Kitabı oku: «Narrenschwämme»
Jochen Gartz
Narrenschwämme
Psychoaktive Pilze rund um die Welt

E-Book-Ausgabe
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3., ergänzte Auflage 2021
Ergänzungen: Markus Berger, Felsberg
Copyright © 1999 Nachtschatten Verlag
für die deutsche Ausgabe
Der Nachtschatten Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem
Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
Umschlag: Stefan und Kevin Theurer, Eningen
Layout und Satz: Matschu, Heinz Martin, Basel
Grafische Nachbearbeitung der Neuausgabe: Nina Seiler, Zürich
Gesetzt in Sabon und Univers
Druck: Druckerei & Verlag Steinmeier, Deiningen
ISBN 978-3-03788-490-4
eISBN 978-3-03788-494-2

Alle Rechte der Verbreitung durch Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien und auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten.
Inhalt
Vorwort Wer war der erste Narr? von Christian Rätsch
Vorwort zur ergänzten Neuausgabe 2021 von Markus Berger
Einleitung von Jochen Gartz
1.Narrenschwämme oder Fleisch der Götter
Gedanken zur Geschichte und Erforschung von Zauberpilzen
2.Kenntnis der europäischen Arten
2.1. Psilocybe semilanceata
Der Klassiker unter den psychoaktiven Europäern
2.2. Psilocybe germanica
Der „neue“ Psilocybinpilz aus Deutschland
2.3. Psilocybe cyanescens und Psilocybe bohemica
Potente Streubewohner
2.4. Panaeolus subbalteatus
Mykologie und Mythen über Düngerlinge
2.5. Inocybe aeruginascens
Massenhaft sich ausbreitende Neulinge
2.6. Gymnopilus purpuratus
Eingeschleppte Flämmlinge aus Südamerika
2.7. Conocybe cyanopus
Seltene Winzlinge
2.8. Pluteus salicinus
Wenig bekannte Holzzersetzer
3.Verwechslungsmöglichkeiten
4.Blauung und Metoltest
Realität und Wunschvorstellung
5.Klassische und rezente Befunde zur Pilzkultur
6.Weltweites Vorkommen der psychoaktiven Arten
6.1. Blickpunkt Nordamerika und Hawaii
6.2. Mykophilie in Mittel- und Südamerika
6.3. Australiens Mykoflora erregt Aufsehen
6.4. Europäische Gewohnheiten
6.5. Japanische Versuche
6.6. Intoxikationen und der älteste bekannte Pilzkult in Afrika
6.7. Gebrauch in Asien und Ozeanien
7.Anmerkungen zur Wirkung von Pilzen der Kategorie Phantastika
8.Psychotherapie
Ausblick
Bildnachweis
Literatur

Abb. 1 Bronzetür mit Pilzmotiv (biblische Szene der Verurteilung von Adam und Eva) in der Kathedrale von Hildesheim, Deutschland (ca. 1020).
Danksagung
Roger Liggenstorfer, Agnes Tschudin und dem Team vom Nachtschatten-Verlag danke ich herzlich für die Erstellung dieser Edition und dem verständnisvollen Umgang mit meinen Anregungen zur Buchgestaltung.
Im Laufe meiner 15-jährigen wissenschaftlichen Erforschung psychoaktiver Pilzarten rund um die Welt bin ich folgenden Personen für die Einführung in verschiedene mykologische Bereiche, der bereitwilligen zur Verfügungstellung oft sehr seltener Pilzfunde, von Pilzfotos oder von wichtigen Informationen zu großem Dank verpflichtet:
J.W. Allen, G. Drewitz, M. Hausner, J. Herink, A. Hofmann, U. Kinzel, G.J. Krieglsteiner, R.C. Leimgruber, H. Leuner, G.K. Müller, J. Ott, C. Rätsch, I. Richter, G. Samorini, M. Semerdzieva, A.T. Shulgin, M.W. Smith, P. Stamets und S. Widmer.
Vorwort
Wer war der erste Narr?
Der Narr bejahte es, wusch sich die Federn vom Leib, zog sich wieder an und ging dann in den Stall, wo er allen Schafen die Augen ausstach und diese in seinem Rock versteckte. Sobald die Braut kam, ging er ihr entgegen und warf ihr die Augen, soviel er nur hatte, ins Gesicht, weil er glaubte, dass man so und nicht anders „die Augen auf jemand werfen muss“.
Aus einer frühzeitlichen Narrenposse
Niemand weiß, wann der erste Narrenschwamm aus dem Schatten der Erdgeschichte in das Licht des Bewusstseins getreten ist. Niemand weiß, wann der erste Mensch den ersten Schwamm verzehrt hat. Niemand weiß, wer der erste Narr war. Denn – so erscheint es mykophoben Personen – nur Narren begehen die Torheit, eine höhere Wirklichkeit außerhalb der Alltagsbanalität zu suchen. Und das auch noch mit Hilfe dieser merkwürdigen Dinger, die wie Gaias Unrat unheimlich aus schwülem Boden, faulem Holz und stinkendem Kuhmist hervorsprießen. Diese Schwämme oder Pilze, die seit der Antike Angst und Schrecken verbreiten, die aus dem giftigen Geifer der Schlangen entstehen, die als unreiner Auswurf böser Geister erscheinen, konnten Tod und Verderben, Blähbäuche und Narrheit erzeugen. Noch heute sagt der aalglatte Wiener von einem gesellschaftlichen Aussenseiter, „Er hat verrückte Schwammerln gegessen!“
Aber da ist auch die andere Tradition.
Die Alte Welt: Die mykenische Kultur beginnt mit einem Pilztrip. Der Ambrosia des Dionysos war mit Pilzen vermischt. Porphyrius, der lateinische Dichter aus der Zeit Kaiser Konstantins (4. Jh.), weiß von den Pilzen, dass sie die Kinder der Götter sind. Denn wahrhaft göttlich wird einem zumute, hat man die Kinder der Götter in einem quasi kannibalistischen Akt verzehrt. Aber nicht alle Pilze lassen den Menschen am göttlichen Bewusstsein teilhaben. Es sind nur jene, die im christlichen Europa des späten Mittelalters und der früheren Neuzeit als giftige, vom Teufel gesandte Narrenschwämme galten.
Die Neue Welt: Die Azteken in Mexiko nannten eine Reihe kleiner unscheinbarer Pilze Teonanacatl, „Fleisch der Götter“. Diese heiligen Pilze wurden rituell gegessen, um mit den Göttern in Kontakt zu treten, um Erkenntnisse über Gott und die Welt zu erhalten. Den katholischen Spaniern waren diese Pilzrituale unheimlich. Den Pilzessern, gewöhnlich Teufelsanbeter genannt, wurde die Inquisition auf den Hals geschickt. Aber da sich alles Gute bewährt, ist der Kult der Pilzesser nicht ausgestorben. Er ist wie ein Myzel im Untergrund weitergewachsen und zum richtigen Zeitpunkt in der geschriebenen Geschichte, nämlich 1957, wieder als Fruchtkörper in das öffentliche Bewusstsein getreten. Valentina und Gordon Wasson wurden zu den Heroen der neo-mykophilen Bewegung.
Zurück in die Alte Welt: So wunderbar wie die Offenbarungen der psychedelischen Pilze, so wunderbar war die Erkenntnis, dass unsere einheimischen, gewöhnlich als ungenießbar geltenden „Narrenschwämme“ mit den mexikanischen Zauberpilzen, dem Fleisch der aztekischen Götter, nahe verwandt sind. Die Seelen der mexikanischen und deutschen Zauberpilze sind aus demselben Stoff gemacht, dem Psilocybin.
Neue Narren braucht das Land
Es ist der ganz große Verdienst von Jochen Gartz, sich dieser Narrenschwämme angenommen zu haben, sie wissenschaftlich untersucht und getestet zu haben. Bei einer Forschung wie dieser, die dem vorliegenden Buch zugrunde liegt, bedarf es eines unerschrockenen, mutigen und tapferen Bewusstseins, frei von Voreingenommenheit und Mykophobie. Ich bin überzeugt davon, dass das forscherische Bewusstsein, vom Geist des Pilzes durchtränkt, zu weitaus tieferen und wertvolleren wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangt als der distanzierte Lehnstuhlprofessor, der sich an unseren Steuergeldern sattfrisst.
Ich habe Jochen Gartz kurz nach dem Fall der Mauer beim 3. Symposium des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) in Freiburg kennengelernt. Es war für mich der erste Kontakt zu einem Wissenschaftler aus der damaligen DDR. Jochens enthusiastischer Vortrag wurde eine echte Bewusstseinserweiterung und Grenzüberschreitung. Die Pilze sprachen durch ihn – frei von jeglicher Ideologie – ganz anarchisch, wie diese Wunderwesen nun mal sind. Die neuen Narren brauchen dieses Buch als Begleiter in das Wunderland der Narrenschwämme.
Christian Rätsch
Abb. 2 Anthropomorphen beim Pilztanz. Felszeichnung aus Tassili (Sahara, Algerien). Einzelnen dieser Zeichnungen wird ein Alter von weit über 12 000 Jahren zugeschrieben.
Vorwort
zur ergänzten Neuausgabe 2021
Im Rahmen der Neuausgabe eines so unetbehrlichen Werks wie dem vorliegenden ist es wichtig, zumindest die essentiellsten Ergänzungen vorzunehmen; immerhin ist der Band bereits im Jahr 1999 erschienen. Ein Buch, das u.a. eine konzise Übersicht über die in europäischen Gefilden vorkommenden Psilocybin produzierenden Arten liefern soll, muss daher vollständig sein – schon weil der potenzielle Leser einen gewissen Anspruch darauf hat.
Leider konnte Jochen Gartz die Revision des Werks nicht mehr selbst umsetzen, er erlag am 15. Oktober 2020 einer erst kurz zuvor diagnostizierten Erkrankung. Daher haben wir entschieden, der Vollständigkeit halber eine Monographie des 2014 von Jochen Gartz und Georg Wiedemann entdeckten Pilzes Psilocybe germanica einzufügen und den Rest des Buches im Original zu belassen. Der neu entdeckte Pilz ist höchst interessant, vor allem die Tatsache, dass er bis zur Entdeckung durch die Mykologen vollständig unbekannt gewesen war. Psilocbe germanica teilt, obwohl er ein Holzzersetzer ist, das biochemische Profil mit dem Spitzkegeligen Kahlkopf Psilocybe semilanceata, was ebenfalls beachtenswert ist.
Georg Wiedemann war so freundlich, Fotos der Art für die Neuausgabe dieses Buches zur Verfügung zu stellen.
Markus Berger, Oktober 2021
Einleitung
Mehrere Jahre nach der interdisziplinären Erforschung der kultischen Verwendung von mexikanischen Pilzarten durch R. G. Wasson, R. Heim und A. Hofmann, die im Bericht über die Isolierung, Strukturaufklärung und Synthese der Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin aus dem Jahre 1958 gipfelte, gelang auch der Nachweis dieser Substanzklasse in einer europäischen Pilzart. Der Spitzkegelige Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) erwies sich als erste Spezies einer Kette von Neuentdeckungen psychotroper Pilze, die zunehmend aus anderen Gattungen beschrieben wurden.
Ich hatte das Glück, im Rahmen meiner analytischen Arbeit der Bestimmung von Naturstoffen bei der Erforschung der Alkaloide diverser Arten mitzuwirken und glaube, dass es an der Zeit ist, die neuen Erkenntnisse aus Mykologie, Taxonomie und Naturstoffchemie zusammenfassend darzustellen.
Die Geschichte der Erforschung der mexikanischen Arten ist bereits durch Wasson und seine Nachfolger allseitig beleuchtet worden, so dass auf eine Wiederholung in diesem Rahmen verzichtet werden konnte. Dagegen werden Aspekte der neueren Anwendung der Pilze sowie ihre Wachstumsbedingungen näher behandelt.
Anliegen des Buches ist es, Impulse für die weitere Erforschung dieser Pilze und der daraus gewonnenen Wirkstoffe in Grundlagenforschung und Medizin zu geben.
Dem an einer weiteren Durchdringung des Stoffes interessierten Laien oder Fachwissenschaftler wird das umfangreiche Literaturverzeichnis helfen, in das sehr komplexe Wissensgebiet noch tiefer einzudringen.
Jochen Gartz
Abb. 3 Darstellung der Psilocybe semilanceata durch Sowerby (London 1803).
Abb. 4 Text zu obenstehender Abbildung.
Abb. 5 Psilocybe semilanceata in Deutschland und angrenzenden Gebieten (nach Krieglsteiner).
Abb. 6 und 7 Beschreibung der Psilocybe semilanceata aus dem letzten Jahrhundert (6 oben), die dann anno 1962 als „wertlos“ klassiert wird (7 unten).
1. Narrenschwämme oder Fleisch der Götter
Gedanken zur Geschichte und Erforschung von Zauberpilzen
„Zu gering ist kein Ding, selbst kein Pfifferling.“
Altes Sprichwort
Es ist erstaunlich, dass bedeutend mehr bewusstseinsverändernde Naturprodukte den Völkern auf dem amerikanischen Kontinent bekannt waren, als es sich für die frühen Kulturen Europas und Asiens nachweisen lässt. Die Existenz von bedeutend weniger Pflanzen mit halluzinogener Wirkung in Europa lässt sich botanisch nicht begründen. Auch die immer umfangreicher werdende Zahl europäischer Pilzarten mit Psilocybin als Inhaltsstoff, die erst in den letzten Jahren entdeckt wurden, beweist das Vorkommen einer psychotropen Mykoflora bei uns, die der anderer Länder vergleichbar ist.
Da nicht anzunehmen ist, dass die Menschen der Frühzeit in Europa sich weniger Pflanzen und Pilze durch unmittelbare Erfahrung erschlossen hätten als anderswo, muss ein Verlust dieser Kenntnis schon vor mehreren Jahrhunderten eingetreten sein.
Durch die Entdeckung der Verwendung des Fliegenpilzes als psychotrope Substanz in Sibirien wurde auch auf die frühe Verwendung dieser Pilzart in Europa geschlossen. Tatsächlich existieren recht spärliche Zeugnisse aus dem Mittelalter über die verbreitete Kenntnis der Wirkung spezieller Pilze auf das menschliche Bewusstsein. Ich glaube aber, dass diese Berichte in der Vergangenheit oft willkürlich dem Fliegenpilz zugeordnet wurden, weil er die einzig bekannte psychotrope Art Europas war. Die spektakulären Halluzinosen durch den Verzehr dieser Spezies bei den sibirischen Stämmen traten in dieser eindrucksvollen Form bei den europäischen Intoxikationen nie auf. Es ist daher anzunehmen, dass die ausgeprägt halluzinatorischen Wirkungen einzelner Psilocybe-Arten und ihrer Verwandten in der Vergangenheit die Menschen Europas weitaus stärker beeindruckt haben als die oft an Delirien erinnernden Erscheinungen nach Verzehr des Fliegenpilzes mit ihrem meist auftretenden Bewusstseinsverlust und den starken körperlichen Nebenwirkungen. Diese Annahme wird auch durch analoge Ergebnisse der umfangreichen Feldforschung aus Mexiko unterstützt. Ich beziehe daher die folgenden Zeugnisse der Kenntnis psychotroper Pilze aus Europa eher auf die Psilocybe-Arten oder verwandte Spezies als auf den Fliegenpilz, ohne dass eine abschließende Bewertung heute noch möglich ist.
Die Pilzverwendung spiegelt sich sogar noch in der Sagenwelt wieder. So wird darin über einen sonderbaren Giftpilz aus Wales mit dem eigenartigen Namen Bwyd Ellylon berichtet, den die Elfen als Leckerbissen verspeisen, wenn sie Geisterfeste feiern. Die Psilocybe semilanceata als wichtigster psilocybinhaltiger Pilz Europas wächst gerade in diesem Teil Großbritanniens zur Herbstzeit in Massen.
G. Samorini verdanke ich den Hinweis, dass die Inquisition in den Alpentälern von Valcamonica, Valtrompia und Valtellina (Provinzen Brescia und Sandrio, Norditalien) besonders wütete. Viele Bücher berichten über die zahllosen Hexenverbrennungen in dieser Region, wobei die Treffen der Hexen am „Monte del Tonale“ in 2000 m Höhe in der Literatur am meisten erwähnt werden. Die Feldforschungen ergaben, dass die Nachtschattengewächse („Hexenkräuter“) in diesen Höhen nicht mehr wachsen; auch das Vorkommen des Fliegenpilzes ist selten. Die Psilocybe semilanceata findet man dagegen dort auf den Weiden im Herbst kiloweise. So erscheint es wahrscheinlich, dass die Pilzart in diesem historischen Rahmen eine wichtige Rolle als psychotropes Mittel gespielt hat (vgl. auch Abb. 33, S. 87). Interessanterweise sind – in Analogie zu den mittelalterlichen Berichten über die Hexenpraktiken – auch bei der Psilocybinwirkung Flugsensationen typisch.
Nordische Berserkerwut
Im Zuge der ideologischen Machtauseinandersetzung zwischen Christentum und übriggebliebenen Naturreligionen ging durch die Unterdrückung und Ausmerzung der Kulturträger viel ursprüngliches Wissen in Europa verloren, einschließlich der frühen Verwendung temporär bewusstseinsverändernder Pflanzen und Pilze. Auch die „Berserkerwut“ nordischer Krieger wurde von einigen Autoren dem Gebrauch des Fliegenpilzes zugeschrieben. In nordischen Berichten ist häufig die Rede von „Augenverblendungen“ (d. h. Halluzinationen). Nachdem das „Berserker-Gehen“ vom nordischen Recht verfemt worden war, verschwand es abrupt im 12. Jahrhundert. Saxo Grammaticus vermutete etwa zur gleichen Zeit, dass die Berserker Zaubertränke verwendet hätten.
Es wäre ebenso gut möglich, dass die in Norwegen sehr häufige Psilocybe semilanceata das früher verwendete Halluzinogen darstellte.
Beide Pilzarten erzeugen im Allgemeinen keine „Wut“. Es wäre jedoch in dem Zusammenhang möglich, dass schon in dieser Zeit eine Verketzerung und Falschdarstellung der Pilzwirkung bei der Bevölkerung einsetzte, um einen Grund für neue Gesetze zu schaffen und damit dieses unerwünschte heidnische Brauchtum schließlich auszumerzen.
Jedenfalls zeigen Felszeichnungen aus Nordeuropa, die noch 2000 Jahre älter sind als die Berichte über die Berserker, sowie Bronzegefäße aus der gleichen Zeit Pilzmotive, wobei die Darstellung zum Teil zusammen mit Zoomorphen erfolgte. Diese Anzeichen für einen Pilzkult, der in der frühen Eisenzeit wie viele andere Lebensgewohnheiten der damaligen Bevölkerung offensichtlich ausstarb, deuten auf ein Kontinuum der Anwendung psychotroper Pilze in Nordeuropa hin.
Ein alter schwedischer Volksbrauch, der bis in die Neuzeit praktiziert wurde, dokumentiert ebenfalls, dass wahrscheinlich dort eine frühe Kenntnis über Pilze bestand, die „Geistersehen“ hervorriefen. Während des Festes der Sommerfeuer zur Sonnenwende warfen die Teilnehmer eine heute nicht mehr bekannte Giftpilzart („Bäran“) in die Flammen, um der Macht der Kobolde und anderer böser Geister zu begegnen. Der Pilz erscheint hier als Materialisierung von Schadensgeistern. Durch seine Vernichtung werden diese ebenfalls entmachtet. Uralte Wissensreste über die Psychoaktivität einzelner Spezies könnte die Ursache für diese spätere Annahme gewesen sein. Aus dem ausgehenden Mittelalter existieren einige schriftliche Zeugnisse über psychotrope Arten, die aus verschiedenen Ländern stammen, interessanterweise aber die gleiche Wirkungsrichtung betonen.
Liebestränke aus bolond gomba
So fand der große Arzt und Botaniker Clusius (1525–1609) in Ungarn den „bolond gomba“ einen Pilz mit dem deutschen Namen „Narrenschwamm“. Dieser wurde in ländlichen Gebieten gebraucht und vom weisen Mann (javas asszony) zu Liebestränken verarbeitet. Der Narrenschwamm wird in dieser Zeit auch aus der Slowakei erwähnt. In den Versen des polnischen Dichters Waclav Potocki (1625–1699) kommt dieser Pilz ebenfalls vor; es wird von seiner Eigenschaft gesprochen, „töricht zu machen wie Opium“.
John Parkinson spricht in seinem Theatricum Botanicum (1640) vom analogen „foolish mushroom“, den er aus England näher beschreibt. Über geistige Verwirrung gibt es in Österreich die volkstümliche Bezeichnung „Er hat verrückte Schwammerln gegessen“.
Diese verstreuten geschichtlichen Zeugnisse lassen keine eindeutige Bestimmung der verwendeten Pilzarten zu. Als Spezies kämen entsprechend ihres Vorkommens vor allem Psilocybe semilanceata und Psilocybe bohemica (S. 20 ff.) in Betracht. Auffällig ist, dass diese Bezeichnungen nur einen Aspekt der Eigenschaften der Pilze herausgreifen, die schizophrenartige Wirkung, die manchmal ausgeprägt sein kann. Niemals kommt in den Berichten eine besondere Wertschätzung im Sinne der mexikanischen Indianer („Teonanacatl“ = Fleisch der Götter) zum Ausdruck.
Zwischen Bewunderung und Furcht
Stets wurden die Pilzwirkungen mit den Symptomen von Geisteskrankheiten verglichen. Wahrscheinlich lässt sich die unterschiedliche Einschätzung erklären, wenn man die von R. G. Wasson und seiner Frau erstmalig definierten Begriffe Mykophilie und Mykophobie verwendet. Danach teilte er das traditionelle Verhältnis der Völker zu Pilzen in zwei Gruppen ein, wobei einer ausgesprochenen englischen Pilzabneigung (Mykophobie) die Pilzliebe (Mykophilie) z. B. in den slawischen Ländern gegenübersteht. Die Gründe für diese unterschiedliche Entwicklung liegen im Dunkel der Geschichte.
Es könnte eine frühe Tabuisierung psychotroper Pilze als Auslöser für ein späteres mykophobes Verhalten gedient haben. Andererseits könnte bei der Erschließung der Pilze als Nahrungsquelle vor Tausenden von Jahren eine auffällige Häufung tödlicher Vergiftungsfälle in mehreren Landstrichen aufgetreten sein, die eine starke und dauerhafte Abneigung der Bevölkerung gegen die gesamte Mykoflora hervorgerufen hat.
Die Mykophilie im alten Mexiko war jedenfalls verbunden mit einer gesellschaftlichen Akzeptanz der Wirkung der Psilocybe-Arten, ihrer festen Einbindung in Riten, ohne dass eine Beziehung zu den ebenfalls dort vorkommenden echten Geisteskrankheiten gezogen wurde. Die Indianer dieses Landes sind interessanterweise auch die einzigen Amerikas, die traditionell Speisepilze in großem Umfang verwenden.
Leider werden die halluzinogenen Substanzen auch heute noch sofort nach ihrer Entdeckung mit stark wertenden Attributen belegt, die einen vorurteilsfreien, wissenschaftlich sachlichen Blickwinkel erschweren. Der Narrenschwamm tauchte in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts als mexikanischer „Irrsinnspilz“ auf. Die Entdecker des mittelamerikanischen Kultes nannten die Pilze in den fünfziger Jahren unter Anerkennung ihrer Wirkung und der frühen gesellschaftlichen Integration und Bedeutung „mexikanische Zauberpilze“. Später wurden sie in der Literatur mit dem relativ wertfreien Begriff „halluzinogene Pilze“ bezeichnet. Im Zuge der Zeit kamen dann die abwertende Bezeichnung „Rauschpilze“ und sogar der fachlich unmögliche Begriff „Drogenpilze“ in Mode.
Als T. Leary nach seinem mexikanischen Experiment mit den Pilzen im Sommer 1960 begann, in Harvard das Psilocybin anfänglich in psychologischen Testreihen zu verwenden und die Versuche bald danach auf breitere Kreise ausgeweitet wurden, brachte die amerikanische Presse Wertungen über die Pilze, die die Bezeichnung „Narrenschwämme“ noch übertrafen. Die Pilze induzierten angeblich einen „todähnlichen Zustand“. Den Protagonisten des Psilocybins wurde vorgeworfen, dass sie leugneten, dass das Alkaloid „halbpermanente Gehirnschäden“ hervorrufen könnte. Dieser wissenschaftlich unsinnige Wortsalat war ein Zeichen der sich immer mehr verschärfenden Kontroverse um die Halluzinogene, wobei das Psilocybin sehr schnell völlig in den Hintergrund rückte und dem ungeheuer potenten LSD mit dessen bald gewaltiger Publizität Platz machte. Dabei geriet der Pilzwirkstoff in den gesetzlichen Strudel dieser mächtigsten halluzinogenen Substanz, und seine Anwendung für wissenschaftliche Zwecke wurde zunehmend eingeschränkt. Die Halluzinogene differenzierte man nicht mehr untereinander. Bald erfolgte nicht einmal mehr eine Abgrenzung dieser pharmakologischen Gruppe von den echten Suchtmitteln des Typs Heroin. Dabei hatte die Basler Sandoz AG vor dieser Zeit kompetenten Forschern ausreichend Substanz für experimentelle und psychotherapeutische Zwecke zur Verfügung gestellt. Insgesamt wurden nach dem Verfahren von A. Hofmann 2 kg Psilocybin synthetisiert.
Schnell erschien als Resultat der pharmakologischen Untersuchungen klar, dass die Anwendung des Alkaloides in kontrollierten Experimenten kein Risiko für den Probanden darstellt. Trotzdem macht der dann Mitte der sechziger Jahre geschaffene gesetzliche Rahmen im Sinne einer „offiziellen Mykophobie“ es bis heute so schwierig, mögliche Anwendungsgebiete des Psilocybins wissenschaftlich abzuklären. Als Resultat der naturstoffchemischen Untersuchung weiß man jedoch heute, dass Pilze, die diesen Wirkstoff enthalten, auf allen Kontinenten wachsen und dadurch wissenschaftlich genau wie die andere Mykoflora untersucht werden müssen.
Neben der Einstellung einzelner Völker hat jeder von uns eine spezifische Sichtweise auf die Pilze im allgemeinen. Die Wurzeln für ein individuelles Verhältnis zu den Pilzen werden schon in der Kindheit gelegt. Oft bleibt jedoch im Dunkeln, warum man dann später ein bestimmtes Wertsystem in dieser Richtung entwickelt.
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich im Alter von etwa fünf Jahren im Gras spielte und mir ein Mädchen einen braunen Pilz zeigte und mit bedeutungsvoller Stimme sagte, dass er giftig sei und man ihn daher nicht essen dürfe. Trotzdem bin ich zum Pilzliebhaber geworden, obwohl mir diese Episode im Gedächtnis haften blieb. Andererseits blieb mir aus meiner frühen Jugendzeit die Bewunderung über ein sehr üppiges Vorkommen von bläulichen Blätterpilzen auf einem Müllplatz ebenso gut in Erinnerung wie die vorherige Szene. Allgemein kann man wohl sagen, dass durch ihre bizarren Eigenschaften (Toxizität, Aussehen) diese Organismen viele frühe Eindrücke hervorrufen können, die sich später in verschiedener Hinsicht manifestieren.
Erfolgt dann noch eine zusätzliche Beschäftigung mit den psychotropen Arten, so wird die individuell vorherrschende Mykophobie oder -philie verstärkt oder abgeschwächt, da jetzt die Bewusstseinsveränderung zusätzlich in einer bestimmten, wertenden Sichtweise eingeschätzt wird.
Aus den Schilderungen der folgenden Kapitel werden die verschiedenen Blickwinkel auf die psychotropen Pilze deutlich. Die unfreiwilligen und gezielten Experimente mit den einzelnen Arten dokumentieren eindrücklich, dass sehr viele Interpretationen der Pilzwirkungen möglich sind.
2. Kenntnis der europäischen Arten

Abb. 8 Psilocybe cyanescens in Europa und Nordafrika (nach Krieglsteiner).
Abb. 9 Faksimile des Berichtes in einem englischen Journal über Vergiftungen mit Psilocybe semilanceata im Jahre 1799.
2.1. Psilocybe semilanceata
Der Klassiker unter den psychoaktiven Europäern
1799 berichtete E. Brande über eindrucksvolle Intoxikationen mit Pilzen aus London, die am 3. Oktober des gleichen Jahres im St. James Green Park von einer armen Familie gesammelt, danach zubereitet und verspeist wurden (Abb. 9, S. 19).
Nach dem Essen begannen die Symptome beim Vater und seinen vier Kindern sehr schnell, wobei unbegründetes Lachen, Delirien und ausgeprägte Pupillenerweiterungen bei wellenförmig auftretendem Verlauf beschrieben wurden. Der Vater sah zusätzlich noch alle umgebenden Gegenstände in schwarzer Farbe und befürchtete seinen baldigen Tod.
Schon geringe Pilzmengen erzeugten bei zwei Personen (12 und 18 Jahre alt) die gleichen Symptome wie die großen Portionen der andern Familienmitglieder. Nach wenigen Stunden gingen die Psychosen folgenlos vorüber, dazwischen lagen Therapieversuche mit Brech- und Stärkungsmitteln, denen dann ein Behandlungserfolg zugeschrieben wurde. Es ist für heutige Betrachtungen ein Glücksumstand, dass neben der Beschreibung dieses typischen Psilocybinsyndroms J. Sowerby die Pilze in sein Buch Coloured Figures of English Fungi or Mushrooms (London 1803) aufnahm (Abb. 3, S. 12).
Dabei fungierte nur die Pilzvarietät mit den kegeligen Hüten als Verursacher der Intoxikationen. Die Darstellung stellt sehr typisch die Psilocybe semilanceata dar, den Spitzkegeligen Kahlkopf, der in der zeitgenössischen Beschreibung als „Agaricus glutinosus Curtis“ auch völlig mit heutiger Kenntnis übereinstimmend erscheint (Abb. 4, S. 12).
1818 erwähnte dann der berühmte schwedische Mykologe E. Fries den „Agaricus semilanceatus“ in Observationes Mycologicae. Der gleiche Pilz wird später auch Lanzenförmiger Düngerling, Coprinarius semilanceatus FR. oder Panaeolus semilanceatus (FR.) LGE. genannt bis schließlich um 1870 die Art von Kummer bzw. von Quelet in die Gattung Psilocybe eingeordnet wurde. So findet man beide gültigen Bezeichnungen in der Literatur: Psilocybe semilanceata (FR.) KUMM. oder (FR.) QUEL.
Um 1900 nennt M. C. Cooke dann zwei oder drei Gelegenheiten, bei denen Kinder sich in England erneut versehentlich mit der Pilzart intoxierten und wies interessanterweise darauf hin, dass es sich nur um die blauverfärbende Varietät (var. caerulescens) gehandelt hatte. Er fragte sich als erster Mykologe, ob nur diese Varietät giftig wäre bzw. ob diese Verfärbung aus externen Faktoren herrühre, welche die chemische Zusammensetzung in Richtung Gift modifizieren könnten.
Frühe Beschreibungen
In seiner Fragestellung kommt Cooke der Wahrheit schon recht nahe (siehe Kap. 4). Psilocybe semilanceata ist mit den mexikanischen psychotropen Arten sehr eng verwandt. Im Erscheinungsbild steht der Pilz Psilocybe semperviva HEIM & CAILLEUX und Psilocybe mexicana HEIM nahe und kommt wie diese bevorzugt auf Weiden vor. Diese Ähnlichkeit und die ebenfalls nur diskret auftretende Blauung der Pilze regte die Untersuchung von Fruchtkörpern schweizerischer und französischer Herkunft durch die Gruppe um A. Hofmann und R. Heim in Zusammenarbeit mit dem Pilzfreund Furrer an. 1963 wurde dann über den papierchromatographischen Nachweis von 0,25% Psilocybin in den Trockenpilzen erstmalig berichtet. Die Befunde stellten eine Sensation dar, weil bisher in europäischen Arten das Alkaloid noch nie nachgewiesen werden konnte. Bis zu dieser Zeit lagen nur positive Nachweise der Substanz in Psilocybe-Arten aus Mexiko, aus Asien und Nordamerika vor.
Vor 1963 wurden die Pilze jedoch auch schon regelmäßig in verschiedenen deutschsprachigen Standardwerken der Mykologie beschrieben. Dazu noch einige Beispiele: In Abb. 6/7 (S. 13) stehen sich zwei Beschreibungen im Abstand von etwas mehr als sechzig Jahren gegenüber. Interessant, dass die zweite Beschreibung aus dem Jahre 1962 die Anmerkung „wertlos“ trägt – aus heutiger Sicht eher amüsant! Aber das Wissen um die englischen Intoxikationen drang dennoch nicht dauerhaft ins deutsche Schrifttum ein. Die vorzüglichen Beschreibungen von Michael/Schulz (1927) und von A. Ricken (1915) bilden eher die Ausnahme (siehe nebenstehende Abb. 10 und 11). Interessanterweise ist aber in der hier vorgestellten ältesten Quelle vor 1900 das Buch von Sowerby aus dem Jahre 1803 noch als Referenz zitiert. Die Beschreibung der Pilzart im Jahre 1977 zeigt, dass bis auf zusätzlich erwähnte mikroskopische Details die Pilzart heute eher wieder flüchtiger differenziert wird (Abb. 12 auf S. 23).
Abb. 10 Die vorzügliche Psilocybe-semilanceata-Beschreibung von Michael/Schulz (1927).
Abb. 11 Rickens Definition der Psilocybe-Art (1915).
Auch die farbige Zeichnung der Pilze aus dem Jahre 1927 kommt dem tatsächlichen Habitus der Fruchtkörper sehr nahe (siehe Umschlagrückseite).
1967 und 1969 konnte das Psilocybin auch in Pilzproben aus Schottland und England nachgewiesen werden. Michaelis berichtete 1977 dann über die Detektion des Alkaloides in Extrakten aus deutschen Aufsammlungen (Abb. 13, S. 24).
Ab 1979 wurden in verschiedenen Ländern quantitative Untersuchungen des Alkaloidgehaltes der Pilzarten unter Anwendung modernster Methoden (HPLC) durchgeführt, auf die an anderer Stelle noch eingegangen wird.
Man kann heute sagen, dass die Psilocybe semilanceata der psychoaktive Pilz Europas hinsichtlich Verbreitung, Erforschung und Anwendung ist. Guzman schätzt in seiner Monographie 1983 ein, dass die Art die weltgrößte Verbreitung unter allen psychoaktiven Psilocyben hat. Der Pilz kommt in Amerika, Europa, Australien und Asien vor. In vielen Ländern ist die Pilzflora so mangelhaft erforscht, dass über die Verbreitung solcher kleiner Arten erst recht nichts ausgesagt werden kann.
Es werden Funde aus folgenden europäischen Ländern beschrieben: Finnland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, Schweiz, Österreich, Niederlande, Belgien, Frankreich, Russland, Polen, Ungarn, Rumänien, Schottland, England, Wales, Italien, Spanien, Irland und die frühere Tschechoslowakei.
Hier muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass für solche kleinen europäischen Arten, die neben vielen ähnlichen Pilzen wachsen, keine umfassenden Verbreitungskarten existieren. Der sarkastische Satz „Die Pilze kommen häufig vor, wo auch die Mykologen häufig sind“ trifft besonders auf die Psilocybe-Arten zu. Die Gattung fristete vor der Entdeckung des Psilocybins eher ein Schattendasein in der Literatur, und heute beschäftigen sich auch nur wenige Mykologen mit ihr. Daran ändert auch nichts, dass Psilocybe semilanceata wahrscheinlich die häufigste und auffälligste Sippe unter den Arten darstellt. Pilzfreunde mit anderer Intention (Kapitel 6.4.) lassen ihr Wissen gewöhnlich nicht in Verbreitungskarten verewigen.
Jedoch existiert aus dem Jahre 1986 auch eine Verbreitungskarte über das Vorkommen der Pilzart in Deutschland (S. 18).
Aus Ostdeutschland sind kaum Fundorte der Psilocybe-Art publiziert worden. Ich fand den Pilz in den verschiedensten Gebieten, so im Vorharz bei meiner Heimat Mansfeld, in der Dübener Heide, in weiteren Heidelandschaften sowie in Thüringen. Funde aus den anderen Landesteilen sind mir von befreundeten Mykologen bekannt. Schon Buch berichtete 1952 detailliert über Funde aus Sachsen (Abb. 15, S. 25).
Das üppigste Wachstum der Psilocybe-Art lässt sich auf im Wald gelegenen feuchten Weideflächen feststellen. Nach meinen Erfahrungen findet man die Art von Ende September bis Oktober in den meisten größeren Waldgebieten auf sauren Böden im Gras, an Wald- und Wegrändern, meist zu wenigen Exemplaren oder in kleinen Trupps bis zu 30 Pilzen. An solchen Stellen lässt sich dann regelmäßig auch Tierkot wie z. B. von Rehen nachweisen. Die Pilze wachsen nie direkt auf frischem Dung. Ausgesprochene Kümmerformen können an Chausseerändern im Gebirge gefunden werden.
Die Myzelien können alte Kuhweiden im Wald ausgedehnt durchziehen, wie sich an der Größe der Areale der Fruchtkörper dann ablesen lässt. Bei entsprechender Feuchtigkeit ist mit einer maximalen Fruktifikation der Art zu rechnen, wenn wenige Wochen zuvor die Grasflächen noch einmal mit Kühen beweidet werden.
Jedoch wachsen die Pilze auch auf entsprechend gelegenen Pferde- oder Schafweiden. Sehr häufig sind auch diese im Wald gelegenen Grasflächen ebenfalls Weideplatz von Rehen, die den Boden noch zusätzlich düngen. Jedoch kommen die Pilze nicht an Standorten vor, wo Kunstdünger zum Einsatz gelangte. Solche Weiden sind oft von Bächen oder Mooren begrenzt, die den Boden stark durchnässen. Im Sommer bewirkt das gleichzeitig hohe Wärmeangebot in diesen feuchten Schneisen ein optimales Wachstum der Myzelien. Die Pilze kommen von den Meeresküsten bis ins Hochgebirge vor, eine Angabe aus 1720 m NN stammt auch aus Deutschland (Messtischblatt-MTB-8443, 1985). Die Fundhöhen streuen in der früheren Tschechoslowakei von 330–1000 m Höhe, einmal 1400 m, ohne dass eine bestimmte Höhenlage bevorzugt erscheint. Hier sind 54 Aufsammlungen aus 44 Orten bekannt (letzter Stand 1986). Im Gegensatz zu anderen Pilzarten wie dem Zuchtchampignon hat die Psilocybe-Art offensichtlich einen größeren Temperaturbereich, in dem sie fruktifizieren kann.
Man kann davon ausgehen, dass die Pilze in allen deutschen Bundesländern ziemlich verbreitet sind, wenn auch nirgends wirklich sehr häufig und dicht. Eine Grenze für das Wachstum der Art ist offensichtlich das limitierte Vorkommen von Dung in den für die Verbreitung sonst optimalen Lokalitäten. Wahrscheinlich hat sie sich auch in den letzten Jahrzehnten dadurch nicht bei uns ausgebreitet, die Häufigkeitsbeschreibungen in der älteren Literatur entsprechen den heutigen Beobachtungen. In der Schweiz kommt die Art überall vor. Da diese Weiden hauptsächlich im Jura zu finden sind, herrscht oft die irrtümliche Meinung vor, dass die Pilze nur in etwa 1000 m Höhe vorkommen.
Trotzdem kann die Psilocybe semilanceata vereinzelt an Standorten mit optimalen Bedingungen sehr stark fruktifizieren.
Ich möchte hier auf zwei solcher Heidestandorte eingehen, die wir mehrjährig feldmykologisch untersucht haben.
An der ersten Lokalität fruktifizierte die Pilzart im sehr hohen Gras auf saurem Boden in einer Senke. Die Grasfläche lag als Schneise im Wald zwischen einem Bach und einem Moorteich. Auch noch im Herbst konnte bei Sonneneinstrahlung eine erheblich höhere Temperatur festgestellt werden als im Umland. Rehdung trug regelmäßig zur Düngung bei. Die Fruchtkörper der Erstfunde hatten durch das Wachstum im sehr hohen Gras Stiele bis zu 21 cm Länge (!), die Hüte waren so winzig, dass bei den Pilzen erst die Blauung und dann die chromatographische Untersuchung Hinweise auf die Identität der Psilocybe semilanceata lieferte. Spätere Funde ließen sich dann morphologisch eindeutig der Pilzart zuordnen. Während drei Jahren konnten jeweils zur Herbstzeit 30 bis 60 Pilze gefunden werden, dann erfolgte leider eine Vernichtung des Standortes durch Umgestaltung der Moorabstichstelle zum Moorlagerplatz mit Zufahrtsstraße.
Abb. 12 Pilzbeschreibung nach Michaelis (1977)
Der zweite Standort wurde nur einen Kilometer entfernt im gleichen Jahr entdeckt und anschließend während 15 Jahren untersucht. Früher weideten regelmäßig Kühe auf der sehr großen Wiese im Wald neben einem Bach, der den Boden stark durchfeuchtet. Heute weiden gelegentlich Schafherden dort, und im Gras findet man regelmäßig Rehdung. An dieser Lokalität fruktifiziert die Pilzart sehr üppig. Hunderte von Fruchtkörpern wachsen jeden Herbst auf dieser Wiese (Farbbild 1.2).
In drei Jahren konnten etwa 2800 Pilze (ca. 140 g) bei je drei Begehungen pro Jahr von Ende September bis Mitte Oktober gefunden werden. Einige Fruchtkörper stehen zwar frei auf dem Boden (Abb. 16, S. 27), der größte Teil wächst jedoch direkt in den Grasbüscheln (Abb. 17, S. 27; Farbbild 1.3.) und war so leicht zu übersehen.
Abb. 13 Erste Publikation über den Psilocybingehalt deutscher Pilzproben.
Bei trockenem Wetter sind die Pilze verhältnismäßig gut zu erkennen. Durch die ausgeprägte Hygrophanität verändert sich die Hutfarbe bei Nässe in dunkeloliv-schwarzbraun. Nur durch genaue Betrachtung der Blätter und der elastischen, gekrümmten Stiele können die Pilze dann von Düngerlingsarten (Kapitel 2.4) differenziert werden. Ein besonderes Merkmal ist, wie bei vielen andern Pilzarten, die psychoaktiv wirken, eine allerdings verhältnismäßig gering auftretende Blaufärbung des unteren Stielteiles und teilweise des Hutes, besonders bei Nässe (Kapitel 4). Bei alten, nassen Fruchtkörpern können durchscheinend blaue Flecke spontan auf den Hüten auftreten, während die Stielverfärbungen meist erst durch das Abtrennen der Fruchtkörper von den Myzelien nach 30 bis 60 Minuten sichtbar werden. Ich fand auch bei Massenvorkommen immer blaugrün verfärbte Pilze gemeinsam mit solchen, die dieses Merkmal nicht aufwiesen. Die Blaufärbung bleibt beim Trocknen der Pilze unter teilweiser Ausblassung erhalten.
Die hier zitierten Pilzbeschreibungen aus früherer Zeit sind so detailliert, dass ich keine bessere hinzufügen könnte. Im Gegensatz zu mancher Literaturmeinung verströmen die feuchten Fruchtkörper beim Öffnen des Behältnisses sehr wohl einen Geruch, der ähnlich, aber schwächer als bei Psilocybe bohemica (Kapitel 2.3) als rettich- bis mohnartig beschrieben werden könnte und nicht unangenehm wirkt.
Auch zeigen die Pilze noch eine Besonderheit, die bei andern Arten kaum untersucht wurde. Unter dem Licht einer Quarzlampe fluoresziert die Psilocybe-Art – der verursachende Stoff konnte aber bis heute nicht identifiziert werden.
Wahrscheinlich ist Psilocybe semilanceata der psychoaktivste Pilz unter den europäischen Arten. Die eindrucksvolle und rapid einsetzende Wirkung kommt nicht nur in den zitierten Intoxikationen aus England, sondern auch in der folgenden Schilderung des ersten Selbstversuches eines Mykologen zum Ausdruck:
Nach der Aufnahme von nur 1,3 g der getrockneten und gepulverten Pilze (30 Exemplare) in Wasser setzte nach 20 Minuten bei nüchternem Magen sehr plötzlich und unerwartet unter starkem Tränenfluss die Psychose ein. Die Erscheinungen kann man am besten als eine Verknüpfung von Visionen und Gedanken bezeichnen – später fand ich den Begriff der „Imagination“ in der Literatur. Äußerst unangenehm wurde von mir nach der Art eines Tagtraumes ein Flug erlebt, bei dem mich an jedem Arm eine Hexe gepackt hatte… Wir flogen zu dritt irgendwann und irgendwo. Danach sahen alle umliegenden Gegenstände wie ausgebleicht aus. Bei Augenschluss wurden abstrakte Ornamente ohne besondere Leuchtkraft oder emotionale Wirkung gesehen. Während dieser Zeit trat weitere Dysphorie verknüpft mit schuldbewusstem Grübeln auf. Nach fünf Stunden war die Wirkung plötzlich vorüber, allmählich stellte sich leichter Kopfschmerz ein, weitere Folgen wurden nicht festgestellt.
Ein zweiter Versuch mit der halben Dosierung beeindruckte dagegen durch das Aufsteigen von Erinnerungen bei gleichzeitigem Wiedererleben von Kindheitsgefühlen und eigenartigen Verschmelzungsgefühlen:

Abb. 14 Psilocybe semilanceata von einem Heidestandort im Jahre 1989 (491 Pilze).
An einem Spätsommertag nahm ich 0,6 g des Pilzpulvers in der Natur ein. Das Wetter war sonnig und sehr warm, ich wanderte durch meine Heimatlandschaft, in der ich schon oft als Kind gespielt hatte. Plötzlich verspürte ich einen emotionalen Zustand, der am ehesten als eine kindliche Anschauungs- und Gefühlswelt zu dem mich umgebenden Wald beschrieben werden könnte. Die Umgebung wirkte besonders scharf konturiert, mein Blick erschien mir frisch und unverbraucht. Ich erinnerte mich plötzlich sehr detailliert, wie klein die Bäume vor Jahrzehnten gewesen waren, wie vor Dunkelheit dort kaum anderes Wachstum zu beobachten war, was mich teilweise geängstigt hatte. Gleichzeitig kamen mir meine Bewegungen viel kindlicher und elastischer vor. Der beglückende Zustand als Wiedererleben der Kindheit hielt etwa zwei Stunden an. Auf dem Heimweg sah ich ein Kälbchen auf der Weide. Es erweckte bei mir großes Mitleid, als ich sah, wie es unter den lästigen Fliegen litt. Dieses Mitempfinden steigerte sich kurzzeitig zu einer Art Verschmelzungsgefühlen mit dem Kalb, die ich als sehr sonderbar und nicht besonders angenehm empfand. Nach vier Stunden war die Wirkung ohne Folgen abgeklungen.
Abb. 15 Gute Beschreibung der Psilocybe semilanceata aus Sachsen durch R. Buch.
Ein drittes Pilzexperiment mit Psilocybe semilanceata in Oregon führte schließlich zu einer vollständigen Identifikation mit einer Person des 19. Jahrhunderts:
Wir sammelten eine große Menge „liberty caps“ auf einer Weide nahe Astoria. Später, im Haus, aß ich nicht mehr als 6 frische Pilze. Der Schlüsselreiz für das spätere Erleben kam von der Betrachtung eines Bildes, das als Aquarell eine elegante Lady im vorigen Jahrhundert zeigte. Dieses induzierte die plötzliche Erkenntnis, eine frühere Inkarnation im vorigen Jahrhundert gelebt zu haben. Ich wusste, dass ich 1813 in Deutschland als Alexander Schmitt geboren wurde und 1871 in Kentucky, USA, starb. Als Kind wanderte ich mit den Eltern und weiteren Emigranten per Schiff aus und änderte in den USA meinen Namen in Smith. Ich lebte dann als Holzfäller in einem kleinen Ort namens Sharpville, vielleicht auch geschrieben Shopville. Das Leben war hart und voller Entbehrungen, ich trank eine Menge Alkohol. Diese Umstände prägten meinen Lebensstil, der auch Schläge und andere Tyranneien gegenüber meiner Ehefrau einschloss. Als sich das Erleben vertiefte, erfolgte eine komplette Identifikation mit A. Smith. Während dieser Zeit erfolgte ein Wiedererleben in so vollendeter Form, dass ich nur noch englisch denken konnte, die ursprüngliche deutsche Sprache existierte nicht mehr. Schließlich wurden die letzten Stunden von A. Smith erlebt. Ich lag (er!) in weiße Bettlaken gehüllt und war sehr krank. Plötzlich wusste ich, dass meine Frau sich für die jahrelange Tyrannei gerächt und mich vergiftet hatte. Glücklicherweise war das Erleben dann zu Ende und ich erlebte den Tod selbst nicht mehr. Nach drei Jahren steht dieses Experiment als gültig in jedem Detail vor meinem geistigen Auge und hat meine Einstellung zum Tod nachhaltig verändert und vor allem relativiert.
Solche Erfahrungen können innerhalb des existierenden Weltbildes, das von den Naturwissenschaften determiniert wird, nicht erklärt werden. In jedem Fall sollten aber Versuche unternommen werden, entsprechende historische Personen und Plätze zu eruieren. Die betreffende Person hatte zu dem Staat Kentucky überhaupt keine Beziehung und war auch noch nie dort. Die historischen Orte konnten nicht aufgespürt werden, können durchaus aber im vorigen Jahrhundert existiert haben, denn immerhin fielen ihm einige Orte mit „ville“ als typisch auf, auch das war ihm vorher nicht geläufig. S. Grof beschreibt in seinen bekannten Büchern über das wissenschaftliche Studium der Wirkung von LSD ähnliche frühere Inkarnationen, deren Auftreten, meist im Laufe einer Applikationsserie, er als nicht selten erwähnt. Er regte die vorurteilsfreie Erforschung des Phänomens an. Erschwerend kommt bei solchen psychologischen Versuchen aber hinzu, dass diese Erlebnisse nicht gezielt induzierbar sind, sie ergeben sich scheinbar zufällig.
Abschließend noch ein kurzer Erlebnisbericht, der ebenfalls zeigt, dass je nach Persönlichkeit und Umgebung die Wirkung immer anders nuanciert ist:
Nach der Aufnahme von 0,6 g Pilzpulver in Orangensaft begann die Wirkung nach 30 Minuten: Eine endlose Folge von Bildern vor geschlossenen Augen. Dabei wurden weder auffällige euphorische noch dysphorische Stimmungslagen beobachtet; am ehesten kann mein Verhältnis zu diesen Erscheinungen „zeitweises Staunen“ genannt werden. Die anfänglich verschlungenen Ornamente wandelten sich im Laufe der Zeit in Pflanzen um, von denen aber einige unwirkliche, auf der Erde nicht bekannte Merkmale aufwiesen. Ich denke, die Bilder waren eine Wiederspiegelung meiner langjährigen Beschäftigung mit der Pflanzenwelt. Als mir dann ein Spiegel vorgehalten wurde, sah mich „ein finster aussehender, starr schauender Bursche“ an. Dann stellte ich etwas widerwillig fest, dass ich im Alltag auch so wirke und mich bemühe, dass man bei mir „nicht so dahintersieht“. Der Versuchsleiter bestätigte mir meinen eigenen Eindruck. Vorher hatten wir nie darüber gesprochen.
Abb. 16Psilocybe semilanceata auf grasigem Boden.
Abb. 17Wachstum der Pilze in Grasbüscheln.
Mögliche psychotherapeutische Ausnutzung der psychotropen Wirkung des Psilocybins
Im obigen Bericht des schon 67jährigen Mykologen klingt die mögliche psychotherapeutische Ausnutzung der psychotropen Wirkung des Psilocybins schon an (Kapitel 8).
Im Einklang mit der starken Psychoaktivität konnte bei den chemischen Analysen der Pilze ein hoher Gehalt an Psilocybin nachgewiesen werden. Man kann heute davon ausgehen, dass die Psilocybe-Art bisher besser untersucht worden ist als jede andere Spezies, sogar gründlicher als die mexikanischen Arten. Letztere enthielten 0,2 bis 0,6% Psilocybin in den Exsikkaten.
Tabelle 1
Psilocybin-Anteil in getrockneten Pilzen der Psilocybe semilanceata (durchschn. Werte).
| Herkunft | Psilocybin (%) |
| 1. Dübener Heide, Ostdeutschland | 0,96 |
| 2. Prag, Mittelböhmen | 1,05 |
| 3. Krasna Lipa, Nordböhmen | 0,91 |
| 4. Norwegen | 0,95 |
| 5. Pazifischer Nordwesten, USA | 0,93 |
| 6. Niederlande | 0,97 |
Aufsammlungen von Psilocybe semilanceata aus England, Schottland, Norwegen, aus Finnland, aus Belgien und Holland, Deutschland, Frankreich, den USA sowie aus der Schweiz und der Tschechoslowakei wurden meist umfassend analysiert. Dabei fand man, dass der Alkaloidgehalt bei der gemeinsamen Analyse mehrerer Pilze zur Ermittlung eines Durchschnittswertes unabhängig vom Herkunftsland um 1% in den Trockenpilzen liegt. Es wurde schon oft über chemische Rassen bei Pilzen diskutiert, z. B. beim Fliegenpilz, aber nachgewiesen wurde eine solche bei den höheren Pilzen – im Gegensatz zu den Pflanzen – noch nicht. Die vorgestellten Resultate sprechen alle gegen eine Variabilität in den grundlegenden chemischen Substanzen im Pilz. Unter den hier abgehandelten Arten scheinen Psilocybe semilanceata und Inocybe aeruginascens (Kapitel 2.5) die Pilze zu sein, deren Gehalt an Psilocybin in den einzelnen Fruchtkörpern am wenigsten variiert. Von den in Tabelle 1 dargestellten Analyseergebnissen stammen die ersten drei von eigenen Untersuchungen, die zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Prag durchgeführt wurden. Frische Pilze enthalten etwa 90% Wasser, d. h. in einem Gramm ist durchschnittlich 1 mg Psilocybin enthalten.

Strukturformel von Psilocybin (1) und Psilocin (2).
Das instabilere Psilocin, das als psilocybinanaloges Phenol viel oxydabler als letzteres ist, kommt in Psilocybe semilanceata höchstens in Spuren vor, meistens jedoch überhaupt nicht.
Tabelle 2
Alkaloidgehalt von trockenen Pilzen eines Standortes aus der Dübener Heide (eigene Befunde).
| Trockenmassen | Psilocybin | Baeocystin |
| 18 (mg) | 1,25% | 0,34% |
| 30 | 0,96 | 0,21 |
| 70 | 0,72 | 0,19 |
| 85 | 0,90 | 0,10 |
Dagegen lässt sich das Baeocystin als biochemische Vorstufe des Psilocybins, bei dem die eine CH3-Gruppe der letzteren Substanz durch ein H-Atom ersetzt ist, in jedem Fruchtkörper der Psilocybe-Art nachweisen, durchschnittlich in Mengen um 0,2% in den Trockenpilzen. 1967 berichteten Leung und Paul über die Isolation des Baeocystins aus den Fruchtkörpern der nordamerikanischen Psilocybe baeocystis SINGER & SMITH. 1977 wiesen dann Repke und Leslie die Substanz auch in Psilocybe semilanceata der gleichen Herkunft nach.
In einigen Untersuchungen ließ sich auch eine Variation in einzelnen Fruchtkörpern von einem Standort zeigen (Tabelle 2).
Kleinere Pilze enthielten fast immer mehr Alkaloid als größere, wie an einem weitaus größeren Untersuchungsmaterial (40 Pilze) nachgewiesen werden konnte. Das Baeocystin wird besonders in den Pilzhüten akkumuliert. In den finnischen Pilzproben enthielt ein Pilz sogar 2,37% Psilocybin!
Schon in den früheren kontrollierten Studien zur Psychoaktivität verschiedener Arten in der früheren Tschechoslowakei konnte nachgewiesen werden, dass bei gleichem Gehalt an Psilocybin die Psilocybe semilanceata stärker wirkte als die Psilocybe bohemica (Kapitel 2.3.). Die dabei aufgestellte Hypothese, dass noch weitere Substanzen in den Pilzen zur psychotropen Wirkung zusätzlich beitragen müssten, wird durch den regelmäßigen Nachweis des Baeocystins in beachtlichen Mengen in Psilocybe semilanceata bestätigt. Mir ist ein Versuch bekannt, bei dem 4 mg Baeocystin eine milde Halluzinose von dreistündiger Dauer erzeugten und 10 mg waren etwa identisch mit der Wirkung der gleichen Menge Psilocybin.
Hohe Lagerungsbeständigkeit des Psilocybins
Die Lagerungsbeständigkeit des Psilocybins im Pilzmaterial ist erstaunlich. Es konnte in einem Pilzexsikkat von anno 1869 aus einem finnischen Herbar noch 0,014% Psilocybin nachgewiesen werden. Eine Probe von 1843 enthielt allerdings kein Alkaloid mehr. Jedoch lässt sich die Art der Trocknung zu dieser Zeit natürlich nicht mehr feststellen. Temperaturen über 50 °C bewirken Zersetzungen des Psilocybins und seiner Derivate. In den Laborversuchen wurden bei Zimmertemperatur getrocknete Pilze oder auch gefriergetrocknete Fruchtkörper untersucht. Hier muss aber darauf hingewiesen werden, dass durch die poröse Struktur der gefriergetrockneten Pilze bei einer längeren Lagerung über Wochen und Monate bei 20 °C eine relativ schnelle Zersetzung der Alkaloide eintritt. Deshalb werden so hergestellte Exsikkate für Naturstoffanalysen bis zur Extraktion und Chromatographie bei −10 °C trocken aufbewahrt. In der nordamerikanischen Literatur wird unabhängig von den finnischen Ergebnissen erwähnt, dass die Zersetzung des Psilocybins in Psilocybe semilanceata im Vergleich zu den andern Arten am langsamsten erfolgte.
In letzter Zeit werden vereinzelt Mythen kreiert, die angeblich neuentdeckte toxische Wirkungen der Psilocybe semilanceata jenseits der bekannten psychischen Symptomatik suggerieren. So sollen Milligrammspuren von Phenylethylamin im Pilz vermehrt „bad trips“ im Vergleich zu reinem Psilocybin induzieren. Diese Annahme, die aus sehr limitierten und unvergleichbaren Literaturdaten abgeleitet wurde, wird schon daher entkräftet, dass selbst 1,6 g (!) Phenylethylamin im klinischen Versuch völlig ohne Wirkung blieben (Shulgin). Außerdem zeigten Auert und Mitarbeiter in einem detaillierten Artikel aus der Tschechoslowakei von 1980, dass beim kontrollierten klinischen Vergleich von Psilocybin mit Pilzmaterial gleichen Alkaloidgehaltes die Arten Psilocybe semilanceata und Psilocybe bohemica generell einen mehr meditativen Bewusstseinszustand erzeugten als die Reinsubstanz! (vgl. auch Kapitel 9). Wir haben außerdem nachgewiesen, dass eine angeblich tödliche Wirkung der Psilocybe semilanceata, mit vorher total konfuser Symptomatik in Frankreich, mit Sicherheit nicht von der Einnahme der Pilzart herrührte. Eine weitere, kurze Mitteilung aus Polen beschrieb neuerdings eine völlig atypische Wirkung der Pilzart, die hier sogar einen durch Psilocybin bedingten Herzinfarkt bei einem Achtzehnjährigen induziert haben soll. Abgesehen davon, dass hunderttausende Versuche in allen Altersgruppen bis hin zu neunzigjährigen mexikanischen Heilern mit 80-jähriger Pilzerfahrung mit verschiedensten Arten und Dosierungen nie solche Komplikationen erzeugt haben, wurde von den polnischen Forschern nicht einmal der Versuch unternommen, toxikologisch verschiedene mögliche Gifte wie z. B. Abkömmlinge des Amphetamins, Atropin oder analoge Arzneimittel im Sinne einer Mischvergiftung zu finden. Sofort wurden die Pilze als ursächliches Agens postuliert und man wird den dringenden Verdacht nicht los, dass jenseits der Wissenschaft unbedingt bedrohliche toxische Nebenwirkungen gefunden werden sollen, unter Vernachlässigung der ethnopharmakologischen und klinischen Forschung mehrerer Jahrzehnte (vgl. auch Absatz 7 u. 8).
Es ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis die angeblichen Fenstersprünge nach LSD-Einnahme aus den sechziger Jahren journalistisch erneut reaktiviert und nun „modern“ auf die Pilze projiziert werden. Dies entgegen den pharmakologischen Eigenschaften, die eben kein Delirium à la Nachtschattengewächse beinhalten.
2.2. Psilocybe germanica
Der „neue“ Psilocybinpilz aus Deutschland
Der „Deutsche Kahlkopf“ ist eine Neuentdeckung aus dem Jahr 2014. Psilocybe germanica GARTZ & WIEDEMANN wurde von Jochen Gartz und Georg Wiedemann in Dippoldiswalde (Sachsen) entdeckt, im größten deutschen Herbarium in Berlin-Dahlem hinterlegt und wissenschaftlich beschrieben. Die neue Art wurde von den Erstbeschreibern nach den Elbgermanen benannt, die vor 2000 Jahren an dem Fundort gesiedelt hatten. Psilocybe germanica war bisher vollkommen unbekannt, sie ist bislang nur in Deutschland gefunden worden.
Die Art wächst häufig in Gruppen und tritt zuweilen in Büscheln auf. Der Deutsche Kahlkopf ist ein Holzzersetzer, gedeiht also auf Rinden und Mulch, auf Holzschnitzeln und -resten und auch auf einer Mischung aus Holz, Laub und Erde. Psilocybe germanica fruktifiziert von September bis in den Dezember und kann z. B. in Parks gefunden werden, jedoch erscheint eine Ausbreitung in Wäldern auch in höheren Lagen möglich. Die Pilze wuchsen am größten Standort in Massen bis hin zu büscheligen Aggregaten. Die Art erscheint im Wachstum ähnlich aggressiv wie die Myzelien von Psilocybe cyanescens und Psilocybe azurescens, eine zukünftige Ausbreitung wie bei diesen Arten kann daher künftig auch von Psilocybe germanica erwartet werden.
Die Pilze erscheinen von September bis November, vielleicht auch im Dezember. Kurze Schneefälle und mehrere Nächte mit kurz unter null Grad brachten das Pilzwachstum nicht zum Erliegen. Als neue Art zeigt Psilocybe germanica eine einzigartige Kombination aus Makro- und Mikromerkmalen sowie der Biochemie (GARTZ 2018).
Der Hut der Spezies ist 1 bis 4 cm breit und weist ähnlich dem Psilocybe semilanceata eine Mammille im Zentrum auf. Im feuchten Zustand ist er dunkelbraun und verfärbt sich beim Austrocknen zu weißlich hin. Die Lamellen sind zunächst bräunlich und verfärben sich bei zunehmender Reife der Sporen zu purpur-braun hin. Der weißliche und gebogen wachsende, nach oben hin dicker werdende Stengel wird 5 bis 9 cm lang und 0,3 bis 0,7 cm dick. Anfänglich ist er mit Myzelium gefüllt, später hohl. Außerdem weist der Stiel eine äußerliche Eigenart auf. Jochen Gartz beschreibt es im Magazin Lucys Rausch als „eindrucksvolle Verdickungen der neuen Art bei den Frischpilzen nach Art eines Gelenks, wobei bei älteren Pilzen tatsächlich der Hut ab dieser Stelle nach vorn knickte“ (GARTZ 2015). Hut und Stiel blauen bei Berührung, Frost und Regen können ebenso eine starke Blauung der Fruchtkörper bewirken. Die Mammille auf dem Hut verfärbt sich mit der Zeit meist von selbst in Richtung grau-bläulich. Die blaue Verfärbung ist weit größer als bei Psilocybe semilanceata und ähnlich der Psilocybe azurescens und Psilocybe bohemica. Die frischen Pilze haben einen angenehmen, aromatischen Geruch.
Die Sporenbildung ist im Vergleich zu Psilocybe cyanescens und Psilocybe azurescens eher weniger üppig. Die Sporen der Lamellen keimen gut auf 4 % Malzagar und die resultierenden weißen Myzelien wachsen außerordentlich schnell. Auch sie blauen bei Druck regelmäßig und verfärben im Alter etwa nach sechs Wochen Kultivierung spontan großflächig. Die Menge an Psilocybin reichte von 0,21 bis 0,28 % in den Trockenmassen bei fünf Myzelien nach vier Wochen Kultivierung. Es ist zu erwarten, dass durch die moderne Anwendung von Mulch in Parks und Gärten, vor allem in Städten, auch die Psilocybe germanica neben den anderen Arten eine große Zukunft hat und ihren Seltenheitsstatus bald ablegen wird.
Die Dosierung der Psilocybe germanica liegt, je nach gewünschter Intensität, zwischen 0,5 und 2 Gramm der Trockenmasse. Der deutsche Kahlkopf kann wie Psilocybe semilanceata dosiert werden. Proben getrockneter Psilocybe germanica enthielten zwischen 0,66 und 1,12 Prozent Psilocybin, 0,11 bis 0,30 Prozent Baeocystin und kein Psilocin. Die Art gehört damit zu den potenteren Spezies. „Psilocybe germanica ist auch biochemisch sehr interessant. Ihr Alkaloidmuster mit Psilocybin und Baeocystin erscheint völlig identisch zu Psilocybe semilanceata und daher von den anderen Holzbewohnern völlig abgetrennt! Auch hier fungierten als Standorte künstlich geschaffene Mulchflächen, im Gegensatz zu Psilocybe bohemica auf Holz- und anderen Pflanzenresten im Wald“ (GARTZ 2015). Aufgrund der relativen Neuheit dieser Art liegen noch keine Erfahrungsberichte von Nutzern vor, der Pilz weist jedoch das typische pharmakologische Profil eines Psilocybinbildners auf.
„Interessant sind im Zusammenhang mit der Psilocybe germanica Grabfunde zum möglichen Gebrauch der Art im Landkreis Wittenberg an der Elbe als Standort eines ‚deutschen Pilzkultes‘. Diese legen die Vermutung nahe, dass der Pilz Psilocybe germanica bei Schamaninnen der Elbgermanen in Gebrauch gewesen sein könnte. In diesem Grab befanden sich die Nachbildungen von neun Pilzen mit denen für die Psilocybe germanica charakteristischen Verdickungen/Knoten im oberen Stildrittel. Nur dieser Psilocybinpilz weist diese taxonomische Besonderheit auf und die ‚9‘ galt in damaliger Zeit mythologisch als ‚göttliche Zahl‘. Das Vorkommen der Psilocybe germanica ist im Übrigen nicht auf den Raum Wittenberg und Dippoldiswalde beschränkt“ (WIEDEMANN 2021).

Psilocybe germanica mit typischer Stielverdickung.

Psilocybe germanica (Foto: J. Gartz).

Psilocybe germanica (Foto: J. Gartz).

Psilocybe germanica (Foto: Georg Wiedemann).
2.3. Psilocybe cyanescens und Psilocybe bohemica
Potente Streubewohner
Außer Psilocybe semilanceata existieren in Europa mindestens noch zwei weitere psychotrope Psilocybe-Arten. Hier muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Differenzierung einzelner Arten in der Gattung Psilocybe zwischen namhaften Taxonomen umstritten ist. So wird zum Beispiel die Abgrenzung gegen die Gattung Hypholoma (Schwefelköpfe) und Stropharia (Träuschlinge) verschieden gehandhabt.
Große Variationsbreite der Psilocybe cyanescens
Während Psilocybe semilanceata eine eindeutig differenzierte und schon lange gleichlautend beschriebene Art darstellt, lassen sich nach Krieglsteiner weitere stark blauende Pilze als „Psilocybe-cyanescens-Komplex“ kennzeichnen, allesamt Pilze, die auf Rohhumus bzw. pflanzlichen Resten wachsen.
In der Literatur sind nach Krieglsteiner folgende Arten lediglich Synonyme der Psilocybe cyanescens WAKEFIELD emend. KRIEGLSTEINER: Hypholoma cyanescens R. MAIRE, Hypholoma coprinifacies (ROLLAND ss. HERINK) Pouzar, Geophila cyanescens (R. MAIRE) KÜHNER & ROMAGNESI, Psilocybe serbica MOSER & HORAK, Psilocybe mairei SINGER, Psilocybe bohemica SEBEK.
Eine große Schwierigkeit bei der Beurteilung der Einordnung dieser Synonyme liegt darin, dass die betreffenden Mykologen jeweils nur einzelne Aufsammlungen frischer Fruchtkörper näher beschreiben konnten und danach ein Vergleich mit Literaturdaten von Pilzen der andern Fundorte erfolgte. Im besten Fall lagen Exsikkate aus verschiedenen Herbarien zur Analyse vor. Jedoch sind die mikroskopischen Daten bei Psilocybe-Arten wenig different und überschneiden sich oft. Es ist dringend nötig, dass eine weitere mykologische Forschung über Psilocybe cyanescens anhand von Frischpilzen verschiedenster Standorte in Europa und Nordamerika unter Einschluss biochemischer Methoden erfolgt. Eindeutig widerlegt ist jedenfalls die arealgeographische Aufspaltung von Psilocybe cyanescens durch Guzman, der Psilocybe mairei Nordafrika, Psilocybe cyanescens England und Holland und Psilocybe serbica Serbien und Böhmen als Verbreitungsgebiete jeweils zuordnete. Innerhalb der Art scheint eine gewisse Variationsbreite je nach Aufsammlung und Klima zu existieren. Solche unterschiedlichen Morphologien sind bei „jungen“ Arten zu erwarten, die noch relativ wenig festgelegt sind und sich neue Standorte erst erschließen.
In Abbildung 8 auf S. 18 sind die Fundregionen der Psilocybe cyanescens in Europa und Nordafrika dargestellt.
Ich habe innerhalb von 15 Jahren in den USA, Kanada, in Deutschland, Österreich und der früheren Tschechoslowakei frische Aufsammlungen von Psilocybe cyanescens und Psilocybe bohemica (nur in Europa) studiert. Beide sind eindeutig verschiedene Arten (Hut, Stiel) mit Sporen, die jedoch nicht zu unterscheiden sind.
Hier sollen jetzt einige Aspekte solcher blauender Psilocyben erörtert werden. Detaillierte Beschreibungen einzelner Aufsammlungen finden sich in den sehr ausführlichen Darstellungen von Krieglsteiner.
Eine gültige Beschreibung einer Pilzart ist erst dann erfolgt, wenn eine lateinische Diagnose der Aufsammlungen in Abgrenzung zu andern Arten in einem mykologischen Journal publiziert wird.
1946 beschrieb Wakefield Aufsammlungen von blauenden, dunkelblättrigen Pilzen aus den botanischen Gärten in Kew, England als Psilocybe cyanescens WAKEFIELD. Es wurde schon der Verdacht geäußert, dass die Pilze adventiv dort vorkamen, das heißt durch Einschleppung der Sporen mit Pflanzenmaterial aus Übersee. Solche Vorkommen von Pilzen in botanischen Gärten wurden schon oft beobachtet und sind immer dann wahrscheinlich, wenn die Pilze im Umland vorher nie gefunden werden konnten. An anderer Stelle wird die spektakuläre Einbürgerung von Gymnopilus purpuratus beschrieben (Kapitel 2.6).
Die Pilze zeigten eine viel stärkere Blaufleckung als Psilocybe semilanceata und wuchsen auf Holzstückchen im Herbst in den mehr waldigen Teilen der Gärten von Kew schon seit mehreren Jahren. Besonders fallen bei diesen Aufsammlungen die wellig verbogenen Pilzhüte auf. Guzman ist der Meinung, dass Aufsammlungen aus dem Nordwesten der USA (Nordkalifornien, Oregon, Washington) und aus British Columbia mit dieser Art identisch sind. Tatsächlich entsprechen alle Beschreibungen und Fotos der Pilze den englischen Funden, und meine eigene Feldforschung ergab, dass die Pilze identisch aussehen (vgl. Farbbilder 3.1 bis 3.4). Einen endgültigen Beweis könnten aber erst DNA-Analysen bzw. Kreuzungsexperimente von Einspormyzelien liefern. Auf diese Methode wird noch eingegangen. Auch in Holland wurden Fruchtkörper dieser Art im Jahre 1975 entdeckt. Weitere blauende Pilze, die auf faulendem Schilf und Gras wuchsen, fand man 1972 in der Schweiz im Jura-Gebirge (MTB 8511), wo sie gesellig vorkamen. Aus Österreich wurden Funde von der Steiermark im Herbst 1976 und 1992 nahe der tschechischen Grenze bekannt, von Korsika aus den Jahren 1972 und 1984. Fruchtkörper, die ebenfalls Psilocybe cyanescens zugeordnet werden konnten, fand man auch mehrfach in Deutschland (Abb. 18).
Abb. 18 Psilocybe cyanescens in Deutschland und angrenzenden Gebieten (nach Krieglsteiner).
Hier sollen nur einige Funde näher vorgestellt werden:
Am 31.10.1983 konnten größere Mengen von Fruchtkörpern aller Entwicklungsstadien in Niederbayern (MTB 7542) aufgesammelt werden, die auf etwa 100 m Länge entlang eines früheren Müllplatzes zwischen Gras in größeren und kleineren Gruppen, teils büschelig verwachsen, inmitten verwesenden pflanzlichen Materials (Blätter, Ästchen, Humus) wuchsen. Die älteren Pilze zeigten an den Hüten, besonders aber beim Übergang zu den Myzelzusammenballungen, grünliche und deutliche blaue Flecke, die anderen Fruchtkörper fleckten auch bei der sehr kühlen Temperatur nach Berührung sehr schnell blau. Der deutsche Name „Blauverfärbender Kahlkopf“ ist also sehr typisch.
Die hier gekürzte Beschreibung der Psilocybe cyanescens trifft im Kern auf alle andern Aufsammlungen zu, die Größenverhältnisse können dagegen variieren.
Hüte: 2–6 cm breit, jung kegelig und mit steil zum Stiel führenden straffen, bald flüchtig werdenden Cortinafäden, schließlich verflachend, unregelmäßig aufgebogen und ohne Schleierreste, auch alt noch leicht stumpf gebuckelt. Frisch und feucht, kräftig haselbraun bis strohfarben, dann austrocknend, mit blauen bis blaugrünen Flecken.
Lamellen: teils flach ausgebuchtet, einige auch breit angewachsen, jung hell bis schmutzig beige, später durch Sporenreifung zimtbis purpurbraun, bei Druck nur schwach blau fleckend.
Stiel: 2–14 cm lang, weißlich, gleichmäßig dick, 1,5–3 mm, Stiele und Myzelfasern bei Berührung blau verfärbend, teils bereits blau gefleckt.
Geruch: leicht mehlig bis fast kartoffelähnlich.
Sporen: elliptisch, 9–13,5 × 5–8 μm
Blauende Pilze auf Pflanzenresten wurden auch 1976 aus dem Saarland beschrieben, weitere Funde stammen aus dem Südschwarzwald (MTB 7515, 1959, 1963) und dem Vogtland (1979) sowie dem Rheinland (MTB 4706, 1982). Auch bei Hamburg (MTB 2428, 1961) und in Bremen (1982, 1983) konnten ähnliche Pilze gefunden werden. Die letzten Aufsammlungen sind besonders interessant, da die Fruktifikation in den Gewächshäusern des Rhododendron- und Bürgerparkes (MTB 2919, 2918) auf Holzstückchen im Herbst noch bedeutend stärker war (Tausende von Pilzen!) als im Freiland, wo die Art auch mehrfach fruktifizierte. Aus dem Nordwesten der USA sind weitere Holzbewohner von gleichen Substraten bekannt, so Psilocybe stunzii (Farbbild 10.2), Psilocybe baeocystis (Farbbild 10.3), Psilocybe pelliculosa u.a. Auch die mexikanische Psilocybe caerulescens MURR. ist mit diesen Arten verwandt. Der Pilz war die erste Psilocybe-Art, welche Wasson am 29. Juni 1955 im Selbstversuch als psychoaktiv erkannte (Farbbild 14.1).
Über die chemische Zusammensetzung der genannten Aufsammlungen ist fast nichts bekannt.
Eigene Analysen von Pilzen aus Deutschland ergaben:
| Psilocybin: | 0,85% in den Trockenpilzen |
| Psilocin: | 0,07% in den Trockenpilzen |
| Baeocystin: | 0,03% in den Trockenpilzen |
Die Werte lagen in der gleichen Größenordnung wie die Alkaloidkonzentrationen in den mexikanischen Arten.
Die umfangreichsten Studien über Vorkommen, psychotrope Aktivität und Inhaltsstoffe von stark blauenden, europäischen Arten vom Holzsubstrat stammen aus der früheren Tschechoslowakei.
Am 6. und 13.12.1942 entdeckte Kubicka erstmals solche Pilze im Tal des Kresicky-Baches am Dorf Poricko v Posazavi bei Sazava. Der Mykologe Herink beschrieb die Pilze dann 1950 ausführlich und glaubt, dass Fries im vorigen Jahrhundert mit Psilocybe callosa diese Psilocybe bohemica SEBEK gemeint hat. Ich hatte die Möglichkeit, mit ihm und weiteren tschechischen Mykologen diesen Fundort am 15.11.1986 feldmykologisch zu erforschen, wobei wir 440 Fruchtkörper (550 g) fanden. Im Gegensatz zu Psilocybe cyanescens waren die Hüte nie hochgeschlagen (Farbbilder 4.1 und 4.3).
Auf beiden Seiten des Baches fruktifizierte die Art auf einer Länge von ca. 3 km, zum Teil inmitten von Brennesseln auf Ästchen von Carpinus, Alnus, Salix, auf Rohhumus von Picea-, Pinus- und Larix-Nadeln sowie an vermorschten Fichtenzapfen. Mehrere Fruchtkörper mit Höhen bis 15 cm und Hutbreiten bis 5 cm wuchsen auf einem total vermorschten Holzstamm, dessen Unterseite direkt vom Bach umspült wurde. Als sehr feuchtigkeitsliebende Art fruktifiziert sie bevorzugt im Spätherbst (Abb. 19), wobei vorherige kurze Nachtfröste die Fruktifikation maximal gestalten. Hier trocknen die sehr hygrophanen, braunen Hüte nach Milchkaffeeweiß aus, der Geruch bewegt sich zwischen den Stellungnahmen rettichartig bis mohnähnlich und ist nach meinen Erfahrungen variabel und schlecht zu definieren. Bei Berührung blauen besonders junge, trockene Pilze stark. Ältere Fruchtkörper sind meist schon am Standort fleckig tiefblau. Es ist erstaunlich, über wieviele Jahre die Pilze bei Poricko standorttreu in großer Zahl fruktifizieren. Leider erfolgte eine teilweise Vernichtung dieses Standortes in den letzten Jahren durch den Bau einer Straße.
Bis Ende 1982 konnte die Pilzart an 51 Orten in der CSFR gefunden werden, wovon nur 7 in Böhmen liegen, 40 in Mähren und vier in der Slowakei. Die Meereshöhen streuen von 200 m NN bis zu 700 m, darüber gibt es nur zwei Lokalitäten. Insgesamt wurde bis zu diesem Zeitpunkt über 112 Funde berichtet, davon allein 44 von der klassischen Lokalität bei Sazava.
Die Myzelien utilisieren die verschiedensten Pflanzenreste, sie wachsen sogar auf feuchter Pappe und bilden dabei wie in der Natur starke Rhizomorphen aus, die als dicke Myzelstränge zum Transport von Nährstoffen und Wasser dienen und ebenfalls stark blauen. (Farbbild 4.4). Dieses Verhalten ist ebenfalls analog zu Psilocybe cyanescens, die allerdings bevorzugt in Parks vorkommt. Beide Arten enthalten in Europa als Hauptalkaloid Psilocybin, während Psilocin und Baeocystin nur in Spuren vorkommen.
Psilocybe bohemica wirkt stark psychotrop. Der Erlebnisbericht eines Naturwissenschaftlers während kontrollierter klinischer Experimente in Prag dokumentiert die Wirkung eindrücklich:
Abb. 19 Fruktifikationskurve von Aufsammlungen aus der CSFR (nach Kubicka und Krieglsteiner).
Die Wirkung der heißen Zubereitung der Pilze in Wasser (ca. 30 mg Psilocybin) setzte schon nach 10 Minuten ein. Ich wurde immer stiller. Zuerst begannen die Beine zu kribbeln, danach auch die Unterarme. Es konnten neben der etwas tieferen Atmung kaum weitere spürbare somatische Wirkungen beobachtet werden. Ungewohnte gedankliche Assoziationen lösten anfänglich Lachstürme aus, die auch auf die beiden „nüchternen“ Aufsichtspersonen ansteckend wirkten. Die auftretende Hyperakusie wirkte zuerst beim Anhören von Musik sehr störend, so stach Vivaldis „Frühling“ recht schmerzhaft im Hirn, – „wie ein Sägemesser“ sagte ich. Die Versuchsleiter sahen gedunsen und gelb aus… Vorhandene Körpermerkmale, wie wenig Haarwuchs, bewirkten die illusionäre Verwandlung der Gestalt in einen Mönch mit Tonsur. Die Stimmen wirkten dazu noch sehr weihevoll, wobei unter leicht wahnhaften Bezügen die Herren teilweise wie in einer Schaltzentrale wirkten, die irgendwie gegen mich war. Gleichzeitig fand ich beide aber sehr sympathisch. Die andere weibliche Versuchsperson sah während dieser Zeit grandiose Farbenspiele, ihr ganzes Leben rollte visionär vor geschlossenen Augen ab. Während dieser Zeit hatte ich das starke Gefühl der Durchflutung des Körpers mit elektrischem Strom, welches nicht unangenehm war. Als nach ca. drei Stunden sich die Versuchsleiter in die Küche zurückzogen, veränderte sich das Erleben schlagartig.
Zuerst hatte ich das Gefühl, dass meine Beine zunehmend mit der Wand verwuchsen, was sehr angenehm war. Bei dem Gefühl der völligen Bewusstseinsklarheit fühlte ich dann keinen Körper mehr. Ich sagte: „Der beste Ausdruck ist das Gefühl der reinen Seele.“ Wir konnten uns gegenseitig durch Worte gemeinsame Farbvorstellungen induzieren und reisten in der Welt, im mentalen Raum herum. Eine eindeutig telepathische Aussage ihrerseits über meine Heimat konnte ich einfach nicht fassen und deuten, konnte es auch später nicht. Das untrügliche Gefühl, dass der Tod dann auch nur so ein Seelenschweben mit oder ohne Herabsehen auf die „gewöhnliche“ Welt ist, erfüllte mich mit Zuversicht, wobei mir das Denken gleichzeitig supernormal vorkam. Dagegen lehnte ich ihr Angebot, in meine Zukunft zu sehen und mir davon zu berichten, sehr ängstlich ab, obwohl ich gleichzeitig fühlte, dass sie entsprechende Sachen schon sah, wie künftige Krankheiten.
Im Erlebnisbericht kommen die kosmisch-mystischen Aspekte der Pilzwirkung deutlich zum Ausdruck, die überaus eindrücklich sind. Bei Halluzinogenen in höherer Dosierung, unter korrekter Einhaltung eines Schutz gewährenden „Settings“ bei entsprechender positiver Gestimmtheit und innerer Vorbereitung („Set“) sind sie oft beschrieben worden – natürlich bei jedem Individuum anders nuanciert. Ein berühmtes Beispiel zur Untersuchung dieser Bewusstseinszustände ist die mustergültige Studie der Psilocybinwirkung während eines Karfreitags-Gottesdienstes im Jahre 1962 durch Pahnke, die sogar als Doppelblindstudie angelegt war.
Ein ganz besonderes Wirkungsspektrum zeigte sich bei der gleichen Person während eines Versuches in Prag mit dem Myzel von Psilocybe bohemica drei Jahre später, wobei durch einen Analysenfehler anstelle der angestrebten Dosis von 30 mg jeweils 72 mg Psilocybin neben etwas Psilocin durch die vier am Versuch beteiligten Personen aufgenommen wurden (Farbbild 16.3):
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