Kitabı oku: «Iphigenie auf Tauris. Textausgabe mit Kommentar und Materialien»

Yazı tipi:

Johann Wolfgang Goethe

Iphigenie auf Tauris

Ein Schauspiel

Reclam XL | Text und Kontext

Reclam

2013, 2017, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-960172-4

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-016113-5

www.reclam.de

Inhalt

  Personen

 Erster AufzugErster AuftrittZweiter AuftrittDritter AuftrittVierter Auftritt

 Zweiter AufzugErster AuftrittZweiter Auftritt

 Dritter AufzugErster AuftrittZweiter AuftrittDritter Auftritt

 Vierter AufzugErster AuftrittZweiter AuftrittDritter AuftrittVierter AuftrittFünfter Auftritt

 Fünfter AufzugErster AuftrittZweiter AuftrittDritter AuftrittVierter AuftrittFünfter AuftrittSechster Auftritt

  Anhang 1. Zur Textgestalt 2. Anmerkungen 3. Leben und Zeit 4. Kunstauffassung der Klassik 5. Iphigenie – vom griechischen zum deutschen Mythos 6. Der Geist der Aufklärung 7. Thoas und das Barbarische 8 Theater in der Kritik – Rolf Michaelis: »Der schöne Mut zur Menschlichkeit« (1977) 9. Literaturhinweise

  Fußnoten

Personen

1 IPHIGENIE

2 THOAS, König der Taurier

3 OREST

4 PYLADES

5 ARKAS

Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel

Erster Aufzug
Erster Auftritt

IPHIGENIE.

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines,

Wie in der Göttin stilles Heiligtum,

Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,

5Als wenn ich sie zum ersten Mal beträte,

Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;

Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.

10Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,

Und an dem Ufer steh ich lange Tage,

Das Land der Griechen mit der Seele suchend;

Und gegen meine Seufzer bringt die Welle

Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

15Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern

Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram

Das nächste Glück vor seinen Lippen weg.

Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken

Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne

20Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo

Sich Mitgeborne spielend fest und fester

Mit sanften Banden aneinander knüpften.

Ich rechte mit den Göttern nicht; allein

Der Frauen Zustand ist beklagenswert.

25Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann

Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.

Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg;

Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.

Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!

30Schon einem rauen Gatten zu gehorchen,

Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar

Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!

So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,

In ernsten, heil’gen Sklavenbanden fest.

35O wie beschämt gesteh ich, dass ich dir

Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,

Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte

Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.

Auch hab ich stets auf dich gehofft und hoffe

40Noch jetzt auf dich Diana, die du mich,

Des größten Königes verstoßne Tochter,

In deinen heil’gen, sanften Arm genommen.

Ja, Tochter Zeus’, wenn du den hohen Mann,

Den du, die Tochter fodernd, ängstigtest;

45Wenn du den göttergleichen Agamemnon,

Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,

Von Trojas umgewandten Mauern rühmlich

Nach seinem Vaterland zurückbegleitet,

Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,

50Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;

So gib auch mich den Meinen endlich wieder,

Und rette mich, die du vom Tod errettet,

Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode.

Zweiter Auftritt

IPHIGENIE. ARKAS.

ARKAS.

Der König sendet mich hieher und beut

55Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.

Dies ist der Tag, da Tauris seiner Göttin

Für wunderbare neue Siege dankt.

Ich eile vor dem König und dem Heer,

Zu melden, dass er kommt und dass es naht.

IPHIGENIE.

60Wir sind bereit, sie würdig zu empfangen,

Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer

Von Thoas’ Hand mit Gnadenblick entgegen.

ARKAS.

O fänd ich auch den Blick der Priesterin,

Der werten, vielgeehrten, deinen Blick

65O heil’ge Jungfrau, heller, leuchtender,

Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt

Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;

Vergebens harren wir schon jahrelang

Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.

70So lang ich dich an dieser Stätte kenne,

Ist dies der Blick, vor dem ich immer schaudre;

Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele

Ins Innerste des Busens dir geschmiedet.

IPHIGENIE.

Wie’s der Vertriebnen, der Verwaisten ziemt.

ARKAS.

75Scheinst du dir hier vertrieben und verwaist?

IPHIGENIE.

Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?

ARKAS.

Und dir ist fremd das Vaterland geworden.

IPHIGENIE.

Das ist’s, warum mein blutend Herz nicht heilt.

In erster Jugend, da sich kaum die Seele

80An Vater, Mutter und Geschwister band;

Die neuen Schösslinge, gesellt und lieblich,

Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts

Zu dringen strebten; leider fasste da

Ein fremder Fluch mich an und trennte mich

85Von den Geliebten, riss das schöne Band

Mit eh’rner Faust entzwei. Sie war dahin,

Der Jugend beste Freude, das Gedeihn

Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war

Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust

90Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.

ARKAS.

Wenn du dich so unglücklich nennen willst;

So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.

IPHIGENIE.

Dank habt ihr stets.

ARKAS.

Doch nicht den reinen Dank,

Um dessentwillen man die Wohltat tut;

95Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben

Und ein geneigtes Herz dem Wirte zeigt.

Als dich ein tief-geheimnisvolles Schicksal

Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,

Kam Thoas, dir als einer Gottgegebnen

100Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen.

Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,

Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,

Weil niemand unser Reich vor dir betrat,

Der an Dianens heil’gen Stufen nicht

105Nach altem Brauch, ein blut’ges Opfer, fiel.

IPHIGENIE.

Frei atmen macht das Leben nicht allein.

Welch Leben ist’s, das an der heil’gen Stätte,

Gleich einem SchattenLethes, selbstvergessend,

Die Trauerschar der Abgeschiednen feiert?

115Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;

Dies Frauenschicksal ist vor allen meins.

ARKAS.

Den edeln Stolz, dass du dir selbst nicht g’nügest,

Verzeih ich dir, so sehr ich dich bedaure:

Er raubet den Genuss des Lebens dir.

120Du hast hier nichts getan seit deiner Ankunft?

Wer hat des Königs trüben Sinn erheitert?

Wer hat den alten grausamen Gebrauch,

Dass am Altar Dianens jeder Fremde

Sein Leben blutend lässt, von Jahr zu Jahr

125Mit sanfter Überredung aufgehalten,

Und die Gefangnen vom gewissen Tod

Ins Vaterland so oft zurückgeschickt?

Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein

Dass sie der blut’gen alten Opfer mangelt,

130Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?

Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg

Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?

Und fühlt nicht jeglicher ein besser Los,

Seitdem der König, der uns weis und tapfer

135So lang geführet, nun sich auch der Milde

In deiner Gegenwart erfreut und uns

Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert.

Das nennst du unnütz? wenn von deinem Wesen

Auf Tausende herab ein Balsamseine Taten wägt.

ARKAS.

Auch den, der wahren Wert zu stolz nicht achtet,

Wie den, der falschen Wert zu eitel hebt.

150Glaub mir und hör auf eines Mannes Wort,

Der treu und redlich dir ergeben ist:

Wenn heut der König mit dir redet, so

Erleichtr’ ihm, was er dir zu sagen denkt.

IPHIGENIE.

Du ängstest mich mit jedem guten Worte;

155Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.

ARKAS.

Bedenke was du tust und was dir nützt.

Seitdem der König seinen Sohn verloren,

Vertraut er wenigen der Seinen mehr,

Und diesen Wenigen nicht mehr wie sonst.

160Missgünstig sieht er jedes Edeln Sohn

Als seines Reiches Folger an; er fürchtet

Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht

Verwegnen Aufstand und frühzeit’gen Tod.

Der Skytheverwahrst.

IPHIGENIE.

Nährt er Verdruss und Unmut gegen mich?

ARKAS.

So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;

185Doch haben hingeworfne Worte mich

Belehrt, dass seine Seele fest den Wunsch

Ergriffen hat, dich zu besitzen. Lass,

O überlass ihn nicht sich selbst! damit

In seinem Busen nicht der Unmut reife

190Und dir Entsetzen bringe, du zu spät

An meinen treuen Rat mit Reue denkest.

IPHIGENIE.

Wie? sinnt der König, was kein edler Mann,

Der seinen Namen liebt und dem Verehrung

Der Himmlischen den Busen bändiget,

195Je denken sollte? Sinnt er vom Altar

Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?

So ruf ich alle Götter und vor allen

Dianen die entschlossne Göttin an,

Die ihren Schutz der Priesterin gewiss,

200Und Jungfrau einer Jungfrau, gern gewährt.

ARKAS.

Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut

Treibt nicht den König, solche Jünglingstat

Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,

Befürcht ich andern harten Schluss von ihm,

205Den unaufhaltbar er vollenden wird:

Denn seine Seel ist fest und unbeweglich.

Drum bitt ich dich, vertrau ihm; sei ihm dankbar,

Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.

IPHIGENIE.

O sage was dir weiter noch bekannt ist.

ARKAS.

210Erfahr’s von ihm. Ich seh den König kommen;

Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,

Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.

Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort

Der Frauen weit geführt.

IPHIGENIE (allein).

Zwar seh ich nicht,

215Wie ich dem Rat des Treuen folgen soll.

Doch folg ich gern der Pflicht, dem Könige

Für seine Wohltat gutes Wort zu geben,

Und wünsche mir, dass ich dem Mächtigen,

Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.

Dritter Auftritt

IPHIGENIE. THOAS.

IPHIGENIE.

220Mit königlichen Gütern segne dich

Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm

Und Reichtum und das Wohl der Deinigen

Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!

Dass, der du über viele sorgend herrschest,

225Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.

THOAS.

Zufrieden wär ich, wenn mein Volk mich rühmte:

Was ich erwarb, genießen andre mehr

Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei

Ein König oder ein Geringer, dem

230In seinem Hause Wohl bereitet ist.

Du nahmest Teil an meinen tiefen Schmerzen,

Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,

Den letzten, besten, von der Seite riss.

So lang die Rache meinen Geist besaß,

235Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;

Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,

Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,

Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.

Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst

240Aus einem jeden Auge blicken sah,

Ist nun von Sorg und Unmut still gedämpft.

Ein jeder sinnt was künftig werden wird,

Und folgt dem Kinderlosen, weil er muss.

Nun komm ich heut in diesen Tempel, den

245Ich oft betrat um Sieg zu bitten und

Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch

Trag ich im Busen, der auch dir nicht fremd,

Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich

Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,

250Als Braut in meine Wohnung einzuführen.

IPHIGENIE.

Der Unbekannten bietest du zu viel,

O König, an. Es steht die Flüchtige

Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer

Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

THOAS.

255Dass du in das Geheimnis deiner Abkunft

Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,

Wär unter keinem Volke recht und gut.

Dies Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz

Gebietet’s und die Not. Allein von dir,

260Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl

Von uns empfangner Gast nach eignem Sinn

Und Willen ihres Tages sich erfreut,

Von dir hofft ich Vertrauen, das der Wirt

Für seine Treue wohl erwarten darf.

IPHIGENIE.

265Verbarg ich meiner Eltern Namen und

Mein Haus, o König, war’s Verlegenheit,

Nicht Misstraun. Denn vielleicht, ach wüsstest du,

Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt

Du nährst und schützest; ein Entsetzen fasste

270Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,

Und statt die Seite deines Thrones mir

Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit

Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,

Eh zu den Meinen frohe Rückkehr mir

275Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,

Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,

Von seinem Haus Vertriebnen überall

Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.

THOAS.

Was auch der Rat der Götter mit dir sei,

280Und was sie deinem Haus und dir gedenken;

So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst

Und eines frommen Gastes Recht genießest,

An Segen nicht, der mir von oben kommt.

Ich möchte schwer zu überreden sein,

285Dass ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.

IPHIGENIE.

Dir bringt die Wohltat Segen, nicht der Gast.

THOAS.

Was man Verruchten tut, wird nicht gesegnet.

Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;

Es fordert dies kein ungerechter Mann.

290Die Göttin übergab dich meinen Händen;

Wie du ihr heilig warst, so warst du’s mir.

Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:

Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,

So sprech ich dich von aller Fordrung los.

295Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,

Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch

Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,

So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.

Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.

IPHIGENIE.

300Vom alten Bande löset ungern sich

Die Zunge los, ein langverschwiegenes

Geheimnis endlich zu entdecken. Denn

Einmal vertraut, verlässt es ohne Rückkehr

Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,

305Wie es die Götter wollen, oder nützt.

Vernimm! Ich bin aus Tantalus’ Geschlecht.

THOAS.

Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.

Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt

Als einen ehmals Hochbegnadigten

310Der Götter kennt? Ist’s jener Tantalus,

Den Jupiter zu Rat und Tafel zog,

An dessen alterfahrnen, vielen Sinn

Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,

Wie an Orakelsprüchen sich ergetzten?

IPHIGENIE.

315Er ist es; aber Götter sollten nicht

Mit Menschen, wie mit ihresgleichen, wandeln;

Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach

In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.

Unedel war er nicht und kein Verräter;

320Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen

Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war

Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht

War streng, und Dichter singen: Übermut

Und Untreu stürzten ihn von Jovis Tisch

325Zur Schmach des alten Tartarus hinab.

Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Hass!

THOAS.

Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

IPHIGENIE.

Zwar die gewalt’ge Brust und der Titanen

Kraftvolles Mark war seiner Söhn und Enkel

330Gewisses Erbteil; doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld

Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;

Zur Wut ward ihnen jegliche Begier,

335Und grenzenlos drang ihre Wut umher.

Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,

Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb

Sich durch Verrat und Mord das schönste Weib,

Des Önomaus Tochter, Hippodamien.

340Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,

Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie

Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn

Aus einem andern Bette wachsend an.

Der Hass verbindet sie, und heimlich wagt

345Das Paar im Brudermord die erste Tat.

Der Vater wähnet Hippodamien

Die Mörderin, und grimmig fordert er

Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt

Sich selbst –

THOAS.

Du schweigest? Fahre fort zu reden!

350Lass dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

IPHIGENIE.

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,

Der froh von ihren Taten, ihrer Größe,

Den Hörer unterhält und still sich freuend

Ans Ende dieser schönen Reihe sich

355Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich

Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;

Erst eine Reihe Böser oder Guter

Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude

Der Welt hervor. – Nach ihres Vaters Tode

360Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,

Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht

Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest

Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus

Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon

365Thyest, auf schwere Taten sinnend, lange

Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich

Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.

Dem füllet er die Brust mit Wut und Rache

Und sendet ihn zur Königsstadt, dass er

370Im Oheim seinen eignen Vater morde.

Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt; der König

Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend

Er töte seines Bruders Sohn. Zu spät

Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen

375Gemartert stirbt; und die Begier der Rache

Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still

Auf unerhörte Tat. Er scheint gelassen,

Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder

Mit seinen beiden Söhnen in das Reich

380Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie

Und setzt die ekle schaudervolle Speise

Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.

Und da Thyest an seinem Fleische sich

Gesättigt, eine Wehmut ihn ergreift,

385Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme

Der Knaben an des Saales Türe schon

Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend

Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.

Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:

390So wendete die Sonn ihr Antlitz weg

Und ihren Wagen aus dem ew’gen Gleise.

Dies sind die Ahnherrn deiner Priesterin;

Und viel unseliges Geschick der Männer,

Viel Taten des verworrnen Sinnes deckt

395Die Nacht mit schweren Fittigen und lässt

Uns nur in grauenvolle Dämmrung sehn.

THOAS.

Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug

Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder

Von diesem wilden Stamme Du entsprangst.

IPHIGENIE.

400Des Atreus ältster Sohn war Agamemnon;

Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,

In ihm hab ich seit meiner ersten Zeit

Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.

Ihm brachte Klytemnestra mich, den Erstling

405Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte

Der König, und es war dem Hause Tantals

Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein

Es mangelte dem Glück der Eltern noch

Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,

410Dass zwischen beiden Schwestern nun Orest

Der Liebling wuchs; als neues Übel schon

Dem sichern Hause zubereitet war.

Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,

Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,

415Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands

Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie

Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel

Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte

Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie

420Auf günst’gen Wind vergebens: denn Diane,

Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt

Die Eilenden zurück und forderte

Durch Kalchas’ Mund des Königs ältste Tochter.

Sie lockten mit der Mutter mich ins Lager;

425Sie rissen mich vor den Altar und weihten

Der Göttin dieses Haupt. – Sie war versöhnt;

Sie wollte nicht mein Blut, und hüllte rettend

In eine Wolke mich; in diesem Tempel

Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.

430Ich bin es selbst, bin Iphigenie,

Des Atreus Enkel, Agamemnons Tochter,

Der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

THOAS.

Mehr Vorzug und Vertrauen geb ich nicht

Der Königstochter als der Unbekannten.

435Ich wiederhole meinen ersten Antrag:

Komm, folge mir und teile was ich habe.

IPHIGENIE.

Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?

Hat nicht die Göttin, die mich rettete,

Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?

440Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,

Und sie bewahrt mich einem Vater, den

Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht

Zur schönsten Freude seines Alters hier.

Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;

445Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte

Mich wider ihren Willen hier gefesselt?

Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

THOAS.

Das Zeichen ist, dass du noch hier verweilst.

Such Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.

450Man spricht vergebens viel, um zu versagen;

Der andre hört von allem nur das Nein.

IPHIGENIE.

Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;

Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.

Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,

455Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen

Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muss?

Dass in den alten Hallen, wo die Trauer

Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,

Die Freude, wie um eine Neugeborne,

460Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.

O sendetest du mich auf Schiffen hin!

Du gäbest mir und allen neues Leben.

THOAS.

So kehr zurück! Tu was dein Herz dich heißt;

Und höre nicht die Stimme guten Rats

465Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib

Dich hin dem Triebe, der dich zügellos

Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,

Hält vom Verräter sie kein heilig Band,

470Der sie dem Vater oder dem Gemahl

Aus langbewährten, treuen Armen lockt;

Und schweigt in ihrer Brust die rasche Glut,

So dringt auf sie vergebens treu und mächtig

Der Überredung goldne Zunge los.

IPHIGENIE.

475Gedenk, o König, deines edeln Wortes!

Willst du mein Zutraun so erwidern? Du

Schienst vorbereitet, alles zu vernehmen.

THOAS.

Aufs Ungehoffte war ich nicht bereitet;

Doch sollt ich’s auch erwarten: wusst ich nicht,

480Dass ich mit einem Weibe handeln ging?

IPHIGENIE.

Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.

Nicht herrlich wie die euern, aber nicht

Unedel sind die Waffen eines Weibes.

Glaub es, darin bin ich dir vorzuziehn,

485Dass ich dein Glück mehr als du selber kenne.

Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,

Ein näher Band werd uns zum Glück vereinen.

Voll guten Mutes, wie voll guten Willens,

Dringst du in mich, dass ich mich fügen soll;

490Und hier dank ich den Göttern, dass sie mir

Die Festigkeit gegeben, dieses Bündnis

Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

THOAS.

Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

IPHIGENIE.

Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

THOAS.

495Und hab Ich, sie zu hören, nicht das Recht?

IPHIGENIE.

Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.

THOAS.

Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

IPHIGENIE.

Vor allen andern merke sie der Fürst.

THOAS.

Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht

500An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,

Als einen erdgebornen Wilden.

IPHIGENIE.

So

Büß ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

THOAS.

Ich bin ein Mensch; und besser ist’s wir enden.

So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin

505Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;

Doch mir verzeih’ Diane, dass ich ihr

Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf

Die alten Opfer vorenthalten habe.

Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;

510Von Alters her ist ihm der Tod gewiss.

Nur Du hast mich mit einer Freundlichkeit,

In der ich bald der zarten Tochter Liebe,

Bald stille Neigung einer Braut zu sehn

Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden

515Gefesselt, dass ich meiner Pflicht vergaß.

Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,

Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;

Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes

Frühzeit’gem Tode lauter über mich.

520Um deinetwillen halt ich länger nicht

Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

IPHIGENIE.

Um meinetwillen hab ich’s nie begehrt.

Der missversteht die Himmlischen, der sie

Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur

525Die eignen grausamen Begierden an.

Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?

Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.

THOAS.

Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen

Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft

530Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.

Tu deine Pflicht, ich werde meine tun.

Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen

Versteckt gefunden, und die meinem Lande

Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.

535Mit diesen nehme deine Göttin wieder

Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!

Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.

Vierter Auftritt

IPHIGENIE (allein).

Du hast Wolken, gnädige Retterin,

Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,

540Und auf Winden dem eh’rnen Geschick sie

Aus den Armen, über das Meer,

Über der Erde weiteste Strecken

Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.

Weise bist du und siehest das Künftige;

545Nicht vorüber ist dir das Vergangne,

Und dein Blick ruht über den Deinen

Wie dein Licht, das Leben der Nächte,

Über der Erde ruhet und waltet.

O enthalte vom Blut meine Hände!

550Nimmer bringt es Segen und Ruhe;

Und die Gestalt des zufällig Ermordeten

Wird auf des traurig-unwilligen Mörders

Böse Stunden lauern – und schrecken.

Denn die Unsterblichen lieben der Menschen

555Weit verbreitete gute Geschlechter,

Und sie fristen das flüchtige Leben

Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne

Ihres eigenen, ewigen Himmels

Mitgenießendes fröhliches Anschaun

560Eine Weile gönnen und lassen.

Zweiter Aufzug
Erster Auftritt

OREST. PYLADES.

OREST.

Es ist der Weg des Todes, den wir treten:

Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.

Als ich Apollen bat, das grässliche

Geleit der Rachegeister von der Seite

565Mir abzunehmen, schien er Hülf und Rettung

Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,

Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen

Gewissen Götterworten zu versprechen;

Und nun erfüllet sich’s, dass alle Not

570Mit meinem Leben völlig enden soll.

Wie leicht wird’s mir, dem eine Götterhand

Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt,

Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen.

Und sollen Atreus’ Enkel in der Schlacht

575Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen;

Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater

Als Opfertier im Jammertode bluten:

So sei es! Besser hier vor dem Altar,

Als im verworfnen Winkel, wo die Netze

580Der nahverwandte Meuchelmörder stellt.

Lasst mir so lange Ruh, ihr Unterird’schen,

Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten

Hernieder träufend meinen Pfad bezeichnet,

Wie losgelassne Hunde spürend hetzt.

585Lasst mich, ich komme bald zu euch hinab;

Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.

Der Erde schöner grüner Teppich soll

Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten

Such ich euch auf: dort bindet alle dann

590Ein gleich Geschick in ew’ge matte Nacht.

Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld

Und meines Banns unschuldigen Genossen,

Wie ungern nehm ich dich in jenes Trauerland

Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod

595Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.

PYLADES.

Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,

In jenes Schattenreich hinabzugehn.

Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,

Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,

600Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.

Ich denke nicht den Tod; ich sinn und horche,

Ob nicht zu irgendeiner frohen Flucht

Die Götter Rat und Wege zubereiten.

Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet,

605Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin

Schon unsre Locken weihend abzuschneiden

Die Hand erhebt, soll dein’ und meine Rettung

Mein einziger Gedanke sein. Erhebe

Von diesem Unmut deine Seele; zweifelnd

610Beschleunigest du die Gefahr. Apoll

Gab uns das Wort: im Heiligtum der Schwester

Sei Trost und Hülf und Rückkehr dir bereitet.

Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig,

Wie der Gedrückte sie im Unmut wähnt.

OREST.

615Des Lebens dunkle Decke breitete

Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,

Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild

Des Vaters, und es war mein stummer Blick

Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.

620Wie oft, wenn still Elektra meine Schwester

Am Feuer in der tiefen Halle saß,

Drängt ich beklommen mich an ihren Schoß,

Und starrte, wie sie bitter weinte, sie

Mit großen Augen an. Dann sagte sie

625Von unserm hohen Vater viel: wie sehr

Verlangt ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!

Mich wünscht ich bald nach Troja, ihn bald her.

Es kam der Tag –

PYLADES.

O lass von jener Stunde

Sich Höllengeister nächtlich unterhalten!

630Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit

Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.

Die Götter brauchen manchen guten Mann

Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.

Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben

635Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,

Da er unwillig nach dem Orkus ging.

OREST.

O wär ich, seinen Saum ergreifend, ihm

Gefolgt.

PYLADES.

So haben die, die dich erhielten,

Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre,

640Wenn Du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;

Da ich mit dir und deinetwillen nur

Seit meiner Kindheit leb und leben mag.

OREST.

Erinnre mich nicht jener schönen Tage,

Da mir dein Haus die freie Stätte gab,

645Dein edler Vater klug und liebevoll

Die halb erstarrte junge Blüte pflegte;

Da du ein immer munterer Geselle,

Gleich einem leichten bunten Schmetterling

Um eine dunkle Blume, jeden Tag

650Um mich mit neuem Leben gaukeltest,

Mir deine Lust in meine Seele spieltest,

Dass ich, vergessend meiner Not, mit dir

In rascher Jugend hingerissen schwärmte.

PYLADES.

Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.

OREST.

655Sag: meine Not begann, und du sprichst wahr.

Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal,

Dass ich, wie ein verpesteter Vertriebner,

Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;

Dass, wo ich den gesundsten Ort betrete,

660Gar bald um mich die blühenden Gesichter

Den Schmerzenszug langsamen Tods verraten.

PYLADES.

Der nächste wär ich diesen Tod zu sterben,

Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete.

Bin ich nicht immer noch voll Mut und Lust?

665Und Lust und Liebe sind die Fittige

Zu großen Taten.

OREST.

Große Taten? Ja,

Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn!

Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach

Durch Berg’ und Täler rannten, und dereinst

670An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich

Mit Keul und Schwert dem Ungeheuer so,

Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften;

Und dann wir Abends an der weiten See

Uns aneinander lehnend ruhig saßen,

675Die Wellen bis zu unsern Füßen spielten,

Die Welt so weit, so offen vor uns lag;

Da fuhr wohl einer manchmal nach dem Schwert,

Und künft’ge Taten drangen wie die Sterne

Rings um uns her unzählig aus der Nacht.

PYLADES.

680Unendlich ist das Werk, das zu vollführen

Die Seele dringt. Wir möchten jede Tat

So groß gleich tun als wie sie wächst und wird,

Wenn jahrelang durch Länder und Geschlechter

Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.

685Es klingt so schön was unsre Väter taten,

Wenn es in stillen Abendschatten ruhend

Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft;

Und was wir tun ist, wie es ihnen war,

Voll Müh und eitel Stückwerk!

690So laufen wir nach dem was vor uns flieht,

Und achten nicht des Weges den wir treten,

Und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte

Und ihres Erdelebens Spuren kaum.

Wir eilen immer ihrem Schatten nach,

695Der göttergleich in einer weiten Ferne

Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt.

Ich halte nichts von dem, der von sich denkt

Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte.

Allein, o Jüngling, danke du den Göttern,

700Dass sie so früh durch dich so viel getan.

OREST.

Wenn sie dem Menschen frohe Tat bescheren,

Dass er ein Unheil von den Seinen wendet,

Dass er sein Reich vermehrt, die Grenzen sichert,

Und alte Feinde fallen oder fliehn;

705Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott

Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt.

Mich haben sie zum Schlächter auserkoren,

Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter,

Und eine Schandtat schändlich rächend, mich

710Durch ihren Wink zu Grund gerichtet. Glaube,

Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,

Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll

Nicht ehrenvoll vergehn.

PYLADES.

Die Götter rächen

Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;

715Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt

Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.

Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.

OREST.

Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher.

PYLADES.

Doch wenigstens der hohen Götter Wille.

OREST.

720So ist’s ihr Wille denn, der uns verderbt.

PYLADES.

Tu was sie dir gebieten und erwarte.

Bringst du die Schwester zu Apollen hin,

Und wohnen beide dann vereint zu Delphis,

Verehrt von einem Volk das edel denkt;

725So wird für diese Tat das hohe Paar

Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand

Der Unterird’schen dich erretten. Schon

In diesen heil’gen Hain wagt keine sich.

OREST.

So hab ich wenigstens geruh’gen Tod.

PYLADES.

730Ganz anders denk ich, und nicht ungeschickt

Hab ich das schon Geschehne mit dem Künft’gen

Verbunden und im Stillen ausgelegt.

Vielleicht reift in der Götter Rat schon lange

Das große Werk. Diane sehnet sich

735Von diesem rauen Ufer der Barbaren

Und ihren blut’gen Menschenopfern weg.

Wir waren zu der schönen Tat bestimmt,

Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind

Wir an der Pforte schon gezwungen hier.

OREST.

740Mit seltner Kunst flichst du der Götter Rat

Und deine Wünsche klug in eins zusammen.

PYLADES.

Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht

Auf Jener Willen droben achtend lauscht?

Zu einer schweren Tat beruft ein Gott

745Den edlen Mann, der viel verbrach, und legt

Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden.

Es siegt der Held, und büßend dienet er

Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt.

OREST.

Bin ich bestimmt, zu leben und zu handeln;

750So nehm’ ein Gott von meiner schweren Stirn

Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen,

Mit Mutterblut besprengten Pfade fort

Mich zu den Toten reißt. Er trockne gnädig

Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden

755Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.

PYLADES.

Erwart es ruhiger! Du mehrst das Übel

Und nimmst das Amt der Furien auf dich.

Lass mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,

Bedarf’s zur Tat vereinter Kräfte, dann

760Ruf ich dich auf, und beide schreiten wir

Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung.

OREST.

Ich hör Ulyssen reden.

PYLADES.

Spotte nicht.

Ein jeglicher muss seinen Helden wählen,

Dem er die Wege zum Olymp hinauf

765Sich nacharbeitet. Lass es mich gestehn:

Mir scheinet List und Klugheit nicht den Mann

Zu schänden, der sich kühnen Taten weiht.

OREST.

Ich schätze den, der tapfer ist und grad.

PYLADES.

Drum hab ich keinen Rat von dir verlangt.

770Schon ist ein Schritt getan. Von unsern Wächtern

Hab ich bisher gar vieles ausgelockt.

Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib

Hält jenes blutige Gesetz gefesselt;

Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet

775Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch

Die Gütige; man glaubet, sie entspringe

Vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,

Um einem großen Unheil zu entgehn.

OREST.

Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft

780Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch

Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.

Die fromme Blutgier löst den alten Brauch

Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.

Der wilde Sinn des Königs tötet uns;

785Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt.

PYLADES.

Wohl uns, dass es ein Weib ist! denn ein Mann,

Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist

An Grausamkeit, und macht sich auch zuletzt

Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,

790Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.

Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn,

Den sie gefasst. Du rechnest sicherer

Auf sie im Guten wie im Bösen. – Still!

Sie kommt; lass uns allein. Ich darf nicht gleich

795Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal

Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst,

Und eh sie mit dir spricht treff ich dich noch.

Zweiter Auftritt

IPHIGENIE. PYLADES.

IPHIGENIE.

Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!

Mir scheint es, dass ich eher einem Griechen

800Als einem Skythen dich vergleichen soll.

(Sie nimmt ihm die Ketten ab.)

Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe;

Die Götter wenden ab was euch bedroht!

PYLADES.

O süße Stimme! Vielwillkommner Ton

Der Muttersprach in einem fremden Lande!

805Des väterlichen Hafens blaue Berge

Seh ich Gefangner neu willkommen wieder

Vor meinen Augen. Lass dir diese Freude

Versichern, dass auch ich ein Grieche bin!

Vergessen hab ich einen Augenblick,

810Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist

Der herrlichen Erscheinung zugewendet.

O sage, wenn dir ein Verhängnis nicht

Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme

Du deine göttergleiche Herkunft zählst.

IPHIGENIE.

815Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst

Gewählet und geheiligt, spricht mit dir.

Das lass dir g’nügen; sage, wer du seist

Und welch unselig-waltendes Geschick

Mit dem Gefährten dich hierher gebracht.

PYLADES.

820Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel

Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.

O könntest du der Hoffnung frohen Blick

Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren!

Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts:

825Ich bin der jüngste, Cephalus genannt,

Und er Laodamas, der älteste

Des Hauses. Zwischen uns stand rau und wild

Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel

Der ersten Jugend Einigkeit und Lust.

830Gelassen folgten wir der Mutter Worten,

So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;

Doch als er beutereich zurücke kam

Und kurz darauf verschied, da trennte bald

Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.

835Ich neigte mich zum Ältsten. Er erschlug

Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt

Die Furie gewaltig ihn umher.

Doch diesem wilden Ufer sendet uns

Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.

840Im Tempel seiner Schwester hieß er uns

Der Hülfe segensvolle Hand erwarten.

Gefangen sind wir und hierher gebracht,

Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt’s.

IPHIGENIE.

Fiel Troja? Teurer Mann, versichr’ es mir.

PYLADES.

845Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!

Beschleunige die Hülfe, die ein Gott

Versprach. Erbarme meines Bruders dich.

O sag ihm bald ein gutes holdes Wort;

Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,

850Das bitt ich eifrig: denn es wird gar leicht

Durch Freud und Schmerz und durch Erinnerung

Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet.

Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an,

Und seine schöne freie Seele wird

855Den Furien zum Raube hingegeben.

IPHIGENIE.

So groß dein Unglück ist, beschwör ich dich,

Vergiss es, bis du mir genug getan.

PYLADES.

Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre

Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,

860Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.

Doch manche Gräber unsrer Besten heißen

Uns an das Ufer der BarbarenMycenens Hallen

Mit immer wiederholten Seufzern füllt,

880Dir ein Geheimnis? – Klytemnestra hat

Mit Hülf Ägisthensberückt,

Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet! –

Ja du verehrest dieses Königs Haus!

Ich seh es, deine Brust bekämpft vergebens

885Das unerwartet ungeheure Wort.

Bist du die Tochter eines Freundes? bist

Du nachbarlich in dieser Stadt geboren?

Verbirg es nicht und rechne mir’s nicht zu,

Dass ich der erste diese Gräuel melde.

IPHIGENIE.

890Sag an, wie ward die schwere Tat vollbracht?

PYLADES.

Am Tage seiner Ankunft, da der König

Vom Bad erquickt und ruhig sein Gewand

Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,

Warf die Verderbliche ein faltenreich

895Und künstlich sich verwirrendes Gewebe

Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;

Und da er wie von einem Netze sich

Vergebens zu entwickeln strebte, schlug

Ägisth ihn, der Verräter, und verhüllt

900Ging zu den Toten dieser große Fürst.

IPHIGENIE.

Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?

PYLADES.

Ein Reich und Bette, das er schon besaß.

IPHIGENIE.

So trieb zur Schandtat eine böse Lust?

PYLADES.

Und einer alten Rache tief Gefühl.

IPHIGENIE.

905Und wie beleidigte der König sie?

PYLADES.

Mit schwerer Tat, die, wenn Entschuldigung

Des Mordes wäre, sie entschuldigte.

Nach Aulis lockt’ er sie und brachte dort,

Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt

910Mit ungestümen Winden widersetzte,

Die ältste Tochter Iphigenien

Vor den Altar Dianens, und sie fiel

Ein blutig Opfer für der Griechen Heil.

Dies, sagt man, hat ihr einen Widerwillen

915So tief ins Herz geprägt, dass sie dem Werben

Ägisthens sich ergab und den Gemahl

Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.

IPHIGENIE (sich verhüllend).

Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.

PYLADES (allein).

Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint

920Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei,

So hat sie selbst den König wohl gekannt

Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause

Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,

Und lass dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,

925Mit frohem Mut uns klug entgegensteuern.

Dritter Aufzug
Erster Auftritt

IPHIGENIE. OREST.

IPHIGENIE.

Unglücklicher, ich löse deine Bande

Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.

Die Freiheit, die das Heiligtum gewährt,

Ist wie der letzte, lichte Lebensblick

930Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch

Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,

Dass Ihr verloren seid! Wie könnt ich Euch

Mit mörderischer Hand dem Tode weihen?

Und niemand, wer es sei, darf Euer Haupt,

935So lang ich Priesterin Dianens bin,

Berühren. Doch verweigr’ ich jene Pflicht,

Wie sie der aufgebrachte König fordert;

So wählt er eine meiner Jungfraun mir

Zur Folgerin, und ich vermag alsdann

940Mit heißem Wunsch allein Euch beizustehn.

O werter Landsmann! Selbst der letzte Knecht,

Der an den Herd der Vatergötter streifte,

Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen;

Wie soll ich Euch genug mit Freud und Segen

945Empfangen, die Ihr mir das Bild der Helden,

Die ich von Eltern her verehren lernte,

Entgegenbringet und das innre Herz

Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet!

OREST.

Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft

950Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,

Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?

IPHIGENIE.

Du sollst mich kennen. Jetzo sag mir an,

Was ich nur halb von deinem Bruder hörte,

Das Ende derer, die von Troja kehrend

955Ein hartes unerwartetes Geschick

Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.

Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt;

Doch wohl erinnr’ ich mich des scheuen Blicks,

Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit

960Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,

Als hätte der Olymp sich aufgetan

Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt

Zum Schrecken Ilions herabgesendet,

Und Agamemnon war vor allen herrlich!

965O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,

Durch seiner Frauen und Ägisthus’ Tücke?

OREST.

Du sagst’s!

IPHIGENIE.

Weh dir, unseliges Mycen!

So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch

Mit vollen wilden Händen ausgesät!

970Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd

Und tausendfält’gen Samen um sich streuend,

Den Kindeskindern nahverwandte Mörder

Zur ew’gen Wechselwut erzeugt! – Enthülle,

Was von der Rede deines Bruders schnell

975Die Finsternis des Schreckens mir verdeckte.

Wie ist des großen Stammes letzter Sohn,

Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer

Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage

Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick

980Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?

Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?

OREST.

Sie leben.

IPHIGENIE.

Goldne Sonne, leihe mir

Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank

Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.

OREST.

985Bist du gastfreundlich diesem Königshause,

Bist du mit nähern Banden ihm verbunden,

Wie deine schöne Freude mir verrät:

So bändige dein Herz und halt es fest!

Denn unerträglich muss dem Fröhlichen

990Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein.

Du weißt nur, merk ich, Agamemnons Tod.

IPHIGENIE.

Hab ich an dieser Nachricht nicht genug?

OREST.

Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren.

IPHIGENIE.

Was fürcht ich noch? Orest, Elektra leben.

OREST.

995Und fürchtest du für Klytemnestren nichts?

IPHIGENIE.

Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.

OREST.

Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.

IPHIGENIE.

Vergoss sie reuig wütend selbst ihr Blut?

OREST.

Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.

IPHIGENIE.

1000Sprich deutlicher, dass ich nicht länger sinne.

Die Ungewissheit schlägt mir tausendfältig

Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.

OREST.

So haben mich die Götter ausersehn

Zum Boten einer Tat, die ich so gern

1005Ins klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht

Verbergen möchte? Wider meinen Willen

Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf

Auch etwas Schmerzlichs fodern und erhält’s.

Am Tage da der Vater fiel, verbarg

1010Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,

Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf,

Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,

Der, Pylades genannt, die schönsten Bande

Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte.

1015Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele

Die brennende Begier des Königs Tod

Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet,

Erreichen sie Mycen, als brächten sie

Die Trauernachricht von Orestens Tode

1020Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie

Die Königin, sie treten in das Haus.

Elektren gibt Orest sich zu erkennen;

Sie bläst der Rache Feuer in ihm auf,

Das vor der Mutter heil’ger Gegenwart

1025In sich zurückgebrannt war. Stille führt

Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,

Wo eine alte leichte Spur des frech-

Vergossnen Blutes oftgewaschnen Boden

Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte.

1030Mit ihrer Feuerzunge schilderte

Sie jeden Umstand der verruchten Tat,

Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,

Den Übermut der glücklichen Verräter,

Und die Gefahren, die nun der Geschwister

1035Von einer stiefgewordnen Mutter warteten;

Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,

Der schon in Tantals Hause grimmig wütete,

Und Klytemnestra fiel durch Sohnes-Hand.

IPHIGENIE.

Unsterbliche, die ihr den reinen Tag

1040Auf immer neuen Wolken selig lebet,

Habt ihr nur darum mich so manches Jahr

Von Menschen abgesondert, mich so nah

Bei euch gehalten, mir die kindliche

Beschäftigung, des heil’gen Feuers Glut

1045Zu nähren, aufgetragen, meine Seele

Der Flamme gleich in ew’ger frommer Klarheit

Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,

Dass ich nur meines Hauses Gräuel später

Und tiefer fühlen sollte? – Sage mir

1050Vom Unglücksel’gen! Sprich mir von Orest! –

OREST.

O könnte man von seinem Tode sprechen!

Wie gärend stieg aus der Erschlagnen Blut

Der Mutter Geist

Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:

1055»Lasst nicht den Muttermörder entfliehn!

Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!«

Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick

Mit der Begier des Adlers um sich her.

Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen,

1060Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten,

Der Zweifel und die Reue, leis herbei.

Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheronberechtigt zum Verderben, treten

Der gottbesäten Erde schönen Boden,

Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.

Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;

1070Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.

IPHIGENIE.

Unseliger, du bist in gleichem Fall,

Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet!

OREST.

Was sagst du mir? Was wähnst du gleichen Fall?

IPHIGENIE.

Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir

1075Vertraute dies dein jüngster Bruder schon.

OREST.

Ich kann nicht leiden, dass du große Seele

Mit einem falschen Wort betrogen werdest.

Ein lügenhaft Gewebe knüpf’ ein Fremder

Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,

1080Zur Falle vor die Füße; zwischen uns

Sei Wahrheit!

Ich bin Orest! und dieses schuld’ge Haupt

Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;

In jeglicher Gestalt sei er willkommen!

1085Wer du auch seist, so wünsch ich Rettung dir

Und meinem Freunde; mir wünsch ich sie nicht.

Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;

Erfindet Rat zur Flucht und lasst mich hier.

Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,

1090Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,

Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!

Geht ihr, daheim im schönen Griechenland

Ein neues Leben freundlich anzufangen.

(Er entfernt sich.)

IPHIGENIE.

So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter

1095Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!

Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!

Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die

Mit Frucht und Segenskränzen angefüllt

Die Schätze des Olympus niederbringen.

1100Wie man den König an dem Übermaß

Der Gaben kennt: denn ihm muss wenig scheinen

Was Tausenden schon Reichtum ist; so kennt

Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang

Und weise zubereiteten Geschenken.

1105Denn ihr allein wisst was uns frommen kann,

Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,

Wenn jedes Abends Stern und Nebelhülle

Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört

Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung

1110Euch kindisch bittet; aber eure Hand

Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte;

Und wehe dem, der ungeduldig sie

Ertrotzend, saure Speise sich zum Tod

Genießt. O lasst das lang erwartete,

1115Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten

Des abgeschiednen Freundes, eitel mir

Und dreifach schmerzlicher vorübergehn!

OREST (der wieder zu ihr tritt).

Rufst du die Götter an für dich und Pylades,

So nenne meinen Namen nicht mit euerm.

1120Du rettest den Verbrecher nicht zu dem

Du dich gesellst, und teilest Fluch und Not.

IPHIGENIE.

Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.

OREST.

Mitnichten! Lass allein und unbegleitet

Mich zu den Toten gehn. Verhülltest du

1125In deinen Schleier selbst den Schuldigen;

Du birgst ihn nicht vorm Blick der immer Wachen,

Und deine Gegenwart, du Himmlische,

Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht.

Sie dürfen mit den eh’rnen frechen Füßen

1130Des heil’gen Waldes Boden nicht betreten;

Doch hör ich aus der Ferne hier und da

Ihr grässliches Gelächter. Wölfe harren

So um den Baum, auf den ein Reisender

Sich rettete. Da draußen ruhen sie

1135Gelagert; und verlass ich diesen Hain,

Dann steigen sie, die Schlangenhäupter schüttelnd,

Von allen Seiten Staub erregend auf

Und treiben ihre Beute vor sich her.

IPHIGENIE.

Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen?

OREST.

1140Spar es für einen Freund der Götter auf.

IPHIGENIE.

Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht.

OREST.

Durch Rauch und Qualm seh ich den matten Schein

Des Totenflusses mir zur Hölle leuchten.

IPHIGENIE.

Hast du Elektren, Eine Schwester nur?

OREST.

1145Die Eine kannt ich; doch die ältste nahm

Ihr gut Geschick, das uns so schrecklich schien,

Beizeiten aus dem Elend unsers Hauses.

O lass dein Fragen, und geselle dich

Nicht auch zu den Erinnyen; sie blasen

1150Mir schadenfroh die Asche von der Seele,

Und leiden nicht, dass sich die letzten Kohlen

Von unsers Hauses Schreckensbrande still

In mir verglimmen. Soll die Glut denn ewig,

Vorsetzlich angefacht, mit Höllenschwefel

1155Genährt, mir auf der Seele marternd brennen?

IPHIGENIE.

Ich bringe süßes Räuchwerk in die Flamme.

O lass den reinen Hauch der Liebe dir

Die Glut des Busens leise wehend kühlen.

Orest, mein Teurer, kannst du nicht vernehmen?

1160Hat das Geleit der Schreckensgötter so

Das Blut in deinen Adern aufgetrocknet?

Schleicht, wie vom Haupt der grässlichen Gorgone,

Versteinernd dir ein Zauber durch die Glieder?

O wenn vergossnen Mutterblutes Stimme

1165Zur Höll hinab mit dumpfen Tönen ruft:

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.