Kitabı oku: «Die Magie der Sucht»

Yazı tipi:

Joachim Bräunig

DIE MAGIE DER SUCHT

Kriminalroman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Weitere Werke von Joachim Bräunig:

1. Ein rätselhafter Mord

2. Aus Lust zum Mörder

3. Mord als letzter Ausweg

4. Der eiskalte Mörder

5. Tod im Fitness-Studio

6. Das geheimnisvolle Merkmal

7. Ein Fluch aus der Vergangenheit

8. Was geschah mit Lotte L.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Weitere Werke von Joachim Bräunig

Impressum

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Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto „woman throwing chips on the table while playing cards“ © FotolEdhar (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

1

In der Anwaltskanzlei „Sorge und Partner“ herrschte an diesem sonnigen Freitagnachmittag unter den Mitarbeitern gute Stimmung und alle freuten sich auf das bevorstehende Wochenende. Die Meteorologen sagten viel Sonnenschein und trockenes Wetter vorher. Zu den Mitarbeitern der Kanzlei gehörten der Inhaber Ulf Sorge sowie zwei weitere Anwälte und zwei Sekretärinnen. Ulf Sorge war der alleinige Besitzer der Kanzlei, nachdem sein ehemaliger Freund und Miteigentümer der Kanzlei vor drei Jahren verstorben war. Er hatte dennoch den Namen der Kanzlei „Sorge und Partner“ in Ehren seines Freundes beibehalten und zudem wollte er diesen im Interesse seiner Kunden nicht ändern.

Die beiden Freunde hatten das Büro mit viel Mühe und großem Aufwand aufgebaut, was nicht einfach und außerdem mit einem hohen finanziellen Risiko verbunden war. Sie mussten in den ersten Jahren des Bestehens der Kanzlei Kredite in nicht unerheblichem Umfang aufnehmen, aber auf Grund ihrer guten Arbeit konnten sie diese ziemlich kurzfristig zurückzahlen. Das Unternehmen besaß in der Umgebung bald einen guten Ruf, sodass sie in den folgenden Jahren zusätzlich weitere Anwälte und Sekretärinnen einstellen mussten. Die derzeitigen Mitarbeiter der Kanzlei arbeiteten seit nunmehr fünf Jahren zusammen und hatten ein gutes Arbeitsverhältnis. Gelegentlich trafen sie sich außerhalb der Arbeitszeit zu gemeinsamen Stunden, was jedoch durch die unterschiedlichen Arbeitszeiten im Rahmen der Betreuung ihrer Klienten nur schwer möglich war und deshalb nicht häufig vorkam.

Ulf Sorge ging aufs Rentenalter zu und er beschäftigte sich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, die Kanzlei einem Nachfolger zu übergeben, wobei er beabsichtigte, einen seiner beiden bei ihm beschäftigten Anwälte das Unternehmen zu übertragen. Die beiden Anwälte waren Kai Schulten und Christoph Scholz.

Kai Schulten hatte sich auf Vermögensrecht spezialisiert, wozu auch Fragen des Kaufes beziehungsweise des Verkaufes von Immobilien gehörte. Auf diesem Gebiet war im Wesentlichen auch Ulf Sorge tätig und dieses Fachgebiet war der Grundpfeiler der Anwaltskanzlei von Beginn an gewesen. Christoph Scholz bearbeitete das Gebiet des Familienrechtes und war sehr erfolgreich und besonders bei den Frauen beliebt, da er in den vergangenen Jahren bereits mehrere Scheidungsklagen betrogener Ehefrauen zu deren Gunsten gewonnen hatte, was sich in der Umgebung sehr schnell herumgesprochen hatte.

Mit beiden Mitarbeitern war Ulf Sorge sehr zufrieden und er wünschte sich von Herzen, dass einer der beiden zur Übernahme seiner Kanzlei bereit war, wobei er persönlich Kai Schulten leicht bevorzugte. Er wäre allerdings auch nicht abgeneigt, beiden in Partnerschaft, wie er es mit seinem Freund bei der Gründung getan hatte, das Geschäft zu übertragen. In den letzten Wochen hatte er mit jedem einzeln erste Gespräche geführt, ohne jedoch konkret zu werden. Er hatte noch keinen endgültigen Entschluss gefasst, sondern wollte sich noch etwas Zeit lassen und die Übergabe in Ruhe vorbereiten.

Eine Bedingung für die Übergabe sollte die weitere Beschäftigung der beiden Sekretärinnen sein, ohne die sich Ulf Sorge das Fortbestehen der Kanzlei nicht vorstellen konnte. Beide Frauen hatten sich bestens eingearbeitet und konnten sehr gut mit den Klienten umgehen. Oft mussten sie diese vertrösten oder anderweitig besänftigen, da keiner der Anwälte verfügbar war oder keine kurzfristigen Termine vergeben werden konnten.

Die beiden Sekretärinnen waren Mitte vierzig, hatten erwachsene Kinder und die Familienplanung war abgeschlossen, sodass sie weiterhin voll zur Verfügung standen.

Rita Schmoll war die Chefsekretärin und die rechte Hand von Ulf Sorge. Er hatte grenzenloses Vertrauen in sie und wusste zugleich, dass sie jederzeit für sein Unternehmen zur Verfügung steht und bei Arbeitsende nicht auf die Uhr schaut. Häufig fielen Überstunden an, ohne, dass sie nach einer zusätzlichen Vergütung fragte. Sie war eine äußerst charmante Frau mit großem Selbstvertrauen. Ihre attraktive Erscheinung setzte sie immer vorteilhaft ein und sie war stets dem neuesten Trend entsprechend gekleidet. Rita Schmoll war seit Bestehen des Büros angestellt und hatte ihre Kollegin Bea Lutz in die Belange der anfallenden Tätigkeiten eingearbeitet. Sie war glücklich geschieden und ihr Exehemann war im Rathaus von Waren/​Müritz beschäftigt und zugleich als Stadtrat tätig. Beide hatten zwei Kinder, die jedoch bereits ihre eigenen Wege gingen und aus dem elterlichen Haus ausgezogen waren. Sie trug ihr langes blondes Haar immer offen und band es gelegentlich, wenn keine Kundengespräche anstanden, zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Bea Lutz war als zweite Sekretärin im Büro angestellt und erledigte den Großteil der anfallenden schriftlichen Arbeiten und war für die ordnungsgemäße Archivierung aller Vorgänge verantwortlich. Sie konnte bezüglich der Schönheit von Rita Schmoll nicht mithalten und ging auch nicht so modebewusst gekleidet. Mit ihrer etwas schüchternen und zurückhaltenden Art besaß sie dennoch einen gewissen Charme und war bei den Klienten gleichfalls beliebt, wobei sie an den Gesprächen mit ihnen nicht beteiligt war, dies war ausschließlich das Aufgabengebiet von Rita Schmoll. Sie trug, im Gegensatz zu Rita Schmoll, ihr Haar stets streng nach hinten gekämmt, was ihr eine gewisse Härte verlieh.

Die Räume der Anwaltsbüros lagen direkt an der Unterwallstraße, welche eine Verlängerung der Strandstraße war. Der Weg zum Stadthafen betrug lediglich fünf Minuten. Der Stadthafen, an dem zu guten Zeiten und bei schönem Wetter bis zu circa 50 Boote anlegen konnten, war mit zahlreichen Bistros und Cafés gesäumt. Die Gaststätten hatten alle Terrassen mit mehreren Plätzen zum Aufenthalt im Freien eingerichtet, die stets sehr gut besucht waren. Vom Stadthafen waren es gleichfalls nur wenige Minuten bis ins Zentrum von Waren, dessen Mittelpunkt ein großer Marktplatz bildet. Der Weg zum Markt vom Stadthafen aus wurde von zahlreichen Läden und Boutiquen gesäumt, die verschiedenste Waren zum Kauf anboten. Auf dem Marktplatz selbst befanden sich wiederum mehrere Läden, Gaststätten, Eisbars und Cafés. Zudem boten in den Sommermonaten viele Einzelhändler ihre Waren oder saisonale Früchte in extra aufgestellten Ständen an.

Die Stadt war ein großer Touristenmagnet und lockte jährlich zahlreiche Urlauber und andere Feriengäste an. In der Nähe des Marktes befanden sich das Stadtgeschichtliche Museum sowie mehrere Hotels und Pensionen, welche stets gut ausgebucht waren und bei denen meistens eine längerfristige Vorbestellung von Nöten war. Vom Marktplatz führten beidseitig Fußgängerzonen in die immer sehr belebten Außenbereiche des Zentrums. Die Einwohner waren sehr freundlich und gaben den Touristen, welche nach gewissen Orten fragten, bereitwillig Auskunft.

Die Büroräume der Kanzlei „Sorge und Partner“ waren vor drei Jahren großzügig umgebaut worden und besaßen insgesamt fünf Räume. In dem etwas größeren hatte Ulf Sorge sein Büro, des Weiteren hatten die beiden Anwälte Kai Schulten und Christoph Scholz je ein kleineres Büro von ungefähr zwanzig Quadratmetern. Die beiden Sekretärinnen teilten sich gemeinsam ein Büro, welches gleichzeitig als Vorraum zu den Büros der Anwälte und Ulf Sorge bildete, wobei der Eigentümer des Unternehmens außerdem einen getrennten Zugang zu seinem Büro hatte. Außerdem verfügte die Kanzlei über einen separaten Konferenzraum, der zumeist bei gleichzeitigen Gesprächen mit den jeweiligen Klageparteien genutzt wurde. Die Räume verfügten über modernste Informationstechnik, sodass bei Erfordernis ein sofortiger Zugriff zu notwendigen Daten oder Vergleichen möglich wurde. Alle Vorgänge wurden computerunterstützt erfasst und registriert, was die Arbeit der Sekretärinnen wesentlich erleichterte und zugleich einen geringeren Aufwand bei der Archivierung bedeutete. Die Räume waren mit neuen großzügig gestalteten Fenstern ausgestattet worden, was einen bedeutend größeren Lichteinfall wie vor dem Umbau zur Folge hatte. Gleichzeitig war das gesamte Mobiliar erneuert worden, welches jetzt in hellen Farben gestaltet ist. Die Räume wirkten sehr freundlich, wozu auch die weichen Sitzgelegenheiten einen wesentlichen Beitrag leisteten. Sie befanden sich im ersten Obergeschoß eines ebenfalls vor drei Jahren gründlich sanierten Hauses, welches auch von außen einen einladenden Eindruck erweckte. Ulf Sorge und sein damaliger Partner hatten sich zu Beginn ihrer gemeinsamen Tätigkeit ein Haus in Ufernähe mit Blick zum Hafen gewünscht, jedoch war das zum damaligen Zeitpunkt für beide aus finanziellen Gründen nicht möglich. Sie hatten sich im Laufe der Jahre mit den Räumen arrangiert und wollten nicht nochmal umziehen und durch die gesamte Sanierung des Gebäudes kamen die Anwälte ihren ursprünglichen Wünschen, außer dem Uferblick, sehr nahe.

„Frau Schmoll, habe ich heute noch wichtige Termine?“, fragte Ulf Sorge seine Sekretärin.

„Nein, sie haben erst am Montag früh den nächsten Termin“, antwortete Rita Schmoll.

„Dann gibt es auch morgen keinen Termin?“

„Nein, Herr Sorge.“

„Gut, dann kann ich mich wiedermal auf ein langes Wochenende freuen.“

„Das haben sie sich verdient.“

„Ja, das war eine anstrengende Woche“, erwiderte Ulf Sorge.

„Bei diesem schönen Wetter können sie einen Ausflug unternehmen“, schlug Frau Schmoll vor.

„Nein, ich werde mich ausruhen und völlig entspannen. Ich werde mich in meinem Garten auf die Liege legen und auf den Anruf meiner Tochter warten.“

„Wie geht es ihr?“, erkundigte sich Frau Schmoll.

„Sie haben sich sehr gut eingelebt. Das Juweliergeschäft ihres Mannes läuft sehr gut und Martina hat sich in dem Hotel als Managerin gut eingearbeitet“, erwiderte Ulf Sorge.

„Das freut mich für sie. Wie lange ist ihre Tochter bereits in Australien?“, fragte die Sekretärin.

„Knapp ein Jahr. Ich freue mich für sie, auch wenn ich sie vermisse.“

„Das geht mir mit meinen Kindern ebenso, aber das ist der Lauf der Dinge, das die Kinder größer werden und ihre eigenen Wege gehen.“

„Wir haben es ebenso gemacht und sind zu Hause ausgezogen, um auf eigenen Beinen zu stehen, aber wenn es die eigenen Kindern sind, versteht man erst, warum die Eltern damals so traurig waren“, philosophierte Ulf Sorge.

„Sie haben recht, aber die Telefonate werden sicher sehr teuer“, mutmaßte Frau Schmoll.

„Sicher, aber für meine Tochter ist mir nichts zu teuer“, gab ihr Vorgesetzter zurück.

„Wie geht es ihrer Frau?“, erkundigte sich Rita Schmoll.

„Ich glaube, es geht ihr nicht besonders gut und ich bin fast überzeugt, dass sie die Betreuung ihrer Eltern zu Hause nicht mehr lange aufrechterhalten kann. Der Aufwand ist größer wie erwartet, trotz der Hilfe eines Pflegedienstes. Ich hoffe, sie verlangt nicht zu viel von sich selbst.“

Ulf Sorge hatte sich mit seiner Frau geeinigt, dass sie zur Betreuung ihrer bettlägerigen Mutter und des gleichfalls gesundheitlich angeschlagenen Vaters nach Berlin in ihr Elternhaus zieht. Seine Frau wollte ihre Eltern nicht in ein Pflegeheim geben, aber nach dem gestrigen Telefonat schien seine Frau bald am Ende ihrer Kräfte zu sein und sie überlegte nun ernsthaft, dies doch zu tun.

In diesem Augenblick traten gleichzeitig die beiden Anwälte Kai Schulten und Christoph Scholz aus ihren Büroräumen und wollten sich ins Wochenende verabschieden. Beide lächelten ihrem Chef und den Sekretärinnen zu und Kai Schulten sagte: „Ich möchte ihnen ein schönes und erholsames Wochenende wünschen. Ich denke, wir haben uns das nach dieser Woche redlich verdient.“

Rita Schmoll lächelte Kai Schulten zu und schaltete dabei ihren Computer aus, was den Anwalt zu einer Bemerkung veranlasste.

„Sie wollen doch nicht etwa auch bereits nach Hause gehen?“

„Ich habe mir den Feierabend ebenso verdient wie sie“, antwortete die Sekretärin.

„Davon bin ich überzeugt, aber ich wundere mich darüber, weil sie ansonsten immer die Letzte sind und erst nach uns die Kanzlei verlassen.“

„Wir bekommen am Wochenende Besuch und da gibt es für die Frauen stets viel zu tun.“

„Ja, das weiß ich von uns zu Hause. Meine Frau regelt diese Arbeiten auch immer allein.“

„Es ist vielleicht auch besser. Männer haben für diese Vorbereitungen kein Händchen.“

Diese Wortgefechte zwischen Kai Schulten und Rita Schmoll kamen nicht selten vor und es war unverkennbar, dass die Sekretärin für den Anwalt eine leichte Schwäche hatte. Der lockere Umgangston von Kai Schulten sowohl mit ihr als auch mit seinen Klienten gefiel ihr, obwohl sie bei der Erledigung der anstehenden Aufgaben ihn gegenüber Christoph Scholz nicht bevorteilte. Bea Lutz hatte ebenfalls ihren Schreibtisch aufgeräumt und verabschiedete sich von ihren Kollegen und dem Chef. Die Stimmung der Mitarbeiter der Kanzlei war bestens und alle freuten sich auf das bevorstehende Wochenende. Sie verließen gemeinsam die Geschäftsräume und traten hinaus in die strahlende Sonne, die zu dieser Nachmittagszeit voll in ihrem Zenit stand. Sie gingen zu ihren Fahrzeugen, die auf dem Parkplatz in der Nähe des Stadthafens standen. Nachdem sie sich alle nochmals förmlich verabschiedet hatten, stiegen sie in ihre Fahrzeuge.

Ulf Sorge fuhr mit seinem BMW in Richtung seiner Wohnung in Röbel, das ungefähr fünfzehn Kilometer von Waren entfernt gelegen ist. Er wollte noch verschiedene Kleinigkeiten für das Wochenende einzukaufen, entschied sich aber, erst zu Hause vorbeizufahren und zu kontrollieren, was er wirklich benötigte. Er überlegte, eventuell seinen Freund, den Immobilienmakler Detlef Schmidt, zum Abendbrot einzuladen, aber verwarf diesen Gedanken wieder. Detlef Schmidt war seit der Studienzeit mit Ulf Sorge befreundet und hatte sich nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten als Immobilienmakler selbstständig gemacht. Die beiden Familien waren befreundet, wobei diese Freundschaft sich in engen Grenzen hielt, da die beiden Ehefrauen keinen direkten Draht zueinander fanden, was Ulf und Detlef sehr bedauerten. Detlef Schmidt wohnte seit dem plötzlichen Tod seiner Frau allein, da der Sohn bereits vor einigen Jahren an die Ostsee gezogen war und nur noch loser Kontakt bestand. Detlef Schmidt wohnte in Vipperow, was ungefähr zehn Kilometer von Röbel entfernt liegt. Sein Maklergeschäft lief sehr gut, aber er wollte niemals einen Partner einstellen, sondern seine Geschäfte allein durchführen. Die Ausübung seiner Tätigkeit bedingte, dass er mit vielen verschiedenen Menschen, auch unterschiedlicher Berufszweige, zusammenarbeiten musste, was oft zu Schwierigkeiten führte. Detlef Schmidt war ein sehr selbstbewusster und kritischer Mann, der keine Zweifel an der Richtigkeit seiner Festlegungen zuließ. Dieser Charakterzug brachte ihm nicht nur Freunde, sondern im Gegenteil eine Reihe von Feinden und Widersacher ein. Er war jedoch als ein sehr gut und gerecht kalkulierender Makler bekannt, der die Käufer auch auf mögliche Folgekosten des Neuerwerbes eines Grundstückes aufmerksam machte. Diese sachlichen Einschätzungen hatten ihm, trotz seiner teilweisen spröden Umgangsformen, einen guten Ruf eingebracht.

Ulf Sorge entschloss sich jedoch den Feierabend allein zu genießen und es sich bei einer schönen Flasche Rotwein und klassischer Musik gemütlich machen. Er fuhr am Hafen von Röbel vorbei in Richtung ihres Grundstückes, welches sich an der Ringstraße befand, die eine Nebenstraße der Straße des Friedens war, die sich durch den Ort schlängelte. Für die Fernfahrer gab es eine Umgehungsstraße vorbei an Röbel. Röbel war eine wunderschöne Kleinstadt direkt an der Müritz gelegen. Das Grundstück der Familie Sorge befand sich am Ende der Straße mit einem großen Gartengelände, was Frau Sorge akribisch pflegte. Sie hatten damals beim Kauf bewusst das letzte Grundstück der Straße ausgewählt, damit sie möglichst ungestört und von Zaungästen unbeobachtet ihre Freizeit verbringen konnten. Ulf Sorge fuhr auf das Grundstück und öffnete mittels Fernbedienung die Garage. Er verschloss das Fahrzeug und ging zur Eingangstür ihres Hauses, wobei er mit großem Wohlwollen feststellte, dass die Nachbarn nicht zu Hause waren. Das Grundstück des Nachbarn lag zwar einige Meter von ihrem entfernt, aber die Frau des Nachbarn war arbeitslos und suchte stets nach Kontakt zu ihnen, was der Familie Sorge eigentlich ungelegen kam, wobei die Nachbarin nicht unfreundlich war und auch gern zu gelegentlichen Hilfeleistungen bereit war. Er betrat den Flur des Hauses und schaute zuerst in die Küche und im Kühlschrank nach möglichem Abendbrot nach. Er bereitete sich abends gern eine warme Mahlzeit zu, möglichst ohne viel Aufwand. Er entdeckte in Folie verpackte Schnitzel und Bratkartoffeln und entschloss sich, daraus seine Abendmahlzeit zuzubereiten. Er schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es zu einem Abendbrot eigentlich noch zu früh war und entschloss sich daher, einen starken Kaffee zuzubereiten und etwas Kuchen zu essen. Kuchen war im Hause der Familie Sorge immer vorhanden, da beide große Kuchen- und Tortenfans waren. Nachdem der Kaffee fertig war, nahm sich Ulf Sorge ein Stück Kuchen und ging mit Kuchen und Kaffee in die Stube und setzte sich in den Sessel, der in passender Höhe zum Tisch gekauft worden war.

Er trank einen Schluck Kaffee, griff zum Kuchen und lehnte sich im Sessel zurück, als ihm blitzschnell und sehr plötzlich von hinten ein Stahlseil um den Hals gelegt und mit brutaler Gewalt zugezogen wurde. Ulf Sorge war auf Grund des überraschenden Angriffes nicht in der Lage, die Hand zwischen Stahlseil und seinen Hals zu bringen, sodass er nicht die geringste Chance hatte, sich gegen diesen brutalen Überfall zur Wehr zu setzen. Sein Kampf gegen seinen gewaltsamen Tod währte nur wenige Sekunden, denn der Täter zog die Schlinge um seinen Hals mit aller Gewalt zusammen. Nach wenigen Sekunden hatte er Ulf Sorge getötet und der Anwalt saß mit hängenden Armen in seinem Sessel. Der Täter schaute mit einem spöttischen Lächeln auf sein Opfer herab.

Der Täter war durch das Badezimmerfenster, welches Richtung Garten zeigte und damit den Blicken von Passanten oder Nachbarn verborgen blieb, eingestiegen. Er hatte bereits am Tag zuvor mittels eines Diamantschneiders ein Loch in Höhe des Fenstergriffes eingebracht, sodass er völlig unbemerkt nach dem Eintreffen von Ulf Sorge in das Haus einsteigen konnte. Er hatte einige Zeit gewartet und den Anwalt von außen beobachtet, denn er wollte vollkommen sicher sein, dass sein mörderischer Plan gelingt. Zugleich hatte er das Umfeld des Grundstückes beobachtet und war sicher, dass niemand in der Nähe war. Als sich Ulf Sorge seinen Kaffee zubereitete, sah er seine Chance zur Vollstreckung seiner abscheulichen Tat gekommen. Er beobachtete, wie sich der Anwalt in seinen Sessel setzte, stieg durch das geöffnete Badezimmerfenster ein und bewegte sich lautlos durch den Flur Richtung Wohnstube, um seine grässliche Tat zu vollbringen. Nachdem er Ulf Sorge getötet hatte, ging er in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine aus, die der Anwalt zum weiteren Aufwärmen des Kaffees angelassen hatte. Er hatte für die Tat Gummihandschuhe benutzt und sich über die Schuhe Füßlinge gezogen, die er auch weiterhin anließ. Der Täter schaute sich in der Wohnstube und in anderen Räumen um und suchte anscheinend bestimmte Unterlagen, denn er durchwühlte den Schreibtisch und die Regale des Anwaltes, in denen unzählige Bücher und Unterlagen von verschiedensten Prozessen aufbewahrt waren. Er nahm verschiedene Unterlagen an sich und versteckte sie unter seinem Pullover. Nachdem er offensichtlich mit seiner Suche am Ende war, ging er nochmals in die Wohnstube zu seinem Opfer und beugte sich über ihn, wobei er eine verächtliche Miene zog. Er schaute sich nach möglichen Spuren, welche er hinterlassen haben könnte, um und war anscheinend zufrieden. Er hatte versucht, nach der Durchsuchung des Schreibtisches und der anderen Möbel alles wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Der Täter ging ins Badezimmer und verließ das Haus, nachdem er den kreisrunden Ausschnitt des Fensterglases wieder mit transparentem Klebeband am Glas befestigt hatte, sodass auf den ersten Blick der Einbruch nicht sichtbar war. Er schritt in Richtung Straße des Friedens und bemühte sich keine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Täter hatte sich unauffällig wie ein Tourist, der seinen Sommerurlaub genoss, gekleidet, was bedeutete, dass er sehr leger gekleidet war. Zudem hatten die Touristen, die sich zum Großteil in Röbel aufhielten, damit zu tun, sich den Schweiß aus der Stirn zu wischen oder sich anderweitig Frischluft zu verschaffen.

Er bewegte sich an der direkt an der Hauptstraße gelegenen Kirche St. Nicolai vorbei Richtung Hafen und hatte großes Glück, im Restaurant „Müritzterrasse“ noch einen freien Tisch zu bekommen, denn er hatte kein Verlangen, sich mit anderen Gästen zu unterhalten. Er bestellte ein Kännchen Kaffee und ein Stück Sahnetorte und brannte sich eine Zigarette an. Nachdem der Kellner den Kaffee und die Torte brachte, überkam ihn die Angst, möglicherweise gesehen und später von einer anwesenden Person wiedererkannt zu werden und er bezahlte schnell die Zeche und ging. Er verließ das direkte Ufergelände und setzte sich auf eine Bank am Parkplatz gegenüber. Er grübelte über seine Tat nach und war sich sicher, dass alles nach seinen Vorstellungen abgelaufen war. Die Füßlinge und die Handschuhe knotete er zusammen und wollte sie bei einer passenden Gelegenheit mit einem Stein verbunden in die Müritz werfen, sodass diese für immer verschwinden. Er wusste, dass sein gesamtes Vorhaben noch nicht zu Ende war, aber er war fest entschlossen, seinen Plan bis zu Ende durchzuführen.

2

Christoph Scholz, der zweite Anwalt der Kanzlei „Sorge und Partner“, wohnte in Klink. Dieser kleine Ort lag direkt zwischen Waren und Röbel und zählte circa zweitausend Einwohner. Es war ein sehr sauberes Örtchen und völlig auf Tourismus eingestellt. Der Anwalt hatte vor zwei Jahren ein Haus erworben, welches zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben war. Gemeinsam mit seiner Frau und den Verwandten hatte er das Haus mit einigen kleinen Veränderungen nach ihren Bedürfnissen umgebaut. Das Haus stand in einem Gebiet mit mehreren Eigenheimen und hatte circa 500 Quadratmeter. Zum Grundstück gehörte ein kleiner Garten, der jedoch nicht zur Anpflanzung von Obst oder Gemüse geeignet war, sondern nur zum Ausruhen diente. Das Ehepaar hatte eine kleine Terrasse angebaut, um dort mit Freunden und Bekannten gesellige Stunden verbringen zu können. Eigentlich besaß das Ehepaar beste Voraussetzungen für ein glückliches Zusammenleben, aber seit einigen Monaten hatte die Ehe einen Riss bekommen. Der Anwalt war stark in sein Berufsleben eingebunden und dadurch bedingt oft nicht zu Hause und auch an den Abenden und an den Wochenenden viel unterwegs. Er sagte seiner Frau stets, dass schließlich das Geld zur Abzahlung der Kredite erarbeitet werden muss. Seine Frau hatte anfangs dafür volles Verständnis, aber in den letzten Monaten häufte sich die Abwesenheit ihres Gatten stark und sie gewann immer mehr den Eindruck, dass er sich bewusst von zu Hause fernhielt und ihrer Meinung nach konnte dies nur mit einer anderen Frau in Zusammenhang stehen. Sie hatte ihren Mann darauf angesprochen, aber er stritt ein Verhältnis ab und versprach ihr, in Zukunft sein Verhalten zu ändern, was er jedoch nicht einhielt. Ihrerseits hatte sie vor vier Wochen ein Verhältnis mit einem Arbeitskollegen begonnen, der sich bereits seit längerer Zeit um ihre Gunst bemühte. Ihr Verhältnis konnte sie gut vor ihrem Mann verbergen, da dieser weiterhin sehr häufig abwesend war. Anfangs hatte sie sich gegen die Affäre gesträubt, gab dann aber dem Werben ihres Kollegen nach. Sie war überzeugt, dass ihr Ehemann gleichfalls eine Affäre hatte, war sich jedoch nicht schlüssig, wie es mit ihrem Verhältnis weitergehen sollte, da sie trotz aller Widrigkeiten noch immer ihren Mann liebte und sich eigentlich nicht von ihm trennen wollte. Sie versucht immer wieder auf ihren Mann einzugehen, aber er blockte ihre Versuche zur Rettung ihrer Ehe stets mit allgemeinen Floskeln ab.

An diesem Freitagnachmittag war sie zu Hause und wartete auf Christoph. Überraschenderweise kam er heute pünktlich und gut gelaunt nach Hause und seine Frau wollte deshalb nochmals den Versuch einer Aussprache wagen. Sie hatte für den heutigen Tag ein Treffen mit ihrem Verehrer abgesagt, da sie den weiteren Verlauf ihrer Affäre überdenken wollte.

„Du bist ja heute bereits vor 20 Uhr zu Hause“, begrüßte sie ihren Mann.

„Ja, aber es ist möglich, dass ich nochmal weg muss“, erwiderte Christoph.

„Du könntest heute zu Hause bleiben und wir machen es uns gemütlich.“

„Wenn kein Anruf kommt, bleibe ich zu Hause.“

„Wir könnten grillen“, schlug die Ehefrau vor. „Eine gute Idee, hast du Würste da?“

„Wir haben immer einen Vorrat da.“

„Gut, dann könnte ich den Grill vorbereiten.“

„Wir könnten uns bei dieser Gelegenheit aussprechen“, schlug die Frau vor.

„Lass uns das auf später verschieben, der Abend ist noch lang genug“, entgegnete Christoph.

„Einverstanden, ich werde alles vorbereiten.“

„Brauchst du nicht, dass kann ich erledigen. Du kannst dich noch etwas ausruhen, hattest heute bestimmt auch einen schweren Tag auf Arbeit.“

„War eigentlich ein Tag wie jeder andere“, sprach Christophs Frau.

„Wie gefällt es dir auf Arbeit?“, wollte Christoph wissen.

„Ich kann nicht klagen, bin ganz zufrieden.“

„Wie kommst du mit deinen Kollegen zu Recht?“, fragte Christoph.

Bei dieser Frage stutzte Frau Scholz, denn ihr Mann hatte sich bisher wenig um ihre Arbeit gekümmert und noch weniger nach ihren Kollegen gefragt. Sie befürchtete sofort, dass Christoph etwas von ihrer Affäre erfahren haben könnte und lenkte das Gespräch sofort in eine andere Richtung und fragte: „Hast du viele Klienten?“

„Ja.“

„Komplizierte Fälle?“

„Ein Fall bereitet mir große Schwierigkeiten.“

„In welcher Beziehung?“

„Es ist ein Scheidungsfall, wobei ich den Eindruck habe, dass eigentlich beide Parteien keine Scheidung wollen, sondern sich wieder versöhnen wollen. Es ist viel Geld im Spiel und zudem denke ich, dass die Frau des Paares, die eine Affäre mit einem anderen Mann hat, sich nicht schlüssig ist, ob diese Affäre ihr Lebensglück sein kann.“

„Weiß ihr Mann von der Affäre seiner Frau?“, fragte die leicht verwirrte Ehefrau.

„Ja, aber er liebt seine Frau dennoch.“

„Was spielt das Geld für eine Rolle?“

„Der Mann ist Geschäftsführer eine Firma, die seiner Frau gehört, welche sie von ihren Eltern geerbt hat.“

„Du denkst der Mann müsste die Firma verlassen.“

„Im Augenblick und bei dem Stand der Scheidungsklage deutet alles darauf hin.“

„Willst du eine Scheidung verhindern?“

„Ja, denn ich habe den Eindruck, dass die Frau von ihrem Liebhaber zu der Scheidung gedrängt wird und er nach der Scheidung die Stelle als Geschäftsführer in der Firma übernehmen möchte.“

„Du denkst, dem Liebhaber geht es um die Firma und nicht um die Frau?“

„Das ist mein persönlicher Eindruck“, sagte Christoph mit einem Lächeln.

„Du kannst den Grill anwerfen. Ich freue mich auf unseren ersten gemeinsamen Abend seit längerer Zeit“, sprach Christophs Frau und ging in die Küche, um die Würstchen zu holen. Er schaute ihr nach und es war deutlich zu spüren, dass der Anblick seiner Frau ihn noch immer erfreute und nicht kalt ließ. Christoph Scholz erweckte den Eindruck eines ruhigen und prinzipiell ausgeglichenen Mannes und es war sein Bestreben, dieses Verhalten auch gegenüber seinen nächsten Mitmenschen zum Ausdruck zu bringen, wobei es ihm bislang perfekt gelungen war, seine Spielsucht vor allen zu verbergen, was nicht immer leicht war, besonders gegenüber seiner von ihm geliebten Frau. Die vielen Abende, die er nicht zu Hause verbrachte, war er in einem Spielkasino und hatte schon einiges an Geld verloren, was er bestrebt war, vor seiner Frau zu verbergen. Beide hatten zu Beginn ihrer Ehe beschlossen, getrennte Konten zu führen, wobei anfallende Kosten und die Kreditraten stets getrennt von beiden Partnern gezahlt wurden und es hatte diesbezüglich bisher nie Streitigkeiten gegeben. Christoph hatte seine Vermögensverhältnisse stets vor seiner Frau verheimlicht und sie hatte sich nie direkt danach erkundigt, da sie selbst finanziell auf eigenen Füßen stand. Sie war Inhaberin eines gutgehenden Friseursalons und finanziell nicht von Christoph abhängig. Beide hielten sich stets an die Absprachen und führten ein friedliches Nebeneinander und ihre Freunde und Bekannten hatten stets den Eindruck einer glücklichen Ehe.

Wenn Christoph auf sein Leben zurückschaute, so war er eigentlich schon unbewusst immer spielsüchtig. Er hatte jede Gelegenheit ausgenutzt, um an jeder Art von Spielen teilzunehmen, aber in der letzten Zeit, besonders im zurückliegenden Jahr, war diese Spielsucht regelrecht ausgebrochen. Er nutzte jede Gelegenheit im Spielcasino in Waren in der Pappenbergstraße zu verbringen. Das Spielcasino war sehr modern eingerichtet und bot gleichzeitig die Gelegenheit zum Dartspiel und auch ein Billardtisch war vorhanden. Vor den Spielautomaten waren lederbezogene Chefsessel installiert und die Bedienung der Automaten erfolgte mittels Mausklick. In der Spielothek waren fünfzehn Automaten installiert und das Casino war täglich durchgehend geöffnet, außer in der Zeit von fünf bis sechs Uhr, da wurde das Casino gesäubert. An der Rezeption war eine freundliche Frau vietnamesischer Herkunft beschäftigt, deren Schönheit durch ihr pechschwarzes Haar noch verstärkt wurde. Die Besitzerin des Casinos war gleichfalls eine besondere Schönheit, die im Gegensatz zur Frau an der Rezeption jedoch natürliches rotes Haar hatte, was sie ein wenig nachtönen ließ.

An bestimmten Tagen, die jedoch nur einem eingeweihten Kreis bekannt waren, wurden in einem Hinterzimmer des Casinos Pokerabende durchgeführt, bei denen um größere Summen gespielt wurde. Seit einiger Zeit gehörte zu diesem eingeweihten Kreis auch Christoph Scholz, der bisher aber nur wenig Glück mit größeren Gewinnen hatte, sodass sein Konto zu seinem Leidwesen merklich abnahm. Die Besitzerin hatte Christoph bereits seit längerer Zeit beobachtet und empfand immer mehr zunehmende Sympathie für ihn. Vor vier Wochen hatte sie Christoph ihre Leidenschaft zu ihm gestanden, wovon er spürbar überrascht war, denn seine ganze Aufmerksamkeit hatte bisher lediglich dem Spielen gegolten. Christoph konnte anfangs nicht mit der Sympathie der Casinobesitzerin umgehen, aber ihr stetiges Werben um seine Gunst beeindruckte ihn immer stärker und er konnte sich ein Verhältnis vorstellen, wobei es bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht zum Austausch von Intimitäten, bis auf einige flüchtige Küsse, gekommen war. Sie hatte Christoph bereits einige Male eine Zusammenkunft außerhalb des Casinos vorgeschlagen, was er bisher ständig abgelehnt hatte, aber er wusste nicht, wie lange er dem ständigen Werben der schönen Casinobesitzerin wiederstehen konnte.

Christoph Scholz war mit dem Grillen der Bratwürste fertig und seine Gattin hatte für beide noch eine schöne Flasche Rotwein geöffnet, denn sie wusste, dass ihr Mann gern ein Glas Rotwein trank. Beide saßen am Tisch auf der Terrasse und Frau Scholz hatte zusätzlich einige kleine Happen Gemüse zubereitet. Die Abendluft war noch sehr mild und beide verweilten auf der Terrasse und genossen den Rotwein, wobei sie sich in ihren Gesprächen an ihre ersten Treffen erinnerten und immer fröhlicher und ausgelassener wurden. Während des Gespräches klingelte plötzlich das Handy von Frau Scholz und Christoph gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie getrost diesen Anruf entgegennehmen konnte.

„Ja, bitte“, meldete sie sich und lauschte dem Anrufer.

„Nein, das geht auf keinen Fall“, sagte Frau Scholz zu dem Gesprächspartner, der aber anscheinend diese Ablehnung nicht hinnehmen wollte.

„Ich sagte ihnen bereits, dass ich heute und wahrscheinlich das gesamte Wochenende zu Hause bleibe und mich in Ruhe erholen will“, widerholte sie ihre Ablehnung, ohne das Gespräch zu beenden.

Sie lauschte weiterhin dem Anrufer und sagte später: „Ich beende das Gespräch und wünsche ihnen ein schönes Wochenende.“ Sie schaltete das Handy aus und schaute zu ihrem Mann, der neugierig fragte: „Der Anrufer schien ziemlich aufdringlich?“

„Ja“, sagte sie und wirkte etwas abwesend.

„Kann ich dir helfen?“, fragte Christoph.

„Ist lieb von dir, aber es war nichts von Bedeutung.“

Frau Scholz verschwieg ihrem Mann, dass der Anrufer ihr Liebhaber war, der sich am Wochenende mit ihr treffen wollte. Sie hatte ihn abgewiesen, weil sie den schönen Abend und möglicherweise das gesamte Wochenende mit Christoph verbringen wollte. Die letzten Stunden und das schöne offene Gespräch mit ihrem Mann erweckten in ihr die Hoffnung auf eine Versöhnung mit Christoph, der nicht abgeneigt war, denn innerlich liebte sie ihren Mann noch immer. Die Eheleute scherzten weiter und waren bester Stimmung und kamen sich auch gefühlsmäßig offenbar wieder näher. Inmitten dieser Gespräche läutete das Handy von Christoph und er schaute seine Frau fragend an, welche zustimmend nickte und er meldete sich: „Scholz.“

Die Anruferin war die Besitzerin des Spielcasinos und Christoph war überrascht. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er verdutzt.

Die Anruferin redete auf Christoph ein, der anscheinend immer mehr verwirrt war und stets zu seiner Frau schaute, die ihm zulächelte.

„Heute geht es auf keinen Fall“, sagte Christoph.

Die Anruferin gab jedoch in ihrem Bestreben eines Treffens mit Christoph nicht nach und er wurde immer unsicherer. Schließlich legte er die Hand auf das Handy und fragte seine Frau: „Kann ich morgen für einige Stunden weg?“

„Wann soll es denn sein, am Vormittag oder nachmittags?“

„Nachmittag.“

„Ja, da können wir in Ruhe frühstücken.“

Christoph schaute sie liebevoll an und sagte seiner Anruferin: „Am Nachmittag besteht die Möglichkeit. Bringen sie ihre Unterlagen mit“, fügte er noch hinzu, um bei seiner Frau den Eindruck einer Klientin zu erwecken.

Die Anruferin teilte Christoph noch den Ort und den Zeitpunkt des Treffens mit und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass sie sich auf das morgige Treffen sehr freue.

„Ist es wieder ein Scheidungsfall?“, wollte Christophs Frau wissen.

„Ja, der Fall über den wir gesprochen haben“, log Christoph.

Er war noch immer beeindruckt von dem Anruf der Casinobesitzerin. Er wusste, dass sie große Sympathie für ihn hegte, aber zu einem Treffen war es bisher noch nie gekommen und auch die flüchtigen Küsse hatte er nicht ernst genommen, wobei er sich selbst zugestehen musste, dass er diese Frau sehr anziehend fand und sich gelegentlich bereits einen Flirt vorgestellt hatte. Die Familie Scholz verbrachte in bester Zweisamkeit noch einen fröhlichen Abend und eine tolle Nacht.

Kai Schulten war in Mirow beheimatet, was von Waren direkt über die B 192 und dann weiter Richtung Penzlin erreichbar war. Mirow lag unweit des Müritz-Nationalparks und war ein großer Touristenmagnet. Besonders anziehend für die Touristen war der Ferienpark, welcher zu einem schönen Urlaub einlud. Er war schnell und einfach per Auto über die A24 und A19, Ausfahrt Röbel und die Bindestraße B198 in Richtung Neustrelitz bis Mirow erreichbar. Der Ferienpark grenzte an die Mecklenburger Seenplatte und von den verschiedenen Anlegern war das Erreichen der sechzehn Seen der Seenplatte leicht möglich.

Kai Schulten wohnte im Haus seiner Eltern, zu denen er nach dem Scheitern seiner Ehe vor zwei Jahren zurückgezogen war. Seine Frau hatte sich nach einigen Affären ihres Mannes von ihm getrennt und war wieder in ihre Heimat Bayern zurückgezogen. Beide hatten sich während ihres Studiums kennen und lieben gelernt und Kais Frau hatte sich damals entschlossen, nach Mecklenburg zu ziehen, was ihr nicht leicht gefallen war, denn ihr fehlten in Mecklenburg die Berge. Ihre beiden Kinder hatte Frau Schulten mit zu sich nach Bayern genommen und Kai sah seine Kinder nur noch selten, da er durch seine berufliche Tätigkeit wenig Zeit hatte und die Reise nach Bayern beschwerlich war, wobei seine Frau ihm die Begegnungen mit seinen Kindern stets erlaubte. Vergangenes Jahr hatte er mit seinen Kindern in der Umgebung von Berlin einen wunderschönen einwöchigen Urlaub verbracht und er gedachte, einen solchen Urlaub mit seinen Kindern dieses Jahr wieder zu verbringen. Zurzeit hatte er ein loses Verhältnis mit einer Berufskollegin in Brandenburg, die gleichfalls seit einiger Zeit geschieden war. Beide trafen sich meist an den Wochenenden, wenn es die Zeit und die berufsbedingten Aufgaben erlaubten.

Kai, auf Grund seiner anwaltlichen Tätigkeit im Bereich des Vermögensrechtes, viel unterwegs, da er sich die umstrittenen Immobilien, um die es meistens in den Rechtsstreitigkeiten ging, anschauen und gemeinsam mit Gutachtern befunden musste. Ihm gefiel sein Beruf und er war auch mit seiner Tätigkeit in der Kanzlei „Sorge und Partner“ sehr zufrieden. Sein finanzielles Einkommen ermöglichte ihm ein sorgenfreies Leben und er beabsichtigte, sich demnächst ein kleines Motorboot zu kaufen und damit viele Ausflüge in der Umgebung bis nach Berlin zu unternehmen. Er war bereits seit seiner Kindheit ein Freund des Wassers gewesen und konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als seine freien Tage auf einem Boot zu genießen. In seiner beruflichen Tätigkeit hatte er bereits mehrmals Familien, die ein Eigenheim erworben oder gebaut hatten, zu ihrem Recht gegenüber dem Makler oder der Baufirma verholfen und besaß einen guten Ruf. Gelegentlich mietete er sich im Ferienpark Mirow einen Bungalow und verbrachte dort einige Tage, wobei er, in Abstimmung mit dem Kanzleileiter, seine Tätigkeit in dem Bungalow fortsetzte. Prinzipiell war er sehr bescheiden und stellte keine großen Ansprüche an sein Leben und an seine Freunde, mit denen er einen lockeren Umgang pflegte und die er zu sich beziehungsweise in den Ferienpark Mirow einlud. Sein Freundeskreis beschränkte sich im Wesentlichen auf ehemalige Studienmitstreiter und seine neue Freundin.

Die Eltern hatten ihn nach dem Scheitern seiner Ehe sofort wieder im Elternhaus aufgenommen, wobei er ihnen versprach, sich so bald als möglich eine eigene Wohnung zu suchen, was er jedoch bisher sträflich vernachlässigt hatte. Seine Eltern erinnerten ihn aber auch nicht an sein Versprechen, da sie seine Anwesenheit genossen und die gemeinsamen Stunden beim Abendessen, die zwar selten vorkamen, mit großer Freude erlebten. An diesem Abend kam Kai wieder frohgelaunt in den Abendstunden im Elternhaus an und seine Mutter fragte sofort: „Bleibst du zum Abendessen?“

„Ja“, antwortete Kai.

„Dann könnten wir auf der Terrasse Bratwürste grillen.“

„Einverstanden, aber später muss ich nochmal fort.“

„Kannst du dir nicht einmal einen freien Abend gönnen?“

„Könnte ich schon, aber du weißt, ich bin beruflich sehr eingebunden.“

„Ich bin gern bei euch, aber ich habe noch eine Verabredung“, gab Kai zurück.

„Lass ihm doch seine Freiheit“, warf der Vater dazwischen.

„Triffst du dich mit Gisela?“, ließ die Mutter nicht locker.

„Sie will mich heute Abend noch anrufen.“

„Dann lass uns keine Zeit verlieren und den Grill anwerfen“, schlug der Vater vor.

„Eine gute Idee, ich helfe dir Vater.“

Kai Schulte hatte ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu seinem Vater und war ihm für seine Fürsorge in seiner Kindheits- und Jugendzeit sehr dankbar, denn Kai hatte erst spät den Sinn des Lebens erkannt und war bis zu diesem Zeitpunkt kein einfaches Kind und tobte lieber mit seinen gleichaltrigen Spielgefährten umher, als sich um schulische Belange zu kümmern. Sein Vater, der von Beruf Lehrer war, hatte ihn wiederholt über seine Zukunft aufgeklärt und sich viele Stunden mit ihm beschäftigt, damit er gute Zeugnisse erreicht und sich somit seine Zukunft nicht verbaute. Der Abend verlief in bester Harmonie und die Eltern waren stolz auf ihren Sohn.

3

Detlef Schmidt, der Immobilienmakler und Freund von Ulf Sorge, hatte sich an diesem Freitagabend auf ein ruhiges und gemütliches Wochenende vorbereitet und wollte sich zum Abendessen einige Kartoffelpuffer zubereiten. Sein Grundstück in Vipperow war abseits der kleinen Ortschaft gelegen und daher konnte er seinen Feierabend in Ruhe genießen, denn es kam ganz selten jemand bei ihm vorbei. Er wollte gegen 20 Uhr seinen Sohn anrufen und ihm nach seinem Wohlbefinden fragen. Er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Sohn, der sehr zeitig selbstständig geworden und später mit seiner Familie an die Ostsee gezogen war.

Das Grundstück lag in gerader Richtung vor der Abzweigung in der Ortsmitte, die nach Rechlin führte. In der Ortsmitte von Vippperow gab es eine kleine Gaststätte, die in den Sommermonaten Plätze im Freien vor der Gaststätte anbot. Außerdem gab es hier einen kleinen Tante-Emma-Laden für dringende Einkäufe, ansonsten fuhren die Einwohner nach Rechlin in das Einkaufszentrum. Auf dem Weg von Röbel nach Vippperow fuhr man an einem wunderschönen Feriengelände vorbei. Es nannte sich „Fischerhof-Müritz“, war circa 500 Meter vom Wasser entfernt und hatte vier Apartments und acht Wohnungen. Die Wohnungen waren sehr großzügig gestaltet und boten sich besonders für den Ferienaufenthalt mit Kindern an. Zum Gelände gehörten ein Kinderspielplatz und eine Streuobstwiese und es wurde von altem Baumbestand umgeben. Dieses Kleinod der Erholung war bei Insidern bekannt und über das gesamte Jahr gut besucht, sodass eine Buchung bereits sehr früh zu Beginn des Jahres erforderlich war. Einige der Gäste waren bereits mehrmals zum Erholungsurlaub im Fischerhof.

Die Inhaberin des „Fischerhof-Müritz“, Frau Beate Fischer, war eine gut aussehende freundliche und zuvorkommende Frau. Bei Ankunft neuer Gäste ließ sie es sich nicht nehmen, diese bei der Schlüsselübergabe persönlich zu begrüßen. Bei diesen Gesprächen wurde nicht nur über den Fischerhof gesprochen, sondern es erfolgte auch der Austausch privater Angelegenheiten und Frau Fischer erklärte die Umgebung und deren Ausflugsziele. Die erhobenen Preise passten sich dem in der Umgebung üblichen Niveau an.

Vipperow war eine kleine Ortschaft, wo sich alle Einwohner gut kannten, wobei Detlef Schmidt ein wenig der Außenseiter war, da er nur selten in die Gaststätte ging und auf Grund seiner Tätigkeit als Makler meistens spät nach Hause kam. Die meisten wunderten sich, dass er noch in Vipperow wohnte, wo er doch ständig mit größeren und besseren Häusern und Grundstücken in Verbindung stand. Die Einwohner schätzten, dass er der wohlhabendste Mensch der Ortschaft war. Gelegentlich waren Frauen auf seinem Grundstück gesehen worden, aber diese Verbindungen hielten anscheinend nie sehr lange und er war meistens allein. Detlef Schmidt hatte sich gegen 20 Uhr auf seine Terrasse gesetzt und den Tisch für sein Abendessen vorbereitet, wobei er sich zwei Flaschen Bier dazu gestellt hatte, denn er war ein echter Liebhaber guten Bieres. Er lebte nicht auf großem Fuß, sondern legte sein Geld in verschiedenen Anlagen an, wobei er monatlich eine größere Summe seinem Sohn und dessen Familie schickte. Er brauchte für sich nicht viel Geld zum Leben, da er wenig ausging und sich auch ansonsten mit größeren Einkäufen zurückhielt. Auf Grund seiner Tätigkeit als Makler und der damit verbundenen geringen Freizeit, denn er stand seinen Kunden jederzeit für die Besichtigung von Immobilien zur Verfügung, hatte er wenig Zeit für Hobbys. Seine große Leidenschaft war das Angeln, aber es waren bereits Wochen vergangen, als er das letzte Mal angeln war. Er war mit seinem Leben zufrieden, auch wenn er sich gelegentlich, seit der Scheidung von seiner Frau, etwas einsam vorkam. Er war gesund und konnte sich, unter Berücksichtigung seiner Tätigkeit, seinen Tagesablauf nach seinen Wünschen gestalten. Alle Versuche ein neues Leben mit einer Lebensgefährtin zu gestalten, waren kläglich gescheitert, wobei er sich selbst die Schuld gab, weil er wahrscheinlich zu wenig auf die Wünsche und Vorstellungen eines gemeinsamen Lebens mit den Partnerrinnen einging.

Detlef Schmidt ging in die Küche, um die Kartoffelpuffer, die er zwischenzeitlich gebraten hatte, für das Abendessen auf die Veranda zu schaffen. Er aß die Puffer am liebsten mit aufgestreutem Zucker, den er bereits auf dem Tisch stehen hatte. Er öffnete eine Flasche Bier und goss sich ein Glas ein. Während er zu Messer und Gabel griff, wurde er plötzlich und blitzschnell von hinten mit einer Drahtschlinge an die Stuhllehne gedrückt und er spürte nur noch ganz kurz wie ihm der Atem wegblieb. Zu großen Abwehrreaktionen war er, auf Grund der Überraschung des Angriffes und der Kraft mit der sein Kehlkopf zugedrückt wurde, nicht fähig. Das Leben von Detlef Schmidt wurde in wenigen Sekunden brutal und hinterhältig beendet. Auf Grund der Abgelegenheit des Grundstückes musste der Täter nicht mit Überraschungen durch fremde Personen rechnen. Er hatte die Tat gut geplant und sich bereits längere Zeit vor der Ankunft von Herrn Schmidt auf dem Grundstück versteckt und alle Bewegungen seines späteren Opfers beobachtet. Nach der Tat setzte er sich gemütlich mit einem hämischen Grinsen in die Küche und verspeiste die von Detlef Schmidt zubereiteten Kartoffelpuffer, als plötzlich das Telefon läutete. Der Täter hatte mit diesem Anruf nicht gerechnet und schaute etwas verwirrt auf den Apparat. Nach einiger Zeit schaltete sich der Anrufbeantworter ein und eine männliche Stimme sagte: „Hallo Vati, leider habe ich dich nicht erreicht, bitte rufe zurück.“

Der Täter ließ sich davon nicht beeindrucken und begann mit der Säuberung des Essgeschirrs und schaute sich gewissenhaft in der Wohnung nach möglichen Spuren seinerseits um. Auf Grund der Bodengestaltung der Terrasse und der gesamten Küche, die mit Laminat ausgelegt war, brauchte er wenig Gefahr hinsichtlich von zurückgelassenen Spuren zu befürchten, dennoch wischte er beide Räume kurz durch, wobei er sich reichlich Zeit nahm, denn er befürchtete nicht, von anderen Menschen beobachtet zu werden. Nachdem er alles nochmals gründlich betrachtet hatte, schien er mit seinen Werk zufrieden und zog als letztes den getöteten Detlef Schmidt mit dem Stuhl in die Küche und verdunkelte mittels der eingebauten Vorhänge den Raum. In der Zwischenzeit war es bereits dunkel geworden und er verließ das Grundstück. Die Einwohner der Ortschaft hatten sich bereits in ihre Wohnungen zurückgezogen oder waren schon zu Bett gegangen. Er umging die Gaststätte, wo noch zwei Tische mit Männern besetzt waren, und entfernte sich aus Vipperow, um zu seinem geparkten Auto zu gelangen und fuhr Richtung Rechlin davon.

4

Am folgenden Samstagnachmittag herrschte auf dem Polizeirevier in Waren/​Müritz die übliche Gelassenheit und der Revierleiter führte die Auswertung der vergangenen Nacht durch. Entsprechend der ihm vorliegenden Protokolle von Störungen waren keine besonderen Auffälligkeiten auszuwerten. Es gab einige Ruhestörungen und zwei Schlägereien, zu denen seine Mitarbeiter gerufen worden waren. Das einzige nennenswerte Vorkommnis war ein offensichtlicher Familienstreit, der zu einer Messerstecherei geführt hatte. Die Beamten hatten den Streit beendet und den offensichtlich stark alkoholisierten Täter in Verwahrung genommen. Die Uhr zeigte kurz vor 12 Uhr an, als beim Revierleiter das Telefon klingelte und eine aufgeregte Stimme fragte: „Bin ich richtig bei der Polizei?“

„Ja, wie kann ich ihnen helfen?“

„Sie müssen sofort zu meinem Vater fahren“, erwiderte der Anrufer.

„Beruhigen sie sich. Wie ist ihr Name?“

„Ich heiße Martina Sorge und mein Vater ist Ulf Sorge.“

„Ist ihr Vater Ulf Sorge, der Anwalt?“, wollte der Revierleiter wissen.

„Ja.“

„Ihr Vater ist in der Gegend bekannt.“

„Das glaube ich, aber darum geht es nicht.“

„Was ist genau ihr Anliegen?“

„Meinem Vater muss etwas zugestoßen sein. Ich habe ihn seit gestern Abend bis heute mehrmals versucht telefonisch zu erreichen, aber er meldet sich nicht.“

„Vielleicht ist er verreist.“

„Mit Sicherheit nicht, dass hätte er mir mitgeteilt. Er verreist selten und wenn, dann gibt er mir zuvor Bescheid. Wir telefonieren oft und besonders am Wochenende. Ich bin mir sicher, dass ihm etwas zugestoßen ist.“

„Könnte ihr Vater krank sein?“

„Davon ist mir nichts bekannt, im Gegenteil, er war stolz auf seine Gesundheit.“

„War er mit dem Fahrzeug unterwegs, vielleicht hatte er einen Unfall?“

„Er trug stets einen Notfallpass bei sich. Bei einem Unfall hätte das Krankenhaus oder andere Personen mich sicherlich in formiert.“

„Wann haben sie mit ihren Vater das letzte Mal gesprochen?“

„Am Freitagabend, da war er bester Stimmung und freute sich auf das Wochenende.“

„Gut, Frau Sorge. Wir werden unsererseits die festgelegten Maßnahmen ergreifen und zugleich alle Reviere bezüglich ihres Vaters befragen.“

„Das reicht mir nicht, ich verlange, dass sie sofort zum Grundstück meines Vaters fahren.“

„Die einzuleitenden Maßnahmen überlassen sie bitte uns“, erwiderte der noch immer freundliche Revierleiter.

„Ich bin überzeugt, dass ihm etwas Schlimmes widerfahren ist. Vielleicht benötigt er dringend ärztliche Hilfe und sie unternehmen nichts. In dem Fall mach ich sie verantwortlich“, brüllte Martina Sorge ins Telefon.

„Bitte beruhigen sie sich. Ich werde die entsprechenden Schritte einleiten. Wie kann ich sie erreichen, für den Fall, dass wir ihre Hilfe benötigen?“

„Meine Telefonnummer haben sie. Ich werde mich nicht vom Telefon entfernen. Ich rufe aus Australien an und ersuche sie dringend, nach dem Befinden meines Vaters zu schauen.“

„Gut, sobald wir näheres wissen, melden wir uns bei Ihnen“, sprach der Revierleiter und beendete das Gespräch.

Nach dem Auflegen des Hörers entschloss sich der Beamte einen Streifenwagen nach Röbel zu dem Grundstück von Detlef Scholz zu schicken, wobei er diese Maßnahme nur aus Sicherheitsgründen und zur Beruhigung der Anruferin festlegte, ohne im Geringsten zu ahnen, was seine Kollegen erwartete. Die Streifenpolizisten trafen nach wenigen Minuten auf dem Grundstück von Ulf Sorge ein und läuteten an der Pforte. Nachdem niemand öffnete sagte einer der Polizisten: „Lass uns zum Haus gehen und an der Haustür läuten.“

„Einverstanden“, erwiderte der andere.

Sie gingen zur Haustür und läuteten erneut mit dem gleichen Ergebnis, dass sich niemand meldete.

„Lass uns das Grundstück besichtigen, vielleicht können wir von einem Fenster Einblick in die Wohnung erlangen“, schlug einer vor und beide begaben sich auf einen Rundgang um das Gebäude, mit dem Ergebnis, dass sie keinen Blick in die Wohnung des Anwaltes gewinnen konnten.

„Was nun?“

„Weiß auch nicht, schlage vor, wir rufen unseren Chef an.“

Sie riefen ihren Vorgesetzten an und schilderten die Lage vor Ort. Der Revierleiter überlegte und sagte: „Wir haben für das Haus keinen Durchsuchungsbeschluss.“

„Vielleicht ist Gefahr im Verzug“, antwortete ein Streifenpolizist.

„Ja, aber dann könnt ihr dennoch nicht einfach einbrechen. Ich schicke euch einen Schlüsseldienst und in der Zwischenzeit beantrage ich einen Durchsuchungsbeschluss“, legte der Chef fest.

Die Polizisten warteten auf dem Grundstück von Ulf Sorge auf den Schlüsseldienst und beiden kam die Lage merkwürdig vor. Das Auto von Ulf Sorge war nicht zu sehen, aber es konnte in der Garage stehen, die nicht einsehbar war.

„Es ist schon seltsam, dass vom Anwalt kein Lebenszeichen spürbar ist und er sich nicht bei seiner Tochter gemeldet hat. Ich schätze ihn und dafür ist er bekannt, als sehr gewissenhaft und gründlich ein, warum meldet er sich dann nicht bei seiner Tochter. Nach circa zwanzig Minuten traf der Mitarbeiter von Schlüsseldienst ein. „Euer Anliegen muss sehr dringend sein, wenn ich von meinem Boss von einem eiligen Auftrag abgezogen werde. Dann wollen wir das Haus mal öffnen“, sagte der Mann und hatte binnen Sekunden die Haustür geöffnet.

„Mein Boss wird euch die Rechnung schicken“, sagte er und verabschiedete sich.

Die Polizisten betraten den Flur des Hauses und riefen nach Herrn Sorge, woraufhin sie keine Antwort bekamen. Der Flur wirkte aufgeräumt und sauber. An der Flurgarderobe hingen Sommermäntel und leichte Jacken und die Schuhe standen ordnungsgemäß und sauber davor.

„Lass uns die Zimmer anschauen“, sagte einer der beiden und ging in die Wohnstube voraus. Sie betraten die Wohnstube, ohne das ihnen anfangs Besonderheiten auffielen. Sie gingen Richtung Fernseher, wobei sie an dem Sessel vorbeikamen und beiden vor Erschrecken fast der Atem stockte. Der Anwalt, Ulf Sorge, saß mit weit aufgerissenen Augen im Sessel und war offensichtlich keines natürlichen Todes gestorben.

„Schau dir das an.“

„Ja, ich sehe, der Mann hat Würgemerkmale am Hals.“

„Es sieht nach einer brutalen Hinrichtung aus.“

„Der Mann ist schon weit erkaltet, demnach liegt das Verbrechen bereits einige Zeit zurück.“

„Ja, ich stimme dir zu.“

„Ich werde jetzt unseren Chef anrufen.“

„Schildere die Lage exakt“, antwortete der andere Polizist.

„Hör mal, wie lange arbeiten wir bereits zusammen und gehen auf Streife, da müsstest du wissen, dass ich meine Arbeit gründlich erledige“, entsetzte sich sein Kollege.

„Reg dich nicht auf, sollte ein Spaß sein.“

Der Polizist setzte seine Meldung an seinen Vorgesetzten ab, der über diese Nachricht entsetzt war.

„Ihr bleibt vor Ort. Ich leite alle erforderlichen Maßnahmen, einschließlich der Abteilung der Spurensicherung ein. Anschließend komme ich persönlich zum Tatort.“

„Wenn es der Tatort ist“, entgegnete der Polizist.

„Das werden wir alles aufklären. Bis dann und sichert das Grundstück großflächig ab, wir brauchen keine unnützen Schaulustigen, die eventuell noch Spuren zertrampeln“, legte der Revierleiter fest und beendete das Gespräch, um die notwendigen Maßnahmen in einem Mordfall einzuleiten. Nach einigen Telefonaten wollte sich der Revierleiter soeben zu seinem Fahrzeug begeben, als erneut das Telefon läutete und eine aufgeregte weibliche Stimme sich nach dem Befinden ihres Mannes erkundigte.

„Mit wem spreche ich?“, fragte der Revierleiter.

„Lia Sorge.“

Der Revierleiter stutze und wusste für einen Augenblick nicht wie er sich der Frau des Getöteten gegenüber verhalten sollte. Schließlich fragte er: „Wie kann ich ihnen helfen?“

„Meine Tochter hat mich soeben aus Australien angerufen und mir mitgeteilt, dass mein Mann nicht zu erreichen ist. Sie hat bei ihnen eine Vermisstenanzeige aufgegeben.“

„Ja, ich weiß, Frau Sorge.“

„Was ist mit meinem Mann, haben sie neue Erkenntnisse?“

„Frau Sorge, wann haben sie letztmalig mit ihrem Gatten gesprochen?“

„Ich habe am Donnerstagabend das letzte Mal mit ihm telefoniert. Ich bin zurzeit in Berlin und pflege meine Eltern, was sehr aufwendig ist und deshalb kann ich leider nicht täglich mit meinen Mann sprechen.“

„Ich verstehe, Frau Sorge, aber im Augenblick kann ich ihnen leider nichts Neues mitteilen, wir ermitteln weiter bezüglich des Verbleibes ihres Gatten“, sagte der Revierleiter, weil er sich im Augenblick nicht schlüssig wurde, der besorgten Frau das Ableben ihres Mannes mitzuteilen und außerdem wollte er auf Grund der bisher vorliegenden Erkenntnissen nicht voreilig falsche Schlüsse ziehen. Zudem konnte er sich nicht entschließen, die Frau telefonisch über den gewaltsamen Tod ihres Gatten zu informieren. Er entschloss sich daher, das Ableben ihres Mannes vorerst zu verschweigen und sprach: „Sobald wir Informationen zum Aufenthalt ihres Mannes haben, werden wie sie in Kenntnis setzen.“

„Ich erwarte ihren Anruf, damit ich auch meine Tochter informieren kann.“

„Hat ihr Mann bei ihrem letzten Gespräch einen Ausflug erwähnt?“

„Nein.“

„Hatte er anderweitig etwas geplant?“

„Nein und wenn hätte er mich mit Sicherheit informiert.“

„Hat er über körperliche Beschwerden gesprochen?“, fragte der Beamte, um die Frau abzulenken.

„Keinesfalls, er war immer gesund.“

„Gut, Frau Sorge, wir melden uns wieder bei Ihnen.“

Nach diesem Telefonat ging er zum Wagen und fuhr Richtung Röbel, das er von zahlreichen Ausflügen mit seiner Familie gut kannte. Er sah bereits von weitem seine Mitarbeiter auf der Zufahrtstraße stehen und war zufrieden, dass sie das Grundstück gut abgesichert hatten. Die meisten Passanten gingen teilnahmslos an ihnen vorbei, sodass nicht mit großem Auflauf zu rechnen war. Er fuhr sein Fahrzeug bis zum Grundstück von Ulf Sorge und lief danach zu seinen Untergebenen zurück.

„Waren sie schon im Haus?“, wurde er gefragt.

„Nein, dass erledige ich anschließend.“

„Sind die Spurensicherung und die Kripo unterwegs?“

„Ja, müssten beide in Kürze eintreffen.“

„Eigentlich haben wir Dienstschluss“, warf ein Polizist ein.

„Ich weiß und ich habe ihre Ablösung bereits veranlasst.“

„Wie lange wollen sie heute noch arbeiten?“, kam die nächste Frage.

„Solange, bis ich diesen Fall der nächsten Schicht problemlos übergeben kann. Ich denke, dass die Kripo die weiteren Schritte und Ermittlungen aufnimmt.“

Sie unterhielten sich noch einige Zeit, als das Handy des Revierleiters erneut läutete und sich die Wache seines Revieres meldete.

„Sie müssen sofort zurückkommen“, sagte der Beamte.

„Weshalb?“

„Uns liegt eine weitere Vermisstenanzeige vor.“

„Seit wann ist die Person vermisst.“

„Nach Aussage des Anrufers erfolgte der letzte Kontakt vorgestern, also am Donnerstag.“

„Um welche Person handelt es sich?“

„Der Vermisste ist Detlef Schmidt.“

„Der Immobilienmakler aus Vipperow?“

„Ja.“

„Von wo kam der Anruf und wer rief an?“

„Der Anrufer war sein Sohn und der Anruf kam aus Ahlbeck.“

„Sobald die Kripo und die Spurensicherung hier in Röbel vor Ort sind, werde ich im Fall Detlef Schmidt die notwendigen Maßnahmen einleiten. Gab es weiteren Kontakt zwischen Sohn und Vater?“

„Der Sohn hat ihn gestern Abend angerufen, aber keinen Kontakt bekommen, woraufhin er die Bitte um Rückruf auf den Anrufbeantworter gesprochen hat. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat er jedoch kein Lebenszeichen von seinem Vater bekommen, was nach Meinung des Sohnes sehr ungewöhnlich ist.“

„Gut, bis später“, beendete er das Gespräch und ging zu seinen Kollegen.

„Der Tag wird noch etwas länger für euch“, sprach er zu ihnen.

„Wieso?“, fragten beide verdutzt.

„Es gibt eine weitere wichtige Vermisstenanzeige.“

„Das ist jetzt aber nicht wahr, Chef.“

„Doch und ich habe keine weiteren Leute in der jetzigen Schicht.“

„Ein tolles Wochenende, auf welches ich mich gefreut habe.“

„Tut mir leid Jungs, aber es geht nicht anders“, sagte er und konnte mit Genugtuung die Ankunft der Spurensicherung begrüßen, die er sofort zum Grundstück weiterschickte.

„Ihr fahrt beide nach Vipperow zum Grundstück von Detlef Schmidt, lasst euch von der Wache einweisen. Wenn ihr angekommen seid, gebt mir sofort Bescheid. Ich gehe jetzt mit der Spurensicherung alles durch und komme nach der Absprache mit der Kripo zu euch.“

„Das kann ein schönes Wochenende werden, ich hoffe nur in Vipperow erwartet uns nicht das gleiche Bild wie hier“, lächelte ein Streifenpolizist.

„Der Ort ist doch nur rund fünfzehn Kilometer von hier entfernt.“

„Ja, aber die Spurensicherung und die Kripo können nicht gleichzeitig an zwei Orten sein.“

„Macht euch auf den Weg, ich komme sobald als möglich nach“, sagte der Chef und ging zum Grundstück von Ulf Sorge zurück, wo die Kollegen bereits warteten. Er erkundigte sich bei den Mitarbeitern der Spurensicherung und der Kripo nach bisherigen Ergebnissen, wobei ihm mitgeteilt wurde, dass gegenwärtig noch keine konkreten Aussagen möglich seien.

„Es gibt seit zwanzig Minuten eine weitere Vermisstenanzeige, der wir sofort nachgehen müssen“, sagte der Beamte und schaute seine Kollegen an, die leicht verwirrt dreinschauten.

„Es handelt sich um eine ziemlich bekannte Persönlichkeit.“

„Bei uns gibt es keine Bewertung nach dem Bekanntheitsgrad eines Vermissten.“

„Das wollte ich nicht zum Ausdruck bringen“, entschuldigte sich der Revierleiter.

„Wir haben hier noch einige Zeit zu tun“, schätzten die Kollegen der Kripo ein.

„Ich werde zum Ort des neuen Vermissten fahren, meine Kollegen habe ich bereits vorgeschickt, gegebenenfalls setzte ich mich mit ihnen in Verbindung.“

Der Chef des Polizeireviers von Waren/​Müritz setzte sich in Richtung Vipperow in Bewegung und hoffte, dass sich in diesem Fall der Vermisstenanzeige keine weiteren Komplikationen herausstellten. Nach fünfzehn Minuten traf er auf dem Grundstück von Detlef Schmidt am Ende des Ortes ein und fragte seine Mitarbeiter: „Wie ist die Lage?“

„Alles ruhig und niemand anzutreffen.“

„Habt ihr das Grundstück abgesucht?“

„Ja, aber keine Auffälligkeiten festgestellt. Wir haben mehrmals geklingelt und gerufen, aber keine Antwort bekommen.“

„Ist die Zugangstür verschlossen?“

„Ja.“

„Gibt es andere Zugänge?“

„Ja, zum Keller, aber auch diese Tür ist verschlossen und die Tür von der Veranda in das Wohnhaus ist gleichfalls verschlossen, sodass ein Zugang in das Innere des Hauses auf normalem Weg nicht möglich ist.“

„Fenster sind auch alle verriegelt?“

„Ja“, antworteten die Polizisten leicht erzürnt über diese Frage ihres Vorgesetzten.

„Lasst uns die Haustür etwas genauer betrachten“, sprach der Chef und ging mit seinen Kollegen zur Haustür, wo er feststellte, dass es sich um ein normales Sicherheitsschloss handelte. Er schaute seine Kollegen an und alle hatten ein ungutes Gefühl, betreffs der Stille auf dem Grundstück. Detlef Schmidt war allen bekannt und er genoss einen guten Ruf, wobei er für seine Verschlossenheit bekannt war, die sich nach seiner Scheidung weiter verstärkt hatte und er außerhalb seiner Geschäftstätigkeit wenig Kontakt pflegte.

„Die Kollegen der Spusi und Kripo sind noch in Röbel beschäftigt und ich werde die Verantwortung übernehmen und uns Zutritt in das Haus verschaffen.“

„Habt ihr neugierige Einwohner gesehen?“

„Nein, der Ort wirkt etwas verschlafen und außerdem ist es bereits Abend geworden.“

Dem Revierleiter fiel erst jetzt auf, das es bereits weit nach 21 Uhr geworden ist. Der Verlauf der zurückliegenden Stunden war sehr ereignisreich gewesen und hatte die Zeit schnell vergehen lassen.

„Es ist gut für uns, dass dieses Grundstück am Ortsrand liegt und wir keine Schaulustigen zu befürchten haben. Ich schlage vor, wir entfernen die Beschläge aus den Angeln der Tür, sodass wir danach die Tür ausheben und uns somit Zutritt verschaffen können.“

„Wollen sie keinen Schlüsseldienst holen?“, fragten beide Streifenpolizisten gleichzeitig.

„Nein, ich nehme diese Entscheidung auf meine Kappe“, sagte mit entschlossener Stimme der Chef.

Nach wenigen Minuten hatten sie ohne große Schwierigkeiten die Tür aus den Angeln gehoben und standen im Flur der Wohnung von Detlef Schmidt. Sie riefen seinen Namen ohne eine Antwort zu bekommen. In der Wohnung herrschte völlige Dunkelheit und die Polizisten mussten zunächst das Licht einschalten, um sich bewegen zu können. Im Flur auf der Garderobe lag der Hausschlüssel und sie wollten später die Tür wieder einhängen, um Fremden keinen Zutritt zu gewähren. Sie gingen in die in gerader Linie liegende Wohnstube und konnten nichts feststellen, woraufhin sie in die Küche gingen und zu ihrem Entsetzten den getöteten Detlef Schmidt fanden.

„Nicht schon wieder“, rief einer der Polizisten.

„Ich fasse es nicht“, stimmte der Chef zu.

„Wie geht es jetzt weiter?“, wollten die Polizisten von ihren Chef wissen.

„Gute Frage, lasst mich überlegen“, sagte dieser und setzte sich auf einen Küchenstuhl.

Nach einiger Zeit angestrengten Nachdenkens sprach der Revierleiter schließlich: „Unsere Kollegen sind noch in Röbel im Einsatz und es ist bereits nach 22 Uhr, sodass ansonsten nur noch der Bereitschaftsdienst eingesetzt werden kann und gegenwärtig ist mir nicht bekannt, welche Kollegen heute Bereitschaft haben und welchem Tätigkeitsbereich sie angehören. Zudem glaube ich, dass diese Angelegenheit für unser Revier eine gewaltige Nummer zu groß ist. Einerseits von der personellen Kapazität und andererseits von der fachlichen Kompetenz.“

„Da geben wir ihnen völlig recht“, sagten seine Mitarbeiter.

„Daraus schlussfolgernd werde ich, nach meiner Ankunft im Revier, sofort meine übergeordnete Dienststelle anrufen und über beide Vorkommnisse informieren und sie darauf hinweisen, dass wir zur Aufklärung der beiden Mordfälle, um die es sich nach meiner festen Überzeugung handelt, nicht befähigt sind.“

„Was geschieht mit uns?“, fragten die Streifenpolizisten.

„So leid es mir tut, aber ihr müsst vorerst vor Ort bleiben, aber ich werde so schnell wie möglich eine Ablösung für euch organisieren.“

„Das kann lange dauern.“

„Möglich, hängt auch von der Freigabe der Tatorte durch die Ermittler ab.“

„Ich bekomme allmählich ein großes Hungergefühl“, erwiderte einer.

„Ich fahre jetzt ins Revier und werde alles Nötige veranlassen.“

Der Revierleiter verließ, nachdem er die Ermittler in Röbel von den Verbrechen in Vipperow benachrichtigt und sie gleichzeitig zur Aufnahme ihrer Tätigkeit im zweiten Tötungsfall ersucht hatte, in seine Dienststelle. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und überlegte, wen er benachrichtigen musste und wie er die scheußlichen Taten erklären sollte. Er wusste, dass diese Verbrechen eine großangelegte Ermittlungsaufgabe erfordern würden, einschließlich notwendiger Fahndungsmaßnahmen und gerichtsmedizinischer Untersuchungen. Ein solches Vorkommnis hatte es in seiner langjährigen Tätigkeit in seinem Dienstbereich noch nicht gegeben. Die Zeit war bereits weit vorangeschritten und die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht, aber er wollte diese Vorkommnis nicht auf seinem Schreibtisch liegen lassen und er war sich sicher, alle bisher notwendigen Aufgaben zur Sicherung der Tatorte und sich aller daraus ergebenden Notwendigkeiten veranlasst zu haben. Er ahnte, dass sein unmittelbarer Vorgesetzter zu dieser späten Nachtzeit bereits zu Bett gegangen sein könnte und entschloss sich dennoch, ihn zu Hause anzurufen. Nach einiger Zeit des Wartens am Telefon meldete sich sein Vorgesetzter: „Das muss aber sehr wichtig sein, wenn sie mich jetzt anrufen.“

„Davon bin ich überzeugt.“

„Was gibt es Besonderes?“

„Ich habe zwei Tötungsverbrechen zu melden.“

„Wenn das ein Scherz sein soll, ist er ihnen nicht gelungen, berichten sie.“

Der Revierleiter schilderte die Ereignisse der letzten Stunden mit den aufgefundenen getöteten Personen und berichtete seine eingeleiteten Maßnahmen, einschließlich des gegenwärtigen Standes mit der Sicherung der Tatorte, denn er war der festen Überzeugung, dass die Fundorte gleichzeitig die Tatorte waren. Nach Beendigung seines Berichtes wartete er gespannt auf die Erwiderung seines Vorgesetzten. Nach einigen Augenblicken des Schweigens seines Vorgesetzten, indem der Revierleiter eine deutliche Anspannung seines Chefs verspürte. „Sie haben, nach meiner jetzigen Einschätzung klug und umsichtig gehandelt. Erstellen sie bitte einen ausführlichen Bericht über alle Vorgänge der letzten Stunden und versuchen sie die zurzeit vorliegenden Erkenntnisse der Ermittler mit einzubeziehen, auch wenn diese noch etwas vage und noch nicht bestätigt sind. Wir benötigen alle Informationen, um ein Bild zu erstellen. Alle möglichen Angaben zu den getöteten Personen und ihrer Tätigkeiten sowie ihrer häuslichen Umgebung sollten in den Bericht einfließen. Ich werde sofort in ihr Revier fahren und von dort die weiteren Meldungen vornehmen. Bis gleich“, sagte der Vorgesetzte und beendete das Gespräch. Der Revierleiter versuchte die Ereignisse der letzten Stunden akribisch in seinen Bericht einzuarbeiten und keine Details zu vernachlässigen. Sein Vorgesetzter traf nach circa fünfzig Minuten im Revier ein und las kurz den Bericht durch, wobei er zufrieden mit dem Kopf nickte.

„Ich schätze, den Fall müssen wir an eine höhere Stelle weiterleiten, da er nach meiner Ansicht durchaus eine Größenordnung erreicht hat, die wir nicht selbstständig bearbeiten können und uns zudem die Erfahrung auf diesem Gebiet fehlt, womit ich keinesfalls ihre Arbeit abwerten möchte.“

„Ich vertrete den gleichen Standpunkt.“

„Das wird nicht einfach, um diese Zeit die Verantwortlichen zu erreichen, aber die Schwere der Taten erfordert ein schnelles Handeln.“

Der Vorgesetzte des Revierleiters informierte die nach seiner Ansicht zuständigen Polizeistellen und setzte noch in der Nacht einen gewaltigen Apparat in Bewegung, der nach Ansicht aller zuständigen Behörden zur Aufklärung der Verbrechen erforderlich war.

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