Kitabı oku: «Johann Heinrich Pestalozzi: Pädagogische Schriften, Romane, Erzählungen & Fabeln»

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Johann Heinrich Pestalozzi

Johann Heinrich Pestalozzi: Pädagogische Schriften, Romane, Erzählungen & Fabeln


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0354-3

Inhaltsverzeichnis

Lienhard und Gertrud

Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts

Wie Gertrud ihre Kinder lehrt

Fabeln:

Das Hahnen-Geschrei

Der unbekannte Ausweg

Der alte Bär auf der Tanne

Der Berg und die Ebene

Die Brücke und der Weg

Wieder die Eiche und das Gras

Ein Fuchs und ein Esel

Das Feuer und das Eisen

Das Schuhmaß der Gleichheit

Der gute Rat

Das zerrissene Herz

Hirschenhorn

Der Hunde Bescheidenheit

Der Hunde Bescheidenheit (Zweite Fassung)

Die Flamme und die Kerze

Ein Klub im Tierreich

Die Lobrede des Maulbrauchens und der Frechheit vom Mephistopheles

Zwei Pferde und die Deichsel

Der Raupenfänger

Rossfliege und Hornisse

Der Strahl und der Graswurm

Der Sturm und die Schneeflocke

Der grosse Tierkrieg mit seinen Ursachen und Folgen

Der Unterschied des Waldlebens und des gesellschaftlichen Zustands

Die Welle und das Ufer

Das hohe Roß und der Zwerg

Löwe und Reh

Der Zyklopen-Schutz

Alte Zeit, gute Zeit

Das hohe Roß und der Zwerg

Das kranke Bäumchen

Das Menschenvertilgen

Das Schuhmaß der Gleichheit

Das Storchenland

Der allgemeine Tierfortschritt in der Gerechtigkeit

Der Biber und der Marder

Der Elefant motiviert sein Urteil über die Regierungsunfähigkeit der Tiere

Der Fuchs erklärt das Wort Usurpation

Der Halbfuchs und der Ganzfuchs

Der Luchs

Der Raupenfänger

Der Seelenverkäufer

Eis und Eisen

Der Stier und der Biber

Der Strahl und der Graswurm

Der Sturm und die Schneeflocke

Der Tiere Gerechtigkeitspflege

Der Wind und der Schiffer

Der Zankapfel

Die Affen-Beichte

Die Affengerechtigkeit

Die Anbetung des Teufels

Der Löwe und sein Ratgeber

Der Löwe, die Schlange und der Teufel

Die Begriffe der Bienen von der Freiheit und der Gerechtigkeit

Die Brücke und der Weg

Die Entstehung der Berge

Die Freßordnung im Hühnerstalle

Die Katzengerechtigkeit

Die Menschengerechtigkeit

Die Spinnengerechtigkeit

Die ungleichen Herren

Die verwandelten Schafe

Die Welle und das Ufer

Ein alter Elefant

Ein Esel und ein Löwenschädel

Ein Fuchs und ein Esel

Faule Eichen und junge Tannen

Fuchs und Esel beurteilen den Löwen

Gauch und Käfer

Hühner, Adler und Mäuse

Kauz und Adler

Künstler und Narren

Löwe und Reh

Nero

Schwamm und Gras

Sonne und Mond

Stoffel und seine Uhr

Stoffels Brunnen

Von Zäunen mit faulem Holz und von schlechten Dorfvorgesetzten

Was der Affe mit der Schlange gelernt hat

Was ist der Mensch – Blatt oder Stamm?

Wie die Tiere überhaupt regieren würden

Zwei Füllen

Zwei Pferde und die Deichsel

Zwei Schäfer

Zwei Weiden

Lienhard und Gertrud

Inhaltsverzeichnis

Vorrede.

1. Ein herzguter Mann, der aber doch Weib und Kind höchst unglücklich macht.

2. Eine Frau, die Entschlüsse nimmt, ausführt, und einen Herrn findet, der ein Vaterherz hat.

3. Ein Unmensch erscheint.

4. Er ist bei seinesgleichen, und da ist's, wo man Schelmen kennen lernt.

5. Er findet seinen Meister.

6. Wahrhafte Bauerngespräche.

7. Er fängt eine Vogtsarbeit an.

8. Wenn man die Räder schmiert, so geht der Wagen.

9. Von den Rechten im Lande.

10. Des Scherers Hund sauft Wasser zur Unzeit, und verdirbt dem Herrn Untervogt ein Spiel, das recht gut stand.

11. Wohl überlegte Schelmenprojekte.

12. Haushaltungsfreuden

13. Beweis, daß Gertrud ihrem Manne lieb war.

14. Niedriger Eigennutz.

15. Der klugen Gans entfällt ein Ei, oder eine Dummheit, die ein Glas Wein kostet.

16. Zieht den Hut ab, Kinder, es folgt ein Sterbebett.

17. Die kranke Frau handelt vortrefflich.

18. Ein armer Knabe bittet ab, daß er Erdäpfel gestohlen hat, und die Kranke stirbt.

19. Guter Mut tröstet, heitert auf und hilft; Kummerhaftigkeit aber plagt nur.

20. Dummer, zeitverderbender Vorwitz hat den Mann zum Müßiggang verführt.

21. Undank und Neid.

22. Die Qualen des Meineids lassen sich nicht mit spitzfindigen Künsten ersticken.

23. Ein Heuchler und eine leidende Frau.

24. Ein reines, fröhliches und dankbares Herz.

25. Wie Schelme miteinander reden.

26. Hochmut in Armut und Elend führt zu den unnatürlichsten, abscheulichsten Taten.

27. Fleiß und Arbeitsamkeit ohne ein dankbares und mitleidiges Herz.

28. Der Abend vor einem Festtage in eines Vogts Hause der wirtet.

29. Fortsetzung, wie Schelmen miteinander reden und handeln.

30. Fortsetzung, wie Schelme miteinander reden und handeln; auf eine andere Manier.

31. Der Abend vor einem Festtage im Hause einer rechtschaffenen Mutter.

32. Die Freuden der Gebetsstunde.

33. Die Ernsthaftigkeit in der Gebetsstunde.

34. So ein Unterricht wird verstanden, und geht ans Herz; aber es gibt ihn eine Mutter.

35. Ein Samstagabend-Gebet.

36. Noch mehr Mutterlehren. Reine Andacht und Emporhebung der Seele zu Gott.

37. Sie bringen einem armen Mann eine Erbsenbrühe.

38. Die reine, stille Größe eines wohltätigen Herzens.

39. Eine Predigt.

40. Ein Beweis, daß die predigt gut war; item, vom Wissen und Irrtum, und von dem, was es heiße den Armen drücken.

41. Der Ehegaumer zeigt dem Pfarrer Unfug an.

42. Zugabe zur Morgenpredigt.

43. Die Bauern im Wirtshause werden beunruhigt.

44. Geschichte eines Menschenherzens während des Nachtmahls.

45. Die Frau sagt ihrem Manne große Wahrheiten, aber viele Jahre zu spät.

46. Selbstgespräch eines Mannes, der mit seinem Nachdenken unglücklich weit kömmt.

47. Häusliche Sonntagsfreude.

48. Etwas von der Sünde.

49. Kindercharakter und Kinderlehren.

50. Unarten und böse Gewohnheiten verderben dem Menschen auch die angenehmen Stunden, in denen er etwas Gutes tut.

51. Es kann keinem Menschen in den Sinn kommen, was für gute Folgen auch die kleinste gute Handlung haben kann.

52. Am Morgen sehr früh ist viel zu spät für das, was man am Abend vorher hätte tun sollen.

53. Je fehlerhafter der Mensch ist, desto unverschämter begegnet er denen, die auch fehlen.

54. Armer Leute unnötige Arbeit.

55. Ein Heuchler macht sich einen Schelm zum Freunde.

56. Es wird ernst, der Vogt muß nicht mehr Wirt sein.

57. Wie er sich gebärdet.

58. Wer bei ihm war.

59. Auflösung eines Zweifels.

60. Eine Abschweifung.

61. Der alte Mann leert sein Herz aus.

62. Das Entsetzen der Gewissensunruhe.

63. Daß man mit Liebe und mit Teilnehmung der gänzlichen Kopfverwirrung angstvoller Menschen vorkommen könne.

64. Ein Pfarrer, der eine Gewissenssache behandelt.

65. Daß es auch beim niedrigsten Volke eine Delikatesse gebe, selbst bei der Annahme von Wohltaten, um die es bittet.

66. Ein Förster, der keine Gespenster glaubt.

67. Ein Mann, den es gelüstet, einen Markstein zu versetzen, möchte auch gerne die Gespenster nicht glauben, und er darf nicht.

68. Die untergehende Sonne und ein verlorener armer Tropf.

69. Wie man sein muß, wenn man mit den Leuten etwas ausrichten will.

70. Ein Mann, der ein Schelm ist und ein Dieb, handelt edelmütig, und des Maurers Frau ist weise.

71. Die Hauptauftritte nähern sich.

72. Die letzte Hoffnung verläßt den Vogt.

73. Er macht sich an den Markstein.

74. Die Nacht betrügt Besoffene und Schelme, die in der Angst sind, am stärksten.

75. Das Dorf kömmt in Bewegung.

76. Der Pfarrer kömmt ins Wirtshaus.

77. Seelsorgerarbeit.

78. Zwei Briefe vom Pfarrer an Arner. Erster Brief.

79. Des Hühnerträgers Bericht.

80. Des Junkers Antwortschreiben an den Pfarrer.

81. Ein guter Küher.

82. Ein Kutscher, dem seines Junkers Sohn lieb ist.

83. Ein Edelmann bei seinen Arbeitsleuten.

84. Ein Junker und ein Pfarrer, die beide ein gleich gutes Herz haben, kommen zusammen.

85. Des Junkers Herz gegen seinen fehlenden Vogt.

86. Der Pfarrer zeigt abermal sein gutes Herz.

87. Vom guten Mut und von Gespenstern.

88. von Gespenstern in einem andern Tone.

89. Ein Urteil.

90. Vortrag Hartknopfs, des Ehegaumers.

91. Des Junkers Antwort.

92. Rede des Hühnerträgers an die Gemeinde.

93. Daß die Armen bei diesem Lustspiele gewinnen.

94. Der Junker dankt dem Pfarrer.

95. Der Junker bittet einen armen Mann, dem sein Großvater unrecht getan hatte, um Verzeihung.

96. Reine Herzensgüte eines armen Mannes gegen seinen Feind.

97. Seine Dankbarkeit gegen seinen edeln Herrn.

98. Auftritte, die ans Herz gehen sollen.

99. Eine angenehme Aussicht.

100. Des Hühnerträgers Lohn.

101. Der Vogt spaziert wieder zum Markstein.

102. Der Pfarrer mischt sich ins Spiel.

103. Adam und Eva.

104. Der Pfarrer stellt Leute zur Kirche hinaus.

105. Etwas aus des Pfarrers Predigt.

106. Wenn so ein Pfarrer in die Gefängnisse und Zuchthäuser eines Reiches Einfluß hätte, er würde die Grundsätze, mit den Gefangenen umzugehen, in ein Licht setzen, das himmelrein leuchtete.

107. Menschlichkeit und Gerechtigkeit beieinander.

108. Bauerngespräch und Bauernempfindung.

109. Hausordnung und Hausunordnung.

110. Das Herz leicht machen, ist das rechte Mittel, dem Menschen den Mund aufzutun.

111. Seltsame Wirkungen des bösen Gewissens.

112. Die Ungleichheit dieser Wirkungen des bösen Gewissens bei geschäftserfahrnen Leuten.

113. Ein Bauernrat.

114. Bauernwahl.

115. Des Kalberleders Versuch, den Sachen zu helfen, und sein übler Ausschlag.

116. Die Dorfmeister suchen in ihrer Angst beim Teufel und seiner Großmutter Hilfe.

117. Die Fahne dreht sich.

118. Wie lange werden die Weiber noch denken und sagen: Mein Mann heißt Nabal, und Narrheit ist in ihm.

119. Zu gut ist dumm.

120. Der Hühnerträger findet keine Hühner und Tauben feil.

121. Art und Weise, die Obrigkeit zu berichten, und dahin zu lenken, wohin man sie gerne führt.

122. Erziehungs- und Haushaltungsgrundsätze.

123. Ein Stück aus einer Leichenpredigt.

124. Ein Frauenbild, aber nicht zu allgemeiner Anwendung.

125. Die Arbeit Arners.

126. Der Lohn seiner Arbeit.

127. Leid und Freude in einer Stunde.

128. Ein Gespräch voll Güte auf der einen und voll Angst auf der andern Seite.

129. Die Himmelstropfen.

130. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die in zehn Tagen vieles gelernt hatten, das sie vorher nicht kannten, und vieles erfahren, das sie vorher nicht wußten.

131. Hundestreue, die eine Menschenempfindung veranlaßt.

132. Lips Hüni, ein Wächter.

133. Es ist wohl so, wie sie sagen; aber wo die Hirten sich schlagen, da werden die Schafe gefressen.

134. In welch hohem Grade ein Verbrecher Mensch bleiben, und seine geistliche und weltliche Herrschaft interessieren kann.

135. Weil er Vater von allen ist, so hält er zuerst und am stärksten seinen ältesten Buben im Zaum.

136. Der neue Vogt neben seinen Bauern.

137. Der Vogt neben des Weibels Töchterli.

138. Der Vogt ist wieder in des Kienholzen Stube und dann auf der Gasse beim Weibel, der auf dem Rosse sitzt.

139. Renold, ein braver Mann, tritt auf.

140. Die Morgenstunde Arners an einem Gerichtstage neben seinem Pfarrer.

141. Arner fängt seine Tagesarbeit an.

142. Bauern, die von ihrem Herrn reden.

143. Arner tut die Türe zu.

144. Sie werden jetzt bald aufhören, zu ratschlagen wider ihren Herrn und wider ihr Heil.

145. Der alte Trümpi bringt eine böse Nachricht.

146. Es fängt an, ernst zu werden.

147. Der Unverstand der Gewaltigen pflanzt die Lügen des Volkes, aber ihre Weisheit macht die Menschen wahrhaft.

148. Ein Sigrist und ein Schulmeister, zwei Brüder, dem Leibe nach und auch der Seele.

149. Er versteht das Fragen besser als sie das Lügen. Nachdem der Junker das alte und neue Verzeichnis miteinander verglichen, und die zweiundzwanzig Männer, welche Heu und Vieh falsch angegeben, mit Namen genannt hatte befahl er dem Weibel, die sechs, welche neben den sechzehn dastanden, die schon bekannt hatten, hervorzurufen.

150. Jakob Christoph Friedrich Hartknopf, der Ehegaumer und Stillständer von Bonnal, wird fuchswild gemacht.

151. Arners Urteil über die armen Sünder.

152. Es war seine Speise, daß er höre und tue den Willen seines Vaters im Himmel.

153. Wohin bringt den Menschen sein armes Herz, wenn er für dasselbe keinen Zaum hat?

154. Jetzt gar eine Ohnmacht um des armen, zaumlosen Herzens willen.

155. Die wahre Regierungsweisheit wohnet in Menschen, die also handeln.

156. Ein Kläger, dem die Sonne scheint.

157. Ein Doktor in der Perücke, auf einer Tragbahre und im Bette.

158. Ein aufgelöstes Rätsel und Arners Urteil über einen privilegierten Mörder.

159. Arner genießt wieder den Lohn seiner Arbeit.

160. Es nahet ein Todbett.

161. Wer von Herzen gut ist, richtet mit den Leuten aus, was er will, und bringt sie, wozu er will.

162. Die Menschen sind so gerne gut, und werden so gerne gut.

163. Worte einer Sterbenden.

164. Hier ist wahrhaftig ein Haus Gottes und eine Pforte des Himmels.

165. Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit übertreffen wird die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht ins Reich der Himmel eingehen.

166.

167. Auch neben dem Treufaug ist er weise.

168. Zu beweisen, daß die Menschen das werden, was man aus ihnen macht.

169. Zu einem guten Ziel kommen ist besser als viele Wahrheiten sagen.

170. Lebensbeschreibung des Vogts Hummel.

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Diese Bogen sind die historische Grundlage eines Versuches, dem Volke einige ihm wichtige Wahrheiten auf eine Art zu sagen, die ihm in den Kopf und ans Herz gehen sollte.

Ich suchte sowohl das gegenwärtige Historische als das folgende Belehrende auf die möglichst sorgfältige Nachahmung der Natur und auf die einfache Darlegung dessen, was allenthalben schon da ist, zu gründen.

Ich habe mich in dem, was ich hier erzähle, und was ich auf der Bahn eines tätigen Lebens meistens selbst gesehn und gehört habe, sogar gehütet, nicht einmal meine eigene Meinung hinzuzusetzen zu dem, was ich sah und hörte, daß das Volk selber empfindet, urteilt, glaubt, redt und versucht.

Und nun wird es sich zeigen; – sind meine Erfahrungen wahr, und gebe ich sie, wie ich sie empfangen habe, und wie es mein Endzweck ist, so werden sie bei allen denen, welche die Sachen, die ich erzähle, selber täglich vor Augen sehn, Eingang finden. Sind sie aber unrichtig, sind sie bloß das Werk meiner Einbildungen und der Tand meiner eigenen Meinungen, so werden sie, wie andere Sonntagspredigten, am Montag verschwinden.

Ich sage nichts weiter, sondern ich füge nur noch zwei Betrachtungen bei, welche meine Grundsätze über die Art eines weisen Volksunterrichts ins Licht zu setzen geschickt scheinen.

Die erste ist aus einem Buche unsers seligen Luthers, dessen Feder in jeder Zeile Menschlichkeit, Volkskenntnis und Volksunterricht atmet. Sie lautet also:

»Die Heilige Schrift meint es auch darum so gut mit uns, daß sie nicht bloß mit den großen Taten der heiligen Männer rumpelt, sondern uns auch ihre kleinsten Worte an Tag gibt, und so den innern Grund ihres Herzens uns aufschließt.«

Die zweite ist aus einem jüdischen Rabbiner, und lautet nach einer lateinischen Übersetzung also:

»Es waren unter den Völkern der Heiden, die rings umher und um das Erbteil Abrahams wohnen, Männer voll Weisheit, die weit und breit auf der Erde ihresgleichen nicht hatten; diese sprachen: Lasset uns zu den Königen und zu ihren Gewaltigen gehn, und sie lehren, die Völker auf Erden glücklich zu machen.

Und die weisen Männer gingen hinaus, und lernten die Sprache des Hauses der Könige und ihrer Gewaltigen, und redeten mit den Königen und ihren Gewaltigen in ihrer Sprache.

Und die Könige und die Gewaltigen lobten die weisen Männer, und gaben ihnen Gold und Seide und Weihrauch, taten aber gegen die Völker wie vorhin. Und die weisen Männer wurden von dem Golde und der Seide und dem Weihrauch blind, und sahen nicht mehr, daß die Könige und ihre Gewaltigen unweise und töricht handeln an allem Volke, das auf Erden lebt.

Aber ein Mann aus unserm Volke beschalt die Weisen der Heiden, gab dem Bettler am Weg seine Hand, führte das Kind des Dieben und den Sünder und den Verbannten in eine Hütte, grüßte die Zöllner und die Kriegsknechte und die Samariter wie seine Brüder, die aus seinem Stamme sind.

Und sein Tun und seine Armut und sein Ausharren in seiner Liebe gegen alle Menschen gewannen ihm das Herz des Volkes, daß es auf ihn traute als auf seinen Vater. Und als der Mann aus Israel sah, daß alles Volk auf ihn traute als auf seinen Vater, lehrte er das Volk, worin sein wahres Wohl bestehe; und das Volk hörte seine Stimme, und die Fürsten hörten die Stimme des Volks.«

Das ist die Stelle des Rabbiners, zu der ich kein einziges Wort hinzusetze.

Und jetzt, ehe ihr aus meiner Stille geht, liebe Blätter! an die Orte, wo die Winde blasen, und die Stürme brausen, an die Orte, wo kein Friede ist – nur noch dies Wort, liebe Blätter! (möge es euch vor bösen Stürmen bewahren!)

Ich habe keinen Teil an allem Streit der Menschen über ihre Meinungen; aber das, was sie fromm und brav und treu und bieder machen, was Liebe Gottes und Liebe des Nächsten in ihr Herz, und was Glück und Segen in ihr Haus bringen kann, das, meine ich, sei, außer allem Streit, uns allen und für uns alle in unsere Herzen gelegt.

Den 25. Hornung 1781.

Der Verfasser.

1. Ein herzguter Mann, der aber doch Weib und Kind höchst unglücklich macht.

Inhaltsverzeichnis

Es wohnt in Bonnal ein Maurer; er heißt Lienhard und seine Frau Gertrud. Ich muß hier melden, daß in der ganzen Geschichte ein alter angesehener Einwohner von Bonnal redend eingeführt wird. Er hat sieben Kinder und einen guten Verdienst; aber er hat den Fehler, daß er sich im Wirtshaus oft verführen läßt. Wenn er da ansitzt, so handelt er wie ein Unsinniger; und es sind in unserm Dorf schlaue, abgefeimte Bursche, die darauf losgehen und daraus leben, daß sie den Ehrlichern und Einfältigern auflauern, und ihnen bei jedem Anlaß das Geld aus der Tasche locken. Diese kannten den guten Lienhard, verführten ihn oft beim Trunk noch zum Spiel, und raubten ihm so den Lohn seines Schweißes. Aber allemal, wenn das am Abend geschehen war, reute es Lienhard am Morgen, und es ging ihm ans Herz, wenn er Gertrud und seine Kinder Brot mangeln sah, daß er zitterte, weinte, seine Augen niederschlug, und seine Tränen verbarg.

Gertrud ist die beste Frau im Dorf; aber sie und ihre blühenden Kinder waren in Gefahr, ihres Vaters und ihrer Hütte beraubt, getrennt, verschupft, Diese Geschichte ist schweizerisch. Die Szene davon ist in der Schweiz, und ihre Helden sind Schweizer. Man hat deshalb die schweizerischen Namen beibehalten und sogar schweizerische Provinzialworte, wie zum Exempel verschupfen, welches den Fall bedeutet, da ein Mensch von einem Orte zum andern mit einer Art von Druck und Verachtung verstoßen wird. ins äußerste Elend zu sinken, weil Lienhard den Wein nicht meiden konnte.

Gertrud sah die nahe Gefahr, und war davon in ihrem Innersten durchdrungen. Wenn sie Gras von ihrer Wiese holte, wenn sie Heu von ihrer Bühne nahm, wenn sie die Milch in ihren reinlichen Becken besorgte – ach! bei allem, bei allem ängstigte sie immer der Gedanke, daß ihre Wiese, ihr Heustock und ihre halbe Hütte ihnen bald könnten entrissen werden; und wenn ihre Kinder um sie her standen, und sich an ihren Schoß drängten, so war ihre Wehmut immer noch größer, und allemal flossen dann Tränen über ihre Wangen.

Bis jetzt konnte sie zwar ihr stilles Weinen vor den Kindern verbergen; aber am Mittwoch vor der letzten Ostern, da ihr Mann auch gar zu lang nicht heim kam, war ihr Schmerz zu mächtig, und die Kinder bemerkten ihre Tränen. Ach Mutter, riefen sie alle aus einem Munde, du weinst! und drängten sich enger an ihren Schoß. Angst und Sorge zeigten sich in jeder Gebärde; banges Schluchzen, tiefes, niedergeschlagenes Staunen und stille Tränen umringten die Mutter, und selbst der Säugling auf ihrem Arme verriet ein bisher ihm fremdes Schmerzgefühl. Sein erster Ausdruck von Sorge und von Angst, sein starres Auge, das zum erstenmal ohne Lächeln hart und steif und bang nach ihr blickte – alles dieses brach ihr gänzlich das Herz. Ihre Klagen brachen jetzt in lautes Schreien aus; alle Kinder und der Säugling weinten mit der Mutter, und es war ein entsetzliches Jammergeschrei, als eben Lienhart die Türe öffnete.

Gertrud lag mit dem Antlitz auf ihrem Bette, hörte das Oeffnen der Türe nicht, und sah nicht den kommenden Vater. Auch die Kinder wurden seiner nicht gewahr; sie sahen nur die jammernde Mutter, und hingen an ihren Armen, an ihrem Hals und an ihren Kleidern. So fand sie Lienhard.

Gott im Himmel sieht die Tränen der Elenden, und setzt ihrem Jammer ein Ziel.

Gertrud fand in ihren Tränen Gottes Erbarmen; Gottes Erbarmen führte den Lienhard zu diesem Anblick, der seine Seele durchdrang, daß seine Glieder bebten.

Todesblässe stieg in sein Antlitz, und schnell und gebrochen konnte er kaum sagen: Herr Jesus, was ist das! – Da erst sah ihn die Mutter, da erst sahen ihn die Kinder, und der laute Ausbruch der Klage verlor sich. O Mutter, der Vater ist da! riefen die Kinder aus einem Munde, und selbst der Säugling weinte nicht mehr.

So wie ein Waldbach oder eine verheerende Flamme endlich nachläßt, so verliert sich auch das wilde Entsetzen, und wird stille, bedächtliche Sorge.

Gertrud liebte den Lienhard, und seine Gegenwart war ihr im tiefsten Jammer Erquickung, und auch Lienhard verließ jetzt das erste bange Entsetzen.

Was ist, Gertrud, sagte er zu ihr, dieser erschreckliche Jammer, in dem ich dich antreffe?

O mein Lieber, erwiderte Gertrud, finstere Sorgen umhüllen mein Herz, und wenn du weg bist, so nagt mich der Kummer noch tiefer.

Gertrud, erwiderte Lienhard, ich weiß, was du meinst ... ich Elender!

Da entfernte Gertrud ihre Kinder, und Lienhard hüllte sein Antlitz in ihren Schoß, und konnte nicht reden.

Auch Gertrud schwieg eine Weile, und lehnte sich in stiller Wehmut an ihren Mann, der immer mehr weinte und schluchzte und sich ängstigte auf ihrem Schoße.

Indessen sammelte Gertrud alle ihre Stärke, und faßte Mut, um in ihn zu dringen, daß er seine Kinder nicht ferner diesem Unglück und Elend aussetze.

Gertrud war fromm, und glaubte an Gott, und ehe sie redete, betete sie still für ihren Mann und für ihre Kinder, und ihr Herz ward sichtbarlich heiterer. Da sagte sie: Lienhard, trau' auf Gottes Erbarmen, und fasse doch Mut, ganz recht zu tun!

O Gertrud, Gertrud! ... sagte Lienhard und weinte, und seine Tränen flossen in Strömen.

O mein Lieber, fasse Mut, sagte Gertrud, und glaube an deinen Vater im Himmel, so wird alles wieder besser gehen! Es geht mir ans Herz, daß ich dich weinen mache. Mein Lieber, ich wollte dir gerne jeden Kummer verschweigen. Du weißt, an deiner Seite sättigt mich Wasser und Brot, und die stille Mitternachtsstunde ist mir viel und oft frohe Arbeitsstunde für dich und meine Kinder. Aber, mein Lieber, wenn ich dir meine Sorge verhehlte, daß ich mich noch einst von dir und diesen Lieben trennen müßte, so wäre ich nicht Mutter an meinen Kindern, und an dir wäre ich nicht treu. O Teurer, noch sind unsere Kinder voll Dank und Liebe gegen uns; aber wenn wir nicht Eltern bleiben, so wird ihre Liebe und ihre gute Herzlichkeit, auf die ich alles baue, notwendig verloren gehen müssen. Und dann denke, o Lieber, denke auch, wie dir sein müßte, wenn dein Niklas einst keine Hütte mehr hätte, und Knecht sein müßte, er, der jetzt schon so gern von Freiheit und eigenem Herde redet; Lienhard, wenn er und alle die Lieben, durch unsere Fehler arm gemacht, einst in ihrem Herzen uns nicht mehr dankten, sondern weinten ob uns, ihren Eltern! Könntest du leben, Lienhard, und sehen, wie dein Niklas, dein Jonas, wie dein Liseli und dein Anneli – o Gott! – verschupft, an fremden Tischen Brot suchen müßten? Ich würde sterben, wenn ich das sehen müßte. So sagte Gertrud, und Tränen flossen von ihren Wangen.

Und Lienhard weinte nicht minder. Was soll ich tun, ich Unglücklicher? was kann ich machen? Ich bin noch elender, als du weißt – o Gertrud, Gertrud! – Dann schwieg er wieder, rang seine Hände, und weinte lautes Entsetzen.

O Lieber, verzage nicht an Gottes Erbarmen! O Teurer, was es auch sein mag, rede, daß wir uns raten und helfen!

2. Eine Frau, die Entschlüsse nimmt, ausführt, und einen Herrn findet, der ein Vaterherz hat.

Inhaltsverzeichnis

O Gertrud, Gertrud! es bricht mir das Herz, dir mein Elend zu sagen und deine Sorgen zu vergrößern: und doch muß ich es tun! Ich bin Hummel, dem Vogt, Vogt ist in der Schweiz, was in Deutschland der Schulze im Dorfe ist. noch dreißig Gulden schuldig, und der ist ein Hund und kein Mensch gegen die, so ihm schuldig sind. Ach, daß ich ihn in meinem Leben nie gesehen hätte! Wenn ich nicht bei ihm einkehre, so droht er mir mit den Rechten, und wenn ich einkehre, so ist der Lohn meines Schweißes und meiner Arbeit in seinen Klauen. Das, Gertrud, das ist die Quelle unsers Elends.

O Lieber, sagte hierauf Gertrud, darfst du nicht zu Arner, dem Landesvater, gehen? Du weißt, wie alle Witwen und Waisen sich seiner rühmen. O Lieber, ich denke, er würde dir Rat und Schutz gewähren gegen diesen Mann.

O Gertrud, erwiderte Lienhard, ich kann nicht! ich darf nicht! Was wollte ich gegen den Vogt sagen, der Tausenderlei anbringt, und kühn ist und schlau, und hundert Helfershelfer und Wege hat, einen armen Mann vor der Obrigkeit zu verschreien, das man ihn nicht anhört?

Gertrud. O Lieber, ich habe noch mit keiner Obrigkeit geredet; aber wenn Not und Elend mich zu ihr führten, ich weiß, ich würde die Wahrheit gerade gegen jedermann sagen können. O Teurer, fürchte dich nicht! denke an mich und deine Kinder, und gehe!

O Gertrud, sagte Lienhard, ich kann nicht, und darf nicht; ich bin nicht unschuldig! Der Vogt wird sich kaltblütig aufs ganze Dorf berufen, daß ich ein liederlicher Tropf bin. O Gertrud, ich bin nicht unschuldig! Was will ich sagen? Niemand wird ihn vor den Kopf stoßen und aussagen, daß er mich zu allem verleitet hat. O Gertrud, könnt' ich's, dürft' ich's, wie gerne wollt' ich's! Aber tät' ich's, und mißläng's, denke, wie würde er sich rächen!

Gertrud. Aber auch wenn du schweigst, richtet er dich unausweichlich zugrunde. Lienhard, denke an deine Kinder, und gehe! Diese Unruhe unseres Herzens muß enden; gehe, oder ich gehe!

Lienhard. O Gertrud, ich darf nicht! Darfst du es, Gertrud – ach Gott! – darfst du es, so gehe schnell hin zu Arner, und sag' ihm alles!

Ja, ich will gehen, sagte Gertrud, und schlief keine Stunde in der Nacht; aber sie betete in der schlaflosen Nacht, und ward immer stärker und entschlossener, zu gehen zu Arner, dem Herrn des Ortes.

Und am frühen Morgen nahm sie den Säugling, der wie eine Rose blühete, und ging zwei Stunden weit zum Schlosse des Junkers.

Arner saß eben bei seiner Linde, vor der Pforte des Schlosses, als Gertrud sich ihm nahete. Er sah sie, er sah den Säugling auf ihrem Arme und Wehmut und Leiden und getrocknete Zähren auf ihrem Antlitz.

Was willst du, meine Tochter? wer bist du? sagte er so liebreich, daß sie Mut faßte zu reden.

Ich bin Gertrud, sagte sie, das Weib des Maurers Lienhard von Bonnal.

Du bist ein braves Weib, sagte Arner. Ich habe deine Kinder vor allen andern im Dorfe ausgezeichnet; sie sind sittsamer und bescheidener als alle übrigen Kinder, und scheinen auch besser genährt. Und doch höre ich, seid ihr sehr arm. Was willst du, meine Tochter?

O gnädiger Herr, mein Mann ist seit langer Zeit dem Vogt Hummel dreißig Gulden schuldig, und das ist ein harter Mann. Er verführt ihn zum Spiel und zu aller Verschwendung; und da er ihn fürchten muß, so darf er sein Wirtshaus nicht meiden, wenn er schon fast alle Tage seinen Verdienst und das Brot seiner Kinder darin zurücklassen muß. Gnädiger Herr, es sind sieben unerzogene Kinder; und ohne Hilfe und Rat gegen den Vogt ist's unmöglich, daß wir nicht an den Bettelstab geraten. Ich weiß, daß Sie sich der Witwen und der Waisen erbarmen; darum durfte ich es wagen, zu Ihnen zu gehen und Ihnen unser Unglück zu sagen. Ich habe aller meiner Kinder Spargeld bei mir, in der Absicht, es Ihnen zu hinterlegen, damit ich Sie bitten dürfe, Verfügungen zu treffen, daß der Vogt meinen Mann, bis er bezahlt sein wird, nicht mehr drängen und plagen dürfe.

Arner hatte längst einen Verdacht auf Hummel. Er erkannte sogleich die Wahrheit dieser Klage und die Weisheit der Bitte. Er nahm eine Schale Tee, die vor ihm stand, und sagte: Du bist nüchtern, Gertrud; trink diesen Tee, und gib deinem schönen Kinde von dieser Milch.

Errötend stand Gertrud da. Diese Vatergüte ging ihr ans Herz, daß sie ihre Tränen nicht halten konnte.

Und Arner ließ sie jetzt die Taten des Vogts und seiner Mitgesellen und die Not und die Sorgen vieler Jahre erzählen, hörte aufmerksam zu, und einmal fragte er sie: Wie hast du, Gertrud, das Spargeld deiner Kinder retten können in aller dieser Not?

Da antwortete Gertrud: Das war wohl schwer, gnädiger Herr; aber es mußte mir sein, als ob das Geld nicht mein wäre, als ob es mir ein Sterbender auf seinem Todbette gegeben hätte, daß ich es seinen Kindern aufbehalten sollte. So, fast ganz so sah ich es an. Wenn ich zuzeiten der dringendsten Not den Kindern Brot daraus kaufen mußte, so ruhete ich nicht, bis ich mit Nachtarbeit wieder so viel nebenhin erspart, und den Kindern wieder erstattet hatte.

War das allemal wieder möglich, Gertrud? fragte Arner.

O gnädiger Herr, wenn der Mensch sich etwas fest vornimmt, so ist ihm mehr möglich, als man glaubt; und Gott hilft im äußersten Elend, wenn man redlich für Not und Brot arbeitet, mehr als Sie, gnädiger Herr, in ihrer Herrlichkeit es glauben und begreifen können.

Arner war durch und durch von der Unschuld und von der Tugend dieses Weibes gerührt, fragte aber immer noch mehr, und sagte: Gertrud, wo hast du dieses Spargeld?

Da legte Gertrud sieben reinliche Päcklein auf Arners Tisch, und bei jedem Päcklein lag ein Zettel, von wem alles sei; und wann Gertrud etwas davon genommen, so stand es aufgeschrieben, und ebenso, wie sie es wieder zugelegt habe.

Arner las diese Zettel aufmerksam durch. Gertrud sah es, und errötend sagte sie: Ich hätte diese Papiere wegnehmen sollen, gnädiger Herr.

Arner lächelte und las fort; aber Gertrud stand beschämt da, und sichtbarlich pochte ihr Herz ob diesen Zetteln; denn sie war bescheiden und demütig, und grämte sich auch über den mindesten Anschein von Eitelkeit.

Arner sah ihre Unruhe, daß sie ihre Zettel nicht beiseite gelegt hatte; er fühlte die reine Höhe der Unschuld, die beschämt dasteht, wenn ihre Tugend und ihre Weisheit bemerkt wird, und beschloß dem Weib mehr, als es bat und hoffte, Gnade zu erweisen; denn er erkannte ihren Wert, und daß unter Tausenden kein Weib ihr gleich käme. Er legte jetzt einem jeden Päckchen etwas bei, und sagte: Bring' deinen Kindern ihr Spargeld wieder, Gertrud; und ich lege aus meiner Börse dreißig Gulden beiseite für den Vogt, bis er bezahlt ist. Gehe nun hin, Gertrud; morgen werde ich ohnehin in dein Dorf kommen, und da werde ich dir Ruhe schaffen vor dem Hummel.

Gertrud konnte vor Freuden nicht reden; kaum brachte sie stammelnd ein gebrochenes schluchzendes »Gott lohne es Ihnen, gnädiger Herr« hervor. Dann kehrte sie mit ihrem Säugling auf dem Arme und mit ihrem Trost im Herzen nach Hause zurück. Sie eilte, betete und dankte Gott auf dem langen Wege, und weinte Tränen des Dankes und der Hoffnung, bis sie in ihrer Hütte war.

Lienhard sah sie kommen, und las den Trost ihres Herzens in ihren Augen. Bist du schon wieder da? rief er ihr entgegen. Es ist dir wohl gegangen bei Arner.

Wie weißt du es schon? sagte Gertrud.

Ich sehe es dir an, du Gute; du kannst dich nicht verstellen.

Das kann ich wirklich nicht, sagte Gertrud; und möchte auch nicht, wenn ich es könnte, dir die gute Botschaft einen Augenblick vorenthalten. Da erzählte sie ihrem Manne die Güte von Vater Arner, wie er ihren Worten glaubte, und ihr Hilfe versprach; dann gab sie ihren Kindern Arners Geschenke, und küßte ein jedes wärmer und heiterer, als es lange nicht mehr geschehen war, und sagte ihnen: Betet alle Tage, daß es Arner wohl gehe, Kinder, wie ihr betet, daß es mir und dem Vater wohl gehe. Arner sorgt, daß es allen Leuten im Lande wohl gehe; er sorgt, daß es auch euch wohl gehe; und wenn ihr brav, verständig und arbeitsam sein werdet, so werdet ihr ihm lieb sein, wie ihr mir und dem Vater lieb seid.

Von dieser Zeit an beteten die Kinder des Maurers, wenn sie am Morgen und am Abend für ihren Vater und für ihre Mutter beteten, auch für Arner, den Vater des Landes.

Gertrud und Lienhard faßten nun neue Entschlüsse für die Ordnung ihres Hauses und für die Bildung ihrer Kinder zu allem Guten, und dieser Tag war ihnen ein seliger Festtag. Lienhards Mut stärkte sich wieder, und am Abend machte ihm Gertrud ein Essen, das er liebte; und sie freuten sich beide des kommenden Morgens, der Hilfe Arners und der Güte ihres himmlischen Vaters.

Auch Arner sehnte sich nach dem kommenden Morgen, eine Tat zu tun, wie er tausend tat, um seinem Dasein einen Wert zu geben.

3. Ein Unmensch erscheint.

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Und da am gleichen Abend sein Vogt zu ihm kam, nach seinen Befehlen zu fragen, sagte er ihm: Ich werde morgen selbst nach Bonnal kommen; ich will einmal den Bau der Kirche in Ordnung haben. Der Untervogt aber antwortete: Gnädiger Herr, hat Euer Gnaden Schloßmaurer jetzt Zeit? Nein, erwiderte Arner; aber es ist in deinem Dorf ein Maurer Lienhard, dem ich diesen Verdienst gern gönne. Warum hast du mir ihn noch nie zu einer Arbeit empfohlen?

Der Vogt bückte sich tief, und sagte: Ich hätte den armen Maurer nicht empfehlen dürfen zu Euer Herrlichkeit Gebäuden.

Arner. Ist er ein braver Mann, Vogt, daß ich auf ihn gehen kann?

Vogt. Ja, Ihr Gnaden können sich auf ihn verlassen; er ist nur gar zu treuherzig.

Arner. Man sagt, er habe ein braves Weib; ist sie keine Schwätzerin? fragte hierauf Arner mit Nachdruck.

Nein, sagte der Vogt, sie ist wahrlich eine arbeitsame, stille Frau. Gut, sagte Arner; sei morgen um neun Uhr auf dem Kirchhof; ich werde dich daselbst antreffen.

Da ging der Vogt fort, ganz erfreut über diese Rede – denn er dachte bei sich selber: das ist eine neue Milchkuh in meinen Stall – sann schon auf Ränke, dem Maurer das Geld, das er bei diesem Bau verdienen möchte, abzulocken; und schnell eilte er heim und nach des Maurers kleiner Hütte.

Es war schon dunkel, als er mit Ungestüm anpochte.

Lienhard und Gertrud saßen bei Tische; noch stand der Rest ihres Essens vor ihnen. Lienhard aber erkannte die Stimme des neidischen Vogts, erschrak, und schob das Essen in einen Winkel. Gertrud ermunterte ihn zwar, daß er sich nicht fürchten, und daß er auf Arner vertrauen sollte; dennoch wurde er todblaß, als er dem Vogt die Türe öffnete. Dieser roch schnell wie ein gieriger Hund das verborgene Nachtessen, tat aber doch freundlich, und sagte nur lächelnd: Ihr laßt euch recht wohl sein, ihr Leute. So endlich ist's leicht, ohne das Wirtshaus zu sein; nicht wahr, Lienhard?

Dieser schlug die Augen nieder, und schwieg; aber Gertrud war kühner und sagte: Was befiehlt denn der Herr Vogt? Es ist ganz sonderbar, daß er einem so schlechten Hause näher als ans Fenster kömmt.

Hummel verbarg seinen Zorn, lächelte und sagte: Es ist wahr, ich hätte eine so gute Küche hier nicht erwartet; sonst hätte ich vielleicht mehr zugesprochen.

Das erbitterte Gertrud. Vogt, antwortete sie ihm, du riechst unser Nachtessen, und mißgönnst es uns. Du solltest dich schämen, einem armen Mann ein Nachtessen, das er liebt, und vielleicht im Jahr nicht dreimal hat, zu verbittern.

Es ist nicht so bös gemeint, antwortete der Vogt, immer noch lächelnd. Eine Weile darauf aber setzte er etwas ernsthafter hinzu: Du bist gar zu trotzig, Gertrud! Das steht armen Leuten nicht wohl an; du solltest wohl denken, ihr ginget mich vielleicht auch etwas an. Doch ich will jetzt nicht hievon anfangen. Ich bin deinem Manne immer gut, und wenn ich ihm dienen kann, so tue ich es. Davon kann ich Proben geben.

Gertrud. Vogt, mein Mann wird alle Tage in deinem Wirtshause zum Spiel und zum Trunke verführt, und dann muß ich daheim mit meinen Kindern alles mögliche Elend erdulden. Das ist der Dienst, den wir von dir zu rühmen haben.

Hummel. Du tust mir unrecht, Gertrud. Es ist wahr, dein Mann ist etwas liederlich, ich habe es ihm auch schon gesagt; aber in meinem Wirtshause muß ich in Gottes Namen einem jeden, der es will, Essen und Trinken geben. Das tut ja jedermann.

Gertrud. Ja, aber nicht jedermann droht einem unglücklichen, armen Mann mit den Rechten, wenn er nicht alle Jahre seine Schuld wieder doppelt groß macht.

Nun konnte sich der Vogt nicht mehr halten. Mit Wut fuhr er den Lienhard an: Bist du so ein Gesell, Lienhard, daß du solches von mir redest? Muß ich noch in meinen Bart hinein hören, wie ihr Lumpenvolk mich alten Mann um Ehr' und guten Namen bringen wollt? Hab' ich nicht jeweilen vor Vorgesetzten mit dir gerechnet? Gut, daß deine Zettel fein alle noch bei mir und in meinen Händen sind. Willst du mir etwa gar meine Anforderung leugnen, Lienhard?

Es ist ganz nicht die Rede hievon, sagte Lienhard: Gertrud sucht nur, daß ich ferner nicht neue Schulden mache.

Der Vogt besann sich schon wieder, milderte den Ton, und sagte: Das ist endlich nicht so gar übel. Doch bist du der Mann; sie wird dich nicht in ein Bockshorn hineinschieben wollen.

Gertrud. Nichts weniger, Vogt. Ich möchte ihn gern aus dem Bockshorn, darin er steckt, herausbringen; und das ist dein Buch, Vogt, und seine schönen Zetteln.

Hummel. Er hat mich nur zu bezahlen, so ist er augenblicklich aus diesem Bockshorn, wie es du heißest.

Gertrud. Das wird er wohl tun können, wenn er nichts Neues mehr macht.

Hummel. Du bist stolz, Gertrud; es wird sich zeigen. Gelt, Gertrud, du willst lieber mit deinem Mann daheim allein bröselen, Sich gütlich tun. als ihm ein Glas Wein bei mir gönnen?

Gertrud. Tu bist niederträchtig, Vogt; aber deine Rede tut mir nicht weh.

Hummel konnte diese Sprache nicht länger aushalten. Er empfand, daß etwas vorgefallen sein müsse, das dieses Weib so kühn mache;, darum durfte er nicht seinen Mut kühlen, und nahm Abschied.

Hast du sonst was zu befehlen? sagte Gertrud.

Nichts, wenn es so gemeint ist, antwortete Hummel.

Wie gemeint? erwiderte Gertrud lächelnd, und sah ihm steif ins Gesicht. Das verwirrte den Vogt noch mehr, daß er sich nicht zu gebärden wußte. Er ging jetzt, und brummte bei sich selbst die Treppe hinunter, was doch das sein möchte.

Dem Lienhard war zwar nicht wohl bei der Sache, aber dem Vogt noch viel weniger.

4. Er ist bei seinesgleichen, und da ist's, wo man Schelmen kennen lernt.

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Es war jetzt fast Mitternacht und doch war er kaum heim, so sandte er noch zu zweien von Lienhards Nachbarn, daß sie des Augenblicks zu ihm kämen. Sie waren schon im Bette, als er nach ihnen schickte; aber doch säumten sie sich nicht. Sie standen auf, und gingen in der finstern Nacht zu ihm hin.

Und er fragte sie über alles, was Lienhard und Gertrud seit einigen Tagen getan hätten. Da sie ihm aber nicht gleich etwas sagen konnten, das ihm Licht gab, stieß er seine Wut gegen sie aus. Ihr Hunde! was man von euch will, ist immer nichts mit euch ausgerichtet. Wofür muß ich immer euer Narr sein? Wenn ihr Holz frevelt, und ganze Fuder raubet, so muß ich nichts wissen; wenn ihr in den Schloßtriften werdet, und alle Zäune wegtraget, so muß ich schweigen. Du, Buller, mehr als ein Dritteil von deiner Waisenrechnung war falsch, und ich schwieg. Meinst du, das bißchen verschimmelt Heu stelle mich zufrieden? Es ist noch nicht verjährt. Und du, Krüel, deine halbe Matte gehört deines Bruders Kindern. Du alter Dieb, was habe ich von dir, daß ich dich nicht dem Henker überlasse, dem du gehörst?

Dieses Gerede machte den Nachbarn bange. Was können wir tun, was können wir machen, Herr Untervogt? Weder Tag noch Nacht ist uns zu viel, zu tun, was du uns heißest.

Ihr Hunde! ihr könnet nichts! ihr wisset nichts! Ich bin außer mir vor Wut! Ich muß wissen, was des Maurers Gesindel diese Woche gehabt hat, was hinter diesem Pochen steckt. So wütete er.

Indessen besann sich Krüel. Halt, Vogt, ich glaub', ich könne dienen; erst fällt's mir ein. Gertrud war heute bis Mittag über Feld, und am Abend hat ihr Liseli beim Brunnen den Schloßherrn sehr gerühmt. Gewiß war sie im Schloß. Am Abend vorher war ein Geheul in ihrer Stube, aber niemand weiß warum; heute sind sie alle ganz besonders fröhlich.

Der Vogt war nun überzeugt, daß Gertrud im Schloß gewesen sei. Zorn und Unruhe wüteten nun noch gewaltiger in seiner Seele. Er stieß greuliche Flüche aus, schimpfte mit abscheulichen Worten auf Arner, der alles Bettelgesindel anhöre, und Lienhard und Gertrud schwur er, seine Rache empfinden zu lassen. Doch müßt ihr schweigen, Nachbarn; ich will mit dem Gesindel freundlich tun, bis es reif ist. Forschet fleißig nach, was sie tun, und bringt mir Nachricht; ich will euer Mann sein, wo es nötig ist. Da nahm er noch Buller beiseite und sagte: Weißt du nichts von den gestohlenen Blumengeschirren? Man sah dich vorgestern über den Grenzen mit einem geladenen Esel; was hattest du zu führen? Buller erschrak: Ich ... ich ... hatte ... Nu, nu, sprach der Vogt, sei mir treu; ich bin dir Mann, wo es die Not erheischt.

Da gingen die Nachbarn fort. Der Morgen aber war schon nahe, und Hummel wälzte sich noch eine Stunde auf seinem Lager, staunte, sann auf Rache, knirschte oft im wilden Schlummer mit den Zähnen und stampfte mit seinen Füßen, bis der helle Tag ihn aus dem Bette trieb. Er beschloß jetzt, noch einmal Lienhard zu sehen, sich zu überwinden und ihm zu sagen, daß er ihn Arnern zum Kirchbau empfohlen habe. Er raffte alle seine Kräfte zum Heucheln zusammen, und ging zu ihm hin.

Gertrud und Lienhard hatten diese Nacht sanfter geruht, als es seit langem nicht geschehen war, und sie beteten am heitern Morgen um den Segen dieses Tages. Sie hofften auf die nahe Hilfe von Vater Arner, und diese Hoffnung breitete Seelenruhe und ungewohnte wonnevolle Heiterkeit über sie aus.

So fand sie Hummel. Er sah es, und es ging dem Satan ans Herz, daß sein Zorn noch mehr entbrannte; aber er war seiner selbst mächtig, wünschte ihnen freundlich einen guten Morgen, und sagte: Lienhard, wir waren gestern unfreundlich gegeneinander; das muß nicht so sein. Ich habe dir etwas Gutes zu sagen. Ich kam eben vom gnädigen Herrn; er redete vom Kirchbau, und fragte auch dir nach. Ich sagte, daß du den Bau wohl machen könntest; und ich denke, er wird ihn dir geben. Sieh', so kann man einander dienen; man muß sich nie so leicht aufbringen lassen.

Lienhard. Er soll ja den Bau dem Schloßmaurer verdungen haben; das hast du längst an der Gemeinde gesagt.

Hummel. Ich habe es geglaubt, aber es ist dem nicht so. Der Schloßmaurer hat nur ein Kostenverzeichnis gemacht; und du kannst leicht denken, er habe sich selber nicht vergessen. Wenn du ihn nach diesem Ueberschlag erhältst, so verdienst du Geld wie Laub. Lienert, da siehst du jetzt, ob ich es gut mit dir meine.

Der Maurer war von der Hoffnung des Baues übernommen, und dankte ihm herzlich; aber Gertrud sah, wie der Vogt vom erstickten Zorn blaß war, und wie hinter seinem Lächeln verbissener Grimm verborgen lag, und freute sich gar nicht. Indessen ging der Vogt weg, und im Gehen sagte er noch: Innert einer Stunde wird Arner kommen; und Lienhards Lise, die an der Seite ihres Vaters stand, sagte zum Vogt: Wir wissen's schon seit gestern. Hummel erschrak zwar ob diesem Worte, aber er tat doch nicht, als ob er es hörte; und Gertrud, die wohl sah, daß der Vogt dem Geld, so beim Kirchbau zu verdienen wäre, auflauerte, war hierüber sehr unruhig.

5. Er findet seinen Meister.

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Indessen kam Arner auf den Kirchhof, und viel Volk aus dem Dorfe sammelte sich um ihn her, den guten Herrn zu sehen.

Seid ihr so müßig, oder ist's Feiertag, daß ihr alle so Zeit habt, hier herumzuschwärmen? sagte der Vogt zu einigen, die ihm zu nahe standen; denn er verhütete immer, daß niemand vernehme, was er für Befehle erhielte. Aber Arner bemerkte es, und sagte laut: Vogt, ich habe es gerne, daß meine Kinder auf dem Kirchhof bleiben, und selbst hören, wie ich es mit dem Bau haben will. Warum jagst du sie fort? Tief bis an die Erde krümmte sich Hummel, und rief den Nachbarn alsobald laut: Kommt doch wieder zurück; Ihr Gnaden mag euch wohl dulden.

Arner. Hast du die Schätzung vom Kirchbau gesehen?

Vogt. Ja, gnädiger Herr.

Arner. Glaubst du, Lienhard könne den Bau um diesen Preis gut und dauerhaft machen?

Ja, gnädiger Herr, antwortete der Vogt laut; und sehr leise setzte er hinzu: Ich denke, da er im Dorfe wohnt, könnte er es vielleicht noch etwas wohlfeiler übernehmen.

Arner aber antwortete ganz laut: So viel ich dem Schloßmaurer hätte geben müssen, so viel gebe ich auch diesem. Laß ihn rufen, und sorge, daß alles, was aus dem Wald und aus den Magazinen dem Schloßmaurer zukommen sollte, auch diesem ausgeliefert werde.

Lienhard war eben wenige Minuten, ehe Arner ihn rufen ließ, ins obere Dorf gegangen, und Gertrud entschloß sich alsobald, mit dem Boten selbst auf den Kirchhof zu gehen und Arnern ihre Sorgen zu entdecken.

Als aber der Vogt Gertrud und nicht Lienhard mit dem Boten zurückkommen sah, wurde er todblaß.

Arner bemerkte es, und fragte ihn: Wo fehlt's, Herr Untervogt?

Vogt. Nichts, gnädiger Herr, gar nichts; doch ich habe diese Nacht nicht wohl geschlafen.

Man sah dir fast so was an, sagte Arner, und sah ihm steif in die roten Augen, kehrte sich dann zu Gertrud, grüßte sie freundlich, und sagte: Ist dein Mann nicht da? Doch es ist gleichviel; du mußt ihm nur sagen, daß er zu mir komme. Ich will ihm diesen Kirchbau anvertrauen.

Gertrud stand eine Weile sprachlos da, und durfte vor so vielem Volke fast nicht reden.

Arner. Warum redest du nicht, Gertrud? Ich will deinem Manne den Bau so geben, wie ihn der Schloßmaurer würde übernommen haben. Das sollte dich freuen, Gertrud.

Gertrud hatte sich wieder erholt, und sagte jetzt: Gnädiger Herr, die Kirche ist so nahe am Wirtshause!

Alles Volk fing an zu lachen, und da die meisten ihr Lachen vor dem Vogt verbergen wollten, kehrten sie sich von ihm weg, gerade gegen Arner. Der Vogt aber, der wohl sah, daß dieser alles bemerkt hatte, stand jetzt entrüstet auf, stellte sich gegen Gertrud, und sprach: Was hast du gegen mein Wirtshaus?

Schnell aber unterbrach Arner den Vogt und sagte: Geht diese Rede dich an, Untervogt, daß du darein redest? Dann wandte er sich wieder zu Gertrud, und sagte: Was ist das, warum steht dir die Kirche zu nahe am Wirtshaus?

Gertrud. Gnädiger Herr, mein Mann ist beim Wein leicht zu verführen, und wenn er täglich so nahe am Wirtshause arbeiten muß – ach Gott, ach Gott! – ich fürchte, er halte die Versuchung nicht aus.

Arner. Kann er denn das Wirtshaus nicht meiden, wenn es ihm so gefährlich ist?

Gertrud. Gnädiger Herr, bei der heißen Arbeit dürstet man oft; und wenn dann immer Saufgesellschaft vor seinen Augen auf jede Art mit Freundlichkeit und mit Spotten, mit Weinkäufen und mit Wetten ihn locken wird – ach Gott, ach Gott! – wie wird er es aushalten können! Und wenn er dann nur ein wenig wieder Neues schuldig ist, so ist er wieder angebunden. Gnädiger Herr, wenn Sie doch wüßten, wie ein einziger Abend in solchen Häusern arme Leute ins Joch und in Schlingen bringen kann, wo es fast unmöglich ist, sich wieder herauszuwickeln!

Arner. Ich weiß es, Gertrud, und ich bin entrüstet über das, was du mir gestern sagtest. Da vor deinen Augen und vor allem Volke will ich dir zeigen, daß ich arme Leute nicht will drücken und drängen lassen. Sogleich wandte er sich gegen den Vogt, und sagte ihm mit einer Stimme voll Ernst und mit einem Blicke, der durch Mark und Beine drang: Vogt, ist's wahr, daß die armen Leute in deinem Hause gedrängt, verführt und vervorteilt werden?

Betäubt und blaß wie der Tod antwortete der Vogt: In meinem Leben, gnädiger Herr, ist mir nie so etwas begegnet, und so lange ich lebe, und Vogt bin ... sagte er, und wischte den Schweiß von der Stirne, hustet, räuspert, fängt wieder an – es ist erschrecklich!

Arner. Du bist unruhig, Vogt; die Frage ist einfältig. Ist es wahr, daß du arme Leute drängest, in Verwirrungen bringest, und ihnen in deinem Wirtshause Fallstricke legest, die ihre Haushaltungen unglücklich machen?

Vogt. Nein, gewiß nicht, gnädiger Herr. Das ist der Lohn, wenn man Lumpenleuten dient. Ich hätte es vorher denken sollen; man hat allemal einen solchen Dank anstatt der Bezahlung.

Arner. Mache dir wegen der Bezahlung keine Sorge; es ist nur die Frage, ob dieses Weib lüge.

Vogt. Ja, gewiß, gnädiger Herr; ich will es tausendfach beweisen.

Arner. Es ist genug am Einfachen; aber nimm dich in acht, Vogt! Du sagtest gestern, Gertrud sei eine brave, stille, arbeitsame Frau und gar keine Schwätzerin.

Ich weiß nicht, ich ... ich ... besinne ... Sie haben mich ... ich habe sie ... ich habe sie ... dafür angesehen, sagte der keichende Vogt.

Arner. Du bist auf eine Art unruhig, Vogt, daß man jetzt nicht mit dir reden kann; es ist am besten, ich erkundige mich gerade bei diesen dastehenden Nachbarn. Und sogleich wandte er sich zu zwei alten Männern, die still und aufmerksam und ernsthaft dastanden, und sagte ihnen: Ist's wahr, liebe Nachbarn, werden die Leute in euerm Wirtshause so zum Bösen verführt und gedrückt? Die Männer sahen einander an, und durften nicht reden; aber Arner ermunterte sie liebreich: Fürchtet euch nicht; sagt mir geradezu die reine Wahrheit! Es ist mehr als zu wahr, gnädiger Herr. Aber was wollen wir arme Leute gegen den Vogt klagen? sagte endlich der ältere, doch so leise, daß es nur Arner verstehen konnte. Es ist genug, alter Mann, sagte Arner, und wandte sich dann wieder zum Vogt: Ich bin eigentlich jetzt nicht da, um diese Klage zu untersuchen; aber gewiß ist es, daß ich meine Armen vor aller Bedrückung will sicher haben; und schon längst dachte ich, daß kein Vogt Wirt sein sollte. Ich will aber das bis Montag verschieben. Gertrud, sage deinem Mann, daß er zu mir komme, und sei du wegen der Wirtshausgefahren seinethalben jetzt nur ruhig. Da nahm Arner noch einige Geschäfte vor, und als er sie vollendet hatte, ging er noch in den nahen Wald; und es war spät, da er heimfuhr. Auch der Vogt, der ihm in den Wald folgen mußte, kam erst des Nachts wieder heim in sein Dorf.

Als dieser jetzt seinem Hause nahe war, und kein Licht in seiner Stube sah, auch keine Menschenstimme darin hörte, ahnete er Böses; denn sonst war alle Abende das Haus voll, alle Fenster von den Lichtern, die auf allen Tischen standen, erheitert, und das Gelärm der Saufenden tönte in der Stille der Nacht, daß man es zuunterst an der Gasse noch hörte, obgleich die Gasse lang ist, und des Vogts Haus zu oberst daran steht. Ueber dieser ungewöhnlichen Stille war der Vogt sehr erschrocken. Er öffnete mit wildem Ungestüm die Türe, und sagte: Was ist das? was ist das, daß kein Mensch hier ist? Sein Weib heulte in einem Winkel. O Mann, bist du wieder da? Mein Gott, was für ein Unglück ist begegnet? Es ist ein Jubilieren im Dorf von deinen Feinden, und kein Mensch wagt es mehr, auch nur ein Glas Wein bei uns zu trinken. Alles sagt, du seiest aus dem Wald nach Arnburg geführt worden.

Wie ein gefangenes wildes Schwein in seinen Stricken schnaubet, seinen Rachen öffnet, seine Augen rollt, und Wut grunzet, so wütete jetzt Hummel, stampfte und tobte, sann auf Rache gegen Arner, und raste über den Edeln. Dann redete er mit sich selbst: So kömmt das Land um seine Rechte. Er will mir das Wirtsrecht rauben, und den Schild in der Herrschaft allein aushängen. Bei Mannsgedenken haben alle Vögte gewirtet; alle Händel gingen durch unsere Hände. Dieser läuft jetzt allenthalben selbst nach, und frägelt jeden Floh aus, wie ein Dorfschulmeister; daher trotzt jetzt jeder Bube einem Gerichtsmann, und sagt, daß er selbst mit Arner reden könne. So kömmt das Gericht um alles Ansehen, und wir sitzen und schweigen wie andere Schurken, während er so an uns alle alten Landesrechte kränkt und beugt. – So verdrehte der alte Schelm die guten und weisen Taten des edeln Herrn bei sich selbst, schnaubte, und sann auf Rache, bis er entschlief.

6. Wahrhafte Bauerngespräche.

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Am Morgen aber war er frühe auf und sang und pfiff unter dem Fenster, auf daß man glaube, er sei wegen dem, so gestern vorgefallen war, ganz unbesorgt. Aber Fritz, sein Nachbar, rief ihm über die Gasse: Hast du schon so frühe Gäste, daß es so lustig hergeht? und lächelte bei sich selbst.

Sie werden schon kommen, Fritz. Hopsasa und Heißasa! Zwetschgen sind nicht Feigen! sagte der Vogt, streckte das Brenzglas Branntweinglas. zum Fenster hinaus, und rief: Willst eins Bescheid tun, Fritz? Es ist mir noch zu früh, antwortete Fritz; ich will warten, bis mehr Gesellschaft da ist. – Du bist immer der alte Schalk, sagte der Vogt; aber glaub' es, der gestrige Spaß wird nicht so übel ausschlagen. Es fliegt kein Vögelein so hoch, es läßt sich wieder nieder.

Ich weiß nicht, antwortete Fritz; der Vogel, den ich meine, hat sich lange nicht herunter gelassen. Aber wir reden vielleicht nicht vom gleichen Vogel. Willst mithalten, Vogt? man ruft zur Morgensuppe; und hiemit schob Fritz das Fenster zu.

Das ist kurz abgebunden, murrte der Vogt bei sich selbst, und schüttelte den Kopf, daß Haar und Backen zitterten. Ich werde, denk' ich, des Teufels Arbeit haben, bis das gestrige Henkerszeug den Leuten allen wieder aus dem Kopf sein wird. So sagte er zu sich selber, schenkte sich ein, trank, sagte dann wieder: Mut gefaßt! Kommt Zeit, kommt Rat! Heute ist es Samstag; die Kälber lassen sich scheren. Ich gehe ins Barthaus; da gibt sich um ein Glas Wein eins nach dem andern. Die Bauern glauben mir immer eher Zehen als dem Pfarrer ein Halbes. So sagte der Vogt zu sich selber und dann zur Frau: Füll' mir den Saublatter Schweinsblase. mit Tabak, aber nicht von meinem, nur vom Stinker; er – ist gut für die Bursche. Und wenn des Scherers Bub Wein holt, so gib ihm vom dreimal geschwefelten, und tu' in jede Maß ein halb Glas Brenz. Er ging nun fort; aber auf der Gasse, noch nahe beim Hause, besann er sich wieder, kehrte zurück, und sagte der Frau: Es könnten Schelme mitsaufen, ich muß mich in acht nehmen; schick mir vom gelbgesottenen Wasser, wenn ich zu La Cote Vin de la Côte. fordern lasse, und bring' das selber. Drauf ging er wieder fort; aber ehe er noch im Barthaus war, unter der Linde beim Schulhaus, trifft er Nickel Spitz und Joggli Rubel an.

Wo hinaus so im Sonnabendhabit, Herr Untervogt? fragte Nickel Spitz.

Vogt. Ich muß den Bart herunter haben.

Nickel. Das ist sonderbar, daß du am Samstag Morgen schon Zeit hast.

Vogt. Es ist wahr; es ist nicht so das Jahr durch.

Nickel. Nein, einmal seit langem kamst du immer Sonntags zwischen der Morgenpredigt zum Scherer.

Vogt. Ja, ein paarmal.

Nickel. Ja, ein paarmal, die letzten! Seit der Pfarrer dir deinen Hund aus der Kirche jagen ließ, kamst du ihm nicht mehr ins Gehege.

Vogt. Du bist ein Narr, Nickel, daß du so was reden magst. Man muß essen und vergessen; die Hundsjagd ist mir längst aus dem Kopf.

Nickel. Ich möchte mich nicht darauf verlassen, wenn ich Pfarrer wäre.

Vogt. Du bist nicht klug, Nickel; warum das nicht? Aber kommt in die Stube; es gibt wohl etwa einen Weinkauf oder sonst kurze Zeit.

Nickel. Du würdest dem Scherer aufwarten, wenn er in seinem Haus einen Weinkauf trinken ließ. Der Vogt, als Wirt, duldete nicht, daß in einem andern Hause als in dem seinen bei irgend einem Anlaß Wein ausgeschenkt wurde.

Vogt. Ich bin nicht halb so eigennützig; man will mir ja das Wirtschaftsrecht ganz nehmen. Aber Nickel, wir sind noch nicht da. Der, den ich meine, hat noch aufs wenigste sechs Wochen und drei Tage Arbeit, eh' er es bekömmt.

Nickel. Ich glaub' es selbst; doch ist's immer nicht die beste Ordnung für dich, daß der junge Herr seines Großvaters Glauben changiert hat.

Vogt. Ja, er hat einmal nicht völlig des Großvaters Glauben.

Nickel. Ich traue fast, er sei in keinem Punkt und in keinem von allen zwölf Artikeln mit dem Alten des gleichen Glaubens.

Vogt. Es kann sein; aber der Alte war mir in seinem Glauben ein anderer Mann.

Nickel. Ich denk' es wohl. Der erste Artikel seines Glaubens hieß: Ich glaube an dich, meinen Vogt.

Vogt. Das ist lustig; aber wie hieß denn der andere?

Nickel. Das weiß ich gerade jetzt nicht. Ich denke, er hieß: Ich glaube außer dir, meinem Vogt, keinem Menschen ein Wort.

Vogt. Du solltest Pfarrer werden, Nickel; du würdest den Katechismus nicht bloß erklären, du würdest noch einen aufsetzen.

Nickel. Das würde man mir wohl nicht zulassen. Tät' ich's, ich würde ihn so deutsch und so klar machen, daß ihn die Kinder ohne den Pfarrer verständen, und dann würde er ja natürlich nichts nütze sein.

Vogt. Wir wollen beim alten bleiben, Nickel. Es ist mir mit dem Katechismus wie mit etwas anderm; es kömmt nie etwas Besseres hintennach.

Nickel. Das ist so ein Sprichwort, das manchmal wahr ist und manchmal nicht; für dich, scheint es, trifft es diesmal ein mit dem neuen Junker.

Vogt. Es wird erst für andere nachkommen, wenn ihr ordentlich wartet. Für mich fürchte ich mich nicht so übel vor diesem neuen Herrn; es findet jeder seinen Meister.

Nickel. Das ist wahr; doch ist deine alte Zeit mit dem vorigen Sommer Man begrub im vorigen Sommer Arners Großvater. Sein Vater war viele Jahre vorher in einem Treffen in preußischen Diensten gestorben. unter dem Boden.

Vogt. Nickel, ich habe sie doch einmal gehabt; suche sie ein anderer jetzt auch.

Nickel. Das ist wahr, du hast sie gehabt; und sie war recht gut; aber wie hätte es fehlen können, da der Schreiber, der Weibel und der Vikar dir schuldig waren.

Vogt. Man redete mir das nach; aber es war deswegen nicht wahr.

Nickel. Wie magst du jetzt das sagen? Du hattest ja mit ein Paaren öffentlich Händel, daß das Geld nicht wieder zurückkommen wollte.

Vogt. Du Narr, du weißt auch gar noch alles!

Nickel. Noch viel mehr als das weiß ich noch. Ich weiß noch, wie du mit des Rudis Vater getrölt Mutwillig oder unredlich prozessiert. hast, und wie ich dich da neben dem Hundsstall unter den Strohwellen auf dem Bauche liegend vor des Rudis Fenstern antraf, als sein Anwalt eben bei ihm war. Bis um zwei Uhr am Morgen horchtest du auf deinem Bauche, was in der Stube geredet wurde. Ich hatte eben die Nachtwache, und eine ganze Woche war mir der Wein frei bei dir, damit ich schweige.

Vogt. Du bist ein Ketzer, daß du das sagst! Es ist kein Wort wahr, und du würdest schön stehen, wenn du es beweisen müßtest.

Nickel. Vom Beweisen ist jetzt nicht die Rede; aber ob es wahr sei, weißt du wohl.

Vogt. Es ist gut, daß du es einsteckst. Zurücknimmst.

Nickel. Der Teufel gab dir das in den Sinn, unter dem Stroh in tiefer Nacht zu horchen. Du hörtest alle Worte und hattest da gut, mit dem Schreiber deine eigene Aussage zu verdrehen.

Vogt. Was du auch redest!

Nickel. Was ich auch rede? Hätte der Schreiber nicht vor der Audienz Erscheinung vor dem Richter. deine Aussage verändert, so hätte der Rudi seine Matte noch, und der Wüst und der Keibacher hätten den schönen Eid nicht tun müssen.

Vogt. Ja, du verstehst den Handel, wie der Schulmeister Hebräisch.

Nickel. Wenn ich ihn nicht verstände, ich hätte ihn von dir gelernt. Mehr als zwanzigmal lachtest du mir ob deinem gehorsamen Diener, dem Herrn Schreiber.

Vogt. Ja, das wohl; aber das, was du sagst, tat er doch nicht. Sonst ist es wahr, es war ein schlauer Teufel. Tröste Gott seine Seele! Es wird nun zehn Jahre auf Michaelis, seit er unter dem Boden ist.

Nickel. Seit er hinabgefahren ist zur Hölle, wolltest du sagen.

Vogt. Das ist nicht recht; von den Toten unter dem Boden muß man nichts Böses sagen.

Nickel. Du hast recht; sonst würde ich erzählen, wie er bei Nöppis Kindern geschrieben hat.

Vogt. Er wird dir auf dem Todbette gebeichtet haben, daß du alles so wohl weißt.

Nickel. Ich weiß es einmal.

Vogt. Das beste ist, daß ich den Handel gewonnen habe. Wenn du wüßtest, daß ich denselben verloren hätte, dann wäre es mir leid.

Nickel. Nein, ich weiß wohl, daß du den Handel gewonnen hast, aber auch wie.

Vogt. Vielleicht und vielleicht nicht.

Nickel. Behüte Gott alle Menschen, die arm sind, vor der Feder.

Vogt. Du hast recht; es sollten nur Ehrenleute und wohlhabende Männer schreiben dürfen vor Audienz. Vor der richterlichen Behörde. Das wäre gewiß gut, und es wäre noch mehr gut, Nickel. Aber was machen? Man muß eben mit allem zufrieden sein, wie es ist.

Nickel. Vogt, dein weiser Spruch da mahnt mich an eine Fabel, die ich einst von einem Pilger aus dem Elsaß hörte. Dieser erzählte vor einem ganzen Tisch voll Leute, es habe ein Einsiedler in einem Fabelbuch die ganze Welt abgemalt, und er könne das Buch fast auswendig. Wir baten ihn, er möchte uns auch eine von diesen Fabeln erzählen, und da erzählte er uns eben die, an welche du mich jetzt mahnst.

Vogt. Nun, wie heißt sie denn, du Plauderer?

Nickel. Sie heißt – ich kann sie zum Glücke noch –

»Es klagte und jammerte das Schaf, daß der Wolf, der Fuchs, der Hund und der Metzger es so schrecklich quälten. Ein Fuchs, der eben vor dem Stalle stand, hörte die Klage, und sagte zum Schaf: Man muß immer zufrieden sein mit der weisen Ordnung, die in der Welt ist; wenn es anders wäre, so würde es gewiß noch schlimmer sein.«

»Das läßt sich hören,« antwortete das Schaf, »wenn der Stall zu ist; aber wenn er offen wäre, so würde es dann keine Wahrheit für mich sein.«

Daraus zog er die Lehre »es sei freilich gut, daß Wölfe, Füchse und Raubtiere da seien; aber es sei auch gut, daß man die Schafställe ordentlich zumache, und daß die guten, schwachen Tiere gegen die Raubtiere gute Hirten und Schutzhunde hätten.«

»Behüte mir Gott meine Hütte!« setzte der Pilger hinzu. Es gibt eben allenthalben viele Raubtiere und wenige gute Hirten. Heiliger Gott! du weißt, warum es so ist; wir müssen schweigen.« Seine Kameraden wiederholten: »Ja wir müssen wohl schweigen ...« und beteten dann: »Heilige Mutter Gottes! bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Absterbens, Amen!«

Es rührte uns alle, als die Pilger so beteten, sonst weiß man wohl, das: »Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!« rührt uns Reformierte nicht viel; aber jetzt rührte es uns innig.

Vogt. Ich glaub's wohl.

Nickel. Es nimmt mich wunder, daß du's glaubst.

Vogt. Warum das nicht? Eine innige Schafbarmherzigkeit muß freilich auch Schafköpfe und Schafherzen innig rühren. Aber bei dieser herzlichen Schafsmeinung müßten dann auch Wölfe und Füchse und alle Tiere dieser Art vor Hunger krepieren.

Nickel. Es wäre eben auch nicht schade um sie.

Vogt. Weißt du das so gewiß?

Nickel. Nein – ich bin ein Narr – sie müßten nicht vor Hunger krepieren; sie würden noch immer Aase und Gewild finden, und das gehört ihnen und nicht zahmes Vieh, das mit Mühe und Kosten erzogen und gehütet werden muß.

Vogt. So ließest du sie doch auch nicht ganz vor Hunger krepieren? Das ist noch viel für einen Freund der zahmen Tiere. Aber es friert mich; komm in die Stube.

Nickel. Ich kann nicht; ich muß weiter.

Vogt. Nun so behüte euch Gott, Nachbarn! auf Wiedersehen!

Er geht hinein. Rubel und Nickel bleiben noch eine Weile stehen, und Rubel sagt zum Nickel: Du hast ihm Gesalzenes aufgestellt.

Nickel. Ich wollte, es wäre noch dazu gepfeffert gewesen, daß es ihn bis morgen auf der Zunge brennte.

Rubel. Du würdest vor acht Tagen nicht so mit ihm geredet haben.

Nickel. Und er würde vor acht Tagen nicht so geantwortet haben.

Rubel. Das ist auch wahr. Er ist zahm geworden wie mein Hund, als er das erste Mal das Nasband trug.

Nickel. Wenn die Maß voll ist, so überläuft sie; das war noch immer bei einem jeden wahr, und wird es auch beim Vogt werden.

Rubel. Behüte Gott einen vor Aemtern. Ich möchte nicht Vogt sein mit seinen zwei Höfen.

Nickel. Aber wenn dir jemand einen halben anböte und den Vogtdienst dazu, was würdest du machen?

Rubel. Du Narr!

Nickel. Du Gescheiter! was würdest du machen? Gelt, du würdest dem, der dir ihn anböte, geschwind einschlagen, das Tuch mit den zwei Farben um dich wickeln, und dann Vogt sein?

Rubel. Meinst du es so?

Nickel. Ja, ich meine es so.

Rubel. Wir schwatzen die Zeit weg. Behüte Gott, Nickel!

Nickel. Behüte Gott, Rubel!

7. Er fängt eine Vogtsarbeit an.

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Da der Vogt jetzt in die Scherstube kam, grüßte er den Scherer und die Frau und die Nachbarn, ohne Husten, und ehe er sich setzte. Sonst hustete und räusperte er sich allemal vorher, und warf dann sein »Gott grüß euch!« erst dar, wenn er ausgespien und sich gesetzt hatte.

Die Bauern antworteten mit Lächeln, und setzten ihre Kappen viel schneller wieder auf den Kopf, als sie sonst taten, wenn der Herr Untervogt sie gegrüßt hatte. Er aber fing alsobald das Gespräch an. Immer gute Losung, Meister Scherer? sagte er, und so viel Arbeit, daß mich wundert, wie Ihr das alles nur so mit zwei Händen tun könnt?

Der Scherer war sonst ein stiller Mann, der auf solche Worte nicht gern antwortete; aber der Vogt hatte ihn jetzt etliche Monate nacheinander, und das allemal des Sonntags am Morgen zwischen der Predigt, mit solchen Stichelreden verdrießlich gemacht; und wie es dann geht, er wollte jetzt auch einmal antworten, und sagte: Herr Untervogt, es sollte Euch nicht wundern, wie man mit zwei Händen viel arbeiten und doch wenig verdienen kann; aber wie man mit beiden Händen nichts tun, und dabei viel Geld verdienen kann, das sollte Euch wundern.

Vogt. Ja, das ist wahr, Scherer. Du solltest es auch probieren. Die Kunst ist: man legt die Hände auf eine Art und Gattung zusammen, wie es recht ist; dann regnet es Geld zum Dach herein.

Der Scherer wagte noch mehr, und sagte: Nein, Vogt, man wickelt sie wohl unter den zweifarbigen Mantel, und sagt die drei Worte: Es ist so! bei meinem Eid: es ist so! und bei gutem Anlaß streckt man kräftig drei Finger aufwärts und zwei hinab – abrakadabraAbrakadabra, ein Wort ohne Sinn, wovon der Aberglaube sagt, daß es bei Krankheiten und in Unfällen wunderbare Wirkungen tue, wenn man es in Form eines umgekehrten Kegels auf einen Zettel schreibe, und diesen bei sich trage. – und die Säcke strotzen von Geld.

Das machte den Vogt toll, und er antwortete: Du könntest zaubern, Scherer. Aber das ist nicht anders; Leute von deinem Handwerk müssen notwendig auch Zauber- und Henkerskünste verstehen.

Das war jetzt freilich dem guten Scherer zu rund, und er bereuete es sehr, daß er sich mit dem Vogt eingelassen hatte. Er schwieg auch, ließ den andern reden, und seifte mausstill den Mann ein, der ihm saß.

Der Vogt aber fuhr tüchtig fort, und sagte: Der Scherer ist ein ausgemachter Herr; er darf unsereinem wohl nicht antworten. Er trägt ja Spitzhosen, Stadtschuhe und am Sonntag Manschetten; er hat Hände so zart wie ein Junker und Waden wie ein Stadtschreiber.

Die Bauern liebten den Scherer, hatten das auch schon gehört, und lachten nicht über des Vogtes Witz. Nur der junge Galli, der eben saß, mußte über die Stadtschreiberwaden lachen; denn er kam eben aus der Kanzlei, wo der Spaß mit den Waden just eintraf. Aber der Scherer, dem er sich unter dem Messer bewegte, schnitt ihn in die obere Lippe. Das machte die Bauern unwillig, daß alle die Köpfe schüttelten, und der alte Uli nahm die Tabakspfeife aus dem Munde, und sagte: Vogt, es ist gar nicht recht, daß du da dem Scherer Molest (Ungelegenheit) machst. Da die andern sahen, daß der alte Uli sich nicht scheute, und das laut sagte, murrten sie auch laut, und sagten: Der Galli blutet; ja wir können so dem Scherer nicht ansitzen.

Es ist mir leid, sagte der Vogt; ich will den Schaden wieder gut machen. Bub, hole drei Flaschen vom guten Wein; der heilt Wunden, ohne daß man ihn warm macht.

Sobald der Vogt vom Wein redete, verlor sich das ernste Murren der Bauern. Einige trauten zwar nicht, daß es Ernst gelte; aber Lenk, der in einer Ecke saß, löste ihnen das Rätsel, und sagte: Des Vogts Wein hat gestern auf dem Kirchhof so abgeschlagen.

Der Vogt nahm jetzt seinen Seckel voll Tabak und legte ihn auf den Tisch, und Christen, der Ständlisänger (Bänkelsänger), forderte ihm eine Pfeife voll ab. Er gab sie. Da kamen immer mehrere herbei, und die Stube war bald voll Rauch vom Stinktabak. Der Vogt aber rauchte vom bessern.

Indessen waren der Scherer und die Nachbarn immer noch still, und machten gar nicht viel Wesens. Das schien dem Meister Urias nicht gut. Er ging die Stube auf und unter, und drehte den Zeigefinger über die Nase, wie er es immer machte, wenn ihm sein Krummes nicht gerade werden wollte. »Es ist verteufelt kalt in der Stube; so in der Kälte richte ich nichts aus!« sagte er zu sich selber, ging dann zur Türe hinaus, gab der Magd einen Kreuzer, damit sie stärker einheize, und es war bald warm in der Stube.

8. Wenn man die Räder schmiert, so geht der Wagen.

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Indessen kömmt der geschwefelte Wein. – Gläser her, Meister Scherer! ruft der Vogt, und Frau und Junge bringen bald Gläser genug. Die Nachbarn nähern sich sämtlich den Weinkrügen, und der Vogt schenkt ihnen ein. Jetzt sind der alte Uri und alle Nachbarn wieder zufrieden, und des jungen Gallis Wunde ist ja nicht der Rede wert. Wäre der Narr nur still gesessen, sagten sie, so würde ihn der Scherer nicht geschnitten haben. Nach und nach geht jetzt einem jeden das Maul auf, und lautes Saufgewühl erhebt sich. Alles lobt wieder den Vogt, und der Maurer Lienhard ist jetzt am vordern Tisch ein Schlingel und am hintern ein Bettler. Da erzählt der eine, wie er sich alle Tage voll gesoffen habe, und jetzt den Heiligen mache; und der andere, wie er wohl merke, warum die schöne Gertrud und nicht der Maurer zum jungen Herrn ins Schloß gegangen sei; und wieder ein anderer, wie ihm diese Nacht von der Nase geträumt habe, die der Vogt dem Maurer nach Verdienen bald drehen werde.

Wie ein garstiger Vogel den Schnabel in den Sumpf steckt und sich von faulendem Kote nährt, so labte Hummel bei dem Gerede der Nachbarn sein arges Herz. Doch mischte er sich sehr bedachtsam und ernsthaft in das verworrene Gewühl dieser Säufer und Schwätzer. Nachbar Richter! sagte er, und reichte ihm das Glas dar, das er annimmt: Ihr wäret ja selber bei der letzten Rechnung und noch ein beeidigter Mann. Ihr wisset, daß mir damals der Maurer dreißig Gulden schuldig geblieben ist; nun ist es schon ein halbes Jahr, und er hat mir noch keinen Heller bezahlt. Ich habe das Geld auch nicht einmal von ihm gefordert, und ihm kein böses Wort gegeben; und doch kann es leicht kommen, ich verliere die Schuld bis auf den letzten Heller.

Das versteht sich, schwuren die Bauern; du wirst keinen Heller mehr von deinem Gelde sehen, und schenkten sich ein. Der Vogt aber nahm aus seinem Taschenkalender die Handschrift des Maurers, legte sie auf den Tisch, und sagte: Da könnet ihr sehen, ob es wahr ist!

Die Bauern beguckten die Handschrift, als ob sie lesen könnten, und sprachen: Das ist ein Schurke, der Maurer! Und Christen, der Ständlisänger, der bis jetzt viel und stillschweigend hinunter geschluckt hatte, wischt mit dem Rockärmel das Maul ab, steht auf, hebt sein Glas in die Höhe, und ruft: Es lebe der Herr Untervogt, und alle Kalfakter (Schmeichler, Verleumder) müssen verrecken! so ruft er, trinkt aus, hebt das Glas wieder dem dar, der einschenkt, trinkt wieder aus, und singt:

»Der, der dem andern Gruben gräbt,

Der, der dem andern Stricke legt,

Und wär' er wie der Teufel fein,

Und wär' er noch so hoch am Brett,

Er fällt, wie man zu sagen pflegt,

Am Ende in den Kot hinein,

Den Kot hinein. Juhe, Maurer, Juhe!«

9. Von den Rechten im Lande.

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Nicht so lärmend, Christen! sagte der Vogt, das nützt nichts. Es wäre mir leid, wenn dem Maurer ein Unglück begegnete. Ich verzeihe es ihm gerne, er hat es aus Armut getan; aber das ist schlimm, daß keine Rechte mehr im Lande sicher sind.

Die Nachbarn horchten steif, als er von den Rechten im Lande redete; etliche stellten sogar die Gläser beiseits, da sie von den Rechten im Lande hörten, und horchten.

Ich bin ein alter Mann, Nachbarn, und mir kann nicht viel daran liegen; ich habe keine Kinder, und mit mir ist es aus. Aber ihr habt Jungens, Nachbarn; euch muß an euern Rechten viel gelegen sein.

Ja, unsere Rechte! riefen die Bauern. Ihr seid unser Vogt; vergebt kein Haar von unsern Rechten!

Vogt. Ja, Nachbarn, es ist mit dem Wirtsrecht eine Gemeindsache, und ein teures Recht um das Wirtsrecht; wir müssen uns wehren.

Etliche wenige Bauern schüttelten die Köpfe, und sagten einander leise ins Ohr: Er hat der Gemeinde nie etwas nachgefragt; jetzt will er die Gemeinde in den Kot hinein ziehen, in dem er steckt. Aber die mehreren lärmten immer stärker, stürmten und schwuren und fluchten, daß ihnen gerade übermorgen Gemeinde sein müsse. Die Verständigern schwiegen, und sagten nur ganz still untereinander: Wir wollen dann sehen, wenn ihnen der Wein aus dem Kopfe sein wird.

Indessen trank der Vogt bedächtlich immer von seinem gesottenen Wasser, und fuhr fort, die erhitzten Nachbarn wegen ihrer Landesrechte in Sorgen zu setzen. Ihr wißt alle, sagte er zu ihnen, wie unser Altvater Rüppli vor zweihundert Jahren mit dem grausamen Ahnherrn dieses Junkers zu kämpfen hatte. Dieser alte Rüppli Rüppli war ein ehrwürdiger Altvater von Bonnal und hatte gegen einen alten Erbherrn von Arnheim sich der Gemeinde treulich angenommen, und Hab und Gut darangesetzt, daß das Dorf nicht einen Tag mehr Frondienste tragen müsse. Aber das Sprichwort, das ihm Hummel da in den Mund legt, von dem weiß kein Mensch mit Wahrheit, daß es Rüppli in seinem Leben ein einziges Mal gesagt hätte. – mein Großvater hat es mir tausendmal erzählt – hatte zu seinem liebsten Sprichworte: »Wenn die Junker den Bettlern im Dorfe höfelen (gute Worte geben), so helfe Gott den Bauern!« Sie tun das nur, damit sie die Bauern entzweien, und allein Meister seien. Nachbarn, wir müssen immer nur die Narren im Spiel sein.

Bauern. Nichts ist gewisser; wir müssen immer nur die Narren im Spiel sein.

Vogt. Ja, Nachbarn, wenn euere Gerichtsmänner nichts mehr zu bedeuten haben, dann habt ihr es gerade wie die Soldaten, denen die Hinterhut abgeschnitten ist. Der neue Junker ist fein und listig wie der Teufel. Es sähe es ihm kein Mensch an, und gewiß gibt er ohne gute Gründe keinem Menschen ein gutes Wort. Wenn ihr nur das halbe wüßtet, was ich, ich hätte dann nicht nötig zu reden; aber ihr seid doch auch nicht Stocknarren, ihr werdet wohl etwas merken, und auf eurer Hut sein.

Aebi, mit dem es der Vogt abgeredet, und dem er ein Zeichen gegeben hatte, antwortete ihm: Meinst du, Vogt, wir merken den Pfiff nicht? Er will das Wirtsrecht ins Schloß ziehen.

Vogt. Merkt ihr etwas?

Bauern. Ja, bei Gott! aber wir leiden es nicht. Unsere Kinder sollen ein Wirtshaus haben, das frei ist, wie wir es jetzt haben.

Aebi. Im Schlosse könnte er uns die Maß Wein für einen Dukaten verkaufen, und wir würden Schelme an unsern Kindern sein.

Vogt. Das ist auch zu viel geredet, Aebi; auf einen Dukaten kann er die Maß Wein doch nicht bringen.

Aebi. Ja, ja! Schmied und Wagner schlagen auf, daß es ein Grausen ist, und selber das Holz ist zehnmal teurer als vor fünfzig Jahren. Was kannst du sagen, Vogt? So wie alles im Zwang ist, muß alles steigen. Was kannst du sagen, wie hoch die Maß Wein noch kommen könnte, wenn das Schloß allein ausschenken dürfte? Er ist jetzt schon teufelsteuer wegen dem Umgeld.

Vogt. Es ist so; es ist in allem immer mehr Zwang und Hindernis, und das verteuert alles.

Ja, ja, wenn wir es leiden ... sagten die Bauern, lärmten, soffen und drohten. Das Gespräch wurde endlich wildes Gewühl eines tobenden Gesindels, das ich nicht weiter beschreiben mag.

10. Des Scherers Hund sauft Wasser zur Unzeit, und verdirbt dem Herrn Untervogt ein Spiel, das recht gut stand.

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Die meisten waren schon tüchtig besoffen, und Christen, der Ständlisänger, der neben dem Vogt saß, am stärksten. Dieser schrie einsmals: Laßt mich hervor! Der Vogt und die Nachbarn standen auf, und machten ihm Platz; aber er schwankte über den Tisch, und stieß des Vogts Wasserkrug um. Erschrocken wischt dieser, so geschwind er kann, das verschüttete Wasser vom Tisch ab, damit niemand das Verschüttete auffasse, und den Betrug merke; aber des Scherers Hund unter dem Tische war durstig, lappte das verschüttete Wasser vom Boden, und unglücklicherweise sah es ein Nachbar, der wehmütig nach dem guten Wein unter dem Tische guckte, den Hektor aufleckte. Er rief dem Vogt: Wunder und Zeichen, Vogt! Seit wann saufen die Hunde Wein?

Du Narr, seit langem! antwortete der Vogt, winkt ihm mit der Hand und mit dem Kopfe, und stößt ihn mit den Füßen unter dem Tisch, daß er doch schweige. Auch dem Hunde gibt er einen Stoß, daß er anderswo hingehe; aber der verstand den Befehl nicht, denn er gehörte dem Scherer. Er gab Laut, murrte, und leckte dann ferner das verschüttete Wasser vom Boden. Der Untervogt aber erblaßte über diesem Saufen des Hundes; denn es guckten immer mehr Nachbarn unter den Tisch. Man stieß bald an allen Ecken die Köpfe zusammen, und zeigte auf den Hund. Des Scherers Frau nahm jetzt sogar die Scherben des zerbrochenen, Kruges vom Boden auf an die Nase, und da sie nach Wasser rochen, schüttelte sie mächtig den Kopf, und sagte laut: Das ist nicht schön!

Nach und nach murmelten die Bauern an allen Ecken: Dahinter steckt was! Und der Scherer sagte dem Vogt unter die Nase: Vogt, dein schöner Wein ist gesottenes Wasser. – Ist das wahr? riefen die Bauern. Was Teufels ist das, Vogt? warum saufest du Wasser?

Betroffen antwortete der Vogt: Es ist mir nicht recht wohl; ich muß mir schonen. Aber die Bauern glaubten der Antwort nicht, und links, und rechts murmelte je länger je mehr alles: Es geht hier nicht recht zu! Ueberdies klagten jetzt noch einige, es schwindle ihnen von dem Wein, den sie getrunken hätten, und dies sollte von so wenigem nicht sein. Die zwei vornehmsten aber, die da waren, standen auf, gaben dem Scherer den Lohn, sagten: Behüte Gott, Nachbarn! und gingen gegen die Stubentüre.

So einsmals, ihr Herren! Warum so einsmals aus der Gesellschaft? rief ihnen der Vogt.

Wir haben sonst zu tun, antworteten die Männer und gingen fort.

Der Scherer begleitete sie außer die Stube, und sagte zu ihnen: Ich wollte lieber, der Vogt wäre gegangen. Das ist kein Stücklein, bei dem er es gut meint, weder mit dem Wein noch mit dem Wasser.

Wir glauben es auch nicht; sonst würden wir noch dasitzen, antworteten die Männer.

Scherer. Und dieses Saufgewühl kann ich nicht leiden.

Die Männer. Du hast keine Ursache, und du könntest noch in Ungelegenheit kommen. Wenn ich an deiner Seite wäre, setzte der Aeltere hinzu, ich bräche selber ab.

Ich darf nicht wohl, antwortete der Scherer.

Es ist nicht mehr die alte Zeit, und du bist doch in deiner Stube etwa noch Meister, sagten die Männer.

Ich will euch folgen, sagte der Scherer, und ging wieder in seine Stube.

Wo fehlt es diesen Herren, daß sie so plötzlich aufbrechen? fragte der Vogt.

Der Scherer antwortete: es ist mir eben wie ihnen; so ein Gewühl ist nicht artig, und mein Haus ist gar nicht dafür.

Vogt. Aha, ist das die Meinung?

Scherer. Ja, wahrlich, Herr Untervogt! Ich habe gern eine ruhige Stube.

Dieser Streit aber gefiel den Ehrengästen nicht wohl. Wir wollen stiller sein, sagte der eine; wir wollen recht tun, sagte der andere; immer gut Freund sein ist Meister, ein dritter; Vogt noch einen Krug! sagte Christen.

Ja, Nachbarn, ich habe auch eine Stube; wir können den Herrn Scherer gar wohl in Ruhe lassen, sagte der Vogt.

Das wird mir lieb sein, antwortete der Scherer.

Aber die Gemeindesache ist vergessen und das teure Wirtsrecht, Nachbarn, sagte noch durstig Aebi der ältere.

Mir nach, wer nicht falsch ist! rief drohend der Vogt, murrte Donner und Wetter, blickte wild umher, sagte zu niemand »Behüte Gott,« und schlug die Tür hinter sich zu, daß die Stube zitterte.

Das ist unverschämt! sagten viele Bauern. Das ist nicht richtig, sagte der jüngere Meier; ich einmal gehe nicht in des Vogts Haus. Ich auch nicht! antwortete Läupi. Nein, der Teufel, ich auch nicht! ich denke an gestern morgen, sagte der Renold. Ich stand zunächst bei ihm und bei Arner, und ich sah wohl, wie es gemeint war.

Die Nachbarn sahen einander an, was sie tun wollten; aber die meisten setzten sich wieder und blieben. Nur Aebi und Christen und noch ein paar Lumpen nahmen des Vogts leere Flaschen vom Tische unter den Arm, und gingen ihm nach.

Dieser aber sah jetzt aus seinen Fenstern nach der Gasse, die in des Scherers Haus führte, und als ihm lange niemand nachkam, war er über sich selber zornig. Das ich ein Ochs bin, ein lahmer Ochs! Es ist bald Mittag, und ich habe nichts ausgerichtet. Der Wein ist gesoffen, und jetzt lachen sie mich noch aus; ich habe mit ihnen geplappert wie ein Kind, das noch saugt, und mich herabgelassen, wie einer ihresgleichen. Ja, wenn ich es mit diesen Hundekerls im Ernst gut meinte; wenn das, was der Gemeinde nützlich ist, auch mir lieb und recht wäre; oder wenn ich mich zuletzt nur äußerlich mehr gestellt hätte, als ob ich es gut mit ihr meine, dann wäre es angegangen. So eine Gemeinde tanzt im Augenblick nach eines Gescheiten Pfeife, wenn sie denkt, daß man es gut meine. Aber die Zeiten waren gar zu gut für mich. Unter dem Alten fragte ich der Gemeinde oder einem Geißbocke ungefähr gleich viel auch. So lange ich Vogt bin, war es meine Lust und meine Freude, sie immer nur zu narren, zu beschimpfen und zu meistern, und eigentlich hab' ich gut im Sinn, es noch ferner zu tun; aber darum muß und soll ich sie auch tüchtig drei Schritte vom Leibe halten. Das Händedrücken, das Herablassen, das Rathalten mit jedermann, das Freundlichtun wie ein »Aller-Leute-Schwager« geht nicht mehr an, wenn man einen zu wohl kennt. Unsereiner muß still und allein für sich handeln, die Leute brauchen, die er kennt, und die Gemeinde Gemeinde sein lassen. Ein Hirt berät sich nicht mit den Ochsen; und doch war ich heute Narr genug, und wollte es tun.

Indessen kamen die Männer mit den leeren Flaschen.

Seid ihr allein? wollten die Hunde nicht mit? fragte der Vogt.

Nein, kein Mensch, antwortete Aebi.

Vogt. (Spottend.) Daran liegt viel.

Christen. (Ebenfalls spottend.) Ja, recht viel; ich denke es auch. Vogt. Doch ich möchte gern wissen, was sie jetzt miteinander schwatzen und raten. Christen geh', und suche noch mehr Flaschen.

Christen. Es sind keine mehr da.

Vogt. Du Narr, das ist gleichviel; geh' nur und suche. Wenn du nichts findest, so laß dich scheren, oder laß zur Ader; und warte, und horche auf alles, was sie erzählen. Ueberbringst du mir vieles, so sauf ich mit dir bis an den Morgen. – Und du, Löli! du mußt zu des Maurers älterem Gesellen, dem Joseph, gehen; aber sieh, daß dich niemand merkt. Du mußt ihm sagen, daß er in der Mittagsstunde zu mir komme.

Noch ein Glas Wein auf den Weg! mich dürstet, sagte Löli. Ich will dann laufen wie ein Jagdhund, und im Blitz wieder da sein.

Gut! sagte der Vogt, und gab ihnen noch eins auf den Weg.

Da gingen diese, und die Vögtin stellte den zwei andern auch Wein hin zu trinken.

11. Wohl überlegte Schelmenprojekte.

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Der Vogt aber ging staunend in seine Nebenstube, und beratschlagte mit sich selber, wie er es anstellen wolle, wenn Joseph kommen werde.

Falsch ist er, darauf kann ich zählen, und schlau wie der Teufel. Es stehen viele Taler, die er versoffen, auf seines Meisters Rechnung; aber mein Begehren ist rund. Er wird sich fürchten, und mir nicht trauen – es läutet schon Mittag – ich will ihm bis zehn Taler bieten; innert drei Wochen fällt der ganze Bestich (der Anwurf) vom Turm herunter, wenn er tut, was ich will. Zehn Taler sollen mich nicht reuen, sagte der Vogt. Da er so mit sich selber redet, kömmt Löli und hinter ihm Joseph. Sie kamen nicht miteinander, damit man destoweniger Verdacht schöpfe.

Gott grüß dich, Joseph! Weiß dein Meister nicht, daß du hier bist?

Der Joseph antwortete: Er ist noch im Schloß; aber er wird auf den Mittag wieder kommen. Wenn ich nur um ein Uhr wieder auf der Arbeit sein werde, so wird er nichts merken.

Gut! ich habe mit dir zu reden, Joseph, und wir müssen allein sein, sagte der Vogt; führte ihn dann in die hintere Stube, schloß die Türe zu, und stieß den einen Riegel. Es standen Schweinefleisch, Würste, Wein und Brot auf dem Tische. Der Vogt nahm zwei Stühle, stellte sie zum Tisch, und sagte zu Joseph: Du versäumst dein Mittagsessen; halt's mit, und setze dich!

Das läßt sich tun, antwortete Joseph, setzte sich hin, und fragte den Vogt: Herr Vogt, sag' Er, was will Er? Ich bin zu Seinen Diensten. Der Vogt antwortete: Auf dein Wohlsein, Joseph! Trink eins! Und dann wiederum: Versuch diese Würste; sie sollen gut sein. Warum greifst du nicht zu? Du hast ja sonst teure Zeit genug bei deinem Meister.

Joseph. Das wohl; aber es wird doch jetzt besser kommen, wenn er Schloßarbeit kriegt.

Vogt. Du bist ein Narr, Joseph. Du solltest dir wohl einbilden, wie lange das gehen möchte. Ich wollte es ihm gerne gönnen; aber er ist nicht der Mann zu so etwas. Er hat auch noch nie ein Hauptgebäude gehabt; aber er verläßt sich auf dich, Joseph.

Joseph. Das kann sein; es ist so was.

Vogt. Ich habe es mir wohl eingebildet, und darum mit dir reden wollen. Du könntest mir einen großen Gefallen tun.

Joseph. Ich bin zur Aufwart, Herr Untervogt. Auf Sein gut Wohlsein!

Es soll dir gelten, Maurer, sagte der Vogt; legt ihm wieder Würste vor, und fährt fort: Es wäre mir lieb, daß das Fundament der Kirchenmauer von gehauenen Steinen aus dem Schwendibruch gesetzt würde.

Joseph. Potzblitz, Herr Vogt! das geht nicht an; Er versteht das noch nicht. Dieser Stein ist hiezu nicht gut, und zum Fundament taugt er gar nicht.

Vogt. O der Stein ist nicht so schlimm; ich habe ihn schon gar zu viel brauchen sehn; er ist, bei Gott! gut, Joseph; und mir geschähe ein großer Gefallen, wenn diese Steingrube wieder eröffnet würde.

Joseph. Vogt, es geht nicht an.

Vogt. Ich will dankbar sein für den Dienst, Joseph.

Joseph. Die Mauer ist innert sechs Jahren faul, wenn sie aus diesem Stein gemacht wird.

Vogt. Ach, ich mag davon nichts hören; das sind Narrheiten.

Joseph. Bei Gott! es ist wahr. Es sind am Fundament zwei Miststätten und ein ewiger Ablauf von Ställen. Der Stein wird abfaulen wie ein tannenes Brett.

Vogt. Und dann zuletzt, was fragst du danach, ob die Mauer in zehn Jahren noch gut ist? Du wirst fürchten, der Schloßherr vermöge alsdann keine neue mehr. Tust du, was ich sage, so hast du ein großes, recht großes Trinkgeld zu erwarten.

Joseph. Das ist wohl gut; aber wenn der Junker es selber merkte, daß der Stein nichts nütze ist?

Vogt. Wie sollte er das verstehen? Davon ist keine Rede.

Joseph. Er weiß in gewissen Sachen viel mehr, als man glauben sollte. Du kennst ihn aber besser als ich.

Vogt. Ach, das versteht er nicht.

Joseph. Ich glaube es zuletzt selbst nicht. Der Stein ist dem Ansehen nach sehr schön, und zu anderer Arbeit vortrefflich gut.

Vogt. Gib mir deine Hand darauf, daß der Meister die Steine aus diesem Bruche nehmen muß. Tut er es, so kriegst du fünf Taler Trinkgeld.

Joseph. Das ist viel. Wenn ich es nur schon hätte!

Vogt. Es ist mir, bei Gott! ernst; ich zahle dir fünf Taler, wenn er es tut.

Joseph. Nun, da hat Er mein Wort, Herr Vogt. (Er streckt ihm die Hand dar, und verspricht es ihm in die Hand.) Es soll so sein, Herr Vogt, wie geredt! Was schere ich mich um den Herrn im Schloß!

Vogt. Noch ein Wort. Joseph! Ich habe ein Säckchen voll Zeug von einem Herrn aus der Apotheke. Es soll gut sein, daß der Bestich an den Mauern halte wie Eisen, wenn man es unter den Kalk mischt. Aber wie ist es mit diesen Spitzhöslerkünsten? Spitzhösler sagen die Schweizerbauern zu den Herren, weil sie nicht so große, weite Hosen tragen, wie sie. Man darf ihnen eben nicht ganz trauen, und ich möchte es darum lieber an einem fremden Bau als an meinem eigenen versuchen.

Joseph. Das kann ich schon; ich will es an eines Nachbars Ecke probieren.

Vogt. Das Probieren an einer Ecke, so im kleinen, ist nie etwas nütze. Man irrt sich dabei, wenn es gerät, und wenn es fehlt; man darf nie trauen, und ist nie sicher, wie es dann im großen kömmt. Ich möchte es am ganzen Kirchturm probieren, Joseph; ist das nicht möglich?

Joseph. Braucht es viel solcher Ware unter den Kalk?

Vogt. Ich glaube, auf ein Fäßchen nur ein paar Pfunde.

Joseph. Dann ist es gar leicht.

Vogt. Willst du mir's tun?

Joseph. Ja freilich.

Vogt. Und schweigen, wenn es fehlt?

Joseph. Es kann nicht übel fehlen, und natürlich schweigt man.

Vogt. Du holst die Ware allemal bei mir ab und ein Glas Wein dazu.

Joseph. Ich werde nicht ermangeln, Herr Untervogt. Aber ich muß fort; es hat ein Uhr geschlagen. (Er nimmt das Glas.) Zur schuldigen Dankbarkeit, Herr Untervogt!

Vogt. Du hast nichts zu danken, wenn du Wort hältst, so kriegst du fünf Taler.

Es soll nicht fehlen, Herr Untervogt, sagt Joseph; steht auf, stellt seinen Stuhl in eine Ecke, und sagt dann: Es muß sein, Herr Untervogt! schuldigen Dank! und trinkt jetzt das letzte.

Vogt. Nun, wenn es sein muß, so behüte Gott, Joseph! Es bleibt bei der Abrede.

Da ging Joseph, und sagte im Gehen zu sich selber: Das ist ein sonderbares Begehren mit den Steinen, und noch ein sonderbareres mit der Ware in den Kalk.

Man probiert so etwas nicht am ganzen Kirchturm.

Aber einmal das Trinkgeld soll mir nicht entwischen; das, meine ich, sei richtig. Ich mag es dann tun oder nicht.

Das ist gut gegangen, recht gut! sagte der Vogt zu sich selber, besser als ich geglaubt habe, und noch um den halben Preis. Ich hätte ihm zehn Taler versprochen wie fünfe, wenn er den Handel verstanden hätte. Wie es mich freut, daß der Handel in Ordnung ist! Nein, nein, man muß den Mut nie fallen lassen. Wäre nur auch die Mauer schon außer dem Boden! Geduld! am Montag brechen sie schon Steine dazu. O du guter Maurer! deine Frau hat dir ein böses Fressen gekocht; und du meinst, du sitzest oben auf den Thron.

12. Haushaltungsfreuden

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Der Maurer Lienhard, der am Morgen früh ins Schloß gegangen war, war nun auch wieder zurück und bei seiner Frau.

Diese hatte geeilt, ihre Samstagarbeit zu vollenden, ehe ihr Mann wieder zurückkomme.

Sie hatte die Kinder gekämmt, ihnen die Haare geflochten, ihre Kleider durchgesehen, die kleine Stube gereiniget, und während der Arbeit ihre Lieben ein Lied gelehrt.

Das müßt ihr dem lieben Vater singen, wenn er heimkömmt, sagte sie den Kindern; und die Kinder lernten gern, was den Vater freuen könnte, wenn er heim käme. Mitten in ihrer Arbeit, ohne Mühe, ohne Versäumnis, ohne Buch sangen sie es der Mutter nach, bis sie es konnten. Und da der Vater jetzt heimkam, grüßte ihn die Mutter, und sang dann, und alle Kinder sangen mit ihr:

»Der du von dem Himmel bist,

Kummer, Leid und Schmerzen stillest,

Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung füllest –

Ach ich bin des Umtriebs müde, Müde von Unruhe und Begierden, von Hoffnung und Sorgen, immer ohne feste innere Zufriedenheit umhergetrieben zu werden.

Bangen Schmerzens, wilder Lust! –

Süßer Friede,

Komm, ach komm in meine Brust!«

Eine Träne schoß Lienhard ins Auge, da die Mutter und die Kinder alle so heiter und ruhig ihm entgegen sangen. Daß euch Gott segne, ihr Lieben! daß dich Gott segne, du Liebe! sagte er mit inniger Bewegung zu ihnen.

Lieber! antwortete Gertrud, die Erde ist ein Himmel, wenn man Friede sucht, recht tut, und wenig wünscht.

Lienhard. Wenn ich eine Stunde diesen Himmel des Lebens, den Frieden im Herzen genießen kann, so hast du mir ihn gegeben. Bis in den Tod will ich dir danken, daß du mich rettetest, und diese Kinder werden es dir danken, wenn du einst gestorben sein wirst. O Kinder, tut doch immer recht, und folget eurer Mutter, so wird es euch wohl gehen!

Gertrud. Du bist doch auch gar herzlich heute.

Lienhard. Es ist mir auch gut gegangen bei Arner.

Gertrud. Ach gottlob, mein Lieber!

Lienhard. Das ist doch auch ein Mann, der seinesgleichen nicht hat. Frau, daß ich doch so ein Kind war, und nicht zu ihm gehen durfte!

Gertrud. Daß wir immer auch so hintennach klug werden, mein Lieber! Aber erzähle du mir auch, wie es dir bei ihm gegangen.

13. Beweis, daß Gertrud ihrem Manne lieb war.

Inhaltsverzeichnis

Gertrud setzte sich neben Lienhard, indem sie einen Strumpf zum Stricken in die Hand nahm, und Lienhard sagte hierauf zu ihr: Wenn du dich so setzest wie am Sonntag Abend zu deiner Bibel, so werde ich dir wohl erzählen müssen.

Gertrud. Alles, alles, du Lieber, mußt du mir erzählen.

Lienhard. Ja, ich werde jetzt noch so alles wissen! Aber aha, mein Trutscheli! es ist Samstag, du hast nicht so gar lang Zeit.

Gertrud lacht: Tu deine Augen auf! Lienhard sieht sich um: Aha bist du schon fertig?

Lise (zwischenein). Sie hat recht geeilt, Vater. Ich und Enne halfen ihr aufräumen. Ist das nicht recht?

Wohl, es ist mehr als recht, antwortete der Vater. Aber fange jetzt einmal an zu erzählen, sagte Gertrud.

Und Lienhard: Arner fragte sogar nach meines Vaters Namen, nach der Gasse, wo ich wohne, und nach der Nummer meines Hauses.

Gertrud. O du erzählst nicht recht, Lienhard; ich weiß, er hat nicht so angefangen.

Lienhard. Warum nicht, du Schnabel? wie denn anders?

Gertrud. Du hast ihn zuerst gegrüßt, und er hat dann gedankt. Wie habt ihr das gemacht?

Lienhard. Du Hexli! du hast doch recht; ich habe nicht von vorne angefangen.

Gertrud. Gelt Lieni?

Lienhard. Nun, er fragte mich, so bald er mich sah, ob ich ihn nicht mehr fürchte. Ich bückte mich so tief und so gut ich konnte, und sagte: Verzeiht mir, gnädiger Herr! Er lachte, und ließ mir gleich einen Krug Wein vorsetzen.

Gertrud. Nun, das ist doch wirklich ein ganz anderer Anfang. Warst du sein bald fertig mit dem Krug? Ohne Zweifel!

Lienhard. Nein, Frau; ich tat so züchtig wie eine Braut, und ich wollte ihn nicht anrühren; aber er verstand es anders. Ich weiß wohl, daß du den Wein auch kennst; schenk dir nur ein, sagte er. Ich tat es, aber sachte, und trank auf sein Wohlsein. Aber er sah mich so steif an, daß mir das Glas am Munde zitterte.

Gertrud. Das gute Gewissen, Leni! das kam dir jetzt eben in die Finger. Aber du hast dich vom Schrecken doch wieder erholt?

Lienhard. Ja, und das recht bald. Er war gar liebreich, und sagte: Es ist ganz natürlich, daß ein Mann, der stark arbeitet, gerne ein Glas Wein trinkt; es ist ihm auch wohl zu gönnen. Aber das ist ein Unglück, wenn einer, anstatt sich mit einem Glas Wein zu erquicken, beim Wein ein Narr wird, und nicht mehr an Weib und Kind denkt und an seine alten Tage. Das ist ein Unglück, Lienhard! Frau, es ging mir ein Stich ins Herz, als er das sagte; doch faßte ich mich und antwortete: Ich sei in so unglückliche Umstände verwickelt gewesen, daß ich mir in Gottes Namen nicht mehr zu helfen gewußt hätte, und ich hätte – weiß Gott – in der Zeit kein Glas Wein mit freudigem Herzen getrunken.

Gertrud. Hast du doch das herausbringen können?

Lienhard. Wenn er nicht so liebreich gewesen wäre, so hätte ich es gewiß nicht gekonnt.

Gertrud. Was sagte er noch weiter?

Lienhard. Es sei ein Unglück, daß die meisten Armen in ihrer Not mit Leuten anbänden, die sie fliehen sollten wie die Pest. – Ich mußte jetzt einmal seufzen. Ich glaube, er merkte es; denn er fuhr mitleidig fort: »Wenn man es den guten Leuten nur auch beibringen könnte, ehe sie es mit ihrem Schaden lernen! Der Arme ist halb errettet, wenn er nur keinem Blutsauger unter die Hände fällt.« – Bald hernach fing er wieder an, und sagte: »Es geht mir ans Herz, wenn ich denke, wie viele Arme sich oft im abscheulichsten Elend aufzehren, und nicht den Verstand und das Herz haben, ihre Umstände an einem Ort zu entdecken, wo man ihnen herzlich gerne helfen würde, wenn man nur recht wüßte, wie sich die Sachen verhalten. Es ist vor Gott nicht zu verantworten, wie du dich Jahr und Tag vom Vogt hast herumschleppen lassen, und wie du Weib und Kind so in Unruhe und Gefahr setzen konntest, ohne auch nur ein einziges Mal mich um Rat und Hilfe zu bitten, Maurer, denke nur auch, wenn deine Frau nicht mehr Herz und Verstand gehabt hätte als du, wo es am Ende mit deinen Sachen hinausgelaufen wäre.«

Gertrud. Das alles hat er gesagt, ehe er der Hausnummer nachgefragt hat?

Lienhard. Du hörest es jawohl.

Gertrud. Du hast mir es mit Fleiß nicht sagen wollen, du – !

Lienhard. Es wäre, denk' ich, wohl das gescheiteste gewesen; du wirst mir sonst noch gar zu stolz, daß du so viel Herz gehabt hast.

Gertrud. Meinst du, Hausmeister? Ja, ja, einmal auf diesen Streich werde ich mir etwas einbilden, so lange ich lebe, und so lange es uns wohl tun wird. Aber was sagte Arner noch weiter?

Lienhard. Er nahm mich wegen dem Bau ins Examen. Es war gut, daß ich noch nicht alles vergessen hatte. Ich mußte ihm alles beim Klafter ausrechnen, und die Fuhren von Kalk und Sand aufs Pünktchen ausspitzen.

Gertrud. Bist du um keine Null verirrt im Rechnen?

Lienhard. Nein, diesmal nicht, du Liebe.

Gertrud. Gottlob!

Lienhard. Jawohl gottlob!

Gertrud. Ist jetzt alles in Ordnung?

Lienhard. Ja, recht schön ist es in der Ordnung. Rate, wie viel hat er mir vorgeschossen? (Er klingelt mit den Talern im Sack, und sagt:) Gelt, es ist zu lang, daß ich nicht so geklingelt habe? Gertrud seufzt.

Lienhard. Seufze du jetzt nicht, du Liebe! Wir wollen hausen und sparen, und wir werden jetzt gewiß nicht mehr in die alte Not kommen.

Gertrud. Ja, Gott im Himmel hat uns geholfen.

Lienhard. Und noch mehr Leuten im Dorf mit uns. Denke, er hat zehn arme Hausväter, die gewiß alle sehr in der Not sind, zu Tagelöhnern bei diesem Bau angenommen; und er gibt jedem des Tages 25 Kreuzer. Du Liebe! du hättest sehen sollen, mit was für Sorgfalt er die Leute ausgewählt hat.

Gertrud. O sage mir doch das recht.

Lienhard. Ja, wenn ich es jetzt noch so wüßte.

Gertrud. Besinne dich ein wenig.

Lienhard. Nun denn! Er fragte allen armen Hausvätern nach, wie viel Kinder sie hätten, wie groß sie wären, was für Verdienst und Hilfe sie hätten; dann suchte er die verdienstlosesten und die, welche am meisten unerzogene Kinder hatten, heraus, und sagte zweimal zu mir: Wenn du jemanden kennest, der wie du im Drucke ist, so sage es mir. Ich nannte vor allen den Hübel-Rudi; und der hat jetzt für ein Jahr gewiß Verdienst.

Gertrud. Es ist brav, daß du den Rudi deine Erdäpfel nicht hast entgelten lassen.

Lienhard. Ich könnte keinem Armen etwas nachtragen, Frau; und diese Haushaltung ist erschrecklich elend. Ich habe den Rudi erst vor ein paar Tagen wieder bei der Grube angetroffen, und ich tat, als ob ich ihn nicht sehe. Es ging mir ins Herz; er sieht aus wie Teurung und Hunger, und wir hatten doch in Gottes Namen zuletzt noch immer zu essen.

Gertrud. Das ist wohl gut, du Lieber; aber das Stehlen hilft nicht im Elend, und der Arme, der es tut, kömmt dadurch nur doppelt in die Not.

Lienhard. Freilich; aber beim nagenden Hunger Eßwaren vor sich zu sehen, und wissen, wie viel davon in den Gruben verfaulen muß, und wie selber alles Vieh davon genug hat, und sie dann doch liegen lassen und sie nicht anrühren – o Liebe! wie viel braucht es dazu?

Gertrud. Es ist gewiß schwer, aber ebenso gewiß muß der Arme es können, oder er ist unausweichlich höchst unglücklich.

Lienhard. O Liebe! wer würde in seinem Falle es tun? Wer will es von ihm fordern?

Gertrud. Gott, der es von dem Armen fordert, gibt ihm Kraft, es zu tun, und bildet ihn durch den Zwang, durch die Not und durch die vielen Leiden seiner Umstände zu der großen Ueberwindung, zu der er aufgefordert ist. Glaube mir, Lienert, Gott hilft dem Armen so im Verborgenen, und gibt ihm Stärke und Verstand zu tragen, zu leiden und auszuhalten, was fast unglaublich scheint. Wenn's dann durchgestritten, wenn das gute Gewissen bewahrt ist, Lienert, dann ist ihm himmelwohl, viel besser als allen, welche nicht Anlaß hatten, so viel zu überwinden.

Lienhard. Ich weiß es, Gertrud, an dir weiß ich es; ich bin auch nicht blind. Ich sah es oft, wie du in der größten Not auf Gott trautest, und zufrieden warst; aber wenige Menschen sind im Elend wie du, und viele sind wie ich, bei dem Drange der Not und des Elends sehr schwach. Darum denke ich immer, man sollte mehr tun, um allen Armen Arbeit und Brot zu verschaffen; ich glaube, sie würden dann alle auch besser sein, als sie jetzt in der Verwirrung ihrer Not und ihres vielen Jammers sind.

Gertrud. O Lieber! das ist bei weitem nicht so. Wenn es nichts als Arbeit und Verdienst brauchte, die Armen glücklich zu machen, so würde bald geholfen sein; aber das ist nicht so. Bei Reichen und bei Armen muß das Herz in Ordnung sein, wenn sie glücklich sein sollen; und zu diesem Zwecke kommen die weit mehreren Menschen eher durch Not und Sorgen als durch Ruhe und Freuden. Gott würde uns sonst wohl gerne lauter Freuden gönnen. Da aber die Menschen Glück und Ruhe und Freuden nur alsdann ertragen können, wenn ihr Herz zu vielen Ueberwindungen gebildet, standhaft, stark, geduldig und weise ist; so ist offenbar notwendig, daß viel Elend und Not in der Welt sein muß. Denn ohne das kömmt bei wenigen Menschen das Herz in Ordnung und zu innerer Ruhe, und wo das mangelt, ist es gleichviel, der Mensch mag Arbeit haben oder nicht, er mag Ueberfluß haben oder nicht. Der reiche, alte Meier hat, was er will, und steckt alle Tage im Wirtshause; dabei ist er aber nicht glücklicher als der arme Wächter, der es nicht hat, und der, obgleich er auch alle Tage dürstet, dennoch nur dann und wann ein Glas Wein in seinem Winkel findet.

Lienhard seufzte, und Gertrud schwieg auch eine Weile. Dann sagte sie: Hast du auch nachgesehen, ob die Gesellen arbeiten? Ich muß dir sagen: der Joseph ist heute wieder ins Wirtshaus geschlichen.

Lienhard. Das ist verdrießlich. Gewiß hat ihn der Vogt kommen lassen; er hat sich eben gar sonderbar aufgeführt. Ich bin, ehe ich heimkam, bei ihnen auf der Arbeit gewesen; und wenn er eben aus dem Wirtshaus gekommen ist, so macht mir das, was er gesagt hat, Unruhe, und es ist dann nicht aus seinem Hafen.

Gertrud. Was ist es denn?

Lienhard. Er sagte: Der Stein aus dem Schwendibruch wäre so vortrefflich zur Kirchenmauer. Und da ich ihm antwortete: Die großen Feldkiesel, die in Menge da herum liegen, seien viel besser, sagte er: ich wolle immer ein Narr bleiben, und meine Sachen nie recht anstellen. Die Mauer werde von den Schwendisteinen viel schöner und ansehnlicher werden. Ich dachte eben, er sage das so aus guter Meinung; doch hat er so plötzlich von dem Stein angefangen, daß es mich schon da sonderbar dünkte. Und wenn er beim Vogt gewesen ist, so steckt gewiß etwas dahinter. Der Schwendistein ist mürbe und sandig, und zu dieser Arbeit gar nichts nütze. Wenn das eine Fuchsfalle wäre?

Gertrud. Joseph ist nicht durch und durch gut; nimm dich in acht!

Lienhard. Da fangen sie mich nicht. Der Junker will keine Sandsteine an der Mauer haben.

Gertrud. Warum das?

Lienhard. Er sagte, weil unten an der Mauer Miststätten und Abläufe von Ställen seien, so würde der Sandstein faulen und vom Salpeter angefressen werden.

Gertrud. Ist das wahr?

Lienhard. Ja. Ich habe selbst einmal in der Fremde an einem Gebäude gearbeitet, da man das ganze Fundament, das von Sandsteinen war, wieder hat wegnehmen müssen.

Gertrud. Daß er das so versteht!

Lienhard. Ich verwundere mich selber; aber er versteht es vollkommen. Er fragte mich auch, wo der beste Sand sei, und ich antwortete: im Schachen bei der untern Mühle. Das ist sehr weit zu führen und bergan, antwortete er. Man muß Leute und Vieh schonen. Weißt du keinen, der näher wäre? Ich sagte, es sei gerade oben an der Kirche sehr reiner Sand im Mattenbühl; aber es sei eigentümliches Land. Man müßte die Grube zahlen, und könnte nicht anders als durch Matten fahren, wo man einen Abtrag würde tun müssen. Das schadet nichts; es ist besser als Sand aus dem Schachen herauf holen. Ja, ich muß dir noch etwas erzählen. Eben da er vom Sand redete, meldete der Knecht den Junker von Oberhofen. Ich glaubte, ich müßte jetzt sagen, ich wollte ihn nicht aufhalten und ein andermal kommen; aber er lachte und sagte: Nein, Maurer! ich mache gern eine Arbeit aus; und erst, wenn ich fertig bin, sehe ich, wer weiter etwas mit mir wolle. Du kommst mir eben recht mit deinem »Abschied nehmen;« es gehört zu deiner alten Ordnung, so liederlich bei jedem Anlaß Geschäfte und Arbeit liegen zu lassen; und diese muß aufhören. Ich kratzte hinter den Ohren, Frau, und dachte bei mir selber: »Hätte ich nur auch mit meinem ›Einandermal kommen‹ geschwiegen!«

Es hat dir auch etwas gehört, sagte Gertrud; und eben rief jemand vor der Türe: Holaho! Ist niemand daheim?

14. Niedriger Eigennutz.

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Der Maurer machte die Türe auf, und die Schnabelgritte, des Sigristen (Küster, Metzner) Sohnsfrau, des Vogts Nichte, die Tochter seines seligen Bruders, kam in die Stube. Nachdem sie den Maurer und die Frau gegrüßt, dabei aber den Mund nur ein wenig aufgetan hatte, sagte sie zu ihm: Du wirst jetzt wohl nicht mehr unsern schlechten Ofen bestreichen wollen, Lienhard?

Lienhard. Warum denn nicht, Frau Nachbarin? Fehlt etwas daran?

Gritte. Nein, jetzt gar nicht; ich wollte nur in der Zeit fragen, damit ich in der Not wisse, woran ich sei.

Lienhard. Du bist sorgfältig, Gritte; es hätte aber übel fehlen können.

Gritte. Ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Leute.

Lienhard. Das ist wohl wahr; aber Leute zum Bestreichen der Oefen findet man doch immer.

Gritte. Das ist eben der Vorteil.

Gertrud, die bis jetzt geschwiegen hatte, nimmt das Brotmesser von der Wand, und schneidet von einem altgebackenen Roggenbrot zur Nachtsuppe ab.

Das ist Schwarzbrot, sagte Gritte. Es gibt jetzt aber bald besseres, da dein Mann Herr Schloßmaurer geworden ist.

Tu bist närrisch, Gritte. Ich will Gott danken, wenn ich mein Lebtag genug solches habe, sagte Gertrud.

Und Gritte wiederum: Weißes Brot ist doch besser; und wie sollte es fehlen? Du wirst noch Frau Untervögtin, und dann dein Mann vielleicht Herr Untervogt; aber es würde uns dabei übel gehen.

Lienhard. Was willst du mit dem Sticheln? Ich habe das nicht gern; gerade heraus ist Meister, wenn man etwas hat, das man sagen darf.

Gritte. Ha, Maurer! das darf ich, wenn es sein muß. Mein Mann ist doch auch des Sigristen Tochtermann; und es ist, so lange die Kirche steht, nie erhört worden, daß, wenn es Arbeit daran gegeben hat, des Sigristen seine Leute nicht den Vorzug gehabt hätten.

Lienhard. Und jetzt, was weiter?

Gritte. Ja, und jetzt – eben jetzt hat der Untervogt einen Zettel im Haus, in welchem mehr als ein Dutzend der größten Lumpen aus dem Dorf als Arbeiter bei dem Kirchbau aufgezeichnet sind; und von des Sigristen Leuten steht kein Wort dabei.

Lienhard. Aber, Frau Nachbarin, was geht das mich an? Habe ich den Zettel geschrieben? Gritte. Nein, geschrieben hast du ihn nicht; wohl aber angegeben, denke ich.

Lienhard. Das wäre wohl viel, wenn ich dem Junker seine Zettel angeben müßte.

Gritte. Ha, man weiß einmal, daß du alle Tage im Schlosse steckst, und gerade heute wieder dort gewesen bist. Und wenn du auch berichtet hättest, wie es vor diesem gewesen ist, so wäre es beim alten geblieben.

Lienhard. Du gehst an den Wänden, Gritte, wenn du das glaubst. Arner ist nicht der Mann, der beim alten bleibt, wenn er glaubt, er könne es mit dem neuen besser machen.

Gritte. Man sieht es.

Lienhard. Und zudem wollte er mit dem Verdienst den Armen und Notleidenden aufhelfen.

Gritte. Ja, eben will er nur Lumpen- und Bettelgesindel aufhelfen.

Lienhard. Es sind nicht alle Armen Gesindel, Gritte; man muß nie so reden; es weiß ja keiner, wie es ihm gehen wird, bis er unter den Boden kömmt.

Gritte. Eben das ist es; es muß ein jeder für sein Stück Brot sorgen; und darum tut es uns auch weh, daß man unser sogar vergessen hat.

Lienhard. Ach, Gritte, das ist jetzt was anders. Du hast schöne Güter, und issest bei deinem Vater, und dieser hat den besten Verdienst im Dorf, und du mußt nicht wie unsere Armen für das tägliche Brot sorgen.

Gritte. Du magst jetzt sagen, was du willst. Es tut einem jeden weh, wenn er glaubt, es gehöre ihm etwas, und wenn es ihm dann ein anderer Hund vor dem Maul wegfrißt.

Lienhard. Spare die Hunde, Gritte, wenn du von Menschen redest; sonst findest du einst einen, der dich beißt. Und wenn du glaubst, der Verdienst gehöre dir, so bist du jung und stark, und hast gute Füße und ein gutes Mundstück. Du kannst also deine Sache selbst an Ort und Stelle hintragen und anbringen, wo man dir zu deinem Rechte verhelfen kann.

Gritte. Großen Dank, Herr Maurer, für den schönen Rat!

Lienhard. Ich kann keinen bessern geben.

Gritte. Es gibt etwa auch wieder Gelegenheit, den Dienst zu erwidern. Lebwohl, Lienert.

Lienhard. Leb' auch wohl, Gritte. Ich kann dir nicht besser helfen.

Gritte geht fort, und Lienhard zu seinen Gesellen.

15. Der klugen Gans entfällt ein Ei, oder eine Dummheit, die ein Glas Wein kostet.

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Lienhard war heute am Morgen kaum aus dem Schlosse weg, so sandte Arner den Zettel, in dem er die Taglöhner aufgeschrieben hatte, durch den Harschier (Polizeidiener, Landjäger) Flink zum Vogt, damit dieser es ihnen anzeige. Der Harschier brachte den Befehl dem Vogt noch am Vormittag; aber bisher waren sonst alle Briefe, die aus dem Schlosse an ihn kamen, überschrieben »An den ehrsamen und bescheidenen, meinen lieben und getreuen Vogt Hummel in Bonnal;« und auf diesem stand nur »An den Vogt Hummel in Bonnal.«

Was denkt der verdammte Spritzer, der Schloßschreiber, daß er mir den Titel nicht gibt, wie es mir gehört? sagte der Vogt, sobald er den Brief in die Hand nahm, zu Flink, der ihn überbrachte.

Der Harschier aber antwortete: Besinne dich, Vogt, was du redest. Der Junker hat den Brief selbst überschrieben.

Vogt. Das ist nicht wahr! Ich kenne die Hand des gepuderten Bettelbuben, des Schreibers.

Flink schüttelte den Kopf und sagte: Das ist herzhaft! Ich sah mit meinen Augen, daß der Junker ihn überschrieb, ich stand neben ihm in der Stube, als er es tat.

Vogt. So hab' ich mich denn verdammt geirrt, Flink! Das Wort ist mir so entfahren; vergiß es, und komm, trinke ein Glas Wein in der Stube.

Nimm dich ein andermal in acht, Vogt! Ich mache nicht gern Ungelegenheit; sonst könnte das geben, sagt Flink; geht dann mit dem Vogt in die Stube, stellt das kurze Gewehr in eine Ecke, läßt sich eins belieben, und geht dann wieder fort.

Der Vogt machte jetzt den Brief auf, las ihn und sagte: Das sind ja alles lauter Lumpen und Bettler, vom ersten bis zum letzten, und von meinen Leuten kein einziger, als der Schabenmichel. Donner, wie das denn auch geht! Nicht einmal einen Taglöhner kann ich ihm mehr aufsalzen. Und jetzt soll ich es ihnen heute noch ansagen! Das ist schwere Arbeit für mich; aber ich will es tun; es ist noch nicht aller Tage Abend. Gerade jetzt will ich es ansagen und ihnen raten, am Montag ins Schloß zu gehen und dem Junker zu danken. Er kennt von den Burschen nicht einen; und es fehlt nicht, der Maurer hat sie ihm alle angeraten. Wenn sie dann am Montag ins Schloß kommen, und so alle miteinander zerrissen wie Hergelaufene, der eine ohne Schuhe, der andere ohne Hut, vor dem Erbherrn dastehen – es nimmt mich wunder, ob es dann nichts geben wird, das mir in meinen Kram dient.

So ratschlagt er mit sich selber, kleidet sich an. und nimmt dann wieder den Zettel zur Hand, um zu sehen, wie einer dem andern in der Nähe wohne, damit er den Weg nicht zweimal machen müsse. Der Hübelrudi war zwar nicht der nächste; aber er ging, seitdem er seinem Vater die Brunnenmatte abgerechtigt hatte, nicht mehr gern in sein Haus; denn es stiegen ihm allemal allerhand Gedanken auf, wenn er die armen Leute darin sah. Ich will geschwind zu dem Pack, sagte er; und ging alsobald hin vor das Fenster.

16. Zieht den Hut ab, Kinder, es folgt ein Sterbebett.

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Hübelrudi saß eben bei seinen vier Kindern. Vor drei Monaten war ihm seine Frau gestorben, und jetzt lag seine Mutter sterbend auf einem Strohsack, und sagte zu Rudi: Suche mir doch diesen Nachmittag etwas Laub in meine Decke, ich friere.

O Mutter, sobald das Feuer im Ofen erloschen sein wird, will ich gehen, sagte Rudi.

Die Mutter. Hast du auch noch Holz, Rudi! Ich denke wohl, nein; du kannst nicht in den Wald von mir und den Kindern weg. O Rudi, ach, ich bin dir zur Last!

Rudi. O Mutter, Mutter! sage doch das nicht: du bist mir nicht zur Last! Mein Gott, mein Gott; könnte ich dir nur auch, was du nötig hast, geben! Du dürstest, du hungerst und klagst nicht; das geht mir ans Herz, Mutter!

Die Mutter. Gräme dich nicht, Rudi! Meine Schmerzen sind, gottlob nicht groß, und Gott wird bald helfen, und mein Segen wird dir lohnen, was du mir tust.

Rudi. O Mutter! noch nie tat mir meine Armut so weh, als jetzt, da ich dir nichts geben und nichts tun kann. Ach Gott! so krank und elend leidest du und trägst meinen Mangel!

Die Mutter. Wenn man seinem Ende nahe ist, so braucht man wenig mehr auf Erden; und was man braucht, gibt der Vater im Himmel. Ich danke ihm, Rudi; denn er stärkt mich in meiner nahen Stunde.

Rudi (in Tränen). Meinst du denn, Mutter, du erholest dich nicht wieder?

Die Mutter. Nein Rudi, gewiß nicht.

Rudi. O mein Gott!

Die Mutter. Tröste dich, Rudi! ich gehe ins bessere Leben.

Rudi (schluchzend). O Gott!

Die Mutter. Tröste dich, Rudi! Du warst die Freude meiner Jugend, und bist der Trost meines Alters; und nun danke ich Gott. Deine Hände werden jetzt bald meine Augen schließen; dann werde ich zu Gott kommen, und ich will für dich beten, und es wird dir wohl gehen ewiglich. Denke an mich, Rudi! alles Leiden und aller Jammer dieses Lebens, wenn sie überstanden sind, machen einem nur wohl. Mich tröstet und mir ist heilig alles, was ich überstanden habe, so gut als alle Lust und Freude des Lebens. Ich danke Gott für die frohe Erquickung der Tage meiner Kindheit; aber wenn die Frucht des Lebens im Herbste reifet, und der Baum sich zum Schlafe des Winters entblättert; dann ist das Leiden des Lebens ihm heilig, und die Freuden des Lebens sind ihm nur ein Traum. Denke an mich, Rudi! es wird dir wohlgehen bei allen deinen Leiden.

Rudi. O Mutter, liebe Mutter!

Die Mutter. Aber jetzt noch eins, Rudi!

Rudi. Was Mutter?

Die Mutter. Es liegt mir seit gestern wie ein Stein auf dem Herzen; ich muß dir es sagen.

Rudi. Was ist es denn, liebe Mutter?

Die Mutter. Ich sah gestern, daß sich der Rudeli hinter meinem Bette versteckte, und gebratene Erdäpfel aus seinem Sacke aß. Er gab seinen Geschwistern, und auch sie aßen verstohlen. Rudi, diese Erdäpfel sind nicht unser; sonst würde der Junge sie auf den Tisch geworfen, und seinen Geschwistern laut gerufen haben. Ach, er würde mir auch einen gebracht haben, wie er es tausendmal tat. Es ging mir allemal ans Herz, wenn er so mit etwas auf den Händen zu mir sprang, und so herzlich zu mir sagte: Iß auch Großmutter! – O Rudi! wenn dieser Herzensjunge ein Dieb werden sollte! O Rudi! wie mir dieser Gedanke seit gestern so schwer macht! Wo ist er? Bring' mir ihn; ich will mit ihm reden.

Rudi. O ich Elender! (Er läuft geschwind, sucht den Knaben, und bringt ihn der Mutter ans Bett.)

Die Mutter setzt sich mühselig zum letztenmal auf, kehrt sich gegen den Knaben, nimmt seine beiden Hände in ihre Arme, und senkt das schwache, sterbende Haupt hinab auf den Knaben. Der Kleine weinte laut. Großmutter, was willst du? Du stirbst doch nicht! Ach, stirb doch nicht, Großmutter!

Sie antwortet gebrochen: Ja, Rudeli, ich werde gewiß bald sterben.

Jesus, ach mein Gott! stirb doch nicht, Großmutter! sagt der Kleine.

Die Kranke verliert den Atem, und muß sich niederlegen. Der Knabe und sein Vater zerfließen in Tränen.

Die Mutter erholt sich aber wieder und sagt: Es ist mir schon wieder besser, da ich jetzt liege.

Und der Rudeli: Du stirbst doch jetzt nicht mehr, Großmutter?

Die Mutter. Tu' doch nicht so, du Lieber! Ich sterbe ja gern, und werde dann auch zu einem lieben Vater kommen. Wenn du wüßtest, Rudeli, wie es mich freut, daß ich bald zu ihm kommen soll, du würdest dich nicht so betrüben.

Rudeli. Ich will mit dir sterben, Großmutter, wenn du stirbst.

Die Mutter. Nein, Rudeli, du wirst nicht mit mir sterben; du wirst, will's Gott, noch lange leben und brav werden, und wenn einst dein Vater alt und schwach sein wird, seine Hilfe und sein Trost sein. Gelt, Rudeli, du willst ihm folgen und brav werden und recht tun? Versprich es mir, du Lieber!

Rudeli. Ja, Großmutter! ich will gewiß recht tun und ihm folgen.

Die Mutter. Rudeli, der Vater im Himmel, zu dem ich jetzt bald kommen werde, sieht und hört alles, was wir tun, und was wir versprechen. Gelt, Rudeli, du weißt das, und du glaubst es?

Rudeli. Ja, Großmutter, ich weiß es und glaube es.

Die Mutter. Aber warum hast du denn doch gestern hinter meinem Bette verstohlen Erdäpfel gegessen?

Rudeli. Verzeihe es mir doch, Großmutter! ich will es nicht mehr tun. Verzeihe mir es doch! ich will es gewiß nicht mehr tun, Großmutter.

Die Mutter. Hast du sie gestohlen?

Rudeli (schluchzend). J – j – ja, Großmutter.

Die Mutter. Wem hast du sie gestohlen?

Rudeli. Dem Mau – Mau – Maurer.

Die Mutter. Du mußt zu ihm gehen, Rudeli, und ihn bitten, daß er dir verzeihe.

Rudeli. Großmutter, um Gottes willen, ich darf nicht.

Die Mutter. Du mußt, Rudeli, damit du es ein andermal nicht mehr tust. Ohne Widerrede mußt du gehen – und um Gottes willen, mein Lieber! nimm doch nichts mehr! Gott verläßt niemand; er gibt allemal wieder. O Rudeli, wenn es dich schon hungert, wenn du schon nichts hast, und nichts weißt, traue auf deinen lieben Gott, und stehle nicht mehr.

Rudeli. Großmutter! Großmutter! ich will gewiß nicht mehr stehlen; wenn mich schon hungert, ich will nicht mehr stehlen.

Die Mutter. Nun so segne dich denn mein Gott, auf den ich hoffe, und er bewahre dich, du Lieber! – Sie drückt ihn an ihr Herz, weint und sagt dann: Du mußt jetzt zum Maurer gehen, und ihn um Verzeihung bitten. Rudi, gehe doch auch mit ihm, und sage des Maurers Leuten, daß auch ich sie um Verzeihung bitte, und daß es mir leid sei, daß ich ihnen die Erdäpfel nicht zurückgeben könne; und sage ihnen, ich wolle Gott für sie bitten, daß er ihnen ihr Uebriges segne. Es tut mir so wehe; sie haben das Ihrige auch so nötig; und wenn die Frau nicht so Tag und Nacht arbeitete, sie könnten sich bei ihrer großen Haushaltung fast nicht durchbringen. Rudi, du arbeitest ihm gern ein paar Tage dafür, daß er das Seinige wieder erhalte; nicht wahr?

Rudi. Ach mein Gott, von Herzen gern, liebe Mutter!

Da er eben das sagte, klopfte der Vogt ans Fenster.

17. Die kranke Frau handelt vortrefflich.

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Und die Kranke erkannte ihn an seinem Husten und sagte: O Gott, Rudi, es ist der Vogt. Gewiß sind das Brot und der Anken (Butter), wovon du mir Suppen kochest, noch nicht bezahlt.

Rudi. Um Gottes willen, bekümmere dich nicht, Mutter! es ist nichts daran gelegen. Ich will ihm arbeiten und in der Ernte schneiden, was er will.

Ach, er wartet dir nicht, sagte die Mutter. Und der Rudi geht aus der Stube zum Vogt; die Kranke aber seufzt bei sich selber und sagt: Seit unserm Handel – Gott verzeih' ihn dem armen verblendeten Tropf! – ist mir immer ein Stich ins Herz gegangen, wenn ich ihn sah; und – ach Gott! – in meiner nahen Stunde muß er noch vor mein Fenster kommen und husten. Es ist Gottes Wille, daß ich ihm ganz, daß ich ihm jetzt verzeihe; und den letzten Groll überwinde, und für seine Seele bete. Ich will es tun. – Gott, du leitest den Handel; verzeih' ihm! Vater im Himmel, verzeih' ihm!

Sie hört jetzt den Vogt laut reden, erschrickt und sagt: Ach Gott! er ist zornig. O du armer Rudi! Du kommst um meinetwillen unter seine Hände. Sie hört ihn noch einmal reden, und sinkt in Ohnmacht.

Der Rudeli springt aus der Stube zum Vater, und ruft ihm: Vater! komm doch, komm doch! die Großmutter ist, glaub' ich, tot.

Der Rudi antwortete: Herr Jesus! Vogt, ich muß in die Stube.

Und der Vogt: Ja es tut not; das Unglück wird gar groß sein, wenn die Hexe einmal tot sein wird.

Der Rudi hörte nicht, was er sagte, und war schnell in der Stube. Die Kranke erholte sich bald wieder; und wie sie die Augen öffnete, sagte sie: Er war zornig, Rudi; er will dir gewiß nicht warten?

Rudi. Nein, Mutter, es ist etwas recht Gutes. Aber hast du dich auch wieder recht erholt?

Ja, sagt die Mutter, ernsthaft und wehmütig ihn ansehend. Was Gutes kann dieser bringen? Was sagst du? Willst du mich trösten und du allein leiden? Er hat dir gedroht.

Rudi. Nein, weiß Gott, Mutter! er hat mir angesagt, ich sei Taglöhner beim Kirchbau, und der Junker zahle einem des Tags 25 Kreuzer.

Die Mutter. Herr Gott! ist das auch wahr?

Rudi. Ja gewiß, Mutter! und es ist da mehr als für ein ganzes Jahr Arbeit.

Die Mutter. Nun sterbe ich leichter, Rudi. Du bist gut, mein lieber Gott! Sei doch bis an ihr Ende ihr guter Gott! Und, Rudi, glaub' es doch ewig fest: Je größer Not, je näher Gott! Sie schwieg jetzt eine Weile; dann sagte sie wieder: Ich glaube, es sei mit mir aus; mein Atem nimmt alle Augenblicke ab. Wir müssen scheiden, Rudi; ich will Abschied nehmen.

Der Rudi bebt, zittert, nimmt seine Kappe ab, fällt auf seine Kniee vor dem Bette seiner Mutter, faltet seine Hände, hebt seine Augen gen Himmel, und kann vor Tränen und Schluchzen nicht reden.

Dann sagt die Mutter: Fasse Mut, Rudi, zu hoffen aufs ewige Leben, wo wir uns wiedersehen werden. Der Tod ist ein Augenblick, der vorüber geht! ich fürchte ihn nicht. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und daß er, mein Erretter, wird über meinem Staube stehen; und nachdem sich meine Haut wiederum wird über das Gebein gezogen haben, alsdann werde ich in meinem Fleische Gott sehen. Meine Augen werden ihn sehen, und nicht eines andern.

Der Rudi hat sich wieder erholt und sagte: So gib mir deinen Segen, Mutter! Will's Gott, komme ich dir auch bald nach ins bessere Leben.

Und dann die Mutter: Erhöre mich, Vater im Himmel! und gib deinen Segen meinem Kinde, dem einzigen, so du mir gegeben hast, und das mir so innig lieb ist. Rudi! mein Gott und mein Erlöser sei mit dir; und wie er Isaak und Jakob um ihres Vaters Abraham willen Gutes getan hat, ach so möge er auch um meines Segens willen dir Gutes tun die Fülle, daß dein Herz sich wieder erfreue und frohlocke, und seinen Namen preise! Höre mich jetzt, Rudi, und tue, was ich sage! Lehre deine Kinder Ordnung und Fleiß, daß sie in der Armut nicht verlegen, unordentlich und liederlich werden. Lehre sie auf Gott im Himmel vertrauen und bauen, und Geschwister aneinander bleiben in Freude und Leid; so wird es ihnen auch in ihrer Armut wohl gehen. Verzeihe auch dem Vogt! und wenn ich tot und begraben sein werde, so gehe zu ihm hin, und sage ihm, ich sei mit einem versöhnten Herzen gegen ihn gestorben; und wenn Gott meine Bitte erhöre, so werde es ihm wohl gehen, und er werde noch zur Erkenntnis seiner selbst kommen, ehe er von hinnen scheiden werde. Nach einer Weile sagte dann die Mutter wieder: Rudi, gib mir meine zwei Bibeln, mein Gebetbuch und eine Schrift, die unter meinem Halstuch in einem Schächtelchen liegt.

Und Rudi stand von seinen Knieen auf, und brachte alles der Mutter.

Da sagte sie: Bringe mir jetzt auch die Kinder alle.

Er brachte sie vom Tisch, wo sie saßen und weinten, zu ihrem Bett, und auch diese fielen vor dem Bette der Mutter auf ihre Kniee nieder.

Da sagte sie zu ihnen: Weinet nicht so, ihr Lieben! euer Vater im Himmel wird euch erhalten und euch segnen. Ihr wäret mir lieb, ihr Teuren; und es tut mir weh, daß ich euch so arm und ohne eine Mutter verlassen muß. Aber hoffet auf Gott, und trauet auf ihn in allem, was euch begegnen wird; so werdet ihr an ihm immer mehr als Vaterhilfe und Muttertreue finden. Denket an mich, ihr Lieben! Ich hinterlasse euch zwar nichts; aber ihr wäret mir lieb, und ich weiß, daß ich euch auch lieb bin. Da, meine Bibeln und mein Gebetbuch sind fast alles, was ich noch habe; aber haltet es nicht gering! Kinder, es war in meinem schweren Leben mir tausendmal Trost und Erquickung. Lasset Gottes Wort auch euer Trost sein, Kinder, und euere Freude, und liebet einander, und helfet und ratet einander, so lange ihr leben werdet, und seid aufrichtig, treu, liebreich und gefällig gegen alle Menschen; so wird es euch wohlgehen im Leben. Und du, Rudi! behalte dem Betheli die größere und dem Rudeli die kleinere Bibel, und dem Kleinen die zwei Gebetbücher zum Angedenken von mir. Ach, dir habe ich keines, Rudi! Aber du hast keines nötig; du vergissest meiner nicht. Dann ruft sie noch einmal dem Rudeli: Gib mir deine Hand, du Lieber! Gelt, du nimmst doch niemanden etwas mehr?

Nein doch auch, Großmutter!! glaube es mir doch auch, ich werde gewiß niemanden etwas nehmen! sagte der Rudeli mit heißen Tränen.

Nun, ich will es dir glauben, und zu Gott für dich beten, sagte die Mutter. Sieh, Lieber, da gebe ich deinem Vater ein Papier, das mir der Herr Pfarrer gab, bei dem ich diente. Wenn du älter sein wirst, so lies es, und denke an mich, und sei fromm und treu.

Es war ein Zeugnis von dem verstorbenen Pfarrer in Eichstätten, daß die kranke Katharine zehn Jahre bei ihm gedienet und ihm, sozusagen, geholfen habe, seine Kinder erziehen, nachdem seine Frau ihm gestorben war; daß der Katharine alles anvertraut worden sei, und daß sie alles Wohl so sorgfältig als seine Frau selig regiert habe. Der Pfarrer danke ihr dafür, und gebe ihr das Zeugnis, daß sie wie eine Mutter an seinen Kindern gehandelt habe. Er werde es in seinem Leben nicht vergessen, was sie in seinem Witwerstand an ihm getan habe. – Sie hatte auch wirklich ein beträchtliches Stück Geld in diesem Dienste erworben, und solches ihrem seligen Manne an die Matte gegeben, die der Vogt ihnen hernach wieder abprozessiert hat. Nachdem sie dem Rudi dieses Papier gegeben hatte, sagte sie ferner: Es sind noch zwei gute Hemden da. Gib mir keines von diesen ins Grab. Das, so ich trage, ist recht. Meinen Rock und meine zwei Fürtücher lasse, sobald ich tot sein werde, den Kindern verschneiden. Und dann sagte sie bald darauf: Sieh doch sorgfältig zu Betheli, Rudi; es ist wieder so flüssig. Halte die Kinder doch immer rein mit Waschen und Kämmen, und suche ihnen doch alle Jahre Ehrenpreis und Holunder, ihr Geblüt zu verbessern; es ist so verdorben. Wenn du immer kannst, so halte für sie eine Geiß den Sommer durch. Das Betheli kann sie jetzt hüten. Du dauerst mich, daß du so allein bist; aber fasse Mut, und tue, was du kannst. Der Verdienst an dem Kirchbau erleichtert dich jetzt auch wieder. Ich danke Gott auch für dieses.

Die Mutter schwieg jetzt, und der Vater und die Kinder blieben noch eine Weile auf ihren Knieen, und der Vater und die Kinder beteten alle Gebete, die sie konnten. Dann standen sie auf von ihren Knieen, und Rudi sagte zu der Mutter: Mutter, ich will dir jetzt auch das Laub in die Decke holen. Sie antwortete: Das hat jetzt keine Eile, Rudi; es ist gottlob jetzt wärmer in der Stube, und du mußt mit dem Kleinen jetzt zum Maurer.

Der Rudi winkt nun dem Betheli aus der Stube und sagt: Gib auf die Großmutter acht! und wenn ihr etwas begegnet, so schicke das Anneli mir nach; ich werde bei dem Maurer sein.

18. Ein armer Knabe bittet ab, daß er Erdäpfel gestohlen hat, und die Kranke stirbt.

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Rudi nahm jetzt den Kleinen an die Hand, und ging mit ihm. Gertrud war allein bei Hause, als sie kamen, und sah bald, daß der Vater und der Knabe Tränen in den Augen hatten. Was willst du, Nachbar Rudi? warum weinest du? warum weint der Kleine? fragte sie liebreich, und bot dem Kleinen die Hand.

Ach, Gertrud, ich bin im Unglück, antwortete Rudi. Ich muß zu dir kommen, weil der Rudeli euch etlichemal aus euerer Grube Erdäpfel genommen hat. Die Großmutter hat es gestern gemerkt, und er hat es ihr bekannt. Verzeih' es uns, Gertrud! Die Großmutter ist auf dem Todbett, ach, mein Gott! sie hat soeben Abschied von uns genommen. Ich weiß vor Angst und Sorgen nicht, was ich sage. Gertrud, sie läßt dich auch um Verzeihung bitten. Es ist mir leid, ich kann sie dir jetzt nicht zurückgeben; aber ich will gerne ein paar Tage kommen und dir dafür arbeiten. Verzeih' es uns! Der Knabe hat es aus dringendem Hunger getan.

Gertrud. Schweig' einmal hievon, Rudi! Und du, lieber Kleiner, komm, versprich mir, daß du niemanden etwas mehr nehmen wollest. Sie küßt ihn, und sagt: Du hast eine brave Großmutter; werde doch auch so fromm und brav wie sie!

Rudeli. Verzeihe mir, Frau! ich will, weiß Gott, nicht mehr stehlen.

Gertrud. Nein, Kind, tue es nicht mehr! Du weißt jetzt noch nicht, wie elend und unglücklich alle Diebe werden. Tue es doch nicht mehr! und wenn dich hungert, so komm lieber zu mir, und sage es mir; wenn ich kann, will ich dir etwas geben.

Rudi. Ich danke Gott, daß ich jetzt bei der Kirche zu verdienen habe, und hoffe, der Hunger werde ihn nun auch nicht mehr zu so etwas verleiten.

Gertrud. Es hat mich und meinen Mann gefreut, daß der Junker mit dem Verdienst auch an dich gedacht hat.

Rudi. Ach, es freut mich, daß die Mutter noch diesen Trost erlebt hat. Sage doch deinem Manne, ich wolle ihm ehrlich und treu arbeiten, und früh und spät, und ich wolle mir die Erdäpfel doch auch herzlich gern am Lohn abziehen lassen.

Gertrud. Davon ist keine Rede, Rudi; mein Mann tut das gewiß nicht. Wir sind, gottlob, durch den Bau jetzt auch erleichtert. Rudi, ich will mit dir zu deiner Mutter gehen, wenn es so schlimm ist. – Sie füllt dem Rudeli seinen Sack mit dürrem Obst, und sagt ihm noch einmal: Du Lieber, nimm doch niemanden etwas mehr! und geht dann mit dem Rudi zu seiner Mutter. Und als er unter einem Nußbaum Laub zusammenlas, die Decke ihres Bettes besser zu füllen, half ihm Gertrud Laub aufsammeln, und dann eilten sie zu ihr hin.

Gertrud grüßte die Kranke, nahm ihre Hand, und weinte.

Du weinest, Gertrud? sagte die Großmutter: wir sollten weinen. Hast du uns verziehen?

Gertrud. Ach, was verziehen? Kathrine, eure Not geht mir zu Herzen, und noch mehr deine Güte und Sorgfalt. Gott wird deine Treue und deine Sorgfalt gewiß noch an den Deinen segnen, du Gute.

Katharine. Hast du uns verziehen, Gertrud?

Gertrud. Schweig' doch hievon, Kathrine! Ich wollte, ich könnte bei deiner Krankheit dir in etwas helfen.

Katharine. Du bist gut, Gertrud. Ich danke dir; aber Gott wird bald helfen. Rudeli, hast du sie um Verzeihung gebeten? hat sie dir verziehen?

Rudeli. Ja, Großmutter; sieh' doch, wie gut sie ist. (Er zeigt ihr den Sack Tasche voll dürres Obst.)

Wie ich schlummere! sagte die Großmutter. Hast du sie auch recht um Verzeihung gebeten?

Rudeli. Ja, Großmutter, es war mir gewiß Ernst.

Katharine. Es übernimmt mich ein Schlummer, und es dunkelt vor meinen Augen; ich muß eilen, Gertrud, sagte sie leise und gebrochen. Ich wollte dich doch noch etwas bitten; aber darf ich? – dieses unglückliche Kind hat dir gestohlen – darf ich dich noch bitten, Gertrud – wenn ich tot sein ... diesen armen verlassenen Kindern ... sie sind so verlassen ... (sie streckt die Hand aus, die Augen sind schon zu) – darf ich hoffen ... folge ihr Rudeli ... Sie verschied, ohne ausreden zu können.

Der Rudi glaubte, sie sei nur entschlafen, und sagte den Kindern: Rede keines ein Wort! sie schläft. Wenn sie sich auch wieder erholte! Gertrud aber vermutete, daß es der Tod sei, und sagte es dem Rudi.

Wie jetzt dieser und wie alle Kleinen die Hände zusammenschlugen, und trostlos waren, das kann ich nicht beschreiben. Leser, laß mich schweigen und weinen; denn es geht mir ans Herz, wie die Menschheit im Staube der Erde zur Unsterblichkeit reifet, und wie sie im Prunk und Tand der Erde unreif verwelket.

Menschheit, wäge doch, wäge doch den Wert des Lebens auf dem Todbette des Menschen! Und du, der du den Armen verachtest, bemitleidest und nicht kennest, sage mir, ob der also sterben kann, der unglücklich gelebt hat! Aber ich schweige, ich will euch nicht lehren, Menschen. Nur hätte ich gern, daß ihr selbst die Augen öffnetet und euch selbst umsähet, wo Glück und Unglück, Segen und Unsegen in der Welt ist.

Gertrud tröstete den armen Rudi, und sagte ihm noch den letzten Wunsch der edeln Mutter, den er in seinem Jammer nicht gehört hatte.

Der Rudi nimmt treuherzig ihre Hand: Wie mich die liebe Mutter reuet! Wie sie so gut war! – Gertrud, gelt, du willst auch an ihre Bitte denken?

Gertrud. Ich müßte ein Herz haben, wie ein Stein, wenn ich es vergessen könnte. Ich will an deinen Kindern tun, was ich kann.

Rudi. Ach, Gott wird dir vergelten, was du an uns tun wirst!

Gertrud kehrte sich gegen das Fenster, wischt ihre Tränen vom Angesicht, hebt ihre Augen gen Himmel, seufzt, nimmt dann den Rudeli und seine Geschwister, eins nach dem andern, mit warmen Tränen bei der Hand, besorgt die Tote zum Grabe, und geht erst, nachdem sie alles, was nötig war, getan hatte, wieder in ihre Hütte.

19. Guter Mut tröstet, heitert auf und hilft; Kummerhaftigkeit aber plagt nur.

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Der Untervogt, der zuerst zu Rudi gegangen war, ging von ihm weg zu den übrigen Taglöhnern und zuerst zu Joggli Bär. Dieser spaltete eben Holz, sang und pfiff beim Scheitstock; als er aber den Vogt sah, machte er große Augen. Wenn du Geld willst, Vogt, so ist nichts da.

Vogt. Du singst und pfeifst ja, wie die Vögel im Hanfsamen. Wie könnt' es dir an Geld fehlen?

Bär. Wenn Heulen Brot gäbe, ich würde nicht pfeifen; aber im Ernst, was willst du?

Vogt. Nichts als dir sagen, du seiest Handlanger beim Kirchbau, und habest des Tages 25 Kreuzer.

Bär. Ist das auch wahr?

Vogt. Im Ernst! du sollst am Montag ins Schloß kommen.

Bär. Wenn es Ernst ist, so sag' ich schuldigen Dank, Herr Untervogt. Da siehst du jetzt, warum ich heute singen und pfeifen mag.

Lachend ging der Vogt von ihm weg, und sagte im Gehen: Keine Stunde in meinem Leben ist mir so wohl als diesem Bettler.

Bär aber ging in seine Stube zu seinem Weib, und sagte: Ha, nur immer gutes Muts! unser lieber Herr Gott meint es immer noch gut. Frau, ich bin Taglöhner am Kirchbau.

Frau. Ja, es wird lange gehen, bis es an dich kommen wird; du hast immer den Sack voll Trost, aber nie Brot.

Bär. Das Brot soll nicht fehlen, wenn ich einst den Tagelohn haben werde.

Frau. Aber der Taglohn kann fehlen.

Bär. Nein, mein Sack Versteckter Schwur, Verstümmlung vom Sakrament. nicht! Arner zahlt die Taglöhner brav; das wird nicht fehlen.

Frau. Spaßest du, oder ist es wahr mit dem Bau?

Bär. Der Vogt kam soeben, und sagte, ich müsse am Montag mit den Taglöhnern, die an der Kirche arbeiteten, ins Schloß gehen; also kann es doch nicht wohl fehlen.

Frau. Das wäre doch auch gut! Gottlob, wenn ich einst eine ruhige Stunde hoffen könnte!

Bär. Du sollst deren noch recht viele haben; ich freue mich, wie ein Kind darauf. Du bist dann auch nicht mehr böse, wenn ich lustig und munter heim komme. Ich will dir den Wochenlohn allemal bis auf den Kreuzer heimbringen, sobald ich ihn habe. Es würde mich nicht mehr freuen zu leben, wenn ich nicht hoffen dürfte, es werde auch noch eine Zeit kommen, in der du mit Freuden denken werdest, du habest doch einen braven Mann, wenn schon dein Gütlein in meinen armen Händen stark abgenommen hat. Verzeihe mir es! Will's Gott, bring' ich noch was Rechtes davon wieder ein.

Frau. Dein guter Mut macht mir Freude; aber ich denke doch immer, es sei Liederlichkeit.

Bär. Was versäume ich denn, oder was vertu' ich?

Frau. Ich sage das eben nicht; aber es ist dir nie schwer, wenn schon kein Brot da ist.

Bär. Aber kommt denn Brot, wenn ich mich gräme?

Frau. Ich kann es in Gottes Namen nicht ändern; mir ist einmal immer schwer.

Bär. Fasse Mut, Frau, und muntre dich auf; es wird dir wohl auch wieder leichter werden.

Frau. Ja, jetzt hast du noch keinen ganzen Rock am Montag ins Schloß.

Bär. So gehe ich mit dem halben. Du hast doch immer Sorgen.

Dann ging er wieder zu seinem Scheitstock und spaltete Holz, bis es dunkel war.

Von diesem weg geht der Vogt zu Läupi, welcher aber nicht zu Hause war; da sagte er es dem Hügli, seinem Nachbar, und ging dann zu Hans Leemann.

20. Dummer, zeitverderbender Vorwitz hat den Mann zum Müßiggang verführt.

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Leemann stand vor seiner Haustüre, und gaffte umher, sah den Vogt von ferne, und sagte zu sich selber: Da gibt es was Neues! Dann rief er ihm: Wo hinaus, Herr Untervogt, so nahe auf mich zu?

Vogt. Sogar zu dir selber, Leemann.

Leemann. Das wäre mir viel Ehre, Vogt. Aber sage doch, was macht des Maurers Frau? Tut sie ihren Mund noch so weit auf, wie vorgestern auf dem Kirchhof? Das war eine Hexe, Vogt!

Vogt. Du kannst so was sagen, du; du bist jetzt Handlanger bei ihrem Manne.

Leemann. Weißt du sonst nichts Neues, daß du so mit dem kommst?

Vogt. Nein, es ist mir Ernst; und ich komme auf Befehl aus dem Schloß, es dir anzusagen.

Leemann. Wie komme ich zu dieser Ehre, Herr Untervogt?

Vogt. Was dünkt mich, im Schlaf.

Leemann. Ich werde wohl darüber erwachen, wenn es wahr ist. – Um welche Zeit muß man an die Arbeit?

Vogt. Ich denke, am Morgen.

Leemann. Und am Abend, denkst du, auch wieder davon. Wie viel sind unser, Herr Untervogt?

Vogt. Es sind zehn.

Leemann. Sage mir doch – es wundert mich – welche?

Der Vogt sagt ihm einen nach dem andern her. Zwischenein fragt Leemann mehr als von Zwanzigen: der nicht? der auch nicht? Ich versäume mich, sagte endlich der Vogt, und geht weiter.

21. Undank und Neid.

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Von Leemann weg geht der Vogt zu Jöggli Lenk. Dieser lag auf der Ofenbank, und rauchte seine Pfeife; die Frau spann, und fünf halbnackte Kinder lagen auf dem Boden. Der Vogt sagt ihm kurz den Bericht. Lenk nimmt die Pfeife aus dem Munde, und antwortet: Das ist wohl viel, daß auch einmal etwas Gutes an mich kommt; sonst war ich, so lang ich lebe, vor allem Guten sicher.

Vogt. Lenk, eben noch viele Leute, denk' ich, mit dir.

Lenk. Ist mein Bruder auch unter den Tagelöhnern?

Vogt. Nein.

Lenk. Wer sind die andern?

Der Vogt nennt sie.

Lenk. Mein Bruder ist doch ein viel besserer Arbeiter, als der Rudi, der Bär und der Marx; vom Kriecher mag ich nicht reden. Es ist, bei Gott, außer mir kein einziger, unter allen zehn, der nur ein halb so guter Arbeiter wäre als er. Vogt, könntest du nicht machen, daß er auch kommen müßte?

Ich weiß nicht, sagte der Vogt, bricht das Gespräch ab, und geht.

Die Frau bei der Kunkel schwieg, so lange der Vogt da war; aber das Gespräch tat ihr im Herzen weh, und sobald der Vogt fort war, sagte sie dem Mann: Du bist undankbar gegen Gott und Menschen. Da dir Gott in der tiefsten Not Hilfe und Rat zeigt, verleumdest du deine Nachbarn, denen Gott eben das Gute tut, das er dir tun will.

Lenk. Ich werde meinen Batzen verdienen müssen, und ihn eben nicht umsonst bekommen.

Frau. Aber bis jetzt hattest du gar nichts zu verdienen.

Lenk. Aber auch keine Mühe.

Frau. Und deine Kinder kein Brot.

Lenk. Aber ich, was hatte ich mehr als ihr? sagte der Lümmel.

Die Frau schwieg, und weinte bittere Tränen.

22. Die Qualen des Meineids lassen sich nicht mit spitzfindigen Künsten ersticken.

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Vom Lenk weg geht der Vogt zum Kriecher, und trifft im Dahingehen unversehens den Hans Wüst an. Wenn er ihn von ferne gesehen hätte, so wäre er ihm ausgewichen; denn seit des Rudis Handel klopfte beiden, dem Vogt und dem Wüst, das Herz, wo sie einander antrafen; aber unversehens stieß der Vogt hart auf diesen an der Ecke der Seitenstraße beim untern Brunnen.

Bist du es? sagte der Vogt, und: Ja, ich bin es! antwortete Wüst.

Vogt. Warum kommst du nicht mehr zu mir, und denkst auch gar nicht an das Geld, das ich dir geliehen habe?

Wüst. Ich habe jetzt kein Geld; und wenn ich zurück denke, so fürchte ich, es sei nur zu teuer bezahlt, dein Geld.

Vogt. Du redetest doch nicht so, da ich dir es gab, Wüst; und so ist es doch bös dienen.

Wüst. Ja, dienen, das ist etwas; aber dienen, daß einem hernach auf Gottes Erdboden keine Stunde mehr wohl ist, das ist etwas anderes.

Vogt. Rede nicht so, Wüst! Du hast nichts ausgesagt, als was wahr ist.

Wüst. Du sagst freilich das immer; aber immer ist mir in meinem Herzen, ich habe falsch geschworen.

Vogt. Das ist nicht wahr, Wüst; es ist, auf meine Seele, nicht wahr. Du beschworest nur, was dir vorgelesen wurde, und das war unverfänglich geschrieben. Ich habe dir es mehr als hundertmal vorgelesen, und du sahst es ein wie ich, und sagtest mir allemal: Ja, dazu kann ich schwören. War das nicht ehrlich und geradezu? Was willst du jetzt mit deinem Grämen hintennach? Aber es ist dir nur um die Schuld; du denkst, wenn du so redest, ich warte dir noch länger.

Wüst. Nein, Vogt, da irrest du. Wenn ich das Geld hätte, so würde ich es dir in diesem Augenblick hinwerfen, damit ich dich nicht wieder sähe; denn mein Herz klopft mir, so oft ich dich erblicke.

Du bist ein Narr, sagte der Vogt. Aber auch ihm klopfte das Herz.

Wüst. Ich sah es auch lange an, wie du vorlasest; aber es gefiel mir doch gerade im Anfange nicht, indem es mich dünkte, der Junker habe so geredet, als ob er es anders verstanden hätte.

Vogt. Es geht dich ganz und gar nichts an, was der Junker mündlich geredet hat; du schwurst nur auf den Zettel, den man dir vorlas.

Wüst. Aber er hat danach geurteilt, wie er ihn mündlich verstanden hat.

Vogt. Wenn der Junker ein Narr war, so sehe er zu; was geht das dich an? Er hatte ja den Zettel vor sich, und wenn er ihm nicht deutlich gewesen wäre, so hätte er ihn ja anders schreiben lassen können.

Wüst. Ich weiß wohl, daß du mir es allemal wieder ausreden kannst; aber das macht mir nicht wohl im Herzen, und auf die Kommunion ist mir immer gar zu entsetzlich, daß ich versinken möchte. Vogt, o daß ich dir nie schuldig gewesen wäre! O, daß ich dich nie gekannt hätte, oder daß ich gestorben wäre am Tage, ehe ich den Eid tat!

Vogt. Aber um Gottes willen, Wüst! quäle dich nicht so; es ist Narrheit. Denke doch nur auch allen Umständen nach. Wir gingen bedächtlich, und in deiner Gegenwart fragte ich den Vikari deutlich und klar: Muß denn der Wüst etwas anderes beschwören, als im Zettel steht? Sagt es ihm doch; er versteht es nicht recht. Weißt du noch, was er geantwortet?

Wüst. Ja, aber dann ist es ... So viel wie: Was liegt daran.

Vogt. Ha, er sagte doch mit ausdrücklichen Worten: Der Wüst muß kein Haar mehr beschwören, als im Zettel steht. Sagte er nicht genau diese Worte?

Wüst. Ja, aber dann ist es, wenn er das gesagt hat ...

Vogt. Was: aber dann ist es? Ist dir das auch nicht genug?

Wüst. Nein Vogt, ich will nur heraus reden; es muß doch sein. Der Vikari war dir schuldig wie ich, und du weißt, was er für ein Held war, und wie er allen Huren nachzog. Es mag mich also wenig trösten, was so ein leichtsinniger Tropf zu mir sagte.

Vogt. Sein Leben geht dich nichts an; aber die Lehre verstand er doch, das weißt du.

Wüst. Nein, ich weiß das nicht; aber das weiß ich, daß er nichts taugte.

Vogt. Aber das geht dich nichts an.

Wüst. Ha, es ist mit dem so: wenn ich einen Menschen in einem Stück als sehr schlimm und gottlos kenne, so darf ich ihm in allem andern eben auch nicht viel Gutes zutrauen. Deshalb fürchte ich, der Taugenichts, dein Herr Vikari, habe mich eingeschläfert, und das würde mich denn doch etwas angehen.

Vogt. Laß diese Gedanken fahren, Wüst! Du schwurst auf nichts, als was wahr ist.

Wüst. Ich dachte lange auch so; aber es ist aus! ich kann mein Herz nicht mehr betören. Der arme Rudi! wo ich gehe und stehe, sehe ich ihn vor mir. Der arme Rudi, wie er im Elend und Hunger und Mangel gegen mich zu Gott seufzet! O, o seine Kinder! sie serben (kränkeln), sind gelb, krumm und schwarz wie Zigeuner. Sie waren schön, und blüheten wie Engel, und mein Eid brachte sie um ihre Matte.

Vogt. Ich hatte recht; es war, wie ich sagte. Und jetzt hat der Rudi Arbeit am Kirchbau, daß er auch wieder zurecht kommt.

Wüst. Was geht das mich an? Hätte ich nicht geschworen, so würde es mir gleichviel sein, ob der Rudi reich wäre oder ein Bettler.

Vogt. Laß dich doch das nicht anfechten! Ich hatte recht.

Wüst. Nicht anfechten! ich hatte recht. Haus erbrochen und all sein Gut gestohlen, es würde mir noch besser zu Mute sein. O Vogt, daß ich das getan habe! O, o! es ist wieder bald heilige Zeit! O wär' ich tausend Klafter unter dem Boden!

Vogt. Um Gottes willen, Wüst! tue doch nicht so auf der offnen Straße vor den Leuten! Wenn es auch jemand hörte! – Du plagest dich mit deiner Dummheit; alles, was du schwurst, ist wahr.

Wüst. Dummheit hin und Dummheit her! Hätte ich nicht geschworen, so hätte der Rudi seine Matte noch.

Vogt. Aber du hast sie ihm doch nicht abgesprochen, und mir hast du sie nicht zuerkannt. Was geht's also ins Teufels Namen zuletzt dich an, wem die Matte sei?

Wüst. Nichts geht es mich an, wem die Matte sei; aber daß ich falsch geschworen habe, das geht mich, leider! nur zu viel an.

Vogt. Aber das ist nicht wahr; du hast nicht falsch geschworen. Das, worauf du schwurst, war wahr.

Wüst. Aber das ist nur verdreht. Ich sagte dem Junker nicht, wie ich die Schrift verstand, und er verstand sie anders; du magst sagen, was du willst. Ich weiß, ich empfinde es in mir selber, ich war ein Judas und ein Verräter, und mein Eid – Worte hin und Worte her – war Meineid!

Vogt. Du dauerst mich, Wüst, mit deinem Unverstand; aber du bist krank, du siehst ja aus, wie wenn du aus dem Grabe kämest. Und wenn es einem nicht wohl ist, so sieht man alles anders an, als es ist. Beruhige dich, Wüst! komm mit mir heim, und trink ein Glas Wein mit mir.

Wüst. Ich mag nicht, Vogt; mich erquickt nichts mehr auf Erden.

Vogt. Beruhige dich, Wüst! Schlag es doch jetzt aus dem Kopf, und vergiß es, bis du wieder gesund sein wirst. Du wirst dann wohl wieder sehen, daß ich recht habe; und ich will dir deine Handschrift zerreißen. Es macht dich vielleicht auch ruhiger.

Wüst. Nein, Vogt, behalte die Handschrift! Sollte ich vor Hunger mein Fleisch essen, so werde ich dir die Schuld bezahlen; ich will kein Blutgeld auf meiner Seele behalten. Hast du mich betrogen, hat mich der Vikari eingeschläfert, so wird vielleicht Gott mir noch verzeihen. Ich meinte nicht, daß es so kommen würde.

Vogt. Nimm diese Handschrift, Wüst. Sieh, ich zerreiße sie vor deinen Augen, und ich nehme es auf mich, daß ich recht hatte. Sei doch ruhig!

Wüst. Nimm auf dich was du willst, Vogt; ich werde dir die Schuld bezahlen. Uebermorgen verkauf' ich meinen Sonntagsrock.

Vogt. Besinne dich eines Bessern; du irrest dich in Gottes Namen! Aber ich muß einmal weiter.

Wüst. Gottlob, daß du gehst! Bliebest du länger, ich würde außer mir selber kommen vor deinen Augen.

Vogt. Beruhige dich, Wüst! in Gottes Namen.

Sie gingen jetzt voneinander. Der Vogt aber, da er allein war, mußte, so sehr er auch nicht wollte, doch bei sich selber auch seufzen, und sagte: Daß mir jetzt auch das noch hat begegnen müssen; ich hatte doch heute sonst genug. Er verhärtete sich aber bald wieder und sagte dann weiter: Wie er sich plagt, der arme Schelm! er dauert mich. Aber er hat nicht recht; es geht ihn nichts an, wie ihn der Richter verstanden hat. Der Teufel möchte Eide schwören, wenn man den Sinn so genau und so scharf herausklauben wollte! Ich weiß auch, wie andere Leute und eben die, so das am besten verstehen müssen, den Eid nach ihren Auslegungen nehmen, und ruhig sind, und wo jeder andere arme Schelm, der wie der Wüst denkt, meinen müßte, er sehe mit seinen Augen sonnenklar, daß sie ihn verdrehen. Und doch wollte ich, ich hätte diese Gedanken jetzt aus dem Kopf; sie machen mich verdrießlich. Ich will zurück, und ein Glas Wein trinken. So sagte er, und tat treulich, wie er gesagt hatte.

23. Ein Heuchler und eine leidende Frau.

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Er ging sodann zum Felix Kriecher. Das war ein Kerl, der immer umherging, wie die Geduld selbst, wenn sie im tiefsten Leiden schmachtet. Vor dem Scherer, dem Vogt, dem Müller und vor einem jeden Fremden bückte er sich so tief als vor dem Pfarrer, und diesem ging er in alle Wochenpredigten und in alle Singstunden am Sonntag abend. Dafür erhielt er aber auch dann und wann ein Glas Wein, und durfte zuweilen, wenn er recht spät kam, und nahe genug hinzustand, auch zum Nachtessen bleiben. Mit den Pietisten im Dorf aber kam er nicht zurecht, ob er es gleich sorgfältig versuchte; denn er wollte um ihretwillen mit den andern es auch nicht verderben. Das geht aber bei den Pietisten nicht an; sie leiden es nicht an ihren Schülern, daß sie auf beiden Achseln tragen; und so ward er, trotz alles Anscheins von Demut, trotz aller ausgelernten Heuchlerkunst und trotz seines geistlichen Hochmutes, welches alles sonst bei den Pietisten gar wohl empfiehlt, ausgeschlossen.

Neben diesen äußerlichen und öffentlich bekannten Eigenschaften hatte er auch noch einige andere, zwar nur zum stillen Gebrauch seines häuslichen Lebens, aber doch muß ich sie auch erzählen.

Er war mit seiner Frau und seinen Kindern ein Teufel. In der äußersten Armut wünschte er immer, etwas Gutes zu essen; und wenn er es dann nicht hatte, so lag ihm alles nicht recht. Bald waren die Kinder nicht recht gekämmt, bald nicht recht gewaschen, und so Tausenderlei. Und wenn er nichts fand zum Zanken, und ihn das kleine, vierteljährige Kind etwa sauer ansah, dann gab er ihm tüchtig auf die kleinen Hände, daß es Respekt lerne.

Du bist ein Narr! sagte ihm einst bei einem solchen Anlasse die Frau, und sie hatte freilich recht, und nicht mehr als die reine Wahrheit geredet; aber er stieß sie mit den Füßen, und da sie entfliehen wollte, fiel sie sich unter der Türe zwei Löcher in den Kopf. Ob diesen Löchern ist der Nachbar erschrocken; denn er dachte weislich in seinem Sinn, der zerschlagene Kopf könne sein Leben ruchbar machen, und wie alle Heuchler im Schrecken sich biegen und schmiegen und krümmen, so krümmte und schmiegte sich damals auch Kriecher. Er bat die Frau auf seinen Knieen und um tausend Gottes willen, zwar nicht, daß sie es ihm verzeihe, sondern nur, daß sie es niemanden sage.

Sie tat es, und litt geduldig die Schmerzen einer starken Verwundung, und sagte zum Scherer und zu den Nachbarn, sie sei von der Bühne gefallen. Diese glaubten ihr zwar nicht alle; und ach, die gute Frau, sie hätte es vorher denken sollen: kein Heuchler war je dankbar; kein Heuchler hielt sein Wort. Sie hätte ihm also nicht glauben sollen. Doch was sage ich? Sie hatte das alles wohl gewußt, aber dabei an ihre Kinder gedacht und empfunden, daß niemand als Gott sein Herz ändern könne, und daß also alles Gerede unter den Leuten umsonst sein würde. Die brave Frau! Ach, daß sie nicht glücklicher ist! o daß ihr Herz alle Tage Kränkungen von ihm leiden muß! Sie schweigt, und betet zu Gott, und dankt ihm für die Prüfungen der Leiden.

O Ewigkeit! wenn du einst enthüllest die Wege Gottes und den Segen der Menschen, die Gott durch Leiden, Elend und Jammer so in ihrem Innern Stärke, Geduld und Weisheit lehret – o Ewigkeit, wie wirst du die Geprüfte erhöhen, die du hier so erniedriget hast! – Kriecher hatte das Loch im Kopf vergessen, fast eher als es wieder geheilt war, und er ist immer der Gleiche. Er kränkt und plagt die Frau ohne Ursache und Anlaß alle Tage, und verbittert ihr das Leben.

Eine Viertelstunde, ehe der Vogt kam, hatte die Katze die Oellampe vom Ofen herunter geworfen, daß ein paar Tropfen verloren gingen. Du Laster! hättest du sie besser versorgt, sagte er mit seiner gewohnten Wut zur Frau. Du kannst jetzt im Finstern sitzen, und das Feuer mit Kühkot anzünden, du Hornvieh!

Die Frau antwortete kein Wort; aber häufig flossen die Tränen von ihren Wangen, und die Kinder in allen Ecken weinten wie die Mutter.

Soeben klopfte der Vogt an.

Schweigt doch! um aller Liebe willen, schweigt doch! Was will es geben? der Vogt ist vor der Türe, sagt Kriecher, wischt den Kindern mit seinem Schnupftuch geschwind die Tränen vom Backen, droht ihnen: Wenn eines nur noch muckset, so sehet zu, wie ich es zerhauen werde! öffnet dann dem Vogt die Türe, bückt sich, und fragt ihn: Was habt Ihr zu befehlen, Herr Untervogt?

Der Vogt sagt ihm kurz den Bericht, Kriecher aber, der bei der Türe die Ohren spitzt, und niemanden mehr weinen hört, antwortet dem Vogt: Kommt doch in die Stube, Herr Untervogt! Ich will es doch auch geschwind meiner lieben Frau sagen, wie ein großes Glück mir widerfahre. Der Vogt geht mit ihm in die Stube, und Kriecher sagt zu seiner Frau: Der Herr Untervogt bringt mir eben die glückliche Botschaft, daß ich an dem Kirchbau Anteil habe, und das ist eine große Gnade, für die ich nicht genug danken kann.

Die Frau antwortet: Ich danke Gott. (Ein Seufzer entfährt ihr.)

Vogt. Fehlt deiner Frau etwas?

Kriecher. Es ist ihr leider die Zeit her nicht gar wohl, Herr Untervogt! (Seitwärts blickt er zornig und drohend gegen die Frau.)

Vogt. Ich muß wieder gehen. Gute Besserung, Frau!

Frau. Behüt' Euch Gott, Herr Untervogt!

Kriecher. Seid doch auch so gut, und danket dem gnädigen Herrn in meinem Namen für diese Gnade, wenn ich bitten darf, Herr Untervogt!

Vogt. Du kannst es selber tun.

Kriecher. Ihr habt auch recht, Herr Untervogt; es war unverschämt von mir, daß ich Euch darum bat. Ich will nächstens expreß ins Schloß gehen; es ist meine Schuldigkeit.

Vogt. Am Montag morgen gehen die andern alle, und ich denke, du werdest wohl mitgehen können.

Kriecher. Natürlich, Herr Untervogt! ja freilich! ich wußte es nur nicht, daß sie auch gingen.

Vogt. Behüt' Euch Gott, Kriecher!

Kriecher. Ich sag' Euch schuldigen Dank, Herr Untervogt.

Vogt. Du hast mir nichts zu danken. (Er geht, und sagt im Gehen zu sich selbst:) Wenn der nicht den Teufel im Schilde führt, so trügt mich denn alles. Vielleicht wäre das ein Mann, wie ich einen brauchte gegen den Maurer; aber wer will einem Heuchler trauen? Ich will den Schabenmichel lieber; der ist geradezu ein Schelm.

24. Ein reines, fröhliches und dankbares Herz.

Inhaltsverzeichnis

Vom Kriecher weg kommt der Vogt zu Aebi, dem jüngern. Als dieser hörte, was ihm begegnete, jauchzte er vor Freuden, und sprang auf, wie ein junges Rind am ersten Frühlingstage auf der Weide aufspringt, und sagte zu sich selber: Das will ich jetzt auch meiner Frau sagen, daß sie sich recht freue. Doch ich warte bis morgen; es sind just morgen acht Jahre, daß sie mich nahm. Es wahr Josephstag; ich weiß es noch, wie wenn es gestern gewesen wäre. Wir haben seitdem manche saure, aber auch manche frohe Stunde gehabt. Gott sei Lob und Dank für alles! Aber ja, morgen, sobald sie erwachen wird, will ich es ihr dann sagen. Wär' es doch schon morgen! Es ist mir, ich sehe es jetzt schon, wie sie weinen und lachen wird durcheinander, und wie sie ihre Lieben und mich in ihrer Freude ans Herz drücken wird. Ach, wär' es doch schon morgen! Ich töte das eine Huhn ihr zur Freude, und koche es, ohne daß sie es merkt, in der Suppe; es freut sie dann doch, wenn es sie schon reut. Nein, ich mache mir kein Gewissen daraus; es ist für diese Freude nicht Sünde. Ich tue es, und töte es. Den ganzen Tag bleib' ich daheim, und freue mich mit ihr und mit den Kindern – nein, ich gehe mit ihr zur Kirche und zum Nachtmahl! Jauchzen und freuen wollen wir uns, und dem lieben Gott danken, daß er so gut ist.

So redete der jüngere Aebi in der Freude seines Herzens über des Vogts gute Botschaft mit sich selber, und konnte vor Sehnsucht den Morgen fast nicht erleben, und tat dann, was er eben gesagt hatte.

25. Wie Schelme miteinander reden.

Inhaltsverzeichnis

Vom Aebi weg ging der Vogt zum Schabenmichel. Dieser sieht ihn von ferne, winkt ihm in eine Ecke hinter das Haus, und fragt ihn: Was Teufels hast du?

Vogt. Etwas Lustiges.

Michel. Ja du bist der Kerl, den man schickt zu Hochzeiten, zum Tanz und zum Lustigmachen einzuladen.

Vogt. Es ist einmal nichts Trauriges.

Michel. Was denn?

Vogt. Du seiest in eine neue Gesellschaft gekommen.

Michel. Mit wem denn einmal, und warum?

Vogt. Mit dem Hübelrudi, mit dem Lenk, mit dem Leemann, mit dem Kriecher und mit dem Marx auf der Reuti.

Michel. Du Narr, was soll ich mit diesen?

Vogt. Aufbauen und ausputzen das Haus des Herrn in Bonnal und seine Mauern am Kirchhof.

Michel. Im Ernst?

Vogt. Bei Gott!

Michel. Aber wer hat hiezu die Blinden und die Lahmen ausersehen?

Vogt. Mein wohledelgeborner, der wohlweise und gestrenge Junker.

Michel. Ist er ein Narr?

Vogt. Was weiß ich?

Michel. Es hat einmal das Ansehen.

Vogt. Vielleicht ist es nicht das Schlimmste, daß er so ist; leicht Holz ist gut drehen. Aber ich muß fort. Komm diesen Abend zu mir; ich muß mit dir reden.

Michel. Ich will nicht fehlen. Zu wem geht jetzt die Reise?

Vogt. Auf die Reuti zum Marx.

Michel. Das ist ein Kerl zur Arbeit! Man muß von Sinnen sein, so einen anzustellen. Ich glaube nicht, daß der bei Jahr und Tag einen Karst oder eine Schaufel in der Hand gehabt habe; und er ist auf der einen Seite halb lahm.

Vogt. Was macht das? Komm du auf den Abend richtig zu mir. – Jetzt ging der Vogt von ihm weg zu Marx auf der Reuti.

26. Hochmut in Armut und Elend führt zu den unnatürlichsten, abscheulichsten Taten.

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Marx war vorzeiten wohlhabend, und hatte Handelschaft getrieben; aber jetzt war das, was er besessen, schon längst vergantet, und er lebte fast gänzlich vom Almosen des Pfarrers und einiger bemittelter Verwandten, die er hatte. In all seinem Elend aber blieb er immer gleich hochmütig, und verbarg den dringenden Mangel und Hunger seines Hauses (außer da, wo er bettelte) allenthalben, wie er konnte und mochte.

Dieser, als er den Vogt sah, erschrak heftig; aber er ward darum nicht blaß; denn er war ohne das schon todgelb. Er nahm schnell die umherliegenden Lumpen, und schob sie unter die Decke des Bettes, und befahl den fast nackenden Kindern, auf der Stelle sich in die Kammer zu verbergen. – Herr Jesus! sagen die Kinder, es schneit und regnet ja herein. Höre doch, wie es stürmt, Vater! Es ist ja kein Fenster mehr in der Kammer. – Geht, ihr gottlosen Kinder! wie ihr mich so toll macht! Meint ihr, es sei euch nicht nötig, daß ihr euer Fleisch kreuzigen lernet? – Es ist nicht auszustehen, Vater! sagen die Kinder. – Es wird ja nicht lange währen, ihr Ketzer! geht doch; sagt der Vater, stößt sie hinein, schließt die Türe, und ruft dann dem Vogt in die Stube.

Dieser sagt ihm den Bericht. Der Marx aber dankt dem Vogt, und fragt: Bin ich Aufseher unter diesen Leuten?

Was denkst du, Marx? antwortete der Vogt. Nein, Arbeiter bist du wie die andern.

Marx. So, Herr Untervogt?

Vogt. Es steht dir frei, wenn du allenfalls die Arbeit nicht willst.

Marx. Ich bin freilich sonst solcher Arbeit nicht gewohnt; aber weil es das Schloß und den Herrn Pfarrer antrifft, so darf ich wohl nichts anders, und ich will sie annehmen.

Vogt. Es wird sie gar freuen, und ich denke fast, der Junker werde mich noch einmal zu dir schicken, dir zu danken.

Marx. Ha, ich meine es nicht so; aber insgemein möcht' ich doch nicht bei jedermann taglöhnen.

Vogt. Du hast sonst Brot.

Marx. Gottlob, noch immer.

Vogt. Ich weiß es wohl. Aber wo sind deine Kinder?

Marx. Bei meiner Frau seligen Schwester; sie essen da zu Mittag.

Vogt. Es war mir, ich hörte eben in der Kammer schreien.

Marx. Es ist kein einziges bei Hause.

Der Vogt hört das Geschrei noch einmal, öffnet ohne Komplimente die Kammertüre, sieht die fast nackenden Kinder, von Wind, Regen und Schnee, der in die Kammer hinein stürmt, zitternd und schlotternd, daß sie fast nicht reden können, und sagt dann: Essen deine Kinder da zu Mittag, Marx? – Du bist ein Hund und ein Heuchler, und du hast das um deines verdammten Hochmutes willen schon mehr so gemacht!

Marx. Um Gottes willen! sag' es doch niemanden! bring' mir es doch nicht aus, Vogt! um Gottes willen! Unter der Sonne wäre kein unglücklicherer Mensch als ich, wenn es mir auskäme.

Voigt. Bist du denn von Sinnen? Auch jetzt sagst du nicht einmal, daß sie aus dem Hundsstall herkommen sollen. Siehst du denn nicht, daß sie braun und blau sind vor Frieren? So würde ich einmal meinen Pudel nicht einsperren.

Marx. Kommt jetzt nur heraus! Aber Vogt, um Gottes willen! sag' es doch niemand!

Vogt. Und du spielst dann noch beim Pfarrer den Frommen!

Marx. Um Gottes willen! sag' es doch niemanden!

Vogt. Das ist doch hündisch, du Heiliger! ja du Ketzer! Hörst du, das bist du, ein Ketzer; denn so macht es kein Mensch. Du hast dem Pfaffen auch die vorige Woche den Schlaghandel erzählt; kein Mensch als du! Du gingst eben um zwölf Uhr, da es geschah, von einer frommen Fresseten heim und neben meinem Haus vorbei.

Marx. Nein, um Gottes willen! glaube doch das nicht! Gott im Himmel weiß, daß es nicht wahr ist.

Vogt. Darfst du auch das sagen?

Marx. Weiß Gott, es ist nicht wahr! Vogt, ich wollte, daß ich nicht mehr hier vom Platze käme, wenn es wahr ist!

Vogt. Marx, darfst du das, was du jetzt sagst, vor meinen Augen dem Pfarrer unter die Nase sagen? Ich weiß mehr, als du glaubst.

Der Marx stotterte: Ich weiß ... ich möchte ... ich ha ... habe nicht davon angefangen.

So einen Hund und einen Lügner, wie du bist, habe ich in meinem Leben keinen gesehen. Wir kennen jetzt einander, sagte der Vogt, ging, und erzählte alles in eben der Stunde des Pfarrers Köchin, die sich denn fast zu Tode lachte über den frommen Israeliten ab der Reuti, und heilig versprach, es dem Pfarrer getreulich zu überbringen. Der Vogt aber freute sich in seinem Herzen, daß hoffentlich der Pfarrer dem wüsten Ketzer das Wochenbrot jetzt nicht mehr geben würde, worin er sich aber gröblich irrte; denn der Pfarrer hatte ihm bis jetzt das Brot wahrlich nicht um seiner Tugend, sondern um seines Hungers willen gegeben.

27. Fleiß und Arbeitsamkeit ohne ein dankbares und mitleidiges Herz.

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Vom Marx weg ging der Vogt nun endlich zum letzten. Dieses war der Kienast, ein kränklicher Mann. Er ging zwar erst gegen die fünfzig, aber Armut und Sorgen hatten ihn gar abgeschwächt, und heute war er besonders in einem erschrecklichen Kummer. Seine älteste Tochter hatte gestern in der Stadt Dienste genommen, und zeigte dann heute dem Vater den Dingpfennig, worüber der arme Mann gewaltig erschrocken war. Seine Frau, die noch kindete, war eben jetzt nähig (der Entbindung nahe), und das Susanneli war unter den Kindern das einzige, das der Haushaltung Hilfe leisten konnte; jetzt aber sollte es in vierzehn Tagen den Dienst antreten. Der Vater bat es mit weinenden Augen und um Gottes willen, es solle das Haftgeld wieder zurückgeben, und bei ihm bleiben bis nach der Mutter Kindbett. Ich will nicht, antwortete die Tochter. Wo find' ich denn gleich wieder einen andern Dienst, wenn ich diesen aufgebe?

Der Vater. Ich will nach der Kindbett selbst mit dir nach der Stadt gehen, und dir helfen, einen andern suchen. Bleib' doch nur so lange!

Die Tochter. Es geht ein halbes Jahr, Vater, bis zum andern Ziel, und der Dienst, den ich jetzt habe, ist gut. Wer kann wissen, wie dann der sein werde, den du mir willst suchen helfen? Und kurzum, ich warte nicht bis auf das andere Ziel.

Der Vater. Du weißt doch, Susanneli, daß ich auch alles an dir getan habe, was ich immer konnte. Denke doch auch an deine jüngern Jahre, und verlasse mich jetzt nicht in meiner Not!

Die Tochter. Willst du mir denn vor meinem Glücke sein, Vater?

Der Vater. Ach, es ist nicht dein Glück, daß du deine armen Eltern in diesen Umständen verlässest. Tue es doch nicht, Susanneli! Meine Frau hat noch ein schönes Fürtuch; es ist das letzte, und es ist ihr lieb; sie hat es von ihrer sel. Gotten (Pate) zum Seelgerät (Todesandenken); aber sie muß es dir nach der Kindbett geben, wenn du nur bleibst.

Die Tochter. Ich mag nichts, weder von euern Lumpen noch von eurer Hoffart; ich kann das und Besseres selber verdienen. Es ist einmal Zeit, daß ich für mich selber sorge. Wenn ich noch zehn Jahre bei euch bliebe, ich würde nicht zu Bett und Kasten kommen.

Der Vater. Es wird doch auch nicht alles auf dieses halbe Jahr ankommen; ich will dich nach der Kindbett gewiß nicht mehr versäumen, bleib' doch nur noch diese wenigen Wochen.

Nein, ich tue es nicht, Vater, antwortete die Tochter, kehrt sich um und läuft fort zu einer Nachbarin.

Der Vater steht jetzt da, niedergeschlagen von seinen Sorgen und von seinem Kummer, und sagt zu sich selber: Wie will ich mir in diesem Unglück helfen? wie will ich sie nun meiner armen Frau anbringen, die Hiobsbotschaft? Ich bin doch ein elender Tropf, daß ich mit diesem Kinde so gefehlt habe. Es arbeitet so brav, dacht' ich immer, und verzieh ihm dann alles. Meine Frau sagte mir hundertmal: Es ist so grob und so frech gegen seine Eltern, und was es seinen Geschwistern tun und zeigen muß, das tut und zeigt es ihnen alles so hässig, so unartig und so ganz ohne Anmut und Liebe, daß keines etwas von ihm lernt – Es arbeitet doch brav; vielleicht sind die andern auch schuld; man muß ihm verzeihen, war immer meine Antwort. – Jetzt habe ich dieses Arbeiten! Ich hätte es doch denken sollen: wenn bei einem Menschen das Herz einmal hart ist, so ist es aus; was er auch sonst Gutes hat, man kann nicht mehr auf ihn zählen. Aber wenn ich es nur auch meiner Frau schon gesagt hätte; wie wird sie doch tun!

Da der Mann so mit sich selber redete, stand der Vogt neben ihm, und er sah ihn nicht einmal.

Was darfst du denn deiner Frau nicht sagen, Kienast! fragte ihn jetzt dieser.

Der Kienast sieht auf, erblickt den Vogt, und sagt: Bist du da, Vogt? ich sah dich nicht. Ha, was darf ich meiner Frau nicht sagen? Das Susanneli hat in der Stadt Dienste genommen, und wir hätten es jetzt auch so nötig. Aber ich hätte fast vergessen zu fragen: was willst du bei mir?

Vogt. Es kann dir vielleicht ein Trost sein, was ich bringe, weil es mit dem Susanneli so ist.

Kienast. Das wäre wohl ein Glück in meiner Not.

Vogt. Du hast Arbeit an dem Kirchbau und alle Tage 25 Kreuzer Taglohn; damit kannst du dir in allweg helfen.

Kienast. Herr Gott im Himmel! darf ich diese Hilfe hoffen?

Vogt. Ja ja, Kienast, es ist gewiß, wie ich sage.

Kienast. Nun so sei Gott gelobt und ihm gedankt! (Es wird ihm blöd, seine Glieder zittern.) Ich muß niedersitzen, diese Freude hat mich so übernommen auf meinen Schrecken. (Er setzt sich auf einen nahen Holzstock, und lehnet sich an die Wand des Hauses, daß er nicht sinke.)

Der Vogt sagte: Du magst wenig erleiden. Und der Kienast: Ich bin noch nüchtern.

So spät? erwiderte der Vogt, und ging seines Weges fort.

Die arme Frau in der Stube sah, daß der Vogt bei ihrem Manne war, und jammerte entsetzlich: Das ist ein Unglück! Mein Mann ist heute den ganzen Tag wie verwirrt, und weiß nicht, was er tut; und eben jetzt sah ich das Susanneli bei der Nachbarin beide Hände zerwerfen, als wenn es vor Verdruß außer sich wäre; und jetzt noch der Vogt! Was ist doch für ein Unglück vorhanden? Es ist keine geplagtere Frau unter der Sonne ... schon so weit in Vierzig und noch alle Jahre ein Kind, und Sorgen und Mangel und Angst um mich her. – So grämte sich die arme Frau in der Stube; der Mann aber hatte sich indessen wieder erholt, und kam mit einem so heitern und freudigen Gesicht zu seiner Lieben, als er seit Jahren nicht hatte.

Du tust fröhlich. Meinst du, ich wisse nicht, daß der Vogt da war? sagte die Frau.

Und er antwortete: Wie vom Himmel herab ist er gekommen zu unserm Trost.

Ist das möglich? antwortete die Frau.

Kienast. Setze dich nieder, Frau; ich muß dir Gutes erzählen. – Da sagte er ihr, was eben mit dem Susanneli begegnet, und wie er in einer großen Herzensangst gewesen, und wie ihm, gottlob, jetzt gänzlich aus der Not geholfen sei.

Da aß er die Suppe, die er in der Angst zu Mittag hatte stehen lassen, und er und die Frau weinten heiße Tränen des Danks und der Freude gegen Gott, der ihnen also geholfen in der Not, und sie ließen das Susanneli noch desselbigen Tages gehen in seinen Stadtdienst, wie es wollte.

28. Der Abend vor einem Festtage in eines Vogts Hause der wirtet.

Inhaltsverzeichnis

Nun eilte der Vogt, von seinem Laufen ermüdet und durstig, wieder heim. Es war schon sehr spät, und der Kienast wohnte beinahe eine Stunde vom Dorf weg auf dem Berg. Allenthalben hatte er heute durch seine Gesellen schon verkündet, daß er über den gestrigen Vorfall gar nicht erschrocken, und bei einem Jahre nie so lustig und munter gewesen sei wie heut'. Das machte denn, daß auf den Abend etliche wieder Mut faßten, und still dem Wirtshause zuschlichen. Da es dunkelte, kamen immer noch mehrere, und zu Nacht, gegen sieben Uhr, waren die Tische alle fast wieder ebenso voll als gewöhnlich.

So geht es. Wenn ein Jäger im Heuet von einem Kirschbaum einen Vogel herunter schießt, so steigt die Schar der Vögel, die Kirschen fraß, erschrocken und schnell vom Baume weg, und alle Vögel kreischten vor der Gefahr; aber nach einer Weile setzt sich schon wieder einer, im Anfange nur einer, auf den Baum, und sieht er dann den Jäger nicht mehr, so pfeift er, nicht das Gekreisch des erschreckten Vogels; er pfeift dann den muntern Laut der Freßlust bei der nahen Speise. Auf den Ruf des kühnern Fressers rücken dann die furchtsamen auch wieder an, und alle fressen Kirschen, als ob der Jäger keinen erschossen hätte.

So war es und kam es, daß die Stube jetzt wieder voll war von Nachbarn, die gestern und heute vormittags sich noch nicht getrauten zu kommen.

Bei allem Bösen, und selbst bei Schelmentaten, wird alles munter und mutig, wenn viel Volks beieinander ist und wenn die, so den Ton geben, herzhaft und frech sind.

Da das in den Wirtshäusern nie fehlt, so ist unstreitig, daß sie, das gemeine Volk zu allen Bosheiten und zu allen schlimmen Streichen frech und leichtsinnig genug zu bilden und zu stimmen, weit besser eingerichtet sind, als es die armen, einfältigen Schulen sind, die Menschen zu einem braven, stillen, wirtschaftlichen Leben zu bilden. Aber zur Historie!

Die Nachbarn im Wirtshause waren jetzt alle wieder des Vogts Freunde; denn sie saßen bei seinem Wein. Da sprach der eine, wie der Vogt ein Mann sei, und wie ihn – bei Gott! – noch keiner gemeistert habe; ein anderer, wie Arner ein Kind sei, und wie der Vogt seinen Großvater in Ordnung gehalten habe; ein anderer, wie es vor Gott im Himmel nicht recht, und am jüngsten und letzten Tage nicht zu verantworten sei, daß er dem armen Gemeindlein das Wirtsrecht abstehlen wolle, das es doch seit Noahs und Abrahams Zeiten besessen hätte; dann wieder ein anderer, wie er es – beim Donner! – doch noch nicht habe, und wie er es vor allen Teufeln erzwingen wolle, daß morgen schon dawider Gemeinde sein müsse. Dann erzählt wieder ein anderer, wie es mit dem gar nicht so not tue, und wie der Vogt seine Feinde alle immer so schön in die Grube gebracht habe, und wie er jetzt weder mit dem gnädigen Herrn noch mit dem Bettler, dem Maurer, eine neue Mode anfangen werde.

So schwatzten die Männer und soffen. Die Vögtin lachte mitunter, trug einen Krug nach dem andern auf den Tisch, und zeichnete alle richtig an die Tafel in der Nebenstube mit ihrer Kreide. Indessen kam der Vogt, und es freute ihn in seinem Herzen, daß er die Tische alle wieder so besetzt fand mit seinen Lumpen. Das ist brav, ihr Herren, daß ihr mich nicht verlasset, sagte er zu ihnen.

Du bist uns noch nicht feil, antworteten die Bauern, und tranken mit Lärmen und Brüllen auf seine Gesundheit.

Der Lärm ist groß, Nachbarn; man muß ohne Aergernis leben, sagte der Vogt, es ist heiliger Abend.

Mache die Fensterläden zu, Frau, und lösche die Lichter gegen der Gasse. Es ist besser, wir gehen in die hintere Stube, Nachbarn. Ist es warm dort, Frau?

Frau. Ja, ich habe daran gedacht, und einheizen lassen.

Vogt. Gut. Nehmt alles vom Tisch in die hintere Stube.

Da nahmen die Frau und die Nachbarn Gläser, Flaschen, Brot, Käs, Messer und Teller und Karten und Würfel und trugen alles in die hintere Stube, von der man, geschähe auch ein Mord, auf der Gasse nichts hört.

Da sind wir jetzt sicher vor Schelmen, die vor den Fenstern horchen, und vor den heiligen Knechten Er meint Chorrichter, Stillständer, Kirchenälteste, deren Pflicht es ist, dem Pfarrer solche nächtliche Ungebühren anzuzeigen, und dieser ist es, den der gottlose Vogt nach einem wirklich eingerissenen Tone den Schwarzen nennt. des Schwarzen. Aber ich bin durstig wie ein Jagdhund. Wein her!

Die Frau bringt ihn, und Christen fragt alsobald: Ist das vom heutigen, Vogt, den des Scherers Hund mitsäuft?

Vogt. Ja, so ein Narr bin ich wieder.

Christen. Was hattest du wohl für eine Teufelsabsicht dabei?

Vogt. Bei Gott, keine! es war ein bloßer Narreneinfall. Ich war noch nüchtern, und wollte nicht saufen.

Christen. Pfeif' das dem Scheitstock, vielleicht glaubt er es; ich mag nicht.

Vogt. Warum nicht?

Christen. Warum nicht? Weil dein Wein, den wir soffen, auch nach Schwefel roch wie die Pest.

Vogt. Wer sagt das?

Christen. Ich, Meister Urias! Ich merkte es nicht in der Stube; aber da ich den leeren Krug heim trug, roch es mir noch in die Nase, daß es mich fast zurückschlug. Alles und alles zusammengenommen, so ist einmal ziemlich am Tage, daß du, mit Gunst! etwas gesucht hast.

Vogt. Ich weiß so wenig, was die Frau geschickt hat, als ein Kind in der Wiege. Mit deinen Einbildungen, du Narr!

Christen. Aber du weißt doch auch noch, daß du eine schöne Predigt von den Rechten im Lande gehalten hast? Du hast das, denk' ich, auch so aus unbedachtem Mute getan, wie man eine Prise Tabak nimmt.

Vogt. Schweig' jetzt, Christen! das beste wäre, ich ließe dich brav abprügeln, daß du mir den Krug umgeleert hast. Aber ich muß jetzt wissen, wie es heute beim Scherer gegangen ist, da ich fort war.

Christen. Aber das Versprechen, Vogt?

Vogt. Was für ein Versprechen?

Christen. Daß ich weinfrei sein soll bis am Morgen, wenn ich was Rechtes wisse.

Vogt. Wenn du aber nichts weißt, willst du doch saufen?

Christen. Ja, nichts wissen! Nur Wein her und höre dann.

Der Vogt gibt ihm, sitzt zu ihm hin, und Christen erzählt jetzt, was er weiß, und was er nicht weiß. Einmal machte er es so bunt, daß es der Vogt merkte.

Lüge doch auch so, du Hund, daß man es nicht mit Händen greift! sagte er.

Nein, bei Gott! antwortete Christen; so wahr ich ein Sünder bin, es fehlt kein Haar und kein Punkt an dem, was ich sage.

Nun denn, sagte der Vogt, der jetzt doch genug hatte, der Schabenmichel ist eben gekommen; ich muß etwas mit ihm reden – und geht dann an den andern Tisch, wo dieser saß, klopft ihm auf die Achsel, und sagt:

29. Fortsetzung, wie Schelmen miteinander reden und handeln.

Inhaltsverzeichnis

Bist du auch unter den Sündern? Ich dachte, du seiest seit deinem Berufe an der Kirchmauer auf einmal heilig geworden, wie unser Metzger, als er einst eine Woche für den Sigrist Mittag läuten mußte.

Michel. Nein, Vogt, meine Bekehrung geht nicht so blitzschnell; aber wenn es einmal angeht, so lasse ich dann nicht nach.

Vogt. Ich möchte dann dein Beichtiger sein, Michel.

Michel. Ich mag dich aber nicht hiezu.

Vogt. Warum nicht?

Michel. Du würdest mir die Sünden wohl doppelt, machen mit deiner heiligen Kreide.

Vogt. Wäre dir das nicht recht?

Michel. Nein, Vogt, ich will einen Beichtiger haben, der die Sünden verzeiht und nachläßt; und nicht einen, der sie aufkreidet.

Vogt. Ich kann auch Sünden verzeihen und nachlassen.

Michel. Sünden aus deinem Buche?

Vogt. Freilich, oft und viel muß ich es leider! Aber besser ist es, man halte sich, daß ich es gern tue.

Michel. Kann man das, Herr Untervogt?

Vogt. Wir wollen sehen. (Er winkt ihm.) Sie gehen miteinander ans kleine Tischlein an der Ecke beim Ofen, und der Vogt sagt: Es ist gut, daß du da bist; es kann dein Glück sein.

Michel. Ich habe Glück nötig.

Vogt. Ich glaube es; aber wenn du dich anschickst, so fehlt es nicht, du machst Geld auf deinem Posten.

Michel. Aber wie muß ich das anstellen?

Vogt. Du mußt dich bei dem Maurer einschmeicheln, und recht hungrig und arm tun.

Michel. Das kann ich, ohne zu lügen.

Vogt. Du mußt dann oft und viel deinen Kindern dein Abendbrot geben, damit er glaube, du habest ein Herz so weich wie zerlassene Butter; und die Kinder müssen dir barfuß und zerlumpt nachlaufen.

Michel. Auch das ist nicht schwer.

Vogt. Und dann, wenn du unter allen Zehen der liebste sein wirst, erst dann wird deine rechte Arbeit angehen.

Michel. Und was ist denn die?

Vogt. Alles zu tun, was bei dem Bau Streit und Verdacht anzetteln, was die Arbeit in Unordnung bringen, und was die Taglöhner und den Meister dem Junker verleiden kann.

Michel. Das mag jetzt wohl ein bißchen ein schwereres Stücklein sein.

Vogt. Aber es ist auch so ein Stücklein, dabei du Geld verdienen kannst.

Michel. Ohne diese Hoffnung könnte wohl ein Gescheiter diese Wegweisung geben, aber nur ein Narr könnte sie annehmen.

Vogt. Das versteht sich, daß du Geld dabei verdienen mußt.

Michel. Zwei Taler Handgeld, Herr Untervogt, das muß bar voraus bezahlt sein; sonst ding ich nicht in diesen Krieg.

Vogt. Du wirst alle Tage unverschämter, Michel! Du verdienst bei der Arbeit, die ich dir zeige, Geld mit Müßiggehen; und du willst dann noch, ich soll dir den Lohn geben, daß du guten Rat annimmst.

Michel. Ich mag nichts hören. Du willst, daß ich in deinem Dienst den Schelm mache, und ich will es tun und treu sein und herzhaft; aber Handgeld und einen Dingpfennig! Zwei Taler, und keinen Kreuzer minder, das muß heraus, sonst stehe du selber hin, Vogt.

Vogt. Du Hund! du weißt, wo du zwingen kannst. Da sind die zwei Taler.

Michel. Nun ist es in der Ordnung, Meister; jetzt nur befohlen!

Vogt. Ich denke, so etwa in der Nacht Gerüststangen abbrechen, und mit einem Schlag ein paar Kirchenfenster von oben herunter spalten, das sei dir ein Leichtes; und daß Seile und Kärste, und was Kleines herum liegt, bei einem solchen Ehrenanlaß verschwinden müssen, das versteht sich von selbst.

Michel. Natürlich.

Vogt. Und dann in einer dunklen Nacht die Gerüstbretter alle den Hügel hinab in den Fluß tragen, daß sie weiter nach Holland fahren, das ist auch nicht schwer.

Michel. Nichts weniger, das kann ich vollkommen. Ich hänge ein großes weißes Hemd mitten auf den Kirchhof an eine Stange, daß der Wächter und die Frau Nachbarin, wenn sie ein Gepolter hören, das Gespenst sehen, sich segnen, und mir vom Leibe bleiben.

Vogt. Du loser Ketzer du, was für ein Einfall.

Michel. Ich tue es gewiß; es bewahrt vor dem Halseisen.

Vogt. Ja, aber das muß noch sein. Wenn Zeichnungen, Rechnungen und Pläne, die dem Junker gehören, etwa umher liegen, die mußt du ordentlich hintragen, wo sie kein Hund sucht, und des Nachts dann abholen zum Einheizen.

Michel. Ganz wohl, Herr Untervogt!

Vogt. Auch mußt du es so einfädeln, daß deine ehrende Gesellschaft im Herrendienst sich recht wohl sein lasse, daß sie liederlich arbeite, und besonders, daß, wenn der Junker oder jemand aus dem Schloß kömmt, die Lumpenordnung am größten sei, und daß du dann auch diesen winken mußt, wie schön es gehe, versteht sich.

Michel. Ich will alles probieren, und ich verstehe jetzt ganz wohl, was du eigentlich willst.

Vogt. Aber vor allem aus ist es wahrlich nötig, daß du und ich Feinde werden.

Michel. Auch das versteht sich.

Vogt. Wir wollen damit gerade jetzt anfangen. Es könnten Mamelucken da sein und erzählen, wie wir hier in Eintracht in dieser Ecke Rat gehalten haben.

Michel. Du hast recht.

Vogt. Trink noch ein paar Gläser; dann tu' ich dergleichen, als ob ich mit dir rechnen wollte, und du leugnest mir etwas. Ich fange Lärm an, du schmälst auch, und wir stoßen dich zur Türe hinaus.

Michel. Das ist gut ausgedacht! (Er säuft geschwind den Krug aus, und sagt dann zum Vogt: Fang jetzt nur an!)

Der Vogt murmelte von der Rechnung, und sagt etwas vernehmlich: Nun einmal den Gulden habe ich nicht erhalten.

Michel. Besinne dich, Vogt.

Vogt. Ich weiß in Gottes Namen nichts davon. (Er ruft seiner Frau:) Frau, hast du die vorige Woche einen Gulden von Michel erhalten?

Die Frau. Behüte Gott, keinen Kreuzer!

Vogt. Das ist wunderlich. Gib mir den Rodel. (Verzeichnis.) (Sie bringt ihn, und der Vogt liest:) Da ist Montag, nichts von dir; Dienstag, nichts von dir; da ist Mittwoch ... Am Mittwoch sagtest du ja, war es.

Michel. Ja.

Vogt. Da ist Mittwoch; siehe da, es ist nichts von dir; und auch Donnerstag, Freitag und Samstag, es ist kein Wort da von dem Gulden.

Michel. Das ist vom Teufel! ich habe ihn doch bezahlt.

Vogt. Sachte, sachte, Herr Nachbar! ich schreibe alles auf.

Michel. Was habe ich von deinem Aufschreiben, Vogt? Ich habe den Gulden bezahlt.

Vogt. Das ist nicht wahr, Michel.

Michel. Ein Schelm sagt, ich habe ihn nicht bezahlt.

Vogt. Was sagst du, ungehängter Spitzbube?

Etliche Bauern stehen auf: Er hat den Vogt gescholten, wir haben es gehört.

Michel. Es ist nicht wahr; aber ich habe den Gulden bezahlt.

Bauern. Was sagst du, Schelm, du habest ihn nicht gescholten? Wir haben es alle gehört.

Vogt. Werft mir den Hund aus der Stube!

Michel. (Mit dem Messer in der Hand.) Wer mich anrührt, der sehe zu ...

Vogt. Nehmt ihm das Messer!

Sie nehmen ihm das Messer, stoßen ihn zur Türe hinaus, und kommen dann wieder.

Vogt. Es ist gut, daß er fort ist; er war nur ein Spion vom Maurer.

Bauern. Bei Gott, das war er! Es ist gut, daß der Schelm fort ist.

30. Fortsetzung, wie Schelme miteinander reden und handeln; auf eine andere Manier.

Inhaltsverzeichnis

Wein her, Frau Vögtin! Vogt, wir saufen auf die Ernte hin, eine Garbe vom Zehnten für die Maß!

Vogt. Ihr wollt mich bald bezahlen.

Bauern. Nicht so bald, aber desto schwerer.

Der Vogt setzt sich zu ihnen, und sauft auch mit ihnen nach Herzenslust auf den künftigen Zehnten. Nun sind alle Mäuler offen; ein wildes Gewühl von Fluchen und Schwören, von Zoten und Possen, von Schimpfen und Trotzen erhebt sich an allen Tischen. Sie erzählen von Hurereien und Diebstahl, von Schlaghändeln und Schmähworten, von Schulden, die sie listig geleugnet, von Prozessen, die sie mit seinen Streichen gewonnen haben; von Bosheiten und Unsinn, davon das meiste erlogen, viel aber leider! wahr war; wie sie den alten Arner in Holz und Feld um den Zehnten bestohlen haben; auch wie ihre Weiber jetzt bei den Kindern Trübsal blasen, wie die eine das Betbuch nehme, die andere einen Krug Wein im Spreu oder in einen Strohsack verberge; auch von ihren Buben und Mädchen, wie eines dem Vater helfe die Mutter betrügen, und ein anderes der Mutter helfe den Vater erwischen, und wie sie es als Buben auch so gemacht haben und noch viel schlimmer. Dann kamen sie auf den armen Uli, der über etlichen solcher Narrenpossen ertappt worden, und elendiglich am Galgen umgekommen sei; wie er andächtig gebetet habe, und gewiß selig gestorben sei, nachdem er, wie man wohl wisse, nicht das Halbe bekannt habe, aber doch um des unchristlichen Pfarrers willen habe ins Gras beißen müssen.

Sie waren eben an dieser Geschichte und an des Pfarrers Bosheit, als die Vögtin ihrem Manne winkte, daß er heraus komme.

Wart, bis die Geschichte mit dem Gehängten vorüber ist, war seine Antwort. Sie aber sagte ihm leise ins Ohr: Der Joseph ist da. Er antwortete: Versteck ihn; ich will bald kommen.

Der Joseph hatte sich in die Küche geschlichen. Es war aber so viel Volk im Haus, daß die Vögtin befürchtete, man sehe ihn da. Sie löschte das Licht aus, und sagte ihm: Joseph, ziehe deine Schuhe ab, und schleiche mir nach in die untere Stube; der Mann kommt hinunter. Der Joseph nahm seine Schuhe in die Hand, und folgte ihr auf den Zehen in die untere Stube. Und es ging nicht lange, so kam der Vogt auch, und fragte ihn: Was willst du noch so spät, Joseph?

Joseph. Nicht viel; ich will dir nur sagen, es sei mit den Steinen recht gut in der Ordnung.

Vogt. Das freut mich, Joseph.

Joseph. Der Meister redete heute von der Mauer, und schwatzte da, daß die nahen Kiesel und Feldsteine recht gut wären; ich sagte ihm aber geradezu, daß er ein Narr sei, und seine Sache nie recht anstellen wolle. Die Mauer werde vom Schwendistein so schön und glatt werden wie ein Teller. Er sagte kein Wort dagegen, und ich fuhr fort, wenn er nicht Schwendisteine nehme, so stoße er sein Glück mit Füßen von sich.

Vogt. Hat er sich dazu entschlossen?

Joseph. Ja freilich, das war im Augenblick richtig. Am Montag werden wir den Bruch angreifen.

Vogt. Die Taglöhner müssen ja am Montag ins Schloß.

Joseph. Sie werden zu Mittag schon wieder zurück und mit der Ware in dem Kalk sein. Das hat seine Richtigkeit, wie wenn es schon drinnen wäre.

Vogt. Das ist recht und gut. Wenn es doch nur schon gemacht wäre! Dein Trinkgeld liegt schon parat, Joseph.

Joseph. Ich hätte es eben jetzt recht nötig, Vogt.

Vogt. Komm nur am Montag, wenn ihr den Bruch angefangen haben werdet; es liegt parat.

Joseph. Meinst du, ich halte nicht Wort?

Vogt. Wohl, Joseph, ich traue dir.

Joseph. So gib mir doch gerade jetzt drei Taler auf unsere Abrede. Ich wollte gern morgen meine neuen Stiefel beim Schuster abholen; es ist mein Namenstag, und ich mag dem Meister kein Geld fordern.

Vogt. Ich kann jetzt nicht wohl; komm doch am Montag abend.

Joseph. Da seh ich, wie du mir trauest. Man mag wohl etwas versprechen; aber halten, das ist was anders. Ich glaubte, auf dein Trinkgeld zählen zu dürfen, Herr Untervogt!

Vogt. Bei meiner Seele, ich gebe es dir!

Joseph. Ich seh' es ja.

Vogt. Es ist am Montag auch noch Zeit.

Joseph. Vogt, du zeigst mir, daß man es mit Händen greifen kann, daß du mir nicht traust. Also darf ich auch sagen, wie es mir ist. Wird der Steinbruch einmal angegriffen sein, so wirst du mir kein gutes Wort mehr geben.

Vogt. Das ist doch unverschämt, Joseph; ich werde dir gewiß Wort halten.

Joseph. Ich mag nicht hören. Wenn es nicht jetzt sein kann, so ist alles aus.

Vogt. Kannst du es jetzt nicht mit zwei Talern machen?

Joseph. Nein, ich muß drei haben; aber dann kannst du auch auf mich zählen in allem.

Vogt. Ich will es endlich tun; aber du hältst mir dann doch Wort?

Joseph. Wenn ich dich dann anführe, so sage, wo du willst, ich sei der größte Schelm und Dieb auf der Erde.

Der Vogt rief jetzt der Frau, und sagte ihr: Gib dem Joseph drei Taler. Die Frau nimmt ihn beiseits, und sagt ihm: Tu' doch das nicht!

Vogt. Rede mir nichts ein; tue, was ich sage.

Frau. Sei doch kein Narr! Du bist besoffen; es wird dich morgen reuen.

Vogt. Rede mir kein Wort ein! Drei Taler im Augenblick! Hörst du, was ich sage?

Die Frau seufzt, holt die Taler und wirft sie dem Vogt dar. Dieser gibt sie dem Joseph, und sagt noch einmal: Du wirst mich doch nicht anführen wollen?

Behüte mich Gott davor! was denkst du auch, Vogt? antwortete Joseph; geht, zählt vor der Türe noch einmal seine drei Taler, und sagt zu sich selbst: Nun ist mein Lohn zwischen den Fingern, und da ist er sicherer als in des Vogts Kiste. Er ist ein alter Schelm, und ich will nicht sein Narr sein. Nehme jetzt meinethalben der Meister Kiesel- oder Blaustein.

Die Vögtin heulte vor Zorn auf der Herdstätte in der Küche, und ging nicht mehr in die Stube bis nach Mitternacht. Auch dem Vogt ahnete, sobald er fort war, daß er sich übereilt habe; aber er vergaß es bald wieder bei der Gesellschaft. Der Greuel der Saufenden dauerte bis nach Mitternacht. Endlich kam die Vögtin aus der Küche, und sagte: Es ist Zeit aufzubrechen; es geht gegen den Morgen, und ist heiliger Abend.

Heiliger Abend! sagten die Kerls, streckten sich, gähnten, soffen aus, und standen nach und nach auf. Jetzt taumelten, wankten sie allenthalben umher, hielten sich an Tischen und Wänden, und kamen mit Mühe zum Hause hinaus.

Geht doch ein jeder allein, und macht kein Gewühl! sagte ihnen die Vögtin; sonst kriegen der Pfarrer und sein Chorgericht Strafen.

Nein es ist besser, wir versaufen das Geld, antworteten die Männer. Und die Vögtin: Wenn ihr den Wächter antreffet, so sagt ihm, es stehe ein Glas Wein und ein Stück Brot für ihn da. Und sie waren kaum fort, so erschien der Wächter vor den Fenstern des Wirtshauses, und rief:

Wollt ihr hören, was ich euch will sagen?

Die Glock', und die hat ein Uhr g'schlagen!

Ein Uhr g'schlagen!

Die Vögtin verstand den Ruf, brachte ihm den Wein, und bat, daß er doch dem Pfarrer nicht sage, wie lange sie gewirtet habe. Und nun half sie noch dem schlummernden Besoffenen aus den Schuhen und Strümpfen ... Hier standen noch ein paar Zeilen. – Das ist unflätig, sagte ein Knabe von noch nicht zehn Jahren, der sie lesen hörte. Ich umarmte ihn, und strich die Stelle durch. – Jüngling, wirst du dein reines Gefühl und das sanfte Erröten deiner Wangen behalten, so wird der Zug deiner Jugend dir Freude machen im Alter. Aber wirst du diese sanfte Unschuld deines Herzens der Kühnheit deines wachsenden Muts aufopfern, wird dein blitzendes Auge einst sich nicht mehr niederschlagen, nicht mehr Tränen fallen lassen; wird deine Wange nicht mehr erröten beim Anblick dessen, was unrecht und schändlich ist: Jüngling, dann wirst du ob dieser Stelle weinen, oder sie vielleicht nicht mehr wert achten, daß du sie lesest. In diesem Augenblicke mußte mir natürlich der Gedanke auffallen: Wie weit darf ein sittlicher Schriftsteller das Laster malen? Darf mein Mund aussprechen, was Hogarth und ** gemalt haben? aussprechen das Tun dieser Menschen, die ich ohne Bedenken vom Pinsel und vom Grabstichel gemalt sehe? Mein Gefühl bebt zurück, wenn ich es in Worte bringe und ausspreche das Tun dieser Menschen; und ich sehe mich um, ob mich niemand höre. Aber das Bild des Malers sehe ich hingelehnt am Arme des Besten, des Edelsten, und ich scheue mich nicht. Die Zunge des Menschen, sein Mund sind enger mit dem Gefühle seines Herzens verbunden als seine Hand. Die Kunst, die mit Hand und Pinsel das Laster malt, und kühn ist, und das Tiefste treffend enthüllet, entweihet das Herz nicht mit der Gewalt, mit der es der Mund tut, wenn er mit gleicher Kühnheit das Laster entblößt darstellt. Das ist keine Lobrede für alle angebeteten Dichter; aber es dünkt mich hingegen besonders in einem Jahrhundert, wo es der allgemeine Ton ist, den Kopf mit Bildern des Müßiggangs, anstatt mit Berufs- und Geschäftssachen zu füllen, eine für das Menschengeschlecht höchst wichtige Wahrheit. Und sie brummte noch von Josephs Talern und von der Dummheit ihres Mannes; er aber schlummerte, schnarchte, wußte nicht, was er tat. Endlich kamen beide am heiligen Abend zur Ruhe.

Und nun, gottlob, habe ich eine Weile nichts mehr von ihnen zu erzählen. Ich kehre zurück zu Lienhard und Gertrud.

Wie das eine Welt ist! Bald steht neben einem Hundsstall ein Garten, und auf einer Wiese ist bald stinkender Unrat, bald herrliches, milchreiches Futter. Ja, es ist wunderlich auf der Welt. Selbst die schönen Wiesen geben ohne den Unrat, den wir darauf schütten, kein Futter.

31. Der Abend vor einem Festtage im Hause einer rechtschaffenen Mutter.

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Gertrud war noch allein bei ihren Kindern. Die Vorfälle der Woche und der kommende festliche Morgen erfüllten ihr Herz. In sich selbst geschlossen und still bereitete sie das Nachtessen, nahm ihrem Mann und den Kindern und sich selber ihre Sonntagskleider aus dem Kasten, und bereitete alles auf morgen, damit dann am heiligen Tage sie nichts mehr zerstreue. Und da sie ihre Geschäfte vollendet hatte, setzte sie sich mit ihren Lieben an den Tisch, um mit ihnen zu beten.

Es war alle Samstage ihre Gewohnheit, den Kindern in der Abendgebetstunde ihre Fehler und auch die Vorfälle der Woche, die ihnen wichtig und erbaulich sein konnten, ans Herz zu legen; und heute war sie besonders eingedenk der Güte Gottes gegen sie in dieser Woche, und wollte diesen Vorfall, so gut ihr möglich war, den jungen Herzen tief einprägen, daß er ihnen unvergeßlich bleibe. Die Kinder saßen still um sie her, falteten ihre Hände zum Gebet, und die Mutter redete also mit ihnen: Ich habe euch etwas Gutes zu sagen, Kinder. Der liebe Vater hat in dieser Woche eine gute Arbeit bekommen, an der sein Verdienst viel besser ist, als an dem, was er sonst tun muß.

Kinder, wir dürfen hoffen, daß wir in Zukunft das tägliche Brot mit weniger Sorgen und Kummer haben werden. Danket, Kinder, dem lieben Gott, daß er so gut gegen uns ist; und denket fleißig an die alte Zeit, wo ich euch jeden Mundvoll Brot mit Angst und Sorgen abteilen mußte! Es tat mir da so manchmal im Herzen weh, daß ich euch so oft nicht genug geben konnte; aber der liebe Gott im Himmel wußte schon, daß er helfen wollte, und daß es besser für euch sei, meine Lieben, daß ihr zur Armut, zur Geduld und zur Ueberwindung der Gelüste erzogen würdet, als daß ihr Ueberfluß hättet. Denn der Mensch, der alles hat, was er will, wird gar zu gerne leichtsinnig, vergißt seines Gottes, und tut nicht das, was ihm selbst das Nützlichste und Beste ist. Kinder, denket doch, so lange ihr leben werdet, an diese Armut und an alle Not und Sorgen, die wir hatten; und wenn es jetzt besser geht, Kinder, so denket an die, so Mangel leiden, wie ihr Mangel leiden mußtet. Vergesset nie, wie Hunger und Mangel ein Elend sind, auf daß ihr mitleidig werdet gegen den Armen, und wenn ihr einen Mundvoll Überflüssiges habet, es ihm gerne gebet. Nicht wahr, Kinder, ihr wollet es gerne tun? – O ja, Mutter, gewiß gerne, sagten alle Kinder.

32. Die Freuden der Gebetsstunde.

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Mutter. Niklas, wen kennst du, der am meisten Hunger leiden muß?

Niklas. Mutter, den Rudeli. Du warst gestern bei seinem Vater. Der muß schier Hungers sterben; er ißt Gras ab dem Boden.

Mutter. Wolltest du ihm gerne dann und wann dein Abendbrot geben?

Niklas. O ja, Mutter! Darf ich gerade morgen?

Mutter. Ja, du darfst es.

Niklas. Das freut mich.

Mutter. Und du, Lise, wem wolltest du dann und wann dein Abendbrot geben?

Lise. Ich besinne mich jetzt nicht gerade, wem ich es am liebsten gäbe.

Mutter. Kommt dir denn kein Kind in den Sinn, das Hunger leiden muß?

Lise. Wohl freilich, Mutter.

Mutter. Warum weißt du denn nicht, wem du es geben willst? Du hast immer so kluges Bedenken, Lise.

Lise. Ich weiß es jetzt auch, Mutter.

Mutter. Wem denn?

Lise. Des Reuti-Marxen Betheli. Ich sah es heute auf des Vogts Mist verdorbene Erdäpfel heraussuchen.

Niklas. Ja Mutter, ich sah es auch, und suchte in allen meinen Säcken; aber ich fand keinen Mundvoll Brot mehr. Hätte ich es mir auch eine Viertelstunde länger gespart!

Die Mutter fragte jetzt eben das auch die andern Kinder, und sie hatten alle eine herzinnige Freude darüber, daß sie morgen ihr Abendbrot armen Kindern geben sollten. Die Mutter ließ sie eine Weile diese Freude genießen; dann sagte sie zu ihnen: Kinder, es ist jetzt genug hievon. Denket jetzt auch daran, wie unser gnädige Herr euch so schöne Geschenke gemacht hat.

Ja unsere schönen Batzen! Willst du sie uns doch zeigen, Mutter? sagten die Kinder.

Hernach, nach dem Beten, sagte die Mutter; und die Kinder jauchzten vor Freude.

33. Die Ernsthaftigkeit in der Gebetsstunde.

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Ihr lärmet, Kinder, sagte die Mutter.

Wenn euch etwas Gutes begegnet, so denket doch bei allem an Gott, der uns alles gibt. Wenn ihr das tut, Kinder, so werdet ihr in keiner Freude wild und ungestüm sein. Ich bin gerne selber mit euch fröhlich, ihr Lieben; aber wenn man in Freude und Leid ungestüm und heftig ist, so verliert man die stille Gleichmütigkeit und Ruhe seines Herzens. Und wenn der Mensch kein stilles, ruhiges und heiteres Herz hat, so ist ihm nicht wohl; darum muß er Gott vor Augen haben. Die Gebetsstunde des Abends und Morgens ist dafür, daß ihr das nie vergesset; denn, wenn der Mensch Gott dankt oder betet, so ist er in seinen Freuden nie ausgelassen und in seinen Sorgen nie ohne Trost; aber darum, Kinder, muß der Mensch, besonders in seiner Gebetsstunde, suchen ruhig und heiter zu sein. Sehet, Kinder, wenn ihr dem Vater recht danket für etwas, so jauchzet und lärmet ihr nicht; ihr fallet ihm still und mit wenig Worten um den Hals; und wenn es euch recht zu Herzen geht, so steigen euch Tränen in die Augen. Sehet, Kinder, so ist es auch gegen Gott. Wenn es euch recht freut, was er euch Gutes tut, und wenn es euch recht im Herzen ist zu danken, so macht ihr gewiß nicht viel Geschrei und Gerede; aber Tränen kommen euch in die Augen, daß der Vater im Himmel so gut ist. Sehet, Kinder, dafür ist alles Beten, daß einem das Herz im Leibe gegen Gott und Menschen immer dankbar bleibe. Und wenn man recht betet, so tut man auch recht, und wird Gott und Menschen lieb in seinem ganzen Leben.

Niklas. Auch dem gnädigen Herrn werden wir recht lieb, wenn wir recht tun, sagtest du gestern.

Mutter. Ja, Kinder, es ist ein recht guter und frommer Herr. Gott lohne ihm alles, was er an uns tut. Wenn du ihm einst nur recht lieb wirst, Niklas!

Niklas. Ich will ihm tun, was er will. Wie dir und dem Vater will ich ihm tun, was er will, weil er so gut ist.

Mutter. Das ist brav, Niklas. Denk' nur immer so, so wirst du ihm gewiß lieb werden.

Niklas. Wenn ich nur auch einmal mit ihm reden dürfte!

Mutter. Was wolltest du mit ihm reden? Niklas. Ich wollte ihm danken für den schönen Batzen.

Anneli. Dürftest du ihm danken?

Niklas. Warum das nicht?

Anneli. Ich dürfte es nicht.

Lise. Ich auch nicht.

Mutter. Warum dürftet ihr das nicht, Kinder?

Lise. Ich müßte lachen.

Mutter. Was, lachen, Lise? und noch voraus sagen, daß du nicht anders als läppisch tun könntest? Wenn du nicht viel Torheiten im Kopf hättest, es könnte dir an so etwas kein Sinn kommen?

Anneli. Ich müßte nicht lachen, aber ich würde mich fürchten.

Mutter. Er würde dich bei der Hand nehmen, Anneli, und würde auf dich herablächeln, wie der Vater, wenn er recht gut mit dir ist. Dann würdest du dich doch nicht mehr fürchten, Anneli?

Anneli. Nein, dann nicht.

Jonas. Und ich dann auch nicht.

34. So ein Unterricht wird verstanden, und geht ans Herz; aber es gibt ihn eine Mutter.

Inhaltsverzeichnis

Aber, ihr Lieben, wie ist es diese Woche mit dem Rechttun gegangen?

Die Kinder sehen eines das andere an, und schweigen.

Mutter. Anneli, tatest du recht in dieser Woche?

Anneli (die Augen niederschlagend). Nein, Mutter, du weißt es wohl mit dem Brüderlein ...

Mutter. Anneli, es hätte dem Kinde etwas begegnen können; es sind schon Kinder, die man so allein gelassen hat, erstickt. Und über das, denk' nur, wie es dir wäre, wenn man dich in eine Kammer einsperrte, und dich da hungern und dürsten und schreien ließe. Die kleinen Kinder werden auch zornig, und schreien, wenn man sie lange ohne Hilfe läßt, so entsetzlich, daß sie für ihr ganzes Leben elend werden können. Anneli, so dürfte ich, weiß Gott, keinen Augenblick mehr ruhig vom Hause weg, wenn ich fürchten müßte, du würdest mit dem Kinde nicht sorgfältig sein.

Anneli. Glaube mir es doch Mutter, ich will gewiß nicht mehr von ihm weggehen.

Mutter. Ich will es zum lieben Gott hoffen, du werdest mich nicht mehr so in Schrecken setzen.

Und Niklas, wie ist es dir in dieser Woche gegangen?

Niklas. Ich weiß nichts Böses.

Mutter. Denkst du nicht mehr daran, daß du am Montag das Gritteli umgestoßen hast?

Niklas. Ich habe es nicht mit Fleiß getan, Mutter.

Mutter. Ja, wenn du es noch gar mit Fleiß getan hättest! Schämst du dich nicht, das zu sagen?

Niklas. Es ist mir leid; ich will es nicht mehr tun, Mutter.

Mutter. Wenn du einmal groß sein, und so wie jetzt nicht Achtung geben wirst, was um dich her ist, so wirst du es mit deinem großen Schaden lernen müssen. Schon unter den Knaben kommen die Unbedachtsamen immer in Händel und Streit; und so muß ich fürchten, mein lieber Niklas, daß du dir mit deinem unbedachtsamen Wesen viel Unglück und Sorgen auf den Hals ziehen werdest.

Niklas. Ich will gewiß acht geben, Mutter.

Mutter. Tue es doch, mein Lieber; und glaube mir, dieses unbedachtsame Wesen würde dich gewiß unglücklich machen.

Niklas. Liebe, liebe Mutter! ich weiß es, und ich glaube es, und ich will gewiß acht geben.

Mutter. Und du, Lise, wie hast du dich in dieser Woche aufgeführt?

Lise. Ich weiß einmal nichts anders diese Woche, Mutter.

Mutter. Gewiß nicht?

Lise. Nein einmal, Mutter, so viel ich mich besinne; ich wollte es sonst gerne sagen, Mutter.

Mutter. Daß du immer, auch wenn du nichts weißt mit so viel Worten antwortest als ein anderes, wenn es recht viel zu sagen hat!

Lise. Was habe ich denn jetzt auch gesagt, Mutter?

Mutter. Eben nichts, und doch viel geantwortet. Es ist das, was wir dir tausendmal schon sagten: du seiest nicht bescheiden, du besinnest dich über nichts, was du reden dürfest; und müssest doch immer geredet haben. – Was hattest du gerade vorgestern dem Untervogt zu sagen, du wissest, daß Arner bald kommen werde?

Lise. Es ist mir leid, Mutter.

Mutter. Wir haben es dir schon oft gesagt, daß du nicht in alles, was dich nicht angeht, reden sollest, insonderheit vor fremden Leuten; und doch tust du es immerfort. Wenn jetzt dein Vater es nicht hätte sagen dürfen, daß er es schön wisse, und wenn er so Verdruß von deinem Geschwätze gehabt hätte?

Lise. Es würde mir sehr leid sein; aber weder du noch er haben ein Wort gesagt, daß es niemand wissen soll.

Mutter. Ja, ich will es dem Vater sagen, wenn er heim kömmt. Wir müssen so zu den Worten, die wir in der Stube reden, allemal hinzusetzen: Das darf jetzt die Lise sagen bei den Nachbarn und beim Brunnen erzählen; aber das nicht, und das wieder wohl. So weißt du denn ordentlich und richtig, wovon du plappern darfst.

Lise. Verzeihe mir doch, Mutter; ich meinte es auch nicht so.

Mutter. Man hat dir für ein und allemal gesagt, daß du in nichts, was dich nicht angeht, plaudern sollst; aber es ist vergeblich. Dieser Fehler ist dir nicht anders abzugewöhnen als mit Ernst; und das erste Mal, daß ich dich wieder bei so unbesonnenem Geschwätz antreffe, werde ich dich mit der Rute abstrafen.

Tränen schossen der Lise in die Augen, da die Mutter von der Rute redete. Die Mutter sah es, und sagte zu ihr: Lise, die größten Unglücke entstehen aus unvorsichtigem Geschwätze, und dieser Fehler muß dir abgewöhnt sein.

So redete die Mutter mit allen, sogar mit dem kleinen Gritteli, zu dem sie sagte: Du mußt deine Suppe nicht mehr so ungestüm fordern; sonst laß ich dich ein andermal noch länger warten, oder ich gebe sie einem andern.

Nach allen diesem beteten die Kinder ihre gewöhnlichen Abendgebete und nach denselben das Samstaggebet, das Gertrud sie gelehrt hatte. Es lautet also:

35. Ein Samstagabend-Gebet.

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Lieber Vater im Himmel, du bist immer gut mit den Menschen auf Erden, und auch mit uns bist du immer gut, und gibst uns alles, was wir nötig haben. Ja, du gibst uns Gutes zum Ueberfluß. Alles kommt von dir, das Brot und alles, was uns der liebe Vater und die liebe Mutter geben. Alles gibst du ihnen, und sie geben es uns gern. Sie freuen sich über alles, was sie uns tun und geben können, und sagen uns, wir sollen es dir danken, daß sie so gut mit uns sind. Sie sagen uns, wenn sie dich nicht kennten, und du ihnen nicht lieb wärest, so wären auch wir ihnen nicht so lieb; und sie würden, wenn sie dich nicht kennten und liebten, uns gar viel weniger Gutes tun können. Sie sagen uns ferner, daß wir es dem Heiland der Menschen danken sollen, daß sie dich, himmlischer Vater, erkennen und lieben, und daß alle Menschen, welche diesen lieben Heiland nicht kennen und lieben, und nicht allem guten Rat folgen, den er den Menschen auf Erden gegeben hat, auch dich, himmlischer Vater, nicht so lieben, und ihre Kinder nicht so fromm und sorgfältig erziehen als die, so dem Heiland der Welt glauben. Unser lieber Vater und die liebe Mutter erzählen uns immer viel von diesem lieben Jesus, wie er es so gut mit den Menschen auf Erden gemeint; wie er, damit er alles tue, was er könne, die Menschen zeitlich und ewig glücklich zu machen, sein Leben in tausendfachem Elend zugebracht habe, und wie er endlich am Kreuze gestorben sei; wie ihn Gott wieder vom Tode auferweckt habe, und wie er jetzt in der Herrlichkeit des Himmels zur Rechten auf dem Throne Gottes, seines Vaters, lebe, und noch jetzt alle Menschen auf Erden gleich liebe, und suche, sie glücklich und selig zu machen. Es geht uns allemal ans Herz, wenn wir von diesem lieben Jesus hören. Wenn wir nur auch lernen, so zu leben, daß wir ihm lieb werden, und daß wir einst zu ihm kommen in den Himmel! Lieber Vater im Himmel, wir arme Kinder, die wir hier beisammen sitzen und beten, sind Brüder und Schwestern; darum wollen wir immer recht gut miteinander sein, und einander nie etwas zuleide tun, sondern alles Gute, was wir können und vermögen. Zu den Kleinen wollen wir Sorge tragen mit aller Treue und mit allem Fleiß, daß der liebe Vater und die liebe Mutter ohne Sorgen ihrer Arbeit und ihrem Brote nachgehen können. Das ist das einzige, so wir ihnen tun können für alle Mühe und Sorgen und Ausgaben, die sie für uns haben. Vergilt ihnen, du Vater im Himmel, alles, was sie an uns tun; und laß uns ihnen in allem, was sie wollen, folgen, daß wir ihnen lieb bleiben bis ans Ende ihres Lebens, da du sie von uns nehmen und belohnen wirst für ihre Treue, die sie uns erwiesen haben. Lieber himmlischer Vater, laß uns an dem morgenden heiligen Tag deiner Güte und der Liebe Jesu Christi und auch alles dessen, was uns unser Vater und unsere Mutter und alle Menschen Gutes tun, recht eingedenk sein, damit wir gegen Gott und Menschen dankbar werden und gehorsam, und damit wir in der Liebe wandeln vor deinen Augen unser Lebenlang!

Hier mußte Niklas innehalten. Dann sprach Gertrud allemal, nach den Vorfällen der Woche, das weitere vor. Heute sagte sie zu ihnen: Wir danken dir, himmlischer Vater, daß du unsern lieben Eltern in dieser Woche die schweren Sorgen für ihr Brot und für ihre Haushaltung erleichtert, und dem Vater einen guten, einträglichen Verdienst gezeigt hast. Wir danken dir, daß unsere Obrigkeit mit wahrem Vaterherzen unser Schutz, unser Trost und unsere Hilfe in allem Elend und in aller Not ist. Wir danken dir für die Guttat unsers gnädigen Herrn. Wir wollen, will's Gott, aufwachsen, wie zu deiner Ehre also auch zu seinem Dienst und Wohlgefallen; denn er ist uns wie ein treuer Vater.

Hierauf sprach sie der Lise vor: Verzeihe mir, o mein Gott, meine alte Unart, und lehre mich, meine Zunge im Zaume halten, schweigen, wo ich nicht reden soll, und behutsam und bedächtlich antworten, wo man mich fragt.

Sodann sprach sie dem Niklas vor: Bewahre mich, Vater im Himmel, doch in Zukunft vor meinem hastigen Wesen und lehre mich, besser acht zu geben auf das, was ich mache, und wer um mich und neben mir ist.

Dann dem Anneli: Es ist mir leid, mein lieber Gott, daß ich mein Brüderlein so leichtsinnig verlassen, und damit die liebe Mutter so in Schrecken gesetzt habe. Ich will es in meinem Leben nicht mehr tun, mein lieber Gott.

Und nachdem die Mutter allen Kindern vorgesprochen hatte, betete sie ferner: Herr, erhöre uns! Vater, verzeihe uns! Jesus, erbarme dich unser! – Dann betete Niklas das heilige Unser Vater, und dann Enne: Behüte mir, Gott, den lieben Vater und die liebe Mutter und die lieben Geschwister, auch unsern lieben, gnädigen Herrn von Arnheim, und alle guten, lieben Menschen auf Erden! – Dann betete die Lise: Das walt' Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist! – Dann die Mutter: Nun, Gott sei mit euch! Gott erhalte euch! Der Herr lasse sein heiliges Angesicht über euch leuchten, und sei euch gnädig!

Eine Weile noch saßen die Kinder und die Mutter in der ernsten Stille, die ein wahres Gebet allen Menschen einflößen muß.

36. Noch mehr Mutterlehren. Reine Andacht und Emporhebung der Seele zu Gott.

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Lise unterbrach diese Stille. Du zeigst uns jetzt die neuen Batzen? sagte sie zur Mutter.

Ja, ich will sie euch zeigen, antwortete die Mutter. Aber Lise, du bist immer das, so zuerst redet.

Niklas juckt jetzt vom Ort auf, wo er sitzt, drängt sich hinter dem Grittle hervor, daß er näher beim Licht sei, um die Batzen zu sehen, und stößt dann das Kleine, daß es laut weint.

Da sagte die Mutter: Niklas, es ist nicht recht. In eben der Viertelstunde versprachst du, sorgfältiger zu sein, und jetzt tust du das!

Niklas. Ach Mutter, es ist mir leid! ich will es in meinem Leben nicht mehr tun.

Mutter. Das sagtest du eben jetzt zu deinem lieben Gott, und tatest es wieder. Es ist dir nicht ernst!

Niklas. Ach ja, Mutter, es ist mir gewiß ernst! Verzeihe mir; es ist mir gewiß ernst und recht leid!

Mutter. Mir auch, du Lieber; aber du denkst nicht daran, wenn ich dich nicht abstrafe. Du mußt jetzt ohne zu essen ins Bett.

Sie sagte es, und führte den Knaben von den andern Kindern weg in seine Kammer. Seine Geschwister standen alle traurig in der Stube umher; es tat ihnen weh, daß der liebe Niklas nicht zu Nacht essen durfte.

Daß ihr euch doch nicht mit Liebe leiten lassen wollet, Kinder! sagte ihnen die Mutter.

Laß ihn doch diesmal wieder heraus, sagten die Kinder.

Nein, meine Lieben, seine Unvorsichtigkeit muß ihm abgewöhnt werden, antwortete die Mutter.

So wollen wir jetzt die Batzen nicht sehen bis morgen; er sieht sie dann mit uns, sagte Enne.

Und die Mutter: Das ist recht, Enne! Ja er muß sie alsdann mit euch sehen. – Jetzt gab sie noch den Kindern ihr Nachtessen, und ging dann mit ihnen in ihre Kammer, wo Niklas noch weinte. Nimm dich doch ein andermal in acht, lieber, lieber Niklas! sagte ihm die Mutter.

Und Niklas sagte: Verzeihe mir es doch, meine liebe, liebe Mutter! verzeihe mir es doch und küsse mich! Ich will gern nichts zu Nacht essen. Da küßte Gertrud ihren Niklas, und eine heiße Träne floß auf sein Antlitz, als sie ihm sagte: O Niklas, Niklas, werde bedachtsam! – Mit beiden Händen umschlingt er den Hals der Mutter und sagt: O Mutter, Mutter, verzeihe mir! Gertrud segnete noch ihre Kinder, und ging wieder in ihre Stube. Jetzt war sie ganz allein. Eine kleine Lampe leuchtete nur schwach in der Stube, und ihr Herz war feierlich still; und ihre Stille war ein Gebet, das unaussprechlich ohne Worte ihr Innerstes bewegte. Empfindlich von Gott und seiner Güte, Gefühl von der Hoffnung des ewigen Lebens und von der innern Glückseligkeit der Menschen, die auf Gott im Himmel trauen und bauen, alles dieses bewegte ihr Herz, daß sie hinsank auf ihre Kniee, und ein Strom von Tränen floß ihre Wangen herunter.

Schön ist die Träne des Kindes, wenn es, von der Wohltat des Vaters gerührt, schluchzend zurücksieht, seine Wange trocknet, und sich erholen muß, ehe es den Dank seines Herzens stammeln kann. Schön sind die Tränen des Niklas, die er in dieser Stunde weint, daß er die gute, gute Mutter erzürnt hat, die ihm so lieb ist. Schön sind die Tränen des Menschen alle, die er also aus gutem Kindesherzen weint. Der Herr im Himmel sieht herab auf das Schluchzen seines Dankes und auf die Tränen seiner Augen, wenn er ihn lieb hat.

Der Herr im Himmel sah die Tränen der Gertrud, und hörte das Schluchzen ihres Herzens, und das Opfer ihres Dankes war ein angenehmer Geruch vor ihm.

Gertrud weinte lange vor dem Herrn, ihrem Gott, und ihre Augen waren noch naß, als ihr Mann heimkam.

Warum weinst du, Gertrud? Deine Augen sind rot und naß. Warum weinst du heute, Gertrud? fragte sie Lienhard.

Gertrud antwortete: Mein Lieber, es sind keine Tränen des Kummers; fürchte dich nicht. Ich wollte Gott danken für diese Woche; da ward mir das Herz zu voll. Ich mußte hinsinken auf meine Kniee. Ich konnte nicht reden, ich mußte nur weinen; aber es war mir, ich habe in meinem Leben Gott nie so gedankt.

Du Liebe, antwortete Lienhard, wenn ich nur auch mein Herz wie du so schnell emporheben und zu Tränen bringen könnte! Es ist mir letzt auch gewiß ernst, recht zu tun und gegen Gott und Menschen redlich und dankbar zu sein; aber es wird mir nie so, daß ich auf meine Kniee fallen und Tränen vergießen möchte.

Gertrud. Wenn es dir nur ernst ist, recht zu tun, so ist alles andere gleich viel. Der eine hat eine schwache Stimme und der andere eine starke, daran liegt nichts; nur wozu sie ein jeder braucht, darauf kömmt es allein an. Mein Lieber, Tränen sind nichts, und Knieefallen ist nichts; aber der Entschluß, gegen Gott und Menschen redlich und dankbar zu sein, das ist alles. Daß der eine Mensch weichmütig, und daß der andere es weniger ist, das ist ebensoviel, als daß der eine Wurm schwerfälliger und der andere leichter in dem Staube daherschleicht. Wenn es dir nur ernst ist, mein Lieber, so wirst du ihn finden, ihn, der aller Menschen Vater ist.

Lienhard senkt mit einer Träne im Auge sein Haupt auf ihren Schoß, und sie hält ihr Angesicht in stiller Wehmut über das seinige. Sie bleiben eine Weile in dieser Stellung still, staunen und schweigen. Endlich sagte Gertrud zu ihm: Willst du nicht zu Nacht essen? – Ich mag nicht, antwortete er; mein Herz ist zu voll, ich könnte jetzt nicht essen. – Ich mag auch nicht, mein Lieber, erwiderte sie. Aber weißt du, was wir tun wollen? Ich trage das Essen zu dem armen Rudi, dem heute seine Mutter gestorben ist.

37. Sie bringen einem armen Mann eine Erbsenbrühe.

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Lienhard. Ist sie endlich ihres Elends los?

Gertrud. Ja gottlob; aber du hättest sie sollen sterben sehen, mein Lieber. Denk', sie entdeckte an ihrem Todestag, daß ihr Rudeli uns Erdäpfel gestohlen. Der Vater und der Knabe mußten zu mir kommen, und um Verzeihung bitten. Sie ließ uns ausdrücklich in ihrem Namen bitten, wir sollten es ihr verzeihen, daß sie die Erdäpfel nicht zurückgeben könne, und der gute Rudi versprach so herzlich, daß er sie dir abverdienen wolle. Denke, mein Lieber, wie mir bei allem dem war! Ich lief zu der Sterbenden; aber ich kann es dir nicht erzählen, es ist nicht auszusprechen, mit welcher Wehmut, wie innig betrübt sie mich noch einmal fragte, ob ich es ihnen verziehen habe; und da sie sah, daß mein Herz gerührt war, empfahl sie mir ihre Kinder. Wie sie das fast nicht tun und fast nicht wagen durfte; wie sie es bis auf den letzten Augenblick versparte, und dann, da sie empfand, daß sie eilen müsse, endlich es wagte; wie sie eine Demut und Liebe gegen die Ihrigen zeigte, und wie sie, mitten indem sie es tat, auf immer entschlief: das ist nicht auszusprechen und nicht zu erzählen!

Lienhard. Ich will mit dir zu ihnen gehen.

Gertrud. Ja, komm, wir wollen gehen.

Sie nimmt ihre Erbsenbrühe, und sie gehen.

Da sie kamen, saß der Rudi neben der Toten auf ihrem Bett, weinte und seufzte, und der Kleine rief dem Vater aus seiner Kammer, und bat ihn um Brot – nein, nicht um Brot, um rohe Wurzeln nur, oder was es wäre. Ach, ich habe nichts, gar nichts. Um Gottes willen, schweige doch bis morgen! Ich habe nichts, sagte ihm der Vater. Und der Kleine: O wie mich hungert, Vater! ich kann nicht schlafen. O wie mich hungert, Vater!

O wie mich hungert! hören ihn Lienhard und Gertrud rufen, öffnen die Türe, stellen das Essen den Hungrigen dar, und sagen zu ihnen: Esset doch geschwind, eh' es kalt ist.

O Gott, sagte der Rudi, was ihr an mir tut! Rudeli, das sind die Leute, denen du Erdäpfel gestohlen hast, und wovon ich auch gegessen habe.

Gertrud. Schweige doch einmal hievon, Rudi.

Rudi. Ich darf euch nicht ansehen, so geht es mir ans Herz, daß wir euch das haben tun dürfen.

Lienhard. Iß doch jetzt, Rudi.

Rudeli. Iß doch, Vater; wir wollen doch essen, Vater.

Rudi. So bete denn.

Rudeli. Speis', Gott, tröst', Gott, alle armen Kind', die auf Erden sind, an Seel' und Leib. Amen!

So betete der Knabe, nimmt den Löffel, zittert, weint und ißt. So vergelt' es euch Gott zu tausend Malen! sagt der Vater, ißt auch, und Tränen fallen über seine Wangen in seine Speise.

Sie aßen aber das Essen nicht auf, sondern stellten ein Plättlein voll beiseits für die Kinder, welche schliefen; dann betete der Rudeli ab Tisch: Wer gegessen hat, Gott danken soll, der uns gespeist hat abermal. Ihm sei Lob, Preis und Dank gesagt von nun an bis in Ewigkeit. Amen!

Als nun der Rudi ihnen noch einmal danken wollte, entfuhr ihm ein Seufzer.

38. Die reine, stille Größe eines wohltätigen Herzens.

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Fehlt dir etwas, Rudi? Wenn es etwas ist, da wir dir helfen können, so sag' es, sagten Lienhard und Gertrud zu ihm.

Nein, es fehlt mir jetzt nichts; ich danke euch, antwortete der Rudi. Aber sichtbar erstickte er das tiefe Seufzen des Herzens, das immer empordringen wollte.

Mitleidig und traurig sahen ihn Lienhard und Gertrud an, und sprachen: Du seufzest doch, und man sieht es, dein Herz ist über etwas beklemmt.

Sag' es doch! ach, sag' es doch, Vater! sie sind ja so gut, bittet ihn der Kleine. Tu' es doch, und sag' es, wenn wir helfen können, bitten ihn Lienhard und Gertrud.

Darf ich es? erwiderte der Arme. Ich habe weder Schuhe noch Strümpfe, und sollte morgen mit der Mutter zum Grabe, und übermorgen ins Schloß gehen.

Lienhard. Daß du dich auch so grämen magst über dieses! Warum sagtest du doch das nicht auch geradezu? Ich kann und will dir ja das gern geben.

Rudi. Wirst du mir, ach mein Gott! nach allem, was vorgefallen ist, auch glauben, daß ich es dir unversehrt und mit Dank wieder zurückgeben werde?

Lienhard. Schweige doch hievon, Rudi! Ich glaube dir noch mehr als das; aber dein Elend und deine Not haben dich zu ängstlich gemacht.

Gertrud. Ja, Rudi, trau' auf Gott und Menschen, so wird dir leichter ums Herz werden, und du wirst dir in allen Umständen besser helfen können.

Rudi. Ja, Gertrud, ich sollte wohl meinem Vater im Himmel mehr trauen, und euch kann ich nicht genug danken.

Lienhard. Rede nicht hievon, Rudi.

Gertrud. Ich möchte deine Mutter noch sehen.

Sie gehen mit einer schwachen Lampe an ihr Bett; und Gertrud und Lienhard und der Rudi und der Kleine, alle mit Tränen in den Augen, staunen in tiefem, stillem Schweigen eine Weile sie an, decken sie dann wieder zu, und nehmen fast ohne Worte herzlich Abschied voneinander. Und im Heimgehen sagte Lienhard zu Gertrud: Welche Tiefe des Elends! Es geht mir ans Herz. Nicht mehr in die Kirche gehen können! nicht mehr um Arbeit bitten, nicht mehr dafür danken können, weil man keine Kleider, nicht einmal Schuhe und Strümpfe dazu hat!

Gertrud. Wenn der Mann nicht unschuldig an seinem Elend wäre, er müßte verzweifeln.

Lienhard. Ja, Gertrud, er müßte verzweifeln, gewiß er müßte verzweifeln, Gertrud! Wenn ich meine Kinder so um Brot schreien hörte, und keines hätte, und schuld daran wäre – Gertrud, ich müßte verzweifeln; und ich war auf dem Weg zu diesem Elend.

Gertrud. Ja, wir sind aus großen Gefahren errettet.

Indem sie so redeten, kamen sie neben dem Wirtshaus vorbei, und das dumpfe Gewühl der Säufer und Prasser ertönte in ihren Ohren. Dem Lienhard klopfte das Herz schon von ferne; aber ein Schauer durchfuhr ihn und ein banges Entsetzen, als er sich ihm näherte. Sanft und wehmütig sah ihn Gertrud jetzt an, und beschämt erwiderte Lienhard den wehmütigen Anblick seiner Gertrud, und sagte:

O des herrlichen Abends an deiner Seite! Ach! wenn ich jetzt auch hier gewesen wäre. So sagte er.

Die Wehmut der Gertrud wächst jetzt zu Tränen, und sie hebt ihre Augen gen Himmel. Lienhard sieht es; Tränen steigen auch ihm in die Augen und gleiche Wehmut in das Antlitz wie seiner Geliebten. Auch er hebt seine Augen gen Himmel, und beide hefteten eine Weile ihr Antlitz auf den schönen Himmel. Sie sahen mit wonnevollen Tränen den hellleuchtenden Mond an, und noch wonnevollere innere Zufriedenheit versicherte sie, daß Gott im Himmel die reinen und unschuldigen Gefühle ihrer Herzen gerne sehe.

Nach dieser kleinen Verweilung gingen sie in ihre Hütte. Alsobald suchte Gertrud Schuhe und Strümpfe für den Rudi, und Lienhard brachte sie ihm noch am gleichen Abend. Da er wieder zurück war, beteten sie noch ein Vorbereitungsgebet zum heiligen Nachtmahl, und entschliefen in gottseligen Gedanken. Am Morgen standen sie früh auf, und freuten sich des Herrn, lasen die Leidensgeschichte des Heilands und die Einsetzung des heiligen Abendmahls, und lobten Gott in der frühen Stunde vor dem Aufgange der Sonne am heiligen Tage. Dann weckten sie ihre Kinder, warteten noch ihr Morgengebet ab, und gingen zur Kirche.

Eine Viertelstunde vor dem Zusammenläuten stand auch der Vogt auf. Er konnte den Schlüssel zum Kleiderkasten nicht finden, fluchte Entsetzen und Greuel, stieß den Kasten auf mit dem Schuh, kleidete sich an, ging zur Kirche, setzte sich in den ersten Stuhl des Chors, nahm den Hut vor den Mund, blickte mit den Augen in alle Ecken der Kirche, und betete zugleich unter dem Hute. Bald darauf kam auch der Pfarrer. Da sang die Gemeinde zwei Stücke von dem Passionslied »O Mensch, bewein' dein Sünde groß,« und wie es weiter lautet. Dann trat der Pfarrer auf die Kanzel und predigte und lehrte an diesem Tage seine Gemeinde also:

39. Eine Predigt.

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Meine Kinder!

Wer den Herrn fürchtet, und fromm und aufrichtig vor seinen Augen wandelt, der wandelt im Lichte; aber wer des Herrn, seines Gottes, in seinem Tun vergißt, der wandelt in der Finsternis. Darum lasset euch nicht verführen; es ist nur einer gut, und der ist euer Vater. Warum laufet ihr in der Irre umher, und tappet in der Finsternis? Es ist niemand euer Vater als nur Gott. Hütet euch vor den Menschen, daß ihr von ihnen nicht Dinge lernet, die eurem Vater mißfallen. Selig ist der Mensch, dessen Vater Gott ist! Selig ist der Mensch, der sich vor dem Bösen fürchtet, und das Arge hasset! denn es geht denen nicht wohl, die Böses tun, und der Arge verstrickt sich in seiner Arglist. Es geht denen nicht wohl, die ihren Nächsten drücken und drängen; nein, es geht dem Menschen nicht wohl, über den der Arme zu Gott schreit. Wehe dem Elenden, der im Winter den Armen speiset, und in der Ernte das Doppelte von ihm wieder abnimmt! Wehe den Gottlosen, der den Armen im Sommer Wein aufdringt, und im Herbst von ihm zweimal so viel wieder fordert! Wehe ihm, wenn er dem Armen sein Stroh und sein Futter abdrückt, daß er sein Land nicht mehr bauen kann! Wehe ihm, wenn die Kinder des Armen um seiner Hartherzigkeit willen Brot mangeln! Wehe dem Gottlosen, der den Armen Geld leiht, daß sie seine Knechte, werden, ihm zu Gebote stehen, ohne Lohn arbeiten und doch zinsen müssen! Wehe ihm, wenn sie vor Gericht und Recht für ihn aussagen, falsches Zeugnis geben, und Meineide schwören, daß er recht habe. Wehe ihm, wenn er Bösewichte in seinem Haus versammelt, und mit ihnen dem Gerechten auflauert, ihn zu verführen, daß er auch werde wie sie, und daß er seines Gottes und seines Weibes und seiner Kinder vergesse, und verschwende bei ihnen den Lohn seiner Arbeit, auf den die Mutter samt den Kindern hoffet. Und wehe auch den Elenden, der sich also von den Gottlosen verführen läßt, und in seinem Unsinn verschwendet das Geld, das in seiner Haushaltung nötig ist! Wehe ihm, wenn sein Weib über ihn zu Gott seufzt, daß sie nicht Milch hat, den Säugling zu nähren; wehe ihm, wenn der Säugling um seines Saufens willen serbt; wehe ihm, wenn die Mutter über seiner Kinder Brotmangel, und über unvernünftig aufgebürdete Arbeit weint! Wehe dem Elenden, der das Lehrgeld seiner Söhne verspielt! Wenn sein Alter kommen wird, werden sie zu ihm sagen: Du warst nicht unser Vater, du lehrtest uns nicht Brot verdienen; womit können wir dir helfen? Wehe denen, die mit Lügen umgehen, und das Krumme gerad' und das Gerade krumm machen; denn sie werden zuschanden werden! Wehe euch, wenn ihr der Witwe Aecker und des Waisen Haus zu wohlfeil gekauft habt – wehe euch! denn der Witwe und des Waisen Vater ist euer Herr, und die Armen, die Witwen und die Waisen sind ihm lieb; und ihr seid ihm ein Greuel und ein Abscheu, darum daß ihr böse seid und hart mit den Armen! Wehe euch, die ihr euer Haus voll habet von dem, was nicht euer ist! Ob ihr gleich jauchzet beim Saufen des Weins, der in den Reben des Armen gewachsen ist; ob ihr gleich lachet, wenn elende, hungernde Menschen ihr Korn mit Seufzen in euere Säcke ausschütten; ob ihr gleich spöttelt und scherzet, wenn euer Unterdrückter sich vor euch wie ein Wurm windet, um den zehnten Teil eures Raubes von euch wieder um Gottes willen auf Borg bittet, ob ihr euch gleich gegen alles das verhärtet, so ist es euch doch keine Stunde wohl in eurem Herzen. Nein, es ist dem Menschen nicht wohl auf Gottes Erdboden, der den Armen aussaugt. Möge er sein, wer er will; möge er über alle Gefahr, über alle Verantwortung und über alle Strafe auf der Erde hinaus sein; möge er sogar Richter im Lande sein, und Elende, die besser sind, als er, mit seiner Hand gefangen nehmen, und mit seinem Munde anklagen; möge er sogar sitzen und richten, selber über sie auf Leben und Tod, und sprechen das Urteil auf Schwert und Rad: er ist schlimmer als sie. Wer den Armen aus Uebermut drückt, und elenden Leuten Fallstricke legt, und die Häuser der Witwen aussaugt, der ist schlimmer als Diebe und Mörder, deren Lohn der Tod ist. Darum ist dem Menschen auf Erden, der das tut, auch keine Stunde wohl in seinem Herzen. Er irrt auf Gottes Erdboden umher, belastet mit dem Fluche des Brudermörders, der seinem Herzen keine Ruhe läßt; er irrt umher, und will und sucht immer die Schrecken seines Inwendigen vor sich selber zu verbergen. Mit Saufen und Prassen, mit Mutwillen und Bosheiten, mit Hader und Streit, mit Lug und Betrug, mit Zoten und Possen, mit Schmähen und Schimpfen, mit Aufhetzen und Hinterreden will er sich selbst die Zeit, die ihm zur Last ist, vertreiben. Aber er wird die Stimme seines Gewissens nicht immer ersticken, er wird dem Schrecken des Herrn nicht immer entgehen können; er wird ihn überfallen wie ein Gewaffneter, und ihr werdet ihn sehen zittern und zagen wie einen Gefangenen, dem der Tod droht.

Aber selig ist der Mensch, der keinen Teil hat an seinem Tun! Selig ist der Mensch, der nicht schuld ist an der Armut eines seiner Nebenmenschen! Selig ist der Mensch, der von keinem Armen Gaben oder Gewinn in seiner Hand hat! Selig seid ihr, wenn euer Mund rein ist von harten Worten und eure Augen von harten Blicken! Selig seid ihr, wenn der Arme euch segnet, und wenn Witwen und Waisen Tränen des Dankes über euch zu Gott weinen! Selig ist der Mensch, der in der Liebe wandelt vor dem Herrn, seinem Gott, und vor allem seinem Volk! Selig seid ihr, ihr Frommen! kommet und freuet euch beim Mahle des Herrn der Liebe! Der Herr, euer Gott, ist euer Vater. Die Pfänder der Liebe aus seiner Hand werden euch erquicken, und das Heil eures Herzens wird wachsen, weil eure Liebe gegen Gott, euern Vater und gegen die Menschen, eure Brüder, wachsen und stark werden wird.

Aber ihr, die ihr ohne Liebe wandelt und in euerm Tun nicht achtet, daß Gott euer Vater ist, daß eure Nebenmenschen Kinder eures Gottes sind, und daß der Arme euer Bruder ist – ihr Gottlosen, was tut ihr hier? Ihr, die ihr morgen wieder wie gestern den Armen drücken und drängen werdet, was tut ihr hier? Wollt ihr das Brot des Herrn essen und seinen Kelch trinken, und sagen, daß ihr ein Leib und ein Herz, ein Geist und eine Seele mit euern Brüdern seid? Verlasset doch diese Vorhöfe, und meidet das Mahl der Liebe! Bleibet, bleibet von hinnen, daß der Arme nicht beim Mahle des Herrn über euerm Anblick erblasse, und daß er in der Stunde seiner Erquickung nicht denken müsse, ihr werdet ihn morgen erwürgen. Gönnet, ach gönnet ihm doch diese Stunde des Friedens, daß er Ruhe habe vor euch, und euch nicht sehe; denn der Arme zittert vor euch, und dem Waisen klopft das Herz, wo ihr um den Weg seid. – Aber warum rede ich mit euch? Ich verschwende umsonst meine Worte. Ihr geht nicht von da weg, wo ihr Menschen kränken könnet. Wo ihr sie vor euch zitternd und angstvoll sehet, da ist euch wohl, und ihr meinet, es müsse wie ihr niemand Ruhe haben in seinem Herzen. Aber ihr irret euch! Siehe, ich wende mich von euch weg, als ob ihr nicht da wäret; und ihr, Arme und Gedrückte in meiner Gemeinde, wendet euch von ihnen weg, als ob ihr sie nicht sähet, als ob sie nicht da wären. Der Herr ist da, auf den ihr hoffet; der Herr ist da. Glaubet und trauet auf ihn, und die Frucht eurer Trübsale und eurer Leiden wird euch zum Segen werden. Glaubet und trauet dem Herrn, eurem Gott, und fürchtet euch nicht vor den Gottlosen! Aber hütet euch vor ihnen! Geduldet euch lieber, traget lieber allen Mangel, leidet lieber Schaden, als daß ihr Hilfe suchet bei dem Hartherzigen; denn die Worte eines harten Mannes sind Lügen, und seine Hilfe ist eine Lockspeise, womit er den Armen fängt, um ihn zu töten. Darum fliehet den Gottlosen, wenn er euch lächelnd grüßet, wenn er seine Hand euch bietet, und die eure schüttelt und drückt. Wenn er euch alle seine Hilfe anträgt, so fliehet; denn der Gottlose verstrickt den Armen. Fliehet vor ihm, und bindet nicht mit ihm an! Aber fürchtet ihn nicht, wenn ihr ihn sehet stehen fest und groß, wie die hohe Eiche fest und groß; fürchtet ihn nicht!

Gehet hin, ihr Lieben, in euren Wald, an den Ort, wo die hohen alten Eichen standen, und sehet, wie die kleinen Bäume, die unter ihrem Schatten serbten, jetzt zugenommen haben, wie sie grünen und blühen. Die Sonne scheint jetzt wieder auf die jungen Bäume, und der Tau des Himmels fällt auf sie in seiner Pracht, und die großen, weiten Wurzeln der Eiche, die alle Nahrung aus der Erde sogen, faulen jetzt, und geben den jungen Bäumen Nahrung, die im Schatten der Eiche serbten. Darum hoffet auf den Herrn; denn seine Hilfe mangelt denen nie, die auf ihn hoffen. Der Tag des Herrn wird über den Gottlosen kommen, und an demselben Tage wird er, wenn er den Unterdrückten und Elenden ansehen wird, heulen und sprechen: Wäre ich wie dieser einer! Darum trauet auf den Herrn, ihr Betrübten und Unterdrückten, und freuet euch, daß ihr den Herrn erkennet, der das Mahl der Liebe eingesetzt hat; denn durch die Liebe traget ihr der Erde Leiden wie einen Schatz von dem Herrn, und unter euren Lasten wachsen eure Kräfte und euer Segen. Darum freuet euch, daß ihr den Herrn der Liebe erkennet; denn ohne Liebe würdet ihr erliegen und werden wie die Gottlosen, die euch plagen und betrügen. Lobpreiset den Herrn der Liebe, daß er das Abendmahl eingesetzt, und unter seinen Millionen auch euch zu seinem heiligen Geheimnis berufen hat! Lobpreiset den Herrn! Die Offenbarung der Liebe ist die Erlösung der Welt. Liebe ist das Band, das den Erdkreis verbindet. Liebe ist das Band, das Gott und Menschen verbindet. Ohne Liebe ist der Mensch ohne Gott, und ohne Gott und ohne Liebe, was ist der Mensch? Dürft ihr es sagen, dürft ihr es aussprechen, dürft ihr es denken, was der Mensch ist ohne Gott und ohne Liebe? Ich darf es nicht sagen, ich kann es nicht aussprechen. Nicht Mensch – Unmensch ist der Mensch ohne Gott und ohne Liebe. Darum freuet euch, daß ihr den Herrn der Liebe erkennet, der den Erdkreis von der Unmenschlichkeit zur Liebe, von der Finsternis zum Licht und vom Tod zum ewigen Licht berufen hat! Freuet euch, daß ihr den Herrn erkennet, und betet für alle die, so ihn nicht erkennen, daß sie zur Erkenntnis der Wahrheit und zu eurer Freude gelangen!

Meine Kinder, kommet zum heiligen Mahl eures Herrn. Amen!

Nachdem der Pfarrer dieses gesagt, und fast eine Stunde seine Gemeinde christlich gelehrt hatte, betete er mit ihnen, und die ganze Gemeinde nahm das Nachtmahl des Herrn. Der Vogt Hummel aber diente zu beim Nachtmahl des Herrn. Und nachdem alles Volk dem Herrn gedankt hatte, sangen sie wieder ein Lied, und der Pfarrer segnete die Gemeinde, und ein jeder ging in seine Hütte.

40. Ein Beweis, daß die predigt gut war; item, vom Wissen und Irrtum, und von dem, was es heiße den Armen drücken.

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Der Vogt Hummel aber ergrimmte über die Rede des Pfarrers, die er über den Gottlosen gehalten hatte, in seinem Herzen; und am Tage des Herrn, den die ganze Gemeinde in stiller Feier heiligte, tobte und wütete er, schimpfte und redete er greuliche Dinge über den Pfarrer. Sobald er vom Tische des Herrn heimging, sandte er sogleich zu den gottlosen Gesellen seines Lebens, daß sie geschwind zu ihm kommen sollten. Diese waren bald da, und führten mit dem Vogt lasterhafte, leichtfertige Reden über den Pfarrer und über seine christliche Predigt.

Der Vogt fing zuerst an. Ich kann das verdammte Schimpfen und Sticheln nicht leiden, sagte er.

Es ist auch nicht recht, es ist Sünde; besonders an einem heiligen Tage ist es Sünde, daß er es tut, sagte Aebi.

Und der Vogt: Er weiß es, der Bösewicht, daß ich es nicht leiden kann; aber desto mehr tut er es. Es muß ihm ein rechtes Wohlleben sein, wenn er die Leute mit seinem Predigen und mit seinem Verdrehen alles dessen, was er nicht versteht, und was ihn nichts angeht, recht in Zorn und Wut bringen kann.

Aebi. Einmal der liebe Heiland und die Evangelisten und die Apostel im Neuen Testament haben niemanden geschimpft.

Christen. Das mußt du nicht sagen; sie haben auch geschimpft, und noch mehr als der Pfarrer.

Aebi. Das ist nicht wahr, Christen.

Christen. Du bist ein Narr, Aebi! Ihr blinden Führer, ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte, und so Tausenderlei. Du verstehst die Bibel schön, Aebi.

Bauern. Ja, Aebi, es ist wahr, sie haben auch geschimpft.

Christen. Ja; aber Rechtshändel, die sie nicht verstanden, und Rechnungssachen, die vor der Obrigkeit ausgemacht und in der Ordnung sind, ahndeten sie doch nicht; und zudem, es waren andere Leute, die das wohl durften.

Bauern. Es versteht sich, es waren andere Leute.

Christen. Ja, es mußten wohl andere Leute sein; denn sonst hätten sie es nicht dürfen. Denket, wie sie es einst einem Annas – ja Annas hieß er – und hintennach auch seiner Frau machten. Nur daß sie eine Lüge sagten, sind sie zu Boden gefallen, und waren tot.

Bauern. Ist das auch wahr, um einer Lüge willen?

Christen. Ja, so wahr ich lebe, und da vor euch stehe.

Aebi. Es ist doch schön, wenn man die Bibel versteht.

Christen. Ich danke es meinem Vater unter dem Boden. Er war zwar, leider Gott erbarm! eben nichts Sonderbares. Er hat uns unser ganzes Muttergut durchgebracht bis auf den letzten Heller; und das könnte ich noch wohl verscherzen, hätte er sich nur nicht mit dem gehängten Uli so eingelassen. So etwas trägt man Kind und Kindeskindern nach. Aber lesen konnte er in der Bibel wie ein Pfarrer, und das mußten wir auch können; er ließ es keinem nach.

Aebi. Es hat mich tausendmal gewundert, wie er auch so ein Schlimmling hat sein können, da er doch so viel wußte.

Bauern. Ja, es ist freilich wunderlich.

Jost (ein Fremder, der eben im Wirtshaus ist). Ich muß nur lachen, Nachbarn, daß ihr euch hierüber verwundert. Wenn vieles Wissen die Leute brav machen würde, so wären ja eure Anwälte (Advokaten) und Tröler, eure Vögte und Richter, mit Respekt zu melden, immer die Bravsten.

Bauern. Ja, es ist so, Nachbar, es ist so.

Jost. Glaubt es nur, Nachbarn, es ist zwischen Wissen und Tun ein himmelweiter Unterschied. Wer aus dem Wissen allein sein Handwerk macht, der hat wahrlich sehr acht zu geben, daß er das Tun nicht verlerne.

Bauern. Ja, Nachbarn, es ist so; was einer nicht treibt, das verlernt er.

Jost. Natürlich, und wenn einer den Müßiggang treibt, so wird er nichts nütze; und so geht es denen, die sich aus Müßiggang und Langerweile auf Frägeln und Schwatzen legen. Gebt nur acht, die meisten dieser Bursche, die immer bald Kalender- und bald Bibelhistorien, bald die alten und bald die neuen Mandate in der Hand oder im Mund haben, sind Tagdieben. Wenn man mit ihnen etwas über Hausordnung, Kinderzucht, Gewinn und Gewerb reden will; wenn sie Rat geben sollen, wie dieses und jenes, das jetzt notwendig ist, anzugreifen wäre, so stehen sie da wie Tröpfe, und wissen nichts und können nichts. Nur da, wo man müßig ist, in Wirtshäusern, auf Tanzplätzen, bei dem Sonn- und Feiertagsgeschwätz, da wollen sie sich dann zeigen. Sie bringen aber Quacksalbereien, Dummheiten und Geschichten an, an denen hinten und vornen nichts wahr ist; und doch ist es weit und breit eingerissen, daß ganze Stuben voll brave Bauern bei Stunden so einem Großmaul, das ihnen eine Lüge nach der andern aufbindet, zuhören können.

Aebi. Es ist bei meiner Seele so, wie der Nachbar da sagt, und deinen Vater, Christen, hat er durch und durch abgemalt. Vollkommen so hatten wir es mit ihm. Dumm war er in allem, was Holz und Feld, Vieh und Futter, Dreschen und Pflügen und alles dergleichen betraf, wie ein Ochs, und zu allem, was er angreifen sollte, träg wie ein Hammel. Aber im Wirtshaus und bei den Kirchständen, Die Plätze, wo die Bauern, Mann und Weib, jung und alt, am Sonntag zwischen den Predigten und am Abend, leider Gott erbarm! lange Zeit zusammenstehen und schwatzen. bei Lichtstubeten Nächtliche Zusammenkünfte von Personen verschiedenen Alters und Geschlechts zur Unterhaltung durch Gespräche und gesellschaftliche Spiele. und auf den Gemeindplätzen redete er wie ein Weiser aus dem Morgenland, bald vom Doktor Faust, bald vom Herrn Christus, bald von der Hexe von Endor, oder der von Hirzau, und bald von den Stiergefechten in Mastricht und den Pferderennen in London. So toll und dumm er alles machte, und so handgreiflich er Lügen aufband, so hörte man ihm dennoch immer gern zu, bis er fast gehenkt wurde. Da hat endlich sein Kredit mit dem Erzählen abgenommen.

Jost. Das ist ziemlich spät.

Aebi. Ja, wir waren lange Narren, und zahlten ihm manchen guten Krug Wein für lauter Lügen.

Jost. Ich denke, es wäre ihm besser gewesen, ihr hättet ihm keinen bezahlt.

Aebi. Bei Gott! ich glaube selbst, wenn wir ihm keinen bezahlt hätten, so wäre er nicht unter den Galgen gekommen. Er hätte alsdann arbeiten müssen.

Jost. So ist ihm eure Gutherzigkeit eben übel bekommen.

Bauern. Jawohl, in Gottes Namen!

Jost. Es ist ein verflucht verführerisches Ding um das müßiggängerische Histörlein-Aufsuchen und Histörlein-Erzählen, und gar heillos, die Bibel in diesem Narrenzeitvertreib hineinzuziehen.

Leupi. Mein Vater hat mich einst tüchtig geprügelt, da ich über so einem Histörlein – ich glaube, es war auch aus der Bibel – vergessen hatte, das Vieh ab der Weide zu holen.

Jost. Er hatte auch recht. Tun, was in der Bibel steht, ist unsereinem seine Sache, und davon erzählen des Pfarrers. Die Bibel ist ein Mandat, ein Befehl; und was würde der Kommandant zu dir sagen, wenn er einen Befehl ins Dorf schickte, man sollte Fuhren in die Festung tun, und du dann, anstatt in den Wald zu fahren und zu laden, dich in ein Wirtshaus setztest, den Befehl zur Hand nähmst, ihn abläsest, und den Nachbarn bei deinem Glas Wein bis auf den Abend erklärtest, was er ausweise und wolle?

Aebi. Ha, was würde er mir sagen? Alle Schand und Spott würde er mir sagen, und mich ins Loch werfen lassen, daß ich ihn für einen Narren gehalten hätte.

Jost. Und just das sind die Leute auch wert, die aus lauter Müßiggang, und damit sie im Wirtshaus Histörlein erzählen können, in der Bibel lesen.

Christen. Ja, aber man muß doch darin lesen, damit man den rechten Weg nicht verfehle.

Jost. Das versteht sich; aber die, so bei allen Stauden stille stehen, und vor allen Brunnen und Marksteinen und Kreuzen, die sie auf dem Weg antreffen, Geschwätz treiben sind nicht die, welche auf dem Wege fortwandeln wollen. Man verwundert sich wahrscheinlich über die Ernsthaftigkeit des Gesprächs, an welchem ausgezeichnete Lumpen und Säufer teilnehmen; aber es gibt Gesichtspunkte von Sachen, welche diese Leute interessieren wie unsereinen, und Augenblicke, wo sie sehr ernsthaft und nach ihrer Art sehr naiv und richtig von allen Dingen reden und urteilen; und man ist sehr irrig, wenn man den liederlichen Bauer und Säufer sich immer als einen besoffenen Trunkenbold ohne Verstand und ohne Teilnehmung an ernsten Sachen vorstellt. Er ist nur alsdann so beschaffen, wenn er wirklich zu viel getrunken hat, und das war jetzt noch nicht der Fall.

Aebi. Aber wie ist denn das, Nachbar? Man sagt sonst, man trage an nichts zu schwer, das man wisse; aber es dünkt mich, man könne am Vielwissen auch zu schwer tragen.

Jost. Ja freilich, Nachbar. Man trägt an allem zu schwer, was einen an etwas Besserm und Notwendigerm versäumt. Man muß alles nur wissen um des Tuns willen; wenn man sich aber darauf legt, um des Schwatzens willen viel wissen zu wollen, so wird man gewiß nichts nütze. Es ist mit dem Wissen und Tun wie mit einem Handwerk. Ein Schuhmacher zum Beispiel muß arbeiten, das ist seine Hauptsache. Er muß aber auch das Leder kennen und seinen Einkauf verstehen; das ist das Mittel, durch welches er in seinem Handwerk wohl fährt. Und so ist es in allem. Tun und Ausüben ist für alle Menschen immer die Hauptsache; Wissen und Verstehen ist das Mittel, durch welches sie in ihrer Hauptsache wohl fahren. Aber darum muß sich auch alles Wissen des Menschen nach dem richten, was er auszuüben und zu tun hat, oder was für ihn die Hauptsache ist.

Aebi. Jetzt fange ich es bald an zu merken. Wenn man den Kopf mit zu vielem und fremdem voll hat, so hat man ihn nicht bei seiner Arbeit und bei dem, was allemal am nötigsten ist.

Jost. Eben das ist es. Gedanken und Kopf sollten einem jeden bei dem sein, was ihn am nächsten angeht; ich wenigstens mach' es so. Ich habe keine Wassermatten; darum liegt es mir nicht schwer im Kopf, wie man wässern muß, und bis ich eigenes Gehölz habe, sinne ich gewiß nicht mit Mühe nach, wie man es am besten besorge; aber meine Güllenbehälter Behälter der Jauche, des flüssigen Düngers. sind mir wohl im Kopf, weil sie meine magern Matten fett machen. So würde es in allen Ecken gut gehen, wenn ein jeder das Seine recht im Kopf hätte. Man kömmt immer früh genug zum Vielwissen, wenn man lernt recht wissen; und recht wissen lernt man nie, wenn man nicht in der Nähe bei dem Seinigen und bei dem Tun anfängt. Auf diese Weise kömmt das Wissen in seiner Ordnung in den Kopf, und man kömmt gewiß weit im Leben, wenn man so anfängt; aber beim müßigen Schwatzen von Kalenderhistorien oder andern Träumen aus den Wolken und aus dem Mond lernt man gewiß nichts als liederlich werden.

Aebi. Man fängt das in der Schule an.

Während des ganzen Gesprächs stand der Vogt am Ofen, staunte, wärmte sich, hörte kaum, was sie sagten, und sprach nur wenig und ganz verwirrt in das, was sie redeten. Er vergaß sogar den Wein bei seinem Staunen; darum währte auch das Gespräch mit dem Aebi und dem Fremden so lange. Vielleicht aber hat er seinen Kram nicht gerne ausgeleert, bis der Fremde ausgetrunken hatte, und fort war; denn er fing endlich auf einmal an, und sagte ihnen, als ob er es bei seinem langen Staunen auswendig gelernt hätte: »Der Pfarrer kömmt immer mit dem, daß man die Armen drücke. Wenn das, was er die Armen drücken heißt, niemand täte, so wären – mich soll der Teufel holen, wenn es nicht so ist! – gar keine Armen in der Welt. Aber wo ich mich umsehe, vom Fürsten an bis zum Nachtwächter, von der ersten Landeskammer bis zur letzten Dorfgemeinde, sucht alles seinen Vorteil, und drückt jedes gegen das, was ihm im Wege steht. Der alte Pfarrer hat selbst Wein ausgeschenkt wie ich, und Heu und Korn und Hafer so wohlfeil an die Zahlung genommen, als ich es immer bekomme. Es drückt in der Welt alles den Niedern; ich muß mich auch drücken lassen. Wer etwas hat, oder zu etwas kommen will, der muß drücken, oder er muß das Seine wegschenken und betteln. Wenn der Pfarrer die Armen kennte wie ich, er würde nicht so viel Kummer für sie haben; aber es ist ihm nicht um die Armen. Er will nur schimpfen, und die Leute hintereinander richten und irre machen. Ja, die Armen sind Bursche! Wenn ich zehen Schelme nötig habe, so finde ich eilf unter den Armen. Der Erzschelm vergißt, daß die reichen Schelme für sich selbst schaffen, und sich darum nicht brauchen lassen. Ich wollte wohl gerne, man brächte mir mein Einkommen auch alle Fronfasten richtig ins Haus; ich würde zuletzt wohl auch lernen, es fromm und andächtig abnehmen. Aber in meinem Gewerb, auf einem Wirtshaus und auf Bauernhöfen, wo alles auf den Heller ausgespitzt sein muß, und wo man einen auch in allen Ecken rupft, da hat es eine andere Bewandtnis. Ich wette, wer da gegen Taglöhner und Arme nachsichtig und weichmütig handeln wollte, der würde um Habe und Gut kommen; denn das sind allenthalben Schelme.«

So redete der Vogt, und verdrehete sich selber in seinem Herzen die Stimme seines Gewissens, die ihn unruhig machte, und ihm laut sagte, daß der Pfarrer recht habe, und daß er der Mann sei, der allen Armen im Dorf den Schweiß und das Blut unter den Nägeln hervordrücke. Aber wie er auch mit sich selber künstelte, so war ihm doch nicht wohl. Angst und Sorgen quälten ihn sichtbar. Er ging in seiner Unruhe beklemmt die Stube hinauf und hinunter. Alsdann sagte er wieder: »Ich bin so erbittert über des Pfarrers Predigt, daß ich nicht weiß, was ich tue, und es ist mir sonst nicht wohl. Ist es auch so kalt, Nachbarn? Es friert mich immer, seitdem ich daheim bin.«

Nein, sagten die Nachbarn, es ist nicht kalt; aber man sah dir es in der Kirche schon an, daß dir nicht wohl ist. Du sahest todblaß aus.

Vogt. Sah man nur es an? Ja es war mir schon da wunderlich. Ich kriege das Fieber; es ist mir so blöde. Ich muß saufen; wir wollen in die Hintere Stube gehen während der Predigt.

41. Der Ehegaumer zeigt dem Pfarrer Unfug an.

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Aber der Ehegaumer, Ehegaumer (Verwahrer der ehelichen Treue) sind in der Schweiz Kirchenälteste, die nebst den Pfarrern auf die Handhabung von Religion, Sitten und Ordnung zu wachen haben. der an des Vogts Gasse wohnte, und den Aebi, den Christen und die andern Lumpen zwischen der Predigt ins Wirtshaus gehen sah, ärgerte sich in seinem Herzen, und gedachte in dieser Stunde an seinen Eid, den er geschworen hatte, acht zu geben auf allen Unfug und auf alles gottlose Wesen, und solches dem Pfarrer anzuzeigen. Und der Ehegaumer bestellte einen ehrbaren Mann, daß er acht geben sollte auf diese Burschen, ob sie vor der Predigt wieder aus dem Wirtshause gingen oder nicht; und da es bald zusammenläuten wollte, und noch niemand wieder herauskam, ging er zum Pfarrer, und sagte ihm, was er gesehen, und wie er den Samuel treu bestellt habe, acht zu geben. Der Pfarrer aber erschrak über diesen Bericht, seufzte still bei sich selber, und redete nicht viel. Da dachte der Ehegaumer, der Herr Pfarrer studiere noch an seiner Predigt, und redete bei seinem Glas Wein auch minder, als er sonst gewohnt war.

Endlich, als der Pfarrer eben in die Kirche gehen wollte, kam der Samuel, und der Ehegaumer sagte zu ihm: Du kannst jetzt dem wohlehrwürdigen Herrn Pfarrer alles selber erzählen.

Da sagte der Samuel: Gott grüß' Euch, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer!

Der Pfarrer dankte ihm, und sagte: Sind denn die Leute noch nicht wieder heim?

Samuel. Nein, Herr Pfarrer. Ich ging von dem Augenblick an, da mich der Ehegaumer bestellte, immer um das Wirtshaus herum, und es ist kein Mensch, außer der Vögtin, die in der Kirche ist, zum Hause herausgegangen.

Pfarrer. Sie sind also noch alle ganz gewiß im Wirtshause?

Samuel. Ja, Herr Pfarrer, ganz gewiß.

Ehegaumer. Da seht Ihr jetzt, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, daß ich mich nicht geirrt habe, und daß ich es habe anzeigen müssen.

Pfarrer. Es ist ein Unglück, daß an einem heiligen Tage solche Sachen einem Zeit und Ruhe rauben müssen.

Ehegaumer. Was wir taten, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, war unsere teure Pflicht.

Pfarrer. Ich weiß es, und danke euch für eure Sorgfalt; aber Nachbarn, vergesset doch ob einer kleinen, leichten Pflicht die schwerere und größere nicht. Acht auf uns selber zu haben und über unsre eigenen Herzen zu wachen, ist immer die erste und wichtigste Pflicht des Menschen. Darum ist es allemal ein Unglück, wenn solche böse Sachen einem Menschen Zerstreuungen veranlassen.

Nach einer Weile sagte er dann wieder: Nein, es ist doch nicht länger auszustehen, dieses grenzenlose Unwesen, und mit aller Nachsicht wird es immer nur ärger.

Darauf ging er mit diesen Männern zur Kirche.

42. Zugabe zur Morgenpredigt.

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Es folgten ihm aber in der Leidensgeschichte die Worte: Und da Judas den Bissen genommen hatte, fuhr der Satan in sein Herz usw. Und er redete mit seiner Gemeinde über die ganze Geschichte des Verräters, und er kam in einen großen Eifer, also daß er mit den Händen stark auf die Kanzel schlug, welches er sonst bei Jahren nicht getan hatte. Und er sagte, daß alle die, so vom Nachtmahle des Herrn zum Spiel und Saufen weglaufen, nicht um ein Haar besser seien als Judas, und daß ihr Ende sein werde wie das Ende des Verräters.

Die Leute in der Kirche fingen an zu staunen und nachzusinnen, was doch der große Eifer des Pfarrers bedeute. Da und dort stieß man die Köpfe zusammen, und murmelte umher, der Vogt habe sein Haus voll von seinen Lumpen, und bald warf alles links und rechts die Augen auf seinen leeren Kirchstuhl und auf die Vögtin. Diese merkte es, zitterte, schlug die Augen nieder, durfte keinen Menschen mehr ansehen, und lief, im Anfange des Singens zur Kirche hinaus. Da sie aber das tat, war das Gerede erst noch größer, so daß man auch mit den Fingern auf sie zeigte, und es standen in den hintersten Weiberstühlen einige sogar auf die Bänke, sie zu sehen, und der Gesang selbst mißtönte ob dem Gemurmel.

43. Die Bauern im Wirtshause werden beunruhigt.

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Sie aber lief, so schnell sie vermochte, heim; und als sie in die Stube kam, warf sie das Kirchenbuch im Zorn mitten unter die Flaschen und Gläser, und fing an, überlaut zu heulen.

Der Vogt und die Nachbarn fragten: Was ist das?

Vögtin. Ihr solltet es wohl wissen; es ist nicht recht, daß ihr an einem heiligen Tage hier saufet.

Vogt. Ist es nur das, so ist es wenig.

Bauern. Und das erste Mal, daß du darüber heulst.

Vogt. Ich glaubte aufs wenigste, du habest den Geldsäckel verloren.

Vögtin. Treib' jetzt noch den Narren! Wenn du in der Kirche gewesen wärest, du würdest nicht narren.

Vogt. Was ist es denn? Heule doch nicht so, und rede! Was ist es denn?

Vögtin. Der Pfarrer muß vernommen haben, daß deine Herren da saufen während der Predigt.

Vogt. Das wäre verflucht!

Vögtin. Er weiß es gewiß.

Vogt. Welcher Satan kann es ihm jetzt schon gesagt haben?

Vögtin. Welcher Satan? Du Narr! sie kommen ja mit ihren Tabakspfeifen über die Straße und nicht zum Kamin hinab ins Haus, und dann noch ordentlich neben des Ehegaumers Haus vorbei. Jetzt hat der Pfarrer getan, daß es nicht auszusprechen ist, und alle Leute haben mit den Fingern auf mich gezeigt.

Vogt. Das ist abermal ein verdammtes Stück, das mir so ein Satan angerichtet hat.

Vögtin. Warum mußtet ihr eben heute kommen, ihr Saufhunde? Ihr wußtet wohl, daß es nicht recht ist.

Bauern. Wir sind nicht schuld; er hat uns einen Boten geschickt.

Vögtin. Ist das wahr?

Bauern. Ja, ja.

Vogt. Es war mir so wunderlich, als es mir sein konnte, und unausstehlich allein zu sein.

Vögtin Das ist gleichviel! Aber Nachbarn, geht doch, so schnell ihr könnet, durch die hintere Türe heim, und machet, daß das Volk, wenn es aus der Kirche kömmt, einen jeden vor seinem Hause antreffe. So könnt ihr die Sache noch bemänteln. Man hat noch nicht vollends ausgesungen; aber gehet, es ist noch Zeit!

Vogt. Ja, gehet, gehet! Das ist ein Abigailsrat.

Die Bauern gingen. Da erzählte ihm die Frau erst recht, daß der Pfarrer vom Judas gepredigt habe, wie der Teufel ihm in sein Herz gefahren sei, wie er sich erhängt habe, und wie die, so vom Nachtmahl weggehen zu saufen und zu spielen, ein gleiches Ende nehmen werden. Er war so eifrig, sagte die Frau, daß er mit den Fäusten aufs Kanzelbrett schlug, und mir ist schier geschwunden und ohnmächtig geworden. Der Vogt aber erschrak über das, so die Frau erzählte, so sehr, daß er war wie ein Stummer, und kein Wort antwortete; aber schwere, tiefe Seufzer tönten jetzt aus dem stolzen Munde, den man jahrelang nie so seufzen gehört hatte.

Seine Frau fragte ihn oft und viel, warum er so seufze; aber er antwortete ihr kein Wort. Mehr als einmal sagte er mit bangem Seufzen zu sich selber: Wohin kommt es noch weiter? wohin kommt es noch mit mir? So ging er jetzt lange seufzend in der Stube hin und her. Endlich sagte er zur Frau: Bringe mir ein Jastpulver vom Scherer! Mein Geblüt wallt in mir, und macht mich unruhig. Ich will morgen zu Ader lassen, wenn es auf das Pulver nicht besser wird. Die Frau brachte ihm das Pulver. Er nahm es, und eine Weile darauf ward ihm wirklich leichter.

44. Geschichte eines Menschenherzens während des Nachtmahls.

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Da erzählte er der Frau, wie er heute mit gutem, versöhntem Herzen zur Kirche gegangen sei, wie er auch in seinem Stuhle Gott um Verzeihung seiner Sünden gebeten habe, aber da über die Predigt des Pfarrers toll geworden sei, und seither keinen guten Gedanken mehr habe hegen können; auch wie ihm erschreckliche und greuliche Dinge während des Nachtmahls zu Sinn gekommen seien.

Ich konnte, so sagte er zur Frau, ich konnte während des Nachtmahls nicht beten und nicht seufzen. Mein Herz war mir wie ein Stein; und da mir der Pfarrer das Brot gab, so sah er mich an, daß es nicht auszusprechen war.

Nein, ich kann es nicht aussprechen, aber auch nicht vergessen, wie er mich ansah. Wenn ein Richter einen armen Sünder dem Rad und dem Scheiterhaufen übergibt, und eben über ihn den Stab bricht – er kann ihn nicht so ansehen. Vergessen kann ich es nicht, wie er mich ansah. Ein kalter Schweiß floß über meine Stirne, und meine Hand zitterte, da ich von ihm das Brot nahm. Und da ich es gegessen hatte, übernahm mich ein wütender, schrecklicher Zorn über den Pfarrer, daß ich mit meinen Zähnen knirschte, und ihn nicht mehr ansehen durfte. Frau, ein Abscheulicheres stieg mir dann nach dem andern ins Herz. Ich erschrak über diese Gedanken, wie ich bei großen Wetterstrahlen erschrecke; aber ich konnte ihrer nicht los werden. Ich zitterte vor dem Taufstein, In Bonnal gehen die Kommunikanten zum Taufstein, und empfangen da vom Pfarrer das Brot und von den Dorfvorgesetzten den Kelch. daß ich den Kelch vor Schauer und Entsetzen fast nicht halten konnte. Da kam Joseph in zerrissenen Stiefeln, und schlug seine Schelmenaugen vor mir zu Boden. Und meine drei Taler – wie es mir durch Leib und Seele schauderte, der Gedanke an meine drei Taler! Dann kam Gertrud, hub ihre Augen gen Himmel und dann auf den Kelch, als ob sie mich nicht sähe, als ob ich nicht da wäre. Sie haßt und verflucht mich und richtet mich zugrunde; und sie konnte tun als ob sie mich nicht sähe, als ob ich nicht da wäre. Dann kam der Maurer, sah mich so wehmütig an, als ob er aus tiefem Herzensgrunde zu mir sagen wollte: Verzeih mir, Vogt! – er, der mich, wenn er könnte, an den Galgen bringen würde. Dann kam auch Schabenmichel, blaß und erschrocken wie ich, und zitternd wie ich. Denke, Frau, wie mir bei dem allem zu Mute war. Ich fürchtete immer, auch Hans Wüst komme noch. Dann hätte ich es nicht ausgehalten; der Kelch wäre mir aus der Hand gefallen; ich selbst, ich würde gewiß zu Boden gesunken sein. Ich konnte mich fast nicht mehr auf den Füßen halten; und als ich in den Stuhl zurückkam, überfiel mich ein Zittern in meinen Gliedern, daß ich beim Singen das Buch nicht in den Händen halten konnte. Und bei allem kam mir immer in den Sinn: Arner, Arner ist an all diesem schuld; und Zorn und Wut und Rache tobten in meinem Herzen während der Stunde meines Dienstes. Woran ich in meinem Leben nie dachte, das kam mir während des Nachtmahls in den Sinn. Ich darf es fast nicht sagen; es schauert mich, es nur zu denken. Es kam nur in den Sinn, ich wollte ihm den großen Markstein auf dem Berg über den Felsen hinunterstürzen; es weiß den Markstein niemand als ich.

45. Die Frau sagt ihrem Manne große Wahrheiten, aber viele Jahre zu spät.

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Die Vögtin erschrak über diese Reden ihres Mannes heftig; sie wußte aber nicht, was sie sagen sollte, und schwieg, so lange er redete, ganz still. Jetzt schwiegen beide eine Weile; endlich aber fing die Vögtin wieder an, und sagte zu ihm: Es ist mir angst und bang wegen allem, was du gesagt hast. Du mußt diesen Gesellen entsagen. Das Ding geht nicht gut, und wir werden älter.

Vogt. Du hast durchaus recht; aber es ist gar nicht leicht.

Vögtin. Es mag schwer sein oder nicht, es muß sein; sie müssen dir vom Hals.

Vogt. Du weißt wohl, wie viel mich an sie bindet, und was sie wissen.

Vögtin. Du weißt noch viel mehr von ihnen. Sie sind Schelme, und dürfen nichts sagen. Du mußt dich von ihnen losmachen.

Der Vogt seufzt, die Frau aber fährt fort: Sie fressen und saufen immer bei dir, und zahlen dich nicht; und wenn du besoffen bist, so lassest du dich noch von ihnen anführen wie ein Tropf. Denk' doch um Gottes willen nur, wie es gestern mit dem Joseph gegangen ist. Ich habe dir – ach mein Gott, wie gut habe ich es gemeint! – raten wollen; aber wie bist du mit mir umgegangen? Und ohne das sind auch gestern zwei Taler aus deinem Kamisolsack weiter spaziert, und sind nicht einmal aufgeschrieben. Wie lange kann das noch gehen? Wenn du bei deinen schlimmen Händeln nachrechnest, was nebenhin gegangen ist, so hast du bei allem verloren; und doch fährst du noch immer fort mit diesen Leuten, und oft und viel nur um deines gottlosen Hochmutes willen. Bald muß dir so ein Hund reden, was du willst, und bald ein anderer schweigen, wo du willst. Dafür fressen und saufen sie dann bei dir; und zum schönen Dank, wenn dich einer kann in eine Grube bringen, so tut er es. Ja vor alters, da dich alles fürchtete wie ein Schwert, da konntest du die Burschen in Ordnung halten; aber jetzt bist du ihrer nicht mehr Meister. Und zähle darauf, du bist ein verlorner Mann in deinen alten Tagen, wenn du dich von ihnen nicht los machst. Es steht so schlüpfrig um uns, als es nur sein kann. Sobald du weg bist, lachen und narren die Knechte, arbeiten nicht, und wollen nur saufen.

So sagte die Frau. Der Vogt aber antwortete auf alles kein Wort, sondern saß stillschweigend und staunend vor ihr, da sie so redete. Endlich stand er auf, und ging in den Garten, aus dem Garten in seine Brunnenmatte, aus dieser in den Pferdestall. Angst und Sorgen trieben ihn so umher; doch blieb er eine Weile im Pferdestall, und redete da mit sich selber:

46. Selbstgespräch eines Mannes, der mit seinem Nachdenken unglücklich weit kömmt.

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Mehr als recht hat die Frau; aber was will ich machen? Ich kann nicht helfen. Unmöglich kann ich mir aus allem, worin ich stecke, heraushelfen. So sagte er, fluchte dann wieder auf Arner, als ob dieser ihm alles auf den Hals gezogen, und dann auf den Pfarrer, daß er ihn auch noch in der Kirche rasend gemacht habe. Dann kam er wieder auf den Markstein, und sprach: Ich versetze ihn nicht, den verwünschten Stein; aber wenn es jemand täte, so würde der Junker um den dritten Teil seiner Waldung kommen. Dann wieder: Das ist ganz richtig! der achte und neunte obrigkeitliche Markstein würden ihm das Stück in gerader Linie wegschneiden. Aber behüte mich Gott davor, ich versetze keinen Markstein! Dann wieder: Wenn es auch kein rechter Markstein wäre? Er liegt da, wie seit der Sintflut; er hat keine Nummer und kein Zeichen. Dann ging er in die Stube, nahm sein Hausbuch, rechnete, schrieb, blätterte, tat Papiere voneinander, legte sie wieder zusammen, vergaß, was er gelesen, suchte wieder, was er eben geschrieben hatte, legte dann das Buch wieder in den Kasten, ging die Stube auf und ab, und dachte und redete immer mit sich selber vom Markstein ohne Schloßzeichen und Nummer. »Sonst ist kein einziger Markstein ohne Zeichen. Was mir in Sinn kömmt! Ein alter Arner soll die obrigkeitliche Waldung so hart beschnitten haben. Wenn es auch hier wäre? Bei Gott, es ist hier! Es ist die unnatürlichste Krümmung in die obrigkeitlichen Grenzen hinein. Bei zwei Stunden geht sie sonst in geraderer Linie als hier, und der Stein hat kein Zeichen und die Scheidung keinen Graben. Wenn die Waldung der Obrigkeit gehörte, ich täte dann nicht unrecht; ich wäre treu am Landesherrn. Aber wenn ich mich irrte? Nein, ich versetze den Stein nicht! Ich müßte ihn umgraben; in der finstern Nacht müßte ich ihn einen starken Steinwurf weit auf der Ebene fortrücken bis an den Felsen, und er ist schwer. Er läßt sich nicht versenken wie ein Brunnquell. Am Tage würde man jeden Karststreich hören, so nahe ist er an der Landstraße, und zu Nacht ... Ich darf nicht, ich würde vor jedem Geräusche erschrecken. Wenn ein Dachs daher schliche, oder ein Reh aufspränge, ich würde ohnmächtig bei der Arbeit hinsinken. Und wer weiß, ob nicht im Ernst ein Gespenst mich über der Arbeit ergreifen könnte? Es ist wahrlich unsicher des Nachts um die Marksteine, und es ist besser, ich lasse es bleiben.«

Nach einer Weile sagte er dann wieder: Warum wohl so viele Leute weder Hölle noch Gespenster glauben? Der alte Schreiber glaubte von allem kein Wort; und der Vikari – es ist bei Gott! nicht möglich, daß er etwas geglaubt hat. Der Schreiber sagte es überlaut und wohl hundertmal zu mir: Wenn ich tot sein werde, da sei es mit mir aus wie mit meinem Hund oder mit meinem Roß. Er glaubte das, fürchtete sich vor nichts, und tat, was er wollte. Wenn er recht gehabt hätte? Wenn ich es glauben könnte, wenn ich es hoffen dürfte, wenn ich es in mein Herz hinein bringen könnte, daß es wahr wäre – bei der ersten Jagd würde ich hinter den Gebüschen Arnern auflauern und ihn totschießen; ich würde dem Pfaffen sein Haus abbrennen. Aber es ist vergebens; ich kann es nicht glauben, ich darf es nicht hoffen. – Es ist nicht wahr! Narren sind es, verirrte Narren, die es glauben, oder sie tun nur dergleichen. – O, o, es ist ein Gott! es ist ein Gott! – Markstein, Markstein, ich versetze dich nicht!

So redete der Mann und zitterte, und konnte dieser Gedanken nicht los werden. Entsetzen durchfuhr sein Innerstes. Er wollte sich selbst entfliehen, ging auf die Straße, zum ersten besten Nachbar, sprach mit ihm über Wetter und Wind und von den Schnecken, die im Herbst vor drei Jahren den Roggen verdünnert hatten. Dann kam er nach einer Weile mit ein paar Durstigen wieder in sein Wirtshaus, gab ihnen zu trinken, daß sie blieben, nahm noch ein Jastpulver vom Scherer, und brachte so endlich den Tag des Herrn zu Ende.

47. Häusliche Sonntagsfreude.

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Und nun verlasse ich dich eine Weile, Haus des Entsetzens! Mein Herz war mir schwer, mein Auge finster, meine Stirne umwölkt, und bang war es mir im Busen über deinen Greueln. Nun verlasse ich dich eine Weile, Haus des Entsetzens. Mein Auge erheitert sich wieder, meine Stirne entwölkt sich, und mein Busen atmet wieder unbeklommen und frei. Ich nähere mich wieder einer Hütte, in welcher Menschlichkeit wohnt.

Da heute am Morgen Lienhard und seine Frau zur Kirche gegangen waren, saßen ihre Kinder fromm und still in der Wohnstube beisammen, beteten, sangen, und wiederholten, was sie in der Woche gelernt hatten; denn sie mußten solches alle Sonntage des Abends der Gertrud wiederholen. Lise, das älteste, mußte allemal während der Kirche das kleine Gritteli versorgen, es aufnehmen, es trocknen, ihm seinen Brei geben, und das ist immer für Lise die größte Sonntagsfreude. Wenn sie das Kleine so aufnimmt und speist, so meint sie dann, sie sei auch schon groß. Wie sie dann die Mutter spielt, ihr nachäffet, das Kleine tausendmal herzt, ihm nickt und lächelt; wie das Kleine ihr wieder entgegen lächelt, seine Hände zerwirft, und mit den Füßen zappelt auf ihrem Schoße; wie es seine Lise bald bei der Haube nimmt, bald bei den kleinen Zöpfen, bald bei der Nase; dann wie es über dem bunten Sonntagshalstuch I – ä, I – ä macht, und Niklas und Enne ihm I – ä antworten; wie dann das Kleine Kopf und Augen herumdreht, den Ton sucht, den Niklas erblickt, und auch gegen ihn lacht; wie Niklas dann zuspringt, und das lachende Schwesterlein herzt: das alles ist schön! Wie dann Lise den Vorzug haben will, und allem aufbietet, daß das Liebe gegen sie lache; auch wie sie für dasselbe Sorge trägt, und seinem Weinen zuvorkömmt; wie sie ihm Freude macht, es bald in die Höhe hebt bis an die Bühne (Decke), bald wieder gleich lustig und sorgfältig hinunterläßt bis an den Boden; wie dann das Gritteli bei diesem Spiele jauchzet, auch wie sie Hände und Kopf dem Kind in den Spiegel hinein drückt; und dann endlich, wie es beim Anblicke der Mutter weit hinunter in die Gasse jauchzet, wie es ihr entgegennickt und lächelt, wie es seine beiden Händchen nach ihr ausstreckt, und nach ihr hängend fast überwälzt auf des Schwesterleins Arm: das alles ist wahrlich schön! Es ist die Morgenfreude der Kinder des Lienhards an den Sonntagen und an den heiligen Festen, und diese Freuden frommer Kinder sind wahrhaft schön vor dem Herrn, ihrem Gott. Er sieht mit Wohlgefallen auf die Unschuld der Kinder, wenn sie sich also ihres Lebens freuen, und er segnet sie, daß es ihnen wohl gehe ihr Lebenlang, wenn sie folgten und recht tun.

Gertrud war heute mit ihren Kindern zufrieden; denn sie hatten alles in der Ordnung getan, was ihnen befohlen war.

Es ist die größte Freude frommer Kinder auf Erden, wenn Vater und Mutter mit ihnen zufrieden sind.

Die Kinder der Gertrud genossen jetzt diese Freude. Sie drängten sich an den Schoß ihrer Eltern, riefen bald Vater, bald Mutter, suchten ihre Hände, hielten sich an ihren Armen, und sprangen an den Armen des Vaters und der Mutter an ihren Hals. Das war dem Lienhard und der Gertrud ein Labsal am Festtage des Herrn. So lange sie Mutter ist, ist es die Sonntagsfreude der Gertrud, die Freude über ihre Kinder und über ihre kindliche Sehnsucht nach Vater und Mutter. Darum sind ihre Kinder auch fromm und gut. Lienhard meinte heute, daß er so oft diese Freuden des Lebens sich selber entriß.

Die häuslichen Freuden des Menschen sind die schönsten der Erde, und die Freude der Eltern über ihre Kinder ist die heiligste Freude der Menschheit. Sie macht das Herz der Eltern fromm und gut; sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater im Himmel. Darum segnet der Herr die Tränen solcher Freuden, und lohnet den Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern. Aber der Gottlose, der seine Kinder für nichts achtet, dem sie eine Last sind und eine Bürde; der Gottlose, der in der Woche vor ihnen flieht, und am Sonntag sich vor ihnen verbirgt; der Gottlose, der Ruhe sucht vor ihrer Unschuld und ihrer Freude, und der sie nicht leiden kann, bis ihre Unschuld und ihr Frohsinn dahin ist, bis sie wie er erzogen sind: der Gottlose, der das tut, stößt den besten Segen der Erde mit Füßen von sich weg. Er wird auch keine Freude erleben an seinen Kindern, und keine Ruhe finden vor ihnen.

In der Freude ihres Herzens redeten Lienhard und Gertrud mit ihren Kindern am heiligen Festtage von dem guten Vater im Himmel und den Leiden ihres Erlösers. Die Kinder hörten still und aufmerksam zu, und die Mittagsstunde ging schnell und froh vorüber, wie die Stunde eines Hochzeitsfestes. Da läuteten die Glocken zusammen, und Lienhard und Gertrud gingen nochmals zur Kirche.

Der Weg führte sie wieder bei des Vogts Haus vorbei, und Lienhard sagte zu Gertrud: Der Vogt sah diesen Morgen in der Kirche erschrecklich aus; in meinem Leben sah ich ihn nie so. Der Schweiß tropfte von seiner Stirne, da er zudiente. Hast du es nicht bemerkt, Gertrud? Ich sah, daß er zitterte, da er mir den Kelch gab.

Gertrud. Ich habe es nicht bemerkt.

Lienhard. Es ging mir ans Herz, wie der Mann aussah. Hätte ich es dürfen, Frau, ich hätte ihm überlaut zugerufen: Verzeihe mir, Vogt! Wenn ich ihm mit etwas zeigen könnte, daß ich es nicht böse meine, ich würde es gerne tun.

Gertrud. Lohne dir Gott deine Gesinnungen, Lieber! Es ist recht, wenn du Anlaß hast, dieses zu tun; aber des Rudis hungernde Kinder und noch andere schreien Rache über diesen Mann, und er wird dieser Rache gewiß nicht entrinnen.

Lienhard. Der Mann dauert mich; er ist höchst unglücklich. Ich sah schon lange mitten im Lärm seines Hauses, daß ihn nagende Unruhe plagt.

Gertrud. Mein Lieber, wer von einem stillen, eingezogenen, frommen Leben abläßt, dem kann es niemals wohl sein in seinem Herzen.

Lienhard. Wenn ich je etwas in meinem Leben deutlich erfahren und gesehen habe, so ist es dieses: was immer die gewalttätigen Anhänger des Vogts in seinem Haus ratschlagten, vornahmen, erschlichen oder erzwangen, alles dieses machte sie nie eine Stunde zufrieden und ruhig.

Unter diesen Gesprächen kamen sie zur Kirche, und wurden da sehr von dem Eifer gerührt, mit welchem der Pfarrer über die Geschichte des Verräters redete.

48. Etwas von der Sünde.

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Gertrud hatte das Gemurmel, das in den Weiberstühlen allgemein war: des Vogts Haus sei schon wieder voll von seinen Lumpen, auch gehört, und sagte es nach der Kirche dem Lienhard.

Dieser antwortete: Ich kann es doch fast nicht glauben – während der Kirche! an einem heiligen Tage!

Gertrud. Es ist freilich erschrecklich; aber die Verwicklungen eines gottlosen Lebens führen zu allem, auch zu dem Abscheulichsten.

Lienhard seufzt; Gertrud fährt fort: Ich erinnere mich, so lang ich lebe, an das Bild, das unser selige Pfarrer von der Sünde machte, da er uns das letzte Mal zum heiligen Nachtmahle vorbereitete. Er verglich sie mit einem See, der bei anhaltendem Regen nach und nach anschwillt. Das Steigen des Sees, sagte er, ist immer unmerklich; aber es nimmt doch alle Tage und alle Stunden zu. Der See wird immer höher und höher, und die Gefahr wird gleich groß, als wenn er plötzlich und mit Sturm so anschwellte. Darum geht der Vernünftige und Erfahrne im Anfange zu den Wehren und Dämmen, sie zu besichtigen, ob sie dem Ausbruch zu steuern in Ordnung sind. Der Unerfahrne, Unweise aber achtet das Steigen des Sees nicht, bis die Dämme zerrissen, bis Felder und Wiesen verwüstet sind, und bis die Sturmglocke dem Lande aufbietet, der Verheerung zu wehren. So, sagte er, sei es mit der Sünde und dem Verderben, das sie anrichte.

Ich bin noch nicht alt, aber ich habe es doch schon hundertmal erfahren, daß der redliche Seelsorger recht hatte, und daß ein jeder, der in irgend einer Sünde anhaltend fortwandelt, sein Herz so verhärtet, daß er das Steigen ihrer Greuel nicht mehr achtet, bis Verheerung und Entsetzen ihm aus dem Schlafe weckt.

49. Kindercharakter und Kinderlehren.

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Unter diesen Gesprächen kamen sie aus der Kirche wieder in ihre Hütte, und die Kinder alle liefen dem Vater und der Mutter die Stiege hinunter entgegen, riefen und baten, sobald sie sie sahen: Wir wollen doch geschwind wiederholen, was wir diese Woche gelernt haben. Komm doch geschwind, Mutter, daß wir bald fertig werden.

Gertrud. Warum so eifrig heute, ihr Lieben? warum tut es so not?

Kinder. Ja wir dürfen dann, Mutter, wenn wir es können, mit dem Abendbrot – gelt, Mutter, wir dürfen? Du hast es uns gestern versprochen.

Mutter. Ich will gerne sehen, wie ihr das könnet, was ihr gelernt habet.

Kinder. Aber, Mutter, wir dürfen dann?

Mutter. Ja, wenn ihr fertig sein werdet.

Die Kinder freuten sich herzlich, und wiederholten, was sie in der Woche gelernt hatten, geschwind und gut. Da gab die Mutter ihnen ihr Abendbrot und zwei Schüsseln Milch, von der sie, weil es Festtag war, den Rahm nicht abgenommen hatte. Sie nahm jetzt auch das Gritteli an ihre Brust, und hörte mit Herzensfreude zu, wie die Kinder während des Essens einander erzählten, wem sie ihr Abendbrot geben wollten. Keines aß einen Mundvoll von seinem Brot; keines tat ein Bröcklein davon in die Milch, und jedes freute sich über sein Brot, zeigte es dem andern, und jedes wollte, sein Stück sei das größte. Jetzt waren sie fertig mit ihrer Milch, das Brot lag noch neben der Mutter. Niklas schlich zu ihr hin, nahm ihr die Hand, und sagte: Du gibst mir doch auch noch einen Mundvoll Brot für mich, Mutter?

Mutter. Du hast ja schon, Niklas.

Niklas. Ich muß es ja dem Rudeli geben.

Mutter. Ich habe dir es nicht befohlen; du darfst es essen, wenn du willst.

Niklas. Nein, ich will es nicht essen; aber du gilbst mir doch einen Mundvoll?

Mutter. Nein, gewiß nicht.

Niklas. Ei, warum nicht?

Mutter. Damit du nicht meinest, man müsse erst, wenn man den Bauch voll hat, und nichts mehr mag, an die Armen denken.

Niklas. Ist es darum, Mutter?

Mutter. Aber gibst du es ihm jetzt doch ganz?

Niklas. Ja Mutter, gewiß, gewiß. Ich weiß, er hungert entsetzlich, und wir essen um sechs Uhr zu Nacht.

Mutter. Und, Niklas, ich denke, er bekomme dann auch nichts.

Niklas. Ja, weiß Gott, Mutter, er bekömmt gewiß nichts zu Nacht.

Mutter. Ja, das Elend der Armen ist groß, und man muß grausam und hart sein, wenn man das, was man kann, nicht gerne an sich selbst und an seinem eigenen Munde erspart, um ihnen dafür ihre große Not zu erleichtern.

Tränen stehen dem Niklas in den Augen. Die Mutter frägt sodann auch noch die andern Kinder.

Mutter. Lise, gibst du das deine auch ganz weg?

Lise. Ja gewiß, Mutter.

Mutter. Und du, Enne, du auch?

Enne. Ja freilich, Mutter.

Mutter. Und du auch, Jonas?

Jonas. Das denke ich, Mutter.

Mutter. Nun das ist brav, Kinder; aber wie wollet ihr es jetzt auch anstellen? Es hat alles so seine Ordnung, und wenn man es noch so gut meint, so kann man etwas doch unrecht anstellen. Niklas, wie willst du es machen mit dem Brot?

Niklas. Ich will laufen, was ich vermag, und ihm rufen, dem Rudeli. Ich stecke es nur nicht in den Sack, damit er es geschwind kriege. Laß mich doch jetzt gehen, Mutter.

Mutter. Warte noch ein wenig, Niklas. Und du Lise, wie willst du es machen?

Lise. Ich will es nicht so machen, wie der Niklas. Ich winke dem Betheli in eine Ecke; ich verstecke das Brot da unter meine Schürze, und gebe es ihm, daß es niemand siehet, nicht einmal sein Vater.

Mutter. Und du, Enne, wie willst du es machen?

Enne. Weiß ich es, wie ich den Heireli antreffen werde? Ich werde es ihm geben, wie es mir kommen wird.

Mutter. Und du, Jonas, du kleiner Schelm, du hast Tücke im Sinn; wie willst du es machen?

Jonas. In den Mund stecke ich ihm mein Brot, Mutter, wie du mir es machst, wenn du lustig bist. Den Mund auf und die Augen zu! sage ich ihm; dann lege ich es ihm zwischen die Zähne. Es wird lachen; gelt, Mutter, es wird lachen?

Mutter. Das ist alles recht, Kinder; aber ich muß euch doch etwas sagen. Ihr müsset das Brot den Kindern still und allein geben, daß es niemand sehe, damit man nicht meine, ihr wollet groß tun.

Niklas. Potztausend, Mutter! so muß ich mein Brot auch in den Sack tun?

Mutter. Das versteht sich, Niklas.

Lise. Ich habe mir das wohl eingebildet, Mutter, und sagte es vorher, ich wollte es nicht so machen.

Mutter. Du bist immer das allerwitzigste, Lise. Ich habe nur vergessen, dich dafür zu rühmen; du tust also recht wohl, daß du mich selbst daran erinnerst.

Lise errötete und schwieg, und die Mutter sagte zu den Kindern: Ihr könnet jetzt gehen, aber denket an das, was ich euch gesagt habe.

Die Kinder gehen. Niklas läuft und springt, was er vermag, zu des Rudis Hütte hinunter; aber dieser ist nicht auf der Gasse. Niklas hustet, räuspert sich, ruft, aber vergebens; er kömmt nicht herunter und nicht ans Fenster. Da sagte er zu sich selber: Was soll ich jetzt machen? Gehe ich zu ihm in die Stube? Ich sollte es ihm aber allein geben. Ich will doch hineingehen und ihm nur sagen, er soll herauskommen auf die Gasse.

Der Rudeli saß eben mit seinem Vater und seinen Geschwistern bei dem offnen Sarge der lieben gestorbenen Großmutter, die man in ein paar Stunden begraben sollte, und der Vater und die Kinder redeten alle mit Tränen von der großen Treue und Liebe, die die Verstorbene ihnen im Leben erzeigt hatte. Sie weinten über ihren letzten Kummer wegen der Erdäpfel, und versprachen vor dem offnen Sarge dem lieben Gott im Himmel, in keiner Not, auch wenn sie noch so sehr hungern würden, irgend einem Menschen mehr etwas zu stehlen.

Eben jetzt öffnet Niklas die Türe, sieht die Gestorbene, erschrickt, und läuft wieder aus der Stube. Der Rudi aber, der ihn sieht, denkt, der Lienhard wollte ihm etwas sagen lassen, läuft dem Knaben nach, und fragt ihn, was er wolle.

Nichts, nichts, antwortete Niklas, nur zu dem Rudeli habe ich gehen wollen; aber er betet jetzt.

Rudi. Das macht nichts, wenn du zu ihm willst.

Niklas. Laß ihn doch nur ein wenig zu mir auf die Gasse.

Rudi. Es ist ja so kalt, und er geht nicht gerne von der Großmutter weg. Komm doch zu ihm in die Stube.

Niklas. Ich mag nicht hinein, Rudi; laß ihn doch nur einen Augenblick zu mir herauskommen.

Ich mag es wohl leiden, antwortete der Rudi, und geht zurück nach der Stube. Niklas geht ihm nach bis an die Türe, und ruft dem Rudeli: Komm doch einen Augenblick zu mir heraus!

Rudeli. Ich mag jetzt nicht auf die Gasse, Niklas. Ich bin jetzt lieber bei der Großmutter; man nimmt sie mir bald weg.

Niklas. Komm doch nur einen Augenblick.

Rudi. Geh' doch, und sieh, was er will.

Der Rudeli geht hinaus; der Niklas nimmt ihn bei dem Arm, und sagt: Komm, ich muß dir etwas sagen, führt ihn in eine Ecke, steckt ihm sein Brot geschwind in den Sack, und läuft davon. Der Rudeli dankt, und ruft ihm nach: Danke doch auch deinem Vater und deiner Mutter. Niklas kehrt sich um, deutet ihm mit den Händen, daß er doch schweige, und sagt: Es muß es niemand wissen; und läuft wie ein Pfeil davon.

50. Unarten und böse Gewohnheiten verderben dem Menschen auch die angenehmen Stunden, in denen er etwas Gutes tut.

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Lise geht indessen allgemach in ihrem Schritt ins obere Dorf zu des Reuti-Marxen Betheli. Dieses stand eben am Fenster. Lise winkt ihm, und das Betheli schleicht aus der Stube zu ihm heraus; der Vater aber, der es merkt, schleicht ihm nach, und versteckt sich hinter das Tenntor. Die Kinder vor dem Tenntor denken an keinen Vater, und schwätzen nach Herzenslust.

Lise. Du, Betheli, ich habe dir da Brot.

Betheli (zitternd die Hand danach ausstreckend). Du bist gut, Lise, es hungert mich; aber warum bringst du mir jetzt Brot?

Lise. Weil du mir lieb bist, Betheli. Wir haben jetzt genug Brot; mein Vater muß die Kirche bauen.

Betheli. Der meinige auch.

Lise. Ja, aber der deinige ist nur Handlanger.

Betheli. Das ist gleichviel, wenn es nur Brot gibt.

Lise. Habt ihr großen Hunger leiden müssen?

Betheli. Ach, wenn es nur jetzt besser wird!

Lise. Was habt ihr zu Mittag gehabt?

Betheli. Ich darf es dir nicht sagen.

Lise. Warum nicht?

Betheli. Wenn es der Vater erfahren würde, er würde mir ...

Lise. Ich würde es ihm gewiß gleich sagen.

Das Betheli nimmt nun ein Stück ungekochte, weiße Rüben aus dem Sack, und sagt: Da siehe!

Lise. Herr Jesus! sonst nichts?

Betheli. Nein, weiß Gott, jetzt schon zwei Tage lang.

Lise. Und du darfst es niemanden sagen, und niemanden um etwas bitten?

Betheli. Ja, wenn er nur wüßte, was ich dir gesagt habe, es würde mir schön gehen.

Lise. Iß doch das Brot, ehe du wieder hinein mußt.

Betheli. Ja, ich will; ich muß bald wieder hinein, sonst fehlt es.

Es fängt an zu essen, und eben öffnet der fromme Marx ab der Reuti das kleinere Tenntürlein, und sagt: Was issest du da, mein Kind? Sein Kind worget und schluckt, über den lieben Vater ganz erschrocken, den ungekauten Mundvoll hinunter, und sagt: Nichts, nichts Vater.

Marx. Ja nichts, wart' nur! Und du Lise ... es ist mir kein Gefallen, wenn man meinen Kindern im geheimen Brot gibt, damit sie erzählen, was man im Hause esse oder trinke, und dabei so gottlos lügen. – Du gottloses Betheli! aßen wir nicht einen Eierkuchen zu Mittag?

Lise zieht jetzt so geschwind wieder ab, als es allgemach daher gekommen war; das Betheli aber nimmt der liebe Vater mit wildem, zornigem Blick am Arm in die Stube, und Lise hört es weit vom Hause weg noch schreien.

Enne trifft den Heireli unter seiner Haustüre an, und sagt ihm: Willst du Brot?

Heireli. Ja, wenn du hast. Enne gibt es ihm; er dankt und ißt, und Enne geht wieder fort.

Der Jonas schlich um des Schabenmichels Haus herum, bis Bäbeli ihn sah, und herabkam.

Bäbeli. Was machst du da, Jonas?

Jonas. Ich möchte gern etwas Lustiges machen. Bäbeli. Ich will mich mit dir lustig machen, Jonas.

Jonas. Willst du tun, was ich will, Bäbeli? Es geht dann gewiß lustig.

Bäbeli. Was willst du denn machen?

Jonas. Du mußt den Mund auftun und die Augen zu.

Bäbeli. Ja, du tust mir etwas Garstiges in den Mund.

Jonas. Nein, das tue ich dir nicht, Bäbeli, bei meiner Treue nicht!

Bäbeli. Nu – aber sieh, wenn du mich anführst!

Es tut den Mund auf und die Augen nur halb zu.

Jonas. Recht zu mit den Augen! sonst gilt es nicht.

Bäbeli. Ja; aber wenn du ein Schelm bist ...

Es tut jetzt die Augen ganz zu. Flugs schiebt ihm Jonas das Brot in den Mund, und läuft fort. Das Bäbeli aber nimmt das Brot aus dem Mund, und sagt: Das ist lustig! sitzt dann nieder und ißt.

51. Es kann keinem Menschen in den Sinn kommen, was für gute Folgen auch die kleinste gute Handlung haben kann.

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Sein Vater Michel sieht das Spiel der Kinder vom Fenster, und erkennt des Lienhards Jonas, und es geht ihm ein Stich ins Herz. – Was ich für ein Satan bin! sagte er zu sich selber. Ich verkaufe mich dem Vogt zum Verräter wider den Maurer, der mir Brot zeigt und Verdienst; und jetzt muß ich noch sehen, daß dieser Kleine ein Herz hat wie ein Engel. Nein, ich kann diesen Leuten nichts Böses tun. Der Vogt ist mir seit gestern ein Greuel. Ich kann es nicht vergessen, wie er aussah, da er mir den Kelch gab. So sagte der Mann, und blieb den ganzen Abend, in ernsten Betrachtungen über sein Leben bei Hause.

Die Kinder Lienhards waren jetzt auch wieder bei Hause, und erzählten dem Vater und der Mutter, wie es ihnen gegangen war. Sie waren alle sehr munter; nur Lise allein war es nicht, obgleich sie sich zwang, fröhlich zu scheinen, und mit viel Worten erzählte, wie sie das Betheli so herzlich erfreuet habe.

Mutter. Es ist dir gewiß etwas begegnet, Lise.

Lise. Nein, es ist mir gewiß nichts begegnet, und es hat ihm gewiß Freude gemacht.

Die Mutter fragte jetzt nicht weiter, sondern betete mit ihren Kindern, gab ihnen ihr Nachtessen, und begleitete sie zur Ruhe. Gertrud und Lienhard lasen noch eine Stunde in ihrer Bibel, und redeten miteinander von dem, was sie lasen. Und es war ihnen herzinniglich wohl am Abend des heiligen Festes.

52. Am Morgen sehr früh ist viel zu spät für das, was man am Abend vorher hätte tun sollen.

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Am Morgen aber sehr früh, sobald der Maurer erwachte, hörte er jemanden ihm vor dem Fenster rufen. Er stand alsobald auf, und öffnete die Türe. Es war Flink, der Harschier aus dem Schloß. Er grüßte den Maurer, und sagte: Maurer, ich hätte dir schon gestern den Befehl bringen sollen, daß man ungesäumt heute mit dem Steinbrechen anfangen solle. »

Maurer. So viel ich gehört habe, hat der Vogt den Arbeitern befohlen, heute ins Schloß zu gehen. Doch, es ist noch früh. Ich denke, sie werden noch nicht fort sein; ich will es ihnen sagen.

Da rief er dem Lenk, der in der Nähe wohnte, vor seinem Fenster; aber es antwortete niemand. Nach einer Weile kam Killer, der mit ihm unter einem Dache wohnte, hervor, und sagte: Der Lenk ist bei einer halben Stunde schon fort mit den andern ins Schloß. Der Vogt hat ihnen gestern nach dem Nachtessen noch sagen lassen, daß sie unfehlbar vor vier Uhr fort sollen, weil er auf den Mittag wieder daheim sein müsse.

Der Harschier war sehr betroffen über diesen Bericht, und sagte: Das ist verflucht!

Maurer. Aber was ist zu machen?

Flink. Kann ich sie vielleicht noch einholen?

Maurer. Auf des Martis Hügel siehst du sie ja auf eine halbe Stunde weit; da kannst du sie, je nachdem der Wind geht, zurückrufen, so weit du sie siehst.

Dieser säumt jetzt nicht, läuft schnell auf den Hügel, ruft, pfeift und schreit, was er aus dem Halse vermag; aber vergebens. Sie hören ihn nicht, gehen ihres Weges fort, und sind ihm bald aus den Augen.

Der Vogt aber, der noch nicht so weit entfernt war, hörte das Rufen vom Hügel, kehrte sich um, erkannte an dem im Morgenstrahle der Sonne glänzenden Gewehre den Harschier, und wunderte sich, was er wolle. Er ging daher zurück und der Harschier ihm entgegen. Dieser erzählte ihm jetzt, wie er gestern bis zum Sterben Kopfweh gehabt, und versäumt habe, dem Maurer anzusagen, daß man schon heute mit dem Steinbrechen anfangen müsse.

53. Je fehlerhafter der Mensch ist, desto unverschämter begegnet er denen, die auch fehlen.

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Vogt. Du vermaledeiter Schlingel! was du für Streiche machst.

Flink. Es wird so gar übel nicht sein. Wie habe ich, zum Teufel! wissen können, daß die Kerls alle vor Tage zum Dorf hinaus fliegen werden? Hast du es ihnen befohlen?

Vogt. Ja eben, du Hund! Ich muß jetzt vielleicht deinen Fehler ausfressen.

Flink. Ich werde auch kaum leer davon kommen.

Vogt. Es ist verflucht!

Flink. Das war genau auch mein Wort, da ich hörte, daß sie fort seien.

Vogt. Ich mag jetzt nicht spaßen, Schlingel!

Flink. Ich eben auch nicht; aber was machen?

Vogt. Du Narr, nachdenken.

Flink. Es ist eine halbe Stunde zu spät für meinen Kopf.

Vogt. Wart', man muß nur nie verzagt sein. Es fällt mir etwas ein. Sag' du nur keck und mit Ernst, du habest den Befehl am Abend der Frau oder einem Kinde des Maurers gesagt. Sie richten wider dich nichts aus, wenn du mit Ernst daran setztest.

Flink. Mit dem habe ich nichts zu tun; es könnte fehlen.

Vogt. Nein, es könnte nicht fehlen, wenn du daran setzen würdest. Aber bei mehrerem Nachdenken fällt mir etwas ein, das noch besser ist.

Flink. Was denn?

Vogt. Du mußt zurücklaufen zum Maurer, dich grämen und jammern, und sagen, es könne dir übel gehen, daß du den Befehl versäumt habest; aber er könne dir mit einem einzigen guten Worte aus allem helfen, wenn er nur etwa einmal dem Junker sage: er habe den Zettel am Sonntag empfangen, und aus Mißverstand, da es heiliger Abend gewesen sei, es ihnen erst heute ansagen wollen. Das schadet dem Maurer kein Haar, und tut er es, so ist vollkommen geholfen.

Flink. Du hast recht; ich glaube, das würde angehen.

Vogt. Es fehlt gewiß nicht.

Flink. Ich muß gehen, ich habe noch Briefe. Aber ich will doch noch diesen Morgen zum Maurer gehen. Behüte dich Gott, Vogt. (Er geht.)

Der Vogt, der nun allein war, sagte zu sich selber: Ich erzählte es einmal jetzt, so wie abgeredet, im Schloß. Fehlt es dann, so sage ich, der Harschier habe es mir so erzählt.

54. Armer Leute unnötige Arbeit.

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Indessen kamen die Taglöhner zum Schloß, setzten sich auf die Bänke bei der Scheune, und warteten da, bis jemand sie rufen, oder bis der Vogt kommen würde, der ihnen versprochen hatte, alsbald nachzukommen. Als aber der Hausknecht vom Schlosse sie bei der Scheune sah, ging er zu ihnen hinunter und sagte: Warum seid ihr da, Nachbarn? Unser Herr glaubt, ihr seid an der Arbeit, beim Kirchbau. Die Männer antworteten, der Untervogt habe ihnen befohlen, hierher zu kommen, um dem Junker für die Arbeit zu danken. Das war nicht nötig, erwiderte Klaus; er wird euch auch nicht viel darauf halten. Aber ich will euch melden. Der Hausknecht meldete die Männer. Der Junker ließ sie sogleich vor sich kommen, und fragte sie freundlich, was sie wollten. Nachdem sie es gesagt, und mit Mühe und Arbeit etwas davon gestammelt hatten, daß sie danken wollten, sagte der Junker: Wer hat euch befohlen, deswegen hierher zu kommen? Der Untervogt, antworteten die Männer, und wollten noch einmal danken. Das ist wider meinen Willen geschehen, sagte Arner. Geht jetzt in Gottes Namen, und seid fleißig und treu; dann freut es mich, wenn der Verdienst diesem oder jenem unter euch aufhelfen kann. Sagt dem Meister, daß man noch heute mit dem Steinbrechen anfangen müsse.

Da gingen die Männer wieder heim.

55. Ein Heuchler macht sich einen Schelm zum Freunde.

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Und in ihrem Heimgehen sagte einer zum andern: Das ist doch ein herzguter Herr, der junge Junker. Der alte wäre es auch gewesen, wenn er nicht auf hunderterlei Art betrogen und hintergangen worden wäre, sagten die ältern Männer alle aus einem Munde.

Aebi. Mein Vater hat es tausendmal gesagt, wie er in der Jugend so gewesen, und es geblieben sei, bis er endlich ganz am Vogt den Narren gefressen habe.

Leemann. Da war es aus mit des Herrn Güte; sie träufelt nur in des Vogts Kiste, und der führte ihn wie einen polnischen Bären am Seile, wohin er wollte.

Lenk. Was er für ein Hund ist, daß er uns jetzt so ohne Befehl im Feld umhersprengt, und noch dazu allein läßt!

Kienast. Das ist so sein Brauch.

Lenk. Aber ein Hundsbrauch!

Ja, der Herr Untervogt ist doch ein braver Mann; unsereiner kann eben nicht alles wissen, was vorfällt, antwortete der Kriecher fast so laut, als er konnte; denn er sah, daß der Untervogt im Hohlwege still daher schlich, und nahe bei ihnen war.

Der Teufel! du magst ihn wohl rühmen. Ich rühme jetzt den Junker, sagte Lenk auch ganz laut; denn er sah den Vogt nicht im Hohlwege.

Dieser tritt jetzt aber, indem er das sagte, außer den Hag, grüßt die Nachbarn, und fragt dann den Lenk: Warum rühmst du den Junker so mächtig?

Der Lenk antwortete betroffen: Ha, wir redeten da miteinander, wie er so liebreich und freundlich war.

Vogt. Das war aber doch nicht alles.

Lenk. Ich weiß einmal nichts anderes.

Kriecher. Das ist nicht schön, Lenk, wenn man so in seinen Worten zurückgeht. Er war aber nicht allein, Herr Untervogt, es murrten da etliche, daß Ihr sie allein gelassen habet; ich sagte aber, unsereiner könne ja nicht wissen, was so einem Herrn allemal vorfalle. Auf dieses hin sagte der Lenk, ich möge wohl den Vogt rühmen, er einmal rühme jetzt den Junker.

Aha, mit mir hast du also den Junker verglichen, sagte der Vogt und lachte laut.

Er hat es eben doch nicht so gemeint, wie man es ihm jetzt aufnimmt, sagen etliche Männer, schütteln die Köpfe, und murren über den Kriecher. Es hat gar nichts zu bedeuten, und ist nichts Böses. Es ist ein altes Sprichwort: »Wes Brot ich eß, des Lied ich sing',« sagt jetzt der Vogt, drückt dem Kriecher die Hand, redet aber nichts weiter hievon, sondern fragt die Männer, ob Arner zornig gewesen sei.

Nein, gar nicht, antworteten die Männer; er sagte nur, wir sollten heim eilen, und ungesäumt noch heute an die Arbeit gehen.

Berichtet das dem Maurer, und saget ihm, ich lasse ihn grüßen, und es habe mit dem Mißverstand nichts zu bedeuten, sagte ihnen der Vogt, ging seines Weges, und auch die Männer gingen den ihrigen. Der Harschier aber war schon längst bei dem Maurer, und bat ihn, und flehte, er solle doch sagen, er habe den Befehl am Sonntag erhalten.

Der Maurer wollte dem Vogt und dem Harschier gerne gefällig sein, und redete mit seiner Frau.

Ich fürchte alles, was krumm ist, antwortete die Frau; und ich wette, der Vogt hat sich jetzt schon damit entschuldiget. Mich dünkt, wenn der Junker dich fragt, so müssest du ihm die Wahrheit sagen, wenn aber, wie es auch sein kann, der Sache niemand mehr nachfragt, so könnest du es gelten lassen, wie sie es machen, indem das niemanden weiter schadet.

Lienhard sagte hierauf dem Harschier diese Meinung, und indessen kamen die Männer von Arnburg zurück.

Maurer. Ihr seid geschwind wieder da.

Die Männer. Wir hätten den Gang ersparen können.

Maurer. War er erzürnt wegen dieses Versehens?

Die Männer. Nein, gar nicht. Er war gar freundlich und liebreich, und sagte uns, daß wir heim eilen, und noch heute an die Arbeit gehen sollten.

Flink. Da siehst du jetzt selbst, daß es für dich nichts zu bedeuten hat. Für mich ist es etwas ganz anderes, und auch für den Vogt.

Ja, unterbricht sie der ehrliche Hübelrudi; dieser Anlaß, da gerade vom Vogt die Rede ist, mahnt mich, dir etwas zu sagen; ich hätte es fast vergessen. Der Vogt läßt dich grüßen und dir bemerken, es habe mit dem Mißverständnis gar nichts zu bedeuten.

Lienhard. Ist er schon beim Junker gewesen, da ihr ihn antrafet?

Die Männer. Nein, wir trafen ihn auf dem Weg zu ihm an.

Lienhard. Er weiß also nichts, als was ihr ihm sagtet, und was ich jetzt auch weiß?

Die Männer. Es kann nicht wohl anders sein.

Flink. Du bleibst doch bei deinem Versprechen?

Der Maurer. Ja, aber ganz wie ich es gesagt habe.

Jetzt befahl der Maurer den Männern, noch beizeiten an der Arbeit zu sein, und rüstete noch einige Werkzeuge. Und nachdem er gegessen, ging er mit den Männern das erste Mal an die Arbeit.

Wolle sie dir Gott segnen! sagte ihm Gertrud, da er ging. Wolle sie ihm Gott segnen! muß ich wohl auch sagen, da er geht.

56. Es wird ernst, der Vogt muß nicht mehr Wirt sein.

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Da der Vogt ins Schloß kam, ließ ihn Arner lange warten; endlich kam er heraus auf die Laube (Vorsaal), und fragte ihn mit Unwillen: Was ist das, warum hießest du heute die Leute alle ins Schloß kommen, ohne Befehl?

Ich glaubte, es wäre meine Pflicht, den Männern zu raten, Euer Gnaden für die Arbeit zu danken, antwortete der Vogt.

Arner erwiderte: Deine Pflicht ist, zu tun, was mir und meinen Untergebenen nützlich ist, und was ich dir befehle; aber gar nicht, arme Leute im Felde herumzusprengen, und sie Komplimente zu lehren, die nichts nützen, und die ich nicht suche. Das aber, warum ich dich habe hieher kommen lassen, ist, dir zu sagen, daß ich die Vogtsstelle nicht länger in einem Wirtshause lasse.

Der Vogt erblaßte, zitterte, und wußte nicht, was er antworten wollte; denn er hatte nichts weniger als einen so plötzlichen Entschluß erwartet.

Arner fuhr fort: Ich will dir die Wahl lassen, welches von beiden du lieber bleiben willst; aber in vierzehn Tagen will ich deinen Entschluß wissen.

Der Vogt hatte sich wieder etwas erholt, und dankte stammelnd für die Bedenkzeit.

Arner erwiderte: Ich übereile niemanden gern, und ich suche dich nicht zu unterdrücken, alter Mann; aber diese zwei Berufe schicken sich nicht zusammen.

Diese Güte Arners machte dem Vogte Mut. Er antwortete: Es haben doch bisher alle Vögte Ihrer Herrschaft gewirtet, und in allen Landen unsers Fürsten ist das eine allgemeine Sitte.

Arner aber war kurz, und sagte: Du hast jetzt meine Meinung gehört! nimmt dann den Taschenkalender, und sagt ferner: Heute ist der zwanzigste März, und in vierzehn Tagen wird der dritte April sein. Also auf den dritten April erwarte ich deine Antwort; weiter habe ich dermalen nichts zu sagen. Arner zeichnete noch den Tag in seinen Kalender, und ging dann in seine Stube.

57. Wie er sich gebärdet.

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Bange und beklemmt in seinem Herzen ging der Vogt auch fort. Dieser Schlag hatte ihn so verwirrt, daß er die Leute, neben denen er durch die Laube und die Stiege hinunter vorbeiging, nicht sah und nicht kannte. So, fast seiner selber nicht bewußt, kam er bis unten an die Schloßhalde zum alten, dickstämmigen Nußbaum. Da stand er dann wieder still, und sagte zu sich selber: Ich muß Atem holen. Wie mir das Herz klopft! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ohne einzutreten in eine Klage, ohne etwas gegen mich zu beweisen, bloß weil es ihm so beliebt, soll ich nicht Vogt sein oder nicht Wirt. Das ist über alle Grenzen! Kann er mich dazu zwingen? Ich glaube es nicht. Den Mantel kann er mir ohne Klage nicht nehmen, und das Wirtsrecht ist gekauft. Aber wenn er sucht, wenn er öffentlich Klage sucht, er findet, was er will. Vor allen den verdammten Buben, denen ich diente, ist mir keiner, kein einziger treu. Warum doch? ratet Kinder. Was soll ich jetzt machen? Vierzehn Tage sind endlich immer etwas. In so viel Zeit habe ich oft vieles in Ordnung gebracht. Wenn mir nur der Mut nicht entfällt. Alles kommt nur von dem Maurer. Kann ich den verderben, so fehlt es nicht, ich finde Auswege aus allem. Aber wie mir so schwach und blöde ist! – Er nimmt eine Branntweinflasche aus dem Sack, kehrt sich gegen den Schatten des Baumes, braucht sein Hausmittel, und trinkt einen Schoppen auf einmal hinunter. – Einen Dieb oder einen Mörder, welchem Steckbriefe nachjagen, erquickt der erste Trunk Wasser, den er auf dem erlaufenen Boden der Freiheit trinkt, nicht stärker, als die Branntweinflasche den Vogt bei seinen Ränken erquickt. Er fühlt sich jetzt wieder besser, und mit seinen Kräften wächst auch wieder der Mut des Verbrechers. Das hat mich mächtig erfrischt! sagte er zu sich selber; und stellte sich wieder wie ein Mann, der Herz hat, und den Kopf hoch trägt. Vor einer Weile, sagte er, glaubte ich eben noch, sie werden mich vor dem Abendbrot fressen; jetzt ist mir wieder, als ob ich das Mäurerlein und selber den Arner da, den gnädigen Buben, mit dem kleinen Finger zusammendrücke, daß sie jauchzen wie solche, die man bei den Ohren in die Höhe zieht. Gut war es, daß ich meine Flasche nicht vergessen hatte. Aber was ich auch für ein Kerl wäre ohne sie!

So redete der Vogt mit sich selber. Der Schrecken war nun völlig seinem Zorn, seinem Stolz und seiner Branntweinflasche gewichen. Er ging wieder so hochmütig und so feindselig einher, als er je tat. Er nickte den Leuten auf dem Felde, die ihn grüßten, vogtrichterlich stolz nur so ein wenig zu. Er trug seinen knotigen Stock so gebieterisch in der Hand, als ob er im Lande mehr zu befehlen hätte als zehn Arner. Er hing sein Maul wie eine alte Stute, und machte Augen so groß und so rund, man sagt bei uns wie Pflugsrädlein. So ging der Tropf einher, zu einer Zeit, da er so wenig Ursache hatte.

58. Wer bei ihm war.

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Neben ihm ging sein großer Türk, ein Hund, der auf einen Wink des Vogts die großen, weißen Zähne gegen jedermann zeigte, auf einen andern aber seinen Mann auf Leib und Leben packte. Dieser große Türk, der weit und breit der Schrecken des armen, lumpigen Mannes so gut war, als sein Meister der Schrecken aller armen, gedrückten Müdlinge (gedrückte Menschen) und Schuldner in der ganzen Herrschaft ist – dieser gewaltige Türk ging neben dem Vogt gleich gravitätisch daher; aber ich darf nicht sagen, was mir auf der Zunge liegt. Doch ist ganz gewiß, daß der Vogt, der entsetzlich wütend war, jetzt wenigstens in seinem Angesichte mit dem Hunde etwas Aehnliches hatte.

59. Auflösung eines Zweifels.

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In einem andern Buche würde ich den Abschnitt überschreiben: Die Sorgfalt des Autors gegen kunstrichterliches Bedenken.

Aber daß der Vogt nach dem gestrigen Jammer und nach dem heutigen Schrecken jetzt dennoch so stolz tut, das wundert vielleicht einen einfältigen Frägler; ein gescheiter Landmann merkt es von selbst. Der Hochmut plagt einen nie stärker, als wenn man im Kote steckt. So lange alles gut geht, und niemand in Zweifel zieht, daß man oben am Brette sei, tut niemand so gar dick; wenn aber links und rechts die Schadenfreude ausstreut, es stehe nicht wie vor altem, dann regt sich das Blut, schäumt und wallt auf wie heiße Butter im Kessel. Und das war eben der Fall bei dem Vogt. Also ist es ganz natürlich und auch dem Einfältigsten begreiflich, daß er, da er sich unten an der Schloßhalde vom Schrecken wieder erholt hatte, so stolz habe tun können, als ich gesagt habe. Zudem hatte er diese Nacht auf seine zwei Pulver, und da er wenig getrunken hatte, außerordentlich wohl geschlafen, und heute am Morgen den Kopf von den Schrecken und Sorgen des vorigen Tages ziemlich leer gehabt.

Ich erzähle die Sachen, wie sie geschehen, und wie sie mir zu Ohren gekommen sind; aber ich könnte und möchte bei weitem nicht allemal auf unnütze Fragen so Antwort geben wie jetzt.

60. Eine Abschweifung.

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Freilich wäre es besser gewesen, er hätte seine Branntweinflasche am Nußbaum, unter dem er stand, zerschlagen, und wäre zurückgegangen zu seinem Herrn, ihm seine Umstände zu entdecken, ihm zu sagen, daß er nicht reich sei, sondern den Vogtsdienst und das Wirtsrecht um der Schulden willen, darin er stecke, notwendig habe, und ihn um Gnade und Barmherzigkeit zu bitten. Ich weiß, Arner hätte den alten Mann in diesen Umständen nicht verstoßen. Aber eben das ist das Unglück der Gottlosen, daß ihre Laster sie um allen Verstand bringen, daß sie in ihren wichtigsten Angelegenheiten wie blind werden, und wie unsinnig zu ihrem Verderben handeln; da hingegen die guten, redlichen Menschen, die ein einfältiges und unschuldiges Herz haben, ihren Verstand im Unglücke gar viel besser behalten, und sich daher auch gemeiniglich in den Zufällen des Lebens weit leichter helfen und raten können als die Gottlosen. Sie demütigen sich im Unglück, sie bitten ihre Fehler ab, sie richten in der Not ihre Augen nach der Hand, die allenthalben gegen das Elend der Menschen, die mit reinem Herzen Hilfe suchen, sich ausstreckt. Der Friede Gottes, der alle Vernunft übertrifft, ist ihnen Schutz und Leitstern durch ihr Leben, und sie kommen immer so durch die Welt, da sie am Ende Gott von Herzen danken. Aber den Gottlosen führt seine Gottlosigkeit aus einer Tiefe in die andere. Er braucht seinen Verstand nie auf den geraden Wegen der frommen Einfalt, um Ruhe, Gerechtigkeit und Frieden suchen. Er braucht ihn nur zu den krummen Wegen der Bosheit, um Jammer anzurichten und Unruhe zu stiften. Darum kömmt er immer in Unglück. In seiner Not trotzt er dann, leugnet, wenn er fehlt, und ist hochmütig im Elend. Hilfe und Rettung will er entweder erheucheln und erlügen, oder erzwingen und erstehlen. Er traut auf seinen verwirrten, wilden Sinn; er stößt die Hand des Vaters, die sich gegen ihn ausstreckt, von sich, und wenn dieser ihm zuruft: Beuge dich, mein Kind; ich, dein Vater, ich bin es, der da züchtigt, und der da hilft, ich dein Vater – so verspottet er die Stimme des Retters, und sagt: Da mit meiner Hand und mit meinem Kopfe will ich mir helfen, wie ich will! Darum ist des Gottlosen Ende immer so tiefer Jammer und so tiefes Elend.

61. Der alte Mann leert sein Herz aus.

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Ich bin jung gewesen, und bin alt geworden, und ich habe mich viel und oft umgesehen, wie es dem Frommen und dem Gottlosen auch gehe. Ich habe die Knaben meines Dorfes mit mir aufwachsen sehen; ich sah sie Männer werden, Kinder und Kindeskinder zeugen, und nun habe ich die von meinem Alter alle bis auf sieben zu Grabe begleitet. Gott, du weißt meine Stunde, wenn ich meinen Brüdern folgen soll! Meine Kräfte nehmen ab; aber mein Auge harret deiner, o Herr! Unser Leben ist wie eine Blume des Feldes, die am Morgen blühet, am Abend aber verwelket. O Herr, unser Herrscher! du bist gnädig und gut den Menschen, die auf dich trauen; darum hoffet meine Seele auf dich. Aber der Weg des Sünders führt zum Verderben. – Kinder meines Dorfes, o ihr Lieben, lasset euch lehren, wie es dem Gottlosen geht, damit ihr fromm werdet. Ich habe Kinder gesehen, die ihren Eltern trotzten, und ihre Liebe für nichts achteten; und allen, allen ist es übel gegangen am Ende. Ich kannte des unglücklichen Ulis Vater; ich habe mit ihm unter einem Dache gewohnt, und mit meinen Augen gesehen, wie der gottlose Sohn den armen Vater kränkte und schimpfte; und in meinem Leben werde ich es nicht vergessen, wie der alte, arme Mann eine Stunde vor seinem Tode über ihn weinte. Ich sah den bösen Buben bei seinem Begräbnisse lachen. Kann ihn Gott leben lassen, den Bösewicht? dachte ich. Was geschah? Er nahm ein Weib, das viel Gut hatte, und er war jetzt im Dorfe einer der Reichsten, und ging in seinem Stolz und in seiner Bosheit einher, als ob niemand im Himmel und niemand auf Erden über ihm wäre. Ein Jahr ging vorüber, da sah ich den stolzen Uli bei dem Begräbnis seiner Frau heulen und weinen. Ihr Gut mußte er ihren Verwandten bis auf den letzten Heller zurückgeben, und er war plötzlich wieder arm wie ein Bettler. In seiner Armut stahl er, und ihr wisset, welch ein Ende er genommen hat. Kinder, so sah ich immer, daß das Ende des Gottlosen Jammer und Schrecken ist. – Ich sah aber auch den tausendfachen Segen und Frieden in den stillen Hütten der Frommen. Es ist ihnen wohl bei dem, so sie haben. Bei Wenigem ist ihnen wohl, und bei Vielem sind sie genügsam. Arbeit in ihren Händen und Ruhe in ihrem Herzen, das ist das Teil ihres Lebens. Sie genießen froh das Ihrige, und begehren nicht, was ihrem Nächsten gehört. Der Hochmut plagt sie nicht, und der Neid verbittert ihnen ihr Leben nicht; darum sind sie immer froher und zufriedener und mehrenteils auch gesunder als die Gottlosen. Sie besitzen auch des Lebens Notwendigkeiten sicherer und ruhiger; denn sie haben ihren Kopf und ihr Herz nicht bei Bosheiten, sondern bei ihrer Arbeit und bei den Geliebten ihrer stillen Hütten. So ist ihnen wohl im Leben. Gott im Himmel sieht herab auf ihre Sorge und auf ihren Kummer, und hilft ihnen. – Kinder meines Dorfes, o ihr Lieben! ich sah viele fromme Arme auf ihrem Todbette, und ich habe nicht gefunden, daß einer, ein einziger von allen, in dieser Stunde sich über seine Armut und über die Not seines Lebens beklagt habe. Alle dankten Gott für die tausend Proben seiner Vatergüte, die sie in ihrem Leben genossen hatten. – O, Kinder meines Dorfes, werdet doch fromm, und bleibet einfältig und unschuldig! Ich habe gesehen, wie das schlaue, und arglistige Wesen einen Ausgang nimmt. Hummel und seine Gesellen waren weit schlauer als alle andern; sie wußten immer tausend Dinge, wovon uns andern nichts träumte. Das machte sie stolz, und sie glaubten, der Einfältigere sei nur darum in der Welt, daß er ihr Narr sei. Sie fraßen einige Zeit das Brot der Witwen und Waisen, und tobten und wüteten gegen die, so nicht ihre Kniee bogen vor ihnen. Aber ihr Ende hatte sich genähert. Der Herr im Himmel hörte der Witwen und der Waisen Seufzer. Er sah die Tränen der Mütter, die sie mit ihren Kindern weinten über die gottlosen Buben, die ihre Männer und Väter verführten und drängten; und der Herr im Himmel half dem Unterdrückten und dem Waisen, der keine Hoffnung mehr hatte, zu seinem Rechte zu gelangen.

62. Das Entsetzen der Gewissensunruhe.

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Als am Samstag abend Hans Wüst vom Vogt heim kam, quälten ihn die Sorgen des Meineids noch tiefer, daß er auf dem Boden sich wälzte, und heulte wie ein Hund, dem ein erschreckliches Grimmen die Eingeweide zerreißt. So rasete er die ganze Nacht über und den ganzen folgenden heiligen Tag, raufte seine Haare sich aus, schlug sich mit Fäusten bis aufs Blut, aß nichts, und trank nichts, lief wütend umher, und sagte: O, des Rudis Hausmatte! o, o seine Hausmatte! sie brennt auf meiner Seele! Der Satan, o der leidige Satan ist meiner mächtig! O wehe mir! wehe meiner armen Seele! So ging er wütend umher, geplagt und gequält von den Sorgen des Meineids, und heulte das Jammergeheul seiner entsetzlichen, greulichen Schrecken. Abgemattet von den Qualen dieser Sorgen konnte er endlich Sonntag nachts wieder einschlafen. Am Morgen darauf war ihm wieder etwas leichter, und er nahm den Entschluß, seine Qualen nicht mehr bei sich zu behalten, sondern alles dem Pfarrer zu sagen. Er nahm auch seinen Sonntagsrock, und was er sonst fand, und band alles in einen Bündel zusammen, damit er das Geld, das er dem Vogt schuldig war, darauf entlehnen könne. Er nimmt jetzt den Bündel, zittert, geht in den Pfarrhof, steht da, will wieder fortlaufen, steht wieder still, wirft den Bündel in den Hausgang, und macht Gebärden wie ein Mensch, der nicht bei Sinnen ist.

63. Daß man mit Liebe und mit Teilnehmung der gänzlichen Kopfverwirrung angstvoller Menschen vorkommen könne.

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Der Pfarrer sieht ihn in diesem Zustande, geht zu ihm hinunter, und sagt ihm: Was ist dir, Wüst? wo fehlt es dir? Komm mit mir hinauf in die Stube, wenn du etwas mit mir reden willst. Da ging der Wüst mit dem Pfarrer hinauf in seine Stube, und der Pfarrer war mit dem Wüst so freundlich und herzlich, als er nur konnte; denn er sah seine Verwirrung und seine Angst, und er hatte das Gemurmel, daß er wegen seines Eides fast verzweifeln wolle, gestern auch schon gehört. Wüst aber, da er sah, wie liebreich und freundlich der Pfarrer gegen ihn war, erholte sich nach und nach wieder, und sagte: Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, ich glaube, ich habe einen falschen Eid getan, und verzweifle fast darüber; ich kann es nicht mehr ertragen. Ich will gern alle Strafe, die ich verdient habe, leiden, wenn ich nur auch noch Gnade und Barmherzigkeit von Gott hoffen darf.

64. Ein Pfarrer, der eine Gewissenssache behandelt.

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Der Pfarrer antwortete: Wenn dir dein Fehler von Herzen leid ist, so zweifle nicht an Gottes Erbarmen.

Wüst. Darf ich, Herr Pfarrer? darf ich auch bei diesem meinem Fehler noch auf Gottes Erbarmen hoffen, und der Verzeihung der Sünden mich getrösten?

Pfarrer. Wenn Gott einen Menschen dahin gebracht hat, daß er aufrichtige Buße tut, und im Ernste nach der Verzeihung seiner Sünden seufzet, so hat er ihm den Weg zur Verzeihung und zur Erhaltung aller geistlichen Gnaden schon gezeigt. Glaube das, Wüst! und wenn deine Buße dir aufrichtig von Herzen geht, so zweifle nicht, sie wird Gott wohlgefällig sein.

Wüst. Aber kann ich es auch wissen, daß sie ihm wohlgefällig ist?

Pfarrer. Du kannst bei dir selber wahrlich wohl wissen, wenn du mit Ernst auf dich Achtung gibst, ob sie aufrichtig ist und ganz von Herzen geht. Und wenn sie aufrichtig ist, so ist sie Gott gefällig; das ist das einzige, was ich sagen kann.

Sieh, Wüst, wenn einer dem Nachbar den Grund vom Acker weggepflügt hat, und es reut ihn, und er geht, ohne daß der Nachbar es weiß, ohne daß er es fordert, für sich selber und im stillen, und pflügt den Grund dem Nachbar wieder an seinen Acker, und tut eher ein übriges als zu wenig, so muß ich denken, es sei ihm Ernst mit seiner Reue. Gibt er ihm aber das Seinige gar nicht oder nicht ganz zurück; braucht er im Zurückgeben Vorteil; sorgt er nur, daß ihm der Diebstahl nicht auskomme; ist es ihm nur um sich selbst und nicht um seinen Nachbar zu tun, dem er unrecht getan hat: so sind seine Reue und sein Zurückpflügen ein Tand, mit welchem der Tropf sich selber betört. – Wüst, wenn du in deinem Herzen nichts suchest, und nichts wünschest, als daß aller Schaden, den deine böse Tat verursacht, und alle Aergernis, das sie angerichtet hat, aufhöre und wieder gut werde, und daß dir Gott und Menschen verzeihen; wenn du nichts anders wünschest, wenn du von Herzen gern alles leidest und tust, um deinen Fehler so viel möglich wieder gut zu machen: so ist deine Buße gewiß aufrichtig, und dann zweifle nicht, daß sie Gott nicht gefällig sei.

Wüst. Herr Pfarrer, ich will gerne leiden und tun, was ich auf Gottes Erdboden tun kann, wenn mir nur dieser Stein von dem Herzen wegkömmt. Wie er mich drückt, Herr Pfarrer! Wo ich gehe und stehe, zittere ich über dieser Sünde.

Pfarrer. Fürchte dich nicht! Gehe nur einfältig, gerade und redlich in deinem Unglücke zu Werk, so wird es dir gewiß leichter werden.

Wüst. O wenn ich nur das hoffen darf, Herr Pfarrer!

Pfarrer. Fürchte dich nicht, und traue auf Gott! Er ist der Gott des Sünders, der ihn sucht. Tue nur, was du kannst, gewissenhaft und redlich. Das größte Unglück, das aus deinem Eid entstanden ist, sind die Umstände des armen Rudi, der dadurch in ein entsetzliches Elend geraten ist; aber ich hoffe, der Junker werde, wenn du ihm die Sache bekennen wirst, dann selber helfen, daß der Mann in seinem Elende getröstet werden könne.

Wüst. Eben der arme Rudi, eben der ist es, der mir immer auf dem Herzen liegt! Herr Pfarrer, meint Ihr, der Junker könne ihm auch wieder zu seiner Matte helfen?

Pfarrer. Gewiß weiß ich es nicht. Der Vogt wird freilich alles, was er kann, anbringen, dein jetziges Zeugnis verdächtig zu machen; aber der Junker wird hingegen auch alles tun, was er kann, dem unglücklichen Manne zu dem Seinigen zu verhelfen.

Wüst. Wenn es ihm nur auch gerät!

Pfarrer. Ich wünsche es von Herzen, und hoffe es wirklich; aber es mag auch dem Rudi hierin gehen, wie es will, so ist es um deiner selbst und um der Ruhe deines Herzens willen gleich notwendig, daß du alles dem Junker offenbarest.

Wüst. Ich will es ja gerne tun, Herr Pfarrer.

Pfarrer. Es ist der gerade Weg, und es freut mich, daß du ihn so willig gehen willst; es wird dir Ruhe und Friede in dein Herz bringen. Aber freilich wird dir das Bekenntnis Schimpf und Schande und Gefängnis und schweres Elend zuziehen.

Wüst. O Herr Pfarrer, das ist alles nichts gegen den Schrecken der Verzweiflung und gegen die Furcht, daß einem Gott in der Ewigkeit nicht mehr gnädig sein werde.

Pfarrer. Du siehst die Sache in deinem Unglücke so redlich und vernünftig an, daß ich wahre Freude daran habe. Bitte den lieben Gott, der dir so viel gute Gedanken und so viel Stärke zu guten und rechtschaffenen Entschlüssen gegeben hat, daß er diese Gnade dir ferner schenken wolle, so bist du auf einem guten Wege, und wirst, will's Gott, alles, was auf dich wartet, mit Demut und mit Geduld ertragen können. Was dir immer begegnen wird, so zeige mir dein Zutrauen ferner; ich will dich gewiß nie verlassen.

Wüst. Ach Gott, Herr Pfarrer, wie Ihr auch so gut und liebreich seid mit einem so schweren Sünder!

Pfarrer. Gott selber ist in seinem Tun gegen uns arme Menschen nur Schonung und Liebe, und ich würde wohl ein unglücklicher Knecht meines guten Gottes und Herrn sein, wenn ich in welchem Falle es immer wäre, mit einem meiner fehlenden Mitknechte zankte, haderte und schmälte.

So väterlich redete der Pfarrer mit dem Wüst, der vor ihm in Tränen zerfloß, und jetzt lange nichts sagte. Der Pfarrer schwieg jetzt auch eine Weile; Wüst aber fing wieder an und sagte: Herr Pfarrer, ich habe noch etwas anzubringen.

Pfarrer. Was denn?

Wüst. Ich bin seit dem Handel dem Vogt noch acht Gulden schuldig. Er sagte zwar vorgestern, er wolle die Handschrift zerreißen; aber ich will nicht, daß er mir etwas schenke; ich will ihn bezahlen.

Pfarrer. Du hast recht; das muß unumgänglich sein, noch ehe du dem Arner die Sache entdeckst.

Wüst. Ich habe unten im Hause einen Bündel. Es ist mein Sonntagsrock und noch etwas darin, das zusammen wohl acht Gulden wert ist. Ich muß in Gottes Namen die acht Gulden entlehnen; und ich habe gedacht, Ihr zürnet es nicht, wenn ich Euch bitte, daß Ihr mir sie gegen dieses Pfand vorstrecket.

Pfarrer. Ich nehme nie von jemandem Sicherheit, und oft muß ich so etwas abschlagen, so wehe es mir auch tut; aber in deinem Falle schlage ich es nicht ab. Sogleich gibt er ihm das Geld, und sagt: Trage es alsobald zum Vogt, und deinen Bündel, den nimm nur wieder mit dir heim.

65. Daß es auch beim niedrigsten Volke eine Delikatesse gebe, selbst bei der Annahme von Wohltaten, um die es bittet.

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Wüst zitterte, da er dem Pfarrer das Geld abnahm, dankte und sagte: Aber den Bündel nehme ich gewiß nicht heim, Herr Pfarrer.

Pfarrer (lächelnd). Nun so lasse ich ihn dir nachtragen, wenn du ihn nicht gerne selber mitnimmst.

Wüst. Um Gottes willen, Herr Pfarrer! behaltet den Bündel, damit Ihr für Eure Sache sicher seid.

Pfarrer. Das wird sich schon geben, Wüst. Bekümmere dich jetzt nicht hierüber, und denke vielmehr an das weit Wichtigere, was dir bevorsteht. Ich will heute noch dem Junker schreiben, und du bringst ihm dann morgen den Brief.

Wüst. Ich danke Euch, Herr Pfarrer; aber um Gottes willen behaltet den Bündel; ich darf sonst das Geld nicht nehmen, weiß Gott, ich darf nicht.

Pfarrer. Schweige jetzt hievon! Gehe alsobald mit dem Gelde zu dem Vogt, und komm morgen etwa um neun Uhr wieder zu mir; aber rede mir kein Wort weiter vom Bündel.

Da ging der Wüst erleichtert und in seinem Gewissen getröstet vom Pfarrer fort, gerade in des Vogts Haus, und gab das Geld, da der Mann nicht zu Hause war, der Frau.

Diese fragte ihn: Woher so viel Geld auf einmal, Wüst?

Niedergeschlagen und kurz antwortete der Wüst: Ich habe es so gemacht, wie ich es gekonnt habe. Gottlob, daß du es hast!

Die Vögtin erwiderte: Wir haben dich noch nie darum genötigt.

Wüst. Ich weiß es wohl; aber es ist vielleicht eben darum nichts desto besser.

Vögtin. Das ist wunderlich geredet, Wüst. Wo fehlt es dir? Du bist die Zeit her gar nicht recht.

Wüst. Ach Gott, du wirst es wohl erfahren. Aber zähle doch das Geld, ich muß gehen.

Die Vögtin zählt das Geld, und sagt: Es ist richtig.

Wüst. Nun, gib es deinem Manne ordentlich. Behüte Gott, Frau Vögtin!

Vögtin. Muß es sein, so behüte Euch Gott, Wüst!

66. Ein Förster, der keine Gespenster glaubt.

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Der Vogt hatte auf dem Rückweg von Arnheim im Hirzauer Wirtshaus eingekehrt. Da trank und prahlte er unter den Bauern. Er erzählte ihnen von seinen gewonnenen Händeln, von seiner Gewalt unter dem verstorbenen Arner; wie er unter ihm, und zwar er allein, alles Volk in Ordnung gehalten habe, und wie es jetzt allenthalben eine Lumpenordnung sei. Dann gab er seinem Hund das Ordinäri, was ein wohlhabender Handwerksbursche ohne den Wein zu Mittag hat, und spöttelte über einen armen Mann, dem ein Seufzer entfuhr, als er die gute Suppe und das liebe Brot dem Hund darstellen sah. Gelt, du würdest auch so vorlieb nehmen? spricht er zum Armen, streichelt den Hund, und prahlt und säuft und pocht so unter den Bauern bis auf den Abend. Da kam der alte Förster vom Schloß, und nahm im Vorbeigehen auch ein Glas Wein, und der Vogt, der keinen Augenblick gerne allein ist, sagt zu ihm: Wir gehen miteinander heim.

Förster. Wenn du gleich kömmst, ich muß einer Spur nach.

Den Augenblick! antwortete der Vogt, trinkt aus, fragt zuerst nach der Zeche des Hundes, dann nach der seinen, zahlt beide, gibt noch ein Trinkgeld und geht dann mit dem Förster weiter.

Da sie jetzt allein auf der Straße waren, fragte der Vogt den Förster, ob es zu Nacht im Wald vor den Gespenstern sicher sei.

Förster. Warum frägst du mich das?

Vogt. Ha, weil es mich wundert.

Förster. Du bist ein alter Narr. Schon dreißig Jahre Vogt, und solche Dummheiten fragen? Du solltest dich schämen!

Vogt. Nein, bei Gott! mit den Gespenstern weiß ich nie recht, wie ich daran bin, ob ich sie glauben soll oder nicht; und doch habe ich auch noch keines gesehen.

Förster. Nun, weil du mich so treuherzig fragst, so will ich dir aus dem Wunder helfen. Du zahlst mir einst eine Bouteille für meine Erklärung.

Vogt. Gerne zwei, wenn du sie recht machst.

Förster. Ich bin nun vierzig Jahre auf meinem Posten, und von meinem Vater als ein Junge schon vom vierten Jahre an im Walde erzogen worden. Dieser erzählte den Bauern in den Wirtshäusern und in den Schenken immer von den vielen Gespenstern und Schrecknissen der Wälder. Aber er trieb mit ihnen nur den Narren; mit mir verstand er es ganz anders. Ich sollte Förster werden, und also solcherlei Zeug weder glauben noch fürchten. Deshalb nahm er mich zu Nacht, wenn weder Mond noch Sterne schienen, wenn die Stürme brausten, auf Fronfasten und Weihnacht in den Wald. Wenn er dann ein Feuer oder einen Schein sah, oder ein Geräusch hörte, so mußte ich mit ihm darauf los über Stauden und Stöcke, über Gräben und Sümpfe, und über alle Kreuzwege mußte ich mit ihm dem Geräusche nach. Und es waren immer Zigeuner, Diebe oder Bettler. Sodann rief er ihnen mit seiner erschrecklichen Stimme zu: Vom Platze, ihr Schelme! Wenn es ihrer zehn und zwanzig waren, so strichen sie sich immer fort, und ließen oft noch Häfen und Pfannen und Braten zurück, daß es eine Lust war. Oft war das Geräusch auch nur Hochgewild, das manchmal gar wunderbare Töne von sich gibt, und die faulen alten Holzstämme geben einen Schein, und machen in der Nacht Gestalten, die jedermann, der nicht hinzu gehen darf, in Schrecken setzen können. Das ist alles, was ich in meinem Leben im Walde Unrichtiges gefunden habe: aber immer wird es mein Amtsvorteil sein und bleiben, daß meine Nachbarn ordentlich glauben, er sei wohl gespickt mit Gespenstern und mit Teufeln. Denn siehe, unsereiner altert und ist froh, bei dunkeln Nächten den Frevlern nicht nachlaufen zu müssen.

67. Ein Mann, den es gelüstet, einen Markstein zu versetzen, möchte auch gerne die Gespenster nicht glauben, und er darf nicht.

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So redete der Mann, und sie kamen indessen an den Seitenweg, durch welchen der Förster in den Wald ging, und der Vogt, der nunmehr allein war, redete da mit sich selber: Er ist vierzig Jahre lang Förster, und hat noch kein Gespenst gesehen, und glaubt keines; und ich bin ein Narr, und glaube sie, und darf nicht einmal daran denken, eine Viertelstunde im Walde mich aufzuhalten, um einen Stein auszugraben! – Wie ein Schelm und ein Dieb nimmt er mir das Wirtsrecht! Und der Hundsstein da auf dem Felsen ist keine rechte Mark; ich glaube es nicht. Und wenn sie es wäre, hätte er ein besseres Recht, als ich auf mein Wirtshaus? So gewalttätig einem Manne sein Eigentum zu rauben – wer anders als der Satan hat ihm das eingeben können? Da er meinem Hause nicht schont, so habe ich keinen Grund, seinem verdammten Kieselsteine zu schonen. – Aber ich darf nicht! Bei Nacht darf ich nicht auf den Platz, und am Tage kann es wegen der Landstraße nicht sein.

Indem er so mit sich selber redete, kam er bald auf des Meiers Hügel, der nahe am Dorfe liegt. Er sah die Maurer an den großen Feldsteinen, die in der Ebene da herumliegen, arbeiten; denn es war nicht vollends sechs Uhr. Darüber ergrimmte er, und sagte zu sich selber: Alles, was ich anstelle und vornehme, alles, alles mißlingt mir! Alles, alles wird an mir zum Schelme! Muß ich jetzt noch neben dem verdammten Joseph vorbeigehen und schweigen? Nein, ich kann es nicht! neben ihm vorbeigehen und schweigen kann ich nicht! Ich will lieber hier warten, bis sie heim gehen. Er setzte sich nun nieder; nach einer Weile stand er wieder auf, und sagte: Ich will, ich kann ihnen auch hier nicht zusehen; ich will auf die andere Seite des Hügels gehen. O du verdammter Joseph! Jetzt stand er auf, ging einige Schritte zurück hinter den Hügel, und setzte sich wieder.

68. Die untergehende Sonne und ein verlorener armer Tropf.

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Die Sonne ging jetzt eben unter, und schien noch mit ihren letzten Strahlen auf die Seite der Anhöhe, auf der er eben saß. Um ihn her war das tiefere Feld und unten am Hügel alles schon im Schatten. Sie ging aber herrlich und schön unter, Gottes Sonne, ohne Wind und ohne Gewölk; und der Vogt, der in ihre letzten, herrlichen Strahlen, die auf ihn fielen, hineinsah, sagte zu sich selber: »Sie geht doch schön unter!« und staunte gegen sie hin, bis sie hinter dem Berge war. »Jetzt ist alles im Schatten, und bald ist es Nacht.« Eine Weile nachher rief er aus: »O mein Herz! Schatten, Nacht und Grausen ist um dich her. Dir scheint keine Sonne.« So mußte er zu sich selber sagen, ob er wollte oder nicht; denn der Gedanke schauerte ihm durch seine Seele, und er knirschte mit den Zähnen. Anstatt hinzufallen und anzubeten den Herrn des Himmels, der die Sonne wieder aus der Nacht hervor ruft; anstatt auf den Herrn zu hoffen, der aus dem Staube errettet, und aus den Tiefen erlöset – knirschte er mit den Zähnen. Da schlug die Glocke in Bonnal sechs Uhr, und die Maurer gingen vom Felde heim, und der Vogt folgte ihnen nach.

69. Wie man sein muß, wenn man mit den Leuten etwas ausrichten will.

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Die meisten Arbeiter des Maurers hatten ihn schon an diesem ersten Abende, an dem sie bei ihm schafften, lieb gewonnen. Er arbeitete die ganze Zeit mit ihnen, wie sie, griff die schwersten Steine selber an, stand, wo es nötig war, in Kot und Wasser hinein wie ein anderer, und noch vor ihnen. Er zeigte ihnen, da sie ganz ungeübt in dieser Arbeit waren, mit Liebe und Geduld ihre Art und Weise und ihre Vorteile, und ließ auch gegen die Ungeschicktesten keine Ungeduld blicken. Kein »du Narr, du Ochs« entfuhr ihm gegen einen einzigen, ob er gleich hundertmal Anlaß und Gelegenheit dazu gehabt hätte. Diese Geduld und diese bescheidene Sorgfalt des Meisters, und sein Eifer, selber zu arbeiten, machten, daß alles sehr wohl von statten ging.

70. Ein Mann, der ein Schelm ist und ein Dieb, handelt edelmütig, und des Maurers Frau ist weise.

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Michel, als einer der Stärksten und Verständigsten, war den ganzen Abend an der Seite des Meisters, und sah alle die herzliche Liebe und Güte, mit der dieser auch gegen die Ungeschicktesten handelte, und Michel, der ein Schelm ist und ein Dieb, gewann den Lienhard dieses geraden, redlichen Wesens wegen lieb, und es ging ihm ans Herz. Gegen diesen braven, rechtschaffenen Mann wollte er kein Schelm sein.

Aber dem Kriecher und dem frommen Marx ab der Reuti gefiel es schon nicht so wohl, daß er keinen Unterschied machte unter den Leuten, und sogar auch mit dem Bösewicht, dem Michel, so freundlich war. Auch Lenk schüttelte den Kopf wohl hundertmal, und sprach bei sich selbst: Er ist ein Narr; nähme er Leute, die arbeiten können wie ich und mein Bruder, er würde nicht halb so viele Mühe haben. Aber die mehreren, die er mit Liebe und Geduld zur Arbeit anführte, dankten ihm von Herzensgrund, und hie und da stiegen stille Seufzer zum Vater der Menschen empor, der alle Geduld und alle Liebe, die ein Mensch seinem schwächern Bruder erweiset, lohnet und segnet. Michel konnte die böse Abrede, die er am Samstag mit dem Vogte gemacht hatte, nicht länger auf seinem Herzen tragen, und sagte im Heimgehen zu seinem Meister: Ich habe dir etwas zu sagen; ich will mit dir heimgehen.

So komm denn, antwortete Lienhard. Da ging er mit dem Meister in seine Hütte, und erzählte ihm, wie der Vogt ihn am Samstage zu Schelmenstreichen gedungen, und wie er ihm auf den schönen Handel zwei Taler gegeben habe. Lienhard erschrak; aber schwarz und grün war es der Gertrud. Das ist erschrecklich! sagte Lienhard.

Gertrud. Ja, das ist wohl erschrecklich!

Michel. Laß dich jetzt das nicht kümmern; ich bitte dich, Gertrud. Laß dir das jetzt keine Mühe machen; ich bitte dich, Meister. Seht, gegen Euch versündige ich mich gewiß nicht; darauf könnt Ihr zählen.

Lienhard. Ich danke dir, Michel; aber ich habe es doch an dem Vogte gewiß nicht verdient.

Michel. Er ist ein eingefleischter Teufel. Die Hölle erfindet nicht was er, wenn er auf Rache denkt, und raset.

Lienhard. Es zittert alles an mir.

Gertrud. Beinahe sinke ich in Ohnmacht.

Michel. Seid doch nicht Kinder; alles hat ja ein Ende.

Gertrud und Lienhard (beide zugleich). Gottlob! Gottlob!

Michel. Seht, ihr habt jetzt das Ding, wie ihr nur wollet. Wenn ihr es für gut findet, so will ich den Vogt auf dem Glauben lassen, daß ich ihm treu sei, und gerade morgen oder übermorgen vom Bau Geschirr wegnehmen, und in des Vogts Haus tragen. Dann gehst du in aller Stille zu Arner, nimmst einen Gewaltsschein, alle Häuser durchsuchen zu dürfen, fängst bei des Vogts Wohnung an, dringst plötzlich in die Nebenkammer hinein, wo du es gewiß finden wirst. Wenn du dich aber hiezu entschließest, so mußt du plötzlich, in dem Augenblicke, indem du den Gewaltsschein zeigest, hineindringen; sonst ist es gefehlt. Sie sind imstande, und nehmen es dir unter den Augen weg, steigen zum Fenster hinein, oder legen es unter die Decke des Bettes. Wenn du dann höflich bist, und da nicht nachsuchest, so werden wir in einem schönen Handel sein. Ich denke aber fast, es sei besser für dich, du schickest einen andern; es ist kein Stück Arbeit für dich.

Lienhard. Nein, Michel, das Stück Arbeit würde mir gewiß nicht geraten.

Michel. Das ist gleichviel; ich will dir schon jemanden finden, der diese Arbeit recht macht.

Gertrud. Michel, ich denke, wir sollten Gott danken, daß wir von der Gefahr, die über uns schwebte, befreit sind, und nicht aus Rache dafür dem Vogte eine Falle legen.

Michel. Er verdient seinen Lohn. Mache dir darüber kein Bedenken.

Gertrud. Was er verdiene oder nicht verdiene, das zu beurteilen ist nicht unsere Sache; aber keine Rache auszuüben, das ist unsere Sache, und der einzige gerade Weg, den wir in diesem Falle gehen können.

Michel. Ich muß bekennen, du hast recht, Gertrud; und es ist viel, daß du dich so überwinden kannst. Aber ja, du hast recht, er wird seinen Lohn schon finden, und überall los sein und nichts mit ihm zu tun haben, ist das beste. Ich will auch geradezu mit ihm abbrechen, und ihm seine zwei Taler zurückgeben. Jetzt aber habe ich nur noch anderthalben. (Er nimmt sie aus dem Sack, legt sie auf den Tisch, zählt sie, und sagt dann weiter:) Ich weiß jetzt nicht, ob ich ihm die anderthalben allein bringen, oder ob ich auf den Wochenlohn warten will bis am Samstag, da ich dann alles beieinander haben werde.

Lienhard. Es macht mir gar nichts, dir den halben Taler jetzt vorauszubezahlen.

Michel. Ich bin herzlich froh, wenn es sein kann, daß ich dieses Mannes noch heute los werde. Ich trage es ihm noch in dieser Stunde ins Haus, wenn ich es habe. – Meister, seit dem heiligen Nachtmahl gestern lag es mir schon schwer auf dem Herzen, daß ich ihm so böse Sachen versprochen hatte. Auf den Abend kam noch dein Jonas, und gab meinem Kinde sein Abendbrot; und auch das machte, daß es mir ans Herz ging, daß ich gegen dich ein Schelm sein wollte. Ich habe dich nie recht gekannt, und nie viel Umgang mit dir gehabt, Lienhard; aber heute habe ich gesehen, daß du mit Geduld und mit Liebe jedermann raten und helfen wolltest, und ich meinte, ich würde nicht selig sterben können, wenn ich einem so braven treuen Menschen das Gute mit Bösem vergelten würde. (Er hatte Tränen in den Augen.) Da sehet ihr, ob es mir nicht ernst ist.

Lienhard. Tue doch überall niemandem etwas Böses mehr.

Michel. Will's Gott, will ich dir folgen.

Gertrud. Es wird dir dann gewiß auch überall wieder besser gehen.

Lienhard. Willst du noch diesen Abend zum Vogt gehen?

Michel. Ja, wenn ich kann.

Der Maurer gibt ihm den halben Taler, und sagt: Bringe ihn doch nicht im Zorn.

Gertrud. Sage ihm doch nicht, daß wir etwas davon wissen.

Michel. Ich will so kurz sein, als ich kann; aber den Augenblick gehe ich, so ist es bald vorüber. Behüte Gott, Gertrud! Ich danke dir, Lienhard. Schlafet wohl!

Lienhard. Ebenfalls; behüte Gott, Michel.

Michel geht ab.

71. Die Hauptauftritte nähern sich.

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Als der Vogt heim kam, traf er seine Frau allein in der Stube an; er konnte also die Wut und Zorn, den er den Tag über gesammelt hatte, nun ausleeren. Auf dem Felde, im Schloß und in Hirzau, da war es anders. Unter den Leuten zeigt so einer nicht leicht, wie es ihm ums Herz ist.

Ungeschickt wie ein Schäferbube, würde man sagen, wäre ein Vogt, der das nicht könnte; und das hat man dem Hummel nie nachgeredet. Er konnte ganze Tage lang Zorn und Neid, Haß und Gram hinunterschlucken, und immer lächeln und schwatzen und trinken; aber wenn er heim kam, und zum Glück oder Unglück die Wohnstube leer fand, so stieß er die Wut, die er unter den Leuten gesammelt hatte, fürchterlich aus.

Seine Frau weinte in einer Ecke, und sagte: Um Gottes willen, tue doch nicht so! Mit diesem Rasen bringst du Arner nur immer mehr auf. Er ruht nicht, bis du dich zum Ziele legest.

Vogt. Er wird nicht ruhen, ich mag tun, was ich will; er wird nicht ruhen, bis er mich zugrunde gerichtet haben wird. Ein Schelm, ein Dieb, ein Hund ist er, der Verfluchteste unter allen Verfluchten.

Vögtin. Herr Jesus, um Gottes willen, wie du redest! Du bist von Sinnen!

Vogt. Habe ich nicht Ursache? Weißt du es nicht? Er nimmt mir das Wirtsrecht oder den Mantel innert vierzehn Tagen.

Vögtin. Ich weiß es; aber um Gottes willen, tue doch jetzt nicht so. Das ganze Dorf weiß es schon. Der Schloßschreiber hat es dem Weibel gesagt, und dieser hat es an allen Orten ausgekramt. Ich wußte nichts bis auf den Abend, da ich tränkte; da lachten die Leute auf beiden Seiten der Gasse vor allen Häusern, und die Margarete, die auch tränkte, nahm mich beiseits, und sagte mir das Unglück. Und noch etwas: Hans Wüst hat die acht Gulden zurückgebracht. Wie kömmt jetzt dieser zu acht Gulden? Auch dahinter steckt Arner. Ach Gott, ach Gott! allenthalben droht ein Ungewitter.

Wie ein Donnerschlag erschreckten die Worte »Hans Wüst hat die acht Gulden zurückgebracht« den Vogt. Er stand eine Weile, starrte mit halbgeöffnetem Mund die Frau an, und sagte dann: Wo ist das Geld? wo sind die acht Gulden? Die Frau stellt es in einem zerbrochenen Trinkglas auf den Tisch. Der Vogt starrt eine Weile das Geld an, zählt es nicht, und sagt dann: Es ist nicht aus dem Schloß; der Junker gibt keine ungesonderten Sorten.

Vögtin. Ich bin froh, daß es nicht aus dem Schloß ist.

Vogt. Es steckt doch etwas dahinter. Du hättest es ihm nicht abnehmen sollen.

Vögtin. Warum das?

Vogt. Ich hätte ihn ausforschen mögen, woher er es habe.

Vögtin. Ich habe wohl daran gedacht; aber er wollte nicht warten, und ich glaube nicht, daß du etwas herausgebracht hättest; denn er war so kurz und abgebrochen, als man nur sein kann.

Vogt. Es stürmt alles auf mich los; ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Gib mir zu trinken.

Sie stellt ihm den Krug vor, und er geht mit wilder Wut die Stube hinauf und hinunter, schnauft, trinkt und redet mit sich selber: Ich will den Maurer verderben, das ist das erste, das sein muß; und das muß geschehen, wenn es mich auch hundert Taler kostet. Der Michel muß ihn verderben, und dann will ich auch hinter den Markstein gehen.

So sagte der Vogt, und eben klopfte Michel an. Wie im Schrecken fuhr der Vogt zusammen, und sagte: Wer ist da so spät in der Nacht? Dann eilte er ans Fenster zu sehen, und Michel rief: Mach' auf, Vogt!

72. Die letzte Hoffnung verläßt den Vogt.

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Wie mir der soeben recht kömmt! sagt der Vogt, eilt, öffnet die Türe, grüßt den Michel, und sagt: Willkommen, Michel! was bringst du gutes Neues?

Michel. Nicht viel; ich will dir nur sagen ...

Vogt. Du wirst doch nicht unter der Türe reden wollen? Komm in die Stube; ich gehe noch lange nicht schlafen.

Michel. Ich muß wieder nach Hause, Vogt. Ich will dir nur sagen, daß mich der Handel vom Samstag gereut hat.

Vogt. Ja bei Gott! das wäre so eben recht. Nein, der muß dich nicht gereuen. Wenn es nicht genug ist, ich biete dir lieber noch mehr. Komm nur in die Stube. Es fehlt nicht, wir werden des Handels gewiß einig.

Michel. Um keinen Preis, Vogt! Da sind deine zwei Taler.

Vogt. Ich nehme sie dir jetzt nicht ab, Michel. Treib' nicht den Narren! Der Handel muß dir nicht schaden, und wenn dir die zwei Taler zu wenig sind, so komm in die Stube.

Michel. Ich will weiter nichts hören, Vogt. Da ist dein Geld.

Vogt. Bei Gott! ich nehme dir es jetzt nicht ab. Ich habe jetzt geschworen. Du mußt mit mir in die Stube.

Michel. Das kann zuletzt wohl sein. (Er geht mit ihm.) Da bin ich nun in der Stube, und da ist dein Geld. (Er legt es auf den Tisch.) Und jetzt behüte Gott, Vogt!

Sogleich kehrte er sich um, und ging fort.

73. Er macht sich an den Markstein.

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Der Vogt stand eine Weile stumm und sprachlos da. rollte seine Augen umher, schäumte zum Munde aus, zitterte, stampfte, und rief dann: Frau, gib mir Brenz (Branntwein)! Es muß sein; ich gehe.

Frau. Wohin, wohin willst du in der stockfinstern Nacht?

Vogt. Ich gehe ... ich gehe, und grabe den Stein aus. Gib mir die Flasche.

Frau. Um Gottes willen, tue doch das nicht!

Vogt. Es muß sein, es muß sein! Ich gehe.

Frau. Es ist stockfinster; es geht gegen die Zwölfe, und in der Karwoche hat der Teufel sonst viel Gewalt.

Vogt. Hat er das Roß, so nehme er den Zaum auch. Gib mir die Flasche; ich gehe.

Schnell nimmt er Bickel und Schaufel und Karst auf die Schulter, und eilt im tiefen Dunkel der Nacht auf den Berg, seinem Herrn den Markstein zu versetzen. Rausch und Rache und Wut machten ihn kühn; doch wo er ein Scheinholz erblickte, oder einen Hasen rauschen hörte, zitterte er, stand einen Augenblick still, und eilte dann wütend weiter, bis er endlich zum Markstein kam. Er griff jetzt schnell zur Arbeit, hackte und schaufelte umher wie ein Mörder, der seinem Ermordeten ein Loch gräbt.

74. Die Nacht betrügt Besoffene und Schelme, die in der Angst sind, am stärksten.

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Aber plötzlich erschreckt ihn ein Geräusch. Ein schwarzer Mann hinter dem Gesträuche kömmt auf ihn zu. Um den Mann ist es hell in der finstern Nacht, und Feuer brennt auf des Mannes Kopfe. Das ist der leibhaftige Teufel! sagt der Vogt, flieht, heult entsetzlich, und läßt Karst und Bickel und Schaufel, den Hut und die leere Branntweinflasche zurück.

Es war Christoph, der Hühnerträger von Arnheim, der Eier in Oberhofen, Lunkofen, Hirzau und an andern Orten aufgekauft hatte, und nun auf seinem Heimwege begriffen war. Er trug auf seinem Korbe das Fell von einer schwarzen Ziege, und hatte eine Laterne daran hängen, um den Weg im Finstern zu finden. Dieser Eierträger erkannte die Stimme des fliehenden Vogtes; und da er dachte, daß er gewiß etwas Böses im Sinn habe, ergrimmte er bei sich selber, und sprach: Dem verfluchten Buben will ich es jetzt machen! Er meint, ich sei der Teufel. Schnell stellt er seinen Korb ab, nimmt Karst und Bickel und Schaufel und seinen mit Eisen beschlagenen Botenstock, bindet alles zusammen, schleppt es hinter sich her über den Felsweg hinunter, daß es fürchterlich rasselte, läuft so dem Vogt nach, und ruft mit hohler, heulender Stimme: O! ah! uh! Hummel! o! ah! uh! Du bist mein! Wa – art! Hu – Hummel!

Der arme Vogt läuft, was er vermag, und schreit in seinem Laufen erbärmlich: Mordio und Helfio! Wächter, der Teufel nimmt mich!

Und der Hühnerträger immer hinten nach: O! ah! uh! Vo – ogt! Wa – art! Vo – ogt! du bist mein, Vo – ogt!

75. Das Dorf kömmt in Bewegung.

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Der Wächter im Dorfe hörte das Laufen und Rufen vom Berge, und verstand alle Worte; aber er fürchtete sich, und klopfte einigen Nachbarn am Fenster an. Steht doch auf, Nachbarn! sagte er zu ihnen, und höret, wie es am Berge geht. Es ist, als wenn der Teufel den Vogt nehmen wollte. Höret doch, wie er Mordio und Helfio ruft, und er ist doch, weiß Gott, bei seiner Frau. Es sind noch keine zwei Stunden, daß ich ihn unter seinem Fenster gesehen habe.

Als ihrer etwa zehn beisammen waren, rieten sie, sie wollten alle miteinander, mit dem Windlicht und mit Gewehr wohl versehen, dem Geräusch entgegen gehen, aber frisches Brot, den Psalter und das Testament mit in den Sack nehmen, daß ihnen der Teufel nichts anhaben könne. Die Männer gingen, hielten aber zuerst noch bei des Vogts Haus still, um zu sehen, ob er daheim sei.

Die Vögtin wartete in Todesangst, wie es ihm auf dem Berge gehen möchte; und da sie den nächtlichen Lärm hörte, und die Männer mit den Windlichtern an ihrem Hause klopften, erschrak sie entsetzlich, und rief ihnen: Herr Jesus! was wollt ihr?

Männer. Dein Mann soll herunter kommen.

Frau. Er ist nicht bei Hause. Aber, Herr Jesus! was ist es doch, daß ihr da seid?

Männer. Das ist eben schlimm, wenn er nicht daheim ist. Horch, wie er Mordio und Helfio schreit, als wenn der Teufel ihm nachliefe!

Die Frau läuft jetzt mit den Männern wie unsinnig fort. Der Wächter fragte sie unterwegs: Was Teufels tut doch dein Mann jetzt noch auf dem Berg? Er war ja noch vor ein paar Stunden bei Haus. Sie antwortete kein Wort, sondern heulte entsetzlich, und auch des Vogts Hund heulte an seiner Kette.

Als aber der Hühnerträger das Volk, das dem Vogt zu Hilfe eilte, sich nähern sah, und des Vogts Hund so fürchterlich heulen hörte; kehrte er um, und ging so still und geschwind, als er konnte, wieder den Berg hinauf zu seinem Korb, packte seine Beute auf, und setzte dann seinen Weg fort.

Kunz aber, der mit des Vogts Frau einige Schritte voraus war, merkte, daß es eben nicht der Teufel sei, faßte den heulenden Vogt ziemlich unsanft beim Arme, und sagte ihm: Was ist das? Warum tust du auch so, du Narr?

O, o, laß mich! O Teufel, laß mich! sagte der Vogt, der im Schrecken nichts sah, und nichts hörte.

Du Narr! ich bin Kunz, dein Nachbar, und das ist deine Frau, sagte ihm dieser.

Die andern Männer sahen zuerst ziemlich behutsam umher, wo etwa der Teufel doch stecken möchte, und der mit dem Windlicht zündete sorgfältig in die Höhe und auf den Boden und auf alle vier Seiten; es steckte auch ein jeder seine rechte Hand in den linken Sack zum neugebackenen Brot, zum Testament und zum Psalter. Da sich aber lange nichts zeigte, faßten sie nach und nach Mut, und einige wurden sogar munter, und fingen an, den Vogt zu fragen. Hat der Teufel dich mit den Klauen gekräuelt, oder mit den Füßen getreten, daß du so blutest? Andere aber sprachen: Es ist jetzt nicht Zeit zu spotten; wir haben ja alle die schrecklichen Stimmen gehört. Kunz aber sagte: Ich glaube, ein Wilddieb oder ein Harzer habe den Vogt und uns alle geäffet. Als ich ihm nahe kam, hörte das Geheul auf, und ein Mensch lief den Berg hinauf, was er konnte. Es hat mich tausendmal gereut, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin, und wir waren Narren, daß wir des Vogts Hund nicht mitgenommen haben.

Männer. Du bist ein Narr, Kunz! Das war in Ewigkeit keine Menschenstimme. Es ging durch Leib und Seele, es drang durch Mark und Bein; und ein mit Eisen beladener Wagen rasselt nicht so auf der Bergstraße, wie das gerasselt hat.

Kunz. Ich will euch nicht widersprechen, Nachbarn. Es schauerte mir auch, da ich es hörte; aber doch laß ich mir nicht ausreden, daß ich jemanden wieder den Berg hinauf laufen gehört habe.

Männer. Meinst du, der Teufel könne nicht auch laufen, daß man ihn höre?

Der Vogt aber hörte von allem Gerede kein Wort. Und da er daheim war, bat er die Männer, daß sie doch diese Nacht bei ihm bleiben möchten; und sie blieben gar gerne im Wirtshause.

76. Der Pfarrer kömmt ins Wirtshaus.

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Indessen hatte der nächtliche Lärm alles im Dorfe aufgeweckt. Auch im Pfarrhause stand alles auf; denn man vermutete Unglück. Und da der Pfarrer nachfragen ließ, was für ein Lärm sei, bekam er schreckliche Berichte über den greulichen Vorfall. Und der Pfarrer dachte, er wolle diesen Schrecken des Vogts, so dumm seine Ursache auch sei, benutzen, und ging in der Nacht ins Wirtshaus.

Blitzschnell verschwanden die Weinkrüge von allen Tischen, da er kam. Die Bauern standen auf, und sagten: Willkommen, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer!

Der Pfarrer dankte, und sagte den Nachbarn: Es ist brav, daß ihr, wenn ein Unglück begegnet, so bereit und dienstfertig seid. Aber wollet ihr mich jetzt eine Weile bei dem Vogt allein lassen?

Bauern. Es ist unsere Schuldigkeit, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer. Wir wünschen Euch eine glückselige Nacht.

Pfarrer. Ein Gleiches, ihr Nachbarn! Aber ich muß euch noch bitten, daß ihr euch in acht nehmet, was ihr über diesen Vorfall erzählet. Es ist allemal unangenehm, wenn man großes Geschrei von einer Sache macht, und danach herauskömmt, daß nichts an der Sache sei, oder etwas ganz anderes. Für jetzt weiß einmal noch niemand, was eigentlich begegnet ist, und ihr wisset doch, Nachbarn, die Nacht trügt.

Es ist so, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, sagten die Bauern innert der Türe, und: Er ist immer so ein Narr, und will nichts glauben – sagten sie draußen.

77. Seelsorgerarbeit.

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Der Pfarrer aber redete mit dem Vogt herzlich, und sagte zu ihm: Untervogt, ich habe vernommen, daß dir etwas begegnet ist, und ich bin da, dir mit Trost, so gut ich kann, an die Hand zu gehen. Sage mir aufrichtig: was ist dir eigentlich begegnet?

Vogt. Ich bin ein armer, unglücklicher Tropf: der leidige Satan hat mich nehmen wollen.

Pfarrer. Wieso, Vogt? wo ist dir das begegnet?

Vogt. Oben auf dem Berge.

Pfarrer. Hast du denn wirklich jemanden gesehen? hat dich jemand angegriffen?

Vogt. Ich sah ihn, ich sah ihn, wie er auf mich zulief. Es war ein großer, schwarzer Mann, und er hatte Feuer auf seinem Kopfe. Er ist mir nachgelaufen bis unten an den Berg.

Pfarrer. Warum blutest du am Kopfe?

Vogt. Ich bin im Herunterlaufen gefallen.

Pfarrer. Es hat dich also niemand mit einer Hand angerührt?

Vogt. Nein, aber gesehen habe ich ihn mit meinen Augen.

Pfarrer. Nun, Vogt, wir wollen uns nicht dabei aufhalten. Ich kann nicht begreifen, was es eigentlich war. Es mag aber gewesen sein, was es will, so ist es gleichviel; denn, Untervogt, es ist eine Ewigkeit, wo ohne einigen Zweifel die Gottlosen in seine Klauen fallen werden, und diese Ewigkeit und die Gefahr, nach dem Tode in seine Klauen zu fallen, sollte dich bei deinem Alter und bei deinem Leben freilich unruhig und sorgenvoll machen.

Vogt. O Herr Pfarrer! ich weiß vor Sorgen und Unruhe nicht, was ich tue. Um Gottes willen, was kann, was soll ich machen, daß ich vom Teufel wieder los werde? Bin ich nicht jetzt schon ganz in seiner Gewalt?

Pfarrer. Vogt, plage dich nicht mit Geschwätz und närrischen Worten. Du bist bei Sinnen und Verstand und also ganz in deiner eigenen Gewalt. Tue, was recht ist, und was dir dein Gewissen sagt, daß du es Gott und Menschen schuldig seist; du wirst alsdann bald merken, daß der Teufel keine Gewalt über dich hat.

Vogt. O Herr Pfarrer! was kann, was muß ich denn tun, daß ich bei Gott wieder zu Gnaden komme?

Pfarrer. Im Ernste deine Fehler bereuen, dich bessern und dein ungerechtes Gut wieder zurückgeben.

Vogt. Man glaubt, ich sei reich, Herr Pfarrer; aber ich bin es, weiß Gott, nicht.

Pfarrer. Das ist gleichviel. Du hast des Rudis Matte mit Unrecht, und Wüst und Keibacher haben einen falschen Eid getan. Ich weiß es, und werde nicht ruhen, bis der Rudi wieder zu dem Seinigen gelangt.

Vogt. O Herr Pfarrer! um Gottes willen habt Mitleiden mit mir!

Pfarrer. Das beste Mitleiden, das man mit dir haben kann, ist das, dich womöglich dahin zu bringen, daß du gegen Gott und Menschen tust, was du schuldig bist.

Vogt. Ich will ja tun, was Ihr wollt, Herr Pfarrer.

Pfarrer. Willst du dem Rudi seine Matte wieder zurückgeben?

Vogt. Um Gottes willen! ja, Herr Pfarrer.

Pfarrer. Erkennest du also, daß du sie mit Unrecht besitzest?

Vogt. In Gottes Namen! ja, Herr Pfarrer; ich muß es bekennen. Aber ich komme an den Bettelstab, wenn ich sie verliere.

Pfarrer. Es ist besser betteln, als armer Leute Gut unrechtmäßig vorenthalten. (Der Vogt seufzt.) Aber was tatest du auch mitten in der Nacht auf dem Berge?

Vogt. Um Gottes willen, fraget mich doch das nicht, Herr Pfarrer! Ich kann, ich darf es nicht sagen. Habt Mitleiden mit mir; ich bin sonst verloren.

Pfarrer. Ich will dir nicht zumuten, mir etwas zu offenbaren, das du nicht willst. Tust du es gern, so will ich dir raten, wie ein Vater; willst du es nicht tun, in Gottes Namen, so ist es dann deine Schuld, wenn ich dir da, wo du es vielleicht am nötigsten hättest, nicht raten kann. Aber da ich ohne deinen Willen von allem, was du mir sagen wirst, nichts offenbaren werde, so kann ich doch nicht sehen, was du dabei gewinnest, wenn du mir etwas verschweigst.

Vogt. Aber werdet Ihr gewiß nichts wider meinen Willen offenbar machen, es mag sein, was es will?

Pfarrer. Nein, gewiß nicht, Vogt.

Vogt. So will ich es Euch in Gottes Namen sagen. Ich wollte dem Junker einen Markstein versetzen.

Pfarrer. Lieber Gott und mein Heiland! warum auch dem guten, lieben Junker?

Vogt. Ach, er wollte mir das Wirtshaus oder den Vogtsdienst nehmen, und das brachte mich in Wut.

Pfarrer. Du bist doch ein unglücklicher Tropf, Vogt! Er meinte es so wenig böse. Er hat dir noch einen Ersatz geben wollen, wenn du die Vogtsstelle freiwillig aufgeben würdest.

Vogt. Ist das auch wahr, Herr Pfarrer?

Pfarrer. Ja, Vogt, ich kann dir es für gewiß sagen; denn ich habe es aus seinem Munde. Er hat am Samstag abend auf seinem Berge gejagt, und ich habe ihn auf dem Wege von Reutihof, wo ich bei der alten Frau war, angetroffen. Da hat er mir ausdrücklich gesagt, der junge Meier, den er zum Vogt machen wolle, müsse dir, damit du dich nicht zu beklagen habest, hundert Gulden jährlichen Ersatz geben.

Vogt. Ach Gott, Herr Pfarrer! hätte ich das gewußt, ich würde nicht in dieses Unglück gefallen sein!

Pfarrer. Man muß Gott vertrauen, auch wenn man noch nicht sieht, wo seine Vatergüte eigentlich hervorblicken will; und von einem guten Herrn muß man Gutes hoffen, auch wenn man noch nicht sieht, wie und worin er sein gutes Herz offenbaren will. Das macht, daß man ihm getreu bleibt und ihm vertraut, und dadurch denn sein Herz in allen Fällen zum Mitleid und zu aller Vatergüte offen findet.

Vogt. Ach Gott, wie ein unglücklicher Mann ich bin! Hätte ich auch nur die Hälfte von diesem gewußt!

Pfarrer. Das Geschehene ist jetzt nicht mehr zu ändern; aber was willst du jetzt tun, Vogt?

Vogt. Ich weiß es in Gottes Namen nicht. Das Bekenntnis bringt mich um mein Leben. Was meint Ihr, Herr Pfarrer?

Pfarrer. Ich wiederhole, was ich dir eben gesagt habe. Ich will dir kein Bekenntnis zumuten. Das, was ich sage, ist ein bloßer Rat; aber meine Meinung ist, der gerade Weg habe noch niemanden übel ausgeschlagen. Arner ist barmherzig, und du bist schuldig. Tu' jetzt, was du willst; aber ich würde es auf seine Barmherzigkeit ankommen lassen. Ich sehe wohl, daß der Schritt schwer ist; aber es ist auch schwer, ihm den Fehler zu verschweigen, wenn du wahre Ruhe und Zufriedenheit für dein Herz suchest. (Der Vogt seufzt, und redet nichts; der Pfarrer aber fährt fort, und sagt wieder:) Tue jetzt, in Gottes Namen, was du willst, Vogt; ich will dir nichts zumuten. Aber je mehr ich es überlege, desto mehr dünkt mich, du fahrest am besten, wenn du es auf Arners Barmherzigkeit ankommen lassest; denn ich muß dir doch auch sagen, der Junker wird wohl nachforschen, warum du in dieser späten Nachtzeit auf der Straße gewesen seiest.

Vogt. Herr Jesus, Herr Pfarrer! was mir in den Sinn kommt! Ich habe Bickel und Schaufel und Karst, und was weiß ich noch, beim Marksteine gelassen, und er ist schon halb ausgegraben. Es übernimmt mich eine Angst und ein Schrecken wegen des Bickels und des Karsts, daß es entsetzlich ist, Herr Pfarrer.

Pfarrer. Wenn dich wegen des armseligen Bickels und Karsts, die man ja leicht heute noch vor Tage wegtragen und verbergen kann, eine solche Angst übernimmt, Vogt, so denke doch, wie tausend solche Umstände und Vorfälle dir begegnen werden und begegnen müssen, wenn du schweigest, die dir deine übrigen Tage noch alle zu Tagen der größten Unruhe und der bittersten fortdauernden Besorgnisse machen werden. Ruhe für dein Herz wirst du nicht finden, Vogt, wenn du nicht bekennest.

Vogt. Und ich kann auch nicht wieder bei Gott zu Gnaden kommen, wenn ich schweige.

Pfarrer. Vogt, wenn du das selber denkst, und selber besorgest und befürchtest, und doch wider die Stimme deines Gewissens, wider deine eigene Ueberzeugung schweigest, wie könnte es möglich sein, daß dieses Tun Gott gefallen, und dir seine Gnade wiederbringen könnte?

Vogt. So muß ich es denn bekennen?

Pfarrer. Gott wolle mit seiner Gnade bei dir sein, wenn du tust, was dein Gewissen dich heißt.

Vogt. Ich will es bekennen.

Und da er dieses gesagt hatte, betete der Pfarrer vor ihm also: Preis und Dank und Anbetung, Vater im Himmel! Du hast deine Hand gegen ihn ausgestreckt, und sie hat ihm Zorn und Entsetzen geschienen, die Hand deiner Erbarmung und Liebe; aber sie hat sein Herz bewegt, daß er sich nicht mehr gegen die Stimme der Wahrheit verhärtet, wie er sich lange gegen sie verhärtet hat. Du, der du Schonung und Mitleid und Gnade bist, nimm das Opfer seines Bekenntnisses gnädig an, und ziehe deine Hand nicht ab von ihm. Vollende das Werk der Erbarmung, und laß ihn wieder deinen Sohn, deinen Begnadigten werden. O Vater im Himmel! der Menschen Leben auf Erden ist Irrtum und Sünde; darum bist du gnädig den armen Kindern der Menschen, und verzeihst ihnen ihre Uebertretung und Sünde, wenn sie sich bessern. Preis und Anbetung, Vater im Himmel! Du hast deine Hand gegen ihn ausgestreckt, daß er dich suche. Du wirst das Werk deiner Erbarmung vollenden, und er wird dich finden, lobpreisen deinen Namen, und verkündigen deine Gnade unter seinen Brüdern.

Jetzt war der Vogt durch und durch bewegt, und Tränen flossen von seinen Wangen. O Gott! so sagte er, Herr Pfarrer, ich will es bekennen und tun, was man will. Ich will Ruhe suchen für mein Herz und Gottes Erbarmen.

Der Pfarrer redete noch eine Weile mit ihm, tröstete ihn, und ging dann wieder nach Hause. Es ging aber schon gegen fünf Uhr, da er heim kam. Er schrieb dann alsobald an Arner. Der Brief, den er gestern geschrieben, und der heutige lauteten also:

78. Zwei Briefe vom Pfarrer an Arner.

Inhaltsverzeichnis

Erster Brief.

Hochedelgeborner, gnädiger Herr!

Der Ueberbringer dieses, Hans Wüst, hat mir heute eine Sache geoffenbart, die von einer Natur ist, daß ich nicht umhin konnte, ihm zu raten, sie Euer Gnaden als seinem Richter zu entdecken. Er hält nämlich in seinem Gewissen dafür, der Eid, den er und Keibacher vor zehn Jahren bei der Sache zwischen dem Hübelrudi und dem Vogt geschworen haben, sei falsch. Es ist eine sehr traurige Geschichte, und es kommen dabei sehr bedenkliche Umstände von dem verstorbenen Schloßschreiber und dem unglücklichen Vikari meines in Gott ruhenden Vorfahrs ins Licht, und mir schauert vor aller Aergernis, so dieses Bekenntnis hervorbringen kann. Ich danke aber wieder Gott, daß der Aermste unter meinen vielen Armen, der gedrückte leidende Rudi mit seiner schweren Haushaltung durch dieses Bekenntnis wieder zu dem Seinigen kommen kann. Die täglich steigende Bosheit des Vogts und sein Mutwille, der jetzt auch sogar der Feste nicht mehr achtet, machen mich glauben, die Zeit seiner Demütigung sei nahe. Für den unglücklichen armen Wüst bitte ich demütig und dringend um alle Barmherzigkeit und Gnade, welche die Pflichten der Gerechtigkeit dem menschenliebenden Herzen Euer Gnaden erlauben können.

Meine liebe Frau empfiehlt sich Ihrer edelmütigen Gemahlin, und meine Kinder Ihren guten Fräuleins. Sie sagen tausendfachen Dank für die Blumenzwiebeln, mit denen sie unsern Krautgarten verzieren wollen. Gewiß werden ihnen meine Kinder mit Fleiß abwarten; denn ihre Blumenfreude ist unbeschreiblich.

Erlauben Sie, hochedelgeborner, gnädiger Herr, daß ich mit pflichtschuldiger Ergebenheit mich nenne

Euer wohledelgebornen Gnaden gehorsamsten Diener

Joachim Ernst, Pfarrer.

Bonnal, den 20. März 1780.

Zweiter Brief.

Hochedelgeborner, gnädiger Herr!

Seit gestern abends, da ich Euer Gnaden in beiliegend schon versiegeltem Schreiben den Vorfall mit dem Hans Wüst pflichtgemäß zu wissen tun wollte, hat die alles leitende, weise Vorsehung meine Hoffnungen und meine Wünsche für den Rudi und meine Vermutungen gegen den Vogt auf eine mir jetzt noch unbegreifliche und unerklärbare Weise bestätigt.

Es entstand in der Nacht ein allgemeiner Lärm im Dorf, der so groß war, daß ich Unglück vermutete. Ich ließ nachfragen, was es sei, und erhielt den Bericht, der Teufel wolle den Vogt nehmen; er schreie erbärmlich droben am Berge um Hilfe, und alles Volk habe das erschreckliche Gerassel des ihm nachlaufenden Teufels gehört. Ich mußte ob diesem Berichte, Gott verzeihe es mir, herzlich lachen. Es kamen aber immer mehr Leute, die alle den greulichen Vorfall bestätigten, und zuletzt berichteten, der Vogt sei wirklich mit den Männern, die ihm zu Hilfe geeilt seien, wieder heimgekehrt; aber so erbärmlich vom leidigen Satan herumgeschleppt und zugerichtet worden, daß er wahrscheinlicherweise bald sterben werde.

Das alles war freilich keine Ware in meinen Kram; aber was machen? Man muß die Welt brauchen, wie sie ist, weil man sie nicht ändern kann. Ich dachte, es mag nun gewesen sein, was es will, so ist der Vogt vielleicht jetzt weich, und ich muß also die gelegene Zeit nicht versäumen. Ich ging daher sogleich zu ihm hin; aber ich fand ihn in einem erbärmlichen Zustande. Er glaubte steif und fest, der Teufel habe ihn nehmen wollen. Ich fragte zwar hin und her, um etwa auf eine Spur zu kommen; aber ich begreife noch nichts von allem. Nur so viel ist gewiß, daß ihn niemand angerührt hat, und daß seine Verwundung am Kopfe, die aber leicht ist, von einem Falle herrührt. Auch hat der Teufel mit seinem Rasseln und Heulen nachgelassen.

Aber es ist Zeit, zur Hauptsache zu kommen.

Der Vogt war gedemütigt, und bekannte mir zwei abscheuliche Taten, die er mir freiwillig erlaubte, Euer Gnaden zu offenbaren. Erstlich: es sei wahr, was mir der Hans Wüst gestern geklagt habe; nämlich, er habe Ihren in Gott ruhenden Herrn Großvater in dem Handel mit dem Rudi irre geführt, und die Matte sei mit Unrecht in seiner Hand. Zweitens: er habe diese Nacht Euer Gnaden einen Markstein versetzen wollen, und sei wirklich an dieser Arbeit gewesen, als ihm der erschreckliche Zufall begegnet sei.

Ich bitte nun Euer Gnaden demütig um Schonung und Barmherzigkeit auch für diesen unglücklichen Mann, der gottlob auch zur Demut und zur Reue zurückzukommen scheint.

Da sich die Umstände seit gestern geändert haben, schicke ich den Hans Wüst nicht mit seinem Briefe, sondern ich sende beide durch Wilhelm Aebi, und ich erwarte, was Euer Gnaden hierin für fernere Befehle an mich werden gelangen lassen, womit ich mit der vorzüglichsten Achtung verharre

Euer hochedelgeboren Gnaden Bonnal,

gehorsamster Diener den 21. März 1780.

Joachim Ernst, Pfarrer.

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13 kasım 2024
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