Kitabı oku: «Das geheimnisvolle Merkmal»

Yazı tipi:

Das geheimnisvolle Merkmal

Joachim Bräunig

Das geheimnisvolle Merkmal

Kriminalroman

Engelsdorfer Verlag

2012

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Bisher vom Autor erschienene Bücher

1. Ein rätselhafter Mord

2. Aus Lust zum Mörder

3. Mord als letzter Ausweg

4. Der eiskalte Mörder

5. Tod im Fitness-Studio

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Titelbild © terex - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

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1

Der Wetterbericht hatte für das bevorstehende Wochenende schönes Wetter prophezeit und viele Menschen entschlossen sich auf Grund dieser Vorhersage, die nächsten Stunden in der Natur zu genießen. Bereits in den frühen Morgenstunden zog es die Menschen ins Freie. In Zossen und Umgebung, besonders am Mellensee, herrschte Hochbetrieb und die Menschen waren durchweg gutgelaunt.

In einer kleinen Gemeinde am Mellensee, direkt am Ufer des Mellensees gelegen, befand sich die Gaststätte ‚Fischhof am Mellensee‘. Die Gaststätte war sehr beliebt und ein ausgesprochenes Besuchermagnet. In der Gaststätte gab es stets fangfrischen Fisch – besonders der hier heimische Marmorfisch wurde von den Gästen gern bestellt. Der Ort Mellensee ist durch das Gefecht bei Mellen 1813 bekannt, wo zwei preußische Kompanien heldenhaft die Brücke über den Nottekanal vor den Franzosen verteidigten. Auf dem Mellensee und dem Nottekanal sind besonders die weltweit bekannten Klausdorfer Ziegel nach Berlin transportiert worden.

Der Besitzer des Fischhofes fuhr in den Morgenstunden auf den See hinaus und die gefangenen Fische wurden entweder zum Verkauf angeboten oder in der Gaststätte verarbeitet. Die am Ufer anschließende große Grünfläche wurde bei entsprechender Witterung als Terrasse für die Gaststättenbesucher genutzt. Die Freiflä-che bot Platz für mindestens zwanzig Tische zu vier bis sechs Personen. An der Grünfläche war ein Bootssteg angebracht, wovon ein kleiner Kutter zu Rundfahrten um den Mellensee einlud. Mit den Rundfahrten konnte man die malerische Umgebung mit den zahlreichen Erholungsmöglichkeiten genießen und sich entspannen. Die Gegend hatte jedoch noch mehrere Möglichkeiten zur Erholung und Entspannung, so bestand die Möglichkeit mit eigenen Booten oder Kanus die Landschaft zu erkunden. Zum Erreichen anderer Seen mit den Booten bestand keine Möglichkeit. Mit kleineren Booten konnte man jedoch, unter Mithilfe eines Fahrzeuges, nahegelegene Seen, wie den Wünsdorfer See oder den Neudorfer See, erreichen. In den letzten Jahren waren zudem eine Reihe von Radwanderwegen angelegt worden, die zahlreich genutzt wurden.

Das vorhergesagte Wetter hatte heute bereits eine Vielzahl von Sportfreunden auf den Plan gerufen, die mit ihren Fahrrädern unterwegs waren. Größtenteils waren es Familien oder Gesellschaften, die gemeinsam die Gegend erkundeten. Die Stimmung war bei allen Anzutreffenden sehr gut und ausgelassen, es wurde viel gescherzt und gelacht. Die Menschen waren zumeist sommerlich leicht bekleidet und die meisten Radfahrer oder Wanderer hatten Beutel oder Rucksäcke mit Proviant dabei.

Außerdem waren einige Großstädte mit dem eigenen Fahrzeug oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut, bequem und in kurzer Zeit erreichbar. Viele Menschen fuhren zu Großeinkäufen oder zu speziellen Einkäufen in diese Städte oder wollten sich die Sehenswürdigkeiten anschauen. Zudem bestand die Möglichkeit des Besuches von Großveranstaltungen, die in den ländlichen Gegenden nicht geboten wurden. Für viele Bewohner dieser Gegenden war es ein Wechselspiel zwischen dem Leben in der Großstadt und der beschaulichen Ruhe ihres eigenen Heimes.

In der Gaststätte ‚Fischhof am Mellensse‘ hatten auf der Außenfläche drei Personen Platz genommen, welche offensichtlich befreundet waren. Sie unterhielten sich sehr angeregt und hatten mehrere Papiere und einen Taschenrechner auf dem Tisch liegen. Von den drei Herren waren zwei als Weinhändler tätig und der Dritte war Besitzer einer einheimischen Likörfabrik. Die beiden Weinhändler, Konrad Welpe und Thomas Schulte, vertrieben seit einiger Jahren, in Ergänzung zu ihrem Weinsortiment, auch Erzeugnisse der ‚Firma Ludwig‘. Dieser zusätzliche Vertrieb der Liköre hatte sich in letzter Zeit für alle Beteiligten positiv entwickelt, so dass beide Seiten an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert waren.

Der Besitzer der Likörfabrik, Sven Ludwig, hatte die Firma vor einigen Jahren von seinem Vater übernommen und diese stets weiterentwickelt und das Sortiment mit neuen kreativen Erzeugnissen erweitert. Die Likörfabrik war seit über achtzig Jahren in Besitz der Familie Ludwig und hatte immer für guten Wohlstand der Familie gesorgt. Im Laufe der Zeit hatte sich zwischen den drei Verhandlungspartnern eine Freundschaft entwickelt. Der Versuch, ihre Ehepartner in diese Freundschaft einzubeziehen, war leider bei einem gemeinsamen Wochenendurlaub kläglich gescheitert, da die Interessen und Auffassungen der Ehefrauen der drei Freunde zu verschieden waren und dies zu heftigen Streitereien geführt hatte. Nach diesem Wochenendurlaub hatten sie beschlossen, keinen weiteren Versuch der Annäherung ihrer Ehefrauen zu unternehmen, was jedoch ihre persönliche Freundschaft nicht schmälerte.

»Ich habe euch eine Kostprobe unseres neuesten Erzeugnisses mitgebracht«, sagte Sven Ludwig.

»Was ist es denn?«, wollte Konrad wissen.

»Himbeerlikör.«

»Klingt gut«, sprach Thomas.

Sven Ludwig holte aus seiner Aktentasche eine kleine Flasche des neuen Erzeugnisses und goss seinen Freunden in kleinen Likörgläsern ein. Sie kosteten genüsslich die neue Errungenschaft der Firma Ludwig und erstrahlten nach dem Genuss des Likörs.

»Ein wirklich guter Tropfen«, sagte Konrad.

»Ganz meine Meinung«, pflichtete Thomas bei.

»Es freut mich, wenn euch die Probe mundet«, strahlte Sven Ludwig.

»Wann kommt der Likör auf den Markt?«, wollte Thomas wissen.

»Einen exakten Zeitpunkt kann ich noch nicht benennen. Ich muss erst noch einige Abschlüsse zur Lieferung der Beeren und Zutaten klären.«

Ich würde dennoch diesen Likör für die nächste Saison buchen«, sprach Konrad.

»Ich schließe mich an«, schmunzelte Thomas.

»Ich habe euch gesagt, dass ich noch keine Termine versprechen kann«, zögerte Sven.

»Wir können einen Vorvertrag abschließen«, schlug Konrad vor.

»Meinetwegen, aber der genauen Lieferumfang und Termine können wir nicht festlegen«, gab Sven klein bei.

»Ich meinerseits bleibe bei den Bestellungen des vergangenen Jahres, würde aber bei einzelnen Produkten exaktere Vereinbarungen treffen wollen«, schlug Thomas vor.

»Dann lass uns jetzt alles exakt vereinbaren«, legte Sven Ludwig fest.

Die drei Freunde verhandelten miteinander bezüglich des Sortimentes für die kommende Saison. Im Prinzip war es unüblich, dass Weinhändler auch Liköre im Angebot hatten, aber im Laufe der Zeit hatte sich diese Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller Beteiligten positiv entwickelt und alle Seiten waren an einer weiteren engen Zusammenarbeit interessiert. Sie erarbeiteten die Verträge unterschriftsreif und besiegelten den Abschluss der Verträge mit einem Glas Bier.

»Eigentlich ist es ungewöhnlich, dass Weinhändler und Likörfabrikanten mit Bier auf den gelungenen Vertragsabschluss anstoßen«, lächelte Konrad.

»Ich für meine Person trinke abends immer mein Bierchen. Durch die vielen Verkostungen habe ich vom Wein abends genug«, erwiderte Thomas.

Während sie über ihre Abschlüsse nachdachten und alle einen zufriedenen Eindruck erweckten, hörten sie von der Uferseite des Sees lautes Gelächter. Am Ufer fuhr eine Gemeinschaft von Tretbootfahrern vorbei und winkte den Besuchern der Gaststätte zu. Die Mitglieder der Tretbootfahrer hatten offensichtlich schon einigen Alkohol genossen und waren bester Laune. Sie erkundigten sich, wie das Essen schmeckt, für den Fall, dass sie heute nochmals vorbeikommen würden. Ihre Heiterkeit strahlte auf die Besucher der Gaststätte ab und es entwickelten sich auf der Terrassenfläche der Gaststätte laute Gespräche.

Das Gespräch der Freunde wurde unterbrochen, als ein Ehepaar an ihrem Tisch vorbeikam und sie freundlich grüßte.

»Ich grüße die Herren der trinkenden Zunft«, sagte der Mann mit einem Schmunzeln.

»Wir grüßen den Herrn der Pillen«, entgegnete Thomas.

»Wieder große Verträge abgeschlossen?«, wollte der Mann wissen.

»Ja, was haben sie heute noch vor, Herr Helbig«, fragte Sven Ludwig.

»Wir wollen nach dem Essen noch einen Ausflug nach Potsdam unternehmen.«

»Dann wünschen wir ihnen viel Freude«, lächelte Sven das Ehepaar an.

»Ihnen das gleiche«, erwiderte der Mann und verabschiedete sich mit seiner Frau.

»Die beiden erwecken einen harmonischen Eindruck«, spöttelte Konrad.

»Wie meinst du das?«, wollte Sven wissen.

»Hast du noch nichts von seinem Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin gehört?«, fragte Thomas.

»Ich gebe nichts auf Gerüchte«, antwortete Sven.

»Es wäre nicht das erste Mal.«

»Die Geschichte mit seinem damaligen Verhältnis war auch erlogen.«

»Bist du sicher?«, gab Thomas nicht nach.

»Ich komme mit Klaus Helbig sehr gut aus, er hat schon viel für unsere Gemeinde geleistet und ist stets zu Sonderleistungen bereit. Außerdem geht uns das Familienleben von ihnen nichts an, wenn sie Probleme haben, müssen sie diese allein lösen. Ich bin kein Freund von solchen Gerüchten, wo man weiß, dass jeder noch einen Zacken dazudichtet. Die beiden sind immer freundlich und aufgeschlossen im Umgang mit ihren Mitmenschen. Ich finde beide sympathisch, Ludwig«, endete Sven.

»Wobei seine Mitarbeiterin eine hübsche Person ist«, meldete sich Konrad zu Wort.

»Da kann ich dir nur beipflichten«, stimmte Thomas zu.

»Trotzdem muss er nicht gleich ein Verhältnis mit ihr haben«, schimpfte Sven.

»Nun lasst uns das Thema beenden, wie Sven schon sagte, es geht uns nichts an«, sprach mit fester Stimme Thomas und schaute seine Freunde mit strengem Blick an.

Das Ehepaar war die Familie Helbig, welche in der kleinen Gemeinde eine Apotheke ihr Eigen nannte und bei allen Einwohnern sehr beliebt war. Die Apotheke war im Untergeschoss des Hauses der Familie untergebracht. Das Haus stand auf einem etwa 3.000 Quadratmeter großen Anwesen. Hinter dem Wohn- und Geschäftsgebäude, welches sich an der Straßenseite befand, erstreckte sich eine große Grünfläche, welche von Frau Helbig liebevoll gepflegt und stets mit neuen Pflanzen ergänzt wurde. Die Bewirtschaftung des Gartens hatte sich in der Vergangenheit zum Hobby von ihr ausgeweitet und nahm viel Zeit in Anspruch.

Das Ehepaar war noch bei bester Gesundheit, und seitdem ihre beiden Kinder das elterliche Zuhause verlassen hatten, um ihre eigenen Wege zu gehen, stand ihnen für ihre Hobbys noch mehr Zeit zur Verfügung. Herr Helbig war eine imposante Erscheinung, was durch sein leicht ergrautes Haar nicht negativ beeinflusst wurde. Er trieb viel Sport, was durch seinen muskulösen Körperbau zum Ausdruck kam. Er war viel mit dem Rad unterwegs, wenn es seine Zeit durch den Apothekendienst, einschließlich der zahlreichen Bereitschaftsdienste, ermöglichte. Er war in der Gemeinde sehr beliebt und setzte sich, soweit er es als Mitglied des Gemeinderates konnte, immer für seine Mitbürger ein. Klaus Helbig half auch gelegentlich bei finanziellen Erfordernissen der Gemeinde in Form von Sponsorengeldern aus. Seine Frau war nicht ganz schlank, ging aber stets sehr gut gekleidet und legte viel Wert auf ihr Erscheinungsbild. Sie war ebenso groß wie ihr Mann, zirka 1,75 Meter, was ihr das Tragen von modischer Kleidung erleichterte. Entgegen ihrer Tätigkeit in ihrem Garten, wo sie immer legere Kleidung trug, ging sie in der Öffentlichkeit meistens mit Hosenanzügen bekleidet oder trug knielange Kostüme. Ihr kurzgeschnittenes schwarzes Haar ermöglichte ihr beim Tragen ihrer modischen Kleidung bezüglich der farblichen Gestaltung zahlreiche Kombinationen. Ihre beiden Kinder hatten studiert und waren in erfolgreichen größeren Unternehmen beschäftigt. Der Kontakt zu ihren Kindern war sehr gut und wenn es die Zeit der Kinder ermöglichte, besuchten sie ihre Eltern.

Herr Helbig hatte vor einem knappen Monat eine Apothekengehilfin eingestellt, um mehr Freizeit mit seiner Frau zu verbringen. Die Gehilfin, Frau Heike Wagner, hatte sich binnen kurzer Zeit gut eingearbeitet und konnte selbstständig die in der Apotheke abzuarbeitenden Aufgaben erledigen. Die Tätigkeit von Heike Wagner ermöglichte es Klaus Helbig mit seiner Frau in Urlaub zu fahren oder mehrtägige Reisen zu unternehmen, wozu in den zurückliegenden Jahren auf Grund der Arbeit in der Apotheke selten Gelegenheit gewesen war. Frau Heike Wagner war Mitte dreißig und seit zwei Jahren geschieden und deshalb wieder in ihren Geburtsort Zossen zurückgezogen, nachdem sie über zehn Jahre mit ihrer Familie an der Ostsee gelebt hatte.

Die Eltern von Heike Wagner hatten ein schönes Zweifamilienhaus in Zossen, wo Heike eingezogen ist. Sie hatte schulterlanges blondes Haar, welches sie entweder offen oder zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Ihre Figur war tadellos und verleidete die Männerwelt zu begierigen Blicken, was Heike Wagner jedoch nicht sonderlich beeindruckte. Sie ging ganz in ihrer Tätigkeit in der Apotheke auf und hatte sich in kurzer Zeit einen guten Ruf erarbeitet, was auch auf ihre gute fachliche Beratung der Kundschaft zurückzuführen war. Das freundliche Lächeln, unterstützt von ihren strahlend blauen Augen und ihren weißen Zähnen, erweckte immer den Eindruck einer besonderen Aufmerksamkeit für die gegenüberstehenden Personen. Heike Wagner war sich ihrer Wirkung auf ihre Mitbürger, besonders der Männerwelt, durchaus bewusst ohne daraus besonderen Nutzen ziehen zu wollen. Die Scheidung, die mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden war, hatte sie etwas verändert. Ihr lebenslustiges Wesen war jedoch davon nicht negativ beeinflusst worden und sie ging weiterhin gern auf Tanzpartys oder andere Vergnü-gungen. In dieser Zeit kümmerten sich ihre Eltern liebevoll um ihre Tochter.

Für ihre Eltern war ihr einziges Kind immer noch ihr wichtigster Lebensinhalt und sie würden für Heike alles tun, um Unheil von ihr abzuwenden. Auf Grund ihrer modischen Kleidung, welche sie stets sehr attraktiv aussehen ließ, mussten ihre Eltern sie gelegentlich finanziell unterstützen, da die Entlohnung in der Apotheke für ihre persönlichen Belange und die Ausgaben für ihre Tochter kaum ausreichte. Ihre Tochter zählte in der Schule zu den Besten und wollte mit ihren reicheren Klassenkameradinnen mithalten und die Möglichkeiten der neuen Technik (PC, Handy usw.) verlangten gleichfalls hohen finanziellen Aufwand.

2

Die Evangelische Dreifaltigkeitskirche in Zossen war an diesem Sonntag gut besucht und die meisten Plätze im Kirchenschiff waren besetzt. Die Grundsteinlegung der heutigen Kirche erfolgte am 24.05.1734. Das benötigte Bauholz stiftete Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Den Bau leiteten die königlichen Bauinspektoren Erdmann und Hedemann. Der Bau wird als langgestreckte Saalkirche aus verputztem Backstein mit quadratischem Turm in der Mitte der südlichen Langseite und der Sakristei gegenüber errichtet. Die Decke des Kirchenschiffes ist eine flache Holzdecke. Kanzelaltar, Taufstein und Emporen sind im schlichten Barock gehalten. In den Freiheitskriegen drohte der Kirche die völlige Zerstörung, als die Franzosen über Zossen nach Berlin durchbrechen wollten. Der erste Weltkrieg brachte den Verlust der Glocken, die von den Türmen geholt und eingeschmolzen wurden. Die vollständige Zerstörung blieb der Stadt und der Kirche erspart. Im zweiten Weltkrieg erlitten die zuvor neu angeschafften Glocken das gleiche Schicksal wie ihre Vorgänger und wurden zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, wobei die Kirche unversehrt blieb. Im Jahre 1948 wurden drei neue Klangstahlglocken geweiht. In den folgenden Jahren von 1960 bis 1998 wurde eine neue Orgel eingebaut, es erfolgte ein neuer Farbanstrich der Kirche, eine vollständige Innenrenovierung sowie eine umfassende Sanierung der Außenfassade, einschließlich der denkmalgerechten Wiederherstellung neuer Fenster.

Die Kirche war der Sammelpunkt für Gemeinde und Bevölkerung der Stadt zu den Friedensgebeten zur Wendezeit 1998. Der Pfarrer der Gemeinde, Pastor Nordin, besitzt in seiner Gemeinde einen guten Ruf und ist bei seinen Kirchenmitgliedern sehr beliebt. Er kümmert sich sehr um die Freizeitgestaltung seiner jugendlichen Mitglieder und ist stets bestrebt, das Kirchenleben der Jungen Gemeinde mit neuen Ideen zu befruchten. Er freut sich immer, wenn ehemalige Mitglieder der Jungen Gemeinde den Weg zu ihm finden und an den Unternehmungen der Gruppe teilnehmen. Er ist für seine Gemeindemitglieder stets ansprechbar und vermittelt ihnen den Inhalt der Botschaft der Bibel. Der Pfarrer ist bekannt dafür, dass er ungeachtet seines Glaubens immer aufgeschlossen den Problemen der heutigen Zeit gegenüber steht und er nutzt gern Gelegenheiten in seinen Predigten auf die Probleme einzugehen. Seine Wortwahl beim Ansprechen von Gegenwartsproblemen ist sehr geschickt und nicht anstößig, auch die Problematik der sexuellen Übergriffe durch Geistliche an ihren Schutzbefohlenen klammerte er in seinen Predigten nicht aus. Nach Beendigung des heutigen Gottesdienstes, welcher trotz des guten Wetters gut besucht war, stellte er sich an die Eingangsstufen zum Kirchenschiff und verabschiedete die Gottesdienstbesucher mit freundlichen Worten und segnete ihren Nachhauseweg. Nachdem die meisten Besucher die Kirche verlassen hatten, trat ein junges gut aussehendes freundliches Mädchen zu ihm und sagte:

»Ich wünsche ihnen einen schönen Tag, Herr Pfarrer.«

»Danke, Beate. Ich wünsche dir das Gleiche und hoffe du bleibst jetzt auf dem richtigen Pfad. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du weiter deinen positiven Weg gehst.«

»Ich werde mich bemühen, Herr Pfarrer«, antwortete Beate.

»Ich habe gehört, dein Vater ist aus dem Gefängnis entlassen worden«, fragte der Pfarrer.

»Ja, leider«, kam die leise Antwort.

»Seit wann?«

»Ungefähr sechs Wochen.«

»Du weißt, wenn du Probleme hast, kannst du jeder Zeit zu mir kommen.«

»Ich weiß, vielleicht brauche ich ihren Beistand.«

»Ich werde dir jederzeit helfen, du weißt, ich habe einigermaßen Einfluss in der Gemeinde.«

»Sie haben mir immer beigestanden und viel Trost gespendet. Die Gespräche mit ihnen haben mir stets geholfen und mich wieder aufgebaut. Wenn es erforderlich werden sollte, komme ich zu Ihnen.«

»Du kannst immer kommen, gleichgütig welche Uhrzeit.«

»Danke Herr Pfarrer.«

»Mach dir einen schönen Tag, Beate.«

»Ich werde vielleicht baden gehen und ausspannen«, sagte das Mädchen und verabschiedete sich vom Pfarrer, Herrn Nordin.

Sie ging die Kirchenstufen hinunter und lief zu drei Jungen, die winkten und offensichtlich auf sie warteten. Der Pfarrer schaute ihr nachdenklich hinterher und wünschte inständig, dass sie die traurigen Erlebnisse ihrer Kindheit vollständig überwunden hatte. Er freute sich, dass Beate offensichtlich wieder Freunde gefunden hatte und sich wieder dem Leben öffnete.

Die vier Jugendlichen gingen gemeinsam über den belebten Marktplatz von Zossen und hatten entweder Beutel oder einen kleinen Rucksack bei sich. Zwei Jungen hatten in ihren Rucksäcken Decken verstaut. Sie liefen in Richtung Mellensee und waren bester Laune, sie scherzten und unterhielten sich lebhaft über ihre bevorstehende Unternehmung. Auf ihre Mitmenschen, die ihnen während ihres Ausfluges begegneten, machten sie einen fröhlichen und glücklichen Eindruck. Nach langer Zeit und mit müden Füßen trafen sie an ihrem Ausflugsziel an. Sie hatten vor einiger Zeit eine stille und abgelegene Bucht am Mellensee entdeckt, wo sie sich völlig ungestört fühlten. Die stille Bucht war von Bäumen und Gestrüpp umgeben und deshalb schwer einsehbar. Die Uferfläche war leicht abschüssig und die Rasenfläche ungepflegt. Die Jugendlichen legten ihre Beutel oder Rucksäcke ab und breiteten die mitgebrachten Decken aus, um sich auf der Rasenfläche auszuruhen.

»Ich gehen jetzt baden«, sagte Willy.

»Ich warte noch etwas, mir brennen die Füße«, erwiderte Steffen.

»Hat jemand Hunger?«, fragte Beate.

»Ich hätte nichts gegen einen Happen«, antwortete Willy.

»Was hast du denn anzubieten?«, wollte Volkmar wissen.

»Ich habe Knacker und Salami im Angebot«, lächelte Beate.

»Klingt toll. Ich greife zu«, sagte Willy und ging zu Beate.

Die Jugendlichen nahmen das Angebot von Beate zur Verköstigung an und ruhten sich nach dem Essen und Trinken aus, wobei Volkmar seinen mitgebrachten Recorder einschaltete und seine Lieblingsmusik abspielte. Die Stimmung der Jungen und des Mädchens war sehr gut und gelöst.

»Jetzt gehe ich wirklich baden«, sprach Willy.

Die Jugendlichen zogen sich nackt aus und rannten ins kühle Wasser. Es war nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam nackt badeten. Das Mädchen verhielt sich völlig gelöst und die Jungen störten sich nicht an der Nacktheit des Mädchens. Die Gruppe war bereits einige Zeit zusammen und anfangs gab es Reibereien zwischen den Jungen, um die nähere Freundschaft zu Beate. Beate hatte sich später der Gruppe der Jungen angeschlossen und anfangs waren die Jungen skeptisch über die Anwesenheit von Beate. Beate hatte aber den Jungen sehr schnell klar gemacht, dass in Bezug auf Sex zwischen ihnen und ihr nichts geschehen würde. Die Jungen hatten sich im Laufe der Zeit damit abgefunden, dass Beate keinen Sex zuließ, was den Jungen bei dem schönen Aussehen von Beate anfangs schwer fiel.

Beate war wie die Jungen 18 Jahre und sehr gut gebaut. Sie hatte brünettes Haar, welches ihr bis über die Schulter reichte. Sie war sehr schlank, aber nicht dünn und ihre braunen Augen erweckten stets einen lächelnden Eindruck. Sie war sehr wissbegierig und allen neuen Dingen des Lebens aufgeschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt hatte Beate ihren Freunden ihre Lebensgeschichte erzählt, was Beate in den Augen der Jungen noch wertvoller machte. Die Gruppe war ungefähr zwanzig Minuten im Wasser und allmählich kamen sie zurück ans Ufer. Sie trockneten sich ab und Volkmar sagte: »Ich hätte Lust auf ein Volleyballspiel.«

»Wie soll das gehen?«, fragte Beate.

»Mein Schatz, ich habe an alles gedacht«, erwiderte Volkmar.

»Ich traue dir zu, dass du einen Ball dabei hast, aber wie ist es mit dem Netz?«, fragte Willy.

»Netz habe ich keins dabei, aber eine Schnur reicht aus.«

»Wie denn?«, fragte ungläubig Steffen.

»Wir werden wohl hier zwei größere Äste finden, an denen wir die Leine befestigen können und dann zählt nur wer den Ball über die Leine spielt.«

»Einverstanden«, entschied Willy, der offensichtlich der Chef der Gruppe war.

Die Jugendlichen gingen auf die Suche nach geeigneten Ästen zur Befestigung der Leine als provisorisches Netz. Nachdem die Jungen die Spielfläche hergerichtet hatten, spielten die unbekleideten Jugendlichen Volleyball, wobei Beate mit Volkmar eine Mannschaft und Willy und Steffen die andere bildeten. Sie waren völlig mit ihrem Spiel beschäftigt, so dass sie nicht spürten, dass sie gelegentlich von einzelnen vorbeikommenden Wanderern beobachtet wurden. Die Einstellung der Mitglieder der Gruppe zur Nacktheit war jedoch so gelassen, dass sie die Beobachtung nicht gestört hätte, falls sie die Wanderer bemerkt hätten.

Nach dem Spiel ruhten sie sich im Gras aus und hingen ihren Gedanken nach. In der Zwischenzeit war es bereits Abend geworden und Steffen sagte plötzlich in die Stille: »Ich denke es ist Zeit, dass wir uns in unser Domizil zurückziehen.«

»Jetzt schon«, entgegnete Beate.

»Ich habe Appetit auf meine Spezialität«, erwiderte Steffen.

»Es ist noch nicht dunkel genug«, entgegnete Willy.

»Wenn wir einzeln gehen, sehe ich keine Probleme.«

»Wir müssen unsere Entdeckung nicht provozieren«, warf Beate ein.

»Ihr könnt von mir aus noch warten, ich gehe los«, entschied Steffen.

»Du musst es immer übertreiben«, widersprach Willy.

»Es war ein wunderschöner Tag, den muss ich entsprechend ausklingen lassen«, beharrte Steffen.

»Der Tag war wirklich sehr schön, Jungs«, sagte Beate und lächelte ihre Freunde an.

»Besonders das Volleyballspiel«, strahlte Steffen.

»Besonders wenn Beate zum Schmetterball hochsprang und ihr Busen sich bewegte«, grinste Steffen.

»Nun halt den Ball flach, lieber Konrad. Erstens hast du meine Schmetterbälle niemals abwehren können und zweitens ist mein Busen noch fest und fliegt nicht hoch«, empörte sich Beate.

»Da konnten wir nicht gewinnen, wenn du bloß auf Beates Busen geschaut hast«, schmunzelte Willy.

Die Gruppe hatte sich in Klausdorf am Mellensee ein heimliches Domizil eingerichtet. Dieses Domizil war eine alte Baracke, welche sich auf einem ehemaligen Feriengelände eines früheren DDR-Betriebes befand.

Das Gelände war völlig verfallen und verwahrlost, sowohl was die Gebäude als auch die Außenfläche betraf. Die Gruppe hatte das größte Gebäude, welches zu früheren Zeiten wahrscheinlich als Aufenthaltsraum diente, häuslich eingerichtet. Die Baracke war zirka zwanzig Quadratmeter groß und rechteckig gestaltet. Der Raum war mit elektrischem Licht ausgestattet, welches wahrscheinlich irrtümlicherweise abzuschalten vergessen worden war. Als Toilette hatten sie sich eine Biotoilette besorgt, wie sie auch in Caravanautos benutzt wurden. Im Raum befanden sich außerdem ein Fernseher, Videorecorder, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Mikrowelle und andere Kleinigkeiten, welche zu einem kleinen Haushalt gehörten. Als Ruhe- bzw. Schlafgelegenheiten dienten Luftmatratzen. Zusätzlich waren zwei kleinere Schränke aufgestellt mit verschiedenen Alltagsdingen, wobei im gesamten Raum keinerlei persönliche Dinge der Gruppenmitglieder aufbewahrt wurden. Diese Abmachung war eine Festlegung, die von allen Gruppenmitgliedern streng befolgt wurde.

Das verwahrloste Gelände lag am Rande einer Straße, welche diese Bezeichnung nicht verdiente und eigentlich nur ein schlechter Waldweg war. Auf beiden Seiten der Straße befanden sich kleine Häuschen mit wunderschönen Vorgärten, die jedoch nicht bis an das verwahrloste Gelände heranreichten. Die letzten Häuser waren ungefähr 300 Meter von diesem Gelände entfernt, so dass deren Bewohner nichts von der Anwesenheit der Jugendlichen spürten. Der Innenraum der von den Jugendlichen als Domizil erkorenen Baracke war mit schwarzem Stoff verhangen, damit kein Lichtstrahl aus der Baracke drang und die Anlieger oder Spaziergänger aufmerksam machte. Die Jugendlichen hielten sich bereits seit schätzungsweise einem Jahr in dieser Baracke auf, die von Willy bei seiner Suche nach einer sicheren Bleibe für seine Freunde gefunden worden war.

Beate arbeitete tagsüber in der Innenstadt von Zossen in einer Boutique als Verkäuferin und besuchte seit sechs Monaten Weiterbildungskurse, um später ein BWL-Studium zu beginnen. Ihr wurde eine hohe Intelligenz bescheinigt und sie war sehr strebsam in Bezug auf ihre weitere Zukunft. Willy arbeitete bei einer Sanitärfirma und genoss im Kollegenkreis einen guten Ruf. Seine fachliche Qualifizierung hatte er in seiner jetzigen Firma erlernen können und auf Grund seiner guten Arbeit wurde er nach Abschluss seiner Lehre in die Firma übernommen. Er war stets hilfsbereit und schaute bei Arbeitsschluss nicht auf die Uhr, sondern brachte die begonnene Arbeit zum Abschluss. Volkmar und Steffen hatten dieses Jahr das Gymnasium beendet und wollten ein Studium beginnen. Die Interessen der Jugendlichen waren prinzipiell sehr unterschiedlich, was ihre Freundschaft nicht störte. Sie hatten keine festgelegten Treffpunktzeiten, außer zu bestimmten Festtagen. Ihre Treffen stimmten sie zumeist per Handy ab, wobei sie bestrebt waren, sich immer zu viert zu treffen, was auf Grund der verschiedenen Tätigkeiten nicht leicht zu vereinbaren war.

Alkohol wurde wenig getrunken nur zu bestimmten Festlichkeiten, wie Geburtstag und ähnlichem. Was von ihren Bekannten oder Familienangehörigen niemand wusste, war ihre gemeinsame Hingabe zu leichten Drogen. Ihre Drogenorgien feierten sie stets gemeinsam in ihrem Domizil am Waldesrand. Aus verschiedenen Hanfsorten der Gattung Cannabis können Rauschmittel gewonnen werden, die sich ebenfalls unter der Bezeichnung Cannabis zusammenfassen lassen. Die getrockneten und zerkleinerten harzhaltigen Blüten und kleinere Blätter der weiblichen Pflanze werden Marihuana genannt und unverändert konsumiert oder zu den Produkten Haschisch oder Haschischöl weiterverarbeitet. Bei Genuss von Haschisch wird das gepresste Harz der Hanfpflanze geraucht oder, in Fett gelöst, zur Zubereitung THC–haltiger Getränke und Speisen verwendet. Je nach Anwendungsform variiert die Zeit bis zum Eintritt der Wirkung von einigen Minuten beim Inhalieren und zwischen 30 und 300 bei oraler Aufnahme. Die Wirkung hält selten länger als drei bis vier Stunden an. Die im Cannabisrauch enthaltene Teermenge entspricht in etwa der vom Tabakrauch. Allerdings wird Cannabisrauch tiefer und länger inhaliert, was die Schadstoffexposition erhöht. Entsprechend den Bestimmungen des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel 1961, das von fast allen Staaten der Welt ratifiziert wurde, sind die Erzeugung, der Besitz und der Handel von Cannabis nahezu weltweit verboten. In Deutschland ist der bloße Konsum von Cannabis oder anderen Betäubungsmitteln de jure nicht strafbar, was nicht für den Anbau, den Vertrieb usw. zutrifft. In der Regel ist als akute Auswirkung eine gewisse Bewusstseinsverschiebung festzustellen, die assoziatives, sprunghaftes Denken und eine Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses mit sich bringt. Der Konsument kann die zu erwartende Wirkung nicht zuverlässig einschätzen. Der Konsument selbst hat ein Gefühl erhöhter Leistungsfähigkeit, die jedoch objektiv betrachtet immer mehr abnimmt. An die Stelle geordneten Denkens und logischer Schlussfolgerungen tritt häufig eine Art Scheintiefsinn, wovon vor allem Sorgfaltsleistungen betroffen sind. Die Entstehung einer Cannabisabhängigkeit steht in engem Zusammenhang mit sozialen Faktoren, der persönlichen Reife des Konsumenten und dem Alter bei Erstkonsum.

Man konnte bei dem Drogenkonsum der vier Freunde nicht von einer Drogenabhängigkeit reden, da sie nur Marihuana rauchten und dies nicht ständig. In letzter Zeit war jedoch ihr Anführer Willy einem größeren Drogenkonsum verfallen. Willy war auch der Versorger der Drogen, die er sich bei einem Händler in Berlin erstand. Seine Freunde kannten diese Beziehung nicht und hatten Willy auch niemals zu einer diesbezüglichen Auskunft gedrängt. Beate und die beiden anderen Jungs der Gruppe – Steffen und Volkmar – waren mit dem vermehrten Genuss von Drogen von Willy nicht einverstanden und hatten ihm dies bereits mehrmals deutlich gesagt. Willy beließ es bei kurzen Antworten und versuchte nicht seine Freunde ebenfalls zu erhöhtem Drogengenuss anzuregen.

Auch am heutigen Abend war der Barackenraum wieder völlig verräuchert (Haschisch) und die Jugendlichen gaben sich ihren Träumen hin. Während des Genusses der Droge wurde wenig gesprochen und nur leise Musik gehört, so dass sie sich total ihren träumerischen Eindrücken hingeben konnten. Der Drogengenuss, außer Willy, war gering, so dass man prinzipiell noch nicht von einer Drogenabhängigkeit sprechen konnte. Während der Nacht beziehungsweise in den frühen Morgenstunden verließen die Freunde einzeln die Baracke und gingen am folgenden Tag ihren Tätigkeiten nach und niemand ihrer Bekannten ahnte von ihrem nächtlichen Trip. Die Gruppe der vier Jugendlichen hatte außer ihren gemeinsamen Drogentrips und den damit zusammenhängenden Treffen keinen Kontakt und ging getrennte Wege. Ihre Vereinbarungen zu den nächsten Treffen erfolgte über Handy, wobei es jedem Jugendlichen offenstand außerhalb der vereinbarten Treffen ihr Domizil aufzusuchen. Jeder von ihnen hatte den entsprechenden Schlüssel. Diese Möglichkeit hatte Willy in letzter Zeit mehrmals wahrgenommen, was seine Freunde nicht sehr wohlwollend zur Kenntnis nehmen mussten. Eine Aussprache über seinen gesteigerten Drogenkonsum lehnte Willy kategorisch ab. Seine Freunde wunderten sich darüber, dass Willy auf Arbeit keine Probleme hatte und alle Aufgaben termin- und qualitätsgerecht erledigte. Auf die Frage, woher Willy die entsprechenden Drogen bezog, bekamen seine Freunde ebenfalls keine Antwort. Willy hatte sich jedoch einmal in seinem Rausch auf bestimmte Fragen mit Berlin geantwortet.

3

Im Polizeipräsidium Brandenburg traf sich die seit einiger Zeit eingesetzte Einsatzgruppe für spezielle Aufgaben zu ihrer morgendlichen Dienstberatung. Die Sonderabteilung für spezielle Aufgaben war vom Polizeipräsidenten eingesetzt worden, um andere Dezernate zu entlasten. Der Sonderabteilung wurden Aufgaben übertragen, welche von anderen Dezernaten bereits teilweise bearbeitet waren und noch zu keinem Ziel geführt hatten.

Zur Sonderabteilung gehörten vier ausgewählte Mitarbeiter, welche von anderen Dezernaten abgezogen worden waren. Die Abteilung unterstand direkt dem Polizeipräsidenten und konnte in Abstimmung mit ihm jederzeit weitere Mitarbeiter beantragen. Sie arbeiteten in zwei miteinander verbundenen Diensträumen und mussten alle anzufertigenden Protokollen selbst erstellen, was mittels der neuen Computertechnik und verhältnismäßig geringen Protokollen durchaus vertretbar war. Der Leiter dieser Abteilung war Torsten Fleischer, der bis zu seiner Einsetzung als Abteilungsleiter im Morddezernat gearbeitet hatte und Vertreter von Hauptkommissar Klaus Ullmann war. In besonderen Fällen, wie zum Beispiel bei der Erstellung von Graphiken, größeren Tabellen oder Entscheidungsvorlagen für den Polizeipräsidenten, durfte Torsten Fleischer in Abstimmung mit seinem ehemaligen Vorgesetzten Kommissar Ullmann, die Hilfe von dessen Sekretärin, Frau Schneider, in Anspruch nehmen. Die Zusammenarbeit von Torsten Fleischer mit seinen ehemaligen Kollegen war immer noch bestens und Frau Schneider half ihm gern.

Ein wesentlicher Vorteil der neuen Abteilung war deren Zusammensetzung von Mitarbeitern aus unterschiedlichen Dezernaten, so dass jeder Mitarbeiter eine Beurteilung aus unterschiedlicher Sichtweise einbrachte. Die neue Abteilung wurde von den übrigen Mitarbeitern des Polizeipräsidiums scherzweise als »Spezies« bezeichnet. Torsten Fleischer hatte die neue Aufgabe gern angenommen, obwohl ihm die Trennung von seiner bisherigen Abteilung nicht leicht gefallen war. Unter der Berücksichtigung, dass es zwischen seiner neuen Abteilung und seiner ehemaligen Arbeit eine Reihe von gemeinsamen Schnittpunkten gab, hatte er sich zur Übernahme der komplizierten Aufgabe entschlossen. Bei der Zusammensetzung der Sonderabteilung konnte er ein gewichtiges Wort mitreden und seine Vorstellungen einbringen. Torsten Fleischer scheute sich nicht, seinen bisherigen Vorgesetzten Klaus Ullmann um Rat zu fragen. Die beiden hatten während ihrer gemeinsamen Zeit im Morddezernat gut zusammengearbeitet und mit der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut.

Hauptkommissar Klaus Ullmann hatte seiner Ernennung zum Leiter der Sonderabteilung zugestimmt und ihm viel Erfolg gewünscht. In den letzten Wochen konnte die Abteilung wesentlich zur Lösung eines komplizierten Falles im Bereich des Sexualverbrechens beitragen. Gegenwärtig war die Abteilung mit der Aufklärung einer Diebstahlserie beschäftigt. Seit einigen Monaten gab es verschiedene Hinweise auf Diebstähle, welche meistens in Einkaufsstätten geschahen. Seitens der Geschädigten gab es jedoch leider keine bzw. unterschiedliche Aussagen zu den möglichen Dieben, sowohl was die Anzahl als auch das Aussehen der Personen betraf. In einigen Fällen war von zwei, in anderen Fällen von drei Dieben die Rede. Gleichzeitig gab es auch Hinweise, dass eine weibliche Person an den Diebstählen beteiligt war. Übereinstimmung gab es nur bei der Beschreibung des Alters der Diebe und ihrer guten Kleidung, wobei niemand exakt sagen konnte, die Diebe bei ihren Raubzügen beobachtet zu haben.

»Guten Morgen«, begrüßte Torsten seine Mitarbeiter, die seinen Gruß erwiderten.

»Der Polizeipräsident hat mir gestern nahe gelegt, den Diebstahlsfall möglichst schnell zu Ende zu bringen. Die Diebstähle sind offensichtlich zum Gesprächsstoff in höheren Kreisen geworden.«

»Die Hinweise sind sehr dürftig«, entgegnete Karl.

»Dem kann ich nur zustimmen«, stimmte Paul zu.

»Ich weiß. Deshalb müssen wir als nächstes die uns allen bekannten Fakten nochmals durchleuchten und bewerten«, legte Torsten fest.

»Die Diebstähle haben in den letzten Wochen deutlich nachgelassen«, resümierte Karl.

»Ich denke, dass könnte auf die Jahreszeit zurückzuführen sein«, mutmaßte Horst.

»Wie kommst du darauf?«, fragte Torsten.

»Ich denke Diebstähle fallen unseren Tätern in den Sommermonaten, auf Grund der leichten Bekleidung, wesentlich schwerer. Mit der sommerlichen Bekleidung lassen sich gestohlene Gegenstände bedeutend schlechter verstecken.«

»Das kann stimmen. Leider haben wir bis jetzt keine verlässliche Personenbeschreibung. Wir haben lediglich eine verschwommene Aufnahme einer Videokamera aus einem Lebensmittelmarkt. Auf dem Foto sind die Gesichter der drei möglichen Diebe durch Kapuzen bedeckt. Den Figuren der Diebe nach zu urteilen, handelt es sich vermutlich um zwei männliche und eine weibliche Person in jugendlichem Alter. Gestohlen wurden überwiegend Lebensmittel und alkoholische Getränke in verhältnismäßig kleinen Mengen. Die bisher bekannten Diebstähle wurden in kleineren Einkaufsstätten verübt, welche zum Großteil keine Videoüberwachung hatten. Wir müssen demnach davon ausgehen, dass die Diebe ihre Ziele vor ihren Raubzügen besichtigt haben.«

»Es gibt auch eine Meldung, dass elektronische Geräte gestohlen wurden«, warf Karl ein.

»Das stimmt, aber diese Meldung ist einmalig. Diese Tatsache verwundert mich ebenfalls, weil sie nicht in das Gesamtbild der Diebstahlserie passt. Ich gehe deshalb davon aus, das die Täter nicht mit den gestohlenen Dingen handeln und sie zum Weiterverkauf benutzen, sondern nur zu ihrem täglichen Verbrauch stehlen, was unsere Ermittlungen erheblich erschwert. Ich habe mir die vollständigen Unterlagen aus allen Dezernaten zukommen lassen, welche sich in letzter Zeit mit Diebstählen beschäftigt haben. Leider geben diese Unterlagen keine Hinweise auf unsere möglichen Täter. Die sonst vorliegenden Straftaten weisen alle eine andere Vorgehensweise auf. Die uns bekannten Diebe wurden von unseren Mitarbeitern durchleuchtet und kommen für die uns zur Bearbeitung vorliegende Serie nicht in Frage, da sie für die einzelnen Straftaten Alibis nachweisen können. Die Diebstähle wurden bisher immer in verschiedenen Einrichtungen durchgeführt. Den Angestellten der Einrichtungen ist der Diebstahl stets erst nach Ladenschluss bei der Warenüberprüfung aufgefallen, wobei selbst dabei keine verlässlichen Aussagen vorliegen, da die ausgestellte Ware in einigen Fällen nicht täglich überprüft wird und somit der Zeitpunkt des Diebstahles nicht konkret ermittelt werden konnte. Zu den Personen konnten die Angestellten ebenfalls keine Aussage treffen, da in den meisten Einrichtungen zu wenig Personal vorhanden ist und diese mit den Kassentätigkeiten voll ausgelastet sind. Die Erstellung eines Phantombildes ist somit nicht möglich. Eine Mitteilung zur Mithilfe der Bevölkerung durch die Presse macht keinen Sinn, da die bekannten Fakten zu dürftig sind«, endete Torsten

»Demzufolge stehen wir vor dem Nichts«, schlussfolgerte Karl.

»Das erschwert uns den Anfang«, stimmte Paul zu.

»Was schlägst du vor, wo sollen wir ansetzen?«, fragte Horst.

»Ich habe vom Gesamtvorgang für euch Kopien anfertigen lassen und diese in einem Hefter zusammengefasst. Ich bitte euch diesen Hefter gründlich durchzulesen, vielleicht findet ihr einen Ansatzpunkt zur Ermittlung der Täter«, legte Torsten fest.

»Ich schlage vor, wir befragen uns in den bekannten Diebeskreisen. Vielleicht ist jemanden die Tätigkeit einer neuen Diebesbande bekannt, in diesen Kreisen spricht sich die Arbeit einer neuen Bande schnell herum, schon aus Konkurrenzgründen«, schlug Paul vor.

»Kennst du bestimmte Personen?«, fragte Torsten.

»Ich denke, ich habe nicht umsonst jahrelang im Dezernat Diebstahl gearbeitet.«

»Gut, dann kannst du heute die Befragung beginnen«, stimmte Torsten zu.

»Irgendwelche Spuren gibt es nicht?«, wollte Paul wissen.

»Absolut nichts.«

»Haben die Diebe Werkzeuge benutzt?«, fragte Horst.

»Ist in keinem Fall bekannt«, antwortete Torsten.

»Wie wir diesen Fall lösen sollen, ist mir ein Rätsel«, knurrte Horst.

»Bis jetzt haben wir alle Fälle gelöst. Keinen Pessimismus bitte«, entgegnete Torsten.

»Ich bin nicht pessimistisch, aber hier sehe ich im Moment keinen Anfang.«

»Uns wird nur viel Kleinarbeit und viel Lauferei verbunden mit unzähligen Gesprächen weiterhelfen.«

»Da kommen wir wenigstens an die Luft«, schmunzelte Horst.

»Ich werde mich mit der KTU in Verbindung setzen, vielleicht können sie die Aufnahme der Videokamera nochmals überprüfen und ein genaueres Bild entstehen lassen, mit dem wir die Geschädigten befragen können. Diese Leute vollbringen gelegentlich wahre Wunder, wenn es um das Filtern von verschwommenen Bildern geht«, legte Torsten fest.

»Willst du zusätzliches Personal beantragen?«, fragte Horst.

»Nein, dazu ist der verursachte Schaden durch die Diebstähle zu gering.«

»Wahrscheinlich würde unser Präsident auch nicht zustimmen.«

»Ganz recht. Die Aufgabe unserer Abteilung besteht darin, bisher ungeklärte Fälle zum Abschluss zu bringen und damit andere Dezernate zu entlasten. Wir können nur in besonders schweren Fällen zusätzliches Personal beantragen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass wir zu anderen Dezernaten abgestellt werden, um diese Mitarbeiter während der laufenden Ermittlungen zu unterstützen«, sprach Torsten.

»Ich werde nochmals in das Geschäft gehen, wo die Elektrogeräte gestohlen wurden«, schlug Karl vor.

»Was versprichst du dir davon?«, fragte Paul.

»In den Geschäften müssen auf jeden Fall die Gerätenummern bekannt sein, dass kann uns später bei der eventuellen Auffindung der Geräte helfen.«

»Gute Idee. Bei der möglichen Ergreifung der Täter können wir sie damit festnageln.«

Der Leiter der Sonderabteilung, Torsten Fleischer, beendete die heutige Dienstberatung und seine Mitarbeiter beschäftigten sich mit den ihnen übertragenen Aufgaben. Torsten verließ das Zimmer und begab sich zu seiner ehemaligen Arbeitsstelle, dem Morddezernat. Im Vorzimmer begrüßte ihn die Sekretärin Frau Schneider sehr herzlich, denn die beiden hatten während ihrer gemeinsamen Zeit ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis zueinander. Sie lächelte Torsten an und fragte: »Möchten sie eine Tasse Kaffee haben?«

»Wenn sie Kaffee haben gern, aber nicht erst kochen.«

»Kaffee ist bei uns stets vorrätig.«

»Wie in guten alten Zeiten.«

»Ich freue mich für sie, dass sie eine gehobene Stellung bekommen haben.«

»Ist der Chef da?«, fragte Torsten.

»Ja.«

»Kann ich ihn sprechen?«

»Für sie hat der Hauptkommissar immer Zeit. Er hat mich extra angewiesen bei Rückfragen von ihnen sofort durchzustellen, wenn es die Situation erlaubt. Sie waren sein besonderer Schützling und er hat eine sehr hohe Meinung von ihrer Auffassungsgabe.«

»Danke, Frau Schneider«, erwiderte Torsten.

»Wie gefällt ihnen ihre neue Arbeit?«

»Bis jetzt gab es noch keine unlösbaren Aufgaben.«

»Sind sie mit ihren Kollegen zufrieden?«

»Ja, es sind bewährte Berufskollegen. Unsere Zusammenarbeit läuft bis jetzt reibungslos und die erforderlichen Abstimmungen verlaufen gut«, antwortet Torsten.

»Kommissar Ullmann hat mir gesagt, dass ich bei Bedarf sofort für sie schreiben soll. Ich kann ihnen versichern, dass ich dies gern erledige, notfalls mit Überstunden.«

»Wir werden sie nur in dringenden Fällen in Anspruch nehmen«, Frau Schneider.

»Ich kann es nur wiederholen, Herr Fleischer, ich helfe ihnen gern.«

»Wie hat sich meine Nachfolgerin eingearbeitet?«, wollte Torsten wissen.

»Frau Meister ist eine freundliche Kollegin und Kommissar Ullmann ist bis jetzt mit ihr zufrieden. Sie hat in Greifswald ebenfalls in der Mordkommission gearbeitet und eine gute Beurteilung bekommen. Kommissar Ullmann lässt sie bereits selbstständig arbeiten und Protokolle ausarbeiten, was ein sicheres Zeichen seiner Zufriedenheit ist. Im Augenblick ist sie zu einer Befragung außerhalb des Hauses. Frau Meister kann auch mit den anderen Kollegen des Hauses gut zusammenarbeiten, wobei ihr ihre große Erfahrung zu Gute kommt. Sie ist prinzipiell beliebt«, fasste Frau Schneider zusammen.

»Ich habe bis jetzt auch nur Gutes von ihr gehört. Ist Jana anwesend?«

»Ja, sie ist beim Chef. Ich werde sie bei ihm anmelden.«

»Lassen sie, Frau Schneider. Ich will ihn überraschen.«

»Unangemeldet darf von anderen Abteilungen niemand zu ihm, dass wissen sie.«

»Ja.«

»Gehen sie schon in sein Zimmer, sie bilden eine Ausnahme«, lächelte Frau Schneider.

Torsten Fleischer klopfte an die Tür seines ehemaligen Chefs und zugleich seines Vorbildes und betrat nach kurzem Zögern den Raum.

»Hallo, Torsten«, kam der freudige Ausruf von Hauptkommissar Klaus Ullmann.

»Sei gegrüßt, Torsten«, rief Jana Schubert, die ehemalige Praktikantin der Abteilung.

»Ich dachte, ich besuche euch mal kurz«, erwiderte Torsten.

»Wir freuen uns immer, wenn du zu uns kommst.«

»Ich wollte dir, Jana, nachträglich noch zu deiner bestandenen Prüfung gratulieren.«

»Danke Torsten.«

»Du bist jetzt sozusagen eine echte Polizistin.«

»Du wusstest, dass ich Jana sofort in unsere Abteilung übernehme. Sie ist eine gute und zuverlässige Mitarbeiterin und kann teilweise gewisse Ermittlungen selbstständig durchführen. Ich freue mich, dass sie mein Angebot in unserem Dezernat ihre Tätigkeit aufzunehmen, angenommen hat.«

»Es war mein Ziel, in diesem Dezernat zu arbeiten«, gestand Jana.

»Es war eine schöne Zeit bei euch und ich konnte viel lernen«, räumte Torsten ein.

»Es freut mich, dass du die Verbindung zu uns, auch über die eventuelle berufliche Zusammenarbeit hinaus, nicht abbrechen willst«, sprach der Kommissar.

»Was bearbeitet ihr gegenwärtig?«, wollte Torsten wissen.

»Wir bearbeiten einen ungelösten Fall, welcher einige Zeit zurückliegt. Leider sind die bisherigen Erkenntnisse sehr dürftig und erschweren die Lösung.«

»Habe ich an dem Fall mitgewirkt?«, fragte Torsten.

»Nein, der Fall liegt noch länger zurück«, erwiderte Ullmann.

Frau Schneider brachte den Kaffee in das Büro des Hauptkommissars und setzte sich, nachdem sie ihrem Vorgesetzten eine Mappe übergeben hatte, mit zu ihnen. Sie wies den Kommissar daraufhin, dass in zwanzig Minuten die wöchentliche Abstimmung aller Dezernatsleiter beim Polizeipräsidenten beginnt.

»Bist du bei dieser Abstimmung anwesend?«, fragte Ullmann Torsten.

»Nein«, kam die knappe Antwort.

»In besonderen Fällen wird er dich sicherlich dazu nehmen«, mutmaßte Ullmann.

»Gegenwärtig haben wir keinen besonders brisanten Fall.«

»An welchem Fall arbeitet ihr?«

»Eine Diebstahlserie.«

»Wie kommt ihr voran?«

»Eigentlich überhaupt nicht. Es gibt keine Personenbeschreibungen und die Taten werden immer in verschiedenen Einrichtungen begangen. Leider konnten wir noch kein Schema erkennen. Im Prinzip sind es nur kleinere Diebstähle, wobei es sich meist um Waren des täglichen Bedarfes handelt. Wir kennen nicht die Zusammensetzung der Gruppe und nicht ihre Mitgliederzahl. Die Aussagen der Betroffenen sind nichtsagend und helfen uns nicht entscheidend weiter.«

»Habt ihr Fotos von den Tätern?«

»Leider nur ein verschwommenes einer Videokamera.«

»Warst du schon bei der KTU?«

»Bin ich auf dem Weg.«

»Sind auch Frauen in der Gruppe?«, fragte Jana.

»Wissen wir nicht exakt, ist jedoch möglich.«

»Wie hoch ist der finanzielle Schaden?«, erkundigte sich Ullmann.

»Im Prinzip gering. Pro Diebstahl ungefähr 200 bis 300 Euro.«

»Das ist nicht viel«, staunte Ullmann.

»Sag ich doch. Der bisherige Gesamtschaden mit einem einmaligen Diebstahl von Elektrogeräten beträgt geschätzt ungefähr 8.000 bis 10.000 Euro. Wir müssen den Anzeigen dennoch mit aller Konsequenz nachgehen, denn die Geschädigten fordern mit Recht eine Aufklärung und die Verhinderung weiterer Diebstähle«, erwiderte Torsten.

»Du schaffst das schon«, sagte Kommissar Ullmann überzeugt.

»Wie macht sich denn meine Nachfolgerin, wenn ich fragen darf«, sagte Torsten.

Der Hauptkommissar Klaus Ullmann und Jana Schubert wechselnden Blicke und es war deutlich zu spüren, dass sie eine Beurteilung ungern sagen wollten. Torsten schaute zu Frau Schneider, die ihm mit einem Lächeln zunickte.

»Du weißt, dass ich ungern über meine Arbeitskollegen gegenüber Nichtmitgliedern der Abteilung spreche und ich habe es auch meinen Unterstellten gesagt. Meine Einstellung hat sich nicht geändert, du kennst sie ja noch. Ganz kurz kann ich dir sagen, dass ich mit ihrer Arbeit zufrieden bin und die Zusammenarbeit mit Jana und Frau Schneider ist auch gut. Vielleicht lernst du sie bei einer Bearbeitung eines gemeinsamen Falles kennen, dann kannst du selbst deine Einschätzung treffen. Das muss dir als Auskunft über unsere neue Mitarbeiterin Hannelore Meister genügen«, schmunzelte Ullmann.

»Entschuldige ich wollte dich nicht in Bedrängnis bringen. Du weißt, ich kann manchmal sehr neugierig sein«, gab Torsten mit einem Lächeln zurück.

»Du entschuldigst mich bitte, ich muss zum Polizeipräsidenten«, sagte Ullmann und erhob sich.

»Ich gehe jetzt zur KTU. Also dann bis demnächst«, sagte Torsten und verabschiedet sich von Jana Schubert und Frau Schneider.

4

Beate war von der Arbeit gegen Mittag aufgeregt nach Hause gekommen und war froh, dass ihre Mutti zu Hause war. Beates Arbeitszeit endete täglich achtzehn Uhr und sie ging danach meistens direkt nach Hause, daher war ihre Mutti überrascht, dass Beate bereits nach Hause kam. Ihre Mutti arbeitete im Pflegeheim und war im Schichtbetrieb tätig, so dass sie oft Nachtschicht leistete. Sie war eine körperlich robuste Frau und konnte daher die schwere Arbeit im Pflegeheim gut bewältigen. Bei ihren Arbeitskollegen und den von ihr betreuten Patienten war sie sehr beliebt, wobei sie sehr konsequent auftrat. Auf Grund des geringen Personals im Pflegeheim, was in der ständigen Reduzierung des Personals begründet war, musste sie oft Überstunden leisten. Diese Vielzahl an Überstunden gefiel ihr nicht, weil die gemeinsamen Stunden mit ihrer geliebten Tochter deshalb zu kurz kamen und sie ihre Probleme nicht besprechen konnten.

Beate liebte ihre Mutti über alles und die Stunden mit ihr waren stets ein Lichtblick in ihrem Leben. Beate benötigte gegenwärtig keine ständige Betreuung mehr, aber die Gespräche mit ihrer Mutti gaben ihr stets Halt. Beate war vor zirka vier Jahren von ihrem Vater missbraucht worden. Sie hatte ihren Vater sehr geliebt und er war bis zu diesem Zeitpunkt immer gut zu ihr gewesen. Sie hatte viel von ihrem Vater gelernt, der jeder Zeit für sie dagewesen war und ihr immer beigestanden hatte, sowohl beim Erlernen des Schulstoffes als auch beim Umgang mit ihren Mitmenschen. Sie hatten viele Wanderungen in die Natur und Besichtigungen von Gebäuden unternommen und ihr Vater hatte sie stets auf Besonderheiten hingewiesen. Sie war stolz auf ihren Vater, der auch in seiner beruflichen Tätigkeit eine angesehene Persönlichkeit war. Er hatte ihr viele Kleinigkeiten des Lebens beigebracht und sie prinzipiell, nach seiner Meinung, gut auf das Leben vorbereitet.

Besonders gern erinnerte sie sich an die gemeinsamen Ausflüge mit ihren Eltern und den damit verbundenen schönen gemeinsamen Stunden, in denen sie eine glückliche Familie waren. Beate hatte lange gebraucht, um die Geschehnisse des Missbrauches durch ihren Vater zu bewältigen. Sie konnte zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr begreifen, wie und warum ihr Vater zu solch einer Straftat gegenüber seiner Tochter fähig gewesen ist. Beate konnte damals die Situation nicht begreifen und mit niemanden darüber sprechen, zumal es der Vater ihr verboten hatte. Beate war vor dem Missbrauch durch ihren Vater ein vorbildliches Schulkind und hatte in allen Fächern gute bis sehr gute Noten. Sie war sowohl bei ihren Mitschülern als auch beim Lehrkörper sehr beliebt und zugleich die Klassensprecherin. In ihrer Freizeit hatte sie sich oft mit ihren Mitschülern zu gemeinsamen Unternehmungen getroffen und ihre Meinung war stets gefragt. Ihre Eltern hatten bei ihrer Erziehung wenige Probleme und freuten sich, dass ihre Tochter bei all ihren Freunden und Bekannten beliebt war. Beate selbst war sich sicher, dass ihre Eltern eine gute Ehe führten und immer für sie dagewesen sind. Eines Tages stellte sich im Verhalten von Beate eine entscheidende Wendung ein. Ihre schulischen Leistungen hatten sich rapide verschlechtert und ihre Teilnahme am Unterricht ließ deutlich nach. Von ihren Freunden und Bekannten zog sich Beate immer stärker zurück und niemand konnte sich die extreme Veränderung am Verhalten von ihr erklären. Der strahlende Glanz ich ihren Augen war verschwunden und hatte einem völlig teilnahmslosen Blick Platz gemacht. Sie zog sich mit zunehmender Zeit immer mehr in ihre eigene Welt zurück und beantwortete Fragen nach ihrer Veränderung mit beharrlichem Schweigen. Beate kam mit dem Missbrauch durch ihren Vater psychisch nicht zurecht und fand selbst keine Antwort auf das plötzlich veränderte Verhalten ihres Vaters. Sie konnte und wollte mit dieser Problematik mit niemandem sprechen und versuchte allein mit der Situation zu leben.

Es geschah eines Nachts, als ihre Mutti zur Nachtschicht im Pflegeheim war, als ihr Vater zu ihr ins Zimmer kam und sie mit vielen tröstlichen Worten missbrauchte. Sie begriff nicht, was geschah und schämte sich dafür, sowohl für sich als auch für ihren Vati, welchen sie sehr liebte. Der Missbrauch ging über mehrere Monate in unregelmäßigen Abständen, in Abhängigkeit des Dienstes ihrer Mutti. Das völlig veränderte Verhalten von Beate wurde mit jedem Tag schlimmer, so dass die Klassenlehrerin die Mutti von Beate zu einer Aussprache in die Schule bat. In dieser Aussprache konnten sich beide das veränderte Verhalten von Beate nicht erklären, aber die Mutter versprach, sich intensiv mit Beate auszusprechen. Die Mutter von Beate unterhielt sich lange mit ihrem Mann, welcher versprach, sich zukünftig intensiver um ihre Tochter zu kümmern.

Der seelische Zustand ihrer Tochter änderte sich nicht und ihre Mutter fand keine Erklärung für ihren Zustand, zumal sich das Verhalten ihres Mannes ihr gegenüber ebenfalls veränderte. Im Laufe der nächsten Tage kam der Mutter der schreckliche Verdacht eines eventuellen Missbrauches ihrer Tochter durch ihren Mann. Sie vertrieb diesen Gedanken jedoch immer wieder, da sie ihren Mann einer solchen schweren Straftat nicht für fähig hielt. Eines Tages entschloss sich die Mutter von Beate diese Möglichkeit zu überprüfen und ging wie stets jeden Arbeitstag ins Pflegeheim, wo sie sich jedoch nach kurzer Zeit krank meldete und nach Hause ging. Als sie das Zimmer von Beate betrat, wurde ihr schlimmer Verdacht leider bestätigt. Sie war sehr erschrocken, weil das für sie Unglaubliche tatsächlich geschehen war. Sie stellte ihren Mann zur Rede, der das Geschehene zunächst verniedlichen wollte, aber nach den hartnäckigen Fragen seiner Frau den mehrmaligen Missbrauch seiner Tochter gestand. Beates Mutter zeigte noch in der gleichen Nacht ihren Mann des Missbrauches an ihrer Tochter an und er wurde sofort in Untersuchungshaft überführt.

Ihr Vater war ein sehr gebildeter Mann und hatte Medizintechnik studiert und anschließend seinen Doktortitel abgelegt. Der Vater wurde zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, wobei sein umfassendes Geständnis zu dieser geringen Haftstrafe führte. Während seiner Haftstrafe war er in psychologischer Behandlung und konnte seine schlimme Tat an seiner Tochter selbst nicht verstehen. Beate wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und die Ärzte und Betreuer der Klinik hatten viel Mühe, ihren seelischen Zustand wieder in das Gleichgewicht zu bringen. Sie gaben sich alle Mühe und nach einigen Monaten stellten sich erste Erfolge ein und Beate sprach wieder mit ihnen, nachdem sie wochenlang geschwiegen hatte und nur vor sich hin gestarrt hatte. Ihre Mutter besuchte sie so oft sie konnte und freute über jeden kleinen Fortschritt. Beate konnte schließlich nach ungefähr einem Jahr aus der Klinik entlassen werden, wobei sie sich monatlich in der Klinik vorstellen sollte, um ihr Verhalten im täglichen Leben zu beurteilen.

Beate war wieder gefestigt und gliederte sich gut in ihr Umfeld ein. In der Schule wurde sie wieder aufgenommen und begann wieder mit dem Lehrstoff vor ihrem Klinikaufenthalt. Die erste Zeit war für sie schwer, da sie neue Mitschüler hatte und von einigen mit blöden Bemerkungen zu den geschehenen Vorgängen angefeindet wurde. Beate war jedoch psychisch dermaßen gefestigt und wurde von den meisten Mitschülern unterstützt, so dass sie diese schwere Zeit gut überstand. Sie entwickelte sich weiter gut und konnte die 10. Klasse mit guten Noten abschließen.

Die Aufnahme eines Lehrverhältnisses lehnte sie jedoch ab und wollte dafür sofort arbeiten und Geld verdienen, um sich selbst etwas aufzubauen und sich finanziell unabhängig zu machen. Außerdem wusste Beate, dass ihre Mutti selbst große finanzielle Probleme hatte, da der Verdienst im Pflegeheim gering war und der Verdienst ihres Vaters auf Grund seiner Gefängnisstrafe in der Familienkasse fehlte. Sie wollte ihrer Mutti nicht auf der Geldbörse liegen, sondern wollte sie selbst unterstützen. Ihre Mutti war mit dieser Entscheidung einverstanden und gleichzeitig stolz auf ihre Tochter. Sie unterstützte sie bei der Arbeitssuche und war glücklich, als es mit der Anstellung in der Boutique klappte.

»Wieso bist du jetzt schon zu Hause?«, fragte Beate ihre Mutti.

»Bitte frag nicht?«, kam die leise Antwort.

»Du hast mir versprochen, stets die Wahrheit zu sagen«, antwortete die Mutter.

»Das tu ich auch.«

»Also wieso bist schon da. Bist du krank?«

»Nein.«

»Ich will jetzt wissen, was geschehen ist.«

»Vati war in der Boutique«, gestand Beate.

»Was wollte er?«

»Er wollte sich entschuldigen.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen.«

»Ich weiß.«

»Was hast du gesagt?«, fragte aufgeregt die Mutti.

»Er soll gehen und mich nicht mehr besuchen.«

»Was hat er getan?«

»Er hat versucht, mir sein damaliges Verhalten zu erklären.«

»Willst du ihm verzeihen?«

»Nein.«

»Hast du den Eindruck, dass er sich geändert hat?«, wollte die Mutter wissen.

»Kann ich nicht beurteilen«:

»Wie lange war er bei dir?«

»Nur einige Minuten.«

»Seit wann ist er auf freiem Fuß?«

»Hat er nicht gesagt.«

»Wo wohnt er?«

»Keine Ahnung.«

»Willst du ihn wiedertreffen«, erkundigte sich die Mutter.

»Habe ich noch nicht entschieden. Er hat nichts gesagt, dass er mich wieder besucht. Glücklicherweise bin ich über das Geschehene völlig hinweg.«

»Das ist gut und ich bin sehr stolz auf dich, meine Beate«, lächelte freudig die Mutter.

»Vielleicht sollten wir uns zu dritt unterhalten«, sagte ruhig Beate.

Die Mutter schaute ihre Tochter mit ungläubigem Blick an und konnte diese Worte nicht recht einordnen. Sie hatte den Eindruck, dass ihrer Tochter die Aufarbeitung der Geschehnisse besser gelungen war, als ihr selbst. Ihr Mann hatte ihr aus der Haftanstalt anfangs drei Briefe geschrieben, welche sie ungeöffnet ließ und nicht beantwortet hatte. Danach hatte ihr Exmann, von dem sie sich noch während des Prozesses hatte scheiden lassen, den Schriftverkehr eingestellt. Auf den Vorschlag der Tochter wusste die Mutter keine eindeutige Antwort und wollte sich nicht sofort entscheiden. Beate konnte das Verhalten ihrer Mutti richtig einschätzen und wollte sie nicht bedrängen.

»Du musst dich nicht sofort entscheiden, aber ich denke, eine offene Aussprache wäre für uns alle drei der beste Weg zur Klärung der Situation.«

»Vielleicht hast du recht.«

»Es ist immer noch mein Vater, den ich einmal sehr gemocht habe. Außerdem habe ich ihm viele Erkenntnisse zu verdanken.«

»Das macht das Geschehene nicht ungeschehen.«

»Ich weiß, aber ich denke er hat eine neue Chance verdient.«

»Das klingt als hättest du ihm doch verziehen«, zweifelte die Mutter.

»Nein, aber ich will endgültig damit abschließen.«

»Lass uns das Thema wechseln. Wie gefällt dir deine Arbeit?«

»Gut, die Leute sind sehr freundlich und die Chefin korrekt.«

»Wie geht deine Qualifizierung voran?«

»Ebenfalls gut, ich denke, dass ich für ein Studium gut vorbereitet werde.«

»Wann willst du mit dem Studium beginnen?«

»Habe mich noch nicht entschieden. Ich möchte erst etwas Geld verdienen und dir damit helfen.«

»Wegen des Geldes solltest du dir keine Gedanken machen. Bis jetzt bin ich mit meinem Gehalt für uns ausgekommen und es hat für uns beide gereicht«, erwiderte die Mutter.

»Ich möchte, dass du dir eine Reise leisten kannst.«

»Wie kommst du darauf, Kind?«, fragte die Mutter ungläubig.

»Du hast in den letzten Jahren viel wegen mir entbehren müssen und das möchte ich gern zurückgeben. Du musst dich nur etwas gedulden, Mutti«, sprach Beate.

»Du bist ein Schatz, aber du bist nicht schuld an den Geschehnissen.«

»Dennoch möchte ich mich bei dir bedanken. Du warst in der schweren Zeit eine große Stütze für mich und hast mir immer beigestanden.«

»Das habe ich gern getan, du bist schließlich meine einzige Tochter und mein Glück.«

»Ich werde mir zum Dank für dich auf jeden Fall etwas einfallen lassen und hoffe du wirst dich etwas darüber freuen. Ich wäre sehr glücklich darüber.«

»Was hast du heute für Schicht?«, fragte Beate ihre Mutti.

»Ich habe wieder Nachtschicht.«

»Dann können wir gemeinsam Abendbrot essen«, sagte Beate und ging in ihr Zimmer.

Beate hatte sich nicht ohne Grund bei ihrer Mutter nach ihrer Schicht im Pflegeheim erkundigt. Sie verschwieg ihr, dass sie seit ungefähr acht Wochen ein Verhältnis mit einem Mann hatte. Der Mann war zwanzig Jahre älter als Beate und sie hatten sich in einem Kaufhaus in Brandenburg zum ersten Mal gesehen. Beate war auf Einkaufstrip und hatte sich, nach Erledigung ihrer Einkäufe, zu einem Kaffee in ein Café gesetzt. Nach einiger Zeit des Hinschauens hatte sich der Mann an ihren Tisch gesetzt und sie angesprochen. Er sagte ihr, dass er von ihrer Schönheit angetan sei und sie gern näher kennenlernen würde. Beate war anfangs über das Verhalten des Mannes erschrocken, fühlte sich jedoch geschmeichelt von einem solch attraktiv aussehenden, reiferen Mann angesprochen zu werden. Der Mann strahlte großes Selbstvertrauen und hohe Intelligenz aus, was Beate tief beeindruckte. Sie unterhielten sich, wobei die Unterhaltung im Laufe der Zeit immer entspannter und gelöster wurde. Beate fühlte sich zu diesem Mann hingezogen, ohne sagen zu können, was der Grund für ihr dieses Gefühl war.

Bei ihrer Verabschiedung vereinbarten sie ein weiteres Treffen und es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, wobei der Mann Beate gegenüber in sexueller Hinsicht sehr zurückhaltend war. Nach einiger Zeit gestand er ihr, dass er verheiratet sei und eine Familie hatte, was Beate anfangs stark abschreckte und sie bemüht war, dieses Verhältnis sofort zu beenden. Zu Beates Überraschung gelang ihr der Bruch des Verhältnisses nicht, da sie sich bereits zu sehr zu diesem Mann hingezogen fühlte. Die beiden trafen sich heimlich, wenn es die Schicht von Beates Mutti und die familiären Verpflichtungen des Mannes zuließen. Beate konnte und wollte nicht einschätzen wie sich das Verhältnis weiterentwickeln würde, sie war mit der gegebenen Situation zufrieden.

Sie verschwieg ihrem Verehrer, dass sie sich gelegentlich mit Freunden traf, mit ihnen Ausflüge unternahm und zu später Stunde in einem barackenähnlichen Gebäude Haschisch rauchte. Sie überlegte die Möglichkeit, sich von ihren Freunden zu trennen und damit auch dem Haschisch abzusagen, konnte sich jedoch nicht zu diesem Schritt endgültig entschließen. Beate hatte für heute Abend wieder ein Treffen mit ihrem Verehrer vereinbart, war sich aber nicht sicher, dieses Treffen einzuhalten. Nach dem Erscheinen ihres Vaters in der Boutique hatte sich die Situation in ihren Augen verändert. Beate hatte schlagartig das Gefühl, dass es sich bei den Gefühlen ihrem Verehrer gegenüber lediglich um väterliche Gefühle handelt, die ihr in den letzten Jahren sehr gefehlt hatten. Sie stellte sich eine Zukunft mit ihrem Verehrer vor, welcher zudem durch seine Familie und deren gemeinsames Leben gebunden war. Sie kam zu dem Entschluss, dass es für sie beide keine gemeinsame Zukunft geben kann und war bereit dieses Verhältnis, welches ihr dennoch gut getan hatte, zu beenden und sich wieder gänzlich ihrer Qualifizierung zur Vorbereitung zum Studium zu widmen.

Beate überlegte die Möglichkeit noch heute ein Gespräch mit dem Pfarrer Nordin zu führen und ihm, wie sie es schon mehrmals getan hatte, um seinen Rat zu fragen. Der Pfarrer hatte ihr in der schweren Zeit oft geholfen und sie nach ihrer Entlassung aus der Klinik sofort in die Junge Gemeinde der Kirchgemeinde aufgenommen. Er kannte ihre Problematik und unterstützte sie bei der Bewältigung ihrer psychischen Krise, was ihr sehr gut getan hatte. Sie überlegte die Möglichkeit das heutige Treffen abzusagen oder sich ein letztes Mal mit dem Mann zu treffen und ihm dabei ihren endgültigen Entschluss mitzuteilen. Sie fühlte genügend Kraft und innerliche Stärke in sich, um diese Problematik selbst zu lösen und sich dabei gleichzeitig ihres gestiegenen Selbstbewusstseins zu überzeugen. Über diese Gedanken schlief Beate in ihrem Zimmer ein und wurde erst zum Abendessen von ihrer Mutti geweckt. Sie ging in die Küche, um das gemeinsame Abendessen zu genießen, wobei ihr Entschluss bezüglich ihres Verhältnisses unwiderruflich feststand.

In der Likörfabrik Ludwig saß Katja Meier über der Bilanz des Umsatzes der Firma im letzten Quartal. Sie rechnete die einzelnen Posten des Umsatzes und der eingesetzten finanziellen Mittel zur Produktion der Erzeugnisse gegeneinander auf, unter Berücksichtigung der Personalkosten und kam zu der Erkenntnis, dass die Firma finanziell gut aufgestellt war. Im Endergebnis rechnete sie ein Plus in den Bilanzen aus. Sie war zufrieden und rechnete das zu erwartende Ergebnis für das laufende Quartal aus. Frau Meier war bereits seit vielen Jahren in der Likörfabrik als Vertriebsleiterin tätig und ihr Chef Sven Ludwig war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Sie arbeitete gern in der Firma und hatte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Erlernen der Erzeugnisse gut eingearbeitet.

In den letzten Jahren war ihr die Verantwortung als Vertriebsleiterin übertragen worden und sie war für die Erarbeitung aller Abschlüsse der Firma verantwortlich. Am heutigen Morgen hatte ihr Sven Ludwig die Vorverträge zur Lieferung des neuesten Erzeugnisses, dem kürzlich erprobten Himbeerlikör, mit den beiden Weinhändlern, Konrad Welpe und Thomas Schulte, zur Überprüfung und Kontrolle übergeben. Sie las diese Vorverträge gründlich durch und runzelte die Stirn. Sie war mit seinen teilweise unüberlegten Vertragsabschlüssen, zu denen er Katja Meier eingesetzt hatte, nicht einverstanden und hatte ihm dies mehrmals gesagt. Ihr Chef war in Abschlüssen von Verträ-gen zu gutmütig und hatte bereits mehrmals keine guten Ergebnisse erzielt.

Katja Meier hatte die Gabe sich mit den einzelnen Vertretern oder Handelsketten in längeren Gesprächen durchzusetzen ohne zukünftige Abschlüsse durch überzogene Forderungen zu gefährden. Katja war eine gut aussehende rothaarige Frau mit schlanken Beinen und einen muskulösen Körper, der in ihrem Fitnessprogramm begründet war. Sie war beliebt, was bei ihrer Tätigkeit nicht einfach war, denn sie musste dem Firmenchef bezüglich der finanziellen Belastbarkeit der Firma bereits zweimal die Realisierung von Kurzarbeit nahelegen, was bei einigen Mitarbeitern zu Verstimmungen geführt hatte. Die vorliegenden Vorverträge gefielen ihr nicht, aber sie kannte auch die Freundschaft ihres Vorgesetzten mit den beiden Weinhändlern. Sie rief bei Sven Ludwig im Büro an und bat um ein Gespräch. Sven stimmte sofort zu, da er wusste, dass Katja nur in dringenden Fällen um ein Gespräch bat. Katja betrat das Zimmer und sagte: »Was hast du dir bei diesen Verträgen gedacht?«

»Sind die Verträge nicht in Ordnung?«

»Du sagst es.«

»Was ist falsch?«, erkundigte sich Sven.

»Die entscheidende Klausel.«

»Es sind nur Vorverträge.«

»Im entscheidenden Passus ist dies unerheblich, abgesehen von dem Fakt, dass wir zur Auslieferung des neuen Erzeugnisses keine Angaben machen können.«

»Deshalb sind es Vorverträge.«

»Vorverträge sind gesetzlich ebenso bindend wie abgeschlossene Verträge.«

»Ich dachte zwischen diesen Verträgen bestehen diesbezüglich Unterschiede.«

»Im Kleingedruckten hättest du den Passus der strafrechtlichen Verantwortung des Herstellers bei Nichteinhaltung der Auslieferung streichen müssen.«

»Gilt dieser Passus auch bei Vorverträgen.«

»Zur Bearbeitung von Verträgen hast du mich auf den Stuhl der Vertriebsleiterin gesetzt. Hast du kein Vertrauen mehr zu mir?«, fragte Katja.

»Doch, doch«, sprudelte Sven.

»Ich weiß, dass die Beiden deine Freunde sind, aber bei finanziellen Belangen der Firma solltest du mich mit ihnen verhandeln lassen«, forderte Katja.

»Ich werde es mir merken.«

»Leider ist dies nicht das erste Mal.«

»Es war bestimmt das letzte Mal«, errötete Sven.

»Weiß Martina davon?«, wollte Katja wissen.

»Nein und ich bitte dich, sie nicht zu informieren.«

Martina Ludwig, die Ehefrau von Sven, war Teilhaberin der Firma und mit finanziellen Mitteln an der Firma beteiligt. Vor fünf Jahren war die Likörfabrik in finanzielle Schieflage geraten und hatte eine Finanzspritze benötigt oder einen größeren Kredit bei ihrer Hausbank beantragen müssen. Die Eltern von Martina waren damals der Firma zu Hilfe gekommen und hatten die fehlenden Mittel aufgebracht, dabei aber eine Teilhaberschaft ihrer Tochter gefordert. Sven war auf die Forderungen von Martinas Eltern eingegangen und war bisher gut damit gefahren, da Martina eine sehr vernünftige Frau war und keine überzogene Mitarbeit in der Firma forderte, was ein gehöriges Maß an Vertrauen zu ihrem Mann forderte.

»Können wir diesen Passus streichen?«, erkundigte sich Sven.

»Nein, unterschrieben ist unterschrieben.«

»Was besagt dieser Passus?«

»Die Textstelle weist darauf hin, dass bei Nichteinhaltung der eingegangenen vertraglichen Bindungen die Zahlung von entstandenen Verlusten fällig wird.«

»Wie hoch könnte der Betrag sein?«, wollte Sven wissen.

»Der kann in den 5-stelligen Bereich gehen, da der eventuell entgangene Gewinn der Vertragspartner nicht konkret im Vertrag ausgehandelt wurde und somit manipulierbar ist.«

»Meine Freunde werden mich nicht betrügen«, empörte sich Sven.

»Ich habe dir schon mehrmals gesagt, was ich von deinen sogenannten Freunden halte. Für mich versuchen sie nur mit dir gute Geschäfte zu tätigen, ich glaube nicht, dass sie dir im Ernstfall entgegen kommen würden. Echte Freunde sind sie nicht.«

»Ich kenne deine Meinung über Konrad und Thomas, aber du irrst dich.«

»Wollen wir es hoffen«, entgegnete Katja.

»Was können wir nun tun?«

»Ihr müsst unbedingt den neuen Himbeerlikör in ausreichender Menge herstellen, dann kann nichts geschehen, aber das ist Grundvorrausetzung. Unabhängig davon werde ich mich mit beiden zusammensetzen und eine Konkretisierung des Vorvertrages vornehmen und dabei hoffen, dass sie einsichtig sind oder was noch besser wäre, diesen Passus übersehen haben.«

»Ich danke dir. Sag mir bitte schnellstens Bescheid. Ich setze mich mit unserer Produktion in Verbindung, damit die Herstellung des Likörs abgesichert werden kann. Unsere Materialwirtschaft bekommt den dringlichen Auftrag zur Absicherung der benötigten Materialien.«

»Gut, Sven. Wir bekommen es schon in Griff. Wir haben schon andere Klippen umschifft«, lächelte Katja Meier ihren Chef an, als Klaus Helbig das Zimmer betrat.

»Was willst du hier?«, fragte Sven.

»Ich habe gehört ihr habt ein neues Produkt im Angebot«, erwiderte der Apotheker.

»Es ist aber erst in drei Monaten im Verkauf«, sagte Sven.

»Kein Problem. Ich als einer eurer treuesten Kunden möchte mich anmelden.«

»Das könnt ihr ohne mich abstimmen«, sprach Sven, der Klaus Helbig offensichtlich nicht besonders gut gesinnt war und deshalb das Zimmer verließ.

Katja Meier war stets von Klaus Helbig beeindruckt. Ihr gefiel sein selbstbewusstes und sicheres Auftreten, ohne seinem Gegenüber seine Überlegenheit spüren zu lassen. Für sie war er eine glänzende Erscheinung ohne besondere Starallüren. Sein dunkles Haar, welches bereits graue Strähnen an den Schläfen zeigte, erweckte einen besonderen Reiz. Er war stets adrett und modisch gekleidet. Katja Meier hatte sich oftmals gefragt, wie Klaus Helbig zu seinem großen Reichtum gekommen sein könnte. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass man von dem Betrieb einer Apotheke reich werden konnte. Der Lebensstil der Familie Helbig, eingeschlossen ihres großen Grundstückes, setzte große finanzielle Mittel voraus. Sowohl seine Frau, als auch Klaus Helbig, waren stets auf dem neuesten modischen Stand und beide fuhren die teuersten Fahrzeuge, wobei spätestens nach zwei Jahren neue Fahrzeuge angeschafft wurden. Zu ihren Feierlichkeiten, die für ihre Ausgelassenheit umgebungsweit bekannt waren, war der Familie kein Aufwand zu groß. Bei diesen Feiern der Familie Helbig waren fast immer bedeutende Persönlichkeiten eingeladen, welche aus der Gemeinde und teilweise aus größeren Städten der näheren Umgebung stammten. Diese Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kamen den Einladungen der Familie Helbig stets gern nach und brachten zahlreiche Geschenke mit. Katja Meier war sich sicher, dass bei diesen Feiern Geschäfte abgeschlossen wurden.

Sie freute sich immer, wenn er zu ihr kam und eine kleine Bestellung für eine Familienfeier oder ähnliche Veranstaltungen auslöste. Katja Meier hatte ebenfalls von dem Gerücht eines Verhältnisses von Klaus Helbig mit seiner blonden Apothekergehilfin gehört. Sie ertappte sich dabei, dass sie auf die Mitarbeiterin der Apotheke neidisch war, wobei sie eingestand, dass diese Frau eine reizvolle Persönlichkeit mit einem sehr guten Aussehen und Auftreten war. Katja wunderte es nicht, dass sich viele Frauen in der Umgebung gern die nähere Bekanntschaft mit Klaus Helbig gewünscht haben und sicher einen Flirt mit ihm eingegangen wären. In vielen Gesprächen mit ihren Arbeitskolleginnen konnte sie diesen Wunsch einiger Frauen entnehmen. Sie zählte sich selbst dazu, aber sie würde niemals den ersten Schritt zu solch einem Flirt eingehen, außerdem war sie glücklich verheiratet und konnte sich nicht vorstellen, ihren Mann zu betrügen.

»Welche Bestellung darf ich entgegennehmen?«, fragte sie Klaus Helbig.

»Wir haben am Wochenende einige Bekannte zu uns zum Gartenfest eingeladen und da sind einige gute Trinker dabei, denen möchte ich etwas Besonderes vorsetzen.«

»Haben sie konkrete Vorstellungen?«

»Ich habe eine Aufstellung vorbereitet.«

»Kann ich diese sehen?«

»Selbstverständlich, deshalb habe ich sie erstellt«, lächelte Klaus Helbig.

Katja Meier überflog die ihr übergebene Aufstellung und sagte:

»Kein Problem, Herr Helbig.«

»Ich möchte die Lieferung für Samstagnachmittag bestellen.«

»Wir werden das ermöglichen, aber sie wissen, dafür erheben wir einen Zuschlag.«

»Ich weiß Bescheid, Betrag wie immer«, schmunzelte Klaus die charmante Katja an.

Klaus Helbig verabschiedet sich von der Vertriebsleiterin der Likörfabrik und verließ mit einem freudigen Strahlen das Zimmer. Katja lehnte sich zurück und schaute Herrn Helbig beim Verlassen des Werkhofes nach. Sie vertrieb ihre Gedanken und widmete sich der Bearbeitung des von Sven Ludwig mit den Weinhändlern vereinbarten Vorvertrages.

5

Die Mädchen und Jungen der 2. Klasse der Grundschule von Waldstadt hatten Wandertag und gingen mit ihrer Klassenlehrerin und einer weiteren Aufsichtsperson in den Wünsdorfer Wald, um die Natur näher kennen zu lernen. Die Lehrerin erklärte ihnen die Bäume und andere Gewächse. Die ersten Pilze waren ebenfalls bereits zu sehen und die Kinder nahmen die Erläuterungen ihrer Lehrerin wissbegierig auf. Den Kindern machte dieser Wandertag viel Spaß und sie konnten sich frei im Wald bewegen, sofern sie sich nicht aus der Sichtweite des Aufsichtspersonals entfernten. Die Lehrerin erklärte den Schülern an Hand der Blätter die Bäume, welche in diesem Mischwald wuchsen. Sie stellte den Schülern Fragen zu den entsprechenden Gewächsen und erklärte ihnen welche Früchte an den Sträuchern wuchsen. Sie naschten die Früchte von den Himbeersträuchern, wobei sie feststellten, dass die Früchte der Brombeersträucher noch nicht ausgereift waren. Einige Kinder hatten auch Glück und entdeckten im Unterholz bzw. auf dem feuchten Waldboden einige Pilze. Sie gingen mit den gefundenen Pilzen zu ihrer Lehrerin und befragten sie nach der Essbarkeit der gefundenen Pilze.

Die Stimmung der Schüler und ihres Aufsichtspersonals war sehr gut, wozu auch das schöne Wetter beitrug. Die Kinder tollten freudig im Wald umher und da die Lehrerin gesagt hatte, dass sie sich entsprechend der Gestaltung des Wandertages bekleiden sollen, brauchten sie auf eventuelle Verschmutzung ihrer Kleidung keine Rücksicht zu nehmen. Nach ungefähr zwei Stunden hatte die Lehrerin ihre Zöglinge zu einer kleinen Pause und der Einnahme ihres mitgebrachten Imbisses gebeten, wobei sie auf einer Lichtung Platz genommen hatten. Die Lehrerin hatte im Vorfeld des Wandertages die Gegend erkundet und dabei diese Lichtung mit aufgestellten Tischen und Bänken entdeckt. Die Kinder verspeisten ihre Stullen und tranken Limonade und scherzten gutgelaunt. Nach der Pause bat die Lehrerin ihre Schüler den Wandertag fortzusetzen, sich weiterhin ordentlich zu benehmen und sich nicht von der Gruppe zu entfernen. Gleichzeitig bat sie die Kinder um Aufmerksamkeit, da sie in den nächsten Unterrichtsstunden eine Auswertung der Erkenntnisse des heutigen Tages bezüglich des Waldbestandes vornehmen und sie nach der Zuordnung der Blätter zu den einzelnen Gewächsen fragen werde.

Horst und Klaus baten um eine kleine Pause, da sie dringend austreten mussten. Die Lehrerin stimmte zu und bat gleichzeitig alle Kinder, die eventuell das gleiche Bedürfnis haben, sich anzuschließen. Die Kinder suchten sich unauffällige Stellen zur Erledigung ihrer Bedürfnisse. Die Lehrerin und die Begleitperson des Wandertages saßen beieinander, als plötzlich aus einem etwas weiter entfernten Gebüsch ein wilder erschrockener Laut ertönte. Beide waren erschrocken und hatten die Befürchtung, dass sich eines der Kinder verletzt hatte. Sie rannten zu der Stelle aus welcher der Schrei ertönt war und entdeckten zwei völlig verstörte Jungen vor einem Gebüsch stehen. Sie gingen zu den Jungen und diese zeigten mit vorgestreckten Händen und bleichen Gesichtern auf einen aufgeworfenen Laubhaufen. Die Lehrerin schaute genauer hin und erschreckte ebenso wie ihre Schulkinder. Sie wurde bleich und überlegte blitzschnell die nächsten Schritte ihres Handelns. Aus dem Laubhaufen, der etwas aufgeschüttet war, lugte eine geballte Faust hervor. Die Situation war für sie eindeutig und sie wusste augenblicklich, dass die Kinder einen Leichnam entdeckt hatten.

Die Lehrerin schickte die Kinder sofort zurück zu der Lichtung und wies die Begleitperson des Wandertages an, keines der Kinder aus den Augen zu lassen und zu versuchen die Kinder zu beruhigen. Sie selbst überzeugte sich genauer über den schrecklichen Fund und griff, nachdem sie sich sicher war einen toten Menschen gefunden zu haben, zu ihrem Handy und wählte die Nummer der Polizei. Sie erläuterte dem Diensthabenden die Situation, wobei sie sehr aufgeregt war.

»Sind sie ganz sicher betreffs ihres Fundes?«, fragte dieser nach.

»Ja.«

»Wo befinden sie sich?«

Die Lehrerin beschrieb, so gut sie vor lauter Aufregung konnte, ihren Standort. Für die Situation blieb sie dennoch gelassen und konnte dem Diensthabenden konkrete Aussagen machen.

»Bitte bleiben sie vor Ort.«

»Bitte benachrichtigen sie unseren Schulleiter, dass er die Abholung der Kinder veranlasst«, bat sie.

»Wird erledigt. Geben sie mir bitte ihre Handynummer«, bat der Diensthabende.

»Wozu?«, fragte die Lehrerin.

»Falls es Rückfragen gibt und lassen sie das Handy eingeschaltet.«

»Selbstverständlich, bitte beeilen sie sich.«

»Ich schicke sofort einen Streifenwagen zu ihnen. Ich habe noch eine Bitte.«

»Welche?«

»Entfernen sie die Kinder vom Fundort. Ich werde gleichzeitig, in Abstimmung mit ihrem Direktor, psychologische Betreuung der Kinder veranlassen.«

»Ich werde vor Ort warten«, entgegnete die Lehrerin.

Es dauerte nur wenige Minuten bis die ersten Fahrzeuge der Schule eintrafen und die Kinder von dem schrecklichen Ort abholten. Einige der Schüler waren leicht verstört, obwohl nur die beiden Jungs die tote Person unter dem leicht aufgeschütteten Haufen gesehen hatten. Die Schilderung der beiden Knaben zu ihrer Lehrerin hatte sie jedoch auch erfasst. Der Schuldirektor hatte sofort reagiert und einige Lehrer mit der Abholung der Schüler beauftragt. Nach wenigen Minuten traf ein Streifenwagen der Polizei am Fundort ein, wobei die Kinder bereits in den Fahrzeugen der Lehrer zur Abholung saßen.

»Hauptwachtmeister Müller und das ist mein Kollege Wachtmeister Wolf«, stellten sie sich vor.

Die Lehrerin nickte und fragte: »Können die Schüler zurück in die Schule?«

»Ja, wir benötigen nur ihre Aussage.«

»Ich muss hierbleiben?«

»Ja, zeigen sie uns bitte den Fundort.«

Die Polizisten gingen gemeinsam mit der Lehrerin zu dem Fundort des Leichnams. Nach einigen Sekunden sagte Hauptwachtmeister Müller: »Sie können zurück zur Lichtung und auf uns warten, wir schauen uns diesen Ort etwas genauer an. Bitte warten sie auf uns, wir sind gleich zurück.«

Während die erschöpfte Lehrerin sich nichts weiter wünschte, als diesen schrecklichen Ort schnellstens zu verlassen, schauten sich die Streifenpolizisten den Fundort genauer an, wobei sie den Körper der toten Person etwas von dem leicht aufgeschütteten Waldboden befreiten. Den beiden war bereits nach dem ersten genaueren hinschauen klar, dass die Person einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Sie waren gut geschult und versuchten eventuelle Spuren nicht zu verletzen. Hauptwachtmeister Müller hatte die Situation sofort erfasst und sagte zu seinem Kollegen: »Geh zu der Frau zurück, ich werde die Dienststelle informieren.«

»Es sieht nach einem schrecklichen Verbrechen aus.«

»Das stimmt, hier muss die MUK tätig werden.«

»Ich gehe zu der Frau und versuche sie zu beruhigen.«

»Richtig, aber lasse sie nicht gehen. Wenn die Morduntersuchungskommission eintrifft, ist es gut, wenn sie sich vor Ort befindet.«

»Das kann aber einige Zeit dauern.«

»Ich weiß.«

»Denkst du nicht, es wäre besser sie von dem Ort fortzubringen?«

»Besser schon, ich frage wie schnell die Kameraden vor Ort sein können.«

»Einverstanden«, erwiderte Wachtmeister Wolf.

Hauptwachtmeister rief seine Dienststelle an und schilderte die Situation, wobei er deutlich zum Ausdruck brachte, dass es sich offensichtlich um einen gewaltsamen Tod der Person handelt. Er bat seinen Kollegen am Telefon unverzüglich die Kollegen der Mordkommission vor Ort zu schicken und erkundigte sich über die Zeitdauer bis zum ihrem Eintreffen.

»Ich veranlasse den Einsatz der Gerichtsmedizin.«

»Jawohl und schicke auch die Kollegen der Spurensicherung vor Ort.«

»Wird eingeleitet«, kam die knappe Rückmeldung.

Hauptwachtmeister Müller ging zu seinem Kollegen und der mit der Zeit nervös werdenden Lehrerin, die anfangs gut und gelassen reagiert hatte. Er sprach mit ruhigen Worten auf sie ein und erreichte offensichtlich eine Beruhigung der Frau.

»Mir geht es um meine Schüler, hoffentlich verkraften sie das Erlebte.«

»Ich denke schon.«

»Wieso sind sie so sicher?«

»Ich habe in meinem Berufsleben als Polizist bereits mehrere solche Situationen erlebt und meine Erfahrung sagt mir, dass ihre Schüler in wenigen Tagen das Geschehene verarbeitet haben.«

»Es sind noch kleine Kinder«, zweifelte die Lehrerin.

»Kleine Kinder verarbeiten solche Vorkommnisse meistens besser, außerdem haben nach ihrer Aussage nur zwei Kinder wirklich die tote Person gesehen. Ihre Aufgabe besteht darin, dass diese beiden Kinder über das Erlebte nicht mehr sprechen. Sie haben jetzt eine schwere Aufgabe, denn sie sind für das Erlebte die Bezugsperson der Kinder. Gegebenenfalls sollten sie professionelle Hilfe zur Aufarbeitung des Erlebten für die Kinder in Anspruch nehmen.«

»Ich werde mit ihren Eltern sprechen.«

»Das ist dringend nötig«, stimmte Hauptwachtmeister Müller zu.

Der Hauptwachtmeister unterhielt sich mit der Lehrerin über allgemeine Probleme um, sie von dem Gesehenen abzulenken. Als Erste trafen die Kollegen der Spurensicherung am Fundort ein und der Hauptwachtmeister führte sie zum Fundort, wobei er die Lehrerin bat sich nicht von ihrem Standort zu entfernen und auf die Kollegen der MUK zu warten. Die Gerichtsmedizinerin, Frau Silvia Kesser, eine gutaussehende Erscheinung war ebenfalls bereits vor Ort. Die Mitarbeiter der Spurensicherung hatten den leblosen Körper vom Waldboden, der ihn teilweise bedeckte, freigelegt, so dass Frau Kesser ihn genauer in Augenschein nehmen konnte, um die Todesursache festzustellen. Die Mitarbeiter der Spurensicherung und die Gerichtsmedizinerin waren von dem Anblick des Leichnams erschüttert und es fiel ihnen schwer, eine sachliche Einschätzung zu treffen.

»Ich habe schon viele getötete Personen gesehen, aber dieser Anblick erschüttert mich dennoch«, sagte mit belegter Stimme Heinz Müller, der Chef der Spurensicherung.

»In diesen Fall bin ich mit ihnen einer Meinung«, stimmte Frau Kesser zu.

»Das geschieht selten genug«, lächelte Heinz Müller die Gerichtsmedizinerin an.

Frau Kesser war eine selbstbewusste und energische Frau und ihre Einschätzung betreffs der Beurteilung jeweiliger Tatgeschehen wurde ohne Zweifel anerkannt. Sie hatte sich gut in das Gesamtgefüge der Ermittlungsorgane bei Verbrechen eingelebt und wurde von allen Mitarbeitern geschätzt. Sie war stets gutgelaunt, was die meisten Kollegen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit als Gerichtsmedizinerin verwunderte. Heinz Müller und Frau Kesser schauten auf den Leichnam und Heinz Müller sagte: »Hier liegt auf jeden Fall ein Gewaltverbrechen vor.«

»Mit Sicherheit«, kam die knappe Antwort.

Heinz Müller hatte seinen Mitarbeitern die Anweisung zur großräumigen Absperrung des Fundortes gegeben und diese sperrten mittels rotweißem Absperrbands den Fundort ab. Die Nachricht des Fundes einer Leiche im Waldgebiet hatte schlagartig in den kleinem Ort die Runde gemacht, so dass die Mitarbeiter große Mühe hatten, die Schaulustigen vom Fundort fernzuhalten. Während Frau Kesser den Leichnam untersuchte, waren die Mitarbeiter der Mordkommission eingetroffen. Hauptkommissar Klaus Ullmann ging auf Silvia Kesser zu und beobachtete sie bei ihrer Tätigkeit.

»Auch schon eingetroffen?«, sagte Frau Kesser und schaute mit einem Lächeln zum Kommissar auf.

»Wir sind immer schnell.«

»Aber erst nach mir«, erwiderte die Gerichtsmedizinerin.

Der Hauptkommissar schaute die Gerichtsmedizinerin etwas erstaunt an und fragte: »Waren wir beim Friseur?«

»Bei ihnen weiß ich das leider nicht, ich schon.«

»Ich muss gestehen, sie sehen wieder sehr gut aus, wenn ich das in dieser Situation bemerken darf. Die Frisur steht ihnen gut und lässt sie noch jugendlicher wirken«, lobte Ullmann.

»Dann habe ich mein Ziel erreicht«, gestand Silvia Kesser.

»Frau Kesser, können sie schon Aussagen zur Todesursache machen?«

»Ja.«

»Welche?«

»Der Mann wurde einfach gesagt erschlagen. Die Tat wurde mit einem runden harten Gegenstand ausgeführt, klingt fast wie ein Klassiker.«

»Geht es noch genauer?«

»Nach meiner jetzigen Einschätzung erfolgte der tödliche Schlag von hinten und hat die Schädeldecke zertrümmert. Der Mann muss augenblicklich tot gewesen sein.«

»Der Mann sieht aus, als hätte er sich gewehrt.«

»Mit Sicherheit, es gibt eine Reihe von Kampfspuren. Vor dem tödlichen Schlag muss es eine harte Auseinandersetzung gegeben haben, was eine Vielzahl von Hautabschürfungen und Blutergüssen beweisen.«

»Können sie etwas zum Zeitpunkt sagen?«

»Ja, der Mann ist bereits einige Tage Tod.«

»Wie viele Tage?«

»Herr Hauptkommissar, da müssen sie die Ergebnisse der Obduktion abwarten. Sie kennen den üblichen Weg und in diesem Fall wird die Ermittlung des Todeszeitpunktes durch die Liegezeit auf dem feuchten Waldboden erschwert. Ich werde versuchen, den Zeitpunkt so nahe wie möglich zu ermitteln.«

»Dessen bin ich gewiss.«

»Danke.«

»Der Mann wurde dem Anschein nach nicht nur erschlagen«, sagte der Kommissar.

»Ich würde einschätzen das Gesicht der Person wurde nach seiner Tötung mit einer Säure übergossen, denn seine Gesichtshaut ist verätzt.«

»Ein fürchterlicher Anblick, habe so etwas selten gesehen.«

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