Kitabı oku: «Faust – Der Tragödie Erster Teil»

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Johann Wolfgang Goethe

Faust

Der Tragödie Erster Teil

Reclam XL | Text und Kontext

Reclam

2014, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Durchgesehene Ausgabe 2021

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-960470-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-016103-6

www.reclam.de

Inhalt

  Zueignung

  Vorspiel auf dem Theater

  Prolog im Himmel

 Der Tragödie Erster TeilNachtVor dem TorStudierzimmerStudierzimmerAuerbachs Keller in LeipzigHexenkücheStraßeAbendSpaziergangDer Nachbarin HausStraßeGartenEin GartenhäuschenWald und HöhleGretchens StubeMarthens GartenAm BrunnenZwingerNachtDomWalpurgisnachtWalpurgisnachtstraumTrüber Tag FeldNacht, offen FeldKerker

  Anhang 1. Zur Textgestalt 2. Anmerkungen 3. Leben und Zeit: Goethes Leben bis zum Erscheinen des Faust in der Ausgabe der Werke 1808 4. Stoffgeschichte 5. Epochen: Faust zwischen Sturm und Drang und Klassik 6. Entstehungsgeschichte des Faust. Der Tragödie Erster Teil 7. Goethes Äußerungen zur Entstehung von Faust I von 1775 bis 1806 8. Metrische Formen 9. Der »Walpurgissack« – nicht aufgenommene Bruchstücke der »Walpurgisnacht« 10. Kerker: Frühere Fassung (Urfaust) im Vergleich zur Fassung letzter Hand 11. Die Uraufführung 12. Deutungsansätze 13. Literaturhinweise

Zueignung

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!

Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Versuch ich wohl euch diesmal fest zu halten?

Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

5Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,

Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;

Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert

Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,

10Und manche liebe Schatten steigen auf;

Gleich einer alten halbverklungnen Sage,

Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;

Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage

Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,

15Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden

Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,

Die Seelen, denen ich die ersten sang;

Zerstoben ist das freundliche Gedränge,

20Verklungen ach! der erste Widerklang.

Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,

Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,

Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,

Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

25Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,

30Das strenge Herz es fühlt sich mild und weich;

Was ich besitze seh ich wie im Weiten,

Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.

Vorspiel auf dem Theater

DIREKTOR. THEATERDICHTER. LUSTIGE PERSON.

DIREKTOR.

Ihr beiden, die ihr mir so oft,

In Not und Trübsal, beigestanden,

35Sagt was ihr wohl in deutschen Landen

Von unsrer Unternehmung hofft?

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,

Besonders weil sie lebt und leben lässt.

Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,

40Und jedermann erwartet sich ein Fest.

Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,

Gelassen da und möchten gern erstaunen.

Ich weiß wie man den Geist des Volks versöhnt;

Doch so verlegen bin ich nie gewesen;

45Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,

Allein sie haben schrecklich viel gelesen.

Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu

Und mit Bedeutung auch gefällig sei?

Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,

50Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,

Und mit gewaltig wiederholten Wehen

Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt,

Bei hellem Tage, schon vor Vieren,

Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht

55Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,

Um ein Billet sich fast die Hälse bricht,

Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute

Der Dichter nur; mein Freund, o! tu es heute!

DICHTER.

O sprich mir nicht von jener bunten Menge,

60Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.

Verhülle mir das wogende Gedränge,

Das wider Willen uns zum Strudel zieht.

Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,

Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;

65Wo Lieb und Freundschaft unsres Herzens Segen

Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,

Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,

Missraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,

70Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.

Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen

Erscheint es in vollendeter Gestalt.

Was glänzt ist für den Augenblick geboren;

Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

LUSTIGE PERSON.

75Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte;

Gesetzt dass ich von Nachwelt reden wollte,

Wer machte denn der Mitwelt Spaß?

Den will sie doch und soll ihn haben.

Die Gegenwart von einem braven Knaben

80Ist, dächt ich, immer auch schon was.

Wer sich behaglich mitzuteilen weiß,

Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;

Er wünscht sich einen großen Kreis,

Um ihn gewisser zu erschüttern.

85Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,

Lasst Phantasie, mit allen ihren Chören,

Vernunft, Verstand, Empfindung Leidenschaft,

Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.

DIREKTOR.

Besonders aber lasst genug geschehn!

90Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.

Wird vieles vor den Augen abgesponnen,

So dass die Menge staunend gaffen kann,

Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,

Ihr seid ein vielgeliebter Mann.

95Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

100Solch ein Ragout es muss Euch glücken;

Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

Was hilft’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht,

Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.

DICHTER.

Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!

105Wie wenig das dem echten Künstler zieme!

Der saubern Herren Pfuscherei

Ist, merk ich, schon bei Euch Maxime.

DIREKTOR.

Ein solcher Vorwurf lässt mich ungekränkt;

Ein Mann, der recht zu wirken denkt,

110Muss auf das beste Werkzeug halten.

Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,

Und seht nur hin für wen Ihr schreibt!

Wenn diesen Langeweile treibt,

Kommt jener satt vom übertischten Mahle,

115Und, was das Allerschlimmste bleibt,

Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.

Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,

Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;

Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten

120Und spielen ohne Gage mit.

Was träumet Ihr auf Eurer Dichter-Höhe?

Was macht ein volles Haus Euch froh?

Beseht die Gönner in der Nähe!

Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.

125Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,

Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.

Was plagt ihr armen Toren viel,

Zu solchem Zweck, die holden Musen?

Ich sag Euch, gebt nur mehr, und immer immer mehr,

130So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren,

Sucht nur die Menschen zu verwirren,

Sie zu befriedigen ist schwer – –

Was fällt Euch an? Entzückung oder Schmerzen?

DICHTER.

Geh hin und such dir einen andern Knecht!

135Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,

Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,

Um deinetwillen freventlich verscherzen!

Wodurch bewegt er alle Herzen?

Wodurch besiegt er jedes Element?

140Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt,

Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt?

Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,

Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

Wenn aller Wesen unharmon’sche Menge

145Verdrießlich durcheinander klingt;

Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe

Belebend ab, dass sie sich rhythmisch regt?

Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,

Wo es in herrlichen Akkorden schlägt?

150Wer lässt den Sturm zu Leidenschaften wüten?

Das Abendrot im ernsten Sinne glühn?

Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten

Auf der Geliebten Pfade hin?

Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter

155Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

Wer sichert den Olymp, vereinet Götter?

Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

LUSTIGE PERSON.

So braucht sie denn die schönen Kräfte

Und treibt die dicht’rischen Geschäfte,

160Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

165Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.

Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!

Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

170In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,

So wird der beste Trank gebraut,

Der alle Welt erquickt und auferbaut.

Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte

175Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,

Dann sauget jedes zärtliche Gemüte

Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung,

Dann wird bald dies bald jenes aufgeregt,

Ein jeder sieht was er im Herzen trägt.

180Noch sind sie gleich bereit zu weinen und zu lachen,

Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;

Ein Werdender wird immer dankbar sein.

DICHTER.

So gib mir auch die Zeiten wieder,

185Da ich noch selbst im Werden war,

Da sich ein Quell gedrängter Lieder

Ununterbrochen neu gebar,

Da Nebel mir die Welt verhüllten,

Die Knospe Wunder noch versprach,

190Da ich die tausend Blumen brach,

Die alle Täler reichlich füllten.

Ich hatte nichts und doch genug,

Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.

Gib ungebändigt jene Triebe,

195Das tiefe schmerzenvolle Glück,

Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,

Gib meine Jugend mir zurück!

LUSTIGE PERSON.

Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls,

Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,

200Wenn mit Gewalt an deinen Hals

Sich allerliebste Mädchen hängen,

Wenn fern des schnellen Laufes Kranz

Vom schwer erreichten Ziele winket,

Wenn nach dem heft’gen Wirbeltanz

205Die Nächte schmausend man vertrinket.

Doch ins bekannte Saitenspiel

Mit Mut und Anmut einzugreifen,

Nach einem selbgesteckten Ziel

Mit holdem Irren hinzuschweifen,

210Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,

Und wir verehren euch darum nicht minder.

Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,

Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

DIREKTOR.

Der Worte sind genug gewechselt,

215Lasst mich auch endlich Taten sehn;

Indes ihr Komplimente drechselt,

Kann etwas Nützliches geschehn.

Was hilft es viel von Stimmung reden?

Dem Zaudernden erscheint sie nie.

220Gebt ihr euch einmal für Poeten,

So kommandiert die Poesie.

Euch ist bekannt, was wir bedürfen,

Wir wollen stark Getränke schlürfen;

Nun braut mir unverzüglich dran!

225Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,

Und keinen Tag soll man verpassen,

Das Mögliche soll der Entschluss

Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,

Er will es dann nicht fahren lassen,

230Und wirket weiter, weil er muss.

Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen

Probiert ein jeder was er mag;

Drum schonet mir an diesem Tag

Prospekte nicht und nicht Maschinen.

235Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht,

Die Sterne dürfet Ihr verschwenden;

An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

An Tier und Vögeln fehlt es nicht.

So schreitet in dem engen Bretterhaus

240Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,

Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Prolog im Himmel

DER HERR, DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN, nachher MEPHISTOPHELES.

DIE DREI ERZENGEL treten vor.

RAPHAEL.

Die Sonne tönt nach alter Weise

In Brudersphären Wettgesang,

245Und ihre vorgeschriebne Reise

Vollendet sie mit Donnergang.

Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,

Wenn keiner sie ergründen mag;

Die unbegreiflich hohen Werke

250Sind herrlich wie am ersten Tag.

GABRIEL.

Und schnell und unbegreiflich schnelle

Dreht sich umher der Erde Pracht;

Es wechselt Paradieses-Helle

Mit tiefer schauervoller Nacht;

255Es schäumt das Meer in breiten Flüssen

Am tiefen Grund der Felsen auf,

Und Fels und Meer wird fortgerissen

In ewig schnellem Sphärenlauf.

MICHAEL.

Und Stürme brausen um die Wette,

260Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,

Und bilden wütend eine Kette

Der tiefsten Wirkung rings umher.

Da flammt ein blitzendes Verheeren

Dem Pfade vor des Donnerschlags;

265Doch deine Boten, Herr, verehren

Das sanfte Wandeln deines Tags.

ZU DREI.

Der Anblick gibt den Engeln Stärke

Da keiner dich ergründen mag,

Und alle deine hohen Werke

270Sind herrlich wie am ersten Tag.

MEPHISTOPHELES.

Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst

Und fragst wie alles sich bei uns befinde,

Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst;

So siehst du mich auch unter dem Gesinde.

275Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,

Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;

Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen,

Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.

Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,

280Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

Ein wenig besser würd er leben,

Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;

285Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Er scheint mir, mit Verlaub von Euer Gnaden,

Wie eine der langbeinigen Zikaden,

Die immer fliegt und fliegend springt

290Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;

Und läg er nur noch immer in dem Grase!

In jeden Quark begräbt er seine Nase.

DER HERR.

Hast du mir weiter nichts zu sagen?

Kommst du nur immer anzuklagen?

295Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

MEPHISTOPHELES.

Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.

Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,

Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

DER HERR.

Kennst du den Faust?

MEPHISTOPHELES.

Den Doktor?

DER HERR.

Meinen Knecht!

MEPHISTOPHELES.

300Fürwahr! er dient euch auf besondre Weise.

Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.

Ihn treibt die Gärung in die Ferne,

Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;

Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,

305Und von der Erde jede höchste Lust,

Und alle Näh und alle Ferne

Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

DER HERR.

Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient;

So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.

310Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,

Dass Blüt und Frucht die künft’gen Jahre zieren.

MEPHISTOPHELES.

Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren,

Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt

Ihn meine Straße sacht zu führen!

DER HERR.

315So lang er auf der Erde lebt,

So lange sei dir’s nicht verboten.

Es irrt der Mensch so lang er strebt.

MEPHISTOPHELES.

Da dank ich Euch; denn mit den Toten

Hab ich mich niemals gern befangen.

320Am meisten lieb ich mir die vollen frischen Wangen.

Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;

Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

DER HERR.

Nun gut, es sei dir überlassen!

Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,

325Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,

Auf deinem Wege mit herab,

Und steh beschämt, wenn du bekennen musst:

Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

MEPHISTOPHELES.

330Schon gut! nur dauert es nicht lange.

Mir ist für meine Wette gar nicht bange.

Wenn ich zu meinem Zweck gelange,

Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.

Staub soll er fressen, und mit Lust,

335Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

DER HERR.

Du darfst auch da nur frei erscheinen;

Ich habe deinesgleichen nie gehasst.

Von allen Geistern die verneinen

Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

340Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt, und muss, als Teufel, schaffen.

Doch ihr, die echten Göttersöhne,

345Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,

Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,

Und was in schwankender Erscheinung schwebt,

Befestiget mit dauernden Gedanken.

(Der Himmel schließt, die Erzengel verteilen sich.)

MEPHISTOPHELES (allein).

350Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,

Und hüte mich mit ihm zu brechen.

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

Der Tragödie Erster Teil
Nacht

In einem hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer

FAUST unruhig auf seinem Sessel am Pulte.

FAUST.

Habe nun, ach! Philosophie,

355Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor;

360Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr,

Herauf, herab und quer und krumm,

Meine Schüler an der Nase herum –

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

365Das will mir schier das Herz verbrennen.

Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,

Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;

Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,

Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –

370Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,

Bilde mir nicht ein was Rechts zu wissen,

Bilde mir nicht ein ich könnte was lehren

Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Auch hab ich weder Gut noch Geld,

375Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;

Es möchte kein Hund so länger leben!

Drum hab ich mich der Magie ergeben,

Ob mir, durch Geistes Kraft und Mund,

Nicht manch Geheimnis würde kund;

380Dass ich nicht mehr, mit sauerm Schweiß,

Zu sagen brauche was ich nicht weiß;

Dass ich erkenne was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau alle Wirkenskraft und Samen,

385Und tu nicht mehr in Worten kramen.

O sähst du, voller Mondenschein,

Zum letzten Mal auf meine Pein,

Den ich so manche Mitternacht

An diesem Pult herangewacht:

390Dann, über Büchern und Papier,

Trübsel’ger Freund, erschienst du mir!

Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn,

In deinem lieben Lichte gehn,

Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,

395Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,

Von allem Wissensqualm entladen

In deinem Tau gesund mich baden!

Weh! steck ich in dem Kerker noch?

Verfluchtes dumpfes Mauerloch!

400Wo selbst das liebe Himmelslicht

Trüb durch gemalte Scheiben bricht!

Beschränkt von diesem Bücherhauf,

Den Würme nagen, Staub bedeckt,

Den, bis ans hohe Gewölb hinauf,

405Ein angeraucht Papier umsteckt;

Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,

Mit Instrumenten vollgepfropft,

Urväter Hausrat drein gestopft –

Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!

410Und fragst du noch, warum dein Herz

Sich bang in deinem Busen klemmt?

Warum ein unerklärter Schmerz

Dir alle Lebensregung hemmt?

Statt der lebendigen Natur,

415Da Gott die Menschen schuf hinein,

Umgibt in Rauch und Moder nur

Dich Tiergeripp und Totenbein.

Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land!

Und dies geheimnisvolle Buch,

420Von Nostradamus’ eigner Hand,

Ist dir es nicht Geleit genug?

Erkennest dann der Sterne Lauf,

Und wenn Natur dich unterweist,

Dann geht die Seelenkraft dir auf,

425Wie spricht ein Geist zum andern Geist.

Umsonst, dass trocknes Sinnen hier

Die heil’gen Zeichen dir erklärt.

Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;

Antwortet mir, wenn ihr mich hört!

(Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)

430Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick

Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!

Ich fühle junges heil’ges Lebensglück

Neuglühend mir durch Nerv’ und Adern rinnen.

War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,

435Die mir das innre Toben stillen,

Das arme Herz mit Freude füllen,

Und mit geheimnisvollem Trieb,

Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?

Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!

440Ich schau in diesen reinen Zügen

Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.

Jetzt erst erkenn ich was der Weise spricht:

»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;

Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!

445Auf, bade, Schüler, unverdrossen

Die ird’sche Brust im Morgenrot!«

(Er beschaut das Zeichen.)

Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt!

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen

450Und sich die goldnen Eimer reichen!

Mit segenduftenden Schwingen

Vom Himmel durch die Erde dringen,

Harmonisch all’ das All durchklingen!

Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!

455Wo fass ich dich, unendliche Natur?

Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,

An denen Himmel und Erde hängt,

Dahin die welke Brust sich drängt –

Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht ich so vergebens?

(Er schlägt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)

460Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!

Du, Geist der Erde, bist mir näher;

Schon fühl ich meine Kräfte höher,

Schon glüh ich wie von neuem Wein,

Ich fühle Mut mich in die Welt zu wagen,

465Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,

Mit Stürmen mich herumzuschlagen,

Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen,

Es wölkt sich über mir –

Der Mond verbirgt sein Licht –

470Die Lampe schwindet!

Es dampft! – Es zucken rote Strahlen

Mir um das Haupt – Es weht

Ein Schauer vom Gewölb herab

Und fasst mich an!

475Ich fühl’s, du schwebst um mich, erflehter Geist.

Enthülle dich!

Ha! wie’s in meinem Herzen reißt!

Zu neuen Gefühlen

All meine Sinnen sich erwühlen!

480Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!

Du musst! du musst! und kostet’ es mein Leben!

(Er fasst das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, DER GEIST erscheint in der Flamme.)

GEIST.

Wer ruft mir?

FAUST (abgewendet).

Schreckliches Gesicht!

GEIST.

Du hast mich mächtig angezogen,

An meiner Sphäre lang gesogen,

Und nun –

FAUST.

485 Weh! ich ertrag dich nicht!

GEIST.

Du flehst eratmend mich zu schauen,

Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;

Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,

Da bin ich! – Welch erbärmlich Grauen

490Fasst Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?

Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf,

Und trug und hegte, die mit Freudebeben

Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?

Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,

495Der sich an mich mit allen Kräften drang?

Bist Du es? der, von meinem Hauch umwittert,

In allen Lebenstiefen zittert,

Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!

FAUST.

Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?

500Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen!

GEIST.

In Lebensfluten, im Tatensturm

Wall ich auf und ab,

Wehe hin und her!

Geburt und Grab,

505Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben,

Ein glühend Leben,

So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit,

Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

FAUST.

510 Der du die weite Welt umschweifst,

Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!

GEIST.

Du gleichst dem Geist den du begreifst,

Nicht mir!

(Verschwindet.)

FAUST (zusammenstürzend).

Nicht dir?

515Wem denn?

Ich Ebenbild der Gottheit!

Und nicht einmal dir!

(Es klopft.)

O Tod! ich kenn’s – das ist mein Famulus –

Es wird mein schönstes Glück zunichte!

520Dass diese Fülle der Gesichte

Der trockne Schleicher stören muss!

WAGNER im Schlafrocke und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. FAUST wendet sich unwillig.

WAGNER.

Verzeiht! ich hör Euch deklamieren;

Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel?

In dieser Kunst möcht ich was profitieren,

525Denn heutzutage wirkt das viel.

Ich hab es öfters rühmen hören,

Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren.

FAUST.

Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;

Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.

WAGNER.

530Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,

Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,

Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,

Wie soll man sie durch Überredung leiten?

FAUST.

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,

535Wenn es nicht aus der Seele dringt,

Und mit urkräftigem Behagen

Die Herzen aller Hörer zwingt.

Sitzt ihr nur immer! Leimt zusammen,

Braut ein Ragout von andrer Schmaus,

540Und blast die kümmerlichen Flammen

Aus eurem Aschenhäufchen raus!

Bewundrung von Kindern und Affen,

Wenn euch darnach der Gaumen steht;

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,

545Wenn es euch nicht von Herzen geht.

WAGNER.

Allein der Vortrag macht des Redners Glück;

Ich fühl es wohl noch bin ich weit zurück.

FAUST.

Such’ Er den redlichen Gewinn!

Sei Er kein schellenlauter Tor!

550Es trägt Verstand und rechter Sinn

Mit wenig Kunst sich selber vor;

Und wenn’s euch ernst ist was zu sagen,

Ist’s nötig Worten nachzujagen?

Ja, eure Reden, die so blinkend sind,

555In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,

Sind unerquicklich wie der Nebelwind,

Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!

WAGNER.

Ach Gott! die Kunst ist lang!

Und kurz ist unser Leben.

560Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,

Doch oft um Kopf und Busen bang.

Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,

Durch die man zu den Quellen steigt!

Und eh man nur den halben Weg erreicht,

565Muss wohl ein armer Teufel sterben.

FAUST.

Das Pergament ist das der heil’ge Bronnen,

Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?

Erquickung hast du nicht gewonnen,

Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

WAGNER.

570Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen

Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,

Zu schauen wie vor uns ein weiser Mann gedacht,

Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

FAUST.

O ja, bis an die Sterne weit!

575Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit

Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln;

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.

580Da ist’s denn wahrlich oft ein Jammer!

Man läuft euch bei dem ersten Blick davon.

Ein Kehrichtfass und eine Rumpelkammer,

Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion,

Mit trefflichen pragmatischen Maximen,

585Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

WAGNER.

Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!

Möcht jeglicher doch was davon erkennen.

FAUST.

Ja was man so erkennen heißt!

Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?

590Die wenigen, die was davon erkannt,

Die töricht g’nug ihr volles Herz nicht wahrten,

Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

Ich bitt Euch, Freund, es ist tief in der Nacht,

595Wir müssen’s diesmal unterbrechen.

WAGNER.

Ich hätte gern nur immer fortgewacht,

Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen.

Doch morgen, als am ersten Ostertage,

Erlaubt mir ein’ und andre Frage.

600Mit Eifer hab ich mich der Studien beflissen;

Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen. (Ab.)

FAUST (allein).

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,

Der immerfort an schalem Zeuge klebt,

Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,

605Und froh ist wenn er Regenwürmer findet!

Darf eine solche Menschenstimme hier,

Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?

Doch ach! für diesmal dank ich dir,

Dem ärmlichsten von allen Erdensöhnen.

610Du rissest mich von der Verzweiflung los,

Die mir die Sinne schon zerstören wollte.

Ach! die Erscheinung war so riesengroß,

Dass ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.

Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon

615Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew’ger Wahrheit,

Sein selbst genoss in Himmelsglanz und Klarheit,

Und abgestreift den Erdensohn;

Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft

Schon durch die Adern der Natur zu fließen

620Und schaffend, Götterleben zu genießen

Sich ahnungsvoll vermaß, wie muss ich’s büßen!

Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.

Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen.

Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen;

625So hatt ich dich zu halten keine Kraft.

In jenem sel’gen Augenblicke

Ich fühlte mich so klein, so groß;

Du stießest grausam mich zurücke,

Ins ungewisse Menschenlos.

630Wer lehret mich? was soll ich meiden?

Soll ich gehorchen jenem Drang?

Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden,

Sie hemmen unsres Lebens Gang.

Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen,

635Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an;

Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,

Dann heißt das Bessre Trug und Wahn.

Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle

Erstarren in dem irdischen Gewühle.

640Wenn Phantasie sich sonst, mit kühnem Flug,

Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,

So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,

Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.

Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,

645Dort wirket sie geheime Schmerzen,

Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh;

Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,

Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,

Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;

650Du bebst vor allem was nicht trifft,

Und was du nie verlierst das musst du stets beweinen.

Den Göttern gleich ich nicht! Zu tief ist es gefühlt;

Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt;

Den, wie er sich im Staube nährend lebt,

655Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.

Ist es nicht Staub was diese hohe Wand,

Aus hundert Fächern, mir verenget;

Der Trödel, der mit tausendfachem Tand,

In dieser Mottenwelt mich dränget?

660Hier soll ich finden was mir fehlt?

Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,

Dass überall die Menschen sich gequält,

Dass hie und da ein Glücklicher gewesen? –

Was grinsest du mir hohler Schädel her?

665Als dass dein Hirn, wie meines, einst verwirret,

Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,

Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret.

Ihr Instrumente freilich, spottet mein,

Mit Rad und Kämmen, Walz’ und Bügel.

670Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;

Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.

Geheimnisvoll am lichten Tag

Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,

Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,

675Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Du alt Geräte das ich nicht gebraucht,

Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.

Du alte Rolle, du wirst angeraucht,

So lang an diesem Pult die trübe Lampe schmauchte.

680Weit besser hätt ich doch mein Weniges verprasst,

Als mit dem Wenigen belastet hier zu schwitzen!

Was du ererbt von deinen Vätern hast

Erwirb es um es zu besitzen.

Was man nicht nützt ist eine schwere Last;

685Nur was der Augenblick erschafft das kann er nützen.

Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?

Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?

Warum wird mir auf einmal lieblich helle,

Als wenn im nächt’gen Wald uns Mondenglanz umweht?

690Ich grüße dich, du einzige Phiole!

Die ich mit Andacht nun herunterhole,

In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.

Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,

Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,

695Erweise deinem Meister deine Gunst!

Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,

Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,

Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.

Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,

700Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag,

Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,

An mich heran! Ich fühle mich bereit

Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen,

705Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.

Dies hohe Leben, diese Götterwonne!

Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?

Ja, kehre nur der holden Erdensonne

Entschlossen deinen Rücken zu!

710Vermesse dich die Pforten aufzureißen,

Vor denen jeder gern vorüberschleicht.

Hier ist es Zeit durch Taten zu beweisen,

Dass Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht,

Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben,

715In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,

Nach jenem Durchgang hinzustreben,

Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;

Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen

Und, wär es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.

720Nun komm herab, kristallne reine Schale!

Hervor aus deinem alten Futterale,

An die ich viele Jahre nicht gedacht.

Du glänztest bei der Väter Freudenfeste,

Erheitertest die ernsten Gäste,

725Wenn einer dich dem andern zugebracht.

Der vielen Bilder künstlich reiche Pracht,

Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklären,

Auf Einen Zug die Höhlung auszuleeren,

Erinnert mich an manche Jugend-Nacht;

730Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,

Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;

Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.

Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle.

Den ich bereitet, den ich wähle,

735Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,

Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!

(Er setzt die Schale an den Mund.)

Glockenklang und Chorgesang

CHOR DER ENGEL.

Christ ist erstanden!

Freude dem Sterblichen,

Den die verderblichen,

740Schleichenden, erblichen

Mängel umwanden.

FAUST.

Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,

Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?

Verkündiget ihr dumpfen Glocken schon

745Des Osterfestes erste Feierstunde?

Ihr Chöre singt ihr schon den tröstlichen Gesang

Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,

Gewissheit einem neuen Bunde?

CHOR DER WEIBER.

Mit Spezereien

750Hatten wir ihn gepflegt,

Wir seine Treuen

Hatten ihn hingelegt;

Tücher und Binden

Reinlich umwanden wir,

755Ach! und wir finden

Christ nicht mehr hier.

CHOR DER ENGEL.

Christ ist erstanden!

Selig der Liebende,

Der die betrübende,

760Heilsam’ und übende

Prüfung bestanden.

FAUST.

Was sucht ihr, mächtig und gelind,

Ihr Himmelstöne, mich am Staube?

Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.

765Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.

Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,

Woher die holde Nachricht tönt;

Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,

770Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.

Sonst stürzte sich der Himmels-Liebe Kuss

Auf mich herab, in ernster Sabbatstille;

Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,

Und ein Gebet war brünstiger Genuss;

775Ein unbegreiflich holdes Sehnen

Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,

Und unter tausend heißen Tränen,

Fühlt ich mir eine Welt entstehn.

Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,

780Der Frühlingsfeier freies Glück;

Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,

Vom letzten, ernsten Schritt zurück.

O tönet fort ihr süßen Himmelslieder!

Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

CHOR DER JÜNGER.

785Hat der Begrabene

Schon sich nach oben,

Lebend Erhabene,

Herrlich erhoben;

Ist er in Werdelust

790Schaffender Freude nah;

Ach! an der Erde Brust,

Sind wir zum Leide da.

Ließ er die Seinen

Schmachtend uns hier zurück;

795Ach! wir beweinen

Meister dein Glück!

CHOR DER ENGEL.

Christ ist erstanden,

Aus der Verwesung Schoß.

Reißet von Banden

800Freudig euch los!

Tätig ihn Preisenden,

Liebe Beweisenden,

Brüderlich Speisenden,

Predigend Reisenden,

805Wonne Verheißenden

Euch ist der Meister nah,

Euch ist er da!

Vor dem Tor

SPAZIERGÄNGER aller Art ziehen hinaus.

EINIGE HANDWERKSBURSCHE.

Warum denn dort hinaus?

ANDRE.

Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus.

DIE ERSTEN.

810Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

EIN HANDWERKSBURSCH.

Ich rat euch nach dem Wasserhof zu gehn.

ZWEITER.

Der Weg dahin ist gar nicht schön.

DIE ZWEITEN.

Was tust denn du?

EIN DRITTER.

Ich gehe mit den andern.

VIERTER.

Nach Burgdorf kommt herauf, gewiss dort findet ihr

815Die schönsten Mädchen und das beste Bier,

Und Händel von der ersten Sorte.

FÜNFTER.

Du überlustiger Gesell,

Juckt dich zum dritten Mal das Fell?

Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

DIENSTMÄDCHEN.

820Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

ANDRE.

Wir finden ihn gewiss bei jenen Pappeln stehen.

ERSTE.

Das ist für mich kein großes Glück;

Er wird an deiner Seite gehen,

Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.

825Was gehn mich deine Freuden an!

ANDRE.

Heut ist er sicher nicht allein,

Der Krauskopf, sagt er, würde bei ihm sein.

SCHÜLER.

Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten!

Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.

830Ein starkes Bier, ein beizender Toback,

Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

BÜRGERMÄDCHEN.

Da sieh mir nur die schönen Knaben!

Es ist wahrhaftig eine Schmach;

Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,

835Und laufen diesen Mägden nach!

ZWEITER SCHÜLER (zum ersten).

Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwei,

Sie sind gar niedlich angezogen,

’s ist meine Nachbarin dabei;

Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.

840Sie gehen ihren stillen Schritt

Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

ERSTER.

Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern geniert.

Geschwind! dass wir das Wildbret nicht verlieren.

Die Hand, die samstags ihren Besen führt,

845Wird sonntags dich am besten karessieren.

BÜRGER.

Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!

Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.

Und für die Stadt was tut denn er?

Wird es nicht alle Tage schlimmer?

850Gehorchen soll man mehr als immer,

Und zahlen mehr als je vorher.

BETTLER (singt).

Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,

So wohlgeputzt und backenrot,

Belieb’ es euch mich anzuschauen,

855Und seht und mildert meine Not!

Lasst hier mich nicht vergebens leiern!

Nur der ist froh, der geben mag.

Ein Tag den alle Menschen feiern,

Er sei für mich ein Erntetag.

ANDRER BÜRGER.

860Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,

Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

Wenn hinten, weit, in der Türkei,

Die Völker aufeinander schlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus

865Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;

Dann kehrt man abends froh nach Haus,

Und segnet Fried und Friedenszeiten.

DRITTER BÜRGER.

Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn,

Sie mögen sich die Köpfe spalten,

870Mag alles durcheinander gehn;

Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten.

ALTE (zu den Bürgermädchen).

Ei! wie geputzt! das schöne junge Blut!

Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –

Nur nicht so stolz! Es ist schon gut!

875Und was ihr wünscht das wüsst ich wohl zu schaffen.

BÜRGERMÄDCHEN.

Agathe fort! ich nehme mich in Acht

Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;

Sie ließ mich zwar, in Sankt Andreas’ Nacht,

Den künft’gen Liebsten leiblich sehen.

DIE ANDRE.

880Mir zeigte sie ihn im Kristall,

Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;

Ich seh mich um, ich such ihn überall,

Allein mir will er nicht begegnen.

SOLDATEN.

Burgen mit hohen

885Mauern und Zinnen,

Mädchen mit stolzen

Höhnenden Sinnen

Möcht ich gewinnen!

Kühn ist das Mühen,

890Herrlich der Lohn!

Und die Trompete

Lassen wir werben,

Wie zu der Freude,

So zum Verderben.

895Das ist ein Stürmen!

Das ist ein Leben!

Mädchen und Burgen

Müssen sich geben.

Kühn ist das Mühen,

900Herrlich der Lohn!

Und die Soldaten

Ziehen davon.

FAUST und WAGNER.

FAUST.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;

905Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in raue Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

910In Streifen über die grünende Flur;

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlt’s im Revier,

915Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurück zu sehen.

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

920Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,

925Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge

930Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluss, in Breit und Länge,

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

935Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet Groß und Klein:

940Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

WAGNER.

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren

Ist ehrenvoll und ist Gewinn;

Doch würd ich nicht allein mich her verlieren,

Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.

945Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben,

Ist mir ein gar verhasster Klang;

Sie toben wie vom bösen Geist getrieben

Und nennen’s Freude, nennen’s Gesang.

BAUERN unter der Linde.

Tanz und Gesang.

Der Schäfer putzte sich zum Tanz,

950Mit bunter Jacke, Band und Kranz,

Schmuck war er angezogen.

Schon um die Linde war es voll.

Und alles tanzte schon wie toll.

Juchhe! Juchhe!

955Juchheisa! Heisa! He!

So ging der Fiedelbogen.

Er drückte hastig sich heran,

Da stieß er an ein Mädchen an

Mit seinem Ellenbogen;

960Die frische Dirne kehrt sich um

Und sagte: nun das find ich dumm!

Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

Seid nicht so ungezogen.

965Doch hurtig in dem Kreise ging’s,

Sie tanzten rechts, sie tanzten links

Und alle Röcke flogen.

Sie wurden rot, sie wurden warm

Und ruhten atmend Arm in Arm,

970Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

Und Hüft an Ellenbogen.

Und tu mir doch nicht so vertraut!

Wie mancher hat nicht seine Braut

975Belogen und betrogen!

Er schmeichelte sie doch beiseit

Und von der Linde scholl es weit:

Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!

980Geschrei und Fiedelbogen.

ALTER BAUER.

Herr Doktor, das ist schön von Euch,

Dass Ihr uns heute nicht verschmäht,

Und unter dieses Volksgedräng,

Als ein so Hochgelahrter, geht.

985So nehmet auch den schönsten Krug,

Den wir mit frischem Trunk gefüllt,

Ich bring ihn zu und wünsche laut,

Dass er nicht nur den Durst Euch stillt;

Die Zahl der Tropfen, die er hegt,

990Sei Euren Tagen zugelegt.

FAUST.

Ich nehme den Erquickungs-Trank,

Erwidr’ euch allen Heil und Dank.

DAS VOLK sammelt sich im Kreis umher.

ALTER BAUER.

Fürwahr es ist sehr wohl getan,

Dass Ihr am frohen Tag erscheint;

995Habt Ihr es vormals doch mit uns

An bösen Tagen gut gemeint!

Gar mancher steht lebendig hier,

Den Euer Vater noch zuletzt

Der heißen Fieberwut entriss,

1000Als er der Seuche Ziel gesetzt.

Auch damals Ihr, ein junger Mann,

Ihr gingt in jedes Krankenhaus,

Gar manche Leiche trug man fort,

Ihr aber kamt gesund heraus.

1005Bestandet manche harte Proben;

Dem Helfer half der Helfer droben.

ALLE.

Gesundheit dem bewährten Mann,

Dass er noch lange helfen kann!

FAUST.

Vor jenem droben steht gebückt,

1010Der helfen lehrt und Hülfe schickt.

(Er geht mit Wagnern weiter.)

WAGNER.

Welch ein Gefühl musst du, o großer Mann!

Bei der Verehrung dieser Menge haben!

O! glücklich! wer von seinen Gaben

Solch einen Vorteil ziehen kann.

1015Der Vater zeigt dich seinem Knaben,

Ein jeder fragt und drängt und eilt,

Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.

Du gehst, in Reihen stehen sie,

Die Mützen fliegen in die Höh:

1020Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,

Als käm das Venerabile.

FAUST.

Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,

Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.

Hier saß ich oft gedankenvoll allein

1025Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.

An Hoffnung reich, im Glauben fest,

Mit Tränen, Seufzen, Händeringen

Dacht ich das Ende jener Pest

Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.

1030Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.

O könntest du in meinem Innern lesen,

Wie wenig Vater und Sohn

Solch eines Ruhmes wert gewesen!

Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,

1035Der über die Natur und ihre heil’gen Kreise,

In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,

Mit grillenhafter Mühe sann.

Der, in Gesellschaft von Adepten,

Sich in die schwarze Küche schloss,

1040Und, nach unendlichen Rezepten,

Das Widrige zusammengoss.

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,

Im lauen Bad, der Lilie vermählt

Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer,

1045Aus einem Brautgemach ins andere gequält.

Erschien darauf mit bunten Farben

Die junge Königin im Glas,

Hier war die Arzenei, die Patienten starben,

Und niemand fragte: wer genas?

1050So haben wir, mit höllischen Latwergen,

In diesen Tälern, diesen Bergen,

Weit schlimmer als die Pest getobt.

Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,

Sie welkten hin, ich muss erleben

1055Dass man die frechen Mörder lobt.

WAGNER.

Wie könnt Ihr Euch darum betrüben!

Tut nicht ein braver Mann genug,

Die Kunst, die man ihm übertrug,

Gewissenhaft und pünktlich auszuüben.

1060Wenn du, als Jüngling, deinen Vater ehrst,

So wirst du gern von ihm empfangen;

Wenn du, als Mann, die Wissenschaft vermehrst,

So kann dein Sohn zu höh’rem Ziel gelangen.

FAUST.

O glücklich! wer noch hoffen kann

1065Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.

Was man nicht weiß das eben brauchte man,

Und was man weiß kann man nicht brauchen.

Doch lass uns dieser Stunde schönes Gut

Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!

1070Betrachte wie in Abendsonne-Glut

Die grünumgebnen Hütten schimmern.

Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,

Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.

O dass kein Flügel mich vom Boden hebt,

1075Ihr nach und immer nach zu streben!

Ich säh im ewigen Abendstrahl

Die stille Welt zu meinen Füßen,

Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,

Den Silberbach in goldne Ströme fließen.

1080Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf

Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten

Vor den erstaunten Augen auf.

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;

1085Allein der neue Trieb erwacht,

Ich eile fort ihr ew’ges Licht zu trinken,

Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht,

Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.

Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.

1090Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht

Kein körperlicher Flügel sich gesellen.

Doch ist es jedem eingeboren,

Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, im blauen Raum verloren,

1095Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;

Wenn über schroffen Fichtenhöhen

Der Adler ausgebreitet schwebt,

Und über Flächen, über Seen,

Der Kranich nach der Heimat strebt.

WAGNER.

1100Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,

Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden.

Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,

Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,

1105Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!

Da werden Winternächte hold und schön,

Ein selig Leben wärmet alle Glieder,

Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,

So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.

FAUST.

1110Du bist dir nur des einen Triebs bewusst;

O lerne nie den andern kennen!

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

1115Sich an die Welt, mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

O gibt es Geister in der Luft,

Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben,

1120So steiget nieder aus dem goldnen Duft

Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben!

Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!

Und trüg er mich in fremde Länder,

Mir sollt’ er um die köstlichsten Gewänder,

1125Nicht feil um einen Königsmantel sein.

WAGNER.

Berufe nicht die wohlbekannte Schar,

Die strömend sich im Dunstkreis überbreitet,

Dem Menschen tausendfältige Gefahr,

Von allen Enden her, bereitet.

1130Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn

Auf dich herbei, mit pfeilgespitzten Zungen;

Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,

Und nähren sich von deinen Lungen;

Wenn sie der Mittag aus der Wüste schickt,

1135Die Glut auf Glut um deinen Scheitel häufen,

So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,

Um dich und Feld und Aue zu ersäufen.

Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,

Gehorchen gern, weil sie uns gern betriegen,

1140Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,

Und lispeln englisch, wenn sie lügen.

Doch gehen wir! Ergraut ist schon die Welt,

Die Luft gekühlt, der Nebel fällt!

Am Abend schätzt man erst das Haus. –

1145Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?

Was kann dich in der Dämmrung so ergreifen?

FAUST.

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?

WAGNER.

Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.

FAUST.

Betracht ihn recht! Für was hältst du das Tier?

WAGNER.

1150Für einen Pudel, der auf seine Weise

Sich auf der Spur des Herren plagt.

FAUST.

Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise

Er um uns her und immer näher jagt?

Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel

1155Auf seinen Pfaden hinterdrein.

WAGNER.

Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel;

Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein.

FAUST.

Mir scheint es, dass er magisch leise Schlingen

Zu künft’gem Band um unsre Füße zieht.

WAGNER.

1160Ich seh ihn ungewiss und furchtsam uns umspringen,

Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.

FAUST.

Der Kreis wird eng, schon ist er nah!

WAGNER.

Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da.

Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch.

1165Er wedelt. Alles Hunde-Brauch.

FAUST.

Geselle dich zu uns! Komm hier!

WAGNER.

Es ist ein pudelnärrisch Tier.

Du stehest still, er wartet auf;

Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;

1170Verliere was, er wird es bringen,

Nach deinem Stock ins Wasser springen.

FAUST.

Du hast wohl Recht; ich finde nicht die Spur

Von einem Geist, und alles ist Dressur.

WAGNER.

Dem Hunde, wenn er gut gezogen,

1175Wird selbst ein weiser Mann gewogen.

Ja deine Gunst verdient er ganz und gar,

Er der Studenten trefflicher Skolar.

(Sie gehen in das Stadttor.)

Studierzimmer

FAUST mit dem PUDEL hereintretend.

FAUST.

Verlassen hab ich Feld und Auen,

Die eine tiefe Nacht bedeckt,

1180Mit ahnungsvollem heil’gem Grauen

In uns die bessre Seele weckt.

Entschlafen sind nun wilde Triebe,

Mit jedem ungestümen Tun;

Es reget sich die Menschenliebe,

1185Die Liebe Gottes regt sich nun.

Sei ruhig Pudel! renne nicht hin und wider!

An der Schwelle was schnoberst du hier?

Lege dich hinter den Ofen nieder,

Mein bestes Kissen geb ich dir.

1190Wie du draußen auf dem bergigen Wege

Durch Rennen und Springen ergetzt uns hast,

So nimm nun auch von mir die Pflege,

Als ein willkommner stiller Gast.

Ach wenn in unsrer engen Zelle

1195Die Lampe freundlich wieder brennt,

Dann wird’s in unserm Busen helle,

Im Herzen, das sich selber kennt.

Vernunft fängt wieder an zu sprechen,

Und Hoffnung wieder an zu blühn;

1200Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,

Ach! nach des Lebens Quelle hin.

Knurre nicht Pudel! Zu den heiligen Tönen,

Die jetzt meine ganze Seel umfassen,

Will der tierische Laut nicht passen.

1205Wir sind gewohnt, dass die Menschen verhöhnen

Was sie nicht verstehn,

Dass sie vor dem Guten und Schönen,

Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;

Will es der Hund, wie sie, beknurren?

1210Aber ach! schon fühl ich, bei dem besten Willen,

Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.

Aber warum muss der Strom so bald versiegen,

Und wir wieder im Durste liegen?

Davon hab ich so viel Erfahrung.

1215Doch dieser Mangel lässt sich ersetzen,

Wir lernen das Überirdische schätzen,

Wir sehnen uns nach Offenbarung,

Die nirgends würd’ger und schöner brennt,

Als in dem Neuen Testament.

1220Mich drängt’s den Grundtext aufzuschlagen,

Mit redlichem Gefühl einmal

Das heilige Original

In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)

Geschrieben steht: »im Anfang war das Wort!«

1225Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muss es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.

1230Bedenke wohl die erste Zeile,

Dass deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: im Anfang war die Kraft!

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

1235Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat

Und schreibe getrost: im Anfang war die Tat!

Soll ich mit dir das Zimmer teilen,

Pudel, so lass das Heulen,

1240So lass das Bellen!

Solch einen störenden Gesellen

Mag ich nicht in der Nähe leiden.

Einer von uns beiden

Muss die Zelle meiden.

1245Ungern heb ich das Gastrecht auf,

Die Tür ist offen, hast freien Lauf.

Aber was muss ich sehen!

Kann das natürlich geschehen?

Ist es Schatten? ist’s Wirklichkeit?

1250Wie wird mein Pudel lang und breit!

Er hebt sich mit Gewalt,

Das ist nicht eines Hundes Gestalt!

Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!

Schon sieht er wie ein Nilpferd aus.

1255Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiss.

O! du bist mir gewiss!

Für solche halbe Höllenbrut

Ist Salomonis Schlüssel gut.

GEISTER (auf dem Gange).

Drinnen gefangen ist einer!

1260Bleibet haußen, folg’ ihm keiner

Wie im Eisen der Fuchs

Zagt ein alter Höllenluchs.

Aber gebt Acht!

Schwebet hin, schwebet wider,

1265Auf und nieder,

Und er hat sich losgemacht.

Könnt ihr ihm nützen,

Lasst ihn nicht sitzen!

Denn er tat uns allen

1270Schon viel zu Gefallen.

FAUST.

Erst zu begegnen dem Tiere,

Brauch ich den Spruch der Viere:

Salamander soll glühen,

Undene sich winden,

1275Sylphe verschwinden,

Kobold sich mühen.

Wer sie nicht kennte

Die Elemente,

Ihre Kraft

1280Und Eigenschaft,

Wäre kein Meister

Über die Geister.

Verschwind in Flammen

Salamander!

1285Rauschend fließe zusammen

Undene!

Leucht in Meteoren-Schöne

Sylphe!

Bring häusliche Hülfe

1290Incubus! Incubus!

Tritt hervor und mache den Schluss.

Keines der Viere

Steckt in dem Tiere.

Es liegt ganz ruhig und grinst mich an;

1295Ich hab ihm noch nicht weh getan.

Du sollst mich hören

Stärker beschwören.

Bist du Geselle

Ein Flüchtling der Hölle?

1300So sieh dies Zeichen!

Dem sie sich beugen

Die schwarzen Scharen.

Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.

Verworfnes Wesen!

1305Kannst du ihn lesen?

Den nie Entsprossnen,

Unausgesprochnen,

Durch alle Himmel Gegossnen,

Freventlich Durchstochnen?

1310Hinter den Ofen gebannt

Schwillt es wie ein Elefant,

Den ganzen Raum füllt es an,

Es will zum Nebel zerfließen.

Steige nicht zur Decke hinan!

1315Lege dich zu des Meisters Füßen!

Du siehst dass ich nicht vergebens drohe.

Ich versenge dich mit heiliger Lohe!

Erwarte nicht

Das dreimal glühende Licht!

1320Erwarte nicht

Die stärkste von meinen Künsten!

MEPHISTOPHELES tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholasticus, hinter dem Ofen hervor.

MEPHISTOPHELES.

Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?

FAUST.

Das also war des Pudels Kern!

Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen.

MEPHISTOPHELES.

1325Ich salutiere den gelehrten Herrn!

Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.

FAUST.

Wie nennst du dich?

MEPHISTOPHELES.

Die Frage scheint mir klein

Für einen der das Wort so sehr verachtet,

Der, weit entfernt von allem Schein,

1330Nur in der Wesen Tiefe trachtet.

FAUST.

Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen

Gewöhnlich aus dem Namen lesen,

Wo es sich allzu deutlich weist,

Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.

Nun gut wer bist du denn?

MEPHISTOPHELES.

1335 Ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

FAUST.

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

MEPHISTOPHELES.

Ich bin der Geist der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles was entsteht

1340Ist wert dass es zugrunde geht;

Drum besser wär’s dass nichts entstünde.

So ist denn alles was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.

FAUST.

Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?

MEPHISTOPHELES.

1346Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.

Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,

Gewöhnlich für ein Ganzes hält;

Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,

1350Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar,

Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht

Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,

Und doch gelingt’s ihm nicht, da es, so viel es strebt,

Verhaftet an den Körpern klebt.

1355Von Körpern strömt’s, die Körper macht es schön,

Ein Körper hemmt’s auf seinem Gange,

So, hoff ich, dauert es nicht lange

Und mit den Körpern wird’s zugrunde gehn.

FAUST.

Nun kenn ich deine würd’gen Pflichten!

1360Du kannst im Großen nichts vernichten

Und fängst es nun im Kleinen an.

MEPHISTOPHELES.

Und freilich ist nicht viel damit getan.

Was sich dem Nichts entgegenstellt,

Das Etwas, diese plumpe Welt,

1365So viel als ich schon unternommen,

Ich wusste nicht ihr beizukommen,

Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand,

Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!

Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,

1370Dem ist nun gar nichts anzuhaben.

Wie viele hab ich schon begraben!

Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.

So geht es fort, man möchte rasend werden!

Der Luft, dem Wasser, wie der Erden

1375Entwinden tausend Keime sich,

Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!

Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten;

Ich hätte nichts Aparts für mich.

FAUST.

So setzest du der ewig regen,

1380Der heilsam schaffenden Gewalt

Die kalte Teufelsfaust entgegen,

Die sich vergebens tückisch ballt!

Was anders suche zu beginnen

Des Chaos wunderlicher Sohn!

MEPHISTOPHELES.

1385Wir wollen wirklich uns besinnen,

Die nächsten Male mehr davon!

Dürft ich wohl diesmal mich entfernen?

FAUST.

Ich sehe nicht warum du fragst.

Ich habe jetzt dich kennen lernen,

1390Besuche nun mich wie du magst.

Hier ist das Fenster, hier die Türe,

Ein Rauchfang ist dir auch gewiss.

MEPHISTOPHELES.

Gesteh’ ich’s nur! Dass ich hinausspaziere

Verbietet mir ein kleines Hindernis,

1395Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle –

FAUST.

Das Pentagramma macht dir Pein?

Ei sage mir, du Sohn der Hölle,

Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?

Wie ward ein solcher Geist betrogen?

MEPHISTOPHELES.

1400Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen;

Der eine Winkel, der nach außen zu,

Ist, wie du siehst, ein wenig offen.

FAUST.

Das hat der Zufall gut getroffen!

Und mein Gefangner wärst denn du?

1405Das ist von ohngefähr gelungen!

MEPHISTOPHELES.

Der Pudel merkte nichts als er hereingesprungen,

Die Sache sieht jetzt anders aus;

Der Teufel kann nicht aus dem Haus.

FAUST.

Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?

MEPHISTOPHELES.

1410’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:

Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.

Das Erste steht uns frei, beim Zweiten sind wir Knechte.

FAUST.

Die Hölle selbst hat ihre Rechte?

Das find ich gut, da ließe sich ein Pakt,

1415Und sicher wohl, mit euch ihr Herren schließen?

MEPHISTOPHELES.

Was man verspricht, das sollst du rein genießen,

Dir wird davon nichts abgezwackt.

Doch das ist nicht so kurz zu fassen,

Und wir besprechen das zunächst;

1420Doch jetzo bitt ich, hoch und höchst,

Für dieses Mal mich zu entlassen.

FAUST.

So bleibe doch noch einen Augenblick,

Um mir erst gute Mär zu sagen.

MEPHISTOPHELES.

Jetzt lass mich los! ich komme bald zurück;

1425Dann magst du nach Belieben fragen.

FAUST.

Ich habe dir nicht nachgestellt,

Bist du doch selbst ins Garn gegangen.

Den Teufel halte wer ihn hält!

Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen.

MEPHISTOPHELES.

1430Wenn dir’s beliebt, so bin ich auch bereit

Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;

Doch mit Bedingnis, dir die Zeit,

Durch meine Künste, würdig zu vertreiben.

FAUST.

Ich seh es gern, das steht dir frei;

1435Nur dass die Kunst gefällig sei!

MEPHISTOPHELES.

Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen,

In dieser Stunde mehr gewinnen,

Als in des Jahres Einerlei.

Was dir die zarten Geister singen,

1440Die schönen Bilder die sie bringen,

Sind nicht ein leeres Zauberspiel.

Auch dein Geruch wird sich ergetzen,

Dann wirst du deinen Gaumen letzen,

Und dann entzückt sich dein Gefühl.

1445Bereitung braucht es nicht voran,

Beisammen sind wir, fanget an!

GEISTER.

Schwindet, ihr dunkeln

Wölbungen droben!

Reizender schaue

1450Freundlich der blaue

Äther herein!

Wären die dunkeln

Wolken zerronnen!

Sternelein funkeln,

1455Mildere Sonnen

Scheinen darein.

Himmlischer Söhne

Geistige Schöne,

Schwankende Beugung

1460Schwebet vorüber.

Sehnende Neigung

Folget hinüber;

Und der Gewänder

Flatternde Bänder

1465Decken die Länder,

Decken die Laube,

Wo sich fürs Leben,

Tief in Gedanken,

Liebende geben.

1470Laube bei Laube!

Sprossende Ranken!

Lastende Traube

Stürzt ins Behälter

Drängender Kelter,

1475Stürzen in Bächen

Schäumende Weine,

Rieseln durch reine,

Edle Gesteine,

Lassen die Höhen

1480Hinter sich liegen,

Breiten zu Seen

Sich ums Genügen

Grünender Hügel.

Und das Geflügel

1485Schlürfet sich Wonne,

Flieget der Sonne,

Flieget den hellen

Inseln entgegen,

Die sich auf Wellen

1490Gauklend bewegen;

Wo wir in Chören

Jauchzende hören,

Über den Auen

Tanzende schauen,

1495Die sich im Freien

Alle zerstreuen.

Einige klimmen

Über die Höhen,

Andere schwimmen

1500Über die Seen,

Andere schweben;

Alle zum Leben,

Alle zur Ferne

Liebender Sterne

1505Seliger Huld.

MEPHISTOPHELES.

Er schläft! So recht, ihr luft’gen zarten Jungen!

Ihr habt ihn treulich eingesungen!

Für dies Konzert bin ich in eurer Schuld.

Du bist noch nicht der Mann den Teufel festzuhalten!

1510Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten,

Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;

Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten

Bedarf ich eines Rattenzahns.

Nicht lange brauch ich zu beschwören,

1515Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.

Der Herr der Ratten und der Mäuse,

Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,

Befiehlt dir dich hervorzuwagen

Und diese Schwelle zu benagen,

1520So wie er sie mit Öl betupft –

Da kommst du schon hervorgehupft!

Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,

Sie sitzt ganz vornen an der Kante.

Noch einen Biss, so ist’s geschehn. –

1525Nun, Fauste, träume fort, bis wir uns wiedersehn.

FAUST (erwachend).

Bin ich denn abermals betrogen?

Verschwindet so der geisterreiche Drang,

Dass mir ein Traum den Teufel vorgelogen,

Und dass ein Pudel mir entsprang?

Studierzimmer

FAUST. MEPHISTOPHELES.

FAUST.

1530Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?

MEPHISTOPHELES.

Ich bin’s.

FAUST.

Herein!

MEPHISTOPHELES.

Du musst es dreimal sagen.

FAUST.

Herein denn!

MEPHISTOPHELES.

So gefällst du mir.

Wir werden, hoff ich, uns vertragen!

Denn dir die Grillen zu verjagen

1535Bin ich, als edler Junker, hier,

In rotem goldverbrämtem Kleide,

Das Mäntelchen von starrer Seide,

Die Hahnenfeder auf dem Hut,

Mit einem langen, spitzen Degen,

1540Und rate nun dir, kurz und gut,

Dergleichen gleichfalls anzulegen;

Damit du, losgebunden, frei,

Erfahrest was das Leben sei.

FAUST.

In jedem Kleide werd ich wohl die Pein

1545Des engen Erdelebens fühlen.

Ich bin zu alt, um nur zu spielen,

Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

Was kann die Welt mir wohl gewähren?

Entbehren sollst du! sollst entbehren!

1550Das ist der ewige Gesang,

Der jedem an die Ohren klingt,

Den, unser ganzes Leben lang,

Uns heiser jede Stunde singt.

Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,

1555Ich möchte bittre Tränen weinen,

Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf

Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen,

Der selbst die Ahnung jeder Lust

Mit eigensinnigem Krittel mindert,

1560Die Schöpfung meiner regen Brust

Mit tausend Lebensfratzen hindert.

Auch muss ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,

Mich ängstlich auf das Lager strecken;

Auch da wird keine Rast geschenkt,

1565Mich werden wilde Träume schrecken.

Der Gott, der mir im Busen wohnt,

Kann tief mein Innerstes erregen;

Der über allen meinen Kräften thront,

Er kann nach außen nichts bewegen;

1570Und so ist mir das Dasein eine Last,

Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst.

MEPHISTOPHELES.

Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

FAUST.

O selig der, dem er im Siegesglanze

Die blut’gen Lorbeern um die Schläfe windet,

1575Den er, nach rasch durchrastem Tanze,

In eines Mädchens Armen findet.

O wär ich vor des hohen Geistes Kraft

Entzückt, entseelt dahingesunken!

MEPHISTOPHELES.

Und doch hat jemand einen braunen Saft,

1580In jener Nacht, nicht ausgetrunken.

FAUST.

Das Spionieren, scheint’s, ist deine Lust.

MEPHISTOPHELES.

Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.

FAUST.

Wenn aus dem schrecklichen Gewühle

Ein süß bekannter Ton mich zog,

1585Den Rest von kindlichem Gefühle

Mit Anklang froher Zeit betrog;

So fluch ich allem was die Seele

Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,

Und sie in diese Trauerhöhle

1590Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!

Verflucht voraus die hohe Meinung,

Womit der Geist sich selbst umfängt!

Verflucht das Blenden der Erscheinung,

Die sich an unsre Sinne drängt!

1595Verflucht was uns in Träumen heuchelt,

Des Ruhms, der Namensdauer Trug!

Verflucht was als Besitz uns schmeichelt,

Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!

Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen

1600Er uns zu kühnen Taten regt,

Wenn er zu müßigem Ergetzen

Die Polster uns zurechte legt!

Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!

Fluch jener höchsten Liebeshuld!

1605Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,

Und Fluch vor allen der Geduld!

GEISTER-CHOR (unsichtbar).

Weh! weh!

Du hast sie zerstört,

Die schöne Welt,

1610Mit mächtiger Faust;

Sie stürzt, sie zerfällt!

Ein Halbgott hat sie zerschlagen!

Wir tragen

Die Trümmern ins Nichts hinüber,

1615Und klagen

Über die verlorne Schöne.

Mächtiger

Der Erdensöhne,

Prächtiger

1620Baue sie wieder,

In deinem Busen baue sie auf!

Neuen Lebenslauf

Beginne,

Mit hellem Sinne,

1625Und neue Lieder

Tönen darauf!

MEPHISTOPHELES.

Dies sind die Kleinen

Von den Meinen.

Höre, wie zu Lust und Taten

1630Altklug sie raten!

In die Welt weit,

Aus der Einsamkeit,

Wo Sinnen und Säfte stocken,

Wollen sie dich locken.

1635Hör auf mit deinem Gram zu spielen,

Der, wie ein Geier, dir am Leben frisst;

Die schlechteste Gesellschaft lässt dich fühlen,

Dass du ein Mensch mit Menschen bist.

Doch so ist’s nicht gemeint

1640Dich unter das Pack zu stoßen.

Ich bin keiner von den Großen;

Doch willst du, mit mir vereint,

Deine Schritte durchs Leben nehmen,

So will ich mich gern bequemen

1645Dein zu sein, auf der Stelle.

Ich bin dein Geselle

Und, mach ich dir’s recht,

Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!

FAUST.

Und was soll ich dagegen dir erfüllen?

MEPHISTOPHELES.

1650Dazu hast du noch eine lange Frist.

FAUST.

Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist

Und tut nicht leicht um Gottes willen

Was einem andern nützlich ist.

Sprich die Bedingung deutlich aus;

1655Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.

MEPHISTOPHELES.

Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,

Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;

Wenn wir uns drüben wiederfinden,

So sollst du mir das Gleiche tun.

FAUST.

1660Das Drüben kann mich wenig kümmern,

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,

Die andre mag darnach entstehn.

Aus dieser Erde quillen meine Freuden,

Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;

1665Kann ich mich erst von ihnen scheiden,

Dann mag was will und kann geschehn.

Davon will ich nichts weiter hören,

Ob man auch künftig hasst und liebt,

Und ob es auch in jenen Sphären

1670Ein Oben oder Unten gibt.

MEPHISTOPHELES.

In diesem Sinne kannst du’s wagen.

Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,

Mit Freuden meine Künste sehn,

Ich gebe dir was noch kein Mensch gesehn.

FAUST.

1675Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,

Von deinesgleichen je gefasst?

Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast

Du rotes Gold, das ohne Rast,

1680Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,

Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,

Ein Mädchen, das an meiner Brust

Mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet,

Der Ehre schöne Götterlust,

1685Die, wie ein Meteor, verschwindet.

Zeig mir die Frucht die fault, eh man sie bricht,

Und Bäume die sich täglich neu begrünen!

MEPHISTOPHELES.

Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,

Mit solchen Schätzen kann ich dienen.

1690Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran

Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen.

FAUST.

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen;

So sei es gleich um mich getan!

Kannst du mich schmeichelnd je belügen

1695Dass ich mir selbst gefallen mag,

Kannst du mich mit Genuss betriegen;

Das sei für mich der letzte Tag!

Die Wette biet ich!

MEPHISTOPHELES.

Topp!

FAUST.

Und Schlag auf Schlag!

Werd ich zum Augenblicke sagen:

1700Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!

Dann mag die Totenglocke schallen,

Dann bist du deines Dienstes frei,

1705Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,

Es sei die Zeit für mich vorbei!

MEPHISTOPHELES.

Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

FAUST.

Dazu hast du ein volles Recht,

Ich habe mich nicht freventlich vermessen.

1710Wie ich beharre bin ich Knecht,

Ob dein, was frag ich, oder wessen.

MEPHISTOPHELES.

Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus,

Als Diener, meine Pflicht erfüllen.

Nur eins! – Um Lebens oder Sterbens willen,

1715Bitt ich mir ein paar Zeilen aus.

FAUST.

Auch was Geschriebnes forderst du Pedant?

Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?

Ist’s nicht genug, dass mein gesprochnes Wort

Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?

1720Rast nicht die Welt in allen Strömen fort,

Und mich soll ein Versprechen halten?

Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,

Wer mag sich gern davon befreien?

Beglückt wer Treue rein im Busen trägt,

1725Kein Opfer wird ihn je gereuen!

Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,

Ist ein Gespenst vor dem sich Alle scheuen.

Das Wort erstirbt schon in der Feder,

Die Herrschaft führen Wachs und Leder.

1730Was willst du böser Geist von mir?

Erz, Marmor, Pergament, Papier?

Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?

Ich gebe jede Wahl dir frei.

MEPHISTOPHELES.

Wie magst du deine Rednerei

1735Nur gleich so hitzig übertreiben?

Ist doch ein jedes Blättchen gut.

Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

FAUST.

Wenn dies dir völlig G’nüge tut,

So mag es bei der Fratze bleiben.

MEPHISTOPHELES.

1740Blut ist ein ganz besondrer Saft.

FAUST.

Nur keine Furcht, dass ich dies Bündnis breche!

Das Streben meiner ganzen Kraft

Ist grade das was ich verspreche.

Ich habe mich zu hoch gebläht;

1745In deinen Rang gehör ich nur.

Der große Geist hat mich verschmäht,

Vor mir verschließt sich die Natur.

Des Denkens Faden ist zerrissen,

Mir ekelt lange vor allem Wissen.

1750Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit

Uns glühende Leidenschaften stillen!

In undurchdrungnen Zauberhüllen

Sei jedes Wunder gleich bereit!

Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,

1755Ins Rollen der Begebenheit!

Da mag denn Schmerz und Genuss,

Gelingen und Verdruss,

Miteinander wechseln wie es kann;

Nur rastlos betätigt sich der Mann.

MEPHISTOPHELES.

1760Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.

Beliebt’s Euch überall zu naschen,

Im Fliehen etwas zu erhaschen,

Bekomm’ Euch wohl was Euch ergetzt.

Nur greift mir zu und seid nicht blöde!

FAUST.

1765Du hörest ja, von Freud’ ist nicht die Rede.

Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuss,

Verliebtem Hass, erquickendem Verdruss.

Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,

Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,

1770Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,

Will ich in meinem innern Selbst genießen,

Mit meinem Geist das Höchst’ und Tiefste greifen,

Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,

Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,

1775Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.

MEPHISTOPHELES.

O glaube mir, der manche tausend Jahre

An dieser harten Speise kaut,

Dass von der Wiege bis zur Bahre

Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!

1780Glaub unsereinem, dieses Ganze

Ist nur für einen Gott gemacht!

Er findet sich in einem ew’gen Glanze,

Uns hat er in die Finsternis gebracht,

Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

FAUST.

1785Allein ich will!

MEPHISTOPHELES.

Das lässt sich hören!

Doch nur vor Einem ist mir bang;

Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.

Ich dächt, Ihr ließet Euch belehren.

Assoziiert Euch mit einem Poeten.

1790Lasst den Herrn in Gedanken schweifen,

Und alle edlen Qualitäten

Auf Euren Ehren-Scheitel häufen,

Des Löwen Mut,

Des Hirsches Schnelligkeit,

1795Des Italieners feurig Blut,

Des Nordens Dau’rbarkeit.

Lasst ihn Euch das Geheimnis finden,

Großmut und Arglist zu verbinden,

Und Euch, mit warmen Jugendtrieben,

1800Nach einem Plane, zu verlieben.

Möchte selbst solch einen Herren kennen,

Würd ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

FAUST.

Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist

Der Menschheit Krone zu erringen,

1805Nach der sich alle Sinne dringen?

MEPHISTOPHELES.

Du bist am Ende – was du bist.

Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,

Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,

Du bleibst doch immer was du bist.

FAUST.

1810Ich fühl’s, vergebens hab ich alle Schätze

Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,

Und wenn ich mich am Ende niedersetze,

Quillt innerlich doch keine neue Kraft;

Ich bin nicht um ein Haar breit höher,

1815Bin dem Unendlichen nicht näher.

MEPHISTOPHELES.

Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,

Wie man die Sachen eben sieht;

Wir müssen das gescheiter machen,

Eh uns des Lebens Freude flieht.

1820Was Henker! freilich Händ und Füße

Und Kopf und H – – die sind dein;

Doch alles, was ich frisch genieße,

Ist das drum weniger mein?

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

1825Sind ihre Kräfte nicht die meine?

Ich renne zu und bin ein rechter Mann,

Als hätt ich vierundzwanzig Beine.

Drum frisch! Lass alles Sinnen sein,

Und grad mit in die Welt hinein!

1830Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert,

Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide

Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,

Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

FAUST.

Wie fangen wir das an?

MEPHISTOPHELES.

Wir gehen eben fort.

1835Was ist das für ein Marterort?

Was heißt das für ein Leben führen,

Sich und die Jungens ennuyieren?

Lass du das dem Herrn Nachbar Wanst!

Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?

1840Das Beste, was du wissen kannst,

Darfst du den Buben doch nicht sagen.

Gleich hör ich einen auf dem Gange!

FAUST.

Mir ist’s nicht möglich ihn zu sehn.

MEPHISTOPHELES.

Der arme Knabe wartet lange,

1845Der darf nicht ungetröstet gehn.

Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;

Die Maske muss mir köstlich stehn. (Er kleidet sich um.)

Nun überlass es meinem Witze!

Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;

1850Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!

(Faust ab.)

MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide).

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,

Des Menschen allerhöchste Kraft,

Lass nur in Blend- und Zauberwerken

Dich von dem Lügengeist bestärken,

1855So hab ich dich schon unbedingt –

Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,

Der ungebändigt immer vorwärts dringt,

Und dessen übereiltes Streben

Der Erde Freuden überspringt.

1860Den schlepp ich durch das wilde Leben,

Durch flache Unbedeutenheit,

Er soll mir zappeln, starren, kleben,

Und seiner Unersättlichkeit

Soll Speis und Trank vor gier’gen Lippen schweben;

1865Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,

Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,

Er müsste doch zugrunde gehn!

EIN SCHÜLER tritt auf.

SCHÜLER.

Ich bin allhier erst kurze Zeit,

Und komme voll Ergebenheit,

1870Einen Mann zu sprechen und zu kennen,

Den Alle mir mit Ehrfucht nennen.

MEPHISTOPHELES.

Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!

Ihr seht einen Mann wie andre mehr.

Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?

SCHÜLER.

1875Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an!

Ich komme mit allem guten Mut,

Leidlichem Geld und frischem Blut;

Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;

Möchte gern was Rechts hieraußen lernen.

MEPHISTOPHELES.

1880Da seid Ihr eben recht am Ort.

SCHÜLER.

Aufrichtig, möchte schon wieder fort:

In diesen Mauern, diesen Hallen,

Will es mir keineswegs gefallen.

Es ist ein gar beschränkter Raum,

1885Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,

Und in den Sälen, auf den Bänken,

Vergeht mir Hören, Sehn und Denken.

MEPHISTOPHELES.

Das kommt nur auf Gewohnheit an.

So nimmt ein Kind der Mutter Brust

1890Nicht gleich im Anfang willig an,

Doch bald ernährt es sich mit Lust.

So wird’s Euch an der Weisheit Brüsten

Mit jedem Tage mehr gelüsten.

SCHÜLER.

An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;

1895Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

MEPHISTOPHELES.

Erklärt Euch, eh Ihr weiter geht,

Was wählt Ihr für eine Fakultät?

SCHÜLER.

Ich wünschte recht gelehrt zu werden,

Und möchte gern was auf der Erden

1900Und in dem Himmel ist erfassen,

Die Wissenschaft und die Natur.

MEPHISTOPHELES.

Da seid Ihr auf der rechten Spur;

Doch müsst Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.

SCHÜLER.

Ich bin dabei mit Seel und Leib;

1905Doch freilich würde mir behagen

Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib

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