Kitabı oku: «Ein Fluch aus der Vergangenheit»

Yazı tipi:

Joachim Bräunig

EIN FLUCH AUS DER

VERGANGENHEIT

Kriminalroman

Engelsdorfer Verlag

2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bisher vom Autor erschienene Bücher

1.Ein rätselhafter Mord

2.Aus Lust zum Mörder

3.Mord als letzter Ausweg

4.Der eiskalte Mörder

5.Tod im Fitness-Studio

6.Das geheimnisvolle Merkmal

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag

Coverfoto © zuzule - Fotolia.com

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

1

Im Polizeipräsidium Brandenburg saßen der Polizeipräsident und Hauptkommissar Klaus Ullmann zu einer Besprechung beieinander. Der Präsident hatte den Hauptkommissar, auf dessen Ersuchen, zu sich gebeten, um die weitere Arbeit zu besprechen.

„Sie hatten schriftlich um eine Aussprache gebeten“, begann der Präsident die Unterredung.

„Ich möchte über die Auslastung meiner Abteilung mit ihnen sprechen“, erwiderte Ullmann.

„Schildern Sie Ihre Probleme.“

„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht die Mordkommission aus vier Mitarbeitern, unsere Sekretärin Frau Helga Schneider, eingeschlossen. Aus meiner Sicht und der Auswertung der Arbeiten der letzten Monate muss ich eindeutig zum Ausdruck bringen, dass der Personalbestand viel zu gering ist. Wir schaffen die qualitative Absicherung der uns von Ihnen übertragenen Aufgaben nur mit großem Aufwand und einer Unmenge von Zusatzstunden. Diesen zusätzlichen Aufwand kann ich meinen Mitarbeitern nicht mehr längere Zeit zumuten, da ich auch keine Möglichkeiten sehe, dass meine Mitarbeiter in naher Zukunft die hohe Anzahl an Zusatzstunden absetzen können. Die Anzahl an Gewaltverbrechen hat in letzter Zeit bedeutend zugenommen und es ist keine Absenkung dieser Verbrechen abzusehen. Ich ersuche Sie deshalb um eine personelle Aufstockung der Mordkommission“, endete der Hauptkommissar seine Darlegungen.

„Der Stand der Gewaltverbrechen ist mir bekannt, Herr Hauptkommissar. Ich schließe mich Ihrer Meinung an, dass es in Zukunft nicht weniger Verbrechen geben wird. Ich möchte bei dieser Gelegenheit die sehr gute Arbeit der Mordkommission unter Ihrer Leitung zum Ausdruck bringen. Ihre Aufklärungsquote ist sehr hoch, was Ihrer umsichtigen Arbeit und dem konkreten Einsatz Ihrer Mitarbeiter zu danken ist. Ich kann mir keinen besseren Leiter der Mordkommission vorstellen. Gleichzeitig muss ich Ihnen sagen, dass eine personelle Aufstockung der Mordkommission zum gegenwärtigen Zeitpunkt, in der Phase der allgemeinen Kostensenkung, die mit einer gleichzeitigen Senkung des Personales einhergeht, nicht ohne weiteres möglich ist. Ihnen ist sicherlich diese Problematik bekannt. Ich habe bereits vor einiger Zeit mit der Schaffung einer zusätzlichen Einsatzgruppe unter Leitung Ihres ehemaligen Mitarbeiters, Herrn Torsten Fleischer, auf die Problematik des ansteigenden Verbrecherpotentials reagiert“, erläuterte der Präsident.

„Ich kenne die allgemeine Problematik der Kostenreduzierung und vertrete jedoch die Auffassung, dass diese Reduzierungen nicht auf Kosten der Sicherheit der Bevölkerung ausgetragen werden darf.“

„Ich stimme Ihrer Auffassung generell zu, bin jedoch leider an die Vorgaben meiner Vorgesetzten gebunden und kann keine Einzelentscheidungen treffen.“

„Ich muss Ihnen offen sagen, dass ich mit meinem gegenwärtigen Personalbestand zukünftig große Probleme zur weiteren Absicherung der Bearbeitung unserer Aufgaben sehe“, beharrte der Hauptkommissar auf seinem Standpunkt.

„Herr Hauptkommissar, wie ich bereits zum Ausdruck brachte, schätze ich Ihre Arbeit sehr und Sie können mir glauben, dass ich Ihnen bezüglich der Aufstockung Ihrer Abteilung gern entgegenkommen würde, aber ich sehe im Augenblick nur die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen und Dezernate“, erwiderte der Präsident.

Die beiden schauten sich mit starrem, aber nicht unfreundlichem Blick an. Es war deutlich zu spüren, dass beide sich schätzten und dennoch ihren Standpunkt vertreten wollten. Es entstand eine Pause und keiner wusste wie das Gespräch weiter verlaufen sollte. Nach der entstandenen Pause, ergriff der Hauptkommissar zuerst das Wort und sprach: „Darf ich einen Vorschlag äußern?“

„Ich bitte darum.“

„Was halten Sie von dem Gedanken, die Mordkommission und die neu geschaffene Sonderabteilung unter der Leitung von Torsten Fleischer zusammenzufassen?“, schlug Ullmann vor.

„Unter anderen Gegebenheiten würde ich diesem Vorschlag zustimmen, aber erstens habe ich diese Sonderabteilung erst vor kurzer Zeit geschaffen und würde damit meine eigene Entscheidung widerrufen. Zweitens hat diese Sonderabteilung andere Aufgaben als die Mordkommission, was auch durch die personelle Besetzung der Abteilung mit Mitarbeitern aus verschiedenen Dezernaten zum Ausdruck kommt.“

„Die Zusammensetzung der Abteilung ist mir bekannt. Allerdings obliegt es mir nicht, den Aufwand der Arbeiten der Abteilung einzuschätzen, ich wollte nur einen Denkanstoß geben“, entgegnete Ullmann.

„Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich über die zukünftige Arbeitsgestaltung Ihrer Mordkommission Gedanken machen, und bin bereit, Ihnen entgegenzukommen“, fasste der Präsident ihre Unterredung zusammen.

„Darf ich auf eine personelle Aufstockung der Mordkommission hoffen?“, fragte Hauptkommissar Ullmann.

„Ich möchte Ihnen keine verbindliche Zusage bezüglich der Aufstockung Ihrer Abteilung geben, gleichzeitig sichere ich Ihnen zu, dass ich mich der Lösung ihrer Problematik persönlich annehmen werde, was zugleich meine Wertschätzung gegenüber Ihrer bisherigen Tätigkeit zum Ausdruck bringen soll. Ich bemühe mich, im Umfeld der auszubildenden Polizeianwärter einen geeigneten Mitarbeiter für Ihre Abteilung ausfindig zu machen, ohne mich diesbezüglich auf einem bestimmten Zeitpunkt festlegen zu lassen. Eine engere Zusammenarbeit mit der Sonderabteilung von Kommissar Torsten Fleischer wird nur in eng begrenztem Umfang möglich sein. Eine diesbezügliche Festlegung ist nur von mir möglich und ich ersuche Sie, diese Festlegung streng zu beachten“, schloss der Präsident.

„Ich bin Ihnen für das aufgeschlossene Gespräch sehr dankbar, Herr Präsident. Ich versichere Ihnen, dass meine Abteilung auch zukünftig alle Kraft zur Aufklärung der Verbrechen einsetzen wird. Dennoch werde ich auch zukünftig auf eine Aufstockung meiner Abteilung hoffen, wobei ich mit Ihrem Vorschlag bezüglich eines Auszubildenden einverstanden bin.“

„Ich freue mich, dass wir einen gemeinsamen Konsens zur Klärung Ihres Problems finden konnten. Mir ist bekannt, dass Sie gut mit jungen Menschen zusammenarbeiten, was die Entwicklung von Frau Jana Schubert beweist. Sie haben diese junge Frau sehr gut ausgebildet und ich freue mich für Sie, dass sie ihre Prüfung zur Hauptwachtmeisterin mit Auszeichnung bestanden hat.“

„Sie hat sich sehr gut entwickelt, was auf ihren guten Charakter und ihren persönlichen Einsatz bei der Aufgabenerledigung zurückzuführen ist“, nickte Ullmann.

„Wie sind Sie mit Ihrer neuen Mitarbeiterin zufrieden?“, wollte der Präsident wissen.

„Kommissarin Frau Hannelore Meister hat sich gut ins Kollektiv eingefügt und erledigt ihre Arbeit zu meiner vollsten Zufriedenheit. Sie hat eine gute Auffassungsgabe und ich kann sie selbstständig Aufgaben erledigen lassen“, zeigte sich Ullmann mit zufriedener Miene.

„Das freut mich. Ich melde mich wieder, wenn ich Neuigkeiten für Sie habe“, schloss der Präsident die Besprechung mit Hauptkommissar Klaus Ullmann. Der Kommissar erhob sich und verabschiedete sich mit einem Dank bei seinem Vorgesetzten. Nachdem der Kommissar das Zimmer verlassen hatte, schmunzelte der Präsident. Er war mit Hauptkommissar Ullmann zufrieden und hoffte, dass er ihm noch lange zur Verfügung stehen würde. Er rief über die Sprechanlage seine Sekretärin, welche sich sofort meldete. „Verbinden Sie mich bitte mit unserer Personalabteilung“, beauftragte er die Sekretärin.

2

Im „Hotel am Seetor“ in Angermünde herrschte an einem schönen Sommerabend gute Stimmung und die anwesenden Hotelgäste machten einen sehr zufriedenen Eindruck, was durch häufiges Gelächter zum Ausdruck kam. Es war ein wunderschöner Sommertag und die meisten der Hotelgäste hatten Ausflüge in die Umgebung der Schorfheide unternommen, hatten die Landschaft genossen und Denkmäler aus den vergangenen Jahrhunderten besichtigt. Sie hatten frisch geduscht und trugen sommerliche Kleidung.

Das Hotel besaß siebzehn Zimmer, fünf Einzel- und die übrigen Doppelzimmer, wobei in begrenztem Umfang eine Aufstockung möglich war. Das Hotel befand sich in der Altstadt von Angermünde und hatte einen guten Ruf, sodass es bereits für das kommende Jahr fast ausgebucht war. Es wurde von der Familie Schmauch seit sieben Jahren in dritter Generation geführt. Das Ehepaar Schmauch legte auf eine angenehme familiäre Betreuung ihrer Gäste viel Wert und war immer bemüht, auch besondere Wünsche ihrer Urlauber zu erfüllen und hatte stets Empfehlungen für die Erkundung der Umgebung parat. Sie führten gleichzeitig Buchungen für gewünschte Veranstaltungen in der näheren Umgebung durch und bemühten sich um die Bereitstellung benötigter Transportmittel für die Unternehmungen ihrer Gäste. Sie hatten zwei festangestellte Kellnerinnen und für besondere weitere Feierlichkeiten, die einen größeren Aufwand erforderten, standen zwei weitere junge Mädchen zur Verfügung, sodass sie in die Lage versetzt wurden, auch Veranstaltungen oder spezielle Tagungen in ihrem Hotel personell abzusichern.

Die Säuberung der Zimmer, einschließlich der Bereitstellung der Hygieneartikel, wurde von zwei weiteren Frauen übernommen. Die Reinigung der Hotelwäsche übernahm eine in Angermünde ansässige Wäscherei. Frau Waltraut Schmauch hatte die Reinigung der Gaststätte und des sich an den Gaststättenbereich anschließenden kleinen Aufenthaltsraumes übernommen.

Für ihre Gäste stellte das Ehepaar Schmauch täglich von acht bis zehn Uhr ein Frühstücksbüfett bereit. Die Gäste nahmen dieses Angebot gern an, denn dieses Büfett fiel stets großzügig aus und es war für jeden Geschmack etwas dabei.

Die Zimmer besaßen einen abgetrennten Toilettenbereich und verfügten über Telefon und Fernseher, welche neben allgemein bekannten TV-Sendern auch einheimische Programme empfingen. Die Einzelzimmer befanden sich zum überwiegenden Teil im Dachgeschoss des Hotels.

Das Hotel lag direkt an der Seestraße, welche zum Mündesee führte und für Fahrzeuge aller Art, außer Lieferfahrzeuge für das „Café am Mündesee“, gesperrt war. Das Hauptgebäude des Hotels steht unter Denkmalschutz und wurde 1934 erstmals saniert. Nach einer Grundsanierung, dem Anbau und Umbau eines Wirtschaftsgebäudes zu einem Gästehaus, wurde 1994 das Hotel neu eröffnet. Der neugeschaffene Innenhof der Anlage lädt zu gemütlichen Sommerabenden ein. Bei sommerlichem Wetter gestaltete Herr Schmauch Grillabende und verwöhnte seine Gäste mit kleinen musikalischen Einlagen und Wortspielen. Der Innenhof bot genügend Platz für alle Gäste des Hauses und zudem war noch ausreichend Platz für tanzlustige Paare. Der Gaststättenbereich war mit hellen Farben ausgestattet und die Gestaltung der Möbel war in hellem Teakholz gehalten, sodass dieser Bereich einen warmen Eindruck erweckte. Der Empfangsbereich war gleichzeitig als Barbereich gestaltet, sodass die Gäste aus der näheren Umgebung, welche nicht im Hotel übernachteten, sich zu einem Plausch gemütlich zusammenfinden konnten.

3

Am heutigen Abend hatte Herr Schmauch wieder zu einem Grillfest im Innenhof eingeladen und alle Hotelgäste hatten ihr Erscheinen angekündigt. Der Hotelbesitzer liebte es, seine Gäste persönlich einzuladen, wobei er gleichzeitig die Zahl der zu erwartenden Gäste ermittelte und die Bestellung der benötigten Getränke und Speisen errechnen konnte. Er führte diese Abende stets mit großem Vergnügen durch und kam bei dieser Gelegenheit mit seinen Gästen ins Gespräch, denn er legte großen Wert auf einen persönlichen Kontakt.

Unabhängig vom heutigen Grillabend genossen die meisten der Hotelgäste das vorbereitete üppige Abendbüfett. Einige der Gäste hatten in den zurückliegenden Tagen bereits persönliche Kontakte geschlossen, wobei neue Freundschaften entstanden. Manche Gäste hatten sich bereits vor mehreren Jahren im „Hotel am Seetor“ kennengelernt und trafen sich seitdem jährlich wieder.

Alle Tische im Innenhof waren besetzt und die Gäste unterhielten sich bei bester Laune, wozu auch das Programm des Hotelchefs wesentlich beitrug. Herr Schmauch hatte soeben einen musikalischen Beitrag beendet und sprach zu seinen Gästen: „Bevor ich anschließend die Würstchen auf den Grill lege, noch eine Schmunzeleinlage: Treffen sich zwei Frauen und unterhalten sich über ihre Männer. Die eine Frau sagt: ‚Mit meinem Mann ist nicht mehr viel los. Neulich habe ich ihn mit schwarzer Unterwäsche überrascht und mich vor dem Bett in sexuell anregender Position aufgestellt.‘

‚Was hat dein Mann getan?‘, fragt die Freundin.

‚Er hat gefragt: Ist die Oma gestorben?‘

‚Versuch es das nächste Mal mit gelber Unterwäsche, die soll auf Männer aufreizend wirken‘, schlägt ihre Freundin vor.

Nach drei Tagen treffen sich die beiden Frauen wieder und die Freundin fragt: ‚Hast du es mit der gelben Unterwäsche bei deinem Mann probiert?‘

‚Ja.‘

‚Wie war es?‘, will die Freundin wissen.

‚Er hat nur dumm geschaut und gesagt, die gelbe Tonne muss ich auch noch fortbringen.‘“

Die Gäste lachten schallend über diesen Witz und Herr Schmauch begab sich zum Grill, um die Würstchen und die Steaks aufzulegen. Währenddessen legte er eine CD mit volkstümlichen Weisen in den CD-Player und widmete sich dem Anfeuern der Grillkohle. An einem Tisch saßen vier Männer, die sich offenbar bereits länger kannten, denn sie unterhielten sich über vergangene Zeiten und ihre Erlebnisse. Die Männer waren in Eberswalde zu einer einwöchigen Weiterbildungsmaßnahme, zu der sie jährlich ihre Unternehmen delegierte. Sie waren alle in der Versicherungsbranche tätig und übernachteten in der Zeit ihrer Weiterbildung stets im „Hotel am Seetor“. Sie kamen aus unterschiedlichen Ortschaften, sodass ihr Gesprächsstoff über die Ereignisse in den jeweiligen Ortschaften niemals versiegte. Beruflich waren alle vier, ihren eigenen Aussagen zufolge, sehr erfolgreich und mit ihren finanziellen Ergebnissen zufrieden. Die Männer waren zufälligerweise alle 35 Jahre alt und hatten den gleichen Berufsweg beschritten. Sie waren verheiratet und hatten bereits ein oder mehrere Kinder, was zu reichlich Erlebnisberichten beitrug. Ihre Frauen waren alle bereits wieder berufstätig und ihren Erzählungen nach sehr selbstständig.

„Ich freue mich jedes Jahr auf unser Treffen während der Weiterbildung“, sprach Lutz Schimmel.

„Dem kann ich nur zustimmen“, äußerte Hilmar Schwarz.

Die beiden anderen Männer, Wolfgang Roter und Roland Werner nickten zustimmend mit den Köpfen. Sie genossen ihr Bier und schauten sich im Kreise der Anwesenden um.

„Ich sehe keine bekannten Gesichter der letzten Jahre“, sagte Lutz.

„Ich kann ebenfalls niemanden entdecken“, stimmte Hilmar zu.

„Die junge Bedienung ist dafür neu“, lächelte Wolfgang Roter.

„Das stimmt und hübsch ist die Kleine noch dazu“, sprach Lutz.

„Vielleicht kommen wir im Verlaufe des Abends etwas näher ins Gespräch mit ihr“, hoffte Roland.

„Wir könnten morgen Abend in das Restaurant am Markt gehen. Es soll ebenfalls sehr schön sein“, schlug Wolfgang Roter vor.

„Ich habe ebenfalls Gutes von diesem Restaurant gehört“, ergänzte Lutz.

„Wir könnten aber auch wieder schön Skat spielen“, empfahl Roland.

„Wir können ja die hübsche Bedienung fragen, was wir morgen Abend unternehmen sollten“, lächelte Lutz.

„Wie kommst du denn darauf?“, wollte Hilmar wissen.

„Das ist eine Möglichkeit, mit ihr ins Gespräch zu kommen“, entgegnete Lutz.

„Geht das schon wieder mit deinen Weibern los“, erboste sich Roland.

„Ich sehe nichts Schlimmes darin“, brauste Lutz auf.

„Nun streitet euch nicht wegen Nichtigkeiten, wir werden schon etwas finden für den morgigen Abend, dessen bin ich mir sicher“, versuchte Hilmar zu schlichten.

Die Männer unterhielten sich weiter und Hilmar holte für alle die ersten Bratwürste vom Grill des Hausherren und verteilte sie an seine Freunde. Sie ließen sich die köstlich schmeckenden Bratwürste munden und waren bester Stimmung, als Herr Schmauch, der Hotelbesitzer, zu ihnen an den Tisch kam und sich nach ihrem Wohl erkundigte.

„Danke, es ist wie immer sehr schön bei Ihnen“, antwortete Lutz.

„Ich freue mich, wenn es Ihnen bei uns gut geht“, erwiderte Herr Schmauch.

„Sie haben eine neue Bedienung.“

„Ja, seit Anfang des Jahres.“

„Ein hübsches Mädchen“, musste Lutz unbedingt sagen.

„Sie hat sich gut eingearbeitet und wir sowie unsere Gäste sind sehr zufrieden mit ihr. Sie ist zu allen Gästen sehr freundlich und beherrscht ebenso die Abrechnung“, lobte Herr Schmauch seine neue Bedienung.

„Wohnt sie im Hotel?“, fragte Lutz nach.

„Nein, sie hat mit ihrem Bruder gemeinsam eine Wohnung in der Stadtmitte bezogen. Ihre Eltern sind leider verunglückt, sodass beide auf sich allein gestellt sind. Sie vertraut ihrem Bruder in jeder Beziehung und beide scheinen unzertrennlich. Der Bruder arbeitet in Eberswalde bei der Deutschen Bahn und hat daher ungeregelte Arbeitszeiten.“

„Als was ist er bei der Deutschen Bahn beschäftigt?“, erkundigte sich Roland.

„Soviel ich weiß, ist er als Lokführer tätig. Ich muss Sie jetzt leider wieder verlassen und mich um die Versorgung kümmern“, antwortete Herr Schmauch und entfernte sich.

Die Freunde widmeten sich wieder ihrer Unterhaltung und werteten ihre Erlebnisse des letzten Jahres aus, wobei es eine Reihe von lustigen Erlebnissen zu schildern gab. Sie waren in ihre Unterhaltung vertieft, als die junge Bedienung an ihren Tisch trat und nach ihren Wünschen fragte.

„Sie haben heute Abend viele Gäste zu bewirten“, lächelte Wolfgang.

„In der Hauptsaisonzeit ist das Hotel stets gut besucht, was auch durch unsere gute Küche begründet ist. Unser Koch ist ein Meister seines Faches und bringt auch einige Gerichte der heimischen Umgebung auf die Teller, was bei den meisten Gästen sehr gut ankommt“, erwiderte das junge Mädchen.

„Die hübsche Bedienung nicht zu vergessen“, warf Lutz ein.

„Danke für das Kompliment“, schmunzelte das Mädchen.

„Ich würde gern ein dunkles Bier trinken“, kam Hilmar auf das Thema zurück.

„Wir nehmen das Gleiche und die Runde geht auf meine Kosten“, sagte Wolfgang.

„Bringen Sie uns gleich noch ein Schnäpschen zum Verdauen mit“, bestellte Roland.

„Kommt sofort“, nickte das Mädchen und entfernte sich.

„Ich werde mit der rothaarigen Dame eine Runde tanzen“, sprach Lutz und ging zu der Frau.

„Der ändert sich anscheinend nie“, vermutete Wolfgang und schaute seine Freunde an.

„Wenn es ihm Spaß macht“, entgegnete Hilmar.

Lutz Schimmel hatte soeben, nach seinem Tanz, wieder Platz genommen, als die freundliche Bedienung mit der Bestellung der Freunde an den Tisch kam.

„Ich würde Sie gern zu einem Tanz auffordern“, sagte Lutz zu dem Mädchen.

„Erstens habe ich keine Zeit, denn die übrigen Gäste möchten auch bedient werden, und zweitens ist es dem Personal verboten, mit Gästen zu tanzen“, erwiderte die Bedienung.

„Schade, aber Ihren Namen dürfen Sie mir verraten“, beharrte Lutz.

„Wozu sollte ich das tun?“, fragte das irritierte Mädchen.

„Sie erwecken einen sehr sympathischen Eindruck auf mich.“

„In dieser Beziehung sind Sie nicht der Einzige.“

„Oho, Sie bekommen demnach viel Anträge auf Freizeitbeschäftigung“, spöttelte Lutz.

„Jetzt ist es aber genug, belästige die freundliche Bedienung nicht mit deinen Aufdringlichkeiten“, reagierte Wolfgang erbost auf das Verhalten von Lutz.

Die vier Männer unterhielten sich sehr angeregt über ihre nächsten Pläne für die weiteren Tage ihrer Weiterbildung und beabsichtigten einige Ausflüge zu unternehmen. Der Zeitplan der Weiterbildung machte solche Unternehmungen durchaus möglich, da der Unterricht meist in den frühen Nachmittagsstunden beendet war und einige sehenswerte Ausflugsziele in kurzer Zeit erreichbar waren. Sie einigten sich, wer an den entsprechenden Tagen die Fahrtroute bestimmte und zugleich sein Fahrzeug für die Freunde zur Verfügung stellte.

Der Abend verlief sehr friedvoll und in bester Stimmung. Die meisten Gäste zogen sich gegen zweiundzwanzig Uhr auf ihre Zimmer zurück, sodass die Männer die letzten Gäste im Innenhof des Hotels waren. Die gegrillten Bratwürste und Steaks waren von den Gästen alle verzehrt worden. Somit hatte der Hotelchef zu vorgerückter Stunde Zeit, an ihrem Tisch Platz zu nehmen.

„Es war ein schöner Abend, wozu Ihre Unterhaltung einen wesentlich Beitrag leistete. Die von Ihnen dargebrachten Musikstücke waren von guter Qualität“, lobte Roland den Hotelchef.

„Es freut mich, wenn Ihnen der heutige Abend Freude bereitet hat“, schmunzelte Herr Schmauch.

„Wie ich gehört habe, wollen Sie Ihr Hotel erweitern“, sagte Wolfgang.

„Ich würde gern, aber ich bin räumlich leider eingeschränkt. Es besteht lediglich die Möglichkeit ein weiteres Stockwerk auf das Gebäude zu setzen. Leider stimmt die zuständige Baubehörde nicht zu, da es das bauliche Bild der Umgebung negativ beeinflussen würde. Die Herren behaupten, eine Aufstockung des Hotels beeinträchtigt den Gesamteindruck der Häuserflucht der Straße“, ärgerte sich der Hotelchef.

„Können Sie nicht eine Sondergenehmigung beantragen?“, wollte Lutz wissen.

„Beantragen kann ich alles, aber man brachte mir gegenüber bereits zum Ausdruck, dass diese Sondergenehmigung wenig Erfolg auf eine Genehmigung hat.“

„Sie kennen doch viele Menschen, vielleicht können Sie Beziehungen spielen lassen“, schlug Hilmar mit einem Lächeln vor.

„Habe ich schon versucht, aber meine Bekannten sitzen nicht an den dafür zuständigen Stellen beziehungsweise haben sie zu wenig Einfluss, da hier das Landratsamt eine entscheidende Rolle spielt. Zudem benötige ich für diese Erweiterung des Hotels Fördermittel und diese müssen von Landsratsamt oder von der Landesregierung bewilligt werden und da stehen meine Aussichten auf Erfolg noch schlechter.“

„Für die Gemeinde wäre es aber günstig, schließlich schaffen Sie Arbeitsplätze und bringen Steuergelder in die Kasse der Gemeinde“, sprach Wolfgang.

„Scheint offensichtlich keine große Bedeutung zu besitzen.“ Herr Schmauch schüttelte enttäuscht den Kopf und verabschiedete sich von seinen Gästen.

Kurze Zeit nach dem Gespräch begaben sich die vier Freunde auf ihre Zimmer und verabredeten sich für den frühen Morgen zum Frühstück.

Das junge Mädchen, welches seit Jahresbeginn im „Hotel am Seetor“ als Bedienung arbeitete, verabschiedete sich freundlich, aber mit einem leichten Kopfschütteln vom Tisch der vier Freunde und widmete sich anderen Gästen. Sie war es aufgrund ihres guten Aussehens gewohnt, von den Gästen mit Komplimenten bedacht zu werden und wusste sich gut dagegen zur Wehr zu setzen. Sie war ungebunden und war gegenwärtig nicht bereit, nähere Beziehungen zum männlichen Geschlecht aufzunehmen. Sie wollte ihre Jugend frei von jeglichen Bindungszwängen genießen und war zudem bestrebt, ihr erarbeitetes Gehalt zum Großteil zu sparen, dennoch war sie beim Kauf von Bekleidung nicht kleinlich. Sie legte sehr viel Wert auf ein gutes Aussehen und modische Kleidung ihrer guten Figur entsprechend.

Sie widmete sich wieder den anderen Gästen und war bemüht, ihre Bestellungen schnellstens zu erfüllen. Ihre Zusammenarbeit mit den Besitzern des Hotels war gut und sie fühlte sich in diesem Umfeld sehr wohl. Sie erledigte ihre Arbeit und beendete diese wie vereinbart gegen zweiundzwanzig Uhr.

Silvia Korn zog sich nach Dienstschluss um. Sie trug enge dunkelblaue Jeans und eine weiße luftige Bluse, welche gut mit ihren roten Haaren harmonierte. Ihre Haare waren gefärbt, wobei sie stets darauf achtete, dass die Haare nicht knallrot gefärbt wurden, sondern nur eine leichte rötliche Tönung erhielten.

Sie war achtzehn Jahre alt, 1,78 Meter groß und sehr schlank, was es ihr stets ermöglichte, in den Kaufhäusern die zu ihr passende Kleidung zu finden. Silvia hatte nach ihrer Schulzeit eine Lehre im Gastronomiebereich erfolgreich beendet und bis vergangenes Jahr in Eberswalde in einem Hotel im Empfangsbereich gearbeitet, was sie jedoch nicht auslastete und zudem hatte sie in dem Hotel eine unregelmäßige Arbeitszeit, weshalb sie sich entschloss, ihre Arbeitsstelle zu wechseln. Ein weiterer Gesichtspunkt bezüglich ihres Arbeitsplatzwechsels war die neue Arbeitsstelle ihres sechs Jahre älteren Bruders, welcher bei der Bundesbahn vor einem Jahr nach Eberswalde versetzt wurde.

Die beiden Geschwister lebten gemeinsam in einer Wohnung am Markt in Angermünde und waren sehr eng miteinander verbunden. Ihre Eltern waren vor sechs Jahren bei einem noch immer ungeklärten Unfall auf einem Gestüt und Reiterhof auf mysteriöse Weise verunglückt, wobei ihr Vater verstarb und ihre Mutter seit diesem Unfall in einer Klinik zur Pflege untergebracht war. Aufgrund längeren Sauerstoffverlustes war ihr Hirn leider geschädigt worden, sodass sie nicht mehr sprechen konnte und verwirrt war. Eine konkrete Einschätzung der Hirnschädigung war aus ärztlicher Sicht nicht möglich. An manchen Tagen hatten die Geschwister den Eindruck, dass ihre Mutter sie erkennen und sich über ihren Besuch freuen würde, da sie beide anlächelte, ohne ihre Gefühle ausdrücken zu können.

Die beiden Geschwister hatten ihre Eltern sehr geliebt und erinnerten sich gern an die vielen schönen gemeinsamen Stunden in ihrem Haus in Joachimsthal. Nach den schrecklichen Ereignissen auf dem Gestüt mussten sie sich schweren Herzens zum Verkauf des Hauses entschließen. Den Verkauf wickelte ihr Bruder, der sechs Jahre älter als Silvia und zum damaligen Zeitpunkt unterschriftsberechtigt war, gemeinsam mit einem Makler ab. Beide Kinder, sowohl Silvia als auch ihr Bruder Helmut, trennten sich ungern von ihrem Elternhaus und konnten sich einige Zeit nicht zu diesem schweren Entschluss durchringen. Sie hatten sich zu einem Neuanfang entschlossen und sich versprochen, ihr Leben in nächster Zeit weiter gemeinsam zu verbringen.

Helmut musste zum damaligen Zeitpunkt viele Entscheidungen für seine kleine Schwester treffen und hoffte immer, sich in ihrem Sinne entschieden zu haben. Silvia hatte den Verlust ihrer Eltern sehr schwer verkraftet und lange Zeit nicht begreifen können, was eigentlich an dem Abend des Unglücks geschehen ist. Sie wurde immer wieder von bösen Träumen heimgesucht und versuchte diese ihrem Bruder zu erklären, was er lange Zeit nicht verinnerlichen wollte, da er an Trugbilder seiner Schwester glaubte. Er besuchte mit seiner Schwester einen Psychologen, da er befürchtete, die Ereignisse um den Tod ihrer Eltern hatten bei seiner Schwester nervliche Probleme hinterlassen. Der Psychologe konnte jedoch keinerlei nervliche Schädigungen bei Silvia feststellen, aber er wies Helmut darauf hin, dass seine Schwester noch längere Zeit zur Verarbeitung des Todes ihres Vaters benötigen werde.

Nach ungefähr drei Jahren hatte Silvia den Schock des Verlustes ihrer Eltern verarbeitet und hatte trotz großer Probleme ihre Schulzeit erfolgreich beendet und ihre Lehre begonnen. Ihr Bruder freute sich sehr über diese positive Entwicklung seiner kleinen Schwester und hatte ihr die Ausbildungsstelle besorgt. Sie entwickelte sich positiv und gliederte sich gut in die Kollektive ihrer Ausbildung und ihrer Arbeitsstellen ein. Sie war ein sehr selbstbewusstes Mädchen geworden und wusste, dass sie diese Entwicklung wesentlich ihrem Bruder zu verdanken hatte. Sie war ihm dafür sehr dankbar und wollte ihm ihren Dank mit der gleichen Fürsorge zurückgeben.

Nachdem sie am Tag nach dem Grillfest ihre Arbeit beendet hatte, ging sie wie immer zu Fuß gut gelaunt nach Hause, denn sie wusste, dass ihr Bruder auf sie wartete. Er musste morgen zur Frühschicht und deshalb wollten sie heute Abend gemeinsam essen und sich ein Video anschauen. Silvia freute sich stets auf diese gemeinsamen Stunden mit ihrem Bruder.

„Ich habe auf dich gewartet“, rief Helmut ihr aus der Stube zu, nachdem sie die Wohnung betreten hatte.

„Ich konnte nicht früher weg“, antwortete Silvia.

„Hattest wohl wieder aufdringliche Gäste?“

„Eigentlich nicht, lediglich ein Gast benahm sich komisch.“

„Hat er dich angepöbelt?“

„Das Übliche“, lächelte Silvia Helmut an.

„Sonst ist alles in Ordnung?“

„Ja. Was hast du Schönes zu essen gemacht?“, erkundigte sich Silvia.

„Dein Lieblingsessen.“

„Du hast gebratene Nudeln zubereitet?“

„Ich hoffe, es ist nicht zu viel, habe mich bei der Menge wahrscheinlich verschätzt.“

„Von meinem Lieblingsessen kannst du nie genug machen.“

„Die gebratenen Nudeln können nicht aufgehoben werden, sie verderben schnell. Gibt es bei dir Neuigkeiten?“, fragte Helmut.

„Nein.“

„Wir könnten dieses Wochenende zu Mutti fahren.“

„Ich habe am Sonntag frei“, stimmte Silvia zu.

„Wenn sich bei mir nichts ändert, habe ich Sonntag gleichfalls frei.“

„Ich würde gerne zu Mutti fahren. Es ist immer wieder schön, auch wenn sie uns nicht erkennt.“

„Wir könnten bei Oma und Opa vorbeischauen“, schlug Helmut vor.

„Eine gute Idee, aber du weißt, dass wir in diesem Fall früh aufstehen müssen“, lächelte Silvia.

„Vielleicht können wir unsere Großeltern überreden, uns zu Mutti zu begleiten.“

„Meine Hoffnung diesbezüglich ist gering. Bis jetzt sind sie noch nie mitgefahren und du erinnerst dich sicherlich, wie Oma reagiert hat, als die Ärzte uns mitteilten, dass sich der gesundheitliche Zustand unserer Mutti nicht verbessern wird und sie uns wahrscheinlich nie mehr erkennen wird“, entgegnete Silvia.

„Ja, aber ich weiß auch, wie sehr Oma ihre Tochter geliebt hat.“

„Das wird der Grund sein, weshalb sie Mutti in diesem Zustand nicht sehen möchte.“

„Du wirst wieder einmal recht haben, aber dennoch gebe ich es nie auf und werde Oma immer wieder dazu drängen, mit uns in die Klinik zu fahren“, beharrte Helmut.

„Ich bin einverstanden, außerdem waren wir seit einiger Zeit nicht bei unseren Großeltern.“

„Sie werden sich bestimmt freuen.“

„Wollen wir ihnen unseren Besuch anmelden?“, fragte Silvia.

„Lieber nicht, du weißt, wie schnell sich bei meinen Diensten etwas ändern kann, und dann müssten wir, wie leider schon so oft, wieder absagen.“

„Wir könnten ihnen ein Geschenk mitbringen.“

„Gute Idee“, erwiderte Helmut.

„Ich besorge eine gute Flasche Cherry, die Opa gern trinkt.“

„Für Oma besorge ich ihr Lieblingsparfüm“, ergänzte der Bruder.

„Weißt du, Helmut, ich konnte die letzte Nacht kaum schlafen, weil mir immer wieder die Bilder des Unglücks unserer Eltern erschienen“, sprach Silvia in melancholischem Tonfall.

„Fühlst du dich schlecht?“, sorgte sich Helmut.

„Nein, ich habe die Ereignisse verarbeitet. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Dennoch frage ich mich oft, wie der Unfall geschehen konnte.“

„Die polizeilichen Ermittlungen haben kein Verschulden von Personen ergeben, es war ein trauriger Unfall. Aus unerklärlichen Gründen hat das Pferd fehl reagiert.“

„Dennoch frage ich mich stets aufs Neue, wieso das Pferd so aggressiv reagierte“, ließ Silvia nicht locker.

„Bitte iss jetzt deine Nudeln, über den Unfall können wir später sprechen“, sagte Helmut und hoffte aufs Innigste, seine Schwester würde das Thema vergessen. Auch Helmut hatte sich die vergangenen Jahre wiederholt gefragt, was der Anlass für die Aggressivität des Pferdes bei diesem Unfall war, aber er wollte heute nicht darüber sprechen.

Beide ließen sich das von Helmut zubereitete Essen schmecken und schmiedeten Pläne, wie sie am Wochenende ihre Großeltern überreden konnten, ihre Mutti in der Klinik zu besuchen. Sie waren sicher, dass dieses Vorhaben nicht einfach werden würde, aber sie wollten dieses Mal darauf bestehen, mit ihnen in die Klinik zu fahren.

„Ich muss dir etwas Wichtiges sagen“, gestand Silvia ihrem Bruder.

„Leg los“, lächelte Helmut.

„Bei dem heutigen Grillfest unseres Chefs war ich etwas irritiert.“

„Weshalb?“

„Es kann auch eine Täuschung sein“, zweifelte Silvia.

„Das kann ich erst beurteilen, wenn du es mir erzählt hast.“

„Bei der Feier waren vier Männer anwesend und ich musste sie mehrmals bedienen. Dabei kam mir die Stimme eines Mannes bekannt vor, aber leider kann ich sie nicht einordnen.“

„Was willst du mir eigentlich sagen?“, fragte Helmut neugierig.

„Du weißt doch, dass ich zur Zeit des Unfalls in den Pferdeboxen gewesen bin. Ich befand mich am anderen Ende des Stalles, als das schreckliche Unglück geschah, und ich hatte den Eindruck, dass sich eine Person schnell aus dem Boxengebäude entfernte. Leider konnte ich nichts Genaueres sehen, sondern habe nur einen Schatten gesehen, wobei ich mich auch getäuscht haben kann.“

„Ich weiß, wir haben oft darüber gesprochen und du hast auch die zuständigen Ermittler darüber informiert, aber es gab keinen Hinweis auf fremde Personen zum Zeitpunkt des Unfalles im Gebäude.“

„Ja, dennoch begleitet mich dieses Gefühl die ganzen Jahre.“

„Ich dachte, du hättest das Geschehen verarbeitet.“

„Das habe ich, aber beim heutigen Grillfest kam mir eine Stimme der Gäste bekannt vor, ohne dass ich diese einordnen kann, aber ich glaube, ich habe sie auf dem Gestüt gehört“, beharrte Silvia.

„Bei den damaligen Untersuchungen der Kriminalpolizei konnten keine Zeugen zum Zeitpunkt des Unfalles ermittelt werden. Ich habe mich mehrmals mit den Ermittlern unterhalten und bin überzeugt, dass sie ihre Arbeit gründlich durchgeführt haben. Es konnten ebenfalls keine verwertbaren Spuren, die zu Fremdpersonen geführt hätten, festgestellt werden. Das tragische Geschehen muss ein unglücklicher Unfall gewesen sein“, sagte ihr Bruder mit leiser Stimme.

„Ich kenne ebenso wie du die Ermittlungsergebnisse, trotzdem ist es mir stets ein Rätsel geblieben, warum Muttis Lieblingsstute plötzlich so aggressiv reagiert hat. Die Stute war immer ein ruhiges und leicht zu reitendes Pferd gewesen und hat Mutti als Reiterin immer akzeptiert und wir hatten alle den Eindruck, dass es sich freute, mit ihr auszureiten“, blieb Silvia bei ihren Vorbehalten.

„Ja, in dieser Beziehung bin ich der gleichen Meinung, dennoch gingen die Ermittler von einem Fehlverhalten von Mutti aus, was die aggressive Tat der Stute veranlasst haben muss. Die Kriminalisten sagten, nachdem sie einige Gespräche mit Pferdefachleuten geführt hatten, zu mir, dass Mutti zu diesem Zeitpunkt erregt gewirkt haben muss und diese Erregung hat sich auf die Stute übertragen. Es wurde angenommen, dass ihr durch diese spürbare Erregung ein Fehlverhalten unterlaufen sein muss und dadurch das Pferd falsch reagierte. Möglicherweise war Mutti beim Vorbereiten des Pferdes zum Ausritt etwas abgelenkt oder unkonzentriert, was zu Fehlern führte.“

„Das kann ich mir bei ihr nicht vorstellen, sie war stets beherrscht und auf ihre Tätigkeiten konzentriert, sie ließ sich kaum von ihren Vorhaben ablenken.“

„Die Ermittler schilderten mir das Geschehen in der Pferdebox ziemlich genau und die beauftragten Gutachter stimmten den Ermittlern zu. Das Gutachten sagt aus, dass das Pferd zuerst Mutti an die Wand der Box drückte und anschließend unseren schnell hinzugeeilten Vati mit mehreren Huftritten tötete. Wie du weißt, war unser Vati zum gleichen Zeitpunkt in dem Stallgebäude und bereitete sein Pferd ebenfalls zum Ausritt vor, denn beide wollten gemeinsam einen Ausritt unternehmen. Vati hatte keine Überlebenschance, denn die Tritte des Pferdes waren so gewaltig, dass er nur wenige Sekunden nach den Tritten starb, wobei die zugefügte Kopfverletzung ausschlaggebend war. Mutti lag völlig apathisch an der Wand der Pferdebox, denn sie hatte die Tötung von Vati mit ansehen müssen. Nach Aussagen aller Ärzte, die Mutti mehrmals untersucht haben, ist dieses Schockerlebnis der Grund für ihren derzeitigen gesundheitlichen Zustand, wobei noch die Gehirnschädigung hinzukommt, die sie durch einen zeitweiligen Sauerstoffverlust erlitt.“

„Du hast sicherlich recht und ich kenne die medizinischen Ergebnisse, aber ich glaube einfach nicht an ein Fehlverhalten von Mutti“, beharrte Silvia.

„Wir müssen uns damit abfinden“, wollte Helmut die Diskussion beenden.

„Warum sollte Mutti zu diesem Zeitpunkt aufgeregt gewesen sein?“, fragte Silvia.

„Es gibt etwas, was ich dir noch nie gesagt habe“, gestand Helmut.

„Du wolltest mir immer die Wahrheit sagen und ich bin dir für deine Fürsorge dankbar und ich weiß nicht, was ohne deine Hilfe aus mir geworden wäre. Du bist immer mein großes Vorbild gewesen und ich habe meine Entwicklung nur dir zu verdanken. Ich möchte nicht, dass es zwischen uns Geheimnisse gibt.“

„Ich werde dich immer beschützen“, sagte ihr Bruder mit fester Stimme.

„Ich hoffe, dass wir uns immer beistehen, auch wenn wir eines Tages eigene Familien gründen und unterschiedliche Probleme haben werden“, lächelte Silvia.

„Bei mir wird ein zukünftiges Familienproblem keinen Einfluss auf unser Verhältnis haben.“

„Was hast du mir verschwiegen?“, wollte Silvia wissen.

„Unsere Eltern hatten einige Zeit vor dem schrecklichen Ereignis Probleme in ihrer Beziehung.“

„Wie kommst du darauf? Ich hatte immer den Eindruck, dass beide ein sehr harmonisches Leben miteinander führten und auf uns sehr stolz waren.“

„Es stimmt, dass beide auf uns stolz waren und uns immer von ihren Problemen fernhielten. Sie wollten stets nur unser Bestes und haben uns unsere Wünsche erfüllt. Wir können mit gutem Gewissen behaupten, dass wir gut erzogen wurden und eine sorgenfreie Kindheit hatten. Sie haben für uns viele ihrer persönlichen Wünsche zurückgestellt. Sie waren gute Eltern“, sagte Helmut.

„Wie kommst du darauf, dass sie Probleme hatten?“, fragte Silvia.

„Du warst noch zu klein und konntest die Probleme nicht spüren, außerdem hast du unsere Eltern sehr geliebt und sie haben sich uns gegenüber unverändert verhalten, aber ich habe gespürt, dass sich etwas geändert hatte. Eines Tages bin ich durch Zufall Zeuge eines heftigen Streites unserer Eltern geworden. Beide haben sich ernsthaft gestritten und sich gegenseitig Vorwürfe für ihr Verhalten gemacht.“

„Welche Vorwürfe waren es?“, fragte Silvia.

„Den Grund habe ich nicht erfahren, wie gesagt, es war reiner Zufall, dass ich Zeuge dieses Streites wurde, und ich wollte unsere Eltern nicht nach diesem Streit fragen, aber ich hatte das Gefühl, dass es entweder um eine andere Frau oder einen anderen Mann gegangen sein muss.“

„Du denkst, einer unserer Eltern hatte ein Verhältnis?“

„Davon muss ich ausgehen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Wie gesagt, es war ein Gefühl, persönlich kann ich es ebenfalls nicht glauben“, gestand Helmut.

„Vielleicht ging es um berufliche Probleme oder Arbeitskollegen oder -kolleginnen“, vermutete die leicht verwirrte Schwester.

„Die Möglichkeit besteht natürlich auch.“

„Du denkst, dass Mutti deshalb bei der Besattelung ihrer Stute abgelenkt war, weil sie die Probleme mit Vati nicht verarbeiten konnte?“, überlegte Silvia.

„Es könnte eine Möglichkeit für ein eventuelles Fehlverhalten von Mutti sein. Außerdem weiß ich, dass beide den gemeinsamen Ausritt zur Versöhnung nutzen wollten und sich sehr auf diesen gemeinsamen Ausflug, der den ganzen Tag dauern sollte, gefreut haben“, antwortete Helmut.

„Ich möchte dich nochmals an die mir bekannt vorkommende Stimme heute Abend erinnern. Ich kann sie nicht exakt zuordnen, aber es ist möglich, dass ich diese Stimme auf dem Gestüt gehört habe. Mir lässt die Stimme im Augenblick keine Ruhe und mir wurden die Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Unglück unserer Eltern wieder lebendig.“

„Steigere dich nicht in unbestimmte Versionen des Unglückes hinein“, forderte Helmut seine Schwester auf und schaute sie besorgt an.

„Vielleicht kannst du mich die nächsten Tage von der Arbeit abholen und ich zeige dir die Leute, bei denen ich vermute, die Stimme gehört zu haben. Es war an einem Tisch mit vier Personen. Mein Chef sagte mir, als ich ihn nach diesen Personen befragte, dass sie seit einigen Jahren immer gemeinsam im Hotel Quartier beziehen. Er erzählte mir, dass sie abends meistens lange bis kurz vor Mitternacht Skat spielen. Du könntest sie dir ansehen und in ein Gespräch verwickeln. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder dir kommt die Stimme ebenfalls bekannt vor oder du kannst meine Gefühle zerstreuen“, schlug Silvia vor.

„Einverstanden, wenn mein Dienstplan nicht verändert wird, kann ich dich morgen von der Arbeit abholen“, stimmte Helmut dem Vorschlag seiner Schwester zu.

Die beiden Geschwister schauten sich, trotz der späten Stunde, noch einen Fernsehfilm an und gingen danach mit großer Erwartung des morgigen Tages zu Bett, wobei sie nicht ahnen konnten, wie sich die Ereignisse in den nächsten Tagen überschlagen und ihr Leben beeinflussen würden.

Helmut konnte seine Schwester am nächsten Tag nicht wie verabredet von der Arbeit abholen. Er rief sie kurzfristig an und teilte ihr mit, dass sich sein Dienstplan geändert hatte und er im Rahmen des Bereitschaftsdienstes in der Nacht einen Gütertransport fahren müsse und deshalb nicht mit Bestimmtheit sagen könne, wann er wieder zu Hause sein würde.

4

Hauptkommissar Klaus Ullmann wurde zwei Tage nach dem Grillfest im „Hotel am Seetor“ von der Einsatzzentrale unsanft aus dem Schlaf geweckt. Seine Abteilung hatte in dieser Nacht Bereitschaft und er wurde zu einem Todesfall in Angermünde gerufen. Nachdem er sich kurz gewaschen und rasiert hatte, was mittels Trockenrasierer sehr zügig geschah, griff er zum Telefon.

„Meister“, meldete sich eine verschlafene Stimme.

„Frau Hauptkommissarin, wir haben einen Einsatz“, gab Ullmann seiner Mitarbeiterin zu verstehen.

„Wo?“, kam die Rückfrage.

„In Angermünde.“

„Bitte die genaue Anschrift.“

„Ich hole Sie in zehn Minuten ab“, kam die Anweisung von Ullmann.

„Ich muss mich noch fertig machen“, entgegnete Frau Meister.

„Wir fahren zu einem Tatort und nicht zu einem Schönheitswettbewerb“, erwiderte Ullmann.

„Ich bin in zehn Minuten fertig“, sprach die Kommissarin und legte den Hörer auf.

Pünktlich zehn Minuten nach seinem Anruf fuhr Hauptkommissar Ullmann am Wohnhaus seiner Mitarbeiterin vor und war freudig erstaunt, dass seine Kollegin bereits auf ihn wartete. Sie hatte sich eine luftige Jacke übergezogen, da es zu dieser frühen Morgenstunde noch etwas frisch war, obwohl die Wetterpropheten für den heutigen Tag hohe Temperaturen vorhergesagt hatten. Der Kommissar bewunderte Frau Meister bezüglich ihrer guten Kleidung. Sie war mit einer schwarzen Hose und einer roten Jacke bekleidet, welche gut zu ihrer tadellosen Figur passte. Dennoch sagte er etwas nachdenklich: „Ich weiß nicht, ob diese Kleidung für unsere jetzige Arbeit passend ist.“

„Im Eifer konnte ich nicht sehr wählerisch sein“, kam die knappe Antwort.

„Ihre hohen Absätze könnten hinderlich sein“, ulkte der Kommissar.

„Konnten Sie Näheres über unseren Einsatz in Erfahrung bringen?“

„Leider nein. Ich weiß nur so viel, dass es sich nach Aussage der Streifenpolizisten und unserer Gerichtsmedizinerin, welche bereits zum Fundort der getöteten Person gerufen wurde, wahrscheinlich um ein Gewaltverbrechen handeln könnte.“

„Frau Kesser ist schon am Fundort?“, fragte die Kommissarin überrascht.

„Ja, ich nehme an, dass sie uns angefordert hat.“

„Frau Kesser geht demnach von einem Gewaltverbrechen aus“, dachte Frau Meister.

„Sie ist sehr erfahren und fachlich gut“, gestand Ullmann.

„Ich kann ebenfalls gut mit ihr arbeiten und schätze ihre sachlichen Ausführungen.“

Die beiden Kriminalisten fuhren in Angermünde auf der Straße des Friedens bis zum Abzweig Klosterstraße und bogen dann in die Rosenstraße, die direkt zum „Hotel am Seetor“ führte. An der Giebelseite des Hotels begann bereits die Absperrung. Die anwesende Polizeistreife hatte den Fundort der toten Person sehr großräumig abgesperrt, um die möglichen Schaulustigen fernzuhalten.

Der Hauptkommissar und seine Mitarbeiterin stiegen aus ihrem Fahrzeug und der absichernde Polizist zeigte ihnen den Weg zum Ort des Geschehens. Hauptkommissar Klaus Ullmann lobte die Umsicht der Streifenpolizisten bezüglich der großräumigen Absperrung und machte sich auf den Weg zum Fundort. Vom Hotel bis zum Fundort am Mündesee waren es zirka hundert Meter und beide stellten mit großer Freude und etwas Überraschung fest, dass die Spurensicherung ebenfalls schon da war.

Am Ende des breiten Weges Richtung Mündesee war eine großzügige Freitreppe angelegt worden. Der Weg war schön mit Verbundsteinen gepflastert und erweckte einen sehr sauberen Eindruck, wie die gesamte Umgebung. Die Freitreppe war ungefähr fünfzehn Meter breit und sieben Stufen führten ins Wasser des Sees. Auf der linken Seite des gepflasterten Weges direkt am Ufer des Sees befand sich das „Café am Mündesee“. Es hatte eine große Veranda mit vielen Tischen, die zum Verweilen und zur Einnahme von Mahlzeiten oder einem kleinen Kaffeeplausch einluden. Die Kriminalisten gingen zum augenscheinlichen Fundort der toten Person und meldeten Frau Kesser ihr Erscheinen.

„Sind Sie aus dem Bett geholt worden?“, fragte die Gerichtsmedizinerin lächelnd.

„Wir haben Bereitschaft.“

„Warum soll es Ihnen besser gehen?“, kam die Antwort.

„Was haben Sie für Nachrichten für uns?“, fragte Ullmann.

„Nach gründlicher Untersuchung der toten Person bin ich mir mit großer Gewissheit sicher, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt“, teilte ihnen die Gerichtsmedizinerin mit.

„Können Sie uns Genaueres sagen?“, wollte die Kommissarin wissen.

„Ich habe an der toten Person eine Reihe Druckstellen am Hals und an den Handgelenken festgestellt, außerdem sind in seinem Gesichtsbereich Kratzspuren sichtbar. Diese Verletzungen sind jedoch, nach jetziger vorläufiger Einschätzung, nicht der ursächliche Grund des Todes der männlichen Person.“

„Was ist Ihrer Meinung nach die Todesursache?“, fragte Ullmann.

„Wie ich bereits erwähnte, hat die Person mehrere Verletzungen und Kratzspuren, was für mich nach einem Kampf mit einer anderen Person deutet. Ich nehme an, dass während des Kampfes die männliche Person mit dem Hinterkopf auf eine Stufe der Freitreppe aufschlug, was zu einer Schädelfraktur führte. Genaueres kann ich aber erst nach der Obduktion sagen, aber ich bin mir sicher, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt, wobei ich nicht sicher ausführen kann, ob der Mann absichtlich mit dem Kopf auf die Steinstufe gestoßen wurde oder die tödliche Verletzung im Verlauf des Kampfes geschah. Schließlich möchten Sie auch noch etwas ermitteln“, beendete die Gerichtsmedizinerin schmunzelnd ihre Ausführungen.

„Können Sie Angaben zum Todeszeitpunkt machen?“

„Nach grober Schätzung geschah die Tat vor zirka zwei bis drei Stunden.“

„Demnach liegt der Todeszeitpunkt ungefähr zwischen Mitternacht und zwei Uhr“, schlussfolgerte der Hauptkommissar nach einem Blick auf seine Uhr.

„Richtig geschätzt, aber eventuell kann ich den Todeszeitpunkt noch präziser bestimmen. Auf jeden Fall kann ich Ihnen sagen, dass der Fundort zugleich der Tatort ist“, lachte Frau Kesser.

„Das ist jetzt überraschend für mich“, konterte Ullmann.

„Es macht immer wieder Freude, mit Ihnen zusammenzuarbeiten“, gab die Gerichtsmedizinerin zurück.

„Wann kann ich mit Ihrem Obduktionsbericht rechnen?“, erkundigte sich der Kommissar.

„Ich denke, gegen Abend, wenn Sie noch im Präsidium sind. Sie können mich in meinem Reich besuchen kommen“, bot Frau Kesser an.

„Bei den Kratzspuren könnten Hautpartikel vom Kampf zu finden sein.“

„Möglich, Sie können ganz sicher sein, dass ich meine Arbeit sehr gewissenhaft erledigen werde, und wenn es etwas zu finden gibt, so werde ich es finden. Ich lasse den Getöteten sofort zu mir in die Pathologie überführen“, sprach die Gerichtsmedizinerin.

„Ich wollte Sie keinesfalls beleidigen, Frau Kesser. Ich schätze Ihre korrekte Arbeit und Ihre Fachkompetenz sehr und bin mir einer gewissenhaften Arbeit Ihrerseits sicher“, gab Ullmann zurück.

„Danke für das Kompliment, dann bis heute Abend“, sprach Frau Kesser und verabschiedete sich.

Die Kriminalisten betrachteten den Tatort und schauten sich alle Zugangswege an, um Schlüsse für den eventuellen Fluchtweg zu ziehen. Die Mitarbeiter der Spurensicherung waren in weiße Ganzkörperanzüge gekleidet und suchten gründlich den Tatort ab. Hauptkommissar Ullmann ging zum Leiter der Spurensicherung, Kommissar Müller, und erkundigte sich nach dem Stand der bisherigen Ergebnisse. „Welche Spuren habt ihr gefunden?“, wollte er wissen.

„Spuren gibt es, aber ihr müsst bedenken, dass dieser Ort ein Treffpunkt für viele Bürger des Ortes ist. Leider gibt es fast keine Fußspuren, da dieses Verbundpflaster keine Abdrücke aufnimmt. Wir haben alle möglichen Dinge gefunden, Zigarettenschachteln, Cola- und Bierdosen, Kaugummi, Knöpfe aller Art und zwei Kämme. Wenn ihr den Täter ermitteln könnt, können wir möglicherweise einige Dinge zuordnen. Wir werden natürlich die gesamte Täterkartei durchforsten und mit etwas Glück können wir einen oder mehrere Verdächtige rausfiltern. Aber macht euch nicht zu viel Hoffnung. Wenn der Täter bisher nicht auffällig war, ist er nicht in unserer Kartei“, erläuterte Müller.

„Habt ihr persönliche Dinge des Mannes sicherstellen können?“

„Ja, der Mann heißt Lutz Schimmel und ist in Finowfurt beheimatet. Wir haben seinen Ausweis, die Checkkarte, die Geldbörse und weitere Dokumente gefunden.“

„Wie viel Bargeld hatte der Mann bei sich?“, erkundigte sich Ullmann.

„Er hatte etwas über vierhundert Euro dabei.“

„Dann war es mit Sicherheit kein Raubmord“, folgerte der Kommissar.

„Davon könnt ihr ausgehen.“

„Hast du weitere Erkenntnisse für uns?“, fragte der Kommissar.

„Einen Ehering trug der Mann nicht und in den neuen Ausweisen ist, im Gegensatz zu den alten, kein Familienstand eingetragen.“

„Wir werden sein Umfeld ermitteln, sein Name ist uns bekannt. Habt ihr weitere Hinweise, die für uns von Bedeutung sein könnten?“, erkundigte sich Ullmann.

„Im Augenblick nicht, aber ich werde dir heute auf jeden Fall meinen Bericht zustellen“, antwortete Herr Müller Kommissar Ullmann, den er seit vielen Jahren kannte.

„Wer hat die getötete Person gefunden?“, fragte Ullmann.

„Ein Liebespärchen. Die beiden befinden sich auf der Terrasse des Cafés“, antwortete Müller.

„Wir werden sie anschließend befragen“, legte Ullmann fest.

„Haben sich weitere Personen bei euch gemeldet, die eventuell etwas bemerkt haben?“

„Leider nicht.“

Der Kommissar verabschiedete sich vom Leiter der Spurensicherung und schaute sich die Umgebung des Tatorts an. Die Morgensonne sendete ihre ersten Strahlen und in der Umgebung erwachte allmählich das Leben. Die ersten Jogger waren bereits unterwegs und durchstreiften die Wälder der Umgebung des Mündesees. Die Strahlen der Sonne ließen wieder einen heißen Tag erwarten und der Mündesee lag ruhig und wellenlos in seinem Bett. Keine Welle brandete an die Freitreppe des Sees. Die beiden Kriminalisten sprachen kein Wort, jeder hing seinen Gedanken bezüglich der schrecklichen Tat, die Lutz Schimmel das Leben gekostet hatte, nach. Nach Minuten des Schweigens begann der Hauptkommissar das Gespräch und sagte: „Wir werden zuerst die Auffinder des Toten befragen. Ich beauftrage Jana Schubert mit der Klärung der Familienverhältnisse des Toten. Sie kann die benötigten Angaben ermitteln und wir werden anschließend weitere Festlegungen treffen.“

„Ich schlage vor, dass wir nach dem Liebespaar die Besitzer der zwei Motorboote, welche am Ufer des Sees verankert sind, befragen. Wenn hier wirklich ein heftiger Kampf stattgefunden hat, wie Frau Kesser vermutet, müssten diese Leute etwas gehört haben“, schlussfolgerte die Kommissarin Frau Meister.

„Einverstanden. Gehen wir zu den jungen Leuten.“

Die beiden Kriminalisten gingen zu dem Liebespaar und bemerkten schon von weitem ihre spürbare Aufregung, die im Auffinden des Leichnams zu begründen war. Sie stellten sich dem jungen Paar vor und versuchten, sie zu beruhigen.

„Wann haben Sie die getötete Person gefunden?“, fragte der Kommissar in väterlichem Ton.

Beide schauten ihn mit entsetztem Blick an und versuchten, die richtigen Worte finden. Der Kommissar drängte beide nicht und ließ ihnen Zeit, bis nach einigen Minuten der junge Mann seine Stimme wiederfand und sagte: „Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich schätze, es muss gegen halb zwei gewesen sein.“

„Sie meinen 1:30 Uhr.“

„Ja.“

„Was führte Sie zum See?“, wollte Ullmann wissen.

„Wir wollten allein sein“, antwortete der junge Mann.

„Es war ein sehr schöner Abend und wir wollten noch nicht nach Hause“, ergänzte das Mädchen.

„Darf ich Ihr Alter wissen?“, fragte der Kommissar.

„Julia ist siebzehn und ich bin neunzehn Jahre.“

„Wohnen Sie zusammen?“

„Nein.“

„Sie wohnen bei Ihren Eltern?“, bohrte Ullmann nach.

„Ja, aber wir sind auf der Suche nach einer kleinen Wohnung für uns. Unsere Eltern sind damit einverstanden und unterstützen uns bei der Wohnungssuche.“

„Sie kennen sich schon länger?“

„Ja, seit zwei Jahren“, lächelte das Mädchen.

„Kennen Sie die getötete Person?“, fragte Ullmann.

„Nein, der Mann ist uns unbekannt. Wir glauben, sicher zu wissen, dass er nicht aus der näheren Umgebung stammt. Angermünde ist ein kleines Nest und im Prinzip kennen sich hier alle. Wir beide stammen aus Angermünde und bilden uns ein, fast jeden zu kennen.“

„Welchen Beruf üben Sie aus?“

„Julia hat ihre Lehre als Bürokauffrau beendet und arbeitet seit einigen Wochen in einem Anwaltsbüro. Ich versuche zurzeit, selbst auf die Beine zu kommen. Ich habe KFZ-Schlosser gelernt und würde gerne eine eigene Werkstatt eröffnen. Meine Eltern unterstützen mich nach Kräften dabei und wir haben bereits ein Objekt als Werkstattraum gefunden.“

„Haben Sie an dem Getöteten Veränderungen vorgenommen?“

„Wie meinen Sie das?“, fragte der junge Mann entsetzt.

„Haben Sie den Toten bewegt?“

„Keinesfalls, wir waren viel zu sehr vom Anblick geschockt.“

„Haben Sie ihn irgendwie angefasst?“, forschte der Kommissar weiter.

„Ich sagte doch, nein“, kam die barsche Antwort.

„Mir geht es um eventuelle Fingerabdrücke Ihrerseits an der Kleidung des Getöteten.“

„Von uns werden Sie nichts finden.“

„Was haben Sie nach der Auffindung der Person getan?“

„Wir waren maßlos erschrocken und haben längere Zeit gebraucht, um die Situation zu erfassen. Danach habe ich per Handy die Polizei informiert und diese wies uns an, am Fundort zu verweilen. Die Polizei war innerhalb von fünf Minuten bei uns und legte fest, dass wir den Ort nicht verlassen dürfen. Die Polizei hat sehr schnell alles abgesperrt und wir haben uns an diesen Tisch der Terrasse des Cafés gesetzt“, erläuterte der junge Mann.

„Haben Sie andere Personen im Umfeld des Fundortes gesehen?“

„Nein“, antwortete diesmal das Mädchen.

„Haben Sie Geräusche, vielleicht von sich entfernenden Personen, gehört?“

„Nein, wir haben weder jemanden gesehen noch gehört, wobei ich dazu sagen möchte, dass wir vor lauter Entsetzen nicht darauf geachtet haben, aber Auffälligkeiten gab es keine. Außerdem musste ich Julia beruhigen, da sie Angst hatte. Wie Sie schon vermuteten, hätte der Täter noch in der Nähe sein können, und deshalb fühlten wir uns bis zum Eintreffen der Polizei, die, wie bereits erwähnt, sehr schnell vor Ort war, selbst nicht sicher.“

„Sie haben sich völlig richtig verhalten und wir möchten uns bei Ihnen für ihre Aufmerksamkeit bedanken. Meine Kollegin wird Ihre Personalien, für eventuelle Nachfragen, aufnehmen und danach können Sie nach Hause gehen. Ich bitte Sie jedoch, Stillschweigen über das Gesehene zu wahren, möglicherweise hat der Täter Sie gesehen.“

„Sie meinen, wir sind in Gefahr?“, fragte das Mädchen entsetzt.

„Das glaube ich nicht, ich ersuche Sie dennoch, uns sofort über mögliche Auffälligkeiten in Ihrer Umgebung in den nächsten Tagen zu informieren“, sagte Ullmann und überreichte dem jungen Paar seine Visitenkarte, in der Hoffnung, nie wieder von den jungen Leuten zu hören.

Der Kommissar nickte seiner Kollegin zu und entfernte sich Richtung Freitreppe. Nachdem Kommissarin Meister die Daten der Jugendlichen erfasst hatte, ging sie zu ihren Vorgesetzten und erkundigte sich nach den weiteren Schritten der Ermittlung.

„Wir haben die Daten der toten Person, ihren Namen und ihre Wohnanschrift. Ich werde unseren Präsidenten über den Fall informieren und ihn bitten, einen Mitarbeiter zu der Frau des Mannes zu schicken, da ich davon ausgehe, dass er verheiratet ist. Außerdem glaube ich, an seinem Ringfinger einen Abdruck eines Ringes gesehen zu haben. Möglicherweise erfahren wir von seiner Frau, wieso ihr Mann an diesen Ort gekommen ist, denn er ist in Finowfurt wohnhaft.“

„Hoffentlich stimmt der Präsident zu“, zweifelte Frau Meister.

„Dessen bin ich mir sicher“, schmunzelte Ullmann.

„Befragen wir jetzt die Bootsbesitzer.“

„Ja, wir teilen uns die Aufgabe. Sie befragen die Besitzer des ersten Bootes und ich gehe zum zweiten. Ich denke, ich muss die Besitzer erst wecken“, sagte Ullmann und ging.

Beide schlenderten zu den verankerten Booten und die Kommissarin Frau Meister hatte Glück, denn soeben stieg ein Mann aus der Luke auf das Deck. Sie winkte dem Mann zu und bat ihn, auf das Boot kommen zu dürfen, da sie mit ihm sprechen wolle. Der Mann stimmte zu und half ihr über die flache Reling an Bord des wunderschönen Motorbootes. Dann bat er sie, auf einem der Stühle an Deck Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach ihrem Anliegen, wobei er Richtung Freitreppe blickte und über die Bewegung der Mitarbeiter der Spurensicherung in ihren weißen Kombis irritiert schien.

„Wann haben Sie Ihr Boot an diesem Ort geankert?“, wollte sie wissen.

„Sind Sie von der Schifffahrtsbehörde?“, fragte der Mann skeptisch.

„Nein, entschuldigen Sie, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Meister und ich arbeite als Kommissarin bei der Mordkommission in Brandenburg.“

„Oje, ich habe nichts verbrochen“, erwiderte der Mann und schaute zu seiner Frau, die in diesem Augenblick an Deck erschien.

„Ich hoffe nicht. Also, seit wann ankern Sie vor Ort?“

„Wir haben gestern gegen achtzehn Uhr angelegt und haben die Genehmigung dazu. Sie müssen wissen: Dieser Platz ist im Sommer im Prinzip unser Stammplatz. In den Wintermonaten bringen wir unser Boot bei einer Segelschulgemeinschaft unter“, sprach der Mann.

„Wann sind Sie zu Bett gegangen?“, fragte Frau Meister.

„Das ist ja wohl unsere Sache“, knurrte die Frau.

„Es ist mir persönlich gleichgültig, aber ich befrage Sie im Rahmen der Ermittlungen eines schweren Gewaltverbrechens“, verschärfte die Kommissarin ihre Stimme.

„Es wird gegen vierundzwanzig Uhr gewesen sein. Hat ihre Frage mit den Bewegungen dieser utopisch anmutenden Leute an der Freitreppe zu tun?“, wollte der Bootsbesitzer wissen.

„Ja.“

„Wir helfen Ihnen gern, wenn wir können.“

„Haben Sie heute Nacht Geräusche oder einen Streit an der Freitreppe gesehen oder gehört?“

„Nein“, kam die schnelle Antwort.

„Sind Sie sich sicher?“

„Also, ich glaube, mir kam etwas seltsam vor“, sprach die Frau. „Ich habe heute Nacht, als ich vom Schnarchen meines Mannes aufwachte, einen Schrei gehört.“

„Ich schnarche nicht“, erboste sich ihr Mann.

„Nein, ich hatte nur Angst, du zersägst unser Boot“, lachte die Frau.

„Erzählen Sie, was Sie gehört haben wollen“, forderte sie die Kommissarin auf.

„Ich bildete mir ein, einen kurzen Schrei gehört zu haben. Es war nur ganz kurz, deshalb dachte ich, mich verhört zu haben, und bin danach gleich wieder eingeschlafen“, sprach die Frau.

„Wann glauben Sie den Schrei gehört zu haben?“

„Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber ich schätze, es muss zwischen zwei und drei Uhr gewesen sein, denn wir waren noch nicht lange zu Bett gegangen, aber wie gesagt, ich möchte es nicht beschwören, es war nur ein Gefühl“, schloss die Frau ihre Aussage.

Frau Meister verabschiedete sich von den Bootseigentümern und ging an Land, wo Hauptkommissar Klaus Ullmann bereits auf sie wartete. Sie ging auf ihn zu und fragte nach seinen Ermittlungsergebnissen bei den Besitzern des anderen Bootes.

„Magere Ausbeute. Die Eltern und die Tochter wollen nichts gehört haben und ich glaube ihnen, denn ich musste sie wecken und alle waren sehr verschlafen. Sie hatten offensichtlich gestern Abend viel Alkohol zu sich genommen, denn auf dem Tisch stand eine ganze Batterie von Flaschen.“

Die Kommissarin berichtete dem Hauptkommissar von der Befragung der anderen Bootsbesitzer und brachte zum Ausdruck, dass das Ergebnis sehr mager ist, da die Aussage der Frau bezüglich des angeblich gehörten Schreies sehr zweifelhaft und nicht nachzuvollziehen sei. „Ich schlage vor, wir fahren in die Dienststelle zurück. Im Augenblick denke ich, haben wir alles ermittelt. Ich werde eine Befragung der Anwohner der Umgebung veranlassen, möglicherweise bekommen wir neue Hinweise. Die Tatortumgebung haben wir uns gründlich angesehen und eingeprägt. Der Leichnam ist in die Pathologie gebracht worden.“

In diesem Augenblick trat Herr Müller, der Chef der Spurensicherung, zu ihnen und sagte: „Ich werde jetzt mit meinen Leuten abziehen, für uns gibt es nichts mehr zu tun.“

„Wart ihr erfolgreich?“

„Kann ich nicht behaupten. Für den Augenblick gibt es keine konkreten Hinweise auf irgendwelche Täter oder einen einzelnen Täter. Das gesammelte Spurenmaterial ist sehr dürftig und wird noch genauer ausgewertet. Ich kann euch leider keinen weiterhelfenden Hinweis liefern“, schloss der Spurensicherer leicht verzweifelt.

„Ich warte auf das Protokoll“, bat Ullmann.

„Du bekommst es so schnell wie möglich, aber ich möchte mit meinen Mitarbeitern erst die vorhandene Täterkartei sichten, vielleicht ist ein Bekannter dabei“, sagte Müller und verabschiedete sich.

„Der Getötete ist in Finowfurt zu Hause, deshalb erwarte ich nicht, dass die zukünftige Befragung der Anwohner verwertbare Ergebnisse bringt“, schloss Ullmann.

Der Hauptkommissar ordnete in Übereinstimmung mit dem Chef der Spurensicherer an, die Absperrung am Tatort aufzuheben, und begab sich mit seiner Mitarbeiterin zu ihrem Dienstwagen.

Der Hauptkommissar wollte sich mit Jana Schubert und dem Polizeipräsidenten über die weiteren Ermittlungsschritte abstimmen und die entsprechenden Maßnahmen festlegen. Beide saßen später im Dienstzimmer mit Jana und der Sekretärin, Frau Schneider, zusammen und Ullmann hatte sich bereits mit dem Präsidenten abgestimmt. Frau Schneider hatte ihren berühmten Kaffee für ihre Kollegen gebrüht und die Stimmung war angesichts des schrecklichen Verbrechens sehr gedrückt. Der Hauptkommissar wollte soeben mit der Dienstbesprechung beginnen, als an die Tür zum Sekretariat geklopft wurde. Der Kommissar rief mit lauter Stimme: „Herein.“ Ein junger Mann in Polizeiuniform betrat etwas schüchtern das Sekretariat der Mordkommission und blieb zurückhaltend stehen. „Sind sie Herr Philipp Schroeder?“, wurde er von Ullmann gefragt.

„Ja“, kam es leise zurück.

„Treten Sie ein und besorgen Sie sich einen Stuhl“, wurde er vom Hauptkommissar aufgefordert.

Die Mitarbeiter der Mordkommission schauten sich verdutzt an und warfen ihrem Chef fragende Blicke zu. Der junge Mann wirkte leicht verunsichert, besorgte sich aus dem Sekretariat einen Stuhl und setzte sich an den Tisch der Mordkommission. Der Hauptkommissar schaute seine Mitarbeiter mit einem verhohlenen Lächeln an und begutachtete den eingetretenen jungen Mann. Er war mit seinem Auftreten zufrieden und der junge Mann erweckte bei ihm einen guten Eindruck. „Darf ich euch unseren neuen Mitarbeiter vorstellen?“, fragte er plötzlich und freute sich über die überraschten Gesichtausdrücke seiner Mitarbeiter.

Jana Schubert und Hannelore Meister schauten leicht verdutzt zu dem jungen Mann und Frau Schneider sagte: „Da werde ich gleich noch einen Kaffee besorgen, Sie trinken doch sicherlich welchen?“ Sie schaute den Neuen mit fragendem und zugleich warmherzigem Blick an.

„Gern, aber ich kann den Kaffee selbst besorgen“, kam die Antwort des Mannes.

„Das gehört zu meinem Aufgabengebiet“, lächelte Frau Schneider Philipp Schroeder an und es war deutlich zu sehen, dass der junge Mann das Herz von Helga Schneider in Flug erobert hatte.

Philipp Schroeder erweckte einen sehr aufgeschlossenen Eindruck und wirkte nicht überheblich. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, 1,80 Meter groß und blauäugig, was ihm einen stets freudigen Ausdruck verlieh. Er hatte am Tisch Platz genommen und wartete auf seine Vorstellung durch seinen künftigen Vorgesetzten, der in diesem Augenblick das Wort ergriff und seine Mitarbeiter dabei aus den Augenwinkeln beobachtete.

„Ihr seid sicherlich über die personelle Aufstockung unserer Abteilung überrascht, aber ich hielt es für nicht angebracht, euch vor dem Eintreffen unseres Neuzuganges zu informieren, da ich nicht sicher war, dass unser Polizeipräsident meinem Ersuchen nach einer Aufstockung der Mordkommission nachkommt. Gleichzeitig war mir der Zeitpunkt der Vergrößerung unserer Abteilung unbekannt und ich wollte keine unnützen Hoffnungen in euch wecken, dies hätte unserer Arbeit nicht gut getan. Ich freue mich, dass unser Präsident meinem Ansinnen verhältnismäßig schnell folgen konnte. Ich habe gestern Abend, nachdem mir das heutige Eintreffen unserer Verstärkung bekannt wurde, die Personalakte von Polizeianwärter Philipp Schroeder genauestens durchgelesen und muss gestehen, dass ich von dem Lebenslauf und den Zeugnissen sehr beeindruckt bin, und hoffe, dass diese Fakten in Zukunft bei der Erledigung unserer Dienstaufgaben nicht getäuscht haben. Herr Schroeder absolviert gegenwärtig die Schulung zum Polizeianwärter und hat die besten Noten der gesamten Klasse. Nach Befragung eines möglichen Praktikums in unserer Dienststelle willigte Herr Schroeder sofort ein, deshalb die schnelle Erfüllung meines Ersuchens. Ich hoffe, wir werden zukünftig gut zusammenarbeiten. Ich würde Sie jetzt bitten, sich in kurzen Worten Ihren neuen Mitarbeitern vorzustellen“, endete der Hauptkommissar.

„Mein Name ist Philipp Schroeder. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, habe das Abitur in Brandenburg abgelegt und mich danach sofort für den Polizeidienst entschieden. Seit drei Jahren absolviere ich das Studium an der Polizeischule. Ich bin nicht verheiratet und wohne noch bei meinen Eltern, die ein Eigenheim besitzen und daher genügend Raum für mich zur Verfügung haben. Ich freue mich sehr, in Ihrer Abteilung arbeiten zu dürfen, und werde mich bemühen, die Aufgaben nach bestem Ermessen zu erledigen, wobei ich sicher bin, dass ich von Ihnen sehr viel lernen kann. Das schulische Wissen ist die eine Seite, aber ich weiß, dass zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke klaffen kann“, schloss Philipp Schroeder.

„Danke, Herr Schroeder“, zeigte sich Ullmann zufrieden.

„Darf ich noch etwas ergänzen, Herr Hauptkommissar?“, fragte der junge Mann.

„Bitte sehr“, sagte Ullmann.

„Ich heiße Schroeder mit ‚oe‘ und ‚d‘ wie Dora“, sagte der Neue mit leiser Stimme.

Im Dienstzimmer herrschte für einen kurzen Moment Stille. Die übrigen Mitarbeiter der Mordkommission schauten sich verdutzt an und brachen anschließend in schallendes Gelächter aus. Philipp Schroeder ließ es ruhig über sich ergehen und musste nach kurzem Zögern gleichfalls lachen, womit das letzte Eis der Anwesenden gebrochen war. Philipp Schroeder schien eine gute Ergänzung für das Kollektiv zu werden und erweckte einen sehr positiven Eindruck.

„Ich erwähne das hauptsächlich, weil es diesbezüglich bereits mehrere Verwechslungen gegeben hat, und für die Anfertigung von Protokollen oder anderer Belege ist die richtige Namensbezeichnung von nicht unwesentlicher Bedeutung“, erwähnte Schroeder.

„Ich hoffe, bezüglich der Erweiterung unserer Mordkommission sind die wichtigsten Fragen geklärt. Ich schlage vor, dass sich Herr Schroeder einen Arbeitsplatz in eurem Zimmer einrichtet, und erwarte, dass ihr ihm dabei behilflich seid. Frau Schneider wird Ihnen das benötigte Material zur Verfügung stellen. Ihren Computer können Sie in der Abteilung Technik abholen, die Mitarbeiter wissen Bescheid. Ich werde jetzt das neueste Verbrechen mit euch besprechen. Bei diesem, der Tötung eines Mannes in Angermünde, kann es sich um ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall mit Todesfolge handeln. Genaueres erwarte ich vom Obduktionsbericht, den uns Frau Kesser heute noch zustellen wird“, führte Ullmann aus, als die Tür zum Dienstzimmer aufging und ein Polizist Frau Schneider eine Mappe mit der Bitte zur Weitergabe an den Hauptkommissar übergab. Der Hauptkommissar blätterte in der Akte und schaute, nachdem er sie durchgelesen hatte, seine Mitarbeiter mit festem Blick an. „Diese Akte enthält genauere Angaben zur Person, die heute Nacht tot aufgefunden wurde. Der Mann ist verheiratet und in Finowfurt wohnhaft. Er ist selbstständiger Versicherungsvertreter und gegenwärtig zu einer Schulung in Angermünde angemeldet. Er ist 35 Jahre alt und gemeinsam mit drei weiteren Versicherungsvertretern im ‚Hotel am Seetor‘ als Gast eingetragen. Die vier Personen sollen befreundet sein und jährlich gemeinsam die Schulung besuchen. Frau Meister und ich haben heute Morgen den Tatort besichtigt und erste Erkenntnisse gewonnen sowie Befragungen durchgeführt, deren Ergebnisse uns nach jetzigem Erkenntnisstand nicht wesentlich weiterhelfen. Ich werde gemeinsam mit Jana nach Finowfurt zu der Ehefrau der getöteten Person fahren, wobei wir über weitere Details sprechen können. Frau Meister wird Herrn Schroeder mit ‚oe‘ in den Fall einweisen und weitere Nachforschungen zum ‚Hotel am Seetor‘ in Angermünde durchführen. Belegungszahl, Gästeliste und so weiter, Sie wissen Bescheid, Frau Meister. Ich bitte Sie, das Umfeld von Lutz Schimmel bezüglich seiner beruflichen und privaten Tätigkeit zu durchleuchten, wir müssen von diesem Mann so viel wie möglich erfahren“, schloss der Hauptkommissar die Dienstberatung und alle Mitarbeiter gingen an ihre Arbeitsplätze.

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Am gleichen Tag, als in Angermünde der Leichnam von Lutz Schimmel aufgefunden wurde, herrschte auf dem Gestüt der Familie Büttner Hochbetrieb. Das Gestüt lag in der Schorfheide nahe dem Ort Oderberg und umfasste ungefähr zweihundert Hektar. Das Gebiet der Schorfheide erstreckte sich von Eberswalde bis nach Friedrichswalde und war ein Teilgebiet des Barnimer Landes. In dem Gebiet der Schorfheide befand sich in der Nähe von Joachimsthal ein Biosphärenreservat, das nur zum Teil begehbar war. Die Schorfheide beherbergte seltene Gehölze und viele urwüchsige Pflanzen, welche nur in dieser Gegend beheimatet waren. Durch dieses Gebiet führten mehrere Rundwege, welche zum Großteil, besonderes an Wochenenden, von vielen Fahrradfahrern zu Ausflügen genutzt wurden. Es war ein zur inneren Ruhe einladendes Gebiet und zeigte besonders im Frühjahr und im Sommer seine ganze Pracht und Schönheit. Die Rundwege führten an vielen bekannten Sehenswürdigkeiten und alten Gebäuden vorbei. Eine besondere Sehenswürdigkeit war das Kloster Chorin, welches sich am Rand der Schorfheide befand. Am 2. September 1258 übereignete das markgräfliche Brüderpaar Johann I. und Otto III. dem Zisterzienserkloster Lehnin ein umfangreiches Gebiet im damaligen Barsdin, einschließlich der Burg Oderberg. Dafür sollte ein Kloster errichtet werden. Gemäß den damaligen Regeln der Zisterzienser mussten deren Klöster abseits von Siedlungen in abgeschiedenen Wald- oder Sumpfgebieten errichtet werden.

Neben ihrer Hauptaufgabe, dem Dienst an Gott, war es die Pflicht des Ordens, den Lebensunterhalt durch die Arbeit ihrer eigenen Hände zu sichern und Wildnis in Kulturland umzuwandeln. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war die Klosteranlage baulich vollendet. Dabei sind drei Bauabschnitte zu unterscheiden, die durch Wechsel von Material und Ziegelformaten bestimmt wurden. Im Osten wurde mit dem Bau des Klosters begonnen, deren verwendete Ziegel rot gefärbt waren. Im zweiten Bauabschnitt waren die Ziegel fleischfarben getönt. Der dritte Bauabschnitt ist durch die Verwendung von gelblichen Ziegeln gekennzeichnet. Im Westflügel wurde ein vollständiger Kreuzgang errichtet. Am Westflügel schlossen sich der Bau des südlichen Ostflügels sowie der Bau des Südflügels mit Brunnenhaus und Abt-Haus an. Das vom See und von sumpfigen Wiesen umgebene Klosterareal verbesserten die Mönche durch umfangreiche Wasserbaumaßnahmen. Die erforderliche Senkung des Wasserspiegels wurde mit dem Bau eines Dammes zwischen dem Chorinsee und der Ragöse bewirkt.

Die gesamte Bausubstanz muss während des Dreißigjährigen Krieges erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Im Jahre 1665 wurde die gesamte Kirche als baufällig bezeichnet. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu baulichen Sicherungen und gestalterischen Verbesserungen. Im Laufe der nächsten Jahre erfolgten weitere bauliche Verbesserungen des Klosters und der gesamten Anlage, einschließlich der Neueindeckung des Daches.

In der Gegenwart finden im Kloster Trauungen und geführte Rundgänge durch die Anlage statt. Die Klosteranlage erweckt, aufgrund ihrer guten Pflege, einen sehr erfrischenden Eindruck und gibt den Touristen das Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Die Trauungen erfolgen in der ehemaligen Sakristei. Die Klosteranlage ruft bei den vielzähligen Besuchern stets Bewunderung über die Leistungen der Mönche beim Bau des Klosters hervor. Unter Berücksichtigung, dass die gesamte Außenanlage einschließlich der erforderlichen Wasserversorgung von den Mönchen geschaffen wurde und unter Beachtung der zum damaligen Zeitpunkt zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel, ist den Touristen ihre Bewunderung deutlich anzusehen.

Neben dem Kloster Chorin gibt es in der Schorfheide weitere bedeutende Sehenswürdigkeiten, wobei dieses Gebiet nur durch kleine Ortschaften, wie zum Beispiel Joachimsthal und Chorin, besiedelt ist. Das Gestüt der Familie Büttner befand sich in der Nähe von Joachimsthal. Es beherbergte Stallungen für mindestens zwanzig Pferde, zwei große Koppeln, ein mehrstöckiges Wohngebäude, ein Gästehaus mit zwölf Übernachtungsmöglichkeiten und kleiner Küche zur Selbstanfertigung kleiner Mahlzeiten und ein langes Auslaufgelände zum Einreiten der Pferde. Zur Reinigung und zum Betrieb der Gästezimmer hatte die Familie Büttner eine Frau angestellt, zudem gehörten drei professionelle Jockeys zum Betrieb des Gestütes. Die Familie Büttner betrieb dieses Gestüt bereits seit zwanzig Jahren und die Gestütsinhaberin Katja Büttner hatte es von ihren Eltern vor zwanzig Jahren übernommen.

Sie hatte ihr ganzes Leben auf dem Hof ihrer Eltern verbracht und war im Prinzip mit den Pferden aufgewachsen und wusste daher über ihre Bedürfnisse sowie ihre Eigenheiten bestens Bescheid. Ihre Eltern hatten sie frühzeitig mit ihren Plänen der Übernahme des Gestütes vertraut gemacht und ihr die notwendigen Kenntnisse beigebracht. Nach ihrem Abitur hatte sie Zoologie studiert und sich dabei auf die Aufzucht und die Ausbildung der Pferde als Rennpferde, einschließlich der Gestaltung des Trainings und der Zucht der Tiere spezialisiert. Unter Pferdezucht versteht man die geplante und durchdachte Vermehrung von Pferden mit dem Ziel, Gesundheit, Leistungsvermögen und -bereitschaft und bestimmte Rassemerkmale zu erhalten oder zu verbessern. Das vom Züchter erstrebte Ideal ist, ein Pferd zu schaffen von so vollkommener Gesundheit und Harmonie zwischen äußerem und innerem Leben, dass alle Kräfte frei bleiben für Wollen und Wirken im Dienste des Menschen.

Dem Gestüt Büttner war es in den zurückliegenden Jahren mehrmals gelungen, gute Pferde zu züchten, die wiederholt im Pferderennsport Titel geholt hatten. Das Gestüt hatte einen guten Ruf und war in der glücklichen Lage, ein Überangebot an Zuchtanfragen zu erhalten, sodass sie einige Angebote nicht annehmen konnten und sich die Besitzer der Pferde aussuchen konnten.

Die Pferdezucht hat eine weit zurückreichende Historie und beginnt nach derzeitigem Wissensstand zwischen 5000 und 3000 v. Chr. etwa zeitgleich in verschiedenen Gebieten Europas, Asiens und Nordafrikas. Heute gibt es Hunderte verschiedene Pferderassen, die mit dem Menschen nahezu alle Lebensräume erobert haben. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist ein Rückgang der Artenvielfalt zu beobachten. Ursache dafür ist der Wegfall einer Reihe von Einsatzgebieten durch fortschreitende Industrialisierung, wie zum Beispiel der Einsatz der Pferde für Waldarbeiten beziehungsweise im Straßenverkehr.

Zu Beginn der Pferdezucht konnte man kaum von einer systematischen Zucht wie in der heutiger Form sprechen. Es wurden schlicht die zur Verfügung stehenden Tiere nach Gefallen miteinander gekreuzt. Gerne wurden durch Handel oder Raubzüge aus entfernteren Gegenden stammende Tiere gekreuzt. Das Endprodukt war eher zufällig. Die Rassen entsprachen weitgehend dem jeweiligen Gebiet der vorgefunden Naturrassen. Beim späteren Reinzuchtverfahren wurden nur Tiere der gleichen Rasse miteinander gepaart. Die Veredlung einer Rasse durch Einzucht einiger weniger Individuen mit gewünschten Eigenschaften ist Standard in der Pferdezucht. Die beiden Ursprungsrassen werden im Zuchtverlauf immer wieder zur Blutauffrischung und Verfestigung der Zuchtrichtung eingekreuzt. Die Zucht im 21. Jahrhundert ist überwiegend Privatengagement, da staatliche Institutionen die Kosten für eine reine Erhaltung nicht mehr tragen können. Wie auch bei anderen Tierarten werden Pferde mittlerweile nicht mehr nur auf natürlichem Wege, also durch das Zusammenführen von Hengst und Stute, vermehrt. Auch in der Pferdezucht haben künstliche Befruchtung und Embryotransfer Einzug gehalten. Wegen des verhältnismäßig langen Generationsabstandes des Pferdes sind für Züchter meist Hengste, die eine ganze Zuchtlinie begründen können, interessanter als Stuten, die selten mehr als sechs Nachkommen haben und dadurch ihre Merkmale nicht im selben Maße weitervererben.

Ein wesentlicher Faktor bei der Züchtung von Pferden ist deren Gesundheit, dazu gehört die ständige Kontrolle durch einen Tierarzt, einschließlich der Behufung der Tiere. Zu diesem Zweck hatten die Büttners einen Vertrag mit einem ortansässigen Hufschmied, der eine zyklische Kontrolle durchführte und gegebenenfalls neue Hufeisen aufbrachte. Die wichtige Reinigung der Stallungen und die Beseitigung des angefallenen Stallmistes wurden von den Mitarbeitern des Gestütes getätigt. Die Pferde standen unter ständiger ärztlicher Kontrolle durch einen zugelassenen Tierarzt, der den Tieren auch die erforderlichen Spritzen verabreichte und eine gegebenenfalls erforderliche Behandlung durchführte.

Zur Pferdepflege gehören weiterhin solch wichtige Faktoren wie die Zahnpflege, Entwurmungen, Gesundheitscheck, Insektenschutz und eine wiederholte Massage. Pferde sind sehr sensible Wesen und erfordern ständige Beobachtung bezüglich ihrer Gesundheit und stellen an ihre Umwelt eine hohe Anforderung in puncto Sauberkeit. Nach dem Ausreiten oder den Trainingseinheiten müssen sie gründlich getrocknet und abgerieben werden, was viel Aufwand erfordert, sodass die Mitarbeiter des Gestütes ständig unterwegs waren und wenig Zeit für Pausen blieb.

Zum Gestüt gehörten insgesamt acht Mitarbeiter, die in unterschiedlichen Schichten eingesetzt wurden. Die Rangordnung in einer Pferdeherde ist in der Regel weitgehend gefestigt und wird von der Mehrzahl der Pferde akzeptiert. Auf einem Gestüt spielt diese Rangordnung nicht die wesentliche Rolle, ist aber dennoch von Bedeutung, da die Tiere während ihres Aufenthaltes auf der Freikoppel ein ruhiges Miteinander erleben sollen. Zu Konflikten kommt es meist, wenn junge Pferde ihre Grenzen noch nicht genau kennen oder neue Pferde in die Herde eingeführt werden. Der Neuling muss sich vom letzten Platz nach vorn durchkämpfen, bis er schließlich seine feste Position innerhalb der Gruppe gefunden hat. Unsichere oder scheue Pferde fühlen sich im Herdenverband wohler als in Einzelhaltung.

Das Gestüt Büttner hatte sich auf die Zucht von Baden-Württembergern spezialisiert, und ihre Kunden und die Besitzer der beim Gestüt untergestellten Tiere hatten sich gleichfalls für diese Rasse entschieden. Diese Pferderasse ist ein echtes Reit- und zugleich Sportpferd. Der Baden-Württemberger hat einen edlen, ausdrucksstarken Kopf mit freundlichen, großen Augen. Der kräftige, muskulöse Rücken geht in eine runde, leicht abgeflachte Kruppe mit gut angesetztem, getragenem Schweif über. Diese Tiere werden zumeist bei Galopprennen eingesetzt. Bei einem Galopprennen werden die Pferde in ausgeloster Reihenfolge in die Startmaschine geführt. Das Signal zum Start durch den Startrichter erfolgt in seinem eigenen Ermessen, wobei er keine Rücksicht auf schwierige Pferde nimmt. Um eine Chancengleichheit zu gewährleisten, müssen die besten Pferde ein zusätzliches Gewicht von fünf Kilogramm tragen. Die Reihenfolge, in der die Pferde ins Ziel laufen, wird durch den Zielrichter, gegebenenfalls durch Zielfoto, bestätigt. Bei den Wetten von Pferderennen gibt es mehrere verschiedene Wetten. Die häufigsten Wetten sind die Siegwette, Platzwette, Zweierwette und Dreierwette, wobei bereits der Titel der Wette die gesetzte Platzierung des Pferdes zum Ausdruck bringt. Unabhängig von der gewählten Wette kommt es darauf an, die richtigen Ergebnisse des Rennens zu tippen. Die Zahl der Wettscheine ist praktisch unbegrenzt und man kann so viele abgeben, wie man möchte, wobei die professionellen oder süchtigsten Wetter zumeist erst kurz vor dem Start des jeweiligen Rennens ihre Wetten abgeben, was dann meistens zu einem regelrechten Ansturm auf die Wettschalter führt. Alle eingesetzten Renngelder laufen im sogenannten Totalisator zusammen, wo sie dann ausgewertet und in die Quoten umgerechnet werden. Diese Totalisatoren dürfen ausschließlich von Pferdezucht- oder Rennvereinen betrieben werden. Der Totalisator stellt quasi das Wettgeschäft auf der Rennbahn dar.

Die Finanzierung des „Gestüt Büttner“ ruhte, analog aller derartigen Gestüte, auf der Bezahlung der untergebrachten Pferde und der Reitstunden durch deren Besitzer sowie dem prozentualen Anteil am Gewinn der Reitpferde bei ihren gewonnenen Rennen. Ein wesentlicher Bestandteil der Finanzierung des Gestütes ist die Aufzucht und der Verkauf von Jungpferden, deren Preis von der Abstammung ihrer Eltern oder deren Nachzucht abhing. Je höher der Gewinn der elterlichen Pferde bei Rennen gewesen ist, desto höher ist der Verkaufswert der Jungpferde.

Zur guten Finanzlage des Gestütes trug die sehr gute Auslastung des zum Gestüt gehörenden Gästehauses bei, sodass die Familie Büttner finanziell auf guten Beinen stand. Aufgrund der Tatsache, dass das Gestüt keinerlei staatliche Hilfen erhielt, hatte Herr Büttner einen sogenannten „Freundeskreis Gestüt“ ins Leben gerufen. In diesen „Freundeskreis Gestüt“ zahlten viele Sponsoren in einen Finanzpool ein, welcher das Gestüt in die Lage versetzte, jährlich mehrere Veranstaltungen und Feste zu organisieren. Herr Büttner wurde als Geschäftsführer des „Freundeskreises Gestüt“ bestätigt und ging sehr sorgfältig mit den zur Verfügung stehenden Mitteln um und musste jährlich bei der Jahreshauptversammlung Bericht erstatten.

Die Sponsoren kamen aus unterschiedlichen Landesteilen und waren mit dem Gestüt eng verbunden und nahmen zum Großteil an den Veranstaltungen teil.

Am heutigen Tag herrschte auf dem Gestüt wieder Hochbetrieb, da viele Pferdebesitzer sich zu einem Ausritt mit ihren Lieblingen entschlossen hatten. Die Mitarbeiter gingen ihrer geregelten Arbeit nach und behinderten die Pferdebesitzer in keiner Weise, sondern halfen ihnen, ihre Pferde für den Ausritt vorzubereiten. Einige Besitzer waren mit ihren Tieren bereits unterwegs und hatten sich zum Teil zu kleineren Gruppen zusammengeschlossen. Herr Büttner kontrollierte die Arbeiten der Angestellten, während sich seine Frau Katja um das wohl der Gäste kümmerte. Der heutige Tag war jedoch kein Tag wie alle anderen, sondern erweckte bei den Mitarbeitern des Gestütes und besonders bei den Besitzern einen fahlen Nachgeschmack. Am heutigen Tag, genau vor sechs Jahren, war es auf dem Gestüt zu einem tragischen Unfall gekommen, bei dem ein Mann sein Leben verlor. Bis heute war der Fall nicht gänzlich aufgeklärt, obwohl die Polizei den Fall abgeschlossen und als tragischen Unfall zu den Akten gelegt hatte. Das Geschehen um den Unfall ist für die meisten Mitarbeiter noch immer rätselhaft und führt zu teilweise wilden Spekulationen. In der Box einer Besitzerin hatte eine Stute aus unerklärlichen Gründen sehr aggressiv reagiert und einen Mann zu Tode gebracht. Die Stute hatte sich bis zu diesem Augenblick stets unauffällig und ruhig verhalten und war das Lieblingspferd ihrer Besitzerin, welche noch zwei weitere Pferde besaß. Die Frau musste in der Box mit anschauen, wie ihr Mann durch die plötzliche Aggressivität des Pferdes zu Tode kam, erlitt dabei einen schweren Schock und ist bis heute geistig verwirrt. Sie wird immer noch in einer Klinik betreut.

In der Box des Geschehens war an der Rückwand eine Messingtafel mit dem Namen des getöteten Mannes, Herr Frank Korn, angebracht. Die Inschrift der Tafel enthielt den Namen des Mannes und das Datum des schrecklichen Geschehens. Der Mann und seine Frau hatten zwei Kinder, Silvia und Helmut. Das Mädchen war zum damaligen Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt gewesen, ihr Bruder bereits volljährig. Die beiden Geschwister hatten ein sehr enges Verhältnis und der Bruder kümmerte sich liebevoll um seine Schwester. Es waren Gerüchte im Umlauf, wonach die kleine Tochter des Ehepaares in der unmittelbaren Umgebung des Geschehens gewesen sein soll, was jedoch nie konkret bewiesen werden konnte, da das Mädchen nichts Genaues schildern konnte. Das Ehepaar Büttner, welches sich noch längere Zeit um die beiden Geschwister bemüht hatte, wusste, dass sie in Angermünde arbeiteten. Im Laufe der letzten beiden Jahre hatten sie den Kontakt zu ihnen abgebrochen.

Katja Büttner stand in der Unfallbox und betrachtete mit Wehmut das Messingschild. Ihr gingen wieder die damaligen Ereignisse durch den Kopf.

„Du kannst den Unfall nicht vergessen?“, fragte sie ihr Mann.

„Nein.“

„Wir hatten damals große Probleme mit dem Gestüt.“

„Ja, wir standen vor dem Konkurs“, erwiderte Katja.

„Der Unfall hat unserem guten Ruf sehr geschadet. Einige Besitzer zogen ihre Schützlinge ab und brachten sie auf andere Gestüte.“

„Ich frage mich noch heute, wie der Unfall geschehen konnte.“

„Da bist du nicht die Einzige“, antwortete ihr Mann.

„Die Stute war immer so sanftmütig und nichts deutete auf ein aggressives Verhalten hin. Nach meiner Meinung muss es einen Auslöser für ihr Verhalten gegeben haben.“

„Die Polizei hat alles gründlich untersucht.“

„Ich weiß, dennoch will ich nicht an das Verhalten des Pferdes ohne Grund glauben“, dachte Katja Büttner laut nach und schaute ihren Mann fragend an.

„Du musst das Geschehen endgültig vergessen.“

„Ich versuche es, aber immer wenn ich in diese Box komme, werden Zweifel in mir wach, was genau geschehen ist“, sagte Katja.

„Ich bin froh, dass wir damals der drohenden Insolvenz entkommen konnten. Zum Glück hatten wir einige Unterstützer und die Banken haben uns auch gut behandelt und uns mit günstigen Krediten unterstützt, sodass wir mit verkleinertem Etat weiterarbeiten konnten“, erläuterte ihr Mann.

„Ich weiß, wie du um unser Überleben gekämpft hast, und bin dir noch heute sehr dankbar dafür. Ohne deinen Einsatz hätten wir es nicht geschafft.“

„Du musst dich nicht bedanken, das habe ich für uns und unsere Kinder getan. Wir möchten doch beide, dass sie eines Tages das Gestüt weiterführen“, überlegte Herr Büttner.

„Das ist auch meine Hoffnung.“

„Ich denke, dass unsere Kinder sich hier sehr wohl fühlen, und ich habe den Eindruck, dass sie unser Werk fortsetzen. Auch ihre Ehepartner fügen sich gut ein.“

„Da hast du vollkommen recht und das bereitet mir viel Freude.“

„Wir sollten uns jetzt wieder unserer Arbeit widmen“, schlug Herbert vor.

„Ja, ich werde mich um unsere Gäste kümmern. Wenn ich richtig informiert bin, weilen heute einige Gäste bei uns, die damals ebenfalls auf unserem Gestüt zu Gast waren. Ich werde mit ihnen sprechen“, schlug Katja Büttner vor.

„Ich bin mir sicher, du findest die richtigen Worte für den Fall, dass euer Gespräch auf die damaligen Ereignisse kommt.“

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22 aralık 2023
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