Kitabı oku: «Der einfache Satz»

Yazı tipi:


Jochen Geilfuß-Wolfgang / Sandra Ponitka

Der einfache Satz

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

[bad img format]

© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.narr.de • info@narr.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-8233-8206-5 (Print)

ISBN 978-3-8233-0247-6 (ePub)

Inhalt

 1 Einleitung1.1 Warum man sich mit Grammatik beschäftigen soll1.2 Um welche Art von Sätzen soll es gehen?1.3 Was sind einfache Sätze?

 2 Wörter2.1 Lexikalische und syntaktische Wörter2.2 Wortartwechsel2.3 Eigenschaften syntaktischer Wörter2.3.1 Morphologische Eigenschaften2.3.2 Syntaktisches Verhalten2.4 Wortarten haben unscharfe Ränder2.5 „Das Nomen ist mehr als ein Dingwort“ – Ausbildung von syntaktischen bzw. morphologischen Begriffen2.6 „Groß oder klein?“ – Arbeit mit Pseudoworttexten am Beispiel der GroßschreibungAnregungen für den Unterricht2.7 Kurze Zusammenfassung2.8 Aufgaben

 3 Phrasen3.1 Wie kommt die Bedeutung von Sätzen zustande?3.2 Zwei Arten von syntaktischen Einheiten3.3 Wie sind Phrasen aufgebaut?3.4 Syntaktische Bäume: Mütter, Töchter, Schwestern3.5 Was hält die Wörter in einer Phrase zusammen?a) Kasusrektionb) Kongruenzc) Valenzd) Semantische Rollene) Syntaktische Funktionen3.6 Eine Beispielanalyse3.7 Ambiguitäten und ihre Analyse als Potenzial für den Unterricht3.8 „Artikel und Nomen“ – fertig ist die Nominalphrase!3.9 „Einen Blick über den Tellerrand unserer Sprache, bitte!“ – Sprachvergleiche am Beispiel der Nominalphrase3.10 Kurze Zusammenfassung3.11 Aufgaben

 4 Sätze4.1 Wo die Verben im Deutschen stehen können4.2 Das Modell der topologischen Felder4.2.1 V2- und V1-Sätze4.2.2 Das Vorfeld4.2.3 VL-Sätze4.2.4 V2-, V1- und VL-Sätze zusammen4.3 Satzarten (Satztypen)4.4 Satzstrukturen4.4.1 VL-Sätze4.4.2 V1-Sätze und V2-Sätze4.5 „Alle auf ihre Plätze!“ – das topologische Feldermodell als Analyseinstrument im Unterricht4.6 „Zunge raus, kleiner Ameisenbär!“ – die Umstellprobe als Gegenstand des DeutschunterrichtsAnregungen für den Unterricht4.7 Kurze Zusammenfassung4.8 Aufgaben

 5 Satzglieder und Satzgliedteile5.1 Warum bestimmt man Satzglieder?5.2 Form ist nicht gleich Funktion5.3 Wie kann man Satzglieder ermitteln und bestimmen?5.3.1 Subjekte5.3.2 Objekte5.3.3 Adverbiale5.3.4 Prädikative5.3.5 Attribute5.3.6 Prädikate5.4 „Unterstreiche das Subjekt blau“ – Bestimmungs- und Markierungsübungen5.5 „Sicherheit vor Vagheit?“ – Einbezug von Zweifelsfällen und Problemen in den Grammatikunterricht5.6 „Das ist, glaub ich, das Adverbialobjekt“ – Problemfelder von Schülerinnen und Schülern sowie Studentinnen und Studenten5.6.1 „Welches Satzglied, Hans?“ – „Verb.“ – Verwechslung von Wortarten und SatzgliedernAnregungen für den Unterricht5.6.2 „Ich warte auf dem Bahnsteig auf den Freund“ – Unterscheidung von Adverbialen und Objekten5.6.3 „Das war doch schon immer ein Satzglied!“ – Umgang mit dem Prädikat im Rahmen der Satzgliedbestimmung5.7 Kurze Zusammenfassung

  Literatur

  Lösungshinweise zu den Aufgaben

1 Einleitung
1.1 Warum man sich mit Grammatik beschäftigen soll

Warum soll man sich mit der Struktur deutscher Sätze beschäftigen und sich vertiefteres Wissen darüber aneignen? Diese Frage sollte nicht nur die Sprachwissenschaft, sondern auch die Sprachdidaktik beantworten können, um der Aneignung grammatischen Wissens in der Schule auch jenseits der Lehrplananforderungen einen Sinn geben zu können.1 Eine weit verbreitete Sicht formuliert Funke (2005, 307): „Wenn es überhaupt zu den Aufgaben des Deutschunterrichts gehört, die Ausbildung grammatischen Wissens zu fördern, dann – das ist vermutlich konsensfähig – so weit, als es sich um ein solches Wissen in Funktion handelt“. Der Wert des grammatischen Wissens, das sich die Schülerinnen und Schüler aneignen sollen, wird in seiner Funktion gesehen, sprachliche Leistungen ganz unterschiedlicher Art zu verbessern. Die Grammatik ist dann eine Art ‚Hilfswissenschaft‘, die ihr Wissen und ihre Methoden für praxisrelevante sprachliche Bereiche wie die Textproduktion oder die Orthographie zur Verfügung stellt.

Eine andere Sicht auf die Ziele und Zwecke des Grammatikunterrichts findet sich in Menzel (1999, 16): „Als Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer sollten wir daher nicht ständig die Ziele unseres Grammatikunterrichts defensiv vertreten: Einblick in den Bau der Sprache ist unser vorrangiges Ziel. Und das ist so selbstverständlich zu vertreten wie die Ziele des Physik- oder Biologielehrers zum Beispiel!“ Wir teilen diese Sicht und möchten mit diesem Buch einen Einblick in den Bau der deutschen Sprache vermitteln, der sich nicht an einer bestimmten Grammatiktheorie orientiert, sondern sprachdidaktische Überlegungen und die schulische Praxis mit einbezieht.

Nehmen wir als ein illustratives Beispiel die Beschäftigung mit dem Auge, die Teil der Biophysik ist. Wenn Schülerinnen und Schüler das Auge im Detail untersuchen, dann nicht mit dem Ziel, dass sie nach der Unterrichtseinheit besser sehen können. Sie sollen vielmehr verstehen, wie es uns die Augen ermöglichen, unsere Umgebung wahrzunehmen, und wie Beeinträchtigungen beim Sehen wie etwa Kurz- oder Weitsichtigkeit zu erklären sind. Einen Gutteil des Unterrichts nimmt entsprechend der Aufbau des Auges ein, in seiner ganzen Komplexität. Mithilfe der Sprache ist es uns möglich, die Gedanken, Vorstellungen, Wünsche oder auch Träume anderer Menschen zu verstehen, und es sollte eines der Ziele des Deutschunterrichts sein, dass die Schülerinnen und Schüler verstehen, wie die Sprache das ermöglicht, wie also die Sprache funktioniert. Das kann aber nur gelingen, wenn sie sich genauer mit dem Aufbau der Sprache beschäftigen, der auf eine andere Art ebenso komplex ist wie der Aufbau des Auges (eigentlich sogar noch deutlich komplexer). Genau das ist der Gegenstand der Grammatik: der Aufbau der Sprache.2

1.2 Um welche Art von Sätzen soll es gehen?

Es ist eine Alltagserfahrung, dass man oft die Funktionsweise von Dingen erst dann richtig verstehen lernt, wenn sie nicht (mehr) richtig funktionieren. Solange sie funktionieren, wie sie sollen, erfüllen sie ihren Zweck und man beschäftigt sich gewöhnlich nicht genauer mit ihnen; so gut wie niemand denkt, wenn er eine Tür mit der Türklinke öffnet, über die Funktionsweise der Türklinke nach. Das ändert sich, wenn die Türklinke wackelt oder sogar abfällt oder sich nicht mehr bewegen lässt. Dann wird man neugierig und untersucht die Türklinke genauer, um das Problem zu beheben.

Das gilt genauso für die Sprache, Köller (1997, 9) spricht hier von grammatischer Neugier: „Sie setzt ein, wenn die im praktischen Umgang vertrauten Phänomene zu Problemen werden und zum Staunen Anlaß geben“. Damit der Grammatikunterricht überhaupt gelingen kann, gilt es bei den Schülerinnen und Schülern diese grammatische Neugier zu wecken. Man benötigt dann für die Beschäftigung mit dem Aufbau von Sätzen in der Schule Sätze, die nicht vertraut, sondern seltsam, merkwürdig, staunenswert, abweichend, irregulär sind, Sätze, die auf irgendeine Weise nicht richtig funktionieren (s. Dürscheid 2007, 60–62). Für die sprachwissenschaftliche Forschung haben sich solche Sätze als höchst aufschlussreich erwiesen, in Schullehrwerken sind sie allerdings nur selten zu finden.1 Eines unserer Ziele ist unter anderem zu zeigen, welche Erkenntnisse sich aus ungrammatischen Sätzen2 wie *Das Schiff untergeht, Versprechern wie Ein Sommer macht noch keine Schwalbe und mehrdeutigen Sätzen wie Bitte verlassen Sie die Toilette immer in sauberem Zustand ziehen lassen. Man kann aber auch Sätze aus anderen Sprachen als dem Deutschen oder sogenannte Nonsenssätze verwenden, die keine Bedeutung haben. In all diesen Fällen kann auch im schulischen Unterricht die sprachwissenschaftliche Vorgehensweise angewendet werden, die darin besteht, die auf irgendeine Weise abweichenden Sätze systematisch zu untersuchen und dabei unter anderem nach dem Grund für die Abweichung zu suchen. Vergleicht man zum Beispiel den ungrammatischen Satz *Das Schiff untergeht mit dem grammatischen Satz Das Schiff geht unter, erkennt man, dass der Grund für die Ungrammatikalität in der nichtgetrennten Verbform untergeht liegen muss.

1.3 Was sind einfache Sätze?

Man kann den Begriff des einfachen Satzes auf zweierlei Weisen verstehen, und zwar zum einen auf Nebensätze und zum anderen auf Satzglieder bezogen. Im einen Fall ist ein einfacher Satz ein Satz, der keinen Nebensatz enthält (Der Bundestrainer muss eine neue Taktik finden), im anderen Fall ist der Satz minimal und besteht nur aus einem Subjekt und einem einfachen Prädikat (Die Sonne scheint). Wir verwenden den Begriff so, dass einfache Sätze keine Nebensätze enthalten, unter anderem deshalb, weil sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass die Struktur vermeintlich einfacher Sätze wie Die Sonne scheint in Wirklichkeit ziemlich komplex ist. Das hat unter sprachdidaktischer Perspektive schon Haueis (1999) gezeigt, wir gehen darauf in Kap. 4 genauer ein.

* * *

Dieses Buch zu schreiben hat deutlich länger gedauert, als wir eigentlich geplant hatten. Wir danken Sandra Döring, Peter Gallmann und dem Verlag sehr für ihre große Geduld und hoffen, dass sich das Warten gelohnt hat. Unser Dank gilt aber auch Franz d’Avis, Sandra Döring, Peter Gallmann und Anja Müller für ihre Kommentare, Hinweise und Verbesserungsvorschläge, die sehr hilfreich waren, und den Studierenden verschiedener Veranstaltungen zur deutschen Grammatik an den Universitäten Leipzig und Mainz für ihre Fragen und Antworten.

2 Wörter

Wörter sind die Grundbausteine, aus denen Sätze zusammengesetzt sind, und die Beschreibung der Sätze beginnt gewöhnlich mit einer genaueren Beschreibung dieser Grundbausteine. Wir gehen in diesem Kapitel zuerst auf den grundlegenden Unterschied zwischen lexikalischen und syntaktischen Wörtern ein und diskutieren dann, welche Eigenschaften die verschiedenen syntaktischen Wortarten auszeichnen. Ein wichtiges Erkenntnisziel wird dabei sein, dass die Wörter einer Wortart keine homogene Klasse bilden und deshalb schematische Verfahren für die Wortartbestimmung nur mit einer gewissen Vorsicht verwendet werden sollten.

2.1 Lexikalische und syntaktische Wörter

Eines der sprachlichen Alltagsphänomene, die für das Verständnis der Sprachproduktion eine sehr große Rolle spielen, sind Versprecher. Wenn wir Sätze äußern, gelingt es uns nicht immer, sie so äußern, wie wir es eigentlich wollen und wie es den Regeln unserer Sprache entspricht, weil uns alle möglichen Arten von sprachlichen Fehlleistungen unterlaufen können. Eine Art von Versprechern sind Ersetzungen wie in (1), bei denen das eigentlich gemeinte Wort durch ein anderes Wort ersetzt worden ist (aus Leuninger 1998, das richtige Wort ist wo nötig in Klammern hinzugefügt).


Eine Beobachtung zu solchen Ersetzungen ist, dass die an dem Versprecher beteiligten Wörter so gut wie immer zur selben Wortart gehören. Das zeigen auch diese Beispiele: In (1a) handelt es sich bei hinter und vor um Präpositionen, in (1b) wird das Pronomen ihm durch das Pronomen mir ersetzt, in (1c) ist unverändert wie unverheiratet ein Adjektiv, in (1d) sind mit anfällt und anstellt zwei Verben am Versprecher beteiligt und in (1e) mit Studio und Stadion zwei Nomen. Gleiches wird also durch Gleiches ersetzt.

Ein Teil des Sprachproduktionsprozesses besteht im Zugriff auf unser inneres Lexikon, in dem wir die Wörter unserer Sprache gespeichert haben, und eine Eigenschaft, die wir bei jedem Wort gespeichert haben, ist seine Wortart, also die größere Klasse von Wörtern, zu der das gespeicherte Wort gehört. In (1a) hat der Sprecher oder die Sprecherin im Lexikon auf die Präposition vor zugreifen wollen, aber versehentlich die bedeutungsähnliche Präposition hinter erwischt. Der Fehler ist also nicht in der Syntax entstanden, bei der Konstruktion des Satzes, sondern im Lexikon, und betroffen sind die lexikalischen Wörter, die Lexeme. Wenn man für die Notation der im Lexikon gespeicherten Wörter Kapitälchen verwendet, ist in (1a) das lexikalische Wort VOR durch das lexikalische Wort HINTER ersetzt worden; vor und hinter sind Präpositionen, was durch das tiefergestellte P markiert ist.


Eine solche Beobachtung lässt sich auch bei anderen Arten von Versprechern machen, denn auch „bei Wortvertauschungen werden vornehmlich Wörter derselben Wortart miteinander vertauscht“, so Leuninger (1996, 86). Man vergleiche den folgenden Versprecher:


Das Interessante an dieser Vertauschung ist, dass der aus dem Versprecher resultierende Satz trotz der Vertauschung grammatisch korrekt ist und nur eine falsche Bedeutung hat, aber nicht eine falsche Form. Das ist so zu erklären, dass es sich auch hierbei um einen Versprecher handelt, bei dem lexikalische Wörter betroffen sind.


Woran erkennt man, dass hier tatsächlich zwei Wörter im Lexikon und nicht zwei Wörter im Satz vertauscht worden sind? An der Form der Artikel ein und keine. Wenn die beiden syntaktischen Wörter Sommer und Schwalbe vertauscht worden wären, hätte das Resultat folgender Satz sein müssen, in dem die Artikel eine und keinen lauten:


Wir müssen also bei der Beschreibung von Versprechern sorgfältig zwischen lexikalischen und syntaktischen Wörtern unterscheiden. Die lexikalischen Wörter sind in unserem Lexikon gespeichert und werden durch die syntaktischen Wörter realisiert; größere syntaktische Einheiten wie die ältere Dame oder Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer bestehen nicht aus lexikalischen Wörtern, sondern aus syntaktischen Wörtern (vgl. Fuß und Geipel [2018, 18]):1

Lexikalisches Wort: Ein lexikalisches Wort ist eine abstrakte lexikalische Einheit, die Informationen über grundlegende Eigenschaften wie Lautgestalt, Kernbedeutung, Wortart und invariante morphosyntaktische Merkmale enthält.

Syntaktisches Wort: Syntaktische Wörter sind konkret auftretende Wörter, wie sie in tatsächlichen Sätzen bzw. syntaktischen Strukturen vorkommen. Ein syntaktisches Wort besteht aus einer Wortform und Angaben zu den morphosyntaktischen Merkmalen, für die die Wortform steht.

Das lexikalische Wort SCHWALBE hat die Lautform /ʃvalbə/ und die Bedeutung ‚Singvogel‘, gehört zur Wortart der Nomen (N) und hat das invariante, feste Genusmerkmal Femininum (Fem). Das syntaktische Wort Schwalbe in dem Satz Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, mit dem das lexikalische Wort SCHWALBE realisiert wird, ist wie das lexikalische Wort ein Nomen und hat neben dem Merkmal Femininum zusätzlich die Flexionsmerkmale Nominativ (Nom) und Singular (Sg).


In formal genauen Darstellungen der Syntax werden die syntaktischen Wörter immer komplett mit ihren morphosyntaktischen Merkmalen notiert. Da das aber sehr aufwändig ist und zu sehr komplexen Darstellungen führt, folgen wir in diesem Buch der gängigen Praxis und notieren die morphosyntaktischen Merkmale nur dort, wo es erforderlich ist.

2.2 Wortartwechsel

Gewöhnlich wird in Schulbüchern nicht zwischen lexikalischen und syntaktischen Wörtern und somit auch nicht zwischen lexikalischen und syntaktischen Wortarten unterschieden. Der Grund dafür ist, dass die Wortart eines lexikalischen Wortes normalerweise mit der Wortart des syntaktischen Wortes übereinstimmt, mit dem das lexikalische Wort realisiert wird. Das lexikalische Wort SCHWALBE ist ein Nomen und das syntaktische Wort Schwalbe ist ebenso ein Nomen. Es gibt aber, worauf unter anderem die Duden-Grammatik (2016, 141) hinweist, systematische Ausnahmen, die dann zu Unsicherheiten in der Wortartbestimmung führen: „Zu manchen Lexemen können nämlich Formen gebildet werden, die sich hinsichtlich ihres syntaktischen Gebrauchs und ihrer Flexionsmerkmale wie die Flexionsformen anderer Lexemklassen verhalten“. Nehmen wir als ein Beispiel dafür das Wort Größeren im folgenden Satz:


Dieses Wort ist gemäß seinen Flexionsmerkmalen ein Adjektiv, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass es ohne den Artikel die stark flektiert wird (Größere dürfen länger aufbleiben) und kompariert ist. In Satz (6) ist es trotz seiner adjektivischen Flexionsmerkmale ein Nomen und wird deshalb auch großgeschrieben. Das heißt, das syntaktische Wort Größeren ist ein Nomen, auch wenn das zugehörige lexikalische Wort ein Adjektiv ist.1


Für die satzinterne Großschreibung ist nicht die Wortart der lexikalischen Wörter von Belang, sondern die Wortart der syntaktischen Wörter.

Andere Fälle von systematischem syntaktischem Wortartwechsel betreffen die Partizipien und die einfachen Infinitive; die Partizipien können in der Syntax zu Adjektiven werden und die einfachen Infinitive zu Nomen. Die drei syntaktischen Wörter singenden, Singen und singen gehören in (7) zwar zu unterschiedlichen syntaktischen Wortarten, realisieren aber ein und dasselbe lexikalische Verb SINGEN.


Wenn man Sätze beschreibt, spricht man über syntaktische Wörter und nicht über lexikalische Wörter. Daher geht es im Folgenden auch um die syntaktischen Wortarten und nicht um die lexikalischen Wortarten. Statt von syntaktischen Wortarten spricht man oft auch von syntaktischen Kategorien.

2.3 Eigenschaften syntaktischer Wörter

Machen wir ein kleines Experiment, das aus einem Grammatik-Kurs für Klasse 4 stammt (Kluge und Sennlaub 1996, 3). Die Aufgabe besteht darin, den folgenden Text in normaler Schreibschrift mit der richtigen Groß- und Kleinschreibung abzuschreiben; lesen Sie bitte erst weiter, wenn Sie das getan haben.


Wir gehen davon aus, dass Sie die Wörter tackte, tockelten und tackst kleingeschrieben haben, doch warum? Für die Groß- und Kleinschreibung gilt es, die syntaktische Wortart eines Wortes zu bestimmen. Dafür kann man verschiedene Arten von Erkennungsmerkmalen nutzen. Bei Fantasiewörtern kann die Bedeutung für die Bestimmung der Wortart nicht genutzt werden, aber stattdessen kann man zwei andere Arten von Erkennungsmerkmalen nutzen, und zwar die morphologischen Eigenschaften der Wörter und ihr syntaktisches Verhalten. Bei den morphologischen Eigenschaften ist zwischen Wortbildung und Flexion zu unterscheiden; typische Wortbildungssuffixe sind -ung und -heit bei Nomen (Lösung, Dunkelheit), -bar und ‑lich bei Adjektiven (brauchbar, löslich), -ier bei Verben (plakatieren) und -s bei Adverbien (nachts). In den drei Wörtern tackte, tockelten und tackst können die drei Verbflexionsendungen -te, -ten und -st identifiziert werden. Das heißt, die drei Wörter tackte, tockelten und tackst werden wie finite Verben flektiert und sie kongruieren auch, wie es im Deutschen erforderlich ist, mit den drei Subjekten der Tuck, die Tocke und du. Sie werden aber nicht nur wie finite Verben flektiert, sondern sie stehen auch dort, wo finite Verben in solchen Sätzen zu stehen haben, und zwar in der zweiten Satzposition; die erste Satzposition, das Vorfeld (dazu mehr in Kap. 4), wird von den Wortfolgen der Tuck, wie er so über das Tick tackte und was besetzt.1

2.3.1 Morphologische Eigenschaften

Oft ist es möglich, die syntaktischen Wörter mithilfe ihrer Flexionsmerkmale zu bestimmen. Nomen, Pronomen, Artikelwörter und Verben treten in Sätzen immer flektiert auf, wobei es zu beachten gilt, dass auch infinite Verben wie gelacht, lachen oder zu lachen als flektiert zählen. Nomen, Pronomen und Artikelwörter sind nach Kasus, Numerus und Genus flektiert (wobei das Genus bei Nomen kein Flexionsmerkmal ist, sondern fest), finite Verben nach Person, Numerus, Tempus und Modus (wobei Imperativformen kein Tempusmerkmal haben) und infinite Verben zeichnen sich durch eine Art verbalen Kasus aus, den man Bech (1983) folgend als Status bezeichnen kann.

Kasus — Nominativ (Nom), Genitiv (Gen), Dativ (Dat), Akkusativ (Akk)

Numerus — Singular (Sg), Plural (Pl)

Genus — Femininum (Fem), Maskulinum (Mask), Neutrum (Neut)

Person — 1, 2, 3

Tempus — Präsens (Präs), Präteritum (Prät)

Modus — Indikativ (Ind), Konjunktiv (Konj), Imperativ (Imp)

Status — Infinitiv (Inf), zu-Infinitiv (zu-Inf), Partizip 2 (Pt2)1

Adjektive sind im Deutschen hinsichtlich ihrer Flexion ein etwas schwierigerer Fall. Sie treten in Sätzen oft flektiert auf wie in (9a), aber auch unflektiert wie in (9b–c). Deshalb ist es bei Adjektiven wichtig, zwischen flektiert und flektierbar und zwischen syntaktischem und lexikalischem Wort zu unterscheiden: Das syntaktische Wort langsam in (9b–c) ist nicht flektiert, das dazugehörige lexikalische Wort LANGSAM ist aber flektierbar. Die drei Verwendungsweisen der Adjektive in (9) werden nach der syntaktischen Funktion unterschieden (Genaueres dazu in Kap. 5).


Die Adjektive werden im Deutschen nur flektiert, wenn sie als Attribute fungieren, als Prädikative und Adverbiale werden sie nicht flektiert. Von den drei Flexionsmerkmalen Kasus, Genus und Numerus zu unterscheiden ist zum einen die Komparation der Adjektive, da die Adjektive auch bei prädikativem und adverbialem Gebrauch immer ein Komparationsmerkmal haben (Positiv als Grundform, Komparativ oder Superlativ)2, und zum anderen die Eigenschaft, dass die Flexion der attributiven Adjektive von der syntaktischen Umgebung abhängt. Geht dem attributiven Adjektiv ein Artikelwort mit einer Flexionsendung voran wie alle oder diese, wird es schwach flektiert, sonst stark.


Dass die Adjektive beim adverbialen Gebrauch nicht flektiert sind, führt bei der Wortartbestimmung zu Unsicherheiten, da schwer zu erkennen ist, ob es sich um ein Adjektiv handelt oder um ein Adverb. Denn in derselben syntaktischen Position können auch Adverbien wie jetzt stehen: Der Zug fährt jetzt durch den Tunnel. Ein Argument dafür, langsam in (9c) als Adjektiv zu kategorisieren, ist die Komparation, das Adjektiv könnte auch im Komparativ oder Superlativ stehen: Der Zug fuhr langsamer durch den Tunnel als geplant. Große Probleme wirft stets auch die Unterscheidung zwischen Nomen, Pronomen und Artikelwörtern auf. Der Unterschied zwischen Artikelwörtern und Pronomen wird traditionell so beschrieben, dass Artikelwörter Begleiter von Nomen sind und Pronomen Stellvertreter von Nomen, doch es wird nur selten genauer gesagt, was darunter zu verstehen sein soll. Begleiter verstehen wir so, dass das Artikelwort immer mit einem Nomen auftritt, mit dem es in Kasus, Numerus und Genus übereinstimmt; solche Merkmalsübereinstimmungen nennt man Kongruenz. In (11a) kongruiert dieses mit Brot, doch im ungrammatischen Satz (11b) kongruiert diese nicht mit Brot, weil diese das Genus Femininum hat, aber Brot das Genus Neutrum. Das Wort dessen kann im grammatischen Satz (11c) daher auch kein Artikelwort sein, sondern ist ein Pronomen, es steht im Genitiv und nicht wie das Nomen Brot im Nominativ.


Diese enge Verbindung zwischen dem Artikelwort und dem zugehörigen Nomen führt dazu, dass sie eine größere syntaktische Einheit bilden, eine Phrase, und die Artikelwörter bilden den linken Rand dieser Phrasen (auf die Phrasen kommen wir noch ausführlicher in Kap. 3 zu sprechen). Aufgrund ihrer Position am linken Rand stehen sie oft nicht direkt vor dem zugehörigen Nomen, sondern sind durch Attribute von ihm getrennt. So stehen in (12a–b) zwischen den kursiv markierten Artikelwörtern und Nomen die Attribute beschädigte und auf dem Dachboden versteckte.


Beispiele wie (13a), in denen ein Artikelwort scheinbar ohne Nomen auftritt, lassen sich so beschreiben, dass syntaktisch gesehen durchaus ein Nomen vorhanden ist, dieses Nomen aber bei der Äußerung des Satzes weggelassen wird; diese Ellipsen kann man wie in (13b) markieren.3


Wir fassen hier die Klasse der Artikelwörter sehr weit und zählen nicht nur Artikel wie die und ein, sondern auch Wörter wie jedes, alle, keine, manche, diese, welchen und irgendein dazu, wenn sie denn mit einem Nomen kombiniert sind. Anders als bei den Adjektiven gibt es bei ihnen keinen Unterschied zwischen starker und schwacher Flexion und es kann, von gewissen Ausnahmen abgesehen, nur ein Artikelwort pro Nominalphrase auftreten (kleine, süße, verfressene Pinguine, aber *diesen welchen irgendeinen Pinguin).

Die Pronomen klassifizieren wir wie viele andere Grammatiken auch als eigene Wortart. Pronomen können aber wie Nomen den Kopf einer Nominalphrase bilden. Deshalb können sie anstelle von Nomen auftreten und sie gewissermaßen vertreten.

Wenn man zwischen Artikelwörtern als Begleiter von Nomen und Pronomen als Vertreter von Nomen unterscheidet, muss man prüfen, ob das betreffende Wort mit einem Nomen kombiniert ist oder nicht. In (14a–b) sind das und jeder nicht mit einem Nomen kombiniert und als Pronomen zu klassifizieren. In (14c–d) hingegen ist das mit dem Nomen Argument und jeder mit dem Nomen Mensch kombiniert, sie sind deshalb Artikelwörter.


2.3.2 Syntaktisches Verhalten

Lässt sich ein syntaktisches Wort nicht anhand morphosyntaktischer Merkmale wie Kasus, Numerus oder Tempus einer Wortart zuordnen, kann sein syntaktisches Verhalten untersucht werden. Die fundamentale Beobachtung für die syntaktische Bestimmung der Wörter ist, dass sich die Wörter darin unterscheiden, in welchen syntaktischen Umgebungen sie auftreten können und in welchen nicht, und dass die Wörter, die in den gleichen syntaktischen Umgebungen auftreten können, zusammen eine Klasse bilden, eine Wortart. Darin liegt der Nutzen jeder Klassifizierung: Man ordnet ein Objekt, egal ob Tier, Wort, Elementarteilchen oder etwas anderes, einer Klasse zu, um festzuhalten, dass es sich so verhält wie die anderen Objekte dieser Klasse. So lassen sich in den syntaktischen Rahmen Leopold kennt … nur Nomen einsetzen, in den syntaktischen Rahmen ein … Buch nur Adjektive und in den syntaktischen Rahmen Leopold … ein Buch nur Verben (s. Fuß und Geipel 2018, 41f.). Und von den nicht-flektierbaren Wörtern können nur die Adverbien alleine die erste Satzposition vor dem finiten Verb, das Vorfeld besetzen, also in dem syntaktischen Rahmen … liest Leopold ein Buch stehen.1


Beim Einsatz solcher Lückenproben gilt es allerdings einiges zu beachten: Es kann vorkommen, dass Wörter aus unterschiedlichen Wortarten in ein und dieselbe Lücke passen. So passen in die Lücke … schönes Buch nicht nur Artikelwörter, sondern auch Pronomen und Eigennamen (dessen schönes Buch, Evas schönes Buch) und in die Lücke … liest Leopold ein Buch nicht nur Adverbien, sondern auch Adjektive (Konzentriert liest Leopold ein Buch). Und diese Lückenproben lassen sich manchmal nur schwer auf die syntaktischen Wörter anwenden. Das Adverb dort steht im folgenden Satz (16) nicht allein im Vorfeld, sondern zusammen mit das Klavier und ist ein Attribut zu Klavier. Es ist aber dennoch ein Adverb und nicht etwa ein Adjektiv.


Man kann in solchen Fällen das betreffende Wort etwas genauer untersuchen. Das Wort dort hat keine Flexionsmerkmale und es kann auch keine Flexionsmerkmale haben, es ist nicht flektierbar. Es modifiziert alleine das vorangehende Nomen Klavier und kann deswegen keine Präposition, keine koordinierende oder subordinierende Konjunktion und auch keine Partikel sein. Wenn man nur fünf nicht-flektierbare Wortarten ansetzt, muss es sich also um ein Adverb handeln. Das ist der Witz vieler Verfahren zur Wortartbestimmung: Man ermittelt die passende Wortart, indem man die Wortarten, die nicht passen, ausschließt.

Insgesamt setzen wir wie Fuß und Geipel (2018) für die syntaktischen Wörter zehn Wortarten an, die sich wie folgt charakterisieren lassen:

Nomen (N) — hat Kasus und Numerus und ein festes Genus, ist oft mit einem Artikelwort oder einem vorangehenden flektierten Adjektiv kombiniert.

Pronomen (Pro) — hat Kasus und Numerus und oft ein festes Genus, ist nicht mit einem Nomen kombiniert.

Artikelwort (D) — ist mit einem Nomen kombiniert, mit dem es in Kasus, Numerus und Genus übereinstimmt, steht am linken Rand einer Nominalphrase.2

Verb (V) — ist finit oder infinit, steht in bestimmten Satzpositionen.3

Adjektiv (A) — kann Kasus, Numerus und Genus haben, bildet Komparationsformen und starke und schwache Flexionsformen, kann zwischen einem Artikelwort und einem Nomen stehen.

Adverb (Adv) — hat keine Flexionsmerkmale, bildet normalerweise allein eine Phrase.

Präposition (P) — hat keine Flexionsmerkmale, ist fast immer mit einer nachfolgenden Nominalphrase kombiniert, deren Kasus von der Präposition bestimmt wird.

Satzeinleitende Konjunktion (Subjunktion, C) — hat keine Flexionsmerkmale, ist immer mit einer Verbalphrase kombiniert und steht am linken Rand von Sätzen, in denen ein finites Verb in der Endposition steht.4

Nebenordnende Konjunktion (Konjunktion, K) — hat keine Flexionsmerkmale, verbindet Ausdrücke mit anderen Ausdrücken derselben Art.

Partikel (Part) — hat keine Flexionsmerkmale und kann anders als die anderen nicht-flektierbaren Wörter auch nicht allein Phrasen bilden, kommt also nur als Wort vor und nicht als Phrase, steht fast immer im Mittelfeld und ist fast immer unbetont.

Wenn man die Wörter daraufhin untersucht, ob sie alleine Phrasen bilden können, stellt man fest, dass es zwei Gruppen gibt: Die Wörter der einen Gruppe (Nomen, Pronomen, Verben, Adjektive, Adverbien) können allein Phrasen bilden, die Wörter der anderen Gruppe (Artikelwörter, Präpositionen, satzeinleitende und koordinierende Konjunktionen, Partikeln) können nur zusammen mit anderen Wörtern Phrasen bilden, aber nicht alleine.5

Wir haben in dieser Übersicht keine Wörter als Beispiele hinzugefügt, weil es uns hier um die syntaktischen Wörter und nicht um die lexikalischen Wörter geht. Die syntaktischen Wörter sind mit anderen syntaktischen Wörtern kombiniert und haben eine syntaktische Umgebung, die man für ihre Klassifizierung nutzen kann; für die lexikalischen Wörter gilt das nicht. Wenn man das Klassifizieren der syntaktischen Wörter üben möchte, muss man entsprechend größere syntaktische Ausdrücke wie das im Keller befindliche und leider beschädigte Kabel dafür verwenden und nicht isolierte Wörter wie das oder Kabel.

2.4 Wortarten haben unscharfe Ränder

In jeder Sprache gibt es viele Wörter, die sich einer Zuordnung zu einer Wortart widersetzen und zu keiner Wortart wirklich gut passen. Das spricht nicht gegen die Annahme, dass die Wörter Klassen bilden und sich je nach Klasse syntaktisch unterschiedlich verhalten, sondern zeigt nur, dass die Wortarten keine homogenen Klassen bilden, deren Mitglieder sich alle gleich verhalten. Es ist daher sinnvoll, wie Crystal (1993, 92) zwischen Kern und Rändern zu unterscheiden: „Jede Klasse besitzt einen Kern von Wörtern, die sich in grammatikalischer Hinsicht identisch verhalten. Doch an den ‚Rändern‘ jeder Klasse finden sich unregelmäßige Wörter, von denen sich manche so verhalten können wie Wörter aus anderen Klassen.“ Das lässt sich im Deutschen wie im Englischen gut an den Adjektiven demonstrieren.

Wenn wir annehmen, dass zu den oben genannten Eigenschaften der Adjektive noch der Gebrauch als Prädikativ hinzukommt, zeichnen sich die typischen Adjektive durch folgende Eigenschaften aus (das folgt mehr oder weniger der Einteilung von Crystal 1993, 92):

1 prädikativ mit dem Kopulaverb sein

2 attributiv zwischen einem Artikelwort und einem Nomen

3 starke und schwache Flexionsformen

4 Komparativ- und Superlativformen

5 adverbial mit Verben

Wir können jetzt Wörter daraufhin testen, ob sie diese Eigenschaften haben oder nicht. Das typische Adjektiv langsam hat tatsächlich all diese Eigenschaften, wie oben gezeigt. Nimmt man die Wörter hässlich, heilbar, rosa und schade mit hinzu, stellt man fest, dass sie nicht all diese Eigenschaften haben, obwohl zumindest hässlich und heilbar von jeder Grammatik als Adjektiv klassifiziert werden. Das Wort, das die meisten Probleme bereitet, ist schade, das nur unflektiert als Prädikativ auftreten kann und von manchen Grammatiken auch gar nicht als Adjektiv angesehen wird.


Spannend wird das Verhältnis zwischen Kern und Rand dadurch, dass sich manche Wörter vom Rand langsam auf den Kern zubewegen und mehr und mehr Eigenschaften der Wortart übernehmen. So gelten Formen wie rosanes zwar standardsprachlich immer noch als falsch, umgangssprachlich treten sie aber durchaus auf. Und in der Süddeutschen Zeitung findet man Belege wie in (17), in denen super flektiert ist und egal eine Komparativform bildet.


Es ist in der Grammatik also wie im wirklichen Leben: Nicht alle Mitglieder passen gleich gut in eine Klasse. Fledermäuse und Wale sind zwar Säugetiere, aber sicher keine typischen, und auch die Pinguine sind eher Außenseiter in der Klasse der Vögel. Wörter wie schade, egal oder pleite sind gewissermaßen die Fledermäuse oder die Pinguine unter den Adjektiven.

Diese Übertragung aus der Tierwelt verlangt von den Schülerinnen und Schülern im Bereich der Grammatik allerdings ein höheres Abstraktionsvermögen. So sind die Zuordnungsmerkmale wie z. B. das Gebärverhalten der Pinguine oder Wale für eine Schülerin oder einen Schüler leichter zu verstehen als das morphosyntaktische Verhalten von schade oder egal. Zur besseren Verständlichkeit bietet sich die Arbeit mit einer Farbskala bzw. einer Farbschablone an. Alle Schülerinnen und Schüler erhalten hierfür eine Vorlage wie abgebildet.

Abbildung 1:

Farbskala zur Visualisierung von prototypischen und nicht prototypischen Vertretern einer Wortart am Beispiel des Adjektivs

Die Schülerinnen und Schüler können zuvor gefertigte Zettel mit Vertretern einer Wortart in diese Farbskala einordnen. Die Vertreter der zu betrachtenden Wortart sollten dabei stets hervorgehoben und in einen Satz eingebettet sein, um die Analyse des syntaktischen Kontextes zu ermöglichen. Nur auf diese Weise kann eine Arbeit mit syntaktischen und nicht lexikalischen Wörtern durch die Schülerinnen und Schüler stattfinden. Bei der Übung mit der Farbskala sollten prototypische Vertreter stets mittig eingeordnet werden. Je mehr ein Wort als Außenseiter seiner Wortart klassifiziert wird, desto mehr ist der betreffende Zettel mit diesem Wort an den Rändern der Farbskala zu platzieren.

Diese Aufgabe kann zudem noch durch die Lehrkraft erweitert werden, indem zwei Farbskalen nebeneinander platziert werden. Beispielhaft wäre dies mit dem Adjektiv und dem Adverb möglich.

Wichtig ist hierbei, dass die Zuordnung der Schülerinnen und Schüler im Anschluss besprochen und reflektiert wird. Dies könnte auch prozessbegleitend gestaltet sein.

2.5 „Das Nomen ist mehr als ein Dingwort“ – Ausbildung von syntaktischen bzw. morphologischen Begriffen

Der Einstieg in die Arbeit mit Wortarten erfolgt in der Grundschule zumeist semantisch. In Lehrplänen, Curricula oder Lehrwerken finden sich Termini wie „Dingwort“ oder „Gegenstandswort“ wieder. Den Schülerinnen und Schülern soll durch die Eindeutschung des Terminus Nomen der Zugang zu der Wortartenklassifikation erleichtert werden.1 Eine Wortartenklassifikation allein auf der Grundlage eines semantischen Begriffs ist jedoch unzureichend und führt zu Zuordnungsfehlern bei den Schülerinnen und Schülern. Diese zeigen sich häufig im Bereich der Nominalisierungen.


In Beispielsätzen wie (18a–b) werden Nominalisierungen in Formaten wie Übungsdiktaten zumeist nicht erkannt, weil sich die Schülerinnen und Schüler auf ihre semantische Begriffsausbildung stützen. Schöne sowie Gelb werden an dieser Stelle häufig als „Eigenschaftswörter“ – folglich als Adjektive benannt, was wiederum zu Problemen bei der Groß- und Kleinschreibung führt.

Zur Identifizierung eines Nomens bietet sich die Artikelprobe an. Wichtig ist jedoch, dass die Schülerinnen und Schüler zweiteilige Einheiten wie das Gelb oder der Fuchs bilden. Dreiteilige Einheiten wie das helle Gelb oder der kleine Fuchs sollten im ersten Schritt vermieden werden. Hier würde die Gefahr bestehen, dass die Lernerinnen und Lerner die Artikelprobe übergeneralisieren.

Schülerinnen und Schüler sollten von Beginn an mit syntaktischen Termini arbeiten. Der Versuch, in den weiterführenden Klassenstufen (Sekundarstufe I und II) den semantischen Begriff durch einen syntaktischen oder morphologischen vollständig abzulösen bzw. zu erweitern, schlägt in vielen Fällen fehl. Es zeigt sich, dass es den Schülerinnen und Schülern schwerfällt, das einmal Erlernte (semantischer Begriff) zu verwerfen oder zu erweitern. So ist auch bei Studierenden zum Teil noch zu beobachten, dass sie an dem erlernten semantischen Begriff vor allem bei Unsicherheiten in Bestimmungsübungen festhalten.

Problematisch ist auch der Pronomenterminus in der Schule, dem nicht einheitlich und transparent ein syntaktischer oder morphologischer Begriff zugrunde liegt. Als Pro-Nomen, das stellvertretend für ein Nomen bzw. eine komplexe Nominalphrase steht, kann z. B. das Personalpronomen (ich, du, er usw.) bezeichnet werden.


Wie die Beispiele unter (19a–c) zeigen, können die Personalpronomen er, sie und mich eine Phrase mit einem Nomen ersetzen oder durch eine solche ersetzt werden. Anders verhält es sich jedoch zum Beispiel mit den Possessivpronomen wie mein, dein, sein, unser. Sie treten meistens wie ihre in (19d–g) in der Syntax als Artikel auf. Es ist lediglich die Semantik, die das „besitzanzeigende Fürwort“ als solches definiert. Der Pronomenbegriff aus der Schulgrammatik muss demnach dringend überarbeitet werden. Die Lehrkraft sollte hierbei eine differenziertere Aufbereitung vornehmen, als sie aktuell in den meisten gängigen Lehrmaterialien zu finden ist.

2.6 „Groß oder klein?“ – Arbeit mit Pseudoworttexten am Beispiel der Großschreibung

Anlehnend an das Experiment der Klasse 4 stellt die Arbeit mit Fantasiewort- oder Pseudowortdiktaten ein großes Potenzial für den Grammatikunterricht dar. Hierfür lässt sich auch das Pseudowortdiktat von Nünke und Günther (2005, 7ff.) als Beispiel anführen. Dem Pseudowortdiktat liegt ein echter Text zugrunde. Die Inhaltswörter wurden mehrheitlich durch Pseudowörter ersetzt. Die Funktionswörter wurden fast vollständig beibehalten. Nur so ist es möglich, die syntaktische Struktur des Satzes bzw. der einzelnen Phrasen zu identifizieren. Das Pseudowortdiktat ist an dieser Stelle vollständig in der Kleinschreibung wiedergegeben. Zudem sind einige Pseudowörter wie dippige an die morphologische Struktur eines prototypischen Adjektivs angepasst.

tom, der dippige jonki

tom ist ein bilker, tilsiger jonki. die dalledi, bei der er uckelt, wohnt in einem mill in einer droppelbull, zu dieser dalledi gehören: bakullen, kullen, lisa und ihr masen. da tom ein schuckeliger, tulliger jonki ist, hat er tecken in allen dolpen und talsen. leider hat das billebo ein malles droll: seine dippidell. häufig dippelt tom seinen muck oder kann sich nicht mehr an dolsen mit tecken erinnern. an einem ralken lullemull ockselt der jonki einen sappeldill. plötzlich dippelt er, wo sein damill ist. da findet lisa zusammen mit teckanen das dilpige billebo und dackt es zurück.

Beim Lesen wird durch den geübten Leser automatisch eine Großschreibung am Satzanfang sowie die satzinterne Großschreibung gedanklich hergestellt. Trotz der Pseudowörter können Adjektive wie bilker oder tilsiger, Verben wie uckelt oder dippelt und Nomen wie jonki, dolpen oder talsen identifiziert werden. Dies ist möglich, weil die Wörter die gleichen syntaktischen oder morphologischen Merkmale zeigen wie prototypische Vertreter der jeweiligen Wortartenklasse.

Anregungen für den Unterricht

Im Unterricht können dieses oder weitere Pseudowortdiktate bzw. -sätze in unterschiedlicher Weise genutzt werden:

 Die Schülerinnen und Schüler können die Wortarten einzelner Pseudowörter bestimmen und begründen. Die erkannten Merkmale sollten diskutiert und reflektiert werden.

 Denkbar wäre zudem, dass Schülerinnen und Schüler aus echten Texten eigene Pseudoworttexte erstellen. Hierbei muss ihnen allerdings eine grundlegende Anleitung gegeben werden. Im Anschluss können Bestimmungs- und Kategorisierungsübungen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erfolgen. Auch bei dieser Variante ist eine begleitende und abschließende Diskussion und Reflexion wichtig.

 Darüber hinaus bietet es sich an, das Pseudowortdiktat klassisch als Übungsdiktat1 zu nutzen. Im Anschluss kann die Großschreibung – vor allem die satzinterne Großschreibung – durch Partnerarbeit oder im Plenum verglichen werden. Hierbei wird sich voraussichtlich zeigen, dass Pseudowörter wie jonki, dalledi oder droppelbull mithilfe der Großschreibung als Nomen im Text durch die Schülerinnen und Schüler identifiziert werden können. Auf diese Weise wird den Schülerinnen und Schülern durch selbstentdeckendes und erforschendes Lernen gezeigt, dass die Großschreibung von Nomen eben nicht auf einem semantischen Begriff beruht, sondern syntaktisch motiviert ist.

2.7 Kurze Zusammenfassung

Das Wortmaterial, das zur Anfangsarbeit im Grammatikunterricht genutzt wird, sollte lediglich prototypische Vertreter einer Wortart beinhalten. Ist es den Schülerinnen und Schülern gelungen, Kategorien auszubilden, kann damit begonnen werden, die Außenseiter bzw. Grenzgänger einer Wortart zu untersuchen. Die Lehrkräfte sollten zudem grundsätzlich bemüht sein, sich in der Vermittlung der Wortarten auf syntaktische und morphologische Begriffe zu stützen. Hierfür ist es notwendig, zu betrachtende Wörter jeweils in einen syntaktischen Kontext einzubetten, um Ambiguitäten zu vermeiden und syntaktisches sowie morphologisches Verhalten aufzuzeigen. Auf diese Weise ist die Bestimmung eines syntaktischen Wortes möglich, die im Fokus einer Wortartenbestimmung in der Schule stehen sollte. Ein großes Potenzial bietet die Arbeit mit Pseudoworttexten, die es ermöglichen, semantische Begriffe auszublenden.

2.8 Aufgaben

Die Lehrkraft notiert die folgenden Wörter an der Tafel: leben, spielen, Ball, dass, seit. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, die jeweiligen Wortarten zu bestimmen. Bei dem Wort seit kommt es zu einer Diskussion im Klassenraum. Schülerin 1 spricht sich für die Wortart Präposition aus, Schüler 2 identifiziert seit als Subjunktion. In der Klasse finden sich jeweils Fürsprecher für die Schüler.

Erklären Sie den Konflikt im Klassenzimmer und dessen Ursachen. Wie können Sie vorgehen, um das Problem gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern aufzulösen?

„Voller Stolz betrachtet ein Mann seinen Bogen, der ihm beim jagen stets große dienste erwiesen hat. Er schoss besonders weit und die Pfeile flogen gerade und mit selten gesehener schnelligkeit. Beim betrachten seines geliebten Bogens fiel ihm jedoch etwas unschönes auf. Das Jagdwerkzeug sah sehr einfach aus. Das einzige ansehnliche war die glätte des Holzes. Dagegen war aber leicht etwas zu machen. Der Mann suchte den besten Künstler des Landes und ließ ihn fantastische Bilder in den Bogen schnitzen.“1

Korrigieren Sie den vorliegenden Text und erläutern Sie das Problem der Schülerin sowie Ihr Vorgehen für die Berichtigung mit der Schülerin.

3 Phrasen

Sätze sind nicht einfach Ketten aufeinander folgender Wörter, sondern die Wörter sind auf eine bestimmte Art und Weise miteinander verbunden und bilden Einheiten, die als Wortgruppen oder Phrasen bezeichnet werden. Aus der Bedeutung der Wörter und der Art und Weise, wie die Wörter Phrasen bilden, ergibt sich die Bedeutung der Sätze. Deshalb ist es wichtig, sich ein wenig ausführlicher mit Phrasen zu beschäftigen. Wir werden in diesem Kapitel genauer auf die verschiedenen Typen von Phrasen eingehen, die in deutschen Sätzen auftreten; unser Augenmerk wird dabei auf dem Bauprinzip liegen, das sich in all diesen verschiedenen Typen wiederfindet. Es wird sich zeigen, dass die Wörter, die zusammen eine Phrase bilden, das nicht zufällig tun, sondern durch bestimmte Beziehungen miteinander verbunden sind. Diese Beziehungen sind ein wichtiger Teil der deutschen Grammatik.

3.1 Wie kommt die Bedeutung von Sätzen zustande?

Beginnen wir mit einem Beispiel aus der Mathematik. Überlegen Sie, wie die Lösung für die folgende Rechnung lautet:


Grundsätzlich gibt es mehrere Lösungswege. Man kann zum einen zuerst 2 und 3 addieren und dann die Summe 5 mit 4 multiplizieren. Das ergibt 20. Zum anderen kann man zuerst 3 mit 4 multiplizieren und dann zu dem Produkt daraus 2 addieren. Das Ergebnis lautet dann 14. In der Mathematik werden in solchen Fällen, in denen man auf verschiedene Weise rechnen kann, oft runde Klammern verwendet, um anzuzeigen, welche Zahlen enger zusammengehören und welche nicht:


Da dieser Fall so häufig vorkommt, gibt es aber auch eine Art Vorfahrtsregel: Punktrechnung vor Strichrechnung. Wenn wie in (1) keine Klammern anzeigen, wie gerechnet werden soll, wird nach dieser Regel wie in (2b) zuerst multipliziert und dann addiert.

Interessanterweise gibt es auch in der Sprache derartige Mehrdeutigkeiten, die zu komischen Missverständnissen führen können:1


In der richtigen, beabsichtigten Lesart von (3a) bezieht sich der Ausdruck mit Zigaretten auf das Nomen Automat. Nach dieser Lesart ist ein Automat, der Zigaretten enthielt, aufgebrochen worden. In der komischen, nichtbeabsichtigten Lesart bezieht sich mit Zigaretten auf das Verb aufgebrochen. Nach dieser Lesart ist ein Automat aufgebrochen worden, und zwar mithilfe von Zigaretten. In (3b) ist es umgedreht, mutwillig soll sich auf beschädigt beziehen und nicht auf geparkte.

Wir können wie in dem Beispiel aus der Mathematik oben Klammern verwenden, um die Lesarten zu unterscheiden, allerdings werden in der Sprachwissenschaft nicht runde Klammern benutzt, sondern eckige. Die eckigen Klammern zeigen an, ob Wörter zusammengehören und eine syntaktische Einheit bilden oder nicht. (# markiert die semantisch merkwürdige Lesart.)


Vergleichbare strukturelle Mehrdeutigkeiten treten auch in komplexen Wörtern auf. So hat das Kompositum Touristenblutwurst (eine ostdeutsche Wurstspezialität) neben der richtigen, beabsichtigten Lesart ‚Blutwurst für Touristen‘ auch eine komische, nichtbeabsichtigte Lesart, die man mit ‚Wurst aus Touristenblut‘ umschreiben kann. Auch diese beiden Lesarten kann man mit eckigen Klammern auseinanderhalten:


Es gilt somit nicht nur für komplexe Ausdrücke aus mehreren Wörtern, sondern auch für komplexe Wörter, dass für ihr Verständnis nicht nur die Bedeutung ihrer Bestandteile relevant ist, sondern auch die Art und Weise, wie die Bestandteile miteinander verbunden sind, das heißt ihr Aufbau oder ihre Struktur. Das zugrundeliegende Prinzip wird als Kompositionalitätsprinzip bezeichnet oder auch, nach dem Philosophen Gottlob Frege, als Frege-Prinzip.

Kompositionalitätsprinzip: Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks ergibt sich aus der Bedeutung seiner Bestandteile und der Art und Weise, wie die Bestandteile miteinander verbunden sind.

Wie wir Sätze verstehen, wird also mit durch die Struktur der Sätze festgelegt: „Darin besteht im Wesentlichen die Funktion der Grammatik: die Interpretation komplexer Ausdrücke zu steuern“ (Löbner 2002, 17).

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
235 s. 160 illüstrasyon
ISBN:
9783823302476
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar