Kitabı oku: «Vergessene Pfade Königssee und Berchtesgadener Land»

Blick über den Königssee
Joachim Burghardt
Vergessene Pfade
KÖNIGSSEE & BERCHTESGADENER LAND
35 außergewöhnliche Wanderungen
abseits des Trubels


Lichtkaskaden über Hagengebirge, Tennengebirge und Dachstein

»Eine strenge Stille thront über Fels und Abgrund.« – Abend am Watzmann-Hocheck
INHALT
Vorwort
Willkommen am Königssee
Bruckmann Tourenfinder
Piktogramme und Schwierigkeitsgrade
Mensch und Berg im Berchtesgadener Land
DIE TOUREN
1Vom Predigtstuhl bis zum Karspitz
Die Längsüberschreitung des Lattengebirges
2Weißbachtal und Steinerne Agnes
Herrliche Pfade im Lattengebirge
3Von Hallthurm auf den Hirschangerkopf
Unterwegs auf der stillen Seite des Untersbergs
4Der Rauhe Kopf
Unscheinbarer Vorgipfel des Untersbergs
5Barmsteine und Hohe Götschen
Grenzgänge zwischen Bayern und Salzburg
6Auf die Kneifelspitze
Einsame Pfade am beliebten Aussichtshügel
7Lockstein, Kälberstein, Baderlehenkopf
Überschreitung der drei Berchtesgadener Hügel
8Weitwandern im Berchtesgadener Tal
Von der Almbachklamm bis in die Ramsau
9Das andere Bild des Königssees
Das Tal von Berchtesgaden bis zum Röthbachfall
10Eisbachtal und Eiskapelle
Spaziergang zum Fuß der Watzmann-Ostwand
11Malerwinkel und Rabenwand
Wunderschöne Aussichtspunkte am Königssee
12Über den Kehlriedel zum Kehlstein
Vergessener historischer Weg am Touristenberg
13Steilaufstieg zur Brettgabel
Aussichtswarte über dem Berchtesgadener Tal
14Rotspielscheibe und Fagstein
Gipfelglück abseits des Trubels
15Der Schneibstein-Ostgrat
Einsame Überschreitung im Hagengebirge
16Vorderschlumsee und Angeralm
Stille Orte in einem fast vergessenen Gebirge
17Kaunersteig und Hochlafeld
Streifzüge in den südlichen Gotzenbergen
18Kahlersberg und vier weitere Grenzgipfel
Herrliche Dreitagestour im westlichen Hagengebirge
19Einsame Wanderungen im Steinernen Meer
Wasseralm, Wildalmkirchl und Riemannhaus
20Durch die Saugasse zum Funtensee
Ein bekannter Weg mit verborgenen Hintergründen
21Der Stuhljochgrat am Funtenseetauern
Traumgrat am größten Bergmassiv des Steinernen Meers
22Über die Sagereckwand zum Funtensee
Klassischer Steilaufstieg zum Steinernen Meer
23Brandenberg und Schottmalhorn
Zwei Felsberge voller Gegensätze
24Rotwandl und Viehkogel
»Kleine« Gipfel des Steinernen Meers
25Zwei Wege durchs Steinerne Meer
Beeindruckendes stilles Wandererlebnis
26Schöneck-Südgrat und Wurmkopf
Wenig bekannter Steilaufstieg zum Steinernen Meer
27Vier-Hörner-Runde
Breithorn, Mitterhorn, Äulhorn und Achselhorn
28Unbekannter Schartenkopf
Von der Peter-Wiechenthaler-Hütte ins Steinerne Meer
29Touren rund ums Ingolstädter Haus
Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
30Sigeretplatte, Trischübel, Hundstodgatterl
Weiter Weg durch stille Landschaften
31Durchs Wimbachtal zum Seehorn
Sandflüsse, Felstürme und Baumruinen
32Auf die Hirschwiese
Vom grauen Wimbachtal ins blau-grüne Königsseetal
33Von Süden über den Großen Watzmann
Die berühmte Überschreitung neu betrachtet
34Überschreitung der Watzmannfrau
Außergewöhnliche Rundtour in hochalpiner Umgebung
35Schapbachriedel und Grünstein
Ein unbekannter Hügel und sein beliebter Nachbar
PS:
Register
Impressum

Das südwestliche Steinerne Meer mit dem Riemannhaus

Im Felsgelände sollte man nicht »kopfscheu« werden, wie man in Berchtesgaden traditionell sagt.
TOURENÜBERBLICK
Leicht
7Überschreitung der drei Berchtesgadener Hügel
9Das Tal von Berchtesgaden bis zum Röthbachfall
10Spaziergang zum Fuß der Watzmann-Ostwand
11Wunderschöne Aussichtspunkte am Königssee
20Ein bekannter Weg mit verborgenen Hintergründen
Mittel
1Die Längsüberschreitung des Lattengebirges
2Herrliche Pfade im Lattengebirge
3Unterwegs auf der stillen Seite des Untersbergs
4Unscheinbarer Vorgipfel des Untersbergs
5Grenzgänge zwischen Bayern und Salzburg
6Einsame Pfade am beliebten Aussichtshügel
8Von der Almbachklamm bis in die Ramsau
12Vergessener historischer Weg am Touristenberg
13Aussichtswarte über dem Berchtesgadener Tal
14Gipfelglück abseits des Trubels
16Stille Orte in einem fast vergessenen Gebirge
17Streifzüge in den südlichen Gotzenbergen
19Wasseralm, Wildalmkirchl und Riemannhaus
22Klassischer Steilaufstieg zum Steinernen Meer
24»Kleine« Gipfel des Steinernen Meers
25Beeindruckendes stilles Wandererlebnis
28Von der Peter-Wiechenthaler-Hütte ins Steinerne Meer
30Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
32Vom grauen Wimbachtal ins blau-grüne Königsseetal
35Ein unbekannter Hügel und sein beliebter Nachbar
Schwer
15Einsame Überschreitung im Hagengebirge
18Herrliche Dreitagestour im westlichen Hagengebirge
21Traumgrat am größten Bergmassiv des Steinernen Meers
23Zwei Felsberge voller Gegensätze
26Wenig bekannter Steilaufstieg zum Steinernen Meer
27Breithorn, Mitterhorn, Äulhorn und Achselhorn
29Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
31Sandflüsse, Felstürme und Baumruinen
33Die berühmte Überschreitung neu betrachtet
34Außergewöhnliche Rundtour in hochalpiner Umgebung
PIKTOGRAMME ERLEICHTERN DEN ÜBERBLICK
| leicht |
| mittel |
| schwer |
| Gehzeit |
| Höhenunterschied |
| Weglänge |
ZEICHENERKLÄRUNG ZU DEN TOURENKARTEN
| Wandertour mit Laufrichtung |
| Tourenvariante |
| Ausgangs-/ Endpunkt der Tour |
| Wegpunkt |
| Bahnlinie mit Bahnhof |
| S-Bahn |
| Tunnel |
| Seilbahn, Gondelbahn |
| Bushaltestelle |
| Parkmöglichkeit |
| Hafen |
| Autofähre |
| Personenfähre |
| Flugplatz |
| Kirche |
| Kloster |
| Burg/Schloss |
| Ruine |
| Wegkreuz |
| Denkmal |
| Turm |
| Leuchtturm |
| Windpark |
| Windmühle |
| Mühle |
| Hotel, Gasthof, Restaurant Jausenstation |
| Schutzhütte, Berggasthof (Sommer/Winter) |
| Schutzhütte, Berggasthof (Sommer) |
| Unterstand |
| Grillplatz |
| Jugendherberge |
| Campingplatz |
| Information |
| Museum |
| Bademöglichkeit |
| Bootsverleih |
| Sehenswürdigkeit |
| Ausgrabung |
| Kinderspielplatz |
| schöne Aussicht |
| Aussichtsturm |
| Wasserfall |
| Randhinweispfeil |
| Maßstabsleiste |
Vorwort
Dieses Buch zu schreiben war ein Abenteuer im Kleinen. Es stellte sich als eine große und schöne Aufgabe heraus, Bergerlebnisse zu Hause am Arbeitstisch noch einmal nachzuvollziehen, Erinnerungen und Geschichten wachzurufen, in Büchern zu forschen und mir im Lauf von Monaten allmählich die Worte und Bilder zurechtzulegen, die zuletzt als Ganzes dastehen sollten. Ein Abenteuer war die Arbeit aber auch deshalb, weil sie mich in die Geschichte meines eigenen Bergerlebens zurückführte. Denn die Berge rund um den Königssee waren das erste Gebirge, das ich für mich liebgewann.
Als Kind unternahm ich mit meinem Vater erste Hüttenwanderungen, als Jugendlicher ließ ich mich von den Bildern und Texten in Horst Höflers Buch »Berchtesgadener Alpen« zum Träumen anregen. Die »beständige Sehnsucht, die nie enttäuscht wird«, packte auch mich. Es lag auf der Hand: Diese Berge übten einen ganz besonderen Reiz aus, der die Anziehungskraft anderer Landschaften überstieg. Als ich dann mit sechzehn Jahren zum ersten Mal auf der Watzmann-Mittelspitze stand, glaubte ich einen Endpunkt erreicht, das Allerwichtigste geschafft zu haben. Ich kannte nun ja alles vermeintlich Bedeutsame: St. Bartholomä mit seinem Souvenirtrubel, das Trompetenecho und die Sage vom schrecklichen König; ich hatte ein paar Normalwege in meinem Tourenbuch verzeichnet und war bei jeder Fahrt über den Königssee aufs Neue gespannt, ob die Zahl der Toten in der Watzmann-Ostwand schon wieder gestiegen war. Der größere und stillere Teil der Wirklichkeit blieb mir hingegen noch verborgen.
Doch die Watzmann-Besteigung war ja erst der Anfang. Jahr für Jahr kehrte ich öfter zurück, entdeckte Schritt für Schritt Neues und Verborgenes. Die wichtigste Erkenntnis dabei war: Neben den touristischen Brennpunkten existiert auch noch eine tiefere Dimension, die nur bei genauem Hinsehen hervortritt – alte Viehtriebsteige, unbekannte Pfade, verfallene Hütten, abgelegene Hochflächen, selten betretene und sogar namenlose Gipfel, vor allem aber auch eine Menge Hintergrundwissen, das im Laufe der Zeit verschüttgegangen ist oder einem breiteren Publikum nie zugänglich war. Mit Feuereifer besorgte ich mir antiquarisches Bücher- und Kartenmaterial, suchte und fand wenig bekannte Routen, an denen die Erschließungs- und Werbemaschinerie gänzlich vorübergegangen ist – großartige Orte der Stille, manchmal beinahe eine vergessene Welt. Aus dieser aufregenden Recherche ging schließlich selbst wieder ein Buch hervor, das Sie nun in den Händen halten. Es präsentiert eine Auswahl von 35 Touren, die teils in die Einsamkeit führen, teils aber auch Bekanntes neu betrachten, eine neue Annäherung an ein literarisch fast schon zerschriebenes und bergtouristisch stark kanalisiertes Gebirge wagen wollen. Keine »35 schönsten zum zigsten Mal« also, sondern 35 schöne ohne Superlativ, oft unkonventionelle Touren. Und mit Sicherheit 35-mal ein besonderes Naturerlebnis für den Liebhaber, der sich nicht nur für die bekanntesten Touristenziele interessiert.
Die Gefahr, den einen oder anderen »Geheimtipp« durch die Veröffentlichung kaputtzureden, ist dabei nur gering. Denn solange die einsamen Pfade nicht im großen Stil beworben, vor Ort markiert und ausgebaut werden, wird eine einzelne Publikation nicht viel an ihrem Dornröschenschlaf ändern. Ein nettes Detail aus der alten Literatur wieder hervorzuholen, kann ohnehin nicht schaden – im Gegenteil: Es hilft, Wissen zu bewahren. Und man muss es wirklich einmal sagen: Ein mit viel Mühe, vielleicht auch mit Liebe angelegter Pfad im Gebirge stellt einen kulturellen und historischen Wert dar, er ist Ausdruck des menschlichen Ringens und Unterwegsseins in einer wilden Natur – und als ein solcher verdient er es, in Erinnerung zu bleiben. Darum dieser Tourenführer.
Die Erfahrung zeigt doch: Wenn eine Gefahr für die Intaktheit der Natur besteht, dann nicht durch ein Buch, das spezielle Touren für Kenner und Liebhaber beschreibt, sondern vielmehr durch die aus dem Ruder laufenden Entwicklungen im Internet, speziell im Bereich der sozialen Medien – und natürlich durch physische Ausbau- und Erschließungsmaßnahmen im Gebirge. Denn während dieser gedruckte Tourenführer bewirkt, dass einzelne Touren höchstens ein paar Dutzend zusätzliche Begehungen pro Jahr bekommen, droht durch im Internet veröffentlichte Tipps manchmal die zerstörerische Heimsuchung durch Tausende Bergunkundige – man denke an die sogenannten »Instagram-Hotspots«. Für die Touren dieses Buchs hingegen werden auch ganz bewusst keine GPS-Tracks zur Verfügung gestellt, um das »blinde« und unreflektierte Nachwandern nicht zu fördern. Stattdessen sind gezielt diejenigen Bergsteiger angesprochen, die in der Lage sind, sich selbstständig und verantwortungsvoll im alpinen Gelände zu bewegen.
Mögen alle Interessierten die in diesem Buch beschriebenen Wanderungen und Bergtouren mit Vorsicht, Umsicht und Rücksicht begehen – und sich an der einzigartig schönen Landschaft der Berchtesgadener Alpen erfreuen. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich leuchtende Erlebnisse am Berg und tiefgründige Freude bei der Lektüre dieses Buchs!


Willkommen am Königssee
Das Berchtesgadener Land ist fast eine Enklave: Auf drei Seiten vom österreichischen Bundesland Salzburg umschlossen, bildet es den südöstlichen »Wurmfortsatz« Deutschlands.

Nationalpark Berchtesgaden
Die außergewöhnliche Schönheit der Natur rund um den Königssee führte schon früh zur Errichtung von Schutzgebieten. Bereits 1910 wurde der »Pflanzenschon bezirk Berchtesgadener Alpen« mit einer Fläche von 83 km2 ins Leben gerufen, 1921 folgte das »Naturschutzgebiet Königssee« mit 200 km2. Noch etwas größer ist der heutige Nationalpark Berchtesgaden, 1978 als erster deutscher Alpen-Nationalpark errichtet. Aus der ganzen Welt kommen Touristen nach Berchtesgaden, um Königssee und Watzmann mit eigenen Augen zu bewundern. Die Schifffahrt über den See zum berühmten Kircherl von St. Bartholomä zählt dabei zum absoluten Pflichtprogramm der Besucher.
Königssee
Herzstück der Berchtesgadener Alpen ist der Königssee. Er ist bis zu 190 m tief, und sein Wasser hat Trinkwasserqualität.


Watzmann
Die dominierende Berggestalt im Berchtesgadener Land ist der Watzmann. Mit seiner markanten Form beflügelt er seit jeher die Fantasie.
Neun Massive
Die Berchtesgadener Alpen bestehen aus neun Gebirgsmassiven, die sich rund um den Königssee gruppieren. Im Uhrzeigersinn sind dies: Lattengebirge, Untersberg, Göllstock, Hagengebirge, Hochkönig, Steinernes Meer, Watzmann, Hochkalter, Reiter Alm. Jedes Einzelne mit seinen Eigenheiten, Schönheiten und verborgenen Seiten.
Vergessene Pfade
Blickt man hinter die Kulissen des Massentourismus, ist in den Bergen eine Vielzahl von nicht mehr gepflegten Almwegen, Forststeigen und Jägerpfaden zu entdecken.

Almruinen
Die meisten der ehemals bewirtschafteten Almen sind längst außer Betrieb, ihre Hütten dem Verfall preisgegeben. Wer genau hinschaut, findet im Gestrüpp heute noch ihre Grundmauern oder Holzbalken.

Weglose Gipfel
Der Mensch hat die Bergwelt erschlossen, Straßen und Hütten gebaut, und vielleicht waren noch nie so viele Wanderer im Gebirge unterwegs wie heute. Dennoch gibt es an den meisten Gipfeln in den Berchtesgadener Alpen keinen Weg, der zum höchsten Punkt führt. Sie sind wild und still geblieben.
Geheimes & Kurioses

In den Bergen gibt es nicht nur Gipfel und Wege zu entdecken, sondern auch jede Menge spannende Anekdoten. Von einem Wilderer, der auf die Galeeren geschickt wurde, über Berge, die ihre Namen getauscht haben, bis hin zur Fahrradfahrt über den zugefrorenen Königssee.

Schätze im Bücherregal
Wie man an all dieses hintergründige Wissen kommt? Vieles lässt sich vor Ort recherchieren und selbst in Augenschein nehmen. Anderes hingegen ist nur in Büchern zu finden. Für diesen Tourenführer wurden über 130 meist nur noch antiquarisch erhältliche Werke der Literatur sowie alte Landkarten ausgewertet. So kamen diverse Volkssagen, Hintergrundgeschichten und Routenbeschreibungen zum Vorschein, die fast schon vergessen waren.
Bruckmann-Tourenfinder
Für jeden Tag die richtige Tour



Der Große Barmstein (Tour 5) sieht wie eine senkrechte Felsnadel aus, kann aber über die Rückseite relativ einfach bestiegen werden.
INFO
PIKTOGRAMME ERLEICHTERN DEN ÜBERBLICK

Gehzeit

Länge

Höhenunterschied
| Einkehr |
| wintergeeignet |
| Mehrtagestour |
| kintergeeignet |
| Seilbahn |
ANFORDERUNGEN
LEICHT
Technisch einfache, meist kürzere Wanderungen auf guten Wegen, in Einzelfällen auch mit längeren, konditionell anspruchsvollen Anstiegen
MITTEL
Technisch mittelschwierige Bergwanderungen mit alpinem Charakter, die meist gute Kondition, einen sicheren Tritt, Schwindelfreiheit und im weglosen Gelände Orientierungssinn erfordern. Einzelne Stellen können drahtseilversichert sein und die Zuhilfenahme der Hände erfordern.
SCHWER
Technisch anspruchsvolle Bergtouren mit alpinem Charakter, meist mit hohen Anforderungen an die Kondition. Ausgesetzte, eventuell gesicherte und oft weglose Passagen, steile und mühsam zu begehende Pfade, einzelne Kletterstellen bis zum II. Grad nach UIAA. Bergerfahrung, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und ein gutes Orientierungsvermögen sind zwingend erforderlich.

MENSCH UND BERG IM BERCHTESGADENER LAND
Der Königssee und die Berchtesgadener Alpen sind Touristen-Hotspots. Der Mensch hat die Landschaft nach allen Regeln der Kunst erschlossen, viele Besucher lernen sie aber dennoch nur oberflächlich kennen.

Ein besonderer Ort zum Leben
Ein neues Buch, ein neuer Artikel über Berchtesgaden und seine Berge – das bedeutet oft die Wiederholung von sattsam Bekanntem: gewohnte Postkarten-Fotomotive, schon vielfach gelesene Lobeshymnen, interessanterweise auch die gleichen Griffe in die Zitatekiste. Publikationen über Königssee & Watzmann berufen sich in der Einleitung immer wieder gern auf eine berühmte Persönlichkeit à la Ludwig Ganghofer, Heinrich Noë oder Alexander von Humboldt. Ohne deren hundertfach wiedergegebene Bonmots hier ein hundertunderstes Mal strapazieren zu wollen, kann ich doch nicht umhin, am Beispiel des Letztgenannten auf die pikanten Hintergründe hinzuweisen: Der Historiker Robert Hoffmann hat in einer 2006 erschienenen, höchst lesenswerten Abhandlung überzeugend dargelegt, dass der berühmte Ausspruch Alexander von Humboldts, er halte die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel für die schönsten der Erde, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht authentisch ist. Erst 1870 tauchte dieses angebliche Zitat plötzlich auf, wurde sofort als dankbarer Slogan instrumentalisiert und oft nach Gutdünken abgeändert. Hoffmann weist darauf hin, dass Friedrich Schönau in seinem Werk »Hochlandromantik um den Königssee« im Jahr 1952 schließlich auch Berchtesgaden mit ins Zitat schmuggelte. Dies hatte Eugen Fischer alias A. Helm allerdings schon 1929 getan, als er in seinem Buch »Das Berchtesgadener Land im Wandel der Zeit« Humboldt den Satz in den Mund legte: »Die Gegenden von Salzburg-Berchtesgaden, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde.« Eine überwältigende Zahl von neueren Publikationen ist auf diesen Zug aufgesprungen und präsentiert immer wieder stolz diese Abwandlung eines ohnehin nicht echten Zitats. Nur sehr wenige machten wie Horst Höfler in seinem Watzmann-Buch darauf aufmerksam, dass der Ausspruch nicht belegt ist. Halten wir dies kurz fest, um uns klarzumachen: Beim frenetischen Lobpreis einer Landschaft, vollends in der Werbung, ist offensichtlich alles erlaubt und vieles Fassade. Ein wenig genauer hinzusehen, nicht alles unkritisch zu übernehmen, nicht nur in breit ausgetretene Fußstapfen zu treten – das wäre ein guter Einstieg in die Berge rund um den Königssee und zugleich ein Anliegen dieses Buchs. Nebenbei, eines wird ja gern vergessen: Nicht zu allen Zeiten stimmten Reisende in den Lobgesang auf die Schönheit des Berchtesgadener Landes ein. In früheren Jahrhunderten wurden die schroffen Bergmassive mit ihren dunklen Wäldern und den langen Wintern eher als abweisend, ja beängstigend empfunden, und auch nach 1800 quoll beileibe nicht jeder Reisebericht vor zügellosem En thu siasmus über. In der Gegenwart freilich vermutet man im Gebirge zwischen Saalach und Salzach gemeinhin keine Brutstatt von Geistern und Drachen mehr. Wir empfinden Göll, Watzmann und Hochkalter überwiegend als schön, gleichwohl uns ein gewisser Schauder noch heute manchmal über den Rücken rieselt, etwa beim Blick in die Tiefe oder beim Gedanken an einen Schneesturm am ausgesetzten Grat.
LIEBLICH UND LIEBENSWERT: DAS BERCHTESGADENER LAND
Dass Berchtesgaden und seine Berge heute so gerühmt werden, hat natürlich einige ganz handfeste Gründe. Reizend sind etwa seine alten und zugleich lebendigen Traditionen, die in anderen Landesteilen oft nur noch als museale Erinnerung nachwirken. Interesse wecken auch die hiesige Almwirtschaft und der Salzbergbau. Die starke Zersiedelung der Landschaft in viele Einzelgehöfte (»Lehen«) ist schön anzuschauen, wirkt ländlich und malerisch und stellt kleinräumige Vielfalt her. Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift und seine umliegenden Straßenzüge dagegen bilden das urbane Zentrum des pittoresken Marktfleckens Berchtesgaden.

Schönheit ist überall – man muss sie nur entdecken!
Ist nicht immer wieder der Gedanke faszinierend, dass hier bis ins Jahr 1803 ein mehr oder weniger unabhängiger Fürstpropst herrschte? Mit der Stiftskirche, dem Wallfahrtskirchlein Maria Gern, der Pfarrkirche St. Sebastian in der Ramsau und der Kapelle von St. Bartholomä existieren vier Sakralgebäude, die als Fotomotive überregional berühmt wurden und oft als repräsentative Aushängeschilder für ganz Bayern herhalten. Schließlich und endlich wären auch die sprachlich-dialektalen Eigenheiten und überhaupt der so selbstbewusste, sympathische bis dickschädlige Menschenschlag zu nennen – man muss vom Berchtesgadener Landl, wie es die Einheimischen selbst nennen, einfach begeistert sein. Doch diese Aspekte menschlicher Kultur sind nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die Natur – eine überaus facettenreiche Bergwelt, in der steile Felswände ebenso zum Landschaftsbild beitragen wie flache Hochplateaus und bewaldete Hügel. Die Zergliederung in neun sehr unterschiedliche Einzelgebirge, im Kreis um Berchtesgaden angeordnet, lassen diesen Alpenteil interessanter erscheinen als eher gleichförmige Massive, und es war vielleicht gar nicht vermessen, dass das Berchtesgadener Land in der Zeit der Romantik sehr oft als »Schweiz im Kleinen« bezeichnet wurde. Letzten Endes sind es wohl einige Besonderheiten, die den Berchtesgadener Alpen die Aura des Außergewöhnlichen verleihen: Erstens natürlich »König« Watzmann als Blickfang und Wahrzeichen des Landes, zweitens der Königssee als geheimnisvoller, herrlicher See, aber auch die Gesamtheit der umliegenden Berge mit all ihren charakteristischen Formen und Eigenheiten. Vom Enzian bis zur seltenen Bergkieferart, vom Murmeltier bis zum Steinadler, vom tiefen Gewässer bis zur himmelhohen Felswand – so viel atemberaubende und gleichzeitig idyllische Natur auf verhältnismäßig engem Raum gibt es nur ganz selten.
Info
FUNDSTÜCKE DER REISELITERATUR
Die vielen erhaltenen Reiseberichte aus dem 18. und 19. Jh. sind heute von einem unschätzbaren kulturhistorischen Wert. Bei der Lektüre fällt auf, dass einige Reisende in erschreckender Deutlichkeit über die Berchtesgadener und Pinzgauer Bevölkerung urteilten:
So stellte C. Meiners im Jahr 1788 fest, in Berchtesgaden seien »beyde Geschlechter … weder groß, noch schön«, und er könne sich nicht besinnen, »eine einzige schöne Bäuerin, oder einen einzigen großen wohlgewachsenen Bauernkerl« gesehen zu haben. Franz Friedrich von Spaur wurde im Jahr 1800 noch deutlicher: »In diesem Winkel der Erde scheint indessen alles zur Herabwürdigung des Menschen sich zu vereinigen.« Auch Franz Sartori giftete 1811: »Wer die Menschheit auf einer tiefen Stufe von Selbsterniedrigung und gewohntem Elende sehen will, der darf nur eine Excursion durch den Markt Berchtesgaden machen«; die dort ansässigen Bettler jener Zeit bezeichnete er als »Halbmenschen«.
Sogar Hermann von Barth ließ seinen sonst so leuchtenden Edelmut vermissen, als er 1874 genervt vermerkte, die »pinzgauerische Stupidität« werde noch auf ferne Jahrhunderte hinaus das Wahrzeichen des Berchtesgadener Ländchens sein, und das Gehirn des Pinzgauers sei nur rudimentär ausgeprägt. Und noch 1909 führt F. Bohlig in seinem Watzmannführer aus, der Berchtesgadener sei freundlich, artig, dienstgefällig und höflich, »worin er sich vom benachbarten Pinzgauer sehr zum Vorteil unterscheidet«.

Der Watzmann gehört untrennbar zu Berchtesgaden.
Der entscheidende Punkt bei der Betrachtung der Berchtesgadener Alpen aber scheint mir das Miteinander von Mensch und Berg zu sein, das Verwobensein der landschaftlichen Pracht mit den Spuren der Wald- und Almbauernkultur: Unter großen Mühen angelegte Viehtriebsteige, Waldpfade und Weideflächen, architektonisch und kulturhistorisch wertvolle Almgebäude und vor allem unzählige Flurnamen erzählen noch heute Geschichten aus einer vergangenen Zeit und wirken identitätsstiftend. Ein aufmerksamer Blick in die Alpenvereinskarte lässt ganze Welten menschlichen Berg-Erlebens vor dem geistigen Auge heraufziehen: Da gibt es die Verlorene Weid, das Himmelreich, ’s Paradeis, die Wunderquelle, die Regentiefe, Gold- und Silberbründl, das Kälbergrubenwindloch, die Rosengrube und die Bärengrube, das Tote Weib, den Saurüssel, den Großen Hundsschädel und eine Lindwurmhöhle. Diese Landschaft ist, obwohl hochalpin und schwer zugänglich, von menschlichem Tun und Schaffen durchdrungen. Das macht sie lieblich und liebenswert – viel mehr, als dies in einem von Menschen unberührten Ödland der Fall sein könnte.
WEGE UND ANDERE MENSCHLICHE SPUREN
Wer sich im Königsseegebiet ein wenig auskennt, sollte einmal einen Blick in die »Karte der Berchtesgadener Alpen« werfen, die der Deutsche Alpenverein im Jahr 1887 herausgegeben hat. Es ist kaum zu glauben, wie viele Wege und Pfade dort verzeichnet sind, die heute niemand mehr kennt. Tatsächlich existierten damals noch unzählige Alm-, Forst- und Jagdsteige, die sich auf kühnste Weise selbst durch abweisende Steilhänge schlängelten und die Landschaft wie ein enges Netz überzogen. Einige davon sind mittlerweile von der Landkarte verschwunden und auch vor Ort nicht mehr auffindbar, andere wiederum wachsen allmählich zu, werden aber hin und wieder noch begangen und tauchen auch in guten neueren Karten auf. Wer glaubt, dass im Zuge der fortschreitenden Erschließung des Gebirges auch die Weganlagen immer zahlreicher werden, irrt. Im Gegenteil: Im Laufe der vergangen 130 Jahre ist die Zahl der Wege rund um den Königssee deutlich zurückgegangen.
Die Gründe dafür sind vielfältig und im Wechselspiel von Almwirtschaft, Jagd, Forstwirtschaft, Tourismus und Naturschutz zu suchen. Die Almwirtschaft etwa wird nur noch zu einem Bruchteil früherer Ausmaße betrieben, was zur Folge hat, dass alte Hütten sowie Viehtriebsteige verfallen und freies Wiesengelände vom Dickicht zurückerobert wird. Verantwortlich für den Rückgang der Almwirtschaft bis in die 1970er-Jahre waren diverse Faktoren, wie z. B. Jagdinteressen, steigende Personalkosten oder eine fortschreitende Verkarstung des Bodens, in früheren Jahrhunderten auch eine langfristige Abkühlung des Klimas. Für den Tourismus wurden einige Wege neu angelegt, meist baute man jedoch bereits bestehende Pfade aus und markierte sie. Der Naturschutz wiederum, vor allem die Errichtung des Nationalparks Berchtesgaden 1978, legte verschiedenen Nutzungsformen des Gebirges Beschränkungen auf, was sich auf den Bestand der Jagd- oder Forstinfrastruktur negativ auswirkte. Viele alte Steige, z. T. sogar markierte Wanderrouten werden nicht mehr erhalten, verfallen mit der Zeit oder werden sogar bewusst unkenntlich gemacht. Die Gratwanderung zwischen Natur- und Kulturschutz ist nicht einfach, Interessenskonflikte sind vorprogrammiert.
JAGD UND WILDEREI
Während die Almwirtschaft auf vielfache Weise im Bewusstsein der Bergtouristen verankert ist – man denke an Almen als Gastronomie- und Produktions-Betriebe, an Selbsterfahrungstrips gestresster Großstädter auf der Alm oder an den Event des Almabtriebs –, handelt es sich bei der Jagd um eine Art »vergessene Nutzungsform« im Gebirge, die aber ebenfalls ein uralter Bestandteil der alpinen Geschichte und Kultur ist.

Spätherbstlicher Nachmittag im Berchtesgadener Land

»Der Fischmeister und seine Knechte zu St. Bartholomae mit dem Baeren im Jahre Christi 1675«
Von jeher wurden die Berchtesgadener Alpen von allerlei illustren Persönlichkeiten – etwa Salzburger Fürstbischöfen, Berchtesgadener Fürstpröpsten und bayerischen Königen – zur Jagd besucht. Ernst Zettler bezeichnete die Berchtesgadener Alpen in seiner Bearbeitung des Zeller-Führers in den 1930er-Jahren gar als »das schönste Jagdgebiet der ganzen Alpen«. Das Wimbachtal zählte zu den wichtigsten Revieren, es trug früher aufgrund seines Wildreichtums den Namen »Tiergarten«. Der letzte Fürstpropst von Berchtesgaden ließ sich als komfortablen Jagdstützpunkt das heute als Gaststätte dienende Wimbachschloss errichten, und auch St. Bartholomä war ein wichtiger Jagdstützpunkt. Unzählige Legenden ranken sich um die Abenteuer und Tragödien der Jagd rund um den Königssee, und vieles davon mutet heute befremdlich an. Ein gewisser Hans Duxner soll im 17. Jahrhundert allein 127 Lämmergeier erlegt haben, während sich Urban Fürstmüller zur selben Zeit mit 25 erlegten Bären und 43 geschossenen »Gambsgeyern« hervortat. Mit Begeisterung und Stolz berichtet mancher Literat davon, wie man Hirsche, die von Hunden in den Königssee hineingehetzt wurden und verängstigt um ihr Leben schwammen, aus dem Boot heraus bequem abknallte. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts stellt Friedrich Schönau in seinem pathosgeladenen Buch über die »Hochlandromantik um den Königssee« die Adlerjagd als heroisches Tun dar und spricht einige Kapitel später vom Pflanzenschutz! Der »Adlergraf« Max Arco-Zinneberg verewigte seine Jagderlebnisse u. a. in seinem unbeholfenen Mundartgedicht »Rat für Adlerjäger« (1865), in dem er lehrt, dass man die »schlauen Luder« besonders gut anlocken und schießen könne, wenn man nahe dem Adlerhorst ein Kätzchen festbindet oder den flugunfähigen Jungvogel zum Schreien bringt – Schönau fand diese Verse fast neunzig Jahre später noch »lustig« und »köstlich«. Helden dieses Schlages waren es, die für die Ausrottung mehrerer Tierarten rund um den Königssee verantwortlich zeichneten.
Info
MENSCHLICHE SPUREN IM GEBIRGE
Selbst an entlegenen Orten in den Berchtesgadener Alpen hat der Mensch Spuren hinterlassen, die mehr oder weniger deutlich zu erkennen sind:
Hütten und Biwakschachteln, Gebäuderuinen und Mauersockel (z. B. einer Jagdhütte von Hermann Göring), Steinmauern, Wege/Steige/Pfade, Forst- und Almstraßen, künstliche Tritte im Fels, Holzstufen, Trittstifte, Kratzspuren auf Felsen von Steigeisen und genagelten Schuhen, Farbmarkierungen und Wegweiser, Markierungsstangen, Steinmänner, Weg- und Gipfelkreuze, Wasser-, Strom- und Telefonleitungen, Spuren der Weidetierhaltung, Reste von Wildgehegen, Kletterhaken und Schlingen, durch Sprengung verändertes Felsgelände, Messgeräte, GPS-Sendestationen und Wetterstationen, Geocaches, alte Bergbauschächte, Materialseilbahnen, Gedenktafeln, abgeworfene Flugzeugtanks aus dem Zweiten Weltkrieg, herumliegender Müll, Hubschrauberlandeplätze, Anlegestege, Bundeswehr-Einrichtungen, Überreste von Klausen, Metallroste zur Abdeckung von Dolinen und Höhlen, künstlich veränderte Bachläufe, Material von Höhlenforschern und anderen Wissenschaftlern, Flugzeugwrackteile im Watzmannkar, ein Auto auf dem Grund des Königssees.
Darüber hinaus zeigt sich das Schalten und Walten des mehr oder weniger vernunftbegabten Zweibeiners auch am Fehlen früher vorhandener Tierarten (z. B. Lämmergeier, letztes Exemplar am Königssee 1855 abgeschossen), an der Wiederansiedlung von zuvor ausgerotteten Tierbeständen (z. B. Steinböcke im Hagengebirge) und an der teils stark anthropogen veränderten Flora (infolge von Alm- und Forstwirtschaft). Vom Menschen wirklich unberührt sind letztlich nur wenige unzugängliche und für Kletterer uninteressante Steilflanken.
Immer wieder kamen sich Jäger und Bergsteiger im wahrsten Sinn des Wortes ins Gehege. Der Zeller-Führer von 1911 lässt sich seitenlang über die »unglaublichen« und »unerhörten« Zustände insbesondere im Blühnbachtal zwischen Hagengebirge und Hochkönig aus, da Alpinisten aufgrund von Jagdinteressen nicht selten belästigt, an ihren Bergtouren gehindert oder sogar verhaftet würden. Einige Jahre später waren auch weite Teile rund um die Röth über dem Obersee für Bergsteiger tabu, da sich Top-Nazi und »Reichsjägermeister« Hermann Göring das Gebiet als persönliches Jagdrevier ausgesucht hatte. Wo gejagt wurde, wurde natürlich auch gewildert. So verrät die Literatur auch einiges über legendäre Persönlichkeiten und dramatische Ereignisse rund um die Wilderei, und bis heute erinnern Gedenkkreuze wie das Jägerkreuz am Hohen Brett an erschossene Jäger oder Wilderer. Drei Pinzgauer Wilderer sind mit ihrer Geschichte in den Berchtesgadener Sagenschatz eingegangen: Sie erfroren im Jahr 1886 im östlichen Steinernen Meer im Schneesturm und sind seitdem als die »Drei Eismandl« von der Wildalm bekannt. Und einmal, im Jahr 1705, wurde ein gewisser Sebastian Maltan sogar für vier Jahre auf die Galeere geschickt – er hatte wiederholt gewildert. Der letzte Todesfall im Zusammenhang mit Wilderei ereignete sich im Jahr 1947 in der Ramsau (Quelle: H. Schöner 1982), als ein Jäger beim Zusammentreffen mit einem Wilderer von diesem einen Herzschuss erhielt. Heute ist alles anders. Die Jagd wird nicht mehr von Adeligen im Rahmen volksfestartiger Treibjagden, sondern von professionellen Berufsjägern quasi im Verborgenen durchgeführt, und sie dient der Regulierung, ja sogar dem Schutz bestimmter Arten. Die Wilderei, die nach dem Strafgesetzbuch mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann, scheint ihren romantischen Reiz des Anarchischen verloren zu haben. Was bleibt, sind jagdliche Relikte im Volksgut (man denke an zahlreiche Jagd-Redewendungen in der Sprache, an Jägerfiguren in Sagen und Märchen sowie an Lederhose und Gamsbart als Bestandteile der bayerischen Tracht) – und natürlich im Wegenetz des Gebirges. Verblasst ist dagegen die Erinnerung an eine höfische Jagdkultur, »die Landschaft, Wald, Wild und Menschen in eine gleichermaßen eigenartige wie einzigartige Beziehung brachte« (J. Heringer 1981).
DIE KÖNIGSSEER BERGE UND IHRE NAMEN
Der Blick in die alte Karten- und Führerliteratur ist nicht nur hinsichtlich der Wege aufschlussreich, auch der Vergleich von Geländebezeichnungen führt zu interessanten Erkenntnissen: Einige Gipfel heißen heute anders als früher, zwei haben irgendwann ihre Namen getauscht (siehe Tour 26), manche besitzen gar keinen Namen. Und in vielen Fällen ist die Toponymie schlicht und einfach nicht geklärt; verschiedene Karten und Bücher irren oder widersprechen sich, so etwa bei der Hundstodscharte, dem Schareck oder dem Niederbrunnsulzenkopf. Viele Bezeichnungen existieren in mehreren Varianten (Alhorn, Ahlhorn, Aulhorn, Äulhorn) und entstammen einer mündlich-dialektalen Tradition, deren schriftliche Fixierung Schwierigkeiten bereitet. Wie sind fremd klingende Ortsnamen wie »die Gu’n« oder »Jakeibloak« (beide im Steinernen Meer) zu verstehen? Oftmals wird nicht einmal klar, welches Genus und welchen Numerus die Bergnamen haben: »der mächtige Funtenseetauern« oder »die mächtigen Funtenseetauern«? Bis heute begegnet beides im Schrifttum. Es bleibt der Eindruck eines wilden Gebirges, das sich dagegen wehrt, verdinglicht, verbalisiert, in eine amtliche Welt hineingezwungen zu werden.
DIE IDEE HINTER DIESEM BUCH
Angesichts der unüberschaubar vielen Publikationen, die großflächig die bekannten, prestigeträchtigen Paradeziele und Normalwege beschreiben, ist es mir mit diesem Buch ein Anliegen, auch auf weniger prominente Berge, Wege und ihre Hintergründe aufmerksam zu machen. Aber bitte nicht missverstehen: Nicht alle vorgestellten Touren führen dabei über »vergessene Pfade« im wörtlichen Sinn oder sind hinsichtlich ihres Routenverlaufs als »Geheimtipps« zu verstehen. Auswahlkriterien waren oftmals einfach der geringe Bekanntheitsgrad einer Tour oder ungewöhnliche Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden – es ging mir letztlich immer darum, den Blick auf wenig Beachtetes zu richten.
Info
BERGE, DEREN NAMEN SICH GEÄNDERT HABEN
| Heutiger Name | Früherer/alternativer Name |
| Watzmann-Südspitze | Schönfeldspitze |
| Watzmannmassiv | Östliche Wimbachgruppe |
| Schöneck | Streichenbeil |
| Streichenbeil | Schöneck |
| Brandenberg | Schottmal |
| Glunkerer | Grünseetauern |
| Rotspielscheibe | Scheibe |
| Mitterhörnl | Scheereck |
| Schareck | Hochponeck, Scheere |
| Schönfeldspitze | Freithofzink, Hochzink, Zink |

Genussvolle Höhenwanderung am Wurmkopf (Tour 26)
Info
WER MEHR WEISS, SIEHT MEHR
Wer sich für einfache Wanderungen am Königssee mit spannenden Hintergründen und Anekdoten interessiert, dem seien die Touren 9, 10, 11 und 20 empfohlen. Diese verlaufen zwar weitgehend auf bekannten Routen, enthalten in der Beschreibung dieses Wanderführers jedoch besonders viele Informationen, die aus der alten Literatur entnommen und heutzutage weitgehend vergessen sind. Auch die Watzmann-Überschreitung (Tour 33) ist ein Parade-Beispiel für eine hundertfach beschriebene Tour, über die sich dennoch viel Unbekanntes erzählen lässt.
ANFORDERUNGEN
Dieses Buch richtet sich – abgesehen von den wenigen leichten Talwanderungen – in erster Linie an geübte Wanderer und Bergsteiger, welche sich auch im anspruchsvollen und weglosen Wandergelände souverän bewegen. Die vorgestellten Touren sind in drei Schwierigkeitsgrade eingeteilt (siehe auf S. 15). Die angegebenen Gehzeiten sind wie immer grobe Orientierungswerte und geben die tatsächlichen Gehzeiten ohne längere Pausen an. Es liegt auf der Hand, dass das Begehen alter Steige und das weglose Besteigen von entlegenen Gipfeln höhere Anforderungen stellt als eine Wanderung auf gut ausgebautem, markiertem Weg. Daher ist es unbedingt empfehlenswert, bei Zweifeln am eigenen Können zunächst die leichten Touren dieses Führers auszuprobieren und sich dann allmählich zu steigern. Trittsichere, schwindelfreie und sportliche Kinder können u. U. nicht nur auf leichte, sondern auch auf mittelschwere Touren mitgenommen werden, was jedoch von den Eltern individuell beurteilt und verantwortet werden muss.
Wer bisher nur leichte Touren gemacht hat und sich in den Bereich der mittelschweren Touren vorwagen will, kann sich an der Kneifelspitze (Tour 6) oder am Schapbachriedel (Tour 35) versuchen, eine weitere Steigerung bieten der Rauhe Kopf (Tour 4), die Barmsteine (Tour 5) und die Brettgabel (Tour 13).
ORIENTIERUNG
Neben Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ist bei vielen Routen ein gutes Orientierungsvermögen vonnöten: Der eine oder andere versteckte Pfad muss erst einmal gefunden werden, und vor allem im weglosen Terrain ist es wichtig, sich mit einer guten Karte, Kompass oder GPS-Gerät auszurüsten und mit diesen auch routiniert umgehen zu können. Noch besser ist allerdings ein »inneres« Orientierungssystem in Form von Bergerfahrung und einem scharfen Blick für die richtige Route! Anders als bei vielen anderen Auswahlführern werden zu diesem Buch bewusst keine GPS-Tracks zum Herunterladen angeboten. Das hat den Grund, dass dem »blinden« Nachwandern von Tracks, v. a. abseits der Hauptrouten im Nationalpark Berchtesgaden, kein Vorschub geleistet werden soll.
TOURENPLANUNG
Da viele der Touren abseits der frequentierten Wanderrouten und Hütten verlaufen, ist es besonders wichtig, bei der Tourenplanung drei Dinge zu beherzigen: Wettervorhersage und aktuelle Verhältnisse beachten – eigenes Können richtig einschätzen – Ausrüstung und Kleidung sinnvoll wählen! Letzteres bedeutet: Handschuhe und Mütze als Kälteschutz sowie trockene Wechselunterwäsche und ein Biwaksack für den Notfall sollten bei hochalpinen Touren auch im Sommer unbedingt mitgeführt werden, außerdem je nach Jahreszeit und Wetter auch Sonnenschutz in Form von Sonnenbrille, Sonnenhut, evtl. Sonnencreme. Angesichts der Möglichkeit eines Wetterumschwungs dürfen die Fleecejacke und ein Regenschutz nicht fehlen; auch eine lange Hose ist im Hochgebirge anzuraten. Feste Bergstiefel mit griffiger Sohle sind obligatorisch. Mobiltelefon (trotz oft fehlendem Netzempfang), Stirnlampe, eine kleine Rucksack-Apotheke und Teleskopstöcke können sehr nützlich sein. Abgerundet wird die Notfallvorsorge durch eine Essensnotration und ausreichend Getränke.

Ideallandschaft Berchtesgadener Land
BESTE JAHRESZEIT
Hinweise auf die »beste Jahreszeit« werden für einzelne Touren nicht gegeben, da die Erfahrung zeigt, dass sich Schneelage und Witterung von Jahr zu Jahr stark unterscheiden können. Die meisten hochalpinen Touren dieses Führers sind am besten von Juli bis Oktober begehbar, doch kann die Saison je nach Schneelage auch schon früher oder später beginnen und enden. In schneearmen Wintern sind manche tiefergelegenen Touren schneefrei begehbar, ebenso kann aber auch noch im Juli die Begehung einer nordseitigen Rinne aufgrund von Altschnee unbegehbar oder zumindest gefährlich sein – und selbst im August gibt es manchmal Wintereinbrüche! Es führt also kein Weg daran vorbei, sich vor einer Tour über die aktuellen Verhältnisse zu informieren, wozu auch Webcams einen wertvollen Dienst leisten können (z. B. www.foto-webcam.eu).
WAS MAN NOCH WISSEN SOLLTE
Die Regeln des korrekten alpinen Verhaltens können hier nicht im Detail aufgelistet werden. Ich weise jedoch darauf hin, dass das Unterwegssein in geschützten Gebieten ein noch größeres Maß an Umweltbewusstsein und Verantwortung erfordert, als dies ohnehin im Gebirge der Fall ist. Tiere dürfen nicht gestört, Pflanzen nicht gepflückt werden. Zelten und Kampieren sind verboten. Biwakiert werden darf im Allgemeinen nur außerhalb des Nationalparks Berchtesgaden, sofern keine Spuren zurückgelassen werden; innerhalb des Nationalparks sind Biwaks nur bei Notfällen oder besonderen alpinistischen Unternehmungen wie in der Watzmann-Ostwand geduldet.
Pfade außerhalb des offiziellen Wegenetzes werden oft nicht instandgehalten, weswegen sich Verhältnisse und Schwierigkeit aufgrund von Sturmschäden, Extremwetter oder anderen Ereignissen kurzfristig ändern können. Man muss damit rechnen, dass inoffizielle Routen in schlechtem Zustand oder sogar unbegehbar sind. Daher kann keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben in diesem Buch übernommen werden. Das Begehen nicht markierter Routen erfolgt auf eigene Verantwortung, für Unfälle kann nicht gehaftet werden.
Info
ZUM WEITERLESEN UND WEITERTRÄUMEN
Literatur-Empfehlungen für all jene, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen:
•Höfler, Horst: Berchtesgadener Alpen. Rosenheimer Verlagshaus 1993
•Höfler, Horst; Zembsch, Heinz: Watzmann. Mythos und wilder Berg. AS Verlag 2003
•Pusch, Wolfgang: Watzmann. Bergverlag Rother 2010
•DAV: Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins 1969 (Schwerpunktthema Steinernes Meer)
•DAV & OeAV: Alpenvereins-Jahrbuch 1972 (Schwerpunktthema Hagengebirge)
•Schwarz, Erica: Der Königssee. Monografie eines Bergsees. Vonderthann’sche Buch-Offset-Druckerei und Verlag, o. J.
•Sieghardt, August: Königsseer Büchl. Ein Begleiter durch Kultur und Landschaft. Dr. Heinrich Buchner Verlag 1949
•Nationalparkverwaltung Berchtesgaden: Alte Forschungs- und Reiseberichte aus dem Berchtesgadener Land. Forschungsbericht 14/1988
•Schöner, Hellmut: Berchtesgadener Alpen. Berge – Erschließungsgeschichte – Schrifttum. Hrsg. v. Alpenverein aus Anlaß des 75-jährigen Gründungsjubiläums der Sektion B’gaden. Vonderthann’sche Buchdruckerei und Verlag, 1950
•Heringer, Josef K.: Die Eigenart der Berchtesgadener Landschaft – ihre Sicherung und Pflege aus landschaftsökologischer Sicht, unter besonderer Berücksichtigung des Siedlungswesens und Fremdenverkehrs. Hrsg. von der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege 1981 (online verfügbar)
FÜHRER, KARTEN, LITERATUR
Führer: Die umfassendsten Informationen liefert der vergriffene Alpenvereinsführer »Berchtesgadener Alpen« (zuletzt 22. Auflage 2015). Allerdings bleiben auch in diesem Standardwerk manche Wege und Gipfel unerwähnt, und Routenbeschreibungen können aufgrund ihrer Knappheit irreführend sein. Zahlreiche wenig bekannte Routen findet man nur in bestimmten älteren Auflagen des Führers, z. B. in der 11. Auflage 1966 oder in der 14. Auflage 1977. Einige Auflagen des AV-Führers sind unter www.alpenverein.de und www.rother.de in digitalisierter Form kostenlos einsehbar.
Karten: Empfehlenswert für die Touren dieses Buchs sind die neuesten Ausgaben folgender Karten – wobei immer dann, wenn ein Gebiet von mehreren Blättern abgedeckt wird, die Alpenvereinskarten Nr. 10/1 und 10/2 gegenüber den weniger guten Blättern der BY-Reihe vorzuziehen sind:
•AV-Karte BY20 »Lattengebirge, Reiteralm« 1:25 000 für die Touren 1 und 35
•AV-Karte BY21 »Nationalpark Berchtesgaden, Watzmann« 1:25 000 für die Touren 9, 10, 11, 14, 31–35
•AV-Karte BY22 »Berchtesgaden, Untersberg« 1:25 000 für die Touren 2–9, 11–14, 34, 35
•AV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1:25 000 für die Touren 19–30
•AV-Karte 10/2 »Hochkönig/Hagengebirge« 1:25 000 für die Touren 14–18
•Umgebungskarte UK50-55 »Berchtesgadener Alpen« 1:50 000 – umfasst das gesamte Tourengebiet dieses Buchs und ist insbesondere für die Touren 15, 16, 29, 31 sinnvoll, die nicht komplett von den AV-Karten abgedeckt werden
Die schwierigen Touren erfordern leichte Kletterei im weglosen Gelände.
Kostenlose Internetkartenwerke sind unter www.bayernatlas.de, opentopomap.org, www.kompass.de und www.austrianmap.at zugänglich.
GEOGRAFISCHES GRUNDWISSEN
Die Berchtesgadener Alpen bilden eine Untergruppe der Nördlichen Kalkalpen und verteilen sich auf den südöstlichsten Zipfel Bayerns und die angrenzenden salzburgischen Gebiete – unterteilt in neun Einzelgruppen: Göll, Hagengebirge, Hochkönig, Steinernes Meer, Watzmann, Hochkalter, Reiter Alm, Lattengebirge und Untersberg. Zu beachten ist der begriffliche Unterschied zwischen »Berchtesgadener Land« und »Berchtesgadener Alpen«: Ersteres bezieht sich in der landläufigen Verwendung auf die zu Bayern gehörende Umgebung Berchtesgadens – das Gebiet der ehemaligen Fürstpropstei, das »Landl« – und erstreckt sich im verwaltungstechnisch-politischen Sinn auch auf die nordwestlichen Vorposten rund um Bad Reichenhall bis nach Laufen.
»Berchtesgadener Alpen« dagegen ist der alpingeografische Begriff, der auch österreichische Gebiete, wie z. B. den Hochkönigstock, einschließt. Dieser ist mit 2941 Metern das höchste Massiv der Berchtesgadener Alpen, während die Watzmann-Mittelspitze mit 2713 Metern den Kulminationspunkt des Berchtesgadener Lands darstellt.
Das Berchtesgadener Kernland besteht aus fünf politischen Gemeinden: Berchtesgaden, Schönau am Königssee, Ramsau, Bischofswiesen und Marktschellenberg. Größter Ort ist der Markt Berchtesgaden (knapp 8000 Einwohner). Der Nationalpark Berchtesgaden umfasst – grob gesagt – das gesamte bayerische Gebiet südlich des Königssee-Nord ufers sowie zwei nördlicher gelegene Zonen in der Reiter Alm und im Massiv des Hohen Gölls. Auf österreichischer Seite schließt sich an den Nationalpark das Naturschutzgebiet Kalkhochalpen an.
ANREISE
Mit Bahn, Bus und Schiff: Mit der Bahn fährt man von Freilassing, das auf der Strecke München–Salzburg liegt und auch aus Ostbayern (Mühldorf) erreicht wird, über Bad Reichenhall in rund 50 Minuten bis zum Endbahnhof Berchtesgaden; ab München beträgt die Fahrzeit rund drei Stunden, ab Mühldorf zwei Stunden. Von Bad Reichenhall und Salzburg aus bestehen Busverbindungen nach Berchtesgaden. Von Berchtesgaden-Hbf. verkehren zahlreiche Busse, die für die in diesem Buch vorgestellten Touren relevant sind, so z. B. zum Königssee, zum Parkplatz Hinterbrand, nach Maria Gern, in die Schönau und zur Wimbachbrücke.
Alle weiteren relevanten Talbahnhöfe befinden sich entweder im Salzachtal östlich des Hagengebirges oder im Pinzgau südlich des Steinernen Meers und werden über die Linie Salzburg–Hallein–Golling–Saalfelden angefahren. Die Fahrzeit beträgt von Salzburg nach Golling 40 Minuten, nach Saalfelden 1.45–2 Stunden.
Die Schifffahrt auf dem Königssee wird ganzjährig betrieben, die Endhaltestelle Salet wird allerdings nur von April bis Oktober angefahren.
Verbindungen und Fahrpläne im Internet: www.bahn.de, www.oebb.at, www.rvo-bus.de, www.bayerische-seenschifffahrt.de
Mit dem Auto, Berchtesgadener Talkessel: Mit dem Auto gelangt man über die A 8 München–Salzburg auf dreierlei Weise ins Berchtesgadener Land. Erstens: von der Anschlussstelle Traunstein/Siegsdorf auf der Deutschen Alpenstraße (B 305) über Inzell, Schneizlreuth und die Schwarzbachwacht von Westen her zur Wimbachbrücke und nach Berchtesgaden. Zweitens: von der Anschlussstelle Bad Reichenhall auf der B 20 nach Bad Reichenhall und weiter über Hallthurm und Bischofswiesen nach Berchtesgaden (Variante hierzu: von Bad Reichenhall auf der B 21 zur erwähnten Route über die B 305). Drittens: von Salzburg bzw. der Anschlussstelle Salzburg-Süd der A 10 (Tauernautobahn, vignettenpflichtig) auf der B 160 und der B 305 über Marktschellenberg nach Berchtesgaden.
Alle weiteren hier relevanten Talorte befinden sich in Österreich: Weißbach und Diesbach sind von Schneizlreuth an der Deutschen Alpenstraße (B 305) über Lofer zu erreichen, Saalfelden und Maria Alm auf der Südseite des Steinernen Meers entweder von Norden über Lofer oder von Osten aus dem Salzachtal. Golling auf der Ostseite der Berchtesgadener Alpen erreicht man aus Deutschland mit dem Auto über die A 8 zum Knoten Salzburg und weiter über die A 10 (Tauernautobahn, vignettenpflichtig).
CORONA
Bei Drucklegung dieses Buchs war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen die Covid-19-Pandemie auf die Situation und damit auf die beschriebenen Touren haben wird. Daher sollte man sich zuvor genau erkundigen über:
•die Ein- und Ausreise nach und von Österreich
•die Bestimmungen bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Seilbahnen sowie die Öffnungen bzw. Besuche von Gaststätten
•die allgemeinen Neubestimmungen innerhalb des Infektionsschutzes.
Gegebenenfalls unterliegen bestimmte Gebiete einer Impfpflicht.
DIE TOUREN

Unterwegs rund um den Königssee, vom entspannten Streifzug im Tal bis zur großen hochalpinen Mehrtagestour

Gipfelhandschlag auf dem Schöneck (Tour 26)
1
VOM PREDIGTSTUHL BIS ZUM KARSPITZ
Die Längsüberschreitung des Lattengebirges
Einmal von Nord nach Süd das Lattengebirge überschreiten – das ist eine der gewaltigsten Bergtouren in den nördlichen Berchtesgadener Alpen. Während zwischen Predigtstuhl und Karkopf aufgrund der Seilbahn noch einiges los ist, wartet im Süden ein langer einsamer Gebirgskamm.

Der Aufstieg zu Beginn ist anstrengend, bietet aber herrliche Tiefblicke nach Bad Reichenhall.
VORAUSSETZUNGEN FÜR DEN ERFOLG Eine gute Tourenplanung ist hier essenziell wichtig, denn je weiter man im Zuge der Überschreitung nach Süden gelangt, umso schwieriger wird es, bei Auftreten eines Problems umzukehren oder auf einer alternativen Route abzusteigen. Ausreichende Verpflegung und eine sehr gute Kondition sind also unerlässliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Begehung.
AUFSTIEG DURCH WILDES GELÄNDE Los geht’s am
Parkplatz Volksfestplatz unmittelbar am Fuß des Predigtstuhls, etwa 150 Meter links der Seilbahntrasse und direkt neben der B 21. Vom Bahnhof Bad Reichenhall-Kirchberg ist es auf der Westseite der Gleise nur ein kurzer Spaziergang hierher. Wir peilen das hintere rechte Ende des Parkplatzes an und wandern auf dem in Richtung Hochschlegel ausgeschilderten Wanderweg nach links in den Wald hinauf. Bald biegen wir bei einer Wegverzweigung rechts ab, wenig später wieder rechts. Auf 660 Metern Höhe mündet der Wanderweg in eine Forststraße, der wir weiter aufwärts folgen. Wo sie endet, führt der Wanderweg geradeaus weiter; es lohnt sich jedoch, hier rechts auf den breiteren Weg abzubiegen und der Bildstöcklkapelle mit ihrem herrlichen Tiefblick auf Bad Reichenhall einen Besuch abzustatten. Direkt hinter der Kapelle zieht ein schmaler Pfad hinauf und erreicht weiter oben wieder den offiziellen Wanderweg, auf dem wir weiter im Wald aufsteigen.
Auf rund 1000 Metern Höhe zweigen wir rechts in Richtung Spechtenkopf ab und haben nun den steilsten und schroffsten Teil des Aufstiegs vor uns. Vielfach über Holzstufen geht es durch wildes Gelände hinauf zu einem kleinen Sattel, wo der Weg auf die andere Seite des Kamms wechselt (Blick zur Seilbahn) und nun am Westhang der Spechtenköpfe entlangführt. Bald besteht die Möglichkeit, links hinauf abzubiegen, um den Gipfel des
Spechtenkopfs zu überschreiten, bevor man nach kurzem Steilabstieg wieder auf den Hauptweg trifft. Nun geht es südwärts weiter und dann durch den Hang hinauf zur Schlegelmulde.
ÜBERSCHREITUNG DES GEBIRGSKAMMS Vorbei an der bewirtschafteten Almhütte steigen wir parallel zum Schlepplift im Zickzack durch Latschengelände auf den
Hochschlegel, der streng genommen kein eigenständiger Gipfel ist, und auf annähernd gleicher Höhe weiter bis zur Wegkreuzung (1689 m) zwischen Schreck und Karkopf. Nach links geht es zum Dreisesselberg, nach rechts zieht ein undeutlicher Pfad in Richtung Törlkopf. Wir steigen jedoch geradeaus auf den
Karkopf und genießen vom höchsten Punkt des Lattengebirges eine hervorragende Aussicht hinüber zum Untersberg, zum Hohen Göll und ins Tal nach Bischofswiesen.
Nun nähern wir uns dem stilleren Teil des Bergmassivs und können entweder zurück zur Kreuzung und dann auf dem schwachen Pfad in Richtung Törlkopf gehen oder vom Karkopf direkt dem Weg am Grat entlang folgen; beide Routen vereinigen sich nahe dem Sattel (1625 m) zwischen Kar- und Törlkopf. Weitere 500 Meter geht es südwärts in der Westflanke des Kamms entlang, bevor nach Beginn des Gefälles ein unbeschilderter Pfad steil zum
Törlkopf hinaufführt, der abermals eine traumhafte Aussicht bietet. Wieder zurück auf dem hangquerenden Weg folgt nun der Abstieg in den Sattel (1512 m, Bergwachthütte) südlich des Törlkopfs. Spätestens hier sollte man sich und seine Kräfte überprüfen: Packt man den noch langen bevorstehenden, einsamen Teil der Tour, oder kehrt man lieber zur Seilbahn zurück (oder steigt ostwärts ins Tal nach Winkl ab)?

Rückblick von der Törlschneid zum Törlkopf (rechts der Mitte)
Der Weiterweg führt in Südrichtung auf einem schwach erkennbaren Pfad in Richtung Törlschneid, doch schon nach kurzer Zeit kann es passieren, dass wir uns in der Westflanke des Bergs wiederfinden und nicht weiterwissen. Hier hilft nur, einfach wieder direkt zum Kamm hinaufzusteigen, wo sich dann auch prompt ein Pfad findet. Dieser führt nun, teils mit alten rötlichen Farbflecken markiert, immer südwärts über die
Törlschneid hinweg, an die sich wiederum in unübersichtlichem Auf und Ab und mit vielen kleinen Richtungswechseln die zunehmend schroffere und felsigere
Karschneid anschließt. Stellenweise scheint sich der Pfad im Latschendickicht zu verlieren, dann teilt er sich in mehrere Wege auf, und schließlich kommen neben den roten auch noch blaue Markierungen hinzu – die Routenfindung gestaltet sich nicht ganz einfach, doch im Zweifelsfall orientieren wir uns immer am Kammverlauf, meist rechts der höchsten Linie, teils aber auch links.
Nach einem spürbaren Abstieg in eine Senke (1592 m) steht nun noch der letzte, ruppigste Teil bevor: Über den schärfer ausgeprägten Grat gelangen wir zum Gipfelkreuz auf dem
Karspitz und steigen dann über steile Wurzel- und Felskraxelstellen in Richtung Sattel (1535 m) hinab, wo wir wieder das offizielle Wegenetz erreichen.

Spätnachmittags auf dem Törlkopf
Tipp
ZUSATZGIPFEL FÜR SAMMLER
Als ob die beschriebene Route noch nicht genug wäre, bestehen für gipfelhungrige Konditions-Tiger noch Extraoptionen: Aus der Schlegelmulde kann ein Abstecher zum Predigtstuhl (1616 m) unternommen werden, und von der Kreuzung vor dem Karkopf kann weglos und durch eine Latschengasse zum Gipfel der Schreck (1725 m) aufgestiegen werden. Und vom Sattel südlich des Kar-spitz könnte man noch kurz zum Jochköpfl (1575 m) weitergehen. Insgesamt wären das noch einmal 150 Hm und drei nominelle Gipfelerfolge als Bonus für die Statistik. Wer’s braucht …
LANGER, ABER EINFACHER ABSTIEG Scharf rechts zurück spazieren wir nordwestwärts zur Lattenbergalm hinab und nehmen geradeaus den Fahrweg in Richtung Moosenalm. Wo dieser in eine quer verlaufende Fahrstraße einmündet, gehen wir geradeaus auf dem Fußweg hinab und erreichen bald darauf eine weitere querende Almstraße kurz vor der
Moosenalm.
Das war’s! Denn nun steht uns »nur noch« ein Straßenhatscher bevor, der mit gut elf Kilometern zwar lang, aber kinderleicht, gut zu finden und sogar von überraschend angenehmer Beschaffenheit ist: Vor der Moosenalm wenden wir uns also auf der Straße nach rechts und wandern auf ihr talwärts, wobei wir einzig bei einer Straßenverzweigung nach gut zwei Kilometern darauf achten müssen, nicht geradeaus, sondern links weiterzugehen.
Vorbei an der Dalsenalm bleiben wir bei Verzweigungen immer auf der talwärts führenden Straße und steigen durchgehend auf angenehmem Straßenbelag und mit moderatem Gefälle durchs Röthelbachtal talwärts, wo wir nach 7,5 Kilometern die B 21 bei der Siedlung
Baumgarten erreichen. Wir überqueren die Straße und folgen dem ausgeschilderten Wanderweg entlang der Straße nach rechts, wobei dieser auf den folgenden vier Kilometern meist nicht direkt an der Straße, sondern angenehmerweise etwas unterhalb davon zum Saalachsee und weiter nach Bad Reichenhall führt. Dort müssen wir spätestens auf Höhe der Luitpoldbrücke nur noch die Straßenseite wechseln und erreichen so wieder den
Parkplatz Volksfestplatz.
INFO

TOURENCHARAKTER
Lange Bergtour mit hoher Anforderung (Kondition und Orientierung). Zwischen Törlschneid und Kar spitz kaum markierte Pfade, leichte Kletterstellen. Abstieg leicht. Tendenz zu »schwer«
GIPFEL
Spechtenkopf, 1285 m; Karkopf, 1738 m; Törlkopf, 1704 m; Törlschneid, 1625 m; Karschneid, 1661 m; Karspitz, 1641 m
AUSGANGSPUNKT
Bahnhof Bad Reichenhall-Kirchberg/Parkplatz Volksfestplatz, 478 m
ANFAHRT
Mit Bahn oder Bus nach Bad Reichenhall-Kirchberg, mit dem Auto zum Parkplatz Volksfestplatz
GEHZEITEN
Bad Reichenhall – Spechten kopf 2 Std., Schlegelmulde 1 Std., Karkopf 1 Std., Törlschneid 1 Std., Karspitz 1.15 Std., Moosenalm 0.45 Std., Baumgarten 1.30 Std., Bad Reichenhall 1 Std. Bei Auffahrt mit der Seilbahn deutlich kürzer
EINKEHR
Almhütte Schlegelmulde, Tel. 08651/96 85 14
HINWEIS
Die Törlschneid ist Schongebiet, Betretungsverbot bei Schneelage
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.