Kitabı oku: «Allerdings - Gedichte»

Yazı tipi:

Joachim Ringelnatz

Allerdings - Gedichte

Ginster gewidmet

Saga

Allerdings - Gedichte

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1928, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788728015773

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!

Ich würde dir ohne Bedenken

Eine Kachel aus meinem Ofen

Schenken.

Ich habe dir nichts getan.

Nun ist mir traurig zu Mut.

An den Hängen der Eisenbahn

Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –

Doch nimmer vergessen.

Ich reise.

Alles, was lange währt,

Ist leise.

Die Zeit entstellt

Alle Lebewesen.

Ein Hund bellt.

Er kann nicht lesen.

Er kann nicht schreiben.

Wir können nicht bleiben.

Ich lache.

Die Löcher sind die Hauptsache

An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Alte Winkelmauer

Alte Mauer, die ich oft benässe,

Weil's dort dunkel ist.

Himmlisches Gefunkel ist

In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten

Und der Wetterschliff der Zeiten

Gaben deiner Haut

Wogende Gesichter,

Die nur ein Dichter

Oder ein Künstler

Oder Nureiner schaut.

»Können wir uns wehren?«

Fragt's aus dir mild.

Ach, kein Buch, kein Bild

Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,

Etwas davon blieb

Immer. Nie vertraute

Mauer, dich hab' ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.

Weil du nichts erledigst.

Weil du gar nicht willst sein.

Weil mir deine Flecken

Ahnungen erwecken.

Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen

Die, die sonst hier pissen,

Doch mir winkt es: Komm!

Seit ich dich gefunden,

Macht mich für Sekunden

Meine Notdurft an dir fromm.

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.

Mein stählerner, linker Manschettenknopf

Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf

Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich

Darüber sehr ungezogen:

Das mit dem Summen wär' typisch für mich,

Das mit dem Blitz wär' erlogen.

Alter Mann spricht junges Mädchen an

Guten Tag! – Wie du dich bemühst,

Keine Antwort auszusprechen.

»Guten Tag« in die Luft gegrüßt,

Ist das wohl ein Sittlichkeitsverbrechen?

Jage mich nicht fort.

Ich will dich nicht verjagen.

Nun werde ich jedes weitere Wort

Zu meinem Spazierstock sagen:

Sprich mich nicht an und sieh mich nicht,

Du Schlankes.

Ich hatte auch einmal ein so blankes,

Junges Gesicht.

Wie viele hatten,

Was du noch hast.

Schenke mir nur deinen Schatten

Für eine kurze Rast.

Ritter Sockenburg

Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind

Hängst, liebes Kind

Vis à vis,

Diesen Anblick zu genießen,

Geh ich, welken Efeu zu begießen.

Aber mich bemerkst du nie.

Deine vogelfernen, wundergroßen

Kinderaugen, ach erkennen sie

Meiner Sehnsucht süße Phantasie,

Jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen –?

Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.

Und die Sehnsucht läßt mir keine Ruh.

Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!

Was ich finde. Socken, Herrensocken;

Alles andre hat die Waschanstalt.

Socken, hohle Junggesellenfüße

Wedeln dir im Winde wunde Grüße.

Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.

Und die Mädchenhöschen wurden trocken,

Mit dem Winter kam die Faschingszeit.

Aber drüben, am Balkon, verschneit,

Eisverhärtet, hingen hundert Socken.

Ihr Besitzer lebte fern im Norden

Und war homosexuell geworden.

Umweg

Ging ein Herz durchs Hirn Güte suchen,

Fand sie nicht, doch hörte da durchs Ohr

Zwei Matrosen landbegeistert fluchen,

Und das kam ihm so recht rührend vor.

Ist das Herz dann durch die Nase krochen.

Eine Rose hat das Herz gestochen,

Hat das Herz verkannt.

In der Luft hat was wie angebrannt

Schlecht gerochen.

Und das Wasser schmeckte nach Verrat.

Leise schlich das Herz zurück,

Schlich sich durch die Hand zur Tat,

Hämmerte.

Und da dämmerte

Ihm das Glück.

Schenken

Schenke groß oder klein,

Aber immer gediegen.

Wenn die Bedachten

Die Gaben wiegen,

Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.

Schenke dabei

Was in dir wohnt

An Meinung, Geschmack und Humor,

So daß die eigene Freude zuvor

Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.

Sei eingedenk,

Daß dein Geschenk

Du selber bist.

Der wilde Mann von Feldafing

Er schien zum Kriegsmann geboren.

Er trug nach allen Seiten hin Bart.

Selbst seine Beine waren behaart

Und steckten in Stiefeln mit Sporen.

Und trutzig über der Schulter hing

Ihm ein gewichtig Gewehr.

Mit gerunzelter Stirne ging

Er auf dem Bahnhof von Feldafing

Hin und her.

Und stehend, stolz und schulterbreit

Fuhr er dann zwei Stationen weit.

Die Kinder bestaunten ihn sehr.

Doch ehe noch ein Tag verging,

Schritt er schon wieder durch Feldafing

Mit einem Rucksack schwer.

Doch weil es so stark regnete,

Daß niemand ihm begegnete,

Ärgerte er sich sehr.

Als er durch seinen Garten schritt,

Sang dort ein Vögelchen Kiwitt,

Da griff er zum Gewehr:

Puff!!!

Ein kurzes Röchelchen –

Ein kleines Löchelchen –

Dann eine Katze – und etwas später:

Ein kleines Knöchelchen

Und eine Feder. –

Der wilde Mann von Feldafing.

Marschierende Krieger

Vor mir her schritt Infanterie,

Eine ganze Kompanie

Kräftiger Soldaten.

Stramm im Takte traten

Sie den Sand,

Schritten achtlos über einen

Kleinen Käfer, den ich fand.

Ich blieb stehen,

Um ihn zu besehen,

Und weil's hinter jenem Militär

Stark nach Schweiß und Leder roch.

Da: – Der Käfer kroch

Plötzlich fort, als ob er lebend wär.

Doch ich konstatierte noch:

Nur zwei Steinchen an zwei Seiten retteten –

Gleichsam wie als Felsenwände – diesen –

Gleichsam zwischen ihnen eingebetteten –

Käfer vorm Zertrampeltwerden durch die Riesen.

Große Riesen – kleine Tiere –

Und ich lief, die Wandersohlen,

Die so stanken, einzuholen,

Weil ich gar zu gern im Takt marschiere.

Und ich hustete und spuckte

Staub und mußte viermal niesen.

Und ich schluckte. Und ich duckte

Mich vor Felsenwänden und vor Riesen.

Blindschl

Ich hatte einmal eine Liebschaft mit

Einer Blindschleiche angefangen;

Wir sind ein Stück Leben zusammen gegangen

Im ungleichen Schritt und Tritt.

Die Sache war ziemlich sentimental.

In einem feudalen Thüringer Tal

Fand ich – nein glaubte zu finden – einmal

Den ledernen Handgriff einer

Damenhandtasche. Es war aber keiner.

Ich nannte sie »Blindschl«. Sie nannte mich

Nach wenigen Tagen schon »Eicherich«

Und dann, denn sie war sehr gelehrig,

Verständlicher abgekürzt »Erich«.

Allmittags haben gemeinsam wir

Am gleichen Tische gegessen,

Sie Regenwürmer mit zwei Tropfen Bier,

Ich totere Delikatessen.

Sie opferte mir ihren zierlichen Schwanz.

Ich lehrte sie überwinden

Und Knoten schlagen und Spitzentanz,

Schluckdegen und Selbstbinder binden.

Sie war so appetitlich und nett.

Sie schlief Nacht über in meinem Bett

Als wie ein kühlender Schmuckreif am Hals,

Metallisch und doch so schön weichlich.

Und wenn ihr wirklich was schlimmstenfalls

Passierte, so war es nie reichlich.

Kein Sexuelles und keine Dressur.

Ich war ihr ein Freund und ein Lehrer,

Was keiner von meinen Bekannten erfuhr;

Wer mich besuchte, der sah sie nur

Auf meinem Schreibtisch steif neben der Uhr

Als bronzenen Briefbeschwerer.

Und Jahre vergingen. Dann schlief ich einmal

Mit Blindschl und träumte im Betti

(Jetzt werde ich wieder sentimental)

Gerade, ich äße Spaghetti.

Da kam es, daß irgendwas aus mir pfiff.

Mag sein, daß es fürchterlich krachte.

Fest steht, daß Blindschl erwachte

Und – sie, die sonst niemals nachts muckte –

Wild züngelte, daß ich nach ihr griff

Und sie, noch träumend, verschluckte.

Es gleich zu sagen: Sie ging nicht tot.

Sie ist mir wieder entwichen,

Ist in die Wälder geschlichen

Und sucht dort einsam ihr tägliches Brot.

Vorbei! Es wäre – ich bin doch nicht blind –

Vergebens, ihr nachzuschleichen.

Weil ihre Wege zu dunkel sind.

Weil wir einander nicht gleichen.

Schlummerlied

Will du auf Töpfchen?

Fühlst du ein Dürstchen?

Oder ein Würstchen?

Senke dein Köpfchen.

Draußen die schwarze, kalte

Nacht ist böse und fremd.

Deine Hände falte.

Der liebe Gott küßt dein Hemd.

Gute Ruh!

Ich bin da,

Deine Mutter, Mama;

Müde wie du.

Nichts mehr sagen –

Nicht fragen –

Nichts wissen –

Augen zu.

Horch in dein Kissen:

Es atmet wie du.

Angstgebet in Wohnungsnot

(1923)

Ach, lieber Gott, gib, daß sie nicht

Uns aus der Wohnung jagen.

Was soll ich ihr denn noch sagen –

Meiner Frau – in ihr verheultes Gesicht!?

Ich ringe meine Hände.

Weil ich keinen Ausweg fände,

Wenn's eines Tags so wirklich wär:

Bett, Kleider, Bücher, mein Sekretär, –

Daß das auf der Straße stände.

Sollt ich's versetzen, verkaufen?

Ist all doch nötigstes Gerät.

Wir würden, einmal, die Not versaufen,

Und dann: wer weiß, was ich tät.

Ich hänge so an dem Bilde,

Das noch von meiner Großmama stammt.

Gott, gieße doch etwas Milde

Über das steinerne Wohnungsamt.

Wie meine Frau die Nacht durchweint,

Das barmt durch all meine Träume.

Gott, laß uns die lieben zwei Räume

Mit der Sonne, die vormittags hinein scheint.

Antwort auf einen Brief des Malers Oskar Coester

Ein Wort auf das, was du gesprochen.

Stütz guten Kopf in gute Hand

Und laß dein Herz ans Weinglas pochen:

Heimat ist kein begrenztes Land.

Auch wo man Muttersprache spricht,

Ist Heimat nicht.

Mich deucht, es will auch nichts besagen,

Ob einer seine Heimat kennt.

Denn Lüge ist, was auf Befragen

Das Heimweh uns als Heimat nennt.

Ein schmutzig Loch kann rührend sich verkneifen,

Und höchste Würde kann zur Blase reifen.

Stich fest in das Humorische!

Heimat? Wir alle finden keine,

Oder – und allerhöchstens – eine

Improvisatorische.

Es kommt auch gar nicht darauf an. – –

Ich danke dir für den Vergleich

Mit einem braven Reitersmann.

Man tue möglichst, was man kann.

Coester, du bist von Gott aus reich.

Schäum aus, was du zu schenken hast;

Das Letzte wäre dir noch Last.

Und warte frech, doch fromm auf Leiden.

Denn du wächst neben dem Jahrhundert.

Du bist der größre von uns beiden.

Ich habe dich so oft bewundert. –

Wie kläglich ist es zu beneiden. –

Du wurdest leider mir von fern

Noch lieber, als du warst im Nahen.

Nun, da wir lange uns nicht sahen,

Bild ich mir ein: Du hast mich gern.

Ach bitte komme bald zurück

Mit offnem, unverwitzeltem Vertraun.

Ich wünsche dir fürs neue Jahr viel Glück,

Eine Frau (zur Hochzeit mich einladend)

Und andre große Nebenfraun

Und was du sonstens wichtig brauchst.

Daß du nie anders, als wie badend,

Auch für Minuten nur untertauchst.

Mensch und Tier

Wenn ich die Gesichter rings studiere,

Frage ich mich oft verzagt:

Wieviel Menschen gibt's und wieviel Tiere? –

Und dann hab' ich – unter uns gesagt –

Äußerst dumm gefragt.

Denn die Frage intressiert doch bloß

Länderweis statistische Büros,

Und auch diese würden sich sehr quälen,

Um zum Beispiel Läuse nachzuzählen.

Dummer Mensch spricht oft vom dummen Vieh,

Doch zum Glück versteht das Vieh ihn nie.

In dem neuen Korridor von Polen

Gaben sich zwei Pferde einen Kuß,

Und die Folge war ein dünnes Fohlen,

Welches stundenlang

Immer anders, als man dachte, sprang.

Wenn es auch in Polen

Sehr viel Läuse gibt, – –

Aber wer ein solches Fohlen

Sieht und dann nicht liebt,

Bleibe mir gestohlen.

Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,

Im vorigen Leben,

Wie war das wonnig, wunderbar

Unter Wasser zu schweben.

In den träumenden Fluten

Wogte, wie Güte, das Haar

Der zierlichsten aller Seestuten,

Die meine Geliebte war.

Wir senkten uns still oder stiegen,

Tanzten harmonisch um einand,

Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,

Wie Wolken sich in Wolken wiegen.

Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,

Auf daß ich ihr folge, sie hasche,

Und legte mir einmal im Ansichziehn

Eierchen in die Tasche.

Sie blickte traurig und stellte sich froh,

Schnappte nach einem Wasserfloh,

Und ringelte sich

An einem Stengelchen fest und sprach so:

Ich liebe dich!

Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,

Du trägst ein farbloses Panzerkleid

Und hast ein bekümmertes altes Gesicht,

Als wüßtest du um kommendes Leid.

Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!

Wann war wohl das?

Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?

Es ist beinahe so, daß ich weine –

Lollo hat das vertrocknete, kleine

Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.

Hilflose Tiere

Wenn ein Hund kotzt, soll man keinen Augenblick

Ihn dann stören,

Soll man auf ihn hören.

Töne sind Bruchstücke von Musik.

Ob geräuschvoll oder leise,

Massig oder klein bei klein –

Kann es doch die schönste Speise,

Kann es beispielsweise

Hammelkeule in Madeira sein.

Auch das Dichten ist ein Vonsichgeben.

Eisen bricht. Und alles geht vorbei,

Auch die Wolke und das Leben.

Und ein einz'ger Koch verdirbt den ganzen Brei.

Mag sich also keiner überheben,

Der auf Menschtum und Gesundheit protzt.

Wenn ein Hündchen kotzt –

Öffentlich genau so wie zu Hause –

Sollst du mit ihm leiden,

Maulkorb ihm durchschneiden;

Denn sonst wirkt der Korb wie eine Brause.

Will das Rührende dir häßlich scheinen,

Denke: Großes spiegelt sich im Kleinen.

Wirst dich doch der eignen Übelkeit

Niemals schämen.

Gönne Tieren wenigstens die Zeit,

Widerwärtiges zurückzunehmen.

Oder laß das ruhig liegen.

Weil Roheit niemals Glück bringt oder Segen.

Jeder soll vor seiner Türe fegen.

Und die Stiefelsohle ist kein Körperteil.

Ballade

Tief im Innersten von Sachsen

überfielen eines Abends zwei

Halbwüchsige Knorpel von Schweinshaxen

Eine Bulldogge aus der Walachei.

Sie umzingelten den alten Hund.

Hinterlistig wollten sie das matte

Tier, das keine Zähne mehr im Mund

Und auch keine Haare darauf hatte,

An den Augen treffen, hinterher

Ihm die Zunge schlitzen und durch Zwicken

Seinen Gaumen reizen und noch mehr,

Um zuletzt ihn plötzlich zu ersticken.

Wollten so. Jedoch es kam nicht so.

Denn die Dogge, ohne sich zu wehren,

Zog den Schwanz ein, heulte laut und floh

Und begann sofort sich zu vermehren.

Und die neuen jungen Hunde knurrten

Schon am selben Tag, als man sie warf,

Hatten spitze Zähne, und sie wurden

Ganz speziell auf Haxenknochen scharf.

Und die Enkelhunde bissen später

Jede Haxe ohne Unterschied.

Und so rächt die Sünde sich der Väter

Bis ins tausendste und letzte Glied.

Meditation

Wolleball hieß ein kleiner Hund,

Über den ein jeder lachte,

Weil er keine Beine hatte und

So viel süße Schweinereien machte.

Warum ist man überall geniert?

Warum darf man nicht die Wahrheit sagen?

Warum reden Menschen so geziert,

Wenn sie ein Bein übers andre schlagen?

Um dies überschätzte homo sum

Werd' ich täglich wirrer und bezechter.

Ach, die Schlechtigkeit ist gar zu dumm,

Doch die Dummheit ist noch zehnmal schlechter.

Hat der Wolleball von seinem Herrn

Nichts gewußt, nur Launen mitempfunden,

Hatte der ihn andrerseits sehr gern

Und verstand im Grunde nichts von Hunden.

Er ist tot, auf den ich solches dichte.

Mir ist Wurscht, wo sein Gebein jetzt ruht.

Aber die Pointe der Geschichte

Muß ich sagen: er war herzensgut.

Und sein Wolleball war gut. Er grollte

Nie. Ein einzig Mal nur biß

Er nach mir, als ich verhindern wollte,

Daß er wieder in die Hausschuh schiß.

Zehn Mark, my dear

Heusinger war heute bei mir.

Ob ich morgen mit zum Rennen käme,

Weil doch wiedermal sein Pferd My Dear

An dem Derby teilnehme.

Das dumme Tier My Dear

Ist noch gar nicht hier.

Aber es kommt vielleicht,

Abgeschickt ist es;

Hat aber noch nie ein Ziel erreicht.

Den ganzen Tag frißt es.

Selten steht es.

Meistens liegt es.

Ganz langsam geht es,

Es sei denn: man schiebt es,

Oder wenn es Hafer sieht, dann fliegt es.

Niemals aber, niemals siegt es.

So ein Pferd! Und so was gibt es!

Heusinger natürlich liebt es.

X-Beine hat's

Und sieht aus wie ungeboren.

Fünf Mark Sieg und fünf Mark Platz

Hab' ich Rindvieh an dem Roß verloren.

Niemals wieder werde

Ich bei einem Rennen

Wetten, ohne Pferde

Vorher ganz genau zu kennen.

Stelle dir doch einmal vor:

Zehn Mark Leberkäse! Zehn Mark Bier!

Oder sonstwas, was ich an My Dear

Sozusagen Knall und Fall verlor.

Nein, man soll nicht aufs Geratewohl riskieren.

Dann schon lieber in der Lotterie

Was gewinnen, als um solch ein Vieh

Auf betrügerische Art sein Geld verlieren.

Tierschutz-Worte

Seien Sie nett zu den Pferden!

Die Freiheit ist so ein köstliches Gut.

Wie weh Gefangenschaft tut,

Merken wir erst, wenn wir eingesperrt werden.

Seien Sie lieb zu den Hunden!

Auch zu den scheinbar bösesten.

Kein Mensch kann in Ihren schlimmen Stunden

Sie so, wie ein Hund es kann, trösten.

Gehen Sie bei der Wanze

Aufs Ganze.

Doch lassen Sie krabbeln, bohren und graben

Getier, das Ihnen gar nichts entstellt.

Alle Tiere haben

Augen aus einer uns unbekannten Welt.

Kochen Sie die Forelle nicht

Vom Kaltwasser an lebendig!

Auch jeder Gegenstand hat sein Gesicht,

Außen wie inwendig.

Und nichts bleibt vergessen.

Die Ewigkeit, die Unendlichkeit

Hat noch kein Mensch ausgemessen,

Aber der Weg dorthin ist nicht weit.

Suchen Sie jedwede Kreatur

In ihr selbst zu begreifen.

Jedes Tier gehorcht seinem Herrn.

Sich selber nur

Dürfen Sie – und sollen es gern –

Grausam dressieren (die Eier schleifen).

Maler und Tierfreund

Ich hatte eine Landschaft in Öl gemalt,

Und sie gefiel mir sehr:

Ein blauer Himmel, aus dem die Sonne wie Wonne strahlt,

Und darunter weites, ruhiges, grünes Meer.

»Einsame Sehnsucht.«

Danach fuhr ich irgendwo hin,

Um einen kleinen Affen zu erwerben,

Weil ich ein Tierfreund bin.

Aber was einem die Tiere nicht alles verderben.

Wieder zu Haus, stieß ich aus einen Schrei,

Denn mein Bild war verhext.

Erstens hatte mein Papagei

Etwas Groteskes ins Meer gekleckst

Und das geradezu künstlerisch kühn.

Aber das Wasser selber war abgeleckt

Von meinem Wolfshund. Der lag vom Schweinfurter Grün

Vergiftet am Boden, verreckt.

In den Himmel hatte sich eine Fliege geklebt,

Und zwar mit dem Rücken.

Die strampelte, wie man, wenn man Großes erlebt,

Mit den Beinen strampelt vor lauter Entzücken.

Und offenbar nicht minder beglückt

In ihrer Nähe

Hing auch mein Laubfrosch ans Bild angedrückt

Und tat so, als ob er die Fliege nicht sähe.

Da wollte mein Affe mit lautem Geschrei – – –

Doch ich band ihn fest. Und lächelte dann.

Wie gut, daß man bei der Ölmalerei

Alles noch übermalen kann.

Mit Phantasie das Gegebne fixiert –

Genie und Farbe und Lichter dick aufgetragen –

Schwarz, Weiß, Rot, Ocker mutig darüber geschmiert – – –

Ein schönes Bild, muß ich selber sagen,

»Mein Selbstporträt«.

Amaryllis

Das Atelier ist heiß.

Draußen, drunten die andere Welt

Klopft ihre Teppiche, schreit und bellt.

Der Maler, der das wußte, er weiß

Es jetzt nicht mehr. Die Zeit steht still.

Der Pinsel zecht, läuft, zecht, läuft schnell

Und weiter, als er darf und will.

Reglos im Stuhle das schöne Modell

Träumt von sich selber, von Amaryll.

Ausflug

Es wehten Sommerkleider. Enten schnabelten.

Es knirschten kleine Steine,

Und meine Blicke wippten über Beine

Von Mädchen, die Mist gabelten.

Ein weidgerechter Jäger kam daher,

Der sein Gewehr

An einem Fels zerschlug

Und sprach: »Genug!«

Scheu dumme – heißt nach unsrer Weltanschauung –

Scheu dumme Hühner flüchteten nervös,

Und eine himmlische Erbauung

Kam über mich. Ich war niemandem bös.

Im Achtzigkilometertempo prickelten

Uns Phantasien über Tod und Glück,

Und in dem Staub, den wir dabei entwickelten,

Blieb rein Geschautes jämmerlich zurück.

Wie ich mich fremd in viel Intimes dachte,

So schnell vorbei, war's keine Sünd.

Zerzaust, beglückt, weil mir die Landschaft lachte

Zur Autofahrt Stuttgart nach Schwäbisch-Gmünd.

Landflucht

Fort vom Lande, aus dem engen

Städtchen in die Großstadt flieht der Geist,

Wo im Kampf der Mengen

Er zerreißt.

Dort, wo Puls und Uhr

Schneller ticken,

Wird er sich zusammenflicken,

Wenn er's erst versteht,

Daß die unbezwingliche Natur

Auch auf Radiowellen, Schienenspur

Und Propellerschwingen weitergeht.

Wenn ihm das gelingt,

Wenn er nicht darüber ganz verkommt,

Wenn ihm die Erkenntnis frommt,

Daß die Nachtigall genau so singt

Wie ein Spatz

Am Alexanderplatz, – – –

Ja, dann wird ihn wohl von Zeit zu Zeit

Eine Sehnsucht wieder landwärts tragen

In die Enge, in die Einsamkeit. – –

Bis die simplen, friedlichen, gesunden

Bauern ihn nach Tagen

Oder Stunden

Wiederum verjagen;

In die große Stadt zurück.

Und dort wird er sagen:

Nur im Ruhelosen ruht das Glück.

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