feindin. Yippie! Ich wollte gar nicht wissen, was Belle ihnen über mich erzählt hatte. Das hier hätte meine Flucht sein sollen. Hätte ich eine persönliche Hölle haben wollen, wäre ich zu Hause geblieben.

»Charmant«, murrte ich und wandte mich ab, um einen Stapel Longsleeves ins oberste Fach im Kleiderschrank zu legen. Als ich die leise quietschende Tür öffnete, wehte mir ein urig holziger Geruch entgegen, der mich an Urlaub und Österreich erinnerte. Ich atmete ihn so tief ich konnte ein und entspannte mich wieder.

Hinter meinem Rücken kommunizierten die zwei bestimmt still miteinander. Na und? Sollten sie doch.

»Entschuldige«, sagte AJ. Verwirrt lugte ich um meine Schranktür und musterte sie. Sie entschuldigte sich? Wieso das denn?

AJ setzte sich im Schneidersitz auf ihre Bettseite. »Ich bin manchmal ein wenig taktlos, ohne dass ich das merke. Ja, wir kennen uns schon alle. Das heißt natürlich nicht, dass du automatisch an eurem Streit schuld sein musst, und es heißt auch nicht, dass wir dich jetzt ausgrenzen oder so«, erklärte sie ganz direkt.

Perplex starrte ich sie an. »Alles klar.«

Nell grinste aus ihrer Ecke rüber. »Daran gewöhnst du dich«, versprach sie und zwinkerte mir zu.

Das brachte mich zum Schmunzeln, ich mochte die beiden auf Anhieb. Kurz entschlossen streifte ich meine Schuhe ab, hüpfte auf mein Bett und machte es mir mit einem Bein angezogen und dem anderen aufgestellt auf der Decke bequem. »Dann klärt mich mal über alles auf, was ich wissen sollte«, forderte ich die beiden auf, die einen feixenden Blick tauschten und dann zu mir kamen. AJ lümmelte sich ans Fußende meiner Bettseite, Nell dagegen nahm auf AJs Seite Platz. Sie saß auf ihrer linken Pobacke und hatte ihre Beine seitlich angewinkelt. Irgendwie schaffte sie es, mit der gepufften Daunenbettwäsche um sich herum dabei würdevoll auszusehen. Ich selbst lehnte mich mit einem Kopfkissen im Rücken an mein Kopfteil.

AJ kuschelte sich mit funkelndem Blick auf die Decke, die sie als Stütze unter sich zusammendrückte. »Schieß los, Nell.«

Nell schien einen Moment nachzudenken, dann erzählte sie: »Also, unsere AJ hier ist ein regelrechtes Schandmaul. Sie benimmt sich wie eine raue Draufgängerin, aber Hunde, die bellen, beißen nicht. Die Kleine sucht sich immer einen Kerl aus und bleibt die komplette Zeit bei ihm. Letztes Jahr war es Florian, der Skilehrer.«

Ich fühlte mich für einen Moment unwohl, doch als ich AJs breites Grinsen sah, entspannte ich mich und musste über die offene verspielte Art der beiden lächeln.

»Ah ja, hoffe, er ist wieder da. Dieser Daniel ist nicht gerade mein Typ. Und Flos bestes Stück war yummie!«, schnurrte sie und wir prusteten los.

»Ich selbst bin keine Konkurrenz, was die Männer angeht. Ich bin lesbisch«, erklärte Nell mit scheinbar keckem Blick. Die Röte auf ihren Wangen verriet sie allerdings.

»Also zweimal keine wirkliche Konkurrenz.« Ich hakte eine imaginäre Liste ab und streckte AJ, die empört aufgeschrien hatte, die Zunge raus. Gerade so wehrte ich die Packung Taschentücher ab, die sie nach mir warf. »Hey!«, beschwerte ich mich ausgelassen.

Nell, die herzhaft über uns lachte, holte tief Luft, um fortzufahren. »Dina und AJ waren letztes Jahr ein Kopf und ein Arsch. Wie mir scheint, haben sich die beiden Hübschen inzwischen in unterschiedliche Richtungen entwickelt.«

»Sie«, schnaubte AJ.

»Auf jeden Fall sind sie zwar noch befreundet, aber nicht mehr unzertrennlich. Dina ist … freizügig«, formulierte Nell es bedacht und kassierte einen Das-ist-voll-untertrieben-Blick von AJ.

»Also Konkurrenz.« Ich nickte mit bemüht ernster Miene und Nell stutzte. Dann verzog sie schmunzelnd ihre Lippen und erhob tadelnd ihren Zeigefinger. »Ein kleiner Teufel, was?«

»Gut, auf wem war sie schon alles drauf? Will ja nichts Ausgelutschtes«, verkündete ich, um derb zu sein, schüttelte aber schon im nächsten Moment über mich selbst schockiert meinen Kopf. »Entschuldigt, das geht mich nichts an!« Ich war entsetzt. Das war so typisch. Immer redete ich erst und dachte dann nach. Scham brannte in meinen Wangen und in meiner Brust.

AJ runzelte mit wachsamem Blick die Stirn. »Bist du ’ne Anständige in der Hinsicht?«

Ich zögerte. »Das war ich mal.« So lautete wohl inzwischen die korrekte Antwort.

»Gebrochenes Herz, mhm?«, meinte AJ in einem wissenden, fast schon melancholischen Tonfall.

Ich stutzte, dann lachte ich, allerdings nur, damit ich nicht weinte, und die zwei merkten das sofort.

»Belle«, erinnerte AJ Nell. Dankbar für den Themenwechsel schob ich all die hochkochenden Erinnerungen zurück in ihre winzige Schublade ganz hinten in meinem Gedächtnis.

Nell nickte eifrig, und ihre kinnlangen roten Locken wippten dabei richtig süß. Schnell fuhr sie fort: »Also, Isabelle ist dezent, aber kein Kind von Traurigkeit. Sie ist letztes Jahr mit Felix zusammengekommen. Nun haben die zwei eine Art Fernbeziehung geführt, bis Isabelle angefangen hat, in Frankfurt zu studieren. Jetzt sehen sie sich während des Semesters, und zwischendrin führen sie weiterhin eine Fernbeziehung«, erzählte Nell.

Das hatte ich gar nicht gewusst. Ich kannte Isabelle auch nur oberflächlich und wusste immerhin, dass sie während ihres Semesters inzwischen in Frankfurt wohnte, sonst war mir kaum etwas über meine Nachbarin bekannt.

»Okay, also ist Felix von den Jungs raus.« Ich nahm meinen alten Faden wieder auf. Nell lächelte sanft, als ich so auf ihren Themenwechsel einging.

AJ wiegte abschätzend den Kopf. »Sollte man meinen, aber der Kerl baggert alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich glaube, er liebt Isabelle zwar, nur liebt er eben auch ’ne Menge anderer Frauen, wenn du weißt, was ich meine.«

»Denkst du, er ist untreu?« Es überraschte mich, dass Isabelle das mitmachte.

»Nein«, wehrte Nell entschieden ab. »Ich glaube, er reizt die Grenze aus, soweit er kann.«

Okay, also flirten, aber nicht anfassen, speicherte ich ab. Die Grenzen dessen, was man durfte und was nicht, hatten sich in den letzten Monaten für mich verschoben. Jeder Mensch war selbst verantwortlich für seine Entscheidungen, und ich hatte entschieden, niemals die andere Frau zu werden. Das hinderte mich allerdings nicht daran, den Nervenkitzel eines guten Flirts zu genießen, egal ob mein Flirtpartner vergeben war oder nicht.

»Du wirst es schon noch selbst merken. Felix ist rau und hat einen unbezwingbaren Charme.« AJ lächelte leicht verträumt. »Jetzt Kai«, forderte sie wie ein Kind, das einem Märchen lauschte. Sie lümmelte sich noch etwas tiefer in die Decke und linste hinauf zu Nell.

»Kai ist ein Skater. Ein herzensguter und verdammt sexy Skater. Er hat blaue Augen und schwarze, kurze Haare. Sein schlanker Körper ist voller filigraner Muskeln und seine Hände sind rau und männlich«, seufzte Nell.

Ich runzelte die Stirn. »Ich dachte, du stehst auf Frauen«, rutschte es mir heraus.

»Ich schon.« Nell grinste verspielt. »Aber AJ hat eine Schwäche für ihn. Nur will Miss Flirty das nicht zugeben.« Nell zwinkerte mir verschwörerisch zu. Ihre Augen funkelten wie bei einer liebevollen großen Schwester, wenn sie die kleine neckte.

»Also, Finger weg von Kai«, zog ich meinen Schluss.

»Nein, nein. Nell übertreibt«, meinte AJ. Doch ich sah in ihrem Blick, dass Finger weg genau das war, was sie von mir wollte.

»Weiter.« Bisher hatte mir Nell nur Jungs vorgestellt, von denen ich mich fernhalten sollte … und auch würde.

»Die drei anderen sind sehr unterschiedlich. Sonny, also Alexander, ist ein grundanständiger Kerl, dem man das wegen seiner Kifferei gar nicht zutraut. Er hat die richtigen Ansichten, ist allerdings auch ein Chaot durch und durch. Er feiert gern und hart und ist oft betrunken und beziehungsweise oder stoned. Trotzdem weiß er, was sich gehört.«

»Klingt komisch, ist aber so«, pflichtete AJ ihr auf meinen zweifelnden Blick hin bei.

»Lysander ist groß, kräftig, blond und stark.«

»Wie ein Wikinger«, rief AJ euphorisch.

»Ja, stimmt. Und irgendwie auch wie ein riesiger Teddybär«, ergänzte Nell. »Er und Sonny kicken zusammen in derselben Fußballmannschaft, und ich find sie beide echt toll. So anständige Kerle, das gibt es heutzutage nicht mehr oft. Würden Männer mich interessieren, die beiden wären welche fürs Leben und nicht nur für eine schnelle Nummer.«

»Beruhigt mich zu hören«, brummte ein Hüne von einem Mann, der plötzlich in unserem Türrahmen lehnte. Ich zog betreten meinen Kopf ein, immerhin hatte er uns gerade beim Tratschen erwischt. Wie hatten wir nur die knarzenden Stufen hier herauf überhören können?

Seine schmunzelnden Züge nahmen mir allerdings die aufkeimende Scham sofort wieder. Zum Glück hatte Nell nichts Schlimmes gesagt.

»Ups, hab wohl vergessen, die Tür zuzumachen«, meinte AJ mit gespielter Betroffenheit.

»Na klar«, schnaubte ein schlaksiger Mann mit blauen Augen und schwarzem Haar … äh, Kai? Das musste Kai sein. Ich blickte zu AJ und sah, was Nell meinte. Japp, eindeutig interessiert.

Kai ging durch den Raum und auf uns zu. Er setzte sich ans Fußende des Bettes, wo AJ ihm Platz machte, und tauschte einen Blick mit ihr, der mir das Gefühl gab, in eine intime Szene einzubrechen. Schnell sah ich zu den anderen zwei Männern, die ihm ins Zimmer gefolgt waren. Der Hüne war an der Tür stehen geblieben.

Einer der beiden Eintretenden, ein dünner Mann mit schmalem Gesicht und leichten O-Beinen, lehnte sich neben der Badezimmertür an die Wand und verschränkte seine Arme vor der Brust. »Erklärst also der Neuen, was hier so abgeht, Nellilein?«

Nell streckte ihm die Zunge raus und meinte: »Ist nur fair, wenn sie ein bisschen was erfährt, so als einzige Neue.« Damit wandte sie sich an mich. »Das ist Sonny.«

»Der anständige Kicker, wenn ich es richtig mitbekommen habe«, ergänzte er selbst mit verspielt verzogenen Mundwinkeln.

AJ lachte und der große Mann in der Tür gluckste leise.

»Also, den Wikinger und die anständigen Kerle fürs Leben, das haben wir gehört. Was sagt Nell so über uns zwei?«, fragte der vierte im Bunde, der sich am Fußende auf seine Unterarme gestützt über meinen Bettrahmen lehnte. Das war … äh, verdammt.

»Kai ist ein sexy Skater und du wurdest noch nicht erwähnt«, antwortete ich keck.

»Uh, ich bin sexy«, freute Kai sich.

Der Kerl an meinem Kopfende runzelte die Stirn. Er starrte mir direkt in die Augen. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich seltsam nackt. Das Vibrieren meines Smartphones in meiner Hosentasche rettete mich. Ich fummelte es schnell heraus. Eine Nachricht von Rivera. Schon die drei Zeilen, die mir angezeigt wurden, ließen bittere Galle meinen Hals hinaufkriechen.

Du hast immer noch nicht geantwortet,

ob du dich an Sams Geschenk beteiligen

willst. Es ist kurz vor …

Schnell stopfte ich das Handy wieder in meine Tasche und hob meinen Blick, der auf blaugrüne Augen traf.

»Los, beeindruck mich. Wer ist wer?«, forderte er.

Ich zog meine Augenbrauen zusammen und legte meinen Kopf schief. »Beeindruck mich? Ernsthaft?«, fragte ich pikiert. Was bildete der Kerl sich bitte ein? Ich sah durchaus den Schalk in seinem Blick, trotzdem war das absolut chauvinistisch.

»Tja, Casanova, Elina ist zu heiß für dich«, neckte AJ. »Sie hängt nicht sabbernd an deinen Lippen.«

Der Kerl wandte sich AJ zu und ich entdeckte eine Narbe an seinem Hals. Das dunkelblonde Haar verdeckte zwar ihren Ansatz, aber da sie bis zur Mitte seines Halses hinunterreichte, sah ich sie trotzdem sehr deutlich.

»Und keiner sabbert so gut wie Dina«, ätzte er.

»Pfui. Also wirklich. Das wollen wir gar nicht wissen!«, schimpfte Nell wie eine Mutter.

Der Kerl mit der Narbe drehte sich in ihre Richtung und seine Augen blitzten regelrecht auf. »Ach nein?« Er wirkte künstlich schockiert. Seine Stimme hatte einen bitterkalten Ton. »Wo wir hier doch gerade alle in Schubladen packen: Welche hattest du für mich, Nell?«, fragte er in so ruhigem Ton, dass ich mir nicht sicher war, ob er in Zorn schwelte oder nur desinteressiert am Gespräch teilnahm. Ich tippte intuitiv auf Ersteres, aber das war reines Bauchgefühl.

»Mh, Nell … Casanova? … Arschloch? … Sexbesessen?«, schlug AJ mürrisch vor.

»AJ«, rügte ich sie impulsiv. Eigentlich sollte ich mich nicht einmischen, nur war die Stimmung plötzlich so bitter geworden. War das nur neckend oder so ernst, wie es sich für mich anfühlte? Anhand der anderen versuchte ich die Situation einzuschätzen, aber Kai war damit beschäftigt, AJ anzuschmachten, und Sonny betrachtete geflissentlich seine Füße. Nur der Kerl im Türrahmen lächelte. Keine Ahnung, was das bedeutete. Es konnte sein, dass er sich darüber amüsierte, wie der Narbenmann die Weiber auseinandernahm. Es konnte aber genauso gut sein, dass der Typ mit der Narbe uns aufzog und Lysander sich das Grinsen nicht verkneifen konnte.

»Also schön, Grummel«, schnaubte ich. »Bis du reingeplatzt bist, hatten wir ’ne Menge Spaß. Menschen stecken alles in Schubladen. Schluck es und leb damit.«

Der Kerl sah mich direkt an. Sein dunkler Blick fuhr durch alle meine Schutzschichten. Das unangenehme Gefühl, entblößt zu sein, jagte einen Schauer durch meinen Körper. Schnell platzte ich mit dem Ersten heraus, was mir in den Sinn kam: »Also, zu deiner Frage: Lysander ist der Wikinger im Türrahmen, Sonny der Schuhstarrer am Schrank und Kai der blauäugige Skater neben dir. Da Nell zu dir noch nichts gesagt hat, habe ich nur den Eindruck eines Stimmungskillers«, ratterte ich meinen Bericht tonlos herunter. »So, ich hoffe, die Antwort war befriedigend. Und jetzt raus, damit wir wieder lachen können.« Mit meinen Händen wedelte ich in seine Richtung, als wollte ich eine lästige Fliege verscheuchen, und ehrlich gesagt war der Vergleich gar nicht so weit hergeholt. Ich wollte diese durchdringenden Augen wirklich dringend loswerden.

Stille.

Er starrte mich fest an, mir direkt in die Augen.

Ich hielt seinen Blick. Entschlossen, ja nicht zurückzuweichen, blinzelte ich nicht einmal. Es wurde ein regelrechter Wettkampf daraus.

Bis mich ein Kissen von der Seite traf und alle laut loslachten.

Überrumpelt sah ich mich nach dem Werfer um und erfasste ein Bild, das mich selbst zum Schmunzeln brachte. AJ hatte mich attackiert und der Wikinger zeitgleich den Narbenmann. Ich hatte bei meiner Starrerei nicht einmal bemerkt, dass Lysander sich bewegt hatte. Himmel, musste ich gebannt gewesen sein.

Noch bevor einer von uns jedoch etwas sagen konnte, kamen Isabelle und der fünfte Mann ins Zimmer, das hieß, sie blieben dort stehen, wo Lysander zuvor gestanden hatte, händchenhaltend und lächelnd. »Was ist denn hier los?« Isabelle sah sich strahlend im Zimmer um. Ich könnte wetten, dass sie unbedingt teilhaben wollte.

Ich zog meinen Kopf ein wenig ein und hielt geflissentlich die Klappe. Alle hier schienen sie leiden zu können.

»Die Neue schröpft Noah«, berichtete Sonny mit amüsiertem Ton.

Isabelles Blick traf mich und mir wurde kalt. Sie sagte nichts, sondern lächelte nur. Und das gekonnt. Wäre ich mir nicht hundertprozentig sicher gewesen, dass sie mich hasste, hätte ich das nicht im Geringsten an ihrem Lächeln erkennen können, nur an ihren Augen.

»Die Neue … Elina, richtig?«, mischte sich Felix ein. Sein süffisantes Lächeln hatte durchaus was für sich. Und sein Körper … wow! Er wirkte wie die Sorte Mann, denen die Frauen einfach zuflogen. Klar, dass er Isabelle bekommen hatte. So eine Schönheit konnte jeden haben, den sie wollte, und Felix schien ihrer würdig. Er hatte dieses Lächeln, das einen schwindeln ließ. Dazu den perfekten Sonnyboylook, und der krasse Kontrast zwischen dunklen Haaren und hellen Augen … tja, er war jedoch mit Isabelle zusammen.

»Richtig«, bestätigte ich freundlich. »Und du musst dann Felix sein.«

»Oh!«, grölte Sonny. »Jeden Namen kennt sie, nur deinen nicht!« Er feixte in Noahs Richtung, der sich an den Tisch direkt unterm Fenster zurückgezogen hatte.

Ich errötete. »Nur weil Nell noch nichts über ihn erzählt hatte«, verteidigte ich mich leise. Ich wollte hier niemanden herabwürdigen. Es war reiner Zufall gewesen, dass ich seinen Namen als einzigen noch nicht kannte, und vielleicht war ich ein wenig garstig gewesen wegen dieser verdammten Nachricht meiner Schwester. Dass sie mich das überhaupt fragte … ich könnte immer noch schreien vor Wut.

»Ha! Da zieht die Katze plötzlich ihre Krallen wieder ein«, kommentierte Lysander und musterte mich nach vorn gelehnt auf das Fußende gestützt wie Noah zuvor.

Ich sackte etwas in mich zusammen und spürte das heiße Glühen in meinen Wangen. Hervorragend, ich hatte es irgendwie geschafft, zum Mittelpunkt des Geschehens zu werden. Ein mieses Gefühl, wenn man keine Ahnung hatte, was die anderen von einem hielten.

»Sie wird ja richtig rot«, stichelte Noah, der hinüber zum Fenster geschlendert war und sich dort auf einen der Stühle gesetzt hatte.

»Rot wie die untergehende Sonne«, stimmte Kai lachend zu.

»Tz«, schnaubte ich trotzig. »Untergehende Sonne. Schwimmst du am anderen Ufer, oder kommen die romantischen Vergleiche durch das Kiffen?«, frotzelte ich bissig. »Man sagt: rot wie eine Tomate oder meinetwegen noch wie die Tapete, oder was sonst gerade rot im Zimmer ist, aber die untergehende Sonne? Schlimmer wäre nur noch wie eine Rose gewesen.« Mit gespielt lieblicher Stimme faltete ich meine Hände in dahinschmelzender Theatralik.

Es herrschte einen kurzen Moment lang Stille. Lange genug, um zu begreifen, dass der Kommentar zum anderen Ufer in Anwesenheit einer Lesbe wirklich unangebracht und auch absolut diskriminierend war. So auf Kai herumzuhacken … verdammt, was war nur in mich gefahren?

»Tada, da sind die Krallen wieder«, kommentierte Felix.

»Und die Röte ist weg«, murmelte Lysander, der mich so intensiv beobachtete, als wäre ich ein spannendes Experiment.

»Ich würde auch beißen, wenn jeder mich anstarrt«, meinte AJ schnippisch und streckte Lysander die Zunge raus. »Und du, Noah, hast das voll provoziert.«

Ich sah unweigerlich zu dem Kerl mit der Narbe. Ein Bein übergeschlagen, saß er lässig auf dem Stuhl und lächelte verschmitzt. »Hab ich wohl.« Wenig reumütig zuckte er mit den Schultern.

Jetzt im Ernst?

»So, Elina, da du sie nun alle kennengelernt hast, was hältst du von Nells Urteil?«, fragte AJ neugierig.

»AJ!«, rügte diesmal Nell sie mit umherhuschendem Blick, nur war ich überhaupt nicht mehr in Spielstimmung. Mir hing mein fieser Kommentar Kai gegenüber noch schwer im Magen. Ich nahm mir vor, mich später zu entschuldigen, wenn wir mal unter uns waren.

»Das würde mich jetzt auch interessieren«, meinte ausgerechnet Kai. Aus dem Bedürfnis heraus, ihn nicht noch einmal vor den Kopf zu stoßen, versuchte ich nun doch mitzuspielen.

»Mh … « Ich tippte mit meinem Zeigefinger auf meine Lippen. »Felix kann ich noch nicht einschätzen. Lysander: stimmt, denke ich, aber ich glaube, wir müssen Stille Wasser sind tief hinzufügen. Sonny und Kai würde ich so unterschreiben.« Noch ehe jemand darauf antworten konnte, blickte ich dem Narbenmann wieder fest in die Augen. »Und Noah ist nicht einschätzbar«, schloss ich.

Noahs Augen blitzten, während die anderen im Raum erheitert lachten.

»Soll ich das als Kompliment oder Beleidigung verstehen?«

Ich legte eine teilnahmslose Miene auf. »Ganz wie du willst.« Damit wandte ich mich wieder an Nell und fragte: »Und der Kerl, der vorhin auf dem Flur diese emotionale Rede geschwungen hat?«

Sie zuckte mit den Schultern, wobei ihre kinnlangen roten Locken wieder so knuffig wippten. »Den kennen wir noch nicht. Er heißt Daniel und ist wohl auch Teil des Alpinlagers.« Also stimmte die Info in der Mail und das war Daniel, unser Skilehrer, gewesen.

»Daniel?«, fragte Noah nach und sah dann Felix vielsagend an.

»Du meinst, der Daniel?«, überlegte Felix laut.

Noah legte unschlüssig den Kopf zur Seite.

»Hallo! Aufklärung bitte!«, forderte AJ.

»Also, das geht so mit den Bienchen und den Blümchen …«, begann ich mit belehrend erhobenem Finger und alle grinsten oder lachten. Alle, bis auf Isabelle. AJ lachte erst mit, ehe sie ein halbwegs empörtes »Hey!« von sich gab und mich gegen die Schulter schubste.

»Daniel ist in Sachen Casanova noch schlimmer als Noah«, meinte Isabelle grinsend, und sie alle sprangen sofort darauf an.

»Das geht?«, fragte AJ.

Noah legte ein genießendes Lächeln auf, während Lysander meinte: »Ihr wärt überrascht.«

»Darüber, wie wenig Casanova Noah in Wirklichkeit ist, oder darüber, dass es tatsächlich schlimmer geht?«, stichelte AJ.

»Beides.«

Kapitel 4
NOAH

Ich kann es kaum erwarten!« AJ hüpfte voller Vorfreude über den Flur. »Endlich wieder Après-Ski und Party. Keine Eltern, die einem die Stimmung verhageln. Freiheit!« Es war inzwischen Tradition, dass sie alle am ersten Abend ins Santinos gingen.

»Wir führen dich heute gleich richtig ein«, entschied Sonny und knuffte dieser Elina gegen die Schulter. Noah wartete gespannt auf ihre Reaktion. Sonnys Art kam definitiv nicht bei jeder gut an. Doch die sportlich-tough wirkende junge Frau mit ockerfarbenem Hautton und vollen Lippen streckte dem Fußballer verspielt die Zunge raus.

»Und in was?«, wollte Elina von Sonny wissen.

»In die Regeln des Hauses!«

Elina zog eine Augenbraue hoch. »Es gibt Regeln?«

»Klar, um Spaßbremsen loszuwerden«, meinte Belle lächelnd. Noah sah Elina zusammenzucken, als hätte Belle etwas Angreifendes gesagt.

»Wer will schon Spaßbremsen dabeihaben?«, feixte Felix mit einem Zwinkern in Lysanders Richtung. Dieser schenkte ihm nur einen vernichtenden Blick. Noah würde seinen besten Freund ja in Schutz nehmen, aber das hatte Lysander gegen diesen Aufschneider nicht nötig.

»Niemand hier ist eine Spaßbremse«, entschied Nell kategorisch. Wie immer erstickte sie den aufkommenden Streit im Keim. »Los geht’s.«

Noah schmunzelte. Nell hatte mal wieder alles im Griff.

»Wohin?«, wollte Elina nun wissen. Sie warf Belle einen unsicheren Blick zu.

»Ins Santinos natürlich. Die Bar ist der einzige akzeptable Ort in diesem verschneiten kleinen Nest«, mischte Sonny sich ein und legte Elina einen Arm um die Schultern. Noah fielen da noch ein paar gemütliche Schlafzimmer im Ort ein, die durchaus mit der Bar mithalten konnten.

Sonny lehnte seinen Kopf seitlich an Elinas und beschrieb mit seiner zweiten Hand einen Bogen in der Luft, als würde er ihr den Ort wirklich zeigen. »Du wirst schon sehen: urig, es stinkt nach schalem Bier, überall Schnee auf dem Boden und Splitt, damit keiner ausrutscht, und alles aus abgewetztem Holz.«

»Genau nach meinem Geschmack!«, tönte Lysander und grinste Felix an. Dieser rollte nur mit den Augen und schlüpfte in seine eigenen Schuhe.

»Hey, Elina!«, rief es plötzlich hinter ihnen, als Belle schon die Haustür aufzog.

Die Neue fuhr herum wie alle anderen auch. Da stand Daniel. Was wollte der denn hier? Noah verabscheute Männer wie ihn zutiefst. Immerhin war er frischgebackener Vater, wenn die Gerüchte stimmten. Zum Glück würde niemand ihn brauchen, alle wussten schon, wie der Hase lief, kannten die Pisten und die Regeln, sie brauchten keinen Skilehrer mehr. Und so wie Noah seine eifrige Cousine kannte, würde Nell die Neue an die Hand nehmen, sodass nicht einmal Elina ihn brauchen würde.

Der schmierige Typ mit den nach hinten gegelten Haaren kam zu ihnen herüber und trat näher an Elina heran. »Ich dachte, ich führ dich mal rum. Inzwischen weiß ich, dass die anderen ja alle schon zwei- bis dreimal hier waren.«

Noah unterdrückte ein demonstratives Würgegeräusch. Ging es noch offensichtlicher? Erwartungsvoll sah er zu der Neuen und erwischte sie dabei, wie sie einen zögernden Blick in Belles Richtung warf. Wenn er sich nicht irrte, funkelte die Eiskönigin herablassend zurück. Der vernichtende Blick verschwand allerdings so schnell aus ihren Zügen, dass er sich nicht sicher war.

»Klar, warum nicht?«, lenkte Elina ein. Mit einem koketten Lächeln strich sie sich eine Strähne ihres hellbraunen welligen Haars hinter das Ohr und schenkte Daniel dann einen flirty Blick.

Noah starrte sie überrascht an. Wieso?

»Geht ihr schon vor, ich komme gleich nach«, trällerte Elina.

AJ zog eine enttäuschte Schnute. »Meinetwegen. Aber lass mich nicht so lange warten. Ich will dir doch das Sahneschnittchen zeigen.«

Noah fragte sich gerade, wen AJ damit meinen konnte, da setzte die Gruppe sich auch schon in Bewegung und machte sich auf den Weg ins Santinos, während Elina zurückblieb und Daniel entgegentrat.

»Ich habe mehr von ihr gehalten«, entfuhr es ihm leise.

»Ich auch«, gestand Lysander niedergeschlagen und sah Elina nach. Gemeinsam folgten sie den anderen. Noah dachte daran, wie sie vorhin im Zimmer gewesen war, diese zwei Seiten: mal richtig fies kratzbürstig und dann verspielt und beinahe unbedarft. Wieso nur ging sie auf so eine plumpe Einladung ein? Die Wege im Dorf waren zum Glück sehr kurz. Er war nicht hier, um über eine Frau nachzudenken, sicher nicht. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Belle auch schon die Bartür vom Santinos aufzog und der warme Schein der Dorfbar, gepaart mit den wummernden Klängen von Cordula Grün jeden Gedanken an die Frau mit den vollen Lippen verdrängte.

Nell steuerte den großen Tisch in der Ecke an, der im letzten Jahr zu ihrem Stammplatz geworden war. »Wisst ihr schon, was ihr wollt?«, fragte Nell bereits beim Hinsetzen.

»Klar, ruf die Kellnerin!«, bekräftigte Felix sofort. Noah ließ seinen Blick schweifen, als er sich neben seine Cousine setzte. Kai und Sonny hatten noch nicht einmal einen Platz gefunden. Kai trat auf den nächstbesten freien Stuhl zu, den Sonny ihm total dreist vor der Nase wegschnappte.

»Sorry, Kumpel, das ist meiner.«

Noah schmunzelte über diesen offensichtlichen Kuppelversuch. Der Fußballer war ein verkappter Romantiker und vertrieb Kai so zu dem letzten noch freien Stuhl am Tisch … neben AJ. Als Kai das auch begriff, wandelte sich die empörte Wut in seinen Zügen zu regelrechter Dankbarkeit, ehe er sich neben die Frau setzte, die er ganz offensichtlich anhimmelte. So ein Träumer. Keine Frau der Welt verdiente so bedingungslose Hingabe, keine!

»Denkst du, Daniel will mit Elina schlafen?«, fragte Dina gerade Felix links von ihm.

»Würde mich nicht wundern, wenn er nichts anbrennen lässt«, schnaubte Noah.

»Ja, er. Ich wette mit dir, sie taucht gleich hier auf.« Lysander wirkte vollkommen überzeugt.

»Redet ihr schon wieder über Elina?«, mischte AJ sich genervt ein.

Noah schnaubte nur, wieso denn schon wieder? Doch Lysander ging auf sie ein. »Es wundert mich einfach, dass sie dageblieben ist.«

»Wieso?« AJ lehnte sich zurück, als würde sie einen Streit erwarten.

»Na, er will sie doch nur zu seinen Eroberungen hinzufügen. Dass so ’ne billige Anmache funktioniert, finde ich traurig. Und da ich eigentlich mehr von ihr halte, wette ich, dass sie bald hier auftaucht. So bald, dass sie nicht mit ihm geschlafen haben kann.«

AJ funkelte seinen besten Freund an. »Ihr seid solche Chauvinisten.«

»Wie bitte?« Lysander glaubte eindeutig nicht richtig zu hören, und ehrlich gesagt verstand Noah AJs Angriff auch nicht. »Ich habe gerade gesagt, ich halte mehr von ihr!«

»Was genau das Problem ist! Selbst wenn sie dageblieben wäre, um mit Daniel zu vögeln, was dann? Es ist doch verdammt noch mal ihre Sache. Ganz ehrlich, wäre sie ein Mann, würdet ihr sie feiern, dass sie, kaum angekommen, schon die Erste klarmacht. So ist sie natürlich ’ne Schlampe oder leicht zu haben oder was auch immer. Und du bildest dir auch noch ein, du würdest ihr großzügig einen Gefallen tun, weil du mehr von ihr hältst.«

Die anderen hatten ihre Gespräche inzwischen eingestellt. Jeder war von der hitzig starrenden AJ gebannt. Noah wusste nicht, ob er ihr zustimmen sollte oder doch anderer Meinung war. Allerdings musste er zugeben, dass er Casanova genannt wurde und nicht männliche Schlampe. Vielleicht hatte sie wirklich einen Punkt.

Nell durchbrach als Erste das aufgeladene Schweigen. »Jedenfalls hat Lysander recht.«

»Wie bitte?«, zischte AJ.

Nell nickte hinter sie in Richtung Tür. »Ich meine damit, dass sie bald hier auftaucht, nämlich jetzt. Das ist wirklich zu bald, um mit ihm geschlafen haben zu können.«

Noah schnaubte amüsiert auf. »Man kann verdammt schnell Sex haben.«

AJ verzog die Lippen. Ihr Blick strafte seine Worte ab, ehe sie Elina winkte, die sich im vollen Raum umsah. Elina hatte ihr langes gewelltes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der hinter ihr wippte, als sie AJ zurückwinkte. Dann kam sie flink zu ihnen rüber. Ihre Bewegungen, mit denen sie sich durch den vollen Raum schlängelte, waren überraschend geschmeidig. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal eine Frau hatte subtil ihre Hüften schwingen sehen. Es gab viele, die es bewusst einsetzten, und noch mehr, die es nicht konnten. Elinas Hüftschwung dagegen war dezent und anmutig zugleich.

»Na, kennst du jetzt das Haus?«, fragte AJ und zwinkerte Elina zu. Noah schüttelte den Kopf und starrte auf den Tisch vor sich. Hatte er gerade ernsthaft der Neuen dabei zugesehen, wie sie schön gegangen war? Das musste daran liegen, dass sie ihm vorhin so über den Mund gefahren war. Herausforderungen hatte er noch nie widerstehen können.

»Gab ja nicht mehr viel zu sehen, was ich noch nicht kannte«, entgegnete sie. Was denn nun? War sie auf Daniel eingegangen oder nicht? Niemand glaubte ja wohl, dass der Typ sich wirklich dazu herabgelassen hatte, ihr das Haus zu zeigen.

»Stimmt.«

»Aber dass ihr mir verschwiegen habt, dass wir im Keller eine Sauna und einen Whirlpool haben, nehme ich euch übel. Das wären mal entscheidende Infos gewesen!« Neckend stupste sie AJ gegen die Schulter, die sofort einen Stuhl herangezogen hatte und ihn zwischen sich und Nell platzierte. Auf diese Weise saß sie immer noch neben Kai. Die beiden sollten zusehen, dass sie zusammenkamen, so viel sinnlose Zurückhaltung ging Noah auf die Nerven.

»Ach ja?«

»Klar! Ein Haus voller junger Erwachsener um die Zwanzig und so viel Gelegenheit … « Elina provozierte offensichtlich.

»Ich weiß nicht, was du meinst.« AJ grinste.

»Bitte!«, erklang es vom anderen Tischende. Dina stand mit entschlossener Miene auf. »Statt es nur anzudeuten, werde ich heute Abend tatsächlich noch in andere Sphären abheben. Also entschuldigt mich.« Damit griff sie nach ihrer Handtasche und stolzierte davon, direkt auf eine Gruppe Kerle am Tresen zu.

Noah schmunzelte. Auch wenn es kaum eine Frau gab, der er vertraute, Dina war ihm sympathisch. Sie spielte jedenfalls niemandem etwas vor.

Plötzlich prusteten AJ und Elina los, was die entstandene überraschte Stille effektiv beendete.

»Da habe ich wohl was verpasst«, meinte Elina schließlich.

»Nichts Wichtiges«, wehrte AJ ab.

»Wie du meinst. Jetzt musst du mir das Sahneschnittchen zeigen.«

Noah, der gerade von der Kellnerin sein Bier vor die Nase gestellt bekam, spitzte die Ohren.

AJ lehnte sich zu Elina hin und sah zielstrebig zur Bar. »Da vorn an der Theke. Sieht er nicht heiß aus?«

»Wer?«

»Na, der Typ im Hemd mit dem Kaschmirschal.«

»Dieser Schönling?« Elina sah überrascht zu AJ.

»Ich weiß. Aber mit ihm kann man wirklich Spaß haben.«

Elina runzelte die Stirn. »Puh, nee, der ist so gar nicht nach meinem Geschmack.«

»Echt nicht?«

»Blond, schlank, gut gekleidet, sportlich. Sorry, so gar nicht.«

Noah blickte an sich herab und musste zynisch lächeln. Sie hätte auch gerade einfach ihn beschreiben können. Spannend.

AJ blinzelte irritiert. »Verarschst du mich?«

»Nein, ehrlich. Ich dachte, du meinst den Barmann. Der sieht heiß aus«, bekräftigte Elina.

»Santino? Dein Ernst?«

»Heißt er so?«

»Ah, Elina weiß eben, was gut ist, dunkle Haare, verrucht, Tattoos und eher der Einzelgängertyp«, mischte Sonny sich ein, lehnte sich über den Tisch Elina entgegen und raunte dann mit tiefer Stimme: »Ich habe übrigens auch ein Tattoo. Wenn du magst, zeig ich es dir.«

Noah rollte mit den Augen. Die Mädels lachten und Elina schlug Sonny verspielt auf die Finger. Als sie endlich jeder ein Getränk hatten, stießen sie gemeinsam auf die kommenden drei Wochen an.

Noah nahm den ersten Schluck seines Weizens und hatte das Gefühl, dass diese Skifreizeit vollkommen anders werden würde als die letzten drei.

Kapitel 5

Lauschst du?« Ich musste bei dem Gedanken schmunzeln. Da stand er, der unnahbare Casanova, mit einem Ohr an die Badezimmertür im Erdgeschoss gepresst.

Noah fuhr derartig zusammen, dass ich mir ein Lachen nur mit Müh und Not verkneifen konnte. Er starrte mich für einige Herzschläge an, als wäre ich ein Geist. Dann huschte sein Blick zurück zur Tür und im nächsten Moment schon wieder zu mir. Jetzt ahnte ich, was ihn so verwirrte. Nur um mich zu vergewissern, schlich ich in meinen flauschigen Hausschuhen zu ihm und legte mucksmäuschenstill mein Ohr an die Tür. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie genau Noah mich betrachtete.

»Zieh dich an«, klang es gedämpft durch das Holz, das war unverkennbar Daniels Stimme.

Gut, dann also nicht einmal für eine schnelle Nummer. Was von den Damen hier schon vernascht wurde, wollte ich nicht haben. Ich zuckte meine Schultern, um das endgültig abzuhaken, und löste mich von der Tür. Noah ignorierend überquerte ich den breiten Flur hinüber zur Küche und lauschte dennoch angestrengt, ob er mir folgte oder nicht. Sosehr ich auch die Ohren spitzte, meine eigenen Schritte und mein Atem waren zu laut. Entweder war er sehr leise oder er war stehen geblieben.

Ich betrat eine urige Küche mit Schränken aus Echtholz in Landstiloptik, weiß gestrichen und mit gusseisernen Griffen. Die Arbeitsfläche bildete den gleichen Kontrast wie alles in diesem Haus. Hier traf urig-holzig auf modern und schnieke. Sie bestand aus einem Stück Baumstamm, dessen Rillen und Riefen mit rot meliertem Harz aufgegossen waren. Ich musste diese Oberfläche einfach berühren. Das Material fühlte sich glatt und unerwartet warm unter meinen Fingern an. Das Gefühl beruhigte mein aufgewühltes Inneres. Nicht genug, dass ich mich jetzt tatsächlich an einem Geschenk für Sam beteiligte, Rivera hatte mir gleich danach noch aufgetragen, sportliche Aktivitäten für Sams Junggesellenabschied herauszusuchen, damit sein bester Freund ihn nicht in ein Bordell schleifte. Ich war mit den Nerven langsam wirklich am Ende.

Aus dem Kühlschrank holte ich mir die Milch heraus, wegen der ich hergekommen war. Ich brauchte jetzt Nahrung für die Seele. Möglichst leise öffnete ich einige der Hängeschränke auf der Suche nach einer Tasse. Im Eckschrank fand ich sowohl ein Sammelsurium aus bunt zusammengewürfelten Kaffeebechern als auch ein piekfeines Service. Wer hatte dieses Haus nur eingerichtet?

Gerade als ich mir Milch einschenkte, knarrte eine Diele. Ich hob meinen Blick und sah Noah mit verschränkten Armen vor der Brust im Türrahmen stehen. Das war hier irgendwie so Sitte. Erst vorhin Lysander, dann Felix, jetzt Noah. Er musterte mich mit leicht gerunzelter Stirn, sein dunkles Hemd spannte an den breiten Schultern. Er sah immer noch sehr chic aus, obwohl wir schon vor zwei Stunden aus dem Santinos zurückgekommen waren.

»Auch einen?« fragte ich und hielt die Milch hoch.

»Einen Becher Milch?«

»Viel besser.« Ich grinste, als spräche ich über das achte Weltwunder. »Warme Milch mit Honig.«

Noah verharrte bewegungslos. Er schien auf eine Erklärung meinerseits zu warten, aber das war’s schon. Ich zuckte mit den Schultern, stellte die Milch zurück in den Kühlschrank und bekam von seinem Schweigen ein beklemmendes Gefühl. »Der Honig macht die Milch schön süß und er beruhigt. Ich kann dann besser schlafen.« Die Worte entschlüpften mir, ehe ich darüber nachdenken konnte, wie viel ich hier einem wildfremden, abweisenden Mann preisgab. Ich presste meine Lippen zusammen. Warum nur konnte ich nicht einfach auch schweigen?

Noah kam über die Schwelle. Ich bemühte mich, nicht jeder seiner Bewegungen mit meinen Blicken zu folgen, und suchte in den Schubladen nach einem Löffel zum Umrühren. Dennoch wusste ich genau, wann er sich an den Küchentisch setzte. Die gesamte Zeit über spürte ich seinen unverwandten Blick auf meinem Rücken kribbeln. Langsam machte mich das nervös. Also wandte ich mich ab, stellte den Becher in die Mikrowelle und lehnte mich, mit dem Löffel immer noch in der Hand, dort an die Arbeitsfläche. Auf halbem Weg, meine Arme vor der Brust zu verschränken, brach ich ab und ließ sie locker neben meinem Körper hängen. Das war eine für mich so unnatürliche Haltung, dass ich sie schon aufgab, ehe der Countdown im Display der Mikrowelle bei dreißig Sekunden angekommen war. Ich ärgerte mich über mich selbst. Warum machte der Typ mich so nervös? Unnötig fokussiert, umklammerte ich die Kante der Arbeitsfläche in meinem Rücken, wobei der Löffel nur störte. Schnell legte ich ihn auf die Arbeitsfläche und beobachtete meine Milch. Der Kaffeebecher mit den stilisierten Bergen und dem Banner Voralberg drauf drehte sich monoton im warmen Licht. Das rhythmische Surren half. Ich atme tief aus, meine Schultern entspannten sich und die Vorfreude auf den süßen Nektar kehrte zurück. Jetzt endlich sprach ich aus, was ich intuitiv wusste.

»Du wunderst dich, dass nicht ich es war, die dort drin bei Daniel gewesen ist.« Kurz wartete ich, ob er etwas dazu sagen würde. Ich warf einen schnellen Blick über meine Schulter und traf auf Noahs blaugrüne Augen, die mich mit festem Blick musterten. Schnell wandte ich mich wieder meiner Milch zu und beobachtete, wie die letzten fünfzehn Sekunden im Display herunterzählten. »Mir ist egal, warum du gedacht hast, ich sei da drin bei ihm. Was ich mich frage, ist, wieso es dich wundert, dass ich nicht die Frau dort drinnen bin?« Nun sah ich ihn wieder an. Diesmal entschlossen und ganz ohne Scham.

Stumm musterten wir einander, nicht starrend, sondern forschend, abwägend. Wie viel wollte man preisgeben? Wie viel durfte man preisgeben?

Das Bing der Mikrowelle ließ mich zusammenzucken. Ich musste über mich selbst schmunzeln. Kopfschüttelnd widmete ich mich wieder meiner Milch. Irgendwie bannte er mich. Es war das Rätsel seines Charakters, das mich so vollends faszinierte. Ich war in jeder Hinsicht ein sensibler Mensch, zumindest glaubte ich das von mir, und die meisten um mich herum waren ein offenes Buch für mich. Ich wusste längst, dass Daniel einfach Sex brauchte, egal mit wem, egal wann. Felix war genau so, wie Nell ihn beschrieben hatte, nur war ich mir sicher, dass er auch fremdgehen würde, würde er nur genug gereizt werden. Er liebte Isabelle zwar, aber ihre passiv-aggressive Art würde irgendwann mit seinem Wunsch nach Herausforderungen kollidieren. Und so konnte ich das mit jedem von ihnen machen. Sicher wusste ich nicht alles von ihnen, dazu musste man einen Menschen länger als vierundzwanzig Stunden kennen, und natürlich würden mich manche ihrer Wesenszüge überraschen. Doch einiges wusste ich eben schon nach so kurzer Zeit. Sie alle waren durchschaubar, zumindest für mich. Nur Noah nicht. Er war mir ein Rätsel, und das beunruhigte mich. Der letzte Mann, der mir ein Rätsel gewesen war, heiratete jetzt meine Schwester.

Ich stellte den Becher auf einen Topfhandschuh, damit die heiße Keramik keinen Abdruck auf der Arbeitsplatte hinterließ. Dann machte ich mich auf die Suche nach dem Honig.

»Der Schrank oben links«, erklang plötzlich Noahs Stimme.

Ich blickte über meine Schulter und sah einen entspannt zurückgelehnten Mann, einen Unterarm auf der Tischplatte abgelegt, der andere ruhte auf der Stuhllehne. Interessant, wie gut er aufgepasst hatte, dass er sofort begriff, wonach ich suchte. Ich zeigte mit fragendem Gesicht auf den vermeintlichen Schrank und er nickte. Mit einem leisen Quietschen öffnete ich die Tür des Hängeschranks direkt neben dem Kühlschrank und seufzte. Natürlich stand der Honig ganz oben.

Wie zu Hause stemmte ich mich auf meine Hände, schwang mich geübt auf die Platte, kniete mich dann hin und richtete meinen Oberkörper auf. Endlich lang genug, griff ich nach dem Honig im oberen Fach. Sanft federnd und so leise, wie ich konnte, glitt ich von der Arbeitsfläche und schloss den Schrank wieder. Mit Honig, Löffel, Becher und Topfhandschuh setzte ich mich zu Noah an den Tisch und verkniff mir ein Quietschen, als meine nackten Schenkel auf die kalte Sitzfläche des Stuhls trafen. Ein kleines bisschen bereute ich jetzt, nichts über meine kurze Pyjamashorts drübergezogen zu haben. Bemüht, mir nichts anmerken zu lassen, rührte ich langsam die zähflüssige goldene Masse in die Milch.

»Denkst du nicht, ein Stuhl hätte es auch getan?« fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern. »Macht der Gewohnheit.«

Noah hob eine Augenbraue.

Bei der Erinnerung selig lächelnd begann ich meinen Kommentar zu erklären: »Weißt du, unser Haus ist kleiner. Und das Zimmer meiner Eltern ist direkt neben der Küche, und wegen José, meinem zweijährigen Bruder, ist Marions Schlaf so leicht. Das ist meine Stiefmutter.« Warum sagte ich ihm das? Es war so zur Routine für mich geworden, die Erklärung für den enormen Altersunterschied zwischen José und mir vorwegzugreifen, dass ich gerade Noah gegenüber ein falsches Bild malte. Ich liebte Marion. Schnell fuhr ich fort und versuchte meinen Fehler zu übergehen. »Seit sie schwanger war, musste ich sehr leise sein, wenn ich sie nicht wecken wollte. Unsere Stühle haben Metallbeine, keinen Filz an den Füßen und stehen auf Kachelboden. Du siehst, es wäre zu laut, einen Stuhl zu bewegen.« Bei meinen Worten war ich fast wieder in unserer heimischen Küche. Ich vermisste den Duft nach Rosmarin und Basilikum. Marion züchtete dort ohne Ende Kräuter. Jedes Mal glaubte ich, in einen mediterranen Urlaubsort einzutauchen, wenn ich unsere kleine vollgestopfte Küche betrat.

»Also springst du wie eine Katze auf die Arbeitsfläche«, stellte er fest. Das holte mich zurück in die Chalet-Küche. Schnell hob ich den Becher an meine Lippen und pustete in das warme Getränk. Ich spürte mich leicht erröten und nickte einfach.

»Okay, bleibt nur noch zu klären, warum du einen Becher Milch mit Honig brauchst, um zu schlafen.«.

»Macht der Gewohnheit.« Dieselbe Antwort, und doch würde ich diesmal nichts erklären. »Und ich trinke gern eine, wenn ich nicht schlafen kann, ich brauche sie nicht, um zu schlafen.«

Noah zog wieder fragend seine Augenbraue nach oben. Ich müsste zu weit ausholen, zu viel preisgeben. »Denk dir die Erklärung selbst aus.«

Ich spürte, wie er jede meiner Bewegungen beobachtete. Merkwürdigerweise war es gar nicht mehr unangenehm, dass er mich so fest im Blick behielt. Vorsichtig schlürfte ich ein wenig Milch. »Mhhh«, brummte ich. Perfekt. Also nahm ich einen kräftigen Schluck und machte dann das berühmte »Ahhh!« aus der Coca-Cola-Werbung.

Noah lachte leise.

Ich konnte zusehen, wie sein Gesicht sich veränderte. Ein Lächeln breitete sich von seinen Mundwinkeln bis hinauf zu seinen Augen aus, die kleine Fältchen warfen. Sein Gesicht wurde weich und hell. Es hatte eine Art verhärmten Zug gegeben, der nun wie weggewischt war. So genau hatte ich ihn noch gar nicht betrachtet, doch gerade jetzt sah er ziemlich gut aus.

Wortlos hielt ich ihm den Becher hin. Zögernd nahm er ihn entgegen und führte ihn langsam an seine Lippen. Schon das Neigen des Bechers ließ mich schmunzeln, aber der fast selige Ausdruck in seinen Augen, als er die süße Köstlichkeit schmeckte, ließ es mir warm ums Herz werden. »Als wäre man noch mal Kind, nicht wahr?«, meinte ich sanft. Ich spürte es gar nicht, doch ich war so entspannt wie seit … tja, seit zu langer Zeit nicht mehr.

»Ja«, sagte er schlicht und reichte mir den Becher über den Tisch.

»Behalt sie.« Statt meine Milch zurückzunehmen, stand ich auf und machte mir eine neue. »Ist Skifahren eigentlich dein einziges Hobby?«, fragte ich etwas Unverfängliches. Ich konnte ihn nicht einschätzen und brauchte dringend mehr Informationen, um diesen rätselhaften Mann zu entmystifizieren. Sonst würde er mich bis in meine Träume verfolgen, da war ich mir sicher.

»Ich bouldere.«

»Bouldern?« Irritiert sah ich auf zu ihm, der gemütlich am Tisch saß und mich ruhig betrachtete.

»Klettern ohne Seil.«

»Das klingt gefährlich.«

»Die Touren sind nicht so hoch und man legt Matten unter. Natürlich gibt es immer mal wieder Verletzungen«, erklärte er. »Aber es hält sich in Grenzen. Der Sport ist auch nicht gefährlicher als Fußball.«

Das Bing der Mikrowelle beendete unser Gespräch wieder.

Schließlich saßen wir beide stumm am Küchentisch und tranken unsere warme Milch mit Honig. Jeder von uns hing seinen eigenen Gedanken nach. Ich tauchte in eine Kindheitserinnerung ein, die von meiner leiblichen Mutter handelte. Die erste Windhose unseres Lebens war meinen Geschwistern und mir begegnet, als wir mit den Hunden im Feld spazieren gewesen waren. Wir waren mit einem heftigen Schock davongekommen. Danach waren wir alle in der Küche zusammengekommen und Mama hatte uns warme Milch mit Honig gemacht. So nah waren wir uns kaum je wieder gewesen.

»Ich habe zufällig mitbekommen, wie ihr euch heute geküsst habt, als wir aus dem Santinos zurückgekommen sind. Deshalb dachte ich, du wärst das da drin«, erklärte er plötzlich aus heiterem Himmel und ich brauchte einen langen Moment, bis ich von der familiären Küche in die Gegenwart kam und begriff, was er gesagt hatte. Also hatte er mich gesehen. Daniel hatte beim Rundgang schon einen eher plumpen Versuch gestartet, und weil ich im Moment vor allem das Spiel genoss, hatte ich ihn auffahren lassen, aber nicht, ohne ihm Hoffnung zu machen. Wie ich es beabsichtigt hatte, war er tatsächlich nach unserer Rückkehr aus dem Santinos noch mal in die Offensive gegangen und hatte mir in der Nische im ersten Stock einen heißen Kuss geraubt. Nur war er dabei viel zu sehr auf sein Vergnügen konzentriert gewesen. Mir war der Spaß an dem Spiel vergangen, und nachdem ich ihn nun mit einer anderen in diesem Badezimmer gehört hatte, war der Typ für mich gestorben.

Ich sagte lange nichts, so lange, bis ich dachte, jetzt müsste ich ihm keine Antwort mehr geben.

»Du hast recht. Ich habe mich gewundert. Nicht dass du nicht die Frau bei Daniel warst. Das hat mich … nicht gewundert.«

Sein Stocken machte mich hellhörig. Da hatte er doch gerade etwas anderes sagen wollen.

»Nein, mich hat gewundert, dass ich gelauscht habe. Dass ich … Na ja, ich lausche nicht«, schloss er grummelnd und stellte seinen Becher ab. Noah starrte hinab auf das Getränk zwischen seinen Händen.

Ich überlegte, was er alles nicht gesagt hatte.

»Du lauschst nicht? Du meinst sonst, wenn du mitbekommst, dass zwei Menschen gerade Sex haben?«, präzisierte ich mit belustigtem Unterton. Wie oft konnte das schon passieren?

Noah antwortete nicht.

»Ich würde lauschen«, gestand ich schulterzuckend. Es schien, dass ihm das ganze Thema unangenehm war, und ich wollte herausfinden, was genau ihm so unangenehm war. Ging es darum, mit einer Frau über Sex zu sprechen, oder ging es hier gerade um mich?

Noah sah mich verwundert an.

»Ich würde wissen wollen, wer es da gerade tut«, erklärte ich meine Aussage.

»Aber es geht dich nichts an.«

»Sicher«, stimmte ich zu. »Trotzdem bin ich neugierig.« Verschlagen zog ich meinen linken Mundwinkel hoch. »Und je nachdem, vielleicht erregt es mich sogar.« Holla, was ging denn mit mir ab? So offen? So ehrlich? Noch konnte ich es als Scherz hinstellen. Ich sollte es als Scherz hinstellen! Wieso wollte mir die Notlüge nicht über die Lippen kommen?

»Du bist also eine Lauscherin?«, provozierte er mit spielerischem Unterton. Mich erleichterte der vollkommene Mangel an Verurteilung in seinen Zügen.

»Nah.« Ich wiegte meinen Kopf hin und her. »Eher eine Macherin. Allerdings kann Lauschen den Appetit anregen.« Unbesonnen und impulsiv. Das war ich!

»Und?« Noah grinste. »Hat es deinen Appetit angeregt?«

»Nein!«, sagte ich fester, als ich wollte.

Noah fixierte mich, und es war klar, dass er das erklärt haben wollte. Ich seufzte resigniert auf. »Na schön. Wie du richtig festgestellt hast, hat er mich vorhin geküsst, und ich muss sagen, ich wollte mir die Option offenhalten«, gestand ich nüchtern. »Es hat sich daher angefühlt wie eine ganz schwache Version des Gefühls, betrogen worden zu sein«, erklärte ich offener als jemals zuvor in meinem Leben. Und das ausgerechnet einem Wildfremden gegenüber, der mir als Einziger ganz und gar uneinschätzbar erschien. Ich war ganz sicher gutgläubig und leichtsinnig. Ich wollte so sehr daran glauben, dass es Männer gab, denen man vertrauen konnte, dass ich einfach dem nächstbesten blind vertraute. Naiv. Absolut hirnlos. Eine durch und durch emotionale Kurzschlussreaktion. Trotzdem machte es mich irgendwie gerade auch ein kleines bisschen stolz, dass ich meinen Glauben an das Gute im Menschen noch nicht vollends eingebüßt hatte.

Noah saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl und fuhr den Rand seines Bechers mit dem Zeigefinger nach. Wieder einmal konnte ich nicht sagen, was in ihm vorging. »Ich lausche normalerweise nicht, weil ich jedem einen guten, also guten Sex gönne. Ich habe beide stöhnen gehört und wusste, es war Daniel. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihn dabei höre. Letztes Jahr bin ich bei einer Party im Dorf auch schon auf ihn gestoßen. Nur gehe ich normalerweise einfach weiter, sobald ich weiß, dass sie es auch will.« Seine Stimme blieb bei diesen Worten ganz ruhig, doch die Bewegung seines Zeigefingers geriet ins Stocken.

»Aber diesmal nicht.«

»Nein, diesmal nicht.«

»Weil du dachtest, ich sei die Frau?«, fragte ich so leise nach, dass er vorgeben konnte, es nicht gehört zu haben.

»Nach heute Mittag hielt ich dich für schlauer. Doch die Szene mit dem Kuss ließ mich zweifeln. Als ich dann Daniel hier im Haus hörte, dachte ich, ich hätte mich in dir getäuscht.«

Kurz ließ ich seine Worte auf mich wirken. Dann ging mir ein Licht auf. Sollte ich ihn das fragen? Damit stieß ich seine Nase womöglich auf etwas, das ihm noch gar nicht aufgefallen war.

»Das erklärt nur nicht, warum du weiterhin zugehört hast.« Mit aufgeregt flatterndem Puls formulierte ich meine Interpretation als Denkanstoß. Die Aussicht, der unnahbare Noah könnte durch mich aus dem Tritt gekommen sein, schmeichelte mir ungemein. Aufgeregt wartete ich auf seine Antwort.

Noahs Kopf ruckte hoch. Er starrte mich mit geweiteten Augen an. Dann trat Wut in seinen Blick. »Interpretier nicht mehr rein, als es ist. Ich bin ein Mann, und wie AJ richtig bemerkt hat, habe ich auch oft Sex. Ich muss nicht für alles einen Grund haben.«

»Das habe ich auch nie behauptet.« Das aufgeregte Flattern legte sich wieder, doch ein Hauch davon blieb zurück. Meiner Erfahrung nach war plötzlich aufkeimende Wut bei Männern häufig bloß ein Abwehrmechanismus. Wie oft ich schon erlebt hatte, dass ein Mann alle möglichen Gefühle in das Gewand von Wut gestopft hatte. Daher ließ ich mich jetzt auch nicht von seiner abschrecken. »Du hast dich so sehr gewundert, und das anscheinend über dich, wie du sagst, dass du dich heute eindeutig anders als sonst verhalten hast. Und wenn du meinst, du hast Daniel schon beim Sex erwischt, bleibt als Grund nur deine Annahme, ich sei in dem Raum gewesen. Das ist alles, was ich gesagt habe. Ob und wenn ja, was das bedeutet, musst du ganz allein herausfinden. Vielleicht hattest du ja auch lange keinen Sex mehr, und die Vorstellung von Daniel und mir hat dich angeturnt. Was weiß ich.« Ich blieb bewusst ganz ruhig und sprach schonungslos aus, was ich dachte. Ich hasste Unausgesprochenes. Es bot so viel Raum für Interpretation, und diese gelang mir im Grunde nie.

»Der Kerl hat eine Frau und ein Kind. Keiner seiner Sexexzesse turnt mich an«, stellte Noah angewidert klar.

Ich stutzte. »Woher weißt du das?«

»Die Skilehrer reden übereinander. Florian hat es letztes Jahr erwähnt.«

»Ein Grund mehr, ihn nie wieder auch nur anzurühren.«

Damit griff ich nach unseren inzwischen leeren Bechern und stand auf. Ich räumte das Geschirr in die Spülmaschine und öffnete den Schrank, in den der Honig gehörte. Plötzlich stand Noah neben mir und griff das Glas mit der goldenen Masse. Ich war ihm im Weg, aber ich konnte ihn einfach nur anstarren. Er war so nah, dass ich seine Wärme auf meinen ausgekühlten Armen spürte.

»Ich dachte, weil ich doch größer bin … « Er ließ den Satz unvollendet.

»Ja«, hauchte ich und spürte es unter meinem Brustbein stark kribbeln.

Mit seinem Körper schob er mich langsam beiseite und ich wich ganz automatisch. Die Berührung sandte leichte Schauer durch meinen Körper. Er musste sich ziemlich strecken, doch er kam dran.

»Schade«, entschlüpfte es mir.

Noah stellte den Honig ab und sah mich dann verdutzt an.

Ich lächelte. »Ich steig so gern auf die Arbeitsplatte.«

Sein durchdringender Blick ließ mir den Atem stocken. Die Wärme in seinem Blick streichelte über meinen Körper. Plötzlich packte Noah mich an der Taille und hob mich auf die Arbeitsfläche. Ich quietschte lachend auf, hielt mich intuitiv an seinen Schultern fest und Noah schmunzelte mich verwegen an. Für einen Moment sahen wir einander nur in die Augen. Meine Finger prickelten auf seinen unerwartet definierten Muskeln unter dem dunkelblauen Hemd. Seine heißen Hände spürte ich durch den dünnen Stoff meines T-Shirts an meinen Seiten. Die Luft knisterte zwischen uns. Dann schob er mit seinem Körper meine Beine auseinander und zog mich an sich heran. Ich keuchte auf und sah ihm tief in die blaugrünen Augen. Das Kribbeln war unerträglich und doch schön, meine Zungenspitze schoss zwischen meinen Lippen hervor, um sie zu befeuchten. Ich sehnte mich nach einem Kuss.

Noahs Blick huschte zu meinen Lippen, und ich hätte schwören können, dass seine Augen sich verdunkelten. Seine Nähe war so intensiv und das Prickeln in meiner Brust so sehnsuchtsvoll. Alles zog mich vorwärts, ihm entgegen. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich legte meine Hände an seine Wangen, schloss meine Augen und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Erst einmal, zögernd. Dann noch mal. Er öffnete leicht seine Lippen und erwiderte vorsichtig meinen Kuss. Noah legte seine Arme um meinen Körper, zog mich näher an seinen, während er sich weiter vorlehnte und den Kuss vertiefte.

Die Welt um mich versank in einem Rausch aus Lust und Sehnsucht. Er brachte mich mit seinen zarten und doch hungrigen Küssen um den Verstand. Seine Lippen ließen mich alles vergessen. Nichts existierte mehr außer Noah und ich. Federleichte Berührungen und dann ein hungriges Zupacken. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Sein heißer Atem kitzelte in den winzigen Pausen über meine erhitzte Haut. Es war, als knipste er ein helles Licht in mir an. Ich spürte jedes winzigste Detail: Seine Hände lagen auf meiner Hüfte, er strich zärtlich auf und ab, den Oberschenkel außen entlang und wieder zurück. Seine Brust war nah an meiner und seine Lippen liebkosten meine. Seine Zunge brachte mich um den Verstand. Mal strich er mit ihr sanft über meine Lippen, mal tanzte sie mit meiner. Ich atmete bereits wild keuchend. Dann plötzlich biss er mir leicht in die Unterlippe. Das war eine so neue, so unerwartete Erfahrung, dass ich zurückwich und ihn ansah. Noah schien ob des abrupten Endes leicht verwirrt.

Ich griff mir an die Lippe und versuchte einzuordnen, ob ich das neue Gefühl mochte. Noah hob seinen Daumen und strich sanft über die gereizte Stelle. Instinktiv schloss ich meine Augen und schmiegte mich in seine starke raue Hand. Schwer atmend empfing ich erneut seine Lippen. Seine sanfte Zärtlichkeit ließ mich aufstöhnen, und dann war er wieder weg. Diesmal hatte er den Kuss beendet. Und zwar endgültiger als ich. Seine Körperwärme war verschwunden, und ich wusste, wenn ich jetzt die Augen aufschlug, war ich allein in der Küche.

Kapitel 6
– 22.12.–

Nach einem noahlosen Frühstück zogen wir uns alle an und eine halbe Stunde später startete Alice mit uns zur Gondelbahn. Die ganze Zeit über hing ich in Gedanken bei unserem Kuss. Es war aufregend gewesen und schön. Die Szene in der Küche war intimer geworden, als ich es normalerweise mit Kerlen werden ließ. Ich war in meiner Phase des Austobens, ich wollte nichts Intimes. Jedenfalls nicht auf emotionaler Ebene. Warum traf es mich dann, dass er so abrupt verschwunden und erst jetzt zum Abmarsch Richtung Piste aufgetaucht war?

Die frische Winterluft kühlte angenehm meine erhitzten Wangen. Ich atmete tief ein und wieder aus. Die klare Kälte half mir, loszulassen. Jetzt ging es erst mal auf die Piste. Die Vorfreude vertrieb auch meine letzten unsicheren Gedanken. Wir liefen mit offenen Skischuhen, den Skiern über den Schultern und den Stöcken in der Hand die Straße entlang zur Mittelstation. Der dunkle Splitt knirschte unter unseren Schuhen, wann immer mal ein Fleck Boden nicht von Schnee bedeckt war. Der Bürgersteig war immerhin breit genug, dass man zu zweit nebeneinander gehen konnte und wir nicht im Entenmarsch laufen mussten.

»Wie weit ist es bis oben?«, fragte ich AJ, die an meiner Seite durch den platt getrampelten Schnee stapfte. Die weiße Masse zwischen Eis und Matsch war gespickt mit zahllosen schwarzen Splittkörnern.

»So etwa ’ne Viertelstunde. Unser Ort liegt auf halber Höhe. Wenn wir also richtig Party machen wollen, müssen wir entweder hoch zum Après-Ski oder runter ins Tal. Wobei im Santinos auch häufig gute Stimmung ist. Nur eben keine echte Party. Und die kleine Hütte hier am Ende der Talabfahrt lohnt sich nur für’n schnellen flying Hirsch auf die Hand.«

»Flying was?«

»Flying Hirsch! Red Bull mit Jägermeister.«

Skeptisch sah ich sie von der Seite an.

»Ich weiß, es klingt eklig. Aber nach so ’ner Abfahrt find ich’s mega.«

Mit hochgezogenen Augenbrauen versprach ich: »Dann probiere ich später mal einen.«

»Sehr gut.« AJ grinste breit und vollführte sogar einen kleinen Freudenhüpfer.

»Verführt die kleine Schnapsdrossel hier dich so früh am Tag schon zu Alkohol?«, fragte Sonny, der vor uns lief, über seine Schulter.

»Hey, wie stellst du mich hier hin?«

»Ich stell niemanden irgendwie hin. Ich sag nur, wie’s ist.«

»Oh, na warte!« AJ beschleunigte ihre Schritte und eilte in ihren Skischuhen Sonny hinterher, der in den Snowboardboots viel besser rennen konnte. AJ hatte keine Chance. Dennoch jagte sie ihn durch die Gruppe und dann weiter über die Straße, bis ein hupender SUV das Geplänkel beendete.

Mein leises Lachen erstarb, als Daniel plötzlich den Platz neben mir einnahm. Er hatte an der Straßenecke zu unserem Haus auf uns gewartet, offenbar verbrachte er die Nächte zu Hause … sofern er nicht gerade fremdging.

»Also, Elina«, begann er. »Wenn wir gleich an den Lift kommen, musst du deine Skier außen in die dafür vorgesehene Halterung stellen und dann zügig einsteigen. Pass auf deine Stöcke auf und mach den anderen Platz«, belehrte er mich.

Mit gerunzelter Stirn schielte ich ihn von der Seite her an. War ich fünf, oder was? »Ich weiß. Ich war schon oft Skifahren«, bügelte ich ihn ab, beschleunigte meine Schritte und sah zu, dass ich in der Mitte des Bürgersteigs lief. Wie hatte ich den nur heiß finden können? Das musste die Machtposition sein, die er innehatte.

»Wirklich? Das ist ja super. Seit wann fährst du Ski?«, fragte er von schräg hinter mir. Der Typ ließ nicht locker.

»Seit ich fünfzehn bin«, erwiderte ich knapp. Marion hatte die Skiurlaube als Familientradition eingeführt, schon direkt in dem Jahr, in dem mein Vater sie kennengelernt hatte, und ich hatte mich selbst damit überrascht, wie sehr mir Skifahren lag. Am liebsten hatte ich die Pisten steil oder mit kleinen Sprungschanzen.

Daniel nutzte eine Kurve, um sich wieder geschickt an meine Seite zu schieben, und begann von den Pisten zu erzählen. Der Typ war hartnäckig. Ich brummte nur immer mal wieder ein Mhm oder ein Aha. Ich verabscheute Fremdgänger abgrundtief. In Gedanken driftete ich zu unseren Familienurlauben ab und dachte an die abendlichen philosophischen Diskussionen mit meiner Tante Mia. Solche anregenden Gespräche würde ich diesen Skiurlaub sicher nicht führen.

Endlich kamen wir an der Station an und reihten uns in die recht kurze Schlange ein. Zum Glück verließ Daniel jetzt meine Seite wieder und lief zu Alice, um etwas mit ihr zu klären.

»Jetzt heißt es warten.« Sonny stellte schnaufend sein Board neben mir ab und lehnte sich auf sein Brett gestützt zur Seite.

»Die Schlange ist doch kurz, das geht schon.«

»Jah … nur sind wir an der Mittelstation, Kätzchen.«

»Na und?« Ich ignorierte den Kosenamen. Darüber würden wir noch reden, wenn er den häufiger nutzen wollte.

»Unten an der Talstation sind die Gondeln leer, da geht es schnell. Hier an der Mittelstation können immer nur einzelne dazusteigen.«

»Oh.« Mist, daran hatte ich gar nicht gedacht. Und Sonny behielt recht. Es ging schleppend voran. Das machte aber überhaupt nichts, denn er war ein angenehmer Gesprächspartner. Wir plauderten über Fußball und seine derzeitige Arbeitslosigkeit, die ihm nichts ausmachte. Er war der entspannteste Typ, den ich je kennengelernt hatte. Ohne echten Abschluss und ohne Ausbildung hätte ich an seiner Stelle echte Zukunftsängste. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie er ohne Einkommen in einer WG in Mainz leben konnte, irgendwie schien es jedoch zu funktionieren. Ich nahm an, das lief über sponsored by Papa.

Endlich waren wir an der Reihe. Vor mir stiegen gerade Felix und Belle zu einer Gruppe in eine Gondel. Die danach war leer. Was für ein Glück! Ich war die Erste, die ihre Skier außen in die Haltevorrichtung steckte und dann in die Sechser-Gondel stieg. Mir folgten Nell, AJ, Daniel und Sonny. Dann wäre Noah dran gewesen. Doch er sah mir mit bereits erhobenen Skiern in die Augen und schien sich in dem Moment dagegen zu entscheiden. Demonstrativ trat er einen Schritt zurück und stellte seine Skier wieder ab. Die Gondel ruckelte weiter und die Türen schlossen sich.

Perplex starrte ich ihn durch die geschlossenen Türen an. Damit hätte ich rechnen können. Mein Worst-Case-Gehirn hatte bereits sein Fehlen beim Frühstück so interpretiert, dass er mich nicht sehen wollte. Dieses aktive Meiden jetzt bestärkte diese Annahme. Überrascht musste ich feststellen, dass mir diese Ablehnung einen fiesen Stich versetzte.

Ich fing einen fragenden Blick von AJ auf und zuckte nur mit den Schultern. Klar hatte ich eine Ahnung, warum er sich so verhielt, dennoch wunderte es mich, dass er mich mied. Seine überstürzte Flucht aus der Küche war seltsam gewesen. Nell hatte ihn Casanova genannt. Doch Casanova ließ sich von warmer Milch mit Honig und einem Kuss doch nicht aus der Bahn werfen. Jetzt, hier in der Gondel, würde ich allerdings nicht darüber sprechen, auch wenn mir so einige Fragen an Nell auf der Zunge lagen.

Wahrscheinlich sollte ich mit keinem von ihnen darüber reden. Ich kannte sie alle nicht und wusste nicht, wie gesprächig sie waren. Ich hatte keine Lust, dass sie sich mit Belle darüber ausließen, wie schlecht ich küsste, oder dass Noah mich jetzt ganz und gar mied.

Seufzend ließ ich meine Schultern sinken und lehnte meinen Kopf an die Gondelscheibe. Mein Blick schweifte hinaus in den schneeüberzogenen Wald. Im Grunde war mir klar, dass es nichts damit zu tun haben konnte, wie gut oder schlecht ich küsste. Seine Flucht hatte einen anderen Grund. Ich hatte keine Ahnung welchen, aber sie musste einen anderen Grund haben.

»Na, freust du dich auf das Skifahren?«, erklang Daniels Stimme. Ich sah schon eine Weile nicht mehr in die Runde, mein Blick glitt über das wundervolle, schneebedeckte Land. Die ebenmäßige weiße Decke verbarg alles, Schönes wie Hässliches. Ich wusste, dass Verdrängung keine Lösung war, theoretisch. Alles unter einer dicken Decke zu vergraben funktionierte für Mutter Natur ganz gut, zumindest eine Zeit lang. Ich spielte mit dem Gedanken, mein Handy in den Schnee fallen zu lassen. Dann könnte ich diesen Urlaub noch besser genießen. Bisher war es einfach toll hier. Die dunkelgrünen Tannenwipfel, an denen wir vorbeizogen, bogen sich unter der Last des Schnees zur Seite. Die Vorfreude auf die Piste verdrängte jeden trüben Gedanken.

»Elina?« Wieder Daniel.

Huch, er hatte mich angesprochen? Und in dem Moment, in dem ich das begriff, stieß Nell mich in die Seite. Überrascht fuhr ich zu Daniel herum, der mir schräg gegenübersaß. AJ schenkte mir einen amüsierten Blick, den ich mal schnell ignorierte. Ehrlich oder abbügelnd? Hm … ehrlich.

»Ich weiß nicht. Ich kenne die Truppe noch nicht, und ich habe einen etwas eigenwilligen Stil. Also keine Ahnung, ob ich mich darauf freue. Auf jeden Fall freue ich mich auf den glitzernden Schnee und die Sonne, das Geräusch, wenn meine Skier durch den Schnee gleiten und die oberste Schicht abschaben, wenn ich eine Kurve fahre, und den tosenden Wind, wenn ich richtig Gas gebe. Ich freue mich auf das Gefühl, das meinen Körper durchströmt, wenn ich wedel, oder das Adrenalin, das durch meine Adern pumpt, wenn ich eine Abfahrt runterrase.« Mit einem seligen Seufzen schweifte mein Blick wieder hinaus zu der dicken Schneeschicht, die die Welt in Watte hüllte.

»Äh, wow«, kommentierte AJ nach einem kurzen Moment der Stille.

Ich sah sie überrascht an.

»Blumig, Schätzchen.«

»Und sehr bildhaft.« Nell nickte mit unterdrücktem Schmunzeln.

»Ist unser Kätzchen etwa eine verloren gegangene Autorin?« Sonny wackelte mit den Augenbrauen und wir vier lachten los. Daniel allerdings sah mich an, als wüsste er nicht, ob ich die Pest hatte oder eine Sirene war.

In diesem Moment ruckelte die Gondel in die Bergstation und wir stiegen aus. Ich war die Letzte und sah hinter mich, ob alle Handschuhe, Stöcke, Mützen und Brillen mitgenommen worden waren. Tatsächlich entdeckte ich eine Tube Sonnencreme und eine Skibrille unter einer der Bänke. Ich packte sie schnell und verließ dann auch die Gondel. Draußen wandte ich mich zu den Skihalterungen um, doch die Körbe waren leer. Für einen kurzen Moment malte mein Worst-Case-Gehirn das Bild von Skiern, die irgendwo am Hang im Schnee steckten, für mich verloren.

»Hab sie schon, Elina«, rief Sonny hinter mir. Oh, cool, wie nett. Erleichtert eilte ich zu ihm.

»Danke.« Ich nahm meine Skier entgegen und fragte dann, meinen Fund in die Höhe haltend, in die Gruppe: »Gehört das einem von euch?«

»Oh. Ja, das ist meins.« Ausgerechnet Daniel nahm sich die Sachen. Wie ironisch. Mr Skilehrer persönlich. Da hatte er mir erklären wollen, wie es ging, und verbockte es selbst. Ich empfand einen Hauch gehässige Genugtuung und schämte mich prompt im nächsten Moment dafür.

Aus der nächsten Gondel stiegen Noah und Lysander, die mich beide zu ignorieren schienen, und dahinter kamen Dina und Alice an, jetzt waren wir komplett. Gemeinsam gingen wir hinaus in die Sonne und warteten, bis alle beieinander waren. Da noch keiner von den anderen Anstalten machte, sich die Bretter an die Füße zu schnallen, rammte ich meine Skier in den Schnee neben mir, hob mein Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen und genoss die wohlige Wärme.

Knirschende Schritte erklangen, und ein schneller Blick zeigte: Daniel lief an mir vorbei und musterte mich abschätzend. Schnell schloss ich meine Augen wieder und reckte mich noch etwas mehr der Sonne entgegen. Was hatte der Kerl nur mit mir? Ich fand ihn inzwischen richtig eklig und schmierig. Ich hasste Betrüger … so sehr! Der Gedanke allein machte mich so wütend, dass ich keine Lust mehr hatte, die Sonne auf meiner Haut zu genießen. Stattdessen begann ich mürrisch mit meinem Skischuh den Schnee unter mir zu bearbeiten.

»Musst du uns echt bewerten?«, fragte Dina den Kerl, der Anlass für meinen miese Laune war, kaum dass er sich vor der Gruppe aufgebaut hatte. Ihr leicht süßlicher Tonfall weckte eine Vermutung, wer Daniel gestern Nacht im Bad Gesellschaft geleistet hatte. Pure Spekulation, die ich besser für mich behielt. Am Ende setzte ich noch ungewollt ein Gerücht in die Welt.

»Ja, muss ich«, brummte er. »Und zwar jetzt gleich.«

Mann, bei so viel Freundlichkeit hatte ich ja riesige Lust, seinem Befehl Folge zu leisten. Alle anderen schnallten die Skier an die Schuhe. Widerwillig machte auch ich meine fest, klickte die Verschlüsse zu und folgte ihm. Der erste Moment, den ich auf den Brettern durch den strahlend weißen Schnee glitt, war eine Mischung aus Aufregung und ungewohnter Motorik. Doch mein Körper erinnerte sich schnell an die Bewegung. Ich lehnte mich vor und glitt mühelos und vollkommen entspannt der Gruppe hinterher. Daniel führte uns auf eine blaue Piste, die stark nach Anfängerhügel aussah, und ließ uns dann einzeln runterfahren.

»Jetzt kannst du die ganze Pracht unseres Könnens bewundern«, feixte Sonny, der neben mich gefahren war und mit mir am oberen Ende der Kuppe wartete.

Felix und Belle fuhren aufrecht und mit geschniegelter Haltung als Erste den Hügel hinab. »Denen fehlt nur noch der Dom Perignon in der Hand«, schnaubte ich.

Sonny neben mir lachte. »Mag da jemand keine High Society?«

Ich biss mir sofort auf die Lippe. »Eigentlich ist es mir egal, wer wie viel verdient, und erst recht, wer wie Ski fährt.«

»Aber?«, hakte Sonny berechtigt nach. Ich war ziemlich schnippisch gewesen.

Ich zog meinen Kopf etwas ein. »Belle trifft irgendwie einen Nerv bei mir«, gestand ich. Schon heute Morgen beim Frühstück hatte sie jede Bitte, mir irgendwas zu reichen, einfach ignoriert. Diese Frau war die Herrscherin von Passiv-Aggressivistan. Dann immer mal wieder eine kleine Spitze, sie machte mich mürbe.

»Ignorier die Eiskönigin.«

»Wie denn bitte?«

»Frag dich, wie ihr Leben sein muss, dass sie so geworden ist.«

Ich presste meine Lippen aufeinander. Eine Woge des Mitleids keimte in mir auf, als ich mir das Bild einer lieblosen Kindheit malte. Sonny hatte recht, es gab immer einen Grund.

Nell, Lysander, Noah und AJ fuhren, als wären sie schon auf Skiern zur Welt gekommen. Normalerweise würde mich so eine Demonstration von Können unsicher machen. Außer beim Skifahren. Das war einer der wenigen Skills, bei denen ich sicher war, dass ich wenigstens gut war. Jedenfalls gut genug, um Selbstvertrauen zu haben.

Dina fuhr direkt vor mir die Piste hinunter. Sie fuhr die Kurven sehr abgehackt, wechselte teilweise in den Pflug und verlor einmal fast das Gleichgewicht. Kai machte neben ihr eine richtig gute Figur, auch wenn er sichtlich konzentriert die Kurven nahm. Auf roten oder gar schwarzen Pisten bekam er sicher Probleme.

Als Letztes nahmen Sonny und ich die Abfahrt. Es fühlte sich ungewohnt und gleichzeitig vertraut an. Ich brauchte ein paar Meter, um mich wieder an das Gefühl zu gewöhnen, dann ging ich ins Wedeln über und hätte fast vor Freude aufgeschrien. Die Euphorie rauschte durch meine Adern. Die kühle Luft, die auf meine Wangen traf, nahm jede Last von meinen Schultern. Ich flog über die glitzernde Fläche und stieß ein »Juhu!« aus. Mit einer scharfen Bewegung meiner Hüfte stellte ich die Skier quer und warf Schnee bei der harten Bremsung auf.

»Alles klar. Kai und Dina, nur rote und blaue Pisten. Der Rest darf alles fahren«, meinte Daniel, meinen etwas theatralischen Auftritt ignorierend. »Mittagessen steht euch frei. Treff ist um vier Uhr wieder hier. Alice wird in der Hütte sein; falls mit einem von euch was ist, fragt nach ihr. Wenn sie gerade auf der Piste ist, kann sie innerhalb von fünf Minuten hier sein«, erklärte er, während er die Pistenkarten austeilte. »Denkt dran, nicht weniger als drei zusammen.« Er warf mir noch einen flüchtigen Blick zu, dann fuhr er einfach los, auf das Skilager zu, das hier direkt an der Piste lag. Wenn die Skilehrer nichts mit uns veranstalteten, warum gab es sie dann überhaupt? Mal im Ernst, wir waren alle erwachsen. Das wollte ich gerade Sonny fragen, doch Belle kam mir zuvor.

»Und wie wollen wir es machen? Alle zusammen?«, schlug sie an die Gruppe gewandt vor.

Noahs Blick fand meinen, Noahs eiskalter, fast mörderischer Blick. »Kannste vergessen!«, knurrte er und fuhr los.

»Äh, Kai?« Lysander nickte Noah hinterher und dann folgten die beiden Mr Griesgram.

»Holla, welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?«, fragte AJ.

»Na, also dann«, meinte Isabelle und wandte sich uns zu. »Ich glaube, wir fahren auch lieber nur zu dritt«, erklärte sie nach einem Blick mit hochgezogener Augenbraue zu mir. Damit setzten sich auch Dina, Felix und Belle ab.

Ich fühlte mich hundeelend. Ich spaltete die Gruppe, und das nur durch meine bloße Anwesenheit. Feinde machte ich mir ja schnell.

»Okay, dann zu viert«, beschloss Nell und lächelte in die Runde, als wäre gerade nichts Ungewöhnliches passiert.

»Allein mit drei Mädels. Schaffst du das, Sonny?«, neckte AJ.

Sonny streckte ihr die Zunge raus und lachte. »Was will man mehr, als mit drei hübschen Damen allein zu sein?«, antwortete er süffisant und wackelte wieder einmal mit seinen Augenbrauen. Wir lachten, auch wenn meines hohl und aufgesetzt war. Mir tat es weh, wie Noah und Belle sich verhielten. Die drei hier schafften es wenigstens, mir meine Schuldgefühle zu nehmen.

Um zu dem Lift zu kommen, den Nell für uns ausgesucht hatte, mussten wir eine kurze Piste hinab. Als wir dort ankamen, stellten wir uns zu viert nebeneinander an und Nell, die neben mir in der Mitte unserer Gruppe stand, fragte Sonny: »Was ist denn mit Noah los?«

»Na ja, wenn ich alles richtig mitbekommen habe, hat er wohl Daniel und Dina gestern beim Sex erwischt. Isabelle hat uns gesagt, dass es Dina sein müsste, denn ihr Bett war zur entsprechenden Uhrzeit leer. Belle schließt aus seinem Verhalten, dass er an Dina interessiert war. Wenn du mich fragst, ist das Quatsch. Vor zwei Jahren gab es auch zwischen dem Skilehrer und Noah einen Wettstreit um ein Mädchen. Als Noah den verloren hatte, war er nicht annähernd so drauf wie jetzt.«

Wir bewegten uns ein Stück vorwärts. »Wie ist er denn drauf?«, erkundigte AJ sich, während sie mithilfe ihrer Stöcke anhielt.

»Erinnert ihr euch an Silvester letztes Jahr? In etwa so.«

Nell und AJ sogen beide scharf die Luft ein. Offenbar hieß das richtig mies. Vielleicht war ich ja gar nicht der Grund für sein Verhalten. Es konnte etwas passiert sein, von dem ich nichts wusste. Immerhin hatte ich im Grunde nichts getan.

»Oh, entschuldige, Kätzchen. Das sagt dir natürlich nichts.« Sonny lehnte sich an Nell vorbei und sah mich an. »Hab vergessen, dass du letztes Jahr nicht dabei warst. Irgendwas ist an Silvester passiert, was Noah voll aus der Bahn geworfen hat. Wie sich herausstellte, so zumindest der Bericht von Felix, der Lysander und Noah belauscht hat, hat ein Feuerwerkskörper Noahs Schwester getroffen und sie musste ins Krankenhaus, mit OP und allem Drum und Dran. Zwischen dem Unfall und der Nachricht, dass es ihr wieder gut geht, war Noah der Teufel in Person.«

Ich brauchte nicht nachzufragen, was genau das hieß. Es war nicht wichtig. »Jeder Mensch reagiert anders auf Angst und Trauer.«

AJ sah mich irritiert an. »Wie meinst du das?«

»Na, man verdrängt den Schmerz, die Trauer oder die Angst. Man will sich noch nicht mit der Bedeutung auseinandersetzen. Ich persönlich werde zur Furie, zumindest so lange, bis ich gebraucht werde.« Ich dachte an meine eigenen Momente dieser Art, und alle Freude von der ersten Abfahrt verpuffte restlos.

»Wen hast du verloren?«, fragte Nell sanft.

Ich holte tief Luft. »Meine Mutter.«

AJ senkte betroffen ihren Blick. »Das tut mir sehr leid.«

Ich wurde mir der drückenden Stille unserer Gruppe bewusst. »Das ist schon sehr lange her. Anderes Thema: Wie kommt Isabelle darauf, dass Noah etwas von Dina will?«

AJ fing sich als Erste. »Sie denkt, gleich und gleich gesellt sich gern.«

Ich runzelte die Stirn.

»Na, beide jagen das andere Geschlecht und zerren in ihr Bett, was nicht bei drei auf den Bäumen ist«, erklärte Sonny.

Mein Stirnrunzeln vertiefte sich noch. »So hätte ich Noah gar nicht eingeschätzt«, gestand ich. Nicht nach dieser warmen, erschreckend intimen Kussszene gestern Nacht.

»Ja, das liegt daran, dass er ein Gentleman ist, er schweigt und genießt«, erklärte Nell.

»Und Dina nicht?«, wunderte ich mich.

»Dina ist zu laut, um irgendetwas zu vertuschen«, schnaubte AJ und brachte uns damit alle zum Schmunzeln.


Der Tag verlief rundum schön. Ich stellte fest, dass Sonny, ganz ähnlich wie ich, den Highspeed suchte. Wir ließen AJ und Nell vorfahren und pesten dann an ihnen vorbei, um unten wieder auf sie zu warten. Auf der Buckelpiste hängte Nell uns alle ab, weil sie den perfekten Rhythmus hatte, und in den Liften lachten und scherzten wir viel. Ich erfuhr ein bisschen über jeden von ihnen, zum Beispiel, dass Nell als Erste in ihrer Familie Abitur gemacht hatte und jetzt Publizistik studierte, oder dass AJ eine so heiß begehrte Friseurin war, dass die Salons sich bei ihr bewarben und nicht umgekehrt. Außerdem wurde mir langsam klar, dass sie fast alle aus Frankfurt oder Mainz kamen, alle bis auf Belle und Dina. Ich fühlte mich pudelwohl in ihrer Gruppe.

Zum Mittagessen führte Nell uns in eine der großen Hütten an den Pisten, wo wir auf die anderen trafen. Ich freute mich schon riesig auf eine Dampfnudel mit Vanillesoße und Mohnstreuseln. Wir vier stapften in Reih und Glied an der Essensausgabe vorbei, gönnten uns, worauf wir Lust hatten, und setzten uns dann zu den anderen draußen an eine der österreichischen Variante einer Bierzeltgarnitur aus massivem dunklem Holz. Noah und Belle schnitten mich komplett. Er stand einfach ruckartig auf, kaum dass ich mich hingesetzt hatte, und brachte sein noch halb volles Tablett weg. Sie wählte einen subtileren Weg und ignorierte mich, stets mit einem Lächeln im Gesicht. Mir verging der Appetit so richtig. Meine Dampfnudel aß ich nicht einmal zur Hälfe auf.

Als Sonny, AJ, Nell und ich wieder in einem Lift hoch zur nächsten Piste saßen, sprach Sonny es schließlich an: »Hatten du und Noah irgendwie Zoff?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nicht dass ich wüsste.«

»Aber er schneidet dich richtig«, bekräftigte AJ.

»Ist mir aufgefallen.«

»Ich würde es ja seiner Stimmung zuordnen. Allerdings hat er es dafür heute zu oft gemacht«, sagte Sonny nachdenklich.

»Wann denn noch?« fragte AJ.

»Süße, dir fällt so was nicht auf. Lass dir gesagt sein, es ist heute nicht das erste Mal«, bügelte er AJ ab und sah vielsagend zu mir. Er wollte anscheinend nicht meine Gefühle verletzen.

»Und was heißt das jetzt, Süßer?« AJ ließ sich nicht abwimmeln.

»Keine Ahnung.« Sonny zog seine Augenbrauen zusammen.

»Vielleicht heißt das nur, er kann mich nicht leiden«, schlug ich vor.

»Nein, Noah kann Daniel nicht leiden, und den behandelt er nicht so wie dich«, wehrte Sonny sofort ab.

Mir fiel auf, wie still Nell war. Plötzlich sah sie mich an, wissend und auch ein wenig abwertend. Was dachte sie denn bitte? Ich hatte doch gar nichts verbrochen.

»Sag mal, bist du sauer, dass ich dich Süße genannt habe?«, fragte Sonny, nachdem das Gespräch zum Erliegen gekommen war.

»Nee, ich war sauer, dass du mir unterstellst, ich wäre nicht feinfühlig«, entgegnete AJ ganz direkt.

»Das habe ich nie gesagt!«

»Klar hast du das.«

»Wann denn?«

»Als du meintest, mir würde so etwas nicht auffallen. Als wäre ich gar nicht in der Lage, solche feinen Nuancen von Verhalten zu erkennen.« AJ verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Kiefer waren fest aufeinandergebissen und ihre Augenbrauen eng zusammengezogen. Doch ich sah auch einen Hauch Schmerz in ihrem Blick lauern. Der Lift ruckelte über die Rollen an einem der Seilträger und AJ wandte ihren Blick wieder nach vorn.

Sonny verzog betreten seine Mundwinkel. »Das sollte keine Beleidigung sein.«

»So hat es sich aber angefühlt.«

Ich war schwer beeindruckt, wie ehrlich AJ hier gerade war. Und genauso, dass Sonny es vorhin bemerkt hatte und jetzt die Größe besaß, es anzusprechen.

»Das tut mir leid. Das war nicht meine Absicht.«

AJ schürzte die Lippen. »Denkst du es trotzdem?«

»Ich glaube, du kannst sehr feinfühlig sein. Die meiste Zeit bist du aber gut gelaunt und draufgängerisch unterwegs. Da entgehen dir eben Dinge, die im Stillen passieren. So meinte ich es.«

»Also soll ich jetzt auf Zehenspitzen durchs Leben gehen?«

»Nein, AJ. Du bist wundervoll, so wie du bist. Du bist die Gute-Laune-Queen und alle haben Spaß mit dir und mögen dich. Ist das nicht genug? Wir können nicht alles haben und sein.«

AJ zog ihre Wangen nach innen zwischen die Zähne und musterte Sonny abwägend. Es arbeitete ordentlich in ihr. Und, ehrlich gesagt, arbeiteten seine Worte auch in mir. Ich würde ihnen sofort brüllend zustimmen. Kein Mensch konnte alle guten Eigenschaften dieser Welt in sich vereinen. AJ demonstrierte sehr schön, dass manche tollen Eigenschaften einander quasi ausschlossen. Diese Erkenntnis half, Teile von mir besser anzunehmen. Ich atmete tief aus und ließ einen Brocken Unzufriedenheit einfach fallen. Es war okay, nicht alle guten Eigenschaften zu besitzen. Es reichte, ein paar zu haben.


»Vier Uhr. Punktlandung«, verkündete Nell und rammte ihre Stöcke in den Schnee. Ich hielt neben ihr an und sah mich um. Allesamt waren wir pünktlich. Daniel ließ seinen Blick schweifen und nickte einmal.

»Sollen wir die Talabfahrt nehmen statt der Gondel?«, schlug sie vor. O ja, was für eine gute Idee. Voller Hoffnung sah ich in Richtung der Abfahrt und freute mich jetzt schon darauf. So lange Pisten gab es nirgendwo. Das war für einen Highspeedsuchti wie mich die Krönung eines tollen Tages.

»Von mir aus«, stimmte Daniel zu und packte seine eigenen Stöcke, um sich in Richtung Talabfahrt zu bewegen, als Noahs Blick mich traf, und zum ersten Mal war ich schlichtweg feige.

»Fahrt ihr ruhig. Ich bin vorhin blöd gefallen und hab einen Bluterguss im Oberschenkel. Es ist besser, ich nehme die Gondel.«

Daniel fuhr eine Kurve und kam wieder zum Stehen. »Das geht nicht. Keiner geht allein.«

»Ach, komm schon! In die Gondel und wieder raus werde ich schon schaffen, und die anderen sind zu neunt. Verbiete doch meinetwegen niemandem, mitzufahren.«

Daniel zögerte kurz. Sein Blick schweifte sehnsüchtig in Richtung Talabfahrt, dann nickte er ab und ich entfernte mich von der Gruppe.

»Warte, Elina«, erklang Nells Stimme.

Ich drehte mich um und lächelte sie an. »Du musst mich wirklich nicht begleiten.«

Nell verzog ihr Gesicht. »Das habe ich nicht vor.«

Ich zuckte zurück, als hätte sie mich geschlagen. Ihre Worte fühlten sich auch fast so an. Was hatte ich jetzt schon wieder verbrochen?

Nell kam näher und hielt quer gestellt vor mir an. Sie lehnte sich zu mir und stieß aufgebracht hervor: »Es mag zwar nicht so aussehen, aber Noah und ich sind seit Kindertagen sehr eng miteinander befreundet. Leider macht er sich angreifbar, weil er ein lieber, guter Kerl ist.«

Okay, was wollte sie mir damit sagen? Ich begriff kein Wort. Nell starrte mich fest an, dann setzte sie leise knurrend nach: »Ich weiß, dass Dina nicht die Einzige war, die gestern Nacht nicht in ihrem Bett lag.«

Ich runzelte die Stirn. »Ehrlich, Nell, ich verstehe nicht, was du von mir willst.«

»Solltest du ihn erpressen oder etwas in der Richtung, dreh ich dir den Hals um«, drohte sie nun ganz direkt.

»Erpressen? Wie kommst du denn …« Ich brach ab. Einen kurzen Moment musste ich sie anstarren.

»Du denkst, ich hätte mit Noah geschlafen?«, fragte ich ungläubig.

Nell gab einen Teil ihrer Angriffshaltung auf und lehnte sich wieder zurück. »Hast du nicht?«

»Nein!«

Sie kniff ihre Augen zusammen und musterte mich eindringlich. »Etwas ist gestern Nacht vorgefallen«, beharrte sie.

Ich seufzte. »Den Eindruck hatte ich auch. Aber sicher nicht meinetwegen. Ich hab ihn zwar getroffen, und ja, als er Daniel mit einer Frau erwischt hat. Danach sind wir nur zusammen in die Küche, haben eine warme Milch mit Honig getrunken und …« Verdammt, wie war ich denn jetzt in dieses Geständnis hineingeschlittert? »Na ja, ich hab ihn geküsst.« Ich spürte meine Wangen warm werden und senkte den Blick.

»Du hast ihn geküsst?«

»Ich dachte, er wollte es auch, und er hat den Kuss auch erwidert«, versicherte ich schnell. »Dann ist er ganz plötzlich weg.« Ich hörte selbst, wie niedergeschlagen ich klang. Schnell überging ich diese Erkenntnis. »Vielleicht hab ich ihn unbewusst an irgendetwas erinnert. Das ist die einzige Erklärung für mich, die Sinn ergibt. Ein Casanova lässt sich wohl kaum von einer warmen Milch mit Honig und einem Kuss aus der Bahn werfen«, stellte ich fest und erhoffte mir eine Bestätigung von ihr.

»Nein … wohl nicht«, murmelte Nell mit abwesendem Blick.

Ich hatte das Gefühl, noch etwas klarstellen zu müssen. »Ehrlich gesagt, Nell, wenn ich mit ihm geschlafen hätte, dann ginge dich das verdammt noch mal nichts an. Freundin seit Kindertagen hin oder her. Ich … also, wenn ich mich austobe, ist das meine Sache, und dasselbe gilt für Noah!«

Nells starrender Blick wurde weich. »Wie du meinst«, zwitscherte sie fröhlich, und mit einem »Wir sehen uns unten« fuhr sie davon.

Na, das sollte mal einer verstehen. Ich kam eindeutig nicht mehr mit.

Kapitel 7
NOAH

So kräftig er konnte, klopfte er die Hacke seines rechten Schuhs gegen seinen linken. Haufenweise Schnee fiel auf das Metallgitter vor dem Eingang. Nachdem Noah auch mit dem zweiten Schuh so verfahren war, betrat er den Skikeller, in dem Lysander schon auf den schmalen Holzbänken saß und sich auszog. In dem spartanisch eingerichteten Keller waren Heizstäbe an den Wänden angebracht, die hakenartig in den Raum ragten. Auf einen davon hängte Noah seine nasse Mütze und Handschuhe. Er prüfte gerade, ob er die Jacke auch über so einen Heizstab hängen sollte, als Lysander ihn aus heiterem Himmel anfuhr. »Also, jetzt mal im Ernst. Was ist los?«

Noah zuckte ertappt zusammen. »Nichts«, brummte er und öffnete die Schnallen an seinen Skischuhen. Eigentlich hatte er schon den ganzen Tag damit gerechnet, dass sein Freund fragen würde. Er wusste selbst, dass er schlecht drauf war.

»Belle behauptet, du stehst auf Dina und rastest aus, weil sie gestern Nacht mit Daniel gevögelt hat«, bemerkte Lysander.

»So ein Blödsinn.«

»Ja, das dachte ich auch. Schließlich scheinst du Elina zu hassen und nicht Dina.«

Noah fuhr entsetzt hoch. War es so offensichtlich gewesen? Er brauchte schnell einen uten Grund, nur fiel ihm absolut keiner ein, der nicht fadenscheinig klang. Wie sollte er seinem besten Freund auch erklären, dass sie böse war?

»War es am Ende Elina, die Daniel rangelassen hat?«, fragte Lysander.

Noah dachte an ihre Aussagen in der Küche. »Nein, sicher nicht!« Damit drehte er sich um und stellte seine Schuhe fester als nötig auf die wärmenden Halterungen. Er war so unfassbar wütend, und ja, auf sie. Einen Grund dafür könnte er Lysander nicht nennen.

»Hätte mich auch gewundert, denn ehrlich gesagt kann ich sie gut leiden«, meinte Lysander und schlüpfte aus seinen Snowboardstiefeln. Er zog seine Birkenstocks an und stand auf. »Ehrlich, Noah, zum allerersten Mal versteh ich dich einfach nicht.«

»Verräter«, murmelte Noah mehr zu sich, und sein Freund war so nett, es zu überhören. Lysander sollte auf seiner Seite stehen!

»Hast du eigentlich bemerkt, dass sie dir schon aus dem Weg geht?« fragte er mit vorwurfsvollem Unterton und verschränkte die Arme vor der Brust.

Nein, hatte er nicht. »Gut so.«

Lysander rollte mit den Augen. »Sie sah nicht aus, als hätte sie sich verletzt, und Sonny hat es mir bestätigt, er war den ganzen Tag an ihrer Seite. Er meinte, sie fährt wie eine Göttin und hat den Schnee nicht ein einziges Mal geküsst. Sie ist dir also aus dem Weg gegangen.«

Noah spürte eine neue Nuance der schwelenden Wut in sich. Sie rammte ihre Krallen in seine Magengrube und Zorn auf Sonny erwachte. »Schön für Sonny, dass der Versager auch mal eine Freundin findet!«

»Heilige Scheiße, Noah. Was hat sie dir denn getan?«, rief Lysander jetzt ganz direkt. Er ging nicht auf den Seitenhieb gegen Sonny ein. Noah wusste gar nicht, wo der auf einmal hergekommen war, er hatte bisher nie etwas gegen Sonny gehabt. Das war sie. Sie machte alles kaputt.

Stille herrschte im Skikeller. Lysander durchbohrte ihn regelrecht mit seinem Blick. Er kam um eine Antwort nicht drum herum. Zum ersten Mal setzte er sich wirklich mit dieser Frage auseinander. Was genau hatte sie verbrochen, das seine Wut rechtfertigte? Als Noah begriff, wohin seine Gedanken ihn lenkten, vertiefte sich die Wut nur weiter. »Sie hat mich geküsst«, stieß er gepresst aus, als würde das alles erklären. Und das tat es irgendwie auch.

»Das war’s? Sie hat dich geküsst? Das ist alles? War es denn so schrecklich, dass sie deinen Hass verdient?«

Ja, verdammt. Es war furchtbar schrecklich … so schrecklich. Noah spürte bei der Erinnerung ein ganz anderes Feuer an seinen Gedanken lecken. Schnell schürte er die Wut.

»Mann, Noah, kann es sein, dass du dich …«

»Halt dein Maul!«, brüllte Noah auf einmal seinen besten Freund an, der mit einem sanften Blick auf ihn zugetreten war. Noahs Atem ging stoßweise. Durch die verschleiernde Finsternis seines verzehrenden Zorns sickerte die Erkenntnis, dass er vollkommen die Kontrolle über seine Gefühle verloren hatte. Noah wandte seinen Blick ab, stand auf und rauschte aus dem Raum. Was er gerade getan hatte, war auf allen Ebenen falsch.

Kapitel 8
– 23.12. –

Alice und Daniel empfingen uns am nächsten Morgen im großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss. Mein Magen knurrte bei all diesen appetitlichen Gerüchen. Die Frühstückstafel war schon mit allen möglichen Leckereien gedeckt. Von Eiern und Speck über Pancakes bis hin zu verschiedenen Müslis gab es einfach alles. Lecker duftende Brötchen standen auf der langen Tafel in niedlichen Brotkörben. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

Ich suchte mir einen Platz weit weg von Noah und verließ dafür sogar AJ und Nell, die sich zu Lysander ans Kopfende setzten, neben dem Noah saß. Als ich mir jedoch den Stuhl an der weich gepolsterten Lehne zurückzog, setze Belle sich gerade auf den Platz direkt daneben. So ein Mist.

Mürrisch plumpste ich auf meinen Stuhl. Das würde ein einsames Frühstück werden.

»Morgen, Kätzchen.« Sonny setzte sich schwungvoll ans Kopfende neben mich und griff sich ein Brötchen aus dem Rattankorb vor seinem Teller.

Ich blinzelte ihn kurz irritiert an. Dann breitete sich ein Strahlen über mein gesamtes Gesicht aus. Ich war gerettet.

»Schön, dass du dich so freust, mich zu sehen.« Er lachte überrascht auf.

»Klar, die Sonne geht auf, wenn du den Raum betrittst.« Ich spielte einfach mit. Schließlich konnte ich ihm ja schlecht erklären, warum ich so übertrieben auf sein Erscheinen reagierte.

»Genau deshalb nennt man mich Sonny.«

»Unsinn.«

Er griff sich an die Brust. »Ah. Das tut weh.«

»Was jetzt genau?«

»Dass du mir nicht glaubst.«

»Du heißt Sonny. Nicht Sunny.«

»Deshalb ja. Sonne, Sonny. Verstehst du?« Wie so oft wackelte er mit seinen Augenbrauen und brachte mich mit all der Albernheit zum Schmunzeln. Ich knuffte ihn gegen die Schulter.

»So ist es gleich viel besser, Kätzchen.«

»Über diesen Spitznamen müssen wir noch mal reden«, beschwerte ich mich und griff nach dem Teller Pancakes.

»Gefällt er dir nicht?«

»Unklar.«

Sonny lehnte sich zu mir herüber, stützte sein Kinn auf seiner Hand ab und blinzelte mich übertrieben an. »Und was könnte dir Klarheit verschaffen?«

Ich schubste ihn zurück. »Lass das.«

»Im Ernst, der Spitzname passt wie die Faust aufs Auge«, tönte er und nahm sich Wurst und Käse von der Platte vor sich. »Reichst du mir bitte mal die Butter, Belle?«

Die Eiskönigin reagierte sofort, hob den kleinen Porzellanteller an und streckte ihn unter meiner Nase hindurch Sonny entgegen.

»Danke.«

»Gern.« Sie schenkte ihm ein liebliches Lächeln, das ihr Engelsgesicht erstrahlen ließ.

»Zurück zum Spitznamen«, verlangte ich, als er begann, seelenruhig sein Brötchen zu bestreichen und Belle sich schon längst wieder Felix zugewandt hatte.

»Was? Ach ja. Krallen, die man ein- und ausfahren kann. Klingelt da was?«

Ich presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf. Meine Wangen fühlten sich plötzlich verräterisch heiß an. Vorgestern in unserem Zimmer, direkt nach der Ankunft, da hatten sie alle es Krallen ausfahren genannt, als ich ausgeteilt hatte. Dabei kannte ich mich gar nicht so biestig. Das war neu, und ich war mir auch noch nicht sicher, ob ich das an mir mochte. Allerdings mochte ich das Bild von Worten, die scharf wie Krallen waren.

»Meinetwegen.« Ich hatte wirklich nicht mit dieser Erklärung gerechnet. Automatisch war ich von was Süßem, Niedlichem ausgegangen.

Ich suchte den Tisch nach der Erdbeermarmelade ab und entdeckte sie genau neben Belles Teller … außerhalb meiner Reichweite.

»Könntest du mir mal bitte die Marmelade reichen?«

Belle bestrich ihre zweite Brötchenhälfte gerade mit Hummus und ignorierte mich. Sag ich doch, passiv-aggressiv bis ins letzte Härchen.

Ich holte tief Luft, schluckte meinen Stolz hinunter und hob meine Stimme etwas an, obwohl die Pute direkt neben mir saß. »Belle, könntest du mir bitte die Marmelade reichen?« So direkt angesprochen konnte sie es nicht mehr ignorieren, gehört hatte sie mich auf jeden Fall.

»Hm? Meinst du mich?« Sie legte gekünstelt ihre Hand an die Brust und heuchelte Überraschung. Kurz blitzten ihre Augen auf. Dann fragte sie: »Was wolltest du?«

Ich biss meine Zähne fest aufeinander. »Die Erdbeermarmelade bitte.«

Belle konnte sich ein gehässiges Grinsen kaum verkneifen. »Die hier?«, fragte sie und hob das Glas hoch.

Welche denn sonst?

»Bitte schön«, säuselte sie mit ihrem perfekt kaschierenden Lächeln, das ihr bildhübsches Gesicht erstrahlen ließ.

»Danke«, presste ich abgehackt hervor, griff nach dem Glas und rammte mein Messer in die rote glibberige Masse.

Ich bemerkte Sonnys Blick. Eine Augenbraue hochgezogen, schenkte er der Eiskönigin einen vernichtenden Blick. Das freute mich unsagbar. Immerhin gab es keine Beweise dafür, dass Belle mich absichtlich schnitt. Aber ich war nicht dumm. Da schwang eine Menge Verachtung mit, wann immer Belle mich auch nur ansah. Zu gern wüsste ich, was ich ihr angetan hatte. Gerade deshalb tat es so gut, dass Sonny einfach auf meiner Seite stand und mir den Rücken stärkte.

Daniel erhob das Wort, kaum dass er den Raum betreten hatte. »Alice geht heute mit euch auf die Piste, sie will ein Spiel mit euch spielen.«

Mein Blick huschte hinüber zu Alice, die in der Mitte der Tafel saß. Sie war groß und hatte breite Schultern. Ihr dunkelblondes Haar trug sie zu zwei langen Zöpfen geflochten. Ihr braun gebranntes Gesicht mit den Lachfältchen um die Augen wirkte ausnehmend freundlich. In diesem Moment stand die Alpenschönheit auf und lächelte uns alle breit wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland an. Alice und Alice. Ach herrje, bist du heute wieder selten albern, Elina!

»Also, ich will eine Art Schnitzeljagd mit euch machen und habe euch dazu in fünf Zweierteams eingeteilt. Ich hab immer einen Mann und eine Frau zusammengelost. Ihr startet auf verschiedenen Pisten und müsst Rätsel lösen, um weiterzukommen. Wer zuerst beim Mittagessen ist, hat gewonnen«, verkündete sie strahlend. Ihre Vorfreude steckte mich direkt an. Das klang spaßig. Und ich konnte nicht mit Isabelle in ein Team.

Alice hob ein Klemmbrett an und las dann die Kombinationen vor: »Die gelosten Paare sind: Nell mit Lysander. Isabelle mit Kai, AJ mit Sonny, Felix mit Dina und Noah mit Elina.« Mir drehte sich der Magen um. Noahs und mein Blick trafen sich über den Orangensaft hinweg und ich schluckte schwer. Fast wäre ich unter seinem vor Abscheu triefenden Blick zusammengezuckt. Also war ich erneut feige.

»Äh, Alice, ich hab vergessen, dir das zu sagen. Ich wollte heute einen Tag Pause machen. Ich hab mir gestern so ’ne Art Pferdekuss geholt. Entschuldige, dass ich das vergessen hatte. Ich werde heute einfach ein wenig lesen und Bummeln gehen, ja?«, flehte ich beinahe. Herrje, das musste langsam ein Ende haben. So ging das nicht weiter.

»Dann wärst du ganz allein hier.« Mit heruntergesunkenen Schultern und einem Schmollmund sah sie aus, als würde sie das wirklich traurig stimmen.

»Ich bleib bei ihr«, bot sich Kai an. »Dann geht Noah mit Isabelle.«

»Das brauchst du nicht«, meinte Noah sofort. »Ich häng mich einfach an eine Gruppe dran. Ich fahr mit Lysander und Nell.« Er grinste. Dabei müsste er wirklich nicht ganz so deutlich zeigen, dass ihn die Aussicht, mich loszuwerden, so glücklich stimmte.

»Das geht, dann bleibe ich mit Elina hier«, verkündete jetzt ausgerechnet Daniel.

»Vielleicht fahr ich doch mit«, grummelte ich leise vor mich hin, und Sonny neben mir lachte. Er warf mir einen hilfsbereiten Blick zu, dann sah er über den Tisch zu unserer Skilehrerin.

»Hey, Alice, Kai wollte noch Geschenke besorgen für seine Familie daheim. Außerdem wäre ein Dreierteam doch unfair«, gab er zu bedenken und rettete mir damit den Hintern.

»Danke«, flüsterte ich und Sonny zwinkerte mir zu.

Alice wägte kurz ab, dann stimmte sie zu. »Also schön. Noah fährt mit Isabelle, und Kai und Elina bleiben hier. Aber Elina, wenn du morgen nicht wieder fährst, schlepp ich dich zu einem Arzt«, drohte sie, offenbar weil sie sich tatsächlich um mich sorgte.

Verdammt, diese Ausrede zog also nicht mehr.

Kapitel 9
NOAH

Mit der Packung kandierten Ingwer und den Tickets für den Heidepark in der Hand querte Noah den Flur hinüber zur Kammer, in der Nells Etikettiergerät und das Geschenkpapier, das Lysanders Vater jedes Jahr stiftete, bereitlagen. Auf diese Weise konnten sie im Hause die beschenken, die sie gern beschenken wollten, ohne dass sie gezwungen waren, für jeden etwas haben zu müssen.

Als er die Tür öffnete, wehte ihm der Duft heißer Maronen entgegen und Elinas glockenhelles Lachen erklang. Ein geknülltes Geschenkpapier flog durch die Luft und Kai lehnte sich im Schneidersitz zur Seite, um dem Geschoss auszuweichen. »Daneben«, rief er und streckte ihr die Zunge heraus. Dann entdeckte er über Elina hinweg ihn und das Lächeln erstarb. Das brachte auch sie dazu, sich nach dem Eindringling umzusehen.

Elina linste über ihre Schulter zu ihm hoch, das nächste Stück zerknülltes Geschenkpapier schon wurfbereit in der Hand. Umgeben von kleinen Paketen, roter Schnur und jeder Menge Geschenkpapierfetzen zog sie ertappt ihren Kopf ein.

»Wir sind noch nicht fertig«, meinte Kai schnell und zog eine Tüte über einen noch nicht eingepackten Gegenstand vor sich. Direkt daneben entdeckte Noah eine halb volle Tüte heißer Maronen und jede Menge Schalenstücke.

»Offensichtlich.« Er ließ seinen Blick schweifen. Zwischen den beiden lagen ein Dutzend eingepackte Geschenke. Wieso so viele?

»Na, geh schon raus. Ich sage dir Bescheid, wenn wir fertig sind.«

Noah runzelte die Stirn. »Schenkst du dieses Jahr etwa jedem etwas?«

»Sehe ich so aus?«, pampte Kai direkt zurück. »Du solltest mich inzwischen besser kennen!«

Da hatte er natürlich recht. Kai hatte gar nicht die finanziellen Mittel, jedem hier etwas zu schenken. Das bedeutete dann wohl, Elina hatte für jeden etwas besorgt … beinahe jeden. Sie konnte ihm unmöglich etwas schenken. Wenn Lysander recht hatte, verhielt er sich ihr gegenüber unmöglich. Noah bemühte sich, nicht all die kochende Wut in seinem Innern in seine Züge zu lassen, als er zu ihr hinuntersah. »Hat Kai dir nicht erklärt, wie es bei uns läuft?«

»Doch, klar«, beschwerte Kai sich und zauberte ihr damit ein sanftes Lächeln auf die Lippen.

»Es geht dich zwar nichts an, was ich tue, aber ja, ich weiß, dass niemand wissen wird, von wem welches Geschenk ist. Das hatte ich vorhin schon mit Kai. Und nein, ich versuche mich nicht mit lauter Geschenken in die Gemeinschaft einzukaufen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist Weihnachten, und jeder verdient eine Freude. Durch euer System ist sie nicht getrübt durch die Verpflichtung, dem Schenkenden zu danken, egal ob man dankbar ist oder nicht. Es geht um die reine Freude, und das finde ich schön. Das ist alles.«

Noah starrte sie einfach nur an. Keine Krallen und auch keine Unsicherheit. So hatte er Elina noch nicht erlebt. Kai grinste ihn triumphierend an, als genösse er, wie Elina gerade war.

»Wenn du meinst«, brummte Noah und wollte sich zurückziehen. Mit dieser Elina wusste er noch weniger umzugehen als mit der, die austeilte, oder der, die so kleidsam errötete, wenn sie über die Stränge geschlagen hatte. Diese Elina war wie die Frau in der Küche, die ihn in seinen Grundfesten erschüttert hatte. Diese hier war die gefährliche Elina, die er unbedingt meiden musste.

Ein Glockengeräusch, begleitet von einem Vibrieren erklang in der entstandenen Stille. Elina zückte ihr Handy und las die Nachricht. Da sie schräg vor ihm saß, konnte er auf den Bildschirm sehen. Noah erkannte den Namen Rivera mit einem Herz und einem Ring dahinter. Elina drückte auf die Nachricht und Telegram öffnete sich.

Während sie las, sackte sie ein wenig in sich zusammen. Ein tiefer Seufzer stahl sich auf ihre Lippen. Er wettete, dass das nicht beabsichtigt war.

»Keine guten Nachrichten?«, fragte Kai.

»Was? O nein. Alles gut.«

Noah erhaschte noch einen Blick auf die ersten Zeilen, ehe sie den Chat schloss und das Handy wieder wegsteckte.

Geschenk für Sam ist angekommen.

Ich hab dich jetzt mal nicht mit auf die

Karte geschrieben, das wäre seltsam.

Wegen Sophia …

Elina sah über ihre Schulter wieder ihn an. Sie kniff die Augen zusammen. »Wolltest du nicht verschwinden?«

Das war ja interessant. Weg war ihre für ihn so bedrohliche Seite und die Krallen waren wieder da. »Bin quasi schon verschwunden.«

»Verschwinde schneller!«

Noah zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich. Dieser heftige Kontrast ihrer Person vor und nach dieser Nachricht, das wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Aus der Nachricht selbst konnte er wenig Rückschlüsse ziehen. Sie könnte alles bedeuten.

»Warte mal, Noah«, rief Kai hinter ihm. Der Skater schlüpfte aus der Kammer und zog die Tür schnell hinter sich zu.

»Was denn?«, fragte Noah und ging weiter auf sein Zimmer zu. Natürlich traf er dort auf Lysander. Schnell versteckte er das Geschenk hinter seinem Rücken und wollte zu seinem Schrank, um es außer Sichtweite seines besten Freundes zu schaffen.

Lysander war schon umgezogen, während Noah noch in seiner Skimontur war. Er hatte sich beeilen und das Geschenk verpacken wollen, bevor es nicht mehr ging. Am Schrank schob er den kandierten Ingwer und die Tickets unter seine T-Shirts, dann streifte er die langen Unterzieher ab und eine gemütliche Jogginghose über.

»Du warst doch heute mit Elina shoppen, oder?«, fragte Lysander plötzlich aus heiterem Himmel, Kai. Mist, den hatte er ganz vergessen.

»Jupp.«

»Und? Wie war’s?«, wollte sein bester Freund wissen.

»Bestimmt furchtbar«, ätzte Noah impulsiv, als er gerade sein T-Shirt über den Kopf zog und es in den Schrank pfefferte. Er musste diese Wut dringend in den Griff bekommen. Lysander hatte recht, er benahm sich unmöglich.

»Was denkst du, Kai, hat sie einen Freund?«, fragte Lysander mit lauernder Stimme. Noah fuhr herum und starrte in funkelnde Augen. Lysander legte es darauf an, ihn zu reizen.

»Ähm, darüber ha…«

»Pff. Bitte! Keiner würde die auch nur mit einer Kneifzange anfassen«, unterbrach Noah ihn. Das wollte er gar nicht wissen!

»Ich weiß nicht. Sie ist hübsch. Sie ist pfiffig und versteht es durchaus, Paroli zu bieten, ohne zickig zu sein«, zählte Lysander auf. Dabei ließ sein Freund ihn keine Sekunde aus den Augen. Noah umklammerte seine Schranktür so fest, dass es wehtat. Er durfte jetzt nicht wieder so überreagieren wie gestern. Dafür müsste er sich eigentlich noch bei seinem Freund entschuldigen. Nur wie, wenn der ihn so erbarmungslos provozierte?

»Dann geh sie doch vögeln, wenn du sie so toll findest«, spie Noah über seine Schulter aus, während er sich zum Schrank zurückdrehte. Er donnerte seine Schranktür fester zu als nötig. Das hatte ein wenig geholfen, aber nicht genug.

»Denkst du, sie ist gut im Bett?«, fragte Lysander nun Kai. Noah hielt die Luft an.

»Spinnst du?«

Noah fuhr herum und sah einen zornigen Kai. Lysander hatte offensichtlich heute auch eine Grenze überschritten. Kai schenkte Lysander einen vernichtenden Blick, ehe er sich an Noah richtete: »Also, mir ist scheißegal, was dein Problem mit ihr ist. Sie ist nett und ehrlich und einfach toll. Ich habe alle heute Abend auf unser Zimmer eingeladen, und sie wird auch kommen. Wenn du sie nicht sehen willst, wirst du diesmal gehen müssen. Heute Abend vertreibst du sie nicht! Es reicht mir. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um sie zum Kommen zu bewegen. Und du schlägst sie nicht in die Flucht, damit das klar ist!« Kai brüllte regelrecht. Dann sah er zu Lysander. »Und du solltest dich schämen! So redet man nicht über Frauen!«

Lysander schmunzelte nur, neigte aber seinen Kopf in Kais Richtung, als würde er ihm zustimmen. Doch dann verschränkte er die Arme vor der Brust und sah Noah triumphierend an. »Der Nächste, der dir seine Meinung geigt«, stellte er fest.

»Alles Verräter«, knurrte Noah.

Lysander schnaubte. »Wenn du nicht rausrückst, was sie getan hat, was dein Verhalten rechtfertigt, werden nach mir und Kai noch weitere Verräter hinzukommen. Wobei, ich persönlich denke ja, dass Sonny auch schon die Seiten gewechselt hat, es nur stiller getan hat als wir beide.«

»Sag ich doch, Verräter!«

Lysander lachte. »Ja, ganz schreckliche Verräter. Na, kriegst du das heute Abend hin?«

Noah plumpste auf sein Bett und sah zu ihnen beiden auf. Er zögerte. »So schlimm bin ich doch gar nicht.«

Kai lachte laut. »Du schlägst sie immer wieder in die Flucht. Du bist schlimm! Jeder hat das inzwischen bemerkt.«

»Ja«, knurrte Lysander. »Weshalb sie plötzlich fürchterlich interessant für Daniel geworden ist. Nur gut, dass Sonny sie heute Morgen gerettet hat.«

Also war das nicht nur ihm aufgefallen. Allerdings machte Noah sich da wenig Sorgen. »Na, dass sie ihn ranlässt, darauf kann er lange warten.«

Kai und Lysander wechselten einen erstaunten Blick. »Ich weiß wirklich nicht, ob es Daniel interessiert, was die Frau will«, meinte Kai. »Als Betreuer und Skilehrer hat er eine gewisse Macht.«

»Das wagt er nicht«, knurrte Noah drohend. Mit geballten Fäusten sprang er auf und war kurz davor, Daniel einzubläuen, das ja nicht zu versuchen.

Lysander, der Kai entsetzt angesehen hatte, schnellte zu ihm herum. »Oh, ich weiß nicht. Daniel liebt es, sich Frauen zu angeln, bevor andere es tun. Elina passt perfekt in sein Beuteschema, und du machst sie mit deinem Verhalten unglaublich interessant für ihn.« Lysander runzelte die Stirn. »So gesehen hat schon Belle sie interessant gemacht mit ihrer Bemerkung bezüglich der Zimmer.« Nun wurde Lysander leiser, als würde er gerade etwas begreifen. »Scheiße, das ergibt Sinn«, brummte er und fuhr sich durch sein Haar. Dann sah er Kai an. »Wir sollten ein Auge auf ihn haben. Ich glaube, sie erscheint ihm so interessant wie kaum eine vor ihr.«

Kai nickte leicht benommen.

»Ich muss mit Nell reden.« Jetzt war aller Spott aus seinen Zügen gewichen. Er rauschte einfach davon.

»Äh, was war das denn?«, fragte Kai verwirrt und sah ihm nach.

»Er will sie beschützen«, seufzte Noah und setzte sich zurück auf sein Bett.

»Elina? Wieso?«

Noah runzelte die Stirn. »Er mag sie. Ich glaube sogar, dass er sie so sehr mag wie Nell.«

»Er steht auf sie?«, wunderte Kai sich.

»Was? Nein, er mag sie wie eine Schwester.«

»Lysander mag doch Nell nicht wie eine Schwester. Er steht total auf sie«, widersprach Kai, und Noah sah ihn verwundert an. Wusste Kai denn nicht, dass Nell lesbisch war?

Kai sah hinter sich durch die Tür hinüber in Richtung Kammer. »So mag ich sie auch, also wie eine Schwester. Sie ist ein toller Mensch.«

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Yaş sınırı:
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Hacim:
383 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783959917247
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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