Kitabı oku: «Der Zerrissene»
Johann Nestroy
Der Zerrissene
Posse mit Gesang in drei Akten
Musik von Adolf Müller
Nachwort und Anmerkungen von Wolfgang Neuber
Reclam
1959, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961913-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014074-1
www.reclam.de
Inhalt
Der Zerrissene
Zu dieser Ausgabe
Anmerkungen
Literaturhinweise
Nachwort
[5]Der Zerrissene
[6]Personen
HERR VON LIPS, ein Kapitalist
STIFLER
SPORNER seine Freunde
WIXER
MADAME SCHLEYER
GLUTHAMMER, ein Schlosser
KRAUTKOPF, Pächter auf einer Besitzung des Herrn von Lips
KATHI, seine Anverwandte
STAUBMANN, Justitiarius
Bediente bei Herrn von Lips:
ANTON
JOSEF
CHRISTIAN
Knechte bei Krautkopf:
ERSTER
ZWEITER
DRITTER
VIERTER
GÄSTE, BEDIENTE, LANDLEUTE
Die Handlung geht im ersten Akt auf dem Landhause des Herrn von Lips vor. Der zweite und dritte Akt spielt auf Krautkopfs Pachthofe um acht Tage später.
Erstaufführung auf dem Theater an der Wien am 9. April 1844.
[7]Erster Akt
Die Bühne stellt einen eleganten Gartenpavillon vor. Im Prospekte rechts und links Türen, zwischen beiden in der Mitte des Prospektes eine große Glastüre, welche nach einem Balkon führt. Seite links Glastüre, Seite rechts ein Fenster. Durch die Glastür, welche auf den Balkon führt, hat man die Aussicht in eine pittoresk-gigantische Felsengegend. Rechts und links Tische und Stühle. Hinter der Mitteltüre rechts ein Ruhebett.
Erste Szene
Anton, Christian, Josef kommen durch die Türe links aus dem Hintergrunde vor.
ANTON (zu Christian und Josef, welche jeder drei Champagnerbouteillen tragen). So, tragt sie nur hinein, ’s werden nicht die Letzten sein! Wenn die einmal ins Trinken kommen –
JOSEF. Is doch ein guter Herr, was der für seine Gäst alles springen lasst.
CHRISTIAN. Wer sagt denn, dass er nur für die Gäst g’hört? Er trinkt schon selber auch sein honettes Quantum.
JOSEF. Und is doch immer so übel aufg’legt dabei; unbegreiflich bei dem Wein!
ANTON. Das versteht ihr nicht! Er hat ein zerrissenes Gemüt, da rinnt der Wein durch und kann nicht in Kopf steigen. Jetzt kümmerts euch nicht um Sachen, die euch nix angehn, und schauts zum Servieren!
[8]CHRISTIAN (indem er mit Josef abgeht). Ein zerrissnes Gemüt mit dem Geld!
JOSEF. ’s is stark!
(Beide in die Türe nach dem Speisesalon, Mitte rechts, ab.)
Zweite Szene
Anton; dann Gluthammer und ein Bursche, der einen Teil eines eisernen Geländers trägt.
ANTON (nach dem Balkon, Mitte des Hintergrundes, sehend). Wenn s’ nacher herauskommen, die ganze G’sellschaft, und der Herr sieht, dass die Altan’ noch kein G’länder hat, da krieg ich wieder d’ Schuld.
GLUTHAMMER (tritt durch die Mitteltüre links herein und trägt mit Anstrengung ein eisernes Balkongeländer; ein Bursche, der einen Teil des Geländers trägt, kommt mit und geht, nachdem er es auf den Balkon gestellt hat, sogleich ab). Meiner Seel, so ein eisernes G’länder wägt über sieben Lot.
ANTON. Na, endlich! Ich hab schon glaubt, der Herr Gluthammer lasst uns sitzen.
GLUTHAMMER. Von unserm Ort bis da herüber is ’s über a halbe Stund, wenn man leer geht; jetzt, wenn man so ein G’wicht tragt und a paarmal einkehren muss, da is a halber Tag weg, man weiß nicht, wo er hin’kommen is.
ANTON. Ja, das Einkehren, das hat mich auch schon oft in der Arbeit geniert.
GLUTHAMMER. Wir werden gleich fertig sein. (Öffnet die Balkontüre, tritt hinaus und stellt das Geländer auf.)
[9]ANTON. Nicht wahr, das is völlig schauerlich, wenn man über die Altan’ ins Wasser hinunterschaut?
GLUTHAMMER. ’s Wasser is halt immer ein schauerlicher Anblick.
ANTON. Und was ’s da draußt für ein’ Zug hat!
GLUTHAMMER. Mir scheint, von dem Zug hat der Fluss so ’s Reißen kriegt, das Ding schießt als wie a Wasserfall!
ANTON. Ich hätt eher das Fenster, was da war, zumauern lassen, unser Herr aber lasst’s zu einer Tür ausbrechen und eine Altan’ baun, wegen der Aussicht! Lauter so verruckte Gusto!
GLUTHAMMER. So, jetzt werden wir gleich – (fängt an tüchtig draufloszuhämmern).
ANTON. Aber, Freund, was fallt Ihm denn ein, so einen Lärm zu machen! Da drin is Tafel!
GLUTHAMMER. Ja, glaubt denn der Mussi Anton, ein eisernes Geländer pickt man mit Heftpflaster an?
ANTON. Da darf jetzt durchaus nicht klopft werd’n!
GLUTHAMMER. Na, so lassen wir’s halt derweil stehen, bis später. (Lässt das unbefestigte Geländer auf dem Balkon stehen und verlässt denselben.)
(Man hört im Speisesalon, Mitte rechts, den Toast ausbringen: »Der Herr vom Hause lebe hoch!«)
GLUTHAMMER. Da geht’s zu! Ihr müssts einen recht fidelen Herrn haben.
ANTON. Seine Gäst sein fidel, aber er – keine Spur! Ich muss jetzt nachschaun, ob s’ kein’ frischen Champagner brauchen. (Geht in den Speisesalon, Mitte rechts, ab.)
[10]Dritte Szene
Gluthammer; dann Kathi.
GLUTHAMMER (allein). Die reichen Leut haben halt doch ein göttliches Leben. Einen Teil vertrinken s’, den andern Teil verschnabulieren s’, a paar Teil verschlafen s’, den größten Teil verunterhalten s’! – Schad, ich hätt zum Reichtum viel Anlag g’habt; wenn sich so ein Millionär meiner ang’nommen hätt, hätt mich ausg’bild’t und hätt mir mit der Zeit ’s G’schäft übergeben – aus mir hätt was werden können.
KATHI (tritt zur Mitte links ein). Da werd ich den gnädigen Herrn finden, haben s’ g’sagt. (Gluthammer bemerkend.) Das is ja – is’s möglich!? – Meister Gluthammer –!?
GLUTHAMMER (Kathi betrachtend und seine Ideen sammelnd). Geduld – ich hab noch nicht den rechten Schlüssel zum Schloss der Erinnerung.
KATHI. Ich bin’s – die Krautkopfische Kathi!
GLUTHAMMER. Richtig – die Kathi! Na, was macht denn mein alter Freund Krautkopf?
KATHI. Was wird er machen? Bös is er auf ’n Meister Gluthammer, dass er sich seit anderthalb Jahren nicht bei ihm sehen lasst, und da hat er recht! Pichelsdorf is doch nur vier Stund’ weit von der Stadt.
GLUTHAMMER. Ich bin ja nicht mehr in der Stadt. Aber wie kommt denn die Jungfer Kathi da her? G’wiss das Pachtgeld vom Freund Krautkopf dem gnädigen Herrn überbringen?
KATHI. Muss denn ich nur Gäng für ’n Herrn Vettern machen, kann denn ich nicht meine eignen Angelegenheiten haben?
[11]GLUTHAMMER. Freilich! Ich kenn der Jungfer Kathi ihre Angelegenheiten nicht.
KATHI. Um eine Zahlung handelt sich’s aber doch, das hat der Meister erraten. Der gute gnädige Herr von Lips – er hat mich aus der Tauf gehoben –
GLUTHAMMER. Das kann so schwer nicht g’wesen sein –
KATHI. Meine Mutter hat einmal gedient im Haus, wie noch der alte Lips, der Fabrikant, g’lebt hat. Wie dann der junge Herr die vielen Häuser und Landgüter gekauft hat – das Pachtgut vom Vetter Krautkopf war auch dabei – da haben ich und meine Mutter uns gar nicht mehr in seine Nähe getraut als noblen Herrn, aber – (traurig) vor drei Jahren – wie’s uns gar so schlecht gangen is, die Weißnähterei wird zu schlecht bezahlt –
GLUTHAMMER. Wie überhaupt die weiblichen Arbeiten; wenn man selbst Marchandmode war, kann man das am besten beurteil’n.
KATHI. Das wohl, aber ein Schlossermeister wird da nicht viel davon verstehn.
GLUTHAMMER (seufzend). Oh, ich war auch Marchandmode!
KATHI. Hörn S’ auf mit die G’spaß!
GLUTHAMMER. Nein, ’s is furchtbarer Ernst, ich war Marchandmode, im Verlauf der Begebenheiten wird dir das alles klar werden.
KATHI. Da bin ich neugierig drauf.
GLUTHAMMER. Erzähl nur erst deine G’schicht aus.
KATHI. Die is schon so viel als aus. Wie’s uns so schlecht gangen is und d’ Mutter war krank, da bin ich zu meinem gnädigen Herrn Göden und hab hundert Gulden z’ leihen g’nommen; er hat mir’s an der Stell geben und hat [12]g’lacht, wie ich vom Z’ruckzahlen g’red’t hab! Meiner Frau Mutter hab ich aber noch auf ’n Tot’nbett versprechen müssen, recht fleißig und sparsam zu sein und auf die Schuld ja nicht zu vergessen; und das hab ich auch g’halten. Ich bin nach der Frau Mutter ihr’n Tod zum Vetter Krautkopf kommen, da hab ich gearbeitet und gearbeitet und gespart und gespart, und nach dritthalb Jahren waren die hundert Gulden erübrigt! Jetzt bin ich da, beim Herrn Göden Schulden zahl’n.
GLUTHAMMER. Schulden zahl’n –?! An so was denk ich gar nicht mehr.
KATHI. Wie kann der Meister so reden als ordentlicher Handwerksmann und Meister?
GLUTHAMMER. Meister? Ich bin seit fünf Monaten wieder G’sell und nur mit Krebsaugen blick ich auf meine Meisterschaft zuruck.
KATHI (erstaunt und mitleidsvoll). Is’s möglich!
GLUTHAMMER. Wenn man Marchandmode war, is alles möglich.
KATHI. Das is aber das Unbegreifliche –
GLUTHAMMER. Im Verlauf der Begebenheiten wird alles klar. Ich hab mich verliebt – jetzt wird’s bald zwei Jahr, in eine Putzerin, in eine reine, schneeblühweißgewaschne Seele.
KATHI (mit gutmütiger Ironie). Und aufs Waschen scheint der Herr große Stück zu halten.
GLUTHAMMER. Hab es noch keinen Samstag unterlassen. Dass ich also weiter sag: sie hat mich ang’red’t, ich soll ihr d’ Marchandmoderei lernen lassen. Ich hab sie also gleich in die Lehr geb’n, und in kurzer Zeit hat sie alles in klein’ Finger g’habt – was man nur von einer Mamsell [13]wünschen kann – und so war sie Mamsell. Da stirbt die alte Marchandmode, s’ Heirat’n is uns von Anfang schon in Kopf g’steckt – so hat sie mir zug’red’t, ich soll ihr das G’schäft von der toten Madame kaufen. Um viertausend Gulden war’s z’ hab’n, d’ Hälfte hab ich gleich bar aus’zahlt, und so war die Meinige Madame, nur ’s Heiraten hat noch g’fehlt zur vollständigen Glückseligkeit. Da – (seufzt).
KATHI. Sie wird doch nicht g’storben sein?
GLUTHAMMER. Im Verlauf der Begebenheiten wird das alles klar. Die Hochzeit war bestimmt, ’s Brautkleid war fertig, mein blauer Frack g’wend’t, (mit Schluchzen) die Anginene begelt, d’ Gäst eing’laden – Person à zwei Gulden – (beinahe in Tränen ausbrechend) ohne Wein –
KATHI (tröstend). Na, g’scheit, Herr Gluthammer!
GLUTHAMMER. Den Tag vor der Hochzeit geh ich zu ihr, sie war aber nicht z’ Haus.
KATHI. War sie eine Freundin vom Spazierngehn?
GLUTHAMMER. Im Verlauf der Begebenheiten wird das alles klar. Sie is von der Stund an nicht mehr nach Haus kommen, ich hab s’ g’sucht, ich hab s’ g’meld’t, ich hab s’ woll’n austrommeln lassen, aber ’s derf nur a Feuerwerk aus’trommelt wer’n in der Stadt – mit ein’ Wort, es war alles umsonst, ich war Strohwitiber, bin Strohwitiber geblieben, und das Stroh bring ich auf der Welt nicht mehr aus ’n Kopf.
KATHI. Mein Gott, man muss sich gar viel aus ’n Kopf schlagen.
GLUTHAMMER. Oh, so was bleibt! Und dann die Folgen: ’s G’schäft war einmal kauft, zweitausend Gulden war ich drauf schuldig – denk ich mir, zu was brauch ich zwei [14]G’werber, es is das G’scheiteste, ich verkauf eins. Da hab ich mein Schlosserg’werb verkauft und bin Marchandmode blieben.
KATHI. Das war aber auch ein Gedanken –
GLUTHAMMER. Wär kein schlechter Gedanken g’wesen, aber man war ungerecht gegen mich. Die Kundschaften haben g’sagt, ich hätt keinen Geschmack, weil ich alles in Schwarz und Hochrot hab arbeiten lassen. Nach vier Monat war ich nix als eine zugrund’gegangene Marchandmode, und um meinen Gläubigern aus ’n G’sicht zu kommen, hab ich müssen aufs Land als Schlosserg’sell gehn. Das is der vollständige Verlauf der Begebenheiten, wie sie sich nacheinander verloffen haben. Oh, meine Mathilde –!
KATHI. Die Person war eine Undankbare, is gar nicht wert, dass sich der Herr Gluthammer kränkt um sie.
GLUTHAMMER. Was!? Sie liebt mich! Sie is offenbar mit Gewalt fortgeschleppt worden, wird wo als Gefangene festgehalten und hat keinen andern Gedanken, als nur in meine Arme zurückzukehren.
KATHI. Da g’hört sich ein starker Glauben dazu.
GLUTHAMMER. O Gott! Wenn ich alles so g’wiss wüsst –! Wenn ich den Räuber so g’wiss ausfindig z’machen wüsst – Jungfer Kathi – (nimmt sie bei der Hand) dem ging’s schlecht! – (Ihre Hand heftig schüttelnd.) Der wurd auf schlosserisch in die Arbeit g’nommen –
KATHI. Na, na –! Denk der Herr nur, dass ich kein Rauber bin.
GLUTHAMMER. Nehmen Sie’s nicht übel, aber wenn ein Schlosser in die Aufwallung kommt –
[15]Vierte Szene
Anton; die Vorigen.
ANTON (aus der Mitte rechts des Speisesalons kommend; die Tür bleibt offen). Leuteln, machts, dass ’s fortkommts, der Herr kommt gleich mit die Gäst heraus.
KATHI. Das is g’scheit, ich kann also da sprechen mit ’n gnädigen Herrn?
ANTON. Beileib nicht! Das wär jetzt höchst ungelegen!
KATHI. So werd ich halt draußen warten.
ANTON. Geh d’ Jungfer in Garten spazieren!
GLUTHAMMER. Meine Arbeit mach ich halt später.
ANTON. Freilich!
GLUTHAMMER. Komm die Kathi! Die Mathilde is verloren – (nimmt sie beim Arm) aber ihn werd ich finden, den Mathildenschnipfer – (grimmig) und dann werden wir was erleben von einer nagelneuen Zermalmungsmethod –
KATHI (aufschreiend). Ah, probierts die Methode, wo Ihr wollt, aber nicht an mein’ Arm!
GLUTHAMMER. Nehmen Sie’s nicht übel, aber es gibt Momente, wo der ganze Schlosser in mir erwacht, und da merkt man keine Spur, dass ich jemals Marchandmode g’wesen bin. (Geht mit Kathi durch die Glastüre links ab.)
ANTON (nach dem Speisesalon sehend, dessen Türe offen geblieben). Da kommt der Herr – und das G’sicht, was er macht – ich geh! (Geht ebenfalls durch die Glastüre links ab.)
[16]Fünfte Szene
Lips, allein.
LIPS (tritt zur Mitte rechts während dem Ritornell des folgenden Liedes aus der Türe des Speisesalons auf).
Lied
1.
Ich hab vierzehn Anzüg, teils licht und teils dunkel,
Die Frack’ und die Pantalon, alles von Gunkel.
Wer mich anschaut, dem kommet das g’wiss nicht in Sinn,
Dass ich trotz der Garderob ein Zerrissener bin.
Mein Gemüt is zerrissen, da is alles zerstückt,
Und ein z’rissnes Gemüt wird ein’ nirgends geflickt.
Und doch – müsst i erklärn wem den Grund von mein Schmerz,
So stundet ich da als wie ’s Mandl beim Sterz;
Meiner Seel, ’s is a fürchterlichs G’fühl,
Wenn man selber nicht weiß, was man will!
2.
Bald möcht ich die Welt durchflieg’n, ohne zu rasten,
Bald is mir der Weg z’ weit vom Bett bis zum Kasten;
Bald lad ich mir Gäst a paar Dutzend ins Haus,
Und wie s’ da sein, so werfet ich s’ gern alle h’naus.
Bald ekelt mich ’s Leben an, nur ’s Grab find ich gut,
Gleich drauf möcht ich so alt wer’n als der ewige Jud;
[17]Bald hab ich die Weiber alle bis daher satt,
Gleich drauf möcht ich ein Türk sein, der s’ hundertweis hat;
Meiner Seel, ’s is a fürchterlichs G’fühl,
Wenn man selber nicht weiß, was man will!
Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet s’ nicht. Und was schaut anderseits beim Reichtum heraus? Auch wieder ein ödes, abgeschmacktes Leben. Langweile heißt die enorm horrible Göttin, die gerade die Reichen zu ihrem Priestertum verdammt, Palais heißt ihr Tempel, Salon ihr Opferaltar, das laute Gamezen und das unterdrückte Gähnen ganzer Gesellschaften ist der Choral und die stille Andacht, mit der man sie verehrt. – Wenn einem kleinen Buben nix fehlt und er is grantig, so gibt man ihm a paar Braker, und ’s is gut. Vielleicht helfet das bei mir auch, aber bei einem Bub’n in meinem Alter müssten die Schläg vom Schicksal ausgehn, und von da hab ich nix zu riskiern; meine Gelder liegen sicher, meine Häuser sind assekuriert, meine Realitäten sind nicht zum Stehlen – ich bin der Einzige in meiner Familie, folglich kann mir kein teurer Angehöriger sterben, außer ich selber, und um mich werd ich mir auch die Haar’ nicht ausreißen, wenn ich einmal weg bin – für mich is also keine Hoffnung auf Aufrieglung, auf Impuls. – Jetzt hab ich Tafel g’habt – wenn ich nur wüsst, wie ich bis zu der nächsten Tafel die Zeit verbring! – Mit Liebesabenteuer? – Mit Spiel –? Das Spielen is nix für einen Reichen; wem ’s Verliern nicht mehr wehtut, dem macht ’s Gewinnen auch ka Freud! – [18]Abenteuer –? Da muss ich lachen! Für einen Reichen existieren keine Liebesabenteuer. Können wir wo einsteigen? Nein, sie machen uns so überall Tür und Tor auf! – Werden wir über a Stieg’n g’worfen? Nein, Stubenmädl und Bediente leuchten uns respektvoll hinab. Werden auf uns Sulteln gehetzt? Wird was hinabg’schütt’t auf uns? Nein, Papa und Mama bitten uns, dass wir ihr Haus bald wieder beehren. – Und selbst die Eh’männer – sind auch meistens gute Leut. Wie selten kommt eine Spanische-Rohr-Rache ins Spiel? Die korsische Blutrache liegt gar ganz in Talon. Wann hört man denn, dass ein Eh’mann einen Kugelstutzen nimmt und unsereinem nachschießt? Ja, anreden tun s’ ein’, dass man ihnen was vorschießt. (Deutet Geldgeben.) Das is die ganze Rache! Wo sollen da die Abenteuer herkommen? Man is und bleibt schon auf fade Alletagsgenüsse reduziert, die man mit Hilfe der Freundschaft hinunterwürgt. Das is noch das Schönste, über Mangel an Freunden darf sich der Reiche nicht beklagen. Freunde hab ich und das, was für Freunde! Den warmen Anteil, den sie nehmen, wenn s’ bei mir essen, das heiße Mitgefühl, wenn s’ mit mir z’gleich einen Punschdusel kriegen, und die treue Anhänglichkeit! Ob einer zum Losbringen wär! – Keine Möglichkeit! Ich bin wirklich ein beneidenswerter Kerl, nur schad, dass ich mich selber gar nicht beneid! –
[19]Sechste Szene
Stifler, Sporner, Wixer kommen aus der Mitte rechts; der Vorige.
STIFLER (zu Lips). Aber, Herr Bruder, sag doch, was ist’s mit dir? Die Gesellschaft wird immer lauter, du wirst immer stiller, alle Gesichter verklären sich, das deine verdüstert sich, endlich lassest du uns ganz in Stich –
WIXER. Sein auch richtig alle ang’stochen!
STIFLER (zu Lips). Es herrscht eine allgemeine Bestürzung unter den Gästen, weil sie dich nicht sehn.
LIPS. Sie sollen sich trösten, früher haben s’ mich alle doppelt g’sehn, also gleicht sich das wieder, aus.
WIXER. Wenn s’ sehn, du kommst nicht, so verliern sie sich halt schön stad, die Anhänglichkeit, die wir haben, die kann man nicht prätendieren von so gewöhnliche Tischfreund.
LIPS. Freilich!
WIXER. Bist du lustig, ist’s recht, bist du traurig, sind wir auch da und essen stumm in uns hinein, das heißt Ausdauer im Unglück!
STIFLER, SPORNER. Auf uns kannst du zählen!
LIPS. An euch drei hab ich wirklich einen Terno g’macht.
STIFLER. Komm, trink noch ein Glas Champagner mit uns!
LIPS. Ich hab keine Freud mehr dran. Wie ich noch zwanzig Jahr alt war, damals ja – aber jetzt!
STIFLER. Ich finde jetzt alles am schönsten.
LIPS. Ja, wenn man so jung is als wie du!
STIFLER. Nu, gar so jung – ich bin wohl erst im Vierundfünfzigsten.
[20]LIPS. Ich aber schon im Achtunddreißigsten!
STIFLER. Das schmeckt ja noch nach dem Flügelkleide!
LIPS. Und doch schon Matthäi am Letzten!
STIFLER. Lass dir nichts träumen!
LIPS. Eben die Träum verraten mir’s, dass es auf die Neig geht, ich mein, die wachen Träum, die jeder Mensch hat. Bestehen diese Träum in Hoffnungen, so is man jung, bestehen sie in Erinnerungen, so is man alt. Ich hoff nix mehr und erinnere mich an vieles, ergo: alt, uralt, Greis, Tatl!
WIXER. Du musst dich zerstreuen.
LIPS. Das is leicht g’sagt, aber mit was?
WIXER. Wir begleiten dich, geh auf Reisen!
LIPS. Um zu sehn, dass es überall so fad is als hier?
STIFLER. Nein, er meint Naturgenuss, Alpen, Vulkane, Katarakte –
LIPS. Sag mir ein Land, wo ich was Neues seh; wo der Wasserfall einen andern Brauser, der Waldbach einen andern Murmler, die Wiesenquelle einen andern Schlängler hat, als ich schon hundertmal g’sehn und gehört hab! – Führ mich auf einen Gletscher mit schwarzem Schnee und glühende Eiszapfen, segeln wir in einen Weltteil, wo das Waldesgrün lilafarb, wo die Morgenröte paperlgrün is! – Lassts mich aus, die Natur kränkelt auch an einer unerträglichen Stereotypigkeit.
WIXER (zu Sporner). Gib ihm doch auch einen Rat, du Engländer ex propriis.
SPORNER. Ich sage: Pferde, nichts als Pferde! (Zu Lips.) Halte dir zehn bis fünfzehn Stück Vollblut, verschreibe dir Jockeis, besuche alle Wettrennen, und du wirst ganz umgewandelt!
[21]LIPS. Am End gar selbst zum Ross! Nein, Freund’, ich reit gern aus zur Bewegung, ich fahr gern aus zur Bequemlichkeit, und meine Pferd hab’n g’wiss nix Fiakrisches an sich – aber wie man alle seine Gedanken und Ideen bloß auf Rasse, Vollblütigkeit und Familienverhältnisse der Pferd konzentrieren kann, dafür hab ich keinen Sinn, so leer is weder mein Kopf noch mein Herz, dass ich Stallungen draus machen möcht –
WIXER. So mach sonst verruckte G’schichten, begeh Narrenstreich’, das is auch eine Unterhaltung.
SPORNER. Und überdies englisch!
LIPS (zu Sporner). Freund, blamier dich nicht, du kennst die Nation schlecht, die du so mühselig kopierst, wenn du glaubst, dass die Narrheit eine englische Erfindung is. An Narren fehlt’s nirgends, aber es sind meist arme Narren, folglich red’t man nicht von ihnen, und dann sind’s Narren, die mit einer erbärmlichen Ängstlichkeit sich in den Nimbus der G’scheitheit einhüllen! Der Engländer hat das Geld, seine narrischen Ideen zu realisieren, und hat den Mut, seine Narrheit zur Schau zu tragen; darin liegt der Unterschied, von daher stammt das Renommee.
STIFLER. Bruder, jetzt treff ich das Rechte. Eins ist dir noch neu – der Eh’stand.
LIPS. Eh’stand? Das is, glaub ich, wenn man heirat’t? Darüber existieren so viele Beschreibungen, so viele Sagen der Vorzeit und Memoiren der Gegenwart – was soll ich da Neues finden?
STIFLER. Treffe nur eine originelle Wahl!
LIPS. Eine originelle Wahl? Wie is das möglich? Wähl ich vernünftig, so haben schon Hundert’ so gewählt, und [22]wähl ich dumm, so haben schon Millionen Leut so gewählt; aber wenn ich – ja, freilich – (von einer Idee ergriffen) ich hab’s!
STIFLER und WIXER. Was?
LIPS. Die originelle Wahl! Ich wähle ohne Wahl, ich treffe eine Wahl, ohne zu wählen.
STIFLER. Erkläre mir, o Örindur, diesen Zwiespalt der Natur!
LIPS (mit festem Entschluss). Das erste fremde Frauenzimmer, welches mir heut begegnet, wird meine Frau!
STIFLER. Bist du toll –?
WIXER (zugleich). Lass nach –!
LIPS. Schön oder wild, gut oder bös, jung oder alt – alles eins – ich heirat sie!
SPORNER. Das ist echt englisch!
STIFLER. Wenn aber – setzen wir den Fall –
LIPS (in heiterer Stimmung). Kein Aber, kein positus! Unbedingt die Erste, die mir begegnet! Ich sag euch, Freunde, ich g’spür jetzt schon die heilsame Wirkung von diesem Entschluss, die Spannung, die Neugierd, wer wird die Erste sein? –
Siebente Szene
Anton; die Vorigen.
ANTON (zur Mitte links eintretend, meldend, zu Lips). Die Frau von Schleyer wünscht ihre Aufwartung zu machen.
LIPS. Schicksal, du hast gut pausiert, du fallst a tempo ein!
[23]ANTON. Sie hat g’sagt, sie möchte unbekannterweis die Ehre haben.
STIFLER. Wer ist sie denn, diese Unbekannte?
WIXER. Sollt mich wundern, wenn ich s’ nit kenn.
ANTON. Sie hat heraußt ihre Sommerwohnung in der Feldgassen –
LIPS. Das is egal, nur herein, sie is willkommen!
ANTON. Sehr wohl! (Geht nach der Türe Mitte links.)
LIPS (Anton nachrufend). Halt, du musst erst fragen, ob sie Witwe is.
ANTON. Sehr wohl!
LIPS. Wohlgemerkt, nur im Witwenfall wird sie vorgelassen.
ANTON. Sehr wohl! (Geht zur Mitte links ab.)
Achte Szene
Die Vorigen ohne Anton.
LIPS (in sehr aufgeregter Stimmung). Brüderln, was sagt ihr dazu?
STIFLER. Die Sache spielt sich ins Verhängnisvolle hinüber.
LIPS (nach dem Garten sehend). Am End – richtig – sie kommt – sie is also Witwe!
STIFLER. Meiner Seele –!
LIPS. Gehts jetzt, meine Freunde, lasst mich mit meiner Zukünftigen allein!
STIFLER. Du wirst doch nicht des Teufels sein?
LIPS. Vielleicht auch des Engels, das muss sich erst zeigen, aber der ihrige werd ich auf alle Fäll.
SPORNER. Goddam!
[24]WIXER (zu Sporner). Das is ein guter Rat.
STIFLER. Promenieren wir ein wenig durch den Garten!
(Geht mit Sporner und Wixer durch die kleine Glastüre links nach dem Garten ab.)
LIPS (allein). Das is Aufregung, so ein Moment reißt ei’m die Schlafhauben vom Kopf, das is Senf für das alltägliche Rindfleisch des Lebens.
Neunte Szene
Anton, Madame Schleyer, Lips.
ANTON (tritt zur Mitte links, meldend, mit Madame Schleyer ein). Die verwitwete Frau von Schleyer. (Geht wieder in den Garten ab.)
LIPS. Unendlich erfreut –
MADAME SCHLEYER (sehr elegant und auffallend gekleidet). Herr von Lips entschuldigen –
LIPS. Was verschafft mir das Vergnügen?
MADAME SCHLEYER. Ich komm als Ballgeberin – es wird sehr glänzend werden.
LIPS. Der Glanz alles Glänzenden wird durch schwarze Unterlag gehoben, drum sind immer die Bälle die glänzendsten, denen das Unglück den dunklen Grund abgibt, für welches dann der Glanz des Balles zum Strahl des Trostes wird. So wird auch ohne Zweifel Ihr Ball einen wohltätigen Zweck haben.
MADAME SCHLEYER. Das heißt – mein Ball hat allerdings einen wohltätigen Zweck, insofern das Vergnügen wohltätig auf den Menschen wirkt –
[25]LIPS. Aha, und insofern der Ballertrag wohltätig auf die Finanzen der Ballgeberin wirkt.
MADAME SCHLEYER. Insofern es ferner eine Wohltat für die Leut ist, die einem kreditiert haben, wenn sie zu ihrem Geld kommen.
LIPS. Mit einem Wort, zu Ihrem Besten und zum Besten Ihrer Gläubiger wird der Ball gehalten; jetzt brauchen Sie nur noch die Gäste mit dem Ball zum Besten zu halten, so is ein allgemeines Bestes erzweckt.
MADAME SCHLEYER. Der Herr von Lips machen Spaß mit einer Witwe, die im Drang der Verhältnisse –
LIPS. Haben Sie so viele Verhältnisse, dass ein förmlicher Andrang daraus entsteht?
MADAME SCHLEYER. Mir hätt nie die Idee kommen sollen, den Schleyer zu nehmen.
LIPS. Was? Sie haben den Schleier nehmen wollen?
MADAME SCHLEYER. Ich hab ihn genommen, der Himmel hat mir ’n aber wieder genommen.
LIPS. Ja so! Der selige Herr Gemahl hat Schleyer geheißen?
MADAME SCHLEYER. Aufzuwarten!
LIPS. Und hat Ihnen nichts hinterlassen?
MADAME SCHLEYER. Nichts als das kleine Haus da heraußen, von dem ich die Hälfte an eine Sommerpartei verlass. Jetzt hab’n mir die Gläubiger auf das Haus greifen wollen.
LIPS. Fatal, vorm Feuer kann man ein Haus assekurieren lassen, aber an eine Assekuranzanstalt vor Gläubigern hat man noch immer nicht gedacht, und doch werden offenbar mehr Häuser den Gläubigern als den Flammen zum Raube.
MADAME SCHLEYER. In der Desperation hab ich den [26]Entschluss gefasst, einen Ball zu geben; denn das Haus, worin mein Mann g’storben is, lass ich mir nicht entreißen.
LIPS. Natürlich, so was is als Tempel süßer Erinnerung unschätzbar.
MADAME SCHLEYER. Konträr, Herr von Lips, dass ich ihn in dem Haus los’worden bin, das is die unschätzbare Erinnerung.
LIPS. Also unglückliche Ehe und wahrscheinlich ohne Delikatesse?
MADAME SCHLEYER. Oh! Der Schleyer war kotzengrob.
LIPS. Wer war denn der Herr Gemahl?
MADAME SCHLEYER. Ein alter Streich- und Projektenmacher. Sie glauben nicht, wie der mich hinters Licht geführt hat. Herr von Lips müssen wissen, ich war in der Stadt bei der Handlung.
LIPS. Bei was für einer Handlung?
MADAME SCHLEYER. Putzhandlung.
LIPS. Eine schöne Handlung, die durch Wechsel floriert, während so manche andre Handlung durch Wechsel falliert.
MADAME SCHLEYER. Er is öfters in Equipage zu mir kommen – zu einer unerfahrnen Marchandmode gefahren kommen, is das sicherste Verfahren, ihr Herz in Gefahr zu bringen.
LIPS. Mit einem Wort, Sie wurden geblendet, ohne weder Fink noch Belisar zu sein.
MADAME SCHLEYER. Die Equipage war ausg’liehen – das Vermögen Schein – das heißt nicht etwa Wiener Währung –
LIPS. Wir kommen aber ganz vom Ball ab.
[27]MADAME SCHLEYER. Hier hab ich die Ehre, ein Billett – (übergibt ihm ein Ballbillett).
LIPS (es besehend). Der Preis is fünf Gulden –
MADAME SCHLEYER. Der Drucker hat vergessen, draufzusetzen: »Ohne Beschränkung der Großmut«, was ich ihm doch so aufgeboten hab.
LIPS. »Standespersonen zahlen nach Belieben« wär besser, denn das Prädikat »großmütig« reizt die allgemeine Eitelkeit weit weniger als der Titel »Standesperson«. Ich hab nicht gewechselt, Madame Schleyer müssen schon gütigst diesen Hunderter annehmen.
MADAME SCHLEYER. Herr von Lips – Ihre Großmut – Ihre – (eilfertig) ich verharre mit untertänigstem Dank die tiefergebenste Dienerin! (Verneigt sich und geht rasch durch die Mitte links ab.)
LIPS (allein). Mein Kompliment! Wie sich die tummelt, die muss einen Abscheu vor dem Herausgeben hab’n. (Sich besinnend.) Aber halt, ich vergess ja ganz, dass sie meine Braut is. (Eilt zur Türe und ruft ihr nach.) Ich bitt, Madame – hab’n S’ die Güte – auf ein’ Augenblick – (für sich) sie kommt zurück.
MADAME SCHLEYER (zurückkommend). Herr von Lips haben gerufen? Ich hätte vielleicht herausgeben sollen –?
LIPS. O nein, das war’s nicht.
MADAME SCHLEYER. Oder wünschen vielleicht noch ein Billett?
LIPS. Nein, das ebenso wenig. Für einen Ledigen is ein Billett genug, und selbst wenn ein Lediger die Ballgeberin heirat’t, braucht er nur eins, denn die Ballgeberin hat ja freies Entree auf ihrem eignen Ball.
MADAME SCHLEYER. Ich versteh Ihnen nicht –
[28]LIPS. Werd mich gleich ganz verständlich machen; ich hab Ihnen auf einen Augenblick zurückgerufen, weil ich mich auf ewig mit Ihnen verbinden will.
MADAME SCHLEYER. Fünf Gulden kommen aufs Ballbillett, fünfundneunzig auf den Spaß, den Sie sich machen, das kann man sich schon g’fallen lassen.
LIPS. Ich mach aber Ernst, und das is eigentlich der Hauptspaß –
MADAME SCHLEYER (äußerst erstaunt). Ich trau mein’ Ohren nicht –
LIPS. Is es denn so wunderbar? Mir is der Schuss zum Heiraten kommen, und der Schuss trifft zufällig Sie. Besser als ein anderer Schuss, der bald mich selbst getroffen hätt.
MADAME SCHLEYER. Wie das!?
LIPS. Sie müssen wissen, mein Inneres is zerrissen wie die Nachtwäsch von einem Bettelmann – da hab ich mich also unlängst erschießen wollen, und derweil ich so im Schuss ein Testament aufsetz zugunsten meiner Freunde, is mir der Schuss zum Erschießen vergangen.
MADAME SCHLEYER. So einen veränderlichen Herrn tät auch ’s Heiraten bald reuen.
LIPS. Dafür is ja eben ’s Heirat’n erfunden, dass’s nix mehr nutzt, wenn’s einem reut; wenn die Reue nicht wär, wär ja die Liebe genug. Also jetzt in vollem Ernst: Ihre Antwort!
MADAME SCHLEYER (für sich, in Freude und Ungewissheit schwankend). Ich weiß nicht, träumt mir – oder –
LIPS. Spielen Sie mir jetzt die Komödie vor, als ob nicht mein Reichtum, sondern meine liebenswürdige Persönlichkeit Ihren Entschluss bestimmet!
MADAME SCHLEYER. Komödie würden Sie das nennen – wenn –?
[29]LIPS. Aha, Sie gehn schon drauf ein, das is recht. Wir Reichen verdienen’s, dass man mit uns Komödie spielt, weil uns unsere Eitelkeit undankbar gegen den Reichtum macht. Glauben Sie denn, ein alter Millionist, wenn er aus einer G’sellschaft nach Haus kommt, knieet sich nieder vor seine Obligationen, küsset diese himmlischen Bilder und saget: »Euch nur verdank ich’s, dass diese Frau auf mich gelächelt, diese Tochter mit mir kokettiert hat. Euch nur, ihr göttlichen Papiere, dass diese Cousine mich heiraten will!«? – Kein Gedanken! Er stellt sich voll Selbstgefühl vor ’n Spiegel, find’t in seine Hühnertritt interessante Markierungen und meint, er is ein höchst gefährlicher Mann. Mit Recht hat die Nemesis für diesen Undank an den Papieren den Reichen zum Papierltwerden verdammt. Also heraus jetzt mit dem Entschluss, meine Holde!
MADAME SCHLEYER (sich zierend). Aber, Herr von Lips, ich muss ja doch erst –
LIPS. Ich versteh, vom Neinsagen keine Red, aber zum Jasagen finden Sie eine Bedenkzeit schicklich! Gut, wie Sie wünschen!
Zehnte Szene
Kathi; die Vorigen.
KATHI (zur Mitte links eintretend). Ah, da is ja der Herr Göd!
LIPS (zu Kathi). Wen sucht Sie?
KATHI. Kennen S’ mich denn nicht mehr, ich bin die Kathi, die Euer Gnad’n aus der Tauf g’hoben haben.
[30]LIPS (sie erkennend). Richtig, aber du bist g’wachsen seit der Zeit, das heißt, nicht seit der Tauf, sondern seit die drei Jahr –
KATHI. Wo ich ’s letzte Mal bei Euer Gnaden war, wo Euer Gnaden Herr Göd so hilfreich –
LIPS. Na, ’s is schon gut, mein Kind, aber jetzt hab ich hier – (macht eine Bewegung, dass sie sich entfernen soll.)
MADAME SCHLEYER. Entfernen Sie sich doch, meine Gute, Sie sehen ja, dass Herr von Lips über und über beschäftigt is.
KATHI (zu Lips). Ich bin wegen der gewissen Schuld gekommen, die hundert Gulden, die Euer Gnaden Herr Göd meiner verstorbenen Mutter so großmütig geliehen haben –
LIPS. Später, später – jetzt hab ich durchaus keine Zeit. Geh nur, Kind, geh! (Zu Madame Schleyer.) Ich geb Ihnen also Bedenkzeit, aber nicht mehr als eine Viertelstund!
MADAME SCHLEYER. Was kann man in einer Viertelstund bedenken? Im Grund is eigentlich gar nichts zu bedenken – und der Herr von Lips durchschauen ohnedies jede Ziererei – ich könnte also gleich –
LIPS. Ich weiß, Sie könnten gleich Ja sagen, aber mir g’fallt das jetzt mit der Bedenkzeit, diese Spannung, ich bild mir jetzt ein, ich bin in einer ängstlichen Erwartung – das unterhalt’t mich. Sehn S’, so muss sich der Mensch selber für ein’ Narren halten. Glauben Sie mir, das is eine schöne und nicht so leichte Kunst. Um andere für einen Narrn zu halten, braucht man nix als Leut, die einem an Dummheit übertreffen; um aber mit Vorsatz sich selbst für ein’ Narren zu halten, muss man sich selbst an G’scheitheit übertreffen. Also in einer Viertelstund, [31]Angebetete – ich werde die Sekunden zählen – das Blut drängt sich zum Herzen, das Hirn pulsiert – der Atem stockt! – In einer Viertelstunde – Leben oder Tod! (Eilt in den Speisesalon Mitte rechts ab.)
Elfte Szene
Madame Schleyer. Kathi.
MADAME SCHLEYER (für sich). Ich mach da ein Glück! – Wenn er mir nur nicht mehr auskommt – ein verruckter Millionär is was G’fährliches bis nach der Kopulation.
KATHI (für sich). Ich wart halt doch, bis er wiederkommt, das Geld will ich nicht wieder nach Hause tragen.
MADAME SCHLEYER (sehr vornehm zu Kathi). Der Herr von Lips is also Ihr Göd oder eigentlich Pate, wie wir Noblen uns ausdrücken.
KATHI (schüchtern). Ja, Euer Gnaden.
MADAME SCHLEYER. Er hat das Geld nicht zurückverlangt, und du bringst es aus eignem Antrieb!?
KATHI. Freilich, wenn man was schuldig is, muss man zahlen.
MADAME SCHLEYER (für sich). In dem Hause gehen lauter ungewöhnliche Sachen vor.
KATHI (nach und nach mehr Mut fassend, nähert sich Madame Schleyer). Euer Gnaden sind so herablassend, mit mir zu reden, werden mir also eine Frag erlauben, ’s is vielleicht eine dumme Frag – (etwas ängstlich) hab ich recht, mir is vor’kommen, als wenn mein Herr Göd heiraten möcht?
[32]MADAME SCHLEYER. Er projektiert so was dergleichen.
KATHI (etwas betroffen). Er heirat’t? – Und wen will er denn heirat’n?
MADAME SCHLEYER (stolz und kurz angebunden). Mich!
KATHI (ihre innere Bewegung verbergend). Ihnen! – Nicht wahr, Sie haben ihn recht gern? Er is so gut – so ein herzensguter Herr – er verdient’s, und ihm fehlt ja nix zu seinem Glück als ein treues Herz – oh, Euer Gnaden werden ihn g’wiss recht glücklich machen.
MADAME SCHLEYER (schroff). Ich glaub gar, Sie will mir Lektion geben, wie man einen Mann glücklich macht?
KATHI (eingeschüchtert). Oh, ich bitt, nur nicht bös werden, wenn ich was Dalkets g’sagt hab.
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