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Kitabı oku: «Der schweizerische Robinson», sayfa 13
Fünftes Kapitel
Die Mutter spinnt Garn. Die Wohnung im Fels. Der Heringszug kommt. Man findet Baumwolle, gründet neue Niederlassungen und baut ein Boot. Die Täubchenernte trifft ein. So zähmt man Tauben.
Ich kann nicht sagen, wie froh und glücklich uns zumute ward, als nach langen, trübseligen Wochen der Himmel begann, sich aufzuklären, die Sonne wieder schien und die Witterung anfing, milder und ruhiger zu werden. Mit lautem Jubel entschlüpften wir unsern dumpfigen Gemächern, ergingen uns an der frischen Luft und erlabten unsre Augen an dem heitern jungen Grün, das allenthalben kräftig aus der Erde keimte. Die ganze Natur war gleichsam neu erstanden. Jedes Geschöpf sog mit Wonne die neue Lebensluft in sich ein. Alle Plagen des sogenannten Winters waren vergessen, und voller Zuversicht sahen wir den Arbeiten und Beschwerden des Sommers entgegen, als seien sie ein Kinderspiel.
Unsere gesamte Baumpflanzung stand im lebendigsten Triebe; die Samen, die wir dem Erdreich anvertraut hatten, stiegen üppig empor, an den Bäumen prangte der Schmuck frisch ausschlagender Blätter und Zweiglein; der Boden überkleidete sich mit einer herrlichen Mannigfaltigkeit der vielfarbigsten Blumen und der saftigsten Kräuter, die man nur sehen konnte; balsamische Düfte von zahllosen Blüten durchzogen die Luft, und der Gesang der aufwachenden, überall aus ihrem Versteck in das gemeinsame Leben hervoreilenden, buntgefiederten Vögel vollendete das Bild eines lachenden Frühlings und einer aufgehenden Schöpfung.
Voll neuen Mutes begannen wir jetzt unsre Arbeiten durch das Aufräumen und Ausputzen unsres Baumschlosses, wo der Regen und abfallendes Laub es verderbt oder verunstaltet hatten; und nach wenigen Tagen schon waren wir imstande, es wieder förmlich zu beziehen, die Wendeltreppe frei zu machen, die Gemächer zwischen den Wurzeln mit der alten Bequemlichkeit einzurichten und uns nun ferner zweckmäßigen Unternehmungen eifrig zuzuwenden.
Der Mutter lag natürlich vor allem ihr geliebter Flachs am Herzen. So trug ich ihr also, indes die Jungen unser Vieh ins frische Gras hinaustrieben, die feuchtgewordenen Bündel der Flachspflanze ins Freie und half ihr, ein Gestell zum vorläufigen Dörrofen erbauen, damit alles recht schnell getrocknet werden könne. Dann ging das Brechen und Hecheln los. Die Jungen wurden angestellt, um allenthalben beizuspringen, besonders aber die Stengel vor dem Brechen mit tüchtigen Prügeln auf einem Tisch abzuklopfen, um so das Sprödeste von der Haut herauszuschlagen. Die Mutter hielt sich ans Brechen, ich selbst machte den Hechler und lieferte so vortreffliche Ware, daß wir alle ganz entzückt waren.
»Nun schnitze mir aber auch gleich eine Spindel, lieber Mann«, bat die Mutter, ganz rot vor Eifer, »damit ich sofort anfangen kann, die Büschel zu Garn zu verarbeiten.«
Durch Kunst und Fleiß brachte ich denn wohl eine Spindel und selbst einen Haspel glücklich zustande; und nun ergab sich die gewerbsame Frau dem Geschäft ihrer liebsten Bestimmung mit einer solchen Leidenschaft, daß sie nicht einmal Lust zeigte, den lang entbehrten Genuß eines Spazierganges oder eines Ausflugs in die Weite sich angedeihen zu lassen, sondern froh war, wenn nur wir uns davonmachten und sie höchstens mit einem der Knaben zu Hause ließen, damit sie desto ungestörter für die künftigen Bedürfnisse von Fäden, Schnüren, Strümpfen und Leinwand gehörige Vorkehrungen treffen könnte.
Wir aber unternahmen sofort einen Zug nach Zeltheim, um zu sehen, wie der Winter sich dort bemerkbar gemacht habe und ob auch da zu flicken und aufzuräumen sei, wie es in unserem Baumpalaste so nötig gewesen war.
Wir fanden leider, daß Zeltheim ohne Vergleich härter mitgenommen und mannigfaltiger beschädigt worden war als das luftige Falkenhorst. Sturm und Regen hatten vereint das Zelt niedergeworfen, einen Teil der Segeltücher hier völlig weggeführt und alle unsre Vorräte dermaßen angegriffen, daß vieles sich ganz unbrauchbar zeigte und anderes nur durch die schleunigsten Anstalten zum Trocknen vor dem Untergange bewahrt werden konnte.
Glücklicherweise war doch die wohlgebaute Pinasse so ziemlich von aller Zerstörung verschont geblieben. Dagegen schien unser Tonnenschiffchen entsetzlich heruntergebracht und so baufällig, daß ich gar nicht hoffen durfte, es zu einer Fahrt wieder gebrauchen zu können.
Bei genauerer Prüfung unsrer Vorräte zeigte sich besonders ein namhafter Schaden in unserm Pulver, von dem ich drei Fäßchen unter dem Schirme des Zeltes zurückgelassen und nicht in das größere Magazin unter die Wölbung der Fluß hinter den Vorsprung der Felsreihe gebracht hatte. Zwei von diesen Fäßchen fand ich durch hineingedrungenes Wasser so gänzlich zugrunde gerichtet, daß ihr Inhalt ohne allen Nutzen weggeschüttet werden mußte. Dieser wichtige und leider unersetzliche Verlust wurde mir jetzt ein Antrieb, desto schneller auf ein künftiges Winterquartier zu denken, wo dergleichen Unfälle nicht mehr möglich wären und wo wir sowohl uns selbst als unsre sämtlichen Gerätschaften mit Sicherheit durch die nassen Monate hindurchfristen könnten.
Indes wagte ich keineswegs zu hoffen, daß wir, nach Fritzens riesenmäßigem Vorschlag, uns in die Felswand würden eingraben können; denn zu diesem Unternehmen schien bei unsern äußerst beschränkten Kräften kaum die Verwendung von drei oder vier Sommern hinreichend zu sein. Gleichwohl ließ mir meine Sehnsucht nach einer geräumigen und wasserfesten Wohnung gar keine Ruhe, bis ich wenigstens einen Versuch gemacht haben würde, wie der Fels sich bearbeiten lasse, und vorläufig einen Keller für unser Pulver ausgehöhlt hätte, wo dieser kostbarste von unsern Schätzen gegen die Unbill der Witterung künftig auf eine zuverlässige Weise geborgen wäre.
Bevor also die Mutter noch fertig ward mit ihrer Spinnerei, zog ich an der Spitze meiner diesmaligen Gehilfen, Fritz und Jack, eines Morgens, nachdem wir schon ein paar Tage bei Zeltheim verweilt hatten, um nur das allgemeine Trocknen zu besorgen, ausdrücklich in der Absicht von Falkenhorst ab, mit Pickeln, Brecheisen und Meißeln an den Felsen unser Glück zu versuchen und zum mindesten eine Wölbung für ein paar Pulverfäßchen zustande zu bringen. Ich wählte mir an der Fluh eine geeignete Stelle, wo sie beinahe glatt, vollkommen abschüssig oder lotrecht in die Höhe ging und, etwas besser gelegen als unser Zelt, eine umfassende Übersicht der Rettungsbucht, samt dem Ufer zwischen dem Schakalbache rechts und dem Vorsprunge des Felsens links, ohne Schwierigkeit möglich machte. Hier zeichnete ich mit Kohle den Umriß der Öffnung, die wir aufs Ungefähr hineinhauen wollten, und begann alsbald mit den zwei Knaben im Schweiße unsres Angesichts das saure Geschäft eines Steinbrechers.
Der erste Tag brachte uns so wenig vom Flecke, daß wir trotz unsres anfänglichen Mutes ganz kleinlaut wurden und fast verzweifelten, auch nur einen erträglichen Keller bis zur nächsten Regenzeit zustande zu bringen. Doch, was mir in den folgenden Tagen sogleich wieder Vertrauen und Hoffnung gab, war der Umstand, daß die Härte des Gesteins, sowie wir etwas tiefer kamen, allmählich abnahm; ja, es wurde endlich so weich, daß man es mit nur noch geringer Anstrengung loshacken und herausschaufeln konnte.
Wir waren schon mehrere Fuß weit eingedrungen. Jack, als der Kleinste, hockte an der Hinterwand des Loches und arbeitete keuchend und schnaufend mit seinem Brecheisen drauflos. Plötzlich stieß er einen Schrei aus und rief dann atemlos: »Vater, ich bin durch! Ich bin durch!«
»Ja, wohin denn durch«, antwortete ich, »doch wohl schwerlich durch den ganzen Berg!«
»Freilich durch den Berg!« schrie das Bürschchen, »juchhe, juchhe!«
»Wahrhaftig«, rief Fritz, der sofort hingestürzt war, »komm doch mal her, Vater, das ist höchst merkwürdig. Sein Brecheisen scheint durch das Gestein hindurch in einen offnen Raum zu gehen. Sieh nur, man kann es drehen und wenden, wie man will.«
Verwundert trat ich hinzu und faßte den Stiel des Werkzeugs, das immer noch eingesteckt war. Eine freudige Ahnung durchzuckte mich. Schnell, hastig, aufgeregt arbeitete ich Stück um Stück von der Felsmasse los, und nach einer kleinen Viertelstunde hatte ich ein Loch aufgerissen, das groß genug war, um einen Menschen durchzulassen. Beide Jungen wollten auch sofort hinein. Aber ich hielt sie zurück; denn eine ganz entsetzliche Stickluft drang mir aus der gesprengten Öffnung entgegen und benahm mir schier den Atem.
»Weg, weg!« rief ich ihnen zu, indem ich selbst schnell wieder ins Freie zurücktrat. »Hütet euch, in diese gefährliche Höhle hineinzugehen. Die Luft darin ist tödlich.«
»Wieso? Warum?« riefen beide.
»Sie ist verdorben und taugt nicht mehr zum Atmen.«
»Wie kommt das?«
»Das kommt«, sagte ich, »wenn sie mit vielen schädlichen Ausdünstungen angefüllt ist oder wenn sie brennbare Gase enthält oder Kohlensäure, die zu schwer zum Atmen ist, so daß der Mensch darin ersticken muß.«
»Ja, was machen wir denn nun aber?« fragten die Jungen tief enttäuscht.
»Wir müssen versuchen, die Luft in der Höhle zu reinigen.«
»Na, das soll uns wohl schwer werden«, meinte Jack.
»Vielleicht sogar unmöglich; denn es ist ja noch die Frage, wodurch die Luft da drin verdorben ist. Jedenfalls müssen wir alles tun, was wir können. Das Ding ist wichtig genug. Zuerst die Feuerprobe. Schnell bringt ein tüchtiges Bündel dürres Gras zusammen.«
Dies war in wenigen Minuten geschehen. Ich zündete es an und warf den brennenden Klumpen in die Höhle. Aber im Nu war er erloschen. Da bedurfte es also wirksamerer Mittel. Wir saßen und guckten uns an. »Wenn man Pulver drin abbrennen könnte«, schlug Jack vor.
»Halt«, rief ich und sprang mit einem Satz in die Höhe. Ich besann mich plötzlich auf eine Kiste mit Raketen und Granaten, die wir mit gerettet hatten und die zu nächtlichen Signalen bestimmt gewesen waren. Schnell lief ich, von den neugierigen Jungen gefolgt, zu unserm Zelt; die Kiste war unbeschädigt. Ich nahm ein paar Stück heraus, gab ihnen welche zu tragen, und so verfügten wir uns wieder vor die Pforte der gähnenden Unterwelt. »Jetzt wollen wir den bösartigen Luftgeistern aber mal gehörig auf den Leib rücken«, sagte ich vergnügt und brannte meine erste Granate los.
Es knallte prachtvoll in die scheußliche Kluft hinein, und die Leuchtkörper fuhren wie strahlende Meteore über den Boden bis an die Hinterwand, wo sie zurückprallten, emporsprangen, mit dumpfem Getöse zerplatzten und einen Strom von mephitischer Luft durch den Ausgang davonjagten.
Nachdem wir eine Weile so geschossen und gefeuerwerkt hatten, ließ ich einen zweiten Versuch mit entzündetem Heu anstellen, und als die Bündel jetzt gemächlich auf dem Boden der Höhle herunterbrannten und zu Asche wurden, erkannten wir, daß wenigstens von seiten der Luft unser Eintritt nun gesichert und nichts mehr zu fürchten sei als die Gefahr, in dem Dunkel sich anzustoßen oder von zusammengelaufenem Wasser verschlungen zu werden.
Ich enthielt mich deswegen, ganz in die Grotte hineinzutreten, und beorderte dafür unsern Springinsfeld Jack, unverzüglich nach Falkenhorst zu reiten, dort die frohe Mär den Zurückgelassenen kundzutun, in ihrer Begleitung wieder umzukehren und soviel Kerzen herbeizuschaffen, als irgend vorhanden wären, damit wir uns gleich vereint in aller Bequemlichkeit zur Untersuchung des wunderbaren Gewölbes in seiner ganzen Ausdehnung auf den Weg machen könnten.
Inzwischen machte ich mich mit Fritz daran, den Eingang in das entdeckte Gewölbe breiter und höher zu machen, allen Schutt säuberlich wegzuführen und dergestalt bequeme Bahn zu brechen, daß unser Hausvolk sich unbesorgt in die Wundergrotte begeben könnte. Nach ein paar Stündchen langte die Mutter samt Ernst und Fränzchen auf unserm Erdäpfelkarren glücklich bei uns an.
Ungesäumt wurden jetzt die Wachslichter angesteckt und ein feierlicher Zug in das düstere Gewölb unternommen. Jede Person trug eine brennende Kerze in ihrer Rechten, irgendein Gerät in der Linken, ein unangezündetes Licht in der Tasche zum Vorrat und etwas Feuerzeug in dem Gürtel, um sogleich wieder Hilfe zu haben, wenn ihm unerwartet seine Kerze ausgelöscht würde. Alles schritt festlich einher, ich selber voran, die Knaben halb furchtsam, halb neugierig hinterdrein, die Mutter am Schlusse, und auf beiden Seiten unsere Hunde, denen der sonderbare Anblick Scheu und Besorgnis zu erwecken schien.
Es war ein prächtiges, erhabenes Schauspiel, als wir jetzt in der Grotte standen. Rings um uns her glänzten die Wände wie der gestirnte Himmel; vom Bogen des natürlichen Gewölbes hingen zahllose schimmernde Kristalle herab, und viele kamen auch an den Seiten hervor. Überall funkelte vervielfacht die Flamme von unsern Kerzen, als ständen wir in einem reicherleuchteten Königssaal oder in einem gotischen Dom während der Frühmesse, wo überall Lampen gesteckt sind und in mannigfaltig gebrochenem Strahle sich alle Farben und alle Grade des Lichtes bald in die Runde verbreiten, bald zum blendenden Tag auf irgendeinem gemeinsamen Platze sich zusammendrängen.
Der Boden unserer Höhle war fest, meistens eben, mit feinem Sande wie geflissentlich überstreut und, was mir am angenehmsten war, so trocken, daß ich nirgends auch nur eine Spur von Feuchtigkeit entdecken und also mit Recht auf vollkommenste Gesundheit dieses Wohnplatzes schließen konnte.
Ich fand zu meiner unsäglichen Freude teils aus der Kristallform, teils aus der geringen Festigkeit und ganz besonders endlich aus dem Geschmack eines abgeschlagenen Stückes von der Wand, daß wir in einer Höhle voll kristallisierten Bergsalzes seien, dem ein gewöhnlicher Gipsspat zu Grunde liege.
Wir ließen uns diesen angenehmen Fund höchlichst gefallen, weil er uns eine ganz erstaunliche Menge von Salz für uns selber und für unser Vieh beinahe gebrauchsfertig in die Hände gab und nur noch die Mühe des Zerstoßens übrigließ, die gegen das beschwerliche Sammeln am Meeresufer eine Kleinigkeit schien.
Entzückt, glückselig schmiedeten wir nun Plan auf Plan, wie die herrliche Grotte zu benutzen sei, und die gesamte Macht unseres Fleißes und unserer Erfindungskunst warf sich von jedem andern Geschäfte hinweg auf diesen frisch eröffneten unvergleichlichen Schauplatz einer äußerst lohnenden Betriebsamkeit.
Falkenhorst blieb zwar für den begonnenen Sommer unser eigentlicher Wohnsitz und unser regelmäßiges Nachtquartier; aber den ganzen Tag hindurch waren wir in Zeltheim an dem neuen Felsenschloß aufs unablässigste bemüht, die notwendigen Einrichtungen zu treffen, um ein haltbares und zweckmäßiges Winterhaus zu gewinnen.
Zuerst war ich natürlich auf Licht und freie gesunde Luft für unsere Salzhöhle bedacht; und so fing ich das Geschäft ihrer Ausrüstung mit dem Durchbruch einer Reihe von Fenstern an. Natürlich mußte zu diesem Zweck die Felswand verdünnt werden; denn, wenn wir die Fensteröffnungen auf dieselbe Art hätten einhauen wollen wie die Pforte, so wären wohl mehrere fünf bis sechs Fuß tiefe Schießscharten entstanden, aber von Licht und Luft hätten wir nicht viel zu kosten bekommen. Wir fingen selbstverständlich die Verdünnung und Abglättung von innen an, wo nach Abtragung des Salzlagers das Gestein am weichsten war. Immerhin aber blieb es eine schwere, mühevolle Arbeit, und wir belohnten uns mit einem besonderen Ruhetag, als endlich die geretteten Fenster der Offizierskajüte, nach deren Maß wir die Löcher ausgehauen hatten, mit ihren blankgeputzten Scheiben in der Sonne funkelten. Der Eingang zu der Höhle wurde von der Höhe und Breite unserer Tür zu Falkenhorst gemacht und diese nach Zeltheim geschleppt, indem ich mir vorgenommen hatte, die bei dem Baumschloß durch eine neue von bloßer Rinde zu ersetzen, damit die Öffnung zur Wendeltreppe wenigstens für einen ersten Anlauf von Wilden täuschend maskiert sei und nicht so leicht eine Plünderung gestatte.
Da die Felsenhöhle äußerst geräumig war, so wurde sie vorerst in zwei Abteilungen geschieden, die durch einen geradewegs in die Tiefe führenden, teilweise durch Pfähle abgegrenzten breiten Gang getrennt waren, und die eine davon rechts neben dem Eingang für unsere Wohnung, die andere links für Küche und Arbeitsraum ausgewählt. In die Tiefe, wo kein Fenster mehr anzubringen war, sollten Keller, Magazin und Stallungen zu hegen kommen; alles sollte nach und nach durch Zwischenwände gesondert, durch Türen wieder verbunden und in jeder Art mit den Erfordernissen eines gemächlichen Wohnhauses meisterhaft ausgerüstet werden. Die große Vorarbeit der Natur, die uns der wichtigsten Schwierigkeiten eines ansehnlichen Baues überhob und nur das Geschäft der innern Vollendung erheischte, gab uns Mut und Lust, diesem letztern standhafter obzuliegen, und wir bewiesen eine Tätigkeit, eine Ausdauer, wie noch bei keinem der Werke, die wir an dieser einsamen Küste bis dahin ausgeführt hatten.
Die Seite, wo wir uns vorgenommen hatten, eigentlich zu wohnen, ward ferner in drei verschiedene Zimmer gesondert, von denen das erste neben der Tür zum Schlafgemach für die Mutter und mich, das zweite zum Eßsaal und das dritte zum Schlafzimmer der vier Knaben bestimmt sein sollte. Das erste und das letzte von diesen Zimmern erhielten Glasfenster; das mittlere hingegen mußte mit bloßem Gitterwerk vorliebnehmen. In die Küche ward zwischen den zwei Taglöchern ein Feuerherd an die Vorderwand gebaut, diese dann obenher durchbrochen und zum Teil mit einem Vordache versehen, das über die Feuerstelle hingebreitet den Rauch auffangen und ihn sogleich ins Freie leiten sollte. Dem Arbeitszimmer gaben wir einen ganz besonders großen Raum mit breiter Ausgangstür, damit wir im Winter etwas Tüchtiges darin verrichten und nach Bedürfnis auch unsern Wagen samt der Schleife darin unterbringen könnten. Hier und im Zimmer der Brüder brachten wir übrigens auch einige der im Heimatlande so beliebten großen Wandschränke an. Die Stallungen wurden vielfach abgeteilt und zogen sich an der Seiten- und Hinterwand der Höhle, neben Pulverkammer und Vorratsraum hin. Luft bekamen sie, wenn auch nicht aus erster Hand, durch die Fenster in der Felswand; denn natürlich nahmen die Zimmerwände nur einen geringen Bruchteil der Höhe dieser riesigen Höhlenwölbung ein. Übrigens hatten wir mit Rücksicht auf die in der Tiefe liegenden Räume in ansehnlicher Höhe über den Fenstern eine zweite Reihe solcher Öffnungen, die allerdings nur vergittert wurden, ausgehauen. Vor ihnen hin lief ein mehrere Fuß breiter, durch starke Pfähle gestützter Estrich. Von beiden Seiten führten Treppenstufen, roh in den Stein gesprengt, hinauf. Gut befestigte Seile ersetzten der Felswand entlang das Geländer. Dieser hohe Söller diente uns vortrefflich als Ausguck in die Ferne. Immerhin aber war die durch die Raumverhältnisse gebotene Lage der Stallungen ein Hinweis auf die gewissenhafteste und pünktlichste Sauberkeit bei der Pflege der Tiere und Instandhaltung ihres Aufenthaltes.
Eines Morgens, als wir von Falkenhorst nach dem Felsenhaus zogen, gewahrten wir unweit vom Strande mit großer Verwunderung ein Schauspiel, dessen wir zuvor noch niemals, obgleich wir diesen Weg hundertmal gemacht hatten, ansichtig geworden waren. Weit auf der Höhe des Meeres schien ein beträchtlicher Umfang des Wassers gleichsam in Aufruhr, als wenn es von unterirdischem Feuer emporgejagt, schäumend und sprudelnd in einem Kochkessel wallte. Drüberhin schwebten unzählige Wasservögel aus den Geschlechtern der Möwen, der Fregatten, der Tölpel, der Albatrosse und manche andere mit häßlichem, ohrzerreißendem Gekreisch und Gekrächz. Die gefiederte Schar blieb unablässig voll Unruhe und Bewegung. Bald stürzten ganze Haufen davon gegen die Oberfläche des Wassers; bald erhoben sie sich hoch in die Lüfte, wirbelten hastig im Kreise, verfolgten sich nach allen Seiten und ließen uns ungewiß, ob Spiel und Vergnügen oder ob Krieg und blutige Bekämpfung der Zweck ihres Treibens sei.
Von der wogenden Bank im Meere bot sich ebenfalls ein seltsamer Anblick dar. Hier und dort im Glanze der Morgenröte tauchten kleine Lichter wie Feuerflammen auf, erloschen in den kräuselnden Wellen alsbald wieder und erneuerten sich doch hundertfältig und lebendig fast mit jedem Augenblick. Die gesamte strudelnde Masse rückte vorwärts von der offenen See gegen das Ufer und nahm gerade ihren Strich nach der Rettungsbucht, so daß wir mit der möglichsten Beschleunigung voll Verwunderung und Neugier dorthin eilten.
Unterwegs suchte jeder die außerordentliche Erscheinung zu erklären; die Mutter vermutete eine Sandbank, die wir bis jetzt übersehen hätten; Fritz dagegen meinte, es sei ein unterirdischer Vulkan, der im Begriff sei, sich auszuleeren; Ernst endlich glaubte, es sei ein furchtbares Seeungeheuer, das sich auf den Wellen schaukle. Diese Erklärung gefiel den meisten am besten, eben weil sie der Sache einen wunderbaren Anstrich gab. Ich aber war nach einiger Überlegung auf den Gedanken gekommen, es möchte wohl eine Heringsbank, ein riesiger Zug von Heringen sein, der von beutelustigen Vögeln und Seehunden begleitet wurde. Da hieß es nun rasch handeln. Wir kamen selten so schnell nach Zeltheim, und kaum hatten wir den mitgenommenen Wagen recht ausgespannt, als schon die Heringsbank beinahe rauschend in die Rettungsbucht daherzog und in solcher Hastigkeit sich vorwärts drängte, daß mitunter ein Fisch über den andern hinwegsprang oder umschlug und zappelnd den Bauch sehen ließ, wobei wir denn deutlich gewahr wurden, daß in diesem Falle von den nassen Schuppen der Tierchen flimmernde Lichter zurückstrahlten und jenes seltsame Funkeln hervorbrachten, das wir schon in der fernen See bemerkt hatten.
Jetzt war indessen keine Zeit zu müßiger Betrachtung dieses anmutigen Schauspiels; es galt vielmehr zuzugreifen und Fische zu fangen, soviel als nur möglich wäre; denn schneller und leichter konnten wir nicht für unsere Wintervorräte sorgen, und wir wußten nur allzuwohl, wieviel Nahrungsmittel erforderlich seien, um in der langen Regenzeit für uns und unsere Tiere keinen Mangel zu haben.
Demnächst verteilte ich, je nach unserer Kraft und Geschicklichkeit, die verschiedenen Rollen, die wir bei dem bevorstehenden Geschäft übernehmen sollten. Fritz kam ins Wasser zu stehen, um die Fische in Körben aufzufangen und uns zuzureichen; Ernst und Jack wurden zum Ausweiden bestellt; die Mutter mörselte Salz; Fränzchen machte den Handlanger von uns allen; ich selbst hatte mir das Einpökeln und Aufschichten in den Tonnen gewählt, weil hier am meisten Sorgfalt erforderlich schien.
Ich bestreute den Boden meiner Tonnen zuerst mit Salz, legte dann eine Reihe von Heringen, die Köpfe gegen den Mittelpunkt, darauf hin, übersprengte diese von neuem mit Salz, ordnete wieder eine Lage von Fischen mit ihren Köpfen nach außen und fuhr in diesem raumsparenden Aufschichten fort, bis allemal eine Tonne gefüllt war und nur noch ein schmaler Rand blieb, der zum Einfügen einer passenden Bedeckung etwa zollbreit oben emporstand. Hier wurden dann große Baumblätter und ein rund geschnittenes Stück Segeltuch eingeschoben, auf dieses ferner zwei wohlschließende halbrunde Bretter gelegt, das Ganze mit Steinen gewaltig beschwert und so für ein Weilchen in die Kühlung unseres Felsgewölbes hingestellt, bis die Masse sich ein wenig gesetzt hätte und wir die Tonnen zu besserer Aufbewahrung gänzlich vermachen könnten.
Diese ganze Arbeit nahm uns gute vier Tage weg und band uns gänzlich an Zeltheim, weil wir von früh bis spät jedesmal nicht mehr als zwei Tonnen einpökeln konnten und doch nicht aufhören wollten, bis wir wenigstens sieben oder acht damit angefüllt hätten.
Unsere gewöhnliche Arbeit an der Einrichtung der Felshöhle ging indessen fortwährend ihren gemächlichen Schritt und wurde bald Hauptgeschäft, bald Nebensache, je nachdem wir sonst etwas Wichtiges zu tun fanden.
Seitdem ich den Gipsspat in unserer Grotte als die durchgängige Grundlage der Salzkristalle entdeckt hatte, machte ich förmlich Jagd darauf, weil ich ihn für unser Gebäude vielfach zu nutzen hoffte. Da jedoch unsere Höhle schon groß genug war, so wollte ich diese brauchbare Steinart lieber anderswo sprengen und forschte deswegen an der ganzen Felsenreihe, ob sie nicht irgendwo zutage bräche. Bald gelang es mir auch, in der Gegend unseres Pulvermagazins hinter dem Vorsprung des Felsens gegen das Röhricht zu eine Stelle zu finden, wo das Erdreich weich genug war, um sich mit Bequemlichkeit abstechen zu lassen. Hiervon ward ein tüchtiger Vorrat an unsern Feuerherd bei Zeltheim geschleppt, und jedesmal, wenn wir kochten, ließ ich einige Stücke davon ausglühen und, wenn sie wieder erkaltet waren, zu Staub zermalmen, an einen trockenen Ort zur Seite legen und aufbewahren, bis das Innere der Höhle weiter eingerichtet werden könnte, da ich denn beschloß, einen Versuch in Gipsarbeit zu machen und dadurch eine Menge von Laden zu ersparen, die ich sonst zur Vertäfelung unserer Gemächer nötig gehabt haben würde.
Ungefähr einen Monat nach dem großen Heringszug, der sich längst wieder aus unserer Bucht verloren hatte, fand sich in dieser sowohl als in den angrenzenden Gegenden des Meerufers eine Menge von Stören, Hausen und Lachsen ein, die den süßen Gewässern nachzogen und landeinwärts gegen die Quelle derselben emporstrebten, um dort ihre Rogen, wie sie gewohnt sind, zwischen den Steinen abzulegen und sich dann wieder in die hohe See zurückzuziehen.
Die Fische waren meistenteils von solcher Größe, daß Jack, der uns die angenehme Botschaft von diesen Fremdlingen überbrachte, sie für junge Walfische hielt.
Sie boten uns willkommene Nahrung und Vorrat für den Winter, aber wir wußten nicht, wie ihnen am besten zu Leibe zu gehen sei, und griffen daher nach eigenem Gutdünken zu den Waffen. Fritz ergriff die Harpunen mit ihrem Seil und dem Haspel. Ich, wie Neptun, nahm einen Dreizack, der zum Fischestechen eingerichtet war. Ernst versah sich mit großen Angelhaken, und Jack bereitete seinen Pfeil vor, indem er an einer langen Schnur Schwimmblasen befestigte, die den getroffenen Fisch am Tauchen hindern sollten. So gerüstet, waren wir bald von neuem an dem Strande. Ernst warf seinen Haken mit einer Lockspeise von dem Eingeweide des erst gefangenen Lachses in die Wellen und paßte, bis einer von den Fremdlingen anbeißen würde. Jack schoß ein paarmal fehl, bis endlich sein Pfeil steckenblieb und er mit vieler Not einen Gewaltsfisch gegen das Ufer zog. Ich selber stach glücklich zwei dieser Tiere; doch mußte ich tief in das Wasser gehen, um sie vollends in unsere Gewalt zu bringen. Auch Ernst zog endlich einen jungen Hausen an seinem Haken aufs Ufer, wobei ihm die Mutter und Fränzchen zu Hilfe kommen mußten. Die größten Schwierigkeiten verursachte Fritz, der einen greulichen Stör gleich hinter den Kopf harpuniert und vermittelst des Seils an dem Haspel nur kümmerlich festgehalten hatte. Ich selber lief zur Unterstützung hinzu, und nur durch zwei neue Harpunen, die dem Ungetüm in den Leib geschleudert wurden, vermochten wir, es so weit zu ermüden, daß wir es in eine Untiefe heranziehen, ihm eine zulaufende Schlinge hinter den Kiemen um den Hals werfen und zuletzt durch den Büffel es vollends an das Land schleppen konnten.
Alle diese prächtigen Fische wurden jetzt ausgeweidet. Ich zerschnitt alles Fleisch in mäßige Stücke, salzte diese zum Teil wie die Heringe schichtenweise ein und versuchte einen andern Teil, nachdem ihn die Mutter mit etwas Salz im Wasser abgekocht, in einem Fasse mit Öl Übergossen, ungefähr so zu bereiten und aufzubewahren, wie man es mit dem vortrefflichen Thunfisch am Mittelländischen Meere zu machen pflegt.
Die Fischblasen aber wurden gereinigt und gekocht; aus dem Wasser wurde die Gallerte abgeschäumt und erkalten und trocknen gelassen.
So bekamen wir glücklich einen so schönen durchsichtigen Leim, daß ich mir Hoffnung machte, ihn nicht nur zum Kleistern, sondern mehr noch zu Fensterscheiben anstatt des Glases künftig verwenden zu können.
Der Küchengarten bei Zeltheim, den wir ganz in der Nähe hatten, stand im herrlichsten Flor und gab uns ohne viele Wartung zahlreiches Zugemüse von allerlei Gattungen und vortrefflichem Geschmacke. Besonders angenehm war es uns, daß die Pflanzen hier an keine bestimmte Jahresfrist ausschließlich gebunden schienen, und daß vielmehr während der ganzen Sommerszeit fast ununterbrochen zum Beispiel Bohnen und Zuckererbsen teils in der Blüte, teils ausgewachsen uns zu Befehl standen. Für unsere kleine Mühe damit wurden wir reichlich belohnt; denn außer mannigfaltigem Küchenkraut erhielten wir jetzt auch treffliche Gurken und Melonen, ferner eine Menge Türkenkorn oder Mais von ungewohnter Größe. Auch das eingelegte Zuckerrohr keimte kräftig empor, und endlich hatten auch die verpflanzten Ananas auf den Vorsprüngen der Felswand meistenteils Wurzel geschlagen und versprachen uns für die Zukunft einen herrlichen Vorrat ihrer unvergleichlichen Früchte.
Dieses allgemeine Gedeihen der Pflanzungen in unserer Nähe gab uns tröstliche Hoffnungen auch für die entlegenen, zu deren Besuch wir uns nun fertigmachten und eines Morgens von Zeltheim wohlgemut aufbrachen.
Unser Weg ging zuerst nach Falkenhorst, wo wir uns vollends nach Bedürfnis ausrüsten wollten. Ehe wir aber dahin gelangten, kamen wir bei dem größten Felde vorbei, das die Mutter an dem Platze der ausgegrabenen Kartoffeln aufs freigebigste besät und mit allerlei Körner vollgesteckt hatte. Hier fanden wir ganze Büschel von europäischen Getreidearten, die zum Teil in völliger Reife waren. Da gab es Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Erbsen, Wicken, Hirse, Ackerbohnen, Linsen und dergleichen, so daß ich mich hoch darüber verwunderte, wo die Mutter nur all den Samen dazu hergenommen habe.
Am beträchtlichsten fiel die Ernte von Türkenkorn aus, wovon im Garten nur ein paar Proben gepflanzt, hier aber ein kleines Feld angelegt worden war. Dafür hatte sich indessen auch eine Menge von ungebetenen Gästen und Schmarotzern am allermeisten hier zu Tische geladen und durch Räubereien unserer Ernte fühlbaren Eintrag getan. Selbst in dem Augenblicke, da wir uns dem Maisfelde näherten, ergriff wohl ein halbes Dutzend Trappgänse, die sich gerade auf Mästung befanden, plötzlich mit rauschendem Flügelschlag die Flucht; und als unsere Hunde jagdlustig vor uns hin in das Getreide stürmten, fuhr auch ein beträchtlicher Schwarm von kleinerem Geflügel mit heftigem Geschrei in die Lüfte, während andere Gattungen, nach Art der Wachteln nur über den Boden weglaufend, ebenfalls Reißaus nahmen.
